Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.
von
Sir John Retcliffe
Dritte Abtheilung:
Magenta und Solferino
Historisch politischer Roman aus der Gegenwart
Zweiter Band.
Erster Abschnitt.
(Fortsetzung.)
Das
Mene Tekel der Revolution!

Lebendig begraben!

(Fortsetzung.)

Haspinger, ohne sich um das Paar zu kümmern, von dem die Gräfin eine Zeitlang wirr umher starrte, ehe sie die Erinnerung an die furchtbaren Ereignisse wieder fand, hatte die Bunda genommen, die vorher den Schatz geborgen, und zog das Besteck aus der Tasche. Nach der Anweisung des Verwundeten, dessen Hand die des Mädchens festhielt, und von seinen Erfahrungen in Krieg und Jagd unterstützt, untersuchte er mit der Sonde die Wunde und fand bald die Kugel, die an dem Schulterknochen sitzen geblieben war. Ohne einen Laut des Schmerzes von sich zu geben, ließ der Slowak sie von der ungeübten Hand des alten Gemsenjägers ausziehen und die Wunde dann verbinden.
»Gott und dem heili Antoni sei Dank« sagte der Alte, »der Mordbuab hat Oes nit zum Tod g'troffen.«
»Warum mißgönnen Sie mir den raschen Tod?« frug der Verwundete. »Um uns ist die Nacht des Grabes, der wir nicht entrinnen können, und traurig ist es, Die sterben zu sehen, die man liebt!«
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»Der Hergott und die Heili sein über uns« sagte der alte Mann mit Ruhe. »So lang uns sei Odem in der Brust is, soll ma nit verzweifeln an der Rettung. Es sind halt schon gnua Leut begrab'n worden von der Lawin' und die Heili hab'ns wieder an's Taglicht g'führt!«
»Gewiß, gewiß, wir wollen beten, wir wollen Geld geben an die Kirchen! - ich will Alles herausgeben, die Diamanten der Signorina - aber laßt uns nicht hier sterben! Ihr müßt uns retten aus diesem schrecklichen Grabe, es wird ein Mittel geben, einen Ausweg und Ihr sollt Gold haben, so viel Ihr wollt ...«
Die Gräfin, von Todesangst ergriffen, hatte sich vor dem alten Tyroler nieder geworfen und hielt sich an seiner rauhen Joppe fest.
»Geht fort, Weib, Oes gehört nit zu uns und Oes seid so schwarz vor Sünd' und Schand', daß die Tyroler Berg' über Enk z'sammen gefallen und die Unschuldigen begraben hab'n mit den Rüchen! Ruhrt mich nit an, Frau, denn im Grab' sind wir All' gleich und der Nazi Haspinger möcht vergessen vor all' dem Unheil, dös Oes ihm an'than, daß Oes a Weib seid und a Gräfin dazu!«
»Ich bereue, ich bereue Alles - aber habt Erbarmen! Ihr habt gesagt, daß es eine Möglichkeit der Rettung giebt, daß wir noch nicht verloren sind. Sprecht, redet Mann - ich bitte Euch - ich befehle es!«
Der Greis richtete sich straff empor: »Hier im Grab, Frau, b'fiehlt nur Gott der Herr! - Geht 'nüber zu Eurem Schatz, fügt Enk in das, was Der beschlossen hat über uns,
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der die Lawinen in's Thal schickt und ohne dessen Willen nit a Blüm'l g'knickt wird auf der Alm, und dankt ihm, daß Er die Rach' übernommen statt des Haspingers Axt. Aber bei dem heili Ignaci, meinem Schutzpatron, kommt mir nit zu nah mit Wort oder G'berd, oder i schlag Enk den rüchen Schädel ein, noch eh' der Herrgott selber a End' macht!«
Die drohende Miene des Alten und die Art, wie er das Beil im Bereich seiner Hand an die Bank lehnte, machte die Gräfin verstummen. Die entferntere Todesnoth verschwand vor der nähern Gefahr.
Die Gräfin schleppte sich zu ihrem Gefährten zurück, sie suchte bei dem Mann, der so oft mit teuflischem Hohn alle Regungen des Gewissens, alle Verheißungen und Drohungen der Religion verspottend sie jede Gefahr hatte verachten und Gott hatte trotzen machen, um von ihm Kraft und Muth zu holen, aber der Elende war in den ersten Augenblicken selbst zusammen gebrochen und seine schaurige Philosophie des Egoismus zerstoben wie Spreu im Winde.
Erst als er den ersten Schrecken über das furchtbare Ereigniß überwunden, als er sich überzeugte, daß der Tod nicht unmittelbar die Folge der Verschüttung sein mußte und der Sturz der Lawine ihn vielmehr vor der Axt des schwergekränkten Greises gerettet hatte, gewann er die kalte Berechnung und Ueberlegung wieder und der schnöde trotzige Cynismus seines Wesens besiegte die Furcht.
Das Erste, was der Doktor that, war, daß er den abgeschossenen Lauf des Revolvers wieder lud. Dann
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untersuchte er die Tasche mit dem geringen Mundvorrath, den sie mitgebracht, und legte sie neben sich, bereit, dieses Mittel zu ihrer Erhaltung nöthigenfalls bis zum Aeußersten zu vertheidigen, vorerst aber es den Augen der Hausbewohner zu entziehen, um nicht etwa des Antheils auf deren Vorräthe verlustig zu gehen,
Lazare hätte gern sich bei dem Alten erkundigt, welche Aussicht auf Rettung aus diesem Grabe sie vielleicht hätten, aber er wagte nicht, ihn anzureden, bis der erste Zorn sich gelegt; denn er hatte die Drohung des greisen Tyrolers wohl gehört und wußte, daß er der Mann sei, sie wahr zu machen.
Das Paar hatte sich jetzt auf der einen Seite des Heerdes zusammengesetzt, wobei der Tisch ihm gleichsam zum Bollwerk gegen einen Angriff dienen sollte, und flüsterte heimlich miteinander. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten sie dabei auf jedes Wort aus der Gruppe der Hüttenbewohner und des Verwundeten, um darin eine Hoffnung oder einen Weg der Rettung zu entdecken.
Der alte Tyroler hatte jetzt die von seiner Enkelin angezündete Lampe genommen und untersuchte in deren Schein den Zustand seines Hauses. Die Lage desselben zwischen beiden Terrassen der sich emporwindenden Straße, oder vielmehr an dem Abhang in der Nähe der Biegung derselben, hatte sich als der glücklichste Schutz bewiesen. Die Lawine war über das Haus hinweggerollt und hatte das durch die überspringende steile Felsenwand geschützte in ihrem Lauf zwar verschüttet, aber nicht fortgerissen. Der Greis mit seiner Kenntniß der Naturereignisse der Alpen
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schloß, daß die Lawine weiter unten im Thal sich gestaut haben mußte, ohne doch vorerst beurtheilen zu können, wie nah oder fern dies geschehen war. Hiervon, wie er wohl wußte, hing hauptsächlich ihre Aussicht auf Rettung ab, denn sollte die Lawine mit ihrer ganzen Dicke auf der nächsten Terrasse lagern, so war die Schneewand, die sie vom Leben schied, zu gewaltig, als daß menschliche Arbeit allein sie von außen eher hätte durchbrechen können, bevor die Verschütteten den Tod durch Ersticken finden mußten.
Wir haben bereits erwähnt, daß das Dach durch den Druck der Lawine zum Theil zusammen gebrochen war, daß aber einige starke Balken den weiteren Einsturz verhindert hatten. Der alte Mann untersuchte zunächst das Gebälk und brachte mit jenem praktischen Geschick, welches das vereinsamtere Leben den Alpenbewohnern verschafft, einige Stützen an, die eine Gefahr in dieser Richtung beseitigten.
Während er diese Arbeit verrichtete, hatte seine Enkelin die Thür nach dem an den Küchenflur stoßenden Stall erbrochen, aus dem schon lange das angstvolle Gebrüll der dort eingesperrten Kuh erklungen war. Auch hier hatte das Gebälk größtentheils widerstanden und nur der Raum, der den beiden Ziegen zum Aufenthalt diente, war zusammen gestürzt und hatte die Thiere erschlagen.
So weit denn - da es bei der Absonderung der Familie von den anderen Bergbewohnern an einem Vorrath von Lebensmitteln nicht fehlte - wäre ihre Lage wohl erträglich gewesen, nachdem die erste Gefahr glücklich vorüber gegangen, aber der alte Haspinger und seine Enkelin
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wußten Beide, daß die furchtbare Entscheidung ihres Schicksals von anderen Umständen abhing.
Der Raum, oder vielmehr das Grab, in dem sie eingeschlossen sich befanden, war weit genug, um zuerst den Mangel an frischer Luft nicht schwer empfinden zu lassen; doch wurde mit jeder Stunde die Luft schwüler und drückender und die Begrabenen ersehnten das Ende der Nacht, um ermessen zu können, wie tief die Schicht des Schnees war, die sie begrub.
Im Unglück, in der Gefahr hat die Zeit - die dem Glücklichen auf Windesschwingen enteilt, - bleierne Sohlen. Langsam verstrich Stunde auf Stunde den lebendig Begrabenen.
Der alte Tyroler hatte sich, nachdem er Alles gethan, was er zur Erhaltung ihres Lebens für nöthig gehalten, zu der matt brennenden Lampe nieder gesetzt und las in seinem Gebetbuch. Verschiedene Versuche, die die Gräfin im Laufe der Nacht machte, durch Fragen ein Gespräch anzuknüpfen, um ihre Angst zu bewältigen, hatte er bloß mit einer abwehrenden Bewegung der Hand oder einem drohenden Blick beantwortet. An dem improvisirten Lager des Verwundeten saß gleich einer barmherzigen Samariterin die Enkeltochter des Greises, die arme Mutter ohne Gatten, und versuchte von Zeit zu Zeit die brennende Stirn der Kranken, bei dem sich das Wundfieber einzustellen begann, oder seine trocknen Lippen zu kühlen.
Die Hand des Slowaken hielt anfangs die ihre, gleich als wolle er das Wesen, dem seine stille Liebe gehörte, nicht von sich lassen. Bald aber stieg die Hitze des
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Fiebers und seine Phantasieen mischten sich in die leise und weinend gemurmelten Gebete der jungen Frau.
In abgebrochenen Worten, in wilden oder ängstlichen Rufen sprach sich der wirre Gang seiner Fieberträume aus. Bald rief er den Namen seiner Schwester, die unter den Zähnen der Bestie verblutet war, oder wehrte sich gegen den grimmigen Wolfsjäger, der ihn in einen See von Blut stürzen wollte; - bald flüsterte er zärtlich und glühend den Namens der jungen Tyrolerin und verwechselte ihre Person mit der geheimnißvollen Fremden, die in Berlin ihn entführt und sein Lager getheilt hatte; - bald schrie er laut auf vor Angst und glaubte mit Lazare und der Gräfin zu ringen, die ihn zu sich ziehen wollten in die kalten Fluthen des nordischen Meeres, oder er fluchte dem weiblichen Vampyr, der Messaline, die das junge Blut aus seinen Adern sog gleich dem Wolf, der seine Schwester zerriß, und rief um Hilfe, wenn er immer tiefer und tiefer hinabzusinken glaubte in das Schneegrab der Bergspalte, aus der der Tyroler ihn gerettet. Oder er meinte die wilde Gestalt des Teufels-Toni, den er wiederholt mit Lazare verwechselte, gleich einem Alp auf sich reiten und ihm das Gold stehlen zu sehen, das er mit Händen und Zähnen vertheidigen wollte, während seine Glieder vom Bann des Traumes gefesselt blieben. Dann wieder kam ihm der Angstruf seiner Pflegerin in die Erinnerung, der ihm verkündete, daß sie Mutter sei, und er jammerte über ihre Treulosigkeit, um im nächsten Augenblick sich selbst zu verwünschen und den Tod als Sühne herbeizurufen für den Fluch seines Daseins.
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Aus den wilden Phantasieen und den wüsten Sprüngen seines Fiebertraums aber leuchtete immer und immer wieder der einzige Lichtblick seines geschändeten Lebens, seine Liebe zu dem Kinde der Alpen, zu dem tyroler Mädchen hervor, das er im Strahlenkranz einer Heiligen zu sehen glaubte und zu dem er betete, wie zu dem Bilde der Mutter Gottes selbst.
Große, schwere Thränen rollten über die bleiche Wange der Armen, die an seinem Lager saß, und deren jungfräuliche Liebe ja ihm gehörte, wie sie in dieser schrecklichen Stunde der Prüfung vielleicht erst selbst erkannte, während wenige Schritte von ihnen die Schänder dieser Liebe, die Verderber ihres Seelenfriedens und Lebens unter der rächenden Gotteshand für ihr schändliches Dasein zitterten.
Lange dauerte es, und einen schweren Seelenkampf kostete es der jungen Frau, ehe sich die neu erregten Schmerzen beruhigten und sie mit der duldenden Ergebung des Weibes und der Vergebung der Christin die Herrschaft wieder über ihr Leid gewann und den Fluch über ihren brutalen Verderber in ein Gebet auch um seine Rettung verwandelte. Der Gedanke an ihr Kind, dessen Vater er war, an den alten Mann, der so viel gelitten, und an den Unglücklichen an ihrer Seite gab ihr die Kraft, zu vergeben.
O glaubet nicht, Ihr Reichen und Hochgebildeten, die Ihr mit dem Secirmesser Eurer Bildung gleichsam jedes Gefühl in seine kleinsten Theile zu zerlegen und Euch Rechenschaft über Alles zu geben wißt, daß Ihr stärker und tiefer fühlt, als die rauhere Natur des einfachen
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Menschen, das schlichte ungeschulte Herz, das unter dem Leinwandmieder schlägt. Gewaltiger sind die Stürme der Leidenschaft, schwerer und wahrer gefühlt die Leiden und Kämpfe gar oft im rauhen Thale der Alpen als in den lichtstrahlenden Salons der vornehmen Welt, und heller, leuchtender vor dem ewigen Richterauge die Siege der Rechtschaffenheit und des Glaubens, die ihren einzigen Lohn in sich und keine prahlerische Verherrlichung finden!
Lange vorher, ehe der Kampf in dem Busen des einfachen Tyrolermädchens ausgerungen war und sich zu dem ergebungsvollen Gebet an die Mutter aller Schmerzen und aller Gnaden gewandelt hatte, war die Kraft des Kranken von den Anstrengungen des Tages, den Schrecken und dem Blutverlust vollkommen erschöpft und er in einen tiefen Schlaf gefallen.
Auch der alte Mann hatte das Gebetbuch niedergelegt, sein weißes Haupt war auf die Brust gesunken und sein Auge hatte sich ermüdet zu dem Schlummer der Rechtschaffenen geschlossen.
Nur das junge Weib wachte, stark in ihrer Liebe und Schuldlosigkeit, und das verbrecherische Paar, das die Angst um das Leben, das Haschen nach jedem Hoffnungsstrahl von Rettung und das Schmieden neuer schlimmer Pläne nicht schlafen ließ.
Mit dieser Hoffnung auf Rettung hatte der ehemalige Legionair allen Cynismus und Trotz seiner bösartigen Natur wieder gefunden, während seine würdige Gefährtin bald ihn mit verzweifelnden Klagen, bald wieder mit boshaften Bemerkungen über die so zu rechter Zeit an den
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Tag gekommene Vaterschaft, die ihm den Schutz der einfältigen tyroler Dirne sichern müsse, plagte.
So waren die Stunden der Nacht vergangen, die Uhr Lazares, die er ungeduldig jeden Augenblick zog, bewies ihnen, daß draußen außerhalb ihres Schneegrabes die Dämmerung des Tages bereits eingetreten sein mußte.
Der Doktor hatte einen Entschluß gefaßt. Er hatte sich erhoben und seinen Platz hinter dem Tisch verlassen, und als die Tyrolerin ihr Auge erhob, winkte er ihr ziemlich gebieterisch.
»Kommen Sie hierher, ich habe mit Ihnen zu reden!« Der Ton seiner Stimme war absichtlich unterdrückt, um den alten Mann, ihren Beschützer, oder den Verwundeten nicht zu wecken. Sie schauderte zusammen, indem die Worte ihr Ohr trafen, als hätte eine Schlange sie berührt; aber dennoch - wie das Auge des Reptils den Vogel zwingt, sich in den Dunstkreis seines giftigen Athems zu stürzen, - stand sie leise auf und trat ihm einige Schritte näher.
»Was wollt Oes von mir? Zwischen uns Beid' is ka Gemeinschaft nit auf Erden!«
»Bah! sei nicht einfältig Mädchen. Du hast mich also, ohne daß ich's wußte, zum glücklichen Vater gemacht?«
Die Tyrolerin hob schmerzlich die großen dunklen Augen zum Himmel und preßte die gefalteten Hände auf die Brust.
»Die heili Mueder Gott's mög Enk die Sünd vergeben, die Oes an mir g'thoan!«
»Nun, ich will sie schon tragen und wünschte nur, ich
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hätte mehr Vergnügen davon gehabt. Aber der alte Narr, Dein Großvater ließ mich nicht dazu kommen, mich an Deiner Jungfernschaft zu amüsiren, und hätte mir beinahe schon damals den Schädel eingeschlagen!1 Aber da wir nun doch einmal verwandt geworden sind, so will ich hoffen, Du wirst doch den lieben Vater Deines Kindes von einem alten Tollhäusler in dieser verdammten Lage nicht ermorden lassen. Du siehst die Pistole hier - sie hat fünf Kugeln und ich könnte Euch Alle über den Haufen schießen, wenn Ihr einen Finger gegen mich zu erheben wagt!«
»Gott der Herr hat Uns vor dem Unglück bewahrt,« sagte die Tyrolerin eintönig, »döß sei Hand sich mit dem Blut von a soll' schlechtem Menschen färben sollt! Das Gericht is des Herrn und die Heili im Himmel hab'n Enk straft mit der Gotteshand der Lawine und werden mir die Sünd' vergeben um meines Todes willen.«
So verhärtet auch das Herz dieses Mannes war, so erbebte es doch auf's Neue unter dem schlichten Gottvertrauen seines Opfers und zog sich in der Furcht, daß sie wahr sprechen möchte, krampfhaft zusammen. Erst nach einigen Augenblicken konnte er die Unterredung fortsetzen.
»So lange man lebt, Schätzchen, muß man die Hoffnung nicht sinken lassen« sagte er dann hastig. »Dein toller Großvater selbst hat es gesagt. Ich habe genug von Eurer Unterhaltung gehört, um zu wissen, daß unsere Rettung aus diesem verfluchten Nest nicht unmöglich ist und uns gewiß bald Hilfe kommen muß. Weswegen ich
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Dich hauptsächlich gerufen habe, das ist ein Mal, daß Du Deinen Einfluß auf den Alten anwendest, damit er Vernunft annimmt, - und zweitens, Dich zu fragen, ob wir Nichts thun können, um uns selbst aus der fatalen Klemme zu ziehen oder wenigstens der Hilfe von Außen in die Hände zu arbeiten?«
Die Enkelin Haspingers schüttelte den Kopf. »I kann Enk nix sagen Herr - Oes müßt halt zu den lieben Heili beten, döß sie uns helfen mögen; wir können selber nix thoan!«
»Ich hoffe, der Schurke von Postillon wird Lärm machen und die Leute auf der Station müssen doch wissen, was bei solchen Unglücksfällen zu thun ist. Wenn wir ihnen nur irgend ein Zeichen geben könnten, daß wir noch am Leben sind, dann verlaß ich mich auf gute Schaufeln und kräftige Hände mehr als auf alle Heiligen im Kalender.«
Das Mädchen bekreuzte sich bei dem frevlen Spott und schüttelte verneinend statt der Antwort wieder den Kopf als Zeichen, daß sie kein Mittel wisse.
»Gut - so müssen wir uns drein schicken, wenn uns der Teufel holt - es geschieht wenigstens in Gesellschaft, wenn sie auch grade nicht der haute volée angehört. Noch Eins! wie kommt der Mensch da drüben, den ich anschoß, hierher? Allem Anschein nach ist er Dein neuer Liebhaber, wenn auch ein etwas zerlumpter!«
Eine dunkle Gluth schoß über das Gesicht der Tyrolerin. »Oes sollt Enk schämen, so zu plauschen von einem Menschen, den's Unglück schwer g'nug g'troffen hat.
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Der Herr Matthias is a braver Bursch, und nit her kommen wegen a armes g'schänd'tes Diarndarl, sondern weil er a Herz in der Brust hat, dös ehrlich und gut schlägt, und mei Leben wollt i geb'n, wann er nit zu so schlimmer Stund für ihn herkommen wär!«
»Ich sagte es ja,« belächelte höhnisch der Doktor die Entrüstung - »der Duckmäuser hat mit seinen Mausefallen eine Eroberung gemacht. Nun Kind, ich bin nicht eifersüchtig, ich habe den Vorrang gehabt und kann Dich versichern - er nickte frech nach seiner Begleiterin hinüber - »man hat dafür gesorgt, daß er auch deflorirt ist, wie die Franzosen sehr poetisch sagen. Ihr habt Euch also keine Vorwürfe zu machen und ich will herzlich gern meinen Seegen dazu geben, obschon der Bursche beinahe meinen Kopf zum Holzblock Deines Großvaters gemacht hat. Da das kleine Andenken, das ich Dir aus Deinem wiener Logis hinterlassen, wahrscheinlich todt ist, kannst Du in dieser Wildniß dreist noch als Jungfer zum Altar treten.«
Das Mädchen hatte die Augen zu Boden geschlagen. »Er lebt halt - die liebe Mueder Gotts hat ihn mir g'lassen!«
»Wer - Er?«
»Der Bros!«
»Der Henker soll das verstehn. Wer ist der Bros?«
»Euer Sohn!«
Der Doktor hätte beinahe laut aufgelacht, wenn er nicht gefürchtet häüe, den Alten zu erwecken. »Kutya lanczos, wie Madame zu sagen pflegt, - also ich bin glücklicher Papa eines lebenden Jungen? Da muß ich
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am Ende noch Alimente nachzahlen. Aber warum hast Du mir nicht längst den Burschen vorgestellt? ich bin wahrhaftig neugierig, ihn zu sehen.«
»Den Heili sei Dank, sie hab'ns gnädig g'macht mit a armer Mueder - der Bua is nit hier, er is mit dem Kälbl, dem Knecht, droben im Posthaus af'm Berg, und die Postmeisters Leut sind brav und werden ihn nit hab'n fortlassen bei dem Wetter!«
»Teufel - dann ist es am Ende der krause Bube, den uns die Frau auf dem Joch aufschwatzen wollte zum Mitnehmen im Schlitten nach der nächsten Station?« Er hatte es zurück nach der Gräfin gesprochen, die anfangs mit Angst, später mit spöttischem Lächeln dem Gespräch zugehört hatte. Dann wandte er sich wieder an das Mädchen.
»Wahrhaftig, Kind - der Bube macht mir Ehre, so viel ich davon gesehen. Komm her, gieb mir die Hand und laß uns gute Freunde sein. Wenn wir glücklich aus dieser Noth kommen, schick ich dem Bengel von Inspruck ein Paar neue Hosen und Dir ein Andenken dazu!«
Er haschte in seiner frivolen Weise nach ihrer Hand, aber sie trat hastig einen Schritt zurück, als hätte sie ein giftiges Gewürm berührt, und ihr sonst so mildes freundliches Auge blitzte ihm finster entgegen.
»Ruhrt mi nit an,« sagte sie drohend - »oder i ruf den Nönl zu Hilf! - A Böswicht seid Oes, wie die Erd ka zweiten mehr tragen mag! Dös G'thier im Wald hat a Lieb zu seinen Jung'n. Und d'rum lieb ich a den Bua, obschon Oes sei Vader seid und mit G'walt mi g'zwungen hoabt, a's i nit Herr war meiner Sinn, und mich
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unglücklich g'macht hoabt für mei Lebtag, döß i mich der ehrlichen Lieb schämen muaß, die ich im Herzen trag zu dem Armen dort, dessen Mörder Oes seid. Denn i denk, di Mueder Gottes hat mir dös Kind geben zum Trost für die Sünd, in der i's empfangen thean! Oes awer hoabt nur a Spott! I bin a schlicht Diarndl und kann viel nit verstehn, was Oes habt geplauscht, aber i weiß halt, daß es bös war und schiech und mir greifen soll an's Herz. Der liebe Herrgott hat wegen Enk Unglück geschickt über uns Alle, und dechter seid Oes boshaftig und führt a frevel Gered. Aber bedenkt, döß Gott sich nit spotten läßt ungestraft, und wenn sei Gnad und Mild uns diesmal aus dem Grab führen sollt, dös seine Macht uns zu Warnung geschüttet, - sei Hand wird Enk doch noch treffen in Eurem Frevel und Uebermuth und die Sünd rächen, die Oes an mir gethoan!«
Und mit einer Bewegung des Abscheues und der Verachtung wandte sie sich von ihm und kehrte zu ihrem Platz an dem Lager des Kranken zurück.
Als sie sich über ihn bog, sah sie, daß seine Augen weit geöffnet waren und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Schmerz und Glück an ihr hingen. Seine gesunde Hand faßte die ihre und zog die rauhe, von der Arbeit gebräunte und gefärbte, an seine Lippen.
»Nanette - Mädchen, Du bist rein wie die Engel selbst, und jetzt, an der Pforte des Todes, kann ich Dir sagen, daß nicht ich, sondern Du mir Sünde und Untreue zu vergeben hast, aber daß ich Dich geliebt habe aus vollem Herzen, seit jener Stunde, da Du zuerst das fluchbedeckte
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Haus betratst! Jetzt brauche ich nicht von Dir zu scheiden, gesühnt ist die Schuld, und rein, Hand in Hand, können wir Beide vor den Thron des Allgütigen treten, denn dort oben werden sich Die gehören, die das Leben hier unten getrennt hat!«
Sie war niedergesunken an dem blutigen Lager, eine Thränenfluth erleichterte ihr gepreßtes verwundetes Herz; als sie aber sah, wie seine Augen sich schlossen, das erhobene Haupt zurücksank, da schrie sie gellend auf: »Nönl! Nönl zu Hilf! Der Matthis wird alle, mai Herzallerliebster stirbt!«
Der alte Mann fuhr aus seinem Schlaf empor und schaute verwirrt um sich, als erinnere er sich anfangs nicht an das Geschehene, dann aber sprang er hastig empor und eilte seiner Enkelin zu Hilfe.
Die Gräfin hatte ihren Galan, als die Tyrolerin die Unterredung abgebrochen, mit spöttischem Lächeln empfangen.
»Man nennt dies abgeblitzt, Freund Ferdinand« sagte sie. »Allem Anschein nach wirst Du nicht Gelegenheit haben, mich zu einem zweiten Kindtaufen einzuladen.«
Der Doktor pfiff leise durch die Zähne. So sehr er es [es] auch verheimlichen wollte, die Worte des mißhandelten Mädchens hatten ihn doch verdrossen, wenn sie auch sonst keinen Eindruck auf ihn gemacht hatten.
»Bah - es galt uns eine Hilfe zu sichern, aber die Dirne steckt so voll Pfaffengeschwätz und Heiligenkram, daß sie sich zuletzt noch für den Schneehaufen über uns bedanken würde. Sieh die rührende Scene an, wir können uns trösten miteinander, denn Dein Bettwärmer außer Dienst
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sponsirt vor den Augen seiner gräflichen Freundin mit der Bauerndirne. - Die Narren - ein Bursche wie er hat ein Leben wie eine Katze und krepirt nicht an einem lumpigen Strei[f]schutz!«
»Der Hund!« sagte die Gräfin giftig »warum hast Du ihn nicht besser getroffen?«
»Ich denke,« meinte mit philosophischer Ruhe der Doktor »wir haben bereits genug auf dem Kerbholz und brauchen es nicht vermehrt zu sehen, wenn wir glücklich entkommen sollten. Aber sieh, der alte Bursche schnüffelt umher, als wittere er, wie der Geist im Hamlet, Morgenluft und die hübsche Nanni hat sich wieder beruhigt, weil der Mausefallenhändler, Dein Schatz, wieder zu sich gekommen ist.«
Es war in der That so - die Anstrengung der Rede und die Aufregung, die der Slawonier bei dem von ihm gehörten Gespräch zwischen dem Doktor und dem Mädchen, das er so innig liebte, empfunden, hatte ihm eine Ohnmacht zugezogen, die Nanni für den Tod gehalten hatte. Mit Hilfe einiger einfachen Mittel hatte der erfahrene Gemsjäger den Ohnmächtigen wieder zum Bewußtsein zurückgebracht und die Tyrolerin saß jetzt wieder an dem Lager, die Hand des Kranken in der ihren.
Der alte Mann hatte mit einer gewissen traurigen Freude auf dies Einverständniß gesehen, und war dann aufgestanden, um seine Untersuchungen über ihre trotz der vorläufigen Rettung so schreckliche Lage fortzusetzen.
Seine große silberne Taschenuhr, die er mit der gewohnten Pünktlichkeit aufzog, zeigte jetzt 8 Uhr. Der Tag
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war also draußen vollkommen angebrochen und die steigende Tageshelle mußte sich bemerklich machen, wenn die Schneeschicht, die über ihnen lag, nicht übermäßig dicht war.
Der Greis, in den hundert Gefahren, die seine Heimath mit ihren wunderbaren Schönheiten verbindet, aufgewachsen und durch sein früheres Gewerbe als Gemsjäger und Krieger mit ihnen vertraut und gewohnt, auf alle Zeichen sorgfältig zu achten, ging mit allem Bedacht an das Werk, ohne auch nur im Geringsten von dem Paare Notiz zu nehmen, das sich klüglich ganz still und abgesondert auf seinem Platz hielt.
Die Temperatur in dem Innern des Häuschens war warm, denn die mächtige Schneedecke schützte die Bewohner jetzt gleich dem schlafenden Samojeden, der sich auf seiner Wanderschaft durch die ungeheuren Schneefelder ruhig über Nacht einschneien läßt, vor der Kälte.
Der Zustand der Luft war noch immer ziemlich schwer, aber diese Schwere hatte doch nicht oder nur wenig zugenommen, und dies bewies, daß die Schneeschicht nicht so dicht war, wie man gefürchtet hatte.
Das sicherste Zeichen aber war, daß, als der Greis nach einiger Mühe die Thür öffnete, die davor lagernde Schneewand nicht eine absolute Dunkelheit hervorbrachte, sondern - wenn auch kein Licht - doch einen gewissen Dämmerschein zeigte.
Dies war zugleich der Beweis, daß die Schneewand ziemlich rein und nicht von Erd- und Felstheilen, Bäumen und Trümmern gesättigt war, welche die Lawinen in ihrem Fall gewöhnlich mit sich reißen.
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Haspinger holte Schaufel und Harke, und während er seine Enkelin hieß, die Trümmer des Schornsteins möglichst fortzuräumen und zu versuchen, auf dem Heerde ein geringes Feuer anzuzünden, arbeitete er in dem zur compacten Masse zusammengedrückten Schnee vor der Thür, um einen freien Raum herzustellen.
Der Versuch, ein kleines Feuer anzumachen, füllte erst das Innere des Häuschens mit einem unangenehmen Rauch, aber bald mit dem Schmelzen der auf der Decke lagernden Schneeschicht, fand er Platz, in diese einzudringen, und der sich erweiternde Raum vor der Thür übte ersichtlich einen wohlthätigen Einfluß auf die eingeschlossene Luft.
Mit dieser Arbeit waren an zwei Stunden vergangen; der alte Tyroler hatte wiederholt versucht, mit einer festen Stange Löcher in den Schnee zu bohren, doch hierauf seine Bemühungen beschränken müssen, und hieß jetzt seine Enkelin einige Lebensmittel auftragen. Diese bestanden in Brod und Kaffee und Nanni setzte schweigend, ohne daß der Alte eine hindernde Bemerkung machte, einen Theil derselben vor dem Doktor und seiner Gefährtin nieder.
»'S wird Alles d'raf ankommen« sagte der alte Mann zu dem Verwundeten, der sich so genug erholt hatte, um an den Vorgängen und der Besprechung der Lage Theil nehmen zu können, »woas für a Wetter draußen is. Wenn da Schneesturm halt fortmacht und das Geschnieb dauert, dann ist's aus mit uns und ma könne halt a Nuster beten, döß die Heili es kurz mit uns machen. Aber wenn a Frostwetterl eintreten, nöt zu stark, döß die Windbahn nit g'friert und die G'meind von Trafoi sich schleunt,
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können's zu uns durchbrechen, eh wir mitsammen derstickt oder verhungert sind!«
»So dürfen Sie auf Hilfe von Trafoi rechnen?« frug der Kranke.
»Freili - wenn den Schwoager nit selbst der Sturm oder die Lawin von der Straß in da Abgrund schmissen hat. S'is nit 's erste Mal, döß dergleichen passirt is im Hochgebirg und der Herr Pater in Trafoi is a braver Moa und scheut ka Müh und Sorg nit. Auch der Kölbl, wenn er runter kommen is vom Joch, wird nit rasten und ruhn, a's bis er weiß, ob die Lawin uns derschlagen hat oder nit. Die Poststraß müssen's frei machen von dem Schnee und wenn's danach noch a Zeit for uns hoab'n, können wir mit der gesegneten Heili Hilf wohl ausgraben werden.«
Der Verwundete, dessen Sinne durch die fiebernde Erregung in diesem Augenblick vielleicht noch schärfer waren, als die des alten Gebirgsbewohners, legte plötzlich seine Hand auf die des alten Mannes.
»Still, Vater Haspinger - hörten Sie Nichts?«
»Döß i nit wüßt!«
»Jetzt - jetzt wieder!«
»Wahrhaftig - si's wahr!« Er sprang nach der geöffneten Thür und legte das Ohr an die Schneewand. S'is die Glocken von Trafoi oder vom Klösterli - sie läuten Sturm, dös die G'meind im ganzen Thal z'sammen kommt. S'is a sackrische Freund, was die tyroler Leut z'sammen halten in der Noth!«
Alle waren bei der Nachricht hastig empor, selbst der
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Verwundete suchte sich aufzurichten - der Doktor, die Drohung des alten Mannes vergessend, war näher getreten, die Gräfin schrie laut auf.
»Nach dem Schall werden Sie es bemessen können, - wie dick rechnen Sie die Schneelage?« frug Lazare.
