Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart
von

Sir John Retcliffe

Erster Band: Die Prologe.

Zweite Abtheilung: Minen und Zünder.

Die Revolutionen.

Die Revolution loderte in vollen Flammen durch Europa - Mazzini hatte dem Erben der Napoleoniden den Pakt gehalten und die perfide Politik Palmerstons - das divide et impera! - unterstützte ihn mächtig dabei. Unter der Fahne der Nationalitäten flog der Kampf gegen die alten Throne durch die Länder von den Küsten des weißen Meeres bis zum Golf von Palermo!

Wir wollen nur in kurzen Zügen das blutige Bild von jener Märznacht ab, in der der preußische Edelmann den Leichnam des Sohnes aus der empörten Hauptstadt holte, bis zum Wiederbeginn unsrer Geschichte vor den Augen des Lesers entfalten und zusammenfassen - der ja das Alles selbst mitgesehen und erlebt.

In Frankreich hatten nach der Vertreibung der Orleans am 24. Februar die Tuilerien zum dritten Mal die Zertrümmerung des Thrones und eine provisorische Regierung gesehen. Zu den Republikanern Dupont de l'Eure, Lamartine, Arago, Marie, Garnier-Pagès, Carnot, Ledru-Rollin, Cremieux und Marast waren noch die Socialisten Louis Blanc, Flocon und Albert gekommen - die Republik war erklärt. Der Berg von 1793 bildete sich wieder, Marc Caussidière, Barbès, Raspail und Blanqui, die alten Verschwörer, drängten zum Terrorismus und fanden in Ledru-Rollin und Louis Blanc willige Gefährten. Das Arbeiter-Parlament im Luxembourg wurde eröffnet, am 4. Mai proclamirte die neu erwählte National-Versammlung die Republik, Cavaignac und Charras theilten sich in das Kriegs-Portefeuille. Die Socialisten erhoben sich am 15. Mai gegen

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die Fünfmännerregierung und stürmten den Sitzungssaal - doch die Bourgeoisie der National-Garde, bange vor Raub und Guillotine, war gegen sie und verlangte die Aufhebung der National-Werkstätten, dieser communistischen Fütterung des rothen Pöbels. So kam der Kampf vom 24. Juni, der Sturm der Rothen gegen die gemäßigten Republikaner, der socialen Clubs gegen die Sicherheit des bürgerlichen Eigenthums - die Antwort Louis Napoleons und seiner Freunde in London auf den Verbannungsantrag von Lamartine und den Befehl, den Prinzen zu verhaften, wenn er wagen sollte, auf Grund seiner Wahl in drei Departements in Frankreich wieder zu erscheinen!

Denn auf seinen Namen und die demokratischen Grundsätze vertrauend, die er seither in seinen Schriften proclamirt, war der Prinz alsbald nach der Bildung der provisorischen Regierung nach Paris geeilt, um ihr zu huldigen und sich zur Disposition zu stellen. Aber Lamartine und seine Collegen hatten sofort die Gefahr der Partei-Intrigue gewittert und ihn höflich ersucht, über den Kanal zurückzugehen.

An demselben Abend kam ein verhüllter Mann zu dem Banquier Fould, dem Gourmandisten der Backfische von der großen Oper, der die Börsengeschäfte der Familie Bonaparte machte.

Derselbe empfing ihn mit einer gewissen Cordialität in seinem geheimen Kabinet.

»Wie viel haben Sie gegenwärtig von mir in Händen, Fould?« fragte der Prinz, nachdem er den Mantel abgelegt und sich behaglich in den Fauteuil am Kamin gestreckt hatte.

Der Banquier sah sein Buch nach. »Eine Million einmalhundertundsiebzigtausend Franken, Hoheit.«

»Wohl - hier ist eine Verpfändung von Arenenberg und meines Grundbesitzes in der Schweiz. Außerdem werden Sie drei Millionen Francs von einem meiner Freunde in Amerika erhalten - wollen Sie mir dafür Credit bis zu acht Millionen für ein Jahr eröffnen?«

»Ich riskire dann immer noch drei Millionen auf eigene Hand, Hoheit - bedenken Sie das.«

»Und ein Portefeuille - überlegen Sie das, Herr von

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Fould. Der Finanzminister von Frankreich hat die ganze Aera der europäischen Eisenbahnen vor sich. Ob Präsident, ob Kaiser, das bleibt sich gleich - ich frage Sie offen, wollen Sie das Geschäft mit mir machen?«

Der ehemalige Orleanist sah ihn mit der ganzen Verschmitztheit seiner israelitischen Abkunft an, dann brach er in ein lautes Lachen aus. »Wissen Sie, Sire - wenn Sie heute nicht zu mir gekommen wären, wäre ich morgen mit demselben Vorschlag bei Ihnen gewesen, ehe Sie den Fuß im Waggon gehabt. Aber Handel ist Handel - geben Sie mir Ihre schriftliche Zusicherung, daß ich Finanzminister bleibe, so lange, bis ich selbst Ihnen das Portefeuille zurückgebe. Außerdem für mein petit plaisir bedinge ich mir die Verwaltung der Theater.«

Jetzt lachte auch der Prinz und warf rasch einige Zeilen an dem Bureau des Banquiers auf das Papier, die er ihm gab.

Das Mitglied der ehemaligen Deputirten-Kammer für das Departement der Niederalpen und des General-Collegiums für den Handel prüfte die Schrift sorgfältig und schloß sie in sein Bureau. »Jetzt,« sagte er, »ziehen Sie nach Belieben. Ich werde das Meine dazu thun, daß Sie sobald als möglich in die Wahlen kommen; aber ich rathe Ihnen, schlagen Sie es ein - zwei Mal aus, das reizt den Appetit, und zögern Sie nicht zu lange mit einem Schlag der Rothen, damit die Bourgeoisie und die Börse erkennen, was sie zu fürchten haben. Den Credit untergraben, die Börsenpleite, das wird in Zukunft der beste Faktor aller Revolutionen und Staatsumwälzungen sein. Wenn Sie die Wahl annehmen, dann lassen Sie mich's bei Zeiten wissen, damit ich mich gleichfalls wählen lasse, und wir zusammen in diese neue Ausgabe von National-Versammlung eintreten!«

Der Prinz reichte ihm die Hand - dann schied er. Er nahm zwei Verbündete mit bei der Rückkehr nach London: die Faubourgs und die Börse - das Blut und das Geld! - Der dritte Faktor: die Armee, blieb der Zukunft - er brauchte sie noch auf der Gegenseite!

Die Mahnung des Banquiers war nicht verloren gewesen, wie wir bereits angedeutet - der Prinz lehnte vier Wahlen am 14. und 15. Juni ab, indem er sich die Miene eines Märtyrers

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für die Ruhe der Republik und die Wohlfahrt Frankreichs gab, und nur als der >einfachste seiner Bürger<1 zurückkehren wollte, wenn die Ruhe wiedergekehrt sein würde.

Dann erst kam die Emeute!

Von der Vorstadt St. Martin und du Temple bis in die Faubourgs St. Jacques und Marceau entspinnt sich der Kampf und drängt gegen das Stadthaus, wo Cavaignac, zum Diktator ernannt, die Linie, die National-Garde und die mobile Garde um sich sammelt. General Breda wird von den Rothen ermordet und verstümmelt, General Negrier fällt, der Erzbischof von Paris, Monsignore Affre, wird auf den Barrikaden erschossen, wo er Versöhnung predigt. Aber noch siegt die militairische Disciplin, die Soldaten bleiben treu - denn noch steht auf den Fahnen der Gegner nicht der berauschende Name: Napoleon Bonaparte! und die klugen Leiter hinter den Coulissen sparen ihn auf für eine sichere Bearbeitung der erschreckten Gesellschaft. Der Aufstand wird unterdrückt mit dem Blut von dreitausend Gefallenen, und Cavaignac, der Republikaner des Friedens, bildet mit Bedeau und Lamoricière, seinen alten Waffengefährten aus Afrika, das neue Ministerium, aus dem er bald genug die Rothen verdrängt, die auf der Rednerbühne und in den Clubs den Krieg fortsetzen. Das Bürgerthum zittert, denn es fühlt, daß es auf einem Vulkan steht - der Verkehr und Wohlstand liegen nieder - die Bourbonisten und Orleanisten wühlen - die Armee verlangt Lorbeern jenseits der Grenze Frankreichs - der Credit des Landes ist erschöpft! - Jetzt ist die Zeit gekommen für Den, der den Namen Bonaparte trägt, - seine Agenten durchstiegen Frankreich und streuen das Gold aus den Kassen Foulds und vom La Plata mit vollen Händen aus - am 17. September geht der Name Louis Napoleon mit 110,752 Stimmen unter wenig mehr als der doppelten Zahl aus der Wahlurne des Seine-Departements hervor, denn Mazzini und Palmerston brauchen Hilfe in Italien und Cavaignac verweigert sie, - und am Abend des 25sten trifft der in fünf Departements gewählte Napoleonide offiziell in Paris

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ein, eine öffentliche Comödie, da er drei Mal im Geheimen während der Zeit in Paris anwesend war!

Sein Erstes ist, die Häupter aller Parteien - Thiers, Berryer, Montalembert - selbst Proudhon, zu beruhigen und zu umstricken.

Von Allen würdigte nur Einer die Gefahr, der Communist Proudhon; in seiner Schreibtafel fand sich nach dem Besuch, den Louis Napoleon ihm gemacht, später die Bemerkung: Diesem Manne mißtrauen! -

Die Geschichte hat nur Eines hinzuzufügen. Als der Prinz am 21. September in der Versammlung der Volksrepräsentanten für das Departement der Seine erschien und die Rednertribüne betrat, waren seine Worte, die Hand auf dem Herzen:

»Mein ganzes Leben sei der Stärkung der Republik gewidmet!« -


Gehen wir zu Italien - zu den Gärten der Hesperiden, um die sich seit Jahrhunderten die Kriege zwischen Nord und Süden, zwischen Osten und Westen drehen - zu Italien, dessen Erde verdient, frei zu sein, und dessen Bewohner allein unter die Bayonnette oder in's Bagno passen!

Seit siebzehn Jahrhunderten hat das deutsche Männermark seine Ferse gesetzt auf den Boden, wo die Orangen blühen und Roms Ruinen an die Geschichte mahnen, und seit siebzehn Jahrhunderten hat der Scorpion das deutsche Blut getrunken - auf den Straßen von Mailand das Blut der Welfen, auf dem Schaffot von Neapel das Blut der Ghibellinen!

Alle Völker Europa's, der Normanne, der Hunne und der Grieche, der Moslem, der Deutsche und der Franke, der Spanier und der Russe kämpften hier ihre Schlachten und spannen ihre diplomatischen Ränke, der freie Schweizer ward zum Söldner und der wilde Sohn der albanesischen Felsen diente dem Löwen von San Marcus. Welches Land hat eine Geschichte wie Italien, aber welches Land hat auch so viele Greuel und Ströme von Blut gesehen? Ein Drittheil alles Blutes, das in Europa durch das Schwert, durch den Dolch oder durch das Beil vergossen wurde, tränkte die Erde von Italien!

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Der Wiener Congreß hatte den blutigen Schritt der italienischen Republiken beseitigt und die Lombardei an das Kaiserhaus Oesterreich gegeben.

Aber der Krieg der Romanen gegen den siegenden Germanismus lebte nichts desto weniger fort - nur wurde er im Stillen geführt, statt der Schlachten die Verschwörung, statt des Schwertes der Dolch, und die Söhne des Bodens, die bisher eifersüchtig sich selbst zerfleischt, einigten sich zum geheimen Kampf gegen die Sieger. Das Land der Vulkane wurde zum zitternden Boden unter den Füßen der aufgedrungenen Herren, und jeder Augenblick konnte die Flamme der Empörung emporbrechen machen aus dem Krater des Hasses.

Wir haben im ersten Theil unsers Werkes bereits der Carbonari-Verschwörungen gedacht, denen die Gebrüder Napoleon sich angeschlossen hatten, der eine, um zu sterben, der andre, um zu fliehen.

Es läßt sich nicht verkennen, daß in Folge der ewigen Verschwörungen und der geheimen Bündnisse der militairische und polizeiliche Druck Oesterreichs auf seinen italienischen Provinzen mit eisernem Gewicht lastete, und diesen nationellen und traditionellen Haß vermehrte. Wir haben hier keine Geschichte der früheren Aufstände zu schreiben, sondern nur in flüchtigen Zügen die großen Ereignisse zu skizziren, die mit der allgemeinen revolutionairen Erhebung Europa's in Verbindung stehen und dem Verlust der Lombardei für ein deutsches Herrschergeschlecht vorangingen, jene neue Phase in dem Ringen, das Carl V. und Franz I. begonnen und der erste Napoleon gegen Habsburg weiter gefochten hatte.

Fassen wir den Gedanken der Geschichte und unsers Buches kurz zusammen. Wie von England die politische, von Frankreich die historische oder militairische, von Deutschland die religiöse und sociale, von Polen die nationelle Revolution und deren Agitation ansging und ausgehen wird, so von Italien die republikanische! Der Grund der letztern sind die zahlreichen kleinen Republiken des Mittelalters; - in Italien ist der wahre He[e]rd der republikanischen Bewegungen und die Sache der Nationalität nur eine Fahnenschrift!

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Nach dem Druck, den die revolutionären Erhebungen zu Anfang der vierziger Jahre über ganz Italien gebracht hatten, wurden die Anzeichen eines freiern Regierungssystems, die Mastai Ferretti nach seiner Grwählung als Papst Pius IX. (im Juni 1846) an den Tag legte, mit Jubel begrüßt, und sein Name gleichsam das Symbol der liberalen Bestrebungen. Toscana, das sich schon von jeher der mildesten und vernünftigsten Regierung erfreute, folgte mit einem neuen Preßgesetz und Reformen - Sardinien desgleichen. Aber wie es von jeher der Fehler der Liberalen war, sich in Forderungen zu überstürzen, so auch hier. Oesterreich und Neapel geriethen in Besorgniß, das Erste hatte in der Besetzung Ferrara's (August 1847) seine Drohung gegen die päpstliche Politik kundgegeben, Neapel unterdrückte gewaltsam den Liberalismus, die Bourbons von Parma stützten sich auf die österreichischen Bayonnette. Das war der Augenblick, wo Palmerston und Mazzini offen die Schürung der glimmenden Flamme begannen. In Sicilien brach am 12. Januar der Aufstand aus, die Lostrennung wurde proclamirt und ein sardinischer Prinz zum Throne berufen, in Neapel selbst drohte die Revolution und erzwang eine Repräsentativ-Verfassung, mit der Sardinien am 8. Februar, Toscana am 17ten, Rom am 14. März folgen mußten; der Jesuitenorden mußte Italien räumen.

In Venedig verkündeten die Oesterreicher am 20. Februar das Standrecht - in Mailand brach am 22. März der Aufstand aus und zwang Radetzki, mit seiner Armee die lombardische Hauptstadt zu räumen und sich nach Verona zurückzuziehen, während Venedig durch den Verrath des Ungars Zichy in die Gewalt der Aufständischen fiel und in Parma und Modena die Herrscher vertrieben wurden.

Jetzt glaubte Carl Albert den Augenblick zum doppelten Verrath an den Monarchen wie an den Republikanern gekommen, und der Sardenkönig, der bis vor Kurzem dem tyrannischen Absolutismus gehuldigt, warf sich plötzlich als spada d'Italia zum Befreier auf, überschritt am 23. März die lombardischen Grenzen und erklärte Oesterreich den Krieg.

Der Schritt geschah mit Englands geheimer Unterstützung und auf das Drängen Mazzini's, der bereits am 29sten in Paris

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eingetroffen war und sich mit den Führern der constitutionellen Partei, Gioberti, Mamiani und d'Azeglio, verständigt hatte. Lamartine, der republikanische Phantast, verlangte vom Papst, an die Spitze der italienischen Republik zu treten. Von Paris aus erließ Mazzini am 31. März seinen Aufruf an die Lombarden. Als er am 10. April in Mailand eintraf, wurde er im Triumph nach dem Marinepalast geführt - das Volk bedeckte seine Hände und seine Kleider mit Küssen!

Aber die Einigkeit war nicht von langer Dauer und der unermüdliche Agitator der Republik erkannte mit Zorn, daß die Lauheit und der Ehrgeiz ihm die mühsam vorbereiteten Erfolge zu entreißen drohten. Der König von Sardinien begann die Rolle, die Ludwig Napoleon bereits für sich vorbereitete, und aus dem Werkzeug versuchte er sich zum Herrn zu machen. Während der falsche Piemontese den Mailändern am 23. März versicherte, daß er komme, den Lombarden und Venetianern wie ein Waffenbruder Hilfe zu leisten, damit sie selbst ihr politisches Leben gestalten möchten, erklärte er in einer Depesche an den englischen Gesandten Abercromby am 26. März, daß er den Krieg nur unternehme, um die Republikanisirung Italiens zu verhindern; die Legion von Italienern, Polen und Franzosen, die zum Beistand der Mailänder unter General Antonini am 24. April in Genua landete, wurde genöthigt, sich nach Venedig zu begeben, die Prinzessin Belgiojoso mit den neapolitanischen Freiwilligen zurückgewiesen, und am 12. Mai durch die Agenten des Königs und die Feigheit der provisorischen Regierung die Abstimmung begonnen, wodurch Mailand seinen Anschluß an Sardinien aussprach.

Mazzini unterließ es, diesen Bestrebungen entgegenzutreten; eines Theils wußte er, daß, wenn Italien erst von den Fremden ganz befreit war, es der republikanischen Partei leicht sein werde, mit Carl Albert fertig zu werden, andern Theils fehlte dem Kopf die eherne Faust: Garibaldi, der erst Ende Mai in der Lombardei eintraf und - von der piemontesischen Partei mit Kälte aufgenommen und hingehalten - jetzt eifrig ein Freicorps der Crociati bildete.

Unterdeß wandte sich die blutige Waage der Schlachten.

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Der greise Radetzki - der einzige Führer der Oesterreicher, der die Ereignisse vorausgesehen, aber nicht gehört worden war, weil Metternich in dem Stolz seines Systems sich zu sicher glaubte - hatte sich mit seinen 15,000 Mann nach dem fünftägigen Kampf in der lombardischen Hauptstadt bis hinter den Mincio zurückziehen müssen. Aller Verbindungen mit dem Innern seiner Monarchie beraubt, von der Regierung des rebellirenden Wiens verlassen, mit leeren Kassen, spärlichen Lebensmitteln, Rücken und Flanke von Freischärlern bedroht - setzte er aus eigener Machtvollkommenheit die Armee auf den Kriegsfuß, verkündete den Belagerungszustand und suchte sich durch das Corps am Isonzo zu verstärken. Bei Goito zurückgedrängt, schlug er mit 16,000 Mann am 6. Mai bei Santa Lucia den drei Mal stärkern Feind, machte den großartigen und kühnen Flankenmarsch von Verona nach Mantua, und gleich dem Fabier zaudernd, bis seine Zeit gekommen, brach er in der letzten Woche des Juli aus Verona wie der Löwe aus seiner Höhle auf den Feind und schlug ihn am 23sten, 24sten, 25sten und 26sten bei Sommacampagna, Custozza und Volta in glänzenden Siegen. Noch einmal versuchte Carl Albert, unter den Mauern von Mailand am 4. und 5. August Stand zu halten, aber der deutsche Adler war unaufhaltsam in seinem zürnenden Siegesfluge, und während der >Befreier Italiens< noch am 4ten dem endlich zur Erkenntniß seiner Schwache gekommenen, zum Verzweiflungskampf sich aufraffenden Mailand betheuert hatte, daß er mit seiner ganzen Armee bis zum letzten Mann kämpfen würde, mußte er am Tage darauf gestehen, daß die Capitulation von ihm geschlossen sei, und schimpflich im Geheimen vor der entfesselten Wuth des Volkes sich flüchten.

Mazzini sah sich im Kampf der Armeen besiegt und proclamirte den Volkskampf. »Der Krieg des Königs ist zu Ende, der des Volkes beginnt!« lautete sein Aufruf. Garibaldi wurde zum Generalissimus der Volksarmee von ihm berufen und Mazzini selbst zog, die Muskete in der Hand, mit den Schaarm seines Generals von Bergamo nach Monza. Aber zum entgegengesetzten Thor drangen bereits die österreichischen Kavallerie-Colonnen in die Stadt und Garibaldi zog sich zurück. Nach der tapfern Vertheidigung von Oseppo schlug Garibaldi, Aniella an

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seiner Seite, sich mit dem Säbel in der Faust bei Nacht durch den Feind, rückte mit seiner geschmolzenen Schaar am 14. August in Arona ein, eroberte auf Böten den österreichischen Dampfer auf dem Lago maggiore, und überall gedrängt, zog er sich über die Schweizer Grenze nach dem Tessin zurück.

Venedig allein, das am 23. März die Republik San Marco proclamirt, am 11. August die seit dem 3. Juni eingesetzte constitutionelle Regierung wieder gestürzt, die Piemontesen, wie früher die Oesterreicher, vertrieben und Manin zum Diktator ausgerufen hatte, hielt in Ober-Italien noch siegreich die Fahne der Revolution. -


Während das russische Polen in dieser Zeit des allgemeinen Revolutionssturmes durch die russischen Bayonnette und die Umsicht des Fürsten Statthalters Paskiewitsch im Zügel gehalten und der Aufstand in Krakau vom 26. April nach heftigem Kampf unterdrückt wurde, loderte gerade im preußischen Antheil, in den polnischen Distrikten von Posen und Westpreußen, die eine weit mildere und rücksichtsvollere Verwaltung genossen hatten, die Fackel eines blutigen Parteikampfes empor, zu dem von Paris und London aus die Vorbereitungen getroffen worden und das Signal in Berlin und Wien gegeben war. Der Sohn des Adjutanten des tyrannischen Davoust, der wortbrüchige Verräther Ludwig Miroslawski, in Frankreich von französischer Mutter geboren, halb Pole, halb Franzose, aber von Jugend auf zum Revolutionair erzogen, von dem Centralausschuß in Paris zum militairischen Chef der Revolution bestimmt, aber jeder höhern Begabung dazu entbehrend, war kaum von Preußen aus der Haft im Zellengefängniß, in welche das Todesurtheil für den Aufstand von 1846 verwandelt worden, der Freiheit wiedergegeben, - noch die Schrift kaum getrocknet, mit der er dem >hochherzigen Volk von Berlin und der Gnade des Königs< gedankt hatte, als er nach dem Großherzogthum eilte und den Aufstand, den Krieg gegen jedes deutsche Element organisirte. Dies geschah, während der König und das neugebildete Ministerium sich bereit erklärt hatten, den ausschließlich polnischen Theilen eine nationelle Reorganisation und Administration zu geben.

Scheußlichkeiten, wie sie kaum eine andere Phase der großen

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Bewegung zeigt, wurden hier geübt! schwangeren Judenfrauen schnitt man den Leib auf, Kinder spießte man auf die Sensen, schuldlose Menschen wurden auf das Empörendste verstümmelt, blos um den Haß an der deutschen Race zu kühlen. Was Wunder, wenn da die preußischen Soldaten mit der Brut, die sie fingen, nicht sehr sauberlich verfuhren. Hätten die Generale so wenig kokettirt mit der Revolution, wie die Soldaten, der Aufstand wäre noch eher unterdrückt worden, als - wie jetzt geschah - Mitte Mai, und Miroslawski sicher nicht frei nach Frankreich entlassen worden, um in Sicilien und später in Baden als vagabondirender Revolutionair seine Profession fortzusetzen! -


Wir folgen der allgemeinen Bewegung in Deutschland. Wie gering auch die Zahl der Jahre ist, die seitdem vergangen, so ist doch die Fluth der welthistorischen Ereignisse eine so gewaltige gewesen, die Masse des Wichtigen so groß, daß die Einzelnheiten allzu leicht aus dem Gedächtniß verschwunden sind.

Die erste Anregung der Bewegung ging von Baden aus, nachdem der Streit der Herzogthümer mit dem Dänenthum und das sich in den einzelnen Staaten entwickelnde parlamentarische Leben das Volk dafür empfänglich gemacht hatte. Bei dem ruhigern deutschen Charakter war offenbar die Absicht nur auf constitutionelle Entwickelung und der Drang nur nach socialer Besserung gerichtet, wie schon vor Achtundvierzig die verschiedenen kleinen Emeuten des Landvolks namentlich gegen den Judenwucher bewiesen. Den geheimen Plänen der Revolutionaire erwuchs dadurch in einem sonst so conservativen Element, im Judenthum selbst, ein wichtiger Bundesgenosse. Bei socialen Reformen mußte der Besitz - nicht der stabile verschuldete Grundbesitz, sondern der coulante Geldbesitz - herhalten und geben, und dieser befand sich längst in den Händen der Juden. Es galt demnach, den Drang der Bewegung von dem Gebiet blos socialer Reformen auf das der politischen zu drängen. Darum sah man so unverhältnißmäßig viele Juden in der Presse, in den Clubs, auf der Tribüne und in der Agitation thätig und sich vordrängen. Es galt, dem Geld auch noch jene Macht und jenen Einfluß zu verschaffen, die ihm die alten conservativen Institutionen etwa noch streitig machten, also Zerstückelung und Aussaugung des

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Grundbesitzes, die Knechtung des Handwerks unter das Kapital der bloßen Speculation, Ausdehnung des Aktienhandels, Einfluß und Beherrschung der Gesetzgebung und Rechtsprechung, Verwendung des Staatsvermögens zu Unternehmungen, die der Geldspeculation ein neues Feld gaben, und Demoralisation der christlichen Majorität und Familie.

Die Nachricht von der Umwälzung in Paris rief - wieder zuerst in Mannheim - Volksberathungen und Sturmpetitionen auf constitutionelle Einrichtungen hervor. Der Bundestag, wie von jeher feig und haltlos, versprach alles Mögliche und ließ die schwarz-roth-goldene Fahne schon am 14. März von seinem Palais wehen. Eine Versammlung zu Heidelberg beschloß, ein Parlament von deutschen Vertrauensmännern zu berufen, Max Gagern wurde auf eine Parlamentsreise durch Deutschland geschickt. Dazwischen brachen die Revolten in Wien, Berlin, München aus; die letztere wurde durch die voreilige Abdankung König Ludwigs und die Flucht der frechen Maitresse Lola Montez auf ein Feld ruhigerer Entwickelung der Verhältnisse gelenkt. Schleswig-Holstein beging am 24sten seine damals noch unblutige Revolution durch Bildung einer provisorischen Regierung; Preußen versprach die Selbstständigkeit der Herzogthümer und das Erbrecht des Mannesstammes zu schützen. So trat das Vorparlament in Frankfurt am 31. März zusammen, aber mit ihm auch die republikanische Agitation, aus Baden durch Struve, Hecker und ihre Gesinnungsgenossen ausgehend, Deutschland entwickelte auf einmal einen Reichthum an revolutionairen Kräften, die wie die Mäuse nach dem Regen aus allen Ecken und Löchern zum Vorschein kamen, von der Schulbank, hinter dem Ladentisch und der Advokatenschranke her, Männer der Feder, der Aristokratie, der Kanzel, des Aktentisches und des Handels - verhältnißmäßig Wenige aus dem Handwerk und dem Landbau. Im Vorparlament wurde der Bundestag gesichtet, der Antrag der Republikaner auf Permanenz zwar unterdrückt, in den Fünfziger-Ausschuß aber seine Anhänger, wie Robert Blum, Raveaux, Jacoby, gewählt. Der Fünfziger-Ausschuß begab sich schon an's Regieren, fiel jedoch in den meisten Ländern, z. B. beim czechischen Kampf in Böhmen, mit seinen Beschlüssen kläglich durch, Hecker und Struve proclamirten am 13. April im

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badischen Oberland die Republik und der badische General Friedrich von Gagern wurde bei dem Zug gegen die Freischaaren vor Beginn des Gefechts meuchlerisch beim Parlamentiren erschossen. Die Heckerschen Freischaaren wurden bei Kandern und in Freiburg geschlagen, ebenso die deutschen Arbeiter, die Herwegh aus Frankreich herbeigeführt. Der erste Kampf für die Republik endete kläglich auf deutschem Boden, während preußische Truppen unter Wrangel am 23. April das Danewirke stürmten, Schleswig einnahmen und rasch bis an die Grenze Jütlands vordrangen. Aber die Diplomatie, die Eifersucht Englands, Schwedens und Rußlands, hemmte alsbald die Verfolgung des Sieges.

Am 18. Mai trat die National-Versammlung in Frankfurt zusammen und wählte Heinrich von Gagern zum Präsidenten. Schon nach wenigen Tagen erklärte sie sich durch einen Antrag Raveaux' souverain über alle deutschen Einzelnverfassungen. Eine provisorische Centralgewalt durch einen Reichsverweser und verantwortliche Minister wurden am 28. Juni beschlossen und der Bundestag aufgelöst, und am 29sten Erzherzog Johann von Oesterreich zum Reichsverweser gewählt. Am 12. Juli erschien der neue Reichsverweser zum ersten Male in der National-Versammlung. Das Reichsministerium, darunter ein preußischer General, dekretirte, daß am 6. August in allen Staaten Deutschlands die Truppen dem Reichsverweser huldigen sollten - doch kam es nur an wenigen Stellen dazu.

Die Verfassungsarbeiten wurden unterdeß fortgesetzt - die Majorität der Versammlung bewahrte eine liberal constitutionelle Färbung; die Minorität: die Fractionen zum deutschen Hof, Westendhall und Donnersberg, bekundeten immer offener die republikanische Agitation und suchten in der Paulskirche durch den Lärm der Galerieen die Constitutionellen einzuschüchtern, während die einzelnen Kabinette, von dem ersten Schrecken sich wieder erholend, ihre Kräfte sammelten und ihre Separatrechte in den Vordergrund schoben.

Indeß man sich in Frankfurt in die >Grundrechte< vertiefte, drohte die Sache der Herzogthümer an den Intriguen der Diplomatie zu Grunde zu gehen. Die Preußen hatten am 1. Mai die Grenzen von Jütland überschritten und forderten die

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Aufnahme von Schleswig in den deutschen Bund, als Rußland seine Kronstadt-Flotte in die Ostsee sandte und Kiel bedrohte, während die Schweden als Alliirte Dänemarks die Inseln besetzten, England aber zum Nachgeben drängte. Auf den Vorschlag des Waffenstillstands vom 18. Mai zog sich Wrangel aus Jütland zurück, die Dänen aber, den Waffenstillstand verläugnend, drangen in Schleswig vor. Zwar schlug sie Wrangel bei Hadersleben wiederum zurück, aber die Zukunft der Herzogthümer lag bereits nicht mehr in der Entscheidung der Waffen, sondern in den Noten der Diplomaten, und England, Rußland und Oesterreich, besorgt, Preußen an der Nordsee zu sehen, erzwangen den Waffenstillstand von Malmoe vom 26. August, der auf sieben Monate die Feindseligkeiten ruhen lassen und eine gemeinschaftliche Regierung einsetzen sollte.

Dieser Waffenstillstand war ohne die Genehmigung des Reichsverwesers und der Frankfurter Versammlung geschlossen worden, und in deren Mitte brach nun der Sturm los. Die Versammlung beschloß am 5. September, auf den Bericht Dahlmanns, die Ausführung des Waffenstillstands zu sistiren. Das bisherige Reichsministerium gab seine Entlassung, Dahlmann brachte kein neues zu Stande - die Gährung und die Gefahr wuchs, man hätte mit Preußen, ja mit halb Europa den Kampf aufnehmen müssen, und dennoch schürten die Republikaner ohne Unterlaß den Brand, indem sie die Gelegenheit zu einem Ausbruch für günstig hielten.

Der Ausschuß beharrte mit 12 gegen 10 Stimmen auf Verwerfung des Waffenstillstands - am 16. September kam er zur Debatte in der Paulskirche, aber nach wüthendem Streit siegte die Vernunft, und der Suspensionsantrag der Kommission wurde mit 258 gegen 237 Stimmen verworfen und ein ausgleichender Antrag angenommen.

Schon die Verhandlung hatte alle Leidenschaften geweckt und die Frage des Waffenstillstands völlig mit dem Gegensatz der Parteien vermischt. Die Verwerfenden waren mit der demokratischen und revolutionairen, die Genehmigenden mit der vermittelnden, constitutionellen und conservativen Partei identisch geworden. Eine Menge revolutionairer Elemente aus allen Gegenden

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Deutschlands und Emissaire der Londoner Propaganda, Franzosen Polen und Italiener, aus dem damals durch eine eigenthümliche Vorliebe des Hofes mit italienischen Abenteurern überschwemmten Baden, waren in Frankfurt zusammengeströmt. Die Abstimmung vom 16. September gab die längst gesuchte Veranlassung zum offenen Ausbruch. Schon am Abend erfolgten in den Straßen unruhige Auftritte - am nächsten Tag, einem Sonntag, war die berüchtigte Versammlung auf der Pfingstweide, wo Zitz, Schlöffel, Wesendonk die Massen anhetzten. In der Nacht ließ das Reichsministerium Truppen von Mainz kommen, um das Parlament zu schützen, denn schon am Tage vorher waren die exaltirten Haufen in Gebäude und Versammlungsorte mit Gewalt eingebrochen, um die ihnen von den Führern bezeichneten conservativen Mitglieder des Parlaments aufzusuchen und zu ermorden. -


Es war Montag, den 18. September, um die Mittagsstunde, als die National-Versammlung in der Paulskirche ihre achtzigste Sitzung hielt. Die Versammlung auf der Pfingstweide hatte die Majorität der Abgeordneten für >Verräther am Vaterlande, an der Ehre und Freiheit Deutschlands< erklärt, und von Simon aus Trier, Schlöffel, Wesendonk, Zitz und Metternich war offen der Barrikadenkampf proclamirt worden. Die Turner von Hanau, Haufen aus Offenbach, Wiesbaden, Mainz und von den benachbarten Fabrikorten, die sich zu der Versammlung auf der Pfingstweide eingefunden, waren zurückbehalten und auf den nächsten Mittag vertröstet worden - die Namen Hekscher, Lichnowski, Vincke und des alten Turnvaters Jahn wurden offen als Opfer für den Mordstahl der neuen Republikaner bezeichnet!

Die Parole der Linken lautete: um Mittag vor der Paulskirche! Der Preußenhaß wurde auf den Straßen und in den Clubs bis zum Wahnsinn geschürt; schon am Morgen wurden von den Emissairen der revolutionären Propaganda die Linien der zu erbauenden Barrikaden auf der Zeile, der Dönges- und Allerheiligen-Gasse, der Fahr- und Schnur-Gasse abgesteckt. Kaum daß während der Nacht ein Detaschement des kurhessischen Militairs

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und der Bürgerwehr die Tumultuanten vor dem, von den Bewohnern vertheidigten >Englischen Hof< vertrieb.

Ein Bataillon Oesterreicher und ein Bataillon vom achtunddreißigsten preußischen Infanterie-Regiment waren von Mainz im Lauf der Nacht eingetroffen und standen zur Seite der Paulskirche, am Liebfrauenberg bis zur Hauptwache hin aufgestellt - der Generalmarsch alarmirte die Bürgerwehr, der die Bewachung der Kirche anvertraut werden sollte, aber nur Wenige erschienen.

Der Platz um die Kirche war Kopf an Kopf gefüllt - selbst die Führer vermochten nur mit Mühe sich durch die tobenden Rotten zu drängen, die mit Beilen, Stangen und Hämmern gegen die Eingangspforte der Kirche donnerten. Stöcke, Dolche, Pistolen, Flinten, Piken und Hakenstangen bildeten die Bewaffnung der Emeute; bereits waren mehrere Waffenläden erbrochen und geplündert worden, die jüdischen Trödler aus der Judengasse hatten andere Haufen mit Waffen versehen; die Turner führten sämmtlich Stutzbüchsen und volle Bewaffnung.

Der Tumult, das Geschrei und Toben wuchsen mit jedem Moment. Das preußische Militair wurde gedrängt, gestoßen, man versuchte, selbst den Soldaten die Gewehre zu entreißen, und es blieb endlich Nichts übrig, als nach unendlicher Langmuth die Frechsten bei dem Eindringen in die Kirche mit dem Bayonnet zurückzutreiben. Zwei der Aufrührer wurden verwundet und das Gebrüll der Haufen gegen die Preußen schwoll zur Sturmfluth bei dem Anblick des Bluts.

Auf den Stufen vor dem Portal des alten Römers, von einem Vorsprung der Mauer gedeckt, stand eine breite kräftige Gestalt, ein Mann in einer Blouse, das markige Gesicht von einem breiten rothblonden Bart umgeben, über die Stirn einen Heckerhut mit rother Kokarde und rother Feder gedrückt. Er hatte einen kurzen Stutzen am Riemen über die Schulter hängen und beobachtete von seinem erhöhten Standpunkt das Wogen und Drängen der Menge. Neben und unter ihm hielt sich eine Anzahl ähnlich gekleideter Manner, meist jüngere, scharf geprägte, enragirte Physiognomieen, deren Teint, Sprache und Bewegungen aber bewiesen, daß die meisten von ihnen nicht zum Arbeiterstand gehörten.

Der Mann im Heckerhut wandte sich jetzt zu einem der

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Nächststehenden. »Zum Teufel!« sagte er unwillig, »es dauert lange, ehe wir eine Botschaft erhalten. Ich sehe, die Hanauer werden ungeduldig, und wir werden auf unsere Hand losschlagen müssen. Hast Du die Fahne bereit?«

»Sie liegt bereits bei der Hauptbarrikade an der Zeile.«

»Wohl. Zitz versprach' mir, alle Viertelstunden Nachricht zu senden, und nun stehen wir hier seit einer halben Stunde zwischen den preußischen Canaillen und den österreichischen Schlafmützen, ohne zu wissen, woran wir sind. Siehst Du dort den preußischen Capitain?«

»Der mit seinen Leuten spricht?«

»Denselben. Ich sah, wie er vorhin den Schergen der Tyrannei winkte, von dem Bayonnet Gebrauch zu machen, und der tückische Pommer dem Arbeiter das Eisen in den Schenkel stieß, daß es sich krumm bog. Zeige ihn einem der besten Schützen und laß ihn im Auge halten an den Barrikaden.«

»Sein Blei ist gegossen, verlaß Dich d'rauf, Metternich.«2

»Der verfluchte reactionaire Name erinnert mich in jeder Minute, daß er gereinigt werden muß!«

»O, ich wollte ihn schon ertragen,« sagte lachend der Andre, »wenn ich dafür den Keller im Johannisberg mit in Kauf bekäme.«

»Ich kenne einen bessern Trank!«

Das verlebte hagere Gesicht mit den funkelnden Augen sah lüstern zu ihm auf. -

»Welchen denn?«

»Das Blut der Tyrannen und ihrer Söldner! Ich wollte, wir hätten den Hamburger Judenbuben und den frechen Aristokraten Lichnowski erst in unsrer Gewalt, um ihr Blut zu trinken!«

»Puh! es riecht besser, aber es schmeckt nicht so gut. Es ist gerade, wie mit den Weibern der Aristokraten, nur daß diese zugleich besser riechen und besser schmecken.« Er unterbrach den widrigen Cynismus, um nach einem jungen Mann im Studentenrock

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zu zeigen, der wohlbewaffnet an den Stufen stand und mit anderen Mitgliedern dieser improvisirten Adjutantur des äußern Lenkers des Tumultes sprach. »Was hältst Du von dem Berliner?«

»Ich trau' ihm nicht - er ist ein halber, der rechte Geist ist bei ihm noch nicht zum Durchbruch gekommen. Der Kerl trägt noch die schwarz-roth-goldene Kokarde statt unsers Zeichens und führt auch sonst Redensarten, die mir nicht gefallen. Aber ich muß ihn schonen - der alte Schlöffel hat mir ihn zugewiesen, er ist ein Freund seines Sohnes und hat uns gute Winke beim Barrikadenbau gegeben.«

»Bah! mit Männern, wie die Polen, brauchen wir den Berliner Windbeutel nicht. Ich bin kein Soldat, aber ich sehe, daß der Plan der Barrikaden vortrefflich ist, wenn es noch gelingt, den Roßmarkt abzusperren und die Verbindung mit dem Bahnhof abzuschneiden. Gieb ihm einen Auftrag, wo er unter Aufsicht und hier nicht hinderlich ist.«

Der Rothe nickte - seine Augen beobachteten fortwährend über die wogende, tobende Menge hin das dunkle, winklige Gebäude der großen Kirche und die verschiedenen Seitenausgänge.

»Still - dort kommt die Botschaft. Suche zu ihm zu dringen und bring' ihn hierher!«

Der Angeredete gab zwei in der Nähe befindlichen robusten Feuerarbeitern aus den Hanauer Fabriken ein Zeichen und drängte mit ihrer Hilfe durch die Menge.

Nach wenigen Minuten kehrten sie zurück, einen Mann mit erhitztem Gesicht und den Spuren großer Aufregung in ihrer Mitte. Der Fremde, der aus der Paulskirche kam, reichte dem Blousenmann die Hand, der ihm die Stufen hinunter entgegentrat und ihn unter den Winkel des Vorsprungs zog.

»Wie ist's? wie steht die Verhandlung?«

»Die Rechten behalten die Oberhand - man hat unsre Erklärung und den Antrag mit Hohn verworfen - Lichnowski nannte sie einen Narrenstreich und Gagern mit seiner perfiden Gewandtheit fand sogleich einen Uebergang zur Verhandlung über die Grundrechte.«

Der Bote war ein Mann von mittlerer Statur, etwa im

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Anfang der vierziger Jahre, mit einer Anlage zur Korpulenz. Sein Haar war kraus und lockig, das Gesicht breit und unschön und die Nase aufgestülpt. Eine gewisse unruhige Beweglichkeit zeigte sich in seinem ganzen Wesen und seine blauen Augen überflogen den Platz, während sein Gefährte vor Ingrimm die Hände ballte und mit den Zähnen knirschte.

»Ist es Ihnen gelungen, das österreichische Militair mißtrauisch gegen die Preußen zu machen und diese zu reizen?«

»Es kostet mich bereits zwei meiner besten Leute, die sie auf ihre Bayonnette spießten! Aber diese Prügelknechte sind noch hölzerner, als ihr Corporalstock, und unser Fraternisiren war für Nichts. Doch zum Henker mit dem Geschwätz - was ist beschlossen, was soll geschehen?«

»Zitz läßt Ihnen sagen, in zehn Minuten das Feuer zu beginnen, denn er hat erfahren, daß Artillerie von Darmstadt beordert ist. Ehe sie ankommt, müssen Sie Herr der Stadt sein. Gelingt der Schlag, so wird morgen in Mannheim, Heilbronn, Stuttgart und Cassel die Schilderhebung folgen, Struve lauert auf unsre Nachricht, um bei Lörrach einzufallen, und diese Duodez-Tyrannen werden überall genug zu thun haben, des über sie hereinbrechenden Gerichts sich zu erwehren. Geben Sie den beiden Franzosen das Signal, sobald Sie sehen, daß ich wieder eingetreten bin. Zitz will mit Gewalt auf den Barrikaden kämpfen - wir Anderen werden zurückbleiben, um, wenn es ja schlimmer geht, als wir denken, das Herausziehen der Truppen aus der Stadt von Schmerling und dem Reichsverweser zu erzwingen.«

Er reichte ihm die Hand, wandte sich aber nochmals zurück.

»Senden Sie sichere Leute vor die Thore, um die Zuzüge sogleich in Empfang zu nehmen, und machen Sie den Versuch, ob Sie sich nicht der Familie des Erzherzogs draußen auf der Villa am Bockenheimer Thore bemächtigen können. Es würde eine ganz gute Geißel abgeben. Der Reichsverweser selbst hat es vielleicht gemacht, wie Hekscher, und sich unter die Wälle von Mainz in Sicherheit gebracht - ich habe wenigstens noch nicht gehört, daß er in der Stadt ist. Auf Wiedersehn heute Abend, wenn das Militair herausgeschlagen ist.«

»Adieu, Bürger Blum!« -

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Es war kaum eine Viertelstunde vergangen, während deren die zehn Männer, welche um den Leiter in der Blouse versammelt waren, mit verschiedenen Aufträgen nach allen Seiten davon drängten, als von der Rathhaustreppe her ein schneidender Pfiff gellte und gleich darauf von der Barrikade an der Schnur-Straße die ersten Schüsse fielen. Zugleich wurde auf der Hauptbarrikade in der Dönges-Gasse eine große rothe Fahne aufgesteckt.

Die Trommeln wirbelten, das Kommando der Offiziere ertönte zwischen dem Knattern des Gewehrfeuers in den Straßen, und das Militair räumte zunächst auf den Befehl des Generals Negrelli den Paulsplatz.

Unterdeß hatte sich ein Theil der wackeren Weißbüsche von der Bürgerwehr eingefunden, eben so die Kavallerie derselben, und dieser wurde die Bewachung der Paulskirche anvertraut, aus der die preußischen Truppen die Mitglieder bis zum Roßmarkt geleiteten. Die Oesterreicher begannen den Angriff vom Liebfrauenberg her gegen die Dönges-Gasse und nahmen im ersten Anlauf die noch nicht vollendete Barrikade am Türkenhaupt, während die Preußen ihre Vedetten auf der Zeile entlang vorschickten.

Es war ein Uhr, als der Kampf begann. Von den Barrikaden und aus den Fenstern verschiedener Häuser ergoß sich ein Hagel von Kugeln und gehacktem Blei gegen die langsam und mit großer Ruhe und Mäßigung vorrückenden Truppen, aber die Schüsse waren schlecht gezielt, in Hast gethan, und der Verlust der Aufständischen an allen Punkten weit größer, als der des Militairs.

Selbst einzelne Mitglieder des Parlaments befanden sich auf beiden Seiten unter den Kämpfenden. Den Dr. Newall aus Wien, einen exaltirten Preußenfeind, sah man aus einem Fenster der Zeile die Freischärler durch Winke und Zurufe ermuntern, Major von Deetz und Rittmeister von Boddien, die Vertreter von Wittenberg und Pleß, beide in Civil, befanden sich mitten unter den preußischen Truppen im stärksten Kugelregen und halfen leiten und ordnen.

Es war Nachmittags um vier Uhr, als - obschon die Zahl der Aufständischen mehrere Tausend betrug und die Truppen keine Artillerie hatten - das Vordringen und die errungenen

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Vortheile doch immer bemerklicher wurden. Schon seit einer Stunde belagerte daher eine Deputation der äußersten Linken die beiden Reichsminister von Schmerling und General von Peucker, um einen Befehl zum Zurückziehen der Truppen aus der Stadt zu erlangen, ja zu erzwingen. Beide Männer blieben jedoch fest und ließen sich weder durch die hochtrabenden Reden, noch durch die Drohungen der Exaltirten, zu denen unter Anderen Reichard, Scharre, Gritzner &c. gehörten, beirren, sondern erklärten, daß die Truppen nur zurückgezogen werden würden, wenn die Gegner versprächen, die Barrikaden abzutragen.

Dann, als sie sahen, daß sie ihren Zweck nicht erreichen konnten, und es nur galt, Zeit zu gewinnen, verlangte man einen Waffenstillstand von einer Stunde, um unterdeß den Reichsverweser zu bestürmen, und General Peucker willigte ein.

Mit dieser Nachricht stürzten die Mitglieder der Deputation auf die Straßen. Sie hatten sich verpflichtet, das Feuer auf den Barrikaden zum Schweigen zu bringen und mit den Aufrührern zu unterhandeln. Rittmeister von Boddien schloß sich ihnen im Auftrage des Ministers an, um die Bedingungen des Waffenstillstandes festzustellen.

Die Deputation - es waren ihrer etwa vierzig Personen - wandte sich nach der Zeile, als ein Reiter, unbekümmert um das fortdauernde Feuer, über den Platz daher kam.

Derselbe ritt ein kräftiges Pferd. Er war ein Mann von etwa vierunddreißig Jahren, von schlanker, aristokratisch eleganter Gestalt und markirtem, kühnem Ausdruck des etwas blassen, angegriffenen Gesichts, das ein schmaler, spitzgedrehter Schnurrbart hob. Er betrachtete mit der ihm eigenen Neigung des kleinen Kopfes durch das Lorgnon die Damen, die am Arm ihrer Männer jetzt neugierig auf dem vor dem Feuer geschützten Theil des Platzes umhergingen. Der Reiter hielt an, als er der Deputation begegnete, und Abgeordnete und Offiziere traten zu ihm, während die Mitglieder der Linken finstere, gehassige Blicke auf ihn warfen.

»Wo wollen Sie hin, Durchlaucht?« fragte der Rittmeister von Boddien. »Wollen Sie uns und diese Herren vielleicht als Kavallerie nach den Barrikaden begleiten?«

Der Fürst - der Reiter war der abenteuerliche, ritterliche

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und so unglückliche Fürst Felix Lichnowski - lachte. »Die Kugeln und ich sind zwar alte Bekannte,« sagte er heiter - »indeß ich bin nicht in gleicher Weise gefeyt gegen irgend einen Messerstoß, und Sie wissen, die Pfingstweide hat mich mit dem alten Jahn proscribirt. A propos - ist es wahr, daß man ein Attentat gegen ihn begangen?«

»Ich höre eben, daß wirklich diesen Morgen von einer Rotte seine Wohnung durchsucht wurde. Die Turner selbst wollten dem Alten an's Leben, weil er dem Gesindel so derb die Wahrheit sagt. Er ist ihnen jedoch entkommen und gut verborgen, bis die Ruhe wieder hergestellt ist. Heckscher hatte nicht die Courage, zu bleiben, und lief ihnen gerade in die Hände. In Höchst erwischten sie ihn, aber es gelang der Sicherheitswache, ihn zu befreien. Er kam glücklich nach Mainz. Aber wo wollen Sie hin?«

»Nach dem Eschenheimer Thor und einen Ritt um die Promenade machen, um Ihnen bei Zeiten zu melden, ob das Volk dort neue Verstärkung von Hanau oder Offenbach erhält.« Er beugte sich nieder und fuhr leiser fort: »Zunächst zum Erzherzog - er muß noch auf der Villa sein und wir müssen ihn vorbereiten auf den Sturm dieser Herren da, die bei ihm den Rückzug der Truppen leichter zu erreichen denken.«

»Um Gotteswillen, Durchlaucht - treiben Sie die Unvorsichtigkeit nicht so weit. Sie sind zu bekannt - diese Menschen sind zu Allem fähig und es könnte Ihnen leicht ein Unglück begegnen. Denken Sie an Barcelona!«

Der ehemalige Carlist lachte spöttisch. »Ich sage Ihnen, Herr Kamerad, die Andalusier sind andere Bursche, als jene Offenbacher Weber und Steinklopfer. Ohne Sorge. - J'ai une bonne bête!« Er klopfte den schlanken Hals seines englischen Pferdes.

»Noch Eines, Durchlaucht - ich war eben auf der Post. Es liegen Briefe für Sie da.«

»Bon - ich werde vorbeireiten! Doch nun Adieu! - Des heiligen römischen Reiches Kanarienvogel dort wird ungeduldig und die Zeit vergeht!« Er gab dem Pferde die Sporen, wandte sich aber noch einmal um. »Au nom de Dieu, ne retirez pas le[s] troupes!«

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Es waren die letzten Worte, welche die Freunde von ihm hörten. Der Reiter sprengte davon und wandte sich nach der Eschenheimer Gasse.

Zugleich mit ihm verschwanden zwei der Abgeordneten eilig in den Gassen, die zum Holzgraben führen. Wer sie verfolgt hätte, würde gesehen haben, wie sie an der nächsten Ecke eifrig mit Männern sprachen, die dem Arbeiterstand anzugehören schienen, und diese sich in der Richtung der Barrikaden entfernten. -

Der Rittmeister steckte seine Cigarre an und reichte die brennende dem Mitgliede, welches der Fürst mit dem Spottnamen des Reichskanarienvogels bezeichnet hatte.

Es war der Lehrer Rösler aus Oels in Schlesien, ein eifriges Mitglied der linken Fraction vom >deutschen Hof< und durch seine Tracht von gelbem Nanking bei Freunden und Gegnern zu dem komischen Namen gekommen. Herr von Boddien - die Erde deckt leider bereits auch sein wackeres preußisches Herz! - der in der Paulskirche, nur geistreicher und witziger, das Talent übte, was gegenwärtig der Herzog von Ratibor im preußischen Herrenhaus mit Eifer betreibt, hat ihn in seiner prächtigen, sehr selten gewordenen Sammlung der Reichstagscarricaturen verewigt.

»Ist es nun gefällig, meine Herren - aber ich bitte, geniren Sie sich nicht, wenn Sie mit den Kugeln nicht so vertraut sein sollten, wie mit den Schützen!« Er zog sein weißes Taschentuch, nahm es wehend in die Hand und ging vorwärts, begleitet von dem Major von Deetz, dessen strengen Royalismus einige Jahre später die moderne Liberalität von einer Seite, woher er es sicher am wenigsten vermuthet hätte, ziemlich schnöde lohnte. Der Abgeordnete Rösler und etwa zwanzig Mitglieder folgten, Alle mit den Tüchern wehend, während die Kämpfer auf den Barrikaden fortfuhren, ein scharfes Feuer zu unterhalten. Die Parlamentaire waren kaum noch fünfzig Schritt von der Hauptbarrikade entfernt, als der österreichische Offizier, der sie begleitete, eine Kugel durch den Schenkel erhielt.

»Zum Teufel mit den Schuften - sehen sie denn nicht, daß wir als Parlamentaire kommen? Bringen Sie den Lieutenant fort - aber zum Geier, wo sind denn unsere werthen Kollegen hingekommen?«

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Der Rittmeister brach in ein lautes Gelächter aus. In der That waren wirklich bis auf zwei oder drei die sämmtlichen Mitglieder der Deputation auf dem Wege zu den Barrikaden im unerwünschten Kugelregen der Ihren unsichtbar geworden.

»Nun, Herr Doctor,« sagte noch lachend der Offizier zu Röster, der allein an seiner Seite geblieben war, »geniren Sie sich nicht, wenn Sie unseren Kollegen folgen wollen. Blaue Bohnen sind eine ungesunde Kost, und man muß daran gewöhnt sein.«

Das Antlitz des Lehrers war mit dem dunklen Purpur der Scham über den Mangel an Courage übergossen, den seine Freunde bewiesen hatten. Dann nahm er die Cigarre aus dem Munde, die ausgegangen war, und sagte: »Wollen Sie mir Feuer geben, Herr von Boddien, ehe wir weiter gehen? Obschon Feuer genug hier ist, so reicht es doch nicht hin, um selbst nur eine Pfälzer dabei anzuzünden.«

Der Offizier reichte ihm freundlich die seine, indem er sich den spitzen Schnurrbart in dem hagern Gesicht strich. »Sie sind ein braver Mann, Herr Rösler, und ich bedaure nur, daß unsere Wege auseinander gehen.«

Der Abgeordnete verbeugte sich leicht. »Es freut mich, wenn Sie zugestehen, daß der Muth nicht blos Sache des zweifarbigen Tuches ist, sondern auch in einem Nankingrock wohnen kann. Doch nun lassen Sie uns vorwärts, ehe weiteres Unglück geschieht!«

Er schwenkte sein Tuch und schritt rasch der nächsten Barrikade zu, die er schnell erstieg. Indem er sich vor seine Begleiter drängte, riß er entschlossen die wehende rothe Fahne herab, obschon zehn, zwanzig Flintenmündungen sich auf seine Brust richteten und funkelnde Augen, exaltirte Gesichter, drohend erhobene Fäuste ihn umdrängten!

Es gehörte alle Kaltblütigkeit der beiden Offiziere dazu, welche die drei zurückgebliebenen Mitglieder der Linken begleitet, um dem Sturm dieses wilden Fanatismus zu begegnen und eine Art von Verhandlung einzuleiten. Diese Menschen, meist Arbeiter, Turner und Fremde, waren so fanatisirt, daß sie den Parlamentairen die Bayonnette, Messer und Säbel auf die Brust

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setzten, und auf die Frage, was sie eigentlich mit dem Kampfe bezweckten, was sie wollten, antworteten sie nur mit Geschrei und Verwünschungen. Endlich setzte man es durch, daß eine Botschaft zu den Führern und Leitern des Aufstandes geschickt wurde, die sich auf den weiter zurückliegenden Barrikaden postirt hatten; aber die Forderungen dieser Männer, sicher im Schutz der Entfernung, umgeben von einer Menge, die der blinde politische Haß in's Feuer trieb, waren so unsinnig und anmaßend, daß eine Verständigung nicht möglich war. Ueber eine Stunde wurde hin und her parlamentirt, und schon sah man ungeduldig General Negrelli vor den Linien der Preußen mit seinem Stab sich zeigen, als von den zurückliegenden Barrikaden sich ein grimmiges Triumphgeschrei erhob und von Ort zu Ort unter den Freischärlern fortsetzte, das ihren blinden Trotz auf's Neue zu entflammen schien.

Rösler von Oels kam hastig nach dem Ort, wo die beiden preußischen Offiziere standen. Sein Gesicht war etwas bleich, der Ausdruck befangen, erregt. »Lassen Sie uns zurückkehren - es ist Alles vergeblich,« sagte er hastig - »Schlimmes ist geschehen und die Volkspartei ist entschlossen, auf den Barrikaden zu kämpfen, bis alles Militair aus der Stadt gezogen ist.«

Rittmeister von Boddien faßte seinen Arm. »Was ist geschehen - was bedeutet jenes Geschrei?«

»Ich weiß es nicht - ich glaube, ein Unheil!«

»Reden Sie, Herr!«

»Man sagt, Fürst Lichnowski sei gefallen!«

»Sagen Sie, ermordet!« zischte der Offizier mit blitzenden Augen. »Sie wissen so gut wie ich, daß er unbewaffnet war, aber ... «

»Still, um Gotteswillen, oder Sie sind verloren!« Der Reichskanarienvogel zog halb mit Gewalt die Offiziere mit sich fort. Unter dem Hohngeschrei und den wüsten Drohungen der Barrikadenkämpfer gingen sie die Straße zurück. Ihre Geberden ließen schon von fern die harrenden Freunde erkennen, daß alles Zureden vergebens gewesen, und die Trommel rief bereits wieder die Krieger zum Sammeln.

Noch ein Mal warf sich der Abgeordnete Voigt dazwischen

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und beschwor die kommandirenden Offiziere, ihm noch zehn Minuten - es war bereits sechs Uhr geworden - zu bewilligen, um die Unsinnigen von ihrem Vorhaben zurückzubringen, und eilte nach den Barrikaden. Man rief ihm nach: »Die doppelte Zeit!« obschon jetzt das Gerücht von dem Mord sich zu verbreiten begann und die Erbitterung des Militairs und aller Freunde der Ordnung steigerte.

Vergeblich! - Voigt kam zurück - alle Mühe war umsonst gewesen - schon knallten die ersten Schüsse wieder von den Barrikaden und aus den Fenstern. -

Vor dem >Schwan< hielt eine Postchaise mit Koffern und Gepäck - zwei Damm hatten bereits ihren Platz im Innern eingenommen, eine ältere und eine jüngere, die letztere eine schlanke blonde Gestalt, den Ausdruck tiefer Melancholie neben der Besorgniß auf dem milden freundlichen Gesicht, die beide Damen offenbar peinigte, während der Postillon an seinen drei Pferden schon ungeduldig mit der Peitsche knallte, weil der Reisende, ein alter hagerer Herr von militairischer Haltung, die preußische Kokarde am Hut, den Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, noch mit einigen Offizieren sprach.

»Sie würden in der That besser thun, Herr Major,« sagte der Rittmeister von Boddien, wenn Sie die Pferde wieder ausspannen ließen und ruhig im >Schwan< blieben. Die requirirten Truppen müssen jeden Augenblick eintreffen, und binnen zwei Stunden wird dann die Ruhe hergestellt sein, während das Verlassen der Stadt in der That nicht ohne Gefahr sein dürfte. Sie haben gehört, was man fürchtet, und setzen sich mindestens Insulten aus!«

»Nein, Herr,« sagte der alte Mann entschlossen, »wir können nicht bleiben. Dieser Anblick der Rebellen schneidet mir durch's Herz und erinnert mich an meinen Sohn, den die Kugeln eben solcher Nichtswürdigen trafen! Meine Frau und meine Tochter würden sich bei dem Kampf zu Tode ängstigen. Hätten wir eine Ahnung davon gehabt, so wären wir in Soden noch einen Tag geblieben. Ueberdies weiß man nicht, was unter solchen Verhältnissen in der Heimath passtren kann, und wir haben dort einen Sohn zu begrüßen!«

»Ich habe einen Brief diesen Nachmittag von Berlin bekommen,«

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sagte einer der Offiziere; »der Jubel beim Einzug der zurückkehrenden Truppen aus Schleswig in Potsdam ist unbeschreiblich gewesen. Die ganze Stimmung der Bevölkerung scheint sich verändert zu haben - der König hat General Wrangel umarmt und ihn zum Oberbefehlshaber der Marken ernannt, das Volk ihn im Jubel zum Einsiedler zurückbegleitet!«

»Dann ist noch Hoffnung - der General wenigstens ist nicht der Mann, sich von den Berlinern auf der Nase spielen zu lassen! Wohin das constitutionelle Wesen führt, davon sehen Sie hier einen neuen Beweis. Und nun leben Sie wohl und machen Sie ein Soldatenende hier!«

Gleich als sollte sein Wunsch zur Stelle in Erfüllung gehen, kam, während der alte Herr zu den drängenden Damen in den Wagen stieg und der Postillon in den Sattel sprang, über den Roßmarkt ein Adjutant gesprengt und gleich hinter drein schmetterten die Trompeten der Hessen-Darmstädtischen Chevauxlegers, und die prächtige Truppe, die heranrasselnde Batterie bedeckend, kam in vollem Galopp, die Säbel hoch, daher gejagt und bog in die Zeile ein unter dem Hurrah der preußischen und österreichischen Infanterie, die zu beiden Seiten Platz machte, bereit, die räumende Arbeit der Granaten durch ein rasches Vordringen zu unterstützen. -


Es begann bereits dunkel zu werden, als der Wagen der Reisenden an den Außenpromenaden entlang der Hanauer Chaussee zurollte, um am andern Tage rechtzeitig die Eisenbahn zu erreichen. Die Umgebungen der Stadt waren verhältnißmäßig öde und leer, während von dieser her in Intervallen jetzt die dumpfen Donnerschläge der Geschütze herüber krachten. Nur an einzelnen Stellen begegneten sie flüchtenden oder neugierigen Gruppen, oder das wüste Toben eines Haufens fanatisirt umherziehenden Pöbels, in dessen Geschrei sich nutzloses Pistolenknallen mischte, erschreckte die Frauen und trieb den Postillon zu größerer Eile.

Der Wagen näherte sich bereits dem Friedberger Thor, als Plötzlich hinter ihm der Ruf ertönte: »Der Erzherzog! der Reichsverweser! haltet die Canaillenbrut an!« und ein wildes Laufen und Rennen hinter dem Wagen d'rein erscholl. Der Postillon schlug auf die Pferde, aber wie aus der Erde gewachsen kamen

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wilde bewaffnete Gestalten von allen Seiten zum Vorschein, fielen den Pferden in die Zügel, rissen den Postillon herunter und tobend und drohend den Schlag des Wagens auf, aus dem ihnen der Major die Reisepistolen entgegen streckte, während Frau und Tochter halb ohnmächtig vor Angst im Fond lagen und um Hilfe schrieen.

»Steigen Sie aus, Hoheit - ergeben Sie sich, und es soll Ihnen Nichts geschehen. Sie sind unsere Gefangenen, ich bürge für Ihre Sicherheit, aber reizen Sie diese Leute nicht unnöthig.«

Der Sprecher war ein junger Mann im Heckerhut und Studentenrock, der dabei, seine stürmischen wilden Begleiter abwehrend, dicht zum Wagen trat. Die linke Hand, die er auf den Schlag legte, blutete.

»Bleibt zurück, Schurken!« klang es fest und rauh ihm entgegen, »den Ersten, der Hand an uns legt, schieß' ich über den Haufen!«

»Schlagt ihn todt, den Hund! Nieder mit dem Fürstengesindel! Wir brauchen keinen Reichsverweser! Zu Boden mit ihm, wie mit den anderen Beiden!«

Fäuste langten drohend herüber - Stöcke, Flintenläufe -

»Um Gotteswillen - diese Stimme - haltet ein - «

»Es ist die eines ehrlichen Mannes! Zur Hölle mit Dir Schurke!«

Der Schuß blitzte - nur eine rasche Bewegung rettete den Mann, dem er galt, und ließ die Kugel blos sein Haar und den Rand seines Hutes zerreißen, während das Pulver in solcher Nähe sein Gesicht schwärzte und selbst die Brauen versengte.

Zwei Rufe - zwei Schreie des Schreckens, der bebenden Herzen - zwei Namen kreuzten sich bei dem Blitz des Pistolenschusses:

»Rudolph!«

»Rosamunde!«

Das Drohen des Haufeus wurde zum tobenden Rachegeschrei. Ehe sein Finger den Drücker der zweiten Pistole berühren konnte, wurde die Waffe dem alten Reisenden aus der Hand gerissen und die Kugel fuhr im Ringen in die Wagendecke. Zehn Hände streckten sich nach ihm aus und zerrten ihn rauh

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aus der Kalesche. »Auf die Kniee, Fürstenhund! Du mußt sterben!«

»Rudolph - bei unsrer Liebe - rette den Vater!«

Der ehemalige Student, den die Verstoßung des ehrenfesten frommen Vaters aus der Residenz des Heimathlandes verjagt und nach dem Westen getrieben hatte, wo sich all' die wilden, kaum halb verstandenen und verstehenden Elemente der revolutionären Agitation sammelten, warf sich vor den Veteranen.

»Rührt ihn nicht an! - gebt ihn los - die Personen haben Nichts mit uns zu thun - ich tödte Jeden, der sie zu beleidigen wagt!«

Er schwang am Lauf den Stutzen um den Kopf, der seine Waffe bildete.

»Was will der preußische Hund? Er ist ihr Helfershelfer! Zu Boden mit ihm!«

Der Student parirte den Schlag einer Stange, der von den Umdrängenden nach ihm geführt wurde. Aber von der andern Seite schlug ein Säbelhieb durch seinen Hut und das Blut rann über seine Stirn und blendete seine Augen, während er selbst in dieser Noth noch mit seinem Leibe das Leben des zu Boden geworfenen Gutsherrn vor den Schlägen der Wüthenden zu decken suchte.

»Seid Ihr rasend, Bursche?« zürnte eine Stimme. »Fort mit Euch - seht Ihr nicht, daß das unschuldige Leute sind? - die hessische Kavallerie sucht zwischen den Gärten! Macht, daß Ihr fort kommt!«

Man hörte in der That in der Ferne den Trab einer starken Kavallerie-Patrouille und das Klirren der Säbelscheiden. Im Nu war das Gesindel auf und davon - zerstoben zwischen den Häusern, den Zäunen und Hecken, wie es gekommen.

