Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart
von

Sir John Retcliffe

Zweiter Band. Deutsche Sünden.

Erste Abtheilung: Die Geißel der Zeit.

Venus und Vatikan.

1. Der Circus des Caracalla.

Durch die Porta-Appia auf der berühmten Straße, welche durch die Gräberstadt und die unermeßlichen Ruinen des alten Roms nach Albano und über die pontinischen Sümpfe nach Terracina führt, hatte ein Miethwagen die Ringmauer verlassen und rollte jetzt durch die einsamen Schatten der Nacht auf diesem Felde gigantischer Erinnerungen.

Es mochte 10 Uhr sein - der Wagen hatte die Almo-Brücke in der Marrana della Caffarella bereits überschritten und die ersten Weinberge passirt, die hier von den Hügeln von San Paolo her die Straße kreuzen, als der Vetturin an der Stelle, wo ein Seitenweg sich von der Heerstraße abzweigt, um über die Ponte Pignatelli nach Marino zu führen, auf einen Befehl des Mannes, der neben ihm auf dem Bock saß, anhielt.

Der, welcher diesen Befehl ertheilt, ein Mann von breiter, robuster Gestalt, stieg vom Bock und öffnete den Schlag des Wagens. Er trug die dem Volk so verhaßte Uniform der päpstlichen Gensd'armen, und ließ sich vom Vetturin das Bayonnetgewehr, das neben ihm auf dem Sitz gelegen, herunterreichen.

Die Personen, welche mit seiner Hilfe das Innere des Fiakers verließen, waren zwei Männer, beide in Mäntel gehüllt, aber, so viel diese und der Sternenschein der Novembernacht erkennen ließen, von sehr verschiedenem Alter und Stand. Der Aeltere war ein Mann von kleiner Figur und ruhigen, vorsichtigen Bewegungen, denen etwas Schleichendes, Gezwungenes

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aufgeprägt lag. Er trug den Kragen des Mantels bis zu seinem Abbate-Hut aufgeschlagen, so daß von seinem Gesicht Nichts zu erkennen war, auch wenn die Dunkelheit geringer gewesen wäre.

Der Zweite dagegen war ein Mensch von hohem kräftigem Wuchs, breitschulterig und noch stattlicher, als der Gensd'arm, in seinem ganzen Auftreten etwas Kühnes, Ungezwungenes und doch Soldatisches. Er trug ein niederes Kaskett, das sein breites kräftiges Gesicht keineswegs versteckte, und der frische Brustton seiner Stimme, wenn er sprach, bewies, daß er noch jung sein mußte. Der Mantel, der seine stattliche Figur umhüllte, war ein heller Militairmantel, wie ihn die Schweizergarde Seiner Heiligkeit des Papstes trug, ebenso das Kaskett.

Wie der Mantel beim Aussteigen sich öffnete, zeigte sich die Uniform der Schweizer darunter, um den Leib ein Gürtel geschnallt, im Gürtel zwei Pistolen.

»Sind wir hier an der richtigen Stelle, Sergente?« fragte die scharfe Stimme des Kleinern, indem er sich zu dem Gensd'armen wandte.

»Si, Excellenza,« entgegnete der Gefragte in der breiten deutschen Aussprache des Italienischen. »Dort das hohe Gebäude ist San Sebastiano, und der dunkle Fleck zur Linken das Grabmal, wo man uns erwarten wird. Befehlen Excellenza, daß der Vetturin bis zur Kirche fährt?«

»Nein - er mag hier warten. Sagen Sie dem Mann Bescheid und führen Sie uns.«

Nach einigen mit dem Vetturin gewechselten Worten ging der Sergeant voran auf der breiten, in gerader Richtung durch diese kolossale Trümmerwelt führenden Straße fort. Die beiden Anderen folgten ihm in kurzer Entfernung.

»Ist es nicht gefährlich,« unterbrach endlich leise der junge Offizier das Schweigen, »daß Euer Eminenz sich in dieser Zeit an diesen Ort wagen, der in einem so schlechten Ruf steht?«

»Ich wüßte nicht, Signor Luogotenente1, daß ganz Rom gegenwärtig einen bessern hätte,« sagte mit kurzem spöttischen Lachen der Andere. »Aber vor allen Dingen bleiben Sie mir

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mit der Eminenz vom Hals, die Steine hier haben Ohren und so wenig das heilige Collegium gegenwärtig auch gelten mag, ein Cardinalshut dürfte bei den Burschen, mit denen wir zu thun haben werden, doch immer noch einen anständigen Cours haben.«

Der junge Offizier blieb erstaunt, ja bestürzt stehen. »Wie meinen Euer Excellenz das?«

»Ei nun, daß ich Sie mit dem Signor Mascherato2 bekannt zu machen hoffe.«

»Mit Ruggiero?«

»Mit Ruggiero il Mascherato! - fürchten Sie sich, ihn zu sehen, Signor Luogotenente? ich habe geglaubt, Ihr Schweizer würdet ohne Furcht selbst dem Teufel entgegentreten.«

»Aber, Excellenza - der Verlarvte ist der berüchtigtste Bandit der ganzen Campagna. Die Frauen in Rom schrecken mit seinem Namen die Kinder in den Schlaf!«

»Ah bah - selbst der Teufel ist nicht so schwarz, wie er beschrieben wird, und Sie werden bei uns in Rom noch Manches aus anderen Augen betrachten lernen, das heißt, wenn Sie dieselben lange genug offen behalten. Aber nun im Ernst, ich befehle Ihnen, jede Andeutung meiner Person sorgfältig zu vermeiden. Obschon ich Ruggiero's Wort für unsre Sicherheit habe, ist es doch nicht nöthig, daß er oder seine Gesellschaft geradezu erfahren müssen, wer die Person ist, die mit ihnen verkehrt. Nehmen Sie sich daher in Acht. Ich habe den Mann im Interesse des Staates zu sprechen und Sie zu meiner Begleitung bestimmt, erstens weil Sie die Wache im Vatican hatten und, obschon Sie erst so kurze Zeit im Dienst seiner Heiligkeit stehen, der Premierminister, Ihr Verwandter, Sie nicht zum Offizier gemacht hätte, wenn Sie nicht ein Mann von erprobtem Muth und Zuverlässigkeit wären.«

Der junge Mann verbeugte sich. »Ich kann Ihnen keine Antwort geben, Excellenza, als daß Sie über mein Blut und mein Leben zu verfügen haben.«

»Ich hoffe, nicht nöthig zu haben, das heute in Anspruch zu nehmen. Jedenfalls befehle ich Ihnen an, was Sie auch

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sehen und hören mögen, keine Uebereilung! Dagegen muß ich Eines fordern!«

»Befehlen Sie!«

»Sie müssen mir Ihr Ehrenwort als Offizier geben, daß über Alles, was Sie heute erfahren, Sie die strengste Verschwiegenheit beobachten werden. Ich bemerke Ihnen wohl, es ist ein Dienst allerdings im Interesse des Staates, aber ein vertrauter Privatdienst, zu dem ich Sie aufgefordert habe.«

»Excellenza haben mein Ehrenwort!«

»Gut! so lassen Sie uns etwas eilen.«

Er befahl dem Gensd'armen seine Schritte zu beschleunigen, und das Paar folgte diesem auf der Straße.

»Darf ich fragen, wo Sie den Banditen zu finden hoffen?« sagte nach einer Pause der Offizier.

»Da verlangen Sie zu viel von mir, Signor Luogotenente. Ich weiß nur so viel, daß es unter den Ruinen des alten Roms der Fall sein muß. Das ist Sache unsers Sergente.«

»Aber wenn die Polizei die Schlupfwinkel der Banditen kennt, warum hebt sie diese nicht auf?«

»Sie wird sich hüten. Die römische Polizei und die römischen Banditen sind die besten Freunde, so lange nicht irgend ein Grund zu Mißvergnügen zwischen ihnen besteht, oder die Burschen es zu arg treiben. Glauben Sie mir, nur durch dies Verhältniß ist es möglich, eine Menge Verbrechen zu verhüten oder wenigstens zu entdecken. Sehen Sie den Sergente da vor uns; er ist einer der entschlossensten und zuverlässigsten Männer der Brigade und bereits zehn Jahre im Dienst. Und ich wette, daß es zwanzig Miglien im Umkreis von Rom nicht einen Banditen giebt, mit dem er nicht schon sein Glas geleert hat, aber den er nicht eben so freundschaftlich bereit wäre, auf die Galeeren oder an die Garotte zu bringen, wenn es ihm befohlen wird.«

»So kennt er also auch den Mascherato?«

»Unzweifelhaft hat er schon oft mit ihm verkehrt. Ihn kennen? das ist eine andere Sache - und ich bezweifle es.«

»Aber Euer - Sie, Signor, wissen, wer der Mann ist?«

»So wenig als Sie, Signor! Vielleicht lebt in ganz Rom kein Mensch, der weiß, wer er wirklich ist. Es giebt in diesem

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Land oft Geheimnisse, die auf den ersten Anblick seltsam und befremdend erscheinen, und es doch nicht sind. Die Freiheit der Maske war ein Ding, das selbst von der tyrannischen Herrschaft des Rathes der Drei in Venedig geachtet wurde. Es ist eben so möglich, daß unter der schwarzen Maske des Capitano Ruggiero irgend ein verarmter Nobile, wie ein Bauer von Olevano oder ein entlaufener Galeerensträfling sein bekanntes Gesicht verbirgt. Glauben Sie mir, es sind oft die anständigsten Familien, von denen mißrathene oder durch Unglück gezwungene Mitglieder unter den Banden leben. Für uns und die Kugel, die sie früher oder später ereilen mag, ist das gleichgiltig. - Doch um Vergebung, Signor Luogotenente, ich kenne Ihre Verhältnisse nur im Allgemeinen, ist Ihre Verwandtschaft mit dem Minister-Präsidenten eine nahe?«

»Die Gemahlin des Grafen Rossi ist eine geborne Schweizerin, aus Genf, die Stiefschwester meiner Mutter. Der Graf hatte die Güte, sich bei Monsignore dem Kriegsminister für mich zu verwenden.«

»Er hat Seiner Heiligkeit damit nur einen Dienst geleistet,« sagte verbindlich der Aeltere. »Aber lassen Sie uns jetzt schweigen und aufmerken, - ich glaube, wir nähern uns unserm Ziel.«

Die kleine Gesellschaft hatte bereits die Kirche von San Sebastiano passirt und näherte sich dem berühmten Grabmal der Cäcilia Metella, hinter dem sich majestätisch im Schatten und Schweigen der Nacht in geringer Entfernung die Ruinen der Giostra oder des Circus Romuli (Circe di Caracalla), erhoben.

Der Führer lenkte seine Schritte von der breiten weißschimmernden Straße zur Linken ab nach der dunkelen Rotunde des Grabmals.

Plötzlich, wie aus der Erde aufsteigend, erhob sich eine drohende Gestalt vor ihnen und eine Flinte mit der weiten trompetenförmigen Mündung der Musketons streckte sich ihnen drohend entgegen.

»Ferma! - Gebt die Loosung!«

»Venere i Vaticano! - Sei kein Narr, Gianettino, Du kennst mich und weißt, daß der Capitano uns erwartet.«

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»Guten Abend, Sergente,« sagte der Bandit, das Gewehr unter den Arm nehmend. »Bei der Madonna, es wäre närrisch, wenn ich den kühnsten Sbirren der sieben Hügel selbst in der Nacht nicht auf hundert Schritt erkennen sollte, aber wir haben unsere Ordres so gut, wie Ihr Soldaten. Sind das die Signori, von denen Du mir gesagt?«

»Sie sind es.«

»Bene! Der Capitano will sie empfangen. Aber Du mußt hier zurückbleiben, so lautet der Befehl, Cospetto - wir dürfen unsern schlimmsten Feind doch nicht mitten in unser Lager führen, nicht Jeder trägt die Maschera!«

Der Gensd'arm wandte sich fragend nach seinen Begleitern um, der Aeltere nickte jedoch mit dem Kopf. »Wir werden diesem Herrn allein folgen.«

Der Bandit zog ein Zündholz über seine alten Manchesterhosen und zündete das kurze Ende einer dicken Wachskerze damit an, die das höchst verdächtige Ansehn hatte, von irgend einem Altar gestohlen zu sein. In deren Schein, während diese ihn selbst betrachteten, musterte er aufmerksam das Aeußere der beiden Fremden.

»Diavolo - wen hast Du uns da gebracht? Ich will ein Jahr lang keinen Ablaß haben, wenn das nicht einer der verdammten Ketzer, der Svizzeri ist?«

»Bah, was thut das zur Sache - Schweizer oder Gensd'armen, das bleibt sich gleich und die Signori da kommen sicher nicht, um mit dem Mascherato das Brevier zu lesen.«

Der Bandit ließ nochmals das Licht der Kerze auf den Gegenstand seines Zweifels fallen und beschaute ihn von oben bis unten, indeß mußte das offene jugendliche Gesicht - er selbst war noch ein junger Mann von schönen, aber jetzt hageren und bleichen Zügen mit feurigen, hohlliegenden Augen - einen günstigen Eindruck auf ihn machen, denn er erklärte, wenn die Signori ihre Waffen ablegen und sich die Augen verbinden lassen wollten, werde er sie zu dem Hauptmann geleiten lassen.

Der junge Offizier war im Begriff, diese Bedingungen zu verweigern, aber ein gebietender Wink seines Begleiters beseitigte allen Widerspruch und er legte Säbel und Pistolen nieder. Sein

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Begleiter öffnete den Mantel, ohne das Gesicht den neugierigen Blicken des Banditen auszusetzen, und zeigte, daß er darunter die einfache Tracht eines Abbé und keinerlei Waffen trug.

»Zum Henker,« sagte der Gensd'arm, »das mag für die Herren gut genug sein, aber was mich betrifft, so habe ich doch zu viel gute Freunde unter Deiner würdigen Kameradschaft, als daß ich ihnen eine so verführerische Gelegenheit geben möchte, mich wie einen Hammel abzustechen!«

»Cospetto - Du bist in der Erlaubniß auch am allerwenigsten einbegriffen. Du bleibst hier und ich werde die Ehre haben, Dir Gesellschaft zu leisten!«

»Auf Armesweite, ich liebe das, Gianetto, es erhält die Freundschaft, und solltest Du irgend einen Ziegenschlauch mit Falerner oder selbst dem sauren Zeug von Olevano in der Nähe haben, so wird das noch besser sein.«

Der Wachtmeister untersuchte sein Gewehr, spannte den Hahn und lehnte es sich handgerecht an einen Säulenschaft, dann lockerte er das Pistol in seinem Gürtel und ließ sich sorglos auf dem halb zertrümmerten Marmorcapital nieder, das neben ihm halb versunken aus dem Boden ragte.

Gianetto oder Gianettino, wie ihn der Sbirre genannt, hatte unterdeß in die Hände geklatscht und auf dies Zeichen war sofort aus dem Schatten des Gebäudes ein andrer Mann zu ihm getreten, dem er leise eine Weisung gab. Dann bat er um die Taschentücher der Signori und schlang diese leicht um ihre Augen. Der nun herbeigekommene Bandit nahm die Kerze, forderte den ältern der Fremden auf, ihm die Hand zu reichen und die zweite seinem Begleiter zu geben, und führte sie so vorwärts, indem er sie jedesmal sorgfältig darauf aufmerksam machte, wenn einige Stufen hinauf- oder hinabzusteigen waren.

Die dumpfere Luft, nachdem sie die ersten überschritten, überzeugte sofort den Offizier, daß sie das Innere des berühmten Denkmals betreten haben mußten, das, gewöhnlich verschlossen, er bis jetzt auf einer Wanderung durch die Ruinenmassen des alten Roms nur von Außen gesehen hatte.

Der zurückgebliebene Bandit holte unter einem Stein eine große hölzerne Flasche hervor, setzte sie an den Mund und reichte

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sie dann nach einem langen Zug seinem Gesellschafter, während er sich zwei bis drei Schritt von diesem entfernt auf den Boden warf.

»Ebbene, Signor Sergente, laßt uns plaudern!«

Der Deutsche begann, sich eine kurze Pfeife zu stopfen, wobei ihm der Bandit zusah.

»Zum Teufel, Gianetto - ich finde Dich herzlich schlecht aussehend; ich habe gemeint, daß das Banditen-Handwerk besser ginge!«

»O, was das betrifft, Signor Sergente,« sagte der Räuber melancholisch, »das Handwerk geht ganz gut und ich leide keine Noth; aber es sitzt hier« - er legte die Hand an Stirn und Herz. »Seit Ihr an der Thür des Hotel Grande mich von dem Wagenschlag des fremden Principe risset, der die Perle von Rom entführte, und mich in's Gefängniß stecktet, ist Alles vorbei mit mir!«

»Du bist ein Narr, Gianetto! Wer wird sich an ein Weibsbild hängen? Der lustigste Bursche von Trastevere und jetzt ein Kerl, durch den der Mond hindurchscheinen könnte. Warum hast Du Dein Handwerk aufgegeben? Ich sorgte doch, daß Du am andern Morgen von der Wache wieder entlassen wurdest!«

Der Bandit sah sich scheu um. »Er ist toll,« flüsterte er, »ich konnte es nicht mehr bei ihm aushalten, so verrücktes Zeug malte er, oder ich wäre selbst verrückt geworden. Immer ihr Bild - aber es fehlte etwas daran, bald der Kopf, bald der Leib - bald die Arme, statt deren Schlangen mich an den Busen zu drücken drohten, an dem ich so manches Mal geschlafen. Die süßen Augen, aber ein Wolfsrachen, der mich verschlingen wollte! statt des wollüstigen Leibes der Schuppenschwanz einer Sirene, wie sie bei Neapel im Meere schwimmen und den heiligen Paulus auf seiner Seefahrt versucht haben sollen. Es brannte mir im Hirn, und ich wäre toll geworden, wie der Meister, wenn ich länger geblieben wäre und seine Bilder angesehen hätte.«

Der Gensd'arm that einen langen Zug aus der Pfeife, während sich sein Gesellschafter wie im Fieberfrost schüttelte. »Ich hörte davon, daß der Maler halbverrückt geworden,« sagte er gleichgiltig, »aber ich glaubte am Ende, es wäre aus Eifersucht, weil die Dirne doch Nichts von ihm wissen wollte. Du warst

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doch noch ein hübscher Kerl mit straffen Gliedern, ohne Dir zu schmeicheln, der schmuckste Bursche jenseits des Capitols, und ihr Geschmack daher kein Wunder, während der Pinsler eine verkrüppelte Vogelscheuche ist. Sich einzubilden, daß die wildeste Dirne von Rom ihn heirathen sollte, während Fürsten und Grafen sich um sie rissen, war eben so verrückt, als wenn ein armer Farbenreiber wie Du, der kaum seine Melone und seine Macaroni bezahlen konnte, geglaubt hätte, sie würde ihm treu bleiben, während ein russischer Principe sie zur großen Dame machen will.«

»O,« sagte der verlassene Liebhaber, indem er mit einem gewissen Stolz den Kopf hob, »sie verachtete das Gold, wie ich! Die große Dummheit war nur, daß ich sie meinem Meister zum Modell anbot. San Januario, mein Schutzpatron, hätte mich davor bewahren sollen. Aber sie wollte es und dort hat sie dieser Barbar gesehen. Der Teufel hole diese Fremden - sie nehmen uns Alles, unsern Ruhm, unsere Schätze und unsere Geliebten. Darum müssen wir sie aus unserm Lande jagen. Die ewige Roma muß wieder frei werden. Viva Italia liberata!«

Der Gensd'arm lachte. »Du bist ein Narr - was würdet Ihr Lumpe denn ohne die Forestieri anfangen? Sag' aufrichtig, Gianettino, hast Du Deine Geliebte Meister Michel aus Liebe zur Kunst oder für einige Scudi zum Modell verkauft?«

»Cospetto, man will doch leben,« meinte philosophisch der ehemalige Farbenreiber und reichte nach einem langen Zuge seinem Gefährten nochmals die Flasche.

»Das erklärt mir aber noch Alles nicht,« sagte dieser, seinem Ziele näher rückend, »weswegen Du Meister Michel verlassen hast und ein Bandit geworden bist? Obschon er so toll sein soll wie ein Märzhase, kann es ihm doch nicht an Geld gefehlt haben, Dich zu bezahlen; denn er hat seinen Verdienst im Vatikan, und die verrückten Engländer und andere Kunstnarren sind wie verrückt auf seine seltsamen Bilder und Figuren. Seine Tollheit ist ordentlich in Mode gekommen!«

»Bei der Madonna, es ist wahr,« betheuerte der Italiener, »kein Mensch zwischen den sieben Hügeln versteht es, die Bilder in den Galerieen des Vatikan so zu restauriren, und ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, er habe mich nicht bezahlt oder sei

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so filzig wie der Großalmosenier Seiner Heiligkeit mit seinem Gelde. Aber die Bilder, Signor Sergente, die Bilder - und dann die verdammten Figuren, immer sie und nur sie mit einem Drachenkopf oder einem Teufelsschwanz statt des Körpers, den ich doch oft genug und lebendig auf meiner Matratze von Maisstroh zwischen den Armen gehabt - es war nicht zum Aushalten und ich lief davon!«

»Nun und wie kommst Du zu Ruggiero?«

»Ihr wißt ja, ganz Rom oder vielmehr ganz Italien spricht von ihm und daß es das lustigste Leben bei seiner Bande ist! - Bei meinem Schutzpatron, es ist wahr - ein Leben voll Aufregung und Lust, bald in den Gebirgen, bald unter den Ruinen, der Capitano ist überall, und an Weibern, Geld, Wein und Abenteuern fehlt es nicht. Aber es nutzt mir Alles Nichts, ich bin ein unglücklicher, verlorener Kerl, obschon der Capitano ein besonderes Vertrauen auf mich hat - ich kann die Gedanken nicht los werden, und das magert mich ab zum Skelett. Selbst das Trinken hilft Nichts dagegen! Wenn ich schlafe, träume ich von einer Schlange, die mein Herzblut fangt, und sie hat doch ihr Gesicht und drückt ihre Lippen auf meine Brust - und wenn ich des Nachts auf Posten stehe oder mit den Kameraden am Feuer sitze, kriecht es aus den Nebeln der Marranas3 und aus den Flammen des Holzstoßes zu mir heran wie gefräßiges hundertbeiniges Gewürm, und ist doch nur ihr Bild, oder es windet sich wie der Ring der Garotte um meinen Hals, und es ist doch Nichts als ihr Goldhaar, an das ich denke! Es ist so weit mit mir gekommen, daß ich selbst die heilige Messe nicht mehr hören kann; denn wenn der Pfaff das Buch küßt, dann fühl' ich die rothen Lippen sich an mich pressen, und wenn die Schelle geht und ich niederfallen will auf die Knie, da ist es der Silberton ihrer Stimme, der meinen Namen ruft, und gleich darauf gellt's beim Segen wie Teufelslachen in meine Ohren! Perduto!«4

Der Wachtmeister schwieg einige Augenblicke, den Kopf schüttelnd.

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Offenbar hielt er den Trasteveriner für eben so toll wie seinen frühern Meister; dann sagte er: »Du mußt zur Ader lassen, Gianetto, dergleichen kommt aus dem Blut, wie unser alter Bader in Feldkirch sagte, wenn er die Bauern schröpfte oder ihnen die Ader schlug, daß die Kerls kaum noch auf den Beinen stehen konnten! Ich habe eine Nachricht für Dich, die Dich vielleicht wieder besser machen wird. Aber zuvor möchte ich selbst Einiges wissen von Dir. Zunächst, wird sich der Mascherato zu den Radikalen oder zu der Regierung halten?«

Die Frage nach der politischen Haltung eines Banditen wäre komisch gewesen, wenn sie nicht eben in Italien gethan worden!

Der Räuber hatte den Kopf auf die Hand gestützt. »Bah, was kümmert sich der Mascherato um die Politiker, obschon sie Alle zu ihm kommen, Ihr so gut, wie die Anderen!«

»Die Anderen, wen meinst Du damit?«

Der Bandit machte eine geheimnißvolle Miene und wies mit dem Daumen über die Achsel. »Er ist gerade bei ihm - sie werden vielleicht zusammentreffen!«

»Wer?«

»Still - die Ruinen haben ihre Ohren, und ich möchte um aller Welt willen den Capitano nicht erzürnen, und noch weniger den Lieutenant. Thut Eure Augen auf, wenn es Zeit ist und sagt mir jetzt Enre Neuigkeit!«

Der Gensd'arm beachtete die Frage nicht. »Da Du Dich rühmst, daß der Capitano Dir vertraut, mußt Du auch mehr von ihm wissen, als die Anderen. Vielleicht hast Du gar schon sein Gesicht gesehen?«

Der Bandit schüttelte den Kopf. »Unsinn - ich werde mich hüten! Es steht der Tod darauf, wer versuchen würde, auch nur zufällig hinter seine Maske zu sehen!«

Der Sergente war ihm, die frühere Vorsicht vergessend, näher gerückt. »Aber Du wirst doch Deine Vermuthungen haben?« fragte er vertraulich.

»Was würde es für einen Kerl, wie ich bin, nützen, seinen Kopf noch mehr mit Grübeleien zu verwirren? Der Capitano ist tapfer wie ein Löwe, und freigebig wie ein König! Es ist vielleicht

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eine Schrulle von ihm, daß er sein Gesicht nicht zeigen mag, wenn er einmal bei uns ist.«

»So, ist er es nicht immer?«

Der Trasteveriner rückte unbehaglich, das Ausfragen schien ihm nicht besonders zu gefallen. »Cospetto, er kommt und geht wie er will, - dafür ist er der Hauptmann! Eure Fragen nutzen Euch Nichts, Signor Sergente, denn ich glaube, der Alte von Olevano, unser Lieutenant, ist der einzige Mensch, der mehr von ihm weiß, als ich oder diese Flinte, und dem er volles Vertrauen schenkt. Aber der müßte ein verteufelt waghalsiger Bursche und von allen Heiligen im Kalender geschützt sein, der es wagen möchte, dem alten Gasparino eine Frage darüber vorzulegen! Es vergehen Wochen, daß man den Capitano nicht zu Gesicht bekommt, und dann ist er plötzlich da, wo man es gar nicht denkt!«

»Ich hörte davon - es ist keine Spur von ihm zu bekommen! Selbst in der Stadt hat er sich oft genug gezeigt, und wenn wir glaubten, zehn Spione wären auf seinen Fersen und er könnte ihnen nicht entgehen, war er verschwunden, als hätte die Erde ihn verschlungen.«

»Jeder in der Bande würde das Leben für ihn lassen! Aber Eure Neuigkeit, Signor Sergente - Eure Neuigkeit?«

»Nun denn,« sagte der Gensd'arm, der einsah, daß er Nichts mehr von seinem Gefährten erfahren konnte - »ich sehe, daß Du es noch nicht weißt: Die Faustine ist wieder in Rom!«

Der Bandit sprang wie von einer Kugel getroffen in die Höhe und packte krampfhaft seinen Arm. »Faustina in Rom?«

»Si! ich habe sie nicht selbst getroffen, aber man hat mir gesagt, daß man sie bei den Versammlungen im Coliseo und auf der Piazza del Populo gesehen, ganz in der alten Weise.«

Der Trasteveriner machte eine Bewegung, als wolle er sein Gewehr zu Boden werfen und fortstürzen, aber die kräftige Hand des Sbirren hielt ihn zurück. »Unsinn, Gianetto, mach' keine dummen Streiche. Wer auf dem Posten steht, darf ihn nicht verlassen, sei er Soldat oder Räuber. Der fremde Principe scheint der Dirne überdrüssig geworden, oder sie des Principe, was bei ihrem launenhaften Charakter noch wahrscheinlicher ist. Wenn sie zurückgekehrt ist, wirst Du sie zeitig genug zu sehen bekommen

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- höre ich von ihr, so will ich Dich's wissen lassen, so wahr ich Kreuzmaier heiße!«

»Ich rechne auf Euch, Signor Sergente, aber ich werde kein Auge schließen, bis ich sie gesehen habe. - Still - man kommt, tretet zurück, Signor, dort in den Schatten der Mauer, und rührt Euch nicht.«

Der Wachtmeister folgte der Anweisung und trat zurück. Von den Ruinen des Circus her kamen zwei Männer, der eine eine Harzfackel tragend, nach dem spitzen Hut und der Bewaffnung ein Kamerad Gianetto's, der andere eine kolossale Figur mit theatralischer Miene und Bewegung, die Kleidung den unteren Ständen Roms angehörend, aber um die Schultern einen weiten rothen Mantel, gleich einer altrömischen Toga, geschlungen, den Stierkopf und das wildkrause Haar anmaßend erhoben und unbedeckt, gleich als erwarte es den Bürgerkranz eines Brutus oder den goldenen Lorbeer der Scipionen. Das Auge war feurig und trotzig, der Ausdruck des Gesichts aber roh und ungeschlacht.

»Hier ist unsre letzte Wache, Signor,« sagte der begleitende Räuber, »und dort die Straße. Sie werden hoffentlich meine weitere Begleitung nicht nöthig haben!«

»Cospetto di bacco - wer würde es wagen, an den ersten Vertheidiger des römischen Volkes Hand zu legen? Ich verachte die Schergen der Tyrannei, aber es würde mir lieb sein, Bürger, wenn Du mir Deine Unterhaltung und das Licht Deiner Fackel noch bis zur Vigna Meroni schenken wolltest. In dem Hause der Winzer dort warten einige Freunde auf mich, denn das römische Volk darf seiner Tribunen nicht beraubt werden.«

Der Bandit lachte. »Wenn Ihr es wünscht, Signor, werde ich Euch begleiten, obschon es keine Gefahr hat. Der Teufel sollte den Burschen holen, der es wagen würde, auf unserm Revier sein Stilet zu zücken.«

»So wirst Du mir wenigstens leuchten, damit mein Fuß sich nicht an diesen Zeugen unserer ehemaligen Herrlichkeit stößt. Da Du gleichfalls ein Vertheidiger der Freiheit bist gegen die Tyrannei, sei es auch nur die des Eigenthums, so freue ich mich Deiner Gesellschaft. Aber ich bitte Dich, laß mir die Waffen zurückgeben, die ich diesem Mann anvertraute.«

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Gianettino holte hinter dem Säulenschaft, auf dem er gesessen, eine alte Reiterpistole und ein langes Schlächtermesser hervor und händigte Beides mit einer spöttischen Verbeugung dem Tribun ein, der sie in die dreifarbige Schärpe steckte, die er um den Leib trug, ohne es zu bemerken, daß die beiden Spitzbuben hinter seinem Rücken Gesichter schnitten und Zeichen des Spottes tauschten. Dann hüllte er sich fester gegen die Nachtluft in seine Toga, grüßte mit einem majestätischen Kopfnicken den Wachtposten und winkte seinem Begleiter, voran zu schreiten.

Die Beiden hatten sich kaum nach der Straße hin in den aufsteigenden Nebeln der Marrana verloren, als der Gensd'arm neben dem ihnen nachschauenden Trasteveriner stand.

»Der Teufel soll mich holen, Gianettino,« sagte er, wenn das nicht der Schlächter, der Ciceruacchio ist, der sich bereits für den König des römischen Pöbels hält und den man nächstens beim Kragen nehmen und in die Verließe der Engelsburg stecken wird.«

»Still, Amico, nehmt Euch in Acht, daß er Euch nicht hört,« entgegnete der Bandit. »Ich bin nicht gewiß, ob er nicht der Mann ist, Euch morgen selbst in die Engelsburg setzen zu lassen und das heilige Conclave dazu!«



Die beiden Personen, denen der Gensd'arm zum Begleiter gedient, waren an der Hand ihres neuen Führers unterdeß vorwärts geschritten. Zwei Mal bemerkte ihnen der Bandit, daß sie einige Stufen hinabzusteigen hätten. Die dumpfere Luft um sie her, der engere Raum, den sie beim zufälligen Ausstrecken der Hand berührten, bewies ihnen, daß sie wahrscheinlich in einem unterirdischen Gange fortschritten. Dann ließ sie ihr Führer eine Anzahl breiter Stufen emporsteigen und öffnete eine Thür. Sie fühlten, daß sie die frische Nachtluft wieder anwehte, und als der Bandit die Tücher von ihren Augen entfernte, erkannten sie in dem Schein eines entfernten Feuers, daß sie sich zwischen den Ruinen hoher Bogengänge und Gewölbe befanden, jetzt nur noch trümmerhafte Rundmauern eines kolossalen Bauwerks, und wenigstens

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der Aeltere von ihnen wußte sogleich, daß sie in den Ruinen-Gängen des Circus Caracalla standen.

Durch die nahe Oeffnung, die in die Arena führte, fiel, wie erwähnt, der Lichtschein eines oder mehrerer Feuer, die sich auf dem ehemaligen Kampfplatz der Gladiatoren und christlicher Märtyrer mit den Bestien der Wildniß befinden mußten. Lustiger Lärmen, der Schellenklang eines Tambourins, der Gesang von Männerstimmen und das Zanken der Spielenden drang in wirrem Durcheinander von dort herüber, ohne daß sie jedoch den Schauplatz dieser Lustigkeit selbst zu sehen vermochten.

Der Bandit bedeutete die Beiden, ruhig hier stehen zu bleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren, während er den Hauptmann von ihrer Anwesenheit benachrichtigen wolle. Aber er blieb für die Ungeduld des jungen Offiziers zu lange aus.

»Es ist auf Ihren Befehl geschehen, Excellenza,« sagte er endlich unruhig, »daß ich meine Waffen aus den Händen gegeben habe, und mir scheint, daß wir uns da in einem hübschen Nest befinden, wo man sie nöthig brauchen könnte. Es kann diesen Gurgelabschneidern jeden Augenblick einfallen, ihr Metier an uns zu versuchen, und wir haben dann Nichts als unsere Hände, um uns zu wehren.«

»Wenn eine solche Absicht gehegt würde, wer hätte diese Leute gehindert, dieselbe in aller Bequemlichkeit auszuführen auf dem Weg hierher?«

»Das ist wahr,« meinte der Andere, »aber einem Soldaten ist nun einmal nicht wohl, wenn er seine Waffe nicht im Bereich der Hand weiß. Hören Euer Em - Euer Excellenz den Gesang? Der Kerl hat einen Baß wie ein Heidelberger Student - und ich glaube gar, er verhöhnt die heilige Religion, denn er brüllt eine lateinische Hymne.«

In der That drangen, von einer gewaltigen einzelnen Baßstimme gesungen, einzelne Worte des berüchtigten lateinischen Trinkliedes herüber, das zu den Ceremonien der sogenannten Saufmesse gehört -


               Bibit ille bibit illa

               Bibit frater cum ancilla -


und dazwischen sprang plötzlich unter dem Gelächter der Zuhörer

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der wüste Gesang in eine jener erhabenen und tief ergreifenden Compositionen ein, die Pergolese und Stradella der nach dem Ewigen sehnenden Menschheit geschenkt haben, und der rohe trunkene Baß wurde zur sonoren schwellenden Männerstimme, zum Herzen dringender als alle Rouladen und Triller der gefeiertsten Primadonna von San Felice oder San Carlo, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen überkam die Versammlung, und das Gelächter hörte auf, die wilden Flüche der Spieler verstummten und das Tambourin rollte seine Schellen nicht länger unter der wirbelnden Hand. - Aber es waren nur wenige Takte - und dann ging dieselbe Stimme in cynischen Dissonanzen in einen politischen Gassenhauer über, wie er damals auf der Piazza del Populo und in den Kneipen der sieben Hügel zum politischen Hohnspott auf das Oberhaupt der katholischen Christenheit und seine Cardinäle gesungen wurde, und dieselbe Meute, die sich so eben noch unwillkürlich unter der melodischen Macht des Hohen und Schönen gebeugt hatte, sie ras'te in tobendem Gelächter und Beifall auf und stimmte brüllend in das Schandlied ein.

»Bei der Madonna - das ist ja ein wahrer Hexen sabbath,« sagte mit finsterm Zusammenziehen der Brauen der Aeltere der beiden Lauschenden. »Aber seht, Signor Riccardo - ich glaube, dort kommt man, uns zu holen. Nochmals - kein unvorsichtiges Wort!«

Aber er hatte sich geirrt, wenigstens zunächst. In der Curve des Rundgangs kam der Schein einer Fackel daher, zwei Männergestalten tauchten in ihm aus dem Dunkel der Trümmer, flüchtig wie Schatten vorüberschreitend - ein spitzer Banditenhut - ein rother Mantel, vielleicht auch nur der Gluthschein der Fackel in den mehr als zweitausendjährigen Trümmern, wie sie in einem entferntem Ausgang verschwanden. Gleich darauf stand der Mann, der sie hierher geführt, an ihrer Seite. »Hierher, Signori. Der Capitano erwartet Euch!«

Wenige Schritte genügten, um aus dem innern Portal der Carceres in die Rotunde, die Arena, zu treten und diese riesige Trümmerwelt mit ihrer seltsamen Belebung zu überschauen.

Der Circus Caracalla ist der einzige von den vier ähnlichen Bauten, die das alte Rom zählte, dessen Ruinen noch in ziemlich

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gutem Zustand bis auf unsere Zeit erhalten sind, so daß wenigstens die Einrichtung des Tummelplatzes der alten circensischen Spiele noch zu erkennen ist. Freilich sind die um das lange Oblongum laufenden steinernen Gallerieen[Galerieen] größtentheils nur noch unbesteigbare Trümmer, und der Boden der Arena, auf dem in der Zeit des Kaiserglanzes die Wagen sieben Mal um die metae5 donnerten, ehe der Sieger den Lorbeerkranz erreichte, ist durch Trümmer und Schmutz zur Höhe der verfallenen Spina emporgewachsen; aber wo hat die Zeit in der gewaltigen Stadt nicht ihr noch gewaltigeres Werk gethan?

Inmitten dieser Zeugen einer mächtigen Vergangenheit lagerte, vom Schein zweier Feuer beleuchtet, die phantastisch bunte und wilde Gruppe, deren lärmende Fröhlichkeit die Beiden schon in dem äußern Rundgang gehört. Es mochten etwa zwanzig Männer sein, theils jung, theils älter, meist von kräftiger Gestalt und dem charakteristischen Typus der Bewohner der Campagna oder der Berge von Olevano, Tivoli und Albano und der wilden Felsennester der Abruzzen, in der so malerischen und seit Salvator Rosa durch ganz Europa bekannten Tracht der Banditen, mit vier oder fünf jungen Frauen und Mädchen zwischen ihnen.

Ueber dem ersten Feuer hing an zusammengestellten Stangen und eiserner Kette ein Kessel, während an dem zweiten zwei braune Burschen damit beschäftigt waren, die Theile eines frisch geschlachteten Hammels auf improvisirtem Rost an den eisernen Ladestöcken ihrer Flinten zu braten. Die Frauen waren bis auf zwei, die mit dem Tambourin in der Hand ihren Partnern gegenüber die Tarantella tanzten, an den Feuern mit der Vertheilung der Mahlzeit beschäftigt, indeß einige ihrer Männer oder Liebhaber das Kugelspiel trieben und andere müßig zwei Morraspieler umstanden oder dem Gesang der Baßstimme lauschten, deren Blasphemie vorhin das Stirnrunzeln des fremden Zuhörers erregt hatte.

Diese Stimme, die mit ungestörtem Eifer ihren Beitrag zur

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allgemeinen Lustigkeit fortsetzte, gehörte einem seltsamen, obschon nicht seltenen Gast in solcher Gesellschaft, einem Mönch von einem der Bettelorden, deren Klöster in und um Rom in ziemlicher Anzahl zu finden sind. Der würdige Frater war eine kurze, dicke, aber äußerst bewegliche Gestalt mit kugelrundem Kopf, lustigem, stark geröthetem Gesicht und einer Stumpfnase, deren Spitze äußerst stark in's Blaue spielte und von einigen kleinen Auswüchsen wundersam verziert wurde. Ein Maulwerk, das fast das Gesicht in zwei Hälften spaltete und zwei weiße Zahnreihen zeigte, kräftig genug, um allenfalls einen Knochen zu zermalmen, schien in der That mehr geeignet, einen Rinderbraten oder eine tüchtige Schüssel in Oel gebackener Fastenfische zu verschlingen, als eine Mette zu singen, und doch waren aus eben diesem ungeschlachten Mund noch vor wenigen Augenblicken die herrlichen Töne gedrungen, welche das liederliche Sauflied variirt hatten. Es lag etwas überaus Drolliges neben aller der Gefräßigkeit, Unverschämtheit und Lüsternheit in dem Gesicht des Bettelpfaffen und das Zwickern der kleinen Augen, wie er, seinen Gesang unterbrechend, einem der beiden mit dem Braten beschäftigten Männer eine Anweisung gab, ihn recht saftig zu erhalten, während er zugleich aus dem unter seiner speziellen Obhut neben ihm auf dem Mauerrest liegenden Ziegenschlauch den rothen Wein von Gensano in seinen großen Hornbecher füllte, war so lustig und komisch, daß er gewiß selbst seinen Pater Prior in der Strafrede unterbrochen hätte, die er ihm gehalten haben würde, wenn er das anvertraute Schaf seiner Heerde in solcher Umgebung und Beschäftigung gefunden.

Auf der andern Seite des Mönchs, gleichsam dem Weinschlauch die Waage haltend, lag der magere Bettelsack des Zaunpfaffen und ein Stock aus zähem Holz, der wie ein Ei dem andern, einem tüchtigen Shillelah glich, wie ihn die Kinder des grünen Erin zum Vergnügen ihrer eigenen und anderer Leute Köpfe zu führen pflegen.

Und in der That war, wie Jeder leicht erkannt hätte, der ein Mal mit der edlen und höchst merkwürdigen Nation der Hibernier in Berührung gekommen, der ehrwürdige Bruder Pankraz O'Leary, der Abkürzung halber und wegen seiner musikalischen

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Talente von seinen künstlerischen Freunden und Zechkameraden gewöhnlich Fra Pan genannt, wirklich ein Sohn der glückseligen grünen Insel, die unter dem humanen Scepter der englischen Union ihre Kinder nach allen Welttheilen entsendet, wenn sie nicht etwa vorziehen, im eigenen Lande wegen des patriotischen Vergnügens des Todtschlags eines Gutstyrannen gehangen zu werden. Irgend ein reisender Prälat oder Delegat war während seines Aufenthalts im >Westen< durch einen voreiligen oder gutmüthigen Pfarrer auf die wundervolle Stimme des Knaben aufmerksam gemacht worden und hatte ihn, bei den neun Kindern seines Vaters eine höchst abkömmliche Person bei dessen Kartoffelmahlzeiten, mit sich nach Rom genommen, um ihn für das berühmte Chor der Sixtinischen Kapelle ausbilden und im Collegio Inglese dem geistlichen Stande widmen zu lassen. Der Bursche hatte wirklich auch Aufmerksamkeit mit seiner Stimme erregt, und es in der That bis zu den ersten Weihen gebracht; mit den Jahren der Mannbarkeit aber waren seine sehr unkirchlichen Instinkte und Neigungen der Art gewachsen, daß nach vergeblicher Anwendung aller Mittel der Zucht den Vorstehern des Kollegiums endlich Nichts übrig geblieben war, als ihn auf gerade nicht sehr ehrenvolle Weise aus diesem zu entfernen, das heißt einfach, fortzujagen! Zu faul und liederlich, um sich durch einen arbeitsamen Erwerb seinen Unterhalt zu sichern, zu sehr bereits an den angenehmen Wein der italienischen Berge und das fettgebackene Fritto gewöhnt, um dagegen den Kartoffelschnaps und die Erdäpfel der Heimath aufzusuchen, blieb Pancraz in Rom, und kam durch die Protection einiger Freunde und durch die Speculation des geizigen Priors auf seine trotz der Wandlung noch immer schöne Stimme in eines der Franciscaner Bettelklöster, wo er nach verschiedenen Kämpfen mit den Regeln des Ordens endlich das allen seinen Neigungen entsprechende Amt eines Terminirers oder Almosensammlers erhielt. Bruder Pan war in gewissen Schichten der Bevölkerung von Rom eine sehr bekannte und beliebte Person, und von der berühmten Kneipe des Gensano-Weins im Theater des Marcell bis zu der gemeinsten Osterie von Trastevere, in den Ateliers der Künstler, wie in den Höhlen der Laster heimisch und willkommen. Der Geiz seines Priors, wenn er auch genöthigt

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war, zuweilen mit einer ernsten Pönitenz gegen den Bruder Liederlich einzuschreiten, sah ihm doch mehr als jedem Andern nach und gewahrte ihm eine höchst unkirchliche Freiheit. Denn Frater Pancraz wurde nicht nur wie ein Packgaul an Kirchen und Prozessionen für kirchliche Feierlichkeiten mit seiner wundervollen Baßstimme vermiethet, und wußte gar oft mit oder ohne Erlaubniß bei Gesangfesten oder leichtfertigen einer Schönen gebrachten Ständchen mitzuwirken, sondern war auch als Sammler eine der ersten Erwerbsquellen des Klosters. Denn wenn er auch sicher die Hälfte aller der reichlichen Gaben, die er mit seiner Originalität und Beliebtheit zu erhalten oder zu erpressen verstand, zu seinem eigenen Vortheil stahl und veruntreute, so war er doch schlau genug, um stets von seinen Bettelgängen mehr nach Hause zu bringen, als irgend ein anderer Terminirer, und manch' hübsches von seinen Freunden, den Künstlern, ihm geschenktes Bild, manche leichtfertig verschleuderte Seltenheit wanderte durch ihn in den Klosterschatz und aus diesem für schweres Geld in die Hände der Fremden.

Der Kreis, in dem man ihn hier fand, bewies zur Genüge, daß er auch dieser Gesellschaft nicht fremd war, und in der That hatte Paddy's Vorliebe für's Vagabondiren ihn schon oft in die Schlupfwinkel der Gesetzlosen gebracht, heute noch dazu ihn aber ein besonderer Auftrag hergeführt.

Der Mönch saß, das schmierige Gewand aufgeschürzt, so daß sein muskulöses nacktes Bein vom Knie ab sichtbar wurde, in der oben bezeichneten Beschäftigung auf seinem Mauersturz, während zwei andere Männer unsern von ihm mit einander sprachen.

Der dem Feuerschein Zugewandte war ein Mann von untersetzter Gestalt, dem Greisenalter mindestens nahe, mit weißem buschigen Bart und gleichen dichten überhängenden Brauen, die bei der fast bronceartigen, aber überaus kräftigen und gesunden Färbung des Gesichts und den funkelnden schwarzen Augen ihm fast das Aussehn eines Tigers gaben. Er lehnte während des Gesprächs auf seiner Büchse und schaute so zu der hohen stattlichen Gestalt des Andern auf, der zu ihm sprach. Dieser Mann, wie die schwarze Halbmaske von Sammet und der kurze aus

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seinem Hut bis über das Kinn herabfallende Schleier bewies, war der Mascherato, - Ruggiero, der gefürchtetste Bandit der Campagna.

Die beiden Männer waren fast gleich gekleidet, der spitze, mit Goldschnüren und bunten Bändern umwundene Hut, die schwarze Sammetjacke mit den Silberknöpfen und die rothe Weste mit dem Ketten- und Uhrenbehang; Dolch und Pistolen im Gürtel, und das Bein mit der vor Dornen und Gestrüpp schützenden Gamasche bis zum Knie herauf umbunden.

Dennoch war schon auf den flüchtigsten Blick ein auffallender Unterschied in ihrer Erscheinung. Die Gestalt des Alten war plump und derb, kräftig, aber von rohen Formen und rauhen Geberden, während über die hohe und schlanke Figur des Andern eine Art wilde Eleganz und Noblesse ausgegossen war und jede seiner Bewegungen die Ruhe einer gewissen aristokratischen Nonchalance zeigte.

Die Hand, die er zuweilen zu dem Schleier hob, um eine lange spanische Cigarre aus den Lippen zu entfernen, wenn er sprach, war mit seinen wildledernen Handschuhen bekleidet. -


               Im Vatikan und Quirinal

               regiert der rothe Cardinal -

               Und Pater Vaures ...


Gott verdamm' Deine schuftigen Augen, Du Lump von 'nem Koch, daß Du die Rippe dort anbrennen läßt, ich kann's bis hierher riechen! O Jäsus - ich wette zwanzig Bajocchi, daß der Bursche zehn Mal aufmerksamer mit ihr umgehen würde, wenn's eine Weiberrippe wär', an der irgend ein Stück lebendiges Dirnenfleisch hängt, statt einer saftigen Hammelniere. Schuftiges Gesindel, schuftiges Gesindel, zu schlecht für's Fegefeuer, Signor Mascherato, was Ihr da habt! Ich entzieh' Euch meinen geistlichen Beistand und geh' unter die Demokraten!« Und der halbtrunkene Bruder begann mit einer Stentorstimme Sterbini's neue Marsellaise:


       Scuoti, o Roma, la polvere indegna!


»Still, Mönch, hier kommen Fremde,« sagte der Hauptmann. »Mache wenigstens der Kirche keine Schande in unserer

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achtbaren Gesellschaft, sie steht ohnehin schon auf genug wackeligen Füßen.«

Fra Pan hatte den Becher gelehrt, neigte den Kopf auf die Schulter und schielte von der Seite herüber nach den Beiden, die mit dem Banditen sich näherten, wobei der Kleinere und Aeltere jedoch eine gewisse Sorge trug, sich entfernt von dem Licht der Flammen zu halten.

»Bei Sanct Patrik, Mascherato, Du hast heute viel Besuch, und ich fürchte, daß es unseren Geschäften Eintrag thun wird!«

»Sei unbekümmert, Fra Pan,« sagte der Räuber, »und sorge für unsern Braten; Gasparino wird Deine Herzogin nicht versäumen.« Er winkte seinem grauen Lieutenant, zurückzubleiben, und trat den Fremden entgegen. »Hierher, Signori, wenn es Ihnen gefällig ist.« Er winkte ihnen etwas entfernt von der Gruppe, indeß der Bandit, ihr bisheriger Führer, stehen blieb. »Man hat mich benachrichtigt, daß Sie mich zu sprechen wünschten und freies Geleit von mir gefordert. Ich hoffe, daß Sie unterwegs nicht mehr belästigt worden sind, als für unsre Sicherheit nothwendig ist.«

Seine Haltung bei diesem Empfang war ruhig und leicht, und hatte fast den Anstrich des Empfangs eines Besuches in einem Salon, seine Sprache war die eines gebildeten Mannes. Der Schleier von seinem Hut ließ den scharfen Blick nicht erkennen, mit dem er sie musterte, während er zugleich alle ihre eigenen Prüfungen vereitelte.

»Ich wünschte, Monsignore Rignano6 hielte die Armee seiner Heiligkeit in so guter Ordnung, wie Sie die Ihrige. Ich und meine Begleiter sind mit aller Höflichkeit behandelt worden.«

Der Bandit verneigte sich höflich für das Kompliment. Mit einer fast unmerklichen Bewegung hatte er seine Stellung verändert und wie absichtslos die Vorsicht seines Besuches vereitelt, indem er das Licht des entfernten Feuers auf diesen fallen ließ. Der Fremde hüllte sich noch fester in seinen Mantel und verbarg das Gesicht unter dem Kragen - der Offizier achtete jedoch nicht darauf und betrachtete mit steigendem Interesse den Räuber, von

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dem in den Kaffeehäusern Roms so manches interessante Abenteuer circulirte.

»Darf ich fragen, was die Signori zu mir führt?« Sie sind der Mann, den das Volk mit dem Namen Ruggiero der Mascherato bezeichnet?«

»Ich habe die Ehre, Euer Excellenz die Versicherung zu geben, und wenn Sie wünschen, können dort zwanzig meiner Leute sie wiederholen. Auch ein Herr Ihres eigenen Standes, denn so viel ich bemerken kann, habe ich die Ehre, mit einem Geistlichen zu sprechen?«

»Bemühen Sie sie nicht, Signor,« sagte hastig der Fremde, »am wenigsten jenen Mönch, der, wenn er wirklich sein Gewand mit Recht trägt, mir eine Schande für dasselbe zu sein scheint.«

»Der arme Bruder Pan! Ich versichere, Signor, er ist nicht so schlimm, wie er aussieht, und nur durch sein gutes Gemüth in unsre Gesellschaft gerathen, die des geistlichen Zuspruchs zuweilen bedarf. Aber erlauben Sie mir, zu unserm Geschäft zu kommen.«

»Ich bin nur ein armer Vicar,« sagte der Fremde, »aber mit einigem Vertrauen meiner Vorgesetzten und einiger angesehenen Leute beehrt. Von einer solchen Person habe ich einen Auftrag an Sie auszurichten, und wünsche, Sie ganz allein und unbelauscht zu sprechen.«

»Und dieser Herr?«

»Ich bin, wie gesagt, ein unbedeutender, furchtsamer Geistlicher, dieser Herr ist einer meiner Freunde und hat die Güte gehabt, zu meinem Schutz mich zu begleiten.«

»Ich wiederhole Ihnen, Signor - Niemand würde gewagt haben, Ihnen bei dem Namen des Mascherato ein Haar zu krümmen. Aber ich weiß nicht, ob die Unterhaltung, die ich unterdeß diesem Herrn allein zu bieten vermag, ihm genehm sein dürfte!«

»O, Signor Capitano,« sagte der junge Soldat lachend, »wenn Sie mich in die interessante Gesellschaft dort am Feuer einführen wollen, werde ich Ihnen sehr verbunden sein.«

»Corpo di Bacco! ich sehe, Sie sind ein Mann von Muth und Geschmack, Signor, so kommen Sie denn!«

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Er ging dem jungen Offizier voran und führte ihn zu dem nächsten Feuer. »Fra Pan,« sagte er spöttisch, »ich bringe Euch einen Gesellschafter. Ein Mönch und ein Soldat, wie der Signor zu sein scheint, sind so seltene und vornehme Gäste bei uns, daß wir sie mit einander bekannt machen müssen. Macht den Wirth, Bruder Pan, und thut Euer Bestes, und Ihr, Signori - achtet die Gastfreundschaft!«

»Miraculum! Miraculum!« schrie der Mönch. »Ein bordirter Mann unter den Wegelagerern und Galgenvögeln! Kommt hierher, Freund, und setzt Euch an meine Seite. Vielleicht habt Ihr Stimme, um einen Chorus zu singen zu Ehren irgend einer todten oder lebendigen Heiligen, oder es gefällt Eurer Herrlichkeit ein Spiel um hundert Dukaten mit dem achtbaren und ehrwürdigen Bruder Pankratius zu machen, der so arm ist wie eine Kirchenmaus in der Sanct Dunstan-Kavelle, bis der Braten fertig ist. Nehmt diesen Becher, junger Mensch, nehmt diesen Becher, er ist für Nebel und Feuchtigkeit gut - Similia similibus! und sagt mir, wir Ihr heißt!«

»Richard Stämpfli von Stauffenbach, würdiger Pater, wenn Ihr's zu wissen wünscht,« sagte lachend der Offizier, indem er sich neben ihn setzte.

»Eheu! Ein teufelmäßiger Name für eine italienische Gurgel, um ihn hinunter zu würgen. Aber zum Glück seid Ihr an einen Mann gekommen, der ehrliches Blut und eine bessere Zunge hat, als das miauende, zischende und schnatternde Gesindel in diesem Lande. Seid willkommen, Signor Riccardo, und der heilige Patrik selber, vor dem all' dieses Lumpenpack von welschen Heiligen sich verkrieche muß, soll mich vier Wochen auf Tiberwasser setzen, wenn wir uns heute nicht amüsiren wollen!«

Der Banditenhauptmann hatte auf eine der kostbaren Uhren gesehen, die auf seinen Brustlatz hingen, und seinem Lieutenant gewinkt, der mit ziemlich unfreundlichen Blicken die Soldaten-Uniform des Gastes betrachtete. »Es ist Zeit, Alter, daß Du aufbrichst. Nimm den Gasparino mit Dir und laß einen andern Mann auf dem Posten, er ist weniger rauh als die Anderen und Dein eigenes die Kinder erschreckendes Gesicht, und mag die vornehme

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Dame in ihr Gefängniß bringen. Aber keine Gewaltthat, Gasparo - bei meinem Zorn!«

»Wenn sie uns nicht zwingen,« murmelte der Alte. »Der Henker hole all' die Besorgniß um ein Bischen Blut, die Bursche könnten meinen, Ihr wäret eine zimperliche Dirne, wenn sie Euch nicht im Kampf mit den Sbirren im Albaner Gebirge gesehen hätten.«

Er winkte einigen der Männer am Feuer und verschwand mit ihnen in den Schatten der Trümmer. Der Mascherato kehrte zu dem harrenden Vicar zurück.

»Wenn Ihr nicht schwindelig seid, ehrwürdiger Herr,« sagte er, »so will ich Euch an einen Platz führen, wo Nichts als die Sterne über uns und der Wind, der durch die Trümmer streift, unsere Worte hören können.«

»Geht voran, Signor, ich werde mich bemühen, Euch zu folgen!«

Der Räuber umging die Ruinen der Spina und die im Wege liegenden Trümmer wie ein Mann, dem hier jeder Tritt wohl bekannt war und näherte sich an der entgegengesetzten Seite des Oblongums den Ruinen der Gallerieen[Galerieen], die einst drei Stockwerk hoch in umlaufenden breiten Marmorstufen emporgestiegen waren. Zum größten Theil waren dieselben jetzt ausgebrochen und verfallen, an der Stelle aber, wo der Bandit mit dem Geistlichen sich ihnen näherte, stiegen sie noch, gleich den Sitzen des Coliseums und der so wohl erhaltenen Ruinen der Amphitheater von Verona und Pola in stolzem gigantischen Bau zu dem Nacht-Himmel empor, und furchtlos betrat sie der Mascherato und stieg auf ihnen langsam empor.

Der Vicar folgte ihm mit Vorsicht und nicht ohne Besorgniß, die erst vor der Sicherheit seines Führers wich.

Sie standen jetzt auf der obersten Stufe, und der Vicar, ungewohnt der Anstrengung und schwindelnd in dieser gleich einer vereinzelten Spitze emporragenden Höhe, während die tragenden Pfeiler und Mauern sich in den Schatten der Nacht und ihrer selbst verloren, holte keuchend Athem und blickte ängstlich umher und nach der verlassenen Arena, auf der die Feuer der Banditen

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und die dunkelen Gestalten umher ein eigenthümliches phantastisches, fast dämonenhaftes Gemälde boten.

Der Mascherato lehnte sorglos an den bröckelnden Trümmern der Rundmauer, die einst das dritte von Balken gebildete Stockwerk der Gallerieen[Galerieen] gebildet hatte. Sein Auge schweifte bald nach dem glänzenden Sternenhimmel hinauf, bald über diese Welt von Trümmern und gigantischen Erinnerungen um ihn her.

Und in der That war die Stelle und dieser Anblick wohl geeignet, die Seele in die Vergänglichkeit irdischer Größe zu versenken.

Das clair obscur des italienischen Nachthimmels ließ diese dunkelen Massen gleich Gespenstern aus dem am Boden wallenden Miasma der Niederungen zu schwebenden festen Formen emportauchen und trug den Blick weit hinüber über die mächtige Gräberstadt.

Durch den Nebel zieht sich der weiße Kalkstreif der Appischen Straße und verliert sich zwischen den Hügeln und Weinbergen. Die dunkele Masse der Kirche San Sebastiano mit den Eingängen der berühmten Gräberstadt der Tiefe unter der vom sonnigen Himmel überspannten: der Katakomben - taucht zur linken Seite empor, weiter hinab das Castell Gaetani, und zwischen beiden hebt sich die finstere Rotunde, die, als Zeichen der treuen Gattenliebe des Triumvir Cassius, den Namen der Familie der Meteller aus dem plebejischen Geschlecht der Cäcilier verbreiteter auf die Nachwelt getragen hat, als die Thaten des Consuls im Punischen Kriege, die Rettung des Palladiums aus dem brennenden Tempel der Vesta durch den Pontifex Maximus und die Siege der Gefährten Sulla's und des Pompejus! - Dort zur Rechten verschwindet in den Nebeln der Marrana Caffarella der Felsenabhang mit der Grotte der Nymphe, von der der zweite König des alten Roms seine Weisheit holte. Nach Norden hin taucht undeutlich am Horizont die Stadt der Erinnerungen und der Gegenwart empor - zwei Mal die mächtige Beherrscherin der Welt mit dem Schwert des Soldaten und dem Krummstab des Priesters - links in den Dünsten des Flusses der Aventin, wo Servius Tullius der Diana, Camillus der königlichen Juno und der Gracche der Freiheit ihre Tempel bauten. Ueber das

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Thal des Circus maximus und die Erinnerungen des Augustus, die Tempel der plebejischen Ceres und des Herkules, trägt die Phantasie das Auge - freundlicher als der Sternenschein - zu den Ruinen der Kaiserpaläste des Palatin und des Cälio, dem uralten Heiligthum der Victoria und dem glänzenden Tempel des Apolls, bis es rechts an dem Bollwerk des neuen Roms Sanct Johan vom Lateran in träumerischem Sinnen haftet.

Vergangen - vergangen - Staub geworden, - ob die Quadern gigantischer Baue - ob der Leib von Helden - die Stimme der Weisen und Heiligen - Staub - alles Staub! -

»Ich habe einen besondern Auftrag an Sie, Capitano Ruggiero,« sagte der Vicar. »Das Collegium der Polizei hat stets eine gewisse Nachsicht gegen Sie geübt, da Sie wenigstens eine Art von Zucht unter den gesetzlosen Männern aufrecht halten, die Sie befehligen, und unnütze Grausamkeiten nicht zu lieben scheinen. Man erkennt an, daß seit Ihrem Erscheinen in der Campagna die schlimmen Thaten der einzelnen Banditen abgenommen, und wenn die Regierung und die heilige Kirche auch Ihr gesetzwidriges Treiben verdammen und verfolgen muß, so ist sie in anderer Art doch bereit, eine gewisse Nachsicht zu üben, wenn sie versichert sein kann, daß Sie ihr gegen jene Umsturzpartei dienen wollen, die gegenwärtig jeden Glauben an Religion und die Obrigkeit dem Volke zu nehmen sucht und am Heiligsten frevelt.«

Der Vicar schwieg einen Augenblick, gleich als erwarte er eine Antwort, aber der Bandit rührte sich nicht - sein Geist schien mit etwas ganz Anderm beschäftigt, als mit dem Pardon der Consulta.

»Man hat in voriger Woche einen Einbruch in das Kloster der barmherzigen Schwestern am Esquilin und den Raub einer Nonne versucht,« fuhr der Priester fort, »der nur durch die zufällige Dazwischenkunft desselben Offiziers, der dort unten bei Ihren Leuten zurückgeblieben ist, verhindert wurde. Das Gerücht sagt, daß die verwegene That von Mitgliedern der Bande Ruggiero's des Mascherato verübt worden. Monsignore der Polizeiminister ist bereit, den Kirchenfrevel zu vergessen und alle weitere Verfolgungen deshalb einzustellen.«

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Der Capitano wandte sich rasch nach ihm um.

» Andiamo!« sagte er spöttisch, »was kümmert mich die Polizei? - Sie kann nicht einmal hindern, daß das Volk seine Spottverse an die Mauern des Quirinal schlägt und will einen Unsichtbaren bedrohen? - Aber sagten Sie nicht, ehrwürdiger Herr, daß jener junge Schweizer-Offizier der Mann war, der am Freitag die Nonne befreite und zwei meiner besten Männer erschoß?«

»So ist es, Capitano - der Signor ist ein Neffe des Premierministers!«

»Per Dio! Dann ist er ein Tapferer - ich selbst sah es hinter den Säulen der Kirche her mit an, wie er mit den Burschen umsprang und sich vertheidigte, bis ihm Hilfe kam! Er soll zum Lohn für seinen Muth das Leben seines Oheims haben!«

»Des Grafen Rossi? - es gehen allerdings Gerüchte - «

»Später, ehrwürdiger Herr! fahren Sie fort - ich weiß noch immer nicht, was die Regierung Seiner Heiligkeit eigentlich von uns armen Geächteten verlangt!«

»Sie stehen offenbar weit über der Bildung Ihrer Gefährten, Capitano,« fuhr der Priester fort, »und ich muß daher anders zu Ihnen zu sprechen, als zu einem gewöhnlichen Mann Ihres Standes. Sie können einer Person einen Dienst erweisen, die wohl geeignet ist, mit ihrem Schutz zu vergelten. Außerdem ... «

»Ebbene! Außerdem ... «

»Bin ich beauftragt, Ihnen zweihundert Scudi für die Vollführung des Auftrags anzubieten!«

»Lassen Sie hören, ehrwürdiger Vater!«

»Diese Nacht, in der ersten Morgendämmerung, wird eine mit vier Pferden bespannte Extrapost auf dem Wege von Albano nach Rom die Appische Straße passtren.«

»Si!«

»Der Wagen ist nicht zu verkennen - ein geschlossener englischer Reisewagen, - im Innern nur eine Dame und ihr Gemahl, - ein gebrechlicher ängstlicher Greis - im Hintercoupé nur ein Diener und die Cameriera, keinerlei Gefahr oder Widerstand zu besorgen.«

Der Verlarvte ließ ein spöttisches Lachen hören.

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»Es handelt sich darum, den Wagen anzuhalten. In dem Kasten des Fondsitzes befindet sich die Kassette der Reisenden.«

»Diavolo, sollen wir sie vielleicht für einen Dritten stehlen?«

»Machen Sie damit, was Sie wollen, das ist Ihre Sache und fällt auf Ihr Gewissen. Der Person, in deren Auftrag ich mich hierher gewagt, kommt es nicht auf die Kassette an, sondern auf ein Portefeuille von braunem englischen Leder mit vergoldetem Schloß, das sich in demselben Kasten mit der Kassette befindet! Für die Wegnahme und Aushändigung dieses Portefeuilles bin ich beauftragt, zweihundert Scudi zu zahlen!«

»Oh! - es können Banknoten darin sein vom zwanzigfachen Werth!«

»Ich schwöre Ihnen,« sagte der Priester hastig, - »es ist Nichts darin, als Papiere, die nur für die Person, die mich schickt, Werth haben. Die Form des Portefeuilles schon wird Sie von dem Inhalt überzeugen. Außerdem verpflichte ich mich, es in Gegenwart der Person, die es mir zustellt, zu öffnen.«

»Es versteht sich, daß den Personen selbst kein Leid widerfährt. So nehmen Sie den Auftrag an?«

Der Capitano war in seine frühere legere Stellung zurückgefallen. »Cospetto - ich denke wohl! - Es herrscht nur ein kleiner Irrthum Ihrerseits dabei, hochwürdiger Herr!«

»Wie so?«

»Die Frau Herzogin von Ricasoli wird nicht mit der Morgendämmerung, sondern in spätestens einer Stunde, vielleicht schon früher, die Straße passiren.«

»Wie, Capitano - Sie wissen - «

»Wer sollte die schöne Nichte Seiner Heiligkeit nicht kennen? Aber beruhigen Sie sich, ehrwürdiger Herr, - ich hatte bereits einen Auftrag in Beziehung der Frau Herzogin, ehe Sie mich mit dem Ihren beehrten. Der Bote sitzt noch dort unten in der Arena, Sie haben ihn selbst gesehen.«

»Aber was kann die Absicht sein - sollte man gleichfalls - « Der Vicar schien, trotz seiner bisherigen Ruhe und Sicherheit, besorgt und aufgeregt über die Nachricht.