Der Greis antwortete ihm nicht, aber er wies auch den Frager nicht mit dem früheren Ungestüm zurück. Er wandte sich vielmehr an den Slawonier, indem er sagte:
»I schätz halt das Schneeschild af a dreißig oder vierzig Ellen, nit höher, denn sonst könnt ma halt nit die Glock'n hören. Wenn's kräftig derzu thean und wir hier drinnen a Bissel helfen, können wir die lieben Stern wieder am Himmel scheinen sehn. Nandl geh nach dem Stad'l und schau, was dös Vieh macht und gieb ihm sei B'hör!«
Während die Tyrolerin seiner Anweisung folgte, begann der Alte mit Hacke und Schaufel kräftig vor der Thür nach Oben weiter zu arbeiten, indem er den abgelösten Schnee vorläufig im Eingang des Hauses selbst aufhäufte oder nach dem Stall schaffte. Dazwischen legte er von Zeit zu Zeit das Ohr an die Schneewand, um nach einem Geräusch von Außen zu lauschen, das ihm die Hilfe von dort und die Richtung der Arbeit anzeigen konnte.
Es ist eine Thatsache, daß der Schnee gleich dem Wasser den Schall überaus weit und deutlich fortpflanzt. Von den Lawinen Verschüttete konnten unter günstigen Umständen Tage vorher, ehe sie durch angestrengte Arbeit gerettet wurden, jedes Wort ihrer Helfer verstehen.
Nur, als Lazare mit Hand anlegen wollte, um dem
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Alten zu helfen, scheuchte dieser ihn mit einem drohenden Blick und einer energischen Geberde zurück.
Es mochte um Mittag sein, als plötzlich die Tyrolerin, die ihre Zeit zwischen dem Verwundeten und dem Schaffen in Haus und Stall theilte, aus diesem in den Küchenraum gestürzt kam und auf dem Estrich in die Knie fiel, die Hände nach Oben ringend, während eine unaussprechliche Freude ihr abgehärmtes Antlitz verklärte und große Thränen über ihre Wangen rannen.
»Nön'l - Nön'l! Mathis - der heili Mueder Gottes sei Dank - der Bros! der Bros!«
Der Alte ließ die Hacke fallen und kam eilig herbei.
»Was is Nandl? was schaut's?«
»Mai Kind - 's Buaberl! i hab die Stimm von mai Kind 'hört!«
»Was - wen?«
»Mai Kind - den Ambros!«
»Wo?«
»Drinn im Stad'l - i hab' sei liebe helle Stimm g'hört und sei Lachen, und and're Männer dazu!«
»Der sakrische Bua wär vielleicht dechter zu was nütz! Dann müßt der Kölbl die Männer vom Joch 'runter führt hab'n uns zur Hilf. Aber i will selber schaun - zeig mir die Stell, Nandl, wo's hört hast!«
Er hatte die Hacke zur Seite geworfen und folgte seiner Enkelin nach dem Stall, ohne den Doktor zurückzuweisen, der bei der allgemeinen Erregung, welche die Nachricht hervorgerufen, sich ihm anschloß.
Es dauerte eine längere Zeit und der alte Gemsjäger
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schien genaue Beobachtungen zu machen, während welcher die Zurückgebliebenen, die Gräfin und ihr Opfer, ängstlich auf eine Bestätigung der guten Nachricht lauschten.
Plötzlich kam der Doktor allein in den Küchenflur zurück. Sein von Natur fahles Gesicht war so todtenbleich wie in dem Augenblick, als er erkannt hatte, daß sie lebendig begraben waren. Er ging hastig an dem Kranken vorüber, faßte die Hand der Gräfin und zog sie nach der Außenthür, wo vorhin der alte Tyroler im Schnee gearbeitet hatte.
»Was ist geschehen - was giebt's?«
»Still,« sagte er hastig. »Sprich Italienisch, das der Schurke dort nicht versteht.«
»Aber was hast Du? Ist die Nachricht der Dirne wahr - arbeitet man an unserer Rettung?«
»Ja - es sind Männer dort - sie schaffen den Schnee fort! - aber wenn es ihnen gelingt, sind wir verloren!«
»Du faselst! Die Angst hat Dir die Besinnung geraubt!«
»Ich bin vollkommen ruhig - ich habe deutlich die Stimmen unterschieden!«
»Gott sei Dank - dann werden wir bald erlöst sein!«
Er preßte krampfhaft ihre Hand. »Weißt Du, wessen Stimme ich erkannt? wer die Arbeiten leitet?«
»Nun - rede endlich, Mensch!«
»Es sind unsere Todfeinde, es ist Stephan Batthyànyi[Batthyányi] und ...«
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»Ebbadta - wer noch?«
»Der Graf Sforza, dem ich in Mailand die Papiere genommen, wegen deren Sicherung wir diesen Weg gewählt und in diesem Grabe liegen!«
Ein noch desperater[er] Fluch entschlüpfte den Lippen der vornehmen Dame. »Ist denn die Hölle los? Wie kommen sie zusammen - wie kommen sie hierher? Das ist Deine Dummheit, Mensch! warum hast Du den anmaßenden Gecken nicht genug von dem Aether schlucken lassen, um ihm das Wiedererwachen überhaupt zu verleiden!«
»Es ist nicht geschehn und nicht zu ändern! Aber ebenso gewiß ist, daß wenigstens ich verloren bin, wenn sie mich hier treffen.«
»Aber sie können gar nicht wissen, daß wir hier, daß wir überhaupt ihnen erreichbar sind. Ich wiederhole, wie zum Henker kommen sie hierher?«
»Eins ist sicher - sie haben durch einen Zufall unsere Spur entdeckt und uns auf dem Weg über das Stilfzer Joch verfolgt. Der Zufall oder irgend ein uns unerrathbarer Umstand muß sie an dem Rettungswerk sich betheiligen lassen!«
Es folgte eine kurze Besprechung zwischen den beiden Genossen der Sünden und Verbrechen, in der sie wenigstens theilweise die Wahrheit erriethen. Sie konnten nicht bezweifeln, daß ihre Verrätherei in Mailand entdeckt worden war, und daß Graf Sforza und vielleicht noch mehre der Verschworenen sie verfolgt hatten. Wie der Ungar dazu gekommen, das vermochten sie aus der Kenntniß der Verhältnisse und der Verbindungen der revolutionairen
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Propaganda zu schließen. Mit der Muthmaßung jedoch, daß blos der Zufall oder die gewöhnliche Theilnahme bei einem Unglück ihre Verfolger veranlaßt haben mochte, an dem Rettungswerk Theil zu nehmen, irrten sie.
Das richtigere, auf die genaue Kenntniß des Terrains gegründetere Urtheil des alten Haspinger, der jetzt aus dem Stall zurückkam und dem Kranken Mittheilung machte, überzeugte sie bald davon.
Mit Angst und Spannung lauschten sie jedem Wort.
Der Alte berichtete, daß das Mädchen sich nicht getäuscht hatte. Es ließ sich deutlich hören, daß von Oben her Menschen an der Arbeit waren, das verschüttete Haus auszugraben. Er hatte die Stimme des Knechtes, ja des Kindes und mehrer Personen zu hören vermocht. Als hätte er sich draußen unter dem freien Himmel befunden, so genau vermochte er den Gang und die Ursache der Arbeiten zu beurtheilen.
Wer je die interessante Bergstraße bereist oder auch nur gesehen, die sich aus dem Thal der Etsch oberhalb von Trafoi an der mächtigen Bergwand des Ortler zu der Region des ewigen Schnees und Eises emporhebt, breite Gletscherfelder unter sich lassend, der weiß, daß das Riesenwerk in großen Spiralwindungen terrassenförmig bis zu der Höhe des Jochs emporsteigt. Wir haben bereits früher die Lage der Hütte oder des Hauses beschrieben, das sich an einer der Zwischenräume dieser aufsteigenden Windungen und zwar zwischen den beiden Endpunkten, an denen die Straße sich dreht, an den Schutz der Bergwand lehnte.
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Die Lawine war in ihrem Lauf über die Terrassen der Straßenwendung zunächst dem Hause hinweg gerollt und hatte dieselben verschüttet und zwar so, daß die größere gewaltige Masse die Straße selbst hochaufgethürmt ausgefüllt hatte, während ihre Seite die Hütte des alten Gemsjägers begrub.
Aus diesem Umstand ging hervor, daß an dieser Stelle die Schneewand von einer oberen freien Stelle der Straße leichter und rascher zu durchbrechen sein mußte, um auf eine untere freie Biegung der Straße wieder zu kommen, als bei einer Räumung des verschütteten Theiles der Straße selbst.
Dies und die Anstrengungen des treuen Knechtes, der am frühen Morgen von der Höhe des Jochs gekommen und von dort wahrscheinlich Hilfe wieder herbeigeholt hatte, waren offenbar die Ursach, daß die Helfer von oben ihr Werk an dieser Stelle begonnen hatten.
Der alte Tyroler überzeugte sich bald, daß seine Vermuthungen und Schlüsse richtig waren; denn man konnte jetzt auch deutlich die Arbeit der Helfenden vernehmen, die aus dem Thal und von Trafoi heraufgekommen waren und von der unteren Terrasse des Weges, von der aus die Wohnung ihren gewöhnlichen Zugang hatte, in die Schneewand einbrachen, nachdem man sich durch Signale mit den Männern vom Joch verständigt hatte; denn einen andern Verkehr erlaubte die Höhe und Dicke des Schneewalles nicht.
Während der alte Mann seine Vermuthungen, die so ziemlich das Richtige trafen, dem Kranken und seiner Enkelin
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auseinander setzte, und der Doktor und seine Gefährtin eifrig darauf lauschten, verfolgte er die Fortschritte der Arbeiten auf beiden Seiten. Lazare, mit der Gewißheit der Rettung aus dem Schneegrabe hatte jetzt alle seine Kaltblütigkeit wiedergewonnen und überdachte die Mittel, wie er zunächst seinen Verfolgern entgehen könne.
Die Arbeiten waren so weit vorgerückt, daß man von der Seite von Trafoi her die Signale eines Posthorns und die Stimmen der Arbeiter deutlich hören konnte, welche der wackere Leutpriester von Trafoi aufmunterte. Das Gebell eines Hundes mischte sich häufig darein und dem alten Haspinger, dem harten Mann, kamen die Thränen in die Augen.
»Dös is da Tyras, das Hauspummerl,« sagte er freudig. »Dem heili Antoni sei Dank, daß dös treue Thier nit verschutt is!« -
Wie sich später erwies, hatte der Hund treulich auf dem Schlitten Wache gehalten und war mit diesem von dem Luftstrom, der den Fall einer Lawine begleitet und die Gewalt eines Orkans hat, über den Rand des Weges und in eine Schneewebe geschleudert worden, aus der er sich bald herausgearbeitet hatte. Das treue Thier hatte dessenungeachtet seinen Platz nicht verlassen und vor der Schneewand, die das Grab seines Herrn bildete, fand es der Postillon, als er nach Tagesanbruch mit Leuten aus Trafoi heraufstieg, um die Straße gangbar zu machen und seine Reisenden aus der Hütte des alten Haspinger abzuholen, da die Verwüstungen, welche die Lawine angerichtet, noch unbekannt waren und der Fall derselben ein zu oft
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im Hochgebirge vorkommendes Ereigniß ist, um die Thalbewohner, wenn sie nicht direkt von dem Unglück betroffen werden, in Schrecken zu setzen.
Erst als der Postillon auf einem der Pferde zurückgejagt kam, das Unheil verkündend, und das hellere Tageslicht erlaubte, aus dem Thal mit den Fernröhren, welche die Alpenbewohner bei der Jagd brauchen, die Stätte des Unheils zu überschauen, war von dem Ortsrichter und dem Geistlichen rasch Hilfe aufgeboten worden, die Kirchglocken klangen durch das Thal und von allen Seiten eilten rüstige Männer und Frauen herbei, da die Gemeinden dort zu der Hilfe an dem Offenhalten der Straße verpflichtet sind und überdies Jeder weiß, wie leicht ihm selbst ein ähnliches Unglück passiren kann, in dem er der Hilfe seiner Nachbarn bedarf.
Der Doktor ging unruhig von einer Seite des Hauses zur anderen, nach den Fortschritten der beiden Parteien lauschend, welche ihnen Beistand brachten. Wenn sich auch vermuthen ließ, daß bei den Männern, die ihnen von der Höhe des Berges zu Hilfe kamen, auch andere Personen als die seiner Verfolger waren, deren Schutz sie also in Anspruch nehmen durften, bis sie sich unter den der Behörden stehen konnten, so kannte er doch den Ungarn zu gut als einen entschlossenen Mann und hatte von der Rache und Heftigkeit des getäuschten Italieners zu viel zu fürchten, als daß er einem Zusammentreffen mit ihnen nicht hätte mit Besorgniß entgegen sehen müssen.
Die Rettung aus der Gefahr, die Sicherheit für seine Person und seine Zwecke beruhte also allein auf der
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Hoffnung, daß die Männer von Trafoi zuerst sich den Weg zu den Verschütteten bahnen und ihnen die Gelegenheit geben würden, ihre Reise so rasch als möglich fortzusetzen.
Ueberdies sollte er sich bald überzeugen, daß seine Verfolger von ihrer Anwesenheit - ob todt oder lebend - in dem verschütteten Hause wußten.
Der alte Tyroler, den die natürliche Unruhe fortwährend von einem Punkt zum andern umhertrieb, stand wieder in dem Stall, oberhalb dessen gearbeitet wurde, und der Doktor befand sich nicht weit von ihm entfernt und hatte das Ohr an die Wand gelegt.
Sie konnten jetzt deutlich die Stimmen hören und bereits einzelne Theile der Reden verstehen. Plötzlich drohte der Alte grimmig mit der Faust nach oben.
»Daß dös G'witter den sackrischen Dalk d'erschlagen mög'. Der Dieb und Dörcher, der's ganze Unglück verschuld hat! Aber i soll ihn in meine Faust kriegen und will ihn auszahle, daß er sein Leblang nit mehr die Visasch auf'm Joch schauen läßt!«
»Ho ho - hi ho!« klang es dem lauschenden Doktor deutlich durch die Schneedecke herunter, die zu der von ihm zufällig gewählten Stelle akustisch den Schall gerade zu ihm klar durchließ. »Sollst mein Erbe sein, Fratz, sollst mein Erbe sein, wenn der Teufel mich geholt hat, wie Deinen Nön'l und Deine Mutter und den fremden Laninger2! Aber nit eher, denn das rothe Gold blinkt zu schön! Drei
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goldene Füchse für zwei todte! Hurrah - die Franzosen sind da und das Geld ist mein!«
»Es is der Teufelstoni, so wahr i seelig werden will!« sagte der alte Gemsjäger laut.
»Ihr wißt, Kerl, was wir Euch versprochen haben,« hörte der Doktor jetzt eine feste Männerstimme sagen. »Wenn sich Eure Nachricht bestätigt, daß die beiden Reisenden, der Mann und die Frau, die gestern Abend von dem Posthaus auf dem Joch abgefahren sind, vor dem Fall der Lawine in das verschüttete Haus geflüchtet sind, dann sollt Ihr noch zehn Napoleond'ors haben, ob wir sie todt oder lebendig finden - aber finden müssen wir sie!«
Eine wilde italienische Verwünschung und Drohung von einer anderen Stimme folgte dem Versprechen.
Haspinger, der nur einzelne Worte gehört, hatte sich überzeugt, daß jetzt der Augenblick gekommen, wo er den Helfern vielleicht ein Lebenszeichen geben könne, um ihren Eifer zu beschleunigen und ihre Arbeit der richtigen Stelle zuzuwenden.
Er legte die beiden Hände an den Mund, und mit einer Kraft der Lungen, die den jüngsten Bergsteiger beschämt hätte, stieß er einen jener gellenden Jodelrufe aus, mit welchen die Jäger und Hirten auf den Almen sich von einer Bergspitze zur andern oft auf kaum glaubliche Entfernungen anrufen.
Das Geräusch der Arbeit verstummte sogleich - dann hörte man ein dumpfes Klopfen.
Die beiden in dem Stall sich befindenden Personen lauschten.
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Alsbald hörte man die Stimme des Knechts Kölbl. »Nazi - lebt Oes noch?« -
Der Alte drängte sich an die Wand. »Ja, Kölbl, i und die Nandl,« schrie er mit seiner gewaltigen Stimme.
Die Antwort mochte wohl kaum oben recht verständlich gewesen sein, da nach den Gesetzen der Tonfortpflanzungen weit deutlicher die Rufe hinein in das Schneegrab dringen konnten von Außen her, als aus den Balken- und [und] Mauerlagen des verschütteten Hauses hinauf. Aber sie schien doch zu genügen, da sie die Ueberzeugung gab, daß noch Menschenleben zu retten waren.
Gleich darauf klang wieder die Stimme des Knechtes.
»Nazi, Vader Nazi!«
»Hoi - hoh!«
»Sind zwei Fremde bei Enk!
»Hoi - ah!«
»A Mann und a Weib! Lebens noch?«
»Hi - ah!«
Der Doktor erbebte - er hörte deutlich die Stimme des Grafen.
»Hundert Gulden Männer, aber grabt auf Tod und Leben! - Wir haben sie!«
»Nönl! Nönl! kommt annerst schleuni hieher,« erklang der eifrige Ruf der Tyrolerin von der anderen Seite der Hütte her - »i kann die Stimm' von unserm lieben Patter hören - gebt's a Zeichen hier, döß wir leb'n!«
Haspinger eilte nach dem Zugang des Hauses, wo die Trafoier an dem Durchbrechen des Schnees arbeiteten. Er
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ließ auch hier seinen Ruf erschallen und hatte die Freude, daß er gehört wurde und man ihm antwortete.
»Freu' Di, Nandl,« sagte er munter, »'s is noch a Stund sackrische Arbeit hier a's da, eher mehr für die vom Joch, weil's in die Tief arbeiten. Aber weil Du a brav Dearndl bist und die Kourasch nit verlor'n, wie's die Weibsleut thoan, soll'st a Freud' zuerst hab'n, und i will Denen vom Joch helfen, döß Du Dei Bros in a halb Stund a Dei Herz drucken kannst!«
Er griff nach Hacke und Spaten, die noch an dieser Stelle lehnten und wollte nach dem Stadel zurückkehren, während die junge Frau jetzt Freudenthränen vergoß.
Der Doktor trat ihm entgegen, den Revolver in der Hand. Er hatte seinen Entschluß gefaßt,
»Halt, Herr Haspinger, ich muß mit Ihnen reden!«
Der Greis sah ihn erstaunt an. »Was fällt Enk ein - i denk halt, Oes kennt den Nazi Haspinger! Geht a's dem Weg!«
»Nein! Sie müssen mich hören! Sie dürfen nicht auf jener Seite den Männern helfen. Lassen Sie uns hier den Leuten aus dem Thal entgegen graben - wir wollen Alle Hand anlegen - und wenn wir zuerst nach dieser Seite uns retten können, soll Ihnen aller Schade durch die Beschädigung des Hauses und selbst das gestohlene Geld reichlich vergütet werden!«
»Verflucht sei der Kreuzer, den der Haspinger a's Eurer Hand nimmt. A's dem Weg sag i und macht mich nit schirig! I bin der Herr hier und thu was i für
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gut find! Dankt der heili Mueder Gotts und dem armen Dearndarl, döß Oes nit längst todt in der Eck liegt. Aber Sakri - macht mich nit fuchtig!«
Er that einen Schritt, an ihm vorbei zu gehen, aber der Doktor stellte sich ihm entschlossen in den Weg.
»Nimmermehr - Sie dürfen dort nicht helfen. Wenn Sie es denn wissen wollen und mein Anerbieten verschmähen - unter jenen Leuten, welche die Schneewand vom Joch her durchgraben, sind Personen, die uns auf Tod und Leben verfolgen. Wir sind verloren, wenn sie hier eindringen und uns finden! Die wichtigsten Interessen stehen auf dem Spiel - wir müssen so schnell als möglich unsern Weg fortsetzen oder uns unter den Schutz der nächsten Behörden stellen. Wenn wir Trafoi oder Meran erreichen können, sind wir gerettet!«
Der alte Mann warf die Hacke auf den Boden, »Der Herrgott hat mei' G'wissen a mal die Sünd erspart, und die Rach' in Sei Hand g'nommen. Wenn Er Enk retten will, mag's d'rum sein - i aber will ka Glied ruhrn, um Enk für a neu' Schlechtigkeit der Straf' zu entziehn!«
Er setzte sich auf die Bank.
»Sie waren Soldat, Herr Haspinger, Sie sind ein treuer Unterthan des Kaisers!«
Der Greis sah ihn finster an. »Wer wagt's, zu zweifeln an der Treu im Tyrolerland?«
»Wohlan denn - im Namen des Kaisers befehle ich Ihnen, uns beizustehn und uns nicht in die Hände unserer Verfolger fallen zu lassen!«
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Der Tyroler zuckte unwillig die Achseln und wandte sich zu dem Verwundeten.
»Im Namen des Kaisers fordere ich Sie auf« wiederholte der Doktor. »Hier, sehen Sie diese Brieftasche, sie enthält Papiere von der größten Wichtigkeit für die Sicherheit des ganzen Staates. In Mailand ist eine Revolution ausgebrochen, - es droht ein feindlicher Einfall! Unsere Verfolger sind italienische Revolutionaire, ein ungar'scher Rebell, den jener Bursche kennt! Sie werden mich tödten, um die Papiere, die von der größten Wichtigkeit für die Regierung sind, und die wir selbst nach Wien bringen müssen, mir zu entreißen!«
»S'is a Lug und a Trug - Hab i nit g'schaut mit meinen Augen, döß Oes selber a Rebell wart am Kaiser unserm Herrn und g'holfen habt in der Mordnacht zu Wien beim Latour? Fluch Enk und mögt Oes verderben in Eurem Trug!«
»Aber ich habe die Partei der Rebellen verlassen - Sie selbst haben mich im Lager des Fürsten Windischgrätz gesehen, als ich ihm Nachrichten brachte aus Wien. Ich ...«
Die Gräfin unterbrach ihn und riß ihm die Brieftasche aus der Hand.
»Du bist ein Narr, daß Du die Zeit verschwendest, wo von jedem Augenblick Tod und Leben abhängt. Werdet Ihr Dem dort glauben, Mann?«
Sie wies nach dem Verwundeten, der aufgeregt die Szene verfolgte.
Der Greis sah zweifelnd bald auf den Slawonier,
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bald auf die Dame. »Der Hoisal is a rechtschaffner Bursch und Oes habt ihm g'nug Leids g'thoan, - wenn er's sagt ...«
Die Gräfin war mit einem Sprung bei dem Lager des Mannes, dessen Leib und Seele sie einst zu verderben gesucht, dessen Lebensfrieden sie zerstört hatte. Es war das erste Mal, daß sie ein Wort seit dem Wiederfinden an ihn richtete.
»Leuchte Mädchen, geschwind!«
Unwillkürlich gehorchte das Nandl.
»Lies!«
Sie hielt ihm eines der gestohlenen Papiere vor Augen.
Die alte unbegränzte Herrschaft, die sie so lange und so verderblich über den Armen geübt, hatte ihre Macht noch nicht verloren. Der Kranke richtete sich unwillkürlich trotz aller Schmerzen empor, seine Augen flogen fieberhaft über das Papier.
»Und hier - da! - Unter jenen Männern befindet sich Stephan Batthyányi - Du kennst ihn!«
»Der Graf? - Gott sei Dank!« rief freudig der Kranke.
»Der Teufel hole ihn! Sprich Bursche, sage dem ungläubigen Schwachkopf dort, was auf dem Spiel steht! Rede, oder ich will Dich an den Galgen bringen, undankbarer Schurke!«
Dunkle Fieberröthe hatte das Gesicht des Kranken übergossen. »Fort von mir - Sie haben keinen Theil
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mehr an mir und der Fluch eines zertretenen Lebens begleite Sie! - Vater Haspinger - kommen Sie hierher!« Der Alte war an seiner Seite. »Red' die Wahrheit Hoisal, ohn' Menschenfurcht! Niemand soll Dir a Zwang thun!«
»Es ist wahr Vater - diese Beiden, so schlecht sie sind, müssen gerettet werden, wenn Ihr ein Mittel kennt, ihnen zur Flucht zu helfen. Wenn der Graf sie trifft, sind sie verloren!«
»Und es ist des Kaisers sei Sach? S' geschieht für den Kaiser in Wien?«
»Ich schwöre es Euch - die Papiere sind von der höchsten Wichtigkeit! Gott weiß, auf welche Weise sie in ihre Hände gerathen sind!«
»Eilt, eilt - jede Minute kann Sie selbst zum Verräther an dem Kaiser, zum Helfershelfer seiner Feinde machen!« drängte der Doktor.
»I a Verräther am Kaiser - der Nazi Haspinger mai Kaisers sei Feind? Wer wagt, solch Lug zu sagen!« Er hatte die greise Stirn zwischen die Hände gepreßt und seine Augen flogen umher, als suche er mit Gewalt nach einem Gedanken.
»I hoab's,« rief er plötzlich. »Welch' Tyroler wird fragen noch nach sei Hab und Gut, wo sei Blut und Leben dem Kaiser g'hört! - Nit für Enk, denn Eure Seele is schwarz und schirig und mei Enkels sei Blut klebt an Eurer Hand und Oes sollt verflucht sein bis in den Abgrund der Finsterniß - aber deß die Tyroler Treu wieder leuchte wie a Stern sollt Oes gerettet sein, oder
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der Haspinger wird sterben mit Enk! Aber wehe Enk, wenn Oes gewagt hoabt, uns a Trug zu thoan!«
»Fragt ihn!« Er wies ungeduldig auf den Slowaken.
»Wahr! wahr!« stöhnte Matthias - »bei meiner ewigen Seligkeit!«
»A naß' Tuch her Nandl! - Werft Reiser af's Feuer, Frau, döß es hell a'fschlägt,« befahl der Greis. Dann rüstig, als stähle die volle Jugendkraft noch seine Glieder, sprang er zu der Schneewand. »Joi - hoh! - Joi - hoh!«
Ein ähnlicher Ruf antwortete ihm dumpf durch die Schneemasse - der Ton eines Posthorns!
»Der Jöggeli is da - jetzt Mann werft des Reisig aus der Hütt hierher vor die Thür und All's, was Oes finden könnt zum Brennen!«
Mit gewaltiger Kraft faßte er den schweren Tisch von Tannenholz in der Mitte der Küche und stieß ihn gegen das Estrich, daß er zusammenbrach. Dann schleppte er die Platte an die Thür und warf sie in dem bereits ausgeschaufelten Raum auf das Schneewasser.
»Jetzt schleuni hier hera'f das Feuer - häuft's trockne Reist a'f und was brennen will! G'schwind, g'schwind!«
»Aber um Himmelswillen, Ihr werdet dies Haus in Brand stecken!«
»Wenns a Möglichkeit wär, warum nit? Desto rascher würd dös Schneeschild derschmelzen! Awer 's hat ka G'fahr nit, ausg'nommen der Rauch! Faßt an Mann, wenn Oes a Kraft in den Knochen hoabt!«
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Er hatte eine Stange aus dem Stall geholt und bohrte sie jetzt wiederholt in die Schneelage.
Die beiden Frauen hatten, die Absicht des Alten begreifend, auf dem Tischbrett vor der verschütteten Thür Reisig aufgehäuft und es in Brand gesteckt. Die Flamme, erst mühsam und spärlich, loderte bald kräftiger in die Höhe, denn der Greis warf Alles, was ihm Brennbares zur Hand kam, auf die Gluth, und der Doktor und die Gräfin folgten bald seinem Beispiel.
»Dös Tuch, Nandl, dös Tuch!« - die junge Frau hatte ihn verstanden und breitete das angefeuchtete Linnen über den Kopf des Verwundeten, so daß er mit der gesunden Hand es heben und frei darunter athmen konnte, ohne von dem Rauch belästigt zu werden.
Sie selbst kniete an dem dürftigen Lager nieder und barg ihr Gesicht darein.
Ein dunkler Qualm erhob sich von dem Feuer und füllte in wenig Minuten den ganzen Raum des Hauses. Der Greis allein hatte die Kraft, demselben aufrecht zu trotzen und das Feuer zu unterhalten.
»Ich ersticke - um Gotteswillen - hört auf!« jammerte die Gräfin.
»A'f die Erd d'nieder, legt Enk a'f den Boden oder druckt dös G'sicht in den Schnee,« befahl der Alte den Stöhnenden.
Zwei Mal mußte er selbst sich an die Wand lehnen - die Flammen leckten bereits an dem untern Gebälk der Thür - immer dichter ward der Rauch, eine dumpfe Betäubung bemächtigte sich Aller - - -
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Da klang ein gellender Jubelruf in ihre Ohren - ein Hurrah - ein lang anhaltender Jodler von vierzig, fünfzig Stimmen - das Posthorn Jöggelis schmetterte - - -
»Hurrah! Der Rauch hat a Ausgang g'funden - sie hoab'n die Richtung!«
Der Alte versuchte den Zuruf von Außen zu beantworten, aber das Pusten und Husten schnürte ihm die Kehle zu. Aber unermüdlich stieß er mit seiner Stange durch den Rauch in den Schnee, um dem erstern den Ausgang zu öffnen und trat das Feuer auseinander und löschte mit Wasser und Schnee die Gluth der Balken.
Dann - ein frischer Luftzug - in Flocken wirbelte der Rauch in die Höhe - laute Stimmen - die Schneewand schien in feurigen Krystallen zu glühen, immer heller und heller, und endlich - ein Stoß - vier Eisen bohrten sich zu gleicher Zeit durch die Schneewand und rissen eine breite Oeffnung und das rothe Licht der Fackeln, kräftige, von dem Schweiß harter Arbeit geröthete Gesichter - und über ihnen das dunkle Firmament mit seinem Sternenheer! - - -
»Gerettet! Gerettet! Hurrah!«
Ein dunkler Körper huschte durch die Oeffnung, ein lustiges Bellen - an dem alten Mann sprang in ausgelassenen Sprüngen der Tyras, das treue »Hauspummerl« empor.
Selbst Lazare, obschon er seit einer Viertelstunde dies Resultat hoffen konnte, war erschüttert und einige Minuten nicht Herr seiner selbst, indeß die kräftigen Arme der
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Gebirgsbewohner unter jubelndem Zuruf rasch die Oeffnung erweiterten.
Der Greis hatte die eigene Arbeit ruhen lassen, er hatte die Hände über die Brust gefalten und blickte fromm ein Gebet murmelnd hinauf in den Sternenhimmel, den er durch Gottes Willen noch ein Mal wiedersah. So fand ihn der Priester, der - das Kruzifix in der Hand, gleich als führe er sie zur Schlacht - während des ganzen Tages bei den sich von Stunde zu Stunde ablösenden Arbeitern geblieben war und sie ermuntert hatte, indem er zuerst durch die Oeffnung in die Hütte stieg und das Zeichen mit dem Bilde des Gekreuzigten dem alten Mann entgegen hielt.
»Auf Eure Knie, alter Freund und laßt uns Gott und den Heiligen danken, daß sie Euch aus der Nacht des Todes errettet haben! Denn der Herr ließ sein Angesicht leuchten über Euch und gab Euch dem Leben wieder! Amen!«
Und während der Greis inbrünstig und demüthig das heilige Zeichen Dessen, der den Menschen die Gräber geöffnet hat, küßte und sein weinendes Enkelkind nieder an seiner Seite kniete, erhob der alte Priester die Hände und sprach die erhabenen Worte, welche die Erstehung aus dem Grabe verkünden.
Die Männer umher hatten ihre Arbeit eingestellt und beteten andächtig auf ihren Knieen - selbst der Hund drückte sich schweigend an die Herrin, die klugen Augen auf die bekannten Gesichter gerichtet.
An der Wand zur Seite, im Schatten neben der halb
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vom Boden, auf dem sie gelegen, aufgerichteten Genossin seiner Sünden: der Legionair - der Verräther - der Spion!
Aber trotz alles Cynismus, trotz seiner Verachtung jedes Gottesglaubens, die mit dem Augenblick ihrer Rettung mit erneutem Trotz in seiner Seele aufbäumten, wagte er nicht die Andacht zu stören und begnügte sich, das Weib an seiner Seite empor zu richten.
Haspinger war es, der zuerst die kurze dem Gebet geweihte Stille unterbrach. »Gott und den Heili der erste Dank anes alten Mannes, der nit mehr die Sonn' über den tyroler Bergen a'fgehn zu schaun g'glaubt hat! Und Enk hochwürdiger Herr und den braven Nachbarn all'zsammen! - Aber nu - nehmts nit schlimm, döß i an's Nothwendige denk! Is der Jöggeli da?«
»Hier Gams-Nazi!« Der Bursche schwang munter sein Horn. »Der Postmeister droben wird sei Freud haben, döß die Braunen gerettet sein! Er arbeit' halt oben mit den Gränzern im Schnee, awer wir waren rascher als sie!«
»Hast a G'fährt da?«
»Freili - der Herrschaft ihren Schlitten. Die Lawin hat ihn nunter worfen weit über die Straß in den Schnee, aber 's fehlt Nix von der Bagasch, wir haben Alles z'sammen sucht und 's G'fähr is wieder in Stand!«
Der alte Mann wandte sich mit gebietender Miene zu dem Paar und wies mit dem Arm hinaus nach der Straße.
»Dann fort mit Enk und befreit mai Hütt von Eurer Gegenwart! Ka sterblicher Mensch soll Enk folgen über
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die Schwell, die der Herrgott selber hat a'fbaut, damit Oes dös Papier bringt nach Wien in des Kaisers sei Burg. Aber wahrt Enk, dös Oes dem Vader nochmals vor die Augen tret't, dem Oes sei Kind geraubt; denn der Herrgott möcht nit mehr sei Lawin schicken, und der Kaiser zwischen Enk steh'n und mei Hand!«
Er wandte ihnen den Rücken und ging zu dem Lager des Verwundeten, zu dem Nandl bereits den Leutpriester gezogen hatte, der im Ruf stand, ein nicht ungeschickter Heilkundiger zu sein.
Ohne sich um das Erstaunen der neugierigen Zeugen dieses Auftritts zu kümmern, hatte Lazare bereits die Sachen, die sie mit in das Haus gebracht, zusammengerafft und reichte eine Hand voll Gold und Silbergeld an die verduzten Arbeiter.
»Da Leute, nehmt, theilt es und tausend Dank für die Hilfe. Fort Schwager, bringt das Gefähr in Ordnung! Einen Dukaten Trinkgeld, wenn wir in der halben Zeit am Posthaus sind! Schnell, Martha!«
Er zog die Gräfin am Arm mit sich fort durch den Schacht, den die Männer in die Schneewand gegraben. Kaum zehn Minuten nachher hörte man das lustige Schmettern des Posthorns. -
Ein Krachen - ein Schmerzensschrei - das letzte Brüllen und Stöhnen der erschlagenen Kuh - ein Theil des Gebälks des Stadels war bei dem unvorsichtigen Einschlagen der Arbeiter vom Joch unter der Last zusammengebrochen und hatte dem treuen Kölbl, dem alten Knecht das Bein zerschmettert!