»Machen Sie sich davon, Herr Meißner,« flüsterte der Mann, dessen Dazwischenkunft ihn so rechtzeitig gerettet hatte. »Lassen Sie den alten Narren für sich selbst sorgen - in der Stadt soll es auch nicht zum Besten stehen mit den Unseren und ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen!«

Die Patrouille, von General Negrelli auf das Gerücht

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ausgesandt, daß die Villa des Reichsverwesers bedroht und zwei Mitglieder des Parlaments in den Anlagen ermordet oder verwundet worden, kam eilig näher - der fremde Helfer sprang davon. In der Gegend des Eschenheimer Thores fielen einige Schüsse, und dann hörte man die Reiter nach einer andern Richtung einbiegen und sich entfernen, ehe sie noch näher gekommen waren, vielleicht um die Flüchtigen zu verfolgen.

Frau und Tochter hatten dem alten Offizier empor geholfen, der mit Augen voll flammender Entrüstung dem Gesindel nachsah und sie dann auf den Studenten richtete, den der Ruf seiner Tochter ihn hatte erkennen lassen.

»So muß es enden mit Denen, die gegen ihren König die Waffen erheben konnten, daß sie die Genossen von Räubern und Mördern werden. Lassen Sie die Hand meiner Tochter los, Herr Meißner, und folgen Sie Ihren Freunden, oder ich behandle Sie, wie es Rebellen verdienen!«

»Vater,« bat das Mädchen, »er hat vielleicht Dein Leben gerettet!«

»Das stand in der Hand Gottes, nicht in der von Buben. Entfernen Sie sich, Herr! zum letzten Male ... «

»Nicht eher, bis ich Sie in Sicherheit weiß, Herr Major,« sagte entschlossen der junge Mann. »Gott ist mein Zeuge, daß dies Zusammentreffen ein zufälliges ist! Aber ich muß es benutzen, um Ihnen und einem Unglücklichen einen Dienst zu leisten!«

»Ich bedarf Ihrer Dienste nicht. Gehen Sie zu den Metzen und Rebellen, mit denen Sie verkehren!«

»Aber diese Damen bedürfen vielleicht meiner und - Fürst Lichnowski!«

»Was meinen Sie? - Der Unglückliche ist ermordet!«

»Leider - aber vielleicht athmet er noch - vielleicht ist er noch zu retten!«

»Herr - so waren Sie unter seinen Mördern?«

»Bei Gott im Himmel nicht! Sie beurtheilen mich falsch, Herr Major, ich kämpfe für die Freiheit des Volkes, aber ich verabscheue jede Schandthat. Ich kam zu spät, sie zu hindern, nachdem ich vergeblich versucht hatte, Beistand zu holen! Ich

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konnte nicht mehr thun - jetzt liegt der Unglückliche in dem Gartenhaus, in dessen Nähe das Schreckliche geschehen - noch ist vielleicht Rettung möglich - aber jeden Augenblick können die Mörder zurückkehren - Sie können ihn vielleicht retten, wenn Sie ihn in Ihrem Wagen fortbringen wollen!«

»Führen Sie mich hin - sogleich! - Bleibt hier zurück, Ihr seid Frauen - es wird Euch Nichts geschehen.«

»Einen Augenblick, Herr Major, bis ich diese Stirnwunde hier verbunden habe; das Blut hindert mich, zu sehen!«

»Um des Himmels willen, Rudolph - Du bist verwundet, und für uns!«

Der Major wandte sich ab und gab dem Postillon, der sich unterdeß wieder herbeigefunden hatte, seine Befehle, während die Hand der Edeldame das Blut von dem Gesicht des jungen Mannes trocknete und das zitternde Mädchen ihr Tuch um seine Wunde band.

Dann ging der Student voraus mit dem Gutsherrn, ohne daß Beide ein Wort wechselten - der Wagen mit den Damen folgte langsam.

Meißner führte sie die Friedberger Chaussee entlang; - viele Menschen, von dem fortdauernden Feuer in der Stadt und dem umherziehenden Gesindel erschreckt, kamen ihnen entgegen, doch hielt man sie um so weniger auf, als das Aeußere des Studenten zeigte, daß er zur Volkspartei gehörte. Die Dunkelheit nahm rasch zu. Dann, nachdem man den Wagen im Schutz der Bewohner eines anliegenden Hauses hatte halten lassen, bog der Student in den Heckenweg ein, der zum Schmidt'schen Garten führte, und zeigte seinem Begleiter das Haus.

»Dort liegt der Fürst, Herr Major! Ich muß Ihnen überlassen, zu thun, was Sie für gut finden, aber schaffen Sie ihn fort, wenn er noch am Leben - bald, denn jeden Augenblick kann die Meute zurückkehren!«

»So kommen Sie!«

Der Student schauderte. »Ich darf Sie nicht weiter begleiten, Herr Major - mein Weg ist ein andrer! Aber sagen Sie wenigstens meinem Vater, daß sein Sohn, wenn auch ein Republikaner, doch kein Mörder ist! - Fürchten Sie Nichts -

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so lange bis Sie und die Ihren in Sicherheit, werde ich über Sie wachen, auch wenn Sie mich nicht sehen - aber eilen Sie!«

Der alte Militair nickte stolz mit dem Kopfe. »Mein und der Meinen Leben stehen in Gottes Hand, wenn wir unsre Pflicht erfüllen! Bitten Sie ihn, daß er den Funken des Bessern, der noch in Ihnen lebt, zu Ihrer eigenen Rettung vom Verderben wachsen lasse.«

Er öffnete die Thür des Hauses, aus dessen Innerm Schluchzen, Stimmen und leises Wimmern ihm entgegen klangen. -


Zwei Stunden vorher kamen vom Eschenheimer Thor her zwei Reiter, in der Absicht, bis in die Nähe der Chaussee nach Hanau vorzugehen, um zu sehen, ob von dort den Empörern in der Stadt etwa neue Zuzüge kämen. Es war der Fürst Felix Lichnowski und der preußische General-Major von Auerswald.

Der Fürst war durch sein unerschrockenes, herausforderndes Auftreten in der Paulskirche, seine elegante Persönlichkeit und den abenteuerlichen Ruf, der sich an sein bisheriges Leben knüpfte, eine in Frankfurt selbst dem Volk sehr bekannte Persönlichkeit und, wie bereits erwähnt, am Tage vorher auf der Pfingstweide vervehmt und dem Mörderdolche überantwortet worden.

Es war ihm dies nicht unbekannt, aber sein bis zur Tollkühnheit gehender Muth ließ ihn dieser Gefahr nicht die geringste Beachtung schenken.

Der General-Major von Auerswald, sein Gefährte bei diesem unglücklichen Ritt, war ein alter Soldat. Er schloß sich in Königsberg dem Jorkschen Corps an, kämpfte in den Schlachten von Großbeeren, Dennewitz und Leipzig. Nach einer langen militairischen Carrière im selben Jahre zum Brigade-Commandeur in Breslau ernannt, hatte ihm der Ruf einer gewissen Freimüthigkeit die Wahl in das Frankfurter Parlament verschafft, wo er mit Festigkeit die preußischen und monarchischen Interessen vertrat, ohne deshalb den Sinn für deutsche Einheit und die Rechte der Bürger aufzugeben. Von ihm rührte der Entwurf zu einem Gesetz über die deutsche Wehrverfassung her, der den Berathungen des Parlaments zu Grunde gelegt wurde.

Der General hatte sich nur durch den Fürsten, dem er in

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der Eschenheimer Gasse begegnet war, zu dem Ritt bereden lassen, der ihm auch aus dem Stall des Generals von Peucker ein Pferd verschaffte, während er das seine von dem österreichischen Abgeordneten Oberst von Mayern sich geliehen. Zuerst hatten sich die Reiter nach dem Bockenheimer Thor gewandt, waren aber bald zurückgekehrt, da sie hörten, daß in jener Gegend sich Haufen von Bewaffneten umhertrieben, um den Reichsverweser aufzuheben, und ritten nun auf der Promenaden-Chaussee entlang um die Stadt, in der Richtung nach dem Friedberger und Allerheiligem Thor zu, das auf die Straße nach Hanau führt.

Der Fürst, noch angegriffen von einem Unwohlsein in den letzten Tagen, ritt langsam und ohne die zahlreichen Gruppen zu beachten, an der Seite seines Begleiters, indem er die erhaltenen Briefe las und sorglos die Couverts fallen ließ.

Man bemerkte, daß diese Couverts durch Personen aus den Volksgruppen aufgehoben und gelesen wurden, daß der Name des Reiters in Folge dessen wiederholt genannt und hinter ihm her gedroht wurde.

Jene Couverts trugen die Stempel verschiedener Himmelsgegenden - der eine war der der englischen Post in Hamburg, der andre lautete aus Spanien, der Dritte: Berlin. Die beiden ersten Briefe zerriß der Fürst in kleine Stücke und ließ sie durch die Luft stiegen, indem er nachdenklich dem Spiel zusah, den dritten steckte er zu sich.

Die Reiter waren jetzt zum Friedberger Thore gekommen, aus welchem die Chaussee nach Bornheim, Friedberg und Cassel führt.

Vor dem Thor steht das Denkmal, das der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., den gefallenen tapferen Hessen errichten ließ. In der Nähe liegt auch die Bethmann'sche Villa mit der berühmten Ariadne - rechts hinaus die Pfingstweide. Zahlreiche Wege laufen von der aus Gärten und Landhäusern gebildeten Hauptstraße ab, zwischen die Gärten hinein, zu den Etablissements der zahlreichen Kunstgärtner.

Kurz vorher, bevor die Reiter am Thor anlangten, war ein Haufe von etwa hundertundfünfzig Bewaffneten aus Bockenheim, unter der Anführung des Schusters Daniel Georg, nachdem er

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das Bockenheimer Rathhaus geplündert hatte, über die Bornheimer Haide her nach dem Thor gezogen. Die Nachricht von dem Anmarsch einer Abtheilung Preußen hatte das Gesindel nach allen Seiten in die Flucht gejagt, das jetzt nach und nach am Thor und um das Denkmal sich wieder zusammen fand.

Solche Gruppen der Einheim-Bockenheimer Zuzügler, vermehrt durch zahlreiche Neugierige und Leute, die aus dem Innern der Stadt gekommen, fanden also die Reiter bereits am Friedberger Thor, von dem rechts die Chaussee nach dem Allerheiligen-Thor (Hanau) weiter läuft, während die Straße nach Friedberg gerade ausgeht und in einiger Entfernung durch einen vom Eschenheimer Thor her schief durch die Gärten laufenden Weg, die eiserne Hand, gekreuzt wird.

Auf die Anrede des Generals, der überhaupt nur ungern den Ritt mitgemacht und mit Besorgniß die von Minute zu Minute sich Mehrenden drohenden Zeichen in der Stimmung der Begegnenden bemerkt hatte, fuhr der Fürst aus seinen Träumen empor, lenkte sein Pferd gegen eine der Gruppen und fragte, ob hier preußisches Militair vorüber gekommen und wohin es sich gewendet habe.

Ein Knabe wies nach der Richtung des Allerheiligen-Thors, während die Männer schwiegen.

»Eh bien,« sagte der Fürst laut zu seinem Begleiter, »lassen Sie uns noch eine Strecke vorreiten, um zu sehen, ob die Burschen Zuzug erhalten!«

Sie gaben den Pferden die Sporen.

In dem Augenblick schrie eine gellende Frauenstimme - das Weib war die Frau eines Lithographen aus Bockenheim, Henriette Zobel, wegen Leichtsinns von ihrem ersten Manne geschieden, eine tägliche Besucherin der Paulskirche und auf der Pfingstweide zugegen:

»Das ist der Lichnowski! Die Spitzbuben - die Schufte! Das sind auch Preußen und Spione!«

In demselben Moment stürzten von dem Eschenheimer Thore die Leute, welche den Reitern gefolgt waren und die Brief-Couverts aufgenommen hatten, mit dem Rufe herbei: »Das ist der Lichnowski! wir haben ihn! nieder mit ihm!«

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Der Ruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer, schneller als der Galopp der Pferde, und überholte die Reiter, die vor einem ihnen entgegen kommenden Turnerhaufen die Rosse wandten und zurückjagten; am Thor und von der andern Seite her aber zahlreiche Gruppen mit Sensen, Flinten und Spießen bewaffnet, erblickend, wandten sie sich nach der Eschenheimer Chaussee und sprengten diese entlang, von Steinwürfen und Schüssen verfolgt.

Die Kugeln trafen nicht, aber ein Stein lähmte den rechten Arm des Generals.

Sie hatten die Biegung der Straße an der eisernen Hand erreicht, als sie auf der Bornheimer Haide Menschenhaufen bemerkten und dadurch sich verleiten ließen, wieder umzukehren.

Aus einem Hause rief eine Frau dem General zu, sich zu ihr zu flüchten - sie hielt ihn für den Reichsverweser, da in der That von den Verfolgern wohl nur Wenige oder Keiner den General kannten.

Man hörte im Vorübersprengen den Fürsten mit seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit sagen: »Wir sind da in einer frappanten Lage!« Er führte statt der Reitgerte einen Spazierstock bei sich, der eine dünne Degenklinge verbarg. Diese schwang er um sich, wie zum Schutz gegen die Steinwürfe und Kugeln, die ihn aufs Neue begrüßten, als sie in die Nähe des Denkmals kamen. Sein Gesicht war sehr bleich, die Augen aber glühten in Entrüstung über die unwürdige Hetze.

Die Gruppen am Denkmal hatten sich sehr vermehrt und eine förmliche Verfolgung der Flüchtigen war durch einen Fremden, der mit einer Droschke vom Eschenheimer Thor, in Begleitung eines Mannes im Studentenrock, hergekommen, organisirt. Vergeblich suchte der Letztere die Menge von einer Gewaltthat abzuhalten. An der Spitze der Tobenden stand der Schuster Daniel Georg, von dem Gesindel als >der Berliner< begrüßt, und schrie, von dem erwähnten Frauenzimmer unterstützt: »Die Verräther müssen todtgeschlagen werden!«

Ein Frankfurter Schneidergesell, Escherich, und ein Mitglied der Bockenheimer Schützengesellschaft, Peter Ludwig, waren unter den Lärmenden die Eifrigsten. Der Schuster war ein untersetzter

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Kerl von wüstem Aussehn, einer der berüchtigtsten Raisonneure und Wühler in der Umgebung der Stadt.

»Wo ist der Jude? Der dicke Hund fürchtet sich vor dem Schießen und ist nur dabei, wenn's zu schreien giebt! Vorwärts, Landsmann - hier kannst Du beweisen, daß wir noch tüchtige Kerle sind!«

Die Aufforderung war an einen Mann, noch ziemlich jung, aber von liederlichem, mürrischem Aussehn, mit Calabreserhut, einer Cigarre im Munde und die Hände in den Hosentaschen, gerichtet, der mit einem gewissen Wohlbehagen den Tumult umher zu genießen schien.

»Macht nur voran und nicht so viel Redens,« sagte der Kerl. »Laßt Unsereins sehen, was Ihr in Frankfurt könnt! Seht, da kommen sie wieder - Ihr seid blind wie die Maulwürfe und faul wie die Schnuecken.«

Er hatte nicht einmal die Hände aus den Hosentaschen gezogen. In der That kamen die beiden Reiter herangejagt, warfen aber bei dem Empfang durch Steine und Schüsse die Pferde herum und galoppirten auf demselben Weg zurück, jetzt verfolgt von der Menge gleich einer heulenden Meute, voran das schreiende, schimpfende Frauenzimmer, ihren Regenschirm schwingend.

Der junge Mann im Studentenrock wandte sich beschwörend zu seinem Gefährten. »O, lassen Sie uns ihnen nacheilen, Herr Rau, wenn es Ihnen Ernst ist, diese Männer blos als Geißeln für die Unseren gefangen zu nehmen. Es wird ein Unglück geschehen, wenn wir es nicht verhüten.«

Der Angeredete lachte höhnisch. »Was wäre es denn weiter, wenn ein Paar Spione auf den Kopf geschlagen würden? Bluten unsere Brüder nicht dort drinnen unter den Kugeln Ihrer Landsleute? Aber beruhigen Sie Ihr zartes Gewissen! Ich werde für die Herren sorgen

»So lassen Sie uns zusammen gehen!«

»Nein!« entschied der Andre kurz; »Sie wissen, die Ordre Germains lautet, daß wir verhindern sollen, daß der Erzherzog seine Familie nach Cassel schickt. Sie müssen hier bleiben! Vorwärts, Freunde, sonst kommen wir wahrhaftig zu spät!« Er

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eilte in der Richtung, welche die Flüchtigen und ihre Verfolger eingeschlagen, fort.

Der Mann im Studentenrock hielt Jenen zurück, den vorhin der exaltirte Schuster als Landsmann begrüßt hatte.

»Sie werden nicht gehen, Franz! Sie haben dort Nichts zu schaffen!«

»Ei was, Herr Meißner, halten Sie mich nicht auf! ich seh' solche Geschichten gar zu gern!«

»Aber bedenken Sie ... «

»Schwerenoth - was ist da zu bedenken? ich bin kein Esel, der unnöthig seine Pfoten in's Feuer stecken wird! Aber freuen sollt' mich's doch, wenn der Aristokrat, der Wasserpollak, 'was auf den Kopf kriegte. Er ist auch so ein Weiberschlecker und war oft genug mit meinem seligen Schwager zusammen! Bleiben Sie selber hübsch weg von der Geschichte, Herr Meißner, und lassen Sie mich nur gehen!«

Damit lief er gleichfalls dem Schuster nach. Rathlos schaute der junge Mann umher, denn er ahnte Schlimmes und hätte gern den Flüchtlingen Beistand geschafft. Aber die Männer, die auf die Anordnung seines Gefährten bei ihm zurückgeblieben waren, fanatisirte Turner, wilde, erhitzte Gestalten aus der Hefe des Volkes, schauten ihn ohnehin mißtrauisch an und drängten ihn fort auf die Straße nach dem Eschenheimer Thor. -

Der Fürst und der General sprengten in rasendem Galopp auf der Friedberger Chaussee dahin. »Courage! Courage! vorwärts!« das waren die einzigen Worte, die der Fürst sprach, der bald seinen Gefährten verlor, welcher in einen Gartenweg zur Rechten einbog.

Als der Fürst sich der Stelle näherte, wo der Weg der >eisernen Han [42]

Mehrere Schüsse fielen, und der Fürst, noch in der Hoffnung, durch die Hecken nicht gesehen worden zu sein, wandte sich gleichfalls in einen Gartenweg zur Rechten, der nach dem Hause des Kunstgärtners Schmidt führt, sprang an dessen Ende aus dem Sattel, riß mit den Händen die Planken des Zaunes nieder und führte sein Pferd in den Garten. Hier - durch die Fügung des Schicksals - begegnete ihm sein Unglücksgefährte, der von einer andern Seite dahin gelangt war.

Es ist kaum zu bezweifeln, daß, wenn die Reiter, anstatt die weitere Flucht aufzugeben, zu Pferde geblieben wären und durch das hintere Ausgangspförtchen die offene Bornheimer Haide zu erreichen gesucht hätten, sie sich wahrscheinlich gerettet haben würden. Aber selbst dem muthigsten Mann - und der Fürst, wie der General, hatten dem Tode oft genug kühn in's Auge gesehen - begegnet es, daß er in widrigen, gemeinen Lagen die ruhige Beurtheilung verliert, und der dem Donner der Schlachten getrotzt, vor einem Angriff des Pöbels zurückbebt, gegen den er keine Waffen hat.

In dem Garten fanden sie einen Arbeitsmann - sie übergaben ihm die Pferde und baten ihn, sie zu verstecken, da sie verfolgt würden. An der Thür des Hauses kam ihnen die Frau Schmidt und der Lehrer Schnepf entgegen; sie wiederholten ihre Bitte hastig, ohne ihre Namen zu nennen. Auerswald eilte in das Haus voran, während man sein Pferd im Kuhstall unterbrachte, das des Fürsten am Treibhaus anband.

Die Frau, ziemlich umsichtig und entschlossen, bat den General, seinen Hut und Rock abzulegen und einen Schlafrock des Lehrers anzuziehen, gleich als gehöre er zum Hause. Er that dies, aber er bestand zugleich darauf, sich auf dem Boden zu verstecken. Man mußte ihn dort einschließen, und die Jungfer Pfalz, die es that, warf den Schlüssel hinter das Sopha.

Dem Fürsten hatte der Lehrer Schnepf vorgeschlagen, rasch den Bart abzuschneiden, die Kleider eines Gärtnerburschen anzuziehen und in diesen mit einer Gießkanne fortzugehen. Aber er zögerte, verlangte ein Versteck im Keller, und schon hörte man den Ruf der Verfolger: »Wir haben die Parlamentshunde! Umstellt den Garten - laßt sie nicht heraus!«

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Jetzt schloß man ihn in einen seicht liegenden Keller, in den mittlern von drei finsteren Lattenverschlägen, wo der Fürst sich im Hintergründe auf ein Obstbrett warf, das zusammenbrechend ihn verbarg.

Nur ein Zipfel des Rockes ragte über das Brett hinaus.

Welcher kleine unbedeutende Zufall vernichtet oft das Leben eines Menschen, der glücklich den größten Gefahren entgangen!

Von allen Seiten drängte die organisirte Verfolgung heran - alle Ausgänge des Gartens waren besetzt - ein Haufe von zwanzig bis dreißig Menschen, an ihrer Spitze das rasende Weib und der Schuster, stürzte herein und drang in die Gebäude mit dem Ruf: »Wo sind die Schufte? Heraus mit den Hunden, den Volksveräthern! Rache, Rache wollen wir haben! Standrecht soll über sie gehalten werden!«3

Man durchsuchte das Glashaus, den Stall, das Haus selbst, und das Auffinden der Pferde wurde mit höllischem Jubel als Beweis begrüßt, daß die Gesuchten hier verborgen sein müßten.

Die Eingedrungenen bedrohten die Bewohner des Hauses, ihnen zu sagen, wo die Flüchtigen verborgen wären; sie durchsuchten das Haus, die Zimmer, und dabei fand Einer den Bodenschlüssel hinter dem Sopha und mit lautem Jubel rannte die Meute treppan und öffnete den Verschlag. Wenige Augenblicke darauf schleppten sie den General trotz der Bitten der Hausbewohner die Treppe herab.

Die Meisten hielten den Unglücklichen für den General von Radowitz. Unter dem Ruf: »Haben wir ihn, den Parlamentshund! den schlehten Kerl!« stießen sie ihn vorwärts, während er mit ergreifenden Worten sie bat, einem alten Mann nicht das Leben zu rauben, der fünf unerzogene Kinder habe, deren Mutter erst kürzlich gestorben, und der für die deutsche Freiheit gefochten, als die meisten von ihnen noch nicht geboren gewesen.

Was half eine solche Beschwörung bei der entfesselten Bestialität!

In dem Augenblick, wo man den General die Treppe herab,

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dicht am Versteck des Fürsten vorüber schleppte, erschien jener Leiter der Verfolgung, der Adjutant Germain Metternichs und der Linken der Paulskirche.

»Nicht hier, Männer - nicht hier! Ihr müßt ihn schonen - es ist nicht der Rechte! bringt ihn zum Garten hinaus - hier dürft Ihr kein Gericht halten über ihn!«

Das waren die Worte des zweideutigen Schutzes, den er dem Bedrohten zu Theil werden ließ.

Auf diese Ermahnung schleppte der Haufe den Gener durch den Garten. Der Schuster Daniel Georg ging hinter ihm, das tolle Weibstück warf mit Steinen und schlug mit dem Regenschirm nach ihm. Zweimal fiel dem Unglücklichen die Tour vom Kopf und enthüllte sein kahles, ehrwürdiges Haupt - er blutete bereits aus mehreren Verletzungen und bat wiederholt mit rührenden Worten, man möge seines greisen Alters schonen.

Aber die Meute dürstete nach Blut und mit jedem Moment stieg ihr feiger Fanatismus der Mordlust, während die Besseren sich drinnen auf den Barrikaden Mann gegen Mann schlugen.

Der General hatte, fortgeschleppt und gestoßen, kaum das Gartenpförtchen hinter sich und die kleine Brücke über den Graben überschritten, die zu der Pappel-Allee nach dem Bornheimer Felde führte, als der Agent Metternichs und Blums den Hirschfänger hob.

Ein Bockenheimer Turner stieß sogleich den alten Mann mit dem Kolben seines Gewehrs so heftig vor die Brust, daß er zusammenknickte unter dem Ruf: »Nieder mit dem Hund!«

Der General raffte sich empor und sprang oder fiel in den Graben. In demselben Augenblick legte der Bockenheimer Bürgerschütze Ludwig sein Gewehr an und schoß ihn von hinten durch den Leib.

Der General stürzte auf den Boden des Grabens.

Allsogleich schoß der Berliner - jener Schuster Daniel Georg - ihn durch den Kopf und das entmenschte Weib zerschmetterte seinen Hirnschädel mit einem Steinwurf und schlug an der zuckenden Leiche ihren Schirm entzwei. »Schlagt ihn todt, den Hund! er muß sterben!«

So starb Hans Adolph Erdmann von Auerswald, der

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älteste von den drei Brüdern, an deren Namen in der Jugend manche glorreiche - im Alter viele bittere Erinnerungen der preußischen Geschichte sich knüpfen! - daß wenigstens der Leiter der Mordscene ihn gekannt und gewußt, wer er war, dafür bürgt der Ruf: »Der Volksverräther! der Auerswald!«

Der Todte blieb im Graben liegen. Mit den Worten: »Einen Spitzbuben haben wir! jetzt soll der andre auch noch d'ran!« stürmten die Mörder zurück nach dem Hause, das überhaupt nicht von Suchenden leer geworden war. Neue Gestalten unter den Herbeistürmenden traten auf die Blutbühne; die zwei Pferde überzeugten sie, daß auch der Fürst hier verborgen sein müsse trotz der Betheuerungen der Hausbewohner, die sie mit dem Tode bedrohten, wenn sie den Versteckten nicht auslieferten.

Die braven Leute blieben bei ihrer Aussage. Jetzt durchsuchten die Mörder das Haus und die Gebäude, sie stachen mit den Säbeln in die Betten, mit den Piken in die Heizungskanäle des Treibhauses, und zwangen den Tagelöhner Heil, mit einer Laterne sie in den Keller zu begleiten und die Verschläge zu öffuen.

Dies Alles hörte der unglückliche Fürst in seinem Versteck mit an. Wir haben bereits erwähnt, daß er sich in dem mittelsten Verschlag befand, und der Gartenarbeiter, welcher die Verfolger führen mußte, hatte die Geistesgegenwart, nur den rechten und linken Verschlag zu öffnen und dadurch die Mörder zu täuschen - sie verließen, ohne ihr Opfer entdeckt zu haben, den Keller.

Von der Friedberger Chaussee herüber kam eine kurze dicke Gestalt gerannt, ein jüdisches Gesicht mit vollem Bart, den gelben Krückstock schwingend und heulend, und schreiend, als sei er besessen. Es war der frühere Judenschulmeister Saul Buchsweiler aus Rödelheim, einer der berüchtigtsten Wühler in allen Kneipen Frankfurts. Als er an die verstümmelte Leiche Auerswalds kam, sprang er wie ein Toller umher, warf den Stock in die Luft und schrie: »Du Hund, so mußte Dir's gehen! Nun ist Deutschland gerettet! nun ist die Freiheit gerettet!« Dann rannte er auf das Haus zu, wo er den Schuster umarmte und auf die Backen küßte.

Auf das Drängen des tollen Juden kehrte die Rotte zu

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nochmaligem Nachsuchen zurück - auf's Neue drangen drei der Verfolger in den Keller - jetzt ereilte durch einen unglücklichen Zufall den Fürsten sein Schicksal!

Schon waren beide Seitenverschläge wieder vergeblich untersucht, als ein Turner, ein Bursche von etwa sechszehn Jahren, die Thür des mittleren entdeckte. Ob schon der Gärtner sofort seine Laterne auslöschte, zwang man ihn, unter Todesdrohungen, sie wieder anzuzünden und eine Axt herbeizuholen. Mit dieser schlug man die Thür ein und leuchtete hinein.

Schon glaubten sie auch diesen Verschlag leer und wollten umkehren, als ein spöttisches Lachen hinter ihnen erklang.

»Ihr Narren! seht Ihr nicht den Rockzipfel da?«

Die verhängnißvollen Worte kamen aus dem Munde des Berliner Bummlers, den der Student vergeblich von der Theilnahme an dem Auftritt abzuhalten gesucht und der - die Hände in den Hosentaschen, ohne durch irgend eine Handlung selbst Theil zu nehmen - der Ermordung des Generals und der Nachsuchung beigewohnt hatte.

In der That ragte ein Zipfel des Rockes des Versteckten, an einem Nagel hängen geblieben, über die Bretter hervor, die ihn bisher verborgen.

Der wilde Jubelruf: »Wir haben ihn! wir haben den Parlamentshund!« erhob sich sogleich und verbreitete sich schnell durch das Haus und den Garten. Als der Fürst sich entdeckt sah, richtete er sich selbst empor und verließ den Verschlag.

Er war todtenbleich, aber gefaßt, und schauderte nur vor der Berührung dieser unsauberen wilden Gestalten zurück, mit denen der kleine Raum des Kellers sich bereits füllte. Er bat sie mit ergreifenden Worten, ihn nicht zu tödten, denn er wolle Alles für das Wohl des Volkes thun, was ihm möglich sei. Der wilde Schuster antwortete ihm: »Das hättest Du früher thun sollen, jetzt ist es zu spät! Du mußt sterben!« - So schleppten sie ihn die Treppe hinauf in den Garten.

Vergebens baten die Hausbewohner, den Fürsten zu schonen; ein Kerl mit einem Spieß schwang ihn vor der Frau Schmidt mit den Worten: »Wie wär' es, Madamchen, wenn ich nachher ein Stück von dem da, als Cotelett gebraten, auf meinem Spieß

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brächte! das ließe sich wohl köstlich schmecken!« - und der Haufe, der auf wohl sechszig Mann angewachsen war, zerrte den Fürsten durch den Garten fort, aus demselben Weg, den man vorhin den General geführt.

Dennoch schien bereits die Mordlust durch das erste Opfer gestillt - man berieth, was mit dem Gefangenen zu machen. Der oben erwähnte stille Leiter der Verfolgung, der in dem Fiaker zum Thor gekommen, hielt sich ruhig in der Menge und ließ den Juden und den tollen Schuster nebst einigen Anderen ihres Gelichters wirken.

Der Berliner, dessen scharfes Auge und Schadenfreude den Unglücklichen verrathen, schlenderte ruhig, die Hände in den Taschen, nebenher.

Der Fahnenträger des Einheimer Zuzugs, die Tricolore schwingend, voran, ging der Zug, in dessen Mitte der Fürst von rohen Fäusten fortgeschleppt und gestoßen wurde, durch den Garten, denselben Weg, den man vorhin den greisen General zum Tode geführt hatte. Der Jude tanzte und sprang umher und geberdete sich wie ein Verrückter, oder spie nach dem Fürsten und schlug nach ihm mit dem Stock. Mehrere Andere, darunter ein gewisser Rispel, schlugen und stießen ihn mit dem Kolben unter Schimpfreden.

Der Fürst war todtenbleich, das Blut rann ihm bereits aus mehreren Wunden über Hände und Gesicht; dennoch hielt er sich aufrecht, und während er jetzt - das Vergebliche aller Bitten einsehend - schwieg, suchten seine Augen umher, ob sie nirgends einen Retter und Helfer fänden.

Wenigstens ein Helfer, wenn auch kein Retter, erschien in der Person des herbeieilenden Dr. Hodges aus Fulda, in Bornheim wohnend, der sich durch die Menge zu dem Fürsten durchdrängte, gerade als man ihn durch das Gartenpsörtchen auf die Haide zerrte und nach dem Graben stieß. Der Fürst schauderte - dort vor ihm, wenige Schritte, in dem blutgetränkten Schlafrock, lag eine Leiche, und sein Auge erkannte in dem noch schreckenverzerrten Antlitz des zerschmetterten blutenden Hauptes die ehrwürdigen Züge des Mannes, den er zu seinem Unglück zu dem verhängnißvollen Ritt getrieben.

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Auf den Schlachtfeldern, auf dem Duellplatz, selbst auf den Berliner Barrikaden hatte der Fürst gewiß der Leichen viele gesehen, verstümmelter noch als die des Generals, und dennoch hatte vielleicht keine einen solchen Eindruck gemacht, als die hier zu seinen Füßen.

Er versuchte das eigene blutende Antlitz mit den Händen zu verhüllen, um dem Anblick zu entgehen, aber er wurde mit rohem Hohngelächter von seinen Henkern daran gehindert.

Der Schuster Georg zog ihn noch näher zum Rand des Grabens, zeigte auf den Leichnam und schrie: »So hat Dein Kamerad ein republikanisch' Nachtessen gekriegt, so sollst Du auch eins speisen!«

Der dicke Jude fuchtelte mit dem Stock durch die Luft - die Menge brüllte.

»Männer - bedenkt, was Ihr thut!« rief Dr. Hodges; »sucht Ihr da die Republik? Schämt Euch solcher Thaten!«

»Wer ist der Kerl? Was will der Reactionair?«

»Ich bin kein Reactionair! ich habe für die deutsche Freiheit gekämpft, als die meisten von Euch noch nicht geboren waren,« rief der Doctor. »Ich litt sechs Jahre für sie im Gefängniß und fünfzehn im Exil; ich habe ein Recht, zu sprechen, und will nicht, daß sie durch Mord Wehrloser besudelt werde!«

Das energische Auftreten des Doctors, den Viele persönlich kannten, verfehlte seinen Eindruck nicht; überdies war, wie wir bereits gesagt, die erste Mordlust gesättigt. Der Ruf: »Was sollen wir mit dem Aristokratenhund thun? Er ist unser Feind! er muß d'ran!« ließ sich dazwischen hören.

»Wenn Ihr meinem Rath folgen wollt,« mahnte der Dvcior, der sich immer näher zu dem Gefangenen durchzudrängen suchte, den der Hänfen jetzt in der kurzen Pappel-Allee fortzog, die von der Stelle, wo der General ermordet worden, in die Haide läuft - »so führt Ihr den Mann hier gefangen nach Hanau und bewacht ihn wohl. Er mag als Geißel zur Auslösung dienen für die Unseren, die drinnen in der Stadt den Soldaten in die Hände fallen.«

Der Jude Buchsweiler warf sich gleich einem Besessenen auf die Kniee. Er raufte sich den Bart, er focht mit den Händen

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durch die Luft. »Hört ihn nicht! hört ihn nicht, den Philister! Das Blut unserer Brüder fließt drinnen in den Straßen! Der Lichnowski muß sterben, der Volksverräther! Gebt mir ein Gewehr, daß ich ihn erschieße!« Der Schaum stand dem dicken Unhold vor dem Mund.

Die beiden Parteien zankten sich; - wer sie still beobachtet hatte, würde bemerkt haben, daß bezeichnende Winke und Blicke getauscht wurden. Der Zug war jetzt bis in die Witte der Allee gekommen und Viele drängten nach dem Fürsten - der Juden-schulmeister schlug mit seinem Eichenstock nach ihm - der Bockenheimer Schütz Ludwig stieß ihn mit dem Gewehrlauf - der Schütz Rispel schlug ihn mit dem Gewehrkolben -

Rasch wandte sich der Fürst um und griff nach dem Gewehr des Ludwig. Dieser sprang zurück und mit dem Ruf: »Nun, so nimm es!« schoß er ihn von hinten durch den Rücken.

Es war Derselbe, der den ersten Schuß auf Auerswald abgefeuert hatte.

Der Fürst stieß einen Schrei aus, streckte die Hand empor und sprang auf eine Pappel zu. Der Ruf: »Fort von ihm! Macht Platz!« ertönte, und der Schuster Daniel Georg schoß ihn durch die Hand.

Fünf, sechs Schüsse fielen nach ihm, während, theils um das Ziel desto besser frei zu lassen, theils voll Furcht und Schreckn, der Haufen auseinander rannte. Escherich, Zeh, Knöll, Melosch, Rispel,4 Turner und Mitglieder der Bockenheimer Gilde, waren die Schützen - man schoß wie nach einer Scheibe nach ihm, während der tolle Jude nach einem Gewehr schrie und in die Hände klatschte.

Beim dritten Schuß schon sank der Unglückliche zu Boden. Dann stürzte die Meute über ihn mit Stöcken, Sicheln und Messern, und brachte ihm eine Menge Wunden bei - die eine ein Schuß durch das Gesicht, - aber sorgfältig darauf bedacht, daß keine dieser Wunden absolut tödtlich wurde, denn der Jude und der Schuster schrieen fortwährend: »Er soll leben bleiben, damit er auch was büßen mag!«

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Der rechte Arm des Unglücklichen war völlig zerfleischt, die Finger waren zerschnitten, die Ellenbogenröhre mit schweren Schlägen zersplittert - er hatte drei Wunden am Kopf und war von fünf Schüssen getroffen!

Dennoch lebte er noch und bat, man möge ihn tödten, um seinem Leiden ein Ende zu machen. Die Antworten der Mörder und ihrer Genossen charakterisirten die Rohheit ihrer Herzen und die fanatische Erbitterung ihrer Gemüther:

»Der Volksverräther verreckt gut!«

»Wir wollen menschlich sein und dem Hunde den Kopf abreißen!«

»Du sollst leben bleiben, daß Du auch was büßen mußt!«

Ein junger Mensch, der neugierig herbeigekommen, ein Handlungsdiener, Carl Hoch, war der Einzige, der mitleidig und muthig genug war, dem Leidenden beizustehen; er knieete neben ihm nieder und nahm seinen Kopf in den Schooß. Ein dankbarer Blick des Fürsten belohnte ihn - die Lippen des Unglücklichen bewegten sich, es war, als wolle er eine Bitte flüstern; der Handlungsdiener beugte sein Ohr zu ihm nieder -

»Den Bri - «

Doch die Mörder stürzten herbei und bedrohten ihn mit Säbeln und Flinten, nachdem sie auf gleiche Weise schon den Dr. Hodges vertrieben hatten.

Der junge Mensch entfloh, um sein Leben zu retten, und hinter ihm d'rein erscholl Gelächter und Spott.

Allmählich verloren sich die Mörder - die wenigen Zuschauer der That eilten davon, um nicht als Zeugen betroffen zu werden. - Jene zogen gen Bockenheim, auf der Haide sich der blutigen That rühmend.

Der Fürst lag blutend am Boden - nur zwei oder drei Personen blieben in seiner Nähe zurück, ohne doch zu wagen, ihm zu helfen. Unter diesen Personen war der Berliner Vagabond, der liederliche Tagedieb, der von der Schande seiner Schwester gelebt und sie um ihr Alles befohlen hatte in jener traurigen Nacht des 19. März!

Er hatte keine Hand gerührt, kein Wort gesprochen bei dem schrecklichen Vorgang, weder für noch gegen. Jetzt lehnte er

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müßig, wie bisher, an einem der Pappelbäume; die Ursach', die ihn zurückhielt, war, nach dem scharfen vorsichtigen Blick, den er darauf warf, vielleicht die goldene Uhrkette, die an der Weste des Verstümmelten bei den krampfhaften Zuckungen des Körpers hervorblitzte. Noch waren ihm überflüssige Augen in der Nähe - es war gut für ihn, daß er gewartet, denn jetzt kamen zwei der Mörder zurück, der Jude Buchsweiler und der Schneidergesell Escherich, um, wie sie geprahlt, ihrem Opfer >den Rest zu geben<. Bei ihrer Annäherung entflohen die wenigen Umstehenden - nur der Berliner blieb zurück.

Der Judenschulmeister geberdete sich wieder wie toll und hetzte seinen Begleiter, der eine Flinte trug, den Fürsten,« den er athmen und sich bewegen sah, vollends zu tödten: »Auf den Hund! gieb ihm den Rest! Das ist der Lohn, daß Du Spanien verrathen hast!«

Als der Schneider zögerte und sich von der Greuelthat abwandte, hob der Jude seinen schweren Stock, um ihn auf den Kopf des Leidenden herabzuschmettern, als ein kräftiger Fußtritt ihn auf einen unnennbaren Theil seines Körpers traf und weithin auf den Boden schleuderte.

»Verdammte Judencanaille!« sagte der Berliner, der sich so plötzlich eingemischt, ohne auch nur die Hände aus den Taschen zu nehmen, »willst Du den Mann hier ruhig sterben lassen? Pack' Dich zum Teufel, oder ich trete Dir den dicken Wanst ein!«

Wüthend raffte der Schulmeister sich empor und wollte auf seinen Feind losstürzen. »Schlagt ihn todt! Schieß' ihn todt, Bruder! es ist sicher auch so ein Preußenhund! Er hat mich gestoßen, er muß gemacht werden kapores!«

Der Bummler lachte, indem er die Cigarre wegwarf und mit der Hand in die Brusttasche seines schlechten Rockes fuhr. »Versteht sich, bin ich auch ein Preuße, und ein besserer Republikaner, wie Deine ganze Sippschaft von Christenschindern! Fahr' ab, Jude, oder ich paff' Dir das da in Dein Galgengesicht!« Er schlug ein Terzerol auf ihn an; der Jude wich erschrocken zurück und ließ sich schimpfend und zeternd von dem Schneider mit fortziehen, den der Ort nicht mehr geheuer dünkte.

Der sterbende Aristokrat und der liederliche verkommene

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Arbeiter blieben allein - die Dämmerung begann sich über die Gärten und das Feld zu senken.

Die Augen des Unglücklichen schienen allein noch lebendig, unverletzt an ihm; sie wandten sich mit einem Blick des Dankes, des Vertrauens, der Bitte an den Vagabonden, der jetzt näher zu ihm trat und sich über ihn beugte, als wolle er ihn aus der Pfütze von Blut heben, die rings um den Körper den Boden feuchtete.

»Sind Sie wirklich ein Preuße?« sagte der Verwundete mit Anstrengung.

»Schwerenoth - ein richtiges Berliner Kind, und ich kenne Sie wohl, Durchlaucht, habe Sie oft genug geseh'n! Es ging mich Nichts an, daß die Republikaner Sie todtschlugen, denn Sie gehören auch zur Camarillis! aber mißhandeln soll Sie doch so ein schäbiger Frankfurter Jude nicht. Wenn ich Ihnen einen Gefallen thun kann, so sagen Sie's frei heraus!«

»Den Brief - nehmen Sie den Brief in meiner Brusttasche! vernichten Sie ihn - meine Hand ist verstümmelt, ich kann mich nicht rühren! Schwören Sie mir ... «

Der Schmerz bei dem gewaltsamen Versuch, sich zu bewegen überwältigte ihn und verursachte ihm eine kurze Ohnmacht; als er wieder zu sich kam, war er ganz allein - jener Mann verschwunden - mit ihm die Uhr - wahrscheinlich auch der Brief.

Der Unglückliche starrte hinauf in den Himmel, an dem die Abendröthe stammte in goldgesäumten purpurnen Wolken, und er fühlte, daß er zum letzten Mal den prächtigen Glanz auf dieser Erde schaute, die für ihn ein Tummelplatz der Freuden, des Stolzes und der Leidenschaften gewesen war.

Dort von Osten her kam die Nacht - und auch für ihn kam eine Nacht - die ewige Nacht des Grabes - und vielleicht zum ersten Male dachte der leichtsinnige abenteuerliche Geist, der verwöhnte Sohn des Glücks und der irdischen Ehren, demüthig an die Sonne, die aufgehen soll nach der Nacht -

Aus seinen zuckenden Adern strömte der warme Quell des Lebens, das purpurne Blut, und des Lebens, der Vergangenheit glänzende Gestalten flogen im fiebernden Spiel an seiner Seele vorüber.

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Die dunklen Augen des blassen, blutenden Gesichts des Mannes, dessen Lebenskraft rang gegen den kalten, unerbittlichen Feind, das einzige Unwunde an dem verstümmelten Körper - sie flogen nach Süden - sie flogen nach Norden -

Dort hinüber lag das sonnige Spanien - da drüben der wogenumrauschte Fels: Helgoland!

Kalt drang es herauf an sein Herz - und keine warme Frauenhand drückte die seine in der bangen Stunde, kein Kindesauge füllten die Thränen - allein - allein! losgerissen von Allem, allein auf blutiger Erde - zerrissen vom Volk, ein Opfer blutiger Vehme für die Töchter des Volkes -

Zwei Schatten - zwei Frauengestalten, ein Knabe an die -eine, ein süßes Mädchen an die andre geschmiegt - dort auf dem letzten Goldgrund der Wolken treten sie hervor - trauernd, weinend, vergebend! -

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Träume aus Süd und Nord!

[Im Süden.]

Wo sich die Abhänge der Sierra de Aralar zum Golf von San Sebastian im Biscayischen Meer senken, an der Straße von Vittoria nach Tolosa, unfern von Villafranca, dehnt sich ein liebliches Thal, am Eingang von dem freundlichen Städtchen Azcoitia, am Ende von der Stadt Aspeitia geschlossen. Schroffe Felsen umgeben es von beiden Seiten, dunkle Marmormassen, an deren Fuß das üppige Laub der Kastanie, das dunkle Grün der Cypresse sich in lebendigen Kuppeln und Säulen hebt, und der wuchernde Epheu das prächtige schwarze Gestein mit den goldglänzenden Adern umspannt. Die Heerstraße zur Küste durchzieht das Thal in seiner ganzen Länge, von lieblichen Gärten und grünen Matten begrenzt, und der Frühling ruft tausend duftige Blumen aus Beeten und Büschen.

Die Bewohner des Thales gelten für den schönsten Menschenschlag der drei Provinzen des alten Baskenlandes - die Männer große, kräftige, stattliche Gestalten, abgehärtet von Sonne und Schnee, von der Jagd des Bärs und des Wolfes in den cantabrischen Sierren, dem Kampf mit der See, dem Schmieden des Eisens ihrer Berge und dem gefährlichen Handwerk des Schmugglers; - die Frauen schöne Figuren mit schlanken Taillen, kleinen Füßen und regelmäßigen Zügen unter der schwarzen Mantille, aus deren Schutz kokett das dunkle feurige Auge, von langen Wimpern beschattet, hervorblitzt.

An den Hügelabhängen liegen zerstreut die Solares, die vereinzelten Höfe, die der baskische Bauer erbaut und auf denen er

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lebt ein freier Mann in seinem Eigenthum und dennoch der treueste Sohn, der kühnste und ritterlichste Kämpfer des angestammten Königthums. Von den Bergspitzen und den Felsenhöhen schauen trotzig die Sasas solas - die halb zerfallenen Burgen und viereckigen Thürme der zahlreichen alten Adelsgeschlechter des Landes, jener berühmten Partisane der Legitimität.

Denn aus diesen Thälern, von diesen Bergeshöhen gingen die mächtigen Kämpfer der Freiheit hervor, jener Freiheit, die den Mann ehrt und seine Rechte vertheidigt, nicht in zügelloser Gier nach fremdem Recht, sondern im Gefühl des eigenen starken Besitzes; jener Freiheit, die den stolzen Nacken nicht beugt dem fremden Joch, aber willig ihr Blut und Leben giebt für das Vaterland und den angestammten Fürsten.

Aus diesen Bergen gingen die Kämpfer hervor, die den fränkischen Kaiser und seine Cohorten in jahrelangem Kampf ermüdeten und über die Pyrenäen zurücktrieben; in diesen Bergen hatte vor kaum vier Jahren Tomas Zumala-Carréguy, der Sohn des Landes, die Fahne für das Prinzip der Legitimität erhoben und Don Carlos zum König von Spanien ausgerufen.

In der Mitte dieses Thales erhebt sich ein mächtiges Gebäude, von dem letzten spanischen König aus dem Hause Habsburg, Carl VI., begonnen, mit seinen prächtigen Marmortreppen, seinen Gängen und Sälen, seinen Säulen und Arkaden, nur halb vollendet, und dennoch ein Bau, an dessen Anblick man bewundernd und mit Ehrfurcht hängt.

Eine mächtige geheimnißvolle Deutung liegt in dieser Nichtvollendung - es ist ein Werk, zu dem jedes Jahrzehend neue Steine, neue Räume fügen soll - die Mahnung zum Weiterbau, der nie enden wird, und dennoch immer mächtiger wächst und die Jahrhunderte beherrscht.

Denn das gigantische prächtige Gebäude wölbt sich in kühnen Bogen und gewaltigen Quadern über einem ärmlichen Häuschen aus Backstein und Holz, es schützend vor den Stürmen der Sierren und dem Zahne der Zeit.

Aus dieser kleinen und engen Zelle aber wurde durch Jahrhunderte die alte und neue Welt beherrscht; diese Zelle ließ die mächtigsten Throne Europa's erbeben und unter dem Hauch, der

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aus ihr hervorging, sich beugen - und noch wirkt ihre Macht und leitet im Geheimen die Geschicke der Länder.

Das prächtige Marmorgebäude ist das Kloster des heiligen Ignatius - in dem niedern Hause, das es umschließt, wurde im Jahre 1491 Inigo-Lopez de Pecalde - Ignaz von Loyola, der Stifter des Jesuitenordens, geboren! -

Das Thal von Aspeitia, sonst der Sitz der Ruhe und des Friedens, bot am 23. März des Jahres 1837 ein buntes kriegerisches Bild. Der Infant Don Sebastian hatte am Tage vorher sein Hauptquartier von Durango nach Azcoitia verlegt und die carlistischen Truppen lagerten in der Stadt, dem Thal und dem Kloster, und wurden stündlich durch neu herbeiziehende vermehrt.

Am 14. März waren die drei Corps der christlichen Armee von verschiedenen Seiten gegen das Herz der carlistischen Stellung losgebrochen, um mit einem Schlage den Feldzug des Jahres schon im Beginn zu beenden: General Evans mit der englischen Hilfslegion aus den Wällen von San Sebastian gegen Ernani und Tolosa, Espartero von Bilbao gegen Durango, und Sarsfield mit der navarresischen Armee gegen die mobile Colonne des Infanten Sebastian. Aber der junge Prinz zeigte sich zum ersten Male hier als geborener Feldherr. Er warf seine ganze Kraft dem englischen Parteigänger entgegen und diesen bis hinter Pampelona zurück, ließ eine geringe Macht unter Garcia und Zaratingui zu seiner Beobachtung zurück und kam unvermuthet dem König am 15ten zu Hilfe, der sich des überlegenen Feindes nicht zu erwehren vermochte und bereits die wichtige Position von Ernani verloren gab.

Am 16. März stürzte sich der Infant mit der mobilen Colonne auf die Engländer und griff mit den Bataillonen von Guipuzcoa und Aragon die wüthend vertheidigte Schanze von Oriamendi an. Ein blutiger Kampf erfolgte; der bereits geworfenen Brigade Chichester eilte ein Bataillon britischer Marine zu Hilfe und stellte den Kampf wieder her. Auf demselben Boden, auf dem vierundzwanzig Jahre vorher die Engländer für den legitimen Herrscher Spaniens gefochten und seine Erde mit französischem Blut getränkt hatten, kämpfte Palmerstons Krämer-Politik jetzt gegen den rechtmäßigen Erben der Krone, während

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der Schachergeist des Inselvolkes beide Parteien mit Waffen versah.

Drei Mal stürmte der tapfere Villareal, der junge Gefährte Zumala-Carréguy's, und um fünf Uhr blieb die Schanze und mit ihr der Sieg in den Händen der Carlisten. Der von Evans befohlene Rückzug wurde zur wilden Flucht, es war kein disciplinirtes Heer mehr, sondern eine fessellose Bande, und im tollen Jagen wurden die hochmüthigen Rothröcke bis an die befestigten Linien von San Sebastian getrieben. Nur dadurch, daß die englischen Kriegsschiffe all', ihre Truppen schnell an's Land setzten, wurde die britische Legion vor gänzlicher Vernichtung gerettet und die Einnahme von San Sebastian verhindert.

Am 20sten war der Infant gegen Espartero gerückt, hatte ihn auf dem Rückzug von Durango erreicht und auf den Höhen von Galdacano geschlagen. Der neue Graf von Luchana5 mußte die Garnison von Bilbao ausrücken lassen, um seinen Rückzug zu decken, und die Carlisten jagten ihn bis unter die Kanonen der Festung.

Das waren die Siege und die Anstrengungen, von denen die tapferen Bataillone jetzt im sonnigen Thal von Azcoitia sich erholten.

Die Soldaten und Bewohner waren in bunten Gruppen durcheinander gemischt. Hier lagerte vor dem Eingang eines Solaro ein Haufe der Elite-Compagnieen mit den grautuchenen Oberröcken und den rothes Beinkleidern, die baskische Boina6 mit der langen Troddel über dem Ohr, von dem Baner in der Nationaltracht mit der rothen Jacke, der braunen Leibbinde und den Alpargatas oder Sandalen freigebig aus dem Schlauch von Ziegenfell bedient, der den dunklen Wein aus Navarra enthielt. Ein rauher Seemann, dem Sonne und Sturm des Oceans das braune Gesicht unter dem blonden Haar, das an die vasconische Abstammung erinnert, noch stärker gebräunt, saß am Kalkofen, der vor jedem Hause steht, mit dem langbärtigen Sappeur, und tauschte die Abenteuer der Antillen mit denen des

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Sturmes auf die Höhen von Galdácano. Die Milizen von Alava und Navarra - die berühmten Chapelcuris mit den weißen Boinas - lagen im Grase, ihr einfaches Mahl, Brot und Zwiebel, kauend, und dort drüben unter dem uralten Kastanienbaum tanzten beim Klang der Pfeife und der baskischen Trommel die Lanzenreiter in ihren braunen und grünen Jacken mit den dunkeläugigen Mädchen, deren bunte Kopftücher und lange Zöpfe in den kecken Bewegungen flogen. Zwischen dem bunten Kreis, der sich um die Novillada mit den beiden Kampfhähnen gebildet, leuchteten die rothen Mäntel der Trompeter und die bunten Uniformen und Kleidungsstücke der zahlreichen Deserteure von den englischen, portugiesischen und französischen Freicorps der Christinos.

Aber auch ernstere Seiten - das blutige Nachspiel des Todes auf dem Schlachtfeld - bot die bunte Scene des lachenden Thals.

Wie in dem Unabhängigkeitskriege wurde der Kampf zwischen den beiden Parteien, den Christinos und Carlisten, den Constitutionellen und Legitimisten, mit Erbitterung und wilder Grausamkeit geführt.

Das furchtbare Decret von Durango, das von seinen Gegnern erzwungene Hilfsmittel des Königs gegen den Abschaum der Abenteurerbanden aller Länder, welche die perfide Politik von St. James und der Tuilerien auf die Halbinsel schickte, warf seinen schwarzen Schatten auf diese Spiele und diese Lust.

Für jene Freischaaren, welche die sogenannte Quadrupel-Alliance7 zum Siege des Constitutionalismus über Don Carlos und die Legitimisten auf spanischen Boden sandte, gab es nach dem Decret von Durango keinen Pardon; die Fremdlinge, die mit den Waffen in der Hand gefangen genommen waren, wurden erschossen! -


Von Azcoitia her kamen drei Reiter, zwei Offiziere der carlistischen Armee in dem blauen Rock mit den Lilien der Bourbons auf den Knöpfen, den krapprothen schwarzgestreiften Beinkleidern und der Boina, von denen der eine die Obersten-Epauletten

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trug, während der dritte ein Civilist von feingeschnittenem geistreichem Gesicht war, das in seinen Grundzügen den slavischen Typus nicht verläugnen konnte. Der Oberst war ein Mann von mittleren Jahren, ein Italiener von Geburt, und sein Teint zeigte eine auffallend dunkle Farbe, was mit der scharf gebogenen Nase, den schmalen Augenbrauen und dem glänzend schwarzen Haar selbst auf orientalischen Ursprung schließen ließ.

Der jüngere Offizier - er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre zählen - war von schlanker, aristokratisch feiner Figur. Zu dem etwas blassen Gesicht und den dunklen blitzenden Augen paßte der schwarze Schnurrbart und das lockige Haar, und eine kecke, fast übermüthige Sorglosigkeit und Unruhe machte sich in seinem ganzen Wesen bemerklich. Die Unterhaltung der drei Cavaliere, denen zwei Reitknechte folgten, wurde in französischer Sprache geführt, wechselte aber zuweilen auch mit dem Spanischen, das der jüngere Offizier mit fremdem, hartem Accent sprach.

»Der Name Ihrer Familie, lieber Graf,« sagte derselbe indem er, die Zügel auf dem Nacken seines Pferdes, sich bemühte, kunstgerecht eine spanische Cigarette zu drehen - »muß in Italien auch unter den bürgerlichen Familien verbreitet sein. Ich erinnere mich, daß meine Wechsel auf Florenz, als ich es im vorigen Jahre besuchte, auf einen Kaufmann am ponte vecchio lauteten, der denselben Namen führte, Mortara - «

Eine scharfe Röthe überflog das Gesicht des Obersten, während der Civilist, der neben dem Fragenden ritt, mit dem Fuß ihn leise und wie abmahnend berührte. »Es ist, wie Sie sagen, mein Prinz - der Name Mortara wird in Ober-Italien von mehreren Familien geführt, indeß giebt es nur eine Linie der Grafen Mortara.«

»Ich weiß nicht,« fuhr sorglos der Offizier fort, der mit dem Titel Prinz angeredet worden, »aber die Familie interessirte mich, da der junge Banquier mich zu seiner Hochzeit, die er gerade beging, einlud, und es das erste Mal war, daß ich den Ceremonieen einer jüdischen Trauung beiwohnte. Es mag durch die schärferen Physiognomieen der Südländer überhaupt kommen, daß bei ihnen die Aehnlichkeiten häufiger sind, als bei uns in Deutschland; aber in der That, ich fand von Anfang an in

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Ihrem Gesicht etwas Bekanntes, Gesehenes, und erinnerte mich durch den gleichen Namen unwillkürlich an jenen jungen jüdischen Bräutigam ... «

Diesmal war das Zeichen, das sein Begleiter zur Linken ihm gab, unmöglich mißzuverstehen. Zu gleicher Zeit wandte sich der Oberst heftig zu ihm und maß ihn mit finsterm Blick.

»Beabsichtigen Sie mich zu beleidigen, Prinz?«

»Ich begreife in der That nicht - ich wüßte nicht, wie ich dazu kommen sollte, Monsieur le Comte ... «

»Ich dächte doch,« fuhr der Oberst streng fort, »es wäre bekannt genug im Hauptquartier Seiner Majestät, daß die Grafen Mortara, die es durch eigenes Verdienst geworden sind, das Unglück haben, von einer jüdischen Familie abzustammen, und daß einzelne Zweige dieser Familie noch eigensinnig bei ihrem Glauben beharren.«

»Offenbar hatte Don Felicio keine Ahnung davon,« sagte vermittelnd der Civilist, »und gewiß nicht die Absicht, Sie an eine Verwandtschaft zu erinnern, deren wir armen Christenmenschen heut zu Tage uns gewiß nicht zu schämen brauchen, denn sie wächst uns alle Stunden mehr über den Kopf, und Herr von Rothschild ist der erste Baron der Welt. Hat doch der heilige Vater selber einen Herzog aus seinem Kammerjuden gemacht. Bah, mon ami - für das Anrecht auf eine tüchtige Erbschaft möchte mein eigener Papa der selige Abraham gewesen sein, das sollte mich herzlich wenig geniren.«

»Herr de Neuillat hat Recht,« sagte der junge Offizier, indem er seinem ältern Gefährten die Hand reichte - »ich wußte den Henker von dieser Abstammung, die am Ende nicht weniger ehrenwerth ist, als die unsre vom Hause Granson in Burgund, und Ihrem Verdienst und Ihrer Liebenswürdigkeit keinen Abbruch thut. Aber sehen Sie, ich glaube gar, die ehrwürdigen Väter Jesuiten wollen uns mit einer Prozession empfangen, nach dem Zug zu schließen, der dort aus dem Thor kommt!«

Er wollte das Pferd autreiben, als Herr von Neuillat ihm die Hand auf den Zügel legte. »Lassen Sie uns warten, bis jener Zug entfernt ist - der Anblick ist eben kein angenehmer und würde uns den Morgen verbittern.«

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»Was ist es denn?«

»Eine Füsillade en gros!« sagte gleichgiltig der Oberst. »Eine Bande Argelinos,8 die erschossen werden soll.« Und warum sollen die Leute erschossen werden?« Das Decret von Durango verurtheilt sie zum Tode - es sind ihrer über zweihundert beim Sturm auf Oriamendi gefangen worden - der größte Theil wurde auf dem Schlachtfelde niedergemacht und der Nest kommt jetzt daran!«

»Aber das ist unmenschlich!«

»Das mag sein - es ist viel über die Maßregel hin und her gestritten worden, und unser Freund hier selbst hat sehr philanthropische Vorstellungen gemacht; aber es ist das einzige Mittel, den Abschaum aller Länder abzuhalten, über Spanien herzufallen, und die Regierungen von Paris und London zu verhindern, die Truppen Seiner Majestät als Bagno-Aufseher anzusehen. Wir wissen so schon nicht, was wir mit den Ueberläufern der Legionen anfangen sollen, viel weniger mit den Gefangenen, die Espartero sich hüten wird auszulösen.«

Der jüngere Offizier dachte einige Augenblicke nach, dann sagte er entschlossen: »Lassen Sie uns hinüber reiten - ich fühle, ich muß mich hier an das Schreckliche gewöhnen. Wir können das Kloster von San Ignacio ein ander Mal besuchen.«

Sie wandten die Pferde nach der Richtung, die der Zug aus dem Thor des Klosters, das zur Verwahrung der Gefangenen diente, genommen, und folgten ihm langsam.

Der Führer des Zuges nahm seine Richtung gegen einen Hügel, auf dem eine der Sasas solas, der alten Burgen des baskischen Adels, über Korkeichen und mächtige Kastanienbäume, welche den Fuß umgaben, hinausschaute. Es war ein halb verfallener viereckiger Thurm mit einem Vorhof. Der Zug selbst bestand aus einer halben Compagnie baskischer Infanterie von

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den Bataillonen von Guipuzcoa, unter der Anführung eines Capitains, die einen Trupp von zweiunddreißig Gefangenen begleitete. Eine Anzahl Lanziers zu Pferde umgab mit den Infanteristen die Verurtheilten, um jeden Versuch der Flucht zu hindern.

Die Gefangenen waren bis aufs Hemd und die Beinkleider entblößt, und es war bekannt, daß sie von den Siegern, die zum Theil ihre Kleider unter den grauen Röcken trugen, nach dem Gefecht auch jenes Kleidungsstückes beraubt worden waren. Als sie jedoch durch Tolosa transportirt wurden, hielt das Ayuntamiento einen solchen Anfzug zu indecent für die Blicke der schönen Damen, und ließ durch die Alguazile von den Einwohnern, die für heimliche Christinos galten (Christinos pacificos) - Beinkleider für sämmtliche Gefangene herbeischaffen.

Die Schaar, die hier so gleichgiltig dem Tode entgegen geführt wurde, bestand aus wilden verwegenen Gesellen, deren Leben wohl seit Jahren ein steter Kampf mit dem Gesetz und dem Tode gewesen war. Aus welchen Ländern der alten und neuen Welt, aus welchen Kämpfen um Republiken und Kronen, um Gold und Lüste mochten sie nach einem Leben wilder Abenteuer hier zusammengewürfelt sein, um unter dem Schatten jenes Thurmes die Ruhe zu finden, die Allen wird!

Mehrere Patres in ihren dunklen Gewändern schritten in der Mitte der Verurtheilten, unbekümmert um die Hohnreden, die von den Frechsten ihnen zu Theil wurden; an der Spitze der Colonne, neben dem kommandirenden Offizier, ging ein Mann in Civil-Kleidung, in einen spanischen Mantel gehüllt, den breiten Rand des Hutes tief über das Gesicht geschlagen.

Die Verurtheilten kannten ihr Schicksal, und auf den narbigen, sonnverbrannten, mit den Spuren der Ausschweifung und der Leidenschaft gezeichneten Gesichtern prägte sich der furchtbare Augenblick in den verschiedensten Nuancen aus. Der Bursche aus der Hefe von Paris, der unter der Fahne der Fremden-Legion im Kampf gegen die Kabylen Schutz vor dem drei Mal verdienten Bagno gesucht hatte, ging dem Tode frech und über die Geistlichen spottend entgegen, als flanire er auf den Trottoirs der Vorstadt St. Antoine; der Portugiese mit dem scheuen Mörderblick, der

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zehn Mal seine Eide für Dom Pedro und Dom Miguel gewechselt wankte heulend und stöhnend daher und küßte alle Augenblicke das Crucifix, das der Pater in den gefalteten Händen trug; ein brauner Egypter, der unter Mehemed Aly gedient, schritt gleichgiltig neben dem Albanesen her, der in Corfu, Constantinopel und Malta gedient, bis ihn der unbändige Geist seiner Nation nach Algier getrieben hatte; ein rothköpfiger Irländer pfiff munter sein Nationallied und unterstützte mitleidig, so weit es ihm die gebundenen Hände erlaubten, den blassen jungen Mann mit den blonden, jetzt vom Todesschweiß feuchten Haaren, dessen feines Gesicht trotz der tiefen Falten der Liederlichkeit bewies, daß er in seinem nordischen Vaterlande vielleicht einem edlen Namen Schande und Schmach bereitet, die hier auf spanischem Boden in wenigen Minuten sein Herzblut tilgen sollte.

Der Abenteurer dort, die Hände auf den Rücken geschnürt und mit der stolzen Haltung eines Granden, wandte sich an den Soldaten, der neben ihm marschirte: »Wäre es Ihnen gefällig, Señor, mir eine Cigarre von den Ihren zu geben? Sie sehen, die meine ist ausgegangen,« sagte er in reinem Spanisch.

»Mit Vergnügen, Señor!« Der höfliche Corporal reichte ihm seine eigene Cigarre, steckte sie ihm in den Mund und drehte eine andere. »Aus welcher Provinz stammen Sie, Señor, wenn ich so frei sein darf, zu fragen? Ihr Gesicht scheint mir nicht unbekannt.«

»Ich glaube es wohl - Sie kauften oft in meinem Laden in Veracruz Ihren Bedarf, ehe Sie noch den Dienst als Steuermann auf der >Maria Fernanda< verließen und die Justiz mich zwang, wegen eines elenden Messerstichs mir gleichfalls eine andere Beschäftigung zu wählen. Wenn ich nicht sehr irre, standen Euer Gnaden in meinen Büchern noch mit einem Rest von zehn Piastern, den ich Ihnen auf Ihr ehrliches Gesicht für einen echten Panama creditirte.«

»Sie betrogen mich damit schändlich, Señor Tommaso - es war Nichts als amerikanisches Stroh, und ich verlor überdies den Hut, als unser Schooner von den rothhaarigen Ketzern aufgebracht wurde. Aber ein Baske hält sein Wort, und es ist mir lieb, daß Sie mich an meine Schuld erinnern.«

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Er gab seinem Gläubiger sein Gewehr zu halten, was dieser mit einiger Mühe mit den gebundenen Händen zu Stande brachte, und holte eine seidene Börse hervor, die er zwei Tage vorher der Leiche eines englischen Offiziers abgenommen hatte. »Diese zwei Guineen gelten zehn Piaster und acht Realen - ich erhalte demnach noch acht Realen von Ihnen heraus.«

»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Señor Caporal.«

»Lassen Sie hören!«

»Man hat mich bei der Gefangennehmung aller kleinen Münze beraubt, aber wenn Sie die zwei Goldstücke - ich setze voraus, daß sie vollwichtig sind! - in die Tasche meiner Beinkleider stecken und die acht Realen mir einstweilen anvertrauen wollen, so setze ich Sie zu meinem Erben ein, sobald man mich erschossen hat.«

»Ich bin damit einverstanden, Señor Don Tommaso; es ist nicht mehr als billig, da Sie mir auch so lange creditirt haben.«

Er wollte ihm gewissenhaft die beiden Goldstücke in die Tasche stecken, fand aber zu seiner Betrübniß, daß beide bodenlos waren. In dieser Verlegenheit machte der Mexikaner den Vorschlag, sie einstweilen in der Wange aufzubewahren, und der vormalige Steuermann und jetzige Corpora! steckte sie ihm in den Mund, ihm auf das Dringendste anempfehlend, diesen ja nicht zu öffnen, um zu reden oder zu schreien, was sein Handelsfreund auf Ehrenwort versprach. -


                       »Im Keller sollt Ihr mich begraben,

                       Wo ich so manches Faß geleert, -

                       Den Kopf will ich beim Zapfen haben -


Hurrah, mein Jüngle! lustig und Courasch! I weisch zwar nit, wie Du zu unsch kommst, aber der Teufel soll mich holen, wenn Du mehr sterben kannst, alsch ein Mal!«

Der Trost des wüsten Schwaben galt einem jungen Manne von etwa siebzehn Jahren, der bleichen Gesichts mit schwankenden Schritten und thränenden Augen in dem Zuge ging und offenbar nicht zu diesen Männern gehörte.

