Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart
von

Sir John Retcliffe

Erster Band: Die Prologe.

Zweite Abtheilung: Minen und Zünder.

Die Revolutionen.

Die Revolution loderte in vollen Flammen durch Europa - Mazzini hatte dem Erben der Napoleoniden den Pakt gehalten und die perfide Politik Palmerstons - das divide et impera! - unterstützte ihn mächtig dabei. Unter der Fahne der Nationalitäten flog der Kampf gegen die alten Throne durch die Länder von den Küsten des weißen Meeres bis zum Golf von Palermo!

Wir wollen nur in kurzen Zügen das blutige Bild von jener Märznacht ab, in der der preußische Edelmann den Leichnam des Sohnes aus der empörten Hauptstadt holte, bis zum Wiederbeginn unsrer Geschichte vor den Augen des Lesers entfalten und zusammenfassen - der ja das Alles selbst mitgesehen und erlebt.

In Frankreich hatten nach der Vertreibung der Orleans am 24. Februar die Tuilerien zum dritten Mal die Zertrümmerung des Thrones und eine provisorische Regierung gesehen. Zu den Republikanern Dupont de l'Eure, Lamartine, Arago, Marie, Garnier-Pagès, Carnot, Ledru-Rollin, Cremieux und Marast waren noch die Socialisten Louis Blanc, Flocon und Albert gekommen - die Republik war erklärt. Der Berg von 1793 bildete sich wieder, Marc Caussidière, Barbès, Raspail und Blanqui, die alten Verschwörer, drängten zum Terrorismus und fanden in Ledru-Rollin und Louis Blanc willige Gefährten. Das Arbeiter-Parlament im Luxembourg wurde eröffnet, am 4. Mai proclamirte die neu erwählte National-Versammlung die Republik, Cavaignac und Charras theilten sich in das Kriegs-Portefeuille. Die Socialisten erhoben sich am 15. Mai gegen

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die Fünfmännerregierung und stürmten den Sitzungssaal - doch die Bourgeoisie der National-Garde, bange vor Raub und Guillotine, war gegen sie und verlangte die Aufhebung der National-Werkstätten, dieser communistischen Fütterung des rothen Pöbels. So kam der Kampf vom 24. Juni, der Sturm der Rothen gegen die gemäßigten Republikaner, der socialen Clubs gegen die Sicherheit des bürgerlichen Eigenthums - die Antwort Louis Napoleons und seiner Freunde in London auf den Verbannungsantrag von Lamartine und den Befehl, den Prinzen zu verhaften, wenn er wagen sollte, auf Grund seiner Wahl in drei Departements in Frankreich wieder zu erscheinen!

Denn auf seinen Namen und die demokratischen Grundsätze vertrauend, die er seither in seinen Schriften proclamirt, war der Prinz alsbald nach der Bildung der provisorischen Regierung nach Paris geeilt, um ihr zu huldigen und sich zur Disposition zu stellen. Aber Lamartine und seine Collegen hatten sofort die Gefahr der Partei-Intrigue gewittert und ihn höflich ersucht, über den Kanal zurückzugehen.

An demselben Abend kam ein verhüllter Mann zu dem Banquier Fould, dem Gourmandisten der Backfische von der großen Oper, der die Börsengeschäfte der Familie Bonaparte machte.

Derselbe empfing ihn mit einer gewissen Cordialität in seinem geheimen Kabinet.

»Wie viel haben Sie gegenwärtig von mir in Händen, Fould?« fragte der Prinz, nachdem er den Mantel abgelegt und sich behaglich in den Fauteuil am Kamin gestreckt hatte.

Der Banquier sah sein Buch nach. »Eine Million einmalhundertundsiebzigtausend Franken, Hoheit.«

»Wohl - hier ist eine Verpfändung von Arenenberg und meines Grundbesitzes in der Schweiz. Außerdem werden Sie drei Millionen Francs von einem meiner Freunde in Amerika erhalten - wollen Sie mir dafür Credit bis zu acht Millionen für ein Jahr eröffnen?«

»Ich riskire dann immer noch drei Millionen auf eigene Hand, Hoheit - bedenken Sie das.«

»Und ein Portefeuille - überlegen Sie das, Herr von

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Fould. Der Finanzminister von Frankreich hat die ganze Aera der europäischen Eisenbahnen vor sich. Ob Präsident, ob Kaiser, das bleibt sich gleich - ich frage Sie offen, wollen Sie das Geschäft mit mir machen?«

Der ehemalige Orleanist sah ihn mit der ganzen Verschmitztheit seiner israelitischen Abkunft an, dann brach er in ein lautes Lachen aus. »Wissen Sie, Sire - wenn Sie heute nicht zu mir gekommen wären, wäre ich morgen mit demselben Vorschlag bei Ihnen gewesen, ehe Sie den Fuß im Waggon gehabt. Aber Handel ist Handel - geben Sie mir Ihre schriftliche Zusicherung, daß ich Finanzminister bleibe, so lange, bis ich selbst Ihnen das Portefeuille zurückgebe. Außerdem für mein petit plaisir bedinge ich mir die Verwaltung der Theater.«

Jetzt lachte auch der Prinz und warf rasch einige Zeilen an dem Bureau des Banquiers auf das Papier, die er ihm gab.

Das Mitglied der ehemaligen Deputirten-Kammer für das Departement der Niederalpen und des General-Collegiums für den Handel prüfte die Schrift sorgfältig und schloß sie in sein Bureau. »Jetzt,« sagte er, »ziehen Sie nach Belieben. Ich werde das Meine dazu thun, daß Sie sobald als möglich in die Wahlen kommen; aber ich rathe Ihnen, schlagen Sie es ein - zwei Mal aus, das reizt den Appetit, und zögern Sie nicht zu lange mit einem Schlag der Rothen, damit die Bourgeoisie und die Börse erkennen, was sie zu fürchten haben. Den Credit untergraben, die Börsenpleite, das wird in Zukunft der beste Faktor aller Revolutionen und Staatsumwälzungen sein. Wenn Sie die Wahl annehmen, dann lassen Sie mich's bei Zeiten wissen, damit ich mich gleichfalls wählen lasse, und wir zusammen in diese neue Ausgabe von National-Versammlung eintreten!«

Der Prinz reichte ihm die Hand - dann schied er. Er nahm zwei Verbündete mit bei der Rückkehr nach London: die Faubourgs und die Börse - das Blut und das Geld! - Der dritte Faktor: die Armee, blieb der Zukunft - er brauchte sie noch auf der Gegenseite!

Die Mahnung des Banquiers war nicht verloren gewesen, wie wir bereits angedeutet - der Prinz lehnte vier Wahlen am 14. und 15. Juni ab, indem er sich die Miene eines Märtyrers

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für die Ruhe der Republik und die Wohlfahrt Frankreichs gab, und nur als der >einfachste seiner Bürger<1 zurückkehren wollte, wenn die Ruhe wiedergekehrt sein würde.

Dann erst kam die Emeute!

Von der Vorstadt St. Martin und du Temple bis in die Faubourgs St. Jacques und Marceau entspinnt sich der Kampf und drängt gegen das Stadthaus, wo Cavaignac, zum Diktator ernannt, die Linie, die National-Garde und die mobile Garde um sich sammelt. General Breda wird von den Rothen ermordet und verstümmelt, General Negrier fällt, der Erzbischof von Paris, Monsignore Affre, wird auf den Barrikaden erschossen, wo er Versöhnung predigt. Aber noch siegt die militairische Disciplin, die Soldaten bleiben treu - denn noch steht auf den Fahnen der Gegner nicht der berauschende Name: Napoleon Bonaparte! und die klugen Leiter hinter den Coulissen sparen ihn auf für eine sichere Bearbeitung der erschreckten Gesellschaft. Der Aufstand wird unterdrückt mit dem Blut von dreitausend Gefallenen, und Cavaignac, der Republikaner des Friedens, bildet mit Bedeau und Lamoricière, seinen alten Waffengefährten aus Afrika, das neue Ministerium, aus dem er bald genug die Rothen verdrängt, die auf der Rednerbühne und in den Clubs den Krieg fortsetzen. Das Bürgerthum zittert, denn es fühlt, daß es auf einem Vulkan steht - der Verkehr und Wohlstand liegen nieder - die Bourbonisten und Orleanisten wühlen - die Armee verlangt Lorbeern jenseits der Grenze Frankreichs - der Credit des Landes ist erschöpft! - Jetzt ist die Zeit gekommen für Den, der den Namen Bonaparte trägt, - seine Agenten durchstiegen Frankreich und streuen das Gold aus den Kassen Foulds und vom La Plata mit vollen Händen aus - am 17. September geht der Name Louis Napoleon mit 110,752 Stimmen unter wenig mehr als der doppelten Zahl aus der Wahlurne des Seine-Departements hervor, denn Mazzini und Palmerston brauchen Hilfe in Italien und Cavaignac verweigert sie, - und am Abend des 25sten trifft der in fünf Departements gewählte Napoleonide offiziell in Paris

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ein, eine öffentliche Comödie, da er drei Mal im Geheimen während der Zeit in Paris anwesend war!

Sein Erstes ist, die Häupter aller Parteien - Thiers, Berryer, Montalembert - selbst Proudhon, zu beruhigen und zu umstricken.

Von Allen würdigte nur Einer die Gefahr, der Communist Proudhon; in seiner Schreibtafel fand sich nach dem Besuch, den Louis Napoleon ihm gemacht, später die Bemerkung: Diesem Manne mißtrauen! -

Die Geschichte hat nur Eines hinzuzufügen. Als der Prinz am 21. September in der Versammlung der Volksrepräsentanten für das Departement der Seine erschien und die Rednertribüne betrat, waren seine Worte, die Hand auf dem Herzen:

»Mein ganzes Leben sei der Stärkung der Republik gewidmet!« -


Gehen wir zu Italien - zu den Gärten der Hesperiden, um die sich seit Jahrhunderten die Kriege zwischen Nord und Süden, zwischen Osten und Westen drehen - zu Italien, dessen Erde verdient, frei zu sein, und dessen Bewohner allein unter die Bayonnette oder in's Bagno passen!

Seit siebzehn Jahrhunderten hat das deutsche Männermark seine Ferse gesetzt auf den Boden, wo die Orangen blühen und Roms Ruinen an die Geschichte mahnen, und seit siebzehn Jahrhunderten hat der Scorpion das deutsche Blut getrunken - auf den Straßen von Mailand das Blut der Welfen, auf dem Schaffot von Neapel das Blut der Ghibellinen!

Alle Völker Europa's, der Normanne, der Hunne und der Grieche, der Moslem, der Deutsche und der Franke, der Spanier und der Russe kämpften hier ihre Schlachten und spannen ihre diplomatischen Ränke, der freie Schweizer ward zum Söldner und der wilde Sohn der albanesischen Felsen diente dem Löwen von San Marcus. Welches Land hat eine Geschichte wie Italien, aber welches Land hat auch so viele Greuel und Ströme von Blut gesehen? Ein Drittheil alles Blutes, das in Europa durch das Schwert, durch den Dolch oder durch das Beil vergossen wurde, tränkte die Erde von Italien!

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Der Wiener Congreß hatte den blutigen Schritt der italienischen Republiken beseitigt und die Lombardei an das Kaiserhaus Oesterreich gegeben.

Aber der Krieg der Romanen gegen den siegenden Germanismus lebte nichts desto weniger fort - nur wurde er im Stillen geführt, statt der Schlachten die Verschwörung, statt des Schwertes der Dolch, und die Söhne des Bodens, die bisher eifersüchtig sich selbst zerfleischt, einigten sich zum geheimen Kampf gegen die Sieger. Das Land der Vulkane wurde zum zitternden Boden unter den Füßen der aufgedrungenen Herren, und jeder Augenblick konnte die Flamme der Empörung emporbrechen machen aus dem Krater des Hasses.

Wir haben im ersten Theil unsers Werkes bereits der Carbonari-Verschwörungen gedacht, denen die Gebrüder Napoleon sich angeschlossen hatten, der eine, um zu sterben, der andre, um zu fliehen.

Es läßt sich nicht verkennen, daß in Folge der ewigen Verschwörungen und der geheimen Bündnisse der militairische und polizeiliche Druck Oesterreichs auf seinen italienischen Provinzen mit eisernem Gewicht lastete, und diesen nationellen und traditionellen Haß vermehrte. Wir haben hier keine Geschichte der früheren Aufstände zu schreiben, sondern nur in flüchtigen Zügen die großen Ereignisse zu skizziren, die mit der allgemeinen revolutionairen Erhebung Europa's in Verbindung stehen und dem Verlust der Lombardei für ein deutsches Herrschergeschlecht vorangingen, jene neue Phase in dem Ringen, das Carl V. und Franz I. begonnen und der erste Napoleon gegen Habsburg weiter gefochten hatte.

Fassen wir den Gedanken der Geschichte und unsers Buches kurz zusammen. Wie von England die politische, von Frankreich die historische oder militairische, von Deutschland die religiöse und sociale, von Polen die nationelle Revolution und deren Agitation ansging und ausgehen wird, so von Italien die republikanische! Der Grund der letztern sind die zahlreichen kleinen Republiken des Mittelalters; - in Italien ist der wahre He[e]rd der republikanischen Bewegungen und die Sache der Nationalität nur eine Fahnenschrift!

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Nach dem Druck, den die revolutionären Erhebungen zu Anfang der vierziger Jahre über ganz Italien gebracht hatten, wurden die Anzeichen eines freiern Regierungssystems, die Mastai Ferretti nach seiner Grwählung als Papst Pius IX. (im Juni 1846) an den Tag legte, mit Jubel begrüßt, und sein Name gleichsam das Symbol der liberalen Bestrebungen. Toscana, das sich schon von jeher der mildesten und vernünftigsten Regierung erfreute, folgte mit einem neuen Preßgesetz und Reformen - Sardinien desgleichen. Aber wie es von jeher der Fehler der Liberalen war, sich in Forderungen zu überstürzen, so auch hier. Oesterreich und Neapel geriethen in Besorgniß, das Erste hatte in der Besetzung Ferrara's (August 1847) seine Drohung gegen die päpstliche Politik kundgegeben, Neapel unterdrückte gewaltsam den Liberalismus, die Bourbons von Parma stützten sich auf die österreichischen Bayonnette. Das war der Augenblick, wo Palmerston und Mazzini offen die Schürung der glimmenden Flamme begannen. In Sicilien brach am 12. Januar der Aufstand aus, die Lostrennung wurde proclamirt und ein sardinischer Prinz zum Throne berufen, in Neapel selbst drohte die Revolution und erzwang eine Repräsentativ-Verfassung, mit der Sardinien am 8. Februar, Toscana am 17ten, Rom am 14. März folgen mußten; der Jesuitenorden mußte Italien räumen.

In Venedig verkündeten die Oesterreicher am 20. Februar das Standrecht - in Mailand brach am 22. März der Aufstand aus und zwang Radetzki, mit seiner Armee die lombardische Hauptstadt zu räumen und sich nach Verona zurückzuziehen, während Venedig durch den Verrath des Ungars Zichy in die Gewalt der Aufständischen fiel und in Parma und Modena die Herrscher vertrieben wurden.

Jetzt glaubte Carl Albert den Augenblick zum doppelten Verrath an den Monarchen wie an den Republikanern gekommen, und der Sardenkönig, der bis vor Kurzem dem tyrannischen Absolutismus gehuldigt, warf sich plötzlich als spada d'Italia zum Befreier auf, überschritt am 23. März die lombardischen Grenzen und erklärte Oesterreich den Krieg.

Der Schritt geschah mit Englands geheimer Unterstützung und auf das Drängen Mazzini's, der bereits am 29sten in Paris

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eingetroffen war und sich mit den Führern der constitutionellen Partei, Gioberti, Mamiani und d'Azeglio, verständigt hatte. Lamartine, der republikanische Phantast, verlangte vom Papst, an die Spitze der italienischen Republik zu treten. Von Paris aus erließ Mazzini am 31. März seinen Aufruf an die Lombarden. Als er am 10. April in Mailand eintraf, wurde er im Triumph nach dem Marinepalast geführt - das Volk bedeckte seine Hände und seine Kleider mit Küssen!

Aber die Einigkeit war nicht von langer Dauer und der unermüdliche Agitator der Republik erkannte mit Zorn, daß die Lauheit und der Ehrgeiz ihm die mühsam vorbereiteten Erfolge zu entreißen drohten. Der König von Sardinien begann die Rolle, die Ludwig Napoleon bereits für sich vorbereitete, und aus dem Werkzeug versuchte er sich zum Herrn zu machen. Während der falsche Piemontese den Mailändern am 23. März versicherte, daß er komme, den Lombarden und Venetianern wie ein Waffenbruder Hilfe zu leisten, damit sie selbst ihr politisches Leben gestalten möchten, erklärte er in einer Depesche an den englischen Gesandten Abercromby am 26. März, daß er den Krieg nur unternehme, um die Republikanisirung Italiens zu verhindern; die Legion von Italienern, Polen und Franzosen, die zum Beistand der Mailänder unter General Antonini am 24. April in Genua landete, wurde genöthigt, sich nach Venedig zu begeben, die Prinzessin Belgiojoso mit den neapolitanischen Freiwilligen zurückgewiesen, und am 12. Mai durch die Agenten des Königs und die Feigheit der provisorischen Regierung die Abstimmung begonnen, wodurch Mailand seinen Anschluß an Sardinien aussprach.

Mazzini unterließ es, diesen Bestrebungen entgegenzutreten; eines Theils wußte er, daß, wenn Italien erst von den Fremden ganz befreit war, es der republikanischen Partei leicht sein werde, mit Carl Albert fertig zu werden, andern Theils fehlte dem Kopf die eherne Faust: Garibaldi, der erst Ende Mai in der Lombardei eintraf und - von der piemontesischen Partei mit Kälte aufgenommen und hingehalten - jetzt eifrig ein Freicorps der Crociati bildete.

Unterdeß wandte sich die blutige Waage der Schlachten.

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Der greise Radetzki - der einzige Führer der Oesterreicher, der die Ereignisse vorausgesehen, aber nicht gehört worden war, weil Metternich in dem Stolz seines Systems sich zu sicher glaubte - hatte sich mit seinen 15,000 Mann nach dem fünftägigen Kampf in der lombardischen Hauptstadt bis hinter den Mincio zurückziehen müssen. Aller Verbindungen mit dem Innern seiner Monarchie beraubt, von der Regierung des rebellirenden Wiens verlassen, mit leeren Kassen, spärlichen Lebensmitteln, Rücken und Flanke von Freischärlern bedroht - setzte er aus eigener Machtvollkommenheit die Armee auf den Kriegsfuß, verkündete den Belagerungszustand und suchte sich durch das Corps am Isonzo zu verstärken. Bei Goito zurückgedrängt, schlug er mit 16,000 Mann am 6. Mai bei Santa Lucia den drei Mal stärkern Feind, machte den großartigen und kühnen Flankenmarsch von Verona nach Mantua, und gleich dem Fabier zaudernd, bis seine Zeit gekommen, brach er in der letzten Woche des Juli aus Verona wie der Löwe aus seiner Höhle auf den Feind und schlug ihn am 23sten, 24sten, 25sten und 26sten bei Sommacampagna, Custozza und Volta in glänzenden Siegen. Noch einmal versuchte Carl Albert, unter den Mauern von Mailand am 4. und 5. August Stand zu halten, aber der deutsche Adler war unaufhaltsam in seinem zürnenden Siegesfluge, und während der >Befreier Italiens< noch am 4ten dem endlich zur Erkenntniß seiner Schwache gekommenen, zum Verzweiflungskampf sich aufraffenden Mailand betheuert hatte, daß er mit seiner ganzen Armee bis zum letzten Mann kämpfen würde, mußte er am Tage darauf gestehen, daß die Capitulation von ihm geschlossen sei, und schimpflich im Geheimen vor der entfesselten Wuth des Volkes sich flüchten.

Mazzini sah sich im Kampf der Armeen besiegt und proclamirte den Volkskampf. »Der Krieg des Königs ist zu Ende, der des Volkes beginnt!« lautete sein Aufruf. Garibaldi wurde zum Generalissimus der Volksarmee von ihm berufen und Mazzini selbst zog, die Muskete in der Hand, mit den Schaarm seines Generals von Bergamo nach Monza. Aber zum entgegengesetzten Thor drangen bereits die österreichischen Kavallerie-Colonnen in die Stadt und Garibaldi zog sich zurück. Nach der tapfern Vertheidigung von Oseppo schlug Garibaldi, Aniella an

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seiner Seite, sich mit dem Säbel in der Faust bei Nacht durch den Feind, rückte mit seiner geschmolzenen Schaar am 14. August in Arona ein, eroberte auf Böten den österreichischen Dampfer auf dem Lago maggiore, und überall gedrängt, zog er sich über die Schweizer Grenze nach dem Tessin zurück.

Venedig allein, das am 23. März die Republik San Marco proclamirt, am 11. August die seit dem 3. Juni eingesetzte constitutionelle Regierung wieder gestürzt, die Piemontesen, wie früher die Oesterreicher, vertrieben und Manin zum Diktator ausgerufen hatte, hielt in Ober-Italien noch siegreich die Fahne der Revolution. -


Während das russische Polen in dieser Zeit des allgemeinen Revolutionssturmes durch die russischen Bayonnette und die Umsicht des Fürsten Statthalters Paskiewitsch im Zügel gehalten und der Aufstand in Krakau vom 26. April nach heftigem Kampf unterdrückt wurde, loderte gerade im preußischen Antheil, in den polnischen Distrikten von Posen und Westpreußen, die eine weit mildere und rücksichtsvollere Verwaltung genossen hatten, die Fackel eines blutigen Parteikampfes empor, zu dem von Paris und London aus die Vorbereitungen getroffen worden und das Signal in Berlin und Wien gegeben war. Der Sohn des Adjutanten des tyrannischen Davoust, der wortbrüchige Verräther Ludwig Miroslawski, in Frankreich von französischer Mutter geboren, halb Pole, halb Franzose, aber von Jugend auf zum Revolutionair erzogen, von dem Centralausschuß in Paris zum militairischen Chef der Revolution bestimmt, aber jeder höhern Begabung dazu entbehrend, war kaum von Preußen aus der Haft im Zellengefängniß, in welche das Todesurtheil für den Aufstand von 1846 verwandelt worden, der Freiheit wiedergegeben, - noch die Schrift kaum getrocknet, mit der er dem >hochherzigen Volk von Berlin und der Gnade des Königs< gedankt hatte, als er nach dem Großherzogthum eilte und den Aufstand, den Krieg gegen jedes deutsche Element organisirte. Dies geschah, während der König und das neugebildete Ministerium sich bereit erklärt hatten, den ausschließlich polnischen Theilen eine nationelle Reorganisation und Administration zu geben.

Scheußlichkeiten, wie sie kaum eine andere Phase der großen

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Bewegung zeigt, wurden hier geübt! schwangeren Judenfrauen schnitt man den Leib auf, Kinder spießte man auf die Sensen, schuldlose Menschen wurden auf das Empörendste verstümmelt, blos um den Haß an der deutschen Race zu kühlen. Was Wunder, wenn da die preußischen Soldaten mit der Brut, die sie fingen, nicht sehr sauberlich verfuhren. Hätten die Generale so wenig kokettirt mit der Revolution, wie die Soldaten, der Aufstand wäre noch eher unterdrückt worden, als - wie jetzt geschah - Mitte Mai, und Miroslawski sicher nicht frei nach Frankreich entlassen worden, um in Sicilien und später in Baden als vagabondirender Revolutionair seine Profession fortzusetzen! -


Wir folgen der allgemeinen Bewegung in Deutschland. Wie gering auch die Zahl der Jahre ist, die seitdem vergangen, so ist doch die Fluth der welthistorischen Ereignisse eine so gewaltige gewesen, die Masse des Wichtigen so groß, daß die Einzelnheiten allzu leicht aus dem Gedächtniß verschwunden sind.

Die erste Anregung der Bewegung ging von Baden aus, nachdem der Streit der Herzogthümer mit dem Dänenthum und das sich in den einzelnen Staaten entwickelnde parlamentarische Leben das Volk dafür empfänglich gemacht hatte. Bei dem ruhigern deutschen Charakter war offenbar die Absicht nur auf constitutionelle Entwickelung und der Drang nur nach socialer Besserung gerichtet, wie schon vor Achtundvierzig die verschiedenen kleinen Emeuten des Landvolks namentlich gegen den Judenwucher bewiesen. Den geheimen Plänen der Revolutionaire erwuchs dadurch in einem sonst so conservativen Element, im Judenthum selbst, ein wichtiger Bundesgenosse. Bei socialen Reformen mußte der Besitz - nicht der stabile verschuldete Grundbesitz, sondern der coulante Geldbesitz - herhalten und geben, und dieser befand sich längst in den Händen der Juden. Es galt demnach, den Drang der Bewegung von dem Gebiet blos socialer Reformen auf das der politischen zu drängen. Darum sah man so unverhältnißmäßig viele Juden in der Presse, in den Clubs, auf der Tribüne und in der Agitation thätig und sich vordrängen. Es galt, dem Geld auch noch jene Macht und jenen Einfluß zu verschaffen, die ihm die alten conservativen Institutionen etwa noch streitig machten, also Zerstückelung und Aussaugung des

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Grundbesitzes, die Knechtung des Handwerks unter das Kapital der bloßen Speculation, Ausdehnung des Aktienhandels, Einfluß und Beherrschung der Gesetzgebung und Rechtsprechung, Verwendung des Staatsvermögens zu Unternehmungen, die der Geldspeculation ein neues Feld gaben, und Demoralisation der christlichen Majorität und Familie.

Die Nachricht von der Umwälzung in Paris rief - wieder zuerst in Mannheim - Volksberathungen und Sturmpetitionen auf constitutionelle Einrichtungen hervor. Der Bundestag, wie von jeher feig und haltlos, versprach alles Mögliche und ließ die schwarz-roth-goldene Fahne schon am 14. März von seinem Palais wehen. Eine Versammlung zu Heidelberg beschloß, ein Parlament von deutschen Vertrauensmännern zu berufen, Max Gagern wurde auf eine Parlamentsreise durch Deutschland geschickt. Dazwischen brachen die Revolten in Wien, Berlin, München aus; die letztere wurde durch die voreilige Abdankung König Ludwigs und die Flucht der frechen Maitresse Lola Montez auf ein Feld ruhigerer Entwickelung der Verhältnisse gelenkt. Schleswig-Holstein beging am 24sten seine damals noch unblutige Revolution durch Bildung einer provisorischen Regierung; Preußen versprach die Selbstständigkeit der Herzogthümer und das Erbrecht des Mannesstammes zu schützen. So trat das Vorparlament in Frankfurt am 31. März zusammen, aber mit ihm auch die republikanische Agitation, aus Baden durch Struve, Hecker und ihre Gesinnungsgenossen ausgehend, Deutschland entwickelte auf einmal einen Reichthum an revolutionairen Kräften, die wie die Mäuse nach dem Regen aus allen Ecken und Löchern zum Vorschein kamen, von der Schulbank, hinter dem Ladentisch und der Advokatenschranke her, Männer der Feder, der Aristokratie, der Kanzel, des Aktentisches und des Handels - verhältnißmäßig Wenige aus dem Handwerk und dem Landbau. Im Vorparlament wurde der Bundestag gesichtet, der Antrag der Republikaner auf Permanenz zwar unterdrückt, in den Fünfziger-Ausschuß aber seine Anhänger, wie Robert Blum, Raveaux, Jacoby, gewählt. Der Fünfziger-Ausschuß begab sich schon an's Regieren, fiel jedoch in den meisten Ländern, z. B. beim czechischen Kampf in Böhmen, mit seinen Beschlüssen kläglich durch, Hecker und Struve proclamirten am 13. April im

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badischen Oberland die Republik und der badische General Friedrich von Gagern wurde bei dem Zug gegen die Freischaaren vor Beginn des Gefechts meuchlerisch beim Parlamentiren erschossen. Die Heckerschen Freischaaren wurden bei Kandern und in Freiburg geschlagen, ebenso die deutschen Arbeiter, die Herwegh aus Frankreich herbeigeführt. Der erste Kampf für die Republik endete kläglich auf deutschem Boden, während preußische Truppen unter Wrangel am 23. April das Danewirke stürmten, Schleswig einnahmen und rasch bis an die Grenze Jütlands vordrangen. Aber die Diplomatie, die Eifersucht Englands, Schwedens und Rußlands, hemmte alsbald die Verfolgung des Sieges.

Am 18. Mai trat die National-Versammlung in Frankfurt zusammen und wählte Heinrich von Gagern zum Präsidenten. Schon nach wenigen Tagen erklärte sie sich durch einen Antrag Raveaux' souverain über alle deutschen Einzelnverfassungen. Eine provisorische Centralgewalt durch einen Reichsverweser und verantwortliche Minister wurden am 28. Juni beschlossen und der Bundestag aufgelöst, und am 29sten Erzherzog Johann von Oesterreich zum Reichsverweser gewählt. Am 12. Juli erschien der neue Reichsverweser zum ersten Male in der National-Versammlung. Das Reichsministerium, darunter ein preußischer General, dekretirte, daß am 6. August in allen Staaten Deutschlands die Truppen dem Reichsverweser huldigen sollten - doch kam es nur an wenigen Stellen dazu.

Die Verfassungsarbeiten wurden unterdeß fortgesetzt - die Majorität der Versammlung bewahrte eine liberal constitutionelle Färbung; die Minorität: die Fractionen zum deutschen Hof, Westendhall und Donnersberg, bekundeten immer offener die republikanische Agitation und suchten in der Paulskirche durch den Lärm der Galerieen die Constitutionellen einzuschüchtern, während die einzelnen Kabinette, von dem ersten Schrecken sich wieder erholend, ihre Kräfte sammelten und ihre Separatrechte in den Vordergrund schoben.

Indeß man sich in Frankfurt in die >Grundrechte< vertiefte, drohte die Sache der Herzogthümer an den Intriguen der Diplomatie zu Grunde zu gehen. Die Preußen hatten am 1. Mai die Grenzen von Jütland überschritten und forderten die

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Aufnahme von Schleswig in den deutschen Bund, als Rußland seine Kronstadt-Flotte in die Ostsee sandte und Kiel bedrohte, während die Schweden als Alliirte Dänemarks die Inseln besetzten, England aber zum Nachgeben drängte. Auf den Vorschlag des Waffenstillstands vom 18. Mai zog sich Wrangel aus Jütland zurück, die Dänen aber, den Waffenstillstand verläugnend, drangen in Schleswig vor. Zwar schlug sie Wrangel bei Hadersleben wiederum zurück, aber die Zukunft der Herzogthümer lag bereits nicht mehr in der Entscheidung der Waffen, sondern in den Noten der Diplomaten, und England, Rußland und Oesterreich, besorgt, Preußen an der Nordsee zu sehen, erzwangen den Waffenstillstand von Malmoe vom 26. August, der auf sieben Monate die Feindseligkeiten ruhen lassen und eine gemeinschaftliche Regierung einsetzen sollte.

Dieser Waffenstillstand war ohne die Genehmigung des Reichsverwesers und der Frankfurter Versammlung geschlossen worden, und in deren Mitte brach nun der Sturm los. Die Versammlung beschloß am 5. September, auf den Bericht Dahlmanns, die Ausführung des Waffenstillstands zu sistiren. Das bisherige Reichsministerium gab seine Entlassung, Dahlmann brachte kein neues zu Stande - die Gährung und die Gefahr wuchs, man hätte mit Preußen, ja mit halb Europa den Kampf aufnehmen müssen, und dennoch schürten die Republikaner ohne Unterlaß den Brand, indem sie die Gelegenheit zu einem Ausbruch für günstig hielten.

Der Ausschuß beharrte mit 12 gegen 10 Stimmen auf Verwerfung des Waffenstillstands - am 16. September kam er zur Debatte in der Paulskirche, aber nach wüthendem Streit siegte die Vernunft, und der Suspensionsantrag der Kommission wurde mit 258 gegen 237 Stimmen verworfen und ein ausgleichender Antrag angenommen.

Schon die Verhandlung hatte alle Leidenschaften geweckt und die Frage des Waffenstillstands völlig mit dem Gegensatz der Parteien vermischt. Die Verwerfenden waren mit der demokratischen und revolutionairen, die Genehmigenden mit der vermittelnden, constitutionellen und conservativen Partei identisch geworden. Eine Menge revolutionairer Elemente aus allen Gegenden

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Deutschlands und Emissaire der Londoner Propaganda, Franzosen Polen und Italiener, aus dem damals durch eine eigenthümliche Vorliebe des Hofes mit italienischen Abenteurern überschwemmten Baden, waren in Frankfurt zusammengeströmt. Die Abstimmung vom 16. September gab die längst gesuchte Veranlassung zum offenen Ausbruch. Schon am Abend erfolgten in den Straßen unruhige Auftritte - am nächsten Tag, einem Sonntag, war die berüchtigte Versammlung auf der Pfingstweide, wo Zitz, Schlöffel, Wesendonk die Massen anhetzten. In der Nacht ließ das Reichsministerium Truppen von Mainz kommen, um das Parlament zu schützen, denn schon am Tage vorher waren die exaltirten Haufen in Gebäude und Versammlungsorte mit Gewalt eingebrochen, um die ihnen von den Führern bezeichneten conservativen Mitglieder des Parlaments aufzusuchen und zu ermorden. -


Es war Montag, den 18. September, um die Mittagsstunde, als die National-Versammlung in der Paulskirche ihre achtzigste Sitzung hielt. Die Versammlung auf der Pfingstweide hatte die Majorität der Abgeordneten für >Verräther am Vaterlande, an der Ehre und Freiheit Deutschlands< erklärt, und von Simon aus Trier, Schlöffel, Wesendonk, Zitz und Metternich war offen der Barrikadenkampf proclamirt worden. Die Turner von Hanau, Haufen aus Offenbach, Wiesbaden, Mainz und von den benachbarten Fabrikorten, die sich zu der Versammlung auf der Pfingstweide eingefunden, waren zurückbehalten und auf den nächsten Mittag vertröstet worden - die Namen Hekscher, Lichnowski, Vincke und des alten Turnvaters Jahn wurden offen als Opfer für den Mordstahl der neuen Republikaner bezeichnet!

Die Parole der Linken lautete: um Mittag vor der Paulskirche! Der Preußenhaß wurde auf den Straßen und in den Clubs bis zum Wahnsinn geschürt; schon am Morgen wurden von den Emissairen der revolutionären Propaganda die Linien der zu erbauenden Barrikaden auf der Zeile, der Dönges- und Allerheiligen-Gasse, der Fahr- und Schnur-Gasse abgesteckt. Kaum daß während der Nacht ein Detaschement des kurhessischen Militairs

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und der Bürgerwehr die Tumultuanten vor dem, von den Bewohnern vertheidigten >Englischen Hof< vertrieb.

Ein Bataillon Oesterreicher und ein Bataillon vom achtunddreißigsten preußischen Infanterie-Regiment waren von Mainz im Lauf der Nacht eingetroffen und standen zur Seite der Paulskirche, am Liebfrauenberg bis zur Hauptwache hin aufgestellt - der Generalmarsch alarmirte die Bürgerwehr, der die Bewachung der Kirche anvertraut werden sollte, aber nur Wenige erschienen.

Der Platz um die Kirche war Kopf an Kopf gefüllt - selbst die Führer vermochten nur mit Mühe sich durch die tobenden Rotten zu drängen, die mit Beilen, Stangen und Hämmern gegen die Eingangspforte der Kirche donnerten. Stöcke, Dolche, Pistolen, Flinten, Piken und Hakenstangen bildeten die Bewaffnung der Emeute; bereits waren mehrere Waffenläden erbrochen und geplündert worden, die jüdischen Trödler aus der Judengasse hatten andere Haufen mit Waffen versehen; die Turner führten sämmtlich Stutzbüchsen und volle Bewaffnung.

Der Tumult, das Geschrei und Toben wuchsen mit jedem Moment. Das preußische Militair wurde gedrängt, gestoßen, man versuchte, selbst den Soldaten die Gewehre zu entreißen, und es blieb endlich Nichts übrig, als nach unendlicher Langmuth die Frechsten bei dem Eindringen in die Kirche mit dem Bayonnet zurückzutreiben. Zwei der Aufrührer wurden verwundet und das Gebrüll der Haufen gegen die Preußen schwoll zur Sturmfluth bei dem Anblick des Bluts.

Auf den Stufen vor dem Portal des alten Römers, von einem Vorsprung der Mauer gedeckt, stand eine breite kräftige Gestalt, ein Mann in einer Blouse, das markige Gesicht von einem breiten rothblonden Bart umgeben, über die Stirn einen Heckerhut mit rother Kokarde und rother Feder gedrückt. Er hatte einen kurzen Stutzen am Riemen über die Schulter hängen und beobachtete von seinem erhöhten Standpunkt das Wogen und Drängen der Menge. Neben und unter ihm hielt sich eine Anzahl ähnlich gekleideter Manner, meist jüngere, scharf geprägte, enragirte Physiognomieen, deren Teint, Sprache und Bewegungen aber bewiesen, daß die meisten von ihnen nicht zum Arbeiterstand gehörten.

Der Mann im Heckerhut wandte sich jetzt zu einem der

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Nächststehenden. »Zum Teufel!« sagte er unwillig, »es dauert lange, ehe wir eine Botschaft erhalten. Ich sehe, die Hanauer werden ungeduldig, und wir werden auf unsere Hand losschlagen müssen. Hast Du die Fahne bereit?«

»Sie liegt bereits bei der Hauptbarrikade an der Zeile.«

»Wohl. Zitz versprach' mir, alle Viertelstunden Nachricht zu senden, und nun stehen wir hier seit einer halben Stunde zwischen den preußischen Canaillen und den österreichischen Schlafmützen, ohne zu wissen, woran wir sind. Siehst Du dort den preußischen Capitain?«

»Der mit seinen Leuten spricht?«

»Denselben. Ich sah, wie er vorhin den Schergen der Tyrannei winkte, von dem Bayonnet Gebrauch zu machen, und der tückische Pommer dem Arbeiter das Eisen in den Schenkel stieß, daß es sich krumm bog. Zeige ihn einem der besten Schützen und laß ihn im Auge halten an den Barrikaden.«

»Sein Blei ist gegossen, verlaß Dich d'rauf, Metternich.«2

»Der verfluchte reactionaire Name erinnert mich in jeder Minute, daß er gereinigt werden muß!«

»O, ich wollte ihn schon ertragen,« sagte lachend der Andre, »wenn ich dafür den Keller im Johannisberg mit in Kauf bekäme.«

»Ich kenne einen bessern Trank!«

Das verlebte hagere Gesicht mit den funkelnden Augen sah lüstern zu ihm auf. -

»Welchen denn?«

»Das Blut der Tyrannen und ihrer Söldner! Ich wollte, wir hätten den Hamburger Judenbuben und den frechen Aristokraten Lichnowski erst in unsrer Gewalt, um ihr Blut zu trinken!«

»Puh! es riecht besser, aber es schmeckt nicht so gut. Es ist gerade, wie mit den Weibern der Aristokraten, nur daß diese zugleich besser riechen und besser schmecken.« Er unterbrach den widrigen Cynismus, um nach einem jungen Mann im Studentenrock

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zu zeigen, der wohlbewaffnet an den Stufen stand und mit anderen Mitgliedern dieser improvisirten Adjutantur des äußern Lenkers des Tumultes sprach. »Was hältst Du von dem Berliner?«

»Ich trau' ihm nicht - er ist ein halber, der rechte Geist ist bei ihm noch nicht zum Durchbruch gekommen. Der Kerl trägt noch die schwarz-roth-goldene Kokarde statt unsers Zeichens und führt auch sonst Redensarten, die mir nicht gefallen. Aber ich muß ihn schonen - der alte Schlöffel hat mir ihn zugewiesen, er ist ein Freund seines Sohnes und hat uns gute Winke beim Barrikadenbau gegeben.«

»Bah! mit Männern, wie die Polen, brauchen wir den Berliner Windbeutel nicht. Ich bin kein Soldat, aber ich sehe, daß der Plan der Barrikaden vortrefflich ist, wenn es noch gelingt, den Roßmarkt abzusperren und die Verbindung mit dem Bahnhof abzuschneiden. Gieb ihm einen Auftrag, wo er unter Aufsicht und hier nicht hinderlich ist.«

Der Rothe nickte - seine Augen beobachteten fortwährend über die wogende, tobende Menge hin das dunkle, winklige Gebäude der großen Kirche und die verschiedenen Seitenausgänge.

»Still - dort kommt die Botschaft. Suche zu ihm zu dringen und bring' ihn hierher!«

Der Angeredete gab zwei in der Nähe befindlichen robusten Feuerarbeitern aus den Hanauer Fabriken ein Zeichen und drängte mit ihrer Hilfe durch die Menge.

Nach wenigen Minuten kehrten sie zurück, einen Mann mit erhitztem Gesicht und den Spuren großer Aufregung in ihrer Mitte. Der Fremde, der aus der Paulskirche kam, reichte dem Blousenmann die Hand, der ihm die Stufen hinunter entgegentrat und ihn unter den Winkel des Vorsprungs zog.

»Wie ist's? wie steht die Verhandlung?«

»Die Rechten behalten die Oberhand - man hat unsre Erklärung und den Antrag mit Hohn verworfen - Lichnowski nannte sie einen Narrenstreich und Gagern mit seiner perfiden Gewandtheit fand sogleich einen Uebergang zur Verhandlung über die Grundrechte.«

Der Bote war ein Mann von mittlerer Statur, etwa im

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Anfang der vierziger Jahre, mit einer Anlage zur Korpulenz. Sein Haar war kraus und lockig, das Gesicht breit und unschön und die Nase aufgestülpt. Eine gewisse unruhige Beweglichkeit zeigte sich in seinem ganzen Wesen und seine blauen Augen überflogen den Platz, während sein Gefährte vor Ingrimm die Hände ballte und mit den Zähnen knirschte.

»Ist es Ihnen gelungen, das österreichische Militair mißtrauisch gegen die Preußen zu machen und diese zu reizen?«

»Es kostet mich bereits zwei meiner besten Leute, die sie auf ihre Bayonnette spießten! Aber diese Prügelknechte sind noch hölzerner, als ihr Corporalstock, und unser Fraternisiren war für Nichts. Doch zum Henker mit dem Geschwätz - was ist beschlossen, was soll geschehen?«

»Zitz läßt Ihnen sagen, in zehn Minuten das Feuer zu beginnen, denn er hat erfahren, daß Artillerie von Darmstadt beordert ist. Ehe sie ankommt, müssen Sie Herr der Stadt sein. Gelingt der Schlag, so wird morgen in Mannheim, Heilbronn, Stuttgart und Cassel die Schilderhebung folgen, Struve lauert auf unsre Nachricht, um bei Lörrach einzufallen, und diese Duodez-Tyrannen werden überall genug zu thun haben, des über sie hereinbrechenden Gerichts sich zu erwehren. Geben Sie den beiden Franzosen das Signal, sobald Sie sehen, daß ich wieder eingetreten bin. Zitz will mit Gewalt auf den Barrikaden kämpfen - wir Anderen werden zurückbleiben, um, wenn es ja schlimmer geht, als wir denken, das Herausziehen der Truppen aus der Stadt von Schmerling und dem Reichsverweser zu erzwingen.«

Er reichte ihm die Hand, wandte sich aber nochmals zurück.

»Senden Sie sichere Leute vor die Thore, um die Zuzüge sogleich in Empfang zu nehmen, und machen Sie den Versuch, ob Sie sich nicht der Familie des Erzherzogs draußen auf der Villa am Bockenheimer Thore bemächtigen können. Es würde eine ganz gute Geißel abgeben. Der Reichsverweser selbst hat es vielleicht gemacht, wie Hekscher, und sich unter die Wälle von Mainz in Sicherheit gebracht - ich habe wenigstens noch nicht gehört, daß er in der Stadt ist. Auf Wiedersehn heute Abend, wenn das Militair herausgeschlagen ist.«

»Adieu, Bürger Blum!« -

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Es war kaum eine Viertelstunde vergangen, während deren die zehn Männer, welche um den Leiter in der Blouse versammelt waren, mit verschiedenen Aufträgen nach allen Seiten davon drängten, als von der Rathhaustreppe her ein schneidender Pfiff gellte und gleich darauf von der Barrikade an der Schnur-Straße die ersten Schüsse fielen. Zugleich wurde auf der Hauptbarrikade in der Dönges-Gasse eine große rothe Fahne aufgesteckt.

Die Trommeln wirbelten, das Kommando der Offiziere ertönte zwischen dem Knattern des Gewehrfeuers in den Straßen, und das Militair räumte zunächst auf den Befehl des Generals Negrelli den Paulsplatz.

Unterdeß hatte sich ein Theil der wackeren Weißbüsche von der Bürgerwehr eingefunden, eben so die Kavallerie derselben, und dieser wurde die Bewachung der Paulskirche anvertraut, aus der die preußischen Truppen die Mitglieder bis zum Roßmarkt geleiteten. Die Oesterreicher begannen den Angriff vom Liebfrauenberg her gegen die Dönges-Gasse und nahmen im ersten Anlauf die noch nicht vollendete Barrikade am Türkenhaupt, während die Preußen ihre Vedetten auf der Zeile entlang vorschickten.

Es war ein Uhr, als der Kampf begann. Von den Barrikaden und aus den Fenstern verschiedener Häuser ergoß sich ein Hagel von Kugeln und gehacktem Blei gegen die langsam und mit großer Ruhe und Mäßigung vorrückenden Truppen, aber die Schüsse waren schlecht gezielt, in Hast gethan, und der Verlust der Aufständischen an allen Punkten weit größer, als der des Militairs.

Selbst einzelne Mitglieder des Parlaments befanden sich auf beiden Seiten unter den Kämpfenden. Den Dr. Newall aus Wien, einen exaltirten Preußenfeind, sah man aus einem Fenster der Zeile die Freischärler durch Winke und Zurufe ermuntern, Major von Deetz und Rittmeister von Boddien, die Vertreter von Wittenberg und Pleß, beide in Civil, befanden sich mitten unter den preußischen Truppen im stärksten Kugelregen und halfen leiten und ordnen.

Es war Nachmittags um vier Uhr, als - obschon die Zahl der Aufständischen mehrere Tausend betrug und die Truppen keine Artillerie hatten - das Vordringen und die errungenen

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Vortheile doch immer bemerklicher wurden. Schon seit einer Stunde belagerte daher eine Deputation der äußersten Linken die beiden Reichsminister von Schmerling und General von Peucker, um einen Befehl zum Zurückziehen der Truppen aus der Stadt zu erlangen, ja zu erzwingen. Beide Männer blieben jedoch fest und ließen sich weder durch die hochtrabenden Reden, noch durch die Drohungen der Exaltirten, zu denen unter Anderen Reichard, Scharre, Gritzner &c. gehörten, beirren, sondern erklärten, daß die Truppen nur zurückgezogen werden würden, wenn die Gegner versprächen, die Barrikaden abzutragen.

Dann, als sie sahen, daß sie ihren Zweck nicht erreichen konnten, und es nur galt, Zeit zu gewinnen, verlangte man einen Waffenstillstand von einer Stunde, um unterdeß den Reichsverweser zu bestürmen, und General Peucker willigte ein.

Mit dieser Nachricht stürzten die Mitglieder der Deputation auf die Straßen. Sie hatten sich verpflichtet, das Feuer auf den Barrikaden zum Schweigen zu bringen und mit den Aufrührern zu unterhandeln. Rittmeister von Boddien schloß sich ihnen im Auftrage des Ministers an, um die Bedingungen des Waffenstillstandes festzustellen.

Die Deputation - es waren ihrer etwa vierzig Personen - wandte sich nach der Zeile, als ein Reiter, unbekümmert um das fortdauernde Feuer, über den Platz daher kam.

Derselbe ritt ein kräftiges Pferd. Er war ein Mann von etwa vierunddreißig Jahren, von schlanker, aristokratisch eleganter Gestalt und markirtem, kühnem Ausdruck des etwas blassen, angegriffenen Gesichts, das ein schmaler, spitzgedrehter Schnurrbart hob. Er betrachtete mit der ihm eigenen Neigung des kleinen Kopfes durch das Lorgnon die Damen, die am Arm ihrer Männer jetzt neugierig auf dem vor dem Feuer geschützten Theil des Platzes umhergingen. Der Reiter hielt an, als er der Deputation begegnete, und Abgeordnete und Offiziere traten zu ihm, während die Mitglieder der Linken finstere, gehassige Blicke auf ihn warfen.

»Wo wollen Sie hin, Durchlaucht?« fragte der Rittmeister von Boddien. »Wollen Sie uns und diese Herren vielleicht als Kavallerie nach den Barrikaden begleiten?«

Der Fürst - der Reiter war der abenteuerliche, ritterliche

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und so unglückliche Fürst Felix Lichnowski - lachte. »Die Kugeln und ich sind zwar alte Bekannte,« sagte er heiter - »indeß ich bin nicht in gleicher Weise gefeyt gegen irgend einen Messerstoß, und Sie wissen, die Pfingstweide hat mich mit dem alten Jahn proscribirt. A propos - ist es wahr, daß man ein Attentat gegen ihn begangen?«

»Ich höre eben, daß wirklich diesen Morgen von einer Rotte seine Wohnung durchsucht wurde. Die Turner selbst wollten dem Alten an's Leben, weil er dem Gesindel so derb die Wahrheit sagt. Er ist ihnen jedoch entkommen und gut verborgen, bis die Ruhe wieder hergestellt ist. Heckscher hatte nicht die Courage, zu bleiben, und lief ihnen gerade in die Hände. In Höchst erwischten sie ihn, aber es gelang der Sicherheitswache, ihn zu befreien. Er kam glücklich nach Mainz. Aber wo wollen Sie hin?«

»Nach dem Eschenheimer Thor und einen Ritt um die Promenade machen, um Ihnen bei Zeiten zu melden, ob das Volk dort neue Verstärkung von Hanau oder Offenbach erhält.« Er beugte sich nieder und fuhr leiser fort: »Zunächst zum Erzherzog - er muß noch auf der Villa sein und wir müssen ihn vorbereiten auf den Sturm dieser Herren da, die bei ihm den Rückzug der Truppen leichter zu erreichen denken.«

»Um Gotteswillen, Durchlaucht - treiben Sie die Unvorsichtigkeit nicht so weit. Sie sind zu bekannt - diese Menschen sind zu Allem fähig und es könnte Ihnen leicht ein Unglück begegnen. Denken Sie an Barcelona!«

Der ehemalige Carlist lachte spöttisch. »Ich sage Ihnen, Herr Kamerad, die Andalusier sind andere Bursche, als jene Offenbacher Weber und Steinklopfer. Ohne Sorge. - J'ai une bonne bête!« Er klopfte den schlanken Hals seines englischen Pferdes.

»Noch Eines, Durchlaucht - ich war eben auf der Post. Es liegen Briefe für Sie da.«

»Bon - ich werde vorbeireiten! Doch nun Adieu! - Des heiligen römischen Reiches Kanarienvogel dort wird ungeduldig und die Zeit vergeht!« Er gab dem Pferde die Sporen, wandte sich aber noch einmal um. »Au nom de Dieu, ne retirez pas le[s] troupes!«

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Es waren die letzten Worte, welche die Freunde von ihm hörten. Der Reiter sprengte davon und wandte sich nach der Eschenheimer Gasse.

Zugleich mit ihm verschwanden zwei der Abgeordneten eilig in den Gassen, die zum Holzgraben führen. Wer sie verfolgt hätte, würde gesehen haben, wie sie an der nächsten Ecke eifrig mit Männern sprachen, die dem Arbeiterstand anzugehören schienen, und diese sich in der Richtung der Barrikaden entfernten. -

Der Rittmeister steckte seine Cigarre an und reichte die brennende dem Mitgliede, welches der Fürst mit dem Spottnamen des Reichskanarienvogels bezeichnet hatte.

Es war der Lehrer Rösler aus Oels in Schlesien, ein eifriges Mitglied der linken Fraction vom >deutschen Hof< und durch seine Tracht von gelbem Nanking bei Freunden und Gegnern zu dem komischen Namen gekommen. Herr von Boddien - die Erde deckt leider bereits auch sein wackeres preußisches Herz! - der in der Paulskirche, nur geistreicher und witziger, das Talent übte, was gegenwärtig der Herzog von Ratibor im preußischen Herrenhaus mit Eifer betreibt, hat ihn in seiner prächtigen, sehr selten gewordenen Sammlung der Reichstagscarricaturen verewigt.

»Ist es nun gefällig, meine Herren - aber ich bitte, geniren Sie sich nicht, wenn Sie mit den Kugeln nicht so vertraut sein sollten, wie mit den Schützen!« Er zog sein weißes Taschentuch, nahm es wehend in die Hand und ging vorwärts, begleitet von dem Major von Deetz, dessen strengen Royalismus einige Jahre später die moderne Liberalität von einer Seite, woher er es sicher am wenigsten vermuthet hätte, ziemlich schnöde lohnte. Der Abgeordnete Rösler und etwa zwanzig Mitglieder folgten, Alle mit den Tüchern wehend, während die Kämpfer auf den Barrikaden fortfuhren, ein scharfes Feuer zu unterhalten. Die Parlamentaire waren kaum noch fünfzig Schritt von der Hauptbarrikade entfernt, als der österreichische Offizier, der sie begleitete, eine Kugel durch den Schenkel erhielt.

»Zum Teufel mit den Schuften - sehen sie denn nicht, daß wir als Parlamentaire kommen? Bringen Sie den Lieutenant fort - aber zum Geier, wo sind denn unsere werthen Kollegen hingekommen?«

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Der Rittmeister brach in ein lautes Gelächter aus. In der That waren wirklich bis auf zwei oder drei die sämmtlichen Mitglieder der Deputation auf dem Wege zu den Barrikaden im unerwünschten Kugelregen der Ihren unsichtbar geworden.

»Nun, Herr Doctor,« sagte noch lachend der Offizier zu Röster, der allein an seiner Seite geblieben war, »geniren Sie sich nicht, wenn Sie unseren Kollegen folgen wollen. Blaue Bohnen sind eine ungesunde Kost, und man muß daran gewöhnt sein.«

Das Antlitz des Lehrers war mit dem dunklen Purpur der Scham über den Mangel an Courage übergossen, den seine Freunde bewiesen hatten. Dann nahm er die Cigarre aus dem Munde, die ausgegangen war, und sagte: »Wollen Sie mir Feuer geben, Herr von Boddien, ehe wir weiter gehen? Obschon Feuer genug hier ist, so reicht es doch nicht hin, um selbst nur eine Pfälzer dabei anzuzünden.«

Der Offizier reichte ihm freundlich die seine, indem er sich den spitzen Schnurrbart in dem hagern Gesicht strich. »Sie sind ein braver Mann, Herr Rösler, und ich bedaure nur, daß unsere Wege auseinander gehen.«

Der Abgeordnete verbeugte sich leicht. »Es freut mich, wenn Sie zugestehen, daß der Muth nicht blos Sache des zweifarbigen Tuches ist, sondern auch in einem Nankingrock wohnen kann. Doch nun lassen Sie uns vorwärts, ehe weiteres Unglück geschieht!«

Er schwenkte sein Tuch und schritt rasch der nächsten Barrikade zu, die er schnell erstieg. Indem er sich vor seine Begleiter drängte, riß er entschlossen die wehende rothe Fahne herab, obschon zehn, zwanzig Flintenmündungen sich auf seine Brust richteten und funkelnde Augen, exaltirte Gesichter, drohend erhobene Fäuste ihn umdrängten!

Es gehörte alle Kaltblütigkeit der beiden Offiziere dazu, welche die drei zurückgebliebenen Mitglieder der Linken begleitet, um dem Sturm dieses wilden Fanatismus zu begegnen und eine Art von Verhandlung einzuleiten. Diese Menschen, meist Arbeiter, Turner und Fremde, waren so fanatisirt, daß sie den Parlamentairen die Bayonnette, Messer und Säbel auf die Brust

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setzten, und auf die Frage, was sie eigentlich mit dem Kampfe bezweckten, was sie wollten, antworteten sie nur mit Geschrei und Verwünschungen. Endlich setzte man es durch, daß eine Botschaft zu den Führern und Leitern des Aufstandes geschickt wurde, die sich auf den weiter zurückliegenden Barrikaden postirt hatten; aber die Forderungen dieser Männer, sicher im Schutz der Entfernung, umgeben von einer Menge, die der blinde politische Haß in's Feuer trieb, waren so unsinnig und anmaßend, daß eine Verständigung nicht möglich war. Ueber eine Stunde wurde hin und her parlamentirt, und schon sah man ungeduldig General Negrelli vor den Linien der Preußen mit seinem Stab sich zeigen, als von den zurückliegenden Barrikaden sich ein grimmiges Triumphgeschrei erhob und von Ort zu Ort unter den Freischärlern fortsetzte, das ihren blinden Trotz auf's Neue zu entflammen schien.

Rösler von Oels kam hastig nach dem Ort, wo die beiden preußischen Offiziere standen. Sein Gesicht war etwas bleich, der Ausdruck befangen, erregt. »Lassen Sie uns zurückkehren - es ist Alles vergeblich,« sagte er hastig - »Schlimmes ist geschehen und die Volkspartei ist entschlossen, auf den Barrikaden zu kämpfen, bis alles Militair aus der Stadt gezogen ist.«

Rittmeister von Boddien faßte seinen Arm. »Was ist geschehen - was bedeutet jenes Geschrei?«

»Ich weiß es nicht - ich glaube, ein Unheil!«

»Reden Sie, Herr!«

»Man sagt, Fürst Lichnowski sei gefallen!«

»Sagen Sie, ermordet!« zischte der Offizier mit blitzenden Augen. »Sie wissen so gut wie ich, daß er unbewaffnet war, aber ... «

»Still, um Gotteswillen, oder Sie sind verloren!« Der Reichskanarienvogel zog halb mit Gewalt die Offiziere mit sich fort. Unter dem Hohngeschrei und den wüsten Drohungen der Barrikadenkämpfer gingen sie die Straße zurück. Ihre Geberden ließen schon von fern die harrenden Freunde erkennen, daß alles Zureden vergebens gewesen, und die Trommel rief bereits wieder die Krieger zum Sammeln.

Noch ein Mal warf sich der Abgeordnete Voigt dazwischen

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und beschwor die kommandirenden Offiziere, ihm noch zehn Minuten - es war bereits sechs Uhr geworden - zu bewilligen, um die Unsinnigen von ihrem Vorhaben zurückzubringen, und eilte nach den Barrikaden. Man rief ihm nach: »Die doppelte Zeit!« obschon jetzt das Gerücht von dem Mord sich zu verbreiten begann und die Erbitterung des Militairs und aller Freunde der Ordnung steigerte.

Vergeblich! - Voigt kam zurück - alle Mühe war umsonst gewesen - schon knallten die ersten Schüsse wieder von den Barrikaden und aus den Fenstern. -

Vor dem >Schwan< hielt eine Postchaise mit Koffern und Gepäck - zwei Damm hatten bereits ihren Platz im Innern eingenommen, eine ältere und eine jüngere, die letztere eine schlanke blonde Gestalt, den Ausdruck tiefer Melancholie neben der Besorgniß auf dem milden freundlichen Gesicht, die beide Damen offenbar peinigte, während der Postillon an seinen drei Pferden schon ungeduldig mit der Peitsche knallte, weil der Reisende, ein alter hagerer Herr von militairischer Haltung, die preußische Kokarde am Hut, den Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, noch mit einigen Offizieren sprach.

»Sie würden in der That besser thun, Herr Major,« sagte der Rittmeister von Boddien, wenn Sie die Pferde wieder ausspannen ließen und ruhig im >Schwan< blieben. Die requirirten Truppen müssen jeden Augenblick eintreffen, und binnen zwei Stunden wird dann die Ruhe hergestellt sein, während das Verlassen der Stadt in der That nicht ohne Gefahr sein dürfte. Sie haben gehört, was man fürchtet, und setzen sich mindestens Insulten aus!«

»Nein, Herr,« sagte der alte Mann entschlossen, »wir können nicht bleiben. Dieser Anblick der Rebellen schneidet mir durch's Herz und erinnert mich an meinen Sohn, den die Kugeln eben solcher Nichtswürdigen trafen! Meine Frau und meine Tochter würden sich bei dem Kampf zu Tode ängstigen. Hätten wir eine Ahnung davon gehabt, so wären wir in Soden noch einen Tag geblieben. Ueberdies weiß man nicht, was unter solchen Verhältnissen in der Heimath passtren kann, und wir haben dort einen Sohn zu begrüßen!«

»Ich habe einen Brief diesen Nachmittag von Berlin bekommen,«

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sagte einer der Offiziere; »der Jubel beim Einzug der zurückkehrenden Truppen aus Schleswig in Potsdam ist unbeschreiblich gewesen. Die ganze Stimmung der Bevölkerung scheint sich verändert zu haben - der König hat General Wrangel umarmt und ihn zum Oberbefehlshaber der Marken ernannt, das Volk ihn im Jubel zum Einsiedler zurückbegleitet!«

»Dann ist noch Hoffnung - der General wenigstens ist nicht der Mann, sich von den Berlinern auf der Nase spielen zu lassen! Wohin das constitutionelle Wesen führt, davon sehen Sie hier einen neuen Beweis. Und nun leben Sie wohl und machen Sie ein Soldatenende hier!«

Gleich als sollte sein Wunsch zur Stelle in Erfüllung gehen, kam, während der alte Herr zu den drängenden Damen in den Wagen stieg und der Postillon in den Sattel sprang, über den Roßmarkt ein Adjutant gesprengt und gleich hinter drein schmetterten die Trompeten der Hessen-Darmstädtischen Chevauxlegers, und die prächtige Truppe, die heranrasselnde Batterie bedeckend, kam in vollem Galopp, die Säbel hoch, daher gejagt und bog in die Zeile ein unter dem Hurrah der preußischen und österreichischen Infanterie, die zu beiden Seiten Platz machte, bereit, die räumende Arbeit der Granaten durch ein rasches Vordringen zu unterstützen. -


Es begann bereits dunkel zu werden, als der Wagen der Reisenden an den Außenpromenaden entlang der Hanauer Chaussee zurollte, um am andern Tage rechtzeitig die Eisenbahn zu erreichen. Die Umgebungen der Stadt waren verhältnißmäßig öde und leer, während von dieser her in Intervallen jetzt die dumpfen Donnerschläge der Geschütze herüber krachten. Nur an einzelnen Stellen begegneten sie flüchtenden oder neugierigen Gruppen, oder das wüste Toben eines Haufens fanatisirt umherziehenden Pöbels, in dessen Geschrei sich nutzloses Pistolenknallen mischte, erschreckte die Frauen und trieb den Postillon zu größerer Eile.

Der Wagen näherte sich bereits dem Friedberger Thor, als Plötzlich hinter ihm der Ruf ertönte: »Der Erzherzog! der Reichsverweser! haltet die Canaillenbrut an!« und ein wildes Laufen und Rennen hinter dem Wagen d'rein erscholl. Der Postillon schlug auf die Pferde, aber wie aus der Erde gewachsen kamen

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wilde bewaffnete Gestalten von allen Seiten zum Vorschein, fielen den Pferden in die Zügel, rissen den Postillon herunter und tobend und drohend den Schlag des Wagens auf, aus dem ihnen der Major die Reisepistolen entgegen streckte, während Frau und Tochter halb ohnmächtig vor Angst im Fond lagen und um Hilfe schrieen.

»Steigen Sie aus, Hoheit - ergeben Sie sich, und es soll Ihnen Nichts geschehen. Sie sind unsere Gefangenen, ich bürge für Ihre Sicherheit, aber reizen Sie diese Leute nicht unnöthig.«

Der Sprecher war ein junger Mann im Heckerhut und Studentenrock, der dabei, seine stürmischen wilden Begleiter abwehrend, dicht zum Wagen trat. Die linke Hand, die er auf den Schlag legte, blutete.

»Bleibt zurück, Schurken!« klang es fest und rauh ihm entgegen, »den Ersten, der Hand an uns legt, schieß' ich über den Haufen!«

»Schlagt ihn todt, den Hund! Nieder mit dem Fürstengesindel! Wir brauchen keinen Reichsverweser! Zu Boden mit ihm, wie mit den anderen Beiden!«

Fäuste langten drohend herüber - Stöcke, Flintenläufe -

»Um Gotteswillen - diese Stimme - haltet ein - «

»Es ist die eines ehrlichen Mannes! Zur Hölle mit Dir Schurke!«

Der Schuß blitzte - nur eine rasche Bewegung rettete den Mann, dem er galt, und ließ die Kugel blos sein Haar und den Rand seines Hutes zerreißen, während das Pulver in solcher Nähe sein Gesicht schwärzte und selbst die Brauen versengte.

Zwei Rufe - zwei Schreie des Schreckens, der bebenden Herzen - zwei Namen kreuzten sich bei dem Blitz des Pistolenschusses:

»Rudolph!«

»Rosamunde!«

Das Drohen des Haufeus wurde zum tobenden Rachegeschrei. Ehe sein Finger den Drücker der zweiten Pistole berühren konnte, wurde die Waffe dem alten Reisenden aus der Hand gerissen und die Kugel fuhr im Ringen in die Wagendecke. Zehn Hände streckten sich nach ihm aus und zerrten ihn rauh

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aus der Kalesche. »Auf die Kniee, Fürstenhund! Du mußt sterben!«

»Rudolph - bei unsrer Liebe - rette den Vater!«

Der ehemalige Student, den die Verstoßung des ehrenfesten frommen Vaters aus der Residenz des Heimathlandes verjagt und nach dem Westen getrieben hatte, wo sich all' die wilden, kaum halb verstandenen und verstehenden Elemente der revolutionären Agitation sammelten, warf sich vor den Veteranen.

»Rührt ihn nicht an! - gebt ihn los - die Personen haben Nichts mit uns zu thun - ich tödte Jeden, der sie zu beleidigen wagt!«

Er schwang am Lauf den Stutzen um den Kopf, der seine Waffe bildete.

»Was will der preußische Hund? Er ist ihr Helfershelfer! Zu Boden mit ihm!«

Der Student parirte den Schlag einer Stange, der von den Umdrängenden nach ihm geführt wurde. Aber von der andern Seite schlug ein Säbelhieb durch seinen Hut und das Blut rann über seine Stirn und blendete seine Augen, während er selbst in dieser Noth noch mit seinem Leibe das Leben des zu Boden geworfenen Gutsherrn vor den Schlägen der Wüthenden zu decken suchte.

»Seid Ihr rasend, Bursche?« zürnte eine Stimme. »Fort mit Euch - seht Ihr nicht, daß das unschuldige Leute sind? - die hessische Kavallerie sucht zwischen den Gärten! Macht, daß Ihr fort kommt!«

Man hörte in der That in der Ferne den Trab einer starken Kavallerie-Patrouille und das Klirren der Säbelscheiden. Im Nu war das Gesindel auf und davon - zerstoben zwischen den Häusern, den Zäunen und Hecken, wie es gekommen.

»Machen Sie sich davon, Herr Meißner,« flüsterte der Mann, dessen Dazwischenkunft ihn so rechtzeitig gerettet hatte. »Lassen Sie den alten Narren für sich selbst sorgen - in der Stadt soll es auch nicht zum Besten stehen mit den Unseren und ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen!«

Die Patrouille, von General Negrelli auf das Gerücht

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ausgesandt, daß die Villa des Reichsverwesers bedroht und zwei Mitglieder des Parlaments in den Anlagen ermordet oder verwundet worden, kam eilig näher - der fremde Helfer sprang davon. In der Gegend des Eschenheimer Thores fielen einige Schüsse, und dann hörte man die Reiter nach einer andern Richtung einbiegen und sich entfernen, ehe sie noch näher gekommen waren, vielleicht um die Flüchtigen zu verfolgen.

Frau und Tochter hatten dem alten Offizier empor geholfen, der mit Augen voll flammender Entrüstung dem Gesindel nachsah und sie dann auf den Studenten richtete, den der Ruf seiner Tochter ihn hatte erkennen lassen.

»So muß es enden mit Denen, die gegen ihren König die Waffen erheben konnten, daß sie die Genossen von Räubern und Mördern werden. Lassen Sie die Hand meiner Tochter los, Herr Meißner, und folgen Sie Ihren Freunden, oder ich behandle Sie, wie es Rebellen verdienen!«

»Vater,« bat das Mädchen, »er hat vielleicht Dein Leben gerettet!«

»Das stand in der Hand Gottes, nicht in der von Buben. Entfernen Sie sich, Herr! zum letzten Male ... «

»Nicht eher, bis ich Sie in Sicherheit weiß, Herr Major,« sagte entschlossen der junge Mann. »Gott ist mein Zeuge, daß dies Zusammentreffen ein zufälliges ist! Aber ich muß es benutzen, um Ihnen und einem Unglücklichen einen Dienst zu leisten!«

»Ich bedarf Ihrer Dienste nicht. Gehen Sie zu den Metzen und Rebellen, mit denen Sie verkehren!«

»Aber diese Damen bedürfen vielleicht meiner und - Fürst Lichnowski!«

»Was meinen Sie? - Der Unglückliche ist ermordet!«

»Leider - aber vielleicht athmet er noch - vielleicht ist er noch zu retten!«

»Herr - so waren Sie unter seinen Mördern?«

»Bei Gott im Himmel nicht! Sie beurtheilen mich falsch, Herr Major, ich kämpfe für die Freiheit des Volkes, aber ich verabscheue jede Schandthat. Ich kam zu spät, sie zu hindern, nachdem ich vergeblich versucht hatte, Beistand zu holen! Ich

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konnte nicht mehr thun - jetzt liegt der Unglückliche in dem Gartenhaus, in dessen Nähe das Schreckliche geschehen - noch ist vielleicht Rettung möglich - aber jeden Augenblick können die Mörder zurückkehren - Sie können ihn vielleicht retten, wenn Sie ihn in Ihrem Wagen fortbringen wollen!«

»Führen Sie mich hin - sogleich! - Bleibt hier zurück, Ihr seid Frauen - es wird Euch Nichts geschehen.«

»Einen Augenblick, Herr Major, bis ich diese Stirnwunde hier verbunden habe; das Blut hindert mich, zu sehen!«

»Um des Himmels willen, Rudolph - Du bist verwundet, und für uns!«

Der Major wandte sich ab und gab dem Postillon, der sich unterdeß wieder herbeigefunden hatte, seine Befehle, während die Hand der Edeldame das Blut von dem Gesicht des jungen Mannes trocknete und das zitternde Mädchen ihr Tuch um seine Wunde band.

Dann ging der Student voraus mit dem Gutsherrn, ohne daß Beide ein Wort wechselten - der Wagen mit den Damen folgte langsam.

Meißner führte sie die Friedberger Chaussee entlang; - viele Menschen, von dem fortdauernden Feuer in der Stadt und dem umherziehenden Gesindel erschreckt, kamen ihnen entgegen, doch hielt man sie um so weniger auf, als das Aeußere des Studenten zeigte, daß er zur Volkspartei gehörte. Die Dunkelheit nahm rasch zu. Dann, nachdem man den Wagen im Schutz der Bewohner eines anliegenden Hauses hatte halten lassen, bog der Student in den Heckenweg ein, der zum Schmidt'schen Garten führte, und zeigte seinem Begleiter das Haus.

»Dort liegt der Fürst, Herr Major! Ich muß Ihnen überlassen, zu thun, was Sie für gut finden, aber schaffen Sie ihn fort, wenn er noch am Leben - bald, denn jeden Augenblick kann die Meute zurückkehren!«

»So kommen Sie!«

Der Student schauderte. »Ich darf Sie nicht weiter begleiten, Herr Major - mein Weg ist ein andrer! Aber sagen Sie wenigstens meinem Vater, daß sein Sohn, wenn auch ein Republikaner, doch kein Mörder ist! - Fürchten Sie Nichts -

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so lange bis Sie und die Ihren in Sicherheit, werde ich über Sie wachen, auch wenn Sie mich nicht sehen - aber eilen Sie!«

Der alte Militair nickte stolz mit dem Kopfe. »Mein und der Meinen Leben stehen in Gottes Hand, wenn wir unsre Pflicht erfüllen! Bitten Sie ihn, daß er den Funken des Bessern, der noch in Ihnen lebt, zu Ihrer eigenen Rettung vom Verderben wachsen lasse.«

Er öffnete die Thür des Hauses, aus dessen Innerm Schluchzen, Stimmen und leises Wimmern ihm entgegen klangen. -


Zwei Stunden vorher kamen vom Eschenheimer Thor her zwei Reiter, in der Absicht, bis in die Nähe der Chaussee nach Hanau vorzugehen, um zu sehen, ob von dort den Empörern in der Stadt etwa neue Zuzüge kämen. Es war der Fürst Felix Lichnowski und der preußische General-Major von Auerswald.

Der Fürst war durch sein unerschrockenes, herausforderndes Auftreten in der Paulskirche, seine elegante Persönlichkeit und den abenteuerlichen Ruf, der sich an sein bisheriges Leben knüpfte, eine in Frankfurt selbst dem Volk sehr bekannte Persönlichkeit und, wie bereits erwähnt, am Tage vorher auf der Pfingstweide vervehmt und dem Mörderdolche überantwortet worden.

Es war ihm dies nicht unbekannt, aber sein bis zur Tollkühnheit gehender Muth ließ ihn dieser Gefahr nicht die geringste Beachtung schenken.

Der General-Major von Auerswald, sein Gefährte bei diesem unglücklichen Ritt, war ein alter Soldat. Er schloß sich in Königsberg dem Jorkschen Corps an, kämpfte in den Schlachten von Großbeeren, Dennewitz und Leipzig. Nach einer langen militairischen Carrière im selben Jahre zum Brigade-Commandeur in Breslau ernannt, hatte ihm der Ruf einer gewissen Freimüthigkeit die Wahl in das Frankfurter Parlament verschafft, wo er mit Festigkeit die preußischen und monarchischen Interessen vertrat, ohne deshalb den Sinn für deutsche Einheit und die Rechte der Bürger aufzugeben. Von ihm rührte der Entwurf zu einem Gesetz über die deutsche Wehrverfassung her, der den Berathungen des Parlaments zu Grunde gelegt wurde.

Der General hatte sich nur durch den Fürsten, dem er in

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der Eschenheimer Gasse begegnet war, zu dem Ritt bereden lassen, der ihm auch aus dem Stall des Generals von Peucker ein Pferd verschaffte, während er das seine von dem österreichischen Abgeordneten Oberst von Mayern sich geliehen. Zuerst hatten sich die Reiter nach dem Bockenheimer Thor gewandt, waren aber bald zurückgekehrt, da sie hörten, daß in jener Gegend sich Haufen von Bewaffneten umhertrieben, um den Reichsverweser aufzuheben, und ritten nun auf der Promenaden-Chaussee entlang um die Stadt, in der Richtung nach dem Friedberger und Allerheiligem Thor zu, das auf die Straße nach Hanau führt.

Der Fürst, noch angegriffen von einem Unwohlsein in den letzten Tagen, ritt langsam und ohne die zahlreichen Gruppen zu beachten, an der Seite seines Begleiters, indem er die erhaltenen Briefe las und sorglos die Couverts fallen ließ.

Man bemerkte, daß diese Couverts durch Personen aus den Volksgruppen aufgehoben und gelesen wurden, daß der Name des Reiters in Folge dessen wiederholt genannt und hinter ihm her gedroht wurde.

Jene Couverts trugen die Stempel verschiedener Himmelsgegenden - der eine war der der englischen Post in Hamburg, der andre lautete aus Spanien, der Dritte: Berlin. Die beiden ersten Briefe zerriß der Fürst in kleine Stücke und ließ sie durch die Luft stiegen, indem er nachdenklich dem Spiel zusah, den dritten steckte er zu sich.

Die Reiter waren jetzt zum Friedberger Thore gekommen, aus welchem die Chaussee nach Bornheim, Friedberg und Cassel führt.

Vor dem Thor steht das Denkmal, das der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., den gefallenen tapferen Hessen errichten ließ. In der Nähe liegt auch die Bethmann'sche Villa mit der berühmten Ariadne - rechts hinaus die Pfingstweide. Zahlreiche Wege laufen von der aus Gärten und Landhäusern gebildeten Hauptstraße ab, zwischen die Gärten hinein, zu den Etablissements der zahlreichen Kunstgärtner.

Kurz vorher, bevor die Reiter am Thor anlangten, war ein Haufe von etwa hundertundfünfzig Bewaffneten aus Bockenheim, unter der Anführung des Schusters Daniel Georg, nachdem er

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das Bockenheimer Rathhaus geplündert hatte, über die Bornheimer Haide her nach dem Thor gezogen. Die Nachricht von dem Anmarsch einer Abtheilung Preußen hatte das Gesindel nach allen Seiten in die Flucht gejagt, das jetzt nach und nach am Thor und um das Denkmal sich wieder zusammen fand.

Solche Gruppen der Einheim-Bockenheimer Zuzügler, vermehrt durch zahlreiche Neugierige und Leute, die aus dem Innern der Stadt gekommen, fanden also die Reiter bereits am Friedberger Thor, von dem rechts die Chaussee nach dem Allerheiligen-Thor (Hanau) weiter läuft, während die Straße nach Friedberg gerade ausgeht und in einiger Entfernung durch einen vom Eschenheimer Thor her schief durch die Gärten laufenden Weg, die eiserne Hand, gekreuzt wird.

Auf die Anrede des Generals, der überhaupt nur ungern den Ritt mitgemacht und mit Besorgniß die von Minute zu Minute sich Mehrenden drohenden Zeichen in der Stimmung der Begegnenden bemerkt hatte, fuhr der Fürst aus seinen Träumen empor, lenkte sein Pferd gegen eine der Gruppen und fragte, ob hier preußisches Militair vorüber gekommen und wohin es sich gewendet habe.

Ein Knabe wies nach der Richtung des Allerheiligen-Thors, während die Männer schwiegen.

»Eh bien,« sagte der Fürst laut zu seinem Begleiter, »lassen Sie uns noch eine Strecke vorreiten, um zu sehen, ob die Burschen Zuzug erhalten!«

Sie gaben den Pferden die Sporen.

In dem Augenblick schrie eine gellende Frauenstimme - das Weib war die Frau eines Lithographen aus Bockenheim, Henriette Zobel, wegen Leichtsinns von ihrem ersten Manne geschieden, eine tägliche Besucherin der Paulskirche und auf der Pfingstweide zugegen:

»Das ist der Lichnowski! Die Spitzbuben - die Schufte! Das sind auch Preußen und Spione!«

In demselben Moment stürzten von dem Eschenheimer Thore die Leute, welche den Reitern gefolgt waren und die Brief-Couverts aufgenommen hatten, mit dem Rufe herbei: »Das ist der Lichnowski! wir haben ihn! nieder mit ihm!«

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Der Ruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer, schneller als der Galopp der Pferde, und überholte die Reiter, die vor einem ihnen entgegen kommenden Turnerhaufen die Rosse wandten und zurückjagten; am Thor und von der andern Seite her aber zahlreiche Gruppen mit Sensen, Flinten und Spießen bewaffnet, erblickend, wandten sie sich nach der Eschenheimer Chaussee und sprengten diese entlang, von Steinwürfen und Schüssen verfolgt.

Die Kugeln trafen nicht, aber ein Stein lähmte den rechten Arm des Generals.

Sie hatten die Biegung der Straße an der eisernen Hand erreicht, als sie auf der Bornheimer Haide Menschenhaufen bemerkten und dadurch sich verleiten ließen, wieder umzukehren.

Aus einem Hause rief eine Frau dem General zu, sich zu ihr zu flüchten - sie hielt ihn für den Reichsverweser, da in der That von den Verfolgern wohl nur Wenige oder Keiner den General kannten.

Man hörte im Vorübersprengen den Fürsten mit seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit sagen: »Wir sind da in einer frappanten Lage!« Er führte statt der Reitgerte einen Spazierstock bei sich, der eine dünne Degenklinge verbarg. Diese schwang er um sich, wie zum Schutz gegen die Steinwürfe und Kugeln, die ihn aufs Neue begrüßten, als sie in die Nähe des Denkmals kamen. Sein Gesicht war sehr bleich, die Augen aber glühten in Entrüstung über die unwürdige Hetze.

Die Gruppen am Denkmal hatten sich sehr vermehrt und eine förmliche Verfolgung der Flüchtigen war durch einen Fremden, der mit einer Droschke vom Eschenheimer Thor, in Begleitung eines Mannes im Studentenrock, hergekommen, organisirt. Vergeblich suchte der Letztere die Menge von einer Gewaltthat abzuhalten. An der Spitze der Tobenden stand der Schuster Daniel Georg, von dem Gesindel als >der Berliner< begrüßt, und schrie, von dem erwähnten Frauenzimmer unterstützt: »Die Verräther müssen todtgeschlagen werden!«

Ein Frankfurter Schneidergesell, Escherich, und ein Mitglied der Bockenheimer Schützengesellschaft, Peter Ludwig, waren unter den Lärmenden die Eifrigsten. Der Schuster war ein untersetzter

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Kerl von wüstem Aussehn, einer der berüchtigtsten Raisonneure und Wühler in der Umgebung der Stadt.

»Wo ist der Jude? Der dicke Hund fürchtet sich vor dem Schießen und ist nur dabei, wenn's zu schreien giebt! Vorwärts, Landsmann - hier kannst Du beweisen, daß wir noch tüchtige Kerle sind!«

Die Aufforderung war an einen Mann, noch ziemlich jung, aber von liederlichem, mürrischem Aussehn, mit Calabreserhut, einer Cigarre im Munde und die Hände in den Hosentaschen, gerichtet, der mit einem gewissen Wohlbehagen den Tumult umher zu genießen schien.

»Macht nur voran und nicht so viel Redens,« sagte der Kerl. »Laßt Unsereins sehen, was Ihr in Frankfurt könnt! Seht, da kommen sie wieder - Ihr seid blind wie die Maulwürfe und faul wie die Schnuecken.«

Er hatte nicht einmal die Hände aus den Hosentaschen gezogen. In der That kamen die beiden Reiter herangejagt, warfen aber bei dem Empfang durch Steine und Schüsse die Pferde herum und galoppirten auf demselben Weg zurück, jetzt verfolgt von der Menge gleich einer heulenden Meute, voran das schreiende, schimpfende Frauenzimmer, ihren Regenschirm schwingend.

Der junge Mann im Studentenrock wandte sich beschwörend zu seinem Gefährten. »O, lassen Sie uns ihnen nacheilen, Herr Rau, wenn es Ihnen Ernst ist, diese Männer blos als Geißeln für die Unseren gefangen zu nehmen. Es wird ein Unglück geschehen, wenn wir es nicht verhüten.«

Der Angeredete lachte höhnisch. »Was wäre es denn weiter, wenn ein Paar Spione auf den Kopf geschlagen würden? Bluten unsere Brüder nicht dort drinnen unter den Kugeln Ihrer Landsleute? Aber beruhigen Sie Ihr zartes Gewissen! Ich werde für die Herren sorgen

»So lassen Sie uns zusammen gehen!«

»Nein!« entschied der Andre kurz; »Sie wissen, die Ordre Germains lautet, daß wir verhindern sollen, daß der Erzherzog seine Familie nach Cassel schickt. Sie müssen hier bleiben! Vorwärts, Freunde, sonst kommen wir wahrhaftig zu spät!« Er

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eilte in der Richtung, welche die Flüchtigen und ihre Verfolger eingeschlagen, fort.

Der Mann im Studentenrock hielt Jenen zurück, den vorhin der exaltirte Schuster als Landsmann begrüßt hatte.

»Sie werden nicht gehen, Franz! Sie haben dort Nichts zu schaffen!«

»Ei was, Herr Meißner, halten Sie mich nicht auf! ich seh' solche Geschichten gar zu gern!«

»Aber bedenken Sie ... «

»Schwerenoth - was ist da zu bedenken? ich bin kein Esel, der unnöthig seine Pfoten in's Feuer stecken wird! Aber freuen sollt' mich's doch, wenn der Aristokrat, der Wasserpollak, 'was auf den Kopf kriegte. Er ist auch so ein Weiberschlecker und war oft genug mit meinem seligen Schwager zusammen! Bleiben Sie selber hübsch weg von der Geschichte, Herr Meißner, und lassen Sie mich nur gehen!«

Damit lief er gleichfalls dem Schuster nach. Rathlos schaute der junge Mann umher, denn er ahnte Schlimmes und hätte gern den Flüchtlingen Beistand geschafft. Aber die Männer, die auf die Anordnung seines Gefährten bei ihm zurückgeblieben waren, fanatisirte Turner, wilde, erhitzte Gestalten aus der Hefe des Volkes, schauten ihn ohnehin mißtrauisch an und drängten ihn fort auf die Straße nach dem Eschenheimer Thor. -

Der Fürst und der General sprengten in rasendem Galopp auf der Friedberger Chaussee dahin. »Courage! Courage! vorwärts!« das waren die einzigen Worte, die der Fürst sprach, der bald seinen Gefährten verlor, welcher in einen Gartenweg zur Rechten einbog.

Als der Fürst sich der Stelle näherte, wo der Weg der >eisernen Han [42]

Mehrere Schüsse fielen, und der Fürst, noch in der Hoffnung, durch die Hecken nicht gesehen worden zu sein, wandte sich gleichfalls in einen Gartenweg zur Rechten, der nach dem Hause des Kunstgärtners Schmidt führt, sprang an dessen Ende aus dem Sattel, riß mit den Händen die Planken des Zaunes nieder und führte sein Pferd in den Garten. Hier - durch die Fügung des Schicksals - begegnete ihm sein Unglücksgefährte, der von einer andern Seite dahin gelangt war.

Es ist kaum zu bezweifeln, daß, wenn die Reiter, anstatt die weitere Flucht aufzugeben, zu Pferde geblieben wären und durch das hintere Ausgangspförtchen die offene Bornheimer Haide zu erreichen gesucht hätten, sie sich wahrscheinlich gerettet haben würden. Aber selbst dem muthigsten Mann - und der Fürst, wie der General, hatten dem Tode oft genug kühn in's Auge gesehen - begegnet es, daß er in widrigen, gemeinen Lagen die ruhige Beurtheilung verliert, und der dem Donner der Schlachten getrotzt, vor einem Angriff des Pöbels zurückbebt, gegen den er keine Waffen hat.

In dem Garten fanden sie einen Arbeitsmann - sie übergaben ihm die Pferde und baten ihn, sie zu verstecken, da sie verfolgt würden. An der Thür des Hauses kam ihnen die Frau Schmidt und der Lehrer Schnepf entgegen; sie wiederholten ihre Bitte hastig, ohne ihre Namen zu nennen. Auerswald eilte in das Haus voran, während man sein Pferd im Kuhstall unterbrachte, das des Fürsten am Treibhaus anband.

Die Frau, ziemlich umsichtig und entschlossen, bat den General, seinen Hut und Rock abzulegen und einen Schlafrock des Lehrers anzuziehen, gleich als gehöre er zum Hause. Er that dies, aber er bestand zugleich darauf, sich auf dem Boden zu verstecken. Man mußte ihn dort einschließen, und die Jungfer Pfalz, die es that, warf den Schlüssel hinter das Sopha.

Dem Fürsten hatte der Lehrer Schnepf vorgeschlagen, rasch den Bart abzuschneiden, die Kleider eines Gärtnerburschen anzuziehen und in diesen mit einer Gießkanne fortzugehen. Aber er zögerte, verlangte ein Versteck im Keller, und schon hörte man den Ruf der Verfolger: »Wir haben die Parlamentshunde! Umstellt den Garten - laßt sie nicht heraus!«

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Jetzt schloß man ihn in einen seicht liegenden Keller, in den mittlern von drei finsteren Lattenverschlägen, wo der Fürst sich im Hintergründe auf ein Obstbrett warf, das zusammenbrechend ihn verbarg.

Nur ein Zipfel des Rockes ragte über das Brett hinaus.

Welcher kleine unbedeutende Zufall vernichtet oft das Leben eines Menschen, der glücklich den größten Gefahren entgangen!

Von allen Seiten drängte die organisirte Verfolgung heran - alle Ausgänge des Gartens waren besetzt - ein Haufe von zwanzig bis dreißig Menschen, an ihrer Spitze das rasende Weib und der Schuster, stürzte herein und drang in die Gebäude mit dem Ruf: »Wo sind die Schufte? Heraus mit den Hunden, den Volksveräthern! Rache, Rache wollen wir haben! Standrecht soll über sie gehalten werden!«3

Man durchsuchte das Glashaus, den Stall, das Haus selbst, und das Auffinden der Pferde wurde mit höllischem Jubel als Beweis begrüßt, daß die Gesuchten hier verborgen sein müßten.

Die Eingedrungenen bedrohten die Bewohner des Hauses, ihnen zu sagen, wo die Flüchtigen verborgen wären; sie durchsuchten das Haus, die Zimmer, und dabei fand Einer den Bodenschlüssel hinter dem Sopha und mit lautem Jubel rannte die Meute treppan und öffnete den Verschlag. Wenige Augenblicke darauf schleppten sie den General trotz der Bitten der Hausbewohner die Treppe herab.

Die Meisten hielten den Unglücklichen für den General von Radowitz. Unter dem Ruf: »Haben wir ihn, den Parlamentshund! den schlehten Kerl!« stießen sie ihn vorwärts, während er mit ergreifenden Worten sie bat, einem alten Mann nicht das Leben zu rauben, der fünf unerzogene Kinder habe, deren Mutter erst kürzlich gestorben, und der für die deutsche Freiheit gefochten, als die meisten von ihnen noch nicht geboren gewesen.

Was half eine solche Beschwörung bei der entfesselten Bestialität!

In dem Augenblick, wo man den General die Treppe herab,

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dicht am Versteck des Fürsten vorüber schleppte, erschien jener Leiter der Verfolgung, der Adjutant Germain Metternichs und der Linken der Paulskirche.

»Nicht hier, Männer - nicht hier! Ihr müßt ihn schonen - es ist nicht der Rechte! bringt ihn zum Garten hinaus - hier dürft Ihr kein Gericht halten über ihn!«

Das waren die Worte des zweideutigen Schutzes, den er dem Bedrohten zu Theil werden ließ.

Auf diese Ermahnung schleppte der Haufe den Gener durch den Garten. Der Schuster Daniel Georg ging hinter ihm, das tolle Weibstück warf mit Steinen und schlug mit dem Regenschirm nach ihm. Zweimal fiel dem Unglücklichen die Tour vom Kopf und enthüllte sein kahles, ehrwürdiges Haupt - er blutete bereits aus mehreren Verletzungen und bat wiederholt mit rührenden Worten, man möge seines greisen Alters schonen.

Aber die Meute dürstete nach Blut und mit jedem Moment stieg ihr feiger Fanatismus der Mordlust, während die Besseren sich drinnen auf den Barrikaden Mann gegen Mann schlugen.

Der General hatte, fortgeschleppt und gestoßen, kaum das Gartenpförtchen hinter sich und die kleine Brücke über den Graben überschritten, die zu der Pappel-Allee nach dem Bornheimer Felde führte, als der Agent Metternichs und Blums den Hirschfänger hob.

Ein Bockenheimer Turner stieß sogleich den alten Mann mit dem Kolben seines Gewehrs so heftig vor die Brust, daß er zusammenknickte unter dem Ruf: »Nieder mit dem Hund!«

Der General raffte sich empor und sprang oder fiel in den Graben. In demselben Augenblick legte der Bockenheimer Bürgerschütze Ludwig sein Gewehr an und schoß ihn von hinten durch den Leib.

Der General stürzte auf den Boden des Grabens.

Allsogleich schoß der Berliner - jener Schuster Daniel Georg - ihn durch den Kopf und das entmenschte Weib zerschmetterte seinen Hirnschädel mit einem Steinwurf und schlug an der zuckenden Leiche ihren Schirm entzwei. »Schlagt ihn todt, den Hund! er muß sterben!«

So starb Hans Adolph Erdmann von Auerswald, der

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älteste von den drei Brüdern, an deren Namen in der Jugend manche glorreiche - im Alter viele bittere Erinnerungen der preußischen Geschichte sich knüpfen! - daß wenigstens der Leiter der Mordscene ihn gekannt und gewußt, wer er war, dafür bürgt der Ruf: »Der Volksverräther! der Auerswald!«

Der Todte blieb im Graben liegen. Mit den Worten: »Einen Spitzbuben haben wir! jetzt soll der andre auch noch d'ran!« stürmten die Mörder zurück nach dem Hause, das überhaupt nicht von Suchenden leer geworden war. Neue Gestalten unter den Herbeistürmenden traten auf die Blutbühne; die zwei Pferde überzeugten sie, daß auch der Fürst hier verborgen sein müsse trotz der Betheuerungen der Hausbewohner, die sie mit dem Tode bedrohten, wenn sie den Versteckten nicht auslieferten.

Die braven Leute blieben bei ihrer Aussage. Jetzt durchsuchten die Mörder das Haus und die Gebäude, sie stachen mit den Säbeln in die Betten, mit den Piken in die Heizungskanäle des Treibhauses, und zwangen den Tagelöhner Heil, mit einer Laterne sie in den Keller zu begleiten und die Verschläge zu öffuen.

Dies Alles hörte der unglückliche Fürst in seinem Versteck mit an. Wir haben bereits erwähnt, daß er sich in dem mittelsten Verschlag befand, und der Gartenarbeiter, welcher die Verfolger führen mußte, hatte die Geistesgegenwart, nur den rechten und linken Verschlag zu öffnen und dadurch die Mörder zu täuschen - sie verließen, ohne ihr Opfer entdeckt zu haben, den Keller.

Von der Friedberger Chaussee herüber kam eine kurze dicke Gestalt gerannt, ein jüdisches Gesicht mit vollem Bart, den gelben Krückstock schwingend und heulend, und schreiend, als sei er besessen. Es war der frühere Judenschulmeister Saul Buchsweiler aus Rödelheim, einer der berüchtigtsten Wühler in allen Kneipen Frankfurts. Als er an die verstümmelte Leiche Auerswalds kam, sprang er wie ein Toller umher, warf den Stock in die Luft und schrie: »Du Hund, so mußte Dir's gehen! Nun ist Deutschland gerettet! nun ist die Freiheit gerettet!« Dann rannte er auf das Haus zu, wo er den Schuster umarmte und auf die Backen küßte.

Auf das Drängen des tollen Juden kehrte die Rotte zu

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nochmaligem Nachsuchen zurück - auf's Neue drangen drei der Verfolger in den Keller - jetzt ereilte durch einen unglücklichen Zufall den Fürsten sein Schicksal!

Schon waren beide Seitenverschläge wieder vergeblich untersucht, als ein Turner, ein Bursche von etwa sechszehn Jahren, die Thür des mittleren entdeckte. Ob schon der Gärtner sofort seine Laterne auslöschte, zwang man ihn, unter Todesdrohungen, sie wieder anzuzünden und eine Axt herbeizuholen. Mit dieser schlug man die Thür ein und leuchtete hinein.

Schon glaubten sie auch diesen Verschlag leer und wollten umkehren, als ein spöttisches Lachen hinter ihnen erklang.

»Ihr Narren! seht Ihr nicht den Rockzipfel da?«

Die verhängnißvollen Worte kamen aus dem Munde des Berliner Bummlers, den der Student vergeblich von der Theilnahme an dem Auftritt abzuhalten gesucht und der - die Hände in den Hosentaschen, ohne durch irgend eine Handlung selbst Theil zu nehmen - der Ermordung des Generals und der Nachsuchung beigewohnt hatte.

In der That ragte ein Zipfel des Rockes des Versteckten, an einem Nagel hängen geblieben, über die Bretter hervor, die ihn bisher verborgen.

Der wilde Jubelruf: »Wir haben ihn! wir haben den Parlamentshund!« erhob sich sogleich und verbreitete sich schnell durch das Haus und den Garten. Als der Fürst sich entdeckt sah, richtete er sich selbst empor und verließ den Verschlag.

Er war todtenbleich, aber gefaßt, und schauderte nur vor der Berührung dieser unsauberen wilden Gestalten zurück, mit denen der kleine Raum des Kellers sich bereits füllte. Er bat sie mit ergreifenden Worten, ihn nicht zu tödten, denn er wolle Alles für das Wohl des Volkes thun, was ihm möglich sei. Der wilde Schuster antwortete ihm: »Das hättest Du früher thun sollen, jetzt ist es zu spät! Du mußt sterben!« - So schleppten sie ihn die Treppe hinauf in den Garten.

Vergebens baten die Hausbewohner, den Fürsten zu schonen; ein Kerl mit einem Spieß schwang ihn vor der Frau Schmidt mit den Worten: »Wie wär' es, Madamchen, wenn ich nachher ein Stück von dem da, als Cotelett gebraten, auf meinem Spieß

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brächte! das ließe sich wohl köstlich schmecken!« - und der Haufe, der auf wohl sechszig Mann angewachsen war, zerrte den Fürsten durch den Garten fort, aus demselben Weg, den man vorhin den General geführt.

Dennoch schien bereits die Mordlust durch das erste Opfer gestillt - man berieth, was mit dem Gefangenen zu machen. Der oben erwähnte stille Leiter der Verfolgung, der in dem Fiaker zum Thor gekommen, hielt sich ruhig in der Menge und ließ den Juden und den tollen Schuster nebst einigen Anderen ihres Gelichters wirken.

Der Berliner, dessen scharfes Auge und Schadenfreude den Unglücklichen verrathen, schlenderte ruhig, die Hände in den Taschen, nebenher.

Der Fahnenträger des Einheimer Zuzugs, die Tricolore schwingend, voran, ging der Zug, in dessen Mitte der Fürst von rohen Fäusten fortgeschleppt und gestoßen wurde, durch den Garten, denselben Weg, den man vorhin den greisen General zum Tode geführt hatte. Der Jude tanzte und sprang umher und geberdete sich wie ein Verrückter, oder spie nach dem Fürsten und schlug nach ihm mit dem Stock. Mehrere Andere, darunter ein gewisser Rispel, schlugen und stießen ihn mit dem Kolben unter Schimpfreden.

Der Fürst war todtenbleich, das Blut rann ihm bereits aus mehreren Wunden über Hände und Gesicht; dennoch hielt er sich aufrecht, und während er jetzt - das Vergebliche aller Bitten einsehend - schwieg, suchten seine Augen umher, ob sie nirgends einen Retter und Helfer fänden.

Wenigstens ein Helfer, wenn auch kein Retter, erschien in der Person des herbeieilenden Dr. Hodges aus Fulda, in Bornheim wohnend, der sich durch die Menge zu dem Fürsten durchdrängte, gerade als man ihn durch das Gartenpsörtchen auf die Haide zerrte und nach dem Graben stieß. Der Fürst schauderte - dort vor ihm, wenige Schritte, in dem blutgetränkten Schlafrock, lag eine Leiche, und sein Auge erkannte in dem noch schreckenverzerrten Antlitz des zerschmetterten blutenden Hauptes die ehrwürdigen Züge des Mannes, den er zu seinem Unglück zu dem verhängnißvollen Ritt getrieben.

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Auf den Schlachtfeldern, auf dem Duellplatz, selbst auf den Berliner Barrikaden hatte der Fürst gewiß der Leichen viele gesehen, verstümmelter noch als die des Generals, und dennoch hatte vielleicht keine einen solchen Eindruck gemacht, als die hier zu seinen Füßen.

Er versuchte das eigene blutende Antlitz mit den Händen zu verhüllen, um dem Anblick zu entgehen, aber er wurde mit rohem Hohngelächter von seinen Henkern daran gehindert.

Der Schuster Georg zog ihn noch näher zum Rand des Grabens, zeigte auf den Leichnam und schrie: »So hat Dein Kamerad ein republikanisch' Nachtessen gekriegt, so sollst Du auch eins speisen!«

Der dicke Jude fuchtelte mit dem Stock durch die Luft - die Menge brüllte.

»Männer - bedenkt, was Ihr thut!« rief Dr. Hodges; »sucht Ihr da die Republik? Schämt Euch solcher Thaten!«

»Wer ist der Kerl? Was will der Reactionair?«

»Ich bin kein Reactionair! ich habe für die deutsche Freiheit gekämpft, als die meisten von Euch noch nicht geboren waren,« rief der Doctor. »Ich litt sechs Jahre für sie im Gefängniß und fünfzehn im Exil; ich habe ein Recht, zu sprechen, und will nicht, daß sie durch Mord Wehrloser besudelt werde!«

Das energische Auftreten des Doctors, den Viele persönlich kannten, verfehlte seinen Eindruck nicht; überdies war, wie wir bereits gesagt, die erste Mordlust gesättigt. Der Ruf: »Was sollen wir mit dem Aristokratenhund thun? Er ist unser Feind! er muß d'ran!« ließ sich dazwischen hören.

»Wenn Ihr meinem Rath folgen wollt,« mahnte der Dvcior, der sich immer näher zu dem Gefangenen durchzudrängen suchte, den der Hänfen jetzt in der kurzen Pappel-Allee fortzog, die von der Stelle, wo der General ermordet worden, in die Haide läuft - »so führt Ihr den Mann hier gefangen nach Hanau und bewacht ihn wohl. Er mag als Geißel zur Auslösung dienen für die Unseren, die drinnen in der Stadt den Soldaten in die Hände fallen.«

Der Jude Buchsweiler warf sich gleich einem Besessenen auf die Kniee. Er raufte sich den Bart, er focht mit den Händen

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durch die Luft. »Hört ihn nicht! hört ihn nicht, den Philister! Das Blut unserer Brüder fließt drinnen in den Straßen! Der Lichnowski muß sterben, der Volksverräther! Gebt mir ein Gewehr, daß ich ihn erschieße!« Der Schaum stand dem dicken Unhold vor dem Mund.

Die beiden Parteien zankten sich; - wer sie still beobachtet hatte, würde bemerkt haben, daß bezeichnende Winke und Blicke getauscht wurden. Der Zug war jetzt bis in die Witte der Allee gekommen und Viele drängten nach dem Fürsten - der Juden-schulmeister schlug mit seinem Eichenstock nach ihm - der Bockenheimer Schütz Ludwig stieß ihn mit dem Gewehrlauf - der Schütz Rispel schlug ihn mit dem Gewehrkolben -

Rasch wandte sich der Fürst um und griff nach dem Gewehr des Ludwig. Dieser sprang zurück und mit dem Ruf: »Nun, so nimm es!« schoß er ihn von hinten durch den Rücken.

Es war Derselbe, der den ersten Schuß auf Auerswald abgefeuert hatte.

Der Fürst stieß einen Schrei aus, streckte die Hand empor und sprang auf eine Pappel zu. Der Ruf: »Fort von ihm! Macht Platz!« ertönte, und der Schuster Daniel Georg schoß ihn durch die Hand.

Fünf, sechs Schüsse fielen nach ihm, während, theils um das Ziel desto besser frei zu lassen, theils voll Furcht und Schreckn, der Haufen auseinander rannte. Escherich, Zeh, Knöll, Melosch, Rispel,4 Turner und Mitglieder der Bockenheimer Gilde, waren die Schützen - man schoß wie nach einer Scheibe nach ihm, während der tolle Jude nach einem Gewehr schrie und in die Hände klatschte.

Beim dritten Schuß schon sank der Unglückliche zu Boden. Dann stürzte die Meute über ihn mit Stöcken, Sicheln und Messern, und brachte ihm eine Menge Wunden bei - die eine ein Schuß durch das Gesicht, - aber sorgfältig darauf bedacht, daß keine dieser Wunden absolut tödtlich wurde, denn der Jude und der Schuster schrieen fortwährend: »Er soll leben bleiben, damit er auch was büßen mag!«

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Der rechte Arm des Unglücklichen war völlig zerfleischt, die Finger waren zerschnitten, die Ellenbogenröhre mit schweren Schlägen zersplittert - er hatte drei Wunden am Kopf und war von fünf Schüssen getroffen!

Dennoch lebte er noch und bat, man möge ihn tödten, um seinem Leiden ein Ende zu machen. Die Antworten der Mörder und ihrer Genossen charakterisirten die Rohheit ihrer Herzen und die fanatische Erbitterung ihrer Gemüther:

»Der Volksverräther verreckt gut!«

»Wir wollen menschlich sein und dem Hunde den Kopf abreißen!«

»Du sollst leben bleiben, daß Du auch was büßen mußt!«

Ein junger Mensch, der neugierig herbeigekommen, ein Handlungsdiener, Carl Hoch, war der Einzige, der mitleidig und muthig genug war, dem Leidenden beizustehen; er knieete neben ihm nieder und nahm seinen Kopf in den Schooß. Ein dankbarer Blick des Fürsten belohnte ihn - die Lippen des Unglücklichen bewegten sich, es war, als wolle er eine Bitte flüstern; der Handlungsdiener beugte sein Ohr zu ihm nieder -

»Den Bri - «

Doch die Mörder stürzten herbei und bedrohten ihn mit Säbeln und Flinten, nachdem sie auf gleiche Weise schon den Dr. Hodges vertrieben hatten.

Der junge Mensch entfloh, um sein Leben zu retten, und hinter ihm d'rein erscholl Gelächter und Spott.

Allmählich verloren sich die Mörder - die wenigen Zuschauer der That eilten davon, um nicht als Zeugen betroffen zu werden. - Jene zogen gen Bockenheim, auf der Haide sich der blutigen That rühmend.

Der Fürst lag blutend am Boden - nur zwei oder drei Personen blieben in seiner Nähe zurück, ohne doch zu wagen, ihm zu helfen. Unter diesen Personen war der Berliner Vagabond, der liederliche Tagedieb, der von der Schande seiner Schwester gelebt und sie um ihr Alles befohlen hatte in jener traurigen Nacht des 19. März!

Er hatte keine Hand gerührt, kein Wort gesprochen bei dem schrecklichen Vorgang, weder für noch gegen. Jetzt lehnte er

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müßig, wie bisher, an einem der Pappelbäume; die Ursach', die ihn zurückhielt, war, nach dem scharfen vorsichtigen Blick, den er darauf warf, vielleicht die goldene Uhrkette, die an der Weste des Verstümmelten bei den krampfhaften Zuckungen des Körpers hervorblitzte. Noch waren ihm überflüssige Augen in der Nähe - es war gut für ihn, daß er gewartet, denn jetzt kamen zwei der Mörder zurück, der Jude Buchsweiler und der Schneidergesell Escherich, um, wie sie geprahlt, ihrem Opfer >den Rest zu geben<. Bei ihrer Annäherung entflohen die wenigen Umstehenden - nur der Berliner blieb zurück.

Der Judenschulmeister geberdete sich wieder wie toll und hetzte seinen Begleiter, der eine Flinte trug, den Fürsten,« den er athmen und sich bewegen sah, vollends zu tödten: »Auf den Hund! gieb ihm den Rest! Das ist der Lohn, daß Du Spanien verrathen hast!«

Als der Schneider zögerte und sich von der Greuelthat abwandte, hob der Jude seinen schweren Stock, um ihn auf den Kopf des Leidenden herabzuschmettern, als ein kräftiger Fußtritt ihn auf einen unnennbaren Theil seines Körpers traf und weithin auf den Boden schleuderte.

»Verdammte Judencanaille!« sagte der Berliner, der sich so plötzlich eingemischt, ohne auch nur die Hände aus den Taschen zu nehmen, »willst Du den Mann hier ruhig sterben lassen? Pack' Dich zum Teufel, oder ich trete Dir den dicken Wanst ein!«

Wüthend raffte der Schulmeister sich empor und wollte auf seinen Feind losstürzen. »Schlagt ihn todt! Schieß' ihn todt, Bruder! es ist sicher auch so ein Preußenhund! Er hat mich gestoßen, er muß gemacht werden kapores!«

Der Bummler lachte, indem er die Cigarre wegwarf und mit der Hand in die Brusttasche seines schlechten Rockes fuhr. »Versteht sich, bin ich auch ein Preuße, und ein besserer Republikaner, wie Deine ganze Sippschaft von Christenschindern! Fahr' ab, Jude, oder ich paff' Dir das da in Dein Galgengesicht!« Er schlug ein Terzerol auf ihn an; der Jude wich erschrocken zurück und ließ sich schimpfend und zeternd von dem Schneider mit fortziehen, den der Ort nicht mehr geheuer dünkte.

Der sterbende Aristokrat und der liederliche verkommene

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Arbeiter blieben allein - die Dämmerung begann sich über die Gärten und das Feld zu senken.

Die Augen des Unglücklichen schienen allein noch lebendig, unverletzt an ihm; sie wandten sich mit einem Blick des Dankes, des Vertrauens, der Bitte an den Vagabonden, der jetzt näher zu ihm trat und sich über ihn beugte, als wolle er ihn aus der Pfütze von Blut heben, die rings um den Körper den Boden feuchtete.

»Sind Sie wirklich ein Preuße?« sagte der Verwundete mit Anstrengung.

»Schwerenoth - ein richtiges Berliner Kind, und ich kenne Sie wohl, Durchlaucht, habe Sie oft genug geseh'n! Es ging mich Nichts an, daß die Republikaner Sie todtschlugen, denn Sie gehören auch zur Camarillis! aber mißhandeln soll Sie doch so ein schäbiger Frankfurter Jude nicht. Wenn ich Ihnen einen Gefallen thun kann, so sagen Sie's frei heraus!«

»Den Brief - nehmen Sie den Brief in meiner Brusttasche! vernichten Sie ihn - meine Hand ist verstümmelt, ich kann mich nicht rühren! Schwören Sie mir ... «

Der Schmerz bei dem gewaltsamen Versuch, sich zu bewegen überwältigte ihn und verursachte ihm eine kurze Ohnmacht; als er wieder zu sich kam, war er ganz allein - jener Mann verschwunden - mit ihm die Uhr - wahrscheinlich auch der Brief.

Der Unglückliche starrte hinauf in den Himmel, an dem die Abendröthe stammte in goldgesäumten purpurnen Wolken, und er fühlte, daß er zum letzten Mal den prächtigen Glanz auf dieser Erde schaute, die für ihn ein Tummelplatz der Freuden, des Stolzes und der Leidenschaften gewesen war.

Dort von Osten her kam die Nacht - und auch für ihn kam eine Nacht - die ewige Nacht des Grabes - und vielleicht zum ersten Male dachte der leichtsinnige abenteuerliche Geist, der verwöhnte Sohn des Glücks und der irdischen Ehren, demüthig an die Sonne, die aufgehen soll nach der Nacht -

Aus seinen zuckenden Adern strömte der warme Quell des Lebens, das purpurne Blut, und des Lebens, der Vergangenheit glänzende Gestalten flogen im fiebernden Spiel an seiner Seele vorüber.

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Die dunklen Augen des blassen, blutenden Gesichts des Mannes, dessen Lebenskraft rang gegen den kalten, unerbittlichen Feind, das einzige Unwunde an dem verstümmelten Körper - sie flogen nach Süden - sie flogen nach Norden -

Dort hinüber lag das sonnige Spanien - da drüben der wogenumrauschte Fels: Helgoland!

Kalt drang es herauf an sein Herz - und keine warme Frauenhand drückte die seine in der bangen Stunde, kein Kindesauge füllten die Thränen - allein - allein! losgerissen von Allem, allein auf blutiger Erde - zerrissen vom Volk, ein Opfer blutiger Vehme für die Töchter des Volkes -

Zwei Schatten - zwei Frauengestalten, ein Knabe an die -eine, ein süßes Mädchen an die andre geschmiegt - dort auf dem letzten Goldgrund der Wolken treten sie hervor - trauernd, weinend, vergebend! -

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Träume aus Süd und Nord!

[Im Süden.]

Wo sich die Abhänge der Sierra de Aralar zum Golf von San Sebastian im Biscayischen Meer senken, an der Straße von Vittoria nach Tolosa, unfern von Villafranca, dehnt sich ein liebliches Thal, am Eingang von dem freundlichen Städtchen Azcoitia, am Ende von der Stadt Aspeitia geschlossen. Schroffe Felsen umgeben es von beiden Seiten, dunkle Marmormassen, an deren Fuß das üppige Laub der Kastanie, das dunkle Grün der Cypresse sich in lebendigen Kuppeln und Säulen hebt, und der wuchernde Epheu das prächtige schwarze Gestein mit den goldglänzenden Adern umspannt. Die Heerstraße zur Küste durchzieht das Thal in seiner ganzen Länge, von lieblichen Gärten und grünen Matten begrenzt, und der Frühling ruft tausend duftige Blumen aus Beeten und Büschen.

Die Bewohner des Thales gelten für den schönsten Menschenschlag der drei Provinzen des alten Baskenlandes - die Männer große, kräftige, stattliche Gestalten, abgehärtet von Sonne und Schnee, von der Jagd des Bärs und des Wolfes in den cantabrischen Sierren, dem Kampf mit der See, dem Schmieden des Eisens ihrer Berge und dem gefährlichen Handwerk des Schmugglers; - die Frauen schöne Figuren mit schlanken Taillen, kleinen Füßen und regelmäßigen Zügen unter der schwarzen Mantille, aus deren Schutz kokett das dunkle feurige Auge, von langen Wimpern beschattet, hervorblitzt.

An den Hügelabhängen liegen zerstreut die Solares, die vereinzelten Höfe, die der baskische Bauer erbaut und auf denen er

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lebt ein freier Mann in seinem Eigenthum und dennoch der treueste Sohn, der kühnste und ritterlichste Kämpfer des angestammten Königthums. Von den Bergspitzen und den Felsenhöhen schauen trotzig die Sasas solas - die halb zerfallenen Burgen und viereckigen Thürme der zahlreichen alten Adelsgeschlechter des Landes, jener berühmten Partisane der Legitimität.

Denn aus diesen Thälern, von diesen Bergeshöhen gingen die mächtigen Kämpfer der Freiheit hervor, jener Freiheit, die den Mann ehrt und seine Rechte vertheidigt, nicht in zügelloser Gier nach fremdem Recht, sondern im Gefühl des eigenen starken Besitzes; jener Freiheit, die den stolzen Nacken nicht beugt dem fremden Joch, aber willig ihr Blut und Leben giebt für das Vaterland und den angestammten Fürsten.

Aus diesen Bergen gingen die Kämpfer hervor, die den fränkischen Kaiser und seine Cohorten in jahrelangem Kampf ermüdeten und über die Pyrenäen zurücktrieben; in diesen Bergen hatte vor kaum vier Jahren Tomas Zumala-Carréguy, der Sohn des Landes, die Fahne für das Prinzip der Legitimität erhoben und Don Carlos zum König von Spanien ausgerufen.

In der Mitte dieses Thales erhebt sich ein mächtiges Gebäude, von dem letzten spanischen König aus dem Hause Habsburg, Carl VI., begonnen, mit seinen prächtigen Marmortreppen, seinen Gängen und Sälen, seinen Säulen und Arkaden, nur halb vollendet, und dennoch ein Bau, an dessen Anblick man bewundernd und mit Ehrfurcht hängt.

Eine mächtige geheimnißvolle Deutung liegt in dieser Nichtvollendung - es ist ein Werk, zu dem jedes Jahrzehend neue Steine, neue Räume fügen soll - die Mahnung zum Weiterbau, der nie enden wird, und dennoch immer mächtiger wächst und die Jahrhunderte beherrscht.

Denn das gigantische prächtige Gebäude wölbt sich in kühnen Bogen und gewaltigen Quadern über einem ärmlichen Häuschen aus Backstein und Holz, es schützend vor den Stürmen der Sierren und dem Zahne der Zeit.

Aus dieser kleinen und engen Zelle aber wurde durch Jahrhunderte die alte und neue Welt beherrscht; diese Zelle ließ die mächtigsten Throne Europa's erbeben und unter dem Hauch, der

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aus ihr hervorging, sich beugen - und noch wirkt ihre Macht und leitet im Geheimen die Geschicke der Länder.

Das prächtige Marmorgebäude ist das Kloster des heiligen Ignatius - in dem niedern Hause, das es umschließt, wurde im Jahre 1491 Inigo-Lopez de Pecalde - Ignaz von Loyola, der Stifter des Jesuitenordens, geboren! -

Das Thal von Aspeitia, sonst der Sitz der Ruhe und des Friedens, bot am 23. März des Jahres 1837 ein buntes kriegerisches Bild. Der Infant Don Sebastian hatte am Tage vorher sein Hauptquartier von Durango nach Azcoitia verlegt und die carlistischen Truppen lagerten in der Stadt, dem Thal und dem Kloster, und wurden stündlich durch neu herbeiziehende vermehrt.

Am 14. März waren die drei Corps der christlichen Armee von verschiedenen Seiten gegen das Herz der carlistischen Stellung losgebrochen, um mit einem Schlage den Feldzug des Jahres schon im Beginn zu beenden: General Evans mit der englischen Hilfslegion aus den Wällen von San Sebastian gegen Ernani und Tolosa, Espartero von Bilbao gegen Durango, und Sarsfield mit der navarresischen Armee gegen die mobile Colonne des Infanten Sebastian. Aber der junge Prinz zeigte sich zum ersten Male hier als geborener Feldherr. Er warf seine ganze Kraft dem englischen Parteigänger entgegen und diesen bis hinter Pampelona zurück, ließ eine geringe Macht unter Garcia und Zaratingui zu seiner Beobachtung zurück und kam unvermuthet dem König am 15ten zu Hilfe, der sich des überlegenen Feindes nicht zu erwehren vermochte und bereits die wichtige Position von Ernani verloren gab.

Am 16. März stürzte sich der Infant mit der mobilen Colonne auf die Engländer und griff mit den Bataillonen von Guipuzcoa und Aragon die wüthend vertheidigte Schanze von Oriamendi an. Ein blutiger Kampf erfolgte; der bereits geworfenen Brigade Chichester eilte ein Bataillon britischer Marine zu Hilfe und stellte den Kampf wieder her. Auf demselben Boden, auf dem vierundzwanzig Jahre vorher die Engländer für den legitimen Herrscher Spaniens gefochten und seine Erde mit französischem Blut getränkt hatten, kämpfte Palmerstons Krämer-Politik jetzt gegen den rechtmäßigen Erben der Krone, während

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der Schachergeist des Inselvolkes beide Parteien mit Waffen versah.

Drei Mal stürmte der tapfere Villareal, der junge Gefährte Zumala-Carréguy's, und um fünf Uhr blieb die Schanze und mit ihr der Sieg in den Händen der Carlisten. Der von Evans befohlene Rückzug wurde zur wilden Flucht, es war kein disciplinirtes Heer mehr, sondern eine fessellose Bande, und im tollen Jagen wurden die hochmüthigen Rothröcke bis an die befestigten Linien von San Sebastian getrieben. Nur dadurch, daß die englischen Kriegsschiffe all', ihre Truppen schnell an's Land setzten, wurde die britische Legion vor gänzlicher Vernichtung gerettet und die Einnahme von San Sebastian verhindert.

Am 20sten war der Infant gegen Espartero gerückt, hatte ihn auf dem Rückzug von Durango erreicht und auf den Höhen von Galdacano geschlagen. Der neue Graf von Luchana5 mußte die Garnison von Bilbao ausrücken lassen, um seinen Rückzug zu decken, und die Carlisten jagten ihn bis unter die Kanonen der Festung.

Das waren die Siege und die Anstrengungen, von denen die tapferen Bataillone jetzt im sonnigen Thal von Azcoitia sich erholten.

Die Soldaten und Bewohner waren in bunten Gruppen durcheinander gemischt. Hier lagerte vor dem Eingang eines Solaro ein Haufe der Elite-Compagnieen mit den grautuchenen Oberröcken und den rothes Beinkleidern, die baskische Boina6 mit der langen Troddel über dem Ohr, von dem Baner in der Nationaltracht mit der rothen Jacke, der braunen Leibbinde und den Alpargatas oder Sandalen freigebig aus dem Schlauch von Ziegenfell bedient, der den dunklen Wein aus Navarra enthielt. Ein rauher Seemann, dem Sonne und Sturm des Oceans das braune Gesicht unter dem blonden Haar, das an die vasconische Abstammung erinnert, noch stärker gebräunt, saß am Kalkofen, der vor jedem Hause steht, mit dem langbärtigen Sappeur, und tauschte die Abenteuer der Antillen mit denen des

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Sturmes auf die Höhen von Galdácano. Die Milizen von Alava und Navarra - die berühmten Chapelcuris mit den weißen Boinas - lagen im Grase, ihr einfaches Mahl, Brot und Zwiebel, kauend, und dort drüben unter dem uralten Kastanienbaum tanzten beim Klang der Pfeife und der baskischen Trommel die Lanzenreiter in ihren braunen und grünen Jacken mit den dunkeläugigen Mädchen, deren bunte Kopftücher und lange Zöpfe in den kecken Bewegungen flogen. Zwischen dem bunten Kreis, der sich um die Novillada mit den beiden Kampfhähnen gebildet, leuchteten die rothen Mäntel der Trompeter und die bunten Uniformen und Kleidungsstücke der zahlreichen Deserteure von den englischen, portugiesischen und französischen Freicorps der Christinos.

Aber auch ernstere Seiten - das blutige Nachspiel des Todes auf dem Schlachtfeld - bot die bunte Scene des lachenden Thals.

Wie in dem Unabhängigkeitskriege wurde der Kampf zwischen den beiden Parteien, den Christinos und Carlisten, den Constitutionellen und Legitimisten, mit Erbitterung und wilder Grausamkeit geführt.

Das furchtbare Decret von Durango, das von seinen Gegnern erzwungene Hilfsmittel des Königs gegen den Abschaum der Abenteurerbanden aller Länder, welche die perfide Politik von St. James und der Tuilerien auf die Halbinsel schickte, warf seinen schwarzen Schatten auf diese Spiele und diese Lust.

Für jene Freischaaren, welche die sogenannte Quadrupel-Alliance7 zum Siege des Constitutionalismus über Don Carlos und die Legitimisten auf spanischen Boden sandte, gab es nach dem Decret von Durango keinen Pardon; die Fremdlinge, die mit den Waffen in der Hand gefangen genommen waren, wurden erschossen! -


Von Azcoitia her kamen drei Reiter, zwei Offiziere der carlistischen Armee in dem blauen Rock mit den Lilien der Bourbons auf den Knöpfen, den krapprothen schwarzgestreiften Beinkleidern und der Boina, von denen der eine die Obersten-Epauletten

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trug, während der dritte ein Civilist von feingeschnittenem geistreichem Gesicht war, das in seinen Grundzügen den slavischen Typus nicht verläugnen konnte. Der Oberst war ein Mann von mittleren Jahren, ein Italiener von Geburt, und sein Teint zeigte eine auffallend dunkle Farbe, was mit der scharf gebogenen Nase, den schmalen Augenbrauen und dem glänzend schwarzen Haar selbst auf orientalischen Ursprung schließen ließ.

Der jüngere Offizier - er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre zählen - war von schlanker, aristokratisch feiner Figur. Zu dem etwas blassen Gesicht und den dunklen blitzenden Augen paßte der schwarze Schnurrbart und das lockige Haar, und eine kecke, fast übermüthige Sorglosigkeit und Unruhe machte sich in seinem ganzen Wesen bemerklich. Die Unterhaltung der drei Cavaliere, denen zwei Reitknechte folgten, wurde in französischer Sprache geführt, wechselte aber zuweilen auch mit dem Spanischen, das der jüngere Offizier mit fremdem, hartem Accent sprach.

»Der Name Ihrer Familie, lieber Graf,« sagte derselbe indem er, die Zügel auf dem Nacken seines Pferdes, sich bemühte, kunstgerecht eine spanische Cigarette zu drehen - »muß in Italien auch unter den bürgerlichen Familien verbreitet sein. Ich erinnere mich, daß meine Wechsel auf Florenz, als ich es im vorigen Jahre besuchte, auf einen Kaufmann am ponte vecchio lauteten, der denselben Namen führte, Mortara - «

Eine scharfe Röthe überflog das Gesicht des Obersten, während der Civilist, der neben dem Fragenden ritt, mit dem Fuß ihn leise und wie abmahnend berührte. »Es ist, wie Sie sagen, mein Prinz - der Name Mortara wird in Ober-Italien von mehreren Familien geführt, indeß giebt es nur eine Linie der Grafen Mortara.«

»Ich weiß nicht,« fuhr sorglos der Offizier fort, der mit dem Titel Prinz angeredet worden, »aber die Familie interessirte mich, da der junge Banquier mich zu seiner Hochzeit, die er gerade beging, einlud, und es das erste Mal war, daß ich den Ceremonieen einer jüdischen Trauung beiwohnte. Es mag durch die schärferen Physiognomieen der Südländer überhaupt kommen, daß bei ihnen die Aehnlichkeiten häufiger sind, als bei uns in Deutschland; aber in der That, ich fand von Anfang an in

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Ihrem Gesicht etwas Bekanntes, Gesehenes, und erinnerte mich durch den gleichen Namen unwillkürlich an jenen jungen jüdischen Bräutigam ... «

Diesmal war das Zeichen, das sein Begleiter zur Linken ihm gab, unmöglich mißzuverstehen. Zu gleicher Zeit wandte sich der Oberst heftig zu ihm und maß ihn mit finsterm Blick.

»Beabsichtigen Sie mich zu beleidigen, Prinz?«

»Ich begreife in der That nicht - ich wüßte nicht, wie ich dazu kommen sollte, Monsieur le Comte ... «

»Ich dächte doch,« fuhr der Oberst streng fort, »es wäre bekannt genug im Hauptquartier Seiner Majestät, daß die Grafen Mortara, die es durch eigenes Verdienst geworden sind, das Unglück haben, von einer jüdischen Familie abzustammen, und daß einzelne Zweige dieser Familie noch eigensinnig bei ihrem Glauben beharren.«

»Offenbar hatte Don Felicio keine Ahnung davon,« sagte vermittelnd der Civilist, »und gewiß nicht die Absicht, Sie an eine Verwandtschaft zu erinnern, deren wir armen Christenmenschen heut zu Tage uns gewiß nicht zu schämen brauchen, denn sie wächst uns alle Stunden mehr über den Kopf, und Herr von Rothschild ist der erste Baron der Welt. Hat doch der heilige Vater selber einen Herzog aus seinem Kammerjuden gemacht. Bah, mon ami - für das Anrecht auf eine tüchtige Erbschaft möchte mein eigener Papa der selige Abraham gewesen sein, das sollte mich herzlich wenig geniren.«

»Herr de Neuillat hat Recht,« sagte der junge Offizier, indem er seinem ältern Gefährten die Hand reichte - »ich wußte den Henker von dieser Abstammung, die am Ende nicht weniger ehrenwerth ist, als die unsre vom Hause Granson in Burgund, und Ihrem Verdienst und Ihrer Liebenswürdigkeit keinen Abbruch thut. Aber sehen Sie, ich glaube gar, die ehrwürdigen Väter Jesuiten wollen uns mit einer Prozession empfangen, nach dem Zug zu schließen, der dort aus dem Thor kommt!«

Er wollte das Pferd autreiben, als Herr von Neuillat ihm die Hand auf den Zügel legte. »Lassen Sie uns warten, bis jener Zug entfernt ist - der Anblick ist eben kein angenehmer und würde uns den Morgen verbittern.«

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»Was ist es denn?«

»Eine Füsillade en gros!« sagte gleichgiltig der Oberst. »Eine Bande Argelinos,8 die erschossen werden soll.« Und warum sollen die Leute erschossen werden?« Das Decret von Durango verurtheilt sie zum Tode - es sind ihrer über zweihundert beim Sturm auf Oriamendi gefangen worden - der größte Theil wurde auf dem Schlachtfelde niedergemacht und der Nest kommt jetzt daran!«

»Aber das ist unmenschlich!«

»Das mag sein - es ist viel über die Maßregel hin und her gestritten worden, und unser Freund hier selbst hat sehr philanthropische Vorstellungen gemacht; aber es ist das einzige Mittel, den Abschaum aller Länder abzuhalten, über Spanien herzufallen, und die Regierungen von Paris und London zu verhindern, die Truppen Seiner Majestät als Bagno-Aufseher anzusehen. Wir wissen so schon nicht, was wir mit den Ueberläufern der Legionen anfangen sollen, viel weniger mit den Gefangenen, die Espartero sich hüten wird auszulösen.«

Der jüngere Offizier dachte einige Augenblicke nach, dann sagte er entschlossen: »Lassen Sie uns hinüber reiten - ich fühle, ich muß mich hier an das Schreckliche gewöhnen. Wir können das Kloster von San Ignacio ein ander Mal besuchen.«

Sie wandten die Pferde nach der Richtung, die der Zug aus dem Thor des Klosters, das zur Verwahrung der Gefangenen diente, genommen, und folgten ihm langsam.

Der Führer des Zuges nahm seine Richtung gegen einen Hügel, auf dem eine der Sasas solas, der alten Burgen des baskischen Adels, über Korkeichen und mächtige Kastanienbäume, welche den Fuß umgaben, hinausschaute. Es war ein halb verfallener viereckiger Thurm mit einem Vorhof. Der Zug selbst bestand aus einer halben Compagnie baskischer Infanterie von

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den Bataillonen von Guipuzcoa, unter der Anführung eines Capitains, die einen Trupp von zweiunddreißig Gefangenen begleitete. Eine Anzahl Lanziers zu Pferde umgab mit den Infanteristen die Verurtheilten, um jeden Versuch der Flucht zu hindern.

Die Gefangenen waren bis aufs Hemd und die Beinkleider entblößt, und es war bekannt, daß sie von den Siegern, die zum Theil ihre Kleider unter den grauen Röcken trugen, nach dem Gefecht auch jenes Kleidungsstückes beraubt worden waren. Als sie jedoch durch Tolosa transportirt wurden, hielt das Ayuntamiento einen solchen Anfzug zu indecent für die Blicke der schönen Damen, und ließ durch die Alguazile von den Einwohnern, die für heimliche Christinos galten (Christinos pacificos) - Beinkleider für sämmtliche Gefangene herbeischaffen.

Die Schaar, die hier so gleichgiltig dem Tode entgegen geführt wurde, bestand aus wilden verwegenen Gesellen, deren Leben wohl seit Jahren ein steter Kampf mit dem Gesetz und dem Tode gewesen war. Aus welchen Ländern der alten und neuen Welt, aus welchen Kämpfen um Republiken und Kronen, um Gold und Lüste mochten sie nach einem Leben wilder Abenteuer hier zusammengewürfelt sein, um unter dem Schatten jenes Thurmes die Ruhe zu finden, die Allen wird!

Mehrere Patres in ihren dunklen Gewändern schritten in der Mitte der Verurtheilten, unbekümmert um die Hohnreden, die von den Frechsten ihnen zu Theil wurden; an der Spitze der Colonne, neben dem kommandirenden Offizier, ging ein Mann in Civil-Kleidung, in einen spanischen Mantel gehüllt, den breiten Rand des Hutes tief über das Gesicht geschlagen.

Die Verurtheilten kannten ihr Schicksal, und auf den narbigen, sonnverbrannten, mit den Spuren der Ausschweifung und der Leidenschaft gezeichneten Gesichtern prägte sich der furchtbare Augenblick in den verschiedensten Nuancen aus. Der Bursche aus der Hefe von Paris, der unter der Fahne der Fremden-Legion im Kampf gegen die Kabylen Schutz vor dem drei Mal verdienten Bagno gesucht hatte, ging dem Tode frech und über die Geistlichen spottend entgegen, als flanire er auf den Trottoirs der Vorstadt St. Antoine; der Portugiese mit dem scheuen Mörderblick, der

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zehn Mal seine Eide für Dom Pedro und Dom Miguel gewechselt wankte heulend und stöhnend daher und küßte alle Augenblicke das Crucifix, das der Pater in den gefalteten Händen trug; ein brauner Egypter, der unter Mehemed Aly gedient, schritt gleichgiltig neben dem Albanesen her, der in Corfu, Constantinopel und Malta gedient, bis ihn der unbändige Geist seiner Nation nach Algier getrieben hatte; ein rothköpfiger Irländer pfiff munter sein Nationallied und unterstützte mitleidig, so weit es ihm die gebundenen Hände erlaubten, den blassen jungen Mann mit den blonden, jetzt vom Todesschweiß feuchten Haaren, dessen feines Gesicht trotz der tiefen Falten der Liederlichkeit bewies, daß er in seinem nordischen Vaterlande vielleicht einem edlen Namen Schande und Schmach bereitet, die hier auf spanischem Boden in wenigen Minuten sein Herzblut tilgen sollte.

Der Abenteurer dort, die Hände auf den Rücken geschnürt und mit der stolzen Haltung eines Granden, wandte sich an den Soldaten, der neben ihm marschirte: »Wäre es Ihnen gefällig, Señor, mir eine Cigarre von den Ihren zu geben? Sie sehen, die meine ist ausgegangen,« sagte er in reinem Spanisch.