»Ich wiederhole Euer Hochwürden,« sagte gelassen der Bandit,

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»Nichts, was mit Ihrem Auftrag collidirt - vielleicht irgend ein eifersüchtiger Liebhaber, der die Dame in unseren Händen einige Tage aufgehoben wünscht, bis sie sich seinen Wünschen fügt!«

Der Geistliche that einen tiefen Athemzug, als sei er von einer großen Last befreit.

»Optime! - das wäre vortrefflich!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Aber, Capitano - die Herzogin von Ricasoli verschwindet nicht wie ein Milchmädchen der Campagna spurlos vor den Thoren Roms! Der heilige Vater wird die strengsten Nachforschungen befehlen und man wird sie anstellen müssen!«

Der Räuber wies hinüber nach der dunklen Masse der Kirche San Sebastiano.

»Sie wissen, was sich dort befindet.«

»Die Eingänge der Katakomben?«

Der Mascherato nickte.

»Aber es sind Wächter dort!?«

»Ich sehe, Sie kennen die römischen Katakomben nicht, ehrwürdiger Herr. Sie bieten hundert Ausgänge und Schlupfwinkel, um eine Armee darin spurlos verschwinden zu lassen. Wie wäre es sonst möglich,« fügte er spöttisch hinzu, »einer so ausgezeichneten Polizei, wie die römische, so lange zu entgehen? - Aber ich hoffe, Ihre Hoheit nicht lange ihren Bewunderern entziehen zu müssen. Ihr Auftrag macht es nöthig, in meinen Befehlen einige Aenderungen zu treffen. - Sie müssen entschuldigen, daß ich unser Gespräch unterbreche.«

Er setzte eine kleine silberne Pfeife an den Mund und ließ einen hellen schrillen Pfiff ertönen.

»In dieser Börse,« sagte der Vicar, sie ihm hinreichend, »befinden sich hundert Scudi. Den Rest zahle ich dem Ueberbringer des Portefeuilles.«

Der Bandit zuckte unwillkürlich mit einer Geberde aristokratischen Widerwillens vor der Berührung des Geldes zurück. Die Börse fiel mit ihrem Goldklang zur Erde, ohne daß er sich bückte, sie aufzuheben. »Sie haben es eilig, eine Seele zu kaufen, ehrwürdiger Herr!« sagte er mit leichtem Hohn. »Nimm das Geld hier auf und gieb es Gasparo! - Höre!« Der Befehl

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galt einem der beiden Burschen, die vorhin am Feuer des Mönches sich mit dem Braten des Hammels beschäftigt hatten, und der auf das Signal eilig die Stufen des Amphitheaters heraufgesprungen kam. Er ertheilte, einige Schritte entfernt, diesem mit leiser Stimme einige Anweisungen. »Was ist das für ein Lärmen da unten am Feuer?«

»0 Dio! Capitano - der tolle Mönch behauptet, er habe den Salvator nicht im Spiel betrogen und hat ihn zum Ring- oder Faustkampf herausgefordert. Er macht einen Lärmen für Zehn!«

»Ich wünschte, es klopfte ihm Jemand einmal den verwünschten Schädel ein, damit er Frieden hält. Der Pfaffe ist der ärgste Raufbold auf zwanzig Miglien in der Runde. Fort mit Dir und bringe Gasparino meine Befehle!«

Der Bandit sprang davon - der Mascherato kehrte zu dem Priester zurück.

»Die Sache ist abgethan! - Sie werden das Portefeuille für Ihren Auftraggeber erhalten, ehrwürdiger Herr, wenn es sich überhaupt in dem Wagen der Herzogin befindet.«

»Wir sind dessen gewiß! - Sie läßt es nicht von sich - außerdem hätte man Ihrer Hilfe nicht bedurft!«

»Dann bleibt uns nur zu besprechen, wann und wo Sie es in Empfang nehmen wollen. Wollen Sie bei uns verweilen, bis das Geschäft beendet ist?«

»Nein, Capitano - meine Anwesenheit in Rom ist erforderlich, ich muß dem Mann, in dessen Auftrag ich komme, Bericht erstatten von dem Erfolge meiner Sendung. Ueberdies - habe ich das Geld nicht bei mir!«

»Das ist etwas Anderes,« sagte nach einer Pause der Bandit. »Ich darf die Interessen meiner Leute nicht vernachlässigen. Es ist jetzt zehn Uhr. Um Mitternacht werde ich oder mein Bote Sie mit dem Portefeuille an der nördlichen Pforte der Kirche der heiligen Apostel auf der Piazza della Pilotta erwarten. Besitzen Sie persönlichen Muth?«

»Ich glaube, denselben bewiesen zu haben, indem ich zu dem Mascherato gekommen bin.«

»Bene! - Dann können Sie vielleicht ein Unglück verhüten. Es ist mein Grundsatz, mich nicht in die politischen

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Parteiungen zu mengen, die gegenwärtig dieses Land wieder zerreißen. Aber ich erfahre viel - die Führer des Tages von jeder Partei glauben, daß der Mascherato das willige Werkzeug ihrer Pläne sein werde. Man täuscht sich. Ich liebe das Abenteuer, den Kampf und die Gefahr - aber ich bin kein venetianischer Bravo, der sein Stilet zollweise verkauft!«

»Was meinen Sie damit, Capitano?« fragte aufmerksamer der Priester.

Der Bandit hatte wieder eine vorige Stellung an dem Gemäuer eingenommen - seine von dem Schleier verhüllten Augen schweiften sinnend über die nächtliche Scene - er begann offenbar in die früheren Träumereien zu versinken, zu der die Umgebung dieser Trümmerwelt so unwillkürlich verlockt.

»Sie sind ein Priester und ein Gelehrter - ich bin nur ein armer Bandit, der mit den Reichen und ihren Gesetzen kämpft. Sagen Sie mir, ehrwürdiger Vater, glauben Sie, daß die Todten, die einst diese Welt von Tempeln und Palästen bevölkert, sie ganz verlassen haben, oder daß sie aus ihren Gräbern aufsteigen und zuweilen zu den Stätten zurückkehren, die Zeuge waren ihrer Thaten?«

»Das sind unchristliche Gedanken, mein Sohn,« sagte salbungsvoll, aber ziemlich ungeduldig, der Geistliche. »Jene Personen waren finstere Heiden, und das Einzige, was von ihrer Verdammniß übrig geblieben, ist Staub. Aber sagen Sie mir ... «

»Und dennoch,« unterbrach ihn träumend der Bandit, »schon oft, wenn ich an dieser Stelle gestanden, glaubte ich jene Tempel und Paläste in ihrer Marmorpracht aus den Ruinen sich neu erheben zu sehen, ich schaute die Menge sich drängen auf diesen Stufen - die Carceres öffneten ihre Thore auf das Zeichen des Cäsars, und aus dem Oppidum donnerten die Wagen im wüthenden Lauf durch die Arena. Dort auf dem Pulvinar - wo der feiste Mönch jetzt mit den Nachkommen der Fabier und Cacilier sich balgt - sitzt der Sieger Britanniens, der blutgeborene Marseiller.7 Um die Metae fliegt der Wagen seines Bruders zum Ziel, und das Volk von Rom jubelt dem geliebten

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Sohne des Sever Victoria. Da rollte der Grimmige die Augen - da stürzen seine Prätorianer herbei, vergebens wirft sich Julia Domna, die eigene Mutter, vor den bedrohten Liebling, an ihr vorbei tauchen die Mörder den Stahl in den jugendlichen Leib, und der Purpur des Bluts bedeckt Geta statt des Purpurs des Imperators.«

»Das sind Träume, die aus bösem Blut kommen, Capitano, Beten und Fasten und Gaben an die heilige Kirche - «

»In den üppigen Thermen weilt der Sieger der Dacier und der Germanen. Dort hinüber nach der Porta Capena sehen Sie die dunkelen Trümmer vor dem Cölio - Wächter ringsum um die Stätte schwelgender Wollust! In die weichen Wollen von Tyrus ist der rauhe Leib der Feldlager gehüllt, mit den duftenden Oelen Indiens salben schöne Knaben seine Glieder. Horch - da vom Esquilin her, aus dem Tempel der Vesta, wohin die Christenjungfrauen sich geflüchtet, schleppen seine Diener sie hierher - vergebens der Anruf ihres Gottes - andere Götter hausen in diesen Räumen, zürnend der neuen Zeit! Mit finsterer Stirn blickt der blitzschleudernde Jupiter auf die Abtrünnigen, und der Venus vulgivaga schwellende Lippe ladet zur alten Herrschaft der Freude. An ihrem Bild winden sich die jungfräulichen Leiber in den Armen der rohen Prätorianer, die Lüste des Kaisers und seiner Getreuen befriedigend, ehe sie den Bestien des Circus vorgeworfen werden, und die wilde Göttin der Lust streckt den Schwanenarm über Hütten und Paläste, zum Gorgonenantlitz werden die reizenden Züge, Schlangen winden sich statt der Locken, und durch die Lüfte der Myrthen und Orangenhaine schwellt ihr Wort: Mir gehört die Welt und nicht dem kalten neuen Gott. Lebend zu genießen und im Genießen sterben ist die Seligkeit, nicht im Entsagen und Hoffen.«

»Das ist Frevel gegen die heiligen Lehren der Kirche, Signor,« sagte der Priester streng. »Gehe zur Beichte, mein Sohn, und thue Buße, daß die bösen Geister Dich nicht verschlingen.«

»So geben Sie zu, daß die alten Herrscher dieser Trümmer noch um sie schweben, daß die Götter und Helden der Vorzeit mit Geisterfinger klopfen an die Pforten der neuen Zeit? - O - nicht für mich, ich bin gewaffnet und kalt, wenn

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ich auch träume, und liebe die lustige helle Wirklichkeit. -Aber für jene träumerischen Herzen und erregten Gemüther, deren Nerven zum Zerplatzen gespannt sind, hat der Gedanke Gefahr!«

Der Vicar hatte den so ganz von den gewöhnlichen Kreisen seines Treibens abweichenden Ideengang des Räubers mit Verwunderung verfolgt, und seine Vermuthung, daß unter dieser Maske eine einst den gebildeteren Ständen angehörige, durch irgend einen Umstand heruntergebrachte Persönlichkeit sich verborgen habe, nur bestätigt gefunden. Aber auch der schärfste Späherblick vermochte ihm nichts weiter von der Persönlichkeit zu verrathen; das Antlitz war vollständig von der Maske bedeckt, und nur das dunkle, lange und lockige Haar, das sich an den Seiten unter dem Hut hervordrängte, bewies, daß der Held der Landstraßen noch nicht alt sein konnte.

»Es ist gefährlich, mein Sohn,« sagte der Vicar nicht ohne Würde, »sich auf das Gebiet wilder Phantasieen und einer noch vageren Philosophie einzulassen. Der einzige und wahre Halt, den wir haben, ist der strenge Glaube an die Lehren der heiligen Kirche.«

»Aber sie selbst verwirft die Lehre von Geistern nicht. Denken Sie an die Versuchung des heiligen Antonius von Padua, dem Venus in aller Schönheit der Sinnenreize erschien.«

»Es war der Teufel in eigener Person, der den Körper eines schönen Weibes angenommen. Die Kirche giebt allerdings, zu, daß die bösen Geister der Verdammniß auch in sichtbarer Form sich dem Menschengeschlecht nahen und es vom Pfade des Glaubens verlocken dürfen, aber Gott und die Heiligen gestatten zum Glück in ihrer Gnade eine solche Versuchung des Fleisches nur selten. Gebet und Buße schützen davor. Aber Signor Capitano - offen gestanden, ich finde es seltsam, daß ein Mann Ihres Standes sich zu solchen Gedanken verirrt?«

Der Mascherato lachte. »Ei, ehrwürdiger Herr, es kann Ihnen schwerlich entgangen sein, daß ich in meiner Jugend eine Art von Erziehung genossen habe, die mich nicht erwarten ließ, daß ich in meinem Alter das Handwerk der Heerstraßen treiben würde. Das Schicksal spielt sonderbar. Hat es doch ebenso gut den Sohn einer Banditenfamilie zum Kirchenfürsten und zur

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rechten Hand des heiligen Vaters gemacht, wie seine Feinde erzählen.8 Andiamo! Wir müssen den Heiligen für Alles danken. Aber ich liebe es aus meiner Erziehung vom Collegium her, manchmal zu träumen, und ich liebe das Andenken der Vergangenheit, die Schatten der Großen und Muthigen. Und weil ich den Muth schätze, deshalb soll er nicht sterben, wenn ich es hindern kann.«

»Wer?«,

»Ei, per Dio - Graf Rossi, der Premierminister und neue Vertraute des heiligen Vaters. Sprachen wir nicht eben von ihm?«

»Wie kommen Sie auf den Glauben, daß dem Minister Gefahr drohe?«

»Cospetto oiò! ganz Rom spricht davon, daß morgen bei Eröffnung der Deputirten-Kammer im Palast der Cancellaria die Republicanos über ihren Feind herfallen werden.«

»Volksgeschwätz,« sagte frostig der Priester. »Die Hunde, die am meisten bellen, beißen am wenigsten. Wenn man Alles glauben wollte, was die Umsturzpartei des Club Theodoli droht, wäre Pius der Neunte an seinem Betaltar nicht sicher vor den Dolchen der Mörder.«

»Nicht sicherer, als Graf Rossi auf den Stufen des Quirinal,« sagte mit ernstem Ton der Räuber. »Ich habe Ihnen schon gesagt, ehrwürdiger Herr, daß ich mich nicht in die politischen Parteiungen menge. Ich treibe ein freies Gewerbe, und den Heiligen und der Polizei sei Dank! es nährt noch immer seinen Mann. Aber ich achte die Muthigen, wo ich sie finde, selbst unter meinen Feinden, und dieser Mann zeigt den seinen eine offene Stirn. Darum, wenn Sie es im Stande sind, warnen Sie ihn und verhindern Sie ihn, morgen in den Palast der Deputirten zu gehen.«

»Ich bemerkte Ihnen bereits, Signor Capitano, daß ich ein zu unbedeutender Mann bin, als daß der Premierminister auf

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eine vage Wiederholung solcher Gerüchte, die ihm nicht fremd sein können, Etwas geben würde.«

»Ich habe Sie nicht ohne Ursach' gefragt, ob Sie Muth besitzen, sich Ueberzeugung zu verschaffen. Dann will ich Sie und seinen jungen Verwandten dort unten in den Stand setzen, ihm die Wahrheit der drohenden Gefahr zu beweifen. Cospetto di Bacco! was hat der Bursche da unten? Wenn mich die Flamme des Feuers nicht täuscht, ist er mit dem tollen Mönch aneinander!«

»Um Gotteswillen, vielleicht ein Streit - er ist unbewaffnet und könnte ermordet werden von den Banditen! Eilen Sie, Capitano - «

»Thorheit!« sagte lachend der Mascherato, indem er die schon erhobene Pfeife wieder sinken ließ. »Es würde Niemand von den Leuten Ruggiero's wagen, ihm auch nur ein Haar zu krümmen, so lange er ein Gast an meinem Feuer ist, und der Bursche sieht mir gerade aus, als sei er Mann's genug, diesem tölpischen Raufbold in der Kutte eine Lection zu geben. Aber - Monom! hörten Sie Nichts von da drüben her?« Er beugte horchend den Kopf nach der Seite der Straße hin, während seine Augen die Scene am Feuer nicht verließen. -


Bruder Pan hatte alsbald eine höchst vertrauliche Unterhaltung mit dem jungen Schweizer-Offizier begonnen, und sie damit eröffnet, daß er ihn fragte, ob er ein halb Dutzend der berüchtigtsten Schänken von Rom und eben so viel hübsche Schänkmädchen oder berufene Dirnen kenne, und als Jener lachend dies verneint, sich damit entschuldigend, daß er erst zu kurze Zeit in Rom sei, sich auf eine ausführliche Anpreisung der einen und der andern eingelassen, bald mit einem lateinischen Spruch oder einem schlechten Liedercitat sie ausschmückend.

»Aber Fra Pan,« sagte der junge Mann, »denn ich höre, daß dies Euer Name ist, wie kommt es, daß ein heiliger Mann, wie Ihr, sich in so schlimmer Gesellschaft bewegt, die doch wahrhaftig wenig Geistliches an sich hat?«

Der Mönch verdrehte die Augen, setzte den Becher zur Seite und faltete andächtig die Hände über dem dicken Bauch. »Dominus vobiscum! Wie könnt Ihr so sprechen, junges Blut! Bei

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Jäsus, es sind die besten Christen darunter, die eine offene Hand haben für die Bedürfnisse eines armen Klosters, dessen unwürdiger Bruder Terminirer ich bin. Wo soll man die Barmherzigkeit suchen, beiläufig eine sehr schöne Tugend, wenn nicht in den Hütten der Armen und der Leichten.


               Es war ein Mädel, die hatt' einen Buhlen,

               Sie war so gut, als schön -


Der Wein öffnet des Menschen Hand und hält die Leber gesund! Verachtet den Wein nicht, o Jüngling, denn Gott und die Heiligen haben uns dieses irdische Jammerleben gegeben, und der Teufel soll mich drei Mal braten, wie die Ketzer den heiligen Laurentius, wenn es nicht unsre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, es zu erhalten. Das Tiberwasser aber schlägt uns das Fieber in die Gebeine. Steck' noch einige Zehen Knoblauch in das Fleisch, Peppo, mein Junge, und wirf einige Oliven in das Fett, es giebt der Sauce ein gewisses Aroma!«

Der Offizier zog unvorsichtig eine Börse aus der Tasche und nahm einen Goldscudo heraus, den er dem Mönch bot. »Wenn Ihr der Almosensammler Eures Klosters seid, Fra Pan, so erlaubt mir, daß ich Euch diesen kleinen Beitrag überreiche.«

Bruder Pan griff hastig danach, und seine kleine Augen schielten voll Habgier nach dem ansehnlichen Inhalt der Börse. »Die Heiligen mögen Euch die Großmuth segnen und Euch das schönste Weib von Rom dafür in's Bett bescheeren, guter Jüngling. Aber thut mir einen Gefallen.«

»Sprecht, Fra Pan, zehn für einen!«

»Dann nennt mich Bruder Pankratius, wie's einem unwürdigen Diener der heiligen Kirche zukommt, nicht wie das Gesindel, das keinen Respekt hat vor dem Heiligen.«

»Mit Vergnügen, Bruder Pancratius[Pankratius]. Aber Ihr müßt mir einen andern Gefallen dafür thun!«

»O, Akuschla, mein Liebling - fordert, was Ihr wollt. Soll ich Euch vielleicht mein famoses Lied vom Weinhändler und seiner Magd singen, das in ganz Rom berühmt ist, oder Euch den Kniff beim Morraspiel zeigen? Oder - Gott segne Eure Augen, Ihr wünscht die Wohnung von der Schelmin der schwarzäugigen Rositta zu wissen?«

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»Nichts von Alledem, Bruder Pankratius,« sagte lachend der Offizier, »obschon ich meine, Euer Prior würde sich freuen, die drei Dinge zu hören. Ich möchte blos wissen, wie Ihr an diesen Ort kommt?«

Der Mönch kratzte sich das nackte Bein, indem er von unten herauf nach seinem Gesellschafter schielte. »Interessirt es Euch sehr, das zu wissen?«

»Würde ich sonst gefragt haben?«

»Und Ihr habt doch nicht etwa vor, mich deshalb anzuzeigen?«

»Unsinn, Mann - es ist Neugier und reine Theilnahme für Euch!«

»Ich würde Euch auch sonst den Schädel einschlagen,« sagte Pan mit bewundernswürdiger Offenheit, nach dem Prügel an seiner Seite winkend. »Wenn Ihr's denn wissen wollt, Muscha, die verdammten Ketzer sind schuld!«

»Die Ketzer?«

»Giebt's ihrer nicht genug im gesegneten Rom? Ist dieser schuftige Engländer, der sich einen Viscount schelten läßt, etwa kein Ketzer, wenn er auch die halben Grafschaften im Westen besitzt?«

»Aber was hat ein englischer Lord mit dem Schlupfwinkel der Banditen zu thun?«

»Weiß ich's? Muscha! es ist eine Sünde und Schande, die heilige Kirche dazu zu brauchen, um solche gottvergessene Spitzbuben aufzusuchen und ihnen Briefe zu überbringen.«

»Ein solcher Botendienst will sich allerdings nicht sehr für Euer heiliges Gewand schicken, dünkt mich!«

»Der Henker hole ihn! Wenn der Bursche nur nicht eine so verteufelte Küche hätte und so leichtsinnig mit der lieben Gottesgabe, dem Gelde, um sich würfe. Kein Mensch kann ihm was abschlagen, am wenigsten ein armer Klosterbruder, wie ich.«

»Aber, ehrwürdiger Vater,« meinte hinterlistig der Offizier, »mich will bedünken, der Lord - wie hieß er doch - «

»Heresford,« platzte der Pfaffe heraus.

»Nun also, Lord Heresford muß doch geglaubt haben, daß

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Ihr der Mann wäret, solche Briefe an die richtige Adresse zu befördern und den Aufenthalt dieser Herren kenntet?«

Der Mönch kratzte sich noch eifriger die Schienbeine und brummelte Etwas in den Bart, das wahrscheinlich er selber nicht verstand. »Hört, guter Jüngling,« sagte er endlich, »wenn's Euch recht ist, sprechen wir von etwas Anderm. Wie wär's,« er brachte aus seiner Kutte das schmutzige Spiel Karten zum Vorschein, »wenn wir ein Spielchen machten, bis dieser Schöps von Peppo endlich seinen Hammel gahr hat?«

»Verzeiht, Bruder Pankratius, aber ich kenne die hiesigen Kartenspiele noch nicht!«

»O,« sagte der Pfaffe, dem die wohl gefüllte Börse seines Gesellschafters noch im Sinne lag, »das thut Nichts, Akuschla. Ich will Euch und diesen Signori eine kleine Bank legen! - Muscha - ein ungeborenes Kind würde es begreifen. Kommt hierher, Francesco und Du, Salvatore, Ihr könnt Eure Bajocchi eben so gut in einem Gentlemenspiele anbringen, als in Eurem schmutzigen Morra. Peppo, mein Junge, laß dabei den Braten nicht verbrennen, auch wenn Du einige Münzen setzen willst.«

Einige der Männer mit jener Leidenschaft für das Spiel, die den Südländern eigen ist, sammelten sich in der That um den Bruder, und die Frauen blickten neugierig und theilnehmend über ihre Schultern, während jene um den Quader knieten, auf dem der Mönch seine einfache Bank in Art des Häufelns oder Rouge et noir aufgeschlagen hatte.

»Aber höre, Pfaff,« sagte einer der Banditen, ein kleiner und blatternarbiger Kerl, »laß uns zuvor Dein Geld sehen, damit Du nicht wieder davon gehst, wie das letzte Mal, unter dem Vorwand, daß Deine Tasche ein Loch gehabt und Du Jedem das Verlorene schuldig bleiben wolltest, der sich nicht mit Deinem Segen begnügen würde.«

»Und seht, ob' er keine falschen Karten hat, wie damals, als er den Jacopo um die goldene Uhr prellte, die er am selben Tage dem fremden Maler abgenommen!« schrie eine Weiberstimme.

»O, Signora Teresa,« sagte der Mönch, die Augen zum Himmel verdrehend, daß man nur noch das Weiße von ihnen sah, »wie könnt Ihr dem Pathen Eures hübschen Knaben so

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schlimme Dinge nachreden? Der Jacopo ist ein Schuft mit seiner Verleumdung, und zur Strafe dafür hat der heilige Franciscus es zugelassen, daß er schon am andern Tage von den Sbirren gefangen wurde und auf die Galeeren kam. Ich will Euch beschämen, Signori, bei Sanct Patrik, ich will Euren schmutzigen Geiz beschämen!«

Er nestelte einen alten Lederbeutel auf und zog einige Kupfermünzen hervor, die er vor sich auf den Stein legte. Endlich, als er sah, daß dies die Gesellschaft nicht befriedigte, holte er den Goldscudo aus der Tasche, worein er vorhin die Gabe des Offiziers für sein Kloster hatte verschwinden lassen.

»Dieser edle Herr,« sagte er schmeichelnd, »der uns die Ehre seiner Gesellschaft erzeigt, wird die Güte haben, dies Goldstück in Silbermünzen, zu wechseln.«

Der Offizier zog bereitwillig seine Börse und nahm zwanzig Paoli in Silberstücken heraus, die er dem Mönch aufzählte. Bruder Pan strich das Geld zu seinen Kupferstücken, vergaß aber, das Goldstück dafür zurückzugeben, das mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers in seinen weiten Aermel verschwand. Dagegen beeilte er sich, ungeheuer zu schreien: »Ein Spielchen, Signori, setzen Sie Ihr Geld, Schwarz oder Roth, Sie gewinnen allemal!«

Der junge Schweizer machte es sich zum Vergnügen, einige Paoli zu setzen und zu verlieren, während er dabei die Manieren des Mönchs beobachtete, der auf das Unverschämteste betrog und mit besonderer Geschicklichkeit die Volte schlug. Die Banditen, von dem Anblick des Geldes und dem Teufel des Spiels gereizt, setzten eifrig, aber ihr Geld rollte wie ein Strom zu der Bank des Mönchs. Wenn ja einmal die Karte sich zu Gunsten des Gegners zeigte, war Drei gegen Eins zu wetten, daß er ihm den Gewinn streitig machte, und wenn er unter Seufzen, Zanken und Verwünschungen gezwungen war, auszuzahlen, sicher noch auf eine oder die andere Weise einige Bajocchi bei Seite brachte. Die Kasse der Bank mehrte sich in überraschender Weise, aber je sichtbarer dies geschah, desto mehr wuchs die Habgier des Bruders.

Die Banditen fluchten über ihr Mißgeschick, vor Allen Salvatore,

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der eben seinen letzten Scudo auf Roth gesetzt, als dem listigen Mönch unglücklicher Weise beim Aufdecken die eben voltirte Karte in den Aermel fiel und seinen Betrug offenbarte.

Die Faust des Banditen drückte rasch die Hand des Mönchs auf den Stein. »Cospetto - ich hab's Euch im Voraus gesagt, der Halunke hat uns wieder betrogen, der rothe Daus muß in seinem Aermel sein!«

Das dicke Gesicht des ehrwürdigen Bruders wurde ganz roth vor Aerger, mehr über den drohenden Verlust, als über die Entdeckung, und seine Faust aus den Händen des Banditen reißend, wobei freilich das Corpus delicti aus dem Aermel fiel, versetzte er ihm mit seinem Knotenstock einen Schlag, der einen Ochsen zu Boden geworfen haben würde, wenn er richtig getroffen hätte. »Heiliger Franciscus! Ich will Dich Respekt lehren vor der heiligen Kirche, Du Beutelschneider und Straßeneinnehmer! Uf! seh mir Einer den Kerl - zu sagen, daß meiner Mutter Sohn ihn um seine lumpigen Bajocchi betrogen hätte, blos weil zufällig beim Abheben eine Karte herunterfällt. O, Du braunhäutiger, ölfressender Schuft, ich will Dir das Fell gerben, daß es morgen aussteht, wie ein übel gebackener Pfannkuchen, Du Hurensohn!»

Der Bandit, der durch eine glückliche Wendung zwar der Zerschmetterung seines Schädels entgangen, aber noch immer empfindlich an der Schulter von den Knüttelhieben des Mönchs gestreift worden war, griff nach dem Dolch und stürzte wüthend auf den Gegner los, aber die Weiber warfen sich schreiend und schützend dazwischen, und auch die Kameraden des Tobenden, die strenge Disciplin des Hauptmanns kennend, bemühten sich, ihm die Waffe zu entwinden. Bruder Pan schien sie jedoch auch keineswegs zu fürchten, denn nachdem er das Geld von dem Quader geschwind aufgerafft und eingesteckt hatte, trat er, seinen Prügel in der Faust, dem Gegner muthig entgegen.

»O Muschla! kommst Du mir so, Du braunhäutiger Halunke? So wahr ich ein heiliger Mann bin, ich will Dir die angenehmen Sitten lehren, von denen der Kirchenvater Horaz in diesem gesegneten Lande spricht. Laßt ihn heran den Buben mit seinem Zahnstocher, und sehen, was Pankratius O'Leary für ein Mann ist!«

Der Offizier, der, trotz seiner selbst gefährlichen Lage, bereits

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Anstalt gemacht, zum Schutz des würdigen Mönchs einzuschreiten, hielt sich jetzt zurück, als er sah, wie kampfgerüstet der Bruder war, um so mehr, als die anderen Männer schrieen, Ruhe zu halten, oder wenn sie sich raufen wollten, dies ohne Waffen zu thun.

Fra Pan warf allsogleich den Prügel zu Boden, denn er war hier in seinem Element, schlug die Aermel seiner Kutte zurück und erklärte, mit seinem Gegner einen Gang machen zu wollen. Die Sache schien jetzt den Banditen bis auf ihren Vorkämpfer selbst den größten Spaß zu machen; denn Alle entschieden, daß beide Gegner ihren Streit in einer Faustcollation auszumachen hätten, und dem unglücklichen Salvatore wurden halb mit Gewalt seine Waffen abgenommen, und er ward unter Anfeuerungen seines Muths und seiner Männlichkeit in den Kreis gestoßen, wo der Mönch ihn, die Kutte aufgeschürzt, daß sein rechtes Bein bis zum Knie entblößt war, in der Stellung eines Gladiators bereits erwartete.

Der Bandit war kein zu verachtender Gegner, denn er war ein muskelstarker, abgehärteter Kerl. Dennoch schien er vor der Kraft seines Feindes einen ziemlichen Respekt zu haben, und die beiden Kämpfer begnügten sich, unter dem Brava und dem Gelächter der Umstehenden, zunächst einige Minuten lang, gleich den homerischen Helden, mit einem Zungenkampf, und überschütteten sich mit einem wahren Hagel klassischer Schimpfreden und Beschuldigungen. Da aber selbst die geläufige Zunge des Italieners zu finden schien, daß sie in diesem Gefecht gegen den Pfaffen zu kurz kam, der sich nicht begnügte, seine Schmähungen auf die italienische Sprache zu beschränken, sondern auch ein überwältigendes Hecken-Latein und die Mundart von Galway zu Hilfe nahm, stürzte der aufs Aeußerste getriebene Bandit plötzlich vor und versuchte seinen Gegner zu fassen. Doch Fra Pan war ein geübter Kämpfer, der sich nicht überraschen ließ, und ein wohlgezielter Fanstschlag hinter das linke Ohr warf seinen Gegner wie einen Ochsen zu Boden. Im nächsten Augenblick saß der Mönch auf ihm und begann seinen Feind in einer Weise zu traktiren, die allerdings dem Kampf bald ein Ende machen mußte; denn er krallte beide Fäuste in das dicke Haar

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des Untenliegenden und stieß ihm trotz alles Sträubens, Kratzens und Schlagens im Tempo zu seinen Reden den Kopf gegen den Boden, daß in Kurzem gewiß wenig genug davon in seinen Händen geblieben wäre.

»Muscha! ich will Dich lehren, meiner Mutter Sohn zu verleumden und von der heiligen Kirche Schlimmes zu reden. Ecclesia est mater hominum! Mundus vult decipi, decipiatur ergo! O Du abscheulicher, nudelfressender Bösewicht, ich will Deinen magern Leib zu Kartoffelbrei schlagen, wenn Du nicht bekennst, daß Pankratius O'Leary Deinen Scudo mit Ehren gewonnen!«

»Hilfe! heilige Mutter Gottes, er tödtet mich! zu Hilfe!« stöhnte der halb erstickte Bandit, dem der Staub und Sand bereits die Kehle füllten.

Die Männer sprangen hinzu und rissen mit Gewalt den scheltenden Mönch von seinem Opfer, das sie keuchend und sprudelnd von der Manipulation des würdigen Verfechters der Kirche vom Boden aufhoben, während dieser, seinen Knittel wieder unterm Arm, mit geschwollenem Kamm wie ein Truthahn sich über seinen Sieg spreizte und blähte.

»Sancta simplicitas simplicitorum! Ich will Euch lehren, Respekt vor der Kirche haben. Kyrie eleison! Wie könnt Ihr Euch unterstehen, mich in einem gesegneten Werke zu unterbrechen, das den Burschen von der Sünde des Sacrilegiums befreit hätte? Ist es nicht christliche Barmherzigkeit von mir, wenn ich ihm sein mit Raub und Diebstahl gewonnenes Geld zu frommen Werken abgenommen? Schippen-Daus - ehrliches Spiel, ihr Jungen, und Pan O'Leary will sich mit Jedem messen, der behauptet, meiner Mutter Sohn hätte sein lumpiges Geld nicht im ehrlichen Spiel gewonnen!«

»Accidente!« schrie der wieder zu Athem gekommene Bandit, »ich schwöre bei der Madonna, Du hast es doch gestohlen! Der Signor da hat es auch gesehen!«

»Die Bosheit redet aus Euch, Salvatore,« prahlte hoffärthig der Mönch. »Dieser edle Signor ist ein Gentleman, und mein Freund und er wird vor der ganzen hochachtbaren schmutzigen

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Gesellschaft bezeugen, daß Alles ehrlich und nach den regula artis hazardi zugegangen ist.«

»Der Signor Officiere soll entscheiden!« schrieen die Versammelten. »Er wird auf seine Ehre sagen, ob Fra Pan nicht unser Geld herausgeben muß!«

Der Mönch kniff nach dem Offizier bedeutsam die Augen und steckte die Zunge in die Backe. Aber seine Zeichen halfen ihm leider Nichts! Der Schweizer zuckte, im Innern höchst vergnügt über den Schabernack, die Achseln. »Wenn die Signori an mein Wort appelliren, würdigster Bruder Pankratius, so kann ich allerdings nicht anders sagen, als daß diese Herren ein Recht haben, ihr Geld wieder zu fordern.«

»Eheu! Muscha - Ihr wollt doch nicht sagen - «

»Daß Eure linke Hand wahrscheinlich in Gedanken fünf Mal die richtige Karte verwechselt hat. Ich nehme an, daß es bei einem so heiligen Manne pure Zerstreuung war, aber so leid es mir thut, würdiger Bruder, so muß ich doch die Thatsache erklären und bin bereit, sie selbst gegen Eure Tapferkeit zu vertreten.«

»Der Teufel ist Dein würdiger Bruder, Du schuftiges Milchgesicht,« sagte vor Zorn schnaubend der Mönch. »Ich will Dich mit sammt Deinem bunten Rock zu Brei dreschen, daß Du keinen ganzen Knochen zum Sanct Peter tragen sollst.«

»Ich kann mich auf einen Prügel- oder Faustkampf nicht mit Euch einlassen, würdiger Bruder,« entgegnete lachend der Offizier, indem er seinen Mantel und das Kasket fallen ließ. »Aber wenn Ihr ein ehrliches Ringen mit mir versuchen wollt, so sollt Ihr Euren Mann finden.«

»Dann will ich Dich auf den Boden legen, Du Prahlhans, ehe Du ein Ave sprechen kannst,« schrie der Mönch und sprang auf den Jüngling zu, und versuchte, ihn zu umschlingen und zur Erde zu werfen. Aber den linken Fuß fest zurückgestemmt erwartete ihn der Schweizer, und ehe sich's der würdige Mönch versah, hatte er ihn an dem Strick, der seiner Kutte als Gürtel diente, und dem Schenkel gefaßt, und stemmte den Kopf gegen seine breite Brust. Einen Augenblick kämpfte der Irländer gegen die überwältigende Verbindung von Kraft und Geschicklichkeit, dann aber sah man seine runde Gestalt in der Luft zappeln und mit

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solcher Gewalt über den Kopf des Offiziers geschleudert und zu Boden geworfen werden, daß alle Knochen im Leibe ihm zusammen zu krachen schienen.

Ein donnerndes Brava der Banditen begleitete den Fall und dauerte noch fort, als der würdige Almosensammler sich endlich zu erheben suchte, und auf seinem Unaussprechbaren sitzend, in höchst kläglicher Verwunderung umherstarrte und sich die Augen rieb. -


»Silentio! - hörtet Ihr Nichts? Mir däuchte es wie das Knallen einer Peitsche und das Rollen von Rädern,« sagte der Vicar, scharf nach der Straße zwischen den Weinbergen blickend.

»Es ist der Wagen der Herzogin, wir müssen ihn sogleich sehen! - Brava! Brava! dem Pfaffen ist sein Recht geschehen!« Der Capitano klatschte wie ein vergnügtes Kind in die Hände und schien über den Ausgang der Rauferei jedes andre Interesse vergessen zu haben.

In der That kam auf der weißen Linie der Landstraße zwischen beschatteten Trümmern und Hügeln eine dunkele Masse daher und bewegte sich rasch vorwärts.

Der Geistliche hatte ein scharfes Auge und erkannte selbst in dieser Entfernung, von seinem hohen Standpunkt begünstigt, daß es ein großer Reisewagen mit vier Pferden bespannt sein mußte.

Im nächsten Augenblick hörte man von der Straße her einen schwachen aber durchdringenden Pfiff, kleine dunkele Gestalten schwärmten über den Weg, und der Wagen hielt.

»Altezza, der Herr Herzog von Ricasoli werden einen sehr großen Schreck bekommen, wenn sie meine Lämmer sehen. Wahrscheinlich wird er unter dem Rock seiner Frau sich verkriechen.«

»Ich hoffe, daß kein Unglück geschieht!«

»Bah - wer sollte Widerstand leisten - der alte Geck, der zittert, wenn ... «

In dem Moment sah man in dem dunkelen Knäuel des Wagens und der Menschen einen schwachen Blitz aufleuchten, und hörte gleich darauf durch die Sülle der Nacht den matten Klang eines Pistolenschusses.

»Diavolo! was ist das? - Das darf nicht sein, - ich

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muß hinunter!« Der Mascherato sprang eilig die Stufen hinab und verschwand im Dunkel, - der Vicar folgte ihm vorsichtig.

Als er die Arena und die Feuer erreichte, fand er die Gruppe ziemlich unbekümmert um das, was soeben in der Nähe des Circus vorgegangen war. Der Mönch saß am Feuer, hatte seine Kutte abgestreift und ließ sich von zwei jungen Frauen den feisten Rücken und die Glieder mit Wein reiben. Trotz seines kläglichen Stöhnens schien ihm die Operation sehr behaglich, denn er wendete und drehte sich wie ein Sybarit und gab zwischen seiner Unterhaltung mit dem neben ihm stehenden Offizier und den feixenden Banditen den Weibern allerlei Anweisungen, wie sie ihren Liebesdienst noch wirksamer machen konnten; wobei er nicht vergaß, der äußern Einreibung eine innere Erfrischung von demselben Stoff hinzuzufügen.

»Ihr seid mir nicht böse, Bruder Pankratius?« fragte der junge Offizier, ihm die Hand hinhaltend. »Es war ein ehrliches und offenes Gefecht!«

»O, Ihr Schelm, warum sagtet Ihr mir nicht, daß Ihr in allen Kniffen und Pfiffen dieser abscheulichen Manier, einem Menschen die Knochen zu zerbrechen, eingeweiht wäret! - Reibe ein wenig tiefer hinab, gute Maxentia, und scheue Dich nicht. Es ist ein Leib der Kirche, und seine Berührung schadet Deiner Keuschheit so wenig, als wenn Du einem Verschnittenen dieses heidnischen Sultans zu nahe kamst, der zwanzig Schock der schönsten Weiber der Welt zu seinem Dienst haben soll, das schändliche Ungeheuer! 0 misericordia Domini! was schmerzen mich meine Glieder. Es war schändlich von Euch, Jüngling, so mit einem Manne Gottes zu verfahren. Es war der Teufel des Stolzes in Euch, eine der sieben Todsünden, daß Ihr nicht unterliegen wolltet! - Reich' mir das Rippenstück her, Pepe, aber Schlingel, das fette, das Du eben bei Seite steckst, und bestreue es mit dem Salz der Welt! - Ich hätte Euch so sanft zur Erde gelegt, als wäret Ihr in's weiche Bett einer Marchesa gefallen! Aber den Wurf müßt Ihr mich lehren - der Henker hole Euch, aber er war teufelmäßig gut! Kraue mir etwas hinter den Ohren, Camilla, und wenn Du ein Instrument, wie einen Kamm, bei Dir hast, so bringe meine Locken in Ordnung, so weit sie mir die

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Heiligen nach diesem Leben voll Anstrengungen und Sorgen noch gelassen haben. - Haltet Euer Maul, Ihr Gaudiebe, und macht keine schlechten Bemerkungen! Es war ein Versehen von meiner Seite - mein linker Fuß war im Ausgleiten - «

»Ja, in die Luft!« lachte einer der Banditen. Es freut mich, Bruder Pan,« unterbrach der Offizier die Bemerkungen, »daß Ihr keinen Groll gegen mich hegt, weil ich gegen einen so gewaltigen Gegner, wie Ihr, von der Kunst des Schwingens in meinem Vaterland Gebrauch gemacht habe. Ich hoffe, daß diese zwei Gold-Scudi zusammen mit dem dritten, den Ihr mir wieder zu geben vergaßet, eine kleine Vergütung für Eure Schmerzen sein werden!«

»Reden wir nicht mehr davon, Akuschla,« meinte eilig der Mönch. »Ihr seid ein guter Jüngling und sollt meinen Segen haben, eh' Ihr uns verlaßt. Doch das Fleisch scheint mir nach dieser Probe gerade in stadio recto quo, wo es Leib und Seele angenehm duftet, und wir wollen uns zu Tische setzen. Binde mir Eine ihre Schürze um, damit ich mein Gewand nicht beschmutze!«

Aber die wieder hergestellte Gemüthlichkeit, an der, von der Niederlage des Mönchs befriedigt, selbst Salvatore Theil genommen, sollte ebenso, wie die Mahlzeit, bald unterbrochen werden, denn die Arena herauf, vom andern Ende des Circus her, kam eine Gruppe von vier Banditen, die in ihrer Mitte auf den zur fliegenden Bahre benutzten Flinten den Körper eines Mannes trugen, und mit ihnen der Mascherato.

»Legt ihn hier nieder, so sanft als möglich - und Ihr Weiber, seht nach ihm - der Arme ist, fürcht' ich, schwer verwundet - ich wünschte, wir hätten einen Arzt zur Stelle!«

»Wenn Sie erlauben, Signor,« sagte der junge Offizier, »ich habe zwei Jahre Medizin studirt, ehe ich Soldat wurde, und kenne wenigstens die nöthigsten Hilfsleistungen!« Er kniete bereits neben dem Verwundeten und zerschnitt mit der aus einem Etui gezogenen Scheere Kleidung und Hemd.

»Und nun, wie kam es, wer hat es gewagt, trotz meiner Befehle?« fragte streng der Mascherato. »Wo ist Gasparo?«

»Bei dem Weibe, Capitano - er schützt sie gegen die Anderen!

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Accidente! Sie hat den Teufel im Leibe! Der arme Gianetto war kaum an den Schlag der Kutsche getreten und hatte ihn mit der Höflichkeit eines Cavaliers geöffnet, als sie ihm das Terzerol fast in's Gesicht hielt und abdrückte. Das Unglück kommt blos von der Liebestollheit - der Bursche glaubte in jedem Weibsstück seine fortgelaufene Dirne zu sehen, und als das Pulver aufblitzte, schrie er wieder ihren Namen!«

»Faustine!« - Von den Lippen des Verwundeten hauchte in leisem Ton der Name - um seinen Mund schwebte es wie eine Verzückung.

Dann schlug er die Augen auf und warf einen irren Blick umher - seine Hand zuckte nach der verwundeten Brust.

»Ich habe sie gesehen - sie war da - aber ich sterbe! Schafft einen Priester - einen Priester, daß ich meine Seele rette!«

»Thut Eure Schuldigkeit, Fra Pankratio,« sagte der Mascherato streng. »Schüttelt den Weindunst ab und seht zu, wie Ihr dem armen Burschen den traurigen Weg erleichtern mögt, den wir Alle gehen müssen. - Ehrwürdiger Herr,« wandte er sich zu dem Vikar[Vicar], der im Schatten bei Seite stand, - »es wird das Beste sein, wenn Sie sich entfernen. Man wird Sie zu dem Posten an der Straße geleiten, aber Sie würden mir einen Dienst erweisen, wenn Sie den Signor dort zurücklassen wollten. Er scheint in der That nicht ungeschickt, und der arme Bursche ist vielleicht noch zu retten, wenn ihm gehörige Hilfe wird.«

»Ich habe einen zweiten Begleiter am Grabmal der Metella zurückgelassen,« sagte der Vikar[Vicar], »und der Luogotenente Riccardo mag bleiben, wenn Sie mir seine Sicherheit verbürgen.«

»Er soll so sicher sein, wie in Abraham's Schooß, und in einer Stunde bei unserm Rendezvous an der Kirche der heiligen Apostel. Und nun, ehrwürdiger Herr, muß ich Sie verlassen, bis wir uns wiedersehen - wollen Sie aber ein gutes Werk thun und haben eine Minute übrig, so lassen Sie jenem Unglücklichen den Beistand der Kirche zukommen, nach dem er verlangt, denn ich fürchte, daß Ihr würdiger Confrater doch nicht ganz in dem geeigneten Zustand ist.«

Der Ton seiner Worte hatte einen leichten Klang von Spott,

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als er sich mit der Höflichkeit eines Weltmannes vor dem Vicar verbeugte und mit raschen Schritten entfernte.

Dieser nahte sich der, Gruppe, um dem Verwundeten und dem Offizier einige Worte zu sagen, in demselben Moment, wo von der andern Seite der würdige Irländer herbeikam.

Der Bandit war jetzt zur vollen Besinnung gekommen und sein Oberkörper von der mitleidigen Hand einer der Frauen aufgerichtet und gehalten, aber sein Auge schien mit einem gewissen Entsetzen den Frater zu betrachten.

»Bei der Madonna - haltet ihn von mir - er kann meine Beichte nicht hören, denn er ist ein Sünder wie wir!«

Der Officier[Offizier], der, bisher, mit dem Verwundeten sich beschäftigt und ihm, so gut es ging, einen Verband angelegt hatte, war aufgestanden und zu seinem Begleiter getreten.

»Ich muß fort, Signor Riccardo,« sagte der Geistliche leise, doch mit dem Tone des Befehls, - »aber ich wünsche, daß Sie hier zurückbleiben und diesem Burschen Beistand leisten. Der Capitano wird Sie nach Rom bringen an einen Platz, wo Sie mich wieder treffen werden, oder vielleicht Ihnen nur einen Auftrag für mich geben. Jedenfalls thun Sie, was er Ihnen sagt. Wie steht es mit dem Mann?«

»Ich fürchte, es ist vorbei mit ihm,« entgegnete der Schweizer flüsternd. »Die Kugel hat den Hals, über dem Schlüsselbein durchbohrt - doch wäre es vielleicht möglich unter geschickteren Händen, als die meinen, ihn zu retten.«

»Dann versuchen Sie, ihn nach dem Ospedale della Consolazione bringen zu lassen - es wäre mir lieb, wenn der Mensch erhalten und in unseren Händen bliebe, wir könnten vielleicht von ihm mehr über diesen Mascherato erfahren. Für Ihre eigene Sicherheit dürfen Sie unbesorgt sein - er gab sein Wort, und das halten diese Bursche stets.«

»O, Excellenza - ich bin unbesorgt.«

»Einen Priester! holt einen Priester, der meine Seele befreien kann!« stöhnte der Verwundete.

»Absolvebo te! absolvebo te!« brummte der Mönch, der sich mit großer Bequemlichkeit an seiner Seite niedergelassen hatte und in seinem Bettelsack nach einem alten Brevier suchte. »Bin

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ich nicht da, Akuschla, mein Liebling, um Deine Seele so direkt nach dem Himmel fahren zu machen, als wenn der heilige Vater selber zur Stelle wäre? Spute Dich, mein Junge und sage, wie viel Mal Du gestohlen oder vielleicht auch ein klein Wenig gemordet hast, und überlaß alles Weitere unbesorgt meinen Händen, vorausgesetzt, daß Du die heilige Kirche zu Deinem Erben machst! Muscha - sie sagen, daß Du vor Deiner Bekehrung ein etwas lockerer Bursche gewesen und den Weibsen allzuviel nachgelaufen wärest!« und er begann mit kräftiger Stimme eines jener bekannten leichtfertigen Lieder zu singen:


               Die Dirnen, ach, die Dirnen sind

               Der Männer stet' Verderben ...


»Schafft den liederlichen Heckenpfaffen bei Seite,« sagte der Vicar mit strengem Ton. »Er ist trunken und entweiht das Sacrament!«

Der Mönch stemmte beide Fäuste in die Seite. »Heckenpfaffe? Ei seht mir doch - wo kommst Du denn her, der Du Dein spitzbübisches Gesicht vor ehrlichen Leuten verstecken mußt? Hat meiner Mutter Sohn nicht die drei ersten Grade empfangen und haben sie die anderen nicht blos fortgelassen, weil sie sagten, der Pankraz hat all' das Gesalbe und Stolaaufgelege nimmer mehr nöthig? Heckenpfaffe? So'n schlumpiger, lumpiger Messetreter will mir meine Beichtseelen und meine Beichtgroschen stehlen! Muscha - ihn sollen ja gleich Tausend Millionen Schock Donnerwetter in seinen Karthäusermagen fahren ... .«

Der Offizier verbiß mit Mühe das Lachen, das ihn trotz der traurigen Scene anwandelte, als er die beiden Geistlichen so in Streit und den Mönch seinem Gefährten die geballte Faust über den sterbenden Banditen hinweg unter die Nase halten sah. Dann aber schob er ernstlich den Irländer bei Seite und hieß ihn sein Maul halten, wenn er nicht eine neue Lection erhalten wolle, dem Vicar aber winkte er, sich zu entfernen.

Der Verwundete hatte jedoch die Nähe des Vicars bemerkt und seine Hand hielt krampfhaft das Gewand desselben fest.

»Geht nicht von mir - geht nicht von mir, Herr - um Gottes Barmherzigkeit willen, rettet meine Seele - dort - dort! da steht sie wieder - aber ihre Haare sind Schlangen - ihr

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Auge ist Feuer - das Feuer der Hölle - und dennoch, ich muß zu ihr - rettet mich - rettet mich! - «

Der Vicar riß sich los. »Der Mann liegt im Delirium, bringt ihn zur nächsten Kirche, damit er wenigstens die letzte Oelung erhält!« Er eilte davon - hinter sich her vernahm er noch lange die Scheltworte des erbos'ten Mönchs und das Gewimmer des Sterbenden! -


Ein rundes, ruinenhaftes Gemach, ohne Oeffnung als die einer von Karyatyden gebildeten Thür - nackte Wände mit den Spuren alter Mosaik - überall die Spuren des selbst unter diesem Himmel zermodernden Zahnes der Jahrhunderte - in der Mitte ein breiter, langer Steinsockel, vielleicht der Träger des Sarges der schönen Metellerin, der jetzt im Hof des Palastes Farnese steht. Auf dem Stein saß mit ungeduldigen Bewegungen ein Weib in einem dunkelseidenen Reisekleid und warmen eleganten Bournous vom neuesten Pariser Modeschnitt, und das Licht der Harzfackel, die in einem Ring an der Mauer brannte, fiel in rothem, gespenstigen Strahl auf den prächtigen Kopf.

Die weit geöffneten blauen Augen blickten zornig und rastlos umher, die breiten und hohen Nüstern der antik geformten Nase zuckten und schwollen in dem Gefühl ohnmächtiger Erbitterung ; unter dem schwarzen Schleier, der nach italienischer Sitte um das Hinterhaupt geschlungen, an den wunderschönen Formen des Halses herabfiel, quoll das Goldhaar in breiten Flechten und Locken zum Busen nieder.

Die Dame ballte die Hand! »Verwünscht sei dieser Aufenthalt! Morgen ist die Eröffnung der Kammern, und wenn ich hier festgehalten werde, sind sie schwach genug, Concessionen zu machen! Es kann Nichts sein, als eine gewöhnliche Banditenthat, und Torloni wird sofort auf meine Ordre jede Summe senden! Hollah - ist Niemand in der Nähe? Hierher, Männer! hierher!«

Sie war aufgesprungen und schlug mit der kleinen zarten Hand gegen die Thür.

Plötzlich - als wiche diese unter ihren Fingern - öffnete sie sich, und in dem dunkelen Rahmen erschien die Gestalt des Mascherato.

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Die Dame wich unwillkürlich bei diesem Anblick zwei Schritte zurück; der Bandit trat ein und schloß hinter sich die Thür.

»Sie sehen, Altezza - Sie brauchen nur zu rufen, und ich stehe wie in einem Zauberspiel vor Ihnen!«

»Wer sind Sie - was wollen Sie? Wollen Sie mich ermorden?«

»Wie können Altezza einen solchen Gedanken hegen,« sagte mit einer eleganten Verbeugung der Räuber. »Im Gegentheil, ich komme, um Ihnen einen Beweis von der Alles überwältigenden Macht Ihrer Reize zu geben, Signora Duchessa!«

Die Herzogin lachte mit einer plötzlichen Wendung aller ihrer Besorgnisse heiter auf: »Also ein vermummter Anbeter? Per Dio! Die Sache nimmt eine pikante Wendung! Demaskiren Sie sich, Signor, und ich werde sehen, ob ich Ihnen Verzeihung angedeihen lassen kann, vorausgesetzt, daß Sie sich hübsch artig zeigen!«

»Ich bin natürlich, wie jeder Mann, ein Bewunderer Ihrer Schönheit,« sagte der Räuber, »im Uebrigen nennt man mich Ruggiero, den Mascherato.«

»Mascherato? - also doch nur ein ordinairer Spitzbube! Ich erinnere mich, den Namen in Neapel gehört zu haben. Sagen Sie also rasch den Preis des Lösegeldes, Signor Mascherato, denn ich habe Eile, nach Rom zu kommen!«

»Das weiß ich, Altezza,« meinte der Bandit, ohne den verächtlichen Ton zu beachten, in dem sie mit ihm gesprochen, »und deshalb müssen Sie entschuldigen, wenn der Preis etwas hoch ist!«

»Ich bitte, ihn zu nennen!«

Die Herzogin hatte sich nach der Steinbank zurückgezogen und in ihren Bournous gehüllt sich niedergelassen. Der Banditenhäuptling stand in ruhiger, ehrerbietiger Haltung vor ihr.

»Der Preis ist - wie Altezza selbst gesagt haben - Ihre Schönheit!«

»Wie, Signor! Sie unterstehen sich?«

»Was?«

»Sie haben das Ansehn und die Sprache eines Mannes über dem Stand eines gemeinen Räubers, und Sie wollten diese Lage mißbrauchen, um einer Frau Gewalt anzuthun?«

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»Altezza irren sich! Sie werden nur nicht nach Rom gehen, bis Sie freiwillig meinem Verlangen Gehör geschenkt!«

Die Herzogin, die sich voll Entrüstung wieder erhoben, setzte sich aufs Neue - die Sache begann der vornehmen Dame, die durch ihre zahlreichen Abenteuer Ruf hatte, so pikant zu werden, daß sie nicht wußte, ob sie lachen oder sich ärgern solle. »Wahrhaftig,« sagte sie, »die Sache wird interessant.« Ihre Augen musterten nicht ohne Neugier den eigenthümlichen Bewerber. »Aber, Signor - es wäre in der That ein schändlicher Mißbrauch Ihrer Gewalt! - Haben Sie mich denn früher gekannt?«

»Nie, Altezza - ich habe nur von Ihren Reizen gehört!«

»Oimè! Das ist seltsam - einen so stürmischen Bewunderer par distance!«

»Um so mehr die Wirklichkeit allen Ruf übertrifft,« sagte lächelnd der Räuber, »habe ich es zu bedauern, Signora, daß ich leider nur im Auftrag eines Dritten handele!«

»Ah - das Alles ist also im Auftrag eines Dritten?«

Der Ton, in dem sie dies sagte, hatte etwas merkwürdig Kühles, Frostiges.

»Ja, Altezza!«

»Und darf ich fragen - wer dieser Dritte ist und was er von mir will?«

»Ich kenne ihn nicht, schöne Dame!«

»Wie konnten Sie es dann wagen, mich anzuhalten?«

»Altezza wissen, daß die Leute meines Schlages nur die willenlosen Werkzeuge Anderer sind!«

»Aber der Auftrag - was will man von mir?« rief ungeduldig die Herzogin.

»Die Kunst bedarf Ihrer, Altezza!«

»Die Kunst? sind Sie närrisch oder wollen Sie mich foppen?«

»Oder ein Künstler, um mich richtiger auszudrücken.«

»Was soll das heißen? Ist es ein Maler?«

»Ja!«

»So will er mein Portrait?«

»Mehr!«

»Mehr? Wie soll ich das verstehen?«

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»Er ist ein moderner Michel Angelo - Maler, Bildhauer und Ciseleur!«

»Aber was will er von mir?«

»Altezza kennen die berühmte Statue der Venus auf dem Capitol?«

»Gewiß!«

»Das Volk erzählt, daß es drei Frauen in Rom gebe, in denen merkwürdiger Weise der Marmor warmes Leben geworden und die der capitolinischen Venus wie ein Ei dem andern gleichen, oder vielmehr wie das Licht dem Schatten.«

»Ich hörte davon!«

»Der Künstler, um den es sich handelt, hat das Bild der Venus begonnen - in Farben - in Marmor - in edlem Metall - aber er kann es nicht vollenden.«

»Warum nicht?«

»Das Mädchen, das jener Bildsäule auf dem Capitol gleicht und ihm zum Modell diente, ist ihm untreu geworden!«

»Bah - er biete ihr einige Scudi mehr!«

»Sie war ein bekanntes Freudenmädchen - aber sie ist spurlos verschwunden - man sagt, ein russischer Fürst habe sie entführt!«

»So mag er die Andre nehmen!«

»Sie ist Nonne!«

»Ei,« sagte die Duchessa leichtfertig, »die frommen Schönheiten Roms stehen nicht in dem Ruf, unerbittlich zu sein!«

»Die Schwester Fausta kostet mich bereits zwei meiner Leute. Sie wurden erschossen bei dem Versuch, sich ihrer zu bemächtigen.«

»Von wem?«

»Von einem jungen Schweizer-Offizier Seiner Heiligkeit, Ihres Oheims. Er befindet sich in diesem Augenblick in meinen Händen.«

»Wie, Sie wollen ihn ermorden, weil er seine Pflicht gethan?«

»Sie irren sich! - aber ich will nicht dafür bürgen, daß meine Leute eine Vendetta üben würden, wenn sie wüßten, wer er ist. Sie sehen also, Altezza, daß auch ich meine Pflicht gethan, aber vergeblich! - Es bleibt mir, da ich mich verpflichtet habe, Signor Michele sein Modell zu schaffen - nur die Dritte!«

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Die Duchessa sah ihn starr an: »Nun also - die Dritte?«

»Sind Altezza selbst!«

Sie lachte hell auf. »Sie sind verrückt! Die Herzogin von Ricasoli einem Maler oder Bildhauer als Modell stehen in Gott weiß welcher Sitution!«

»Als Venus, Hoheit!«

»Unverschämter!«

Der Capitain machte eine Verbeugung, gleich als stimme er selbst dem Urtheil zu, und blieb schweigend vor ihr stehen.

Es trat eine kurze Pause ein. Die Dame unterbrach sie ungeduldig. »Ich bitte, Signor Capitano, machen Sie der lächerlichen Scene ein Ende. Wie viel verlangen Sie?«

»Altezza - ich bin bezahlt!«

»Ich sollte meinen, die Herzogin von Ricasoli würde einen bettelhaften Maler wohl noch zu überbieten vermögen!«

»Altezza irren!«

»Wie das?«

»Ich habe keinen Auftrag von Signor Michele, einem armen Künstler, ja er hat keine Ahnung davon, daß er der Erfüllung seiner Wünsche so nahe ist.«

»Nie - wer hat Ihnen denn diesen verrückten Auftrag gegeben?«

»Ich weiß es nicht. Ueberzeugen Sie sich selbst, Signora!«

Er holte aus seiner Schärpe einen Brief hervor, den er ihr übergab. Die Worte, die sie las, lauteten:

Die Duchessa warf das Blatt verächtlich auf den Stein. »Ich zahle Ihnen das Doppelte der Summe und nun lassen Sie mich frei!«

»Altezza - mein Wort ... «

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»Also dreitausend Scudi!«

»Und wenn Sie mir hunderttausend böten, Signora Duchessa, der Mascherato ist den Contract eingegangen, und eher würde die Engelsburg zusammenstürzen, als daß sein Wort gebrochen werden könnte!«

Die Herzogin sann schweigend nach; es war ihr nicht unbekannt, daß diese zuchtlosen, jedes Gesetz verhöhnenden Männer sich Einem unverbrüchlich unterworfen glauben: dem gegebenen Wort!

»Und was werden Sie mit mir machen, wenn ich mich natürlich weigere, die unverschämte Bedingung einzugehen?« fragte sie.

»Altezza zwingen mich, den Worten des Briefes zu gehorchen. Sie werden dies Gemach nicht verlassen, bis Sie den Eid geleistet!«

»Aber wenn ich mich Tage - Wochen weigere?«

»So werden Altezza Tage, Wochen und Monate hier der Gast des Mascherato bleiben!«

»Man wird mich suchen und strenge Nachforschungen anstellen! Ich bin die Nichte des Papstes!«

»Die Geheimnisse der Katakomben, Signora Duchessa, spotten der ganzen Polizei von Rom!«

Sie schritt ungeduldig einige Male in dem engen Raum auf und nieder - das seltsame Abenteuer und die Hartnäckigkeit des Banditen erregten nicht allein ihren Zorn, sondern fesselten auch unwillkürlich ihr Interesse. Der Gedanke, daß hierbei offenbar doch ein geheimer Bewunderer seine Hand im Spiel haben müsse, lag nahe. Die alte Erfahrung, daß wenn bei Frauen erst das Interesse für etwas Unbekanntes, Ungewöhnliches erregt ist, sie leicht zu jedem Schritt zu bewegen sind, bewährte sich auch hier.

Die Dame blieb vor dem Banditen stehen. »Sie werden zugeben, mein Herr, daß es mich für immer lächerlich machen würde, wenn die Welt erführe, die Herzogin von Ricasoli habe wie eine Dirne aus dem Volke in einem Atelier Modell gestanden!«

»Es wäre nicht der erste Fall, Altezza. Aber Sie haben volle Freiheit, dies einzurichten wie Sie wollen, und ich bürge dafür, daß man dies Geheimniß bewahren wird!«

»Wird man sich dabei meinem Willen und meinen eigenen Bestimmungen unterwerfen?«

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»Jede Bestimmung der Signora Duchessa wird Gesetz sein, vorausgesetzt, daß die Hauptsache erfüllt bleibt!«

»Nun wohlan - ich muß nach Rom um jeden Preis. Ich nehme die seltsame Bedingung an. Genügt Ihnen das Ehrenwort der Herzogin von Ricasoli, oder bedarf es eines Schwurs?«

Der Capitano küßte ihr galant die Hand. »Das Wort aus so schönem Munde genügt vollkommen. Altezza sind von diesem Augenblick an frei.«

»Ich danke Ihnen, Signor Capitano - Sie haben sich in dieser ganz eigenthümlichen Affaire wie ein Cavalier benommen. Vielleicht, daß ich auch einmal von Ihren Diensten Gebrauch zu machen wünschte. Wo kann ich Sie dann finden?«

»Ich bin überall. Ihre Hoheit brauchen nur an einem öffentlichen Ort den Wunsch auszusprechen.«

»O es scheint allerdings, daß Sie mit Nachrichten gut bedient sind, aber ich pflege meine Geheimnisse nicht auf dem Campodoglio oder dem Corso auszuschreien. Geben Sie mir ein anderes Mittel.«

»Altezza kennen das Forum Romanum?«

»Das Campo Vaccino? Ich bin eine Römerin.«

»Wo zwischen der Via Sacra und San Lorenzo in Miranda der Tempel der Faustina steht?«

»Gewiß - ich bin doch ihre Namensschwester, Faustella, obschon man mir schwerlich wegen meiner Frömmigkeit einen Tempel errichten wird!«

»An der dritten Säule der Vorhalle von der Curia Hostilia her befindet sich über dem Piedestal ein breiter Sprung. Da hinein bei Tag oder bei Nacht lassen Ihre Hoheit die Botschaft legen, - und bei Tag oder bei Nacht - ich werde zu Ihren Diensten sein!«

»Ich rechne auf Sie, Signor Capitano, und bitte Sie, jetzt meinen Wagen in Bereitschaft setzen zu lassen - wenn er noch vorhanden ist!«

»Er wartet auf Altezza!«

»Hören Sie, Capitano,« sagte die Herzogin lachend mit der plötzlichen Laune eines verzogenen Kindes oder einer schönen Frau, »mir kommt da eine Idee! Es dürfte so leicht nicht wieder geschehen,

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daß die Herzogin von Ricasoli sich unter den freien Cavalieren der Abruzzen befindet, und ich möchte wohl etwas mehr davon sehen. Befinden sich Ihre Freunde in der Nähe?«

»Meine Leute lagern kaum zweihundert Schritt von hier.«

»Ei, Capitano, so seien Sie galant und führen Sie mich zu ihnen. Ich verspüre eine unüberwindliche Neugier, ein Banditenlager in der Nähe zu sehen!«

»Altezza erzeigen uns eine große Ehre!« Er nahm die Fackel aus dem Wandring und klopfte an die Thür, die sich wie von unsichtbaren Händen sofort öffnete.

»Darf ich Ihro Hoheit bitten, mir zu folgen?«

Die Herzogin nickte, und sich in ihren Bournous hüllend und die Capuze[Kapuze] über das Haupt schlagend, folgte sie dem Banditen.

Dieser führte sie eine steinerne, in einem dicken Gemäuer laufende Treppe empor und dann durch dieselben Gänge, welche vorhin der Vicar und sein Begleiter passirt waren, in die Ruinen des Circus und auf die dunkele Menschengruppe zu, welche sich um das Feuer abzeichnete.

»Der Capitano!«

Auf diesen Ruf eines der Banditen öffnete sich sofort der Kreis, und die Duchessa stand vor dem Sterbenden, den der Mönch noch immer mit seiner geistlichen Hilfe maltraitirte, während der Schweizer-Offizier, von den Frauen unterstützt, ihm ärztlichen Beistand leistete.

Die Dame war überrascht, und Capuze[Kapuze] und Rebozo fielen von ihrem Kopf zurück bei der hastigen Bewegung, daß der Feuerschein voll auf ihr schönes Gesicht traf.