»Schau', Jüngelchen, den Senjur Alferez, wie Ihr's auf Euer Kauderwelsch heißen thut,« fuhr der Schwabe fort; »der

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Schwarzrock hat's besonders af ihn g'münzt g'habt, und dennoch zuckelt er nit mit den Augen, was sie ihm auch vorplauschen mögen von Höll' und Fegefeuer!«

Die Worte des Freischärlers deuteten auf einen der Gefangenen der mit stolz erhobenem Haupt neben einem der Jesuiten herschritt und auf dessen fanatische Reden, obschon sie gerade an ihn gerichtet waren, nicht einmal zu hören schien.

Es war eine hagere, mittelgroße Gestalt, aber unter dieser braunen Haut schienen Muskeln von Stahl zu liegen, so elastisch und sicher war sein Tritt, so energisch und wieder pantherähnlich geschmeidig jede seiner Bewegungen. Das schmale Antlitz von einer fast bronceartigen Farbe ließ keinen Schluß auf die Jahre machen, urd dennoch konnte er deren höchstens dreißig zählen. Sein Haupthaar war kurz geschoren, gleich als sei es gewohnt, den Turban zu tragen, und in der That bedeckte ein Fez, wie ihn die Zuaven tragen und den man ihm gleichsam zur Auszeichnung gelassen, weil er der Offizier der Argelinos war, seinen Kopf. Die Adlernase war scharf gebogen, aber fein und edel geformt, ein dunkler feiner Schnurrbart fiel in langen, scharf gedrehten Enden an den Winkeln, des schmallippigen, scharf geschlossenen Mundes nieder, und aus den großen, mandelartig geschnittenen Augen sprühte ein Strahl von schwarzem Feuer mit dem Ausdruck unversöhnlichen Hasses, wenn er dem Auge des Jesuiten an seiner Seite oder dem Blick des Mannes im Mantel an der Spitze des Zuges begegnete, der sich von Zeit zu Zeit nach ihm umwandte und ihn mit gleicher Gluth des Hasses anstarrte, während ein finstrer Schmerz sein Antlitz durchzuckte, wenn sein Auge auf den jungen Mönch fiel.

Jung war dieser noch - drei bis vier Jahre jünger als der gefangene Offizier - aber sein Gesicht hohler und finstrer und ermangelnd des kühnen und offenen Ausdrucks, der den Kopf des Andern adelte. Aus seinen düsteren Augen und den Falten der Stirn, in den von Nachtwachen und ascetischen Uebungen eingefallenen und erbleichten Wangen malte sich ein finsterer Fanatismus, wie ihn die klugen und gewandten Glieder seines Ordens nur selten zeigen.

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Von diesem Fanatismus zeugten denn auch seine Worte, die er ausschließlich an den Gefangenen an seiner Seite wandte.

»Der Stolz ist die Wurzel aller Sünde,« sprach er heftig. »Gehe in Dich, Sohn eines verfluchten Geschlechtes, der Du Dich mit sündigem Stolz Achmet der Hacene nennst, obschon Dir und Deinen Voreltern die Wohlthat der heiligen Taufe zu Theil geworden!«

Der Abkömmling der alten Könige von Granada starrte unberührt vor sich hinaus.

»Die heilige Jungfrau und die Märtyrer mögen Dir gnädig sein in der Stunde Deines Todes! Miserocordia! misericordia!« fuhr der Jesuit fort. »Erkenne die Hand des Herrn, der die Spreu von dem Weizen sondert und mit seinem Blitzstrahl die Bösen vertilgt! Dein Geschlecht hat das meine verfolgt - Dein Vater hat den meinen vertrieben, und dort schreitet er, mächtig und geehrt, die rechte Hand des Gesalbten des Herrn! Ich selbst habe das Fleisch überwunden und bin die demüthige Leuchte des Herrn, während sie, die mich dem Satan überliefern wollte, in der Hand der Gerechten die Buße erwartet!«

Der Moriske wandte sich schnell gegen ihn um.

»Diego,« sagte er mit tiefem Kehlton, »wir spielten zusammen, als wir Kinder waren, auf jenen goldenen Trümmern, die von der Herrlichkeit meiner Väter noch nach Jahrhunderten zeugen! Bei der Erinnerung an unsre Kindheit - was weißt Du von dem Schicksal meiner Schwester?«

»Retro satanas!« betete der fanatische Mönch, »die Stimme der Sünde und des Fleisches ist vorüber für mich! Sie, die Du Deine Schwester nennst, hatte Gewalt über den eitlen Torreador, nicht über Den, der da lebt in der Gemeinschaft der Heiligen! Bete und bereue Deine Sünden, Sohn der Verfluchten, denn Deine Stunde naht!«

»Heuchler!« zischte der Offizier - »mich betrügst Du nicht, wie Dein Vater das Ohr des Infanten. Du weißt, ich bin ein Christ so gut wie Du, wenn ich auch mit Stolz an die Größe meines gefallenen Volkes zurückdenke und wie alle freien Männer mit Jubel und Thatkraft die Ermannung des neuen aus der Knechtschaft der Mönche und Finsterlinge begrüße!«

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»Du bist ein Werkzeug der Gotteslästerer - Du hast auf den Ruf jenes Belsazar Mendizabal die Söhne der Kirche vertreiben helfen aus ihrem Eigenthum!«

Ich stimmte für die Einziehung der Klöster und die Vertreibung der Jesuiten, wie jeder Vaterlandsfreund. Erinnere Dich, Diego, daß Du selbst so dachtest, als Du Ximene, meine Schwester, liebtest und noch ein fröhlicher Jüngling warst, nicht ein tückischer Mönch, wie ich mit Schmerz sehe!«

Der Jesuit warf ihm einen flammenden, giftigen Blick zu aus den hohlen Augen, während seine hageren Wangen eine dunkle Röthe überzog. »Mahne mich nicht an die Zeit und die Schlange, die mich zu dem gemacht, was ich bin. Nie ist einem der Corpas' Glück gekommen von dem Geschlecht der Hacenen! Gesegnet seien die Heiligen, die mein unsterbliches Theil aus ihren Schlingen erlöst haben, auch wenn der Körper zu Grunde geht!«

»Caramba! gieb mir Antwort auf meine Frage - seiest Du Heuchler oder Fanatiker! Was weißt Du von Ximene?«

»Der Herr erleuchte ihr Herz ... «

»Picaro!«

Der Jesuit machte das Zeichen des Kreuzes. »Er, der für uns gestorben ist, hat befohlen: Segnet, die Euch fluchen! Hast Du lange keine Nachricht von ihr?«

»Seit einem Jahre! Martere mich nicht, Diego!«

»Der Name ist hinter mir! Seit die Heiligen mich erleuchtet, bin ich der unwürdige Bruder Antonio! Don Manuel Corvas hat versprochen, daß Du sie wieder sehen sollst, ehe Du stirbst!«

Der Moriske blieb erschrocken stehen. »So befindet sie sich in den Händen Deines Vaters, des bösen Dämon Spaniens?«

Der Pater schlug andächtig die Augen zum Himmel. »Mein Vater wohnt dort oben! Don Corpas, den Du schmähest, die Stütze des rechtmäßigen Thrones, ist nur mein irdischer Erzeuger. Er vergilt Böses mit Gutem und wird die Jungfrau, die der Herr in seine Hand gegeben, zu dem Wege des Heils zwingen - Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt, erbarme Dich dieser Seelen!« und er begann das Gebet für die Sterbenden, ohne weiter der Fragen des Offiziers zu achten.

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Der traurige Zug war jetzt bis auf die Spitze des Hügels gekommen, der auf der Rückseite steil nach einer Schlucht abfiel. Dicht an diesem Abhang stand der alte, noch ziemlich wohl erhaltene Thurm, einst das Stammhaus eines berühmten baskischen Geschlechts, dessen Ahnherr unter Columbus die Fahrt über das Weltmeer gemacht. Die Fenster der dicken Mauern waren im Erdgeschoß und ersten Stock mit schweren Eisengittern versehen. Zwei vorspringende Erker zierten im zweiten und dritten Geschoß die Ecken des Gebäudes. Vor demselben, das nur einen einzigen gewölbten Eingang hatte, befand sich ein freier Raum, von uralten, halb verwitterten Kastanienbäumen umgeben. Ein steinernes Kreuz, zum Gedächtniß irgend eines blutigen, mit der Geschichte des Thales verknüpften Ereignisses, befand sich an dem einen Ende des Platzes; ihm zur Seite war eine tiefe und breite Grube aufgeworfen, bestimmt, die unglücklichen Opfer des Decrets von Durango aufzunehmen.

Eine Menge baskischer Landleute, Männer, Weider und Kinder, hatte sich hier versammelt, Andere mit Soldaten der überall campirenden Bataillone und Escadrons hatten sich dem Zuge angeschlossen, so daß, als dieser den Platz erreichte, die Menge, welche ihn anfüllte, sehr zahlreich war. -

»Parbleu - ich habe mich nicht geirrt,« sagte der eine der drei Reiter, welche dem Zuge gefolgt waren und jetzt mitten in der Menge hielten, »ich habe mich nicht getäuscht! Sehen Sie den Mann dort im Mantel, der mit dem Capitain des Executions-Kommando's spricht?«

»Wer ist es?«

Herr von Neuillat neigte sich näher zu dem Ohr des jüngern Reiters. »Ein College von mir, den Sie sich gewöhnen müssen, mein Prinz, überall und nirgends hier zu finden - seine Finger in Allem, was Unheilvolles geschieht - die rechte Hand des Prätendenten und zugleich sein böser Engel! Ich will d'rum wetten, daß auch hier eine Teufelei im Spiel ist!«

»Aber Sie haben mir noch immer nicht den Namen genannt?«

Der geheime Agent der legitimistischen Throne Europa's zog die Brauen. »Ei, mein Bester - was Sie noch unbekannt an unserm Zungen Hofe sind. Es ist Herr von Corpas

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»Und wer ist Herr von Corpas?«

»Von Geburt ein Andalusier aus Granada - zuerst Consul in Faro später Minister-Resident in Hamburg, dann durch einen geschickten Betrug Mitglied der Camarilla Königs Ferdinand VII. und nach der Restitution seiner souverainen Macht Gesandter in der Schweiz. Er versuchte in Andalusien einen Ausstand für die carlistische Sache und flüchtete dann nach Frankreich. Jetzt ist er der politische Beichtvater unsrer etwas allzu lenkbaren Majestät, obschon er's zum öffentlichen Minister nicht bringen kann, weil es noch zu viel verständige und anständige Leute in der Umgebung des Königs giebt, die mit einem Mann seines Schlages Nichts zu thun haben wollen. Sehen Sie - da geht die Teufelei los!«

Die Gefangenen waren in einen Halbkreis gestellt worden und der Capitain, welcher das Executions-Kommando führte, verlas nach einem Trommelwirbel den Befehl des Kommandirenden, wonach die Hälfte aller bei Oriamendi und Galdacano gefangenen Fremden-Legionaire der christinischen Armee auf Grund des Decrets von Durango erschossen werden sollte.

»Halten Sie ein, Señor!« erklang die tiefe Stimme des gefangenen Offiziers. »Ich protestire gegen dies Urtheil, nicht aus Furcht vor dem Tode mit diesen braven Männern, sondern als Offizier der regulairen Armee Ihrer Majestät der Königin!«

»Wir kennen keine Königin von Spanien, Señor, als die Gemahlin König Carls V.!« entgegnete rauh der baskische Capitain. »Sie sind mit diesen fremden Räubern und Ketzern gefangen worden und haben sie nach Ihrem eigenen Geständniß bei dem Ausfall geführt!«

»Weil ich dazu befehligt wurde vom General Evans! Doch ich bin zu stolz, um mein Leben mit Fanatikern zu streiten. Dieser junge Mann aber gehört weder zu den Freikorps, noch zur Armee. Er befand sich nur mit einer Botschaft bei den Truppen und gehört zum Haushalt der Königin!«

Der Verhüllte sprach einige Worte leise zu dem Capitain und dieser wandte sich zornig gegen den Gefangenen. »Er ist ein Guzmann und deshalb ein doppelter Verräther an seinem

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Herrn - er muß sterben, wie Du! - Angetreten, Leute. Theilt die Gefangenen ab, Señor Profoß!«

Die Ceremonieen des traurigen Geschäfts waren kurz. Von den Gefangenen, die auf einen Haufen zusammengedrängt standen, wurden vier abgesondert und zwischen das Kreuz und die Grube gestellt. Es waren der Mexikaner, ein Deutscher und zwei Franzosen. Einer der Patres reichte ihnen das Crucifix zum Kuß, aber nur Señor Tommaso berührte es ehrerbietig mit den Lippen, die beiden Franzosen stießen eine freche Lästerung aus und der Deutsche - es war der junge Mann mit dem blassen verlebten Gesicht - biß die in Todesfurcht klappernden Zähne zusammen und stierte mit irren Blicken umher.

»Caporal José - tretet an!«

Der Corporal winkte seinem ehemaligen Gläubiger. »Leben Sie wohl, Señor Tommaso! nehmen Sie den Trost mit hinüber, daß ich eine Messe für Ihre Seele lesen lassen werde!«

Das blasse Gesicht des Mexikaners zog eine Fratze - man konnte nicht recht unterscheiden, ob sie Dank oder Bosheit ausdrücken sollte.

»Angetreten!«

Zwölf Grenadiere vom ersten Bataillon von Guipuzcoa, demselben, das die Höhen von Galdácano erstürmt, traten an.

»Fertig zum Feuern!«

Die Hähne knackten. Die Mönche erhoben ihre Stimmen in dem einförmigen Tonfall der Litanei und das Volk, auf die Kniee fallend, murmelte die Responsorien.

»Heilige Maria! Heilige Mutter des Herrn!«

»Bitte für uns!«

»Schlagt an!«

Die Trommel wirbelte im leisen Klang -

»Von Ewigkeit erkorne Mutter des ewigen Sohnes ... «

»Feuer!«

Die zwölf Schüsse krachten - ein Wehschrei von Einem, der nur durch die Brust getroffen war! - die vier Körper schlugen im Todeskampf den Boden!

Laßen Sie uns fort,« verlangte der jüngere Offizier; »ich

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überschätzte meine Kraft! Das ist zu furchtbar, um es wiederholt zu sehen.«

Der Agent preßte ihm die Hand, während der Oberst finster und ungerührt auf das blutige Schauspiel blickte. »Es ist unmöglich, uns jetzt zurückzuziehen - das Volk würde uns mit Steinwürfen verfolgen, oder noch Aergeres thun. Ueberdies muß ich wissen, was Don Corpas hierher geführt!«

Der jüngere Offizier bedeckte die Augen mit seiner Hand, um das Schreckliche nicht wiederholt zu sehen, denn eben trat ein neues Peloton vor und vier andere Gefangene wurden an die blutige Stelle geführt, während die Körper ihrer Vorgänger noch in den letzten Todeszuckungen hinab in die Grube geworfen wurden.

»Carájo!« fluchte der ehrliche Corporal, der ausdrücklich befohlen hatte, seinem ehemaligen Freund nur nach dem Herzen zu zielen, und gegangen war, sein Erbe zu holen. »Der Teufel möge ihn drei Mal dafür braten - einen rechtschaffenen Mann um sein rechtmäßiges Gut zu bringen. Der Schurke hat die Doublonen verschluckt und sicher gewußt, daß ich nicht Zeit haben würde, ihm den hungrigen Leib aufzuschneiden!«

»Zur Seite, Corporal! - Fertig zum Feuern!«

Weiter und weiter murmelten die Todtengebete - wieder und wieder rollten die Salven und mischten sich mit den Ausbrüchen der Angst und des Schmerzes und den Verwünschungen und Lästerungen wilden Trotzes bis in den Tod!

Sieben Mal hatten die Pelotons gewechselt - der Boden am Kreuz schwamm im Blut - selbst die Augen der rohen, blutdürstigen Menge begannen sich von dem schrecklichen Schauspiel dieser Hinrichtung abzuwenden.

Plötzlich gellte ein wilder, verzweifelnder Schrei über die Köpfe der Menge her:

»Achmet - mein Bruder! Barmherzige Jungfrau, sie tödten ihn!«

»Jetzt kommt's! passen Sie auf, Durchlaucht,« flüsterte der Agent.

Offenbar war absichtlich der Offizier der Argelinos bis zuletzt verschont geblieben - mit ihm der Jüngling, der Page der

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Königin, der liederliche Schwabe und ein Schweizer, ein Deserteur aus Neapel.

Der Moriske, als er den Ruf, der ihm galt, vernahm, riß sich aus den Händen des Profoß und seiner Schergen, die ihn bereits gefaßt, und stürzte vor - sein dunkles Auge flog wie wahnsinnig über die Menge, bis es den Gegenstand fand, den es suchte.

Droben im offenen Erkeraltan des zweiten Stockwerks rang ein Weib, ein junges Mädchen, mit einem Mann, dessen Hut und Mantel bei dem ungleichen Kampf herabgefallen.

»Don Corpas - ich dachte es mir!«

»Ximene - Schwester Ximene! Fluch über den Mörder unsers Vaters!« Er riß wie ein Rasender an den Stricken, die seine Hände fesselten.

Die schlanke Gestalt der Moriska schleuderte die kränkliche schwache Figur des alten Mannes zurück und schwang sich mit der Behendigkeit einer Gazelle auf die steinerne Rampe des Altans. Im nächsten Augenblick sah man die dunklen Gewänder, das fliegende Haar der Andalusierin gleich einem Blitzstrahl durch die Luft huschen - einen Moment lang glaubten die Zuschauer der seltsamen Scene, das Mädchen würde zerschmettert zu Boden kommen, dann erst, als sie mit dem Sprunge der Pantherin von ihrem Fall sich emporraffte und zu dem Bruder flog, erkannte man den seltsamen und gefährlichen Weg, den sie kühn entschlossen genommen hatte, indem sie mit den kleinen Händen, den Kennzeichen ihres Volkes, die starken Zweige des hoch an dem Thurm emporrankenden Epheu's, vielleicht so alt wie der Thurm selbst oder das Geschlecht, dessen Namen er trug, ergriff und an ihnen mit der Geschicklichkeit einer Katze herunter glitt.

Im Nu hatte sie mit dem kleinen Dolch, den sie im Busen verborgen trug, die Bande ihres Bruders zerschnitten und ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Einander umschlungen haltend standen die Geschwister, der Moriske flammenden Auges mit geschwungenem Messer seine Feinde erwartend, während seine drei Todesgefährten sich Schutz suchend um ihn drängten.

Die Aufregung, die durch die plötzliche Erscheinung der jungen Andalusierin entstanden war, bot ein Bild voll Leben.

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Das Mädchen selbst vereinte alle Reize der beiden Volksstämme. Ihre Gestalt war überaus zierlich und schlank, gleich der ihres Bruders, der sie an Größe zwar nicht gleich kam, aber wie jene voll Muskelkraft, so die ihre voll Reiz und Leben durch die volle Wölbung der Hüften und der überaus schön geformten Schultern, über die der dunkle Rebozo weit zurückfiel. Das eng anschließende Jäckchen von schwarzem Sammet mit den zahllosen Silberknöpfen zeigte die Formen der Arme, die Schönheit der kleinen Hand und, vorn geöffnet, die üppige Rundung des Busens in dem anliegenden Mieder von gelber Seide. Ein kurzer schwarzseidener Rock, von gelber Schärpe um die Hüfte gehalten, umgab in hundert Falten das Bein bis zur fein geformten Wade in ihren rothen Seidenstrümpfen. Die schwarzen langen, mit Korallen und Silbernadeln geschmückten Locken waren nur zum Theil in dem rothen andalusischen Netz gefesselt und hingen zur größern Hälfte, gelöst von der Anstrengung des Ringens und der Flucht, über den Rebozo auf Schultern und Brust nieder um das von Zorn und Aufregung geröthete Gesicht.

Von dem unbeschreiblichen Reiz dieses Gesichts vermochte der jüngere Offizier seit dem ersten Blick darauf das Auge nicht mehr abzuwenden. Die Züge waren von der Reinheit griechischer Formen, Stirn und Nase eine Linie, das Kinn fein und fest gerundet, der Mund klein und mit schön geschnittenen vollen Lippen. Aber das bei aller Schönheit häufig so Kalte der klassischen Regelmäßigkeit war hier durch die dunkle Färbung der Haut und die Gluth der spanischen Augen paralysirt, die Blitze zu sprühen schienen aus den langen Wimpern, deren feuriger Aufschlag von unbeschreiblicher Wirkung war.

Prinz Felicio, wie der junge Offizier von seinen Begleitern genannt worden, war aber nicht der Einzige, dessen Augen so fest und bewundernd an der Gestalt der schönen Andalusierin hingen. Noch starrer hafteten darauf die Augen des jungen Jesuiten, dessen fahle Blässe einer fliegenden Gluth gewichen war. Das Brevier zitierte in seiner Hand, die sich weit vorstreckte, wie abwehrend, nach dem Mädchen, während der Mund die Bannformeln seiner Kirche, vermischt mit Worten leidenschaftlicher Bewunderung ihrer Schönheit, murmelte.

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Der Mann auf dem Altan hatte sich aufgerafft und beugte sich weit über die Brüstung. »Laßt sie nicht entfliehen, sie ist eine Gefangene! Zu Ihrer Pflicht, Don Ramon, im Namen des Königs!«

»Trennt das Weib von dem Gefangenen!« befahl der baskische Offizier. »Sein Sie ein Mann, Señor, und fügen Sie sich in Ihr Schicksal!«

Die Soldaten drängten heran, aber das Mädchen deckte mit ihrem Leib den Bruder.

»Señor Capitano,« rief dieser entschlossen durch den Tumults »bei Ihrer Ehre - rufen Sie Ihre Leute zurück, ich habe Ihnen nur ein Wort zu sagen!«

Der Capitain gebot Halt; die drei Reiter hatten sich mit Gewalt durch die Menge gedrängt, der Prinz war aus dem Sattel gesprungen und bereit, der Dame zu Hilfe zu eilen.

»Geben Sie mir Ihr Wort als Edelmann und Offizier, Señor,« fuhr der Moriske fort, »daß dieses Mädchen, meine Schwester, die ich widerrechtlich von einem Schurken und Feind meiner Familie hier gefangen gehalten finde, unter Schutz und ungekränkt an den ersten Posten des Generals Espartero geleitet werde, und ich will mich ohne Widerstand dem ungerechten Tode unterwerfen, den man mir bestimmt hat!«

Der Capitain des Kommando's war im Zweifel, was er thun sollte. Ehe er noch einen Entschluß fassen konnte, tönte die gellende, zeternde Stimme des jungen Jesuiten:

»Tödtet! tödtet! es ist besser, daß der Leib sterbe, denn die Seele! Laßt die Ketzerin mit ihm sterben, ehe sie entflieht!«

Er schwang wie ein Wahnsinniger das Bild des gekreuzigten Erlösers gegen die Gruppe der Verurtheilten, und die blind den Klostergeistlichen gehorchende Menge heulte fanatisch ihm nach:

»Tod den Ketzern! Tod der Abtrünnigen!«

Don Corpas hatte den Thurm verlassen und befand sich jetzt neben dem kommandirenden Offizier. Die Scheu, die er bei jeder Gelegenheit zeigte, handelnd in den Vordergrund zu treten, wich nothgedrungen der Gefahr, seine Opfer zu verlieren. Er drohte dem Capitain mit dem Zorn des Königs, wenn er die Executionen

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nicht vollstrecke und das Mädchen nach dem Thurm mit Gewalt zurückführen lasse.

Don Felicio wandte sich zu dem Grafen. »Sie sind vorgesetzter Offizier, Oberst,« sagte er leidenschaftlich - »Sie werden nicht dulden, daß die schmachvolle Barbarei auf das Aeußerste getrieben wird!«

Der Italiener zuckte die Achseln - er mochte nicht gern mit den Jesuiten und ihrem Genossen, dem Günstling, anbinden. »Ich bin vom Generalstab,« sagte er, »und habe kein Recht, mich in die Erecution einzumischen!«

»Caramba!« schrie der Capitain erbost. »Ich erfülle meine Ordre! Wenn die Señora ein Unglück trifft, ist es nicht meine Schuld. Platz um die Verurtheilten. Caporal - lassen Sie die Mannschaft antreten!«

»Gobardes! Elende Feiglinge! so ist denn kein Mann unter Allen, der Ehre und Mitleid hat, ein verfolgtes Weib zu schützen?«

Der junge Offizier brach sich mit Gewalt Bahn und eilte zu den Bedrohten. »Ich habe keine Macht, Sie selbst zu retten,« sagte er hastig, »aber ich verpfände Ihnen mein Wort, daß ich diese Dame gegen jede Kränkung schützen und dahin geleiten werde, wohin sie selbst es bestimmt.«

Der Moriske maß ihn mit einem flammenden Blick; dann versuchte er selbst die Hände des umklammernden Mädchens zu lösen und sie dem fremden Helfer in den Arm zu legen.

»Ich vertraue Ihnen ihr Leben und ihre Ehre, Señor! möge Gott Ihnen vergelten, was Sie thun, und Sie vor Mörderhänden schützen, wie Sie meine Schwester!«

»Er ist ein Ketzer wie sie! tödtet sie! tödtet sie!« heulte der Mönch.

Don Corpas, seine Scheu besiegend, war herangetreten. »Mit welchem Recht mischen Sie sich hier ein, Señor? wer sind Sie?«

»Ich bin Offizier in der Armee Ihres Königs, wie Sie sehen, und gehöre zur Grandezza!« herrschte der Deutsche ihn an. »Wollen Sie meinen Rang und Namen wissen, so wenden Sie sich an den Grafen Mortara. Sie mögen Ihr blutiges Mördergeschäft verrichten, aber diese Dame steht von dem Augenblick

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an unter meinem Schutz!« Er legte die Hand an den Säbelgriff und seine Augen blitzten unerschrocken den stechenden, drohenden Blicken des Spaniers entgegen.

Jetzt - während der Diplomat, durch den muthigen Widerstand stutzig gemacht, in der That bei dem Offizier des Generalstabs Nachfrage hielt - wandte die schöne Andalusierin zum ersten Mal ihre dunklen Augen auf den unerwarteten Helfer, und aus den Armen ihres Bruders gleitend, sank sie vor ihm nieder und umfaßte seine Knie. »O, retten Sie ihn, Señor,« flüsterte sie mit leidenschaftlichem Ton. »Retten Sie Achmet, und ich will Sie lieben, so lange ich athme! Wenn der Letzte vom Blut der Hacenen sterben soll, will auch Ximene nicht leben!«

Der zweite Begleiter des deutschen Edelmannes hatte sein Pferd bis dicht an die Gruppe getrieben. Einen Augenblick sah er sich vorsichtig um, dann beugte er sich nieder auf den Hals des Rosses. »Spielen Sie den tapfern Ritter, Prinz,« flüsterte er französisch, »und helfen Sie den armen Schluckern. Die Doña ist es werth!«

»Aber mein Gott, wie? meine Fürsprache ist machtlos, ich bekleide hier noch keinen militairischen Rang und der Oberst weigert sich, einzuschreiten.«

»Bah, Nichts leichter als das! Sehen Sie dort die eiserne verrostete Kette über dem Thorweg des Thurmes?«

»Was soll das?«

»Es ist das Zeichen des Asylrechts. Der König hat dort geschlafen. Wenn diese Bursche die Schwelle berühren können, sind sie vorläufig sicher. Ich möchte Don Corpas einen Streich spielen und werde Sie unterstützen; aber eilen Sie!«

Der Prinz begriff, daß es sich hier um eine der ihm noch unbekannten Sitten des Landes handeln müsse und daß es raschen Entschluß galt, denn schon kehrte Don Corpas mit triumphirendem Hohn zurück und die Menge, von den Mönchen aufgehetzt, schrie ungestüm nach der Beendigung der Execution.

»Fliehen Sie in den Eingang des Thurmes, dort wird man Sie schützen,« sagte er hastig in französischer Sprache zu dem Morisken, dann zog er den Säbel und faßte mit der Linken den Arm der Señora, den er unter den seinen zog. »Platz da, im

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Namen des Königs!« Er drängte vorwärts, als wolle er die Dame hinwegführen.

Herr von Neuillat ließ sein wohldressirtes Pferd steigen und courbeltiren, daß die Menge zurückstob und die Soldaten, welche zunächst die Verurtheilten umringten, zur Seite sprangen. Diesen Augenblick benutzte der christinische Offizier, und die Waffe, die ihm seine Schwester gegeben, schwingend, stürzte er mit dem Sprung eines Panthers durch den Kreis, dem offenen Eingang des Thurmes zu. Ohne zu wissen, um was es sich handle, folgten ihm seine drei Gefährten, und der Schwabe rannte dabei den Pater Antonio über den Haufen, der sich ihnen entgegen warf.

Der Moriske erreichte in der That glücklich den unbewachten Eingang und verschwand in der Pforte - auch der Schwabe sprang über die Schwelle; aber der Page der Königin fiel dicht vor ihm nieder. Ehe die schreienden, fluchenden Soldaten ihn erreichen konnten, hatten ihn jedoch seine Gefährten ergriffen und in die Thür gezogen; nur der vierte Gefangene fiel in ihre Hände.

Alles stürzte und drängte nach dem Eingang des Thurmes, als plötzlich aus der Menge der Ruf sich hören ließ: »Asyl! Asyl! Ehrt das Asylrecht!«

Don Corpas schleuderte dem diplomatischen Agenten einen drohenden Blick zu. »Ihm nach! Greift ihn! Schleift die Argelinos heraus!«

Aber bereits wiederholten hundert Stimmen aus dem Volke den Ruf: »Asyl!« und die Hände wiesen hinauf nach den Ketten über der Pforte.

Nach spanischem Gebrauch heißt die zeitweilige Wohnung des Monarchen der königliche Palast. Es ist ein altspanisches Privilegium, daß, wenn ein König von Spanien auf Reisen oder Märschen in einem Privathause übernachtete, sobald er sich entfernt, eine eiserne Kette über dem Hausthor auf ewige Zeiten aufgehängt wurde. der Henker und seine Knechte dürfen dann nie - die Alguazile und Gensd'armen nur nach eingeholter höherer Bcwilligung - in ein solches mit der Kette begnadigtes Haus treten. Jedes infamirende Verbrechen des Hausherrn zieht den Verlust der Kette nach sich.

Obschon Don Corpas dies Vorrecht sehr wohl kannte und

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das Zeichen sah, achtete er in der Gier, den alten Familienhaß zu befriedigen, doch nicht auf dies Hinderniß, sondern eilte nach der Thür und trieb den Profoß und die Soldaten an, sich der Entflohenen zu bemächtigen. Selbst der Pater, sein Sohn, der junge Jesuit, vergaß jede Bezähmung seiner Leidenschaft, die ihn die strenge Schule des Ordens, dem er sich gewidmet, in dem zweijährigen, erst vor Kurzem überstandenen Noviziat gelehrt; er raffte sich empor und stürzte, das Crucifix wie eine Waffe schwingend, nach dem Thurm.

Aber jetzt war es ihr eigenes Werkzeug, der Offizier des Kommando's selbst, welcher sich ihnen entgegen warf.

»Halt da, Señores! Niemand soll die Männer berühren, die in dem alten Hause meiner Familie das Asylrecht gefunden, es sei denn, daß der Befehl des obersten Gerichtshofes von Biscaya oder der geheiligten Majestät selbst es bestimmt!«

»Señor Capitano, es ist Ihre Pflicht, die Verbrecher ihrer Strafe zu überliefern! Sie haben den Befehl und dürfen sich nicht durch ein Vorurtheil daran hindern lassen!«

Das Gesicht des baskischen Offiziers färbte sich dunkelroth. »Niemand braucht mich an meine Pflicht zu erinnern, Señor,« sagte er heftig. »Aber dies ist die Burg der Familie Zureda, und seit den Tagen König Philipps II. hat sie das Vorrecht der Kette besessen. Ich, ihr Abkomme, werde es zu schützen wissen!«

»Aber so bedenken Sie ... «

»Sie selbst, Señor, haben es gewünscht, daß die Execution der Feinde des Thrones an dieser Stelle vollzogen werde. Wäre der Mörder meines Vaters in jenem Hause, kein Häscher sollte seine Schwelle überschreiten, bevor er nicht den Befehl des obersten Gerichtshofes vorzeigt!«

»In nomine Dei! Tödtet ihn! tödtet ihn! Die Feinde des Königs sind die Feinde Gottes!«

Der ältere Pater, welcher den Zug der Verurtheilten begleitet und den ruhigen Beobachter aller Vorgänge gemacht hatte, zog den jungen Jesuiten aus der zaudernden Menge. Die schwarze viereckige Kappe, die seine kahle Platte bedeckte, zeigte seinen Rang als Profeß des Ordens, der von den jüngeren und geringeren Gliedern den unbedingten Gehorsam zu fordern hat.

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Bezähme Dich, Bruder Antonio,« sagte er streng. »Ich fürchte, es ist mehr weltliche Leidenschaft und Interesse in Deinem Thun, als wahrer Eifer für den Herrn!«

Der junge Jesuit beugte sich unter dem scharfen und wahren Vorwurf seines Vorgesetzten. Sein boshaftes sprühendes Auge nahm den frühern heuchlerischen Ausdruck wieder an, sein Gesicht die fahle krankhafte Farbe.

»Confiteor mea culpa!«

»Der Teufel der Welt ist mächtig in uns,« fuhr der ältere Jesuit fort, »und ich bemerkte mit Trauer, daß der Sauerteig Deiner Erinnerungen noch zu viel der Gewalt über Deine Seele hat. Wer sich dem Dienst unsers heiligen Stifters weiht, muß keine anderen Zwecke kennen, als die des Ordens. Kehre zur Stelle zurück in das Kloster und melde Dich bei dem Pater Rector zur dreitägigen Pönitenz. Ich werde bei Deinem irdischen Vater rechtfertigen, was ich gethan habe!«

Einen Augenblick schien der Gedanke an Einsprache gegen den unbedingten Gehorsam, der die erste Regel des Ordens ist, in der Seele des jungen Jesuiten aufzutauchen, er suchte mit einem leidenschaftlichen Blick die junge Andalusierin und ihren Beschützer und wandte ihn dann, wie Beistand suchend, nach seinem Erzeuger; aber Don Corpas war in seinem Streit mit dem baskischen Offizier zu sehr beschäftigt, um auf ihn zu achten, und indem er das Haupt beugte und sein Brevier aufschlug, schritt er durch die sich öffnende Menge, die Augen starr auf das Buch geheftet, die Zähne zusammengepreßt, Wuth und Eifersucht im Herzen, aber ohne ein weiteres Zeichen des Widerstandes im leidenden Gehorsam.

Der Capitain hatte den Säbel gezogen und stand entschlossen vor dem Eingang des Thurmes. »Valga me Dios! ich spalte jedem Schurken den Kopf, der es wagt, das Asylrecht der Familie Zureda zu verletzen!«

Der Vertraute und Günstling des Königs wollte im Vertrauen auf diese Stellung noch eine Einsprache thun, aber ein Blick umher belehrte ihn, daß selbst der Beistand der Priester und des Obersten dem Vorurtheil und der starren Anhänglichkeit an dem alten Recht nicht gewachsen war, denn das Volk umher

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nahm bereits offenbar Partei, und die Soldaten, die sich vom ersten Eifer zur Verfolgung hatten hinreißen lassen, lehnten ruhig und trotzig auf ihren Gewehren, während der Profoß mit seinen beiden Gehilfen nicht wagte, einen Schritt weiter zu thun.

Don Corpas kannte den starren, auf ihre Privilegien trotzenden Sinn der Basken, und fühlte, daß er nicht weiter gehen dürfe, um sein Anfehn nicht preiszugeben.

»Señor Capitano,« sagte er finster, »Sie sind in Ihrem Recht. Aber Sie bürgen mit Ihrem Kopf für die Gefangenen, bis ich zurückkehre oder Botschaft sende. Ich werde Seiner geheiligten Majestät Befehle einholen.«

Der Capitain verbengte sich. »Mögen Euer Excellenz tausend Jahre leben. Der Befehl des Königs oder des obersten Gerichtshofes wird die Thüren meines Hauses öffnen. Bis dahin werde ich einen starken Posten meiner Compagnie zur Bewachung hier lassen.«

»Ich begebe mich zur Stelle nach Tolosa an das Hoflager, Señor Capitano. Lassen Sie jenes Weib nach dem Kloster bringen, damit sie hier nicht mit dem Argelino verkehrt. Ich werde mit dem Pater Rektor sprechen, daß er sie unter Schloß und Riegel bringt.«

Der Prinz hatte unterdeß mit Don Neuillat geredet: »Fürchten Sie Nichts, Señora, für das Schicksal Ihres Bruders,« sagte er, ihr angstvolles Flehen beruhigend. »Der Infant Don Sebastian ist eben so großmüthig als tapfer und wird die Begnadigung Ihres Bruders nicht verweigern, umso mehr, wenn er hört, wie man hier verfahren hat. - Diese Dame,« fuhr er, zu Don Corpas und dem Capitain gewandt, fort, »steht unter meinem Schutz und ich werde die Ehre haben, sie nach Azcoitia zu begleiten.«

»Das werden Sie nicht, Señor,« sagte der Spanier heftig. »Dies Weib ist eine Staatsgefangene und ich werde es nicht dulden, daß sie sich entfernt!«

»Seine Majestät Don Carlos V.,« entgegnete der Prinz kalt, »führen nicht mit den Damen von Andalusien Krieg. Die Señora hat mir vertraut, daß sie von Ihnen bei dem Zug des Generals Gomez nach dem Süden, um einem Familienhaß zu

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fröhnen, ihrer Heimath entrissen und hierher geschleppt worden ist wo man sie seit vielen Monaten gefangen gehalten hat. Sie haben in dieser Angelegenheit nicht wie ein Caballero gehandelt, Señor und ich werde Sorge tragen, daß die Dame ihrer Familie zurückgegeben wird.«

»Doña Ximena,« bemerkte höhnisch der ehemalige Gesandte, »ist schön genug, um solchen Schutz zu belohnen. Für Ihre Beleidigungen, Señor, werden Sie mir an einem andern Ort Rede stehen. Die Señora ist für ein Kloster bestimmt und wird dahin gebracht werden, sobald es Zeit. Capitain Zureda wird für sie sorgen, nicht ein Fremder von zweifelhaftem Rang und Charakter!«

Der junge Offizier ließ den Arm des Mädchens los und legte mit der dunklen Röthe des Zornes aus der Stirn die Hand an den Säbel - aber Herr von Neuillat kam ihm zuvor.

»Ich habe die Ehre gehabt, Señor Don Corpas, Ihnen den Namen und Rang dieses Herrn zu nennen,« sagte er kalt, »und bürge dafür. So viel ich weiß, bekleidet Señor Corpas in diesem Augenblick weder einen Posten in der Administration, noch einen militairischen Rang, der ihn berechtigt, hier irgend einen Befehl zu geben, so wenig wie ich!«

Der Andalusier sah den verhaßten Nebenbuhler um den Einfluß mit einem giftigen Blick an. »Ich habe sogleich Ihren Rath und Einfluß in der Durchkreuzung meiner Absichten erkannt, aber der Señor Capitano ... «

»Caramba!« unterbrach ihn mürrisch der biscayische Offizier, »lassen Sie mich in Frieden mit dem Weibsvolk. Ich bedaure ohnehin schon, dem Rath der Patres gefolgt und unser altes Haus für eine Fremde zum Gefängniß hergegeben zu haben, die eine Ketzerin sein soll. Angetreten, Bursche - an den Baum mit dem Schurken von Argelino dort, den wir noch zur rechten Zeit erwischt, damit wir zu Ende kommen mit dem Geschäft!«

Der Prinz rief in polnischer Sprache seinem Reitknecht zu, der durch die gaffende Menge drängte und die Pferde herbeiführte.

»Wir müssen uns helfen, so gut es geht, Señora,« sagte der Cavalier. »Verstehen Sie zu reiten?«

Sie lächelte durch ihre Thränen. »Ich bin aus Andalusien,

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Señor! Aber kann ich meinen Bruder nicht zuvor sehen, um ihm eine Beruhigung über sein und mein Schicksal zu geben?«

Der Prinz befragte die Augen seines Begleiters, dieser nickte zustimmend, worauf Don Felicio der Dame den Arm bot und sie in den Thurm führte, an dem ihn mit Wuth messenden Günstling vorüber.

Sie waren kaum wenige Minuten bei den Gefangenen, als die fallenden Schüsse das Herz des Morisken und seiner Gefährten schaudern machten. Ihr Schicksal wäre jetzt besiegelt gewesen, wenn der glückliche Rath es nicht gewendet. Der Cavalier zweifelte nicht, die Rettung der Verurtheilten zu vollenden, indem er der Doña Gelegenheit zu einem Fußfall bei dem Infanten verschaffte. Er versprach, sie gegen jeden Versuch ihres Feindes zu schützen und sobald als möglich zurückzukehren.

Der Ruf seines Gefährten mahnte ihn zur Eile; bei dem Charakter ihres Gegners konnte jeder Augenblick unnützen Verzuges Verderben bringen, und er führte deshalb rasch die Dame hinab.

Sie trafen Don Corpas bereits im Sattel; der Graf Mortara hatte ihm das Pferd seiner Ordonnanz nicht verweigern können. Herr von Neuillat dagegen hatte die Zeit benutzt, um ein Reitkissen für die Dame herbeizuschaffen, das Don Felicio auf sein eigenes Pferd befestigen ließ, während er das Roß seines polnischen Dieners bestieg.

Don Corpas wandte sich im Sattel. »Señor Capitano,« sagte er, »nochmals, Sie bürgen für die Gefangenen und halten Ihre Leute zur Execution bereit. Ehe die Nacht einbricht, werde ich von Tolosa mit dem Befehl des Königs zurück sein. Bis dahin, Señores, sparen Sie Ihre Freude über den Sieg!«

Herr von Neuillat lachte spöttisch. »Glückliche Reise, Señor Don Corpas! Tolosa ist zehn Leguas entfernt und das Hauptquartier des Infanten Don Sebastian noch keine zwei. Sie sehen, Ihre Rechnung stimmt nicht!«

Mit einer bittern Verwünschung zwischen den Zähnen sprengte der alte Spanier davon. Als sie an dem noch offenen Grabe vorüber kamen, das vielleicht schon bestimmt war, ihren Bruder aufzunehmen, verhüllte die schöne Moriska schluchzend ihr Haupt.

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Es war am vierten Abend nach den eben berichteten Scenen. Durch die geöffneten hohen Fenster der Balkone kam der frische Strom der duftigen Bergluft, mit dem balsamischen Hauch der Kräuter und Blumen geschwängert, aus dem Thal von Azcoitia daher.

Auf dem Balkon des Palastes de Narros, der die weite Aussicht in die prächtige Nachtlandschaft öffnete, über welcher der glänzende südliche Sternenhimmel lag, standen ein Mann und eine Frau, die Arme fest in einander geschlungen - sie die kleine, zierliche Gestalt an die seine schmiegend, den Kopf an seine Schultern gelehnt: Doña Ximena, die Moriska mit ihrem Beschützer.

Wie lieblich es auch da außen, wie prächtig da oben mit den Millionen und Millionen Sternen, sie suchten doch blos jene, die so zärtlich, so innig in einander leuchteten. Was ist die Welt ringsum für die Liebe? Ihre reizendsten Schöpfungen sind nur das Spiegelbild des innern Glücks.

Ueber das Firmament schoß ein feuriger Streif - ein fallender Stern! Fallende Seelen, sagt der Glaube im Norden; - Gedanken und Grüße Derer, die uns lieben! lehrt die Deutung des warmherzigen Südens.

»Achmet denkt an uns!« flüsterte die Andalusierin - »in jener Gegend, nach welcher der Stern gesunken, weilt das einzige Wesen, das mein ist außer Dir, mein Geliebter - der Bruder, um den ich Dich gefunden und gewonnen - Du, mein Alles, mein Gott, mein Höchstes auf der schönen Welt!«

Er beugte sich nieder zu ihr, strich das von seinem Netz entfesselte Haar zurück und küßte ihre Stirn.

»Süße Schwärmerin! theure Ximene! wirst Du mich immer lieben?«

»Glaubst Du an die Sterne dort oben und an den Gott über ihnen? Wo ich geboren, brennt die Sonne heiß auf die Palmen und Myrthen, anders noch, als in diesen Bergen, glühender, als Du mir Deinen kalten Norden beschrieben! Die Sonne, die den Boden sengt und die glühende Traube reift, bildet auch die Herzen und Leidenschaften der Menschen wärmer, als bei Euch! Wenn die Frauen Andalusiens lieben, ist ihre Liebe ein

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Flammenstrom, der beseligt oder vernichtet, und den selbst der Tod nicht erlöschen mag!«

»Und Achmet - Dein und mein Bruder?«

»Er weiß, daß die Tochter der Hacenen, deren Väter in der goldenen Alhambra thronten, ihre Liebe nicht dem Niedern und Gemeinen weihen kann! Als Du mich an jenem Tage in dieses Haus geführt und verlassen, und Stunde auf Stunde verrann in banger Angst um das Schicksal des Theuren, da vertraute Ximene doch auf Dich, den ihr Auge zum ersten Mal gesehen, und sie wiederholte in ihrem Herzen den Schwur, den sie geleistet in jenem schrecklichen Augenblick, als die Kugeln der Grausamen sein Leben bedrohten, den Schwur: den Retter, den ihm Gott gesandt, zu lieben und die Seine zu sein, wenn er Ximenens Herz nicht verschmähte. Und ihr Glaube hat Ximene nicht getäuscht! Denn als ich das Gelübde gethan, da hörte ich durch die Nacht den Hufschlag Deines Pferdes und Du stürmtest die Treppe herauf, und Dein erstes Wort war: Gerettet! frei!«

Der Offizier drückte sie zärtlich an sich. »Es war kein Augenblick zu verlieren, denn unsere Gegner waren schnell. Darum konnte ich Dich nicht erst benachrichtigen, Geliebte, oder Dich zu jenem verhängnißvollen Thurm zurückführen. Der Infant, der mir die Begnadigung der Verurtheilten sofort bewilligte, während Neuillat nach Tolosa eilte, die Intriguen der Gegner zu hintertreiben, rieth mir, die Gefangenen mit der Escorte, die er mir gab, ohne Vorzug zu den Vorposten der Christino's zu bringen, um ihre Auswechselung anzubieten. Es war ein Glück, denn schon eine Stunde nachher traf der Befehl des Königs ein, welcher das Asylrecht aufhob.«

»O Fluch über ihn, der so das Blut der Söhne Spaniens in kaltem Morde vergießen kann! Und für einen solchen kämpfst Du, der freie Fremdling? O warum mußt Du denn helfen, das erwachte Reich der Geister wieder zu stürzen in die Nacht jener Priesterherrschaft und der Tyrannei, die uns des Elends so viel gebracht?«

Don Felicio lächelte. »Laß uns nicht streiten über Politik, Geliebte. Die Frauen Spaniens denken darin so leidenschaftlich und einseitig, wie über die Fragen des Herzens. Nicht für die

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Herrschaft der Mönche kämpfe ich, sondern für das Prinzip der Legitimität, für den rechtmäßigen König des Landes! Nicht durch ein Unrecht, nicht durch die Revolution schreitet ein Volk vorwärts in seiner Entwickelung, sondern auf dem Wege der Gesetze, welche die Erfahrung der Jahrhunderte geboren. Wer frevelnd das Recht der Könige umstürzt, dem ist Nichts heilig, und frevelnd wird er an allen Gütern der Menschheit rütteln!«

Sie wiegte zweifelnd den schönen Kopf, dann schlug sie die großen schwarzen Augen zu ihm auf. »Achmet und ich sind die Kinder eines alten Königsgeschlechtes,« sagte sie endlich, »und dennoch denken wir anders! Im Grunde - was kümmert's mich! Hat doch der Gott, den jene Priester und Fanatiker mit Blut beflecken, Dich hierher geführt, und darum kann die Sache, der Du Dich geweiht, keine schlechte sein. Seit jener Nacht, in der Du mir die Nachricht von Achmets Rettung, und seinen Gruß brachtest, war mein Herz nur bei Dir, und was kümmerte mich der Streit der Könige und der Völker! Mit Deinen Augen wird Ximene künftig sehen und mit Deinen Gedanken empfinden! In jener Nacht gab ich Dir das Beste, was ich hatte, nicht den Leib der Jungfrau, sondern des Herzens feurige Gluth, die lodern wird für Dich, bis sie dies Herz selbst verzehrt hat. O laß mich nicht von Dir, Felicio, niemals, niemals! denn getrennt von Dir wird Ximene sterben müssen!«

Sie hielt ihn leidenschaftlich umschlungen und er drückte das schöne Weib an sein Herz und preßte Kuß auf Kuß auf ihren schwellenden Mund.

So standen sie lange - nur der Ruf der Schildwachen aus dem Thal, von dem fernen Kirchplatz her, wo die Lanziers bivouacquirten, fröhlicher Gesang oder der Klang der Guitarre und der waffenklirrende Schritt der Patrouillen unterbrach die köstliche Ruhe des Abends.

Plötzlich schrak die Moriska empor - der Galopp eines Pferdes tönte näher und näher auf dem schlechten Pflaster und hielt vor dem Portal des Palastes.

»Mir zuckt es wie ein Stich durch's Herz, o Du mein Geliebter - was mag es bedeuten? wer kommt so spät?«

Der Prinz lachte. »Wie mag Dich ein so gewöhnliches

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Ereigniß beunruhigen, Träumerin! Hundert Reiter kommen und gehen den Tag, denn Du weißt, daß der Offiziere mehr im Palast wohnen. Aber es ist Zeit, daß Du die Ruhe suchst - von der Sierra her streicht der Wind kälter durch's Thal und in aller Früh' ist die Musterung der Truppen.«

»Schickst Du mich von Dir, Felicio, mein Leben?«

Er beugte sich über sie und flüsterte ihr leise einige Worte in's Ohr. Erröthend barg sie das glühende Antlitz an seine Brust und umschlang ihn fester und inniger zur Antwort.

Da klopfte es an die Thür des Gemaches - laut und rasch. Erschrocken riß das Mädchen sich aus seinen Armen, während sie vom Altan in das Zimmer zurücktraten.

»Wer ist da? was giebt es so spät?«

»Schnell, Durchlaucht, öffnen Sie schnell! ein Freund von Tolosa!«

Die Stimme schien ihm bekannt. Vergebens versuchte er, die Dame nach ihrem Gemach zu führen. Doña Ximena weigerte sich, zu gehen, und er öffnete die Thür.

Ein Mann, in den spanischen Mantel gehüllt, den Hut tief über die Augen, trat herein.

»Wer ist der Bursche, den ich im Vorzimmer fand? - es ist nicht Ihr polnischer Diener, Durchlaucht.«

»Ein Deutscher - einer der Verurtheilten, die Sie mir retten halfen, denn nun erkenn' ich Sie, liebster Neuillat. Er weigerte sich, zu den Christinos zurückzukehren, weil ihm dort der Strick für den Diebstahl eines silbernen Christus eben so gewiß war, wie bei uns die Kugel. So macht' ich, weil ich den Fürsten von Oehringen kenne, aus dessen Lande er stammt, einen Diener aus ihm.«

»Können Sie ihm trauen?«

»Ich glaube, Dankbarkeit und Anhänglichkeit sind wahrscheinlich die einzigen guten Eigenschaften, die er besitzt.«

»So befehlen Sie ihm, Wache zu halten und sogleich zu melden, wenn Alguazils nahen.«

»Alguazils? Ich begreife Sie nicht. Wie kommen Sie von Tolosa hierher? was ist geschehen?«

»Nichts, dem nicht noch vorzubeugen ist. Mein Brauner

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hat die eilf Leguas in vier Stunden gemacht, um Sie zu warnen.«

»Mich warnen? was ist geschehen?« Der Bote mit dem Befehl des Königs zur Auslieferung dieser Dame folgt mir auf dem Fuß. Don Corpas hat gesiegt; der Teufel weiß, welcher Lügen oder Verleumdungen er sich bedient hat; aber der Befehl ist ertheilt, Doña Ximena de Nacena ihm zu überliefern, und Sie können sicher sein, daß er in einer Stunde mit den Alguazils in diesem Hause ist, um sie mit Gewalt zu holen. Der edle Señor verließ mit mir zugleich Tolosa, und nur seinem Alter und der Schnelligkeit meines Pferdes verdanke ich den Vorsprung. Fassen Sie rasch Ihren Entschluß, oder fügen Sie sich in das Unvermeidliche!«

»Ich werde mich weigern, Doña Ximena auszuliefern. Den ersten der Schurken, der es wagt, die Schwelle meiner Zimmer zu übertreten, schieße ich über den Haufen!«

»Um Himmelswillen keine Gewaltmaßregel, Durchlaucht - Sie kennen die spanischen Gerichte nicht. Sie sind wie die Harpyen, an wen sie sich einmal gehängt, den geben sie nicht wieder aus ihren Krallen. Ueberdies ist der Befehl des Königs da und Sie würden durch Ihren Widerstand Ihre ganze Zukunft in diesem Lande auf's Spiel setzen.«

»Der Teufel hole sie - ich kümmere mich den Henker darum! - So müssen wir versuchen, Doña Ximena an einen andern verborgenen Ort zu bringen.«

Herr von Neuillat lachte laut auf. »Halten Sie wirklich Don Corpas für so einfältig? Seit Sie oder die Doña versäumt haben, im ersten Augenblick sich aus seinem Bereich zu schaffen, haben Sie keinen Schritt über diese Schwelle ohne seinen Willen thun können. Ich wette, daß der Palast von heimlichen Spähern umgeben, wahrscheinlich selbst angefüllt ist. Keine Verkleidung würde die Dame schützen, wenn sie sich aus dem Haufe wagte, und das würde nur das Mittel sein, sie desto rascher ihrem Feinde und Verfolger zu überliefern, der ihrer zu den Liberalen gehörenden Familie seine Vertreibung aus Granada und das Scheitern früherer Pläne in Andalusien Schuld giebt und an lhr stebst rächen will, daß sein einziger Sohn, von ihr verschmäht,

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ein Mönch geworden. Sie kennen spanischen Haß nicht, Durchlaucht, und was er vermag!«

Der Fürst hatte den Kopf sinnend in die Hand gestützt, die andere hielt die des bangenden Mädchens umspannt. Die Unterredung war in deutscher Sprache geführt worden, die sie nicht verstand.

»Was denn thun? - Ich will Ihnen vertrauen, Neuillat - das Mädchen ist mir in den wenigen Tagen an's Herz gewachsen, ich kann mich nicht von ihr trennen und bin ihr jeden Schutz schuldig!«

»Ich dachte es mir selbst, und deshalb meine Eile! Man spielt bei den Andalusierinnen nicht ungestraft den Cortejo! - Nur List bleibt übrig, die Intrigue zu Schanden zu machen!«

»Rathen Sie - helfen Sie!«

»Ein Mittel gäbe es, Don Corpas und sein Gesindel mit langen Gesichtern abziehen zu machen - aber es ist kaum möglich, die Vorbereitungen zu treffen!«

»Sprechen Sie um des Himmelswillen ... «

»Der Befehl lautet auf Señora Ximena de Nacena ... . und Sie haben kein Recht, diese zurückzuhalten ... «

»Nun - «

»Wenn die Doña einen andern Namen führt, ist der Befehl ungiltig.«

»Wie meinen Sie das?«

»Für Gold, Durchlaucht, ist in diesem Lande von den Pfaffen Alles zu erlangen. Eine Scheintrauung - eine Ceremonie, die durch das Fehlen irgend einer Formel für beide Theile nicht bindend gemacht ist - und das Zeugniß des Priesters würde genügen, um jede weitere Verfolgung unmöglich zu machen!«

Don Felicio sprang empor. »Sie haben Recht - das ist das Einzige! Niemand wird es wagen, meine Gattin anzutasten. Aber nicht eine Scheinheirath, nein, eine wirkliche, denn ich liebe Ximene! Schaffen Sie mir die Mittel, noch in dieser Stunde die Trauung vollziehen zu lassen!«

»Unter keinen Umständen, Durchlaucht,« sagte Herr von Neuillat entschlossen, »wenn Sie sich nicht in meinen Vorschlag fügen. Ich will nicht die Ursach' sein, daß Sie später vielleicht

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sich und mir bittere Vorwürfe machen müssen über einen übereilten Entschluß. Wenn Sie mir nicht Ihr Ehrenwort geben, sich mit einer ungiltigen Trauung zu begnügen, ziehe ich meine Hand zurück!«

»Wohl - aber Niemand kann mir das Recht nehmen, sie als eine giltige zu ehren. Nehmen Sie mein Wort und ich fordere das Ihre dagegen, daß Ximene nie von anderen Lippen als den meinen die Wahrheit erfährt!«

»Das ist Ihre Sache, Durchlaucht. In der Nähe ist ein Dominikaner-Kloster« - er sah nach der Uhr - »wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, ich kenne einen der Patres und werde ihn wecken lassen. Bis ich zurückkehre, gestatten Sie Niemandem den Zutritt in Ihre Wohnung!«

Er nahm Hut und Mantel und verschwand eilig. Der Offizier befahl dem ehemaligen Argelino im Vorgemach, sich zu bewaffnen und strenge Wache zu halten, da sein treuer polnischer Diener krank lag. Dann schloß er die Thür und wandte sich zu der Dame, die mit ängstlicher Spannung einer Erklärung harrte. -


Die Rückkehr des Helfers verzögerte sich, während Don Felicio ungeduldig in dem Gemach auf und nieder schritt, jeden Augenblick lauschend nach dem Geräusch des wiederkehrenden Freundes oder der Ankunft der Häscher. Seine Pistolen lagen auf dem Tisch, seine leidenschaftliche Erregung war zum Aeußersten entschlossen.

Vor dem Betpult in der Ecke des Gemaches lag die Moriska auf den Knieen im demüthigen Gebet. Von dem Bilde der Gottesmutter wandte sich ihr strahlendes Auge von Zeit zu Zeit auf den geliebten Mann mit dem Ausdruck des höchsten Glückes, der höchsten Wonne.

Auf dem Thurm der Kathedrale schlug es drei Viertel auf Zwölf.

Sie erhob sich und trat zu dem Ungeduldigen, leise die Arme um ihn schlingend.

»Er kommt nicht! Aber ob alle Mächte der Hölle sich dagegen verschwören, Du bist mein Weib, und wehe Dem, der es wagt, mein Theuerstes anzutasten!«

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Da sprang es herauf - zwei, drei Stufen die Treppe ... ein schwerer Schritt folgte - der Schwabe aus Oehringen riß die Thür auf, Léon von Neuillat stürzte in das Zimmer und drückte ihm die Hand. »Gefunden, Durchlaucht! Doch nun ist kein Augenblick zu verlieren. Schon verzweifelte ich an dem Erfolg; ich habe den Glockenstrick am Dominikaner-Kloster vergeblich abgerissen, ohne daß der Bruder Pförtner mir öffnete! Da ließ mich das Glück, als ich, jede Hoffnung aufgebend, zurückkehren wollte, hier auf den Bruder treffen, der die Nachtglocke im Kloster versäumt. Ein Wort gab das andere - ich habe ihn gewonnen, er ist bereit, eine ungiltige Ceremonie zu vollziehen und Zeugniß für die Giltigkeit abzulegen - zu Ehren Gottes und zum Nutzen seines Klosters, wie der heilige Spitzbube sagt!«

Der Mönch, den der Diplomat mit in das Gemach gezogen, war am Eingang stehen geblieben. Seine gelbweiße Filzkutte mit dem Geißelstrick und dem Rosenkranz umhüllte die ganze Gestalt, die Kapuze war tief über den Kopf gezogen und verbarg gänzlich das Gesicht.

»Der Name des Herrn sei gelobt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« murmelte der Pater.

»Komm' herein, Konrad, und schließ' die Thür,« befahl der Offizier. »Ehrwürdiger Vater,« wandte er sich dann zu dem Geistlichen, »ich höre von meinem Freunde, daß Sie uns den Dienst erweisen wollen, den ich von Ihnen fordere. Sie sollen reichlich dafür belohnt werden, aber ich bitte Sie, sich zu beeilen denn jeder Augenblick ist uns kostbar, und was auch geschehen möge - Sie werden dies Gemach nicht lebendig verlassen, bevor Sie nicht diese Dame mir angetraut haben.«

»Ich bin bereit, Señor.«

Der Offizier warf eine schwere Börse neben seine Pistolen. Herr von Neuillat hatte unterdeß einen kleinen Tisch mit einem Teppich bedeckt und zwei Kerzen und das Crucifix vom Betpult darauf gestellt.

»Eine Hochzeit im Feldlager,« sagte er scherzend. »Nur der Kranz fehlt! Doch ich erinnere mich, die Orangen reichen, herauf bis zum Balkon.«

Er sprang nach diesem und kehrte gleich darauf mit zwei

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blühenden Orangenzweigen zurück, die er abgeschnitten und rasch zur Form eines Kranzes zusammenflocht, den er auf das dunkle Haar der Moriska drückte.

»Eilen Sie sich,« flüsterte er auf Deutsch - »unten auf der Straße sammeln sich verdächtige Gestalten und reden mit den Schildwachen; ich sah es deutlich vom Balkon.«

Der Offizier ergriff die Hand des zitternden Mädchens und zog sie auf die Kissen nieder, die auf Herrn von Neuillats Geheiß der ehemalige Argelino vor dem improvisirten Altar niedergelegt. Der Mönch stand bereits dort, sein Brevier in der Hand.

»Wollen Sie nicht Ihre Kapuze zurückschlagen, ehrwürdiger Vater?« sagte Herr von Neuillat; »diese Verhüllung belästigt Sie.«

Der Mönch murmelte einige abwehrende Worte und zog die Kutte noch fester um seine Schultern. Dann begann er die Eingangsformeln der Trauung zu lesen.

Bei dem ersten Ton seiner dumpfen Stimme erbebte die Braut, und die Röthe des Glücks, die auf ihren Wangen lag, wich für einige Momente einer tiefen Blässe. Bald aber, als wiese sie einen sich ihr aufdrängenden unmöglichen Gedanken zurück, gewann sie ihre Fassung wieder und antwortete der Frage ob sie, Ximena Nacena, den gegenwartigen Caballero nach dem Ritual der heiligen Mutter-Kirche zu ihrem Gatten nehmen wolle? mit einem leisen Ja.

»Ihren Namen, Señor!« murmelte der Priester.

Der Offizier nannte den seinen.

»Vis accipere Ximenam de Nacena hic praesentatim in tuam legitimam uxorem juxta ritum sanctas Matris Ecclesiae?«

Gewehre und Hellebarden klirrten auf dem Pflaster der Straße - zwei Schläge donnerten gegen das bereits verschlossene Thor. Herr von Neuillat sprang an's Fenster und blickte nach der von Fackeln erhellten Straße. Auch der Mönch richtete aufmerksam seinen Kopf dahin, aber der Offizier faßte heftig sein Gewand.

»Ich will,« sagte er fest. »Vollenden Sie, oder ich werde Sie zwingen!«

Der Diplomat winkte vom Fenster her: »Parbleu - es ist richtig! Sie werden in fünf Minuten hier oben sein!«

Man hörte eine klare deutliche Stimme auf der Straße:

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»Im Namen des Königs, öffnet das Thor!«

»Die Ringe,« sagte der Dominikaner, »die Ringe, Señor!«

Der Bräutigam riß den schweren Siegelring, den er trug, vom Finger. Der Stein, ein prächtiger Bluttopas, zeigte ein quadrirtes Wappen mit Fahnen und Trauben.

»Gieb, Geliebte, den Reif dort am Finger!«

»Niemals! Wer ihn trägt, ohne vom Blut der Hacenen zu sein, muß von Mörderhänden sterben!«

Er hatte bereits ihre Hand gefaßt und zog den Ring, einen Reif von einem unbekannten Metall mit rothem, funkelndem Stein, von ihrem Finger. »Es ist keine Zeit, Ammenmährchen nachzuhängen,« sagte er hastig. »Die Schurken haben das Thor geöffnet - halten Sie die Thür, Neuillat, und Du, Konrad - vertreibe Gewalt mit Gewalt, und vollenden Sie, Pater!«

»Ego conjugo vos in matrimonium, in nomine Patris, et filii, et spiritus sancti. Amen!«

Don Felicio steckte hastig seinen Ring an den Finger des zitternden Mädchens.

Schwere, eilige Tritte, wie von vielen Menschen, kamen die Treppe hinauf, Hände und Waffen schlugen gegen die massive Thür des Vorzimmers.

»Aufgemacht! im Namen des Königs!« Der Offizier hatte eine der Pistolen gefaßt, die in seiner Nähe lagen, und spannte sie. Sein dunkles Auge blitzte von der Thür, an der Herr von Neuillat und der Diener lauschten, drohend zurück zu dem Priester, der zögernd wieder inne hielt.

»Vollenden Sie, Pater, oder bei Gott - diese Kugel ist für Sie!«

»Confirma hoc Deus, quod operatus est in nobis!

A templo sancto tuo quod est in Jerusalem!«

Mit lauten Schlägen donnerte es gegen die Thür. »Aufgemacht! im Namen des Gesetzes! Steigt über den Altan - laßt Niemand entkommen!« befahlen Stimmen durcheinander.

»Nach dem Balkon, Neuillat! Schießen Sie Jeden über den Haufen, der es wagt, seinen Kopf über die Balustrade zu erheben! Wenige Augenblicke noch, und sie kommen zu spät! - Machen Sie zu Ende, Pater - zu Ende!«

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»Sprengt das Schloß mit einem Schuß, wenn sie nicht gutwillig öffnen! Die freche Dirne ist bei ihrem Buhlen - diese Leute bezeugen es!« Man hörte an der Stimme des Agenten seine Aufregung, den Triumph der nahen Rache.