»Mit Vergnügen, Señor!« Der höfliche Corporal reichte ihm seine eigene Cigarre, steckte sie ihm in den Mund und drehte eine andere. »Aus welcher Provinz stammen Sie, Señor, wenn ich so frei sein darf, zu fragen? Ihr Gesicht scheint mir nicht unbekannt.«

»Ich glaube es wohl - Sie kauften oft in meinem Laden in Veracruz Ihren Bedarf, ehe Sie noch den Dienst als Steuermann auf der >Maria Fernanda< verließen und die Justiz mich zwang, wegen eines elenden Messerstichs mir gleichfalls eine andere Beschäftigung zu wählen. Wenn ich nicht sehr irre, standen Euer Gnaden in meinen Büchern noch mit einem Rest von zehn Piastern, den ich Ihnen auf Ihr ehrliches Gesicht für einen echten Panama creditirte.«

»Sie betrogen mich damit schändlich, Señor Tommaso - es war Nichts als amerikanisches Stroh, und ich verlor überdies den Hut, als unser Schooner von den rothhaarigen Ketzern aufgebracht wurde. Aber ein Baske hält sein Wort, und es ist mir lieb, daß Sie mich an meine Schuld erinnern.«

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Er gab seinem Gläubiger sein Gewehr zu halten, was dieser mit einiger Mühe mit den gebundenen Händen zu Stande brachte, und holte eine seidene Börse hervor, die er zwei Tage vorher der Leiche eines englischen Offiziers abgenommen hatte. »Diese zwei Guineen gelten zehn Piaster und acht Realen - ich erhalte demnach noch acht Realen von Ihnen heraus.«

»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Señor Caporal.«

»Lassen Sie hören!«

»Man hat mich bei der Gefangennehmung aller kleinen Münze beraubt, aber wenn Sie die zwei Goldstücke - ich setze voraus, daß sie vollwichtig sind! - in die Tasche meiner Beinkleider stecken und die acht Realen mir einstweilen anvertrauen wollen, so setze ich Sie zu meinem Erben ein, sobald man mich erschossen hat.«

»Ich bin damit einverstanden, Señor Don Tommaso; es ist nicht mehr als billig, da Sie mir auch so lange creditirt haben.«

Er wollte ihm gewissenhaft die beiden Goldstücke in die Tasche stecken, fand aber zu seiner Betrübniß, daß beide bodenlos waren. In dieser Verlegenheit machte der Mexikaner den Vorschlag, sie einstweilen in der Wange aufzubewahren, und der vormalige Steuermann und jetzige Corpora! steckte sie ihm in den Mund, ihm auf das Dringendste anempfehlend, diesen ja nicht zu öffnen, um zu reden oder zu schreien, was sein Handelsfreund auf Ehrenwort versprach. -


                       »Im Keller sollt Ihr mich begraben,

                       Wo ich so manches Faß geleert, -

                       Den Kopf will ich beim Zapfen haben -


Hurrah, mein Jüngle! lustig und Courasch! I weisch zwar nit, wie Du zu unsch kommst, aber der Teufel soll mich holen, wenn Du mehr sterben kannst, alsch ein Mal!«

Der Trost des wüsten Schwaben galt einem jungen Manne von etwa siebzehn Jahren, der bleichen Gesichts mit schwankenden Schritten und thränenden Augen in dem Zuge ging und offenbar nicht zu diesen Männern gehörte.

»Schau', Jüngelchen, den Senjur Alferez, wie Ihr's auf Euer Kauderwelsch heißen thut,« fuhr der Schwabe fort; »der

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Schwarzrock hat's besonders af ihn g'münzt g'habt, und dennoch zuckelt er nit mit den Augen, was sie ihm auch vorplauschen mögen von Höll' und Fegefeuer!«

Die Worte des Freischärlers deuteten auf einen der Gefangenen der mit stolz erhobenem Haupt neben einem der Jesuiten herschritt und auf dessen fanatische Reden, obschon sie gerade an ihn gerichtet waren, nicht einmal zu hören schien.

Es war eine hagere, mittelgroße Gestalt, aber unter dieser braunen Haut schienen Muskeln von Stahl zu liegen, so elastisch und sicher war sein Tritt, so energisch und wieder pantherähnlich geschmeidig jede seiner Bewegungen. Das schmale Antlitz von einer fast bronceartigen Farbe ließ keinen Schluß auf die Jahre machen, urd dennoch konnte er deren höchstens dreißig zählen. Sein Haupthaar war kurz geschoren, gleich als sei es gewohnt, den Turban zu tragen, und in der That bedeckte ein Fez, wie ihn die Zuaven tragen und den man ihm gleichsam zur Auszeichnung gelassen, weil er der Offizier der Argelinos war, seinen Kopf. Die Adlernase war scharf gebogen, aber fein und edel geformt, ein dunkler feiner Schnurrbart fiel in langen, scharf gedrehten Enden an den Winkeln, des schmallippigen, scharf geschlossenen Mundes nieder, und aus den großen, mandelartig geschnittenen Augen sprühte ein Strahl von schwarzem Feuer mit dem Ausdruck unversöhnlichen Hasses, wenn er dem Auge des Jesuiten an seiner Seite oder dem Blick des Mannes im Mantel an der Spitze des Zuges begegnete, der sich von Zeit zu Zeit nach ihm umwandte und ihn mit gleicher Gluth des Hasses anstarrte, während ein finstrer Schmerz sein Antlitz durchzuckte, wenn sein Auge auf den jungen Mönch fiel.

Jung war dieser noch - drei bis vier Jahre jünger als der gefangene Offizier - aber sein Gesicht hohler und finstrer und ermangelnd des kühnen und offenen Ausdrucks, der den Kopf des Andern adelte. Aus seinen düsteren Augen und den Falten der Stirn, in den von Nachtwachen und ascetischen Uebungen eingefallenen und erbleichten Wangen malte sich ein finsterer Fanatismus, wie ihn die klugen und gewandten Glieder seines Ordens nur selten zeigen.

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Von diesem Fanatismus zeugten denn auch seine Worte, die er ausschließlich an den Gefangenen an seiner Seite wandte.

»Der Stolz ist die Wurzel aller Sünde,« sprach er heftig. »Gehe in Dich, Sohn eines verfluchten Geschlechtes, der Du Dich mit sündigem Stolz Achmet der Hacene nennst, obschon Dir und Deinen Voreltern die Wohlthat der heiligen Taufe zu Theil geworden!«

Der Abkömmling der alten Könige von Granada starrte unberührt vor sich hinaus.

»Die heilige Jungfrau und die Märtyrer mögen Dir gnädig sein in der Stunde Deines Todes! Miserocordia! misericordia!« fuhr der Jesuit fort. »Erkenne die Hand des Herrn, der die Spreu von dem Weizen sondert und mit seinem Blitzstrahl die Bösen vertilgt! Dein Geschlecht hat das meine verfolgt - Dein Vater hat den meinen vertrieben, und dort schreitet er, mächtig und geehrt, die rechte Hand des Gesalbten des Herrn! Ich selbst habe das Fleisch überwunden und bin die demüthige Leuchte des Herrn, während sie, die mich dem Satan überliefern wollte, in der Hand der Gerechten die Buße erwartet!«

Der Moriske wandte sich schnell gegen ihn um.

»Diego,« sagte er mit tiefem Kehlton, »wir spielten zusammen, als wir Kinder waren, auf jenen goldenen Trümmern, die von der Herrlichkeit meiner Väter noch nach Jahrhunderten zeugen! Bei der Erinnerung an unsre Kindheit - was weißt Du von dem Schicksal meiner Schwester?«

»Retro satanas!« betete der fanatische Mönch, »die Stimme der Sünde und des Fleisches ist vorüber für mich! Sie, die Du Deine Schwester nennst, hatte Gewalt über den eitlen Torreador, nicht über Den, der da lebt in der Gemeinschaft der Heiligen! Bete und bereue Deine Sünden, Sohn der Verfluchten, denn Deine Stunde naht!«

»Heuchler!« zischte der Offizier - »mich betrügst Du nicht, wie Dein Vater das Ohr des Infanten. Du weißt, ich bin ein Christ so gut wie Du, wenn ich auch mit Stolz an die Größe meines gefallenen Volkes zurückdenke und wie alle freien Männer mit Jubel und Thatkraft die Ermannung des neuen aus der Knechtschaft der Mönche und Finsterlinge begrüße!«

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»Du bist ein Werkzeug der Gotteslästerer - Du hast auf den Ruf jenes Belsazar Mendizabal die Söhne der Kirche vertreiben helfen aus ihrem Eigenthum!«

Ich stimmte für die Einziehung der Klöster und die Vertreibung der Jesuiten, wie jeder Vaterlandsfreund. Erinnere Dich, Diego, daß Du selbst so dachtest, als Du Ximene, meine Schwester, liebtest und noch ein fröhlicher Jüngling warst, nicht ein tückischer Mönch, wie ich mit Schmerz sehe!«

Der Jesuit warf ihm einen flammenden, giftigen Blick zu aus den hohlen Augen, während seine hageren Wangen eine dunkle Röthe überzog. »Mahne mich nicht an die Zeit und die Schlange, die mich zu dem gemacht, was ich bin. Nie ist einem der Corpas' Glück gekommen von dem Geschlecht der Hacenen! Gesegnet seien die Heiligen, die mein unsterbliches Theil aus ihren Schlingen erlöst haben, auch wenn der Körper zu Grunde geht!«

»Caramba! gieb mir Antwort auf meine Frage - seiest Du Heuchler oder Fanatiker! Was weißt Du von Ximene?«

»Der Herr erleuchte ihr Herz ... «

»Picaro!«

Der Jesuit machte das Zeichen des Kreuzes. »Er, der für uns gestorben ist, hat befohlen: Segnet, die Euch fluchen! Hast Du lange keine Nachricht von ihr?«

»Seit einem Jahre! Martere mich nicht, Diego!«

»Der Name ist hinter mir! Seit die Heiligen mich erleuchtet, bin ich der unwürdige Bruder Antonio! Don Manuel Corvas hat versprochen, daß Du sie wieder sehen sollst, ehe Du stirbst!«

Der Moriske blieb erschrocken stehen. »So befindet sie sich in den Händen Deines Vaters, des bösen Dämon Spaniens?«

Der Pater schlug andächtig die Augen zum Himmel. »Mein Vater wohnt dort oben! Don Corpas, den Du schmähest, die Stütze des rechtmäßigen Thrones, ist nur mein irdischer Erzeuger. Er vergilt Böses mit Gutem und wird die Jungfrau, die der Herr in seine Hand gegeben, zu dem Wege des Heils zwingen - Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt, erbarme Dich dieser Seelen!« und er begann das Gebet für die Sterbenden, ohne weiter der Fragen des Offiziers zu achten.

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Der traurige Zug war jetzt bis auf die Spitze des Hügels gekommen, der auf der Rückseite steil nach einer Schlucht abfiel. Dicht an diesem Abhang stand der alte, noch ziemlich wohl erhaltene Thurm, einst das Stammhaus eines berühmten baskischen Geschlechts, dessen Ahnherr unter Columbus die Fahrt über das Weltmeer gemacht. Die Fenster der dicken Mauern waren im Erdgeschoß und ersten Stock mit schweren Eisengittern versehen. Zwei vorspringende Erker zierten im zweiten und dritten Geschoß die Ecken des Gebäudes. Vor demselben, das nur einen einzigen gewölbten Eingang hatte, befand sich ein freier Raum, von uralten, halb verwitterten Kastanienbäumen umgeben. Ein steinernes Kreuz, zum Gedächtniß irgend eines blutigen, mit der Geschichte des Thales verknüpften Ereignisses, befand sich an dem einen Ende des Platzes; ihm zur Seite war eine tiefe und breite Grube aufgeworfen, bestimmt, die unglücklichen Opfer des Decrets von Durango aufzunehmen.

Eine Menge baskischer Landleute, Männer, Weider und Kinder, hatte sich hier versammelt, Andere mit Soldaten der überall campirenden Bataillone und Escadrons hatten sich dem Zuge angeschlossen, so daß, als dieser den Platz erreichte, die Menge, welche ihn anfüllte, sehr zahlreich war. -

»Parbleu - ich habe mich nicht geirrt,« sagte der eine der drei Reiter, welche dem Zuge gefolgt waren und jetzt mitten in der Menge hielten, »ich habe mich nicht getäuscht! Sehen Sie den Mann dort im Mantel, der mit dem Capitain des Executions-Kommando's spricht?«

»Wer ist es?«

Herr von Neuillat neigte sich näher zu dem Ohr des jüngern Reiters. »Ein College von mir, den Sie sich gewöhnen müssen, mein Prinz, überall und nirgends hier zu finden - seine Finger in Allem, was Unheilvolles geschieht - die rechte Hand des Prätendenten und zugleich sein böser Engel! Ich will d'rum wetten, daß auch hier eine Teufelei im Spiel ist!«

»Aber Sie haben mir noch immer nicht den Namen genannt?«

Der geheime Agent der legitimistischen Throne Europa's zog die Brauen. »Ei, mein Bester - was Sie noch unbekannt an unserm Zungen Hofe sind. Es ist Herr von Corpas

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»Und wer ist Herr von Corpas?«

»Von Geburt ein Andalusier aus Granada - zuerst Consul in Faro später Minister-Resident in Hamburg, dann durch einen geschickten Betrug Mitglied der Camarilla Königs Ferdinand VII. und nach der Restitution seiner souverainen Macht Gesandter in der Schweiz. Er versuchte in Andalusien einen Ausstand für die carlistische Sache und flüchtete dann nach Frankreich. Jetzt ist er der politische Beichtvater unsrer etwas allzu lenkbaren Majestät, obschon er's zum öffentlichen Minister nicht bringen kann, weil es noch zu viel verständige und anständige Leute in der Umgebung des Königs giebt, die mit einem Mann seines Schlages Nichts zu thun haben wollen. Sehen Sie - da geht die Teufelei los!«

Die Gefangenen waren in einen Halbkreis gestellt worden und der Capitain, welcher das Executions-Kommando führte, verlas nach einem Trommelwirbel den Befehl des Kommandirenden, wonach die Hälfte aller bei Oriamendi und Galdacano gefangenen Fremden-Legionaire der christinischen Armee auf Grund des Decrets von Durango erschossen werden sollte.

»Halten Sie ein, Señor!« erklang die tiefe Stimme des gefangenen Offiziers. »Ich protestire gegen dies Urtheil, nicht aus Furcht vor dem Tode mit diesen braven Männern, sondern als Offizier der regulairen Armee Ihrer Majestät der Königin!«

»Wir kennen keine Königin von Spanien, Señor, als die Gemahlin König Carls V.!« entgegnete rauh der baskische Capitain. »Sie sind mit diesen fremden Räubern und Ketzern gefangen worden und haben sie nach Ihrem eigenen Geständniß bei dem Ausfall geführt!«

»Weil ich dazu befehligt wurde vom General Evans! Doch ich bin zu stolz, um mein Leben mit Fanatikern zu streiten. Dieser junge Mann aber gehört weder zu den Freikorps, noch zur Armee. Er befand sich nur mit einer Botschaft bei den Truppen und gehört zum Haushalt der Königin!«

Der Verhüllte sprach einige Worte leise zu dem Capitain und dieser wandte sich zornig gegen den Gefangenen. »Er ist ein Guzmann und deshalb ein doppelter Verräther an seinem

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Herrn - er muß sterben, wie Du! - Angetreten, Leute. Theilt die Gefangenen ab, Señor Profoß!«

Die Ceremonieen des traurigen Geschäfts waren kurz. Von den Gefangenen, die auf einen Haufen zusammengedrängt standen, wurden vier abgesondert und zwischen das Kreuz und die Grube gestellt. Es waren der Mexikaner, ein Deutscher und zwei Franzosen. Einer der Patres reichte ihnen das Crucifix zum Kuß, aber nur Señor Tommaso berührte es ehrerbietig mit den Lippen, die beiden Franzosen stießen eine freche Lästerung aus und der Deutsche - es war der junge Mann mit dem blassen verlebten Gesicht - biß die in Todesfurcht klappernden Zähne zusammen und stierte mit irren Blicken umher.

»Caporal José - tretet an!«

Der Corporal winkte seinem ehemaligen Gläubiger. »Leben Sie wohl, Señor Tommaso! nehmen Sie den Trost mit hinüber, daß ich eine Messe für Ihre Seele lesen lassen werde!«

Das blasse Gesicht des Mexikaners zog eine Fratze - man konnte nicht recht unterscheiden, ob sie Dank oder Bosheit ausdrücken sollte.

»Angetreten!«

Zwölf Grenadiere vom ersten Bataillon von Guipuzcoa, demselben, das die Höhen von Galdácano erstürmt, traten an.

»Fertig zum Feuern!«

Die Hähne knackten. Die Mönche erhoben ihre Stimmen in dem einförmigen Tonfall der Litanei und das Volk, auf die Kniee fallend, murmelte die Responsorien.

»Heilige Maria! Heilige Mutter des Herrn!«

»Bitte für uns!«

»Schlagt an!«

Die Trommel wirbelte im leisen Klang -

»Von Ewigkeit erkorne Mutter des ewigen Sohnes ... «

»Feuer!«

Die zwölf Schüsse krachten - ein Wehschrei von Einem, der nur durch die Brust getroffen war! - die vier Körper schlugen im Todeskampf den Boden!

Laßen Sie uns fort,« verlangte der jüngere Offizier; »ich

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überschätzte meine Kraft! Das ist zu furchtbar, um es wiederholt zu sehen.«

Der Agent preßte ihm die Hand, während der Oberst finster und ungerührt auf das blutige Schauspiel blickte. »Es ist unmöglich, uns jetzt zurückzuziehen - das Volk würde uns mit Steinwürfen verfolgen, oder noch Aergeres thun. Ueberdies muß ich wissen, was Don Corpas hierher geführt!«

Der jüngere Offizier bedeckte die Augen mit seiner Hand, um das Schreckliche nicht wiederholt zu sehen, denn eben trat ein neues Peloton vor und vier andere Gefangene wurden an die blutige Stelle geführt, während die Körper ihrer Vorgänger noch in den letzten Todeszuckungen hinab in die Grube geworfen wurden.

»Carájo!« fluchte der ehrliche Corporal, der ausdrücklich befohlen hatte, seinem ehemaligen Freund nur nach dem Herzen zu zielen, und gegangen war, sein Erbe zu holen. »Der Teufel möge ihn drei Mal dafür braten - einen rechtschaffenen Mann um sein rechtmäßiges Gut zu bringen. Der Schurke hat die Doublonen verschluckt und sicher gewußt, daß ich nicht Zeit haben würde, ihm den hungrigen Leib aufzuschneiden!«

»Zur Seite, Corporal! - Fertig zum Feuern!«

Weiter und weiter murmelten die Todtengebete - wieder und wieder rollten die Salven und mischten sich mit den Ausbrüchen der Angst und des Schmerzes und den Verwünschungen und Lästerungen wilden Trotzes bis in den Tod!

Sieben Mal hatten die Pelotons gewechselt - der Boden am Kreuz schwamm im Blut - selbst die Augen der rohen, blutdürstigen Menge begannen sich von dem schrecklichen Schauspiel dieser Hinrichtung abzuwenden.

Plötzlich gellte ein wilder, verzweifelnder Schrei über die Köpfe der Menge her:

»Achmet - mein Bruder! Barmherzige Jungfrau, sie tödten ihn!«

»Jetzt kommt's! passen Sie auf, Durchlaucht,« flüsterte der Agent.

Offenbar war absichtlich der Offizier der Argelinos bis zuletzt verschont geblieben - mit ihm der Jüngling, der Page der

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Königin, der liederliche Schwabe und ein Schweizer, ein Deserteur aus Neapel.

Der Moriske, als er den Ruf, der ihm galt, vernahm, riß sich aus den Händen des Profoß und seiner Schergen, die ihn bereits gefaßt, und stürzte vor - sein dunkles Auge flog wie wahnsinnig über die Menge, bis es den Gegenstand fand, den es suchte.

Droben im offenen Erkeraltan des zweiten Stockwerks rang ein Weib, ein junges Mädchen, mit einem Mann, dessen Hut und Mantel bei dem ungleichen Kampf herabgefallen.

»Don Corpas - ich dachte es mir!«

»Ximene - Schwester Ximene! Fluch über den Mörder unsers Vaters!« Er riß wie ein Rasender an den Stricken, die seine Hände fesselten.

Die schlanke Gestalt der Moriska schleuderte die kränkliche schwache Figur des alten Mannes zurück und schwang sich mit der Behendigkeit einer Gazelle auf die steinerne Rampe des Altans. Im nächsten Augenblick sah man die dunklen Gewänder, das fliegende Haar der Andalusierin gleich einem Blitzstrahl durch die Luft huschen - einen Moment lang glaubten die Zuschauer der seltsamen Scene, das Mädchen würde zerschmettert zu Boden kommen, dann erst, als sie mit dem Sprunge der Pantherin von ihrem Fall sich emporraffte und zu dem Bruder flog, erkannte man den seltsamen und gefährlichen Weg, den sie kühn entschlossen genommen hatte, indem sie mit den kleinen Händen, den Kennzeichen ihres Volkes, die starken Zweige des hoch an dem Thurm emporrankenden Epheu's, vielleicht so alt wie der Thurm selbst oder das Geschlecht, dessen Namen er trug, ergriff und an ihnen mit der Geschicklichkeit einer Katze herunter glitt.

Im Nu hatte sie mit dem kleinen Dolch, den sie im Busen verborgen trug, die Bande ihres Bruders zerschnitten und ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Einander umschlungen haltend standen die Geschwister, der Moriske flammenden Auges mit geschwungenem Messer seine Feinde erwartend, während seine drei Todesgefährten sich Schutz suchend um ihn drängten.

Die Aufregung, die durch die plötzliche Erscheinung der jungen Andalusierin entstanden war, bot ein Bild voll Leben.

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Das Mädchen selbst vereinte alle Reize der beiden Volksstämme. Ihre Gestalt war überaus zierlich und schlank, gleich der ihres Bruders, der sie an Größe zwar nicht gleich kam, aber wie jene voll Muskelkraft, so die ihre voll Reiz und Leben durch die volle Wölbung der Hüften und der überaus schön geformten Schultern, über die der dunkle Rebozo weit zurückfiel. Das eng anschließende Jäckchen von schwarzem Sammet mit den zahllosen Silberknöpfen zeigte die Formen der Arme, die Schönheit der kleinen Hand und, vorn geöffnet, die üppige Rundung des Busens in dem anliegenden Mieder von gelber Seide. Ein kurzer schwarzseidener Rock, von gelber Schärpe um die Hüfte gehalten, umgab in hundert Falten das Bein bis zur fein geformten Wade in ihren rothen Seidenstrümpfen. Die schwarzen langen, mit Korallen und Silbernadeln geschmückten Locken waren nur zum Theil in dem rothen andalusischen Netz gefesselt und hingen zur größern Hälfte, gelöst von der Anstrengung des Ringens und der Flucht, über den Rebozo auf Schultern und Brust nieder um das von Zorn und Aufregung geröthete Gesicht.

Von dem unbeschreiblichen Reiz dieses Gesichts vermochte der jüngere Offizier seit dem ersten Blick darauf das Auge nicht mehr abzuwenden. Die Züge waren von der Reinheit griechischer Formen, Stirn und Nase eine Linie, das Kinn fein und fest gerundet, der Mund klein und mit schön geschnittenen vollen Lippen. Aber das bei aller Schönheit häufig so Kalte der klassischen Regelmäßigkeit war hier durch die dunkle Färbung der Haut und die Gluth der spanischen Augen paralysirt, die Blitze zu sprühen schienen aus den langen Wimpern, deren feuriger Aufschlag von unbeschreiblicher Wirkung war.

Prinz Felicio, wie der junge Offizier von seinen Begleitern genannt worden, war aber nicht der Einzige, dessen Augen so fest und bewundernd an der Gestalt der schönen Andalusierin hingen. Noch starrer hafteten darauf die Augen des jungen Jesuiten, dessen fahle Blässe einer fliegenden Gluth gewichen war. Das Brevier zitierte in seiner Hand, die sich weit vorstreckte, wie abwehrend, nach dem Mädchen, während der Mund die Bannformeln seiner Kirche, vermischt mit Worten leidenschaftlicher Bewunderung ihrer Schönheit, murmelte.

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Der Mann auf dem Altan hatte sich aufgerafft und beugte sich weit über die Brüstung. »Laßt sie nicht entfliehen, sie ist eine Gefangene! Zu Ihrer Pflicht, Don Ramon, im Namen des Königs!«

»Trennt das Weib von dem Gefangenen!« befahl der baskische Offizier. »Sein Sie ein Mann, Señor, und fügen Sie sich in Ihr Schicksal!«

Die Soldaten drängten heran, aber das Mädchen deckte mit ihrem Leib den Bruder.

»Señor Capitano,« rief dieser entschlossen durch den Tumults »bei Ihrer Ehre - rufen Sie Ihre Leute zurück, ich habe Ihnen nur ein Wort zu sagen!«

Der Capitain gebot Halt; die drei Reiter hatten sich mit Gewalt durch die Menge gedrängt, der Prinz war aus dem Sattel gesprungen und bereit, der Dame zu Hilfe zu eilen.

»Geben Sie mir Ihr Wort als Edelmann und Offizier, Señor,« fuhr der Moriske fort, »daß dieses Mädchen, meine Schwester, die ich widerrechtlich von einem Schurken und Feind meiner Familie hier gefangen gehalten finde, unter Schutz und ungekränkt an den ersten Posten des Generals Espartero geleitet werde, und ich will mich ohne Widerstand dem ungerechten Tode unterwerfen, den man mir bestimmt hat!«

Der Capitain des Kommando's war im Zweifel, was er thun sollte. Ehe er noch einen Entschluß fassen konnte, tönte die gellende, zeternde Stimme des jungen Jesuiten:

»Tödtet! tödtet! es ist besser, daß der Leib sterbe, denn die Seele! Laßt die Ketzerin mit ihm sterben, ehe sie entflieht!«

Er schwang wie ein Wahnsinniger das Bild des gekreuzigten Erlösers gegen die Gruppe der Verurtheilten, und die blind den Klostergeistlichen gehorchende Menge heulte fanatisch ihm nach:

»Tod den Ketzern! Tod der Abtrünnigen!«

Don Corpas hatte den Thurm verlassen und befand sich jetzt neben dem kommandirenden Offizier. Die Scheu, die er bei jeder Gelegenheit zeigte, handelnd in den Vordergrund zu treten, wich nothgedrungen der Gefahr, seine Opfer zu verlieren. Er drohte dem Capitain mit dem Zorn des Königs, wenn er die Executionen

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nicht vollstrecke und das Mädchen nach dem Thurm mit Gewalt zurückführen lasse.

Don Felicio wandte sich zu dem Grafen. »Sie sind vorgesetzter Offizier, Oberst,« sagte er leidenschaftlich - »Sie werden nicht dulden, daß die schmachvolle Barbarei auf das Aeußerste getrieben wird!«

Der Italiener zuckte die Achseln - er mochte nicht gern mit den Jesuiten und ihrem Genossen, dem Günstling, anbinden. »Ich bin vom Generalstab,« sagte er, »und habe kein Recht, mich in die Erecution einzumischen!«

»Caramba!« schrie der Capitain erbost. »Ich erfülle meine Ordre! Wenn die Señora ein Unglück trifft, ist es nicht meine Schuld. Platz um die Verurtheilten. Caporal - lassen Sie die Mannschaft antreten!«

»Gobardes! Elende Feiglinge! so ist denn kein Mann unter Allen, der Ehre und Mitleid hat, ein verfolgtes Weib zu schützen?«

Der junge Offizier brach sich mit Gewalt Bahn und eilte zu den Bedrohten. »Ich habe keine Macht, Sie selbst zu retten,« sagte er hastig, »aber ich verpfände Ihnen mein Wort, daß ich diese Dame gegen jede Kränkung schützen und dahin geleiten werde, wohin sie selbst es bestimmt.«

Der Moriske maß ihn mit einem flammenden Blick; dann versuchte er selbst die Hände des umklammernden Mädchens zu lösen und sie dem fremden Helfer in den Arm zu legen.

»Ich vertraue Ihnen ihr Leben und ihre Ehre, Señor! möge Gott Ihnen vergelten, was Sie thun, und Sie vor Mörderhänden schützen, wie Sie meine Schwester!«

»Er ist ein Ketzer wie sie! tödtet sie! tödtet sie!« heulte der Mönch.

Don Corpas, seine Scheu besiegend, war herangetreten. »Mit welchem Recht mischen Sie sich hier ein, Señor? wer sind Sie?«

»Ich bin Offizier in der Armee Ihres Königs, wie Sie sehen, und gehöre zur Grandezza!« herrschte der Deutsche ihn an. »Wollen Sie meinen Rang und Namen wissen, so wenden Sie sich an den Grafen Mortara. Sie mögen Ihr blutiges Mördergeschäft verrichten, aber diese Dame steht von dem Augenblick

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an unter meinem Schutz!« Er legte die Hand an den Säbelgriff und seine Augen blitzten unerschrocken den stechenden, drohenden Blicken des Spaniers entgegen.

Jetzt - während der Diplomat, durch den muthigen Widerstand stutzig gemacht, in der That bei dem Offizier des Generalstabs Nachfrage hielt - wandte die schöne Andalusierin zum ersten Mal ihre dunklen Augen auf den unerwarteten Helfer, und aus den Armen ihres Bruders gleitend, sank sie vor ihm nieder und umfaßte seine Knie. »O, retten Sie ihn, Señor,« flüsterte sie mit leidenschaftlichem Ton. »Retten Sie Achmet, und ich will Sie lieben, so lange ich athme! Wenn der Letzte vom Blut der Hacenen sterben soll, will auch Ximene nicht leben!«

Der zweite Begleiter des deutschen Edelmannes hatte sein Pferd bis dicht an die Gruppe getrieben. Einen Augenblick sah er sich vorsichtig um, dann beugte er sich nieder auf den Hals des Rosses. »Spielen Sie den tapfern Ritter, Prinz,« flüsterte er französisch, »und helfen Sie den armen Schluckern. Die Doña ist es werth!«

»Aber mein Gott, wie? meine Fürsprache ist machtlos, ich bekleide hier noch keinen militairischen Rang und der Oberst weigert sich, einzuschreiten.«

»Bah, Nichts leichter als das! Sehen Sie dort die eiserne verrostete Kette über dem Thorweg des Thurmes?«

»Was soll das?«

»Es ist das Zeichen des Asylrechts. Der König hat dort geschlafen. Wenn diese Bursche die Schwelle berühren können, sind sie vorläufig sicher. Ich möchte Don Corpas einen Streich spielen und werde Sie unterstützen; aber eilen Sie!«

Der Prinz begriff, daß es sich hier um eine der ihm noch unbekannten Sitten des Landes handeln müsse und daß es raschen Entschluß galt, denn schon kehrte Don Corpas mit triumphirendem Hohn zurück und die Menge, von den Mönchen aufgehetzt, schrie ungestüm nach der Beendigung der Execution.

»Fliehen Sie in den Eingang des Thurmes, dort wird man Sie schützen,« sagte er hastig in französischer Sprache zu dem Morisken, dann zog er den Säbel und faßte mit der Linken den Arm der Señora, den er unter den seinen zog. »Platz da, im

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Namen des Königs!« Er drängte vorwärts, als wolle er die Dame hinwegführen.

Herr von Neuillat ließ sein wohldressirtes Pferd steigen und courbeltiren, daß die Menge zurückstob und die Soldaten, welche zunächst die Verurtheilten umringten, zur Seite sprangen. Diesen Augenblick benutzte der christinische Offizier, und die Waffe, die ihm seine Schwester gegeben, schwingend, stürzte er mit dem Sprung eines Panthers durch den Kreis, dem offenen Eingang des Thurmes zu. Ohne zu wissen, um was es sich handle, folgten ihm seine drei Gefährten, und der Schwabe rannte dabei den Pater Antonio über den Haufen, der sich ihnen entgegen warf.

Der Moriske erreichte in der That glücklich den unbewachten Eingang und verschwand in der Pforte - auch der Schwabe sprang über die Schwelle; aber der Page der Königin fiel dicht vor ihm nieder. Ehe die schreienden, fluchenden Soldaten ihn erreichen konnten, hatten ihn jedoch seine Gefährten ergriffen und in die Thür gezogen; nur der vierte Gefangene fiel in ihre Hände.

Alles stürzte und drängte nach dem Eingang des Thurmes, als plötzlich aus der Menge der Ruf sich hören ließ: »Asyl! Asyl! Ehrt das Asylrecht!«

Don Corpas schleuderte dem diplomatischen Agenten einen drohenden Blick zu. »Ihm nach! Greift ihn! Schleift die Argelinos heraus!«

Aber bereits wiederholten hundert Stimmen aus dem Volke den Ruf: »Asyl!« und die Hände wiesen hinauf nach den Ketten über der Pforte.

Nach spanischem Gebrauch heißt die zeitweilige Wohnung des Monarchen der königliche Palast. Es ist ein altspanisches Privilegium, daß, wenn ein König von Spanien auf Reisen oder Märschen in einem Privathause übernachtete, sobald er sich entfernt, eine eiserne Kette über dem Hausthor auf ewige Zeiten aufgehängt wurde. der Henker und seine Knechte dürfen dann nie - die Alguazile und Gensd'armen nur nach eingeholter höherer Bcwilligung - in ein solches mit der Kette begnadigtes Haus treten. Jedes infamirende Verbrechen des Hausherrn zieht den Verlust der Kette nach sich.

Obschon Don Corpas dies Vorrecht sehr wohl kannte und

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das Zeichen sah, achtete er in der Gier, den alten Familienhaß zu befriedigen, doch nicht auf dies Hinderniß, sondern eilte nach der Thür und trieb den Profoß und die Soldaten an, sich der Entflohenen zu bemächtigen. Selbst der Pater, sein Sohn, der junge Jesuit, vergaß jede Bezähmung seiner Leidenschaft, die ihn die strenge Schule des Ordens, dem er sich gewidmet, in dem zweijährigen, erst vor Kurzem überstandenen Noviziat gelehrt; er raffte sich empor und stürzte, das Crucifix wie eine Waffe schwingend, nach dem Thurm.

Aber jetzt war es ihr eigenes Werkzeug, der Offizier des Kommando's selbst, welcher sich ihnen entgegen warf.

»Halt da, Señores! Niemand soll die Männer berühren, die in dem alten Hause meiner Familie das Asylrecht gefunden, es sei denn, daß der Befehl des obersten Gerichtshofes von Biscaya oder der geheiligten Majestät selbst es bestimmt!«

»Señor Capitano, es ist Ihre Pflicht, die Verbrecher ihrer Strafe zu überliefern! Sie haben den Befehl und dürfen sich nicht durch ein Vorurtheil daran hindern lassen!«

Das Gesicht des baskischen Offiziers färbte sich dunkelroth. »Niemand braucht mich an meine Pflicht zu erinnern, Señor,« sagte er heftig. »Aber dies ist die Burg der Familie Zureda, und seit den Tagen König Philipps II. hat sie das Vorrecht der Kette besessen. Ich, ihr Abkomme, werde es zu schützen wissen!«

»Aber so bedenken Sie ... «

»Sie selbst, Señor, haben es gewünscht, daß die Execution der Feinde des Thrones an dieser Stelle vollzogen werde. Wäre der Mörder meines Vaters in jenem Hause, kein Häscher sollte seine Schwelle überschreiten, bevor er nicht den Befehl des obersten Gerichtshofes vorzeigt!«

»In nomine Dei! Tödtet ihn! tödtet ihn! Die Feinde des Königs sind die Feinde Gottes!«

Der ältere Pater, welcher den Zug der Verurtheilten begleitet und den ruhigen Beobachter aller Vorgänge gemacht hatte, zog den jungen Jesuiten aus der zaudernden Menge. Die schwarze viereckige Kappe, die seine kahle Platte bedeckte, zeigte seinen Rang als Profeß des Ordens, der von den jüngeren und geringeren Gliedern den unbedingten Gehorsam zu fordern hat.

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Bezähme Dich, Bruder Antonio,« sagte er streng. »Ich fürchte, es ist mehr weltliche Leidenschaft und Interesse in Deinem Thun, als wahrer Eifer für den Herrn!«

Der junge Jesuit beugte sich unter dem scharfen und wahren Vorwurf seines Vorgesetzten. Sein boshaftes sprühendes Auge nahm den frühern heuchlerischen Ausdruck wieder an, sein Gesicht die fahle krankhafte Farbe.

»Confiteor mea culpa!«

»Der Teufel der Welt ist mächtig in uns,« fuhr der ältere Jesuit fort, »und ich bemerkte mit Trauer, daß der Sauerteig Deiner Erinnerungen noch zu viel der Gewalt über Deine Seele hat. Wer sich dem Dienst unsers heiligen Stifters weiht, muß keine anderen Zwecke kennen, als die des Ordens. Kehre zur Stelle zurück in das Kloster und melde Dich bei dem Pater Rector zur dreitägigen Pönitenz. Ich werde bei Deinem irdischen Vater rechtfertigen, was ich gethan habe!«

Einen Augenblick schien der Gedanke an Einsprache gegen den unbedingten Gehorsam, der die erste Regel des Ordens ist, in der Seele des jungen Jesuiten aufzutauchen, er suchte mit einem leidenschaftlichen Blick die junge Andalusierin und ihren Beschützer und wandte ihn dann, wie Beistand suchend, nach seinem Erzeuger; aber Don Corpas war in seinem Streit mit dem baskischen Offizier zu sehr beschäftigt, um auf ihn zu achten, und indem er das Haupt beugte und sein Brevier aufschlug, schritt er durch die sich öffnende Menge, die Augen starr auf das Buch geheftet, die Zähne zusammengepreßt, Wuth und Eifersucht im Herzen, aber ohne ein weiteres Zeichen des Widerstandes im leidenden Gehorsam.

Der Capitain hatte den Säbel gezogen und stand entschlossen vor dem Eingang des Thurmes. »Valga me Dios! ich spalte jedem Schurken den Kopf, der es wagt, das Asylrecht der Familie Zureda zu verletzen!«

Der Vertraute und Günstling des Königs wollte im Vertrauen auf diese Stellung noch eine Einsprache thun, aber ein Blick umher belehrte ihn, daß selbst der Beistand der Priester und des Obersten dem Vorurtheil und der starren Anhänglichkeit an dem alten Recht nicht gewachsen war, denn das Volk umher

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nahm bereits offenbar Partei, und die Soldaten, die sich vom ersten Eifer zur Verfolgung hatten hinreißen lassen, lehnten ruhig und trotzig auf ihren Gewehren, während der Profoß mit seinen beiden Gehilfen nicht wagte, einen Schritt weiter zu thun.

Don Corpas kannte den starren, auf ihre Privilegien trotzenden Sinn der Basken, und fühlte, daß er nicht weiter gehen dürfe, um sein Anfehn nicht preiszugeben.

»Señor Capitano,« sagte er finster, »Sie sind in Ihrem Recht. Aber Sie bürgen mit Ihrem Kopf für die Gefangenen, bis ich zurückkehre oder Botschaft sende. Ich werde Seiner geheiligten Majestät Befehle einholen.«

Der Capitain verbengte sich. »Mögen Euer Excellenz tausend Jahre leben. Der Befehl des Königs oder des obersten Gerichtshofes wird die Thüren meines Hauses öffnen. Bis dahin werde ich einen starken Posten meiner Compagnie zur Bewachung hier lassen.«

»Ich begebe mich zur Stelle nach Tolosa an das Hoflager, Señor Capitano. Lassen Sie jenes Weib nach dem Kloster bringen, damit sie hier nicht mit dem Argelino verkehrt. Ich werde mit dem Pater Rektor sprechen, daß er sie unter Schloß und Riegel bringt.«

Der Prinz hatte unterdeß mit Don Neuillat geredet: »Fürchten Sie Nichts, Señora, für das Schicksal Ihres Bruders,« sagte er, ihr angstvolles Flehen beruhigend. »Der Infant Don Sebastian ist eben so großmüthig als tapfer und wird die Begnadigung Ihres Bruders nicht verweigern, umso mehr, wenn er hört, wie man hier verfahren hat. - Diese Dame,« fuhr er, zu Don Corpas und dem Capitain gewandt, fort, »steht unter meinem Schutz und ich werde die Ehre haben, sie nach Azcoitia zu begleiten.«

»Das werden Sie nicht, Señor,« sagte der Spanier heftig. »Dies Weib ist eine Staatsgefangene und ich werde es nicht dulden, daß sie sich entfernt!«

»Seine Majestät Don Carlos V.,« entgegnete der Prinz kalt, »führen nicht mit den Damen von Andalusien Krieg. Die Señora hat mir vertraut, daß sie von Ihnen bei dem Zug des Generals Gomez nach dem Süden, um einem Familienhaß zu

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fröhnen, ihrer Heimath entrissen und hierher geschleppt worden ist wo man sie seit vielen Monaten gefangen gehalten hat. Sie haben in dieser Angelegenheit nicht wie ein Caballero gehandelt, Señor und ich werde Sorge tragen, daß die Dame ihrer Familie zurückgegeben wird.«

»Doña Ximena,« bemerkte höhnisch der ehemalige Gesandte, »ist schön genug, um solchen Schutz zu belohnen. Für Ihre Beleidigungen, Señor, werden Sie mir an einem andern Ort Rede stehen. Die Señora ist für ein Kloster bestimmt und wird dahin gebracht werden, sobald es Zeit. Capitain Zureda wird für sie sorgen, nicht ein Fremder von zweifelhaftem Rang und Charakter!«

Der junge Offizier ließ den Arm des Mädchens los und legte mit der dunklen Röthe des Zornes aus der Stirn die Hand an den Säbel - aber Herr von Neuillat kam ihm zuvor.

»Ich habe die Ehre gehabt, Señor Don Corpas, Ihnen den Namen und Rang dieses Herrn zu nennen,« sagte er kalt, »und bürge dafür. So viel ich weiß, bekleidet Señor Corpas in diesem Augenblick weder einen Posten in der Administration, noch einen militairischen Rang, der ihn berechtigt, hier irgend einen Befehl zu geben, so wenig wie ich!«

Der Andalusier sah den verhaßten Nebenbuhler um den Einfluß mit einem giftigen Blick an. »Ich habe sogleich Ihren Rath und Einfluß in der Durchkreuzung meiner Absichten erkannt, aber der Señor Capitano ... «

»Caramba!« unterbrach ihn mürrisch der biscayische Offizier, »lassen Sie mich in Frieden mit dem Weibsvolk. Ich bedaure ohnehin schon, dem Rath der Patres gefolgt und unser altes Haus für eine Fremde zum Gefängniß hergegeben zu haben, die eine Ketzerin sein soll. Angetreten, Bursche - an den Baum mit dem Schurken von Argelino dort, den wir noch zur rechten Zeit erwischt, damit wir zu Ende kommen mit dem Geschäft!«

Der Prinz rief in polnischer Sprache seinem Reitknecht zu, der durch die gaffende Menge drängte und die Pferde herbeiführte.

»Wir müssen uns helfen, so gut es geht, Señora,« sagte der Cavalier. »Verstehen Sie zu reiten?«

Sie lächelte durch ihre Thränen. »Ich bin aus Andalusien,

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Señor! Aber kann ich meinen Bruder nicht zuvor sehen, um ihm eine Beruhigung über sein und mein Schicksal zu geben?«

Der Prinz befragte die Augen seines Begleiters, dieser nickte zustimmend, worauf Don Felicio der Dame den Arm bot und sie in den Thurm führte, an dem ihn mit Wuth messenden Günstling vorüber.

Sie waren kaum wenige Minuten bei den Gefangenen, als die fallenden Schüsse das Herz des Morisken und seiner Gefährten schaudern machten. Ihr Schicksal wäre jetzt besiegelt gewesen, wenn der glückliche Rath es nicht gewendet. Der Cavalier zweifelte nicht, die Rettung der Verurtheilten zu vollenden, indem er der Doña Gelegenheit zu einem Fußfall bei dem Infanten verschaffte. Er versprach, sie gegen jeden Versuch ihres Feindes zu schützen und sobald als möglich zurückzukehren.

Der Ruf seines Gefährten mahnte ihn zur Eile; bei dem Charakter ihres Gegners konnte jeder Augenblick unnützen Verzuges Verderben bringen, und er führte deshalb rasch die Dame hinab.

Sie trafen Don Corpas bereits im Sattel; der Graf Mortara hatte ihm das Pferd seiner Ordonnanz nicht verweigern können. Herr von Neuillat dagegen hatte die Zeit benutzt, um ein Reitkissen für die Dame herbeizuschaffen, das Don Felicio auf sein eigenes Pferd befestigen ließ, während er das Roß seines polnischen Dieners bestieg.

Don Corpas wandte sich im Sattel. »Señor Capitano,« sagte er, »nochmals, Sie bürgen für die Gefangenen und halten Ihre Leute zur Execution bereit. Ehe die Nacht einbricht, werde ich von Tolosa mit dem Befehl des Königs zurück sein. Bis dahin, Señores, sparen Sie Ihre Freude über den Sieg!«

Herr von Neuillat lachte spöttisch. »Glückliche Reise, Señor Don Corpas! Tolosa ist zehn Leguas entfernt und das Hauptquartier des Infanten Don Sebastian noch keine zwei. Sie sehen, Ihre Rechnung stimmt nicht!«

Mit einer bittern Verwünschung zwischen den Zähnen sprengte der alte Spanier davon. Als sie an dem noch offenen Grabe vorüber kamen, das vielleicht schon bestimmt war, ihren Bruder aufzunehmen, verhüllte die schöne Moriska schluchzend ihr Haupt.

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Es war am vierten Abend nach den eben berichteten Scenen. Durch die geöffneten hohen Fenster der Balkone kam der frische Strom der duftigen Bergluft, mit dem balsamischen Hauch der Kräuter und Blumen geschwängert, aus dem Thal von Azcoitia daher.

Auf dem Balkon des Palastes de Narros, der die weite Aussicht in die prächtige Nachtlandschaft öffnete, über welcher der glänzende südliche Sternenhimmel lag, standen ein Mann und eine Frau, die Arme fest in einander geschlungen - sie die kleine, zierliche Gestalt an die seine schmiegend, den Kopf an seine Schultern gelehnt: Doña Ximena, die Moriska mit ihrem Beschützer.

Wie lieblich es auch da außen, wie prächtig da oben mit den Millionen und Millionen Sternen, sie suchten doch blos jene, die so zärtlich, so innig in einander leuchteten. Was ist die Welt ringsum für die Liebe? Ihre reizendsten Schöpfungen sind nur das Spiegelbild des innern Glücks.

Ueber das Firmament schoß ein feuriger Streif - ein fallender Stern! Fallende Seelen, sagt der Glaube im Norden; - Gedanken und Grüße Derer, die uns lieben! lehrt die Deutung des warmherzigen Südens.

»Achmet denkt an uns!« flüsterte die Andalusierin - »in jener Gegend, nach welcher der Stern gesunken, weilt das einzige Wesen, das mein ist außer Dir, mein Geliebter - der Bruder, um den ich Dich gefunden und gewonnen - Du, mein Alles, mein Gott, mein Höchstes auf der schönen Welt!«

Er beugte sich nieder zu ihr, strich das von seinem Netz entfesselte Haar zurück und küßte ihre Stirn.

»Süße Schwärmerin! theure Ximene! wirst Du mich immer lieben?«

»Glaubst Du an die Sterne dort oben und an den Gott über ihnen? Wo ich geboren, brennt die Sonne heiß auf die Palmen und Myrthen, anders noch, als in diesen Bergen, glühender, als Du mir Deinen kalten Norden beschrieben! Die Sonne, die den Boden sengt und die glühende Traube reift, bildet auch die Herzen und Leidenschaften der Menschen wärmer, als bei Euch! Wenn die Frauen Andalusiens lieben, ist ihre Liebe ein

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Flammenstrom, der beseligt oder vernichtet, und den selbst der Tod nicht erlöschen mag!«

»Und Achmet - Dein und mein Bruder?«

»Er weiß, daß die Tochter der Hacenen, deren Väter in der goldenen Alhambra thronten, ihre Liebe nicht dem Niedern und Gemeinen weihen kann! Als Du mich an jenem Tage in dieses Haus geführt und verlassen, und Stunde auf Stunde verrann in banger Angst um das Schicksal des Theuren, da vertraute Ximene doch auf Dich, den ihr Auge zum ersten Mal gesehen, und sie wiederholte in ihrem Herzen den Schwur, den sie geleistet in jenem schrecklichen Augenblick, als die Kugeln der Grausamen sein Leben bedrohten, den Schwur: den Retter, den ihm Gott gesandt, zu lieben und die Seine zu sein, wenn er Ximenens Herz nicht verschmähte. Und ihr Glaube hat Ximene nicht getäuscht! Denn als ich das Gelübde gethan, da hörte ich durch die Nacht den Hufschlag Deines Pferdes und Du stürmtest die Treppe herauf, und Dein erstes Wort war: Gerettet! frei!«

Der Offizier drückte sie zärtlich an sich. »Es war kein Augenblick zu verlieren, denn unsere Gegner waren schnell. Darum konnte ich Dich nicht erst benachrichtigen, Geliebte, oder Dich zu jenem verhängnißvollen Thurm zurückführen. Der Infant, der mir die Begnadigung der Verurtheilten sofort bewilligte, während Neuillat nach Tolosa eilte, die Intriguen der Gegner zu hintertreiben, rieth mir, die Gefangenen mit der Escorte, die er mir gab, ohne Vorzug zu den Vorposten der Christino's zu bringen, um ihre Auswechselung anzubieten. Es war ein Glück, denn schon eine Stunde nachher traf der Befehl des Königs ein, welcher das Asylrecht aufhob.«

»O Fluch über ihn, der so das Blut der Söhne Spaniens in kaltem Morde vergießen kann! Und für einen solchen kämpfst Du, der freie Fremdling? O warum mußt Du denn helfen, das erwachte Reich der Geister wieder zu stürzen in die Nacht jener Priesterherrschaft und der Tyrannei, die uns des Elends so viel gebracht?«

Don Felicio lächelte. »Laß uns nicht streiten über Politik, Geliebte. Die Frauen Spaniens denken darin so leidenschaftlich und einseitig, wie über die Fragen des Herzens. Nicht für die

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Herrschaft der Mönche kämpfe ich, sondern für das Prinzip der Legitimität, für den rechtmäßigen König des Landes! Nicht durch ein Unrecht, nicht durch die Revolution schreitet ein Volk vorwärts in seiner Entwickelung, sondern auf dem Wege der Gesetze, welche die Erfahrung der Jahrhunderte geboren. Wer frevelnd das Recht der Könige umstürzt, dem ist Nichts heilig, und frevelnd wird er an allen Gütern der Menschheit rütteln!«

Sie wiegte zweifelnd den schönen Kopf, dann schlug sie die großen schwarzen Augen zu ihm auf. »Achmet und ich sind die Kinder eines alten Königsgeschlechtes,« sagte sie endlich, »und dennoch denken wir anders! Im Grunde - was kümmert's mich! Hat doch der Gott, den jene Priester und Fanatiker mit Blut beflecken, Dich hierher geführt, und darum kann die Sache, der Du Dich geweiht, keine schlechte sein. Seit jener Nacht, in der Du mir die Nachricht von Achmets Rettung, und seinen Gruß brachtest, war mein Herz nur bei Dir, und was kümmerte mich der Streit der Könige und der Völker! Mit Deinen Augen wird Ximene künftig sehen und mit Deinen Gedanken empfinden! In jener Nacht gab ich Dir das Beste, was ich hatte, nicht den Leib der Jungfrau, sondern des Herzens feurige Gluth, die lodern wird für Dich, bis sie dies Herz selbst verzehrt hat. O laß mich nicht von Dir, Felicio, niemals, niemals! denn getrennt von Dir wird Ximene sterben müssen!«

Sie hielt ihn leidenschaftlich umschlungen und er drückte das schöne Weib an sein Herz und preßte Kuß auf Kuß auf ihren schwellenden Mund.

So standen sie lange - nur der Ruf der Schildwachen aus dem Thal, von dem fernen Kirchplatz her, wo die Lanziers bivouacquirten, fröhlicher Gesang oder der Klang der Guitarre und der waffenklirrende Schritt der Patrouillen unterbrach die köstliche Ruhe des Abends.

Plötzlich schrak die Moriska empor - der Galopp eines Pferdes tönte näher und näher auf dem schlechten Pflaster und hielt vor dem Portal des Palastes.

»Mir zuckt es wie ein Stich durch's Herz, o Du mein Geliebter - was mag es bedeuten? wer kommt so spät?«

Der Prinz lachte. »Wie mag Dich ein so gewöhnliches

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Ereigniß beunruhigen, Träumerin! Hundert Reiter kommen und gehen den Tag, denn Du weißt, daß der Offiziere mehr im Palast wohnen. Aber es ist Zeit, daß Du die Ruhe suchst - von der Sierra her streicht der Wind kälter durch's Thal und in aller Früh' ist die Musterung der Truppen.«

»Schickst Du mich von Dir, Felicio, mein Leben?«

Er beugte sich über sie und flüsterte ihr leise einige Worte in's Ohr. Erröthend barg sie das glühende Antlitz an seine Brust und umschlang ihn fester und inniger zur Antwort.

Da klopfte es an die Thür des Gemaches - laut und rasch. Erschrocken riß das Mädchen sich aus seinen Armen, während sie vom Altan in das Zimmer zurücktraten.

»Wer ist da? was giebt es so spät?«

»Schnell, Durchlaucht, öffnen Sie schnell! ein Freund von Tolosa!«

Die Stimme schien ihm bekannt. Vergebens versuchte er, die Dame nach ihrem Gemach zu führen. Doña Ximena weigerte sich, zu gehen, und er öffnete die Thür.

Ein Mann, in den spanischen Mantel gehüllt, den Hut tief über die Augen, trat herein.

»Wer ist der Bursche, den ich im Vorzimmer fand? - es ist nicht Ihr polnischer Diener, Durchlaucht.«

»Ein Deutscher - einer der Verurtheilten, die Sie mir retten halfen, denn nun erkenn' ich Sie, liebster Neuillat. Er weigerte sich, zu den Christinos zurückzukehren, weil ihm dort der Strick für den Diebstahl eines silbernen Christus eben so gewiß war, wie bei uns die Kugel. So macht' ich, weil ich den Fürsten von Oehringen kenne, aus dessen Lande er stammt, einen Diener aus ihm.«

»Können Sie ihm trauen?«

»Ich glaube, Dankbarkeit und Anhänglichkeit sind wahrscheinlich die einzigen guten Eigenschaften, die er besitzt.«

»So befehlen Sie ihm, Wache zu halten und sogleich zu melden, wenn Alguazils nahen.«

»Alguazils? Ich begreife Sie nicht. Wie kommen Sie von Tolosa hierher? was ist geschehen?«

»Nichts, dem nicht noch vorzubeugen ist. Mein Brauner

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hat die eilf Leguas in vier Stunden gemacht, um Sie zu warnen.«

»Mich warnen? was ist geschehen?« Der Bote mit dem Befehl des Königs zur Auslieferung dieser Dame folgt mir auf dem Fuß. Don Corpas hat gesiegt; der Teufel weiß, welcher Lügen oder Verleumdungen er sich bedient hat; aber der Befehl ist ertheilt, Doña Ximena de Nacena ihm zu überliefern, und Sie können sicher sein, daß er in einer Stunde mit den Alguazils in diesem Hause ist, um sie mit Gewalt zu holen. Der edle Señor verließ mit mir zugleich Tolosa, und nur seinem Alter und der Schnelligkeit meines Pferdes verdanke ich den Vorsprung. Fassen Sie rasch Ihren Entschluß, oder fügen Sie sich in das Unvermeidliche!«

»Ich werde mich weigern, Doña Ximena auszuliefern. Den ersten der Schurken, der es wagt, die Schwelle meiner Zimmer zu übertreten, schieße ich über den Haufen!«

»Um Himmelswillen keine Gewaltmaßregel, Durchlaucht - Sie kennen die spanischen Gerichte nicht. Sie sind wie die Harpyen, an wen sie sich einmal gehängt, den geben sie nicht wieder aus ihren Krallen. Ueberdies ist der Befehl des Königs da und Sie würden durch Ihren Widerstand Ihre ganze Zukunft in diesem Lande auf's Spiel setzen.«

»Der Teufel hole sie - ich kümmere mich den Henker darum! - So müssen wir versuchen, Doña Ximena an einen andern verborgenen Ort zu bringen.«

Herr von Neuillat lachte laut auf. »Halten Sie wirklich Don Corpas für so einfältig? Seit Sie oder die Doña versäumt haben, im ersten Augenblick sich aus seinem Bereich zu schaffen, haben Sie keinen Schritt über diese Schwelle ohne seinen Willen thun können. Ich wette, daß der Palast von heimlichen Spähern umgeben, wahrscheinlich selbst angefüllt ist. Keine Verkleidung würde die Dame schützen, wenn sie sich aus dem Haufe wagte, und das würde nur das Mittel sein, sie desto rascher ihrem Feinde und Verfolger zu überliefern, der ihrer zu den Liberalen gehörenden Familie seine Vertreibung aus Granada und das Scheitern früherer Pläne in Andalusien Schuld giebt und an lhr stebst rächen will, daß sein einziger Sohn, von ihr verschmäht,

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ein Mönch geworden. Sie kennen spanischen Haß nicht, Durchlaucht, und was er vermag!«

Der Fürst hatte den Kopf sinnend in die Hand gestützt, die andere hielt die des bangenden Mädchens umspannt. Die Unterredung war in deutscher Sprache geführt worden, die sie nicht verstand.

»Was denn thun? - Ich will Ihnen vertrauen, Neuillat - das Mädchen ist mir in den wenigen Tagen an's Herz gewachsen, ich kann mich nicht von ihr trennen und bin ihr jeden Schutz schuldig!«

»Ich dachte es mir selbst, und deshalb meine Eile! Man spielt bei den Andalusierinnen nicht ungestraft den Cortejo! - Nur List bleibt übrig, die Intrigue zu Schanden zu machen!«

»Rathen Sie - helfen Sie!«

»Ein Mittel gäbe es, Don Corpas und sein Gesindel mit langen Gesichtern abziehen zu machen - aber es ist kaum möglich, die Vorbereitungen zu treffen!«

»Sprechen Sie um des Himmelswillen ... «

»Der Befehl lautet auf Señora Ximena de Nacena ... . und Sie haben kein Recht, diese zurückzuhalten ... «

»Nun - «

»Wenn die Doña einen andern Namen führt, ist der Befehl ungiltig.«

»Wie meinen Sie das?«

»Für Gold, Durchlaucht, ist in diesem Lande von den Pfaffen Alles zu erlangen. Eine Scheintrauung - eine Ceremonie, die durch das Fehlen irgend einer Formel für beide Theile nicht bindend gemacht ist - und das Zeugniß des Priesters würde genügen, um jede weitere Verfolgung unmöglich zu machen!«

Don Felicio sprang empor. »Sie haben Recht - das ist das Einzige! Niemand wird es wagen, meine Gattin anzutasten. Aber nicht eine Scheinheirath, nein, eine wirkliche, denn ich liebe Ximene! Schaffen Sie mir die Mittel, noch in dieser Stunde die Trauung vollziehen zu lassen!«

»Unter keinen Umständen, Durchlaucht,« sagte Herr von Neuillat entschlossen, »wenn Sie sich nicht in meinen Vorschlag fügen. Ich will nicht die Ursach' sein, daß Sie später vielleicht

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sich und mir bittere Vorwürfe machen müssen über einen übereilten Entschluß. Wenn Sie mir nicht Ihr Ehrenwort geben, sich mit einer ungiltigen Trauung zu begnügen, ziehe ich meine Hand zurück!«

»Wohl - aber Niemand kann mir das Recht nehmen, sie als eine giltige zu ehren. Nehmen Sie mein Wort und ich fordere das Ihre dagegen, daß Ximene nie von anderen Lippen als den meinen die Wahrheit erfährt!«

»Das ist Ihre Sache, Durchlaucht. In der Nähe ist ein Dominikaner-Kloster« - er sah nach der Uhr - »wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, ich kenne einen der Patres und werde ihn wecken lassen. Bis ich zurückkehre, gestatten Sie Niemandem den Zutritt in Ihre Wohnung!«

Er nahm Hut und Mantel und verschwand eilig. Der Offizier befahl dem ehemaligen Argelino im Vorgemach, sich zu bewaffnen und strenge Wache zu halten, da sein treuer polnischer Diener krank lag. Dann schloß er die Thür und wandte sich zu der Dame, die mit ängstlicher Spannung einer Erklärung harrte. -


Die Rückkehr des Helfers verzögerte sich, während Don Felicio ungeduldig in dem Gemach auf und nieder schritt, jeden Augenblick lauschend nach dem Geräusch des wiederkehrenden Freundes oder der Ankunft der Häscher. Seine Pistolen lagen auf dem Tisch, seine leidenschaftliche Erregung war zum Aeußersten entschlossen.

Vor dem Betpult in der Ecke des Gemaches lag die Moriska auf den Knieen im demüthigen Gebet. Von dem Bilde der Gottesmutter wandte sich ihr strahlendes Auge von Zeit zu Zeit auf den geliebten Mann mit dem Ausdruck des höchsten Glückes, der höchsten Wonne.

Auf dem Thurm der Kathedrale schlug es drei Viertel auf Zwölf.

Sie erhob sich und trat zu dem Ungeduldigen, leise die Arme um ihn schlingend.

»Er kommt nicht! Aber ob alle Mächte der Hölle sich dagegen verschwören, Du bist mein Weib, und wehe Dem, der es wagt, mein Theuerstes anzutasten!«

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Da sprang es herauf - zwei, drei Stufen die Treppe ... ein schwerer Schritt folgte - der Schwabe aus Oehringen riß die Thür auf, Léon von Neuillat stürzte in das Zimmer und drückte ihm die Hand. »Gefunden, Durchlaucht! Doch nun ist kein Augenblick zu verlieren. Schon verzweifelte ich an dem Erfolg; ich habe den Glockenstrick am Dominikaner-Kloster vergeblich abgerissen, ohne daß der Bruder Pförtner mir öffnete! Da ließ mich das Glück, als ich, jede Hoffnung aufgebend, zurückkehren wollte, hier auf den Bruder treffen, der die Nachtglocke im Kloster versäumt. Ein Wort gab das andere - ich habe ihn gewonnen, er ist bereit, eine ungiltige Ceremonie zu vollziehen und Zeugniß für die Giltigkeit abzulegen - zu Ehren Gottes und zum Nutzen seines Klosters, wie der heilige Spitzbube sagt!«

Der Mönch, den der Diplomat mit in das Gemach gezogen, war am Eingang stehen geblieben. Seine gelbweiße Filzkutte mit dem Geißelstrick und dem Rosenkranz umhüllte die ganze Gestalt, die Kapuze war tief über den Kopf gezogen und verbarg gänzlich das Gesicht.

»Der Name des Herrn sei gelobt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« murmelte der Pater.

»Komm' herein, Konrad, und schließ' die Thür,« befahl der Offizier. »Ehrwürdiger Vater,« wandte er sich dann zu dem Geistlichen, »ich höre von meinem Freunde, daß Sie uns den Dienst erweisen wollen, den ich von Ihnen fordere. Sie sollen reichlich dafür belohnt werden, aber ich bitte Sie, sich zu beeilen denn jeder Augenblick ist uns kostbar, und was auch geschehen möge - Sie werden dies Gemach nicht lebendig verlassen, bevor Sie nicht diese Dame mir angetraut haben.«

»Ich bin bereit, Señor.«

Der Offizier warf eine schwere Börse neben seine Pistolen. Herr von Neuillat hatte unterdeß einen kleinen Tisch mit einem Teppich bedeckt und zwei Kerzen und das Crucifix vom Betpult darauf gestellt.

»Eine Hochzeit im Feldlager,« sagte er scherzend. »Nur der Kranz fehlt! Doch ich erinnere mich, die Orangen reichen, herauf bis zum Balkon.«

Er sprang nach diesem und kehrte gleich darauf mit zwei

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blühenden Orangenzweigen zurück, die er abgeschnitten und rasch zur Form eines Kranzes zusammenflocht, den er auf das dunkle Haar der Moriska drückte.

»Eilen Sie sich,« flüsterte er auf Deutsch - »unten auf der Straße sammeln sich verdächtige Gestalten und reden mit den Schildwachen; ich sah es deutlich vom Balkon.«

Der Offizier ergriff die Hand des zitternden Mädchens und zog sie auf die Kissen nieder, die auf Herrn von Neuillats Geheiß der ehemalige Argelino vor dem improvisirten Altar niedergelegt. Der Mönch stand bereits dort, sein Brevier in der Hand.

»Wollen Sie nicht Ihre Kapuze zurückschlagen, ehrwürdiger Vater?« sagte Herr von Neuillat; »diese Verhüllung belästigt Sie.«

Der Mönch murmelte einige abwehrende Worte und zog die Kutte noch fester um seine Schultern. Dann begann er die Eingangsformeln der Trauung zu lesen.

Bei dem ersten Ton seiner dumpfen Stimme erbebte die Braut, und die Röthe des Glücks, die auf ihren Wangen lag, wich für einige Momente einer tiefen Blässe. Bald aber, als wiese sie einen sich ihr aufdrängenden unmöglichen Gedanken zurück, gewann sie ihre Fassung wieder und antwortete der Frage ob sie, Ximena Nacena, den gegenwartigen Caballero nach dem Ritual der heiligen Mutter-Kirche zu ihrem Gatten nehmen wolle? mit einem leisen Ja.

»Ihren Namen, Señor!« murmelte der Priester.

Der Offizier nannte den seinen.

»Vis accipere Ximenam de Nacena hic praesentatim in tuam legitimam uxorem juxta ritum sanctas Matris Ecclesiae?«

Gewehre und Hellebarden klirrten auf dem Pflaster der Straße - zwei Schläge donnerten gegen das bereits verschlossene Thor. Herr von Neuillat sprang an's Fenster und blickte nach der von Fackeln erhellten Straße. Auch der Mönch richtete aufmerksam seinen Kopf dahin, aber der Offizier faßte heftig sein Gewand.

»Ich will,« sagte er fest. »Vollenden Sie, oder ich werde Sie zwingen!«

Der Diplomat winkte vom Fenster her: »Parbleu - es ist richtig! Sie werden in fünf Minuten hier oben sein!«

Man hörte eine klare deutliche Stimme auf der Straße:

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»Im Namen des Königs, öffnet das Thor!«

»Die Ringe,« sagte der Dominikaner, »die Ringe, Señor!«

Der Bräutigam riß den schweren Siegelring, den er trug, vom Finger. Der Stein, ein prächtiger Bluttopas, zeigte ein quadrirtes Wappen mit Fahnen und Trauben.

»Gieb, Geliebte, den Reif dort am Finger!«

»Niemals! Wer ihn trägt, ohne vom Blut der Hacenen zu sein, muß von Mörderhänden sterben!«

Er hatte bereits ihre Hand gefaßt und zog den Ring, einen Reif von einem unbekannten Metall mit rothem, funkelndem Stein, von ihrem Finger. »Es ist keine Zeit, Ammenmährchen nachzuhängen,« sagte er hastig. »Die Schurken haben das Thor geöffnet - halten Sie die Thür, Neuillat, und Du, Konrad - vertreibe Gewalt mit Gewalt, und vollenden Sie, Pater!«

»Ego conjugo vos in matrimonium, in nomine Patris, et filii, et spiritus sancti. Amen!«

Don Felicio steckte hastig seinen Ring an den Finger des zitternden Mädchens.

Schwere, eilige Tritte, wie von vielen Menschen, kamen die Treppe hinauf, Hände und Waffen schlugen gegen die massive Thür des Vorzimmers.

»Aufgemacht! im Namen des Königs!« Der Offizier hatte eine der Pistolen gefaßt, die in seiner Nähe lagen, und spannte sie. Sein dunkles Auge blitzte von der Thür, an der Herr von Neuillat und der Diener lauschten, drohend zurück zu dem Priester, der zögernd wieder inne hielt.

»Vollenden Sie, Pater, oder bei Gott - diese Kugel ist für Sie!«

»Confirma hoc Deus, quod operatus est in nobis!

A templo sancto tuo quod est in Jerusalem!«

Mit lauten Schlägen donnerte es gegen die Thür. »Aufgemacht! im Namen des Gesetzes! Steigt über den Altan - laßt Niemand entkommen!« befahlen Stimmen durcheinander.

»Nach dem Balkon, Neuillat! Schießen Sie Jeden über den Haufen, der es wagt, seinen Kopf über die Balustrade zu erheben! Wenige Augenblicke noch, und sie kommen zu spät! - Machen Sie zu Ende, Pater - zu Ende!«

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»Sprengt das Schloß mit einem Schuß, wenn sie nicht gutwillig öffnen! Die freche Dirne ist bei ihrem Buhlen - diese Leute bezeugen es!« Man hörte an der Stimme des Agenten seine Aufregung, den Triumph der nahen Rache.

»Nehmen Sie sich in Acht, Señor Don Corpas,« sagte spottend Herr von Neuillat - »Sie stören hier eine wichtige Handlung!«

Der alte Intrigant schäumte vor Wuth, als er die Stimme, seines Rivalen erkannte. »Bringt Aexte - schlagt die Thür ein!«

Eben murmelte der Mönch die letzten Worte des Segens: »Ut quit te auctore juguntur, te auxiliante serventur: Per Christum Dominum nostrum. Amen!«

»Jetzt,« sprach lachend der Agent, »verderben Sie dem Herrn Marquis de Narros nicht unnütz seine prächtigen Mahagonithüren. Erlauben Sie nur, daß ich den Riegel zurückschiebe!«

Die Scheiben der Balkonthür flogen in Stücke - in demselben Moment öffnete auch Herr von Neuillat die Thür und ein Schwarm von Alguazils mit ihren Stocken und allen Partisanen, Don Corpas und einen Alkalden an der Spitze, drang in das Gemach, gefolgt von einer Menge neugieriger Hausleute Diener und Soldaten, während zugleich mehrere bewaffnete Alguazils über den Altan in's Zimmer stiegen.

Aber Alle blieben erstaunt, betroffen am Eingang halten, als sie die Gruppe vor sich erblickten.

Vor dem improvisirten Altar, den Arm der Moriska durch den seinen gezogen, stand der Offizier ruhig und in vornehmer Haltung, hinter ihnen der Mönch, während Herr von Neuillat mit spöttischer Verbeugung den Diplomaten begrüßte und der Argelino, bis an die Zähne bewaffnet, sich zur Seite hielt, bereit, auf den ersten Wink seines neuen Gebieters wie ein Bullenbeißer Jedem an die Kehle zu springen.

Don Felicio trat einen Schritt vor. »Darf ich fragen Señor, was dieses gewaltsame Eindringen zur Nacht in meine Wohnung zu bedeuten hat? Seine Excellenz, der Marquis de Narros, der, wenn auch abwesend, mir hier Gastfreundschaft gewährt hat, dürfte noch strengere Rechenschaft dafür fordern, als selbst ich, mein Herr!«

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Herr von Corpas hatte sich indeß wieder gesammelt. »Mit solchen Reden lassen wir uns in Spanien nicht schrecken, Señor,« sagte er mit Hohn. »Ich sehe, daß Sie zwar einen sehr klugen Beistand haben« - seine Hand wies nach dem Agenten - »indeß die Majestät des Gesetzes verlangt ihr Recht. Im Namen des Königs, Señor Alkalde, thun Sie Ihre Pflicht!«

Der Alkalde trat mit all' der Würde der alten spanischen Grandezza einen Schritt vor, indem er ein Papier entfaltete. »Im Namen Seiner geheiligten apostolischen Majestät und der hohen Junta der drei sehr getreuen Provinzen Biscaya's. Hier ist der Befehl, die Señora Ximena de Nacena zu verhaften, wo die Justiz sie findet, und selbe dem hier anwesenden sehr ehrenwerthen Señor de Corpas, als dem ihr vom Gericht gesetzten Vormund und Aufseher, zu überliefern!«

Herr von Neuillat lachte. »Ganz wohl, würdigster Herr, aber ich sehe hier nirgends die Dame, welche dieser Befehl benennt und die unter so vortreffliche Vormundschaft gebracht werben soll.«

»Dort steht sie - das ist die Dirne,« rief Don Corpas heftig, auf die Moriska zeigend. »Brauchen Sie Gewalt, Señor Alkalde, wenn sie sich zu folgen weigert!«

Der Alkalde erhob seinen Stab, um die Andalusierin zu berühren, als der Offizier ihm zuvorkam und warnend den Finder hob.

»Wagen Sie nicht, diese Dame zu beleidigen, Señor,« sagte er streng. »Es ist nicht Doña Nacena, die vor Ihnen steht, sondern meine angetraute Gattin, die keines Vormundes und Schutzes bedarf, als den ihres Mannes!«

Der Alkalde trat erstaunt zurück, Don Corpas erblich vor Wuth bei dieser unerwarteten Erklärung. »Das ist eine Lüge, Señor Alkalde, ein nichtswürdiger Vorwand, dieses Geschöpf dem Gesetz zu entziehen! Auf meine Verantwortung, thun Sie, was Ihnen befohlen!«

Der Prinz trat auf ihn zu, seine Augen funkelten drohend. »Sprechen Sie mit Respekt von meiner Gattin, Señor,« sagte er hitzig, »wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie zu Boden schlage.

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Ich wiederhole Ihnen, diese Dame ist meine Gemahlin, und Sie kennen meinen Rang!«

»Es ist unmöglich - seit wann ... ?« Seit zehn Minuten! Doch ich will mich nicht herablassen, dem Häscher weitere Fragen zu beantworten. Hier sind die Zeugen der Trauung und hier steht der Geistliche, der sie verrichtet!« Er trat zur Seite und zeigte den Mönch, der anscheinend theilnahmlos der Scene beiwohnte. »Ich bitte, sagen Sie diesen Herren, ehrwürdiger Vater, daß Sie eben die heilige Handlung vollzogen haben!«

Der Mönch neigte den Kopf. »Ich bestätige es!«

»Und jetzt, Señor Alkalde,« sagte der Offizier, »werden Sie uns hoffentlich von Ihrer Gegenwart befreien, da die Nacht weit vorgeschritten, und gestatten, daß ich mich zurückziehe. Dies wird genügen, daß diese Schufte da wenigstens nicht umsonst hierher gekommen sind!«

Er ging zu einem Tisch und nahm aus der Lade eine Hand voll Gold, die er dem Alkalden reichte, auf dessen Finger, die sich gierig um die Goldstücke schlossen, die Alguazils sehr bedeutsame und verdächtige Blicke warfen. »Mögen Euer Gnaden tausend Jahre leben,« sagte er kriechend; »ich bitte demüthig um Vergebung, Sie gestört zu haben. Der Befehl hat natürlich keinen Bezug auf Euer Gnaden Gemahlin und ich lege meine Wünsche dem hohen Paare zu Füßen!«

Er zog sich mit tiefen Verbeugungen nach der Thür zurück, umgeben von der Meute seiner Schergen, als Don Corpas, den de Neuillat schadenfroh durch das Lorgnon beobachtete, ihn noch einmal zurückzuhalten versuchte.

»Dieser Priester kann ein gedungener Schurke sein und die ganze Heirath ein Komödienspiel,« rief er. »Weswegen verbirgt er sein Gesicht, daß wir ihn nicht kennen sollen!«

Der Mönch schritt schweigend durch die Gruppe auf Don Torpas zu, und als er dicht vor ihm war, lüftete er einen Augenblick die Kapuze, die er sogleich wieder über den Kopf zog, so daß das junge Paar und ihr Freund nur die Tonsur erblickt hatten. Auf Don Corpas aber schien der Anblick des Priesters einen merkwürdigen Eindruck zu machen, denn er taumelte erschrocken

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zurück und war im Begriff, einen Ruf auszustoßen,als ein gebieterisches Zeichen ihm den Mund schloß.

»Pax vobiscum!« murmelte der Mönch, indem er das Zeichen des Kreuzes schlug. »Geht, denn wo die heilige Kirche gesprochen, hat die weltliche Macht kein Recht!«

Der Haufe drängte sich durch die Thür und der Alkalde zog, Don Corpas mit sich fort.

Das junge Paar, Herr von Neuillat und der Argelino blieben mit dem Pater allein zurück, der an der Thür seinen Stand behauptete.

»Parbleu!« sagte Neuillat lachend, »Sie wissen bereits vortrefflich mit unsrer spanischen Justiz umzuspringen, Durchlaucht. Erst die Verblüffung und dann das Gold - in der, That, Sie könnten, wie unser würdiger Argelino dort, einen, silbernen Christus vom Kreuz gestohlen haben, und der Alkalde hätte Ihnen noch die Hand geküßt. - Aber nun, ehrwürdiger Bruder, ist die Komödie zu Ende, Sie haben Ihr Spiel ganz natürlich gemacht. Nehmen Sie den Beutel da, den die Großmuth des Prinzen Ihnen bestimmt hat, und lassen Sie uns jetzt unsrer Wege geh'n, da es doch zu spät ist, um noch einen Hochzeitsschmaus zu halten!«

Er hielt dem Mönch die Börse hin, doch dieser machte zu seinem Erstaunen eine abwehrende Bewegung.

»Wie - Sie weisen die Belohnung zurück? - Es ist Gold - ich sehe es durch die Maschen!«

»Ich bedarf des Geldes nicht,« murmelte der Mönch, »aber ich bitte um einen andern Dienst.«

Der Offizier war näher getreten. »Was wünschen Sie?, sprechen Sie!«

»Die späte Stunde, Señor,« sagte der Mönch, »gestattet mir nicht mehr, in mein Kloster zu gelangen, oder sonst ein passendes Unterkommen zu finden. Ich werde ohnehin morgen durch den Dienst, den ich Ihnen erwiesen, in Pönitenz kommen. Erlauben Sie mir, den Rest dieser Nacht im Gebet zuzubringen daß die Heiligen Ihre Ehe segnen mögen!«

»Würdiger Vater, das ist ein sehr kleiner Dienst, den Sie verlangen,« antwortete der Offizier. »Nehmen Sie diese Börse

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dazu und besuchen Sie uns noch einmal zur gelegenern Stunde. Konrad, mein Diener, wird Ihnen Gesellschaft im Vorzimmer leisten, und eine Flasche Wein wird sich hoffentlich auch noch in einem Winkel finden, Ihnen die langen Stunden der Nacht zu verkürzen. Ich habe mir sagen lassen, daß die Fratres Dominikaner in Spanien nicht so schlimm sind, als die Welt sie von der heiligen Hermandad her verschrieen hat. Und nun, Léon, gute Nacht, und zählen Sie für den Dienst, den Sie mir heute geleistet, in jeder Lage des Lebens auf mich. Konrad wird Ihnen ein Zimmer anweisen!«

Mit einem herzlichen Händedruck schieden die Männer. Don Felicio umfaßte zärtlich die Braut und verschwand mit ihr in der Thür des innern Gemaches.

Hätte er den glühenden, halb wahnwitzigen Blick sehen können, den der Mönch unter der Kapuze hervor ihnen nachsandte - sein unerschrockenes, jetzt des Glücks so volles Herz würde gezittert haben.

Der Pater folgte den Anderen in das Vorzimmer. Dort kniete er in einem Winkel nieder und begann seinen Rosenkranz zu beten, während der Argelino frische Kerzen anzündete und für Herrn von Neuillat in einem benachbarten Zimmer, so gut es ging, aus Mänteln und Teppichen ein Lager bereitete.

Vergeblich versuchte Herr von Neuillat noch, den Mönch zum Sprechen zu bringen, ehe er ihn verließ; derselbe blieb eifrig in seine Andacht vertieft.

Aber kaum hatten sich Beide entfernt, so richtete der Pater sich auf, bei der raschen Bewegung öffnete sich die weiße Dominikanerkutte und zeigte das schwarze Gewand des Jesuiten, und in der sich öffnenden Falte der Brust blitzte der Griff eines langen catalonischen Messers. Mit wilder Energie warf der Mönch die Kapuze zurück und war mit einem Sprung an der Thür des Gemaches, in dem vorhin die Trauung geschehen, und beugte horchend den Kopf nieder an das Schloß.

Dann, als er sich wieder empor richtete, war sein Antlitz fahl und weiß, seine Zähne klapperten hörbar und dicke Tropfen kalten Schweißes standen in langen Perlen an den Spitzen

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der Haare um seine Tonsur, während sein Auge wirr und zuckend umher fuhr.

Zwei Mal faßte seine Hand nach dem Messer - zwei Mal streckte die andre sich aus nach dem Thürgriff und hob sich der Fuß, als wolle er hineinstürzen - und beide Male senkte sich der Fuß, beugte sich das Haupt, und die sich ballende Faust schlug mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes an die keuchende Brust und in tiefster Zerknirschung murmelte seine Stimme:

»Retro Satanas! misericordia Domine cum miserrimo peccatore!«

Als der Schwabe, zwei Flaschen navarresischen Weins unter dem Arm, von der Besorgung des Nachtlagers für Herrn und Pferd zurückkehrte, kniete der Mönch tief verhüllt wieder in der fernsten Ecke des Gemaches und ließ seinen Rosenkranz durch die Finger laufen.

»Na, Bruder,« sagte der Argelino, »i bin kei solcher Heid' nit, wie die Leut' mi halt verschrieen haben, und 's isch keini Schand' für en hailige Ma, ei Flasch' Wein mit em ehrliche Kerl zu trinke. Da - nehmscht die ei und i b'halt die andre! - Wie, Ihr wollt nit?«

»Ich trinke nur Wasser,« schnitt kurz der Pater seinen Vorschlag ab.

»Na hört - desch hab' i andersch g'lernt in de Klöstern. Die Herr'n Pfaffe in Spanien hab'n s' gut ihren Keller gefüllt, wie die geistliche Herre in Schwabe. Aber wie Ihr wollt! Hätt' im Leben nit g'glaubt, dasch so en vornehmer Herr wie der mein' an' braune Zigeuner'n heirath'n würd'! Aber trinken will i aaf ihre G'sundheit doch mein'n Stiebel!«

Er zog sich eine alte Matratze quer vor die Thür, legte seinen Säbel und die Pistolen neben sich nach der alten Gewohnheit in den algierischen Bivouacs und machte es sich dann bequem, indem er sich eine Cigarre anzündete und eine Flasche öffnete.

Noch einige Male versuchte er es mit gleich wenigem Erfolg, den Pater in das kleine Gelag zu ziehen, und als dieser beharrlich ihn nicht beachtete, still in seinen Gebeten fortfahrend, gab er sich allein an's Trinken, dazwischen wüste deutsche und

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französische Sauflieder summend und auf alle Nationalitäten fluchend, und bald verkündete sein tiefes Schnarchen, daß die Müdigkeit und der Wein ihn überwältigt hatten.

Der Mönch ließ die Hand mit dem Rosenkranz sinken und stützte den Kopf in die andre. Sein glühendes Auge bohrte sich fest auf die Thür ihm gegenüber - von Zeit zu Zeit bedeckte er sein bleiches Gesicht, über das der kalte Schweiß in Strömen rann!

Welche Gedanken, welche Leidenschaften durchwogten sein brennendes Hirn, seine keuchende, schwer athmende Brust!

Er hatte sie geliebt - geliebt mit jener flammenden Leidenschaft der südlichen Charaktere, wo die Liebe nicht ein ruhiger, beseligender Strom fließt, sondern ein Katarakt von Gluth und Haß, von Sturm und Drang - geliebt trotz des langen Hasses ihrer Familien und der strengen Feindschaft der politischen Parteien, die einander verfolgten - er, damals ein wüster, wilder Bursche, der keckste Torreador der Arena, der zierlichste Stutzer auf der Alameda Granada's, der wüsteste Spieler in den Höhlen des Lasters - sich selbst überlassen von dem Vater, der sich in dem Intriguenkampf des unglücklichen Spaniens bewegte. -

Damals wies ihn das Mädchen, für das sein Herz in wilder Leidenschaft erglüht war, mit Verachtung zurück und verschmähte seine Liebe, seine Hand, und in einem Augenblick der Verzweiflung - nachdem der Versuch seines Vaters, in Sevilla und Granada einen Aufstand für Don Carlos zu veranlassen, durch den Subdelegado der letztern Stadt, den alten Hacena, schmählich gefallen war und mit der Vertreibung seiner Familie geendet hatte, wogegen der alte Hacena an einer erhaltenen Schußwunde siechte und starb - hatte er den Entschluß gefaßt, in das Noviziat der Jesuiten einzutreten und die ersten Gelübde abzulegen.

Der Sohn des Günstlings des verstorbenen Königs und des Prätendenten war für die Gesellschaft Jesu eine zu willkommene Acquisition, als daß sie nicht Alles aufgeboten haben sollten, ihn festzuhalten, und die Erziehung seiner Jugend in einem Jesuitenstift, sein leidenschaftlicher, rachsüchtiger und finsterer Charakter

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wurde unter ihrer geschickten Hand zum wilden Fanatiker der Religion, aus dem einst das energische Werkzeug höherer Pläne hervorgehen sollte.

In diesem Kampf der Rückerinnerungen und der Buße, der Leidenschaft und der Abstinenz war es, daß sein Vater, der den Zug des Generals Gomez nach Andalusien begleitet hatte, die Tochter seines Todfeindes gefangen nach Biscaya zurückschleppte und in jenem Thurm im Thale von Azcoitia eingesperrt hielt, um sie zu zwingen, gleich seinem Sohn der Welt zu entsagen und in ein Kloster zu treten. Der Gedanke, die einst Geliebte dem Himmel zu opfern, war ein für seine Eifersucht wie für seinen Fanatismus gleich anregender, und während der Zeit ihrer Gefangenschaft hatte er das unglückliche Mädchen fast täglich mit seinen zelotischen Bußpredigten gepeinigt. Um so wilder entflammte seine alte Leidenschaft und seine Eifersucht bei jener Scene am Thurm, als ein Fremder Ximene und ihren Bruder in Schutz nahm und sie seiner Gewalt entführte, und nur die Macht des blinden Gehorsams beugte im Augenblick seinen Trotz. Der Haß gegen den Mann, der es gewagt, Ximene ihm zu entziehen, und gegen diese selbst steigerte sich, als er vernahm, daß sie sich bei dem Fürsten befand und dieser ihre Auslieferung seinem Vater fortgesetzt verweigerte. Seine Pönitenz war kaum beendet, als er sich Urlaub aus dem Kloster zu verschaffen wußte und am selben Abend nach Azcoitia eilte, wo er in der Kutte eines Dominikaners um die Wohnung seines Feindes schlich.

So traf ihn de Neuillat, und der Vorschlag, den dieser ihm machte, ließ in dem Betrüge selbst den Gedanken der Rache durch sein Hirn zucken. Noch war es unklar in ihm, wie er diese Gelegenheit benutzen sollte, aber sie brachte ihn wenigstens in ihre Nähe und gab ihm Macht über sie und ihn, und er folgte daher sogleich dem Vermittler und verrichtete die Trauung, die ihm ja jetzt das Mittel gab, Schmach über sie Beide zu häufen oder sie für's Leben aneinander zu ketten, je nachdem es seinen Plänen entsprechen würde.

Aber jetzt - nachdem es geschehen - saß er da und bohrte sein Auge auf jene Thür, und seine glühende Phantasie malte ihm die Bilder dahinter - sie und ihn - ihn, vielleicht von

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seinem Recht Gebrauch und sich für den Schutz bezahlt machend, den er ihr durch die gewährte Täuschung verliehen -

Das Auge der Eifersucht sieht scharf - der Ausdruck, mit dem das Auge Ximenens an ihrem Schützer gehangen - die Hingebung, mit der sie sich an ihn geschmiegt - die flammende Gluth des Glückes auf ihrer Stirn - das war nicht eine Rolle, berechnet und bestimmt, die Anderen zu tauschen - das war Liebe - Hingebung - und jetzt -


Der Fürst hatte die schlanke Gestalt der Moriska umfaßt und trug sie mehr als er sie führte, nach dem Gemach, das seither ihre Wohnung gebildet.

Ein ziemlich weites Zimmer mit dunklem Eichenholz getäfelt - an den Pfeilern deckenhohe vergoldete Spiegel, ein Raub der Franzosen aus Aranguez, den sie mit all' der Beute nach der Schlacht von Vittoria in den baskischen Sierren zurückgelassen. Ein breites Himmelbett mit schweren seidenen Gardinen und wogenden Federbüschen stand nach spanischer Sitte in der Mitte des Gemaches, das eine Ampel von antiker Form mit jener dämmernden Beleuchtung übergoß, die so wollüstig matt auf die Nerven wirkt, nicht Schlaf, nicht Wachen - Träumen mit Bewußtsein des Traums.

Durch die Jalousieen zog ein Duftstrom vom Garten des Palastes herauf, schwere, dicke Orangenluft, die Sinne betäubend - dazwischen der frische Hauch von den Sierren -

Das Auge des Offiziers glühte, als er die zierliche Gestalt nach dem Lager trug, das Divan und Sessel ersetzte, und sie darauf niederließ.

Zwei Mal versuchte er es, das verführerische Schweigen zu brechen und ihr zu sagen, daß er kein Recht auf sie habe, daß die Ceremonie nur eine Täuschung sein sollte, sie zu retten; zwei Mal versuchte er, sich loszureißen aus ihren umschlingenden Armen und zu entfliehen, und jedes Mal tauchten seine Augen in die verzehrende schmachtende Nacht der ihren, die ihm sagten: »Ich bin ja längst die Deine - jetzt nur für immer! O laß uns feiern und binden, was der Priester gebunden - mit der unendlichen Macht der Natur!«

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Und er küßte sie - Stirn - Augen - Mund - seine Lippen wühlten und glühten auf dem schlanken Hals, dem Nacken, während seine zitternden Hände fieberisch die Dienste der Camariera verrichteten und ihre umschlingenden Arme, ihre heißen Küsse ihn mit jedem Moment daran hinderten!

»Wirst Du mich immer lieben, Felicio?«

»Immer - ewig! Du sollst mein Weib sein, die Tochter Spaniens, die Mutter eines Fürstengeschlechts!«

»Und bin ich's denn nicht? Das Blut Boabdils ist in meinen Adern - aber nur Eines denke ich: ich liebe Dich!«

Durch die Jalousieen kam schwer der duftige betäubende Hauch der Orangen - ihre Lippen auf einander gepreßt, sogen und gaben sie Leben, die schlanken, zarten, üppigen Glieder schlossen und rankten sich wie die Liane um die Eiche fest umschlingend - seine Pulse fieberten in unendlicher Gluth!

Matter und matter glänzte die Ampel - was sollte auch ihr Licht? - entweihen der Liebe Glück?

Der frische Luftstrom von den Sierren rauschte durch die Jalousieen und löschte den letzten flackernden Schein.

Oder war es der Hauch des Engels, der die Lampe löschte?

Thörichte Frage - sind nicht Blumenduft und Nachthauch der süße Odem der Engel? - Steht nicht ein solcher an dem Lager der Liebe und hüllt seinen keuschen Schleier um ihr heiligstes Mysterium?

Nur wo die Frechheit und Schamlosigkeit mit entweihender Hand in den Schleier greift und seine duftigen Falten zerreißt, da flieht der Genius, die Furie der Sinne tritt an seine Stelle und leuchtet mit gluthrother Fackel nieder zum Lager der Lust! -

»Ximene!«

»Felicio!« -


Dann schloß der Engel die freundlichen, glücklichen Augen und der süße, matte Traum senkte sich nieder auf die Stirnen des Paares.

Schwerer, ruhiger Athem - das pulsirende Klopfen der Herzen in dem stillen Gemach - so ruhen sie, Arm in Arm - ihr Kopf an seiner Brust, und sein Athem trinkt unbewußt den duftigen Hauch ihres Haars.

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O Liebe - süße, süße Liebe! Und in dem Hirn des Mannes der draußen wie der entfesselte Panther rastlos und mit glühenden Augen durch das Gemach wandert, dann wieder das bleiche Haupt niederbeugt, lauschend zur Thür über den Körper des trunkenen Argelino hin, der sie sperrt, - malen sich vielleicht dieselben Bilder, wie den Glücklichen im Traum, aber ein Teufel führt den Pinsel und Dämonen mischen die Farben! Da krallt er die Nägel in die Brust vor den wahnwitzigen Phantasieen, daß das Blut in schweren Tropfen um seine Finger träuft, und sie ballen sich um den Griff des catalonischen Messers und seine Augen suchen die Brust des Schlafenden, der ihm den Weg sperrt -

Sie aber - sie schlafen so sanft, so süß, die Glücklichen!

Da ...

Rrrrrr! Rrramtam! Rrrrramtamtam! -


Durch die Straßen der kleinen Stadt wirbelt der Generalmarsch, die langen Hörner der Infanterie von Guipuzcoa rufen in den gedehnten klagenden Tönen die Krieger der Berge zum Sammeln - die Trompeten der Lanzenreiter von Navarra schmettern durch die Nacht und der Galopp der Adjutanten donnert durch die Straßen.

Lichter in allen Fenstern - auf dem Plazza der Kathedrale sammeln sich die Bataillone, vor dem Palaste Granada, dem Quartier des Infanten Don Sebastian, drängt und wogt es von Offizieren und Ordonnanzen - Adjutanten eilen davon und bringen Botschaft.

Der Name >Espartero< ist in Aller Munde - Tolosa sei angegriffen worden, das christinische Heer ziehe heran, um noch einen Versuch zu machen, die verlorene Provinz wieder zu gewinnen. Die widersprechendsten Gerüchte von Gefahr kreuzen sich.

An die Thür des Schlafgemachs donnert die Hand des Freundes. Seine andre schüttelt den Argelino aus seinem Rausch.

»Aufgemacht, Durchlaucht - schnell, schnell! Wir müssen zum Prinzen - die Truppen rücken aus - ich eile voran!«

Aber der Trommelwirbel hat den Offizier bereits aus den umschlingenden Armen gerissen. »Ruhe, keine Furcht, mein süßes Leben - das ist das Loos der Soldatenfrau, an das Du Dich gewöhnen mußt! In Deinen Adern fließt das Blut eines tapfern

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Geschlechts! Ich stiege zum Hauptquartier, zu hören, was es giebt, und kehre dann zu Dir zurück! Nach der Liebe die Schlacht, vom Leichenfeld und Kugelsturm in den weichen Arm des Glücks - das ist Soldatenart!«

Die Thür öffnet sich, an den Mann ihrer Liebe, ihres Glücks geschmiegt, folgt ihm im wehenden Nachtkleid die Moriska zur Schwelle. Ihre Augen glänzen süße Scham, Furcht und Stolz, und achten, ja sehen nicht den wilden, glühenden Blick, der aus der Kapuze hervor auf ihr ruht.

Die Befehle des Herrn sind kurz und rasch, wie es dem Soldaten ziemt - in wenigen Augenblicken ist er gewaffnet, gerüstet.

Unten vor der Thür des Palastes sitzt Herr von Neuillat bereits zu Pferde. »Kommen Sie nach, Durchlaucht! Angriff auf Tolosa - ich eile zum König!«. Der zweite Reitknecht führt die Pferde schon vor -

»Ruhig, mein Leben! hier bist Du sicher und ohne Gefahr! Konrad, Du bleibst zurück, bürgst für die Sicherheit der Fürstin und sorgst für den kranken Stephan. Wenn es Ernst gilt und ich erst Näheres weiß, komme ich zurück, um weitere Befehle zu geben!«

Er küßt die junge Frau auf die Stirn, den bleichen, bebenden Mund, wie sie auf der Schwelle noch an ihm hängt.

»O Felicio, verlaß mich nicht! Mein Herz ist von Angst bedrückt - meine Sinne werden wirr, als sollt' ich Dich niemals wiederseh'n!«

»Thorheit! in einer Viertel-, einer halben Stunde bin ich zurück, Dir Nachricht zu bringen! Jetzt dank' ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, daß Sie hier geblieben! Nehmen Sie die Fürstin in Ihren Schutz, bis ich wieder hier bin, und beruhigen Sie die Arme!«

Eine leichte Kußhand - schon springt er über die steinernen Stufm hinab, im nächsten Augenblick sitzt er zu Pferde. Sie stürzt nach dem Balkon - sie streckt die Arme nach ihm aus - »Felicio! Felicio!«

Der Nachtwind öffnete das weiße Gewand über der keuschen Brust, die Fackeln werfen ihre verrätherischen Lichter herauf über

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die köstliche warme Gestalt und hinter ihr das fieberisch glühende Auge des Mönchs -


Im Palast des Herzogs von Granada de Ega steht der junge Kriegsheld, der Infant, im Kreise seiner Getreuen, bereit, den grünen Lorbeer, den er auf den Höhen von Galdacano und vor den Wällen von San Sebastian um seine Stirn gewunden, mit frischen Reisern zu schmücken. Meldungen auf Meldungen, die Befehle jagen sich! Die Elite-Compagnieen des vierten Bataillons von Guipuzcoa stehen als Leibwache vor dem Thor des Palastes, die Bataillone von Navarra ziehen aus dem Thal bereits herauf unter klingendem Spiel; Quilez führt die Grenadiere von Nieder-Aragon aus dem Thore nach Süden, den Moral auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter; - vor der Kathedrale halten Manuelin und Osma mit den Carabiniers-Escadrons - der jüngere Montenegro rasselt, eben mit seinen Sechszehnpfündern über den Platz, die der patriotische Schmied von Oñate aus alten Hufeisen zusammengehämmert hat.

Gleiches Leben und Treiben wie vor dem Palast war in seinem Innern. In dem großen Saale stand neben einem Tisch mit Papieren, an dem Depeschen schreibende Adjutanten saßen, der Infant-Generalissimus in seinem dunkelblauen carlistischen Oberrock, mit dem weißtuchwnen Großprioratskreuz von Sanct Johann und dem goldnen Vließ geschmückt, - wie die weiße Boina mit schwarzer Troddel auf seinem Haupt und die roth und goldene Feldmarschallsschärpe bewiesen, bereit, den Fuß in den Bügel zu setzen. Um ihn die kühnen und geprüften Häuptlinge, deren Namen damals in jedem Munde von Europa waren: der jugendliche Villareal, der sich in drei Jahren vom Hauptmann zum General-Lieutenant aufgeschwungen; - der greise Chef des Generalstabs und die Seele aller Operationen, Moreno, auf dem der Haß aller Liberalen ruhte, bis er ihn unter den Mordstahl brachte; - der Graf von Madeira, der Held zweier Welttheile, der bis zum letzten Augenblick seine Insel gegen die vereinten englisch-pedristischen Flotten vertheidigt und, nun er für Dom Miguel nicht mehr kämpfen konnte, in Erwartung besserer Tage seinen Degen Carl V. geweiht; der Pfarrer Merino und

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Cunvillas, die beiden alten Guerillaführer aus dem Unabhängigkeitskriege; - Pablo Sanz, der junge Gefährte Zumala-Carrégui's; - General Elio, die feine jugendliche Gestalt des Militair-Secretairs des Infanten, die anziehendste Erscheinung des Feldlagers, auf dessen bleicher Stirn der Tod stand, der ihn dreiundzwanzig Jahre später für seine Treue erreichen sollte; 9 - die Obersten Cyprian Fulgosio und José Cabañas; - Tomas Reyna, der Lieblings-Adjutant Zumala-Carrégui der sein Schwert als Vermächtniß erbte, und der am unglücklichen Schlachttag von Mendigorria in fünf verzweifelten Chargen den König und das Heer rettete; - der ältere Montenegro, der Wallone Oberst Crayewinkel und der tapfere Vendéer Sabatier mit vielen Anderen - Ritter des Thrones, Helden der Könige von Gottes Gnaden, Streiter des Prinzips der Legitimität!

Als Don Felicio eintrat in den Saal, nachdem er vergeblich Herrn von Neuillat in den Vorzimmern gesucht, fand er den Infanten mit glänzendem, siegesgewissem Auge, eine Depesche in der Hand, auf allen Gesichtern nicht die Aufregung einer nahen Gefahr, sondern die Erwartung eines sichern Triumphes.

Der Infant kam ihm einige Schritte entgegen. »Glückliche Nachrichten, mein Prinz, glückliche Nachrichten! Sind Sie bereit zum Aufbruch?«

»In jedem Augenblick, Königliche Hoheit, wenn es gilt, von Ihnen zum Siege geführt zu werden!«

»Nun, ich hoffe, es soll der Fall sein, wenn auch der Weg etwas weit ist! Sie wissen, was geschehen?«

»Keine Silbe, Hoheit, als die unbestimmten Gerüchte auf dem Wege hierher.«

»Per Deos! so hören Sie! Espartero hat den verwegenen Einfall gehabt, Tolosa zu überfallen und den König aufzuheben. Mein Oheim ist glücklich der Gefahr entgangen, obschon mit genauer Noth. Cabrera ist dem Grafen von Luchana in die Flanke gefallen und hat ihn zum schleunigen Rückzug genöthigt. Hier ist der Befehl, ihm mit der ganzen Armee zu folgen über die

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Grenzen von Biscaya hinaus - in einer Stunde marschiren wir nach Aragon - in vierzehn Tagen stehen wir vor den Thoren von Madrid!«

»So erlauben Sie mir, Ew. Königlichen Hoheit zu der eröffneten Siegesbahn Glück zu wünschen!«

Der Infant drückte ihm lebhaft die Hand, die strenge spanische Etikette vergessend. »Jetzt helfen Sie nur, die Anstalten zu treffen, denn Jeder von uns hat alle Hände voll zu thun!«

Die Ordonnanzen flogen - einer der Führer nach dem andern verließ den Saal, und der Trommelwirbel, der klagende Hornruf der abziehenden Bataillone verkündete den Zweck ihrer Entfernung. Die Stunde war kaum vergangen, als die Compagnieen der Guiden den Befehl erhielten, sich zur Begleitung des Infanten-Generalissimus bereit zu halten.

»Sie begleiten uns, Durchlaucht,« sagte dieser zu dem deutschen Offizier, der bis dahin Adjutanten-Dienste versehen. »Ich wünsche Sie in meiner Nähe zu behalten.«

Der Fürst verbeugte sich. »So erlauben Hoheit, daß ich mich auf eine halbe Stunde entferne, meinen Leuten die nöthigen Befehle zu geben. Ehe die Zeit um ist, hole ich Sie auf der Straße nach Villafranca ein!«

Der Oberbefehlshaber winkte Genehmigung; der junge Offizier flog von dannen, an den marschirenden Colonnen vorüber, im Galopp nach dem Palais de Narros zurück, das am andern Ende der Stadt lag.

Kopf und Herz hatten bereits den Plan entworfen, Ximene sollte ihn in Männertracht begleiten; so hatte er die Geliebte immer in seiner Nähe und wußte sie sicher vor jedem Feind.

Jetzt hielt er am Hause - aber Niemand war zu sehen, die Schildwache fort, von den Soldaten und Dienern, die sonst hier umherlungerten, keine Spur - Alle fort, von ihrer Pflicht oder der Neugierde getrieben. Er schaute empor - die Fenster des Gemachs der Doña konnte er zwar nicht sehen, aber in seinem eigenen und dem Vorzimmer war kein Licht - mit einem Sprung war er aus dem Sattel und warf dem Reitknecht die Zügel zu, ihm befehlend, nach dem kranken polnischen Diener zu sehen. Dann schritt er durch die offene Halle, in der hin

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und wieder eine Lampe brannte, und eilte die breiten Marmorstufen der Treppe hinauf.

Der Vorsaal war dunkel und leer - vergeblich rief er den Argelino, den Mönch - Niemand antwortete ihm.

Ihm war, als legte eine kalte Hand sich auf sein Herz, als schnüre es ihm die Brust zusammen - kaum vermochte er den Ruf zu wiederholen, dem er jetzt Ximenens Namen beifügte. Zugleich eilte er vorwärts durch das zweite Gemach, in dem die Trauung geschehen - auch hier Dunkel - aber aus der Thür gegenüber schimmerte eine Lichtspalte.

»Ximene!«

Er sprang vorwärts - Plötzlich stolperte er und sein Fuß glitt aus - ein leises Röcheln - ein Stöhnen -

Seine Hand erfaßte im Fall die Thür - er riß sie auf: »Ximene! Ximene!»

Leer das Zimmer in dem spärlichen Licht einer Lampe - der silberne Armleuchter mit den zerbrochenen Kerzen am Boden - eine Seite der weiten Seidengardine des Bettes, das noch aufgeschlagen das Lager des süßesten Glücks zeigte, herabgerissen, als habe eine Hand mit Gewalt sich daran gehalten - der Fetzen eines Schleiers auf dem Boden zwischen umgeworfenem Geräth -

Das Haar des jungen Fürsten sträubte sich - er sprang vorwärts, eine der Kerzen aufzuheben und sie an der Lampe anzuzünden - wiederum klang es wie ein schwerer, stöhnender Seufzer - seine Augen suchten wirr in dem Bett - leer - hinter demselben - leer - wieder und wieder klang der unheimliche Laut - dort - dort, jetzt hörte er's deutlich, in dem zweiten Gemach -

Wie der Tiger, dem man das Junge geraubt, sprang er dahin, die Kerze in der Hand, und leuchtete nach dem Boden -

Eine dunkle Lache von Blut, darin ein sich krümmender und windender Körper: der Argelino, der Schwabe, der Crucifixdieb - neben ihm am Boden, im Licht der Kerze funkelnd, ein langes catalonisches Messer.

Der Fürst prallte entsetzt zurück - seine Augen forschten umher im Gemach nach einem weitern Opfer; dann, als er sich

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überzeugt, daß der Unglückliche allein hier lag, kniete er nieder zu ihm und untersuchte seinen Zustand.

Der Argelino hatte eine Stichwunde in der Brust, eine andre im Nacken - seine Hände waren von Schnitten zerfetzt, gleich als habe er sich wüthend gewehrt gegen die scharfe Klinge. Jetzt auch bemerkte der Offizier die Zerstörung umher, die nur ein verzweifelter Kampf veranlaßt haben konnte. Der Deutsche mußte überfallen und schwer verwundet worden sein, ehe er von seinen Waffen Gebrauch machen konnte. Diese waren verschwunden.

»Ximene! - wo ist meine Gattin? Rede - sprich - ich beschwöre Dich!«

Der Verwundete, dessen Kopf der Fürst unterstützte, rollte die Augen - er schien seinen Herrn zu erkennen und versuchte zu sprechen, doch nur gurgelnde Laute kamen anfangs hervor.

»Um des Himmels willen, Mensch - ermanne Dich! Ein einziges Wort! Wo ist mein Weib?«

Die Augen des Argelino wurden klarer - fester - zu einem Blick des grimmigen Hasses. Dieser schien ihm neue Kräfte zu geben - er hob die verstümmelte blutende Hand und streckte sie nach dem Altan.

»Fort! - geraubt - der Mönch - Fluch über den spanische Hund! - Mit mei Blut hab' i sie vertheidigt! ... «

Er sank zurück ...

Im Norden.

Helgoland! - Helgoland! - rothe Warte im deutschen Meer! - Schmachfleck auf dem Hermelin deutscher Ehre! Wächter der deutschen Ströme in den Händen britischer Krämer, deutscher Fels mit den Kanonen und der Flagge des übermüthigen Englands!

Helgoland - Helgoland!

Steil aus dem Meer hebt sich die rothe Klippe - die Stürme und Wogen vom Nordpol her brechen sich an der Felsenmauer und bröckeln seit Jahrtausenden daran. Wenn der Helgoländer dem Helgoländer fern auf den Meeren oder dem Festland begegnet,

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fragt er nicht: »Wie geht's zu Hause?« sondern: »Wie viel Fuß in dem Jahr?« -

Der Nordwest tobte in langen Stößen - wie bewegliche Berge und Schluchten, den weißen Gischt auf dem hohen Kamm, kamen die Wogen daher und die grüngraue Farbe schwoll in den tiefen Höhlungen zum tiefen Schwarz, dunkler als die Wolken, die der Sturm über den Himmel peitschte.

Es war in den letzten Tagen des April im Jahre 1842. Um die Häuser des Unterlands, bis zu denen die empörten Wogen ihren Schaum spritzten, und oben auf dem Plateau des Felsens, wo der Sturm mit aller Macht tobte, am Fuß des Leuchtthurmes standen Gruppen von Menschen, die stämmigen, wettergewohnten Bewohner der Insel, Fischer und Lootsen in den hohen Wasserstiefeln, den weiten kurzen Linnenhosen und der langen Friesjacke mit den Hornknöpfen, während unter dem regenschützenden Südwester die klaren blauen Augen aus den gebräunten, verwitterten oder mannesfrischen Gesichtern hervor aufmerksam nach der See lugten. Frauen und Mädchen in ihrer kurzen rothen Tracht, um den Kopf mit dem zierlichen bunten Tuch derbe Regentücher geschlungen oder die Zipfel der Helgoländer Hüte vom Sturm gepeitscht, standen neugierig zwischen den Männern und Knaben, einige Soldaten der kleinen Garnison in ihren rothen Röcken lungerten unter der Menge - nur dort im Schutz der alten Bake, die noch über die Klippe hinausragt, stand eine Gruppe vornehm gekleideter Personen. Es waren zwei englische Offiziere, ein alter Kauffahrer-Capitain, der hier auf dem Felseneiland im Wogengebraus sein Leben beschließen wollte, der junge Bade-Arzt und zwei oder drei Beamte oder Besitzer der Hotels genannten Logirhäuser. Unter der Gruppe befand sich noch ein Mann von einer gewissen Eleganz der Erscheinung, obschon die Fremden-Saison noch lange nicht begonnen, offenbar ein Fremder und doch wieder nach seinem Thun und Reden mit den Bewohnern wohl vertraut, gleich einem Sohn des rothen Felsens. Es war eine schlanke elegante Gestalt in dem Waterproot, dem hellfarbigen Makintosh und dem Matrosenhut von schwarzem Wachstuch. Ein blasses feines Gesicht mit dunklen blitzenden Augen und dunklem

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Schnurrbart, noch jung, vielleicht sechs- oder siebenundzwanzig Jahre, die Bewegungen und Manieren aristokratisch leger.

»Der Bursche dort kämpft vergebens,« sagte der eben Beschriebene in englischer Sprache zu einem der Offiziere, »ich glaube, er thäte am besten, den Versuch aufzugeben, die Insel zu umsegeln!«

»By Jove! er ist kein Engländer, wenn er's thut!«

»Habt Ihr zu erkennen vermocht, Lootsenmeister, was das Fahrzeug für eine Flagge führt?«

Der Angeredete - ein großer vierschrötiger Mann von vielleicht sechszig Jahren in Helgoländer Tracht, der trotz des gewaltigen Sturmes aus dem Schutz des Thurmes getreten war und breit und feststehend mit einem Fernrohr den Kampf des Fahrzeuges beobachtet hatte, das den Gegenstand der allgemeinen Neugier und Theilnahme bildete - stieß auf die laut zugerufene Frage das Glas zusammen und wandte sich nach der Gruppe.

»Dusend Düwel säll'n mi kielholen, Herr, wenn ek weet, wat ek ut dat Ding da maken sall! Dat hett'n utländschen Schick, äwest düwelmaßig schlicht timmert, un de Captain verdeent dat Solt nich!«

»Von welcher Nation meint Ihr, daß es sei?«

Der Fragende mußte die Frage zwei Mal wiederholen, denn der Sturm heulte so wüthend, daß er die Worte vom Munde zu schneiden schien.

Der alte Lootse schüttelte den Kopf. »Ick weet nich - kann nich rech klok d'rut warr'n, Herr! - Dat is so trüw buten, man weet nich, wat Swart oder Witt is! He, Tom! Hoi - up! hol' an Dine Ohren!«

Der Ruf galt einem jungen Mann in dunkelblauer Matrosenkleidung, der, unbekümmert um Sturm und Wetter, am äußersten Ende des Plateaus, wo der Fels senkrecht jenseits des Thurmes abfällt, auf einer Mauer saß, die eine Art von Bollwerk bildete und bald in den kochenden Schaum unter ihm, bald hinüber nach dem Schiff auf der tobenden See blickte, spottend und lachend der Angst eines jungen Mädchens in der Nationaltracht der Fischerinnen, die etwa zehn Schritt weiter rückwärts ihn vergebens

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durch Mienen und Geberden beschwor, sich nicht so unnütz und tollkühn der Gefahr auszusetzen.

Der junge Mann, ein Jüngling von etwa achtzehn oder neunzehn Jahren, mit offenem, von den Stürmen und der Sonne aller Zonen gebräuntem Gesicht, wandte sich auf den Ruf des Alten zurück, legte die Hände an den Mund und antwortete mit kräftiger Seemannslunge:

» Well! well! Was giebt's, Vater Jansen?«

»Hierher, Schipprott! Seehund Gau!«

Der Jungmatrose sprang von seinem gefährlichen Sitz herab, schnitt dem Mädchen im Vorbeigeh'n ein komisches Gesicht, indem er die Zunge in die Wange drückte, kniff sie in den Arm, den sie in die Schürze geschlagen hatte, und kam langsam, mit schlenkerndem Gang zu der Gruppe, bei der sich sein Vater befand.

»Nun, Vater Jansen, was giebt's?«

»Siehst Du dat Schipp, Tom?«

Der Jungmatrose lachte. »Hab's seit einer Stunde geseh'n! Gott verdamm' - für was anders lassen wir uns denn den Wind in die Zähne blasen?«

Der alte Lootse reichte ihm das Glas. »Kiek na em ut, Tom! Du heest jüngre Oogen as ick. De Herr'n müchen geern weeten, wat't för'n Schipp is. Kannst Du't raden?«

»Ich will gekielholt werden vom Boogspriet bis zur Steuerpinne, Vater, wenn ich dazu des Kikers bedarf. Ich hab's schon vor einer halben Stunde geseh'n, der Kerl ist ein Spaniol aus der Havannah, so wahr ich Tom Jansen heiße!«

»Dat hew ick mi glick dacht! Woans sähst Du dat, min Jung?«

»'s ist eine Gallione mit breitem Bug - ich erkenn's, wenn die Wellen sie heben, und hab' ihrer hundert geseh'n in Westindien. Ueberdies muß der Kerl ein Spaniol sein, weil er gar so schlumprich luvt. Da - « er hatte das Glas genommen und sah jetzt hindurch - »da zieht er die Nothflagge auf - gelb und roth - zwei Querstreifen, und da öffnet er auch sein Maul, als ob wir nicht längst geseh'n hätten!«

Zwei Blitze zuckten von dem Bord des fernen Schiffes, über welches das Dunkel des hereinbrechenden Abends, vermehrt durch die schwere bleierne Farbe des Horizonts, jetzt rascher und rascher

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sich niedersenkte, und durch das Brausen des Sturmes und der Wogen klang auf der Schallleiter des Wassers herüber der schwache ferne Knall der Schüsse.

»Sie werden unmöglich die Klippen abwettern,« sagte der Fremde mit dem blassen Gesicht, »wenn sie nicht einen Lootsen haben. Wie ist's, Lootsenmeister Jansen - kann Nichts geschehen, die Unglücklichen zu retten?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Nein unmöglich, Herr, bei diesem Sturm. Das beste Boot wär' in Gefahr, an den Felsen zu zerschellen!«

»Kein Lootse wird es wagen, bei diesem Sturm in See zu gehen,« sagte der anwesende Vogt - »ich könnte es Keinem gebieten.«

»Gefahr ist noch keine Unmöglichkeit. Ich wollte, ich wär' ein Seemann, um den vielgerühmten Muth der Lootsen von Helgoland zu beschämen!«

Der Alte wandte sich kurz und scharf zu ihm um. »Das sind harte Worte, Herr, die wir auf unsrer Insel nicht gewohnt sind. Sie haben ein junges und schönes Weib und sind ein vornehmer Mann, der nicht dem Tode in's Auge zu sehen braucht um sein täglich Brod. Aber bedenken Sie, daß die armen Lootsen auch Weib und Kind haben und lieben wie Sie!«

»Und dennoch kenn' ich Einen, Vater Jansen, der sich hinauswagt,« sagte mit glühendem Gesicht der junge Matrose. »Hört Ihr die Glocke, Vater? Seht da hinunter - Bruder Hannes rüstet sein Boot, und der Düvel soll mich holen, wenn ich ihn nicht begleite!«

In der That klang durch das Brausen des Sturmes und der Wogen hell der Ton einer Glocke vom Unterland herauf, und die Gruppe, die jetzt eilig dem Abhang sich näherte, sah unten auf dem bereits dunklen Strand Lichter und rege Menschengruppen zwischen den Häusern.

»Um Gotteswillen, Tom,« flehte eine Mädchenstimme, während sich zwei Hände um den Arm des jungen Matrosen klammerten - »Du wirst nicht mit hinaus in dem Wetter, Du bist kein Lootse!«

»Aber ein Matrose von der Germania, Claire, und der Sohn

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und Bruder der Jansen! Laß mich, Kind, wo es Männerwerk gilt.« Dann schritt er hinüber zu der Gruppe der Offiziere und Beamten und stellte sich vor den Herrn im Makintosh.

»Ein Wort, Sir, wenn's You belieft!«

»Was wollt Ihr?«

»Sehen Sie den alten Mann dort, wie er seinen Hut fester bindet? Nun, Sir, er wird gehen und ich auch. Und wenn Sie am Muth der Helgoländer zweifeln und selbst welchen haben, so kommen Sie mit uns!«

»Dummheiten!« schalt der Amtsvogt. »Sei nicht naseweis, Bursche! Aber wie ist's, Jansen,« wandte er sich zu dem alten Mann, der Allen voran der großen Treppe zuschritt, »wollt Ihr die Abfahrt der Lootsen beaufsichtigen?«

»Nein, Herr - ich werde selbst gehen!«

»Ihr werdet kein Thor sein - dazu sind die jüngeren Männer da. Ihr seht, daß sich bereits welche gefunden haben für den Dienst.«

»Dann werden sie mich um so eher brauchen, auch wenn mein eigen Blut nicht dabei wäre, Herr,« sagte einfach der Alte. »Ich wär' ein schlechter Lootsenmeister, Vogt, wenn ich bei dem Schwersten sie im Stich ließe, sobald sich Hände finden, die willig sind, ein Ruder zu führen, und das wißt Ihr so gut wie ich, Vogt.«

Der Beamte schwieg - er kannte den Charakter seiner Landsleute und ihren eisernen Sinn. Aber das junge Mädchen, das vorhin vergeblich den Matrosen zurückzuhalten versucht hatte, der bereits drei Stufen auf ein Mal trotz des Sturmes die Treppe hinab sprang, eilte an ihm vorüber und hing sich an den Alten. »Ihr werdet nicht leiden, Vater Jansen, daß der Tom mitgeht,« greinte sie. »Er hat Nichts zu schaffen dabei und es ist reiner Vorwitz von ihm!«

Der Lootsenmeister sah ihr freundlich in's Gesicht und hob ihr mit der rauhen Hand das Kinn. »Aengstige Dich nicht, Claire. Es ist seine Sache, ob er geh'n will oder nicht, aber wehren kann ich's ihm nicht. Hab' ihn auch seit den drei Jahren, daß er mit dem Hamburger Schiff fort war in Amerika und bei den Langzöpfen, nicht geprüft, wie er in der Gefahr

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besteht, und möcht's wohl sehen! Geh' nach Haus, Kind, und sorg' für einen steifen Grogk, wenn wir zurückkommen!«

Das Mädchen weinte still, hielt sich aber ohne weitere Widerrede zurück, indeß die Männer ihren Weg fortsetzten. Den Schluß der Gruppe bildeten jetzt die beiden englischen Offiziere und der Herr im Makintosh, der schweigsam und gedankenvoll schien seit der spöttischen Anrede des jungen Matrosen.

»By Jove!« sagte der eine Offizier, »sie kommen nicht über die Dünen hinaus und kehren um, ehe sie zehn Minuten auf dem Wasser sind; ich wette zwanzig Pfund!«

»Es gilt, Capitain Arlington; zeigen Sie Ihre Uhr!«

»Wollen Sie's wirklich am Strande abwarten, Sir?« fragte wegwerfend der Capitain, indem er seine Uhr verglich. »Ich habe genug von dem Sturm und will meinen Thee in Ihrem Hotel nehmen. Bei einer Partie Whist am Kamin wird sich's behaglicher warten, als im Spritzwasser.«

Sie hatten das Unterland erreicht und gingen eben am Hotel Schwarz vorüber, vor dessen Eingang Laternen brannten und die Dienerschaft des Hauses schwatzte. In der Thür selbst stand eine noch stattliche Dame von mittleren Jahren, die Besitzerin des Hotels. Die Spuren ehemaliger Schönheit in ihrem Gesicht fanden ihre Bestätigung in dem reizenden Antlitz der jungen Frau, die im einfachen schwarzen Seidenkleide hinter ihr lehnte und über die Schulter der Mutter hinaus auf die Straße und das furchtbare Wetter schaute.

Anna Schwarz war eine der berühmtesten Schönheiten der rothen Insel und ihr Ruf durch die Badegäste, die alljährlich nach dem Felseneiland kommen, weit über dessen Grenzen hinaus verbreitet. Entgegen den einfachen Sitten der Helgoländer, hatte ihre wohlhabende Mutter in einem Hamburger Pensionat ihr eine glänzende Erziehung geben lassen.

Das junge Mädchen war in der That reizend - lange blonde Locken vom sanftesten Cendré umgaben ein Gesicht, so kindlich schön und unschuldig, wie ein Madonnenbild. Große blaue Augen sprachen Seele und Güte, und der Teint ihrer Haut hatte das Zarte und Liebliche gewisser weißer Rosen, deren Kelch die Röthe ihrer Schwestern verschämt zu spiegeln scheint.

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Sie war die Aelteste von mehreren Kindern und der Mutter Abgott und Stolz.

Im Herbst des Jahres 1840, als schon die Saison fast zu Ende war, fand sich noch ein Fremder auf der Insel ein, der sich Baron von Rheinsberg nannte und im Hotel Schwarz Logis nahm. Elegante Tournüre, aristokratische Sicherheit und Gewohnheiten bezeugten die vornehme Herkunft, der überaus lebendige Geist und die interessante Unterhaltung ein reiches bewegtes Leben. Der bräunliche Teint einer südlichen Sonne, der bei seiner Ankunft noch sein Gesicht bedeckte, machte unter der nordischen Seeluft bald der natürlichen blassen Färbung Platz, zu der der feine dunkle Bart und das schwarze Auge vortheilhaft paßten.

Bald war der Fremde nicht mehr Gast, sondern der Herr im Hause, so hatte er die Mutter und alle Umgebungen für sich einzunehmen gewußt. Frau Schwarz erfuhr im Vertrauen, daß ihr Gast nur ein Pseudo-Baron, in Wahrheit ein Graf Görtz und wegen eines Duells geflüchtet, augenblicklich mit seiner Familie zerfallen und im Prozeß um reiche Güter sei.

Er blieb den Winter über in Helgoland; sein Einfluß auf die Familie wuchs von Tag zu Tag - die tiefe Melancholie, die Anfangs zuweilen ihre Schatten auf seine Seele geworfen, schien einem neuen mächtigern Gefühl zu weichen, und als der Frühling das Eis ihaute, trat er offen als Bewerber um die Hand der schönen Anna auf.

Der aristokratische Freier fand an der Eitelkeit der Mutter eine mächtige Stütze und das junge Mädchen mußte einwilligen. Die Heirath wurde nun eifrig betrieben, erlitt aber vielfache Verzögerungen. Die zur Trauung nothwendigen Papiere des Grafen wollten aus der Heimath nicht anlangen und der Geistliche der Insel weigerte sich, ohne dieselben die Trauung vorzunehmen, was eine ziemlich heftige Scene veranlaßte. Endlich ging das Paar nach Hamburg, wo es vom Pastor S. getraut wurde. Von hier aus machte es eine Fahrt nach London, auf der die junge Frau sich überzeugte, daß ihr Gemahl in der That eine Stellung in der aristokratischen Welt einnahm, denn er bewegte sich viel in vornehmen Kreisen und auf dem Dampfschiff begrüßten ihn angesehene Reisende.

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Dennoch umhüllte ein gewisser Schein des Geheimnisses auch in der Ehe fortdauernd seine Person und Herkunft, und sehr gewandt und sicher verstand er diesen Schleier festzuhalten. Aber wiewohl er die junge schöne Gattin aufrichtig und zärtlich liebte und bald ein Kind, eine Tochter, die Bande noch fester knüpfte, bemächtigte sich während des folgenden Winters doch eine gewisse Unruhe seines Wesens, und der einsame Aufenthalt auf der von den Eis- und Schneestürmen abgeschlossenen Insel der Nordsee schien ihm nicht mehr zu genügen.

Dies war der Mann, der jetzt mit den beiden Offizieren in den Eingang des Hotels trat.

»Ei, Herr Sohn, gut, daß Sie da sind,« sagte die ältere Dame, den Offizieren Platz machend; »Anna hat sich schon des Todes um Ihr Ausbleiben in dem furchtbaren Wetter geängstigt!« Der Baron nickte ihr blos zu und reichte der schönen jungen Frau die Hand. »Meinen Amerikaner, Jean, und den Südwester! Schnell!« befahl er. Die Kellner flogen.

»Wie, Felix - Du wirst in dem Sturm doch nicht länger draußen bleiben?« bat die junge Frau, sich an ihn schmiegend. »Bitte, komm' herein, Du hast die Kleine noch nicht geseh'n und mußt sie küssen, ehe sie wieder in ihr Bettchen geht!«

Er kämpfte einen Augenblick mit sich selbst, aber in diesem Moment sah er den Lootsenmeister und seinen jüngsten Sohn, Ruderstangen und Taue auf der Schulter, an dem Hotel vorübergehen und ein spöttischer Seitenblick des jungen Matrosen schien herüber zu fliegen.

»Die Lootsen wollen den Versuch machen, dem Schiffe zu Hilfe zu kommen, das in Sicht ist,« sagte er, »und ich habe mit Arlington gewettet, ob es ihnen gelingen wird oder nicht. Ich will zum Strand und sehen, wie sie abfahren!«

Er warf den Makintosh ab und zog den amerikanischen Gummirock über seine elegante Kleidung, den der Kellner ihm brachte. Dann ordnete er sein Haar, stülpte den nationellen Südwester auf die schwarzen Locken und betrachtete sich lachend im Spiegel.

»Felix, ich bitte Dich, geh' nicht wieder fort - der Sturm

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ist so fürchterlich und ich weiß nicht, welche Angst um Dich mir das Herz beengt!«

»Thorheit! seh' ich nicht aus, wie der beste Helgoländer Lootse? Eine frische Cigarre, William! Und nun Adieu, Kind - in einer halben Stunde bin ich zurück, Dir Nachricht zu bringen!«

Die Schwiegermutter war den Offizieren in's Gasthaus gefolgt, ihnen die Honneurs zu machen. Er küßte die junge Frau auf die Stirn und wandte sich zum Gehen. Aber schon auf der Schwelle - es war, als ob ihm die gleichgiltig eben gesprochenen Worte eine unangenehme Erinnerung erweckten - kehrte er nochmals zurück, umarmte die junge Frau und küßte sie zärtlich. »Küsse die Kleine und - Gott sei mit Euch und mir!«

Er sprang die Stufen hinunter, die Frau eilte ihm nach: »Felix! Felix!« aber er hörte nicht und war schon die Straße hinab zum Strand. -


An einer der Ausfahrten, wo der hinterliegende Felsenkoloß vor dem Sturm schützte und der Wellenschlag deshalb nicht so hoch ging, war eine Anzahl Fischer und Lootsen eifrig beschäftigt, im Schein von Pechfackeln das große Lootsenboot in Stand zu setzen, mit dem das Wagniß unternommen werden sollte. Ein rüstiger Mann in Theerjacke und Sturmhut mit gebräunten, ehrlichen und kräftigen Zügen, etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, leitete die Anstalten. Die Aehnlichkeit mit dem alten Lootsenmeister und dem jungen Matrosen, der bereits rüstig half, war unverkennbar.

Der alte Mann selbst, der ruhig den Anstalten zusah, hielt an der Hand seine Enkelin, ein Mädchen von etwa drei Jahren, mit Nichts bekleidet als dem kurzen Hemdchen, das der Sturm zugleich mit den hellen gelben Haaren flattern ließ. Ein stämmiger Knabe von Sieben oder Acht schleppte ein Tau aus dem benachbarten Häuschen der Lootsen-Familie herbei. Die Frau, mit dem jüngsten Kinde auf dem Arm, eine frische, kräftige Gestalt, stand unfern in einer Gruppe von Weibern und Mädchen und schaute der Thätigkeit der Männer mit Unruhe und Sorge

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im Auge, aber äußerlich gefaßt und ohne ein Gegenwort zu sprechen, zu.

Jetzt war Alles bereit und die Männer, die sich entschlossen hatten, die gefährliche Fahrt mitzumachen, außer dem Lootsen Jan Jansen und seinem Bruder, dem Matrosen, vier an der Zahl, saßen bereits theils in dem Kutter oder trafen ihre letzten Anstalten. Es waren sämmtlich seegehärtete Männer von rüstigem Alter, die besten Ruderer der Insel, denn nur Wenige hatten sich diesmal zu dem Lootsenrecht gedrängt.

Wenn sonst ein Schiff in Sicht ist und das Signal giebt, einen Lootsen an Bord zu schaffen, so eilt die ganze Schaar, die den Tag über mit ihren Fernröhren von der Höhe des Felsens späht, zum Strande, und wer zuerst die Hand an das Lootsenboot legt, hat das Recht an die Fahrt, um die geloost wird.

Diesmal jedoch war es anders. Der Sturm wüthete so grimmig, die See ging so hoch, daß selbst die Kühnsten nicht wagen wollten, den Versuch zu machen. Erst als die fernen Nothschüsse von den Sturmesflügeln herüber getragen wurden und es klar war, daß der Fremde das Fahrwasser durchaus nicht kannte und ohne Beistand das Nordkap nicht abwettern werde, hatte der wackere Sohn des Lootsenmeisters erklärt, daß er die Fahrt wagen wolle, damit es nicht heiße, die Helgoländer Lootsen hätten ein Schiff in Noth gelassen, ohne einen Versuch zu machen, Gut und Menschenleben zu retten.

Der Lootse trat jetzt zu dem Alten.

»Nix för unngod, Vader Jansen, aber seggt mi - is dat jug Ernst, dat jü de Fohrt mitmaken wullt? det Water is schlimm!«

Der Alte nahm die Pipe aus dem Mund und zeigte mit der Spitze hinaus auf die See.

»Warum gehst Du, Sohn Hannes?«

»Wenn de gollne Sünstraln speln, Vader Jansen, is et licht, sine Plicht to dohn, awers wenn de Stormwind hult, denn gellt et, de Lüd to wisen, dat ick den ollen Jansen sin Sähn bin!«

»Well! un ick bin de Vader un kenn min Plicht!«

»Vater,« sagte der wackere Mann in seiner kräftigen Sprache, »es ist genug, wenn Einer von uns geht. Was wollt Ihr und

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Bruder Tom? wer soll für Die da sorgen, wenn mir ein Unglück passirt?« Er wies auf Weib und Kind.

»Unse Herrgott in'n Himmel! Es ist noch kein Helgoländer Kind verhungert, dessen Vater seine Pflicht gethan! Vorwärts, mein Sohn - die draußen warten!«

Der Alte schritt zum Boot, als eine Hand sich auf seinen Arm legte. Es war der Baron, der bleich, aber entschlossen, neben ihm stand.

»Ich werde die Fahrt mit Euch machen, Lootsenmeister Jansen.«

Der alte Mann blickte ihn unwillig an. »Das ist keine Zeit zum Scherzen, Herr,« sagte er finster. »Das ist keine Lustfahrt, und da draußen, wo man allein ist mit Gott dem Herrn und seinem Odem, brauchen wir Männerhände und Herzen ohne Furcht!« Sein blaues Auge fiel mit einem gewissen Spott auf die hellen Glacehandschuhe, welche die feine Hand des Aristokraten deckten.

Der Baron erröthete leicht. Er riß die Handschuh herunter und warf sie in den Schmutz. »Das genügt - ich werde die Hände nicht schonen und habe Euch zu beweisen, daß auch Männern andern Standes es nicht an Muth fehlt! Keine Widerrede! - überdies - redet Ihr Spanisch?«

»New, Herr!«

»Nun, so braucht Ihr Jemand, der Euch verständlich macht, und jenes Schiff ist, wie Euer Sohn behauptete, ein spanisches; ich aber bin der Sprache mächtig.«

Er sprang zum Erstaunen der Umstehenden und der Männer im Kutter von der Planke an Bord - Tom machte ihm sogleich mit einer gewissen Freundlichkeit und Achtung, die er früher eben nicht bewiesen, Platz und breitete einen Schiffsmantel über die Bank für ihn.

Als der Edelmann sich niedersetzte, fiel sein Blick auf die Gruppe zurück, wo der Lootse Hannes Jansen eben von den Seinen Abschied nahm, und wie ein Stich fuhr ihm der Gedanke durch's Herz, wie so verschieden die Scene war von dem eigenen Abschied, den er vor wenigen Minuten genommen!

Hier der brave niedere Mann, der im Gefühl seiner Pflicht

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für die Rettung fremder Menschen, die er nie im Leben gesehen, furchtlos hinaus wollte in Gefahr und Tod, wie er den kleinen zappelnden Säugling in den rauhen Händen emporhob und ihn herzlich küßte, des ältern Knaben Flachshaar streichelte, der sich an ihn schmiegte, und der treuen einfachen Gefährtin seines Lebens die Hand gab.

- Und Er? weswegen zog er hinaus in Nacht und Sturm, als um dem Kitzel der Eitelkeit und ruhelosen Sinnes zu fröhnen - dem Drang übermüthiger Aufregung? - dem Wesen, das er zu dem seinen gemacht, leichtfertigen Schmerz verursachend und um das Leben spielend, ohne den Vaterkuß auf die Stirn des unschuldigen Kindes da gedrückt zu haben, das er dort zurückließ!

Ihn überkam es, wie schon ein Mal auf der Schwelle des Hauses, als könne der leichte, kurze Abschied ein Abschied für's Leben sein! Er wollte aufspringen, zurück zu ihr -

»Halten Sie fest, Sir,« sagte Tom, »der Augenblick ist da!«

Der alte Lootsenmeister legte die Hand auf den Bord des Kutters. Von diesem Augenblick an führte er das Kommando.

»Fertig, Jungens?«

»Alles well!«

Er schwang sich in das Fahrzeug - Hannes, sein Aeltester, stand bereits im Bug, den Lugmann zu machen. Der Lootsenmeister faßte das Steuer.

»Setzt die Riemen ein - ab!«

Zwanzig Hände lösten das Tau, welches das schwankende Fahrzeug hielt, und schoben es mit langen Stangen und Speichen vom Ufer ab - im nächsten Moment trug es die rückschlagende Woge hinans in die tobende See!

Ein hundertstimmiger Ruf: »Fahrt well! Gott behöd un bewahr jug!« Durch das Toben der Wellen kam ein schwacher Gegengruß herüber - schon war auf der dunkel wogenden Fluth nur der schwarze Umriß des Kutters und die schwankende Laterne an der Stange zu erkennen, die sie an der Stelle des Segelbaumes aufgesteckt.