»Santa Madonna - was ist das?«

»Ihr Werk, Altezza,« flüsterte der Mascherato, »ich habe Unglück mit den Modells des Herrn Michele, und Sie haben mir einen meiner besten Leute erschossen.«

»Und dieser Herr?« Ihr Finger wies mit der Ungenirtheit italienischer Damen auf den Schweizer, der halb erhoben, erstaunt, erregt in das reizende Frauenantlitz schaute.

»Die Nonne vom Esquilin, so wahr ich lebe,« stammelte er verwirrt.

»Es ist derselbe Offizier, der die beiden Anderen tödtete!«

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Ihr Blick maß den schönen Schweizer mit durchdringendem feurigen Ausdruck, dann mit einem Neigen des Kopfes seinen bewegten Gruß erwiedernd, trat sie näher zu dem Verwundeten, dessen Augen starr auf ihr hafteten.

Zwei - um der Heiligen willen, zwei - ich sehe sie doppelt! Dahinten steht sie mit dem Schlangenhaar - sie holen mich zum Tanz auf dem Testaccio,9 und wollen mein Leben! Wie sie schön sind und die Leiber um mich winden! - Rettet die Seele! rettet die Seele!« - Er sank ohnmächtig zurück.

»Der Arme fiebert,« sagte mitleidig die Dame. »Ist keine Hilfe mehr möglich?«

»In Deo nulla res impossible!« greinte der würdige Bruder. »O Sennoritta - holdseligste Dame! Es steht geschrieben daß Werke der Liebe die Todten lebendig machen könnten, warum nicht diesen jungen Spitzbuben, der in seiner Verstocktheit dahin zu fahren droht! Akuschla! solltet Ihr vielleicht einige Zechinen - nöthigenfalls thun's auch einige Scudi - zu einer heiligen Stiftung spenden wollen, so ist ein frommer Mann bereit, fünfundzwanzig Paternoster und eben so viel Ave's - «

»Still, Mönch!« unterbrach ihn mit strenger Stimme der Mascherato. »Sagen Sie mir, Signor, ist dem armen Burschen nicht mehr zu helfen?«

»Die Verwundung ist lebensgefährlich, Signor Capitano,« erklärte der Offizier, »aber wenn man ihn ohne Zeitverlust nach einem Hospital oder zu anderer ärztlicher Pflege schaffen könnte, wäre es vielleicht möglich, ihn zu retten.«

»Aber wie ihn fortschaffen? San Giovanni oder die Consolazione sind mehr als zwei Miglien entfernt!«

»Nehmen Sie meinen Wagen, Signor,« sagte die Herzogin hastig. »Ich werde den Verwundeten nach dem Hospital bringen! Es ist das Geringste, was ich thun kann! Aber ... «

»Befehlen Sie!«

»Ich brauche Jemand, der den Kranken begleitet, und von Ihren Leuten wird sich vielleicht keiner in meine Hände geben

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wollen. Unter der Bedingung, daß dieser Signor den Dienst übernehmen und mich nach der Stadt bringen darf ... «

»Sie vergessen den Herrn Herzog, Ihren Gemahl!«

»Ah - wahrhaftig! ich habe nicht wieder an ihn gedacht, seit er sich in die Ecke des Wagens verkroch!« sagte lachend die Herzogin. »Was haben Sie mit ihm angefangen, Signor Capitano?«

»Seine Hoheit befindet sich unter guter Bewachung an einem sichern Ort.«

»Bah - so lassen Sie Seine Hoheit dort, so lange es Ihnen beliebt, oder geben ihn frei, so bald ich fort bin. Er mag mit seinem Kammerdiener den Weg nach Rom suchen, so gut er kann, nur meine Camariera muß ich mir ausbitten. Der Wagen hat nicht Raum für mehr Personen, wenn wir den Verwundeten fortschaffen sollen.«

»Altezza übt ein Werk wahrer Nächstenliebe,« sagte nicht ohne einen leichten Anflug von Spott der Capitano, indem er der Dame galant die Hand küßte. »Der Signor Luogotenente ist allerdings die geeignetste Person, da er keine Gefahr läuft und dem armen Burschen Hilfe leisten kann. Macht eine Tragbahre aus Euern Gewehren, Männer, und legt Eure Mäntel darauf - versäumt keinen Augenblick.«

Die Herzogin war dem Offizier näher getreten. »Wie Sie auch hierher gekommen, Signor,« sagte sie leise, »ich hoffe Ihnen einen Dienst zu leisten, indem ich Sie auf gute Manier von dieser Gesellschaft erlöse, die gefährlich genug ist. Sie werden dafür bis zu meinem Hotel mein Cavalier sein und mir gleichfalls Ihren Schutz gewähren müssen!«

»Mein Leben steht Ihro Hoheit zu Diensten!«

Dem Befehl des Hauptmanns waren die Banditen rasch nachgekommen und hatten den Verwundeten auf eine aus ihren Gewehren gebildete Tragbahre gehoben. Der Mönch wollte ihn mit Gewalt begleiten, ward aber auf einen Wink des Mascherato zurückgehalten. Den Augenblick, als er auf's Neue die Duchessa anbettelte und diese dem Zudringlichen eine Gabe reichte, benutzte der Banditenhauptmann, sich dem jungen Schweizer-Offizier zu nähern.

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»Sagen Sie, Sie wären auf der Straße von Albano in die Hände meiner Leute gefallen, und hüten Sie sich vor der Sirene, junger Mann. Um Mitternacht erwartet man Sie an der Thür der Kirche St. Apostoli!«

Er trat zu der Dame. »Erlauben Altezza einem armen Banditen, Sie bis zu Ihrem Wagen zu geleiten?«

»Ich habe mit Ihrer Bewilligung bereits meinen Cavaliere Servente, Signor Capitano,« bemerkte die Herzogin, »aber Sie werden uns verbinden, wenn Sie uns den Weg zeigen wollen.« Sie warf ihre Börse mit hochmüthiger Miene unter die noch versammelten Männer und Weiber, die mit einem »Evviva!« antworteten, und stützte sich leicht auf den dargebotenen Arm des Offiziers.

»Tausend Segen über Euer Gnaden!«

»Die Madonna beschütze Eure schönen Augen! Benedicite! Wenn Ihr einmal eines nachsichtigen Beichtvaters bedürft, so vergeßt den Bruder Pancratius[Pankratius] nicht, Akuschla!»

Die Herzogin achtete wenig auf alle die Segenswünsche, die ihr folgten, und hatte mit ihrem Begleiter ein Gespräch angeknüpft, während der Capitano mit der Fackel durch die Ruinen voranschritt.

Sie folgten dem Weg, den vor einer Stunde der Offizier den Mann in der rothen Toga hatte nehmen sehen, und gelangten bald auf derselben Stelle, an der Gianetto mit dem Gensd'armen vorhin die Wache getheilt, bis er zu dem für ihn so schlimmen Dienst abgerufen wurde, auf die Straße.

Hier stand, von den Banditen umgeben, die den Verwundeten hierher gebracht, der Reisewagen der Herzogin, und an seinem Schlage harrte zitternd in dieser Umgebung die Camariera, während der Postillon bereits im Sattel saß.

Ein Blick überzeugte die Herzogin, daß das Gepäck des Wagens nicht berührt worden war und Nichts fehlte.

»Bei der Madonna, Signor Capitano,« sagte sie lachend, »Sie sind der galanteste Brigand, von dem ich noch gehört habe, und ich werde Sie allen meinen Freunden auf das Beste empfehlen.«

»Altezza lassen uns nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn Sie uns nicht mit anderen Spitzbuben verwechseln!«

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»Ich bedauere deshalb, Ihnen so viele Umstände gemacht zu haben. Aber lassen Sie uns den Kranken in den Wagen bringen, damit wir zu Ende kommen.«

Die Männer hoben den in seinem noch immer bewußtlosen Zustand stöhnenden Verwundeten auf und legten ihn, in einen Mantel gehüllt, auf die Kissen des Wagens, der Offizier setzte sich neben ihn, ihn unterstützend, während die Dame selbst, so gut es ging, sich einen Platz suchte.

»A rivederci - Signor Mascherato! Mein Lösegeld soll gezahlt werden!«

Der Hauptmann salutirte mit der Hand, die Banditen ergossen sich in Segenswünschen über die Barmherzigkeit der vornehmen Dame, und der Wagen rasselte davon.

Einige Augenblicke schaute der geheimnißvolle Anführer der Banditen dem Wagen nach, dann wandte er sich zu seinen Leuten. Die Sprache des galanten Cavaliers war verschwunden und sein Ton rauh und fest.

»Ruft Gasparo und bringt die Pferde hierher,« befahl er, »Gasparino wird sechshundert Scudi in die Kasse der Bande legen und die anderen sechshundert unter Euch vertheilen! Fort!«

»Evvia Ruggiero! Evviva il capitano!« Die Banditen verschwanden unter dem Ruf und dem Schwenken der Hüte.

Eine Viertelstunde später galoppirten zwei Reiter in langen, dunkelen Mänteln nach Rom, verließen aber die Appische Straße und ritten durch das Thor am Lateran in die Stadt. -


Der Wagen der Duchessa, von den vier Postpferden gezogen, hatte rasch die Porta San Sebastian erreicht und an den berühmten Thermen des Caracalla vorüber, den Circus Maximus und den Palatin mit seinen Kirchen, Villen, Tempeln und den Ruinen der Kaiserpaläste zur Linken lassend, an dem Colosseum vorbei bog er in die Straße des Forums, und fuhr am Tempel der Minerva in die öden Straßen, welche das Ospedale della Consolazione umgeben.

Die Erschütterung des Wagens hatte den Verwundeten wieder zum Bewußtsein zurück gerufen, und sein leises Stöhnen und

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die Pflicht, für ihn zu sorgen, unterbrach das Gespräch seiner Begleiter, was die Dame ziemlich ungeduldig zu machen schien.

An der Pforte des Hospitals hielt der Wagen, und der Offizier sprang heraus und lautete an der Glocke des Eingangs, bis der Pförtner erschien.

»Wir bringen einen Kranken, Freund - dort im Wagen,« sagte der Offizier, sein Verlangen durch ein Geldstück begleitend. »Ruft Leute herbei, die ihn mir herausschaffen helfen, und holt einen Arzt oder eine der barmherzigen Schwestern, denn der Mann ist schwer verwundet.«

Der Pförtner verschwand in das Innere des weiten Gebäudes, während die Herzogin gleichfalls den Wagen verließ und, sich auf den Arm ihrer Camariera stützend, vor der Pforte stehen blieb. Der Schein der im Luftzug schwankenden Laternen zeigte ihren Bournous mit Blut befleckt; schauerlich klangen durch die Stille der Nacht das leiser werdende Stöhnen des Verwundeten und seine wieder beginnenden Fieber-Phantasieen.

Aus der Richtung des Capitols her nahten sich die schweren Schritte mehrerer Männer.

»Sie kommen - sie kommen - einen Priester, daß er mich rettet! Wie ihre Augen glühen - zwei auf ein Mal - zwei auf ein Mal - und ich habe nur eine Seele!«

Die Duchessa winkte den Offizier zu sich. »Der Mensch hat in der That seltsame Phantasieen,« sagte sie ungeduldig, »und der stiere Blick seines Auges, selbst im Dunkel leuchtend, machte mir ordentlich Grauen. Mein englischer Reisewagen muß völlig verdorben sein, ich werde ihn nicht mehr benutzen können, und würde fast bedauern, daß ich mich von meinem Mitleid habe hinreißen lassen, wenn es mir nicht zugleich Ihre Bekanntschaft gebracht hätte!«

Die Pforte des Hospitals sprang auf, der Lichtstrom einer Fackel fiel heraus, die der Pförtner trug, zwei Wärter kamen mit einer Bahre, hinter ihnen eine Frau in der dunkelen Tracht der barmherzigen Schwestern, den kurzen weißen Schleier über das Gesicht gefaltet, - so blieb sie in dem dunkelen Rahmen der Pforte stehen.

Die Männer setzten die Bahre am Wagen nieder, der Eine

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stieg hinein und sie hoben den Sterbenden heraus und versuchten ihn auf die Bahre zu betten.

Das volle Licht der Fackel fiel auf den jungen Offizier und die Duchessa, die gleichgiltig, ihre Hand auf dem Arm des Cavaliers, auf das traurige Schauspiel niedersah - der Verwundete schien unter den Händen der Wärter während des Heraushebens seine Seele ausgehaucht zu haben, denn der Verband hatte sich bei den Bewegungen gelös't, und er lag blutbedeckt, regungslos und ohne zu athmen jetzt auf der Bahre.

»Kommt hierher, Schwester Fausta,« sagte einer der Wärter, »und seht selbst zu! Ich glaube, wir brauchen den Mann nicht erst in den Krankensaal zu tragen, sondern können ihn gleich zur Leichenkammer bringen - der Bursche ist so todt wie eine Ratte!«

Die Blicke des Offiziers und der Herzogin richteten sich bei dem Namen auf die Nonne - sie stand an den Pfeiler der Thür gelehnt, die linke Hand auf das Herz gedrückt, wie von einer innern Bewegung erzitternd.

Dann die Blicke des Kreises auf sich gewendet sehend, richtete sie sich auf und schritt langsam die Stufen des Eingangs, herunter. An der andern Seite der Bahre blieb sie stehen, und mit der einen Hand den Puls des Todten erfassend, schlug sie mit der andern den Schleier zurück.

Jetzt zeigte sich den Blicken des Offiziers und aller Umstehenden das seltsame Schauspiel, unter diesem Schleier und der weißen Stirnbinde der armen Nonne ein blasses, zartes Gesicht zu sehen, das gleich einem Spiegel die schönen Züge der stolzen Herzogin ihr gegenüber zurückgab.

Zug um Zug - bis in's geringste Detail zum Verwechseln gleich, nur zarter, durchsichtiger war das Antlitz der Nonne dem der Herzogin, das Auge von demselben großen Oval, demselben tief dunkelen Blau, nur der Ausdruck ein andrer: statt des herausfordernden, stolzen, herrischen Blickes ein demüthiger, schwermüthiger und doch so redender Ausdruck, selbst das wenige Haar, das sich unter der Stirn- und Wangenbinde hervorstahl, zeigte die schwerblonde Farbe der Locken der vornehmen Dame.

»Die Nonne vom Esquilin! - sie selbst!« flüsterte in tiefer

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Erregung der Offizier. »O, Madonna - habe ich hier das Glück, Euch wieder zu finden? ... «

Ein sanftes, süßes Lächeln erhellte einen Augenblick das ernste Gesicht der barmherzigen Schwester, während sie das Auge zu dem Mann emporschlug, der in so großer Gefahr sein Leben für sie auf's Spiel gesetzt, dem sie damals, zum Kloster flüchtend, nicht einmal zu danken vermocht, und den sie mit der tiefen Erregung eines ihr bis dahin fremden Gefühls schon unter der Pforte des Hospitals erkannt hatte. Aber ehe sie noch ein Wort des Dankes stammeln konnte, machte ein wilder Schrei die Herzen erbeben. Es war, als wenn die Berührung der Nonne eine galvanische Wirkung auf den leblosen Körper des Banditen geübt, so plötzlich zuckte derselbe in die Höhe und richtete den Oberleib krampfhaft empor. Die dunkelen gläsernen Augen rollten im Todeskampf gespenstig von einer der Frauen zur andern - der Mund öffnete sich, blutigen Schaum auf den Lippen, die Arme streckten sich, wie abwehrend, weit vor.

»Da steht sie, dort - und da - sie ringen um meine Seele - und dort, zu den Füßen die Dritte! Sie ist's - ich kenne Dich wohl, Teufel mit den verzehrenden Augen und dem lichten Schlangenhaar! Tanzt den Reigen, tanzt den Reigen um mich - Eins - Zwei - Drei - Drei in Einer und Eine in Drei! Liebe mich, Faustine - ich komme! ich komme!«

Ein Blutstrom brach aus seinem Munde - ein electrisches[elektrisches] Erbeben des ganzen Körpers, und zurückfallend auf die Bahre streckte sich der junge Leib - der Bandit war todt! -

Ueber den Todten hinweg trafen sich die Augen der beiden Frauen, das Auge der Nonne, erschreckt von dem erschütternden Vorgang, und mit einer gewissen Neugier diese Frau betrachtend, von der sie fühlte, daß ein geheimnißvolles Band sie mit ihr verknüpfte; - die Duchessa mit fast feindlicher, drohender Miene diese Rivalin ihrer Schönheit betrachtend, dieses seltsame Spiegelbild, von dem ihr der Ruf erzählt und das unwillkürliche Staunen des Offiziers bei ihrem Anblick im Circus Bestätigug gegeben, zum ersten Mal Aug' in Aug' sich gegenüber.

So standen sie schweigend wohl eine Minute lang sich gegenüber, indeß die Schritte der vom Capitol Herkommenden näher

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und näher klangen. Dann, während die Nonne langsam in die Knie sank und ein Todtengebet zu murmeln begann, kehrte sich die Duchessa stolz und erregt zu dem Offizier, dessen Auge sie mit nicht mißzuverstehendem Ausdruck auf der Schwester der Barmherzigkeit haften sah.

»Kommen Sie, Signor,« sagte sie rauh, »und erinnern Sie sich gefälligst, daß Sie heute mein Cavalier sind. Wir haben hier Nichts mehr zu schaffen.«

Sie faßte selbst seinen Arm und zog ihn zu dem harrenden Wagen. Als er hinter ihr drein von ihrem Befehl zur Eile gemahnt in denselben stieg und einen Blick nach der Gruppe zurückwarf, sah er vier Männer in lange Mäntel gehüllt bei den Wärtern um die Bahre versammelt, während die dunkele Gestalt der Nonne wie vorhin wieder unter dem Thürbogen des Hospitals stand und unter dem wieder gesenkten Schleier hervor ernst und traurig herüber zu blicken schien.

»Nach dem Palazzo!« befahl die Herzogin; die Peitsche des Postillons knallte und im scharfen Trabe rasselte die Equipage auf dem Weg, den die vier Männer gekommen, davon.

Diese waren neugierig um den Todten stehen geblieben. »Was ist hier geschehen?« fragte der Eine von ihnen.

»O, Signor - etwas sehr Gewöhnliches. Der Mensch hier hat im Streit oder von den Banditen eine Kugel in den Hals bekommen, und die vornehmen Herrschaften haben ihn wahrscheinlich am Weg gefunden und hierher gebracht. Aber er ist uns unter den Händen gestorben, noch eh' der Doctor ihm hinüber helfen konnte, und wir haben jetzt Nichts weiter zu thun, als den Körper in das Leichenhaus zu schaffen, bis er begraben werden kann!«

»Einen Todten? - Das ist, was wir brauchen, Mann,« sagte da der Fremde im Mantel, und wechselte dann einige Worte mit seinen Gefährten. »Es war eben unsere Absicht, aus dem Lazareth einen Leichnam zu holen, und wenn Ihr uns den Burschen, der noch warm ist, überlassen wollt, sollt Ihr ein gutes Trinkgeld erhalten.«

»Aber, Signor - er ist freilich noch nicht im Hospital und geht uns eigentlich Nichts an. Aber zu was?«

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»Es braucht ihn ein Arzt! Er will an dem Leichnam eine Probe machen für ein wichtiges, anatomisches Experiment, das ganz Rom kuriren soll. Hier sind fünf Scudi - bringt ihn dort unter den Brunnen und spült ihn ab, und nun zum Teufel sputet Euch, wir haben nicht lange Zeit und nehmen ihn sonst mit Gewalt.«

Wenige Minuten darauf wurde der Leichnam des Banditen in einen von den Fremden mitgebrachten Sack gesteckt und zwei der Männer trugen ihn fort.

Längst schon, ehe der schauerliche Handel begonnen, war die barmherzige Schwester in's Innere des Hospitals verschwunden.

2. Theatro Capranica.

Die Duchessa hatte, sobald sie allein mit dem jungen Schweizer-Offizier dem Palazzo Borgia zufuhr, die Gelegenheit wahrgenommen, ihn über das Abenteuer mit der Nonne auszufragen, und er erzählte offen den Hergang, wie er zufällig in der öden Umgebung auf dem Esquilin, von einem Besuch der Thermen des Titus kommend, den Hilferuf zweier Schwestern vernommen, die, von einem Kranken zurückkehrend, nahe der Klosterpforte von fremden Männern überfallen worden wären, die versucht hätten, die jüngere fortzuschleppen. Aber er hütete sich, zu erwähnen, daß er seitdem mehrmals die Kirche des Klosters besucht habe, um die durch seinen Muth Gerettete wiederzusehen.

Dennoch hatte er vielleicht nicht ganz der vornehmen Dame den Eindruck zu verbergen vermocht, den ihre so seltsame Doppelgängerin auf ihn gemacht, und mit jener rasch empor lodernden Leidenschaftlichkeit, die den Frauen des Südens eigen ist, war sie entschlossen, mit der eigenen Schönheit den Kampf gegen ihr Spiegelbild um den schönen Fremden zu beginnen.

Ein Gedanke - diabolisch - wie von unbekannter Macht ihr eingehaucht, durchzuckte ihr Herz.

Ja - so sollte es sein!

Ihre Hand ruhte auf dem Wagenkissen neben der des Offiziers - der warme elektrische Strom der Berührung durchschauerte

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ihn mit jener magnetischen Sensibilität, die gewisse Frauen zu umgeben scheint.

Das Bild der schönen frommen Nonne verschmolz in seiner Phantasie zu einem mit dem der übermüthigen stolzen Aristokratin.

»Wo wohnen Sie, Signor?« fragte die Herzogin.

»In der Schweizer-Kaserne des Vatikan, Altezza.«

»Bene! Sind Sie morgen im Dienst?«

»Bis jetzt nicht, es müßten denn neue Befehle ertheilt sein. Ich habe übermorgen die Wache im Quirinal.«

»So erwarte ich morgen um Mittag Ihren Besuch, mein schöner Ritter,« lud die Herzogin ihn ein. »Ich habe im Laufe des Vormittags einige Geschäfte, die meine schnelle Ankunft in Rom nothwendig machten, - aber meine Leute werden Anweisung erhalten, daß ich zu jeder Zeit Sie empfangen will - vorausgesetzt, daß Sie das Amt meines Cavaliers nicht schon überdrüssig geworden sind.«

»Ich bitte Ihre Hoheit, eines armen Fremden nicht zu spotten!«

Ein leiser Druck der Hand antwortete ihm, während der Wagen in den Theil des Vaticans einfuhr, in dem sich die frühere Villa Borgia befindet. Die Ankunft des Herzogs und seiner Gemahlin war offenbar erwartet, denn der Maggiordomo mit der Dienerschaft empfing sie am Portal und öffnete den Schlag. Die Launen der Herzogin schienen sehr bekannt, und Niemand verwundert, als statt des alten gebrechlichen Gebieters der junge Offizier heraussprang und der Dame die Hand bot.

Erst der Anblick des Blutes, womit der Anzug der Duchessa befleckt war, unterbrach seine Bewillkommnungs-Complimente.

»Laß gut sein, Giacomo,« unterbrach die Herzogin lachend seine besorgten Fragen. »Ein Abenteuer ohne Bedeutung auf der Straße nach Albano. Aber es erinnert mich zur rechten Zeit, daß der Herzog schwerlich ein großer Liebhaber von nächtlichen Spaziergängen ist. Laß einen Wagen anspannen und sende ihn nach der Porta-Appia, Seine Hoheit ist mit seinem Pariser Kammerdiener auf der Straße zurückgeblieben. A rivederci, Signor, und nochmals meinen Dank für den Dienst!« Die

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reizende Handbewegung beurlaubte ihren Begleiter, und ein feuriger, in seine Seele dringender Blick kreuzte gleich einer Bezauberung den seinen, als sie in dem Vestibüle verschwand.

Wie unter dem Druck einer schweren Betäubung über alle die seltsamen und wechselnden Eindrücke des Abends wandte der Offizier seine Schritte dem bestimmten Rendezvous an der Piazza-Pilotta zu. Unter dem Gewicht seiner eigenen Gedanken fiel ihm auch das noch mehr als gewöhnliche Leben und Treiben in den Straßen und den Kaffeehäusern nicht auf, obschon es beinahe Mitternacht und die Witterung ziemlich rauh war.

Volkshaufen standen überall zusammen an den Straßenecken und Plätzen, und perorirten über die morgende Wiedereröffnung der Kammern im Palast der Cancellaria. Aus den Kaffeehäusern hörte man Discussionen in den verschiedensten Sprachen, Italienisch, Französisch, Ungarisch, Polnisch, Deutsch und Englisch. Redner traten auf und verlasen die Spottverse der Journale oder die entflammenden Zeitungsartikel Galetti's. Die Straßen wimmelten von Müßiggängern und Politikern aller Art, Geistliche, Soldaten, Bettler, Nationalgarden und Handwerker durcheinander, überall Frauen dazwischen, vornehme Damen und Bürgerweiber mit den Säuglingen auf dem Arm - und jene dunkelen, fremden, unheimlichen Gestalten, die in ruhigen Zeiten Niemand sieht und Niemand kennt, und die - Gott weiß woher - stets da sind, vorverkündend, wie die Sturmvögel, wo ein politischer Sturm sich braut.

Wäre der junge Offizier in einer andern Stimmung und weniger mit seinen eigenen Interessen beschäftigt gewesen, so würde er schwerlich die Verhöhnungen und Schimpfworte geduldig ertragen haben, die beim Vorübergehen aus verschiedenen Gruppen seine Uniform begrüßten, während andere bei seiner zufälligen Annäherung plötzlich die laute lärmende Unterhaltung abbrachen und ihn schweigend nur mit finsteren, gehässigen Blicken vorüber passiren ließen. Die kühne, unbesorgte Haltung, mit der er achtlos seinen Weg fortsetzte, sicherten ihn zwar vor ernsteren Beleidigungen, indeß war doch die feindselige Stimmung so unverkennbar, daß sie auch ihm endlich auffallen mußte und ihn bewog,

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die kleineren Straßen der Pigna10 zu wählen und den Corso oberhalb des Venetianischen Platzes zu kreuzen.

Es schlug von der Kirche der heiligen Apostel bereits Mitternacht, als er um den Palazza-Colonna bog, und er beeilte noch mehr seine Schritte, um den bezeichneten Punkt des Rendezvous zu erreichen.

Plötzlich im Vorübergehen an dem tiefen und dunkelen Portal eines Hauses faßte eine Hand seinen Arm und zog ihn in die tiefen Schatten des Porticus.

»Hierher, Signor Riccardo,« sagte eine Stimme, die er als die des Banditenhauptmanns erkannte, »Ihre Uniform ist zu kenntlich und könnte zu leicht hier Aufmerksamkeit erregen. Die Fledermäuse schwärmen bereits.«

In der That bemerkte der Offizier eine Menge dunkele Gestalten, die einzeln aus verschiedenen Straßen kommend, ihren Weg sämmtlich nach der Piazza della Pilotta nahmen.

»Hier, geben Sie mir Ihren Mantel und Ihr Barett - so, nehmen Sie diesen dafür und knöpfen Sie ihn fest zu, damit er nicht im Oeffnen die Uniform sehen läßt. Wünschen Sie eine Maske oder eine Kapuze?«

»Zu welchem Zweck?«

»Es muß sein - Sie werden uns begleiten!« sagte eine andere Stimme aus dem Dunkel des Thorwegs, und die kleinere Gestalt seines Gefährten im Circus Caracalla trat näher - er trug einen ähnlichen verhüllenden Mantel, wie der Banditenhäuptling ihm gereicht, und das Gesicht tief in einer Kapuze versteckt, so daß es selbst bei hellem Licht unmöglich gewesen wäre, es zu erkennen.

Erst jetzt bemerkte der Schweizer, daß noch ein vierter Mann bei ihnen war, dessen spitzer Hut und Umrisse der andern Tracht einen der Banditen von der Via-Appia verriethen.

Im Hintergrund des Thorweges hörte man die Bewegungen und das Schnauben von zwei Pferden.

»Geben Sie mir eine Maske, Signor,« entschied der Offizier.

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Der Mascherato reichte sie ihm mit einem breiträndrigen, tief herabfallenden Hut.

»Sie schwören heute zu meiner Gesellschaft und müssen Alle Mascherati sein! Cospetto - das ist noch nicht dagewesen, ein Offizier der Schweizer als Mitglied der Bande des Ruggiero! Aber Signor,« fügte er ernster hinzu, »der Gang, den wir thun, hat seine Gefahren und erfordert einige Vorsichtsmaßregeln. Ich verlange zunächst Ihr Ehrenwort, daß - was Sie auch sehen mögen - Sie sich bezwingen, um uns und sich nicht zu verrathen, und daß kein Name einer Person, die Sie etwa erkennen mögen, über Ihre Lippen kommen soll!«

»Geben Sie Ihr Wort,« sagte der Vicar.

»Ich verspreche es!«

»Das soll Sie keineswegs hindern, von Allem, was Sie erfahren, Gebrauch zu machen, um ein Unglück zu verhüten; denn ich sage Ihnen offen, das ist der Zweck, weshalb ich Sie an den Ort führe, den wir betreten werden.«

»Das ist seltsam!«

»Es mag sein, aber Sie werden es mir danken. Wollen Sie Ihr Wort also geben?«

»Ich gebe es!«

»Bene! Nun lassen Sie uns gehen und vergessen Sie nicht, daß wir stumme Zuschauer bei einem Schauspiele sind. Gassparino - Du wirst uns hier erwarten.«

Der Lieutenant der Bande brummte eine unverständliche Antwort, während der Vicar den Mascherato zur Seite zog.

»Ich bin also sicher, daß ich das Portefeuille erhalte? Warum nicht gleich?« fragte er leise.

»Ich habe, was Sie verlangt, hier in der Brusttasche meiner Jacke,« sagte der Räuber. »Sie sollen es haben, sobald wir wieder auf der Stelle sind - bis dahin ist es besser bei mir verwahrt. Doch nun lassen Sie uns gehen, sonst versäumen wir vielleicht das Wichtigste.«

Der Bandit, in einen gleichen Mantel gehüllt, wie seine beiden Begleiter, schritt diesen voran und quer über die Piazza della Pilotta, nach der Seite, an welcher das Theatro Capranical sich befindet.

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Wie vorhin strichen einzelne verhüllte Männer an ihnen vorüber und wandten sich nach der Seitengasse, die an dem Theater hinläuft.

Der Offizier bemerkte, daß sie sämmtlich in eine dort befindliche Nebenthür eintraten.

Der Mascherato ging auf dieselbe Thür zu, sie war geöffnet, aber im Innern sperrte eine herkulische Männergestalt den Gang, in den sie führte.

Der matte Schein einer Lampe ließ erkennen, daß dieser gleichfalls verlarvte Mann bis an die Zähne bewaffnet war.

»Wer da?«

»Freunde der Freiheit!«

»Die Loosung?«

»Tod Carrara!«

»Tretet ein!«

Der Offizier war bei dem Paßwort stutzig geworden, die Erinnerung, daß Carrara der Geburtsort seines Oheims, des von den Liberalen Roms so gehaßten Premierministers, war, drängte sich ihm unwillkürlich auf und erinnerte ihn zugleich an die Gerüchte, die er über die geheimen Clubs und Agitationen der Mazzinisten gehört hatte.

Aber es war zu spät, jetzt zurückzukehren - überdies, wenn sein Begleiter diesen Ort betrat! - er folgte rasch den Voranschreitenden.

Ueber einen kurzen Gang gelangten sie an eine Treppe, die der Mascherato emporstieg - dann stieß er eine Thür auf und sie befanden sich in dem spärlich erleuchteten, fast dunkelen Corridor, der um die erste Logenreihe des Theaters läuft.

Der Mascherato wandte sich zur Linken und öffnete eine Seitenloge - er winkte ihnen einzutreten und verschloß dann die Thür.

Das Innere des Theaters bot ein merkwürdiges, unheimliches Bild. Der Zuschauerraum war dunkel, dennoch konnte man in dem Schein, der von der geöffneten und durch mehrere Lampen ziemlich hell beleuchteten Bühne herüberdrang, deutlich erkennen, daß im Parterre und in den Logen sich eine Anzahl Menschen, theils verlarvt und vermummt, wie sie selbst, theils das

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Gesicht blos durch die Hüte beschattet, bewegten. Aus dem Parterre führten einige Stufen zu dem Podium der Bühne hinauf, und auf dieser befand sich eine große Anzahl von Menschen in unruhigen Gruppen um einen Tisch versammelt, hinter dem eine Art von Rostra oder Rednerbühne errichtet war.

Die Decorationen der Bühne zeigten die Straßen einer Stadt - anscheinend selbst eine Ansicht Rom's. An der ersten Coulisse zur Rechten, also der Loge gegenüber, die der Mascherato mit seinem Begleiter gewählt, waren einige Stufen vorgeschoben, gleich dem Aufgang einer Treppe.

Auf der obersten dieser Stufen, an die Coulisse gelehnt oder festgebunden, befand sich ein bis jetzt nicht erkennbarer Gegenstand, den eine große mit Flittergold besetzte Tischdecke, offenbar aus der Theatergarderobe, verhüllte.

Die Menge auf der Bühne, die in fortwährender Bewegung mit den Gruppen im Parterre wechselte, bestand gleichfalls aus mehr oder weniger vermummten oder unverhüllten Personen. Um den Tisch in der Mitte saßen vier Personen, zwei davon verlarvt, die übrigen ohne Maske - ein fünfter Platz war leer, der ihn bisher eingenommen, stand eben auf der Rostra - ein Mann in dem schwarzen Gewand der Barnabiten, die dreifarbige italienische Schärpe um die Brust geschlungen.

»Es ist der Pater Gavazzi, der eben spricht,« flüsterte der Bandit, indem er seine Gefährten auf die ersten Stühle der Loge niederzog - »wir werden eine Philippica gegen Oesterreich zu hören bekommen!«

»Der Abtrünnige! - Der tiefste Kerker der Inquisition gehört ihm,« murmelte der Vicar.

In der That ergoß sich der Strom der Beredtsamkeit des Paters, die damals in den Versammlungen des Coliseo die Massen bewegte, in donnernden flammenden Worten gegen die österreichische Herrschaft, die mit ihren Bayonneten so lange Italien in Knechtschaft gehalten. Eine Schmach für das römische Volk sei es, daß seine Legionen, statt den Po zu überschreiten und den Brüdern in Mailand und Venedig zu Hilfe zu eilen, unthätig die Zeit versäumt und Bologna ohne Schwertschlag dem Feinde überlassen hatten. Es sei Verrath des Volkes - der Papst habe

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niemals daran gedacht, die Oesterreicher anzugreifen - man wisse jetzt ganz bestimmt, daß der General Durando im Geheimen den Befehl erhalten habe, bei erster Gelegenheit sich mit den Oesterreichern zu verbinden - die Vorschläge, die das Ministerium nach Florenz, Rom und Neapel für eine Conföderation Italiens gemacht, sollten nur die öffentliche Meinung täuschen - Graf Rossi denke nicht an ein vereinigtes Italien, das Statut sei in seinen Händen zu Wasser geworden, seine einzige Absicht sei, die erworbenen Rechte und Freiheiten des Volkes wieder zu unterdrücken und die Souveränetät des Papstes wieder herzustellen! Darum fort mit dem Ministerium, fort mit Rossi, dem Zögling des Verräthers Louis Philipp, dem Sclaven der Oesterreicher, dem Feinde der Freiheit!

Ein donnernder Beifallssturm und der Ruf: Tod dem Unterdrücker! begleitete den fanatisirten Redner - man sah, daß die Versammlung in die richtige Stimmung gebracht war, die schrecklichsten Beschlüsse zu fassen.

Nach dem Pater betrat ein Mann von eleganter Gestalt und Haltung die Rednerbühne. Er trug, wohl mehr zum Schein, eine kurze Maske, denn der Name >Galetti< ging sofort von Mund zu Mund.

Der Advokat war der Typus eines Revolutionairs im Frack. Aus dem Volk entsprossen - der Sohn eines Barbiers - vereinigte er mit dem Talent eines gewandten Redners großen persönlichen Muth und einen brennenden Ehrgeiz. Schon in den revolutionairen Bewegungen von 1831 stürmte er an der Spitze einer Freischaar Cento und focht mit den beiden Prinzen Bonaparte bei Rimini gegen die Oesterreicher. In Cesena verwundet, ergriff er die Flucht, kehrte aber später zurück und stand im Jahre 1843 an der Spitze einer Verschwörung gegen das Leben Gregors XVI. Zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt, wurde er aus dem Kerker durch die Amnestie Pius' befreit, und geberdete sich damals als einer der begeistertsten und dankbarsten Anhänger des Papstes.

Dem aristokratischen Wesen, der eleganten Tournüre des Mannes entsprach die glänzende Beredtsamkeit, mit der er jetzt in scharfen Zügen den Gang der römischen Revolution entwickelte,

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die Erzwingung des Statuts vom 14. März, die Willkür und Unentschlossenheit des Ministeriums Ferretti - seine eigene Verdrängung aus dem Ministerium Mamiani und mit ihr die Entfernung aller wahrhaft demokratischen Elemente, endlich die Pläne zur vollständigen Unterdrückung der Volksrechte durch den neuen Premierminister. Auf diesen, die Cardinäle und den Einfluß der fremden Gesandten wurde von dem gewandten Redner die Sinnesänderung des Papstes geschoben. Dann ging er speziell auf die einzelnen Erlasse Rossi's seit seinem Amtsantritt über und wußte - wie offen und liberal auch das Programm des Grafen gewesen war, der eine italienische Conföderation und die Sicherung der weltlichen Macht des Papstes anstrebte, - mit diabolischer Geschicklichkeit jede Maßregel zu einer Anklage des Volkverraths gegen ihn zu gestalten. Ohne direkt zu einem Angriff gegen den Minister aufzufordern, gab er durch geheimnißvolle Winke und Andeutungen zu erkennen, daß, wenn man dem Grafen erlaube, mit der Deputirten-Kammer zu verhandeln, sein Einfluß auf die reactionairen und schwankenden Mitglieder so bedeutend sein werde, daß die demokratische Partei unmöglich mit ihren Forderungen durchdringen könne.

Die Rede war ein Meisterstück der Anklage und Verdächtigung, um den erhitzten Gemüthern einen Anhalt des Hasses, eine Rechtfertigung eines blutigen Beschlusses zu geben, ohne doch direkt zu einem solchen aufzufordern und seine Schuld auf sich zu laden.

»Hören Sie den Schelm!« flüsterte der Vicar dem Banditen zu, »ich habe es mit angesehen, wie er dem heiligen Vater zu Füßen lag und sich selbst anklagte und schwor, für die Rechte des heiligen Stuhls künftig mit Blut und Leben zu kämpfen, bis der heilige Vater selbst ihm zurief: basta mio figlio! und ihn an seine Brust drückte.«

»Ich meine, ehrwürdiger Herr,« entgegnete spöttisch der Bandit, »daß wir in dieser Zeit noch manche merkwürdige politische Veränderlichkeit zu sehen bekommen haben.«

Der Vicar wandte sich rasch gegen ihn um, aber der Mascherato schaute eifrig nach der Bühne. »Signor Galetti,« sagte er, »hat gesäet, aber der jetzt kommt, wird die blutige Saat aufgehen lassen!«

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»Der Fürst von Canino! Er selbst.«

Der napoleonische Revolutionair par force begann mit jenem nie auf die Römer seinen Eindruck verfehlenden Ausruf der Erinnerungen an die alte Größe Roms, er beschuldigte sie des erbärmlichen Zauderns und Schwankens, jetzt, wo die Zeit gekommen, diese Größe wieder herzustellen, er verlangte die unbeschränkte Souveränetät des Volkes, die Herstellung einer großen italienischen Republik, die Abschaffung der weltlichen Macht des Papstes, zunächst ein demokratisches Ministerium, das mit Aufrichtigkeit an das Werk der Befreiung Italiens von den Oesterreichern und den Bourbonen ginge und die Revolution in der Lombardei und in Sicilien unterstütze. Er erinnerte an den Tod der Brüder Bandiera und so vieler anderer Märtyrer der Freiheit, an die Kerker der Engelsburg und die Galeeren - dann wandte er sich gegen den jetzigen Premierminister, und indem er ihn als einen Todfeind des Volkes, als einen von Oesterreich erkauften Verräther schilderte, der mit dem Feinde unterhandele, um eine starke österreichische Besatzung nach Rom zu ziehen und mit der Macht der deutschen Bayonnete dann jede Errungenschaft des Volkes zu unterdrücken und eine ärgere Knechtschaft als zuvor auf seinen Nacken zu laden, forderte er als das einzige Mittel der Rettung den schleunigen Fall dieses Feindes der Freiheit, die gewaltsame Erzwingung eines vom Volk selbst gewählten Ministeriums, die Vertreibung der Jesuiten und der reactionairen Cardinäle und die Ueberlieferung der Engelsburg an die guarda civica. Der Sieg, selbst in einem Kampf mit den Söldnern des Bourbonen in Neapel und den Oesterreichern könne ihnen nicht entgehen - er verbürge sich, daß die französische Republik sich mit ihnen verbinden würde und zehntausend Mann zum Schutz Roms bereit ständen - nur das Signal der eigenen Ermannung müsse gegeben werden in dem Sturz des Feindes. Rom habe den Cäsar nicht geschont, wo es seine Freiheit galt - sollten sie weniger thun an dem Werkzeug eines Louis Philipp und der Habsburger? Tod - Tod dem Verräther Rossi!

Ein donnerndes Jubelgeschrei antwortete dieser ganz im Geist der mazzinistischen Agitation gehaltenen Rede.

Tod Rossi! Tod dem Verräther! scholl es durch den Saal.

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Der junge Schweizer Offizier war aufgesprungen, seine Hand suchte den Griff der Waffe, seine Lippen öffneten sich, einen Schrei der Entrüstung und des Protestes hinein zu schleudern in diese fanatisirte Mörderbande - aber die Hand des Banditen drückte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt zurück auf seinen Sitz.

»Wollen Sie sich und uns hundert Dolchen überliefern?« sagte der Mascherato streng. »Denken Sie an Ihr Wort, Signor, und seien Sie vernünftig. Wer die Gefahr kennt, kann sich vor ihr hüten, und deshalb führte ich Sie hierher. Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Ruhe Ihres Begleiters!«

Die letzten Worte waren nicht ohne eine gewisse Ironie gesprochen. In der That bewies der geistliche Herr, der dieser gegen sein weltliches und kirchliches Oberhaupt so bedrohlich gerichteten Scene beiwohnte, eine merkwürdige Ruhe und Gleichgiltigkeit dabei.

»Bei den sieben Wunden,« sagte er, sich zurücklehnend, »ich möchte wohl wissen, wer der Bursche ist, der so eifrig mit dem Präsidenten dieser höchst achtbaren Versammlung spricht. Seine Vermummung geht noch über die Ihre, Signor Mascherato.«

»Sie errathen den Präsidenten unter seiner Maske?«

»Cospetto - wer anders, als Sterbini! aber der Andre?«

»Ich kenne ihn nicht - doch - nehmen Sie das Glas« - er reichte ihm einen Operngucker - »sehen Sie scharf nach seinen Füßen, hochwürdiger Herr - vielleicht finden Sie da einen Fingerzeig.«

»Bei der Madonna - unter dem verschobenen Mantel ein schwarzer Priesterrock.«

»So viel ich weiß,« sagte der Mascherato kalt, »tragen die ehrwürdigen Patres der Gesellschaft Jesu ganz ähnliche Gewänder. Honny soit, qui mal y pense - aber wir dürfen Nichts übersehen. Jedenfalls scheint der Signor seinen Zweck erreicht zu haben, denn der Präsident rührt die Glocke.«

In der That gab der Vorsitzende an dem Tisch nach kurzer Berathung mit seinen Gefährten das Zeichen, und ein tiefes Schweigen trat in der Versammlung ein.

Die Mitglieder derselben hatten sämmtlich das Parket verlassen

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und sich um den Tisch dieses geheimen Tribunals des politischen Mordes gruppirt. Auf den Wink des Mascherato zogen sich die drei Zeugen in der Loge bis in den dunkeln Hintergrund derselben zurück, um desto unbemerkter zu bleiben.

Man hörte jetzt die tiefe Stimme des Präsidenten deutlich bis in die entferntesten Winkel des Saales:

»Söhne Roms - Brüder der italienischen Freiheit und Kämpfer der ewigen Rechte der Völker - es ist der Antrag gestellt, den Feind der römischen Freiheit, Pellegrino Rossi, zu verurtheilen. Wie lautet Euer Beschluß?«

Ein einziges Wort - wie ein einziger Laut, hallte durch den Saal:

»Tod!«

»Wer für die Todesstrafe ist,« sagte der Präsident, »hebe seine rechte Hand auf!«

Wie durch einen gemeinsamen Willen warfen sich die Hände der Versammlung in die Höhe - nur Galotti war sitzen geblieben und spielte mit der Theaterklingel auf dem Tisch.

»Tod durch gemeinsamen Beschluß - bis auf eine Stimme,« entschied der Präsident. »Und wann?«

»Morgen - wenn der Verräther die Versammlung der Deputirten betritt,« schrie der Fürst von Canino. »Auf seinem Sitz selbst, ehe er sein Gift in die Ohren der Volksvertreter zu säen vermag.«

»Ich protestire,« sagte mit Entschiedenheit der Präsident. »Die Deputirtenversammlung darf nicht durch das Schauspiel einer auch noch so gerechten Hinrichtung befleckt werden.«

»So mag er auf den Stufen der Cancellaria sterben!«

»So sei es. Aber welche Hand überuimmt die Vollstreckung?«

»Das Loos möge entscheiden!«

Die Anwesenden wurden gezählt und man legte 74 Loose aus Papierzetteln in einen Hut. Auf einem einzigen derselben standen die Worte: »Gericht des Volkes» - die anderen waren leer.

Ein ruhiger Beobachter hätte aus den kurzen Vorbereitungen leicht erkennen müssen, daß diese selbst vorgesehen waren.

Als sie beendigt, trat Jeder zu dem Tisch und zog einen Zettel.

Zehn waren leer - der eilfte enthielt die verhängnißvollen

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Worte. Unter dem Ruf: Evviva Italia! Tod allen Feinden des Volkes! zeigte der Mann das verhängnißvolle Loos.

Es war ein Mensch von etwa fünfundvierzig Jahren, von großer Gestalt, rothem Bart und wüstem Aussehn. Ciceruacchio umarmte ihn und erklärte ihn für den neuen Brutus Rom's. Alle drängten sich um ihn her, ihm die Hände zu drücken und ihre Rathschläge zu geben.

Dann erscholl die Klingel des Präsidenten und stellte auf's Neue die Ruhe her.

»Es ist nicht genug, daß wir den Arm besitzen, wir müssen auch des Erfolges sicher sein. Hat Jemand einen Vorschlag zu machen?«

»Wir Alle kennen die Lokalität der Cancellaria,« sagte der ungeschlachte Volkstribun. »Ein Theil unserer Brüder muß sich auf dem Platz, ein anderer am Eingang selbst vor den Stufen aufstellen. Wenn der Aristokrat kommt und aus seinem Wagen steigt, drängen wir uns um ihn und Brutus stößt ihn nieder!«

»Aber ich kenne ihn gar nicht!« meinte naiv der designirte Mörder. »Man muß mir ihn zeigen, damit ich mich nicht irre!«

»Ich werde Dir ein Zeichen geben, Bruder,« sagte einer der Verschworenen, ein alter Mann mit ausländischem Gesichtsschnitt und weißem Bart, - »ich werde ihn mit dem Stock auf die linke Schulter schlagen.«

»Warum auf die linke?«

»Das wirst Du später sehen!«

»Welche Centurie der Guarda civica hat die Wache am Palast?«

»Die zweite Centurie der fünften Rioni,« erwiederte eine Stimme aus dem Kreise - »ich bürge für sie.«

»Das ist gut!«

»Es ist nicht genug,« sagte eine gedämpfte, aber dennoch scharfe Stimme. Die Augen wandten sich nach dem Sprecher - es war der Verhüllte am Tisch, der vorhin mit dem Präsidenten gesprochen, und den der Vicar mit so großer Neugier betrachtet hatte.

Dieser schien von dem eigenthümlichen Klang der Stimme merkwürdig berührt. »Santa Madre di Compostella!« murmelte

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er, »was bedeutet das? Sollte er ein doppeltes Spiel spielen?«

»Warum nicht, ehrwürdiger Herr,« fragte eben so leise der Bandit, dem die Worte nicht entgangen waren. »Behauptet man nicht dasselbe von ganz anderen Personen - zum Beispiel von Seiner Eminenz, dem Herrn Cardinal Antonelli?«

Der Vicar fuhr, wie von einer Schlange gebissen, noch einmal zurück und wandte zum zweiten Mal unter der Verhüllung sein scharfes dunkles Auge auf den Banditen - der Mascherato aber schien nur Theilnahme für die Vorgänge auf der Bühne zu haben.

»Es ist der Befehl gegeben, daß eine Compagnie der Karabiniere Spalier bis zum Eingang der Cancellaria bildet - man traut der Guarda civica nicht!«

»Welche Compagnie wird die Wache beziehen?«

»Die zweite!«

»Dann ist der Graf ein todter Mann! Die Offiziere gehören zu den Unseren - die Soldaten werden nicht erscheinen.«

»Aber,« warf eine Stimme ein, »wie nun, wenn der Verräther durch die Gerüchte, die bereits in Umlauf sind, gewarnt wird und die Deputirten-Versammlung nicht in Person eröffnet, oder auf einem andern Wege sich in den Palast begiebt?«

»Wir werden überall Wachen ausstellen!«

»Das genügt nicht - der Einzelne vermag nicht an ihn zu kommen, er würde den Schergen der Tyrannei verfallen.«

»Demonio! - Das wäre allerdings ein Strich durch die Rechnung!«

Der Vermummte am Tisch hatte ein Blatt Papier beschrieben und überreichte es dem Präsidenten.

»Lassen Sie dies dem Grafen noch heute Nacht auf irgend eine Weise zugehen oder an die Thür seiner Wohnung heften, und ich bürge dafür, daß er auf unserm Wege kommen wird - ich kenne ihn!«

Es war der berüchtigte Brief, der den unglücklichen Stolz des Ministers bestärkte und ihn veranlaßte, der Gefahr zu trotzen.

Der Vorsitzende las das Papier; es lautete:

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    »Ist es wahr, daß Graf Rossi sich von leeren Drohungen hat einschüchtern lassen und morgen nur unter dem Schutz der Bayonnette oder auf geheimen Wegen es wagen wird, die Deputirtenkammer zu betreten? Der Mann der stolzen Worte ein persönlicher Feigling? - Ihre Feinde triumphiren heute schon über die Nachricht, morgen wird ganz Rom über Sie lachen! Wer einen Staat retten will, sollte wenigstens den Muth haben, dem Pöbelgeschrei die Stirn zu zeigen.«

»Der Teufel oder ein Jesuit hat Ihnen das diktirt, Bürger,« sagte der Präsident, »aber ich glaube selbst, daß es seinen Zweck erfüllt, und es soll morgen früh in den Händen des Verräthers sein. Bürger, die Sitzung ist aufgehoben - morgen um zehn Uhr möge Jeder auf seinem Posten sein, der kein Feiger und kein Verräther an seinem Eide ist!«

»Halt! - ich verlange das Wort!« Die ungeschlachte Gestalt Ciceruacchio's, der noch immer neben dem durch das Loos bezeichneten Mörder und unfern der Coulisse stand, an welcher der verhüllte Gegenstand lehnte, hatte die Hand erhoben zum Zeichen, daß er sprechen wolle.

»Laßt Ciceruacchio reden - den Volkstribun! den Mann der Freiheit!«

»Brüder!« sagte der ehemalige Lohnkutscher, »wir wollen auch gewiß sein, daß der Stoß unsers Bruders trifft. Er muß uns zeigen, daß seine Hand fest und sein Auge sicher ist. Wir sind im Theater - es ist nicht mehr als billig, daß wir eine Probe halten!«

Die zum blutigen Fanatismus entflammte Menge klatschte ihm Beifall. »Brava! Die Generalprobe! Schafft eine Puppe herbei!«

»Thorheit,« schrie der Tribun - »was wollt Ihr mit einer ausgestopften Puppe? - Woran lernen die Aerzte die Krankheiten des Körpers heilen?«

»An den Leichnamen!«

»So müssen auch wir an einem Leichnam die Krankheit des Staates heilen lernen! Hier!«

Er warf die Decke von dem verhüllten Gegenstand auf den Stufen an der Coulisse.

Der Kreis wich einen Augenblick in unwillkürlichem Schauder zurück - eine menschliche Gestalt in der Tracht der Gebirgsbewohner

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stand aufrecht vor ihnen, theils an die Coulisse festgebunden, theils durch Theaterstützen in der Stellung gehalten, als wolle sie eben die Stufen des fingirten Palastes ersteigen.

Die offenen starren Augen, der herabhängende Unterkiefer verkündeten, daß längst alles Leben entflohen, daß eine wirkliche Leiche vor ihnen stand.

Der Mascherato hatte sein Opernglas am Auge. »Diavolo - ich will nicht sein, wer ich bin, wenn das nicht Gianetto ist, den heute Abend der Schuß traf! Wie kommt der Leichnam hierher - was haben Sie mit dem Burschen gemacht, Signor Luogotenente?«

Der junge Offizier schauderte - sein scharfes Auge hatte gleichfalls in dem Leichnam den Verwundeten aus dem Circus, den Sterbenden vor dem Thor des Hospitals erkannt.

»Ich weiß nicht, Signor, er starb uns unter den Händen an der Thür des Hospitals - die Wärter versprachen, für seine Beerdigung zu sorgen.«

Der Vicar nahm weder an der Verwunderung noch an dem Gespräch Theil. Seit die Stimme des Verhüllten an dem Tisch des leitenden Comités Eindruck auf ihn gemacht, schien er in ernstes Nachsinnen versunken und kaum die schreckliche Scene auf der Bühne zu beachten.

»Brava, Ciceruacchio! Drauf, Brutus - mit einem Stoß! Tod dem Verräther!«

Es war, als ob die Menge sich einbilde, wirklich ihren Feind vor sich zu sehen, - solcher Jubel begleitete den erwählten Mörder, als er mit einem Satz vorsprang und dem Leichnam seinen Dolch von der Seite in die Brust stieß.

Der Stoß war so heftig, daß der todte Körper mit sammt seiner Stellage umfiel, zugleich mit ihm aber stürzte der Mörder, der den Widerstand und die Balance verloren, über den Leichnam her und wälzte sich mit ihm am Boden.

Der Anblick war eben so abscheulich als widrig - nur das Furchtbare nahm ihm den Charakter - des Lächerlichen.

In der That lachten einige Mitglieder der Versammlung, die meisten aber klatschten Beifall und schrieen: »Gut gemacht!

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Mögen alle Feinde der Freiheit wie dieser stürzen!« Andere hoben den Leichnam auf und untersuchten die Wunde.

»Er hat genug! Mitten in die Seite! Er ist todt wie eine Ratte!«

»Ein Pfuscherstück!« sagte eine scharfe Stimme. Der Vermummte vom Tisch war näher getreten und öffnete die Kleider der Leiche; sein Finger wies kaltblütig auf die Wunde. »Wenn Graf Rossi morgen eine solche erhält, wird er, statt sofort, in acht Tagen die Deputirtenkammer mit einem Antrag auf Belagerungszustand eröffnen. - Der Stoß ist an den Rippen abgeglitten und nicht einmal in die Brusthöhle gedrungen.«

Der Mörder hatte sich beschämt erhoben. »Zum Teufel, Signor, ich that, was ich konnte! Wenn Du's besser verstehst, zeige es mir!«

»Es ist immer ein unsicherer Stoß auf das Herz für einen bloßen Sonntagsjäger,« sagte mit Hohn der Verhüllte. »Für eine ungeübte Hand giebt es eine einzige Wunde, die unfehlbar tödtet.«

»Welche - weisen Sie es mir!«

»Heben Sie den Körper wieder auf und lassen Sie uns ihn in dieselbe Stellung bringen wie vorhin.«

Nach einigen Augenblicken war dies geschehen.

»Jetzt, Bruder,« sagte der Verhüllte zu dem Alten mit dem weißen Bart, »geben Sie diesem Mann das Zeichen!«

Der Alte hob seinen Stock und schlug den Leichnam auf die linke Schulter.

»Der Graf,« fuhr der Verhüllte fort, indem er die That mit dem Wort verband und das Gesicht des Leichnams durch eine Berührung drehte, »wird unwillkürlich den Kopf nach der linken Seite wenden. Diesen Augenblick müssen Sie wahrnehmen. Der Hals ist dann auf der rechten Seite entblößt, die Pulsadern sind gespannt. Zeigen Sie mir Ihre Waffe!«

Der Mörder reichte ihm sein Stilet.

»Ich werde Ihnen eine andere geben, die geeigneter ist!« Er zog unter seinem Mantel ein breites, spanisches Messer hervor und reichte es ihm. »Diese Klinge wird sicherer ihren Zweck erfüllen. Treten Sie ruhig einen Schritt vor - bis an den Grafen heran und stoßen Sie ihm hier unter dem Ohr« - er

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legte den Finger an die Stelle des Halses, wo die Haupt-Arterie ihre Lage hat, »von Unten nach Oben das Messer hinein; mit diesem Stoß tödtet der Indianer der Pampas jedes Mal seinen Feind so sicher, wie die Sonne im Osten aufgeht!«

Der Vicar in dem Hintergrund der Loge erhob sich. »Lassen Sie uns gehen, Signor, ich weiß jetzt, was ich wissen will.«

»Einen Augenblick, ehrwürdiger Herr, um unsrer eigenen Sicherheit willen, unsre Entfernung in diesem Augenblick würde Verdacht erregen.«

Der Offizier saß auf seinem Stuhl, die Hände geballt, die Augen drohend auf die schreckliche Scene gerichtet.

Der Mörder war auf die rechte Seite des Leichnams getreten. Mit einer diabolischen Genauigkeit vollführte er den Stoß, das breite Messer durchschnitt von Unten nach Oben die Vene am Halse des Leichnams und drang tief in den Kopf ein.

Ein dunkelrother schmaler Streif zeigte sich um die Wunde, der Leichnam erzitterte von der Gewalt des Stoßes, aber er fiel nicht um, wie vorhin.

»Brava!« Der Verhüllte selbst stimmte in den Applaus für den Mörder ein. »Wenn Ihre Hand morgen nicht zittert, werden Sie Rom befreien! Auf Wiedersehn an den Stufen der Cancellaria!«

Gleich als habe ein unsichtbarer Maschinist auf dies Signal gewartet, erloschen im Nu alle Flammen im Innern des Theaters und tiefe Finsterniß erfüllte die Bühne und den Zuschauerraum.

Der Mascherato erfaßte die Hände seiner beiden Begleiter und zog sie auf den Corridor, der durch eine einzige matte Flamme erhellt war. Dunkele Gestalten drängten sich an ihnen und unter ihnen eilig vorüber, dem Ausgang zu. Die Drei folgten schweigend dem Strom.

Als sie auf der Piazza della Pilotta sich wieder unter Gottes freiem und erfrischendem Himmel nach der Mordscene sahen, athmete unwillkürlich selbst der Mascherato auf.

Der Offizier wandte sich hastig zu ihm. »Signor Capitano,« sagte er in hoher Anfregung, »ich danke Ihnen, daß Sie mir Gelegenheit gegeben, dies entsetzliche Complott zu entdecken und einen braven Mann zu retten. Leben Sie wohl, und wenn

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Richard Stämpfli von Stauffenbach je Ihnen einen Dienst leisten kann, so wenden Sie sich an mich.«

»Wohin?«

»Zu meinem Oheim - ihn zu warnen, ihm die gräßliche Verschwörung zu entdecken und morgen mit meinen Vettern an seiner Seite zu sein.«

Der Vicar legte die Hand auf seinen Arm. Er hatte bisher tief nachdenkend geschwiegen, schien aber jetzt zu einem Entschlüsse gekommen zu sein. »Einen Augenblick, Signor Luogotenente. Bedenken Sie, daß Sie im Dienst sind. Die Warnung an Ihren Oheim und die Verhütung des Unglücks übernehme ich. Ich danke Ihnen gleichfalls, Signor Mascherato, und bitte Sie jetzt, unser andres Geschäft zu beenden.«

Der Capitano lud den Geistlichen mit einer Handbewegung ein, zur Seite zu treten. Sie waren wieder in dem Thorweg, in welchem der Bandit mit den Verhüllungen auf sie gewartet, und legten diese ab.

Der Mascherato und der Vicar traten in den Porticus des Hauses, wo der Offizier sie weder sehen, noch hören konnte.

»Wollen Sie mir nun das Portefeuille aushändigen? Hier ist das Geld, Capitano,« sagte hastig der Vicar.

Ruggiero zog aus der Brusttasche ein Packet zusammengebundener Briefe und überreichte sie dem Geistlichen.

»Wie - warum nicht das Portefeuille? - wie kommen Sie zu diesen Papieren?«

»Beruhigen Sie sich, ehrwürdiger Herr - es sind gerade diejenigen, die Seine Eminenz der Herr Cardinal Antonelli um jeden Preis zurückzuerhalten wünscht. Ich habe unter meinen Leuten Einen, der sich vortrefflich selbst auf die feinsten Schlösser versteht, und da das Portefeuille der Frau Herzogin außer den politischen Dokumenten auch Papiere von zarterm Interesse enthielt, so sah ich keine Nothwendigkeit, das Ganze zu stehlen.«

»Wie - so wissen Sie, was diese Papiere enthalten?«

Der Mascherato verbeugte sich spöttisch. »Certamente! Wie hätte ich sie sonst auswählen können. Es ist die frühere Correspondenz des Herrn Cardinal mit Admiral Settimo und

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dem Revolutions-Comité in Neapel und Palermo, von der Indiscretion jener Staatenverbesserer der Nichte Seiner Heiligkeit sicher in die Hände gespielt, seit Seine Eminenz sich wieder der reactionairen Partei zugewendet. Die Papiere könnten allerdings sehr unangenehm compromittirend für den Herrn Minister in den Augen nicht blos des heiligen Vaters, sondern aller legitimen Souveraine Europa's werden, da sie über die Anwendung gewisser Summen seltsamen Aufschluß geben.«

»Unglücklicher! Sie reden sich um Ihren Kopf!« Der Vicar hatte hastig die Papiere durchblättert und gezählt. »Es fehlt ein Brief - der wichtigste von allen!«

»Fürchten Sie Nichts, ehrwürdiger Herr! Der Brief war dabei - aber ich habe mir erlaubt, ihn zurückzubehalten. Er ist hier! Die Frau Herzogin wird bis zum letzten Augenblick nicht einmal merken, daß diese Papiere ihr aus den Händen escamotirt worden sind, so geschickt sind andere in den Umschlag practicirt.«

»Geben Sie mir den Brief! Tausend Scudi dafür!«

»Ich bin ein Liebhaber von Autographen, ehrwürdiger Herr, und die Handschrift des Herrn Cardinals fehlt in meiner Sammlung!«

»Zweitausend - fünftausend Scudi! aber den Brief!«

»Auf Ehre - Sie lassen mich sehen, wie schlecht Ruggiero den Vortheil seiner sehr unheiligen Congregation gewahrt hat! - Doch ohne Scherz! Das Wort des Mascherato bürgt Ihnen dafür, daß der Brief in keine andere Hände kommt, aber Sie selbst haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß er meinen Kopf sichert! Und somit Gott befohlen, ehrwürdiger Herr!«

Der Bandit verschwand mit einer spöttischen Verbeugung um die Säulen - der Vicar schien außer sich. »Signor Riccardo! her zu mir!«

Im nächsten Augenblick war der Offizier an seiner Seite »Was befehlen Sie - Excellenza?«

»Wollen Sie es wagen, den nichtswürdigen Räuber zu verhaften?«

»Den Mascherato? - wie? der so eben ... «

»Ihn selbst - doch nein - es sind ihrer Zwei! Man [91]

würde Sie überwältigen. Ihre Pistolen - verstehen Sie ein Ziel zu treffen?«

»Ich schieße ein Fünffrankenstück aus den Fingern!«

Von dem Thorweg her klangen Hufschläge - zwei dunkele Reitergestalten nahmen die Rosse zusammen.

»Er ist der erste - schießen Sie ihn herunter - das Capitainspatent, wenn Sie ihn treffen!«

»Wen? - den Mascherato - nimmermehr!«

Die Reiter waren dicht an ihnen.

»Feiger Thor! wenn ich befehle!« - Der Vicar riß stürmisch das Pistol aus der Hand des zögernden Soldaten, hob es und feuerte.

Der Mascherato lachte spöttisch auf. - »Bemühen Euer Eminenz nicht die alten Gewohnheiten, die Kugeln sind aus den Läufen gezogen! - Ihren Segen, Cardinal Antonelli, und kommen Sie glücklich in's Quirinal!«

Die Reiter galoppirten über den Platz die Straße hinauf nach der Fontana di Trevi. Der Priester schleuderte die nutzlose Waffe von sich, und mit einer gewaltsamen Anstrengung sich fassend, hüllte er sich in seinen Mantel und winkte seinem Gefährten.

»Begleiten Sie mich zum Quirinal, Signor, dann ist Ihr Dienst zu Ende!«

3. Ein Revolutionair auf dem Throne!

Es giebt eine doppelte Krone in Europa - es ist die Tiara!

Der, welcher sie auf seinem Haupte trägt, das von der Weisheit des höhern Lebensalters gebleicht sein muß, hat sein Auge nicht blos über die materielle Wohlfahrt des Volkes, das ihm seine Brüder, die Fürsten, für den irdischen Glanz gegeben, wachen zu lassen, sondern über die Seelen von Millionen, so weit die Erde bewohnt ist.

Es ist eine große und schwere - aber erhabene Aufgabe. Die Weltgeschichte lehrt, da auch auf den Thronen nur Menschen

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sitzen, wie oft diese gewaltige Macht mißbraucht und die Herrschaft zur Knechtung geworden ist. Es haben auf diesem Fürsten-und Weltthrone, den man den heiligen Stuhl nennt, seit den fünfzehn Jahrhunderten seines Bestehens viele erhabene Geister gesessen, Männer der Weisheit, Männer der Thatkraft, der Intelligenz, des Stolzes, der Tyrannei, des Verbrechens, der Schwäche und des Fortschritts, aber nie, bis zu der Zeit Pius des Neunten, ein Mann der Revolution.

Der Kampf um die Herrschaft zwischen Demokratie und Thron ist auf diesem Boden so alt fast, als er Rom heißt. Die Geschichte - jene gewaltige Lehrerin, die Kassandra der Welt - lehrt, daß auf die Throne die Republiken folgen, und aus den Republiken die Throne hervorgehen.

Die Republik ist die Regierung von Unten nach Oben - die Krone die Regierung von Oben nach Unten. In Vulkanen explodirt das ewig thätige Feuer von Unten her und sprengt Alles, was über ihm ist, auseinander! Im Gewölbe des Hauses hält der Schlußstein das Ganze. Man kann die Spitze der Pyramide durch eine neue ersetzen, wenn die Wetter des Himmels die alte abgeschlagen, aber man kann die Grundlagen des Baues nicht verändern, ohne daß das Gebäude zusammenstürzt.