»Nehmen Sie sich in Acht, Señor Don Corpas,« sagte spottend Herr von Neuillat - »Sie stören hier eine wichtige Handlung!«

Der alte Intrigant schäumte vor Wuth, als er die Stimme, seines Rivalen erkannte. »Bringt Aexte - schlagt die Thür ein!«

Eben murmelte der Mönch die letzten Worte des Segens: »Ut quit te auctore juguntur, te auxiliante serventur: Per Christum Dominum nostrum. Amen!«

»Jetzt,« sprach lachend der Agent, »verderben Sie dem Herrn Marquis de Narros nicht unnütz seine prächtigen Mahagonithüren. Erlauben Sie nur, daß ich den Riegel zurückschiebe!«

Die Scheiben der Balkonthür flogen in Stücke - in demselben Moment öffnete auch Herr von Neuillat die Thür und ein Schwarm von Alguazils mit ihren Stocken und allen Partisanen, Don Corpas und einen Alkalden an der Spitze, drang in das Gemach, gefolgt von einer Menge neugieriger Hausleute Diener und Soldaten, während zugleich mehrere bewaffnete Alguazils über den Altan in's Zimmer stiegen.

Aber Alle blieben erstaunt, betroffen am Eingang halten, als sie die Gruppe vor sich erblickten.

Vor dem improvisirten Altar, den Arm der Moriska durch den seinen gezogen, stand der Offizier ruhig und in vornehmer Haltung, hinter ihnen der Mönch, während Herr von Neuillat mit spöttischer Verbeugung den Diplomaten begrüßte und der Argelino, bis an die Zähne bewaffnet, sich zur Seite hielt, bereit, auf den ersten Wink seines neuen Gebieters wie ein Bullenbeißer Jedem an die Kehle zu springen.

Don Felicio trat einen Schritt vor. »Darf ich fragen Señor, was dieses gewaltsame Eindringen zur Nacht in meine Wohnung zu bedeuten hat? Seine Excellenz, der Marquis de Narros, der, wenn auch abwesend, mir hier Gastfreundschaft gewährt hat, dürfte noch strengere Rechenschaft dafür fordern, als selbst ich, mein Herr!«

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Herr von Corpas hatte sich indeß wieder gesammelt. »Mit solchen Reden lassen wir uns in Spanien nicht schrecken, Señor,« sagte er mit Hohn. »Ich sehe, daß Sie zwar einen sehr klugen Beistand haben« - seine Hand wies nach dem Agenten - »indeß die Majestät des Gesetzes verlangt ihr Recht. Im Namen des Königs, Señor Alkalde, thun Sie Ihre Pflicht!«

Der Alkalde trat mit all' der Würde der alten spanischen Grandezza einen Schritt vor, indem er ein Papier entfaltete. »Im Namen Seiner geheiligten apostolischen Majestät und der hohen Junta der drei sehr getreuen Provinzen Biscaya's. Hier ist der Befehl, die Señora Ximena de Nacena zu verhaften, wo die Justiz sie findet, und selbe dem hier anwesenden sehr ehrenwerthen Señor de Corpas, als dem ihr vom Gericht gesetzten Vormund und Aufseher, zu überliefern!«

Herr von Neuillat lachte. »Ganz wohl, würdigster Herr, aber ich sehe hier nirgends die Dame, welche dieser Befehl benennt und die unter so vortreffliche Vormundschaft gebracht werben soll.«

»Dort steht sie - das ist die Dirne,« rief Don Corpas heftig, auf die Moriska zeigend. »Brauchen Sie Gewalt, Señor Alkalde, wenn sie sich zu folgen weigert!«

Der Alkalde erhob seinen Stab, um die Andalusierin zu berühren, als der Offizier ihm zuvorkam und warnend den Finder hob.

»Wagen Sie nicht, diese Dame zu beleidigen, Señor,« sagte er streng. »Es ist nicht Doña Nacena, die vor Ihnen steht, sondern meine angetraute Gattin, die keines Vormundes und Schutzes bedarf, als den ihres Mannes!«

Der Alkalde trat erstaunt zurück, Don Corpas erblich vor Wuth bei dieser unerwarteten Erklärung. »Das ist eine Lüge, Señor Alkalde, ein nichtswürdiger Vorwand, dieses Geschöpf dem Gesetz zu entziehen! Auf meine Verantwortung, thun Sie, was Ihnen befohlen!«

Der Prinz trat auf ihn zu, seine Augen funkelten drohend. »Sprechen Sie mit Respekt von meiner Gattin, Señor,« sagte er hitzig, »wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie zu Boden schlage.

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Ich wiederhole Ihnen, diese Dame ist meine Gemahlin, und Sie kennen meinen Rang!«

»Es ist unmöglich - seit wann ... ?« Seit zehn Minuten! Doch ich will mich nicht herablassen, dem Häscher weitere Fragen zu beantworten. Hier sind die Zeugen der Trauung und hier steht der Geistliche, der sie verrichtet!« Er trat zur Seite und zeigte den Mönch, der anscheinend theilnahmlos der Scene beiwohnte. »Ich bitte, sagen Sie diesen Herren, ehrwürdiger Vater, daß Sie eben die heilige Handlung vollzogen haben!«

Der Mönch neigte den Kopf. »Ich bestätige es!«

»Und jetzt, Señor Alkalde,« sagte der Offizier, »werden Sie uns hoffentlich von Ihrer Gegenwart befreien, da die Nacht weit vorgeschritten, und gestatten, daß ich mich zurückziehe. Dies wird genügen, daß diese Schufte da wenigstens nicht umsonst hierher gekommen sind!«

Er ging zu einem Tisch und nahm aus der Lade eine Hand voll Gold, die er dem Alkalden reichte, auf dessen Finger, die sich gierig um die Goldstücke schlossen, die Alguazils sehr bedeutsame und verdächtige Blicke warfen. »Mögen Euer Gnaden tausend Jahre leben,« sagte er kriechend; »ich bitte demüthig um Vergebung, Sie gestört zu haben. Der Befehl hat natürlich keinen Bezug auf Euer Gnaden Gemahlin und ich lege meine Wünsche dem hohen Paare zu Füßen!«

Er zog sich mit tiefen Verbeugungen nach der Thür zurück, umgeben von der Meute seiner Schergen, als Don Corpas, den de Neuillat schadenfroh durch das Lorgnon beobachtete, ihn noch einmal zurückzuhalten versuchte.

»Dieser Priester kann ein gedungener Schurke sein und die ganze Heirath ein Komödienspiel,« rief er. »Weswegen verbirgt er sein Gesicht, daß wir ihn nicht kennen sollen!«

Der Mönch schritt schweigend durch die Gruppe auf Don Torpas zu, und als er dicht vor ihm war, lüftete er einen Augenblick die Kapuze, die er sogleich wieder über den Kopf zog, so daß das junge Paar und ihr Freund nur die Tonsur erblickt hatten. Auf Don Corpas aber schien der Anblick des Priesters einen merkwürdigen Eindruck zu machen, denn er taumelte erschrocken

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zurück und war im Begriff, einen Ruf auszustoßen,als ein gebieterisches Zeichen ihm den Mund schloß.

»Pax vobiscum!« murmelte der Mönch, indem er das Zeichen des Kreuzes schlug. »Geht, denn wo die heilige Kirche gesprochen, hat die weltliche Macht kein Recht!«

Der Haufe drängte sich durch die Thür und der Alkalde zog, Don Corpas mit sich fort.

Das junge Paar, Herr von Neuillat und der Argelino blieben mit dem Pater allein zurück, der an der Thür seinen Stand behauptete.

»Parbleu!« sagte Neuillat lachend, »Sie wissen bereits vortrefflich mit unsrer spanischen Justiz umzuspringen, Durchlaucht. Erst die Verblüffung und dann das Gold - in der, That, Sie könnten, wie unser würdiger Argelino dort, einen, silbernen Christus vom Kreuz gestohlen haben, und der Alkalde hätte Ihnen noch die Hand geküßt. - Aber nun, ehrwürdiger Bruder, ist die Komödie zu Ende, Sie haben Ihr Spiel ganz natürlich gemacht. Nehmen Sie den Beutel da, den die Großmuth des Prinzen Ihnen bestimmt hat, und lassen Sie uns jetzt unsrer Wege geh'n, da es doch zu spät ist, um noch einen Hochzeitsschmaus zu halten!«

Er hielt dem Mönch die Börse hin, doch dieser machte zu seinem Erstaunen eine abwehrende Bewegung.

»Wie - Sie weisen die Belohnung zurück? - Es ist Gold - ich sehe es durch die Maschen!«

»Ich bedarf des Geldes nicht,« murmelte der Mönch, »aber ich bitte um einen andern Dienst.«

Der Offizier war näher getreten. »Was wünschen Sie?, sprechen Sie!«

»Die späte Stunde, Señor,« sagte der Mönch, »gestattet mir nicht mehr, in mein Kloster zu gelangen, oder sonst ein passendes Unterkommen zu finden. Ich werde ohnehin morgen durch den Dienst, den ich Ihnen erwiesen, in Pönitenz kommen. Erlauben Sie mir, den Rest dieser Nacht im Gebet zuzubringen daß die Heiligen Ihre Ehe segnen mögen!«

»Würdiger Vater, das ist ein sehr kleiner Dienst, den Sie verlangen,« antwortete der Offizier. »Nehmen Sie diese Börse

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dazu und besuchen Sie uns noch einmal zur gelegenern Stunde. Konrad, mein Diener, wird Ihnen Gesellschaft im Vorzimmer leisten, und eine Flasche Wein wird sich hoffentlich auch noch in einem Winkel finden, Ihnen die langen Stunden der Nacht zu verkürzen. Ich habe mir sagen lassen, daß die Fratres Dominikaner in Spanien nicht so schlimm sind, als die Welt sie von der heiligen Hermandad her verschrieen hat. Und nun, Léon, gute Nacht, und zählen Sie für den Dienst, den Sie mir heute geleistet, in jeder Lage des Lebens auf mich. Konrad wird Ihnen ein Zimmer anweisen!«

Mit einem herzlichen Händedruck schieden die Männer. Don Felicio umfaßte zärtlich die Braut und verschwand mit ihr in der Thür des innern Gemaches.

Hätte er den glühenden, halb wahnwitzigen Blick sehen können, den der Mönch unter der Kapuze hervor ihnen nachsandte - sein unerschrockenes, jetzt des Glücks so volles Herz würde gezittert haben.

Der Pater folgte den Anderen in das Vorzimmer. Dort kniete er in einem Winkel nieder und begann seinen Rosenkranz zu beten, während der Argelino frische Kerzen anzündete und für Herrn von Neuillat in einem benachbarten Zimmer, so gut es ging, aus Mänteln und Teppichen ein Lager bereitete.

Vergeblich versuchte Herr von Neuillat noch, den Mönch zum Sprechen zu bringen, ehe er ihn verließ; derselbe blieb eifrig in seine Andacht vertieft.

Aber kaum hatten sich Beide entfernt, so richtete der Pater sich auf, bei der raschen Bewegung öffnete sich die weiße Dominikanerkutte und zeigte das schwarze Gewand des Jesuiten, und in der sich öffnenden Falte der Brust blitzte der Griff eines langen catalonischen Messers. Mit wilder Energie warf der Mönch die Kapuze zurück und war mit einem Sprung an der Thür des Gemaches, in dem vorhin die Trauung geschehen, und beugte horchend den Kopf nieder an das Schloß.

Dann, als er sich wieder empor richtete, war sein Antlitz fahl und weiß, seine Zähne klapperten hörbar und dicke Tropfen kalten Schweißes standen in langen Perlen an den Spitzen

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der Haare um seine Tonsur, während sein Auge wirr und zuckend umher fuhr.

Zwei Mal faßte seine Hand nach dem Messer - zwei Mal streckte die andre sich aus nach dem Thürgriff und hob sich der Fuß, als wolle er hineinstürzen - und beide Male senkte sich der Fuß, beugte sich das Haupt, und die sich ballende Faust schlug mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes an die keuchende Brust und in tiefster Zerknirschung murmelte seine Stimme:

»Retro Satanas! misericordia Domine cum miserrimo peccatore!«

Als der Schwabe, zwei Flaschen navarresischen Weins unter dem Arm, von der Besorgung des Nachtlagers für Herrn und Pferd zurückkehrte, kniete der Mönch tief verhüllt wieder in der fernsten Ecke des Gemaches und ließ seinen Rosenkranz durch die Finger laufen.

»Na, Bruder,« sagte der Argelino, »i bin kei solcher Heid' nit, wie die Leut' mi halt verschrieen haben, und 's isch keini Schand' für en hailige Ma, ei Flasch' Wein mit em ehrliche Kerl zu trinke. Da - nehmscht die ei und i b'halt die andre! - Wie, Ihr wollt nit?«

»Ich trinke nur Wasser,« schnitt kurz der Pater seinen Vorschlag ab.

»Na hört - desch hab' i andersch g'lernt in de Klöstern. Die Herr'n Pfaffe in Spanien hab'n s' gut ihren Keller gefüllt, wie die geistliche Herre in Schwabe. Aber wie Ihr wollt! Hätt' im Leben nit g'glaubt, dasch so en vornehmer Herr wie der mein' an' braune Zigeuner'n heirath'n würd'! Aber trinken will i aaf ihre G'sundheit doch mein'n Stiebel!«

Er zog sich eine alte Matratze quer vor die Thür, legte seinen Säbel und die Pistolen neben sich nach der alten Gewohnheit in den algierischen Bivouacs und machte es sich dann bequem, indem er sich eine Cigarre anzündete und eine Flasche öffnete.

Noch einige Male versuchte er es mit gleich wenigem Erfolg, den Pater in das kleine Gelag zu ziehen, und als dieser beharrlich ihn nicht beachtete, still in seinen Gebeten fortfahrend, gab er sich allein an's Trinken, dazwischen wüste deutsche und

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französische Sauflieder summend und auf alle Nationalitäten fluchend, und bald verkündete sein tiefes Schnarchen, daß die Müdigkeit und der Wein ihn überwältigt hatten.

Der Mönch ließ die Hand mit dem Rosenkranz sinken und stützte den Kopf in die andre. Sein glühendes Auge bohrte sich fest auf die Thür ihm gegenüber - von Zeit zu Zeit bedeckte er sein bleiches Gesicht, über das der kalte Schweiß in Strömen rann!

Welche Gedanken, welche Leidenschaften durchwogten sein brennendes Hirn, seine keuchende, schwer athmende Brust!

Er hatte sie geliebt - geliebt mit jener flammenden Leidenschaft der südlichen Charaktere, wo die Liebe nicht ein ruhiger, beseligender Strom fließt, sondern ein Katarakt von Gluth und Haß, von Sturm und Drang - geliebt trotz des langen Hasses ihrer Familien und der strengen Feindschaft der politischen Parteien, die einander verfolgten - er, damals ein wüster, wilder Bursche, der keckste Torreador der Arena, der zierlichste Stutzer auf der Alameda Granada's, der wüsteste Spieler in den Höhlen des Lasters - sich selbst überlassen von dem Vater, der sich in dem Intriguenkampf des unglücklichen Spaniens bewegte. -

Damals wies ihn das Mädchen, für das sein Herz in wilder Leidenschaft erglüht war, mit Verachtung zurück und verschmähte seine Liebe, seine Hand, und in einem Augenblick der Verzweiflung - nachdem der Versuch seines Vaters, in Sevilla und Granada einen Aufstand für Don Carlos zu veranlassen, durch den Subdelegado der letztern Stadt, den alten Hacena, schmählich gefallen war und mit der Vertreibung seiner Familie geendet hatte, wogegen der alte Hacena an einer erhaltenen Schußwunde siechte und starb - hatte er den Entschluß gefaßt, in das Noviziat der Jesuiten einzutreten und die ersten Gelübde abzulegen.

Der Sohn des Günstlings des verstorbenen Königs und des Prätendenten war für die Gesellschaft Jesu eine zu willkommene Acquisition, als daß sie nicht Alles aufgeboten haben sollten, ihn festzuhalten, und die Erziehung seiner Jugend in einem Jesuitenstift, sein leidenschaftlicher, rachsüchtiger und finsterer Charakter

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wurde unter ihrer geschickten Hand zum wilden Fanatiker der Religion, aus dem einst das energische Werkzeug höherer Pläne hervorgehen sollte.

In diesem Kampf der Rückerinnerungen und der Buße, der Leidenschaft und der Abstinenz war es, daß sein Vater, der den Zug des Generals Gomez nach Andalusien begleitet hatte, die Tochter seines Todfeindes gefangen nach Biscaya zurückschleppte und in jenem Thurm im Thale von Azcoitia eingesperrt hielt, um sie zu zwingen, gleich seinem Sohn der Welt zu entsagen und in ein Kloster zu treten. Der Gedanke, die einst Geliebte dem Himmel zu opfern, war ein für seine Eifersucht wie für seinen Fanatismus gleich anregender, und während der Zeit ihrer Gefangenschaft hatte er das unglückliche Mädchen fast täglich mit seinen zelotischen Bußpredigten gepeinigt. Um so wilder entflammte seine alte Leidenschaft und seine Eifersucht bei jener Scene am Thurm, als ein Fremder Ximene und ihren Bruder in Schutz nahm und sie seiner Gewalt entführte, und nur die Macht des blinden Gehorsams beugte im Augenblick seinen Trotz. Der Haß gegen den Mann, der es gewagt, Ximene ihm zu entziehen, und gegen diese selbst steigerte sich, als er vernahm, daß sie sich bei dem Fürsten befand und dieser ihre Auslieferung seinem Vater fortgesetzt verweigerte. Seine Pönitenz war kaum beendet, als er sich Urlaub aus dem Kloster zu verschaffen wußte und am selben Abend nach Azcoitia eilte, wo er in der Kutte eines Dominikaners um die Wohnung seines Feindes schlich.

So traf ihn de Neuillat, und der Vorschlag, den dieser ihm machte, ließ in dem Betrüge selbst den Gedanken der Rache durch sein Hirn zucken. Noch war es unklar in ihm, wie er diese Gelegenheit benutzen sollte, aber sie brachte ihn wenigstens in ihre Nähe und gab ihm Macht über sie und ihn, und er folgte daher sogleich dem Vermittler und verrichtete die Trauung, die ihm ja jetzt das Mittel gab, Schmach über sie Beide zu häufen oder sie für's Leben aneinander zu ketten, je nachdem es seinen Plänen entsprechen würde.

Aber jetzt - nachdem es geschehen - saß er da und bohrte sein Auge auf jene Thür, und seine glühende Phantasie malte ihm die Bilder dahinter - sie und ihn - ihn, vielleicht von

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seinem Recht Gebrauch und sich für den Schutz bezahlt machend, den er ihr durch die gewährte Täuschung verliehen -

Das Auge der Eifersucht sieht scharf - der Ausdruck, mit dem das Auge Ximenens an ihrem Schützer gehangen - die Hingebung, mit der sie sich an ihn geschmiegt - die flammende Gluth des Glückes auf ihrer Stirn - das war nicht eine Rolle, berechnet und bestimmt, die Anderen zu tauschen - das war Liebe - Hingebung - und jetzt -


Der Fürst hatte die schlanke Gestalt der Moriska umfaßt und trug sie mehr als er sie führte, nach dem Gemach, das seither ihre Wohnung gebildet.

Ein ziemlich weites Zimmer mit dunklem Eichenholz getäfelt - an den Pfeilern deckenhohe vergoldete Spiegel, ein Raub der Franzosen aus Aranguez, den sie mit all' der Beute nach der Schlacht von Vittoria in den baskischen Sierren zurückgelassen. Ein breites Himmelbett mit schweren seidenen Gardinen und wogenden Federbüschen stand nach spanischer Sitte in der Mitte des Gemaches, das eine Ampel von antiker Form mit jener dämmernden Beleuchtung übergoß, die so wollüstig matt auf die Nerven wirkt, nicht Schlaf, nicht Wachen - Träumen mit Bewußtsein des Traums.

Durch die Jalousieen zog ein Duftstrom vom Garten des Palastes herauf, schwere, dicke Orangenluft, die Sinne betäubend - dazwischen der frische Hauch von den Sierren -

Das Auge des Offiziers glühte, als er die zierliche Gestalt nach dem Lager trug, das Divan und Sessel ersetzte, und sie darauf niederließ.

Zwei Mal versuchte er es, das verführerische Schweigen zu brechen und ihr zu sagen, daß er kein Recht auf sie habe, daß die Ceremonie nur eine Täuschung sein sollte, sie zu retten; zwei Mal versuchte er, sich loszureißen aus ihren umschlingenden Armen und zu entfliehen, und jedes Mal tauchten seine Augen in die verzehrende schmachtende Nacht der ihren, die ihm sagten: »Ich bin ja längst die Deine - jetzt nur für immer! O laß uns feiern und binden, was der Priester gebunden - mit der unendlichen Macht der Natur!«

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Und er küßte sie - Stirn - Augen - Mund - seine Lippen wühlten und glühten auf dem schlanken Hals, dem Nacken, während seine zitternden Hände fieberisch die Dienste der Camariera verrichteten und ihre umschlingenden Arme, ihre heißen Küsse ihn mit jedem Moment daran hinderten!

»Wirst Du mich immer lieben, Felicio?«

»Immer - ewig! Du sollst mein Weib sein, die Tochter Spaniens, die Mutter eines Fürstengeschlechts!«

»Und bin ich's denn nicht? Das Blut Boabdils ist in meinen Adern - aber nur Eines denke ich: ich liebe Dich!«

Durch die Jalousieen kam schwer der duftige betäubende Hauch der Orangen - ihre Lippen auf einander gepreßt, sogen und gaben sie Leben, die schlanken, zarten, üppigen Glieder schlossen und rankten sich wie die Liane um die Eiche fest umschlingend - seine Pulse fieberten in unendlicher Gluth!

Matter und matter glänzte die Ampel - was sollte auch ihr Licht? - entweihen der Liebe Glück?

Der frische Luftstrom von den Sierren rauschte durch die Jalousieen und löschte den letzten flackernden Schein.

Oder war es der Hauch des Engels, der die Lampe löschte?

Thörichte Frage - sind nicht Blumenduft und Nachthauch der süße Odem der Engel? - Steht nicht ein solcher an dem Lager der Liebe und hüllt seinen keuschen Schleier um ihr heiligstes Mysterium?

Nur wo die Frechheit und Schamlosigkeit mit entweihender Hand in den Schleier greift und seine duftigen Falten zerreißt, da flieht der Genius, die Furie der Sinne tritt an seine Stelle und leuchtet mit gluthrother Fackel nieder zum Lager der Lust! -

»Ximene!«

»Felicio!« -


Dann schloß der Engel die freundlichen, glücklichen Augen und der süße, matte Traum senkte sich nieder auf die Stirnen des Paares.

Schwerer, ruhiger Athem - das pulsirende Klopfen der Herzen in dem stillen Gemach - so ruhen sie, Arm in Arm - ihr Kopf an seiner Brust, und sein Athem trinkt unbewußt den duftigen Hauch ihres Haars.

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O Liebe - süße, süße Liebe! Und in dem Hirn des Mannes der draußen wie der entfesselte Panther rastlos und mit glühenden Augen durch das Gemach wandert, dann wieder das bleiche Haupt niederbeugt, lauschend zur Thür über den Körper des trunkenen Argelino hin, der sie sperrt, - malen sich vielleicht dieselben Bilder, wie den Glücklichen im Traum, aber ein Teufel führt den Pinsel und Dämonen mischen die Farben! Da krallt er die Nägel in die Brust vor den wahnwitzigen Phantasieen, daß das Blut in schweren Tropfen um seine Finger träuft, und sie ballen sich um den Griff des catalonischen Messers und seine Augen suchen die Brust des Schlafenden, der ihm den Weg sperrt -

Sie aber - sie schlafen so sanft, so süß, die Glücklichen!

Da ...

Rrrrrr! Rrramtam! Rrrrramtamtam! -


Durch die Straßen der kleinen Stadt wirbelt der Generalmarsch, die langen Hörner der Infanterie von Guipuzcoa rufen in den gedehnten klagenden Tönen die Krieger der Berge zum Sammeln - die Trompeten der Lanzenreiter von Navarra schmettern durch die Nacht und der Galopp der Adjutanten donnert durch die Straßen.

Lichter in allen Fenstern - auf dem Plazza der Kathedrale sammeln sich die Bataillone, vor dem Palaste Granada, dem Quartier des Infanten Don Sebastian, drängt und wogt es von Offizieren und Ordonnanzen - Adjutanten eilen davon und bringen Botschaft.

Der Name >Espartero< ist in Aller Munde - Tolosa sei angegriffen worden, das christinische Heer ziehe heran, um noch einen Versuch zu machen, die verlorene Provinz wieder zu gewinnen. Die widersprechendsten Gerüchte von Gefahr kreuzen sich.

An die Thür des Schlafgemachs donnert die Hand des Freundes. Seine andre schüttelt den Argelino aus seinem Rausch.

»Aufgemacht, Durchlaucht - schnell, schnell! Wir müssen zum Prinzen - die Truppen rücken aus - ich eile voran!«

Aber der Trommelwirbel hat den Offizier bereits aus den umschlingenden Armen gerissen. »Ruhe, keine Furcht, mein süßes Leben - das ist das Loos der Soldatenfrau, an das Du Dich gewöhnen mußt! In Deinen Adern fließt das Blut eines tapfern

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Geschlechts! Ich stiege zum Hauptquartier, zu hören, was es giebt, und kehre dann zu Dir zurück! Nach der Liebe die Schlacht, vom Leichenfeld und Kugelsturm in den weichen Arm des Glücks - das ist Soldatenart!«

Die Thür öffnet sich, an den Mann ihrer Liebe, ihres Glücks geschmiegt, folgt ihm im wehenden Nachtkleid die Moriska zur Schwelle. Ihre Augen glänzen süße Scham, Furcht und Stolz, und achten, ja sehen nicht den wilden, glühenden Blick, der aus der Kapuze hervor auf ihr ruht.

Die Befehle des Herrn sind kurz und rasch, wie es dem Soldaten ziemt - in wenigen Augenblicken ist er gewaffnet, gerüstet.

Unten vor der Thür des Palastes sitzt Herr von Neuillat bereits zu Pferde. »Kommen Sie nach, Durchlaucht! Angriff auf Tolosa - ich eile zum König!«. Der zweite Reitknecht führt die Pferde schon vor -

»Ruhig, mein Leben! hier bist Du sicher und ohne Gefahr! Konrad, Du bleibst zurück, bürgst für die Sicherheit der Fürstin und sorgst für den kranken Stephan. Wenn es Ernst gilt und ich erst Näheres weiß, komme ich zurück, um weitere Befehle zu geben!«

Er küßt die junge Frau auf die Stirn, den bleichen, bebenden Mund, wie sie auf der Schwelle noch an ihm hängt.

»O Felicio, verlaß mich nicht! Mein Herz ist von Angst bedrückt - meine Sinne werden wirr, als sollt' ich Dich niemals wiederseh'n!«

»Thorheit! in einer Viertel-, einer halben Stunde bin ich zurück, Dir Nachricht zu bringen! Jetzt dank' ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, daß Sie hier geblieben! Nehmen Sie die Fürstin in Ihren Schutz, bis ich wieder hier bin, und beruhigen Sie die Arme!«

Eine leichte Kußhand - schon springt er über die steinernen Stufm hinab, im nächsten Augenblick sitzt er zu Pferde. Sie stürzt nach dem Balkon - sie streckt die Arme nach ihm aus - »Felicio! Felicio!«

Der Nachtwind öffnete das weiße Gewand über der keuschen Brust, die Fackeln werfen ihre verrätherischen Lichter herauf über

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die köstliche warme Gestalt und hinter ihr das fieberisch glühende Auge des Mönchs -


Im Palast des Herzogs von Granada de Ega steht der junge Kriegsheld, der Infant, im Kreise seiner Getreuen, bereit, den grünen Lorbeer, den er auf den Höhen von Galdacano und vor den Wällen von San Sebastian um seine Stirn gewunden, mit frischen Reisern zu schmücken. Meldungen auf Meldungen, die Befehle jagen sich! Die Elite-Compagnieen des vierten Bataillons von Guipuzcoa stehen als Leibwache vor dem Thor des Palastes, die Bataillone von Navarra ziehen aus dem Thal bereits herauf unter klingendem Spiel; Quilez führt die Grenadiere von Nieder-Aragon aus dem Thore nach Süden, den Moral auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter; - vor der Kathedrale halten Manuelin und Osma mit den Carabiniers-Escadrons - der jüngere Montenegro rasselt, eben mit seinen Sechszehnpfündern über den Platz, die der patriotische Schmied von Oñate aus alten Hufeisen zusammengehämmert hat.

Gleiches Leben und Treiben wie vor dem Palast war in seinem Innern. In dem großen Saale stand neben einem Tisch mit Papieren, an dem Depeschen schreibende Adjutanten saßen, der Infant-Generalissimus in seinem dunkelblauen carlistischen Oberrock, mit dem weißtuchwnen Großprioratskreuz von Sanct Johann und dem goldnen Vließ geschmückt, - wie die weiße Boina mit schwarzer Troddel auf seinem Haupt und die roth und goldene Feldmarschallsschärpe bewiesen, bereit, den Fuß in den Bügel zu setzen. Um ihn die kühnen und geprüften Häuptlinge, deren Namen damals in jedem Munde von Europa waren: der jugendliche Villareal, der sich in drei Jahren vom Hauptmann zum General-Lieutenant aufgeschwungen; - der greise Chef des Generalstabs und die Seele aller Operationen, Moreno, auf dem der Haß aller Liberalen ruhte, bis er ihn unter den Mordstahl brachte; - der Graf von Madeira, der Held zweier Welttheile, der bis zum letzten Augenblick seine Insel gegen die vereinten englisch-pedristischen Flotten vertheidigt und, nun er für Dom Miguel nicht mehr kämpfen konnte, in Erwartung besserer Tage seinen Degen Carl V. geweiht; der Pfarrer Merino und

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Cunvillas, die beiden alten Guerillaführer aus dem Unabhängigkeitskriege; - Pablo Sanz, der junge Gefährte Zumala-Carrégui's; - General Elio, die feine jugendliche Gestalt des Militair-Secretairs des Infanten, die anziehendste Erscheinung des Feldlagers, auf dessen bleicher Stirn der Tod stand, der ihn dreiundzwanzig Jahre später für seine Treue erreichen sollte; 9 - die Obersten Cyprian Fulgosio und José Cabañas; - Tomas Reyna, der Lieblings-Adjutant Zumala-Carrégui der sein Schwert als Vermächtniß erbte, und der am unglücklichen Schlachttag von Mendigorria in fünf verzweifelten Chargen den König und das Heer rettete; - der ältere Montenegro, der Wallone Oberst Crayewinkel und der tapfere Vendéer Sabatier mit vielen Anderen - Ritter des Thrones, Helden der Könige von Gottes Gnaden, Streiter des Prinzips der Legitimität!

Als Don Felicio eintrat in den Saal, nachdem er vergeblich Herrn von Neuillat in den Vorzimmern gesucht, fand er den Infanten mit glänzendem, siegesgewissem Auge, eine Depesche in der Hand, auf allen Gesichtern nicht die Aufregung einer nahen Gefahr, sondern die Erwartung eines sichern Triumphes.

Der Infant kam ihm einige Schritte entgegen. »Glückliche Nachrichten, mein Prinz, glückliche Nachrichten! Sind Sie bereit zum Aufbruch?«

»In jedem Augenblick, Königliche Hoheit, wenn es gilt, von Ihnen zum Siege geführt zu werden!«

»Nun, ich hoffe, es soll der Fall sein, wenn auch der Weg etwas weit ist! Sie wissen, was geschehen?«

»Keine Silbe, Hoheit, als die unbestimmten Gerüchte auf dem Wege hierher.«

»Per Deos! so hören Sie! Espartero hat den verwegenen Einfall gehabt, Tolosa zu überfallen und den König aufzuheben. Mein Oheim ist glücklich der Gefahr entgangen, obschon mit genauer Noth. Cabrera ist dem Grafen von Luchana in die Flanke gefallen und hat ihn zum schleunigen Rückzug genöthigt. Hier ist der Befehl, ihm mit der ganzen Armee zu folgen über die

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Grenzen von Biscaya hinaus - in einer Stunde marschiren wir nach Aragon - in vierzehn Tagen stehen wir vor den Thoren von Madrid!«

»So erlauben Sie mir, Ew. Königlichen Hoheit zu der eröffneten Siegesbahn Glück zu wünschen!«

Der Infant drückte ihm lebhaft die Hand, die strenge spanische Etikette vergessend. »Jetzt helfen Sie nur, die Anstalten zu treffen, denn Jeder von uns hat alle Hände voll zu thun!«

Die Ordonnanzen flogen - einer der Führer nach dem andern verließ den Saal, und der Trommelwirbel, der klagende Hornruf der abziehenden Bataillone verkündete den Zweck ihrer Entfernung. Die Stunde war kaum vergangen, als die Compagnieen der Guiden den Befehl erhielten, sich zur Begleitung des Infanten-Generalissimus bereit zu halten.

»Sie begleiten uns, Durchlaucht,« sagte dieser zu dem deutschen Offizier, der bis dahin Adjutanten-Dienste versehen. »Ich wünsche Sie in meiner Nähe zu behalten.«

Der Fürst verbeugte sich. »So erlauben Hoheit, daß ich mich auf eine halbe Stunde entferne, meinen Leuten die nöthigen Befehle zu geben. Ehe die Zeit um ist, hole ich Sie auf der Straße nach Villafranca ein!«

Der Oberbefehlshaber winkte Genehmigung; der junge Offizier flog von dannen, an den marschirenden Colonnen vorüber, im Galopp nach dem Palais de Narros zurück, das am andern Ende der Stadt lag.

Kopf und Herz hatten bereits den Plan entworfen, Ximene sollte ihn in Männertracht begleiten; so hatte er die Geliebte immer in seiner Nähe und wußte sie sicher vor jedem Feind.

Jetzt hielt er am Hause - aber Niemand war zu sehen, die Schildwache fort, von den Soldaten und Dienern, die sonst hier umherlungerten, keine Spur - Alle fort, von ihrer Pflicht oder der Neugierde getrieben. Er schaute empor - die Fenster des Gemachs der Doña konnte er zwar nicht sehen, aber in seinem eigenen und dem Vorzimmer war kein Licht - mit einem Sprung war er aus dem Sattel und warf dem Reitknecht die Zügel zu, ihm befehlend, nach dem kranken polnischen Diener zu sehen. Dann schritt er durch die offene Halle, in der hin

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und wieder eine Lampe brannte, und eilte die breiten Marmorstufen der Treppe hinauf.

Der Vorsaal war dunkel und leer - vergeblich rief er den Argelino, den Mönch - Niemand antwortete ihm.

Ihm war, als legte eine kalte Hand sich auf sein Herz, als schnüre es ihm die Brust zusammen - kaum vermochte er den Ruf zu wiederholen, dem er jetzt Ximenens Namen beifügte. Zugleich eilte er vorwärts durch das zweite Gemach, in dem die Trauung geschehen - auch hier Dunkel - aber aus der Thür gegenüber schimmerte eine Lichtspalte.

»Ximene!«

Er sprang vorwärts - Plötzlich stolperte er und sein Fuß glitt aus - ein leises Röcheln - ein Stöhnen -

Seine Hand erfaßte im Fall die Thür - er riß sie auf: »Ximene! Ximene!»

Leer das Zimmer in dem spärlichen Licht einer Lampe - der silberne Armleuchter mit den zerbrochenen Kerzen am Boden - eine Seite der weiten Seidengardine des Bettes, das noch aufgeschlagen das Lager des süßesten Glücks zeigte, herabgerissen, als habe eine Hand mit Gewalt sich daran gehalten - der Fetzen eines Schleiers auf dem Boden zwischen umgeworfenem Geräth -

Das Haar des jungen Fürsten sträubte sich - er sprang vorwärts, eine der Kerzen aufzuheben und sie an der Lampe anzuzünden - wiederum klang es wie ein schwerer, stöhnender Seufzer - seine Augen suchten wirr in dem Bett - leer - hinter demselben - leer - wieder und wieder klang der unheimliche Laut - dort - dort, jetzt hörte er's deutlich, in dem zweiten Gemach -

Wie der Tiger, dem man das Junge geraubt, sprang er dahin, die Kerze in der Hand, und leuchtete nach dem Boden -

Eine dunkle Lache von Blut, darin ein sich krümmender und windender Körper: der Argelino, der Schwabe, der Crucifixdieb - neben ihm am Boden, im Licht der Kerze funkelnd, ein langes catalonisches Messer.

Der Fürst prallte entsetzt zurück - seine Augen forschten umher im Gemach nach einem weitern Opfer; dann, als er sich

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überzeugt, daß der Unglückliche allein hier lag, kniete er nieder zu ihm und untersuchte seinen Zustand.

Der Argelino hatte eine Stichwunde in der Brust, eine andre im Nacken - seine Hände waren von Schnitten zerfetzt, gleich als habe er sich wüthend gewehrt gegen die scharfe Klinge. Jetzt auch bemerkte der Offizier die Zerstörung umher, die nur ein verzweifelter Kampf veranlaßt haben konnte. Der Deutsche mußte überfallen und schwer verwundet worden sein, ehe er von seinen Waffen Gebrauch machen konnte. Diese waren verschwunden.

»Ximene! - wo ist meine Gattin? Rede - sprich - ich beschwöre Dich!«

Der Verwundete, dessen Kopf der Fürst unterstützte, rollte die Augen - er schien seinen Herrn zu erkennen und versuchte zu sprechen, doch nur gurgelnde Laute kamen anfangs hervor.

»Um des Himmels willen, Mensch - ermanne Dich! Ein einziges Wort! Wo ist mein Weib?«

Die Augen des Argelino wurden klarer - fester - zu einem Blick des grimmigen Hasses. Dieser schien ihm neue Kräfte zu geben - er hob die verstümmelte blutende Hand und streckte sie nach dem Altan.

»Fort! - geraubt - der Mönch - Fluch über den spanische Hund! - Mit mei Blut hab' i sie vertheidigt! ... «

Er sank zurück ...

Im Norden.

Helgoland! - Helgoland! - rothe Warte im deutschen Meer! - Schmachfleck auf dem Hermelin deutscher Ehre! Wächter der deutschen Ströme in den Händen britischer Krämer, deutscher Fels mit den Kanonen und der Flagge des übermüthigen Englands!

Helgoland - Helgoland!

Steil aus dem Meer hebt sich die rothe Klippe - die Stürme und Wogen vom Nordpol her brechen sich an der Felsenmauer und bröckeln seit Jahrtausenden daran. Wenn der Helgoländer dem Helgoländer fern auf den Meeren oder dem Festland begegnet,

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fragt er nicht: »Wie geht's zu Hause?« sondern: »Wie viel Fuß in dem Jahr?« -

Der Nordwest tobte in langen Stößen - wie bewegliche Berge und Schluchten, den weißen Gischt auf dem hohen Kamm, kamen die Wogen daher und die grüngraue Farbe schwoll in den tiefen Höhlungen zum tiefen Schwarz, dunkler als die Wolken, die der Sturm über den Himmel peitschte.

Es war in den letzten Tagen des April im Jahre 1842. Um die Häuser des Unterlands, bis zu denen die empörten Wogen ihren Schaum spritzten, und oben auf dem Plateau des Felsens, wo der Sturm mit aller Macht tobte, am Fuß des Leuchtthurmes standen Gruppen von Menschen, die stämmigen, wettergewohnten Bewohner der Insel, Fischer und Lootsen in den hohen Wasserstiefeln, den weiten kurzen Linnenhosen und der langen Friesjacke mit den Hornknöpfen, während unter dem regenschützenden Südwester die klaren blauen Augen aus den gebräunten, verwitterten oder mannesfrischen Gesichtern hervor aufmerksam nach der See lugten. Frauen und Mädchen in ihrer kurzen rothen Tracht, um den Kopf mit dem zierlichen bunten Tuch derbe Regentücher geschlungen oder die Zipfel der Helgoländer Hüte vom Sturm gepeitscht, standen neugierig zwischen den Männern und Knaben, einige Soldaten der kleinen Garnison in ihren rothen Röcken lungerten unter der Menge - nur dort im Schutz der alten Bake, die noch über die Klippe hinausragt, stand eine Gruppe vornehm gekleideter Personen. Es waren zwei englische Offiziere, ein alter Kauffahrer-Capitain, der hier auf dem Felseneiland im Wogengebraus sein Leben beschließen wollte, der junge Bade-Arzt und zwei oder drei Beamte oder Besitzer der Hotels genannten Logirhäuser. Unter der Gruppe befand sich noch ein Mann von einer gewissen Eleganz der Erscheinung, obschon die Fremden-Saison noch lange nicht begonnen, offenbar ein Fremder und doch wieder nach seinem Thun und Reden mit den Bewohnern wohl vertraut, gleich einem Sohn des rothen Felsens. Es war eine schlanke elegante Gestalt in dem Waterproot, dem hellfarbigen Makintosh und dem Matrosenhut von schwarzem Wachstuch. Ein blasses feines Gesicht mit dunklen blitzenden Augen und dunklem

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Schnurrbart, noch jung, vielleicht sechs- oder siebenundzwanzig Jahre, die Bewegungen und Manieren aristokratisch leger.

»Der Bursche dort kämpft vergebens,« sagte der eben Beschriebene in englischer Sprache zu einem der Offiziere, »ich glaube, er thäte am besten, den Versuch aufzugeben, die Insel zu umsegeln!«

»By Jove! er ist kein Engländer, wenn er's thut!«

»Habt Ihr zu erkennen vermocht, Lootsenmeister, was das Fahrzeug für eine Flagge führt?«

Der Angeredete - ein großer vierschrötiger Mann von vielleicht sechszig Jahren in Helgoländer Tracht, der trotz des gewaltigen Sturmes aus dem Schutz des Thurmes getreten war und breit und feststehend mit einem Fernrohr den Kampf des Fahrzeuges beobachtet hatte, das den Gegenstand der allgemeinen Neugier und Theilnahme bildete - stieß auf die laut zugerufene Frage das Glas zusammen und wandte sich nach der Gruppe.

»Dusend Düwel säll'n mi kielholen, Herr, wenn ek weet, wat ek ut dat Ding da maken sall! Dat hett'n utländschen Schick, äwest düwelmaßig schlicht timmert, un de Captain verdeent dat Solt nich!«

»Von welcher Nation meint Ihr, daß es sei?«

Der Fragende mußte die Frage zwei Mal wiederholen, denn der Sturm heulte so wüthend, daß er die Worte vom Munde zu schneiden schien.

Der alte Lootse schüttelte den Kopf. »Ick weet nich - kann nich rech klok d'rut warr'n, Herr! - Dat is so trüw buten, man weet nich, wat Swart oder Witt is! He, Tom! Hoi - up! hol' an Dine Ohren!«

Der Ruf galt einem jungen Mann in dunkelblauer Matrosenkleidung, der, unbekümmert um Sturm und Wetter, am äußersten Ende des Plateaus, wo der Fels senkrecht jenseits des Thurmes abfällt, auf einer Mauer saß, die eine Art von Bollwerk bildete und bald in den kochenden Schaum unter ihm, bald hinüber nach dem Schiff auf der tobenden See blickte, spottend und lachend der Angst eines jungen Mädchens in der Nationaltracht der Fischerinnen, die etwa zehn Schritt weiter rückwärts ihn vergebens

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durch Mienen und Geberden beschwor, sich nicht so unnütz und tollkühn der Gefahr auszusetzen.

Der junge Mann, ein Jüngling von etwa achtzehn oder neunzehn Jahren, mit offenem, von den Stürmen und der Sonne aller Zonen gebräuntem Gesicht, wandte sich auf den Ruf des Alten zurück, legte die Hände an den Mund und antwortete mit kräftiger Seemannslunge:

» Well! well! Was giebt's, Vater Jansen?«

»Hierher, Schipprott! Seehund Gau!«

Der Jungmatrose sprang von seinem gefährlichen Sitz herab, schnitt dem Mädchen im Vorbeigeh'n ein komisches Gesicht, indem er die Zunge in die Wange drückte, kniff sie in den Arm, den sie in die Schürze geschlagen hatte, und kam langsam, mit schlenkerndem Gang zu der Gruppe, bei der sich sein Vater befand.

»Nun, Vater Jansen, was giebt's?«

»Siehst Du dat Schipp, Tom?«

Der Jungmatrose lachte. »Hab's seit einer Stunde geseh'n! Gott verdamm' - für was anders lassen wir uns denn den Wind in die Zähne blasen?«

Der alte Lootse reichte ihm das Glas. »Kiek na em ut, Tom! Du heest jüngre Oogen as ick. De Herr'n müchen geern weeten, wat't för'n Schipp is. Kannst Du't raden?«

»Ich will gekielholt werden vom Boogspriet bis zur Steuerpinne, Vater, wenn ich dazu des Kikers bedarf. Ich hab's schon vor einer halben Stunde geseh'n, der Kerl ist ein Spaniol aus der Havannah, so wahr ich Tom Jansen heiße!«

»Dat hew ick mi glick dacht! Woans sähst Du dat, min Jung?«

»'s ist eine Gallione mit breitem Bug - ich erkenn's, wenn die Wellen sie heben, und hab' ihrer hundert geseh'n in Westindien. Ueberdies muß der Kerl ein Spaniol sein, weil er gar so schlumprich luvt. Da - « er hatte das Glas genommen und sah jetzt hindurch - »da zieht er die Nothflagge auf - gelb und roth - zwei Querstreifen, und da öffnet er auch sein Maul, als ob wir nicht längst geseh'n hätten!«

Zwei Blitze zuckten von dem Bord des fernen Schiffes, über welches das Dunkel des hereinbrechenden Abends, vermehrt durch die schwere bleierne Farbe des Horizonts, jetzt rascher und rascher

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sich niedersenkte, und durch das Brausen des Sturmes und der Wogen klang auf der Schallleiter des Wassers herüber der schwache ferne Knall der Schüsse.

»Sie werden unmöglich die Klippen abwettern,« sagte der Fremde mit dem blassen Gesicht, »wenn sie nicht einen Lootsen haben. Wie ist's, Lootsenmeister Jansen - kann Nichts geschehen, die Unglücklichen zu retten?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Nein unmöglich, Herr, bei diesem Sturm. Das beste Boot wär' in Gefahr, an den Felsen zu zerschellen!«

»Kein Lootse wird es wagen, bei diesem Sturm in See zu gehen,« sagte der anwesende Vogt - »ich könnte es Keinem gebieten.«

»Gefahr ist noch keine Unmöglichkeit. Ich wollte, ich wär' ein Seemann, um den vielgerühmten Muth der Lootsen von Helgoland zu beschämen!«

Der Alte wandte sich kurz und scharf zu ihm um. »Das sind harte Worte, Herr, die wir auf unsrer Insel nicht gewohnt sind. Sie haben ein junges und schönes Weib und sind ein vornehmer Mann, der nicht dem Tode in's Auge zu sehen braucht um sein täglich Brod. Aber bedenken Sie, daß die armen Lootsen auch Weib und Kind haben und lieben wie Sie!«

»Und dennoch kenn' ich Einen, Vater Jansen, der sich hinauswagt,« sagte mit glühendem Gesicht der junge Matrose. »Hört Ihr die Glocke, Vater? Seht da hinunter - Bruder Hannes rüstet sein Boot, und der Düvel soll mich holen, wenn ich ihn nicht begleite!«

In der That klang durch das Brausen des Sturmes und der Wogen hell der Ton einer Glocke vom Unterland herauf, und die Gruppe, die jetzt eilig dem Abhang sich näherte, sah unten auf dem bereits dunklen Strand Lichter und rege Menschengruppen zwischen den Häusern.

»Um Gotteswillen, Tom,« flehte eine Mädchenstimme, während sich zwei Hände um den Arm des jungen Matrosen klammerten - »Du wirst nicht mit hinaus in dem Wetter, Du bist kein Lootse!«

»Aber ein Matrose von der Germania, Claire, und der Sohn

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und Bruder der Jansen! Laß mich, Kind, wo es Männerwerk gilt.« Dann schritt er hinüber zu der Gruppe der Offiziere und Beamten und stellte sich vor den Herrn im Makintosh.

»Ein Wort, Sir, wenn's You belieft!«

»Was wollt Ihr?«

»Sehen Sie den alten Mann dort, wie er seinen Hut fester bindet? Nun, Sir, er wird gehen und ich auch. Und wenn Sie am Muth der Helgoländer zweifeln und selbst welchen haben, so kommen Sie mit uns!«

»Dummheiten!« schalt der Amtsvogt. »Sei nicht naseweis, Bursche! Aber wie ist's, Jansen,« wandte er sich zu dem alten Mann, der Allen voran der großen Treppe zuschritt, »wollt Ihr die Abfahrt der Lootsen beaufsichtigen?«

»Nein, Herr - ich werde selbst gehen!«

»Ihr werdet kein Thor sein - dazu sind die jüngeren Männer da. Ihr seht, daß sich bereits welche gefunden haben für den Dienst.«

»Dann werden sie mich um so eher brauchen, auch wenn mein eigen Blut nicht dabei wäre, Herr,« sagte einfach der Alte. »Ich wär' ein schlechter Lootsenmeister, Vogt, wenn ich bei dem Schwersten sie im Stich ließe, sobald sich Hände finden, die willig sind, ein Ruder zu führen, und das wißt Ihr so gut wie ich, Vogt.«

Der Beamte schwieg - er kannte den Charakter seiner Landsleute und ihren eisernen Sinn. Aber das junge Mädchen, das vorhin vergeblich den Matrosen zurückzuhalten versucht hatte, der bereits drei Stufen auf ein Mal trotz des Sturmes die Treppe hinab sprang, eilte an ihm vorüber und hing sich an den Alten. »Ihr werdet nicht leiden, Vater Jansen, daß der Tom mitgeht,« greinte sie. »Er hat Nichts zu schaffen dabei und es ist reiner Vorwitz von ihm!«

Der Lootsenmeister sah ihr freundlich in's Gesicht und hob ihr mit der rauhen Hand das Kinn. »Aengstige Dich nicht, Claire. Es ist seine Sache, ob er geh'n will oder nicht, aber wehren kann ich's ihm nicht. Hab' ihn auch seit den drei Jahren, daß er mit dem Hamburger Schiff fort war in Amerika und bei den Langzöpfen, nicht geprüft, wie er in der Gefahr

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besteht, und möcht's wohl sehen! Geh' nach Haus, Kind, und sorg' für einen steifen Grogk, wenn wir zurückkommen!«

Das Mädchen weinte still, hielt sich aber ohne weitere Widerrede zurück, indeß die Männer ihren Weg fortsetzten. Den Schluß der Gruppe bildeten jetzt die beiden englischen Offiziere und der Herr im Makintosh, der schweigsam und gedankenvoll schien seit der spöttischen Anrede des jungen Matrosen.

»By Jove!« sagte der eine Offizier, »sie kommen nicht über die Dünen hinaus und kehren um, ehe sie zehn Minuten auf dem Wasser sind; ich wette zwanzig Pfund!«

»Es gilt, Capitain Arlington; zeigen Sie Ihre Uhr!«

»Wollen Sie's wirklich am Strande abwarten, Sir?« fragte wegwerfend der Capitain, indem er seine Uhr verglich. »Ich habe genug von dem Sturm und will meinen Thee in Ihrem Hotel nehmen. Bei einer Partie Whist am Kamin wird sich's behaglicher warten, als im Spritzwasser.«

Sie hatten das Unterland erreicht und gingen eben am Hotel Schwarz vorüber, vor dessen Eingang Laternen brannten und die Dienerschaft des Hauses schwatzte. In der Thür selbst stand eine noch stattliche Dame von mittleren Jahren, die Besitzerin des Hotels. Die Spuren ehemaliger Schönheit in ihrem Gesicht fanden ihre Bestätigung in dem reizenden Antlitz der jungen Frau, die im einfachen schwarzen Seidenkleide hinter ihr lehnte und über die Schulter der Mutter hinaus auf die Straße und das furchtbare Wetter schaute.

Anna Schwarz war eine der berühmtesten Schönheiten der rothen Insel und ihr Ruf durch die Badegäste, die alljährlich nach dem Felseneiland kommen, weit über dessen Grenzen hinaus verbreitet. Entgegen den einfachen Sitten der Helgoländer, hatte ihre wohlhabende Mutter in einem Hamburger Pensionat ihr eine glänzende Erziehung geben lassen.

Das junge Mädchen war in der That reizend - lange blonde Locken vom sanftesten Cendré umgaben ein Gesicht, so kindlich schön und unschuldig, wie ein Madonnenbild. Große blaue Augen sprachen Seele und Güte, und der Teint ihrer Haut hatte das Zarte und Liebliche gewisser weißer Rosen, deren Kelch die Röthe ihrer Schwestern verschämt zu spiegeln scheint.

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Sie war die Aelteste von mehreren Kindern und der Mutter Abgott und Stolz.

Im Herbst des Jahres 1840, als schon die Saison fast zu Ende war, fand sich noch ein Fremder auf der Insel ein, der sich Baron von Rheinsberg nannte und im Hotel Schwarz Logis nahm. Elegante Tournüre, aristokratische Sicherheit und Gewohnheiten bezeugten die vornehme Herkunft, der überaus lebendige Geist und die interessante Unterhaltung ein reiches bewegtes Leben. Der bräunliche Teint einer südlichen Sonne, der bei seiner Ankunft noch sein Gesicht bedeckte, machte unter der nordischen Seeluft bald der natürlichen blassen Färbung Platz, zu der der feine dunkle Bart und das schwarze Auge vortheilhaft paßten.

Bald war der Fremde nicht mehr Gast, sondern der Herr im Hause, so hatte er die Mutter und alle Umgebungen für sich einzunehmen gewußt. Frau Schwarz erfuhr im Vertrauen, daß ihr Gast nur ein Pseudo-Baron, in Wahrheit ein Graf Görtz und wegen eines Duells geflüchtet, augenblicklich mit seiner Familie zerfallen und im Prozeß um reiche Güter sei.

Er blieb den Winter über in Helgoland; sein Einfluß auf die Familie wuchs von Tag zu Tag - die tiefe Melancholie, die Anfangs zuweilen ihre Schatten auf seine Seele geworfen, schien einem neuen mächtigern Gefühl zu weichen, und als der Frühling das Eis ihaute, trat er offen als Bewerber um die Hand der schönen Anna auf.

Der aristokratische Freier fand an der Eitelkeit der Mutter eine mächtige Stütze und das junge Mädchen mußte einwilligen. Die Heirath wurde nun eifrig betrieben, erlitt aber vielfache Verzögerungen. Die zur Trauung nothwendigen Papiere des Grafen wollten aus der Heimath nicht anlangen und der Geistliche der Insel weigerte sich, ohne dieselben die Trauung vorzunehmen, was eine ziemlich heftige Scene veranlaßte. Endlich ging das Paar nach Hamburg, wo es vom Pastor S. getraut wurde. Von hier aus machte es eine Fahrt nach London, auf der die junge Frau sich überzeugte, daß ihr Gemahl in der That eine Stellung in der aristokratischen Welt einnahm, denn er bewegte sich viel in vornehmen Kreisen und auf dem Dampfschiff begrüßten ihn angesehene Reisende.

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Dennoch umhüllte ein gewisser Schein des Geheimnisses auch in der Ehe fortdauernd seine Person und Herkunft, und sehr gewandt und sicher verstand er diesen Schleier festzuhalten. Aber wiewohl er die junge schöne Gattin aufrichtig und zärtlich liebte und bald ein Kind, eine Tochter, die Bande noch fester knüpfte, bemächtigte sich während des folgenden Winters doch eine gewisse Unruhe seines Wesens, und der einsame Aufenthalt auf der von den Eis- und Schneestürmen abgeschlossenen Insel der Nordsee schien ihm nicht mehr zu genügen.

Dies war der Mann, der jetzt mit den beiden Offizieren in den Eingang des Hotels trat.

»Ei, Herr Sohn, gut, daß Sie da sind,« sagte die ältere Dame, den Offizieren Platz machend; »Anna hat sich schon des Todes um Ihr Ausbleiben in dem furchtbaren Wetter geängstigt!« Der Baron nickte ihr blos zu und reichte der schönen jungen Frau die Hand. »Meinen Amerikaner, Jean, und den Südwester! Schnell!« befahl er. Die Kellner flogen.

»Wie, Felix - Du wirst in dem Sturm doch nicht länger draußen bleiben?« bat die junge Frau, sich an ihn schmiegend. »Bitte, komm' herein, Du hast die Kleine noch nicht geseh'n und mußt sie küssen, ehe sie wieder in ihr Bettchen geht!«

Er kämpfte einen Augenblick mit sich selbst, aber in diesem Moment sah er den Lootsenmeister und seinen jüngsten Sohn, Ruderstangen und Taue auf der Schulter, an dem Hotel vorübergehen und ein spöttischer Seitenblick des jungen Matrosen schien herüber zu fliegen.

»Die Lootsen wollen den Versuch machen, dem Schiffe zu Hilfe zu kommen, das in Sicht ist,« sagte er, »und ich habe mit Arlington gewettet, ob es ihnen gelingen wird oder nicht. Ich will zum Strand und sehen, wie sie abfahren!«

Er warf den Makintosh ab und zog den amerikanischen Gummirock über seine elegante Kleidung, den der Kellner ihm brachte. Dann ordnete er sein Haar, stülpte den nationellen Südwester auf die schwarzen Locken und betrachtete sich lachend im Spiegel.

»Felix, ich bitte Dich, geh' nicht wieder fort - der Sturm

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ist so fürchterlich und ich weiß nicht, welche Angst um Dich mir das Herz beengt!«

»Thorheit! seh' ich nicht aus, wie der beste Helgoländer Lootse? Eine frische Cigarre, William! Und nun Adieu, Kind - in einer halben Stunde bin ich zurück, Dir Nachricht zu bringen!«

Die Schwiegermutter war den Offizieren in's Gasthaus gefolgt, ihnen die Honneurs zu machen. Er küßte die junge Frau auf die Stirn und wandte sich zum Gehen. Aber schon auf der Schwelle - es war, als ob ihm die gleichgiltig eben gesprochenen Worte eine unangenehme Erinnerung erweckten - kehrte er nochmals zurück, umarmte die junge Frau und küßte sie zärtlich. »Küsse die Kleine und - Gott sei mit Euch und mir!«

Er sprang die Stufen hinunter, die Frau eilte ihm nach: »Felix! Felix!« aber er hörte nicht und war schon die Straße hinab zum Strand. -


An einer der Ausfahrten, wo der hinterliegende Felsenkoloß vor dem Sturm schützte und der Wellenschlag deshalb nicht so hoch ging, war eine Anzahl Fischer und Lootsen eifrig beschäftigt, im Schein von Pechfackeln das große Lootsenboot in Stand zu setzen, mit dem das Wagniß unternommen werden sollte. Ein rüstiger Mann in Theerjacke und Sturmhut mit gebräunten, ehrlichen und kräftigen Zügen, etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, leitete die Anstalten. Die Aehnlichkeit mit dem alten Lootsenmeister und dem jungen Matrosen, der bereits rüstig half, war unverkennbar.

Der alte Mann selbst, der ruhig den Anstalten zusah, hielt an der Hand seine Enkelin, ein Mädchen von etwa drei Jahren, mit Nichts bekleidet als dem kurzen Hemdchen, das der Sturm zugleich mit den hellen gelben Haaren flattern ließ. Ein stämmiger Knabe von Sieben oder Acht schleppte ein Tau aus dem benachbarten Häuschen der Lootsen-Familie herbei. Die Frau, mit dem jüngsten Kinde auf dem Arm, eine frische, kräftige Gestalt, stand unfern in einer Gruppe von Weibern und Mädchen und schaute der Thätigkeit der Männer mit Unruhe und Sorge

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im Auge, aber äußerlich gefaßt und ohne ein Gegenwort zu sprechen, zu.

Jetzt war Alles bereit und die Männer, die sich entschlossen hatten, die gefährliche Fahrt mitzumachen, außer dem Lootsen Jan Jansen und seinem Bruder, dem Matrosen, vier an der Zahl, saßen bereits theils in dem Kutter oder trafen ihre letzten Anstalten. Es waren sämmtlich seegehärtete Männer von rüstigem Alter, die besten Ruderer der Insel, denn nur Wenige hatten sich diesmal zu dem Lootsenrecht gedrängt.

Wenn sonst ein Schiff in Sicht ist und das Signal giebt, einen Lootsen an Bord zu schaffen, so eilt die ganze Schaar, die den Tag über mit ihren Fernröhren von der Höhe des Felsens späht, zum Strande, und wer zuerst die Hand an das Lootsenboot legt, hat das Recht an die Fahrt, um die geloost wird.

Diesmal jedoch war es anders. Der Sturm wüthete so grimmig, die See ging so hoch, daß selbst die Kühnsten nicht wagen wollten, den Versuch zu machen. Erst als die fernen Nothschüsse von den Sturmesflügeln herüber getragen wurden und es klar war, daß der Fremde das Fahrwasser durchaus nicht kannte und ohne Beistand das Nordkap nicht abwettern werde, hatte der wackere Sohn des Lootsenmeisters erklärt, daß er die Fahrt wagen wolle, damit es nicht heiße, die Helgoländer Lootsen hätten ein Schiff in Noth gelassen, ohne einen Versuch zu machen, Gut und Menschenleben zu retten.

Der Lootse trat jetzt zu dem Alten.

»Nix för unngod, Vader Jansen, aber seggt mi - is dat jug Ernst, dat jü de Fohrt mitmaken wullt? det Water is schlimm!«

Der Alte nahm die Pipe aus dem Mund und zeigte mit der Spitze hinaus auf die See.

»Warum gehst Du, Sohn Hannes?«

»Wenn de gollne Sünstraln speln, Vader Jansen, is et licht, sine Plicht to dohn, awers wenn de Stormwind hult, denn gellt et, de Lüd to wisen, dat ick den ollen Jansen sin Sähn bin!«

»Well! un ick bin de Vader un kenn min Plicht!«

»Vater,« sagte der wackere Mann in seiner kräftigen Sprache, »es ist genug, wenn Einer von uns geht. Was wollt Ihr und

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Bruder Tom? wer soll für Die da sorgen, wenn mir ein Unglück passirt?« Er wies auf Weib und Kind.

»Unse Herrgott in'n Himmel! Es ist noch kein Helgoländer Kind verhungert, dessen Vater seine Pflicht gethan! Vorwärts, mein Sohn - die draußen warten!«

Der Alte schritt zum Boot, als eine Hand sich auf seinen Arm legte. Es war der Baron, der bleich, aber entschlossen, neben ihm stand.

»Ich werde die Fahrt mit Euch machen, Lootsenmeister Jansen.«

Der alte Mann blickte ihn unwillig an. »Das ist keine Zeit zum Scherzen, Herr,« sagte er finster. »Das ist keine Lustfahrt, und da draußen, wo man allein ist mit Gott dem Herrn und seinem Odem, brauchen wir Männerhände und Herzen ohne Furcht!« Sein blaues Auge fiel mit einem gewissen Spott auf die hellen Glacehandschuhe, welche die feine Hand des Aristokraten deckten.

Der Baron erröthete leicht. Er riß die Handschuh herunter und warf sie in den Schmutz. »Das genügt - ich werde die Hände nicht schonen und habe Euch zu beweisen, daß auch Männern andern Standes es nicht an Muth fehlt! Keine Widerrede! - überdies - redet Ihr Spanisch?«

»New, Herr!«

»Nun, so braucht Ihr Jemand, der Euch verständlich macht, und jenes Schiff ist, wie Euer Sohn behauptete, ein spanisches; ich aber bin der Sprache mächtig.«

Er sprang zum Erstaunen der Umstehenden und der Männer im Kutter von der Planke an Bord - Tom machte ihm sogleich mit einer gewissen Freundlichkeit und Achtung, die er früher eben nicht bewiesen, Platz und breitete einen Schiffsmantel über die Bank für ihn.

Als der Edelmann sich niedersetzte, fiel sein Blick auf die Gruppe zurück, wo der Lootse Hannes Jansen eben von den Seinen Abschied nahm, und wie ein Stich fuhr ihm der Gedanke durch's Herz, wie so verschieden die Scene war von dem eigenen Abschied, den er vor wenigen Minuten genommen!

Hier der brave niedere Mann, der im Gefühl seiner Pflicht

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für die Rettung fremder Menschen, die er nie im Leben gesehen, furchtlos hinaus wollte in Gefahr und Tod, wie er den kleinen zappelnden Säugling in den rauhen Händen emporhob und ihn herzlich küßte, des ältern Knaben Flachshaar streichelte, der sich an ihn schmiegte, und der treuen einfachen Gefährtin seines Lebens die Hand gab.

- Und Er? weswegen zog er hinaus in Nacht und Sturm, als um dem Kitzel der Eitelkeit und ruhelosen Sinnes zu fröhnen - dem Drang übermüthiger Aufregung? - dem Wesen, das er zu dem seinen gemacht, leichtfertigen Schmerz verursachend und um das Leben spielend, ohne den Vaterkuß auf die Stirn des unschuldigen Kindes da gedrückt zu haben, das er dort zurückließ!

Ihn überkam es, wie schon ein Mal auf der Schwelle des Hauses, als könne der leichte, kurze Abschied ein Abschied für's Leben sein! Er wollte aufspringen, zurück zu ihr -

»Halten Sie fest, Sir,« sagte Tom, »der Augenblick ist da!«

Der alte Lootsenmeister legte die Hand auf den Bord des Kutters. Von diesem Augenblick an führte er das Kommando.

»Fertig, Jungens?«

»Alles well!«

Er schwang sich in das Fahrzeug - Hannes, sein Aeltester, stand bereits im Bug, den Lugmann zu machen. Der Lootsenmeister faßte das Steuer.

»Setzt die Riemen ein - ab!«

Zwanzig Hände lösten das Tau, welches das schwankende Fahrzeug hielt, und schoben es mit langen Stangen und Speichen vom Ufer ab - im nächsten Moment trug es die rückschlagende Woge hinans in die tobende See!

Ein hundertstimmiger Ruf: »Fahrt well! Gott behöd un bewahr jug!« Durch das Toben der Wellen kam ein schwacher Gegengruß herüber - schon war auf der dunkel wogenden Fluth nur der schwarze Umriß des Kutters und die schwankende Laterne an der Stange zu erkennen, die sie an der Stelle des Segelbaumes aufgesteckt.

In diesem Augenblick kam, unbekümmert um Sturm und Spritzwasser, eine Frau die Straße daher gerannt, ohne Tuch,

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ohne Mantel - weit hinterher flatterte das schwarze Seidenkleids ihr schönes Gesicht war todtenbleich. Männer eilten hinter ihr d'rein, eine ältere Dame!

»Um Gotteswillen - ist es wahr? wo ist mein Mann? Felix! Felix!«

Es war die Baronin selbst, die schöne Wirthstochter aus dem Hotel Schwarz, wohin die Kunde wie ein Lauffeuer gekommen, daß Baron Rheinsberg die Fahrt auf dem Lootsenkutter mitmachen werde.

Die erschrockene bleiche Frau faßte in Todesangst den Arm der Lootsenfrau. Als Kinder der rothen Insel hatten sie Jahre lang mit einander gespielt, bis sie eine Dame geworden war und Jene ein armes Seemannsweib.