In diesem Augenblick kam, unbekümmert um Sturm und Spritzwasser, eine Frau die Straße daher gerannt, ohne Tuch,

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ohne Mantel - weit hinterher flatterte das schwarze Seidenkleids ihr schönes Gesicht war todtenbleich. Männer eilten hinter ihr d'rein, eine ältere Dame!

»Um Gotteswillen - ist es wahr? wo ist mein Mann? Felix! Felix!«

Es war die Baronin selbst, die schöne Wirthstochter aus dem Hotel Schwarz, wohin die Kunde wie ein Lauffeuer gekommen, daß Baron Rheinsberg die Fahrt auf dem Lootsenkutter mitmachen werde.

Die erschrockene bleiche Frau faßte in Todesangst den Arm der Lootsenfrau. Als Kinder der rothen Insel hatten sie Jahre lang mit einander gespielt, bis sie eine Dame geworden war und Jene ein armes Seemannsweib.

»Barmherziger Heiland! Marie - sprich - wo ist mein Mann?«

»In Gott's Hand, Anne! Awer lat uns beden, dat se ut Storm un See glückli na Hus kam'n!«

Die Fischerfrau sank laut weinend auf die Knie und rang die Hände zum zürnenden Himmel empor; der starke Muth, der sie so lange aufrecht erhalten, brach vor der gewaltigen Angst.

Die Baronin lag in den Armen des englischen Capitains und ihrer Mutter. -


Die Wogen hoben sich gleich Bergen und schossen mit jähem Sturz hinab in die dunklen Höhlungen, die wie unermeßliche Gräber gähnten. Nur wenn das Boot auf dem schäumenden Kamm hoch bis zu dem zur schwarzen Finsterniß werdenden Nachthimmel sich hob, vermochten die kühnen Schiffer den noch dunklern Umriß der gewaltigen Felsenmasse zu erkennen, der sie den Rücken wandten, die flimmernden Lichter der Unterstadt und hoch oben, wie zwischen den Wolken, den ruhigen, gewaltigen Schein des Leuchtthurmes.

Der Sturm brüllte draußen auf der offnen See so gewaltig, daß ein Verständigen durch Worte nur mit der höchsten Anstrengung geschehen konnte. Jan Jansen, der Lootse im Bug, konnte also nur durch Zeichen das Herannahen der Wogen und die Richtung, die sie zu nehmen hatten, andeuten.

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Je weiter das kleine Fahrzeug aus dem Schutz der Insel kam, desto gewaltiger wurde der Wogendrang, desto freier brauste der Sturm. Der Wind war jener schreckliche Nordwest, den der Helgoländer so sehr fürchtet, weil er seit Jahrtausenden Zoll um Zoll seine geliebte Insel untergräbt und mit jeder Springfluth die Felsengerippe immer mehr auswäscht.

Der erste Theil der Fahrt war offenbar, wenn auch nicht der anstrengendste, so doch der gefährlichste. Es galt, sich von der Insel abtreiben zu lassen, um die freie See zu gewinnen und dann die Richtung einzuschlagen, in der man zuletzt das Schiff erblickt hatte. Zu dem Ende mußte man die langen Wellen in schiefer Richtung durchschneiden und dann geradezu gegen sie kämpfen. Gelang es, das Schiff noch zeitig genug zu erreichen, ehe es den die Insel hier umgebenden Riffen zu nahe gekommen, oder zu sehr vom Sturm nach Süden gedrängt worden, so konnte man das Nordcap des Eilands abwettern und das Schiff war dann in den Händen eines guten Lootsen geborgen.

Die Lösung der ersten schwierigen Aufgabe lag in der Hand des Steuermannes, und jetzt offenbar in der Hand eines solchen, der gewohnt war, der furchtbaren Macht der beiden Naturkräfte die Spitze zu bieten.

Nicht ohne ein gewisses Gefühl der Ehrfurcht und Bewunderung schaute der Baron, der, ungewohnt des wahrhaft furchtbaren Auf- und Niederwogens des Bootes, sich mit aller Kraft auf seinem Sitz festhalten mußte, auf den alten Mann, der aufrecht am Steuer stand und es mit gewaltiger Kraft lenkte. Sein Auge war abwechselnd auf seinen Sohn im Bug und das immer mehr zur Seite zurückbleibende Feuer des Leuchtthurmes gerichtet, das wie ein flammender Meteor am Himmel stand. Der Sturm fing sich in seiner weiten Lootsenjacke und zauste die grauen Haare unter dem festgebundenen Südwester, aber seine eherne Gestalt wich und wankte nicht unter dem Anprall des Windes und dem schäumenden Gischt, der um ihn her wirbelte.

Nicht mit Unrecht sagt der römische Dichter, daß Der eine Mauer von Erz um die Brust haben mußte, der sich zuerst kühn hinausgewagt in die Wogen des Meeres. Dem Cavalier fielen unwillkürlich die Verse des Horaz ein und er sagte sie vor sich

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hin, während er fühlte, daß das Herz in der eigenen Brust sich zusammenschnürte und klein ward gegen die unerschrockene Ruhe dieser Männer. Die Begleiter der beiden Lootsen hatten die Ruder eingezogen, die vorläufig noch unnütz waren, und er half ihnen, das Wasser ausschöpfen, das von Minute zu Minute die überschlagenden Wellen sturzweise in das Boot gössen.

Sie waren auf diese Weise eine halbe Stunde hinausgesteuert, als der Lootse am Boogspriet des Kutters sich durch Zeichen mit seinem Vater verständigte.

»Schuut up, Jungens,« schrie der Alte. »Runner mi de Riemens! Satzt in!« Zu gleicher Zeit drehte er mit gewaltigem Ruck das Steuer und der Kutter schoß in die Höhlung einer mächtigen Woge, wurde von ihrem Kamm überschüttet und hob sich, von der Kraft der Ruder getrieben, im nächsten Augenblick auf ihrem Rücken hoch in die Nacht.

Dem Baron vergingen im ersten Augenblick von dem gewaltigen Sturz des Wassers die Sinne. Als er ihrer wieder Herr wurde und die Augen öffnen konnte, fühlte er, daß ihn der Matrose Tom festhielt. Ein Händedruck lohnte der rohen Freundlichkeit des jungen Mannes, dann suchte er mit Gewalt jedes Gefühl der Beängstigung zu unterdrücken und arbeitete angestrengt, mit Tom das Wasser auszuschöpfen, da die anderen Männer jetzt voll zu thun hatten, die Ruder zu regieren, die ihnen die gewaltige Kraft der Wellen mehr als ein Mal aus der Hand zu reißen drohte.

Jetzt erst hatte der wahre Kampf mit der furchtbaren Macht der Elemente begonnen. Der Sturm schien mit jedem Augenblick an Kraft zuzunehmen und trieb ihnen den entsetzlichen Wogenschwall gerade entgegen. Die Planken des kleinen Fahrzeugs erzitterten und bebten unter dem gewaltigen Druck, als wollten sie auseinander reißen, der Druck der Luft und die gewaltigen Stöße des Sturms versetzten oft den Männern den Athem selbst durch die Tücher, die sie um den Mund gebunden. Wiederholt wurde der kleine Kutter, wie er so tapfer den Wogen entgegen kämpfte, von diesen fortgerissen, aber immer und immer wieder führte ihn die Geschicklichkeit des greisen Lenkers und die bis zum Aeußersten

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gespannte Kraft der Ruderer zurück auf seine Bahn und ließ ihn langsam vorwärts kommen.

In diesem furchtbaren Kampf überkam den stolzen und leichtsinnigen Aristokraten zum ersten Mal das Gefühl der Ehrfurcht vor dem moralischen Muth und der Aufopferung dieser Männer aus dem niedern Volke, die er bisher kaum der Beachtung werth gehalten, und er begann zu fühlen, welche erhabene Kraft in dem Volke wohnt, eine Kraft, die, zum Guten geleitet, das Höchste vollführt, in ihrem entfesselten Wahn aber gleich dem Lavastrom auf seinem Gang Alles vernichten muß, was ihr begegnet. An diesen armen Männern erstarkte sein eigener Muth und veredelte sich der frevle Leichtsinn, mit dem er sich hochmüthig in die Gefahr gestürzt.

Eine Stunde fast war verflossen, seit der Kutter die Insel verlassen und den Kampf mit Wogen und Wind begonnen Hatte, und die Kraft selbst des Stärksten begann zu erlahmen. Wiederholt zogen die Männer die Ruder ein und verlangten mit einzelnen Worten die Rückkehr.

»Halt ut, Kinner,« schrie plötzlich der Lootse, »ick seh Licht! Beim lewen Herrgott im Himmel - ick seh dat Ship! Bakbord, Vakbord, Vater Jansen, sünst sin wer verloren!«

Der plötzliche Erfolg im Augenblick, wo sie bereits jede Hoffnung dazu aufgegeben, spannte alle Muskeln; aber der Ruf, den in diesem Moment mit einer Kraft, die selbst das Brausen des Sturmes überbot, der greise Lootsenmeister ausstieß, machte jede Wange bleich und ließ jede Fiber in ihnen erbeben.

Auf dem Kamm der Wellen kam eine große dunkle Masse daher, ein gewaltiger Rumpf, Spieren und Takelwerk darüber hinaus ragend, flatternde, zerrissene Segelfetzen an den Naaen, schwankende, fliegende Lichter über dem Bord - ein Tod und Verderben in seinem Lauf drohender Leviathan gegen das kleine Fahrzeug, das seine Erretter trug!

In dem Augenblick, als sein ältester Sohn das Schiff entdeckte und er selbst bei dem Heben auf die nächste Welle die Lichter und den nahenden Rumpf erkannte, ließ er zugleich das Auge um den Horizont gleiten, um ihre Stellung zur Insel zu beurtheilen.

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Ein furchtbarer Schreck durchfuhr wie ein elektrischer Strahl seine kräftige Gestalt.

»De Riff, Kinner, de Riff! Robert, rodert um's Lewen willen!«

In der That war die Lage des Bootes furchtbar. Der rasche Blick des Alten hatte an dem hochschäumenden Gischt erkannt, daß sie sich auf der Wetterseite des großen Riffs befanden, das im Westen der Insel seine Zackenkuppel bis zur Oberfläche des Meeres hebt, einst Dünenland, wie im Osten, aber durch die Wellen jetzt ausgewaschen zu scharfem Fels, das Unheil aller Schiffe, die sich ihm ohne Kenntniß nahen, das Grab schon vieler Menschenleben. Nach dieser gefährlichen Stelle drängte der furchtbare Wogenschwall den Kutter. Aber noch gefährlicher wurde die Lage des Bootes durch das Schiff selbst, das gleich einem schnaubenden Ungethüm heran kam, ihm den Ausweg zum Luven zu versperren; - auf der Klippe zerschmettert oder von dem Schiff übersegelt und in den Grund gebohrt zu werden, war das Schicksal, was ihnen in der nächsten Minute bevorstand.

Selbst in diesem entsetzlichen Augenblick aber verlor der alte Lootsenmeister nicht die Geistesgegenwart und nicht das Gefühl seiner Pflicht.

Mit aller Gewalt preßte er das Steuer nieder und seine Stimme klang Allen vernehmlich: »Rodert, Jungens, um's Lewen!« Dann aber schwoll seine Stimme zu einer Kraft an, die selbst das Toben des Sturmes überbot und weithin über die Wellen dröhnte: »Hewt Acht! dat Riff! 'rum mit det Stüer, oder wi sind to nicht!«

Der dunkle Rumpf hing über ihnen - ein Moment noch - der schäumende Gischt der Wellen, wie sie von dem Bug des dem Verderben geweihten Fahrzeuges getheilt wurden, stieg über sie hin, jedes der tapferen Herzen glaubte den letzten Schlag zu thun - dann ein gewaltiger Athemzug - ein letzter Schlag der Ruder und - weithin schleuderte der Wellendruck des Schiffes, unter dessen Boogspriet sie quer vorüber gekommen, den Kutter.

Im nächsten Augenblick, noch ehe die Lootsen recht die eigene Rettung begriffen: ein gewaltiger Krach - ein Aufschrei gen

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Himmel über Sturm und Wellen - das Knacken brechender Balken, das Jammergeschrei der Menschen, das Klatschen und Brüllen der Wellen gegen die Breitseite des strandenden Schiffes!

Der alte Lootsenmeister stand wie eine Steingestalt in dem Wogenschwall. »Torü, Jungens, bet de Mat fallen is! - So nu - vorwärts! es is de höchste Tyt!«

Mit den Sehnen von Stahl warfen sich die Männer in die Ruder. In kurzem Bogen umkreiste der Kutter die wohlbekannte Klippe und näherte sich unter'm Lee des Schiffes, das voll auf der zackigen Klippe saß und dessen Bollwerk und Planken jede anstürmende Woge auseinander riß.

Der Anblick in dem masthoch schäumenden Gischt des Wassers war wahrhaft furchtbar. Das Verdeck war gefüllt mit der ziemlich zahlreichen Mannschaft des Schiffes, die sich an Masten, Taue und Holzwerk klammerte, und als sie jetzt das nahende Boot erblickte, in allen Tönen um Hilfe und Rettung flehte.

Aber jede neu anstürmende Welle riß Menschenleben hinweg und machte das Schiff in all' seinen Fugen krachen, das breit dem vollen Anprall ausgesetzt, auf der Klippe lag. Der Capitain der Gallione schien ganz den Kopf und jede Gewalt verloren zu haben, denn statt den Wenigen zu helfen, die versuchten, das Langboot an der Leeseite auszusetzen, hielt er sich an einem Tau fest und schlug ein Kreuz über das andere.

Der Kutter war jetzt in dem durch das Schiff und das Riff einigermaßen gebrochenen Wellenschlag so nahe gekommen, daß der Lootsenmeister den Versuch machte, sie in englischer Sprache anzurufen, aber ein verwirrtes Geschrei antwortete ihm, von dem er Nichts verstand.

»Makt Jy de Versök, Herr,« sagte er zu dem Baron. »Noch is et Tyd!«

Herr von Rheinsberg hatte sich bis zum Schnabel des Kutters vorgearbeitet, wo er neben dem Lootsen Hannes Jansen sich festhielt, und mit aller Kraft seiner Lungen, den gedehnten Ton der Seeleute nachahmend, schrie er:

»Que gente?«

Die Frage in der Muttersprache schien den Gefährdeten wie

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ein Wink des Himmels, denn sofort antwortete ihm das allgemeine Geschrei:

»Españoles! Bei der Mutter der Gnaden - zu Hilfe! zu Hilfe!«

Der Baron winkte dem Lootsenmeister, daß er sich verständigen könne.

»Dat Schipp kan sik ohnmägli holl'n,« sagte der Lootsenmeister; »ropt sy: dat Boot, dat Boot!«

Tom vermittelte den Befehl von einem Ende des Kutters zum andern und der Baron wiederholte den Ruf. Jetzt sah man die spanischen Matrosen nach der Stelle stürzen, wo einige ihrer Kameraden sich bereits bemüht hatten, das große Boot auszusetzen, aber es entstand ein so wildes Gedräng, ein Kampf um das Boot, daß es ersichtlich war, was der Erfolg sein mußte.

In der That hatte das Langboot des spanischen Schiffes kaum das Wasser berührt, als sich blindlings die Menge hineinstürzte - ein Schrei, der Sturm und Wogen überdrang - dann hob eine schwellende Welle das überfüllte Fahrzeug bis zum Schiffsrand und stürzte es im nächsten Moment nieder in die Tiefe, und man hörte das Knirschen des Holzes auf den scharfen Felsenkanten - dann trieben die Trümmer vorbei - einzelne Köpfe und Arme aus den Wellen - aber eine Unmöglichkeit, mit menschlichen Kräften hier zu helfen.

Die Woge, die das Boot zertrümmert, schien zugleich das Schicksal des Schiffes besiegelt zu haben. Der Lootsenmeister hatte kaum Zeit, den Befehl zu donnern, die Hakenstangen zu lösen, mit denen die Ruderer bis jetzt den Kutter an dem Riff festgehalten hatten, und diesen vor den Wellen treiben zu lassen, als ein gewaltiges Krachen zwei Mal hinter einander das Brechen der Mäste bewies und der Vorder- und Mittelmast über Bord gingen.

Dann kam es heran wie ein schwarzer Berg von Westen her - ein Krachen, als würden tausend Gebeine unter gewaltigen Rädern zermalmt - Woge stürzend über Woge - Taue, Masten, Planken, Fässer - menschliche Gestalten, Alles wild durcheinander auf den Kämmen der Wogen, wie eine wilde Jagd fluthete es an den Augen des entsetzten Cavaliers Momente lang

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vorüber, und dann war wieder um ihn Nichts als der weiße Gischt und du bewegliche schwarze Tiefe der Wellen.

»Vorwärts, Kinner, gau! Trekt dat Roder! Gott de Herr heit üns holpen - wi möten sehn, wat to dohn is vö de armen Lüd!«

Die Männer zogen die Riemen mit Anstrengung aller Kraft und das wackere kleine Fahrzeug, das glücklich der Zerstörung durch die Masten und Schiffstrümmer entgangen war, kämpfte sich zurück durch den Wogenschwall zu der Stelle, wo es vorhin am Riff sich festgehalten.

Alle erwarteten, daß keine Spur mehr von dem gescheiterten Schiff zu sehen sein werde, und hatten den Versuch nur unternommen, um vielleicht aus den auf den Felsenkanten hängen gebliebenen Trümmern ein Menschenleben zu retten. Zu ihrem Erstaunen aber fanden sie jetzt, daß das Hintertheil des Schiffes, das von dem Wogenandrang mitten auseinander geborsten war, noch fest auf dem Riff saß und den Wellen Widerstand leistete.

Der matte Schein der Schiffslaterne, die noch immer auf dem Hinterdeck schwankte, zeigte um den Stumpf des gebrochenen Mastes eine Anzahl menschlicher Gestalten in allen Stellungen der Todesangst und Verzweiflung, und ihr gellendes Hilfegeschrei drang durch das Toben der rasenden Brandung herüber.

»Makt dat Boot fest, Lüd!« sagte der Lootsenmeister. »By Gott - dar is noch Leben an Bord un wi möten den Versuk maken, se to redden! - Springt, Lüd! springt! mer wer'n jug heruttrecken!«

Aber der laute Zuruf des Alten blieb unbeachtet, auch als der Baron ihn in spanischer Sprache wiederholte. Entweder hörten die Unglücklichen nicht, oder sie hatten nicht Muth genug zu dem kühnen Wagniß. Sie begnügten sich, die Arme nach den wackeren Reitern zu strecken, und ihr Hilfegeschrei und die Anrufungen der Heiligen zu verdoppeln.

»Se sin verbistert dar baben, so geit et nich! - Hannes Jansen,« befahl er mit fester Stimme, »nimm dat Tau un schwemm räwer!«

Der Baron erbebte und wollte gegen das verwegene Unternehmen Vorstellungen machen, aber schon hatte der Lootse im

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Boot das Ende eines bereit gehaltenen Taues durch den Ring am Bootsrand gezogen, warf seinen Südwester, die Lootsenjacke und die schweren Stiefeln ab, und sich selbst, den Tauring um den linken Arm geschlungen, mit der rückfluthenden Welle in das Wasser.

Er verschwand sogleich, denn die Dunkelheit war so groß, daß man ihn nur wenige Schritte verfolgen konnte, und die Schiffslaterne am Bord warf ihren flackernden Schein nur über die dunklen Gestalten am Maststumpf.

Mit banger Besorgniß erwarteten die Männer im Kutter den Erfolg.

»Dat Water! dat Water!«

Haushoch kam jenseits des Schiffes die Woge daher und stürzte über die dem Verderben geweihten Trümmer - gellendes Todesgeschrei! - kaum vermochten die Männer im Kutter ihn festzuhalten unter der überschlagenden Fluth. Als sie vom Spritzwasser die Augen öffneten und sie nach dem Schiff richteten, war die Laterne verschwunden, der Rumpf schien noch weiter heraufgedrängt und die brandenden Wogen spritzten ihren Schaum hoch umher.

»Dat is ut mit enn!« - Plötzlich schrie der alte Mann laut auf: »Halt det Tau in! Hannes, min Sohn! min Sohn! wo bist Du?«

Tom und der Baron rissen mit Hast das Tau zurück - es kam leicht heran - jeder Griff schien eine Stunde banger Erwartung - länger und länger rollte es sich - keine Spur von dem Träger - jetzt das Ende - es war leer!

Der alte Mann bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit beiden Händen. Während dessen drang von dem Schiff her wieder ein schwaches Geschrei herüber:

» Auxilio! Auxilio! Hilfe! Hilfe!«

»Laßt mich hinüber, Vater,« sagte der junge Matrose, indem er bereits das Tau um seinen Arm wickelte, »vielleicht ist Bruder Hannes unter ihnen und hat nur das Tau verloren!«

Der Lootsenmeister legte die beiden Hände an den Mund. Seine mächtige Stimme überdröhnte Sturm und Sce.

»Schipp a - hoi! Hannes an Boord?«

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Es kam keine andre Antwort, als die Wiederholung des spanischen Hilferufs.

Der alte Mann nahm den Sturmhut von seinem weißen Haupte und faltete die Hände; die langen grauen Haare trieb der Wind wie einen Glorienschein um sein durchfurchtes Antlitz.

»Uns Herrgott hat en gewen - de Herr hat en nahmn! Sin Name weß lawt in Ewigkeit! - Da drüwen sind noch Lüd in Gefahr, un wi möten se retten! - Tom, min Sohn - nimm dat Tau un schwimm too Schipp!«

Der Cavalier faßte seinen Arm. »Bedenkt, was Ihr thut, Lootsenmeister; wollt Ihr Euren letzten Sohn opfern? Schickt einen von den Leuten!«

Der Alte sah ihn finster an. »Keen Minsch, Herr,« sagte er streng, »sall von Pieter Jansen seggen, dat he andre Lüd in de Gefohr schickt het, wohin he sin egen Fleesch un Blut nich schicken mucht! Farri, Tom, und an Boord, min Jung!«

»Well, Vater!«

Der junge Mann stand am Rand des Bootes, die Leim um den Arm, bereit, sich mit der zurückprallenden Welle in den tosenden Schlund zu werfen.

»Dann, Tom,« sagte der Cavalier entschlossen, »geh' ich mit Ihnen. Einer von uns Beiden wird ankommen - Gott entscheide, welcher!«

Er hatte den Rock und Hut im Nu abgeworfen und ein zweites Tau ergriffen. Ehe der Lootsenmeister ihn zurückhalten tonnte, kam hoch eine Welle heran und brach sich schäumend auf der Klippe. In die zurückfluthende Woge tauchten zwei Gestalten mieder, der Jungmatrose aus dem Volk und der Cavalier von vornehmem Blut.

Im ersten Augenblick wirbelte es schwarz um des Barons Sinne, Gesicht und Gehör schien ihm zu vergehen und er fühlte sich hart aufstoßen. Er hatte die Vorsicht gebraucht, ein kurzes Stück Holz aus dem Boot in die linke Hand zu nehmen, damit den Aufstoß gegen Klippe oder Schiffsbord zu pariren. Da er ein trefflicher Schwimmer war, erlangte er bald die volle Geistesgegenwart und Herrschaft im Wasser wieder, und in vier bis fünf Stößen hatte er glücklich die gefährliche Passage überwunden

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und sah vor sich die dunkle Wand der Schiffstrümmer sich erheben. Zugleich fühlte er die Hand Toms, der bereits die halb zerrissenen Ketten des Schiffs erfaßt hatte und sich jetzt mühte, ihm empor zu helfen.

Unter seinem Beistand schwang der Baron sich an dem zerstörten Bollwerk empor, sich anklammernd an jeden Gegenstand, den die Hand erreichen konnte, denn das Schiff schwankte in dem Wogenschlag wie ein Trunkener.

Endlich hatten Beide mit Mühe auf dem Deck Fuß gefaßt und schauten umher.

»Wo seid Ihr? Wer lebt noch?« schrie der Cavalier mit spanischer Sprache.

Schwache Stimmen antworteten ihm: »Hier! hier! zu Hilfe, oder wir sterben!«

Die Helfer griffen sich fort bis zur Stelle, wo der Maat stand. Drei Gestalten kauerten um den Stumpf, an Tauen sich festhaltend. Zwei von ihnen stürzten auf die Männer zu, in Tönen der höchsten Verzweiflung sie um Rettung anflehend, die dritte blieb ruhig und stumm am Mast.

»Wo ist Hannes - wo ist mein Bruder? Hannes, wo bist Du?«

Der Angstschrei des jungen Matrosen fand keine Erwiderung, eben so wenig die Frage, die der Baron in spanischer Sprache an die Schiffbrüchigen richtete. Ueberdies machte es das Toben der Wellen fast unmöglich, sich zu verständigen - Beide aber überzeugten sich leicht, daß von dem wackeren Lootsen keine Spur vorhanden und sie ihn verloren geben mußten.

Die Wellen schlugen fortwährend über das Deck - jeder Augenblick steigerte die Gefahr. Tom verständigte ihn durch Zeichen das Ende des Taues um den Stumpf des Mastes zu schlingen, was im Nu geschehen war, dann bedeutete ihn der junge Matrose, mit den drei Schiffbrüchigen sich auf den jetzt verhältnißmäßig sicherern Rückweg zu begeben. Die beiden Spanier - zwei Matrosen des Schiffes - wurden von dem Baron angewiesen, sich an dem Tau fortzuhelfen, der dritte Mann aber blieb noch immer theilnahmlos an dem Mast hocken.

Der Cavalier rüttelte ihn empor.

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»Rafft Euch auf, Mann jeder Augenblick Zögerung ist Tod!«

Es war, als ob die Stimme des Cavaliers, obschon kaum verständlich im Wogengebraus und Sturmgeheul, wie ein electrischer Strahl auf den Fremden wirkte, denn er schnellte empor aus seiner kauernden ohnmächtigen Stellung und packte rauh beide Arme des Helfers, während seine Augen wie die eines Raubthieres durch die Dunkelheit flammten.

»Wer sind Sie, Señor - Ihren Namen! diese Stimme ... «

»Fort jetzt - es ist keine Zeit zu fragen und mein Name gleichgiltig!« Da er sah, daß der Fremde hin und her schwankte und sich kaum aufrecht erhalten konnte, umfaßte er ihn und schleppte ihn mehr als er ihn führte zur Stelle der Brüstung, wo das Tau hinüber nach dem Boot führte. Die beiden spanischen Matrosen suchten sich bereits mit dessen Hilfe durch die kochende Brandung zu arbeiten.

»Seid Ihr stark genug, Euch zu halten?«

»Dich - ja!« Die Hand des Schiffbrüchigen umklammerte ihn krampfhaft, daß es seine freien Bewegungen hemmte. Indem kam der Jungmatrose heran. »Der Mann hat den Verstand verloren vor Furcht - helft mir, ihn retten!« Der junge Mann hatte rasch um den Leib des Spaniers und das Tau eine laufende Schlinge befestigt; so ließen, sie sich mit ihrer Last in das Wasser, denn das Krachen und Knacken der Planken und Balken unter ihren Füßen verkündete, daß das Wrack sich kaum einige Minuten lang noch halten könne.

»A - hoi! - gau! gau! torück, Jungens!« klang der gewaltige Ruf des Lootsenmeisters herüber, denn die Kraft der Männer reichte kaum noch aus, den Kutter festzuhalten, und jeder Ruck des Taues drohte ihn leck zu werfen an dem Riff.

Zerstoßen, zerschlagen, den Mann in ihrer Mitte besinnungslos und blutend aus einer Stirnwunde, tauchten die kühnen Schwimmer auf aus der Brandung, begrüßt von einem jubelnden Zuruf der Mannschaft, die anfangs glaubte, der Gerettete, Ohnmächtige sei Hannes Jansen, der Lootse. Ein Blick jedoch genügte dem alten Mann, sich zu überzeugen, daß seine Hoffnung falsch war. »Dien Broder, Tom?« - Der Jungmatrose wies hinaus in

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die kochende See: »Verloren, Vater!« und warf sich zum Tode erschöpft auf den Boden des Kutters neben die Geretteten.

»Los mit de Stangen!« Der Lootsenmeister ließ das Tau, das er bisher mit Riesenkraft festgehalten, los - hoch hinaus auf dem Kamm der nächsten Welle flog der Kutter in die Sturmnacht, und hinter ihm drein barsten die letzten Trümmer des Wracks auseinander.


Drei Stunden nachher, als der herauf dämmernde Tag sein schwaches Licht über die noch immer wild bewegte Fläche goß, nahte das Boot unter dem jubelnden Zuruf der versammelten Schiffer und Lootsen von Osten her dem Landungsplatz. Die kühnen Schiffer hatten das Nordcap abgewettert und unter'm Schutz, der Leeseite des Felseneilands durch die dort sehr gefährlichen Untiefen sich glücklich herauf gearbeitet.

Unter dem Menschenhaufen standen zwei Frauen, von den rauhesten Seeleuten mit Achtung und Theilnahme angeblickt, denn beide hatten während der furchtbaren Nacht sich nicht von der Stelle gerührt, dem Toben des Wetters und der hoch ihr Spritzwasser herauf schlagenden See Trotz bietend - das Weib des Cavaliers und das Weib des armen Lootsen. Die Dame ließ ihr weißes Taschentuch, die Fischerfrau die alte Bootsflagge wehen, die sie zum Schutz gegen das Wetter um die Schultern geschlagen.

Noch konnte man der Bewegung des Meeres und der Dämmerung wegen die einzelnen Gestalten im Kahn nicht erkennen - dann sah man, wie sie Hüte und Ruder schwenkten - ein Tuch -

»Gnädiger Gott - ich danke Dir - er ist gerettet!« Die Baronin sank freudeschluchzend in die Knie.

Die Augen der Fischerfrau wurden starrer und starrer - sie preßte den Knaben, der bereits wieder an ihrer Seite war, krampfhaft an sich - dann sprang sie mit einem gellenden Schrei nach dem Plankenbau, an dem der Kutter eben landete.

Der Baron flog in die Arme seiner Gattin. Der alte Lootsenmeister war der Nächste, der nach ihm auf die Brücke, sprang - sie faßte schreiend seine Schulter.

»Wo is de Hannes, Vader? wo is my Mann?«

Er hob Auge und Hand zum Himmel: »By unsen Herrgott, Marie! He is storben in syne Plicht!«

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Die Aermste fiel wie vom Schlage getroffen zu seinen Füßen nieder. Die Frauen drängten sich um sie, während die Männer still und stumm, dem Beispiel des alten Mannes folgend, das Haupt entblößten und die schwielenbedeckten Hände zu einem kurzen Gebet falteten.

Wenige Schritte davon hielt der Aristokrat sein junges, schönes, liebendes Weib glücklich an seiner Brust. -


Es war am vierten Morgen nach dem Sturm und seinen traurigen Folgen - hell und heiter lachte die Sonne über dem rothen Felseneiland - spiegelnd und ruhig gleich dem Busen eines schlafenden Weibes athmete die prächtige Fläche des Meeres.

Das Dampfschiff hatte seine Fahrten begonnen und lag an der Landungsbrücke, bereit, in einer Stunde nach Hamburg zurückzukehren. Tom Jansen, der Jungmatrose, sollte mit ihm nach der großen Handelsstadt abgehen, da Ordre dazu von seinem Capitain eingetroffen. Auch die drei Spanier, die der Baron in das Hotel seiner Schwiegermutter an jenem Morgen hatte bringen und mit jeder Freundlichkeit hatte pflegen und unterstützen lassen, wollten die Gelegenheit benutzen, nach Hamburg zu gehen, wohin ihr Schiff von Cuba mit einer reichen Tabakladung consignirt gewesen.

Die beiden Matrosen waren ungebildete rohe Männer, die sich bei den Geschenken, welche sie durch das Mitleid der Inselbewohner erhielten, wenig aus dem Untergang des Schiffes machten. Anders aber war es mit ihrem Gefährten, gegen den sie eine besondere Achtung und Unterwürfigkeit zeigten, ohne jedoch auf die mehrfach von dem Baron an sie gerichteten Fragen über ihn nähere Auskunft zu geben.

Der Fremde, den Tom und der Baron gewissermaßen gegen seinen Willen gerettet, war ein Mann von noch nicht drei- bis vierunddreißig Jahren, doch gaben ihm die ascetische Strenge und die Hagerkeit seines Gesichts, die tief geschnittenen Züge und gewisse Falten der Abspannung oder des Leidens ein weit älteres Aussehn. Die Stirn war hoch und trotz seiner Jugend kahl, die Augen tiefliegend, lauernd und leidenschaftlich, für gewöhnlich aber wie

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unter strenger Herrschaft des Geistes gesenkt. Seine Kleidung bei der Rettung war sehr unvollständig gewesen und hatte hauptsächlich aus einem langen Regenmantel bestanden, so daß auch daraus wenig auf seinen Stand zu schließen war. Das Einzige, was er aus dem Schiffbruch gerettet, war eine lederne Tasche, die er um den Leib geschnallt trug.

Im Uebrigen war er offenbar ein Mann von Bildung, ja, von einer gewissen Gelehrsamkeit, der außer seiner Muttersprache französisch, italienisch und deutsch sprach. Er gab, ohne seinen Stand bestimmt zu bezeichnen, an, daß er als Passagier aus der Havannah nach Hamburg sich auf dem Schiff befunden, daß er dort dringende Geschäfte habe und Freunde finde, um seine Legitimationen erneuern und seine Reise fortsetzen zu können. Sein Benehmen war sehr zurückhaltend und ruhig - nur zuweilen brach, wie ein Blitz durch die Wolke, ein Blick voll Feuer aus den tiefliegenden Augen, der dem Baron gleich der Stimme des Fremden seltsam bekannt schien. Aber dieser wich geflissentlich allen Fragen aus, wandte stets die Rede von seiner Heimath auf die muthige That des Cavaliers und den Dank, den er ihm für seine Lebensrettung schuldig sei, und erklärte seine Verwirrung bei dem ersten Anblick und Anruf des Barons auf dem Wrack für eine Sinnestäuschung, die ihm die Stimme und das Bild eines ihm nahe stehenden Verwandten vorgespiegelt habe.

Dennoch konnte selbst der leichtsinnige Lebemann nicht übersehen, daß der Fremde sich sehr für seine Familienverhältnisse zu interessiren schien und sich damit vertraut machte. -

Die Familie war in dem Salon des Hotels versammelt, um einigen Fremden, die von Hamburg mit dem Dampfer herüber gekommen, jene Aufmerksamkeiten zu erweisen, welche das Hotel Schwarz zu einem der beliebtesten des Eilands gemacht. Reichlich beschenkt und mit Wohlthaten überhäuft, harrten an der Thür die spanischen Matrosen des Aufbruchs zum Dampfschiff, dessen Glocke bereits zum ersten Male geläutet, während der Capitain noch gemüthlich bei dem sehr substantiellen englischen Frühstück an der Hoteltafel saß. Die englischen Offiziere, Dr. Heising, der Bade-Arzt, und mehrere der angesehenen Bewohner waren versammelt und besprachen die Neuigkeiten vom Continent, als

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Don Antonio, wie sich der gerettete Spanier nannte, zu dem Baron trat und ihn um eine kurze Unterredung allein ersuchte.

Der Cavalier glaubte, daß es sich um einen nochmaligen Dank an ihn selbst, eine Bitte oder einen Auftrag an die wackeren Männer handelte, welche die kühne Nettungsfahrt unternommen, und führte seinen Schützling in ein Nebenzimmer.

»Nehmen Sie Platz, Señor,« sagte er mit freundlicher Ungezwungenheit, indem er sich selbst in einen der amerikanischen Schaukelstühle warf, »und sagen Sie mir offen, womit ich Ihnen noch dienen kann ? Ich habe Ihnen bereits meine Börse angeboten, wir sind unter uns Männern, geniren Sie sich nicht!»

»Ich danke Ihnen, Señor« - die Unterhaltung war in spanischer Sprache begonnen worden - »ich habe mir bereits erlaubt, Ihnen zu sagen, daß ich nicht aller Mittel durch den Schiffbruch beraubt worden und in Hamburg Freunde finde. Ich habe Ihnen blos für die Gefahr, in welche Sie sich unsertwegen gestürzt, und die heldenmüthige Aufopferung zu unsrer Rettung im Namen jener armen Männer und in meinem nochmals unsern Dank zu sagen!«

»Ich glaubte, Señor, Sie hätten eine besondere Ursach' - «

»Die habe ich auch - es ist die, Ihnen einen Gegendienst zu erweisen.«

»Mir? und in welcher Art?«

»Señor - Sie werden entschuldigen, wenn ich mich erst jetzt eines Auftrages entledige. Ich habe Ihnen einen Gruß von Ihrer Gemahlin abzustatten!«

»Von meiner Frau? - Sie scherzen! Wir haben sie ja erst vor zwei Minuten hier nebenan im Salon verlassen!«

Don Autonio, der bis jetzt bei der Unterredung die Augen zu Boden gesenkt, schlug die Lider jetzt langsam empor und heftete einen kalten, festen Blick auf den Baron.

»Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, zu scherzen, Señor,« sagte er langsam; »ich spreche nicht von Doña Anna, sondern von Ihrer rechtmäßigen Gemahlin!«

Ein dunkler Scharlach überflog das Gesicht des Barons und er sprang empor aus seiner behaglichen Stellung. »Das geht

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zu weit, mein Herr, und grenzt an Unverschämtheit! Wie kommen Sie zu solch' thörichten Worten?«

»Ich spreche von Doña Ximena de Nacena

Der junge Mann taumelte, wie von einem Schlage getroffen, zurück und mußte sich an dem Sessel festhalten. Sein Gesicht veränderte fliegend die Farbe und er fuhr zwei Mal mit der Hand über die Stirn, gleich als wolle er eine unangenehme. Erinnerung verscheuchen.

In diesem Augenblick hörte man die Glocke des Dampfschiffs zum zweiten Mal läuten.

Der Baron hatte sich gefaßt. »Ich sehe, mein Herr,« sagte er, »daß Sie mich kennen, Verstellung wäre nutzlos. Woher und wie Sie mein Geheimniß wissen, ist mir unbekannt, obgleich ich Ihr Gesicht schon gesehen, Ihre Stimme gehört haben muß, wahrscheinlich in Spanien. Der Name, den Sie so eben genannt, weckt eine alte Erinnerung in mir, die mich lange genug unglücklich machte. Wenn es jedoch wahr ist, daß Doña Ximena noch lebt, obschon meine sorgfältigen Nachforschungen mir keine Kunde über ihr Schicksal verschaffen konnten, so bin ich glücklich darüber, denn sie bewahrt einen bleibenden Platz in meiner Erinnerung und meinem Herzen. Sie werden mir den besten Dank für den kleinen Dienst erweisen, den ich Ihnen zu leisten so glücklich war, wenn Sie mir recht viel von ihr mittheilen - nur muß ich Sie aus dem Irrthum reißen, daß Doña Ximena meine Gemahlin ist. Die Rechte einer solchen hat nur die Tochter dieses Hauses, die Mutter meines Kindes! Mit Doña Ximena fand nur eine ungiltige Scheintrauung statt, als einziges Mittel, sie damals den Händen ihrer Feinde zu entreißen.«

Der Spanier hatte sich erhoben, seine Miene war so ruhig, und kalt, wie zu Anfang der seltsamen Unterredung. »Ich glaube, mein Prinz,« sagte er ruhig, »daß Sie sich selbst täuschen. Die Trauung war keine Scheintrauung, sondern ist von einem Priester in voller Form der katholischen Kirche vollzogen worden. Die vollständigen Beweise dafür bin ich im Stande, in Ihre Hände zu legen, wenn Sie mich in Hamburg aufsuchen wollen. Doña Ximena lebt und ist Ihre rechtmäßige Gattin!«

»Und Anna - mein Weib ... «

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»Die Vornehmen der Erde erlauben sich oft, gegen Gottes Gebote zu handeln. Sie kann unmöglich einen andern Namen als den Ihrer - Geliebten beanspruchen!«

Der Baron schritt aufgeregt im Zimmer umher. »Mein Kind - meine unschuldige Tochter ... «

»Ein Bastard!«

Er faßte ihn wild an den Arm. »Das darf nicht sein, das soll nicht sein! Ich rettete Ihnen das Leben - «

»Und Sie werden mich dankbar finden. Die einzigen Beweise ... «

»Ich muß sie haben, um jeden Preis!«

Es klopfte an die Thür - man hörte die süße Stimme der jungen Frau:

»Es ist die höchste Zeit, Felix, wenn unser Gast nicht das Schiff versäumen will!«

»Sie müssen bleiben - ich will Auskunft!«

»Am 5ten erwarte ich Sie in Hamburg - im Hotel Streit!« Er öffnete rasch die Thür. »Nochmals, Herr Baron, unsern innigsten Dank für Ihre edle That, und Ihnen, gnädige Frau, für Ihre Wohlthaten und Ihre hochherzige Freundlichkeit gegen Unglückliche. Gott und seine Heiligen wollen Sie und die Ihren dafür segnen!«

Er küßte die Hand der beiden Damen und verließ das Hotel.

Der Dampfer gab eben das letzte Signal.

Feuer!

Es war am Spätabend des 4. Mai, eine Stunde vor Mitternacht, als in dem Zimmer eines Hauses am Hopfenmarkt zu Hamburg zwei Männer in ernster Berathung zusammen saßen, zwei Personen, äußerlich sehr verschieden und doch offenbar zu demselben Zweck und in denselben Gesinnungen vereint. Eine jener langhalsigen Korbflaschen mit Alicantewein stand zwischen ihnen.

Der Eine von Beiden trug die Kleidung eines Hamburger

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Bürgers von altem Schrot und Korn; sein rundes, fettglänzendes Gesicht mit kurzgeschnittenem röthlichen Haar war ziemlich nichtssagend, ja, hätte gutmüthig genannt werden können, wenn der fast gänzliche Mangel an Augenbrauen und Wimpern ihm nicht ein eigenthümlich unangenehmes Aussehn gegeben, und das kleine, mattblaue Auge sich nicht oft zu einem scharfen, stechenden Kreuzblick erhoben hatte.

Der Andere ist dem Leser bekannt, es ist der Fremde aus dem gestrandeten Schiff an der Küste von Helgoland. Er trug jetzt wieder eine einfache dunkle, an den Stand eines Priesters oder Lehrers erinnernde Kleidung.

Vor jedem der beiden Gesellschafter lagen Papiere mit Notizen und Zahlen in Chiffreschrift. Dinte und Federn standen in der Mitte, daneben lag eine Uhr.

»Die Connaissements sind richtig - der Gewinn der Gesellschaft aus den vorjährigen Ladungen belauft sich auf viermalhundertdreiundzwanzigtausend Mark nach Abzug der Provision für mich. Hier sind die Wechsel auf Laffitte in Paris und Tortoni in Rom. Die Assecuranz für die >Hermanda10 gemacht und Stoffield die sofortige Einkassirung mit Verlust aufgetragen; Sie können also anzeigen, daß man auf ihn trassiren kann!«

»Die Gesellschaft,« sagte der Spanier, »wird indeß doch bei dem Ereigniß von heute Nacht schwere Verluste erleiden müssen!«

Der Andere schoß ihm einen seiner schlauesten Kreuzblicke zu. »O, denken Sie das nicht, Bruder. Unsere Geschäfte sind abgewickelt, die Assecuranzen, die wir auf das liegende Eigenthum und die angeblichen Vorräthe haben, sind gut, werden zu den ersten angemeldeten gehören und bringen uns über eine Million ein. Hamburg wird allerdings für eine Anzahl von Jahren uns verloren sein, aber der Schlag ist auch zu gewaltig, als daß es sich eher, wenn überhaupt je davon erholen sollte. Unser Wirken

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ist jetzt in Paris, London und der Schweiz. Auch Preußen bietet seit der Thronbesteigung des neuen Königs ein offenes Feld für religiöse Einflüsse, und wir werden nicht allein am Rhein und in Westphalen, sondern selbst in Berlin das verlorene Feld bald wieder gewinnen.«

»Verzeihen Sie, Señor Boltmann,« sagte der Spanier - »es sei fern von mir, als ein Bruder untergeordneten Grades mich in die Geheimnisse des Ordens drängen zu wollen, aber ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich die Combination nicht recht begreife, weshalb diese bedeutende Stadt dem Verderben überlassen wird, wenn es nicht eben geschieht, weil sie von Natur ein Herd der Ketzerei.«

Der Dicke lachte und schenkte sich ein Glas Wein ein, dessen Farbe und Blume er sorgfältig prüfte, ehe er es langsam niederschlürfte.

»Trefflicher Alicante,« sagte er - »ich werde ihn in Berlin in Jahren nicht so gut wieder bekommen, wie hier in der Seestadt. Man lebt hier vorzüglich, ich muß es gestehen, wenn auch nicht feiner, aber für den wahren Gourmand köstlicher, als in Paris. Doch um auf Ihre Bemerkung zurückzukommen, mein würdiger Freund und Bruder, so wissen Sie, daß ich nicht zu den geistlichen Gliedern des Ordens gehöre, sondern nur einer der weltlichen Coadjutoren bin, wenn ich auch nicht läugnen will, daß das Vertrauen des Generals und der Assistenz mich als solcher mit einem hohen Grade beehrt hat. Als weltliches Mitglied indeß und da ich alle Ursache habe, anzunehmen, daß Sie selbst einst zu einer hohen Stellung in der heiligen Congregation berufen sein werden, Sie vielleicht auch in der Havannah weniger Gelegenheit gehabt haben, sich einen richtigen Blick über die Vorgänge zu bilden, bin ich gern bereit, Ihnen meine Beobachtungen mitzutheilen.« Er sah nach der Uhr. »Wir haben noch eine ganze Stunde, ehe unsere Leute erscheinen, und das wird genügen, um einem so scharfen Geist, wie dem Ihren, die nöthigen Winke zu geben.«

Der Spanier verneigte sich, stützte den Arm auf den Tisch und heftete auf seinen Gastfreund mit gespannter Erwartung das scharfe, dunkle Auge.

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»Sie verließen, wie Sie mir gesagt, Spanien,« fuhr der Kaufmann fort, sich in seinen Stuhl zurücklehnend, »als unsre Hoffnung auf Wiederherstellung unsrer äußern Macht dort mit der Niederlage der Carlisten fiel. Das Geschlecht der Bourbons fängt an auszuarten - wir dürfen kaum noch darauf rechnen, an ihm noch viel Gutes zu erleben, weder in Italien, noch in Spanien, noch in Frankreich, und der Orden muß seine Politik auf die Streichung desselben aus der Weltgeschichte vorbereiten. Mit den Familien sterben zum Glück nicht die Prinzipien. In dem großen Kampf, der sich durch die ganze alte Welt in neuer Auflage vorbereitet, stehen zwei Parteien einander gegenüber: die Throne und die Republiken, die feste Ordnung des Gehorsams im Ganzen und die zügellose Freiheit des Einzelnen. Der Kampf ist so alt, wie die Welt steht, in welcher Form er auch immer sich wiederhole: Monarchie und Demokratie, es ist blos der Kampf um die Herrschaft des Geistes oder des Materialismus.«

Der Spanier nickte ungeduldig zu der philosophisch-politischen Auseinandersetzung, die er aus diesem Munde schwerlich erwartete.

Der Kaufmann bemerkte es und lächelte. »Lassen Sie uns also praktisch reden,« fuhr er fort. »Der Kampf der Parteien wird bald wieder im vollen Gange sein. Sie wissen, daß es der alte Grundsatz des Ordens ist, zu warten und selbst den Gegner zu benutzen. Der gegenwärtige Papst leidet an einem unheilbaren Uebel, das ihn vielleicht, nach dem Urtheil unserer Aerzte, noch drei oder vier Jahre am Leben lassen, aber eben so gut schon in wenigen Monaten den heiligen Stuhl erledigen kann. Sein wahrscheinlicher Nachfolger ist durch seinen halben Charakter und seinen mißverstandenen Liberalismus ein fast so schlimmer Feind unsrer Gesellschaft, als Clemens XIV. durch seine Energie uns war. In Frankreich wird das Bürger-Königthum schwerlich von langem Bestand sein, Italien steht am Rande einer neuen Umwälzung, die alten Throne, die wir so lange gestützt, glauben, unsrer entbehren zu können, wie das Beispiel von Spanien und Portugal zeigt; es ist nöthig, daß ihnen bewiesen werde, welche nothwendige Stütze sie mit uns von sich geworfen. Zu der Revolution, dem Liberalismus kommen in diesem Augenblick zwei weitere wichtige Faktoren, die, wenn sie sich der Revolution

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bemächtigen, dem politischen und socialen Europa eine andre Gestalt geben werden.«

»Und diese sind?«

»Der Napoleonismus und das Judenthum!«

»Sagen Sie mir zunächst von dem ersten, Señor Boltmann!«

»Hinter den schlaffen Augenlidern des Prinzen Louis Napoleon steckt eine Zukunft, ich versichere es Sie. Daß er seinen ältern Bruder bei Rimini erschlagen ließ, hatte eine tiefere Bedeutung, als persönliche Feigheit. Seit dem Tode des Herzogs von Reichsstadt ist er das Haupt der Napoleoniden, und der Bürgerkönig ist sehr einfältig gewesen, statt eines Grabes in den Schloßgräben von Vincennes ihm eine Kasematte zu Ham anzuweisen, die ihn nicht lange halten wird. In einem politischen Kampf ist jede Nachsicht eine Thorheit, die auf den Geber zurückschlägt. Der Napoleonide hat so sicher die Augen auf den Thron nicht nur von Frankreich, sondern auf die ganze Macht seines Onkels gerichtet, wie die Mürats auf Neapel spekuliren.«

Der Andere mit dem streng geschulten, scharfen und glühenden Geist begann seine Augen mit einer gewissen Achtung auf seinen Gefährten zu richten, dessen unscheinbares, ja gemeines Aeußere ihn bisher einen solchen politischen Scharfblick nicht im Geringsten hatte ahnen und höchstens glauben lassen, daß er mit einem gewandten und sichern Handelsagenten des Ordens zu thun habe, wie dieser sie in allen Welttheilen besitzt.

»Und mit welchen Mitteln könnte der Prinz hoffen, dies Ziel zu erreichen?«

»Die Revolution, die revolutionaire Propaganda, mit der er bereits in Verbindung steht, wird ihm die Brücke bauen, und die Erinnerungen des Bonapartismus werden ihm später das Mittel sein, über die alten Verbündeten den Sieg zu gewinnen und die Revolution zu seinem Diener zu machen - bis - nun, bis Gott kommt oder wir!«

»Aber der zweite Faktor - das Judenthum?«

»Das Judenthum, Frater Antonio, repräsentirt das Geld! Merken Sie sich auf Ihrer ganzen künftigen Laufbahn: die Jesuiten sind die Juden des Geistes, aber die Juden sind die Jesuiten des Geldes. Geist und Geld, das sind die beiden wahren

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Mächte, auf deren Kampf ich vorhin deutete; die Macht des Geistes, nenne man ihn Aristokratie, Legitimität, Hierarchie, ganz wie Sie wollen - und die Macht des Materialismus, das ist des Fleisches, des Geldes, des Liberalismus. Das Judenthum kennt so gut wie der Napoleonide seine Zwecke, indem es sich der Revolution anschließt; mit dem Sturz der Legitimität und der Kirche setzt es die Geldherrschaft auf die Throne.«

»Und soll diese Macht uns nicht gefährlicher werden, als Revolution und Napoleonismus?«

»Gewiß - aber wenn sie auf den gehörigen Punkt gekommen, giebt es ein sehr einfaches Mittel! - Doch Sie trinken nicht, Frater Antonio, und der Wein ist doch Ihr Landsmann!«

Der Spanier schob das Glas zurück, ohne es zu berühren. »Welches Mittel?«

»Bah - ein tüchtiges Hep! hep! eine allgemeine Juden-Hetze! das Mittel ist zwar nicht neu, aber immer gut. Der Anlaß ist leicht gefunden. Man stiehlt einige Judenkinder und zwingt sie unter einem Vorwand zum Christenthum oder man schneidet einigen Christenkindern den Hals ab und weist nach, daß die Juden Blut zu ihren Opfern gebraucht haben. Man muß nur so lange warten, bis der Haß auf dem Glühpunkt ist, und daß er dahin kommt, dafür sorgt der Uebermuth dieses Volkes selbst!«

Es entstand eine kurze Pause im Gespräch, während welcher der Kaufmann ruhig sein Glas schlürfte, als hätte er nicht eben eine jener furchtbaren Prophezeihungen ausgesprochen, welche die Weltgeschichte, ob früher oder später, sicher einlöst! Dann fragte der Spanier: »Ist es erlaubt, zu fragen, was Sie meinen, das der Orden thun wird?«

»Er wird die Revolution nicht bekämpfen, sondern wo es ihm zweckmäßig scheint, sich mit ihr und ihren Trägern verbinden. Erst wenn alle Throne wanken, wenn selbst der älteste, der heilige Stuhl, zu stürzen droht, wenn alle Gemüther erregt und Nichts mehr sicher ist, wenn der Materialismus unter der Form der Freiheit seine Ferse auf den Nacken der Völker setzt, der ärgste Tyrann, dann ist die Zeit gekommen, den Fürsten und Völkern zu zeigen, was die Kirche vermag, und daß jedes Regiment

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ohne sie die Anarchie ist. Mißverstehen wir uns nicht. Auch die Kirche schreitet vor in ihren Erfahrungen. Im neunzehnten Jahrhundert Scheiterhaufen und Verdammung zu verlangen, dazu sind wir zu klug; aber Ansehn, Macht und Einfluß muß die Kirche auf jeder Stufe der Entwickelung bewahren, und sie muß die Herrschaft führen, offen oder im Stillen.«

»Wo aber werden wir bis dahin unsern Anhalt finden?«

»In der Mitte unserer Gegner selbst. Gerade an den Orten, wo man uns am meisten schmäht und am wenigsten sucht. Belgien, die Schweiz, Deutschland und England sind in diesem Augenblick das Feld, wo wir uns Burgen bauen. In der Schweiz sind wir bereits so mächtig, um nächstens einen entscheidenden Schlag wagen zu können. In England stehen wir mit den Whigs, in Frankreich mit den Socialisten in Verbindung. Preußen ist durch das Rheinland das unsre.« - »Aber warum das Unglück über diese Stadt?« - »Es ist nicht unsre Politik, sondern die Englands. Wir wissen darum, aber wir haben keinen Grund, sie zu hindern. Es ist eben nichts weniger und nichts mehr, als die Vernichtung der dänischen Flotte vor Kopenhagen. Der Hamburger Handel ist so bedeutend geworden, daß er dem Welthandel Londons ein gefährlicher Rival wird, und viele der ersten Häuser und Banken Englands am Rande des Bankerots stehen. In Amerika drohen Verwickelungen und Krisen, die Chartisten drängen das Parlament, das Toryministerium hat keine Energie zu durchgreifenden Maßregeln - das kleine Feuerwerk am Ufer der Elbe und der allgemeine Bankerot in London kann leicht das Ministerium Peel stürzen und Palmerston wieder an's Ruder bringen, dem wir die Emancipationsbill verdanken. Je eher er das Portefuille übernimmt, desto eher wird die Krisis zum Ausbruch kommen. Ich bin überzeugt, das ehrwürdige Mitglied für Tiverton weiß um den Schlag der City und billigt ihn aus Politik. Warum sollten wir ihm entgegen sein, da er einen der Heerde des Ketzerthums und des Liberalismus vernichtet? - Die >Jane und Anne< ist sogar an mich consignirt.«

»Und wann soll es geschehen?«

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»Noch in dieser Nacht. Sie haben zu der Unterredung, von der Sie mir gesprochen, noch zwei Stunden Zeit. Bis dahin werde ich mit meinen letzten Vorbereitungen fertig sein und Sie hier erwarten. Ihr Paß und die Berichte sind besorgt und Sie können morgen zu jeder Stunde die Stadt verlassen.«

Der Jesuit erhob sich, legte die ihm gehörenden Papiere sorgfältig zusammen und barg sie in der ledernen Tasche, die er bei dem Schiffbruch um den Leib geschnallt getragen. Dann hüllte er sich in einen Mantel und setzte einen Hut mit breiter Krämpe auf, wie ihn die englischen Quaker zu tragen pflegen.

»Können Sie mir eine Waffe leihen, Señor Boltmann?« fragte er. »Der Mann, mit dem ich zu thun habe, ist ein verwegener und entschlossener Charakter und könnte leicht versuchen, Gewalt gegen mich zu gebrauchen!«

Der Makler öffnete einen Schrank und suchte unter einer Menge von Gegenständen, die dort aus allen Welttheilen zusammengehäuft waren. Endlich fand er, was er brauchte, und reichte dem Jesuiten einen malayischen Krys, den dieser in der Manteltasche verbarg.

»Ich muß Sie auf Eins aufmerksam machen, Bruder Antonio,« sagte er warnend. »Sie befinden sich hier nicht im Bereich spanischer Justiz. Bei den wilden Gesellen, die sich in unserm Hafen zusammenfinden, giebt es zwar täglich blutige Köpfe und oft genug auch blanke Messer, indeß die Hamburger Justiz ist scharf dahinter her und spaßt nicht. Eine Verhaftung in diesem Augenblick könnte uns großen Unannehmlichkeiten aussetzen.«

»Sorgen Sie nicht, Señor Boltmann. Ist der Platz auf der Elbhöhe zu dieser Zeit unbesucht?«

»Das ist er freilich nicht, am Hafen herrscht das Leben die ganze Nacht, indeß werden Sie leicht eine passende Stelle treffen. Doch werden Sie auch den Weg zurückfinden? Sie müssen ungesäumt zurückkehren, sobald Lärm in der Stadt entsteht, wir könnten uns sonst leicht verfehlen.«

»Ich habe mir während des Tages die Lokalitäten eingeprägt und werde zur rechten Zeit zurück sei. Gute Nacht, Señor, und hegen Sie keine Besorgniß um mich!«

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Er grüßte ihn mit dem Zeichen des Kreuzes und verließ das Zimmer. -


Die Uhr auf dem Thurm der Nicolai-Kirche schlug - wie Wenige ahnten, daß es zum letzten Male sein sollte! - drei Viertel auf Eilf, als er über den Schaarmarkt und den Bleichergang nach dem Quai der Norder-Elbe schritt und den schönen Weg zu der Elbhöhe zwischen den bereits grünenden Büschen emporstieg.

Der nächtliche Wanderer blieb auf der Höhe stehen und ließ sein finsteres Auge über das Bild schweifen, das sich ihm bot.

Rechts zu seinen Füßen zog der mächtige deutsche Strom dem Meere zu. Ein Wald von schlanken Masten und Spieren zeichnete sich am Nachthimmel ab. Aus den Kajüten der Schiffe blitzten hin und wieder Lichtstreifen in die treibenden Wellen, der Ruf eines Bootsmannes oder eines an Bord kehrenden Matrosen und das Geräusch, das selbst bei Nacht in einem großen Hafen nie erstirbt, drang herauf zu den Anlagen, in deren noch ziemlich kahlen Gängen einige wenige Liebespaare promenirten, denn die Nacht war rauh und der Südost, der über die breite Fläche des Stromes strich, kalt und scharf.

Aus der langen Reihe der Schänken am Ufer tönte Gesang und Lärmen, zotige Lieder heimkehrender Zecher oder übermüthiger Burschen, die Arm in Arm in breiter Reihe nach dem Innern der Stadt und den berüchtigtsten Orten der Lust zogen, drangen herauf; bis von den fernen Tummelplätzen der nächtlichen Orgien von St. Pauli her klangen die wüsten Töne.

Ein riesiges Häusermeer mit den hohen gewaltigen Thürmen dehnte sich zur Linken unter ihm die alte Hansestadt, deren Schiffe seit Jahrhunderten alle Meere durchstreiften, der Stapelplatz des deutschen Handels, das Bild kräftigen Bürgerstolzes und mächtigen Reichthums.

Seine Augen wanderten mit finsterm, feindlichen Ausdruck über die röthlich nebelhafte Atmosphäre des Gases, die über der weitgedehnten Masse lag, und weilten auf den hervortretenden Kolossen der Kirchen eines andern ihm verhaßten Glaubens. Dieser Norden war es, der die Macht des Südens gebrochen, der zersetzende zweifelnde Protestantismus trieb die Geister gegen

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den gewaltigen Glaubensbau seiner Kirche und raubte ihr Fuß um Fuß, dieser kalte Verstand hatte die Macht an sich gerissen, die einst das wohlerworbene Eigenthum seiner eigenen Heimath, die Frucht des kühnen Wagens eines Columbus, Magelhans, Vasco de Gama's, Diaz, Cortez, Pizarro's und aller der Helden des Südens gewesen!

Vom Deck eines dunklen Schooners herauf klang ein spanisches Lied - er kannte die Melodie; am Abend vorher, als ihn der Gastfreund durch die Straßen dort drüben am Dammthor in der Nähe der Alster geführt, wo die Venus vulgivaga ihren Sitz aufgeschlagen, um ihm alle die Merkwürdigkeiten der alten Reichsstadt zu zeigen - und der Dammthor-Wall und die Schwiegerstraße gehören sicher nicht zu ihren geringsten! - hatte eine dunkeläugige Andalusierin in der Sprache der Heimath ihn angerufen, während rechts und links in allen Mundarten Europa's die Lockungen zum niedern Genuß sich kreuzten. Dort die Tochter, hier der Sohn Spaniens dienstbar dem Treiben der ketzerischen Handelsstadt - er streckte wild die Hand aus und schleuderte in gemurmelten Worten ein Anathema auf das Sodom des Nordens, und wilder funkelte sein Auge bei dem Gedanken, daß die Stunde des Verderbens so nahe!

So nahe - er glaubte sie nahen zu sehen! Sein Blick haftete auf dem dunklen Punkt, wo das englische Kohlenschiff lag, das ihm am Nachmittag sein Gastfreund bei einem Spaziergang gezeigt. Es hatte seine Ladung gelöscht und lag im Strom hinaus, zur Abfahrt bereit. Alles war dunkel am Bord - kein Licht in der Kajüte. Aber beim scharfen Hinschauen glaubte er Bewegung auf dem Schiff zu merken, dann lös'te sich ein dunkler Punkt von ihm ab und kam näher und näher - ein Kahn mit Menschen gefüllt. -

Der Schlag der Thurmuhr von Sanct Michael, Mitternacht verkündend, erweckte ihn aus seinen Träumereien, und hastig stieg er vollends auf das Plateau und ging an der Reihe der Bänke entlang, die dort als Ruheplatz für die Spaziergänger und Rendezvous der Kindermädchen aufgestellt sind.

Ein Mann erhob sich von einer der Bänke und trat ihm entgegen. »Biscaya und Helgoland,« sagte er.

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Der Jesuit schlug den Mantelkragen zurück. »Ich bin zu Ihren Diensten, Durchlaucht.«

»Ich bitte, lassen Sie das,« sagte der Baron von Rheinsberg, denn dieser war es, der ihn hier erwartet. »Ich bin diesen Mittag hier angekommen und habe Ihren Brief im Hotel Strei[t] erhalten. Der Ort und die Zeit zu unsrer Besprechung sind etwas seltsam gewählt, doch sei es darum; jede Zeit und jeder Ort sind mir recht, wenn sie die Zweifel enden können, die mich quälen. Hier bin ich und fordere die Beweise, die Sie mir versprochen!«

»Es ist der Wille Gottes und der Heiligen,« sprach der Jesuit heuchlerisch, »daß wir mit Geduld die Strafe für unsere Sünden tragen.«

»Spannen Sie mich nicht auf die Folter, Herr,« sagte ungeduldig der Baron. »Sie versprachen mir die Beweise, daß Doña Ximena lebt!«

»Sie befand sich, als ich Spanien vor zwei Jahren verließ, in einem Kloster Frankreichs, dessen Aebtissin eine Verwandte meiner Familie ist. Ich habe Briefe hier gefunden, die mir von ihrem Leben sprechen.«

»So hat sie den Schleier genommen?« fragte hastig der Baron.

»Doña Ximena kennt die Gebote Gottes und weiß, daß nur der Tod das heilige Sacrament lösen kann, das sie an ihren Gatten bindet.«

»Aber ich versichere Sie, Señor, Doña Ximena ist nicht mein Weib, es ist keine giltige Trauung vollzogen worden.«

»Sie wurden am Abend des 25. März in Azcoitia in Gegenwart zweier Zeugen getraut.«

»Das ist richtig, indeß ... «

»Kannten Sie den Priester?«

»Leider nein - ein Freund von mir brachte ihn von der Straße - es war ein Dominikaner-Mönch und verstand sich gegen Belohnung zu einer Scheintrauuug. Der Schurke ... «

Der Andere unterbrach ihn. »Haben Sie Doña Ximena davon unterrichtet, daß die Ceremonie nur zum Schein erfolgen sollte und keine Giltigkeit hatte?«

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Der Baron schwieg.

»Die beiden Zeugen leben,« fuhr der Spanier fort. »Der wahre Name und Rang des Herrn von Neuillat sind so gut bekannt, wie der Ihre, der Argelino ist durch Ihre eigene Fürsorge am Leben erhalten worden. Jene müssen, wenn Sie fortfahren, das Recht Ihrer rechtmäßigen Gattin zu läugnen, ihr Zeugniß ablegen. Die Dame selbst hat einen Bruder, der ihre Rechte schützen wird!«

Ein Gedanke flog durch die Seele des Barons. »Wie? wäre es möglich - Sie selbst sind der Bruder Ximene's?« Er sah ihn zweifelnd an.

»Sie irren! Der Bruder Ximene's hat niemals wieder ihr Antlitz gesehen, seit er im Thal von Azcoitia von ihr geschieden ist!«

»Auch das? - Wer sind Sie, Señor, daß Sie so genau von Allem wissen, was mein Leben berührt!«

»Durchlaucht,« sagte der Spanier finster, »ich war ein Knabe, dem das Leben so glänzend und hell offen stand, wie Ihnen. Der Himmel Andalusiens lachte über meiner Wiege und machte das Blut meiner Adern glühen. Was wissen Sie im kalten Norden von den Leidenschaften, welche den Sohn einer heißern Sonne bewegen! Undank und Hohn, die kalte Verachtung der Geliebten und der Haß der Ihren verwandelten das Blut meiner Adern in Gift! Dann kamen Sie, ein Fremdling, nach dem Lande, das Sie nicht gerufen, dessen heiligster Kampf an dem Verrath und Egoismus der Fremden gescheitert ist. Uebermüthig und trotzig in Ihrem Stolz sind Sie mir in meinen Weg getreten, in meiner Rache, wie in meiner Liebe! Die Stunde der Vergeltung ist gekommen - Gott ist gerecht!«

»Wer sind Sie? - Mann - geben Sie Antwort!«

»Ich bin Diego Corpas, der Sohn des Mannes, den Sie am Thurm Zureda um seine gerechte Rache gebracht. Ich bin der Mann, der Ximene liebte, mehr als sein Leben, und von ihr grausam verschmäht wurde. Ich bin - «

»Weiter - weiter - «

»Ich bin der falsche Dominikaner, dem Herr von Neuillat Gold bot, das heilige Sacrament zu frevlem Spott zu entweihen. - Ich bin der, welcher die Trauung vollzog!«

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»Dann bist Du ein blutiger Mörder und Frauenräuber, und sollst Deiner Strafe nicht entgehen. Du hast Dich selbst verrathen und daß die Trauung dennoch eine falsche war!«

Der Spanier schüttelte mit einem kräftigen Ruck die Hand, die ihn gefaßt, von sich. »Thor, der Sie sind! Wo ist der Beweis, daß ich den Schurken von Argelino, dessen Verbrechen ihn hundertfach den Tod verdienen ließen, getödtet? Sie selbst wissen, daß er lebt. Klagen Sie mich an, und in demselben Augenblick werde ich bei den Gerichten den Beweis niederlegen, daß Sie sich des Verbrechens der Bigamie schuldig gemacht!« Er hob die Hand mit einem Papier in die Höhe. »Hier ist der von dem Pfarrer von Azcoitia bestätigte Trauschein! Falsch war Nichts, als die Kutte des Dominikaners und Ihr eigenes Herz, denn ich hatte die Weihe des Priesters und das Sacrament ist in aller Form ertheilt worden.«

Der Baron taumelte zurück, wie von einem Schlage getroffen. Das Dunkel der Nacht verbarg die tödtliche Blässe, die sein Antlitz überzogen. Erst nach einigen Augenblicken ermannte er sich.

»Es mag sein, wie Sie sagen,« sprach er gebrochen, »aber was haben Sie davon, ein Geheimniß zu meinem Unglück zu benutzen, das Ihnen keinen Vortheil gewähren kann? Der Zufall hat Sie mit meiner Lage bekannt gemacht - ich habe keine Schuld gegen Sie, aber ich habe das Recht, Dankbarkeit zu fordern, denn ich rettete Ihr Leben mit Gefahr des meinen! Warum sollten Sie grausam mich verderben und Alles, was ich liebe?«

Der Jesuit lachte schneidend auf. »Sie tragen keine Schuld gegen mich?« sagte er langsam, und all' der Haß und Groll seiner Seele lag in dem dumpfen Klang seiner Worte. »Rechnen Sie es für Nichts, daß Sie an dem Herzen des Weibes geruht, das meine Seele vernichtet? Rechnen Sie es für Nichts, daß Sie die Liebe empfingen und verriethen, deren kleinster Theil mich zum Seligsten der Menschen gemacht und mein Schicksal zu Frieden und Glück gewendet hätte, statt des Hasses und der Bitterkeit, die mich jetzt verzehren? In jenem Augenblick, als Sie schwelgten, wo ich verstoßen war, da that ich einen heiligen Eid, auch Ihr Glück zu zertrümmern und Sie leiden zu lassen, wie

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ich gelitten! Ich habe Ihnen Ximene genommen und Gott hat mich zum zweiten Male in Ihre Nähe geführt, um ein Verbrechen zu strafen und Ximene zu rächen!«

»Undankbarer, herzloser Schurke, ich biete Dir Trotz!« rief der Baron außer sich.

»Versuchen Sie es, mir zu trotzen,« sagte der Spanier höhnisch, »und ich will Ihren stolzen Namen zum Gespött von Europa machen! Ihre Maitresse auf jener Insel und der Bastard, den Sie gezeugt - «

Der Baron stürzte wie ein Rasender auf ihn ein. »Das Papier, Unseliger, oder Du stirbst!«

Er rang mit ihm, aber der Arm des Jesuiten schien von Stahl. Er schleuderte den Edelmann weit von sich und zog den Krys aus der Manteltasche.

»Wagen Sie es, mich anzurühren, Señor,« sagte er finster, »wenn Sie das Gift der Malayen nicht fürchten. Der geringste Riß dieser Waffe bringt den Tod in Ihre Adern.«

Der Baron sank erschöpft auf eine Bank, jeden Widerstand aufgebend. »Sagen Sie Ihre Bedingungen, Señor, ich werde mich in Alles fügen, wenn ich nur die Schmach von Weib und Kind abwenden kann!«

»Ich könnte Sie vernichten,« sagte der Spanier, »aber was ist der Tod, das Verbrechen auf einen Schlag gegen das Umherirren auf der Erde mit dem Bewußtsein, daß man das, was dem Herzen das Theuerste war, aufgegeben für immer! Die Qual habe ich erduldet, die Qual sollen auch Sie erleiden! Geschieden auf immer durch eigenen Zwang von dem, was Ihnen das Liebste im Leben, sollen Sie einsam fortan durch das Leben irren! Sie werden Doña Anna und Ihre Tochter verlassen und sie nicht wiedersehen!«

»Niemals - das wäre schimpflich, das wäre feig!«

»So ziehen Sie es vor, Diejenige, die Sie Ihre Gattin, die Mutter Ihres Kindes nennen, vor der Welt zu entehren? Ich schwöre Ihnen bei Gott und seinen Heiligen, wenn Sie sich dieser Bedingung nicht fügen, morgen die Beweise Ihrer Bigamie bei den Behörden dieser Stadt niederzulegen!«

Der Baron rang verzweifelnd die Hände.

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»Es ist unmöglich - wie sollte ich es thun?!«

»Die Mittel und Wege werden sich finden. Geben Sie Ihr Ehrenwort, daß Sie jene Dame und ihr Kind nie wiedersehen, nie, so lange Sie leben, von sich hören lassen wollen!«

Die Schatten der Nacht bargen den Seelenkampf des Mannes. Er wußte, daß er vergebens gegen diese eherne Gewalt rang und ihr unterliegen mußte, und doch widerstrebte es seinem Innersten, gegen diesen Feind noch ein Mal die Waffe der Bitte zu versuchen. Er fühlte, daß er hier der Gewalt des Schicksals und eines feindlichen Einflusses mehr unterliege, als der eigenen Schuld, und daß er doch jener nicht zu widerstreben vermöge. Er beschloß, sich zu fügen - für den Augenblick, und nach Spanien zurückzukehren, um sich die eigene Gewißheit zu verschaffen. So trat er auf den Jesuiten zu, der ihn mit lauernder Miene, gleichsam jeden Gedanken seiner Brust verfolgend, beobachtet hatte. »Ich schwöre, zu thun, was Sie fordern! Aber wie ist es möglich, mich ihren Nachforschungen zu entziehen?«

»Ich habe Ihr Ehrenwort als Edelmann,« sagte der Jesuit. »Ihr wahrer Stand und Namen sind ein Geheimniß auf jener Insel - die Eitelkeit Ihrer Schwiegermutter hätte es sonst längst verrathen. Sie müssen verunglückt, todt - spurlos verschwunden für sie sein!«

»Aber wie?«

»Gott selbst sendet Ihnen die Mittel. Blicken Sie hinter sich - in den Flammen von Hamburg werden genug der Menschenleben verloren gehen, daß auch der Baron von Rheinsberg oder Graf Görtz unter diesen Trümmern spurlos verschwinden kann!«

Der Baron wandte sich betroffen von der Rede um - ein heller Schein funkelte durch die Nacht über der Stadt in der Nähe des Binnen-Hafens - allmächtiger Gott! - das konnte nicht die Atmosphäre der zahllosen Gasflammen sein - lichte, helle Lohe wälzte sich zum Himmel empor - »Feuer! Feuer!«

Der Edelmann stürzte mit einem Sprung zu der Hecke des Plateau's - ihm war, als könne er mit seiner Stimme die schlummernde Stadt wachrufen: »Feuer! Feuer!«

Aber der Südost trug den eigenen Ruf ihm zurück. Hoch auf loderte die Gluth - in der Deichstraße mußte es sein, am

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Hopfenmarkt, in jenen engen dichtgedrängten Gassen, denn er sah den hohen Thurm der Nicolai-Kirche bis zum Knopfe hinauf von der Gluth erhellt.

Das Gefühl, helfen zu wollen, erstickte ihm fast die Brust. Dann drang der Feuerruf, das Schnarren der Wächter und das Horn des Thürmers herüber und nahm es wie eine Last von seiner Seele. »Feuer! Feuer!«

Von dem Quai - von den Straßen herauf hallte der Ruf bald zum mächtigen, furchtbaren Chor anschwellend. Auf den hundert und hundert Schiffen des Hafens wurde es lebendig und von St. Michael, St. Petri und St. Katharina bis von dem fernen Jacobi-Thurm her heulte das Feuerhorn des Wächters.

Mit jeder Minute der wachsenden Gefahr wuchs und schwoll auch der Lärmen. Die zahllosen Schänken am Strande entlang, entleerten sich und sandten ihre Bevölkerung in die Straßen.

Erst jetzt fiel dem Baron bei dem aufregenden Schauspiel sein Gefährte wieder ein, und die eigenthümlichen, ein größeres Unglück als eine gewöhnliche Feuersbrunst verkündenden Worte zuckten durch seine Gedanken. »Was sagten Sie eben? - wie kann ein einzelnes Feuer - » Er sprach in die leere Nacht - der Spanier war verschwunden - sein Rufen und Suchen vergeblich.

Als er sich davon überzeugt und zur Seite der Stadt zurückblickte im Hinabeilen, sah er an einer zweiten Stelle eine Flamme emporlodern -

Hatte der Wind bereits die zündenden Funken dahin getragen, oder - sollte frevelnde Menschenhand - ?

Er wagte den Gedanken nicht auszudenken und dennoch beflügelte er gleich der Geißel der Furien seinen Fuß! -


Furchtbar, mit entsetzlicher Gewalt wüthete das entfesselte Element. In dem Hause eines Cigarrenmachers auf der Deichstraße war das Feuer auf unerklärliche Weise ausgebrochen, der scharfe Südostwind und die gedrängte enge Bauart der Altstadt machten alle gewöhnlichen Mittel des Widerstandes fruchtlos und die Flammen verbreiteten sich mit rasender Schnelle. Ja, noch ehe es Tag wurde, brach die Lohe an zwei, drei weiter entlegenen

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Stellen der Altstadt aus, ob von dem Wind getragen - ob von Menschenhänden verbreitet - Niemand wnßte es in dem Getümmel zu entscheiden; aber die Besorgniß, die Angst, die sich bald aller Gemüther bemächtigte und selbst die Entschlossensten lähmte, stieg durch dunkle, geheimnißvolle Gerüchte, die sich unter der Menge verbreiteten. Das Volk rief laut: die Engländer hätten Hamburg angezündet, um seinen Handel und seine Concurrenz zu zerstören!

Vox populi - vox Dei! Woher kommt jenes dunkle Gefühl und Bewußtsein, das ohne greisbare Ursache immer in der Masse des Volkes lebt, jene Ahnung seiner Feinde, jenes Vorurtheil und jenes Mißtrauen gegen Individuen und Nationen, gegen Einrichtungen und Gaben, das - wenn die Gelegenheit kommt - oft zum wilden Akt fanatischen Hasses ausbricht!?

Von Stunde zu Stunde gewann das Feuer an Ausdehnung. Im Laufe des Vormittags standen, trotz aller Anstrengungen, bereits der ganze Rödingsmarkt und der Hopfenmarkt in Flammen. Die St. Nicolai-Kirche wurde von dem Feuer ergriffen und der zusammenstürzende Thurm verbreitete die Lohe weithin. Am Abend und in der Nacht des 5ten zum 6ten waren der Hopfenmarkt, das Rathhaus, die alte Börse und Börsenhalle bis zur kleinen Alster hin, also der gewerbthätigste, wichtigste Theil der Altstadt, Feuer und Asche. Vergeblich waren alle Anstrengungen - kaum besiegt an einem Ort, schlugen die Flammen an dem andern von Neuem empor, oft in weiter Entfernung - es war, als ob ein furchtbares Verhängniß über die unglückliche Stadt seinen Schleier gebreitet, und Millionen gingen in Stunden verloren, denn an Rettung war nicht mehr zu denken, und die Assekuranzen verkündeten bereits am Mittag durch Anschlag an den Ecken, daß Jeder in Sicherheit bringen möge, was er könne, denn auf Vergütung sei bei der Unermeßlichkeit des Unglücks nicht zu rechnen.

Nieder sank die Nacht - über der unglücklichen Stadt lag die rothe Wolke der unerschöpflichen Feuersbrunst. Der Senat hatte einen Diktator ernannt mit unbeschränkter Machtvollkommenheit; hannöversche und mecklenburger Artillerie war herangezogen, um mit Kanonenkugeln die Gebäude niederzuwerfen und dem Umsichgreifen

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der Feuersbrunst Schranken zu setzen - eine Estafette nach Berlin und Magdeburg hatte bereits preußische Artillerie und Pioniere requirirt, auf mehr als zwanzig Meilen wurde die gewaltige Feuersbrunst gesehen und der Zustrom von Fremden und Helfenden war unzählig.

Durch die Gassen wogte es in wildem Halloh! Wieder und wieder war das Gerücht durch die wild aufgeregte Menge gegangen von der Brandstiftung der überseeischen Rivalen der alten See- und Hansestadt, und viele Engländer waren bereits in den Straßen mißhandelt - zwei von dem wüthenden Pöbel in die Flammen geworfen worden.

Am Jungfernstieg, zwischen der aufgefahrenen Artillerie wogte und drängte die Menge, bereits war auch die prächtige Umgebung des weltberühmten Bassins von den hoch überschlagenden Flammen gefährdet. Matrosen, Bürger, Fremde, Soldaten, Alles eng und aufgeregt hin und her - in acht Sprachen Europa's die Besorgnisse, die Erbitterung, der Rath, der Frevel durcheinander. Der Raub und das Verbrechen streckte bereits seine Harpyenkrallen durch die brennenden und verschonten Straßen nach der reichen Beute!

Baron Rheinsberg, mit der fremden Sorge und Aufregung die eigene betäubend, stand bei einer Gruppe hannöverscher Offiziere, die mit mehreren Mitgliedern des Senats gleich einem Schlachtplan die weitere Anwendung der Geschütze berathschlagte. Er hatte den ganzen Tag über den spanischen Priester aufgesucht, aber vergeblich. In dieser allgemeinen Verwirrung, bei dieser Masse der Zuströmenden war es unmöglich, den Einzelnen zu ermitteln, am wenigsten, wenn er sich zu verbergen suchte. Bereits am Nachmitag hatte der Baron sein Hotel verlassen, da die Flammen sich immer mehr dem Jungfernstieg näherten und die Artillerie hier operiren sollte. Noch war die preußische Post verschont und er hatte im Laufe des Tages dort wichtige Briefe vorgefunden, welche den bereits gefaßten Entschluß bestärkten. Er fühlte, daß er von jenem Mann Alles zu fürchten habe, und daß es seine erste Pflicht sei, Weib und Kind vor einer Schmach zu schützen, die schmerzlicher wirken mußte, als sein Tod, sein spurloses Verschwinden. Darum hatte er beschlossen, die Gelegenheit

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dieser Nacht zu benutzen, um unter der Hülle ihrer Flammen seinen Namen aus dem Reiche der Lebendigen verschwinden zu lassen.

Er war die ganze Nacht und den Tag auf den Füßen gewesen, ohne sich Ruhe zu gönnen, und beschloß jetzt, in einem der kleinen Wirthshäuser der Vorstadt St. Georg ein Unterkommen zu suchen, um am andern Morgen Hamburg aus einem beliebigen Wege verlassen zu können.

Absichtlich äußerte er zu einigen Bekannten, die er in dem Gewühl am Jungfernstieg gefunden, daß er versuchen wolle, noch einen Gang durch die Straßen zu machen, wo die Feuersbrunst zuerst begonnen, und die Warnungen vor den Gefahren der stürzenden Trümmer und der in den Kellerräumen fortwüthenden Flammen verspottend, warf er sich in den Menschenstrom, der nach den Straßen und Plätzen am großen Kanal fluthete.

Aber das Gedränge und die stets neuen aufregenden Scenen führten ihn weiter und weiter, als er anfangs beabsichtigt, und als er den Eingang einer engen Straße betrat, wurde er plötzlich vom andern Ende her durch ein wildes Geschrei und Lärmen aufmerksam gemacht.

»Mordbrenner! Mordbrenner!« heulte die Menge, die tobend von dem andern Ende der Straße daher kam - »werft die englischen Hunde in's Feuer!« Zwei Männer flogen die Straße daher, verfolgt von dem rasenden Pöbel. Der eine, ein kurzer, dicker Mann, schien genau mit den Lokalitäten bekannt, denn er sprang in einen zur Seite sich öffnenden Durchgang und war damit glücklich der Verfolgung und der Gefahr entgangen; der andere - behender und etwas voran - blieb einen Augenblick stehen, sich nach seinem Gefährten umzusehen, aber schon die kurze Verzögerung war ihm verderblich. Bevor er den Lauf wieder aufnehmen konnte, war ihm ein flinker Bursche voran und verrannte ihm den Weg, während mit wildem Triumphgeschrei der Haufe schon dicht hinter ihm war. Der Mann schien zu wissen, daß er, ob schuldig oder nicht, von diesen Gegnern keine Schonung zu erwarten habe, denn er warf sich jetzt blitzschnell mit dem Rücken an die Häuserwand, wickelte den Mantel, den er trug, um den Arm, und der Feuerschein, der selbst die enge

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Gasse fast mit Tageshelle erleuchtete, spiegelte sich in dem matten Glanz eines langen Messers, das seine Rechte schwang.

»Heran, Schurken, wenn Ihr es wagt, den Einzelnen anzugreifen,« rief der Fremde in englischer Sprache. »Aber seid versichert, daß ich mein Leben theuer verkaufen werde!«

Es war Etwas in der kühnen Wehrstellung des Bedrohten, in der Gefahr des Einzelnen gegen die Menge, was den ritterlichen Sinn des Barons anregte. Außerdem - so fern er stand, und so unsicher und schwankend die Beleuchtung der Feuersbrunst war - schien ihm die Gestalt und Haltung des Fremden bekannt, und er eilte auf alle Gefahr herbei, ihn gegen die Menge zu unterstützen.

Aber ehe er den dichten, tobenden Kreis zu durchbrechen vermochte, war ein junger Matrose vorgesprungen, hatte sich in Boxerpositur dem Fremden gegenüber geworfen, einen verstellten Angriff gemacht, und als dieser Hand und Klinge zum Stoß erhob, ihn mit einem raschen Sprung unterlaufen, seinen Arm gefaßt und das Messer ihm entwunden, das er weit fortschleuderte. Im nächsten Augenblick war der Unglückliche von der Menge gepackt, die sich wie eine Lawine über ihn herwarf, ihn zu Boden riß und fortschleifte.

Der Baron drängte ihm nach bis zum Ende der Gasse, die sich rechts auf den Feuerheerd des Hopfenmarkts und seiner Umgebung öffnete.

Die rauchenden, glühenden Massen der bereits am Mittag eingestürzten Nicolai-Kirche erhoben sich hier aus dem Meer von dampfenden Trümmern - ein ungeheurer Schmelzofen, aus dem noch immer haushoch die Flammen emporschossen.

»In's Feuer mit ihm! In's Feuer mit dem englischen Hund!« Hoch auf den Fäusten der Wüthenden schwebte der Körper des Unglücklichen - der Feuerschein fiel deutlich auf das blasse, blutige Gesicht -

»Heilige Mutter Gottes, rette mich aus den Händen der Ketzer - «

»Ein Papist! ein Papist! in das Kirchwnfeuer mit dem irischen Hund!«

Aber der Baron hatte den Irrthum der Menge bereits

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erkannt, und der in der Todesangst in der Sprache der Kindheit ausgestoßene Ruf: »Auxilio! Auxilio!« überzeugte ihn mit der Schnelle des Gedankens.

Einen Augenblick - aber auch nur einen solchen lang - überkam ihn die Idee, daß er nur geschehen zu lassen brauche, was das Schicksal selbst über seinen Gegner verhängt, daß eine kurze Zögerung ihn von der drohenden Gefahr für immer befreien, jeden Verrath verhindern werde, daß jenes Leben, das sich so undankbar gegen ihn gekehrt, eigentlich sein Eigenthum sei, mit der Gefahr des eigenen gerettet aus Sturm und Wogen - aber schon der nächste Moment ließ ihn in ritterlichem Gefühl die Lockung verwerfen, und er stürzte sich mit übermenschlicher Kraft in das Gewühl, stieß die Nächsten zur Seite und erreichte das unglückliche Opfer in dem Augenblick, als es hinein geschleudert werden sollte in den glühenden Krater eines brennenden Gewölbes.

»Wahnsinnige - was wollt Ihr thun? - Dieser Mann ist kein Engländer - ich kenne ihn, er ist erst seit wenigen Tagen in Hamburg!«

Er hielt den Spanier fest, der kraftlos an ihm niedersank, und deckte ihn mit seinem Leibe gegen die drohend erhobenen Fäuste.

»Wer ist der Bursche? Was mengt er sich hinein? Ein Spießgeselle von ihm - nieder mit allen Beiden!«

Matrosenmesser blitzten in den Fäusten - Knüppel und Steine erhoben sich - der Baron sah sich selbst verloren und wollte dennoch von dem Gefährdeten nicht weichen, als plötzlich einer der Hauptschreier und Gewaltthätigen vor ihn sprang und den Hut durch die Luft schwang.

»Stop, Kameraden! Das ist die brave Landratte, von der ich Euch erzählt, und der Düwel soll mich kielholen, wenn ich nicht glaube, wir trecken ein falsch' Tau!«

Der Baron reichte ihm die Hand. »Tom, mein wackerer Bursche, hilf mir diesen Unglücklichen fortbringen - es ist der Spanier, den wir von dem Wrack gerettet!«

»Blixen! es ist wahr, Sir - die Kleidung und die Nacht machten mich irre! Warum lief der Narr mit dem Andern wie

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besessen davon, als wir ihn anriefen in dem Gang des brennenden Hauses! - Zurück, Kameraden - der Bursch ist kein Engländer, ich kenn' ihn jetzt und bürge für ihn!«

Aber die aufgeregte Menge, aus Matrosen, Hafenarbeitern, Gesellen und dem niedrigsten Pöbel beiderlei Geschlechts bestehend, war nicht so leicht geneigt, sich ihr Opfer entreißen zu lassen, »'s ist ein Mordbrenner! in's Feuer mit ihm und wer ihm hilft!«

Ein Norweger, ein Kerl von hagerer, riesig großer Gestalt, langte über die Köpfe der Menge weg. »'s ist ein verfluchter Papist - ein katholischer Hund! er selbst hat's gestanden. Mach' Dich auf die Beine, Helgoländer, oder - Schock Millionen Teufel - ich will Dich Deine eigenen Beißer verschlucken lassen!«

»Wenn Du's denn nicht anders willst - komm heran, Lümmel!« Der Jungmatrose warf den rechten Fuß und die Fäuste vor und sich in kunstgerechte Boxerstellung.

»Hurrah! 'nen ehrlichen Faustkampf! Platz für 'ne richtige Kullation!« Die Menge heulte vor Vergnügen und schob den Scandinavier in den Kreis.

Da rasselten die Trommeln - naher Kommandoruf erklang: »Auseinander, Männer! Im Namen des Gesetzes! - Fällt's Gewehr - vorwärts - Marsch!« Gellendes Pfeifen und Hohngeschrei empfing die anrückende Patrouille der Bürgerwache, die Master Boltmann eilig mit dem Bericht eines Mordes herbeigerufen. Der Haufe stieb auseinander, denn bereits waren mehrere ähnliche wüste Fälle vorgekommen und das Militair hatte Ordre erhalten, mit aller Strenge von den Waffen Gebrauch zu machen. Der lange Norweger, ehe er dem Gesindel folgte, wandte sich tückisch noch um, zog das Matrosenmesser aus der Lederscheide an seiner Seite und wog es, den Mittelfinger am Knopf auf der Fläche der rechten Hand, um mit dem bekannten Kunstgriff es nach dem Spanier zu schleudern; aber ein sicherer Boxerschlag des Jungmatrosen traf ihn, ehe er die mörderische Absicht ausführen konnte, auf das linke Auge, daß er, so lang wie er war, das Pflaster maß.

»Gau, Sir!« mahnte Tom. »Laßt uns den Mann in Sicherheit bringen, ehe die Bursche zurückkommen, oder gar die Grünsinken uns in's Loch stecken und in's Verhör nehmen!«

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[Absatz eingefügt.] Er hatte den Spanier bereits emporgerichtet, der Baron half - durch die Menge drängte sich der im hellen Flammenschein Allen wohlbekannte Schiffsmakler herbei. »Barmherziger Gott! Señor, wie seh'n Sie aus? Hierher! hierher, Leute, in diese Gasse und über die Brücke, dort wird er in Sicherheit sein!«

Mehrere Personen griffen zu; aber ehe sie noch den Kanal zwischen der Bäcker- und Reichenstraße überschritten, fühlte sich der Jesuit wieder kräftig genug, um selbst zu gehen, und nahm den Arm des Master Boltmann, während die Helfer sich nach und nach verloren. Der Baron blieb an seiner Seite, Tom, der Jungmatrose, folgte.

Am Platz des Johanneums blieb der Pater Antonio stehen. Er hatte das Blut von seinem bleichen Gesicht gewischt und schaute jetzt wieder mit dem frühern finstern und entschlossenen Blick um sich.

»Bis hierher, Don Felicio, und nicht weiter,« sagte er mit bestimmtem Ton in spanischer Sprache. »Unsere Wege gehen auseinander - Sie wissen es. Haben Sie Ihren Entschluß gefaßt?«

»Er ist es - ich füge mich Ihrer Forderung - wenn nicht - « der Cavalier stockte.

»Wenn nicht der Umstand, daß Sie mir zum zweiten Mal das Leben gerettet, mein Schweigen erkaufen und mich zum Mitschuldigen Ihres Vergehens machen sollte,« vollendete mit Hohn der Jesuit den Satz. »Sie irren, Señor Principe. Wenn Sie diesen elenden Körper aus den Flammen gerettet, wie Sie es aus den Wogen gethan, so waren Sie blos das Werkzeug der Heiligen, und denen allein bin ich Dank schuldig durch Gebet, nicht durch Theilnahme an einem Frevel, für den die heilige Kirche Sühnung fordert. Sie geloben mit Ihrem fürstlichen Ehrenwort, todt zu sein für Jene, bis der Tod Sie befreit?«

Der Baron beugte finster sein Haupt. »Mann ohne Herz und von Stein! ich gelobe es - um meines Weibes, um meines Kindes willen!«

Er sah nicht den höhnischen, spöttischen Blick, den der Triumph des Hasses auf ihn warf. Dann trat der Jesuit dicht zu ihm heran. »Ihr Kind, Fürst? Suchen Sie am Ufer des Manzanares, unter dem Himmel Spaniens, nicht auf der Insel des

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eisigen Nordmeeres den rechtmäßigen Erben Ihres Namens, das Kind Ihrer Gattin!«

Der Baron faßte seinen Arm. »Was sagen Sie da, Mensch, Priester - mein Kind?«

»Das Kind Ximene's, ihr rechtmäßiger Sohn, die Frucht der verbrecherischen Nacht in Azcoitia, für die ich Sie hasse bis über das Grab hinaus!« '

»Mein Sohn - mein Sohn! wo ist er? - wo find' ich ihn?«

Der Jesuit lachte grell auf. »Niemals! Der Herr hat gesagt, daß die Sünden der Väter gerächt werden bis in's dritte und vierte Glied - möge der Gedanke, daß Ihr Sohn dem Jünger von San Loyola Bürge seiner Rache ist, Ihr stolzes Haupt darnieder halten! Fluch dem Blute, das ihn geboren, und Wehe ihm und Ihnen, wenn Sie es wagen, dem Gebot der Kirche ungehorsam zu werden!«

»Undankbarer!«

»Dank? - wissen Sie denn nicht, daß dem Hassenden eine Wohlthat auflegen den Haß verdoppeln heißt? Der Mönch hat dem Cavalier seine Schuld bezahlt - das erste Mal mit der Sühne einer Todsünde, das zweite Mal mit dem Dasein des Sohnes! Suchen Sie ihn auf der weiten Erde - aber mein Auge wird über Ihnen sein, und nochmals: Wehe Ihnen und ihm, wenn Sie es wagen, Ihren Schwur zu brechen!«

Er riß den Makler mit sich zurück in den Schatten der Häuser. Ehe der Cavalier sich von dem Eindruck und der Bestürzung, welche der Ausbruch dieses tödtlichen Hasses machen mußte, zu energischem Entschluß aufgerafft, waren Beide verschwunden. -

Sein Blut, sein Leben hätte er sicher willig gegeben, wenn er das kurze, spottende Lachen gehört, mit dem der Jesuit athemlos nach der raschen Flucht in den dunklen Schatten der Jacobi-Kirche stehen blieb.

»Der Thor!« murmelte er; »wie wenig kannte er die Liebe Ximenens, daß er wähnen kann, sie würde ein gebrochenes Herz überleben! - ich bin fertig mit ihm - möge er das Gift in der Seele tragen, sein Glück ist gestört, was kümmert mich sein

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Dasein! An seinem Fleisch und Blut wird mein Haß fortleben! - Jetzt, Señor Boltmann,« wandte er sich in deutscher Sprache und verändertem Ton an den Makler - »ist das kleine Privatgeschäft, das mir der Zufall in den Weg geworfen, beendet, und ich gehöre wieder Ihnen und unsrer Mission. Lassen Sie uns meine Abreise so schnell wie möglich vorbereiten!« -

Die Hand des ehrlichen, biederherzigen Jungmatrosen berührte den Aristokraten. »Nichts für ungut, Sir, ich versteh' kein Spagnolsch, aber ich glaube, der Kerl ist doch ein Schurke! Soll ich ihm nach und ihn zurückhol'n, daß wir ihn noch in's Feuer schmeißen?«

Der Baron erwachte aus seiner Betäubung. »Wann segelst Du, Tom?«

»Uebermorgen, Sir - das Schiff liegt in Cuxhaven und ich bin mit dem Cap'tain nur 'rübergekommen, zu hören, wit's stand!«

»Leb' wohl, Mann! Kehr' glücklich zurück und freie Dein Mädchen! Nur das Meer kann die Deinen von Deinem Herzen reißen, nicht die Menschen! Leb' wohl, Freund, und denk' an mich!« Die schwere Börse lag in der Hand des jungen Mannes, als der Cavalier sie krampfhaft preßte; dann schritt er eilig hinweg, zurück nach der Brandstätte. -


Der Hamburger Correspondent vom 30. Mai enthält unter seinen Inseraten folgende >Bitte<:


    »Alle, die über die Person des Baron von Rheinsberg, wohnend seither in Helgoland und während des großen Brandes in Hamburg anwesend, eine Auskunft zu geben vermögen, werden dringend ersucht, seiner betrübten Gattin und Schwiegermutter, Helgoland, Hotel Schwarz, davon Mittheilung zu machen. Der Baron wurde zuletzt am Abend des 5ten in der Nähe der Brandstätte auf dem Jungfernstieg von Freunden gesehen und gesprochen, und ist wahrscheinlich in derselben Nacht noch verunglückt, da seitdem jede Nachricht von ihm fehlt.«

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Die Revolutionen.

(Fortsetzung.)

Der Fürst Lichnowski war nach der Entfernung der beiden Mörder noch einige Zeit in seinem Blute liegen geblieben, einzelne Personen, von Neugier oder Mitleid getrieben, traten heran, aber Niemand wagte, den Unglücklichen anzurühren, bis Doctor Hodges wieder herbeikam.

Dieser, der Gemeindemann Löw und der Instrumentenmacher Helffen hoben ihn auf und trugen ihn fort.

Der Fürst antwortete auf die Frage, wohin sie ihn bringen sollten:

»Tragen Sie mich, wohin Sie wollen! Nur tragen Sie mich von diesen Kannibalen weg! sie haben mir auch meine Uhr gestohlen!«

Man brachte ihn, wobei er heldenmüthig die durch jede Bewegung vermehrten Schmerzen seiner Wunden ertrug, nach dem Schmidt'schen Hause zurück, demselben, in dem die Mörder ihn gefunden. Die Bewohner, die Frauen waren in fortwährender Todesangst um ihn thätig, nur wenige der Männer hatten Ruhe und Geistesgegenwart, zu ordnen und zu thun, was nöthig erschien.

Doctor Hodges verband flüchtig, so gut es ging, die gefährlichsten Wunden. Der Fürst war so schrecklich verletzt und verstümmelt, daß man jeden Augenblick seinen Tod erwartete. Der Lehrer Schnepf trat zu ihm und fragte ihn, ob er nicht seinen letzten Willen kundgeben und als Christ seinen Feinden verzeihen wolle.

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Diese Frage erschütterte den mit aller seiner zähen Lebenskraft noch gegen den Tod ringenden Mann. Er heftete die dunklen großen Augen wie zweifelnd und fragend auf den Lehrer, dann sagte er leise -

»Ich will! - schreiben Sie - aber eilen Sie sich. Ich vermache alle meine Habe meinem Bruder Carl - nein - der Herzogin von Sagan!«

Der Sterbende gedachte der treuen Freundin, die wahrscheinlich seine einzige Vertraute war, in deren Herzen er seine Fehler und Leiden, sein Irren und Lieben niedergelegt. Hierauf begann er, während Alle, außer dem Lehrer, zurücktraten, diesem kurz einige Bestimmungen zu diktiren.

In diesem Augenblick war es, wo der Major leise die Thür öffnete und eintrat.

»Sie müssen, was ich Ihnen diktirt habe, sicher in die Hände der Herzogin von Sagan gelangen lassen. Schwören Sie es mir!«

Der Lehrer zauderte - er konnte nicht wissen, was ihm selbst in der nächsten Stunde bevorstand, ob er im Stande sein würde, das Versprechen zu erfüllen.

»Ich übernehme es, Durchlaucht - ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf!«

Der Verwundete wendete mühsam den blutenden Kopf nach der fremden Stimme.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Soldat und ein preußischer Edelmann, der Major von Röbel aus dem Havelland.«

»Ich kenne Ihren Namen - ich kannte Ihren braven Sohn, Herr Major! Dank, Dank! beugen Sie sich zu mir - ich habe Ihnen Etwas zu sagen.«

Der Major beugte sich zu ihm. »Alles, was ein Mann vermag, Durchlaucht, steht zu Ihrem Befehl. Fluch über die feigen Meuchelmörder!«

»Ich vergebe ihnen,« flüsterte der Fürst. »Hören Sie mich - das Sprechen macht mir Schmerz! - Ich fürchte mich nicht zu sterben - aber - der Brief, der Brief! Fühlen Sie in meine Brusttasche, ob ein Brief darin ist!«

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Herr von Röbel nahm den Rock, den man ihm bereits ausgezogen, und untersuchte die Taschen - es war Nichts darin, als ein Zeitungsblatt und eine der Carricaturen, die an allen Bilderläden auf den Fürsten ausgestellt waren und die derselbe regelmäßig selbst kaufte. Die Männer, die ihn hierher gebracht, versicherten, daß kein Papier verloren gegangen sein könne.

Der Leidende verfolgte mit ängstlichem Blick die Untersuchung - seine Augen riefen den alten Offizier wieder zu sich. »Man hat ihn mir gestohlen,« flüsterte er, »als ich auf der Haide lag und bewußtlos war - ein Mann - ein Vagabond, aber er gab sich für einen Berliner aus und kannte mich. Der Brief enthält ein für unser Vaterland wichtiges Staatsgeheimniß: - er darf nicht in die Hände Böswilliger fallen - «

»Beruhigen Sie sich, Durchlaucht - ich werde Alles aufbieten, das Papier wieder zu erlangen - wenn der Mensch wirklich aus Berlin war - vielleicht kenn' ich einen Weg! Doch zuerst müssen Sie in Sicherheit gebracht werden, an einen Ort, wo Ihnen bessere Hilfe werden kann. - Mein Wagen ist in der, Nähe - diese Männer werden mich unterstützen, Sie bis dahin zu bringen.«

Das Mitleid und die eigene Besorgniß machte Alle bereit, Doctor Hodges erbot sich, den Verwundeten zu begleiten, und es war schnell eine jener Bahren herbeigeschafft, deren man sich auf den ländlichen Wirthschaften bedient, und auf dieser, so gut es ging, ein Lager bereitet, auf das der Fürst gehoben wurde.

So machte sich der Zug auf den Weg, um die Chaussee und den Wagen zu erreichen, der alte Major an der Seite des Fürsten, von dem er sich so viel als möglich den angeblichen Berliner beschreiben ließ. Als man jedoch den Wagen erreichte war es unmöglich, den Verwundeten in ihm weiter zu schaffen, denn jede Bewegung verursachte ihm die unerträglichsten Schmerzen. Man mußte sich entschließen, ihn auf der Bahre weiter zu tragen, und beschloß, ihn nach der Bethmann'schen Villa zu bringen. Ein Mann wurde vorausgeschickt, dies im Hause zu melden - wenige Minuten darauf begegnete dem Zuge schon ein Reiter, es war der Banquier Herr von Bethmann, der von dem Unglück gehört, und herbeikam, den Fürsten zu begleiten. Doch

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wagte er nicht, ihn in seine Villa bringen zu lassen - man trug ihn nach der Orangerie des durch Danneckers Ariadne weltberühmten Parks.

Der Wagen des Majors war dem Zug gefolgt, die beiden Frauen waren ausgestiegen und folgten dicht hinter der Bahre der traurigen Last.

Lange Zeit kämpfte der alte Major einen harten Kampf mit sich selbst - indeß das magische Wort: Interesse des Königs - Staatsgeheimniß - , welches der Verwundete ausgesprochen, besiegte in dem alten Royalisten jeden Scrupel. Am Eingang des Gartens hielt er seine Tochter zurück.

»Glaube nicht,« sagte er streng, »daß, was ich jetzt thue, irgend eine Billigung Deiner verwerflichen und ehrlosen Neigung ist. Indeß eine höhere und heilige Rücksicht zwingt mich, eine kurze Ausnahme zu machen von meinen Grundsätzen. Hast Du ein Mittel, diesen Mann - Du weißt, wen ich meine - herbeizurufen? ich muß ihn sprechen! Vielleicht kann er Etwas thun, was den Verrath an seinem König und seinem Lande mildern kann!«

Das Herz pochte stürmisch in der Brust des jungen Mädchens, mit Gewalt suchte sie sich die nöthige Ruhe zu bewahren. Das Auge der Liebe ist scharf - schärfer, als das eines Vaters. Wohl hatte sie während des ganzen Weges bemerkt, daß ein dunkler Schatten sie begleitet, bald vorn, bald zurück, wie eifrig besorgt für ihre Sicherheit. Jene geheimnißvolle Sympathie des Herzens hatte ihr längst die Gewißheit gegeben, daß nur er es sein konnte.

,,Ich glaube, Rudolph ist in der Nähe,« sagte sie schüchtern - »wenn ich hier zurückbleibe, wird er es vielleicht wagen, heranzukommen.«

»So thue, was Du für gut hältst. Ich hoffe, meine Tochter wird dabei nicht vergessen, was sie dem Namen Röbel und dem Willen ihres Vaters schuldig ist. Sobald der Mann hier ist, benachrichtige mich davon.«

Er verließ sie - das junge Mädchen blieb zitternd, hoffend, sehnend an dem Eingang des Parkes stehen, in die Nacht und die Gruppen hinaus lauschend, die sich auf das Gerücht von dem Geschehenen auf der Straße zu sammeln begannen.

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Aber unbegreiflicher Weise zögerte jene, noch kurz vorher gesehene schattenhafte Gestalt, jetzt zu erscheinen und ihr zu nahen - zum ersten Male nach jenen Märztagen, die ihre junge Liebe so traurig gebrochen.


Der Student war es in der That gewesen, der den Trauerzug, über die Freunde wachend, begleitet hatte - die Liebe täuscht sich selten oder nie. Er sah von fern den Major mit seiner Tochter am Eingang stehen bleiben und hielt sich deswegen absichtlich zurück. Zugleich rief leise eine Stimme neben ihm: »Herr Rudolph!«

»Wer ist da?«

»Na, zum Henker, wer anders als ick! Zwee Mal schon versuchte ick an Ihnen zu kommen, nachdem ick Ihnen und den verrückten Ollen, der Ihnen zum Dank bald det Lebenslicht ausgeblasen, von de Canaillen befreit hatte; aber Sie waren ja blind und taub und hatten vor Nischt Sinn, als sich von den ollen Schwerenöther kapiteln zu lassen. Donnerwetter - ick hätt't ihm intränken wollen!«

»Sie sind's, Franz - was wollen Sie? Lassen Sie mich, ich habe jetzt keine Zeit, und will Ihnen später danken für Ihr muthiges Dazwischentreten!«

»Ah bah - een Berliner hilft dem andern - Sie würden Mr ooch nich in'n Stich gelassen haben. Aber wenn Sie keene Zeit haben wegen Des da drinnen, dadrum komm' ick eben!«

»Wie - will man den Unglücklichen nicht einmal ruhig sterben lassen? Kommen die Mörder wieder?«

»Nu, die richtigen, gloob' ick, denken eher daran, sich aus dem Staube zu machen, denn in de Stadt kriegen wir Haue. Et sind verfluchte Jungens, unsere Achtunddreißiger, hauen jut d'rauf, nu sie Kanonen jekriegt haben. Der Spaß wird bald zu Ende sind und wir können an uns selber denken. Ick hab' eene Erbschaft gemacht!«

»Von wem?«

»Nun, von wem anders, als dem da drinnen!«

»Von dem Fürsten? - Mensch, Du warst doch nicht unter den Mördern?«

»Gott bewahre - er is ja en Preuße, wenn er ooch een Camarillis war. Aber angeseh'n hab' ich mir den Spektakel von

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Anfang bis zu Ende. Niederträchtige Halunken sind et doch - namentlich der Inde! ick wünschte, ick könnt' ihm ein Mal den dicken Wanst auskloppen!«

»Was reden Sie da von einer Erbschaft? - der Fürst ist bestohlen worden - doch nicht von Ihnen?«

»Nu,« sagte der Kerl gleichmüthig, »er wird keene Uhr mehr brauchen und 's Geld ooch nich. En Paar lumpige Füchse waren in de Börse - et is nich de Rede werth, davon Lärm zu machen. Ich mußte doch ooch wat haben davor, det ick den Brief uf de Seite brachte, der ihm so sehr an't Herze lag!«

»Welchen Brief?«

»Hören Se, Herr Meißner,« sagte der Bummler, indem er ihn weiter bei Seite führte, »det is et eben, weswegen ick mit Ihnen sprechen wollte. Ick weeß aus Erfahrung, deß so een Papier oft hundert Mal mehr werth is, wie Geld und Gold. Er hatte et schmählich ängstlich mit dem Brief, als er da draußen uf de Haide lag wie en Hund!«

»Wo ist der Brief? - geben Sie ihn mir!«

»Nee, Herr Meißner! et wird nich so heeß gegessen, wie et gekocht wird! Der Lichnowski war een Volksverräther und een Camarillis, des Papier kann vielleicht Dinge enthalten, die vor die demokrat'sche Rebeljon von Wichtigkeit sind, und Sie und ick jehören dazu. Aber det Papier is französch jeschrieben und ick schmeichle mir nich, een Jebildeter zu sind.«

»Was wollen Sie also von mir?«

»Sie sind een Volksmann, Herr Meißner, un sind immer gut jegen mir gewesen und haben mir mitgenommen hierher, weil mir't in Berlin nich mehr jefiel. Sie sollen mir den Brief lesen, et schadet niemals nich, een Geheimniß zu wissen, un vielleicht kannt't uns Beeden Vortheil bringen. Aber Sie müssen mir Ihr Studentenwort geben, daß Sie mir richtig uf Deutsch vorlesen wollen, wat in dem Brief steht, und deß Sie mir ihn zurückjeben!«

»Mein Ehrenwort darauf!«

Der Mann zog den zerknitterten blutbefleckten Brief aus der Tasche, den der Fürst vor dem unglücklichen Ritt aus Berlin erhalten und nach dem Lesen sorgfältig eingesteckt hatte. »Kommen

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Sie hierher, Herr Meißner,« fuhr der Berliner fort, indem er ihn tiefer in ein Gebüsch der Anlagen zog, »hier seht uns Keener nich un Sie können den Brief mir vorlesen.«

»Aber ich kann nicht sehen - es ist ja völlig finster!«

»Na, davor weeß ick Rath. Ick ließ mir vorhin in einem Laden ein Stück Wachslicht geben - man bekommt jetzt Allens, wai man will, und det gratis, wenn man nur eenen ordentlichen Bart hat. So - da is Feuer und nu lesen Sie los - aber machen Sie mir keinen Wind vor.«

Der Student entfaltete bei dem Kerzenlicht den Brief und überflog ihn. Er war von einer feinen, flüchtigen Frauenhand geschrieben, wie der Bummler gesagt, in französischer Sprache, und dem ganzen Ton nach von einer Person aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Die Unterschrift fehlte oder war vielmehr durch einen so zusammengezogenen Namen gebildet, daß der junge Mann, dem jene Kreise zu fremd waren, unmöglich daraus die Schreiberin erkennen konnte. Sie mußte mit dem Fürsten in dem Verhältniß einer vertrauten, fast mütterlichen Freundin stehen, wie der Ton des Briefes zeigte.

Der junge Mann überlas denselben erst für sich, da er fürchtete, daß, wenn er sich weigerte, diese Indiscretion zu begehen, durch den Eigensinn des Arbeiters leicht größeres Unheil entstehen könnte. Aber je weiter er kam, ein desto tieferes, die wichtigsten Fragen berührendes Interesse fesselte ihn. Ein schwerer Ernst lagerte sich auf seine Stirn, lagerte sich in seine Augen, und der Vagabond, dem es keineswegs an Beobachtungsgabe und Schlauheit fehlte, verfolgte diese Empfindungen auf seinem Gesicht mit steigendem Interesse.

»Schwerenoth,« sagte er endlich, »det muß ja verflucht wichtig sind! Lassen Sie hören, Herr Meißner, lassen Sie hören!«

Der Student ließ den Brief sinken - er kämpfte einige Augenblicke mit sich selbst, ob er es nicht darauf ankommen lassen und den Brief mit Gewalt zurückhalten sollte. Im Grunde aber wußte er selbst nicht, was damit anfangen, und es widerstand ihm, selbst einem solchen Menschen sein Wort zu brechen.

»Hören Sie, Franz,« sagte er - »der Brief enthält ein

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Geheimniß, das für unser Vaterland von der höchsten Wichtigkeit ist und dessen zu frühes Bekanntwerden die schwersten Folgen haben kann. Wir sind mit unserm besten Willen und der Opferung unseres Blutes für die Sache der Demokratie doch zu unbedeutende Menschen, um in die Geschicke der Könige und Völker mit unsrer Hand eingreifen zu dürfen. Lassen Sie uns den Brief verbrennen, wenn wir ihn dem unglücklichen Eigenthümer nicht wieder zustellen können.«

»Jo nich - der Brief is meine un ick muß Allens wissen, wat da drin steht. Wenn Sie nicht lesen wollen, werd' ick schon Genen von's Comite oder von de Linke finden, der't jern jenug duht.«

»Wohlan - auf Sie komme die Verantwortung - hören Sie!«

Der junge Mann begann flüchtig und mit gedämpfter Stimme den Brief vorzulesen. Derselbe enthielt als Einleitung Mittheilungen vom preußischen Königshofe, wie von einer Person, die täglich an demselben verkehrte, Anekdoten aus den politischen Vorgängen in Berlin und Potsdam, scharfe, bittere Kritik der Persönlichkeiten des abtretenden Ministeriums Auerswald und der Nationalversammlung, Notizen über die Fortschritte der Bülowschen Kreuzzeitungs-Partei und Fragen über die Verhältnisse in Frankfurt.

Dann schien der Lesende zu dem wichtigsten Theil des Inhalts zu kommen, denn er athmete schwer auf, sah sich um, ob auch kein Lauscher in der Nähe, und senkte seine Stimme noch mehr, als er fortfuhr.

Es war ein Rembrandt'sches Bild, diese beiden Männer in dem Schein des Lichtstumpfs auf der Gartenbank sitzend, dicht gebeugt über den blutbefleckten Brief, denn der Dieb hielt sein Gesicht mit dem gespannten Ausdruck der Erwartung und des Mißtrauens so tief heran, daß ihre Haare sich berührten.

Es war ein Unglück, las zögernd der Student, daß der König nicht dazu zu bringen war, dem englisch-österreichischen Projekt der Bildung eines selbstständigen Königreichs Polen zuzustimmen. Diese Herren Revolutionäre in allen Ecken hätten der Idee zugejubelt und übersehen, daß sie all' ihre weiteren

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Intriguen vernichtete. Die polnischen Führer waren ja mit der Wahl des Prinzen Albrecht zum König von Polen einverstanden und Rußland hätte sich fügen müssen. Und Sie wissen selbst, cher Cousin, welche Sympathien der König für die Polen fühlt - aber dies faible für Rußland war doch noch größer und hat uns eines Bundesgenossen beraubt, der, aus der Revolution geboren, die festeste Stütze gegen sie für Preußen und Oesterreich geworden wäre.

Der Arbeiter wiegte nachdenkend den Kopf: »Hm - seht doch ein Mal! Unser Albrecht, polscher König! Na, er wär' man janz jut gewesen, er läßt arme Leute ooch wat verdienen! Na weiter, weiter, Herr Meißner - ick seh't an Ihr Jesichte, deß noch mehr drin steht!«

Doch das ist beseitigt, fuhr der Student fort, und wir behalten den Pfeil im Fleisch. Leider droht auch Wichtigeres zu scheitern. Wissen Sie, Fürst, ich traue diesem sogenannten reactionairen Ministerium nicht, das in der Bildung begriffen - es sind zu viel Elemente darin, die in Preußen keinen Namen haben, und Pfuel ist ein stilles Wasser, oder wenn Sie wünschen, ein Tümpel, in dessen Grund Frösche hausen. Die Ernennung von Wrangel zum Obergeneral in den Marken soll ihn im Geheimen stark verdrießen, ich fürchte, man täuscht sich in ihm, und ein Minister von Zuverlässigkeit und Energie wäre doch gerade jetzt so wünschenswerth!

Man spricht hier, daß Ihr Freund, der Fürst - Grüße an ihn - mit dem kommenden Jahr in die schwäbischen und schlesischen Familiengüter eintreten wird! Ist die Fürstin bei ihm in Frankfurt? - Haben Sie schon von der Verlobung unsrer kleinen mährischen Gräfin gehört, die im vorigen Carneval auf dem Ball bei Prinz Carl Ihre Aufmerksamkeit erregte? In der That, ich dachte einige Augenblicke für Sie an die Mesalliance wegen der großen Güter.

Doch wahrhaftig - ich vergesse immer wieder das Wichtigste und warte am Ende gar damit nach Frauenzimmerart bis zum Postscript. Doch diesmal täuschen Sie sich, lieber Felix - ich sehe Sie wirklich schon als Conseil-Präsident an der Spitze des Königreichs Norddeutschland und suche eifrig für Sie nach

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einer Conseil-Präsidentin. Wenn die Mediatisirungen erfolgen, haben Sie unter Dreien die Wahl - ich werde schon dafür sorgen, daß mein abenteuerlicher Pflegesohn keinen Korb bekommt.

Lachen Sie nicht, Wildfang - es ist so! Metternich selbst, der damals bei dem Congreß mit Talleyrands und Castlereaghs Intriguen - lieber Himmel! was schwinden die Jahre! - Steins Ideen durchkreuzte und Preußen um seinen wohlerworbenen Lohn brachte (ach, Kind, wie leichtsinnig tanzten wir damals Politik von einem Fest zum andern, und der Fürst von Ligne hatte wohl Recht mit seinem geistreichen Spott!) - also Metternich selbst hat den Plan von London aus wieder aufgenommen und es ist bereits in allem Ernst von der Erzherzogin der königlichen Familie der Vorschlag gemacht worden. In Schönbrunn ist man entschlossen - der Vorschlag Metternichs lautete auf Abdankung des Kaisers und den Antrag an Preußen, Deutschland zu theilen. Es wird dann ein Königreich Norddeutschland geben und der Süden an Oesterreich fallen. Ich bin keine große Malerin, cher Prince, aber ich habe, so gut es gehen will, versucht, Ihnen hier daneben die Linie zu zeichnen, die man festhalten will: also im Westen die Mosel - ein Stück vom Rhein - der Main bis Frankfurt und dort die Diagonale bis zum Thüringerwald und dem Erzgebirge - Sie sehen, daß im Osten auch Sie wieder gut kaiserlich werden, denn die Linie schneidet dort unterhalb der böhmischen Grenze nach Breslau ab. Gegen Rußland will man die Grenzen festhalten, aber Holstein zu bewilligen, obschon das Alles doch der kleinen Prinzessin zu Gute kommt, wird England viele Umstände machen; man wird es entschädigen müssen, Wittgenstein meint, mit Cypern oder Suez, da Frankreich augenblicklich zu Haus genug zu thun hat.

Aber Sie kennen die Erzherzogin - sie hat ihre Zustimmung nur unter der Bedingung gegeben, daß die Uebertragung der Kaiserwürde direkt auf ihren Sohn geschieht, sobald Wien wieder in den Händen der Truppen ist. A propos - ich vergaß Ihnen zu sagen, daß Preußen an der galizischen Grenze ein Armeecorps aufstellen muß, bereit, in Ungarn einzurücken und Schlick und den Banus zu unterstützen. Der Erzherzog ist fort - er hat den Streit mit den Rebellen übersatt, und diese Mission

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von Lambert wird schwerlich nützen. Man muß nicht unterhandeln, sondern in Wien ein Ende machen, wie Windischgrätz in Prag that. Er ist der einzige Mann für Wien und es war ein großer Fehler, daß man ihm im April das Kommando nahm, aber durch seine Erfolge in Prag vielleicht ein Glück für Oesterreich. Er stimmt dem Plan vollkommen zu, denn er hat kein Vorurtheil wie die Anderen gegen Preußen, und wird der Mann sein, ihn auszuführen, sobald Wien wieder zum Gehorsam gebracht ist. Radetzki und Haynau in Italien - der Banus in Ungarn - der Fürst in Süddeutschland und Preußen im Norden - es hat nie eine so gute Gelegenheit gegeben zum Arrangement, wie diese sogenannte Revolution! Und nun denken Sie, daß der König sich wirklich weigert, auf den Plan einzugehen! Er sagt, sein Gewissen erlaube ihm nicht, sich und seine Familie mit geraubtem Gut zu bereichern - ich kann unmöglich annehmen, daß es der Einfluß der Königin ist, da ihre Schwester doch bereit ist, ihre ganze Familie zu opfern. Ich kann selbst nicht einmal sagen, ob sie bereits davon weiß, denn bis jetzt wissen hier nur acht Personen um den Vorschlag, aber W. behauptet es.

Doch ich vergesse ganz, weshalb ich Ihnen dies Staatsgeheimniß mitzutheilen habe. Der Reichsverweser weiß Nichts davon - nur Schmerling hat bereits eine Andeutung erhalten. Am sichersten wird sich die Sache einleiten und hoffentlich auch den Widerstand des Königs beseitigen, wenn der Vorschlag von dieser Bourgeoisie-Versammlung in Frankfurt selbst ausgeht. Sie müssen horchen und die Augen überall haben, denn wir kennen hier die nächsten Wahlen noch nicht, und es sind gewiß Viele darunter, die argwöhnen, daß, sobald, die Theilung geschehen, man mit dieser Constituante den verdienten Kehraus machen wird. Nehmen Sie sich vor Budberg in Acht - der Baron ist ehrgeizig und hat eine Carrière zu machen - ein Wort zu zeitig, und man wird die Hessen, Württemberg und ihren Anhang in Aufregung bringen. Noch einmal, mein Theurer - der Vorschlag muß in der Paulskirche selbst gemacht werden, und ich habe mich für Sie verbürgt; das Portefeuille hier oder drüben ist Ihnen sicher. Sobald die erste Andeutung laut geworden, muß die Rechte dagegen opponiren - das wird den Gedanken

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populair machen. Populair! - man kann in Berlin kaum noch durch die Straßen fahren, ohne mit dieser Populace in Berührung zu kommen. Schreiben Sie mir nach ... , denn ich habe mich nur drei Tage hier aufgehalten auf W.'s dringende Einladung. Adieu, mein Theurer - zeigen Sie, daß Sie zum Diplomaten Geschick haben! Das Mediatisiren muß doch manches Unangenehme haben, es ist merkwürdig, daß ich es noch ein Mal erlebe! - Eine Kußhand! Sie wissen doch, daß die Pollin uns verläßt? Adieu!

Der Student, welcher mit immer größerer Hast gelesen, je weiter er kam, ließ den Brief sinken und sah mit einer gewissen Angst auf seinen Gefährten, der, die Augen zu Boden gesenkt, gleichsam erst zu verdauen und zu überlegen schien, was er gehört.

»Sie sehen, Franz,« sagte Meißner, »daß wir in einer schwierigen Lage sind. Der Brief enthält offenbar ein wichtiges Geheimniß der Reaction, und ich glaube, daß es unsre Pflicht sein wird, die Führer des Comité's davon in Kenntniß zu setzen!«

»Unsere?« fragte der Bummler mit einem mißtrauischen Seitenblick. » Ick sollte meenen, Herr Meißner, wat da drinnen steht, gehörte mir und brauchte Ihnen keene Koppschmerzen nich zu machen!«

»Sie mißverstehen mich,« sagte der Student erröthend. »Das Geheimniß ist sicher bei mir, ich meinte aber, daß es Ihre Pflicht sein wird, an einen der Führer der Linken, Sitz, Wesendonk oder Blum ... «

»Der Deibel soll mir holen, wenn ick't dhue! Wat geh'n mir die Schwerenöthers an? Ick wer' Ihnen überhaupt wat sagen, Herr Meißner - in Berlin bin ick vor't Volk und jegen't Millentär - aberst hier, det is janz wat Anders, da freu' ick mir, wenn unse Jungens det demokratische Jesindel kloppen, det nich mal richtiget Deutsch reden dhut. Det erste Jefühl is am Ende doch, det man een jeborner Berliner is.«

»Aber der Brief ... «

»Ja, mit den - hören Sie, Herr Meißner, et is zwar sehr confuse, wat Se da allens vorjelesen haben, aber det hab' ick doch verstanden, deß wir Berliner die Oberhand kriegen sollen über all die kleenen Köters, un ick bin zwar keen Monarchscher, sondern

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Allens für's Volk, des heißt, für's preuß'sche, aber der Deibel soll mir dreifach holen, wenn ick mir nich freuen dhäte, wenn unser Fritze und seine Brüder det janze Land vor uns kriegen dhäten!«

»Aber das hieße den Despotismus nur stärken, den Willen der einzelnen Bruderstämme unterdrücken. Ist das Ihre demokratische Gesinnung?«

»Paperlapap - reden Sie keene Dummheiten, Herr Meißner! Wenn wir det janze oder det halbe Deutschland haben, so müssen die Anderen vor uns Berliner arbeeten und wir halten sie blos in Raison!«

Der Student schwieg - der Vagabond, der Dieb, der Mensch ohne Ehre und Gewissen, der seine eigene Schwester verkauft und bestohlen und den hilflos Gemordeten - wo es auf die Größe des Vaterlandes ankam, war er mit dem unklaren, dunklen Bewußtsein ein Preuße, besser, patriotischer vielleicht, als Manche, die im Kampf gegen die Feinde seines Landes und seines Königs gefallen waren!

Der junge Mann senkte wie beschämt seine Stirn. »Hier haben Sie Ihren Brief, Franz,« sagte er gedrückt. »Thun Sie, was Sie wollen, damit; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich schweigen werde. Am besten ist's, Sie vernichten ihn!«

»Nu,« meinte der Kerl, ich hab' mich jedacht, Sie probiren 'n Mal, ob sie ihn nich Lichnowski'n zurückjeben können, wenn er noch lebt, oder ihm fragen lassen, wat damit jescheh'n soll. Sie werden schon Eenen finden, wenn Sie's man Pfiffig anfangen, und vielleicht jiebt's noch en jutet Drinkgeld vor mir. Wat die Uhr betrifft, so brauchen Sie nischt davon zu sagen, et sind Viele mank jewesen. Wenn et nischt is, so will ich den Brief mit nach Berlin nehmen, denn ick drücke mir, eh't Dag wird. Ick were ihn in een Couvert siegeln und an Wrangeln schicken. Der wird's schon in Ordnung bringen; wenn ick man wüßte, ob er Französch versteht!«

Er warf das Lichtende fort, das ausgebrannt war. In diesem Augenblicke hörte man nur wenige Schritte entfernt den Ruf: »Rudolph! Rudolph!«

So leise der Ruf war, so durchbebte der Ton dieser Stimme

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doch sein ganzes Wesen - er hätte sie unter Tausenden erkannt. »Rosamunde - gnädiges Fräulein - Sie sind es!« sagte er verwirrt.

Das Edelfräulein, das nach langem Warten in der Nähe des Thores umher gegangen war, ihn zu suchen, und das der Lichtschimmer hierher geführt, trat aus dem Laubengang und eilte auf den jungen Mann zu. »Rudolph - theurer Rudolph!« flüsterte sie, indem sie ihm die Hand reichte und die Stirn auf seine Schulter lehnte - »o wie glücklich bin ich, Dich wiederzusehen! Du bist doch nicht schwer verwundet? - es war entsetzlich, als ich fühlte, daß der Vater auf Dich geschossen - so entsetzlich, wie damals, als ich hörte, daß Du gegen Deinen Freund und Bruder gekämpft!« Sie preßte die Hand auf's Herz, als zucke ein Stich hindurch.

Der Student hatte ihre Hand erfaßt und beugte sich nieder auf diese. »Rosamunde,« sagte er ernst, »Gott weiß es, wie gern ich mein Blut für den armen Ferdinand hingegeben. Laß das blutige Männerwerk und den Streit zwischen Bürger und Edelmann nicht in unsre heilige Liebe greifen. Der Geist eines Volkes läßt sich nicht zwingen durch morsche Institutionen, so wenig wie das Herz des Menschen durch Feudalrechte und Stammbäume. Ich suche Dich nicht loszureißen von dem, was man Dich von Jugend auf heilig zu halten gelehrt hat - aber gieb dem Mann, der aus dem ewigen Borne des Lebens selbst lernt seine Ideale sich zu bilden, dasselbe Recht!«

Sie weinte leise an seiner Brust - dann sich ermannend, sagte sie fest und zärtlich: »Wie es auch komme, Rudolph, ich vertraue auf Dich und mein Herz bleibt das Deine, auch wenn wir uns nicht wiedersehen. Um meinetwillen, um unsrer Liebe willen aber bezwinge Deinen harten Sinn, so weit Du kannst - mein Vater verlangt Dich zu sprechen!«

»Mich - der Major? Und warum?«

»Ich weiß es nicht - es muß wichtig sein, sonst hätte er mir gewiß diesen Auftrag nicht gegeben. Ich wartete auf Dich am Thor, aber vergeblich, und die Angst trieb mich, Dich zu suchen!«

Er umschlang sie mit seinem Arm. »So komm' und laß

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uns nicht zögern!« Er wollte sich entfernen, aber der Dieb, der sich mit einem Instinct von Schicklichkeit beim Herantreten der jungen Dame zurückgezogen hatte, rief ihn an. »Sie vergessen den Brief, Herr Meißner - nehmen Sie ihn mit, et könnte sich eene Jelegenheit finden!«

Der junge Mann steckte den Brief zu sich. »Warten Sie hier, bis ich zurückkomme, Franz!« Dann entfernte er sich mit der Dame. -

Der Major kam ihnen bereits in der Nähe des Orangeriehauses ungeduldig und beforgt entgegen. »Wo bleibst Du, Mädchen?« fragte er rauh.

»Verzeihung, Herr Major,« sagte der Student fest, »aber Fräulein Rosamunde hat mich erst vor wenig Augenblicken aufgefunden und mir mitgetheilt, daß Sie mich zu sprechen befohlen. Ich stehe zu Ihren Diensten!«

»Sogleich, Herr! - Geh' hinein, Kind, und suche Dich nützlich zu machen, wenn Deine neumod'schen Nerven es ertragen. Deine Mutter konnte den Anblick des Schrecklichen, das diese Herren begangen, nicht ertragen.«

Das Mädchen zögerte. »Darf ich ihm Lebewohl sagen?« fragte sie schüchtern.

»Meinetwegen - doch kurz und bedenke, daß es für immer sein muß!«

Sie trat zu dem jungen Mann und reichte ihm die Hand. »Du hast es gehört, Rudolph! So leb' denn wohl, und Gott im Himmel lenke Dein Herz zum Rechten und schütze Dich!« Ehe er noch ihr zu antworten vermochte, war sie fort und im Eingang der Orangerie verschwunden.

Der Gutsherr ging, dem Studenten einige Schritte voran, nach dem Park hin. »Kommen Sie hierher, Herr Meißner, ich habe einige Worte mit Ihnen zu reden.«

Der junge Mann folgte, überzeugt, daß es sich um ein schroffes, strenges Verbot jeder fernern Annäherung an die Familie handeln werde.

Endlich drehte sich der Major kurz um. »Ich glaubte nicht, Herr, daß wir Beide je im Leben noch mit einander zu thun haben würden,« sagte er rauh - »aber der Sache meines Königs muß

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jede Privatrücksicht weichen. Sie wissen von dem Morde jenes Unglücklichen da drinnen. Wissen Sie auch, daß man den Ohnmächtigen, Sterbenden bestohlen hat?«

»Ich habe es gehört!«

» So kennen Sie die Mörder und Diebe?«

» Die Ersteren nicht - von den Letzteren einen, ja!«

»Ich dachte es mir, daß ich mich an den rechten Mann wandte!«

»Herr Major - ich bin weder ein Mörder, noch ein Dieb,« sagte der junge Mann kalt - »ich bitte, auf dieser Basis stehen zu bleiben bei dem, was Sie mir zu sagen haben.«

»Sie haben Recht,« sprach der Major nach kurzem Besinnen, »so tief kann der Sohn eines würdigen Mannes und alten Soldaten nicht gesunken sein, obschon es mir schwer wird, zwischen Rebellen gegen den angestammten König und Mördern und Räubern einen Unterschied zu sehen. Aber ich will an Ihr Gefühl als Preuße appelliren. Mit Uhr und Börse ist dem Fürsten aus der Brusttasche seines Rockes ein Brief gestohlen worden, der ihm von großer Wichtigkeit ist. Dem Dieb nutzt wahrscheinlich das Papier gar Nichts und dennoch kann es unermeßlichen Schaden verursachen, wenn es in falsche Hände fällt. Der Unglückliche hat von dem Mann, den er des Diebstahls beargwohnt, oder dem er sich in der Todesangst selbst anzuvertrauen suchte, zwar nur wenig gesehen, aber er beschreibt ihn als einen Menschen in einer blauen Blouse, das Gesicht mit Blatternarben bedeckt und mit röthlichem Bart umgeben. Er hat gesagt, daß er selbst ein Berliner sei! Mit diesen wenigen Spuren müssen wir suchen, ihn so rasch wie möglich aufzufinden und mit ihm zu verhandeln. Er mag Börse und Uhr behalten, ja, er soll noch eine gute Belohnung haben, wenn er den Brief herausgiebt. Dazu, Herr Meißner, erbitte ich im Namen Ihres Vaters, meines alten und tiefgebeugten Freundes, Ihre Hilfe.«

»Der Mann, den Sie mir beschrieben, Herr Major, und den Sie suchen, ist dort - keine hundert Schritt von hier.«

Der alte Offizier sah ihn erstaunt und mißtrauisch an. »Wie? Sie waren bereits in Verbindung mit ihm? So lassen Sie uns zu ihm gehen!«

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Der Student hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. »Es ist nicht nöthig - hier ist der Brief, den Sie wünschen - ich bitte, ihn den Händen oder der Bestimmung des Herrn Fürsten zurückzugeben!« Er reichte ihm den Brief.