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Durch die gähnende Oeffnung über die Trümmer her sprangen zwei Männer, die Revolver in der Hand und drangen in die Hütte. Hinter ihnen drein kletterte, zwischen den zu Hilfe Eilenden ein Knabe herunter, einen Stutzen tragend.
»Mueder, der Ambros is da! i bring halt des Nönl sa Buchs, die der Teufelstoni ma schenkt hat!«
Die Mutter hielt ihr Kind in den Armen und bedeckte es mit ihren Küssen.
»Wo sind die Fremden, die in diesem Hause gestern Abend Schutz gesucht? - Ein Mann und eine Frau - wir müssen sie haben, todt oder lebendig!«
»Hoho! hihi!« klang es aus der Höhe - »der Haspinger ist todt! Hurrah! die Franzosen kommen, die Franzosen, aber sie kriegen mai rothes Gold nit!«
Das Rufen des Tollen verlor sich in der Ferne, - wie er jetzt eilig davon lief aus Furcht vor dem aus der Tiefe ihn wüthend anbellenden Hunde.
Der Fremde, der wie ein Engländer aussah, von dem Geistlichen und den Arbeitern gewiesen, war zu dem alten Gemsjäger getreten, der am Eingange seines Hauses Wache hielt.
»Sie sind der Hausherr hier? - Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer Rettung aus so großer Gefahr. Aber ich muß Sie um eine dringende Auskunft bitten. Wir suchen zwei Reisende. Ein wahnsinniger Bettler behauptet, daß sie gestern Abend vor dem Fall der Lawine in diesem Hause Unterkommen gesucht haben!«
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»S'is halt so! Der verhutzelte Dörcher hat die Wahrheit plauscht!«
»Ein Mann und eine Frau - der erste blaß mit hoher gewölbter Stirn, - die Dame klein und roth!?«
»S'is schon recht!«
»Und wo sind sie - Ihr haltet sie versteckt?«
»Nein, Herr - der Mann mit dem schiechen Blick den sie den Doktor nennen, und sai schlimme Zuhalterin, die Gräfin, sind fort!«
»Fort?«
»Ja, Herr! - was die Pferd laufen können, fahren sie nach Trafoi, nachdem's Unheil g'nug hier anricht hab'n. Aber die Hand Gottes ist hinter ihnen!«
»Auch die unsere hinter dem Buben!« Er sprach rasch einige Worte italienisch zu seinem Begleiter. »Wenn Ihr die Menschen kennt, Alter, was seltsam genug ist, werdet Ihr wissen, was an ihnen ist. Sie haben uns bestohlen! Macht Platz, wir müssen ihnen nach so rasch als möglich!«
Aus der Tiefe der Straßenwindungen trug das Echo die fernen leisen Klänge des Posthorns herauf. Der alte Tyroler stellte sich breit in die Thür.
»Ka Schritt weiter Ihr Herren! Kehrt zurück woher Oes 'kommen seid - i will nit fragen wer Oes seid und was Euer Gewerb - dort drüben aber unter den Leuten steht der Gensd'arm und sind Männer g'nuag hier, a Landesfeind beim Kragen zu nehm'n! Die da unten wird der Teufel, wenn ihre Zeit kommen, schon finden, - aber annerst soll'n sie frei gehn und sicher nach 'Spruck und Wien, denn die
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Tyroler Treu is so fest wie unsre Berge stehn und Gott der Herr verläßt Oest'reich nit!«
Der Engländer faßte den Arm seines knirschenden Gefährten und zog ihn fort. »Unsere Anstrengung war vergebens,« sagte er französisch. - »Kommen Sie, wir müssen an uns selbst denken, denn dieser Mann weiß offenbar von unserm Zweck. Wir können jeden Augenblick verhaftet werden und es würde Hauptmann Müller schwer sein, uns loszumachen.«
Sein Blick begegnete den freudestrahlenden des Verwundeten.
»Wie - Du hier, Matthias?«
Der Slowak streckte ihm schüchtern die Hand entgegen.
»Sie sind sicher hier, Herr Graf,« flüsterte er - »der Haspinger ist ein Ehrenmann - nur verrathen Sie sich nicht selbst den Andern gegenüber! Sie sollen Alles erfahren.«
Der Graf Batthyányi gab dem Mailänder Nobile einen Wink - dann setzte er sich neben den Kranken und nahm seine Hand.
»Du bist verwundet, braver Landsmann - ich hoffe, nicht gefährlich! Wer that es?«
»Wer anders als Jene, die der Fluch meines Daseins waren! Aber die Kugel, die mich traf, hat mich dem Leben wieder gegeben und der arme zertretene Slowak, - er mag leben oder sterben! - hat sein Bestes wieder gefunden!«


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Zehn Tage darauf fanden noch nachträglich in Mailand in aller Stille einige Verhaftungen statt - auch die Gräfin Montalban Cornello mußte ein scharfes Verhör bestehen - aber wegen Mangels an Beweisen wurde, wie schon am Schluß des vorigen Kapitels erwähnt, die Untersuchung nicht weiter verfolgt.
Graf Sforza kehrte nicht nach Mailand zurück - er war nach Turin geflüchtet und trat in die sardinische Armee.
Bald darauf begann Oesterreich vorsichtig seine Garnisonen in der Lombardei, namentlich an der italienischen Gränze zu verstärken. Die Festungswerke von Peschiera, Verona und Mantua wurden renovirt.
Herr von Hübener, der österreichische Botschafter in Paris, hatte um diese Zeit viel zu thun.
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In der Rue Lepelletier.

Ein rasender Beifallssturm erschütterte den Circus und donnerte hinter den flüchtigen Hufschlägen des Rosses drein, das die andere Seite der Estrade hinab sprengte.
Das wilde Reiterkunststück war geglückt - nur das scharfe Auge wahrer Sportsmen hatte den leichten Schlag der Reitgerte, die gewandte Zügelhilfe gesehen, mit denen die kühne Reiterin das treffliche Pferd unterstützte; - hinüber im gewaltigen eleganten Sprung ohne einen Moment des Zauderns, ohne einen falschen Hufschlag waren Roß und Reiterin geflogen!
»Da gehn Ihre Wetten zum Teufel, Kapitain,« sagte kaltblütig der Viscount zu dem kleinen Liebhaber des Halsbrechens anderer Leute, das Glas von dem Auge entfernend.
«Goddam - fünfzig Pfund! - aber ich hoffe, sie in fünf Minuten wieder zu gewinnen!«
»Cordioux! einen vollen Fuß der Hinterhuf über dem Rand! Ein excellenter Sprung! Es ist nicht zu zweifeln, sie nimmt die Barriere!«
»Brava! brava! bravissima! die kleine Hexe soll einen
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neuen Schmuck von Verdier haben!« Der Fürst war ganz aufgelöst von Entzücken und vergaß ganz seine Gebrechlichkeit, indem er sich reckte und streckte, bis ein Stich in der Hüfte ihn arg daran mahnte.
In der Loge der Fürstin Trubetzkoi hatte sich die Zigeunerin weit vorgelegt - ihre Augen funkelten Blitze, die Nüstern dehnten sich, die ganze Gestalt bebte förmlich vor wilder Aufregung, als sie sich zu der Herrin zurück wandte, und die kleinen scharfen Zähne glänzten wie die eines Wolfes.
«Teremtete! Die Pußta - die Pußta!«
»Still Feodora - mäßige Dich! - Um Himmelswillen, der Unvorsichtige! Sehen Sie den Herrn dort in der kaiserlichen Loge Herr Meißner! - das weiße Tuch in seiner Hand kann das Pferd im Nu scheu machen und dann ist sie verloren!«
Aber auch von anderer Seite war bereits die Gefahr bemerkt worden.
»Rasch! rasch Leute! die Barriere vor!«
Die beiden Stalldiener, welche die gefährliche Palissadenreihe einschieben mußten, waren im Nu an der Arbeit gewesen, so wie der »Matador« den Sprung gemacht hatte.
Der Mohrendoktor hatte eifrig mit Hand angelegt, um die schwere Barriere in die richtige Stellung zu bringen. Davon sich erhebend fiel sein Auge auf den Spanier an der Brüstung der kaiserlichen Loge und das Tuch in seiner Hand. Er deutete darauf und machte ein dringendes bittendes Zeichen, denn die Fortdauer der wilden rauschenden Musik verhinderte das Hören seiner Worte,
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Aber sein Wink wurde durch eine zweite energische, drohende Geberde des jungen Preußen unterstützt, der, auf der andern Seite der Estrade stehend, seinen Blick aufgefangen und verfolgt hatte.
Der Spanier antwortete mit einem hochmüthigen Lächeln und richtete das Lorgnon auf den Fremden, aber er ließ zugleich seine Hand mit dem Tuch unter die Brüstung sinken. In der kaiserlichen Loge selbst war der nur einen Moment in Anspruch nehmende Vorgang nicht einmal bemerkt worden - die Kaiserin hatte sich in ihren Fauteuil zurückgelehnt und hielt den Fächer vor das Gesicht, - die Gefahr der kühnen Reiterin schien großen Eindruck auf sie gemacht zu haben.
Auch die kleine Frau des kecken Partisan der Revolutionspartei hatte sich erschrocken die Augen verhüllt und abgewendet von dem gefährlichen Schauspiel, aber desto eifriger bewunderte ihr Gatte den Sprung.
»Caramba, Schätzchen - sie reitet wie ein Gaucho, - ich habe Aehnliches kaum in den Pampas gesehen! Aber Mordious! wie ist mir denn - bin ich blind gewesen? Das kann niemand Anderes sein als die kleine ...«
Der Name erstarb ihm auf den Lippen in dem neuen Interesse, das er an der Scene nahm, - aber er sollte gleich darauf einen schrecklichen Ersatz finden!
Alle die verschiedenen Scenen und Worte, die wir so eben beschrieben, hatten sich in die Frist kaum einer Minute gedrängt, - eine Todtenstille im Hause folgte dem donnernden Applaus und Aller Augen hingen wie
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magnetisch gefesselt wieder an dem Aufgang der Estrade, denn schon klangen auf dem Pflaster des Rundganges die Hufschläge des Matador.
Eine Secunde noch und die kühne Reiterin erschien in dem Eingang.
Das wackere Pferd mit den blähenden Nüstern, den fliegenden Mähnen und dem gehobenen Schweif war prächtig anzusehen - schöner noch die kecke Reiterin mit den von der Aufregung gerötheten Wangen, wie sie die funkelnden Augen auf das gefährliche Ziel gerichtet hielt, fest im Sattel, die Linke leicht im Zügel, die Rechte mit der Gerte gehoben.
»Hui - Hop!«
Die Hufe des wackern Thiers donnerten auf den Bohlen, wie es die Terrassen in kurzen Sprüngen nahm.
Einen Moment noch - jetzt!
»Hop Matador - Hop!«
Der Schimmel hob sich zum Sprung -
In demselben Augenblick fiel flatternd das weiße Tuch aus der Hand des Spaniers von der Brüstung der kaiserlichen Loge grade vor ihm nieder.
»Carmen!«
Der Namen, mit heller schneidender Stimme gerufen, traf in das Ohr der Reiterin, als hätte sie ein scharfer Pfeil getroffen. Sie fuhr zusammen, sie starrte empor und in das boshafte dämonische Auge des Conde dicht über ihr - der entscheidende Augenblick war verloren.
Ein Schrei des Schreckens, des Entsetzens gellte durch das Haus - das Pferd schlug, auf den Hinterfüßen
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stehend wild mit den Vorderhufen durch die Luft - dann sprang es.
Der kräftige Spornstoß kam zu spät!
Der Matador erreichte dennoch im kräftigen Sprung die andere Seite der Estrade, aber die Hinterhufe streiften die Barriere und erreichten nur mit der äußersten Spitze den Rand der Estrade, an dem sie abglitten.
Einen Moment kämpfte das kraftvolle edle Thier, - aber vergeblich - in dem Angstruf des Publikums verhallte ein leichter Schrei der Unglücklichen - dann glitt das Pferd mit dem Hintertheil hinunter und überschlug sich.
Die Aufregung war entsetzlich - viele Damen fielen in Ohnmacht und Krämpfe, - Fäuste und Stöcke hoben sich drohend gegen die kaiserliche Loge, wo die hohe Frau das Gesicht in die Hände verbergend zurückgesunken war, denn Viele hatten den Fall des Tuchs gesehen, wenn auch nur Wenige den Ruf gehört hatten; die Stallmeister eilten in die Manège, die Musik hörte auf - man hörte nur gellende Schreie der Angst und des Entsetzens, das ganze Publikum hatte sich erhoben und die Männer sprangen über die Bänke und drängten auf den Schauplatz des furchtbaren Ereignisses.
Einer der Ersten war der Kapitain François. In dem Augenblick, als das Pferd sank und sich überschlug, setzte er seinen Fuß auf die Brüstung der Loge, sprang, die Untensitzenden zur Seite stoßend, über drei Bänke hinweg und in die Manège.
Aber zwei Männer waren ihm dennoch zuvor gekommen und ohne sie war jede Hilfe zu spät.
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Der Mohrendoktor war der eine - Otto von Röbel der andere!
Die beiden Diener, welche die Palissadenwand hielten, die so furchtbar gefährlich oder vielmehr mit den scharfen Spitzen unbedingt todbringend, und zwar einen schrecklichen Tod, für die Stürzende werden mußte, standen erstarrt vor Schrecken und hatten jede Geistesgegenwart verloren.
Der Mohrendoktor warf sich gegen die Wand mit der ganzen Kraft des Körpers und stürzte sie um.
In demselben Augenblick war der preußische Edelmann schon über die Barriere gesprungen und stand neben dem hauenden Pferd - mit einem zweiten Sprung, gewandt, behend, wie die Löwin sich vor ihr gefährdetes Junge wirft, warf er sich zwischen das sich überschlagende Thier und die rückliegende Estrade, die Arme ausbreitend, wie um Roß und Reiterin aufzufangen, fest mit dem Fuß sich zurückstemmend.
Das Pferd überschlug sich auf den Hinterbeinen, die Reiterin hatte so viel Geistesgegenwart bewahrt, den Oberkörper zur Seite zu werfen und die Füße aus den Bügeln zu lösen - er fing sie in seinen Armen auf, aber der Stoß des fallenden Thiers war zugleich so gewaltig, daß er sich nicht halten konnte und mit seiner schönen Last zurückfiel.
Sein Kopf schlug auf eine der Planken, ohne daß er das Mädchen los ließ, das Pferd lag auf Beiden und hieb in die Luft.
In dem Augenblick war auch Kapitain François bei ihm.
»Tausend Teufel Otto, mein Junge, was hast Du
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gethan - Du blutest! Heran ihr Schurken - das Pferd herunter!«
Schneller als die Diener und Stallmeister hatte sich auf die schlagenden Hufe schon ein anderer Mann geworfen - Rudolph Meißner, der Hofmeister der Fürstin Trubetzkoi, der Predigerssohn aus der Heimat; - die Gefahr nicht achtend, versuchte er den Schimmel empor zu reißen, bis es ihm unterstützt jetzt von zahlreichen kundigen Händen gelang.
Der Mohrendoktor hatte bereits die Reiterin emporgezogen, François hielt den halbbetäubten Freund in den Armen.
»Rühre die Glieder mein Junge - probire ob Du Etwas gebrochen hast?«
»Nichts - Nichts - aber sie? lebt sie? ist sie gerettet?«
»Sie muß wohl - auf Deine Kosten! Du blutest stark - es war ein Teufelsstreich, aber das einzige Mittel! Eben trägt man sie fort!«
Es war zu viel selbst für die festen Nerven der kühnen Reiterin gewesen; in dem Augenblick, als sie sich von den Armen des jungen Mannes umfaßt gefühlt hatte und an seiner Brust liegend sein Gesicht über sich geneigt erblickte, war sie ohnmächtig geworden. Der Mohrendoktor half sie sorgsam aus der Manège tragen. Otto von Röbel hatte sich empor gerichtet, seine Augen folgten ihr, während das Blut in hellem Strom über seine Kleidung floß.
Der kräftige Widerstand hatte den Sturz gebrochen, der sonst bei der Stellung der Gerüste unfehlbar Rositta
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den Tod gebracht hätte. Im Niederfallen hatte der Kopf des jungen Edelmanns gegen den Balken der Barriere geschlagen und eine breite, wenn auch zum Glück nicht gefährliche Wunde war die Folge.
An die Fortsetzung der Vorstellung war vorerst nicht zu denken. Das Publikum verlangte ungestüm Nachricht über das Befinden der Sennora Rositta. Ebenso ging von Mund zu Mund die Frage, wer der Fremde war, der so kühn mit eigener Lebensgefahr die Reiterin gerettet hatte. Mehrere Aerzte, die sich unter dem Publikum befanden, eilten herbei, um ihm ihre Hilfe anzubieten und ihn zu verbinden. Aber der junge Preuße lehnte dankend mit Ausnahme von etwas Heftpflaster den Beistand ab, ließ sich von dem Freunde ein Tuch über die Wunde binden und setzte den Hut auf dieses. Er zögerte offenbar, sich fortzubegeben, obschon ihn Kapitain Laforgne fortzuziehen suchte, um durch seine Gegenwart Mutter und Schwester zu beruhigen.
Frau von Roebel[Röbel] war bei der raschen That ihres Sohnes und dem Anblick der Gefahr desselben ohnmächtig geworden und die junge Frau um sie beschäftigt, während Rosamunde sich aus der Loge drängte, um zu ihrem Bruder zu eilen.
Sie vermochte den dichten Kreis nicht zu durchbrechen, als eine ernste klangvolle Stimme, deren Ton ihr Innerstes erbeben machte, dicht neben ihr sich laut erhob:
»Ich bitte um Platz meine Herren für diese Dame, die Schwester Dessen, dem Sie die Rettung der Sennora Rositta zu danken haben.«
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Sie stand bleich, zitternd in dem freien Gang, der sich sofort öffnete, ohne ihren Weg fortzusetzen. Ihr mildes frommes Auge traf auf das ernste Gesicht des Mannes, ihre Hand fuhr unwillkürlich nach dem Herzen.
»Rudolph!«
Der Secretair verbeugte sich, in seinem männlichen kräftigen Antlitz zuckte eine tiefe Bewegung, seine Augen suchten finster den Boden. »Fräulein von Röbel, Ihr Herr Bruder erwartet Sie. Ich danke Gott, daß er Ihnen denselben bewahrt hat!«
Er trat zurück mit einer Bewegung der Hand nach dem ehemaligen Freunde zeigend, der noch halb betäubt ihn und die Schwester anstarrte. Das Mädchen schwankte ihm entgegen und fiel todtenbleich mit einem Thränenström ihm in die Arme.
Er preßte sie an seine Brust. »Arme Rosamunde! - François mein Freund, ich bitte Dich, bringe sie fort; ich folge Euch sogleich.[«]
Sein Blick flog suchend nach dem Eingang der Manège, durch welchen die Stalldiener die Holzgerüste fortschleppten, und aus dem eben, gefolgt von einem Schwarm von Verehrern der schönen Primadonna des Circus der jüngere Déjean in die Manège trat.
»Meine Damen und Herren« sagte laut der Direktor, »ich kann Ihnen die erfreuliche Mittheilung machen, daß Sennora Rositta mit Ausnahme des gehabten Schreckens keine schlimmen Folgen von dem gefährlichen Sturz davon getragen hat und dem Publikum für seine Theilnahme dankt!«
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Großer Applaus! »Die Dame! die Dame! Rositta selber!«
Mit jener naiven Rücksichtslosigkeit, die dem Publikum eigen ist, und die geradezu glaubt, daß schau- und darstellende Künstler keine Erschöpfung kennen dürfen, wenn es sich um sein Vergnügen handelt, forderte man ungestüm, zuletzt mit Pochen und Pfeifen das Erscheinen der Reiterin selbst.
Während der Direktor sich entfernte, spielten in dem Zuschauerraum selbst einige jener kleinen Zwischenscenen, die immer ein Drama begleiten und gewöhnlich unbemerkt vorüber gehen, während sie doch die eigentliche Entwickelung bilden.
Durch das noch immer stattfindende Gedränge am vorderen Zugang der Manège machte sich der Graf von Montboisier Platz und ging quer über den Raum, an dessen Ausgang nach den Garderoben er den Direktor einholte.
»Monsieur Déjean« sagte er höflich, »Sie werden mich verbinden, wenn Sie mir mittheilen wollen, ob die Sennora Rositta mich empfangen kann. Ich bin von Ihrer Majestät der Kaiserin beauftragt, mich nach dem Zustand der Verunglückten selbst zu erkundigen und ihr die Allerhöchste Theilnahme zu überbringen.«
Der gewandte Direktor, ein enragirter Bonapartist, war ganz Geschmeidigkeit und Dank für die erzeigte Ehre und führte den Grafen die Treppe hinauf nach den Garderoben.
So eben öffnete sich die Thür des Ankleidezimmers,
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in welches man Rositta zurückgebracht und der Mohrendoktor trat heraus.
»Der Herr Oberst Graf von Montboisier, Kammerherr Seiner Majestät,« sagte mit stolzer Betonung der Direktor, »wünscht sich zu erkundigen, wie sich Mademoiselle befindet. Ihre Majestät hat ihr die Ehre erwiesen, danach zu fragen.«
Ein leichtes spöttisches Lächeln flog über das verwitterte Gesicht des Arztes. »Ihre Majestät sind allzugnädig - Mademoiselle Rositta befindet sich bereits wieder besser und hat zum Glück nur einige unbedeutende Quetschungen davon getragen.«
»Ich habe Befehl,« sagte der Graf höflich, »die Dame selbst zu sprechen, wenn es möglich ist.«
»O gewiß, gewiß!« der Direktor riß ohne Weiteres die Thüre auf. »Der Herr Graf von Montboisier!«
»Auf Befehl Ihrer Majestät,« sagte entschuldigend der Oberst, indem er mit einer höflichen Verbeugung nähertrat, da ein Blick in das kleine Boudoir ihn überzeugte, daß die Kunstreiterin, in einen weiten Bournous gehüllt, in der Causeuse saß und einen Besuch annehmen konnte. »Monsieur Déjean ist so gütig gewesen, mich zu versichern, daß Sie bereits im Stande sind mich zu empfangen, und ich darf ihn jetzt nicht länger der Pflicht entziehen, das Publikum einstweilen zu beruhigen, das stürmisch verlangt, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß seine reizende Primadonna weder Hals noch Arm bei dem überkühnen Wagstück gebrochen hat, dessen Gelingen offenbar nur ein tückischer Zufall verhinderte.«
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Der Direktor verstand den Wink und zog sich zurück. Um den Lärmen des Publikums, der immer stürmischer wurde, kümmerte er sich herzlich wenig.
Die Dame hatte mit einer Handbewegung den Obersten eingeladen, auf einem Stuhl zur Seite der Causeuse Platz zu nehmen.
»Man ist sehr gnädig,« sagte sie, »an dem Schicksal eines so unbedeutenden Wesens Theil zu nehmen. Haben Sie die Güte, mein Herr, Ihro Majestät meinen Dank zu Füßen zu legen; Sie sehen selbst, daß ich unverletzt bin, allein ich bin äußerst besorgt über meinen Retter - ich sah im Augenblick als ich ohnmächtig wurde, Blut über sein Gesicht strömen und sandte so eben meinen alten Freund und Begleiter ab, sich nach ihm zu erkundigen.«
»Monsieur de Reubel wird sich glücklich schätzen, mit einer Wunde das Glück erkauft zu haben, Madame einen solchen Dienst leisten zu können.«
»Wie Herr Oberst - Sie kennen ihn?«
Die Röthe, welche dabei ihr Gesicht überflog, machte den gewandten Hofmann lächeln. »Für den Preis solcher Theilnahme,« sagte er galant, »würde ich mich auch gern unter die Hufe Ihres Matadors werfen. Beiläufig, ein prächtiges Thier. Herr von Reubel ist ein junger preußischer Edelmann, der glaub' ich in der Schweiz verwundet wurde, und unsere Pyrenäen-Bäder gebraucht hat. Ich kannte vor mehreren Jahren seinen Bruder einigermaßen näher. Er befindet sich auf der Rückreise nach Berlin mit Mutter und Schwester hier.«
»Seine Mutter - seine Schwester! Heilige Madonna,
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welchen Schrecken müssen sie empfunden haben. O mein Herr, nicht wahr, was er für eine Fremde that, war sehr schön?«
»Ich darf ihm die Ritterlichkeit seiner That nicht schmälern, Madame, um so weniger, als wie ich höre, ein Landsmann von Ihnen so unglücklich gewesen ist, durch ein unwillkürliches Vergessen wahrscheinlich Ihren Unfall veranlaßt zu haben. Don Alvaro de Montijo hat sich dadurch die Ungnade der Kaiserin zugezogen, obschon er ihr Verwandter ist.«
Die Sennora schwieg - er erwartete vergebens eine Antwort.
»Ihre Majestät beabsichtigen wahrscheinlich Allerhöchst ihrer schönen Landsmännin - Madame sind ja, so viel wir wissen, selbst Spanierin?« - er beobachtete sie scharf bei der halben Frage -, ihre besondere Theilnahme zu beweisen, denn Ihre Majestät bewilligen Ihnen eine Privataudienz!«
»Mir?«
»Ja, Madame. Ihre Majestät erwarten Sie morgen Abend vor der Ausfahrt in der Oper in ihren Gemächern, wenn es Ihr Zustand erlaubt. Die Kaiserin will Sie ohne Aufsehen zu erregen sprechen, und ich habe Befehl erhalten, Sie morgen Abend um 7 Uhr zu ihr zu führen.«
Die Einladung machte offenbar dem gewandten Hofmann einiges Kopfzerbrechen, denn er beobachtete die Kunstreiterin auf das Genaueste.
Rositta dachte einige Augenblicke nach, dann sagte sie
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ruhig: »ich werde bereit sein, mein Herr und Sie erwarten.« Sie erhob sich. »Sie wissen wo ich wohne?«
»Wer sollte das Hôtel der gefeierten Schönheit des Tages nicht kennen, Madame. Hôtel Bristol am Place Vendôme. Ich beurlaube mich, um morgen gegen 7 Uhr Sie abzuholen. Doch -[«]
»Nun?«
»Ich glaube im Sinn meines Auftrags zu handeln, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß Ihr Empfang vorläufig ganz incognito bleiben muß!«
Sie bejahte durch ein Zeichen. Eben klopfte der Direktor wieder an der Thür.
»Sennora,« sagte er, auf das »Entrez!« vorsichtig den Kopf hinein steckend - »entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber es ist ganz unmöglich, das Publikum länger im Zaum zu halten. Man demolirt mir den Circus. Man hält unsere Versicherung, daß Sie sich wohl befinden, für Täuschung und will Sie durchaus sehen! Zwei Mal schon hat man meine Quadrille zurück gejagt!«
Der Kammerherr lachte. »Da sehen Sie unsre guten Pariser! Sie würden um ein Ballet Barrikaden bauen. Madame erlauben Sie mir, Sie wenigstens bis an die Gränze des Reichs zu begleiten, wo die Herrschaft unseres Monsieur Déjean beginnt!«
Sie hielt ihn tief erröthend zurück, indem sie die Hand auf seinen Arm legte. »Einen Augenblick Herr Graf, - wissen Sie wo Herr von ... Herr von Reubel wohnt? ich habe ihm mein Leben zu danken!«
Der Graf lächelte. »Ich würdige ganz Ihr gefühlvolles
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Herz. Monsieur de Reubel wohnt, wenn ich mich recht erinnere, in einem kleinen Hôtel der Rue Saint Georges, in dem Hôtel d'Orient!«
»Ich danke Ihnen. Monsieur Déjean - ich bin bereit!«


Während der Kapitain Laforgne der Schwester des Freundes den Arm bot, um sie zurück zu führen, waren der Fürst Trubetzkoi mit dem Lord und mehrere der Cavaliere, die vorhin die kritische Jury über die Damen des Circus und die Zuschauer gebildet hatten, heran getreten. Der Fürst hatte so eben vergeblich bei der Garderobe der Kunstreiterin antichambrirt, sich aber mit den Nachrichten der Kammerfrau begnügen müssen. Aber er erzählte der Gesellschaft, daß Sennora Rositta sich den Fuß bedeutend verrenkt habe, daß er geholfen, ihr einen Verband umzulegen, und daß sie ihn vor ihrer Abfahrt nach dem Hôtel gebeten, sie ja des andern Morgens zu besuchen.
»Ihre Wette, Peard,« sagte der Viscount, »ist also dennoch verloren. Ein verstauchter Fuß ist noch kein gebrochener Hals. Sie haben Unglück heute Abend!«
»Euer Herrlichkeit haben mir versprochen, meinte der modernisirte Menschenjäger, »daß ich in Paris einige interessante Fälle sehen würde. Es ist wirklich schade - ich habe schon neun Männer, aber noch keine Frau den Hals brechen sehen, obschon ich ein Mal nahe daran war, als ein Sergeant meiner Compagnie die seine zwei Treppen hinunter warf. Aber diese Weiber haben ein Leben wie die Katzen!«
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Der Viscount lachte. »Sie sind zu ungeduldig, Kapitain - wahrhaftig, wie ein junger Bräutigam. Es geht hier nicht so rasch wie in Dahomey, aber es ist interessanter, ich dächte, Sie wüßten das! Dieser junge preußische Bauer, den uns vorhin Montboisier vorstellte, hat Sie um Ihr Vergnügen gebracht, wahrhaftig, ohne selbst Ersatz zu leisten; denn dort steht er in Person und - very well - ich muß ihm die Hand drücken, denn er ist ein wackerer Bursche und ich habe selten Etwas entschlossener ausführen sehen, als diese That. Ich hätte Luft, ihn zu meinem Stallmeister zu machen!«
»Diable, Mylord - Sie haben Recht, schnarrte der Fürst, aber ich komme Ihnen zuvor. Ich habe das erste Recht auf ihn, da mich die kleine Rositta mit ihrer Gunst beehrt. Ktschortu - ich will ihn auf meine Güter in der Ukraine schicken; seit die kleine Tunsa eigensinnig geworden, ist Niemand da, der so trefflich mit Pferden umzugehen versteht!«
Er war mit Hilfe des Stockes zu der Gruppe des jungen Preußen mit seiner Schwester heran getreten, um die sich mehrere Personen drängten, und tupfte ihn vornehm mit dem Stockknopf auf die Schulter. »Sie haben die Sache brav gemacht, Monsieur,« sagte er vertraulich. »Hier ist meine Karte, besuchen Sie mich morgen - wir wollen über Ihre Belohnung sprechen!«
Otto von Röbel sah ihn erstaunt an - Kapitain François brach in ein helles Gelächter aus.
»Mein Herr, sagte der Preuße, die Karte zurückgebend, »Sie irren sich wahrscheinlich in der Person.«
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»Ich bin der Fürst Trubetzkoi!«
»Das hindert nicht, daß Sie ein Einfaltspinsel sind, sagte der Kapitain, dem Freunde die Antwort abschneidend. »Es ist Zeit, Otto, daß Du den Herrn nicht länger zum Schauspiel dienst - komm!«
Der junge Edelmann fühlte, daß er Recht hatte und wollte ihm folgen, während der Fürst unter dem Gelächter seiner Freunde ziemlich verblüfft da stand, als er seine Hand gefaßt fühlte.
Es war der Mohrendoktor, den er neben sich sah.
»Mein Herr,« sagte dieser, mit seinen großen dunklen Augen ihn aus dem sonn- und wetterverbrannten Gesicht anschauend - »ich habe gehört, daß Sie der braven Nation der Preußen angehören, zu der mich die Erinnerungen meiner Jugend ziehen; denn einem Ihrer Landsleute verdanke ich mein Leben. Wenn das Blut Achmets, des letzten Hacenen, Ihnen je nützen kann, so fordern Sie dasselbe, und er wird bereit sein, es Ihnen zu geben, wie Sie das Ihre willig gewagt für die letzte Freude, an der sein altes Herz hängt. Ich soll Ihnen den Dank eines jüngern bringen, welches Ihnen allein schuldet, daß es noch schlägt! Nehmen Sie dies Zeichen zum Pfande, bis die Geberin Ihnen selbst ihren Dank sagen kann!«
Er reichte ihm ein Bouquet, es war das Veilchen-Bouquet, das er selbst ihr geworfen, das sie bei dem wilden Ritt an ihrem Busen getragen, und das mit seinem Blute benetzt war.
»Leben Sie wohl, Monsieur,« fuhr der Arzt fort - »dies ist nicht der Ort, Ihnen weiter zu danken. Ich gehe,
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das Kind meines Herzens zu beruhigen, daß Gottes Hand auch seinen Retter bewahrt hat. Auf Wiedersehen, mein junger Freund, denn dort ist sie selbst!«
Ein donnernder Jubel erschütterte das Haus, denn in der That war am Eingang der Manège so eben Sennora Rositta an der Hand des Directors unter dem Tusch der Musik erschienen.
Der Enthusiasmus des Publikums war gränzenlos, als es sein Schooßkind, die gefeierte Künstlerin, zwar etwas bleich und angegriffen, aber desto interessanter im Nimbus der vorhergegangenen schrecklichen Szene wieder sah.
Die Tücher der noch anwesenden Damen wehten, die Galerien stampften und schrieen entzückt über die genossene Tragödie ohne Extra-Entrée, die Lions erschöpften sich in Brava's und Bravissima's und allen möglichen liebenswürdigen Exclamationen, und die Journalisten schwelgten in voraus in den Feuilletons, die mindestens acht Tage Stoff hatten. Wahrscheinlich, daß auch bereits mehr als einer oder der andere der Tonangeber der Moden an einen neuen Hut à la Rositta oder eine Garnitur à la Matador dachte! Paris liebt die Aufregung und die Extase für die Coryphäen des Tages, sei es auf den Brettern des Theatre Français, auf den erstürmten Wällen des Malakof, auf der Tribüne der Deputirten-Kammer, im Cancan der Clauserie de Lilas oder auf dem Schaffot.
Nur müssen sie diese Begeisterung eben nicht mehr als höchstens acht Tage in Anspruch nehmen!