»Barmherziger Heiland! Marie - sprich - wo ist mein Mann?«

»In Gott's Hand, Anne! Awer lat uns beden, dat se ut Storm un See glückli na Hus kam'n!«

Die Fischerfrau sank laut weinend auf die Knie und rang die Hände zum zürnenden Himmel empor; der starke Muth, der sie so lange aufrecht erhalten, brach vor der gewaltigen Angst.

Die Baronin lag in den Armen des englischen Capitains und ihrer Mutter. -


Die Wogen hoben sich gleich Bergen und schossen mit jähem Sturz hinab in die dunklen Höhlungen, die wie unermeßliche Gräber gähnten. Nur wenn das Boot auf dem schäumenden Kamm hoch bis zu dem zur schwarzen Finsterniß werdenden Nachthimmel sich hob, vermochten die kühnen Schiffer den noch dunklern Umriß der gewaltigen Felsenmasse zu erkennen, der sie den Rücken wandten, die flimmernden Lichter der Unterstadt und hoch oben, wie zwischen den Wolken, den ruhigen, gewaltigen Schein des Leuchtthurmes.

Der Sturm brüllte draußen auf der offnen See so gewaltig, daß ein Verständigen durch Worte nur mit der höchsten Anstrengung geschehen konnte. Jan Jansen, der Lootse im Bug, konnte also nur durch Zeichen das Herannahen der Wogen und die Richtung, die sie zu nehmen hatten, andeuten.

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Je weiter das kleine Fahrzeug aus dem Schutz der Insel kam, desto gewaltiger wurde der Wogendrang, desto freier brauste der Sturm. Der Wind war jener schreckliche Nordwest, den der Helgoländer so sehr fürchtet, weil er seit Jahrtausenden Zoll um Zoll seine geliebte Insel untergräbt und mit jeder Springfluth die Felsengerippe immer mehr auswäscht.

Der erste Theil der Fahrt war offenbar, wenn auch nicht der anstrengendste, so doch der gefährlichste. Es galt, sich von der Insel abtreiben zu lassen, um die freie See zu gewinnen und dann die Richtung einzuschlagen, in der man zuletzt das Schiff erblickt hatte. Zu dem Ende mußte man die langen Wellen in schiefer Richtung durchschneiden und dann geradezu gegen sie kämpfen. Gelang es, das Schiff noch zeitig genug zu erreichen, ehe es den die Insel hier umgebenden Riffen zu nahe gekommen, oder zu sehr vom Sturm nach Süden gedrängt worden, so konnte man das Nordcap des Eilands abwettern und das Schiff war dann in den Händen eines guten Lootsen geborgen.

Die Lösung der ersten schwierigen Aufgabe lag in der Hand des Steuermannes, und jetzt offenbar in der Hand eines solchen, der gewohnt war, der furchtbaren Macht der beiden Naturkräfte die Spitze zu bieten.

Nicht ohne ein gewisses Gefühl der Ehrfurcht und Bewunderung schaute der Baron, der, ungewohnt des wahrhaft furchtbaren Auf- und Niederwogens des Bootes, sich mit aller Kraft auf seinem Sitz festhalten mußte, auf den alten Mann, der aufrecht am Steuer stand und es mit gewaltiger Kraft lenkte. Sein Auge war abwechselnd auf seinen Sohn im Bug und das immer mehr zur Seite zurückbleibende Feuer des Leuchtthurmes gerichtet, das wie ein flammender Meteor am Himmel stand. Der Sturm fing sich in seiner weiten Lootsenjacke und zauste die grauen Haare unter dem festgebundenen Südwester, aber seine eherne Gestalt wich und wankte nicht unter dem Anprall des Windes und dem schäumenden Gischt, der um ihn her wirbelte.

Nicht mit Unrecht sagt der römische Dichter, daß Der eine Mauer von Erz um die Brust haben mußte, der sich zuerst kühn hinausgewagt in die Wogen des Meeres. Dem Cavalier fielen unwillkürlich die Verse des Horaz ein und er sagte sie vor sich

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hin, während er fühlte, daß das Herz in der eigenen Brust sich zusammenschnürte und klein ward gegen die unerschrockene Ruhe dieser Männer. Die Begleiter der beiden Lootsen hatten die Ruder eingezogen, die vorläufig noch unnütz waren, und er half ihnen, das Wasser ausschöpfen, das von Minute zu Minute die überschlagenden Wellen sturzweise in das Boot gössen.

Sie waren auf diese Weise eine halbe Stunde hinausgesteuert, als der Lootse am Boogspriet des Kutters sich durch Zeichen mit seinem Vater verständigte.

»Schuut up, Jungens,« schrie der Alte. »Runner mi de Riemens! Satzt in!« Zu gleicher Zeit drehte er mit gewaltigem Ruck das Steuer und der Kutter schoß in die Höhlung einer mächtigen Woge, wurde von ihrem Kamm überschüttet und hob sich, von der Kraft der Ruder getrieben, im nächsten Augenblick auf ihrem Rücken hoch in die Nacht.

Dem Baron vergingen im ersten Augenblick von dem gewaltigen Sturz des Wassers die Sinne. Als er ihrer wieder Herr wurde und die Augen öffnen konnte, fühlte er, daß ihn der Matrose Tom festhielt. Ein Händedruck lohnte der rohen Freundlichkeit des jungen Mannes, dann suchte er mit Gewalt jedes Gefühl der Beängstigung zu unterdrücken und arbeitete angestrengt, mit Tom das Wasser auszuschöpfen, da die anderen Männer jetzt voll zu thun hatten, die Ruder zu regieren, die ihnen die gewaltige Kraft der Wellen mehr als ein Mal aus der Hand zu reißen drohte.

Jetzt erst hatte der wahre Kampf mit der furchtbaren Macht der Elemente begonnen. Der Sturm schien mit jedem Augenblick an Kraft zuzunehmen und trieb ihnen den entsetzlichen Wogenschwall gerade entgegen. Die Planken des kleinen Fahrzeugs erzitterten und bebten unter dem gewaltigen Druck, als wollten sie auseinander reißen, der Druck der Luft und die gewaltigen Stöße des Sturms versetzten oft den Männern den Athem selbst durch die Tücher, die sie um den Mund gebunden. Wiederholt wurde der kleine Kutter, wie er so tapfer den Wogen entgegen kämpfte, von diesen fortgerissen, aber immer und immer wieder führte ihn die Geschicklichkeit des greisen Lenkers und die bis zum Aeußersten

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gespannte Kraft der Ruderer zurück auf seine Bahn und ließ ihn langsam vorwärts kommen.

In diesem furchtbaren Kampf überkam den stolzen und leichtsinnigen Aristokraten zum ersten Mal das Gefühl der Ehrfurcht vor dem moralischen Muth und der Aufopferung dieser Männer aus dem niedern Volke, die er bisher kaum der Beachtung werth gehalten, und er begann zu fühlen, welche erhabene Kraft in dem Volke wohnt, eine Kraft, die, zum Guten geleitet, das Höchste vollführt, in ihrem entfesselten Wahn aber gleich dem Lavastrom auf seinem Gang Alles vernichten muß, was ihr begegnet. An diesen armen Männern erstarkte sein eigener Muth und veredelte sich der frevle Leichtsinn, mit dem er sich hochmüthig in die Gefahr gestürzt.

Eine Stunde fast war verflossen, seit der Kutter die Insel verlassen und den Kampf mit Wogen und Wind begonnen Hatte, und die Kraft selbst des Stärksten begann zu erlahmen. Wiederholt zogen die Männer die Ruder ein und verlangten mit einzelnen Worten die Rückkehr.

»Halt ut, Kinner,« schrie plötzlich der Lootse, »ick seh Licht! Beim lewen Herrgott im Himmel - ick seh dat Ship! Bakbord, Vakbord, Vater Jansen, sünst sin wer verloren!«

Der plötzliche Erfolg im Augenblick, wo sie bereits jede Hoffnung dazu aufgegeben, spannte alle Muskeln; aber der Ruf, den in diesem Moment mit einer Kraft, die selbst das Brausen des Sturmes überbot, der greise Lootsenmeister ausstieß, machte jede Wange bleich und ließ jede Fiber in ihnen erbeben.

Auf dem Kamm der Wellen kam eine große dunkle Masse daher, ein gewaltiger Rumpf, Spieren und Takelwerk darüber hinaus ragend, flatternde, zerrissene Segelfetzen an den Naaen, schwankende, fliegende Lichter über dem Bord - ein Tod und Verderben in seinem Lauf drohender Leviathan gegen das kleine Fahrzeug, das seine Erretter trug!

In dem Augenblick, als sein ältester Sohn das Schiff entdeckte und er selbst bei dem Heben auf die nächste Welle die Lichter und den nahenden Rumpf erkannte, ließ er zugleich das Auge um den Horizont gleiten, um ihre Stellung zur Insel zu beurtheilen.

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Ein furchtbarer Schreck durchfuhr wie ein elektrischer Strahl seine kräftige Gestalt.

»De Riff, Kinner, de Riff! Robert, rodert um's Lewen willen!«

In der That war die Lage des Bootes furchtbar. Der rasche Blick des Alten hatte an dem hochschäumenden Gischt erkannt, daß sie sich auf der Wetterseite des großen Riffs befanden, das im Westen der Insel seine Zackenkuppel bis zur Oberfläche des Meeres hebt, einst Dünenland, wie im Osten, aber durch die Wellen jetzt ausgewaschen zu scharfem Fels, das Unheil aller Schiffe, die sich ihm ohne Kenntniß nahen, das Grab schon vieler Menschenleben. Nach dieser gefährlichen Stelle drängte der furchtbare Wogenschwall den Kutter. Aber noch gefährlicher wurde die Lage des Bootes durch das Schiff selbst, das gleich einem schnaubenden Ungethüm heran kam, ihm den Ausweg zum Luven zu versperren; - auf der Klippe zerschmettert oder von dem Schiff übersegelt und in den Grund gebohrt zu werden, war das Schicksal, was ihnen in der nächsten Minute bevorstand.

Selbst in diesem entsetzlichen Augenblick aber verlor der alte Lootsenmeister nicht die Geistesgegenwart und nicht das Gefühl seiner Pflicht.

Mit aller Gewalt preßte er das Steuer nieder und seine Stimme klang Allen vernehmlich: »Rodert, Jungens, um's Lewen!« Dann aber schwoll seine Stimme zu einer Kraft an, die selbst das Toben des Sturmes überbot und weithin über die Wellen dröhnte: »Hewt Acht! dat Riff! 'rum mit det Stüer, oder wi sind to nicht!«

Der dunkle Rumpf hing über ihnen - ein Moment noch - der schäumende Gischt der Wellen, wie sie von dem Bug des dem Verderben geweihten Fahrzeuges getheilt wurden, stieg über sie hin, jedes der tapferen Herzen glaubte den letzten Schlag zu thun - dann ein gewaltiger Athemzug - ein letzter Schlag der Ruder und - weithin schleuderte der Wellendruck des Schiffes, unter dessen Boogspriet sie quer vorüber gekommen, den Kutter.

Im nächsten Augenblick, noch ehe die Lootsen recht die eigene Rettung begriffen: ein gewaltiger Krach - ein Aufschrei gen

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Himmel über Sturm und Wellen - das Knacken brechender Balken, das Jammergeschrei der Menschen, das Klatschen und Brüllen der Wellen gegen die Breitseite des strandenden Schiffes!

Der alte Lootsenmeister stand wie eine Steingestalt in dem Wogenschwall. »Torü, Jungens, bet de Mat fallen is! - So nu - vorwärts! es is de höchste Tyt!«

Mit den Sehnen von Stahl warfen sich die Männer in die Ruder. In kurzem Bogen umkreiste der Kutter die wohlbekannte Klippe und näherte sich unter'm Lee des Schiffes, das voll auf der zackigen Klippe saß und dessen Bollwerk und Planken jede anstürmende Woge auseinander riß.

Der Anblick in dem masthoch schäumenden Gischt des Wassers war wahrhaft furchtbar. Das Verdeck war gefüllt mit der ziemlich zahlreichen Mannschaft des Schiffes, die sich an Masten, Taue und Holzwerk klammerte, und als sie jetzt das nahende Boot erblickte, in allen Tönen um Hilfe und Rettung flehte.

Aber jede neu anstürmende Welle riß Menschenleben hinweg und machte das Schiff in all' seinen Fugen krachen, das breit dem vollen Anprall ausgesetzt, auf der Klippe lag. Der Capitain der Gallione schien ganz den Kopf und jede Gewalt verloren zu haben, denn statt den Wenigen zu helfen, die versuchten, das Langboot an der Leeseite auszusetzen, hielt er sich an einem Tau fest und schlug ein Kreuz über das andere.

Der Kutter war jetzt in dem durch das Schiff und das Riff einigermaßen gebrochenen Wellenschlag so nahe gekommen, daß der Lootsenmeister den Versuch machte, sie in englischer Sprache anzurufen, aber ein verwirrtes Geschrei antwortete ihm, von dem er Nichts verstand.

»Makt Jy de Versök, Herr,« sagte er zu dem Baron. »Noch is et Tyd!«

Herr von Rheinsberg hatte sich bis zum Schnabel des Kutters vorgearbeitet, wo er neben dem Lootsen Hannes Jansen sich festhielt, und mit aller Kraft seiner Lungen, den gedehnten Ton der Seeleute nachahmend, schrie er:

»Que gente?«

Die Frage in der Muttersprache schien den Gefährdeten wie

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ein Wink des Himmels, denn sofort antwortete ihm das allgemeine Geschrei:

»Españoles! Bei der Mutter der Gnaden - zu Hilfe! zu Hilfe!«

Der Baron winkte dem Lootsenmeister, daß er sich verständigen könne.

»Dat Schipp kan sik ohnmägli holl'n,« sagte der Lootsenmeister; »ropt sy: dat Boot, dat Boot!«

Tom vermittelte den Befehl von einem Ende des Kutters zum andern und der Baron wiederholte den Ruf. Jetzt sah man die spanischen Matrosen nach der Stelle stürzen, wo einige ihrer Kameraden sich bereits bemüht hatten, das große Boot auszusetzen, aber es entstand ein so wildes Gedräng, ein Kampf um das Boot, daß es ersichtlich war, was der Erfolg sein mußte.

In der That hatte das Langboot des spanischen Schiffes kaum das Wasser berührt, als sich blindlings die Menge hineinstürzte - ein Schrei, der Sturm und Wogen überdrang - dann hob eine schwellende Welle das überfüllte Fahrzeug bis zum Schiffsrand und stürzte es im nächsten Moment nieder in die Tiefe, und man hörte das Knirschen des Holzes auf den scharfen Felsenkanten - dann trieben die Trümmer vorbei - einzelne Köpfe und Arme aus den Wellen - aber eine Unmöglichkeit, mit menschlichen Kräften hier zu helfen.

Die Woge, die das Boot zertrümmert, schien zugleich das Schicksal des Schiffes besiegelt zu haben. Der Lootsenmeister hatte kaum Zeit, den Befehl zu donnern, die Hakenstangen zu lösen, mit denen die Ruderer bis jetzt den Kutter an dem Riff festgehalten hatten, und diesen vor den Wellen treiben zu lassen, als ein gewaltiges Krachen zwei Mal hinter einander das Brechen der Mäste bewies und der Vorder- und Mittelmast über Bord gingen.

Dann kam es heran wie ein schwarzer Berg von Westen her - ein Krachen, als würden tausend Gebeine unter gewaltigen Rädern zermalmt - Woge stürzend über Woge - Taue, Masten, Planken, Fässer - menschliche Gestalten, Alles wild durcheinander auf den Kämmen der Wogen, wie eine wilde Jagd fluthete es an den Augen des entsetzten Cavaliers Momente lang

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vorüber, und dann war wieder um ihn Nichts als der weiße Gischt und du bewegliche schwarze Tiefe der Wellen.

»Vorwärts, Kinner, gau! Trekt dat Roder! Gott de Herr heit üns holpen - wi möten sehn, wat to dohn is vö de armen Lüd!«

Die Männer zogen die Riemen mit Anstrengung aller Kraft und das wackere kleine Fahrzeug, das glücklich der Zerstörung durch die Masten und Schiffstrümmer entgangen war, kämpfte sich zurück durch den Wogenschwall zu der Stelle, wo es vorhin am Riff sich festgehalten.

Alle erwarteten, daß keine Spur mehr von dem gescheiterten Schiff zu sehen sein werde, und hatten den Versuch nur unternommen, um vielleicht aus den auf den Felsenkanten hängen gebliebenen Trümmern ein Menschenleben zu retten. Zu ihrem Erstaunen aber fanden sie jetzt, daß das Hintertheil des Schiffes, das von dem Wogenandrang mitten auseinander geborsten war, noch fest auf dem Riff saß und den Wellen Widerstand leistete.

Der matte Schein der Schiffslaterne, die noch immer auf dem Hinterdeck schwankte, zeigte um den Stumpf des gebrochenen Mastes eine Anzahl menschlicher Gestalten in allen Stellungen der Todesangst und Verzweiflung, und ihr gellendes Hilfegeschrei drang durch das Toben der rasenden Brandung herüber.

»Makt dat Boot fest, Lüd!« sagte der Lootsenmeister. »By Gott - dar is noch Leben an Bord un wi möten den Versuk maken, se to redden! - Springt, Lüd! springt! mer wer'n jug heruttrecken!«

Aber der laute Zuruf des Alten blieb unbeachtet, auch als der Baron ihn in spanischer Sprache wiederholte. Entweder hörten die Unglücklichen nicht, oder sie hatten nicht Muth genug zu dem kühnen Wagniß. Sie begnügten sich, die Arme nach den wackeren Reitern zu strecken, und ihr Hilfegeschrei und die Anrufungen der Heiligen zu verdoppeln.

»Se sin verbistert dar baben, so geit et nich! - Hannes Jansen,« befahl er mit fester Stimme, »nimm dat Tau un schwemm räwer!«

Der Baron erbebte und wollte gegen das verwegene Unternehmen Vorstellungen machen, aber schon hatte der Lootse im

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Boot das Ende eines bereit gehaltenen Taues durch den Ring am Bootsrand gezogen, warf seinen Südwester, die Lootsenjacke und die schweren Stiefeln ab, und sich selbst, den Tauring um den linken Arm geschlungen, mit der rückfluthenden Welle in das Wasser.

Er verschwand sogleich, denn die Dunkelheit war so groß, daß man ihn nur wenige Schritte verfolgen konnte, und die Schiffslaterne am Bord warf ihren flackernden Schein nur über die dunklen Gestalten am Maststumpf.

Mit banger Besorgniß erwarteten die Männer im Kutter den Erfolg.

»Dat Water! dat Water!«

Haushoch kam jenseits des Schiffes die Woge daher und stürzte über die dem Verderben geweihten Trümmer - gellendes Todesgeschrei! - kaum vermochten die Männer im Kutter ihn festzuhalten unter der überschlagenden Fluth. Als sie vom Spritzwasser die Augen öffneten und sie nach dem Schiff richteten, war die Laterne verschwunden, der Rumpf schien noch weiter heraufgedrängt und die brandenden Wogen spritzten ihren Schaum hoch umher.

»Dat is ut mit enn!« - Plötzlich schrie der alte Mann laut auf: »Halt det Tau in! Hannes, min Sohn! min Sohn! wo bist Du?«

Tom und der Baron rissen mit Hast das Tau zurück - es kam leicht heran - jeder Griff schien eine Stunde banger Erwartung - länger und länger rollte es sich - keine Spur von dem Träger - jetzt das Ende - es war leer!

Der alte Mann bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit beiden Händen. Während dessen drang von dem Schiff her wieder ein schwaches Geschrei herüber:

» Auxilio! Auxilio! Hilfe! Hilfe!«

»Laßt mich hinüber, Vater,« sagte der junge Matrose, indem er bereits das Tau um seinen Arm wickelte, »vielleicht ist Bruder Hannes unter ihnen und hat nur das Tau verloren!«

Der Lootsenmeister legte die beiden Hände an den Mund. Seine mächtige Stimme überdröhnte Sturm und Sce.

»Schipp a - hoi! Hannes an Boord?«

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Es kam keine andre Antwort, als die Wiederholung des spanischen Hilferufs.

Der alte Mann nahm den Sturmhut von seinem weißen Haupte und faltete die Hände; die langen grauen Haare trieb der Wind wie einen Glorienschein um sein durchfurchtes Antlitz.

»Uns Herrgott hat en gewen - de Herr hat en nahmn! Sin Name weß lawt in Ewigkeit! - Da drüwen sind noch Lüd in Gefahr, un wi möten se retten! - Tom, min Sohn - nimm dat Tau un schwimm too Schipp!«

Der Cavalier faßte seinen Arm. »Bedenkt, was Ihr thut, Lootsenmeister; wollt Ihr Euren letzten Sohn opfern? Schickt einen von den Leuten!«

Der Alte sah ihn finster an. »Keen Minsch, Herr,« sagte er streng, »sall von Pieter Jansen seggen, dat he andre Lüd in de Gefohr schickt het, wohin he sin egen Fleesch un Blut nich schicken mucht! Farri, Tom, und an Boord, min Jung!«

»Well, Vater!«

Der junge Mann stand am Rand des Bootes, die Leim um den Arm, bereit, sich mit der zurückprallenden Welle in den tosenden Schlund zu werfen.

»Dann, Tom,« sagte der Cavalier entschlossen, »geh' ich mit Ihnen. Einer von uns Beiden wird ankommen - Gott entscheide, welcher!«

Er hatte den Rock und Hut im Nu abgeworfen und ein zweites Tau ergriffen. Ehe der Lootsenmeister ihn zurückhalten tonnte, kam hoch eine Welle heran und brach sich schäumend auf der Klippe. In die zurückfluthende Woge tauchten zwei Gestalten mieder, der Jungmatrose aus dem Volk und der Cavalier von vornehmem Blut.

Im ersten Augenblick wirbelte es schwarz um des Barons Sinne, Gesicht und Gehör schien ihm zu vergehen und er fühlte sich hart aufstoßen. Er hatte die Vorsicht gebraucht, ein kurzes Stück Holz aus dem Boot in die linke Hand zu nehmen, damit den Aufstoß gegen Klippe oder Schiffsbord zu pariren. Da er ein trefflicher Schwimmer war, erlangte er bald die volle Geistesgegenwart und Herrschaft im Wasser wieder, und in vier bis fünf Stößen hatte er glücklich die gefährliche Passage überwunden

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und sah vor sich die dunkle Wand der Schiffstrümmer sich erheben. Zugleich fühlte er die Hand Toms, der bereits die halb zerrissenen Ketten des Schiffs erfaßt hatte und sich jetzt mühte, ihm empor zu helfen.

Unter seinem Beistand schwang der Baron sich an dem zerstörten Bollwerk empor, sich anklammernd an jeden Gegenstand, den die Hand erreichen konnte, denn das Schiff schwankte in dem Wogenschlag wie ein Trunkener.

Endlich hatten Beide mit Mühe auf dem Deck Fuß gefaßt und schauten umher.

»Wo seid Ihr? Wer lebt noch?« schrie der Cavalier mit spanischer Sprache.

Schwache Stimmen antworteten ihm: »Hier! hier! zu Hilfe, oder wir sterben!«

Die Helfer griffen sich fort bis zur Stelle, wo der Maat stand. Drei Gestalten kauerten um den Stumpf, an Tauen sich festhaltend. Zwei von ihnen stürzten auf die Männer zu, in Tönen der höchsten Verzweiflung sie um Rettung anflehend, die dritte blieb ruhig und stumm am Mast.

»Wo ist Hannes - wo ist mein Bruder? Hannes, wo bist Du?«

Der Angstschrei des jungen Matrosen fand keine Erwiderung, eben so wenig die Frage, die der Baron in spanischer Sprache an die Schiffbrüchigen richtete. Ueberdies machte es das Toben der Wellen fast unmöglich, sich zu verständigen - Beide aber überzeugten sich leicht, daß von dem wackeren Lootsen keine Spur vorhanden und sie ihn verloren geben mußten.

Die Wellen schlugen fortwährend über das Deck - jeder Augenblick steigerte die Gefahr. Tom verständigte ihn durch Zeichen das Ende des Taues um den Stumpf des Mastes zu schlingen, was im Nu geschehen war, dann bedeutete ihn der junge Matrose, mit den drei Schiffbrüchigen sich auf den jetzt verhältnißmäßig sicherern Rückweg zu begeben. Die beiden Spanier - zwei Matrosen des Schiffes - wurden von dem Baron angewiesen, sich an dem Tau fortzuhelfen, der dritte Mann aber blieb noch immer theilnahmlos an dem Mast hocken.

Der Cavalier rüttelte ihn empor.

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»Rafft Euch auf, Mann jeder Augenblick Zögerung ist Tod!«

Es war, als ob die Stimme des Cavaliers, obschon kaum verständlich im Wogengebraus und Sturmgeheul, wie ein electrischer Strahl auf den Fremden wirkte, denn er schnellte empor aus seiner kauernden ohnmächtigen Stellung und packte rauh beide Arme des Helfers, während seine Augen wie die eines Raubthieres durch die Dunkelheit flammten.

»Wer sind Sie, Señor - Ihren Namen! diese Stimme ... «

»Fort jetzt - es ist keine Zeit zu fragen und mein Name gleichgiltig!« Da er sah, daß der Fremde hin und her schwankte und sich kaum aufrecht erhalten konnte, umfaßte er ihn und schleppte ihn mehr als er ihn führte zur Stelle der Brüstung, wo das Tau hinüber nach dem Boot führte. Die beiden spanischen Matrosen suchten sich bereits mit dessen Hilfe durch die kochende Brandung zu arbeiten.

»Seid Ihr stark genug, Euch zu halten?«

»Dich - ja!« Die Hand des Schiffbrüchigen umklammerte ihn krampfhaft, daß es seine freien Bewegungen hemmte. Indem kam der Jungmatrose heran. »Der Mann hat den Verstand verloren vor Furcht - helft mir, ihn retten!« Der junge Mann hatte rasch um den Leib des Spaniers und das Tau eine laufende Schlinge befestigt; so ließen, sie sich mit ihrer Last in das Wasser, denn das Krachen und Knacken der Planken und Balken unter ihren Füßen verkündete, daß das Wrack sich kaum einige Minuten lang noch halten könne.

»A - hoi! - gau! gau! torück, Jungens!« klang der gewaltige Ruf des Lootsenmeisters herüber, denn die Kraft der Männer reichte kaum noch aus, den Kutter festzuhalten, und jeder Ruck des Taues drohte ihn leck zu werfen an dem Riff.

Zerstoßen, zerschlagen, den Mann in ihrer Mitte besinnungslos und blutend aus einer Stirnwunde, tauchten die kühnen Schwimmer auf aus der Brandung, begrüßt von einem jubelnden Zuruf der Mannschaft, die anfangs glaubte, der Gerettete, Ohnmächtige sei Hannes Jansen, der Lootse. Ein Blick jedoch genügte dem alten Mann, sich zu überzeugen, daß seine Hoffnung falsch war. »Dien Broder, Tom?« - Der Jungmatrose wies hinaus in

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die kochende See: »Verloren, Vater!« und warf sich zum Tode erschöpft auf den Boden des Kutters neben die Geretteten.

»Los mit de Stangen!« Der Lootsenmeister ließ das Tau, das er bisher mit Riesenkraft festgehalten, los - hoch hinaus auf dem Kamm der nächsten Welle flog der Kutter in die Sturmnacht, und hinter ihm drein barsten die letzten Trümmer des Wracks auseinander.


Drei Stunden nachher, als der herauf dämmernde Tag sein schwaches Licht über die noch immer wild bewegte Fläche goß, nahte das Boot unter dem jubelnden Zuruf der versammelten Schiffer und Lootsen von Osten her dem Landungsplatz. Die kühnen Schiffer hatten das Nordcap abgewettert und unter'm Schutz, der Leeseite des Felseneilands durch die dort sehr gefährlichen Untiefen sich glücklich herauf gearbeitet.

Unter dem Menschenhaufen standen zwei Frauen, von den rauhesten Seeleuten mit Achtung und Theilnahme angeblickt, denn beide hatten während der furchtbaren Nacht sich nicht von der Stelle gerührt, dem Toben des Wetters und der hoch ihr Spritzwasser herauf schlagenden See Trotz bietend - das Weib des Cavaliers und das Weib des armen Lootsen. Die Dame ließ ihr weißes Taschentuch, die Fischerfrau die alte Bootsflagge wehen, die sie zum Schutz gegen das Wetter um die Schultern geschlagen.

Noch konnte man der Bewegung des Meeres und der Dämmerung wegen die einzelnen Gestalten im Kahn nicht erkennen - dann sah man, wie sie Hüte und Ruder schwenkten - ein Tuch -

»Gnädiger Gott - ich danke Dir - er ist gerettet!« Die Baronin sank freudeschluchzend in die Knie.

Die Augen der Fischerfrau wurden starrer und starrer - sie preßte den Knaben, der bereits wieder an ihrer Seite war, krampfhaft an sich - dann sprang sie mit einem gellenden Schrei nach dem Plankenbau, an dem der Kutter eben landete.

Der Baron flog in die Arme seiner Gattin. Der alte Lootsenmeister war der Nächste, der nach ihm auf die Brücke, sprang - sie faßte schreiend seine Schulter.

»Wo is de Hannes, Vader? wo is my Mann?«

Er hob Auge und Hand zum Himmel: »By unsen Herrgott, Marie! He is storben in syne Plicht!«

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Die Aermste fiel wie vom Schlage getroffen zu seinen Füßen nieder. Die Frauen drängten sich um sie, während die Männer still und stumm, dem Beispiel des alten Mannes folgend, das Haupt entblößten und die schwielenbedeckten Hände zu einem kurzen Gebet falteten.

Wenige Schritte davon hielt der Aristokrat sein junges, schönes, liebendes Weib glücklich an seiner Brust. -


Es war am vierten Morgen nach dem Sturm und seinen traurigen Folgen - hell und heiter lachte die Sonne über dem rothen Felseneiland - spiegelnd und ruhig gleich dem Busen eines schlafenden Weibes athmete die prächtige Fläche des Meeres.

Das Dampfschiff hatte seine Fahrten begonnen und lag an der Landungsbrücke, bereit, in einer Stunde nach Hamburg zurückzukehren. Tom Jansen, der Jungmatrose, sollte mit ihm nach der großen Handelsstadt abgehen, da Ordre dazu von seinem Capitain eingetroffen. Auch die drei Spanier, die der Baron in das Hotel seiner Schwiegermutter an jenem Morgen hatte bringen und mit jeder Freundlichkeit hatte pflegen und unterstützen lassen, wollten die Gelegenheit benutzen, nach Hamburg zu gehen, wohin ihr Schiff von Cuba mit einer reichen Tabakladung consignirt gewesen.

Die beiden Matrosen waren ungebildete rohe Männer, die sich bei den Geschenken, welche sie durch das Mitleid der Inselbewohner erhielten, wenig aus dem Untergang des Schiffes machten. Anders aber war es mit ihrem Gefährten, gegen den sie eine besondere Achtung und Unterwürfigkeit zeigten, ohne jedoch auf die mehrfach von dem Baron an sie gerichteten Fragen über ihn nähere Auskunft zu geben.

Der Fremde, den Tom und der Baron gewissermaßen gegen seinen Willen gerettet, war ein Mann von noch nicht drei- bis vierunddreißig Jahren, doch gaben ihm die ascetische Strenge und die Hagerkeit seines Gesichts, die tief geschnittenen Züge und gewisse Falten der Abspannung oder des Leidens ein weit älteres Aussehn. Die Stirn war hoch und trotz seiner Jugend kahl, die Augen tiefliegend, lauernd und leidenschaftlich, für gewöhnlich aber wie

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unter strenger Herrschaft des Geistes gesenkt. Seine Kleidung bei der Rettung war sehr unvollständig gewesen und hatte hauptsächlich aus einem langen Regenmantel bestanden, so daß auch daraus wenig auf seinen Stand zu schließen war. Das Einzige, was er aus dem Schiffbruch gerettet, war eine lederne Tasche, die er um den Leib geschnallt trug.

Im Uebrigen war er offenbar ein Mann von Bildung, ja, von einer gewissen Gelehrsamkeit, der außer seiner Muttersprache französisch, italienisch und deutsch sprach. Er gab, ohne seinen Stand bestimmt zu bezeichnen, an, daß er als Passagier aus der Havannah nach Hamburg sich auf dem Schiff befunden, daß er dort dringende Geschäfte habe und Freunde finde, um seine Legitimationen erneuern und seine Reise fortsetzen zu können. Sein Benehmen war sehr zurückhaltend und ruhig - nur zuweilen brach, wie ein Blitz durch die Wolke, ein Blick voll Feuer aus den tiefliegenden Augen, der dem Baron gleich der Stimme des Fremden seltsam bekannt schien. Aber dieser wich geflissentlich allen Fragen aus, wandte stets die Rede von seiner Heimath auf die muthige That des Cavaliers und den Dank, den er ihm für seine Lebensrettung schuldig sei, und erklärte seine Verwirrung bei dem ersten Anblick und Anruf des Barons auf dem Wrack für eine Sinnestäuschung, die ihm die Stimme und das Bild eines ihm nahe stehenden Verwandten vorgespiegelt habe.

Dennoch konnte selbst der leichtsinnige Lebemann nicht übersehen, daß der Fremde sich sehr für seine Familienverhältnisse zu interessiren schien und sich damit vertraut machte. -

Die Familie war in dem Salon des Hotels versammelt, um einigen Fremden, die von Hamburg mit dem Dampfer herüber gekommen, jene Aufmerksamkeiten zu erweisen, welche das Hotel Schwarz zu einem der beliebtesten des Eilands gemacht. Reichlich beschenkt und mit Wohlthaten überhäuft, harrten an der Thür die spanischen Matrosen des Aufbruchs zum Dampfschiff, dessen Glocke bereits zum ersten Male geläutet, während der Capitain noch gemüthlich bei dem sehr substantiellen englischen Frühstück an der Hoteltafel saß. Die englischen Offiziere, Dr. Heising, der Bade-Arzt, und mehrere der angesehenen Bewohner waren versammelt und besprachen die Neuigkeiten vom Continent, als

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Don Antonio, wie sich der gerettete Spanier nannte, zu dem Baron trat und ihn um eine kurze Unterredung allein ersuchte.

Der Cavalier glaubte, daß es sich um einen nochmaligen Dank an ihn selbst, eine Bitte oder einen Auftrag an die wackeren Männer handelte, welche die kühne Nettungsfahrt unternommen, und führte seinen Schützling in ein Nebenzimmer.

»Nehmen Sie Platz, Señor,« sagte er mit freundlicher Ungezwungenheit, indem er sich selbst in einen der amerikanischen Schaukelstühle warf, »und sagen Sie mir offen, womit ich Ihnen noch dienen kann ? Ich habe Ihnen bereits meine Börse angeboten, wir sind unter uns Männern, geniren Sie sich nicht!»

»Ich danke Ihnen, Señor« - die Unterhaltung war in spanischer Sprache begonnen worden - »ich habe mir bereits erlaubt, Ihnen zu sagen, daß ich nicht aller Mittel durch den Schiffbruch beraubt worden und in Hamburg Freunde finde. Ich habe Ihnen blos für die Gefahr, in welche Sie sich unsertwegen gestürzt, und die heldenmüthige Aufopferung zu unsrer Rettung im Namen jener armen Männer und in meinem nochmals unsern Dank zu sagen!«

»Ich glaubte, Señor, Sie hätten eine besondere Ursach' - «

»Die habe ich auch - es ist die, Ihnen einen Gegendienst zu erweisen.«

»Mir? und in welcher Art?«

»Señor - Sie werden entschuldigen, wenn ich mich erst jetzt eines Auftrages entledige. Ich habe Ihnen einen Gruß von Ihrer Gemahlin abzustatten!«

»Von meiner Frau? - Sie scherzen! Wir haben sie ja erst vor zwei Minuten hier nebenan im Salon verlassen!«

Don Autonio, der bis jetzt bei der Unterredung die Augen zu Boden gesenkt, schlug die Lider jetzt langsam empor und heftete einen kalten, festen Blick auf den Baron.

»Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, zu scherzen, Señor,« sagte er langsam; »ich spreche nicht von Doña Anna, sondern von Ihrer rechtmäßigen Gemahlin!«

Ein dunkler Scharlach überflog das Gesicht des Barons und er sprang empor aus seiner behaglichen Stellung. »Das geht

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zu weit, mein Herr, und grenzt an Unverschämtheit! Wie kommen Sie zu solch' thörichten Worten?«

»Ich spreche von Doña Ximena de Nacena

Der junge Mann taumelte, wie von einem Schlage getroffen, zurück und mußte sich an dem Sessel festhalten. Sein Gesicht veränderte fliegend die Farbe und er fuhr zwei Mal mit der Hand über die Stirn, gleich als wolle er eine unangenehme. Erinnerung verscheuchen.

In diesem Augenblick hörte man die Glocke des Dampfschiffs zum zweiten Mal läuten.

Der Baron hatte sich gefaßt. »Ich sehe, mein Herr,« sagte er, »daß Sie mich kennen, Verstellung wäre nutzlos. Woher und wie Sie mein Geheimniß wissen, ist mir unbekannt, obgleich ich Ihr Gesicht schon gesehen, Ihre Stimme gehört haben muß, wahrscheinlich in Spanien. Der Name, den Sie so eben genannt, weckt eine alte Erinnerung in mir, die mich lange genug unglücklich machte. Wenn es jedoch wahr ist, daß Doña Ximena noch lebt, obschon meine sorgfältigen Nachforschungen mir keine Kunde über ihr Schicksal verschaffen konnten, so bin ich glücklich darüber, denn sie bewahrt einen bleibenden Platz in meiner Erinnerung und meinem Herzen. Sie werden mir den besten Dank für den kleinen Dienst erweisen, den ich Ihnen zu leisten so glücklich war, wenn Sie mir recht viel von ihr mittheilen - nur muß ich Sie aus dem Irrthum reißen, daß Doña Ximena meine Gemahlin ist. Die Rechte einer solchen hat nur die Tochter dieses Hauses, die Mutter meines Kindes! Mit Doña Ximena fand nur eine ungiltige Scheintrauung statt, als einziges Mittel, sie damals den Händen ihrer Feinde zu entreißen.«

Der Spanier hatte sich erhoben, seine Miene war so ruhig, und kalt, wie zu Anfang der seltsamen Unterredung. »Ich glaube, mein Prinz,« sagte er ruhig, »daß Sie sich selbst täuschen. Die Trauung war keine Scheintrauung, sondern ist von einem Priester in voller Form der katholischen Kirche vollzogen worden. Die vollständigen Beweise dafür bin ich im Stande, in Ihre Hände zu legen, wenn Sie mich in Hamburg aufsuchen wollen. Doña Ximena lebt und ist Ihre rechtmäßige Gattin!«

»Und Anna - mein Weib ... «

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»Die Vornehmen der Erde erlauben sich oft, gegen Gottes Gebote zu handeln. Sie kann unmöglich einen andern Namen als den Ihrer - Geliebten beanspruchen!«

Der Baron schritt aufgeregt im Zimmer umher. »Mein Kind - meine unschuldige Tochter ... «

»Ein Bastard!«

Er faßte ihn wild an den Arm. »Das darf nicht sein, das soll nicht sein! Ich rettete Ihnen das Leben - «

»Und Sie werden mich dankbar finden. Die einzigen Beweise ... «

»Ich muß sie haben, um jeden Preis!«

Es klopfte an die Thür - man hörte die süße Stimme der jungen Frau:

»Es ist die höchste Zeit, Felix, wenn unser Gast nicht das Schiff versäumen will!«

»Sie müssen bleiben - ich will Auskunft!«

»Am 5ten erwarte ich Sie in Hamburg - im Hotel Streit!« Er öffnete rasch die Thür. »Nochmals, Herr Baron, unsern innigsten Dank für Ihre edle That, und Ihnen, gnädige Frau, für Ihre Wohlthaten und Ihre hochherzige Freundlichkeit gegen Unglückliche. Gott und seine Heiligen wollen Sie und die Ihren dafür segnen!«

Er küßte die Hand der beiden Damen und verließ das Hotel.

Der Dampfer gab eben das letzte Signal.

Feuer!

Es war am Spätabend des 4. Mai, eine Stunde vor Mitternacht, als in dem Zimmer eines Hauses am Hopfenmarkt zu Hamburg zwei Männer in ernster Berathung zusammen saßen, zwei Personen, äußerlich sehr verschieden und doch offenbar zu demselben Zweck und in denselben Gesinnungen vereint. Eine jener langhalsigen Korbflaschen mit Alicantewein stand zwischen ihnen.

Der Eine von Beiden trug die Kleidung eines Hamburger

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Bürgers von altem Schrot und Korn; sein rundes, fettglänzendes Gesicht mit kurzgeschnittenem röthlichen Haar war ziemlich nichtssagend, ja, hätte gutmüthig genannt werden können, wenn der fast gänzliche Mangel an Augenbrauen und Wimpern ihm nicht ein eigenthümlich unangenehmes Aussehn gegeben, und das kleine, mattblaue Auge sich nicht oft zu einem scharfen, stechenden Kreuzblick erhoben hatte.

Der Andere ist dem Leser bekannt, es ist der Fremde aus dem gestrandeten Schiff an der Küste von Helgoland. Er trug jetzt wieder eine einfache dunkle, an den Stand eines Priesters oder Lehrers erinnernde Kleidung.

Vor jedem der beiden Gesellschafter lagen Papiere mit Notizen und Zahlen in Chiffreschrift. Dinte und Federn standen in der Mitte, daneben lag eine Uhr.

»Die Connaissements sind richtig - der Gewinn der Gesellschaft aus den vorjährigen Ladungen belauft sich auf viermalhundertdreiundzwanzigtausend Mark nach Abzug der Provision für mich. Hier sind die Wechsel auf Laffitte in Paris und Tortoni in Rom. Die Assecuranz für die >Hermanda10 gemacht und Stoffield die sofortige Einkassirung mit Verlust aufgetragen; Sie können also anzeigen, daß man auf ihn trassiren kann!«

»Die Gesellschaft,« sagte der Spanier, »wird indeß doch bei dem Ereigniß von heute Nacht schwere Verluste erleiden müssen!«

Der Andere schoß ihm einen seiner schlauesten Kreuzblicke zu. »O, denken Sie das nicht, Bruder. Unsere Geschäfte sind abgewickelt, die Assecuranzen, die wir auf das liegende Eigenthum und die angeblichen Vorräthe haben, sind gut, werden zu den ersten angemeldeten gehören und bringen uns über eine Million ein. Hamburg wird allerdings für eine Anzahl von Jahren uns verloren sein, aber der Schlag ist auch zu gewaltig, als daß es sich eher, wenn überhaupt je davon erholen sollte. Unser Wirken

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ist jetzt in Paris, London und der Schweiz. Auch Preußen bietet seit der Thronbesteigung des neuen Königs ein offenes Feld für religiöse Einflüsse, und wir werden nicht allein am Rhein und in Westphalen, sondern selbst in Berlin das verlorene Feld bald wieder gewinnen.«

»Verzeihen Sie, Señor Boltmann,« sagte der Spanier - »es sei fern von mir, als ein Bruder untergeordneten Grades mich in die Geheimnisse des Ordens drängen zu wollen, aber ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich die Combination nicht recht begreife, weshalb diese bedeutende Stadt dem Verderben überlassen wird, wenn es nicht eben geschieht, weil sie von Natur ein Herd der Ketzerei.«

Der Dicke lachte und schenkte sich ein Glas Wein ein, dessen Farbe und Blume er sorgfältig prüfte, ehe er es langsam niederschlürfte.

»Trefflicher Alicante,« sagte er - »ich werde ihn in Berlin in Jahren nicht so gut wieder bekommen, wie hier in der Seestadt. Man lebt hier vorzüglich, ich muß es gestehen, wenn auch nicht feiner, aber für den wahren Gourmand köstlicher, als in Paris. Doch um auf Ihre Bemerkung zurückzukommen, mein würdiger Freund und Bruder, so wissen Sie, daß ich nicht zu den geistlichen Gliedern des Ordens gehöre, sondern nur einer der weltlichen Coadjutoren bin, wenn ich auch nicht läugnen will, daß das Vertrauen des Generals und der Assistenz mich als solcher mit einem hohen Grade beehrt hat. Als weltliches Mitglied indeß und da ich alle Ursache habe, anzunehmen, daß Sie selbst einst zu einer hohen Stellung in der heiligen Congregation berufen sein werden, Sie vielleicht auch in der Havannah weniger Gelegenheit gehabt haben, sich einen richtigen Blick über die Vorgänge zu bilden, bin ich gern bereit, Ihnen meine Beobachtungen mitzutheilen.« Er sah nach der Uhr. »Wir haben noch eine ganze Stunde, ehe unsere Leute erscheinen, und das wird genügen, um einem so scharfen Geist, wie dem Ihren, die nöthigen Winke zu geben.«

Der Spanier verneigte sich, stützte den Arm auf den Tisch und heftete auf seinen Gastfreund mit gespannter Erwartung das scharfe, dunkle Auge.

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»Sie verließen, wie Sie mir gesagt, Spanien,« fuhr der Kaufmann fort, sich in seinen Stuhl zurücklehnend, »als unsre Hoffnung auf Wiederherstellung unsrer äußern Macht dort mit der Niederlage der Carlisten fiel. Das Geschlecht der Bourbons fängt an auszuarten - wir dürfen kaum noch darauf rechnen, an ihm noch viel Gutes zu erleben, weder in Italien, noch in Spanien, noch in Frankreich, und der Orden muß seine Politik auf die Streichung desselben aus der Weltgeschichte vorbereiten. Mit den Familien sterben zum Glück nicht die Prinzipien. In dem großen Kampf, der sich durch die ganze alte Welt in neuer Auflage vorbereitet, stehen zwei Parteien einander gegenüber: die Throne und die Republiken, die feste Ordnung des Gehorsams im Ganzen und die zügellose Freiheit des Einzelnen. Der Kampf ist so alt, wie die Welt steht, in welcher Form er auch immer sich wiederhole: Monarchie und Demokratie, es ist blos der Kampf um die Herrschaft des Geistes oder des Materialismus.«

Der Spanier nickte ungeduldig zu der philosophisch-politischen Auseinandersetzung, die er aus diesem Munde schwerlich erwartete.

Der Kaufmann bemerkte es und lächelte. »Lassen Sie uns also praktisch reden,« fuhr er fort. »Der Kampf der Parteien wird bald wieder im vollen Gange sein. Sie wissen, daß es der alte Grundsatz des Ordens ist, zu warten und selbst den Gegner zu benutzen. Der gegenwärtige Papst leidet an einem unheilbaren Uebel, das ihn vielleicht, nach dem Urtheil unserer Aerzte, noch drei oder vier Jahre am Leben lassen, aber eben so gut schon in wenigen Monaten den heiligen Stuhl erledigen kann. Sein wahrscheinlicher Nachfolger ist durch seinen halben Charakter und seinen mißverstandenen Liberalismus ein fast so schlimmer Feind unsrer Gesellschaft, als Clemens XIV. durch seine Energie uns war. In Frankreich wird das Bürger-Königthum schwerlich von langem Bestand sein, Italien steht am Rande einer neuen Umwälzung, die alten Throne, die wir so lange gestützt, glauben, unsrer entbehren zu können, wie das Beispiel von Spanien und Portugal zeigt; es ist nöthig, daß ihnen bewiesen werde, welche nothwendige Stütze sie mit uns von sich geworfen. Zu der Revolution, dem Liberalismus kommen in diesem Augenblick zwei weitere wichtige Faktoren, die, wenn sie sich der Revolution

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bemächtigen, dem politischen und socialen Europa eine andre Gestalt geben werden.«

»Und diese sind?«

»Der Napoleonismus und das Judenthum!«

»Sagen Sie mir zunächst von dem ersten, Señor Boltmann!«

»Hinter den schlaffen Augenlidern des Prinzen Louis Napoleon steckt eine Zukunft, ich versichere es Sie. Daß er seinen ältern Bruder bei Rimini erschlagen ließ, hatte eine tiefere Bedeutung, als persönliche Feigheit. Seit dem Tode des Herzogs von Reichsstadt ist er das Haupt der Napoleoniden, und der Bürgerkönig ist sehr einfältig gewesen, statt eines Grabes in den Schloßgräben von Vincennes ihm eine Kasematte zu Ham anzuweisen, die ihn nicht lange halten wird. In einem politischen Kampf ist jede Nachsicht eine Thorheit, die auf den Geber zurückschlägt. Der Napoleonide hat so sicher die Augen auf den Thron nicht nur von Frankreich, sondern auf die ganze Macht seines Onkels gerichtet, wie die Mürats auf Neapel spekuliren.«

Der Andere mit dem streng geschulten, scharfen und glühenden Geist begann seine Augen mit einer gewissen Achtung auf seinen Gefährten zu richten, dessen unscheinbares, ja gemeines Aeußere ihn bisher einen solchen politischen Scharfblick nicht im Geringsten hatte ahnen und höchstens glauben lassen, daß er mit einem gewandten und sichern Handelsagenten des Ordens zu thun habe, wie dieser sie in allen Welttheilen besitzt.

»Und mit welchen Mitteln könnte der Prinz hoffen, dies Ziel zu erreichen?«

»Die Revolution, die revolutionaire Propaganda, mit der er bereits in Verbindung steht, wird ihm die Brücke bauen, und die Erinnerungen des Bonapartismus werden ihm später das Mittel sein, über die alten Verbündeten den Sieg zu gewinnen und die Revolution zu seinem Diener zu machen - bis - nun, bis Gott kommt oder wir!«

»Aber der zweite Faktor - das Judenthum?«

»Das Judenthum, Frater Antonio, repräsentirt das Geld! Merken Sie sich auf Ihrer ganzen künftigen Laufbahn: die Jesuiten sind die Juden des Geistes, aber die Juden sind die Jesuiten des Geldes. Geist und Geld, das sind die beiden wahren

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Mächte, auf deren Kampf ich vorhin deutete; die Macht des Geistes, nenne man ihn Aristokratie, Legitimität, Hierarchie, ganz wie Sie wollen - und die Macht des Materialismus, das ist des Fleisches, des Geldes, des Liberalismus. Das Judenthum kennt so gut wie der Napoleonide seine Zwecke, indem es sich der Revolution anschließt; mit dem Sturz der Legitimität und der Kirche setzt es die Geldherrschaft auf die Throne.«

»Und soll diese Macht uns nicht gefährlicher werden, als Revolution und Napoleonismus?«

»Gewiß - aber wenn sie auf den gehörigen Punkt gekommen, giebt es ein sehr einfaches Mittel! - Doch Sie trinken nicht, Frater Antonio, und der Wein ist doch Ihr Landsmann!«

Der Spanier schob das Glas zurück, ohne es zu berühren. »Welches Mittel?«

»Bah - ein tüchtiges Hep! hep! eine allgemeine Juden-Hetze! das Mittel ist zwar nicht neu, aber immer gut. Der Anlaß ist leicht gefunden. Man stiehlt einige Judenkinder und zwingt sie unter einem Vorwand zum Christenthum oder man schneidet einigen Christenkindern den Hals ab und weist nach, daß die Juden Blut zu ihren Opfern gebraucht haben. Man muß nur so lange warten, bis der Haß auf dem Glühpunkt ist, und daß er dahin kommt, dafür sorgt der Uebermuth dieses Volkes selbst!«

Es entstand eine kurze Pause im Gespräch, während welcher der Kaufmann ruhig sein Glas schlürfte, als hätte er nicht eben eine jener furchtbaren Prophezeihungen ausgesprochen, welche die Weltgeschichte, ob früher oder später, sicher einlöst! Dann fragte der Spanier: »Ist es erlaubt, zu fragen, was Sie meinen, das der Orden thun wird?«

»Er wird die Revolution nicht bekämpfen, sondern wo es ihm zweckmäßig scheint, sich mit ihr und ihren Trägern verbinden. Erst wenn alle Throne wanken, wenn selbst der älteste, der heilige Stuhl, zu stürzen droht, wenn alle Gemüther erregt und Nichts mehr sicher ist, wenn der Materialismus unter der Form der Freiheit seine Ferse auf den Nacken der Völker setzt, der ärgste Tyrann, dann ist die Zeit gekommen, den Fürsten und Völkern zu zeigen, was die Kirche vermag, und daß jedes Regiment

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ohne sie die Anarchie ist. Mißverstehen wir uns nicht. Auch die Kirche schreitet vor in ihren Erfahrungen. Im neunzehnten Jahrhundert Scheiterhaufen und Verdammung zu verlangen, dazu sind wir zu klug; aber Ansehn, Macht und Einfluß muß die Kirche auf jeder Stufe der Entwickelung bewahren, und sie muß die Herrschaft führen, offen oder im Stillen.«

»Wo aber werden wir bis dahin unsern Anhalt finden?«

»In der Mitte unserer Gegner selbst. Gerade an den Orten, wo man uns am meisten schmäht und am wenigsten sucht. Belgien, die Schweiz, Deutschland und England sind in diesem Augenblick das Feld, wo wir uns Burgen bauen. In der Schweiz sind wir bereits so mächtig, um nächstens einen entscheidenden Schlag wagen zu können. In England stehen wir mit den Whigs, in Frankreich mit den Socialisten in Verbindung. Preußen ist durch das Rheinland das unsre.« - »Aber warum das Unglück über diese Stadt?« - »Es ist nicht unsre Politik, sondern die Englands. Wir wissen darum, aber wir haben keinen Grund, sie zu hindern. Es ist eben nichts weniger und nichts mehr, als die Vernichtung der dänischen Flotte vor Kopenhagen. Der Hamburger Handel ist so bedeutend geworden, daß er dem Welthandel Londons ein gefährlicher Rival wird, und viele der ersten Häuser und Banken Englands am Rande des Bankerots stehen. In Amerika drohen Verwickelungen und Krisen, die Chartisten drängen das Parlament, das Toryministerium hat keine Energie zu durchgreifenden Maßregeln - das kleine Feuerwerk am Ufer der Elbe und der allgemeine Bankerot in London kann leicht das Ministerium Peel stürzen und Palmerston wieder an's Ruder bringen, dem wir die Emancipationsbill verdanken. Je eher er das Portefuille übernimmt, desto eher wird die Krisis zum Ausbruch kommen. Ich bin überzeugt, das ehrwürdige Mitglied für Tiverton weiß um den Schlag der City und billigt ihn aus Politik. Warum sollten wir ihm entgegen sein, da er einen der Heerde des Ketzerthums und des Liberalismus vernichtet? - Die >Jane und Anne< ist sogar an mich consignirt.«

»Und wann soll es geschehen?«

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»Noch in dieser Nacht. Sie haben zu der Unterredung, von der Sie mir gesprochen, noch zwei Stunden Zeit. Bis dahin werde ich mit meinen letzten Vorbereitungen fertig sein und Sie hier erwarten. Ihr Paß und die Berichte sind besorgt und Sie können morgen zu jeder Stunde die Stadt verlassen.«

Der Jesuit erhob sich, legte die ihm gehörenden Papiere sorgfältig zusammen und barg sie in der ledernen Tasche, die er bei dem Schiffbruch um den Leib geschnallt getragen. Dann hüllte er sich in einen Mantel und setzte einen Hut mit breiter Krämpe auf, wie ihn die englischen Quaker zu tragen pflegen.

»Können Sie mir eine Waffe leihen, Señor Boltmann?« fragte er. »Der Mann, mit dem ich zu thun habe, ist ein verwegener und entschlossener Charakter und könnte leicht versuchen, Gewalt gegen mich zu gebrauchen!«

Der Makler öffnete einen Schrank und suchte unter einer Menge von Gegenständen, die dort aus allen Welttheilen zusammengehäuft waren. Endlich fand er, was er brauchte, und reichte dem Jesuiten einen malayischen Krys, den dieser in der Manteltasche verbarg.

»Ich muß Sie auf Eins aufmerksam machen, Bruder Antonio,« sagte er warnend. »Sie befinden sich hier nicht im Bereich spanischer Justiz. Bei den wilden Gesellen, die sich in unserm Hafen zusammenfinden, giebt es zwar täglich blutige Köpfe und oft genug auch blanke Messer, indeß die Hamburger Justiz ist scharf dahinter her und spaßt nicht. Eine Verhaftung in diesem Augenblick könnte uns großen Unannehmlichkeiten aussetzen.«

»Sorgen Sie nicht, Señor Boltmann. Ist der Platz auf der Elbhöhe zu dieser Zeit unbesucht?«

»Das ist er freilich nicht, am Hafen herrscht das Leben die ganze Nacht, indeß werden Sie leicht eine passende Stelle treffen. Doch werden Sie auch den Weg zurückfinden? Sie müssen ungesäumt zurückkehren, sobald Lärm in der Stadt entsteht, wir könnten uns sonst leicht verfehlen.«

»Ich habe mir während des Tages die Lokalitäten eingeprägt und werde zur rechten Zeit zurück sei. Gute Nacht, Señor, und hegen Sie keine Besorgniß um mich!«

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Er grüßte ihn mit dem Zeichen des Kreuzes und verließ das Zimmer. -


Die Uhr auf dem Thurm der Nicolai-Kirche schlug - wie Wenige ahnten, daß es zum letzten Male sein sollte! - drei Viertel auf Eilf, als er über den Schaarmarkt und den Bleichergang nach dem Quai der Norder-Elbe schritt und den schönen Weg zu der Elbhöhe zwischen den bereits grünenden Büschen emporstieg.

Der nächtliche Wanderer blieb auf der Höhe stehen und ließ sein finsteres Auge über das Bild schweifen, das sich ihm bot.

Rechts zu seinen Füßen zog der mächtige deutsche Strom dem Meere zu. Ein Wald von schlanken Masten und Spieren zeichnete sich am Nachthimmel ab. Aus den Kajüten der Schiffe blitzten hin und wieder Lichtstreifen in die treibenden Wellen, der Ruf eines Bootsmannes oder eines an Bord kehrenden Matrosen und das Geräusch, das selbst bei Nacht in einem großen Hafen nie erstirbt, drang herauf zu den Anlagen, in deren noch ziemlich kahlen Gängen einige wenige Liebespaare promenirten, denn die Nacht war rauh und der Südost, der über die breite Fläche des Stromes strich, kalt und scharf.

Aus der langen Reihe der Schänken am Ufer tönte Gesang und Lärmen, zotige Lieder heimkehrender Zecher oder übermüthiger Burschen, die Arm in Arm in breiter Reihe nach dem Innern der Stadt und den berüchtigtsten Orten der Lust zogen, drangen herauf; bis von den fernen Tummelplätzen der nächtlichen Orgien von St. Pauli her klangen die wüsten Töne.

Ein riesiges Häusermeer mit den hohen gewaltigen Thürmen dehnte sich zur Linken unter ihm die alte Hansestadt, deren Schiffe seit Jahrhunderten alle Meere durchstreiften, der Stapelplatz des deutschen Handels, das Bild kräftigen Bürgerstolzes und mächtigen Reichthums.

Seine Augen wanderten mit finsterm, feindlichen Ausdruck über die röthlich nebelhafte Atmosphäre des Gases, die über der weitgedehnten Masse lag, und weilten auf den hervortretenden Kolossen der Kirchen eines andern ihm verhaßten Glaubens. Dieser Norden war es, der die Macht des Südens gebrochen, der zersetzende zweifelnde Protestantismus trieb die Geister gegen

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den gewaltigen Glaubensbau seiner Kirche und raubte ihr Fuß um Fuß, dieser kalte Verstand hatte die Macht an sich gerissen, die einst das wohlerworbene Eigenthum seiner eigenen Heimath, die Frucht des kühnen Wagens eines Columbus, Magelhans, Vasco de Gama's, Diaz, Cortez, Pizarro's und aller der Helden des Südens gewesen!

Vom Deck eines dunklen Schooners herauf klang ein spanisches Lied - er kannte die Melodie; am Abend vorher, als ihn der Gastfreund durch die Straßen dort drüben am Dammthor in der Nähe der Alster geführt, wo die Venus vulgivaga ihren Sitz aufgeschlagen, um ihm alle die Merkwürdigkeiten der alten Reichsstadt zu zeigen - und der Dammthor-Wall und die Schwiegerstraße gehören sicher nicht zu ihren geringsten! - hatte eine dunkeläugige Andalusierin in der Sprache der Heimath ihn angerufen, während rechts und links in allen Mundarten Europa's die Lockungen zum niedern Genuß sich kreuzten. Dort die Tochter, hier der Sohn Spaniens dienstbar dem Treiben der ketzerischen Handelsstadt - er streckte wild die Hand aus und schleuderte in gemurmelten Worten ein Anathema auf das Sodom des Nordens, und wilder funkelte sein Auge bei dem Gedanken, daß die Stunde des Verderbens so nahe!

So nahe - er glaubte sie nahen zu sehen! Sein Blick haftete auf dem dunklen Punkt, wo das englische Kohlenschiff lag, das ihm am Nachmittag sein Gastfreund bei einem Spaziergang gezeigt. Es hatte seine Ladung gelöscht und lag im Strom hinaus, zur Abfahrt bereit. Alles war dunkel am Bord - kein Licht in der Kajüte. Aber beim scharfen Hinschauen glaubte er Bewegung auf dem Schiff zu merken, dann lös'te sich ein dunkler Punkt von ihm ab und kam näher und näher - ein Kahn mit Menschen gefüllt. -

Der Schlag der Thurmuhr von Sanct Michael, Mitternacht verkündend, erweckte ihn aus seinen Träumereien, und hastig stieg er vollends auf das Plateau und ging an der Reihe der Bänke entlang, die dort als Ruheplatz für die Spaziergänger und Rendezvous der Kindermädchen aufgestellt sind.

Ein Mann erhob sich von einer der Bänke und trat ihm entgegen. »Biscaya und Helgoland,« sagte er.

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Der Jesuit schlug den Mantelkragen zurück. »Ich bin zu Ihren Diensten, Durchlaucht.«

»Ich bitte, lassen Sie das,« sagte der Baron von Rheinsberg, denn dieser war es, der ihn hier erwartet. »Ich bin diesen Mittag hier angekommen und habe Ihren Brief im Hotel Strei[t] erhalten. Der Ort und die Zeit zu unsrer Besprechung sind etwas seltsam gewählt, doch sei es darum; jede Zeit und jeder Ort sind mir recht, wenn sie die Zweifel enden können, die mich quälen. Hier bin ich und fordere die Beweise, die Sie mir versprochen!«

»Es ist der Wille Gottes und der Heiligen,« sprach der Jesuit heuchlerisch, »daß wir mit Geduld die Strafe für unsere Sünden tragen.«

»Spannen Sie mich nicht auf die Folter, Herr,« sagte ungeduldig der Baron. »Sie versprachen mir die Beweise, daß Doña Ximena lebt!«

»Sie befand sich, als ich Spanien vor zwei Jahren verließ, in einem Kloster Frankreichs, dessen Aebtissin eine Verwandte meiner Familie ist. Ich habe Briefe hier gefunden, die mir von ihrem Leben sprechen.«

»So hat sie den Schleier genommen?« fragte hastig der Baron.

»Doña Ximena kennt die Gebote Gottes und weiß, daß nur der Tod das heilige Sacrament lösen kann, das sie an ihren Gatten bindet.«

»Aber ich versichere Sie, Señor, Doña Ximena ist nicht mein Weib, es ist keine giltige Trauung vollzogen worden.«

»Sie wurden am Abend des 25. März in Azcoitia in Gegenwart zweier Zeugen getraut.«

»Das ist richtig, indeß ... «

»Kannten Sie den Priester?«

»Leider nein - ein Freund von mir brachte ihn von der Straße - es war ein Dominikaner-Mönch und verstand sich gegen Belohnung zu einer Scheintrauuug. Der Schurke ... «

Der Andere unterbrach ihn. »Haben Sie Doña Ximena davon unterrichtet, daß die Ceremonie nur zum Schein erfolgen sollte und keine Giltigkeit hatte?«

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Der Baron schwieg.

»Die beiden Zeugen leben,« fuhr der Spanier fort. »Der wahre Name und Rang des Herrn von Neuillat sind so gut bekannt, wie der Ihre, der Argelino ist durch Ihre eigene Fürsorge am Leben erhalten worden. Jene müssen, wenn Sie fortfahren, das Recht Ihrer rechtmäßigen Gattin zu läugnen, ihr Zeugniß ablegen. Die Dame selbst hat einen Bruder, der ihre Rechte schützen wird!«

Ein Gedanke flog durch die Seele des Barons. »Wie? wäre es möglich - Sie selbst sind der Bruder Ximene's?« Er sah ihn zweifelnd an.

»Sie irren! Der Bruder Ximene's hat niemals wieder ihr Antlitz gesehen, seit er im Thal von Azcoitia von ihr geschieden ist!«

»Auch das? - Wer sind Sie, Señor, daß Sie so genau von Allem wissen, was mein Leben berührt!«

»Durchlaucht,« sagte der Spanier finster, »ich war ein Knabe, dem das Leben so glänzend und hell offen stand, wie Ihnen. Der Himmel Andalusiens lachte über meiner Wiege und machte das Blut meiner Adern glühen. Was wissen Sie im kalten Norden von den Leidenschaften, welche den Sohn einer heißern Sonne bewegen! Undank und Hohn, die kalte Verachtung der Geliebten und der Haß der Ihren verwandelten das Blut meiner Adern in Gift! Dann kamen Sie, ein Fremdling, nach dem Lande, das Sie nicht gerufen, dessen heiligster Kampf an dem Verrath und Egoismus der Fremden gescheitert ist. Uebermüthig und trotzig in Ihrem Stolz sind Sie mir in meinen Weg getreten, in meiner Rache, wie in meiner Liebe! Die Stunde der Vergeltung ist gekommen - Gott ist gerecht!«

»Wer sind Sie? - Mann - geben Sie Antwort!«

»Ich bin Diego Corpas, der Sohn des Mannes, den Sie am Thurm Zureda um seine gerechte Rache gebracht. Ich bin der Mann, der Ximene liebte, mehr als sein Leben, und von ihr grausam verschmäht wurde. Ich bin - «

»Weiter - weiter - «

»Ich bin der falsche Dominikaner, dem Herr von Neuillat Gold bot, das heilige Sacrament zu frevlem Spott zu entweihen. - Ich bin der, welcher die Trauung vollzog!«

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»Dann bist Du ein blutiger Mörder und Frauenräuber, und sollst Deiner Strafe nicht entgehen. Du hast Dich selbst verrathen und daß die Trauung dennoch eine falsche war!«

Der Spanier schüttelte mit einem kräftigen Ruck die Hand, die ihn gefaßt, von sich. »Thor, der Sie sind! Wo ist der Beweis, daß ich den Schurken von Argelino, dessen Verbrechen ihn hundertfach den Tod verdienen ließen, getödtet? Sie selbst wissen, daß er lebt. Klagen Sie mich an, und in demselben Augenblick werde ich bei den Gerichten den Beweis niederlegen, daß Sie sich des Verbrechens der Bigamie schuldig gemacht!« Er hob die Hand mit einem Papier in die Höhe. »Hier ist der von dem Pfarrer von Azcoitia bestätigte Trauschein! Falsch war Nichts, als die Kutte des Dominikaners und Ihr eigenes Herz, denn ich hatte die Weihe des Priesters und das Sacrament ist in aller Form ertheilt worden.«

Der Baron taumelte zurück, wie von einem Schlage getroffen. Das Dunkel der Nacht verbarg die tödtliche Blässe, die sein Antlitz überzogen. Erst nach einigen Augenblicken ermannte er sich.