Der Edelmann nahm ihn rasch. »Woher wissen Sie, daß es der rechte ist?«

»Ich habe ihn gelesen!«

»Wie - Sie hätten die Indiscretion begangen?«

»Genug der Beleidigungen, Herr Major,« sagte der junge Mann stolz und ernst. »Der Mann, der den Brief, ob mit Recht oder Unrecht, an sich genommen, zwang mich, denselben ihm vorzulesen, und ich that es, um vielleicht größeres Unheil zu verhüten. Dieser Brief enthält wichtige Staatsgeheimnisse, die in den Händen meiner politischen Partei leicht zu einem furchtbaren Sturm gegen die Träger der Kronen benutzt werden, jedenfalls durch zu frühzeitige Veröffentlichung großen Schaden bringen könnten. Ich übergebe Ihnen den Brief für seinen rechtmäßigen Eigenthümer.«

»Und wer bürgt uns dafür, daß Sie Beide dies Geheimniß nicht verrathen werden? Wie kommt jener Mensch, jener Dieb und vielleicht Mörder dazu, den Brief so willig herauszugeben?«

»Herr Major,« sagte der junge Mann traurig, »Sie verkennen das Volk, indem Sie es verachten. Ich, der Bürgersohn, und jener Mann, der Arbeiter, fast der Bettler, wir kämpfen für die Freiheit des Volkes, für die gleichen Rechte aller Stände, für das heilige Recht der freien Entwickelung des Geistes und der Menschenkraft, gegenüber den veralteten Vorrechten und Vorurtheilen bevorzugter Kasten und der Willkürherrschaft des Einzelnen; aber der Mann, den Sie eben einen Dieb schalten, er liebt sein preußisches Vaterland vielleicht mit gleicher Wärme, wie Sie; das Blut des Plebejers, auf den preußischen Schlachtfeldern verspritzt, fließt so warm, wie das des Aristokraten, und daß Preußens Größe auch dem Mann auf den Barrikaden heilig ist, dafür, sage ich Ihnen, haben Sie mit diesem Brief den Beweis in der Hand.«

Er verbeugte sich und wandte sich zum Gehen, aber ein leiser Ruf des Gutsherrn hielt ihn zurück.

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»Kommen Sie her zu mir, Herr Meißner,« sagte der alte Mann, sichtlich bemüht, sein erregtes Gefühl hinter einem festen und rauhen Aeußerung zu verbergen. »Ich habe Sie geliebt von klein auf wie einen meiner eigenen Söhne, und es thut mir fast so weh, als hätte ich noch einen von diesen verloren, Sie von dem Wege weichen zu sehen, den die Lehren und das würdige Beispiel Ihres Vaters Ihnen vorgezeichnet. Gott der Allmächtige hat die Könige und die Stande eingesetzt, wer sich gegen die Ordnungen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnt, rebellirt gegen Gottes Gebote. Wer gegen Zucht und Ordnung kämpft, der kann auch nicht Zucht und Ordnung halten. Wer dem angestammten König die Treue bricht, der wird sie auch keinem Andern bewahren. Die zügellose, mit frevlen Ideen erfüllte Jugend will alte Rechte und alte Ordnung mit Füßen treten, die so lange die Welt zusammengehalten. Ich weiß jetzt, daß Sie meine Tochter lieben und ihr unschuldiges Herz verlockt haben. Ich liebe nicht das Ueberspringen der Standesschranken, es kommt nie Gutes daraus - aber dennoch würde ich vielleicht bereit gewesen sein, die Pflichten eines alten unbefleckten Geschlechts zu vergessen dem braven Sohn eines braven Mannes gegenüber, auch wenn er keinen adligen Namen trug. Für den Rebellen gegen seinen König aber niemals - niemals!«

Der junge Mann stand stumm, ohne zu antworten, die Hand auf die Brust gepreßt, und der Major hörte deren schweres Athmen.

»Finden Sie sich selbst wieder, Rudolph,« fuhr er dringend und freundlich fort, »kehren Sie zurück auf den Weg, der allein Ehre und ein gutes Gewissen giebt. Ich fühle, noch ist das Gefühl dafür in Ihnen nicht erloschen - sühnen Sie Ihre Schuld durch treue Hingebung an die königliche Sache. Verlassen Sie die Meuchelmörder, Ihre Gefährten - vertheidigen Sie mit Wort, Schrift und Hand den legitimen Thron und die Monarchie, es bieten sich Ihnen in diesem Augenblick viele Mittel und Wege, auf welchen Sie wirken können.«

Der Student unterbrach ihn. »Herr Major, ein ehrlicher Mann muß seiner Ueberzeugung folgen!«

»Und diese Ueberzeugung?«

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»Ist die der Sache des Volkes, der Demokratie im Kampf gegen die Gewalt!«

Der alte Soldat richtete sich kerzengerade in die Höhe. »Wir sind fertig mit einander, Herr. Sei[e]n Sie so gut, Ihrem Kameraden diese Börse für den Brief auszuhändigen.«

Der junge Mann trat zurück. »Ich muß bitten, mich damit zu verschonen!«

Der Edelmann ließ die Börse fallen. »Da er, wie Sie sagen, nicht weit ist, so mag er sie hier sich holen. Adieu, Herr!« Er drehte sich kurz um und schritt den Gebäuden zu. Der Student machte erst eine Bewegung, als wollte er ihm nacheilen, dann blieb er finster stehen.

»Es ist entschieden,« murmelte er - »was gilt auch Diesen Ehre und Liebe gegen ihre starren Vorurtheile!«

Ein dunkler Schatten sprang an ihm vorbei und suchte nach der Börse am Boden. »Zum Henker, Bürger Meißner,« sagte der Berliner, der natürlich in der Nähe gehorcht - »ick fürchtete schon, er würde det Jeld wieder instechen, weil Sie sich weigerten. Der Deibel - man muß ooch nich zu nobel sind! Lassen Sie man den ollen Narren loofen, des Frölen hängt doch an Ihnen, un wenn er zuletzt gar keene Raison annehmen will - nu, denn hab' ick ooch noch een Mittel, ihn kleene zu kriegen!«

»Was meinen Sie, Franz?«

»O, Nischt vor der Hand - ick meente man so. Aber wissen Sie, deß die Unsrigen drinnen höllische Schmiere kriegen? Ick sprach vorhin Eenen, der nach Friedeberg hinkte, er hatte een Schuß in't Been. Die Jeschichte mit Auerswald un Lichnowski'n wird eklich wer'n - vor mir is et hier ooch nich mehr un ick mache wieder nach Berlin, nu ick Jeld habe. Un wohin jeh'n Sie?«

»Auf die nächste Barrikade!« Er warf die Büchse über die Schulter und schritt nach der Stadt. -


Vielen wird das schöne Bild von Paul Bürde11 bekannt sein, welches die letzten Augenblicke des unglücklichen jungen

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Fürsten, oder vielmehr die nächste Hilfe darstellt, die ihm in der Villa Bethmann geleistet wurde.

Man hatte den Verstümmelten von der Bahre auf ein Ruhebett gebracht, und Dr. Hodges und ein andrer schnell herbeigaekommener Arzt, Dr. Wolf, legten ihm hier die ersten Verbände an. Mehrere Personen, die auf die schreckliche Nachricht aus der Stadt herbeikamen, umgaben ihn, - einer seiner vertrautesten Freunde, der Fürst von Hohenlohe-Oehringen, fast in gleichem Alter mit ihm stehend, saß in finsterm Schmerz brütend auf einem Sessel am Fußende seines Bettes; ihm auch soll der Unglückliche seinen letzten Willen vervollständigt und einige besondere Bestimmungen anvertraut haben, die treu erfüllt wurden.

Der Fürst trug die furchtbaren Schmerzen mit Fassung; er fühlte, daß diese Wunden tödtlich, und kämpfte doch mit aller ihm inwohnenden Lebenskraft gegen den Tod. Sein unruhiger Geist ließ ihn trotz des großen Blutverlustes und des Verbotes nicht ruhen, und er versuchte bald mit Diesem, bald mit Jenem zu sprechen.

Das Fräulein von Röbel hatte die Stelle des Dienstmädchens eingenommen, das bisher mitleidig die weiblichen Hilfeleistungen bei dem Verbinden verrichtet, aber den furchtbaren Anblick des verstümmelten Armes nicht mehr hatte ertragen können. Mit jenem Heroismus der Aufopferung, welchen man so oft auch bei den weiblichen Mitgliedern des guten Blutes findet, überwand sie die Schwächen ihres Geschlechts und fuhr ohne Unterlaß fort, die brennenden Wunden durch Wasserumschläge zu kühlen.

In diesem Augenblick erklang der scharfe Trab einer Kavallerie-Abtheilung auf der Straße, die vor der Villa hielt und sofort alle Ausgänge besetzte. Es war eine Abtheilung hessischer Chevauxlegers, die General Peucker auf die Nachricht och Herrn von Bethmann abgeordnet hatte, den bei aller Theilnahme für den Verwundeten doch die Besorgniß trieb, daß seine Aufnahme in der Villa einen Sturm des von den Barrikaden in der Stadt zurückgedrängten Gesindels auf diese herbeiführen könnte, und der daher auf die Entfernung des Fürsten nach der Stadt drang. Obschon verschiedene Stimmen sich mit Unwillen gegen diese Feigheit erklärten, verlangte der Fürst selbst, als er von der Besorgniß

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hörte, nach der Stadt gebracht zu werden, und die Aerzte mußten sich mit dem Transport einverstanden erklären. Sie sahen wohl bereits ein, daß hier oder dort doch keine Hoffnung mehr vorhanden war.

Man war eben beschäftigt, das ihm bereitete Lager zum Transport einzurichten, und selbst die Männer standen ernst und finster, die Thräne des Mitgefühls im Auge, um das Bett, während die Frauen laut schluchzten bei dem Anblick dieser erneuten, so muthig ertragenen Schmerzen, als der Major von Röbel wieder herantrat.

Das dunkle, irrende Auge des Gequälten fiel sogleich auf ihn, und trotz der körperlichen Leiden, die seine Nerven zerrissen, winkte es ihn heran.

»Bringen Sie Nachricht, Herr?«

»Die beste, Durchlaucht - hier ist der Brief - ich hoffe, es ist der rechte!«

Ein Blick genügte dem Leidenden, doch hob er besorgt das Auge zu dem willkommenen Boten auf.

»Aber den Inhalt - ist er nicht verrathen?«

»Leider kennen ihn zwei Personen - aber obschon sie nichtswürdige Rebellen gegen ihren König sind, haben sie freiwillig ihr Wort gegeben, von dem Inhalt dieses Briefes Nichts zu verrathen, und ich glaube, für sie bürgen zu können.«

»Dann kann ich ruhiger sterben,« flüsterte der Kranke - »Gott sei gedankt!« Sein dunkles, bereits von den Schatten des Jenseits umflortes Auge hob sich dankend nach Oben. »Behalten Sie den Brief - Ihre Ehre bürgt mir dafür - bringen Sie ihn ungelesen an ... « er nannte flüsternd einen Namen, »und sagen Sie ihr, daß mein Blut für die Sache vergossen wurde!«

Der Major nickte schweigend - das alte, treue Herz war ihm zu voll, als daß er hatte sprechen können. Nur sein Auge, das Winken seiner Hand folgte der Bahre, die man aufhob und Jetzt hinaus trug.

Er richtete die weinende Tochter empor und küßte sie auf die Stirn. »Muth, Kind, Muth! Wer seine Pflicht thut und Gott im Herzen hat, kann allen Leiden Stand halten!«

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Dann suchten sie im Nebenzimmer die Edelfrau auf, um die Anstalten zur Abreise zu treffen.


Man brachte unter der militairischen Begleitung den Fürsten nach dem Hospital am Bleichgarten.

Hier verlangte er nach einem Priester seines Glaubens, um die heiligen Sakramente zu empfangen.

Man schickte nach einem solchen - ehe er erschien, traf bereits die Nachricht ein, daß der Kampf in der Stadt beendet sei - das Militair war Sieger - alle Barrikaden waren genommen, die Aufständischen verjagt, starke Patrouillen durchstreiften bereits die Umgebung und verhinderten jede neue Zusammenrottung. Die Rädelsführer waren längst entwichen.

Der Bote, der nach der zunächst gelegenen Liebfrauenkirche nach einem Geistlichen geschickt worden, hatte dort keinen finden können, da die Priester sich vor dem Kampf, der gerade in dieser Gegend am heftigsten gewesen, zurückgezogen hatten oder selbst mit den Verwundeten und Sterbenden beschäftigt waren. Einer der Abgeordneten des Parlaments hatte endlich einen Geistlichen aufgefunden, der, ein Fremder in der Stadt, sich selbst erbot, den Diöcesan-Priester zu vertreten und dem Unglücklichen die Sakramente zu ertheilen.

Man meldete dies dem Fürsten, der sofort nach ihm verlangte. Es zeigten sich schon die Spuren des Deliriums.

Der Priester blieb wohl eine Viertelstunde mit dem Leidenden allein - als er die Thür öffnete, die Aerzte herbeizurufen, war der Kranke bereits ohne Besinnung.

Menschliche Hilfe war hier vergebens - bald darauf trat der Kinnbackenkrampf ein und endete kurz nach eilf Uhr das Leben des Dulders.

So starben Felix Fürst von Lichnowski und General von Auerswald, die preußischen Abgeordneten zum Frankfurter Volks-Parlament, unter den Händen des Volkes! -


Es wird vielleicht Manchen der Leser interessiren, zu erfahren, was aus den offenkundig gewordenen Mördern der beiden Abgeordneten geworden ist.

Die am meisten Compromittirten von ihnen entflohen bereits

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am Morgen nach der That rheinaufwärts, darunter Escherich, Melosch und der Jude Buchsweiler. Der Letztere rühmte sich auf dem Dampfschiff öffentlich noch mit den scheußlichsten Reden seiner That, und es war keine deutsche Hand von Muth und Ehre zu finden, ihn in die Wellen des deutschen Flusses zu schleudern. Andere der Helfer blieben keck und sorglos an ihrem Wohnort.

Die Flüchtlinge gingen nach Frankreich. Später - im Jahre darauf - als von den sich ermannenden Gerichtshöfen in Hessen und Frankfurt eine Verfolgung der Mörder eingeleitet und mehrere, mehr oder weniger betheiligte Personen eingezogen und verurtheilt wurden - darunter auch das Frauenzimmer, das bei dem Morde Auerswalds eine so traurige Rolle gespielt hatte, Henriette Zobel - wurde die Verhaftung und Auslieferung der Mörder von der Regierung des neuen Prinz-Präsidenten Louis Napoleon verlangt.

Am 29. Juni 1849 sagte die französische Regierung die Verhaftung und Auslieferung zu - am 12. Juli waren von den bezeichneten neun Personen vier noch nicht verhaftet und gingen, darunter Escherich, nach London, wo derselbe später freiwillig seine Aussagen über den Mord machte.

Die fünf anderen Verhafteten ließ man, als man die wiederholten Reclamationen nicht mehr zurückweisen konnte, geschickter Weise aus Verdun entspringen! -



Wir haben uns in der kurzen Darstellung der revolutionairen Bewegungen und ihrer Folgen zuletzt noch zu den Vorgängen in Preußen und Oesterreich zu wenden.

Der Leser wird sich der kurzen Skizze aus den Märztagen in Berlin in der ersten Abtheilung unsers Buches erinnern.

Nach der Ernennung des Ministeriums Arnim - Schwerin - Bornemann hatte der König in der Nacht zum 21sten, gedrängt durch die jetzt ganz aus den Tonangebern der Bewegung bestehende Umgebung und um den fortwährend verbreiteten Gerüchten von einem Angriff des Prinzen von Preußen mit Truppen auf die Stadt ein Ende zu machen, das letzte Bataillon

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seiner treuen Soldaten fortgeschickt, das noch im Schloß zurück geblieben - jeder Mann bereit, für den König zu sterben.

» Stumm und mit gesenktem Haupt,« schreibt der Bericht der Vossischen Zeitung, »zog es Morgens zwei Uhr aus dem Schloßportal heraus.«

Um Mittag erfolgte jener traurige Zug durch die Stadt, der einen dunklern Schatten wirft in den Blättern der preußischen Historie, als selbst die Blutflecken vom Achtzehnten! Der König - der Mann, als dessen einzige Fehler die Muse der Geschichte in den Marmor ihres Buches graben wird, daß er ein zu weiches Herz und ein zu empfängliches Gemüth hatte - wollte sein offenes, versöhnliches Herz dem Volke beweisen, indem er sich persönlich unter dasselbe begab; - man gab ihm eine schwarz-roth-goldene Fahne in die Hand, von dem Dr. Stieber herbeigeholt, und dieser und der Tabakshandler Gleich führten das Pferd des Königs durch die Straßen - die Minister folgten!

Wir erwähnen hier eines Zuges, den nur Wenige - sehr Wenige kennen werden!

Als der Monarch, so schwer geprüft für seine Güte, in das königliche Schloß zurückkehrte, eilte er, um allein mit seinen Schmerzen zu sein, in sein Zimmer, wohin ihn nur ein alter Kammerdiener begleitete. Der König hatte bei dem Ritt einen gewöhnlichen Uniformrock mit einfachen Epaulets getragen. Hier - allein endlich in seinem Gemach, während draußen in den Gängen seines Schlosses die Bürgerwachen jubilirten - riß er den Soldatenrock ab, schleuderte ihn heftig auf den Boden und warf sich in einen Sessel. Ein klirrender Ton machte ihn aufmerksam. Von dem Werfen auf den Boden war die obere Metalldecke des Epaulets abgesprungen und ein kleines zusammengefaltetes Papier, wie solches zum Unterlegen von den Fabrikanten gebraucht wird, flatterte heraus. Der Kammerdiener hob es mit dem Rock zugleich auf, warf einen Blick darauf und versuchte es fortzustecken; aber die nervöse Aufmerksamkeit des Herrn hatte sich auf das unscheinbare Blättchen geworfen und er verlangte es zu sehen - er befahl. Da reichte es ihm der Kammerdiener - der König entfaltete es, es war ein Bruchstück aus irgend einem Buch oder einer Zeitung und darauf stand:

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» ... Die Schlacht von Jena hat über Preußen großes Unglück gebracht ... «

Diese aus dem Zusammenhang gerissenen Worte, diese plötzliche Erinnerung an einen der trübsten Tage der preußischen Monarchie, an den Tag des beginnenden Unglücks seines Vaters und seiner Mutter - diese Erinnerung in diesem Augenblick erschütterte allzu mächtig den königlichen Herrn - er sank zurück in seinen Sessel, schlug die Hände vor das Antlitz und schwere Thränen - Thränen eines tiefverletzten Herzens quollen durch die Finger seiner Hand!

Ein König weinte! -


Wir haben wahrscheinlich nicht Gelegenheit, in der Fortsetzung unsers nach anderen Schauplatzen wechselnden Buches auf ein ähnliches Wahrzeichen aus jener Zeit zurückzukommen und wollen es daher gleich hier beifügen.

Es war am 22. März 1849, am Tage der Eröffnung des nach der Auflösung vom November des vorherigen Jahres und nach der octroyirten Verfassung um gewählten Abgeordnetenhauses. Der König sollte dasselbe im weißen Saale des Schlosses zu Berlin selbst eröffnen.

Die Tribünen waren schon in der Frühe von einigen Zuschauern besetzt, aber der Saal selbst noch leer - der Thron mit einer Sammetdecke verhüllt.

Gewitterschwül war die Zeit - man fühlte, daß der Boden von den Stürmen des Revolutionsjahres noch bebte und es nur eines leisen Anstoßes bedürfte, um die Flammen gewaltiger, verheerender ausbrechen zu lassen!

Jetzt wurden die inneren Thüren des Saales eröffnet und die Ersten, welche denselben betraten, waren zwei Offiziere der Garde du Corps in großer Uniform mit den leuchtenden Sonnen auf dem rothen Küraß.

Langsam und im ruhigen Gespräch gingen sie den Saal entlang, als plötzlich dem, welcher an der Seite des Thrones ging, dicht vor demselben der Gurthaken seines Pallasch zersprang, die Scheide sich senkte und das blanke Schwert heraus und auf die Stufen des Thrones stürzte.

Noch im Lauf des Frühjahrs hatten Viele von Denen, die

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der König jetzt hier in seinem Saal versammelte, die Fahne der Empörung offen erhoben und Preußen zog sein Schwert blank gegen die Revolution, sie in Sachsen und Baden zu bekämpfen!


Wir kehren zur kurzen Skizze der Revolutions-Geschichte Preußens zurück.

Die Wahlen zur Nationalversammlung, die mit der Krone eine Verfassung vereinbaren sollte, waren erfolgt, die Versammlung am 22. März eröffnet. Dem liberalen Ministerium Camphausen-Hansemann (Graf Schwerin, Alfred von Auerswald, Bornemann und Heinrich von Arnim) gegenüber consolidirten sich rasch die demokratische und die reactionaire, die sogenannte Junkerpartei. Die erstere, durch einzelne linke Stimmführer der Nationalversammlung (Jung, D'Ester, Jacobi, Stein &c.) und Straßenredner (Held, Dowiat, Eichler, Müller &c.) bewegt, machte durch wachsende Gassenexcesse, die andere durch starre Zurückhaltung, durch Aneinanderschließen und Agitation in den Provinzen dem Ministerium seine Aufgabe unmöglich. Zunächst siegte die Gassendemokratie mit ihren Demonstrationen gegen die Rückkehr des Prinzen von Preußen, und die Minister (Arnim) und Abgeordneten, die dafür gestimmt, wurden insultirt und mißhandelt. Selbst in seiner politischen Zerrissenheit blieb Preußen eine drohende Militairmacht, noch drohender durch das Geheimniß einer überwältigenden Bewaffnung, die vorsichtig einstweilen in den Gewölben des Zeughauses niedergelegt war. Das wußte die revolutionaire Propaganda in Polen, Frankreich und Deutschland sehr wohl, und es galt, Preußen das Geheimniß dieser Waffe zu entreißen. Die brutale Dummheit des Berliner Pöbels ging richtig in die Falle der zu diesem Zweck in Berlin versammelten Agenten (Saulnier u. A.), die unter der Firma der Volksbewaffnung am 14. Juni zum Zeughaussturm reizten, der durch die unerhörte Unentschlossenheit eines preußischen Offiziers und die bübische Lüge eines andern (Techow) gelang. Noch am selben Abend wurden die gestohlenen Zündnadelgewehre im Hotel der französischen Gesandtschaft verpackt und versandt, obschon man damit doch nicht zur Ergründung des Geheimnisses gelangte.

Die Nationalversammlung trat jetzt offen gegen die schwankende

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Regierung mit ihrer Wahl vom 15ten einer Verfassungs-Kommission auf. Das Ministerium machte einem andern Platz (Rudolph von Auerswald, Hansemann, Milde, Rodbertus, Kühlwetter, Schreckenstein), das sich komischer Weise als ein Ministerium der That ankündigte, während sein Präses weit eher zur stillen Intrigue inclinirte und die einzige That darin bestand, daß man der von Frankfurt geforderten Huldigung der Truppe für den Reichsverweser durch allerlei Winkelzüge auswich. Demonstrationen der altpreußischen und der demokratischen Partei folgten - die Züge der Teltower Bauern und der Berliner Clubs zu dem Denkmal auf dem Kreuzberg; - die Herrschaft des Pöbels im Lindenclub stand in voller Blüthe, die Erbitterung des Militairs wuchs und die blutigen Auftritte in Schweidnitz riefen den Stein'schen Antrag vom 9. August gegen die reactionairen Offiziere und Beamten hervor. Am 21. August zog die Versammlung unter den Zelten gegen die Ministerhotels und bomdardirte mit Steinen die Popularität Auerswalds, der im September, auf vierundzwanzig Stunden zum Ober-Präsidenten ernannt, dadurch glücklicher Weise mit Pension das Portefeuille niederzulegen vermochte. Der Straßentumult, das Clubwesen waren im vollen Flor, Bürgerwehr und Straßendemokratie zankten sich - am 21. September folgte das Ministerium Pfuel - Eichmann - Bonin - den Offizieren wurde vom Präsidenten-General die Reaction verboten, die Nationalversammlung schaffte das Jagdrecht, die Könige >von Gottes Gnaden<, den Adel und die Titel und Orden ab - die Bürgerwehr stürmte die Arbeiter-Barrikade in der Roßstraße, die Nationalversammlung wurde vom Lindenclub im Schauspielhause vernagelt, das Bürgerwehrgesetz zu Esel auf dem Gensd'armenmarkt verbrannt und ein demokratischer Congreß nach Berlin gerufen.

So - auf dem Punkt eines offenen Kampfes zwischen Reaction und Demokratie - zwischen dem Königthum und den jetzt offener hervortretenden republikanischen Bestrebungen - standen die Angelegenheiten im October in Preußen; - in drohender Verbindung mit ihnen war die Revolution in Oesterreich gewachsen!

Wir haben bereits in der ersten Abtheilung den Beginn der nationalen Erhebung in Ungarn geschildert, und in diesem Kapitel

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der energischen Unterdrückung des revolutionairen Aufstandes in Prag durch den Fürsten Windischgrätz Erwähnung gethan.

Am 13. März war die Volksbewegung in Wien erfolgt, die Metternichs Entlassung und Flucht, die Zerstörung seines Hotels, die Gewährung der Bürgerbewaffnung und freien Presse und die Einberufung einer berathenden Versammlung aus allen Theilen der Monarchie zur Folge gehabt.

Aber das neugebildete Ministerium (Ficquelmont, Pillersdorf, Sommaruga, Kübeck, Doblhoff &c.) vermochte keine Autorität zu erlangen, die Gährung der sonst so gemüthlichen Bevölkerung wuchs um so rascher und größer, je länger und schärfer bisher der politische Druck gewesen war. Die Anreizungen der ungarischen Propaganda thaten dazu das Ihre, denn in ihrem Interesse lag es, die Bewegung in Wien zur offenen Empörung zu steigern. Italien, Ungarn, die Erblande, Galizien, Böhmen und Kroatien - überall die Aufregung und der Kampf der Nationalitäten; aber eben dieser Kampf, die Erhebung und Eifersucht über einander war es, was später die einzelnen Theile besiegen und die Gesammtmonarchie retten sollte.

In Wien verunglückte das neue Ministerium mit seinem Preßgesetz und Verfassungsentwurf, und die Gewalt ging völlig an die aufgeregten Volksmassen, an die schnell gebildete Nationalgarde und an die Studentenlegion - die Aula - über.

Vergebens versuchte die Regierung, den aus der Nationalgarde hervorgegangenen Centralausschuß aufzulösen - eine neue Volksbewegung am 15. Mai erzwang dessen Fortdauer und die Aenderung des Wahlgesetzes, die kaiserliche Familie flüchtete am 17ten nach Innsbruck, und aus dem mißglückten Versuch am 25sten, die Macht der Aula zu brechen, entstand ein Sicherheitsausschuß, der bald volle diktatorische Herrschaft übte und die Regierung zu einem Schattenbild herabsinken ließ.

Wir haben bereits zu Anfang der zweiten Abtheilung erörtert, wie zuerst die Monarchie in Italien sich wieder ermannte, Radetzki mit blutiger Strenge die Revolution im Innern bändigte und den Feind von Außen - das sogenannte spada d'Italia - zurückwarf. In Prag gelang dasselbe dem Fürsten Windischgrätz, außerdem regte sich bald die Eifersucht des czechischen Stammes

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gegen die Magyaren, und die Böhmen wurden, gleich den Slaven an der untern Donau, die entschiedenen Gegner der ungarischen und deutschen Revolution.

Daß zur Gestaltung dieser Verhältnisse die schlaue Politik des habsburgischen Hofes Großes beitrug, ist unzweifelhaft. Oesterreich hat von jeher den Vorzug gehabt, bedeutende Staatsmänner um den Thron zu besitzen, welche - bis auf wenige Ausnahmen - persönliche Charaktergröße der Herrscher unnöthig machten. Auffallender Weise sind es in den letzten Jahrhunderten gerade die Frauen des Herrscherstammes gewesen, welche seine kühnsten Politiker waren!

Die Nationalgarden und die akademische Legion hatten am 8. Juli das Ministerium zum Rücktritt gezwungen, das neue wurde aus dem Freiherrn von Wessenberg, Bach, Kraus, Hornbostl, Doblhoff, Schwarzer und Graf Latour gebildet, der schon unter dem vorigen als Kriegsminister berufen worden war. Der Kaiser - kränklich und schwach, ohne jede Energie, aber von gewandten und scharfsinnigen, aristokratischen Staatsmännern umgeben, die in seiner Schwägerin, der berühmten Erzherzogin Sophie, ihre Stütze und ihren Impuls fanden - blieb in Innsbruck und ließ den constituirenden Reichstag in Wien durch den Erzherzog Johann am 22. Juli eröffnen. Unterdeß hatten sich die Kroaten und anderen slavischen Nationalitäten unter dem Banus Jellacic gegen die magyarische Herrschaft offen aufgelehnt und sich geweigert, der ungarischen Regierung zu gehorchen, die unter dem Ministerium Batthiányi-Kossuth bereits fast unabhängig von der österreichischen Politik vorschritt. Der Banus, der schöne und kühne Partisan der entschlossenen Erzherzogin, erhob offen die Fahne des Kampfes für das Kaiserhaus und die Monarchie. Die Komödie der Mißbilligung und Absetzung des Banus durch den Kaiser wurde durch die Aufnahme desselben in Innsbruck bald als solche erwiesen. In jener Zeit sprach Graf Batthiányi, das verhängnißvolle Wort, das ihn später der unversöhnlichen Rache der Erzherzogin zum Opfer fallen ließ. Der Erzherzog-Palatin verließ im September Ungarn - ein letzter Versuch der Verständigung mit dem revolutionairen Ministerium durch die Ernennung des Grafen Lamberg zum kaiserlichen Commissar und

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Ober-Kommandanten in Ungarn endete mit der Ermordung desselben am 28. September auf der Pesther Brücke, und jetzt brach der offene Kampf der Kaiserkrone mit Ungarn aus, wo die Forderungen (die unbedingte Unterwerfung Kroatiens unter Ungarn, die Rücksendung aller ungarischen Truppen nach Ungarn, die unbedingte Sanctionirung aller vom ungarischen Landtage beschlossenen Gesetze und die Uebersiedelung des Kaisers selbst) die offenbare Losreißung von Oesterreich verkündeten. Der Hof antwortete mit der Ernennung des Generals Recsey zum Minister-Präsidenten in Ungarn, des Banus zum Ober-Kommandanten und der Auflösung des Landtages. Jellacic rückte über die Grenze - Kossuth, der bereits seit Juli durch die Ausgabe eines neuen Papiergeldes, die Bildung der Honvéd-Bataillone und die Bewaffnung der Festungen den offenen Kampf vorbereitet, bildete statt des aufgelösten Ministeriums den Landesvertheidigungs-Ausschuß, an dessen Spitze er trat, und im Süden war es bereits zum blutigen Kampf mit dem Banus gekommen.

Der schlaue Agitator unterschätzte jedoch keineswegs die Kräfte seiner Gegner - er kannte den Haß der Kroaten, die Abneigung in Siebenbürgen, den Widerwillen der zahlreichen Swabi - der deutschen Bevölkerung in Ungarn, - an der Erhebung Theil zu nehmen; er wußte, daß der Hof mit Preußen unterhandelte wegen Einrückung eines Armee-Corps in Galizien und daß der Befehl ertheilt war, alle disponiblen Truppen in Wien und den Erbländern gegen Ungarn marschiren zu lassen.

Es galt also, den Anmarsch der Truppen gegen Ungarn zu verhindern, den Kampf in das Herz des Kaiserstaates selbst zu tragen, die Gährung und Unordnung in Wien zur offenen Rebellion, zum unwiderruflichen Bruch mit dem Kaiserhause zu gestalten; denn Kaiser Ferdinand war auf das wiederholte Verlangen und die Zusicherungen der Wiener im August nach Wien zurückgekehrt und residirte in Schönbrunn.

So stand der große Kampf der Revolution mit den Kabineten in dem Augenblick, wo wir unsere Erzählung wieder aufnehmen.

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Ein politischer Mord.

Die Straßen des einst so gemüthlich heitern, fröhlichen Wiens waren am 5. October der Schauplatz eines wilden Gedränges und wüster Aufregung. Die am Tage vorher erlassenen kaiserlichen Rescripte aus Schönbrunn12 waren von den jugendlichen Vagabonden, die sich dem sogenannten fliegenden Buchhandel gewidmet, in Tausenden von Exemplaren an allen Straßenecken, in den zahllosen Schänken und Kneipen der Stadt und der Vorstädte verkauft; - die Nachricht, daß vom Ministerium der Befehl ergangen, das Grenadier-Bataillon Richter solle am andern Morgen nach Ungarn abmarschiren, um sich dort mit den kaiserlichen Truppen zu vereinigen, ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und wurde in hundert Gruppen von den Ecksteinen herab, auf den Bierbänken und in den Weinhäusern besprochen. Die in Mahlers >Freimüthigem< erschienene kolossale Lüge von der vierundzwanzigstündigen Schlacht in der Pesther Ebene zwischen Ungarn und Kroaten und der vollständigen Aufreibung der Armee des Banus - das schändliche Gedicht im Studenten-Courier, das in offenen Worten für den Adel, die Minister, die Fürsten und die Geistlichkeit den >Tod an der Laterne< verlangte, coursirten in Aller Händen, in Aller Mund. - Nationalgarden, Arbeiter, Studenten und lüderliche Frauenzimmer, Lehrlinge, Gesellen und

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Dienstmädchen - eine zahllose Menge von Neugierigen und Scandalmachern wogte durch einander, wiederholte die fabelhaftesten Gerüchte und ließ die Besinnung und Einigung der Bessern und Verständigen nicht aufkommen. Der Ruf >Schwarzgelber Verräther< begrüßte Jeden, der zur Ordnung sprach, und die polnischen, magyarischen und italienischen Agenten schürten durch ihre Erzählungen und Reden das Proletariat. Ein ungewisses, ahnungsreiches Gefühl machte sich in der ganzen Bevölkerung geltend, daß die Stadt am Rande furchtbarer Ereignisse stehe. Wenige unter diesen Tausenden wußten wohl, was sie wollten, wozu alle diese Aufregung und Bewegung, aber der Hang der Wiener zum öffentlichen Leben, zum Schwatzen, zum Schauen erhöhte den Taumel und förderte die Zwecke der Unruhestifter. Die seit Monaten mit der unbeschränktesten Freiheit wühlende republikanische Presse hatte den gesunden Sinn der geborenen Wiener bethört; die Masse der fremden, das Aufgehen in Deutschland predigenden Emissaire, die Hetzereien der revolutionairen Agenten hatten alle patriotischen Gefühle und Anschauungen verkehrt, und was anfangs blos ein Auflehnen, eine Bewegung gegen den engherzigen büreaukratischen Druck des Regierungssystems Metternich, ein Verlangen nach constitutionellen Staatsformen war, zu einem verheerenden Strom gemacht, der den Thron und die Monarchie umzustürzen, den Staat aus einander zu reißen, und das Band der Zucht und Ordnung zu Gunsten der Pöbelherrschaft aufzulösen drohte.

Der anfangs gute Geist der Nationalgarden war verändert und die politische Unmündigkeit der Einzelnen für die Parteizwecke ausgebeutet - der Gehorsam gegen die einst bei Trinkgelagen gewählten Offiziere auf Null heruntergesunken.

Die akademische Legion, zu der anfangs treffliche Elemente gehörten, war gänzlich demoralisirt und mit Ausnahme weniger Abtheilungen zu einem Sammelplatz der zügellosesten Arroganz und Frechheit, des Bombastes und der Prahlerei geworden. Die Vorliebe des schönen Geschlechts für die paradirenden Akademiker hatte aus jedem Straßenschwätzer einen Helden gemacht und die lüderlichsten Elemente in die Familie eingeschmuggelt, was unsägliches Unglück zur Folge hatte. Barbiergesellen, Recensenten,

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hausirende Schacherer, Hufschmiede, Wändeanstreicher - Alles gehörte bereits zur Legion und trug den Calabreser. Die Aula war das Organ geworden, durch welches von den Leitern der Revolution Alles durchzusetzen war.

Die Nationalgarden der Vorstädte, meist aus Fabrik- und Handarbeitern bestehend, standen bereits feindlich und mißtrauend den Bürgergarden der Stadt gegenüber. Die emphatische Floskel: >Heilig ist das Eigenthum!< war seit dem Sieg der demokratischen Frattion am 26. Mai stark compromittirt - das Wort des Kaisers Joseph: >Baut über ganz Wien ein Dach u. s. w.< längst zur Wahrheit geworden, denn es wurde beim Barrikaden-und Nachtdienst unter freiem Himmel so viel Unzucht getrieben, daß die Syphilis bedeutende Lücken in die Reihen der Legion riß. Trotz der sich täglich mehrenden Noth dachten nur Wenige an Arbeit. Zum Plündern war zwar noch kein Grund vorhanden, da die Bürger aus freien Stücken hergaben, was man wollte, um die Leute nur bei gutem Humor zu erhalten. An dem Barrikadentage des 26. Mai trugen die >lieben Brüder und Schwestern< z. B. Pflastersteine in die Stockwerke und ließen sich das Stück mit einem Zwanziger bezahlen. Die Sammlungen an den Barrikaden brachten Massen Geldes den Arbeitern ein, und das mit Kurzweil aller Art verbundene Barrikadenbauen erwies sich als sehr fidel und lucrativ. Dadurch wurden auch die Arbeiter die besten Freunde der Aula.

Ungeachtet aller dieser Ausartung bewahrte doch das sich zurückhaltende Bürgerthum noch einen trefflichen Politischen Kern, und selbst im demokratischen Verein befanden sich viele Männer von Bildung und redlicher Tendenz, obschon die Mehrzahl - wie eine Geschichte jener Tage sagt - > aus Stegreifpolitikern, Leuten, die mit der Kriminaljustiz Bekanntschaft gemacht, arbeitsscheuen Handlungsdienern, bankerutirten Kaufleuten, Winkeladvokaten, abgesetzten Beamten und Militairs und Versemachern ohne Talent< bestand. So viel steht fest, daß in keiner andern Stadt Deutschlands bei den Erhebungen des Jahres 48 und 49 die Demokratie durch so viele fremde und nichtswürdige Elemente geschändet wurde, als gerade in Wien. -


Trotz der abendlichen Herbstluft standen Fenster und Thüren

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der Schänke >Zum Hirschen< - oder wie sie jetzt hieß, >Zur Deutschen Herrlichkeit<, - offen, und Bänke und Tische waren auf die Straße gezogen. Die Wirthschaft lag in der Gumpendorfer Vorstadt, unweit der Kasernen, und war ein Lieblingsaufenthalt der Soldaten, sonst wohl von den Fabrikarbeitern, welcke in großer Zahl Gumpendorf und das anstoßende Mariahilf bewohnten, weniger besucht; jetzt aber fraternisierten die Arbeiter die Nationalgarden der Vorstadt und die Sendlinge der Aula und des demokratischen Clubs in Jubel und Lärmen mit den Soldaten des Grenadier-Bataillons Richter und einigen anderen darunter gemischten Militairs.

Das genannte Grenadier-Bataillon war aus Grenadieren der Infanterie-Regimenter Heß, Hrabowsky und Großherzog von Baden zusammengesetzt, in letzter Zeit aber noch durch verschiedene Rekruteneinstellungen mit anderen nationellen Elementen vermischt worden. Vielleicht war es gerade diese Zusammensetzung, welche es so leicht den Einflüsterungen der revolutionairen Agitation zugänglich gemacht hatte; denn schon seit langer Zeit zeigte sich ein gewisser Geist der Insubordination unter dem Bataillon, das seit vielen Jahren in Wien garnisonirte und durch die gemeinschaftlichen Wachen mit der akademischen Legion und der Nationalgarde demoralisirt wurde. Dies war der Grund, weshalb das Ministerium beschlossen hatte, gerade dieses Bataillon schleunigst von Wien zu entfernen, und es war, wie erwähnt, am 5ten die Ordre ergangen, daß es am nächsten Morgen nach der ungarischen Grenze abmarschiren sollte.

Die österreichischen Soldaten haben von je her die Eigenschaft besessen, sich leichter an den Bürger anzuschließen, als die Krieger anderer Armeen - selbst in fremden Garnisonen werden sie durch Dienstleistungen und gemüthliches Wesen leicht Mitglieder des Haushalts, obschon, wo es auf militärische Dinge ankommt, es ihnen keineswegs an einer gewissen Störrigkeit fehlt. Fast durchgängig sind die Oesterreicher vortreffliche und feste Soldaten, und das traurige Beispiel, was hier das Grenadier-Bataillon gab, ist das einzige.

Die zechenden Soldaten hatten fast sämmtlich ihre Liebsten bei sich, Fabrik- und Nähtermädchen, Töchter von Arbeiterfamilien,

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Dienstmädchen, die aus Besorgniß um ihren Schatz der Herrschaft fortgelaufen waren, und die Spießbürger und Arbeiter saßen zwischen den Gruppen, traktirten die Soldaten und redeten ihnen zu, das schöne Wien und sein gutes Leben nicht zu verlassen, um gegen die braven Magyaren zu ziehen.

»Holter der Deuxel soll mi holen, wenn i's thu'!« schwor ein Grenadier an dem langen Tisch der Schänkstube, indem er mit dem Krügel, das vor ihm stand, auf den Tisch schlug. »Die Ungarn haben's Recht, wenn's nit mehr die Kopfsteuer zahlen wollen, wie mein Alter z'Haus! Küß mich, Franzl, ich bleib' halt bei Dir, wenn D'mir auch nix mehr einschänken läßt!«

»Na, Ignaz, was plauscht Du da?« lachte die vollbusige Dirne mit den schwarzen, feurigen Augen, indem sie an dem langen Oberösterreicher, dem sie halb auf dem Schooß saß, in die Höhe sah. »Mach' nit so 'ne jämmerliche Fratz' - wenn i auch kein Geld mehr hab', schau, der Herr da wird für den braven Soldaten sicher ein Zwanziger in der Tasch' haben!«

Sie blitzte keck und schlau hinüber zu einem jüngern Mann in der bekannten Uniform der akademischen Legion, der unfern des Tisches eifrig mit zwei Männern sprach, die ihrer Kleidung und Bewaffnung nach zwar zu den Nationalgarden der Vorstadt und den untersten Standen gehörten, durch die Form ihrer Schnurrbärte, die kecke Haltung und den Schnitt des braunen Gesichts aber ihre mayarische Nationalität kundgaben.

»Einen Kuß, schönes Kind, und Du sollst blanke Gulden genug haben für Deinen Schatz und seine Kameraden,« lachte der Student, indem er mit dem Gelde in der Tasche klimperte.

Die Grätzerin, so dreist und schamlos sie sich bisher ihrem Liebhaber gegenüber benommen, wurde roth bis unter das braune Haar der niedern Stirn. Sie preßte den Mund mit den üppigen schwellenden Lippen zusammen. »Ueber der Grenze bei uns z'Haus an der Raab, reden's immer von'n Vampyr,« flüsterte sie - »grad' so schaut der Herr dort aus - aber 's thut nix, Dir zu Lieb' geb' i ihm schon a Schmatzerl!« Mit einem raschen Entschluß sprang sie von dem Schooß des Soldaten auf und warf sich dem Legionair in die Arme.

Dieser war eine schlanke Figur von mittlerer Größe und

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eigenthümlicher Gesichtsbildung, welche die Mitte zwischen Raubvogel und Schafbock hielt. Dem thierischen, lüsternen Element gehörte das volle, kräftige Kinn, die Bildung des Kiefers, der negerhaft aufgeworfene Mund, die lange, leicht gebogene Nase mit den weit geöffneten Nüstern; dem Geistigen die hochgewölbte, kräftige Stirn, die volle, breite Bildung des Oberkopfes mit schmalen, tiefen Schläfen - zunächst aber das große runde, hellgraue Auge, das mit einer gewissen eisigen Härte zu blicken pflegte, bei jeder Aufregung aber einen Glanz annahm, wie der bannende Blick der Klapperschlange. Ein scharfer Zug von Indolenz und Süffisance lag über diesem apathisch abgespannten Gesicht, dessen Teint eine fast leichenhafte, unreine Blässe war, durch welche fahle Sommerflecken schimmerten. Der Haarwuchs glich dem eines Negers oder thierischen Wollträgers, so kraus, wirr und hoch bauschte er hellbraun durcheinander. Trotz dieser eigenthümlichen Zusammenstellung war der Ursprung aus dem jüdischen Stamm im Ganzen nicht zu verkennen, aber mit einer gewissen harten, kalten Vornehmheit vermischt, die sonst der Nationalität nicht eigen ist und offenbar gemacht, erzwungen erschien, und dennoch eines gewissen Eindrucks nicht verfehlte.

Der Legionair trug die in ganz Wien damals wohlbekannte und gefeierte Kleidung der Aula mit dem Kalabreser, über dem Arm aber einen grauen Ueberrock. Als er das Mädchen umarmte, schien all' die Gier in ihm zu erwachen, die der untere Theil des Gesichts ausdrückte, er bohrte die großen Augen auf die vollen, runden Formen des Mädchens und küßte wiederholt in unanständiger Weise den vollschwellenden Mund, bis sie mit Gewalt das Gesicht zurückbog.

»Freiheit und Gleichheit, Franzel,« sagte er lachend; »unter Kameraden und Brüdern muß Alles gemeinsam sein - und d'rum nimm und traktire die wackeren Grenadiere, damit sie sehen, wie das Volk Alles mit ihnen theilt und also verlangen kann, daß sie wie Brüder an ihm handeln, nicht wie blutgierige Tyrannenknechte!« Er hatte eine Rolle aus der Tasche genommen und brach sie auf - lauter blanke Silberzwanziger, die er in das Mieder und die Schürze des Mädchens schüttete, freigebig einen großen Theil daneben, nach dem Dirnen, Arbeiter und Soldaten

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haschten. »Führ' Deinen Schatz hinaus in den Garten,« flüsterte er der Grätzerin zu - »ich habe einige Worte mit ihm zu reden und er soll eine zweite Rolle haben für sich und Dich! - Hollah, Hirschenwirth! Wein und Bier her, daß die tapferen Grenadiere noch ein Mal wissen, wie sich's lebt in Wien, ehe sie auf unsere Brüder, die Ungarn, schießen und sich von den Kroatendirnen dafür küssen lassen!«

Der rechte Ton war angeschlagen - Geld und Getränk da! - »Sie dürfen nicht fort! Ein schlechter Kerl, der fortzieht und gegen die Ungarn schießt!. Vivat die Wiener Mädel!« Der Ignaz schlug mit der Faust auf den Tisch. »Der Deuxel soll mi holen, wenn i's thu'! Aan schlechter Oesterreicher, »wer unsere Wiener Brüder im Stich läßt! I marschir' nit!« - »I aach nit!« klang es von zehn Seiten. Die Soldaten steckten die Köpfe zusammen - die Nationalgarden und Arbeiter beriethen sich, wie der Abmarsch zu hindern sei - die Weiber und Mädchen umdrängten den Legionair, der sie so freigebig traktirte. »Vivat, der Herr Student soll leben!« Sie saßen ihm auf dem Schooß, sie umhalsten ihn und bedeckten ihn unter Lachen und Jubel mit Küssen; die Thränen, die sie um ihre Schatzerl geweint, hatten der ausgelassensten Stimmung Platz gemacht. Der Student schien sich in der beginnenden Orgie in seinem Element zu befinden, seine Scherze waren stets noch frecher und unzüchtiger, als die der Frechsten, seine Worte voll Gift und Bosheit stachelnd - dabei ermunterte er zum Trinken, verabredete hier ein Rendezvous, gab dort den Rath, Barrikaden zu bauen, und unterhielt sich mit den beiden fremden Gardisten in ungarischer Sprache - seine Augen waren überall, er schien Etwas zu suchen, zu erwarten.

Plötzlich erschien unter der Thür eine hohe Soldatengestalt, ein Mann mit den Abzeichen des Feldwebels, und warf auf die Scene einen scharfen, finstern Blick. Es war ein äußerst kräftig gebauter Mann, kaum sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt, mit hübschem, männlich-stattlichem und ernstem Gesicht. Aber in den tief und hohl liegenden, von schwarzen Ringen umgebenen Augen glühte ein unheimlich irres Feuer, das fast einer Geistesstörung glich. Hinter ihm drein trug ein Grenadier von mürrischem

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verschlossenem Ausdruck die schwarze Tasche mit den Dienstordres.

» Ruhe da!« sagte der Feldwebel mit lauter Stimme, und die Worte klangen hart und gebieterisch trotz des weichen tyroler Dialekts. »Paßt sich der Spektakel für Grenadiere, die morgen gegen des Kaisers Feind marschiren? Die Kasernenstunde wird gleich schlagen, daß mir Keiner ausbleibt - i warn' Euch!« Er warf sich auf einen Schemel und stützte den Kopf in die Hand. Aan Seidel, Wirth - hab' noch einen Gang in die Stadt!« Wieder versank er in finsteres Brüten, ohne zu bemerken, wie die Blicke seines Begleiters und des Legionairs sich verständigten und Jener auf die Tasche in seiner Hand deutete.

Die Grenadiere mit ihren Mädchen verzogen sich nach und nach auf die Bänke und in die Gruppen vor der Schänke, oder setzten sich weniger lärmend zusammen. Trotz ihrem Entschluß, den militairischen Gehorsam am andern Morgen verweigern zu wollen, wagten die Meisten es nicht, dem durch seine Kraft und seine Strenge gefürchteten Tyroler zu widersprechen.

Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, störte ihn aus dem Sinnen, während dessen er unberührt das Seidel Erlauer auf dem Tisch hatte stehen lassen. Er fuhr auf: »Was schaffen's? - o, Sie sind's, Euer Gnaden!« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die sich dunkelroth färbte.

»Wohin, Feldwebel? Wir haben uns lange nicht geseh'n!«

»Es sind zwei Wochen - «

»Ich weiß es - war abwesend! Aber Ihr war't drei Mal seitdem bei der Gräfin - sie sagte mir's.«

Der kräftige Soldat erröthete wie ein betroffenes Mädchen.

»Sie sagte es Ihnen?«

»Freilich, sie selbst - es ist doch kein Vergehen, daß Ihr den Hausmeister, Euren Vetter, besucht und da ein Mal hinaufsteigt zur Gräfin. Ich bin nicht eifersüchtig, Feldwebel, verlaßt Euch d'rauf!«

Ein wilder Blick aus den Augen des Tyrolers traf ihn, erlosch aber an dem spöttischen, ruhigen Ausdruck des Gesichts seines Gegners.

Der Legionair beugte sich zu ihm nieder. »Die Gräfin

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Martha erwartet Euch, Franz - sie hat dringend mit Euch zu sprechen - Ihr müßt sogleich zu ihr gehen!«

Wieder überflog eine dunkle Gluth das kräftig-schöne Gesicht des stattlichen Soldaten. »I bin im Dienst, Herr - nur der Zufall oder jener Teufel, der mit Euch im Bunde ist,« - er deutete nach der Ordonnanz - »führte mich h'rein und i muß zur Stell' fort ... «

»Nach dem Hof,13 Franz - nach dem Hof! Wollt Ihr eine Dame warten lassen, die nach Euch verlangt? Die Gräfin spricht nie mehr ein Wort mit Euch, wenn Ihr nur eine Minute zögert, und Euer erster Gang nicht zu ihr ist - die Kriegskanzlei muß warten!«

Der Tyroler hatte sich erhoben und den Arm des Legionairs erfaßt, den er schüttelte. »Heilige Barbara, daß es dahin mit mir kommen müßt'! - O Herr, i bin ein elender Mensch, und war doch ein braver Soldat und Fried' in meinem Herzen, bis Sie mich zu ihr führten! - in einem halben Jahr wär' meine Capitulation ausg'wesen und i hätt' die Nannerl g'heirath und des Großvaters Hof übernommen, und nun ... «

»Und warum sollt Ihr's nicht eben noch thun, Franz? Aber bis dahin genießt Euer heimlich Liebesglück, Mann! Denkt an das rothe Boudoir, Mensch, und die weichen Arme der schönen Magnatin, die Euch erwarten - «

Der Tyroler lachte grell auf, ein wildes, verzehrendes Feuer glühte aus seinen Augen. »I weiß, was sie will, und Ihr auch!« sagte er drohend - »aber die heil'ge Jungfrau helf' mir in meiner Sterbestund', daß i aan Verräther an meinem Kaiser g'worden bin - i kann nit anders. Doch wenn i henken soll oder die Kugel kriegen, soll's für sie sein, für keinen Andern nit! Nehmen Sich's d'rum in Acht, Herr - i sag's Ihnen frei, dem ersten Offizier, dem i begegne, zeig' ich's an, daß Sie die Soldaten hier aufwieg'ln. I hab's g'hört, Doctor, draußen vor der Thür, als mich der Slowak h'reingelockt!«

»Bah - seid kein Narr, Feldwebel,« lachte der Legionair,

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niemand würd's Euch danken - die Macht der Soldateska ist zu Ende! Aber fort mit Euch - die Gräfin wartet - soll ich ihr sagen, daß Franz Stockhammer sein Glück verschmäht, und daß diese Nacht einem Andern gehören muß, als dem Tropf, der sie verachtet?«

Der Feldwebel machte eine Bewegung gleich einem Tiger, als wolle er auf ihn los, das Blut stieg ihm zu Kopf und schwellte seine Adern vor Zorn und Eifersucht. Dann, ohne ein Wort zu sagen, stürzte er aus der Thür. Der slowakische Rekrut wechselte einen Blick und ein böses Lächeln mit dem Legionair und folgte Jenem. Ein Zug kalten Hohns flog über das Gesicht des Andern. »Wenn sie morgen nicht rebelliren, wird er erschossen,« sagte er ruhig - »aber die Gräfin wird die Papiere haben für die Schäferstunde mit dem Tölpel. - Schau, Franzerl! wo hast Du den Ignaz? ich muß mit ihm reden!«

Der Grenadier kam hinter dem Mädchen drein - nach und nach mit der Entfernung des Feldwebels füllte sich die Schänkstube wieder mit den rebellischen Soldaten.

Der Legionair oder Doctor, wie ihn der Tyroler bezeichnet, hatte den Soldaten in einen Winkel gezogen und redete dort eifrig mit ihm. Der Mann schien erst zu zögern, ließ sich aber nach und nach bestimmen, und wer scharf beobachtete, hätte gesehen, wie er eine zweite Geldrolle empfing; - dann wurden mehrere Soldaten herbeigerufen, ihre Mädchen folgten; - zu Anderen redeten eifrig die beiden ungarischen Gardisten - der Legionair sprang auf einen Tisch.

»Seid Ihr freie Männer, oder Sklaven der Mörder von Prag und Mailand? Frei will die deutsche Nation sein, d'rum Schande über sie, wenn sie ein braves Brudervolk an der Erwerbung der eigenen Freiheit hindert! Kehrt Eure Gewehre gegen Die, welche Euch zwingen wollen! Noch regiert heimlich die Camarilla in Wien und die Minister sind ihre Knechte - vor Allem der Soldatenschinder Latour, der ein Herz und eine Seele ist mit Jellacic und Windischgrätz. Dem Schlächter von Prag und den Kroaten soll das freie Wien überliefert werden - dann geht die Massacre an über Alle, die als Männer am 13. März und im Mai den Kopf erhoben haben. Darum soll das Militair,

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das zu den Bürgern hält, aus der Stadt entfernt werden - 's ist eine in Schönbrunn abgekartete Sache. Das Volk soll seine Rechte verlieren, Jeder, der muckst, wird gehängt! Wenn sie Euch erst draußen unter den Böhmen und Preußen haben, Bürger Grenadiere, wird Standrecht gehalten, weil sie wissen, daß Ihr zu uns gehalten, und der fünfte Mann wird erschossen!«

Die Weiber kreischten laut auf, die Arbeiter schrieen, man dürfe das Bataillon nicht ziehen lassen, man werde es mit Gewalt zurückhalten.

»Baut Barrikaden in Euren Straßen, Männer von Gumpendorf und Mariahilf,« rief der Redner. »Nur auf Euch selbst könnt Ihr Euch verlassen, die Stadtgarden sind falsch und schwarzgelb gesinnt - es muß morgen zur Entscheidung kommen, ob sie Verräther des Vaterlandes sind oder zu uns halten. Ihr seid die Stützen der Freiheit, Männer der Vorstädte, und die Legion wird auf den ersten Ruf zu Euch stehen. Warum verweigert man uns die Herausgabe der Kanonen aus dem Zeughaus? Blos, damit man uns bedrohen und knechten kann! Sind sie nicht von unserm Gelde angeschafft und unser Eigenthum? Brüder, Nationalgarden, wir wollen Männer aus unsrer Mitte in's Ministerium! wir wollen vollständige Volksbewaffnung und die Besetzung der Thore durch die Demokratie! Unsere Brüder, die Grenadiere, werden uns helfen dabei, und deshalb - Nichts von ihrem Abmarsch! Gewalt gegen Gewalt! Wir werden sie mit Barrikaden daran hindern - noch diese Nacht müssen sie gebaut werden - ich selbst ... «

Den lauten, zustimmenden Lärmen unterbrach eine kräftige Stimme. »Du selbst, aufwieglerischer Schuft, sollst die Nacht im Arrest zubringen und morgen dem Kriegsgericht übergeben werden! - In die Kaserne, Grenadiere!« donnerte der Offizier, denn ein solcher war es, der Ober-Lieutenant Goldhan von der Großherzog-Baden-Division, der unter der Thür stand und den Schluß der Rede mit angehört hatte. »In die Kaserne auf der Stelle! Wollt Ihr Soldaten des Kaisers sein und duldet solche Worte? Es ist ein Kossuth'scher Emissair. Faßt den Menschen, und fort mit ihm in die Kasernenwache!«

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Obschon die Soldaten noch wenige Augenblicke vorher getobt und gelärmt und den Abmarsch verschworen hatten, wagte doch keiner jetzt, ungehorsam zu sein. Der Mann, der das Geld von dem Legionair erhalten, war der Einzige, der es wagte, eine widerspenstige Haltung anzunehmen, aber ein strenger Blick des Offiziers trieb ihn zurück. Selbst der Haufe der Nationalgarden begnügte sich mit Murren und Schimpfen, solchen Einfluß übte das entschlossene Auftreten des Ober-Lieutenants; dagegen thaten die Grenadiere auch Nichts zur Verhaftung des Legionairs und suchten sich, so unbemerkt als es ging, aus der Schänkstube zu drücken.

Der Mann der Aula beobachtete mit kalter Entschlossenheit die Stimmung umher. »Geben Sie sich keine Mühe, Lieutenant,« sagte er endlich höhnisch, »das Soldaten-Regiment existirt nicht mehr und Sie können sich selbst überzeugen, daß Ihre Grenadiere keine Maschinen militärischer Willkür mehr sein wollen und an einen Feind der Tyrannei, ihren wahren Freund, nicht Hand legen werden!«

»Dann, bei Gott,« rief der Offizier, »will ich's selbst thun!« Er sprang vorwärts und faßte den Legionär am Kragen, »Im Namen des Kaisers verhafte ich Dich! - Hierher, Grenadier Lockinger und Georg Pfeiler, ich befehle Euch, den Mann mit mir nach der Kaserne zu führen!«

So bei ihren Namen aufgerufen, wagten die Soldaten nicht, ungehorsam zu sein, und näherten sich, wiewohl mürrisch und widerwillig, ihren Offizier bei dem Transport zu unterstützen. Dieser hielt den Gefangenen mit der Linken fest, während er mit der Rechten den Säbel zog. »Platz da - im Namen des Kaisers! Wer es wagt, sich zu widersetzen, trage die Folgen! Vorwärts, Grenadiere!«

Der Legionair hatte bei der entschlossenen That des Offiziers im ersten Augenblick Widerstand leisten wollen und mit der Hand nach der Brusttasche gegriffen. Dann, überlegend, daß seine Verhaftung desto mehr Lärm und Erbitterung erregen mußte, wenn sie wirklich ausgeführt und er mit Gewalt über die Straße geschleppt würde, entschloß er sich, im passiven Widerstand die Gelegenheit zu einem Ausbruch der Volksmenge zu benutzen.

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Er sah die beiden verkleideten Ungarn in seiner Nähe, bereit, ihm beizustehen und sich auf den Offizier zu stürzen. »An der zweiten Straßenecke!« rief er ihnen in magyarischer Sprache zu. Dann, während der Offizier ihn fortzog, wandte er sich zu der mit Zischen, Pfeifen und Geschrei die Gruppe umgebenden und mit jedem Schritt wachsenden Menge.

»Seid Ihr freie Bürger von Wien, ein durch eigene Kraft freigewordenes Volk, und duldet es, daß ein Mann in den Kerker geschleppt wird, weil er für Euer Recht gesprochen? Pfui über die Schmach - Pfui über Eure Feigheit!«

Das Lärmen und Schreien wurde zum Brüllen - von Sekunde zu Sekunde wuchs die Erbitterung der Volksmasse, welche den Weg zu sperren begann - man schrie: der Student solle freigegeben werden! er habe Nichts verbrochen! er sei ein Freund des Volkes - man wolle sich nicht tyrannisiren lassen! Die Weiber drängten sich dicht heran und versuchten den Legionair fortzuziehen, der mit höhnenden Worten die Aufregung immer mehr stachelte.

Durch die Menge drängte sich der Bezirks-Chef Braun in Begleitung zweier Offiziere der Nationalgarde von Gumpendorf - ein wackerer Mann, der vergebens wiederholt versucht hatte, den Leuten das Unsinnige ihrer Forderung klar zu machen, daß das Grenadier-Bataillon den Abmarsch und somit den militärischen Gehorsam verweigern solle. Er rief dem Offizier zu, den Arrestanten in's Gemeindehaus zu führen, weil vor dem Kasernenthor eine zu große Menschenmenge versammelt sei. Aber der Rath kam zu spät, schon fluthete von dort her auf das Gerücht die Masse wie ein wogender Strom heran - die nachfolgende Menge der Arbeiter, Weiber und Gardisten drängte sich zugleich zwischen den Offizier und die Grenadiere, unter den Vordersten die beiden Ungarn - ein wildbewegter Menschenknäuel ballte sich zusammen. Der Offizier hielt energisch seinen Gefangenen fest. »Canaillen! wenn Ihr es denn nicht anders wollt! Macht von Euren Säbeln Gebrauch, Grenadiere!« Er selbst hob den seinen zum scharfen Kreuzhieb, der ihm Luft schaffen sollte - aber er brach mit einem Schrei zusammen - aus seiner Seite zuckte die Faust des Legionärs zurück mit der blutigen Dolchklinge - dann warf

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dieser sich in die Menge und wurde von den beiden Ungarn im Dunkel fortgerissen, während einige Mitleidige den schwer verwundeten Offizier schützten und die beiden Grenadiere mit dem Bezirks-Chef ihn nach der nahen Kaserne trugen.

Hinter der nächsten Straßenecke wischte hämisch lachend der Legionair das Blut von der Mailänder dreischneidigen Klinge. Um Mitternacht bin ich wieder hier mit der nöthigen Auskunft und dem Plan der Barrikaden. Haltet die Menge bis dahin in Bewegung und schmuggelt so viel Getränk als möglich in die Kasernen!« Er eilte davon. -


Auf dem Platz am Hofe war während des Abends gleichfalls ein reges Leben und Treiben, und namentlich um das Kriegsgebäude her viel Gedrang, da dort fortwährend Ordonnanzen und Offiziere des Militairs und der Bürgergarden ab- und zugingen.

Die militairische Garnison Wiens war in dem Augenblick außergewöhnlich gering, da man vermeiden wollte, das Mißtrauen der Bevölkerung zu erregen. Es standen damals in Wien und seiner Umgebung nur drei Infanterie-Regimenter, ein Jäger-Bataillon, vier Compagnien Pioniere, das Regiment Mengen-Kürassiere und das Regiment Chevauxlegers Wrbna nebst drei Batterien. Hiervon waren vierzehn Compagnien und sechs Escadrons zum Schutz des kaiserlichen Hofes in Schönbrunn und fünfzehn Compagnien an verschiedenen Stellen der Stadt zur Sicherung der Munitionsvorräthe kommandirt, so daß zur mobilen Vertheidigung der Stadt nur noch nicht fünf Bataillone Infanterie und sechs Escadrons disponible blieben.

Die Fenster des ersten Stockwerks eines der stattlichsten Eckhäuser am Platz waren nur matt erleuchtet und noch durch die herabgelassenen Gardinen verhüllt. Wer jedoch an der Loge des Hausmeisters vorüber in den Hof getreten wäre, hätte vielleicht bemerkt, daß in den hell erleuchteten, nach dem Innern laufenden Zimmern eine zahlreiche Gesellschaft verkehren mußte, obschon auch hier die Rouleaux jeden Einblick versperrten. Der Hausmeister, ein alter runder Mann, saß auf der Steinbank am Eingang und beobachtete das Treiben draußen auf der

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Straße mehr als die Personen, die ab und zu in's Innere des Hauses gingen. Es waren häufig Männer, in leichte Mäntel gehüllt, den Kragen emporgeschlagen, wie um nicht von Jedem erkannt zu werden, Legionaire der Aula, in pomphaftem Aufzug sich brüstend und mit den Waffen rasselnd, und einige Nationalgarden, Männer mit entschlossenen, verwegenen Gesichtern, aus den verschiedenen Quartieren der Hauptstadt. Auch zwei oder drei Personen in der ungarischen Nationaltracht, die Federmütze trotzig auf dem Kopf, schritten an ihm vorbei und wandten sich der Treppe zum ersten Stock zu.

Der Alte schien des Treibens gewohnt und kümmerte sich nicht um die Eintretenden, die offenbar in dem Hause Bescheid wußten. Auch lehnte nicht fern von ihm an dem Aufgang ein andrer Wächter, scheinbar absichtslos und dennoch im hellen Schein der Gaslaterne jeden Ankommenden musternd, einige Worte mit den ihm Unbekannten wechselnd und sie dann bedeutend.

Es war ein sehr junger Mann von schlanker großer Gestalt in einfacher Tracht der Legionaire. Sein Gesicht war von merkwürdig schönem und regelmäßigem Ausdruck und der bräunlichen Färbung, wie es die südlichen, slavischen Racen zeigen; aber eine tiefe, drückende Melancholie lag auf diesen Zügen und in den großen, mandelförmigen, braunen Augen.

»'s geht wieder heut lustig droben, Musje Matthis,« sagte der Alte, die kurze Pfeife aus dem Mund nehmend und schlau nach oben deutend, »muß wieder was los sein. Hab' i Recht oder nit?«

Der Student nickte schweigend mit dem Kopf, ohne eine weitere Antwort zu geben.

»Ist aan kurioses Treiben jetzt!« fuhr der Hausmeister fort; »hab' mei Lebtag nit glaubt, so was zu erleben in Wien. Die Herrschaften vom Adel sind immer mit ihres Gleichen g'gangen und der Bürger mit dem Bürger, Die droben aber dreht's um und stellt's af'n Kopp. 's gefällt mer nit und Gut's kann sicher nit 'raus kommen. Hätt' auch den Dienst noch auf meinem alten Tag gekündigt und wär' zu meinem Schwager gezogen 'naus nach'm Tyrol, wenn i nit in dem Haus hier geboren wär' und meine Alte mit ihren zwei Kindern draußen lag' auf dem

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Joseph-Kirchhof, 's thut nit gut, Herr Matthis - 's thut nit gut!«

»Wie lange sind Sie im Haus hier, Döllinger?« fragte der junge Mann, indem er bei dem Alten stehen blieb.

»Nu schaun's, i bin im Jahre Dreiundachtzig geboren,« antwortete der Hausmeister - »der liebe Gott läßt's jetzt grad' fünfundsechszig Jahre sein. I hab' den Franzosenkrieg mitgemacht und war mit dem jungen Herrn, der a schon unter der Erd' liegt, drunten im Tyrol, als wir die Bayrischen klopften. Da lernt' ich die Kathi kennen und kriegt den Schuß in's Bein, weswegen sie mich in's Gnadenbrod hierher setzten, wo mein Vatter selig so lang' hantiert hat. War noch en kräftiger Kerl bis af's Bein da, als Könige und Kaiser hier z'sammen kamen, den Napoljon abzusetzen, und weiß Gott, 's war so lebendig da auf den Straßen, wie jetzt alle Tag'; aber 's war ein ander Leben, lauter Lust und Herrlichkeit, schöne Damen und stattliche Cavaliere. Herr Gott im Himmel, war des 'ne Pracht, als unser Franz'l seinen Einzug hielt mit dem russ'schen Kaiser, und jetzt wagt der Herr sich nit mal mehr in sei alten Wien und die Lumpenband' regiert halt af den Straß'n!«

»Still, Alter - wißt Ihr nicht, daß es gefährlich ist, so zu reden?«

»Ach was - schauns, es muß manchmal heraus aus dem alten Goschen, und i weiß, Sie verrathen mich nit. Sie haben an Herz, wie an geborner Cavalier, obschon Sie an Schweinhirt oder an Kesselflicker aus Ungarn g'wesen sein sollen, wie die Dienstleut' sagen, während der Jud', der Galgenstrick, gern ausschau'n möcht' wie an Cavalier, und wird doch sein Lebtag an Jud' bleiben.«

In diesem Augenblick traten zwei Personen in das Haus - der Feldwebel von dem Grenadier-Bataillon Richter und sein Ordonnanzsoldat.

»Grüß' Gott, Ohm Hans,« sagte finster der Tyroler - »hab' Euch lange nit g'schaut!«

»Scheint's nit eben noth zu haben, Franzerl,« sagte der Hausmeister, indem sein gutmüthig Gesicht sich in ernste Falten zog und er that, als bemerke er nicht, daß der Feldwebel ihm

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die Hand zum Gruß entgegen gestreckt. »Bist die zwei letzten Mal, daß D' hier g'west, an der Losch' vorbeigegangen, ohne 'nein z' schauen, grad' als hätt'st kan gut G'wissen!«

»Unsinn, Ohm - i hatte Eile!«

»Zur ungar'schen Gräfin, merk's schon, und des eben ist's halt, was mir nit g'fallen will. Seit der braune Schuft dort mit den Glühaugen wie des Erzfeinds höllisches Feuer Dich nach Oben gebracht, wohin D' nit g'hörst, ist's aus mit Deiner Ruh'!«

Der Feldwebel seufzte stöhnend auf. »Ihr irrt Euch, Ohm - i hab' manchmal an G'schäft oder ane Botschaft aasz'richten an die Herrschaft - sonst Nix!«

»Lug' nit, Franzl,« sagte darauf kopfschüttelnd der ehrliche Alte - »es steht Dir nit zu G'sicht und wenn's Deine Tante wußt', würd' sie sich im Grab umdreh'n. I wünscht', i hätt' in meiner Jugend besser 's Schreiben g'lernt, und hätt's Deinem alten Großvatter eher g'meld't, daß Du nit mehr an die Nanderl denkst und auf schlechten Wegen wandelst.«

»Wer sagt das?« fuhr der Soldat auf - »'s ist an Lug! Doch i hab' keine Zeit, mich zu streiten - i muß den Doctor sprechen!«

Er wandte sich nach der Treppe, wo der Soldat heimlich und eifrig mit dem Studenten sprach, dabei seinen Vorgesetzten aber nicht aus den Augen lassend, dem er vertraulich zuwinkte, sich zu eilen.

»Der Doctor mit dem Käs'gesicht ist verreist - Du hast da oben Nix zu schaffen!«

»Was wißt Ihr davon! Laßt mich los - i wiederhol' Euch, i hab' Eil'!« Er riß sich los und ging auf die Treppe zu.

»Die Gräfin erwartet Sie,« sagte finster der Student - »ich soll's ihr melden lassen, sobald Sie gekommen. Begleiten Sie mich!«

Er führte den jungen Soldaten die Treppe hinauf, während der Hausmeister, der an der Gesellschaft des unheimlichen zurückgebliebenen Gesellen wenig Gefallen fand, sich wieder auf die Steinbank unter'm Thor setzte, in übler Laune vor sich hin murmelnd und starke Wolken aus der Pfeife dampfend.

Der Student kam bald aus dem obern Stockwerk zurück.

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» Du sollst auch hinauf kommen, Szabó,« sagte er ernst - »die Gräfin will Dich nachher sprechen. Ich bitt' Dich, Bruder, was geht vor - mir ist's beklommen um's Herz, wie's nie gewesen, und Deine Augen leuchten wie Blitze!«

»Wenn Du ein Mann wärst, Matthias, würd' ich Dir's sagen,« antwortete scharf der Slowak - »so sprech' ich nur zu Dir: der Tag der Rache ist da - das Blut Deiner Schwester wird den armen Szabó Pólka nicht länger anklagen und in Strömen andern Blutes erstickt werden. Hussah! es soll Keiner mehr das Geschenk Szabó's mit Verachtung von sich stoßen. Hätte der Mann dort drüben Mitleid mit der Bitte des Armen und seiner Gabe gehabt, - die Hanka saß in meiner Hütte als mein Weib und der Szabó hätt' sich eher von den wilden Rossen der Pußta zerreißen lassen, ehe er zugegeben, daß seinem Retter ein Leid geschähe! Jetzt muß er sterben - sterben wie Alle, die an jenem Tage kein Herz gezeigt für den Armen!«

»Du bist wahnsinnig!«

»Meinst Du, Bruderherz? Manchmal will mir's auch bedünken - und ich seh' Alles roth, Ströme von Blut vor den Augen und zerrissene Glieder und zuckende Herzen, wie die arme Hanka vor mir lag auf dem rothen Brautlager, ehe sie mich fortschleppten aus unserm Dorf. Der alte Husar sagte mir, es geschah', um mein Leben zu retten, daß sie mich unter die Soldaten steckten, und ich glaub', er meinte es ehrlich, er und der Sandor allein, denn der Slowak hat scharfe Augen selbst in seinem Unglück, und ich sah die Thräne in seinen grauen Wimpern. Aber dann wieder denk' ich, ich bin nicht wahnwitzig, sondern schlau geworden, wie der Marder, der über die Dächer schleicht, oder der Fuchs, der um die Tanyen streicht, auf seine Beute zu lauern. Der Stock vom Corporal hat nicht die alten Gedanken aus dem Rücken des Szabó heraus geklopft, aber er hat andere Gedanken hinein gebracht. Er, der Allen diente als der niederste, verachtete Knecht, er wird sie Alle seiner Rache dienstbar machen an den Wölfen!«

»An den Wölfen? - Du redest Thorheit, armer Freund!«

»An den Wölfen, sag' ich, Bruder der Hanka,« flüsterte der Rekrut, indem er den Studenten weiter hinauf zog am Treppengeländer

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und seine Augen grimmig funkelten - »erst an den Wölfen in Menschengestalt, die kein Mitleid hatten für mein Flehen, und dann an den Bestien der Wildniß, die der Herrgott im Himmel doch nichts anders gelehrt, als die blutige Beute zu suchen!«

»Szabó, ich beschwöre Dich, was willst Du thun?«

»Hier sitzt es!« sagte der Slowak dumpf, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr - »so roth - so roth seit der schrecklichen Nacht, und der Hanka zerrissene Gestalt erscheint mir jede Nacht im Traum, und ich weiß, daß sie keine Ruh' im Grab haben wird, als bis es durch Ströme von Blut getränkt ist. - Du weißt, Matthias,« fuhr er flüsternd fort, »daß die Bräute, die vor der Hochzeit eines gewaltsamen Todes sterben, aus ihren Gräbern kommen und sich zum Liebsten legen. Hu, Matthias - ich sage Dir, jede Nacht liegt Deine Schwester neben dem Szabó und ihr Todtenleib ist so kalt wie Eis!«

Der Unglückliche schauerte zusammen. Obschon der Aberglaube seiner Jugend die Wirkung nicht verfehlte auf den jungen Mann, kämpfte doch das bessere Wissen und die gewonnene Bildung ihn nieder. »Du mußt nicht so tolles Zeug glauben und träumen, armer Bruder,« sagte er tröstend zu dem ehemaligen Schweinehirten. »Die arme Schwester liegt ruhig in ihrem Grab und solcher Aberglaube ist gegen unsre heilige Religion und die Vernunft. Folge Deiner Pflicht und sei ein Mann, Szabó, ich bitte Dich!«

Der Grenadier lächelte seltsam. »Szabó,« sprach er langsam, »ist kein Thor, und obschon ein junger Rekrut, doch ein guter Soldat, hat sich Hauptmann selbst es gesagt und mich gemacht zur Ordonnanz. Aber 's ist Alles nur Schein - der Szabó hat warten gelernt auf seine Zeit und seine Rache schläft nicht. Der arme Kanász hat nur zwei Freunde in der Welt, der eine bist Du, Hanka's Bruder, obschon Du bei den Vornehmen wohnst, der andre ist Rózsa, der Betyár. Vor fünf Wochen ließ er mir sagen durch den Janos, den Kesselflicker, daß er den Verwalter des Grafen, der die Hanka dem Jurisch gegeben, durch die Brust geschossen, als er ihm in der Pußta begegnet. Der Rózsa wird jetzt ein großer Mann im Ungarland,

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ein Hauptmann über Fünfhundert, und ich geh' zu ihm, das Werk zu vollenden, wenn ich hier fertig bin!«

»Mensch - sprich - was sollen die Reden bedeuten - was hast Du vor?«

»Hast noch Nix gemerkt, Bruderherz?« lachte der Slowak. »Morgen geht's los - da oben brauen sie's zusammen, wie den Slibowitza, und der Szabó hat wacker sein Theil geholfen. Dafür, daß er den Verräther an den Kaiser hierher gebracht, hat schöne Gräfin, die auch Augen hat wie der Vampyr und das Blut aus Deinen Adern saugt, Bruderherz, dem Szabó versprochen, daß er der Erste sein sollt' auf den bösen Mann, der seine Bitten verhöhnt und die Hanka und den Wolf dem Jurisch gegeben. Dann hui - wenn's hier blut'gen Tanz gegeben, geht's hinaus in's Ungarland. Der alte Graf, unser Herr, ist todt - Herrgott im Himmel hat ihn gestraft, weil er zugelassen auf seinem Land, daß armen ehrlichen Slowak genommen werd' sein Mädchen zur Lust für den rothen Pandur'. Aber der junge Graf, der die Herrin freit, er war auch dabei und er soll sterben, wenn sie auch sagen, daß er einer von den Freimachern ist. Sind die stolzen Magnaten auch nit besser wie die Wölfe und will ich mit Lust schauen, wie sie sich zerreißen unter einander. Haben Alle nicht gehört auf des Szabó Fleh'n und zugeseh'n, wie sein Lieb ward von seiner Brust gerissen. Nur die Eine soll sein geschont, weil sie hatt' ein Herz in der Magnatenbrust und ihrem Auge gefiel die Hanka. Ich stand hinter der Reihe, als sie mein Mädchen zu ihrem Dienst wählte, aber teremtete - die alte Magnatenfrau, die auf den Slowak herabschaut, als sei er schlechter, als sich die Erd' unter ihrem Stiefel ist, wollt's nix leiden. Hätt' sie's gethan, wär' die Hanka am Leben und der Szabó ein ehrlicher Kanász! Der Teufel möge in ihrer Seele sitzen, bis ich vergolten an ihrem Leib!«

Er schwieg einige Augenblicke, dann strich er trotzig mit der Hand über die Stirn und sagte: »Geh' mit mir, Matthias, wenn ich nach Ungarland kehr', und werd' ein Mann. Wirst kein Weißbrod und Braten essen und keinen Rock seinigten tragen, wie hier, aber ein freier Mann sein und nicht zu erröthen brauchen, daß Du der Schandbub' bist einer Magnatenfrau!«

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»Schweig', oder ... «

Der Grenadier schaute ihn finster an. »Was wahr ist, ist wahr, und weil Du der Hanka Bruder bist, sag' ich Dir's in's Gesicht. Wenn draußen in der Pußta die Hirten zusammensitzen, erzählen sie von dem Magyarenschloß, wo die grausame Fürstin sich gewaschen jede Nacht in frischem Mädchenblut, 's ist nix anders, was sie thut mit Dir, und wird doch nicht wieder jung in Deinem Blut wie damals, als sie von französischem Offizier, ihrem Liebsten, Mann den ihrigten ließ schießen in's Bein. - Geh' mit mir, Matthias, Bruderherz! es ist besser, in der Pußta zu sterben in ehrlichem Kampf, als zu leben in Schand'!«

Der unglückliche Jüngling schlug die Hände vor das Gesicht - dicke, heiße Thränen quollen durch seine Finger und ein tiefes Schluchzen erschütterte seine ganze Gestalt, als er den Kopf auf des Soldaten Schulter legte. »Herr, mein Gott,« stöhnte er - »Du allein weißt es, wie gern ich wieder den Hammer und die Zang' nahm' und hinaus wanderte in's weite Reich, die zerrissene Bunda um die Schulter, ein armer Kesselflickerknab' - statt hier in Wohlleben und Ueppigkeit zu schwelgen! O Szabó, Du weißt nicht, was ich leide!«

»So sei ein Mann, wie Du an Jahren wirst, und reiß' Dich los!«

»Dazu, Bruder, muß Gott mir einen Engel senden, nicht eine Hand, rauh und blutig, wie die Deinige! Der arme Slowaken-Knabe, den sie von der tiefsten Stufe des menschlichen Elends nahm und ihn des Lebens und des Geistes Schätze lehren ließ, er hat kein Recht, undankbar zu sein an ihr, auch wenn sie Leib und Seele wieder verdirbt, denn dieser Leib und diese Seele gehören ihr!«

»Schmach über sie - sie kaufte Dich, wie der Türk' die Sklavin für seine Lüste! Du warst ein unmündiger Bub', wie der Handel gemacht ward von schlechtem Kerl, Oheim Deinigtem!«

»Sie ist die Herrin,« wiederholte finster der arme junge Mann - »sie nährte und kleidete diesen Leib und bildete meinen Geist - und daß sie dies that, ist eben mein großes Elend! - Du hast Recht, Szabó - sie ist ein Vampyr, der das Blut aus meinen Adern saugt und die Röthe der Scham aus meinem

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Gesicht - aber nur Gott kann mich befreien, indem er ihr Herz lenkt, selbst diese Ketten zu brechen, die mich an ihren Willen schmieden.«

»Wo ist der Graf, ihr Mann, daß er duldet das zuchtlose Leben ihrigte?«

»Fern im Ausland - im Dienst des Kaisers, dem er treu ergeben. Er hat keine Macht über sie und fürchtet sie. Seit länger als den acht Jahren, daß sie mich in einer Anwandlung von Laune oder Großmuth, als der Hunger durch das Ungarland ging, zu sich nahm oder kaufte, um aus dem elenden Slowaken-Knaben einen Menschen zu machen, lebt sie getrennt von ihm und haßt ihn auf den Tod! Aber auch mir trauen sie nicht mehr, obschon ich ihr bloßes Geschöpf bin; - seit der Doctor mit dem bleichen Gesicht im Hause ist, mit dem Du immer verkehrst, sind alle bösen Leidenschaften ihres Herzens auf das Wildeste erregt und dunkle Werke bereiten sie vor - sie droht mir und schlägt in blinder Wuth nach mir, wenn ich zögere, Manches zu thun, was sie mir auftragen!«

Der rohe Slowak betrachtete mit einem gewissen mitleidigen Spott den Klagenden, der an Gestalt ein Mann, mit hundertfach größerm Wissen als er ausgerüstet, mit dem Leben bekannt, und doch ein schwacher Knabe geblieben, ein willenloses Rohr in den Händen eines geilen, bösen Weibes, das ihn mißbrauchte, nicht kräftig genug, eine vergoldete Kette zu brechen, die seine Seele und seinen Leib verdarb.

Noch ein Mal wollte er ihn ermuthigen, einen Entschluß zu fassen, mit ihm zurückzukehren nach dem Ungarland und als Mann zu erstarken in dem wilden, blutigen Kampf, der sich dort bereitete - aber sie wurden gestört, indem eine Dienerin die Treppe herunter kam und dem Grenadier sagte, er möge hinauf kommen die Gräfin wolle ihn sprechen.

Matthias, der Student, blieb an der Lehne der Treppe zurück - die Gäste seiner Herrin schienen jetzt alle versammelt, denn es erschien Niemand mehr, das Loosungswort zu geben. -

Noch immer stand er da, den Kopf an das kalte Marmorgetäfel der Wand gestützt, und schwere, bittere Thränen der tiefgefühlten

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Scham und Schwäche rannen über sein blasses, schönes Gesicht.

Da weckte ihn plötzlich ein heiteres, frisches, herziges Lachen, das wie ein Engelston durch den rüden Lärmen draußen auf den Straßen klang.

»Nönl,« sagte eine helle, liebliche Stimme im weichen, herzigen Dialekt der Tyroler Alpenthäler, »i will nit an ehrlich Tyroler Madl sein, wenn da nit der Jörgi sitzt, der Großohm, wie er vor zehn Jahren 's letzt' Mal im Schnalsthal war. Grüß' Di Gott, Großohm - kennst mi wohl nit mehr? Bin die kleine Nanderl vom Jäggelihof, Deines leiblichen Schwagers Tochter-Kind!« Ein schallender Schmatz, der herzlich derbe Kuß eines Naturkindes, schallte durch den Flur, und gleich darauf das Lachen des alten Hausmeisters und die Stimme eines alten Mannes.

Ein hohnneckendes »Bravo, Tyrolerin!« folgte unter dem lärmenden Gelächter eines Menschenhaufens, der sich vor der Thür versammelte. »Zwei Gulden für 'nen solchen Schmatz! Bist 'n Narr, daß Du ihn an den alten Kerl verschwendest - kannst genug Junge finden. Wenn Du mich küssen willst, ich steh' zu Diensten!«

»Ich auch! - Und ich!« scholl es unter Gelächter.

Ein zweiter schallender Ton wurde gehört - aber diesmal war es eine derb klatschende Ohrfeige, und in das Fluchen des getroffenen Vorwitzigen mischte sich das schadenfrohe Gelächter seiner Kameraden, das Schmähen des Hausmeisters und die kräftige Stimme der Fremden.

»Pfui über die Stadtleut'!« sagte das Mädchen unwillig; »was haben's da zu lachen, wann ein ehrbar' Dirnl seinem Großohm a Schmatzerl giebt? Was steh'ns hier und gafft alleweil, als wenn Ihr nix Bess'res z'Haus zu thun hättet? Habt Ihr Stadtherr'n noch kein Tyroler Madl g'schaut?«

»Keine so hübsche wie Dich,« sagte lachend ein Legionair, der mit Gewalt von Anderen des sich mit jedem Augenblick vergrößernden Haufens unterstützt den Thorflügel zurückhielt, den schimpfend und ärgerlich der Hausmeister schließen wollte. »Mußt uns Jedem mindestens einen Kuß geben, daß wir Dir und dem alten Brummbart den Weg gezeigt!«

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»Zurück, Du Ruech! Ruhr' die Dirn' nit an!«

Dem mit noch kräftiger, fester Stimme gesprochenen Drohwort des alten Mannes, der schützend zwischen das Mädchen und die zudringliche Rotte getreten war, antwortete ein jugendlicher Beistand. Der junge Slavonier, der Schützling der Gräfin, war von dem ersten Klang der Stimme des Mädchens unwillkürlich angezogen worden und von dem Treppenabsatz her der Gruppe am Hausthor näher getreten.

Zwei Personen in Tyroler Landestracht, ein alter, mindestens siebzigjähriger Mann von ehrwürdigem Aussehn in seinem weißen Bart und Haupthaar und mit dem runzelvollen, stürm- und wettergebräunten Gesicht, auf einen schweren Alpenstock gestützt, den Gebirgssack auf dem sich krümmenden Rücken, stand neben einem jungen, frischen Mädchen von etwa sechszehn Jahren. Die hübsche behäbige Tyroler Landestracht mit dem straffen Mieder, dem kurzen Rock, den bunten Strümpfen und dem geblümten Brusttuch hob die jugendlichen, kräftigen und doch schlanken und zierlich gebildeten Formen überaus vortheilhaft hervor. Braunes Haar in zwei langen Zöpfen zur Seite der glatten, runden Stirn, mit weiblicher Naturkoketterie gescheitelt, hing unter dem spitzen, runden Tyrolerhut mit der Goldschnur lang herab auf den Rücken. Der Ausdruck des ovalrunden, frischen, bräunlichen Gesichts zeigte jenen veredelten orientalischen Schnitt, der vielen Tyrolern eigen ist, und prägte in den vollen Formen der Schläfe, in dem fein geschnittenen, gleich einer Blumenknospe erst erblühenden Mund jene Unschuld und Einfalt des Geistes und Körpers aus, die wir so oft an den reizendsten Mädchengesichtern der Städte vermissen. Unter den seinen, italienisch geschwungenen, dunkleren Brauen blitzten und glühten aber im Unwillen zwei so dunkelblaue Augen, daß man sie für schwarz halten mochte, und gaben mit ihrem energischen und doch wieder so offenen, freien Ausdruck dem ganzen Gesicht, ja, dem ganzen Wesen der jungen Tyrolerin eine männliche Kraft und Entschlossenheit.

Der junge, sonst so schüchterne und zurückhaltende Student war bei der Beleidigung, die den unerwarteten Gästen des Hausmeisters widerfuhr, sofort vor die Schwelle der Thür getreten und stieß den Nächsten kräftig zurück.

»Schändlich ist es, das fremde Mädchen und ihren alten Vater zu turbiren!« sagte er streng und laut - »dies Haus ist Privateigenthum und Niemand hat das Recht, einzutreten wenn es nicht gestattet wird. Hinaus mit Ihnen - schließen Sie das Thor, Herr Döllinger, und Sie, der Sie die Uniform der Aula tragen, sollten sich vor Allen schämen, hilflose Personen zu verhöhnen, die Sie nie beleidigt haben!«

Der Legionair - wahrscheinlich irgend ein verlaufener Barbiergesell - schien sich einem wirklichen Mitgliede der Aula gegenüber nicht recht sicher zu fühlen, machte einen frechen Spaß und verlor sich in der Menge, die nach einigen Scherzen und Gegenreden, von einer andern Bewegung auf dem Platz angezogen, sich trennte, während der Hausmeister die Thür auf kurze Zeit schloß.

In dem hellen Gaslicht trat, während die beiden Alten sich jetzt herzlich und vertraulich begrüßten, das Tyroler-Mädchen auf den jungen Studenten zu und reichte ihm mit der herzigen Zutraulichkeit ihres Volksstammes die Hand. »Bist a braver schmucker Herr,« lachte sie freundlich, »daß Du uns fremden Leut' so beig'standen. 's wär' a Schand' für die Wiener, wenn sie nit mehr solche wack're Bursch' hätten, wie Du, und wenn Du willst, sollst Du das Schmatzerl ha'n, um das der rohe Mensch mich zwingen wollt'!«

Sie bot ihm die Hand und die frische Wange. Ueber das abgespannte, blasse Gesicht des jungen Studenten flog eine dunkle Rothe, das Schamgefühl der eigenen Entwürdigung dieser gesunden, unverdorbenen Natur gegenüber, und er wagte kaum seine Fingerspitzen in ihre Hand zu legen, die kräftig die seine ergriff und schüttelte. »Na, nix für ungut, Stadtherr - der Nönl14 und der Ohm sind dabei, da kann an Dirn'l schon in allen Ehren a Busserl bieten. Bedank' mi noch mal vor den Schutz, und der Franz, mei Künft'ger, soll's a thun, wenn wer'n erst g'funden ha'n!«

Es war dem jungen Mann wie ein Stich durch's Herz, die Worte, er wußte selbst nicht, warum, und er trat so schüchtern und scheu zurück, wie sein gewöhnlich Wesen war.

Unterdeß hatte der Hausmeister seine Loge geöffnet und den alten Tyroler mit dem Mädchen hineingeführt. Die Thür blieb

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offen, so daß der Student selbst wider Willen das Gespräch hören mußte.

Der alte Tyroler war nach den ersten Begrüßungen ziemlich schweigsam, und er schien überhaupt ein Mann von wenigen kurzen Worten. Desto munterer plauschte die Großnichte und bald war der unwillkürliche Horcher mit dem Zweck ihrer Reise und allen Familienverhältnissen bekannt.

Nazi Haspinger, ein Verwandter und Namensvetter des berühmten Kapuziner-Paters, war einer der tapferen Gefährten des Sandwirths gewesen, schon als er die Tyroler Schützen im Jahre Sechsundneunzig am Gardasee gegen die Franzosen führte. Am Sterzinger Moos, mit Eisenstecker und Speckbacher drei Mal am Berge Isel hatte er die Franzosen und Bayern schlagen helfen, und eine Zeit lang selbst das Versteck seines hochherzigen Führers im Passeyr getheilt, bis er auf einer Streiferei in die Thäler in die Hände der Franzosen fiel. Aber ihm, der eher zehnfach das Leben gegeben, als seinen General verrathen hätte, gelang es, auf dem Transport nach Mantua der Escorte zu entfliehen, und während der Tyroler Freiheitsheld gegen den Spruch des Kriegsgerichts nach dem telegraphischen Befehl des Corsen, der sich eben mit Oesterreichs Tochter vermählen wollte, auf den Wällen der Lombardenfeste den Märtyrertod litt, setzte Haspinger mit vielen seiner zersprengten und verfolgten Gefährten zwischen dem ewigen Eis der Alpen den Guerillakrieg noch lange auf eigene Hanb gegen die Feinde seines Kaisers und seines Landes fort.

Später hing er zwar die Büchse an die Wand seiner Alpen-Hütte oder brauchte sie nur als einer der berühmtesten Gemsjäger des Schnalsthales, aber das Herz schlug noch gleich warm und hingebend für die Penaten seiner Jugend, und selbst der Schnee des Alters hatte die Begeisterung und treue Anhänglichkeit für sein Kaiserhaus nicht zu schwächen vermocht.

Döllinger, der jetzige Hausmeister, war als junger Bursch mit General Buol 1809 als Reitknecht nach Tyrol gekommen, hatte einen Theil des Feldzugs mitgemacht und verwundet in dem elterlichen Hause Haspingers Aufnahme und treue Pflege gefunden, namentlich von der jüngsten Schwester des tapfern Tyrolers. Als der Krieg zu Ende war und Georg für seine Wunde und

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treuen Dienste einen solchen im Haushalte der gräflichen Familie erhielt, hatte er die Kathi heimgeholt nach Wien. Die Ehe war eine lange und glückliche gewesen, aber der Tod hatte die beiden einzigen Sprößlinge derselben noch vor der Mutter in's Grab gelegt; deshalb hing der jetzt selbst alte Mann treu und fest an der Sippe im Tyrolerland, und wenn es auch zehn Jahre her war, daß er zuletzt sie besucht, empfing und sandte er doch hin und wieder Botschaft, und wandte seine Liebe und Sorge um so mehr dem stattlichen Großneffen zu, der erst bei den Tyroler Schützen gedient und den die Gunst des Erzherzogs Johann selber befördert und wegen seiner stattlichen Gestalt und seines soldatischen Geistes zu den Grenadieren gebracht hatte.

Franz Stockhammer war der Sohn der einzigen Tochter des alten Freiheitskämpfers, dem ein jüngerer Bruder ein unversorgtes Enkelkind, die hübsche Tyrolerin, die ihn jetzt nach Wien begleitet, hinterlassen hatte. Die Mutter des jungen Feldwebels ruhte auch längst unter dem Rasen der kleinen Bergkirche von St. Katharin, und es gehörte zu den Lieblingsideen des alten Gemsjägers, den Enkelsohn, wenn er seine Capitulation ausgedient, mit seiner Großnichte zu verheirathen und ihnen den schmucken Erbhof gemeinsam zu hinterlassen.

In dem Lande der Aufrichtigkeit und Herzlichkeit ehren die Kinder noch den Willen ihrer Eltern - der große, stattliche Soldat, der Franz Stockhammer, wenn er auf Urlaub nach den heimischen Bergen kam, hatte die Nand'l stets sein Bräutli genannt, die Kleine hatte ihn von Jugend auf als ihren künftigen Mann und Herrn angesehen.

So war das Jahr Achtundvierzig gekommen und die Flucht der Kaiserfamilie nach Innsbruck. Die Gerüchte drangen mit den Zeitungsblättern bis in die fernsten Thäler der Eisberge, und der alte Haspinger schüttelte täglich unwilliger und sorgenvoller das Haupt, wenn er auf der Bierbank des kleinen Wirthshauses saß und allerlei reden und vorlesen hörte, denn er selbst konnte weder Geschreibsel noch Gedrucktes lesen. Wenn auch Manches anders geworden war seit den Tagen seiner Jugend, so konnte er doch nimmer glauben, daß das brave österreichische Volk gegen den angeborenen, von Gott ihm gegebenen Herrscher,

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gegen seinen Kaiser ausstehen könnte, und die Briefe, die zuweilen von dem Feldwebel aus Wien kamen und die ihm das Nand'l wieder und wieder vorlesen mußte, bestärkten ihn in der Meinung, daß es sich nur um fremdes Volk und freches Gesindel handeln könne, das der Kaiser im Nu zu Paaren treiben werde, wenn er nur wolle; denn nicht anders betrachtete es der soldatische Geist und treue Sinn des jungen Tyrolers.

Dann kam eine Zeit, wo die Briefe ganz ausblieben und, obschon der Kaiser nach Wien zurückgekehrt war, die Zeitungsblätter immer schlimmere und schlimmere Dinge meldeten. Vergeblich schrieb das Nand'l zwei, drei Mal nach Wien - zuerst an den Verlobten - jede Antwort blieb aus - dann an den Großohm, den Hausmeister, ob denn der Franz todt oder fortmarschirt von Wien oder sonst ihm ein Unglück begegnet sei. Zuletzt kam ein Brief mit den großen Hahnenfüßen des Hausmeisters, der ihm gewiß Müh' und Kopfzerbrechens genug verursacht, und da drin stand: es sei nicht Alles richtig mit dem Franz! Er könne es nicht ändern - der liebe Gott würde es hoffentlich nicht zugeben, daß der Franz Stockhammer der Familie Schande mache.

Das war dem alten Veteran in die Krone gefahren und d'rum hatte er sich selbst aufgemacht aus den Tyroler Bergen mit seinem Liebling, der Versprochenen seines Großsohns, und jetzt stand er da, und legte die Hand auf des Hausmeisters Schulter, der verlegen und unwirsch hin urch her rückte, und sah ihm mit den großen braunen Augen fest in's Gesicht und fragte:

»Wo ist der Franzel? was ist's mit dem Bub'?«

Der Hausmeister schüttelte sich wie ein begossener Pudel und ließ die Ohren hängen. Jetzt, da es galt, den Verwandten, auf den er selbst bisher stolz gewesen, anzuklagen, ließ er sich nöthigen und wollte nicht mit der Sprache heraus, während die Augen des alten Mannes und des jungen Mädchens unverwandt und mit bangem Harren an ihm hingen.

»Nun - was ist's? was hal'st zurück mit Dei Red'! Gott im Himmel - ist der Franz hingeworden?«

Das Mädchen kreischte laut auf.

»Nein, nein - des nit,« rief der Hausmeister, »aber« -

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er winkte mit den Augen nach der Nichte - »muß i Alles sagen, Was i denk'?«

»Was Du weißt und was Du gedenkst, Mann - aber die Wahrheit! i und das Dirndl da können's tragen!«

»Der Franz ist seit ein'ger Zeit in schlechte G'sellschaft kommen,« sagte der Wiener traurig, die Augen senkend - er hält mit schlechte Menschen, die des Kaisers Feind sind, und i fürcht', der Franz ist a Verräther an seinem Kaiser!«

»Der Franzl a Verräther am Kaiser?« Der alte Kämpe vom Berge Isel taumelte, wie vom Donner getroffen, zurück und lehnte bleich an die Wand, daß das Mädchen besorgt hinzusprang. »Des Haspingers Großsohn a Verräther? - Das ist a Lug' - das kann nit sein! Herr Gott im Himmel, laß mi hören, daß der Franz todt ist, aber nit, daß er seine Ehr' vergessen!«

»Noch kann i's nit beweisen,« sagte jetzt fester und entschlossener der Hausmeister, denn er fühlte, daß er hier volle Wahrheit geben mußte - »aber i fürcht', daß wenn's nit schon g'scheh'n ist, es jede Stunde g'scheh'n kann. Dadrum hab' i g'schrieben und 's ist gut, daß Ihr da seid, denn auf mich hört er nit mehr und geht mir aus dem Weg!«

Der alte Tyroler hatte sich auf die ledergepolsterte Ruhebank niedergesetzt und stützte das graue Haupt in die Hand. Neben ihm kniete weinend das Mädchen.

»Erzähle, Schwager Jörgi!«

»Es sind zwei Monat her,« berichtete der Hausmeister, »daß der Franz, der fleißig zu mir kam und auf die Rebeljon schimpfirte, durch 'nen schlechten Kerl von Slowaken, 'nen Rekruten von seinem Regiment, der a Verwandten oder Freund bei der ungarschen Gräfin hat, die, seit die Herrschaft fort ist, im Haus wohnt, mit der bekannt würd'. I bin nit g'wohnt, den Vornehmen Böses nachzuplauschen, aber mit Der da oben hat's seine eig'ne Bewandniß und ka' ehrlicher Mensch ist mit ihr umg'gangen, so lang' die Schand' und der Spektakel noch nit in Wien war. Aber seitdem spielt sie a große Roll' und 's ist a sackermentsch Weib, a Paar Augen hat sie im Kopf, wie a Maikater, wenn er auf'n Dächern schnurrt. Seit der Zeit ist der Franz

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a ganz andrer Mensch g'worden und wie umgetauscht, und hat nur Sinn und G'danken für die Ungargrafen!«

»Aber der Verrath, Jörgi - der Verrath?«

»Die Gräfin hält's mit den Rebellen in Ungarn und mit den Schlimmsten in Wien. Er hat Papiere zu ihr gebracht, i sah's mit eig'nen Augen - Papiere, die der Franzel geholt drüben im Kriegsgebäud' oder hinbracht nachher.«

Der alte Kaiserkämpe hatte sich wieder erhoben und stand aufrecht, die athletische Gestalt, die der Jüngling von ihm geerbt, gestreckt, als habe sie alle Last des Alters von sich geworfen.

»Wo ist der Franz - wo treff' i den Franz? i will ihn aufsuchen zur Stell'!«

»Vor einer halben Stund' schlich er hinauf zur Ungargräfin - ich sprach ihn vergeblich an - er und der Slowak!«

»So laß uns geh'n!«

Der alte Mann schritt nach der Thür.

Doch der Hausmeister hielt ihn zurück. »Schwager Nazi, des geht nit!« sagte er mit all' jenem Respect, den er von Jugend auf für Hohe und Vornehme der Gesellschaft gelernt und der, selbst dem verdorbenen, ausgestoßenen Zweig dieser Aristokratie gegenüber, ihn nicht verlassen wollte. »Man geht holter hier nit so zu den Herrschaften, wie bei Dir z'Haus zum Nachbarn. Ihr' Gnaden lassen's Niemand vor, der nit ang'meld't ist, und Du kannst den Franz nit seh'n, wenn er bei ihr ist, bis er wieder 'runter kommt!«

»Wart' nit, Nönl - thu's zur Stell'!« bat glühend das Mädchen.

»I will doch schau'n, wer den Großvater hindert, mit seinem Enkel zu reden! Will selber seh'n, was der Franz dort treibt!«

»Du wirst Niemand finden, der Dich meld't und 'nein läßt - die Lakaien lassen Niemand 'rein!«

In der Thür stand der junge Student - bleich - noch farbloser wie gewöhnlich, aber den gefaßten Entschluß in dem leuchtenden Auge. »Kommen Sie, Herr - ich werde Sie führen bis dahin, wo Sie Ihren Enkelsohn finden.«

»Aber, Herr Matthias - bedenken Sie - «

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»Durch den Szabó, meinen Landsmann und Blutsfreund, ist der Feldwebel hinaufgekommen,« sagte der Jüngling fest, mit einem traurigen Blick auf das Tyrolermädchen - »an mir ist es, so viel gut zu machen, als noch geschehen kann!«

Er führte den alten Tyroler mit sich fort, der mit einem Wink der Hand die Großnichte bedeutete, zurückzubleiben bei dem Verwandten, der sich jetzt bemühte, ihr vorzusetzen, was sein kleiner Hausstand vorräthig hatte. Dann öffnete er wieder das Thor und setzte sich an seine alte Stelle, denn seine Pflicht gestattete ihm nicht, es so lange gegen den Gebrauch verschlossen zu halten.

Aber das Mädchen im Stübchen rührte weder Brod noch Trank an - ihre Gedanken begleiteten den Alten und quälten sich, was wohl ihr Verlobter da oben schaffte, und seltsamer Weise dachte sie dabei fast mehr an den jungen Studenten, der sich ihrer so eifrig angenommen, als an den Franz, - und seine tiefen melancholischen Augen, als sie ihm die Wange zum Dank geboten, wollten ihr nicht aus dem Sinn! -


In den Gemächern der Gräfin Törkyeny ging es lebhaft her; die versammelte Gesellschaft schied sich in drei Gruppen, von denen die zahlreichste in dem vordern Salon versammelt war - Offiziere und Mitglieder der Nationalgarden, namentlich aus den Vorstadtbezirken, der Arbeiter-Vereine, des demokratischen Clubs und der Aula, auch ältere und jüngere Männer in ungarischer Tracht und mehrere Mitglieder der Linken des Reichstags. Selbst Frauen - jener entarteten Emancipation angehörig, die jetzt in allen Klassen der Wiener Gesellschaft von der Edelfrau bis zur Gassenkehrerin sich breit zu machen begann - waren darunter, rauchten ihre Cigarren, tranken den auf mehreren Tischen servirten Ungarwein und überflügelten die Männer im wildesten Radikalismus.

Die ruhige Beobachtung von wenigen Minuten aller dieser Gespräche hätte genügt, die Ueberzeugung zu gewinnen, daß der nächste Tag in Wien ein blutiger sein mußte und der Ausbruch einer republikanischen Schilderhebung beschlossen war.

Ab und zu kamen aus dem zweiten Salon die Führer und Eingeweihten, sprachen mit einzelnen Männern und ertheilten ihnen

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Aufträge und Instructionen, zu deren Ausführung sich diese alsbald entfernten, oder nahmen die Berichte der Sectionen der Vorstädte in Empfang. Kein Diener, mit Ausnahme eines alten schnurrbärtigen Ungarn, betrat die Gemächer - sie waren sämmtlich entfernt oder bewachten die Eingänge.

Im zweiten Salon, auf einer Causeuse von dunkelblauem Damast, der das ganze ovale Gemach tapezierte, saß oder lag in üppig bequemer Stellung mit jener Ruhe des Panthers, dessen Muskeln ihn im Augenblick zum Sprunge aufschnellen lassen, die Wirthin des Hauses.

Die Gräfin Törkyeny war eine Frau von etwa vierzig Jahren, die ihre gewiegte Toilettenkunst jedoch sehr gut verbarg, von jenem gefährlichsten Alter der Frauen, wo alle bösen Leidenschaften, Wollust und Herrschsucht den schlimmsten Kampf erheben. Sie war eher klein, von überaus zierlicher Gestalt und breiter Hüftenbildung; das Gesicht mit der fein geschnittenen Nase und dem vollen Mund, dessen Oberlippe ein dunkler Flaum umgab, hatte einen auffallend zarten Ausdruck, der durch das halb verschleierte, nur langsam sich hebende Auge noch mehr den Charakter des Lässigen, Trägen gewann. Die Farbe war durchgängig eine gleichförmige durchsichtige Blässe, ohne krankhaft zu sein, durch die man die blauen Adern der Schläfe, des feinen und langen, aber schön geformten Halses und der überaus kleinen schmalen Hände durchschimmern sah. Die Zähne, welche der Mund bei jeder Oeffnung zum Lachen oder Sprechen zeigte, schienen eine Reihe von kleinen, regelmäßigen, aber seltsam spitzen Perlen zu sein, wie man sie wohl bei kleinen Raubthieren, dem Marder und Iltis, findet.

Und in der That gehörte diese zarte, feine Gestalt, dies träge, apathische Wesen zu den Raubthieren der schlimmsten Art. Ihre näheren Freunde wußten, daß unter dieser Apathie eine Schnellkraft der Muskeln verborgen war, wie sie der schwarze Panther von Java zeigt, wenn er aus seinem ruhigen Kauern sich plötzlich mit gewaltigem Sprung auf seine Beute wirft; daß diese matten, gefühllosen Augen unter den hohen, fein geschnittenen Brauen sich in leidenschaftlicher Gier entflammen konnten, oder in blitzendem Zorn, daß kein andres Auge dies Feuer zu ertragen vermochte;

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daß die gleichsam wie ein electrischer Strom ausströmende Wollust Alles verzehrte; daß diese sprühende Zornflamme gefährlicher war, als der Dolch des Banditen. Seltsame Dinge erzählte das Gerücht von dieser Frau, die seit vielen Jahren getrennt lebte von dem ältern, durch Naturgebrechen und stolzen, anmaßenden Charakter widerwärtigen Gatten, dem der Zwang der Eltern sie in frühester Jugend vermählt. Sie war eine Stiefschwester der Gräfin Appony, der Familie aber längst durch ihr, jeder Regel der stolzen und exclusiven Aristokratie Hohn sprechendes Leben entfremdet und erst in letzter Zeit durch die gemeinsame Agitation für die ungarische Erhebung manchen Gliedern wieder näher getreten. Dies Band war es auch, was die Nichte mit dem hochstrebenden, edlen Geist verknüpft hielt mit der so unähnlichen Verwandtin.

Die Gräfin hatte oft ihren Aufenthalt gewechselt; sie war bekannt durch ihre Extravaganzen und ihre Verläugnung jeder weiblichen Scham in ganz Europa; man erzählte die scandalösesten, aber auch die gefährlichsten Abenteuer von ihr, und ihr Gatte hegte eine solche Furcht vor seiner Frau, daß er ihr nur unter der Bedingung, daß sie sich nie an dem Ort seiner Ambassade blicken ließe und überhaupt jede Begegnung mit ihm vermiede, einen gewissen Theil seiner reichen Einkünfte und sie nach Belieben treiben und schalten ließ.

Seit dem Winter lebte die Gräfin wieder in Wien und obschon ihr Thun und Leben der öffentlichen und geheimen Wiener Polizei den größten Anstoß erregen mußte, schien doch ein geheimer Schutz ernstere Unannehmlichkeiten und Folgen für sie zu verhindern.

Das Gerücht flüsterte, daß einst - in ihrer Jugend, als ihre Leidenschaften noch nicht zur Entartung geworden - einer der Erzherzöge in den Fesseln dieser Frau gelegen und sie aufrichtig und leidenschaftlich geliebt habe!

Schon vor dem Ausbruch der Erhebung im März hatten sich die Elemente der revolutionairen Bewegung um diese Frau gesammelt und bald bildete sich hier neben der Aula und dem demokratischen Club der geheime Herd der republikanischen Contre-Revolten. Es war klar, daß die Gräfin mit den Häuptern der

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Bewegung in Ungarn in genauer Verbindung stand, ihnen Nachrichten lieferte und von ihnen Instructionen erhielt. Der Legionair - Doctor Lazare, wie er sich nannte - einer jener Satelliten, welche diese Frau um sich versammelte und stets aus jüngeren Männern wählte, derselbe, welcher an dem Abend in Gumpendorf die Vorstadt-Garden und Arbeiter zum Widerstand gehetzt, war als einer ihrer Hauptagenten thätig oder beherrschte sie vielmehr selbst durch die Macht des kalten, teuflisch berechnenden Verstandes, den er besaß.

In dieser Zeit war der Haß der Demokratie hauptsächlich außer auf die energischeren Mitglieder des Ministeriums, gegen die Czechen - die böhmischen Abgeordneten - gewendet, in deren Treue und nationalem Widerstand die ungarische Agitation schwerere Hindernisse fand, als in dem deutschen Charakter.

Der Ermordung Lambergs in Pesth, der offenen Schilderhebung gegen die kaiserliche Autorität mußte das Gleiche in Wien folgen.

So lautete die Instruction!

Auf dem Tisch vor der Gräfin lagen mehrere Papiere, Briefe und Zeitungsblätter.

Ein Legionair war eben aus dem vordern Salon, noch erhitzt von dem raschen Weg, eingetreten.

»Welche Nachrichten aus den Vorstädten?«

»Die Gumpendorfer Arbeiter sind entschlossen - sie werden sich der Gewalt widersetzen. Die Garden von Mariahilf werden bei Zeiten zu ihrem Beistand rücken.«

»Kennt man die Stunde des Aufmarsches?«

»Niemand weiß sie, als die Stabsoffiziere, und die Canaillen sind schwarzgelb!«

»Haben Sie Lazare gesehen?«

»Einen Augenblick. Er ging nach einem der Wirthshäuser und trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß er die bewußte Person aufsuchen wolle!«

Die Gräfin wippte ungeduldig mit dem kleinen Fuß, auf dessen bloßer Spitze ein feiner Pantoffel hing.

Sie trug einen weiten Hausrock von dunklem Brokat mit offen fallenden Aermeln, aus dem der feine, schön gewellte Arm,

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fast bis zur Schulter entblößt, sich heraus stahl, wenn die Hand eine Bewegung machte nach den Schriften und Blättern auf dem Tisch, oder die Cigarre zwischen den rosigen Fingern aus den vollen Lippen entfernte.

Diese Hand und dieser Fuß waren so sorgsam gepflegt, so schön und fein, daß sie einem jungen Mädchen von siebzehn Jahren anzugehören schienen.

Das Kleid oder der Schlafrock wurde durch einen Gürtel von Gold zusammengehalten. In diesem Gürtel steckte, in die Augen fallend, ein kleiner Damendolch mit ciselirter Scheide und Griff, beide reich mit kostbaren Steinen besetzt.

Die Gräfin wußte ihn zu gebrauchen - man erzählte, daß sie einst einen vornehmen Cavalier, der sie verlassen und ein skandalöses Abenteuer von ihr mit einem Schauspieler als Grund verbreitet hatte, mit der Wuth einer Tigerin angefallen und ihm zwei Dolchstiche beigebracht hatte, die beinahe sein Leben kosteten.

Ueber dem Gürtel war das Kleid offen, mit Goldschnüren gleich einem Dolman verziert und zeigte nur das zierlich gefaltete Hemd von feinem Linnen, das eng an die hochgewölbte Brust sich anschloß.

Wir haben bereits bemerkt, daß der Hals der Gräfin so biegsam und hoch war, daß seine graziösen Bewegungen mit denen eines Schwans oder - einer Schlange verglichen werden konnten.

Sie trug auf dem dunklen, phantastisch in Locken und Zöpfen geordneten Haar eine kleine ungarische Mütze - roth, mit einem kurzen Stutz jener kostbaren Reiherfedern, die in den Sümpfen der Theiß gewonnen werden.

»So lassen Sie uns einstweilen unsere Kräfte für morgen überschlagen,« sagte die Gräfin, »das heißt die, auf welche wir rechnen können. Zunächst also die Aula. Zanchi bürgt für das mobile Universitätscorps!«

Ein Mann in der Uniform der Legionaire nickte. »Wir wollen den Nordbahnhof besetzen und die Brücken.«

»Es ist nöthig, Doctor, daß Sie morgen früh eine Nummer des Studenten-Couriers erscheinen lassen. Sie muß noch aufregender sein, als die letzte - die Geschichte mit dem Grenadier Kühbeck, der die Rechte seiner Kameraden vertheidigt und den

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man eingesperrt hat, muß gehörig ausgeschmückt werden. Machen Sie eine Füsilade daraus, liebster Buchheim.«

Der gefällige Redacteur, der vor wenigen Tagen erst das mit den Pamphleten Marats concurrirende Gedicht: >An die Laterne!< veröffentlicht hatte, machte seine Notizen.

»Welche sind die zuverlässigsten und entschlossensten von den Garden?«

»Unzweifelhaft die von den Wieden,« antwortete eine scharf betonende Stimme.

Der Mann, der gesprochen, war kleiner Statur, etwas gebückt und von lächelnder Physiognomie. Er trug eine mit dem deutschen Bande verbrämte Studenten-Sammetkappe, hielt das Auge beim Sprechen abgewendet und rieb sich fortwährend die Hände.

»O, Herr von Messenhauser, ich hatte nicht gesehen, daß Sie eingetreten waren. So bürgen Sie für die Wiedener Garden?«

»Doctor Schilling ist in dem Salon nebenan - ich sprach ihn so eben und er versichert, daß die Garden nur auf den Allarmruf warten.«

»Und der demokratische Club?«

»Ich komme aus seiner Versammlung, um uns über seinen Antheil an den Ereignissen für morgen zu verständigen. Er ist bereit, jedem unconstitutionellen Schritt des Ministeriums mit den Waffen entgegenzutreten und den Beschlüssen des Reichstages Geltung zu verschaffen!«

Um den Mund der Gräfin zuckte ein kurzes, spöttisches Lächeln. »Pannasch und Streffleur werden das Ober-Kommando niederlegen - man rechnet auf Sie, Herr von Messenhauser

Der ehemalige Offizier vom Regiment Deutschmeister fuhr betroffen zurück - es war wahrscheinlich das erste Mal, daß ihm der Gedanke an die ehrgeizige, kurze und unglückliche Rolle vor die Seele trat, die er in dem letzten Theil der Wiener Revolution zu spielen bestimmt war. »O, gnädige Frau, ich mache keinen Anspruch auf solche Ehre, doch sollte man mich - «

»Man wird Sie dazu wählen,« sagte schroff der Abgeordnete Löhner, der neben der Gräfin saß, ein Mitglied der radikalen

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Linken. »Man wird Sie dem Reichstag vorschlagen, und wenn die Wahl auch das erste Mal bei dem Verwaltungsrath durchfällt - zum Henker, wofür haben Sie die Presse und den demokratischen Club?«

»Ich stelle Ihnen die >Constitution< zur Verfügung,« rief Niederhuber, »aber zuvor müssen die Stadtgarden von allen reactionairen Elementen gesäubert sein!« Der Ungar Töltenyi verhieß mit seinen Artikeln im >Radikalen< und >Freimüthigen< die Arbeiterbevölkerung aufzurufen. Der künftige Ober-Kommandant der Nationalgarde wiegte sich bereits in eitlen Träumen und sprach mit seiner Umgebung von neuen Organisationsplänen.

Die Gräfin legte ihre kleine weiße Hand auf die eines noch ziemlich jungen Mannes von miltairischer Haltung, in der Uniform der Legionaire, der hinter ihrer Causeuse stand und die schmalen Lippen fest zusammenpreßte.

»Was haben Sie, Philipp?«

»Wenn Sie Schwachköpfen und eitlen Narren die wichtigsten Posten anvertrauen wollen,« sagte er barsch, »weshalb haben Sie mich hierher gerufen?«

»Thor, der Sie sind! Sehen Sie denn nicht ein, daß wir den Bürgern gegenüber einen ehrlichen Phantasten brauchen werden? Sie werden das Kommando neben ihm oder vielmehr allein führen und er wird der Mann sein, der jedes Mißlingen, jeden Vorwurf tragen muß - ein willenloses Werkzeug in kräftiger Hand! - Geben Sie Jellinek einen Wink, daß er ihn in den ersten Salon zu seines Gleichen führt - wir haben Wichtigeres zu thun!«

Fenner von Fenneberg, denn dieser war der Legionair, der ein altes Freiherrngeschlecht mit dem wüthendsten Republikanismus befleckte, that, wie die Gräfin befahl. Um den Tisch sammelten sich jetzt die einzelnen Gruppen, denn die Gräfin hatte die Cigarre fortgeworfen und aus ihrer bequemen Stellung sich aufgerichtet.

»Also lassen Sie uns das Programm der Forderungen noch ein Mal feststellen. Zunächst also - Aenderung des Ministeriums und Bündniß auf Schutz und Trutz mit der provisorischen Regierung in Pesth.«

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»Wessenberg und Latour mindestens müssen abdanken,« sagte eine Stimme aus dem Kreise, »Kraus und Bach mögen bleiben!«

»Man wird sie dazu zwingen, wenn sie sich weigern!«

Die Gräfin, ohne auf die Reden zu achten und ein verächtliches Lächeln zu unterdrücken, fuhr fort:

»Das Bataillon Richter darf Wien nicht verlassen, jede Dislocation der Truppen unterliegt der Genehmigung der Reichsversammlung.«

»Einverstanden!«

»Die Militairposten werden eingezogen, die Zeughäuser geöffnet und der Bewachung der Vorstadtgarden übergeben, ebenso der Stephansthurm!«

»Es ist Zeit, daß die Schwarzgelben uns nicht länger die Waffen und die Artillerie vorenthalten!«

»Der Kaiser widerruft die Verordnung vom 3. October und der Ban erhält den Befehl, sich zurückzuziehen - jede Ueberschreitung der ungarischen Grenze durch die kroatische Armee entbindet die Bürger Wiens von allem Gehorsam und giebt ihnen das Recht zur Vertheidigung ihrer Freiheit und Einsetzung einer neuen Regierung!«

»Nieder mit den Schwarzgelben! Es lebe die Freiheit!«

»Der Reichstag,« schloß die Gräfin, »wird sich in Permanenz erklären und einen Sicherheits-Ausschuß ernennen. Wer wird morgen den Antrag auf eine außerordentliche Sitzung der Versammlung stellen?«

Der Abgeordnete Löhner schlug auf den Tisch: »Beim Teufel, ich!«

»Und wenn der Präsident sich weigert?«

»Smolka ist der Unsre. Für die Einberufung ist gesorgt!« Der Abgeordnete von Oesterreichisch-Schlesien, der Bauernbefreier Kudlich, warf ein Packet auf den Tisch - es waren die im Voraus gedruckten Berufungen der Reichstagsmitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung.

»Lazare bringt sichere Nachrichten. Sobald er kommt, wird er Ihnen den Rath und die Anweisungen unserer jetzt noch im Stillen thätigen Freunde vorlegen. Hier ist einstweilen das Geld zur Vertheilung an die Arbeiter in den Vorstädten. Ziehen die

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Stadtgarden und das Militair willig ab, so genügt dies; - wenn nicht - wird jeder Posten mit Gewalt entwaffnet und von den Unseren besetzt. Um Mittag müssen wir Herren der Stadt sein!«

Während die Männer eifrig den Angriffs- und Besetzungsplan besprachen, berührte eine Hand den Arm der Gräfin.

Es war ihr alter ungarischer Diener.

»Is sich der Mann da, Gnädigste!«

»Wer?«

»Tyroler Mensch - hat sich auch mitgebracht Hundekerl den Slowak.«

Die Augen der vornehmen Phryne blitzten. »Ist der Feldwebel, wie ich befahl, in dem rothen Boudoir?«

Der Diener nickte mit bezeichnender Miene. »Maschka hat ihn geführt hinein!«

»Und die Fremden?«

»Teremtete! Ist sich ein ächtes Ungarnherz, der edle Herr - hat mir gegeben blanken Dukaten einen. Alle Drei sitzen beisammen im Hinterzimmer - schwatzen von Vaterland!«

»Die drei Männer mit den rothen Karten? sind sie in Deinem Zimmer und eingeschlossen?«

»Hei - denken nicht d'ran, fortzugehen, so lang' sie haben guten Punsch. Ist sich schlecht Volk - Junker Matthias wollt' sie nicht lassen herauf, wenn ich nicht wär' gekommen zu.«

»Der Bursche fängt an lästig zu werden und selbst zu denken. Bringe Wein hierher - aber nicht mehr in den vordern Saal. Sobald der Doctor kommt, laß die Amme mich rufen.«

Sie trat wieder zur Gesellschaft und wendete sich zu den Vertrautesten. »Sorgen Sie dafür, daß unsere Freunde da drinnen ihre Instructionen erhalten und sich entfernen, um das Programm der Forderungen zu verbreiten. Sie selbst bleiben hier - in höchstens einer halben Stunde werde ich alle Nachrichten haben, die uns nöthig - dann können wir unsere letzten Maßregeln treffen!«

Sie warf kokett noch einen Blick in den Spiegel, der ihr die feine und doch so üppige Gestalt zeigte, ordnete mit einer leichten Handbewegung das Haar und trat durch die nächste Thür

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nach dem Corridor. Am Ende desselben, hinter einem Vorzimmer, nach dem Platz hinaus, lag das rothe Bondoir.

Einen Augenblick blieb sie vor der Thür stehen, an der ein altes Weib mit tiefen, scharfen Zügen in ungarischer Tracht saß.

»Gieb Acht, Amme, daß uns Niemand stört. Wenn ich Etwas bedarf, werd' ich schellen!«

»Gut, Goldkind - Du weißt, daß Du Dich auf die Maschka verlassen kannst. Wirst Glück haben, Herzchen, blanker Bursch ist ganz wild, Dich zu seh'n, hat zehn Mal gefragt, wo schöne Gräfin ist!«

Eine leichte Röthe begann jetzt gleichförmig das Gesicht der Dame zu überziehen; sie nickte der Alten zu, dann öffnete sie rasch und schlug die Portière von schwerem, rothem Sammet zurück.

Ein gleicher Schimmer, gedämpft durch das milde Licht einer Ampel von weißem Milchglase, die von der Decke hing, legte sich zuerst auf die Augen.

Das ganze Zimmer war in jenem dunklen Roth ausgeschlagen, das zwischen Purpur, pompejanischem Braun und dem Feuerroth die Mitte hält und so sehr die Vergoldungen, die Gemälde und die Werke der Plastik hebt.

Vorhänge und Portièren - das Boudoir hatte anscheinend nur noch einen zweiten Ausgang zum Bade- und Schlafzimmer der Gräfin - trugen dieselbe Farbe, die Möbel waren von Ebenholz mit dunklem, feinem Maroquin überzogen und bestanden in einigen Fauteuils und niederen Sesseln, einem Tisch und einem breiten und üppig bequemen Divan an jeder Wand.

Ein etwas zu starker und deshalb betäubender Geruch von Vanillewasser erfüllte die Atmosphäre.

In zwei der freien Ecken des mit schweren Goldleisten abgesetzten Gemaches erhoben sich auf Säulen von schwarzem Stein weiße Marmorstatuetten von halber Lebensgröße - die mediceische Venus und ein Bachus; - fünf Bilder: Leda mit dem Schwan, Io mit der Wolke, beide schöne Copieen nach Correggio - ein großes Bild mit nackten Figuren in der derben Fleischzeichnung und Färbung von Rubens - und ein neueres Kunstwerk mit den wundervollen Lichteffekten der Münchener Schule: badende

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Männer und Frauen - hingen an den Wänden. Das mittlere Bild auf der großen Wand war eine meisterhafte Copie des berühmten und berüchtigten Bildes im Museo Bourbonico zu Neapel: Der Stier und die Frau.

An der Seite jedes der Divans stand ein kleiner Consoltisch mit dunkler Marmorplatte, auf der sich eine silberne Schelle und mehrere Albums - die berüchtigtsten Kunstwerke aus der Zeit der Regentschaft, französische Lästerwerke der Schule Voltaire's und die Kupferstiche Giulio Romano's - befanden. Die dritte Ecke enthielt ein Lavoir von dunklem, goldgeädertem spanischen Marmor mit einer prächtigen silbernen Toilette - die vierte das Kamin von gleichem Material, über dem eine Sammlung von Cigarrenkästen und Pfeifen stand und hing - der Schibuk und Nargileh des Türken, der dicke Meerschaumkopf des deutschen Studenten, die einfache Gipspfeife des Holländers, die kleine Kabardiner-Pfeife bis zum Rohr, durch das der Malaye den betäubenden Rauch des Opiums einschluckt.

Auf dem Consol an einem der Divans lag ein Paar mit Silber ausgelegte Salonpistolen - die kleine Scheibe von weichem Holz an der Marmorbrüstung des Kamins zeigte die tägliche Uebung. Ein prächtiger ungarischer Säbel hing an der Seite des großen Trümeau, der den ganzen Zwischenpfeiler der jetzt verhangenen Fenster einnahm und die Dekoration des Gemaches noch ein Mal wiederholte. Zwei silberne Armleuchter mit Wachskerzen auf dem großen Tisch vor dem einen Divan vermehrten nur gering die matte Dämmerbeleuchtung der Ampel, da die rothe Tapete und Draperie und die dunkle Farbe des Mobiliars das Licht aufsogen. Zwischen den Leuchtern war die dunkle Marmorplatte des Tisches mit einem kleinen ungebleichten Damasttuch bedeckt, auf dem in silbernen Schalen scharfe, orientalische Confitüren standen und zwei Karaffen mit schwerem rothem und weißem Ungarwein.

Das war die Ausstattung des Boudoirs der Gräfin Törkyeny.

Als sie eintrat, fand sie den jungen Tyroler, den Rücken ihr zugelehrt, in schüchterner, befangener Stellung auf, der Kante eines Lehnsessels sitzen. Er hatte eines der üppigen Albums aufgeschlagen - aber seine Augen irrten unstät über die Blätter

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hinaus - man sah, daß er in Gedanken, in wilde Bilder der Phantasie oder der Erinnerung versunken war, so daß er selbst den Eintritt der Gräfin nicht bemerkt hatte.

Sie schlich sich hinter ihn, legte die beiden fein gerundeten Arme um seinen Hals, drückte den Kopf des schönen Mannes zurück und preßte einen glühenden langen Kuß auf seinen Mund.

»Willkommen, Franz - wie lange warst Du nicht bei mir - schäme Dich, Mann, daß ich erst nach Dir schicken muß, wenn ich Dich wiedersehen will!«

Der Tyroler stotterte verlegen eine lahme Entschuldigung, er hielt die Augen beklommen, scheu auf den Boden geheftet, aber eine flammende Röthe lagerte auf seiner Stirn und seinen Wangen. Seine breite, hohe Brust begann sichtlich auf und nieder zu wogen, seine Hände zitterten.

»Warum so scheu, Franz - was ist Dir - zürnst Du auf mich?«

Der Feldwebel hob rasch die Augen - es war Erschrecken, demüthige Bitte, verzehrende Sehnsucht, was in ihrem Ausdruck lag, als er sie auf die schöne Sirene richtete.

»Was platzedert Ihr da? Glaubt's nit, gnäd'ge Frau - wie hätt' der arme Franz a Recht, auf die gnäd'ge Frau bös Zu sein?«

Die Gräfin lachte neckisch, indem sie ihm das braune Haar von der Stirn strich und ihn auf diese küßte. »Armer Franzel! Närrchen - brauchst Du nicht blos Deinen Mund aufzuthun, um so viel Gold zu haben, als Du verbrauchen magst?«

»Ich will es nit - ich will ka Gold nit! Das ist a schlechter Kerl, der von« - er wollte sagen: sein Lieb, verbesserte sich aber - »von einer Dam' Geld nimmt!«

»Du meinst, Franz, Du willst Besseres als Gold. Aber komm hierher auf den Divan, es plaudert sich bequemer, wenn Du bei mir sitzest.«

Sie zog ihn halb mit Gewalt, der er nur allzu willig folgte, nach dem großen, breiten Divan und ließ ihn dicht neben sich niedersetzen. Dann schenkte sie von dem feurigen Ungar in die großen, schalenartigen Gläser und reichte ihm das eine, nachdem sie es mit den Lippen berührt.

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Der Soldat, in jener Galanterie, welche die Natur lehrt, setzte den Mund an dieselbe Stelle, und die Augen flammend auf die schöne Sirene gerichtet, leerte er das Glas mit raschem Zug.

»So ist's recht, Franz - so gefällst Du mir! Hübsch gehorsam Deiner Dame und Du sollst belohnt werden.« Sie schenkte ihm wieder ein und legte die Hand auf die seine. »Es war um so schlimmer, daß Du nicht selbst kamst, als ich höre, daß die Grenadiere Richter morgen gegen mein Vaterland marschiren sollen. Ist es wahr?«

»Ja!«

»Um welche Stunde erfolgt der Ausmarsch?«

Der Feldwebel zuckte zusammen. »Es weiß es halt Niemand nit!«

Mit einer wie zufälligen Bewegung lös'te die Gräfin den Gürtel ihres Gewandes, daß der kleine Dolch zu Boden fiel. Indem sie sich bückte, öffnete sich vorn der Rock und das Chemiset und die Augen des Tyrolers tauchten in den weißen, gewölbten Busen des schönen Weibes.

»Du lügst, Franz! wann marschiren die Grenadiere?«

»Um sechs Uhr!« Der große, starke Soldat zitterte wie ein Kind.

»Und der Weg, den sie nehmen?«

»An den Linien entlang nach der Taborbrücke. Sie sollen nit durch die Wieden!«

»Siehst Du wohl, daß Du es wußtest! Trink', Franz!« Sie kredenzte ihm.