Das Auge der Kunstreiterin, indem sie mit tiefer Verneigung dem Rasen des Publikums dankte, schweifte suchend
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über den glänzenden Raum. Einen Moment schien es Feuer zu sprühen, als er[es] über die kaiserliche Loge flog, und ihre Hand zuckte krampfhaft in der des Direktors. Die Kaiserin hatte mit ihren Damen sofort nach dem unglücklichen Vorgang die Loge verlassen und in dem anstoßenden Salon nur so lange verweilt, bis der Direktor des Cirque dem Publikum verkündet hatte, daß Mademoiselle Rositta sich wieder erholt habe und kein weiteres Unglück zu beklagen sei; - aber im Hintergrund der Loge stand mit verschränkten Armen noch eine dunkle Gestalt, gleich als wolle sie dem Publikum trotzen, wie sie der sehr ungnädigen Entlassung der hohen Verwandtin getrotzt hatte, und trotz der Entfernung kreuzten sich die Blicke der Reiterin und des Grafen Alvaro wie zwei scharfe Stahlklingen. Im nächsten Moment aber trafen die sich stolz abwendenden Augen der Sennora auf die Gestalt, die sie gesucht, auf den Mann, dessen stille aber glühende Huldigung an jedem Abend ihres Auftretens ihr nicht entgangen war, und der so kühn für sie das eigene Leben gewagt hatte.
Sie sah ihn, wie er am Eingang der Manège in dem dichten Haufen des Publikums stand, er fühlte ihren dankbaren Blick und als er jetzt zum zweiten Mal an diesem verhängnißvollen Abend das Veilchenbouquet an seine Lippen hob, wußte er, daß jener geheimnißvolle Strom, welcher über den Raum hinweg Seelen und Herzen verbindet, auch zwischen ihm und ihr eine Kette geschlossen, die nur der Tod brechen aber nicht vernichten konnte.
Die schöne Erscheinung war unter dem Applaus des Publikums hinter der fallenden Portière verschwunden und
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aus der neu geöffneten brach der Zug der glänzenden Quadrille, während der Menschenstrom Otto hinaus aus dem Ausgang des Circus trug, denn der größere Theil der Zuschauer verließ jetzt denselben, nachdem die vornehmere Welt sich bereits schon vorher gleich nach dem Unfall entfernt hatte.
Hier traf er auch François mit den Damen seiner harrend, denn Frau von Röbel wollte, trotz des Zustandes ihrer Tochter, den Ort nicht verlassen, ohne sich überzeugt zu haben, daß ihr Sohn nur unbedeutend verletzt sei.
Sie bestand jedoch vergebens darauf, daß der junge Mann mit ihr zugleich in dem Wagen, den der Kapitain durch einen Commissionair holen ließ, nach dem Hôtel zurückkehre, und erst, als Laforgne ihr zusicherte, daß er Otto, der die bekannte Enge der pariser Fiakre vorschützte und erklärte, daß ein Gang in der frischen Luft ihm wohlthun würde, begleiten wolle, fügte sie sich mit mütterlich zärtlicher Besorgniß darein, voraus zu fahren.
Die beiden Freunde, von denen jeder so viel zu denken hatte, waren eben im Begriff, Arm in Arm nach der großen Allee der Elysäischen Felder einzubiegen, als zwei Herren in ihre Mäntel gehüllt, an ihnen vorüber gingen, um in ein Cabriolet zu steigen, das in der Nähe einer der fast Tageshelle verbreitenden großen Flambeaux vor dem Eingang hielt,
»Es thut mir leid, lieber Präfect,« sagte der eine der Herren, eine kleine hagere Figur, »daß ich sie belästigen muß, mich nach Hause zu bringen; aber der Wagen vom Dienst, in dem ich gekommen, hat unsere kleine Eugénie,
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der der Kopf unter der Krone gewaltig zu wachsen anfängt, begleitet und ich müßte sonst wahrhaftig einen Fiacre der Regie rufen.«
»Wir haben denselben Weg, Herr Graf,« sagte der hohe Beamte, der jedoch nur Civil trug. »Ich mache mir ein Vergnügen daraus, Sie an Ihrer Thür abzusetzen. Aber sagen Sie, was hatten Ihro Majestät?«
»Bah - eine Ihrer gewöhnlichen Launen. Sie bildet sich ein, ein zufälliger Ausruf, der mir entschlüpfte, sei die Ursache von dem Unfall dieser Reiterin gewesen. Apropos Rositta - wissen Sie etwas Näheres über diese Tagesschönheit, über die sich alle Welt in Paris den Kopf zerbrechen soll und die ich heute zum ersten Mal gesehen habe! - Aber lassen Sie uns hier ein Stück die Allee entlang gehen - Ihr Coupé kann uns dort in dem Fahrweg folgen, lieber Senator.«
»Sie geben mir da einen Titel, Herr Graf, der mir nicht zukommt.«
»Bah - ich habe in den Appartements des Kaisers einige Worte fallen hören. Aber um auf meine Frage zurück zu kommen, was wissen Sie von dieser Sennora Rositta, wie sie sich nennt? woher kommt sie?«
»Das ist bekannt genug, sie kommt zunächst von London. Aber sie war vorher in Petersburg. Vordem hat man Nichts von ihr gehört - ihr Paß ist in bester Ordnung.«
Der Graf, wie der Präfekt ihn genannt, zuckte die Achseln. »Gehen Sie mir mit Ihrem Paß, liebster Pietri
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- wenn die Polizei weiter Nichts weiß, als was in den Pässen steht!«
Es war in der That der Chef der pariser Polizei selbst, der alte corsische Bonapartist, der im Laufe der Vorstellung, auf die Nachricht von der Anwesenheit der Kaiserin, nach dem Circus gekommen war und beim Verlassen desselben am Ausgang auf Don Alvaro, ihren Verwandten, gestoßen war.
Der Präfect warf auf seinen Gesellschafter einen raschen forschenden Blick. »Da Sie sich für die Dame zu interessiren scheinen,« sagte er vorsichtig, »so kann ich Ihnen nur sagen, daß sie mit besonderen Empfehlungen an den russischen Gesandten hierher gekommen ist. Man will wissen, daß sie in Petersburg die Nachfolgerin der schönen Schauspielerin Frau von Bärndorf in der Gunst des Hofes gewesen ist und unter der besonderen Protektion eines der Großfürsten gestanden hat. So viel ich von der Dame gehört, ist sie keine leichte Eroberung, liebster Graf!«
Der Spanier zuckte ungeduldig die Achseln. »Das sind alles Dinge, die Ihnen jeder Pflastertreter von Paris sagen kann. - Mich interessirt die Person allerdings - aber aus anderen Gründen. Haben Sie die Sendung des Grafen Montboisier bemerkt?«
»Des Obersten? ich sah ihn aus der Loge nach den Garderoben gehen.«
»Meine werthe Cousine hat ihn zu der Reiterin geschickt.«
»Es war sehr gnädig von Ihro Majestät,« sagte
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vorsichtig der Präfect, »sich noch besonders nach dem Befinden einer solchen Person erkundigen zu lassen.«
»Ah bah - das war es nicht allein. Sie sprach wenigstens fünf Minuten mit ihm und hat ihm offenbar einen besonderen Auftrag gegeben.«
»Es ist möglich!«
»Hören Sie mich an, liebster Präfect. Sie wissen, wie leicht meine Cousine sich von Personen, für die sie Interesse faßt, mißbrauchen läßt und wie sehr dem Kaiser solche Aventüren unangenehm sind. Ich habe meine besonderen Gründe, diese plötzliche Laune zu verhindern. Eine Liebe ist der anderen werth - Sie kennen meine Verbindungen bei Hofe und bei dem Prinzen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß bei der nächsten Ernennung der Senateurs Ihr Name dazu gehören wird. Aber ich muß wissen, worin der Auftrag meiner Cousine für diese Mademoiselle Rositta bestanden hat,«
Der künftige Senateur sann einige Augenblicke nach, gleich als überlege er seine Mittel, dann sagte er mit Bestimmtheit; »Sie werden es bis morgen Mittag erfahren, Herr Graf!«
»Gut - ich verlasse mich darauf und rechnen Sie in jedem Fall auf mich. Sie wissen, daß Sie Gegner genug haben und ein scharfes Ohr und Auge in der Nähe meines hohen Verwandten wird Ihnen den Freundschaftsdienst vergelten. Ich denke, wir können nun einsteigen!«
Der Präfect machte eine zustimmende Bewegung und indem sie sich zu ihrem Wagen wandten, begegneten sie
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zum zweiten Mal den beiden Freunden, die Arm in Arm langsam nach dem Place de la Concorde zugingen.
In dem Schein der Gasflammen erkannte der spanische Graf die beiden Gesichter.
«Caramba!« sagte er stehen bleibend und auf die unverschämteste Weise die beiden Freunde lorgnettirend, - »sieh da, da ist ja wahrhaftig der kleine Ritter unserer Reiterin, der sie so geschickt bei ihrem Salto mortale in seinen Armen auffing. Schade, daß die türkischen Beinkleider uns das hübsche Schauspiel schmälerten. Und wie ich sehe, in der guten Gesellschaft eines Kunstreiters aus den Pampas meines ehemaligen Schwiegervaters.«
Die Worte waren so laut gesprochen, die hochmüthige Weise, mit welcher der Graf stehen bleibend die Freunde fortwährend ansah, war so beleidigend, daß Beide sofort ihren Schritt hemmten.
Eine zornige Gluth färbte das Gesicht des Kapitains und er wollte auffahrend auf den Beleidiger losschreiten, als er seinen Arm mit starker Hand festgehalten fühlte.
»Halt, François - bei unserer Freundschaft! Das ist meine Sache!«
Der Preuße trat auf den Spanier zu, den sein älterer Gesellschafter vergebens nach dem harrenden Wagen zu ziehen suchte.
»Lassen Sie uns immerhin einige Augenblicke verziehen,« lächelte er höhnisch - »es scheint, daß wir einige Belehrung über die Reitkunst hören sollen.«
»Mein Herr,« sagte der Preuße fest - »es scheint Ihre Absicht, mich herausfordernd zu beleidigen!«
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»Der Graf Gusman de Montijo, mein Lieber, sagte der ehemalige Verlobte der schönen Argentinerin stolz, »fordert die Stallmeister des Herrn Déjean nicht heraus!«
Das Gesicht Otto von Röbels war ruhig - aber es begann jene eigenthümliche Blässe, das blaue sonst so freundliche Auge jene kalte Starrheit anzunehmen, die Jeder, der solche nordische Charakter kennt, nur mit Besorgniß wahrnimmt.
»Herr Graf Gusman de Montijo,« fuhr der Preuße fort - »da Sie beliebt haben, sich mir vorzustellen, so sage ich Ihnen, daß Sie die Ehre haben, mit einem preußischen Edelmann zu sprechen. Mein Name ist, wie Ihnen diese Karte zeigen wird, Otto von Reubel. Wäre ich aber auch nicht einmal einer der Stallmeister, sondern einer der Stallknechte des Herrn Déjean, so würde ich mich immer noch besser dünken, als ein Grand von Spanien der für sein Entrée in den Circus glaubt, boshafter als ein feiger Mörder handeln zu können!«
Der Gesellschafter des Grafen trat einen Schritt vor, als wolle er sich zwischen die beiden Streitenden drängen.
»Mäßigen Sie sich, mein Herr, - dieser Cavalier ist ein naher Verwandter Ihrer Majestät der Kaiserin!«
»Ich habe diesen Herrn in der Kaiserlichen Loge gesehen, und bedauere, daß die Kaiserin von Frankreich einen Banditen in ihrer Nähe dulden konnte. Sie mein Herr werden bis morgen Mittag die Dame, die ich vor den Folgen Ihres tückischen Streiches zu retten die Ehre hatte, um Verzeihung bitten, andern Falls ...«
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Der Graf lachte spöttisch auf. »Nun mein junger preußischer Amadis - andern Falls -«
»Werde ich Sie, da ich jetzt Ihre Adresse weiß, aufsuchen und vor ganz Paris ohrfeigen!«
»Schurke!«
Das Wort war kaum ausgesprochen, als eine derbe Ohrfeige auf der mageren Wange des Spaniers klatschte. Der Beamte warf sich dazwischen. »Unsinniger - was unterstehen Sie sich - ich werde Sie auf der Stelle verhaften lassen, ich bin der Polizei-Präfect von Paris!«
»Ich glaube, daß Signor Pietri zuerst Edelmann gewesen ist, bevor er Präfect wurde,« sagte der Kapitain fest. »Wir haben hier nicht mit der Polizei zu thun, sondern mit der Züchtigung eines unverschämten Beleidigers.«
Der hohe Beamte schien in der That zu fühlen, daß er hier eine falsche Rolle spielen würde und daß die beiden Fremden in ihrem Recht waren; denn er begnügte sich, den anfangs wie betäubt von der kräftigen deutschen Ohrfeige dastehenden, dann aber in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen knirschenden und in seiner Muttersprache die wildesten Verwünschungen und Drohungen sprudelnden Cavalier mit Gewalt nach dem Wagen zu drängen, weil die Scene, obschon sie in einer Seiten-Allee gespielt hatte, bereits Aufsehen zu erregen und Zuschauer zu versammeln begann.
»Gehen Sie, meine Herren, entfernen Sie sich sogleich - wir werden Sie zu finden wissen!«
»Ich werde die Botschaft dieses Herrn erwarten!« sagte der Preuße stolz. »Komm François!«
Sie gingen Arm in Arm weiter, ohne ihren Schritt
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auch nur um einen Grad zu beschleunigen. Erst als sie in einiger Entfernung waren, zog der Kapitain, der auch die kürzeste Beraubung seiner Freiheit in diesem Augenblick mehr als alles Andere fürchten mußte, den Freund rascher vorwärts und sah sich nach einem Wagen um.
Es war Monsieur de Pietri unterdeß gelungen, seinen Begleiter zu dem seinen zu führen. »Um Himmelswillen, Graf, was fiel Ihnen ein! ich kann Ihnen nicht verbergen, daß Sie die Scene selbst hervorgerufen haben - es ist unmöglich, die Sache zu vertuschen, ich werde dem Kaiser davon Anzeige machen müssen!«
»Nicht eher, als bis ich sein Blut gesehen,« knirschte der Spanier. »Er soll es mir büßen, er und seine Metze! - den Andern überlasse ich Ihnen!«
»Den Namen des Einen kennen wir - wer ist der Zweite?«
»Ein niederträchtiger Revolutionair - ein Vertrauter Garibaldis!«
»Wissen Sie das gewiß?«
»So gewiß ich Sie vor mir sehe! ich traf ihn zwei Mal im Leben - obschon ich in diesem Augenblick seinen Namen vergessen habe - einmal in Montevideo3, das andre Mal an dem Abend, als meine Verlobte verschwand4 - er ist offenbar dabei im Spiele gewesen, denn ...«
Er unterdrückte die Fortsetzung seiner zornigen Worte.
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Der Präfect schob ihn in den Wagen und blickte sich hastig um. Dann hielt er den Finger an den Mund und ließ ein kurzes scharfes Pfeifen hören.
Augenblicklich kamen von beiden Seiten des breiten Fahrweges zwei Personen herbei.
»Kennen Sie mich?«
»Euer Excellenz selbst!« sagte der Eine devot.
»Gut! haben Sie beobachtet, was dort eben vorgegangen ist?«
»Zu Befehl Excellenza - berichtete der, welcher den Präfecten erkannt hatte. »Dort drüben ist mein Posten. Ich bemerkte einen kurzen Streit - aber die Sache ist so gewöhnlich in den Alleen, daß ich keinen Grund hatte, mich einzumischen.«
»Die beiden Männer, die ihn veranlaßten« sagte der Präfect mit dem scharfen Blick des Polizeibeamten, »sind jene Allee entlang gegangen - der Eine eine große schlanke Figur, mit einer Binde um den Kopf, da er im Circus sich verwundete, der Andere kleiner, von soldatischem Wesen; dieser trägt einen grauen Zuaven-Burnus, der Erstere einen dunklen Paletôt. Folgen Sie ihnen bis zu ihrer Wohnung, namentlich dem Kleinern! Morgen früh genauen Rapport!«
»Zu Befehl Excellenz!«
Der Präfect war in das Coupé gesprungen.
»Fort, Andrée! In der Rue St. Honoré 60 hältst Du an!«
Der Wagen rollte davon und der hohe Beamte fuhr fort seinem Gesellschafter, der mürrisch schwieg, lebhafte
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Vorwürfe zu machen, während die zwei Spürhunde der hohen Polizei sich bereits auf den Weg gemacht hatten und die Allee durchstreiften.
Die beiden Freunde hatten eben den Platz de la Concorde erreicht, als ein Fiacre, der an ihnen vorbeigefahren war, auf den Ruf des Insitzenden hielt und der Schlag rasch geöffnet wurde.
»Monsieur de Reubel!«
»Steigen Sie ein - es handelt sich um Ihre Freiheit - geschwind!« fuhr die Stimme in deutscher Sprache fort.
Otto von Röbel hatte sie erkannt.
Es war die des Freundes seiner Jugend, des Mannes, welcher noch immer das Herz seiner Schwester besaß.
»Was wollen Sie von mir - ich denke, wir haben Nichts mehr mit einander zu schaffen!«
»Um Himmelswillen, Herr von Röbel« sagte der Secretair der Fürstin, »welcher schreckliche Irrthum uns auch getrennt haben mag, steigen Sie ein so schnell als möglich - die Spione der Polizei sind auf Ihrer Ferse, es gilt vor Allem, diesen Sie zu entziehen!«
Der Kapitain verstand durch den Umgang mit dem jungen Preußen bereits genug Deutsch, um den Sinn der Aufforderung zu begreifen.
»Vorwärts Otto, wenn es ein Freund ist, der uns warnt, müssen wir die Gelegenheit benutzen. Du weißt nicht, was auf dem Spiele steht!«
Er schob ihn fast mit Gewalt in den Wagen. »Boulevard Poissonnière, Ecke des Montmartre, aber rasch!« rief er dem Kutscher laut zu und schwang sich in den Wagen,
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denn eben näherten sich einige verdächtige Gestalten. Der Kutscher hieb auf sein Pferd und der Wagen rollte rasch davon.
Erst nachdem sie die Madelaine passirt hatten, wandte sich der Secretair zu den Beiden und bediente sich jetzt der französischen Sprache.
»Ich bitte Sie um Verzeihung meine Herren, daß ich mich auf diese Weise in Ihre Angelegenheiten gemischt und Sie fast mit Gewalt entführt habe. Indeß Sie werden es für gerechtfertigt halten, wenn Sie erfahren, daß ich Ihren Streit in der Allee der Avenue Gabriel mit angesehen habe und dann hörte, daß der größere der beiden Herren, mit denen Sie den Wortwechsel hatten und der wahrscheinlich ein Polizeibeamter sein muß, mit einem Zeichen Leute zu seinem Wagen rief, ihnen Ihr Signalement gab und sie beauftragte, Ihnen zu folgen. Ich nahm sofort den nächsten Fiacre und eilte in der Hoffnung, Sie zu treffen, voraus!«
Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er das Wagenfenster, sah hinaus, ob sie etwa in bemerklicher Weise verfolgt würden, und befahl dann dem Kutscher, als hätten sie sich besonnen, nach der Rue Augustin zu fahren.
Otto von Röbel schwieg noch immer, aber der Kapitain reichte dem ehemaligen Studenten die Hand. »Ich habe zwar nicht die Ehre, Sie zu kennen« sagte er, »aber Sie haben uns wahrscheinlich einen großen Dienst geleistet, denn Sie haben uns die Freiheit zu handeln bewahrt. Lassen Sie gefälligst auf dem Börsenplatz halten, von dort werden wir leicht unbemerkt unsern Weg fortsetzen können.
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Selbst wenn die Spione gleich hinter uns einen Wagen gefunden haben, wird es kaum möglich gewesen sein, in dem Wagengedränge der Boulevards uns zu folgen.«
Es erwies sich in der That so, denn als sie an der Börse ausstiegen, bemerkten sie keinen Wagen, der ihnen gefolgt und sie konnten unbelästigt ihren Weg fortsetzen.
Rudolph Meißner begleitete sie nur einige Schritte, dann blieb er stehen.
»Ich darf Ihnen nicht weiter lästig fallen, meine Herren« sagte er, »und kehre nach meiner Wohnung im Hôtel de Louvre zurück, wo die Fürstin Trubetzkoi, in deren Dienst ich stehe, logirt. Haben Sie mir irgend eine Erklärung zu machen, Herr von Röbel, oder bedürfen Sie meiner Person, so werden Sie mich dort finden - daß ich Sie nicht aufsuchen darf, um selbst eine Erklärung Ihrer Worte gegen einen Mann, dem Sie doch sonst Ihre warme Freundschaft schenkten, zu erbitten, - das wissen Sie. Möge Gott Sie und die Ihren glücklich in unsere theure mir leider verschlossene Heimat zurückführen.«
Er verbeugte sich und ohne eine Antwort zu erwarten, entfernte er sich in der Richtung der Seine. Der Kapitain nahm den stummen Freund am Arm und zog ihn mit sich fort.
»Du sollst mir ein anderes Mal näher erzählen, Otto,« sagte er, »was es mit diesem Manne für eine Bewandniß hat. Einstweilen kann ich Dir nur sagen, daß er mir wenigstens einen großen Dienst geleistet hat, indem er uns den Spionen des Herrn Pietri entzog. Was Deinen Handel mit diesem gelben vertrockneten Spanier
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angeht, den ich aus früherer Zeit kenne, so ist er zwar sehr unangenehm, indeß, wenn Du ihn nicht geohrfeigt hättest, würde ich es auf alle Gefahr hin gethan haben. Ich bin ihm Eins schuldig für die schöne Carmen und hoffe ihn auszuzahlen, ehe wir 24 Stunden älter sind.«
»So darf ich darauf rechnen, daß Du mich secundirst?«
»Carraja! um mich der Sprache des sonnigen Montevideo zu bedienen - ich zweifle noch sehr, ob es dem werthen Vetter und Verkuppler der schönen Kaiserin von Frankreich so Eile und Ernst sein wird, sich dem Lauf Deines Pistols - denn auf ihre verdammten spanischen Degenfinten laß Dich nicht ein! - zu stellen. Er wird sicher erst alle andern Mittel versuchen, die Ohrfeige abzuschütteln und sich an Dir zu rächen. Aber ich denke, er wird nicht Zeit dazu haben. Und ich werde das Meine dazu thun. Befand sich die Adresse Deines Hôtels auf der Karte, die Du ihm gabst?«
»Ja, Hôtel d'Orient, wohin wir gehen, denn Elise erwartet Dich dort!«
»Nicht so rasch, nicht so rasch, die Weiber können noch etwas warten, selbst meine kleine Frau. Es handelt sich um wichtigere Dinge. Ich werde diese Nacht nicht zu Hause schlafen!«
»Warum? - Du sprichst in Räthseln!«
»Das ist vorläufig mein Geheimniß. Genug, die Hand des Herrn Grafen von Montijo und die des Signor Pietri sind einstweilen noch ziemlich lang in Paris und es wäre mir sehr unangenehm, mich während des morgenden
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Tages etwa in der Präfectur oder gar zwischen den Mauern von Vincennes zu befinden. Am Gescheidtesten wäre es für Dich und für uns Alle, wenn Du meinem Rath folgtest, und morgen früh mit Deinen Damen und meiner kleinen Frau Paris verließest!«
»Unmöglich, Du weißt ...
»Richtig, ich vergaß Sennora Carmen und daß Du jetzt für Deine Ritterthat Hahn im Korbe bist und den Lohn beanspruchen kannst.«
»Carmen - wer ist Carmen?«
»Cap de Bioux! ich dachte nicht daran, daß Du von der Geschichte Nichts weißt. Ich habe keine Zeit, sie Dir zu erzählen, denn ich muß jetzt nach meiner Wohnung und dann in das Hôtel des Fürsten Czartoriski. Nur so viel kann ich Dir sagen, mein Junge, daß wir merkwürdiger Weise auch hier Nebenbuhler gewesen sind, wie bei meiner kleinen Frau, und daß, wenn ich Dich da ausgestochen habe, Du Dich jetzt bei Mademoiselle Rositta oder Carmen oder wie die schöne Marquise sich sonst nennen will, vollkommen revangirst.«
»Ich begreife keines Deiner Worte. Rositta - Carmen - die Marquise -?«
»Ist vorläufig auch nicht nöthig, nur so viel laß Dir sagen, daß Du keinen schlechten Geschmack hast und daß das Schicksal in der That oft wunderlich spielt. Ich scheine zum Paladin für alle flüchtigen Schönen bestimmt, das heißt, ihr Entwischen vorzubereiten und dann im Stich gelassen zu werden. Nun - das eine Mal hat mir zu einer Frau verhelfen und mich etwas vernünftiger gemacht,
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das andere Mal wird Dir vielleicht zu einer Frau verhelfen. In jedem Fall versprich mir, Dich morgen hübsch zu Hause zu halten und Dich nicht in Dinge zu mischen, die Dich Nichts angehen. Beruhige meine kleine Elise und bitte sie in meinem Namen, die heutige Nacht und den morgenden Tag in Eurem Hôtel zuzubringen, bis sie wieder von mir hört. Und wenn Du Mademoiselle Rositta siehst, so sage ihr, der Kapitain François Laforgne hätte ein treues Auge für seine Freunde und wäre noch heute wie damals, als er am Teich von Auteuil der schönen Marquise von Massaignac sein Wort gab, ihr beizustehen, - bereit, dies Wort mit Kopf und Hand zu lösen. Hier ist die Rue du Faubourg Montmartre, die Dich direkt nach Saint Georges führt und nun lebe wohl und Gott gebe - auf ein glückliches Wiedersehen!«
Er drückte dem Freunde die Hand - dieser versuchte vergeblich ihn festzuhalten.
»Ein einziges Wort noch, François - wenn der spanische Graf morgen seinen Secundanten schickt -«
»Caramba - so schieß ihn nieder, wenn er solche Eile hat, Du thust Dir und der schönen Carmen-Rositta den besten Dienst. Uebermorgen suche ihn andernfalls auf der Straße nach Spanien!«
Er war verschwunden; - betäubt, verwirrt von all' den Abenteuern des Abends und dem Gehörten rief der junge Preuße den nächsten Fiacre an und ließ sich nach dem Hôtel in der Rue Saint Georges fahren.
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Don Alvaro hatte am Abend, sogleich nachdem er seine Wohnung betreten, ein Billet geschrieben und abgesandt.
Es war an den Marquis von Massaignac, den Gatten Cora Miron's gerichtet und lautete:
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Es war noch nicht zehn Uhr, eine Stunde, zu der das fashionable Paris sich gewöhnlich erst aus den Federn erhebt, - als der Senator Massaignac höchst erregt von der erhaltenen Nachricht in das Boudoir des Spaniers trat.
Don Alvaro kam ihm mit einem zweiten Briefe entgegen.
»Lesen Sie!«
Das Billet war von dem Polizei-Präfecten selbst, aber vorsichtig ohne Unterschrift, die Nachricht aber wichtig genug.
Der Marquis las folgende Nachrichten:
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Der Marquis knitterte erblaßt das Billet zusammen.
»Das wäre ein verdammter Streich! was ist da zu thun? - Und was ist es mit diesem Streit?«
»Ein Fremder, ein Deutscher, hat es gewagt, mich um Ihrer Schwester willen zu beleidigen. Ich muß ihn fordern, und deshalb bat ich Sie, zu kommen.«
»Sein Name?«
»Hier steht er, auf dieser Karte. Der Henker mag diese kauderwälschen Namen behalten.«
»Otto von Reubel,« las der Marquis - »der Name ist mir bekannt! Richtig, das ist die Familie, für welche mein Großvater in seinem Testament verrückter Weise das Legat ausgeworfen, auf das bis jetzt keine Ansprüche erhoben worden sind. Sie führen eine ausgezeichnete Klinge, Alvaro, so gut wie Grisi selbst, und ich hoffe, Sie werden die Sache mit einer hübschen Quart ein für alle Mal zu Ende bringen. Es ist wahrscheinlich Derselbe, der vor acht Jahren die Hand bei der Geschichte mit meinem unglücklichen Schwager im Spiel hatte.«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß er mit dem Burschen zusammen ist, der schon auf der Hacienda Ihres Vaters, als er fast noch ein Knabe war, mir entgegen zu treten wagte und hier sicher die Hand bei dem noch immer räthselhaften Verschwinden Carmens im Spiel hatte, obschon er Nichts davon wissen wollte, als er mit seinem langen Schlagtodt, dem amerikanischen Diener am andern Tage aus der Haft entlassen wurde. Sie erinnern sich - es war Canroberts wegen!5 Carajo - daß ich bei
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meinen[meinem] schlechten Namensgedächtniß auch auf den fatalen Namen nicht kommen kann!«
»Ei ich erinnere mich dessen sehr gut - der Abenteurer nannte sich Kapitain Laforgne, François Laforgne!« sagte der Senator hämisch. »Sie waren damals sehr eifersüchtig auf ihn wegen Carmens und haben damit meine eigenen Absichten gestört.«
»Einen Augenblick« unterbrach ihn der Spanier. »Es ist nöthig, daß ich Herrn von Pietri sofort den Namen melde. Mit dessen Hilfe wird er dem Burschen leicht auf die Spur kommen und uns von ihm befreien, denn seine Anwesenheit steht sicher mit dem Erscheinen Carmens in Verbindung.«
Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ein kurzes Billet, das er siegelte und sofort durch seinen Kammerdiener fortschickte.
Dann kehrte er zu der Unterhaltung mit dem Marquis zurück.
»Lassen Sie uns nun bedenken, Massaignac« sagte er finster, »was wir zu thun haben. Sie wissen, wir waren damals, als ich der Verlobte Ihrer Schwester war, keine besonderen Freunde, weil Sie, - klar herausgesprochen - das Vermögen derselben lieber selbst behalten wollten, als es einem Dritten überlassen.«
»Sie gehen zu weit, Freund - ich glaubte nur ...«
»Daß sich Carmen ganz vortrefflich für irgend ein in dem Anspruch auf Mitgift mäßiges Kloster eignen würde, um dort alle Tage für die Seele ihres so unglücklicher Weise und Ihnen zu so gelegener Zeit erschossenen Vaters
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zu beten. Sie werden sich erinnern, daß sein Tod damals von einigen eigenthümlichen, niemals ganz aufgeklärten Umständen begleitet gewesen ist und daß Sie leider selbst damals das Unglück hatten, die Ordre zur Füsilirung der Gefangenen nach dem Marsfelde zu überbringen.«6
Eine fahle Blässe überzog das Gesicht des Marquis. »Sie haben Recht - es war ein schreckliches Unglück!«
Seine Augen irrten ruhelos in dem Zimmer umher.
»Sie heißen ja wohl Guzmann[Guzman], wie ich, lieber Freund?«
»Ja wohl - ich dächte, Sie wissen das, Graf!«
»Ich erinnerte mich blos, daß jener Vagabond, der mir das Rendezvous zwischen Ihrer Schwester und dem Abenteurer Laforgne verrieth und den ich dafür in meine Dienste genommen hatte, bis er es für gut fand, mit meiner Uhr und einigen anderen Werthsachen zu verschwinden, mir bei einer Gelegenheit erzählte, er sei an jenem Unglückstage auch auf dem Marsfeld gewesen und habe zufällig gesehen und gehört, wie ein alter stattlicher Herr einem jungen Offizier zu Pferde ein Papier übergeben und ihn dabei Guzmann[Guzman] genannt hat.«
Die Farbe wechselte in fliegenden Schatten auf dem widerwärtigen Gesicht des reichen Erben, er hatte offenbar alle Fassung verloren.
»Um Gotteswillen - Sie werden doch nicht etwa glauben ...«
»Ich glaube Nichts, lieber Senator und weiß Nichts. Ich erinnere mich ebenfalls nur, daß später von einer
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Begnadigungsordre die Rede war, die der Präsident einem alten Soldaten für seinen mitverurtheilten Sohn bewilligt hatte, und daß Herr Louis Napoleon, mein hochverehrter Vetter und jetziger Kaiser der Franzosen anscheinend sehr unwillig war, daß irgend einer seiner alten Freunde mit dem Leierkasten aus Versehen erschossen worden war. Sie wissen, lieber Marquis, ich liebe diesen hochverehrten Vetter und Kaiser keineswegs so überschwänglich, um ihm das Vergnügen zu machen, vielleicht an einem Prozetz[Prozeß] à la Praslin seine Unparteilichkeit und Gerechtigkeit vor aller Welt zu zeigen. - Genug, liebster Senator, die Sache ist bloß eine zufällige Erinnerung und geht uns vorläufig Beide Nichts an. Sie wissen, daß wir seit der Flucht Ihrer schönen Schwester die besten Freunde sind, was Sie auch früher gegen mich haben mochten!«
Der unnatürliche Sohn trocknete sich mit dem Taschentuch die dicken Schweißperlen ab, die seine Stirn bedeckt hatten. »Gewiß, gewiß! Auf meine Ehre, Graf, Sie haben keinen wärmeren und aufrichtigeren Freund als mich. Wenn Sie die undankbare Landläuferin, meine Schwester, noch haben wollen, Tod und Teufel, ich will sie zwingen, daß sie nicht wagen soll, den geringsten Widerstand zu leisten!«
»Lentamente! Lentamente!« sagte spöttisch lächelnd der Graf. »Vor allen Dingen müssen Sie sich doch erst überzeugen, ob ich überhaupt noch Lust habe, Sennora Carmen nach der langen Irrfahrt zur Gräfin Montijo zu machen.«
»Wie Freund - ich glaubte, Sie liebten meine Schwester?«
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»In der That - Sie haben sich nicht geirrt, aber jetzt -«
»Nun!«
»Jetzt hasse ich sie!«
Der Senator sah ihn angstvoll an. »Aber bedenken Sie, Graf, - sie ist eigentlich noch immer eine, gute Partie. Ihr Vermögen beträgt fast eine Million!«
»Ich weiß, daß es mehr als zwei Millionen beträgt« sagte mit verächtlichem Achselzucken über die habsüchtige Spekulation seines Genossen selbst nach der eben erhaltenen Lektion der Spanier. »Aber Sie sind ein Feigling, Massaignac und deshalb wissen Sie nicht, was Rache heißt! - Ich will mich an Carmen, Ihrer Schwester rächen, verstehen Sie mich? und deshalb überliefere ich sie in Ihre Hände, damit Sie Ihre frühere Absicht ausführen!«
»Ich verstehe Sie nicht ganz, Freund« baute besorgt der Erbe vor. »Wenn die Kaiserin wirklich Carmen ihren Schutz zuwendet - immer vorausgesetzt, daß Sie sich nicht irren und die Kunstreiterin wirklich die Verschwundene ist, was können wir dann thun?«
»Ich werde Ihrer Majestät meiner hochweisen Cousine dafür, daß sie sich in meine Angelegenheiten mischt, eine Pille zu schlucken geben, an der sie vollkommen genug haben wird. Haben Sie noch die Briefe, die Sie der Pierrefond entwendet haben?«
»Um Himmelswillen, was wollen Sie damit? Das sind zu gefährliche Dinge!«
»Nicht für uns, die wir keine Tölpel sind. Ich muß sie bis Mittag haben, um einen auszuwählen. - Und nun
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hören Sie, denn die Zeit drängt, und wir haben Manches zu thun. Hinter diesen Herrn Laforgne ist jetzt Signor Pietri gehetzt und er wird uns sicher nicht in den Weg kommen. Mit dem andern Burschen, einem jungen Laffen, will ich schon selbst fertig werden, wenn die Polizei sich ihn nicht vorher langt. Hier ist seine Karte. Sie werden sogleich bei ihm vorfahren, und ihm meine Forderung überbringen. Morgen früh 9 Uhr in Bois de Boulogne, bestimmen Sie das Nähere nach Belieben. Sennora Carmen[-]Rositta wird morgen keinen galanten Ritter mehr haben, der ihre Reiterkünste unterstützt, aber ich denke, sie wird ihn auch nicht mehr brauchen, denn noch diesen Abend wird sie in unsern Händen sein!«
»Das ist unmöglich!«
»Es wird möglich sein! Wäre Monsignore Corpasini hier, so wäre die Sache leichter. Aber auch so wird sie gehen. Wie viel von dem Vermögen Ihrer werthen Schwester bestimmen Sie der Kirche?«
»Bester Freund - ich will sie ganz anständig ausstatten - gewiß, - aber ich denke, sie braucht ja nicht gerade in eines der anspruchvollsten und renommirtesten Klöster zu treten, - vielleicht in der Provinz, wo man weniger fordert!«
»Ich habe Nichts dawider,« sagte der Spanier hämisch, »daß Carmen sich in das Gelübde der Armuth fügen soll, da es mit dem der Keuschheit nach einer fünfjährigen Irrfahrt wahrscheinlich etwas zweifelhaft aussieht. Aber vergessen Sie nicht, lieber Marquis, daß wir die Hilfe der Kirche brauchen und diese ihren vollen Antheil haben will.