Das Königthum ist von Gott eingesetzt mit all' seinen Schwächen, Größen, Mängeln und Vorzügen, weil Menschen die Erde bevölkern; wären die Menschen Engel, so wäre die Republik die Einsetzung Gottes!

In der ewigen Bewegung, in dem ewigen Kampfe allein ist Leben - in der unbedingten Ruhe ist Tod.

Es sei ferne von uns, den Völkern das Recht des ewigen Ringens, des ewigen Kampfes abzusprechen, - ein Volk, das nicht nach Rechten strebt, ist ein verkommendes, ein todtes! - Aber wir sprechen Denen, welche Gott auf die Throne gesetzt hat, das Recht ab, der Revolution entgegen zu kommen. Das muß das Gleichgewicht des ewigen Kampfes stören.

Der General, dem eine Festung anvertraut ist, muß sie vertheidigen zur Ehre und zum Heil der Sache, der er dient. Es ist gleich, ob er siegt. Aber öffnet er dem anziehenden Feind freiwillig die Thore, so ist er ein Verräther an dem anvertrauten

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Posten, und die Verachtung und der Hohn der Gegner begleiten ihn. Vertheidigt er seinen Posten Schritt um Schritt, verliert er Schritt um Schritt, so wird ihn der Feind achten, und er wird mit fliegenden Fahnen abziehen aus den zerstörten Mauern, wenn er nicht Sieger sein kann, oder unter den stürzenden Trümmern wird er ein Heldengrab finden.

Das Recht der Könige und das Recht der Völker - sie beide stammen von Gott - und darum hat Gott den ewigen Kampf eingesetzt, daß aus diesem Ringen das Leben der Völker hervorgehe. Wer aber seinen Posten verläßt, der handelt gegen die Bestimmung Gottes!



Die Verhältnisse der Italiener lassen sich nicht mit dem Maaße anderer Nationen messen. Wie in der Familie, in der Kommune es stets Naturen geben wird, die nach besonderen Normen behandelt werden müssen, so auch unter den Völkern. Es giebt unbestritten Völker, denen Freiheit ein Fluch wird, die, ohne Kette, sich selbst zerreißen.

Es ist traurig, aber es ist unläugbar!

Zu diesen Völkern gehören in der Geschichte Europa's die Italiener und die Polen.

Die Nothwendigkeit der sichernden Kette ist nicht mit der Nothwendigkeit des Kettendrucks, der Unterdrückung der Nationalität und des Individuums verknüpft. Das ist freilich der Punkt, an dem die Weisheit der Regierenden schon so oft gescheitert ist.

Bei allen glänzenden Eigenschaften der Italiener als Individuen und allen schlechten Eigenschaften als Nation läßt sich nicht verkennen, daß über der Nation das Individuum schlecht behandelt worden ist.

Die Regierung vieler italienischer Fürsten, vieler Päpste, ist nicht eine moralische Stärkung und Reinigung der Nation, sondern eine schmähliche Knechtung der Individuen gewesen!

Nicht ruhige feste Kraft und Herrschaft, aber wohl Tyrannei und Druck steigern stets den Geist der Rebellion.

Wer möchte darum läugnen, daß eine schlimme Saat jetzt

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die schlimme Ernte hervorgerufen! Es hätte eine weisere und eine festere Hand bedurft, als die des neunten Pius, um den italienischen Staaten eine heilsame Freiheit zu geben. So ist sein bestes Wollen zum Peter von Amiens geworden, der den neuen Kreuzzüglern den Weg nach dem gelobten Lande der Freiheit zeigte, das zum Wüstengrab Aller ward!

Wer dem Strome die Schleuse öffnen will, muß seiner festen Hand sicher sein, um das Werk regieren und zur rechten Zeit schließen zu können.

Pius IX., Johann Maria Graf von Mastai-Ferretti, folgte 1846 auf dem Stuhle des heiligen Petrus seinem Vorgänger Gregor XVI.

Dieser war ein Mann der starrsten orthodoxen Richtung in kirchlichen Dingen wie in der politischen Herrschaft gewesen, ein Freund der Jesuiten, die er in Frankreich und in der Schweiz beschützte, während er in Baiern die Benediktiner wieder einführte, ja in Sardinien selbst wieder die Inquisition. Mit österreichischen und französischen Bayonnetten und einer grausamen Härte waren die zahlreichen Aufstände im Kirchenstaat unterdrückt, unter dem Einfluß der Cardinäle Bernetti und Albani die Abstellungen der schreienden Mißbräuche verweigert und verschleppt worden, und selbst mit dem Auslande - mit Preußen in dem bekannten Streit wegen der gemischten Ehen und der Maßregeln gegen die Bischöfe Droste und Dunin - mit Portugal und Spanien wegen der Reformationen - mit Rußland wegen der Rückkehr von drei Millionen Unirter in den Schooß der griechisch-katholischen Kirche - mit der Schweiz wegen der Klosteraufhebungen - befand er sich in fortwährenden Zerwürfnissen.

Was Wunder, daß nach dieser Zeit grausamer und harter Erfahrungen der milde, wahrhaft fromme, aber leider schwankende und schwache Pius IX. von den Italienern mit Jubel begrüßt, daß der gute Wille zu bessernden Reformen als Bruch mit der Vergangenheit, als Mittel für die ausschweifendsten Wünsche und Ziele mit jener leidenschaftlichen Ueberstürzung betrachtet wurde, die dem italienischen Volke so eigen ist.

Es hätte einer festern Hand, eines energischern Charakters bedurft, um diese mit der Entwickelung der Zeit und der bürgerlichen

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Gesellschaft nothwendigen Reformen allmählich und ohne Umsturz alles Bestehenden einzuführen.

Pius hatte keine schwere Schule der Erfahrung in seiner Jugend durchgemacht, das Schicksal hatte ihn immer begünstigt, und seine stete Beschäftigung mit dem Armenwesen hatte ihn wohl die Leiden des Volkes, nicht aber die gefährlichen Eigenschaften seiner Landsleute kennen gelehrt.

Sein erster Schritt war eine Amnestie, die Wahl einer liberalen Umgebung und das Versprechen gründlicher Reformen in der Verwaltung.

Der Jubel des römischen, ja des ganzen italienischen Volkes war unermeßlich, der Name Pius war der Feldruf des Liberalismus, die Loosung der entfesselten Revolution! Mit dem Namen des Papstes wurde ein förmlicher revolutionairer Cultus getrieben, von den Alpenpässen bis zum Cap Passaro feierte der Canto di Pio nono die neue Zeit.

Jeder erinnert sich der mächtigen Bewegung, dieses drängenden Stromes, der im Jahre 1847 durch die Geschichte der europäischen Nationen zu rauschen begann und im Jahre darauf die Ufer überfluthete.

Solche Bewegungen, solche Strömungen kehren von Zeit zu Zeit in der Geschichte der Welt wieder: Die Völkerwanderung - die Reformation - der Napoleonismus gehörten zu ihnen, die Gegenwart fügte dazu den Republikanismus.

Wer läugnen wollte, daß der Kampf der Gegenwart, die Bewegung der Geister im Grunde einzig auf diesen hinaus läuft, ist ein Thor oder ein Blinder. -

Der Bildung einer berathenden Staatsconsulta im April 1847 folgte, die Errichtung der Guarda civica, der Bürgergarde, jenes Soldatenspielen des Volks, das die Autorität der Waffen schwächt und die Willkür der Massen souverain macht, während es den Bürger demoralisirt.

Es giebt nichts Lächerlicheres und nichts Gefährlicheres, als die Bürgergarden!

Der Nimbus der Tiara schwand unter dem cordialen und an und für sich so lobenswerth humanen Verkehr des Papstes mit dem Volke.

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Aus den Hoffnungen und Wünschen ehrlicher Reformfreunde wuchs das Drängen der Revolutionäre über Nacht empor, und die Wogen der Forderungen schlugen über dem Haupte des wohlwollenden und schüchternen Reformers zusammen, dem es an der Kraft und Entschlossenheit fehlte, sie gleich dem zur selben Zeit emportauchenden politischen Rivalen zu dämmen und zu nützen.

Wer die schwankende Brücke betreten, darf den Fuß nicht zaudernd auf der Mitte zurückhalten und das Auge furchtsam in den Abgrund senken. Die Gefahr wächst an dem Zaudernden empor, der Schwindel erfaßt ihn, der Halt unter seinem Fuß entweicht, und statt das lachende Ufer zu erreichen, verschlingt ihn der schäumende Strudel, wenn ihn nicht die Hand eines Furchtloseren hält.

Und auch dann wird er diesem selbst oft zum Verderben und reißt ihn hinab in die Tiefe.

Angeregt von seinem eigenen mißverstandenen Eifer loderte rings um ihn her die Revolution in lichten Flammen auf, während ihn noch gewissermaßen die Sympathie der Initiative schützte, brach der Kampf der streitenden Gewalten in den anderen italienischen Staaten los. Die revolutionaire Propaganda von London - begünstigt durch die selbstsüchtige Politik und die Intriguen des Bonapartismus - hatte jahrelang das Feuer des Hasses gegen die österreichische Herrschaft in Italien und die Bourbonischen Throne, diese politische Alliance dreier Jahrhunderte, geschürt.

Wir haben bereits zu Anfang des zweiten Bandes in flüchtigen Zügen den Gang der italienischen Revolution geschildert, die den europäischen Reigen eröffnete, weil hier der wahre Boden des Republikanismus war und stets sein wird.

Dem bewußten Drängen der Demokratie gegenüber mußten die unklaren Bestrebungen des Papstes bald dieser die Zügel überlassen. Die Rollen wechselten, nicht Pius IX. machte Reformen, sondern die republikanische Propaganda drängte sie ihm auf. Noch brauchte sie der Masse gegenüber das Schild seines Namens und des Namens der Kirche, aber die Macht war bereits in ihrer Hand und zagend - erschreckend - erkannte der Papst die Gefahr.

Zu spät!

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Das Statut vom 14. März, wie die römische Constitution genannt wurde, war bereits keine freiwillige Reform des Papstes mehr, sondern ihm aufgedrungen, - das liberale bürgerliche Ministerium Mamiani, das die bisherige klerikale Regierung ersetzte, bereits ein Zwang.

Wir haben in diesem Stadium unsrer Darstellung einem Manne einige Worte zu widmen, der berufen ist, in dem zweiten Untergang des römischen Reichs eine nicht unwichtige Rolle zu spielen.

Wir haben bereits den Cardinal Giacomo Antonelli dem Leser genannt.

Von dunkler, ja anrüchiger Herkunft, - der Cardinal ist, wie erwähnt, am 2. April 1806 in dem Banditennest Sonnino, an der neapolitanischen Grenze, geboren - aber von der Natur mit großen geistigen Fähigkeiten begabt, ward er bei der Zerstörung des Raubnestes gleichfalls aus seiner Heimath entfernt und trat nach verschiedenen mehr interessanten, als moralisch sehr würdigen Abenteuern und Stellungen, um der Verfolgung für eines dieser Abenteuer zu entgehen, in Rom in das große Seminar, wo ihn sein Ehrgeiz und sein scharfer Verstand bald auszeichneten.

Gregor XVI. wurde auf ihn aufmerksam, erkannte in ihm ein schmiegsames und dennoch energisches Werkzeug seiner eigenen Pläne, zog den jungen Priester in seine Nähe und bestimmte ihn für die staatsmännische Laufbahn.

Antonelli wurde zum Prälaten erhoben, Delegat in verschiedenen Orten, 1841 schon Unterstaatssecretair in der Verwaltung des Innern, und 1845 Großschatzmeister oder Finanzminister an des Cardinal Tosti Stelle.

Unter der Regierung Gregor's ein eifriger Vertreter des geistlichen und weltlichen Despotismus, und deshalb von seinem Beschützer eben so geliebt, wie von der liberalen Partei gehaßt, hatte der Nachfolger Gregor's kaum den päpstlichen Stuhl bestiegen und seine Absicht zu liberalen Reformen kund gegeben, als Antonelli ihr eifrigster Beförderer wurde, und mit der liberalen Partei sehr intime Verbindungen anknüpfte, ja man behauptet, daß er mit Mazzini selbst in Unterhandlungen gestanden

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über die Vereinigung von ganz Italien unter der päpstlichen Fahne und diese sich nur an den beiderseitigen Forderungen zerschlagen haben.

Genug, der Einfluß, den seine Geschmeidigkeit auf den Papst gewonnen, steigerte sich bald zu einer wirklichen Herrschaft, die er jedoch mit dem Pater Vaures, dem Beichtvater des Papstes, theilen mußte.

Dieser Mann, dessen Name fast stets hinter den Coulissen geblieben ist, und der doch einen so bedeutenden Einfluß auf die Geschicke Italiens geübt hat, war im Stillen der stete und eifrige Vertreter des Jesuitismus bei dem heiligen Vater, und seinem Einfluß auf das schwache und furchtsame Gemüth des Papstes ist die Reaction zuzuschreiben, die Antonelli nur zu benutzen verstand.

Am 12. Juni 1847 hatte dieser den Cardinalshut erhalten und war zuerst in den Ministerrath eingetreten, mit dem Pius seine politischen Reformen begonnen hatte. Das Widerstreben des Cardinal-Collegiums wurde nicht ohne seinen Antheil durch die Februar-Revolten beseitigt und auf seinen Betrieb im März 1848 die Bildung des gemischten Ministeriums aus sechs bürgerlichen und drei geistlichen Mitgliedern durchgesetzt, in dem er die Präsidentschaft erhielt. Während der Papst am 14. März ein Staatsgrundgesetz, das Statut, erließ, schmeichelte sein Minister der nationalen Stimmung, und schickte, ohne bestimmte Instruction, die 10,000 Mann starke päpstliche Armee, unter den Generalen Durando und Ferrari, an die nördliche Grenze, wo das Corps zur Unterstützung der Pimontesen gegen die Oesterreicher in die Lombardei einrückte.

Aber hier trat der Wendepunkt der ehrgeizigen Politik des Cardinals ein.

Die Demokratie begann ihre Macht zu fühlen, ihre Führer strebten selbst das Ruder der Gewalt zu ergreifen, man warf das Werkzeug zur Seite, und der Cardinal begriff, daß er eben nur dieses und nicht der Leiter der liberalen Partei gewesen, ja daß man nur auf die Gelegenheit warte, sich seiner zu entledigen.

Er ließ es daher zu, daß der Einfluß der österreichischen Partei, die so geschickt und consequent von dem Pater Vaures

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vertreten wurde, bei dem Papst wieder Fuß gewann, und billigte die Capitulation der römischen Truppen am 16. Juni 1848 zu Vicenza, und das öffentliche Verdammungsurtheil des Papstes über den Krieg gegen Oesterreich und die Betheuerung, daß er die Truppen nicht zur Bekämpfung Oesterreichs abgesandt habe.

Aber obschon der Cardinal sehr vorsichtig sich bei diesem Schritt im Hintergrund gehalten, war der Unwille des römischen Volkes bei diesem Abfall von der nationalen Sache doch so drohend, daß Antonelli mit seinen Collegen freiwillig das Feld räumte und einem liberalen Ministerium Mamiani Platz machte.

Von diesem Augenblick an begann der Cardinal sein Spiel im Stillen, und ohne entschieden mit der liberalen Partei zu brechen oder zu der österreichischen überzugehen, wußte er doch eine Menge Ereignisse zu benutzen oder herbeizuführen, um der neuen Regierung Verlegenheiten zu bereiten.

Das Ministerium Mamiani, gedrängt von den Mazzinisten und den ausschweifenden Forderungen der Führer der Revolution, beschränkt von dem durch Vaures und Antonelli angespornten Widerstand des Papstes, vermochte sich nicht zu halten und fiel, verdächtigt von den Liberalen, gehaßt von der päpstlichen Partei, und die Oesterreicher rückten in Bologna ein.

Nach dem eben so haltlosen Ministerium Fabbri hatte der Cardinal, der wohl begriff, daß seine Zeit noch nicht gekommen, den Grafen Rossi, als den geeigneten Mann für das Ministerium, vorgeschlagen. Pellegrino Rossi, aus Ferrara gebürtig, seit 1816 als politischer Flüchtling in Genf und Frankreich lebend, war durch das besondere Vertrauen des Bürgerkönigs vom Professor zum Staatsmann gemacht worden, und hatte als Gesandter in Rom in der Jesuitenfrage der französischen Regierung den Sieg errungen. Der Graf war deshalb von den Jesuiten schwer gehaßt, aber deshalb keineswegs von den Radikalen geliebt, da er sich offen gegen ihr Treiben erklärte und die Autorität des Papstes vor Allem geschützt wissen wollte.

Diesen Mann, energisch und furchtlos bis zur Tollkühnheit, ehrlich, aber barsch und rauh, und deshalb unbeliebt, hatte der Cardinal ausersehen, um den Republikanern und der österreichischen Partei in gleicher Weise die Spitze zu bieten und die Herrschaft

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des päpstlichen Stuhls wieder herzustellen, unter der er selbst ohne Gefahr die Leitung wieder übernehmen könne.

Die ehrliche, energische Natur Rossi's drohte aber, es wie der Ehrgeiz der Republikaner zu machen, und hatte bereits in mehreren Dingen die Unterordnung unter die Pläne und die Leitung des Cardinals verweigert.

Es standen demnach in diesem Augenblick vier Parteien in Rom im offenen oder geheimen Kämpf einander gegenüber:

Die Radikalen und Mazzinisten, welche die Aufgebung der weltlichen Herrschaft des Papstes, die Vertreibung der Oesterreicher und die Vereinigung von ganz Italien zu einer Republik oder mindestens zu einem constitutionellen Staat in der lenkbaren Hand Carlo Alberto's wollten;

die österreichische oder päpstliche Partei, welche die Unterdrückung der Revolution mit Gewalt, die Sicherung der bourbonischen Throne in Italien und die Souveränetät des Papstes unter österreichischem Schutz verlangte;

das Ministerium Rossi, gewillt, sich auf das Bürgerthum und eine constitutionelle Verfassung zu stützen, ehrlich, aber beiden extremen Parteien verhaßt;

der Cardinal Antonelli mit seinen Geschöpfen - bereit, von jeder Schwankung der Ereignisse Nutzen zu ziehen, mißtrauend den Liberalen, die ihn durchschaut, voll Besorgniß vor den Conservativen, die er verlassen, aber ohne Princip, als das des Grolls für die getäuschten Erwartungen.

Diese Einleitung war nöthig, um an dem großen Herd der europäischen Revolution die nachfolgende Scene in allen ihren Nuancen zu verstehen.



Es war Mittag eilf Uhr; die Straßen von Rom waren gefüllt nicht blos mit jenem öffentlichen Leben, das in Italien eine so große Rolle spielt, sondern mit dem unheimlichen Wogen der politischen Erregung.

Als der Cardinal aus den Gemächern trat, die er im Quirinal bewohnte, fand er im Vorgemach die hagere, braune Gestalt des Abbé Corpasini seiner harren.

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Der Cardinal warf einen scharfen, prüfenden Blick auf seinen seitherigen Vertrauten und Unterhändler, aber das schlaffe verschlossene Gesicht blieb selbst für den feinen Beobachter unverändert, und mit der ruhigen Unterwürfigkeit und Demuth, die gewöhnlich sein Wesen ausmachte und seine scharfe, harte Stimme milderte, näherte der Pater sich seinem hohen Vorgesetzten.

»Gott und die Heiligen mögen den Weg Eurer Eminenz segnen,« sagte der Jesuit. »Ich erwartete Eure Eminenz, um zu fragen, ob Sie mir vielleicht noch einen Befehl zu ertheilen haben.«

»Begleiten Sie mich, Pater Antonio.« Er schritt ihm voran durch eine Zimmerreihe und den Corridor, welcher die Gemächer Seiner Heiligkeit des Papstes auf der Seite nach den Gärten zu begrenzte, wohinaus auch das Gemach liegt, in welchem der Papst gewöhnlich Damen Audienz ertheilt.

An dem letzten Fenster des Corridors vor dem Zugang in die Vorgemächer, an welchem zwei Wachen standen, blieb der Cardinal stehen und winkte dem Priester-Secretair, zu ihm in die breite Nische zu treten, von der aus sie einen der inneren Höfe des Quirinals übersehen konnten und vor den Beobachtungen der Personen, die sich im Corridor aufhielten, geschützt waren.

Zwei Wagen standen im Hof, der Cardinal erkannte an den Livreen der Lakaien die Equipagen des spanischen Gesandten Martinez de la Rosa und des bairischen Grafen Spaur.

»Wer ist bei Seiner Heiligkeit?«

»Seine Excellenz der Herr Ambassadeur Ihrer Allerkatholischsten Majestät.«

»Und die anderen Mitglieder der geheimen Consulta?«

»Sie sind versammelt bis auf den Minister-Präsidenten und Cardinal Righetti.«

»Weswegen hat man diesen Salon zur Conferenz gewählt?«

»Euer Eminenz wissen vielleicht schon, daß die Frau Herzogin von Ricasoli gestern Abend von Neapel hier eingetroffen ist. Der heilige Vater soll wahrscheinlich seine Nichte nach der Conferenz empfangen. Man sagt, daß der Herzog, ihr Gemahl, auf der Appischen Straße von Banditen festgehalten oder verwundet worden sei.«

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»Der gestrige Abend scheint reich an Abenteuern in Rom gewesen. Ich ließ Sie vergeblich suchen, Pater Antonio.«

Der Jesuit verbeugte sich. »Ich erlaube mir, daran zu erinnern, daß Euer Eminenz um die Stunde des Ave mir sagten, daß Sie meiner nicht weiter bedürften. Ich habe meine Zeit den Angelegenheiten des Collegiums gewidmet.«

Ein leichter Zug von Spott flog über die markirten Züge des Cardinals bei dieser echt jesuitischen Antwort.

»Man sagt mir, daß Sie zu Ihren vielen Pflichten auch noch die Erziehung eines Knaben sich aufgeladen, den Sie aus der Propaganda zurückgenommen und dessen Talente Sie selbst zu einer künftigen Stütze der Kirche ausbilden wollen.«

Der Jesuit konnte sich nicht enthalten, auf den Kirchenfürsten einen kurzen beobachtenden Blick zu werfen. Diese Beschäftigung mit einer so unwesentlichen Sache in diesem Augenblick war ihm ein Räthsel.

»Der Knabe - ein Verwandter von mir,« sagte er, »war nur während der Zeit, daß ich mich in Mexiko und auf Reisen befand, in dem Collegium, aus dem schon so Großes für unsre heilige Kirche hervorgegangen.«

»Richtig - Sie waren drei Jahre in Amerika! Ich habe die Station vergessen! Lebten Sie nicht an der Grenze des indianischen Gebietes?«

»Zwei Jahre in San Dolores am Colorado, im Gebiet der Comanchen, ehe ich nach Philadelphia und der Havannah versetzt wurde.«

»Da müssen Sie Manches von den Kunstgriffen im Waffengebrauch der Wilden gelernt haben und mir einmal bei Gelegenheit erzählen, wie sie sich darin von unseren Italienern unterscheiden,« sagte der Cardinal.

Ein Blitz des Erstaunens flog über das schlaffe Gesicht des Jesuiten, aber im nächsten Augenblick war er wieder Herr seiner Züge.

»Ein Bote des Friedens wird Euer Eminenz nur schwer über solche Dinge Auskunft geben können!«

»O nicht doch, Pater Antonio - ein Mann von Geist, und der sind Sie, beobachtet auch das Geringste. Wär' ich ein Engländer

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wie Lord Minto, der Protector aller römischen Revolutionaire, oder sein Freund, der Marquis von Heresford, ich würde eine ansehnliche Summe darauf wetten, daß Sie wissen, wie Ihre alten Freunde, die Comanchen, das Messer führen, um mit einem Stoß einen Menschen zu tödten.«

»Ich bin allerdings leider Zeuge von Scenen gewesen,« sagte der Jesuit kaltblütig, »in denen das Opfer eines Lebens unvermeidlich war.«

»So meinte ich es - ah, da kommt der Graf! Endlich!« Er wandte sich, dem am Ende des Corridors eintretenden Premierminister entgegen zu gehen. »Noch Eins, Pater Antonio! Sie müssen Ihren jungen Verwandten für einige Zeit wieder in dem Collegium unterzubringen suchen. Sie haben die Verhandlungen in Paris so vortrefflich geleitet, daß ich keinen Andern mit einer wichtigen Mission beauftragen möchte, die eben vorliegt und die Ihre rasche Abreise erfordern wird.«

Der Jesuit zuckte, trotz seiner Selbstbeherrschung, zusammen. Aber nur die erste Ueberraschung veranlaßte ihn, das Gesetz des blinden Gehorsams zu vergessen in den Worten: »Darf ich Euer Eminenz fragen, wohin?«

»Sie sind zum ersten Mal neugierig, Signor Secretario,« sagte der Minister - »aber ich will ausnahmsweise Ihre Wißbegier befriedigen. Sie werden sich nach Galizien und Polen begeben.«

Er schritt dem Grafen entgegen, vor dem sich die in der Galerie anwesenden Personen achtungsvoll verneigten.

Der Graf trug ein Portefeuille in der Hand. Er war schwarz gekleidet, jede seiner Bewegungen kurz und energisch, und das graue, etwas krause Haar - der Graf zählte 61 Jahre - umrahmte eine breite, von Kraft, Verstand und Wohlwollen zeugende Stirn. Dennoch war sein Wesen gewöhnlich bis zum Beleidigenden rauh und brüsque.

Er war nicht allein eingetreten, der junge Schweizer-Offizier, sein Verwandter, ging neben ihm, oder vielmehr einen Schritt zurück, ihm zur Seite, und sprach eifrig mit leiser Stimme in ihn hinein, der Minister aber schien nur wenig darauf zu achten, sein Blick eilte dem Cardinal entgegen.

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»Unsinn, Richard,« sagte er endlich unwillig. »Du bist noch zu kurze Zeit hier, um zu begreifen, daß die Meute bellt, aber niemals beißt! Geh auf Deinen Posten und überlasse es mir, für mich zu sorgen!«

»Ich beschwöre Sie, Oheim - ich weiß gewiß, daß man Sie ermorden will. Man hat sich dazu verschworen!«

Der Minister blieb stehen. »Wer? - Siehst Du wohl,« fuhr er fort, als der junge Offizier schwieg, »vage Gerüchte! Zum Henker mit dem Unsinn! Wenn Dein Capitain Dir eine Schanze zu stürmen befiehlt, die mit Kanonen gespickt ist, würdest Du Dich einen Augenblick besinnen, dagegen zu marschiren? Nun wohl, die Cancellaria ist meine Schanze! Der Minister ist auch ein Soldat, der seinen Posten hat und sich keine Feigheit zu Schulden kommen lassen darf.«

Der Lieutenant wandte sich an den ihnen entgegen kommenden Cardinal. »Ich stehe Euer Eminenz an, mir den Herrn Grafen bewegen zu helfen, daß er heute das Quirinal nicht verläßt. Euer Eminenz wissen, daß ihm die höchste Gefahr droht!«

»Ich habe Seine Excellenz bereits heute Morgen schriftlich gewarnt und auf das allgemein verbreitete Gerücht des Ausbruchs einer neuen Revolte aufmerksam gemacht.«

Der Schweizer sah ihn mit Erstaunen an.

»Es war der fünfte Warnungsbrief, den ich bekam, Eminenz,« sagte lachend der Premierminister, während er mit dem Cardinal weiter schritt. »Aber eben, weil ganz Rom es sagt, daß man mir mit Dolchstichen droht, fürchte ich sie nicht! Ueberdies ist es Zeit, daß man der Schlange den Kopf zertritt - man hat zulange gezeigt, daß man sie fürchtete. Ich werde Herrn Sterbini vom Ministertisch aus diese Warnungsbriefe vorlesen, um ihm zu zeigen, was ich von seinen Freunden in den Clubs halte, und morgen diese sogenannten Tribunen in die Engelsburg schicken!«

»Es wäre vorsichtiger gewesen, das heimlich zu thun!« sagte der Cardinal ruhig.

»Ah bah - meine Erklärung heute in der Deputirtenkammer wird genügen, sie ruhig zu halten! Und nun auf Deinen Posten, Richard!«

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»Meine Wache ist in einer Stunde zu Ende, Oheim, lassen Sie mich wenigstens Sie nach dem Palast begleiten!«

Der Minister stampfte unwillig mit dem Fuß. »Soll ich Dir Stubenarrest geben, wie den beiden ungehorsamen Burschen, Deinen Vettern? - Auf Ihre Wache, Signor Luogotenente, und daß Sie Ihr Commaudo selbst nach den Quartieren zurückführen, bei meiner Ungnade!«

Die beiden Schweizer am Eingang des Vorsaals präsentirten, der Majordomus öffnete die Flügelthür und der Premierminister lud mit einer kurzen Handbewegung den Kirchenfürsten ein, voranzugehen. Der bittende, dringende Blick des jungen Offiziers wurde mit einem flüchtigen Kopfnicken des Cardinals erwiedert, dann schloß sich die Thür vor ihm.

Während sie durch das mit Priestern, Kammerherren und der höhern Dienerschaft des Palastes gefüllte erste Vorzimmer gingen, und der Cardinal den ehrerbietig Grüßenden seinen Segen ertheilte, wandte sich der Minister zu ihm.

»Eminenz,« sagte er leise, aber mit jener barschen Ehrlichkeit, die ihm eigen, »unsere Ansichten sind seit der französischen Affaire zwar viel auseinander gegangen, aber ich halte es für Pflicht, Ihnen für Ihre Warnung eine andere zu geben, die vielleicht begründeter ist.«

Der Cardinal sah ihn lächelnd an. »Was meinen Excellenza damit?«

»Ich glaube, man will Ihnen heute bei Seiner Heiligkeit einen schlimmen Streich spielen - die Partei, die wir Beide bekämpften - wenigstens bis jetzt. Ich weiß nichts Näheres - aber ich vermuthe es! - Pardieu - der klügste Staatsmann, wenn auch vielleicht nicht der ehrlichste, ist der, welcher mit der Nothwendigkeit geht und die Stützen sucht, wo er sie findet!«

»Ich danke Euer Excellenz für die Maxime,« sagte der Cardinal mit leichtem Lächeln, »und werde sie benutzen. Im Uebrigen seien Sie unbesorgt. Wollten Sie nur meinem Vorschlag mit Frankreich nachgeben, so wären wir Beide sicher.«

Ehe der Minister antworten konnte, öffneten zwei Huissiers schweren Thüren und sie traten in das Gemach vor dem Conferenzsaal, in dem sich nur zwei Kammerherren und der

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oberste Hausbeamte des Papstes befanden. Derselbe öffnete sofort die gegenüber liegende Thür.

»Die Signori werden bereits erwartet!«

Der Cardinal schob den schweren Vorhang zurück und trat in das Gemach.

Es war das Zimmer neben dem Saal der Consistorien, in dem sich das berühmte Gemälde Van Dycks, das >Martyrium der Maccabäer<, Caraccis >Madonna< und >David und Saul< von Guercino befinden.

Der Geheime Rath war bereits versammelt und Seine Heiligkeit der Papst Pius saß auf einem erhöhten Lehnsessel am Ende einer ovalen Tafel, die eine prächtige Platte von dunkelem spanischen Marmor trug.

Obschon bereits sechsundfünfzig Jahre zählend, war der Papst noch immer ein schöner Mann von hoher Statur und überaus milden und wohlwollenden Gesichtszügen. Die herben Kümmernisse der letzten Zeit hatten zwar die sonst freie Stirn mit den Zeichen des Schmerzes und der Sorge bedeckt, um den Mund aber schwebte ein mildes, sanftes Lächeln, das die mangelnde Energie der unteren Gesichtstheile vergessen ließ, und ein verständiger, gutmüthiger Blick des großen braunen Auges versöhnte Alle, die ihn näher kennen, mit der Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit seines Charakters. Der heilige Vater trug die halbe Ceremonien-Kleidung, die Sottana von weißer Wolle mit dem violetten pelerinenartigen Kragen, dem Käppchen und den Pantoffeln. Nur der prächtige Diamantring an seinem rechten Daumen mit dem eingeschnittenen Symbol der päpstlichen Krone und ein Rosenkranz von Elfenbein und Ebenholz schmückten ihn.

An der Rückwand des päpstlichen Stuhles lehnte der Pater Vaures, der von allen Parteien ebenso gefürchtete wie gesuchte Beichtvater des Papstes. Zur Linken und Rechten des Papstes waren zwei Stühle leer, für den Ministerpräsidenten und den Großschatzmeister bestimmt.

Der Pater, der zuerst selbst für die Wahl des Grafen gewirkt und ihn zur Annahme des schwierigen Postens bewogen hatte, um mit dieser trotzigen und kräftigen Natur seine Pläne durchzusetzen, war seitdem im Stillen sein Feind, namentlich seit

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der Graf sich offen dafür ausgesprochen hatte, die vom Volk geforderte und bereits bewilligte Maßregel der Verbannung der Jesuiten auch zur Ausführung zu bringen.

In Wahrheit bestand die wirkliche und einzige Stütze des Premierministers in dem Papst selbst, der ihn hochschätzte und wirklich liebte und seine schwanken Ansichten über die dem Volk zu gewährenden Freiheiten in dem kräftigen Charakter des Grafen vertreten und zugleich begrenzt sah.

Außer den Genannten waren nur der Botschaftssecretair des Papstes, der Prälat Graf v. Merode, der Secretair Carboli, der Vice-Kämmerer Monsignore Matteucci, zwei andere Cardinäle, Ciachi und Soglia, und der bairische und spanische Gesandte anwesend.

Es handelte sich demnach keineswegs um eine Berathung im Staatsrath oder Ministerrath, sondern blos um eine Besprechung im Kreise der Vertrautesten des heiligen Vaters.

»Sie kommen spät, mein Sohn,« sprach der Papst, indem er dem Minister die Hand zum Kuß reichte, »aber ich weiß, daß Sie mit dem Wohl der heiligen Kirche beschäftigt waren.«

»Darum sind die Augenblicke kostbar,« sagte der Graf kurz, ohne sich zu entschuldigen. »Gestatten Eure Heiligkeit, daß wir sofort zu dem Geschäft übergehen, das mir den Ruf hierher verschafft hat, nachdem die Beschlüsse des Ministerraths über die Eröffnung der Kammer bereits die Genehmigung Eurer Heiligkeit erlangt haben. Ich möchte die Herren in der Cancellaria um keinen Preis einen Augenblick warten lassen.«

Der Papst rückte ziemlich unruhig auf seinem Sessel. »Ich kann nicht läugnen,« sagte er endlich, »daß mein Geist tief beschwert wird durch die Frage, ob wir zum Besten der heiligen Kirche handeln, und verständige und weise Männer, die treuen Freunde des Glaubens, haben neue Zweifel in meiner Seele erregt, die selbst das Gebet nicht zu lösen vermochte. Gott und die Heiligen wissen es, wie gern ich mein Leben für das Wohl dieses undankbaren Volkes hingeben würde!«

»Es ist das Werk des Satans, der die Gemüther verstockt und die Sinne verwirrt,« ließ sich salbungsvoll der Pater vernehmen.

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»Die Blinden müssen geleitet und die Widerspenstigen gezüchtigt werden.«

Der Minister zuckte ungeduldig die Achseln. »Mit Phrasen, ehrwürdiger Herr, können wir den Forderungen der Zeit nicht begegnen. Seine Heiligkeit haben dem Volke nothwendige Reformen gewährt und es ist unsre Sache nur, das rechte Maß festzuhalten. Wer A sagt, muß B sagen, das ist auch das ABC der Politik. Ich bitte, mich in Kenntniß zu setzen, welche neue Bedenken gegen das Programm entstanden sind, mit dem ich vor die Kammer treten werde.«

Der Papst legte begütigend die Hand auf den Arm des Unwilligen. »Nicht so hastig, lieber Graf, ich kenne Ihren Eifer für die Sache der Kirche und für meine Person, aber bedenken Sie, daß diese Herren von gleicher Treue beseelt werden und nur die Ansichten über die Wege auseinander gehen. Geben Sie uns noch einmal einen kurzen Ueberblick über das, was Sie dieser verirrten Heerde bieten wollen.«

Der Minister-Präsident nahm mit finsterer Miene einige Papiere aus seinem Portefeuille und warf dem Großschatzmeister einen auffordernden Blick zu, ihn zu unterstützen; der Cardinal jedoch hielt unverändert den seinen auf den Tisch gesenkt und spielte mit einer vor ihm liegenden Feder.

»Der Ministerrath Eurer Heiligkeit hat beschlossen, das Statut vom 14. März als zu Recht bestehend anzuerkennen und nur die durch die Erfahrung nöthigen Aenderungen der Deputirtenkammer vorzulegen. Diese bestehen in einem verbesserten Wahlgesetz nach dem Steuercensus, einem Gesetz gegen den Mißbrauch der Presse und einer Beschränkung der politischen Clubs.«

»Das sind Maßregeln, die man nur mit Vergnügen begrüßen kann,« sagte der Graf Merode, »aber diese zügellose Menge wird sie als einen Eingriff in ihre sogenannten Rechte betrachten.«

«Keine Freiheit besteht ohne Gesetz. Wenn die Regierung dem Volke beweist, daß sie es redlich mit dem Wohl und der Größe des Vaterlandes meint, wird man ihrer Strenge auch Vertrauen zeigen. Das Ministerium wird erklären, daß die Verbannung der Jesuiten aus den römischen Staaten sofort ausgeführt

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werden soll, und daß Seine Heiligkeit einer Conföderation der italienischen Staaten gegen das Ausland beitritt.«

»Das soll heißen gegen Oesterreich,« sagte der bairische Gesandte. »Gegen Oesterreich, Excellenza, wie gegen jede andre Beeinflussung. Es ist Zeit, daß Italien sich aus der unwürdigen Bevormundung befreit, und wenn Seine Heiligkeit sich an die Spitze dieser Conföderation stellt, so zweifle ich nicht, daß der Augenblick des Erfolges gekommen ist.«

»In Turin will man keine Conföderation mit Neapel.«

»Man wird sich anders besinnen, wenn man sieht, daß es dem König Ferdinand Ernst ist mit der Constitution.«

Ein spöttisches Lächeln flog bei dem naiven Vertrauen des ehrlichen Staatsmanns über die Gesichter mehrerer der Anwesenden.

»Seine Excellenz,« sagte der Pater Vaures mit leiser durchdringender Stimme, »scheint allzusehr die Erfolge seines Ministeriums auf die Ungerechtigkeit gegen Andere zu bauen. Der Orden Jesu ist von jeher eine treue und feste Stütze der heiligen Kirche gewesen und seine Rechte im Staate sind wohl erworbene. Sie ihm zu nehmen, wäre ein Sacrilegium. Das Haus Oesterreich hat sich nicht minder stets als eine Vormauer des heiligen Stuhls gegen die Revolution erwiesen und treuer, als jede andere weltliche Macht.«

»Aber der Name Oesterreich ist verhaßt in ganz Italien - eine Verbindung mit Oesterreich heißt das Preisgeben jeder Popularität. Das Mißtrauen ist durch die Capitulation des General Durando bereits aufs Höchste gestiegen.«

»Ich will keinen Krieg gegen Oesterreich,« sagte der Papst heftig, »Sie kennen meine Gesinnungen in dieser Beziehung, Graf.«

»Ich verwahre mich vorläufig nur gegen ein Bündniß mit Oesterreich,« entgegnete der Minister fest. »Eure Heiligkeit mögen bedenken, daß Sie nicht blos das Oberhaupt der Christenheit, sondern zum Wohle der Kirche auch ein weltlicher Herrscher sind und diesem Lande eine Zukunft schulden.«

Der Papst senkte trübe den Kopf. »Diese undankbaren Römer verkennen meinen besten Willen. Selbst Sie, lieber Graf,

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bezeichnet man als einen Feind der Freiheit, und ich muß Sie warnen, denn es sollen gefährliche Drohungen gegen Sie ausgestoßen sein.«

Der Minister lächelte verächtlich. »Ueberlassen Eure Heiligkeit das mir und kommen wir zu einer letzten Entscheidung, ob Euer Heiligkeit in Betreff dieser Vorlagen im letzten Augenblick Ihren Willen geändert haben?«

Der Papst sah befangen hin und her, gleich als suche er Beistand; Graf Merode kam dem heiligen Vater zu Hilfe.

»Wir bitten Euer Excellenz, uns wissen zu lassen, was geschehen wird, wenn die Verbannung der Jesuiten und die Aussicht auf ein italienisches Bündniß nicht ausreichen, die Gefahr zu beseitigen, wenn unsere Feinde, was wahrscheinlich ist, diese nothwendigen Gesetze verwerfen, auf neue Concessionen bestehen und mit Gewalt drohen?«

»So erkläre ich Rom morgen in Belagerungszustand und schließe mit Waffengewalt die Clubs.«

»Wir sind damit einverstanden und es stände besser, wenn längst dieses Mittel gebraucht worden wäre. Aber um die Gewalt aufrecht zu erhalten, muß man sie haben. Wir bedürfen dazu fremder Truppen.«

Der bairische Gesandte nahm einen Brief aus der Brusttasche. »Ich bin ermächtigt, Ihnen anzubieten, Signor Comte, daß in fünf Tagen zehntausend Oesterreicher hier sein sollen.«

»General Favare,« sagte der spanische Gesandte, »steht mit siebentausend Mann an der Grenze. Ich weiß, daß König Ferdinand nur der Nothwendigkeit gewichen ist und eine gewaltige Reaction sich im Volke und im Heere bereits geltend macht. Reichen die neapolitanischen Truppen nicht zu, so ist Ihre Majestät meine allergnädigste Königin bereit, die fünf Regimenter, welche bei Barcelona versammelt sind, sofort nach Civitavecchia einschiffen zu lassen.«

Der Minister sah staunend von Einem zum Andern. »Pardieu,« sagte er endlich rauh, »das ist ja eine vollständige Combination! Die Oesterreicher nach Rom rufen, wäre die vollständige Reaction und hieße mit jeder gerechten Erwartung des Volkes brechen. Spanische und neapolitanische Bajonnete wären kaum

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weniger gefährlich. Ich will Wiederherstellung der Ordnung und Befestigung der Souverainetät Seiner Heiligkeit, aber keine fremde Unterdrückung und Tyrannei. Ich verlasse mich auf unsere eigenen Regimenter und die Nationalgarde, und genügen diese nicht, so muß ich erklären, daß der König von Sardinien unser Verbündeter ist und das erste Recht hat, uns zu unterstützen. Nur in einem ehrlichen Anschluß an das Cabinet von Turin ist eine Entwickelung und Sicherung der Staaten Seiner Heiligkeit denkbar, und unter dieser Aussicht habe ich das Portefeuille übernommen.«

Graf Spaur wandte sich an den Papst. »Euere Heiligkeit wissen, daß ich Vollmachten habe. Die Benutzung sardinischer Truppen zur Wiederherstellung der Ruhe in den römischen Staaten würde Oesterreich als den feindlichsten Schritt betrachten, den der heilige Stuhl begehen kann. Man wähne ja nicht, daß die Macht Oesterreichs gebrochen ist durch die Rebellion in Wien. Sie ist besiegt, der Kaiser übt in diesem Augenblick ein strenges Gericht gegen die Treulosen, und die Zeit ist nahe, wo auch in Italien ein solches folgen wird.«

Der Papst wandte sich zum Cardinal Antonelli. »Ich bin wirklich in einer schlimmen Lage - Gott möge uns erleuchten. Was meinen Euer Eminenz?«

»Der Herr Cardinal,« erklärte der Minister, ehe dieser noch zu antworten vermochte, »ist, so viel ich sehe, außer mir das einzige wirkliche Mitglied des Ministerraths in dieser Versammlung. Ich fordere ihn als solches auf, seine Meinung im Ministerrath auch hier zu wiederholen.«

Der Cardinal fühlte, daß der Augenblick des Kampfes für ihn gekommen. Er hob langsam die Augen, und gleich, als wäre Niemand Anders zugegen, richtete er sich auf den Papst.

»Ich stimme in Beziehung auf die auswärtige Politik auch jetzt noch für den Anschluß an Frankreich. Euer Heiligkeit wissen, daß, wie auch die Chancen in jenem Lande sich gestalten mögen, wir auf seine Unterstützung rechnen können. Seine Hoheit der Herzog von Harcourt, der Gesandte Frankreichs, den ich schmerzlich in diesem Rathe vermisse, ist ein treuer Freund des päpstlichen Stuhls. Der Schutz einer so bedeutenden Macht wird allein schon hinreichen, uns nach jeder andern Seite hin zu bewahren.«

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»Euer Eminenz vergessen,« unterbrach ihn ungestüm der Graf, »daß die Erfahrungen des pästlichen Stuhls gerade keine besondere Empfehlung für das französische Bündniß abgeben.«

»Die Verhältnisse stehen jetzt anders. Wir haben das Pfand von Rimini und Spoleto.«

Den Vertrauten des heiligen Vaters konnte diese so einfache Anspielung nicht unklar bleiben. Als Erzbischof von Spoleto war es Pius gewesen, der nach dem Putsch und der schmählichen Niederlage von Rimini den Prinzen Louis Napoleon aus den Händen der Oesterreicher gerettet und ihm die Mittel zur Flucht nach der Schweiz verschafft hatte.

»Ich glaube, Euer Eminenz rechnen zu zeitig,« sagte barsch der Minister, »das Resultat der französischen Präsidentenwahl ist sehr ungewiß. Ueberdies hat von dem Egoismus eines Bonaparte noch kein Mensch Dankbarkeit erfahren. Die Franzosen nach Rom zu rufen, hieße Italien unter ärgere Bajonnet-Herrschaft bringen, als je die Oesterreicher geübt. Denken Sie an 1798 und 1809.11 Mit dem ersten französischen Regiment, das den römischen Boden betritt, ist die Souverainetät des heiligen Vaters verloren und ein Spiel französischer Intriguen. Ich hofft es nicht zu erleben, aber denken Sie an mich, wenn eine solche traurige Zeit kommen sollte! Ich verdanke Frankreich Vieles, aber ich bin ein Sohn der italienischen Erde. So lange mir dies Portefeuille anvertraut ist, werde ich gegen die Einmischung Frankreichs stimmen!«

»Das war der Beschluß der Majorität des Ministerraths,« fuhr der Cardinal ruhig fort, »und ich habe diesem meine persönliche Meinung untergeordnet. Was die inneren Fragen betrifft, so muß ich mich allerdings mit dieser Majorität einverstanden erklären. Ich bedauere, daß die Entfernung der Gesellschaft Jesu - obschon ich unter den Mitgliedern derselben meine geschicktesten und vielseitigsten Beamten zähle« - sein Blick streifte mit einem spöttischen Ausdruck den Pater Vaures - »als eine dringend nothwendige Concession an den Volkswillen erscheint, und ich stimme für das Statut und die italienische Liga. Seine Heiligkeit haben Verpflichtungen eingegangen, die nicht gelöst

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werden können, es müßte denn sein, daß das Volk selbst diese Verpflichtung zerrisse.«

Der Pater wechselte einen raschen Blick mit dem dänischen Gesandten, und Graf Spaur erhob sich und verließ den Saal durch eine Thür, die nach der Seite des Pavillons führte.

»Es will mich bedünken,« sagte der Pater, »Seine Eminenz der Herr Großsiegelbewahrer hat vielleicht eigene Verpflichtungen, die ihn an so revolutionaire Concessionen binden.«

Der Cardinal sah den Angreifer kalt und ruhig an.

»Ich verstehe Sie nicht, hochwürdiger Herr. Der Cardinal Antonelli kennt keine anderen Verpflichtungen, als die gegen sein gnädiges und erhabenes Oberhaupt, Seine Heiligkeit Papst Pius.«

»Dann ist es eine schlimme Verleumdung,« fuhr der Beichtvater fort, »welche behauptet, daß Eure Eminenz vor Jahresfrist an die Häupter der revolutionairen Partei in Neapel und Palermo das Versprechen ertheilt, die Revolution in Sicilien zu unterstützen.«

»Sie sagen ganz recht, hochwürdiger Herr, es ist eine Verleumdung!«

»So ist es ferner eine Verleumdung, daß Seine Eminenz 65,000 Scudi aus dem Schatz für Waffensendungen des Hauses Atkinson in Sheffield an die Rebellen von Venedig und Messina beigesteuert hat?«

»Reine Verleumdung!«

»Und der Briefwechsel mit den Häuptern der Rebellion in Neapel, der Brief an Mazzini, der bei der allgemeinen Erhebung Italiens gegen die rechtmäßigen Fürsten zu einer italienischen Republik unter dem Protectorat des Papstes die Zustimmung Seiner Heiligkeit verheißt?«

Der heilige Vater hatte die Hände erhoben. »Pater Vaures, Pater Vaures! halten Sie ein - das ist unmöglich!« Seine angsterfüllten Blicke wandten sich von Einem zum Andern.

»Pater Vaures,« sagte der Cardinal ruhig, »wird offenbar nur von dem großen Eifer für die Ehre und das Wohl Seiner Heiligkeit hingerissen, wenn er, ohne solche Briefe zur Hand zu haben, eine so plumpe Verleumdung meiner Feinde wiederholt.«

Der Pater verneigte sich demüthig vor dem Oberhaupt der

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Christenheit. »Ich bitte Euer Heiligkeit einzig um die Gnade, eine Person schon jetzt empfangen zu wollen, die Euer Heiligkeit wichtige Papiere zu überreichen diese Nacht von Neapel eingetroffen ist!«

Der Papst hatte die Hände vor das Gesicht gelegt. »Thun Sie, was Sie wollen,« sagte er leise, »aber befreien Sie mich von dieser abscheulichen Anklage.«

Der Beichtvater schlug leicht in die Hand und sogleich öffnete sich die Thür nach dem Corridor des Pavillons, und der Gesandte führte eine verschleierte Dame ein, die ein verschlossenes Portefeuille von braunem Leder in der Hand trug.

Die Dame näherte sich mit raschem Schritt dem Sitz Seiner Heiligkeit, knieete vor dem Oberhaupt der Kirche nieder und schlug den Schleier zurück.

Es war die schöne Herzogin von Ricasoli.

»Wie, Sie - Altezza?« rief der entrüstete Papst, »wie können Sie es wagen, ohne meine ausdrückliche Erlaubniß nach Rom und in unsere Nähe zu kommen?«

»Mögen Eure Heiligkeit Ihrer Verwandtin vergeben,« sprach die Dame, indem ihr reizendes Gesicht den Ausdruck der tiefsten Demuth heuchelte, »aber die Dringlichkeit einer Entdeckung, die ich in Neapel gemacht, veranlaßten mich und den Herzog, meinen Gemahl, Ihren Neffen, das traurige Verbot, das Sie unsrer Liebe beraubt, zu überschreiten und auf das Schleunigste hierher zu eilen, um Eure Heiligkeit vor einer großen Gefahr zu warnen.«

»Dann, Frau Herzogin, wäre es schicklicher gewesen, Ihren Gemahl, meinen Neffen, hierher zu senden,« sagte der Papst streng, indem er der knieenden Dame die Hand entzog, deren sie sich zum Kuß bemächtigt.

»Der Herzog befindet sich augenblicklich außer Stand, hier zu erscheinen - ein Unfall, der ihm auf der Reise hierher begegnet, hält ihn im Bett.«

»Der Ort, wo er den größten Theil seiner Zeit verbringt,« sagte der Papst finster, »während seine Gemahlin auf der Chiaja und der Villa Reales12 dafür sorgt, seinen Namen zu schänden.«

Die Herzogin erhob sich stolz und ihr Auge blitzte mit

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glühendem Haß hinüber nach dem Cardinal. »Ich sehe, daß man fortfährt, mich bei Eurer Heiligkeit zu verleumden und mir und meinem Gemahl Ihre Gunst zu entziehen,« sprach sie mit zuckender Lippe, während ihre Augen in einem dämonischen Blitz auf den Cardinal flammten. »Aber ich kenne die Quelle, ich weiß, wessen Verleumdungen es waren, die mich von Rom verbannten, und ich klage diesen Cardinal, den falschen Heuchler, an, daß er mit Eurer Heiligkeit Feinden in hochverräterischer Verbindung gestanden!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Signora,« sagte der Papst streng, »ich bin Ihrer Extravaganzen müde, und wehe Ihnen, wenn Sie es wagen, gegen meine Getreuen frevelhafte Beschuldigungen auszustoßen, ohne sie zu beweisen!«

»Ich werde es, dazu bin ich hierher gekommen!« Die Nüstern des schönen Weibes blähten sich in stolzer Erregung. »Ich bitte Eurer Heiligkeit, mit eigenen Händen dies Portefeuille zu öffnen und die darin enthaltenen Papiere zu lesen. Seit drei Tagen sind sie in meinen Händen, und sie werden Eurer Heiligkeit den Beweis geben, welche Schlange Sie an Ihrem Herzen genährt.«

Die stolze Geberde, mit welcher sie das Portefeuille auf den Tisch warf, war unnachahmlich schön. In der Ungeduld und der Leidenschaftlichkeit, die sie bewegte, riß sie die feine venetianische Kette, an der sie um den Hals einen kleinen goldenen Schlüssel trug, mit einem Ruck auseinander und legte den Schlüssel vor den Papst. Dann trat sie, die Arme kreuzend, den finstern Blick fest auf den Gegner gerichtet, einen Schritt zurück.

Der Cardinal Antonelli war es in der That gewesen, der wegen des leichtfertigen Lebenswandels der schönen Herzogin - obschon man wissen wollte, daß er einige Zeit selbst zu ihren Verehrern gehört - das Oberhaupt der römischen Kirche vermocht hatte, die Dame aus Rom zu verbannen, indem er ihrem schwachen und jeder Verantwortlichkeit baaren Gatten eine Mission nach Neapel gab.

»Ich weiß nicht, was diese mit so großem Eclat hierher gebrachten Papiere enthalten sollen,« sagte der Cardinal mit heuchlerischer Miene, »aber ich bitte Eure Heiligkeit zu bedenken,

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daß die Frau Herzogin von jeher geruht hat, mich mit einem ungerechten Vorurtheil zu verfolgen.«

»Ich weiß es - und bei Sanct Petrus, es soll strenge Gerechtigkeit geübt werden.« Papst Pius hatte den Schlüssel genommen und das Portefeuille geöffnet. Ein in blaues Papier gehülltes, kreuzweis mit einem seidenen Bande umbundenes Packet Briefe und Papiere war darin enthalten, das der Papst mit ungeduldiger Hand selbst entfaltete.

Die Herzogin war, so bald sie das wohlbekannte Couvert sah, noch weiter zurückgetreten, und ihr Blick lag jetzt mit boshafter Genugthuung auf dem Cardinal.

Der Cardinal allein behielt seine volle Ruhe und Gleichgiltigkeit, während alle anderen Anwesenden schweigend, mit mehr oder weniger ängstlicher Spannung der Entwickelung dieser Scene folgten, selbst der sonst so rauhe und kurz angebundene Rossi.

Der Papst hatte den ersten Brief entfaltet und überflogen. »Das ist schamlos - empörend!« sagte er dumpf.

Einen Augenblick erbleichte der Cardinal leicht, er hatte geglaubt, daß in dem Couvert leere Papiere oder sonst ein ganz gleichgiltiges Quiproquo sich finden würde, wie es der Mascherato ihm verheißen, und wußte nun nicht, was der Ausruf des Souverains bedeuten sollte. Im nächsten Moment aber bedachte er, was in seinem Besitz und längst vernichtet war und gewann seine volle Fassung wieder.

»Bei der Madonna, das ist zu nichtswürdig!« Der Papst, der ein zweites Papier in der Hand hielt, erhob sich ungestüm, das sonst so ruhige gütige Gesicht des Oberhauptes der Christenheit glühte vor Unwillen und Entrüstung, der lebendige, hitzige Geist seiner Jugend, der ihn einst zum Soldaten machen wollte, blitzte aus seinen Augen. »Schändlich!« Seine Hand ergriff die Klingel auf der Tafel und läutete heftig.

Die Thür nach dem anstoßenden Saal öffnete sich und der Truchseß Filippani, der vertraute Kämmerling des Papstes, trat ein.

»Den Offizier der Wache - sofort, hierher Filippani,« befahl der Erzürnte.

Der Truchseß verbeugte sich schweigend. Während er nach

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dem äußern Corridor ging, streifte er an dem Beichtvater des Papstes vorüber und steckte dem Pater - nur von den Luchsaugen des Cardinals nicht unbemerkt - ein kleines Papier zu. Pater Vaures entfaltete es sogleich in der hohlen Hand und las es.

Die Blicke der Versammlung hatten sich jetzt theils mit schlecht verhehltem Triumph, theils mit Angst und Bedauern sämmtlich auf den Cardinal gerichtet, den die Augen der schönen Duchessa mit dem dämonischen Ausdruck befriedigter Rache noch nicht verlassen hatten.

Dieser Genuß des Sieges war es, der ihr nicht Zeit gelassen, bis jetzt auf die Briefe selbst weiter zu achten, welche die Niederlage ihres Gegners herbeigeführt.

»Diese Briefe,« sagte der Papst mit erstickter Stimme, »sind echt, sie enthalten die Wahrheit?«

»Ich schwöre es! - ich freue mich, Ihnen, mein Oheim, endlich damit den Beweis liefern zu können, wie verschwendet Ihre Güte und Ihr Vertrauen an die betheiligte Person war, und so diese Heuchelei zu entlarven!«

»Schamlose!« donnerte die Stimme des Empörten. »Du wagst es, zu Deiner Schande noch Hohn zu fügen? Zittere vor der Strafe Deines beleidigten Souverains!«

Als hätte der Blitz mitten in die Versammlung geschlagen, so bestürzt und erschrocken schauten Alle, mit Ausnahme des Cardinals, auf das erzürnte Oberhaupt der Kirche. Die großen blauen Augen der schönen Römerin starrten erst betroffen auf ihren Verwandten, dann richteten sie sich, wie eine Lösung suchend, auf den Brief, den ihr halb zusammengeballt seine Hand entgegenhielt.

Eine jähe, dunkele Röthe überflog ihr Gesicht und machte eben so schnell einer fahlen Blässe Platz. Die Herzogin zuckte zusammen wie von einem Dolchstoß getroffen und sprang dann vorwärts, um der Hand des Papstes und dem Tisch die verhängnißvollen Papiere zu entreißen. »Bei der Madonna - die Briefe zurück - die Briefe her - es sind die falschen!«

Eine majestätische Geberde des Herrschers schleuderte sie zurück. »Elende - auf die Knie und bitte um Gnade! Gott

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und die Heiligen haben es gewollt, daß die Schlange entlarvt werde, die aus meinem eigenen Blut gegen mich sich erhoben. Buhlerin und Ehebrecherin, die Du den Namen schändest, den Du trägst, hast Du die Zeit der Buße nur zu noch schlimmeren Verbrechen benutzt! Heuchlerisch Andere verdächtigend, wagst Du es schamlos, mir die Beweise Deiner nichtswürdigen Buhlerei mit dem Sohn des bittersten Feindes der Kirche und des heiligen Stuhls - Ruggiero Settimo selbst mir vor Augen zu bringen? Zittere vor der beleidigten Gerechtigkeit Gottes und seines Stellvertreters auf Erden!«

Die schöne Faustella warf einen flüchtigen Blick hinüber nach dem Beichtvater und dem Gesandten, dann - als sie sah, daß diese ihre Augen fest zur Erde gerichtet hielten und fühlte, daß sie von ihren Bundesgenossen verlassen wurde - kehrte der alte Trotz in ihre Seele zurück, und in ihre frühere Haltung zurückfallend, statt demüthig, wie der Papst erwartete, um Gnade zu bitten, schleuderte sie einen trotzigen und vernichtenden Blick nach dem Cardinal und sagte entschlossen: »Ein schändlicher Verrath ist geübt worden, Eure Heiligkeit sprechen die Wahrheit, aber nicht von mir, sondern an mir, und wird durch die Feigheit unterstützt! - Dieser Mann,« sie wies auf den Cardinal, »weiß darum! aber ich biete ihm Trotz und werde mich rächen! Eure Heiligkeit mögen mein Eindringen entschuldigen und diese Briefe mir zurückgeben, die nur durch einen Betrug vor Ihre Augen gekommen sind. Mein Privatleben gehört mir, und Eure Heiligkeit sind nicht mein Gatte, um Rechenschaft darüber zu fordern!«

»Nein, aber Dein Souverain, Elende,« donnerte der Erzürnte, »das Oberhaupt meiner Familie. Die Nachsicht des Verwandten ist zu Ende und das Amt des Richters und Rächers beginnt, und so wahr mir Gott helfe, ich will es üben auf diesem Thron, so lange ich darauf sitze! - Herein mit dem Offizier der Wache!«

»Eure Heiligkeit möge nicht vergessen, daß ich die Herzogin von Risacoli und aus dem Blute der Borgia bin,« sagte die Duchessa stolz.

»Gott kennt die Sünden, die dieses Blut bereits über Rom

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gebracht,« rief der Papst mit erhabener Würde. »Ich war verblendet, als ich es mit dem meinen sich vermischen lieh. Aber ob Dein Name der stolzeste dieses Landes wäre, verbrecherisches Weib, die Macht über Körper und Seele soll die Gnade Gottes und der Heiligen nicht umsonst in meine Hand gelegt haben. Hierher, Signor!« befahl er dem eben eintretenden Offizier, der von dem Truchseß hereingeführt wurde.

Der Lieutenant - es war der junge Schweizer-Offizier, den wir im Corridor, vergeblich seinen Oheim warnend, verlassen haben - näherte sich in militairischer Haltung bis auf fünf oder sechs Schritt vor dem Sitz des heiligen Vaters und blieb hier salutirend stehen.

Die schöne Sünderin warf ihm einen halb überraschten, halb koketten Blick der Erkennung zu - der ganze Leichtsinn und Eigenwille, der ihre Handlungen leitete, gewann wieder die volle Macht in ihr.

»Wo ist der Herzog, Ihr Gemahl?« fragte finster der Papst.

»Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Heiligkeit zu sagen, daß er sich krank befindet in seiner Wohnung im Vatikan.«

»Signor,« sagte der Papst, indem er sich zu dem Offizier wandte, »Sie werden diese Dame zu ihrem Wagen geleiten, an ihrer Seite Platz nehmen und, ohne ihr einen Verzug oder Aufenthalt zu gestatten, sie nach dem Pavillon Borgia im Vatikan zurückbegleiten. Sie werden sie dort bewachen oder bewachen laffen, und bürgen mir dafür, daß sie ihre Wohnung nicht mehr verläßt, bis Sie weitere Befehle erhalten. Ich werde morgen über ihr Schicksal entscheiden!«

Die Herzogin warf mit einem spöttischen Lächeln den Kopf in den Nacken. »Darf ich dann vielleicht Eure Heiligkeit ersuchen,« sagte sie mit frivoler Keckheit, »mir diese Briefe zurückzugeben, die doch nur Eurer Heiligkeit keusche Gefühle beleidigen würden und mein Eigenthum sind!«

Der beleidigte Pontifex warf ihr einen drohenden, erzürnten Blick zu. »Aus meinen Augen - fort! Diese abscheulichen Papiere soll mein Neffe, Ihr Gemahl, erhalten!«

Die Herzogin zuckte die Achseln. »Schade, wenn er noch Haare hätte, könnte er sie zu Papilloten benutzen! - Nun,

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schöner Herr, seien Sie galant und reichen Sie mir Ihren Arm. Sie sehen, das Schicksal bestimmt Sie nun einmal zu meinem Cavalier!«

Sie machte eine hochmüthige, spöttische Verbeugung, während der Papst ihr verächtlich und erzürnt den Rücken kehrte, warf dem Cardinal und ihren eigenen Verbündeten noch einen trotzigen Blick zu und nahm selbst den Arm des erstaunten und starren Offiziers und zog ihn nach der Thür, deren Flügel sich hinter ihnen schlossen.

Der Cardinal hatte bei der naiven Bestellung dieses Wächters durch den zürnenden Oberherrn ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken können, und Graf Rossi, der gleiche Gedanken hegen mochte, wollte in der That mit seiner gewöhnlichen Ungenirtheit Einspruch thun, - aber der Cardinal legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm und hielt ihn zurück.

»Diese leichtfertige Schöne hat Recht,« sagte er, »Niemand kann seinem Schicksal entgehen, und der Luogotenente ist kein Knabe mehr. Ich dächte, wir hatten in diesem Augenblick uns mit wichtigeren Dingen zu beschäftigen!«

Der heilige Vater hatte sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen und mit einer gewaltsamen Anstrengung seine Ruhe und Fassung wiedergewonnen.

»Sie werden mir bezeugen, Cardinal Antonelli,« sagte er fest, »daß ich nie an Ihrer Treue und Aufrichtigkeit für mich und die heilige Kirche gezweifelt habe. Ich sehe, auf wen ich mich zu stützen habe. Ich ermächtige Sie, Graf Rossi, das Programm des Ministerraths auszuführen und die Deputirten-Kammer mit diesen Erklärungen zu eröffnen.«

Ein allgemeines Schweigen folgte dieser kategorischen Entscheidung. Die Stille wurde durch den Wiedereintritt des Truchseß Filippani unterbrochen, der sich dem Premierminister näherte.

»Seine Eminenz, der Herr Unterstaatssecretair,« meldete er, »lassen Eure Excellenz erinnern, daß die Eröffnung der Kammer um 12 Uhr angesetzt ist.«

Der Graf zog seine Uhr. »In der That, es ist die höchste Zeit! Ich bitte Eure Heiligkeit, diese Vollmachten zu unterzeichnen und mich zu beurlauben!«

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Er hatte sich erhoben - der Cardinal Antonelli that desgleichen.

Trotz der Herrschaft über sich selbst und der großen Verstellungskunst, die ihn auszeichnet, war es ihm nicht möglich gewesen, dem Auge eines eben so gewandten und scharfen Beobachters den Kampf ganz zu verbergen, der in seinem Innern vorging und der sich in einem langen besorgten Blick auf den allzukühnen und furchtlosen Minister aussprach.

Ein solcher scharfer und schlauer Beobachter war der Pater Vaures seit dem Augenblick gewesen, in welchem er das Papier gelesen, das ihm der Truchseß zugesteckt.

Der Zettel enthielt blos die Worte:

       »Er weiß, was geschieht und kennt das Geheimniß der Coulissen.«

Die Ruhe des Cardinals, mit der er verschmähte, bei der plötzlichen Niederlage der Anklage seiner Gegner auf diese einen Blick des Triumphes zu richten, änderte eben so plötzlich die Pläne und Entschlüsse ihres Hauptes.

Der Cardinal schien jetzt zu einem Entschluß gekommen, denn indem er sich erhob, streckte er die Hand gegen den Grafen aus, gleich als wolle er ihn zurückhalten.

Aber das Wort, das er offenbar sprechen wollte, wurde auf seinen Lippen zurückgehalten durch ein anderes, das halb geflüstert an sein Ohr drang: »Silentio!«

Pater Vaures streifte an ihm vorüber. »Auf ein Wort, Eminenz!«

Der Cardinal folgte ihm in die Fenstervertiefung - das Schicksal des Ministers, der eben seinem geistlichen und weltlichen Gebieter die Vollmachten zur Unterschrift reichte, war entschieden.