»Aber es ist halt streng Geheimniß!«

»Darfst Du Geheimnisse vor mir haben, vor Deiner Freundin? Du gehst doch nicht mit?«

»Nein - noch nit!«

»Abscheulicher Mensch - und eine solche Nachricht zögertest Du mir zu bringen! Du verdienst, daß ich Dich gar nicht mehr liebe, Franz!« Aber sie strafte ihn nicht, sondern legte die fiebernde Hand des jungen Mannes auf den entblößten Busen. »Fühle, Franz, wie es hier für Dich klopft! Wie kommt es, daß Du hier bleiben darfst, Franz?«

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»I bin kommandirt zum Graf Auersperg, wenn er ausrücken wird.«

»Ausrücken? Der General steht ja in Wien - wo soll er hin?« Die Augen der Ungarfrau funkelten, während sie dicht zu dem jungen Manne rückte und ihren Fuß über den seinen kreuzte.

Noch ein Mal machte der Soldat eine Anstrengung, sich der Verlockung zu entziehen, die bereits seine Sinne aufregte und all' sein Bewußtsein, seine ganze Manneskraft ihm zu rauben begann. »I darf nit - o bitt' schön, fragen's mich nit!«

»Pfui, Franz! warum umarmst Du mich nicht. Küsse mich, Franz, küsse mich!« Sie bedeckte ihm mit heißen, glühenden Küssen das Gesicht, die er zu erwiedern begann. Sie zog ihm den Arm selbst um ihre Hüfte, und als er die weichen, üppigen Formen fühlte, drückte er sie fest an sich. Die Augen der Gräfin begannen in wildem Feuer zu funkeln, indem sie tief in die seinen drangen - ihr eigenes Blut aufzuwallen - ihre Nüstern schienen sich zu erweitern, gleich als wollten sie die berauschende Wärme der Wollust einsaugen - und dennoch verlor sie keinen Augenblick die Herrschaft über sich selbst.

»Was will Graf Auersperg - was soll geschehen?«

»Man traut halt den Wienern nit - es ist so a sackersch Volk jetzt. Wenn's nit pariren wollen, soll das ganze Militair die Stadt verlassen und a Bivouac beziehen.«

»Wo?«

»Im Belveder und am Schwarzenbergschen Gartel, bis die Kroaten kommen und - «

»Was und?« Sie saß auf seinem Schooß, ihr glühender Athem brannte sein Gesicht.

»Der Fürst von Prag - der Windischgrätz,« stöhnte der Soldat.

Sie schnellte wie eine Feder empor. »Also ein Complott der Camarilla und der Verräther im Ministerium! Man will die Stadt einschließen. Woher weißt Du das, Franz? Mensch, rede - Du weißt, was Du zu erwarten hast.«

»I red' mich um meinen Kopf!«

»Sieh her!« Sie stand vor ihm aufgerichtet, wie der

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Panther zum Sprung, bereit, sich auf ihn zu stürzen bei der geringsten Weigerung, die Megäre der Wollust.

»I copire die Depeschen - die Berichte nach Schönbrunn - i bring' sie all' Abend nach der Wach' am Schottenthor - «

»Die Papiere von heute - wo hast Du sie?«

Der Tyroler zögerte -

Mit einem Sprung war sie wieder auf seinem Schooß und riß das Kleid von ihren Schultern, daß es über die Hüften zurückfiel. »Da - nimm - nimm! - die Depeschen, wo hast Du sie?«

Seine Hände lagen auf dem weißen Nacken, den runden Schultern - sein Mund grub sich in diese, glühendes Feuer athmenden Hügel von elastischem Alabaster.

»In der Diensttasch' - Szabó, die Ordonnanz, hat sie!«

Sie wußte, daß sie ihn nicht aus den Armen, nicht zur Besinnung kommen lassen durfte. Mit der einen Hand ihn umschlingend und fest an den wogenden Busen drückend, streckte sie die andere nach der Klingel und schellte.

Sogleich - aber geräuschlos wie ein Schatten - hob die Amme die Vorhänge der Portière. Ihr faltiges Gesicht grins'te vergnügt, als sie die Stellung sah, in der die Gräfin sich befand, und welche diese nicht die geringste Anstalt machte, zu verlassen.

»Was befiehlst Du, Goldkind?«

»Führ' den slavonischen Soldaten herauf,« befahl sie hastig in ungarischer Sprache, »bring' ihn zu den drei Männern hinten in des Marosch' Zimmer - er mag Bekanntschaft mit ihnen machen, und bring' die Tasche hierher, die er trägt. Rasch!«

Die Alte verschwand; - der glühende italische Kuß des Weibes verwirrte jetzt vollends die Sinne des jungen Soldaten, die Scham und Schüchternheit des Natursohnes wich immer mehr - fester und wilder umschlang er die Magyarenfrau, die sich um ihn wand wie eine Schlange - wie der Lasso des Indianers um den Körper des Opfers, es in's Verderben reißend. »Gleich - gleich, Franz - sei gehorsam, mein Herz!«

Die runzelige Hand der Alten legte die Ordrestasche vor sie auf den Tisch - die Alte verschwand - die Gestalt der Gräfin verdeckte den Augen des Feldwebels noch die verhängnißvolle, seinem Eide und seiner Ehre anvertraute Tasche.

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»Du glühst, Franz! - Fort doch mit diesem Rock - das sind die Farben der Tyrannei, die mein Vaterland zerfleischen - Dir will ich mich geben - Dir selbst, Franz - nicht dem Soldaten eines Despoten! - O, wie Du glühst, süßes Leben - wie Dein Herz schlägt!« Dann sprang sie wieder empor. »Da sind die Papiere - gieb - «

Er versuchte sich aufzurichten - die Mappe zu fassen - ein Ringen entstand. »Lassen Sie - i darf nit - es darf nit g'scheh'n - «

Mit einer wilden Bewegung schleuderte sie die Hülle des Kleides von sich. »Mich für diese hier! wagst Du zu zaudern?«

Seine Hand ließ die Tasche los - sie fiel zu Boden - das Weib stürzte sich auf ihn - sie riß ihn nieder auf den Divan, sie umschlang ihn -


Wie berauscht, entnervt und doch jede Fieber gespannt zum wilden Genuß, lag die kräftige Gestalt des Tyrolers lang auf dem Divan, die Arme um das Weib geschlungen, halb neben, halb über ihm. Sie hatte die Tasche jetzt auf ihrem Schooß und öffnete sie mit dem Schlüssel, den sie dem Eidbrüchigen abgenommen. Dann schüttete sie die Papiere auf den Tisch und wühlte mit fanatischem Eifer darin, bald hier, bald dahin sie werfend.

In dem aufgelösten Haar der politischen Messaline wühlte die Hand des Soldaten. »I ertrag's nit mehr, wenn i Sie mit dem Doctor schau oder dem Bleichgesicht, dem Student. I schlag' sie noch Beid' todt, wenn i fuchtig werd'!«

»Pfui, Franz - eifersüchtig, Du? ist nicht eine Gräfin die Deine? hast Du nicht Alles, was Du begehrst? - Ordres vom Ober-Kommando - wo kommst Du her, Franz?«

»Vom General, Herrin! i bracht' den Rapport und holt' halt die letzten Ordres!«

»Franz, Du bist ein Engel - tausend Dank - diese Ordre darf auf keinen Fall in die Hände des Majors - «

»Aber, gnädige Frau - Sie wollen doch nit, daß i vor's Kriegsgericht komm'?«

»Närrchen - Du stehst unter meinem Schutz! morgen ist Alles anders - im schlimmsten Fall haben Dich die Legionaire angehalten und Dir die Papiere abgenommen! Ich kaufe Dir die Ordre ab, mit einer ganzen Nacht, wenn Du willst, Franz

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- denk', eine ganze Nacht in meinen Armen!« Sie hatte das Schreiben bereits geöffnet: »Der Befehl, eine Stunde später auszumarschiren und die Ankunft des Regiments Nassau-Infanterie und Mengen's Kürassiere abzuwarten! - Die veränderte Marschroute durch die Straßen - köstlich! Franz, ich küsse Dich!«

Ihre rasenden Liebkosungen erstickten jeden Widerspruch, jede Stimme der Ehre in seiner Brust - seine Augen glühten wie Feuer; nur den, seinen Küssen, seinen Händen, seiner rasenden Gier willig preisgegebenen Frauenleib sah er, fühlte er, nicht die Schande, den Verrath. Die rohe Naturkraft in ihm tobte in wahnsinniger Erregung.

»Und hier!« Unter seinen wüthenden, stürmischen Liebkosungen riß sie den Umschlag von einem Briefpacket. »Triumph!

- Briefe an den Banus! Also dahin die Grenadiere! Von Auersperg - von dem Minister! Ha, Verräther - Du sollst sterben als Feind Ungarns wie ein Hund! - die Ordre, den Marsch zu beschleunigen, die Patrioten anzugreifen - Unterhandlungen mit Preußen - Windischgrätz von Prag! - Du hattest Recht, Franz, Fluch über die czechischen Verräther! - die Ernennung General Bechtold's zum Kommandanten der Nationalgarde - «

Sie stieß ihn zurück und griff nach dem verhüllenden Gewand.

»Du gehst - Du verläßt mich - bleib' - bleib' - «

»Eine Stunde, Mann, zum Handeln, dann sei diese Nacht Dein für das Geschenk und ich will Dich sterben lassen vor Wonnen!« Sie raffte sich auf und die Briefe zusammen - Plötzlich fuhr sie mit einem Schrei zurück - die Papiere entfielen ihrer Hand - sie starrte nach dem Eingang des Gemaches.

»Unerhörte Frechheit - wer wagt es - «

In der Aufregung der Entdeckung, die sie an den Papieren gemacht, und des schändlichen Spiels mit dem letzten Bewußtsein des Soldaten hatte sie den kurzen Streit vor der Thür des Gemaches und den Widerstand der alten Amme nicht gehört.

Unter der zurückgeschlagenen Portière stand hoch aufgerichtet der Greis, der Tyroler, der hergekommen von seinen Eisbergen,

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den Enkelsohn zu retten - hinter ihm blaß, zitternd Matthias, der Slowak, ihr Geschöpf.

»Wer sind Sie - was wollen Sie? - Fort!«

»Nit ohne den da!« Der Finger des Greises wies auf den Feldwebel, der todtenbleich von dem Divan emporgetaumelt war und auf die unerwartete Erscheinung wie auf ein Gespenst hinstierte.

Der Greis trat zwei Schritte vor bis an den Tisch. Wie er so da stand, gerad' emporgerichtet, trotz des weißen Haars auf seinem Scheitel, das faltenreiche Gesicht von der Röthe der Scham und des Zornes gefärbt, war es unmöglich, die Aehnlichkeit zwischen ihm und seinem Enkel zu verkennen, der bleich, mit zitternden Gliedern, wie ein ertappter Verbrecher vor ihm stand.

»Daß Gott erbarm' - i schau, wie's mit Dir steht, Franz,« sagte der Greis. »Das Dirndl, die Nand'l, ist unten und herkommen mit mir altem Mann, aber Du hast die Treu' g'brochen und bist nit mehr werth a ehrliches Dirnd'l!«

Der Feldwebel, der große, starke Mann zitterte, aber er gab keine Antwort, seine Glieder schlugen wie im Fieberfrost.

Des Alten Auge fiel auf die Briefschaften, und obschon er nicht lesen konnte, überzeugten ihn doch die großen Dienstsiegel, der doppelköpfige Adler auf der Tasche, daß der Jörgi, sein Schwager, Recht gehabt.

Die Adern seiner Stirn schwollen wie Stränge so blau und dunkel.

»Franz - Du bist a Verräther g'worden - des ist des Kaisers Eigenthum, dem Du geschworen!«

Der Soldat erbebte - seine Augen rollten wild umher - dicke Tropfen kalten Schweißes rannen von seiner Stirn.

»Franz, mei Sohn - lug nit bei Deiner Mutter selig! Sind des des Kaisers Briefe - bist Du a Verräther g'worden an Deinem Eid?«

Der Unglückliche schlug die Hände vor das Gesicht.

»Meinen Fluch über Dich und Dein Gedächtniß! Du hast mei Namen g'schändet und entehrt - Du sollst hinwerden wie a räudiger Hund, der Du bist!« Er griff nach den Briefen; die Gräfin, die ihr Gewand übergeworfen, stürzte sich auf sie.

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»Die Papiere bleiben hier - was wollt Ihr, alter Narr?«

»Dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, wie ich dem Teufel gab, was des Teufels ist!« Er wies drohend auf den Gebrochenen. »Zurück, Edelfrau - schämst Du Dich nit, daß Du dem Dalk da Seel' und Leib verdorben, und dem armen Mensch drunten das Elend gethan - willst Du auch noch den Haspinger an seiner Pflicht hindern?«

»Wahnsinniger - Du giebst Deinem Enkel selbst den Tod, wenn Du ihn verräthst!«

»Besser todt, als ohne Ehr' und a falscher Ruech15 an Gott und dem Kaiser. Laß mich 'raus!«

Sie sperrte ihm den Weg und rief um Hilfe, indem sie mit ihm um die Papiere rang. Ihre Augen suchten nach einer Waffe und fielen auf den Dolch, den sie drohend gegen den alten Mann zückte, der ihr ruhig die Brust bot. »Stoß' zu, wann Du den Muth hast. Da Du mir's Herz aus der Brust genommen, kannst Du a 's Leben nehmen!«

Sie wagte es nicht. »Haltet ihn auf - er darf nicht fort - er kann Alles verderben!« In die Thür stürzten drei Männer: der Legionair, den sie den Doctor nannten, der ungarische Kammerdiener und ein Fremder - aus dem Gang nach dem Hintergebäude lugten einige Galgengesichter, dazwischen halb versteckt das des Slowaken.

Der alte Mann schritt ruhig und fest auf die Männergruppe los, die unentschlossen stand, nicht wissend, um wen es sich handele. »Sackra! macht Platz, Ihr Stadtherren - wer mich hält, thut's halt af sein G'fahr!« Der ehrwürdigen, drohenden Gestalt, dem festen, ernsten Auge wichen unwillkürlich die Männer.

Die Gräfin, das Papier in der Hand, das sie allein dem Greise zu entreißen vermocht, eilte auf den Doctor zu und faßte ihn heftig beim Arm. »Ihm nach, Ferdinand - entreißt ihm die Papiere - er darf das Haus nicht verlassen!«

»Was ist's - was giebt's, Gräfin?«

»Briefe an Jellacic - geschwind, ehe es zu spät ist - sie sind unbezahlbar!«

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Der Legionair wandte sich rasch und winkte den Männern im Gang. »Geschwind mit mir!« Aber schneller als er war der Soldat - der Verlorene - Verfluchte. Der Anblick des verhaßten Rivalen hatte ihm die Kraft, die Bewegung wiedergegeben. Wie ein Gespenst anzuschauen, hohlwangig, leichenhaft, mit irrsinnig blitzenden Augen stand er bereits außerhalb der Thür, ehe man auf ihn geachtet, den vorhin abgelegten Säbel in der Hand,

»Wer's wagt, den Nön'l anzurühren, ist a Kind des Todes! Bin i verflucht, so hat der Nön'l Recht g'than und Keiner soll ihm a Haar krümmen!« So schritt er, die blanke Waffe in der Faust, den Soldatenrock noch über dem Arm, drohend gegen Jeden, der einen Versuch machen würde, diesen aufzuhalten, hinter dem Greise her, der, seiner nicht achtend, den Gang entlang, die Treppe hinab ging. Im Hausflur klopfte er an die Loge des Schwagers. »Komm heraus, Nand'l - schleuntig!«

Das Mädchen stand bereits an seiner Seite. »Was ist's, Nön'l - wo ist der Franz?«

»Verloren für Dich - für uns! Gott sei ihm gnädig - komm!« Er zog sie mit sich fort.

»Wohin, Schwager? was willst draußen in der Nacht?« Der dicke Hausmeister wollte ihn halten.

»Wirst's erfahren, Jörgi - Morgen! kann nit bleiben, um ganz Tyrol nit!« Er war schon draußen, als sich der Andere noch über das Plötzliche des Aufbruchs besann oder die geisterhafte Gestalt mit den stieren Augen erkennen und festhalten konnte, die hinter Jenem drein an ihm vorüber glitt.

Der Doctor hatte, als er von den Papieren hörte, nach der Brusttasche gegriffen und das Terzerol halb hervorgezogen, das er dort trug, aber die Gräfin hatte bereits ihre Ruhe wiedergewonnen und zog ihn zurück, sich erschöpft auf einen der Sessel werfend.

»Laßt ihn gehen - ich weiß genug und habe hier einen Theil! es würde nur unnützen Lärmen machen. Einen Augenblick, mich zu erholen, dann bin ich bei Ihnen, Herr! - Treibe die Leute in Deine Stube zurück, Marosch; wie kamen sie heraus? - Und Sie, Ferdinand, gehen Sie einstweilen zu

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unseren Freunden in den Salon, damit diese nicht unruhig werden - wenn wir Sie brauchen, rufe ich Sie. Einstweilen hab' ich mit Dem da zu sprechen!«

Ihr kalter, harter Blick faßte den jungen Studenten, der noch immer blaß, bebend, aber unverrückt auf seinem Platz am Eingang stand.

Der Doctor sah mit einem verächtlichen, zwinkernden Blick auf ihn, zuckte die Achseln und ging an ihm vorüber nach den Zimmern, in denen die Gesellschaft versammelt war.

»Komm hierher - und Du, Amme,« sagte die Gräfin streng, »schließ' die Thür!«

Der Jüngling stand vor ihr, die Augen zu Boden geschlagen, die Farbe wechselte fliegend in seinem Gesicht.

»Wie konntest Du den Fremden in das Boudoir lassen, Amme? Du solltest Wache halten!«

»Ich that's, Goldkind! that ich's nicht? Fene egyemek! - hätt' ich mir eher die Hand abgehackt meinigte, als Gräfin zu stören! War dieser hier - stieß mich mit Gewalt fort, wie ich weigerte Eingang, öffnete Thür diese!«

Die Gräfin heftete das funkelnde Auge auf den jungen Mann.

»Thatest Du das?«

Ein leises Ja kam über seine Lippen.

»Wer ist der alte Mann?«

»Der Großvater des Feldwebels Stockhammer.«

»Woher kennst Du ihn?«

»Er kam vorhin an bei seinem Schwager, dem Hausmeister, direkt von Tyrol, mit einem jungen Mädchen, der Braut des Feldwebels. Er hatte Schlimmes gehört von seinem Enkelsohn.«

Sein sich erhebender Blick begegnete dem spöttischen Lächeln der Gräfin und wurde an ihm fest und stark.

»Wie kam der alte Narr hier herauf - Du mußtest das Verbot wissen?«

»Er wollte den Feldwebel sprechen; der Hausmeister hatte ihm gesagt, daß er oben bei Ihnen sei, Frau Gräfin!«

»Und Du?«

»Ich führte ihn hierher!«

»Nimm Dich in Acht, Matthias - Du bist ein Narr und

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wirst störrig. Das darf nicht sein. Du bist das Geschöpf meiner Laune und hast kein Recht, eifersüchtig zu sein!«

»Eifersüchtig? - ich bin nicht eifersüchtig!«

Die Gräfin machte große Augen. »Wie? - das hätte ich Dir vergeben können - weshalb führtest Du den Mann hierher? Antwort!«

»Es ist genug, wenn Einer mit Leib und Seele verloren gegangen - vielleicht konnte er ihn noch retten!«

»Wurm - elender, erbärmlicher Wurm, den ich zertrete, wenn mir's beliebt!« Sie sprang empor und stand wie eine Furie anzuschauen vor dem Jüngling. »Wagst Du es, mir zu trotzen? Weißt Du nicht, daß Du mein Spielzeug bist, ein Sklave, gekauft, um ihn zu benutzen, nicht besser als das Kissen in meinem Bett, das niedrigste Gefäß? Daß meine Laune längst an Dir gesättigt ist und nur mein Mitleid Dich erhält?«

»Fluch diesem Zustand - ich ertrag' ihn nicht länger!«

»Hinaus mit Dir - geh' jenem alten Thoren nach und sieh, wo er bleibt und was er treibt. Morgen red' ich weiter mit Dir!«

Der Jüngling rührte sich nicht von der Stelle.

»Nun?«

»Ich will kein Spion sein!«

»Ha! steht es so? - Undankbarer! hinaus mit Dir - noch in dieser Stunde, in diesem Augenblick verläßt Du mein Haus - diese Wohnung. Ich werf' Dich auf die Gasse, als der Bettler, der Du bist! Du sollst umkommen im Schmutz Deiner Geburt, im Elend Deiner Erbärmlichkeit! Hinaus mit Dir, schmutzige Slowaken-Natter, und wag' es nie wieder, diese Schwelle zu überschreiten!«

Der junge Mann faltete die Hände. »Gott möge mir vergeben und Ihnen, Herrin, was Sie an mir gethan. Ich wollt', ich könnte die Schmach zurücklassen, die mich zu Boden drückt, wie Alles, was Sie mir gegeben! Aber ich will Ihnen nicht fluchen um des Bessern willen, das ich gelernt!«

Er wandte sich um und ging, ohne den Blick wieder auf die erzürnte Frau zu richten. Sie eilte bis zur Schwelle des Boudoirs ihm nach und schüttelte die Hand verächtlich hinter ihm.

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»Slowaken-Canaille! Sohn eines Hundes und einer Hündin! Fort mit Dir, und mögest Du verfaulen am Wege!«

Ihre Stimme war heiser geworden von der Wuth, die sie fast erstickte. Sie faßte den Dolch und stieß ihn, diese Wuth gleichsam an einem Gegenstand zu kühlen, zwei, drei Mal in die weichen Polster.

Es schien ihr förmlich gut zu thun und das Herz zu erleichtern, dies Werk der Vernichtung - ein tiefes, heiseres Stöhnen, das fast wie ein Lachen klang, kam aus ihrer Brust. Dann heftete sie ihren Blick auf die Amme, die, jeden Zug ihres Charakters kennend, bei ihr geblieben war und sich bemühte, ihr Haar in Ordnung zu bringen.

»Du bist mir treu - Du allein, Maschka, ich weiß es!« sagte sie. »Ueberwache Alle - wehe Dir, wenn auch Du mich täuschen würdest!«

»Goldkind - das Herz aus dem Leib meinigten ließ ich mir reißen. Du sollst ein ander junges Blut haben zu Deiner Lust, schöner als der Franz, den Du fortgejagt; bei den Heiligen!«

»Gut, gut - ich denke jetzt an andere Dinge. Warte hier, bis ich zurückkehre - ich habe noch Aufträge für Dich, und laß es den Männern in dem Zimmer nicht an Wein fehlen.«

Sie erhob sich, raffte die Papiere zusammen und warf einen flüchtigen Blick in den Wandspiegel. Ihre leichte und leichtfertige Toilette war vollendet, sie näherte sich der Seitenwand und drückte an einer verborgenen Feder - ein kleines dunkles Kabinet, nicht viel größer als ein Schrank, öffnete sich - hinter der Rückwand her hörte man Stimmen im Gespräch - die Gräfin schloß die Tapetenthür und trat durch die gegenüber liegende in das anstoßende Gemach.

In dem rothen Boudoir blieb die Amme allein zurück und setzte sich mit der Genäschigkeit des Alters zu den Erfrischungen, die von der Scene des Verraths und der Wollust auf dem Tisch zurückgeblieben waren. -


Der Doctor war in die Gesellschaftszimmer getreten und wurde hier lebhaft von den Freunden und Vertrauten begrüßt - man sah leicht, daß er auf die Gemüther großen Einfluß hatte und die meisten derselben beherrschte.

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Wie ein Wiesel gewandt, mit aller Schlauheit der Nation, welcher er durch seine Geburt angehörte, schlüpfte er durch die Gruppen und hatte für Alle eine passende, die Aufregung noch mehr steigernde Bemerkung. Vor Allem waren es die Männer aus den Vorstädten und die Mitglieder der Arbeiter-Vereine und demokratischen Clubs, denen er von der steigenden Aufregung in der Stadt, den Brutalitäten des Militairs und der Schwarzgelben und den Contre-Plänen der czechischen Partei erzählte.

In dem zweiten Zimmer begrüßte er Messenhauser, Fenneberg und die Mitglieder der Linken des Reichstags, die hier versammelt waren, auf das Vertrauteste. Der Tisch der Gräfin, an dem er Platz genommen, um erschöpft sich an einem Glase Wein, den er mit Kennermiene prüfte, zu erfrischen, war bald von den Verbündeten umringt. Mit spöttischem Lachen erzählte er von seiner Verhaftung in der Gumpendorfer Schänke und der Art und Weise, wie er sich frei gemacht. »Das Volk,« sagte er, »ist des besten Eifers voll, die Straßen sind überfluthet, der Bau der Barrikaden ist angeordnet, die Grenadiere sind vorbereitet und werden bei der ersten Gelegenheit sich mit dem Volke vereinigen. Jede Minute kann der Kampf beginnen, sobald die Parolen vertheilt sind und wir die nöthigen Nachrichten haben. Die Gräfin ist eben daran, sie einzuziehen, und so lange müssen wir zusammen bleiben.«

»Sie sprachen bereits Ihro Gnaden?«

»Die Bürgerin Törkyeny? Ja, am Bahnhof, wo sie mich erwartete, um mich von dem Geschehenen zu unterrichten und die Nachrichten von Pesth in Empfang zu nehmen!«

»Und wie lauten diese - wird man uns auch nicht im Stich lassen?«

»Ich bringe volle Bürgschaften. Die ganze Nation ist in Waffen - ein herrlicher Anblick. Die besten Männer stehen an der Spitze und werden auch hier nicht fehlen, sobald Wien nur gezeigt hat, daß es sich aus den Fesseln der Reaction befreit. Der Verräther Jellacic ist in allen Gefechten geschlagen, man erwartet in den nächsten Tagen eine Hauptschlacht, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein kann.«

»Und Recsey?«

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»Er möge es nicht wagen, sich in Pesth blicken zu lassen, oder es wird ihm gehen wie Lamberg!«

»Ein Eljen für Kossuth und die wackeren Ungarn!« rief Fenneberg. »Wissen Sie Ausführliches, Doctor, über den Tod des Verräthers, damit wir in Wien erfahren, wie wir's zu machen haben? Die Gerüchte lauten so verschieden.«

Ein grausames Lächeln zuckte um die Lippen des Legionairs. »Ich weiß es aus dem Munde der Betheiligten und sah es zum Theil mit eigenen Augen.«

Erzähle, Bürger Lazare, erzähle!« Die Männer drängten sich um ihn.

»Sie kennen den Beschluß des Repräsentantenhauses, in der Nacht des 27. September gefaßt, den königlichen Commissar, Grafen Lamberg, als ungesetzlich und ungiltig anzusehen und Jeden als Hochverräther zu hängen, der ferner den Befehlen des Kaisers Folge leisten würde. Am Morgen des 26sten war der Beschluß an allen Ecken Pesths angeschlagen - versteht sich, in magyarischer Sprache!«

»In dieser allein?« fragte eine Stimme - »ich denke, es leben in Ofen-Pesth 70,000 Deutsche?«

Der Legionair lachte hell auf. »Dann mögen sie Ungarisch lernen, wenn sie in Ungarn leben! Die Aufregung war größer, als in den Märztagen, Niemand dachte an Arbeit oder Geschäft, die Straßen wogten von Menschen. Die Magyaren schrieen, der Commissar müsse gehängt werden, sobald er einträfe, und bearbeiteten das Volk. Parbleu, - ich habe immer gehört, daß die ungarische Sprache reich an Verwünschungen und Schimpfworten ist, aber ich bekam Achtung vor dem Reichthum, als ich hörte, wie sie ihren sogenannten König damit haranguirten. Das Gescheidteste, was sie schrieen, war: sie brauchten keinen, und wenn sie einen haben wollten, würden sie Kossuth dazu wählen! Eljen Kossuth, meine Herren!«

Die Verbündeten leerten die Gläser.

»Aber die Behörden - was thaten diese?«

»Bah! liebster Messenhauser, Sie können sich immer noch nicht genug von dem Zopf emancipiren. Wer fragt in solchem Augenblick nach Behörden, zumal wo diese sogenannten Behörden

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selbst nichts Besseres wünschen, als dem Volk seinen Spaß nicht zu verderben! Die Freiheit war in vollem Gange - dazu goß die Nachricht, die eine Stafette gebracht, Oel in's Feuer, daß die Schlacht bei Stuhlweißenburg gegen die Kroaten seit drei Uhr Morgens dauere und um sieben Uhr schon der linke Flügel des Banus gänzlich vernichtet gewesen sei. Das Volk war wie außer sich auf den Straßen, ich habe nie eine solche Erregung der Massen gesehen, selbst in den Februar-Tagen in der Faubourg St. Antoine nicht. Hui! es ist eine prächtige Nation, diese Magyaren - glühende Frauen, glühender Wein, glühende Köpfe! Ich trinke auf sie im eigenen Gewächs'.«

Er leerte das Glas - der schwere Wein machte auf seine Leichenblässe nicht den geringsten Eindruck.

»Um ein Uhr,« fuhr der Legionair fort, »wollte ich nach dem Blocksberg gehen, man behauptete, daß man von dort den Donner der Kanonen hören könne. Als ich an die Wache der Donaubrücke kam, stürzten athemlos zwei wackere Magyaren herbei und verlangten einen Tambour zum Allarmschlagen; Lamberg sei in Ofen, riefen sie, man müsse ihn fangen und aufknüpfen. Es hieß, er sei im Generalkommando-Gebäude bei dem Feldmarschall-Lieutenant Hrabowsky. Ich nahm dem Tambour der Brückenwache die Trommel ab und gab sie einem rußigen Burschen aus einer Schmiedewerkstätte. Er schlug darauf, als hätte er den Amboß vor sich, daß das Kalbfell zersprang; so zogen wir vor das Gebäude. Ein Wachtposten der Nationalgarde sagte aus, vor einer halben Stunde sei der königliche Commissar angekommen und bei Hrabowsky abgestiegen. Jetzt wußten wir, daß wir ihn hatten - das freie Volk brüllte vor Vergnügen!«

Die gläsernen Augen des Erzählers nahmen ein seltsam unheimliches Leuchten an, während er fortfuhr. Keine Sylbe der Umstehenden unterbrach ihn mehr - er schänkte sich zwei Mal aus der Karaffe das Glas voll und trank es leer.

»Eine Scene, wild wie der Teufel, begann. Mit lautem Geheul stürzte die Menge in das Gebäude - alle Thüren wurden erbrochen. Voran ein Sappeur der akademischen Legion, man sagte, es wäre ein Betyár aus den Theißsümpfen, dessen gewichtige Axt jedes Mal auf den dritten oder vierten Hieb die

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festesten Thurm sprengte. Alle Räume wurden durchsucht - Fenster, Kisten, Schränke zertrümmert - noch fehlte das Wild.

»Dem Haufen, der nach dem ersten Stock drang, trat Hrabowsky entgegen, der Thor versuchte die Menge zu beruhigen. Ein Wiener Legionair rief ihm zu: »Halt's Maul, Schwarzgelber, wir kennen Dich!« Man faßte ihn, sperrte ihn in ein Zimmer und stellte eine Wache davor, die Schonung dankte er seinem Namen. »Hussah, Lamberg!« gellte es durch das Gebäude, aber der Vogel war ausgeflogen, fort, entwischt durch eine Hinterthür, und er eilte nach Pesth, um sich unter den Schutz des Repräsentantenhauses zu stellen.

»Während die Scene auf der Festung spielte, ging die Allarmtrommel in beiden Städten - die Gewölbe wurden gesperrt, die Nationalgarde rückte aus, die Straßen wogten vom Volk, den Freiwilligen und den Bauern. Es war eine köstliche Jagd, die ganze Meute auf den einen Fuchs! Bald hieß es: die Festung sei von Lamberg abgesperrt, man wolle Pesth von Ofen aus bombardiren, oder der Banus sei vor den Schanzen und die Raitzen in Ofen erschlügen die Schanzarbeiter. Kein wahres Wort daran. Der Dummkopf, der in blindem Glauben auf die Unverletzlichkeit eines königlichen Commissarius ohne Begleitung und Bedeckung nach Ofen gekommen war, hatte unterdeß einen Fiaker gefunden und fuhr über die Schiffbrücke nach Pesth, den Schutz des österreichischen Gesetzes zu erreichen.

»Der Thor! Auf der Mitte der Brücke stand ein Haufe Nationalgarden und Sensenmänner, teuflisch wildes Volk darunter, auch Einige von unseren Leuten. Ich sah den Fiaker kommen und witterte den Inhalt - ein Paar Worte an die Menge genügten, man hielt den Fiaker an und Einer schwang sich auf den Tritt. »Wer sind Sie?« - Soll mir Gott helfen! der alte Bursche hatte Muth. »Der königliche Commissar Graf Lamberg!« lautete die Antwort mit fester Stimme. »Dann fahre zur Hölle!« und ein Hieb spaltete seinen Schädel.«

Es war eine Todtenstille im Gemach, als der Legionair die furchtbare That erzählte, und manches Gesicht her zum Aeußersten, zu blutigen Thaten entschlossenen Männer wurde bleich dabei.

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Der Doctor drehte sich eine Papier-Cigarre und rauchte sie an. Der Ausdruck seines Gesichts hatte etwas teuflisch Eisiges, Gleichgiltiges.

»Wer war es, der den verhängnisvollen Schlag that?«

Der Erzähler betrachtete den Frager mit dem Lorgnon im Auge. »Ah, Sie möchten es gern wissen, Herr von Borrosch? Nun, wenn ich recht berichtet bin, es war ein Legionair - ein Mann im grauen Paletot. Wenn Sie morgen einen grauen Rock sehen, gehen Sie hübsch bei Seite, sollten Ihre Nerven zu schwach sein. Ich rathe es Ihnen als Freund!«

Der kalte Spott des Juden schien Allen die Last von der Brust zu nehmen. »Sei er, wer er wolle,« rief Fenneberg, »er war ein entschlossener Mann und er zertrat der Natter den Kopf. Wie ging es weiter? - war der Scherge der Tyrannei zur Stelle todt?«

»Bah - nicht doch! diese Aristokraten haben ein zähes Leben und die Menge wollte auch ihren Antheil haben an dem Fest. Ich weiß nicht, ob Sie den Grafen Lamberg gekannt haben, ein stattlicher Mann und Soldat, an die Sechszig, die Brust mit Orden bedeckt, er hatte einst wacker gegen die Franzosen gefochten, vielleicht an der Spitze derselben Ungarn, die jetzt wie die Wölfe über ihn herfielen. Das Geschrei und Toben war fürchterlich, mir gellen noch die Ohren, wenn ich daran denke. Blut überströmte sein Gesicht und sein grau werdendes Haar - man riß den Halbtodten aus dem Wagen und schleifte ihn über die Brücke - die Blutspur triefte bis in die Stadt hinein und lag breit auf den Steinen. Man durchstach ihn mit den Bajonneten - schnitt ihm Glieder mit den Sensen ab und schlitzte ihm den Leib auf, daß die Eingeweide herausquollen.«

Es schien bei der abscheulichen Beschreibung der Blutgeruch sich durch das Zimmer zu verbreiten und jene berauschende, betäubende Macht zu üben, welche die großen Menschenschlächtereien der Revolutionen und der Verbrechen immer so seltsam zur Schmach alles Lebenden zeigen. Der Legionair selbst schien mit einer gewissen Wollust in diesem Rausch von Blut und Entsetzen sich zu vertiefen und sein fahles Gesicht zeigte leicht geröthete Flecken,

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die glanzlosen Augen funkelten wie die einer Schlange, bevor sie sich auf ihr Opfer stürzt.

»In der großen Bankgasse,« fuhr er heiser fort, »wurde der Leichnam des verhaßten Werkzeugs der Despotie von dem Volk in Empfang genommen. Man zerrte und riß ihn hin und her - seine ganze Kleidung wurde in Fetzen gerissen, man zerstampfte ihn mit den Füßen, spießte ihn auf die Bajonnete und zeigte ihn dem Volk, das ihn zu sehen verlangte. Es war ein großartiger Anblick, diese Rache einer Nation!

»Endlich kam man am Invalidenpalais an, dem Feinde die letzte Ehre anzuthun. Von Menschengestalt keine Spur mehr - die braven Burschen wußten kaum, wo sie den Strick anbringen sollten, ihn an den nächsten Laternenpfahl aufzuhängen. Da kamen die empfindsamen Thoren von der Nationalgarde und nahmen dem Volk den Todten und brachten ihn in's Invalidenpalais. Während der Nacht ließ ihn Kossuth nach dem Rochus-Spital schaffen.«

Die Männer schwiegen und sahen sich bedeutsam an - Keiner wagte, dem innern Gedanken Namn zu geben, den doch ein Jeder hatte.

Dann unterbrach eine helle, durchdringende Stimme die Stille.

»Möge jeder Verräther an der Freiheit also enden! Ein Eljen der glorreichen Strafe!«

Es war die Gräfin, die mit in wilder Befriedigung funkelnden Augen, mit wogendem Busen unter der Thür stand und die Erzählung mit gierigem Ohr verschlungen hatte.

»Mit dem Blut Lambergs,« fuhr sie fort, »hat das freie Ungarn auf immer mit der Despotie der Habsburger gebrochen. Möge Wien das Beispiel nachahmen und durch eine kühne That die schwachen Geister zwingen!«

Viele Blicke begegneten sich - sie hatten einander verstanden.

»Wenige Augenblicke noch, meine Herren,« fuhr die Gräfin fort - »ich bitte, bleiben Sie zusammen, wir werden Ihnen alsdann wichtige Mittheilungen zu machen haben.«

Sie grüßte die Anwesenden mit graziösem bedeutungsvollem Lächeln und führte den Legionair mit sich fort über den Gang in das Zimmer, das an ihr Boudoir stieß.

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Drei Männer saßen hier an dem großen runden Tisch von prächtigem Maser. Ein Plan von Wien, eine Karte von Ungarn, Briefschaften und Listen lagen ausgebreitet auf dem Tisch, während auf einer Nebentafel die Reste einer Mahlzeit standen.

Um den großen Tisch saßen drei Personen, zunächst der Fremde, der vorhin mit dem Doctor Lazare auf den Hilferuf der Gräfin sich gezeigt hatte. Es war ein ernster Mann von etwa vierunddreißig bis fünfunddreißig Jahren, ein leichter polnischer Typus in seiner Physiognomie nicht zu verkennen, das Auge voll Gedanken und scharfer Beobachtung. Er trug die ungarische Nationaltracht, die ein auf dem Stuhl liegender Mantel auf seinem Wege vollkommen verhüllt haben konnte. Er sprach wenig, aber was er sagte, war von Gewicht, bestimmt und überdacht.

Es war der schon vor Beginn der ungarischen Erhebung als eine ihrer Hauptstützen bekannte Verfasser des Werks: >Aus dem Tagebuch eines in Großbritannien reisenden Ungarn<, der Unterstaats-Secretair im Ministerium Batthiányi und Kossuths vertrauter Freund, jetzt der Vertreter und Leiter der ungarischen Interessen in Wien, Franz Pulszky.

Der Mann ihm gegenüber hatte ein unansehnliches und schwächliches Aeußere, sein Gesicht war röthlich fahl, sein Gang, als er sich erhob und den Eintretenden entgegen ging, hatte etwas Trippelndes. Er war bedeutend älter, als sein Gefährte, und sein Aussehn erhöhte sein Alter noch, das in der That nur dreiundfünfzig Jahre betrug. Dennoch blitzte aus diesen lebhaften, rastlosen Augen ein überaus lebendiger und kühner Geist, lag in diesem schwächlichen Körper eine Thätigkeit und Energie, die selbst seinen Feinden Bewunderung abgezwungen. Er trug einen polnischen Schnürrock, auf dessen linker Brust das in der tapfern Vertheidigung von Danzig erworbene Kreuz der alten Ehrenlegion funkelte.

Der Dritte war der bekannte Agent und commis voyageur der Revolution, Dr. Carl Schütte, ein Westphale von Geburt, gleich Quecksilber überall zu finden, wo es Lärm gab, und den Lärm durch seine Beweglichkeit und Geschwätzigkeit noch erhöhend, ein Störenfried mehr aus Passion als aus Courage, aber mit allen Häuptern der Propaganda in England, Frankreich und Deutschland

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vertraut und durch seine Rastlosigkeit ein unentbehrliches Möbel der Revolution. Seinem Wesen und seinem Charakter entsprach sein Aeußeres, gut, gewandt, aber würdelos und ohne geistige Bedeutung, Alles überwältigend durch eine überaus gewandte Suade und Dreistigkeit.

»Endlich, lieber Doctor,« sagte der eben Beschriebene, indem er dem Legionair die Hand schüttelte, »die Zeit rückt vor und die Frau Gräfin hat eben so wichtige Mittheilungen gebracht, daß wir vor Begierde brennen, die letzten Maßregeln festzustellen. Was bringen Sie für Nachrichten aus Ungarn?«

»Die besten. Diese Depesche für Sie, Herr von Pulszky; die Gräfin hat am Bahnhof bereits das Kästchen mit dem Gold in Empfang genommen.«

»Es ist hier!« Der Ungar wies auf eine geöffnete Chatoulle auf einem Stuhl neben ihm, die mit Goldrollen gefüllt war. »Die Wiener Revolution kostet uns ein schönes Stück Geld, ich brachte fünfmalhunderttausend Gulden mit und hier befinden sich weitere zweimalhunderttausend.«

»Sie retten damit Ungarn; dafür ist die Summe wahrlich gering genug. Der Pöbel in den Vorstädten und des demokratischen Clubs kann nur durch Geld in Bewegung gehalten werden. Da ich noch nicht weiß, welche Nachrichten Sie haben, liebe Martha, so bitte ich, mich davon zu unterrichten.«

Er nahm einen Stuhl, die Gräfin blieb am Tisch stehen, die Hand darauf gestützt.

»Der Verräther Latour hat die Ordre ertheilt, daß die Grenadiere eine Stunde später ausrücken sollen, um Auersperg Zeit zu geben, die Linie und den Bahnhof mit Truppen zu besetzen.«

»Das wäre fatal! Die Vorstadtgarden sind noch nicht an den Kampf gewöhnt und würden vor dem regulairen Feuer sich davon machen! Der Fürst hat auf das Bestimmteste die Zurücknahme des Befehls zum Ausmarsch verweigert und erklärt, daß man sie erzwingen werde. Die Aufregung in den Vorstädten ist groß, der Wille gut, aber dennoch fürchte ich ... «

»Es wird darauf ankommen, wie die Grenadiere selbst sich verhalten,« sagte der Magyar.

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»Wir sind ihrer sicher - ich habe Branntwein in die Kaserne schmuggeln lassen, da sie nicht mehr heraus dürfen. Unsere Agenten parlamentiren ganz offen an den Thoren und Fenstern mit den Soldaten. Sie haben sich verpflichtet, auf keinen Fall die Waffen gegen das Volk zu brauchen, und werden, sobald sie ernstlichen Widerstand finden, Halt machen und umkehren.«

»Die Schurken,« sagte der Pole, »wäre ich Auersperg, ich ließe sie morgen sämmtlich füsiliren!«

Der Legionair lachte. »Desto besser, General, daß ein Mann von Ihrer Energie auf unsrer Seite steht und nicht auf der unserer Gegner!«

»Aber die anderen Truppen?«

»Der Henker hole sie - sie sind fast durchgängig schwarzgelb bis in die Fußsohlen und es ist Nichts mit ihnen zu machen!«

»Dann, meine Herren, ist die Sache gefährlich. Mit sechs entschlossenen Regimentern und dem Besitz der Artillerie jage ich ganz Wien fort.«

Die Worte des Helden von Ostrozka und der Praga-Brücke machten einen unverkennbaren Eindruck.

Nur die Gräfin blieb ruhig und fest und lächelte spöttisch über die Besorgniß der Männer.

»Wir werden es darauf ankommen lassen,« sagte sie ernst und bestimmt. »Wir müssen schlagen auf jeden Fall!«

»Und warum?«

»Weil sich nie eine solche Gelegenheit wiederfinden wird und die Gefahr vor der Thür steht. Von den Truppen werden morgen nur fünf Bataillone disponible sein, die anderen haben die Gesellschaft in Schönbrunn zu bewachen. Die Grenadiere Richter sind für uns und warten nur auf den Vorwand, zum Volke überzugehen. Hier ist der Beweis, daß die Zur Deckung des Ausmarsches bestimmten Truppen erst eine Stunde später auf dem Platz sein können.« Sie warf das Papier, das sie den Händen des Tyrolers entrissen und das die Richtung des Marsches enthielt, auf den Tisch. »Eine Stunde zu spät, wird Alles zu spät sein lassen. Die Arbeiter und die Garden der Vorstadt brennen vor Begier, die Reactionaire von Wien zu vernichten. Die akademische Legion und das Volk genügen, um mit dem

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Militair am Bahnhof fertig zu werden. Dort in jenen Zimmern harren zwanzig Männer unsers Bescheids, um sofort den Kampf durch ganz Wien zu tragen. Unserer sind Hunderttausend gegen die wenigen Tyrannenknechte, und wer noch zögert, ist ein Verräther an der Sache der Freiheit, denn hier Bürger Schütte bringt die Zustimmung von Frankfurt, und - wenn Sie es denn wollen! - Auersperg hat die Ordre, morgen Nacht das Militair aus der Stadt zu ziehen und den Fürsten Windischgrätz zu erwarten, der binnen acht Tagen an unseren Linien stehen wird!«

»Windischgrätz - wie - der Henker von Prag, der Feind Ungarns?«

»Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, daß er den Befehl hat, vom Norden her Wien zu cerniren, wie Jellacic von Süden und Osten.«

»Der Beweis - der Beweis!«

»Vor kaum einer Viertelstunde waren die Briefe Auerspergs und Latours in meinen Händen. Diese Ordre allein vermochte ich zurückzuhalten.«

»Verflucht! Jener Mann - der Greis in der Tyrolertracht?«

»Er hat sie mir mit Gewalt abgenommen; es hätte eines Mordes bedurft!«

»Unsinn,« sagte der Ungar energisch. »Was heißt ein Menschenleben, wenn es galt, solche Beweise in Händen zu haben!«

»Ich sagte es,« grollte der Legionair. »Warum hielten Sie mich zurück!«

»Es mußte sein,« sagte die Gräfin kurz und entschieden. »Die That konnte nur unnützen Lärmen erregen und wer weiß zu was führen. Wir haben, was wir bedürfen. Sind Sie jetzt einverstanden mit dem Ausbruch des Kampfes auf morgen, meine Herren?«

General Bem, denn der kühne polnische Artillerie-General war es, der heimlich hier in Wien erschienen, reichte den Plan herüber, den er seither nach den Angaben der entwendeten Ordre bezeichnet. »An diesen Punkten sind die Barrikaden gegen den Ausmarsch der Grenadiere zu errichten; - die rothen Striche

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bezeichnen die Punkte, wo morgen die Stadtgarden anzugreifen und die Militairposten zu isoliren sind!«

»Und Sie, General - Nun?«

Er hatte sich vom Sessel erhoben und trippelte in seiner unschönen Manier nach dem Fenster, dessen Rouleaux er zur Seite schob. »Ich denke, ich werde hier in diesem Zimmer Gastfreundschaft genießen und am besten den Kampf dirigiren!«

»Dann fort zu Fenneberg und Messenhauser, damit die Befehle ausgegeben werden. Duwalski und Prato mögen sie überbringen.«

»Lassen Sie sehen. Wie stark ist die Legion?«

»Zehn Compagnieen, also 1500 Mann.«

»Und die Garden der Vorstädte, auf die wir uns verlassen können?«

»Die sämmtlichen Vorstadtgarden zählen 114 Compagnieen, also über 11,000 Mann - Wieden und Mariahilf allein viertausend.«

»Die innere Stadt?«

»Mit dem Bürger-Regiment und den Schützen nicht mehr als viertausend - die Hälfte davon ist unzuverlässig.«

»Drei Garden auf einen Soldaten - ich denke, es wird gehen. Lassen Sie die zuverlässigsten Garden nach dem Bahnhof und der Taborbrücke beordern,« diktirte der General, noch über den Plan gebeugt. »Einen Theil der Legion für den Nothfall zur Unterstützung; es sind die Einzigen, auf die man sich verlassen mag. In der Stadt demnach zunächst das Rothe Thurm-Thor und der Dom. Wer bewacht den Dom und die Sturmglocken?«

Schütte überblickte die Rapporte. »Die Garden des Kärnthner Viertels.«

»Haben Sie ein zuverlässiges Bataillon unter den Wiedenern?«

»Das Mosersche.«

»Dann lassen Sie dies gegen den Stephansplatz marschiren. Aus einem Hause in der Nachbarschaft mag ein Schuß auf die Wiedener geschehen, das wird die Veranlassung zum Kampf geben. Die Kirche und der Thurm müssen um jeden Preis genommen und von den Unseren besetzt werden, es ist so wichtig wie die

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Zeughäuser. Die ersten Kanonen, die Sie nehmen, müssen nach dem Rothen Thurm und dem Stephansplatz. Das Kriegsgebäude muß auf allen Seiten abgesperrt werden. Am Schottenthor muß um acht Uhr ein Bataillon der Vorstadtgarden die städtischen ablösen, wenn sie nicht weichen wollen, mit Gewalt. Sagen Sie es den Herren da drüben, damit sie ihre Anordnungen treffen. Die Rapporte hierher von Allem, was vorfällt, erfolgen durch Ihre vertrauten Legionaire, sie sind zuverlässig und verschwiegen.«

»Aber warum wollen Sie nicht selbst mit den Herren verkehren, General?« fragte der Legionair - »man wird mit Begeisterung Ihr Oberkommando anerkennen!«

»Ich habe meine Gründe, weshalb ich erst auftreten will, wenn Wien sich selbst geholfen hat und sein Widerstand organisirt ist. Kossuth selbst ist damit einverstanden, daß vorerst das Geheimniß meiner Anwesenheit bewahrt bleibt.«

»Der Gedanke einer unsichtbaren, im Geheimen thätigen Oberleitung,« sagte der Unterstaats-Secretair, »hat seine Vortheile und übt eine große Macht. Wir haben die Aula, die demokratischen Vereine, die Arbeiter, die Vorstadtgarden und den Reichsrath, hinter den sich die Furchtsamen verstecken mögen - der Ausgang kann nicht zweifelhaft sein.«

»Hier ist das Schreiben von Frankfurt, das ich heute erhielt,« berichtete der Agent der Nationalversammlung. »Sobald der Reichstag sich in Permanenz und gegen die Krone erklart hat, wird die Linke zwei ihrer Mitglieder als Reichscommissarien absenden, um dadurch dem Akt den Stempel ihrer Zustimmung zu geben. Robert Blum und Fröbel sind bereits bestimmt dazu.«

Der Pole und der Magyar lächelten ziemlich verächtlich - die Versammlung in Frankfurt war ihnen eine große Nebensache.

»Es ist gut und nothwendig,« fiel der Legionair ein, der die Meinung der beiden Häupter verstand. »Die Anwesenheit der Commissaire der Nationalversammlung wird dem Volk eine gewisse Bürgschaft der Sicherheit geben und die Schwankenden fortreißen. Hindern kann ihre Anwesenheit in Nichts - ich kenne überdies die Personen, sie stehen zu uns.«

»Hier sind die zweitausend Dukaten zur Vertheilung,« sagte

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der Magyar, die vier Rollen auf den Tisch legend, »und hier« - seine Brauen zogen sich finster zusammen - »ist die Liste der czechischen Partei und der Männer, deren Beseitigung die Freiheit Ungarns fordert.«

»Löhner, Hubicki und die Linke sind bereits damit einverstanden,« sagte der Legionair, das Verzeichniß flüchtig überlaufend. »Sie hassen die Czechen wie die Pest. Sie versammeln sich gewöhnlich im Igel; wir werden die Häuser gegenüber dem Musikverein mit Schützen besetzen und Jeden, der sich blicken läßt, niederschießen. Hawelka - Rieger - Klaudy - fort mit den czechischen Verräthern! Ha - die Minister! Wessenberg - was soll mit ihm? Wird sein Abdanken genügen?«

Der Ungar nickte.

»Ich denke ebenso Bach - er wird sich bei Zeiten zu salviren wissen. Aber Latour?«

Die Augen der Gräfin und des Legionairs begegneten sich.

»Er ist unser bitterster Feind, der gefährlichste - aller Haß concentrirt sich auf ihn.«

»Er ist ein braver Soldat,« sagte der General, »und hat oft dem Tode in's Auge geseh'n. Ich denke, wenn er abdankt - «

»Niemals! Er muß sterben, wie der andre Verräther in Pesth!« rief die Gräfin leidenschaftlich. »Ueberlassen Sie ihn dem Volk - es will, es muß sein Opfer haben. Sein Tod ist der Bruch mit dem Kaiser - Wien kann dann nicht mehr zurück!«

»Mich dünkt es, Sie hassen den Grafen persönlich, schöne Frau,« sagte der General mit einem scharfen Blick.

»Ich habe ein Recht dazu - warum sollte ich es verschweigen? Er, der in Stücken von dem gerechten Zorn meines Volkes durch die Straßen von Pesth geschleift wurde, er hat es gewagt, einer Ungarin aus dem edelsten Blut des Landes tödtlichen Schimpf anzuthun. Bei dem Ball, den die Herzogin von Grammont in Paris gab, wagte er es, als ich ihn anredete, vor dem ganzen Adel Europa's mir den Rücken zu kehren und eine laute, nichtswürdige Bemerkung über mich zu machen!«

»Ich habe davon gehört,« sagte der Unterstaats-Secretair boshaft, »aber die Worte sind mir entfallen. Wie waren sie doch gleich?«

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Die Gräfin warf ihm einen bitterbösen Blick zu, dann antwortete sie frech: »Der Schändliche sagte, er liebe es nicht, mit Weibern zu reden, die ihren Männern entlaufen, um Straßendirnen zu werden!«

»Das war allerdings stark,« meinte der General, »aber Sie können vergeben, das Geschick hat Sie furchtbar an dem Unglücklichen gerächt.«

»Ich bin gerächt!« sagte die Ungarin, einen hämischen Blick mit dem Legionair tauschend.

»Doch Latour - was hat der alte Mann gegen Sie verbrochen?«

Ihre Augen sprühten Feuer - ihre Hand reßte sich krampfhaft gegen die Brust. »Er ist schuld, daß ich bin, was ich bin - er ist der Busenfreund meines Gatten und meines Schwagers, und war es, der meine Jugend an das Jammerbild von Mann schmiedete, den schmutzigen Geizhals, dessen Namen ich trage. Er war es, der, als das Blut der jungen Adern sein Recht verlangte, ihm den Muth machte, sich von mir loszusagen und mich mit dem Jahrgeld einer Bettlerin abzufinden. Seinen Intriguen, seinem Einfluß bei diesem Hofe danke ich es, daß man es wagte, mir mit Verachtung zu begegnen, daß meinen gerechten Ansprüchen an das Vermögen tausend Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Ich hasse ihn - hasse ihn ebenso, noch mehr wie den Andern!« Ihr Anblick hatte etwas Furienhaftes, daß sich die beiden älteren Männer unwillkürlich abwandten.

» Wir haben Nichts mit Ihren Privatangelegenheiten zu schaffen,« sagte der General barsch - »wir find Kämpfer für die Freiheit eines Volkes, nicht Meuchelmörder!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr,« rief die Gräfin zornig - »wenn Beleidigungen der Dank sein sollen für Alles, was ich gethan - «

Der Unterstaats-Secretair winkte dem General und beruhigte sie mit dem Legionair.

»Bah, meine Herren - Einer mehr oder weniger,« sagte der deutsche Agent - »Herr von Latour mag sehen, wie er seine Haut rettet. Warum über ihn streiten? Am besten, man macht

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es mit ihm, wie mit Auerswald und Lichnowski in Frankfurt, und überläßt ihn der Vol[k]sjustiz!«

Der General warf ihm einen finstern, verächtlichen Blick zu, der den Schwätzer verstummen machte. Dann erhob er sich. »Ich denke, wir sind zu Ende. Jedes unnütze Blut mag Der verantworten, der es vergießt. Der morgende Tag wird voll Anstrengung sein und ich möchte noch einige Stunden ruhen.«

Auch Pulszki hatte den Mantel genommen und das geschlossene Kästchen mit dem Golde darunter verborgen, während der Doctor Lazare sich nach dem Salon begab, um die Dispositionen und Rathschläge der geheimen Leiter den einzelnen Führern der morgenden Bewegung mitzutheilen und die Vollziehung zu sichern.

»Auf Wiedersehn denn, meine Herren - als Sieger auf den Barrikaden von Wien, oder auf dem Weg nach dem Kufstein! Ruhen Sie, wenn Sie können - ich vermag es nicht, bis die Entscheidung gefallen ist.« Das trotzige, leidenschaftliche Weib verließ das Gemach und verschloß hinter sich die Thüren des Boudoirs, in dem die Amme eingeschlafen auf einem der Fauteuils ihrer wartete.

»Die Thoren - vergeben! einen blutigen Schimpf! Sie sollen meinen Zwecken dienen, nicht ich den ihren,« murmelte sie. »Ich werde dafür sorgen, daß ihnen die Wahl erspart wird. Sollte je der Tag kommen, wo sie es wagten, meine Absichten zu durchkreuzen - dann wehe ihnen! Das Schwert, das sie schwingen, hat zwei Schneiden!«

Sie steckte Geld zu sich und weckte die Amme. »Begleite mich,« befahl sie ihr. Beide stahlen sich über den Corridor, den die sich entfernenden Verschworenen füllten, und gingen nach dem Gang, der zum Seitengebäude führte, wo die Stube des ungarischen Dieners der Gräfin lag.

Rohes Gelächter, lose Reden, frecher, übermüthiger Gesang schollen durch die Thür ihnen entgegen. Die Gräfin überzeugte sich, ob der Schlüssel auch von Außen stecke, dann hieß sie die Amme vor der Thür bleiben, um jede Störung zu hindern, und öffnete. Das Gemach war von Tabaksqualm und dem Dunst einer heißen Punschbowle erfüllt. Szabó, der Rekrut von dem Grenadier-Bataillon Richter, und drei Männer saßen trinkend

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und lärmend um den Tisch, erhoben sich aber beim Eintritt der Dame. Die Drei waren verwegene, freche Gesichter aus der Hefe des Volks, den Muth des Verbrechers auf der Stirn, die Tücke der Bosheit in den Augen.

Sie grüßten linkisch und verlegen und nahmen die qualmenden Pfeifen aus dem Mund.

»Bleibt auf Euren Plätzen, Freunde, und genirt Euch nicht,« sagte die Gräfin, und zog sich selbst einen Stuhl zum Tisch. »Lassen Sie mich das Gebräu probiren und reichen Sie mir den Tabak dort.« Sie rollte sich eine Cigarre. »Mit wackeren Männern wie Ihr braucht man keine Umstände zu machen - Ihr seid aufrichtige Freunde der Freiheit, und zum Henker mit Dem, der sich nicht eine Ehre d'raus macht, mit solchen ein Glas zu trinken!«

»Desch isch wahr, die gnäd'ge Frau habensch Recht,« sagte der eine Kerl im böhmischen Dialekt; »i hab'sch immer gesagt, die Vornehmen müschen sich gemein machen mit unsch, dan isch erst die wahre Freiheit im Land.«

»Wie heißen Sie, Freund?«

»Franz Wengler, von Igß in Böhmen, Euer Gnaden,« berichtete der Kerl, »ä Schneider von Profeschion.«

»Die Profession würde besser geh'n, wenn man nicht alle Militair-Arbeit dem Handwerk entzogen hatte. Für was haben wir die Freiheit? - Aber Latour hat's dem Reichstag abgeschlagen.«

»Na, wenn i an ihn komm! Der Himmelhund soll an uns denken, denn ich bin auch a Schneider!«

»Ihr Name?«

»Thomas Jurkowich, a Kroat, aus Peruchich[Perucic].«

»Dann sind wir halbe Landsleute; die Kroaten halten zu den Ungarn. Der Banus und Latour haben sie nur verführt. Um so mehr müssen alle Kroaten, die in Wien leben, zeigen, daß sie wahre Patrioten und keine Verräther sind!«

»Das isch wahr!« stimmte der Kroat bei, indem er wüst aus den Tisch schlug; »hätt' i den Himmelhund, den Jellacic, hier, i wollt' ihn todtschlagen, wie en räudigen Hund.«

»Ist's der Eine nicht, ist's der Andre; sie sind Beide der

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Freiheit und der Nation gleich gefährlich, Kamerad. Und wie heißen Sie?«

Der Dritte war ein noch junger Mensch, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, aber mit den tiefen Spuren der Lüderlichkeit auf dem Gesicht und dem wilden Fanatismus im Auge.

»I bin a Zimmermaler, Carl Brambosch aus Wien!«

»Also ein Künstler - Sie sind doch Mitglied des Künstlercorps?«

Eine flammende Röthe bedeckte das, Gesicht des Mannes. »Nee, Euer Gnaden, es is noch z' viel Aristokratie dadrinn, sie wollten mich halt nit aufnehmen.«

»Das ist reactionair - das darf nicht sein! ich werde dafür sorgen, daß Sie aufgenommen werden; Sie müssen nur durch eine wackere That Ihren Werth und Ihren Patriotismus beweisen!«

»Soll mich der Deuxerl holen, i will die Burg anstecken an allen Ecken, wenn's Euer Gnaden befehlen!«

»Die Gläser gefüllt, meine Wackeren, auf daß Wien morgen seine Freiheit gewinne, und Alle, die es verdienen, den Tod eines Verräthers sterben, der Spitzbube Latour, der uns an die Preußen verrathen will, voran!«

Die Gläser klirrten. »Wir hängen ihn auf an die Latern', den Spitzbub'!« schrie der Böhme. »I renn ihm den Säbel in den Ranzen!« stimmte der Kroat bei. Der Zimmermaler ballte die Faust und der Fanatismus eines blutigen Entschlusses blitzte aus seinen Augen.

Die Gräfin warf eine volle Geldbörse auf den Tisch. »Theilen Sie sich - Männer und Vaterlandsfreunde wie Sie dürfen nicht darben, wenn auch Verrätherische Minister dem Volke sein letztes Blut absaugen. In Ihrer Hand wird es morgen liegen, die wackeren Grenadiere von Richter, unsere Brüder, vor dem Verderben zu retten, dem sie entgegen geschickt werden. Wer mir die Nachricht von dem Tode Latours, des ärgsten Feindes der Freiheit, bringt, erhält diese Börse doppelt gefüllt!«

Die gierigen Augen des Kroaten und des böhmischen Schneiders funkelten - sie vermaßen sich in wüsten Schwüren, den Verrather zu erschlagen, wenn sie ihn nur erst kennen würden.

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Die Gräfin wies auf den Slowaken, der mit untergeschlagenen Armen und spöttischem Lächeln der widrigen Scene beiwohnte und es verschmähte, mit zu theilen.

»Der da kennt ihn,« sagte sie mit erhobener Stimme, »und hat das Leben und die Ehre seiner Braut an ihm zu rächen. Er wird bei Euch sein und ich werd' Euch den Führer senden, der Euch unterstützen wird. Achtet auf den grauen Rock und folgt seinen Befehlen. Ihr bleibt meine Gäste diese Nacht, und jetzt zur Ruhe, meine Braven, damit Ihr morgen kräftig und munter seid zur Vertheidigung der Freiheit!«

Wieder klangen die Gläser und die wüsten Flüche, Verwünschungen und Betheuerungen. In ihrem Toben hörten sie nicht, wie die Ungarfrau die Thür hinter sich zuschloß und den Schlüssel mit sich nahm.

Nur zum Weg des feigen Mordes durfte sie sich wieder ihnen öffnen! -


Die Straßen wurden nicht leer in den vorgerückten Stunden der Nacht. Der Ruf: »Lichter an die Fenster!« die gellenden Zotenlieder der umherziehenden Rotten, das Rasseln der Waffen auf dem Steinpflaster schreckte die geängsteten Bürger aus den Betten und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Neben dem wüsten Toben und Lärmen der Volkshaufen schien ein geheimes, wohl organisirtes Leben im Schutz der Nacht durch die große Stadt zu gehen. Legionaire, Gardisten und Clubmänner zogen frei oder in Mäntel gehüllt durch die Straßen, hielten Reden in den Gruppen, die sich um sie sammelten, oder verständigten einander mit kurzen Zeichen und Worten, theilten sich Nachnchten mit und eilten weiter.

Auf dem Stephansplatz und um das Kriegsgebäude und die beiden Zeughäuser waren diese Erscheinungen besonders bemerkbar, ein gewisses Wach- und Controllsystem schien hier organisirt; - was hier nicht umherlungerte oder geschäftig war, drängte hinaus nach den westlichen Vorstädten, Lerchenfeld, Wieden, Mariahilf und Gumpendorf - das Schotten-Thor, das Burg-Thor und Kärnthner-Thor blieben die ganze Nacht geöffnet.

Dort hinaus folgte - schon nach Mitternacht - auch der alte Tyroler mit seiner Enkeltochter.

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Im nächsten Durchgang, der frei von Menschen und durch das Licht einer Laterne erhellt wurde, war der Greis nach seiner Flucht oder seinem Weggang aus dem Haus der Sünde und des Verraths stehen geblieben. Bis hierhin hatte er kein Wort mit dem Mädchen gesprochen, das angst und bang ihn mit Fragen bestürmt hatte.

Er reichte ihr die Papiere, die er den Händen der Gräfin entrissen. »Lies, Nand'l - schau, was in den Schriften da enthalten ist, aber schnell, i hab' Eil'!« sagte der alte Mann.

»Um der Heiligen willen, Nönl,« flehte das Mädchen, »sagt's mir zuvor, was mit dem Franz passirt ist. 's Herz in der Brust will mir halt z'rspringen vor lauter Besorgniß!«

»Häng's Herz an 'nen Andern, Kind,« sagte der Alte finster - »'s ist halt nix mit dem Franz mehr, bist zu fein für den schlechten Tschoggl. Wirst's später erfahren zur Genüg' - jetzt aber les' mir das Papier.«

Das Mädchen suchte kräftig die Thränen zu unterdrücken, die hell und dick über die frischen Wangen rollten. »Ach Gott, ach Gott - i wollt', i könnt' mei Leben dervor setzen, daß der Franz nix Böses g'than.«

»Schweig' - nenn' den Namen nit mehr - mei Fluch über ihn, den Verräther. Kein Wort mehr, Nand'l - es gilt halt, gut zu machen, was der Bub' gethan hat, und i muß mich schleunen. Lies, Nand'l, lies!«

Die ersten Papiere, die er ihr reichte, waren die beiden von der Gräfin geöffneten Schreiben des Kriegsministers und des Grafen Auersperg an den Banus. Der alte, mit den politischen Intriguen und Vorgängen fast gänzlich unbekannte Mann verstand zwar das nicht, was ihm die Enkeltochter daraus vorlas, aber er begriff doch, daß die Briefe von der höchsten Wichtigkeit für Schreiber und Empfänger sein mußten, und weder in seine noch der Gräfin Hände gehörten. Er verbarg sie sorgfältig in seinen Ledergürtel und gab dem Mädchen das andre Papier - es war der Befehl, den Abmarsch der Grenadiere um eine Stunde aufzuschieben. Das begriff der alte Mann, die Wichtigkeit solcher Befehle verstand er aus der Zeit noch, als er selbst gegen die Bayern und die Franzosen gefochten, und er sah ein, daß wenn

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die Ordre nicht rechtzeitig an ihre Bestimmung kam, viel Unheil geschehen konnte, denn rechts und links hatte er von Nichts reden gehört als Richter-Grenadieren und ihrem Abmarsch nach Ungarn.

Der alte Mann kämpfte nur einen kurzen Kampf in seinem Innern - die treue Pflichterfüllung, der Kaiser gingen ihm über Alles, selbst über das Leben des Enkels, dessen Verrath ihn für immer aus seinem Herzen gerissen. Kurz und finster hieß er das Mädchen, sich fest zu ihm zu halten, kehrte in das Gedräng der Straßen zurück und wandte sich nach dem Platz am Hof. Dort, in dem großen, mächtigen Gebäude mit den Schildwachen davor, wohnte der Herr und Meister aller Soldaten, der Kriegsminister, das wußte er noch aus einem frühern Besuch in Wien - der Franz selbst, den er jetzt anzuklagen ging, hatte es ihm vor acht Jahren gesagt, als er eingetreten war in des Kaisers Armee.

Aber die Eingänge des Kriegsgebäudes waren theils gänzlich geschlossen, theils mit verdoppelten Wachen besetzt, die Niemandem den Eingang gestatteten, als der das Paßwort hatte oder die Uniform trug. Vergeblich versuchte der Tyroler mit Bitten und Drängen, sich den Eingang zu verschaffen, da er es doch nicht wagte, frei heraus zu sagen, um was es sich handele; denn oben auf der Ordre hatte das Wort >Geheim< gestanden und der alte Mann empfand, daß er den Schildwachen und den Menschengruppen, die sich um das Thor drängten, ein militairisches Geheimniß nicht preisgeben durfte. Aber wie er auch drängte und bat, die gekreuzten Bajonnete der Strast'l Grenadiere verweigerten ihm den Eintritt und die übermüthige Menge drängte ihn hohnlachend und Unfug treibend zurück. Vergebens wartete er lange, ob er nicht einen höhern Offizier das Thor passiren sähe, dem er sich anvertrauen könnte - die Zeit verstrich und es war lange nach Mitternacht, als er einsah, daß hier seines Harrens vergebens war. Von dem Mädchen hatte er erfahren, daß auf der Adresse der Ordre der Name des Majors Richter, des Commandeurs der Grenadiere stand, und er beschloß jetzt, nach der Kaserne hinaus zu wandern und in des Majors eigene Hände die Briefe und die Ordre niederzulegen.

Er schlug dem Mädchen vor, sie irgendwo unterzubringen oder sie zu dem Oheim zurückzuführen, denn er selbst hatte sich

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gelobt, das Haus des Verraths nicht wieder zu betreten; aber das brave Dirnd'l weigerte sich standhaft, den alten Mann zu verlassen, und so zogen Beide denn weiter mit der Menge, die hinaus nach den Vorstädten drängte. Tyroler Tracht war nichts Auffallendes in Wien, und wenn auch häufig Einer oder der Andre der wüsten Gesellschaft seine Späße an dem Mädchen versuchte, sie achteten es nicht, oder das finstere, drohende Aussehn des alten Mannes, dessen Kraft noch immer genügend schien, Jeden mit einem Schlage zu Boden zu schmettern, scheuchte auch selbst die Frechsten zurück.

Zu fragen brauchten sie nicht viel - der alte Mann scheute ohnehin, nur ein Wort zu sprechen, und blieb finster und in sich gekehrt - denn das Grenadier-Bataillon Richter war in Aller Mund umher und nach der Gumpendorfer Vorstadt ging lärmend der Menschenstrom. So kamen sie, von ihm getragen, dahin.

Dort sah es wüst und wild genug aus. Lichter an allen Fenstern - der Pöbel hätte jedes sofort mit Steinen eingeworfen, das dunkel geblieben wäre. Beim Licht flammender Pechfackeln waren Männer in Blousen und Arbeitskitteln beschäftigt, das Pflaster aufzureißen und die Steine quer über den Weg zu häufen. Balken, Wagenräder, ganze ländliche Wagen selbst, Alles, was nur zu haben und fortzuschleppen war, mußte helfen, Barrikaden zu bauen; es war förmlich wundersam, wie rasch sie an den Straßenecken in die Höhe wuchsen und wie fest und sicher sie schon waren. Dazu war es sichtlich, daß nach Ordnung und System gebaut wurde; Männer in der Aulatracht oder in ungarischer Kleidung gingen umher von Ort zu Ort und ertheilten Anweisungen über Ort und Art des Baues, gaben Geld und ließen Branntwein herbeischaffen. Die Wiener hatten seit den Märztagen Fortschritte gemacht - ist es doch eine Thatsache, daß schon fast ein Jahr lang vor dem Ausbruch der Revolten in Berlin und Wien von den ersten Barrikadenbauern der Welt, den Franzosen, förmlicher Unterricht darin ertheilt worden war.

Ein sachkundiges Auge konnte mit einem raschen Ueberblick sehen, daß es galt, etwa heranrückende Kavallerie und Artillerie aufzuhalten.

An diesen Stellen hielten der Fanatismus und die Gemeinheit

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ihre scheußlichsten Orgien. Der starre, trübe Blick des alten Mannes, nur beschäftigt mit der schrecklichen Pflicht, die er selbst sich auferlegt, sah wenig oder nichts von Allem, was um ihn her vorging; aber das Auge des jungen unschuldigen Mädchens mußte sich mehr als ein Mal schamvoll von den zuchtlosen, bis zur viehischen Gemeinheit herabsinkenden Scenen abwenden, und ihr Ohr Worte und freche Scherze aufnehmen, die trotz des derben, freien Naturlebens der heimathlichen Berge noch nie ihre Wange gefärbt hatten. Dennoch wich und wankte sie nicht von dem alten Mann, und ihre kräftigen Arme halfen ihm das Gedräng theilen und die Zudringlichen in Respekt halten. So gelang es ihnen wirklich nach langem Kampf, bis zur Kaserne der Grenadiere vorzudringen, aber hier hatte jede Mühe ihr Ende.

Eine dichte Menschenmauer umgab den Eingang. Die Gitter waren geschlossen, die Schildwachen in den innern Hof zurückgezogen und die Offiziere hätten mit Gewalt die Soldaten vom Hofe weg nach ihren Stuben getrieben. Aber sie konnten selbst mit den strengsten Befehlen nicht verhindern, daß von den Fenstern herab ein unaufhörlicher Verkehr mit der umherwogenden Volksmenge stattfand. Man rief einander zu, man ermunterte die Soldaten zum Widerstand, versprach Hilfe und schaffte an Schnüren und Stricken Lebensmittel und Getränke hinauf.

Trotz seines eisernen Sinnes mußte der Tyroler doch bald erkennen, daß er jetzt hier eben so wenig auszurichten vermochte, als am Kriegsgebäude, kein Offizier ließ sich blicken und die einzige Aussicht war, wenn am Morgen zur bestimmten Stunde die Kasernenthore zum Ausmarsch des Bataillons geöffnet würden, hineinzubringen und den Major zu erfragen.

Er beschloß deshalb, die Paar Stunden, die noch bis zum Anbruch des Tages hin waren, in der Nähe zuzubringen. Dem alten Gemsjäger und Landschützen focht trotz des weißen Haars die Nacht im Freien wenig an und das Mädchen war in ihren rauhen Bergen an Strapazen aller Art genug gewöhnt, um sie leicht zu ertragen.

Schweigend zog der Alte sie aus dem Gedräng fort und suchte einen Ort, der einsamer und stiller war, wo die Kleine wenigstens einige Ruhe finden könne; er selbst dachte nicht daran,

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denn das alte Herz war ihm schwer, schwerer fast wie damals, als sein Weib und die einzige Tochter ihm gestorben waren. In einer Seitenstraße fanden sie eine der bereits am Abend vom Volke aufgebauten Barrikaden, die später von den Führern als für ihre Zwecke nutzlos erkannt und deshalb unbeachtet verlassen worden war. Eine einzige Laterne schwankte an einem Pfahl über den halb wieder zerstörten Trümmer- und Balkenhaufen und warf ein spärliches, mattes Streiflicht darüber hin.

Hier, im dunkelsten Winkel, zwischen Steinen und Balken, lagerten sich der Alte und seine Enkelin. Sie sahen es nicht, wie ein in irrem Glanz leuchtendes Augenpaar an der nächsten Ecke ihnen folgte und fest und unverwandt auf ihnen haften blieb, wie eine hohe dunkle Gestalt sich an die Mauer drückte und regungslos stand, gleich als wolle sie Wache halten über die beiden Fremdlinge.

Der alte Mann saß, den Arm auf das Knie, das sorgenschwere Haupt auf die Hand gestützt, auf einem Stein und seine wirren Blicke starrten bewußtlos hinüber nach dem hellen Fackel- und Lichterschein auf der Hauptstraße, wie er durch die Seitenöffnung der Straße herüber drang. An seiner Seite ruhte das junge Mädchen, in ihr warmes Regentuch gehüllt, einen Stein zum Pfühl. Aber der Schlaf der Jugend ist süß und schwer - die Ermüdung der Reise und der wirren Eindrücke hatte ihr Recht geltend gemacht - nur wenige Minuten waren vergangen, als ihr Haupt schon schwer auf das harte Kissen sank und der regelmäßige Athemzug gefunden Schlummers von den halb geöffneten frischen Lippen quoll.

Wenn die im rauhen Luftzug schwankende Laterne zuweilen einen Strahl auf das eigenthümliche Bild warf, beleuchtete er ein freundliches, herziges Lächeln auf dem offenen Gesicht des Mädchens. Welche Träume, welche freundlichen und willkommenen Bilder gaukelten vor der Seele des Mädchens? Doch nicht des Verlobten hohlwangige Gestalt - vielleicht das blasse Gesicht des jungen Mannes, der so bereitwillig sich ihrer angenommen, von dem sie noch nicht einmal wußte, daß es ihn seine bisherige Existenz gekostet.

Und hätte sie es gewußt - sie hatte sich vielleicht gefreut darüber!

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Zwei Stunden mochte sie höchstens geschlafen haben, als sie von dem Klang redender Stimmen ganz in ihrer Nähe erwachte und sich emporrichten wollte.

Die Hand des alten Mannes legte sich schwer auf ihren Mund und drückte sie nieder, die andre zog das Regentuch dichter um ihr Gesicht.

»Still,« flüsterte seine Stimme - »schleuß die Augen, Dirnd'l, und die Ohren, daß Du nicht hörst die Schand'!«

Helles, freches Gelächter klang von der andern Seite der Barrikade herüber: »Ein hartes Closet, aber man behilft sich, wie es geht! Ebbadtaa! - sträube Dich nicht, Mädchen um meinetwillen, ich bin ein Weib wie Du und hol' mir meinen Liebhaber nach! - zum Teufel, die Liebe en gros an jeder Straßenecke hat mich selber warm gemacht, Ferdinand! und Sie müssen ein Uebriges thun oder den Ersten Besten rufen!«

»Lassen Sie uns um der Narrheiten willen den Zweck nicht verlieren, Martha,« sagte eine Männerstimme mit leichtem orientalischem Accent in französischer Sprache - »die Dirne muß uns gehören mit Leib und Seele und außerdem ist sie hübsch genug! - Franz'l heißt Du ja wohl, Herzchen,« fuhr er in deutscher Sprache fort, »wenn ich nicht falsch gehört.«

»E contrair - Eu'r Gnaden Haben's recht g'hört - aber jetzt lassen's mi aus - i hab' a Furcht!«

»Vor was denn, Kind? Ich mein's gut mit Dir und Deinem Liebsten, dem Ignaz. Du dienst im Kriegsgebäude, wie er mir sagt?«

»Hat er geplauscht, der Dalk? Nu mein'twegen - i bin aber fortg'laufen am Mittag, wie's hieß, daß die Grenadiere marschiren sollten.«

»Du kennst den Kriegsminister, den Grafen Latour, von Person?«

»Schaun's - warum sollt' i nit? sehen's ja alle Tag'. Aber lassen's die Hand da weg, 's g'fallt mir nit!«

»Närrchen - was schadet's Deinem Schatz! Hör' mir zu, Kind - Du wirst doch nicht die Spröde spielen wollen nach dem, was ich geseh'n! Du mußt heute Morgen noch in's

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Kriegsgebäude zurückkehren, denn hier könnte es leicht Kugeln geben, und da drinnen bist Du nützlicher am Platz!«

Die Andere - am dämmernden Morgenschein zeichnete sich eine schlanke kleine Gestalt, als Mann gekleidet, im ungarischen Rock ab - gähnte ungeduldig. »Machen Sie ein Ende, Ferdinand - der Widerstand wird langweilig!«

»Der Latour ist es,« sagte der Legionair zwischen seinen frechen Verführungskünsten, »der Deinen Ignaz hinausschickt in den sichern Tod! Wir werden's nicht leiden, ich hab' Dir's und ihm versprochen, aber Du mußt dazu helfen!«

Die Dirne stöhnte. »Lassen's mi geh'n - ich bitt' Sie schön! Wie soll a arm Mad'l wie ich helfen können!«

»Du mußt sogleich zurück in's Kriegsgebäude - Du gehörst dahin, die Wachen werden Dich ein- und auslassen während des ganzen Tag's. Halt' Dich in den Gängen auf, hab' ein Augenmerk auf die Generale und was sie thun, namentlich auf den Latour, und wo er bleibt - er darf nicht entwischen, wenn das Volk herbeikommt. Zum Teufel, Dirne, sei still! - Wenn Du was Verdächtiges bemerkst, so bringst Du gleich nach dem Hause gegenüber Botschaft, das ich Dir bezeichnet hab', und fragst nach der Gräfin Törkyeny; dann bürg' ich Dir für's Leben des Ignaz und Euer Beider Glück! Still, sag' ich Dir, oder ich stopfe Dir den Mund!«

Das zitternde, schamdurchglühte Tyrolermädchen hörte ein leichtes Ringen, das freche Gelächter der verkleideten Magyarenfrau - von der Straße kam es daher, ein tobender, lärmender Trupp, Männer und Weiber, der niederste Pöbel, Legionaire dazwischen, Männer im Kalpak, die Schnaps- und Weinflasche schwingend zwischen den blanken Waffen, Zotenlieder brüllend die unreinen Lippen! »Hurrah! laßt uns lagern - frühstücken wollen wir, ehe der Tanz losgeht!«

»Hierher, Kameraden! Es ist Platz genug für Alle!«

Die Magnatenfrau schien sich ordentlich wohl zu fühlen in dem Strom von Gemeinheit, der sie auf den Ruf im Nu umgab. Arbeiter, Vorstadt-Garden von Wieden, Studenten und Barbiergesellen, Alles bunt durcheinander mit ihren Dirnen lagerte sich um sie her, Jeder ein Lied singend nach Belieben, die Flasche

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schwingend, die Einer der Gräfin bot, und sie setzte sie an die Lippen und die feine, vornehme Dame sog das giftige, brennende Zeug. Die Weiber kreitschten unter den unzüchtigen, handgreiflichen Scherzen und lachten, ein Chorus stimmte das >Laternen-LieEbenbildes Gottes Auf einer hohen Stelle der Barrikade - oben auf den umgestülpten Wagen geklettert - zeichnete sich die Gestalt eines wüsten Kerls im Studentenrock vom Morgenhimmel ab. »Hurrah für die Freiheit! Schaut's den Fratzen! Da lagert auch noch Einer mit seinem Schatzerl. Heraus aus Deiner Eck', alter Schwed', und trink' mit uns aan's!«

Der alte Tyroler, als er sich so überrascht sah, erhob sich rasch, das zitternde, schamerfüllte Mädchen am Arm, und verließ den Schatten, um sie rasch mit sich vorwärts zu ziehen, die Gasse entlang; aber der vielfache Ruf: »A Tyroler! a Tyroler Sängerin! Sing' uns a Jodler, an Schnaderhupferl!« und das Herbeispringen Mehrerer, die ihm lustig den Weg verrannten, hinderten ihn. Der Ruf hatte auch die Gräfin aufmerksam gemacht. Sie sprang zwischen den zwei Dirnen auf, mit denen sie in ihrer Manneskleidung geschäkert, und erkannte den alten Mann. »Er ist es! Ferdinand - wo zum Teufel steckt der Schurke? Haltet ihn fest, Leute, laßt ihn nicht fort, er ist ein schwarzgelber Spion!«

Der Ruf sammelte die Meute: »An Spion? a Schwarzgelber? Wo ist er? Der alte Dalk?« Das Volk lachte, - die Hyänennatur in ihm war noch nicht geweckt.

»Soll mir Gott strafen,« lachte der Kerl, der sie entdeckt - »die Dirn' ist hübsch - die nehm' i schon!«

»'s ist dieselb', Sepperl, die Dir gestern Abend a Watschen gegeben hat!« lachte ein Anderer.

»Schau's, jetzt soll sie's gut machen, die Schnupferin - will Halter mein Techtelmechtl mit ihr haben!«

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Die Hand des alten Mannes schlug den Unverschämten, der das Mädchen umarmen wollte, zu Boden. Wie ein Sturmwind kam es durch den Haufen gebrochen, eine fremde Gestalt in der wohlbekannten Uniform von Richters Grenadieren, das Haar wirr, die Augen überwacht, geröthet, unheimlich funkelnd. Mit dem Säbelgriff schmetterte sie den Zweiten zu Boden.

»Fort mit Eek - i halt' sie zurück!«

»Er hat mir Briefe gestohlen - nehmt sie ihm ab, Kameraden!« keuchte die Gräfin. »Ist denn kein Mann da, der sich an den Verrückten wagt? Baszom! der alte Schurke entkommt noch ein Mal!«

»Nicht dieser Kugel!« sagte kalt die Stimme Lazare's, der in Begleitung eines andern Mannes eben hinzukam. Seine Hand hob fest das Terzerol und zielte bedächtig, aber der scharfe Hieb einer Reitpeitsche auf die Finger schmetterte sie zur Seite und die Kugel verfehlte ihr Ziel und verwundete die Hand des Feldwebels, der drohend und breit aufgepflanzt den Weg des alten Tyrolers deckte.

»Schämen Sie sich, Herr, aus dem Hinterhalt auf einen alten Mann und ein Mädchen zu schießen, die Niemand schaden können!« sagte eine scharfe Stimme.

Die Gräfin wandte sich nach dem Fremden, einem jungen hohen Mann von stolzem Ansehn, im Ungarrock. »Ebbadta! Cousin Stephan - wie kommen Sie hierher?«

Der junge Graf Batthiányi - denn dieser war es in der That - verneigte sich frostig. »Mein Oheim sandte mich mit einem Auftrag zu Pulszky. Ich kam gestern Abend an - und dieser Herr, den ich zufällig dort drüben traf, benachrichtigte mich, daß ich Sie hier finden könne - wie ich sehe, in einer Kleidung und Umgebung, die wenig zu Ihrem Namen und Ihrem Geschlecht paßt!«

»Spielen Sie nicht den Sittenrichter, Stephan,« sagte die Gräfin heftig - »Sie wissen gut genug, daß, was ich thue, für unser Vaterland geschieht. Haben Sie Aufträge an mich?«

»Nur einen Brief von Comtesse Helene, meiner Braut! Wenn die Gräfin Törkyeny mir erlauben will, sie von hier fortzuführen, werde ich ihr denselben an einem schicklichern Ort übergeben.«

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Das Gesichten Dame färbte sich dunkel. »Nicht jetzt - nicht jetzt, - hören Sie nicht? man bläs't drüben in der Kaserne die Reveille!«

»Wenn Sie es denn vorziehen, hier zu verweilen, hoffe ich Gelegenheit zu finden, im Laufe des Tages Ihnen meine Aufwartung in Ihrer Wohnung zu machen.«

Er verbeugte sich nochmals und wollte sich entfernen, aber der Doctor Lazare trat auf ihn zu und zeigte die Hand, deren weiße, sorgfältig gepflegte Haut durch eine dicke Schwiele entstellt war.

»Sie werden es nicht verschmähen, Herr Graf, sich bei mir wegen Ihrer Unvorsichtigkeit zu entschuldigen, die ich gern dem Zufall und Eifer zuschreibe!«

Graf Stephan maß ihn kalt vom Scheitel bis zur Sohle.

»Sie irren, mein Herr!«

»Wie so?«

»Der Schlag wurde mit aller Absicht geführt!«

»Aber Sie werden sich entschuldigen - ein Wort - «

Der Graf sah ihn verächtlich an. »Ich entschuldige mich nie bei Meuchelmördern!«

»Herr Graf - «

»Was beliebt?«

»Dann werden Sie mir Satisfaction geben - «

»Ich entschuldige mich nicht bei Meuchelmördern, aber ich schlage mich auch nie mit Kebsmännern!«

Der Legionair wurde fahl wie ein Leichentuch, die Pupillen seiner gläsernen Augen dehnten sich aus und funkelten grün, wie die einer Klapperschlange, daß selbst das herzlose, vor Nichts zurückbebende Weib sich eines kalten Schauders nicht erwehren konnte.

Graf Stephan erwiederte diesen Blick eines tödtlichen Hasses fest und geringschätzig, drehte sich kurz um und ging nach der Kaserne zu, wohin, durch die Signale gerufen, der Menschenstrom wogte und Alles mit sich fortriß.

Der Jude stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus - dann sank der gespannte Ausdruck seines Gesichts wieder zu der vorigen Schlaffheit herab. Er zog ein kleines Notizbuch aus seiner

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Brusttasche, öffnete es und schrieb einen Namen auf ein leeres Blatt nebst einem Datum. Die, Gräfin sah ihm schweigend zu - sie begriff, was es bedeutete, und schüttelte leise den Kopf. Der Legionair schloß die Brieftafel und steckte sie wieder zu sich.

»Sie haben sehr hochmüthige Verwandte, liebe Martha,« sagte er ruhig - »ich finde es jetzt selbst. Lassen Sie uns nun gehen, damit wir sehen, was beim Ausmarsch passirt, und dem General berichten können!«

Er folgte mit ihr dem Grafen in der Richtung der Kaserne. Die militairischen Signale von dort hatten dem wüsten Haufen im Augenblick andere Gedanken, eine andere Richtung gegeben; kein Mensch dachte mehr daran, sich mit dem alten Tyroler und seiner Enkelin zu beschäftigen, die der Alte ruhig mit sich fortzog, ohne Eile, wie der sich entfernende Löwe, der nur von Zeit zu Zeit knurrend sich nach der Meute der klaffenden Hunde umschaut, die ihn aus seinem Lager aufgestört.

»Nön'l - Nön'l,« flehte,das Mädchen - »hast's g'seh'n - war das nit der Franz? - so wahr die Mutter Gottes uns beisteh'n mag - er war's, obschon er so ruech ausschaut, wie a Dörcher!«

Der alte Mann schüttelte unwillig den Kopf. »Hast Recht, war der Franz! Wird mir jetzt doppelt schwer, was ich thun muß, aber was muß sein, muß!«

Er befahl dem Mädchen, sich fest zu ihm zu halten, und wandte sich nach dem Gedräng, das zur Kaserne zog. -


Schon gegen vier Uhr Morgens hatten sich bewaffnete Nationalgarden, und und zwar zwei Compagnieen von Hundsthurm und Wieden, auf dem Gumpendorfer Pfarrplatz versammelt, wo die Menschenmasse, selbst durchgängig aus dem revolutionairen Bezirk Wieden, fortwährend anwuchs. Unter Toben und Schreien verlangte man von dem Bezirkschef Braun, er solle auch Gumpendorf und Mariahilf allarmiren, um mit ihnen gemeinschaftlich den Abmarsch zu hindern. Der Bezirkschef Braun war ein ehrlicher Mann und guter Patriot, er weigerte sich, den Befehl zu geben, weil ein solches Eingreifen in die militairischen Befehle ganz wider Gesetz und Ordnung sei. Man beschimpfte ihn, schalt ihn einen Verräther an dem Volk, einen schwarzgelben Hund, den

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man niederstoßen sollte. Trotzdem sandte er zwei Mal den Befehl auf die Mariahilfer Hauptwache, durchaus nicht Allarm zu schlagen; aber auf das Geheiß der ungarischen Agenten und der Legionaire zogen die Tambours der Wiedener durch die Straßen und schlugen Allarm. Die Nationalgarde des Bezirks sammelte sich - vergebens versuchte Braun, ihnen das Schändliche, Ungesetzliche klar zu machen, daß keine Regierung der Welt die Ordres ihres Militairs von dem Willen jedes Volkshaufens abhängig machen könnte - daß den Grenadieren helfen, sie in Meuterei unterstützen heiße - das Geschrei der Hetzer übertönte die Worte und Bitten des verständigen Mannes, von der Wieden, von Gumpendorf, Mariahilf, ja sogar vom Neubau kamen die Nationalen einzeln und rottenweise herangezogen und sperrten mit den Volksmassen die Gassen nächst der Gumpendorfer Kaserne ab.

Dem Befehl zum Abmarsch innerhalb der Kaserne hatte ein Theil der Grenadiere bereits offene Weigerung entgegengesetzt, sie zertrümmerten Geschirre und Möbel und rührten die Trommel zur Aufforderung für ihre Freunde draußen.

Dennoch verloren die Offiziere weder die Besonnenheit, noch die unter solchen Umständen so nothwendige Energie, und es gelang ihnen, die Grenadiere zur Aufstellung zu bringen. Man öffnete die Kasernengitter und die Grenadiere von Heß-Infanterie voran, die als die zuverlässigsten und willigsten sich zeigten, marschirte das Bataillon, von dem Geschrei der Menge begrüßt, heraus.

Drei Mal durchbrach die Spitze der Colonne die Haufen der Garden und des Pöbels, drei Mal wurde sie wieder zurückgedrängt, wobei einige leichte Verwundungen vorkamen. Als die erste Abtheilung des am Abend vorher zur Unterstützung beorderten Militairs, eine Schwadron Kürassiere des Regiments Mengen und Wrbna Chevauxlegers, auf den Platz rückten, war das Bataillon bereits eingekeilt in der Menge und zwischen ihm und der Kaserne drängten sich die Garden und Volkshaufen.

Der Major ersuchte die Kavallerie-Offiziere, die aufständischen Compagnieen der Grenadiere und den Train zwischen die Reiter zu nehmen und sie zu escortiren. Die ersten Sectionen mit gefälltem Bajonnet, drang man aufs Neue vor, durchbrach die Menge und gelangte bis zur Mariahilfer Hauptstraße.

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Hier sammelten sich die verschiedenen Bezirksgarden, die bisher in Haufen ohne eigentliches Kommando durcheinander gelaufen waren, und drängten sich zwischen die Kürassiere und die Grenadiere.

Jetzt erst gelang es dem alten Haspinger, sich bis zur Reihe der Soldaten vorzudrängen und in dieselbe einzutreten, denn mitten zwischen und Arm in Arm mit ihnen gingen Frauenzimmer, Arbeiter und Garden.

Der alte Haspinger drängte sich, immer seine Enkelin an der Hand, bis zu dem Offizier zu Pferde, der mit seinem Adjutanten hinter der Compagnie der Heß-Grenadiere ritt, und legte die Hand an den Zügel.

»Halten's zu Gnaden, Herr - sein Sie der Commandeur?«

»Ich bin der Major Richter,« sagte unwillig der Offizier, der eine neue Belästigung fürchtete, wie er sie schon zu Dutzenden hatte zurückweisen müssen. »Was wollt Ihr, Alter? - ich habe keine Zeit, wie Ihr seh'n müßt! - Vorwärts die Compagnie, Capitain!«

Der Tyroler schritt neben dem Pferde her. »Weiß das, Herr - war selbst Soldat - von den Landesschützen am Berge Isel!«

Der Offizier wandte sich etwas freundlicher zu ihm. »Dann seht Ihr selbst ein, mein Alter, daß hier weder Zeit noch Ort ist, Euch Rede zu stehen!«

»I will nix von Ihnen, Herr - wollt' nur bitten für den Franz, daß Sie's gnädig machen, so viel es geht! Wär' gern eher g'kommen, aber 's war ane pure Unmöglichkeit!« Er reichte ein Packet Papiere hinauf.

Der Major wollte sie erst zurückweisen, aber er erkannte das Dienstsiegel. »Was zum Teufel ist das? - Heiliger Gott - eine Ordre von gestern Abend - Mann, wie kommt Ihr dazu? - Ist die Ordonnanz ermordet, die sie zu überbringen hatte?«

»Schlimmer als des, Herr,« stammelte der alte Mann. »Der Franz ist halt a Verräther g'worden an seinem Kaiser - das Weibsbild hat's ihm rein angethan!«

Der Major hatte mit Erstaunen und Schrecken die Adressen und Unterschriften der erbrochenen Briefe gesehen. »Um Gotteswillen,

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was ist geschehen? - sprecht ohne Räthsel - von wem redet Ihr?«

»Von meinem Enkelsohn, dem Franz Stockhammer - er ist Feldwebel im Bataillon - «

»Ich kenn' ihn wohl - er brachte gestern die Rapporte zum kommandirenden General und in's Kriegsgebäudc. Er wird noch dort sein - was hat er mit diesen Ordres zu thun?«

»I glaub', sie waren ihm selber anvertraut ... «

»Dann ist der Unglückliche todt, denn er war ein braver Soldat und kennt seine Pflicht, wenn er auch seit einiger Zeit ein seltsames Wesen hat.«

»Der Franz lebt - «

»Wo liegt er verwundet?« drängte der Major.

»Er ist halt nit verwundet,« keuchte der Alte - »er hat freiwillig die Briefe an die Ungarfrau g'geben - i hab' sie wieder g'nommen, daß der Kaiser nit zu Schaden kommen soll durch Einen von des Haspingers Blut!«

»Schändlich! schändlich! - Diesen Befehl zwei Stunden eher, und es wäre vielleicht Blut erspart worden. Die Sache muß untersucht werden, und wehe dem Verräther, wenn ihn Schuld trifft!« Er zeigte die Ordre seinem Adjutanten - die kurze Unterredung war gleichsam stoßweise während des Marsches geführt worden. »Es ist zu spät, umzukehren, aber die Truppen können mit uns zugleich am Bahnhof sein!« Er sah nach der Uhr. »Corpora! Waldmann, nehmen Sie den Mann hier in Aufsicht, Sie bürgen für ihn. - Vorwärts dort - fällt das Bajonnet, wenn das Gesindel nicht Raum giebt!«

Der tausendstimmige Ruf: »Zum Bahnhof! zum Bahnhof! - Reißt die Schienen auf, daß sie nicht fort können!« erscholl in der Menge, und ein Theil derselben eilte, auf Seitenwegen voran; so gelang es dem marschirenden und escortirten Bataillon, das Glacis der innern Stadt zu erreichen, wo sie freiere Bewegung hatten.

Ein Stabsoffizier galoppirte aufschäumendem Pferde herbei. »Wo ist der Major Richter?«

»Hier, General.«

Der hohe Offizier parirte sein Pferd. »Wie können Sie

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gegen die Ordre es wagen, mit dem meuterischen Bataillon vor der bestimmten Zeit auszurücken, ehe die Truppen die Linie und den Bahnhof zu Ihrer Unterstützung besetzt?«

Der Major wies auf den Tyroler und die erbrochene Ordre. »Hier ist meine Rechtfertigung - vor fünf Minuten erhielt ich sie durch diesen Mann; es scheint eine bübische Verrätherei mit den Depeschen des Ministers vorgegangen.«

»Das ist sehr unglücklich,« sagte der General Bredy - denn dieser war der angekommene Offizier - »was ist da zu thun? »Aufenthalt oder Rückmarsch sind gleich gefährlich.«

» Vorwärts! vorwärts, mein General!« drängte der Major. »Wenn Sie das Kommando über die zum Beistand kommandirten Truppen haben, werde ich mich an die Spitze der Grenadiere stellen und ich bürge dafür, daß die Division von Heß marschirt!«

Es wurden rasch einige militairische Anordnungen getroffen, während der Marsch vorwärts ging. Das Triumphgeschrei des Gesindels verkündete die eingetroffene Nachricht, daß der Bahnhof bereits von den Aufrührern besetzt sei. Von allen Seiten strömten Nationalgarden ohne Führer und ohne Kommando herbei und reihten sich in die Züge ein, um das Militair im Marschiren aufzuhalten oder wenigstens ihm den Marsch zu erschweren, bis die Garden stark genug wären, sich geradezu zu widersetzen. So ging es langsam fort bis zur Ferdinands- oder zur Schlagbrücke, wo ein neuer erfolgloser Versuch gemacht wurde, den Marsch zu verhindern. -

In der Stadt und der Leopold-Vorstadt wurde unterdes Allarm geschlagen, um die dortige Nationalgarde zu den Waffen zu rufen. Studenten, Arbeiter, Gesindel und eidbrüchige Soldaten hatten unterdeß mehrere Joche der Eisenbahnbrücke abgedeckt, die Balken zu einer Barrikade verwendet, das Liniengitter geschlossen. Die herbeieilenden Arbeiter der naheliegenden Fabriken und der Eisenbahn selbst waren besonders thätig, dabei - der General befahl den Marsch nach der links ab liegenden Taborbrücke - um die Grenadiere von Floridsdorf auch mit der Eisenbahn weiter zu befördern.

Das Bataillon gelangte zur ersten Taborbrücke und Major Richter mit der Fahne und der Division von Heß überstieg die

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Barrikade und marschirte der zweiten Brücke zu - die anderen vier Compagnieen blieben auf der ersten Taborbrücke zurück, obschon es ihnen, wenn sie gewollt, ein Leichtes gewesen wäre, der voranmaschirenden Abtheilung zu folgen. Während das Volk die Unentschlossenheit des Generals Bredy benutzte, ihn zu umringen und durch stürmische Reden den Befehl zum Rückmarsch zu ertrotzen, kamen bereits einzelne Grenadiere von der Abtheilung, die schon die Brücke passirt hatte, von dem jenseitigen Ufer über die Balken zurück und mengten sich unter das Volk und die Garden, die sie mit Jubel begrüßten und ihnen zutranken.

Hätte, wie durch den Verlust der Ordre leider verhindert wurde, das Bataillon bei seiner Ankunft bereits den Bahnhof oder die Brücken mit genügenden militairischen Kräften besetzt gefunden, so würde es zweifelsohne weiter marschirt sein; selbst jetzt noch hätte eine entschlossene Haltung der Menge imponiren und den Abmarsch durchsetzen können. Statt sofort von dem jetzt zum Beistand anrückenden Militair - einem Bataillon von Nassau-Infanterie mit einigen Escadrons Mengen-Kürassiere und Wrbna-Chevauxlegers nebst drei Kanonen - die Zugänge der Brücken besetzen zu lassen, begnügte sich der General, das von dem Volk verschlossene Gitter der Taborlinie sprengen und die Hindernisse forträumen zu lassen, die fortwährend mit umgestürzten Lastwagen, Balken und Planken dem Marsch in den Weg gelegt worden. Während man zwei Kanonen vor der ersten Taborbrücke zurückließ und die dritte mit einer Militair-Abtheilung auf der andern Seite aufstellte, ließ man es ruhig geschehen, daß die Arbeiter, Garden und Legionaire die Balken der zweiten Taborbrücke abtrugen, ja, während drei Legionaire - darunter der Vertraute der Gräfin - von der Tribüne eines umgestürzten Wagens herab mit wüthenden, aufstachelnden Reden ungehindert die Menge haranguirten, ließ sich der General herbei, daß er selbst an das Volk eine Rede hielt und ihm begreiflich zu machen suchte, daß es vergeblich sei, das Bataillon vom Marsch abhalten zu wollen und daß es unbedingt den Befehlen seiner Oberen gehorchen müsse. Man wollte den General vom Pferde reißen und ihn mißhandeln, und statt energisch einzuschreiten, versprach er,

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sich noch ein Mal zum Kriegsministerium verfügen zu wollen, um dort neue Befehle einzuholen.

Während seiner Abwesenheit wurde die Haranguirung des Militairs fortgesetzt, die Festbleibenden verhöhnt - der Soldat erzitterte unter den Waffen in den Beleidigungen, die er geduldig ertragen mußte. Die Pioniere wollten die vollends abgetragenen Joche wiederherstellen - aber Nationalgarden, Bürger, Studenten, Arbeiter mit Spießen hinderten sie daran. Jenseits der Donau hörte man Sturmläuten.

Zwischen einem Haufen der Wildesten und Lautesten - Arbeitern aus den Fabriken - stand der Doctor Lazare; er trug über der Legionair-Uniform einen grauen Rock - einen Stutzen in der Hand. Sein scharfes, kaltes Auge überflog den Weg zur Stadt, während sein Mund fortwährend mit giftigen Reden die Menge anreizte.

»Halt - dort kommt er, der Tyrannenknecht - seht Ihr den General? - Glaubt Ihr wirklich, daß der schwarzgelbe Verräther drinnen im Kriegsgebäude Euren rechtmäßigen Willen erfüllt hat? Nur mit Gewalt könnt Ihr Euer Recht behaupten. Der General dort gehört auch zu den Aristokraten - er war ein Anhänger Metternichs - ich selbst hab' ihn häufig nach der Villa gehen sehen!«

Unter Pfeifen und Gebrüll kam der General heran - wie jeder Offizier voraus gewußt, mit dem strengen Befehl des Kriegsministers, das Bataillon müsse marschiren. Um den jenseitigen Truppen die Ordre selbst zu bringen, stieg er vom Pferde und schritt über die Balken der Brücke; als er zurückkehrte, stürzte sich ein Rasender auf ihn und wollte ihn in die Donau werfen, ein zuspringender Rittmeister vom Kürassier-Regiment Mengen und der Platzoffizier Reißer retteten ihn.

Lazare drückte dem zurückkehrenden Arbeiter, der von einem flachen Schlage des Pallasch taumelte, die Hand. »Du bist ein Braver, mein Lieber, und wolltest ein glänzendes Beispiel geben. Ich will Dir Gelegenheit zur Revange verschaffen. Verstehst Du zu schießen?«

»Ich treff' das Schwarz in der Scheib' - bin a g'lernter

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Büchsenmacher - s' haben's mich durch Kabäle fortg'jagt aus der G'wehrfabrik!«

»Hier nimm den Stutzen - es wird gleich losgeh'n - nimm den General auf's Korn beim ersten Feuern. Ich bin etwas kurzsichtig, sonst that' ich's selbst!«

Ein Mann, der vorüber eilte, hörte die Worte und warf ihm einen spöttischen Blick zu. Es war der junge Graf Batthiányi, gefolgt von zwei Landsleuten. Einer seiner Begleiter schwang einen Brief in der Hand. »Depeschen aus Ungarn, Männer von Wien! die Kroaten sind geschlagen, der Jellacic gefangen! laßt die armen Grenadiere nicht gegen die Ungarn marschiren, oder sie sind verloren!«

Das Volk schrie, daß die zur zweiten Taborbrücke vorausmarschirte Abtheilung zurückgeholt werden müsse - die Compagnieen am rechten Ufer weigerten sich jetzt bestimmt, weiter zu marschiren; aber von einem letzten Funken militairischer Ehre beseelt, wollten sie auch nicht zurückkehren ohne ihre Fahne, die sich bei der andern Abtheilung mit dem Major befand. Er weigerte lange die Rückkehr, selbst als der General ihn dazu auffordern ließ.

Die Legionaire - etwa zweihundert Mann stark - und die Vorstadt-Garden hatten jetzt den Eisenbahndamm besetzt und sperrten auch den Weg zum Bahnhof. Die Zahl der Garden und Legionaire betrug mindestens dreitausend, die des Militairs zweitausend Mann, einschließlich der meuterischen Grenadiere. Es war unmöglich, über die zerstörten Brücken zu marschiren, und die Generale Bredy und Frank beschlossen endlich - es war bereits zehn Uhr - zurückzukehren. Die Kunde des Befehls erregte unter der Menge ein lautes Triumphgeschrei, das aber bald wieder zu gellendem Hohn und Schmähungen wurde, als die Magyaren und demokratischen Agenten ihr vorhielten, daß dies nur ein Fallstrick sei, um das Bataillon zu einem andern Thor hinauszuführen, daß das Militair mit den schwarzgelben Stadtgarden einverstanden sei, die inneren Thore sperren und von den Wällen herab die Vorstädte beschießen würde. Der Tumult schwoll mit jedem Moment wie Meeresfluth im Orkan und brandete in wüthendem Andrang gegen die Mauer der

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Soldaten an, die, Gewehr am Fuß, mit knirschenden Zähnen widerstandslos sich alle Beschimpfungen gefallen lassen mußten.

In diesem Augenblick schwenkte Graf Stephan sein Tuch und mehrere der ungarischen Agenten mit Legionairen und einer Pöbelrotte stürzten auf die Kanonen und Pulverkarren und schleppten einen der letzteren fort. Als sie bereits die Kanone gefaßt und sie im Triumph fortziehen wollten, hob der General Bredy den Degen und kommandirte: »Feuer!« - Es war selbst sein letztes Wort. Die Nassau-Infanterie gab eine Decharge, und Todte und Verwundete bedeckten den Platz - unter der Gegen-Decharge der Legionaire fiel der General vom Pferde, eine Kugel hatte ihn von rückwärts durch den Kopf getroffen, eine andre in die Seite. Alles floh mit Geschrei und ein wildes Plänkelfeuer eröffnete sich auf der ganzen Reihe - hinter dem Damm und von demselben geschützt unterhielt die akademische Legion ein wüthendes Feuer auf das Militair - das Volk hatte sich der beiden Kanonen bemächtigt, ein ehemaliger entlassener Offizier richtete sie und feuerte die eine mittelst eines Zündfidibus gegen die Reihen seiner früheren Kameraden.

Vergeblich versuchte die Infanterie, den Damm zu stürmen; vom linken Donauufer her über die beiden Brücken stürmten die Vorstadtgarden und die meuterischen Grenadiere dem diensttreuen Militair in den Rücken - der Oberst-Lieutenant Klein, der nach dem gefallenen General das Kommando übernommen, hatte das gleiche Schicksal und fiel, von Kugeln durchbohrt - auf der ganzen Dammstrecke plänkelte das Feuer und der Platz war mit Leichen und Verwundeten bedeckt - Soldaten, Volk, Legionaire, - die dritte Kanone wurde von den Arbeitern in die Donau gestürzt - über eine halbe Stunde dauerte das Feuer, das Militair wich Schritt um Schritt der Uebermacht!

Er hatte sich bei Zeiten, in Sicherheit gebracht, der Legionair in dem hellgrauen Rock! Jetzt fuhr er im Carrière im Fiaker durch die Jägerzeile und Bischofsgasse, mit der Hand eine Kanonenkugel herauszeigend, unter dem Ruf: »Volk von Wien! die Söldner der Tyrannei schießen Deine Brüder mit Kanonen nieder! Akademische Legion, zu den Waffen!« -

Wrbna-Chevauxlegers trabten über den Karmeliterplatz vom

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Tabor her der Stadt zu, Oberst-Lieutenant Abel voran - die am Platz aufgestellten Garden weigerten ihnen den Durchgang.

Rechts ab schwenkte das Detaschement wieder dem Tabor zu, sich durchzuhauen zur Schwadron - da knallten die verrätherischen Schüsse und der Offizier stürzte vom Pferde - sechs Mann außer ihm - an der Bären-Apotheke schossen sie auf den fliehenden Rest. -

Mit hastigen Schritten maß die Gräfin das große Zimmer, das hinaus nach dem Platz sah. Die Spuren der durchwachten Nacht, der zügellosen Aufregung lagen in den dunklen Augenringen. Sie trug wieder die Kleidung ihres Geschlechts, aber in der Schärpe, die den dolmanartigen Ueberwurf mit ihren drei Ungarfarben umschloß, steckten Pistolen - dort am geöffneten Fenster lehnte das Doppelgewehr.

»Noch immer keine Nachricht, General - und sie müssen doch aneinander sein! Ebbadta - wie können Sie nur so ruhig bleiben? Horch - war das nicht Kanonendonner? - dieser verdammte Lärm auf den Straßen läßt das eigene Wort nicht hören!«

Der Pole auf dem Divan wandte kaum den Kopf nach der Ungeduldigen und las ruhig das Journal weiter, das er in der Hand hielt. »Sie taugen nichts zum Befehlshaber, meine Gnädige - auch der Krieger muß geduldig die Zeit erwarten. Sierakowski brachte uns ja eben erst die Nachricht, daß Latour festgeblieben und Bredy befohlen hat, ein Ende zu machen!«

»O, über diese Männer - Nichts kann sie zur Thatkraft anspornen. Bedenken Sie, daß die Verräther am Schottenthor den Pionieren den Einlaß in die Stadt gewährt haben und diese jetzt im Kriegsgebäude sind!«

Der General lachte spöttisch. »Latour ist doch ein Narr, und ich hätte ihn für klüger gehalten! Nicht drei Compagnieen, sondern alles disponible Militair. Was ist's?«

Ein Legionair, staub- und blutbedeckt, hatte die Thür aufgerissen und war ohne Weiteres eingetreten. »Die Gräfin Törkyeny?«

Der General war ihm selbst entgegen getreten. »Reden Sie, Herr, ich gehöre hierher!«

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»Doctor Lazare sendet mich - das Militair hat den Kampf begonnen und das Volk die Kanonen genommen, Bredy ist gefallen. Man schlägt sich von der Taborbrücke bis zum Bahnhof.«

Der alte Soldat athmete hoch auf - seine Brust schien sich zu weiten, seine kleine Gestalt größer zu werden bei der Nachricht von dem begonnenen Kampf.

»So ist's recht! - Wo ist der Doctor?«

»Er folgt mir sogleich!«

Von dem Platz herauf hörte man die Allarmtrommel der Nationalgarde - an den Ecken bliesen die Hörner.

»Jetzt ist es Zeit, die Kanonen zu erzwingen. Wissen Sie, wo Ihr Kommandant Aigner sich befindet?«

»In der Aula!«

»Wahrscheinlich. Eilen Sie rasch zu ihm und sagen Sie ihm, er solle die Herausgabe der Kanonen aus dem bürgerlichen Zeughause erzwingen und sie nach der Bastei und dem Rothen Thurmthor dirigiren.«

Der Legionair sah fragend auf die Gräfin.

»Gehen Sie, gehen Sie; es ist Alles in Ordnung!« Sie schob ihn zur Thür hinaus.

»Es ist Zeit, daß ich mich zurückziehe,« sagte der General. »Jene Portière wird mich genügend verdecken - empfangen Sie die Rapporte in ihrer Nähe - antworten werde ich selbst.«

Er ließ den Vorhang niederfallen, der das Closet abschloß, in das er sich zurückzog. Fenneberg und der Abgeordnete Löhner stürzten in das Gemach. »Hurrah! sie sind aneinander - der Tanz hat begonnen!«

Die Gräfin preßte die Hände wiederholt ineinander - ihre Augen funkelten. »Haben Sie zuverlässige Leute auf dem Thurm?«

»Seit fünf Stunden! Diese Bürgerwachen müssen geschlafen haben oder blinde Maulwürfe sein. Hören Sie!«

In langen, dröhnenden Schwingungen kam der Klang der Riesenglocke von dem St. Stephan herunter - der Eindruck des mächtigen Sturmgeläutes war selbst auf die Verschworenen erschütternd, wie viel mehr auf die Bevölkerung, die sich auf dem Platz drängte.

»Sturm! - Sturm!« heulte der eherne Mund - »Sturm!

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Sturm!« heulte die Menge, wie von Furien gejagt, durch die Straßen.

Im rasenden Galopp flog ein Fiaker daher und hielt vor dem Hause, das keuchende Pferd stürzte zusammen - aus dem Schlage sprang der Doctor und ließ weithin auf das Pflaster die Kugel unter die Menge rollen, die ihm bereits geholfen, die Straßen zu allarmiren. »Hier habt Ihr das Brod, das die Camarilla in Schonbrunn dem hungernden Volke sendet!« Er flog die Treppe hinauf in den Salon. »Es geht Alles vortrefflich, Martha - Ihr Cousin Stephan - Gott verdamme den stolzen Hund - er schlägt sich wie ein Löwe!«

Ueber den Platz daher rasselte der regelmäßige Tritt einer Abtheilung - Alle eilten an die von den Rouleaux verhüllten Fenster und lauschten hinaus - es war eine Compagnie der Nationalgarden des Kärnthner Viertels, das zum Sammelplatz am Stephan marschirte. Streffleur, der zeitige, den Röthen längst verhaßte, stellvertretende Ober-Kommandant der Nationalgarden, hatte schon seit längerer Zeit die Anordnung getroffen, daß bei einer allgemeinen Allarmirung der Stadt die Stadtgarden sofort gewisse wichtige Punkte, darunter das bürgerliche Zeughaus und den Stephansthurm, besetzen sollten, um das Sturmläuten zu verhüten. Obschon dies sofort geschehen war, kam die Bewachung, wie wir gesehen, doch zu spät - der Verrath übte bereits oben sein Werk und die Läuter der Glocken vertheidigten mit dem Bajonnet oben den Aufgang, während die Compagnie Kärnthner Garden unten den Thurm und die Kirche besetzte und der Pöbel heulend und pfeifend sie umgab.

Lazare und Fenneberg wechselten einen Blick.

»Ist Moser bereit?«

»Er wartet mit seinem Bataillon!«

»Dann fort - es ist keine Zeit zu verlieren. Der Mann ist an seinem Posten - ich bürge für ihn!«

Fenneberg ertheilte einem der fünf oder sechs Legionaire, die im Vorzimmer saßen, einen Befehl - man sah gleich darauf den jungen Mann über den Platz eilen in der Richtung des Holzmarktes.

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»Und nun - wie ist's mit den Zeughäusern?«

»Sobald der Kampf hier im Gange ist, werde ich auf meinem Posten sein!« sagte Fenneberg. -

Vom Schottenthor kam die Nachricht, daß die Nationalgarden der Vorstädte, sechs Compagnieen stark, die Bastei besetzt und die Stadtgarden des Schottenviertels von dem Posten am Thor vertrieben hatten, weil diese die Pioniere in die Stadt gelassen.

Die Proclamation, die unterdeß der im Kriegsgebäude versammelte Ministerrath in Folge des Zusammenstoßes, an der Taborbrücke erlassen, hatte nicht die geringste Beachtung gefunden. Die Nationalgarden, die Arbeiter und Legionaire, welche sich dort geschlagen, marschirten jubelnd in die Stadt, in ihrer Mitte viele von den eidbrüchigen Grenadieren und die zwei eroberten Kanonen, auf denen verwundete Studenten lagen. Einer der Grenadiere trug den Generalshut Bredy's auf der Spitze seines Bajonnets. Ein ungeheurer Volksjubel begrüßte die Einziehenden, die alsbald die Stadtmauer besetzten und die Thore schlossen. Dem rückkehrenden Bataillon Nassau wurde der Eintritt in die Stadt geweigert.

In den Straßen wogten dichte Volksmassen. Die vierte Compagnie der Kärnthner, Garden aus der bessern Bürgerschaft, verhaßt dem Pöbel und den Wühlern, die hier keine Elemente fanden, hatte Posto am Stephansthurm, als das zweite Bataillon der Wiedener Garden unter seinem Commandeur Moser anrückte, begleitet von dem jubilirenden Pöbel, der den Abzug der Stadtgarden stürmisch verlangte.

Die Wiedener machten etwa fünfzig Schritt von dem Dom Halt und ihr Bataillonschef trat vor und forderte von dem Oberst-Lieutenant Ackermann, daß die Kärnthner den Posten räumen sollten. Seine Blicke suchten an den Fenstern der umliegenden Häuser, als erwarte er von dort Beistand. Und er fehlte nicht - die Rollen waren wohl vertheilt. Der brave Kärnthner weigerte sich - aber er hatte noch nicht ausgesprochen, als aus einem Parterrefenster seiner Häuserseite ein Schuß knallte und einer der Vorstadtgarden zusammenstürzte. Ein gellendes Mordio ging über den Platz, der Ruf: »Verrath! die Schwarzgelben

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schießen auf das Volk und die Vorstädter!« Die Wiedener lös'ten sich in Plänklergruppen auf, es war, als ob die Hilfe, die Anweisung ihnen aus der Erde zu wachsen schien, denn im Nu sah man Fremde in Garden- oder Legionair-Uniformen unter ihnen und das Gewehrfeuer knatterte gegen die ehrlichen Wächter des Thurmes, während von droben immer lauter die Sturmglocke heulte.

Pulverdampf füllte den Platz - an den Fenstern ringsum wurde es lebendig und brach das Feuer gegen die unglücklichen Stadtgarden los, die, anfangs bestürzt und unthätig, sich jetzt zu wehren begannen. Nur ein Narr hätte daran zu zweifeln vermocht, daß der ganze Angriff wohl vorbereitet war.

Trotz ihres Widerstandes wurden die ohnehin in der Minderzahl anwesenden Kärnthner zurückgedrängt und flüchteten in die Kirche - aber die Kirchenthür wurde von den Wiedenern und dem Pöbel eingeschlagen - in den breiten Gängen des Doms, vor den Altären, im Chor, auf den Stufen des Hauptaltars schlug man sich und mordete die Bürger. Die Schildwacht, die am Eingang des Thurmes in ihrem Schilderhaus stand, war gleich zu Anfang des Kampfes von Bajonnetstichen durchbohrt worden; der zusammenstürzende Leichnam deckte glücklich den Mann, der hinter ihm sich verborgen hatte.

Thaten kannibalischer Wuth, wie die Wilden Neuseelands oder die Metzeleien des Orients sie kaum verüben, wurden in dem Hause, das dem Gott der Milde und Barmherzigkeit geweiht war, verübt. Der Oberst-Lieutenant Ackermann fiel schwer verwundet, der zweite Offizier, Lieutenant Dr. Drechler, stürzte zu Boden, - auf dem Steinpflaster, auf den Bänken floß das Blut in Strömen, lagen die Verwundeten und Leichen. In den Kapellen schlug sich der Rest der Kärnthner mit dem Muth der Verzweiflung.

Einer der Rasenden aus der Pöbelrotte rühmte sich selbst der Heldenthat, wie er den schwarzgelben Schuft von Hauptmann der Kärnthner Garden unter dem Hochaltar erspäht, wie er ihn mit der linken Hand bei den Haaren hervorgezogen, sofort an geheiligter Stätte ihm mit dem Kolben den Kopf eingeschlagen und sodann dem noch Lebenden die Schädelhaut bis zum Kinn heruntergezogen hatte. »Da zappelte er, und das war eine Wollust für mich!«

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Wahrlich, der Mensch ist eine Bestie, ärger als die Thiere des Waldes, und die Civilisation raffinirt nur seine Leidenschaften: seine Wollust, seine Grausamkeit, seine Habsucht und seine Heuchelei! Fort und fort ist er bemüht, in dem großen Werk der Vernichtung sich zu vervollkommnen!

Aus dem Kampf am Stephansplatz und am Dom wurden allein in das Spital der barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt fünfzehn Todte und fünfundneunzig meist tödtlich Verwundete gebracht! -


Unterdeß hatte sich auch an anderen Stellen der Kampf entsponnen - aus dem Haus am Hof flogen die Adjutanten der Revolution nach allen Seiten.

Die drei Compagnieen Pioniere, die das Schottenthor kurz vorher glücklich passirt, hatten zunächst den Platz am Hof, dann den Graben und den Stock-im-Eisenplatz besetzt, jenes alte Wahrzeichen Wiens.

Von einer andern Seite rückten Eisenbahnarbeiter mit langen eisernen Spießen heran - das Militair begann zu tirailliren, denn die Pioniere am Stock wurden vom Volk und den Garden durch die Agenten der Umsturzpartei angespornt, auf das Schändlichste insultirt - das Signal des Kampfes wurde gegeben und von Fenstern und Dächern, aus den Seitenstraßen und zu den Kellerlöchern heraus begann das Feuer gegen die unglücklichen Soldaten, die - mit dem strengen und thörichten Befehl, ihre wüthenden Gegner zu schonen - nach dem Hof zurückgedrängt wurden. Die am Graben aufgefahrenen Geschütze wurden ununterbrochen abgefeuert; aber in jener unglücklichen Halbheit, die Blut schonen will, um ein Blutbad daraus zu machen, wurde mit den Kartätschen hoch geschossen. Dennoch fegten die Kugeln den Platz, aber sie drangen zu Hunderten mit furchtbarer Gewalt durch die eisenbeschlagenen Kaufläden, in die Mauern und die Fenster, und tödteten und verwundeten Unschuldige. Viele aus den Garden und dem Volke fielen, aber unaufhaltsam stürzten die Massen vorwärts, Knaben, junge Männer, Arbeiter voran, angefeuert von Männern in Legionstracht - ein donnernder Jubelruf - Hurrah! die Geschütze genommen - das Volk

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Sieger auf dem Platz - die Grenadiere und Pioniere nach der Freiung zurückgedrängt!

Vergeblich, daß Latour den Obersten Stockau nach dem Platz geschickt, dem Feuer Einhalt zu thun - zu spät! das Volk Sieger - seine Wuth auf's Höchste gestiegen - wie eine wüthige Brandung heulten und stürmten seine Wogen heran gegen das Kriegsgebäude!

Zitternd, und dennoch von den starken, blutigen Entschlüssen ihrer männlichen Seele festgehalten, hatte die Gräfin ihren Platz im Gemach bewahrt, als das Kartätschenfeuer losbrach und das Kreuz des einen Fensters zerschmettert von den Kugeln hereinfiel. Nicht ohne Bewunderung sah der polnische General auf dies Weib, das er sonst aus dem Grunde seiner Soldatenseele verachten mußte, und mit Hohn auf den Legionair, der, ihr nur in der giftigen Bosheit ähnlich, jetzt bebend und todtenbleich sich hinter den breiten Pfeilern der Mauer zu schützen suchte. Als das Volk auf die Kanonen stürzte und sie unter Jubelgeschrei nahm, da vermochte sie nicht länger sich zu halten, mit einem Ruf des Triumphes eilte sie nach dem zerschmetterten Fenster - sie geberdete sich wie närrisch vor Entzücken und ergriff das Gewehr, um selbst auf die weichenden Soldaten zu feuern.

Der General sprang hinzu. »Wahnsinnige - wollen Sie nutzlos die Aufmerksamkeit hierher lenken?« Er entriß ihr das Gewehr. »Sei[e]n Sie ein Mann, Herr - wer den Revolutionair spielen will, darf sich vor dem Eisen nicht fürchten, sei es als Kugel oder als blanker Stahl!«

An der Thür erschien Marosch, ihr ungarischer Kammerdiener. »Is sich der Teufel in den Kerlen, wollen sich nicht länger halten lassen bei dem Kanonenfeuer!«

»Herein mit ihnen - ihre Zeit ist gekommen!«

Ein Mann stürzte in das Haus, das der alte Jörgi gezwungen worden war, geöffnet zu halten - er brachte Botschaft aus der Burg, vom Reichsrath. Der Jude Goldmark schrieb flüchtige Worte - die Linke hatte ihr Ziel errungen, trotz des Widerspruchs des Präsidenten Strobach hatten ihre Führer: Smolka, Bilinski, Scherzer, Zimmer, Löhner, Schuselka, Hubicki, Kudlich, Goldmark, Prato und Andere, durch das falsche Plakat

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ihren Zweck erreicht und die Einberufung einer außerordentlichen Sitzung erzwungen, nachdem der Präsident vergeblich im Ministerrath Beistand gesucht. Hubicki hatte mit Gewalt den Saal öffnen lassen, Bewaffnete drängten sich in drohender Haltung auf die Gallerieen und Journalisten-Bänke - Scherzer hatte offen die slavischen Abgeordneten bedroht und erklärt, bevor nicht drei von ihnen aufgehängt wären, sei keine Ruhe - sechszig Mitglieder der Linken hatten sich als Reichstag constituirt und Pillersdorf zum Präsidenten, Goldmark zum Schriftführer gewählt - die Constituante war fertig, der Sicherheitsausschuß bereits beantragt; - auf dem Wildpretmarkt und der Tuchlaubengasse hielten Studenten und Vorstädter förmliche Jagd auf die Stadtgarden, an den Fenstern gegenüber dem Musikvereinslokal harrten die Mörder auf die böhmischen Abgeordneten.

Botschaft auf Botschaft kam jetzt - in den Tuchlauben, am Kohlmarkt und an anderen Stellen, wie die geheimen Führer am Abend sie bezeichnet, wuchsen die Barrikaden aus der Erde - Redner proclamirten offen den Mord der Czechen und die Liste der Häupter, die fallen müßten: Latour, Wessenberg, Bach, Strobach, Streffleur, Valmagini,16 Stadion, Rieger, Trojan und Andere.

In der Aula hatte sich der Studenten-Ausschuß constituirt und handelte in Gemeinschaft mit dem Central-Ausschuß der demokratischen Vereine - Habrofsky, Silberstein, Tausenau waren die Führer - aus dem Hause am Hof war hierher der Befehl ergangen, den Angriff auf das Zeughaus mit aller Kraft zu unterstützen.

Dort schlug man sich unter der Anführung der Ungarn und Studenten bereits mit Erbitterung - es galt, die großen Waffen-Vorräthe zu zerstreuen und dem Pöbel zu überliefern. Die Besatzung der kaiserlichen Zeughäuser bestand aus der Wachtmannschaft von Kaiser-Infanterie-Grenadieren, einer halben Compagnie

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von Erzherzog-Ludwig-Grenadieren unter Kommando des Hauptmanns von Möse, und einer halben Compagnie Deutschmeister unter Oberst-Lieutenant Paar nebst dem Zeughaus-Personal - bei der Weitläufigkeit der Höfe und Gebäude und gegenüber der zahllosen Volksmasse ein ungenügendes Häuflein, aber treu ihrem Eid und entschlossen, sich bis zum letzen Mann zu wehren. Die leichten Thore wurden verrammelt, Kanonen im Innern postirt, die Fenster mit Schützen besetzt.

Bald waren die Fenster des Palais des Fürsten Windischgrätz und aller anderen Häuser umher mit Garden und Legionairs besetzt, und hinüber und herüber blitzten die Gewehre.

Aus den umliegenden Ortschaften kamen Botschaften - die Studenten hatten den Landsturm aufgeboten, überall heulten die Sturmglocken - verfälschte Befehle des Ober-Kommando's der Nationalgarde vermehrten die Verwirrung. -


Am Nachmittag um vier Uhr versuchte die Menge die Thore des Arsenals zu sprengen - ein Zug von Deutschmeister-Grenadieren machte einen Ausfall und vertrieb und tödtete die Feinde.

Im Kriegsgebäude, rückwärts im zweiten Stock, war seit dem Morgen der ganze Ministerrath versammelt, von zehn zu zehn Minuten kamen Rapporte, zuerst über die Vorgänge am Tabor, dann auf dem Stephansplatz. Seit zwölf Uhr waren drei Compagnieen Pioniere, Gewehr bei Fuß, mit dem Rücken gegen die Kirche, zum Schutz des Ministeriums aufgestellt.

Botschaft auf Botschaft kam an den Kriegsminister, den schwer bedrängten Stadtgarden an der Stephanskirche militairische Hilfe zu senden - Latour verweigerte es; erst als der Ordonnanz-Offizier Pizzighelli mit der Nachricht von dem Gemetzel in der Kirche selbst zurückkehrte, entschloß sich der Minister auf das allgemeine Verlangen, das Militair einschreiten zu lassen, und ertheilte dem Obersten Schön von Monte-Cerro den Befehl, mit zwei Compagnieen Pionieren und zwei Geschützen den Stephansplatz zu räumen.

Das war jene Abtheilung, die mit den Garden und dem Volk am Stock im Eisen gezwungen in Kampf gerieth und nach dem Kriegsgebäude zurückgedrängt wurde.

Fast alle Revolten sind einzig und allein durch die schwachen

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und halben Maßregeln der Befehlshaber geglückt, die den Thron und die Ordnung zu vertheidigen hatten.

Napoleon I. allein hatte es verstanden, mit den Revolutionen umzugehen. Er war der Ansicht, daß mit hundert Opfern man Tausend das Leben rette, mit tausend - Zehntausenden!

Von dem Beispiel des Onkels hatte der Neffe profitirt - die legitimen Fürsten haben aber auch in dieser Beziehung das Unglück, daß sie aus den Erfahrungen Nichts lernen, aber Alles vergessen! Es ist ein schlimmer Stand seit zwei Jahrzehnten, in Europa ein legitimer Fürst zu sein - und die Männer auf den Thronen sind rar! -


Die vor dem Kriegsgebäude aufgestellte Hauptwache wurde jetzt in den Hofraum gezogen, in dem zwei mit Kartätschen geladene Kanonen standen, und die Thore geschlossen. Links im Hof neben der großen Hauptstiege wurde die Hauptwache postirt - rechts gegenüber stand eine Compagnie Deutschmeister-Grenadiere unter Kommando des Hauptmanns Brandmayer - die Kavallerie-Ordonnanzen hielten in der Mitte des Hofes.

Das Landwehr-Bataillon von Nassau-Infanterie war durch das Franzensthor in die Stadt gezogen - aber die Bognergasse war versperrt. Dieselben Menschen, die noch kurz vorher den Minister gedrängt hatten, den Stadtgarden Hilfe zu senden, verlangten jetzt die Einstellung des Feuers.

Näher und näher kam der Geschützdonner - flüchtende Soldaten durch die Bognergasse daher - der Ruf: »Das Militair flieht!« verbreitete sich überall.

Die Minister hielten Rath - nach wenigen Minuten erschien der Kriegsminister mit zehn bis zwölf Blättern Papier, darauf die Worte: »Das Feuer ist überall einzustellen!« mit der Unterschrift Latours und Wessenbergs. Die Ordonnanz-Offiziere eilten damit davon. -

Zu spät!

Am Hof hatte das Militair die letzte Decharge gegeben - die Kanonen waren genommen -

Ueber die Freiung hinaus ging die Woge des Kampfes die Schottengasse verbarrikadirt - das Militair bahnte sich den Weg durch die Herrengasse - die Abtheilung, die im Hofe des

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General-Kommando's aufgestellt war, wurde von der Uebermacht umzingelt und entwaffnet - durch das Spalier der höhnenden, brüllenden Menge mußten sie waffenlos, unter hundert Beschimpfungen abziehen, wie die Römer bei Cannä! -

Aber sie kamen wieder!

Um das Kriegsgebäude fluthete die Menge - General Frank, Lieutenant Gitulewics und ein junger Legionair, der sich dort eingedrängt, wollten vom Balkon herab der Menge die Ordre zur Einstellung des Feuers verkünden - der Schlüssel zum Balkon war verschwunden!