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Also bequemen Sie sich immerhin zu einem Drittel und wenn Sie das Vermögen Ihrer Schwester zu zwei Millionen rechnen, wird das ungefähr 6 bis 700,000 Franken betragen!«
Der Senator that einen tiefen Seufzer. »Es ist empörend« sagte er kläglich, »was diese Kirche für einen weiten Magen hat! Wenn man dann nur wenigstens ganz sicher ist vor allen weiteren Ansprüchen!«
»Das zweite Drittel ...«
Der Marquis sprang von seinem Stuhl auf. »Wie, Freund - ich dächte es wäre an dem einen genug! [ich] Ich habe mit den Nachforschungen nach der verlaufenen Dirne so viele Kosten gehabt und bin ohnehin in dem Testamente betrogen!«
»Das zweite Drittel,« fuhr der Graf fort, »bleibt natürlich Ihnen!«
»Aber der Rest - der Rest! ich bitte Sie, lieber Freund - Sie quälen mich!«
»Sollten Sie nicht einige Wechsel von einem Ihrer Freunde, einem gewissen Don Alvaro Guzman de Montijo aufbewahren, die Sie von den Juden der Koulisse in freundlicher Besorgniß für seine Ehre gekauft haben?«
Der Senator erröthete und sah sehr verlegen zu Bogen. »Es ist allerdings wahr, lieber Freund - Sie wissen, ich mache zuweilen einige kleine Geschäfte an der Börse, - es rührt dies von meinem Schwiegervater her und überdies macht ja jetzt alle Welt Börsengeschäfte, auch Morny! Aber es war allein, weil ich einen hochstehenden
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Namen nicht in den Händen schmutziger Jobber lassen wollte, daß ich einige Ihrer Wechsel eingelöst habe.«
»Alle, lieber Freund,« lächelte der Spanier. »Wenn meine Notizen richtig sind,« er nahm ein kleines Portefeuille aus einem Fach des Schreibtisches und öffnete dasselbe, - »so sind es sieben Wechsel in dem lumpigen Betrage von 156,000 Franken.«
»Ich glaube - es ist die Summe!« stammelte der Senator verwirrt.
»Sie werden also dabei immer noch ein vortreffliches Geschäft machen, denn ich glaube kaum, daß Sie hunderttausend Franken dafür gegeben haben. Diese nichtswürdigen Wucherer schinden den Adel förmlich! Gerade wie damals, als Sie das erste Mal meine kleinen Schulden unter der Hand hatten zusammenkaufen lassen, weil Sie gehört hatten, daß Madame Eugénie, meine schöne Cousine dieselben bezahlen wolle.«
Der edle Marquis mit dem schönen ruhmvollen Namen aus der Kaiserzeit sah kläglich zu dem Peiniger auf. »Ich glaubte Ihnen einen Dienst zu leisten, lieber Freund, - gewiß - Sie werden mich nicht unbillig finden wegen der Wechsel, ich ... ich will nur rechnen, was ich baar bezahlt - auf Ehre ... wir wollen uns arrangiren!«
»Es wird um so nöthiger sein, als meine werthe Cousine diesmal sich schwerlich bequemen wird, meine Kassirerin zu machen« sagte der Graf kalt, »namentlich nach dem kleinen Auftritt im Circus!«
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Der vornehme Speculant starrte ihn an. »Um Himmelswillen - Sie glauben doch nicht, daß diese Ungnade ...«
»Von längerem Bestand sein wird? Allerdings lieber Senator - ich bin dessen ganz gewiß und deshalb entschlossen, mich zu arrangiren. Sie sollen Nichts verlieren dabei. Sie wissen aus unserer Unterhaltung, daß ich in Spanien ein Gut besitze, das Erbgut der Montijo - in der Provinz Valencia!«
»Sie haben mir davon gesprochen!«
»Ihro Majestät die Königin Isabella hat seit der Heirath meiner verehrten Cousine den Sequester auf das Besitzthum der verbannten Mitglieder ihrer Familie aufgehoben und hier sind die Urkunden über mein Eigenthumsrecht.«
»Aber was hat das Alles mit den Wechseln und Carmen zu thun? Wollen Sie denn nach Spanien zurückkehren?«
»Ich denke nicht daran! Aber ich will Ihnen einen vortrefflichen Handel vorschlagen. Wenn Sie zurückkommen von diesem Herrn de Reubel, wollen wir uns auf dem Boulevard im Café Anglais treffen und dann zu meinem Notar fahren. Sie haben 150,000 Franken für mich ausgelegt, ich verkaufe Ihnen mein spanisches Gut Montijo für 800,000 Franken und Sie zahlen mir den Rest mit 650,000 baar oder in Wechseln aus. Sie machen da ein ganz vortreffliches Geschäft!«
Der junge Marquis saß einige Augenblicke wie niedergedonnert da, ehe er sich nur zu einer Antwort aufraffen konnte.
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»Aber zum Henker, das Nest, das Sie mir anbieten, ist noch keine tausend Franken werth. Ich habe sichere Erkundigungen darüber - ein alter Trümmerhaufen in irgend einer steinigen Sierra!«
»Ich sehe, welchen großen Antheil Sie an mir genommen. Der Preis des Gutes liegt auch keineswegs in dem materiellen Werth - aber bedenken Sie die Ehre - das Stammgut Ihrer Majestät der Kaiserin von Frankreich!«
»Der Teufel soll mich holen, wenn ich ein solcher Narr wäre,« platzte der Senator heraus. »Das hieße ja mein Geld gradezu zur Thür hinaus werfen! Was geht mich das Stammgut der Kaiserin von Frankreich an!«
»Gewiß sehr wenig, lieber Freund,« erwiderte kalt der Spanier. »Ich erinnere mich, daß Sie keine besonderen Sympathien für die Familie Bonaparte haben können, wie Ihr leider so unglücklich verstorbener Vater, der Herrn Louis Napoleon eine Million gesandt haben soll zur Kandidatur für die Präsidentschaft. In der That, der Kaiser hat dieser Freundschaft eigentlich schlecht gedankt, indem er keine strengeren Nachforschungen über die Ursachen des Todes des seligen Herrn Marquis von Massaignac anstellte.«
Das häßliche Gesicht des Erben, des Sohnes und Mörders des alten napoleonischen Kriegers spiegelte alle Farben bei dieser so ominösen Erinnerung.
»Siebenmalhunderttausend Franken - es ist unbillig, für ein spanisches Steinfeld, auf dem höchstens ein Paar Ziegen Futter finden. Hören Sie, Graf, - sein Sie vernünftig - Sie sollen die Wechsel zurück haben!«
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»Glauben Sie, einen Bettler vor sich zu haben? ich will Nichts von Ihnen geschenkt, sondern habe Ihnen einen Kauf vorgeschlagen. Aber da wir nicht Handels einig werden, ist es besser, ich wende mich direkt an den Kaiser und - wenn ich ihn nur ein wenig zu interessiren verstehe - wird er sicher Ihre Wechsel einlösen. Haben Sie die Güte, Marquis, jetzt den Auftrag an den Preußen auszuführen.«
»Und Sie wollten wirklich sich an den Kaiser wenden?«
»Warum nicht, da mich meine Cousine im Stich läßt!«
»Aber Sie werden von keinen andern Dingen mit ihm sprechen?«
»Da wahrscheinlich von Ihrer Schwester die Rede sein wird, sehe ich nicht ein, wie man die Erinnerungen an den seligen Herrn von Massaignac wird vermeiden können.«
Der würdige Sohn lief wie ein Verzweifelter in dem Salon auf und ab und schlug sich wiederholt vor die Stirn.
»Nehmen Sie Dreimalhunderttausend für den Steinhaufen!«
»Ich wiederhole Ihnen, Sie beleidigen mich und meine Familie!«
»Aber - wenn nun das Duell einen unglücklichen Ausgang nehmen sollte?«
»Zum Henker - dann mag aus Montijo werden, was da will! Damit Sie sehen, daß ich Sie nicht drängen will, soll der Contrakt erst morgen Mittag in Gültigkeit treten!«
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Der Sohn des Haciendero begriff, daß er sich fügen müsse, und die Aussicht auf einen ihm günstigen Ausgang des Duells beruhigte ihn einigermaßen.
»Werden Sie mich wenigstens von weitern Ansprüchen dieser liederlichen Dirne befreien?«
»Mein Wort darauf!«
Der würdige Genosse des Spaniers stieß einen tiefen Seufzer aus. »So mag es denn sein - ich werde das Gut kaufen! erwarten Sie mich im Café Anglais!«
»Gut - ich wußte es im Voraus, daß Sie Lust haben würden, spanischer Grand zu werden und in den Cortes zu sitzen. Aber jetzt beeilen Sie sich, lieber Marquis, denn ich möchte diesen preußischen Junker nicht warten lassen. Ich bitte, vergessen Sie auch die Briefe der Pierrefond nicht!«
Der Senator hatte sich erhoben und machte sich bereit, den theuren Freund zu verlassen. In der Thür blieb er noch einmal stehen.
»Sie glauben also, daß wir uns heute Abend schon die Dirne vom Halse schaffen können?«
»Ich hoffe es!«
Der vortreffliche Bruder rieb sich vergnügt die Hände. Wenn das Glück ihm wohl wollte, konnte er mit einem Schlage Beide los werden, die Schwester mit ihren Erbansprüchen durch die Rachsucht des Spaniers, diesen selbst am andern Morgen durch die Chancen des Duells.
»Verlassen Sie sich ganz auf mich, Freund, ich werde Alles auf's Beste ordnen. Unterdeß treffen Sie Ihre Anstalten!«
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Er ging. Der Graf sah ihm mit einem Blick nach, der Bürgschaft gab, daß er den Charakter seines Genossen vollkommen zu würdigen verstand.


Als der Marquis von Massaignac in dem kleinen Hôtel der Rue St. Georges eintraf, fand er vor der Thür desselben eine glänzende Equipage halten, und als er seine Karte an den jungen preußischen Edelmann schickte, wurde er ersucht, einige Augenblicke in das Zimmer desselben zu treten, da Otto von Röbel sich eben bei den Damen befand.
Hätte der Senator geahnt, wer in jener Equipage gekommen und sich eben im Kreise der Familie befand, er würde schwerlich von seiner Mission, die ihn von einem gefährlichen Freunde befreien konnte, so befriedigt gewesen sein.
Eine Viertelstunde vorher war die Kunstreiterin Rositta in Begleitung ihres alten Freundes, des maurischen Arztes, vor dem Hôtel vorgefahren, und hatte Frau von Röbel um die Erlaubniß bitten lassen, ihr einen Besuch zu machen.
Obschon die Stimmung der Familie sie wenig zum Empfange von Besuchen willig machte, - denn Rosamunde war noch immer leidend und die kleine Kapitainsfrau voll Besorgniß über das Ausbleiben jeder Nachricht von ihrem Gatten, auch Frau von Röbel in den Vorurtheilen ihres Standes ohnehin nicht geneigt zum persönlichen Verkehr mit den Damen von der Kunst - ließ ihre Herzensgüte doch eine Abweisung nicht zu; denn sie fühlte, wie sehr es das junge Mädchen schmerzen müßte, ihren Dank kalt
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zurück gewiesen zu sehen. Daß sich die Sennora damit zuerst an sie wandte, statt an den jungen Mann selbst, erregte überdies von vorn herein eine günstige Stimmung für sie und das Wesen des Doktors, welcher den Boten der Dankenden machte, hatte etwas so Ernstes und Würdiges, daß es ihr unmöglich gewesen wäre, seine Bitte abzuschlagen.
Einige Augenblicke nachher führte der Doktor Achmet die schöne Kunstreiterin in den Salon, in dem die Familie versammelt war.
Sennora Rositta trug ein Kleid von schwarzer Seide mit dem Rebozo, ohne weiteren Schmuck als eine einfache goldene Kette und eine gleiche Spange um das feine Handgelenk ihres rechten Armes, deren Medaillon ein Veilchenbouquet von Emaille zeigte. Eine gleiche Broche und Ohrgehänge schmückten Brust und Hals und in ihrer Hand hielt sie ein Bouquet von frischen Veilchen.
Die Kunstreiterin ging mit der Ruhe und eleganten Haltung einer vornehmen Erziehung und zugleich mit der Bescheidenheit eines jungen Mädchens auf die ältere Dame zu, nahm ihre Hand und küßte sie, ehe Frau von Röbel es verhindern konnte.
»Madame,« sagte sie bewegt, »nächst dem Schutz der heiligen Jungfrau verdanke ich dem Muth und der edlen Ausopferung Ihres Herrn Sohnes ein Leben, das, so unbedeutend es auch ist, doch für einen alten und treuen Freund einigen Werth hat. In seinem und meinem Namen komme ich zu Ihnen, Madame, um Sie zu bitten, die
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Fürsprecherin meines Dankes bei dem Retter dieses Lebens zu sein!«
Die Edelfrau sah mit einem gewissen Erstaunen, aber zugleich mit einer rasch entstehenden warmen Theilnahme auf das schöne Mädchen; denn jener feine Instinkt, welcher das Talent edler Frauen ist, ließ sie sogleich erkennen, daß sie hier nicht mit einer der gewöhnlichen Naturen zu thun habe, welche in der Athmosphäre[Atmosphäre] des öffentlichen Beifalls, sei es auf den Brettern oder in der Manège ihre höchste Aufgabe suchen und deren äußerer bestechender Glanz so häufig die bloße Tünche für Gewöhnlichkeit oder Rohheit ist.
Frau von Röbel ließ freundlich ihre Hand dem schönen Besuche.
»Wenn Sie dem Dienst, den mein Sohn Ihnen leisten konnte, und der Gott sei Dank, so glücklich für ihn abgelaufen ist, einigen Werth beilegen, Mademoiselle,« sagte sie mild, »so erinnern Sie sich, daß Gott Ihnen das Leben und diese schöne Gestalt nicht gegeben hat, damit Sie beide selbst in Ihrer Kunst in frevlen Wagnissen auf das Spiel setzen. Es sollte mir herzlich leid thun, wenn ich später einmal hören müßte, daß Ihnen ein Unglück zugestoßen sei!«
Die Kunstreiterin sah der alten Dame fest und klar in's Auge. »Madame,« sagte sie ernst, »ich verspreche Ihnen, nie mehr jenes Wagniß zu unternehmen, obschon der gestrige Ausgang nur die Folge einer niederen Bosheit war. Sein Sie versichert, daß ich jene Schaustellung einer Kunst, die in meiner Heimath das Eigenthum jedes
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Kindes ist, nicht aus Eitelkeit und Uebermuth treibe und daß ich den Heiligen danken werde, wenn ich sie nicht mehr nöthig habe. Und jetzt, Madame, erlauben Sie mir, diese Blumen meinem Lebensretter anzubieten, als das einzige Geschenk, was ein Mädchen in meiner Lage zu machen wagen kann!«
Und jetzt zum ersten Mal, seit sie den Salon betreten, richtete die Kunstreiterin ihr großes schönes Auge auf den jungen Mann, der hinter der Causeuse stand, auf der seine Schwester ruhte, und einen Schritt auf ihn zutretend, überreichte sie ihm mit einer leichten Verneigung den Veilchenstrauß.
Otto von Röbel hatte verlegen und befangen der Scene beigewohnt. Er hätte sich gern entfernt, aber er fühlte, daß dies nicht ging und sein Herz schlug fast hörbar, indem er die schöne stolze Erscheinung, die er bisher nur im blendenden Licht der Glasflammen, auf feurigem Roß, umrauscht von dem Beifall der Menge bewundert hatte, jetzt so mädchenhaft fromm und fast demüthig vor sich sah.
Und als sie jetzt sich ihm näherte und bei der Ueberreichung des Bouquets, dessen Bedeutung nur ihm verständlich war und ihn wie ein Rausch überkam, ihre Hand mit dem feinen duftigen Handschuh die seine berührte, da durchbebte es ihn auf's Neue wie gestern bei der magnetischen Kreuzung ihrer Blicke, und er wußte, daß er sein Herz verloren habe, um ein Herz zu gewinnen.
Es waren nur wenige Worte, die Rositta dem jungen Mann sagte, dann mit dem Takt edler Weiblichkeit wandte
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sie sich wieder zu den Frauen, die alle drei sichtbares Gefallen an ihr fanden und sie einluden, in ihrer Mitte Platz zu nehmen, während der Mohrendoktor den jungen Mann ansprach und seinen flüchtigen Dank von gestern in warmen herzlichen Worten wiederholte.
Es schienen in der Kunstreiterin zwei Naturen vereinigt, so ganz anders erschien sie hier dem Kreise bescheidener und edler Weiblichkeit sich anschmiegend, während auf dem Sattel ihres Rosses sie ganz die kühne, freie, stolze ja übermüthige Amazone war.
Welches war der wahre Charakter dieses schönen und räthselhaften Wesens? war es die gewandte Herrschaft einer Künstlerin über sich selbst, oder hatte der Ernst des Lebens einer ursprünglich übermüthigen, starken und freien Natur auch Milde und Demuth gelehrt?
Der junge Mann wußte nicht, wie sehr er mit diesen Gedanken, diesen unbestimmten Empfindungen die Wahrheit getroffen hatte. Aber er begriff mit tiefer innerer Befriedigung, daß die schöne Fremde, die bei aller mädchenhaften Bescheidenheit sich doch so sicher und mit dem Takt der besten Erziehung und Gesellschaft bewegte, nicht eine der gewöhnlichen mit glänzender Tünche bestechenden aber profanen Erscheinungen sein konnte, welche das sogenannte Künstlerthum bietet, und daß ihre Vergangenheit nicht in der Manège eines Circus gelegen haben konnte.
Dem wohlthuenden sonoren Klang ihrer jetzt zum ersten Mal gehörten Stimme, dem heiteren Lachen lauschend, mit der sie den Frauen die kleinen Scenen und Rivalitäten des freien Künstlerlebens beschrieb, mußte er sich Gewalt
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anthun, dem Gespräch zu folgen, in das ihn der Begleiter der Dame verwickelt hatte, so sehr dessen ruhiges schwermüthig ernstes Wesen und das Fremdartige, was in seiner Erscheinung und selbst seiner Sprache lag, ihn auch anzog.
Der Mohrendoktor sprach zu ihm von seiner eigenen Heimath, Preußen, an der er einen großen Antheil zu nehmen schien, und erzählte ihm, daß er selbst in seiner Jugend während des Bürgerkrieges der Karlisten und Christinos einen preußischen Edelmann habe kennen lernen, dem er die Rettung seines Lebens, als er in die Hände fanatischer Gegner gefallen war, zu verdanken gehabt.
»Haben Sie seinen Namen behalten?« antwortete der junge Mann hingeworfen - »vielleicht ist seine Familie mir bekannt.«
»Er ist todt,« sagte der Moriske traurig. »Sein Name stand unter den Ersten und Edelsten in seinem Vaterlande, es war der Principe Don Felicio Lichnowski!«
»Der unglückliche Fürst Lichnowski? Derselbe, der in Frankfurt von einer Rotte Bösewichter ermordet wurde?«
»Ich habe gehört, daß er dennoch ein Opfer seiner Kühnheit bei einem Aufstand geworden, nachdem er ihm doch in Barcellona glücklich entgangen war. Ich war damals in dem Land, aus dem meine Väter stammen, in Afrika!«
Der Ausruf des jungen Mannes hatte die Aufmerksamkeit der Frauen erregt und sie wandten sich zu der Unterhaltung der Männer.
»Wenn Sie den Fürsten gekannt haben und so aufrichtigen Theil an seinem Schicksal nehmen, mein Herr,« sagte Otto von Röbel, »dann wird es Sie interessiren, zu
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hören, daß meine Mutter und meine Schwester an seinem Sterbebett waren und dem Unglücklichen die letzten Dienste leisteten!«7
Der Doktor wandte sich lebhaft erregt zu den beiden Frauen.
»Mein Himmel, welche Aussicht eröffnet sich mir hier! Halten Sie mich nicht für neugierig oder zudringlich, meine Damen, wenn ich Sie frage, ob Sie sich alles Dessen erinnern, was an jenem Sterbelager vorging, was der Unglückliche sprach?«
»Die Scene war eine zu traurige, als daß sie je unserm Gedächtniß entschwinden könnte,« sagte die alte Edeldame. »Noch jetzt, nach zehn Jahren, erinnere ich mich deutlich aller Einzelheiten und Rosamunde weiß noch jedes Wort, denn sie war am nächsten bei ihm.«
Der maurische Arzt schien einen kurzen Kampf in seinem Innern zu bestehen - dann wandte er sich an das Fräulein.
»Erinnern Sie sich vielleicht, ob der Fürst in den Fieberphantasien einen Namen nannte - den Namen einer Frau ...«
»Der Unglückliche war, so lange ich um ihn blieb, bei voller Besinnung. Dennoch ...«
»Sprechen Sie; ich beschwöre Sie, Sie ahnen nicht, von welcher Wichtigkeit die Nachricht für mich ist!«
»Der Fürst,« sagte das Fräulein zögernd, »hat allerdings mehrmals leise vor sich hin, wie im Gebet oder als
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eine Erinnerung zwei Namen genannt, aber ich weiß nicht, ob ich berechtigt bin, die Geheimnisse eines Sterbenden einem Fremden zu wiederholen.«
»Ich ehre Ihre Rücksicht, aber ich glaube Sie genügen ihr vollständig und zugleich meinem Wunsch, wenn Sie mir sagen wollen, ob der Name darunter ist, den ich Ihnen nennen will?«
Das Fräulein von Röbel nickte zustimmend.
Der Arzt beugte sich zu ihr nieder. »Ximene?« flüsterte er.
»Es war der Name!«
Der Moriske preßte die Hand auf das Herz. »Arme Schwester!« sagte er leise. »Du bist jetzt vereint mit ihm im Himmel. Aber ich habe noch immer Deinen Schatten zu sühnen und Dein Kind zu suchen. - Fräulein,« fuhr er zu Rosamunden fort, »Sie haben mir einen großen Trost gewährt, wichtiger, als Sie denken; denn Sie haben das Andenken des Mannes, dem ich mein Leben schuldete, von einem schweren Vorwurf gereinigt. Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht näher darüber aussprechen kann - das Grab deckt längst jene Verhältnisse, die Ihnen ohnehin gleichgültig und unbekannt sind. Aber ich bitte Sie, mir noch eine Frage zu beantworten, wenn es Ihnen möglich ist.«
»Gern, mein Herr!«
»Hat der Fürst auf seinem Sterbebett irgend Jemandem noch sein Vertrauen geschenkt oder Aufträge hinterlassen?«
»Wir sind nur so lange bei ihm gewesen, bis man ihn aus der Bethmann'schen Villa nach dem Hospital am
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Bleichgarten brachte. - Dort hat er der letzten Pflicht genügt und kurz vor seinem Tode einen Priester seines Glaubens empfangen.«
»Und wissen Sie zufällig den Namen desselben? Es ist möglich, daß wir binnen Kurzem nach Deutschland kommen, und ich möchte ihn aufsuchen.«
»Ich habe durch einen Zufall gehört, daß es kein Geistlicher aus Frankfurt gewesen ist, sondern ein unbekannter fremder Priester, der auf der Durchreise in Frankfurt war. Er muß Ihr Landsmann gewesen sein, denn man erzählte uns, da wir uns für die letzten Augenblicke des Unglücklichen interessirten, daß er mit dem Fürsten Spanisch gesprochen habe.«
Frau von Röbel bestätigte die Mittheilung Ihrer Tochter.
Der Arzt hatte bei dieser Nachricht die Farbe gewechselt, sein sonst so mildes freundliches Auge nahm einen finstern drohenden Ausdruck an und er versank in tiefes Nachdenken, während Otto von Röbel ablenkend die Unterhaltung aufnahm und auf andere Gegenstände brachte, aber er wurde darin durch einen der Aufwärter des Hôtels unterbrochen, der in den Salon trat.
»Mein Herr,« sagte der Diener, »der Herr Senateur Marquis von Massaignac läßt um die Ehre bitten, Ihnen seine Aufwartung machen zu dürfen.«
»Der Marquis von Massaignac? ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu kennen. Es ist wahrscheinlich ein Irrthum.«
Da Alle auf den Diener sahen, hatte Niemand
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bemerkt, daß die Kunstreiterin bei der Nennung dieses Namens erbleichte und die Hand ihres Begleiters faßte, gleich als suche sie Schutz bei diesem.
»Fassung, Kind,« flüsterte der Doktor in spanischer Sprache. »Wir werden gleich sehen, was die Sache zu bedeuten hat.«
»Der Herr Marquis,« berichtete der Diener, »hat ausdrücklich Ihren Namen genannt und mir diese beiden Karten für Sie gegeben.«
Er überreichte dem jungen Edelmann zwei Visitenkarten, - die eine enthielt den Namen und Titel des Besuchenden, in der anderen erkannte Otto von Röbel seine eigene - offenbar dieselbe, die er gestern dem von ihm so schwer Beleidigten gegeben hatte. Die Erinnerung daran, die er über der Gegenwart der Kunstreiterin ganz vergessen hatte, fuhr ihm wie ein Blitz durch den Kopf.
»Führen Sie den Herrn in mein Zimmer,« befahl er; »ich werde sogleich die Ehre haben, zu erscheinen. - Es ist Nichts, Mama,« fuhr er zu der ihn fragend anschauenden Mutter fort - »ein Herr, den Oberst Montboisier adressiren wollte, um eine Partie zu besprechen.«
»Du bist im Irrthum, Otto,« sagte die Dame mild, »oder verbirgst mir Etwas. Erinnerst Du Dich nicht des Namens des Marquis von Massaignac?«
»In der That, es ist mir so,« erwiderte der junge Mann erröthend und schon im Begriff, sich zu entfernen.
»Es ist derselbe, dessen Vater Ferdinand bei seinem Aufenthalt in Paris so freundlich aufnahm während der
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Sohn ihn später so hart wegen der leichtsinnig eingegangenen Schuld verfolgte.«
Otto von Röbel war in der Thür stehen geblieben, seine Stirn röthete sich, das Auge blitzte.
»Wir haben doch keine Verpflichtungen mehr gegen ihn, Mutter?«
»Nein - Ihr wißt, wir haben sie mit der schweren Hypothek auf unserm Gute erkauft.«
»Er gehört demnach zu der Familie, die uns durch Kapitain Laforgne jene Anerbietungen machen ließ und uns dann so niedrig vergalt. Sei ruhig, Mutter, ich bin ein Röbel und werde meines Vaters würdig handeln.«
Die Bemerkungen zwischen Mutter und Sohn waren in deutscher Sprache gemacht worden. Obwohl die Kunstreiterin dieselbe nicht verstand, war sie doch mit kaum verhehlter Angst und sehr erregt den Worten gefolgt, während der Arzt, der aus seinen Studien genügend Deutsch verstand, um den Inhalt der Bemerkungen zu begreifen, aufmerksam und erstaunt sie anhörte. Als jedoch der junge Mann den Namen Laforgne nannte, erhob sich die Kunstreiterin rasch.
»Entschuldigen Sie meine Indiscretion, mein Herr,« sagte sie hastig - »ich verstehe zwar Ihre edle Sprache nicht, aber ich glaube in Ihrer Rede den Namen: Kapitain Laforgne gehört zu haben?«
»So ist es, Mademoiselle. Er ist der Gatte dieser Dame, die Ihnen meine Mutter wohl nur deshalb nicht besonders vorgestellt hat, weil sie als ein Mitglied unserer Familie betrachtet wird. Er war gestern mit uns im Circus
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und der Erste, der mir beistand, Sie bei dem Unfall unter dem Pferd hervorzuziehen.«
[»]François Laforgne? Derselbe, der, fast ein Knabe noch, die kühnen Züge des Generals Garibaldi in Montevideo mitmachte?«
»Derselbe!« Er sah sie erstaunt an, denn die seltsamen flüchtigen Andeutungen des Freundes am vorigen Abend fielen ihm ein.
»Verzeihen Sie mir, - aber ich möchte Gewißheit haben - wissen Sie, ob er im Januar 1853 sich in Paris befand?«
»Mein Gatte war in dieser Zeit in Paris, Madame,« sagte die kleine Frau nicht ohne eine eifersüchtige Regung.
»O dann ist Alles gut - die Menge, der Schreck, meine Ohnmacht, oder ...« sie zögerte die wahre Ursach zu sagen - »dies Alles muß mich gestern verhindert haben, ihn zu sehen.«
»In der That, Mademoiselle,« sagte der junge Mann - »mein Freund machte mir Andeutungen, daß er Sie zu kennen glaube, - aber nannte einen anderen Namen - doch entschuldigen Sie, ich darf unmöglich meinen Besuch länger warten lassen.«
Sie war vor ihm stehen geblieben und legte jetzt, fast vertraulich, die kleine Hand auf seinen Arm. »Gehen Sie und kehren Sie bald zurück, denn ich habe Sie noch viel zu fragen; aber,« setzte sie leise und hastig hinzu, - »hüten Sie sich vor dem Mann, mit dem Sie jetzt sprechen wollen!«
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Er antwortete ihr nur mit einem festen feurigen Blick und verließ das Zimmer.
Die Kunstreiterin wandte sich zu der über den Gang, den das Gespräch genommen, ziemlich erstaunten Edelfrau.
»Ich werde Ihnen seltsam und wohl zudringlich erscheinen,« sagte sie, die beiden Hände der Dame fassend und an ihre Brust drückend, - »aber ich bitte Sie, beurtheilen Sie mich nicht falsch. Ich kam hierher, Ihrem Herrn Sohn durch Sie meinen Dank für meine Lebensrettung abzustatten, und finde hier vielleicht Wichtigeres, aufrichtige Freunde einer schutzlosen Waise, die der Freunde bedarf. Es drängt plötzlich so Vieles auf mich ein - Gutes und Drohendes - daß ich Sie nur bitten kann, haben Sie Geduld mit einer Fremden und verschieben Sie Ihr Urtheil über sie.«
Die Edeldame hatte die Erregte zu einem Sopha geführt und sie genöthigt, dort Platz zu nehmen.
»Beruhigen Sie sich, Mademoiselle,« sagte sie mit freundlicher Würde - »der Schrecken von gestern hat noch Ihre Nerven erschüttert. Es soll uns freuen, wenn Sie durch unsere Vermittelung frühere Bekannte oder Freunde wiederfinden können. Der Gatte dieser Dame hat allerdings ein so bewegtes und ereignißreiches Leben geführt und so viele Länder und Nationen kennen gelernt, daß es leicht möglich ist, daß Sie ihm früher schon begegnet sind, da auch Sie wohl Ihre Kunst in verschiedene fremde Länder geführt hat. - Er ist gegenwärtig in Geschäften abwesend, aber mein Sohn oder seine Gattin
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werden gewiß Gelegenheit finden, ihn möglichst bald von Ihren Wünschen in Kenntniß zu setzen.«
»Kapitain Laforgne ist ein edler Mann und ich hoffe, seine Gemahlin wird mir ihr Wohlwollen nicht versagen. Ich habe Vertrauen zu ihm, denn er kennt mich aus einer anderen Zeit, als ich« - fügte sie mit mattem Lächeln hinzu, - »meinen Lebensunterhalt noch nicht als Kunstreiterin erwarb. Er genoß einst die Gastfreundschaft meines verstorbenen Vaters und war bereit, der Tochter des Mannes, der ihn und seine Freunde aufgenommen, später selbst mit persönlicher Gefahr einen wichtigen Dienst zu leisten, als ein Zufall oder vielmehr das Schicksal es anders wollte.«
»Daran erkenne ich François,« sagte mit einem gewissen naiven Stolz die kleine Frau - »auch wenn ich nichts Näheres davon weiß, Mademoiselle; denn ich kenne nur wenig von dem frühern Leben meines Mannes. Aber das weiß ich, daß er stets bereit war, allen Unglücklichen oder Beistand Bedürfenden Hilfe zu leisten!«
Die Augen der kleinen Frau funkelten ordentlich vor Vergnügen bei diesem Lobe ihres Gatten, und der Fremden war sofort ihre Sympathie zugewandt, mit der sie bei der ersten Erwähnung der Bekanntschaft etwas zurückhaltend gewesen war.
»Sie sind eine Spanierin, Mademoiselle?« frug die Edelfrau, um das Gespräch auf ein anderes Feld zu lenken und wohl auch, unter den eigenthümlichen Umständen, nicht ohne eine leicht verzeihliche Neugier.