»Ich habe Eurer Eminenz Etwas zu übergeben,« sagte der Pater, von der schweren Draperie des Fenstervorhangs halb verdeckt, mit gedämpfter Stimme, »es sind die Abschriften der Briefe, welche die Frau Herzogin, ich hoffe für immer, verloren hat.«

»Ich danke Ihnen, indem ich vergesse, daß sie bestanden haben.«

»So sind wir einverstanden.« - Der Pater wandte leicht den Kopf, sein graues, kaltes Auge deutete nach dem Grafen. »Darf ich fragen, welche Gründe Eure Eminenz haben, ihn zu retten?«

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»Keine!«

»So mag er seinem Schicksal verfallen?«

»Wenn es sein muß!«

»Es muß - nur durch eine solche Erschütterung kann Pius der Neunte aus diesem unglückseligen Wahn einer Verständigung mit dem Erbfeind der Kirche und des Stuhles Petri - dem Liberalismus - gerissen und zum offenen Bruch mit der Revolution gebracht werden!«

Der Cardinal senkte einen Augenblick sein Haupt - er begriff die ganze Wahrheit dieser furchtbaren Logik.

»Und was soll weiter werden?«

»Die österreichischen - oder wenn Sie darauf bestehen - die französischen Bajonnete werden den Stuhl Petri in seiner Macht wieder herstellen, Cardinal Antonelli wird seine wahren Freunde erkennen und im Namen eines schwachen Souverains unbeschränkt die weltliche Herrschaft üben. Ich verbürge mich für diese Zusage.«

Der Cardinal nickte mit dem Kopf. »Wir sind einig - ich wünschte längst die Umkehr und bin bereit, mit Ihnen jedem Sturm zu trotzen.« Er reichte dem Jesuiten die Hand und trat aus der Nische.

Der Graf beurlaubte sich so eben und empfing den Segen des heiligen Vaters.

»Gehen Sie mit Gott, mein Sohn,« sagte der Papst, das Zeichen des Kreuzes über ihn machend, »und mögen die Heiligen die Gemüther erleuchten und Ihrem Vornehmen Segen geben! Ich werde Sie mit meinem Gebet begleiten und erwarte Ihren Bericht nach der Sitzung!«

Der Minister verbeugte sich kurz vor den beiden Gesandten, seinen politischen Gegnern. Als er an dem Cardinal vorüberging, reichte er ihm die Hand. »Sie haben Ihre Schlacht gewonnen - jetzt kommt die meine! Adieu!«

Die Hand des Cardinals war kalt und feucht. Der Graf verließ den Sitzungssaal.

Der Pater blieb am Fenster stehen und sah ihm nach. Wer ihm nahe gestanden, hätte seine Lippen leise das »In manos tuas, Domine, commendo animam suam!« - das Gebet für

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die Sterbenden - murmeln hören können! -


Der Offizier hatte die Dame schweigend, befangen, fast erschrocken über den so unerwarteten Auftrag, in das Innere des Palastes geführt, in dem der Wagen der Herzogin wartete. Auch diese hatte geschwiegen, zwischen Aerger, Stolz und Uebermuth kämpfend, und erst als sie Beide im Fond des Wagens saßen und sie den verlegenen Ausdruck auf dem Gesicht ihres Begleiters sah, brach sie in ein helles Gelächter aus. »Oimè, Signor Riccardo, Sie sehen wahrhaftig aus, als sollten Sie diese alberne Deputirtenkammer eröffnen, statt einer Dame, die gerade nicht zu den häßlichsten gehört, vierundzwanzig Stunden Gesellschaft leisten. In der That, Signor Luogotenente, ich beginne eine sehr schlechte Meinung von Ihrer Galanterie zu fassen!«

»Aber ich bitte Eure Hoheit, mir zu erklären ... «

»Ah bah - wenn man eine Dame bewundert, bittet man um keine Erklärung, als höchstens die, daß sie Gnade für Recht ergehen läßt. Aengstigen Sie sich nicht für Ihre Carrière, das Hauptmannspatent ist Ihnen gewiß, wenn Sie eine so gefährliche Staatsverbrecherin, wie ich bin, gehörig bewachen.«

»Altezza treiben Ihr Spiel mit mir,« sagte der junge Offizier ziemlich ernst, »ich bitte Sie zu glauben, daß ich Antheil genug an Ihro Hoheit nehme, um in Besorgniß zu sein über das, was ich hörte.«

»Thorheit - ein kleiner Aerger Seiner Heiligkeit über Dero höchst ungerathene Nichte und ihren allzugroßen Eifer, dem gestrengen Oheim zu dienen! Ein kleiner Hausarrest bis morgen, um ein gewisses Feuer abzukühlen! Sie sehen, es ist schon ein ganz soldatisches Regiment eingeführt in Rom, und man behandelt die Herzoginnen wie die Bewohner der Kasernen. Aber wir wollen's machen wie Diese, wir wollen trinken, tanzen, spielen, singen und uns amüsiren nach Herzenslust, so lange Sie mein Gefangener sind, denn ich sage Ihnen von vornherein, daß wir die Rollen tauschen, so lange ich die Ehre haben werde, Sie in der Villa Borgia zu bewirthen.«

Die übermüthige Laune seiner schönen Gefangenen nahm

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ihm gewissermaßen eine Last von der Seele und erleichterte seine peinliche Stellung. Dennoch blieben noch Falten schwerer Sorge auf seiner Stirn.

»Sie können scherzen, während mich die Angst verzehrt,« sagte er finster. »Meine Pflicht als Soldat bindet mich hier, während meine Ehre mich an die Seite meines Oheims ruft, um den allzu Unbesorgten gegen die Dolche der Mörder zu vertheidigen.«

»Ich habe von den Gerüchten gehört, Signor, aber beruhigen Sie sich! Wer entschlossen ist etwas zu thun, schreit es nicht auf den Straßen vorher aus. - Ihr Oheim weiß, was er davon zu halten hat. Diese Canaille sans foi ni loi prahlt mit ihren Dolchen, ich kenne das von Neapel. Ueberdies bin ich bereit, Ihnen einen Urlaub zu geben, sobald Sie mich jenseits der Tiber gebracht haben, denn ich selbst habe dort ein kleines Geschäft, wobei ich Sie entbehren kann!«

»Ich bitte um Verzeihung, Altezza,« sagte der junge Mann ernst, »aber ich muß zunächst den Befehlen gehorchen, die ich erhalten habe.«

Die Herzogin mit ihrem Eigenwillen, der keinen Widerspruch duldete, sah ihn erstaunt an.

»Wie, Signor, Sie könnten so ungalant sein, aus diesem lächerlichen Arrest, den ich mir nur um Ihrer Person willen gefallen lasse, Ernst zu machen?«

»Ich bin Soldat, Altezza!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Signor, mein Kopf ist etwas eigensinnig!«

»Ich stelle mich ganz zu Ihro Hoheit Verfügung, aber ich werde die Ehre haben, Sie zu begleiten!«

»Aber ich kann Sie nicht brauchen dort, wohin ich gehe. Sei[e]n Sie hübsch artig, Signor, ich werde in einer Stunde bei Ihnen im Vatikan sein!«

Der Schweizer zuckte die Achseln.

»Sie wollen nicht gehorchen?«

»Ich fühle mich zu glücklich in Ihrer Nähe, um einem andern Befehl ungehorsam zu sein.«

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Starrkopf! Wir wollen sehen, wer seinen Willen behält - aber, bei der Madonna, Sie gefallen mir so!«

Der Wagen hatte seinen Weg über die Piazza Colonna und die Piazza di Monte Citorio genommen und rollte dem Tiberufer zu.

Es war ein zweisitziger verschlossener Kutschwagen, wie sie in Paris und Rom üblich sind, die offenen Fenster der Schläge und der Vorderwand durch grüne Seidengardinen geschlossen.

Die Herzogin zog die Schnur des Kutschers. »Nach der Straße di St. Spirito!« befahl sie.

Der Offizier verbeugte sich lächelnd. »Es ist unser Weg, Hoheit!«

»Ich warne Sie nochmals, Signor, mich nicht herauszufordern!«

»Altezza sind zu reizend in Ihrem Zorn, um nicht auf meinem Recht zu bestehen.«

Ein fernes Brausen, wie das Wogen und Lärmen einer großen Menschenmasse, kam von der Piazza di Ponte her, als der Wagen sich dieser näherte, um über die Engelsbrücke das jenseitige Ufer zu erreichen.

Plötzlich, in der Mitte des Platzes, hielt der Wagen still.

Der Offizier öffnete die vorderen Vorhänge, die Herzogin riß die an ihrer Seite auf.

»Vorwärts!«

»Es ist unmöglich, Excellenz, die Brücke zu passiren, sie ist vollgedrängt von Menschen!«

In der That erkannte der Offizier, daß der Kutscher Recht hatte. Eine förmliche Völkerwanderung schien aus den Stadttheilen jenseits der Tiber, dem Monte Vaticano und Gianiculo, sich nach der innern Stadt zu ergießen.

Die Stirn des Schweizer-Offiziers begann sich bei diesem Anblick zu furchen, fast unwillkürlich rückte die Hand die Koppel seines breiten Degens nach vorn.

»Nach der Ponte di Spirito!« befahl er kurz und entschieden.

Der Wagen fuhr die Uferstraße entlang, der Schiffbrücke zu, welche unterhalb der Engelsburg über die Tiber und an dem berühmten Hospital di Santo Spirito in das Straßenquadrat vor der Peterskirche und dem Vatikan führt.

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Wieder legte sich die sammetweiche Hand der schönen Frau auf den Arm des Offiziers. »Geben Sie nach, Signor Riccardo,« verführte ihre sirenengleiche Stimme. »Sie begreifen, daß Sie in diesem Augenblick schon mehr in meiner Gewalt sind, als ich in der Ihren. Ich gebe Ihnen mein Wort, in spätestens zwei Stunden im Vatikan Sie zu erwarten.«

Ihre eine Welt von Wollust verschleiernden Augen hatten sich bittend, verführerisch auf den Offizier geheftet. Dunkele Gluth flog unter dem Druck ihrer Hand über sein männlich schönes Gesicht, sein treuherziges Auge senkte sich vor dem brennenden Strahl der ihren.

»O, Signora, mißbrauchen Sie nicht die Gefühle, die mein Herz verzehren, seit ich Sie erblickt!«

»Thörichter Mann - haben Sie unter den Orangen und Myrthen noch nicht gelernt in den Augen der Frauen zu lesen? Dem Mann, dem Getella's Wille Gesetz, wird sie zu lohnen wissen!«

»Svizzero! Svizzero! Nieder mit den deutschen Söldnern!«

Die geöffneten Vorhänge hatten dem Volke die verhaßte Uniform der Schweizer gezeigt. Die Menge schien sich ihrer entfesselten Macht bewußt, rasend, jeder Zucht entblößt. Die Haufen der Trasteveriner, die in dichter Reihe von den jenseitigen Stadttheilen daherflutheten, begrüßten mit Zischen, Pfeifen und Schimpfreden den vorüberfliegenden Anblick des Schweizer-Offiziers.

In diesem hatte der höhnende Aufruf des Pöbels die alte Entschlossenheit und das Gefühl der soldatischen Pflicht wieder gestählt.

Er lehnte sich aus dem Wagen. »Zum Vatikan! im Galopp!« befahl er.

Der Wagen jagte donnernd über die Brücke, begleitet von dem Hohn und Pfeifen des Pöbels, eine Schaar lärmender Lungerer hinterdrein. Männer, Frauen und Kinder, die auch hier zur Stadt strömten, flüchteten scheltend, schreiend und lachend sich vor den Hufen und Rädern zur Seite.

Der Wagen hatte die Mitte der Brücke erreicht, als der Kutscher plötzlich die Pferde zurückriß und still hielt.

Eine Menschenmauer drängte sich von dem andern Ufer her

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ihm entgegen und schloß hermetisch von einem Geländer zum andern den Weg.

Der Zeter und Lärmen, das Jauchzen und Schreien belehrte den Offizier, daß er die verrufenste Bevölkerung von Trastevere vor sich hatte, und die brausende Melodie der Sterbini'schen Marseillaise, die wie ein Nebel über diesen Wogen von Lärm und Scandal schwamm, daß es sich um eine politische Demonstration handele.

Aus diesem Chaos drang in den berauschenden blutgierigen Worten des Liedes eine gewaltige, mächtige, leitende Stimme hervor, die ihm bekannt schien.

Der Offizier beugte sich vor, um zu sehen; - was ersah, überzeugte ihn sofort, daß es unmöglich war, hier mit Gewalt weiter zu kommen, ehe der Menschenstrom sich verlaufen hatte, dessen Vorläufer bereits an dem Wagen vorübertobten.

»Aus dem Wege! Aus dem Wege!« heulte die Menge. »Platz für die Göttin der Freiheit! Platz für die Venus von Rom! Aus dem Wege mit den Aristokraten, Evviva la Libertina!«13

»Spannt die Pferde vor die Muschel der Venus, meine Lieblinge!« sagte eine tiefe Baßstimme. »Eheu! ich werde mich neben sie setzen und im Triumph auf dem Capitol einziehen!< q

Diese Stimme hatte den Offizier bewogen, nochmals sich vorzubeugen.

Ein halb lächerliches, halb erschreckendes Schauspiel zeigte sich in dieser lärmenden, lachenden Menge seinen Augen.

Vier Männer, phantastisch aufgeputzt, zogen einen jener zweirädrigen Wagen oder Karren, die der römische Bürger und Landmann zu seinen Fahrten benutzt. Dieser Wagen war, offenbar von Künstlerhand, durch Pappdeckel und Malerleinwand geschickt zu einer großen Seemuschel umgeformt, und in ihr saß in antikem Gewand, einen Helm auf dem langen, wallenden Lockenhaar, in der Rechten ein leichtes Banner mit den italienischen Farben, in der Linken das Ende einer Kette haltend, ein junges Weib als die Göttin der Freiheit.

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Das andre Ende dieser langen Kette war um die Glieder eines dicken, rothgesichtigen Mönches geschlungen, der, auf einem Esel reitend, hinter dem Wagen herkam, oder vielmehr von der Menge geschoben wurde. Eine Tiara aus Goldpapier mit Flittern und Glassteinen auf seinem Kopf und ein großes Plakat, das an einer Stange hinter ihm getragen wurde, mit der Inschrift: »Die Herrschaft der Kirche!« verkündeten die Bedeutung dieser Gruppe. Zahlreiche Fahnen und Banner mit allerlei theils politischen, theils komischen Inschriften und Attributen in der Menge vertheilt, zeigten anßerdem den Charakter des Zuges und bewiesen, daß eine reichere Phantasie als der bloße brutale Ausbruch des Volksfanatismus hier mitgewirkt und geordnet, und in der That sah man auch unter der Menge aus den niedersten Klassen des Volkes viele Gestalten und Gesichter, die offenbar den Kreisen der Campanella, dem Versammlungsort der Künstler, angehörten.

Ein Blick hatte dem Offizier genügt, um in der Person des gefesselten Kirchenregiments seinen Bekannten vom Abend vorher, den Bruder Pankratius, zu erkennen.

Der Bettelpfaffe schien sich in der öffentlichen Rolle einer allegorischen Person ganz behaglich zu fühlen, bis auf die Unbequemlichkeit, welche ihm die Einschnürung seiner Arme durch die Kette verursachte. Dafür setzte ihm eine schalkhafte schwarzäugige Trasteverinerin, die mit ihrem Orangenkorb neben ihm her trippelte, in den Pausen, die er in dem kräftigen Gesang der republikanischen Hymne machte, einen Becher an die Lippen, den ein junger Maler aus dem Weinkrug, den er trug, füllte.

Aber der zweite Blick, den er auf die Hauptperson des Aufzugs, die >Göttin der Freiheit< warf, machte den muthigen jungen Offizier erstarrt und bestürzt, und er wandte sich erschrocken nach seiner Nachbarin um.

Dort auf dem phantastischen Muschelgefähr als Göttin der Freiheit saß die Frau, die er doch an seiner Seite fand - dasselbe reiche Goldhaar, das reizend geformte Gesicht mit dem üppiggewölbten Munde und dem großen brennenden Auge.

Einen Moment glaubte er, die merkwürdige Aehnlichkeit der Nonne mit seiner schönen Gefangenen vor sich zu sehen, aber der

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dämonische, spöttisch triumphirende Ausdruck in dem frechen Blick der Courtisane auf dem Venussitz contrastirte in seiner Erinnerung eben so sehr mit dem sanften züchtigen Strahl in dem Auge der barmherzigen Schwester, wie mit dem stolzen, kühnen und wieder so leichtfertigen Glanz der herausfordernden Augen der Aristokratin, um ihn nicht zu überzeugen, daß das seltsame Spiel der Natur das ihn gestern im Circus Caracalla und an der Leiche des jungen Banditen überrascht - hier sich zum dritten Mal wiederholte.

Er wollte seinem Staunen eben Worte geben, als die Dame zu seiner Seite, die bisher nicht der Mühe werth gehalten, auf die einzelnen Figuren der Volksmenge zu achten und nur mit steigendem Zorn über seinen Widerstand ihn betrachtet, ihn unterbrach. »Sehen Sie sich vor, Signor, zum letzten Mal, wollen Sie mich für zwei Stunden allein lassen? Ich habe mein Wort verpfändet, an einen Ort zu gehen, wohin Sie mich nicht begleiten dürfen.«

Was erst Laune, Eigensinn gewesen war, das Atelier des tollen Malers zu besuchen, wie sie dem Mascherato gelobt, wurde zum eifersüchtigen Trotz bei dem unerwarteten Widerstand des Mannes, den sie bereits den Sclaven ihres Willens glaubte.

Der Offizier zuckte die Achseln. »Ich habe den Befehl, Ihre Hoheit zu begleiten!«

»Also Kampf!« Die Augen der verwöhnten leidenschaftlichen Frau schleuderten einen Blitz auf ihn. Dann lehnte sie sich weit aus dem Schlag.

»Zu Hilfe, Römer! Zu Hilfe einer Gefangenen!«

Die unvorsichtige That war geschehen, ehe der Offizier sie zu hindern vermochte. Jetzt, als sie die trunkenen, erhitzten und wilden Gesichter aus dem Pöbel der Vorstadt so dicht um sich sah, erschrak sie selbst über die Folgen und hätte den Ruf gern ungeschehen gemacht.

Im selben Augenblick keuchte die Meute heran, die dem Wagen über die Brücke gefolgt.

»Svizzero! Svizzero! Nieder mit den schweizer Soldknechten! Es lebe das freie Italien!«

Zehn Fäuste, zu jedem Unfug bereit, fielen den Rossen in die

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Zügel, begannen sie auszuspannen und rissen den erschrockenen Kutscher unter Gelächter und Verhöhnungen vom Bock. Wilde, zerlumpte Gestalten, verwirrt durch den Hilferuf der Dame und das Geschrei ihrer Gefährten, waren im Nu auf Tritt und Rädern, und schoben die Vorhänge zur Seite. Ein bärtiges Gesicht streckte sich in das Innere des Wagens und öffnete den Schlag. »Steigen Sie aus, Madonna! Ich nehme Sie unter meinen Schutz für einen Kuß und ein Dutzend Bajocchi!«

»Heraus mit ihnen! Sie sollen mit uns Brüderschaft trinken!«

»Man will eine Frau entführen! Haltet sie auf!«

Die Herzogin warf sich zitternd zurück auf ihren Begleiter. »Um der Heiligen willen vergeben Sie mir, retten Sie mich vor diesem Gesindel!«

Der Offizier stieß den Schlag an seiner Seite auf und sprang heraus, die Dame mit sich ziehend, um die er den linken Arm schlang.

»Zurück, meine Burschen, Platz da! Respekt vor der Uniform Seiner Heiligkeit!«

»Maledetto! wahrhaftig einer der verdammten Schweizer! Er soll mit in die Prozession!«

»Er soll eine Fahne tragen! Er soll auf dem Esel reiten! Nieder mit dem Weiberverführer!«

Das Geschrei mischte sich mit Gelächter. Im Grunde war es dem Pöbel anfangs blos um Unfug und Verhöhnung zu thun, aber der Anblick der jetzt so verhaßten Uniform mischte bald den Fanatismus politischer Leidenschaften hinzu.

Dennoch scheuchte die kräftige Gestalt des Offiziers und seine entschlossene Miene die Vorlautesten zurück, und hielt sie in einem Kreise um den Mann und die Dame, welche die Menge jetzt mit Verwunderung sich dicht an den Offizier anschmiegen sah, während Viele wenige Augenblicke vorher sie um Hilfe hatten rufen hören.

Die Herzogin hielt den Schleier vor ihr Gesicht gezogen, sie zitterte vor Schreck und Ekel vor diesen ihr drohenden unsauberen Berührungen, während sie doch am Abend vorher so kühn dem Ueberfall der Banditen des Mascherato Trotz geboten. Ihre aristokratische Natur empörte sich nicht gegen die Gefahr, aber gegen die Gemeinheit.

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»Warum hat sie geschrieen?«

»Wer ist das Weib?«

«Eine beleidigte Tugend!«

»So machen's die Weiber - erst schreien sie, und wenn's dazu kommt, hängen sie wie Kletten an den Liebhabern!«

»Cospetto - sollen wir den Schuft von Schweizer laufen lassen, während unsere Brüder den Andern dahin schicken, wohin sie Alle gehören?«

Die Stichelreden und Hohnsprüche kreuzten sich rasch durcheinander!

»Wenn's ein Schweizer ist,« schrie der Mönch, dessen weinselige Augen den jungen Offizier noch nicht wieder erkannt, »so gebe ich Euch meine Einwilligung, ihn zu hängen oder zu ersäufen. Es sind Grobiane, und meine Knochen könnten eine Geschichte erzählen!«

»Zurück, Leute! gebt mir Raum und laßt uns unsern Weg fortsetzen, oder bei Gott, es giebt blutige Köpfe!« Die Menge hatte den Bettelmönch mit seinem Esel vorgedrängt und er befand sich jetzt dicht vor dem Offizier und seiner Gefährtin. »Evoe! Evoe! Ich will drei Monate über die Zeit im Fegefeuer braten,« zeterte der Frater, »wenn das nicht mein junger Riese aus dem Circus ist mit dem verdammt schönen Weibsbild, die unsrer Königin so ähnlich sieht, wie eine Frühmesse der andern!«

»Den Schleier fort - wir wollen sehen, wer die Schönste ist! Der Papst Pankratius soll es entscheiden!«

Die Herzogin drückte sich fester an den Offizier, der den schweren Degen von seinem Bandelier losgehakt und mit der Scheide in die Linke genommen.

»Kyrie eleison! Kyrie eleison! Ihr sollt Euch nicht vergeblich auf meine Gerechtigkeit berufen haben. Man führe die beiden Delinquentinnen vor mich, daß ich wie der heilige Paris den Apfel vertheile!«

»Spitzbube!« Der Offizier stand jetzt dicht vor ihm, und ohne sich um die ihm drohende Gefahr zu kümmern, riß er dem allegorischen Papst die Tiara vom Kopf und schlug sie ihm um die Ohren, bis er nur noch die Fetzen in der Faust hielt.

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»Schämst Du Dich nicht, vertrackter Weinschlauch, das Oberhaupt des Staats und der Christenheit hier zu persistiren?«

Der Irländer staunte ihn einige Augenblicke ganz verdutzt an, dann aber, in Erinnerung an die Püffe, die er am Abend vorher bekommen, erhob er ein gewaltiges Zetergeschrei, als ob er am Spieß stecke. »Auf ihn! Auf ihn! Er lästert die heilige Kirche! Schlagt den Ketzer zu Boden!«

Der komische Zorn des Bettelpfaffen, der vergeblich sich bemühte, die Kette zu entfernen, die man ihm um Arm und Bein gewunden, wäre eher geeignet gewesen, das Gelächter der Menge zu reizen, als dem Schweizer-Offizier eine ernste Gefahr zu bereiten, wenn nicht in diesem Augenblick noch eine andre Person sich hineingemischt hätte.

Es war die Courtisane, die sich auf ihrer Muschel erhob.

»Nehmt ihr den Schleier, wir wollen ihr Angesicht sehen!«

Ehe der Offizier es hindern konnte, hatte ein junger Bursche, der sich herangedrängt, mit einem Griff den Schleier der Herzogin ergriffen und herunter gerissen. Das schöne Gesicht, bleich vor Zorn, mit den blitzenden Augen, zeigte sich jetzt zum ersten Mal der Menge.

Ein Schrei des Erstaunens brach aus dem Kreise: »Faustina! Faustina!«

Das Weib auf dem Wagen schwang zum Zeichen, daß sie sprechen wolle, das Banner. »Ruhe befehle ich! Ich kenne Dich wohl - Du bist eine Aristokratin, eine Feindin des Volks, die mein Gesicht gestohlen hat!«

Einen kurzen Augenblick schaute auch die Herzogin, die jetzt zum ersten Mal ihre Blicke auf die improvisirte Göttin der Freiheit richtete, mit Staunen, fast mit Entsetzen in dies Gesicht, das so merkwürdig dem ihren glich, und sie konnte sich eines Schauders vor dem leichenhaft starren und doch so dämonischen Ausdruck dieses Auges nicht erwehren; im nächsten aber erinnerte sie sich an die Worte des Mascherato im Grabmal der Metellerin, als er ihr gesagt, daß Rom zwei Nebenbuhlerinnen ihrer Schönheit berge. Mit diesem Gedanken kehrte auch der ganze kühne Stolz und Hochmuth ihres Charakters zurück.

»Elende - zittere vor der Rache der Herzogin von Ricasoli,

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der Nichte Eures Souverains! Wer bist Du, Weib, die es wagt, mich zu verhöhnen?«

» Ich bin die Venus von Rom! Ich bin die Freiheit und die Liebe!«

Ein donnerndes »Evviva Faustina! Es lebe die Venus von Rom!« mit dem Schall der Tamburins[Tambourins] und Beifallklatschen folgte den Worten.

Wieder winkte die Courtisane und wieder schwieg die Menge, daß man das Rauschen des Stromes hören konnte.

» Ich bin aus dem Volke und gehöre dem Volke! Du aber hast meinen Leib gestohlen, wie Ihr, die Ihr Euch die Herren glaubt, Alles dem Volke raubt! Es ist Zeit, daß wir die Rollen tauschen!«

Der Ausdruck der Stimme, der Ausdruck der Augen der Dirne hatte etwas so Teuflisches, daß die vornehme Dame ihr Herz erbeben fühlte.

Nochmals begleitete ein donnernder Applaus den Ausspruch.

»Sie hat Recht! Cospetto! Nieder mit den Pfaffen und den Aristokraten! Es lebe das Volk! Sage, was wir mit ihr beginnen sollen!«

»Sie wird meinen Platz einnehmen und ich den ihren! Ihr werdet eine Herzogin zur Trägerin Eurer Fahne haben, und wenn sie sich weigert, das Volk zu führen, mögt Ihr sie durch die Tiber schwemmen, bis ihr der Hochmuth vergangen: Das Wasser kühlt alle Leidenschaften!«

Sie ließ ihre langen aufgelösten Haare durch ihre Hand laufen, und es war, als rieselten tropfende Wasserperlen von ihm nieder.

»Brava, Faustina! Es lebe die Venus des Volks! Sie sollen Beide Tiberwasser saufen! In den Strom mit ihnen, wenn sie sich weigern!«

»Haltet ein!«

Die Courtisane streckte die Hand aus und deutete nach dem Offizier, der entschlossen vor seine bebende Gefährtin getreten war.

»Dieser ist mein! Er gefällt mir!«

»Pfui! ein Tedesco! ein Lump von einem Schweizer!«

»Still! - Ich habe das Recht zu wählen! Es ist billig, daß die Tochter des Volks den Platz der Aristokratin einnimmt!«

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»Auf den Wagen mit ihr! Es lebe Ihre Hoheit, die Duchessa Venus!«

Das tolle Gesindel lachte und heulte vor Vergnügen - hundert Hände langten nach der Dame, um sie auf den Muschelwagen zu heben, von dem die Courtisane mit dämonischem Jauchzen heruntersprang.

»Badate! Badate! Der Teufel auf Eure schwarzen Schädel, Ihr Schufte, habt Ihr keinen Respekt vor der Kirche!«

Der würdige Fra Pan, der sich mit seinem Esel zwischen dem Paar und der Menge befand und mit den gefesselten Armen ihrem Uebermuth wehrlos preisgegeben war, hatte in der That bei dem Angriff viel zu leiden und erhielt manchen Knuff und Stoß zum Gaudium der Menge.

»Hinauf mit der Aristokratin!. Gebt der Aristokratin die Tricolora! Schwemmt sie! schwemmt sie!«

Die Herzogin klammerte sich an den Offizier. »Retten Sie mich, Riccardo! Lieber den Tod, als die Schmach!«

Der Schweizer hatte den schweren Degen mit der Scheide in die Rechte genommen. »Halten Sie sich dicht an meiner linken Seite und lassen Sie mir den Arm frei! - Und nun zurück, Gesindel, und wehe dem, der die Dame anzurühren wagt!«

Aber schon drängte sich ein langer Sackträger in dem mehr als einfachen Costüm eines Lazzaroni, die rothe Mütze auf dem Kopf, vor und faßte den Arm der Herzogin, die einen Schrei ausstieß.

Im selben Moment hob sich der Arm des Offiziers und der Knauf seiner Waffe fiel mit solcher Gewalt auf den Schädel des Trasteveriners, daß das Gesicht im Nu von Blut überströmt war und der Kerl wie ein gefällter Stier zu Boden stürzte. Zugleich warf der Schweizer mit einem kräftigen Fußstoß den Esel mit sammt dem Mönch über den Haufen, daß Beide mitten unter die Menge, kollerten und mehrere Personen niederrissen.

Während unter dem Gelächter, dem Fluchen und Schreien der Menschen und des Thieres die Gefallenen sich am Boden wälzten und so Raum schafften, hatte der Offizier die Waffe von ihrer Scheide befreit, und mit dem linken Arm die Dame umschlingend, schlug er mit der breiten Klinge ein Rad, das den

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Kreis um ihn erweiterte und ihm gestattete, sich bis an das Geländer der Brücke zurückzuziehen und so sich den Rücken zu decken. Wenn Männer von Herz und Ehre hier sind, so mögen sie mir beistehen gegen das Gesindel!« donnerte die Stimme des Offiziers. »Nur mit meinem Leben sollt Ihr Hand an die Dame legen!«

Die Künstler und vernünftigeren Männer, die sich unter der wilden Prozession befanden, suchten mit allen Kräften jetzt die Menge von weiteren Excessen abzuhalten, die einen so unerwarteten traurigen Ausgang zu nehmen drohten, aber wie immer, wenn der Uebermuth und die Leidenschaften des Pöbels erst entfesselt sind, verhallte ihr Bitten und Ermahnen unbeachtet unter dem Gekreisch der Weiber und den Verwünschungen der Männer. Dolche blitzten und die flammenden Gesichter, das blutdürstige Geschrei bewiesen, daß die kühne Herausforderung des Schweizers angenommen worden.

In der vordersten Reihe dieser Männer stand das Weib, das die wilde Scene hervorgerufen. Ihre Augen waren mit finsterm, drohendem Ausdruck auf das gefährdete Paar gerichtet, ein höhnisches Lachen zuckte um den vollen, zum üppigen Kuß ladenden Mund.

»Stolze Duchessa - er trägt das Zeichen der Venus und ist ihr verfallen! - Auf sie, Männer Italiens!«

Der Schweizer warf den Blick umher, vor sich die tobende Menschenmauer, die bei der bekannten Feigheit des Gesindels sein kräftiger Arm mit der blanken Waffe noch immer zurückhielt, hinter sich zwischen den Schiffsjochen der Brücke den gelben Strom des Flusses. Er wußte, daß nur auf Augenblicke noch er dieser Meute, dieser Masse zu widerstehen vermochte.

Ein einziger Weg noch schien ihm eine Aussicht auf Rettung zu bieten.

Die Häuser oberhalb am Ufer des Flusses, nahe dem Zugang der Brücke, traten eine Strecke zurück, aber stromabwärts, wo der Fluß in einer scharfen Biegung sich nach dem andern Ufer wendet, tritt ein altes Gebände von mittelalterlichem Styl, groß aber fast wüst, mit seinen Erkern und Treppen weit vor bis in den Strom, und sperrt die Aussicht von der Brücke.

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Der Offizier erinnerte sich, daß dort hinauf ein Aufgang zu den Straßen um das Hospital di St. Spirito führen mußte. Es war ein Gedanke, der wie ein Blitz durch seine Seele flog - der zweite, daß sein kräftiger Arm oft stundenlang in seiner Heimath die blauen Wellen des Leman durchschnitten.

»Haben Sie Muth, Altezza - wollen Sie mir Ihr Leben vertrauen?« flüsterte seine Stimme, während seine Kreuzhiebe die Menge zurückdrängten.

»Nehmen Sie - tödten Sie mich, nur diesen Menschen überlassen Sie mich nicht.«

»Steigen Sie auf das Geländer - stützen Sie den Arm auf meine Schulter, aber hindern Sie nicht meine Bewegungen. Ich trage Sie sicher an's Ufer.«

Der stolze trotzige Geist der Borgia wollte den sichern Tod lieber erleiden, als zum Spott des Pöbels dienen.

Die aristokratischen Gewohnheiten dieser Frau scheuten nicht den Tod, aber sie scheuten die Berührung dieses Pöbels.

Die Herzogin drängte sich dicht an die Brüstung der Brücke, der Offizier warf ihr einen bedeutsamen Blick zu, dann sprang er vorwärts und trieb mit kräftigen Schwerthieben die andrängende Menge zurück.

Der Halbkreis, der ihn eingeengt, dehnte sich aus, ein fünf bis sechs Schritt breiter Raum bildete sich, wie die Meeresfluth abprallt, um dann desto gewaltiger zurückzuschlagen.

Aber der Schweizer wartete diesen Angriff nicht ab; ehe nur einer der Angreifer seine Absicht ahnen konnte, war er mit einem Sprung zurück, schleuderte den Degen in die Menge, umfaßte mit der linken Hand die bereite Frau und stürzte sich mit ihr in den Strom.

Ein Schrei des Schreckens, der Wuth, des Erstaunens brach aus der getäuschten Volksmenge, als man das Paar in den Wellen verschwinden sah, und wie eine kräftige und energische That immer den Beifall und die Bewunderung der ungebildeten Menge fesselt, so war es anfangs auch jetzt der Fall.

»Die schöne Dame! - Heilige Madonna, sie müssen ertrinken! - Rettet sie!«

Aber auf der Brüstung, auf derselben Stelle, von der sich

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der Offizier hinabgeworfen, stand das dämonische Ebenbild der Herzogin, und wies mit spöttischem Gelächter hinunter in die trübe Fluth.

Thoren, die Ihr seid! Das Ersäufen ist höchstens für Einen von Euch gut! - Geht zum Teufel, wenn Ihr sie entkommen laßt und sucht Euch eine andere Närrin, als mich!«

Sie riß den Helm und phantastischen Putz ab und warf ihn unter die Menge, dann sprang sie selbst von der Brüstung und war im Nu unter dem Gedränge verschwunden.

Der Sprung, den der Offizier mit der Dame in das Wasser gethan, war nicht hoch, und das Paar tauchte alsbald etwa zehn oder zwanzig Schritt von der Brücke entfernt wieder aus der gelben Fluth. Die Herzogin hatte in der That, trotz der furchtbaren Situation und Gefahr, ihre Geistesgegenwart behalten und sich nicht an ihren Beschützer angeklammert, und als sie jetzt emporkamen und er sie losließ, legte sie, obschon schwindelnd und betäubt von dem kalten Bad, ihre rechte Hand auf seine linke Schulter, so sich über dem Wasser haltend.

Der Offizier war ein ausgezeichneter Schwimmer und es gelang ihm in der That, trotz der hemmenden Kleidung und der schönen Last, die er zu retten unternommen, eine Strecke sich von dem Fluß forttreiben zu lassen, indem er die Richtung nach dem Hause nahm, dessen Erreichung allein sie retten konnte.

Bei diesem Anblick und durch den Hohn der Courtisane aufgestachelt, erwachte die Erbitterung der Menge auf's Neue. Verwünschungen und Flüche folgten dem kühnen Paar, und hundert verschiedene Gegenstände, wie sie der Brutalität der Masse zur Hand waren, wurden ihnen nach geschleudert.

Die meisten fielen unschädlich hinter oder neben den Verfolgten nieder, aber ein Mal glaubte man den kühnen Schwimmer von einem Stein getroffen, denn er zuckte im Wasser empor, und das Triumphgeschrei der Menge zeigte, daß sie es bemerkt; aber im nächsten Augenblick schwamm er weiter und war aus dem Bereich jedes Wurfs, obschon die Arbeiter der Steinbrüche und die Liebhaber des Kugelspiels den Ruf ausgezeichneter Schleuderer haben.

Zugleich verbreitete sich der Ruf, wahrscheinlich von den besseren und verständigeren Mitgliedern des Zuges ausgegangen:

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»Die guarda civica rückt an! Die Schweizer aus dem Quirinal kommen! Nach der Cancellaria!« und der Menschenstrom drängte, den halbzertrümmerten Wagen der Herzogin zurücklassend, so eilfertig als möglich über die Brücke der innern Stadt zu.

Von dieser glücklichen Wendung wußten aber weder der Offizier noch seine Begleiterin.

Der junge Mann hatte riesenhafte Anstrengungen gemacht, den Strom zu durchschneiden und sich und die Dame über dem Wasser zu halten. Anfangs hatte es ihm die Luft, die sich in den bauschigen Gewändern der letztern gefangen, sehr erleichtert, aber bald hatten seine und ihre Kleidung so viel Wasser gesogen, daß sie ihn wie eine bleierne Last hinabzogen.

Plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz am Kopf und dann eine rasch zunehmende Ermattung.

Mit Gewalt sich aus dem Wasser emporhebend, erkannte er, daß er sich etwa noch zwanzig Schritt von dem alten Hause entfernt befand, um dessen Vorsprung er schwimmen mußte, um das Ufer zu erreichen.

Zugleich sah er, daß die Fluch, die er zertheilte, sich mit einer andern Farbe vermischte und bedeckte, als ihrem gewöhnlichen gelben und trüben Aussehn - es war unzweifelhaft Blut.

Ohne an sich selbst zu denken, richtete er einen verzweifelnden Blick auf seine Gefährtin.

Ihre Kraft war zu Ende, der Strom des Wassers, der oft über sie hin gefluthet, das Geschrei der Verfolger auf der Brücke hatte sie endlich betäubt, sie begann das Bewußtsein zu verlieren, wie ihm die geschlossenen Augen, die bleiche Farbe des schönen Gesichts bewiesen, das mit jeder Secunde mehr dem bläulichen Schimmer des Marmors glich.

Einen Augenblick glaubte er, daß sie selbst verwundet sei, er rief sie mit zärtlicher Stimme bei ihrem Namen, aber nur ein letztes triumphirendes Lächeln, wie als empfinde sie selbst im Tode das Gefühl des Sieges, zeigte von einem stummen Rest des Bewußtseins. Zugleich fühlte er, wie ihre Hand von seiner Schulter glitt und seine eigenen Kräfte ihn verließen.

Noch ein Mal sie zusammenraffend, unterlief er mit einem kräftigen Stoß die Sinkende und schob sie empor - mit dem

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Wasser kämpfend, das Ziel zu errreichen. Aber er fühlte diese Kraft am Ende, er fühlte es schwarz werden vor seinen Augen, ein letztes höhnendes Triumphgeschrei seiner Feinde drang in seine Ohren und vermischte sich mit Lauten, als riefen ihm fremde Stimmen aus den Wolken zu. Dann verschwand Alles in einem Dröhnen, als läuteten riesige Glocken an seinen Ohren, phantastische Bilder und Gestalten tanzten vor seinen Augen - das Leichenantlitz der schönen Herzogin, die frommen Augen der Nonne, das Lust athmende Gesicht der Venus auf dem Muschelwagen, ihm war, als umschlinge er sinkend und immer tiefer sinkend alle drei Gestalten in einem Körper, und dann kam eine wollüstige Ruhe und Abspannung über ihn, in der jedes Gefühl und Bewußtsein erstarb.

Seine Rechte krampfte mit der letzten zuckenden Lebenskraft umher und klammerte sich an das, was sie erfaßte.

Das Leben erstarrte. -


Ueber dem Strom hinaus, von Pfählen getragen, hing ein balkonartiger großer Erker, einem weiten Gemache gleichend.

Der Raum mußte eine Art von Magazin gewesen sein oder noch dazu dienen, denn am Boden über dem Strom öffnete sich eine breite Fallthür, eine Winde, eine Art von Krähn, von starken Balken gestützt, war über der Oeffnung angebracht, und Stricke und Ketten hingen von ihr nieder.

Marmorblöcke von verschiedener Größe standen auf Holzrollen in dem nach dem Innern des Hauses sich öffnenden Gemach umher. Ein breiter Bogen, nur durch einen schweren grünen Friesvorhang gesperrt, bildete den einzigen Ausgang.

Zwei Personen befanden, sich in dem Gemach.

Die erste war ein hoher, schlanker Mann von einigen vierzig Jahren, in der elegantesten Legerité gekleidet und von jenem unverkennbaren Typus, der unter allen Zonen den blasirten Egoismus des vornehmen Engländers bezeichnet.

Das Gesicht war fein und schön, wie die englische Aristokratie es häufig zeigt, aber es hatte einen schlaffen und fast weibischen Ausdruck trotz seiner dunkeln Färbung, und das von langen

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Wimpern verschleierte Auge war matt und blickte hinter dem Lorgnon kalt und gleichgiltig auf alle Gegenstände, über die es in trägem Gange hinschweifte. Er trug kurz abgeschnittene röthliche Haare und nach englischer Sitte einen starken hochblonden Backenbart mit sorgfältig rasirtem Kinn.

Der Gentleman - denn als solchen kennzeichnete ihn, neben allen Eigenheiten, sein ganzes Aussehn - lehnte an der steinernen Balustrade des Erkers und schaute bald auf den Fluß, bald auf seinen Gesellschafter.

Trotz der anscheinenden Apathie und selbst des weibischen schlaffen Ausdrucks in seinem Gesicht war doch etwas Unbeschreibbares in seiner ganzen Erscheinung, was Physisch eine große Stahlkraft dieses seinen aristokratischen Wuchses, moralisch eine verborgene Energie des Geistes ahnen ließ.

Die Person, die sich mit dem Engländer in diesem Gemach befand, war das körperliche Gegentheil von ihm.

Auf einem Marmorblock im Winkel saß eine zwerghafte verwachsene Männer-Figur, einen Malerstock mit der daran befestigten Reißkohle in der Hand, mit dem sie auf dem Marmor des Fußbodens allerlei Figuren und Gestalten zeichnete, ohne daß der spröde Stein die Zeichnung festhielt.

Eine hohe Schulter, in Wahrheit mehr ein starker Buckel zu nennen, entstellte die verkommene und hagere Figur des Künstlers zur Carricatur, gegen die der schöne und in seiner Contoure überaus edle Kopf um so trauriger abstach.

Das Gesicht war groß und lang - wie der ganze Kopf überhaupt in seinen Größenverhaltnissen unpassend zu der kleinen Gestalt - aber von wirklich klassischer Schönheit; die Stirn hoch und breit, einen mächtigen Geist bekundend, der Mund fein und sinnig geformt und von einem braunen Bart umwallt, der in wohlgekämmten Locken bis auf den ausgewachsenen Brustkasten niederfiel. In gleicher Weise umgab der phantastische Lockenstrom, mit welchem die Künstler aller Nationen sich von anderen ehrlichen Menschenkindern der Gegenwart auszuzeichnen suchen, seinen Kopf, aber dies Haar war so seidenweich, der röthliche Kastanienglanz desselben so schön, daß man dem Krüppel diese Hoffarth vergeben mußte. Ein schwarzes Sammetbarett, dessen

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Form dem Mittelalter entlehnt war, bedeckte dieses Haupt, das einem jener Köpfe des großen Veronesers geglichen hätte, wenn dieses abscheuliche Anhängsel von Körper nicht gewesen wäre.

Die gleiche Sorgfalt, wie auf seinen Kopf, hatte übrigens die Eitelkeit des Künstlers oder eine fixe Idee auf die ganze Mißgestalt verwendet. Er trug einen sogenannten deutschen Rock von schwarzem Sammet, aus dem das offene saubere Hemd in weiten Falten hervorbauschte und, halb geöffnet, die bloße haarige Brust zeigend, mit einem kurzen Kragen über die Schulter fiel. Seine Unterkleider waren gleichfalls dunkel, ziemlich anliegend und zeigten eine Wade, deren Contouren auf eine starke Muskelkraft wiesen.

Wir haben in der Beschreibung der eigenthümlichen Erscheinung jedoch eines Haupttheils noch nicht erwähnt - des Auges.

Dieses gab dem so schönen und edlen Gesicht einen eben so merkwürdigen als unheimlichen Ausdruck. Es war groß, glänzend und von brauner Farbe. Aber dieser Glanz glich dem Flackern eines Irrwisches, und die rastlose Beweglichkeit, der in jedem Moment wechselnde Ausdruck zeigten von einem Leiden der Seele oder einer Verwirrung der geistigen Kräfte.

»Signor Michele!« sagte der Engländer.

»Mylord!«

»Was macht Ihr da?«

»Ich vollende meine Venus!«

»Damned! Ich wünschte, Ihr thätet es, damit ich zu meiner Statue komme.«

Der Künstler heftete das glänzende Auge auf ihn. »Zum Henker, seht mir doch diese großen und vornehmen Herren! Glauben sie nicht, sie seien besser als ein anderes Menschenkind? Nehmt Eure Bacchantin und packt Euch - ich schenke sie Euch, aber läßt mich Euer fatales Gesicht nicht wieder sehen!«

»Aber sie ist ja nur zur Hälfte vollendet und von der Mitte des Leibes ein bloßer Steinblock!«

Der Künstler sprang auf und focht mit dem Stock durch die Lust.

»Sagte ich's nicht,« schrie er wild, »sie[Sie] dünken sich besser, weil ihre Vater die Landstraßen geplündert und ihnen aus Blut

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eine Grafschaft zusammengeleimt haben. Stolzer Lord, meint Ihr, daß Ihr mehr Recht habt als Michele, der Maler? - Warum solltet Ihr ein Götterbild in Euere goldenen Säle stellen können und täglich im Anschauen Euch trunken machen, während ich, der Prometheus, mich in der Sehnsucht verzehre und schaffe und schaffe und keine Vollendung finden kann? Mann, was wißt Ihr von der göttlichen Harmonie der Schönheit, während ich in der Sehnsucht danach mich verzehre und mein Hirn sich abmartert, ein Meisterwerk zu schaffen!«

»Armer Narr!« sagte der Lord. »Ihr habt ein Talent wie Michel Angelo oder Benvenuto und fürchtet Euch, einen Arm und einen Kopf zusammenzusetzen ohne das Modell, nach dem Ihr beide gemalt und gemeißelt!«

Der Künstler faßte ihn am Arm. »Was versteht Ihr davon, goldbedeckter Lord? Wißt Ihr nicht, daß in jedem dieser Arme, in jedem dieser Köpfe ein besonderes Leben lebt, ein Wesen, das die anderen Glieder von mir fordert? Vergeblich zermartere ich meine Phantasie, an diesen Götterkopf einen Leib zu fügen, der seiner Schönheit entspricht, oder auf die Wellenlinie des Busens einen Hals und ein Haupt zu setzen, das diesem Leibe das göttliche Leben giebt! Hundert Teufel zerren diese Glieder auseinander wie mit Zangen, meine Sinne verwirren sich, aus den Gliedern wachsen Dämonengestalten, und mein Hirn zermartert sich vergeblich, die göttliche Harmonie zu finden.«

»By Jove! Das ist seltsam! Aber wie erklärt Ihr das, Meister Michel?«

Der Künstler schaute ihn starr an. »Wissen Sie, stolzer Lord, was mir fehlt?«

»Sprecht!«

»Die Seele! Das ist es, was das wahre Kunstwerk schafft. Die göttliche Seele ist mir verloren gegangen über diesen Brüsten und Armen und Köpfen, die ich mit wollüstigem Triumph schuf, als das Vollendetste der Kunst. Weil ich das Fleisch anbetete und vergötterte, hat mir das Fleisch die Seele genommen - und die Arme und Beine und die Köpfe und Torso's ringeln sich wie Schlangen an mir empor und flüstern mir: Du gehörst uns, Du gehörst uns, Dein Pinsel und Dein Meißel schuf das Fleisch,

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aber es fehlt die Seele Gottes darin! Hurrah für den Cultus des Fleisches! Was kümmert die Seele mich! Dem Fleische gehört die Welt! Die alten Götter sollen wiederkehren und vor Deinem Throne, Urbild der Fleischesschönheit, sollen anbetend die Völker liegen. Zum Teufel mit den Madonnen und Meister Raphael, dem Verklärer, es lebe die Venus Vulgivaga! es lebe die Göttlichkeit des freien Fleisches - und der Freiheit gehöre die Kunst!«

Er drehte sich wie toll um sich selbst, die kleine verkrüppelte Gestalt schien zu wachsen und sich zu strecken in dem wahnwitzigen Leuchten des Auges, während sie den Malerstock, gleich einem Runenstab, in phantastischen Kreisen durch die Luft schwaug.

»Ihr sein krank, Meister Michel!« sagte kalt der Engländer.

Der kleine Künstler warf sich ermattet nieder auf den Steinsitz.

»Krank - es mag sein! Ich fühle, daß eine innere Gluth mich verzehrt, und ich kann den Trank nicht finden, der sie löscht. Hören Sie mich an, Mylord - das Fieber in meinen Adern ist in diesem Augenblick erschlafft, und ich will ihn benutzen um Ihnen, dem einzigen Freund, den ich habe, zu sagen, was mir fehlt.«

Der arme Verrückte hatte den Arm auf das Knie gestützt und die breite, mächtige Stirn in die Hand.

»Es ist ein eigen Ding um die Menschennatur,« sagte er in leisem, klagendem Ton, der seltsam abstach gegen die frühere kreischende Stimme. »Aber noch schlimmer ist's um eine Künstlernatur, in der sich's gewaltig regt mit dem Schaffen und Denken, dem Sehnen und Fühlen, zumal wenn all' der gewaltige Sturm in ein so erbärmliches GeHänse eingeschlossen ist. Ich weiß nicht, wer mein Vater war. Meine Mutter, die arme Nähterin, weinte, wenn ich von ihm sprach, und die Nachbarskinder hießen mich den Baronskrüppel. Meine Mutter arbeitete Tag und Nacht, damit ich in die Schule gehen sollte, und wegen der Arbeit starb sie. Dann war ich ganz allein. Sie wissen, Mylord, daß ich in einer Stadt geboren bin, in der eine berühmte Kunstakademie besteht. Aber die Kunst ist wie alles Andere eine Auszeichnung, deren Wege nur den Glücklichen der Welt geebnet sind. Ich putzte darum den Herren Malern die Pinsel und die Röcke, holte den

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Bildhauern ihr Frühstück und war die getretene Vogelscheuche in allen Ateliers. Von meinen Haaren machte ich mir Pinsel und malte in meiner Kammer auf alte Fetzen Leinwand, oder ich stahl in den Ateliers den Thon und formte in der Nacht bei dem Licht einer schlechten Lampe die Gebilde, die ich meinen Herren abgelauscht. So wurde ich ein Mann - aber ich blieb der verachtete Krüppel, das erbärmliche Spielwerk Derer, von Denen ich gelernt, während der Flügelschlag meiner Seele mir sagt anch'io sono artista, und ein besserer als ihr!

»Ich sah die Ahnung der Schönheit, die sich frech oder züchtig vor ihren Augen enthüllte, ich malte oder meißelte in Gedanken jedes Glied, jede Linie ihrer Modelle mit ihnen; ein verzehrendes Gift ergoß sich durch meine Adern! War die Schönheit nicht so gut mein Eigenthum, wie das ihre? genoß ich sie nicht in meinem Geist, fühlte ich diese köstliche Wollust der Linien nicht tiefer als sie, während sie den Paria vor die Thür warfen, wenn ihre Orgien begannen?

»Hundert Mal hörte ich sie erzählen von jener Verlebendigung der Schönheit, wie sie auf den Gassen des Mutterlandes aller Kunst wohnen sollte, von der Vollendung der Form, wie ich sie aus den einzelnen Stücken, aus den Nasen und Beinen, den Leibern und Köpfen ihrer nordischen Modelle in dunkelen Träumen geahnt, und wie sie mir noch keiner der großen Meister der Vergangenheit und Gegenwart zur innersten Befriedigung zu schaffen vermocht. Nach Italien! Nach Italien!

»Damals war es, wo der Viscount Heresford - Sie, Mylord - nach der Stadt kam, in der ich Stiefel putzte und Wachs und Thon knetete.

»Sie kamen in das Atelier eines berühmten Malers und sahen sein Bild: Die badenden Nymphen. Sie boten ihm einen hohen Preis, wenn er Ihnen eine Copie davon fertigen wolle. Er war bereit, aber er forderte zwei Monate als die Zeit, deren er bedürfen würde.

»Als Sie, Mylord, am dritten Morgen Ihr Hotel verließen, um abzureisen, stand ein Krüppel an dem Schlage Ihres Wagens, ein Mensch in Lumpen und Schmutz, und reichte Ihnen zitternd ein Bild - es war die Copie der Nymphen!«

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» Ich erinnere mich - ich war entzückt davon und das Bild ist noch eine Zierde meiner Gallerie[Galerie] zu Hereford[Heresford]-Abtei.«

» Sie wollten abreisen, Mylord, was weiß ich, vielleicht in die Dschungeln des Ganges, um Tiger zu jagen, oder an den Nordpol, um mit dem Capitain Roß den Weg durch das Eis zu suchen. Ohne nur in das Hotel zurückzukehren, öffneten Sie Ihre Reiseschatulle und sagten: »Das Bild ist mein, bringe das dem Maler und meinen Dank.« In den zwei Rollen, die Sie dem Menschen gaben, auf dem wohl kaum der Blick Ihres Auges geruht, waren vierhundert Sovereigns. Ihr Wagen, Mylord, rasselte davon - am andern Morgen war Michael, der Farbenreiber, Michel, der Stiefelputzer, verschwunden und der Krüppel auf dem Wege nach Italien; denn ich, stolzer Lord, der seine Tausende in den Koth wirft, ich war der Maler des Bildes, und Ihr Gold mein rechtmäßig Eigenthum.«

Der Lord hatte der Erzählung nicht ohne einige Zeichen der Theilnahme zugehört, die mit seiner gewöhnlichen Apathie disharmonirten. Dann lachte er laut auf.

»Damned! Die Geschichte ist mindestens nochmals vierhundert Sovereigns werth. Jetzt weiß ich, warum mir geschrieben hat der Maler einen so wunderlichen Brief, als ich ihm von Petersburg gedankt für das schöne Bild und ihm gemacht Komplimente.«

»Es sind acht Jahre her, Mylord,« fuhr der Künstler fort, »seit dies geschah. Von dem Preis des Bildes, das Sie gekauft lernte sechs Jahre unter hundert Entbehrungen der Krüppel kunstgerecht mit Pinsel und Meißel handthieren, und alles Wissen, was ihm nöthig, dann pilgerte er mit dem Rest, der ihm geblieben, nach Rom. Wenn Sie, stolzer Lord, in Ihrem englischen Reisewagen durch die Porta del Popolo in diese Stadt einrollen, sehen Sie das Rom Pius IX.! Aber anders ist es mit der echten Künstlerseele. Jeder Tritt umrankt sie mit den Erinnerungen vergangener Herrlichkeit, jedes Meisterwerk, das die Augen schauen, weckt die rasende Gier, das Höchste zu schaffen. Die gemarterte Seele sinnt und sucht und strebt und kann das Höchste nicht finden.«

Der Lord trat zu dem Unzufriedenen und legte ihm die

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Hand auf die Schulter. »Sie sind mit sich selbst zerfallen,« sagte er ernst, »und unklar in Ihrem Ziel!«

Die Augen des Künstlers funkelten in den neu sich bäumenden Geistern des Wahnsinns.

»Mein Ziel, stolzer Lord? Mein Ziel ist die göttliche Harmonie der Schönheit. Da drinnen in der elenden Brust lebt's und träumt's! Meint Ihr, die kalten Nordländer hätten nicht auch ihren Venusberg, in dem die Schönheit den Ritter umschlingt, oder die Phantasie des Krüppels vermöchte auf jeder Strada, auf jeder Piazza dieser Stadt nicht die göttliche Form des Fleisches, die Wunderherrschaft der Vergangenheit zu begreifen, neben den kaltherzigen Linien Eures Kreuzes, des Tyrannen der Gegenwart?«

»Die römischen Modelle, Meister Michel, haben Euch das Hirn verrückt, indem sie Euer Blut entflammten!«

»Thörichter Lord! Wähnt Ihr, die römische Buhlerin theile für goldene Scudi nicht so gut das Bett des Krüppels, wie Euer seidenes Lager? In den Augen liegt die Liebe und die Wollust des Künstlers, und durch die Augen ist der Teufel mir in die Seele gekommen, daß sie keine Ruhe mehr findet. Glaubt Ihr, wenn diese Augen das Vollendetste gesehen, was gewesen unter der Sonne, die Seele könne wieder Ruhe finden?«

»Ihr seid auf einem schlimmen Weg, Meister Michel! Das Sinnliche geht Euch über das Höhere! Ihr verliert die Seele über dem Fleisch!«

»Mann des kalten Hohns - was wißt Ihr von der allmächtigen Gewalt der Schönheit? Wollt Ihr sie messen nach der flachsfarbenen Sentimentalität Eurer spröden Lady's, der Grisettennatur des Quartier Latin oder der schlappen Lippe einer Berliner Geheimerathstochter? Nur hier lebt die Schönheit, und wer sie nie gefühlt, die ganze Wollust des Fleisches, der weiß nicht, was Göttliches ist in der Schöpfung.«

»So habt Ihr hier das Modell gefunden, nach dem Ihr suchtet?«

»Modell? kaltherziger Lord! Wenn das Forum wieder seine Tempel öffnet und die gläubige Menge zum ewigen Cultus der Sinne herbeiströmt, dann fragt, ob die Schaumgeborne ein Modell

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sei oder die Gottheit selbst, zu der die Millionen sehnsüchtig schauen, statt der starren kalten Götzen auf Euren Altären!«

»Und warum, Meister Michel, hieltet Ihr die Gestalt nicht fest, von der Eure erhitzte Phantasie träumt, wenn sie in Fleisch und Bein zu Euch kam?«

»Könnt Ihr den Irrwisch greifen? Könnt Ihr die Schaumgeborne, wenn sie wieder über die Erde streift, in's Haus zwingen wie eine Bürgerdirne durch Heirath? Haltet den Orangenduft der Villa Borghese fest, wenn der Nachthauch ihn über den Monte Pincio treibt! Bannt den Sonnenstrahl in ein Netz oder fesselt den Sturmwind, der die Gipfel der Pinien schüttelt und das Schiff auf die Klippen schleudert!«

»Aber wenn Euch wirklich ein Weib, das Urbild der Schönheit, diese Vergöttlichung des Fleisches, wie Ihr es nennt, zum Modell gedient, warum schüfet Ihr nicht ein Ganzes, statt der einzelnen Glieder? Dann wäre der Traum Eures Ideals erfüllt!«

»Nennt sie nicht ein Weib,« sagte der Künstler finster, »sie ist ein Dämon, der alten Herrschaft entstiegen, die Sinne zu verwirren! Ein Kobold war's, eine Sirene, die das Hirn sieden machte mit ihrer höllischen Laune! O, wenn Ihr sie ein einzig Mal gesehen, wie sie dastand, das Bein auf die Stufe gestemmt, keck das Gewand geschürzt, die Arme erhoben, die Bacchantin in der vollen üppigsten Lust, oder auf den Kissen lag, die teuflischen Augen verzehrend in unendlichem Verlangen, der göttliche Leib der Venus sich windend in den Schauern unendlicher Lust, der goldene Strom ihres Haares das einzige Gewand! - oder die aus dem Bade steigende Nymphe, die Wellen des süßen, sinnverwirrenden Busens emportauchend aus dem faltigen Tuch, das die köstlichen Linien der Hüften umschlang - der Wahnsinn wäre auch in Ihre Seele gestiegen, wie in die meine, und niedergeworfen vor ihr, hätten Sie die Göttlichkeit dieses Fleisches angebetet!«

»Aber das beantwortet meine Frage nicht. Warum maltet, warum formtet Ihr nur die Theile der Schönheit, nicht das Ganze selbst?«

Der Maler bog sich zu ihm. »Durft ich's? Hat sie's' gelitten wohl jemals? Auf den Knieen hab' ich sie angefleht, diese

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ganze selige Harmonie der Schönheit mir zu gewähren, und wie ein böser Dämon höhnte sie mich und verwirrte meine Sinne. Wieder und wieder klingt mir's in den Ohren: »Was wollt Ihr, Signor Michele? Dem Stück von einem Manne gebührt nur ein Stückwerk der Schönheit! Nur wer sich ganz mir giebt, darf ganz mich fordern. Leib um Leib, seht zu, daß Ihr mir einen zu geben habt, der der Venus von Rom würdig ist!« und gleich dem Hohn der Schöpfung, der diese erbärmliche elende Gestalt an die Seele gehangen, die in mir lebt und fühlt, also zwang mich's, an die Göttergestalt dieser Glieder die Mißgeburten eines tollen Hirns zu hängen.«

»Ihr werdet sie wiedersehen, ehe Ihr's denkt!«

»Geben die Gräber ihre Todten zurück? Weiß ich nicht, daß sie längst wiedergekehrt wäre, wenn sie noch unter den Lebendigen weilte? Ein Jahr forderte sie, als sie mir verkündete, es dränge sie, mit dem Russen hinaus zu ziehen in die Welt - und das Jahr war gestern zu Ende!«

»Ermannt Euch, Meister! Ihr dürft nicht untergehen unter diesen fixen Gedanken. Ich will Euch helfen die Harmonie zu erlangen, deren Ihr bedürft!«

»Sie, Mylord?«

»Goddam! Was wollt Ihr mehr, wenn ich Euch das lebendige Modell Eurer Venus zurück schaffe?«

»Mylord Jupiter! nehmen Sie sich in Acht mit Ihrem Versprechen!«

Der Lord zog ein Papier aus der Tasche - es war ein zierlich gefalteter Brief, das Couvert duftend nach Esbouquet, als käme es aus dem Boudoir einer Dame.

Er enthielt nur die Worte:


       »Die Dame hat geschworen und Signor Michele wird sie erwarten.

                                               Der Mascherato.«


»Macht Eure Pinsel bereit und Euren Marmor, Meister,« fuhr der Lord fort. »Aber nützt Eure Zeit. Ein halbes Jahr steh' ich Euch für das Modell, - habt Ihr dann Euren Verstand nicht wieder gewonnen, dann zerbrecht Meißel und Palette und geht in ein Narrenhaus!« - Er sprang empor. »By Jove! was ist das für ein Lärmen von der Brücke des Vatican?«

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Der Maler war ihm zu der offenen Brüstung des Steinbalkons gefolgt, von dem aus man den größten Theil der Brücke und das jenseitige Ufer übersah.

Ein Volksauflauf - wie sie alle Tage die Straßen durchziehen!«

»Still! - das ist mehr, als ihr gewöhnliches Treiben, und der Tag hat seine schwere Bedeutung. Deshalb warnte ich Euch, das Haus zu verlassen.« Der Lord hatte das Augenglas in die Brauen geklemmt. »Damn! was hat das Gesindel vor? Sie haben einen Wagen umringt und spannen die Pferde los! Ich sehe ein Frauengewand - ein Soldat vertheidigt sie! Gebt mir Euren Tubus, Meister Michele, die Sache wird interessant! Sie werden ihn todtschlagen!«

Der kleine Künstler lief unruhig in dem Gemach auf und ab. »Schämen Sie sich, Mylord, die Gefahr von Menschenleben ist kein Schauspiel. Lassen Sie uns ihnen zu Hilfe eilen!«

»Unsinn, Mann - man muß nie die Amüsements des Volkes stören, das ist eine Hauptlehre für die Aristokratie. Wahrhaftig, der Bursche hat Muth - er hält sich das Gesindel vom Leibe. Mein Auge müßte anfangen, schlecht zu werden, wenn das Original, jener dicke Bettelpfaffe, mit dem sich Eure Kunstgenossen des Abends in den Kneipen umherzutreiben pflegen, nicht unter dem Gewühl wäre!«

Der Buckelige preßte die Hände auf die Brust - eine kaum zu bewältigende Unruhe war in seinen zuckenden Bewegungen, in dem arbeitenden Gesicht. »Der Weinschlauch! - Ich erinnere mich, die Maler wollten die Eröffnung der Deputirtenkammer mit einem Narrenzug feiern!«

»Ihr seid ein ungefälliger Bursche, daß Ihr mir den Tubus nicht leihen wollt! - Es ist ein Schweizer, so viel ich sehen kann, und ich gebe nicht einen Bajocchi für sein Leben! Wollt Ihr wetten mit mir - hundert Pfund gegen fünf - die Farbe ist augenblicklich nicht beliebt in Rom!«

Der Künstler achtete nicht auf das Anerbieten. »Eine seltsame Unruhe verzehrt mich. Wer ist die Frau, die bei ihm ist?«

»Damn! Meister Michele - ich habe keine Luchsaugen. Wie wollt Ihr, daß ich sie auf mehr als zweihundert Schritt

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erkenne! - Aha - nun wird die Geschichte Ernst. Bei alledem ist der Schweizer ein tapferer Bursche und verdiente ein besseres Schicksal. So Viele über Einen! Was ist das? Das Weib will sich doch nicht in's Wasser stürzen?« Er schlug ein lautes Gelächter auf.

»Was giebt's, Mylord - mir ist die Brust zusammengeschnürt. Ich vermag nicht hinzusehen!«

»Der Schweizer hat den Mönch mit sammt seinem Esel oder besser den Esel mit sammt seinem Mönch über den Haufen geworfen und macht ihn zum Bollwerk. Gott verdamm' seine Augen! - er hat sich mit der Frau in's Wasser gestürzt und - ich glaube, ich kenne den Burschen! Wo ist Euer Kahn, Meister Michele?«

»Fort! Beppo, der Farbenreiber, hat ihn genommen, nach San Bartolomeo zu fahren!«

Das blasse Gesicht des Lords hatte sich geröthet - das gewöhnliche Phlegma, das den durch ganz Europa bekannten Sonderling auszeichnete, schien ihn für einige Augenblicke verlassen zu haben.

»Schade!« sagte er, »ich sehe, was der Bursche will, die Ecke des Hauses erreichen! Aber es wird zu viel für ihn. Ich selbst vermag keine halbe Stunde in voller Kleidung zu schwimmen, und ich habe mich mit den Tauchern von Cerralbo und Espiritu Santo14 gemessen. Noch dazu mit dieser Last!«

»Wo ist das Weib, ist sie ertrunken?« Der Künstler kauerte am Boden, das Gesicht mit den Händen bedeckt.