Der Student riß das Fenster auf und schwang sich hinaus, um das Papier vorzulesen. -

Vergebene Mühe - in dem tobenden Sturm verhallte das Wort. -

Gegen die Thore donnerten die Aexte, die Beile, die Brechstangen - schon wich der Flügel! - »Einlaß! Einlaß!«

Der Minister gab den Befehl, die Geschütze und Wachen zurückzuziehen! Er unterschrieb sein Todesurtheil! -

»Latour! Latour! Tod dem Verräther!« -

Der Doctor Lazare drückte den Arm seiner Freundin und Beschützerin, die weit aus dem zerschmetterten Fenster sich beugte, wie das Araberroß den Hauch der Wüste, wie der Seemann den scharfen Duft des Meeres, so diese Woge der Revolution, diesen Odem von Blut einschlürfend in die zuckenden Nüstern.

»Wir sind nicht allein, Martha - wir werden Gehilfen haben in Ihrer Rache. Sehen Sie den Mann dort im Mantel, fünf Männer um ihn her - die Metzgerknechte in Menschenfleisch - verdammt verwegene Gestalten?«

Sie preßte das Lorgnon an's Auge. »Die Figur ist mir bekannt - ist das nicht - «

»Pulszky! er arbeitet auf eigene Rechnung oder auf die des Diktators, nachdem er gestern den Großmüthigen gespielt!«

»Ha - je mehr, desto besser! Lassen Sie unsere Saufänger los - fort mit Ihnen; sehen Sie, man öffnet richtig das Thor!«

Der Legionair wechselte einen letzten Blick mit ihr.

»Halten Sie jenen Laternenpfahl im Auge! ich wünschte,

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ich könnte die Gruppe sehen, doch muß ich die Fäden aus der Entfernung dirigiren!«

Sie nahm ein Album von einem in der Nähe stehenden Tisch. »Sie sollen Nichts verlieren davon - ich werde Ihnen das Conterfei liefern. So behalten wir ein Andenken!«17

Der Legionair war bereits an der Thür - dort standen unter des Marosch und des Slowaken Bewachung die drei Männer, mit denen die Gräfin am Abend getrunken. Der Szabó hatte die Uniform von sich geworfen und stand mit weit aufgestreiften Hemdärmeln, eine starke Schnur lose über die Brust geknotet, einen kurzen Eisenspieß in der Faust.

»Seid Ihr genügend bewaffnet?«

Sie grins'ten, und zeigten Hammer, Beil und Bayonnet.

»Jetzt, Männer, zeigt, daß Eure Worte und Schwüre nicht leere Prahlereien waren! Die Zeit der That ist da! Vorwärts, Slowak!«

Sie verließen das Haus - auf dem Platz, den sie überschritten, um dem Strom der Menge in's Kriegsgebäude zu folgen, kamen sie an der Leiche eines Pioniers vorüber. Der Graue bückte sich und hob den Säbel auf, welcher der erstarrten Hand entfallen war.

Sie kamen an das Thor, als der zweite Flügel geöffnet wurde und die in's Innere gezogene Hauptwache wieder auf ihren Posten vor das Gebäude marschirt war. Angeführt von dem Mann in dem lichtgrauen Rock drang der Pöbel mit Stangen, Spießen und Beilen in den Hof, untermischt mit Garden und Legionairen. Anfangs nur Einzelne, scheu - dann Gruppen, langsam noch, lauernd und suchend, dann größere Massen schon, in fanatischem Ungestüm die hintere Stiege hinauf, in die langen Gänge des Gebäudes. Der Ruf: »Wo ist Latour? er muß sterben!« die wildesten Schmähungen und Flüche überboten den allgemeinen Lärmen.

Der Graue hatte sich im Hofe postirt, unweit des Thores, an eine bestimmte Stelle. Seine Augen irrten suchend an den

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Fenstern und Eingängen des Gebäudes umher - einstweilen wies er auf die Kanonen - er zog es vor, sie bei der nachfolgenden Tragödie in den Händen des Volkes zu wissen!

Ein Theil der umherlungernden Menge warf sich auf die Geschütze und führte sie unter wüstem Geschrei aus dem Kriegsgebäude heraus, während ein andrer Theil in die Gebäude stürmte.

In dieser Verwirrung und diesem Toben entkamen die Minister und andere Personen, mit Ausnahme Latours, der die feige Flucht verweigerte, unbemerkt im Gedränge. -

Wir müssen einen Augenblick zu den Vorgängen in der Reichstagsversammlung zurückkehren.

Die Linke hatte den Präsidenten zur Eröffnung gezwungen und sich als ordentliche Sitzung proclamirt. Ein böhmischer Deputirter, Woznicky, hatte den Muth, den Antrag zu stellen, man möge sechs Mitglieder der Versammlung mit weißen Fahnen absenden, um dem Blutvergießen Einhalt zu thun, da man, wenn dadurch auch nur das Leben eines einzigen Bürgers gerettet werde, dem Vaterlande einen großen Dienst erweise!

Violand, Schuselka und noch zwei andere Mitglieder der Linken, ein Bürger Wiens und der Antragsteller wurden dazu gewählt - man riß die Fenstervorhänge im Sitzungssaal herab und verfertigte daraus Fahnen!

Gegen vier Uhr erschien der Minister des Handels, Hornbostel, und gab die Versicherung, daß der Befehl zum Einstellen des Feuers bereits unterschrieben werde, und erklärte, daß das Leben der Minister bedroht sei.

Der Buchhändler Borrosch aus Prag, ein eifriges Mitglied der Linken und ein Hetzer gegen die Czechen, beantragte, eine Commission zu ihrem Schutz hinzusenden, weil er nicht wolle, daß der Sieg des Volkes entweiht werde.

Borrosch, der Vicepräsident Smolka, ein galizischer Advokat, und der jüdische Arzt Dr. Goldmark aus Wien-Schottfeld übernahmen diese heilige Pflicht.

Wir werden sogleich sehen, wie sie sich ihres Auftrages entledigten.

Beide Commissionen trafen auf dem Wege am Hof zusammen. Borrosch bestieg ein Pferd und hielt eine Rede an's Volk,

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in der er auf die Czechen schimpfte und die Menge aufforderte, zu geloben, daß sie das Leben Latours schonen werde, der in Anklagezustand versetzt werden solle.

Die Menge jubilirte ihm zu: »Hoch Borrosch! Es lebe die Linke!« und leistete durch Händeerheben das Gelöbniß! Elende Comödie - statt seiner Pflicht zu genügen, zog der eitle Deputirte zu Pferde durch die Gassen der Kaiserstadt, Reden haltend und sich vom Pöbel mit Lebehochs haranguiren lassend.

Smolka und Sierakowski - der Pole hat wenigstens stets einen ehrlichen Muth und eine ehrliche Feindschaft bewiesen - blieben am Hof zurück zum Schutz Latours.

In die Vorhalle des Reichstags kam eilig der Adjutant des Kriegsministers, Hauptmann Niewiadomski, um Schutz für den bedrohten Minister zu bitten.

Neue Massen Volkes drangen in's Kriegsgebäude - man übte sich einstweilen auf das Geschäft, indem man einen Techniker Rauch, der für Latour sprach, im Hofe an seiner eigenen Schärpe aufhing. Ein Gardist schnitt ihn ab.

Die um den Minister Versammelten drangen in ihn, seine Uniform abzulegen und sich vor dem Volke zu verbergen, denn die Gefahr wuchs mit jeder Minute und die weiten Gänge des ehemaligen Jesuiten-Klosters hallen wieder von den Verwünschungen und Drohungen des Pöbels.

Der General gab endlich nach, ließ sich von seinem Kammerdiener in Civil umkleiden und begab sich aus seiner Wohnung im zweiten Stock in das Dachgeschoß in eine verborgene Kammer, die zur Aufbewahrung von Geräthschaften bestimmt war. Gleich darauf drang die Menge in seine Wohnung, die Legionaire und ungarischen Agenten nahmen die Schriften - der Pöbel plünderte. -


Ungeduldig harrend stand der Legionair auf seinem Posten im Hof des Kriegsgebäudes - die Meute um ihn.

Die Stiege herunter kam der Mann im Mantel gerade auf ihn zu.

»Baszom a lelkedet! Der Hund hat sich verborgen - er ist nicht zu finden! Ich lasse eher das ganze Haus in Brand stecken, ehe er entwischen darf!«

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»Hinaus ist er noch nicht - ich kenne ihn und prüfe jedes Gesicht! Die verfluchte Dirne, uns im Stich zu lassen! Beim Teufel, da kommt sie - sieh das Mädchen dort, Szabó; führe sie hierher, mit Gewalt, wenn sie nicht folgen will!«

Die Geliebte des meuterischen Grenadiers kam in der That die Seitenstiege, ängstlich sich umschauend, unentschlossen herab - der Falkenblick des Juden hatte sie zwischen der ein- und ausdrängenden Menge erspäht, die Hand des Slowaken erfaßte sie und riß sie fast gegen ihren Willen zu der Gruppe der Harrenden.

»Du läßt lange auf Dich warten, Franzel,« sagte der Doctor. »In solchen Dingen hat es Eile, und unsere Freunde müssen auf dem Platz sein. Dein Ignaz ist glücklich wieder in der Stadt, aber - wo ist der Minister?«

Das Gewissen schien dem Mädchen doch zu schlagen, als sie die Mörderrotte umher sah. »I weiß es nit - sie haben ihn halt versteckt!«

»Wer?«

»Die Herren Offiziere, die d'rin sind.«

»Lüge nicht, Du weißt es. Ich hatte es Dir befohlen! wo steckt der Graf?«

»I weiß es bei Gott nit! bei der heiligen Franziska, meiner Schutzpatronin, nit! Der Fischer, sei Kammerdiener, hat ihm halt die Uniform ausg'zogen und ihm a Frackl angethan und a Hut afgesetzt, dann haben sie ihn nach Oben g'führt!«

»Wohin?«

»I will a Schnupfern sein, wenn i's weiß. Sie sein wieder 'runterg'kommen ohne ihn.«

Der Legionair sann einige Augenblicke nach. Er fühlte, daß das Mädchen die Wahrheit sprach, und wußte, daß es bei der großen Weitläufigkeit des Gebäudes und den vielen kleinen und versteckten Räumlichkeiten sehr schwer, wo nicht unmöglich sein würde, den Versteckten zu finden, und wie leicht konnte der Sinn der Menge umschlagen. Es galt also, den Grafen durch irgend ein Mittel herauszulocken und ihm dann den Rückweg abzuschneiden.

Dazu waren die Mitglieder der Deputation die Geeignetsten.

Einige Worte der Verständigung mit Pulszky genügten -

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dieser näherte sich einer Gruppe, in deren Mitte Smolka, der Vicepräsident des Reichstags, mit einigen Mitgliedern desselben und Führern des demokratischen Clubs sich besprach. Unter den Versammelten befand sich der junge Legions-Offizier, den Arm in der Binde, der sich so auffallend in die Berathung der Generale gedrängt und für den Befehl zur Einstellung des Feuers agitirt hatte.

Der Staatssecretair stieß ihn im Vorbeidrängen an, seine Augen befahlen ihm zu folgen.

Der junge Mann gehorchte.

»Sie wissen auch nicht, wo sich der Minister versteckt hält?«

»Nein - nur muß es im vierten Stock oder unter dem Dach sein. Drei bis vier Offiziere allein wissen es.«

»Rathen Sie Smolka, sogleich zu diesen zu gehen und zu erklären, daß er und die anderen Reichstagsmitglieder den Grafen unter ihren Schutz nehmen und für seine Sicherheit bürgen wollten, wenn er binnen einer Viertelstunde seine Abdankung unterzeichne. Man wird ihn davon in Kenntniß setzen und er wird sein Versteck verlassen müssen. Sobald dies geschehen, öffnen Sie irgend ein Fenster des Stockwerks, in dem Sie glauben, daß die Unterzeichnung geschieht, nach dieser Front hier, und sehen heraus.«

Der Offizier machte das Zeichen des Gehorsams.

»Was auch geschieht - Sie bleiben an Smolka's Seite, sobald er die Abdankung hat, und verlassen ihn keinen Augenblick. Er muß vergessen, von dem Papier Gebrauch zu machen - sobald er die geringste Miene macht, es dem Volke zu zeigen, tödten Sie ihn eher, als daß Sie es zugeben. Der Graf muß als Minister an die Laterne!«

Der Legionair wollte sich entfernen.

»Noch Eins. Wo befindet sich Graf Stephan?«

»Er führt die Stürmenden gegen das Zeughaus.«

»Gut - Nun gehen Sie! ihm den Rückzug abzuschneiden und jedes neue Versteck zu ermitteln, wird unsere Sache sein!«

Der Legionair entfernte sich - eben kam mit mehreren Abgeordneten der Adjutant des Ministers, Hauptmann Niewiadomski,

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vom Reichstag her wieder in den Hof - er hatte dort auf das Eindringlichste den Schutz des Ministers verlangt.

Der Staatssecretair kehrte zu Lazare zurück, sie besprachen sich eifrig, dann sandte der Doctor das Mädchen zurück in's Gebäude.

Seine Augen fixirten sie scharf und drohend. »Keine Weigerung, Dirne! Wir werden auf den Gängen sein. Wenn Du nicht aufmerksam bist, so erfährt Dein Ignaz, was gestern Abend auf der Barrikade vorgegangen ist!«

»O Jesus - Haben's mich nit g'zwungen dazu für mein Leben?!«

»Unsinn- das ist gleich! Du weißt, Du bist in meiner Hand, d'rum fort und gehorche!«

Das Mädchen eilte zitternd davon - um ihrer Seligkeit willen hätte sie es nicht gewagt, dem dämonischen Einfluß des Juden zu trotzen.

Der Präsident des Reichsraths - hoffentlich selbst überzeugt, daß er auf diese Weise das Leben des Bedrohten retten könne - hatte unterdeß dem Adjutanten des Kriegsministers und durch diesen den Offizieren, welche seinen Aufenthalt kannten, den verrätherischen Vorschlag der Abdankung gemacht.

Die Offiziere setzten den Minister davon in Kenntniß - Graf Latour war unvorsichtig und vertrauend genug, sein sicheres Versteck unter dem Dach zu verlassen und sich in ein Zimmer des vierten Stockwerks zu begeben, wo er mit dem Präsidenten zusammenkam.

Sofort öffnete sich ein Fenster des vierten Stockwerks und das Gesicht eines jungen Mannes erschien darin.

»Jetzt ist es Zeit,« sagte der Staatssecretair. »Führen Sie Ihre Leute nach dem vierten Stock und auf die Treppen, ich postire die meinen weiter unten.«

Die beiden Banditenhaufen nahmen ihren Weg.

In dem Zimmer des vierten Stockwerks, in das man den Minister geführt, schrieb er eigenhändig folgende Worte nieder:


    »Mit Genehmigung Seiner Majestät bin ich bereit, meine Stelle als Kriegsminister niederzulegen.

Wien, am 6. October 1846. Latour, m. p.              

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Der Präsident nahm das Blatt an sich und ging damit hinab, das Volk zu beruhigen - der Legionair wich ihm nicht von der Seite; aber er überzeugte sich bald, daß es Smolka gar nicht einfiel, von dem Papier dem tobenden Pöbel gegenüber Gebrauch zu machen - ob aus Furcht oder schlimmerer Absicht? nur Gott sieht in die Herzen der Menschen! - dem Reichstag gegenüber entschuldigte er sich mehrere Tage darauf mit der Erklärung: er habe es vergessen!

Der Graf glaubte sich nach Ausstellung dieser Urkunde für völlig sicher und weigerte sich lange, den Bitten des Majors Boxberg und anderer Offiziere nachzugeben und in sein früheres Versteck zurückzukehren. Als er sich endlich dazu entschloß, war es zu spät - die auf den zu seinem Asyl führenden Corridor hinaustretenden Offiziere fanden ihn von mehreren Menschen - den Gehilfen Lazare's - besetzt und zogen sich eilig zurück.

Der Minister bat sie, zurückzubleiben, und durch mehrere Zimmer gehend, trat er durch einen kleinen finstern Gang in ein geheimes Gemach.

Auf dem Wege dahin begegnete ihm Niemand, als ein Dienstmädchen! -


Es war kaum eine Viertelstunde vergangen, als Smolka und der Pole Sierakowski mit dem jungen Legions-Offizier, einem Offizier der Nationalgarde und einem bewaffneten Arbeiter - einem der Männer Lazare's - zu den Offizieren kamen und Smolka erklärte, das Volk wolle sich nicht mehr mit der Abdankung des Ministers beruhigen, sie seien gekommen, ihn unter ihren Schntz zu nehmen und ihn in's bürgerliche Zeughaus in Sicherheit zu bringen.

Der Major Boxberg erklärte, nicht zu wissen, wo der Minister sich befände. Auf den Wink eines Mannes im grauen Rock, der kurz vorher mit einem Dienstmädchen einige Worte gewechselt, trat diese Schutzkommission in den Corridor und Smolka wiederholte laut sein Anerbieten.

Plötzlich sagte eine ernste Stimme neben ihm:

»Auf die Gefahr Ihrer Ehre, Herr! ich nehme Ihr Anerbieten an und stelle mich unter Ihren Schutz!«

Es war der Graf, der aus dem dunkeln Gang hervortrat.

Trotz Allem, was vorhergegangen, trotz ihrer Absichten erbebten die Umstehenden - von diesem Augenblick an lag die Verantwortung auf ihnen allein.

»Nach der kleinen Stiege!« sagte der Legions-Offizier - »es ist die nächste!«

Der Mann in dem grauen Rock entfernte sich eilig nach der großen Treppe - der Arbeiter blieb und band ein Schnupftuch um den langen Hammer, den er trug.

»Vorwärts, meine Herren,« sagte der Graf; »wenn Sie mich retten wollen, dürfen wir nicht zögern!«

Man ging nach der kleinen Stiege, die rechts im Kriegsgebäude durch vier Stockwerke hinunter zum Erdgeschoß führt und am Brunnen im Hofe ausmündet.

Sie ist sehr schmal und bei jedem Stockwerk mit einer Doppelthür versehen. Sierakowski ging voran, Smolka neben dem General, der Legionair und der Nationalgardist folgten, zuletzt der Arbeiter.

Auf jedem Absatz der Stockwerke schwenkte er den Hammer mit dem Tuch, auf jedem Absatz vermehrte sich die Begleitung durch die in den Gängen circulirende Menge. Die enge Stiege war bereits gesperrt - nur mit Mühe vermochte Sierakowski sich durchzudrängen und die Begleitung des Generals vorwärts zu kommen.

Zwar war es bis jetzt gelungen, den Minister vor jeder körperlichen Mißhandlung zu schützen, aber es konnte bereits Niemand mehr im Zweifel sein, was folgen mußte. Drohende Fäuste ballten sich empor, Verwünschungen, wilde Flüche in deutscher und ungarischer Sprache ringsum, der fanatische Haß, die Blutgier auf allen Gesichtern!

Noch war Nichts zu sehen von den Führern der Mörder - aber sie sollten nicht fehlen!

Man betrat die letzte Stiege - schon lag durch die Thür der Hofraum offen, gefüllt mit Menschen, Kopf an Kopf.

An dem Brunnen stand ein Mann im Mantel, ein Tuch in der Hand - nahe der Thür der Legionair im grauen Oberrock, mit dem Pioniersäbel in der Rechten, den er auf dem Platze

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aus der Hand des todten Soldaten genommen. Neben ihm Szabó, der Slowak, und der böhmische Schneider.

Die beiden anderen Genossen, den Kroaten und den liederlichen Maler, hätte ein gutes Auge jetzt in dem Haufen erkannt, der dicht dem General auf den Fersen folgte.

Mehr getragen als gehend kam der alte Soldat die Stiege herab - er ahnte ohne Zweifel, was ihm bevorstand.

Sie hatten etwa noch fünf oder sechs Stufen, als der Legions-Offizier zurücktrat und sofort sich der Kerl mit dem Hammer und mehrere ihm ähnliche Gestalten in den Zwischenraum schoben.

Der Erstere legte dem General roh die Faust auf die Schulter und schaute ihm frech in's Gesicht.

»Haben Furcht jetzt, alter Verräther, vor Lohn für alle böse That an Ungarland? Baszom - Du zitterst vor Leben Deinigtes!«

»Du irrst!« sagte der General fest - »ich bin vor Kugeln gestanden, ich fürchte auch den Dolch nicht, ich habe ein gutes Gewissen und bin in Gottes Hand!«

Er trat in den Hof - sein Auge fiel auf den Brunnen und die dort hervorragend aus der Menge sich zeigende Gestalt des Mannes im Mantel, der diesen jetzt zurückschlug.

Bei diesem Anblick bebte der alte Soldat zum ersten Male zurück - er hatte das Gesicht erkannt. Er streckte den Arm aus und wollte einen Namen rufen, als der Mann im Mantel das Tuch hob. Ein wildes Gedränge entstand - Smolka, Sierakowski und der Nationalgarde-Offizier suchten den General zu schützen, der unterhalb eines Gitterfensters stand, aber sie wurden von der Sturmfluth des Gedränges hinweggerissen. Der kroatische Schneider schlug dem Minister den Hut vom Kopf, Andere ergriffen ihn bei den Haaren, er suchte sich mit den Händen zu wehren und griff in die erhobenen Waffen; der Hauptmann Graf Gondrecourt war der Letzte, dem es gelungen war, dem Sturme zu widerstehen und in seiner Nähe zu bleiben. Er deckte ihn mit seinem Körper und wehrte mit blutenden Händen die Heranstürmenden ab.

Da fiel ein Schlag - hinter ihm - knirschend, krachend, wie von zermalmenden Knochen -

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»Eljen Kossuth! für's Ungarland!«

Ein als Arbeiter verkleideter Magyar hatte dem Böhmen den Hammer entrissen und dem Minister von rückwärts einen tödtlichen Schlag auf den Kopf versetzt.

Der Mann im grauen Rock war jetzt vor ihm. »Die Gräfin Törkyeny sendet Dir's!« Der Pioniersäbel flog in breiter Wunde über das Gesicht.

Das Auge des Sinkenden fiel auf eine hohe, kräftige Greisengestalt, die sich mit Gewalt Bahn machte zu ihm - das brechende Auge mit jener wunderbaren Intellectuellität des Todes schien die verwitterten Züge plötzlich zu erkennen. »Haspinger! zu Hilfe dem Retter Deines Kindes!«

Der greise Tyroler stand einen Augenblick. »Der Offizier vom Stubbhayer! heilige Mutter der Schmerzen - gebt Raum, Ihr ruechen Mörder - er ist a Braver!«

Der Ruf verhallte in dem tobenden Lärmen - der alte Haspinger, von der Volkswoge bei dem Kampf in den Straßen zum Hof geführt, wo die Enkelin in die Wohnung des Hausmeisters flüchtete, warf vergebens die breite Brust der Rotte entgegen - unter seinem Arm durch stieß der Rekrut von Richter-Grenadieren den Spieß dem Sinkenden durch die Brust! »Der Wolf muß Blut trinken! Nimm's vom Wolfe!« Zehn, zwanzig Hiebe und Stiche bohrten sich von allen Seiten in den Körper des Generals, der mit den Worten: »Ich sterbe unschuldig!« zu Boden sank und den Geist aufgab.

Ein gräßlicher, gellender Jubelruf begleitete seinen Fall und verkündete der Gräfin am Fenster ihrer Wohnung und dem polnischen General die furchtbare That.

Wie die Hyänen, jedes Menschengefühls baar, fiel die durch den Mord zur Raserei entflammte Menge über den Körper her. Der liederliche Maler schlang eine Schnur um die Eisenstäbe des Fenstergitters, daran hing man den Leichnam auf. Dann begann eine Scene, wie sie nur die Phantasie eines Höllenbreughel darzustellen vermöchte, eine Scene, wie sie Karaiben und die wildesten Stämme des Westens nicht zeigen können, die doch nur den lebendigen Feind martern! Nur der politische Fanatismus bietet solch' Entsetzliches dar! Man schoß auf den Leichnam, man stach und

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schnitt nach ihm, man riß ihm die Kleider vom Leibe und wühlte mit Messern und Händen in dem todten Fleisch - man riß die Glieder auseinander, Weiber wie Hyänen schnitten ihm die Finger und Geschlechtstheile ab und hielten sie triumphirend empor oder trieben die Männer zu dem bestialischen Werk - die Schnur am Gitterfenster riß - an den Haaren, an den Füßen schleifte man den verstümmelten Leichnam über den Hof - drei Mal blieb er liegen und entfloh der Pöbel bei dem Ruf: »Das Militair!« drei Mal kehrten die nicht gesättigten Mörder wieder und schleiften ihn weiter, hinaus auf den Platz, an der Hauptwache vorüber, wo die Grenadiere, Gewehr bei Fuß, gefesselt durch den letzten Befehl des Todten, sich nicht von ihrem Posten zu rühren wagten. An dem Gaskandelaber vor der Hauptwache hoben die Mörder einen jungen Burschen in weißer Jacke mit aufgestreiften Hemdsärmeln in die Höhe - er schlang die beiden Militair-Mäntelriemen, die der wie ein Toller umherspringende Slowak ihm reichte, um den Eisenarm und hing zum zweiten Mal den Leichnam auf.

An dem Fenster des Hauses am Hof lehnte eine Frau, das Album in der Hand, das Opernglas neben sich, und zeichnete eifrig die Scene am Kandelaber. Der Crayon glitt flüchtig und geschickt über das Papier, das Gesicht der Frau hatte etwas dämonisch Vergnügtes, Befriedigtes bei dem schändlichen Geschäft.

Es war die Gräfin Martha, die dem Doctor ihr Versprechen hielt!

Dieser scheußliche Zug ist keine Erfindung müßiger Schriftsteller-Phantasie, - die Scene hat, zur Schmach des Frauenherzens, wirklich existirt!

Wenn das Weib sinkt, kann die Schlechtigkeit des Mannes nimmer den Abgrund erreichen, in den die Frau zu fallen vermag! an den Teufel im Weiberherzen ragt das Schlimmste der Mannesnatur nicht!

Wiederum fiel die fanatische Meute über den Leichnam her, der zuerst in Frack und Blouse, dann in Hemd, Unterkleidern und Socken, endlich ganz nackend bis in die späte Nacht da hing. Sie schnitten ihm die Waden und den Hinterleib auf, durchstießen

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ihn mit Spießen und hielten ein Scheibenschießen im Fackelschein nach ihm; - jeder Kannibalismus, den die menschliche Bestialität erdenken kann, wurde an dem todten Körper verübt!

Männer, Weiber und Kinder tauchten Tücher und Lappen in sein Blut und hielten sie gleich Siegestrophäen - in den benachbarten Spelunken wurden während der Nacht die Fetzen seiner Kleidung verkauft. -

Gleich nach dem Morde Latours hatten die Führer die Menge zum zweiten Mal nach dem Kriegsgebäude geschickt, um dem General Frank das gleiche Schicksal zu bereiten. Der entschlossenen Haltung einiger Männer, die vor der vom Pöbel begangenen That zurückschauderten, gelang es, das zweite Verbrechen zu verhindern und den General in das bürgerliche Zeughaus zu bringen. Zwei Mal versuchte man ihn diesem Schutz zu entreißen - das erste Mal forderte eine Pöbelhorde seine Auslieferung und mußte mit dem Bajonnet zurückgetrieben werden, das zweite Mal verlangten sie Legionaire mit einem schriftlichen Befehl des Studenten-Comité's - beide Male blieb die geringe Bürgerbesatzung fest, und am Abend vermochte der General sich in Begleitung zweier Garden zu entfernen - am Morgen gelangte er aus der Stadt und in das Hauptquartier des kommandirenden Generals, Grafen Auersperg, der mit den Truppen im Schwarzenbergschen Garten und auf dem Belvedere bivouacquirte, und wurde mit Jubel empfangen. Die Soldaten trugen ihn auf den Schultern durch das Lager, denn die Erbitterung des Militairs über den Angriff und den Mord wuchs mit jeder neuen Nachricht.

In der Stadt selbst dauerte der Kampf fort, schlug die Rebellion ihre wildesten Wogen. Der Reichstag hatte sich permanent erklärt und nach dem Pariser Muster einen Sicherheits-Ausschuß ernannt - die Nachricht von der Ermordung Latours wurde von vielen Mitgliedern mit offenem Jubel begrüßt, welche erklärten, sie würden auch mit Wonne zusehen, wenn der Minister Bach aufgehängt würde, da er stets die Souverainetät des Volkes gehöhnt habe.

In dem Restaurationslokal fand zur Feier des Sieges ein Champagnergelag statt, die bewaffneten Mörder auf den Gallerieen wurden von dem Abgeordneten Zimmer die Befreier des Volkes

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genannt, die Mitglieder der Rechten, namentlich die Böhmen, ganz offen bedroht und nach dem Stuhl des Präsidenten geschossen.

Im Sitzungssaal hauste zwischen den Abgeordneten der Pöbel. Erst als ein Kerl mit einer langen Brechstange in der Hand, in Jacke und Schürze, in der abscheulichsten Weise mit seiner Theilnahme an dem Morde des Ministers prahlte und die Details erzählte, hielt der Vicepräsident Smolka es für schicklich, den Saal räumen zu lassen.

Auf den Rath mehrerer Gemäßigten entfloh der erste Präsident des Reichstages, Strobach, mit den Böhmen und den meisten Mitgliedern der Rechten noch in derselben Nacht, da Löhner offen den Antrag stellte, sie in Anklagestand zu versetzen. Die bedrohten Minister Bach und Wessenberg waren in Verkleidung entkommen, der Ober-Kommandant der Nationalgarde, Streffleur, der sich gleichfalls unter den Bezeichneten befand, legte im Reichstagssaal sein Amt nieder und der Reichstag ernannte den Abgeordneten Scherzer zum Ober-Kommandanten. Man hatte eine Deputation nach Schönbrunn gesandt mit der Forderung eines Ministeriums Smolka und der Linken, der Absetzung Jellacic's und der allgemeinen Amnestie für Bürger und Militair. Eine andere wurde zu Auersperg gesandt, jeden Angriff auf die Stadt zu verbieten, im Reichstag forderte Violand die Verbannung der Erzherzogin Sophie und der Erzherzöge Ludwig und Franz Carl!

Vom Zeughaus her gingen fortwährend Nachrichten über den Kampf ein - die tapfere Besatzung schlug sich im Arsenal mit Muth und Erbitterung und jagte die anstürmenden Haufen mit einem wohlgezielten Feuer zurück.

In den engen Straßen rings umher lagen die Leichen - noch war es der Menge nicht gelungen, einen Vortheil zu erringen und das Thor zu sprengen, denn zwei Mal wurden von den Ausfallenden die herbeigeschleppten Geschütze genommen und gegen die Empörer selbst gerichtet.

Die Nacht war bereits gekommen - noch immer währte der Kampf und Leichen häuften sich auf Leichen.

Am Eingang der Renngasse sammelte sich ein neuer Trupp von Volk und Legionairen, um eine Kanone, mit der man das

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Thor des Ober-Arsenals durch wiederholte Schüsse demolirt hatte. Das trefflich gerichtete Feuer der Besatzung machte es jedoch unmöglich, in den Hof des Arsenals selbst zu dringen, und die Legionaire und Arbeiter beriethen unter einander, als von der Burg her ein Offizier der Nationalgarde mit einer weißen Fahne und einem Tambour erschien und im Namen des Reichsraths das Einstellen des Feuers verlangte, da er den Auftrag hätte, als Parlamentair mit der Besatzung zu verhandeln. Der Graf Stephan, der hier den Angriff geleitet, ertheilte die nöthigen Befehle.

Drei Männer, in weiße Mäntel tief verhüllt, kamen von der andern Seite.

»Es ist Zeit, General,« sagte der mittlere von den Dreien, »daß Sie selbst den Befehl übernehmen - dem Grafen mangelt es an der nöthigen militairischen Erfahrung. Wenn die Kugeln nicht helfen, nehmen Sie das Feuer zur Hand - diese Nacht muß Oesterreich jener reichen Mittel berauben, unsre Freiheit zu unterdrücken; denn morgen wird es bereits Leute genug geben, die sich zu Verfechtern der sogenannten Ordnung aufwerfen, und wir haben nur diese Stunden für uns. Die Waffen und Vorräthe müssen in die Hände des Volkes kommen, nicht in die der Bürger.«

Die Worte waren in französischer Sprache gesprochen. Der Zweite nickte zustimmend. »Ich fürchte nur, da die Narren im Reichsrath die Sache in die Hand genommen, die Parlamentaire dort werden sie beenden und man wird das Arsenal durch die Garden besetzen lassen, über die wir nur wenig Einfluß haben.«

»Das muß unter allen Umstanden verhindert werden. Geben Sie Ihre Befehle, ich werde die meinen ertheilen.«

»Wo treffen wir uns wieder?«

Der Andere sann einige Augenblicke. »In zwei Stunden auf dem Platz am Hof. Ich mag Ihre Wohnung nicht betreten, denn ich will nicht, daß irgend Jemand außer Ihnen und Pulszky von meiner Anwesenheit erfährt.«

Der Pole reichte ihm die Hand.

»Auf Wiedersehn also! - ich werde die Geschütze nach der Schottenbastei beordern und die Schmiede in Brand stecken lassen;

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dem Angriff von zwei Seiten können sie bei aller Tapferkeit nicht widerstehen.« Er verlor sich in den Volkshaufen.

Der Fremde sprach einige Minuten mit Pulszky, dann zog er sich unter den dunkeln Thorweg eines nahen Hauses zurück, während der Staatssecretair in der Nähe einen der ungarischen Agenten suchte und durch diesen den jungen Grafen Batthiányi rufen ließ.

Graf Stephan kam eilig herbei; er war an der Wange durch einen Streifschuß verwundet, ein Beweis, wie muthig er sich selbst dem Feuer ausgesetzt hatte.

»Ich hoffe, in wenig Minuten Ihnen die Unterwerfung des Arsenals anzeigen zu können,« sagte der Graf; »ich habe dem kommandirenden Offizier Abzug mit den Waffen und mit allen Ehren anbieten lassen.«

»Lassen Sie das Feuer gegen das Arsenal sofort wieder beginnen.«

»Aber der Parlamentair befindet sich noch am Thor. Ich hoffe, er kehrt mit der Annahme der Vorschläge zurück!«

»Er darf nicht zurückkehren!«

»Wie meinen Sie das?«

»Geben Sie einem der besten Schützen Befehl, ihn aufs Korn zu nehmen!«

»Aber das wäre schändlich gegen jeden Kriegsgebrauch!«

»Es muß sein!«

»Nimmermehr!«

Der Fremde im Mantel trat unter dem Hausbogen hervor.

»Im Namen des Vaterlandes! Gehorchen Sie dem Befehl!«

Er ließ einen Augenblick lang, aber nur einen solchen, den Kragen des Mantels fallen und den Schein der Fackeln seine Züge treffen. Der Graf trat erstaunt zurück.

»Wie - Sie hier - «

»Still! - ich befehle Ihnen im Namen Ihres Oheims!« Er winkte dem Staatssekretair. »Geben Sie Ihre Ordres - Sie sehen, der Graf ist bereit, zu gehorchen!«

»Ich erwarte ihn, sobald der Befehl vollzogen ist.«

Graf Stephan, die Braunen zusammengezogen, verließ die Beiden und ging zu der Barrikade, welche die Legionaire und

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Garden vor dem nächsten Arsenal aufgeführt. Man sah ihn mit einem Mann in ungarischer Tracht sprechen, der eben seine Büchse lud. Gleich darauf war sie im Anschlag. Der unglückliche Offizier der Nationalgarde, der mit der weißen Fahne so eben von dem Thor des Arsenals zurückkehrte, warf die Arme hoch in die Luft, drehte sich um sich selbst und stürzte zu Boden.

»Es ist geschehen!« rapportirte der Graf finster.

Der Unterstaatssecretair hatte seine Uhr gezogen. »Es ist jetzt halb Elf. Lassen Sie das Feuer noch drei Stunden fortsetzen. Auf jeden Parlamentair, den die Reichsversammlung oder wer irgend sonst, ebenso die Besatzung, schickt, wird geschossen. Das Parlamentiren muß, bis der Kampf weit genug gediehen ist, unter allen Umständen verhindert werden. Sind die drei Schützen, die ich Ihnen sandte, nach meiner Ordre postirt, und die fünf Männer mit den rothen Schärpen an der Barrikade?«

»Drei von den Männern sind erschossen - die Kugeln haben sie merkwürdiger Weise von hinten getroffen.«

Ein besonderer Zug, wie Hohn, flog über das Gesicht des Staatssecretairs, als er weiter fragte:

»Sie haben die Sache nicht untersucht?«

»Auf der Stelle - es standen in den Häusern hinter ihnen nur die drei Schützen - aber es war von dort nicht einmal ein Schuß gefallen.«

Der Fragende nickte. »Bekümmern Sie sich nicht weiter darum. Die Sicherheit Ungarns und unsre eigene fordern den Tod dieser Männer.«

»Und darf ich fragen, wer sie sind?«

»Die Nachrichter Latours! - Die Schießbaumwolle muß bei ihnen die Dienste verrichten, welche die Kugeln des Militärs versäumen.« Er wandte sich zu dem Mann im Mantel: »Lazare wird hoffentlich so klug gewesen sein, das Gleiche zu thun. Haben Sie noch einen Befehl zu geben?«

»Nein!«

»So leben Sie wohl, Graf, und halten Sie die Besatzung in Athem. Wird das Arsenal genommen, so setzen Sie der Plünderung des Pöbels nicht das Geringste entgegen; aber lassen Sie in dem zweiten Hof links das Laboratorium von den Unseren

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besetzen und die Arbeiten zur Anfertigung der Zündnadelbüchsen sorgfältig in Beschlag nehmen. Ich weiß von Paris aus, daß man auch hier solche Versuche gemacht hat, und vielleicht glückt es uns hier besser, als in Berlin. Ihrem Onkel,« er deutete auf die blutende Wange, »werde ich von Ihrer Tapferkeit berichten.«

Graf Stephan verbeugte sich kalt. »Ich werde meine Pflicht auf dem anvertrauten Posten thun, doch wünsche ich sehr, daß diese sich auf einen ehrlichen Kampf beschränken möge.«

Der Staatssecretair lachte, indem er sich mit dem Verhüllten entfernte. »Sie werden davon noch zur Genüge erhalten - beruhigen Sie sich!« Die Beiden verschwanden in der nächsten Querstraße. -


In Folge des Falls des Parlamentairs, der von dem Militair gleichfalls mit Entrüstung bemerkt worden, begann alsbald der Kampf aufs Neue und wurde mit kurzen Pausen in steigender Erbitterung fortgesetzt. Noch zwei Mal trafen Boten des Reichsraths zur Unterhandlung mit der Besatzung ein - die besonneneren Köpfe der Versammlung begannen einzusehen, wie nothwendig die Erhaltung der Waffenschätze für die Stadt selbst werden dürfte; aber die ganze Bewegung der Nacht war bereits in den Händen der Ungarn und italienischen Emissaire, und nur die heldenmüthige Tapferkeit des Häufleins der Vertheidiger rettete wenigstens einen Theil der Vorräthe des Arsenals. Beide Male fanden die Parlamentaire ihren Tod durch meuchlerische Schüsse aus den Fenstern und von den Barrikaden - Niemand wagte mehr, das gefährliche Amt zu übernehmen.

Die Stellung war jetzt äußerst gefährdet geworden, denn der Brand der Schmiede beleuchtete dieselbe, und das Geschütz, das General Bem auf der Schottenbastei hatte auffahren lassen, beherrschte die Höhe. Bald begannen die Hintergebäude des Armatur-Zeughauses zu brennen, und die kleine Garnison hatte auch mit dem Element und den fortwährenden Versuchen zu neuen Brandstiftungen zu kämpfen. Von dem Garten der Schottener aus versuchte man die Mauern zu miniren.

Nur ein Zufall vereitelte nach Mitternacht das Erliegen der tapfern Garnison.

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Von der hohen Brücke her zog mit Geschrei ein Menschenhaufe, auf das Verschiedenste bewaffnet, aber viele Personen mit weißen Fahnen und Binden, gegen das vom Feuer und den Kugeln halb geöffnete Thor des Ober-Arsenals herab, hinter dem ein doppelt geladenes Geschütz aufgestellt war und den Feind abhielt.

Schon von ferne schrie der Haufe Worte des Friedens und der Versöhnung, verlangte die Einstellung des Feuers und erklärte, mit den Soldaten gemeinschaftlich die Vertheidigung des Arsenals übernehmen zu wollen.

Die Soldaten zeigten sich geneigt, dem Redner der Menge Gehör zu schenken, und kamen hinter ihren Kanonen hervor - das Thor war dicht gedrängt voll von Grenadieren, die mit dem Volk parlamentirten. Die Hauptleute Kastell und Möser und der Ober-Lieutenant Paar leiteten die Verhandlungen.

In diesem Augenblicke bemerkte der Hauptmann Kastell ein Blitzen auf dem Rohr seines rückwärts stehenden Geschützes.

Entsetzt zurückspringend, sah er einen jungen Menschen aus dem Volkshaufen, der sich hinter die Kanone geschlichen hatte und nun mit einem Stück angezündeten Schwammes die aufgesetzte Zündröhre suchte, um das Geschütz im Rücken auf die Besatzung und seine eigenen Brüder abzufeuern. Ein Schrei des Offiziers richtete die Aufmerksamkeit des Kanoniers Braun auf den Mann - unter dem Streich des Setzkolbens stürzte dieser zu Boden und die erbitterten Grenadiere warfen sich auf den verrätherischen Feind, dessen Leben unter ihren Hieben verblutete, während die trügerische Menge draußen plötzlich mit Flintenschüssen angriff. Da krachten die Kanonen - zwei Kartätschenschüsse dicht hinter einander in den gedrängten Haufen - und Todtenstille lagerte plötzlich über den dunkeln Platz - dann das Aechzen und Stöhnen der Verwundeten! noch ein Mal war das Arsenal gerettet - um blutigen Preis!

Bis zum Morgen vertheidigte die tapfere Besatzung den ihr anvertrauten Posten, obschon sie es nicht verhindern konnte, daß das Volk in die brennenden Hintergebäude einbrach.

Die Ungarn waren wüthend, daß ihr Zweck wenigstens zum großen Theil vereitelt worden.

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Einem der Offiziere der Besatzung war es gelungen, unentdeckt durch die Belagerer zu kommen und das Feldlager des kommandirenden Generals im Schwarzenbergschen Garten zu erreichen. Graf Auersperg belobte den Muth der tapferen Männer, aber er mußte ihnen selbst rathen, die Arsenale beim Tageslicht den Nationalgarden zu übergeben, da sie den Posten nicht länger halten könnten und er zu schwach sei, ihnen Beistand zu leisten. Mit einer Deputation des Reichstags wurde die Uebergabe verabredet, der General ertheilte seine Genehmigung dazu und diese überbrachte unter hundert Gefahren glücklich der Bote.

Gegen acht Uhr erfolgte die Uebergabe der Zeughäuser, das Militär zog mit seinen Waffen ab und das Volk ehrte die Tapferen, indem es dieselben mit Hurrahs und Vivats auf dem Wege nach dem Schwarzenbergschen Garten begrüßte; - dann stürzte es über die rauchenden Brandstätten in die Waffenkammern und Werkstätten, und eine Scene roher und brutaler Plünderung und Beraubung begann, die freilich noch ärger gewesen wäre, wenn es gelungen, den Mantel der Nacht darüber zu decken, die aber noch immer groß genug war, um wenigstens viele Schätze an historischen Merkwürdigkeiten zu zerstören. Die rebellirende Stadt war jetzt im Besitz der Waffen und eines hinreichenden Kriegsmaterials, um sich gegen jeden Angriff von Außen zu vertheidigen. -


Am Gaskandelaber auf dem Platz am Hof hing der zerfetzte, verstümmelte Leichnam des unglücklichen Ministers und der Pöbel feierte seine wüsten, bluttriefenden Orgien um das schreckliche Denkmal seines Sieges.

Stunde auf Stunde verrann und auch die Mordlust und der Fanatismus erschlafften an dem Odem der Nacht - leerer und leerer wurde der Platz - selbst der freiwillige Wächter des Hasses, Szabó, der Slowak, der seit der gräulichen That sein Opfer nicht verlassen hatte, saß in sich zusammengekauert auf einer nahen Steinstufe und schien von der Ermüdung des Tages erdrückt.

Der Mörder, der Slowak, war nicht der einzige Wächter der Leiche.

Ihm gegenüber, auf der Schwelle des Eckhauses nach dem Kriegsgebäude, saß der alte Tyroler, das greise Haupt in die Hand

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gestützt, das ernste, sinnende Auge auf den leblosen, verstümmelten Körper gerichtet.

Die Tage der Jugend und Kraft gingen an ihm vorüber - der Mann da, kaum noch in menschlicher Gestalt, hatte einst sein Liebstes und Bestes gerettet, und jetzt war es der eigene Enkels der Sohn Derer, der Jenes Entschlossenheit das Leben erhalten, dessen Verrath und Treubruch geholfen hatte zu dem Mordwerk.

Achtunddreißig lange Jahre schwanden wie ein Traum vor seinem Blick - die Vergangenheit stand so lebendig vor ihm - so lebendig, als wär' es gestern gewesen, die schreckliche Scene!


Es ist ein gesegnetes Land, das Land Tyrol. Gott der Herr hat seiner Herrlichkeiten schönste dort aufgebaut für die Menschen zur Mahnung an seine Größe und Macht.

Wo das Stubbhayer Thal von Osten her, das Oetzthal vom Norden und der Passeyer vom Süden herauf sich zu steilen Bergjochen heben, über denen mächtig und riesig die Ferner thronen, führt nur ein schmaler, gefährlicher Bergpfad, kaum erklimmbar für den Hirten und den Gemsjäger, von einem der Thäler zum andern.

Es war im Jahre 1810, das dem großen Kampf der Tyroler gegen die Fremdherrschaft folgte.

Seit einem halben Jahrtausend hatte das Land Tyrol dem Hause Oesterreich gehört und die Herzen seiner Kinder waren mit diesem verwachsen. Man reißt ein Volk nicht durch ein Stück Papier und einen flüchtigen Friedensschluß von seiner Geschichte und seinen angestammten Fürsten, ohne daß die Büchsen knallen und die blutenden Leiber die heimathliche Erde decken. Auch die Alpen-Hörner Tyrols warfen lange das Echo zurück der treuen Stutzen, die sonst nur nach dem flüchtigen Wild des Hochgebirges, der Gemse und dem Adler knallten. Diesmal suchten die Kugeln ihr Ziel in französischen und bayrischen Herzen - ein traurig Zeichen der deutschen Zerrissenheit und deutscher Knechtschaft!

Im Preßburger Frieden von 1805 hatte der neue Diktator Europa's das Land Tyrol an Bayern verschenkt, aber der Machtspruch konnte die wackeren Bewohner nicht bayrisch machen. Als die Fahnen des Kaiserhauses im Jahre Acht auf's Neue gegen

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den Frankenkaiser wehten, da flogen die Allarmfeuer von Berg zu Berg, und innerhalb dreier Tage, vom 11. bis zum 13. April, war das ganze Land durch die eigenen Söhne wieder gewonnen, und 8000 Mann französische und bayrische Truppen bei Innsbruck, Hall und dem Sterzinger Moos geschlagen und gefangen genommen.

Aber die Glücksgöttin der Schlachten fliegt nur selten mit den Fahnen des Rechts. Der Frankenkaiser, der die Victoria an sich gekettet, zog nach den Siegen von Eckmühl und Regensburg gegen Wien - auf's Neue brachen die bayrischen Colonnen, die deutsch redenden Brüder und Nachbarn in's Land Tyrol, und General Chasteler, von der Uebermacht bei Wörgl geworfen, mußte über den Brenner hin das Land räumen. Da zeigte sich dieses in seiner eigenen Kraft. Andreas Hofer, der am Sterzinger Moos gesiegt, erschien mit seinen Schützen unter den Gutmuthigten und zog vom Brenner her mit Eisenstecker und Speckbacher und dem löwenkühnen Mönch, der jetzt in der Domwand zu Innsbruck an seiner Seite ruht, nach dem langen Leben, an dessen Ende er noch den Treubruch der Völker gesehen.

Beim Berge Isel oberhalb Innsbruck am 25. und 29. Mai schlug der tapfere Bauern-General die Bayern und jagte sie aus dem Lande. Schon flog die Freiheitskunde durch das ganze Land, da rollten die Donner von Wagram, und der Waffenstillstand von Znaim stempelte den Heldenkampf eines tapfern Volkes zur Empörung gegen seinen Kaiser. Aber es giebt ein Recht, das in den Herzen geschrieben ist, nicht auf Papieren und Pergamenten - die Fürsten können zur Untreue gezwungen werden an den Völkern, ein Volk nicht zur Untreue an seinem Fürsten - obschon Jeder auch auf dem Posten sterben sollte, wohin ihn Gott gestellt hat, denn wer Treue fordert, muß auch Treue geben, und das Blut ist das Siegel der Treuhaltung in der Weltgeschichte!

Das von seinem Kaiser verlassene Volk war rathlos - der französische Marschall Lefèbvre zog mit seinen Heeressäulen von 40,000 Mann in's Land - Hofer hatte sich in die Eishöhlen des Passeyerthales zurückgezogen, als aber Speckbacher und der tapfere Kapuziner-Pater erklärten, auch dem gezwungenen sie aufgebenden Kaiser die deutsche Treue halten zu wollen und muthig

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auf die Franzosen fielen, da stand auch er wieder an der Spitze der Seinen als oberster Anführer für den alten Herrn und das alte Recht, und wieder am Berge Isel, am 13. August, jagte er den Frankenmarsch all hinaus aus den geliebten Bergen.

Nicht das Schwert, sondern die Feder macht alles Unheil in der Welt und bricht alle Treue. Der von jedem Sohn der Berge hochgeliebte und gefeierte Erzherzog Johann mußte nach dem Wiener Frieden vom 14. October die eigenen Streiter ermahnen, die Waffen niederzulegen, und der kühne Tyroler-Führer unterwarf sich. Die falsche Nachricht von den Siegen und dem Einmarsch des Erzherzogs ließ ihn aber nur wenige Tage rasten, die verhängnißvolle Unterwerfung war kaum in den Händen des Vicekönigs, als auch der Tyroler Held schon wieder die Büchse schwang und den Krieg erklärte; - doch seine Tage des Glücks waren vorüber, die Macht des Frankenkaisers beherrschte die Berge, und vergeblich kämpfte und rang die tapfere Schaar in zahlreichen Gefechten; von Thal zu Thal, von Berg zu Berg drängte sie die Uebermacht, bis die Getreuesten gefallen, oder zerstreut einzeln umherirrten und sich bergen mußten in den unzugänglichen Schluchten und Klammen der heimathlichen Berge.

Der tapfere Tyroler-Führer war verschwunden, als hätte die Erde ihn verschlungen; - vergeblich ließ der französische General Baraguay d'Hilliers ihn suchen und hielt des Sandwirths Haus am Passeyer besetzt, die Familie gefangen, die selbst nicht wußte, wo der Vater und Gatte verborgen war. Das allein wußte man, daß er die Tyroler Berge nicht verlassen und sich geweigert hatte, nach Oesterreich zu entfliehen. Ein hoher Preis war auf seinen Kopf gesetzt, aber noch war kein Verräther gewesen im Land Tyrol! -

Es war am 19. Januar - der Tag war heiter, aber rauh gewesen - die Sonne begann sich nach Westen zu senken und vergoldete die riesigen Massen des Grindl-Berges mit ihrem Strahl.

Vom Passeyer her in schwindelnder Höhe auf rauhem Felspfad, der oft kaum ellenbreit an dem zackigen Gestein sich niederzog, oft über die breiten Eisflächen der Stubbhayer Ferner lief, keinem Auge kennbar, als dem des kühnen Gemsjägers, stiegen drei Männer nieder zum Thal.

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Alle drei führten den langen Alpenstock, diese unentbehrliche Stütze der Bergsteiger - zwei von ihnen, die beiden jüngeren, die Stutzen über der Schulter, der dritte ältere trug einen Kraxen, wie die Tyroler die Kiepen oder Holzgestelle nennen, in denen sie auf dem Rücken die Lasten über die Berge schaffen.

Der Kraxenträger war ein Bauersmann in den vierziger Jahren, sein Gesicht ehrlich und gutmüthig, doch ohne Bedeutung und Energie. Das Gegentheil bot die Physignomie des Zweiten; obschon er kaum in den ersten Jahren der Dreißiger stehen konnte, zeigte dies kräftige Antlitz doch die zahlreichen Spuren eines langen und gewaltigen Kampfes mit den Gefahren der Bergnatur - vielleicht auch mit den Menschen. Der Mann war offenbar, wenn er nicht eben mit menschlichen Feinden zu thun hatte, ein Gemsjäger, das ist mit einem Wort Alles gesagt wenn es gilt, Ausdauer, Kühnheit und Entschlossenheit zu bezeichnen. Er trug den Stutzen handgerecht über der Schulter, den Alpenstock in der Hand und schritt der kleinen Gesellschaft voran, offenbar ihr Führer, die scharfen grauen Augen aufmerksam auf jeden Felsblock, auf jeden Laatschenbusch, Spalten und Krümmung sorgfältig untersuchend und oft stehen bleibend und auf das zufällige Geräusch lauschend, das in der reinen Bergluft der Schall weit hertrug, wenn vielleicht ein Vogel den Schnee im Aufflug gelös't, oder eine vom Hunger aus ihrem dichten Versteck getriebene Gemse bei der Annäherung der Wanderer eilig flüchtete. Wo Gefahr war, ein Spalt zu überspringen, eine Schneewand hinunter zu klimmen, machte er den ihm folgenden Gefährten in gedämpftem Ton darauf aufmerksam, gleich als fürchte er sich selbst in dieser einsamen Höhe, die Stimme zu erheben, und leistete ihm Beistand.

Dieser Gefährte, der dritte der Bergwanderer, war ein rüstiger, schlank und hoch gebauter Mann von höchstens dreißig Jahren. Auch er trug handgerecht den Stutzen und die Kleidung eines Gemsjägers, den Lederjanker, die Kniehosen und die Eissporen an den starken rindsledernen Schuhen, doch hätte leicht jeder Eingeborene schon an dem Schritt des Mannes erkannt, daß er kein Tyroler, kein wirklicher Gemsschütz war, und die ungewohnte Anstrengung ihn schwer ermüdete, während seine beiden Gefährten trotz des langen Marsches in dem gleichförmigen

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raschen und doch vorsichtigen Schritt, der diesen Leuten eigen, keine Spur von Ermattung zeigten. Vielmehr lag in seiner ganzen Haltung, seiner Art, das Gewehr zu tragen, und seinem Wesen etwas unverkennbar Militairisches, und die beiden Anderen bezeigten ihm in ihren Reden einen gewissen Respekt.

Auf der Höhe eines Joches blieb der Führer stehen und wandte sich um.

»Hier, Herr,« sagte er, »ist der Scheideweg für den Franz, er steigt dort hinunter über das Goggljoch in's Thal, wo er bleibt.18 Wenn Oes halt noch was aufzurümen19 habt, 's ist a Zeit!«

Der Angeredete wandte sich zu dem Kraxenmann, der sich bereits anschickte, die Beiden zu verlassen und einen Seitenweg durch den wildesten Theil des Gebirges einzuschlagen.

»Wann steigt Ihr wieder hinauf nach der Keller-Alm, dem Sandwirth die Lebensmittel zu bringen?«

»'s kann a Tag a fünf oder sechs dauern, Cap'tain,« sagte der Träger - »die Franschen lugen überall im Thal und auf jedem Steig, wo sie 'naufkommen können. Man muß a'f den Zipfelzehen gehen, und sich gar z'sehr in Acht nehmen. Vom Passeyr her ist halt gar ka Durchkommen und d'rum muß i halt die lange Wand'rung über den Grindl machen.«

»Sagt ihm, wenn Ihr wieder hinauskommt, ich ließe ihn nochmals bitten, seinen Entschluß zu überlegen. Der Winter, wenn er noch lang und hart andauert, muß ihn endlich aus seinem Versteck treiben. Es ist unmöglich, daß ein Mensch da oben aushalten kann, selbst wenn er eine Riesennatur hat, wie der Andreas. Der Erzherzog ist voll Sorge um ihn und hat ihm ein sicheres Versteck in Ungarn bereitet, wo er ruhig die bessere Zeit abwarten kann. Der alte Gott da droben wird doch nicht immer seine Augen von den deutschen Landen abwenden und diese Frankenherrschaft auf den Bergen und Fluren dulden, die er uns gegeben. Dann, wenn die Zeit gekommen, wo der Kaiser sein Volk ruft, soll auch Andreas wieder auf diesen Bergen stehen

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und seine wackeren Schützen aufrufen zu einer lustigen Jagd, wie wir sie am Isel hatten. Bis dahin muß er sich ruhig halten, denn er hat dem Kaiser schon Verlegenheiten genug bereitet.«

Der Gemsjäger schüttelte den Kopf. »I glaub' halt nit, daß der Hofer die Berg' verläßt. Der Tyroler taugt halt nit für a ander Land - 's macht ihm die Brust zu eng, und die alten Handvesten hab'ns wohl bestimmt, daß der Tyroler nur so weit die Kreidenfeuer glüh'n, dem Kaiser dienen darf.«

»Seid verständig, Freund,« sagte der Capitain, wie sie ihn genannt, »beredet den Pater, Euren Vetter, auf ihn zu wirken. Der Sandwirth möge bedenken, daß er Weib und Kind hat.«

Der Gemsjäger schüttelte den Kopf. »Der Tyroler Sinn, Herr, ist hart wie ihre Berge.«

»Wird er wenigstens sicher dort sein? kann sein Geheimniß nicht verrathen werden?«

Der Schütze lächelte. »Tyroler verplantschen einander nit, Herr! Außer Eek wissen's nur zwei Männer um den Aufenthalt des Generals.«

»Und wer sind diese?«

»Der Ein' ist der Nazi Haspinger, das bin i selber, Herr, und der Andre ist der Franz Raffel, und der steht neben Eek.«

Der verkleidete Offizier ließ einen langen Blick auf dem ehrlichen, aber stumpfen Gesicht des Mannes ruhen. »Ist er unter allen Umständen zuverlässig?« flüsterte er. »Er scheint mir etwas simpel.«

»'s ist wohl a Patscher, Herr, aber an treues Blut. Zehn Wegstund' wandert er von seinem Hof alle Woch', um dem Sandwirth sein Bedürfniß zu bringen. Wir haben ihn gewählt, weil kei Verdacht auf ihm liegen kann und er alle Steg' des Gebirgs kennt am besten auf zehn Meilen in der Rund'. Ueberdies haben wir geschworen in die Hand des Priesters.«

»Eurem Vetter, dem Kapuziner?«

»Nein, Herr - dem Leutpriester, dem Ponay.«

Der Name schien dem Offizier aufzufallen. »So weiß dieser gleichfalls um das Geheimniß?«

»Nein, Herr - er hat nur unsern Eid, weil er der Pfarr-Herr

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ist, aber er selber wa's nix nit von der Kellerlahr.20 Er ist a Freund vom General und war mit am Sterzinger Moos.«

Der Kraxenmann schien ungeduldig zu werden. »B'hüt Di Gott, Herr,« sagte er - »mei Weg ist weit und verhutzelt, i muß heim sein, eh' die Sonn' sinkt.«

Der Capitain öffnete seine Börse und reichte ihm mehrere Goldstücke. »Nehmt, Freund, es ist nicht, um Eure Treue zu belohnen, aber Ihr könnt leicht des Geldes bedürfen für das Ehrenwerk, das Ihr übernommen. Grüßt mir den Sandwirth und haltet Treue!«

Er reichte ihm die Hand, auch der Gemsjäger befahl nochmals dem Kraxenträger an, auf das Vorsichtigste zu handeln und auf jedes Wort zu achten, damit er sich nicht platzedere; dann trennten sie sich, und Raffel, ein ehemaliger Knecht auf dem Sandhof, nahm seinen Weg zur Seite ab, mitten zwischen die Eisfelder hinein und war bald hinter den Abhängen und Wänden verschwunden.

Der Offizier und sein Führer setzten unterdeß den ihren nach den Thälern fort, Beide ziemlich schweigsam, denn der Erstere dachte an seine, durch den Eigensinn oder den Patriotismus des berühmten Tyrolers vereitelte Mission, ihn zur Flucht nach Oesterreich zu bewegen und ihn dahin zu begleiten, wo zur Zeit die mit dem Schwert des Siegers unternommene Werbung Napoleons um die deutsche Kaisertochter das französische Regiment ziemlich nachsichtig machte; - der Andre, indem er, je näher sie den von Menschen bewohnten oder wenigstens ihnen zugänglicheren Regionen kamen, desto mehr Vorsicht und Aufmerksamkeit beobachtete.

Plötzlich blieb er lauschend stehen und hielt die Hand an's Ohr.

»Was giebt's, Nazi?«

»Ein Schuß, Herr - wenn mi mei Ohr nit täuscht.«

»Ich höre Nichts.«

Das Ohr des Bergbewohners war schärfer. »Des ist halt wieder aner! Der Schall kommt vom Goggljoch her, wo der Franz hinüber g'gangen.«

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Diesmal hatte auch der Capitain einen leichten Ton vernommen, aber so undeutlich und fern, daß alle seine Uebung von den Schlachtfeldern her dazu gehörte, ihn für den Wiederhall eines Schusses zu erkennen.

»Vielleicht ein Jäger, der einen Gemsbock erlauert!«

Haspinger schüttelte den Kopf. »'s ist kane Zeit auf die Gamsen und a Tyroler Jäger schießt nur ane Kugel.«

»So ist unserm Gefährten vielleicht ein Unglück passirt. Laßt uns zurück, ihm Beistand zu leisten.«

»Nix da - wenn's gescheh'n, können wir ihm nit helfen und würden uns nur selbst in's Unglück bringen. Der Franz Raffel is a Botengänger, und wenn ihn a Patrouil' ach im Gebirg' antreffen sollt', können's ihm nix anhaben. Zur Noth hat er gar nix bei sich und kennt a alle Stag', daß er sich so leicht nit derwuschen laßt. Er wird schon glücklich zu Haus kommen, wir aber, Herr, müssen uns eilen, deß Oes zum Hof kommt, bevor es dunkel, denn so weit darf ich mi nit hinabwagen.«

»Und wie werd' ich von dort weiter kommen?«

»Oes werdet zu der Kathi, meinem Weib, die Wort' sagen: »Der Mann vom Grieskogel schickt mi,« und sie wird Euch aufnehmen a'fs Best'! Sie is verschwiegen und ratscht nit a Sylb'. Dort könnt Oes ausruh'n, Herr! Sagt ihr, sie soll's Wägerle rüsten und am Morgen mit einer Haarfuhr21 Enk nach Spruck22 schicken als Knecht, so kommt Oes sonder Gefahr dorthin, wo Oes Freunde habt.«

»Ihr habt Recht, Nazi, in Innspruck hat es keine Gefahr mehr, obschon die Stadt voll Bayern und Franzosen liegt. Es handelt sich nur darum, den Rückweg über Botzen und den Brenner zu vermeiden, denn sie haben feine Nasen! Aber wie werd' ich Euer Haus finden?«

»Ane Viertelstund' noch, Herr, und i zeig's Enk von der Felswand dört herunter, wo Oes den Weg nit mehr fehlen könnt.«

Sie schritten noch eine kurze Strecke weiter, dann nahm der jetzt selbst als Wild gejagte und gehetzte Gemsjäger das Perspectiv

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oder Bergspectiv, wie die Tyroler sagen, aus der Tasche und richtete es nach dem Thal.

Es war noch hell im Grund, obschon die Sonne sich hinter die Riesenwände des Oetzthals zu senken begann und die Dämmerung im Grunde bald eintreten mußte.

Plötzlich sah der Offizier den starken unerschrockenen Mann wanken und unter der braunen, gesundheitstrotzenden Farbe der Bergluft erbleichen. Die Hand mit dem Glas sank kraftlos nieder.

»Um Gotteswillen, Haspinger - was ist Euch - was ist geschehen?«

Der Mann hatte schon wieder das Glas am Auge und schaute hinunter, weit vorgebeugt über die Felswand, als wolle er sich darüber hinunter werfen, nur fest sich haltend an dem zähen Laatschengebüsch.

»Sprecht, Mann, redet - was seht Ihr?«

Der Tyroler trat zurück und ließ das Glas fallen - er schlug beide Hände vor das Gesicht und sank in die Knie.

»Mei Weib - mei Kind! Heil'ge Mutter der Schmerzen, was hat das Ruechenvolk mit ihnen gethan? und der Nazi konnt' nit bei ihnen sein!« Er geberdete sich wie ein Wahnsinniger.

Der Capitain faßte ihn an. »Faßt Euch, seid ein Mann, Haspinger! Sprecht, was ist geschehen - was bewegt Euch so plötzlich?«

»Die Franzosen haben den Hof angezund't, wo mei Weib und die Nahndel23 wohnte! Am Platz, wo mei ganz Glück af der Welt, is nix als a Trümmerhauf mit rauchendem Gebälk!«

Der Offizier nahm das Glas, er ließ sich von dem Unglücklichen die Richtung zeigen und erkannte in der That in einem der Bergwinkel des Thals auf der Haide eine noch frisch dampfende Brandstätte. Die Feuersbrunst mußte im Lauf des Tages stattgefunden haben. Die Brandstätte war einsam - keine helfenden Menschen zu bemerken, nur zwei oder drei - in dieser Entfernung zu winzige Gestalten, um sie zu erkennen, aber das Blitzen der Bajonnete überzeugte den Kundigen, daß es Schildwachen sein mußten.

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»Das ist traurig,« sagte der Offizier theilnehmend, »aber Ihr müßt ein Mann sein, Freund, und durch das Unglück Euch nicht niederdrücken lassen. Ein Haus ist leicht wieder aufgezimmert, wenn die Zeit wieder eine bessere geworden. Euer Dach ist nicht das einzige, was die Fremdlinge und die deutsche Uneinigkeit in Flammen unnützer Grausamkeit aufgehen ließen; die Felder und Berge umher kann Menschenmacht Euch nicht nehmen, und was Ihr verloren, kann der Kaiser Eurer Treue ersetzen!«

»Was schiert mi Haus und Hof, Herr,« sagte selbst unwillig der Bauer, »des ist Kriegsschicksal. Aber mei Weib - mei Kind - das alte Weibsbild, die Nahndel - «

»Sie werden sie vom Hof vertrieben und vielleicht aller Habe beraubt haben,« tröstete der Capitain, »aber weiter geschehen kann ihnen Nichts sein, und es giebt keine Hütte in Tyrol, die nicht den Bedrängten ihre Thür öffnen würd'.«

Der Gemsjäger schüttelte den Kopf. »Oes kennt das fransche Ruechenvolk schlecht, Herr,« sagte er finster. »Auf alle Fälle is mei Entschluß g'faßt, i muß 'nunter in's Thal, um selber zuzuschau'n, wo die Meinen geblieben sind.«

»Aber, Mann, das könnte Euch in's Verderben stürzen. Es kann kein Zweifel sein, daß das ganze Stubbhayer Thal von feindlichen Truppen besetzt ist. Laßt mich geh'n und gebt mir nur die nöthigen Anweisungen, ich bin jung und kräftig und mich kennt Niemand. Ueberdies wird mich sicher keiner der Bewohner verrathen!«

Der Gemsjäger weigerte sich entschieden. »Meint Oes wirklich, daß i hier aushalten könnt' zwischen dem Eis und dem Felsgestein hoch droben in Sicherheit, während Weib und Kind, mei herzig klein Dirndl da unten vielleicht in Tod'snoth nach dem Vater schrei'n? I muß hinunter und wenn der Franzosenkaiser sei ganz Armee vor den Stubbhayer gestellt hätt'. Aber Oes, Herr, dürf' nit 'nunter - das Soldatenvolk würd' gleich a Witterung haben und der Zufall könnt' sei leidig Spiel machen. Wo i Tritt und Schritt kenn' und dem Feind a Schnipperl schlag', würd' Oes ihm in die Hand' laufen. I hab' mei Tyrolerwort dem Hofer gegeben, Enk sicher über's G'birg zu führen, und werd's halten. Oes müßt hier oben warten, bis i wiederkomm'

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oder Botschaft send' noch in der Nacht. Dort hinter dem Felsgang und der Laatschenwand tief im G'spalt is a alte Jägerhütt' - ka Mensch kennt sie, als die Gamsjäger und die Sennhirten. Sie wird Enk vor der Kalt' schützen mit dem Kratzen24 da und Oes dürft sie nit verlassen, bis Oes drei Mal den Adlerschrei g'hört.«

Er machte ihm das Zeichen vor, so natürlich, daß der Offizier fast unwillkürlich sich umschaute, den König der Lüfte auf irgend einer der hohen Felskuppen oder schwebend in den blauen Wolken über dem Thalgrund zu schauen. Und wunderbar - gleich als hätte das Signal des Jägers das Echo wachgerufen - ihm antwortete von unten und oben ein gleicher Schrei - unter einer entfernten überhangenden Felswand hervor schoß ein mächtiger Adler und segelte auf ausgebreiteten Schwingen über den Abgrund hin, während hoch oben kaum sichtbar ein dunkler Punkt in regelmäßigen weiten Kreisen zog.

Unwillkürlich faßte der Tyroler nach seinem Stutzen und schien einen Augenblick lang das Unglück in der erwachenden Lust des Jägers vergessen zu haben, das ihn betroffen. »Schaut, Herr - des ist a Glückstag - seit acht Tagen such' ich's Genest von dem Gewürm vergebens und jetzt muß sich's schicken, daß ich's durch Zufall entdeck'!« Dann aber fiel ihm gleich wieder seine traurige Lage ein. Aber 's ist nix mit 'nem guten Schuß, am Wenigsten heut, wo i andre Ding' zu sorgen hab'. Kommt, Herr, und laßt Enk das schlimme Gethier nit stören.«

Er klomm mit seinem Gefährten die fast unzugängliche Felsspalte hinan, wo hinter einem Vorsprung von dichtem Laatschengebüsch und einer Schneewand verborgen die halb verfallene Jäger-Hütte lag. Nachdem er ihm nochmals in aller Hast anempfohlen, sich nicht zu entfernen und die zerfallenen Wände mit Schnee festzustampfen, um am Abend desto besser die Kälte abzuhalten, entfernte er sich eilig und stieg zu dem vorhin verlassenen Pfade wieder hinab.

Hastig, doch mit der Gewohnheit, die ihm das Jägerleben zur zweiten Natur gemacht, Auge und Ohr vorsichtig vorausspähend,

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setzte er den rauhen, zum Thal führenden Weg fort, bald über gähnende Spalten sich schwingend, bald an den Schneewänden niedergleitend, um ihn hier und da abzukürzen.

Plötzlich erbebte er und blieb lauschend stehen - ihm war, als hätte er einen scharfen Ton gehört, gleich dem Knacken eines Flintenhahns.

Er lauschte aufmerksam umher - seine Augen schienen jeden Spalt der geklüfteten Felsmasse, die schneebedeckten Büsche und Wände zu durchdringen - Nichts ließ sich sehen, kein verdächtiger Ton war zu hören. Schon hob er den Fuß, überzeugt, daß er sich geirrt, um weiter zu schreiten, als sein Auge plötzlich auf den Boden fiel.

Der Platz, auf dem er stand, war der obere Rand jener Felswand, von der er vorhin das Adlerweibchen hatte auffliegen sehen. Der Weg lief hier etwa zwei oder drei Schritt breit eine kurze Strecke an der schroff aufsteigenden Bergwand zur Rechten hin, während links ihn der Abgrund begrenzte, bis er im scharfen Winkel um die Felsenwand bog und sich dann, wie er wußte, zu einem wohl zwanzig Schritt breiten Vorsprung erweiterte, der über der fast senkrechten Wand niederhing.

Der scharfe Nordwind hatte den schmalen Felsengrat, auf dem er dahinschritt, fast rein von allem Schnee gefegt und das nackte Steingeröll rutschte unter seinen Füßen. Aber in einer kleinen Vertiefung war eine dünne Schicht von Schnee zurückgeblieben.

Auf diesem Schnee war unverkennbar die Spur eines Fußes abgedrückt, nicht eines Bergschuhes, sondern eines gewöhnlichen Stiefels.

Diese Spur war gegen ihn gerichtet - der Mann also den Weg heraufgekommen - der Schnee überdies frisch.

Der scharfe, gleich dem Geist des amerikanischen Wilden auf dergleichen geübte Instinct des Jägers hatte ihn alle diese Beobachtungen im Nu - schneller, als das Wort sie aneinander zu fügen vermag - machen lassen.

In demselben Augenblick war auch der Stutzen von der Schulter gerissen und er sprang zurück, um wieder umzukehren.

Aber es war zu spät.

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»Halte-là!«

Zwei Gewehrmündungen blitzten ihm aus dem dunkeln Laatschengebüsch entgegen und versperrten ihm den Rückweg.

Er wandte sich entschlossen vorwärts - vier, fünf Soldaten in den grauen französischen Capots lagen an der Biegung des Weges im Anschlag, hinter ihnen stand ein Offizier - Gewehre blitzten hinter dem Vorsprung der Felswand.

»Rendez-vous! - Vous êtes prisonnier!«

»Nit lebendig, Weibermörder und Mordbrenner!« Seine Adern schwollen, der Stutzen lag im Nu an seiner Wange, die todbringende Mündung gegen den Offizier gekehrt, der Finger zuckte nach dem Drücker -

»Nazi - um der Heiligen willen - Nazi, rühr' Dich nit, oder sie tödten mich und das Dirndl!«

Beim ersten Laut der Stimme sank der Arm kraftlos nieder - allmächtiger Gott, das war die Kathi, sein Weib - unter Tausenden hätte er diesen Ton erkannt, obschon er sie noch nicht zu sehen vermochte.

»Jesu Christ - Kathi, wo bist Du, wo kommst her?«

Durch die Soldaten, den Offizier zur Seite stoßend, brach eine junge Frau sich Bahn, bleich, das Auge von Thränen geröthet, die Spuren roher Behandlung und Gewaltthat in ihrem ganzen Aeußern. Sie stürzte zu dem Gemsjäger, sie umschlang ihn. »Er ist unschuldig, Herr, er giebt sich, nur tödtet en nit!«

»Kathi, wo ist das Dirnl - das Kind?«

»Dorst! dorst!25 Sie Halten's gefangen, wie mich, aber wahr und wahrhaftig nit, wir haben's nit geplauscht, daß Du kömmst!«

Er wollte das treue Weib vertrauend an's Herz drücken, aber schon erfaßten von allen Seiten rauhe Hände ihn, die Bajonnete auf Kopf und Brust gesetzt, jede Bewegung mit augenblicklichem Tod bedrohend.

»Bindet ihn!«

Im Nu waren seine Arme auf den Rücken geschnürt; der Gemsjäger machte keine Bewegung des Widerstandes, er wußte,

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daß er vergeblich war und wahrscheinlich nur sein und der Seinigen Schicksal verschlimmern mußte - finster fügte er sich in alle Befehle.

»Was is mit dem Hof - wo is die Nahndl?«

»Sie haben den Hof anschürt26 - all' unser Hab und Gut is verloren,« jammerte das Weib. »Niemand durft' uns zu Hilf' kommen. Die Nahndl liegt im Sterben vor Schreck und Angst beim Scheiben-Lex, mich und das Kind haben's mit Gewalt hergeführt - i weiß nit, warum!«

Der Gemsjäger warf einen wilden, drohenden Blick auf den langen Offizier und die bärtigen Soldatengesichter umher. »Was soll das sein? Warum bind't man mi und zündet mei Haus? I bin a freier Tyroler und hab' nix g'than, was i nit vor Gott und dem Kaiser verantworten könnt'.«

»Bringt den Burschen hierher,« befahl der Offizier, ohne auf die Protestation zu achten, indem er um den Vorsprung des Felsens zurückkehrte nach dem größern, oben erwähnten Plateau.

Man schleppte und stieß den Jäger dahin, während sein Weib weinend folgte.

Auf dem Felsvorsprung befanden sich wohl noch acht bis zehn französische Soldaten, ein Posten am Ausgang des Weges, der weiter hinab zum Thal führte, die anderen eine Gruppe umgehend, die auf einem Felsstück saß.

Es waren zwei Männer und ein etwa vierjähriges Kind, ein hübsches kleines Mädchen, das beim Erscheinen der Gefangenen dem Vater und der Mutter die Hände entgegenstreckte und weinend zu ihnen wollte, erschreckt von den fremden bärtigen Soldatengestalten umher.

Aber der Mann, der sie auf seinem Schooß hielt und der in einen weiten französischen Soldatenmantel gekleidet war, den Kragen hoch aufgeschlagen und eine Pelzmütze über die Ohren gezogen, so daß man zu Anfang sein Gesicht nicht zu erkennen vermochte, hielt sie fest.

Neben ihm saß in seinem Mantel ein französischer Offizier, obschon jung - kaum zweiundzwanzig Jahre - bereits mit den

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Abzeichen des Capitainsranges. Er hatte ein schön markirtes, aber wildes und herrisches Gesicht, das in diesem Augenblick von dem unverhohlenen Vergnügen über den Fang geröthet war.

Der Capitain sprach gebrochen deutsch; auf seinen Wink wurde der Gefangene bis auf vier oder fünf Schritte vor ihn geführt, wo ihn die Soldaten festhielten. Sein Weib hing noch immer an ihm, zagend und greinend.

»Wie heißest Du?«

»Nazi Hasperger!«

»Dein Gewerbe?«

»A Gamsschütz, Herr!«

»Wir kennen Dich besser, Bursche. Du bist der Genosse des Spitzbubenführers Hofer, der sich Gouverneur von Tyrol zu nennen wagt, und einer der gefährlichsten Insurgenten.«

Der Gefangene faltete trotzig die Stirn. »Wir sind kei Spitzbuben, Herr, sondern ehrliche Männer, die des Kaisers Land vertheidigen.«

»Schweig, fripon! ich werde mich nicht herablassen, mit Dir zu streiten. Wo kommst Du her?«

»Vom Hochgebirg', Herr, wo die Männer Tyrols wie die flüchtige Kiß27 sich verbergen müssen. I wollt' sehen, welcher Teufel mei Haus ang'schürt und a schuldlos Weib und Kind in's Elend g'bracht!«

»Wahre Deine Worte, Bursche, oder Du kannst noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen. Wo ist Dein Gefährte![?]«

Der Tyroler stutzte, faßte sich aber rasch wieder. »I waß von kanem G'fährten nit!«

»Lügner!«

Der Gemsjäger schwieg.

»Willst Du gestehen?«

»Na, Herr, i kann nit plauschen, was i nit waß!«

»Thor! - das Läugnen nützt Dir Nichts - unsere Ferngläser haben uns gezeigt, daß Ihr zu Zweien war't. - Wie heißt der Andre? ich kann diese verdammten deutschen Namen nicht auf der Zunge behalten!«

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Er wandte sich mit der Frage an den im Mantel verhüllten Mann, der das Kind hielt.

»Franz Raffel, Monsieur!«

Der Gemsjäger erbebte bei dem Ton dieser Stimme, die ihm nicht unbekannt war; er versuchte mit seinem Blick die Verhüllung zu durchdringen, aber der Unbekannte vereitelte es, indem er das Gesicht abwandte.

Auf der andern Seite wälzte sich eine Last von der Brust Haspingers. Man ahnte also Nichts von der Anwesenheit des Capitains, man hatte diesen für den Bauer gehalten und er konnte noch gerettet werden, wenn das Geheimniß bewahrt blieb.

Einige Augenblicke der Ueberlegung genügten ihm, seinen Entschluß zu fassen; er sah ein, daß unbedingtes Läugnen den Verdacht nur vermehren und eine strengere Nachforschung veranlassen würde, und zweifelte überdies keinen Augenblick, daß es dem, jedes Schlupfwinkels und Wildpfades in den Gebirgen kundigen Raffel mit leichter Mühe gelingen werde, einer Verfolgung zu entgehen. Er dachte nicht anders, als daß der Hinterhalt ihm selbst gelten mußte, da er als einer der flüchtigen Theilnehmer des Aufstandes bekannt war und irgend ein Zufall oder Feind verrathen haben konnte, daß er sich in der Nähe seiner Familie aufhielt. Denn daß die Streiferei der Soldaten durch das Gebirge nicht bloßer Zufall war, bewies ihm die Anwesenheit seines Weibes und Kindes, deren nähere Ursach' er noch nicht begreifen konnte.

Aber er sollte sogleich schwer enttäuscht werden.

Der Capitain erhob sich und trat vor ihn hin.

»Du wirst uns zu dem Versteck Hofers führen, bei Deinem Leben!«

»I - Herr?«

»Du selbst. Läugnest Du, daß Du das Versteck des Rebellenführers kennst?«

»I waß nit, wo der General sich aufhalten mag. Er is längst über die Grenz'!«

»Lügner! Wir wissen auf das Bestimmteste, daß er sich noch in diesen Gebirgen verborgen hält. Du und Dein Begleiter von vorhin, Ihr seid seine Vertrauten und wißt, wo er sich aufhält.

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Ich sichere Dir Leben und Freiheit und eine Belohnung überdies, wenn Du uns zu ihm führst.«

»I waß nit, von was Oes plautscht, Herr!«

»Bursche, ermüde meine Geduld nicht. Bedenk', es handelt sich um Dein Leben.«

Der Gemsjäger zuckte die Achseln. »Was i nit waß, Herr, kann i nit sagen.«

»Stellt den Schurken an die Felswand dort. Drei Mann fertig zum Feuern, Lieutenant Lasure.«

Der Offizier, viele Jahre älter als sein Vorgesetzter und eines jener wüsten, rauhen Gesichter aus den Kriegen der Republik, ergriff den Tyroler und stieß ihn rauh an die Felswand. Die Frau warf sich schreiend vor ihn, aber auf einen Wink des Capitains wurde sie von ihm getrennt und von zwei Soldaten festgehalten.

»Bekenne!«

Der Gefangene schwieg und zuckte verächtlich die Achseln.

Der Capitain machte seinem Untergebenen, der kein Deutsch verstand, ein Zeichen mit dem Kopf.

»Drei Mann hierher!« befahl dieser. »Fertig zum Feuern!«

Die Hähne knackten - die Mündungen der Musketen befanden sich nur wenige Fuß von der Brust des Bedrohten.

In dieser Noth riß sich die Frau los von ihren beiden Wächtern und stürzte dem Capitain zu Füßen, seine Knie umfassend.

»Barmherzigkeit, Herr - ermordet den Nazi nit! Bei der Mutter Gottes, gebt Gnad'!«

»Weißt Du, wo Hofer sich versteckt hält, Weib?«

»Bei mei Seligkeit, Herr, so wahr i Gnad' hoffe auf mei Todtenbett, i waß es nit!«

»Aber er?«

Das junge Weib, selbst in ihrer Angst und in ihren Thränen nicht ohne jene eigenthümliche Schönheit, welche die Gesichtsform und das Augenfeuer der Italienerin mit der Frische der deutschen Bergbewohner in den Tyrolerinnen vereinigt, verhüllte schluchzend ihr Gesicht. Die rohen Blicke des Lieutenants ruhten mit einem gewissen lüsternen Wohlgefallen auf ihr.

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Der Capitain deutete auf die Frau.

»Du bist Soldat gewesen - rede wie ein Mann. Kennt sie das Geheimniß?«

»Nein!«

»Aber Du - Du hast Dich selbst verrathen!«

Der Tyroler schwieg.

»Frau - liebst Du Deinen Mann von Herzen?«

»O Herr - Gott im Himmel waß, wie sehr!«

»Und er - liebt er Dich wieder?«

Sie blickte verschämt auf - der Blick unsäglicher Liebe, den sie auf ihren Gatten warf, die Hand, die sie nach ihm streckte, antworteten besser, als Worte es gekonnt.

Der junge Offizier glaubte ein Mittel gefunden zu haben, den Widerstand des Gefangenen zu brechen. Er erhitzte an diesem seinen eigenen Eifer mehr und mehr bis zur Erstickung aller anderen Gefühle.

»Bindet die Frau!«

»Herr - was wollt Oes thun?«

»Willst Du reden?«

Der Tyroler schwieg.

»Bindet sie!«

Die Soldaten waren bereits an der Aermsten, die, zum Tode erschrocken, keinen Widerstand leistete. Das Kind schrie kläglich nach seiner Mutter.

»An den Felsen dort gegenüber mit ihr!«

Die Frau wurde dahin gestoßen; selbst der wilde Subaltern-Offizier blickte fragend, zweifelnd auf seinen Vorgesetzten.

»Drei Mann vor!«

Drei andere Henker stellten sich vor die Frau!

»Ich habe geschworen, Mann, den Aufenthalt des Rebellenführers zu entdecken, so wahr ich Fourichon de Massaignac heiße! Bei diesem Kreuz, das mir der Kaiser bei Eßlingen gab! Bedenk' also, Mensch, daß ich nicht scherze, und Du, Weib, flehe zu Deinem Mann, wenn er Dich lieb hat, zu reden, denn es gilt Dein Leben!«

»Gnade, Herr! Gnade für mei unschuldig Weib!«

»Willst Du bekennen?«

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Der Gemsjäger antwortete nicht.

»Fertig zum Feuern! - Schlagt an!«

Der Tyroler rang außer sich wie ein Rasender in seinen Banden gegen vier der Soldaten, die ihn festhielten.

»Mörder - elende Feiglinge!«

»Willst Du reden?«

»Kathi - Kathi - i darf nit!«

»Sei a Mann, Nazi - hab' i g'standen im Kugelregen mit Dir am Sterzinger Moos, kann i a sterben hier den Tod für's Tyrolerland! Die heil'ge Jungfrau wird's segenen an unserm Kind!«

»Eins - Zwei - «

Die arme Frau fiel in der Todesangst auf die Knie.

»Heil'ge Mutter Gottes, sei mir gnädig! Leb' wohl, Nazi, und b'hüt' das Stas'l!«28

»Willst Du reden?«

»Fluch Enk und allen franschen Henkersknechten! Mögen die Tyroler Berg' Euer Grab werden!«

»Dann - Cap de Bioux! So habe, was Du willst!«

Der Capitain hob die Hand, aber eine andere faßte sie und drückte sie nieder.

Es war der Mann im Mantel, der noch das Kind im Arm hielt. »Das ist ein schlechtes Mittel, Capitain,« sagte der Fremde französisch - »auf diese Weise werdet Ihr's nie erfahren. Droht mit dem Kinde, das ist's, was Beiden am meisten am Herzen liegt. Für das Leben des Kindes wird das Weib bitten, nicht für das eigene!«

Der junge Offizier murmelte einen wilden Fluch. »Der Teufel mag bei einem Priester in die Schule geh'n! Ihr habt Recht - ich war blind! - Gewehr in Ruh' - setzt ab!«

Die Musketen rasselten auf dem Schnee - die geängstete Frau warf ihre Augen, von Thränen überströmend, dankend zum Himmel und dann in freudiger Hoffnung auf Gatten und Kind, denn sie glaubte, das Mitleid habe gesiegt in dem Herzen des Offiziers.

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Aber der finstere Blick desselben machte sie erbeben.

Der Capitain hatte den Arm des Kindes gefaßt und war mit diesem dicht an den Rand des Plateau's getreten, wo der Fels überhing über die jähe furchtbare Tiefe, zu der unzugänglich, schroff und steil die Schnee- und Felsenwand niederstieg. In seiner Brust schien ein Kampf vorzugehen, das bessere Gefühl, die Menschlichkeit rang mit dem Teufel des Stolzes und Zornes.

Nur zwei Schritte von ihm stand der Verhüllte.

»Vielleicht ist Capitain Bourdillon glücklicher und bringt den Andern zum Reden!«

Die in leichtem Ton, aber mit tiefer Bedeutung gesprochenen Worte schienen den jungen Offizier zum trotzigen Entschluß zu treiben.

»Capitain Bourdillon soll mir nicht den Vorrang ablaufen - der Auftrag des Generals soll erfüllt werden - ich habe es geschworen, bei meiner Ehre!«

Er wandte sich barsch zu dem Mann im Mantel. »Es ist keine Zeit, Versteckens zu spielen - reden Sie zu den Leuten und sagen Sie ihnen, was auf dem Spiele steht - das Leben ihres Kindes!«

Der Mann erfüllte sichtlich ungern den Befehl, aber es blieb ihm unter dem strengen Blick des Offiziers Nichts übrig. »Nazi Haspinger,« sagte er gleißnerisch, »Du hast Deine Pflicht als ehrlicher Mann gegen Dein Vaterland erfüllt - Du hast aber Pflichten auch gegen Weib und Kind. Im Namen Gottes und seiner Heiligen entbinde ich Dich von Deinem Eid - Du kannst ohne Besorgniß reden, wo der Hofer sich versteckt hält!«

Der Mantel war zurückgefallen - man sah unter seinen Falten das schwarze Gewand eines Geistlichen.

Haspinger starrte ihn an, als wollten die Augen aus seinem Kopf dringen - erst erstaunt - verwundert - dann flog die Röthe des Zorns über sein männlich Gesicht.

»Priester Douay - Oes - wo kommt Oes hierher?«

»Er is a Verräther, Nazi,« schrie die junge Frau herüber. »Deß Gott erbarm' - er hat dem Franzos' den Weg hier herauf gezeigt, denn er wußt', daß Du kommen würd'st!«

»Priester - Mann Gottes - was habt Oes gethan? -

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Wollt Oes Euer Land verrathen an den Feind - Euren eigenen Freund, den Landeshauptmann?«

»Schweig!« herrschte der Pfaffe ungeduldig ihm zu. »Was versteht ein Mann wie Du von der Politik. Der Napoleon ist Herr im Land durch kaiserlichen Friedenstraktat und der Hofer nichts mehr, als ein gefährlicher Rebell. Ich sprech' Dich los, Dich und den Peter Raffel von dem Eid, den Ihr geleistet in der Ranalter Kapell' - weiter brauchst Nichts - ich hab' die Macht, zu binden und zu lösen!«

»Nit die Ehr'! nit die Treu' anes Tyroler Mann's!« sagte der Gemsjäger stolz und fest. »Falschzüngiger Priester - schwarzes Herz! Möge Dir Gott vergeben, deß die ehrlichen Tyroler Gebirg' an Verräther schau'n im Mann Gottes, der uns armen Lüt' den Weg zeigen soll in's himmlische Reich!«

»Thor - Du wirst es bereuen! Der Capitain ist nicht der Mann, mit sich scherzen zu lassen!«

»Und wär' er der Deuxel aus der Höll' - er wird nit Leids thun dem unschuldigen Kind! Gott der Herr ist über ihm, wie über mir - hier ist mei Brust! mögen die Franzosenkugeln sie zerreißen - Du aber bist a meineidiger Verräther an Deinem Herrgott und Deinem Land und i spei' Dir in's Ang'sicht, falscher Bub'!«

Die That folgte dem Wort; der Priester stürzte mit geballten Fäusten drohend auf ihn zu, aber dann ermannte er sich und kehrte ihm den Rücken.

»Er ist ein trotziger Bub', Herr,« sagte er tückisch zu dem Offizier, »der Eurer und des Kaisers Ansehn spottet. Ihr müßt das Schlimmste ihm thun, wenn Ihr seinen Starrsinn brechen wollt. - Droht dem Rebellen-Bankert, Capitain,« fuhr er flüsternd fort, »es ist das einzige Mittel, oder das Geheimniß entgeht uns!«

Rother Jähzorn, steigende Leidenschaft lag auf der Stirn des Capitains. »Wage es nicht, länger mit mir zu spielen, Mann - Du kennst mich nicht und weißt nicht, wessen ich fähig bin! Nieder auf die Knie und bekenne, wenn Du das Leben dieses Kindes retten willst.«

Seine rauhe Faust faßte das unschuldige Wesen und drängte es dicht zum Abgrund.

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»Barmherzigkeit, Herr, wenn Oes ein Mensch seid. Tödtet mich, aber laßt das Dirndl!«

»Bekenne - weißt Du des Sandwirths Versteck?«

»I waß es, Herr - aber i hab' geschworen - «

»Wo ist es? Sprich - «

»Niemals, Herr - i kann nit ... «

Der Capitain hob das Kind wie eine Feder in seinen Armen empor und hielt es über dem Abgrund. »Rede - oder ich zerschmettere es an den Felsen!«

Die unglückliche Mutter sank bei dem Anblick in die Knie. »Heil'ge Mutter Gottes, mei Kind! mei Kind! Mann, was thust Du - rette das Dirndl!«

»I kann nit, Weib - i - «

»Unser Einziges - unser Alles - Nazi, rede - «

»Weib, mach' mi nit rasend! - i darf nit - i kann nit!«

»So habe, was Du willst - «

Der Offizier schwang drohend das Kind empor, als wolle er es in den Abgrund schleudern - der Gemsjäger rang wie ein Verzweifelter in den Armen der rauhen Soldaten, die selbst nicht ohne Theilnahme und Widerwillen auf das grausige Schauspiel zu blicken begannen.

»Bekenne!«

»Niemals!«

Ein Schluchzen - mit der Kraft einer Löwin riß sich die Mutter aus den Händen ihrer Wächter und stürzte auf den Offizier zu. Er wollte ausweichen - eine Bewegung - ein gellender gewaltiger Schrei, wie aus zerreißender Brust - die Hand des Capitains war leer - er selbst taumelte am Abgrund und nur der Arm des Verrätherischen Priesters riß ihn vom Sturz zurück, der ihn nachzuziehen drohte dem unschuldigen Opfer.

Die Frau lag ohnmächtig auf dem Schnee!

»Rettet das Kind - rettet das Kind! Bei Gott im Himmel, es war nicht meine Absicht!«

»Bösewicht! doppelter Mörder!«

Der unglückliche Vater, den die Soldaten, selbst entsetzt von der That, losgelassen hatten, donnerte es ihm in's Ohr, indem er neben seinem bewußtlosen Weibe kniete und sie wenigstens mit

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seinen Worten in's Leben zu rufen suchte, da ihm die Hände noch immer gebunden waren.

Unterdeß waren Alle, die nicht gezwungen mit der Bewachung der beiden Gefangenen beschäftigt blieben, an den äußersten Rand des Felsens geeilt, über den weit hinaus gebeugt, todtenblaß der Capitain seinem Opfer in die Tiefe nachschaute.

Wir haben bereits erwähnt, daß die Felsenplatte über den Abgrund vorstand und die Wand dann zum Theil mit Schnee bedeckt, sich in überaus steilem, fast senkrechten Winkel zur unermeßlichen Tiefe streckte.

Ein Schrei des Erstaunens - der Freude - einer der Soldaten, der zur Seite getreten, wo der Steg sich um den Felsen zur Stelle kehrte, an der der Gemsjäger verhaftet worden, deutete nach der Wand.

Ein starker ästiger Laatschenbusch hatte hier, etwa vierzig Fuß unterhalb des Plateau's, in den Sprüngen des Gesteins Wurzel geschlagen und sich ausgebreitet. Er war dick mit Schnee bedeckt und bildete gleichsam eine Art von Vorsprung.

Aus diesem Gewirr von Laub, Zweigen und Schnee tauchte jetzt der rosige Kinderkopf in die Höhe, das kleine unschuldige Gesicht hin und wieder unter der warmen Pelzhaube ein wenig geritzt von den stacheligen Laubnadeln, aber sonst ganz frisch und munter. Das beschneite Laatschendickicht, elastisch, wie von Federn, hatte den Fall gebrochen und das Kind wie in weichen Mutterarmen festgehalten. Das Gewirr der Zweige und Aeste war in der Tiefe so dicht und undurchdringbar, daß es der kleinen Last vollkommenen Widerstand geleistet. Weiß doch Jeder, der das Hochgebirge der Alpen besucht, wie zäh' jeder einzelne Zwng dieser einzigen Belaubung des nackten Felsgesteins ist, und welche Mühe es macht, diese Büsche zu durchdringen. Müssen doch mehr als einmal die zähen Zweige die Last eines erwachsenen Mannes über dem Abgrund tragen, daß zwischen ihm und der Ewigkeit Nichts ist, als der schwanke dünne Halt, und dennoch, so lange der kühne Gemsjäger und Bergsteiger ihn noch in der sehnigen Faust halt, verzweifelt er nie an seiner Rettung.

Der Tyroler, der bei dem Ruf emporgesprungen, und der Pfaff' sahen sogleich mit den Wundern dieser Bergnatur bekannt,

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daß das Kind gerettet werden konnte, wenn es sich ruhig verhielt und die geeigneten Mittel herbeigeschafft wurden. Der Ruf: »Es lebt! es lebt!« drang selbst durch die Ohnmacht der Mutter und rief sie zum Leben zurück. Mit dem Geschrei: »Mei Dirndl! wo is mei Kind?« fuhr sie empor und kniete an dem Rand des Abgrunds, vergeblich versuchend, die gebundenen Hände nach ihm auszustrecken.

Das Herz des Offiziers schien erweicht durch das furchtbare Unglück und den erbarmenswerthen Anblick; er befahl, die Bande der Frau zu lösen und nach kurzem Bedenken auch die des Tyrolers, indem er dem Lieutenant einen Wink gab, ihn scharf bewachen zu lassen. Der Gemsjäger drückte sein Weib an die Brust, dann wandte er wieder sein Auge auf das Kind, alle Chancen der Rettung mit dem an Schwierigkeiten gewöhnten Blick ermessend.

Aber die Gefahr wuchs zum Entsetzlichen durch das Kind selbst.

Das kleine Mädchen schien durch den Fall wenig erschreckt und keine Ahnung zu haben von der furchtbaren Lage, in der es sich befand, vielmehr ganz zufrieden, als es sich aus dem Laatschen-Gebüsch emporgearbeitet hatte und, über den Rand des Felsens gebeugt, die Gesichter seiner Erzeuger erkannte. Es rief die Eltern und begann dann auf Händen und Füßen an der Schneewand emporzuklettern.

Dieser Anblick war entsetzlich - er schnürte den Zuschauern die Brust zusammen - sie wagten kaum zu athmen, viel weniger zu rufen.

Wenn der Mondsüchtige gleich dem Seiltänzer auf dem First des Hauses geht, kann der geringste Anruf ihn erwecken und seinen Sturz herbeiführen! Darum schweigt das Volk auf der Gasse, das mit banger Neugier seinem schwindelnden Weg folgt.

Der Gemsenjäger wollte rufen, wollte dem Kinde befehlen, auf dem Laatschenbusch, der allem es von der Ewigkeit trennte, sich nicht zu rühren, bis ihm auf irgend eine Weise Hilfe gebracht würde, - aber es war bereits zu spät, der Ruf stickte ihm in der Kehle, er würgte vergeblich nach einem Wort - nur die starren Blicke hielt er auf das unschuldige Wesen gerichtet, während sein Weib, das Gesicht in die Hände verhüllt, stöhnend an seiner Seite kniete.

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Eine der Heerschaaren Gottes hat ihre besondere Mission - sie trägt auf ihren Händen und auf ihren Flügeln die Kinder. Die Engel sind mit den Unschuldigen! Würde je sonst ein Kind zur Jungfrau, zum Mann emporwachsen?

Niemals, und hätt' es den höchsten Preis der Jagd gegolten, würde der unerschrockene Gemsenjäger es gewagt haben, diese Felsenwand ohne künstliche Hilfe hinab oder hinauf zu klettern - der kühnste Bergsteiger in ganz Tyrol würde den Versuch als wahnwitzig und den gewissen Tod angesehen haben.

Das Kind kletterte empor, Zoll um Zoll, bald mit den Händchen und Füßen in eine Spalte geklemmt, bald einen Laatschenzweig fassend, oder mit dem Schnee spielend und ihn in die unermeßliche Tiefe rollen lassend. Dabei streckte es immer das von der Winterluft frisch geröthete Gesichtchen vergnügt nach Oben und lächelte den Eltern zu.

»Mütterli - 's Stas'l kommt zu Dir, rehr29 nit, Mütterli!«

»Was sollen wir thun?« flüsterte der Gemsjäger.

Die junge Frau hob schweigend das Auge und die Hand gegen den Himmel, dann lehnte sie sich so weit über den Felsrand, daß sie hinabzustürzen drohte, wenn die starke Hand ihres Gatten sie nicht gehalten hätte.

Plötzlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus - die Fessel der Zunge schien gelös't. »Stas'l, herzliebes Stas'l - wo bist Du? i seh' Di nit mehr. Um Christi willen, des Kind is 'nunter g'fallen!«

»Mütterli,« klang die helle Kinderstimme herauf - »i schau' Di nit mehr!«

»Wo bist Du, Dirndl - wo bist Du?«

»'s is hübsch hier, Mütterli, so fein und warm. Und a Dachl is über'm Kopf und Gamshörndl zum Spielen!«

»Halt' Di fest, Kind - ruck Di nit von der Stell', bis der Vadder kommt!« Die Frau streckte stehend die Arme nach dem Offizier aus.

»Ist es möglich, hinab zu kommen?« fragte er den Tyroler.

»O Herr, was wär' einem Vater nicht möglich! Mit dem Strick, den i bei mir führ' ... «

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Er faßte nach dem Ranzen und schrak zusammen - er hatte die Tasche, die zugleich einige Nahrungsmittel enthielt, in der Jägerhütte bei dem Capitain gelassen.

Der Priester Douay hatte ihn scharf beobachtet, seine Bewegung und das plötzliche Erschrecken waren ihm nicht entgangen.

»Fragen Sie ihn, wo er seinen Ranzen gelassen hat,« flüsterte er zu dem Offizier in französischer Sprache - »kein Gemsschütz in Tyrol geht ohne denselben.«

»Wo ist Deine Jagdtasche?« fragte der Capitain mit neu wachsendem Mißtrauen.

Der Gemsjäger war verwirrt - er stotterte eine Ausrede her, daß er sie verloren, aber er verwickelte sich in Widersprüche - zuletzt schwieg er finster.

Der Pfaffe winkte den Offizier zur Seite, dessen Unwillen das Benehmen des Gefangenen bereits auf's Neue gereizt.

»Sie sehen, Capitain, wie er Ihnen trotzt - die Befehle des Generals Baraguay d'Hilliers lauten auf das Bestimmteste und verpflichten Sie nöthigenfalls, meinen Anweisungen zu gehorchen. Ich habe nicht Lust, meine Rache zu opfern und mein Wort zu brechen. Der Hofer hat mich tödtlich beleidigt in seinem Hochmuth, und ich hab' es geschworen, ihm zu vergelten. Ich verlange daher, daß Sie den Mann und die Frau, wenn Sie zu weichherzig sind, sie selbst zum Geständniß zu zwingen, sofort zum General bringen.«

Die Stirn des jungen Offiziers zeigte den Anmuth übet die trotzige Mahnung. »Aber das Kind?« sagte er finster.

»Lassen Sie den Balg, wo er ist,« entgegnete der Pfaffe, »ohne Stricke und Seile ist er doch nicht zu retten, und wir können aus dem Thal Leute heraufschicken, wenn er bis dahin nicht erfroren oder herunter gefallen ist. Durch die Angst um den Bankert gelingt es uns vielleicht auf dem Weg, den Verstockten zum Reden zu bringen.«

Der Capitain wandte sich finster von dem schurkischen Priester - die Leidenschaft von vorhin war verflogen, er bereute sogar, was er gethan; aber der Dienst war gebieterisch, der Befehl des kommandirenden Generals, bei dem er Adjutantendienste versah, auf das Bestimmteste, er selbst hatte sich zu dem Zug erboten

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und seine Ehre verpfändet, den Zweck, die Entdeckung des Verstecks Hofers, zu erreichen, während dem Capitain Bourdillon, dem andern Adjutanten des Generals, der Auftrag geworden, den zweiten, von dem Verräther Douay als Mitwisser des Geheimnisses bezeichneten Mann auf dem Wege nach seinem heimathlichen Thal aufzuheben.

»Lieutenant Morelli!«

»Capitain!«

»Zwei Mann den Tyroler zwischen sich - zwei andere die Frau! Wagt er den geringsten Widerstand zu leisten, wird er geknebelt. Wir haben keine Zeit zu verlieren, um das Nachtquartier zu erreichen. Dort findet sich das Weitere.«

Der Offizier gab die Befehle, die Soldaten rissen den Jäger und das Weib rauh von der Stelle und drängten sie zu dem gefährlichen Pfad, den der Priester vorangehend ihnen als Führer zeigte.

Der Jammer, die Verzweiflung des Mutterherzens waren grenzenlos, sprachen sich aber nur in unterdrücktem Schluchzen und flehenden Geberden aus, denn die Unglückliche wagte es nicht, in lautes Geschrei auszubrechen, um das Kind nicht zu erschrecken auf der todesgefährlichen, ihrem Auge nicht einmal sichtbaren Stelle, an der es hing.

»Um der Wunden Jesu willen, Herr, laßt mi mei Dirndl nit verlassen in seiner Todesnoth!« Der starke Mann flehte mit gebrochener Stimme unter den Kolbenstößen der Soldaten, die ihn vorwärts trieben.

»Wo hält sich der Sandwirth verborgen?«

Der Tyroler wandte sich finster ab.

»Bedenk' - Du rettest das Leben des Kindes!«

»Nazi - Nazi,« jammerte das Weib, »erbarm' Di des lieb' Dirndl! Wir haben g'than, was a ehrlicher Mensch thun kann - i wollt' sterben gern, aber des Kind - des Kind darf nit sterben - Mann, thu' den Mund af - red' ... «

Der Tyroler rang sichtlich einen gewaltigen Kampf; als jedoch sein verzweifelnd umherrollendes Auge auf das tückische triumphirende Lächeln des Priesters fiel, wurde er fest entschlossen. »Es geht nimmer, Kathi,« sagte er. »Tyroler Treu' soll fest

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wie Gottes Berge sein - der da is ka ehrlicher Tyroler nit, sonst hätt' er uns nit verrathen gekonnt. A Kind kann der Nazi Haspinger wieder machen, aber nit dem Tyrolerland seinen besten Mann wiedergeben!«

»Fort mit ihm!«

Die Kolben und Fäuste der Soldaten stießen ihn vorwärts - der Gemsjäger schlug ein Kreuz wie segnend nach der Stelle hin, wo sein einziges geliebtes Kind, einem schrecklichen Tode verfallen, zurückblieb - seine Lippen murmelten Gebete -

Mehr von den Soldaten getragen als geführt, wurde die unglückliche Mutter fortgeschleppt.

Der Zug mochte kaum eine Viertelstunde bergab geklimmt sein und war eben über eine breite Klamm30 auf den schwankenden Bohlen geschritten, die den einzigen Uebergang der tief hinab in's Thal und hoch hinauf zu den Eismassen und Felswänden sich windenden Kluft bildeten, als der Pfad durch seine Biegung das Felsplateau vor die Augen brachte, auf dem die schreckliche Scene sich ereignet hatte und das zur Seite über ihnen etwa zwei Flintenschüsse entfernt hing.

Unwillkürlich blieb der Zug stehen und Aller Augen wandten sich nach der Stelle zurück, die bisher von den Windungen des Weges ihnen verdeckt geblieben war.

Die Gebirgsluft war so rein, das Licht der scheidenden Sonne in dieser Höhe noch so stark, während tiefe Schatten sich bereits auf die Thäler lagerten, daß man selbst mit dem bloßen Auge in dieser Entfernung deutlich alle Gegenstände zu erkennen vermochte.

Jeder sah sogleich, durch welchen Umstand das Kind vorhin den Augen entzogen und wahrscheinlich vor dem Sturz in die Tiefe bewahrt worden war.

Etwa zehn bis fünfzehn Fuß oberhalb des Laatschenbusches in der steilen Felswand befand sich ein dunkler Fleck, offenbar eine Vertiefung oder ein großes Loch, über dem das Plateau hinaushing.

In diese Höhlung, deren Tiefe oder Umfang natürlich nicht

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zu bestimmen war, mußte das Kind gekrochen sein. Ob es sich noch dort befand - ob es bereits von der Kälte erstarrt oder in die grausige Tiefe gestürzt war, die sich mit der eben überschrittenen Klamm vereinigte - war zuerst unmöglich zu entscheiden.

Doch das Auge der Mutterliebe ist scharf - die Sympathie des Herzens überstiegt den Raum und erkennt an dem geringsten Zeichen - an einem Schatten, an einem flatternden Band den geliebten Gegenstand.

Vielleicht, daß das Mutterauge nur einen Schimmer des dunklen Röckchens, eine leichte Bewegung der kleinen Hand erfaßte - die freudige Gewißheit, daß ihr Kind noch lebe, ward lebendig in dem Herzen der jungen Frau und sie breitete inbrünstig die Arme dahin aus. »O Herr - das Dirndl lebt! mei Kind - mei Kind!«

Das bessere Gefühl kämpfte offenbar in der Seele des jungen Offiziers mit dem grausamen Beschluß, den er gefaßt und bisher festgehalten hatte - der Befehl zur Rückkehr schwebte auf seiner Lippe.

Plötzlich faßte das scharfe Ohr des Gemsjägers einen Laut auf und er stürzte, angsterfüllt mit der Hand nach einem dunkeln Punkt deutend, vor.

Jener Laut wiederholte sich - näher - deutlicher - er glich einem kurzen, scharf abgestoßenen Krächzen!

»Mutter Gottes im Himmel - die Adler! die Adler!«

An der im rothen Alpenglühen leuchtenden Felsenwand schwebte hin und her ein dunkler Punkt - ein andrer wiegte sich in dem Azur des Himmels.

»Die Adler - welche Adler?«

»O Herr des Himmels - sieht Oes die Adler nit? - Sie kehren zu Nest und jetzt ist mir Alles klar - das Dirndl is in dem Nest!«

Die unglückliche Mutter schrie laut auf - der Offizier, erschüttert, wandte sich zu dem Vater. »Wir wollen umkehren, Mann - es ist keine Gefahr, die Vögel werden sich nicht an einen Menschen wagen!«

»O Herr - Oes kennt die Adler nit vom Hochgebirg' - und diese da sind von den größten - i kenn' sie wohl. Sie

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tragen a jung Kiß fort in den Bratzen und das Dirndl is verloren, wenn Gott ka Wunder nit thut!«

Das eigenthümliche Schauspiel fesselte Aller Augen und die Füße auf der Stelle, von welcher die volle Aussicht vor ihnen lag. Man konnte jetzt deutlich die riesigen Vögel erkennen, denn der Strahl der Abendsonne spiegelte sich, wie auf den schneebedeckten Felsen, auf ihrem braungoldenen Gefieder. Die Vögel schienen etwas Ungewohntes in ihrem Lager zu wittern, denn ihr Geschrei tönte jetzt laut und zornig, das Männchen hatte sich auf einen Felszacken in der Nähe der Höhlung gesetzt und schlug mit den Flügeln, und das größere Weibchen, das nach der Schätzung des Jägerauges wohl fünf Ellen von einer Flügelspitze zur andern messen konnte, schoß von Zeit zu Zeit gegen die Höhlung und wandte sich dann wieder in kurzem Winkel zurück.

Aber man erkannte, daß jeder dieser Angriffe näher kam und jene Scheu verlor, welche die Raubthiere der Luft und der Erde immer vor der menschlichen Gestalt zu überwinden haben.

Ein neuer Schrei der Mutter durchzuckte die Herzen - dort, über den Rand der Vertiefung oder des Nestes, wie jetzt Jedermann wußte, bewegte und erhob sich eine kleine Gestalt - das Kind - es wehte mit seinem Tüchlein gegen die Vögel, als spiele es mit ihnen und scheine nicht die neue entsetzliche Gefahr zu ahnen.

Das Adlermännchen breitete seine Schwingen aus und erhob sich schreiend in die Luft. Die beiden gewaltigen Vögel kreisten, wie um sich zu verständigen, einige Augenblicke um einander her, dann schossen sie von zwei Seiten in gerader Linie gegen ihr Nest.

Das Kind war verloren! -

In diesem Augenblick sah man von der Stelle, an welcher vor einer Stunde der Gemsjäger von den französischen Posten überrascht und gefangen worden war, eine bläuliche Wolke sich emporkräuseln.

Das Adlerweibchen unterbrach seinen' horizontalen Flug, es schlug ohnmächtig mit seinen gewaltigen Schwingen durch die Luft und stürzte flatternd in die Tiefe. Der Adler schoß erschreckt an dem Neste vorüber und erhob sich hoch in den Aether.

Zugleich trug die Luft den Knall eines Büchsenschusses

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herüber und das Echo der Berge wiederholte ihn in langem Rollen.

»Gerettet! heil'ge Jungfrau, hab' Dank, daß Du mei Kind beschützt!«

»Das ist der Raffel, Capitain - der Kamerad des Rebellen! Zurück, daß wir ihm den Weg abschneiden!«

Die Mahnung des Verrätherischen Pfaffen war kaum nöthig gewesen; die Soldaten, von den Offizieren getrieben, klimmten bereits den Felsensteig empor.

Aber ihnen voran mit der Gewandtheit des Gebirgsjägers flog der Gefangene.

»Steh', Bursche! - Schießt ihn nieder, wenn er noch einen Schritt thut!«

Der Haspinger blieb stehen und bückte sich - eine Kugel, die ein voreiliger Voltigeur nach ihm abgeschossen, flog über ihn hin; - er war an der Klamm, die sie so eben überschritten, sein Fuß wurzelte gleichsam in dem Boden, so fest stemmte er ihn gegen das Gestein, während er mit Riesenkraft die beiden Bohlen erfaßte, die den Uebergang über die tiefe Kluft bildeten.

»Halt, Schurke - was thust Du?«

Ein Ruck - an dem Gestein knirschten die Enden des Holzes - mit Gekrach stürzte es in die Tiefe, eines hinter dem andern -

Ein Säbelhieb des erbitterten Capitains über den Kopf lohnte die kühne That und hätte ihm den Schädel gespalten, wenn der zähe Filz des Tyrolerhutes nicht die Schärfe der Klinge gebrochen und abgewandt hätte, so daß sie ihn nur leicht am Hals verletzte. Dennoch warf ihn die Wucht des Hiebes in die Knie - aber die Brust athmete ihm frei und freudig - der Mann, dessen Sicherheit ihm der geliebte Führer selbst anvertraut, der sein Kind vor den Adlern gerettet - er war durch ihn gerettet vor den Feinden und Gott allein anvertraut.

Die Offiziere und Soldaten tobten am Rande der Kluft und ließen ihren Zorn durch Faustschläge und Kolbenstöße an dem Gefangenen aus, der jetzt ohne Widerstand Alles geduldig ertrug. Vergeblich fragte der Capitain den Priester nach einem andern Weg, um hinüber zu gelangen und die Verfolgung fortzusetzen.

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Douay erklärte, daß, um die Klamm zu umgehen, auch der geübteste Bergsteiger mindestens drei Stunden nöthig habe, und daß es noch längere Zeit dauern würde, um neue Mittel herbeizuschaffen, den einzigen Uebergang nach dem jenseitigen Bergrücken wieder herzustellen. Zugleich erinnerte er, daß man ja den Gefangenen habe und eilen müsse, mit ihm zum Zweck zu kommen, ehe der Sandwirth, Entdeckung fürchtend, vielleicht sein Versteck verändere.

»Du hast selbst das Schicksal Deines Kindes besiegelt,« sagte Capitain Massaignac drohend zu dem Tyroler, während die Soldaten ihn fortschleppten - »es muß elendiglich umkommen, auch wenn es nicht den Raubvögeln zur Beute wurde, während ich es retten wollte.«

»Die Heiligen werden das Dirndl schützen, wie sie es vor den Adlern bewahrt!«

Gleich als wolle der Himmel dem gläubigen Vertrauen antworten, drang ihm ein freudiger Ruf der jungen Frau in's Herz. Die Mutter war nicht von der Stelle gewichen, wo sie ihr Kind in seiner Todesgefahr sehen konnte. Sie kniete auf dem Wege und hielt ihre Augen fest auf die Felswand gerichtet.

»Gott der Herr schickt an Engel, Nazi - er wird das Dirndl retten!«

Oben auf dem Plateau der Felswand, das über dem Adlernest und der Zufluchtsstätte des Kindes hing, zeigte sich jetzt der Schütze ganz offen, mit einem Werk beschäftigt, über das die Zuschauenden nicht im Zweifel sein konnten. Er hatte den Stutzen von sich gelegt und war bemüht, die Stricke an einander zu knüpfen und an einem vorspringenden Stein sicher zu befestigen, die er in dem zurückgelassenen Ranzen des Jägers gefunden hatte.

Dieser erkannte sofort, was er bereits geahnt, in dem so unverhofft erschienenen, wie von Gott gesandten Helfer den österreichischen Offizier, den er über das Gebirge geleitet, während die Anderen, selbst den Verrätherischen Priester nicht ausgenommen, von der Tracht irre geführt, und da der Entfernte ihnen meist den Rücken zuwandte bei seiner Beschäftigung, glaubten, es sei ein Tyroler und der Mann, nach dem die zweite Streifparthie im Hochgebirge, als auf den Vertrauten des Sandwirths, fahndete.

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»Schießt den Spitzbuben herunter,« befahl der französische Capitain - »fünf Napoleons, wer ihn trifft!«

Die Musketen der Soldaten knallten eine nach der andern, doch es erwies sich bald, daß die Commißgewehre bei Weitem nicht bis zu der Entfernung trugen.

Der Mann auf dem Felsen hatte jetzt die Stricke befestigt und durch das Einbinden von Knoten und Laatschenzweigen, die er abgeschnitten, eine Art von Leiter hergestellt. Dennoch erkannte selbst das mit den Gefahren eines solchen Hinabklimmens an dem scharfen, überhängenden Gestein nicht vertraute Auge der französischen Soldaten, daß es sich um ein Wagstück der kühnsten Art handele, bei dem der kleinste Fehltritt, der geringste Zufall den Unternehmenden hinausschleudern mußte in die Ewigkeit.

Das Herz erbebte dem wackern Gebirgsjäger, als er mit starrem Auge all' den Bewegungen des kühnen Mannes folgte, der sein Leben preisgab, das fremde Kind zu retten. Sein Gebet vereinigte sich, ohne daß die Lippen es sprachen, mit dem lauten seines Weibes.

Der französische Capitain setzte das kurze Fernglas, mit dem er bisher jede Bewegung des Feindes beobachtet, ab, als sei ihm ein glücklicher Gedanke gekommen. »Den Stutzen, Laports - ich hatte ihn ganz vergessen, er wird genügen!«

Haspinger erzitterte - er hatte an die gefährliche Büchse nicht gedacht, die man ihm bei seiner Verhaftung abgenommen.

Der Sergeant reichte dem Offizier das Gewehr, dessen Ladung dieser sorgfältig prüfte, ehe er es zum Anschlag hob.

Die Schatten der Dämmerung begannen sich an der glühenden Felswand langsam empor zu ziehen, bis auf wenige Ellen hatten sie schon die Höhlung erreicht.

Plötzlich sah man den Fremden an dem schwanken Strick über das Plateau gleiten und sich hinaus in die freie Luft über den Abgrund schwingen.

Ein Schrei entrang sich der Mutterangst, das Krachen des Büchsenschusses antwortete ihm - hatte er getroffen? Niemand wußte es anfangs - der Mann schwankte an dem Strick hin und her - dann sah man ihn in dieser gefährlichen Lage eine Hand loslassen und triumphirend herüberschwenken.

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Eine neue Salve der Soldaten antwortete der trotzigen Herausforderung, ohne einen weitern Erfolg zu haben.

»Schießen Sie noch ein Mal, Capitain,« sagte der Lieutenant, der unterdeß das Glas genommen, »die Büchse trägt so weit; ich konnte es deutlich erkennen, wie die Kugel an die Felswand schlug, kaum eine Hand breit über dem Kopf des Schurken.«

Aber auch der Gemsjäger kannte die Eigenschaften seines Gewehrs und wußte, wie gefährlich jede Wiederholung des Schusses werden konnte.

Als der französische Offizier sich umwandte, das Gewehr zu laden, sah er zu seinem Aerger, wie das Pulverhorn des Gefangenen seinen ganzen Vorrath in den Schnee geschüttet hatte und seine Hand die wenigen Kugeln, die er zu sich gesteckt, in den Abgrund fallen ließ.

Ein Faustschlag in's Gesicht lohnte die Vorsicht; aber bis aus den Patronen der Soldaten eine neue Ladung zusammengebracht war, vergingen mehrere Minuten und die Kugel der Commißgewehre paßte nicht in die kleinen Züge der Büchse.

Mit einem Fluch wandte der Offizier den Blick wieder der Felswand zu, welche die Augen der meisten seiner Begleiter nicht verlassen hatten.

Der Mann hatte auf der abschüssigen Wand mit der Hilfe des Strickes Fuß gefaßt und sich bis zu der Höhlung emporgearbeitet, die jetzt bereits der steigende Schatten deckte. Dann sah man auf dem dämmernden Grund eine dunkle Gestalt erscheinen und darauf in der Luft hin und her schwingen - der Fremde begann das schwierige Werk des Emporsteigens - daß er es nicht ohne das Kind that, ob lebend oder todt, ließ sich annehmen, obschon man nicht wissen konnte, wie er es fortbrachte.

Bei der allgemeinen Aufmerksamkeit, welche die Scene fesselte, war es dem Tyroler gelungen, unbeachtet neben sein Weib zu gelangen, neben die er niederkniete, als wolle er sein Gebet mit dem ihrigen vereinigen.

»Hör' mi an, Kathi,« flüsterte er.

»I horch'!«

»'s is nit der Raffel, der das Dirndl rettet,« murmelte er weiter - »'s is der fremde Herr, den Du nach Spruck schaffen

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sollst. Er ist unbekannt im Gebirg' und muß umkommen mit sammt dem Stas'l, wenn i ihm nit zu Hilf' komm'. Fürchtst Di nit, allein zu bleiben mit dem Ruechvolk?«

»I fürcht' mi nit - aber Du, Nazi - es kann Dei Tod sein, wenn Du entwuscht!«

»Sie verschießen mich auch, wenn i bleib' - die Heil'gen werden mi nit verlassen. Morgen in der Nacht komm' i zum Hof! Paß a'f am Saumschlag, wo's Kreuz steht, und bet' a Nüster31 für mich.« - Er sprang empor und schlug die Arme in die Luft, den gellenden Jodlerruf der Tyroler ausstoßend, daß er weit hinein in die Berge schallte. »Juchhei - ioh! 's Dirndl is gerettet!«

Die letzten Reflexe der Abendsonne glühten auf dem Felsplateau wie geschmolzenes Gold; - hoch ab durch die Strahlenbrechung hob sich die Gestalt eines Mannes von dem Gestein, in ihren Armen das Kind schwingend - durch die Stille der Abendluft schien ein fernes Hurrah! triumphirend dem Schrei des Tyrolers zu antworten.

Die französischen Offiziere und Soldaten waren außer sich vor Wuth, nur der Verrätherische Priester bewahrte seine Ruhe.

»Lassen Sie den Bankert, Capitain; mit der Last wird der Bursche desto eher den Patrouillen in die Hände fallen. Wir haben den Mann; aber lassen Sie uns eilen, ehe die Nacht vollends heraufkommt, oder Sie sind in Gefahr, Alle den Hals zu brechen.«

Der Capitain erkannte, daß er sich schon zu lange versäumt, und gab Befehl zum eiligen Weitermarsch. Dem Gefangenen wurden auf's Neue die Hände gebunden und die genaueste Bewachung desselben den Soldaten eingeschärft. Die Frau ließ man ungebunden und nur der lüsterne Lieutenant, dem ihre Schönheit in die Augen gestochen, kümmerte sich um sie.

Das Plateau drüben an der Bergwand war leer - das Kind und sein Retter waren verschwunden.

Bergab ging der steile Pfad, der Marsch oft mit den größten Gefahren und Schwierigkeiten verbunden, denn an vielen Stellen

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konnte nur Mann vor Mann den schmalen Weg betreten. Man hatte die größte Anfmerksamkeit für den Gefangenen und die gespannten Gewehre der hinter ihm Gehenden drohten ihm augenblicklichen Tod, wenn er einen Versuch zur Flucht machen sollte. Aber er schien nicht ein Mal daran zu denken, seit er sein Kind gerettet wußte, und klimmte ruhig und gehorsam jedem Befehl den Weg hinab.

Je tiefer man kam, desto gangbarer wurde auch derselbe und desto geringer die Gefahr des Entweichens - die Aufmerksamkeit der Voltigeurs begann daher nachzulassen.

Es war völlig Nacht geworden, aber über die Berge herauf stieg die Mondscheibe empor und warf ihren Schein über das weiße Leichentuch von Schnee, das Berg und Thal bedeckte, die Schatten noch fester und dunkler hervortreten lassend.

Das Thal war von französischen Truppen besetzt, daher jede Besorgniß unnöthig. Bereits sah man die Lichter des Weilers Ranalt blinken.

Der Marsch der kleinen Truppe ging jetzt einen Saumschlag32 entlang, der am Berge hinführte. Zur Seite fiel der Abhang, mit Schnee bedeckt, steil hinunter bis zu dem Bett eines kleinen unter der Eisdecke rauschenden Gebirgsbaches, der sich, von hohen Schneeweben überragt, unter einer natürlichen Brücke des Felsgesteins verlor. Ein steinernes Kreuz, wie solche in Tyrol jede Stätte eines der zahlreich vorkommenden Unglücksfälle bezeichnen, erhob sich über diese Art von Brücke.

Der Saumpfad war so breit, daß drei Personen neben einander gehen konnten. Zwei Voltigeure gingen zur Rechten und Linken des Gefangenen, ein dritter hinter ihm, dann folgten die Frau mit dem Lieutenant und mehrere Soldaten, während der Capitain mit dem Priester die Führung des Zuges bildete.

Der Gemsjäger warf, ohne nur den Kopf zu wenden, einen raschen Blick um sich - er war an der Stelle angekommen, die er sich gewählt. Fünfzig Schritte weiter war jede Flucht unmöglich.

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Er hustete leicht.

»Jesus Maria - was passirt!« Die Frau kreischte laut auf und deutete nach dem Berg in die Höhe, sie that, als sänke sie vor Schrecken in die Knie - der Lieutenant fing sie auf, die Soldaten wandten, einen Ueberfall glaubend, sich rasch nach der Bergseite.

Diesen Augenblick, das Thun seines Weibes wohl verstehend, benutzte der Gemsjäger, und indem er mit einem Stoß den achtlosen Soldaten an seiner linken Seite über den Rand des Saumpfades in die Schlucht warf, stürzte er sich ihm nach, gleichgiltig, wie er hinunter gelangen möge, rollend, fallend, zerschunden und von dem Gestein beschädigt.

Der Lärm des Sturzes, der Ruf des Pfaffen hatte im Nu die Soldaten auf das kühne Manövre aufmerksam gemacht und fünf, sechs Gewehre richteten sich auf die zur Eisdecke des Baches nieder rollende Masse, aber Niemand wagte im ersten Augenblick zu feuern, um nicht den eigenen Kameraden zu treffen. Im nächsten Moment schon, als das Mondlicht zeigte, wie eine der beiden dunkelen Gestalten sich von der andern trennte, emporsprang und nach der Wölbung der Felsbrücke huschte, verhinderte ein andrer Vorgang das Schießen, denn gleich einer Löwin war die junge Frau emporgesprungen und hatte sich, mit weit ausgebreiteten Armen die Gewehre zurückdrängend, vor die Soldaten geworfen.

»Um Christi willen - schießt nit! tödtet ihn nit!«

»Verfluchte Metze! nieder mit ihr, wenn sie nicht weicht!«

Der Capitain selbst, den Säbel in der Faust, sprang den Abhang hinunter.

Ein gellender, herzzerreißender Schrei schlug noch in die Ohren des Flüchtlings und fesselte seinen Fuß - aber Musketenkugeln Pfiffen bereits um ihn, das Geschrei der Verfolger, die in den Grund hinabklimmten - er stürzte sich in die Schneeweben, die den Eingang des unterirdischen Durchgangs schlossen, und verschwand, wie von der Erde verschlungen, aus den Augen der Tobenden. -


Es war in der nächstfolgenden Nacht - vom 20. zum 21. Januar - als zwei Wanderer von Abend und den Lisenzer

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Fernern her in das Stubbhayer Thal vorsichtig niederstiegen. Wer sie beim Licht des Tages gesehen, würde in ihnen leicht die Beiden wiedererkannt haben, die vor zwei Tagen von Süden das Hochgebirge herabgekommen waren und am Grindlberg sich von ihrem Begleiter getrennt hatten, um dann so Schreckliches zu bestehen.

Es waren in der That der Gemsjäger und der österreichische Offizier. Der Erstere trug statt der verlorenen treuen Büchse in seinen Armen wohl eingehüllt gegen die Kälte ein schlafendes Kind.

Sie schritten vorsichtig den Thalgrund nieder, der Offizier, den Hahn seines Gewehrs gespannt, achtsam auf jedes Zeichen einer Gefahr.

»In fünf Minuten, Herr, sind wir am Hof,« flüsterte der Gemsjäger, »nehmt des Kind und laßt mi vorausgehen, um zu schau'n, ob noch die franschen Schildwachen dort steh'n!«

Der Tausch geschah; jetzt das Gewehr in der Hand, kroch der Tyroler in den Schatten der Bergwand nieder, wie der Marder, der auf den Raub schleicht.

Aber kein Laut regte sich, keine Spur einer Schildwache - einsam und still standen die Trümmer des niedergebrannten Hofes.

Der Tyroler ahmte drei Mal leise das kollernde Balzen des Spielhahns nach, dann lauter und lauter - es war das Zeichen, dessen er sich oft bedient, als er noch zu seinem Weib in die Freite ging, zur alten Sitte des Fensterlns, um sie von seiner Anwesenheit zu benachrichtigen.

Alles blieb still, nur ein leises Winseln antwortete ihm. Der Tyroler schien jeden Laut, der ihm hier begegnete, zu kennen. »Tyras!« rief er leise.

Aus den Brandmauern hervor kam langsam am Boden ein dunkler Gegenstand gekrochen - das Winseln wurde zu einem freudigen heisern Gebell, ein Haushund mit rauhem zottigem Fell richtete sich mühsam auf drei Beinen an dem Jäger empor und leckte ihm Hand und Brust.

»Armes Pummerl,« sagte der Tyroler mit der Hand über das Thier hinfahrend und unter dem Zucken und kläglichen Winseln desselben fühlend, daß der eine Hinterfuß ihm abgeschlagen oder gebrannt war, »haben sie Di so zugericht't, die Malefiz-Franschen!«

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Der Hund, gleich als verstände er dies Wort, stieß ein grimmiges Knurren aus.

»Du hast Menschen-Verstand, Tyras, i kann Dir trauen. Is des Franschen-Volk noch in der Näh'?«

Der Hund kläffte laut und wild.

»Also nit? - Aber wo is denn die Kathi, die Hoffrau, Tyras? Des Ruechenvolk wird sie doch nit mitgenommen haben?«

Der Hund stieß ein so klägliches Geheul aus, daß der rauhe Bergbewohner davon erbebte. Es klang wie die Todtenklage, welche der Instinct die treuen Thiere auf der Schwelle des Leichenhauses aus stoßen läßt.

Zum ersten Male überkam den Gemsjäger ein schrecklicher Gedanke - sein Haar sträubte sich, sein ruhiger, vorsichtiger Blick wurde wild, unstät umherfahrend.

Er kehrte sich um, raschen Schrittes zu dem Gefährten zurückzukehren und diesem zu sagen, daß er nach dem Dorf gehen wolle auf jede Gefahr hin, aber er fand den Offizier mit dem Kinde im Arm bereits an seiner Seite.

»Die Kleine ist erwacht,« sagte der Capitain, »und erkannte den Hund an seinem Gebell. Sie will zu dem alten Spielgefährten, und da ich Euch sprechen hörte, wußte ich, daß Nichts zu fürchten war.«

Der Hund winselte freudig in der Nähe des Kindes, das er mit all' jenen Liebkosungen begrüßte, welche die Natur ihn gelehrt. Dann humpelte er zu seinem Herrn zurück, faßte den Riemen des Stutzens, den er in der Hand hielt, begann sein Geheul auf's Neue und zog ihn vorwärts.

»Es is was vorgefallen, Herr, was Schlimmes, i schwör' darauf,« sagte zitternd der Jäger. »Schaun's, wie das malade Thier mich an den Füßen drängt und schiebt, deß i mit ihm kommen soll. I muß in's Dorf, und wenn's mei Leben kosten sollt'!«

»Aber die Franzosen können dort sein?«

»Ka Fremder mehr - des Thier hat mir's g'sagt. I muß mi schleunen und dechter is mir's doch, als hätt' i Blei in den Füßen!«

»Ich geh' mit Euch, Nazi - auf jede Gefahr hin. Vorwärts denn - Gott ist über uns überall!«

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Der Gemsjäger schritt eilig voran, vor ihm gleichsam den Weg zeigend, humpelte winselnd der Hund.

So stiegen sie die Halde nieder bis in's Thal, aus dem ihnen bei der Wendung des Weges ein einzelnes Licht entgegen blinkte.

In dem Gebirge gehen die einfachen Menschen zeitig zur Ruhe, es konnte demnach den mit ihren Gewohnheiten Vertrauten nicht auffallen, daß in keinem Hause Licht war, und mußte ihnen vielmehr als Beweis dienen, daß die Soldaten nicht mehr hier waren.

Das einsame Licht kannte der Nazi wohl - es war das ewige Lämpchen, das in der steinernen Kapelle brannte, die mitten im Weiler an der Brücke, wo sie über den Gießbach führt, nach alter Sitte stand.

Dennoch kam ihm das Licht jetzt ungewöhnlich, auffallend, unheimlich, glänzender als sonst vor.

Der Hund nahm seine Richtung einen Fußsteig entlang, der an dem Gebirgsbach hin, dessen Schlucht, wo er seinen unterirdischen Weg in die Felsen wühlte, ihn am Abend vorher gerettet, gerade auf die Kapelle zuführte.

Plötzlich blieb der Mann stehen und fuhr sich mit dem Tuch über die Stirn, dicke kalte Schweißtropfen abtrocknend, den Oberkörper vorgebeugt, als lausche er auf einen verdächtigen Ton.