»Nein, Madame,« sagte die Kunstreiterin, deren Blicke
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fortwährend unruhig an der Thür hingen, durch die Otto von Röbel sich entfernt hatte - »ich bin keine Europäerin. Halten Sie es nicht für einen Mangel an Vertrauen, daß ich in diesem Augenblick nicht mehr über mich selbst sagen kann, aber meine ganze Zukunft hängt gegenwärtig von meinem Schweigen oder vielmehr von einer Unterredung ab, die ich noch heute haben werde. Nur Eines bitte ich Sie, Madame, bewahren Sie einer Waise, die sich dessen nicht unwürdig fühlt, jenes freundliche Wohlwollen, das mich bei meinem ersten Eintreten in Ihren Kreis so wohlthuend berührt hat. Ich habe meine Mutter früh verloren, Madame, und seit langer Zeit ist es das erste Mal, daß ich zu den Herzen edler Wesen meines Geschlechts reden darf. Scheint mir doch Alles so wunderbar heimisch in diesem Kreise, ist mir doch, als wären die Züge dieser jungen Dame mir nicht unbekannt, ja selbst Ihr Namen, als er mir gestern als der meines Retters genannt wurde, schlug so auffallend bekannt an mein Ohr!«
»Rosamunde,« sagte lächelnd, und bei all ihrer Einfachheit doch ein wenig geschmeichelt über den Enthusiasmus des schönen Mädchens, die Edelfrau, »ähnelt sehr ihrem älteren Bruder Friedrich von Röbel, der vor sechs Jahren in Paris sich aufhielt. Die französische Zunge corrumpirt meist den Namen unserer Familie etwas stark.«
»Monsieur de Reubel - und vor sieben Jahren in Paris,« sagte heftig die Reiterin - »Heilige Jungfrau, dann ist ...«
Der Mohrendoktor sagte rasch einige Worte auf
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Spanisch zu ihr. Ihr großes funkelndes Auge flog fragend von ihm auf die Frauen.
Der Doktor nickte. »Es ist so, meine Tochter - ich verstand, daß diese Dame Deinen Retter so eben noch an Beziehungen zwischen seiner Familie und dem Marquis von Massaignac erinnerte.«
»Ewiger Gott, wie wunderbar sind Deine Wege! - Ja Madame, Gott hat es gelenkt, daß die Hand Ihres Sohnes das Pferd der armen heimathlosen Fremden bändigen und ich zu Ihnen kommen mußte. Schatten meines heimgegangenen Vaters, sei gesegnet, denn Du zeigst mir den Weg, Deine Schuld zu lösen mit meinem eigenen Glück!«
Sie hatte die gefaltenen Hände über die Brust gekreuzt, ihr Auge leuchtete in stillem Glück - verwundert, bestürzt schauten die deutschen Frauen auf sie, es schien ihnen Alles, was in der Zeit einer kurzen Stunde so fremd und ungewohnt in den, wenn auch leidensreichen, doch stillen Gang ihres Lebens trat, so abenteuerlich, daß es all der Güte in dem Herzen der Matrone bedürfte, um in dem Gebahren der heißblütigen Tochter des Südens nicht etwas Verletzendes, Abstoßendes zu finden,
Aber unwillkürlich dachte Frau von Röbel dennoch daran, daß das schöne Mädchen vor ihr eine Schauspielerin, eine Reiterin des Circus sei, was sie bereits zu vergessen angefangen, und sie zog sich fast unwillkürlich wieder in die Schranke einer kälteren Zurückhaltung.
Aber auch die Kunstreiterin begriff sofort mit dem
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feineren Instinct ihrer höheren Natur das Gefühl der Edelfrau und das Zweideutige ihrer Stellung.
»Madame,« sagte sie ehrerbietig, »ich fühle, daß mein Benehmen Ihnen Allen sonderbar vorkommen und selbst ein ungünstiges Licht auf mich werfen muß. Aber dieser Mann, einer der besten und edelsten Menschen und bis jetzt der einzige wahre Freund eines armen Mädchens, das den Kampf gegen Jene aufnehmen mußte, die durch die Bande der Natur und der Ehre verpflichtet wären, es zu schützen, - er wird Ihnen bestätigen, daß die Kunstreiterin Rositta Ihrer Achtung nicht unwürdig ist, ja, daß sie Anspruch hat auf Ihre Theilnahme; denn nicht die edle That Ihres Sohnes allein verbindet uns. Sie haben ein Recht, jetzt mein Geheimniß zu wissen, - ich bin ...«
Der Eintritt Otto's von Röbel unterbrach das Geständniß des Mädchens. Trotz seiner Bemühung, den Eindruck und Inhalt der eben geflogenen Unterhaltung nicht merken zu lassen, zeigte sich doch ein gewisser Ernst auf seiner freien Stirn und in seinen Augen.
Die der Mutter und der Fremden hatten sich sogleich forschend auf ihn geheftet. Er fühlte dies und ging sogleich auf seine Mutter zu, aber er redete sie in französischer Sprache an, damit auch Rositta seine Entschuldigung verstehen sollte.
»Herr von Massaignac hat sich bereits wieder entfernt, Mama. Es war Nichts als ein Auftrag des Grafen von Montboisier, des Freundes meines Bruders, den ich Dir bereits vorgestellt, und der uns so viele Freundlichkeiten bezeigt. Der Herr Marquis hatte es übernommen, im
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Vorüberfahren die Einladung des Obersten mir zu überbringen, ihn heute in der großen Oper zu treffen. Ich werde sogleich Billets für uns Alle besorgen, wenn Rosamunde uns begleiten kann.«
»Nein, mein Sohn, sagte die Edelfrau - »wir sind Alle nicht in der Stimmung, heute das Schauspiel zu besuchen. Das soll Dich aber nicht daran hindern. Und hat Dir Herr von Massaignac Nichts weiter gesagt?«
Eine leichte Röthe überflog die Stirn des jungen Mannes. »O doch Mama, er erwähnte flüchtig, daß er unsere Familie kenne, und die Gelegenheit wahrgenommen habe, das Verfahren damals gegen Friedrich zu entschuldigen. Sein Notar habe ohne seinen Auftrag gehandelt.«
Die Edelfrau erhob sich. »Die Schuld ist bis zum letzten Sous bezahlt,« sagte sie stolz, »ich denke, wir schulden der Familie des Herrn Marquis von Massaignac keinerlei Verbindlichkeiten und haben ihr unsere Uneigennützigkeit genügend bewiesen. Ich hoffe, mein Sohn, Du hast diesem Herrn geantwortet, wie es Dein Vater von Dir erwarten darf!«
»Sein Sie unbesorgt, Mutter,« entgegnete der junge Mann finster, »ich trage den Namen Röbel und weiß, was ich ihm schuldig bin. Zwischen uns und dem Namen Massaignac ist jede weitere Annäherung unmöglich.«
Die alte Dame nickte zustimmend. »So ist es. Und nun mein Sohn, wird es gut sein, wenn Du Deinen Freund, Kapitain Laforgne, aufzufinden suchst, um seine Frau zu beruhigen. Er wird uns wahrscheinlich auch am
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Besten die Lösung manches Räthselhaften geben, das uns heute so unerwartet nahe getreten ist.«
Die Kunstreiterin fühlte, daß die kühlere Wendung ein Zeichen der Dame zur Beendigung ihres Besuchs war. Die letzten Worte des jungen Edelmanns schienen ohnedem einen besonderen, ihre noch im Augenblick seines Eintritts so lebhafte Erregung niederschlagenden Eindruck gemacht zu haben und ihr Blick suchte wie berathend das Auge ihres väterlichen Freundes.
Der Mohrendoktor winkte ihr zustimmend und bot ihr die Hand, um sie fortzuführen.
»Madame,« sagte das Mädchen sich ehrerbietig verneigend, »ich fühle, daß es Zeit ist, diesen Besuch zu beenden, aber ich hoffe, daß Sie mir erlauben werden, ihn vielleicht schon morgen zu wiederholen und dann, durch die Gegenwart des Gemahls dieser Dame unterstützt, alles das aufzuklären, was Ihnen heute seltsam und selbst unrecht an dem Benehmen einer Fremden geschienen haben mag, die hierher kam, um eine heilige Pflicht der gewöhnlichsten Dankbarkeit zu erfüllen, und hier mehr gefunden hat, als sie zu hoffen wagte. Nehmen Sie auch den Dank für Ihre Güte und glauben Sie, daß, wie Gott unsere Zukunft auch lenken möge, das Andenken daran und an die That Ihres Sohnes nie in meinem Herzen ersterben wird.«
Und mit einer Verneigung, die eine Fürstin geziert hätte, verließ sie den Salon.
Ein Wink der alten Dame, auf welche dieser Abschied nicht ohne Eindruck geblieben war, bedeutete den jungen Mann, die Fremde zu begleiten.
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Er führte sie die Treppe hinab durch den Flur nach ihrem Wagen.
Als sie an diesem standen und er ihr die Hand zum Einsteigen bot, wandte sich Rositta zu ihm.
»Monsieur de Reubel,« sagte sie ernst, »können Sie mich versichern, daß der Besuch des Marquis von Massaignac, vor dem ich Sie warnte, keine andere Bedeutung hat?«
»Ich versichere Sie, er kam in dem Auftrag eines Dritten!«
»Was Sie auch von mir denken mögen, ich muß Sie sprechen. Wenn Sie heute Abend die Oper besuchen, wie ich hörte, so suchen Sie mich in meiner Loge auf, ich werde Sie erwarten!«
Sie sprang in den Wagen - der Moriske drückte ihm herzlich die Hand und folgte ihr - die Equipage rollte.


Wir müssen für einige Augenblicke zurückkehren zu der Unterredung des jungen preußischen Edelmannes mit dem Abgesandten des Grafen Guzman de Montijo.
Als Otto von Röbel sein Zimmer betrat, fand er den Marquis, den er bisher noch nie gesehen, in einem der Sessel behaglich seiner harren. Er entschuldigte sich mit kalter Höflichkeit, daß er ihn so lange habe warten lassen und bat um Mittheilung, was ihm die Ehre dieses Besuches verschaffe.
Der Marquis hatte den um mehre Jahre jüngeren Mann ziemlich insolent lorgnettirt, ehe er wieder Platz
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genommen. »Monsieur de Reubel,« sagte er hochmüthig, »ich sehe, daß ich mich geirrt habe in der Person, indem ich einen mir bereits bekannten Herrn Ihres Namens hier zu finden erwartete, mit dem ich vor etwa sechs Jahren hier in Paris zusammen traf, vielleicht ein Verwandter von Ihnen?«
»So viel ich weiß, mein älterer Bruder, mein Herr. Nach der Karte, die Sie mir mit der Ihren zu senden die Güte hatten, scheint Ihr Besuch jedoch Nichts mit früheren Verhältnissen zu thun zu haben, und ich bitte demnach, direkt auf den Gegenstand desselben zu kommen.«
Die Antwort war so ruhig und gemessen und von einem so ernsten Blick begleitet, daß der Marquis sich veranlaßt fand, sein legeres Benehmen einigermaßen zu moderiren, das er angenommen, als er sich einem mehrere Jahre jüngeren Mann gegenüber gesehen, dessen Adel er nur mit Geringschätzung betrachtete.
»Sie begreifen, mein Herr,« sagte er höflicher, »daß es mir nicht angenehm sein kann, mich einer Person Ihrer Familie gegenüber zu sehen, da ohne mein Verschulden einige Mißhelligkeiten zwischen uns stattgefunden, wie gesagt ohne meine Schuld, da ich Geschäftssachen meinem Notar überlasse und erst später davon Kenntniß erhielt.«
»Zur Sache, wenn ich bitten darf,« sagte der preußische Edelmann kurz.
»Ich komme soeben darauf, mein Bester. Da diese Karte, wie ich annehmen darf, also die Ihre ist, habe ich einen Auftrag an Sie, den ich, wie gesagt, der obwaltenden Verhältnisse wegen, nur ungern angenommen habe; aber der Graf Don Alvaro Guzman de Montijo ist ein
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spezieller Freund, fast ein Verwandter von mir und Sie werden demnach begreifen ...«
Der Preuße verbeugte sich kalt.
»Um also die Sache zu beenden - Sie scheinen den Herrn Grafen beleidigt zu haben, so daß er sich veranlaßt sieht, Satisfaction zu fordern.«
»Ich habe den Herrn Grafen Don Alvaro Guzman de Montijo einfach geohrfeigt,« sagte der junge Mann ruhig.
»Teufel - das ist stark! Dann kann also von einer Ausgleichung nicht die Rede sein! Ich habe die Ehre, Sie hiermit um Satisfaction zu bitten. Wir werden Sie morgen Vormittag um 9 Uhr im Bois de Boulogne am Mont St. Bernard treffen und dann leicht einen geeigneten Platz finden.«
Herr von Röbel verbeugte sich. »Ich stehe zu Diensten.«
»Da Sie gewiß die Botschaft bereits erwartet haben,« fuhr der Senator fort, »so bitte ich, mir Ihren Sekundanten zu nennen, um mit ihm das Weitere zu verabreden.«
»Ich bedauere, Herr Marquis,« entgegnete der junge Mann höflich, »daß ich Sie schon weiter bemühen muß. Ein Freund, auf den ich in der Angelegenheit rechnen durfte, ist augenblicklich abwesend und ich muß daher erst, da ich nur wenige Bekanntschaften in Paris habe, einen geeigneten Sekundanten suchen.«
»Ich bin vollkommen zufrieden, wenn Sie mir ihn morgen früh vorstellen. Als Waffen werden Ihnen Degen conveniren?«
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»Ich verstehe mich nicht auf die Stoßwaffe, sie ist in meiner Heimath nicht gebräuchlich!«
»Gut - um so besser, dann nehmen wir Pistolen. Ein Fünffrankenstück entscheidet für die Wahl der Waffen. Zehn Schritt Distance, gleichzeitiges Feuern und Wechsel von zwei Kugeln.«
»Sie üben zu sehr französische Höflichkeit, Herr Marquis,« sagte der junge Edelmann, dem Beispiel seines Besuchs folgend und sich gleichfalls erhebend - »ich kann diese Bedingungen kaum annehmen, denn sie benachtheiligen das Recht meines Gegners auf den ersten Schuß.«
»Nein, nein - das ist so Sitte bei uns und ich würde ganz bestimmt nicht davon abgehen. Der Graf ist ohnehin nicht der Mann, einen Gegner zu schonen, und ich kann Ihnen nur rathen, sich dies zu merken. Hier ist meine Uhr, um die Ihre danach zu stellen, und nun auf Wiedersehen morgen früh am Mont St. Bernard ...«
Er grüßte mit herablassender Höflichkeit, während er einen gewissen Ausdruck der Befriedigung in seinem häßlichen Gesicht nicht ganz verbergen konnte, und empfahl sich.
Otto von Röbel geleitete ihn bis zur Treppe. Als er das unangenehme Gesicht nicht mehr sah, war es ihm förmlich, als sei ihm eine Last abgenommen. Er bedachte einige Augenblicke, was er seiner Mutter und den Damen gegenüber sagen wolle, und trat dann wieder in den Salon.
Wir haben bereits das Ende der Unterredung darin mitgetheilt.
Als Otto von Röbel von seiner Begleitung der Kunstreiterin zurückgekehrt war, entzog er sich möglichst bald den
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Vermuthungen und Fragen der Damen und ging nach dem Café Anglais in der Erwartung, den Grafen von Montboisier dort zu treffen oder einen der anderen wenigen Bekannten, die er hatte, um einen Sekundanten unter ihnen zu suchen, da Kapitain Laforgne es so bestimmt abgelehnt hatte und er auch nicht wußte, wo er ihn suchen sollte. Er war zunächst in seine Wohnung gegangen und hatte dort von der Wirthin gehört, daß sein Freund gestern Abend sich nur kurze Zeit daselbst aufgehalten hatte und dann fortgegangen war, ohne bis jetzt ebenso wie seine Gattin zurückzukehren daß aber bereits im Laufe des Vormittags Personen sich nach ihm erkundigt hätten, die sie für Mouchards hielt.
Aber er fand Niemand und als er sich in die Wohnung des Obersten begab, sagte ihm der Diener desselben, daß sein Herr von Lord Heresford abgeholt worden sei und nur gesagt hatte, daß er den Abend in der Oper zubringen werde.
Der junge Mann kehrte nach den Boulevards zurück und setzte sich in einem der Kaffeehäuser nieder. Der Besuch der Kunstreiterin gab ihm so viel zu denken und bewegte jede Fiber seines Herzens so stürmisch. Nebenbei war es ihm aus mehr als einem Grunde unangenehm, für sein bevorstehendes Rencontre keinen zuverlässigen Freund zur Seite zu haben. Er dachte unwillkürlich an den älteren seiner Jugend, an Rudolph Meißner, den er gestern, auf einen, allerdings bittern Verdacht hin so schnöde behandelt, und der sich so edelmüthig gerächt hatte. Was Kapitain François in kurzer Andeutung über das Leben der Fürstin
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hingeworfen, machte ihn glauben, daß er sich übereilt haben könne, und indem er sich des ruhigen sichern Entgegentretens des alten Freundes erinnerte, war er immer mehr geneigt, seinem Verdacht zu entsagen und beschloß zuletzt, am Nachmittag durch ein kurzes ihn zu Nichts verbindendes Billet ihn zu einem Rendezvous in der Oper einzuladen, um im Fall er keine andere Person finden sollte, den Ehrendienst als Landsmann von ihm zu fordern.
Der Gedanke an das Rendezvous, das ihm die Kunstreiterin selbst für den Abend gegeben, das abenteuerliche Geheimniß, was sie nach den Andeutungen des Kapitains und nach ihrem eigenen Auftreten bei dem Besuch in seiner Familie zu umhüllen schien, drängte aber zunächst alle anderen Gedanken und Sorgen in den Hintergrund und beschäftigte ihn so ganz, daß die Stunden wie Minuten verschwanden und es bereits spät am Nachmittag war, als er sich nach flüchtig in einer Restauration eingenommenem Diner nach Hause begab, um die Seinigen nicht noch mehr zu beunruhigen, und sich zu dem Besuch der Oper umzukleiden.
Otto von Röbel fühlte, daß der gestrige und heutige Tag über sein Leben entschieden habe, daß sein Herz mit der vollen Gluth einer kräftigen unentweihten Jugend das fremde abenteuernde Mädchen - eine Kunstreiterin, die Heldin einer öffentlichen Schaubude liebte.
Und obschon er mit Angst und Besorgniß an den strengen Ernst und die ehrenhaften Vorurtheile seines Vaters, an den Schmerz seiner Mutter dachte, - an alle die Verwirrnisse und Leiden, die bereits das Verhältniß
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seines verstorbenen Bruders zu der armen Arbeiterin, die thränenreiche Liebe der Schwester zu dem bürgerlichen Freunde, die Verirrungen und die Leichtfertigkeit seines zweiten Bruders über die Theueren gebracht hatten, konnte er sich doch nicht enthalten, sich mit ganzer Seele diesem Zuge des Herzens hinzugeben und sich immer fester in diesen süßen Traum zu verstricken.
Warum sollte er auch nicht? - endete doch vielleicht schon am nächsten Morgen die Kugel des Gegners jeden Zwiespalt zwischen Herz und Pflicht!


Alle Welt weiß, daß die schöne Kaiserin von Frankreich zur Zeit jener interessanten Umstände, auf welche der Kaiser Louis Napoleon so stolz war, die Erfinderin der Crinoline gewesen ist, jener umfangreichen Macht des Unterrocks, welche das starke Geschlecht auf allen Wegen und aus allen früher gewonnenen Positionen verdrängt. Ohne den Enthusiasmus der Fabrikanten, der Modehandlungen und der Schneider für diesen unnahbaren Wall weiblicher Tugend, das gelöste Prinzip des lenkbaren Luftballons und der Rheumatismen zu theilen, müssen wir doch bekennen, daß sie eine gewisse Berechtigung gewonnen hat und die Augen der Männerwelt sich der Art an die bauschigen Formen gewöhnt haben, daß Phantasie mit der Wirklichkeit verschmilzt und die Rückkehr zur antiken Plattheit eine Revolution hervorrufen könnte.
Die Jupes verdanken aber nicht allein diese Erfindung der schönen Herrscherin - diese ist in Wahrheit auch
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die Kaiserin aller Moden in Paris geworden, und da Paris trotz aller oppositionellen socialen Versuche von Wien, Berlin, New York und selbst dem Dresden des Herrn von Neust sein Scepter in dieser Beziehung unbarmherzig über die ganze Welt streckt und den Rebozo der dunkelen Augen von Estremadura, den Yaschmak von Constantinopel, ja selbst den Schurz der Indianerin und die harmlose Tracht weiblicher Landeskinder Sr. Hoheit des Herzogs von Sachsen-Altenburg immer mehr verdrängt und bald zu den Bilderbüchern verwiesen haben wird, - somit die herrschende Fee auf dem Throne der Moden für die ganze Welt.
Es ist bekannt, daß die Salons der Kaiserin das Eldorado der Modehändler von Paris, der Künstler in Sammet, Seide und Juwelen, der Erfinder jener tausend thörichten Eleganzen sind, zu dessen Entscheidungen Alle mit Zagen emporsehen. Während der Geist des dritten Napoleoniden, wenn auch nicht des größten, so doch sicher, des klügsten und scharfblickendsten von seinem Kabinet im ersten Stockwerk des Flügels der Tuilerien zwischen dem Pavillon de Flore und dem Pavillon d'Horloge, aus dem mittleren der berühmten Façade der Königin Katharina von Medicis, die Geschicke von vier Erdtheilen lenkt, hat die schöne Spanierin mit den aschblonden Haaren und den schwarzen Augen ihr unbestrittenes Reich des Luxus, des Geschmacks und der Eleganz in jenen Räumen des Parterre des südlichen Flügels aufgeschlagen, die unter denen ihres Gemahls liegen und früher von der, im Unglück wenigstens erhabenen Königin Marie Antoinette und später von Louis Philipp bewohnt wurden, den das in die Fenster einsteigende
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Volk daraus vertrieb, weil er zu constitutionell war und die Courage seinen Ministern überließ, die deren keine hatten.
Aus diesen Gemächern, die zum Theil nach der südlichen Blumenterrasse des Tuileriengartens, zum Theil nach dem Quai der Seine blicken, hat der luxuriöse Geschmack der Kaiserin einen wahren Zauberpalast gemacht.
Wir führen den Leser am Nachmittag des verhängnißvollen 14[.] Januar in diese, sonst nur den Auserwählten zugänglichen Räume.
Das Diner der allerhöchsten Herrschaften war seit zwei Stunden vorüber. Der Kaiser arbeitete mit einigen Vertrauten in seinem Kabinet. Es war bestimmt, daß er am Abend mit der Kaiserin in die große Oper fahren sollte.
Die hohe Frau befand sich in dem kleinen Salon vor ihrem Boudoir mit ihren Damen, beschäftigt, neue Stoffe auszuwählen, welche der Chef eines berühmten Modemagazins, die Ehre hatte, ihr vorzulegen.
Unsere Leserinnen werden uns hoffentlich eine kleine Beschreibung dieses Salons, eines Meisterwerks der Dekoration des berühmten Tapezierers Godillot danken.
Der Salon, nebst dem anstoßenden kleinen Arbeitszimmer der Kaiserin sind ihr Lieblingsaufenthalt. Beide liegen an und in dem Pavillon de Flore, und haben die Fenster nach der Terrasse.
Es war jetzt beinahe 7 Uhr, die Vorhänge waren geschlossen und mehrere große Astrallampen verbreiteten in dem mit jenem feinen Parfüm, das nach der Kaiserin
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seinen Namen führt, durchduftete von der Gluth des Kamins durchwärmte Gemach.
Die Vorhänge bestanden aus weißem Taffet, welcher bei Tage das Licht weniger durchdringen läßt als der Mousseline, mit goldenen Bienen besät, über den noch dichte zweite Vorhänge von rosa und schwarzem Brocat herabfielen.
Der Salon ist mit persischer Seide von einer matten Lilafarbe tapeziert, auf der Rosenbouquets eingestickt sind. Die Fütterungen der Thüren sind von glänzend polirtem Ebenholz, das mit Gold und Perlmutt ausgelegt ist.
Karnies und Decke sind von vergoldeter Stuckatur, von Medaillons unterbrochen, die kostbare Malereien und Amoretten mit Blumen spielend, enthalten.
Der Kamin ist von jenem schwarzen spanischen Marmor, der in den Pyrenäen gebrochen wird und durch seine Zeichnung von Goldadern so berühmt und so kostbar ist. In den halb abgerundeten vier Ecken des Salons erheben sich Piedestale von demselben Marmor, ebenso ein solches in der Mitte des Salons.
Auf den vier Postamenten in den Ecken stehen große Bronce-Gruppen von Lenoir, spielende Kinder darstellend; das breite Piedestal in der Mitte zeigt eine größeere[größere] Gruppe: der Engel ein Kind überwachend. Um dieses Piedestal von schwarzem Marmor ist einer jener runden Divans angebracht, die man pâté nennt, mit demselben Stoff, Grau und Rosa überzogen, von dem die Drapirung der Wand ist. Ebenso sind alle anderen Möbel, die aus niederen Polstersesseln und Divans bestehen.
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Ein brüsseler Teppich von dunkelrothem Muster, weich und elastisch, wie die berühmten Gewebe Turkomanniens bedeckt den ganzen Fußboden,
Auf dem Sims des Kamins steht als einziger Schmuck eine große Pendüle von Bronce, ebenfalls von Lenoir modellirt und eine Gruppe von Amoretten darstellend.
Der Salon bietet in diesem Augenblick ein eigenthümliches Bild von malerischer Unordnung dar. Es ist die Zeit, welche die Kaiserin ihr Plauderstündchen nennt, und in der sie ihre Lieferanten und Modistinnen empfängt, oder mit dem kaiserlichen Kinde spielt. An diesem Abend vereinigte sich Beides, denn auf dem Teppich und den Möbeln lagen verschiedene Spielsachen mit kostbaren Stoffen in bunter Verwirrung umher. Das pâté in der Mitte, die Divans, Stühle und Tische waren mit Seidenzeugen, Modestoffen und prächtigen Shawls förmlich bedeckt. Mitten unter diesen, auf dem runden Divan saß die hohe Besitzerin dieser prachtvollen Räume, die schöne Kaiserin von Frankreich.
Es befanden sich außer ihr fünf Damen und ein Herr in dem Salon. Die devote Haltung des letzteren, die Art und Weise, wie er die verschiedenen Stoffe in ihr bestes Licht zu breiten suchte, oder jetzt zusammenlegte, - denn die ihm gewidmete Zeit war zu Ende, - bewiesen, daß er nicht ein wirkliches Mitglied dieses vornehmen Circels, sondern einer der Lieferanten des Hofes sei.
Es war in der That der zweite Chef des bekannten Hauses Worth und Boberg, des berühmtesten Mode- und Stoffmagazins von Paris.
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Die Kaiserin hatte so eben einen Stoff von rothem drap d'or aus der Hand gelegt, sie schien zerstreut und blickte häufig nach der Uhr auf dem Kamin, als sich ihr mit einer tiefen Verbeugung eine ältere Dame, groß, stattlich und ernst, von wirklich majestätischem Aussehen näherte.
Es war die Prinzeß von Eßlingen, die Schwiegertochter des berühmten Marschalls Masséna, der Aspern nahm und 1810 und 11 Wellington in Portugal und Spanien schlug, die Groß-Hofmeisterin (grand maitresse) des Hofes.
»Ich erlaube mir, Ihro Majestät zu erinnern, daß das Kind von Frankreich sich noch nicht zur Ruhe begeben hat.«
Die Groß-Hofmeisterin sprach die unbedeutenden Worte mit der Wichtigkeit, mit der etwa ein Marschall die Meldung einer Schlacht gemacht haben würde.
Die Kaiserin lächelte ein wenig. »Es ist wahr, liebe Prinzessin, ich hatte es beinahe vergessen. Aber diese Damen verwöhnen ihn, sonst hätte er sich schon bemerklich gemacht. Rufen Sie die Amme, liebe Brüat, und bringen Sie ihn mir, damit ich ihn noch küsse.«
Die Gruppe der Damen vor dem Kamin öffnete sich jetzt und man erblickte auf dem Teppich liegend einen kleinen etwa zweijährigen Knaben, der sich mit einem großen Gummiball umherrollte, während die Damen sich mit ihm neckten. Die eine von ihnen hatte ihm eben den Ball fortgenommen, er lag auf dem Rücken, strampelte mit Händen und Füßen, als eine ältere Dame, in Schwarz gekleidet, eine auffallende Erscheinung unter diesen
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prächtigen bunten Toiletten, ihn aufnahm und begann ein lautes Geschrei.
Die Dame achtete jedoch dieses Widerstandes nicht, sondern brachte den Kleinen zu der Kaiserin.
Madame de Brüat, die Wittwe des Admirals, war die Gouvernante des Prinzen, oder vielmehr des[des] enfants de france, wie es nach der Wiederherstellung des alten Ceremoniels der legitimen Könige heißen mußte, wenn eben weitere Kinder vorhanden gewesen wären.
Der künftige Erbe der Napoleoniden schrie sehr unbekümmert um die Dehors dieses Salons noch immer fort, selbst in den Armen seiner Mutter, in denen er sich mit seinen Thränen fortsträubte.
»Sie hören, Monsieur Boberg,« sagte die Kaiserin lächelnd - »er hat eine kräftige Stimme. Diese Herren Zeitungsschreiber lügen demnach, wenn sie verbreiten, er sei stumm. Ist Madelaine da?«
Die kräftige Figur der Amme in der bäurischen Tracht, die sie beibehalten, trat alsbald vor.
»Geben Sie ihn nur her, Madame,« sagte sie sehr unceremoniel - »ich will ihn schon zur Ruhe bringen. Willst Du still sein, Poll, oder Loulou kommt!«
Ein flüchtiges Lächeln glitt über die Gesichter der Anwesenden bei dieser ungenirten Citirung des würdigen Vetters des Kindes in Stelle einer Art von Knecht Ruprecht; Monsieur Boberg suchte seine Ueberraschung zu verbergen, indem er sich auf den Stoff, den er gerade zusammenfaltete, nieder beugte.
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»Loulou ist fort, mein Kleiner,« sagte die Kaiserin, die bekanntlich weder den Prinzen noch seine Schwester, die etwas emancipirte Prinzessin Mathilde besonders leiden mag, - »die garstige Madelaine lügt. Er ist im Eis am Nordpol erfroren. Da, nimm ihn, bring ihn dem Kaiser und dann zur Ruh.«
»Monsieur Thélin ist unten gewesen und hat bestellt, daß Seine Majestät nicht gestört sein will,« erwiederte die Amme, die, obschon ihre Function längst beendet war, sich doch als erste Wärterin des kaiserlichen Kindes Vieles herausnehmen durfte. Merkwürdiger Weise war auf ihre Drohung mit Loulou der Knabe auch sofort ruhig geworden und schlang jetzt, als die Kaiserin ihn zärtlich geküßt und der Amme zum Forttragen gereicht hatte, seine Aermchen um den Hals der vertrauten Pflegerin.
Die Kindheit kennt glücklicher Weise noch keinen Rang und kein Ceremoniel, obschon leider genug geschieht, sie bei Zeiten zu Affen der großen Welt zu machen!
Madame Bruat[Brüat] begleitete den künftigen Vertreter des Bonapartismus - so Gott es will - zu seiner Wiege, welche die gute Stadt Paris ihm bekanntlich geschenkt hat und die etwas kostbarer ist, als jener Panzer der Schildkröte, welche die guten Bürger von Pau am 4. December 1553 Anton von Bourbon für den künftigen Heinrich IV. brachten.
Die Kaiserin wandte sich zu dem Modisten. »Lassen Sie die Stoffe hier, Herr Boberg,« sagte sie, »ich werde mit Madame Vignon die Auswahl treffen.
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Lemonnier8 hat mir heute Morgen einen neuen Schmuck gebracht von Malachit und mich gebeten, den Stein in Mode zu bringen. Es ist eine kleine Genugthuung, die wir den Russen für unsere Siege in der Krimm schuldig sind. Dieser braune Moirée wird sich gut zu dem hellen Grün machen. Senden Sie den Stoff zu Madame Vignon.«
Ein huldvolles Kopfnicken entließ den Besitzer der Herrlichkeiten, welche ihm alle Damen von Paris und somit der ganzen Welt zinsbar machen. Die Kaiserin sah wiederum nach der Uhr - es fehlten noch zwanzig Minuten zu Sieben. Sie schien offenbar sehr zerstreut oder gelangweilt.
Eine junge allerliebste Dame näherte sich ihr. Es war die Baronin de Pierres, Palastdame der Kaiserin, ein Schooskind der hohen pariser Gesellschaft, und eine Tochter jenes amerikanischen Generals Thorn, der die reizenden Soirée im Hôtel der Madame Adelaide d'Orleans im Faubourg St. Germain gab - in demselben Hôtel, wo jetzt Herr Baroche sehr langweilige Gesellschaften veranstaltet.
»Ihro Majestät, Madame Vignon ist in dem Ankleidezimmer. Sie wünscht einige Entwürfe und angekommene Neuigkeiten aus London vorzulegen.«
»Ah - das ist schön - sie wird uns unterhalten. Sie hat immer Neuigkeiten neben dem besten Geschmack von Paris. Lassen Sie sie eintreten, liebe Baronin.
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Kommen Sie hierher, Marquise, Sie sollen mir prüfen helfen, was das Westend uns schickt.«
Die Angeredete war die Marquise de las Marismas, eine geborene Engländerin, aus der bürgerlichen Familie Macdonald, die Gemahlin des Marquis Alexandre, des Sohnen Aguados, eines vortrefflichen Ehemanns.
Sie ist ein Liebling der Kaiserin - nicht blos ihrer großen Schönheit wegen, sondern auch wegen der Abstammung ihres Gatten,
Die Baronin näherte sich und nahm auf einen Wink der Kaiserin auf einem Tabouret Platz.
Madame Vignon, die Modistin, war unterdeß eingetreten; eine Kammerfrau trug ihr mehrere große Cartons nach.
Gleich den Herren Worth und Boberg ist Madame Vignon Autorität unter der vornehmen Damenwelt von Paris. Sie hat das Hochzeitskleid der Kaiserin geliefert.