»Noch nicht - er trägt sie durch das Wasser, wie ein geschickter Schwimmer. - Die Schurken!«

»Was ist!«

»Sie werfen mit Steinen hinter ihnen drein!«

Der Künstler sprang plötzlich empor. »Retten Sie die Unglücklichen, Mylord - ich beschwöre Sie!«

Einen Augenblick schien der Excentric wirklich zu einer jener

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kühnen Thaten entschlossen, durch die er sich in vier Welttheilen berühmt gemacht, aber schon der nächste änderte seine Gedanken.

»Es thut mir leid,« sagte er kalt - »aber ich habe Lord Minto15 mein Wort gegeben, mich nicht handelnd in den Streit der Herren Republikaner und Päpstlichen zu mischen. - Jetzt haben die Halunken sie wirklich getroffen - ich sah den Mann zusammenfahren. - Es ist aus mit ihnen - seine Kräfte verlassen ihn! Zweihundert gegen Eins, Maestro, daß er die Ecke nicht erreicht!«

Der Maler rannte, wie ein wildes Thier im Käfig, in dem Gemach umher. »Mir wirrt es vor den Augen - mein Gehirn brennt - mir ist's wie damals, als ich Venus Faustina zum ersten Mal gesehen!«

Plötzlich sprang der Lord mit einem Satz gleich dem eines plötzlich vom Blei berührten Hirsches von der Balustrade und faßte den kleinen Maler an der Schulter. »Die Fallthür auf - an die Winde, Michele - laßt das Seil nieder!« Mit der Kraft eines Riesen hatte er die beiden schweren Flügel der Fallthür im Fußboden emporgerissen, durch welche die Marmorblöcke von dem Fluß in das Atelier gehoben wurden.

Die Winde rasselte nieder in die Hand des Zwerges, der willenlos dem Befehl folgte - der Lord warf seinen Rock ab, bereit, an den Ketten hinunter zu gleiten, als ihn ein gellender Ruf des Künstlers zurückhielt.

»Aus dem Meerschaum! Aus dem Meerschaum! Venus ist erstanden!«

Wie rasend tanzte und sprang der kleine Mann um die gähnende Oeffnung und kreischte und schlug die Hände zusammen!

Drunten rauschte die gelbe Fluth der Tiber; aus einer Welle von Blut, in hundert Blasen emporquellend und im Nu davongespült, tauchte ein goldenes Lockenhaar empor, ein bleiches Frauenantlitz, - eine Männerfaust, festgeklammert an die Kette des Krahns, als hätte sie noch das treue Schwert.

Der sonst so kalte, gemessene Brite stürzte sich auf das Rad

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der Winde! »Fest! Fest! Tanzt nicht wie ein Narr umher, Meister Michel, und rettet Euren Verstand!« Der kleine Künstler hing sich mit aller Macht seines verkrüppelten, aber muskelstarken Körpers an die Rollen - aus der Luke tauchten zwei ohnmächtige Gestalten, - der Schweizer-Offizier, die Rechte um die Kette krampfhaft, mit dem linken Arm die Frau umschlungen, die er, treu dem Befehl, nicht verlassen.

Bleich wie der Marmor, dessen Stelle die menschliche Last eingenommen, waren die Gesichter - bleich wie der Marmor, aus dem sein Meißel das Götterbild schlug, war auch das Antlitz des Künstlers, als er auf sein schönes Modell starrte.

»Sie ist todt - sagt ich's Euch nicht! sie ist todt - aber von dem Grunde des Stromes kommt sie wieder, ihr Wort zu lösen!«

»Stoß den Zapfen ein, aberwitziger Thor, sonst möchte wirklich geschehen, was Du sagst!« Die kräftige Hand des Lord faßte, als Meister Michel dem Befehle gehorcht, die Gestalten und zog sie herüber aus der gefährlichen Schwebe auf den Boden der Halle und lös'te die Faust des Offiziers von dem rettenden Halt.

»Beschäftigt Euch mit der Frau, Meister Michele, und bringt sie in's Leben zurück. Es ist unmöglich, daß sie todt ist.«

Er hob die schwere, große Gestalt des Soldaten mit Leichtigkeit in seinen Armen empor und verschwand mit ihr durch den Vorhang, welcher die Halle oder den Erker von dem Atelier des Künstlers trennte.

Einige Augenblicke betrachtete dieser die vor ihm liegende ohnmächtige Frau - dann flammte sein Auge in wildem Glanz auf - er hatte das Heben ihres Busens gesehen.

»Sie lebt! Venus wird mein sein!«

Er hob sie empor und trug sie davon. -


Ein Dämmerlicht, hervorgerufen durch die Gardinen über den Scheiben des Kuppelbaues, lag über dem Raum, obschon draußen die Mittagssonne ihre Strahlen über die Stadt der alten und neuen Welt goß.

Ein viereckiges, weites, von jener Kuppel überwölbtes Gemach, das Atelier des Bildhauers und Ciseleurs. Die Wände

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mit dunkelem spanischen Marmor ausgetäfelt, dessen Goldadern gleich Schlangen emporliefen.

Ein unheimlicher Eindruck das Ganze! An den Wänden ringsum Piedestals mit Bronze- und Marmorgruppen, Statuetten und Köpfen. Zwischen den strengen alten Römerhäuptern, den antiken Torso's und den Vasen aus den Kaisergräbern und den Ausgrabungen von Pompeji Werke der neuen Kunst, Gebilde von der Meisterhand des verkrüppelten Künstlers!

Aber ein unheimlich Gestalten waltete in vielen der Stein- und Thongebilde, in den Büsten und Statuetten, den prächtig ciselirten Schilden und Kelchen. Dort von dem Piedestal wand sich in wirren Ringen die geflügelte Schlange empor und der züngelnde Kopf gestaltete sich zum wunderbar schönen Frauenhaupt mit der üppig schwellenden Lippe und den Wollust athmenden Nüstern. An die springenden Tatzen und den weitgeöffneten Rachen rankte sich ein köstlicher Weiberleib; Dämonen der Hölle mit den Gliedern einer Aphrodite wanden sich an der Silberschaale als Henkel empor, über den giftgeschwollenen Leib des Molchs und der Kröte floß das reiche Goldhaar des göttlichen Frauenkopfes; zur wilden Lust empor bäumte sich der Weiberleib und die kräftig gerundeten Schenkel und Arme wuchsen zu Teufelskrallen aus.

Mitten im Gemach, auf einer breiten Stufen-Unterlage, erhob sich ein Block jenes parischen Marmors, aus dem Praxiteles seine wunderbaren Formen gehauen.

Aus diesem Block empor, wie ein phantastischer Traum, wuchs die kecke, frivole Gestalt einer Bacchantin von den breiten zum Liebesgenuß sich wölbenden Hüften aus.

Ueber den schwellenden, kräftigen Brüsten hoben sich im frivolen lockenden Schwung die Arme; der Kopf leicht zur linken Seite geneigt und zurück gebeugt, zeigte die klassischen Proportionen der oberen Gesichtstheile, die niedere sinnliche Stirn, die edele Linie der Nase, während Mund und Kinn noch zu einem Steinblock auslief, dem die wilde Phantasie des Künstlers die rohe Form einer Thierschnauze gegeben hatte. -

Die Halle oder das weite Gemach hatte vier Zugänge, die sämmtlich mit großen wallenden Vorhängen von grünem Wollenstoff

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geschlossen waren. Dem Zugang von dem hintern Erker gegenüber befand sich der Ausgang nach dem äußern Vorsaal des Ateliers, links das gewöhnliche Schlafgemach des Künstlers selbst, rechts öffnete der halb emporgeschlagene Vorhang die Einsicht in ein zweites Atelier, das der Kunst der Farben gewidmet war. Mehrere halbvollendete Gemälde, Skizzen und Studienköpfe hingen zwischen Rüststücken, Waffen, Costümen und Kunstgegenständen aller Art an den mit Roth ausgeschlagenen Wänden. Wie in dem Atelier des Bildhauers, bildete auch hier eine Staffelei den Mittelpunkt.

Ein großes, halbvollendetes Bild stand auf dieser Staffelei, der gegenüber die schweren Falten eines Vorhangs einen Alkoven oder eine Nische verschlossen.

Das Bild stellte in leichten, zum Theil noch verschwimmenden Umrissen die ganze Figur einer auf üppigem Lager des Mars harrenden Venus dar.

Der goldene Strom der Locken bildete die einzige Bekleidung dieses in seinen Contouren wunderbar schönen Körpers. Verschieden von den gewöhnlichen Auffassungen des Vorwurfs, war die Schaumgeborene nicht in der trägen Ruhe eines sinnlich ermatteten Liegens dargestellt, sondern saß halb aufgerichtet, leicht auf den rechten gestreckten Arm gestützt, während die verführerischen Wellenlinien des linken Beins von dem dunkelen Stoff des Lagers herabsanken und der linke Arm sich vorstreckte, gleich als wolle er den nahenden Geliebten umfassen und an sich ziehen.

Die Schönheit dieser Linien, die köstliche Incarnation dieses Fleisches, so weit sie vollendet, war wahrhaft entzückend und sinnverwirrend, und man begriff bei seinem Anblick, was der Künstler von der Vergöttlichung des Fleisches träumte.

Aber dennoch erregte dieser Entwurf, dessen reizendes Haupt Zug um Zug das Conterfei des geheimnißvollen Naturspiels jener dreifachen Frauenschöne trug, bei einem nähern Blick ein unwillkürliches Entsetzen.

In leichten Contouren, hin und wieder der Effect durch eine graue oder braune Schattirung verstärkt, ringelte sich, den Hintergrund bildend, eine riesige, drachenartige Schlange empor, deren weit geöffneter gähnender Rachen über dem köstlichen Haupte

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der Venus schwebte, gleich als wolle er diesen süßen Leib der Wollust verschlingen oder habe ihn - ein Kind der Hölle - ausgespieen, dem Menschensinn zum Verderben.

Der Eindruck der tellergroßen gräßlichen Augen mit ihrem grünrothen giftigen Strahl, wie sie aus dem Schatten des Hintergrundes hervortraten, das Fletschen der Zähne, als wollten sie hinein in dies üppige, sammetartige und so lebendige Fleisch beißen, gegenüber der leidenschaftlich warmen Lebenskraft, dem Hauch der Sehnsucht und Lust, die über die ganze Gestalt ausgegossen, war entsetzlich und die Fibern des Beschauers bis zum Zerreißen erregend! -

Die Räume der beiden Ateliers schienen in diesem Augenblick von dem Herrn derselben allein belebt.

Der mißgestaltete Künstler saß auf seinem Schemel vor dem Marmorblock, an dem er gearbeitet, in tiefen Gedanken. Das so wenig zu dem verkrüppelten Körper gehörige Haupt war in die hagere, noch den Meißel haltende, linke Hand gestützt, während die Rechte mit dem Klopfer niederhing - seine großen und starren Augen hafteten in trübem Sinnen auf dem Vorhang, der im Atelier des Malers die Nische verschloß - aber seine Seele schien abwesend in ganz anderen Regionen zu schweifen.

War der Körper vielleicht durch irgend eine Pflicht in diesen Räumen gefesselt, während der Geist draußen mit dem erregten Volk durch die Gassen tobte und in den Wellen des Aufruhrs an die Mauern des Quirinals schlug?

Von Zeit zu Zeit drang stoßweise ein fernes Gebrüll, wie das rasende Branden der Wogen bei Sturmfluth - der Knall von Flintenschüssen, - der Triumphruf eines siegenden Hasses in die Einsamkeit dieser Künstlerwerkstätte.

Aber weder die Schrecken, noch der Jubel eines großen politischen, mit Blut getauften Ringens konnten der Seele des armen Krüppels auch nur einen Strahl der Beachtung abgewinnen, seine Gedanken schweiften in andrer Welt, und der Blitz, der zuweilen den träumerischen Ausdruck seiner Augen durchbrach, zeigte einen andern Fanatismus, als den der politischen Leidenschaft.

Wenn dieses Auge so plötzlich emporbrannte, dann schien es

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zu schwelgen in einem Bild, das die Phantasie gleich der Fata Morgana ihm vorzauberte.

Ein fester Mannestritt unterbrach die Stille dieser seltsamen Werkstätte der Kunst und das Träumen des Künstlers.

Es klopfte in regelmäßigen Pausen drei Mal scharf an die Thür des äußern Vorzimmers.

Der kleine Künstler stand auf, nahm Meißel und Schlägel in die eine Hand und ging, um zu öffnen. Einen Augenblick darauf kam er zurück, die hohe Gestalt des Lords in einem weiten englischen Sürtout gehüllt, folgte ihm.

Das Gesicht des Lords war ein wenig geröthet, man konnte leicht erkennen, daß er von Scenen kam, die seinen sonst so unverwüstlichen Gleichmuth gestört.

Meister Michele hatte seinen frühern Sitz wieder eingenommen, der Lord warf sich ihm gegenüber in einen alterthümlichen Lehnsessel, indem er suchend einen kurzen Blick durch die beiden ihm geöffneten Räume schweifen ließ und sich den Schweiß von der Stirn trocknete.

»Goddam, Meister Michele, Ihr sitzt hier wie eine Auster in ihrer Schaale, scheint von alledem Nichts zu wissen, was um Euch her vorgeht und überlaßt es Euren Freunden, für Euch zu sorgen.«

Der kleine Maler blickte ihn vertrauensvoll an. »Ich stehe unter Ihrem Schutz, Mylord, das genügt.«

»Bah - als ob ich die ganze Meute der vierzehn Rioni's aufhalten könnte, wenn Einer von ihnen witterte, daß der Schweizer-Offizier, der gestern zwei von dem Gesindel zur Hölle geschickt, hier verborgen wäre. Ihr habt doch keinem Menschen geöffnet?«

»Niemand, Mylord, als der barmherzigen Schwester, die Sie zur Pflege des Verwundeten hierher geführt. Ich habe Beppo, meinem Diener, verboten, die Ateliers zu betreten, und er ist gewöhnt an solche Befehle bei meiner Stimmung.«

»By Jove - ich wette, daß der langbeinige Bursche sich in diesem Augenblick auf dem Monte Cavallo mit Tausenden seines Gelichters umhertreibt. Was macht der Offizier?«

»Das Wundfieber ist bei ihm ausgebrochen. Der deutsche Arzt, den Sie gestern Abend sandten, hat der Nonne die nöthigen

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Anweisungen hinterlassen und wird um zehn Uhr wiederkommen. Der Mann könnte keine bessere Pflegerin haben als diese Frau, sie ist besorgt um ihn, als wäre es ihr eigener Sohn.«

»Ich sehe, daß auch die alten Nonnen zu Etwas gut sind.«

» Ich weiß nicht, ob sie alt oder jung ist,« sagte der Maler mürrisch, »sie hat ihren Schleier noch nicht gehoben, seit Sie, Mylord, sie von dem Hospital di Santo Spirito gestern hierher geführt. Ich habe ihr den Schlüssel zur Thür gegeben, die aus meiner Wohnung auf die Straße führt, und sie geht und kommt, wie sie's für nöthig findet, denn sie hat darauf bestanden, daß nur sie allein den Kranken pflegen wolle.«

»Wir müssen ihr vertrauen, es bleibt uns keine andre Wahl. Und die Dame, Meister Michele?«

Die Augen des Malers entflammten sich - er hob seine Hände empor und machte eine Bewegung, als wolle er vor dem Engländer niedersinken.

»O, Mylord,« sagte er leidenschaftlich, »Sie haben mir das Leben zurückgegeben, und dennoch weiß ich kaum, ob ich's Ihnen danken soll!«

»So weigert sich die Dame, Ihr Modell zu sein?«

»Nein, Mylord, das ist eben das Merkwürdige. Ihre erste Frage, als sie zum Bewußtsein gelangt, war, wo sie sich befände und ob Signor Riccardo, jener Offizier, der sie beschützt, gerettet sei! Dann, als sie erfuhr, daß dies der Fall, daß aber ungestörte Ruhe ihm verordnet worden, behandelte sie mich, wie eine Fürstin ihren Sclaven, trieb mich aus jenem Atelier und sagte, der Schweizer habe sein Wort verpfändet, sie nicht zu verlassen, und da er es nicht lösen könne, werde sie es thun.«

»Und wo ist sie jetzt?«

Der Künstler wies nach dem Vorhang, der den Alkoven bedeckte. »Still, Mylord, Venus schläft! Man darf sie nicht wecken!«

Seine Augen begannen bei dem Gedanken wieder in den wirren Blitzen des Wahnsinns zu leuchten.

Das Auge des Lords richtete sich fest auf ihn. »Gebietet den Geistern Eurer Tollheit, Meister,« sagte er streng, das Spiel der Wirklichkeit ist toll genug, als daß man noch selbst die unheimlichen Geister beschwören dürfte! Benutzt die Gelegenheit

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und haltet das Urbild Eurer wilden Phantasie fest, bis Pinsel oder Griffel Euch die Vollendung des Ganzen gegeben.«

»Kann ich die Luft halten? Sie ist ein Irrwisch - ein Dämon!«

»Unsinn, Mann, es ist Fleisch und Blut, wie Ihr und ich. Wäret Ihr nicht ein Kind in allen anderen Dingen, außer Eurer Kunst, Ihr würdet wissen, daß in diesem Augenblick dies Atelier ihr einziger und bester Schutz ist!«

»Was wollen Sie sagen? Wer ist sie?«

»Was kümmert's Euch, Meister Michele, wenn Ihr den üppigen Leib für Eure Kunst besitzt? Laßt Euch genügen damit, sie ist die Eure. Draußen droht ihr Schmach und Verderben, wie Eurem andern Gast der Tod, wenn ein Laut davon offenbar wird, daß sie hier verborgen. All' mein Einfluß würde sie in diesem Umsturz aller Autorität nicht eine Stunde zu schützen vermögen. Ganz Rom steht auf dem Kopf.«

»Um Gotteswillen, Mylord, was ist geschehen?«

Der Brite lachte spöttisch auf. »By Jove, Meister Michele, Ihr seid wahrscheinlich der einzige Mensch auf den sieben Hügeln, der eine solche Frage thun kann. So wißt Ihr wirklich nicht, daß Graf Rossi, der Premierminister, gestern Mittag auf den Stufen der Camellaria, von einem Dolchstich in den Hals getroffen, ermordet worden und wenige Minuten nach der That in den Zimmern des Cardinal Soglia verschieden ist?«

»Entsetzlich, Mylord! ich weiß kein Wort davon! Aber man hat doch die Meuchler ergriffen? Sie werden ihre Strafe leiden!«

»Das Volk trägt sie im Triumph durch die Straßen!«

»Und die Deputirtenkammer?«

»Der Präsident Sterbini eröffnete sie mit den Worten: Lassen Sie uns zur Tagesordnung übergehen! Nur der französische Gesandte hatte den Muth, mit der offenen Erklärung, daß er mit Mördern Nichts zu thun haben wolle, die Cancellaria zu verlassen!«

»Aber der Papst? Das Collegium? Man wird strenge Vergeltung üben!«

Der Engländer beugte sich lauschend vor nach der Thür zur Linken - es war, als komme ein schweres Stöhnen von dort,

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aber es wurde im Augenblick übertönt durch ein Gebrüll, das von außen her in die Stille des Ateliers schlug: »Evviva Italia! Evviva la repubblica romana!«

Das Geschrei des auf der Straße vorüberziehenden Haufens, zwischen das sich Flinten- und Pistolenschüsse mischten, erstarb in der Ferne.

»Seine Heiligkeit der Papst,« sagte der Engländer ruhig, »würden sich sehr glücklich fühlen, in diesem Augenblick da drinnen an der Seite des jungen Offiziers zu sein.«

»Was ist geschehen, Mylord? Der heilige Vater - «

»Ist in diesem Moment im Quirinal belagert und so gut wie Gefangener. Eine Deputation der Massen auf der Piazza del Popolo hat Proclamation der italienischen Nationalität, Krieg gegen Oesterreich und ein Ministerium Galetti, Sterbini und Mamiani gefordert.«

»Und der Papst hat die Forderungen bewilligt?«

»Er hat sich anfangs wie ein Mann benommen und geantwortet, es sei unter seiner Würde, mit Rebellen zu unterhandeln. Der spanische Gesandte, Martinez de la Rosa, flößte ihm Muth ein und drohte mit dem Zorn der europäischen Souveraine, die wahrlich jetzt selbst genug mit ihren eigenen Thronen zu thun haben, daß sie nicht stürzen. Die Carabiniere und die Linientruppen, die vielleicht gestern noch ihre Schuldigkeit gethan, haben sich heute dem Volk angeschlossen. Antonelli und Soglia, der Kammerherr Medici, Vaures, der Graf von Malherbes und der Marquis Sachetti unterstützten zuerst mit den Gesandten den Entschluß des Widerstandes. Die Schweizer erhielten den Befehl, die Eingänge des Palastes und den Papst bis an den Fuß seines Betaltars zu vertheidigen! Aber man hatte vergessen, daß die ganze Wache des Quirinals nur aus siebzig Mann bestand, die nicht einmal Munition zu mehr als drei Schüssen hatten. Die Treue der Schweizer ist weltbekannt, - so lange sie bezahlt werden, und der Säckel der Mutter-Kirche ist einstweilen noch nicht erschöpft. Das Volk umdrängte die Wachen am Hauptthor, verhöhnte die Gardisten und versuchte, ihnen die Waffen zu entreißen. Das Geschrei: Tod den Schweizern! Es lebe die Republik! vergrößerte sich mit jeder Minute. Ein Schuß fällt! - Zu den

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Waffen! brüllt es durch die Straßen! - Se. Hoheit der Großprinz der Rebellion, dieser würdige Bonaparte von Canino, mit einer Muskete auf der Schulter, führt die Zöglinge der Sapienza herbei - die abgefallenen Truppen schleppen eine Kanone gegen das Quirinal, die das Volk in seinem Hohn den >heiligen Vater< tauft, und richten sie gegen das Hauptportal. Der ganze Platz ist Kopf an Kopf mit Bewaffneten besetzt, von Santo Carlo heult die Sturmglocke, und die Trommeln der Guarda civica wirbeln die Empörung durch alle Straßen!«

»Entsetzlich! und ich wußte von Alledem Nichts!«

Der Lord lachte. »Ihr müßt in der That merkwürdige Ohren haben, Meister Michele, oder Euer neues Modell hat Eure Sinne so umstrickt, daß die Mauern dieses alten Hauses über Euch zusammenstürzen könnten. Ihr merktet es nicht!«

»Weiter, weiter, Mylord!«

»Dasselbe Volk,« sagte der Engländer mit dem Hohn tiefer Verachtung, »das ich vor zwei Jahren sich fast zerreißen sah, um denselben Papst auf Händen zu tragen, sah ich heute Feuer an das Thor seines Palastes an der via Pia legen. Die Schweizer trieben mit Musketenschüssen das Gesindel fort und löschten den Brand. Aus der Scanderbegstraße fielen Schüsse auf die Fenster des Papstes, ein Musketenschuß von S. Carlo tödtete den Secretair des heiligen Vaters, Monsignore Palma, in seinem Zimmer.«

»Aber wie hat das Alles geendet?«

»Geendet? Ei Goddam, es wird für heute zu Ende sein, wenn Se. Heiligkeit in die bescheidenen Forderungen willigt und die Regierung im Café der schönen Künste bestätigt! Morgen oder übermorgen werden die Clubs sich dann wohl auf Neues besonnen haben, und in vierzehn Tagen wird die Historie des Papstthums zu Ende sein!«

»Und die Schweizer?«

»Sie werden geopfert werden, entweder von dem Volk oder von dem Papst selbst. Sie sind bezahlt, zu sterben, und tapfer genug, um es, wie die Gladiatoren, mit lächelndem Munde zu thun!«

»Aber der junge Offizier dort drinnen?«

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»Seinetwegen komme ich eben. Da wir uns einmal mit ihm befaßt, wird Nichts übrig bleiben, als daß Ihr ihn hier verborgen haltet, auch nachdem er wieder seine Besinnung erlangt hat. Jeder Schritt über die Schwelle des Hauses würde bei der Stimmung des Volkes gegen die Schweizer sein Tod sein. Keine Seele darf es ahnen, daß er hier verborgen ist, der liebenswürdige Pöbel von Trastevere würde sich ein Vergnügen daraus machen, den Wehrlosen heraus zu holen und als Beweis seiner Courage an den Freiheitsgalgen zu hängen. Also das tiefste Geheimniß und Vorsicht, bis ich Mittel gefunden habe, für seine Sicherheit zu sorgen. Auch die Dame dürfte wohlthun, einige Tage diesen Aufenthalt nicht zu verlassen - aus Ursachen, die Euch weiter Nichts angehen, Meister Michele, wenn Ihr nur den Vortheil davon habt. Ich rathe Euch, nützt die Zeit mit Pinsel und Meißel, Ihr kennt die Mythe vom Glück. Hütet den Schweizer und die Venus und lebt wohl - ich will sehen, ob unterdeß vielleicht Herr Sterbini, Papst oder Rom eine Republik geworden ist!«

Der Excentric schlenderte so sorglos und gleichgiltig hinaus wie er gekommen war, und der Maler folgte ihm, die Thür noch sorgfältiger zu verschließen, als es vorhin geschehen war.

Der Vorhang der Thür war kaum hinter ihm zusammengefallen, als der des gegenüberliegenden Ausgangs nach dem Balkongemach zur Seite geschoben wurde und ein Paar dämonisch leuchtende Augen herein lauschten. Dann schob sich ein wunderbar schön geformtes Haupt nach, das den fertigen Theilen der Bacchantin aus Marmor und der Venus des Bildes glich, und nachdem der lauschende Blick sich überzeugt, daß Niemand im Atelier sei, schlüpfte die zierlich üppige Gestalt einer Frau herein.

Es war die Göttin der Freiheit - die Venus mit der Tricolore Italiens aus dem Muschelwagen vom Tage vorher, die Frau, welche in zügelloser Libertinage den Schweizer-Offizier für sich beansprucht und das Paar in die Fluthen der Tiber getrieben hatte.

Der Blick der Courtisane, als sie sich in dem Atelier wie in einem ihr wohlbekannten Raum umschaute, war spöttisch und triumphirend. Sie trug die Kleidung von gestern, jedoch ohne

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die phantastischen Embleme des Charakters, den sie in dem Zuge der Trasteveriner vorgestellt. Nachdem ihr Auge prüfend umher gestreifte trat sie vor die halbvollendete Marmorgruppe und betrachtete höhnisch ihr Conterfei.

In diesem Augenblick drehte sich der Schlüssel im Schloß der Thür. Im Nu hockte sie neben dem Piedestal, das früher das Modell der Marmorgruppe getragen, und hatte den darüber hängenden Teppich über sich gezogen.

Meister Michele, der Künstler, trat ein und ging nachdenkend, mit gesenktem Haupt, dem Bogen zu, welcher das Atelier des Malers von dem des Bildhauers trennte.

Er blickte einige Augenblicke nach dem Alkoven, dann sagte er leise:

»Madonna, schlafen Sie noch?«

»Nein, Signor - ich habe Alles gehört und muß Sie sprechen,« antwortete eine Stimme aus dem Closet. »Oeffnen Sie die Vorhänge.«

Der kleine Bucklige schlich auf seinen Fußspitzen nach dem Alkoven und zog an einer Schnur den Vorhang auseinander. Seine Glieder zitterten wie in leichtem Fieber auf dem kurzen Weg und bei der geringsten Bewegung.

Die aufrauschende Gardine zeigte ein im Halbbogen gerundetes Closet, mit einem dunkelen Stoff ausgeschlagen, an dessen Wand sich ein großes, divanartiges Ruhebett, etwa zwei Fuß vom Boden, erhob.

Auf diesem Lager von violettem Sammet ruhte, in einen weiten golddurchwirkten Shawl gehüllt, eine Frau - die Herzogin von Ricasoli.

Die schweren, um die köstliche Gestalt gezogenen Falten des Shawls zeigten ohne prüde Verhüllung oder coquettirende Blöße, daß die Dame sich in jenem Zustand befand, in welchem die Eltermutter[Aeltermutter] des verführerischen Geschlechts sich zuerst dem Manne zeigte, und die Göttin der Schönheit dem Meerschaum entstieg, sie war nackt und der Shawl ihr einziger Ersatz für die vom Tiberwasser schwer durchdrungene und noch nicht ersetzte Kleidung.

Die Herzogin hatte sich halb von dem Lager erhoben, ihr linker Arm, aus den Falten hervortretend, stützte sich leicht auf

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die Kissen zurück, der reizend kleine Fuß hatte sich unter der improvisirten Hülle neckisch hervorgestohlen und berührte mit seiner äußersten Spitze das Pantherfell, das vor dem Ruhebett lag.

Ein Strom von goldenen Locken, in dem krausen Gewirr der noch entbehrten Pflege nach dem gefährlichen Bad des vergangenen Tages, umrahmte den Kopf und floß bis auf den Sammet der dunkelen Polster nieder. Mann[Man] erkannte, daß die Noth ihre Kammerfrau und die Gelegenheit der Junggesellenwirthschaft ihr Garderobenmeister gewesen war.

Das schöne Gesicht der vornehmen Dame hatte wieder den kühnen, sichern Ausdruck angenommen, der es früher auszeichnete.

»Bleiben Sie dort stehen, Signor,« sagte sie gebieterisch.

Der Künstler neigte sich vor ihr in demüthiger Haltung wie ein Sclave.

»Dies Haus ist unbewohnt, außer von Ihnen?«

»Von mir allein, Madonna!«

»Es weiß Keiner von Ihren Leuten oder Kameraden, daß wir hier sind?«

»Mein einziger Diener war entfernt - seit mehreren Tagen hat mich keiner meiner Freunde oder Gönner besucht, außer dem Mann, der Sie gerettet.«

»Sie nannten ihn Lord - wer ist es?«

»Der Marquis von Heresford, ein vornehmer Engländer. Man nennt ihn einen Sonderling.«

»Ich kenne ihn durch den Ruf. Wir werden später weiter von ihm sprechen. Wollen Sie uns Schutz und Verborgenheit in Ihrem Hause gewähren, bis dieser Sturm vorüber ist?«

»O, Madonna - ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Alles, was ich besitze und vermag, zu Ihrem Befehl ist. Wer Sie auch sein mögen, Sie sind für mich das Ideal des Schönen, das mir der Himmel wiedergegeben! Nehmen Sie mein Leben, aber lassen Sie mich zuvor mein Werk vollenden!«

Er stürzte sich in wahnsinniger Begeisterung an die Staffelei und ergriff Pinsel und Palette - die Augen glühend auf das schöne Weib gerichtet.

»Signor Michele, sagte sie streng, »es gilt in diesem Augenblick

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wichtigere Dinge, als mein Bild! - Er muß gerettet werden um jeden Preis!«

»Wer?«

»Thörichte Frage! Der Mann, der mich durch die Tiber getragen - Signor Riccardo, der Schweizer-Offizier!«

Der Künstler warf einen funkelnden, eifersüchtigen Blick nach jener Seite. »So lieben Sie ihn, Madonna?«

»Was kümmert das Sie? Schwören Sie mir, daß er sicher ist in diesem Hause - schwören Sie mir, es mag geschehen, was da wolle, ihn zu retten!«

»Ich ... «

Ein leichtes spöttisches Lachen unterbrach das Gelöbniß des Künstlers.

Er wandte sich um - an dem Piedestal des ersten Ateliers, stand, in den dunklen Faltenwurf des Teppichs, der sie bisher verborgen, gehüllt die Frau, die auf so geheimnißvolle Weise in sein Atelier gedrungen war.

»Kennst Du mich, Signor Michele?«

Der Künstler schaute entsetzt, bald auf die eine, bald auf die andere der beiden Frauen.

»Faustina!«

»Recht so, Carissimo! - ich sehe, daß Du Deine alten Freunde nicht vergessen hast über den neuen Bekanntschaften. Ich versprach Dir, wieder zu kommen und hier bin ich!«

»Faustina, wie kommen Sie hierher, ich glaubte Sie todt!«

»Bah! - vielleicht! - aber was kümmert's Dich! Avanti amice! Gieb mir ihn heraus, ich muß ihn haben!«

»Wen? - von wem sprichst Du?«

»Demonio! von wem anders, als von dem hübschen Offizier, den Du dort verborgen hältst!«

»Unsinnige - Du irrst Dich!«

»Höre, Freund Michele,« sagte spöttisch die Courtisane, indem sie ihren Fuß aus der Hülle der Decke, die ihre ganze Gestalt verbarg, vorstreckte und auf das Piedestal setzte, das sie einst als Modell getragen, es ist besser, Du redest Dich nicht um den Kopf! Ich bin die Freiheit, merke Dir das, und ganz Rom liegt in diesem Augenblick zu meinen Füßen! Einen Wink

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von mir, und man hängt Dich an den ersten besten Laternenpfahl, oder läßt Dich Tiberwasser trinken. Es schmeckt schlecht, ich kann es Dir sagen, und jene auch! Wähle!«

Der Fuß, den sie auf das Piedestal gesetzt - der Arm, den sie ihm gebietend entgegenstreckte, - waren jetzt nackt - das volle üppige Fleisch - die wollüstige, verlockende Form!

»Faustina - göttliches Weib! was willst Du?«

»Den schönen Svizzero! hörst Du nicht? - glaubst Du, daß die Göttin der römischen Freiheit sich mit einer Vogelscheuche begnügen will, wie Du bist? - Er ist dem Volke verfallen durch das Recht des Bluts, das er vergossen, und ich bin das Kind und die Herrin des Volkes! Jener Mann ist mein - gieb ihn heraus, er gehört mir!«

»Schützen Sie ihn vor dieser Rasenden. Signor Michele! Sie will ihn verderben!«

Die Courtisane lachte höhnisch. »Rührst Du Dich auch, stolze Aristokratin? Willst Du kämpfen mit der Tochter des Volkes um ihr Eigenthum, wie sie kämpfen draußen auf den Gassen, die hochgeborenen Tyrannen mit der freien Natur des Volkes, - die Gegenwart mit den mächtigen Geistern der alten Größe dieser Stadt!«

»Signor Maler - hören Sie mich! - Ich bin die Herzogin von Ricasoli - eine Borgia - die Nichte des Papstes! - ich will Sie reich machen für Ihr Leben, aber retten Sie den Offizier!«

»Gold! wiederum Gold! Mit ihrem Gelde glauben sie, diese Herren der Erde, die Seelen und die Körper zu kaufen! Pfui über die Makler! Nur das Leben ist des Lebens Preis. Signor Michele, wähle zwischen dem warmen Fleisch und dem kalten Gold! Welchem Götzen dienst Du?«

Der Maler stand verstört zwischen den beiden Frauen, seine Blicke von einer zur andern werfend. »Meine Sinne verwirren sich! Habe Mitleid mit mir - was willst Du mit dem Mann?«

»Er gehört mir - ich kaufe ihn von Dir! Erinnere Dich, Mensch mit der Feuerseele und dem mißgeborenen Körper, daß ich ein Leben von Dir fordern wollte für meine Rückkehr. Ich gebe Dir das Leben dieses Steins für das jenes Mannes! Sieh her!«

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Und auf das Piedestal springend, ließ sie die verhüllende Decke bis zur Hüfte fallen, und warf mit einer leichten Bewegung das tunikaartige Gewand zurück, das sie noch bekleidete.

Dann mit der einen Hand den goldenen Strom ihrer Haare erfassend, drehte sie dieselben in raschem Schwung zusammen und schlang sie zum losen Knoten um das Hinterhaupt, wie jenen, den die halbvollendete Statue der Bacchantin trug.

Der Zwerg preßte die Ballen seiner Hände auf die brennenden Augen, und dennoch blieb vor ihm das entzückende Bild dieser Schönheit - dieses wollüstig dämonische Gesicht, die kräftige Contour dieses Halses und des kühn geschwungenen Armes - diese Wellenlinie der Büste mit der breiten, zu der üppigen Rundung des Busens verschwimmenden Brust, bis zu der frischen, kraftwogenden Wölbung der Hüften - Fleisch - lebendiges - warmes - liebehauchendes Fleisch - Feuer in seiner athmenden Wärme, ein Götterbild in seiner göttlichen Schöne!

»Erbarmen! Erbarmen!« Der arme Hirnverwirrte sank in die Knie und streckte siehend die Hände empor.

»Schändliche Buhlerin, Du sollst ihn nicht haben,« zürnte die Herzogin, »und sollte es mein Leben kosten. Bedenkt Euer Wort, Signor Pittore, rettet ihn, und ich schwöre Euch, daß die Herzogin von Ricasoli Euren Wunsch befriedigen wird!«

»Wählst Du das Eis für der Lava Gluth, thörichter Künstler? Wohlan denn, sie möge es wagen, wenn der stolze, auf Seide gebettete Körper der Aristokratin sich schöner glaubt, als der Leib des Weibes aus dem Volk! Venus ist überall, und nicht in die Paläste der Reichen gebannt! Hörst Du ihn, wie mein Ruf in sein Ohr gedrungen! Wähle, ehe es zu spät ist und er selber wählt!«

Zu dem Drama wollüstiger Künstler-Phantasien, das in den Räumen der beiden Ateliers spielte, schien sich, nur durch die Thür getrennt, in dem Krankenzimmer des Verwundeten eine Tragödie des Fieberwahnsinns zu entspinnen!

»Haltet die Mörder! Haltet die Mörder! Verflucht sei der Cardinal! - Schweizer - her zu mir! - Fertig - Feuer auf das Gesindel! Wo ist mein Schwert? - ich muß hinaus!«

Ein leiser Klagelaut zwischen dem Toben des Fiebernden - ein Geräusch wie ein Ringen -

Der kleine Künstler sprang auf: »Erbarmen - Ihr tödtet mich mit diesem Glück!«

»Das Kind des Volkes hat kein Gold - aber es giebt sich selbst! Faustina's Leib für den seinen - Seele um Seele, Fleisch um Fleisch!«

»Signor Michele! Signor Michele!«

Der golddurchwirkte Shawl war gefallen - aus dem dunklen Hintergrund der Nische, den Fuß auf den Teppich gesetzt, den linken Arm ihm entgegen gestreckt, als wolle er ihn herbeiziehen, leuchtete der wonnige Leib ihm entgegen - das verlebendigte Bild seiner Venus, wie seine Phantasie es dort auf der Leinwand angedeutet, diese warme, rosige Farbe, eingehüllt in den goldenen Rahmen der Locken - diese göttliche, sinnverwirrende Schöne, diese gewaltige Macht des Fleisches in ihrer üppigsten Verherrlichung! -

Der verkrüppelte Künstler mit seiner Mißgestalt taumelte auf das göttliche Bild zu ...

»Her zu mir! nicht die Farbe, die Form ist das wahre Leben!« und mit frechem Griff riß die Andere die Decke von dem göttlichen Leib, und die Arme in die Höhe geworfen, wie im rasenden Tanz, stand die nackte Bacchantin vor den Augen des Zwerges, als sei, gleich Pygmalions Statue, das volle üppige Leben aus dem kalten Marmor seines Werkes emporgewachsen.

Das Haupt zur Seite geneigt, diese köstliche Wellenlinie der Hüfte geschwungen zu dem üppigen Tanz - das linke Bein mit seiner vollen, üppig gerundeten Kraft zurückgestützt - das Auge lusttrunken erhoben - so stand sie vor seinen zitternden Sinnen, - das Leben in der vollen Gier der Lust - greifbar, fühlbar jedem dieser Sinne, nicht dem Auge allein, die Vergötterung des Leibes in seiner üppigsten Pracht.

»Venus - Venus vulgivaga!«

Wie ein Trunkener schwankte der Mißgestaltete - dann öffnete er die Arme und eilte auf sie zu ... »Nimm - o nimm, Du Göttliche ... «

Mit einem mächtigen Krach brach die Thür zusammen, der wallende Vorhang zerriß unter der Faust des Fieber-Rasenden -

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»Meine Ehre! Meine Ehre! Nieder mit den Mördern!« Die hohe Gestalt des Schweizer-Offiziers - halb bekleidet - dem Lager entsprungen - die Faust erhoben, als halte sie die treue Waffe, stürzte sich in den Raum - die großen fieberglühenden, sonst so milden und treuherzigen Augen rollten umher - der Blick schien Alles zu umfassen, die Courtisane und die Herzogin - die Bacchantin - den Marmor - die Farbe - und das Venusbild - den Künstler - und seine Werkstätte.

Und hinter ihm -

Die letzten Strahlen der Sonne über die mächtige Kuppel Sanct Peters her brachen mit vollem Strom durch das Fenster auf der Rückwand des Gemaches und umkleideten die knieende Frauengestalt in dem Rahmen der Thür.

Der verhüllende Schleier - die bergende klösterliche Haube war in dem Ringen mit dem Kranken von ihrem Haupte gefallen, das züchtige schwarze Gewand zerrissen, Schulter und Brust zum ersten Male in ihrer blendenden Weiße dem frevlen Blick preisgegeben; - nicht im phrygischen Knoten der Bacchantin oder im goldenen Strom der Venus des Bildes umwallte reiches Lockenhaar das erhobene Antlitz der Nonne - das keusche Spiegelbild jener beiden entzückenden Gesichter - aber der Sonnenstrahl umkleidete das kurze Haar der Braut Christi mit einer goldenen Glorie - gleich als flösse der köstliche Mantel dieses Lockenstroms noch unberührt von der strengen Sitte der Kirche um die jugendlich züchtige Gestalt - und erhöhte die wunderbare Schönheit, welche das Spiel der Natur ihr mit ihren zwei Schwestern im Liebesreiz gegeben.

Aber wenn die Schönheit der Courtisane aus dem Volk all' die Gluth und den Cultus des zügellosen Genusses - wenn die Schönheit der Aristokratin den Leichtsinn des Herzens und den Stolz des Blutes versinnlichte - dann verklärte strahlend der Odem des Himmels, der göttliche Adel der Tugend und Keuschheit von Seele und Leib, jene irdische Schönheit, mit der die Hand Gottes Fausta, die Samaritanerin, geschmückt, und die sie ihm mit den irdischen Schwächen und Leidenschaften auf seinem Altar als Gabe gebracht hatte.

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Was wäre alle Schönheit der Erde, wenn sich nicht der Himmel darüber wölbte!

Das Auge der knieenden Nonne war in schwärmerischem Ausdruck erhoben, eine erhabene Angst - eine erhabene Liebe und ein erhabener Glauben sprachen sich in diesem Auge aus, dem zwei tropfende Perlen entquollen, wie sie die Engel so gern in ihren goldenen Schaalen empfangen und zu jenem Himmel emportragen, zu dem ihre gefalteten Hände sich emporstreckten.

»O Madonna - barmherzige Mutter der Schmerzen - errette ihn aus den Gefahren der Bösen, wie seine starke Hand Deine Magd gerettet hat, und nimm ihn in den Schutz Deines göttlichen Sohnes, dessen Macht über der der Menschen ist!«

Der Fiebertobende drehte sich im Kreis um sich selbst - seine Hand riß den alterthümlichen Morgenstern aus der Waffentrophäe der Wand und schwang ihn wie ein Rohr durch die Luft - seine Augen glühten in wilder Raserei ... .

»Herbei zu mir - Hirten von Uri - nieder mit den italischen Schlangen! Ihre Freiheit ist Mord - ihre Treue Verrath! Rettet die Ehre! Rettet die Ehre! Schützt den Vatican!«

Und mit gewaltigem Schwung der Keule stürzte er gegen das nackte Weib auf dem Piedestal - die Göttin dieser zügellosen Freiheit, und hob sich zum vernichtenden Schlag!

Da öffnete die Bacchantin ihre Arme und bannte ihn mit dem wollüstig verzehrenden Blick, und warf die schwellende Brust ihm entgegen.

»Riccardo!«

Seine Augen flammten sie an - der Morgenstern entfiel seiner Faust - auch er öffnete die Arme und streckte sie dem reizenden Leib entgegen -

»Ich kenne Dich - Du bist die Venus - Du bethörst die Menschen und nimmst ihre Seele! Venus - Venus vom Vatican!«

Die mächtige Gestalt stürzte regungslos, bewußtlos zu Boden - die Wunde am Haupt öffnete sich, ein Strom dunklen Bluts färbte die Quadern des Marmors!

»Heilige Madonna - erbarme Dich sein!«

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Wie die Tigerin auf ihre Beute, stürzte sich die nackte Courtisane auf den begehrten Mann und umschlang ihn! »Er ist mein! mein! Herbei Ihr Getreuen!«

Und auf das dreimalige Klaschen ihrer Hände öffnete sich der Vorhang des Erkers, und zwei Männer, in dunkle Gewänder und schwarze Masken verhüllt, traten ein und hoben auf das Zeichen der Buhlerin den Körper des Offiziers empor und verschwanden mit ihm hinter dem Vorhang des Altars, wo die Fallthür zum Strom sich öffnete.

Mit rasender Hast hatte das dämonische Weib wieder das leichte Gewand über die mißbrauchte Schönheit ihres Leibes geworfen und schüttelte hohnlachend die Hand gegen den erstarrten Künstler.

»Dank Dir, Meister Michele! Ich gab Dir den meinen - ich nehme den seinen! Venus regiert in Rom - es lebe die Religion der Freiheit!«

Der Vorhang schloß sich hinter ihr und ihrem Opfer. -

Der Künstler schaute wie betäubt umher - das Postament, das die Göttin des Fleisches, die üppige Gestalt der Bacchantin getragen, war leer - der Vorhang vor der Nische des lebendigen Venusbildes, der schönen und stolzen Tochter des fürstlichen Geschlechts, war längst zusammengefallen und barg ihren Schmerz und ihre Schmach. Dann fiel sein Blick auf die Nonne.

Dort kniete sie noch in dem Rahmen der Thür, die Hände zum Gebet erhoben, und Thräne um Thräne für den Verlorenen rann aus dem großen Auge über die zarte Wölbung der Wange.

Lange haftete sein Blick auf ihr - ein andrer Geist schien durch das Auge in seine verstörte Seele zu ziehen, ein heiliger Friede, ein erhabener Gedanke.

Dann stand er auf aus der unwürdigen Stellung vor dem Piedestal der Wollust und raffte die schwere Waffe auf, die der Hand des kranken Offiziers entfallen. Ein Schlag - und in Stücken rollte zertrümmert der Kopf des Marmorbildes in den Staub; - wenige Schritte - die scharfen Spitzen der Waffe zerrissen vernichtend die Leinwand des Venusbildes, und seine Hand stürzte es verächtlich von der Staffelei und hob einen frischen Rahmen hinauf.

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Mit der Kohle waffnete sich die Hand statt des Morgensterns, der seine Dienste gethan, und begann in flüchtigen, begeisterten Contouren ein Bild zu entwerfen, wie es vor seine geläuterte Seele getreten.

Noch kniete betend die Nonne, und der letzte Strahl der Sonne, die hinter dem heiligen Dome der Christenheit versank, warf die Glorie der Heiligen um ihr weinendes Haupt!

[172]

Eine politische Hinrichtung.

1. Zivio! Zivio!

Der Bürgerkrieg in seiner schrecklichsten Gestalt schrieb seine rothen Flammen rings um den nächtlichen Horizont. In der Leopoldstadt - in der Vorstadt Landstraße bis zum Wieden dampften noch die ungelöschten Brandstätten an fünfundzwanzig Stellen vom blutigen Kampf am Sonnabend - der zerstörte Gloggnitzer Bahnhof sandte noch seinen rothglühenden Rauch in die frische Octoberluft.

Es war in der Nacht vom Montag zum Dienstag, vom 30. zum 31. October. Am Sonnabend um 10\frac12 Uhr hatten die Batterieen der Cernirungstruppen rund um die Linien der alten sonst so getreuen Kaiserstadt ihren Verderben sprühenden Feuergürtel gegen die tolle Empörung geöffnet - eine halbe Stunde darauf, präcis, als gelte es die Ausführung einer Manöver-Disposition, hatte die Division des Feldmarschall-Lieutenant Ramberg und die Brigade des Generalmajor Wyß die Leopoldstadt forcirt, ein furchtbares Artilleriefeuer, Schrapnells, Kartäschen und Raketen mit Granatbüchsen den Weg voran fegend, während die Kroaten des Banus, unter Generalmajor Zaisberg, die Vorstadt Landstraße Schritt um Schritt in blutigem Kampfe nahmen und bis zum Glacis vordrangen.

Wiederum bivouacquirten im Schwarzenberg'schen und Belvedere-Garten die kaiserlichen Truppen, wie vor vierundzwanzig Tagen, als sie der blutige Mord Latours, die entfesselte Wuth des Volkes und die Schwäche der eigenen Führer aus der Stadt getrieben.

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Die Wiener hatten sich am Sonnabend mit einem Heroismus und einer Aufopferung geschlagen, die einer andern Sache, oder einer reinern Leitung würdig gewesen wäre. Es ist überhaupt ein eigenthümlich kräftig muthiges und zähes Volk, diese Wiener. Sorglos und heiter in den Tag hinein lebend, voll Herz und Gemüth für die Eindrücke des Augenblicks, vermögen sie sich noch mit Enthusiasmus an eine Sache hinzugeben, für die man geschickt ihre Phantasie und ihre Theilnahme erregt hat. Es liegt eine Leichtgläubigkeit und Zähigkeit in ihrer Begeisterung, die zu den größten Opfern fähig ist, und mißleitet auch die schlimmsten Folgen haben kann.

Zwei Mal sahen die tapferen Wiener das Heer der Moslems vor ihren Thoren und wankten nicht, die Siege des französischen Kaisers vermochten ihre Treue nicht zu erschüttern, und selbst als das Gift der politischen Verführung ihr Blut entflammt und unsägliches Elend über die fröhliche Stadt gebracht, wahrten sie den alten Ruf der Tapferkeit gegen die eigenen Brüder!

Um 5 Uhr waren - wie die Dispositionen gelautet - die beiden Vorstädte in den Händen der Truppen - von den Kugeln zerstörte Häuser - von den Aexten der Pioniere durchschlagene Wände, die zwei Stock hohen Barrikaden zusammengeschmettert, Blut - Leichen - Verwundete überall! - der sterbende Legionair noch die Faust an der Kehle des todten Grenadiers, dessen Bajonnet die einzige Hoffnung vielleicht einer ganzen Familie vernichtet! Männer, Frauen und Kinder, Bürger und Rebellen, Garden und Studenten, liebe, sonst so gemüthliche Gestalten neben den finsteren, im Tode noch grimmen Gesichtern der fremden Kämpfer von dem blinden Eisenhagel der Kanonen zerrissen, oder von der eben so blinden Wuth der zum Aeußersten ergrimmten Soldaten neben die Leichen der Jäger und Infanteristen gestreckt - der Bewohner der wilden Militairgrenze, der lachenden Ebenen der Lombardei, vom hohen Hradschin und den Fernern des treuen Tyrols.

Unseliger Fluch des Bürgerkrieges - grimmes Gespenst der Revolution, das mit Gigantenschritt durch die Völker Europa's zieht und Haß und Blut säet unter Denen, die tausend Bande der Liebe haben!

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Muß denn Alles, jeder Schritt vorwärts auf der Bahn des Menschengeschlechts, erst die schreckliche Taufe des Blutes haben?

In der Leopoldstadt hat der Pole Bem die Vertheidigung geleitet. Die Legionaire, die Mobilgarde, die Fremden hatten dort gekämpft. Schlimmer noch, als wenn der Bürger gegen den Bürger im eigenen Streit die Hand erhebt, ist es, wenn der Fremde sie waffnet, den Haß schürt und für seine Zwecke die blinde Wuth entflammt.

Auch der Tag, welcher der Nacht vorangegangen, in der wir unsre Erzählung vor den Mauern Wiens wieder aufnehmen, war ein Tag der Schlacht gewesen.

Am Sonntag nach dem Sturm auf die Leopoldstadt und Landhaus und die allgemeine Beschießung der Linien, hatte Messenhauser - der nach Streffleur und Scherzer, Braun und Spitzhitl, die sämmtlich die wilden Parteiungen in der Stadt und den Uebermuth der Corps und Legionaire nicht zu bändigen vermocht, am 12. Oktober[October] zum Oberkommandanten der Wiener gewählt worden war - einer Versammlung der Unterbefehlshaber erklärt, daß eine weitere Vertheidigung nicht möglich sei, da es an Munition fehle, und ein Straßenkampf im Innern der Stadt bei der Unverläßlichkeit der Vertheidiger nicht gewagt werden könne.

Eine neue Deputation - wie ihrer schon zu Dutzenden mit den übermüthigsten Forderungen an den Kaiser und an die Generale gesandt worden, wurde in das Hauptquartier des Fürsten nach Hetzendorf geschickt, obschon die Demokratie und die Führer des Pöbels es mit Gewalt verhindern wollten.

Die Deputation war Abends in's Lager gekommen und sofort mit der Antwort des Fürsten Windischgrätz zurückgekehrt.

Der eiserne Feldherr hatte ihnen einfach gesagt, da die Herren in Wien ihn ja schon lange kennten, wüßten sie, daß er sein Wort nicht zurücknähme, und hätten sich den Weg sparen können. Er werde zu den alten Bedingungen weder etwas hinzusetzen, noch davon abnehmen.

Diese Bedingungen waren:

Unbedingte Unterwerfung; Ablieferung der Waffen; Auslieferung der besonders verbrecherischen Führer: des Polen Bem,

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des ungarischen Unterstaatssecretair Pulszky, des Dr. Schütte und der Mörder Latours.

Die Mörder Latours waren zum größten Theil beseitigt - die Schießbaumwolle der ungarischen Schützen hatte dafür gesorgt!

Als der Kaiser dem Fürsten Windischgrätz die Besiegung der Wiener Revolution übertragen, hatte er wohl gewußt, was er that. Die Wiener kannten diesen Mann von Eisen, der allein eine Armee war. Sie erinnerten sich sehr gut, daß als von den Prager Rebellen am 12. Juni die Gemahlin des Fürsten am Fenster erschossen worden, der alte General erst dann für die treue Gefährtin seines Lebens, für die Mutter seiner Kinder eine Thräne gehabt, als die Rebellion besiegt war und Prag wieder seinem Kaiser gehörte. -


Am 7. October war der Kaiser von Schönbrunn abgereist, diesmal nicht heimlich und flüchtend, sondern mit allen kaiserlichen Ehren und einer Escorte von 5000 Mann seiner treuen Truppen, und hatte in Olmütz sein Hoflager aufgeschlagen.

Von Süden her zog der tapfere Banus von Croatien[Kroatien] - der schöne Schürzenheld der Erzherzogin, wie in höhnendem, nie vergessenem und so blutig gerächtem Spott der Graf Batthiányi ihn genannt - herauf, und antwortete der Deputation des Reichsraths, die Erklärung forderte: Ein österreichischer General habe dahin zu marschiren, wo er Kanonendonner höre und nicht abzuwarten, bis er gerufen würde. Das Aufhängen scheine in Wien Mode geworden und könne auch an die Reichstagsmitglieder kommen! Das wolle er verhindern!

In Wien waren die Clubs in vollem Flor - die Aula und das durch den Zeughaussturm bewaffnete Proletariat die Gebieter, die Nationalgarden der Vorstädte terrorisirten die Bürgerwehr, die Führer der Demokratie auf den Straßen und im Reichsrath erklärten Jeden für einen vogelfreien Verräther, der zur Ruhe und Ordnung rieth - die provisorische Regierung lag in den Händen der Studenten und der bewaffneten Clubs - Tausenau proclamirte seine Liste für den Galgen - die Revolution mit all' ihren Schrecken und Tollheiten bevölkerte die Straßen und entfesselte jede Leidenschaft. Wer aus Wien flüchten konnte, eilte davon, darunter viele Mitglieder des Reichstags, die ihres Lebens nicht mehr sicher waren.

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Schon am 9. Oktober[October] hatte der Fürst die Eisenbahnlinien von Prag für den Truppen-Transport besetzt, am 17ten hatte der Kaiser ihn zum Feldmarschall und zum Commandanten aller österreichischen Truppen, mit Ausnahme der in Italien, ernannt, und am 21sten war die Nordarmee auf der Ebene des Marsfeldes, im Norden Wiens, versammelt.

Die Deputationen der Wiener mit ihren trotzigen Forderungen des Rückzugs alles Militairs, die souverainen Befehle des Reichsraths - gegen dessen Beschlüsse die gestüchteten Mitglieder von Prag aus protestirten - wurden jetzt mit Ernst zurückgewiesen, die Deputirten wurden nach Kremsier berufen - in Wien hatte man offen den bewaffneten Widerstand proclamirt und plänkelte in einzelnen Gefechten mit den Truppen Auerspergs und Jellachichs[Jellacics], oder schrieb lange Drohbriefe an die Generale.

Die Linke des Frankfurter Parlaments hatte zwei ihrer Mitglieder: Robert Blum und Fröbel, nach Wien gesandt, denen sich Trampusch und Hartmann anschlossen, um den Wienern ihre Sympathieen mit der Revolution zu erkennen zu geben und sie zu unterstützen.

Dies geschah ohne Beschluß des Parlaments, das unter dem 12. October den berüchtigten Antrag des Wiener Abgeordneten, Dr. Berger, auf Anerkennung des Kampfes der heldenmüthigen Demokraten Wiens und ihrer Verdienste um die deutsche und ungarische Freiheit zurückgewiesen hatte.

Die Genannten waren am 17ten in Wien eingetroffen. Robert Blum, Fröbel und Hartmann gehörten der Fraction des Donnersberges an, den ausgesprochenen Republikanern; Trampusch dem >Deutschen Hof<, der entschiedenen Linken. Hartmann vertrat einen böhmischen, Trampusch einen mährischen Wahlkreis.

In Wien hatte sich Robert Blum sofort unter die Führer des Kampfes gesellt, forderte in der Aula, im Gemeinderath und in den Wiener Blättern mit entflammenden Worten die energische Vertheidigung Wiens gegen die Truppen des Kaisers, und übernahm das Commando einer Compagnie der Elitegarde, mit der er sich an dem Kampf betheiligte.

Der Beschluß des Frankfurter Parlaments hatte später zwei officielle Commissaire nach Wien abgesandt, Welker und Mosle,

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um zu vermitteln und den Stand der Dinge zu untersuchen; die Herren waren in Wien am 20sten eingetroffen, aber sofort - von den Bassermann'schen Gestalten und den zügellosen Zuständen erschreckt - in das kaiserliche Hoflager weiter gereist und hatten sich für die Berufung des Reichtags nach Kremsier ausgesprochen.

Die Zahl der Truppen, mit denen Fürst Windischgrätz die rebellische Stadt am 20sten eingeschlossen, bestand, einschließlich der Corps des Banus und des Grafen v. Auersperg, aus 59 Bataillonen, 67 Escadrons und 204 Geschützen. Mit dieser Truppenzahl mußte eine 2\frac12 deutsche Meilen lange Cernirungslinie gebildet und die ungarische Armee in Schach gehalten werden. Wir haben in einem frühern Kapitel die Streitkräfte der Revolution bezeichnet. Die Barrikadirung der Straßen war vortrefflich geleitet, der Oberbefehl über die mobile Garde, zu der alle jungen Kräfte und das Proletariat gehörten, General Bem übertragen, während die >stabile Garde< das Innere der Stadt besetzt halten sollte; für die Kämpfer war ein regelmäßiger Sold ausgesetzt.

Schon vor Beginn des Kampfes waren viele der Führer der Erhebung - wie der betrügerische Lieferant der Mobilgarden, Tausenau, der noch kurz vorher zwölf Köpfe, außer dem Latours, gefordert hatte, Füster, Hafner und Andere - geflüchtet; täglich lichtete sich in gleicher Weise der Reichsrath, obschon der Deputirte Schuselka16 erklärt hatte, daß es ganz unmöglich sei, die Stadt Wien zu erobern bei der hohen Begeisterung ihrer Bewohner.

Nachdem die Cernirungslinie sich anfangs begnügt hatte, die Zufuhr und die Munition abzuschneiden - am 17ten war der letzte Transport von 110 Centnern Pulver und einer Million Patronen aus Ungarn auf der Donau nach Wien gelangt - und die Nationalgarden in den umliegenden Landgemeinden zu entwaffnen, zog sie sich enger und enger um die Stadt, die Leichenzüge wurden zurückgewiesen und mußten ihre Todten auf dem Glacis begraben.

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Nachdem der Fürst unterm 20sten den Belagerungszustand erklart, hatte er am 23sten die oben erwähnten Bedingungen gestellt und eine 48stündige Frist gegeben. Während der Zeit gingen die Truppen über die Donau. Am 23sten hatten die Wiener selbst am Linienwall von Döbling den Kampf begonnen.

Näher und näher zog sich ein furchtbares Verhängniß um die unglückliche, sonst so fröhliche Stadt, in der die Führer schon am selben Tage sich genöthigt sahen, selbst den Belagerungszustand und das Standrecht zu proclamiren, da der Pöbel mit den Waffen in der Faust die Besitzenden brandschatzte und die Staatsgebäude zu plündern begann.

Die kaiserlichen Truppen hatten am 24sten die Brigittenau angegriffen und besetzt, trotz des muthigen Widerstandes der polnischen Legion; - am 25sten den Augarten, waren auf der andern Seite in den Prater vorgedrungen und hatten eine Brücke über den Donau-Kanal geschlagen.

Der Trotz der cernirten Stadt wurde noch immer durch die von Pulszky und den anderen Emissairen verbreitete Hoffnung genährt, daß die ungarische Armee unter General Moga, Perczel und dem kühnen Obersten Ivanka zu ihrer Befreiung heranrücke gegen die Stellung des kroatischen Banus.

Aber zwei Mal schon hatten falsche Nachrichten diese Hoffnungen getäuscht, und selbst als am 20sten Generalmajor Ottinger bei Brück von den Ungarn wirklich angegriffen und hinter die Fischa zurückgedrängt worden war, so daß das ungarische Heer sich in die Ebenen von Trautmannsdorf ergossen hatte - war schon am 24sten jede Spur dieser Hilfe verschwunden; der ungarische Diktator, dem es mehr darum zu thun war, Zeit zu gewinnen, als den Wienern zu Hilfe zu kommen, die ihm nur als Mittel zum Zweck gedient, hatte die Armee zurückgerufen.

Ueberdies hatten sich, mit jenem romantischen Gemisch von Treue für das Kaiserhaus und rebellischem Nationaltrotz, viele Offiziere geweigert, außerhalb Ungarns gegen ihre alten Waffenbrüder zu fechten.

So war - während in Wien der Terrorismus Fenner von Fenneberg's, den die radikale Partei dem schwankenden Messenhauser zur Seite gesetzt, Jeden, der von Uebergabe zu sprechen

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wagte, mit dem >Latourisiren< bedrohte, - die gestellte Frist am 26sten verstrichen und der Kampf hatte begonnen. -

Wir haben des entscheidenden Kampfes am 28sten bereits zu Anfang dieser kurzen Skizzirung des Ganges der Wiener Revolution erwähnt, ohne der wichtigen Phase zu gedenken, durch welche der Führer der kaiserlichen Truppen seinen eisernen Charakter und sein Feldherrntalent so glänzend bewährte.

Denn während nach der gegebenen Position der Kampf rings um Wien in einer Ausdehnung von zwei Meilen wüthete, traf Mittags um zwei Uhr den Feldmarschall plötzlich die Nachricht, daß die Ungarn auf's Neue von Brück her in vollem Anmarsch gegen Wien seien und die Truppen Ottinger's vor sich her drängten.

Unter dem Donner des heißen Straßenkampfes in der Jägerzeile und der Landhausstraße - während seine tapferen Krieger dort zu Dutzenden fielen und jeder Schritt vorwärts mit Strömen von Blut erkauft werden mußte - hatte sich der Fürst nach dem Laaer Berg begeben, von wo aus man die ganze Ebene bis zur ungarischen Grenze übersehen konnte, und traf dort seine Dispositionen zur Schlacht.

Aber die Ungarn kamen am Sonnabend nicht - die beiden Vorstädte waren genommen - während der Waffenruhe am Sonntag die Hoffnung der Wiener auf Ersatz geschwunden - die Bürger erklärten sich für die Uebergabe, und Messenhauser hatte am Abend eine Deputation des Gemeinderaths in's Lager geschickt, um über diese zu unterhandeln und möglichst günstige Bedingungen zu erlangen.

Wir haben bereits erwähnt, daß der Fürst streng und fest bei den seinen geblieben war.

Noch am Abend hatte die Ablieferung der Waffen in der Stadt begonnen und dauerte bis Montag Mittag fort - am Nachmittag sollten nach der geschlossenen Capitulation die Truppen in die Stadt einrücken.

Aber zugleich verbreitete sich am Sonntag Abend die Nachricht, daß die ungarische Armee, 24 Bataillone, 23 Schwadronen und 71 Geschütze stark, auf's Neue gegen Wien heranrückte, diesmal zum Kampf entschlossen, und gelangte am Morgen auch nach der

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Stadt, wo der Gemeinderath bereits mit der Uebergabe beschäftigt war.

Dort änderte die Kunde auf der Stelle die Stimmung und erfüllte die dominirende Partei mit neuem Uebermuth.

Um zehn Uhr hatten die Ungarn zugleich Mannswerth, Schwechat und Neu-Kettenhof angegriffen - gegen Mittag hatte der Banus die ungarische Armee in die Flucht geschlagen, und unaufhaltsam ging diese zurück über die nahe ungarische Grenze.

Der dicke Nebel um die Stadt, der nur das Blitzen der Kanonen sehen ließ, verhinderte die Wiener, den Lauf und Ausgang der Schlacht zu erkennen. Die Ablieferung der Waffen hörte sofort auf und das Feuer gegen die kaiserlichen Truppen von den Wällen begann auf's Neue.

Ein Bombardement der Vorstädte Mariahilf, Gumpendorf und Wieden war die Antwort des Fürsten gewesen. Wenn, um einen allgemeinen Brand zu hindern, auch die Bomben ohne Brandsatz auf Befehl des Fürsten geworfen wurden, so herrschte doch über den treulosen Bruch der abgeschlossenen Capitulation durch die Wiener die größte Erbitterung im Heer, und Alles bereitete sich vor auf den letzten entscheidenden Kampf.



Die schweren Nebel des Tages, welche die Schlacht verhüllt, hatten sich von dem Donner der Geschütze getheilt und gesenkt, die letzte Oktober[October]nacht war ziemlich klar und hell - die Wachtfeuer loderten munter hinauf in die frische Luft.

Zehn, zwanzig Feuer brannten in den beiden an einander grenzenden, völlig demolirten Gärten; das Lager der am 6ten aus der Stadt gezogenen Truppen, später die wüste Wirthschaft der Studenten und Legionaire, das Hauptquartier Messenhauser's und wieder die Eroberung der kroatischen und ruthenischen Truppen hatten jede Spur der sorgfältigen Pflege und Schönheit vernichtet, die sonst diese Orte auszeichnete.