»Es mag sein, wie Sie sagen,« sprach er gebrochen, »aber was haben Sie davon, ein Geheimniß zu meinem Unglück zu benutzen, das Ihnen keinen Vortheil gewähren kann? Der Zufall hat Sie mit meiner Lage bekannt gemacht - ich habe keine Schuld gegen Sie, aber ich habe das Recht, Dankbarkeit zu fordern, denn ich rettete Ihr Leben mit Gefahr des meinen! Warum sollten Sie grausam mich verderben und Alles, was ich liebe?«

Der Jesuit lachte schneidend auf. »Sie tragen keine Schuld gegen mich?« sagte er langsam, und all' der Haß und Groll seiner Seele lag in dem dumpfen Klang seiner Worte. »Rechnen Sie es für Nichts, daß Sie an dem Herzen des Weibes geruht, das meine Seele vernichtet? Rechnen Sie es für Nichts, daß Sie die Liebe empfingen und verriethen, deren kleinster Theil mich zum Seligsten der Menschen gemacht und mein Schicksal zu Frieden und Glück gewendet hätte, statt des Hasses und der Bitterkeit, die mich jetzt verzehren? In jenem Augenblick, als Sie schwelgten, wo ich verstoßen war, da that ich einen heiligen Eid, auch Ihr Glück zu zertrümmern und Sie leiden zu lassen, wie

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ich gelitten! Ich habe Ihnen Ximene genommen und Gott hat mich zum zweiten Male in Ihre Nähe geführt, um ein Verbrechen zu strafen und Ximene zu rächen!«

»Undankbarer, herzloser Schurke, ich biete Dir Trotz!« rief der Baron außer sich.

»Versuchen Sie es, mir zu trotzen,« sagte der Spanier höhnisch, »und ich will Ihren stolzen Namen zum Gespött von Europa machen! Ihre Maitresse auf jener Insel und der Bastard, den Sie gezeugt - «

Der Baron stürzte wie ein Rasender auf ihn ein. »Das Papier, Unseliger, oder Du stirbst!«

Er rang mit ihm, aber der Arm des Jesuiten schien von Stahl. Er schleuderte den Edelmann weit von sich und zog den Krys aus der Manteltasche.

»Wagen Sie es, mich anzurühren, Señor,« sagte er finster, »wenn Sie das Gift der Malayen nicht fürchten. Der geringste Riß dieser Waffe bringt den Tod in Ihre Adern.«

Der Baron sank erschöpft auf eine Bank, jeden Widerstand aufgebend. »Sagen Sie Ihre Bedingungen, Señor, ich werde mich in Alles fügen, wenn ich nur die Schmach von Weib und Kind abwenden kann!«

»Ich könnte Sie vernichten,« sagte der Spanier, »aber was ist der Tod, das Verbrechen auf einen Schlag gegen das Umherirren auf der Erde mit dem Bewußtsein, daß man das, was dem Herzen das Theuerste war, aufgegeben für immer! Die Qual habe ich erduldet, die Qual sollen auch Sie erleiden! Geschieden auf immer durch eigenen Zwang von dem, was Ihnen das Liebste im Leben, sollen Sie einsam fortan durch das Leben irren! Sie werden Doña Anna und Ihre Tochter verlassen und sie nicht wiedersehen!«

»Niemals - das wäre schimpflich, das wäre feig!«

»So ziehen Sie es vor, Diejenige, die Sie Ihre Gattin, die Mutter Ihres Kindes nennen, vor der Welt zu entehren? Ich schwöre Ihnen bei Gott und seinen Heiligen, wenn Sie sich dieser Bedingung nicht fügen, morgen die Beweise Ihrer Bigamie bei den Behörden dieser Stadt niederzulegen!«

Der Baron rang verzweifelnd die Hände.

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»Es ist unmöglich - wie sollte ich es thun?!«

»Die Mittel und Wege werden sich finden. Geben Sie Ihr Ehrenwort, daß Sie jene Dame und ihr Kind nie wiedersehen, nie, so lange Sie leben, von sich hören lassen wollen!«

Die Schatten der Nacht bargen den Seelenkampf des Mannes. Er wußte, daß er vergebens gegen diese eherne Gewalt rang und ihr unterliegen mußte, und doch widerstrebte es seinem Innersten, gegen diesen Feind noch ein Mal die Waffe der Bitte zu versuchen. Er fühlte, daß er hier der Gewalt des Schicksals und eines feindlichen Einflusses mehr unterliege, als der eigenen Schuld, und daß er doch jener nicht zu widerstreben vermöge. Er beschloß, sich zu fügen - für den Augenblick, und nach Spanien zurückzukehren, um sich die eigene Gewißheit zu verschaffen. So trat er auf den Jesuiten zu, der ihn mit lauernder Miene, gleichsam jeden Gedanken seiner Brust verfolgend, beobachtet hatte. »Ich schwöre, zu thun, was Sie fordern! Aber wie ist es möglich, mich ihren Nachforschungen zu entziehen?«

»Ich habe Ihr Ehrenwort als Edelmann,« sagte der Jesuit. »Ihr wahrer Stand und Namen sind ein Geheimniß auf jener Insel - die Eitelkeit Ihrer Schwiegermutter hätte es sonst längst verrathen. Sie müssen verunglückt, todt - spurlos verschwunden für sie sein!«

»Aber wie?«

»Gott selbst sendet Ihnen die Mittel. Blicken Sie hinter sich - in den Flammen von Hamburg werden genug der Menschenleben verloren gehen, daß auch der Baron von Rheinsberg oder Graf Görtz unter diesen Trümmern spurlos verschwinden kann!«

Der Baron wandte sich betroffen von der Rede um - ein heller Schein funkelte durch die Nacht über der Stadt in der Nähe des Binnen-Hafens - allmächtiger Gott! - das konnte nicht die Atmosphäre der zahllosen Gasflammen sein - lichte, helle Lohe wälzte sich zum Himmel empor - »Feuer! Feuer!«

Der Edelmann stürzte mit einem Sprung zu der Hecke des Plateau's - ihm war, als könne er mit seiner Stimme die schlummernde Stadt wachrufen: »Feuer! Feuer!«

Aber der Südost trug den eigenen Ruf ihm zurück. Hoch auf loderte die Gluth - in der Deichstraße mußte es sein, am

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Hopfenmarkt, in jenen engen dichtgedrängten Gassen, denn er sah den hohen Thurm der Nicolai-Kirche bis zum Knopfe hinauf von der Gluth erhellt.

Das Gefühl, helfen zu wollen, erstickte ihm fast die Brust. Dann drang der Feuerruf, das Schnarren der Wächter und das Horn des Thürmers herüber und nahm es wie eine Last von seiner Seele. »Feuer! Feuer!«

Von dem Quai - von den Straßen herauf hallte der Ruf bald zum mächtigen, furchtbaren Chor anschwellend. Auf den hundert und hundert Schiffen des Hafens wurde es lebendig und von St. Michael, St. Petri und St. Katharina bis von dem fernen Jacobi-Thurm her heulte das Feuerhorn des Wächters.

Mit jeder Minute der wachsenden Gefahr wuchs und schwoll auch der Lärmen. Die zahllosen Schänken am Strande entlang, entleerten sich und sandten ihre Bevölkerung in die Straßen.

Erst jetzt fiel dem Baron bei dem aufregenden Schauspiel sein Gefährte wieder ein, und die eigenthümlichen, ein größeres Unglück als eine gewöhnliche Feuersbrunst verkündenden Worte zuckten durch seine Gedanken. »Was sagten Sie eben? - wie kann ein einzelnes Feuer - » Er sprach in die leere Nacht - der Spanier war verschwunden - sein Rufen und Suchen vergeblich.

Als er sich davon überzeugt und zur Seite der Stadt zurückblickte im Hinabeilen, sah er an einer zweiten Stelle eine Flamme emporlodern -

Hatte der Wind bereits die zündenden Funken dahin getragen, oder - sollte frevelnde Menschenhand - ?

Er wagte den Gedanken nicht auszudenken und dennoch beflügelte er gleich der Geißel der Furien seinen Fuß! -


Furchtbar, mit entsetzlicher Gewalt wüthete das entfesselte Element. In dem Hause eines Cigarrenmachers auf der Deichstraße war das Feuer auf unerklärliche Weise ausgebrochen, der scharfe Südostwind und die gedrängte enge Bauart der Altstadt machten alle gewöhnlichen Mittel des Widerstandes fruchtlos und die Flammen verbreiteten sich mit rasender Schnelle. Ja, noch ehe es Tag wurde, brach die Lohe an zwei, drei weiter entlegenen

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Stellen der Altstadt aus, ob von dem Wind getragen - ob von Menschenhänden verbreitet - Niemand wnßte es in dem Getümmel zu entscheiden; aber die Besorgniß, die Angst, die sich bald aller Gemüther bemächtigte und selbst die Entschlossensten lähmte, stieg durch dunkle, geheimnißvolle Gerüchte, die sich unter der Menge verbreiteten. Das Volk rief laut: die Engländer hätten Hamburg angezündet, um seinen Handel und seine Concurrenz zu zerstören!

Vox populi - vox Dei! Woher kommt jenes dunkle Gefühl und Bewußtsein, das ohne greisbare Ursache immer in der Masse des Volkes lebt, jene Ahnung seiner Feinde, jenes Vorurtheil und jenes Mißtrauen gegen Individuen und Nationen, gegen Einrichtungen und Gaben, das - wenn die Gelegenheit kommt - oft zum wilden Akt fanatischen Hasses ausbricht!?

Von Stunde zu Stunde gewann das Feuer an Ausdehnung. Im Laufe des Vormittags standen, trotz aller Anstrengungen, bereits der ganze Rödingsmarkt und der Hopfenmarkt in Flammen. Die St. Nicolai-Kirche wurde von dem Feuer ergriffen und der zusammenstürzende Thurm verbreitete die Lohe weithin. Am Abend und in der Nacht des 5ten zum 6ten waren der Hopfenmarkt, das Rathhaus, die alte Börse und Börsenhalle bis zur kleinen Alster hin, also der gewerbthätigste, wichtigste Theil der Altstadt, Feuer und Asche. Vergeblich waren alle Anstrengungen - kaum besiegt an einem Ort, schlugen die Flammen an dem andern von Neuem empor, oft in weiter Entfernung - es war, als ob ein furchtbares Verhängniß über die unglückliche Stadt seinen Schleier gebreitet, und Millionen gingen in Stunden verloren, denn an Rettung war nicht mehr zu denken, und die Assekuranzen verkündeten bereits am Mittag durch Anschlag an den Ecken, daß Jeder in Sicherheit bringen möge, was er könne, denn auf Vergütung sei bei der Unermeßlichkeit des Unglücks nicht zu rechnen.

Nieder sank die Nacht - über der unglücklichen Stadt lag die rothe Wolke der unerschöpflichen Feuersbrunst. Der Senat hatte einen Diktator ernannt mit unbeschränkter Machtvollkommenheit; hannöversche und mecklenburger Artillerie war herangezogen, um mit Kanonenkugeln die Gebäude niederzuwerfen und dem Umsichgreifen

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der Feuersbrunst Schranken zu setzen - eine Estafette nach Berlin und Magdeburg hatte bereits preußische Artillerie und Pioniere requirirt, auf mehr als zwanzig Meilen wurde die gewaltige Feuersbrunst gesehen und der Zustrom von Fremden und Helfenden war unzählig.

Durch die Gassen wogte es in wildem Halloh! Wieder und wieder war das Gerücht durch die wild aufgeregte Menge gegangen von der Brandstiftung der überseeischen Rivalen der alten See- und Hansestadt, und viele Engländer waren bereits in den Straßen mißhandelt - zwei von dem wüthenden Pöbel in die Flammen geworfen worden.

Am Jungfernstieg, zwischen der aufgefahrenen Artillerie wogte und drängte die Menge, bereits war auch die prächtige Umgebung des weltberühmten Bassins von den hoch überschlagenden Flammen gefährdet. Matrosen, Bürger, Fremde, Soldaten, Alles eng und aufgeregt hin und her - in acht Sprachen Europa's die Besorgnisse, die Erbitterung, der Rath, der Frevel durcheinander. Der Raub und das Verbrechen streckte bereits seine Harpyenkrallen durch die brennenden und verschonten Straßen nach der reichen Beute!

Baron Rheinsberg, mit der fremden Sorge und Aufregung die eigene betäubend, stand bei einer Gruppe hannöverscher Offiziere, die mit mehreren Mitgliedern des Senats gleich einem Schlachtplan die weitere Anwendung der Geschütze berathschlagte. Er hatte den ganzen Tag über den spanischen Priester aufgesucht, aber vergeblich. In dieser allgemeinen Verwirrung, bei dieser Masse der Zuströmenden war es unmöglich, den Einzelnen zu ermitteln, am wenigsten, wenn er sich zu verbergen suchte. Bereits am Nachmitag hatte der Baron sein Hotel verlassen, da die Flammen sich immer mehr dem Jungfernstieg näherten und die Artillerie hier operiren sollte. Noch war die preußische Post verschont und er hatte im Laufe des Tages dort wichtige Briefe vorgefunden, welche den bereits gefaßten Entschluß bestärkten. Er fühlte, daß er von jenem Mann Alles zu fürchten habe, und daß es seine erste Pflicht sei, Weib und Kind vor einer Schmach zu schützen, die schmerzlicher wirken mußte, als sein Tod, sein spurloses Verschwinden. Darum hatte er beschlossen, die Gelegenheit

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dieser Nacht zu benutzen, um unter der Hülle ihrer Flammen seinen Namen aus dem Reiche der Lebendigen verschwinden zu lassen.

Er war die ganze Nacht und den Tag auf den Füßen gewesen, ohne sich Ruhe zu gönnen, und beschloß jetzt, in einem der kleinen Wirthshäuser der Vorstadt St. Georg ein Unterkommen zu suchen, um am andern Morgen Hamburg aus einem beliebigen Wege verlassen zu können.

Absichtlich äußerte er zu einigen Bekannten, die er in dem Gewühl am Jungfernstieg gefunden, daß er versuchen wolle, noch einen Gang durch die Straßen zu machen, wo die Feuersbrunst zuerst begonnen, und die Warnungen vor den Gefahren der stürzenden Trümmer und der in den Kellerräumen fortwüthenden Flammen verspottend, warf er sich in den Menschenstrom, der nach den Straßen und Plätzen am großen Kanal fluthete.

Aber das Gedränge und die stets neuen aufregenden Scenen führten ihn weiter und weiter, als er anfangs beabsichtigt, und als er den Eingang einer engen Straße betrat, wurde er plötzlich vom andern Ende her durch ein wildes Geschrei und Lärmen aufmerksam gemacht.

»Mordbrenner! Mordbrenner!« heulte die Menge, die tobend von dem andern Ende der Straße daher kam - »werft die englischen Hunde in's Feuer!« Zwei Männer flogen die Straße daher, verfolgt von dem rasenden Pöbel. Der eine, ein kurzer, dicker Mann, schien genau mit den Lokalitäten bekannt, denn er sprang in einen zur Seite sich öffnenden Durchgang und war damit glücklich der Verfolgung und der Gefahr entgangen; der andere - behender und etwas voran - blieb einen Augenblick stehen, sich nach seinem Gefährten umzusehen, aber schon die kurze Verzögerung war ihm verderblich. Bevor er den Lauf wieder aufnehmen konnte, war ihm ein flinker Bursche voran und verrannte ihm den Weg, während mit wildem Triumphgeschrei der Haufe schon dicht hinter ihm war. Der Mann schien zu wissen, daß er, ob schuldig oder nicht, von diesen Gegnern keine Schonung zu erwarten habe, denn er warf sich jetzt blitzschnell mit dem Rücken an die Häuserwand, wickelte den Mantel, den er trug, um den Arm, und der Feuerschein, der selbst die enge

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Gasse fast mit Tageshelle erleuchtete, spiegelte sich in dem matten Glanz eines langen Messers, das seine Rechte schwang.

»Heran, Schurken, wenn Ihr es wagt, den Einzelnen anzugreifen,« rief der Fremde in englischer Sprache. »Aber seid versichert, daß ich mein Leben theuer verkaufen werde!«

Es war Etwas in der kühnen Wehrstellung des Bedrohten, in der Gefahr des Einzelnen gegen die Menge, was den ritterlichen Sinn des Barons anregte. Außerdem - so fern er stand, und so unsicher und schwankend die Beleuchtung der Feuersbrunst war - schien ihm die Gestalt und Haltung des Fremden bekannt, und er eilte auf alle Gefahr herbei, ihn gegen die Menge zu unterstützen.

Aber ehe er den dichten, tobenden Kreis zu durchbrechen vermochte, war ein junger Matrose vorgesprungen, hatte sich in Boxerpositur dem Fremden gegenüber geworfen, einen verstellten Angriff gemacht, und als dieser Hand und Klinge zum Stoß erhob, ihn mit einem raschen Sprung unterlaufen, seinen Arm gefaßt und das Messer ihm entwunden, das er weit fortschleuderte. Im nächsten Augenblick war der Unglückliche von der Menge gepackt, die sich wie eine Lawine über ihn herwarf, ihn zu Boden riß und fortschleifte.

Der Baron drängte ihm nach bis zum Ende der Gasse, die sich rechts auf den Feuerheerd des Hopfenmarkts und seiner Umgebung öffnete.

Die rauchenden, glühenden Massen der bereits am Mittag eingestürzten Nicolai-Kirche erhoben sich hier aus dem Meer von dampfenden Trümmern - ein ungeheurer Schmelzofen, aus dem noch immer haushoch die Flammen emporschossen.

»In's Feuer mit ihm! In's Feuer mit dem englischen Hund!« Hoch auf den Fäusten der Wüthenden schwebte der Körper des Unglücklichen - der Feuerschein fiel deutlich auf das blasse, blutige Gesicht -

»Heilige Mutter Gottes, rette mich aus den Händen der Ketzer - «

»Ein Papist! ein Papist! in das Kirchwnfeuer mit dem irischen Hund!«

Aber der Baron hatte den Irrthum der Menge bereits

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erkannt, und der in der Todesangst in der Sprache der Kindheit ausgestoßene Ruf: »Auxilio! Auxilio!« überzeugte ihn mit der Schnelle des Gedankens.

Einen Augenblick - aber auch nur einen solchen lang - überkam ihn die Idee, daß er nur geschehen zu lassen brauche, was das Schicksal selbst über seinen Gegner verhängt, daß eine kurze Zögerung ihn von der drohenden Gefahr für immer befreien, jeden Verrath verhindern werde, daß jenes Leben, das sich so undankbar gegen ihn gekehrt, eigentlich sein Eigenthum sei, mit der Gefahr des eigenen gerettet aus Sturm und Wogen - aber schon der nächste Moment ließ ihn in ritterlichem Gefühl die Lockung verwerfen, und er stürzte sich mit übermenschlicher Kraft in das Gewühl, stieß die Nächsten zur Seite und erreichte das unglückliche Opfer in dem Augenblick, als es hinein geschleudert werden sollte in den glühenden Krater eines brennenden Gewölbes.

»Wahnsinnige - was wollt Ihr thun? - Dieser Mann ist kein Engländer - ich kenne ihn, er ist erst seit wenigen Tagen in Hamburg!«

Er hielt den Spanier fest, der kraftlos an ihm niedersank, und deckte ihn mit seinem Leibe gegen die drohend erhobenen Fäuste.

»Wer ist der Bursche? Was mengt er sich hinein? Ein Spießgeselle von ihm - nieder mit allen Beiden!«

Matrosenmesser blitzten in den Fäusten - Knüppel und Steine erhoben sich - der Baron sah sich selbst verloren und wollte dennoch von dem Gefährdeten nicht weichen, als plötzlich einer der Hauptschreier und Gewaltthätigen vor ihn sprang und den Hut durch die Luft schwang.

»Stop, Kameraden! Das ist die brave Landratte, von der ich Euch erzählt, und der Düwel soll mich kielholen, wenn ich nicht glaube, wir trecken ein falsch' Tau!«

Der Baron reichte ihm die Hand. »Tom, mein wackerer Bursche, hilf mir diesen Unglücklichen fortbringen - es ist der Spanier, den wir von dem Wrack gerettet!«

»Blixen! es ist wahr, Sir - die Kleidung und die Nacht machten mich irre! Warum lief der Narr mit dem Andern wie

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besessen davon, als wir ihn anriefen in dem Gang des brennenden Hauses! - Zurück, Kameraden - der Bursch ist kein Engländer, ich kenn' ihn jetzt und bürge für ihn!«

Aber die aufgeregte Menge, aus Matrosen, Hafenarbeitern, Gesellen und dem niedrigsten Pöbel beiderlei Geschlechts bestehend, war nicht so leicht geneigt, sich ihr Opfer entreißen zu lassen, »'s ist ein Mordbrenner! in's Feuer mit ihm und wer ihm hilft!«

Ein Norweger, ein Kerl von hagerer, riesig großer Gestalt, langte über die Köpfe der Menge weg. »'s ist ein verfluchter Papist - ein katholischer Hund! er selbst hat's gestanden. Mach' Dich auf die Beine, Helgoländer, oder - Schock Millionen Teufel - ich will Dich Deine eigenen Beißer verschlucken lassen!«

»Wenn Du's denn nicht anders willst - komm heran, Lümmel!« Der Jungmatrose warf den rechten Fuß und die Fäuste vor und sich in kunstgerechte Boxerstellung.

»Hurrah! 'nen ehrlichen Faustkampf! Platz für 'ne richtige Kullation!« Die Menge heulte vor Vergnügen und schob den Scandinavier in den Kreis.

Da rasselten die Trommeln - naher Kommandoruf erklang: »Auseinander, Männer! Im Namen des Gesetzes! - Fällt's Gewehr - vorwärts - Marsch!« Gellendes Pfeifen und Hohngeschrei empfing die anrückende Patrouille der Bürgerwache, die Master Boltmann eilig mit dem Bericht eines Mordes herbeigerufen. Der Haufe stieb auseinander, denn bereits waren mehrere ähnliche wüste Fälle vorgekommen und das Militair hatte Ordre erhalten, mit aller Strenge von den Waffen Gebrauch zu machen. Der lange Norweger, ehe er dem Gesindel folgte, wandte sich tückisch noch um, zog das Matrosenmesser aus der Lederscheide an seiner Seite und wog es, den Mittelfinger am Knopf auf der Fläche der rechten Hand, um mit dem bekannten Kunstgriff es nach dem Spanier zu schleudern; aber ein sicherer Boxerschlag des Jungmatrosen traf ihn, ehe er die mörderische Absicht ausführen konnte, auf das linke Auge, daß er, so lang wie er war, das Pflaster maß.

»Gau, Sir!« mahnte Tom. »Laßt uns den Mann in Sicherheit bringen, ehe die Bursche zurückkommen, oder gar die Grünsinken uns in's Loch stecken und in's Verhör nehmen!«

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[Absatz eingefügt.] Er hatte den Spanier bereits emporgerichtet, der Baron half - durch die Menge drängte sich der im hellen Flammenschein Allen wohlbekannte Schiffsmakler herbei. »Barmherziger Gott! Señor, wie seh'n Sie aus? Hierher! hierher, Leute, in diese Gasse und über die Brücke, dort wird er in Sicherheit sein!«

Mehrere Personen griffen zu; aber ehe sie noch den Kanal zwischen der Bäcker- und Reichenstraße überschritten, fühlte sich der Jesuit wieder kräftig genug, um selbst zu gehen, und nahm den Arm des Master Boltmann, während die Helfer sich nach und nach verloren. Der Baron blieb an seiner Seite, Tom, der Jungmatrose, folgte.

Am Platz des Johanneums blieb der Pater Antonio stehen. Er hatte das Blut von seinem bleichen Gesicht gewischt und schaute jetzt wieder mit dem frühern finstern und entschlossenen Blick um sich.

»Bis hierher, Don Felicio, und nicht weiter,« sagte er mit bestimmtem Ton in spanischer Sprache. »Unsere Wege gehen auseinander - Sie wissen es. Haben Sie Ihren Entschluß gefaßt?«

»Er ist es - ich füge mich Ihrer Forderung - wenn nicht - « der Cavalier stockte.

»Wenn nicht der Umstand, daß Sie mir zum zweiten Mal das Leben gerettet, mein Schweigen erkaufen und mich zum Mitschuldigen Ihres Vergehens machen sollte,« vollendete mit Hohn der Jesuit den Satz. »Sie irren, Señor Principe. Wenn Sie diesen elenden Körper aus den Flammen gerettet, wie Sie es aus den Wogen gethan, so waren Sie blos das Werkzeug der Heiligen, und denen allein bin ich Dank schuldig durch Gebet, nicht durch Theilnahme an einem Frevel, für den die heilige Kirche Sühnung fordert. Sie geloben mit Ihrem fürstlichen Ehrenwort, todt zu sein für Jene, bis der Tod Sie befreit?«

Der Baron beugte finster sein Haupt. »Mann ohne Herz und von Stein! ich gelobe es - um meines Weibes, um meines Kindes willen!«

Er sah nicht den höhnischen, spöttischen Blick, den der Triumph des Hasses auf ihn warf. Dann trat der Jesuit dicht zu ihm heran. »Ihr Kind, Fürst? Suchen Sie am Ufer des Manzanares, unter dem Himmel Spaniens, nicht auf der Insel des

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eisigen Nordmeeres den rechtmäßigen Erben Ihres Namens, das Kind Ihrer Gattin!«

Der Baron faßte seinen Arm. »Was sagen Sie da, Mensch, Priester - mein Kind?«

»Das Kind Ximene's, ihr rechtmäßiger Sohn, die Frucht der verbrecherischen Nacht in Azcoitia, für die ich Sie hasse bis über das Grab hinaus!« '

»Mein Sohn - mein Sohn! wo ist er? - wo find' ich ihn?«

Der Jesuit lachte grell auf. »Niemals! Der Herr hat gesagt, daß die Sünden der Väter gerächt werden bis in's dritte und vierte Glied - möge der Gedanke, daß Ihr Sohn dem Jünger von San Loyola Bürge seiner Rache ist, Ihr stolzes Haupt darnieder halten! Fluch dem Blute, das ihn geboren, und Wehe ihm und Ihnen, wenn Sie es wagen, dem Gebot der Kirche ungehorsam zu werden!«

»Undankbarer!«

»Dank? - wissen Sie denn nicht, daß dem Hassenden eine Wohlthat auflegen den Haß verdoppeln heißt? Der Mönch hat dem Cavalier seine Schuld bezahlt - das erste Mal mit der Sühne einer Todsünde, das zweite Mal mit dem Dasein des Sohnes! Suchen Sie ihn auf der weiten Erde - aber mein Auge wird über Ihnen sein, und nochmals: Wehe Ihnen und ihm, wenn Sie es wagen, Ihren Schwur zu brechen!«

Er riß den Makler mit sich zurück in den Schatten der Häuser. Ehe der Cavalier sich von dem Eindruck und der Bestürzung, welche der Ausbruch dieses tödtlichen Hasses machen mußte, zu energischem Entschluß aufgerafft, waren Beide verschwunden. -

Sein Blut, sein Leben hätte er sicher willig gegeben, wenn er das kurze, spottende Lachen gehört, mit dem der Jesuit athemlos nach der raschen Flucht in den dunklen Schatten der Jacobi-Kirche stehen blieb.

»Der Thor!« murmelte er; »wie wenig kannte er die Liebe Ximenens, daß er wähnen kann, sie würde ein gebrochenes Herz überleben! - ich bin fertig mit ihm - möge er das Gift in der Seele tragen, sein Glück ist gestört, was kümmert mich sein

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Dasein! An seinem Fleisch und Blut wird mein Haß fortleben! - Jetzt, Señor Boltmann,« wandte er sich in deutscher Sprache und verändertem Ton an den Makler - »ist das kleine Privatgeschäft, das mir der Zufall in den Weg geworfen, beendet, und ich gehöre wieder Ihnen und unsrer Mission. Lassen Sie uns meine Abreise so schnell wie möglich vorbereiten!« -

Die Hand des ehrlichen, biederherzigen Jungmatrosen berührte den Aristokraten. »Nichts für ungut, Sir, ich versteh' kein Spagnolsch, aber ich glaube, der Kerl ist doch ein Schurke! Soll ich ihm nach und ihn zurückhol'n, daß wir ihn noch in's Feuer schmeißen?«

Der Baron erwachte aus seiner Betäubung. »Wann segelst Du, Tom?«

»Uebermorgen, Sir - das Schiff liegt in Cuxhaven und ich bin mit dem Cap'tain nur 'rübergekommen, zu hören, wit's stand!«

»Leb' wohl, Mann! Kehr' glücklich zurück und freie Dein Mädchen! Nur das Meer kann die Deinen von Deinem Herzen reißen, nicht die Menschen! Leb' wohl, Freund, und denk' an mich!« Die schwere Börse lag in der Hand des jungen Mannes, als der Cavalier sie krampfhaft preßte; dann schritt er eilig hinweg, zurück nach der Brandstätte. -


Der Hamburger Correspondent vom 30. Mai enthält unter seinen Inseraten folgende >Bitte<:


    »Alle, die über die Person des Baron von Rheinsberg, wohnend seither in Helgoland und während des großen Brandes in Hamburg anwesend, eine Auskunft zu geben vermögen, werden dringend ersucht, seiner betrübten Gattin und Schwiegermutter, Helgoland, Hotel Schwarz, davon Mittheilung zu machen. Der Baron wurde zuletzt am Abend des 5ten in der Nähe der Brandstätte auf dem Jungfernstieg von Freunden gesehen und gesprochen, und ist wahrscheinlich in derselben Nacht noch verunglückt, da seitdem jede Nachricht von ihm fehlt.«

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Die Revolutionen.

(Fortsetzung.)

Der Fürst Lichnowski war nach der Entfernung der beiden Mörder noch einige Zeit in seinem Blute liegen geblieben, einzelne Personen, von Neugier oder Mitleid getrieben, traten heran, aber Niemand wagte, den Unglücklichen anzurühren, bis Doctor Hodges wieder herbeikam.

Dieser, der Gemeindemann Löw und der Instrumentenmacher Helffen hoben ihn auf und trugen ihn fort.

Der Fürst antwortete auf die Frage, wohin sie ihn bringen sollten:

»Tragen Sie mich, wohin Sie wollen! Nur tragen Sie mich von diesen Kannibalen weg! sie haben mir auch meine Uhr gestohlen!«

Man brachte ihn, wobei er heldenmüthig die durch jede Bewegung vermehrten Schmerzen seiner Wunden ertrug, nach dem Schmidt'schen Hause zurück, demselben, in dem die Mörder ihn gefunden. Die Bewohner, die Frauen waren in fortwährender Todesangst um ihn thätig, nur wenige der Männer hatten Ruhe und Geistesgegenwart, zu ordnen und zu thun, was nöthig erschien.

Doctor Hodges verband flüchtig, so gut es ging, die gefährlichsten Wunden. Der Fürst war so schrecklich verletzt und verstümmelt, daß man jeden Augenblick seinen Tod erwartete. Der Lehrer Schnepf trat zu ihm und fragte ihn, ob er nicht seinen letzten Willen kundgeben und als Christ seinen Feinden verzeihen wolle.

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Diese Frage erschütterte den mit aller seiner zähen Lebenskraft noch gegen den Tod ringenden Mann. Er heftete die dunklen großen Augen wie zweifelnd und fragend auf den Lehrer, dann sagte er leise -

»Ich will! - schreiben Sie - aber eilen Sie sich. Ich vermache alle meine Habe meinem Bruder Carl - nein - der Herzogin von Sagan!«

Der Sterbende gedachte der treuen Freundin, die wahrscheinlich seine einzige Vertraute war, in deren Herzen er seine Fehler und Leiden, sein Irren und Lieben niedergelegt. Hierauf begann er, während Alle, außer dem Lehrer, zurücktraten, diesem kurz einige Bestimmungen zu diktiren.

In diesem Augenblick war es, wo der Major leise die Thür öffnete und eintrat.

»Sie müssen, was ich Ihnen diktirt habe, sicher in die Hände der Herzogin von Sagan gelangen lassen. Schwören Sie es mir!«

Der Lehrer zauderte - er konnte nicht wissen, was ihm selbst in der nächsten Stunde bevorstand, ob er im Stande sein würde, das Versprechen zu erfüllen.

»Ich übernehme es, Durchlaucht - ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf!«

Der Verwundete wendete mühsam den blutenden Kopf nach der fremden Stimme.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Soldat und ein preußischer Edelmann, der Major von Röbel aus dem Havelland.«

»Ich kenne Ihren Namen - ich kannte Ihren braven Sohn, Herr Major! Dank, Dank! beugen Sie sich zu mir - ich habe Ihnen Etwas zu sagen.«

Der Major beugte sich zu ihm. »Alles, was ein Mann vermag, Durchlaucht, steht zu Ihrem Befehl. Fluch über die feigen Meuchelmörder!«

»Ich vergebe ihnen,« flüsterte der Fürst. »Hören Sie mich - das Sprechen macht mir Schmerz! - Ich fürchte mich nicht zu sterben - aber - der Brief, der Brief! Fühlen Sie in meine Brusttasche, ob ein Brief darin ist!«

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Herr von Röbel nahm den Rock, den man ihm bereits ausgezogen, und untersuchte die Taschen - es war Nichts darin, als ein Zeitungsblatt und eine der Carricaturen, die an allen Bilderläden auf den Fürsten ausgestellt waren und die derselbe regelmäßig selbst kaufte. Die Männer, die ihn hierher gebracht, versicherten, daß kein Papier verloren gegangen sein könne.

Der Leidende verfolgte mit ängstlichem Blick die Untersuchung - seine Augen riefen den alten Offizier wieder zu sich. »Man hat ihn mir gestohlen,« flüsterte er, »als ich auf der Haide lag und bewußtlos war - ein Mann - ein Vagabond, aber er gab sich für einen Berliner aus und kannte mich. Der Brief enthält ein für unser Vaterland wichtiges Staatsgeheimniß: - er darf nicht in die Hände Böswilliger fallen - «

»Beruhigen Sie sich, Durchlaucht - ich werde Alles aufbieten, das Papier wieder zu erlangen - wenn der Mensch wirklich aus Berlin war - vielleicht kenn' ich einen Weg! Doch zuerst müssen Sie in Sicherheit gebracht werden, an einen Ort, wo Ihnen bessere Hilfe werden kann. - Mein Wagen ist in der, Nähe - diese Männer werden mich unterstützen, Sie bis dahin zu bringen.«

Das Mitleid und die eigene Besorgniß machte Alle bereit, Doctor Hodges erbot sich, den Verwundeten zu begleiten, und es war schnell eine jener Bahren herbeigeschafft, deren man sich auf den ländlichen Wirthschaften bedient, und auf dieser, so gut es ging, ein Lager bereitet, auf das der Fürst gehoben wurde.

So machte sich der Zug auf den Weg, um die Chaussee und den Wagen zu erreichen, der alte Major an der Seite des Fürsten, von dem er sich so viel als möglich den angeblichen Berliner beschreiben ließ. Als man jedoch den Wagen erreichte war es unmöglich, den Verwundeten in ihm weiter zu schaffen, denn jede Bewegung verursachte ihm die unerträglichsten Schmerzen. Man mußte sich entschließen, ihn auf der Bahre weiter zu tragen, und beschloß, ihn nach der Bethmann'schen Villa zu bringen. Ein Mann wurde vorausgeschickt, dies im Hause zu melden - wenige Minuten darauf begegnete dem Zuge schon ein Reiter, es war der Banquier Herr von Bethmann, der von dem Unglück gehört, und herbeikam, den Fürsten zu begleiten. Doch

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wagte er nicht, ihn in seine Villa bringen zu lassen - man trug ihn nach der Orangerie des durch Danneckers Ariadne weltberühmten Parks.

Der Wagen des Majors war dem Zug gefolgt, die beiden Frauen waren ausgestiegen und folgten dicht hinter der Bahre der traurigen Last.

Lange Zeit kämpfte der alte Major einen harten Kampf mit sich selbst - indeß das magische Wort: Interesse des Königs - Staatsgeheimniß - , welches der Verwundete ausgesprochen, besiegte in dem alten Royalisten jeden Scrupel. Am Eingang des Gartens hielt er seine Tochter zurück.

»Glaube nicht,« sagte er streng, »daß, was ich jetzt thue, irgend eine Billigung Deiner verwerflichen und ehrlosen Neigung ist. Indeß eine höhere und heilige Rücksicht zwingt mich, eine kurze Ausnahme zu machen von meinen Grundsätzen. Hast Du ein Mittel, diesen Mann - Du weißt, wen ich meine - herbeizurufen? ich muß ihn sprechen! Vielleicht kann er Etwas thun, was den Verrath an seinem König und seinem Lande mildern kann!«

Das Herz pochte stürmisch in der Brust des jungen Mädchens, mit Gewalt suchte sie sich die nöthige Ruhe zu bewahren. Das Auge der Liebe ist scharf - schärfer, als das eines Vaters. Wohl hatte sie während des ganzen Weges bemerkt, daß ein dunkler Schatten sie begleitet, bald vorn, bald zurück, wie eifrig besorgt für ihre Sicherheit. Jene geheimnißvolle Sympathie des Herzens hatte ihr längst die Gewißheit gegeben, daß nur er es sein konnte.

,,Ich glaube, Rudolph ist in der Nähe,« sagte sie schüchtern - »wenn ich hier zurückbleibe, wird er es vielleicht wagen, heranzukommen.«

»So thue, was Du für gut hältst. Ich hoffe, meine Tochter wird dabei nicht vergessen, was sie dem Namen Röbel und dem Willen ihres Vaters schuldig ist. Sobald der Mann hier ist, benachrichtige mich davon.«

Er verließ sie - das junge Mädchen blieb zitternd, hoffend, sehnend an dem Eingang des Parkes stehen, in die Nacht und die Gruppen hinaus lauschend, die sich auf das Gerücht von dem Geschehenen auf der Straße zu sammeln begannen.

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Aber unbegreiflicher Weise zögerte jene, noch kurz vorher gesehene schattenhafte Gestalt, jetzt zu erscheinen und ihr zu nahen - zum ersten Male nach jenen Märztagen, die ihre junge Liebe so traurig gebrochen.


Der Student war es in der That gewesen, der den Trauerzug, über die Freunde wachend, begleitet hatte - die Liebe täuscht sich selten oder nie. Er sah von fern den Major mit seiner Tochter am Eingang stehen bleiben und hielt sich deswegen absichtlich zurück. Zugleich rief leise eine Stimme neben ihm: »Herr Rudolph!«

»Wer ist da?«

»Na, zum Henker, wer anders als ick! Zwee Mal schon versuchte ick an Ihnen zu kommen, nachdem ick Ihnen und den verrückten Ollen, der Ihnen zum Dank bald det Lebenslicht ausgeblasen, von de Canaillen befreit hatte; aber Sie waren ja blind und taub und hatten vor Nischt Sinn, als sich von den ollen Schwerenöther kapiteln zu lassen. Donnerwetter - ick hätt't ihm intränken wollen!«

»Sie sind's, Franz - was wollen Sie? Lassen Sie mich, ich habe jetzt keine Zeit, und will Ihnen später danken für Ihr muthiges Dazwischentreten!«

»Ah bah - een Berliner hilft dem andern - Sie würden Mr ooch nich in'n Stich gelassen haben. Aber wenn Sie keene Zeit haben wegen Des da drinnen, dadrum komm' ick eben!«

»Wie - will man den Unglücklichen nicht einmal ruhig sterben lassen? Kommen die Mörder wieder?«

»Nu, die richtigen, gloob' ick, denken eher daran, sich aus dem Staube zu machen, denn in de Stadt kriegen wir Haue. Et sind verfluchte Jungens, unsere Achtunddreißiger, hauen jut d'rauf, nu sie Kanonen jekriegt haben. Der Spaß wird bald zu Ende sind und wir können an uns selber denken. Ick hab' eene Erbschaft gemacht!«

»Von wem?«

»Nun, von wem anders, als dem da drinnen!«

»Von dem Fürsten? - Mensch, Du warst doch nicht unter den Mördern?«

»Gott bewahre - er is ja en Preuße, wenn er ooch een Camarillis war. Aber angeseh'n hab' ich mir den Spektakel von

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Anfang bis zu Ende. Niederträchtige Halunken sind et doch - namentlich der Inde! ick wünschte, ick könnt' ihm ein Mal den dicken Wanst auskloppen!«

»Was reden Sie da von einer Erbschaft? - der Fürst ist bestohlen worden - doch nicht von Ihnen?«

»Nu,« sagte der Kerl gleichmüthig, »er wird keene Uhr mehr brauchen und 's Geld ooch nich. En Paar lumpige Füchse waren in de Börse - et is nich de Rede werth, davon Lärm zu machen. Ich mußte doch ooch wat haben davor, det ick den Brief uf de Seite brachte, der ihm so sehr an't Herze lag!«

»Welchen Brief?«

»Hören Se, Herr Meißner,« sagte der Bummler, indem er ihn weiter bei Seite führte, »det is et eben, weswegen ick mit Ihnen sprechen wollte. Ick weeß aus Erfahrung, deß so een Papier oft hundert Mal mehr werth is, wie Geld und Gold. Er hatte et schmählich ängstlich mit dem Brief, als er da draußen uf de Haide lag wie en Hund!«

»Wo ist der Brief? - geben Sie ihn mir!«

»Nee, Herr Meißner! et wird nich so heeß gegessen, wie et gekocht wird! Der Lichnowski war een Volksverräther und een Camarillis, des Papier kann vielleicht Dinge enthalten, die vor die demokrat'sche Rebeljon von Wichtigkeit sind, und Sie und ick jehören dazu. Aber det Papier is französch jeschrieben und ick schmeichle mir nich, een Jebildeter zu sind.«

»Was wollen Sie also von mir?«

»Sie sind een Volksmann, Herr Meißner, un sind immer gut jegen mir gewesen und haben mir mitgenommen hierher, weil mir't in Berlin nich mehr jefiel. Sie sollen mir den Brief lesen, et schadet niemals nich, een Geheimniß zu wissen, un vielleicht kannt't uns Beeden Vortheil bringen. Aber Sie müssen mir Ihr Studentenwort geben, daß Sie mir richtig uf Deutsch vorlesen wollen, wat in dem Brief steht, und deß Sie mir ihn zurückjeben!«

»Mein Ehrenwort darauf!«

Der Mann zog den zerknitterten blutbefleckten Brief aus der Tasche, den der Fürst vor dem unglücklichen Ritt aus Berlin erhalten und nach dem Lesen sorgfältig eingesteckt hatte. »Kommen

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Sie hierher, Herr Meißner,« fuhr der Berliner fort, indem er ihn tiefer in ein Gebüsch der Anlagen zog, »hier seht uns Keener nich un Sie können den Brief mir vorlesen.«

»Aber ich kann nicht sehen - es ist ja völlig finster!«

»Na, davor weeß ick Rath. Ick ließ mir vorhin in einem Laden ein Stück Wachslicht geben - man bekommt jetzt Allens, wai man will, und det gratis, wenn man nur eenen ordentlichen Bart hat. So - da is Feuer und nu lesen Sie los - aber machen Sie mir keinen Wind vor.«

Der Student entfaltete bei dem Kerzenlicht den Brief und überflog ihn. Er war von einer feinen, flüchtigen Frauenhand geschrieben, wie der Bummler gesagt, in französischer Sprache, und dem ganzen Ton nach von einer Person aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Die Unterschrift fehlte oder war vielmehr durch einen so zusammengezogenen Namen gebildet, daß der junge Mann, dem jene Kreise zu fremd waren, unmöglich daraus die Schreiberin erkennen konnte. Sie mußte mit dem Fürsten in dem Verhältniß einer vertrauten, fast mütterlichen Freundin stehen, wie der Ton des Briefes zeigte.

Der junge Mann überlas denselben erst für sich, da er fürchtete, daß, wenn er sich weigerte, diese Indiscretion zu begehen, durch den Eigensinn des Arbeiters leicht größeres Unheil entstehen könnte. Aber je weiter er kam, ein desto tieferes, die wichtigsten Fragen berührendes Interesse fesselte ihn. Ein schwerer Ernst lagerte sich auf seine Stirn, lagerte sich in seine Augen, und der Vagabond, dem es keineswegs an Beobachtungsgabe und Schlauheit fehlte, verfolgte diese Empfindungen auf seinem Gesicht mit steigendem Interesse.

»Schwerenoth,« sagte er endlich, »det muß ja verflucht wichtig sind! Lassen Sie hören, Herr Meißner, lassen Sie hören!«

Der Student ließ den Brief sinken - er kämpfte einige Augenblicke mit sich selbst, ob er es nicht darauf ankommen lassen und den Brief mit Gewalt zurückhalten sollte. Im Grunde aber wußte er selbst nicht, was damit anfangen, und es widerstand ihm, selbst einem solchen Menschen sein Wort zu brechen.

»Hören Sie, Franz,« sagte er - »der Brief enthält ein

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Geheimniß, das für unser Vaterland von der höchsten Wichtigkeit ist und dessen zu frühes Bekanntwerden die schwersten Folgen haben kann. Wir sind mit unserm besten Willen und der Opferung unseres Blutes für die Sache der Demokratie doch zu unbedeutende Menschen, um in die Geschicke der Könige und Völker mit unsrer Hand eingreifen zu dürfen. Lassen Sie uns den Brief verbrennen, wenn wir ihn dem unglücklichen Eigenthümer nicht wieder zustellen können.«

»Jo nich - der Brief is meine un ick muß Allens wissen, wat da drin steht. Wenn Sie nicht lesen wollen, werd' ick schon Genen von's Comite oder von de Linke finden, der't jern jenug duht.«

»Wohlan - auf Sie komme die Verantwortung - hören Sie!«

Der junge Mann begann flüchtig und mit gedämpfter Stimme den Brief vorzulesen. Derselbe enthielt als Einleitung Mittheilungen vom preußischen Königshofe, wie von einer Person, die täglich an demselben verkehrte, Anekdoten aus den politischen Vorgängen in Berlin und Potsdam, scharfe, bittere Kritik der Persönlichkeiten des abtretenden Ministeriums Auerswald und der Nationalversammlung, Notizen über die Fortschritte der Bülowschen Kreuzzeitungs-Partei und Fragen über die Verhältnisse in Frankfurt.

Dann schien der Lesende zu dem wichtigsten Theil des Inhalts zu kommen, denn er athmete schwer auf, sah sich um, ob auch kein Lauscher in der Nähe, und senkte seine Stimme noch mehr, als er fortfuhr.

Es war ein Rembrandt'sches Bild, diese beiden Männer in dem Schein des Lichtstumpfs auf der Gartenbank sitzend, dicht gebeugt über den blutbefleckten Brief, denn der Dieb hielt sein Gesicht mit dem gespannten Ausdruck der Erwartung und des Mißtrauens so tief heran, daß ihre Haare sich berührten.

Es war ein Unglück, las zögernd der Student, daß der König nicht dazu zu bringen war, dem englisch-österreichischen Projekt der Bildung eines selbstständigen Königreichs Polen zuzustimmen. Diese Herren Revolutionäre in allen Ecken hätten der Idee zugejubelt und übersehen, daß sie all' ihre weiteren

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Intriguen vernichtete. Die polnischen Führer waren ja mit der Wahl des Prinzen Albrecht zum König von Polen einverstanden und Rußland hätte sich fügen müssen. Und Sie wissen selbst, cher Cousin, welche Sympathien der König für die Polen fühlt - aber dies faible für Rußland war doch noch größer und hat uns eines Bundesgenossen beraubt, der, aus der Revolution geboren, die festeste Stütze gegen sie für Preußen und Oesterreich geworden wäre.

Der Arbeiter wiegte nachdenkend den Kopf: »Hm - seht doch ein Mal! Unser Albrecht, polscher König! Na, er wär' man janz jut gewesen, er läßt arme Leute ooch wat verdienen! Na weiter, weiter, Herr Meißner - ick seh't an Ihr Jesichte, deß noch mehr drin steht!«

Doch das ist beseitigt, fuhr der Student fort, und wir behalten den Pfeil im Fleisch. Leider droht auch Wichtigeres zu scheitern. Wissen Sie, Fürst, ich traue diesem sogenannten reactionairen Ministerium nicht, das in der Bildung begriffen - es sind zu viel Elemente darin, die in Preußen keinen Namen haben, und Pfuel ist ein stilles Wasser, oder wenn Sie wünschen, ein Tümpel, in dessen Grund Frösche hausen. Die Ernennung von Wrangel zum Obergeneral in den Marken soll ihn im Geheimen stark verdrießen, ich fürchte, man täuscht sich in ihm, und ein Minister von Zuverlässigkeit und Energie wäre doch gerade jetzt so wünschenswerth!

Man spricht hier, daß Ihr Freund, der Fürst - Grüße an ihn - mit dem kommenden Jahr in die schwäbischen und schlesischen Familiengüter eintreten wird! Ist die Fürstin bei ihm in Frankfurt? - Haben Sie schon von der Verlobung unsrer kleinen mährischen Gräfin gehört, die im vorigen Carneval auf dem Ball bei Prinz Carl Ihre Aufmerksamkeit erregte? In der That, ich dachte einige Augenblicke für Sie an die Mesalliance wegen der großen Güter.

Doch wahrhaftig - ich vergesse immer wieder das Wichtigste und warte am Ende gar damit nach Frauenzimmerart bis zum Postscript. Doch diesmal täuschen Sie sich, lieber Felix - ich sehe Sie wirklich schon als Conseil-Präsident an der Spitze des Königreichs Norddeutschland und suche eifrig für Sie nach

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einer Conseil-Präsidentin. Wenn die Mediatisirungen erfolgen, haben Sie unter Dreien die Wahl - ich werde schon dafür sorgen, daß mein abenteuerlicher Pflegesohn keinen Korb bekommt.

Lachen Sie nicht, Wildfang - es ist so! Metternich selbst, der damals bei dem Congreß mit Talleyrands und Castlereaghs Intriguen - lieber Himmel! was schwinden die Jahre! - Steins Ideen durchkreuzte und Preußen um seinen wohlerworbenen Lohn brachte (ach, Kind, wie leichtsinnig tanzten wir damals Politik von einem Fest zum andern, und der Fürst von Ligne hatte wohl Recht mit seinem geistreichen Spott!) - also Metternich selbst hat den Plan von London aus wieder aufgenommen und es ist bereits in allem Ernst von der Erzherzogin der königlichen Familie der Vorschlag gemacht worden. In Schönbrunn ist man entschlossen - der Vorschlag Metternichs lautete auf Abdankung des Kaisers und den Antrag an Preußen, Deutschland zu theilen. Es wird dann ein Königreich Norddeutschland geben und der Süden an Oesterreich fallen. Ich bin keine große Malerin, cher Prince, aber ich habe, so gut es gehen will, versucht, Ihnen hier daneben die Linie zu zeichnen, die man festhalten will: also im Westen die Mosel - ein Stück vom Rhein - der Main bis Frankfurt und dort die Diagonale bis zum Thüringerwald und dem Erzgebirge - Sie sehen, daß im Osten auch Sie wieder gut kaiserlich werden, denn die Linie schneidet dort unterhalb der böhmischen Grenze nach Breslau ab. Gegen Rußland will man die Grenzen festhalten, aber Holstein zu bewilligen, obschon das Alles doch der kleinen Prinzessin zu Gute kommt, wird England viele Umstände machen; man wird es entschädigen müssen, Wittgenstein meint, mit Cypern oder Suez, da Frankreich augenblicklich zu Haus genug zu thun hat.

Aber Sie kennen die Erzherzogin - sie hat ihre Zustimmung nur unter der Bedingung gegeben, daß die Uebertragung der Kaiserwürde direkt auf ihren Sohn geschieht, sobald Wien wieder in den Händen der Truppen ist. A propos - ich vergaß Ihnen zu sagen, daß Preußen an der galizischen Grenze ein Armeecorps aufstellen muß, bereit, in Ungarn einzurücken und Schlick und den Banus zu unterstützen. Der Erzherzog ist fort - er hat den Streit mit den Rebellen übersatt, und diese Mission

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von Lambert wird schwerlich nützen. Man muß nicht unterhandeln, sondern in Wien ein Ende machen, wie Windischgrätz in Prag that. Er ist der einzige Mann für Wien und es war ein großer Fehler, daß man ihm im April das Kommando nahm, aber durch seine Erfolge in Prag vielleicht ein Glück für Oesterreich. Er stimmt dem Plan vollkommen zu, denn er hat kein Vorurtheil wie die Anderen gegen Preußen, und wird der Mann sein, ihn auszuführen, sobald Wien wieder zum Gehorsam gebracht ist. Radetzki und Haynau in Italien - der Banus in Ungarn - der Fürst in Süddeutschland und Preußen im Norden - es hat nie eine so gute Gelegenheit gegeben zum Arrangement, wie diese sogenannte Revolution! Und nun denken Sie, daß der König sich wirklich weigert, auf den Plan einzugehen! Er sagt, sein Gewissen erlaube ihm nicht, sich und seine Familie mit geraubtem Gut zu bereichern - ich kann unmöglich annehmen, daß es der Einfluß der Königin ist, da ihre Schwester doch bereit ist, ihre ganze Familie zu opfern. Ich kann selbst nicht einmal sagen, ob sie bereits davon weiß, denn bis jetzt wissen hier nur acht Personen um den Vorschlag, aber W. behauptet es.

Doch ich vergesse ganz, weshalb ich Ihnen dies Staatsgeheimniß mitzutheilen habe. Der Reichsverweser weiß Nichts davon - nur Schmerling hat bereits eine Andeutung erhalten. Am sichersten wird sich die Sache einleiten und hoffentlich auch den Widerstand des Königs beseitigen, wenn der Vorschlag von dieser Bourgeoisie-Versammlung in Frankfurt selbst ausgeht. Sie müssen horchen und die Augen überall haben, denn wir kennen hier die nächsten Wahlen noch nicht, und es sind gewiß Viele darunter, die argwöhnen, daß, sobald, die Theilung geschehen, man mit dieser Constituante den verdienten Kehraus machen wird. Nehmen Sie sich vor Budberg in Acht - der Baron ist ehrgeizig und hat eine Carrière zu machen - ein Wort zu zeitig, und man wird die Hessen, Württemberg und ihren Anhang in Aufregung bringen. Noch einmal, mein Theurer - der Vorschlag muß in der Paulskirche selbst gemacht werden, und ich habe mich für Sie verbürgt; das Portefeuille hier oder drüben ist Ihnen sicher. Sobald die erste Andeutung laut geworden, muß die Rechte dagegen opponiren - das wird den Gedanken

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populair machen. Populair! - man kann in Berlin kaum noch durch die Straßen fahren, ohne mit dieser Populace in Berührung zu kommen. Schreiben Sie mir nach ... , denn ich habe mich nur drei Tage hier aufgehalten auf W.'s dringende Einladung. Adieu, mein Theurer - zeigen Sie, daß Sie zum Diplomaten Geschick haben! Das Mediatisiren muß doch manches Unangenehme haben, es ist merkwürdig, daß ich es noch ein Mal erlebe! - Eine Kußhand! Sie wissen doch, daß die Pollin uns verläßt? Adieu!

Der Student, welcher mit immer größerer Hast gelesen, je weiter er kam, ließ den Brief sinken und sah mit einer gewissen Angst auf seinen Gefährten, der, die Augen zu Boden gesenkt, gleichsam erst zu verdauen und zu überlegen schien, was er gehört.

»Sie sehen, Franz,« sagte Meißner, »daß wir in einer schwierigen Lage sind. Der Brief enthält offenbar ein wichtiges Geheimniß der Reaction, und ich glaube, daß es unsre Pflicht sein wird, die Führer des Comité's davon in Kenntniß zu setzen!«

»Unsere?« fragte der Bummler mit einem mißtrauischen Seitenblick. » Ick sollte meenen, Herr Meißner, wat da drinnen steht, gehörte mir und brauchte Ihnen keene Koppschmerzen nich zu machen!«

»Sie mißverstehen mich,« sagte der Student erröthend. »Das Geheimniß ist sicher bei mir, ich meinte aber, daß es Ihre Pflicht sein wird, an einen der Führer der Linken, Sitz, Wesendonk oder Blum ... «

»Der Deibel soll mir holen, wenn ick't dhue! Wat geh'n mir die Schwerenöthers an? Ick wer' Ihnen überhaupt wat sagen, Herr Meißner - in Berlin bin ick vor't Volk und jegen't Millentär - aberst hier, det is janz wat Anders, da freu' ick mir, wenn unse Jungens det demokratische Jesindel kloppen, det nich mal richtiget Deutsch reden dhut. Det erste Jefühl is am Ende doch, det man een jeborner Berliner is.«

»Aber der Brief ... «

»Ja, mit den - hören Sie, Herr Meißner, et is zwar sehr confuse, wat Se da allens vorjelesen haben, aber det hab' ick doch verstanden, deß wir Berliner die Oberhand kriegen sollen über all die kleenen Köters, un ick bin zwar keen Monarchscher, sondern

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Allens für's Volk, des heißt, für's preuß'sche, aber der Deibel soll mir dreifach holen, wenn ick mir nich freuen dhäte, wenn unser Fritze und seine Brüder det janze Land vor uns kriegen dhäten!«

»Aber das hieße den Despotismus nur stärken, den Willen der einzelnen Bruderstämme unterdrücken. Ist das Ihre demokratische Gesinnung?«

»Paperlapap - reden Sie keene Dummheiten, Herr Meißner! Wenn wir det janze oder det halbe Deutschland haben, so müssen die Anderen vor uns Berliner arbeeten und wir halten sie blos in Raison!«

Der Student schwieg - der Vagabond, der Dieb, der Mensch ohne Ehre und Gewissen, der seine eigene Schwester verkauft und bestohlen und den hilflos Gemordeten - wo es auf die Größe des Vaterlandes ankam, war er mit dem unklaren, dunklen Bewußtsein ein Preuße, besser, patriotischer vielleicht, als Manche, die im Kampf gegen die Feinde seines Landes und seines Königs gefallen waren!

Der junge Mann senkte wie beschämt seine Stirn. »Hier haben Sie Ihren Brief, Franz,« sagte er gedrückt. »Thun Sie, was Sie wollen, damit; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich schweigen werde. Am besten ist's, Sie vernichten ihn!«

»Nu,« meinte der Kerl, ich hab' mich jedacht, Sie probiren 'n Mal, ob sie ihn nich Lichnowski'n zurückjeben können, wenn er noch lebt, oder ihm fragen lassen, wat damit jescheh'n soll. Sie werden schon Eenen finden, wenn Sie's man Pfiffig anfangen, und vielleicht jiebt's noch en jutet Drinkgeld vor mir. Wat die Uhr betrifft, so brauchen Sie nischt davon zu sagen, et sind Viele mank jewesen. Wenn et nischt is, so will ich den Brief mit nach Berlin nehmen, denn ick drücke mir, eh't Dag wird. Ick were ihn in een Couvert siegeln und an Wrangeln schicken. Der wird's schon in Ordnung bringen; wenn ick man wüßte, ob er Französch versteht!«

Er warf das Lichtende fort, das ausgebrannt war. In diesem Augenblicke hörte man nur wenige Schritte entfernt den Ruf: »Rudolph! Rudolph!«

So leise der Ruf war, so durchbebte der Ton dieser Stimme

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doch sein ganzes Wesen - er hätte sie unter Tausenden erkannt. »Rosamunde - gnädiges Fräulein - Sie sind es!« sagte er verwirrt.

Das Edelfräulein, das nach langem Warten in der Nähe des Thores umher gegangen war, ihn zu suchen, und das der Lichtschimmer hierher geführt, trat aus dem Laubengang und eilte auf den jungen Mann zu. »Rudolph - theurer Rudolph!« flüsterte sie, indem sie ihm die Hand reichte und die Stirn auf seine Schulter lehnte - »o wie glücklich bin ich, Dich wiederzusehen! Du bist doch nicht schwer verwundet? - es war entsetzlich, als ich fühlte, daß der Vater auf Dich geschossen - so entsetzlich, wie damals, als ich hörte, daß Du gegen Deinen Freund und Bruder gekämpft!« Sie preßte die Hand auf's Herz, als zucke ein Stich hindurch.

Der Student hatte ihre Hand erfaßt und beugte sich nieder auf diese. »Rosamunde,« sagte er ernst, »Gott weiß es, wie gern ich mein Blut für den armen Ferdinand hingegeben. Laß das blutige Männerwerk und den Streit zwischen Bürger und Edelmann nicht in unsre heilige Liebe greifen. Der Geist eines Volkes läßt sich nicht zwingen durch morsche Institutionen, so wenig wie das Herz des Menschen durch Feudalrechte und Stammbäume. Ich suche Dich nicht loszureißen von dem, was man Dich von Jugend auf heilig zu halten gelehrt hat - aber gieb dem Mann, der aus dem ewigen Borne des Lebens selbst lernt seine Ideale sich zu bilden, dasselbe Recht!«

Sie weinte leise an seiner Brust - dann sich ermannend, sagte sie fest und zärtlich: »Wie es auch komme, Rudolph, ich vertraue auf Dich und mein Herz bleibt das Deine, auch wenn wir uns nicht wiedersehen. Um meinetwillen, um unsrer Liebe willen aber bezwinge Deinen harten Sinn, so weit Du kannst - mein Vater verlangt Dich zu sprechen!«

»Mich - der Major? Und warum?«

»Ich weiß es nicht - es muß wichtig sein, sonst hätte er mir gewiß diesen Auftrag nicht gegeben. Ich wartete auf Dich am Thor, aber vergeblich, und die Angst trieb mich, Dich zu suchen!«

Er umschlang sie mit seinem Arm. »So komm' und laß

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uns nicht zögern!« Er wollte sich entfernen, aber der Dieb, der sich mit einem Instinct von Schicklichkeit beim Herantreten der jungen Dame zurückgezogen hatte, rief ihn an. »Sie vergessen den Brief, Herr Meißner - nehmen Sie ihn mit, et könnte sich eene Jelegenheit finden!«

Der junge Mann steckte den Brief zu sich. »Warten Sie hier, bis ich zurückkomme, Franz!« Dann entfernte er sich mit der Dame. -

Der Major kam ihnen bereits in der Nähe des Orangeriehauses ungeduldig und beforgt entgegen. »Wo bleibst Du, Mädchen?« fragte er rauh.

»Verzeihung, Herr Major,« sagte der Student fest, »aber Fräulein Rosamunde hat mich erst vor wenig Augenblicken aufgefunden und mir mitgetheilt, daß Sie mich zu sprechen befohlen. Ich stehe zu Ihren Diensten!«

»Sogleich, Herr! - Geh' hinein, Kind, und suche Dich nützlich zu machen, wenn Deine neumod'schen Nerven es ertragen. Deine Mutter konnte den Anblick des Schrecklichen, das diese Herren begangen, nicht ertragen.«

Das Mädchen zögerte. »Darf ich ihm Lebewohl sagen?« fragte sie schüchtern.

»Meinetwegen - doch kurz und bedenke, daß es für immer sein muß!«

Sie trat zu dem jungen Mann und reichte ihm die Hand. »Du hast es gehört, Rudolph! So leb' denn wohl, und Gott im Himmel lenke Dein Herz zum Rechten und schütze Dich!« Ehe er noch ihr zu antworten vermochte, war sie fort und im Eingang der Orangerie verschwunden.

Der Gutsherr ging, dem Studenten einige Schritte voran, nach dem Park hin. »Kommen Sie hierher, Herr Meißner, ich habe einige Worte mit Ihnen zu reden.«

Der junge Mann folgte, überzeugt, daß es sich um ein schroffes, strenges Verbot jeder fernern Annäherung an die Familie handeln werde.

Endlich drehte sich der Major kurz um. »Ich glaubte nicht, Herr, daß wir Beide je im Leben noch mit einander zu thun haben würden,« sagte er rauh - »aber der Sache meines Königs muß

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jede Privatrücksicht weichen. Sie wissen von dem Morde jenes Unglücklichen da drinnen. Wissen Sie auch, daß man den Ohnmächtigen, Sterbenden bestohlen hat?«

»Ich habe es gehört!«

» So kennen Sie die Mörder und Diebe?«

» Die Ersteren nicht - von den Letzteren einen, ja!«

»Ich dachte es mir, daß ich mich an den rechten Mann wandte!«

»Herr Major - ich bin weder ein Mörder, noch ein Dieb,« sagte der junge Mann kalt - »ich bitte, auf dieser Basis stehen zu bleiben bei dem, was Sie mir zu sagen haben.«

»Sie haben Recht,« sprach der Major nach kurzem Besinnen, »so tief kann der Sohn eines würdigen Mannes und alten Soldaten nicht gesunken sein, obschon es mir schwer wird, zwischen Rebellen gegen den angestammten König und Mördern und Räubern einen Unterschied zu sehen. Aber ich will an Ihr Gefühl als Preuße appelliren. Mit Uhr und Börse ist dem Fürsten aus der Brusttasche seines Rockes ein Brief gestohlen worden, der ihm von großer Wichtigkeit ist. Dem Dieb nutzt wahrscheinlich das Papier gar Nichts und dennoch kann es unermeßlichen Schaden verursachen, wenn es in falsche Hände fällt. Der Unglückliche hat von dem Mann, den er des Diebstahls beargwohnt, oder dem er sich in der Todesangst selbst anzuvertrauen suchte, zwar nur wenig gesehen, aber er beschreibt ihn als einen Menschen in einer blauen Blouse, das Gesicht mit Blatternarben bedeckt und mit röthlichem Bart umgeben. Er hat gesagt, daß er selbst ein Berliner sei! Mit diesen wenigen Spuren müssen wir suchen, ihn so rasch wie möglich aufzufinden und mit ihm zu verhandeln. Er mag Börse und Uhr behalten, ja, er soll noch eine gute Belohnung haben, wenn er den Brief herausgiebt. Dazu, Herr Meißner, erbitte ich im Namen Ihres Vaters, meines alten und tiefgebeugten Freundes, Ihre Hilfe.«

»Der Mann, den Sie mir beschrieben, Herr Major, und den Sie suchen, ist dort - keine hundert Schritt von hier.«

Der alte Offizier sah ihn erstaunt und mißtrauisch an. »Wie? Sie waren bereits in Verbindung mit ihm? So lassen Sie uns zu ihm gehen!«

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Der Student hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. »Es ist nicht nöthig - hier ist der Brief, den Sie wünschen - ich bitte, ihn den Händen oder der Bestimmung des Herrn Fürsten zurückzugeben!« Er reichte ihm den Brief.