»Sieh da, unsere Vignon,« sagte die Kaiserin. »Was bringen Sie uns Neues aus den Moden und aus der Gesellschaft?«
Die Modistin verneigte sich ehrerbietig. »Ihro Majestät wissen, daß gerade Sie es sind, welche die Moden macht.«
»Ja, ungefähr so, wie der Kaiser Schlachten gewinnt, die Herr Pelissier oder Herr Mac Mahon schlägt. Man erzählt mir ja Außerordentliches von dem Luxus, den eine kleine Schauspielerin von einem der Boulevard-Theater treiben soll?«
»Ihro Majestät,« sagte die Modistin mit etwas
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verächtlicher Miene, ihre Cartons auspackend, »meinen wahrscheinlich Mademoiselle Bellangé?«
»Ich glaube, so ist der Name. Erzählten Sie mir nicht davon Madame de Montebello?«
Die Palastdame, Gemahlin des Generals dieses Namens, des vierten Sohnes des berühmten Marschalls Lannes, eine junge leidlich hübsche, aber sonst unbedeutende Dame, bejahte. »Ich hatte die Ehre, Ihro Majestät von dem Abenteuer der Marquise von Grézy d'Hornay zu erzählen!«
»Ich erinnere mich nicht mehr genau. Wie war es doch?«
Die geläufige Zunge der Modistin lief Madame de Montebello eilig den Rang ab. »Mademoiselle Bellangé hatte durch den Aufwand ihres Auftretens Aufmerksamkeit erregt, obschon ich Ihro Majestät versichern kann, daß ihre Toilette das wahre Parfüm des Geschmacks entbehrt und nur von Madame Délaune besorgt wird, einer Größe dritten Ranges. Aber trotzdem wünschte die Marquise von Grézy die Toilette jener Dame in Augenschein zu nehmen und beauftragte ihre Kammerfrau, dies möglich zu machen, als Mademoiselle bei dem Neujahrsaufenthalt des Hofes in Compiegne gleichfalls ihren Haushalt dorthin verlegt hatte. Denken Ihro Majestät, daß diese Person es gewagt hat, förmliche Verhandlungen darüber zu führen, als gelte es eine Angelegenheit der Politik des diplomatischen Corps!«
Die Damen hatten sich, höchst interessirt von dem kleinen Scandal, näher gezogen. Die Kaiserin nickte
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lächelnd der Modistin, die dabei fortwährend ihre Novitäten auspackte.
»Wissen Ihro Majestät, daß Sie die Herren Barrière und Capendu in Mode gebracht haben? Ihro Majestät haben neulich das Gymnase beehrt und sind von der Aufführung der Cendrillon so gerührt gewesen, daß Ihro Majestät während zweier Akte Thränen vergossen haben. Seit der Zeit muß jede Dame, die sich achtet, die Cendrillon gesehen und in Cendrillon geweint haben. Ich habe für 10,000 Franken Spitzen von Alençon kommen lassen für die Taschentücher à la Cendrillon! Das Glück des Herrn Barrière9 ist gemacht!«
Diesmal lachte die Kaiserin geradezu. »Sie vergessen über ihren Taschentüchern die arme Marquise, beste Vignon.«
»Bitte unterthänigst um Entschuldigung. Ich wollte nur zuvor die Ehre haben, diese neue Façon der Handschuhe Ihro Majestät vorzulegen. Sie sind so geschnitten, daß der Daumen nicht abreißen kann, und mit einer kleinen Agraffe, die zweckmäßiger zusammen hält, als die Knöpfchen.10 Also das Resultat dieser unverschämten Verhandlungen war, daß Mademoiselle Bellangé eines Mittags ihren Phaëton nach den Alleen fuhr und dabei ihre Rivalin, Mademoiselle Cora Pearl zu einem Wettritt aufforderte, und daß während dieser Zeit die Marquise mit mehreren Freundinnen, ja man will wissen, die Prinzessin Mathilde selbst, die Garderobe der Künstlerin bis in die
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kleinsten Details mit Muße in Augenschein nahm, Eine schöne Künstlerin - aber der Titel artiste dramatique ist für diese Damen unentbehrlich, weil er einen besonderen Reiz für die Herren hat.«
»Die Prinzessin Mathilde?« warf stolz die Großhofmeisterin ein - »ich glaube, Sie irren sich, Madame Vignon. Ihro Kaiserliche Hoheit sind über ein solches Interesse für die Garderobe einer Schauspielerin erhaben!«
Die kleine Vignon war sehr pikirt über die Zurechtweisung, um so mehr, als sie sehr wohl wußte, daß an diesem Ort die frühere Repräsentantin des kaiserlichen Hofes keineswegs sehr beliebt war.
»Die Frau Prinzessin hat wohl noch andere Dinge gethan. Man erzählt sich gar viele Sachen aus dem Luxembourg. Mein Gott, wir sind nun einmal das schwache Geschlecht und ich erinnere mich noch sehr wohl der Zeit, wo eine vornehme Dame 20 Louisdors gegeben hat für einen Galerie-Platz bei dem Banket der Socialisten!«
»Still, still,« sprach die Kaiserin - »Sie vergessen sich, Vignon. Zeigen Sie mir jenen Hut her!«
Die Großhofmeisterin war mit großem Aplomb und sehr unwillig von der Gruppe fortgerauscht und hatte sich in einen Fauteuil am Kamin niedergelassen.
»Etwas Neues, das Ihro Majestät vortrefflich kleiden wird. Es ist filzgraue Seide mit Hahnenfedern, über der Stirn ein turbanartiges Band von grünem Sammet, und eben solche Bindebänder. Ich beabsichtige, die Hahnenfedern in Mode zu bringen. Darf ich den Hut Ihro
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Majestät ausprobiren? Er macht sich zu dieser Robe von dunkler quergestreifter Seide vortrefflich!«
»Gut - ich werde ihn behalten und heute sogleich tragen. Doch Sie vergessen immer wieder unsere Anekdote, meine kleine Vignon. Es freut uns, unsere Cousine doch auch auf einer solchen Schwäche für Toilette zu ertappen, wenn die Toilette auch nur die Anderer ist!«
Es ist bekannt, daß die Prinzessin Mathilde die ihre mit mehr als Nonchalance behandelt.
Die Modistin hatte unterdeß aus eigener Machtvollkommenheit einen Capuchon-Mantel von grüngrauer Farbe, zu dem Hut passend, mit quer aufgesetzten bunten Streifen verziert, dazu gelegt. - Es war der Anzug, den die Kaiserin später an dem verhängnißvollen Abend trug.
»Halten Ihro Majestät es für möglich? - man denkt in London daran, den Crinolin aufzugeben und ihn mit gesteppten Röcken zu ersetzen. Aber ich bin daran, Madame Albert11 aus dem Felde zu schlagen, gerade wie wir die Engländer vor Sebastopol blamirt haben. Verzeihung, Frau Marquise, aber ich rechne Sie schon längst zu den Unsern.«
»Bitte, geniren Sie sich nicht, Madame Vignon,« lachte gutmüthig die Marquise. »Die Macdonalds waren von jeher Anhänger der Stuarts.«
»Ich denke, Lady Cowley einen Schlag zu versetzen, wenn wir ihr mit einer Erfindung zuvorkommen, die sie
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nicht nachahmen kann. Ich sinne seit zwei Nächten darüber, aber sie wird Aufsehen machen, auf Ehre!«
»Aber so kommen Sie doch heraus mit Ihrem Geheimniß,« sagte neugierig die Baronin. »Ist es eine Coiffüre à la Sebastopol?«
»Oh, Madame - was denken Sie von mir? Sebastopol ist längst vergessen. Es handelt sich allerdings um die Verbannung des Crinolins, aber nicht durch Jüpes, sondern durch einen ganz neuen Schnitt der Roben!«
Die Damen waren ganz Ohr - selbst die Kaiserin hörte auf, nach der Uhr zu sehen.
»Bitte, liebe Vignon,« tönte es von allen Seiten, »sprechen Sie! welcher Schnitt?«
Die Modistin machte eine majestätische Geberde. »Nein, meine Damen, - mein Geheimniß gehört zuerst Ihro Majestät. Man muß eine Gestalt haben, wie Ihro Majestät, um es recht zu begreifen. Ich kann Ihnen nur so viel sagen, daß es sich um einen Keilschnitt handelt, der eine ganz neue Figur macht. Aber ich brauche noch eine Nacht, um mit mir in's Reine zu kommen! Ich bringe Ihro Majestät unterdeß eine andere Erfindung.«
Sie langte nach einen neuen Carton.
»Aber was hatte denn diese Mademoiselle Bellangé für die Ehre, ihre Garderobe zeigen zu dürfen, verlangt?« frug die Generalin Montebello.
»Oh - nichts weniger, als auch die Garderobe der Frau Marquise und der anderen Damen besichtigen zu dürfen, und ihre Kammerfrau hatte sich eine Gratifikation von 10 Napoleonsdor ausgemacht.«
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»Ich hoffe, diese Person wird die Unverschämtheit nicht so weit getrieben haben, sich in das Kaiserliche Schloß zu drängen,« sagte die Groß-Hofmeisterin vom Kamin her, wo ihr trotz ihres Unwillens kein Wort entging.
»Ganz im Gegentheil, Madame, - Mademoiselle Bellangé rühmt sich, zwei Stunden lang in den Gemächern der Damen gewesen zu sein und die geheimsten Geheimnisse der Toilette der Frau Marquise gesehen zu haben. Sie hat die Kammerfrau derselben mit 20 Napoleonsdor bezahlt. Aber die Polizei hat ihren Wettritt mit Mademoiselle Cora Pearl dafür nicht gestattet!«
Die Kaiserin wandte ruhig den Kopf nach der Seite der Groß-Hofmeisterin.
»Sie werden die Güte haben, Madame, die Frau Marquise von Grézy d'Hornay von der nächsten Liste für Saint Cloud und Compiegne zu streichen. - Wie, liebe Vignon, eine Puppe? ist sie für den Prinzen? aber was soll er mit dieser Modedame, einen Soldaten hätten Sie ihm bringen sollen.«
»Entschuldigen Ihro Majestät, es ist meine Modellpuppe. Ihro Majestät sprachen neulich von den Agraffen à la Pompadour?«
»Ich erinnere mich - es handelte sich um das Aufnehmen der Kleider.«
»In der That, Ihro Majestät, der Jupe ist bis jetzt viel zu wenig zu seinem Recht gekommen. Man muß ihn poussiren. Haben Sie die Güte, Frau Baronin, dieses Band um Ihre Taille zu legen!«
Die hübsche junge Frau schloß das einfache schwarze
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Band, an dessen beiden Seiten gleiche lange Schlingen herunterhingen, um ihre blauseidene Robe.
»So, Madame,« erklärte die Modistin - »man bauscht auf beiden Seiten die Robe durch die Schlinge« - sie ließ die That dem Worte folgen - »und der Zweck ist in der einfachsten Weise erfüllt.«
»Ei das ist allerliebst - sehr hübsch!«
»Es zeigt den Fuß und mit einem gut gestickten weißen Unterrock wird es sich nicht übel machen,« erklärte diktatorisch die Modistin. »Aber es ist zu einfach, zu bürgerlich und ich habe es darum Margarethenbänder genannt, nach dem Grethchen im Faust des Herrn Schiller, des berühmten Komödienschreibers der Deutschen. Ich bringe Ihro Majestät etwas Besseres. Sehen Sie diese Puppe!«
»Sie haben das Kleid aufgenäht!«
»Nein, Frau Generalin. Belieben Sie nur ihr Kleid aufzuheben und Sie werden einen Einblick in die neue und sinnreiche Maschinerie gewinnen.«
»Ah - vier Knöpfe und Schnüre!«
»Richtig! Sehen Sie, mit welchen geringen Mitteln Personen von Genie große Erfolge zu erzielen wissen. Bemerken Sie diese kleine Oeffnung vorn im Kleid. Der porte-jupe-Pompadour, wie wir ihn mit Erlaubniß Ihro Majestät nennen wollen, vereinigt Zweckmäßigkeit mit Eleganz. Er faßt die Robe gleichzeitig an vier Seiten, zieht sie nach Belieben empor und drapirt sie zugleich in sehr graziöser Weise. Man befestigt einfach vier Knöpfe an die Innenseite des Kleides, welche den Enden der vier Schnüre entsprechen. Ehe man das Kleid anzieht« - sie
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entkleidete das Modell - »legt man den Pompadour um die Taille, hängt ihn hinten ein und befestigt ihn vorn durch ein Band am Corset. Dann überzeugt man sich, daß die Schnüre in den Hülsen sich leicht bewegen lassen, zieht die Robe an und bringt die beiden Knöpfe des Pompadour durch die kleine Oeffnung vorn. Dann läßt man von der Kammerfrau das Ende jedes Schnürchen des Pompadour an die vier Knöpfe im Innern des Kleides hängen und - voilà tout! die Maschinerie ist fertig!«
Die Damen probirten sämmtlich die neue Erfindung an der großen Puppe, während die Modistin einige Exemplare ihres Werkes von grauem und weißem Moirée auspackte, das seitdem die Runde durch die Civilisation gemacht hat, denn die uncivilisirte Welt darf entweder nach dem strengen Gebot Mahomeds möglichst Wenig aufheben, außer vor den Ehemännern, und der übrige Theil trägt gewöhnlich Nichts, an dem der porte-jupe-Pompadour anzubringen wäre!
Man probirte rechts und links und im Ganzen und besprach lebhaft die neue Toiletten-Erfindung.
»Ihre Erfindung ist vortrefflich, liebe Vignon,« sagte die Kaiserin, »und ich bitte Sie, dieselbe bis zu dem nächsten Fest am Hofe aufzuheben. Ich beabsichtige, sie bei der Ball-Toilette anzuwenden. Sie werden dafür sorgen, liebe Vignon, daß die beiden Knöpfe vorn mit Blumen, gleich denen in der Coiffüre, verziert sind!«
In diesem Augenblick trat die spanische Kammerfrau der Kaiserin in den Salon und näherte sich ehrerbietig der Kaiserin, die sogleich aufstand.
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»Bitte - einen Augenblick, meine Damen!«
Eine Handbewegung gab der Bitte den bestimmten Ausdruck. - Die Damen nebst der Modistin traten in ehrerbietige Entfernung zurück.
»Ist der Graf gekommen?«
»Zu Befehl, Ihro Majestät!«
»Allein?«
»Nein. Eine Dame begleitet ihn!«
»Hast Du sie gesehen?«
»Nein, Ihro Majestät, sie trägt einen Schleier.«
»Und wo sind sie?«
»Die Dame befindet sich Ihro Majestät Befehl gemäß in dem kleinen Arbeitszimmer, der Herr Graf wartet in der Antichambre des Pavillons, durch welchen sie eingetreten sind!«
»Gut. Bleibe hier und sieh zu, daß sich keine unberufenen Lauscher der Thür nähern.«
Die kurze Unterredung war in spanischer Sprache geführt worden. Die Kaiserin wandte sich jetzt wieder französisch zu ihren Damen, von denen ohnehin nur die Marquise de las Marismas Spanisch verstand.
»Meine Damen, ich gebe Ihnen auf eine halbe Stunde Urlaub. Marquise und Sie liebe Baronin werden mich in die Oper begleiten. Adieu, Madame Vignon und Verschwiegenheit in Betreff des Jupe.«
Eine gnädige Handbewegung entließ die Modistin. Die Kaiserin trat durch die südliche Thür, welche die Kammerfrau mit ehrerbietiger Verbeugung öffnete, in das anstoßende Zimmer.
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Dies war ein ziemlich schmales Durchgangsgemach und führte nach dem kleinen Arbeitszimmer. Die Kaiserin öffnete selbst die zweite Thür und trat ein.
Dies Zimmer, in das sich die Kaiserin häufig zurückzieht, und das nebst ihrem Schlafgemach nur wenige vertraute Personen betreten dürfen, bildet ein längliches Viereck, geht auf die Tuilerien-Terrasse und ist zu jeder Jahreszeit reich mit Blumen geschmückt. Es ist ganz mit mattem dunkelgrünem Taffet ausgeschlagen; die Thüren und Lambris sind von Elfenbein und Gold, die grünen Vorhänge mit rothem Atlas unterlegt und die Verzierungen daran von rothem Atlas und schwarzem Sammet. In dem Zimmer sind, nach der Angabe der Kaiserin selbst, die schönsten Gemälde und Kunstwerke vertheilt. Die Möbel sind von Ebenholz oder Elfenbein und ein kostbarer smyrniotischer Teppich bedeckt das Parquet. In diesem Gemach hat die hohe Frau alle ihre theuren Erinnerungen vereinigt, die zahllosen Geschenke und Gegenstände, die ihr in der Kindheit angehörten, Miniaturen und Photographieen von mehren Damen, die sie lieb hat, und gegenüber der Stelle, wo sie zu sitzen pflegt, das Portrait ihrer verstorbenen Schwester, der Herzogin von Alba, im weißen einfachen Kleide, von blühenden Gewächsen halb verhüllt, - jener Schwester, die ihr zwei Mal gestorben und die zwei Mal auferstanden ist, - das eine Mal dem Gatten und ihren Lieben, das zweite Mal Gott!
Wir erinnern den Leser daran, daß die Herzogin von Alba das traurige und merkwürdige Schicksal der Freiin Mathilde von Asseburg theilte, die im Scheintod begraben
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durch die freche Beraubung der Gruft wieder zum Leben erwachte und zu dem trostlosen Gatten im Leichengewande zurückkehrte.
Der Leser, der Florenz besucht hat, erinnert sich dort auch vielleicht der Villa della morta. Ginevra Amieri ging diesen Weg, indem sie, als jungfräuliche Frau gestorben und aus dem Erbbegräbniß der Amati wiedererstanden, vergeblich an das Haus ihres Vaters und ihres Gatten klopfte und ihre Zuflucht zu dem Palaste ihres Geliebten Rondinelli nehmen mußte.
Der Spruch der Gerichte und des Erzbischofs erklärte das Eheband der Todten für gelöst und gab die Neugeborene dem geliebten Manne, dem sie früher des Vaters Hochmuth verweigert hatte.12
Als die Kaiserin der Franzosen in ihr von dem Schein einer in silbernen Ketten hängenden Ampel von durchsichtigem Severs-Porzellan erleuchtetes Arbeitszimmer trat, erhob sich eine junge schwarz gekleidete Dame von einem der umherstehenden Sessel und schlug einen an dem, ihren üppigen Haarwuchs des Hinterhauptes fesselnden Goldkamm nach spanischer Sitte befestigten und Hals und Brust und zum Theil das Gesicht bedeckenden und bis auf die Taille herabfallenden schwarzen Spitzenschleier zurück.
Die Kaiserin trat rasch einige Schritte auf die Dame zu und streckte ihr die Hände entgegen.
»Carmen!«
Die Kunstreiterin, denn diese war es, beugte, als ob
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sie den freundlichen liebevollen Ausruf nicht gehört hätte, rasch ihr Knie vor der hohen Frau, faßte ihre Hand und zog sie an die Lippen. Die Kaiserin fühlte einen heißen Kuß und den Fall einer Thräne darauf, aber als sie die Knieende umarmen wollte, erhob sich diese und trat in ehrerbietiger Haltung zwei Schritte zurück.
»Empfangen Ihro Majestät den ehrerbietigsten Dank der Kunstreiterin Rositta,« sagte die Fremde mit bewegter aber fester Stimme, »für die gnädige Theilnahme, die Sie an meinem gestrigen Unfall zu nehmen die Gnade hatten!«
»Der Abscheuliche!« rief die Kaiserin. »Aber ich werde ihn dafür bestrafen! Hier sind wir unter uns, Du kannst Deine Maske fallen lassen und ich will Dir sagen -«
»Erlauben Ihro Maejstät[Majestät], Sie zu bitten,« sagte das Mädchen, »selbst in diesen Räumen nur die Kunstreiterin Rositta vor Sich zu sehen. Ihro Majestät wissen nicht, wie tief Ihre Gnade mein Herz rührt, und daß ich gern mein Leben zu Ihren Füßen lege. Aber eben, weil die Kaiserin von Frankreich zu hoch über der Actrice des Circus steht und das Geschick von Nationen mit in ihrer Hand liegt, darf diese Hand Nichts zu thun haben mit dem Kampf eines unbedeutenden Mädchens für ihre Freiheit gegen das Gesetz und gegen Personen, die dieser erhabenen Frau zu nahe stehen, um nicht jede Rücksicht fordern zu können,«
»Meine Mutter ... Sie haben Recht! Aber Mademoiselle Rositta wird der Kaiserin von Frankreich erlauben, daß sie die Kunst beschützt und sich gern einer kleinen Freundin erinnert, die sie einst recht lieb gehabt hat und deren Schicksale sie gern wenigstens aus drittem Munde
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hören möchte. Nehmen Sie jenes Tabouret, mein Kind, und setzen Sie sich - ich befehle es Ihnen.«
Die Kunstreiterin folgte ohne die geringste Verlegenheit, mit der Sicherheit einer Dame aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft, dem Befehl.
»Wie alt sind Sie, Mademoiselle Rositta, wenn Sie denn einmal diesen Namen vorziehen?«
»Ich werde in zehn Tagen vierundzwanzig Jahr - es fehlen mir also noch zehn Tage zu der Mündigkeit, oder zu dem Recht, über mich selbst bestimmen zu dürfen!«
»Ah - jetzt verstehe ich - und deshalb sind Sie in Paris! Das ist richtig! - So lange haben Brüder und Vormünder das Recht über die Hand einer Waise!« Die Kaiserin lachte. »Armer Vetter Alvaro, sie haben herzlich wenig Aussicht auf die Hand einer Erbin! Aber fürchten Sie nicht bis dahin einige Gewaltmaßregeln Ihrer, mir natürlich unbekannten Verwandten?«
»Die Kunstreiterin Rositta steht unter dem Schutz des pariser Publikums, was wahrscheinlich jene andere Person nicht beanspruchen könnte!«
»Das ist wahr - das Gesetz muß sein Recht haben! Die Kaiserin von Frankreich ist am ersten verpflichtet, das Gesetz zu achten. Ich kenne demnach nur die Kunstreiterin Rositta. Aber ist Ihnen nicht vielleicht in Ihrem gewiß sehr wechselvollen Leben der letzten fünf Jahre eine mir werthe Person aufgestoßen, deren Verschwinden mich lange beunruhigt hat. Ihr Namen war Carmen von Massaignac.«
»Dieselbe,« sagte lächelnd die Kunstreiterin, - »welche der Appelhof von Paris auf den Antrag des Herrn
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Marquis von Massaignac als verschollen aufgefordert hat, sich bis zum 1. März dieses Jahres zu stellen, widrigenfalls sie als gerichtlich todt erklärt werden würde!«
»Ja, ja, ich begreife! und deshalb ist die Kunstreiterin Rositta hier erschienen, um das Interesse, ihrer Freundin wahrzunehmen!«
Die hohe Frau reichte dem Mädchen die Hand, die dieses nochmals küßte.
»Und nun erzählen Sie mir mehr von dieser Freundin, von diesem jungen Wildfang von jenseits des Meeres, die Paris noch immer für ihre Pampas hielt, während sie doch bestimmt war, sogar meine Verwandte zu werden, und die ein abenteuerliches Zigeunerleben dem Glanze des ersten Hofes von Europa vorzog!«
»Ihro Majestät zürnen ihr deshalb nicht?«
»Ah bah - hätte ich ihr denn sonst fortgeholfen? Ihre Flucht war sicher das Ergebniß einer geheimen Herzensneigung, und für so etwas sind wir Frauen, ob auf dem Thron oder in der Hütte ist gleich, immer sehr nachsichtig. Man zerbrach sich den Kopf damals, wer wohl der Entführer und glückliche Liebhaber sein könnte; denn der junge hübsche Offizier des General Garibaldi, den man dafür hielt, und den Othello-Alvaro durch die Polizei des Kaisers einsperren ließ, schien es merkwürdiger Weise nicht zu sein, weil er selbst die eifrigsten Nachforschungen nach der Verschwundenen anstellte. Oder war das nur Comödie?«
»Ich glaube in der That, daß die kleine Wilde der Pampas sich in Kapitain Laforgne hätte verlieben können, wenn sie Zeit dazu behalten hätte. Kapitain Laforgne
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befindet sich aber in diesem Augenblick wieder in Paris und ist der glückliche Gatte einer Anderen!«
»Dann habe ich mich getäuscht, aber um so räthselhafter ist mir jene Flucht!«
»Gott und die heilige Jungfrau wachten über einer Waise, indem sie ihre thörichte Handlung zu ihrem Glück lenkten und ihr Herz vor einer flüchtigen Neigung bewahrten, um es einer großen und wahren Liebe offen zu halten!«
»So liebt jetzt mein kleiner Schützling? und Carmen ist glücklich?«
»Sie liebt - obschon die Blüthe ihrer Jugend vorüber, zum ersten Mal wahr und tief, sie weiß, daß sie eben so wieder geliebt wird, um ihrer selbst willen, und hofft, den Mann ihrer freien Wahl glücklich zu machen!«
Ein leichter Seufzer floh über die Lippen der schönen Frau - sie wandte leicht das schöne Haupt zur Seite, und ein gedankenvoller Blick streifte das Bild ihrer verstorbenen Schwester.
Waren die Träume ihrer Jugend erfüllt? - die des Ehrgeizes, des Stolzes gewiß, denn selten hat eine Frau ein glänzenderes Loos aus der Urne des Schicksals gezogen!
»Erzählen Sie mir, wenn ich Sie darum bitten darf und es kein Geheimniß ist, das Schicksal jenes wilden Mädchens.«
»Ihro Majestät wissen, daß die Tochter des Obersten Fourichon de Massaignac durch ein Versprechen ihrer zu früh verstorbenen Mutter schon in ihrer Wiege dem Abkömmling einer berühmten spanischen Familie, dem Verwandten der hohen und geliebten Frau verlobt war, die
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auf dem Thron von Frankreich sitzt. Das mutterlose Mädchen wurde zuerst in Frankreich erzogen und sie hätte sich vielleicht willig dem Gebrauch gefügt, der die Hand reicher und vornehmer Erbinnen aus dem Kloster oder dem Institut heraus dem bestimmten Bräutigam giebt, ohne das Herz zu befragen. Aber die Zärtlichkeit eines gütigen unvergeßlichen Vaters rief das junge Mädchen schon in ihrem vierzehnten Jahre zurück in sein Haus, in ein freilich wenig civilisirtes, aber desto freieres und glücklicheres Leben, und indem sie ungehindert auf ihrem feurigen Renner durch die Apostaderas und Wälder Montevideo's streifte, bildete ihr Charakter und Wesen sich zu einer Selbstständigkeit, zu einer Liebe für die Freiheit, die gefährlich wurde für jeden Zwang.«
Die Kaiserin nickte. »Ich kannte sie so!«
»Zu jener Zeit kam Don Alvaro, ihr bestimmter Bräutigam nach Montevideo auf die Hacienda ihres Vaters. Carmen Massaignac war ein eitles Kind, das liebte, bewundert und geschmeichelt zu werden, und wenn auch der finstere intriguante Spanier ihr wenig gefiel, hätte sie sich doch nicht geweigert, das Gelöbniß ihrer verstorbenen Mutter zu erfüllen. Da ...«
»Nun?«
»Da kam ein Tag, an dem er sich ihr verhaßt machte, an dem edlere, würdigere Bilder vor ihr auftauchten.13 Sie gingen zwar rasch vorüber, aber sie veränderten Vieles, denn Oberst Massaignac kehrte unmittelbar darauf nach Europa, nach Paris zurück und nahm seine Tochter mit.
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Hier fand Carmen Freunde, wahre, edle Freunde, ihr Herz erschloß sich, und ihre Abneigung, ja ihr Haß gegen den Verlobten wuchs täglich. Ihr Vater liebte sie viel zu sehr, um sie zu einer ihr widrigen Verbindung zu zwingen, und wäre er am Leben geblieben, er hätte jenes ihr verhaßte Band sicher in der einen oder andern Weise gelöst.«
»Ich erinnere mich - der Marquis wurde das Opfer eines unseligen Zufalls in den blutigen Decembertagen!«
»Eines Zufalls?« - die Kunstreiterin sah finster vor sich hin, ihr Auge funkelte. »Carmen hat später oft gedacht, daß es mehr gewesen! Aber genug davon; mit dem unglücklichen Tode ihres Vaters, des treuesten Freundes des Kaisers Napoleon, war ihre Freiheit zu Ende. Don Alvaro hatte Freunde und Beschützer, die zur Vollziehung ihrer Heirath mit diesem drängten ...«
»Die Gräfin von Teba, meine Mutter,« schaltete die Kaiserin ein.
»Auf der andern Seite standen der Geiz und die Habsucht ihres bösen Bruders ihr zwar gegen die verhaßte Heirath bei, aber nur um sie zu zwingen, ihre Tage in einem Kloster zu verbringen und ihm das Erbe des Vaters allein zu überlassen. Da, von allen Seiten gedrängt, die einzige, mächtige Beschützerin, die sie hatte, in Verhältnissen sehend, die all' ihre eigene Aufmerksamkeit erforderten, beschloß sie, nach dem schönen Lande ihrer Geburt zu entfliehen, wo das Testament ihres Großvaters ihr ein selbstständiges, reiches Erbe sicherte. An jenem Tage, an welchem Eugénie Montijo den Thron Frankreichs gewann, wollte Carmen Massaignac Nichts als ihre Freiheit
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gewinnen. Sie hatte einen Freund gefunden in jenem jungen Offizier des Generals Garibaldi, den auf dem Ball selbst der Kaiser auszeichnete, und dieser hatte ihr versprochen, ihre Flucht zu fördern, und sie nach Montevideo zu geleiten.«
»Also doch! ...«
»Er war ein treuer und muthiger Freund, und Carmen hätte wohl ihn lieben gelernt, wenn das Schicksal sie nicht getrennt hätte. Er hatte Alles zur Flucht vorbereitet und wollte des Mädchens mit seinem Diener im Garten der Tuilerien harren. Die hohe Freundin des armen Mädchens, gerührt von ihrem Kampf gegen ihre Bedränger, befreite sie auf dem Ball des Palastes von den Spionen, die sie bewachten, und half so zu ihrer Flucht. In dem Gedränge der Equipagen der abfahrenden Gäste gelang es ihr, am Pavillon der Flora nach der Terasse des Gartens zu entschlüpfen und die Stelle zu erreichen, wo sie Kapitain François mit seinem Diener treffen sollte.«
»Nun - weiter - Sie machen mich in der That immer begieriger, den Ausgang dieses Abenteuers zu hören!«
»Der Kanadier Felsenherz, so hieß der Diener oder vielmehr Freund des Kapitains, einer jener kühnen und unbeugsamen Trapper aus dem Norden Amerikas, den Carmen gleichfalls schon in ihrer Heimath kennen gelernt hatte, erwartete sie auch wirklich an jener Stelle, aber seltsamer Weise in einem Zustand, den sich die Angsterfüllte nicht zu erklären vermochte. Er lag wie trunken oder todt am Boden und keine Bemühung des Mädchens vermochte ihn zu erwecken. Der Kapitain war nicht dort und
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in größter Angst wartete sie vergeblich, als plötzlich ein ihr fremder Mann unter den Bäumen hervortrat, sich ihr näherte und für einen Boten des Offiziers ausgab, dessen Hilfe sie vertraut hatte. Er trug zwar die Livree ihres Verlobten, aber er wußte sie zu überreden, daß dies nur zum Schein sei und da er sich in der That mit der Absicht der Flucht vertraut erwies und Umstände kannte, die eben nur Kapitain Laforgne ihm anvertraut habe konnte, ließ sich die Angsterfüllte glauben machen, daß dieser durch einen unglücklichen Zufall verhindert sei, zu erscheinen, und daß er sie zu ihm führen solle. Ein Packet mit männlichen Kleidungsstücken, das er bei sich hatte, überzeugte sie vollends und gab die Gelegenheit, unbemerkt mit ihm an der Seite des Pavillon Marsan durch die Wachen und durch das Gedränge der Wagen aus dem Garten nach der Straße zu entkommen.«
»Und war der Mann wirklich ein Bote jenes abenteuernden Offiziers?«
»Er war ein Schurke, ein niedriger Dieb, aber doch nicht ganz ohne Herz. Erst später erfuhr Carmen den Zusammenhang. Durch einen unglücklichen Zufall hatte er eine Unterredung des Mädchens mit dem Capitain Laforgne im Bois de Boulogne belauscht und die Absicht ihrer Flucht dem Grafen Guzman, ihrem Verlobten, verrathen, der ihn sofort als Spion in seine Dienste nahm. Aber er betrog diesen so gut wie das angsterfüllte Mädchen, und da er den Ort ihrer Zusammenkunst mit dem Kapitain Laforgne durch seine Schlauheit und List erfahren, wurde es ihm leicht, seinen Plan auszuführen. Dieser
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bestand in nichts weniger, als den unbesonnenen Flüchtling selbst zu entführen und dann wahrscheinlich an den Theil auszuliefern, der ihm den meisten Vortheil bot. Vielleicht auch, daß er von vorn herein die Absicht hatte, sie zu berauben und zu ermorden. Genug, es gelang ihm, den treuen Wächter, den Kapitain Laforgne an die Stelle des Rendezvous gesandt hatte, mit jenem Betäubungsmittels das man Chloroform nennt, und dessen sich die pariser Diebe damals vielfach bedienten, in einen Zustand vollständiger Betäubung zu versetzen. In diesem beraubte er ihn der Kleider, die für Carmen bestimmt waren, und als sie dann erschien, überredete er sie, wie gesagt, leicht, daß der Kanadier betrunken, und daß er der Bote seines Herrn sei.«
»Aber was that er mit - mit der Unbesonnenen?«
»Als sie auf der Straße waren, führte er sie unter allerlei Vorwänden immer weiter und in dem nächsten Fiaker, den sie trafen, bis vor eine der Barrieren, ich glaube nach den Steinbrüchen von Asnières. Ihre Majestät wissen, daß die junge Argentinerin kühn und furchtlos war, aber dennoch ergriff sie Schauder und Angst, als sie in jene Schlupfwinkel des Elends und Verbrechens hinabsteigen mußte. Sie weigerte sich, aber es war zu spät; er zwang sie mit Gewalt, ihm länger zu folgen.«
»Der Schurke! Aber wie kam es weiter - wie entkam sie mit dem Leben?«
»Ich habe bereits gesagt, daß ein Mord weniger seine Absicht schien, als noch weitere Vortheile aus ihrer Gefangenschaft zu ziehen. Ja, er schien selbst eine gewisse
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Theilnahme für die Unglückliche zu empfinden und nahm sie in dieser Höhle der Verworfenheit gegen mehrere Genossen in Schutz. Carmen konnte, nach dem was sie sah, nicht länger zweifeln, daß sie unter Dieben und Mördern, dem Abschaum der Bevölkerung von Paris sich befand; die Furcht, die Seelenangst bemächtigte sich ihrer, all ihr Muth schwand bei dieser schrecklichen Ueberzeugung und sie verlor die Besinnung.«
»Armes Kind!« Die hohe Frau faßte die Hand der Kunstreiterin, als sei es ihr eigenes, nicht das Schicksal einer Dritten, das sie erzählte.