Statt der friedlichen Blumen und Pflanzen ein wildes, buntes Gedränge kriegerischer Gestalten, Fouragewagen und Artillerieparks die Heugasse und den Rennweg entlang und selbst auf den Terrassen des Gartens, an den schönen Platanen Kroatenpferde

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oder die schweren Rosse der Kürassiere, vor den Eingängen der beiden Schlösser des savoyischen Helden, der für Oesterreich schlug, starke Posten, um, was von den kostbaren Sammlungen noch vorhanden, zu schützen - auf den Treppen ein fliegendes Feldspital, in dem Pavillon eine Marketenderschänke errichtet, - das ungebundene, wüste, bunte Leben des Krieges überall!

Die Gärten bildeten die Verbindung zwischen den bivouacquirenden Truppen des Banus, der Brigade Kreuzer und denen, welche die Favoriten-Linie und den Bahnhof gestürmt. Ein Theil der Truppen, die am Mittag die Ungarn geschlagen, bivouacquirte jenseits der Belvedere-Linie, deshalb das bunte Gewühl von allen Völkern und Zungen, allen Uniformen und Waffengattungen der ganzen Armee gerade an diesem Punkt - ein Bild so bunt und wirr, daß die Feder seine Farben und Gestalten nicht zu umfassen vermag.

Unweit der Straße an der aufsteigenden Terrasse, auf deren Höhe eine halbe Batterie abgeprotzt, die drohenden Mündungen gegen die rebellische Stadt gerichtet stand, lagerte um eine der fliegenden Marketender-Wirthschaften eine bunte zahlreiche Gesellschaft. Eine alte kroatische Hexe, ein Weib in einen wohl eben so alten Seressaner Mantel gehüllt, eine Husarenmütze auf dem Kopf, das Gesicht von Wetter und Pulverdampf und den Strapatzen des Nomadenlebens an der Grenze geschwärzt und gefurcht, handthierte als die Marketenderfrau - mit Gläsern und Flaschen; schmorte in zwei großen Pfannen am Feuer Speck und Mais, Paprika, Fleisch mit rothem Pfeffer und Würste, und schalt dazwischen die beiden schlanken braunen Seressaner Mädchen, ihre Enkeltöchter, die rechts und links sich zwischen den sitzenden und liegenden, schlafenden, plaudernden und singenden Kriegern umherdrängten, alle Forderungen und Bedürfnisse, die in fünf, sechs Mundarten auf Ungarisch und Deutsch, Böhmisch und Polnisch, Italienisch und Slavonisch verlangt wurden, zu befriedigen.

Die Erscheinung der Frauen und der hübschen, schlanken Mädchen in der kleidsamen Tracht mit den langen, bis über die Hüften fallenden, mit Silbermünzen durchflochtenen Zöpfen der rabenschwarzen Haare und den ausdrucksvollen braunen Gesichtern war nichts Seltenes im Heere des Banus. Ganze Familien

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hatten die schnell zusammengerafften kroatischen Regimenter begleitet, die zum Theil nicht einmal mit Uniformen bekleidet und noch in ihren Gatjen, Bundas und Kitteln waren, nur durch die Bewaffnung als Soldaten kenntlich. Dazu Alles halb zerrissen, beschmutzt und geflickt, von den eiligen Märschen, den Kämpfen und den langen Bivouacs in Wind und Wetter, vom goldbeschnürten Dolman des Husaren-Offiziers bis zu dem rothen Kapuzmantel des Serassaners.

Der Vater der beiden Mädchen, ein Corporal vom Ottochaner Grenzregiment, saß an dem Baumstamm, hatte die Bakantschen, die Soldatenschuhe, ausgezogen, und verband sich selbst eine leichte Wunde an dem sehnigen Bein, die eine Büchsenkugel ihm gerissen, ohne sich anders in die Wirthschaft seiner Mutter und Töchter zu mengen, als daß er von Zeit zu Zeit sich und dem Schwager Rothmantel Eins einschänken ließ, der, so lang und hager ihn Gott geschaffen, neben ihm auf dem Boden lag, den Kopf bis an die Ohren in die schmutzige Pelzmütze gesteckt und den Rauch aus der schwarzen Holzpfeife durch die Nase weit ausblasend in die Luft.

Der größte Theil der Lagernden gehörte den Regimentern Parma und Latour an, die am Sonnabend auf dieser Seite der Stadt gestürmt, galizische und böhmische Regimenter, die sich durch ihre Unbändigkeit auszeichneten, und in denen viele Polen und Italiener dienten.

Um das Feuer selbst saßen Jäger vom fünften Bataillon, Offiziere von Paumgarten-Infanterie, dem Regiment Nassau und Latour, Artilleristen und Beamte der Feldequipage. Grenadiere und Grenzer, auf den Boden gestreckt, schliefen, trotz des Lärmens umher, oder saßen plaudernd und ihre Waffen in Ordnung bringend; rechts ab lagerte eine Gruppe der Rothmäntel, unter einander flüsternd, zwischen den grauen Mänteln bewegten sich ab- und zugehend die braunen Uniformen der Artillerie-Grenadiere von Parma und Latour stritten sich um die Beute, die sie in der Johannagasse mit dem Plündern der Häuser gemacht, oder spielten darum.

Von Zeit zu Zeit schlich eines oder das andere der beiden Mädchen zu der Gruppe der Seressaner und beugte sich sorgsam

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horchend über eine Gestalt am Boden, oder legte den alten Mantel, der über sie gebreitet war, sorgsam wieder zurecht, damit den darunter Liegenden die Kühle der Nacht nicht belästige.

Aus dem Mantel sah der freundliche Kopf eines schlafenden Knaben hervor - die hellbraunen Haare umgaben eine weiße, freundliche Stirn, ein hübsches, keckes Gesicht. Zuweilen war es, als murmele die halb geöffnete Lippe des jungen Burschen, der kaum fünfzehn Jahre zählen konnte, einen Namen oder ein enthusiastisches, soldatisches Wort, gleich als befinde er sich mitten im Kampf. Ihm zur Seite, halb vom Mantel bedeckt, lag ein schönes Jagdgewehr - die Mütze, die vom Haupt des Schlafenden gefallen, war auffallender Weise eine preußische Soldatenmütze, wie sie etwa die Kadetten zu tragen pflegen.

Auch die wilden, dunkeln Gesichter der Seressaner mit den langen, hängenden Bärten wandten sich von Zeit zu Zeit nach dem in jenem festen Schlaf der Jugend Ruhenden, der nach einer starken körperlichen Ermüdung durch Nichts zu stören ist, und sie unterhielten sich offenbar häufig von ihm.

Es war nicht die einzige auffallende Erscheinung. Einige Schritte weiter, in einer Gruppe von irregulair und zerlumpt bekleideten Grenzern, saßen zwei Gestalten, die offenbar eben so wenig in die Reihen dieser Soldaten gehörten: ein großer, kräftiger Greis, dem die Bunda, die um die Schultern und Brust geschlagen war, seltsam genug zu der Tyroler Kleidung stand. Aber diese sonst so reinliche und nette Kleidung war jetzt von Schmutz und Wetter geschwärzt, verdorben und zerrissen, man sah, daß der Eigenthümer seit lange auch nicht die geringste Sorgfalt mehr darauf verwendet hatte.

Der alte Mann hatte das weiße Haupt in die Hand gestützt und starrte vor sich hin in das Feuer, ohne an dem Gespräch den geringsten Theil zu nehmen, das sein Begleiter eifrig führte.

Dieser war ein noch junger Mann in der gewöhnlichen, schmutzigen Tracht der Slowaken, wie sie durch die Nachbarländer ziehen, um ihr trauriges Brot als Topfflicker und Fallenhändler zu verdienen.

Der Bursche zwischen der Grenzergruppe schien jedoch eines

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andern Schlages, als die erniedrigte, unter dem Druck der Heimath und der Fremde gebeugte Menschenklasse. In dem dunkelen Auge blitzte zwischen dem gewöhnlichen, schwermüthigen Ausdruck Verstand und Geist, seine Worte hatten eine höhere Ausdrucksweise, als die gewöhnliche, klagende und scheue Manier seines Volkes.

Das selbst unter diesem an charakteristischer Schönheit so reichen Stamm auffallend edel gebildete Gesicht zeigte nicht die gewohnte Entstellung von Schmutz und geringer Sorgfalt für das Aeußere, während eine gewisse Abspannung sich in der bleichen Färbung und den dunkelen Ringen der großen Augen bemerklich machte. Der junge Mann trug die Bocskors oder Schnürsohlen, und unter seiner weiten Guba bemerkte man im Gürtel als seine einzige Waffe den Fokos, das kleine ungarische Handbeil, das häufig die Stelle des Tomahawk ersetzt.

»Hast mir gemacht Freude großigte, Maczy,« sagte ein alter Corporal, indem er dem jungen Mann die Holzflasche mit Slibovitza aufnöthigte, »als Du Dich gegeben zu erkennen. Hätt' ich groß Leid gehabt, wenn ich hätt' gestochen Bajonnet meinigte durch den Leib von Sohn von altem Gevatter.«

»Es galt weniger mein Leben,« sagte der junge Mann, »an dem nicht viel verloren gewesen, als das dieses Greises. Ich habe Dir seine Geschichte erzählt, Mischka, und wie er sein einzig Kind verloren in jener Stadt.«

»Pah - wird sich finden wieder. Hab ich Dir versprochen zu helfen suchen, wenn wir gemacht diese Panna Aula kaput für großen Kaiser unsrigten. Geht morgen wieder los und hat Hauptmann unsrigter erlaubt, daß Du bleiben bei uns mit Mann alten, weil Du kennst Straßen alle bis zum Thurm, auf dem sitzt der Kaiser.«

Matthias, der Slovak, der frühere Student und Günstling der Gräfin Törkyeny, lächelte unwillkürlich in seinem Schmerz über den hartnäckigen und naiven Glauben seiner Landsleute, die sich die Kaiserstadt, von deren Glanz so oft in ihren einsamen Grenzwachen die Rede war, nicht ohne den Kaiser denken konnten, und glaubten, er wohne auf dem hohen Stephansthurm und werde dort von seinen Feinden belagert.

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Der junge Mann hatte seit jenem unglücklichen Morgen des Verschwindens der Enkeltochter seines Gefährten diesen nicht wieder verlassen. Nachdem alle Nachforschungen nach dem Mädchen vergeblich gewesen waren und Beide sich dabei Gefahren ausgesetzt hatten, von denen später die Rede sein wird, hatte er den alten Tyroler nach der Vorstadt Wieden geführt und dort in einer kleinen Hofwohnung an der Feldgasse bei einem armen Slovaken untergebracht, der seit Jahren mit seiner Familie hier als armer Schuhflicker lebte und dem er früher oft wohlzuthun Gelegenheit gehabt.

Von diesem Mann hatte der Student auch die Slovakenkleider eingetauscht, um in deren Verhüllung unbemerkbar seine Nachforschungen fortsetzen zu können. Nach dem Hause der Gräfin wagte er nicht zurückzukehren, und hatte um so weniger Veranlassung dazu, als schon am andern Tage der alte Hausmeister von der Bande, die sich hier jetzt festgesetzt und eine Art Hauptquartier des polnischen Generals gebildet hatte, hinausgeworfen worden und auf's Land geflüchtet war.

Dazu kam, daß bald nachher eine schwere Krankheit den alten Tyroler befallen hatte, in der er unaufhörlich von seinem Neffen und seiner Enkeltochter phantasirte, oder mit dem ermordeten Minister unter hundert Gefahren durch die Eisregionen seiner Heimath zu wandern glaubte. Der Student hatte ihn treu gepflegt, und seiner Aufopferung allein war die Genesung des alten Mannes zu danken, der finsterer und trauriger noch als zuvor zum Leben und den schrecklichen Erinnerungen erwachte.

Erst wenige Tage vor dem Sturm auf die Vorstädte hatte der Student wieder seine Nachforschungen beginnen können - in dem wüsten Gewühl, das alle Gassen der Kaiserstadt füllte, in der Aufregung aller Leidenschaften und der immer näher rückenden Gefahr war aber nicht die geringste Spur zu finden. So hatte der Angriff des Militairs sie getroffen, und nur der glückliche Umstand, daß der Student einen Landsmann in dem Corporal der Grenzer erkannte, welche das Haus plünderten, aus dem auf die Soldaten geschossen worden, sie vor dem schrecklichen Schicksal bewahrt, das bei der Erbitterung und der Beutegier der wilden Soldateska leider auch viele Unschuldige getroffen hatte. -

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Zwischen den Feuern daher, quer über die Anlagen, kam auf hohem, schwarzen Pferd ein Reiter auf die Offiziergruppe am Feuer. Ueber dem langen, weißen Mantel ragte der dunkele Kürassierhelm, der schwere Pallasch klirrte an Sporn und Bügel.

»Guten Abend, Ihr Herren! oder eigentlich guten Morgen! Ich hoffe, es giebt etwas zu trinken bei Ihnen - die Nachtluft weht kalt!«

»Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der Künsberg ist! Steigen Sie ab, Mann, - Leute, die noch vom ungar'schen Pulverdampf geschwärzt sind, können wir gerade hier brauchen!«

Der junge Offizier von Auersperg-Kürassieren schwang sich aus dem Sattel, während Hinzuspringende das dampfende Schlachtroß hielten, und schüttelte mehreren Bekannten die Hand. Die weiße Uniform mit den scharlachrothen Aufschlägen war noch beschmutzt von dem Staub und Pulverdampf der Schlacht, auf dem schwarzen Panzer zeigte sich der Eindruck einer Kugel. Der geübte Blick der Offiziere erkannte die einzelnen Zeichen sofort.

»Den Teufel, Baron, Sie waren sicher mit in der vollen Attake. Erzählen Sie, wir brennen vor Begier, etwas Näheres zu erfahren!«

»Trinken Sie erst!«

Ein Capitain vom Regiment Parma reichte ihm seine Flasche.

»Auf Ihr Wohl, Odelga! ich freue mich, daß wir uns wiedersehen!«

Der Kürassier hatte die Flasche, ohne einen Becher zu erwarten, an den Mund gesetzt und ließ sie nicht eher sinken, als bis sie auf den letzten Tropfen geleert war.

»Parbleu, Kamerad, ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Der Henker hole das Proviantamt, seit diesem Morgen habe ich keinen vernünftigen Tropfen gesehen, und selbst in Hetzendorf war für blanke Zwanziger Nichts zu haben!«

»Waren Sie im Hauptquartier? Sind die Ungarn auf der Flucht?«

»Geduld! Geduld! - Wir haben sie bis hinter die Leitha verfolgt und sie sind im vollen Rückzug über die Grenze. Das Gesindel in Wien kann sich den Mund wischen und den Heiligen

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danken, daß die Capitulation vorher geschlossen war. Wann rücken wir ein?«

»Aber wissen Sie denn nicht, Baron, daß die Kapitulation[Capitulation] schändlich gebrochen ist, daß es auf's Neue zum Kampf kommt?«

Der junge Offizier saß bereits im Kreis der Kameraden am Feuer - aber er ließ die Hand mit dem Fleischstück sinken, in das er eben hungrig beißen wollte.

»Den Teufel auch! Ich hörte so etwas - aber ich konnte nicht daran glauben und hatte nicht viel Gelegenheit zu einer vernünftigen Conversation im Hauptquartier, wohin ich die Depeschen des Fürsten Liechtenstein gebracht. Drum wollt' ich mich selbst überzeugen und durch die Vorstädte reiten!«

»Sei[e]n Sie froh, daß Sie nicht über die Posten hinaus gekommen sind. Die Schufte haben gestern Nachmittag auf unsere Truppen mit Artillerie gefeuert und das Gefecht an mehreren Stellen wieder aufgenommen. Sie wechselten fortwährend vom Stephan Signale mit den Ungarn und wir hofften auf einen Ausfall. Aber es scheint, nur Zwei hatten die Courage, den Magyaren zu Hilfe zu kommen, und wir fingen den Einen wenigstens im Nebel. Wieden und Mariahilf sind noch von den Rebellen besetzt. Auf dieser Seite stehen unsere Leute bis zum polytechnischen Institut. Landhaus und die Leopoldstadt bis zur Brücke sind unser.«

»Es ist Blut genug darum geflossen. Die Polen haben sich vortrefflich geschlagen - auch die Studenten - man muß es den Burschen zugestehen!«

»Haben Sie nähere Nachrichten - Sie wissen, daß wir schon am Mittag nach Schwechat beordert wurden. Sind Freunde von uns geblieben?«

»In der Jägerzeile hat man acht Stunden gekämpft. Schönhals17 hat bedeutend gelitten, Hauptmann Spatey und Baron Theobald sind gefallen - vier andere Offiziere verwundet. Es war eine Freude zu sehen, wie unsere Kroaten wie die Schlangen am Boden herankrochen und die Kerls zusammenschossen. Sehen Sie die zwölf Seressaner dort?«

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»Sie scheinen sich's wohl sein zu lassen.«

»Zeisberg hat ihnen für gestern und heute freie Zeche gegeben. Mit den zwölf rothen Burschen und fünfzig Freiwilligen des 5. Jäger-Bataillons« - der Sprechende salutirte gegen einen ihm gegenübersitzenden Jäger-Offizier, der den rechten Arm in der Binde trug - »hat der General persönlich die große Barrikade an der Marxer Linie angegriffen und genommen.«

»Es sieht ihm ähnlich. Haben Sie Verluste bei Nassau gehabt, Baron Geussau?«

»Hauptmann Prohaska wurde auf dem Kirchhof durch die Brust geschossen - das Kreuzfeuer aus dem Bahnhof war zu furchtbar - wir mußten ihn räumen - aber wir haben's den Hunden eingetränkt und ihnen die Nester über dem Kopf angesteckt.«

»Es sind leider viel unnütze Grausamkeiten verübt worden. Die Soldaten haben in ihrer Wuth in der Johannagasse bis zum Morgen geplündert und, ich muß es leider sagen, gemordet!«

»Können Sie es den Leuten verdenken, daß sie für die Schmach vom 6ten an dem Gesindel Rache genommen?« fragte der Offizier von Nassau. »Das Regiment hat geschworen, den Schimpf in Blut auszulöschen!«

»Aber nicht in dem Blut Unschuldiger. Draußen im Liniengraben habe ich gestern drei Leichen gesehen - Männer, die mit kaltem Blut hinausgeführt und erschossen wurden - und heute begegnete ich dem verzweifelnden Vater, der seinen ältesten Sohn suchte, der nie die Waffen gegen uns erhoben. Denn sein Vater ist ein treuer Unterthan des Kaisers und sein zweiter Sohn ist erst vor wenigen Wochen in Vicenza geblieben.«

»Suchen Sie unter Ihrem eigenen Regiment, Herr Kamerad,« sagte höhnisch der Andere, »die Leute von Parma und Latour haben's nicht besser getrieben als die unseren.«

»Leider - ich weiß es! aber die Offiziere meines Bataillons haben wenigstens nicht das Morden und Brennen ermuntert, sondern ihre Pflicht gethan und nach Kräften der rohen Wuth gesteuert!«

Das Gesicht des Offiziers vom Regiment Nassau war dunkelroth, als er emporsprang.

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»Zielen Sie auf mich? Ich war es, der befahl, die Baracken in Brand zu stecken, weil man daraus auf meine Leute geschossen hatte!«

Der Freiherr v. Odelga zuckte die Achseln. »Ich rede von Thatsachen, nicht von Personen. Was ich gesagt, werde ich zu vertreten wissen, sobald wir in Wien eingerückt sind. Graf Colloredo selbst hat die nutzlosen Grausamkeiten auf das Entschiedenste mißbilligt. Für jetzt bitte ich, sich zu erinnern, daß ich diesen Posten kommandire!«

Der brave Capitain nahm den Mantel um und winkte seinem Oberlieutenant. »Lassen Sie uns die Runde machen und entschuldigen Sie mich, Baron, aber der Dienst ruft.« Er reichte dem Kürassier die Hand und wandte sich nach der Stadt.

Die Entfernung des ernsten und ältern Mannes war für die jüngeren Offiziere wie die Befreiung von einer Fessel, und das tolle Geplauder, die Erzählung der einzelnen wilden Scenen des Kampfes, die Drohungen gegen die Feinde wechselten mit Phantasieen von Wohlleben und Vergütung aller Mühseligkeiten in der jetzt der Herrschaft und Rache des Militairs verfallenen Hauptstadt.

»Es ist einer aus dem Land, wo's kälter ist als in den Bergen der Naska, Stojan Widaïtsch,« sagte ein alter Seressaner mit der noch frischen Wunde eines Säbelhiebes über das Gesicht, die er sich nicht einmal die Mühe gegeben, verbinden zu lassen, da die dicke Mütze die Kraft des Hiebes aufgehalten, indem er mit der Spitze der kurzen Pfeife nach dem schlummernden Knaben wies. »Einer der Kneese des Kaisers, die am kalten Meere wohnen, hat das Kind geschickt, um zu sehen, wie man ein Krieger wird!«

»Das Land dort oben gehört nicht dem Kaiser, wie ich mir habe sagen lassen, Anton Boghitschewitsch,« belehrte ihn einer der Jüngeren in dem Kreis, indem er die Janka, das kleine runde Brot, von der Eisenplatte nahm und heiß in den Mund steckte.

»Du redest wie Du's verstehst, Tomitsch Mijat,« sagte der Alte. »Die Heiligen und der Kaiser herrschen überall! Wer sollte dem Kaiser widerstehen, wenn die tapferen Haiducken mit ihm sind? - Wir werden ihn fragen, wenn er erwacht ist, denn

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er redet etwas von der Sprache, die sie in Fiume sprechen, und ich verstehe die seine.«

»Du hast die Welt gesehen, Anton Boghitschewitsch, und weißt davon zu reden!« stimmten die Anderen ehrerbietig bei.

Der Alte strich sich behaglich den grauen bis zur Brust niederhängenden Schnurrbart. Dann füllte er den Hornbecher aus dem zwischen ihnen liegenden Fäßchen und trank den brennend scharfen Slibovitza hinunter, als wäre es Quellwasser.

»War ich nicht in meiner Jugend in dem goldenen Stambul als Gefangener des Tyrannen von Widdin, als mein Vater auf dem Salatschfeld erschlagen worden, nachdem er zehn Moslems des Osman Djura mit eigener Hand getödtet? Aber wer hält den Wolf der Naska? Ich könnte Euch eine wunderbare Piasme erzählen von der Zeit, als mich in dem Harem zu Stambul die weiße Odaliske ihren Gebieter, den schwarzen Aga, erschlagen ließ, und mit mir auf dem fränkischen Schiff über das Wasser floh. Aber sie starb an dem häßlichen Fieber, obgleich sie schön war, wie die Mutter Gottes in der Kirche zu Brood und den armen Haiducken liebte, wie die Weinrebe den Ulmbaum! - War ich seitdem nicht ein Soldat des Kaisers in Wien und in der großen Stadt in dem fremden Land, wo wir den schwarzen Sultan der Franzosen verjagt haben? Ohe - ich könnte Euch Geschichten erzählen von nackten Weibern, die vor allen Leuten dort springen, schöner, wie die Alma's in dem Palast des Großherrn, und wie sie mich in ein Haus gelockt und mit Slibovitza berauscht haben, der lauter Schaum war und besser schmeckte als der Wein, den der Bischof von Agram beim heiligen Nachtmahl trinkt, blos weil ich ein schmucker Bursch war und schöne Lieder zu singen wußte!«

»Oh, Anton Boghitschewitsch,« sagte ein Andrer aus der wilden Gesellschaft, »die Sonne Deines Angesichts ist längst wie die Runzeln eines alten Weibes geworden und Deine Geschichten hast Du uns hundert Mal erzählt. Sage uns lieber, wie der junge Krieger dort zu uns gekommen, denn der General hat mit Dir allein gesprochen.«

Der Alte schielte den Illyrier unwirsch von der Seite an, der sein Lieblingsthema - die Erinnerungen seiner Jugend -

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unterbrochen. »Was soll's! Bei den Heiligen, es würde Dir nicht schaden, wenn Du die Geschichten eines alten Mannes noch zweimal hörtest, der Dein Vater sein könnte. Wie der Prussioni-Knabe zu uns gekommen, willst Du wissen? - Weiß ich's selbst? Er trieb sich seit zwei Tagen im Lager umher, und als der hochgeborene General am Sonnabend mit uns und den Jägern die Barrikad' stürmte, war er mitten unter uns, die Heiligen wissen, wie, und schoß den schwarzröckigen Kerl nieder, der eben auf den General angelegt. Wahi! ich schnitt dem Burschen mit meinem Handjar den Kopf ab, weil die Kugel ihn nicht gemacht ganz kaput! Möge Deine leichtfertige Zunge verdorren, Marina, wenn Du den Knaben nicht schlafen läßt! Der hochgeborene General hat ihn mir auf die Seele gebunden!«

Der zarte Wink galt einem der Mädchen, das eben wieder neben dem Knaben kniete und ihm die Haare aus der Stirn strich.

»Wein her, hübsche Kumria, laß die alte Hexe, Deine Großmutter, das Fäßchen Ofener öffnen, von dem ich gestern kostete. Es ist nicht mehr als billig, daß wir den Sieg in ihrem eigenen Traubenblut feiern!«

»Erzählen Sie, Baron!«

Der Auersperg-Kürassier strich die Tropfen des feurigen Weins aus dem jungen Schnurrbart.

»Die Vorposten des Banus,« erzählte er, »waren am Sonnabend jenseits Schwadorf und Fischament mit den anrückenden Ungarn zusammengetroffen und geworfen worden. Die Nachricht traf den Fürsten, als eben der Angriff der Vorstädte beginnen sollte. Vom Laaer Berg aus prüfte der Feldmarschall das doppelte Schlachtfeld. Es war ein Glück, daß er die Lection in der Leopoldstadt und hier bei Euch nicht aufgab. Gestern mußte Grammont mit seiner tapfern Brigade, obschon sie in der Jägerzeile viel gelitten, zum Banus stoßen und mit der Division Kempen Ebersdorf, Schwechat und Gomersdorf besetzen, um den Ungarn den Uebergang über die Schwechat zu verlegen. Die Seressaner standen bei Lanzendorf, auf dem Berg die Brigade Jablonowski als Reserve; Wallmoden lagerte am Kanal, Romersdorf gegenüber - das Neugebäude war mit 2 Bataillonen und

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66 Kanonen besetzt - am Abend, als die ungarischen Kolonnen auf der Straße von Schwadorf mit 27 Bataillonen, 20 Escadrons und 71 Geschützen vorrückten und die Höhen besetzten, waren wir zum Empfang bereit.«

»Der Teufel hole die pfefferfressenden Schurken, wir mußten die Nacht und heute den ganzen Tag unter den Waffen bleiben.«

»Macht's morgen mit den Wienern ab, meine Herren. - Kundschafter brachten die Nachricht, daß eine starke Truppe auf Neustadt gegangen, und der Fürst schickte eilig ein Grenadier-Bataillon der Brigade Schütte von der Mariahilfer Linie zum Schutz der Pulverdepots ab. Wir selbst bivouacquirten die Nacht zwischen Lanzendorf und Hochau, 33 Escadrons stark, die beiden Regimenter Auersperg, Hardegg-Kürassiere, zwei Escadrons Sachsen-Kürassiere, die Franz-Joseph-Dragoner, Civalarts Ulanen und Kreß' Chevauxlegers; Hurrah - wir freuten uns wie die Kinder auf ein tüchtiges Reiterscharmützel mit unseren Freunden, den Husaren, denn in den drei Wochen waren uns die Beine ganz steif geworden vom Postenstehen und Depeschen-Reiten - alles Andere ging ja Euch an!«

»Jeder hat seinen Theil gehabt, Baron!«

Der junge Kavallerist salutirte gegen seine Freunde. »Mein Compliment für den Ihren! - Es war ein schändliches Wetter am Morgen, Nebel, so dick, daß man kaum die Köpfe der Pferde sehen konnte. Um neun Uhr zündeten die Magyaren Mannswörth an und trieben die Gradiskaner auf Ebersdorf zurück, wo die Brigade Dietrich stand. Schwechat und Neukettendorf wurden beschossen und unsere Infanterie auf das linke Ufer der Schwechat gedrängt - dann kam glücklich die Ordre zum Aufbruch, und wir gingen vor, freilich langsam genug, denn die Brücken über den Kanal und die Schwechat sind verdammt schmal.«

»So wußten die Ungarn nicht von Ihrer Nähe?«

»Keine Silbe - hätte Fürst Liechtenstein sich mehr beeilt, so hätten wir sie im dichtesten Nebel vollständig überrascht. Erst als wir mit dem rechten Flügel bei Rauhenwart, mit dem linken bei Zwölfassing aufgestellt, ihre linke Flanke bedrohten, merkten sie den Braten und warfen uns ihre drei zwölfpfündigen Batterien entgegen.«

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»Und dann - Hurrah - frisch drauf los, den Säbel in der Faust!«

»Ja, mein Junge, das wäre allerdings Reiterart gewesen, aber es fiel dem Fürsten nicht ein! Wir mußten in Colonne halten und das schändliche Feuer der Zwölfpfünder wohl eine Stunde ertragen, noch dazu von den Höhen, während wir nichts entgegenzustellen hatten, als einige lumpige Sechspfünder. Ich sage Euch, es war ein schändliches Gefühl, so die Kugeln in unsere geschlossenen Reihen schmettern zu sehen, ohne Revange nehmen zu können. Rittmeister Voß von uns zerschmetterte eine Kugel den Fuß - Major Rodin von Hardeggs wurde das Pferd unterm Leib erschossen. Dem Mann neben mir im Zug - John hieß der arme Bursch - riß eine Kugel den Kopf des Pferdes fort und ging mitten durch Küraß und Brust, daß das Blut über mich her spritzte. Auf Ehre - es war eine verfluchte Empfindung, als ich das Commando hörte: »Aufgerückt!« denn ich wußte, nun kam die Reih' an mich!«

»Und was dachtest Du in dem Augenblick, Baron?«

»Bah? was ich dachte? - Daß den Fürsten der Teufel holen möge dafür, daß er uns hier zum Kanonenfutter mache, statt sich mit einem tüchtigen Angriff auf die verrätherischen Halunken zu werfen und sie vor sich her zu jagen.«

»Wer wie endete die Sache?«

»Ich kann Ihnen sagen, die zwei Minuten waren wie zwei Jahre - zum Glück hatten die Schurken das Ziel geändert - und die nächste Kugel schlug zwanzig Schritt von mir auf und ricochettirte neben der Schwadron weg. - Ich glaube, ich habe ein Paternoster und ein Ave gesprochen in jener vertrakten Minute, fügte er nach einer Pause ernster hinzu. »Wir verloren fünfzig Mann - zehn Offiziere allein sind verwundet.«

»Aber die Ungarn? Wer kommandirte Ihnen denn gegenüber?«

»Wie wir von den Gefangenen hörten, Oberst Görgey!«

»Ha - derselbe, der den Grafen Zychi auf der Donauinsel Chapel gegen alles Völkerrecht hängen ließ, blos, weil er die Treue für den Kaiser bewahrt!«

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»Schändlich! - Ich hoffe, wir halten mit ihm bald eine blutige Abrechnung.«

»Es ist einer ihrer besten Führer und soll die Leichtfüßigkeit der Honveds vorausgesagt haben. Aber erzählen Sie weiter.«

»Zeisberg griff in diesem Moment mit zwei Bataillonen Khevenhüller-Infanterie in der Front an, unterm Schutz zweier glücklich postirten Batterieen, die ihr Geschütz zum Schweigen brachten, und Oberst Fejervari mit den Wallmoden-Kürassieren attakirte den Feind. General Kempen brach mit dem linken Flügel vor und zugleich kam endlich der Befehl an den Fürsten, mit der ganzen Cavallerie vorzugehen. Die Ungarn waren bereits im Rückzug. Hätte Liechtenstein nicht so unverantwortlich gezaudert und sich mit einem tüchtigen Angriff auf den Feind geworfen, statt sich darum zu kümmern, daß Rauhenwart noch von den Ungarn besetzt war und uns im Rücken blieb, wir hätten sie aufgerieben, daß kein Pferdeschwanz mehr über die Leitha gekommen wäre. Der Henker hole die ... «

»Lieutenant Künsberg!«

Die Zechenden schauten nach der ernsten ruhigen Stimme um, welche die Expectorationen des jungen Kürassiers unterbrochen hatte.

Im nächsten Moment waren sie Alle emporgesprungen und standen kerzengerade in militairischer Haltung - als ständen sie auf der Parade.

Zwei oder drei Schritt vom Feuer, zwischen diesem und der Gruppe der Seressaner, von der Flamme beleuchtet, stand die hohe Gestalt eines alten Offiziers in den weißen, lang niederhängenden Mantel gehüllt - weiter hin im Dunkel der Bäume hielt eine Ordonnanz zu Pferde den in der ganzen Armee wohlbekannten Schimmel.

Der alte Offizier, dessen einfacher Interims-Uniformsrock nur mit den drei Sternen am Kragen und dem Kreuz des Theresienordens geziert war, trug eine einfache Feldmütze. Er mochte bereits über 60 Jahre zählen, seine Haltung war straff und fest. In dem ehrwürdigen, hagern Gesicht mit der großen, kräftigen Nase und dem tiefen, etwas matten Auge lag eine unverkennbare Güte, ein trüber Ernst, aber das kräftige Kinn unter

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dem hängenden, grauen Schnurrbart und die hohe, schön gerundete Stirn drückten zugleich einen hohen Grad von Festigkeit und eiserner Ruhe aus.

»Der Fürst!«

Die plötzlich rings umher eingetretene Stille wurde nur einzig durch das entfernte Geräusch der militairischen Lagerung und das Klirren der Waffen der Soldaten unterbrochen, die, dem Beispiel der Offiziere folgend, sich rings umher rasch erhoben hatten. Nur die Seressaner saßen noch um ihr Fäßchen und machten erstaunt und nicht wissend, was eigentlich vorging, nur langsam Anstalten, ihren Platz zu verlassen.

»Lieutenant Künsberg von Auersperg-Kürassieren?«

Der junge Mann salutirte - sicher herzlich wenig erfreut über das gute Gedächtniß dessen, der ihn anredete: »Zu Befehl, Durchlaucht!«

»Wie kommen Sie hierher? Ihr Regiment muß jenseits der Fischa stehen?«

»Durchlaucht halten zu Gnaden, ich überbrachte so eben Depeschen des Generalmajor Fürsten Liechtenstein in's Hauptquartier und habe Urlaub für diese Nacht.«

»Sie werden sofort zurückkehren und sich zu drei Tagen Arrest melden. Dem da,« er wies auf den Eindruck der Flintenkugel im Küraß, »mögen Sie es danken, daß Sie nicht kassirt werden.«

»Durchlaucht ... « stammelte der junge Offizier.

»Der Soldat hat zu gehorchen, Herr, nicht zu kritisiren! Dazu sind die Zeitungsschreiber in Wien gut. Ich liebe das unter meinen Offizieren nicht! Gehen Sie!«

Der Baron salutirte - der Feldmarschall erwiederte ernst, aber höflich, den Gruß. Dann hörte man die langsam sich entfernenden Schritte des Kürassierpferdes.

»Lassen Sie sich nicht stören, meine Herren, ich weiß, daß Sie Dienst genug gehabt haben. Wenn ich nicht irre, kommandirt General Karger hier?«

Einer der Offiziere trat einen Schritt vor. »Zu Befehl, Durchlaucht. Ich habe die Ehre, der Adjutant des Herrn Generalmajors zu sein. Befehlen Euer Durchlaucht, daß ich Dero

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Anwesenheit melde? Der Herr General befindet sich im Belvedere-Palais.«

»Nein, nein, vorläufig nicht. Wer kommandirt die Postenkette hier?«

»Hauptmann von Odelga! abwesend zur Revidirung der Posten.«

Der ruhige, ernste Blick des Feldmarschalls flog über die Gruppen und blieb auf dem jungen Jäger-Offizier haften, der den Arm in der Bande trug.

»Sie heißen?«

»Lieutenant Ziellach vom fünften Bataillon!«

»Ziellach? Sind Sie der Offizier, der mit Generalmajor Zeisberg die Barrikade an der Marxer Linie genommen?«

Der Offizier verbeugte sich.

»Ich gratulire, Herr Capitain-Lieutenant! Ihre Freiwilligen sollen nicht vergessen werden.«

Der junge Offizier, von der freudigen Gluth männlichen Stolzes übergossen, verbeugte sich nochmals. »Darf ich Euer Durchlaucht mir zu bemerken erlauben, daß die Ehre uns nicht allein gebührt. Wir wurden tapfer von Jenen dort unterstützt.«

Seine Hand wies leicht hinüber nach der Gruppe der Rothmäntel.

»Ah - die Seressaner! Ich habe die Rapports erst flüchtig gelesen, aber ich erinnere mich! Das also sind die Zwölf?«

»General Zeisberg hat sie beschenkt und läßt sie auf seine Kosten bewirthen. Er verdankt ihnen das Leben!«

Der Fürst trat einige Schritte näher zu der Gruppe der wilden Gestalten, die jetzt, von der Nähe des gefürchteten Oberfeldherrn unterrichtet, in demüthiger Haltung neben einander standen, von Zeit zu Zeit einen scheuen und neugierigen Blick auf den einfachen, militairischen Anzug werfend, den sie sich mit seiner Stellung als der Oberste nach dem Kaiser gar nicht zusammenreihen konnten.

Die häßliche Fratze des Alten mit der frischen Narbe im Gesicht fiel dem Fürsten auf, als er die rauhen, wilden Gestalten eine nach der Andern musterte. Er hob lächelnd und drohend den Finger.

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»Ich sehe, Euer General hat für Euch gesorgt, Kinder - ich hoffe, daß das Getränk gut ist, sonst müßte ich selbst danach sehen, daß solche wackeren Burschen nicht Noth leiden!«

»Brennt wie Feuer, hochwohlgeborener Herr General-Feldmarschall, und läuft sich durch die Kehle wie Milch süßigte,« schmunzelte der alte Boghitschewitsch. »Belieben Euer Hochwohlgeboren Gnaden zu kosten? Marina, bring ein Glas, frisches!«

Der Fürst lachte. »Ich danke, ich danke, mein Freund - laß es gut sein!«

»Halten Euer Hochwohlgeboren zu Gnaden, giebt es nix Besseres für den Nebel und - wär's halt nit Mal erstigte, daß Euer Hochwohlgeboren Gnaden nähmen Schluck von dem alten Boghitschewitsch!«

Der Feldmarschall war, auf seinen Säbel gestützt, vor dem alten verwitterten Burschen stehen geblieben, der wohl noch älter war, als er selbst, und noch immer betrachtete er aufmerksam und nachdenkend sein Gesicht.

»Wenn die Narbe nicht wäre - und vielleicht die Schrift der Jahre - meint' ich, ich müßte Dich kennen!«

Der alte Rothmantel grins'te vergnügt. »Der hochwohlgeborne General hat ein Gedächtniß sehr gutes - aber der Boghitschewitsch hat halt noch beßrigtes.« Er faßte die Medaille auf seinem schmierigen Rock. »Tessék!18 hab ich den wohlgebornen Herrn Hauptmann doch herausgehauen in Frankreich, wo ich gekriegt Kaisers Medaille da!«

»Wahr, alter Bursche, wahr! Jetzt kenn' ich Dich und danke Dir! Gieb mir die Hand!«

Der alte Seressaner wand und drehte sich verlegen wie ein junges Mädchen. »Ist so schmutzig, Gnaden General - schickt sich nicht für armen Kerl, wie ich.«

Der Fürst hielt ihm lächelnd noch immer die Hand hin. »Keine Umstände, Mann! und dann laß mich Deinen Branntwein kosten! Es hat mir kein Wein an der kaiserlichen Tafel so gut wieder gemundet, als damals der Trunk aus Deiner Feldflasche nach der Höllenarbeit von Barcis-sur-Aube!«

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Das jüngste der Seressaner Mädchen, die Kumria, stand bereits hinter ihm, auf dem Blechteller ein Glas mit rothem Wein und ein anderes mit Slibovitza gefüllt, und knixte, wie sie es von den Deutschen gesehen; aber die alte Hexe, ihre Großmutter, zog sie bei den langen Zöpfen zurück und bedrohte sie, trotz allen Respekts vor der Durchlaucht, mit der langen eisernen Gabel, die sie als ihr Scepter an den Pfannen schwang.

»Schau mir einer den Balg! weißt nix, wie man spricht mit vornehmigten Herren und bist nit dabei gewesen, wie die Großmutter Deinigte mit dem Boghitschewitsch in Frankreich. War ein schmuckes Weibel damals noch, Excellenz Gnaden General, und hab dem Herrn geschmort mehr als einen Kollacz.«

»Aber heute nicht mehr, Alte,« sagte heiter der Fürst. »Unsere Zeit ist vorbei und die Jugend an der Reihe. Dies für Dich!« Er nahm das Glas Slibovitza von dem Teller der jungen Seressanerin und warf zwei Dukaten darauf! »Auf Deine Gesundheit, alter Kamerad, und daß Du noch lange Dein Zivio! rufst!«

Die Seressaner klatschten in die Hände und lachten, als sie den eigenen Schlachtruf aus dem Munde des Feldherrn hörten, und nur der Respekt hinderte sie, sich noch lauteren Aeußerungen kindischer Freude hinzugeben.

Der Fürst machte dem kurzen Intermezzo ein Ende. »Der Kaiser bewilligt Dir die goldene Medaille, mein Alter, statt Deiner silbernen,« sagte er wieder ernster. »Du wirst diese dem Deiner Kameraden geben, der das Beste bei dem Sturm der Barrikade gethan!«

»Euer Gnaden Hochwohlgeboren,« sagte der Seressaner, »weiß ich keinen, der gethan Besseres, als der Bursch da!«

Er winkte seinen Kameraden zurückzutreten, und der Fürst sah erstaunt, halb noch von dem rothen Mantel umhüllt, einen Knaben auf der Erde sitzen, der eben so verwundert um sich schaute und sich noch halb schlaftrunken die Augen rieb.

»Wird sich werden ein guter Soldat, Hochwohlgeborene Gnaden,« sagte der Seressaner, wohlgefällig den Knaben auf den Kopf tätschelnd. »Hat sich erschossen er ganz allein drei von des Kaisers verflüchtigen Feinden und dabei den Hund, der gerade gezielt auf

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Excellenz General. Steh' auf, Söhnechen, fürcht Dich nit und präsentir' Dich Seiner Gnaden, dem fürstlichen Herrn!«

Der Knabe sprang rasch empor, alle Schlaftrunkenheit war im Nu verschwunden.

Obschon er den Feldmarschall nur in der Ferne gesehen hatte, erkannte er aus der Ehrerbietung, die alle dem Mann in der einfachen Interims-Uniform zollten, und den leise geflüsterten Worten, daß er vor diesem selbst stand.

Es war ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren mit frischem, aufgewecktem Gesicht. Die dunkelblauen Augen unter der freien Stirn, die bereits feste, edle Form seiner Züge sprachen eine Entschlossenheit und ein Selbstvertrauen über seine Jahre hinaus aus. Er trug den einfachen, schwarzen Uniformsrock der preußischen Kadetten, und hielt das Mützchen mit der schwarz-weißen Kokarde bescheiden in der Hand.

»Potztausend,« sagte verwundert der Fürst, »das ist ja eine preußische Uniform! Wie kommt die unter meine Rothmäntel? Oder ist das vielleicht die versprochene Hilfsarmee der Berliner Demokraten?«19

Das Gesicht des Knaben färbte sich mit der Röthe der Scham und des Unwillens. »Ich bin kein Demokrat, Herr Feldmarschall,« sagte er trotzig.

»Und wer sind wir denn?«

»Ich bin ein Preuße.«

»Das seh' ich. Wenn ich nicht irre, ist das die Uniform der preußischen Kadetten. Wie heißen Sie?«

»Otto von Röbel!«

»Sind Sie Kadett?«

Der Knabe zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte er entschlossen: »Es ist die Uniform meines Bruders, als er im Kadettenhause war.«

»Wie kommen Sie also dahinein und hierher?«

»Ich will als Freiwilliger gegen die Rebellen dienen!«

»Was soll das heißen?«

»Die Revolutionaire in Berlin haben meinen ältesten Bruder

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erschossen, der Offizier war, am 18. März. An seiner Leiche hat mich mein Vater zum Kämpfer des Königthums von Gottes Gnaden und zum Feinde der Revolution geweiht.«

»Ihr Herr Vater kann doch nicht so thöricht gewesen sein, ein Kind in den Bürgerkrieg eines fremden Landes zu schicken?«

»Mein Vater weiß nicht, daß ich hier bin.«

»So sind Sie entlaufen?«

»Ja - von der Schule!«

Das Geständniß war so naiv, daß der alte Krieger unwillkürlich lächeln mußte.

»Durchlaucht,« sagte der Knabe treuherzig, »schicken Sie mich nicht fort, bis Sie Wien dem Kaiser erobert haben. Ich bin zwar noch sehr jung, aber ich treffe ganz gut mit meiner Flinte. Ich habe es einmal im Stillen geschworen, wo ich höre, daß die schändlichen Demokraten sich gegen ihren König empört haben, den treuen Soldaten beizustehen, und bei uns haben die Spießbürger keine Courage mehr, seit der alte Wrangel die Sache in die Hand genommen. Da bin ich Ihnen zu Hilfe gekommen. Ein Röbel muß sein Wort halten.«

Das Gesicht des Fürsten verzog sich zu einem freundlichen Lächeln. »Du hast ein braves Herz, mein Kind,« sagte er - »aber Dein Vater und Deine Mutter werden sich um Dich ängstigen. Es ist meine Pflicht, Deine Uebereilung wieder gut zu machen. Ich werde Befehl geben, daß Du sicher nach Berlin zurückgelangst.«

Dem Knaben standen die Thränen in den Augen. »O, gnädiger Herr, Sie behandeln mich wie ein Kind und ich möchte doch so gern ein Soldat sein!«

»Und Du wirst es werden, mein Sohn, Du hast ganz das Zeug dazu, ich wünsche Deinem edlen König viel solcher Reiser, wie Du, dann wird er nicht mehr Berlin zu verlassen brauchen. Capitain-Lieutenant Ziellach, wissen Sie Etwas von dem jungen Menschen?«

Der Jägeroffizier trat vor. »Zu Eurer Durchlaucht Befehl. Es ist richtig, was der Seressaner gesagt, er war mit bei dem Kampf um die Barrikade, und ich sah ihn vorspringen und seine Flinte einem Legionair in's Gesicht schießen, der eben auf General

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Zeisberg angelegt. Se. Excellenz hat versprochen, weiter für den Burschen zu sorgen und ihn auf sein Bitten den Seressanern anvertraut, mit denen er gefochten.«

»Dann ist es etwas Andres und ich will Zeisberg nicht vorgreifen. Sie mögen bei uns bleiben, junger Mensch; wenn es Ihr Wunsch ist, werde ich, sobald wir in der Stadt sind, sorgen, daß Sie in die Militair-Akademie eintreten können.«

»Ich bin ein Preuße und kann nur preußischer Soldat werden.«

»Das ist brav. Dann mögen Sie von Wien zurückkehren. Sind Sie mit Geld versehen?«

Die Thränen in den Augen des Knaben waren so rasch verschwunden, als sie gekommen, und er holte aus seiner Rocktasche eine kleine blecherne Sparbüchse, die er munter schüttelte. »Ich habe noch fünfundzwanzig blanke Thaler und zwei Goldstücke,« sagte er hastig.

»Ei, das ist mehr, als mancher Bataillons-Commandeur in diesem Augenblick im Beutel hat. Das Silber ist bei uns ziemlich rar! - Adieu, mein Kleiner, und melden Sie sich vor Ihrer Rückkehr noch bei mir - ich habe Ihnen einen Gruß an Ihren Herrn Vater mitzugeben, der so wackere Söhne hat. - Haben die Wiener Sie während der Schlacht auf dieser Seite belästigt?«

»Die Geschütze am Kärnthner Thorwall haben wiederholt gefeuert - von den Barrikaden der Favoritenstraße ist mehrfach auf unsern Posten geschossen worden.«

»Das muß bestraft werden. Benachrichtigen Sie General Karger, daß ich ihn zu sprechen wünsche.«

Der Adjutant entfernte sich eilig in der Richtung nach dem Belvedere. Der Feldmarschall nahm auf einem Feldstuhl am Feuer Platz und wärmte Hände und Füße an der lodernden Flamme, während die Offiziere ehrerbietig um ihn her standen.

»Die Rebellen haben doch keinen Ausfall versucht?«

»Man begnügte sich mit dem Feuern.«

»Keine Ueberlaufer mit Nachrichten aus der Stadt?«

»Nein, Durchlaucht, die Posten hatten Befehl, nur Frauen und Kinder durchzulassen und alle Männer zurückzuweisen. Nur ein Gefangener ... «

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»Was?«

»Zwei Personen, in der Kleidung von Landleuten, versuchten sich am Vormittag im Nebel durch die Posten zu schleichen. Die eine wurde ergriffen - die andere, wahrscheinlich ein Bauer, der als Führer diente, entkam. Der Gefangene scheint ein Ungar zu sein, wie er behauptet, ein Bauer von jenseits der Leitha, der vor zehn Tagen Korn nach Wien gebracht haben und dort mit seinem Knecht zurückgehalten sein will.«

»Was ist mit ihm geschehen?«

»Man hat ihn einstweilen dort in die Eremitage gesperrt, damit der Bursche keine Nachrichten zum Feinde bringen konnte.«

Ein Offizier trat in den Kreis und blieb vor dem Fürsten salutirend stehen.

»Offizier der Feldwache!«

»Ihr Name?«

»Hauptmann Odelga.«

»Wo stehen Ihre letzten Posten?«

»An der Karlskirche!«

»Alles in Ordnung?«

»Zu Befehl, Durchlaucht - doch,« er trat einen Schritt vor, »ich habe eine besondere Meldung zu machen.«

»Treten Sie zurück, meine Herren,« sagte der Oberbefehlshaber mit einer bezeichnenden Handbewegung. »Jetzt sprechen Sie!«

»Bei dem Posten am Ende der Heugasse hat sich ein Mann gemeldet, der den kommandirenden General im Geheimen zu sprechen verlangt. Ich kam dazu und habe ihn hierher gebracht.«

»Wo ist er?«

»Er befindet sich dort unten in Bewachung meines begleitenden Offiziers. Er fragt nach dem Banus oder General Zeisberg, und hat mir dies Zeichen ausgehändigt.«

Der Offizier übergab einen alten Kronenthaler, der an zwei Stellen, wie zum Durchziehen einer Schnur, durchbohrt war.

Der Fürst nahm das Geldstück und versuchte unter dem alten burgundischen Kreuz die Jahreszahl zu erkennen.

»Das Feuer ist zu entfernt - Ihre Augen sind jünger als die meinen. Sehen Sie zu, von wann das Gepräge?«

»1712!«

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»Gut - so ist es einer unserer Freunde in Wien - nach dem Zeichen einer der thätigsten.« Er sah umher. »Ich will den Mann selbst sprechen. Lassen Sie ihn hierher kommen - es bedarf keiner Heimlichkeiten weiter, denn morgen ist auf jeden Fall Wien in unseren Händen.«

Der Hauptmann verbeugte und entfernte sich. Der Feldmarschall wandte sich nach den Gruppen der Offiziere. »Ich muß Sie bitten, meine Herren, mir noch einen Augenblick Ihren Platz zu überlassen, ich werde Sie nicht lange stören, denn ich weiß, wie nöthig die Ruhe braven Soldaten ist.«

Das früher so muntere Gewühl hatte sich auf zwanzig, dreißig Schritt in den Schatten der Bäume zurückgezogen - dort standen die Offiziere und Soldaten in Gruppen und wagten nur sich flüsternd zu unterhalten.

Der Capitain kehrte jetzt zurück, in seiner Begleitung befand sich ein Fremder. Der Mann war tief in den Mantel gehüllt, den er bis über die untere Hälfte des Gesichts gezogen - ein Hut mit breiter Krempe, in Art der Bauernhüte, verdeckte den obern Theil, den eine Brille noch unkenntlicher machte.

»Durchlaucht, hier ist der Mann.«

»Treten Sie zurück, Herr von Odelga, ich werde Sie rufen, wenn es nöthig ist.«

»Durchlaucht ... ,« sagte zaudernd der Offizier.

»Was soll's?«

Der Fremde hatte sich mit der Sicherheit eines Mannes von Welt vor dem Fürsten verneigt und wandte sich jetzt spöttisch zu dem Offizier. »Wenn Sie fürchten, daß ich Waffen bei mir habe, so bitte ich, mich zu untersuchen.«

»Thorheit, Odelga, lassen Sie mich mit dem Herrn allein.«

Der Fürst betrachtete mit festem Blick einige Momente den Fremden. Sein Gesicht hatte wieder all' die starre Ruhe gewonnen, die der Auftritt mit dem Knaben einem freundlichern Ausdruck hatte Platz machen lassen.

»Nach dem Zeichen, das mir zugestellt worden, sind Sie einer der Unseren und haben uns bereits einige Dienste geleistet. Ihr Name?«

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»Entschuldigen mich Durchlaucht, ich wünsche ihn vorläufig nicht zu nennen.«

»Wie Sie wollen. Sie scheinen den Vortheil zu haben, daß Sie mich kennen, aber ich nicht Sie. Was bringen Sie?«

»Euer Durchlaucht werden sich erinnern, daß General Zeisberg seit acht Tagen drei Mal ausführliche Berichte über die Vorgänge in Wien und in der Nacht zum Sonnabend den Plan der Barrikaden und die genaue Disposition der Streitkräfte der Rebellen erhalten hat!«

»Unter welcher Chiffre?«

»G. T. mit zwei Kreuzen.«

»Es ist richtig - ich wußte, daß General Zeisberg einen trefflichen Spion in Wien hatte.«

»Es kommt Nichts auf den Namen an, Durchlaucht. Sie werden sich überzeugen, daß, was ich gethan, nicht um Gewinn, sondern aus Patriotismus geschehen ist, wie sehr meine Stellung in Wien mich und meine Gesinnungsgenossen auch verdächtigen mag.«

»Jene Berichte sind von Ihnen?«

»Ja, Durchlaucht. Ich bin mit der Deputation aus der Stadt gekommen, die Sie in Hetzendorf erwartet.« »Wie will man den schändlichen Treubruch entschuldigen?«

»Man wird es versuchen mit der Macht der Radikalen, und die besten Versprechungen geben. Aber man wird morgen Ihre Truppen wie heute mit Kartätschenschüssen empfangen.«

»Können Sie mir berichten, was heute in der Stadt vorgegangen? - Ich habe die Unterschrift des Commandirenden unter der Capitulation, die man so schändlich gebrochen hat.«

Der Fremde lachte spöttisch. »Ein Blatt im Wind - Messenhauser ist ein willenloses Werkzeug in den Händen der Radikalen. Man hat ihn mit der Pistole auf der Brust gezwungen, abzudanken.«

»Wann? - Vor oder nach dem Bruch der Capitulation?«

»Nach demselben.«

»Das ist sein Todesurtheil! - Berichten Sie.«

»Eure Durchlaucht wissen, daß trotz des Widerspruches der Aula und der Mobilen die Waffenablieferungen der Capitulation gemäß gestern begonnen haben. Sie dauerten heute Morgen noch

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fort. Aber schon während der Nacht war dem Club im Igel die Nachricht zugegangen, daß die Ungarn am Morgen angreifen würden, und die Führer drangen darauf, die Ablieferung der Waffen einzustellen und durch einen Ausfall die Ungarn zu unterstützen.«

Der Fürst zuckte die Achseln. »Schade, daß es nicht geschehen ist! Es hätte die Sache mit einem Schlage beendet.«

»Pulszky und die ungarischen Agenten sorgten dafür, daß die Mobilen und die Legionaire von vorn herein die Abgabe ihrer Waffen verweigerten, Messenhauser befand sich während des ganzen Vormittags auf dem Thurm, um den Gang des Treffens zu beobachten. Der Centralausschuß der demokratischen Vereine im Igel20 beschloß seine Absetzung.«

»Ich habe von dem Nest gehört. Bezeichnen Sie die Führer näher.«

»Fröbel und Blum, die Reichstagsdeputirten, Doctor Becher und Jellinek, Hank, der Commandeur des Elite-Corps, Fenneberg mit seinem Weibe, Schütte, der auf den Kopf Eurer Durchlaucht einen Preis von hundert Dukaten gesetzt hat, Pulszky und der Graf Batthiányi.«

»Sie vergessen Einen!«

»Der wäre?«

»Einen der Führer der Legion - den Doctor Lazare. Er wird als einer der gefährlichsten bezeichnet.«

»Ich sehe, Euer Durchlaucht sind vortrefflich unterrichtet.« In dem Ton der Worte lag ein leiser Spott.

»Weiter! Wir haben bemerkt, daß vom Stephansthurn Raketen und andere Signale mit dem Feinde gewechselt wurden. Von wem ging das aus?«

»Messenhauser selbst leitete die Sache. Er wollte anfangs Widerstand leisten, aber die Drohungen der Führer, die sich oben versammelt, machten ihn bald andern Sinnes. Man forderte mit der Pistole in der Hand den Wiederbeginn des Kampfes oder seine Abdankung. Der Nebel verhinderte, den Gang der Schlacht zu erkennen. Um eilf Uhr warf der Ober-Commandant einen

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Zettel vom Thurm, der sofort gedruckt und verbreitet wurde. Hier ist ein Exemplar. Er gab die erste Gewißheit von dem Angriff der Ungarn, an dem noch Viele zweifelten.«

Der Fürst nahm das verhängnißvolle Papier und las es.

»Der Centralausschuß hatte seine Mittel in Bereitschaft - die voraus gedruckten Plakate wurden überall angeschlagen und forderten zur Bewaffnung und zum Kampf auf; Haufen bewaffneter Arbeiter und toller Weiber durchtobten die Straßen, die Gerüchte jagten sich. Um ein Uhr und eine Stunde später kamen weitere Nachrichten vom Thurm in die Druckerei; - hier sind sie! Messenhauser selbst fordert darin zur Wiederbewaffnung auf; der letzte Zettel um 3\frac12 Uhr befahl, alle frühere Stellungen und Posten wieder zu besetzen und Reserven bereit zu halten. In Folge dessen hat das Feuer auf die Truppen wieder begonnen. Abeles sollte von den Wieden aus einen Angriff gegen Ihre Stellung leiten - aber die Führer der Vorstadtgarden weigerten sich. Dann kam die Gewißheit der Niederlage der Ungarn und Herr Messenhauser verlor die Courage.«

»Man hat noch am späten Abend Feuer-Signale vom Thurm gesehen.«

»Sie waren auf die Täuschung der Bevölkerung berechnet. Um sechs Uhr wurde Messenhauser gezwungen, abzudanken. Hauck mit seinen wilden Compagnieen hatte den Thurm besetzt und drohte Alles zu ermorden - der ganze Platz war von den Mobilen bedeckt, Becher und Löbenstein setzten ihm das Bajonnet auf die Brust und drohten ihn vom Thurm zu werfen, wenn er sich weigerte. Er dankte ab, Fenneberg wurde zum Ober-Commandanten proclamirt und gab sofort die Befehle zum Kampf auf morgen.«

»Aber die Deputation, die so eben im Hauptquartier war - wenn ich nicht irre, ein Doctor Kubenik darunter - hat erklärt, daß sie im Namen des Gemeinderaths und Messenhausers käme.«

»Er hat eine Stunde darauf das Commando wieder übernommen, da die Bürger die Herrschaft des Pöbels unter Fenneberg fürchten. Die größte Verwirrung herrscht in der Stadt, aber die Radikalen sind zum äußersten Widerstand entschlossen und

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halten die Thore besetzt. Der Pöbel mißhandelt Jeden, der von Uebergabe spricht. Man wird morgen neue Unterhandlungen anknüpfen lassen und den Truppen scheinbar das Rothe Thurm-Thor und das Stuben-Thor öffnen, aber bei dem Einmarsch in den engen Straßen über sie herfallen und einen Kampf auf Leben und Tod wagen. Zugleich wird die Hofburg angezündet und mit allen Kunstschätzen zerstört werden - die kaiserliche Gruft wird demolirt und an die öffentlichen Gebäude Feuer gelegt.«

»Das ist schändlich - abscheulich! Das darf nicht geschehen! Ich kann es nicht glauben - Sie übertreiben.«

»Ich habe Euer Durchlaucht als Ohrenzeuge die Beschlüsse gemeldet, die von dem Comité im Igel gefaßt worden sind. Euer Durchlaucht sind gewarnt.«

Der Fürst sann einen Augenblick nach. »Wissen Sie ein Mittel, um dieses Unglück und solche Schmach zu verhüten?« fragte er. »Ich gebe Ihnen mein fürstliches Wort, daß Sie mich zu jedem Dank bereit finden sollen.«

»Ich verlange Nichts, als daß Euer Durchlaucht anerkennen, daß ich - was ich thue - aus Liebe für das kaiserliche Haus und die gute Sache gethan. Wenn der Schein gegen mich ist und ich meine patriotische Thätigkeit im Schleier des Geheimnisses verbergen muß, so habe ich wichtige Gründe dafür.«

»Sei[e]n Sie dessen versichert - wer Sie auch sein mögen, ich werde es anerkennen und Sie dürfen auf meinen Schutz rechnen, wann und wo Sie ihn in Anspruch nehmen. Jetzt reden Sie.«

»Ich rathe Euer Durchlaucht, zwar die Truppen vor den anderen Thoren zum Einmarsch bereit zu halten, aber das Kärnthner Thor und das kleine Burgthor als den Angriffspunkt zu wählen. Das Letztere wird am schwächsten besetzt sein, da man glaubt, hier der Burg wegen vor einer Beschießung sicher zu sein. Die Truppen müssen zum schleunigen Angriff fertig sein, während man sie unbesorgt glaubt.«

»Der Wink ist gut. Jetzt noch Eins. Haben Sie Gelegenheit, die in meinem Erlaß an die Wiener bezeichneten Verräther und Führer dieser schändlichen Rebellion in meine Hände zu liefern?«

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»Ich werde sie wenigstens nach Kräften überwachen, aber es sind nicht mehr Alle in der Stadt.«

»Wie? - Bem?«

»Ich sah ihn noch vor zwei Stunden. Auch die Deutschen sind noch da, sie glauben sich unverletzlich in ihrer Eigenschaft als Deputirte des Frankfurter Parlaments.«

»Der Teufel hole den demokratischen Firlefanz - ich werde diesem Herrn Blum und Consorten zeigen, was ich von ihrem Parlament halte.«

»Doctor Schütte hat ein Versteck gefunden, oder ist bereits entkommen - ich habe seit mehreren Stunden den Schwätzer nicht gesehen.«

»Mag er zum Henker gehen. Aber Pulszky - er ist die Seele von Allem!«

»Der Staatssecretair, Durchlaucht, hat heute Vormittag schon Wien verkleidet verlassen, um sich zur ungarischen Armee zu begeben.«

Der Feldmarschall erhob sich rasch. »Das ist nicht möglich - Wien ist rings von meinen Truppen cernirt.«

»Dennoch muß es ihm gelungen sein, denn er ist mit seinem Begleiter, dem Grafen Stephan Batthiányi, der eben so gefährlich oder noch gefährlicher ist, wie er selbst, nicht nach der Stkdt zurückgekehrt.«

»Und Sie sagen, daß Pulszky verkleidet versucht hat, durch die Cernirungslinie zu entkommen?«

»Ja, Durchlaucht, ich sah ihn selbst am Kärnthner Thor. Er trug Hut, Rock und Peitsche eines Bauern aus der Leitha-Gegend!«

»Dann haben wir ihn! Hauptmann Odelga!«

Der Offizier trat auf den Ruf sofort näher.

»Lassen Sie sogleich den Gefangenen aus dem Pavillon hierher bringen. - Ah, da sind Sie ja! gut, daß Sie kommen, ich habe mit Ihnen zu reden.«

Die Worte galten den Generalen Krieger und Karger und Feldmarschall-Lieutenant Hartlieb, die eiligst mit ihrer Begleitung vom Belvedere her kamen, nachdem sie die Anwesenheit des Feldmarschalls erfahren hatten.

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»Einen Augenblick, mein Herr, ich bin noch nicht fertig mit Ihnen. Kommen Sie hierher, meine Herren.«

Die Generale traten dem Oberstkommandirenden näher.

»Die Nachrichten, die ich so eben empfangen und die unzweifelhaft richtig sind, machen eine andre Disposition nöthig, Sie, Herr Feldmarschall-Lieutenant, werden bei Anbruch des Tages Ihre linke Flanke gegen die Wieden ausdehnen und die Uebergänge über den Wienfluß besetzen, die Brigade Jablonowski nimmt die Belvedere-, Favoriten- und Matzleindorfer Linie, die Brigade Colloredo die Gumpendorfer und Hundsthurmer Linie. Das Hauptquartier wird auf die Straße nach Himberg, an der Favoriten-Linie, verlegt, dahin senden Sie alle Meldungen. Um zehn Uhr rücken Sie in die Vorstädte ein und gehen langsam bis zum Glacis mit den Avantgarden vor. Gegen das Burgthor und Kärnthner Thor werden in der Stille starke Sturm-Colonnen gebildet, die aber in den Seitenstraßen zurückgehalten werden müssen und von den Wällen aus nicht gesehen werden dürfen. Ebenso postiren Sie die Artillerie verdeckt, aber zur augenblicklichen Verwendung bereit, hinter die Ingenieurschule oder die Stallungen Zwölfpfünder. Die Vorstädte werden möglichst in aller Ruhe entwaffnet, sobald es gelungen, die Posten bis an das Glacis vorzuschieben, darf Niemand aus den Vorstädten mehr nach der Stadt gelassen werden.«

Die Generale verbeugten sich.

»Um zwölf Uhr erwarte ich Sie im Hauptquartier, meine Herren. Sorgen Sie dafür, daß die Truppen bis morgen früh acht Uhr möglichste Ruhe haben, sie sind erschöpft und es ist möglich, daß es morgen noch harte Arbeit giebt. Ah - da kommt der Herr Unterstaatssecretair.«

Der feste Tritt eines Commando's ließ sich hören, zwölf Mann unter Begleitung des Lieutenants der Feldwache führten den Gefangenen herbei, der stolz und aufrecht in ihrer Mitte ging.

Der Gefangene trug, wie der Spion angegeben, den Rock der Landleute an der ungarischen Grenze und den breitkrämpigen, das Gesicht verdeckenden Hut. Seine Hände waren auf den Rücken gebunden - aber seine Haltung, wie gesagt, fest und

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ruhig. Die Wache führte ihn bis vier Schritt vor der Gruppe der Generale und ließ ihn dort Halt machen.

»Sie sind heute Morgen ergriffen worden, als Sie sich durch die Vorposten der kaiserlichen Armee schleichen wollten?« fragte der Fürst mit ernstem Ton.

»Ich war auf dem Weg nach meiner Heimath - ich kenne kein Verbot, mich dahin zu begeben oder Wien zu verlassen.«

»Wien ist im Belagerungszustand. Sie sind ein Ungar?«

»Ja!«

»Ihr Name?«

Der Gefangene schwieg.