Der Edelmann nahm ihn rasch. »Woher wissen Sie, daß es der rechte ist?«

»Ich habe ihn gelesen!«

»Wie - Sie hätten die Indiscretion begangen?«

»Genug der Beleidigungen, Herr Major,« sagte der junge Mann stolz und ernst. »Der Mann, der den Brief, ob mit Recht oder Unrecht, an sich genommen, zwang mich, denselben ihm vorzulesen, und ich that es, um vielleicht größeres Unheil zu verhüten. Dieser Brief enthält wichtige Staatsgeheimnisse, die in den Händen meiner politischen Partei leicht zu einem furchtbaren Sturm gegen die Träger der Kronen benutzt werden, jedenfalls durch zu frühzeitige Veröffentlichung großen Schaden bringen könnten. Ich übergebe Ihnen den Brief für seinen rechtmäßigen Eigenthümer.«

»Und wer bürgt uns dafür, daß Sie Beide dies Geheimniß nicht verrathen werden? Wie kommt jener Mensch, jener Dieb und vielleicht Mörder dazu, den Brief so willig herauszugeben?«

»Herr Major,« sagte der junge Mann traurig, »Sie verkennen das Volk, indem Sie es verachten. Ich, der Bürgersohn, und jener Mann, der Arbeiter, fast der Bettler, wir kämpfen für die Freiheit des Volkes, für die gleichen Rechte aller Stände, für das heilige Recht der freien Entwickelung des Geistes und der Menschenkraft, gegenüber den veralteten Vorrechten und Vorurtheilen bevorzugter Kasten und der Willkürherrschaft des Einzelnen; aber der Mann, den Sie eben einen Dieb schalten, er liebt sein preußisches Vaterland vielleicht mit gleicher Wärme, wie Sie; das Blut des Plebejers, auf den preußischen Schlachtfeldern verspritzt, fließt so warm, wie das des Aristokraten, und daß Preußens Größe auch dem Mann auf den Barrikaden heilig ist, dafür, sage ich Ihnen, haben Sie mit diesem Brief den Beweis in der Hand.«

Er verbeugte sich und wandte sich zum Gehen, aber ein leiser Ruf des Gutsherrn hielt ihn zurück.

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»Kommen Sie her zu mir, Herr Meißner,« sagte der alte Mann, sichtlich bemüht, sein erregtes Gefühl hinter einem festen und rauhen Aeußerung zu verbergen. »Ich habe Sie geliebt von klein auf wie einen meiner eigenen Söhne, und es thut mir fast so weh, als hätte ich noch einen von diesen verloren, Sie von dem Wege weichen zu sehen, den die Lehren und das würdige Beispiel Ihres Vaters Ihnen vorgezeichnet. Gott der Allmächtige hat die Könige und die Stande eingesetzt, wer sich gegen die Ordnungen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnt, rebellirt gegen Gottes Gebote. Wer gegen Zucht und Ordnung kämpft, der kann auch nicht Zucht und Ordnung halten. Wer dem angestammten König die Treue bricht, der wird sie auch keinem Andern bewahren. Die zügellose, mit frevlen Ideen erfüllte Jugend will alte Rechte und alte Ordnung mit Füßen treten, die so lange die Welt zusammengehalten. Ich weiß jetzt, daß Sie meine Tochter lieben und ihr unschuldiges Herz verlockt haben. Ich liebe nicht das Ueberspringen der Standesschranken, es kommt nie Gutes daraus - aber dennoch würde ich vielleicht bereit gewesen sein, die Pflichten eines alten unbefleckten Geschlechts zu vergessen dem braven Sohn eines braven Mannes gegenüber, auch wenn er keinen adligen Namen trug. Für den Rebellen gegen seinen König aber niemals - niemals!«

Der junge Mann stand stumm, ohne zu antworten, die Hand auf die Brust gepreßt, und der Major hörte deren schweres Athmen.

»Finden Sie sich selbst wieder, Rudolph,« fuhr er dringend und freundlich fort, »kehren Sie zurück auf den Weg, der allein Ehre und ein gutes Gewissen giebt. Ich fühle, noch ist das Gefühl dafür in Ihnen nicht erloschen - sühnen Sie Ihre Schuld durch treue Hingebung an die königliche Sache. Verlassen Sie die Meuchelmörder, Ihre Gefährten - vertheidigen Sie mit Wort, Schrift und Hand den legitimen Thron und die Monarchie, es bieten sich Ihnen in diesem Augenblick viele Mittel und Wege, auf welchen Sie wirken können.«

Der Student unterbrach ihn. »Herr Major, ein ehrlicher Mann muß seiner Ueberzeugung folgen!«

»Und diese Ueberzeugung?«

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»Ist die der Sache des Volkes, der Demokratie im Kampf gegen die Gewalt!«

Der alte Soldat richtete sich kerzengerade in die Höhe. »Wir sind fertig mit einander, Herr. Sei[e]n Sie so gut, Ihrem Kameraden diese Börse für den Brief auszuhändigen.«

Der junge Mann trat zurück. »Ich muß bitten, mich damit zu verschonen!«

Der Edelmann ließ die Börse fallen. »Da er, wie Sie sagen, nicht weit ist, so mag er sie hier sich holen. Adieu, Herr!« Er drehte sich kurz um und schritt den Gebäuden zu. Der Student machte erst eine Bewegung, als wollte er ihm nacheilen, dann blieb er finster stehen.

»Es ist entschieden,« murmelte er - »was gilt auch Diesen Ehre und Liebe gegen ihre starren Vorurtheile!«

Ein dunkler Schatten sprang an ihm vorbei und suchte nach der Börse am Boden. »Zum Henker, Bürger Meißner,« sagte der Berliner, der natürlich in der Nähe gehorcht - »ick fürchtete schon, er würde det Jeld wieder instechen, weil Sie sich weigerten. Der Deibel - man muß ooch nich zu nobel sind! Lassen Sie man den ollen Narren loofen, des Frölen hängt doch an Ihnen, un wenn er zuletzt gar keene Raison annehmen will - nu, denn hab' ick ooch noch een Mittel, ihn kleene zu kriegen!«

»Was meinen Sie, Franz?«

»O, Nischt vor der Hand - ick meente man so. Aber wissen Sie, deß die Unsrigen drinnen höllische Schmiere kriegen? Ick sprach vorhin Eenen, der nach Friedeberg hinkte, er hatte een Schuß in't Been. Die Jeschichte mit Auerswald un Lichnowski'n wird eklich wer'n - vor mir is et hier ooch nich mehr un ick mache wieder nach Berlin, nu ick Jeld habe. Un wohin jeh'n Sie?«

»Auf die nächste Barrikade!« Er warf die Büchse über die Schulter und schritt nach der Stadt. -


Vielen wird das schöne Bild von Paul Bürde11 bekannt sein, welches die letzten Augenblicke des unglücklichen jungen

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Fürsten, oder vielmehr die nächste Hilfe darstellt, die ihm in der Villa Bethmann geleistet wurde.

Man hatte den Verstümmelten von der Bahre auf ein Ruhebett gebracht, und Dr. Hodges und ein andrer schnell herbeigaekommener Arzt, Dr. Wolf, legten ihm hier die ersten Verbände an. Mehrere Personen, die auf die schreckliche Nachricht aus der Stadt herbeikamen, umgaben ihn, - einer seiner vertrautesten Freunde, der Fürst von Hohenlohe-Oehringen, fast in gleichem Alter mit ihm stehend, saß in finsterm Schmerz brütend auf einem Sessel am Fußende seines Bettes; ihm auch soll der Unglückliche seinen letzten Willen vervollständigt und einige besondere Bestimmungen anvertraut haben, die treu erfüllt wurden.

Der Fürst trug die furchtbaren Schmerzen mit Fassung; er fühlte, daß diese Wunden tödtlich, und kämpfte doch mit aller ihm inwohnenden Lebenskraft gegen den Tod. Sein unruhiger Geist ließ ihn trotz des großen Blutverlustes und des Verbotes nicht ruhen, und er versuchte bald mit Diesem, bald mit Jenem zu sprechen.

Das Fräulein von Röbel hatte die Stelle des Dienstmädchens eingenommen, das bisher mitleidig die weiblichen Hilfeleistungen bei dem Verbinden verrichtet, aber den furchtbaren Anblick des verstümmelten Armes nicht mehr hatte ertragen können. Mit jenem Heroismus der Aufopferung, welchen man so oft auch bei den weiblichen Mitgliedern des guten Blutes findet, überwand sie die Schwächen ihres Geschlechts und fuhr ohne Unterlaß fort, die brennenden Wunden durch Wasserumschläge zu kühlen.

In diesem Augenblick erklang der scharfe Trab einer Kavallerie-Abtheilung auf der Straße, die vor der Villa hielt und sofort alle Ausgänge besetzte. Es war eine Abtheilung hessischer Chevauxlegers, die General Peucker auf die Nachricht och Herrn von Bethmann abgeordnet hatte, den bei aller Theilnahme für den Verwundeten doch die Besorgniß trieb, daß seine Aufnahme in der Villa einen Sturm des von den Barrikaden in der Stadt zurückgedrängten Gesindels auf diese herbeiführen könnte, und der daher auf die Entfernung des Fürsten nach der Stadt drang. Obschon verschiedene Stimmen sich mit Unwillen gegen diese Feigheit erklärten, verlangte der Fürst selbst, als er von der Besorgniß

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hörte, nach der Stadt gebracht zu werden, und die Aerzte mußten sich mit dem Transport einverstanden erklären. Sie sahen wohl bereits ein, daß hier oder dort doch keine Hoffnung mehr vorhanden war.

Man war eben beschäftigt, das ihm bereitete Lager zum Transport einzurichten, und selbst die Männer standen ernst und finster, die Thräne des Mitgefühls im Auge, um das Bett, während die Frauen laut schluchzten bei dem Anblick dieser erneuten, so muthig ertragenen Schmerzen, als der Major von Röbel wieder herantrat.

Das dunkle, irrende Auge des Gequälten fiel sogleich auf ihn, und trotz der körperlichen Leiden, die seine Nerven zerrissen, winkte es ihn heran.

»Bringen Sie Nachricht, Herr?«

»Die beste, Durchlaucht - hier ist der Brief - ich hoffe, es ist der rechte!«

Ein Blick genügte dem Leidenden, doch hob er besorgt das Auge zu dem willkommenen Boten auf.

»Aber den Inhalt - ist er nicht verrathen?«

»Leider kennen ihn zwei Personen - aber obschon sie nichtswürdige Rebellen gegen ihren König sind, haben sie freiwillig ihr Wort gegeben, von dem Inhalt dieses Briefes Nichts zu verrathen, und ich glaube, für sie bürgen zu können.«

»Dann kann ich ruhiger sterben,« flüsterte der Kranke - »Gott sei gedankt!« Sein dunkles, bereits von den Schatten des Jenseits umflortes Auge hob sich dankend nach Oben. »Behalten Sie den Brief - Ihre Ehre bürgt mir dafür - bringen Sie ihn ungelesen an ... « er nannte flüsternd einen Namen, »und sagen Sie ihr, daß mein Blut für die Sache vergossen wurde!«

Der Major nickte schweigend - das alte, treue Herz war ihm zu voll, als daß er hatte sprechen können. Nur sein Auge, das Winken seiner Hand folgte der Bahre, die man aufhob und Jetzt hinaus trug.

Er richtete die weinende Tochter empor und küßte sie auf die Stirn. »Muth, Kind, Muth! Wer seine Pflicht thut und Gott im Herzen hat, kann allen Leiden Stand halten!«

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Dann suchten sie im Nebenzimmer die Edelfrau auf, um die Anstalten zur Abreise zu treffen.


Man brachte unter der militairischen Begleitung den Fürsten nach dem Hospital am Bleichgarten.

Hier verlangte er nach einem Priester seines Glaubens, um die heiligen Sakramente zu empfangen.

Man schickte nach einem solchen - ehe er erschien, traf bereits die Nachricht ein, daß der Kampf in der Stadt beendet sei - das Militair war Sieger - alle Barrikaden waren genommen, die Aufständischen verjagt, starke Patrouillen durchstreiften bereits die Umgebung und verhinderten jede neue Zusammenrottung. Die Rädelsführer waren längst entwichen.

Der Bote, der nach der zunächst gelegenen Liebfrauenkirche nach einem Geistlichen geschickt worden, hatte dort keinen finden können, da die Priester sich vor dem Kampf, der gerade in dieser Gegend am heftigsten gewesen, zurückgezogen hatten oder selbst mit den Verwundeten und Sterbenden beschäftigt waren. Einer der Abgeordneten des Parlaments hatte endlich einen Geistlichen aufgefunden, der, ein Fremder in der Stadt, sich selbst erbot, den Diöcesan-Priester zu vertreten und dem Unglücklichen die Sakramente zu ertheilen.

Man meldete dies dem Fürsten, der sofort nach ihm verlangte. Es zeigten sich schon die Spuren des Deliriums.

Der Priester blieb wohl eine Viertelstunde mit dem Leidenden allein - als er die Thür öffnete, die Aerzte herbeizurufen, war der Kranke bereits ohne Besinnung.

Menschliche Hilfe war hier vergebens - bald darauf trat der Kinnbackenkrampf ein und endete kurz nach eilf Uhr das Leben des Dulders.

So starben Felix Fürst von Lichnowski und General von Auerswald, die preußischen Abgeordneten zum Frankfurter Volks-Parlament, unter den Händen des Volkes! -


Es wird vielleicht Manchen der Leser interessiren, zu erfahren, was aus den offenkundig gewordenen Mördern der beiden Abgeordneten geworden ist.

Die am meisten Compromittirten von ihnen entflohen bereits

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am Morgen nach der That rheinaufwärts, darunter Escherich, Melosch und der Jude Buchsweiler. Der Letztere rühmte sich auf dem Dampfschiff öffentlich noch mit den scheußlichsten Reden seiner That, und es war keine deutsche Hand von Muth und Ehre zu finden, ihn in die Wellen des deutschen Flusses zu schleudern. Andere der Helfer blieben keck und sorglos an ihrem Wohnort.

Die Flüchtlinge gingen nach Frankreich. Später - im Jahre darauf - als von den sich ermannenden Gerichtshöfen in Hessen und Frankfurt eine Verfolgung der Mörder eingeleitet und mehrere, mehr oder weniger betheiligte Personen eingezogen und verurtheilt wurden - darunter auch das Frauenzimmer, das bei dem Morde Auerswalds eine so traurige Rolle gespielt hatte, Henriette Zobel - wurde die Verhaftung und Auslieferung der Mörder von der Regierung des neuen Prinz-Präsidenten Louis Napoleon verlangt.

Am 29. Juni 1849 sagte die französische Regierung die Verhaftung und Auslieferung zu - am 12. Juli waren von den bezeichneten neun Personen vier noch nicht verhaftet und gingen, darunter Escherich, nach London, wo derselbe später freiwillig seine Aussagen über den Mord machte.

Die fünf anderen Verhafteten ließ man, als man die wiederholten Reclamationen nicht mehr zurückweisen konnte, geschickter Weise aus Verdun entspringen! -



Wir haben uns in der kurzen Darstellung der revolutionairen Bewegungen und ihrer Folgen zuletzt noch zu den Vorgängen in Preußen und Oesterreich zu wenden.

Der Leser wird sich der kurzen Skizze aus den Märztagen in Berlin in der ersten Abtheilung unsers Buches erinnern.

Nach der Ernennung des Ministeriums Arnim - Schwerin - Bornemann hatte der König in der Nacht zum 21sten, gedrängt durch die jetzt ganz aus den Tonangebern der Bewegung bestehende Umgebung und um den fortwährend verbreiteten Gerüchten von einem Angriff des Prinzen von Preußen mit Truppen auf die Stadt ein Ende zu machen, das letzte Bataillon

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seiner treuen Soldaten fortgeschickt, das noch im Schloß zurück geblieben - jeder Mann bereit, für den König zu sterben.

» Stumm und mit gesenktem Haupt,« schreibt der Bericht der Vossischen Zeitung, »zog es Morgens zwei Uhr aus dem Schloßportal heraus.«

Um Mittag erfolgte jener traurige Zug durch die Stadt, der einen dunklern Schatten wirft in den Blättern der preußischen Historie, als selbst die Blutflecken vom Achtzehnten! Der König - der Mann, als dessen einzige Fehler die Muse der Geschichte in den Marmor ihres Buches graben wird, daß er ein zu weiches Herz und ein zu empfängliches Gemüth hatte - wollte sein offenes, versöhnliches Herz dem Volke beweisen, indem er sich persönlich unter dasselbe begab; - man gab ihm eine schwarz-roth-goldene Fahne in die Hand, von dem Dr. Stieber herbeigeholt, und dieser und der Tabakshandler Gleich führten das Pferd des Königs durch die Straßen - die Minister folgten!

Wir erwähnen hier eines Zuges, den nur Wenige - sehr Wenige kennen werden!

Als der Monarch, so schwer geprüft für seine Güte, in das königliche Schloß zurückkehrte, eilte er, um allein mit seinen Schmerzen zu sein, in sein Zimmer, wohin ihn nur ein alter Kammerdiener begleitete. Der König hatte bei dem Ritt einen gewöhnlichen Uniformrock mit einfachen Epaulets getragen. Hier - allein endlich in seinem Gemach, während draußen in den Gängen seines Schlosses die Bürgerwachen jubilirten - riß er den Soldatenrock ab, schleuderte ihn heftig auf den Boden und warf sich in einen Sessel. Ein klirrender Ton machte ihn aufmerksam. Von dem Werfen auf den Boden war die obere Metalldecke des Epaulets abgesprungen und ein kleines zusammengefaltetes Papier, wie solches zum Unterlegen von den Fabrikanten gebraucht wird, flatterte heraus. Der Kammerdiener hob es mit dem Rock zugleich auf, warf einen Blick darauf und versuchte es fortzustecken; aber die nervöse Aufmerksamkeit des Herrn hatte sich auf das unscheinbare Blättchen geworfen und er verlangte es zu sehen - er befahl. Da reichte es ihm der Kammerdiener - der König entfaltete es, es war ein Bruchstück aus irgend einem Buch oder einer Zeitung und darauf stand:

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» ... Die Schlacht von Jena hat über Preußen großes Unglück gebracht ... «

Diese aus dem Zusammenhang gerissenen Worte, diese plötzliche Erinnerung an einen der trübsten Tage der preußischen Monarchie, an den Tag des beginnenden Unglücks seines Vaters und seiner Mutter - diese Erinnerung in diesem Augenblick erschütterte allzu mächtig den königlichen Herrn - er sank zurück in seinen Sessel, schlug die Hände vor das Antlitz und schwere Thränen - Thränen eines tiefverletzten Herzens quollen durch die Finger seiner Hand!

Ein König weinte! -


Wir haben wahrscheinlich nicht Gelegenheit, in der Fortsetzung unsers nach anderen Schauplatzen wechselnden Buches auf ein ähnliches Wahrzeichen aus jener Zeit zurückzukommen und wollen es daher gleich hier beifügen.

Es war am 22. März 1849, am Tage der Eröffnung des nach der Auflösung vom November des vorherigen Jahres und nach der octroyirten Verfassung um gewählten Abgeordnetenhauses. Der König sollte dasselbe im weißen Saale des Schlosses zu Berlin selbst eröffnen.

Die Tribünen waren schon in der Frühe von einigen Zuschauern besetzt, aber der Saal selbst noch leer - der Thron mit einer Sammetdecke verhüllt.

Gewitterschwül war die Zeit - man fühlte, daß der Boden von den Stürmen des Revolutionsjahres noch bebte und es nur eines leisen Anstoßes bedürfte, um die Flammen gewaltiger, verheerender ausbrechen zu lassen!

Jetzt wurden die inneren Thüren des Saales eröffnet und die Ersten, welche denselben betraten, waren zwei Offiziere der Garde du Corps in großer Uniform mit den leuchtenden Sonnen auf dem rothen Küraß.

Langsam und im ruhigen Gespräch gingen sie den Saal entlang, als plötzlich dem, welcher an der Seite des Thrones ging, dicht vor demselben der Gurthaken seines Pallasch zersprang, die Scheide sich senkte und das blanke Schwert heraus und auf die Stufen des Thrones stürzte.

Noch im Lauf des Frühjahrs hatten Viele von Denen, die

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der König jetzt hier in seinem Saal versammelte, die Fahne der Empörung offen erhoben und Preußen zog sein Schwert blank gegen die Revolution, sie in Sachsen und Baden zu bekämpfen!


Wir kehren zur kurzen Skizze der Revolutions-Geschichte Preußens zurück.

Die Wahlen zur Nationalversammlung, die mit der Krone eine Verfassung vereinbaren sollte, waren erfolgt, die Versammlung am 22. März eröffnet. Dem liberalen Ministerium Camphausen-Hansemann (Graf Schwerin, Alfred von Auerswald, Bornemann und Heinrich von Arnim) gegenüber consolidirten sich rasch die demokratische und die reactionaire, die sogenannte Junkerpartei. Die erstere, durch einzelne linke Stimmführer der Nationalversammlung (Jung, D'Ester, Jacobi, Stein &c.) und Straßenredner (Held, Dowiat, Eichler, Müller &c.) bewegt, machte durch wachsende Gassenexcesse, die andere durch starre Zurückhaltung, durch Aneinanderschließen und Agitation in den Provinzen dem Ministerium seine Aufgabe unmöglich. Zunächst siegte die Gassendemokratie mit ihren Demonstrationen gegen die Rückkehr des Prinzen von Preußen, und die Minister (Arnim) und Abgeordneten, die dafür gestimmt, wurden insultirt und mißhandelt. Selbst in seiner politischen Zerrissenheit blieb Preußen eine drohende Militairmacht, noch drohender durch das Geheimniß einer überwältigenden Bewaffnung, die vorsichtig einstweilen in den Gewölben des Zeughauses niedergelegt war. Das wußte die revolutionaire Propaganda in Polen, Frankreich und Deutschland sehr wohl, und es galt, Preußen das Geheimniß dieser Waffe zu entreißen. Die brutale Dummheit des Berliner Pöbels ging richtig in die Falle der zu diesem Zweck in Berlin versammelten Agenten (Saulnier u. A.), die unter der Firma der Volksbewaffnung am 14. Juni zum Zeughaussturm reizten, der durch die unerhörte Unentschlossenheit eines preußischen Offiziers und die bübische Lüge eines andern (Techow) gelang. Noch am selben Abend wurden die gestohlenen Zündnadelgewehre im Hotel der französischen Gesandtschaft verpackt und versandt, obschon man damit doch nicht zur Ergründung des Geheimnisses gelangte.

Die Nationalversammlung trat jetzt offen gegen die schwankende

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Regierung mit ihrer Wahl vom 15ten einer Verfassungs-Kommission auf. Das Ministerium machte einem andern Platz (Rudolph von Auerswald, Hansemann, Milde, Rodbertus, Kühlwetter, Schreckenstein), das sich komischer Weise als ein Ministerium der That ankündigte, während sein Präses weit eher zur stillen Intrigue inclinirte und die einzige That darin bestand, daß man der von Frankfurt geforderten Huldigung der Truppe für den Reichsverweser durch allerlei Winkelzüge auswich. Demonstrationen der altpreußischen und der demokratischen Partei folgten - die Züge der Teltower Bauern und der Berliner Clubs zu dem Denkmal auf dem Kreuzberg; - die Herrschaft des Pöbels im Lindenclub stand in voller Blüthe, die Erbitterung des Militairs wuchs und die blutigen Auftritte in Schweidnitz riefen den Stein'schen Antrag vom 9. August gegen die reactionairen Offiziere und Beamten hervor. Am 21. August zog die Versammlung unter den Zelten gegen die Ministerhotels und bomdardirte mit Steinen die Popularität Auerswalds, der im September, auf vierundzwanzig Stunden zum Ober-Präsidenten ernannt, dadurch glücklicher Weise mit Pension das Portefeuille niederzulegen vermochte. Der Straßentumult, das Clubwesen waren im vollen Flor, Bürgerwehr und Straßendemokratie zankten sich - am 21. September folgte das Ministerium Pfuel - Eichmann - Bonin - den Offizieren wurde vom Präsidenten-General die Reaction verboten, die Nationalversammlung schaffte das Jagdrecht, die Könige >von Gottes Gnaden<, den Adel und die Titel und Orden ab - die Bürgerwehr stürmte die Arbeiter-Barrikade in der Roßstraße, die Nationalversammlung wurde vom Lindenclub im Schauspielhause vernagelt, das Bürgerwehrgesetz zu Esel auf dem Gensd'armenmarkt verbrannt und ein demokratischer Congreß nach Berlin gerufen.

So - auf dem Punkt eines offenen Kampfes zwischen Reaction und Demokratie - zwischen dem Königthum und den jetzt offener hervortretenden republikanischen Bestrebungen - standen die Angelegenheiten im October in Preußen; - in drohender Verbindung mit ihnen war die Revolution in Oesterreich gewachsen!

Wir haben bereits in der ersten Abtheilung den Beginn der nationalen Erhebung in Ungarn geschildert, und in diesem Kapitel

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der energischen Unterdrückung des revolutionairen Aufstandes in Prag durch den Fürsten Windischgrätz Erwähnung gethan.

Am 13. März war die Volksbewegung in Wien erfolgt, die Metternichs Entlassung und Flucht, die Zerstörung seines Hotels, die Gewährung der Bürgerbewaffnung und freien Presse und die Einberufung einer berathenden Versammlung aus allen Theilen der Monarchie zur Folge gehabt.

Aber das neugebildete Ministerium (Ficquelmont, Pillersdorf, Sommaruga, Kübeck, Doblhoff &c.) vermochte keine Autorität zu erlangen, die Gährung der sonst so gemüthlichen Bevölkerung wuchs um so rascher und größer, je länger und schärfer bisher der politische Druck gewesen war. Die Anreizungen der ungarischen Propaganda thaten dazu das Ihre, denn in ihrem Interesse lag es, die Bewegung in Wien zur offenen Empörung zu steigern. Italien, Ungarn, die Erblande, Galizien, Böhmen und Kroatien - überall die Aufregung und der Kampf der Nationalitäten; aber eben dieser Kampf, die Erhebung und Eifersucht über einander war es, was später die einzelnen Theile besiegen und die Gesammtmonarchie retten sollte.

In Wien verunglückte das neue Ministerium mit seinem Preßgesetz und Verfassungsentwurf, und die Gewalt ging völlig an die aufgeregten Volksmassen, an die schnell gebildete Nationalgarde und an die Studentenlegion - die Aula - über.

Vergebens versuchte die Regierung, den aus der Nationalgarde hervorgegangenen Centralausschuß aufzulösen - eine neue Volksbewegung am 15. Mai erzwang dessen Fortdauer und die Aenderung des Wahlgesetzes, die kaiserliche Familie flüchtete am 17ten nach Innsbruck, und aus dem mißglückten Versuch am 25sten, die Macht der Aula zu brechen, entstand ein Sicherheitsausschuß, der bald volle diktatorische Herrschaft übte und die Regierung zu einem Schattenbild herabsinken ließ.

Wir haben bereits zu Anfang der zweiten Abtheilung erörtert, wie zuerst die Monarchie in Italien sich wieder ermannte, Radetzki mit blutiger Strenge die Revolution im Innern bändigte und den Feind von Außen - das sogenannte spada d'Italia - zurückwarf. In Prag gelang dasselbe dem Fürsten Windischgrätz, außerdem regte sich bald die Eifersucht des czechischen Stammes

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gegen die Magyaren, und die Böhmen wurden, gleich den Slaven an der untern Donau, die entschiedenen Gegner der ungarischen und deutschen Revolution.

Daß zur Gestaltung dieser Verhältnisse die schlaue Politik des habsburgischen Hofes Großes beitrug, ist unzweifelhaft. Oesterreich hat von jeher den Vorzug gehabt, bedeutende Staatsmänner um den Thron zu besitzen, welche - bis auf wenige Ausnahmen - persönliche Charaktergröße der Herrscher unnöthig machten. Auffallender Weise sind es in den letzten Jahrhunderten gerade die Frauen des Herrscherstammes gewesen, welche seine kühnsten Politiker waren!

Die Nationalgarden und die akademische Legion hatten am 8. Juli das Ministerium zum Rücktritt gezwungen, das neue wurde aus dem Freiherrn von Wessenberg, Bach, Kraus, Hornbostl, Doblhoff, Schwarzer und Graf Latour gebildet, der schon unter dem vorigen als Kriegsminister berufen worden war. Der Kaiser - kränklich und schwach, ohne jede Energie, aber von gewandten und scharfsinnigen, aristokratischen Staatsmännern umgeben, die in seiner Schwägerin, der berühmten Erzherzogin Sophie, ihre Stütze und ihren Impuls fanden - blieb in Innsbruck und ließ den constituirenden Reichstag in Wien durch den Erzherzog Johann am 22. Juli eröffnen. Unterdeß hatten sich die Kroaten und anderen slavischen Nationalitäten unter dem Banus Jellacic gegen die magyarische Herrschaft offen aufgelehnt und sich geweigert, der ungarischen Regierung zu gehorchen, die unter dem Ministerium Batthiányi-Kossuth bereits fast unabhängig von der österreichischen Politik vorschritt. Der Banus, der schöne und kühne Partisan der entschlossenen Erzherzogin, erhob offen die Fahne des Kampfes für das Kaiserhaus und die Monarchie. Die Komödie der Mißbilligung und Absetzung des Banus durch den Kaiser wurde durch die Aufnahme desselben in Innsbruck bald als solche erwiesen. In jener Zeit sprach Graf Batthiányi, das verhängnißvolle Wort, das ihn später der unversöhnlichen Rache der Erzherzogin zum Opfer fallen ließ. Der Erzherzog-Palatin verließ im September Ungarn - ein letzter Versuch der Verständigung mit dem revolutionairen Ministerium durch die Ernennung des Grafen Lamberg zum kaiserlichen Commissar und

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Ober-Kommandanten in Ungarn endete mit der Ermordung desselben am 28. September auf der Pesther Brücke, und jetzt brach der offene Kampf der Kaiserkrone mit Ungarn aus, wo die Forderungen (die unbedingte Unterwerfung Kroatiens unter Ungarn, die Rücksendung aller ungarischen Truppen nach Ungarn, die unbedingte Sanctionirung aller vom ungarischen Landtage beschlossenen Gesetze und die Uebersiedelung des Kaisers selbst) die offenbare Losreißung von Oesterreich verkündeten. Der Hof antwortete mit der Ernennung des Generals Recsey zum Minister-Präsidenten in Ungarn, des Banus zum Ober-Kommandanten und der Auflösung des Landtages. Jellacic rückte über die Grenze - Kossuth, der bereits seit Juli durch die Ausgabe eines neuen Papiergeldes, die Bildung der Honvéd-Bataillone und die Bewaffnung der Festungen den offenen Kampf vorbereitet, bildete statt des aufgelösten Ministeriums den Landesvertheidigungs-Ausschuß, an dessen Spitze er trat, und im Süden war es bereits zum blutigen Kampf mit dem Banus gekommen.

Der schlaue Agitator unterschätzte jedoch keineswegs die Kräfte seiner Gegner - er kannte den Haß der Kroaten, die Abneigung in Siebenbürgen, den Widerwillen der zahlreichen Swabi - der deutschen Bevölkerung in Ungarn, - an der Erhebung Theil zu nehmen; er wußte, daß der Hof mit Preußen unterhandelte wegen Einrückung eines Armee-Corps in Galizien und daß der Befehl ertheilt war, alle disponiblen Truppen in Wien und den Erbländern gegen Ungarn marschiren zu lassen.

Es galt also, den Anmarsch der Truppen gegen Ungarn zu verhindern, den Kampf in das Herz des Kaiserstaates selbst zu tragen, die Gährung und Unordnung in Wien zur offenen Rebellion, zum unwiderruflichen Bruch mit dem Kaiserhause zu gestalten; denn Kaiser Ferdinand war auf das wiederholte Verlangen und die Zusicherungen der Wiener im August nach Wien zurückgekehrt und residirte in Schönbrunn.

So stand der große Kampf der Revolution mit den Kabineten in dem Augenblick, wo wir unsere Erzählung wieder aufnehmen.

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Ein politischer Mord.

Die Straßen des einst so gemüthlich heitern, fröhlichen Wiens waren am 5. October der Schauplatz eines wilden Gedränges und wüster Aufregung. Die am Tage vorher erlassenen kaiserlichen Rescripte aus Schönbrunn12 waren von den jugendlichen Vagabonden, die sich dem sogenannten fliegenden Buchhandel gewidmet, in Tausenden von Exemplaren an allen Straßenecken, in den zahllosen Schänken und Kneipen der Stadt und der Vorstädte verkauft; - die Nachricht, daß vom Ministerium der Befehl ergangen, das Grenadier-Bataillon Richter solle am andern Morgen nach Ungarn abmarschiren, um sich dort mit den kaiserlichen Truppen zu vereinigen, ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und wurde in hundert Gruppen von den Ecksteinen herab, auf den Bierbänken und in den Weinhäusern besprochen. Die in Mahlers >Freimüthigem< erschienene kolossale Lüge von der vierundzwanzigstündigen Schlacht in der Pesther Ebene zwischen Ungarn und Kroaten und der vollständigen Aufreibung der Armee des Banus - das schändliche Gedicht im Studenten-Courier, das in offenen Worten für den Adel, die Minister, die Fürsten und die Geistlichkeit den >Tod an der Laterne< verlangte, coursirten in Aller Händen, in Aller Mund. - Nationalgarden, Arbeiter, Studenten und lüderliche Frauenzimmer, Lehrlinge, Gesellen und

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Dienstmädchen - eine zahllose Menge von Neugierigen und Scandalmachern wogte durch einander, wiederholte die fabelhaftesten Gerüchte und ließ die Besinnung und Einigung der Bessern und Verständigen nicht aufkommen. Der Ruf >Schwarzgelber Verräther< begrüßte Jeden, der zur Ordnung sprach, und die polnischen, magyarischen und italienischen Agenten schürten durch ihre Erzählungen und Reden das Proletariat. Ein ungewisses, ahnungsreiches Gefühl machte sich in der ganzen Bevölkerung geltend, daß die Stadt am Rande furchtbarer Ereignisse stehe. Wenige unter diesen Tausenden wußten wohl, was sie wollten, wozu alle diese Aufregung und Bewegung, aber der Hang der Wiener zum öffentlichen Leben, zum Schwatzen, zum Schauen erhöhte den Taumel und förderte die Zwecke der Unruhestifter. Die seit Monaten mit der unbeschränktesten Freiheit wühlende republikanische Presse hatte den gesunden Sinn der geborenen Wiener bethört; die Masse der fremden, das Aufgehen in Deutschland predigenden Emissaire, die Hetzereien der revolutionairen Agenten hatten alle patriotischen Gefühle und Anschauungen verkehrt, und was anfangs blos ein Auflehnen, eine Bewegung gegen den engherzigen büreaukratischen Druck des Regierungssystems Metternich, ein Verlangen nach constitutionellen Staatsformen war, zu einem verheerenden Strom gemacht, der den Thron und die Monarchie umzustürzen, den Staat aus einander zu reißen, und das Band der Zucht und Ordnung zu Gunsten der Pöbelherrschaft aufzulösen drohte.

Der anfangs gute Geist der Nationalgarden war verändert und die politische Unmündigkeit der Einzelnen für die Parteizwecke ausgebeutet - der Gehorsam gegen die einst bei Trinkgelagen gewählten Offiziere auf Null heruntergesunken.

Die akademische Legion, zu der anfangs treffliche Elemente gehörten, war gänzlich demoralisirt und mit Ausnahme weniger Abtheilungen zu einem Sammelplatz der zügellosesten Arroganz und Frechheit, des Bombastes und der Prahlerei geworden. Die Vorliebe des schönen Geschlechts für die paradirenden Akademiker hatte aus jedem Straßenschwätzer einen Helden gemacht und die lüderlichsten Elemente in die Familie eingeschmuggelt, was unsägliches Unglück zur Folge hatte. Barbiergesellen, Recensenten,

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hausirende Schacherer, Hufschmiede, Wändeanstreicher - Alles gehörte bereits zur Legion und trug den Calabreser. Die Aula war das Organ geworden, durch welches von den Leitern der Revolution Alles durchzusetzen war.

Die Nationalgarden der Vorstädte, meist aus Fabrik- und Handarbeitern bestehend, standen bereits feindlich und mißtrauend den Bürgergarden der Stadt gegenüber. Die emphatische Floskel: >Heilig ist das Eigenthum!< war seit dem Sieg der demokratischen Frattion am 26. Mai stark compromittirt - das Wort des Kaisers Joseph: >Baut über ganz Wien ein Dach u. s. w.< längst zur Wahrheit geworden, denn es wurde beim Barrikaden-und Nachtdienst unter freiem Himmel so viel Unzucht getrieben, daß die Syphilis bedeutende Lücken in die Reihen der Legion riß. Trotz der sich täglich mehrenden Noth dachten nur Wenige an Arbeit. Zum Plündern war zwar noch kein Grund vorhanden, da die Bürger aus freien Stücken hergaben, was man wollte, um die Leute nur bei gutem Humor zu erhalten. An dem Barrikadentage des 26. Mai trugen die >lieben Brüder und Schwestern< z. B. Pflastersteine in die Stockwerke und ließen sich das Stück mit einem Zwanziger bezahlen. Die Sammlungen an den Barrikaden brachten Massen Geldes den Arbeitern ein, und das mit Kurzweil aller Art verbundene Barrikadenbauen erwies sich als sehr fidel und lucrativ. Dadurch wurden auch die Arbeiter die besten Freunde der Aula.

Ungeachtet aller dieser Ausartung bewahrte doch das sich zurückhaltende Bürgerthum noch einen trefflichen Politischen Kern, und selbst im demokratischen Verein befanden sich viele Männer von Bildung und redlicher Tendenz, obschon die Mehrzahl - wie eine Geschichte jener Tage sagt - > aus Stegreifpolitikern, Leuten, die mit der Kriminaljustiz Bekanntschaft gemacht, arbeitsscheuen Handlungsdienern, bankerutirten Kaufleuten, Winkeladvokaten, abgesetzten Beamten und Militairs und Versemachern ohne Talent< bestand. So viel steht fest, daß in keiner andern Stadt Deutschlands bei den Erhebungen des Jahres 48 und 49 die Demokratie durch so viele fremde und nichtswürdige Elemente geschändet wurde, als gerade in Wien. -


Trotz der abendlichen Herbstluft standen Fenster und Thüren

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der Schänke >Zum Hirschen< - oder wie sie jetzt hieß, >Zur Deutschen Herrlichkeit<, - offen, und Bänke und Tische waren auf die Straße gezogen. Die Wirthschaft lag in der Gumpendorfer Vorstadt, unweit der Kasernen, und war ein Lieblingsaufenthalt der Soldaten, sonst wohl von den Fabrikarbeitern, welcke in großer Zahl Gumpendorf und das anstoßende Mariahilf bewohnten, weniger besucht; jetzt aber fraternisierten die Arbeiter die Nationalgarden der Vorstadt und die Sendlinge der Aula und des demokratischen Clubs in Jubel und Lärmen mit den Soldaten des Grenadier-Bataillons Richter und einigen anderen darunter gemischten Militairs.

Das genannte Grenadier-Bataillon war aus Grenadieren der Infanterie-Regimenter Heß, Hrabowsky und Großherzog von Baden zusammengesetzt, in letzter Zeit aber noch durch verschiedene Rekruteneinstellungen mit anderen nationellen Elementen vermischt worden. Vielleicht war es gerade diese Zusammensetzung, welche es so leicht den Einflüsterungen der revolutionairen Agitation zugänglich gemacht hatte; denn schon seit langer Zeit zeigte sich ein gewisser Geist der Insubordination unter dem Bataillon, das seit vielen Jahren in Wien garnisonirte und durch die gemeinschaftlichen Wachen mit der akademischen Legion und der Nationalgarde demoralisirt wurde. Dies war der Grund, weshalb das Ministerium beschlossen hatte, gerade dieses Bataillon schleunigst von Wien zu entfernen, und es war, wie erwähnt, am 5ten die Ordre ergangen, daß es am nächsten Morgen nach der ungarischen Grenze abmarschiren sollte.

Die österreichischen Soldaten haben von je her die Eigenschaft besessen, sich leichter an den Bürger anzuschließen, als die Krieger anderer Armeen - selbst in fremden Garnisonen werden sie durch Dienstleistungen und gemüthliches Wesen leicht Mitglieder des Haushalts, obschon, wo es auf militärische Dinge ankommt, es ihnen keineswegs an einer gewissen Störrigkeit fehlt. Fast durchgängig sind die Oesterreicher vortreffliche und feste Soldaten, und das traurige Beispiel, was hier das Grenadier-Bataillon gab, ist das einzige.

Die zechenden Soldaten hatten fast sämmtlich ihre Liebsten bei sich, Fabrik- und Nähtermädchen, Töchter von Arbeiterfamilien,

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Dienstmädchen, die aus Besorgniß um ihren Schatz der Herrschaft fortgelaufen waren, und die Spießbürger und Arbeiter saßen zwischen den Gruppen, traktirten die Soldaten und redeten ihnen zu, das schöne Wien und sein gutes Leben nicht zu verlassen, um gegen die braven Magyaren zu ziehen.

»Holter der Deuxel soll mi holen, wenn i's thu'!« schwor ein Grenadier an dem langen Tisch der Schänkstube, indem er mit dem Krügel, das vor ihm stand, auf den Tisch schlug. »Die Ungarn haben's Recht, wenn's nit mehr die Kopfsteuer zahlen wollen, wie mein Alter z'Haus! Küß mich, Franzl, ich bleib' halt bei Dir, wenn D'mir auch nix mehr einschänken läßt!«

»Na, Ignaz, was plauscht Du da?« lachte die vollbusige Dirne mit den schwarzen, feurigen Augen, indem sie an dem langen Oberösterreicher, dem sie halb auf dem Schooß saß, in die Höhe sah. »Mach' nit so 'ne jämmerliche Fratz' - wenn i auch kein Geld mehr hab', schau, der Herr da wird für den braven Soldaten sicher ein Zwanziger in der Tasch' haben!«

Sie blitzte keck und schlau hinüber zu einem jüngern Mann in der bekannten Uniform der akademischen Legion, der unfern des Tisches eifrig mit zwei Männern sprach, die ihrer Kleidung und Bewaffnung nach zwar zu den Nationalgarden der Vorstadt und den untersten Standen gehörten, durch die Form ihrer Schnurrbärte, die kecke Haltung und den Schnitt des braunen Gesichts aber ihre mayarische Nationalität kundgaben.

»Einen Kuß, schönes Kind, und Du sollst blanke Gulden genug haben für Deinen Schatz und seine Kameraden,« lachte der Student, indem er mit dem Gelde in der Tasche klimperte.

Die Grätzerin, so dreist und schamlos sie sich bisher ihrem Liebhaber gegenüber benommen, wurde roth bis unter das braune Haar der niedern Stirn. Sie preßte den Mund mit den üppigen schwellenden Lippen zusammen. »Ueber der Grenze bei uns z'Haus an der Raab, reden's immer von'n Vampyr,« flüsterte sie - »grad' so schaut der Herr dort aus - aber 's thut nix, Dir zu Lieb' geb' i ihm schon a Schmatzerl!« Mit einem raschen Entschluß sprang sie von dem Schooß des Soldaten auf und warf sich dem Legionair in die Arme.

Dieser war eine schlanke Figur von mittlerer Größe und

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eigenthümlicher Gesichtsbildung, welche die Mitte zwischen Raubvogel und Schafbock hielt. Dem thierischen, lüsternen Element gehörte das volle, kräftige Kinn, die Bildung des Kiefers, der negerhaft aufgeworfene Mund, die lange, leicht gebogene Nase mit den weit geöffneten Nüstern; dem Geistigen die hochgewölbte, kräftige Stirn, die volle, breite Bildung des Oberkopfes mit schmalen, tiefen Schläfen - zunächst aber das große runde, hellgraue Auge, das mit einer gewissen eisigen Härte zu blicken pflegte, bei jeder Aufregung aber einen Glanz annahm, wie der bannende Blick der Klapperschlange. Ein scharfer Zug von Indolenz und Süffisance lag über diesem apathisch abgespannten Gesicht, dessen Teint eine fast leichenhafte, unreine Blässe war, durch welche fahle Sommerflecken schimmerten. Der Haarwuchs glich dem eines Negers oder thierischen Wollträgers, so kraus, wirr und hoch bauschte er hellbraun durcheinander. Trotz dieser eigenthümlichen Zusammenstellung war der Ursprung aus dem jüdischen Stamm im Ganzen nicht zu verkennen, aber mit einer gewissen harten, kalten Vornehmheit vermischt, die sonst der Nationalität nicht eigen ist und offenbar gemacht, erzwungen erschien, und dennoch eines gewissen Eindrucks nicht verfehlte.

Der Legionair trug die in ganz Wien damals wohlbekannte und gefeierte Kleidung der Aula mit dem Kalabreser, über dem Arm aber einen grauen Ueberrock. Als er das Mädchen umarmte, schien all' die Gier in ihm zu erwachen, die der untere Theil des Gesichts ausdrückte, er bohrte die großen Augen auf die vollen, runden Formen des Mädchens und küßte wiederholt in unanständiger Weise den vollschwellenden Mund, bis sie mit Gewalt das Gesicht zurückbog.

»Freiheit und Gleichheit, Franzel,« sagte er lachend; »unter Kameraden und Brüdern muß Alles gemeinsam sein - und d'rum nimm und traktire die wackeren Grenadiere, damit sie sehen, wie das Volk Alles mit ihnen theilt und also verlangen kann, daß sie wie Brüder an ihm handeln, nicht wie blutgierige Tyrannenknechte!« Er hatte eine Rolle aus der Tasche genommen und brach sie auf - lauter blanke Silberzwanziger, die er in das Mieder und die Schürze des Mädchens schüttete, freigebig einen großen Theil daneben, nach dem Dirnen, Arbeiter und Soldaten

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haschten. »Führ' Deinen Schatz hinaus in den Garten,« flüsterte er der Grätzerin zu - »ich habe einige Worte mit ihm zu reden und er soll eine zweite Rolle haben für sich und Dich! - Hollah, Hirschenwirth! Wein und Bier her, daß die tapferen Grenadiere noch ein Mal wissen, wie sich's lebt in Wien, ehe sie auf unsere Brüder, die Ungarn, schießen und sich von den Kroatendirnen dafür küssen lassen!«

Der rechte Ton war angeschlagen - Geld und Getränk da! - »Sie dürfen nicht fort! Ein schlechter Kerl, der fortzieht und gegen die Ungarn schießt!. Vivat die Wiener Mädel!« Der Ignaz schlug mit der Faust auf den Tisch. »Der Deuxel soll mi holen, wenn i's thu'! Aan schlechter Oesterreicher, »wer unsere Wiener Brüder im Stich läßt! I marschir' nit!« - »I aach nit!« klang es von zehn Seiten. Die Soldaten steckten die Köpfe zusammen - die Nationalgarden und Arbeiter beriethen sich, wie der Abmarsch zu hindern sei - die Weiber und Mädchen umdrängten den Legionair, der sie so freigebig traktirte. »Vivat, der Herr Student soll leben!« Sie saßen ihm auf dem Schooß, sie umhalsten ihn und bedeckten ihn unter Lachen und Jubel mit Küssen; die Thränen, die sie um ihre Schatzerl geweint, hatten der ausgelassensten Stimmung Platz gemacht. Der Student schien sich in der beginnenden Orgie in seinem Element zu befinden, seine Scherze waren stets noch frecher und unzüchtiger, als die der Frechsten, seine Worte voll Gift und Bosheit stachelnd - dabei ermunterte er zum Trinken, verabredete hier ein Rendezvous, gab dort den Rath, Barrikaden zu bauen, und unterhielt sich mit den beiden fremden Gardisten in ungarischer Sprache - seine Augen waren überall, er schien Etwas zu suchen, zu erwarten.

Plötzlich erschien unter der Thür eine hohe Soldatengestalt, ein Mann mit den Abzeichen des Feldwebels, und warf auf die Scene einen scharfen, finstern Blick. Es war ein äußerst kräftig gebauter Mann, kaum sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt, mit hübschem, männlich-stattlichem und ernstem Gesicht. Aber in den tief und hohl liegenden, von schwarzen Ringen umgebenen Augen glühte ein unheimlich irres Feuer, das fast einer Geistesstörung glich. Hinter ihm drein trug ein Grenadier von mürrischem

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verschlossenem Ausdruck die schwarze Tasche mit den Dienstordres.

» Ruhe da!« sagte der Feldwebel mit lauter Stimme, und die Worte klangen hart und gebieterisch trotz des weichen tyroler Dialekts. »Paßt sich der Spektakel für Grenadiere, die morgen gegen des Kaisers Feind marschiren? Die Kasernenstunde wird gleich schlagen, daß mir Keiner ausbleibt - i warn' Euch!« Er warf sich auf einen Schemel und stützte den Kopf in die Hand. Aan Seidel, Wirth - hab' noch einen Gang in die Stadt!« Wieder versank er in finsteres Brüten, ohne zu bemerken, wie die Blicke seines Begleiters und des Legionairs sich verständigten und Jener auf die Tasche in seiner Hand deutete.

Die Grenadiere mit ihren Mädchen verzogen sich nach und nach auf die Bänke und in die Gruppen vor der Schänke, oder setzten sich weniger lärmend zusammen. Trotz ihrem Entschluß, den militairischen Gehorsam am andern Morgen verweigern zu wollen, wagten die Meisten es nicht, dem durch seine Kraft und seine Strenge gefürchteten Tyroler zu widersprechen.

Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, störte ihn aus dem Sinnen, während dessen er unberührt das Seidel Erlauer auf dem Tisch hatte stehen lassen. Er fuhr auf: »Was schaffen's? - o, Sie sind's, Euer Gnaden!« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die sich dunkelroth färbte.

»Wohin, Feldwebel? Wir haben uns lange nicht geseh'n!«

»Es sind zwei Wochen - «

»Ich weiß es - war abwesend! Aber Ihr war't drei Mal seitdem bei der Gräfin - sie sagte mir's.«

Der kräftige Soldat erröthete wie ein betroffenes Mädchen.

»Sie sagte es Ihnen?«

»Freilich, sie selbst - es ist doch kein Vergehen, daß Ihr den Hausmeister, Euren Vetter, besucht und da ein Mal hinaufsteigt zur Gräfin. Ich bin nicht eifersüchtig, Feldwebel, verlaßt Euch d'rauf!«

Ein wilder Blick aus den Augen des Tyrolers traf ihn, erlosch aber an dem spöttischen, ruhigen Ausdruck des Gesichts seines Gegners.

Der Legionair beugte sich zu ihm nieder. »Die Gräfin

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Martha erwartet Euch, Franz - sie hat dringend mit Euch zu sprechen - Ihr müßt sogleich zu ihr gehen!«

Wieder überflog eine dunkle Gluth das kräftig-schöne Gesicht des stattlichen Soldaten. »I bin im Dienst, Herr - nur der Zufall oder jener Teufel, der mit Euch im Bunde ist,« - er deutete nach der Ordonnanz - »führte mich h'rein und i muß zur Stell' fort ... «

»Nach dem Hof,13 Franz - nach dem Hof! Wollt Ihr eine Dame warten lassen, die nach Euch verlangt? Die Gräfin spricht nie mehr ein Wort mit Euch, wenn Ihr nur eine Minute zögert, und Euer erster Gang nicht zu ihr ist - die Kriegskanzlei muß warten!«

Der Tyroler hatte sich erhoben und den Arm des Legionairs erfaßt, den er schüttelte. »Heilige Barbara, daß es dahin mit mir kommen müßt'! - O Herr, i bin ein elender Mensch, und war doch ein braver Soldat und Fried' in meinem Herzen, bis Sie mich zu ihr führten! - in einem halben Jahr wär' meine Capitulation ausg'wesen und i hätt' die Nannerl g'heirath und des Großvaters Hof übernommen, und nun ... «

»Und warum sollt Ihr's nicht eben noch thun, Franz? Aber bis dahin genießt Euer heimlich Liebesglück, Mann! Denkt an das rothe Boudoir, Mensch, und die weichen Arme der schönen Magnatin, die Euch erwarten - «

Der Tyroler lachte grell auf, ein wildes, verzehrendes Feuer glühte aus seinen Augen. »I weiß, was sie will, und Ihr auch!« sagte er drohend - »aber die heil'ge Jungfrau helf' mir in meiner Sterbestund', daß i aan Verräther an meinem Kaiser g'worden bin - i kann nit anders. Doch wenn i henken soll oder die Kugel kriegen, soll's für sie sein, für keinen Andern nit! Nehmen Sich's d'rum in Acht, Herr - i sag's Ihnen frei, dem ersten Offizier, dem i begegne, zeig' ich's an, daß Sie die Soldaten hier aufwieg'ln. I hab's g'hört, Doctor, draußen vor der Thür, als mich der Slowak h'reingelockt!«

»Bah - seid kein Narr, Feldwebel,« lachte der Legionair,

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niemand würd's Euch danken - die Macht der Soldateska ist zu Ende! Aber fort mit Euch - die Gräfin wartet - soll ich ihr sagen, daß Franz Stockhammer sein Glück verschmäht, und daß diese Nacht einem Andern gehören muß, als dem Tropf, der sie verachtet?«

Der Feldwebel machte eine Bewegung gleich einem Tiger, als wolle er auf ihn los, das Blut stieg ihm zu Kopf und schwellte seine Adern vor Zorn und Eifersucht. Dann, ohne ein Wort zu sagen, stürzte er aus der Thür. Der slowakische Rekrut wechselte einen Blick und ein böses Lächeln mit dem Legionair und folgte Jenem. Ein Zug kalten Hohns flog über das Gesicht des Andern. »Wenn sie morgen nicht rebelliren, wird er erschossen,« sagte er ruhig - »aber die Gräfin wird die Papiere haben für die Schäferstunde mit dem Tölpel. - Schau, Franzerl! wo hast Du den Ignaz? ich muß mit ihm reden!«

Der Grenadier kam hinter dem Mädchen drein - nach und nach mit der Entfernung des Feldwebels füllte sich die Schänkstube wieder mit den rebellischen Soldaten.

Der Legionair oder Doctor, wie ihn der Tyroler bezeichnet, hatte den Soldaten in einen Winkel gezogen und redete dort eifrig mit ihm. Der Mann schien erst zu zögern, ließ sich aber nach und nach bestimmen, und wer scharf beobachtete, hätte gesehen, wie er eine zweite Geldrolle empfing; - dann wurden mehrere Soldaten herbeigerufen, ihre Mädchen folgten; - zu Anderen redeten eifrig die beiden ungarischen Gardisten - der Legionair sprang auf einen Tisch.

»Seid Ihr freie Männer, oder Sklaven der Mörder von Prag und Mailand? Frei will die deutsche Nation sein, d'rum Schande über sie, wenn sie ein braves Brudervolk an der Erwerbung der eigenen Freiheit hindert! Kehrt Eure Gewehre gegen Die, welche Euch zwingen wollen! Noch regiert heimlich die Camarilla in Wien und die Minister sind ihre Knechte - vor Allem der Soldatenschinder Latour, der ein Herz und eine Seele ist mit Jellacic und Windischgrätz. Dem Schlächter von Prag und den Kroaten soll das freie Wien überliefert werden - dann geht die Massacre an über Alle, die als Männer am 13. März und im Mai den Kopf erhoben haben. Darum soll das Militair,

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das zu den Bürgern hält, aus der Stadt entfernt werden - 's ist eine in Schönbrunn abgekartete Sache. Das Volk soll seine Rechte verlieren, Jeder, der muckst, wird gehängt! Wenn sie Euch erst draußen unter den Böhmen und Preußen haben, Bürger Grenadiere, wird Standrecht gehalten, weil sie wissen, daß Ihr zu uns gehalten, und der fünfte Mann wird erschossen!«

Die Weiber kreischten laut auf, die Arbeiter schrieen, man dürfe das Bataillon nicht ziehen lassen, man werde es mit Gewalt zurückhalten.

»Baut Barrikaden in Euren Straßen, Männer von Gumpendorf und Mariahilf,« rief der Redner. »Nur auf Euch selbst könnt Ihr Euch verlassen, die Stadtgarden sind falsch und schwarzgelb gesinnt - es muß morgen zur Entscheidung kommen, ob sie Verräther des Vaterlandes sind oder zu uns halten. Ihr seid die Stützen der Freiheit, Männer der Vorstädte, und die Legion wird auf den ersten Ruf zu Euch stehen. Warum verweigert man uns die Herausgabe der Kanonen aus dem Zeughaus? Blos, damit man uns bedrohen und knechten kann! Sind sie nicht von unserm Gelde angeschafft und unser Eigenthum? Brüder, Nationalgarden, wir wollen Männer aus unsrer Mitte in's Ministerium! wir wollen vollständige Volksbewaffnung und die Besetzung der Thore durch die Demokratie! Unsere Brüder, die Grenadiere, werden uns helfen dabei, und deshalb - Nichts von ihrem Abmarsch! Gewalt gegen Gewalt! Wir werden sie mit Barrikaden daran hindern - noch diese Nacht müssen sie gebaut werden - ich selbst ... «

Den lauten, zustimmenden Lärmen unterbrach eine kräftige Stimme. »Du selbst, aufwieglerischer Schuft, sollst die Nacht im Arrest zubringen und morgen dem Kriegsgericht übergeben werden! - In die Kaserne, Grenadiere!« donnerte der Offizier, denn ein solcher war es, der Ober-Lieutenant Goldhan von der Großherzog-Baden-Division, der unter der Thür stand und den Schluß der Rede mit angehört hatte. »In die Kaserne auf der Stelle! Wollt Ihr Soldaten des Kaisers sein und duldet solche Worte? Es ist ein Kossuth'scher Emissair. Faßt den Menschen, und fort mit ihm in die Kasernenwache!«

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Obschon die Soldaten noch wenige Augenblicke vorher getobt und gelärmt und den Abmarsch verschworen hatten, wagte doch keiner jetzt, ungehorsam zu sein. Der Mann, der das Geld von dem Legionair erhalten, war der Einzige, der es wagte, eine widerspenstige Haltung anzunehmen, aber ein strenger Blick des Offiziers trieb ihn zurück. Selbst der Haufe der Nationalgarden begnügte sich mit Murren und Schimpfen, solchen Einfluß übte das entschlossene Auftreten des Ober-Lieutenants; dagegen thaten die Grenadiere auch Nichts zur Verhaftung des Legionairs und suchten sich, so unbemerkt als es ging, aus der Schänkstube zu drücken.

Der Mann der Aula beobachtete mit kalter Entschlossenheit die Stimmung umher. »Geben Sie sich keine Mühe, Lieutenant,« sagte er endlich höhnisch, »das Soldaten-Regiment existirt nicht mehr und Sie können sich selbst überzeugen, daß Ihre Grenadiere keine Maschinen militärischer Willkür mehr sein wollen und an einen Feind der Tyrannei, ihren wahren Freund, nicht Hand legen werden!«

»Dann, bei Gott,« rief der Offizier, »will ich's selbst thun!« Er sprang vorwärts und faßte den Legionär am Kragen, »Im Namen des Kaisers verhafte ich Dich! - Hierher, Grenadier Lockinger und Georg Pfeiler, ich befehle Euch, den Mann mit mir nach der Kaserne zu führen!«

So bei ihren Namen aufgerufen, wagten die Soldaten nicht, ungehorsam zu sein, und näherten sich, wiewohl mürrisch und widerwillig, ihren Offizier bei dem Transport zu unterstützen. Dieser hielt den Gefangenen mit der Linken fest, während er mit der Rechten den Säbel zog. »Platz da - im Namen des Kaisers! Wer es wagt, sich zu widersetzen, trage die Folgen! Vorwärts, Grenadiere!«

Der Legionair hatte bei der entschlossenen That des Offiziers im ersten Augenblick Widerstand leisten wollen und mit der Hand nach der Brusttasche gegriffen. Dann, überlegend, daß seine Verhaftung desto mehr Lärm und Erbitterung erregen mußte, wenn sie wirklich ausgeführt und er mit Gewalt über die Straße geschleppt würde, entschloß er sich, im passiven Widerstand die Gelegenheit zu einem Ausbruch der Volksmenge zu benutzen.

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Er sah die beiden verkleideten Ungarn in seiner Nähe, bereit, ihm beizustehen und sich auf den Offizier zu stürzen. »An der zweiten Straßenecke!« rief er ihnen in magyarischer Sprache zu. Dann, während der Offizier ihn fortzog, wandte er sich zu der mit Zischen, Pfeifen und Geschrei die Gruppe umgebenden und mit jedem Schritt wachsenden Menge.

»Seid Ihr freie Bürger von Wien, ein durch eigene Kraft freigewordenes Volk, und duldet es, daß ein Mann in den Kerker geschleppt wird, weil er für Euer Recht gesprochen? Pfui über die Schmach - Pfui über Eure Feigheit!«

Das Lärmen und Schreien wurde zum Brüllen - von Sekunde zu Sekunde wuchs die Erbitterung der Volksmasse, welche den Weg zu sperren begann - man schrie: der Student solle freigegeben werden! er habe Nichts verbrochen! er sei ein Freund des Volkes - man wolle sich nicht tyrannisiren lassen! Die Weiber drängten sich dicht heran und versuchten den Legionair fortzuziehen, der mit höhnenden Worten die Aufregung immer mehr stachelte.

Durch die Menge drängte sich der Bezirks-Chef Braun in Begleitung zweier Offiziere der Nationalgarde von Gumpendorf - ein wackerer Mann, der vergebens wiederholt versucht hatte, den Leuten das Unsinnige ihrer Forderung klar zu machen, daß das Grenadier-Bataillon den Abmarsch und somit den militärischen Gehorsam verweigern solle. Er rief dem Offizier zu, den Arrestanten in's Gemeindehaus zu führen, weil vor dem Kasernenthor eine zu große Menschenmenge versammelt sei. Aber der Rath kam zu spät, schon fluthete von dort her auf das Gerücht die Masse wie ein wogender Strom heran - die nachfolgende Menge der Arbeiter, Weiber und Gardisten drängte sich zugleich zwischen den Offizier und die Grenadiere, unter den Vordersten die beiden Ungarn - ein wildbewegter Menschenknäuel ballte sich zusammen. Der Offizier hielt energisch seinen Gefangenen fest. »Canaillen! wenn Ihr es denn nicht anders wollt! Macht von Euren Säbeln Gebrauch, Grenadiere!« Er selbst hob den seinen zum scharfen Kreuzhieb, der ihm Luft schaffen sollte - aber er brach mit einem Schrei zusammen - aus seiner Seite zuckte die Faust des Legionärs zurück mit der blutigen Dolchklinge - dann warf

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dieser sich in die Menge und wurde von den beiden Ungarn im Dunkel fortgerissen, während einige Mitleidige den schwer verwundeten Offizier schützten und die beiden Grenadiere mit dem Bezirks-Chef ihn nach der nahen Kaserne trugen.

Hinter der nächsten Straßenecke wischte hämisch lachend der Legionair das Blut von der Mailänder dreischneidigen Klinge. Um Mitternacht bin ich wieder hier mit der nöthigen Auskunft und dem Plan der Barrikaden. Haltet die Menge bis dahin in Bewegung und schmuggelt so viel Getränk als möglich in die Kasernen!« Er eilte davon. -


Auf dem Platz am Hofe war während des Abends gleichfalls ein reges Leben und Treiben, und namentlich um das Kriegsgebäude her viel Gedrang, da dort fortwährend Ordonnanzen und Offiziere des Militairs und der Bürgergarden ab- und zugingen.

Die militairische Garnison Wiens war in dem Augenblick außergewöhnlich gering, da man vermeiden wollte, das Mißtrauen der Bevölkerung zu erregen. Es standen damals in Wien und seiner Umgebung nur drei Infanterie-Regimenter, ein Jäger-Bataillon, vier Compagnien Pioniere, das Regiment Mengen-Kürassiere und das Regiment Chevauxlegers Wrbna nebst drei Batterien. Hiervon waren vierzehn Compagnien und sechs Escadrons zum Schutz des kaiserlichen Hofes in Schönbrunn und fünfzehn Compagnien an verschiedenen Stellen der Stadt zur Sicherung der Munitionsvorräthe kommandirt, so daß zur mobilen Vertheidigung der Stadt nur noch nicht fünf Bataillone Infanterie und sechs Escadrons disponible blieben.

Die Fenster des ersten Stockwerks eines der stattlichsten Eckhäuser am Platz waren nur matt erleuchtet und noch durch die herabgelassenen Gardinen verhüllt. Wer jedoch an der Loge des Hausmeisters vorüber in den Hof getreten wäre, hätte vielleicht bemerkt, daß in den hell erleuchteten, nach dem Innern laufenden Zimmern eine zahlreiche Gesellschaft verkehren mußte, obschon auch hier die Rouleaux jeden Einblick versperrten. Der Hausmeister, ein alter runder Mann, saß auf der Steinbank am Eingang und beobachtete das Treiben draußen auf der

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Straße mehr als die Personen, die ab und zu in's Innere des Hauses gingen. Es waren häufig Männer, in leichte Mäntel gehüllt, den Kragen emporgeschlagen, wie um nicht von Jedem erkannt zu werden, Legionaire der Aula, in pomphaftem Aufzug sich brüstend und mit den Waffen rasselnd, und einige Nationalgarden, Männer mit entschlossenen, verwegenen Gesichtern, aus den verschiedenen Quartieren der Hauptstadt. Auch zwei oder drei Personen in der ungarischen Nationaltracht, die Federmütze trotzig auf dem Kopf, schritten an ihm vorbei und wandten sich der Treppe zum ersten Stock zu.

Der Alte schien des Treibens gewohnt und kümmerte sich nicht um die Eintretenden, die offenbar in dem Hause Bescheid wußten. Auch lehnte nicht fern von ihm an dem Aufgang ein andrer Wächter, scheinbar absichtslos und dennoch im hellen Schein der Gaslaterne jeden Ankommenden musternd, einige Worte mit den ihm Unbekannten wechselnd und sie dann bedeutend.

Es war ein sehr junger Mann von schlanker großer Gestalt in einfacher Tracht der Legionaire. Sein Gesicht war von merkwürdig schönem und regelmäßigem Ausdruck und der bräunlichen Färbung, wie es die südlichen, slavischen Racen zeigen; aber eine tiefe, drückende Melancholie lag auf diesen Zügen und in den großen, mandelförmigen, braunen Augen.

»'s geht wieder heut lustig droben, Musje Matthis,« sagte der Alte, die kurze Pfeife aus dem Mund nehmend und schlau nach oben deutend, »muß wieder was los sein. Hab' i Recht oder nit?«

Der Student nickte schweigend mit dem Kopf, ohne eine weitere Antwort zu geben.

»Ist aan kurioses Treiben jetzt!« fuhr der Hausmeister fort; »hab' mei Lebtag nit glaubt, so was zu erleben in Wien. Die Herrschaften vom Adel sind immer mit ihres Gleichen g'gangen und der Bürger mit dem Bürger, Die droben aber dreht's um und stellt's af'n Kopp. 's gefällt mer nit und Gut's kann sicher nit 'raus kommen. Hätt' auch den Dienst noch auf meinem alten Tag gekündigt und wär' zu meinem Schwager gezogen 'naus nach'm Tyrol, wenn i nit in dem Haus hier geboren wär' und meine Alte mit ihren zwei Kindern draußen lag' auf dem

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Joseph-Kirchhof, 's thut nit gut, Herr Matthis - 's thut nit gut!«

»Wie lange sind Sie im Haus hier, Döllinger?« fragte der junge Mann, indem er bei dem Alten stehen blieb.