Der Capitain hielt gleichfalls seinen Schritt an, um zu horchen, ob vielleicht Waffenklang oder das Qui vive? einer französischen Schildwacht -

Nichts davon! aber es kam ihm vor, als mische sich in das leise Winseln des Hundes ein klagender Ton - wie ein ferner Gesang!

»Kommt, Herr - kommt!«

Die Stimme des starken, mit allen Schrecken der Natur und des Krieges vertrauten Mannes klang, als würge er die Worte aus der Tiefe der Kehle hervor.

Dann eilte er so hastig weiter, daß der Capitain ihm mit dem Kinde kaum zu folgen vermochte. Je näher sie kamen, desto vernehmlicher wurde jener Ton;

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der Offizier konnte nicht mehr zweifeln, daß es ein Klagegesang, eine Litanei war, von mehreren Stimmen, wie er sich erinnerte, sie bei den Leichenfeierlichkeiten im Gebirge gehört zu haben.

Die Töne - man konnte jetzt deutlich die Weiberstimmen erkennen - schwollen jetzt schrill und deutlich ihnen entgegen, als sie um einen dunkeln Stadel bogen und über den Steg schritten - vor ihnen lag die kleine Kapelle.

Die Thür nach der Straße zu stand offen, wie bei allen diesen zahlreichen Kirchlein und Kapellen im Gebirge, die allein unter'm Schutz des frommen Sinnes der Bewohner stehen. Schätze haben sie ohnehin nicht, als die kleinen Gaben, die das Gelübde des armen Mannes an ihren wunderthätigen Bildern aufgehängt hat.

Heller Lichtschein quoll ihnen aus der Kapelle entgegen - in der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer Bahre ein einfacher schmuckloser Sarg, mit einem Linnentuch überdeckt. Drei oder vier alte Frauen knieeten in den Bänken zur Seite und murmelten die Litaneien.

Der Hund winselte laut, indem er bis zu dem Sarge humpelte und sich vor ihm niederkauerte.

Es war, als ob der Blitz zu den Füßen des Tyrolers niedergeschlagen hätte, so regungslos blieb er einen Augenblick stehen, dann sprang er vorwärts an die Seite des Sarges und riß das Laken mit einem Griff herunter.

»Jesu Christ! Kathi, mei Weib!«

Todt - ein starrer Leichnam - lag vor ihm das Weib seines Herzens, die noch vor so wenigen Stunden lebenskräftige, junge liebende Frau - kein Blick mehr des treuen Auges, kein Schlag des warmen Herzens - kein Wort mehr des Mundes, das ihn willkommen heißen würde diesseits des Grabes!

Die alten Frauen waren erschrocken bei dem plötzlichen Einbruch aufgestanden und umringten jetzt den schluchzenden Mann. »Es is der Nazi! der Haspinger vom Hof! Der arme Mann! Mögen die Heiligen ihm Stärk' geben!«

Er sah sie wild an, er schien keinen Menschen zu erkennen, obschon es die Nachbarn waren, so irr, so drohend fuhren seine Blicke unter ihnen umher. Das Kind auf den Armen des Offiziers an der andern Seite des Sarges streckte die Hände nach

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seiner todten Mutter und rief sie - die Schlafende! - mit zärtlichen Namen.

»Wie is das kommen? was is mit der Kathi g'scheh'n?«

Eine der alten Frauen öffnete schweigend das Linnengewand auf der Brust - ein mit geronnenem Blut bedecktes Tüchlein lag auf derselben - darunter zwei blaue Male - dreieckig, breit auseinander klaffend - das Auge der Krieger erkannte den Stoß der Bajonnete.

»Wer?«

»Wer anders als die Franschen, Nazi. Sie brachten sie herunter so vom Saumschlag, wo D' entsprangst.«

Der Blick war furchtbar, mit dem der Gemsjäger den Stutzen, der ihm entfallen, vom Boden raffte und sich umwandte, die Kapelle und den Sarg zu verlassen.

»Wohin, Nazi? - Der Mann is z'nicht!«33

»Wohin? Zu den Franzosen! I muß todtschlagen zwei - drei - eh' i wieder denken kann! Aus'm Weg!«

Die Frauen sperrten ihm den Ausgang. »Nazi - mach das Unglück nit größer! Die Franschen sind fort - heut' Morgen in der Früh'!«

»Wohin?«

»Fort nach Meran. So weißt nit, was gepassirt is?«

»Was?«

»Der Franzos' hat den Raffel Franz g'fangn nommen am Grindl - 's is a Mann g'kommen heut Abend vom Passeyer, der's bericht't hat!«

»Und der Franz?«

»Heut Morgen, als der Tag g'graut, hat er sie nach der Kellerlahr-Alm führen müssen; 's ging um sei Leben.«

»Aber der Sandwirth - der General - Weib, rede!« schrie der Offizier.

»'s is gar aus - sie plauschen, daß ihn der Franzos' über's G'birg führt nach Mantua!«

Der Gemsjäger heftete das starre Auge auf den Leichnam, schlug es langsam nach oben und streckte die geballte Faust empor.

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Dann schlug die mächtige Gestalt schwer und bewußtlos nieder zwischen die Bänke und die schreienden Weiber. -


Am Sarge der armen Tyrolerfrau, die von französischer Brutalität gemordet, für Mann und Kind gestorben war, hatten sich der Gemsjäger und der kaiserliche Capitain getrennt - am Gascandelabre auf dem Platz am Hof nach achtunddreißig Jahren waren sie wieder zusammen, der Eine ein Greis, das muthige Herz vom tückischen Verrath gebrochen, der Andere ein verstümmelter Leichnam - Volksdank für Muth und Treue!

Es war kurze Zeit vor Anbruch der Dämmerung - an den Arsenalen und von der Schottenbastion her dauerte das Feuern fort und der Gluthschein des Brandes röthete den Himmel - als von der Bogener-Gasse her ein Mann in der Uniform der Legionaire, ein weißes Packet auf dem Arm, an den Häusern entlang kam, sich auf dem Platz umsah und als er diesen ziemlich leer fand, auf den Laternenpfahl zuging und, den Schauder vor dem gräßlichen Anblick muthig überwindend, das Packet entfaltete. Es war ein linnenes Bettlaken, das der Mann von einem Hausmeister in der Nachbarschaft gekauft hatte, und er versuchte jetzt, es über die verstümmelte Leiche zu decken.

»Geben's her, Herr,« sagte eine Stimme neben ihm, »mei Arm reicht weiter, und 's is der letzte Dienst, den i dem da erweisen kann, für den i gern mei alt Leben gegeben hätt'!«

»Herr Haspinger,« sagte der Andere erfreut, »ich danke Gott, daß ich Sie wiederfinde in dieser schrecklichen Nacht. Wo haben Sie Ihre Enkeltochter - sie ist doch in Sicherheit?«

»I hab' sie dem Jörgi in Verwahr geben müssen, so ungern i wieder zu dem Haus ging. Aber das Dirndl mußt' a Stund' Ruh' haben, eh' wir uns auf den Weg machen zur Heimath - und i hatt' hier a heilig Geschäft. Enk aber, Herr, dank' i für des, was Oes eben gethan, weil Der da mir lieb war und mei Wohlthäter, und weil mir's zeigt, deß es a noch brave Menschen giebt in der Schandstadt.«

»Ich will sie verlassen gleich Ihnen, ich habe keine Heimath mehr.«

»Wißt Oes was, Herr,« sagte der brave Tyroler und hielt

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ihm die Hand hin - »geht mit uns in's Tyrolerland. Unter dem Eis und Schnee der Ferner ist's besser wohnen, als unter dem ruechen Volk, das seinem Gott und seinem Kaiser untreu worden, und wenn der Frühling kommt und sei grüne Matten über die Almen zieht, ist's herrlich da draußen und manch' krank' Menschengemüth is schon gesundet in Gottes reiner Luft!«

Der junge Mann war tief bewegt, Bilder eines reinen, friedlichen Glückes unter Arbeit und Mühen tauchten vor seiner Seele auf - aber die schreckliche Wirklichkeit riß ihn aus dem schönen Traum mit der Hand des Kanász, der seinen Arm erfaßte.

»Warum hüllst Du Den da ein in das Tuch, Bruder Matthias?« fragte mit irrem Ausdruck der Soldat. »Hast Du nicht gesehen, wie die Hanka neben mir saß dort auf dem Stein und sich gefreut hat, daß sie nicht die Einzige mehr wär', die der Wolf zerrissen? Meinst Du, mit dem Fetzen da deckst Du das Blut? Der Szabó Slowak hat geschworen, daß Alle sterben sollen, die Schuld sind an ihrem Tod. Alle - Alle soll die Hand meinigte treffen, wie sie den da getroffen, der die Hanka dem Pandur gab!«

»Unseliger - so ist meine Ahnung wahr - an Deiner Hand klebt das Blut?«

»Hussah! alle Welt ist gegen den slowakischen Wolf, aber der Wolf wird sie Alle zerreißen, wie er die Hanka gefressen hat! Wirf den bunten Rock von Dir, Bruder der Hanka, wie ich es thu', und komm' mit mir in's Ungarland! Der Szabó wird aus Dir einen Mann machen statt des feilen Weiberknechts!«

Der Student stieß ihn mit Abscheu von sich. »Flieh', elender Mörder, eh' Dich die Strafe der Menschen ereilt - der Strafe Gottes entgehst Du nicht. Wir sind geschieden auf immer!«

Der wilde Mensch lachte grell auf. »Glaubst Du schon stolzes Ungarblut in den Adern zu haben, weil Du der Kebsmann der Magyarenfrau warst, undankbarer Knabe? Und ob Du bei zehn Gräfinnen schliefst, ein elender Slowak bleibst Du Dein Lebelang, und ich, der Hirt der nackten Pußta, dessen einzig Glück in kalter Erde liegt - ich tausche nicht mit Deiner glänzenden Schmach!«

Der unglückliche junge Mann verbarg das schamüberglühte

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Antlitz in beiden Händen, seine Brust keuchte hörbar in schmerzlichem Ringen. Ein mitleidig Gefühl schien den wüsten Sohn der Pußten zu überkommen und er trat näher zu dem eben Geschmähten und legte ihm den Arm um die Schulter.

»Du bist Hanka's Bruder,« sagte er milder, »und der einzige Freund, den der Szabó hat außer dem Sandor auf der ganzen Welt. Geh' mit mir, Matthias, und Du sollst Deine Schmach ertränken in Blut, wie ich mein Leid! Sie Alle,« - er drohte hohnlachend hinüber nach dem Hause der Gräfin - »sie glaubten, den Szabó zu ihren Zwecken brauchen zu können und dienten doch einzig seiner Rache! Das Werk des Slowaken ist gethan hier - am Galgen hängt der hartherzige Swabi34 und der Morgen sieht mich nicht mehr in Wien! Wenn wir zum Grabe der Hanka kommen, Bruderherz, können wir das Blut von dem Mann da d'rauf legen und wir wollen eine Hetze halten nach den Wölfen in Menschengestalt, daß Dein Schwesterlein wieder ruhig in seinem Grabe schlafen wird, bis die Zeit gekommen, daß der Szabó sich zu ihr legt!«

Der alte Tyroler, der von den in slowakischer Sprache gesprochenen Worten Nichts verstanden, der aber mit finsterm Blick die unheimliche Gestalt des Mörders betrachtet hatte, trat jetzt näher. »I muß das Dirndl holen,« sagte er kurz; »entschließ' Di, Herr, ob Du mit uns geh'n willst, mit uns aus Wien! Die Gesellschaft da g'fallt mir nit!«

»Zu mir, Matthias! Baszom a teremtete - in's Slowakenland gehört der Slowak!«

Wie ein Entschluß von Oben schien es den jungen Mann zu überkommen. »Da sei Gott vor,« sagte er ernst, »daß ich in das Haus eines redlichen Mannes trete, ehe ich nicht selbst ein andrer Mann geworden bin! Die Sünde hab' ich von mir geworfen und Alles werf' ich ihr nach, was mich daran erinnern kann. Euch dank' ich's, Mann, und dem Bild frischer Natur und Unschuld, das an Eurer Seite war. Aus Wien will ich Euch führen, das sei der letzte Dienst dieses Rocks - dann erst, wenn ich Euch Beide in Sicherheit weiß, scheiden sich unsere Wege.

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Mühselig, aber ehrlich zieht der Ausgestoßene der Völker, der Slowak, durch die Welt - in dem Kampf mit Noth und Niedrigkeit hoff' auch ich wieder ehrlich zu werden! Geht, Alter, und holt Euer Kind, daß wir unter'm Schutz der Nacht noch dieser unseligen Stadt entfliehen!«

Der Grenadier wandte sich kurz von ihm und schüttelte verächtlich die Hand. »Geh' hin, Knabe - in den Adern Deinigten fließt kein ungarisch Blut!« Er eilte fort über den Platz und verschwand im Dunkel.

Der alte Haspinger verstand nur wenig von dem, was die Seele des Studenten bewegte, aber es war ihm genug, daß auch er zur Eile trieb und mit ihnen Wien verlassen wollte. Der alte Mann sah ein, daß jede Stunde längern Bleibens nur nutzlos und gefährlich war. Niemand konnte wissen, was der nahende Morgen noch bringen würde; den verlorenen Enkel konnte er nicht mehr retten, seine Ehre nicht mehr lösen, - den Leichnam des Freundes nicht schützen und bestatten, und die Vorgänge der Nacht hatten ihm gezeigt, wie gefährlich es sei, das junge und schöne Mädchen in dieser Gährung aller Leidenschaften zu lassen. Er bat den Studenten, seiner hier zu harren, bis er dem Schwager Lebewohl gesagt und das ihm anvertraute Mädchen geholt hätte. Der Student sah ihn über den Platz nach dem Hause gehen und - seinem Gelöbniß, es nicht wieder zu betreten, getreu - an das Fenster des Hausmeisters pochen.

Das Thor des Hauses am Hof, das die Gräfin Törkyeny bewohnte und an dessen Parterrefenster der alte Gemsjäger klopfte, stand offen. Drei Männer kamen eben aus der offenen Wölbung und schritten an dem alten Mann vorüber, ohne ihn zu beachten. Zwei von ihnen waren in lange weiße Mäntel gehüllt, in dem dritten erkannte der Student seinen Feind, das Factotum der Gräfin, den Doctor Lazare. Um ihm nicht in den Weg zu treten, zog er sich zurück.

Zugleich wurde seine Aufmerksamkeit von einer andern Gruppe gefesselt.

Aus der nächsten Straße kam ein Karren, von einem Pferde gezogen und von einigen Nationalgarden begleitet, und nahm seinen Weg nach dem Candelabre, an dem der Leichnam hing. Der

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in Permanenz erklärte Reichstag hatte endlich ein Gefühl der Scham empfunden und den Befehl ertheilt, die geschändeten Ueberreste des Ministers von dem improvisirten Galgen zu entfernen und nach dem Militair-Lazareth zu bringen.

Nur wenige Personen, Leute aus der Hefe des Volks, die sich in der Nähe umhertrieben, waren anwesend und sammelten sich um das traurige Schauspiel.

Der Student sah, wie die beiden Männer in Mänteln in der Nähe der Scene stehen blieben und, einige Worte wechselnd, den Vorgang betrachteten.

Zwei Lazarethdiener, die den Karren begleitet, lös'ten den Leichnam von den Riemen des Slowaken, an denen er aufgehängt war, und legten ihn auf den Wagen.

Unter den Personen, welche dem Vorgang beiwohnten, war vielleicht eine oder die andere, die noch vor wenigen Stunden blutlechzend ihr Geschrei mit den Mördern vereint hatte. Dennoch wurde jetzt kein Laut der Rohheit hörbar - auf Alle schien die traurige, kaum noch menschenähnliche Gestalt in dem Laken einen peinigenden Eindruck zu machen.

Nur die beiden Männer in Mänteln näherten sich dem Karren und der eine gab dem Führer des Pferdes ein Zeichen, noch einen Augenblick anzuhalten.

Der Andere, das Gesicht tief in den Mantel verhüllt, beugte sich über den Karren und hob das Laken in die Höhe.

Der Schein der Laterne fiel auf den spöttischen Blitz seiner Augen, der sich einen Moment lang auf den Todten heftete.

»Du schickst keinen freien Ungar mehr in den Kerker!« sagte er mit kaltem Hohn in deutscher Sprache und ließ das Tuch fallen.

Als er sich umwandte, starrte er in das Gesicht des alten Tyrolers.

»Gott der Herr wird richten über ihn, wie über Alle, die Schuld tragen an diesem Blut!« Die feierliche Stimme des alten Mannes, der an ihm vorbei zu dem Karren trat und das Zeichen des Kreuzes über das Leichentuch schlug, machte sichtlich Eindruck auf den Fremden, denn dieser wandte sich ab und entfernte sich hastig. Sein Gefährte gab den Karrenführern ein Zeichen und der Wagen rasselte über das blutgetränkte Pflaster.

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Der Tyroler sah ihm mit gefalteten Händen nach. »Möge Gott seiner Seele gnädig sein und ihm lohnen im himmlischen Reiche, was er an des Haspingers Kind gethan, und hier und dort oben die Mörder strafen mit seinem Zorn!« Dann schaute er sich um nach dem Studenten, denn nur die heilige Pflicht der Dankbarkeit hatte ihn einen Augenblick vergessen machen, was seine Seele ängstigte.

Der Student war bereits an seiner Seite. »Wo ist Ihre Enkelin? - wir müssen die Dämmerung noch benutzen, um aus der Stadt zu kommen.«

»I weiß nit, Herr, was i denken soll,« sagte der alte Mann besorgt. »I hab' an's Fensterl pocht und g'rufen, da i nit 'nein wollt in's Haus, aber 's hat halt kei Mensch dem alten Nazi Antwort g'geben. Weiß Gott, mir is fast so schlimm zu Muth, wie damals, als der Pummerl mich zum Sarg von der Kathi selig g'führt hat!«

Der Student zog ihn über den Platz. Der Tag dämmerte bereits und mischte sein Licht mit dem Gluthschein der brennenden Arsenale.

»Das Mädchen wird in tiefem Schlaf liegen,« sagte er, »der Döllinger ist ein vorsichtiger Mann und wahrscheinlich nur einen Augenblick abwesend im Haus!« Ihm selbst aber war bei dem Trost nicht wohl zu Muthe und er beeilte seine Schritte.

Sie waren an der Thür des Hauses; - wie wir bereits erwähnt haben, stand das Thor weit offen, das Hauptquartier der geheimen Leiter des Kampfes war während der ganzen Nacht nicht leer geworden von kommenden und gehenden Boten.

Der Student klopfte gleichfalls an dem Straßenfenster der Loge des Hausmeisters, dann trat er in den Flur und rief nach dem alten Diener.

Niemand antwortete. Er stieg die wenigen Stufen hinab, die zu der kleinen Wohnung des Hausmeisters im Souterrain führten, und legte die Hand auf die Klinke.

Die Thür war verschlossen - alles Klopfen vergebens.

Der junge Mann wußte, daß es in dieser Bewegung vergeblich sein würde, im Hause nach dem alten Mann zu fragen

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zu einer Zeit, wo Jeder genug mit sich selbst und den Schrecken des Straßenkampfes beschäftigt war, um auf die gewöhnliche Ordnung des Hauses oder eine so untergeordnete Person zu achten. Hundert Gründe und Geschäfte konnten den Hausmeister für kurze Zeit entfernt, ja er konnte selbst das Mädchen nach einem andern Ort der größern Sicherheit wegen gebracht haben. Dennoch empfand auch er eine unerklärliche Besorgniß und fühlte, daß er sich um jeden Preis Gewißheit verschaffen müsse.

Einige Gaffer begannen sich am Thorweg zu sammeln, der alte Tyroler stand mitten unter ihnen, in seinem faltigen, gebräunten Gesicht die Seelenangst, die ihn verzehrte.

Der Student warf sich mit aller Gewalt gegen die Thür - beim zweiten Stoß gab das Schloß nach und sprang auf.

»Meister Döllinger, wo seid Ihr? - Nannerl, sind Sie hier? antworten Sie uns!«

Das Zimmer und der Alkoven, welche die Wohnung des Hausmeisters bildeten, waren leer. Das dämmernde Licht des Tages, das durch die Fenster hereindrang, zeigte es - der junge Mann kam mit der Nachricht zu dem Greise zurück.

»Nand'l - wo ist die Nand'l, mei Kind?«

Ein Mann keuchte die Straße herauf und drängte die Umstehenden bei Seite. »Schwager Haspinger - ist das Madl zurück?« Es war der alte Hausmeister, erhitzt, außer Athem, prustend und hustend, kaum der Rede mächtig.

Der Tyroler faßte ihn, wie der Löwe seine Beute, und schüttelte ihn. »Jörgi, wo hast das Dirndl? was is mit dem Nand'l gescheh'n?«

»Der Franz - «

»Zur Höll' mit dem Buben! wo is das Kind?«

Der Hausmeister sank erschöpft auf die Steinbank. Der Student drängte den alten Gemsjäger von ihm. »Lassen Sie ihn zu Athem kommen, Herr Haspinger! Redet, Meister Döllinger, wo ist Eure Nichte?«

Der kleine Mann weinte wie ein Kind. »Fort - verloren! Gott weiß, wo!«

»Aber so sprechen Sie doch - was ist geschehen?«

»Das Kind hat hier geruht, wie mir sie der Schwager auf

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die Seel' gebunden hat,« berichtete endlich der Hausmeister, »drinnen auf meinem Bett. Vor aner Stund' so etwa is a Mädel gekommen, i kenn's, 's hat gedient am Hof, drüben im Kriegsgebäud'. Sie hat nach meinem Schwager, dem Haspinger, gefragt und nach der Nannerl. Der Fratzen hat g'sagt, sie brächt' a Botschaft vom Franz Stockhammer, er läg' zum Tod verwundet im blauen Roß in der Marien-Gaß' und möcht' um aller Welt willen den Großvater oder sei Nicht' noch a mal sehen.«

»Weiter, weiter!«

»Das Nannerl hat's gehört und is gleich af g'west und hat mitgeh'n woll'n mit aller Gewalt. I hab's anfangs nit leiden wollen, bis Du wiederkämst, Schwager Nazi, aber die Schnipferin hat g'sagt, der Franz lag' im Sterben, und das Nannerl is ganz toll g'worden und hat sich nit halten lassen. I sollt' bleiben, um af Dich zu warten.«

»Gott sei Dank,« unterbrach ihn der Tyroler, »so laß uns geh'n zu dem Franz! Der Tod sühnt alle Sünd'!«

Der Hausmeister hielt ihn zurück. »Zuletzt is mir angst g'worden, Schwager Nazi, als Du nit zurückkommen bist, und i bin selber a Sprung hinüber gehupft zum blauen Roß - o Jemine!«

»Und das Dirndl - der Franz - «

»'s war Alles a Lug - 's is kei Franz da, nit todt, nit lebend!«

»Aber die Nand'l?»

»Kei Spur von ihr - Niemand hat sie geseh'n, i hofft', sie war' schon wieder hier und bin gelaufen im Carrier!«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und fing wieder an zu weinen. Der alte Tyroler, bleich wie der Tod, lehnte an der Wand. »Verloren - alle Beid' - ihn und sie!«

Der Student unterstützte ihn. »Ermannen Sie sich, Herr Haspinger,« bat er. »Ein unglücklicher Irrthum oder ein Bubenstreich muß zu Grunde liegen, aber das Mädchen kann nicht verschwunden sein und muß sich wiederfinden. Lassen Sie uns hinaus in die Straßen, sie zu suchen. Wir weichen nicht von Wien, bis wir sie gefunden!«

Er zog ihn mit sich fort auf den Platz, über den eben

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lärmend eine Schaar Vorstadtgarden und Gesindel nach den Zeughäusern marschirte.

Sein Auge fiel auf ein fahles, kaltes Gesicht - auf das des Doctors Lazare, der wenige Schritte vom Thor unter den Gaffern stand, die Scene ruhig beobachtend.

Ein spöttisches, boshaftes Lächeln zuckte über dies Gesicht und lag in dem kalten Auge, als der Student scheu das seine zu Boden schlug.

Mit demselben widrigen Lächeln sah der Doctor den Beiden nach, wie sie noch ein Mal nach dem bezeichneten Hause eilten.

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Die Zukünftigen.

Auf dem Quai d'Orsay und dem Quai der Tuilerien drängte sich ganz Paris, der Flaneur mit dem Arbeiter, der Politiker mit dem lungernden Gamin, die Grisette mit der Dame der Halle, die Faubourgs mit den Lions des Boulevard Italien. Der Tag - der 9. October - war ein prächtiger, warmer Herbsttag gewesen und Paris durfte sich das doppelte Schauspiel - die entscheidende Sitzung über die Präsidenten-Frage in der Nationalversammlung und die erste Einschiffung der Arbeiter-Familien nach Algier - nicht entgehen lassen.

Fünfzehntausend Menschen - die Bevölkerung der Juni-Barrikaden, die Leibgarden Barbe's, Blanqui's, Caussidière's und Louis Blanc's - waren von der republikanischen Dictatur Cavaignac's zur Colonisation oder vielmehr Deportation nach Algerien verurtheilt, da man Tausende weder einsperren noch erschießen konnte. Die kleinen Dampfschiffe der Seine sollten wöchentlich zwei bis drei Mal die Familien transportiren. Der erste Transport hatte bereits am Vormittag den Quai d'Orsay verlassen sollen, die Einschiffung sich aber bis zur späten Stunde des Nachmittags verzögert, in der die Debatten der Deputirten-Kammer geschlossen zu werden pflegten.

Das alte Palais Bourbon, das so schwere Phasen in der Geschichte Frankreichs gesehen, nach der großen Revolution der Sitz des Raths der Fünfhundert, unter dem Kaiserreich dem Corps legislativ überwiesen, dann die Deputirten-Kammer, in der Gautier die vernichtende Adresse gegen den letzten Bourbon schleuderte und die Herzogin von Orleans vergeblich ihren Söhnen Frankreich zu retten versuchte - jetzt der Sitz der Assemblée nationale, war bis an die Gitter, durch welche man seit dem

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Maiputsch das Portal umgeben, dicht mit Menschenmassen besetzt. Die Gänge und Gallerieen des Sitzungssaales waren überfüllt, kaum für die Deputirten und das Personal zu passiren.

Die Glocke der >Victoria< wurde zum ersten Male geläutet, Freunde und Verwandte drückten sich zum letzten Male die Hand, Hunderte von Tüchern wehten aus der langen Menschenreihe, die an der Balustrade des Quai's sich drängte - der Capitain, bereits auf dem Radkasten stehend, hatte den Befehl ertheilt, das Schiff von allen nicht zur Fahrt gehörigen Personen zu räumen, und die beiden Posten der Nationalgarde an der Landungsbrücke nöthigten zur Eile.

Plötzlich entstand ein Gedräng auf dem untern Quai in der Nähe des Schiffes; ein Mann, ein junges Mädchen an ihrem Arm haltend, versuchte sich durch die Menge nach der Landungsbrücke zu drängen.

»Was will der alte Narr? Laere! Bleibt, wo Ihr steht - seht Ihr nicht, daß es zu spät ist?«

»Laßt ihn durch - der Gentleman hat Eile. Er will der Nachfolger Abd-el-Kaders werden!«

»Es ist der Kaiser von Marokko mit der Favorit-Sultanin!«

»Par Dieu - die müßte ja schwarz sein, und die ist weiß wie ein Leichentuch!«

»Hi hi! ho ho! Denkst an das Deine?« Der Alte, der das Durchdrängen versuchte, sah ihn höhnisch aus den kleinen zwinkernden Augen an, die wie die einer Blindschleiche stechend aus dem runzelvollen, bleifarbenen Gesicht funkelten. »Komm zu mir, Mann - sparst das Leichentuch - liegst eben so bequem. 's ist doch nur Moder hinter dem fetten Wanst - hi hi! ho ho! - Moder - Moder, eh' acht Tage vergeh'n!«

»Verfluchter alter Kerl!« Der dicke Fleischwaarenhändler, dem die Rede gegolten, drückte sich unbehaglich zur Seite.

Der Alte zog das Mädchen weiter durch die Menge, die allmählich Raum gab.

»Es ist Samson, der Fossoyeur35- laßt ihn, er hat den Teufel im Leib!«

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Die Worte waren leise geflüstert von einem jungen Mann, der die Abzeichen der medicinischen Schule trug - aber das scharfe Ohr des Alten hatte sie dennoch verstanden.

»Samson, der Fossoyeur? Hi hi! ho ho! was Du nicht weißt! Bist ein Liebhaber von alten Doctorchen, aber noch mehr von frischem Fleisch für's Anatomiemesser oder für den Cancan im Chateau rouge! Kenn' Dich auch! kenn' Dich auch! ho ho! werden noch manches Geschäft machen!«

»Samson - der Fossoyeur! - Samson von den Katakomben und die Fleur de Mort!« Die Drängenden wichen mit einer gewissen Scheu zur Seite.

Der Mann, dem es galt, kicherte wie toll und machte dazu eine Menge vertrackter Geberden und Grimassen. Er hatte überhaupt ein unheimliches, häßliches Aussehn. Unter Mittelgröße, sah er noch kleiner aus, als er war, durch die gebückte Haltung des Oberkörpers, die noch auffallender wurde durch die Beweglichkeit des kleinen spitzen Kopfes, der auf dem langen dürren Halse sich drehte und wendete, als hätte er statt der Halswirbel Gummibänder. Der ganze Körper war hager und dürr wie ein Skelett, und der weite schwarze Rock, dessen Farbe jedoch durch Alter und dumpfe Luft in ein fahles Grau übergegangen war, hing wie ein Sack um seinen Leib. Der Rock war offenbar für einen Menschen von gewöhnlichen Formen gemacht, denen aber die Arme des Katakombenwächters durchaus nicht entsprachen. Diese waren über die Maßen lang und streckten sich wohl eine Spanne weit dürr und hager aus den Aermeln hervor, so daß er mit den gleichfalls unförmlichen und bis zu den Nägeln behaarten Händen sich im Stehen bequem die Schnallen lösen konnte, die über seinen kurzen Kniehosen dicke grauwollene Strümpfe festhielten. Sein Gesicht war klein, spitzig, und unter dem spärlichen starren Haar und der schmutzigen Pelzmütze von schlaffen Falten und Runzeln förmlich bedeckt, so daß es schwer war, einen eigentlichen Zug zu entdecken. Dagegen waren die Augen von großer Schärfe und trotz ihrer Kleinheit und seines Alters von unaufhörlichem, obschon unangenehmem Glanz. Einen desto schärfern Contrast zu dieser Figur bildete die

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des jungen Mädchens, das er, ohne sich mehr als die äußerste Nothwendigkeit forderte, um sie zu kümmern, hinter sich her zog.

Das Mädchen, das die Menge mit dem traurigen Namen Fleur de mort - Todtenblume - bezeichnet hatte, glich in der That einer solchen. Sie war groß und schlank und dabei von außerordentlich schönen Formen, die in dem knappen schwarzen, ziemlich phantastisch mit verschossenen Silberborten und Tressen besetzten Tuchkleid, das aussah, als wäre es aus einer Sargdecke geschnitten, voll und schön hervortraten. Es war eine Figur, wie der Maler in Marmor sich zu einer Juno oder Vesta gewählt hätte, und in der That - wenn die Hülle der Kleidung gefallen wäre, würde man ein Marmorbild vor sich zu sehen gemeint haben, von so bläulichem mattem Weiß ohne eine Spur jeder Röthe war die gleichförmige Farbe ihrer Haut. Das Gesicht zeigte ein klassisch geformtes Oval mit Zügen, deren reine und stolze Linien an die edelsten Meisterwerke der Alten erinnerten und eine fast wunderbare Schönheit erhielten durch das üppig reiche schwarze Haar, was mit einem röthlich schimmernden Glanz den Kopf umrahmte, und die großen tiefen Augen von dunklem Blau, deren ernster, starrer und fester Blick unter den seinen, in der Mitte der Stirn fast zusammenlaufenden Brauen einen merkwürdigen Eindruck machte.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, wenn man bei näherer Betrachtung bemerkte, daß diesem so auffallend schönen Gesicht und diesen so mächtig ergreifenden Augen eigentlich das Leben fehlte, - daß eine unheimliche Unbeweglichkeit, etwas gewissermaßen Leichenhaftes über dieser Gestalt und diesen Zügen verbreitet war. Es schien unmöglich, daß in diesen Wachsadern Pulse schlagen, unter dieser bleichen und durchsichtigen Haut warmes und rothes Blut strömen sollte, und man hätte eine schöne Todte vor sich zu sehen geglaubt, wenn man sie nicht sich bewegen gesehen hatte.

In Paris fällt selten eine Kleidung auf, sei sie so abgeschmackt oder ungewöhnlich, wie sie wolle. Der Strom der Menge, das ewig Neue und Wechselnde geht darüber hin, und die Lumpen flaniren auf dem Boulevard und den Promenaden der Avenues neben dem Flitterstaat eines Luftspringers oder der

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prächtigen Solidität der Equipage einer Herzogin oder eines Millionairs. Dennoch konnte die eigenthümliche Kleidung des Mädchens, das einen kleinen schwarzen Schleier als Kopfputz über den Haarwellen des Hinterkopfes als einzige Kopfbedeckung trug, nicht verfehlen, die spöttischen und gehässigen Bemerkungen der entfernter stehenden Frauenzimmer zu erregen.

Doch alle Bemerkungen und Exclamationen des Hohns oder der Scheu, welche das seltsame Paar erregte, gingen unbeachtet an dem Ohr des Mädchens vorüber, das sich in der drängenden, schreienden Menge gleichsam in tiefer Einsamkeit zu befinden schien. Nicht so bei ihrem Begleiter, der mit seiner eidechsenartigen Beweglichkeit Alles zu sehen, Alles zu hören schien.

»Samson, der Fossoyeur? Samson von den Katakomben? Ho ho! ha ha! Kennt Ihr den Samson? Schlechtes Gesindel - schlechtes Gesindel! Revolution wollt Ihr machen - Republik haben? Jammervolk! Jammervolk! Hi hi! habt nicht einmal eine Guillotine, eine lumpige Guillotine - keine Leichen für des Samsons Sohn! Müßt Euch die Schädel bei mir holen - ho ho! Kommt in die Katakomben, wenn Ihr Männer sehen wollt - die Pest über Euch, daß ich wieder Leichen kriege!«

So leichtsinnig im Allgemeinen der Pariser über den Ernst des Todes denkt, den er mit dem öffentlichen Aufputz der Begräbnisse und den Marmortafeln des Père Lachaise sich verhüllt, so gleichgiltig, daß der Besuch der schauerlichen Morgue eine passionirte Unterhaltung Aller - Männer, Kinder und Frauen von allen Ständen - ist, die über den Pont St. Michel und den Quai des Orfèvres kommen - der Name der Katakomben hat immer etwas Unheimliches für ihn, das sich mit unbekannten Schrecknissen verbindet. Der Bewohner der Arrondissements südlich der Seine zwischen den Invaliden und dem Jardin des Plantes um das Luxembourg und das Pantheon her, weiß, daß er auf einer unterirdischen Gräberwelt lebt, liebt, politisirt, tanzt und lacht, deren Unermeßlichkeit er nicht kennt, deren unheimliches Dasein er nur ahnt, da die Meisten die Ausdehnung nur von übertriebenen Erzählungen her kennen und sie nie betreten haben. Sie wissen nur, daß außer dem Haupteingang am Octroy-Gebäude der Barrière d'Enfer verschiedene geheime Ausgänge der unterirdischen

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Gänge und Gewölbe in Kanäle und Keller münden, die nur wenig Eingeweihten, vielleicht Niemand unter den Lebenden mehr bekannt, und daß schon häufig Menschen in dieser Gräberwelt spurlos verschwunden sind.

Der Ruf des Katakombenwächters war überdies verbreitet genug, obschon er nur Wenigen von Person bekannt war. Man wußte, daß er ein Sohn oder Verwandter des bekannten Scharfrichters der Revolution von 1789 war, und sich dessen rühmte, daß er nur äußerst selten sein unterirdisches Reich verließ, wo er eine gewisse Herrschaft über die Führer und anderen Aufseher übte, und man erzählte die abenteuerlichsten Geschichten von seiner Bosheit, seinen Wunderlichkeiten und seinem unheimlichen Treiben.

Es war der Erscheinung Samsons und seiner ungewöhnlichen Muskelkraft, mit der er Stöße und Tritte austheilte, gelungen, bis zum Rande des Wassers und zur Stelle vorzudringen, wo die Matrosen des Dampfbootes eben beschäftigt waren, die fliegende Brücke abzuschieben, die den Uebergang zum Schiff gebildet, hatte, denn die Glocke hatte während der Scene bereits zum zweiten Mal geläutet.

In diesem Augenblick schüttelte ein junger Artillerie-Offizier am Bord des Schiffes einem bärtigen kräftigen Mann mit starkem rothen Bart, dessen Blouse und rauhe Hände den Arbeiter bekundeten, die Hand. Der Mann mochte etwa acht- bis neunundzwanzig Jahre zählen, sein Gesicht war finster, aber kräftig und ehrlich, das Auge feurig. An seiner Achsel lehnte eine junge Frau oder Mädchen, dessen freundlichem, etwas leidendem Gesicht das kleine Grisettenhäubchen allerliebst stand. Der Arbeiter trug den linken Arm noch in der Binde von einer Schußwunde auf den Juni Barrikaden.

»Leb' wohl, Renaud, und der Himmel laß Dir's gut gehen,« sagte der Offizier. »Ich hoffe, daß bis Ihr in Algier seid, Dein Arm wieder im besten Stande ist. Die Empfehlung des Generals und die Briefe, die ich Dir mitgegeben, werden Dir sicher ein gutes Land verschaffen, und wenn ich wieder hinüber komm', hoff' ich Pathe zu stehen bei dem tüchtigen Colonisten!«

»Gott segne Dich, Hectior, für Alles, was Du gethan. Du sollst Deine Freude daran haben, wie ich künftig auf die Weißmäntel

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schießen will statt auf die Rothhosen. Fort mit Dir, und - wahrhaftig, ich glaube, dort steht der Alte!«

Der Capitain hatte flüchtig die junge Frau auf die erröthende Stirn geküßt und sprang sodann über die letzte Planke, welche die Schiffsleute eben herüberzogen, an's Land. Er wäre beinahe auf den Katakomben-Mann getroffen, der eben zum Ufer drängte.

Der Offizier stutzte zurück, als er so unerwartet mit diesem zusammentraf, faßte sich aber sogleich. »Sie kommen zu spät, Herr Samson,« sagte er streng, »um Ihrem Sohn noch die so lang versagte Liebe zu zeigen, ehe er in einen fremden Welttheil zieht - so eilen Sie wenigstens, ihm ein väterliches Lebewohl zuzurufen!«

»Hi hi! gut gepredigt, gut gepredigt, Offizierchen,« grins'te der Alte. »Erst zusammenkartätscht und dann den Freund und Beschützer gespielt! Ho ho - hu hu! nicht übel, nicht übel! Wer war's doch, der die Kanonen in St. Antoine kommandirte? Kartätschen-Freundschaft! Ho ho - wie sollt's anders passen? Der vornehme Offizier und der simple Arbeiter - der Narr, der Lump!«

Der Offizier war empört zur Seite getreten. »Ihr Hohn berührt mich nicht, Herr Samson, der Soldat erfüllt seine Pflicht und kümmert sich nicht, wer ihm gegenüber steht. Statt Ihrem unbegründeten Groll zu fröhnen, sollten Sie die kostbaren Augenblicke nicht unbenutzt lassen, die Schuld der Lieblosigkeit an dem einzigen Sohn durch ein letztes Wort zu sühnen!«

»'s ist Verstand in dem Soldatenrock, guter Verstand! - Wo bist Du, großer Barrikadenmann, revolutionairer Tölpel und höchst gehorsamer Sohn? - Ho ho!«

»Vater!« Der Mann in der Blouse streckte den gesunden Arm nach ihm aus, während die Räder bereits das Wasser des Flusses schlugen und das Fahrzeug sich in Bewegung zu setzen begann. »Vater - ein einzig Wort der Liebe! Schwester, leb' wohl - Gott schütze Dich!«

Ein hundertstimmiges »Vive la Republique!« dem das tausendfache Adieu! Adieu! das Wehen der Tücher, das Schwenken der Hüte auf dem Quai antwortete, klang vom Bord des Schiffes.

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Der Arbeiter hatte sich weit hinüber gelehnt über die Barrière des Bootes.

»Geben Sie wenigstens dem armen Renaud ein freundliches Zeichen der Liebe, beste Mortelle,« bat der Offizier, der an die Seite des Mädchens getreten war.

Schon vorhin, bei dem ersten Ton seiner Stimme, war es wie ein Hauch von Farbe über die Wangen des Mädchens flüchtig gezogen; jetzt, als er sie direkt ansprach, wiederholte sich die Erscheinung, und ohne sich um den - wahrscheinlich für's Leben scheidenden - seit vielen Jahren von ihr getrennten Bruder zu kümmern, wandte sie die großen ergreifenden Augen schwer auf ihn.

»Es sind der Menschen zu viele hier!« sagte sie langsam; »komm' zu den Todten mit mir, Hector - Du warst lange nicht bei unseren Todten und es ist doch so heimlich seitdem in den Kapellen!«

Ein bedrückendes Gefühl des Schmerzes und des Bedauerns schnürte die Brust des jungen Offiziers zusammen. »Noch immer derselbe Zustand,« murmelte er - »ich werde Dich wiedersehen, Mortelle, sei dessen gewiß!« Er wollte sich entfernen, als ein Ausbruch des Volksunwillens ihn an die Stelle zum Schutz des Mädchens fesselte.

Samson hatte die Bitten und Abschiedsgeberden des Sohnes durch die abscheulichsten Grimassen beantwortet. Sein gellendes teuflisches Gelächter überbot selbst den Abschiedsruf der Menge, er sprang von einem Bein auf das andere, schlug die Hände in der Luft zusammen und bewegte den Kopf auf dem langen schiefen Halse gleich dem einer Schlange. »Hi hi - ho ho! Da geht er hin, der Lump, der Bettelbube, der Barrikadenprinz mit dem lahmen Arm! Hat den Vater verlassen, war ihm nicht lustig genug bei mir! Das Erbtheil seiner Mutter will er haben - ho ho! ich bring' Dir's! nimm's mit, was von der Alten noch übrig ist!« Mit der Behendigkeit eines Affen griff er in die Taschen seines weiten Rockes und holte überall bleiche Todtenknochen hervor, die er dem Sohn über das Wasser hinüber einzeln zuschleuderte, jeden Wurf mit seinem teuflischen Gelächter oder einer Verwünschung begleitend, wenn die Gebeine in's Wasser fielen und das immer mehr abtreibende Schiff nicht erreichten.

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Ein Schrei des Entsetzens und des Unwillens brach aus der Menge. »Werft den alten boshaften Kerl in die Seine! Schlagt ihn nieder, den Knochenmann!« ertönte es von vielen Seiten, und die Hände und Stöcke der entfernter Stehenden erhoben sich drohend. Aber mit der Beweglichkeit eines Kreisels drehte und wandte sich der Gräbermann in der Menge, bückte sich hier vor einem Schlage und theilte dort selbst einen hinterlistigen Tritt oder Stoß aus, indem er unter den Armen der Männer und zwischen den kreischenden Frauen durchschlüpfte, während die beiden Nationalgarden Ruhe zu schaffen suchten, bis er die Treppe zum obern Quai gewonnen und diese hinauf lief. Auf der letzten Stufe wandte er sich um, schnitt der Menge eine Grimasse und stieß noch ein Mal sein widriges Hi hi! Ho ho! aus, worauf er unter dem Volke verschwand, das - leichtsinnig und beweglich, wie es war - die gelungene Flucht mit einem schallenden Gelächter auf Kosten der Untenstehenden begrüßte. Ohnehin schien der Fossoyeur nicht ohne Beistand, zwei oder drei Männer von gemeinem und gewaltthätigen Ansehn aus der Hefe des Volks hatten sich, als er die Treppe gewonnen, wie zufällig vor dieselbe gestellt und machten Miene, mit Jedem, der ihn weiter verfolgen würde, anzubinden.

Ein lebhaftes neues Wogen der Menge, ein Geschrei, Hurrah und Pfeifen lenkte zugleich die Aufmerksamkeit nach einer andern Richtung und die Menschenwoge drängte am Quai entlang nach dem Palast der Nationalversammlung. Die Nachricht, daß die Abstimmung über den wichtigen Paragraphen der Präsidentenwahl erfolgt sei, verbreitete sich mit Blitzesschnelle.

Der junge Artillerie-Capitain befand sich in der That in großer Verlegenheit, was er mit dem jungen und in so seltsamer Weise aufgeputzten Mädchen beginnen solle. Dem Volk entsprossen wie sie, war er als Knabe der Freund ihres zehn Jahre ältern Stiefbruders gewesen, da sein Vater ganz in der Nachbarschaft des Eingangs der Katakomben und des abgesonderten Häuschens wohnte, in dem der unter dem Namen der Fossoyeur in der Nachbarschaft bekannte und verschrieene Aufseher des unterirdischen Kirchhofs haus'te, und dessen Schwelle nie ein Fremder überschritt. Eben so wenig konnte sich einer oder der andre der Nachbarn

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rühmen, die erste oder zweite Frau des Fossoyeur je zu Gesicht bekommen zu haben, und man erzählte, daß das Mädchen, dem er den Namen Mortelle gegeben, in den unterirdischen Grabgewölben geboren worden sei. So viel wußte man von den anderen Aufsehern und Führern, daß die Wohnung Samsons über der Erde mit einem der geheimen Ausgänge der Katakomben in Verbindung stehen mußte, denn er benutzte höchst selten den allgemeinen Zugang und wurde doch zu allen Zeiten des Tages und der Nacht dort gesehen. Die Knaben spielten in den äußeren Todtengewölben mit dem kleinen Mädchen, das schon in den ersten Kinderjahren ein so eigenthümliches theilnahmloses, fast leichenhaft unbewegliches Wesen zeigte, daß man sie für geistesschwach oder von stillem Wahnsinn befangen hielt, bis der eine von ihnen als der Sohn eines alten Soldaten in der École militaire Aufnahme fand und der andere bald darauf seinem Vater davon lief, um in einer Maschinenwerkstätte an der Porte St. Martin einzutreten.

»Kommen Sie, Mortelle,« sagte der Offizier, »wir können hier nicht bleiben; vielleicht werden wir Ihren Vater finden, wo nicht, muß der meine in der Nähe sein, der Sie nach Hause geleiten wird.«

Er nahm sie bei der Hand und führte sie die Stufen zum Quai hinauf; seine strenge Miene und sein festes soldatisches Aeußere hielten die Spottlust Derer in Schranken, an denen sie vorüber kamen, wenn sie auch die entfernter Stehenden nicht an Bemerkungen über das seltsame Paar hindern konnten.

Von der Esplanade her kam langsam ein Cabriolet durch die Menge, trotz der Ungeduld des fashionablen Lenkers, der es nicht wagen durfte, dem prächtigen Mohrenschimmel die Peitsche zu geben. Das Gespann zeigte bis auf die Riemschnallen das Crême des Jockey-Clubs und rivalisirte mit Tatterfall, eben wie der Herr selbst mit den Paille-Handschuhen von Alexander, Rock und Gilet von Serret, bis zur schwarzen Emailnadel, welche den Shawl im neuesten Knoten hielt; das hochmüthige blasirte Gesicht mit der orientalisch bräunlichen Färbung, hübsch, aber angegriffen, athmete die ganze souveraine Verachtung des Volkes umher und den Verdruß, daß die Räder seines Cabriolets mit diesem Pöbel

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in gemeine Berührung kommen mußten. Das Goldlorgnon in's linke Auge gekniffen, verdoppelte die unaussprechliche Insolenz dieses Blicks.

»Guten Tag, Miron! Sind Sie des Teufels, den Weg heut über den Quai zu nehmen, wo alle Welt sich um die Bourbonniere drängt?«

»Bah - ich bin nicht alle Welt!«

»Das wissen die Götter - aber alle Welt spricht von Ihnen im Café de Paris und Ihrem neuen Mohren. Wahrhaftig - er muß Sie tausend Louis kosten.«

»Zwölfhundert, mein Lieber, zwölfhundert mit dem Groom.«

Der Andere, die Hand auf die silberne Trittplatte des Wagens gestützt, wandte das Lorgnon mit Kennermiene von dem Pferde auf den englischen Jockey en miniature, der mit ungleich größerer natürlicher Gleichgültigkeit als sein Herr, die Arme gekreuzt, auf dem Hintersitz thronte.

»Wie alt?«

»Acht Jahre. Er hat seine Papiere.«

»Dann können Sie ihn zwei Jahre benutzen - keinen Tag länger, Baron, oder Ihre Präsidentur der Mode wäre in Gefahr, wie die Cavaignac's!«

»Ich seh', lieber Graf - irgend eine Neuigkeit drückt Ihnen das Herz - aber Sie wissen, ich beschäftige mich nicht mit Politik.«

Der Graf lachte. Er war eine stattliche Gestalt, im Anfang der Dreißiger, auf dem Gesicht den Stempel eines der edelsten Namen des Faubourg St. Germain, den ganzen aristokratischen Hochmuth, der sich lustig macht über den Dünkel des Geldschößlings jüdischer Race und dennoch der modernen Gemeinheit fröhnend, mit den Millionen zu fraternisiren, die ihm nicht mehr zu Gebote stehen,

»Machen Sie mich nicht lachen, Miron, kein Mensch weiß besser, woher der Wind webt - ich bin gewiß, Sie haben mindestens Hunderttausend heut an der Börse gewonnen.«

»Pfui, Graf - das ist höchstens die Sache des alten Schacherjuden meines würdigen Papa's. Ich beschmutze meine Handschuhe nicht mit den Anleihen, außer wenn ich eine bei

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ihm mache.« Er deutete mit der Peitsche über die Schulter nach der Seite der Deputirten-Kammer. »Was giebt es?«

»Wenn Sie es noch nicht wissen - die Debatte über den Paragraphen wegen der Präsidentenwahl ist so eben geschlossen und die Abstimmung erfolgt.«

»Nun?«

»Die kleine Duplessy wird ein Landhaus in Auteuil, einen Kashemir und eine neue Equipage von Ihnen fordern. Die Chancen des Prinzen sind um mindestens 200 Procent gestiegen!«

»Wie meinen Sie das?«

»Die Amendements der fünf Burggrafen36 sind verworfen. Die Straße Taitbout37 hat gesiegt. Marrast38 hat den Artikel 43 unverändert mit 627 gegen 130 Stimmen annehmen lassen.«

Das war zu erwarten.«

»Aber es ist nicht Alles. Deville und Thouret hatten den Antrag gestellt, daß kein Glied irgend einer Familie, die über Frankreich geherrscht hat, zum Präsidenten der Republik gewählt werden dürfe.«

»Bravo! Und der Antrag ist durchgegangen?«

»Er ist gefallen. Woirhaye nahm sich der Napoleoniden an - selbst Lacaze, der Legitimist, hat gegen den Antrag gesprochen; zuletzt nahm der Prinz das Wort und berief sich auf seine 400,000 Wähler. Die Rede hat Effect gemacht - ich sage Ihnen, die Chancen Cavaignac's sind sehr gesunken.«

»Aber die Partei der Moderirten ist täglich im Wachsen. Man will die Wiederherstellung der Ordnung um jeden Preis.«

»Dieser Napoleonide wird sie herstellen auch um jeden Preis - besser als Cavaignac!«

»Bah - wird er vielleicht wieder einen Adler steigen lassen, wie in Boulogne?«

»Ich fürchte,« sagte der Graf, indem er das Lorgnon vor das Auge nahm, »der Adler wird er selbst sein. Es steckt mehr hinter dem Avantürier, als Sie denken. Der Bruch mit den

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Socialisten und Lucian, seinem eigenen Vetter, soll bereits erfolgt sein. Die Wetten für ihn sind seit einer Stunde gestiegen. Aber - Valga me Dios! ich will mein Wappen verlieren und Börsenjobber werden, wenn das nicht die Schönheit der Katakomben ist, die Fromentin, der Adjutant Lamoricière's dort durch die Menge schleppt!«

Der Stutzer im Cabriolet richtete sein Glas nach der bezeichneten Stelle. »Auf Ehre, Montboisier, eine fille de marbre, wie Freund Dümas sie nennt. Eine Seiltänzerin Ihrer Bekanntschaft aus dem Cirque?«

»Haben Sie noch nicht von Fleur de Mort gehört?«

»Nein!«

»Das kommt, weil Sie sich nur in den exquisiten Kreisen bewegen und das Volk allzu sehr negligiren,« sagte der Graf mit leichtem Hohn. »Das Mädchen ist die Tochter eines Aufsehers der Katakomben, eines verrückten Kerls; von ihr selbst weiß man nicht, ob sie blödsinnig oder eine Coquette, so viel aber ist gewiß, daß sie der beste Führer in jener Gräberwelt ist und nur selten an's Tageslicht kommt. Doch ich muß fort. Sieht man Sie heute Abend in der Soirée von Baroche? Man sagt, alle Celebrität von Paris wird dort sein.«

»Ich komme sicher auf kurze Zeit. Der brasilianische Attachée hat ein Souper bei der Guerin verloren, sie hat zwei neue Spanierinnen bekommen und es wird köstlich sein. Ich nehme Sie mit!«

Den schon längst ungeduldigen Bemerkungen der Menge über die lange Versperrung der Passage antwortete der würdige Sprößling eines der Pariser Geldfürsten durch das insolenteste Anstarren und fuhr langsam davon. -

Der junge Capitain, unzufrieden mit sich und seiner Begleitung, war so rasch als möglich mit dem Mädchen weiter gegangen und hatte endlich die Brücke de la Concorde erreicht, fast in demselben Augenblick, als die Sitzung der Assemblée Nationale geschlossen war und die Deputirten einzeln oder gesellschaftsweise lebhaft debattirend das Gebäude verließen und zum Theil die großen Stufen der Freitreppe herabfliegen, deren Fuß die Statuen der Gerechtigkeit und Klugheit, und die Standbilder Sully's, des Kanzler l'Hôpital, Colbert's und d'Aguesseau's schmücken.

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Am Zugang der Brücke vom Platz der Invaliden her hatte ein Orgeldreher seinen Stand, um den ein zahlreiches Publikum sich gesammelt. Der Mann, ein alter Soldat des Kaiserreichs, mit nur einem Arm, aber rüstig und kräftig noch, war durch seine stattliche Haltung und seine joviale Laune Allen seit vielen Jahren bekannt, die ihr Weg regelmäßig über den Quai oder die Brücke führte. Sommer und Winter bei Sonnenschein und Regen hielt er auf seinem Posten aus, und Jeder reichte gern dem Papa Touron, wie sein Spitzname lautete, eine Gabe. Er war bei Belle-Alliance Invalide geworden, und obschon sich die Bourbonen-Regierung wenig um die alten Blessirten des Kaiserreichs kümmerte, hatte man ihm doch unter Louis Philipp wiederholt die Aufnahme in's Invaliden-Hôtel angeboten. Aber Papa Pierre hatte ein braves Weib gefunden, ein Mädchen, das er schon früher gekannt und die jetzt als Wäscherin mit ihrer Hände Arbeit die kleine Familie unterhielt, während der alte Soldat als Commissionair, soweit dies seine Verwundung gestattet, das Seine zur Wirthschaft beitrug. Vor dreizehn Jahren war die brave Frau kurz nach der Geburt seines zweiten Knaben gestorben, aber auch da wollte er die gewohnte Häuslichkeit nicht verlassen und begnügte sich damit, des Sonntags mit seinen alten Kameraden im Invaliden-Hôtel zu speisen. Marschall Soult hatte die Aufnahme seines ältesten Sohnes Hector in die Ecole militaire veranlaßt und dem alten Corporal, als es mit dem Betreiben seines frühern Erwerbs nicht mehr recht fort wollte, die Erlaubniß verschafft, mit seiner Drehorgel am Pont de la Concorde seinen Posten zu nehmen. Auch für den jüngsten Knaben würde der alte Marschall sicher gesorgt haben, wenn in den letzten Jahren der Regierung Louis Philipp's die alten enragirten Napoleonisten - und dazu gehörte offenkundig der Vater Touron - der Pariser Polizei nicht sehr mißfällig gewesen wären. So wuchs der Knabe, während sein älterer Bruder in Algier diente und bei verschiedenen Gelegenheiten sich auszeichnete, ziemlich wild heran, ein echter Gamin, denn der alte Soldat hielt herzlich wenig von Schulen und Unterricht.

Auch heute hatte Vater Touron seinen gewöhnlichen Platz inne, und um ihn her standen und saßen mehrere seiner alten

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Freunde vom Invaliden-Hôtel, die gewöhnt waren, in seiner Nachbarschaft und der der Deputirtenkammer ihre Pfeife zu schmauchen; denn es giebt keine eifrigeren Politiker als die alten Invaliden.

Obschon der Corporal nie um eine Gabe bat, sondern nur die freiwillig gereichten mit Dank annahm, war die Ernte doch gewöhnlich gut und reichte vollkommen zu seinen Bedürfnissen und manchmal einer Extraflasche für alte Kameraden hin. Der graue Schnurr- und Knebelbart, der ihm bis auf die Brust niederhing, gaben dem alten Orgeldreher ein wahrhaft martialisches Aussehn, und hätten die Kinder erschreckt, wenn unter den buschigen Brauen nicht ein Paar gar so lustige, gemüthliche Augen hervorgeblitzt hätten.

»Den Teufel, Vater Touron,« sagte ein Junge, die Mütze keck auf dem linken Ohr, die Hände unter der Blouse in den Taschen der Manchesterhose, eine Zeitungstasche unterm Arm und einen kurzen thönernen Pfeifenstummel zwischen den Zähnen, obschon er höchstens vierzehn Jahre alt sein konnte, »die Büchse da aus Eurer Orgel klingt gut, heute giebt's doch hoffentlich eine Extracollation? Kaninchenragout mit Zwiebeln? Ich habe eine ganz famose Kneipe aufgethan und will Euch hinführen!«

»Taugenichts,« schalt der Alte, obschon er mit sichtlichem Wohlgefallen den Knaben mit seinem braunen kecken Gesicht und dunklen Lockenhaar ansah, »wo kommst Du her? wer hat Dir erlaubt, Dich hier herumzutreiben?«

»Bah, Vater Touron, macht keine Geschichten,« lachte Meister Jacques, denn dieser, der jüngere Sohn des alten Soldaten war es, indem er seinen Erzeuger äußerst familiair auf den Rücken klopfte. »Armand, der junge Herr, hat mir von Herrn de Chapelles heute Vacanz verschafft, um ihn hierher zu begleiten, es ist ohnedies nicht mein Geschmack, vor dem Kasten mit den Typen zu stehen! ich gebe das Geschäft auf und wende mich wieder dem fliegenden Buchhandel zu. Die Krähenfüße sind so verteufelt schwer zu lesen und die Buchstaben wollen nicht in Reih' und Glied!«

»Aber Hector wird schelten!«

»Zum Henker mit Hector, ich will mit ihm schon fertig werden. Frankreich braucht nicht blos Offiziere, sondern auch Soldaten.

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Ich trage Dir die Orgel nach Hause und Du traktirst uns im >Rothen Teufel< mit einer Flasche Wein. Armand soll mit uns gehen, er hatte ein Billet auf die Tribüne und wird mich bei Euch finden. Allons, Messieurs - der Constitutionnel! letzte Nummer, wer ihn noch nicht gelesen hat. Proclamation gegen den Belagerungszustand des Herrn von Cavaignac! Sechsunddreißigtausend Pariser sollen deportirt werden! Großer Sieg des souverainen Volkes über Herrn Flocou und Lamartine! Kaufen Sie, meine Herren, kaufen Sie, fünf Sous die Nummer! Herrn Proudhon's neueste Schrift: >Das Recht auf die Arbeit und das Recht auf das Eigenthum< gratis dabei!«

»Das sind alte Geschichten, das haben wir gestern schon gelesen,« sagte ein Mann.

»Was meinen Sie, Bürger, glauben Sie, daß die Typographen nicht auch ihre Sonntage haben wollen? Es wird Ihren politischen Verstand für die Wahlen schärfen, wenn Sie den Constitutionnel zwei Mal lesen, denn man sagt, daß Herr Veron39 eine ganz neue Sauce erfunden hat! Kaufen Sie, meine Herren, ich werde Ihnen dafür auch zeigen, in welchem Zustand sich gegenwärtig >la belle France< befindet.«

»Im Guckkasten?« fragte Jemand neugierig.

»Nein, mein Schätzbarster, aber so!« Er legte das Packet Zeitungen und Brochüren auf den Boden, schlug ein Rad und stellte sich auf den Kopf.

Alles lachte und man warf dem lustigen Burschen einige Sous zu; nur ein alter Herr, in langem, grünen Frack, Strumpfhosen und Kniestiefeln, schimpfte - der Gamin hatte ihm bei dem Purzelbaum die goldene Brille von der Nase geschlagen, und der alte Herr suchte sie vergebens am Boden, denn ein langer Kerl mit schmalem Gesicht und schiefer Nase hatte sie bereits aufgenommen und entfernte sich langsam, wie ein müßiger Spaziergänger.

Aber das Luchsauge des Gamin hatte die Bewegung des Aufhebers wohl bemerkt und im Nu war er hinter dem Dieb drein und hielt ihn am Arm fest. »Mein Lieber, ich glaube, daß Ihre

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Augen gut genug sind, um keiner Brille zu bedürfen. Ein ehrlicher Finder, wie Sie, wird sich ein Vergnügen daraus machen, sie dem Eigenthümer zurückzugeben!«

Der Kerl ließ das gestohlene Gut fallen und versuchte Meister Jacques, als dieser sich bückte, einen Tritt zu geben. Aber der Gamin wich behend aus und der Fußtritt traf einen kräftigen Kohlenträger, der dafür dem Diebe einen entsprechenden Faustschlag auf den Kopf versetzte. Der Knabe war im Nu wieder bei dem alten Herrn, dem er die Brille mit einer höflichen Verbeugung überreichte. Der Eigenthümer nahm sie und ging, ohne Dank, brummend davon. Meister Jacques begnügte sich, mit der flachen Hand seinen Ellbogen zu schlagen und jenes unnachahmliche Zeichen zu machen, mit dem der Pariser Straßenjunge seine philosophische Verachtung ausdrückt.

Ein andrer Knabe, von gleichem Alter, aber gut gekleidet, ein schönes Gesicht mit feurigem Auge unter dem braunen lockigen Haar, war unterdeß herbeigekommen und hatte das Zeitungspacket aufgenommen.

»Guten Tag, Herr Fromentin!«

»Sieh da, Musje Armand, freut mich, Sie zu sehen!« Der Alte unterbrach sein Spiel und reichte dem Knaben die Hand. »Es ist ein wilder Bursch, der Jacques, paßt nicht zu so seinem Herrn wie Sie, aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Sie müssen's ihm nicht übel nehmen.«

»Oh, er ist ein wackerer Junge, Herr Fromentin,« sagte der Knabe, »und ich liebe ihn sehr. Wir wollen zusammen Soldat werden. Sie sollten nur hören, Herr Fromentin, mit welcher Verehrung und Liebe er von Ihnen spricht!«

Der alte Soldat war ganz gerührt. »Ich wußte es wohl, ich wußte es wohl, er hat das wilde Blut seines Vaters, aber das Herz seiner Mutter, - Gott segne sie im Grabe! - was auch die Leute von ihm sagen mögen! Es ist nicht so schlimm, wie der Capitain, sein Bruder, meint, wenn er auch gerade keine Neigung für die Gelehrsamkeit hat!«

»Der Prinz, Vater, der Prinz! ich sah ihn dort über den Platz kommen,« unterbrach ihn der junge Taugenichts. »Geschwind, Papa Touron, sein Lieblingslied!« Und mit einer hohen

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Fistelstimme begann er, neben seinem Erzeuger stehend, das berühmte Lied Hortensen's:

                       »Partant pour la Syrie

                        Le jeune et beau Dunois etc. «

während der Alte seine Orgel einschnappen ließ und die Melodie um drei Takte zu spät begann.

»Hör' auf, Schelm, und malträtire die Ohren der Leute nicht,« sagte eine heftige Stimme, während eine Hand den Gamin beim Ohr faßte und ziemlich derb schüttelte. »Es ist eine Schande, Vater, daß Sie dem Buben den Müßiggang gestatten und die Theilnahme an einer Beschäftigung, die Sie, trotz all' meiner Bitten, nicht aufgeben wollen.«

»Verdammt,« flüsterte der Gamin seinem vornehmern Kameraden zu, »da hat der Henker meinen Bruder, den Capitain, hergebracht. Paß auf - nun wird's eine Predigt geben!«

Er beeilte seinen Rückzug hinter den alten Invaliden, der zuerst ziemlich verlegen die Mütze von einem Ohr auf das andre schob.

»Sie verderben den Buben durch Ihre Nachsicht, Vater,« fuhr der junge Offizier fort. »Wie kommt er hierher, statt in seiner Offizin zu sein? Ich dachte, es wäre abgemacht zwischen uns Beiden, daß er nicht wieder den Colporteur spielen, sondern etwas Ordentliches lernen sollte, damit er auf seine alten Tage nicht auch von der öffentlichen Mildthätigkeit zu leben braucht!«

»Monsieur le Capitain,« sagte der Alte unwillig, »menagiren Sie Ihre Worte. Es ist keine Schande für einen alten Soldaten, die freiwilligen Gaben Derer anzunehmen, für die er Besseres gegeben hat, sein Blut und seine gesunden Glieder!«

Der junge Offizier erröthete unter der strengen Erwiederung. »Sie haben Recht, mein Vater, und ich bitte Sie um Verzeihung. Ich meinte nur, es würde besser für Sie und meinen Bruder sein, wenn Sie die Stelle im Hotel der Invaliden annehmen oder mir erlauben wollten, mein Gehalt mit Ihnen zu theilen.«

»Nichts da, Capitain! ein Offizier ohne Vermögen braucht seine Gage, und ich mag meine Freiheit und das alte Häuschen nicht aufgeben, wo ich mit Deiner Mutter lebte. Und nun, mein Junge, laß gut sein und sei gegrüßt und bedankt, daß Du

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nicht verschmähst, den alten Leiermann hier aufzusuchen. Bomben und Kanonen, wen hast Du denn hier? Das ist ja die Fleur de Mort, so wahr ich Augen habe! Wie kommst Du hierher, Mädchen?«

»Ihr Vater hat sie mit sich genommen zur Abfahrt des armen Renand und sie im Gedräng verlassen. Ich wollte Dich bitten, sie nach Hause zu bringen, denn ich muß zum General.«

Der Gamin kam hinter seinem Alten hervor, denn er wußte, daß der Sturm vorüber war und er liebte den ältern Bruder trotz der strengen Verweise herzlich, mit denen ihn dieser zur Ordnung anzuhalten suchte.

»Bruder Capitain,« sagte er, indem er drollig salutirte, »überlassen Sie die Dame mir, ich bürge mit meinem Ehrenwort dafür, daß ich sie richtig nach Hause bringe.«

Der Offizier lächelte. »Hier ist Geld, Jacques, nimm einen Fiaker, ich verlasse mich auf Dich. Und nun, Mortelle, geh' mit meinem Bruder, er wird Dich zu Deinem Vater bringen!«

»Und zu den Todten, Hector! Komm zu den Todten - es ist so still bei ihnen!« Ihre großen, geisterhaft starren Augen hafteten auf ihm.

»Ich werde Dich besuchen, Mortelle, verlaß Dich darauf.« Er führte sie dem Wagen entgegen, den der Gamin eilig herbeigeholt, und hob sie in diesen. Meister Jacques hatte unterdeß seinen Kameraden bedeutet, daß sie weit amüsantere Unterhaltung haben würden, wenn sie mit Mamsell Mortelle die Geheimnisse der Katakomben durchstreifen könnten, als bei den alten Soldatengeschichten des würdigen Corporals im >Rothen Teufel<, und die beiden Taugenichtse kletterten auf den Bock trotz aller Protestationen des Kutschers.

Während der Wagen mit der Tochter des Fossoyeur davon fuhr, kam eine Gruppe von drei Herren von dem Place Bourbon her, auf den der Hauptausgang der Assemblée Nationale mündet, auf die Brücke zu. Das Publikum machte ihnen auf allen Seiten Platz und Viele zogen grüßend den Hut.

Der Herr in der Mitte war von mittelgroßer Figur, hagerm, länglichem Gesicht und starker, nur wenig gebogener Nase. Seine Augen lagen tief und hatten einen kalten, ernsten Blick, der einem

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wohlverschlossenen Geheimniß glich. Er hatte etwas Steifes, Eckiges in seinen Bewegungen und trug einen Schnurrbart und schmalen Knebelbart, wie er seitdem in Frankreich allgemein Sitte geworden. Die achtungsvollen Grüße und die Neugier des Publikums galten offenbar dieser Person.

Ihr zur Rechten ging ein Mann von großer Corpulenz, die Prägung des Lebemanns und Gourmands auf dem ziemlich geistreichen Gesicht, während auf der andern Seite ein alter Mann von militärischer Haltung, mit grauem Haar, den Rock, an dem das Commandeurkreuz der Ehrenlegion befestigt war, bis an den Hals zugeknöpft, sie begleitete.

»Es ist unmöglich, liebster Veron, heute mit Ihnen zu diniren,« sagte der Mann in der Mitte - »ich habe mehrere Rendezvous und Besuche zu erwarten. Ich verlasse mich darauf, daß der Artikel morgen im Constitutionnel erscheint. Sie übernehmen es demnach, durch Herrn de Chapelles die Buchhändler und Buchdrucker von Paris für uns zu gewinnen?«

»Das Versprechen für die Freiheit der Presse wird uns zwei Drittheil verschaffen. Der Rest gehörig dem Berg.«

»Montholon« - er wandte sich zu dem alten Offizier an seiner Seite - »will selbst den Club in der Straße Taitbout besuchen. Wir wollen den Versuch machen, ob wir uns einigen können. Sie werden mir noch heute das Resultat der Verhandlung mit dem National bringen?«

»Er ist so gut wie unser - es wird eine schöne Ueberraschung für Cavaignac werden, sich so plötzlich von seinem eigenen Journal angegriffen zu sehen. Ich hoffe Euer Hoheit bei Baroche bereits den völligen Abschluß mittheilen zu können.«

»Ich werde um 11 Uhr dort sein. Lassen Sie das Morgenblatt die Notiz bringen, man habe General Cavaignac mit mir eine Stunde lang im Garten promeniren und sich ohne Zeugen unterhalten sehen. Das wird ihn compromittiren und der Widerruf noch mehr. - Ah, mein Braver ich danke Dir!«

Die Gruppe blieb dicht vor dem Invaliden stehen, der unterdeß wieder auf seiner Orgel das napoleonische Lied gespielt, und jetzt den Griff losließ und die Hand salutirend an seine Mütze legte. -

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»Gott segne den Neffen des Kaisers und den künftigen Kaiser von Frankreich!«

»Pst, pst, Papa Touron - das ist Hochverrath gegen die Republik. Aber ich danke Dir, daß Du mich jedes Mal, wenn ich vorüber komme, mit dem Souvenir meiner Mutter erfreu'st.« Er warf ein Goldstück in die Büchse, die auf der Orgel stand. Der Artillerie-Capitain, der noch immer neben seinem Vater stand, machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er die Gabe hindern, die Röthe der Demüthigung brannte auf seiner Stirn.

Der Prinz - denn es war in der That der Prinz Louis Napoleon, der neue Deputirte des Seine-Departements und der Bewerber um die Präsidentur Frankreichs - wandte sich zu dem jungen Offizier.

»Sieh da - wenn ich nicht irre, Capitain Fromentin? - ich wußte nicht, daß der Lieblingsadjutaut des Herrn Kriegs-Ministers auch Sympathie für das Lied einer Napoleonide hat.«

»Es ist mein Sohn, Sire,« sagte der Alte mit Stolz,«und in Treue und Bewunderung für den Kaiser erzogen!«

»So heißen Sie Fromentin - ich wußte es nicht. Ich mache Ihnen mein Compliment, mein Braver, über Ihren Sohn. Capitain Fromentin hat sich durch seine Versuche mit der Waffe, mit der auch ich mich besonders beschäftige, und sein Verhalten in Algier bereits den ehrenvollsten Namen gemacht.«

Der Capitain verbeugte sich.

»Aber wenn ich nicht irre,« fuhr der Prinz fort, »hörte ich im Foyer General Lamoricière nach Ihnen fragen. Ich hoffe, Sie recht bald ein Mal bei mir zu sehen, Capitain, um über unsere Lieblingswaffe und ihre Verbesserung plaudern zu können, und« - fügte er leiser hinzu - »vielleicht auch ein Wenig über Fräulein Miron!«

Der junge Offizier erglühte bei der Nennung dieses Namens, dessen Bedeutung er für ein tiefes Geheimniß seiner Brust hielt. Er stotterte einige verlegene Entschuldigungen, daß er zu seinem General müsse, salutirte und eilte nach einem Gruß an seinen Vater davon.

Der Prinz sah ihm lächelnd nach. »Ein tüchtiger Offizier - eine Hoffnung für die Zukunft,« sagte er, »wenn die Adler

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Frankreichs erst wieder den alten Flug nehmen. Doch ich habe mit Dir zu reden, Papa Touron.«

»Zu Befehl, mein Prinz!«

»Hier nicht! - Du hast gehört, was in der Assemblée beschlossen ist?«

»Das Volk wird wählen. Verlassen Sie sich darauf, mein Prinz - es wird den Namen des Kaisers nicht vergessen.«

»Ich hoffe es. Kannst Du in zwei Stunden mich besuchen?« fragte er leiser.

»Ich werde pünktlich sein. Wo befehlen Sie, mein Prinz?«

»Im Hôtel du Rhin - am Vendôme-Platz. Mein Kammerdiener wird Dich erwarten.«

»Hôtel du Rhin? Ich bin fünf Mal über den Rhein marschirt, er gehört zu Frankreich und ich hoffe, Sie werden meine Jungen das sechste Mal hinüber führen.«

Der Prätendent lächelte. »Kommt Zeit, kommt Rath! Adieu, mein Alter! Verzeihen Sie, Veron, daß ich Sie warten ließ!«

»Hi hi! ho ho! - Moder, Moder! 's wird Alles Staub, Kronen und Bettelsack! Ein Knochen wie der andere! Hu hu!«

Die unheimliche Gestalt des Fossoyeur tauchte plötzlich hinter dem Invaliden hervor und erschreckte den dicken Gourmand, der eben seine Gabe in die Büchse des alten Soldaten warf.

»Zum Henker mit dem Kerl! Die Vogelscheuche hat mich ordentlich erschreckt. Was ist das für ein Mensch?«

»Ein Aufseher aus den Katakomben, Monsieur, ein Nachbar von mir, aber etwas übergeschnappt im Kopf. Schämst Du Dich nicht, Fossoyeur, vornehme Herrschaften zu belästigen?«

»Hu hu - vornehm oder gering! sie werden Alle, wie meine Kinder, die Knochenmänner. Moder, nichts als Moder!« Er klopfte dem berühmten Bourgeois auf den dicken Bauch. »Fraß für die Würmer - der da kommt zuerst d'ran!«

Der Prinz lachte laut auf über das tragikomische Gesicht seines Vertrauten. »Kommen Sie, Veron, Sie sehen ja, der Mann ist verrückt, aber in dieser gesegneten Republik hat Jeder seine gebührende Freiheit!«

Der dicke Besitzer des Constitutionnel und Gefährte des Prinzen bei seinen petits plaisirs trocknete sich mit dem Taschentuch

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den Schweiß von der Stirn. »Der Kerl hat mir das Diner verdorben,« sagte er kläglich. »Ich werde nur mit halbem Appetit essen, und ich hatte doch rothe Hühner von Montpellier mit Oliven gefüllt in der neuen Trüffelsauce bestellt - expreß für Sie, Hoheit! Es ist in der That schade!« -

Der alte Soldat hatte unwillig den Krückstock ergriffen, der an seiner Orgel lehnte. »Ich sollte Dir tüchtig den Rücken bläuen, Unhold, für Dein Betragen. Weißt Du nicht, wer der Herr ist, der mit mir sprach?«

»Knochenlieferant, Knochenlieferant, Freund! ho! ho!« grinst'e der Andere. »Ich kenn' die Augen - bleichschwer! freu' mich der Ehre der Bekanntschaft, hi, hi! Ich sag' Dir, Papa Touron, er ist ein Freund von Samson - Berge von Knochen, Berge von Knochen in seinem Auge! Das ist mein Mann!« Er warf der Gruppe, die bereits über die Brücke ging, Kußhände nach.

»Hört, Nachbar Samson,« sagte der alte Soldat, »treibt Eure Tollheiten, wo's Euch beliebt, nur nicht bei mir. Ich glaub' überhaupt, daß Ihr mehr Bosheit als Verrücktheit im Hirn habt, und es ist nur schade um das arme Kind, und Ihr solltet Euch der Sünde fürchten, daß Ihr sie hier in's Gedräng' geschleppt habt, wenn Ihr nicht besser für sie sorgen wolltet.«

»Hoho - hihi! Soldatenjungfer-Offizierbraut! Schlagt ein, wenn Ihr wollt, Schwiegervater,« lachte der Kobold - »ich geb' ihr eine Aussteuer - eine Gräfin soll's nicht besser haben. Des alten Samsons Blut kann sich mit Herzögen und Marquis vermischen, hat sich schon in höherm gewaschen!«

»Packt Euch zum Teufel, alter Tollhäusler, und wenn Ihr mit mir wollt, nehmt Euch in Acht, daß mein Stock nicht Arbeit bekommt!«

Der Invalide hatte seine Orgel über die Schulter geworfen und den Ständer zusammengeklappt, um ihn beim nächsten Hausmeister in Verwahr zu legen. Ohne sich zu kümmern, ob der Fossoyeur ihm folgte oder nicht, machte er sich eilig auf den Weg nach Hause, denn die Einladung des Prinzen, bei ihm zu erscheinen, galt ihm als militairischer Befehl, und er wollte so gut als möglich dazu Parade machen.

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Eine Strecke weit humpelte, sprang und plauderte Samson neben ihm her, ohne daß der Invalide, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, viel auf ihn achtete. Ueberdies begann es dunkel zu werden und die Laternenbuben rannten mit ihren kurzen Leitern umher, die Gasflammen auf den Quai's und in den Straßen anzuzünden. So bemerkte es der alte Fromentin auch anfangs nicht, daß der Fossoyeur auf den Wink eines Mannes, der ihnen an der Ecke der Rue de Babylone begegnete, stehen blieb und mit dem Fremden in einer Seitengasse verschwand.

Es war der junge Arzt, der den Katakombenwächter am Nachmittag auf dem Quai d'Orsai oder Quai National, wie er während der Repnblik hieß, erkannt hatte.

»Was zum Teufel, alter Gräberwurm,« sagte lachend der junge Mann, thatet Ihr heute im Sonnenlicht? Eure väterliche Zärtlichkeit hätte Euch übel bekommen können, wenn Ihr Euch nicht bei Zeiten aus dem Staub gemacht hättet. Was habt Ihr Neues für's Messer?«

»Nichts - laßt mich ungeschoren,« brummte mürrisch der Fossoyeur.

»Hört, Freund Samson, es gilt einen wissenschaftlichen Streit, Dupuytren hat eine Behauptung aufgestellt, die widerlegt werden muß. Wir müssen ein oder zwei Subjekte haben, weibliche, jung und frisch, die nicht an langwierigen Krankheiten gestorben sind, sondern in der vollen Kraft des Lebens, Ihr müßt wenigstens eins bis morgen schaffen.«

»Ho ho - was kümmern mich junge Weiber? Geht in's Chateau-Rouge oder vor die Barrieren, da findet Ihr sie zu Dutzenden. Wollt Ihr Knochen - Knochen? kommt zum Samson!«

»Unsinn, Mann, - ich weiß am besten, daß Ihr mit allen Leichendieben von Paris in Verbindung steht. Seht her, der Professor zahlt vier Louisd'ors für ein gutes Subjekt, aber frisch, jung und kräftig!«

Die Augen des Fossoyeur funkelten bei dem Anblick des Goldes, auf das der Strahl einer Laterne fiel. »Hi hi - wie das glänzt, Doctorchen, sollen's haben, sollen's haben, so wahr ich Samson heiße. Aber geben Sie mir das Gold!«

»Nichts da - hier ist ein Louisd'or als Handgeld, die

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anderen bekommt Ihr, wenn Ihr den Cadaver bringt. Wann werden wir ihn erhalten?«

»Ho ho - nicht so eilig, nicht so eilig Doctorchen. Junge Weiber müssen doch Zeit haben zum Sterben! Werde mit den Wassermännern sprechen, mit den Wassermännern! 's ist das Beste und Frischeste. An Fang fehlt's nicht - sie können den Fisch, wenn die Nacht vom Tage scheidet, zu Euch bringen, statt nach der Morgue! Die Liebhaber sind jetzt leichtsinnig und die Weiber schwach - hi hi, der Fluß hat viel Zuspruch!«

Der junge Anatom konnte einen leichten Schauder nicht unterdrücken, wie gleichgiltig ihn auch sein Beruf gegen Tod und Leichen machte.

»Hier ist der Schlüssel zur kleinen Thür für den Secirsaal Nr. 3. Laßt sie auf die Tafel zur Rechten legen und kommt morgen Nachmittag zu mir. Ich bin um drei Uhr zu treffen. Adieu Samson und haltet Eure Tochter zu Hause, sie ist schön genug, die Augen der Gaffer auf sich zu ziehen, obschon ihr der Verstand fehlt!«

Der junge Mann entfernte sich hastig, als sei ihm die Gesellschaft unheimlich genug. Der Fossoyeur sah ihm spöttisch nach. »Verstand fehlt! Verstand fehlt! hoho! Hat sie nicht genug für die Todten? - Seid nichts Besseres als wir, Ihr Leichenkäufer! Fragt nicht, woher sie kommen, aber wißt's recht gut. Wollen Republikaner sein, und lassen's an Leichen fehlen! Die Welt geht rückwärts, die Morgue und Samson sollen Alles thun! Ho ho! Futter für die Katakomben! Futter für die Katakomben!«

Statt nach der Barrière d'Enfer den Weg fortzusetzen, wandte er sich zurück zur Seine und wählte die nächsten aber unbelebtesten Straßen und Gassen, die zur Cité führen.



Der Prinz hatte ein kurzes Diner eingenommen - die Zeit drängte zur Thätigkeit, und Louis Napoleon kannte den Werth dieser Zeit.

Während des Nachtisches, als sein natürlicher Bruder Morny, der Vertreter von Puy de Dome, und Persigny, der thätigste und unermüdetste seiner Anhänger, bereits ihre Cigaretten angezündet,

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um sich in den Salon zu begeben, wo drei der Vertrauten zur Besprechung der Tagesereignisse sie erwarteten, überreichte Thelin, der Kammerdiener des Prinzen, diesem ein versiegeltes Billet.

Der Inhalt schien ihn zu frappiren - er entließ die Freunde mit dem Versprechen, so bald als möglich ihnen zu folgen.

»Wer brachte das Billet?« fragte der Prinz.

»Ein Savoyarde, ein Commissionair; er sagt, er würde Antwort erhalten und wartet.«

»Laß ihn eintreten!«

Während Thelin sich entfernte, den Mann zu holen, ging der Prinz unruhig auf und ab. Seine Stirn war finster, das gewöhnlich so matte Auge unruhig. Erst als er die Thür sich öffnen hörte, schien er seinen Entschluß gefaßt zu haben. »Ein Jahr noch,« murmelte er leise, »dann bin ich der Herr!« Die Falten auf seiner Stirn waren geglättet, als er sich umdrehte, keine Spur auf dem ruhigen, schlaffen Gesicht mehr von einem Zweifel.

In der Thür stand der Commissionair, nach Art der Leute seine Mütze in der Hand drehend. Er trug eine Blouse und darunter die olivenfarbenen manchesternen Beinkleider, wie sie die Savoyarden und Auvergnaten zu tragen pflegen. Der Mann machte einen ungeschickten Kratzfuß, als der Prinz ihn anblickte[.]

»Wer hat Ihnen dies Billet gegeben?«

»'s ist ein englischer Mylord, mein' ich, gnädiger Herr! große Statur, röthlich Haar, wie Euer Gnaden Kinnbart, ich kenn' die Puddings auf ein Haar!«

»Und warum kommt der Herr nicht selbst? wo ist er.«

»Auf dem Platz an der Vendome[Vendôme]-Säule steht er. Ich mein, er wollt wissen, ob die Luft rein wär', oder Se. Hoheit der Herr Prinz noch bei Tafel. Er hat gehört, daß immer ein dicker Zeitungsschreiber bei Ihnen speist, oder eine hübsche Komödiantin von den Variété's, und da hat er mich geschickt, die Sache erst in Ordnung zu bringen.«

»Einen Tölpel,« sagte der Prinz unwillig, »ich kann kaum glauben, daß er's ist, wenn ich den Boten ansehe! Geht sofort zu dem Herrn und sagt ihm, ich erwartete seinen Besuch - wir würden ungestört sein.«

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Der Savoyarde zögerte und streckte die Hand aus. »Ein Weib und fünf hungrige Kinder, Herr! Zu Hause in Savoyen eine alte blinde Mutter.«

Der Prinz reichte ihm zwei Fünffrankenthaler. »Nun aber macht, daß Ihr fortkommt und holt Lord Heresford.«

Der Savoyarde grüßte und ging nach der Thür. Als er die Schwelle erreicht hatte, schob er den Riegel vor und drehte sich um.

»Goddam - ich glaube, es wird sein nicht nöthig zu rufen Mylord Heresford,« sagte er mit gänzlich veränderter Stimme, »er kann Ihnen machen sogleich sein Compliment und fragen, ob Sie sein zufrieden mit dem heutigen Tag.«

Der Prinz starrte ihn sprachlos an; der Savoyarde warf sich laut auflachend in ein Fauteuil, schob die schwarze Tour über seine Stirn zurück und entfernte den buschigen Bart von seinem Kinn. »Machen Sie doch kein so verzweifelt verdutztes Gesicht, liebster Prinz,« sagte er noch immer heiter, - »ich komme sonst wahrhaftig nicht aus dem Gelächter, und wir haben doch ernste Dinge genug zu besprechen.«

Der Prinz hatte sich endlich gefaßt und reichte ihm die Hand. »Aber um's Himmels willen, Signor, warum diese Verkleidung? Frankreich bietet doch keine Gefahr für Sie?«

»Cospetto,« sagte der große Verschwörer, »ich reise gern incognito und habe in diesem Augenblick nicht Lust, mich mit Cabet, Proudhon und den anderen Narren des allgemeinen Eigenthums einzulassen. Ich komme aus Italien - in guter Gesellschaft.«

»Wie meinen Sie?«

»Garibaldi ist bei mir mit seiner schönen Frau, derselbe, der Ihnen die Million aus Montevideo brachte.«

Der Prinz antwortete mit einer ziemlich frostigen Miene.

»Sie kennen die Ereignisse in Italien und erinnern sich unsers Vertrages, Hoheit - ich komme, um unsere beiderseitigen Verpflichtungen einzulösen.«

»Ich bin bereit. Vorerst, was bringen Sie Neues aus Italien?«

»Wir haben Fiasco gemacht - aber es ist nur der erste Anprall der Wogen - wir sind nicht entmuthigt. Sicilien ist,

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fürcht' ich, verloren - die Kanonen Bomba's werden die Helden der Freiheit zusammenschmettern - die Tyrannei siegt, da England verräterischer Weise uns im Stich läßt. Doch Neapel ist eine Nebenphase - früher oder später, es entgeht uns nicht, und die Saaten von Blut werden die Ernte der Freiheit werden. Venedig, Mailand und Rom, das ist das Nothwendige und Wichtigste für uns.«

»Und der Waffenstillstand?«

»Nur die Feigherzigkeit und Eifersucht Carlo Alberto's konnte ihn schließen. Er verfolgt einzig seine eigenen Interessen, nicht die unseren, und darum wird er fallen. Die Nationalpartei ist ihm zu mächtig, ob er will oder nicht, der Krieg wird wieder beginnen, aber dieses spada d'Italia hat uns gezeigt, daß kein Verlaß auf ihn ist, und daß wir einen andern Halt suchen müssen. Was sagen Sie zu Rom?«

»Aber die nationale Regierung in Rom ist gefallem, der österreichische Einfluß ist überwiegend, der Papst hat die Bestimmung der Truppen zur Unterstützung Sardiniens desavouirt und Cardinal Antonelli hat alle Macht in Händen. Sein Werkzeug, der Minister Rossi, ist erklärter Gegner der Demokratie.«

Der Verschwörer lächelte spöttisch. »Sie kennen die Italiener schlecht, Prinz, wenn Sie glauben, daß Rossi lange ein Hinderniß sein wird.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es ist unsre Sache - Sie müßten denn Lust haben, heute einer kleinen Versammlung bei Ricci beizuwohnen. Genug davon - Sie erinnern sich unsers Vertrages im Schloß Hamm?«

»Gewiß - und ich weiß, welchen Dank ich Ihnen schulde, wenn mich die Februar-Revolte auch später befreit hätte.«

»In zwei Jahren kann viel geschehen, ich sagte Ihnen damals bereits, daß später wahrscheinlich Nichts mehr zu befreien sein würde. Genug - Sie wurden frei, und ich komme, den zweiten Theil unsers Vertrags anzubieten, die Präsidentschaft der Republik Frankreich.«

Der Prinz saß mit dem Rücken gegen das Licht der großen Astrallampe, sonst hätte der scharfe Beobachter gewiß nicht den Blitz von Ironie verpaßt, der über dies sonst so eherne Gesicht flog.

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»Die öffentliche Stimme nennt allerdings bereits meinen Namen als Bewerber, und ich werde als solcher auftreten.«

»Sie werden Cavaignac schlagen, aber nur mit unsrer Hilfe. Ich weiß, daß Sie bereits auf das Beste vorgearbeitet haben.«

»Der Berg macht mir offene Opposition!«

»Nur so lange es nöthig ist - sie wird Ihnen mehr nützen als schaden, denn sie treibt die Bourgeoisie zu Ihnen hinüber. Ohne unsern Beistand wäre Lamartine's Antrag auf Ihre Verbannung im Juni durchgegangen.«

»Vielleicht!«

»Bestimmt. Ebenso die heutigen Anträge auf Ausschließung der bisherigen Herrscher-Familien von der Präsidentur. Im Fall die Amendements der Straße Poitiers durchgingen, waren Ihre Aussichten hin, denn in der Assemblée selbst dürfen Sie nicht auf die Majorität zählen.«

Der Prinz schwieg einige Augenblicke, dann sagte er sinnend: »Wir wollen uns nicht täuschen, Signor - selbst mit Ihrem Beistand werden mir noch viele Faktoren fehlen, denn die Wahl muß glänzend sein, wenn ich sie annehmen darf. Zunächst ist die Geistlichkeit gegen mich.«

»Haben Sie so wenig von Ihrem Oheim gelernt? Benutzen Sie das päpstliche Ansehn - man wird in diesem Augenblick gern Concessionen machen, unterhandeln Sie!«

Der Prinz nickte. »Aber die Bourgeoisie ist hartnäckig, sie hält es mit der Straße Poitiers.«

»Sie haben von den Communisten-Diners gehört?«

»Ja - aber man scheint sie aufzugeben.«

»Sie werden stattfinden - hier im Chateau-Rouge am 17. October, in Straßburg, in Toulouse. Ich bürge Ihnen dafür, daß Reden dabei gehalten werden sollen, die den guten Bürgern die Haare sträuben machen werden. Cavaignac wird zögern, ernste Maßregeln zu ergreifen, um sich in diesem Augenblick nicht unpopulär zu machen. Erklären Sie sich ganz bestimmt gegen den Berg, und daß unter Ihrer Präsidentur solche Demonstrationen nicht geduldet werden würden - sprechen Sie kühn dagegen in der Assemblée.«

»Der Rath ist gut - wenigstens für die Schwankenden

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und Aengstlichen. Aber ein großer Theil der Bourgeoisie und die Börse sind Orleanisten. Außerdem, Signor Mazzini, haben wir noch die Legitimisten, und ich versichere Sie, ihre Zahl und ihr Einfluß sind nicht gering.«

»Sie müßten nicht der Mann sein, den ich kenne, Prinz, wenn Sie nicht bereits wüßten, was die dynastische Opposition hofft.«

Der Prätendent erhob sich und ging an ein offenes Bureau. Er öffnete ein Portefeuille und nahm einen Brief heraus, den er dem Italiener reichte.

»Lesen Sie!«

»Von Changarnier, dem Bayard der Orleans! Es ist, wie ich dachte, - man weiß, daß jetzt keine Aussicht zur Restauration, und deshalb bietet man Ihnen die Unterstützung der Partei an für die Uebergangsepoche zur Regentschaft der Herzogin von Orleans. Connetable von Frankreich und Vicekönig von Algerien! Das Gebot ist nicht schlecht und man wird es sicher Cavaignac machen, wenn Sie es nicht annehmen.«

Der Prinz lachte. »Ich werde kein solcher Thor sein - ich würde Sie zu der Versammlung bei dem sardinischen Gesandten begleiten, wenn ich nicht noch heute Abend eine Zusammenkunft mit Changarnier bei Odilon hätte.«

»Dann will ich Ihnen ein Geheimniß sagen und Sie können zwei Fliegen mit einem Schlage klappen. Die Herzogin von Berry ist seit diesem Morgen in Paris.«

Der Prinz, trotz seiner Selbstbeherrschung, fuhr erstaunt zurück. »Sie scherzen, Signor, oder Sie irren sich!«

»Ich bin meiner Sache gewiß. Sie kennen diese Frau und wissen, daß sie Alles wagt. Sie verdiente, ein Mann zu sein. Sie hegt offenbar dieselbe Absicht, wie die Orleanisten, aber sie geht kühner zu Werke.«

Der Prinz sann einige Augenblicke nach. »Wissen Sie, ob die Herzogin sich bereits mit den Führern der Straße Poitiers verständigt hat?«

»Noch ist keine Annäherung erfolgt, so viel ich weiß. Es wird Ihre Sache sein, es zu verhindern und von dem Geheimniß den Gebrauch zu machen, der Ihnen gutdünkt. Welche Versprechungen wollen Sie dem General machen?«

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»Sie vergessen, daß das Vermögen der Orleans in Frankreich noch 300 Millionen Franken beträgt und unter Sequester steht. Jules Favre hat die Confiscation der Güter beantragt - es wird von dem Votum meiner Partei abhängen, ob der Antrag durchgeht.«

»Brava - ich sehe, Sie halten Ihre Karten gut, Prinz. Der Erfolg ist sicher - und nun zum andern Theil unsres Vertrages. Was habe ich dem Comité der internationalen Liga der Völker von Ihnen zu versprechen?«

»Glauben Sie, daß ich umsonst den Namen Bonaparte führe, Signor Mazzini? - Die Erbschaft meines Onkels wird Hand in Hand mit ihren eigenen Plänen gehen. Rußland, Oesterreich und Preußen, auch wenn sie die gegenwärtige Krisis überwinden, haben von dem Augenblick an, wo ich in Frankreich regiere, einen unversöhnlichen Feind, dessen Schläge desto schärfer treffen sollen, je verborgener sie bereitet werden.« Das schlaffe Auge des Prätendenten blitzte in unheimlichem Feuer, zwischen den Brauen lag eine tiefe Falte - im nächsten Augenblick fühlte er, daß er sich eine Blöße gegeben, denn er sah, wie das Auge des Republikaners ihn scharf beobachtete.

»Ich hoffe, daß unter Ihrer Regierung« - der Italiener betonte dies Wort - »Ungarn, Polen und Italien ihre Freiheit erringen werden. Was habe ich den Brüdern zu melden?«

Der Prinz rückte unruhig in seinem Sessel. »Sie und der Bund kennen meine Gesinnungen, ich meine Verpflichtung. Aber Sie werden einsehen, daß die politischen Rücksichten der künftigen Stellung mir nicht erlauben, im Voraus zu bestimmen, was ich thun muß.«

Der Pseudo-Savoyarde war aufgestanden. Seine Miene war kalt, ruhig, fest. »Keine Ausflüchte, Hoheit - wir wollen uns kurz und bestimmt verständigen, denn Oberst Garibaldi und das Comite erwarten Ihre Erklärung. Wollen Sie, wenn Carlo Alberto von uns genöthigt wird, den Waffenstillstand zu brechen, gegen die Oesterreicher marschiren lassen?«

»Das ist unmöglich - das hieße mit Deutschland und Rußland mich zugleich in einen Krieg verwickeln, ehe ich noch festen Fuß gefaßt habe.«

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»Ich will es zugeben - wir stehen also davon ab, bis ein entscheidender Sieg der Ungarn erfolgt ist. Die entscheidende Frage für uns Beide ist: Verpflichten Sie sich, sobald Ihre Wahl zum Präsidenten erfolgt ist, gegen Rom zu marschiren

Der Prinz schwieg einige Augenblicke, dann sagte er mit bestimmtem und kräftigem Ton: »Bei meinem Eid und bei meiner Ehre, Signor Mazzini, ich verpflichte mich, sobald es nöthig ist, zwanzigtausend Mann gegen Rom marschiren zu lassen

»Dann sind wir einig - Ihr Wort, Hoheit, genügt. Die Ereignisse müssen das Wie und Wann bestimmen. Ich reise noch diese Nacht nach England ab, um den Premier zu bewegen, das Bombardement Messings zu verhindern. Aus London erhalten Sie meine Gratulation zur Präsidentenwahl.«

Er hatte den Bart um seine Lippen befestigt, der Prinz reichte ihm die Hand - mit der plumpen Begrüßung des Savoyarden öffnete der Italiener die Thür und entfernte sich durch das Vorzimmer, in dem Thelin wartete.

Der Prinz schritt, als er allein war, mehrere Male im Salon auf und ab, die Hände auf dem Rücken und in tiefem Nachdenken. Auf seinem Gesicht lag ein schwerer, schneidender Zug von Hohn.

»Sie wollen ihr Werkzeug aus mir machen,« sagte er endlich stehen bleibend - »aber sie sollen sich Alle in mir getäuscht haben, Alle. Die Revolution ist gut, so lange ich ihrer bedarf, aber ich will sie beherrschen, Bourbons und Orleans! - die Leute sind Thoren, wer einen Thron verlieren kann, verdient nicht, ihn zu behalten. - Thelin!«

Der Kammerdiener erschien auf den Ruf.

»Befindet sich der Abbé, der mir gestern seinen Besuch machte, zu Hause?«

»Er hat vor einigen Minuten anfragen lassen, ob Euer Hoheit die Gnade haben wollen, ihn zu empfangen. Unten im Flur steht ein alter, einarmiger Invalide, er behauptet, Euer Hoheit hatten ihn hierher beschieden.«

»Es ist wahr - nimm ihn zu Dir auf Dein Zimmer und bewirthe ihn auf's Beste, bis ich mit ihm sprechen kann. Sage

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dem Herrn Abbé, daß es mir Vergnügen machen würde, ihn zu empfangen; führ' ihn durch mein Schlafzimmer, Thelin.«

Der Kammerdiener entfernte sich mit den erhaltenen Aufträgen, der Prinz setzte sich in tiefen Gedanken vor sein Bureau, auf dem Brochüren, Bücher und Briefe übereinander gehäuft waren.

Nach einer Weile klopfte es leise an eine Seitenthür.

»Herein.«

Ein Mann von mittleren Jahren, hager, von brauner Gesichtsfarbe und tiefliegenden düsteren Augen, trat ein. Obschon er schwarze, bürgerliche Kleidung trug und das ergrauende Haar über die Tonsur gekämmt, war doch für einen geübten Blick der Geistliche in ihm nicht leicht zu verkennen. Die Züge dieses Gesichts, das in der Jugend und vielleicht noch im Mannesalter der Spiegel starker Leidenschaften gewesen sein mußte, waren jetzt schlaff, verschlossen und das Schaugepräge einer gewissen Demuth tragend, die Augen gewöhnlich niedergeschlagen. Nur wenn sie blitzschnell erhoben sich auf einen Gegenstand richteten, sah man das Feuer eines gebändigten, aber nicht ertödteten Geistes in ihnen blitzen, der dem Gegner, auf den er sich richtete, nichts Gutes weissagte.

»Setzen Sie sich, Herr Abbé,« sagte der Prinz, nach einer Chaiselongue deutend, »und lassen Sie uns einige Augenblicke plaudern. Ich hoffe, daß ich Ihnen heute bereits eine Antwort geben kann, die uns Beide befriedigt.«

»Das würde Seiner Eminenz, dem Herrn Cardinal, eine große Genugthuung gewähren,« bemerkte mit einer demüthigen Verbeugung der Geistliche.

»Cardinal Antonelli hat es vorgezogen, statt durch den Herrn Nuntius, durch Sie mich über einige Punkte befragen zu lassen, die vielleicht mit meiner künftigen Stellung in diesem Lande in Verbindung stehen. Dies beweist ein besonderes Vertrauen in Ihre Person.«

»Seine Eminenz hat geruht, bei einigen Gelegenheiten von meinen geringen Diensten Gebrauch zu machen.«

»Wohl - lassen Sie uns von unseren Angelegenheiten sprechen. Es herrscht einige Aehnlichkeit in dem Leben Seiner

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Eminenz und dem meinen. Der Herr Cardinal hatte sich gleichfalls für einige Zeit der Revolution angeschlossen?!«

Der Jesuit verdrehte heuchlerisch die Augen. »Es mag profanen Blicken also geschienen haben,« sagte er salbungsvoll, »der heilige Vater glaubte vielleicht, große und erhabene Zwecke damit zu erreichen, aber die Kirche darf nicht länger anstehen, das mißleitete Kind, das sich gegen sie gewandt, ihre Zuchtruthe fühlen zu lassen.«

Der Prinz lächelte sarcastisch. »Uebersetzen wir das Kirchenlatein in die Laiensprache, Herr Abbé. Seine Heiligkeit Pius IX., oder vielmehr Se. Eminenz, der Herr Cardinal Antonelli, fanden, daß der österreichische Einfluß in Italien allzu mächtig geworden war und anfing, ihnen gefährlich zu werden. Der aus dem Käfig gelassene Tiger aber hat sich gegen den Wärter gekehrt und man wünscht jetzt sehr den frühern Schutz der Bajonnette zurück. Oesterreich hat in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu thun, deshalb richtet der Cardinal seine Blicke auf Frankreich. Der Herr Cardinal weiß, daß mit einer Person eine leichtere Verständigung ist, als mit einer Assemblée. In diesem Augenblick giebt es in Frankreich zwei Prätendenten zur Wahl: General Cavaignac und mich. Den General hält der Herr Cardinal für einen guten Republikaner, mich für ehrgeizig. Das ist die Lösung des Räthsels, daß ich das Vergnügen habe, Sie zu empfangen.«

Ein Blitz zuckte in dem Auge des geistlichen Unterhändlers, als er es rasch auf den Prinzen richtete. »Euer Hoheit besitzen einen außerordentlichen Scharfsinn für politische Combinationen,« sagte er kalt.

»Sie sind Jesuit?« fragte der Prinz rasch.

Ein rother Fleck zeigte sich auf den Backenknochen des Geistlichen, verschwand aber sogleich wieder. »Ich bin ein unwürdiges Mitglied der heiligen Congregation.«

»Das wird uns die Verhandlung erleichtern und darum fragte ich. Ihr Vaterland, Herr Pater?«

»Spanien!«

»Gut. Sie werden aus Erfahrung und den Lehren Ihres Ordens, vor dem ich alle Hochachtung hege, wissen, daß Offenheit zuweilen die beste Politik ist. Wir befinden uns in einem solchen Fall. Cardinal Antonelli will wissen, was die Kirche von

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mir zu erwarten hat, wenn ich die Macht in Frankreich in Händen habe, ich brauche die Unterstützung der Geistlichkeit zu meiner Wahl als Präsident. Ist dies Verhältniß klar?«

»Eurer Hoheit Sprache läßt an Präcision Nichts zu wünschen übrig.«

»Wohlan, Herr Abbé! was verlangt der Cardinal?«

»Die Anerkennung und Aufrechthaltung der Souveränetät des Papstes.«

»Einverstanden!«

»Eine öffentliche Erklärung darüber und eine solche Desavouirung der republikanischen Umtriebe ihres Verwandten in Rom.«

»Warten Sie!« Der Prinz nahm eine Feder und schrieb folgenden durch die späteren Ereignisse historisch berühmt gewordenen Brief:


Monseigneur!

Ich will die Gerüchte, die darauf ausgehen, mich als Mitschuldigen an dem Benehmen des Fürsten von Canino in Rom zu bezeichnen, keinen Glauben bei Ihnen gewinnen lassen. Seit langer Zeit habe ich nicht die mindeste Beziehung zu dem ältesten Sohn Lucian Bonaparte's, und ich beklage von ganzer Seele, daß er nicht gefühlt hat, daß die Aufrechthaltung der weltlichen Souveränetät des ehrwürdigen Kirchen-Oberhaupts mit dem Glanz des Katholicismus, sowie mit der Freiheit und Unabhängigkeit Italiens auf's Engste zusammenhängt.

Empfangen Sie, Monseigneur &c.


Er las dem Pater den Brief vor.

»Die Adresse ist an den päpstlichen Nuntius gerichtet. Ich ermächtige Sie, drei Tage vor dem Termin der Wahl von diesem Brief Gebrauch zu machen.«

Der Jesuit las vorsichtig den Brief nochmals durch und legte ihn in seine Brieftasche. »Ich danke Eurer Hoheit im Namen des Herrn Cardinals. Es bleibt uns noch die Zusicherung militärischer Hilfe festzusetzen, im Fall Seine Heiligkeit deren bedürfen sollte.«

Der Prinz ergriff nochmals die Feder und schrieb folgende Worte nieder:


Ich verpflichte mich, auf Verlangen die römischen Staaten mit zwanzigtausend Mann französischer Truppen zu besetzen.


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Er reichte ihm das Papier. Der Spanier las dasselbe wiederholt, es schien, als wollte er eine Bemerkung machen, doch ein Blick auf die ruhige, gemessene Miene des Prinzen ließ ihn den Zweifel unterdrücken - der Jesuit fühlte, daß er hier einen ihm vollständig gewachsenen Gegner sich gegenüber, und daß er einen Zug verloren hatte, der nicht wieder gut zu machen war, indem er die Fassung des Dokuments aus den Händen gegeben.

Er legte das Blatt zu dem andern und entfaltete dafür ein Schreiben. »Wollen sich Eure Hoheit von dem Inhalt überzeugen - es ist die Anweisung Seiner Heiligkeit an den Herrn Nuntius von Paris und die Bischöfe aller französischen Diöcesen, die Wahl Eurer Hoheit zum Präsidenten des französischen Staates, als eines getreuen Sohnes der katholischen Kirche, in ihren Sprengeln durch die Geistlichkeit in jeder Weise unterstützen zu lassen.«

Der Prinz machte es wie vorhin der Jesuit, er las das Dokument genau durch. »Ich bin befriedigt - unter der Bedingung, daß keine Contreordre erfolgt.« - Der Jesuit machte eine abweisende Bewegung. - »Bitte, Herr Abbé - ich verlasse mich am liebsten auf die Nothwendigkeit und den Vortheil. Wir sind demnach einig. Jetzt habe ich Ihnen eine Mittheilung in den Kauf zu geben.«

»Euer Hoheit Rath und Nachrichten werden uns immer sehr willkommen sein.« Der Pater hatte sich von seinem Sitz erhoben.

»Wann senden Sie Ihre nächsten Nachrichten nach Rom?«

»Noch diesen Abend wird ein Courier abgehen - in fünf oder sechs Tagen hofft ich selbst im Vatican zu sein.«

Der Prinz trat dicht auf ihn zu, der Ausdruck seines ohnehin strengen und finstern Gesichts war schwer und gewichtig.

»Benachrichtigen Sie den Cardinal Antonelli,« sagte er mit gedämpfter Stimme, als fürchte er selbst den Verrath der Wände, »daß eine ausgedehnte Verschwörung in Rom im Begriff steht, auszubrechen. Das Leben des Ministers Rossi ist den Dolchen der Meuchelmörder überliefert. Man möge an die Sicherheit Seiner Heiligkeit denken.«

Der Jesuit verbeugte sich. »Eurer kaiserlichen Hoheit Warnung

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soll sofort überbracht werden.« - Er zögerte einige Augenblicke, dann schien er das Bedenken, was ihn zurückhielt, überwunden zu haben.

»Wollen Eure Hoheit mir eine persönliche Frage erlauben?«

»Mit Vergnügen - ich bitte, fragen Sie!«

»Das Schicksal der Personen, welche in Frankfurt a. M. der Theilnahme an der Tödtung der beiden deutschen Abgeordneten beschuldigt worden, ist Ihnen bekannt.«

»Sie sind nach Frankreich geflüchtet und man verlangt ihre Auslieferung.«

»Werden Eure Hoheit sie künftig bewilligen?«

Der Prinz sah ihn scharf an. »Was wünschen Sie, das ich thun soll?«

»Ich interessire mich aus einem Grunde, der Eurer Hoheit gleichgiltig ist, für ihre Rettung.«

»Wohl - ich werde sorgen, daß sie nicht ausgeliefert werden.«

»Aber wenn Herr von Raumer darauf besteht?«

»Liebster Abbé - die Dummköpfe oder Phantasten in Frankfurt, die gern nach dem Beispiel Frankreichs Republik spielen möchten, kümmern mich herzlich wenig, und man muß ein großer Thor sein, sich von ihnen als Gesandter brauchen zu lassen. Die Politik kennt nur Oesterreich und Preußen mit einigem Flickwerk daran, und hat Anderes zu thun, als sich um einige entwischte Vagabonden zu kümmern. Im Nothfall internirt man sie und läßt sie dann entspringen, das wird die deutschen Herren vollkommen beruhigen. Ich gebe Ihnen mein Wort, ohne nach Ihren Beweggründen zu fragen, um so lieber darauf, als ich selbst Sie um einen persönlichen Dienst zu bitten habe.«

»Befehlen Euer Hoheit - Sie werden mich mit Gottes allmächtigem Beistand dankbar finden und bereit - wenn es Nichts gegen die heilige Kirche ist.«

»Die Interessen derselben lassen sich vielleicht damit vereinen, da die Bourbons immer zu ihren auserwähltesten Kindern gehört haben,« sagte der Prinz mit leisem Hohn. »Ist es Ihnen bereits bekannt, daß seit heute Morgen - natürlich im strengsten Incognito - die Herzogin von Berry sich in Paris befindet?«

»Eure Hoheit überraschen mich mit der Nachricht. - Die unglückliche Dame - «

»Es ist einer ihrer alten Donquixotestreiche. Sie wissen so gut wie ich, daß in diesem Augenblick so wenig eine Restauration der Bourbons wie der Orleans möglich ist - ich hoffe, sie will daher nur die Gelegenheit benutzen, um für die Zukunft zu sorgen. Ich wünsche ihr Demüthigungen und Unannehmlichkeiten zu ersparen, die sie jedenfalls treffen müssen, wenn sie sich an General Cavaignac wendet. Sie sehen, daß die Thatsache ihrer Anwesenheit kein Geheimniß mehr ist, obwohl ich ihren speciellen Zufluchtsort nicht kenne. Glauben Sie denselben noch diesen Abend ermitteln zu können, um ihr eine Mittheilung zu überbringen?«

»Ich hoffe es.«

»Wohl - so setzen Sie die Herzogin in Kenntniß, daß ihre Anwesenheit den Machthabern bekannt ist, und daß ich im Interesse ihrer Zwecke noch diese Nacht an einem geeigneten und sichern Ort eine Unterredung mit ihr wünsche. Ich muß jedoch vor 12 Uhr die Bestimmung der Zeit und des Orts haben. Dieser Auftrag ist ein Dienst, den ich Ihnen und den Bourbons leiste, da ich einem politischen Scandal, wie die Verhaftung der Herzogin, vorbeugen möchte. Der Gegendienst, den ich für mich verlange, ist, daß Sie mir mittheilen, wo Sie die Herzogin gefunden haben. Es ist für die Sicherheit derselben nothwendig.«

»Werde ich Eure Hoheit hier treffen?«

»Nein - ich habe noch einige Geschäfte und versprochen, die Soirée des Herrn Baroche zu besuchen. Schreiben Sie mir eine Zeile - unverfänglich - nur mir verständlich, und lassen Sie das Billet im Hotel Baroche, in der Rue de Varennes, abgeben. Aber vor Mitternacht - ich betone dies besonders, denn später kann ich nicht mehr dafür bürgen, was geschieht.«

Der Jesuit verbeugte sich. »Eure Hoheit werden die Nachricht erhalten!«

»Und die Flüchtlinge aus Frankfurt werden nicht ausgeliefert werden. Darf ich erfahren, ob der Name des Abbé Corpasini der wahre Name des Vertrauten des Cardinal Antonelli ist?«

»Ich bin der unwürdige Frater Antonio - in der Sünde der Welt führte ich einst den Namen Diego di Corpas.«

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»Corpas? - wenn ich mich recht erinnere, war das der Name des vertrauten Freundes des Infanten Don Carlos?«

»Es war mein Vater! - Haben Eure Hoheit noch Etwas zu befehlen?«

»Ich danke Ihnen, hochwürdiger Herr, unser gegenseitiger Vertrag ist geschlossen. Sollte ich nicht mehr das Vergnügen haben, Sie vor Ihrer Abreise zu sehen, so empfehlen Sie mich der Freundschaft Seiner Eminenz.«

Der Jesuit empfahl sich mit der demüthigen Miene, die er bei seinem Eintritt angenommen. Er hatte kaum die Thür geschlossen, als der Prinz sich erschöpft in ein Fauteuil warf und sich die Stirn trocknete. »Zum Teufel mit dem Gezücht - ich will lieber eine Woche mit der Crême aller Revolutionen unterhandeln, als eine halbe Stunde mit einem Pfaffen. Wie sie sich winden werden, wenn ich erst die Hand auf sie lege!« Er nahm eine Karte von Italien aus ihrem Etui und breitete sie vor sich aus. »Rom!« murmelte er leise - »mögen sie sich einstweilen die Hälse abschneiden. Ich bin nicht der Mann, zu vergessen, daß in Italien die Macht Frankreichs basirt!«

Eine leichte, weiche Hand legte sich über seine Augen. »Rathen Sie, rathen Sie!«

»Diese schlanken Finger können nur der schönen Rosa gehören!« Er nahm die Hand und küßte sie galant.

Die kleine Schauspielerin hatte sich auf die Lehne des Sessels gesetzt. »Es ist abscheulich, Prinz, daß man selbst hierherkommen muß, um Ihnen zu gratuliren. Wahrhaftig, die großen Herren verdienen es gar nicht, daß man sie liebt!« - Das Minaudiren stand ihr allerliebst! -


Eine Stunde nachher befand sich der Prinz in dem Salon seiner Wohnung im Hotel du Rhin, im Kreise seiner Vertrauten - so weit er bei seinem verschlossenen Charakter sich überhaupt herbeiließ, Jemandem Vertrauen zu schenken.

Jedermann weiß, in welcher moralischen Verkommenheit sich während der letzten Zeit der Regierung Louis Philipps der gesellschaftliche Zustand von Par[i]s und Frankreich befand.

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Die Maitresse des Mörders Praslin war als Dame de Comtoir ein Gegenstand der Bewunderung der Pariser gewesen; die Bestechungsprozesse gegen zwei Minister des Bürgerkönigs, den General Cubières und Teste, den Präsidenten des Cassationshofes, hatten das System der gemeinsten Bestechung enthüllt; zahllose andere an die Oeffentlichkeit gekommene Vorgänge hatten die Käuflichkeit der höchsten Rathgeber der Krone, den Stellen- und Stimmenverkauf und den groben Mißbrauch der Staatsgelder und Staatsunternehmungen bewiesen; die Herrschaft des Geldes und die Sucht des Reichthums begannen in allen Ständen zu herrschen und jedes Gefühl der Ehre zu unterdrücken - die Ehe war längst ein Kontrakt und der Deckmantel der tiefsten Entsittlichung geworden - kurz, die Pariser Gesellschaft befand sich in dem Zustand, der wie der schwüle Sommertag die Donnerschläge des Gewitters, so die Reinigung durch Blut und Schrecken forderte.

Auch in dem Salon des künftigen Präsidenten von Frankreich hatte diese Demoralisation ihre Vertreter. Mußte doch die politische Komödie der Zukunft selbst, sich aus diese Demoralisation stützen. -


In dem Fauteuil, vor dem mit einigen Tagesblättern bedeckten Tisch saß der Prinz, ihm gegenüber ein Herr in Halbuniform mit etwas starkem Leib und hängenden schlaffen Wangen, hoch in den Vierzigern, mit dem Commandeurkreuz der Ehrenlegion.

Neben ihnen am Kamin lehnte der Halbbruder des Prinzen, Jules Graf von Morny, der Typus jener Figuren der Zeit, die mit dem angeborenen französischen Heldenmuth die ganze gemeine Charakterlosigkeit des politischen und Geldspeculanten vereinen. Als junger Offizier zu Anfang der dreißiger Jahre hatte der uneheliche Sohn der schönen Königin von Holland mit ihrem Stallmeister bei Mascara die von der ganzen französischen Armee bewunderte Heldenthat ausgeführt, allein durch das ganze Heer Abd-el-Kaders zu reiten und unter den Mauern von Constantine mit vier Wunden die Lebensrettung des General Trezel erkauft. Später, als Mitglied der Deputirtenkammer, hatte er sich zum Vertrauten des unglücklichen Herzogs von Orleans zu machen gewußt und zur Zeit seines Auftretens als Runkelrübenzucker-Fabrikant

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und wüthender Spieler bereits sich gänzlich ruinirt, obschon seine Mutter ihm eine Jahresrente von 40,000 Francs hinterlassen hatte.

Der Graf zählte damals 36 Jahre und war von mittelgroßer bequemer Statur, mit etwas apathischem aber kleinem Gesicht, das den Faiseur kennzeichnete. Er hörte meist der Unterhaltung zu, nur selten, seinem Wahlspruch gemäß: memento, sed tace! einen Gedanken hineinwerfend.

An der andern Seite des Kamins unterhielt sich Persigny - der ehrlichste und eifrigste Anhänger des Bonapartismus - mit General Montholon, dem Banquier Fould und einem dritten Herrn. Der Minister und Ambassadeur der Zukunft hatte in so ziemlich allen politischen Phasen der letzten Zeit Apostasie gemacht, mit Ausnahme der Bergpartei, gegen die er ein Faible gehabt, und war in seiner Jugend enragirter Royalist, später Liberaler und Anhänger Louis Philipp's, nachher St. Simonist und Begleiter des Vater Enfantin, 1832 sogar Ritter der Herzogin von Berry bei dem Aufstand der Vendée gewesen, bis ihn zwei Jahre später die Bekanntschaft mit dem Prinzen Louis Napoleon zum eifrigen Anhänger des Bonapartismus und seines Vertreters machte, dessen Helfershelfer bei den unreifen Unternehmungen von Straßburg und Boulogne er gewesen war. Ein geistreiches gespitztes Gesicht mit klugen Augen, eine seine elegante Gestalt und gute Tournüre zeichneten den Hauptagenten des Prätendenten aus.

Politische Abenteurer und Ehrgeizige, erschien dieser Generalstab des künftigen Staatsstreichs doch noch immer ehrenwerth gegen die scandalösen Traditionen und die mehr als schamlose Frechheit der letzten Person des kleinen Enkels. Nur die gänzliche Umkehr aller Grundsätze der Ehre und Moral in der Pariser Gesellschaft konnte einen Menschen, wie den berüchtigten Gatten Delphine Gay's, den Redacteur der Presse, Emil Girardin, zur Schmach der Journalistik und jedes Gefühls für Rechtlichkeit, in den Spitzen dieser Gesellschaft dulden, ja ihm schmeicheln und eine bedeutende Rolle zutheilen.

Selbst seinen Namen nur mit der öffentlichen Schande seiner Mutter, oder noch niedriger, mit einer Spekulation auf dieselbe

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durch einen Scandalprozeß gegen einen der Hofleute Karls X., den Generallieutenant und Hofjägermeister, Alexander v. Girardin, erkaufend, der vor Gericht gegen die Ehre dieser Vaterschaft protestirte, verschaffte der angehende Journalist durch diesen Prozeß seinem kleinen Journal Abnehmer und hatte das unverdiente Glück, die Liebe und die Hand der Dichterin Delphine Gay zu erwerben, der Rivalin Bérangers, die den Ruf edler Weiblichkeit mit in das frühe Grab nahm. Mit Talent und Geist begabt, wählte er den Weg, der durch Schmutz zum Reichthum führt, und die Juli-Revolution kam ihm zu Hilfe. Der Redacteur der neuen >Presse< war es, der zuerst das commercielle anstatt des politischen Interesses als Hauptprincip einer Redaktion aufstellte, das Pariser Roman-Feuilleton erfand und das Publikum den Humbug der Zeitungsannoncen lehrte. Ohne politische Prinzipien unterstützte oder attakirte er die Regierung, je nachdem er ihren Schutz für industrielle Gaunereien und gegen das Zuchtpolizeigericht nöthig hatte, und sein Duell mit Armand Carrel, einem der reinsten Patrioten Frankreichs, der von seiner Hand fiel, wurde mit dem freien Ausgang aus der nichtswürdigen Betrügerei seiner beiden Actienunternehmungen des Musée des familles und der Steinkohlengruben von St. Berain bezahlt. Louis Philipps Regierung hatte ihn in einem Ort wählen lassen, über dessen meiste Stimmen sie verfügte, aber es verging keine Wahl, ohne daß er öffentlich beschimpft wurde, und das Mitglied des Cassationshofes, Voysin du Gartems, trat einzig als Gegenkandidat auf, »nicht aus politischem Ehrgeiz, sondern weil es eine Schande sein würde, wenn ein Mann wie Girardin die kleinste französische Ortschaft vertreten dürfe,« und ein ander Mal gaben die unabhängigen Wähler lieber dem Galeerensclaven und Polizeispion Vidocq ihre Stimme als ihm.

Dies war der Mann, der berufen war, in der neuern Journalistik Frankreichs eine so bedeutende Rolle zu spielen,

»Es war ein genialer Streich, Herr von Girardin,« sagte der General, »daß Sie vorgestern zur Todtenfeier an Carrel's Grab erschienen. Sie sollen in der That so rührend gesprochen haben, daß die Herren vom Berg, die Sie gewiß zuerst gern massakrirt

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hätten, ganz gerührt worden sind. Sagen Sie, ist es Ihnen wirklich Ernst gewesen mit den Thränen, die Sie vergossen?«

»Bitte - haben Sie die heutige Nummer der Presse gelesen?«

»Noch nicht!«

»Dann werden Sie die Antwort darin finden!«

Der Banquier lachte. »Aber ich bitte Sie, General - wo hatten Sie Ihre Ohren in der Assemblée? Die Straße Taitbout ist wüthend über den Artikel gegen ihren verstorbenen Helden. Ich muß gestehen, ich habe lange nichts Giftigeres gelesen.«

Der Prinz erhob sich. »Ich werde Ihnen Gelegenheit geben, mit dem Berg wieder Frieden zu schließen, Herr von Girardin.« Er nahm zwei Papiere von dem Tisch. »So sind Sie also mit dem Manifest einverstanden?«

»Vollkommen Hoheit!«

»Und der Entwurf des Herrn Merrian, den mir Thiers geschickt hat?«

»Ich denke, daß das eine wahr ist, wie die Natur selbst, das andere aber blos wie eine hinter der Scheibe genommene Copie. Wie kann man an Worten, wie »die Republik muß großmüthig sein,« Anstoß nehmen! Es ist eine Phrase und Sie werden deshalb nicht minder handeln, wie Sie wollen.«

»Aber Herr Thiers wird dann gegen uns sein,« sagte der General Montholon, »und er hat den Constitutionnel.«

»Herr Thiers ist zu gescheut, um wegen einer Phrase mit seiner Zukunft zu brechen. Ueberdies ist das Mittel bereits gefunden, unsern Freund Veron zu emancipiren.« Herr von Persigny wies auf den Banquier.

»Wodurch?«

»Ei - unser Freund wird Veron in den Stand setzen, Herrn Thiers seinen Antheil am Constitutionnel auszuzahlen. Das heißt, ihn an die Luft bringen, und es ist um so nothwendiger, als wir keine Lust haben, seine Kandidaten auf die Minister-Liste zu setzen.«

Der Journalist rieb sich schadenfroh die Hände. »Das ist ein Meisterstreich - dafür lasse ich mir zehn Manifeste streichen.«

Der künftige Finanzminister flüsterte ihm einige Worte in's Ohr - von zwanzig Actien der Nordbahn.

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»Lassen Sie uns demnach noch einmal unsere Kräfte und die Vertheilung der Aufgabe recapituliren,« sagte der Prinz. »Für die Bourgoisie der >Constitutionnel< - für die Schreier die >Presse<.

»Ich danke, Hoheit.«

»Wir wollen aufrichtig sein, Herr von Girardin. Die Börse und die Orleanisten also.«

»Die sichert Herr Fould.«

»Unter der Bedingung, daß die Confiscation der Güter unterbleibt.«

»Einverstanden.«

»Algier übernimmt Herr von St. Arnaud.«

»Ich bürge für die Bureaux und die Hälfte der Truppen,« betheuerte der Divistonair von Constantine und künftige Kriegsminister.

»Es bleiben die Rothen, die Armee in Frankreich, die Legitimisten und das Volk,« bemerkte Graf Montholon.

»Die Rothen werden sich selbst stürzen - lassen Sie Herrn Ledru-Rollin und Raspail auch einige Tausend Stimmen erhalten, die Agitation dafür wird uns bei der Bourgeoisie um so mehr nützen. Für neue Demonstrationen der Socialisten, die auch dem Einfältigsten die Augen öffnen müssen, ist gesorgt.«

»Die Armee in Frankreich?«

»Es ist nicht zu läugnen, daß Changarnier mit den Orleanisten und Cavaignac, Lamoricière, Pelissier und ihr Anhang bedeutenden Einfluß darauf üben. Aber Castellane, Magnan und viele Andere sind bereits auf unserer Seite. Die Armee weiß, daß ihr Gloire nicht im Straßenkampf von Paris blüht, sondern jenseits des Rheins und jenseits der Alpen. Rechnen wir etwas auf den Zauber des Namens Bonaparte für jeden Franzosen. Diese Flugschrift,« der Prinz nahm sie unter den Papieren hervor, »wird in hunderttausend Exemplaren in allen Kasernen vertheilt werden. Sie erinnert an die Erbschaft von 1812 b[i]s 15, welche die französische Armee übernommen hat.«

Der Journalist überflog die kleine Brochüre. »Vortrefflich geschrieben - aufregend, ohne die Candidatur[Kandidatur] zu compromittiren.

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»Ich habe nur noch die beiden letzten Factoren zu nennen - das eigentliche Volk.«

»Das übernehme ich - das Wie lassen Sie mir als mein Geheimniß.«

»Und die Legitimisten?«

»Die werden Sie, Herr von Girardin, uns gewinnen!«

»Ich - à la bonheur - das Faubourg St. Germain schickte mich am liebsten nach Bicêtre oder zu den Kabylen. Nein, Hoheit, diese Mühe wäre verloren.«

Der Prinz lächelte eigenthümlich. »Sie wissen gar nicht, was Sie vermögen, Herr von Girardin. Es kommt blos darauf an, daß Sie mir eine oder zwei Stunden Ihre Unterhaltung opfern.«

»Ich verstehe Sie nicht, Hoheit!«

»Sie werden doch diesen Abend bei Baroche erscheinen!«

»Ich werde in einer Stunde hingehen!«

»Nun - statt um Zehn oder Eilf dort zu sein, bitte ich Sie, Ihren Eintritt um eine Stunde zu verschieben und in einem benachbarten Kaffeehause zu warten, bis Persigny Ihnen die Nachricht bringt, daß es Zeit sei. Er wird Sie von Allem, was Sie zu thun haben, in Kenntniß setzen.«

»Ich stehe zu Ihrem Befehl, obschon ich Nichts von Allem begreife.«

Der Prinz wandte sich an den Banquier. »Es ist sicher, daß General Cavaignac erscheinen wird?«

»Ich hörte es selbst, wie er es Baroche versprach, um elf[eilf] Uhr dort zu sein. Zur vollen Sicherheit werde ich von hier in den Club der Straße Poitiers gehen, wo er sicher einige Augenblicke erscheint.«

»Dann ist Alles in Ordnung und wir können uns trennen. Ich fahre für einige Augenblicke nach der Oper und bin vor elf[eilf] Uhr bei Herrn Baroche.«

»Ich gehe nach der Straße Taitbout,« sagte General Montholon.

Der Banquier reichte ihm die Hand. »Nehmen Sie sich in Acht, liebster Graf, Sie exponiren sich bei diesen Leuten zu sehr; und Sie, Herr General?«

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»Ich nehme Abschied, denn ich will noch mit dem Nachtzuge nach Marseille. Der Dampfer geht übermorgen nach Algier ab. Auf Wiedersehn denn, meine Herren, nach einem glücklichen Resultat der Wahl!« General St. Arnaud verabschiedete sich bei dem Prinzen, und die Gesellschaft trennte sich, bis auf Persigny, der noch einige Augenblicke zurückblieb.

Der Prinz hatte wieder in seinem Fauteuil Platz genommen - sein Vertrauter stand vor ihm.

»Nun, Vialin - wie stehts mit der Liste?«

Der ehemalige Simonist zog ein Papier aus der Tasche. »Es sind nur drei Namen, Hoheit, aber sie kosten mich hundert Louisd'ors. Cavaignac will eine Concession an die dynastische Opposition machen, indem er einige republikanische Elemente ausscheidet und ehemalige Mitglieder dieser Opposition beruft.«

»Geschwind die Namen!«

»Statt Lénard: Dufaure für das Innere, Vivien in Stelle Marie's für die Justiz und Freslon den Unterricht, statt Vanlabelles.«

»Das ist eine halbe Maßregel, Vialin, und kann uns viele von den Republikanern zuführen. Unsere Liste wird klüger sein. Wie weit stehst Du mit den Unterhandlungen?«

»Bixio40 hat eingewilligt für den Ackerbau und Handel; Odilon Barrot übernimmt die Justiz; Baroche muß warten bis auf passende Gelegenheit, wir müssen einen Koryphäen der Burggrafen auf der Liste haben. Der Legitimist Fallour weigert sich.«

»Ich habe vor einer Stunde eine Erklärung über meine Stellung zum Papst gegeben, die ihn andern Sinnes machen wird.«

»Dann sind wir seiner sicher für den Unterricht - er zittert für Rom. Drouyn-de-L'huys für das Auswärtige, Maleville und Tracy schwanken - aber die Angel sitzt. Rulhières' sind Sie sicher, mit Faucher werde ich noch diesen Abend unterhandeln. Aber was sagt Fould zu dem Portefeuille Passy's?«

»Er wünscht selbst einen Uebergang - ich bin mit ihm einig. Wir müssen Namen von allen Parteien im ersten Ministerium haben. Indem wir Changarnier das Commando der Truppen in und um Paris anbieten, sprengen wir die Afrikaner!

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- Aber nun zu dem Coup mit den Legitimisten. Du wirst bekennen, daß ich bereits eine gute Polizei habe.«

Der Vertraute hörte aufmerksam zu, als ihm der Prinz seine Mittheilung machte, - um den seinen Mund des gewiegten Verschwörers zuckte ein siegreiches, spöttisches Lachen.

»Du weißt jetzt, was Du zu thun hast, sobald die Nachricht des Abbé eingetroffen,« schloß der Prinz. »Girardin muß mit dem größten Eclat auftreten - er ist ein Lump, aber man wird den giftigen Lärmen seiner morgenden Nummer fürchten. Jetzt geh' und sage Thelin, mir den alten Invaliden zu bringen, den Du bei ihm finden wirst.«

Während Persigny sich entfernte, ordnete der Prinz seinen Anzug. Es klopfte leise an die Thür, dann öffnete sich die Portière und der alte Leiermann, das benarbte Gesicht von der ausgestochenen Flasche geröthet und die Augen heller funkelnd, trat anfangs etwas schüchtern herein.

Der Prinz kehrte ihm gerade den Nucken zu, sah ihn aber in dem Trümeau. Der Ausdruck seines Gesichtes wechselte und nahm etwas Ernstes, Soldatisches an, wie es sich für die Unterhaltung mit dem alten Invaliden besser eignete.

Dieser legte salutirend die Hand an das graue Haar: »Sire, ich melde mich! Pierre Fromentin, genannt Touron, der Exsergeant der kaiserlichen Garde-Artillerie, jetzt Orgeldreher am Pont de la Concorde.«

»Ah, mein Braver, sei willkommen!« Der Prinz ging auf ihn zu. »Es ist mir lieb, daß Du Wort gehalten hast.«

»Ich bin an das Commando gewöhnt, Sire!«

»Das ist ein Titel, der mir nicht zukommt, guter Freund. Du denkst immer noch an den Kaiser, meinen Oheim!«

»Was nicht ist, kann werden, Sire,« sagte barsch der alte Soldat. »In meinen Augen ist der Neffe der Erbe des Onkels, wenn kein Sohn mehr da ist!«

Der Prinz lächelte - die politische Logik des alten Soldaten hatte vielleicht etwas Prophetisches für ihn.