»Ich bin der Oberstkommandirende, Fürst Windischgrätz, und weiß, daß Sie kein Landmann und diese Kleider nur Maske sind.«

»Ich habe die Ehre, Eure Durchlaucht zu kennen.«

»Ich glaube, in dem gleichen Fall mit Ihnen zu sein. Sie sind der ehemalige Unterstaatssecretair des Königreichs Ungarn, Herr von Pulszky?«

»Euer Durchlaucht irren sich!«

»Nehmen Sie dem Herrn den Hut ab.«

Der Lieutenant erfüllte den Befehl - man sah ein edles, kühnes, noch jugendliches Gesicht von echt magyarischem Schnitt.

Ein leiser Ruf des Erstaunens ließ sich aus der Menge hören, die sich bei dem Verhör nach und nach wieder näher gedrängt.

»Das ist nicht Herr von Pulszky,« sagte der Fürst verdrießlich, »dieser Mann ist mindestens zehn Jahre jünger.«

»Ich habe es Euer Durchlaucht gesagt.«

»Aber Sie sind eben so wenig ein Bauer, für den Sie sich ausgeben. Ihren Namen, Herr!«

»Dieser Herr scheint das Gedächtniß verloren zu haben, aber ich kann ihm zu Hilfe kommen,« sagte eine helle, schneidende Stimme hinter dem Gefangenen. »Es ist der Graf Stephan Batthiányi, der Neffe und Bote des Anführers der ungarischen Rebellion und selbst ein Führer der wiener Rebellen bei dem Sturm der Zeughäuser in der Nacht zum Siebenten.«

Die Blicke der Versammlung hatten sich auf den Sprecher

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gewendet, es war der verhüllte Fremde, der außer dem Lichtkreis des Feuers im Schatten stand.

Auch der Graf - denn es war in der That der Geliebte der schönen Gräfin Apponyi - hatte sich umgedreht und warf auf den Spion einen scharfen, verächtlichen Blick. Die Stimme desselben hatte ihn wie bekannt berührt, aber der Schein des Feuers war zu gering, die Vermummung zu dicht, als daß er ihn zu erkennen vermocht hatte.

»Sind Sie die Person, als welche man Sie so bezeichnet hat?«

»Euer Durchlaucht haben es gehört!«

»So war Ihr Gefährte bei der Flucht aus der Stadt, den man so unvorsichtig hat entkommen lassen, der Verräther Pulszky?«

Der Graf schwieg.

»Verdammt! Das thut mir leid, daß er entwischt. Ich hoffe jedoch, er wird nachträglich Ihr Schicksal theilen.«

»Durchlaucht,« sagte der junge Graf mit fester Stimme, »ich bin Offizier der ungarischen Armee und als solcher Ihr Kriegsgefangener.«

»Sie irren, mein Herr. Ein Hochverräther hat keinen Anspruch auf die ehrlichen Rechte eines Soldaten.«

Der junge Mann verlor einen Augenblick lang die Farbe bei diesem strengen und ruhigen Ausspruch dessen, von dem er fühlte, daß er über sein Leben zu entscheiden hatte.

»Wenn Euer Durchlaucht meinen Anspruch als ungarischer Offizier nicht gelten lassen wollen,« sagte er endlich mit möglichster Fassung, »so kenne ich doch kein Gesetz, was mir als Privatmann verbietet, nach Wien zu gehen, oder es zu verlassen. Ich habe nie in der kaiserlichen Armee gedient.«

»Darüber zu entscheiden wird die Sache des Kriegsgerichts sein,« sprach der Feldmarschall kalt. »Ist dieser Herr bei seiner Verhaftung bewaffnet gewesen oder nicht?«

»Man hat ein Paar Doppelterzerole bei ihm gefunden,« berichtete der Offizier der Wache.

»Sie sehen, welches Schicksal Sie erwartet. Wien ist in Belagerungszustand, wer mit den Waffen in der Hand ergriffen wird, ist dem Standrecht verfallen. General Karger!«

»Euer Durchlaucht!«

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»Sie werden morgen früh acht Uhr ein Kriegsgericht versammeln und über diesen Herrn entscheiden. Das Urtheil des Gerichts muß zur Stelle vollstreckt werden, bevor Sie ausrücken.«

Der General verneigte sich.

»Adieu, mein Herr, und wenden Sie die kurze Frist, die Ihnen in diesem Leben noch übrig ist, dazu an, zu bereuen. - Führen Sie den Gefangenen zurück!«

Graf Stephan biß auf seine Lippe, um jedes Wort des Widerspruchs oder der Bitte zu unterdrücken, ein Blick auf das ruhig feste Gesicht belehrte ihn, daß es doch vergeblich sein würde.

In der Mitte seiner Wachen verließ er den Kreis.

Der Fürst sprach einige Augenblicke mit den Generalen, dann verabschiedete er sie.

»Wo ist der fremde Herr geblieben? Ich habe mit ihm noch zu sprechen!«

Der Fremde drängte sich durch die Umgebung. »Ich stehe zu Ihrem Befehl, Durchlaucht!« -

In den wenigen Augenblicken hatte jedoch ein inhaltschweres Zwischenspiel stattgefunden.

Als der junge Ungar von seiner Wache hinweg geführt wurde, folgte ihm der Fremde, bis sie aus der Umgebung des Fürsten gelangt waren. Dann trat er zu ihm. »Sie müssen doch wissen, Graf Stephan, wem Sie morgen den Strick verdanken,« sagte er höhnisch. »Der Schlag auf der Gumpendorfer Barrikade hat seine Revange.«

»Verräther - ich dachte es fast!«

Der Fremde ließ einen Augenblick den Kragen seines Mantels fallen, sein blasses Gesicht zeigte den Hohn eines Teufels, die bleichen Augen funkelten in hämischem Triumph.

»Viel Vergnügen, Herr Graf, mit der hänfenen Braut. Zum dritten Mal werden Sie mir nicht mehr in den Weg kommen!«

Eine Bewegung - ein Laut - aus dem nahen Buschwerk ließ den Spion schnell wieder den verhüllenden Mantel emporschlagen. »Wenn Sie dem Kebsmann noch eine Bestellung an Ihre Cousine, die Gräfin Martha, zu geben haben,« sagte er, »so eilen Sie sich. Sonst Gott befohlen. Das, Herr Graf, ist meine Art des Duells.«

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»Doppelter Schurke!«

Der Jude lachte höhnisch auf, drehte sich um und ging zu dem Kreis um das Feuer zurück.

Hinter der Taxushecke, die sie verborgen, traten zwei dunkele Gestalten hervor, der alte Mann in der Tyrolertracht mit der Bunda und der junge Slovak.

»Hast's g'schaut, Sohn?« fragte der Tyroler.

»Er war es, so wahr mir Gott helfe. Wenn sie 's drin in Wien wüßten, hingen sie ihn am ersten Laternenpfahl. - Vater Haspinger,« sagte der junge Mann nach kurzem Bedenken, »mir ist's schon lang' im Kopf umher gegangen, ob der da nicht bei dem Verschwinden der Nand'l die Hand im Spiel gehabt, jetzt glaub' ich den Schurken zu Allem fähig. Lassen Sie mich ihm folgen und ihn nicht aus den Augen verlieren!«

»Und der junge Graf?«

»Möge Gott ihm helfen in seiner letzten Stunde!«

»Pfui, Bursch! Es soll Keiner hinwerden wie a Dieb, der dem alten Haspinger geholfen in der Noth, wenn der es verhindern kann. Als der feine Herr uns an dem schlimmen Morgen aus den Händen von dem Ruechenvolk befreit, das der sirige Mensch af uns gehetzt und selber All's g'than, so a raschoniger Herr, das arme Maidli uns suchen zu helfen, hat er nit g'fragt, ob er sich a Feind g'macht in dem schlimmen Gesell. Hab's a gar gut geschaut, daß er nit leiden wollt, daß der Dörfer af mi schießen that mit dem Handbüchserl damals in der Nacht.«

»Was wollen Sie thun, Vater Haspinger? Die Gelegenheit kehrt mir vielleicht nie so wieder, ihn zu belauern!«

»'s ist recht - aber Einer von uns muß dem Herrn Hilf leisten, damit er a Freund hat in der Noth!«

Der junge Mann überlegte schnell, auf welcher Seite die größte Gefahr. Die Erinnerungen der Heimath kamen hinzu - als Knabe hatte er oft den jungen Grafen auf dem Schloß seines Herrn gesehen und ihm zum Spielgefährten gedient - damals - als er noch rein war.

»Hier können Sie nicht helfen, Vater Haspinger, Sie verstehen ihre Sprache nicht. Ich werde mein Leben daran setzen, ihn zu befreien, aber Sie müssen der Sache fremd bleiben.«

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»Bist a brave Haut,« sagte der alte Mann und drückte ihm die Hand, »unser Herrgott wird halt Dir a Beistand g'währen. Wann's g'lingt, sag' ihm, daß der alte Haspinger Di geschickt hat. I geh' dem Dörfer nach in de Stadt zurück.«

»Unmöglich, Vater! Sie könnten ohne mich ein Unglück haben. Bleiben Sie hier, bis ich den Versuch gemacht.«

»Plausch ka dumm Zeug, Bursch. Der alte Haspinger hat so manche Gams auf dem Hochg'birg beschlichen und is ka Schußbartl,21 wann es gilt, das Einz'ge zu suchen, was ihm lieb noch af der Welt. I komm' schon in die Stadt, ohne Dich! Gott wird mi schützen, und wann die Kaiserlichen morgen früh nach Wien kommen, findst mi wieder hinterm Stephan!«

Der Student sah, daß kein Widerspruch gelten würde, ohnehin drängte der Augenblick, wenn nicht beide Zwecke verloren gehen sollten. »So geh'n Sie mit Gott und thue Jeder das Seine. Sie haben die Parole der Soldaten gehört?«

»Latour vorwärts!«

»Richtig. Nehmen Sie meinen Hut statt des Ihren - er ist weniger auffällig. Wenn Sie glücklich über die Posten hinaus sind, wird es nicht schwer sein, in die Stadt zu kommen. Gott sei mit Ihnen; so bald als möglich folge ich Ihnen. Jetzt lassen Sie uns zusehen, ob unser Mann noch dort ist.«

Sie kehrten in die Nähe des Feuers zurück; ein Blick belehrte sie, daß der Fürst eben wieder mit dem Fremden sprach. - »Wie werden Sie in die Stadt zurückgelangen?«

»Sobald ich über Euer Durchlauch Vorposten hinaus bin, ist das ein Leichtes. Aus Wieden, Mariahilf und St. Ulrich flüchten fortwährend Personen in die Stadt, wo sie vor den Kroaten sicher zu sein glauben. Ich kommandire in diesem Augenblick selbst die Wache am Burgthor.«

»Wie haben Sie sich denn entfernen können?«

»In Begleitung der Deputation, die in's Hauptquartier gegangen ist. Es ist Nichts leichter, als einen Vorwand zu finden, in die Vorstädte zu gehen.«

»So gehören Sie also selbst zu den Führern?«

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»Es ist Zeit, mein Incognito zu enden. Ich glaube, Eure Durchlaucht werden sich jetzt überzeugt haben, daß man mich mit Unrecht beschuldigt hat, ein Feind der guten Sache zu sein. Unter der Maske eines solchen habe ich ihr gedient, und General Zeisberg, der bis jetzt meine Berichte empfing, wird für mich bürgen. Wenn ich Euer Durchlaucht nicht offen entgegen getreten bin, so geschah es nur, um nicht unnöthig unter so vielen Personen das Geheimniß preiszugeben.«

Er überreichte dem Fürsten eine Karte; der Feldmarschall machte eine unwillkürliche Bewegung des Staunens, als er den Namen las.

»Ich kann Ihnen nicht verhehlen, man hat Sie mir als eins der gefährlichsten Mitglieder der revolutionairen Partei bezeichnet, mein Herr!«

»Ich hoffe Euer Durchlaucht Meinung berichtigt zu haben und durch fernere Dienste zu berichtigen.«

»Sie sind, wie ich gehört, der Vertraute der Gräfin Törkyeny, einer durch ihre exaltirten Meinungen berüchtigten ungarischen Dame.«

»Die Wohnung der Gräfin ist der Sammelplatz der Leiter des Aufstandes. Sie selbst hat mich zu dem Zweck der Mittheilung an die kaiserlichen Truppen von allen Plänen der Revolution in Kenntniß erhalten. Die Gräfin, Durchlaucht, ist früher schwer in ihren Rechten gekränkt worden, aber sie wünscht Nichts mehr, als sich mit der Regierung zu versöhnen.«

Der Feldmarschall machte eine verächtliche Bewegung. »Treten Sie noch einen Augenblick zurück, mein Herr!«

Er besprach sich kurze Zeit mit den drei Generalen, dann winkte er dem Fremden, wieder näher zu kommen.

»Ich habe mich entschlossen, Ihnen zu trauen und Sie zu entlassen. Sie sollen Schutz und Vergessen des Vorgefallenen genießen und belohnt werden; - merken Sie sich jedoch, daß ich Sie und Ihre Freunde zu finden wissen werde, wenn hinter Ihren Diensten ein Verrath lauert, denn - ich liebe die Verräther nicht! Hauptmann Odelga!«

Der Offizier trat vor.

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»Geleiten Sie diesen Herrn über die Posten bis zu der Stelle, wo Sie ihn getroffen!«

Er nickte stolz mit dem Kopf, der Spion machte eine tiefe Verbeugung und folgte dem Offizier.

Sie kamen dicht an den beiden Männern vorüber, die bereits wie der Schweißhund auf seiner Fährte waren.

Der alte Tyroler hatte die Guba über seine Jacke gezogen und den breiten Ledergurt abgelegt. Da er bereits hohe Stiefeln trug, die bis an die Kniehosen reichten, statt der früheren Schuhe, und den breitrandigen Hut des Slovaken aufgesetzt hatte, so setzte ihn seine Kleidung weniger der Aufmerksamkeit aus.

Der alte Mann drückte dem ehemaligen Studenten die Hand. »Behüt' Di Gott! am Stephan treffen wir uns halt wieder!«

Er verlor sich zwischen den Gruppen.

Der Fürst war wieder zu Pferde gestiegen; er verbot den Generalen, die nach den ihren sandten, ihn zu begleiten, da seine Adjutanten am Ausgang der Heugasse ihn erwarteten, und nickte freundlich der alten Marketenderin zu. »Auf Wiedersehn, Mütterchen, in Wien! und haltet Mannszucht morgen, Kinder, - um Eure Tapferkeit bin ich nicht besorgt! Gott befohlen!«

Ein donnerndes »Es lebe der Kaiser!« begleitete, trotz der Abwehr, den Feldherrn. -


Es war zwei Stunden nach den Scenen, die wir so eben beschrieben haben.

Um die Wachtfeuer her lagerten, in ihre Decken und Mäntel gehüllt, die vorhin so lebendigen Gruppen in tiefem Schlaf. Für so Manchen sollte er doch der letzte sein!

Auch die alte Bosniakin, die den Marketenderdienst bei dem Grenzer-Regiment verwaltete, lag neben dem halb erloschenen Feuer in ihren langen zottigen Wollenmantel gehüllt, bereit, beim ersten Ton der Neveille wieder munter und an der Arbeit zu sein, ihren >Kindern<, wie sie die Soldaten nannte, etwas Warmes zur Stärkung gegen die kalten Morgennebel und die Kugeln der Wiener zu kochen, und ihr lautes Schnarchen verkündete den festen Schlaf.

Die Nachtnebel schwebten über dem Boden, in ihrem Schleier

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verloren sich die Gestalten der Schlafenden, der Schein der Feuer und die entfernten auf und nieder wandelnden Schildwachen.

An dem Feuer, dicht an einander gehockt, saßen die beiden Mädchen, wach mit einander flüsternd und von Zeit zu Zeit einen mißtrauischen, ärgerlichen Blick auf den jungen Slavonier werfend, der, ebenfalls noch wach, ihnen gegenüber saß und in seinen unruhigen Bewegungen erkennen ließ, daß sein Geist ungeduldig beschäftigt war.

Die Mädchen hatten einen kleinen Kessel an das Feuer gesetzt, in dem sie ein Getränk bereiteten. Sie schienen sich besprochen zu haben, denn die ältere wandte sich jetzt entschlossen zu dem jungen Mann.

»Warum legst Du Dich nicht aufs Ohr, Maczi Slovak, wie die Anderen thun? Ich will Dir noch einen Becher heißen Wein mit Gewürz reichen, und dann leg' Dich nieder und schlafe.«

»Ei, warum thut Ihr nicht das Nämliche? Ich habe gehört, wie die Ancza, Eure Großmutter, Euch vor einer Stunde schon befohlen hat, in das Zelt zu kriechen und zur Ruhe zu gehen, und dennoch sitzt Ihr hier.«

»Was kümmert's Dich? Wir haben mit einander zu reden und mögen nicht schlafen.«

»Dasselbe ist bei mir der Fall!«

»Höre mich an, Matthias,« sagte bittend die Jüngere. »Ich habe gesehen, daß Du ein gut Herz hast, denn Du pflegst den alten, wunderlichen Mann, Deinen Begleiter, wie ein Sohn. Wir haben etwas vor, und Du störst uns darin! Thu uns den Gefallen und leg' Dich schlafen!«

»Ihr stört mich selbst!«

Das Mädchen trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter. »Wohnt in den Herzen der Dirnen auf den weiten Pußta's des Ungarlandes nicht so gut die Liebe, als in der Brust eines Kroatenmädchens?«

»Mein Kind - Gott hat die Liebe in die Herzen aller Menschen gelegt, welchem Volk sie auch angehören mögen!«

»Ich wußte es, daß Du mich verstehen würdest, denn Du sprichst so eigen und schön, schöner noch, wie die blanken Offiziere,

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obschon Du eine grobe Guba trägst und ein armer Slovak bist. Darum will ich Dir vertrauen. Kennst Du den Illés?«

»Nein!«

»Schau - er ist mein Liebster, wenn's auch der Vater nicht leiden will und ich nur heimlich mit ihm sprechen darf, wenn Vater und Großmutter schafen. Er ist auf Posten in dieser Nacht und ... und ich wollte zu ihm gehen und ihm und dem armen blanken Herrn, der morgen sterben soll, den warmen Wein zur Stärkung bringen.«

Der Student schaute, aufmerksamer geworden, empor. »Wen meinst Du mit dem blanken Herrn?« fragte er.

»Ei, wen sonst, als den schmucken Magnaten, den die Grenzer gefangen und den sie dort drüben in der hübschen Hütte gefangen halten. Die Offiziere sagen, daß man ihn morgen aufhängen werde, obschon er ein vornehmer Herr ist. Marina und ich haben geweint, daß er so jung und so schön sterben soll, und weil wir ihm nicht helfen können, wollen wir ihm wenigstens noch Gutes thun in seiner Noth. Der Illés wird schon zulassen, daß ich ihm den Wein bring', wenn ich schön mit ihm thu'!«

»O Du Frauenherz - ewig voll Milde und Liebe!« flüsterte der Slovak. Dann sagte er weiter zu dem Mädchen: »So hast Du Mitleid mit dem Herrn?«

»Ob ich es hab'? - Wenn ich und die Marina ihm helfen könnt', wollt' ich geben, ich weiß nicht was! Aber die Mutter Gottes hat es gemacht, daß wir nur sind arme Seressaner Mädchen.«

»Wenn Du wolltest - Du könntest es schon!«

»O, Maczy Slovak, rede nicht so, Du weißt, daß ich's gern thät', er ist so blank und wir haben geweint, daß er so jung sterben soll.«

»Höre mich an, Kumria! Du sagst, daß Du den Illés im Herzen trägst!«

»Ich lieb' ihn mehr als mein Leben!«

»Und wenn nun die Wiener ihn gefangen genommen und erschossen hätten?«

»Ich würd' mich zu Tod grämen!«

»Nun denn, Kumria, ich weiß ein schönes Magnaten-Fräulein,

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das den blanken Grafen liebt, wie Du den armen Soldaten. Meinst Du, weil die Magnaten so vornehm und so stolz, sie fühlten nicht gerade wie wir, wenn es das Liebste trifft?«

»Ich hab's nicht geglaubt bis jetzt, aber es muß doch wohl wahr sein.«

»Die Gräfin, seine Geliebte, ist die Tochter des Grafen, meines Herrn. Ich sah sie schon als Kinder mit einander spielen. Sie hat meiner armen Schwester wohlthun wollen - wär's nach ihr gegangen, sie läge jetzt nicht vom Wolf zerrissen im Grabe.«

Dem Mädchen quollen die Thränen aus den Augen. »Dann ist's Deine Pflicht, Matthias Slovak, dem blanken Fräulein das Herzleid zu ersparen. Ich und die Marina stehen Dir bei, sag' nur wie?«

»Der Illés hat jetzt die Wache vor dem Pavillon, in den sie den Gefangenen gesperrt?«

»Noch eine Stunde lang, bis der Mond aufgeht.«

»Wohl! So bringe ihm den Trank und berede ihn, daß er Dich ein Glas davon dem Gefangenen bringen läßt. Sorg, daß Deine Schwester ihn während dessen beschäftigt. Bist Du drinnen, so schneide dem Grafen mit diesem Messer,« er reichte es ihr, »den Strick durch, der seine Arme bindet und sag' ihm, er soll auf der Rückseite des Pavillons am dritten Feld von links her gegen das Holz drücken. Ich hab es untersucht - die Bretter sind leicht, und wenn ich von außen mein Handbeil dazwischen stemmen kann, ist ein Ausgang zu schaffen.«

»Aber werden sie den Illés nicht strafen?«

»Er darf nur das Maul halten und nicht verrathen, daß Du da warst, dann werden sie glauben, er habe sich selbst frei gemacht und die schwache Wand durchbrochen, und nicht einmal wissen, wann's geschehen.«

»Nicht ein Wort wird er von mir sagen und wenn sie ihn zu Tode schlügen.«

»Dann eil' Dich, denn die Zeit drängt. Noch Eins! - Ihr Beide müßt mit dem Illés plaudern, wenn Du heraus kommst, damit er kein Geräusch hört.«

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Das Mädchen lachte. - »Der Bursch laßt mich sobald nicht fort.«

»Kannst Du mir einen Mantel schaffen und eine der Mützen?«

Sie sann einen Augenblick nach. Dann schlich sie zu dem Knaben, hob vorsichtig den Mantel, unter dem er wieder schlief und bedeckte ihn mit ihrer eigenen Decke. Eine der großen Pelzmützen war leicht gefunden, der Slibovitza hatte seine Schuldigkeit gethan, und die wilden Söhne des Krieges schliefen fest.

»Hier!«

»Dank Dir, und die Heiligen mögen uns beistehen.«

Der Slovak raffte die Kleidungsstücke zusammen, - gleich darauf war er im Dunkel der Nacht verschwunden.

Die Mädchen nahmen den Topf mit dem heißen Getränk und zwei große Gläser, damit schlichen sie durch die Schlafenden. Wo sich auch ein müdes Auge geöffnet hätte, die bekannten Gestalten hätten es nicht beunruhigt.

Aber sie selbst hatten keine Ahnung davon, daß sich hinter ihnen eine dritte erhoben und vorsichtig ihnen nachschlich. -

Die Marina streichelte dem Soldaten die Wange. »Ist er doch eigentlich unser Landsmann, Illés! Denk, es ist Christenpflicht, die schlimme Nacht ihm zu erleichtern. So jung und so reich und so vornehm, und morgen schon sterben zu müssen.«

»Ich will Nichts von Dir wissen und tanz' mein Lebtag mit Dir keinen mehr!« schmollte die Kumria. »Ich will den Khuso, den Seressaner, heirathen, den mir der Vater bestimmt, so Du's nicht thust.«

Die Drohung war zu viel für die Ueberlegung des ehrlichen Ottochaners! »Kutya lanczos! wenn ich nur wüßt', daß Ihr Weibsvolk schweigen thätet - obschon ich nit weiß, warum der ungarische Verräther den Branntwein trinken soll und nit ein ehrlicher Soldat!«

Sie waren Beide um ihn beschäftigt. »Bei der Mutter Gottes von Temeszvar[Temeszvár], wir schweigen, als wären wir drei Mal todt! Wenn Du's nur thust - das wäre das Beste!« Das heiße Getränk hitzte ihm schon die Adern, Marina schenkte die beiden Becher voll und reichte ihm den einen, unter dem Arm schlüpfte

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ihm die Kumria weg, nachdem sie ihn geküßt, und öffnete die Thür des Kiosk. Die Schwester hielt ihn fest.

»Schlafen's, gnädiger Herr?« Der junge Graf, der finster brütend auf der Erde saß, denn das kleine Gemach war längst jeder Möbel baar, erhob sich. »Wer ist hier?«

»Still, gnädiger Herr! Die Kumria ist's, aber Sie kennen sie nicht. Sie sind ein reicher Magnat, aber das arme Seressaner Kind möcht' Ihnen helfen. Rasch, geben Sie die Hand her!«

Der Gefangene begriff, daß hier keine Worte zu machen waren, und sprang empor. Sie tastete im Dunkel nach den gebundenen Händen und durchsägte rasch mit dem scharfen Messer die Knoten.

»Nehmen's das Messer, gnäd'ger Herr. Draußen auf der Rückseit ist Einer, der kennt die blanke Gräfin, Ihre Liebste, und will sein Leben dran setzen, Sie zu retten. Zählen Sie von links das dritte Brett an der Hinterseit' und helfen's ihm ausbrechen, daß es kein Geräusch giebt.«

»Mädchen, wie soll ich Dir danken?«

»Die Kumria hat auch ein Herz, gnädiger Herr Magnat, und es würd' brechen, wenn sie wüßt', ihr Liebster sollt' sterben wie ein Dieb. Jetzt trinken Sie das, es wird Ihnen gut thun, wenn's auch nur schlechter Branntwein ist.«

Graf Stephan trank das Glas leer - das Getränk belebte seine Nerven. »Zum Andenken, Kind, und wenn Stephan Batthiányi oder seine Braut Dir je einen Dienst erweisen können, so weise ihm den Ring und fordere ihre Hilfe.« Er steckte ihr den Goldreif an den Finger - sie eilte zur Thür!

»Gott tröst' Dich, armer Herr, und stärk' Dich in der schweren Stund'!« grüßte sie halblaut, daß es der Soldat hören konnte, dann hing sie sich an seinen Hals. »Dank Dir, Illés, mein Leben! Werd' Dir's nicht vergessen mein Lebelang.«

Der Graf knieete bereits an der Wand, suchte den Blutumlauf in den erstarrten Händen wieder herzustellen und zählte die Fächer ab. Es klopfte von außen drei Mal - er erwiederte es.

»Versuchen Sie die Nägel zu lösen!« flüsterte es kaum hörbar durch die Holzwand.

Seine Finger glitten hastig darüber hin, jetzt fand er, warum

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der unbekannte Retter von außen nicht das Werk hatte beginnen können, das Holzwerk war von Innen verfalzt, von Innen befestigt.

Mit dem scharfen Messer machte er sich eilig an's Werk, er hörte die Mädchen draußen mit der Schildwach flüstern. Endlich glückte es ihm, einen Nagel herauszuheben - sogleich fühlte er von der andern Seite einen Gegendruck, der Slovak zwängte das Beil in den Spalt - leise und vorsichtig wurde das Holz aufgedrückt.

Ein Krach - das Beil war zu tief hinein gefahren.

»Schau - muß einmal die Ronde machen, was es giebt, mich dünkts, als hört' ich drinnen bei dem Herrn ein Geräusch!«

Die Mädchen zitterten - die Schildwach ging rund um den kleinen Pavillon - zwanzig Schritt davon lag regungslos am Boden eine dunkle Gestalt, doch der Schatten verbarg sie.

»Jetzt aber macht, daß Ihr fortkommt - dort kommt die Ablösung - ich seh das Licht.«

Die beiden Seressaner Mädchen entflohen - alle Mühe war verloren, vergebens gewesen.

Ein Corporal mit der ablösenden Mannschaft kam im festen, regulairen Soldatentritt von der obern Terrasse her. »Ablösung vor. - Nix passirt auf der Wach'?«

»Nichts, Corporal!«

Dieser schloß die Thür auf und leuchtete mit der Laterne hinein, der Gefangene lag ruhig am Boden und schlief.

Er schloß die Thür wieder. »Hab' gehört, 's ist ein vornehmigter Herr, ein Wiener Spion. Morgen in der Früh wird er gehangen!«

Die Wache marschirte weiter, Illés mit ihr. Der neue Posten war noch dummer und verschlafener als der Liebste der hübschen Kumria. Zwei Mal machte er die Runde um das kleine Gebäude, dann lehnte er am Thürpfosten und träumte vielleicht von den wilden Fluren seiner Heimath.

Noch ein Mal krachte und splitterte es leise, - aber er hob kaum den Kopf und nickte im nächsten Augenblick wieder ein.

»Jetzt, Herr!«

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Die schlanke Gestalt des jungen Grafen, des Rockes entkleidet, drängte sich durch die Spalte.

»Hier! am Boden, Herr!«

Wie Schlangen sich windend, schoben sie sich auf dem Erdboden fort über den verdorrten Rasen, bis sie den Schutz der nächsten Bäume und Buschgruppe erreichten.

»Ich danke Dir, mein unbekannter Freund,« sagte der junge Magnat, indem er sich erhob. »Aber wie weiter - man wird mich leicht wieder ergreifen, ehe ich durch die Posten komme.«

»Nehmen Sie, gnädiger Herr!« Der Slovak reichte ihm Mantel und Mütze - und im Nu war er in einen Seressaner verwandelt.

»Die Parole ist: Latour vorwärts!«

»Und das Feldgeschrei?«

Der frühere Student stand verdutzt - er wußte zu wenig von militärischen Dingen, um darauf geachtet zu haben.

»So muß ich versuchen, ohne dasselbe durchzukommen. Hast Du Waffen?«

»Gegen den Kaiser? - Nein, Herr Graf! Ich kann Sie vor einem schimpflichen Tode retten, aber ich darf Ihnen keine Waffen gegen die Soldaten des Kaisers geben.«

Der Ungar schwieg. Nach einer Pause sagte er: »Sage mir Deinen Namen, damit ich ihn im Gedächtniß bewahre.«

»Es ist eine Schuld, die ich abtrage, eine Schuld gegen die Gräfin, Ihre Braut, auf deren Gütern ich geboren bin, eine Schuld der Dankbarkeit gegen Sie selbst. Erinnern Euer Gnaden sich des alten Tyrolers, den Sie am Morgen nach dem Sturm des Zeughauses von jenem Teufel befreiten?«

»Lazare?«

»Desselben - der Sie eben verrieth. Ich war der Begleiter des Alten. Forschen Sie nicht weiter, Herr Graf, was Sie erfahren könnten, ist nur Unglück und Schmach. Die Hand Gottes hat mich geweckt - ich habe viel gut zu machen, ehe ich meinen Namen nennen darf. Gehen Sie - denn Ihr Weg ist weit und Gott geleite Sie. Wenn Sie glauben, mir Dank schuldig zu sein und Ungarn ein mächtiges Reich wird, dann denken

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Sie an meine armen Brüder und daß der Slovak doch ein Mensch ist.«

Der Magnat reichte ihm die Hand und drückte sie fest, dann wandte er sich zum Gehen.

»Halt. Nicht von der Stelle! - Ich habe mit Ihnen zu reden!«

Der plötzliche Ruf war zwar leise, das Hinderniß aber so unerwartet, daß beide Männer zurückschraken.

Vor ihnen stand, den Weg sperrend, eine kleine Gestalt, Näheres ließ die Dunkelheit des Orts nicht erkennen.

Der Graf, schnell gefaßt, redete sie auf Kroatisch an: »Was willst Du - was giebts?«

»Ich verstehe nicht, was Sie sagen, oder was Sie vorhin gesprochen,« antwortete eine jugendliche Stimme, »aber ich weiß vollkommen, daß Sie Deutsch sprechen und der Graf Batthiányi sind, der gefangen ist und entfliehen will.«

»Still - Unglücklicher!«

»Es ist der deutsche Knabe,« murmelte der Slovak, »er hat Alles gehört und uns belauscht.«

Der Ungar suchte vergebens nach einer Waffe - er wußte, daß jedes Geräusch tausend Feinde umher wach rufen und seine Flucht unmöglich machen mußte.

»Rühren Sie mich nicht an,« flüsterte der Knabe. »Das Terzerol, das ich in der Hand habe, ist geladen, und mein Schuß oder auch mein Ruf würde sofort die Wachen allarmiren.«

»Was beabsichtigen Sie also, wenn Sie nicht Beistand rufen wollen? Warum stellen Sie sich meiner Flucht in den Weg?«

»Ich bin ein Edelmann wie Sie, Herr, ich werde mich freuen, wenn Sie dem Galgen entgehen, obschon Sie ihn für den Hochverrath verdient haben.«

»Knabe! was wissen Sie von den Gefühlen der Männer!«

»Ich bin ein Fremder in Ihrem Land, aber ich weiß, daß die Treue überall das höchste Gut der Edelgeborenen sein soll. Ich möchte Sie retten, aber ich darf Ihre Flucht nur unter einer Bedingung zugeben.«

»Sagen Sie dieselbe.«

»Sie dürfen die Waffen nicht mehr gegen Ihren Kaiser tragen.«

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»Dann bin ich entehrt! Ich bin ein Sohn meines Vaterlandes und kämpfe für seine Rechte.«

»Thaten Sie dies auch, als Sie für die Rebellen in Wien fochten?«

Der Ungar schwieg. Er fühlte tiefer als der Knabe den strengen Vorwurf, der in dieser Frage lag. »Ich folgte dem Befehl, den ich erhielt!« sagte er endlich. »Kein Befehl könnte mich zwingen, gegen meinen König zu fechten. Ich bin noch so jung, Herr Graf,« fuhr der Knabe fort, »aber ich möchte gern eine gute Handlung ausführen. Man hat mir gesagt, daß Sie edelmüthig und tapfer sind. Ich bitte Sie, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Ihren Säbel nur noch gegen fremde Feinde, nicht mehr gegen Ihren König zu brauchen.«

Der Graf blickte finster vor sich nieder - so begeistert er für den ungarischen Freiheitskampf war, so tief fühlte er den Fehler, den er begangen, indem er sich zu den politischen Plänen der Führer in Wien hatte brauchen lassen. Was er dort gesehen, hatte ihn ohnehin mit tiefer Verachtung erfüllt.

»Ich bin ein Batthiányi,« sagte er dann entschlossen. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, die Waffen nicht mehr gegen die Truppen des Königs zu brauchen. Es giebt noch andere Wege, auf denen ein Ungar für sein Vaterland sterben kann!«

Der Knabe senkte das Terzerol. »Gehen Sie, Herr Graf. Das Feldgeschrei ist: Franz Joseph!«

Er drehte sich um und schlich so leise zu dem Bivouacplatz zurück, als er denselben verlassen. Die beiden Mädchen, in tausend Aengsten über das, was sie gethan, waren bereits unter die Strohhütte gekrochen, die ihnen die Soldaten bereitet hatten.

Der Slovak und der Magnat schritten still weiter. Zehn Schritt von dort hörten sie ein Pferd scharren.

»Vorsichtig!«

Sie erkannten, daß es allein stand; neben dem Roß, in seinen weißen Mantel gehüllt, lag der Reiter in festem Schlaf. Der Schein eines entfernten; Feuers warf einen Strahl durch die Büsche und brach sich in dem matten Glanz des Kürasses.

Ein Gedanke durchzuckte den Kopf des Slovaken. Seinem Gefährten zuwinkend, schlich er sich näher und beugte sich über

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den Schlafenden. Er glaubte im Dunkel den jungen Offizier zu erkennen, der vor zwei Stunden an das Wachtfeuer der Feldwache gekommen und von dem Feldmarschall überrascht worden war. Der Baron hatte wahrscheinlich - aus dem Bereich des ernsten Auges - wenig Eile gehabt, sich in Arrest zu begeben, und von Müdigkeit und Wein bewältigt, vor dem Ritt noch ein paar Stunden der Ruhe pflegen wollen.

Der Reiter hatte den Zügel des trefflich dressirten Pferdes um den Arm geschlungen und schlief so fest, daß der Slovak - aus seiner Jugend vertraut mit dem Umgang mit Pferden - den Riemen lösen und das Roß leise fortführen konnte, ohne daß der Schläfer sich nur gerührt hätte.

»Jetzt, Herr Graf, in den Sattel. Antworten Sie slavonisch, wenn man Sie fragt, Sie ritten mit Depeschen zum Banus. Das Gros steht, wie ich gehört, bei Schwadorf, die Vedetten bis Somarein. Sie müssen versuchen, rechts der Straße die Leitha, zu gewinnen. Gott schütze Sie.«

Der Ungar saß bereits im Sattel, das Gefühl, ein Pferd unter sich zu haben, beseitigte alle Besorgniß.

»Leb' wohl!«

Er ritt ruhig nach dem großen Gang, der zum Ausgang, des Gartens nach der Heugasse und der Belvedere-Linie führte, jeden Anruf der Wachen im slavonischen Jargon beantwortend. Das Glück begünstigte ihn. Eine Stunde nachher verließ er zwischen den lagernden Colonnen die Straße nach Ungarn und wandte sich querfeldein gegen den Grenzfluß, hinter dem er noch die Posten der Seinen wußte.



Es war am Vormittag. In der unglücklichen von Außen und Innen bedrohten Stadt herrschte die größte Verwirrung. Durch dieselben Mittel, welche das Obercommando und die revolutionairen Comité's, trotz aller Mühe, noch immer nicht zu entdecken und zu vereiteln vermocht hatten, war am frühen Morgen, selbst in der innern Stadt, an den Straßenecken unter den unzähligen Plakaten, die sie Tag aus Tag ein bedeckten, eine

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Kundmachung des Fürsten Windischgrätz angeschlagen, in welcher die Niederlage und die Flucht der ungarischen Armee angezeigt war. Im Gemeinderath wurde lebhaft gestritten - die Zahl Derer, welche für unbedingte Unterwerfung, für die Wiederaufnahme der so schmählich am Tage vorher gebrochenen Capitulation stimmten, wuchs mit jedem Wort. Messenhauser verhielt sich schweigend und unruhig, zuletzt mußte, von der Majorität überstimmt, selbst der wilde Fenner von Fenneberg eingestehen, daß eine Vertheidigung nicht mehr möglich sei.

Wie ein bitterer Hohn klang die Proclamation, welche das Obercommanudo und der Gemeinderath als Pflaster auf den Beschluß der Ergebung um 10 Uhr anschlagen ließen:


    »Heldenmüthiges Volk von Wien, sei so groß in Deinem Falle, als Du es bei der Erhebung warst. Für die Freiheit leben, ist größer, als tollkühn unsere Zwecke durch uns und mit uns vernichten. Wir haben die Ehre gerettet, darum ist nichts verloren. Legt die Waffen nieder und zeigt den einrückenden Waffenmännern, daß der Ordnungssinn, daß der wahre Heldenmuth sich dem Unabwendbaren männlich fügt!«

Zugleich wurde der Befehl gegeben, überall weiße Fahnen auszustecken, zum Zeichen, daß die Feindseligkeiten beendet wären. Aber das >heldenmüthige Volk< von Wien hatte nicht die geringste Macht mehr über sich selbst, jedes Band der Autorität war zerrissen, die Furie der Anarchie schwang, ihre blutige Fackel durch die Straßen.

Die Stadt war überfüllt von den Mobilen und den Flüchtlingen der Vorstädte, die Colonnen der Arbeiter und Legionaire begannen sich überall zu sammeln, an den Thoren, vor dem Stephan, auf dem Platz am Hof, an der Burg, vor der Aula; von Haufe zu Haufe eilten wieder die dunkelen Gestalten, deren Wort Brand, deren Mahnung Feuer in das Pulverfaß der erhitzten Gemüther war.

Wer auch nur kurze Zeit Wien besucht hat, dem ist sicher die Restauration zum >Rothen Igel< am Wildpretmarkt bekannt geworden.

In dem großen Gastzimmer desselben waren an diesem Vormittag die Führer der Radikalen zu einer stürmischen Berathung versammelt. Vor der Thür des alle Zeichen der liederlichen ausschweifenden Wirthschaft, die seither hier geherrscht, tragenden

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Gemachs standen zwei wilde, kräftige Gestalten auf ihre Musketen gestützt, Mitglieder des demokratischen Freicorps, die heute nur die als bewährte >Patrioten< bekannten Persönlichkeiten zuließen, die fortwährend ab- und zuströmende Menge aber zurückwiesen, die sich dann vor dem Lokal in gedrängten, lärmenden Gruppen sammelte.

Im Innern des Gemachs ging es lebhaft her. - Um den mit Bierseideln und Weinflaschen bedeckten Mitteltisch saß eine Anzahl Personen, andere standen umher oder gingen ab und zu.

>Der somnambüle Politiker<, wie der unglückliche Musiker Dr. Becher von seinen Freunden genannt wurde, schien plötzlich seinen Somnambulismus von sich geworfen zu haben und perorirte kräftig und energisch gegen die kalten, besonnenen Einwendungen, welche ein Mann von untersetzter, breiter Gestalt am Tische ihm entgegen warf. Die dunkelen Augen auf Beide geheftet, sinnend, wie selbstvergessen, lehnte an dem Stuhl seines Freundes die dunkele Figur des Theoretikers der Demokratie, Julius Fröbel's, in dem schwarzen Sammetrock, den Stürmer mit der wallenden Feder auf dem Kopf. Die schmächtige Gestalt Jellinek's sah man zwischen der Gruppe mehrerer Offiziere der Mobilgarde und der Arbeiter-Compagnieen, während ein Mann jüdischer Physiognomie, in der Uniform des demokratischen Freicorps, in seiner arroganten Beweglichkeit noch immer nicht den alten Stand des Barbiergesellen verläugnend, hastig und ängstlich von einer Gruppe zur andern schob.

»Sie sehen, daß jenes Philisterthum, das in Wien leider eben noch so mächtig ist, wie im ganzen deutschen Reich, den Kampf aufgegeben hat,« sagte der Mann, mit dem Becher stritt, und stemmte die breite Faust auf den Tisch. »Ihn fortsetzen, hieße Sie Alle der Niedermetzelung preisgeben und das theure Blut eines hochherzigen Volks nutzlos opfern. Es wird ohnehin unsers ganzen Ansehns, als der Commissarien des deutschen Reichs, bedürfen, die edle Bevölkerung von Wien vor der Tyrannei dieses Windischgrätz zu schützen.«

»Reden Sie keinen Unsinn, Blum,« sagte ein Mann von etwa 30 Jahren und aristokratischem Ansehn in der Uniform der

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Mobilgarden, der eben in's Zimmer trat, »mit gefangen, mit gehangen! Der Fürst ist nicht der Mann, sich einen Pfifferlich um Ihr Parlament zu scheeren.«

»Vergessen Sie nicht, daß ganz Deutschland hinter Herrn Blum und seinen Collegen steht, Herr v. Sternau,« sagte eine helle Stimme.

Der Angeredete warf einen kurzen, finstern Blick auf den Sprecher, den Doctor Lazare, der mitten in der Gruppe der Mobilen stand. Dann trat er zu dem Tisch. »Sollen die Beschlüsse von gestern denn nochmals in Frage gestellt werden?« sagte er heftig. »Lernen Sie doch endlich einsehen, daß nur der Widerstand bis zum letzten Blutstropfen uns bessere Bedingungen schaffen kann, oder uns wenigstens einen Tod mit Ehren finden lassen wird!«

»Wir wollen sterben wie wir gelebt, als freie Männer!« rief Becher enthusiastisch.

»Baszom a lelkedet! Landsleute meinigte werden kehren wieder mit erneuter Kraft, werden todtschlagen Kaiserliche alle!«

»Halten Sie Ihr Maul, Dummkopf,« schrie ein Legionair den Hernalser Schuster an, der die Führerschaft der Mobilen seiner Vorstadt später mit der Kugel bezahlte. »Wenn Ihre ungarischen Verräther ihr Wort gehalten hätten, säßen wir jetzt hier nicht in der Klemme.«

Horváth griff nach dem langen Schleppsäbel an seiner Seite. »Wollen Sie beschimpfen Nation meinigte?«

Der schwarzbärtige Legionair wiederholte sein beliebtes Spiel und ließ den Hahn seines Terzerols knacken, aber die sonore Stimme Fröbel's gebot Ruhe zwischen dem Schimpfen der Männer und dem Kreischen der beiden anwesenden Weiber. »Sollen sich die Vertheidiger der erhabenen Freiheit der Völker unter einander anfallen wie die Bestien der Wildniß?«

»Deutsch hat Recht,« rief Jellinek, »die Ungarn haben uns im Stich gelassen. Wo ist Pulszky? wo der Graf Batthiányi? Sie befinden sich in Sicherheit, während wir für sie bluten sollen.«

»Aus dem Blute allein erwächst die Freiheit!« schrie eine tiefe Stimme. »Nieder mit jedem schwarzgelben Verräther, der

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von Uebergabe spricht oder sich furchtsam verkriecht in der Stunde der Gefahr. Ich erspare Windischgrätz den Strick, wenn ich den Feigling Schütte finde!«

»Aber bedenken Sie, Hank,« winselte der Führer des demokratischen Freicorps, »Fenneberg selbst sagt, daß längerer Widerstand unmöglich!«

»Wer wagt es, meinen Mann, den tapfersten Bürger der Freiheit zu verleumden?«

Das untersetzte Weibchen des interimistischen Obercommandanten hatte sich auf einen Stuhl gestellt und focht mit den Händen durch die Luft; - der Commandant des Elite-Corps, der zuchtlosesten aber kühnsten Schaar, schob den zagenden Chaisés bei Seite. »Fort, jüdische Memme! Jetzt heißt es nicht mehr berathen, sondern handeln! Kampf bis zum Messer!« Er riß das Fenster auf und schwenkte sein rothes Taschentuch hinaus.

Ein tausendstimmiges Hurrah der versammelten Volksmasse beantwortete das Signal. Männer, die nur darauf gewartet zu haben schienen, verließen auf allen Seiten die Masse und zerstreuten sich in die Straßen.

Der ergraute Schriftsteller trat an den Tisch der Deputirten und schlug mit der Faust auf, daß die Gläser und Seidel klirrten.

»Wenn Sie aus Frankfurt hierher gekommen sind, um in einem Augenblick von Uebergabe zu sprechen, wo die Freiheit ihren glorreichsten Kampf fechten soll, so hätten Sie bleiben sollen, wo Sie waren. Sie haben gestern dem Beschluß der Vertheidigung bis zum letzten Blutstropfen zugestimmt, und dieser muß aufrecht erhalten werden. Wenn wir fallen, wollen wir uns wenigstens eine Brandfackel anzünden, die durch ganz Europa leuchten soll!«

»Sie werden mich nie als Feigling finden, wo noch die geringste Aussicht auf Erfolg ist,« sagte der Leipziger Buchhändler trotzig. »Aber hier fehlt jede! General Bem hat mir noch heute Morgen erklärt, daß die Stadt nicht 24 Stunden mehr zu halten ist!«

»Zum Henker mit Bem - er soll sich in ein Mauseloch verkriechen! Will er den Kampf nicht leiten, so brauchen wir ihn nicht! Ich schwöre Ihnen, wenn Jeder seine Schuldigkeit thut,

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so haben wir Windischgrätz und seine Kroaten wie eine Maus in der Falle! Kein Einziger von den Hunden soll aus den engen Straßen entkommen!«

Ein betäubendes Mordio auf dem Platz übertäubte seine Worte. Die Thür wurde aufgerissen und ein Mann im polnischen Schnürrock stürzte herein.

»Stößl22 läßt die Kanonen von der Mölker Bastei abfahren,« schrie er athemlos. »Das Volk hat sich widersetzt.«

»Fluch dem Verräther. Schnell auf die Aula, Deutsch. Man muß die Geschütze zurückbringen. Nehmen Sie den Verräther gefangen, und wenn er Widerstand wagt, schießen Sie ihn nieder!«

Der Legionair eilte davon. Lazare war dem Polen näher getreten. »Sagen Sie, daß Bem sich schlagen wird, oder Alles ist verloren,« flüsterte er.

»Wo ist der General?«

»Ich verließ ihn am rothen Thurmthor - er ordnet die Vertheidigung!«

»Nehmen Sie die vierte Elite-Compagnie, Jellinek, und sperren Sie den Gemeinderath ein! Wer es noch wagt ein Gewehr abzufeuern, oder eine weiße Fahne auszustecken, wird auf der Stelle niedergeschossen!«

Mehrere Legionaire und bewaffnete Arbeiter kamen zugleich in das Zimmer.

»Der Gemeinderath und das Ober-Commando sind nach dem Landhaus geflüchtet!«

»Messenhauser läßt die Garden zusammentreten! - Das Volk zieht mit Pechkränzen zur Burg - man hat auf uns geschossen!«

»Man muß durch den Augustinergang eindringen! Nieder mit allen Verräthern.«

Der wilde Führer der Mobilen trat zu den beiden Abgeordneten. »Die Stunde der Entscheidung hat geschlagen. Erklärt Euch, Brüder, ob Ihr mit uns seid oder wider uns!«

Robert Blum stand auf. Der berühmte Demokrat, der

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vorhin einen Augenblick geschwankt und die Entschlossenheit der Wiener bezweifelt hatte, war jetzt von dem steigenden Volkslärmen ganz begeistert. »Es ist zwölf Uhr vorüber und die schwarzgelbe Fahne weht nicht vom Stephansthurm. Ich nehme jetzt die Worte zurück, die ich im Comité über die Wiener gemacht habe.23 Lassen Sie uns auf den Stephan gehen, Grüner, um zu sehen, wo der Feind steht!«

Hauk umarmte ihn: »Wir werden siegen! wir werden siegen! Es lebe die Freiheit! Tod allen Feiglingen und Verräthern!«

Lazare war an einen der Arbeiter, ein wüstes, blatternarbiges Gesicht, herangetreten. »Wenn Blum auf dem Stephansthurm ist, sorge, daß die Sturmglocke gezogen werde. Sie muß ohne Aufhören in Bewegung bleiben während des Kampfes!«

Der Bursche in der Blouse nickte und verschwand. »Lass die Ungarn los, tapferer Horváth - es werden sich doch noch einige Dolmány's und Mützen in Deiner Garderobe finden. Die Gräfin ist schwer krank, d'rum müßt Ihr Euch heute selbst helfen.«

Der Schuster nickte schlau. »Ist sich Alles bereit - zehn, zwanzig - zu Pferd und zu Fuß!«

Trommelwirbel über den Platz. Die Menge öffnete sich unter Geschrei und Hurrah, und machte einem seltsamen Zuge Platz.

Der demokratische Frauenverein, eine Gesellschaft aller lüderlichen und von dem politischen Taumel halb toll gewordenen Weibsbilder rückte heran, an der Spitze des Zuges, auf einem von einem Sansculotten mit großer rother Fahne geführten Pferde, die lächerliche, dürre Gestalt der Präsidentin Caroline Perin, geborene Pasqualati, einen blanken Säbel in der Hand.

Die würdige Dame, bereits in dem Lebensalter der stark verblichenen Reize stehend, hielt vor dem Hause und hob die Hand, wie um Stille zu gebieten. »Ich komme im Namen der freien Frauen Wiens, die Aufstellung der Guillotine zu fordern, damit allen Schwarzgelben die verrätherischen Köpfe abgeschlagen werden!«

Ein gellendes Jubelgeschrei und Hohngelächter der versammelten bewaffneten Masse aus den untersten Schichten des Volkes

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beantwortete diese aus solchem Munde zwar lächerliche, aber doch die Exaltation kennzeichnende Forderung, und die neue Amazone, von diesem Beifall begeistert, rief ihrem Führer, man solle ihr die rothe Fahne und den freien Frauen Wiens die Waffen, welche die Feiglinge abgelegt, geben, dann wollten sie dem Feinde entgegen ziehen.

Hauk war an das Fenster getreten. »Brüder, im Leben und im Tode!«, tönte seine tiefe, grollende Stimme. »Der Augenblick ist gekommen, wo der Verrath uns zwingt, gegen die Feinde von Außen und Innen zu kämpfen. Wer jetzt zurückweicht, verdient ein Knecht zu sein! Auf die Wälle, Brüder, unsre Freiheit zu vertheidigen. Zwingt die Verräther, mit uns zu kämpfen! Wo Ihr einen Mann trefft, der die Hände in den Schooß zu legen wagt in dieser großen Stunde, reißt ihn hervor und stellt ihn den Kugeln der kroatischen Räuber entgegen! Die Nationalgarden haben uns verlassen, Messenhauser ist ein Feigling, aber wir stehen zu Euch! Laßt Allarm durch die Straßen schlagen, sammelt Euch an den bestimmten Plätzen - die große Stunde der Vernichtung Eurer Feinde ist nahe!«

Ein wildes Hurrah! Es lebe die Freiheit! Es lebe Hauk! donnerte über den Platz - die Allarmtrommeln rasselten durch die Straßen. Aus den Caféhäusern, selbst aus Privathäusern, wurden mit Gewalt die Männer herausgeholt und auf die Wälle getrieben. Der Fanatismus, der Haß, die Habgier befriedigten um die Wette ihre Gelüste in der unglücklichen Stadt. Haufen an Haufen zogen nach der Burg, nach dem Stadthaus, donnerten an die Kapuzinerkirche, um die Särge der Kaisergruft zu beschimpfen, und bedrohten die Paläste der berühmten Familien mit Brand und Plünderung. Im Zeughaus verlangten die Arbeiter und Garden die Waffen wieder, Legionaire zogen zur Staatsdruckerei, um das Gebäude aus Rache anzuzünden, weil der Gemeinderath hier die Bekanntmachungen des Feldmarschalls hatte drucken lassen - in der Aula tagte unter Redl wieder das Studentencorps - in's Obercommando in der Stallburg drangen Haufen fanatisirter Proletarier mit großen Nägeln und Stricken, und verlangten Messenhauser und siebzehn andere Offiziere der bürgerlichen Garden aufzuhängen. Männer zu Pferde, in ungarischer Tracht,

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sprengten durch die Straßen, andere, als polnische Lanziers gekleidet, mengten sich unter die Haufen und schrieen: »Die Ungarn sind da! die Ungarn kehren zurück!« Die Aufregung, der Tumult waren unbeschreiblich - an vielen Stellen geriethen, empört durch die wiederholte Täuschung, die Gemäßigten, die, welche die Capitulation aufrecht halten und durch die Uebergabe der Stadt endlich die Ruhe herstellen und sich schützen wollten, in Streit und Kampf mit den Radikalen. Nur mit Mühe vermochte die aus der Dienerschaft der Hofburg gebildete Feuerwache, mit Unterstützung einiger Municipalgarden, unter Führung Jablonowski's, die kaiserliche Burg mit ihren kostbaren Sammlungen vor der beabsichtigten Brandstiftung zu retten.

Hauk wandte sich zu dem Polen, welcher die Nachricht von der Mölker Bastei gebracht hatte. »Lassen Sie zwei Geschütze am Stephansplatz so aufstellen, daß sie die Kärnthner- und Rothenthurmstraße bestreichen und mit Kartätschen auf die Verräther feuern, wenn sie uns hindern wollen, die Stadt bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Wo finde ich Bem?«

»Ich habe den General an der griechischen Kirche verlassen. Die polnische Legion ist bei ihm.«

»Ich eile zu ihm. Lazare, lassen Sie hier den Eifer nicht erkühlen! Nehmen Sie Ihre Pistolen, stellen Sie sich an die Aufgangsthür des Stephansthurmes und tödten Sie Jeden, der es wagt, die schwarzgelbe Fahne hinauf zu tragen!«

»Wer giebt Befehle gegen die Ordre?« fragte eine hohle Stimme.

Alle wandten sich um - der interimistische Ober-Commandeur, mit dem die Radikalen am gestrigen Tage Messenhauser ersetzt, stand in dem Zimmer. Sein Gesicht war erschlafft und bleich, die sonst so glühenden Augen hohl und matt. Er warf sich auf einen Sitz nieder, seine kleine Frau war sogleich bei ihm und hing sich an seinen Arm.

»Es ist Alles aus,« sagte dumpf der Commandant - »ich komme aus dem Landhaus - der Gemeinderath hat eine neue Deputation zum Fürsten geschickt und das Einrücken der Soldateska verlangt.«

» Fluch den Verräthern! Aber noch steht das Volk zu uns!»

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»Für die Freiheit leben ist größer, als tollkühn unsere Zwecke durch uns und mit uns vernichten. Wir haben die Ehre gerettet, darum ist Nichts verloren!«

»Nur Memmen können so sprechen,« schrie der wilde Hauk, »während die guten Wälle einer Stadt noch unser und die Waffen in unseren Händen sind! Ermanne Dich, Fenneberg, alle Befehle sind gegeben zur Ausführung unsers Planes, die Tyrannenknechte werden ihr Grab in Wien finden!«

»Es ist vergebens, aber ich kann wenigstens mit Euch sterben!« Er umarmte seine Frau. »Eile nach Hause,« flüsterte er ihr zu, »und halte die Arbeiterkleider für uns und die Haartour bereit. In einer Viertelstunde bin ich bei Dir - es ist kein Augenblick zu verlieren, wenn wir uns retten wollen.«

Lazare hatte ihn nicht aus den Augen gelassen, aber seine Aufmerksamkeit wurde gerade durch Hauk abgelenkt, der ihm ein Papier reichte. »Die Fünfhäuser Nationalgarden sind treu, sie müssen das äußere Burgthor bis zum letzten Mann halten im Fall eines Angriffs dort, und werden von den Mobilen unterstützt werden. Schreiben Sie den Befehl an die vierte Abtheilung.«

Die Feder flog über das Papier - so rasch und sicher, als schriebe sie nicht den Verrath, in zweideutigen Ausdrücken das Gegentheil von Dem, was der wilde Führer der Mobilen so eben befohlen hatte. Hauk unterzeichnete, ohne auch nur hinzusehen, das Papier, das ihm Lazare vorlegte, und während er rechts und links zehn andere Befehle für eine verzweifelte Vertheidigung der Stadt ertheilte.

Becher, der sich einen Augenblick entfernt, kam in diesem Moment zurück mit einem Billet in der Hand und übergab es an Fenneberg. Es kam aus dem Landhause und bestätigte, daß der Gemeinderath eine neue Deputation an den Fürsten gesandt habe, so schnell als möglich einzurücken, da kein Mensch mehr in der Stadt seines Lebens sicher sei vor dem bewaffneten und aufgereizten Proletariat. -

Fenneberg reichte den Brief an Hauk.

Zugleich kam die Nachricht von der Aula her, daß am Stuben- und Rothen Thurmthor Truppenmassen sich auf dem Glacis und vor der Brücke aufstellten.

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Von dem Stephan begann in dröhnenden Schwingen die Sturmglocke zu heulen - auf dem Markt selbst rasselten die Allarmtrommeln, Flintenschüsse mischten sich in das tobende Geschrei.

»Die Kroaten greifen die Stadt an! Zu den Waffen! Zu den Waffen!«

Hauk sprang auf den bisherigen Commandanten zu. »Zum letzten Mal, Fenneberg, willst Du uns führen?«

»Thut, was Ihr wollt - ich gehe nach dem Landhaus!«

Nach einer geheimen Unterredung mit seinem Freunde Becher verließ er den Igel, Man hat ihn nicht wiedergesehen. Im Central-Büreau ließ er sich falsche Pässe geben, schnitt mit einer Papierscheere sich den Bart, ab und entkam am andern Tage, indem er sich in einem Backtrog, worin Teig über ihn geschlagen war, über die Linie hinaustragen ließ. -

Das große Schankzimmer des Igels war jetzt leer - draußen auf den Straßen machte Todeskampf der Revolution seine letzten Anstrengungen. -

Einen Augenblick stand der Verräther beider Parteien, die Hand auf den Tisch gestützt, auf dem er so eben den falschen Befehl geschrieben, und das scharfe Starren seines wässerigen Auges verkündete die prüfende Ueberlegung.

Ein höhnendes Lächeln zuckte um seinen Mund. »Die Thoren,« sagte er leise, »ich glaube, sie hätten jetzt alle gern Lust, ihren Frieden zu machen, aber es ist zu spät und ich brauche ihr Verderben. Vraiment, es wird eine teufelmäßige Schlächterei abgeben. - Jetzt zu Martha und dann zu dem Mädchen - wenn die Kanonen donnern, wird sie Furcht haben. Ich muß sie haben und morgen wär' es zu spät. Die verdammte Dirne, die mir in den Weg gekommen, sah ich bei der verrückten Perin das Feld ist frei!«

Er verließ eilig das Haus und drängte sich durch die tobende und zagende Menge über den Platz.

In einem Durchgang, in der Nähe des Hofes, kam ihm eine Frau in der Arbeiterblouse entgegen, den Hut tief herabgeschlagen, eine Flinte auf der Schulter. Er wollte an ihr vorüber, als eine Hand ihn festhielt.

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»Ebbadta! Die Verkleidung muß wirklich gut sein, da Du selbst mich nicht erkennst!«

»Martha! Das ist ein Glück - ich suchte Dich eben.«

»Nun, da hast Du mich! Wie stehen die Sachen?«

»Sie laufen wie die tollen Hunde in ihr Verderben. Fenneberg sucht sich zu salviren, aber Hauk, Jellinek, Becher und die Frankfurter bleiben bei dem Plan der Mausefalle. Bem hält sich zurück, ich weiß nicht, was er thun wird. Darum muß es an der Burg zu einem Zusammenstoß kommen. Ich werde dafür sorgen, daß der Widerstand nicht groß ist. Ein bischen Mordbrennerei wird nicht schaden - das Verdienst ist dann desto größer.«

»Hab' ich eine Rolle?«

»Du könntest eine übernehmen. In fünfzehn Minuten werden die Mobilgarden vom Burgplatz abziehen. Halte Dich auf dem Wall und sorge, daß auf den ersten Parlamentair geschossen wird.«

»Ich übernehme es selbst. Und dann?«

»Sind die Papiere vernichtet oder in Sicherheit?«

»Vollkommen!«

»Hast Du die weißen Fahnen bereit?«

»Marosch wird sie ausstecken, sobald der erste Soldat in der Stadt ist!«

»Warum nicht Du selbst, wie wir verabredet!«

»Höre, Bursche, spiele kein doppelt Spiel gegen mich! es könnte Dir schlecht bekommen. Du weißt, daß wir Beide nicht schlimmer sein können, als wir's einander zutrauen. Ich habe beschlossen, bei Dir zu bleiben!«

»Unsinn, Martha, Dich, als Frau unter Deinen Dienern, wird Niemand beleidigen. Mir aber kann der Schutz der Generale erst morgen nützen, wenn die Truppen die ganze Stadt besetzt haben. Ich bleibe in der geheimen Wohnung im Hinterhaus am Durchgang!«

»Wo Du die kleine Tyrolerin versteckt hältst?«

»Dieselbe. Ich habe Kleider dort hingebracht und werde mich bis morgen verborgen halten.«

»Wie weit bist Du mit der Dirne?«

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»Pest! Ich hoffe, der Schrecken thut heute mehr, als Noth und Haft. Das Mädchen macht mich rasend mit ihrem festen Fleisch und ihren dunkelen Augen. Der Henker hole meine Dummheit, daß ich die Dirne aus den Wieden zu ihrer Wächterin gesetzt hahe.«

Sie waren unter dem französisch geführten Gespräch über den Kohlmarkt nach der Burg geschritten und am Platz, der diese von dem äußern Burgthor trennt.

Auf demselben und den Wällen lagerte eine starke Abtheilung der Fünfhauser Nationalgarden und der Mobilgarden, während eifrig daran gearbeitet wurde, das Thor von Innen mit Quadersteinen zu barrikadiren. Municipalgarden, Hofbediente und Umwohner, Männer, Kinder und Frauen standen in unruhigen Gruppen umher, besorgt und unentschlossen über die nächsten Ereignisse. Jeden Augenblick kamen Leute aus der Stadt und verbreiteten durch ihre Nachrichten von dem Tumult, den Drohungen der Arbeiter und dem Gemetzel, das bereits an der Donauseite begonnen haben sollte, Furcht und Entsetzen.

Auch die Nationale und Mobilgarden waren unruhig und warteten auf Befehle vom Obercommando, das Thor zu übergeben oder ihren Kameraden zu Hilfe zu ziehen.

»Es ist Zeit, Martha, Ruhe und Besonnenheit! Heute Abend spätestens sehen wir uns wieder!» Sie warf ihm einen kurzen, bedeutsamen Blick zu und eilte über den Platz. Lazare zog sich nach den Gebäuden der Burg zurück - nach wenigen Augenblicken hatte er gefunden, was er suchte, einen Mobilen, mit dem er die Depesche an den Führer der Abtheilung sandte.

Unter Trommelschlag - dem Befehl des bekannten Leiters entsprechend, verließ die Abtheilung, der Mobilgarden den Platz - die Fünfhäuser schlossen sich ihm an.

Der Platz war kaum geräumt und nur die Thorwache noch anwesend, als schon aus der Burg die Platzoffiziere von Heidt und Möser mit mehreren städtischen Nationalgarden und Burgbeamten herauskamen und dem Wachtmeister Prohaska halfen, die Steinbarrikade vor dem Thore hinwegzuräumen.

In diesem Moment hörte man vom Thor herab einen Schuß fallen, dem ein wildes Triumphgeschrei folgte.

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»Das ist die Gräfin! Aber zum Henker - die Schurken werden das Thor öffnen, ehe es noch zum Conflict gekommen!«

Er lief nach dem Kohlmarkt zu. »Verrath! Verrath! Die Bürger übergeben das Burgthor!«

Der Ruf ging ihm mit Blitzesschnelle voran. Arbeiter, Mobile, wüstes Gesindel mit Waffen stürzten unter Fluchen und Geschrei nach der bedrohten Gegend, wo bereits die Bürger mit den wenigen zur Bedienung der Kanonen rechts und links auf der Bastei zurückgebliebenen Mobilen handgemein geworden waren und sie vertrieben und entwaffnet hatten.

An den Augustinern traf der Verräther auf eine stark Abtheilung der Mobilen, die, geführt von einem Legionair, zwei Kanonen escortirte.

Lazare kannte den Führer, den er oft in der Umgebung Blum's und der anderen Mitglieder der Nationalversammlung gesehen, mit denen er von Frankfurt gekommen.

Es war eine kräftige, feste Gestalt, dieser junge Mann, der die wilde Rotte führte. Das schlichte, blonde Haar, das feste, blaue Auge und seine Aussprache zeigten den Norddeutschen; er trug die Kleidung der Legionaire und, die Binde und Schärpe eines Offiziers. Im Augarten und an der Landstraßenbrücke hatte er mit Robert Blum unter den Eliten mit großer Kaltblütigkeit gefochten und eine Todesverachtung bewiesen, die fast zum Glauben verleitete, er suche diesen Tod, und die ihm unter dem Volk, das wirklich kämpfte und sein Blut opferte, großes Ansehn verschafft hatte.

Diesem, so bald er ihn erkannt, eilte Lazare entgegen.

»Hierher, Herr Meißner! Zum Burgthor! Man verräth die Stadt!«

Der Kämpfer