»Nu schaun's, i bin im Jahre Dreiundachtzig geboren,« antwortete der Hausmeister - »der liebe Gott läßt's jetzt grad' fünfundsechszig Jahre sein. I hab' den Franzosenkrieg mitgemacht und war mit dem jungen Herrn, der a schon unter der Erd' liegt, drunten im Tyrol, als wir die Bayrischen klopften. Da lernt' ich die Kathi kennen und kriegt den Schuß in's Bein, weswegen sie mich in's Gnadenbrod hierher setzten, wo mein Vatter selig so lang' hantiert hat. War noch en kräftiger Kerl bis af's Bein da, als Könige und Kaiser hier z'sammen kamen, den Napoljon abzusetzen, und weiß Gott, 's war so lebendig da auf den Straßen, wie jetzt alle Tag'; aber 's war ein ander Leben, lauter Lust und Herrlichkeit, schöne Damen und stattliche Cavaliere. Herr Gott im Himmel, war des 'ne Pracht, als unser Franz'l seinen Einzug hielt mit dem russ'schen Kaiser, und jetzt wagt der Herr sich nit mal mehr in sei alten Wien und die Lumpenband' regiert halt af den Straß'n!«

»Still, Alter - wißt Ihr nicht, daß es gefährlich ist, so zu reden?«

»Ach was - schauns, es muß manchmal heraus aus dem alten Goschen, und i weiß, Sie verrathen mich nit. Sie haben an Herz, wie an geborner Cavalier, obschon Sie an Schweinhirt oder an Kesselflicker aus Ungarn g'wesen sein sollen, wie die Dienstleut' sagen, während der Jud', der Galgenstrick, gern ausschau'n möcht' wie an Cavalier, und wird doch sein Lebtag an Jud' bleiben.«

In diesem Augenblick traten zwei Personen in das Haus - der Feldwebel von dem Grenadier-Bataillon Richter und sein Ordonnanzsoldat.

»Grüß' Gott, Ohm Hans,« sagte finster der Tyroler - »hab' Euch lange nit g'schaut!«

»Scheint's nit eben noth zu haben, Franzerl,« sagte der Hausmeister, indem sein gutmüthig Gesicht sich in ernste Falten zog und er that, als bemerke er nicht, daß der Feldwebel ihm

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die Hand zum Gruß entgegen gestreckt. »Bist die zwei letzten Mal, daß D' hier g'west, an der Losch' vorbeigegangen, ohne 'nein z' schauen, grad' als hätt'st kan gut G'wissen!«

»Unsinn, Ohm - i hatte Eile!«

»Zur ungar'schen Gräfin, merk's schon, und des eben ist's halt, was mir nit g'fallen will. Seit der braune Schuft dort mit den Glühaugen wie des Erzfeinds höllisches Feuer Dich nach Oben gebracht, wohin D' nit g'hörst, ist's aus mit Deiner Ruh'!«

Der Feldwebel seufzte stöhnend auf. »Ihr irrt Euch, Ohm - i hab' manchmal an G'schäft oder ane Botschaft aasz'richten an die Herrschaft - sonst Nix!«

»Lug' nit, Franzl,« sagte darauf kopfschüttelnd der ehrliche Alte - »es steht Dir nit zu G'sicht und wenn's Deine Tante wußt', würd' sie sich im Grab umdreh'n. I wünscht', i hätt' in meiner Jugend besser 's Schreiben g'lernt, und hätt's Deinem alten Großvatter eher g'meld't, daß Du nit mehr an die Nanderl denkst und auf schlechten Wegen wandelst.«

»Wer sagt das?« fuhr der Soldat auf - »'s ist an Lug! Doch i hab' keine Zeit, mich zu streiten - i muß den Doctor sprechen!«

Er wandte sich nach der Treppe, wo der Soldat heimlich und eifrig mit dem Studenten sprach, dabei seinen Vorgesetzten aber nicht aus den Augen lassend, dem er vertraulich zuwinkte, sich zu eilen.

»Der Doctor mit dem Käs'gesicht ist verreist - Du hast da oben Nix zu schaffen!«

»Was wißt Ihr davon! Laßt mich los - i wiederhol' Euch, i hab' Eil'!« Er riß sich los und ging auf die Treppe zu.

»Die Gräfin erwartet Sie,« sagte finster der Student - »ich soll's ihr melden lassen, sobald Sie gekommen. Begleiten Sie mich!«

Er führte den jungen Soldaten die Treppe hinauf, während der Hausmeister, der an der Gesellschaft des unheimlichen zurückgebliebenen Gesellen wenig Gefallen fand, sich wieder auf die Steinbank unter'm Thor setzte, in übler Laune vor sich hin murmelnd und starke Wolken aus der Pfeife dampfend.

Der Student kam bald aus dem obern Stockwerk zurück.

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» Du sollst auch hinauf kommen, Szabó,« sagte er ernst - »die Gräfin will Dich nachher sprechen. Ich bitt' Dich, Bruder, was geht vor - mir ist's beklommen um's Herz, wie's nie gewesen, und Deine Augen leuchten wie Blitze!«

»Wenn Du ein Mann wärst, Matthias, würd' ich Dir's sagen,« antwortete scharf der Slowak - »so sprech' ich nur zu Dir: der Tag der Rache ist da - das Blut Deiner Schwester wird den armen Szabó Pólka nicht länger anklagen und in Strömen andern Blutes erstickt werden. Hussah! es soll Keiner mehr das Geschenk Szabó's mit Verachtung von sich stoßen. Hätte der Mann dort drüben Mitleid mit der Bitte des Armen und seiner Gabe gehabt, - die Hanka saß in meiner Hütte als mein Weib und der Szabó hätt' sich eher von den wilden Rossen der Pußta zerreißen lassen, ehe er zugegeben, daß seinem Retter ein Leid geschähe! Jetzt muß er sterben - sterben wie Alle, die an jenem Tage kein Herz gezeigt für den Armen!«

»Du bist wahnsinnig!«

»Meinst Du, Bruderherz? Manchmal will mir's auch bedünken - und ich seh' Alles roth, Ströme von Blut vor den Augen und zerrissene Glieder und zuckende Herzen, wie die arme Hanka vor mir lag auf dem rothen Brautlager, ehe sie mich fortschleppten aus unserm Dorf. Der alte Husar sagte mir, es geschah', um mein Leben zu retten, daß sie mich unter die Soldaten steckten, und ich glaub', er meinte es ehrlich, er und der Sandor allein, denn der Slowak hat scharfe Augen selbst in seinem Unglück, und ich sah die Thräne in seinen grauen Wimpern. Aber dann wieder denk' ich, ich bin nicht wahnwitzig, sondern schlau geworden, wie der Marder, der über die Dächer schleicht, oder der Fuchs, der um die Tanyen streicht, auf seine Beute zu lauern. Der Stock vom Corporal hat nicht die alten Gedanken aus dem Rücken des Szabó heraus geklopft, aber er hat andere Gedanken hinein gebracht. Er, der Allen diente als der niederste, verachtete Knecht, er wird sie Alle seiner Rache dienstbar machen an den Wölfen!«

»An den Wölfen? - Du redest Thorheit, armer Freund!«

»An den Wölfen, sag' ich, Bruder der Hanka,« flüsterte der Rekrut, indem er den Studenten weiter hinauf zog am Treppengeländer

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und seine Augen grimmig funkelten - »erst an den Wölfen in Menschengestalt, die kein Mitleid hatten für mein Flehen, und dann an den Bestien der Wildniß, die der Herrgott im Himmel doch nichts anders gelehrt, als die blutige Beute zu suchen!«

»Szabó, ich beschwöre Dich, was willst Du thun?«

»Hier sitzt es!« sagte der Slowak dumpf, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr - »so roth - so roth seit der schrecklichen Nacht, und der Hanka zerrissene Gestalt erscheint mir jede Nacht im Traum, und ich weiß, daß sie keine Ruh' im Grab haben wird, als bis es durch Ströme von Blut getränkt ist. - Du weißt, Matthias,« fuhr er flüsternd fort, »daß die Bräute, die vor der Hochzeit eines gewaltsamen Todes sterben, aus ihren Gräbern kommen und sich zum Liebsten legen. Hu, Matthias - ich sage Dir, jede Nacht liegt Deine Schwester neben dem Szabó und ihr Todtenleib ist so kalt wie Eis!«

Der Unglückliche schauerte zusammen. Obschon der Aberglaube seiner Jugend die Wirkung nicht verfehlte auf den jungen Mann, kämpfte doch das bessere Wissen und die gewonnene Bildung ihn nieder. »Du mußt nicht so tolles Zeug glauben und träumen, armer Bruder,« sagte er tröstend zu dem ehemaligen Schweinehirten. »Die arme Schwester liegt ruhig in ihrem Grab und solcher Aberglaube ist gegen unsre heilige Religion und die Vernunft. Folge Deiner Pflicht und sei ein Mann, Szabó, ich bitte Dich!«

Der Grenadier lächelte seltsam. »Szabó,« sprach er langsam, »ist kein Thor, und obschon ein junger Rekrut, doch ein guter Soldat, hat sich Hauptmann selbst es gesagt und mich gemacht zur Ordonnanz. Aber 's ist Alles nur Schein - der Szabó hat warten gelernt auf seine Zeit und seine Rache schläft nicht. Der arme Kanász hat nur zwei Freunde in der Welt, der eine bist Du, Hanka's Bruder, obschon Du bei den Vornehmen wohnst, der andre ist Rózsa, der Betyár. Vor fünf Wochen ließ er mir sagen durch den Janos, den Kesselflicker, daß er den Verwalter des Grafen, der die Hanka dem Jurisch gegeben, durch die Brust geschossen, als er ihm in der Pußta begegnet. Der Rózsa wird jetzt ein großer Mann im Ungarland,

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ein Hauptmann über Fünfhundert, und ich geh' zu ihm, das Werk zu vollenden, wenn ich hier fertig bin!«

»Mensch - sprich - was sollen die Reden bedeuten - was hast Du vor?«

»Hast noch Nix gemerkt, Bruderherz?« lachte der Slowak. »Morgen geht's los - da oben brauen sie's zusammen, wie den Slibowitza, und der Szabó hat wacker sein Theil geholfen. Dafür, daß er den Verräther an den Kaiser hierher gebracht, hat schöne Gräfin, die auch Augen hat wie der Vampyr und das Blut aus Deinen Adern saugt, Bruderherz, dem Szabó versprochen, daß er der Erste sein sollt' auf den bösen Mann, der seine Bitten verhöhnt und die Hanka und den Wolf dem Jurisch gegeben. Dann hui - wenn's hier blut'gen Tanz gegeben, geht's hinaus in's Ungarland. Der alte Graf, unser Herr, ist todt - Herrgott im Himmel hat ihn gestraft, weil er zugelassen auf seinem Land, daß armen ehrlichen Slowak genommen werd' sein Mädchen zur Lust für den rothen Pandur'. Aber der junge Graf, der die Herrin freit, er war auch dabei und er soll sterben, wenn sie auch sagen, daß er einer von den Freimachern ist. Sind die stolzen Magnaten auch nit besser wie die Wölfe und will ich mit Lust schauen, wie sie sich zerreißen unter einander. Haben Alle nicht gehört auf des Szabó Fleh'n und zugeseh'n, wie sein Lieb ward von seiner Brust gerissen. Nur die Eine soll sein geschont, weil sie hatt' ein Herz in der Magnatenbrust und ihrem Auge gefiel die Hanka. Ich stand hinter der Reihe, als sie mein Mädchen zu ihrem Dienst wählte, aber teremtete - die alte Magnatenfrau, die auf den Slowak herabschaut, als sei er schlechter, als sich die Erd' unter ihrem Stiefel ist, wollt's nix leiden. Hätt' sie's gethan, wär' die Hanka am Leben und der Szabó ein ehrlicher Kanász! Der Teufel möge in ihrer Seele sitzen, bis ich vergolten an ihrem Leib!«

Er schwieg einige Augenblicke, dann strich er trotzig mit der Hand über die Stirn und sagte: »Geh' mit mir, Matthias, wenn ich nach Ungarland kehr', und werd' ein Mann. Wirst kein Weißbrod und Braten essen und keinen Rock seinigten tragen, wie hier, aber ein freier Mann sein und nicht zu erröthen brauchen, daß Du der Schandbub' bist einer Magnatenfrau!«

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»Schweig', oder ... «

Der Grenadier schaute ihn finster an. »Was wahr ist, ist wahr, und weil Du der Hanka Bruder bist, sag' ich Dir's in's Gesicht. Wenn draußen in der Pußta die Hirten zusammensitzen, erzählen sie von dem Magyarenschloß, wo die grausame Fürstin sich gewaschen jede Nacht in frischem Mädchenblut, 's ist nix anders, was sie thut mit Dir, und wird doch nicht wieder jung in Deinem Blut wie damals, als sie von französischem Offizier, ihrem Liebsten, Mann den ihrigten ließ schießen in's Bein. - Geh' mit mir, Matthias, Bruderherz! es ist besser, in der Pußta zu sterben in ehrlichem Kampf, als zu leben in Schand'!«

Der unglückliche Jüngling schlug die Hände vor das Gesicht - dicke, heiße Thränen quollen durch seine Finger und ein tiefes Schluchzen erschütterte seine ganze Gestalt, als er den Kopf auf des Soldaten Schulter legte. »Herr, mein Gott,« stöhnte er - »Du allein weißt es, wie gern ich wieder den Hammer und die Zang' nahm' und hinaus wanderte in's weite Reich, die zerrissene Bunda um die Schulter, ein armer Kesselflickerknab' - statt hier in Wohlleben und Ueppigkeit zu schwelgen! O Szabó, Du weißt nicht, was ich leide!«

»So sei ein Mann, wie Du an Jahren wirst, und reiß' Dich los!«

»Dazu, Bruder, muß Gott mir einen Engel senden, nicht eine Hand, rauh und blutig, wie die Deinige! Der arme Slowaken-Knabe, den sie von der tiefsten Stufe des menschlichen Elends nahm und ihn des Lebens und des Geistes Schätze lehren ließ, er hat kein Recht, undankbar zu sein an ihr, auch wenn sie Leib und Seele wieder verdirbt, denn dieser Leib und diese Seele gehören ihr!«

»Schmach über sie - sie kaufte Dich, wie der Türk' die Sklavin für seine Lüste! Du warst ein unmündiger Bub', wie der Handel gemacht ward von schlechtem Kerl, Oheim Deinigtem!«

»Sie ist die Herrin,« wiederholte finster der arme junge Mann - »sie nährte und kleidete diesen Leib und bildete meinen Geist - und daß sie dies that, ist eben mein großes Elend! - Du hast Recht, Szabó - sie ist ein Vampyr, der das Blut aus meinen Adern saugt und die Röthe der Scham aus meinem

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Gesicht - aber nur Gott kann mich befreien, indem er ihr Herz lenkt, selbst diese Ketten zu brechen, die mich an ihren Willen schmieden.«

»Wo ist der Graf, ihr Mann, daß er duldet das zuchtlose Leben ihrigte?«

»Fern im Ausland - im Dienst des Kaisers, dem er treu ergeben. Er hat keine Macht über sie und fürchtet sie. Seit länger als den acht Jahren, daß sie mich in einer Anwandlung von Laune oder Großmuth, als der Hunger durch das Ungarland ging, zu sich nahm oder kaufte, um aus dem elenden Slowaken-Knaben einen Menschen zu machen, lebt sie getrennt von ihm und haßt ihn auf den Tod! Aber auch mir trauen sie nicht mehr, obschon ich ihr bloßes Geschöpf bin; - seit der Doctor mit dem bleichen Gesicht im Hause ist, mit dem Du immer verkehrst, sind alle bösen Leidenschaften ihres Herzens auf das Wildeste erregt und dunkle Werke bereiten sie vor - sie droht mir und schlägt in blinder Wuth nach mir, wenn ich zögere, Manches zu thun, was sie mir auftragen!«

Der rohe Slowak betrachtete mit einem gewissen mitleidigen Spott den Klagenden, der an Gestalt ein Mann, mit hundertfach größerm Wissen als er ausgerüstet, mit dem Leben bekannt, und doch ein schwacher Knabe geblieben, ein willenloses Rohr in den Händen eines geilen, bösen Weibes, das ihn mißbrauchte, nicht kräftig genug, eine vergoldete Kette zu brechen, die seine Seele und seinen Leib verdarb.

Noch ein Mal wollte er ihn ermuthigen, einen Entschluß zu fassen, mit ihm zurückzukehren nach dem Ungarland und als Mann zu erstarken in dem wilden, blutigen Kampf, der sich dort bereitete - aber sie wurden gestört, indem eine Dienerin die Treppe herunter kam und dem Grenadier sagte, er möge hinauf kommen die Gräfin wolle ihn sprechen.

Matthias, der Student, blieb an der Lehne der Treppe zurück - die Gäste seiner Herrin schienen jetzt alle versammelt, denn es erschien Niemand mehr, das Loosungswort zu geben. -

Noch immer stand er da, den Kopf an das kalte Marmorgetäfel der Wand gestützt, und schwere, bittere Thränen der tiefgefühlten

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Scham und Schwäche rannen über sein blasses, schönes Gesicht.

Da weckte ihn plötzlich ein heiteres, frisches, herziges Lachen, das wie ein Engelston durch den rüden Lärmen draußen auf den Straßen klang.

»Nönl,« sagte eine helle, liebliche Stimme im weichen, herzigen Dialekt der Tyroler Alpenthäler, »i will nit an ehrlich Tyroler Madl sein, wenn da nit der Jörgi sitzt, der Großohm, wie er vor zehn Jahren 's letzt' Mal im Schnalsthal war. Grüß' Di Gott, Großohm - kennst mi wohl nit mehr? Bin die kleine Nanderl vom Jäggelihof, Deines leiblichen Schwagers Tochter-Kind!« Ein schallender Schmatz, der herzlich derbe Kuß eines Naturkindes, schallte durch den Flur, und gleich darauf das Lachen des alten Hausmeisters und die Stimme eines alten Mannes.

Ein hohnneckendes »Bravo, Tyrolerin!« folgte unter dem lärmenden Gelächter eines Menschenhaufens, der sich vor der Thür versammelte. »Zwei Gulden für 'nen solchen Schmatz! Bist 'n Narr, daß Du ihn an den alten Kerl verschwendest - kannst genug Junge finden. Wenn Du mich küssen willst, ich steh' zu Diensten!«

»Ich auch! - Und ich!« scholl es unter Gelächter.

Ein zweiter schallender Ton wurde gehört - aber diesmal war es eine derb klatschende Ohrfeige, und in das Fluchen des getroffenen Vorwitzigen mischte sich das schadenfrohe Gelächter seiner Kameraden, das Schmähen des Hausmeisters und die kräftige Stimme der Fremden.

»Pfui über die Stadtleut'!« sagte das Mädchen unwillig; »was haben's da zu lachen, wann ein ehrbar' Dirnl seinem Großohm a Schmatzerl giebt? Was steh'ns hier und gafft alleweil, als wenn Ihr nix Bess'res z'Haus zu thun hättet? Habt Ihr Stadtherr'n noch kein Tyroler Madl g'schaut?«

»Keine so hübsche wie Dich,« sagte lachend ein Legionair, der mit Gewalt von Anderen des sich mit jedem Augenblick vergrößernden Haufens unterstützt den Thorflügel zurückhielt, den schimpfend und ärgerlich der Hausmeister schließen wollte. »Mußt uns Jedem mindestens einen Kuß geben, daß wir Dir und dem alten Brummbart den Weg gezeigt!«

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»Zurück, Du Ruech! Ruhr' die Dirn' nit an!«

Dem mit noch kräftiger, fester Stimme gesprochenen Drohwort des alten Mannes, der schützend zwischen das Mädchen und die zudringliche Rotte getreten war, antwortete ein jugendlicher Beistand. Der junge Slavonier, der Schützling der Gräfin, war von dem ersten Klang der Stimme des Mädchens unwillkürlich angezogen worden und von dem Treppenabsatz her der Gruppe am Hausthor näher getreten.

Zwei Personen in Tyroler Landestracht, ein alter, mindestens siebzigjähriger Mann von ehrwürdigem Aussehn in seinem weißen Bart und Haupthaar und mit dem runzelvollen, stürm- und wettergebräunten Gesicht, auf einen schweren Alpenstock gestützt, den Gebirgssack auf dem sich krümmenden Rücken, stand neben einem jungen, frischen Mädchen von etwa sechszehn Jahren. Die hübsche behäbige Tyroler Landestracht mit dem straffen Mieder, dem kurzen Rock, den bunten Strümpfen und dem geblümten Brusttuch hob die jugendlichen, kräftigen und doch schlanken und zierlich gebildeten Formen überaus vortheilhaft hervor. Braunes Haar in zwei langen Zöpfen zur Seite der glatten, runden Stirn, mit weiblicher Naturkoketterie gescheitelt, hing unter dem spitzen, runden Tyrolerhut mit der Goldschnur lang herab auf den Rücken. Der Ausdruck des ovalrunden, frischen, bräunlichen Gesichts zeigte jenen veredelten orientalischen Schnitt, der vielen Tyrolern eigen ist, und prägte in den vollen Formen der Schläfe, in dem fein geschnittenen, gleich einer Blumenknospe erst erblühenden Mund jene Unschuld und Einfalt des Geistes und Körpers aus, die wir so oft an den reizendsten Mädchengesichtern der Städte vermissen. Unter den seinen, italienisch geschwungenen, dunkleren Brauen blitzten und glühten aber im Unwillen zwei so dunkelblaue Augen, daß man sie für schwarz halten mochte, und gaben mit ihrem energischen und doch wieder so offenen, freien Ausdruck dem ganzen Gesicht, ja, dem ganzen Wesen der jungen Tyrolerin eine männliche Kraft und Entschlossenheit.

Der junge, sonst so schüchterne und zurückhaltende Student war bei der Beleidigung, die den unerwarteten Gästen des Hausmeisters widerfuhr, sofort vor die Schwelle der Thür getreten und stieß den Nächsten kräftig zurück.

»Schändlich ist es, das fremde Mädchen und ihren alten Vater zu turbiren!« sagte er streng und laut - »dies Haus ist Privateigenthum und Niemand hat das Recht, einzutreten wenn es nicht gestattet wird. Hinaus mit Ihnen - schließen Sie das Thor, Herr Döllinger, und Sie, der Sie die Uniform der Aula tragen, sollten sich vor Allen schämen, hilflose Personen zu verhöhnen, die Sie nie beleidigt haben!«

Der Legionair - wahrscheinlich irgend ein verlaufener Barbiergesell - schien sich einem wirklichen Mitgliede der Aula gegenüber nicht recht sicher zu fühlen, machte einen frechen Spaß und verlor sich in der Menge, die nach einigen Scherzen und Gegenreden, von einer andern Bewegung auf dem Platz angezogen, sich trennte, während der Hausmeister die Thür auf kurze Zeit schloß.

In dem hellen Gaslicht trat, während die beiden Alten sich jetzt herzlich und vertraulich begrüßten, das Tyroler-Mädchen auf den jungen Studenten zu und reichte ihm mit der herzigen Zutraulichkeit ihres Volksstammes die Hand. »Bist a braver schmucker Herr,« lachte sie freundlich, »daß Du uns fremden Leut' so beig'standen. 's wär' a Schand' für die Wiener, wenn sie nit mehr solche wack're Bursch' hätten, wie Du, und wenn Du willst, sollst Du das Schmatzerl ha'n, um das der rohe Mensch mich zwingen wollt'!«

Sie bot ihm die Hand und die frische Wange. Ueber das abgespannte, blasse Gesicht des jungen Studenten flog eine dunkle Rothe, das Schamgefühl der eigenen Entwürdigung dieser gesunden, unverdorbenen Natur gegenüber, und er wagte kaum seine Fingerspitzen in ihre Hand zu legen, die kräftig die seine ergriff und schüttelte. »Na, nix für ungut, Stadtherr - der Nönl14 und der Ohm sind dabei, da kann an Dirn'l schon in allen Ehren a Busserl bieten. Bedank' mi noch mal vor den Schutz, und der Franz, mei Künft'ger, soll's a thun, wenn wer'n erst g'funden ha'n!«

Es war dem jungen Mann wie ein Stich durch's Herz, die Worte, er wußte selbst nicht, warum, und er trat so schüchtern und scheu zurück, wie sein gewöhnlich Wesen war.

Unterdeß hatte der Hausmeister seine Loge geöffnet und den alten Tyroler mit dem Mädchen hineingeführt. Die Thür blieb

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offen, so daß der Student selbst wider Willen das Gespräch hören mußte.

Der alte Tyroler war nach den ersten Begrüßungen ziemlich schweigsam, und er schien überhaupt ein Mann von wenigen kurzen Worten. Desto munterer plauschte die Großnichte und bald war der unwillkürliche Horcher mit dem Zweck ihrer Reise und allen Familienverhältnissen bekannt.

Nazi Haspinger, ein Verwandter und Namensvetter des berühmten Kapuziner-Paters, war einer der tapferen Gefährten des Sandwirths gewesen, schon als er die Tyroler Schützen im Jahre Sechsundneunzig am Gardasee gegen die Franzosen führte. Am Sterzinger Moos, mit Eisenstecker und Speckbacher drei Mal am Berge Isel hatte er die Franzosen und Bayern schlagen helfen, und eine Zeit lang selbst das Versteck seines hochherzigen Führers im Passeyr getheilt, bis er auf einer Streiferei in die Thäler in die Hände der Franzosen fiel. Aber ihm, der eher zehnfach das Leben gegeben, als seinen General verrathen hätte, gelang es, auf dem Transport nach Mantua der Escorte zu entfliehen, und während der Tyroler Freiheitsheld gegen den Spruch des Kriegsgerichts nach dem telegraphischen Befehl des Corsen, der sich eben mit Oesterreichs Tochter vermählen wollte, auf den Wällen der Lombardenfeste den Märtyrertod litt, setzte Haspinger mit vielen seiner zersprengten und verfolgten Gefährten zwischen dem ewigen Eis der Alpen den Guerillakrieg noch lange auf eigene Hanb gegen die Feinde seines Kaisers und seines Landes fort.

Später hing er zwar die Büchse an die Wand seiner Alpen-Hütte oder brauchte sie nur als einer der berühmtesten Gemsjäger des Schnalsthales, aber das Herz schlug noch gleich warm und hingebend für die Penaten seiner Jugend, und selbst der Schnee des Alters hatte die Begeisterung und treue Anhänglichkeit für sein Kaiserhaus nicht zu schwächen vermocht.

Döllinger, der jetzige Hausmeister, war als junger Bursch mit General Buol 1809 als Reitknecht nach Tyrol gekommen, hatte einen Theil des Feldzugs mitgemacht und verwundet in dem elterlichen Hause Haspingers Aufnahme und treue Pflege gefunden, namentlich von der jüngsten Schwester des tapfern Tyrolers. Als der Krieg zu Ende war und Georg für seine Wunde und

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treuen Dienste einen solchen im Haushalte der gräflichen Familie erhielt, hatte er die Kathi heimgeholt nach Wien. Die Ehe war eine lange und glückliche gewesen, aber der Tod hatte die beiden einzigen Sprößlinge derselben noch vor der Mutter in's Grab gelegt; deshalb hing der jetzt selbst alte Mann treu und fest an der Sippe im Tyrolerland, und wenn es auch zehn Jahre her war, daß er zuletzt sie besucht, empfing und sandte er doch hin und wieder Botschaft, und wandte seine Liebe und Sorge um so mehr dem stattlichen Großneffen zu, der erst bei den Tyroler Schützen gedient und den die Gunst des Erzherzogs Johann selber befördert und wegen seiner stattlichen Gestalt und seines soldatischen Geistes zu den Grenadieren gebracht hatte.

Franz Stockhammer war der Sohn der einzigen Tochter des alten Freiheitskämpfers, dem ein jüngerer Bruder ein unversorgtes Enkelkind, die hübsche Tyrolerin, die ihn jetzt nach Wien begleitet, hinterlassen hatte. Die Mutter des jungen Feldwebels ruhte auch längst unter dem Rasen der kleinen Bergkirche von St. Katharin, und es gehörte zu den Lieblingsideen des alten Gemsjägers, den Enkelsohn, wenn er seine Capitulation ausgedient, mit seiner Großnichte zu verheirathen und ihnen den schmucken Erbhof gemeinsam zu hinterlassen.

In dem Lande der Aufrichtigkeit und Herzlichkeit ehren die Kinder noch den Willen ihrer Eltern - der große, stattliche Soldat, der Franz Stockhammer, wenn er auf Urlaub nach den heimischen Bergen kam, hatte die Nand'l stets sein Bräutli genannt, die Kleine hatte ihn von Jugend auf als ihren künftigen Mann und Herrn angesehen.

So war das Jahr Achtundvierzig gekommen und die Flucht der Kaiserfamilie nach Innsbruck. Die Gerüchte drangen mit den Zeitungsblättern bis in die fernsten Thäler der Eisberge, und der alte Haspinger schüttelte täglich unwilliger und sorgenvoller das Haupt, wenn er auf der Bierbank des kleinen Wirthshauses saß und allerlei reden und vorlesen hörte, denn er selbst konnte weder Geschreibsel noch Gedrucktes lesen. Wenn auch Manches anders geworden war seit den Tagen seiner Jugend, so konnte er doch nimmer glauben, daß das brave österreichische Volk gegen den angeborenen, von Gott ihm gegebenen Herrscher,

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gegen seinen Kaiser ausstehen könnte, und die Briefe, die zuweilen von dem Feldwebel aus Wien kamen und die ihm das Nand'l wieder und wieder vorlesen mußte, bestärkten ihn in der Meinung, daß es sich nur um fremdes Volk und freches Gesindel handeln könne, das der Kaiser im Nu zu Paaren treiben werde, wenn er nur wolle; denn nicht anders betrachtete es der soldatische Geist und treue Sinn des jungen Tyrolers.

Dann kam eine Zeit, wo die Briefe ganz ausblieben und, obschon der Kaiser nach Wien zurückgekehrt war, die Zeitungsblätter immer schlimmere und schlimmere Dinge meldeten. Vergeblich schrieb das Nand'l zwei, drei Mal nach Wien - zuerst an den Verlobten - jede Antwort blieb aus - dann an den Großohm, den Hausmeister, ob denn der Franz todt oder fortmarschirt von Wien oder sonst ihm ein Unglück begegnet sei. Zuletzt kam ein Brief mit den großen Hahnenfüßen des Hausmeisters, der ihm gewiß Müh' und Kopfzerbrechens genug verursacht, und da drin stand: es sei nicht Alles richtig mit dem Franz! Er könne es nicht ändern - der liebe Gott würde es hoffentlich nicht zugeben, daß der Franz Stockhammer der Familie Schande mache.

Das war dem alten Veteran in die Krone gefahren und d'rum hatte er sich selbst aufgemacht aus den Tyroler Bergen mit seinem Liebling, der Versprochenen seines Großsohns, und jetzt stand er da, und legte die Hand auf des Hausmeisters Schulter, der verlegen und unwirsch hin urch her rückte, und sah ihm mit den großen braunen Augen fest in's Gesicht und fragte:

»Wo ist der Franzel? was ist's mit dem Bub'?«

Der Hausmeister schüttelte sich wie ein begossener Pudel und ließ die Ohren hängen. Jetzt, da es galt, den Verwandten, auf den er selbst bisher stolz gewesen, anzuklagen, ließ er sich nöthigen und wollte nicht mit der Sprache heraus, während die Augen des alten Mannes und des jungen Mädchens unverwandt und mit bangem Harren an ihm hingen.

»Nun - was ist's? was hal'st zurück mit Dei Red'! Gott im Himmel - ist der Franz hingeworden?«

Das Mädchen kreischte laut auf.

»Nein, nein - des nit,« rief der Hausmeister, »aber« -

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er winkte mit den Augen nach der Nichte - »muß i Alles sagen, Was i denk'?«

»Was Du weißt und was Du gedenkst, Mann - aber die Wahrheit! i und das Dirndl da können's tragen!«

»Der Franz ist seit ein'ger Zeit in schlechte G'sellschaft kommen,« sagte der Wiener traurig, die Augen senkend - er hält mit schlechte Menschen, die des Kaisers Feind sind, und i fürcht', der Franz ist a Verräther an seinem Kaiser!«

»Der Franzl a Verräther am Kaiser?« Der alte Kämpe vom Berge Isel taumelte, wie vom Donner getroffen, zurück und lehnte bleich an die Wand, daß das Mädchen besorgt hinzusprang. »Des Haspingers Großsohn a Verräther? - Das ist a Lug' - das kann nit sein! Herr Gott im Himmel, laß mi hören, daß der Franz todt ist, aber nit, daß er seine Ehr' vergessen!«

»Noch kann i's nit beweisen,« sagte jetzt fester und entschlossener der Hausmeister, denn er fühlte, daß er hier volle Wahrheit geben mußte - »aber i fürcht', daß wenn's nit schon g'scheh'n ist, es jede Stunde g'scheh'n kann. Dadrum hab' i g'schrieben und 's ist gut, daß Ihr da seid, denn auf mich hört er nit mehr und geht mir aus dem Weg!«

Der alte Tyroler hatte sich auf die ledergepolsterte Ruhebank niedergesetzt und stützte das graue Haupt in die Hand. Neben ihm kniete weinend das Mädchen.

»Erzähle, Schwager Jörgi!«

»Es sind zwei Monat her,« berichtete der Hausmeister, »daß der Franz, der fleißig zu mir kam und auf die Rebeljon schimpfirte, durch 'nen schlechten Kerl von Slowaken, 'nen Rekruten von seinem Regiment, der a Verwandten oder Freund bei der ungarschen Gräfin hat, die, seit die Herrschaft fort ist, im Haus wohnt, mit der bekannt würd'. I bin nit g'wohnt, den Vornehmen Böses nachzuplauschen, aber mit Der da oben hat's seine eig'ne Bewandniß und ka' ehrlicher Mensch ist mit ihr umg'gangen, so lang' die Schand' und der Spektakel noch nit in Wien war. Aber seitdem spielt sie a große Roll' und 's ist a sackermentsch Weib, a Paar Augen hat sie im Kopf, wie a Maikater, wenn er auf'n Dächern schnurrt. Seit der Zeit ist der Franz

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a ganz andrer Mensch g'worden und wie umgetauscht, und hat nur Sinn und G'danken für die Ungargrafen!«

»Aber der Verrath, Jörgi - der Verrath?«

»Die Gräfin hält's mit den Rebellen in Ungarn und mit den Schlimmsten in Wien. Er hat Papiere zu ihr gebracht, i sah's mit eig'nen Augen - Papiere, die der Franzel geholt drüben im Kriegsgebäud' oder hinbracht nachher.«

Der alte Kaiserkämpe hatte sich wieder erhoben und stand aufrecht, die athletische Gestalt, die der Jüngling von ihm geerbt, gestreckt, als habe sie alle Last des Alters von sich geworfen.

»Wo ist der Franz - wo treff' i den Franz? i will ihn aufsuchen zur Stell'!«

»Vor einer halben Stund' schlich er hinauf zur Ungargräfin - ich sprach ihn vergeblich an - er und der Slowak!«

»So laß uns geh'n!«

Der alte Mann schritt nach der Thür.

Doch der Hausmeister hielt ihn zurück. »Schwager Nazi, des geht nit!« sagte er mit all' jenem Respect, den er von Jugend auf für Hohe und Vornehme der Gesellschaft gelernt und der, selbst dem verdorbenen, ausgestoßenen Zweig dieser Aristokratie gegenüber, ihn nicht verlassen wollte. »Man geht holter hier nit so zu den Herrschaften, wie bei Dir z'Haus zum Nachbarn. Ihr' Gnaden lassen's Niemand vor, der nit ang'meld't ist, und Du kannst den Franz nit seh'n, wenn er bei ihr ist, bis er wieder 'runter kommt!«

»Wart' nit, Nönl - thu's zur Stell'!« bat glühend das Mädchen.

»I will doch schau'n, wer den Großvater hindert, mit seinem Enkel zu reden! Will selber seh'n, was der Franz dort treibt!«

»Du wirst Niemand finden, der Dich meld't und 'nein läßt - die Lakaien lassen Niemand 'rein!«

In der Thür stand der junge Student - bleich - noch farbloser wie gewöhnlich, aber den gefaßten Entschluß in dem leuchtenden Auge. »Kommen Sie, Herr - ich werde Sie führen bis dahin, wo Sie Ihren Enkelsohn finden.«

»Aber, Herr Matthias - bedenken Sie - «

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»Durch den Szabó, meinen Landsmann und Blutsfreund, ist der Feldwebel hinaufgekommen,« sagte der Jüngling fest, mit einem traurigen Blick auf das Tyrolermädchen - »an mir ist es, so viel gut zu machen, als noch geschehen kann!«

Er führte den alten Tyroler mit sich fort, der mit einem Wink der Hand die Großnichte bedeutete, zurückzubleiben bei dem Verwandten, der sich jetzt bemühte, ihr vorzusetzen, was sein kleiner Hausstand vorräthig hatte. Dann öffnete er wieder das Thor und setzte sich an seine alte Stelle, denn seine Pflicht gestattete ihm nicht, es so lange gegen den Gebrauch verschlossen zu halten.

Aber das Mädchen im Stübchen rührte weder Brod noch Trank an - ihre Gedanken begleiteten den Alten und quälten sich, was wohl ihr Verlobter da oben schaffte, und seltsamer Weise dachte sie dabei fast mehr an den jungen Studenten, der sich ihrer so eifrig angenommen, als an den Franz, - und seine tiefen melancholischen Augen, als sie ihm die Wange zum Dank geboten, wollten ihr nicht aus dem Sinn! -


In den Gemächern der Gräfin Törkyeny ging es lebhaft her; die versammelte Gesellschaft schied sich in drei Gruppen, von denen die zahlreichste in dem vordern Salon versammelt war - Offiziere und Mitglieder der Nationalgarden, namentlich aus den Vorstadtbezirken, der Arbeiter-Vereine, des demokratischen Clubs und der Aula, auch ältere und jüngere Männer in ungarischer Tracht und mehrere Mitglieder der Linken des Reichstags. Selbst Frauen - jener entarteten Emancipation angehörig, die jetzt in allen Klassen der Wiener Gesellschaft von der Edelfrau bis zur Gassenkehrerin sich breit zu machen begann - waren darunter, rauchten ihre Cigarren, tranken den auf mehreren Tischen servirten Ungarwein und überflügelten die Männer im wildesten Radikalismus.

Die ruhige Beobachtung von wenigen Minuten aller dieser Gespräche hätte genügt, die Ueberzeugung zu gewinnen, daß der nächste Tag in Wien ein blutiger sein mußte und der Ausbruch einer republikanischen Schilderhebung beschlossen war.

Ab und zu kamen aus dem zweiten Salon die Führer und Eingeweihten, sprachen mit einzelnen Männern und ertheilten ihnen

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Aufträge und Instructionen, zu deren Ausführung sich diese alsbald entfernten, oder nahmen die Berichte der Sectionen der Vorstädte in Empfang. Kein Diener, mit Ausnahme eines alten schnurrbärtigen Ungarn, betrat die Gemächer - sie waren sämmtlich entfernt oder bewachten die Eingänge.

Im zweiten Salon, auf einer Causeuse von dunkelblauem Damast, der das ganze ovale Gemach tapezierte, saß oder lag in üppig bequemer Stellung mit jener Ruhe des Panthers, dessen Muskeln ihn im Augenblick zum Sprunge aufschnellen lassen, die Wirthin des Hauses.

Die Gräfin Törkyeny war eine Frau von etwa vierzig Jahren, die ihre gewiegte Toilettenkunst jedoch sehr gut verbarg, von jenem gefährlichsten Alter der Frauen, wo alle bösen Leidenschaften, Wollust und Herrschsucht den schlimmsten Kampf erheben. Sie war eher klein, von überaus zierlicher Gestalt und breiter Hüftenbildung; das Gesicht mit der fein geschnittenen Nase und dem vollen Mund, dessen Oberlippe ein dunkler Flaum umgab, hatte einen auffallend zarten Ausdruck, der durch das halb verschleierte, nur langsam sich hebende Auge noch mehr den Charakter des Lässigen, Trägen gewann. Die Farbe war durchgängig eine gleichförmige durchsichtige Blässe, ohne krankhaft zu sein, durch die man die blauen Adern der Schläfe, des feinen und langen, aber schön geformten Halses und der überaus kleinen schmalen Hände durchschimmern sah. Die Zähne, welche der Mund bei jeder Oeffnung zum Lachen oder Sprechen zeigte, schienen eine Reihe von kleinen, regelmäßigen, aber seltsam spitzen Perlen zu sein, wie man sie wohl bei kleinen Raubthieren, dem Marder und Iltis, findet.

Und in der That gehörte diese zarte, feine Gestalt, dies träge, apathische Wesen zu den Raubthieren der schlimmsten Art. Ihre näheren Freunde wußten, daß unter dieser Apathie eine Schnellkraft der Muskeln verborgen war, wie sie der schwarze Panther von Java zeigt, wenn er aus seinem ruhigen Kauern sich plötzlich mit gewaltigem Sprung auf seine Beute wirft; daß diese matten, gefühllosen Augen unter den hohen, fein geschnittenen Brauen sich in leidenschaftlicher Gier entflammen konnten, oder in blitzendem Zorn, daß kein andres Auge dies Feuer zu ertragen vermochte;

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daß die gleichsam wie ein electrischer Strom ausströmende Wollust Alles verzehrte; daß diese sprühende Zornflamme gefährlicher war, als der Dolch des Banditen. Seltsame Dinge erzählte das Gerücht von dieser Frau, die seit vielen Jahren getrennt lebte von dem ältern, durch Naturgebrechen und stolzen, anmaßenden Charakter widerwärtigen Gatten, dem der Zwang der Eltern sie in frühester Jugend vermählt. Sie war eine Stiefschwester der Gräfin Appony, der Familie aber längst durch ihr, jeder Regel der stolzen und exclusiven Aristokratie Hohn sprechendes Leben entfremdet und erst in letzter Zeit durch die gemeinsame Agitation für die ungarische Erhebung manchen Gliedern wieder näher getreten. Dies Band war es auch, was die Nichte mit dem hochstrebenden, edlen Geist verknüpft hielt mit der so unähnlichen Verwandtin.

Die Gräfin hatte oft ihren Aufenthalt gewechselt; sie war bekannt durch ihre Extravaganzen und ihre Verläugnung jeder weiblichen Scham in ganz Europa; man erzählte die scandalösesten, aber auch die gefährlichsten Abenteuer von ihr, und ihr Gatte hegte eine solche Furcht vor seiner Frau, daß er ihr nur unter der Bedingung, daß sie sich nie an dem Ort seiner Ambassade blicken ließe und überhaupt jede Begegnung mit ihm vermiede, einen gewissen Theil seiner reichen Einkünfte und sie nach Belieben treiben und schalten ließ.

Seit dem Winter lebte die Gräfin wieder in Wien und obschon ihr Thun und Leben der öffentlichen und geheimen Wiener Polizei den größten Anstoß erregen mußte, schien doch ein geheimer Schutz ernstere Unannehmlichkeiten und Folgen für sie zu verhindern.

Das Gerücht flüsterte, daß einst - in ihrer Jugend, als ihre Leidenschaften noch nicht zur Entartung geworden - einer der Erzherzöge in den Fesseln dieser Frau gelegen und sie aufrichtig und leidenschaftlich geliebt habe!

Schon vor dem Ausbruch der Erhebung im März hatten sich die Elemente der revolutionairen Bewegung um diese Frau gesammelt und bald bildete sich hier neben der Aula und dem demokratischen Club der geheime Herd der republikanischen Contre-Revolten. Es war klar, daß die Gräfin mit den Häuptern der

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Bewegung in Ungarn in genauer Verbindung stand, ihnen Nachrichten lieferte und von ihnen Instructionen erhielt. Der Legionair - Doctor Lazare, wie er sich nannte - einer jener Satelliten, welche diese Frau um sich versammelte und stets aus jüngeren Männern wählte, derselbe, welcher an dem Abend in Gumpendorf die Vorstadt-Garden und Arbeiter zum Widerstand gehetzt, war als einer ihrer Hauptagenten thätig oder beherrschte sie vielmehr selbst durch die Macht des kalten, teuflisch berechnenden Verstandes, den er besaß.

In dieser Zeit war der Haß der Demokratie hauptsächlich außer auf die energischeren Mitglieder des Ministeriums, gegen die Czechen - die böhmischen Abgeordneten - gewendet, in deren Treue und nationalem Widerstand die ungarische Agitation schwerere Hindernisse fand, als in dem deutschen Charakter.

Der Ermordung Lambergs in Pesth, der offenen Schilderhebung gegen die kaiserliche Autorität mußte das Gleiche in Wien folgen.

So lautete die Instruction!

Auf dem Tisch vor der Gräfin lagen mehrere Papiere, Briefe und Zeitungsblätter.

Ein Legionair war eben aus dem vordern Salon, noch erhitzt von dem raschen Weg, eingetreten.

»Welche Nachrichten aus den Vorstädten?«

»Die Gumpendorfer Arbeiter sind entschlossen - sie werden sich der Gewalt widersetzen. Die Garden von Mariahilf werden bei Zeiten zu ihrem Beistand rücken.«

»Kennt man die Stunde des Aufmarsches?«

»Niemand weiß sie, als die Stabsoffiziere, und die Canaillen sind schwarzgelb!«

»Haben Sie Lazare gesehen?«

»Einen Augenblick. Er ging nach einem der Wirthshäuser und trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß er die bewußte Person aufsuchen wolle!«

Die Gräfin wippte ungeduldig mit dem kleinen Fuß, auf dessen bloßer Spitze ein feiner Pantoffel hing.

Sie trug einen weiten Hausrock von dunklem Brokat mit offen fallenden Aermeln, aus dem der feine, schön gewellte Arm,

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fast bis zur Schulter entblößt, sich heraus stahl, wenn die Hand eine Bewegung machte nach den Schriften und Blättern auf dem Tisch, oder die Cigarre zwischen den rosigen Fingern aus den vollen Lippen entfernte.

Diese Hand und dieser Fuß waren so sorgsam gepflegt, so schön und fein, daß sie einem jungen Mädchen von siebzehn Jahren anzugehören schienen.

Das Kleid oder der Schlafrock wurde durch einen Gürtel von Gold zusammengehalten. In diesem Gürtel steckte, in die Augen fallend, ein kleiner Damendolch mit ciselirter Scheide und Griff, beide reich mit kostbaren Steinen besetzt.

Die Gräfin wußte ihn zu gebrauchen - man erzählte, daß sie einst einen vornehmen Cavalier, der sie verlassen und ein skandalöses Abenteuer von ihr mit einem Schauspieler als Grund verbreitet hatte, mit der Wuth einer Tigerin angefallen und ihm zwei Dolchstiche beigebracht hatte, die beinahe sein Leben kosteten.

Ueber dem Gürtel war das Kleid offen, mit Goldschnüren gleich einem Dolman verziert und zeigte nur das zierlich gefaltete Hemd von feinem Linnen, das eng an die hochgewölbte Brust sich anschloß.

Wir haben bereits bemerkt, daß der Hals der Gräfin so biegsam und hoch war, daß seine graziösen Bewegungen mit denen eines Schwans oder - einer Schlange verglichen werden konnten.

Sie trug auf dem dunklen, phantastisch in Locken und Zöpfen geordneten Haar eine kleine ungarische Mütze - roth, mit einem kurzen Stutz jener kostbaren Reiherfedern, die in den Sümpfen der Theiß gewonnen werden.

»So lassen Sie uns einstweilen unsere Kräfte für morgen überschlagen,« sagte die Gräfin, »das heißt die, auf welche wir rechnen können. Zunächst also die Aula. Zanchi bürgt für das mobile Universitätscorps!«

Ein Mann in der Uniform der Legionaire nickte. »Wir wollen den Nordbahnhof besetzen und die Brücken.«

»Es ist nöthig, Doctor, daß Sie morgen früh eine Nummer des Studenten-Couriers erscheinen lassen. Sie muß noch aufregender sein, als die letzte - die Geschichte mit dem Grenadier Kühbeck, der die Rechte seiner Kameraden vertheidigt und den

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man eingesperrt hat, muß gehörig ausgeschmückt werden. Machen Sie eine Füsilade daraus, liebster Buchheim.«

Der gefällige Redacteur, der vor wenigen Tagen erst das mit den Pamphleten Marats concurrirende Gedicht: >An die Laterne!< veröffentlicht hatte, machte seine Notizen.

»Welche sind die zuverlässigsten und entschlossensten von den Garden?«

»Unzweifelhaft die von den Wieden,« antwortete eine scharf betonende Stimme.

Der Mann, der gesprochen, war kleiner Statur, etwas gebückt und von lächelnder Physiognomie. Er trug eine mit dem deutschen Bande verbrämte Studenten-Sammetkappe, hielt das Auge beim Sprechen abgewendet und rieb sich fortwährend die Hände.

»O, Herr von Messenhauser, ich hatte nicht gesehen, daß Sie eingetreten waren. So bürgen Sie für die Wiedener Garden?«

»Doctor Schilling ist in dem Salon nebenan - ich sprach ihn so eben und er versichert, daß die Garden nur auf den Allarmruf warten.«

»Und der demokratische Club?«

»Ich komme aus seiner Versammlung, um uns über seinen Antheil an den Ereignissen für morgen zu verständigen. Er ist bereit, jedem unconstitutionellen Schritt des Ministeriums mit den Waffen entgegenzutreten und den Beschlüssen des Reichstages Geltung zu verschaffen!«

Um den Mund der Gräfin zuckte ein kurzes, spöttisches Lächeln. »Pannasch und Streffleur werden das Ober-Kommando niederlegen - man rechnet auf Sie, Herr von Messenhauser

Der ehemalige Offizier vom Regiment Deutschmeister fuhr betroffen zurück - es war wahrscheinlich das erste Mal, daß ihm der Gedanke an die ehrgeizige, kurze und unglückliche Rolle vor die Seele trat, die er in dem letzten Theil der Wiener Revolution zu spielen bestimmt war. »O, gnädige Frau, ich mache keinen Anspruch auf solche Ehre, doch sollte man mich - «

»Man wird Sie dazu wählen,« sagte schroff der Abgeordnete Löhner, der neben der Gräfin saß, ein Mitglied der radikalen

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Linken. »Man wird Sie dem Reichstag vorschlagen, und wenn die Wahl auch das erste Mal bei dem Verwaltungsrath durchfällt - zum Henker, wofür haben Sie die Presse und den demokratischen Club?«

»Ich stelle Ihnen die >Constitution< zur Verfügung,« rief Niederhuber, »aber zuvor müssen die Stadtgarden von allen reactionairen Elementen gesäubert sein!« Der Ungar Töltenyi verhieß mit seinen Artikeln im >Radikalen< und >Freimüthigen< die Arbeiterbevölkerung aufzurufen. Der künftige Ober-Kommandant der Nationalgarde wiegte sich bereits in eitlen Träumen und sprach mit seiner Umgebung von neuen Organisationsplänen.

Die Gräfin legte ihre kleine weiße Hand auf die eines noch ziemlich jungen Mannes von miltairischer Haltung, in der Uniform der Legionaire, der hinter ihrer Causeuse stand und die schmalen Lippen fest zusammenpreßte.

»Was haben Sie, Philipp?«

»Wenn Sie Schwachköpfen und eitlen Narren die wichtigsten Posten anvertrauen wollen,« sagte er barsch, »weshalb haben Sie mich hierher gerufen?«

»Thor, der Sie sind! Sehen Sie denn nicht ein, daß wir den Bürgern gegenüber einen ehrlichen Phantasten brauchen werden? Sie werden das Kommando neben ihm oder vielmehr allein führen und er wird der Mann sein, der jedes Mißlingen, jeden Vorwurf tragen muß - ein willenloses Werkzeug in kräftiger Hand! - Geben Sie Jellinek einen Wink, daß er ihn in den ersten Salon zu seines Gleichen führt - wir haben Wichtigeres zu thun!«

Fenner von Fenneberg, denn dieser war der Legionair, der ein altes Freiherrngeschlecht mit dem wüthendsten Republikanismus befleckte, that, wie die Gräfin befahl. Um den Tisch sammelten sich jetzt die einzelnen Gruppen, denn die Gräfin hatte die Cigarre fortgeworfen und aus ihrer bequemen Stellung sich aufgerichtet.

»Also lassen Sie uns das Programm der Forderungen noch ein Mal feststellen. Zunächst also - Aenderung des Ministeriums und Bündniß auf Schutz und Trutz mit der provisorischen Regierung in Pesth.«

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»Wessenberg und Latour mindestens müssen abdanken,« sagte eine Stimme aus dem Kreise, »Kraus und Bach mögen bleiben!«

»Man wird sie dazu zwingen, wenn sie sich weigern!«

Die Gräfin, ohne auf die Reden zu achten und ein verächtliches Lächeln zu unterdrücken, fuhr fort:

»Das Bataillon Richter darf Wien nicht verlassen, jede Dislocation der Truppen unterliegt der Genehmigung der Reichsversammlung.«

»Einverstanden!«

»Die Militairposten werden eingezogen, die Zeughäuser geöffnet und der Bewachung der Vorstadtgarden übergeben, ebenso der Stephansthurm!«

»Es ist Zeit, daß die Schwarzgelben uns nicht länger die Waffen und die Artillerie vorenthalten!«

»Der Kaiser widerruft die Verordnung vom 3. October und der Ban erhält den Befehl, sich zurückzuziehen - jede Ueberschreitung der ungarischen Grenze durch die kroatische Armee entbindet die Bürger Wiens von allem Gehorsam und giebt ihnen das Recht zur Vertheidigung ihrer Freiheit und Einsetzung einer neuen Regierung!«

»Nieder mit den Schwarzgelben! Es lebe die Freiheit!«

»Der Reichstag,« schloß die Gräfin, »wird sich in Permanenz erklären und einen Sicherheits-Ausschuß ernennen. Wer wird morgen den Antrag auf eine außerordentliche Sitzung der Versammlung stellen?«

Der Abgeordnete Löhner schlug auf den Tisch: »Beim Teufel, ich!«

»Und wenn der Präsident sich weigert?«

»Smolka ist der Unsre. Für die Einberufung ist gesorgt!« Der Abgeordnete von Oesterreichisch-Schlesien, der Bauernbefreier Kudlich, warf ein Packet auf den Tisch - es waren die im Voraus gedruckten Berufungen der Reichstagsmitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung.

»Lazare bringt sichere Nachrichten. Sobald er kommt, wird er Ihnen den Rath und die Anweisungen unserer jetzt noch im Stillen thätigen Freunde vorlegen. Hier ist einstweilen das Geld zur Vertheilung an die Arbeiter in den Vorstädten. Ziehen die

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Stadtgarden und das Militair willig ab, so genügt dies; - wenn nicht - wird jeder Posten mit Gewalt entwaffnet und von den Unseren besetzt. Um Mittag müssen wir Herren der Stadt sein!«

Während die Männer eifrig den Angriffs- und Besetzungsplan besprachen, berührte eine Hand den Arm der Gräfin.

Es war ihr alter ungarischer Diener.

»Is sich der Mann da, Gnädigste!«

»Wer?«

»Tyroler Mensch - hat sich auch mitgebracht Hundekerl den Slowak.«

Die Augen der vornehmen Phryne blitzten. »Ist der Feldwebel, wie ich befahl, in dem rothen Boudoir?«

Der Diener nickte mit bezeichnender Miene. »Maschka hat ihn geführt hinein!«

»Und die Fremden?«

»Teremtete! Ist sich ein ächtes Ungarnherz, der edle Herr - hat mir gegeben blanken Dukaten einen. Alle Drei sitzen beisammen im Hinterzimmer - schwatzen von Vaterland!«

»Die drei Männer mit den rothen Karten? sind sie in Deinem Zimmer und eingeschlossen?«

»Hei - denken nicht d'ran, fortzugehen, so lang' sie haben guten Punsch. Ist sich schlecht Volk - Junker Matthias wollt' sie nicht lassen herauf, wenn ich nicht wär' gekommen zu.«

»Der Bursche fängt an lästig zu werden und selbst zu denken. Bringe Wein hierher - aber nicht mehr in den vordern Saal. Sobald der Doctor kommt, laß die Amme mich rufen.«

Sie trat wieder zur Gesellschaft und wendete sich zu den Vertrautesten. »Sorgen Sie dafür, daß unsere Freunde da drinnen ihre Instructionen erhalten und sich entfernen, um das Programm der Forderungen zu verbreiten. Sie selbst bleiben hier - in höchstens einer halben Stunde werde ich alle Nachrichten haben, die uns nöthig - dann können wir unsere letzten Maßregeln treffen!«

Sie warf kokett noch einen Blick in den Spiegel, der ihr die feine und doch so üppige Gestalt zeigte, ordnete mit einer leichten Handbewegung das Haar und trat durch die nächste Thür

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nach dem Corridor. Am Ende desselben, hinter einem Vorzimmer, nach dem Platz hinaus, lag das rothe Bondoir.

Einen Augenblick blieb sie vor der Thür stehen, an der ein altes Weib mit tiefen, scharfen Zügen in ungarischer Tracht saß.

»Gieb Acht, Amme, daß uns Niemand stört. Wenn ich Etwas bedarf, werd' ich schellen!«

»Gut, Goldkind - Du weißt, daß Du Dich auf die Maschka verlassen kannst. Wirst Glück haben, Herzchen, blanker Bursch ist ganz wild, Dich zu seh'n, hat zehn Mal gefragt, wo schöne Gräfin ist!«

Eine leichte Röthe begann jetzt gleichförmig das Gesicht der Dame zu überziehen; sie nickte der Alten zu, dann öffnete sie rasch und schlug die Portière von schwerem, rothem Sammet zurück.

Ein gleicher Schimmer, gedämpft durch das milde Licht einer Ampel von weißem Milchglase, die von der Decke hing, legte sich zuerst auf die Augen.

Das ganze Zimmer war in jenem dunklen Roth ausgeschlagen, das zwischen Purpur, pompejanischem Braun und dem Feuerroth die Mitte hält und so sehr die Vergoldungen, die Gemälde und die Werke der Plastik hebt.

Vorhänge und Portièren - das Boudoir hatte anscheinend nur noch einen zweiten Ausgang zum Bade- und Schlafzimmer der Gräfin - trugen dieselbe Farbe, die Möbel waren von Ebenholz mit dunklem, feinem Maroquin überzogen und bestanden in einigen Fauteuils und niederen Sesseln, einem Tisch und einem breiten und üppig bequemen Divan an jeder Wand.

Ein etwas zu starker und deshalb betäubender Geruch von Vanillewasser erfüllte die Atmosphäre.

In zwei der freien Ecken des mit schweren Goldleisten abgesetzten Gemaches erhoben sich auf Säulen von schwarzem Stein weiße Marmorstatuetten von halber Lebensgröße - die mediceische Venus und ein Bachus; - fünf Bilder: Leda mit dem Schwan, Io mit der Wolke, beide schöne Copieen nach Correggio - ein großes Bild mit nackten Figuren in der derben Fleischzeichnung und Färbung von Rubens - und ein neueres Kunstwerk mit den wundervollen Lichteffekten der Münchener Schule: badende

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Männer und Frauen - hingen an den Wänden. Das mittlere Bild auf der großen Wand war eine meisterhafte Copie des berühmten und berüchtigten Bildes im Museo Bourbonico zu Neapel: Der Stier und die Frau.

An der Seite jedes der Divans stand ein kleiner Consoltisch mit dunkler Marmorplatte, auf der sich eine silberne Schelle und mehrere Albums - die berüchtigtsten Kunstwerke aus der Zeit der Regentschaft, französische Lästerwerke der Schule Voltaire's und die Kupferstiche Giulio Romano's - befanden. Die dritte Ecke enthielt ein Lavoir von dunklem, goldgeädertem spanischen Marmor mit einer prächtigen silbernen Toilette - die vierte das Kamin von gleichem Material, über dem eine Sammlung von Cigarrenkästen und Pfeifen stand und hing - der Schibuk und Nargileh des Türken, der dicke Meerschaumkopf des deutschen Studenten, die einfache Gipspfeife des Holländers, die kleine Kabardiner-Pfeife bis zum Rohr, durch das der Malaye den betäubenden Rauch des Opiums einschluckt.

Auf dem Consol an einem der Divans lag ein Paar mit Silber ausgelegte Salonpistolen - die kleine Scheibe von weichem Holz an der Marmorbrüstung des Kamins zeigte die tägliche Uebung. Ein prächtiger ungarischer Säbel hing an der Seite des großen Trümeau, der den ganzen Zwischenpfeiler der jetzt verhangenen Fenster einnahm und die Dekoration des Gemaches noch ein Mal wiederholte. Zwei silberne Armleuchter mit Wachskerzen auf dem großen Tisch vor dem einen Divan vermehrten nur gering die matte Dämmerbeleuchtung der Ampel, da die rothe Tapete und Draperie und die dunkle Farbe des Mobiliars das Licht aufsogen. Zwischen den Leuchtern war die dunkle Marmorplatte des Tisches mit einem kleinen ungebleichten Damasttuch bedeckt, auf dem in silbernen Schalen scharfe, orientalische Confitüren standen und zwei Karaffen mit schwerem rothem und weißem Ungarwein.

Das war die Ausstattung des Boudoirs der Gräfin Törkyeny.

Als sie eintrat, fand sie den jungen Tyroler, den Rücken ihr zugelehrt, in schüchterner, befangener Stellung auf, der Kante eines Lehnsessels sitzen. Er hatte eines der üppigen Albums aufgeschlagen - aber seine Augen irrten unstät über die Blätter

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hinaus - man sah, daß er in Gedanken, in wilde Bilder der Phantasie oder der Erinnerung versunken war, so daß er selbst den Eintritt der Gräfin nicht bemerkt hatte.

Sie schlich sich hinter ihn, legte die beiden fein gerundeten Arme um seinen Hals, drückte den Kopf des schönen Mannes zurück und preßte einen glühenden langen Kuß auf seinen Mund.

»Willkommen, Franz - wie lange warst Du nicht bei mir - schäme Dich, Mann, daß ich erst nach Dir schicken muß, wenn ich Dich wiedersehen will!«

Der Tyroler stotterte verlegen eine lahme Entschuldigung, er hielt die Augen beklommen, scheu auf den Boden geheftet, aber eine flammende Röthe lagerte auf seiner Stirn und seinen Wangen. Seine breite, hohe Brust begann sichtlich auf und nieder zu wogen, seine Hände zitterten.

»Warum so scheu, Franz - was ist Dir - zürnst Du auf mich?«

Der Feldwebel hob rasch die Augen - es war Erschrecken, demüthige Bitte, verzehrende Sehnsucht, was in ihrem Ausdruck lag, als er sie auf die schöne Sirene richtete.

»Was platzedert Ihr da? Glaubt's nit, gnäd'ge Frau - wie hätt' der arme Franz a Recht, auf die gnäd'ge Frau bös Zu sein?«

Die Gräfin lachte neckisch, indem sie ihm das braune Haar von der Stirn strich und ihn auf diese küßte. »Armer Franzel! Närrchen - brauchst Du nicht blos Deinen Mund aufzuthun, um so viel Gold zu haben, als Du verbrauchen magst?«

»Ich will es nit - ich will ka Gold nit! Das ist a schlechter Kerl, der von« - er wollte sagen: sein Lieb, verbesserte sich aber - »von einer Dam' Geld nimmt!«

»Du meinst, Franz, Du willst Besseres als Gold. Aber komm hierher auf den Divan, es plaudert sich bequemer, wenn Du bei mir sitzest.«

Sie zog ihn halb mit Gewalt, der er nur allzu willig folgte, nach dem großen, breiten Divan und ließ ihn dicht neben sich niedersetzen. Dann schenkte sie von dem feurigen Ungar in die großen, schalenartigen Gläser und reichte ihm das eine, nachdem sie es mit den Lippen berührt.

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Der Soldat, in jener Galanterie, welche die Natur lehrt, setzte den Mund an dieselbe Stelle, und die Augen flammend auf die schöne Sirene gerichtet, leerte er das Glas mit raschem Zug.

»So ist's recht, Franz - so gefällst Du mir! Hübsch gehorsam Deiner Dame und Du sollst belohnt werden.« Sie schenkte ihm wieder ein und legte die Hand auf die seine. »Es war um so schlimmer, daß Du nicht selbst kamst, als ich höre, daß die Grenadiere Richter morgen gegen mein Vaterland marschiren sollen. Ist es wahr?«

»Ja!«

»Um welche Stunde erfolgt der Ausmarsch?«

Der Feldwebel zuckte zusammen. »Es weiß es halt Niemand nit!«

Mit einer wie zufälligen Bewegung lös'te die Gräfin den Gürtel ihres Gewandes, daß der kleine Dolch zu Boden fiel. Indem sie sich bückte, öffnete sich vorn der Rock und das Chemiset und die Augen des Tyrolers tauchten in den weißen, gewölbten Busen des schönen Weibes.

»Du lügst, Franz! wann marschiren die Grenadiere?«

»Um sechs Uhr!« Der große, starke Soldat zitterte wie ein Kind.

»Und der Weg, den sie nehmen?«

»An den Linien entlang nach der Taborbrücke. Sie sollen nit durch die Wieden!«

»Siehst Du wohl, daß Du es wußtest! Trink', Franz!« Sie kredenzte ihm.

»Aber es ist halt streng Geheimniß!«

»Darfst Du Geheimnisse vor mir haben, vor Deiner Freundin? Du gehst doch nicht mit?«

»Nein - noch nit!«

»Abscheulicher Mensch - und eine solche Nachricht zögertest Du mir zu bringen! Du verdienst, daß ich Dich gar nicht mehr liebe, Franz!« Aber sie strafte ihn nicht, sondern legte die fiebernde Hand des jungen Mannes auf den entblößten Busen. »Fühle, Franz, wie es hier für Dich klopft! Wie kommt es, daß Du hier bleiben darfst, Franz?«

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»I bin kommandirt zum Graf Auersperg, wenn er ausrücken wird.«

»Ausrücken? Der General steht ja in Wien - wo soll er hin?« Die Augen der Ungarfrau funkelten, während sie dicht zu dem jungen Manne rückte und ihren Fuß über den seinen kreuzte.

Noch ein Mal machte der Soldat eine Anstrengung, sich der Verlockung zu entziehen, die bereits seine Sinne aufregte und all' sein Bewußtsein, seine ganze Manneskraft ihm zu rauben begann. »I darf nit - o bitt' schön, fragen's mich nit!«

»Pfui, Franz! warum umarmst Du mich nicht. Küsse mich, Franz, küsse mich!« Sie bedeckte ihm mit heißen, glühenden Küssen das Gesicht, die er zu erwiedern begann. Sie zog ihm den Arm selbst um ihre Hüfte, und als er die weichen, üppigen Formen fühlte, drückte er sie fest an sich. Die Augen der Gräfin begannen in wildem Feuer zu funkeln, indem sie tief in die seinen drangen - ihr eigenes Blut aufzuwallen - ihre Nüstern schienen sich zu erweitern, gleich als wollten sie die berauschende Wärme der Wollust einsaugen - und dennoch verlor sie keinen Augenblick die Herrschaft über sich selbst.

»Was will Graf Auersperg - was soll geschehen?«

»Man traut halt den Wienern nit - es ist so a sackersch Volk jetzt. Wenn's nit pariren wollen, soll das ganze Militair die Stadt verlassen und a Bivouac beziehen.«

»Wo?«

»Im Belveder und am Schwarzenbergschen Gartel, bis die Kroaten kommen und - «

»Was und?« Sie saß auf seinem Schooß, ihr glühender Athem brannte sein Gesicht.

»Der Fürst von Prag - d