»Du standest im Corps von Ney?«

»Zu Befehl, Sire, erste Brigade der Garde, zweite leichte Feldbatterie!«

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»Und wo verlorst Du den Arm?«

»Bei Waterloo, Sire!«

»Das Kreuz?«

»An der Moskwa!«

»Warum ist ein Braver, wie Du, nicht im Invaliden-Hôtel? Es ist eine Schmach für die französische Regierung!«

»O, was das betrifft, mein Prinz,« sagte der Alte lustig - »Sacrebleu - sie mag viele Sünden auf dem Rücken haben, aber daran ist sie unschuldig. Ich zog es vor, bei Weib und Kind zu bleiben und mich selbst zu ernähren.«

»So bist Du also ein Freund der letzten Regierungen?«

»Was halten Sie von mir, Sire? Ich kenne nur eine Regierung, das ist die des Kaisers. Die Orleans oder die Republik sind für die jungen Laffen gut!«

»Man hat mir gesagt, daß Du unter Deinen neuen Kameraden in Paris - ich meine nicht von der Armee, Alter, sondern die von der Orgel - ein großes Ansehn genössest?«

»Donnerwetter, ich wollte sie! Bin ich nicht von der Garde und habe das Kreuz? Die Schelme haben wohlgethan, mich zu ihrem Capitain zu ernennen - ich halte auf Ordnung unter den Spitzbuben, Sire, und ich versichere Sie, es sind ganz verzweifelt obstinate Kerle darunter, Blinde, die so gut sehen, wie Sie und ich, und Lahme, die besser laufen, wie die Polizei der Mairie. Aber Parbleu, sie wissen, mit wem sie es zu thun haben und kennen Vater Touron. Es ist jetzt Ordnung in der Compagnie und keiner darf mir dem Andern in's Revier!«,

»Wie viel zählt ungefähr Paris solcher Virtuosen?«

»O, was das betrifft, Sire - mit dem Virtuosenthum ist's nicht so weit her. Der kleine Coquin, der Jacques, behauptet immer, ich hätte eine Stimme wie ein zersprungener Feldkessel und könne nicht einmal hören, ob meine Orgel verstimmt sei oder nicht. Aber warten Sie, Sire - ich kann es Ihnen sagen auf den Centime!« Er begann eine lange Rechnung an den Fingern, die der Prinz endlich unterbrach.

»Ich meine, so ungefähr!«

»Ja so en bataillon! O, Sire - die Invalidengarde vom Leierkasten mustert in Paris vier- bis fünfhundert Mann.«

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»Wie kommt es, daß ich bis jetzt allein auf Deiner Orgel das Lied meiner Mutter habe spielen hören?«

»O, Sire - Sie können die ganze Musik des Kaiserreichs haben. Den Rataplan und den kleinen Corporal, den Pyramiden-Marsch und den Abschied General Bertrands!«

»Das beantwortet meine Frage nicht!«

»Ah, Sire, was das betrifft - die Polizei war sonst teufelmäßig hinter uns her und eine Orgel kostet viel Geld. Ich habe mir für meine Sparpfennige eine Extrawalze setzen lassen, die ich meine Kaisermusik nenne, und drehe diese allein, seit Sie wieder in Paris sind.«

»Können solche Walzen und solche Stücke in allen Orgeln angebracht werden?«

»Nichts leichter als das, Sire; man setzt eine neue Melodie ein, wie man einen Munitionskasten füllt. Aber die Schurken verstanden nicht, was schön ist und lassen sich lieber die neuesten Couplets von den Boulevards oder der Oper hineinnageln, wenn sie ja Geld übrig haben vom Saufen!«

»Kennst Du die besten Orgelbauer von Paris?«

»Den Teufel auch, Sire, das versteht sich, da sind Alexandre Vater, Meslay 39, Fourneaux in der Avenue von St. Cloud, Husson und Buthod in der Straße Greneiat und zwanzig Andere!«

»Und was kostet eine Walze wie die Deine?«

»Das Stück zehn Franken, Sire - für fünfzig Franken haben Sie die ganze Kaisernmusik.«

Der Prinz öffnete eine Schatulle und nahm zwei Geldrollen heraus. »Willst Du mir einen Gefallen thun, mein Braver?«

»Tausend für einen, Sire!«

»Ich möchte Deinen Kameraden, unter denen doch viele alte Invaliden sind, nicht ein Almosen geben, aber sie gern unterstützen. Hier sind zehntausend Franken. Davon wirst Du bei dem Herrn Alexandre oder Fourneaux neue Walzen für die Orgeln Deiner Kameraden, die es verdienen, bestellen, welche das Lied meiner Mutter und den >Abschied an Frankreich< spielen. In vierzehn Tagen müssen alle Orgeln von Paris damit versehen sein!«

Der Alte machte einen unglücklichen Versuch zu einem Entrechat

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und warf seine Mütze in die Höhe. »Bomben und Kanonen, Hoheit - ich schwöre Ihnen, in vierzehn Tagen sollen die langen Ohren der Pariser nichts Andres mehr hören, als den kleinen Corporal oder den >jeune et beau Dunois!< Ich werde meine Orgelgarde auf den Vendômeplatz kommandiren und Ihnen ein Ständchen bringen!«

Der Prätendent lachte aufrichtig. »Keine Tollheiten, mein Alter - ich will eine Wohlthat üben, keine Donquixoterie. Wenn die Bestellungen ausgeführt find, dann laß mich's wissen, das genügt. A propos, ich wiederhole Dir meine Gratulation zu einem so wackern Sohn, wie Capitain Fromentin ist. Ich habe viel Rühmliches von ihm gehört.«

»Wahrhaftig, Sire, der Junge macht mich stolz. Aber mein Jacques ist auch ein tüchtiger Bursch, Sie sollten ihn kennen, Hoheit - er wird einen famosen Soldaten abgeben!«

»Ich höre, der Capitain beschäftigt sich viel mit der Verbesserung des Geschützes. Man sagt, er sei mit einer Erfindung beschäftigt, die das ganze Geschützwesen reformiren werde und weit über die Armstrong-Kanone hinausgehe.«

»Sagt man das, Sire? Bah - die Armstrongs sind Lumpereien gegen die gezogenen Kanonen Hectors. Ich kenne es - sein Laboratorium ist bei mir und ich helf ihm mit meinen alten Erfahrungen. Sie sollten das Modell sehen, Sire, und das Exposé lesen. Es wirbelt Einem im Kopf, wo der Bursche das Alles her hat.«

Der Prinz schwieg einige Augenblicke, dann legte er dem Invaliden die Hand auf die Schulter. »Ich liebe strebsame Talente und habe Gutes mit dem Capitain vor, wenn ich mit Gottes und aller Braven Hilfe Präsident dieses Landes bin. An Euch - dem Volk ist es, den Neffen des großen Kaisers dazu zu machen. Ich bin selbst Artillerist und verfolge mit Freuden alle Fortschritte der Waffe. Es ist Zeit für uns, damit die Engländer uns nicht überflügeln. Capitain Fromentin ist der Adjutant eines meiner Gegner - jede Annäherung an ihn könnte also Mißdeutung erregen, dennoch möchte ich mich gern von seiner neuen Erfindung überzeugen.«

Der Invalide drehte verlegen das Kasket in der Hand. »Die Ehre wäre zu groß, Sire, aber wenn Sie wollten - «

»Spich Dich aus, Mann! was soll's?«

»Das Modellgeschütz steht bei mir - wir haben Versuche gemacht im Kleinen. Hector hat seine Werkstätte in meinem Häuschen, und wenn Eure Hoheit - «

»Allons, mein Braver! Der Wagen steht vor der Thür und ich habe ein halbes Stündchen für Dich unter der Bedingung, daß selbst der Capitain Nichts von meinem Besuch erfährt. Auf mein Wort als Bonaparte - es wird sein Schaden nicht sein!«

Fünf Minuten darauf rollte der Wagen des Prinzen in der Richtung der Barrière d'Enfer fort.



Die Rue de Varennes ist eine der exquisiten Straßen des Faubourg St. Germain. Die Bouffremont, St. Ferréol, Caramon, Larochefoucault-Liancourt, Tanneguy-Duchatel, Lorges, Clermont-Tonnerre, Gusbriant, Montesquieu, Aubusson, Villequier und zwanzig andere alte und berühmte Familien bewahren ihre aristokratischen Hotels hier mit den klösterlich absperrenden Mauern nach der Straße, den geräumigen Vorhöfen und den prächtig ehrwürdigen Renaissance-Gebäuden der Wohnung, obschon auch der neue Adel der Armee und der Borgeoisie sich einzudrängen begonnen, und selbst die Industrie sich der weiten Räume bemächtigt.

Ein Gang durch die Straße weht den Beschauer an wie die Geschichte Frankreichs und seine Gegenwart, die alte Chevalerie neben der wachsenden Macht des Geldes, die Frivolität neben dem Fanatismus - in dem Gang von ein paar hundert Schritten aneinandergränzend [aneinander grenzend] das Hotel des Siegers von Montebello, Lannes, des modernen Roland von Frankreich, neben dem Kloster der Damen vom heiligen Herzen, dem Hotel Baroche und Royer, dem berühmten Wagenfabrikanten. -

Die Thore der Einfahrt des Hotel Baroche waren geöffnet, der Montag war der große Empfangabend des künftigen Ministers des Innern und Präsidenten des Staatsraths. Auf dem Parquet dieser Salons trafen sich heute die Mitglieder aller politischen

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Parteien, die Journalistik und Literatur von Paris, Kunst, Wissenschaft, Schönheit und Leichtfertigkeit, die Celebritäten der Waffen und der Promenaden.

Es war eilf Uhr, als der Prinz Louis Napoleon an dem Hotel vorfuhr und die Kammerdiener in die bereits dicht gefüllten Zimmer seinen Namen meldeten.

Obschon die Parteien noch in voller Aufregung der Agitation sich befanden und in ehrgeizigen Plänen sich wiegten, erkannte die Masse doch bereits, daß der Wahlkampf sich nur um die Namen Cavaignac oder Bonaparte handeln würde. Der Empfang, der dem Prinzen wurde, war daher voll Aufmerksamkeit oder Zurückhaltung und er befand sich bald in der Mitte von ihn umdrängenden Gruppen. Der Dictator war noch nicht erschienen; man unterhielt sich über die Debatte in der Assemblée, das neue Finanzprojekt der Herren Türk und Prudhomme, das ganze Grundeigenthum Frankreichs zu Assignaten-Bons umzuschaffen - ein Projekt, das zwölf Jahre später der deutsche Demokrat Held zur Lösung der socialen Frage als seine Erfindung dem Staate Preußen vorschlug! - von der Einschiffung der Auswanderer, den Börsencoursen, den Coulissengeheimnissen, den politischen Nachrichten und den Scandalgeschichten der Boudoirs.

Am Eingang eines Nebenzimmers, in dem gespielt wurde, stand eine Gruppe von mehreren jungen Männern, Löwen des Boulevards und des Bois de Boulogne, die modernen Affenbilder der alten Roués des Palais Royal.

In der Mitte dieser Gruppe befanden sich die beiden Personen, die wir am Nachmittag auf dem Quai d'Orsay mit einander haben plaudern sehen.

Ein junger Offizier der Nationalgarde, die Hüften der Beinkleider fast eine Elle breit ausgestopft und sich in diesen Kissen wiegend, sagte lachend:

»Was zum Teufel wollen heute alle diese Legitimisten bei Baroche? - in meinem Leben habe ich den Marquis von Laroche-Jacquelin noch nicht auf diesem Parquet gesehen. - Da kommt Pastouret und wahrhaftig hier auch Roche-Chouart, der Enkel der Montespan! Was hat das zu bedeuten, Montboisier? - Sie müssen das wissen!«

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»Bah, mein Lieber, bekümmern wir uns nicht um Politik, sondern um die schwarzen Augen der Madame Lahüre, mit denen sie den beiden Adjutanten des Generals Rattengift zu geben scheint.«

»Ich denke, sie ist in Rayneville verliebt? Erzählten Sie es uns nicht vor einigen Tagen?«

»Der arme Junge soll die Probe schlecht bestanden haben - er bekam beim ersten Tête-à-tête Leibschmerzen, weil sie ihm verdorbene Austern vorgesetzt hatte, und ließ wie Joseph den Mantel im Stich, um tugendhaft zu bleiben. Am andern Tage schickte sie ihn zu einem Trödler im Temple, denn sie ist eine sparsame Frau.«

»Haben Sie gehört, wie Frau von Bretonne dahinter gekommen, daß ihr Mann drei Figurantinnen der Oper zugleich unterhält? Sie soll einen schrecklichen Lärmen gemacht haben.«

»Die Närrin,« sagte ein kurzer, untersetzter Mann mit borstigem Toupé a la Bagno und aufgeworfener Negerlippe. »Sie hätte es machen sollen wie die kleine Frau des Banquier Perure!«

»Wie denn?«

»Vier Liebhaber haben! - Dem einen giebt sie die Pferde, dem andern bezahlt sie die Miethe an der Passage de l'Opera, dem dritten täglich zehn Paar Handschuhe von Alexandre wegen seiner kleinen Hand, und dem vierten - Mireflourt - hält sie zwei Kammermädchen. Das ruinirt den Jobber, trotz seiner Speculation in Zucker.«

»Apropos, Zucker! Man spricht, daß Morny vollständig fertig ist - der Banquerott von Lecame hat ihn fünfmalhunderttausend Franken gekostet.«

»Das kommt davon,« sagte Miron, »wenn diese Leute sich in Dinge mischen, die sie nicht verstehen.«

»Aber Morny hat Glück - er hat Madame Soult verloren und kann mit einer zweiten Heirath eine bessere Speculation machen, als mit Runkelrüben, wenn sein Bruder erst Präsident ist.«

»Warum trägt denn der Prinz ein seidenes Tuch um die linke Hand?«

»Ich hörte ihn vorhin sagen,« berichtete der Nationalgarde, »er habe sich diesen Abend bei einem chemischen Versuch leicht

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verwundet. Er treibt Alchymie und sucht den Stein der Weisen, oder das Mittel, Gold zu machen.«

»Sehen Sie ein Mal den Herzog von Ricasoli! Wissen Sie, wie die kleine Lecomte, die Tänzerin, ihn los geworden ist!«

»Ich glaubte, sie hielte mit Fürst Urusoff, dem reichen Russen?«

»Ja, aber erst war der Herzog ihr Anbeter und wollte nicht weichen, obwohl sie ihm offen den Handel aufsagte.«

»Wie hat sie's angestellt?«

»Ei, sie kaufte den Kampher pfundweise und räucherte ihre ganze Wohnung damit ein. Der Herzog war wüthend, aber er konnte doch der Kleinen nicht verbieten, sich mit Kampher zu parfümiren, und mußte am Ende fortbleiben.«

»Wer ist der Offizier dort in italienischer Uniform?«

»Oberst Cipriani; er ist hierher gesandt, um wegen Artillerie für Toscana zu unterhandeln.«

»Soeben ist Cavaignac gekommen. Er spricht mit Berryer und den beiden Laroche-Jacquelin. Fällt Ihnen nicht auch auf, Liancourt, wie höflich und zuvorkommend heute die Legitimisten gegen den Diktator sind? - Das ist offenbar nicht ohne Absicht und Grund!«

Die Bemerkung war auch von Anderen gemacht worden. Dem matten ruhigen Blick des Prinzen entging Nichts, keine der zahllosen Nuancen der zahlreichen Gesellschaft.

Sein Auge suchte Persigny, der eben mit Victor Hugo und Eugen Sue sich unterhielt, die beide scharf die Fortdauer des Belagerungszustandes kritisirten. Dieser Blick deutete dem Vertrauten flüchtig nach der Thür. General Lamoricière mit Lamartine, dem Idealisten des Republikanismus, trat zu der Gruppe, und Persigny nahm die Gelegenheit wahr, sich unbemerkt zu entfernen. Indem er den Saal verlassen wollte, traten drei Personen ein, die selbst in diesem Gewirr von Tagesberühmtheiten Aufmerksamkeit erregten.

Einige Herren drängten sich vor, sie zu sehen, darunter ein Mann, der sich durch seine Mulatten-Physiognomie und sein lebhaftes bewegtes Wesen auszeichnete.

»Dümas jagt wieder auf Celebritäten, wie Gérard auf Löwen,« sagte Lachend[lachend] Montboisier zu seinen Gesellschaftern.

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Ein Offizier der Jäger von Vincennes, der sich der lockern Gruppe angeschlossen, übernahm die Antwort. »Es ist ein Löwe - sehen Sie die breite feste Stirn, das ganze kräftige Gesicht und das interessante Profil der Frau. Die Akademie muß sie bei nächster Gelegenheit für den Tugendpreis vorschlagen.«

Der Sohn des Banquiers hatte nachlässig das Glas nach der Gruppe gerichtet. »Zu viel Trainage in der Figur - ich liebe die Muskeln bei meinen Rennern, bei den Weibern nur die Nerven und das Fleisch.«

»Sie sind Gourmand in den Frauen, wie Véron[Veron] in den Saucen, Miron,« sagte der Lion mit den aufgeworfenen Lippen. »Sie sind an Allem übersättigt, ein neuer Prometheus möchte für Sie einen Marmor beleben.«

»Wer sind die beiden Herren und die Dame?« fragte der Graf.

»Es ist Ricci, der neue saromische Gesandte,« berichtete der Offizier. »Man sagt, sein Begleiter sei der berühmte Vertheidiger von Luino und Mesenzana, Oberst Garibaldi, der Held vom La Plata, mit seiner schönen Frau, der Creolin.«

Die Gläser richteten sich auf die Bezeichneten.

Die kurze Zeit weniger Monate hatte in dem Aeußern des tapfern Freischaarenführers eine bedeutende Veränderung hervorgebracht. Auf der breiten Stirn lagen die schweren Täuschungen, die sein Patriotismus von der kalten Berechnung der Minister in Turin und dem Wankelmuth des Königs während des Feldzugs in der Lombardei erfahren hatte, und das Fieber, das er sich in Roverbella und durch die Strapatzen geholt, hatte dies sonst so kräftige Gesicht gebleicht und gealtert. Dennoch blitzte das kleine tiefliegende Auge mit der frühern Bonhomie und jener durchdringenden beobachtenden Schärfe, die es auszeichnete.

Wir wollen hier kurz die Erfahrungen nachtragen, die der bereits so berühmte Condottieri seit seiner Ankunft gemacht hatte, als er zum ersten Mal nach vierzehnjährigem Exil den Boden seiner Heimath betrat, für die er sein Blut vergießen wollte, um sie zum Dank der schlauen Politik Frankreichs zum Opfer fallen zu sehen.

Mit Jubel war der Commodore in Genua empfangen worben, nachdem er nur wenige Tage seiner alten Mutter in Nizza

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gewidmet hatte. Er eilte, dem Ministerium in Turin seine Dienste anzubieten; aber der Empfang war hier ein andrer. Piemont wollte noch nichts von einem einheitlichen Italien wissen und dachte vorläufig nur an seine Vergrößerung gegen Oesterreich - man ließ dem berühmten Flibustier deutlich merken, es komme auf einen Mann mehr oder weniger nicht an und rieth ihm kalt, zum Könige an den Mincio zu gehen.

Garibaldi fand Carlo Alberto in Roverbella, aber von seinem schwankenden eigensüchtigen Charakter keinen bessern Empfang als in Turin, - der König wies ihn wieder an die Minister zurück!

Das Vertheidigungs-Comité in Mailand, das unter Mazzini's Einwirkung noch immer um die Frage, ob Republik oder Anschluß an Sardinien, stritt, übertrug ihm endlich auf Mazzini's Drängen die Vertheidigung der Provinz Bergamo durch ein zu bildendes Freiwilligen-Corps. Von allen Seiten strömten auf seinen Ruf die Freiwilligen herbei, aber als er mit seiner Schaar Brescia erreichte, war die Schlacht von Custozza geschlagen und das Heer Carlo Alberto's in vollem Rückzug. In Monza erhielt er die Nachricht von dem am 9. August zwischen dem König und Radetzky geschlossenen Waffenstillstand.

Garibaldi erklärte, daß dieser für ihn nicht existire und er den Krieg gegen Oesterreich auf eigene Hand weiter fortführen werde. Er hoffte durch einzelne Erfolge den Muth der Italiener auf's Neue zu beleben. Damit hatte er sich selbst für vogelfrei und außer dem Schutz des gewöhnlichen Kriegsrechts erklärt.

Von Monza war der kühne Condottieri nach Como, von dort am 14. August nach Arona marschirt. Hier bemächtigte er sich am 15ten durch Ueberfall auf dem Lago Maggiore mit Böten zweier österreichischer Dampfer und setzte mit der kleinen Anzahl Getreuer, die ihm geblieben, nach Luino über, das von den Oesterreichern besetzt war. Ueberrascht räumten diese die Stadt und verloren noch eine Anzahl Gefangener; erst als sie die Schwäche des Gegners erfuhren, griffen sie Luino auf's Neue an. In einer heldenmüthigen Vertheidigung schlug die kleine Schaar den Angriff ab und verfolgte die Zurückgetriebenen. Die Gegner hatten unterdessen bedeutende Streitkräfte an sich gezogen

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und am Abend sah Garibaldi mit seinen fünfzehnhundert Mann sich fast auf allen Seiten eingeschlossen. Hier zeigte sich sein glänzendes Talent für den kleinen Krieg anf's Neue. Mit einem eben so kühnen als schlauen Coup gelang es ihm, den Feind zu täuschen und in der Richtung nach Mesenzana zu entkommen. Im Begriff, Varese zu überfallen, wo 5000 Oesterreicher standen, hinterbrachten ihm die Landleute, daß der Feind selbst bereits gegen ihn anrückte - er zog sich nach Mesenzana zurück und befestigte den Ort, so gut es ging. Die Vertheidigung desselben während des folgenden Tages bis in die Nacht hinein ist die glänzendste That aus der Geschichte des lombardischen Feldzugs. Aber ein Sieg gegen solche Uebermacht war unmöglich. Während der Nacht vertheilte der Führer seine Mannschaft in kleine Trupps, um sich durch die Feinde zu schlagen und die Schweizer Grenze auf den Gebirgswegen zu gewinnen. Er selbst mit wenigen Getreuen erreichte sie unter hundert Gefahren. Erst dann war es, wo er auf der Reise durch die Schweiz und Frankreich dem Fieber erlegen war, das schon längst seine Adern durchglühte. -


Der berühmte Condottieri hatte seine Frau am Arm, die mit Stolz und Liebe zu ihm aufsah. Sie war auf die erste Kunde von seiner Krankheit zu ihm geeilt und Beide befanden sich jetzt auf dem Wege nach Nizza.

Der Gesandte stellte eben den Obersten und seine Gattin dem Herrn des Hauses und dem Diktator vor; der Prinz befand sich weiter hin im Gespräch mit dem ehemaligen Conseilpräsidenten des Bürgerkönigs, dem gallischen Hahn, der zuerst das Rheinlandsgelüste krähte, Herrn Thiers und Odilon Barrot, als er Persigny wieder eintreten und sich ihm nähern sah.

Ein Blick verständigte ihn, daß jener eine Mittheilung für ihn habe - auf einen Wink Persigny's kam ihm Graf Morny zu Hilfe, und der Prinz benutzte eine Gelegenheit, Persigny heranzuwinken und einen Schritt zur Seite mit ihm zu treten.

»Hast Du Dich erkundigt?«

»Ja! - vor fünf Minuten ist ein Billet abgegeben worden.«

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»Wo ist es? - Halt - merk' auf, Vialin, daß man uns nicht beobachtet.«

Er ließ den Handschuh fallen - der Vertraute hob ihn auf; im nächsten Augenblick hatte er das Billet in der Hand - es war klein und von grobem Papier.

»Halte Dich in meiner Nähe und bereit!« Der Prinz trat zu einer Gruppe von Damen, die auf Fauteuils und Tabourets um ein Sopha saßen, das im Halbkreis eine Etagère mit prächtigen Palmen und tropischen Gewächsen umgab.

In dem Fauteuil, an dessen hohen Rücken der Prinz sich jetzt lehnte, saß eine junge Dame von auffallender und merkwürdiger Schönheit. Sie mochte etwa zwei- bis dreiundzwanzig Jahre zählen und war eine Blondine, nicht von der üppigen, kräftigen Fülle, wie man sie gewöhnlich damit verknüpft findet, sondern von hoher, schlanker und feiner Gestalt, einem schmachtenden lieblichen Ausdruck des feinen Gesichts und der so äußerst seltenen Schönheit glänzender schwarzer Augen bei dem Aschblond ihres reichen Haarschmucks.

Die zarte elegante Hand spielte mit einem Fächer von Jasmin-Holz und Perlmutt, während sie mit einer ältern ihr gegenübersitzenden Dame und dem Verfasser von Monte-Christo sich unterhielt, der einige Zeit vorher den Ruf der Mysterien von Paris auszustechen versucht hatte.

»Die Sonne Spaniens,« sagte der Prinz galant, indem er sich über die Lehne beugte und zugleich das Billet in seiner hohlen Hand aufbrach - »scheint uns so selten, daß wir es in der That als ein besonderes Ereigniß begrüßen müssen, sie heute zu sehen.«

Das schöne Mädchen wandte sich halb nach ihm. »Sieh da, Hoheit - Sie wissen am Besten, daß so viele Wolken am Himmel Frankreichs sind, daß ganz andere Strahlen dazu gehören, die Sonne z u spielen, als die von einem Paar armer Mädchenaugen - kämen sie auch aus Spanien. Ein trauriges Familienereigniß hielt uns einige Zeit von der Gesellschaft entfernt, und es scheint, daß auch in Frankreich das Sprüchwort gilt: Lejos de los ajos, lejos del corazon!«41

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Der Prinz folgte nur mit einem halben Blick dem koketten Fächerspiel - sein Auge haftete auf der Höhlung der Hand, in der er das Billet entfaltet.

Es enthielt nur zwei Zeilen:

                       »Straße Belle Chasse-15.

                       Pont Neuf - 12 Uhr.«

»Dann hat wenigstens das Sprüchwort Unrecht, schöne Gräfin,« sagte der Prinz, indem er das so eben erhaltene Blatt der Art in zwei Theile riß, daß die erste und zweite Zeile getrennt wurden, »das eine ähnliche Meinung ausdrücken will: Ausencia es enemiga de amor,42 denn ich kann Sie versichern. Meine Bewunderung für die schöne Eugenie ist durch ihre Abwesenheit nur gestiegen.«

Sein Blick traf bedeutungsvoll den Vertrauten, der ihn nicht aus den Augen verloren. Herr von Persigny näherte sich wie zufällig der Gruppe.

Die Spanierin öffnete mit jener unnachahmlichen Koketterie, die nur die Frauen dieser Nation in die Bewegungen des Spielwerks zu legen wissen, den Fächer. »Heilige Jungfrau, was die Männer doch reden. Wäre das Ihr Ernst, Hoheit, so wäre der Weg in die Straße Montaigne nicht so schwer zu finden gewesen.«

Der Prinz beugte sich zu ihr nieder. »Ich wollte über die Pyrenäen gehen, wenn das der Weg zu Ihrem Schlafzimmer wäre, schöne Gräfin.«

»Der ist weit näher, Hoheit, und leichter.«

Die schlaffen Augen des Prätendenten blitzten, - die gleichgiltige Galanterie, mit der er bisher gesprochen, machte einem tiefen leidenschaftlichen Tone Platz, in dem sich Ueberraschung, Aufregung und Erwartung vereinten.

»Und dieser Weg - Gräfin?«

»Er führt dicht am Altare vorbei, Hoheit,« sagte die Dame ruhig - »es in der einzige.«

Die Augenlider des Cavaliers sanken wieder schwer herab, die leichte Röthe war von dem Gesicht verschwunden, als er sich aus seiner vorgebeugten Stellung erhob. In diesem Augenblick

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streifte Persigny vorüber und er ließ in dessen Hand die zusammengefaltete obere Hälfte des Billets gleiten. Zugleich empfahl ein flüchtiger Blick nach dem Ausgang dem Vertrauten Eile.

Die schöne Tochter aus dem berühmten Geschlecht der Guzmann schien einige Augenblicke eine Antwort erwartet zu haben, und als diese nicht erfolgte, hob sie das dunkle Auge mit einem ironischen Ausdruck auf den geschlagenen Ritter. »Ich rathe Eurer Hoheit, wenn Sie erst Präsident von Frankreich sind,« sagte sie mit ruhiger Stimme, »Ihre Sorge der Sicherheit und Bequemlichkeit der Wege in Frankreich zu widmen, gleichviel, wohin sie führen. Doch ich glaube, da kommt Seine Durchlaucht, der Herzog von Reggio, um Sie anzusprechen, und wenn ich mich nicht täusche, hegt der interessante Italiener dort, von dem der ganze Salon spricht, gleichfalls die Absicht, sich Ihnen vorzustellen.«

Die Dame wandte sich mit wohl affektirter oder wirklicher Gleichgültigkeit zurück zu ihrer gegenübersitzenden Mutter, während in der That von einer Seite General Oudinot, der Sohn des berühmten Marschalls von des Kaisers Tafelrunde, dem Prinzen sich näherte, von der andern Seite aber, in Begleitung des sardinischen Gesandten, Oberst Garibaldi mit seiner Gattin langsam herankam.

Die Salons waren zu dieser Zeit bereits überfüllt, die Soirée nach französischem Geschmack in ihrem vollsten Glanz.

Die Minister waren bis auf Bastide, den Minister des Aeußern, sämmtlich anwesend - Marrast und Bixio, die beiden Präsidenten der Nationalversammlung, Theodor Bac, der Führer der Bergpartei, Molé und Odilon Barrot, Lamartine, die Deputirten Lasteyrie, Portalis, Flocon, Dufaure, der Prinz Peter Bonaparte, viele Mitglieder des diplomatischen Corps, die Generale und die Koryphäen der Börse und der Coulisse mit den Faiseurs der Presse, hatten sich nach und nach eingefunden und discutirten die Tagesfragen, sich in Parteigruppen trennend. -

»Ich glaube wahrhaftig, der Prinz macht der schönen Montijo den Hof,« sagte Montboisier zu seiner Gesellschaft - »sehen Sie, wie die alte Gräfin von Teba sie mit Augen betrachtet, wie der Zollvisitator den Schmuggler? ich wette ein Diner bei den Frères Provenceaux - sie speculirt auf eine Heirath. Das Weib hat

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den Teufel im Leib und ist das personificirte Bild einer Schwiegermutter.«

»Ist nicht die Herzogin von Alba, von der die Presse die schreckliche Todtengeschichte erzählt, ihre Schwester?«

»Die Schwester der schönen Eugenie. Sie wurde lebendig begraben und ist nur durch einen Zufall der Gruft wieder entronnen. Ich las einmal eine ähnliche Geschichte aus Deutschland, ich glaube aus Magdeburg in Bayern oder Hessen. Man nennt sie in Madrid die schöne Leiche.«

»Wir haben einen Pendant in Paris und die Grabesbraut heut im vollen Sonnenlicht gesehen - die Fleur de Mort aus den Katakomben. Nicht wahr, Miron!«

»Ein Race-Schimmel! ich möchte einmal bei einer solchen wandelnden Leiche schlafen - es muß pikant sein, eine solche Marmorbraut aus Zampa oder dem Robert. Die Scene mit Helena und den Nonnen ist magnifique von Meyerbeer erfunden.«

»Sie sind ein Roué, Miron, aber dies Gelüst müssen Sie sich vergehen lassen - beschränken Sie sich auf die Lebenden, bei der Guerin. Die Blume der Katakomben steht, wie Sie gesehen, unterm besondern Schutz Ihres künftigen Schwagers.«

»Meines Schwagers? was wollen Sie damit sagen?« Das abgespannte Gesicht des jungen Geldfürsten färbte sich purpurn im Aerger.

»Ei, Capitain Fromentin. Sehen Sie nicht, wie er dort von der Fensternische her Ihre schöne Schwester mit den Augen verschlingt.«

»Cora ist zu verständig, um den Bettelsoldaten zu beachten. Seine ganze Verwandtschaft ist Lumpenpack ohne Geld und Stellung.«

»Das hindert ihn nicht,« sagte der Graf, dessen zerrüttete Verhältnisse ihn selbst auf die Parthie spekuliren ließen, »seine Augen auf die reiche Miron zu richten und zugleich der Beschützer oder Liebhaber der Katakombenschönheit zu sein. Capitain Fromentin soll hitziger Natur sein, also treten Sie ihm nicht in den Weg, weder bei Fräulein Cora, noch bei der Fleur de Mort.«

»Ich will die Eine lieber im Grabe liegen sehen, statt in

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seinen Armen, und die Andere soll in den meinen sein, ehe vierundzwanzig Stunden vergehen.«

»Liebster Levy,« sagte der Aristokrat, indem er ihm absichtlich den jüdischen Vornamen gab, der, wie er wußte, dem Lion verhaßt war, - »Sie sind zwar ein anerkannter Don Juan, aber dies Mal wäre Ihre Mühe vergeblich.«

Das Gespräch war bisher halblaut zwischen Beiden geführt worden - die beleidigte Eitelkeit riß jetzt den Dünkelhaften zu einer Thorheit hin.

»Wollen Sie wetten,« sagte er laut, »daß Ihre spröde Grabesschöne noch heute Nacht mit uns bei der Guerin soupiren soll? Hundert Louisd'ors Paris!«

»Ich wette nie - Sie wissen das,« sagte kalt der Graf. »Aber vielleicht hat einer dieser Herren Lust.«

Man fragte, um was es sich handele - mehrere Mitglieder der lockern Gesellschaft waren ohnehin von der Parthie in der Rue des Moulins.

»Ich habe von dem Mädchen gehört, aber möchte sie kennen lernen,« sagte ein junger Mann mit etwas nachlässiger Toilette und genialem aber wüstem Ausdruck, dessen langes Lockentoupé auf den Künstler schließen ließ, »ich halte die Wette.«

»Es gilt, Herr Chevaulet, aber« - die Miene des Geldbarons aus dem vorigen Regime wurde ziemlich albern - »wo kann ich das Mädchen finden?«

»In den Katakomben, Miron,« belehrte ihn der Graf, der seine besondere Absicht zu haben schien, die Sache zu verfolgen. Er zog die Uhr. »Wir geben Ihnen anderthalb Stunden Zeit - eine halbe Stunde zur Fahrt nach der Barrière d'Enfer, eine halbe für Ihre Eroberung und dieselbe Zeit, um wieder bei uns zu sein. Ich übernehme Ihre Entschuldigung bei Herrn de Moreira. Sind Sie um ein Uhr nicht in der Rue des Moulins, so haben Sie verloren.«

»Die Wette ist eigentlich thöricht,« sagte der Stutzer, dem der Ausgang seiner Prahlerei unbequem zu sein schien, »wie soll ich bei Nacht zu der Schönen kommen? ich dachte nicht, daß es schon so spät ist, die Katakomben sind längst geschlossen.«

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»Das ist Ihre Sache,« meinte lachend der Künstler, »Herrn Léon von Miron ist Nichts unmöglich.«

»Die Katakomben sind auch während der Nacht geöffnet,« sagte der Graf.

»Nun by Jove,« murrte ärgerlich der Stutzer, da er fühlte, daß er nicht mehr ausweichen konnte; »da Sie allein die Dirne kennen, so mögen Sie mich wenigstens unterichten, wie ich an sie komme. Es gilt, meine Herren, um ein Uhr bin ich bei Ihnen.«

Der Graf hatte seinen Arm genommen und ihn einige Schritte vorgeführt. »Das ist recht, Baron, Sie dürfen dem eingebildeten Pinsler nicht ohne Kampf das Terrain räumen. Zuvörderst, der Vater des Mädchens ist berüchtigt wegen seiner Habsucht. Samson würde um zehn Louisd'ors die eigene Seele verkaufen, also gewiß keinen Anstand nehmen, der Tochter ein Souper in guter Gesellschaft zu erlauben. Aeußersten Falls bringen Sie ihn mit, er ist ein kurioser Kauz, das wird die Sache pikant machen und ist nicht gegen die Wette.«

»Aber wenn die Dirne selbst sich weigert? Zunächst, wie soll ich in so später Stunde an sie kommen.«

»Ich sagte Ihnen bereits, daß der Zugang der Katakomben auch während der Nacht geöffnet ist, weil die Transporte der Ueberreste, die man dort hinschafft, zu dieser Stunde geschehen. Es giebt genug verrückte Engländer, die von der Erlaubniß, die unterirdische Gräberstadt zu besuchen, gerade um Mitternacht Gebrauch machen. Dort sehe ich Beaumont, den General-Inspektor der Minen, im Gespräch mit dem deutschen Gesandten. Seine Erlaubniß ist nothwendig, um den Eintritt zu erhalten. Ich werde ihm sagen, daß es eine Wette gilt. Sind Sie dort, so verlangen Sie Samson oder seine Tochter als Führer, und sehen Sie einige Louisd'ors nicht an. Das Weitere ist Ihre Sache - dafür gelten Sie als der Don Juan der Boulevards.«

»Aber - ich komme darauf zurück - wenn das Mädchen sich weigert? Den Henker - es kommt mir nicht auf die hundert Louis an, aber ich werde ausgelacht werden. Wissen Sie, ich habe noch einen Wechsel von gleichem Betrage von Ihnen in meinem Portefeuille, ich kassire ihn, wenn Sie mir aus der Patsche helfen.«

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»Gehen Sie doch, Léon, ein Mann wie Sie, sollte um ein Mittel verlegen sein. Valga me Dios - die Sache gilt. Ihre schöne Schwester muß uns helfen.«

»Wie ist das möglich?«

»Sagen Sie ihr geradezu, um was es sich handelt, aber vergessen Sie nicht hinzuzufügen, daß die Fleur de Mort eine Jugendflamme des Capitains ist. Er ist ihr Sclave - sie muß ihn bewegen, unter irgend einem Vorwand - einem Frauenzimmer fehlt es nie an dergleichen - folgende Worte zu schreiben: Capitain Fromentin bittet, dem Ueberbringer zu vertrauen und zu folgen.«

»Bravo, Bravo, Graf, ich wäre nie auf den Ausweg gekommen. Sie sind ein Teufelskerl.«

»Nun fort - locken Sie Ihre Schwester in das Boudoir der Frau vom Hause, in zehn Minuten müssen Sie das Billet haben, ich die Erlaubniß und dann fort.«

Der Geldbaron stürzte sich in das Gedränge, um zu seiner Schwester zu gelangen. - Montboisier näherte sich langsam mit der ganzen aristokratischen Nähe des Mannes von Welt dem Chef der Minen. -


Der sardinische Gesandte mit seiner Begleitung hatte sich dem Prinzen genähert, der sich eben mit dem General Oudinot unterhielt.

»Eure kaiserliche Hoheit,« sagte der Gesandte, »wollen mir erlauben, Ihnen den Obersten Garibaldi mit der Signora, seiner Gemahlin, vorzustellen. Der Name des Herrn Obersten bedarf keiner weitern Empfehlung.«

Der Prinz Louis Napoleon, der Prätendent von Frankreich, wandte sich um.

Es war zum ersten Mal, daß diese beiden Männer, denen künftig die Geschicke Europa's gehören sollten, sich Aug' in Aug' begegneten, denn die Ueberbringung der Million des Estanciero war ohne persönlichen Verkehr geschehen.

Es walten im Menschengeist dunkele, geheimnißvolle Kräfte, die unsere Psychologen läugnen oder anerkennen, die sie aber noch nie zu erklären vermocht haben.

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Die merkwürdigste dieser Kräfte ist die Ahnung, die Sympathie und Antipathie.

Als der kühne Verfechter der italienischen Freiheit und Selbstständigkeit, der Mann der entschlossenen und offenen That mit dem unbeugsamen Willen und ehrlichen Herzen, von der kurzen Verbeugung sich emporrichtete, die er dem Prinzen gemacht, begegneten sich die Augen der beiden Männer lange und schwer - es war, als erkenne oder ahne Jeder im Andern die Gewalt der Zukunft, den Kampf und Frieden und zuletzt den Zusammenstoß, zu dem sie kommen müssen nach den Lehren der Geschichte der Welt.

Das Gesicht des Prinzen blieb kalt, apathisch, wie ein verschlossenes Buch, das matte, träge Auge lag nicht ohne einen gewissen Hochmuth prüfend auf der Gestalt des Andern. Der Condottieri des Geistes schien zu fühlen, wie hoch er über dem Condottieri der Faust stände.

»Sie kommen aus der Schweiz, Herr Oberst!«

»Ja, Bürger Bonaparte.«

Ein leichter rother Fleck zeigte sich bei der einfachen Verweigerung des Titels auf der Wange des Prinzen, verschwand aber sogleich wieder.

»Was denkt man dort von unseren Verhältnissen? Sie wissen, die Schweiz ist mir theuer und mein zweites Vaterland.«

»Ihr Wort von der Tribüne am 21. September: »Mein ganzes Leben sei der Kräftigung der Republik gewidmet,« hat in den Herzen der braven Schweizer Jubel erregt. Sie erwarteten nichts Anderes von dem Mann, den sie ihren Mitbürger nennen.«

»Sie sind im Begriff, wieder nach Nizza zu gehen, Herr Oberst?«

»Mein Leben, Bürger Bonaparte, gehört Italien, wie das Ihre Frankreich. Sie finden den Kampf gethan und haben nur zu ordnen, vor mir liegt noch der blutige Streit.«

»Aber Sie finden Sardinien im Waffenstillstand, den Frieden so gut wie unterzeichnet!«

»Sardinien ist nicht mein Vaterland, sondern Italien. Was in Mailand mißglückt, mag in Rom siegen. Das Volk seufzt an dem Tiber so gut nach Erlösung, wie am Mineio. Italien

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rechnet auf den Beistand des französischen Volks, denn der Feind, den wir bekämpfen, ist ein gemeinschaftlicher.«

Der Prinz brach rasch die Unterhaltung ab und wandte sich zu der Dame.

»Die rauhe Männer-Politik, Signora,« sagte er verbindlich, ihre Schönheit musternd, »paßt zwar wenig für Frauen-Ohren, von Graf Walewski weiß ich jedoch aus Montevideo, daß wir eine Heldin des Alterthums in Madame zu bewundern haben.«

»Ich besitze kein andres Verdienst, Monseigneur,« sagte die Creolin, sich höflich verneigend, »als die Gattin meines Mannes zu sein und damit das Recht zu haben, ihm überall hin zu folgen, wohin er geht.«

»Erlauben Sie mir, Oberst,« sagte der Prinz, »den kühnen Soldaten der neuen Zeit mit einem alten Namen aus der Zeit der Tafelrunde meines Oheims, dem Herrn Herzog von Reggio, bekannt zu machen.«

»Der Name, den seine Familie führt,« sagte höflich der Italiener, »verbündet den Herrn General mit uns.«

»Die, welche ihn führen,« entgegnete der General mit einer kalten Verbeugung, »haben dadurch die gleiche Pflicht, wie jeder Italiener, zum Schutz Seiner Heiligkeit des Papstes.«

»So weit es das Oberhaupt der katholischen Kirche betrifft, habe ich die Ehre, vollkommen mit dem Herrn General in dieser Pflicht übereinzustimmen.«

Die Blicke der beiden Soldaten begegneten einander fest und kalt, dann trat mit einer Verbeugung der Freischaarenführer zurück und machte Herrn Fould Platz, der sich dem Prinzen näherte. -


In der schönen Schwester des Repräsentanten der blasirten Börsenjugend, Cora Miron, vereinigten sich all' die glänzenden und leichtfertigen Eigenschaften, welche die Frauen von Paris unbestritten zu den Beherrscherinnen der Gesellschaft machen.

Jung - kaum neunzehn Jahre - schön, reich, mit allen Talenten der Aeußerlichkeit begabt, eine geborene Kokette, bei einem empfänglichen Herzen und feurigem Blut, vereinigten sich mit all' diesen Eigenschaften die ihrer orientalischen Abstammung,

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der Scharfsinn und die Sucht zu glänzen. Der ernste, junge Offizier, mit gediegenem Wissen, Streben und Charakter, war, wie die Motte an dem gefährlichen Licht, in den Netzen der jungen Kokette hängen geblieben, und feine Leidenschaft den scharfen Augen und der Spottlust der Gesellschaft längst kein Geheimniß mehr. Wer gesagt hätte, daß die schöne Miron unempfänglich für die Huldigung des durch mehrere kühne Waffenthaten ausgezeichneten Offiziers gewesen wäre, würde sich betrogen haben. Im Gegentheil - das Gefühl der Liebe, soweit es das kokette spekulirende Herz zu fühlen vermochte, hatte sich wider Willen darin eingeschlichen, und sie betrachtete den Offizier wie ihren Sklaven und Leibeigenen, dem sie un keinen Preis die Freiheit hätte wiedergeben wollen. Sie würde, dem engherzigen Gelddünkel des Vaters und Bruders Trotz bietend, keinen Augenblick angestanden haben, sich von dem Offizier entführen oder verführen zu lassen - wenn er nur nicht der Sohn eines bloßen Invaliden gewesen wäre. Sie wäre jeder heroischen Komödien-That für diese Liebe fähig gewesen, aber hätte keinen einzigen ihrer Verehrer deshalb an ihrem Triumphwagen missen, nicht das geringste Opfer ihres gesellschaftlichen Glanzes bringen können.

Fräulein Miron war von kleinem sylphidenartigen Wuchs, die Farbe ihrer Haut hatte jene durchsichtige schöne Blässe, die man nicht selten an den Frauen ihrer Nation in der Blüthe ihrer Jugend findet. Die Stirn war niedrig, die Nase von leichtem feinem Schwung, die schwarzen Brauen überwölbten in schmaler geschwungener Linie das kokette feurige Auge, dem der dunkele Rahmen der üppig schwarzen Haarflechten noch höhern Glanz verlieh. Eine eigenthümlich aufgeworfene etwas volle Oberlippe, die untere zurücktretende Bildung des Mundes überragend, gab dem Gesicht etwas ganz besonders Pikantes. Ueber der ganzen Gestalt, die gewöhnlich in eine hervorstechend rothe Toilette gekleidet war, die Lieblingsfarbe der jungen Dame, lag etwas Nervöses, Rastloses. Es würde ihr schwerlich möglich gewesen sein, zehn Minuten auf ein und derselben Stelle auszuhalten.

Ein Wink des schwarzen, golddurchbrochenen Fächers hatte den schüchternen Verehrer an den Divan gerufen, auf dem sie

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lehnte, von drei oder vier Stutzern umgeben, mit denen sie ein bald lebendiges, bald launenhaft träges Wortgefecht unterhielt.

Während des ganzen Abends hatte der Capitain dies reizende Gesicht, diese lebensprühenden Augen beobachtet, ohne auch nur einen Blick erhalten zu haben. Fräulein Miron that, als ob ihr Verehrer nicht aus der Welt sei, weil sie wußte, welche Unruhe und welchen Schmerz sie ihm damit bereitete.

Er hatte bemerkt, daß ihr Bruder kurze Zeit mit ihr gesprochen, von dem er wußte, daß er keineswegs sein Freund sei. Um so mehr war er überrascht, als ihr Wink ihn jetzt zu ihrem Sitz rief.

»Capitain Fromentin,« sagte die Dame, »scheint heute seine Freunde zu vernachlässigen, oder seine ganze Galanterie diesen Nachmittag in dem Schutz interessanter Damen verwendet zu haben.«

Der Capitain, von dieser offenbaren Anspielung verlegen gemacht, murmelte einige Worte, die wie eine Erklärung oder Entschuldigung klangen.

Aber die Kokette setzte unbarmherzig ihren Triumph fort. »Sie sollen mir ein andres Mal erzählen von dieser unbekannten Schönheit, Herr Capitain, für jetzt aber bedarf meine unbedeutende Person selbst des Schutzes gegen die Liebeserklärungen des Herrn von Jolincourt und die Marstalls-Erinnerungen des Herrn Baron. Reichen Sie mir Ihren Arm, Herr Capitain, wenn Sie nicht befürchten, sich dadurch in den Augen einer andern Dame zu compromittiren, und lassen Sie uns einen Gang durch die Salons machen. Meine Herren, ich zähle darauf, Sie morgen Mittag in meiner Cavalcade nach dem Bois de Boulogne zu finden.«

Sie lehnte ihre zierliche Gestalt auf den Arm des Offiziers - ihr reizender Kopf, mit der rothen und goldenen Sammet-Garnirung im Haar, lag so nahe und so dicht an seiner Schulter, daß, wenn sie im Spiel der Koketterie zu ihm aufblickte, der Hauch ihres Mundes sein Gesicht streifte. Das Blut des jungen Mannes wallte siedend heiß, - es war das erste Mal, daß er sich einer solchen Gunstbezeugung, einer so offenkundigen Auszeichnung von der Frau zu erfreuen hatte, der er sein mannhaft wackeres Herz geweiht.

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Plaudernd über jene tausend Nichtigkeiten, aus denen die Frauen Stoff zu nehmen wissen, bald von den Tagesneuigkeiten der Politik, bald von den neuesten Moden oder den Ereignissen der Coulissen mit ihm redend, schien sie gar nicht zu bemerken, wie zerstreut und einsylbig ihr Bewunderer antwortete.

Die schlaue Schöne hatte absichtlich ihren Weg nach einem der entfernteren und weniger belebten Gemächer genommen, da sie mit den Lokalitäten des Hotels wohl bekannt war, und blieb vor dem Eingang eines reizend dekorirten Boudoirs stehen, das durch die gardinenförmig über eine vergoldete Hand erhobene Portiere[Portière] von dem größern Raum geschieden war.

»Frau von Baroche hat kürzlich ein köstliches Genrebild von Vernet gekauft, eine Scene aus der Wüste. Man behauptet, das Bild wäre der Natur abgestohlen - Sie müssen mir sagen, ob es wirklich so ist, denn Sie verstehen sich daraus.«

Ihre Hand hob, indem sie eintraten, wie zufällig die Portiere[Portière] und ließ sie fallen - sie waren allein, die Dame ließ sich auf eine Causeuse nieder, die einem zierlichen Schreibtisch von Rosenholz gegenüber stand, über dem in breitem Goldrahmen das erwähnte Gemälde hing.

Eine leichte Bewegung des Fächers wies den erstaunten Cavalier, der zu träumen glaubte, nach einem nahestehenden Tabouret. Mit jener launenhaften Koketterie, die zugleich entzückt und verwirrt, wechselte sie sogleich den Gegenstand der Unterhaltung - von dem Bild war keine Rede mehr.

»Ich glaube, mein Herr,« sagte die Schöne, indem ihre glänzenden Augen halb spöttisch, halb ermuthigend auf dem Offizier ruhten, - »Sie erlauben sich, mir ernstlich den Hof zu machen?«

»Madame - «

»Sprechen Sie, Capitam, sind die berühmten Afrikaner immer so muthig, wenn es gilt, jene Festung, die man das Herz einer Frau nennt, zu erobern?«

»Fräulein,« sagte der junge Mann glühend und sich ermannend - »quälen Sie ein Herz nicht, das ehrlich und aufrichtig für Sie schlägt. Ich bin ein schlichter Soldat und habe unter der Sonne Afrika's, in den Schluchten des Atlas nicht gelernt, meine Worte für einen Pariser Salon zu setzen. Aber bei meiner

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Ehre als Soldat, bei dem Andenken meiner Mutter, einer armen aber braven Frau, schwöre ich Ihnen - «

Die Schöne, in der Causeuse zurückgelegt, die goldene Doppel-Lorgnette vor den Augen, beobachtete spöttisch seine Aufwallung. »Ah, in der That, Capitain - Ihre Mama - machte sie nicht Putz, oder wusch sie nicht Kragen und Hemden? - ich dächte, ich hätte dergleichen gehört, aber mein Gedächtniß ist so unglücklich - «

Der Offizier war aufgesprungen - eine dunkle Gluth des Unwillens bedeckte sein männlich edles Gesicht. »Verzeihen Sie, Madame, daß der Sohn einer Wäscherin das Auge zu Ihnen erhoben. Der geringe Verdienst meiner Mutter war wenigstens ein ehrlicher Erwerb, kein solcher, an dem die Thränen und die Flüche hundert Betrogener haften.«

Er trat mit einer Verbeugung zurück, um das Gemach zu verlassen, aber die schöne Miron war bereits an seiner Seite, ihre kleine weiche Hand lag auf seinem Arm, ihre dunkelen Augen waren so schmachtend und bittend zu ihm erhoben.

»Vergebung, mein Freund - achten Sie nicht auf die Ungezogenheiten eines Mädchens, oder nur, um daraus zu sehen, daß sie sich mit Ihnen beschäftigt hat. Kommen Sie, Capitain, und lassen Sie uns wieder Freunde sein und als solche plaudern.«

Sie hatte ihn zur Causeuse zurückgeführt und ließ ihn sich niedersetzen, indem sie selbst vor dem Schreibtisch Platz nahm. Ihr Finger berührte das Kreuz auf seiner Brust.

»Wissen Sie wohl, daß Nichts für die Frauen verführerischer ist, als soldatischer Ruhm, so jung erworben!«

»Fräulein, Sie beschämen mich - Sie machen mit mir, was Sie wollen, und doch - «

»Ich ernenne Sie zu meinem Ritter und vertraue mich Ihrem Schutz in all' den Fährlichkeiten, die unsre liebe Republik noch bestehen wird. Wenn ich Ihrer Hilfe bedarf - denn ich fürchte mich ganz abscheulich vor diesem schießenden und lärmenden Pöbel! - citire ich Sie auf der Stelle zu mir.«

»Mein Blut, mein Leben ist Ihnen geweiht - wenn Sie mir erlauben wollten, Ihnen sagen zu dürfen - «

Sie hatte wie spielend eine Feder ergriffen und zeichnete

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damit auf einem Briefbogen. »Später vielleicht - wenn Sie recht artig sind, oder irgend eine Heldenthat für meine unbedeutende Person vollbracht haben. Apropos, Herr Capitain - Sie müssen noch Unterricht bei Leclerc im Walzen nehmen, wenn ich wieder mit Ihnen tanzen soll; meine Kammerjungfer ist bitterböse auf Sie, wegen der zerrissenen Garnitur!«

Er wußte, er fühlte, daß sie mit ihm ein frivoles, launenhaftes Spiel trieb, und dennoch vermochte er sich nicht loszureißen.

»Kennen Sie meine Handschrift, Herr Capitain?«

»Ich bin nie so glücklich gewesen, sie zu sehen. Doch die reizende Hand ... «

»Still, mein Herr, keine Fadaise! Doch da ich Sie zu meinem Ritter und Schützer in dieser so schrecklich politischen Zeit ernannt, so müssen Sie nothwendiger Weise meine Taubenfüße auf dem Papier kennen, wenn es mir einmal einfallen sollte, einen Boten oder eine Botschaft zu senden.«

Sie hatte einige Worte geschrieben und reichte ihm das Blatt.

Die zwei Zeilen lauteten:


               »Ich bitte, dem Ueberbringer zu vertrauen und ihm zu folgen.

                                               Cora von Miron


Der Offizier preßte das Blatt an seine Lippen. »O, wie glücklich würde mich eine solche Botschaft machen! Darf ich es behalten?«

»Bewahre der Himmel! Einem wahren Anbeter muß ein Blick genügen, um jeden Buchstaben auf der Stelle wieder zu erkennen. Aber ich muß die gleiche Probe mit Ihnen machen. Setzen Sie sich hierher, mein Herr, und schreiben Sie einige Worte, schreiben Sie dieselben in Ihrem Namen.«

Sie schob ihm ein andres Blatt Papier zu und reichte ihm die Feder. »Geschwind, Herr Capitain - copiren Sie die Vorschrift!« Sie lehnte so anmuthig über den Stuhl - ihr Lächeln war so reizend, wie sie mit dem Finger auf das Blatt deutete - er achtete kaum der Worte, die er gedankenlos niederschrieb.

»So - nun lassen Sie mich vergleichen, wirklich wie ein Soldat geschrieben, Buchstaben in Reih und Glied - jetzt will ich Ihnen erlauben, mir nächstens eine schriftliche Liebeserklärung

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zu schicken, mein armer Capitain, und Sie sollen versichert sein, daß ich sie in mein Album lege.«

Sie hatte spielend die beiden Papiere zusammengefaltet und tändelte damit. Plötzlich richtete sie die koketten Augen auf ihn und sagte schelmisch: »Wissen Sie auch, Capitain, daß ich bei meinen Anbetern keine Rivalin dulde?«

»Wenn Sie in mein Herz - das Herz eines redlichen Soldaten sehen könnten, würden Sie finden, daß es von Ihrem Bilde erfüllt ist. Diese Gelegenheit kehrt vielleicht nie wieder - ich weiß, daß ich keine Aussicht und Hoffnung habe, Sie zu besitzen, aber ich darf Ihnen wenigstens sagen, wie unendlich ich Sie liebe!«

Einige Augenblicke lang schien sie mit einem edlern, bessern Gefühl zu ringen - eine zarte Röthe verbreitete sich über ihr schönes Gesicht, sie schlug vor seinem ehrlichen, beredten Auge das ihre nieder - ihre Hand, die er erfaßt, blieb in der seinen. »Warum sollte Capitain Fromentin so wenig Vertrauen auf sich selbst haben?« sagte sie leise - »dem Tapfern und Treuen ist Nichts unmöglich!«

Im nächsten Moment war der warme Ausbruch des Herzens, der Sieg wahren Empfindens vorüber - Eitelkeit, Koketterie und Leichtsinn wieder in ihrer vollen Herrschaft. Sie entwand sich geschickt dem Arm, der es, durch diese Zeichen eines tiefern Gefühls dreist gemacht, gewagt hatte, sie an sich zu ziehen. »Wenn Sie das Sturmlaufen auch in Constantine oder Mazagran geübt, Herr Capitain,« sagte sie lachend - »so bedenken Sie, daß dieses Kabinet kein arabischer Douar ist und Ihre Dienerin keine Kriegsgefangene. - Aber hören Sie nicht - im Salon scheint wirklich eine kriegerische Affaire im Gange, so laut perorirt man dort. Lassen Sie uns eilen, denn ich sterbe vor Neugier, was es giebt!«

Ihre Hand hatte bereits die Portiere[Portière] von schwerem Seidendamast gefaßt, um sie aufzuschlagen, während der Offizier eine bittende Geberde machte, sie zurückzuhalten. Schon auf der Schwelle zögerte noch einmal ihr Fuß - und sie wandte sich um, als wolle sie ihm das erlistete Papier, das zusammengefaltet in ihrem Spitzentuch geborgen war, zurückgeben, aber die Stimme ihres Bruders, der eben vorübergehend mit Montboisier sagte: »Ich weiß nicht, wo das Mädchen steckt, ich muß mein Heil ohne

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sie versuchen, und das in einem Augenblick, wo Alles so gespannt auf diese Affaire mit der Herzogin ist!« ließen sie rasch wieder ihren Entschluß ändern und sie schlüpfte hinaus, den Capitain in dem Boudoir zurücklassend.

Ein Blick in die Salons zeigte ihr, daß die Gesellschaft in lebhafter Bewegung sich befand und überall discutirende Gruppen sich gebildet hatten. Man sah die bekannten legitimistischen Mitglieder der Versammlung bei einander stehen und sich leise mit einer gewissen Befangenheit besprechen. In dem großen Salon stand General Cavaignac mit den anwesenden Ministern und mehreren hohen Beamten zusammen und man hörte die laute Stimme des Redacteurs der >Presse<, der eben einem andern um ihn gebildeten Kreise eine interessante Mittheilung zu machen schien. Zwischen beiden Gruppen, von einigen Personen umgeben, stand der Prinz Louis Napoleon kalt, beobachtend, durch keine Bewegung dieses verschlossenen Gesichts seine Theilnahme zeigend.

»Hier ist das Papier - nein dies hier,« sagte die Dame, zu ihrem Bruder tretend. »Aber Du giebst mir Dein Wort, daß es nur zu einer Compromittirung des Frauenzimmers, zu einem Scherz gebraucht werden soll und daß Du mir es wieder giebst.«

»Unsinn! was befürchtest Du denn? Morgen sollst Du Dein Armband haben und nun Adieu, denn die Minuten sind Louis-d'ors[Louisd'ors], wenn ich die Wette noch gewinnen will.«

Er eilte davon - der Graf bot der leichtsinnigen Schönen den Arm. In der Neugier, zu wissen, was in den Salons sich ereignet, hatte sie es nicht einmal bemerkt, wie das zweite von ihrer Hand zusammengeknitterte Papier derselben mit dem Tuch entfallen und von dem Cavalier aufgehoben worden, der es gewandt zurück behielt.

»Herr von Girardin,« berichtete der Graf, indem er sie durch die Gruppen führte, »hat dem Ministerium eine arge Verlegenheit bereitet. Sie kennen seine Rücksichtslosigkeit, wo es gilt, Skandal zu erheben, aber ich hätte diesmal in der That ihm mehr diplomatischen Takt oder Speculation zugetraut!«

»Aber damit erfahre ich ja immer noch nicht, was eigentlich geschehen ist!«

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»Herr von Girardin ist vor einer Viertelstunde mit großem Eclat eingetreten, und hat Jedem, der es hören wollte, laut erzählt, daß die Herzogin von Berry seit heute Morgen sich in Paris befindet. Er habe die bestimmten Beweise in Händen und Männer gesprochen, die sie gesehen. Ja, er hat Ravaignac und dem Polizei-Präfekten in's Gesicht Straße und Haus genannt, in dem sie sich verborgen hält.«

»Aber, was will sie hier?«

»Wie jeder Einsichtsvolle sagt, wahrscheinlich die Parteien sondiren und mit ihren Anhängern berathen, - wie Girardin laut ausschreit, ein Complott gegen die Republik und die Assemblée anzetteln. Daß die Herzogin wirklich anwesend ist, läßt sich kaum bezweifeln, denn die Legitimisten sind durch diese Entdeckung offenbar in Bestürzung und Unruhe versetzt, wenn auch wahrscheinlich nur wenige den Zufluchtsort der Prinzessin kennen.«

»Und was hat man gethan - was soll geschehen?«

»Das war eben die Verlegenheit. Am liebsten hätten offenbar die Minister gar keine Notiz davon genommen, aber dieser Skandalmacher perorirte mit so sichtlichem Behagen von der Gefahr und der Feigheit der Regierung, er deutete so dreist darauf hin, daß das Ministerium mit unter der Decke stecke und einen Volksverrath beabsichtige, den er in seiner morgenden Nummer vor ganz Frankreich enthüllen werde! - einige Mitglieder des Berges nahmen die Sache in die Hand, und so ist Cavaignac nichts Anderes übrig geblieben, als den Befehl zur Nachforschung zu ertheilen. Er hat einen seiner eigenen Adjutanten nach dem bezeichneten Hause abgeschickt.«

»Wie benimmt sich der Prinz Bonaparte?«

»Das ist eben das Auffallende dabei. Obschon offenbar die Intrigue gerade gegen seine Kandidatur gerichtet sein mußte, hat er sich den Legitimisten auf das Artigste genähert, und sehen Sie - dort unterhält er sich eben mit dem Marquis von Laroche-Jacquelin.«

In der That sprach der Prinz gerade mit dem bekannten Legitimisten-Führer inmitten mehrerer Anderen.

In dem Augenblick trat ein Stabsoffizier hastig in den

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Salon und näherte sich dem Dictator, um den die Minister versammelt waren. Die ganze Gesellschaft umdrängte im Kreise die Gruppe, denn die Theilnahme für die Nachricht des Journalisten war auf das Höchste gestiegen.

Der General redete den Offizier hastig an. »Sprechen Sie, Letellier, hat man wirklich die Frau Herzogin von Berry in der Straße Belle Chasse verhaftet?«

»Nein, Excellenz - man konnte die Frau Herzogin nicht verhaften, denn sie war nicht dort.«

Der General warf einen höhnischen Blick auf den Redacteur der Presse. »Ein elender Lärmen, um der Regierung Verlegenheiten und Skandal zu bereiten,« sagte er laut.

»Wenn Euer Excellenz diese Worte vielleicht auf meine Nachricht beziehen,« sagte der Journalist mit einer Verbeugung voller Unverschämtheit, »so muß ich mir die Bemerkung erlauben, daß jeder Franzose verpflichtet ist, das Interesse der Republik zu wahren, ohne sich um die Sympathieen der Herren Minister zu kümmern. Ueberdies scheint mir, daß der Herr Kommandant seine Mittheilung noch gar nicht beendet hat.«

Alle Augen richteten sich auf den Offizier, der in der That in Verlegenheit schien und zu sprechen zögerte.

»Haben Sie Ihrer Meldung noch etwas beizufügen, Herr Kommandant?« fragte der General laut.

»Allerdings, Euer Excellenz - aber ich weiß nicht ... «

Seine Blicke bezeichneten ziemlich unmuthig die Gesellschaft umher.

»Haben Sie die Güte, ohne Rückhalt zu rapportiren, was Sie wissen, Herr Kommandant,« sagte stolz der General. »Die Regierung hat in dieser Sache keinerlei Geheimnisse.«

»Dann glaube ich allerdings, daß die Nachricht nicht unbegründet gewesen ist. Es sind heute Morgen ein Herr und eine Dame dort angekommen, deren Beschreibung auf die Frau Herzogin paßt. Sie haben in einem Gartenpavillon Wohnung genommen, der einen besondern Ausgang nach der Straße Dominique hat. Der Besitzer des Hauses ist ein früherer Kammerdiener des Prinzen von Artois, der Mann weigert sich aber, irgend eine Auskunft zu geben. Außer einer Reisetasche mit einem silber-

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vergoldeten Necessaire und einiger Frauenwäsche haben die Beamten Nichts gefunden.«

»Aber die Personen selbst?«

»Sie sind verschwunden, müssen aber, nach einigen Zeichen zu schließen, erst kurz vorher die Wohnung verlassen haben.«

»Dann muß man an den Barrieren Maßregeln treffen, damit sie nicht entwischen,« sagte eine brüske Stimme aus dem Kreise.

Der General wandte sich mit einer spöttischen Verbeugung an den Präfekten der Seine. »Sie hören, was die Herren vom Berge befehlen,« sagte er höhnisch, »haben Sie die Güte, Ihre Maßregeln danach zu treffen. Herr von Baroche, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen und bitte, die gnädige Frau meiner Hochachtung zu versichern.« Der General entfernte sich, mehrere der Minister und Generale folgten ihm.

Der Prinz hatte leise den Arm des Marquis von Laroche berührt. »Ein Wort, Herr Marquis. Haben Sie die Güte, Ihren Freunden einen Wink zu geben, damit wir unbelauscht bleiben.«

Der Prinz zog sich in eine Fensternische zurück, dorthin folgte ihm der Legitimist, während mehrere Andere sich wie zufällig umher gruppirten, und so die Sprecher isolirten.

»Lassen Sie mich kurz sein, Herr Marquis,« sagte der Prinz, »denn die Augenblicke sind kostbar. Sie sind in Besorgniß um die Frau Herzogin von Berry?«

»Euer Hoheit irren ... «

»Keine Ausflüchte, Herr Marquis. Sie wissen, daß die Frau Herzogin in Paris ist, aber wahrscheinlich wissen Sie nicht, wo sie sich augenblicklich befindet, oder wo Sie dieselbe von der drohenden Gefahr benachrichtigen können. Wohlan - ich weiß es!«

»Sie, Hoheit?«

»Ja, mein Herr! Wir sind politische Gegner und ich weiß, daß Sie mit Ihren Freunden beabsichtigen, gegen meine Präsidentur zu stimmen, die doch das Mittel sein kann, einen legitimen Thron wieder herzustellen. Die Frau Herzogin von Berry hat mehr Vertrauen zu mir. Sie hat mir ein Rendezvous bewilligt, und wahrscheinlich schon glücklicher Weise sich dahin begeben, als man in ihrer Wohnung Nachsuchung hielt.«

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»Euer Hoheit benehmen sich so edelmüthig, daß es Unrecht wäre, unsere Besorgniß noch länger zu läugnen. Ich bitte Sie darum, uns Ihren Beistand zu gewahren, denn es kann Ihnen nicht darin liegen, eine verfolgte Frau verhaftet zu sehen.«

»Selbst nicht, wenn diese Frau der einzige Mann der Familie Bourbon ist! Die Frau Herzogin muß sogleich von der Verfolgung des Generals Cavaignac benachrichtigt werden. Ich muß unter diesen Umständen auf die Hoffnung und die Ehre einer Unterredung verzichten, aber haben Sie die Güte, sie meiner Verehrung zu versichern und daß ich hoffe, die Zukunft werde ihr beweisen, welches meine Ansichten und Empfindungen sind.«

»Aber wo kann ich sie finden?«

»Punkt zwölf Uhr auf dem Pont-Neuf an der Statue. - Ich rathe Ihnen, darauf zu dringen, daß die Frau Herzogin noch diese Nacht Paris verläßt, damit man morgen öffentlich erklären kann, das Gerücht sei ganz unbegründet gewesen.«

»Ich bin ganz Ihrer Ansicht, Hoheit, aber - wenn die Polizei bereits ihre Anstalten getroffen, wird es schwer sein, die Barrieren unerkannt zu passiren.«

Der Prinz sah sich um - sein Blick traf auf den Capitain Fromentin, der erst seit einigen Augenblicken den Salon wieder betreten hatte und vor seiner Entfernung noch einen Blick seiner Angebeteten zu erhaschen hoffte.

»Einen Augenblick, Herr Capitain!« Der Offizier trat mit einer Verbeugung näher.

»Um Vergebung, sind Sie heute im Dienst bei General Lamoricière?«

»Mein Dienst ist für heute beendet.«

»Wollen Sie mir einen solchen erweisen? einen persönlichen wichtigen Dienst, den ich nur einem Mann von Ehre und Discretion anvertrauen kann?«

»Befehlen Euer Hoheit über mein Leben - ich bin der Sohn meines Vaters!«

»Und ich der Freund des Herrn Miron,« sagte der Prinz leise. »Sie sind Pariser Kind, und also mit Paris genau bekannt. Es gilt zwei Personen auf der Stelle aus der Stadt zu schaffen - gleichviel aus welchem Thor, ohne an den Barrieren

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sich einer belästigenden Befragung auszusetzen. Außerdem kann Ihre Uniform genügenden Schutz gewähren. Wollen Sie mir diesen Dienst erweisen?«

»Mit Freuden, Hoheit, wenn ich weiß, daß ich dadurch nicht meine Pflicht verletze.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie mit der Erfüllung meiner Bitte der Republik einen großen Dienst erweisen. General Lamoricière selbst würde es Ihnen danken. Uebrigens brauchen Sie die Personen gar nicht zu kennen, deren Schutz Ihnen anvertraut wird.«

»Ich stehe zu Befehl.«

»So gehen Sie von hier an die Ecke der Straße Dauphine und warten Sie dort bis Ein Uhr. Wenn man Ihrer Hilfe bedarf, wird man Sie dort finden. Auf Wiedersehn, Herr Capitain - ich übernehme Ihre Entschuldigung bei den schönen Damen.«

Der Offizier entfernte sich.

»Und nun, Herr Marquis, zu dem Rendezvous. Senden Sie Ihre Equipage vor irgend ein Thor - das kann nicht auffallen.«

Der Legitimist verbeugte sich. »Empfangen Eure Hoheit unsern Dank für Ihr rücksichtsvolles Benehmen und glauben Sie, daß wir nicht undankbar sein werden.«

Wenige Augenblicke nachher hatten er und seine Freunde unbemerkt die Gesellschaft verlassen.

Der Prinz begegnete dem fragenden Auge seines Vertrauten, als er sich wieder in die Gesellschaft mischte. Auf seinem Gesicht lag ein mattes Lächeln - es hieß: die Legitimisten werden nicht für Cavaignac stimmen! -


Unter den vielen einzelnen Scenen, die unter dem Schutz der eleganten Gesellschaft in den Salons Baroche an diesem Abend spielten, haben wir noch eine nachzutragen.

Der Held des Laplata hatte sich nach der kurzen Vorstellung bei verschiedenen Personen, deren Namen und politische Rolle sein Interesse erregt, in den Kreis einiger Italiener zurückgezogen, gegen die er in seiner gewöhnlichen trockenen und kurzen Weise die Gesellschaft charakterisirte. Diese Neugier und dreiste Zudringlichkeit ringsum, die ihn und seine Gattin entweder wie ein Wunderthier

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anstaunte, oder durch ihre Fragen jene grenzenlose Unwissenheit verrieth, die über Alles, was außer der Sphäre der Pariser Gesellschaft liegt, dieser Gesellschaft eigen ist, ennuyirte ihn, und er hätte, nachdem sein eigener Zweck erfüllt war, die Männer des Tages kennen zu lernen, bereits das Hotel wieder verlassen, wenn der Gesandte, der ihn eingeführt, nicht noch mit einigen Personen zu sprechen gehabt hätte.

Der Oberst sprach eben mit Cipriani über die Lieferungsverträge von Artillerie, die dieser für Toscana in Paris unterhandeln sollte, und ließ sich mehrere Notizen über die ersten Pariser Häuser geben, die sich mit der Lieferung von Waffen beschäftigen, als der Gesandte zu ihnen kam.

»Ich suchte den Minister des Auswärtigen vergeblich, Herr Bastide scheint nicht zu kommen, und wir werden daher leider auf Ihre Vorstellung verzichten müssen, obschon ich überzeugt war, daß mein Wink Ihnen sicher die beste Aufnahme bereitet hätte.«

»Und worin sollte die Empfehlung bestehen?«

»Neben Ihrer Persönlichkeit in einer Warnung. Monsieur Thouars, der bisherige Consul in Neapel, befindet sich augenblicklich in Paris. Der würdige Holzhändler hat ihn ganz gegen seinen Willen nach Brasilien versetzt und Thouars hält sich dadurch für ruinirt. Er ist außer sich, und da alle seine Reclamationen vergeblich, hat er geschworen, an dem Minister öffentlich Rache zu nehmen. Er ist zu Allem fähig und Herr Bastide hat geradezu einige Dolchstiche, mindestens eine Beschimpfung zu riskiren.«43

Der Oberst lachte. »Liebster Ricci, was wollen Sie sich in die Sache mengen? Der größte Theil aller Minister verdient nichts Besseres, und eine öffentliche Lection kann ihnen nicht schaden. Aber da kommt Crispi und scheint Sie oder mich zu suchen.«

Der Attaché war eilfertig herangetreten. »Nehmen Sie das Billet, Signor - es ist mir Eile empfohlen.«

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Garibaldi hatte das Blatt genommen und erbrochen. Er winkte den Gesandten zur Seite. »Mazzini schreibt mir, daß er mich sofort noch sprechen muß und die Bundesglieder in der Straße de la Santé versammelt sind. Es sind soeben Nachrichten aus Livorno eingetroffen - in Rom sind neue Verhaftungen vorgenommen, Sterbini verlangt Entscheidung, der Ausbruch der Erhebung ist auf den 15ten festgesetzt.«

»Ich werde Sie bis zur Avenue des Observatoirs begleiten.«

»Aber meine Frau - ich habe den Mohren nicht bei mir.«

»Meine Equipage wird sie nach ihrem Hotel führen. Die Gesellschaft ist in großer Aufregung, es handelt sich um eine Verhaftung der Herzogin von Berry, die in Paris sein soll, und wir können uns daher unbemerkt entfernen.« Er reichte der Creolin den Arm, die ihr Gatte in Kenntniß gesetzt, daß sie allein nach ihrer Wohnung zurückkehren müsse, da dringende Geschäfte seine Anwesenheit forderten.

Der Gesandte hatte die Dame die Treppe hinabgeführt und hob sie in den Wagen. »Straße St. Honoré, Hotel de Lile!« Die Equipage rasselte davon.

»Nun lassen Sie uns gehen - dort oben ist für unsere Absichten nichts mehr zu erreichen!«

Die beiden Italiener schritten, in ihre Mäntel gehüllt, in das Straßengewirr des Luxembourg.



Der Quai war um die Stunde bereits ziemlich öde. Es ist eine auffallende Erscheinung vieler großen Städte, daß schon zu einer frühen Stunde der Nacht Straßen und Plätze, die während des Tages sehr belebt sind, auffallend still erscheinen. Zu diesen gehört ein großer Theil der Pariser Quais unter Anderen mitten im Herzen der Stadt der Quai Voltaire und Quai Malaquais auf dem linken Ufer der Seine, gegenüber den Tuilerien und dem Louvre.

Es war einige Minuten vor Mitternacht, als aus der Straße du Bac zwei Personen, tief in Mäntel gehüllt, kamen und ihren Weg die beiden Quais entlang fortsetzten.

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Die eine war ein hochgewachsener Mann, von militärischer Haltung, mit großer Aufmerksamkeit die zweite Person, eine Dame, geleitend, ohne sie doch zu führen. Die rechte Hand des Mannes steckte in seiner innern Manteltasche, als halte er dort eine Waffe verborgen, seine Augen bewachten die Straße, und indem das Paar die Mitte des breiten Fahrweges hielt, vermied es, ohne irgend eine Absichtlichkeit zu zeigen, jede Begegnung im Licht der Laternen auf den Trottoirs.

Die Gasflammen brannten ohnehin düster und verbreiteten einen spärlichen rothen Schein in dem Dunstkreis, der sie umgab. Das Wetter hatte sich am Abend geändert, ein feiner Sprühregen verscheuchte alle Personen, die nicht zu einem Wege gezwungen waren, von den Straßen, und legte eine Art Nebel über die Ufer des Flusses, so daß außerhalb jener kurzen Gaskreise die Dunkelheit desto schroffer war.

Trotz der Verhüllung des langen, mit einer Kapuze versehenen Mantels, die den Gebrauch eines Schirmes unnöthig machte, konnte man erkennen, daß die Dame von kleiner, starker, selbst dicker Gestalt war, zu der jedoch die sehr lebhaften und energischen Bewegungen einen Kontrast bildeten.

»Haben Sie das Wappen erkannt an dem Wagen, Oberst?« fragte die Dame.

»Des Marquis von Brignole-Sales, des bisherigen sardinischen Gesandten?«

»Ja - Herr Ricci wird noch nicht Zeit gehabt haben, den grünen Baum im silbernen Felde durch eine Feder und Advokatenkragen zu ersetzen. Er ist derselbe revolutionaire Schuft wie sein Vater, der zu all' dem Treiben in Florenz den Grund legte. Mein Vetter Leopold wird es noch bitter bereuen, sich mit den Creaturen Guerazzis eingelassen zu haben.«

»Oesterreich darf dem nicht länger zusehen!«

»Aber erst muß es wieder die Macht dazu haben, liebster Graf. Einstweilen müssen wir uns an den kleinen Unannehmlichkeiten ergötzen, die den Herren Revolutionairs passiren. Ricci ist gewiß ein Filz, wie alle diese Plebejer, und ich habe herzlich lachen müssen, als ich an der Ecke der Verneuil-Straße seine aristokratische Equipage, auf die er sich gewiß nicht wenig zu

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Gute thut, in dem Zustand auf dem Steinpflaster liegen sah. Ventre saint gris - diese lieben Bourgeois von Paris müssen auch leben. Aber es ist ein unangenehmes Wetter, nicht viel besser, als an jenem November-Abend, an welchem Sie mich nach Nantes begleiteten, ehe mich der Schuft von Jude den Gensdarmen[Gensd'armen] verrieth.«

Ihr Begleiter zuckte unwillkürlich zusammen und brach die Rede kurz ab. »Ich hoffe, daß hier kein Verrath im Spiel sein wird, der Madame gefährden könnte.«

»Ah, bah - Sie wissen, Corpasini ist die vertraute Hand des Kardinals. Schlimmsten Falls schieße ich den Ersten nieder, der Hand an mich legt. Ventre saint gris! man soll mich nicht wieder fangen, denn ich habe diesmal keine Schwangerschaft in petto. Aber haben Sie Ihr Geschäft abgemacht, Mortara, und Ihren Zweck erreicht?«

»Das Testament ist richtig! Die verfluchte Brut würde das ganze Erbe bekommen - eine Million römischer Thaler!«

»Unsinn - das muß hintertrieben werden. Dieses Volk steckt noch alles Geld der Welt in seine Taschen. Ist das Testament ohne Bedingung?«

»Der Knabe muß an seinem vierzehnten Geburtstag noch ein Bekenner des alten Testaments sein, und darf nie zum Christenthum übertreten. Andern Falls - «

Sie faßte seinen Arm. »Hörten Sie nicht - das war ein Schrei - ein Ruf um Hilfe!«

»Die Unsicherheit in Paris ist groß, Madame. Wir thun am besten, unsern Weg fortzusetzen.«

»Das wäre feig, Oberst - da ist der Ruf noch ein Mal - erstickter - es ist eine Frauenstimme und kommt dort vor uns von der Brüstung her. Geschwind, folgen Sie mir!«

Trotz ihrer Corpulenz eilte die Dame mit jugendlicher Beweglichkeit vorwärts und quer über den Weg nach dem Trottoir am Ufer der Seine.

Zwei der Gaslaternen waren hier an der Stelle, wo eine Treppe niederführt zum untern Quai am Wasser, durch den Wind oder in schlimmer Absicht verlöscht, und der Weg daher eine Strecke in völliges Dunkel gehüllt. Hohe Pappeln ragen

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an dieser Stelle von dem untern Quai herauf und mit ihren Wipfeln bis über die Brüstung, den Schatten vermehrend. Der muthigen Dame schien es, als wenn eine dunkle Gruppe sich dort bewegte und balgte, dann hörte sie vernehmlich ein heiseres, unheimliches, gedämpftes Kichern.

»Hoho - man kommt - fort mit dem Täubchen in's Brautbett - hi - hi - wird ihr freilich kalt schmecken! hinunter mit ihr.«

»Was geht hier vor? - halt!«

Ein wilder, gedämpfter Fluch war die einzige Antwort. Ein dunkler Knäuel bewegte sich etwa zwanzig Schritt noch von ihr entfernt und verschwand dann plötzlich wie von der Erde verschlungen. Sie sprang vorwärts. »Herbei, Graf! hierher! hier wird ein Verbrechen verübt!«

Ihr Cavalier war bereits an ihrer Seite, sie sahen jetzt Beide, daß sie sich an der Oeffnung der Treppe befanden, was das plötzliche Verschwinden der Gruppe zur Genüge erklärte - von der Treppe herauf klang es wie ein Stöhnen in Todesangst.

»Steht, oder ich schieße!« Der Oberst, wie ihn seine Begleiterin genannt, hatte sich orientirt und sprang, von ihr gefolgt, die Stufen hinunter den Gestalten nach, die so hastig als möglich, aber offenbar mit einer Last beschwert, hinabflohen. Auf dem untern Quai wurden in diesem Augenblick Stimmen laut, ein Paar lärmende Schiffer, aus einer Kneipe heimkehrend, kamen schimpfend über das Wetter den Weg daher.

»Sacre Dieu - verflucht - wirf den kratzenden Balg über das Geländer, Wassermann!«

Der Graf sah einen dunklen Körper erheben, der sich sträubte und wehrte - zugleich schien es der Frau, denn eine solche war offenbar die Gefährdete, zu gelingen, sich den Knebel oder die Hülle loszureißen, die ihr über den Kopf geworfen, und ihr Ruf: Auxilio! erklang laut, während ihre Hand sich krampfhaft an dem Geländer der Treppe festklammerte. In dem Augenblick erfaßte auch die Faust des Grafen die Gefährdete und ein kräftiger Stoß schleuderte den Kerl zurück, daß er über die Stufen und das Geländer hinabstürzte, während sein Gefährte mit einem

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kreischenden »Hi hi - ho ho! den Teufel über ihre Schädel!« ihm nachsprang.

»Lassen Sie uns die Arme hinaufbringen,« sagte die Dame, die Fremde unterstützend, zu der sie unterdeß, von der Anstrengung etwas keuchend, herangetreten. »Wir dürfen hier keinen Lärmen machen und müssen die Schufte laufen lassen. Sind Sie verletzt, Madame, oder vermögen Sie zu gehen?«

Die Fremde schien bereits ihre Fassung wieder zu gewinnen. »Ich danke Ihnen, Herr,« erwiederte sie in französischer Sprache, der man jedoch den fremden Accent anhörte - »nur das Plötzliche des Angriffs hat mich so betäubt und unfähig gemacht, mir zu helfen. Ich bin vollkommen unverletzt.«

»Nehmen Sie meinen Arm, Madame!« Der Graf unterstützte sie und die Drei erreichten schnell die obere Terrasse und blieben erst im Schein der nächsten Laterne stehen. Hier sahen der Oberst und seine Gefährtin, daß die Frau, die sie gerettet, offenbar den höheren Ständen angehören mußte. Ein edles, junges und feines Gesicht, mit südlichem, jetzt etwas bleichem Teint und großen sprechenden Augen, blickte aus einem roh zerstörten spanischen Kopfputz sie an, der halb heruntergerissene arabische Bournous, der sie einhüllte, zeigte eine einfache aber elegante Gesellschaftstoilette.

»Sie werden sich wundern, Madame, und Sie, mein Herr, der Sie so edelmüthig mir zu Hilfe gekommen,« sagte die Fremde, indem sie ihren Anzug wieder zu ordnen suchte, »eine Frau in dieser Lage zu finden. Ich bin fremd in Paris, mein Gatte wurde abgehalten, mich aus einer Gesellschaft, in der wir uns befanden, nach Hause zu begleiten, und der sardinische Gesandte stellte mir seinen Wagen zur Verfügung. An einer Straßenecke, nicht weit von hier, muß der Kutscher unvorsichtig gegen einen Steinhaufen gefahren sein, das Rad zerbrach und der Diener wurde verletzt. Ich glaubte nicht weit mehr von unserm Hotel zu sein und den Weg allein finden zu können.«

»Aber wie geriethen Sie in die Hände dieser Männer?«

»Ich wurde von der Dunkelheit getäuscht und wußte nicht recht, welche Brücke ich zu passiren hatte. Endlich sah ich, dicht am Ufer hingehend, zwei Männer mir entgegen kommen und

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fragte diese nach dem Weg. In demselben Augenblick fühlte ich einen Tuch oder einen Sack mir über den Kopf geworfen und mein Schreien erstickt. Man schleppte mich fort, ehe ich Widerstand leisten konnte. Caramba - wäre der Ueberfall nicht so plötzlich gekommen und hätte ich nur meinen Dolch erfassen können, ich hätte sie heimschicken wollen.«

Die andere Dame lachte. »Wahrhaftig, Graf, wir sind am Ende zu früh gekommen und haben eine Heldenthat verhindert!«

»Spotten Sie nicht, Madame! Der beste Dank, den ich Ihnen geben kann, ist der aufrichtige Wunsch, daß nie die Gefahren und die Schrecken Ihnen nahe treten mögen, durch die mich mein Leben bereits geführt hat. Ich bin die Tochter einer andern Zone, Madame, und in dem unglücklichen Land, das mich geboren, muß auch das Weib oft das Männerwerk üben und durch Ströme von Blut ihren Weg suchen!«

»Sie sind eine Spanierin?« fragte, während sie zusammen weiter gingen, der Offizier, »nach Ihrem ersten Hilferuf zu urtheilen.«

»Für das erste Wort der Liebe und den letzten Ruf der Todesnoth findet man unwillkürlich nur die Sprache, in der das erste Stammeln des Kindes erfolgt. Meine Muttersprache ist die spanische, mein Vaterland aber war Südamerika, bis ich es gegen eine neue Heimath, die meines Gatten, Italien, vertauscht habe.«

»Dann sind wir ja in der letztern Beziehung fast Schicksalsgenossinnen,« sagte die ältere Dame heiter auf Italienisch. »Um so mehr freut es mich, daß wir zur rechten Zeit kamen, denn diese Strolche wollten Sie sicher berauben, vielleicht gar an Ihr Leben - dergleichen ist in Paris nichts Seltenes, namentlich in einer Zeit, wie die gegenwärtige. Wo ist Ihre Wohnung, Madame?«

»Straße Saint Honoré, Hotel de Lile.«

»Dann werden wir Sie mindestens so weit begleiten, bis Sie vollkommen in Sicherheit sind.«

Sie waren jetzt bis auf den Pont-Neuf gelangt und befanden sich nahe der Statue Heinrich IV. Die Uhr von Nôtre-Dame verkündete in diesem Augenblick Mitternacht - und wie in weitem schwindendem Echo wiederholten ferner und ferner die

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zahlreichen Thürme der Weltstadt die Scheidestunde des Tages, der Frankreich eine neue Geschichte gebracht.

»Das ist die Stunde,« sagte die ältere Dame zu ihrem Begleiter, »wir müssen sehen, ob er kommt. Ich werde hierbleiben, während Sie, lieber Freund, die Dame zum Hotel begleiten.«

»O, Madame -das würde Ihre Güte mißbrauchen heißen, nachdem ich Ihnen schon so vielen Dank schuldig bin. Ich orientire mich jetzt vollkommen und bin sicher - daß mir Nichts mehr geschehen wird. Offen gestanden,« fuhr sie lächelnd fort, »müßte ich mich in Wahrheit schämen, wenn es bekannt würde, daß zwei Pariser Diebe genügt haben, mich nach fremder Hilfe rufen zu lassen.«

»Diavolo! sind Sie denn eine solche kleine Amazone, daß Sie sich vor zwei Männern nicht fürchten und gar nicht für Ihr Leben?«

»In den blutigen Kämpfen meiner Heimath, Madame, setzt man es zu oft ein, um Furcht darum zu kennen. Ich habe in der Schlacht an der Seite meines Gatten gestanden, ich bin durch die Ströme geschwommen und durch Wüsten geirrt, ohne dies Gefühl zu empfinden, und Sie werden begreifen, daß danach Paris keine Gefahr für mich mehr haben kann, nachdem ich gewarnt bin.«

»Ventre saint gris, meine kleine Heldin - Sie sind doch nicht ... «

»Ich bin Aniella Crousa, die Gattin des Commodore, oder wie man ihn jetzt nennt, des Obersten Garibaldi, ein Name, der gewiß jedem Italiener bekannt ist. Er wird den Beistand, den Sie seinem Weibe geleistet, nie vergessen, und wenn er Ihnen oder Ihrer Familie nützlich sein kann, so befehlen Sie über seine Dienste.«

Die Dame lachte ausgelassen. »Das ist wirklich ein Abenteuer, Freundchen! Aber meine Familie, Madame de Garibaldi ich sage es Ihnen lieber im Voraus, ist ziemlich groß in Italien; ich habe Verwandte in Parma, Neapel, Florenz und außerdem in Deutschland und Madrid - und Gott weiß, an welchen Orten noch, sie sind überall zerstreut, und Ihr Herr Gemahl

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würde es Ihnen wenig danken, für den kleinen Dienst ihm solche Last aufgebürdet zu haben! Aber in der That, liebes Kind, Sie müssen die Begleitung dieses Herrn annehmen, nicht zu Ihrem Schutz, aber damit Sie die rechte Straße finden. Lassen Sie ihn wenigstens Sie bis in die Münzstraße bringen, dann finden Sie leicht, und hegen Sie keine Besorgnisse um mich, denn ich werde hier sogleich andere Freunde treffen.« Der Ton ihrer letzten Worte ließ keine Erwiederung zu und ein Wink belehrte ihren Begleiter, daß es ihr dringender Wunsch sei, die Creolin zu entfernen. Er bot daher dieser den Arm.

»O, Madame,« sagte dieselbe, »es würde unartig sein, Ihrer Güte länger zu widerstreben. Aber lassen Sie mich wenigstens Ihren Namen wissen, damit ich ihn in meinem Herzen behalten und in meine Gebete einschließen kann!«

»Bah, Frauchen, das ist ein ganz gewöhnlicher Name« lachte die Dame - »nicht so voll Romantik und Zukunft, wie der Ihre, ich heiße einfach Caroline Bourbon, und nun, liebe Kleine, leben Sie wohl und glücklich!«

Die Creolin faltete die Hände, während die ältere Dame sie auf die Stirn küßte und sorgsam ihr den schönen Kopf in den Kragen des Mantels hüllte; dazu sagte jene ganz naiv: »Glauben Sie mir, Madame, ich werde den Namen sicher nicht vergessen!« und dann nahm sie den Arm des Cavaliers und entfernte sich, noch mehrmals zurückschauend, bis die dunkle Gestalt der Zurückgebliebenen völlig in der schweren Nacht-Atmosphäre verschwunden war.

Als der Oberst Graf Mortara, - denn so hatte ihn seine Begleiterin als unsern alten Bekannten aus Spanien bezeichnet, - nach höchstens einer viertelstündigen Abwesenheit eilig und besorgt zurückkehrte, fand er dieselbe in Gesellschaft zweier Herren und blieb rücksichtsvoll einige Schritte von der Gruppe stehen, um ihr Gespräch nicht zu stören.

»Kommen Sie nur näher, Graf - und helfen Sie beim Kriegsrath,« sagte jedoch mit ungestörter Heiterkeit die Dame, sobald sie ihn bemerkte. »Es ist zwar nicht Der, den wir erwarteten, aber es sind dagegen Personen, die uns immer willkommen

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sein werden, auch wenn sie uns die Nachricht bringen, daß wir wieder einmal an die Luft gesetzt sind und man uns nicht ein Nachtlager in Paris gönnte! - Still, Marquis - ich weiß, daß ich in Ihrem Hotel Sicherheit und Ruhe fände, aber ich will Niemand kompromittiren, nicht einmal Herrn Cavaignac, und ich finde darum, daß der Rath des Herrn Bonaparte ganz zweckmäßig ist. Als Erwiederung der Höflichkeit darf man wirklich nicht gegen ihn stimmen! Wo ist der Offizier, von dem Sie mir sagten?«

»Ich sah ihn im Vorüberkommen, der Anweisung gemäß, an der Ecke der Straße Dauphine stehen. Es ist ein Adjutant Lamoricière's!«

»Aber ein Mann von Ehre und Talent,« sagte der Graf von Roche-Chouart, der mit dem Marquis von Laroche-Jacquelin den Auftrag übernommen, die Herzogin von der plötzlichen Entdeckung ihres Aufenthalts in Kenntniß zu setzen und sie in Sicherheit zu bringen. »Ich habe ihn bereits mehrfach rühmlich nennen hören.«

»Sei er, wer er wolle, wir müssen ihm vertrauen,« meinte die Prinzessin, »denn ich glaube, jenen Herren wird Allen ein Gefallen damit geschehen, wenn ich glücklich wieder aus Paris bin und dieser Schurke Girardin morgen ausgelacht werden kann! Sie wissen, es ist nicht die erste Nacht, die ich unter freiem Himmel in Wind und Regen zubringe. Mein Plan ist einfach gescheitert und das ist für Caroline von Artois gleichfalls nichts Neues! Man muß sich also in das Resultat fügen, so gut es geht. Sagen Sie mir also nur, wie ich am Besten fortkomme und Fontainebleau erreiche. Dort finde ich, was ich brauche, um nach Deutschland zurückzukehren!«

»Mein Wagen wartet in der Rue Nevers,« sagte der Marquis, »er kann Eure Königliche Hoheit mit den beiden Herren bis zum Boulevard du Mont-Parnasse bringen und dann leer die Barrieren passiren. Ich glaube nicht, daß die Polizei an den Thoren Anstalten getroffen hat, aber Vorsicht ist besser, und unter dem Schutz einer Uniform werden Ihro Königliche Hoheit unbelästigt die Stadt verlassen. In Gentilly bringen Sie den Rest der Nacht zu - morgen um sechs Uhr werden frische Pferde

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bereit sein und ein Paß, um unerkannt Fontainebleau und von dort die Grenze zu erreichen.«

»So lassen Sie uns den Offizier aufsuchen!«

Die ganze Gesellschaft ging nach der Ecke der Rue Dauphine, wo, in einen Militairmantel gehüllt, ein Mann auf- und niederschritt.

Es war in der That Capitain Fromentin.

Die Herzogin trat auf ihn zu. »Mein Herr,« sagte sie, »man sagt mir, daß Sie die Ehrenpflicht übernommen, eine Ihnen unbekannte und verfolgte Dame aus den Barrieren von Paris zu bringen. Ich bin diese Dame und wünsche nach Gentilly zu gehen. Wollen Sie mir bis dahin Ihren Schutz gewähren?«

Der Marquis von Laroche trat hinzu. »Ich versichere Sie zugleich, Herr Capitain, daß dies die Dame ist, welche der Herr Prinz Bonaparte Ihnen anvertraut hat. Mein Wagen hält in der Straße Nevers und steht zu Ihrer Disposition. Dieser Herr ist der Begleiter der Dame.«

»Ich stehe zu Ihrem Befehl,« sagte mit einer Verbeugung der Capitain. »Ich glaube nicht, daß Madame in Begleitung eines Offiziers die geringste Belästigung erfahren soll, doch wird es besser sein, den Wagen des Herrn Marquis blos bis zur nächsten Fiacre-Station zu benutzen.«

In diesem Augenblick, während die kleine Gesellschaft weiter ging, hörte man den scharfen Trab eines Reitertrupps über die Brücke daherkommen und die Dame mit ihrer Begleitung trat sofort in den tiefern Schatten eines Thorwegs. Es war eine Abtheilung der seit der Revolution bereits wieder hergestellten berittenen Garde de ville, der Gensd'armerie von Paris, die offenbar von der nahen Polizei-Präfektur in der Straße Jerusalem kam, und die bei Weitem größere Zahl der Reiter bewies, daß es keine der gewöhnlichen Patrouillen war, welche stündlich die Straßen passiren.

Der Trupp nahm die Richtung in die Straße Dauphine, blieb aber auf das Commando des Anführers kaum zwanzig Schritt von den Versteckten halten.

»Steige ab, Langlois, und sieh, was an meinem Sattelgurt ist, er hat sich gerückt,« befahl eine tiefe Baßstimme, »und Sie,

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Sergeant Guittard, können hier eben so gut gleich nach dem Vaugirard und Sèvres abbiegen. Sie haben die Ordre verstanden, jeder auspassirende Wagen wird an den Barrieren untersucht, eine kurze dicke Dame in Begleitung eines oder mehrerer Männer. Verdächtige Personen bis zum Morgen auf die Wache. Sacre Dieu, Bürger Langlois - spute Dich! - Wer steht da und hat Maulaffen feil?«

Die höfliche Anrede galt der Gruppe in dem Thorweg!

Der Capitain trat rasch vor. »Was wollen Sie? Seit wann ist es nicht mehr erlaubt, die Straße zu passiren?«

Der Schein der nächsten Laterne ließ die Uniform erkennen. Der Wachtmeister salutirte. »Entschuldigen Sie, mein Offizier - ich wunderte mich nur, in dem Hundewetter - vorwärts Leute!« Der Trupp galoppirte weiter und trennte sich an der Ecke der Straße.

»Es ist zu spät,« sagte der Marquis entschlossen - »wir haben zu viel Zeit versäumt und Sie haben gehört, daß jeder Wagen an den Barrieren einer Untersuchung unterworfen werden soll. Herr Capitain - Sie sind ein Mann von Ehre und wir müssen Ihnen mehr vertrauen, als vielleicht unsere Absicht war. Sie waren bei Herrn Baroche gegenwärtig und wissen daher - «

Der Offizier unterbrach ihn rasch. »Einen Augenblick, Herr Marquis, ich kenne die Dame nicht und habe keine Veranlassung, sie kennen zu lernen. Eine Person, der ich Respekt und Gehorsam schuldig zu sein glaube, hat mir in Bezug auf diese Dame einen Auftrag ertheilt, und als Soldat habe ich gelernt, jeden Befehl auszuführen, ohne zu fragen, wie oder warum. Es handelt sich darum, diese Dame unerkannt und unangehalten von der Polizei außerhalb der Barrieren auf den Weg nach Gentilly zu bringen.«

»So ist es - vermöchten Sie dies - «

»Wenn Madame Muth und Vertrauen hat, so glaube ich ein Mittel zu wissen!«

»O, wenn es darauf ankommt, uns durchzuschlagen - Ventre saint gris! ich bin dabei und bewaffnet!«

»Es ist nicht wegen der Furcht vor den Lebendigen, Madame,«

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sagte der Offizier ehrerbietig, »sondern der vor den Todten! Ich beabsichtige, Sie durch die Katakomben zu führen.«

»Teufel - das ist etwas Anderes! Aber werden wir uns nicht verirren? ich habe immer gehört, daß dies sehr leicht geschehen und ein schreckliches Schicksal herbeiführen kann!«

»Deshalb bitte ich um Ihr Vertrauen. Ich war als Knabe täglich in dieser unterirdischen Welt und kenne sie besser als die meisten der offiziellen Führer. Sie hat verschiedene, nur Wenigen bekannte Ausgänge in der Stadt, und dehnt ihre Grenze bis in die Banlieu - ja jenseits der Fortifikationen. Ein Weg von einer Stunde wird Sie jeder Beobachtung entziehen.«

»Vorwärts denn,« sagte entschlossen die Herzogin, »ich muß in den Tartarus steigen, da die Elysäischen Felder zu gefährlich für mich sind!«

Einige kurze Verabredungen genügten - der Wagen des Marquis sollte den Offizier und die beiden Flüchtigen bis zum Val de Grace bringen und durch die Barrière d'Enfer und die Porte d'Armeil die Stadt verlassen. In der Banlieu an einem bestimmten Ort wollte man ihn wieder treffen, da zu dieser Zeit die Fortifikationslinie, die gegenwärtig Paris umgiebt, noch nicht geschlossen war.

Der Marquis sollte am andern Morgen nach Gentilly kommen.

Einige Minuten später rollte der Wagen der Vorstadt zu.

Zwischen der Manufaktur der Gobelins und dem Val de Grace, östlich von dem Hospital der schrecklichen Geißel der Neuzeit und der Rue d'Enfer liegen mehrere Viertel, die noch wenig bebaut und theils von öden Sackgassen, theils von Gartenland gebildet sind.

Als die Equipage eben von der Rue d'Enfer nach der Faubourg St. Jacques abbog, begegnete ihr, von der Barriere herkommend, ein elegantes Coupé und rollte rasch vorüber der innern Stadt zu.

Es war etwa drei Viertel auf Ein Uhr.

Die Flüchtigen mit ihrem Ritter verließen den Wagen, der sofort den Weg nach dem Thor von Armeil einschlug.

Schweigend ging der Offizier voran, die Dame und ihr

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Begleiter folgten. Der Regen hatte nachgelassen und fiel nur noch in einzelnen, vom Winde gepeitschten Tropfen, der sich jetzt zu erheben begann.

Capitain Fromentin zeigte, daß er vollkommen mit der Topographie der Stadtgegend bekannt, und nachdem sie die Rue des Bourdignons entlang gegangen waren, wandte er sich in eine Querstraße, die nur auf einer Seite bebaut war, und blieb am Ende derselben vor einem Hause stehen, dessen rothe Laterne mit einem großen Schild darüber eine jener Kneipen der Vorstädte verkündete, in denen die niederen Stände ihre Orgien zu feiern pflegen.

Die Hausthür stand offen, und trotz der späten Stunde schien in der langen, einem Saal gleichenden Wirthsstube noch eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, denn von Zeit zu Zeit drang ein bacchantischer Lärmen, der Ton mehrerer Drehorgeln und lustiger Gesang aus Männer- und Weiberkehlen durch die verschlossenen Fenster oder die häufig geöffnete Stubenthür. Im Hausflur selbst, nach Küche oder Keller, schien ebenso lebhafter Verkehr.

Das Haus lag auf beiden Seiten frei und der Offizier führte seine beiden Begleiter um dasselbe herum in den offenen Hof oder Garten, der hinter dem Hause lag, und in dem mehrere hohe und alte Nußbäume sich ausbreiteten, unter denen Tische und Bänke standen, die während der guten Jahreszeit von den Gästen benutzt wurden. Links zog sich eine Kegelbahn und den Hintergrund schloß eine Art Pavillon, ein altes Gebäude, das offenbar aus einer weit frühern Zeit stammte, als das Wirthshaus selbst.

Dieser Pavillon, rechts und links von einer Mauer flankirt, hatte seinen Eingang von der Straße de la Santé und erhob sich auf einer Art von Rampe oder acht bis zehn Fuß hohen Grundmauer von altem verwittertem Ausehn, die mit einer dicken Lage von Epheuranken bedeckt war. Mit dem Hof oder dem das Hinter- oder Vorderhaus bildenden Wirthshause schien der Pavillon nur durch eine Thür verbunden, die in der Mitte der Rampenmauer sich befand, aber wohlerschlossen war, während rechts und links von ihr zwei dunkle, halbverfallene Bogen den

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Zugang zu Kellern oder offenen Souterrains zur Aufbewahrung von Geräthschaften zeigten.

Der matte Schein einer im Winde an einem der Baumaste schwankenden Laterne, verbunden mit den helleren Lichtstreifen, welche durch die morschen, halb zerstörten Jalousieen der vier Fenster des Pavillons nach dieser Seite fiel - denn zur Verwunderung des Capitains zeigte sich das Innere desselben stark erleuchtet - gestatteten, die Umgebung einigermaßen zu erkennen. In einen dieser Bogen oder dunkelen Gange bat der Offizier die beiden Flüchtigen zu treten und den Ort unter keinen Umstanden zu verlassen. Dann ging er zu der Rückseite der Kneipe und klopfte an die Thür.

Sie wurde geöffnet und der Offizier sprach einige Worte mit der Person, die es that, dann trat er zurück unter den Schatten des nächsten Baumes.

Gleich darauf öffnete sich die Thür auf's Neue und ein Weib erschien auf der Schwelle, ein Licht hochhaltend.

»Kreuz Millionen! Könnt Ihr nicht reinkommen, wenn Ihr die Mutter Tirebouchou sprechen wollt, oder seid Ihr ein Prinz, daß Euch die >Goldene Kanone< zu schlecht dünkt?«

Sie war ein wahres Mannweib; die Erscheinung, eine große knochige Gestalt, eine kurze Mannspikesche über dem geringen, aber reinlichen Kleide, das graue Haar mit einer alten Militairmütze bedeckt, hatte etwas Energisches, Soldatisches in ihrem ganzen Wesen.

»Stille, Madelaine - kommen Sie hierher!«

»Ich will wie eine Bombe krepiren, wenn ich die Stimme nicht kenne! Das ist Hektor[Hector], mein Säugling, oder der Teufel soll mir die Lunte halten.« Sie sprang die Stufen hinunter und auf den Offizier zu, der ihr freundlich entgegentrat. »Hektor[Hector], mein Junge, 's ist eine Ewigkeit her, daß ich Dich nicht gesehen!« Im selben Augenblick richtete sie sich gerade in die Höhe und legte die freie Hand salutirend an die Mütze. »Sei[e]n Sie willkommen, mein Offizier, und entschuldigen Sie ein altes Weib, das immer noch denkt, Sie wären der kleine Putz wie damals, als ich Sie vor 28 Jahren für Ihre kranke Mutter

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säugte mit meinem armen Schelm von Jungen - Gott hab' ihn selig!«

»Ich war lange nicht bei Dir, Madelaine,« sagte freundlich der Offizier, »aber ich hatte wahrhaftig keine Zeit und will es in den nächsten Tagen gut machen. Jetzt hab' ich eine dringende Bitte. Ist mein Vater noch bei Dir?«

»Der Corporal ist heute verteufelt spät gekommen,« sagte das Mannweib, »obschon es blauer Montag ist, und die ganze Drehorgelcompagnie der südlichen Arrondissements mit Ungeduld ihren Hauptmann erwartete. Jetzt giebt es famoses Leben da drinnen, denn der Alte hat ihnen angekündigt, daß ein unbekannter Wohlthäter ihnen sämmtlich neue Orgeln verschaffen will und gratis dazu. Es giebt seltsame Narren auf der Welt! Soll ich den Alten rufen, mein Junge?«

»Nein, Mutter Madelaine, laß ihn, wo er ist - ich habe mit Dir zu sprechen und er braucht nicht zu wissen, daß ich hier war.«

»Zu Befehl, mein Capitain,« sagte die alte frühere Marketenderin. »Der kleine Halunke, der Jacques, war übrigens auch hier, mit einer andern Krabbe, so unnütz wie er selbst ist. Die Bursche müssen was angezettelt haben, so ein Feuerwerk, eine Brandstiftung oder dergleichen, denn ich hörte sie davon schwatzen, und als der Alte anrückte, der fuchswild auf sie ist, waren sie verschwunden, wie ein Sousstück aus einer Soldatentasche!«

In jedem andern Augenblick würde diese Erwähnung die Aufmerksamkeit des Offiziers in Anspruch genommen haben, jetzt aber achtete er kaum darauf.

»Existirt der Eingang in die Katakomben drinnen noch, Amme?« fragte er hastig.

»Potz Bomben und Granaten - Du wirst doch nicht in die Knochenkammer hinuntersteigen wollen in der Gespensterstunde?«

»Frage mich nicht und halte mich nicht auf. Es muß sein und ich bin nicht allein. Gieb mir den Schlüssel zur Kellerthür und, besorge mir eine Laterne und eine Fackel, aber geschwind, ich bitte Dich!«

»Meinetwegen - es ist Deine Sache, Herr Capitain, und ich verstehe Ordre zu pariren. In einer Minute sollst Du's haben.«

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»Noch Eins,« er hielt sie zurück, »wer ist jetzt in dem alten Pavillon und wie kommt es, daß er erleuchtet ist?«

»Pah - es sind Welsche, italienisches Volk! Sie haben's gemiethet vom Eigenthümer und halten an zwei oder drei Abenden ihre Zusammenkünfte. Ich liefere die Getränke, weiter darf aber Niemand hinüberkommen. Die Kerle sehen mir aus, wie Conspirateurs gegen ihre Fahne!«

»Wir haben mit ihnen Nichts zu schaffen. Schaff' mir nur den Schlüssel und das Licht!«

»Im Augenblick, mein Capitain.« Sie stellte ihr Licht auf einen der Tische, nahm ihn mit beiden Händen beim Kopf und gab ihm einen tüchtigen Schmatz und lief dann in's Haus.

Der Offizier war zurückgetreten in das Gewölbe, wo seine Schutzbefohlenen unwillkürlich die Scene belauscht. Die Herzogin, stets unbekümmert in Gefahr und ihrer Laune folgend, lachte herzlich. »Ventre saint gris«, Capitain,« sagte sie, »Sie haben sich da einen allerliebsten Schatz ausgesucht. Ihre Küsse knallen ja wie eine Flintensalve! In der That, Sie haben heute Unglück mit den Weibern!«

Der Graf Mortara berührte den Arm der Prinzessin. »Still, Hoheit - es kommen Leute!«

Man hörte in der That den Schritt und das leise Sprechen zweier Personen, die denselben Weg wie die Flüchtlinge um das Wirthshaus herumkamen. Sie schienen zwischen sich eine Last zu tragen.

»Gott verdamm' mich, wenn ich noch einen Schritt weiter geh',« sagte eine grobe Baßstimme. »Das Bein und die Schulter schmerzen mich, als ob sie gebrochen wären - hole der Teufel den Kerl, der uns dazwischen kommen mußte!«

»Hoho, Wassermann,« entgegnete eine andere Stimme, die allen drei Lauschern nicht unbekannt erschien. »Die Lection war Dir gut, warum ließest Du sie schreien! Sei zufrieden, Wassermännchen, sei zufrieden! wir haben Ersatz.«

»Wohin nun damit, da der Schurke von Doktor uns einen falschen Schlüssel gegeben hat oder die Thür von innen verriegelt war!«

»Eben deshalb, Wassermännchen, eben deshalb! Wir wollen's

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hier niederlegen, Mutter Tirebouchon hat eine Trage da drinnen und einen stärkenden Herztrunk! Dann klopf' ich den Doktor heraus - 's ist nicht weit bis zur Straße Mouffetard!«

»Hier hinein?«

»Ho ho, Wassermännchen, willst in mein Revier? Nichts da - dort in der andern Höhle - da steht die Bahre.«

Man sah die dunkelen Gestalten mit ihrer Last in den nächsten Kellerbogen verschwinden und dann hervorkommen und nach dem Hause zurückgehen.

»Was geht hier vor?« sagte die Herzogin - »die Stimme gehört sicher einem von den Kerlen, denen wir am Quai die kleine Republikanerin abgejagt. Es ist gewiß ein Verbrechen geschehen!«

»Wir haben keine Zeit, uns mit allem Gesindel von Paris zu befassen,« sagte mürrisch der Graf in spanischer Sprache. »Der Teufel weiß, in welches Nest wir hier gerathen sind.«

Seiner Besorgniß wurde alsbald ein Ende gemacht durch das Wiedererscheinen der alten Marketenderin. Sie hatte eine Laterne in der Hand und zwei Pechfackeln unterm Arm. »So, Söhnchen - da bin ich, der Sergeantmajor rüstet sich eben zum Aufbruch, er hat wohl zwanzig Mal heute die Gesundheit des Kaisers getrunken.«

Sie hob die Laterne ein Wenig, die Personen zu beleuchten, die sich in der Gesellschaft ihres Milchsohnes befanden. »Bomben und Kartatschen - ein Frauenzimmer und noch dazu nicht einmal ein hübsches! Muß die Courage haben!«

Die Herzogin lachte. »Sei[e]n Sie versichert, Madame, ich werde Ihr Herzblatt nicht verführen!«

Die Alte beugte sich eben nieder, um in einem Winkel des mit allerlei Gerümpel angefüllten, aber sehr trockenen Kellers eine wurmstichige Thür aufzuschließen. »Hat sich was zu verführen da unten,« murrte sie, »wartet nur, bis Ihr hineinkommt, da werden Euch die Gedanken schon vergehen! Wenn der Capitain die Hand ausstreckt, kann er an jedem Finger Zehn haben, hübscher als Ihr. Donner und Kartouschen - die alte Thür ist ja offen!«

Sie leuchtete mit der Laterne hinein in einen ziemlich geräumigen

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Gang, der hier durch eine mehr einem Loch gleichende Thür in den Kellerraum mündete. »Wahrhaftig - der alte Schurke, der Samson, muß ihn benutzt haben, - ich sah eben in der Küche sein verdammtes Grinsen! Nun fort, Söhnchen, damit er Euch nicht trifft, er ist ein boshafter Kobold, dem man nie trauen kann!«

Sie reichte dem Capitain die Laterne und die Fackeln und steckte ihm eine kleine Flasche zu. »Es ist eine Herzstärkung, mein Junge, Du weißt, daß man's brauchen kann da unten. Nun halte Wort und laß Dich bei der alten Mutter Tirebouchon sehen.«

Der Capitain war eben im Begriff, eine der Fackeln anzuzünden, als ein Gepolter über ihnen entstand, als breche altes Holzwerk zusammen, der Schrei einer jugendlichen Stimme und dann ein Pistolenschuß.

Das Rufen mehrerer Stimmen, Verwünschungen in italienischer Sprache, folgten.

»Zum Henker - die verfluchten Italiener haben sich wieder ein Mal bei den Haaren! Das Pack kann sich niemals vertragen!« Sie sprang an den Eingang zurück und kam gerade noch zeitig genug, um zu sehen, wie eine flinke jugendliche Gestalt auf dem Gesims der Rampe behend wie ein Affe entlang lief und dann, als über ihr eine der Jalousieen von Innen aufgestoßen wurde, hinab in den Hof sprang.

Die Jalousie des Eckfensters hing herabgebrochen herunter, ein starker Ast des Epheus schwankte im Winde, im offenen Fenster darüber stand ein Mann, die rauchende Pistole in der Hand, andere Köpfe drängten sich um ihn, Lichter erschienen an allen Fenstern, man hörte Schritte die Treppe herunterkommen, welche aus der Rückseite des Pavillons in den Hof führte.

»Armand, wo bist Du?«

»Hier - ich glaube, ich hab den Fuß gebrochen oder verstaucht,« antwortete eine Knabenstimme.

»Da sind die Spione - schießt sie nieder! Tod den Verräthern!«

Die Marketenderin war bereits mitten im Hof. »Ich will einen Vierundzwanzigpfünder verschlucken, wenn da nicht die

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Teufelsjungen Unfug getrieben und die da Oben belauscht haben. Dachte mir's gleich, daß die Brut sich noch herumtrieb, aber ich muß ihr zu Hilfe kommen. Hierher, Jacques!« Zugleich setzte sie eine Pfeife an den Mund, die sie an einer Schnur um den Hals trug, und ließ einen gellenden Pfiff ertönen, mit dem sie gewohnt war, ihre Dienstleute zu rufen.

Der Gamin, denn es war in der That der jüngere Sohn des alten Invaliden, der sich mit dem Taugenichts, seinem vornehmern Freunde, ein Extravergnügen gemacht und sich nach dem Unfug, den Beide in dem Laboratorium des Artillerie-Offiziers angerichtet, umhergetrieben, hatte seinen Kameraden aufgeholfen und schleppte ihn herbei.

»Zu Hilfe, Mutter Madelaine. Die Kerls ermorden uns, sie haben auf ihre Dolche geschworen in ihrem Kauderwälsch, und Armand sagt ... «

Die beiden Jungen, durch die Ankunft des martialischen Zunftmeisters der Orgeldreher aus der Wirthsstube vertrieben, wo der junge Fabrikantensohn die ganze noble Gesellschaft zu tractiren begonnen, waren, wie Mutter Tirebouchon richtig vermuthet, um das Haus geschweift und hatten, von der Erleuchtung des Pavillons angereizt, der Neugier nicht widerstehen können, dort zu lauschen. Ueber das Dach der Kegelbahn und die Mauer waren sie zur Rampe emporgeklettert und hingen auf dem Gesims an den Epheuranken und den Jalousieen, bis eine derselben, längst morsch und von Zeit und Wetter zernagt, nachgab und Monsieur Armand Lachapelle mit großem Gepolter zum Schrecken seines Kameraden hinunterpurzelte.

Noch ehe der Knabe der alten Marketenderin weiter berichten konnte, wurde die Thür in der Grundmauer aufgerissen und sie hatte kaum Zeit, die beiden Jungen in das Dunkel des Zweiten Kellereingangs zu stoßen, als mehrere Männer mit Lichtern und entblößten Dolchen oder Pistolen in den Händen herausstürzten, während oben alle Fenster gefüllt waren. -

»Wo sind die espions, die traditori? Nieder mit den Polizeispionen! Wo haben sie sich versteckt - redet, alte Vettel, wo sind die Spitzbuben!«

Einer der wild durcheinander Rufenden hatte die Kanonen-

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Wirthin beim Arm gefaßt und schüttelte sie mit von Leidenschaft entflammtem Gesicht, aber sie machte sich mit einem Ruck wie von einer Kinderhand von ihm los und stieß ihn zurück, daß er mehrere Schritte weit von ihr taumelte. »Bomben und Kartätschen,« schrie sie, purpurroth im Gesicht, »seht mir doch den neapolitanischen Nudelsack an - will eine Frau, wie ich bin, molestiren! Ihm soll ja gleich das Himmel-Kreuz-Tausend-Sackerments-Donnerwetter in's Zündloch fahren, wenn er wagt, mir nahe zu kommen!«

»Keine Redensarten, Weib,« befahl ein großer, finsterer Mann, dessen dunklen Gesichtsausdruck der schwarze volle Bart und das stechende Auge noch drohender machten, indem er den Hahn eines Terzerols spannte, »bei Deinem Leben, wo sind die Spione versteckt?«

»Seht in die Keller, Brunelli,« rief eine Stimme aus dem Fenster, »hier in der Mauer - ich sah Leute hineinschlüpfen!«

Zwei oder drei der Italiener nahten sich der Thür, welche zu dem Zugang der Katakomben führte, aber Madelaine Tirebouchon war mit einem Satz zwischen ihnen und dem Eingang. »Stillgestanden! hier passirt man nicht - das da ist mein Eigenthum und es gefällt mir nicht, jeden Narren seine Nase hineinstecken zu lassen! Macht Euch nicht lächerlich mit der Schlüsselbüchse da - die Madelaine hat mancher Haubitze in die Mündung geschaut, ohne sich was d'raus zu machen! Und hier kommt der Suceurs, der jedem italienischen Citronenfresser zeigen wird, was Sitte ist in der goldenen Kanone! Vorwärts, Papa Touron, stell' Deine Compagnie in Schlachtordnung!«

In der That hatte die alte Marketenderin bereits eine nicht zu verachtende Hilfe bekommen, und der Capitain, der bei dem Lärmen im Dunkel des Vorkellers sich so weit als möglich genähert hatte und zum Schutz seines Bruders einschreiten wollte, dessen Stimme er erkannt, zog sich bei dem Anblick zurück, und seine beiden Schutzbefohlenen in den unterirdischen Steingang, wo er die Fackel anzündete.

Auf den Pfiff der Kanonenwirthin war wie gesagt eine ganze, seltsam genug zusammengesetzte Armee in's Feld gerückt.

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Zunächst kam aus dem Wirthshaus das ganze Dienstpersonal, bestehend in zwei Mägden, einem handfesten Hausknecht und einem Küchenjungen, gestürzt, in Folge des Schusses mit allen möglichen Dingen bewaffnet, wie sie ihnen gerade zur Hand gewesen, Besenstielen und Feuerschürern, und der dickköpfige Hausknecht schwang einen gewaltigen Punschlöffel. Hinterdrein aber wimmelte eine Schaar so bunt und kraus, wie sie vielleicht nur der alte Pariser Wunderhof gesehen. Stelzbeine und Einarme, Einäugige und gesunde Bursche, die nur bei Tage nicht sehen konnten, bei Nacht aber desto besser, in den wunderlichsten Costümen, ein alter Soldatenrock neben dem fadenscheinigen Paletot oder einem zur Jacke verkürzten Frauenmantel, phrygische Mützen und Dreistülper oder Hüte ohne Krämpe, Allen voran der alte Touron, einen gewaltigen Krückstock in der gesunden Hand, die Fouragiermütze auf dem linken Ohr und die Nase scharf geröthet von den verschiedenen Extragesundheiten, während zwei Drehorgeln, die eine einen Cancan, die andere die Gnadenarie aus Robert zu gleicher Zeit hinterdrein leierten.

»Halt's Maul Ihr verfluchten Kerle mit der Regimentsmusik,« schrie der Alte, seinen Stock schwingend. »Was geht hier vor, Mama Tirebouchon, genannt die goldene Kanone? - Aufgefahren und abgeprotzt, Bursche, in Reih und Glied! Titus Feuerfunken, König aller Einäugigen, nimm den linken Flügel, und Du, Lederarm, rück mit der Reserve vor. Alle Bomben und Haubitzen, wir wollen Jeden in Kochstücke fricassiren, der es wagt, der Kanonenwirthin heute Nacht nur ein schiefes Maul zu ziehen!«

»Hi hi! ho ho! eine Schlacht der Stelzbeine,« kreischte eine Stimme aus der Menge. »Schlagt Euch todt! schlagt Euch todt!«

Der Anblick dieser komischen, größtentheils stark angetrunkenen Schaar hatte hingereicht, die leidenschaftliche Erregung der Fremden abzukühlen, und sie zogen sich scheltend und drohend nach der Thür zurück, bis auf den großen Bärtigen, der nebst einem Andern noch immer mit der alten Marketenderin stritt und die Durchsuchung des Kellerraums erzwingen wollte, als plötzlich ein gellender Schrei krampfhaften Entsetzens den Streit und das militairische Commando des alten Sergeantmajors unterbrach und

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die beiden Knaben aus dem zweiten Kellerraum hervorstürzten und Schutz suchend mitten unter die Versammlung sprangen.

»Ha, da sind die Schurken, die Spione,« schrie der Bärtige und eilte auf die Beiden los, als er zu seinem Aerger erkannte, daß es nur ein Paar Jungen waren.

Aber das Aussehn der Knaben selbst verkündete das höchste Entsetzen.

Beide standen - der Fabrikantensohn ohne die Schmerzen seines verstauchten Fußes zu achten - todtenbleich, mit gesträubten Haaren und zitternden Knieen zwischen den beiden Gruppen, die von zahlreichen Lichtern und brennenden Spahnen jetzt hell genug beleuchtet waren.

Papa Touron, der nicht sogleich den Zustand seines wohlgerathenen Söhnchens bemerkt hatte, nahm seinen Stock unter den Arm und ihn beim Ohr und schüttelte ihn weidlich. »Hollah, Meister Jacques, woher kommst Du, nichtsnutziger Bursche, nachdem Du Deines Bruders, des Capitains, halbe Stube in Brand gesteckt hast? Wo streifst Du die Nacht umher? Und Sie, Musje Armand - aber Sacre bombe de Dieu! - was fehlt den Teufelsjungen, was ist mit Euch geschehen, Bursche, daß Ihr ausseht, wie unsers seligen Obersten Leichentuch?«

Der sonst so kecke und übermüthige Gamin bebte an allen Gliedern. »Ihr habt's getroffen, Vater Touron - ein Leichentuch - Gott der Herr! da drinnen liegt's und ich kroch darüber hinweg - grad in's Gesicht - mein Lebtag werd ich's nicht vergessen!« Er betrachtete schaudernd seine Hände, die feucht und kalt waren.

»Was ist's, Burschen? was ist geschehen - habt keine Angst, Pierre Fromentin ist zur Stelle und Niemand soll Euch ein Haar krümmen! Reden Sie, Herr Armand, was giebt's da drinnen?«

Der Knabe wandte sich schaudernd ab. »Um des Himmels willen, Herr Fromentin, sehen Sie selbst, was in jenem Keller liegt.«

»Nun - da soll doch gleich - reich Einer eine Leuchte her!«

Der muthige Alte schritt auf den Keller zu, aber er trat betroffen zurück bei der Erscheinung, die plötzlich von dort her in den Lichtschein trat.

»Hi hi! ho ho! was wird sein? 's ist der Tod, alter Narr!

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der Tod, der Dich selber lange am Kragen haben sollte. Aber die Jungen sterben, die Jungen! Die da fürchten sich vor Todten, und müssen doch auch daran, Würmerfraß in zehn Jahren! Werden's nicht lange treiben! Kugelfutter und Würmerfraß!«

Samson, der Katakombenwächter, der noch so eben sich unter den Gästen der >Goldenen Kanone< befunden und bei dem Erscheinen der Knaben davon geschlichen, kam aus dem dunkeln Kellereingang, eine Gestalt über seine Schultern hängend, schaurig anzusehen, ein gänzlich nacktes Weib, die Beine vorn niederhängend, über den Rücken Kopf und Arme und das lange, triefend nasse blonde Haar bis auf den Boden schleifend.

Hinter ihm drein kam sein mürrischer, hinkender Gefährte, eine Tragbahre hinter sich her schleifend und stellte sie mitten in den Kreis.

Mit einem gellenden Spottgelächter über die schaudernden Männer und die bleichen Gesichter warf der Fossoyeur seine Last auf die Bahre, daß das Holz krachte.

Es war ein üppiger, wunderschön gebauter Körper, in der vollen Kraft und Fülle der Jugend, über der jetzt der graue kalte Teint des Todes lag. Die schön und kräftig gerundeten Brüste, der volle Arm - die Wellenlinien der Hüften und Schenkel hätten einem Praxiteles oder Canova zum Modell dienen können, und die eigenthümliche, jetzt so matte Färbung der Haut mit der Unbeweglichkeit der Glieder machte wirklich die Gestalt dem Marmor ähnlich. Der Kopf lag, in der Stellung, wie die Unglückliche von der rohen Hand des Katakombenwächters hingeworfen worden, etwas zurückgebeugt über den Rand der Bahre, was die wunderschönen Formen des Halses emporschwellen ließ. Ein selbst im Tode schönes Gesicht mit regelmäßigen Zügen, die antik geformte Nase von weiten Nüstern gebläht, aus den vollen, üppig aufgeworfenen, jetzt von dem Tod gebleichten Lippen der Perlenkranz kleiner spitzer Zähne, fest aufeinander gebissen, hervorsehend, würden den Eindruck einer reizenden Schlafenden gemacht haben, wenn nicht die niedere, aber schön geformte Stirn finster zwischen den Brauen zusammengezogen gewesen wäre und die weit geöffneten blauen Augen mit der unheimlichen Starrheit des Todtenblicks einen fast drohenden Ausdruck gehabt hatten.

»Heilige Mutter Gottes, wie kommt das todte Weibsbild hierher? - Mensch, Ihr habt sie ermordet!« schrie die Wirthin, während der ganze Kreis sich näher drängte und die schöne Leiche umgab.

»Ho ho! Unsinn - Unsinn! Giebt's keine Hospitäler mehr in Paris? Von der Chaumiere in's Hospital oder in's Wasser, kenne das, kenne das! Lustig gelebt und lustig gestorben - die

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Doctoren wollen auch was haben. Futter für's Messer! Futter für's Messer!«

Die Frau hatte ihre Schürze abgebunden und sie über den Leib der Todten geworfen. Die Männer umher hatten wahrscheinlich Tausende von Leichen auf dem Schlachtfelde oder aus dem Strohlager des Elends in allen Schrecknissen des Todes gesehen, und doch war vielleicht sie nie ein solches Grauen überkommen, wie an der Bahre dieses schönen, in der üppigsten Fülle des Lebens untergegangenen Geschöpfes.

Die Schönheit der Todten hatte überdies das Interesse erregt, selbst die noch eben im Streit und der Verfolgung der Knaben begriffenen Verschwörer waren herbeigetreten, - das rothe Licht der Kiehnfa[c]keln warf das zitternde Spiel auf den Leichnam, daß der Körper sich zu bewegen, das Gesicht zu leben, sich zu verändern schien.

»Cospetto! ich will erdolcht sein, wenn das nicht die Herzogin von Ricasoli in Neapel, - die Nichte des Papstes ist!« rief der bärtige Italiener, der vorhin den Eingang in den Keller hatte erzwingen wollen.

»Gehen Sie doch, Pisani - wie käme die vornehme Dame in ein Pariser Hospital,« sagte ein anderer, hagerer kleiner Mann mit unruhigen schwarzen Augen, »aber so wahr ich ein Römer bin, die Todte hat eine merkwürdige Aehnlichkeit mit der Schwester Fausta aus dem Hospital der barmherzigen Schwestern auf dem Esquilin.«

Ein alter Kerl mit einem echten Stelzbein hatte sich aus dem Kreise gedrängt und ordnete mit roher, aber freundlicher Hand die blaue Linnenschürze der Kanonenwirthin über dem todten Körper. »Armes Kind - sie war leichtsinnig, aber sie muß ein gutes Herz gehabt haben! Das Frankenstück, das sie mir gab, während die anderen Dirnen lachten, war vielleicht ihr letztes!« Eine Thräne fiel aus den grauen Wimpern des alten Soldaten auf den weißen Busen. Dann richtete er sich kopfschüttelnd empor. »Ich glaube, ich weiß, wer die Unglückliche ist. Sie kam aus dem Hause in der Straße des Moulins! Ich sah sie gestern noch dort.«

Die Kanonenwirthin war dem Katakombenwächter drohend näher getreten. »Hört, Fossoyeur, das erklärt mir Alles nicht, wie das todte Frauenzimmer hierher kommt und was Ihr damit zu schaffen habt?«

»Ho ho! nicht so eifrig! nicht so eifrig! Ein Jeder hat sein Geschäft - weswegen bin ich der Fossoyeur? Ehrlich Gut! 's giebt noch Wasser genug in Paris für die Weiber, die hineinspringen wollen, und die Doctoren drüben in der Straße Fer à Moulin

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wollen frische Cadaver, frisch und jung, nicht so runzelig und alt, wie ich und Ihr, sonst solltet Ihr im Testament Euch für die Wissenschaft opfern!«

»Verfluchter Spitzbube!« Die kräftige Alte schauderte unwillkürlich.

»Waren auf dem Weg zum anatomischen Theater und haben uns nur ein Bischen die Bahre da geborgt, 's ist kalt, Kanonenwirthin, der Wind und der Regen schneiden durch die Glieder, wenn ich nicht hübsch da unten bin bei meinen Knochen. Haben eine kleine Herzstärkung genommen - was schadt's dem Frauensbild, ob sie so lang allein blieb! Hi hi - ho ho, künftig wird sie nicht einmal die Würmer zur Gesellschaft haben! Nichts von dem Cadaver - in reine Kochstücke zerschnitten! Ho ho, ich kenne die Doctoren - ein Fressen für sie!«

Die resolute Alte hob das mächtige Schlüsselbund, das sie an der Seite trug. »Macht, daß Ihr fortkommt, boshafter Kerl,« sagte sie zornig, »und hört, laßt Euch nie wieder in meinem Hause blicken oder Euch einfallen, Eure Todten hierher zu bringen, wenn ich Euch nicht selber den Schädel einschlagen soll, Ihr Unmensch, Ihr! Und mit der Trage geht zum Teufel, ich mag Nichts mehr davon wissen!«

Samson rieb sich vergnügt die Hände und gab seinem Gefährten einen Wink, anzufassen. »Ein hübscher Prosit! Danke bestens, Kanonenwirthin!« Dann grinste er mit einer scheußlichen Grimasse die Umstehenden an, während er mit dem andern Kerl die Trage emporhob. »Seht sie Euch noch einmal an, Ihr Herren - 's ist umsonst heute, gestern war's noch für Geld! Ho ho - wie das thun wird, wenn der Doctor so in's Fleisch schneidet und sägt und sticht! Kostbare Arbeit! kostbare Arbeit - ein schönes Gerippe wird's - ho ho! Samson kriegt die Knochen für seine Sammlung da drunten - die Doctoren lieben nur das Fleisch! Mädchenfleisch - Jungfernfleisch! Ho ho! Jungfern! Jungfern, wie die da!«

Und damit sprang er und schwenkte er die Bahre, daß der Kopf der Todten mit den starrenden Augen gespenstig von einer Seite zur andern flog und die Arme hin und her schlenkerten, und dann rannte er durch die scheu Raum gebende Versammlung mit gellendem Hohnlachen und Kreischen davon, daß sein hinkender Kamerad ihm kaum zu folgen vermochte! -



»Chambertin! Einen Kuß, reizende Adrienne, und der feurige Sohn der Côte d'Or rollt noch glühender durch Kehle und Adern!«

Die zierlichen schlanken Finger der Pariserin strichen den

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langen Schnurrbart des Malers auseinander, dann preßte sich der kokett lachende Mund auf den seinen. »Es ist nothwendig, daß Sie etwas Feuer bekommen, Herr Chevaulet