»Als Carmen Massaignac wieder zu sich kam,« fuhr die Kunstreiterin fort, »fand sie sich in eine enge in die Wand der Kalkbrüche eingehauene Zelle eingesperrt, auf einem dürftigen Lager, ihres Schmucks und aller Werthsachen, ja ihrer Ballkleider beraubt und dafür in ein schlechtes schmutziges Kleid gehüllt. Ihr Kopf war schwer und wüst, Fiebergluth brannte in ihren Adern und kaum vermochte sie, sich auf das Geschehene zu besinnen. Vergebens rief sie um Hilfe, rüttelte sie an der Thür - die Täuschung aller ihrer Hoffnungen war zu viel für sie und in einem schweren Fieber, verlor sie nochmals das Bewußtsein ihrer schrecklichen Lage,«
»Wie, und solche schändlichen Verbrechen können in unserer unmittelbaren Nähe verübt werden, in der Hauptstadt Frankreichs?« zürnte die Kaiserin.
Die Sennora Rositta sah finster vor sich nieder. »Was weiß die Majestät auf ihrem strahlenden und mächtigen Thron von dem, was Elend und Armuth gebiert! Wird
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doch Schlimmeres geübt selbst unter den Reichen und Vornehmen aus Habsucht und bösem Herzen, Thaten, die selbst die Raubthiere der Wüste scheuen würden! Ja, Kaiserin von Frankreich, deren Weg durchs Leben nur mit Freuden und Blumen bestreut war, die arme Carmen Massaignac, an deren Wiege ja so wenig als an Deiner solch Lied gesungen war, hat seit dem Abend jenes glänzenden Festes in diesen Räumen, wo Eugénie Montijo jetzt die Herrin des schönsten Reiches der Welt ist, so viele Scenen des menschlichen Elends, der Schrecken und der Ströme von Blut und Schmerzen gesehen, daß ihr Herz in der Brust erbebte und sie gelernt hat, daß alle irdische Macht und aller Reichthum Nichts sind wie Spreu im Winde, wenn der Schutz der Heiligen nicht mit uns ist!«
Sie schwieg - auch die Kaiserin hatte die schönen schwarzen Augen gesenkt und die Stirn nachdenkend auf der Lehne ihres Sessels in die Hand gestützt.
Vielleicht dachte ihr starker Geist daran, wie unsicher bei aller Macht und allem Glanz und aller Klugheit seines Vaters das Loos des Kindes sein dürfte, das wenige Schritte von ihr in der goldenen Wiege schlummerte, die ihm die wandelbare Gunst der Stadt Paris geschenkt hatte.
Dann erhob sie den Kopf und sah auf das nur wenige Jahre jüngere und eben so schöne Wesen vor sich.
»Erzählen Sie mir weiter - Sie wissen nicht, wie sehr mein Herz Theil nimmt an dem Allen!«
»Als am dritten Tage Carmen Massaignac aus schwerer Krankheit wieder zum Leben erwachte, fand sie sich in einer ärmlichen aber reinlichen Stube und nicht mehr in
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jener Höhle des Lasters und Verbrechens. Eine alte, ehrbar aussehende Frau saß als Wärterin in ihrer Nähe und an ihrem Bett stand als Arzt der Mann, der seitdem ihr bester Freund, ja ihr Vater geworden ist.«
»Wer ist er?«
»Ein Landsmann Ihrer Majestät, von den alten maurischen Herrschern Spaniens abstammend. Man nannte ihn Achmet den Hacenen. Unter dem Volk oder vielmehr unter den tapfern Soldaten Ihres Gemahls, des Kaisers, ist er unter dem Namen »der Mohrendoktor« bekannt.«
»Mir ist, als hätte ich den Namen nennen hören. Doch fahren Sie fort!«
»Frühere Beziehungen, ich glaube aus den Kriegen der Christinos und Carlisten, verbanden den würdigen Arzt mit dem Dieb und Vagabunden, der Carmen Massaignac in jene Höhle des Lasters und Verbrechens gelockt hatte. Als sie von der Aufregung und Furcht erkrankt war, hatte der Elende aus Mitleid oder noch immer seine Spekulation verfolgend den Arzt herbeigerufen, der sich nicht scheute, an das Lager der Armen und Verworfenen zu treten, und der Einfluß, den er noch immer auf den alten Dieb übte, der ihn aus dem Kriege her seinen Hauptmann nannte, hatte diesem bald das Geheimniß der Täuschung und Entführung des unglücklichen Mädchens entlockt. Er hatte sie an einen ruhigeren und geeigneten Ort bringen lassen und widmete ihr die aufopferndste Sorgfalt. Ihre Fieberreden in spanischer Sprache während der Tage der Krankheit hatten ihr sein besonderes Interesse gewonnen, und eine seltsame Verkettung der Umstände hatte ihn an jenem Ballabend
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sogar auf die Terrasse der Tuilerien und zu den Personen geführt, welche Carmen dort vergeblich nach ihrer Flucht gesucht hatte.
Doch das Alles erfuhr sie erst nach mehreren Tagen, als sie dem freundlichen Arzt, den selbst ein schwerer Kummer zu bedrücken schien, auf sein Zureden ihr Herz geöffnet und ihr volles Vertrauen geschenkt hatte. Er traf sogleich Anstalten, den Kapitain Laforgne, auf den sie alle ihre Hoffnung gesetzt hatte, aufzusuchen. Doch der Offizier Garibaldi's, der in jener Nacht durch ein Mißverständniß, oder wahrscheinlicher durch den Haß und die Eifersucht Don Alvaros mit seinem Diener verhaftet worden war, hatte zwar am andern Tage wieder entlassen werden müssen, da man ihm keine Schuld weder an dem Scheingrund jener Verhaftung, dem Tode eines Adjutanten des Kaisers, noch an Carmens Verschwinden nachweisen konnte, - aber der Verdacht des getäuschten Verlobten und des habgierigen Bruders hatten mit Argusaugen jeden seiner Schritte bewacht und er hatte zwei Tage nachher Paris verlassen und war nach Amerika zu seinem General zurückgekehrt, ohne von dem Schicksal des unglücklichen Mädchens eine Kunde erlangen zu können.«
»Aber warum kehrte die Unbesonnene nicht in den Kreis der Ihren zurück, als sie es vermochte?«
»Warum war sie geflohen? War nicht ihr einziger Zweck gewesen, den Fesseln einer verhaßten Verbindung zu entgehen und die Tyrannei eines entarteten Bruders zu täuschen? Sie war frei, sie hatte einen würdigen treuen Freund gefunden, und als dieser, nachdem sie kaum genesen,
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eines Tages zu ihr kam und mit Bekümmerniß ihr sagte, daß er plötzlich und gegen seinen Willen, wahrscheinlich durch den Einfluß eines mächtigen im Verborgenen wirkenden Feindes wieder zur Armee nach Algier auf eine der entferntesten Stationen zurück versetzt sei und ihr rieth, auf alle Gefahr hin zu ihrer Familie zurück zu kehren, da weigerte sie sich standhaft, dies zu thun; sie warf sich in seine Arme und flehte ihn an, sie mit sich zu nehmen und nicht zu verlassen, bis es ihr gelänge, unbehindert in ihre Heimath, nach Montevideo zurück zu kehren, und dort auf ihrem Erbe Sicherheit und Freiheit zu finden.«
»Welche Thorheit, welche romanhaften Ideen!«
»Ihro Majestät,« fuhr die Erzählerin fort, »kannten den Charakter des wilden eigensinnigen Mädchens und dies wird Ihnen ihr Thun erklären. Genug, der Doktor Achmet ließ sich von ihren Bitten bewegen, und da er Ordre erhalten hatte, sofort abzureisen, mußten alle Anstalten schleunig getroffen werden. Von ihrem Schmuck, den sie an jenem Ballabend getragen, hatte Carmen nur ein Paar Ohrgehänge durch die Drohungen des Doktors an die Diebe wieder erlangen können; denn der Mensch, der sie entführt, hatte, als er sah, daß er keinen Vortheil mehr aus dem Betrug ziehen konnte, seinen Dienst bei dem Grafen Gusman mit einem Diebstahl verlassen und war aus Paris geflüchtet. Der Verkauf der wenigen Juwelen aber reichte hin, denn ihr Beschützer selbst war arm, ihr die Mittel zu verschaffen, um ihn in Männerkleidung begleiten zu können. Sie ging ihm nach Marseille voraus, um keinen Verdacht zu erwecken, dort trafen sie wieder zusammen und
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haben sich seitdem nur ein Mal und zum Glück nur auf kurze Zeit getrennt.«
»Und wie geschah das?«
»Als die junge Abenteurerin,« sagte Sennora Rositta lächelnd, »vor Sebastopol in russische Gefangenschaft fiel.«
»Wie - so ist die wunderbar[e] Erzählung, die man mir gemacht hat, wahr?«
»Es wäre für Carmen Massaignac schwer gewesen und hätte leicht auf ihren Wohlthäter ein falsches Licht werfen können, wenn sie jene Verkleidung beibehalten hätte. Deshalb beschlossen sie nach sorgfältiger Berathung, daß Carmen bei ihrer Ankunft in Algerien wieder die Kleidung ihres Geschlechts annehmen und von dem Arzt für die arme Waise eines Ansiedlers ausgegeben werden sollte, die er zu sich genommen. Der Doktor Achmet war in Algier sehr bekannt, er hatte an zehn Jahre dort zugebracht und besaß das Vertrauen Jussufs und anderer Generale. Es wurde, ihm leicht, auf der Station, die ihm angewiesen war, das Mädchen bei der wackeren Frau eines Sergeant-Major unterzubringen und als das Regiment im Frühjahr 1854 nach der Krimm beordert wurde, folgte Carmen ihrem Beschützer, den sie nicht verlassen wollte, als die Cantinière14 eines Linien-Regiments in das Lager vor Sebastopol.«
»Unsinniges Kind!«
»Was wollen Ihro Majestät! Carmen Massaignac besaß Alles, was sie wünschte: ein freies unabhängiges
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Leben unter braven Männern, die jeden Augenblick bereit gewesen wären, so gut wie auf Canroberts oder Bosquets Befehl für sie in den Tod zu gehen. In der Schlacht an der Tschernnja gerieth Carmen in russische Gefangenschaft, und schon in der nächsten Nacht ließ sich ihr Freund, der bereits bei Inkermann durch seine ausopfernde Thätigkeit an den Verwundeten beider Parteien einmal in die Hände der Russen gefallen, aber von diesen ehrenvoll wieder frei gegeben war, zum zweiten Mal und freiwillig gefangen nehmen, um seinen Schützling nicht zu verlassen.«
»Ich wiederhole - das Alles klingt wie ein Roman von Herrn Dumas oder Montépin.«
»Und dennoch, gnädigste Frau, ist es die strengste Wahrheit. Aber das wirkliche Leben ist so reich an seltsamen Ereignissen, daß alle Erfindungen der Menschen-Phantasie nicht hinan reichen.«
Die Kaiserin nickte zustimmend - auch sie hatte schwerlich in ihrer Jugend daran gedacht, noch auf dem Thron von Frankreich zu sitzen.
»Durch einen russischen Oberoffizier,« fuhr Rositta fort, »den er nach der Schlacht von Inkermann verbunden, gelang es dem Arzte, seinen Schützling wiederzufinden. Er erklärte sich bereit, getreu seinem erhabenen Beruf, da es in Sebastopol gleichfalls an Aerzten fehlte, in den Lazarethen und auf den Verbandstätten Dienste zu leisten, und Carmen begleitete ihn auf diesen blutigen und schrecklichen Wegen. O, gnädigste Frau, was ist aller Ruhm gegen das Elend und Leiden, das sie dort gesehen - unbeschreiblich,
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unfaßbar, zum Himmel aufschreiend über den Ehrgeiz der Mächtigen!«
»Sie vergessen, Kind, sagte die hohe Dame ernst, »daß Sie zu der Kaiserin jener Nation sprechen, die für die Ehre stets bereit war, das Leben zu opfern!«
»Hätten Ihro Majestät wie ich an hundert Sterbelagern gesehen, wie auch jene rohen Krieger wüster Steppen für den bloßen Gehorsam, für den ehernen Willen eines Herrschers litten und starben, den sie vielleicht nie in ihrem Leben gesehen, - hätten Sie die zuckenden Glieder, von sprühenden Kugeln zerrissen - die entsetzlichen Leiden der Krankheit, die gebrochenen Augen mit der Frage gen Himmel: warum dies Alles? geschaut, - o, Madame, selbst auf dem Throne von Frankreich würden Sie anders über den Ruhm denken!«
Die Erzählerin hatte, ganz vergessend den Ort, wo sie sich befand, in den Schauern der Erinnerung das Gesicht in die Hände verborgen. Auch die Kaiserin schwieg, von den Worten tief ergriffen.
»Arme Carmen!« sagte sie endlich.
Die Kunstreiterin hatte den Kopf erhoben, die Thränen in ihren Augen verschwanden.
»Und dennoch,« sagte sie mit tiefer begeisterter Stimme, »war es schön und Carmen Massaignac nicht umsonst die Tochter eines alten Soldaten. Sein Blut regte sich in ihr, wenn sie die Thaten von Aufopferung und Heldenmuth sah, mit denen diese Männer von Wall zu Wall, Schritt um Schritt den mächtigen Feinden jede Scholle Sebastopols streitig machten, selbst als die siegreiche Fahne
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Frankreichs schon auf den Trümmern des Malakof wehte. Mit den Fliehenden wurden der Arzt und sein Schützling über die zusammenbrechenden Brücken hinüber nach der Nordseite der Festung gerissen und hatten dort Gelegenheit, noch hundert Leidenden beizustehen. Unter ihrer treuen Pflege starb ein Stabsoffizier des General Gortschakof, der junge Fürst eines der georgischen Stämme am Kaukasus, und setzte die arme französische Cantinière sterbend zur Erbin seiner Habe, seiner Pferde, seiner Waffen und einiger Juwelen ein. So kam das Paar, nachdem der Friede geschlossen war, zuerst nach Moskau und dann nach Petersburg. Die Dienste des Doktor Achmet machten, daß man sie nicht als Gefangene behandelte und ihnen die Rückkehr nach Frankreich freistellte. Aber Carmen wollte nicht als Bettlerin dort erscheinen, sie durfte es überhaupt nicht eher, als bis sie ihre Freiheit geschützt und gesichert wußte, und deshalb mußte sie sich erst in der Ferne ein neues Leben gründen, wozu die wilde Erziehung ihrer Heimath ihr half.
Das, gnädigste Frau, ist das Leben, ist das Schicksal Carmens von Massaignac.«
Die Kunstreiterin schwieg; die Kaiserin sah ihr voll Theilnahme lange und freundlich in das offene bittende Auge.
»Und Carmen Massaignac,« frug sie endlich, »ist jetzt zurückgekehrt, um ihr Erbe zu fordern?«
»Sie wird es, sobald der Augenblick gekommen, auf die Gerechtigkeit des erhabenen Herrschers dieses Landes vertrauend. Sie wird es streng und unbeugsam, denn es
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ist das Vermächtniß ihres Vaters und soll nicht in der Hand des Mannes bleiben, den sie ihren Bruder nennen muß. Ihre Aufgabe ist eine ernstere, schlimmere, als die bloße Forderung ihres Erbes! Bis dahin muß die Maske, die sie trägt, sie schützen vor ihren Feinden; denn daß sie diese hat, auf Tod und Leben, das hat ihr der gestrige Tag bewiesen. Aber die Heiligen sind ihr gnädig, und indem sie einen neuen Freund gewonnen, für den ihr Herz laut und mächtig spricht, hat sie gesehen, daß auch alte Liebe und früheres Wohlwollen ihr erhalten geblieben ist!«
Sie beugte ein Knie vor der Kaiserin und küßte die ihr freundlich gereichte Hand.
»Stehen Sie auf, mein Kind,« sagte diese; »die Kunstreiterin Rositta steht von dieser Stunde an eben so wie Marquise Carmen von Massaignac unter dem Schutz der Kaiserin von Frankreich!«
Die Kunstreiterin erhob sich - in diesem Augenblick klopfte es zwei Mal leise an die Thür des Kabinets.
»Das ist Ines, meine alte Kammerfrau. Komm herein - was willst Du?«
Die spanische Kammerfrau der Kaiserin hatte auf das Zeichen der Erlaubniß sofort die Thür geöffnet und war eingetreten. Sie trug auf einem goldenen Teller einen zierlich zusammen gefalteten Brief in Rosa-Couvert.
»Wast hast Du da, Ines, - war es so eilig?«
»Entschuldigen Ihro Majestät, es ist dieser Brief in einem Couvert an mich in die Antichambre gebracht worden und das Couvert enthielt einen Zettel, daß die Inlage sofort Ihro Majestät abgegeben werden sollte.«
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»Gieb her! - Einen Augenblick, Mademoiselle, ich habe Ihnen noch einige Worte zu sagen.«
Die hohe Frau hatte sich wieder in ihren Sessel zurückgelehnt und erbrach den Brief; ein zweites Blatt fiel heraus. Die Kaiserin warf anfangs einen gleichgültigen Blick auf die Zeilen, aber im nächsten Augenblick überflog eine dunkele Röthe ihre weiße Stirn und ihr schönes Gesicht.
Sie griff heftig nach dem zweiten Blatt und durchflog es, ihre Augen funkelten, während sie aufsprang.
»Wo ist der Kaiser, Ines?«
»Um Gotteswillen, Ihro Majestät, was ist geschehen? was ist Ihnen?«
Sie stampfte mit dem niedlichen Fuß das Parquet. »Antworte - ich befehle es Dir! Hat die Amme ihm seinen Sohn wie alle Abende zum Kuß gebracht, ehe er in sein Bett gelegt wurde?«
»Ich weiß nicht - ich glaube nein - Thélin hat es untersagt - Se. Majestät sind beschäftigt und haben jede Störung verboten!«
»Gottes Blut - ich werde ihn stören!« Sie schritt hastig nach der Thür, die zu ihrem Schlafzimmer führt, ihre kleine Hand preßte krampfhaft die Papiere zusammen, während sie dieselben in den Busen schob, ihre Blicke schienen Flammen zu sprühen.
An der Schwelle blieb sie stehen - sie schien sich zu erinnern, daß eine dritte Person der Scene beiwohnte.
»Führe diese Dame wieder zu ihrem Begleiter zurück. Leben Sie wohl, Mademoiselle - halt! warten Sie!«
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Ihre Blicke flogen hastig umher und blieben durch eine Bewegung ihrer Hand auf dem blitzenden Strahl haften, mit dem ein Ring mit einem prächtigen Diamanten das Licht reflectirte. »Da - nehmen Sie - hier! Wenn Sie meiner Hilfe brauchen, wenn Sie mich sprechen wollen, senden Sie diesen Ring an Ines und - so wahr ich Kaiserin von Frankreich bin! - Eugénie Montijo wird Ihre Bitte erfüllen!«
Sie verschwand in der Thür ihres Schlafzimmers. Die Kammerfrau faßte die Hand der über den Auftritt Erschrockenen und zog sie hastig fort. »Kommen Sie, kommen Sie, Madame, der Herr Graf erwartet Sie!«
Rositta ließ sich fast willenlos fortziehen aus dem Arbeitszimmer der Kaiserin.
Einige Augenblicke blieb dieses leer, dann öffnete die spanische Kammerfrau wieder die Thür, schaute vorsichtig umher und trat hastig ein.
Die Thür des Schlafzimmers, durch welche ihre Gebieterin sich so stürmisch entfernt hatte, war halb geöffnet, die Kammerfrau schlich vorsichtig durch diese in das Schlafzimmer, that einige Schritte vorwärts und blieb dann lauschend stehen.
Aus der linken Ecke des ziemlich großen, mit geblümtem Seidenzeug ausgeschlagenen Gemaches führt eine Wendeltreppe von vergoldetem Eisen nach dem ersten Stockwerk in die Gemächer des Kaisers.
Diese Treppe führt in ein kleines Ankleide-Kabinet.
Wir haben bereits erwähnt, daß die Kammerfrau horchend in der Mitte des Zimmers stehen blieb.
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Durch die offene Wölbung der Treppe schallte ein ziemlich heftiger Wortwechsel herunter.
Die Heftigkeit kam von einer weiblichen Stimme - die andere, die eines Mannes sprach mit großer Zurückhaltung, mit Respect, mit serviler Ueberredung.
Aber sie verweigerte offenbar Etwas, das die andere Stimme verlangte.
Die spanische Kammerfrau schlich noch näher - sie stand beinahe am Fuß der Treppe und beugte horchend den Oberkörper vorwärts.
»Es ist der Kammerherr vom Dienst - Santissima Virgen! ich erkenne die Stimme!«
»Wollen Sie Platz machen von der Thür - im Augenblick - ich befehle es zum letzten Mal!«
»Es ist unmöglich - der strengste Befehl - - -«
Ein eigenthümlicher Ton scholl herunter, ein zweimaliges doppeltes, rasches Klatschen.
Es war, wie wenn eine kräftige Hand eine Wange berührt.
Die Kammerfrau schlug gleichfalls unwillkürlich die Hände zusammen.
»Santa Brigitta - ich glaube gar - - - aber par Dios! sie ist eine echte Spanierin!«
Man hörte oben eine Thür heftig zuschlagen - das war der letzte Ton.


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Als die Kunstreiterin Rositta die Antichambre erreichte, wo der Kammerherr Graf Montboisier auf sie wartete, fiel ihr Auge auf den Ring, den ihr die Kaiserin gegeben.
Es war der schwarze Diamant - derselbe, den der Mohr La Muerte Aniella Garibaldi aus dem Körper ihres Kindes gebracht15, - den sie sterbend zu Rimini ihrem Gatten hinterlassen, - nach dessen Verkauf den Londoner Juwelier der Tod ereilt hatte, - das Geschenk des Kaisers am Abend seiner Verlobung16, das Oberst Canrobert den Tod gebracht und das seitdem die Kaiserin, als verhängnißvoll für ihr Glück, nie von ihrer Hand gelassen.
Nur der drängende Augenblick konnte sie veranlaßt haben, es Rositta als Pfand anzuvertrauen!
Es ist halb acht Uhr - zur selben Zeit etwa, als die Kaiserin von Frankreich die Audienz der Kunstreiterin Rositta so rasch beendete.
Wir führen den Leser aus den vergoldeten Gemächern der Tuilerien nach der Straße, deren Namen die Ueberschrift dieses Kapitels unsers Buches trägt, und die bald eine so blutige Berühmtheit erreichen sollte, daß sie sich würdig jenen andern Blutflecken der Geschichte von Paris anschließt, die man die Straße Laferronnerie17,
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Boulevard du Temple18, und vor Allem den Revolutionsplatz19 nennt, - nicht zu gedenken, daß eigentlich jeder Stein in Paris seine Mord- und Blutgeschichte hat.
Die Straße Lepelletier, - nach dem berüchtigten Grafen von St. Fargeau also genannt, der als früherer Präsident des Parlaments in dem Convent für die sofortige Hinrichtung Ludwig XVI. stimmte, und dafür am 20. Januar 1793 von einem treuen Gardisten erstochen wurde, was ihm die sehr zweifelhafte Ehre des Pantheons einbrachte; - läuft parallel der Straße Lafitte von dem Boulevard des Italiens nach der Rue de Provence. An ihrer rechten Seite vor der Rue Rossini befindet sich das Gebäude der Oper, ein Werk des Architecten Debret, und in Jahresfrist (1821) erbaut, als das Gouvernement wegen der an der Thür des alten Opernhauses, Rue Richelieu, begangenen Ermordung des Herzogs von Berri die Demolirung dieses Gebäudes befohlen hatte. Nur der Ruf früherer Zeit stempelt es zu dem prächtigsten Theater Europas; denn in Wahrheit von Außen ver- und umbaut, im Innern schmutzig und unbequem kann es sich gar nicht mehr mit den Prachtgebäuden von Berlin, Dresden und andern Hauptstädten messen. Bekanntlich hat, der Kaiser in neuester Zeit ein neues großartiges Opernhaus erbauen lassen, das die alte Suprematie wieder herstellen soll.
Der Eingang für den Hof befindet sich am Ende der
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grossen Marquise, welche das Parterre der Front nach der Rue Lepelletier zwischen den beiden vorspringenden Balkonbauten überdacht. Eine Estrade von breiten Marmorstufen läuft um die ganze Front und schützt das ins Theater strömende Publikum vor den anfahrenden Wagen.
Die Ristori sollte an diesem Abend als Maria Stuart auftreten. Man kennt das ergreifende Spiel der berühmten italienischen Tragödin in der Szene der Zusammenkunft mit Elisabeth.
Die mehr als gewöhnliche Erleuchtung des Opernhauses beim Eintritt des Abends verkündete dem Publikum, daß der Hof die Vorstellung besuchen werde. Zahlreiche Gruppen von Flaneurs und Schaulustigen hatten sich daher schon vor Beginn der Vorstellung (7\frac12 Uhr) in der Straße und vor der Oper versammelt und vergrößerten sich mit jedem Augenblick. Es handelte sich eben nur darum, den Hof ankommen zu sehen, denn an die Erreichung von Eintrittbillets war nicht zu denken.
Unter dem sich versammelnden Publikum bemerkte man auffallender Weise viele Männer mit grünen wollenen Shawls um den Hals.
Ziemlich schräg über dem Opernhaus, auf der andern Seite der Straße befindet sich ein unbedeutendes Kaffeehaus, das zu jener Zeit die Schildinschrift trug: »Café français et italien - à la Ville de Naples« und von einem Italiener gehalten wurde.
Das Café war von jeher von einem sehr gemischten Publikum besucht, Fremden und Parisern, das in die Oper gehend und von dorther kommend für seine Erfrischungen
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die billigeren Preise dieser Restauration denen der großen Café's des Boulevard vorzieht.
Im Hintergrunde des Hausflurs, abgesondert von den gewöhnlichen öffentlichen Verkehrsräumen und nur von vertrautern Gästen durch einen eigenen Eingang benutzt, befindet sich ein besonderes Zimmer.
In diesem Hinterzimmer waren in dem Augenblick, in welchem wir die Scene hier aufnehmen, vier Personen versammelt.
Dieselben saßen um einen Tisch, auf dem Wein und Gläser standen. Es waren Männer in verschiedenem Lebensalter, alle gut gekleidet, zwei davon, wenigstens einiger Eigenthümlichkeiten der Toilette nach, Engländer.
Die Unterhaltung erfolgte theils in italienischer, theils in englischer Sprache.
Der eine der beiden anscheinenden Engländer war ein Mann von etwa 39 bis 40 Jahren und von mittlererer Größe. Seine Haare begannen grau zu werden, sein Blick hatte etwas Durchbohrendes, seine Nase war kurz und kräftig gebogen, sein Mund fein mit sehr weißen Zähnen, wie sich beim Sprechen zeigte. Ein gewisses erhobenes Tragen des Kopfes deutete auf Entschlossenheit und Energie.
Neben ihm saß ein Mann von ungefähr 25 Jahren mit dickem energischem Kopf und starkem schwarzen Haar. Seine Schultern sind sehr hoch, die Gesichtsfarbe ist matt, der untere Theil des Gesichtes, noch mehr hervorgehoben durch Schnurr- und Knebelbart ist sehr hervortretend. Seine Redeweise in der Unterhaltung ist auffallend kurz und barsch.
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Von seinen Gefährten wird er wiederholt mit dem Namen Da[da] Sylva angeredet.
Der Dritte, dessen Kleidung sehr einfach ist und noch mehr als die des zuerst Beschriebenen den Engländer affectirt, ist offenbar der Unbedeutendste von Allen; sein bartloses Gesicht ist frisch und hat einen ziemlich gutmüthigen Ausdruck.
Von ganz anderem Schlage ist offenbar der Letzte der Gesellschaft, zugleich der Netteste, denn Haare und Bart, den er ganz, obschon kurz abgeschnitten trägt, sind bereits sehr grau und er muß mindestens fünfzig Jahre zählen. Sein Gesicht hat einen überaus entschlossenen Ausdruck und die Leidenschaftlichkeit, die seine Rede belebt, spiegelt sich in den leicht beweglichen Zügen. Man nennt ihn wiederholt Andrea.
Der junge Mann mit dem unbedeutenden Gesicht trocknet sich den Schweiß von der Stirn, der dort in großen Tropfen perlt, und stürzt mit einem Zuge das Glas, das vor ihm steht, hinunter.
»Cospetto! - ich wünschte die Sache wäre vorbei. Es hat sich gestern gezeigt, daß wir kein Glück damit haben, und wir sollten sie lieber aufgeben oder verschieben, bis Bernard eintrif[f]t.«
»Bernard ist in Paris, so gut wie der Phrophet!«
»Wie, Signor Felicio, Sie haben ihn gesehen? Aber warum ist er denn nicht bei uns? Warum sollen wir allein ...
»Zuerst, mein lieber Swiney,« sagte der angebliche Engländer mit dem dunklen Haar und scharfen Blick, der
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so eben erklärt hatte, daß Bernard sich in Paris befinde, - »zuerst richten Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, selbst wenn wir unter uns sind, sich nicht so häufig zu vergessen, und erinnern Sie sich, daß, was auch passiren möge, ich einzig und allein Master Alsop heiße. Was Monsieur Bernard betrifft, so können Sie versichert sein, daß er im rechten Augenblick zum Vorschein kommen wird.«
»Swiney hat ein Hasenherz,« meinte mit einem erzwungenen Lächeln da Sylva.
»Den Henker auch - wenn ich meinen Kopf riskiren soll, sehe ich nicht ein, warum Andere den ihren aus der Schlinge ziehen wollen!«
Der Mann, der sich Andrea nannte, sah den Furchtsamen mit einem drohenden Blick an. »Schweig, Bursche,« sagte er heftig. »Meinst Du, daß der Dolch der Brüder des Todes Dir weniger sicher ist, als die Guillotine? ich schwöre Dir, daß unsere Brüder Dich finden würden, wenn Du im letzten Augenblicke zurücktreten wolltest, und wenn Du im innersten Zimmer und unter den Wachen des Tyrannen selbst wärst oder in der fernsten Einöde Amerikas! Du hast den Eid geleistet, und mußt ihn halten.«
«Zum Henker, ich will es ja auch - aber ich darf mich doch beklagen, daß Der, welcher mich geworben, nicht selbst gegenwärtig ist. Ich bin Neapolitaner und glaube nun einmal an Vorbedeutungen. Oder nennen Sie es nicht eine solche, daß wir heute Morgen, trotz aller Mühe, die Plätze in dem Theater nicht bekommen konnten und dieser Schurke von Straßenfeger Sie und Signor Rud - da Sylva von dem Eingang fortgetrieben hat?«
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»Was soll der unnütze Streit,« sagte mit strengem Ton der Mann, der sich Alsop nannte. »Wir sind nicht unter hundert Gefahren der Entdeckung hierher gekommen und allen Spionen der Polizei entgangen, um jetzt im Augenblick der Ausführung zu zögern. Ob in dem Opernsaal oder hier auf der Straße bleibt sich gleich - er ist verurtheilt zu sterben, und wird sterben.«
»Aber es kann das Leben vieler Unschuldigen kosten,« meinte da Sylva. - »Bedenken Sie, wenn es uns gelungen wäre, die Bomben in die Loge zu schleudern, was sehr leicht geschehen konnte, so wäre der Zweck erreicht gewesen!«
»Junger Mann,« sagte der angebliche Engländer finster, »erinnern Sie sich, daß während Sie in dem Hôtel de France und de Champagne sicher und ruhig schliefen, oder dieser Mensch da,« er wies auf den Neapolitaner - »in der Straße St. Honoré in dem Arm der Demoiselle Menager sich in Wollust berauschte, ich mit der Uhr und dem Thermometer in der Hand am Feuer stand, um das furchtbare Werkzeug der Rache einer ganzen Nation zu bereiten, jeden Augenblick gewärtig, daß eine Explosion mich und das ganze Haus in die Luft schleudern würde! Das Blut ist die wahre Taufe der Weltgeschichte - und wenn hundert Leben unter dem Eisenhagel unserer Geschosse verenden, - wenn nur das eine Leben darunter ist, das der Freiheit Italiens im Wege steht, so werden sie alle den Märtyrertod für eine große Sache gestorben sein!«
»Wir haben es geschworen und schon zu lange haben wir gezögert,« sprach heftig der Alte. »Jedes neue Opfer,
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das in Italien der Freiheit fällt, klagt uns der Schwäche und des Eidbruchs an! Er soll nicht lebendig die Schwelle des Theaters überschreiten! Wenn der Satan seinen Schützling beschirmt, wenn die Bomben ihn nicht in Stücke reißen, ihn und das Weib, das blinde Werkzeug der Priester, so müssen unsere Revolver und unsere Dolche das Werk vollenden. Es ist nur das Haupt der Natter, das wir zertreten - der Leib bleibt den Anderen und der morgende Tag wird blutig genug werden, daß man wahrlich nicht um ein Paar Dutzend Opfer mehr oder weniger fragen darf!«
»Genug der Worte,« sagte der Engländer. »Wir müssen unsere Dispositionen in anderer Weise treffen, da unsere Verabredungen durch den Zufall vereitelt sind.«
»Wir sind bereit!«
»Der Tyrann trifft gewöhnlich nach 8 Uhr ein. Der vorderste Wagen ist der des Gefolges, dann kommt die Eskorte.«
»Aber dann wird sie die Straße sperren und wir werden keine Gelegenheit finden!«
»Nein - sie wird nur die Verwirrung vermehren. Wir müssen ein Mittel finden, die rasche Abfahrt des ersten Wagens zu verhindern - dadurch stockt der Zug, der Wagen des Tyrannen muß in der Mitte der Straße halten und er ist in unseren Händen!
»Und wie soll es geschehen?«
»Du, Swiney, stellst Dich dem Eingang gegenüber, mitten unter das Publikum, und so wie der Wagen hält,
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schleuderst Du Deine Bombe zwischen die Pferde des Wagens und die seiner feilen Söldner.«
Swiney nickte.
»Du, Antonio,« fuhr der Redner fort, »wirfst die zweite an den Wagen des Tyrannen, - das Andere ist unsere Sache.«
»Wo soll ich stehen?«
»Hinter dem Volk auf dem Trottoir, an meiner Seite. Sobald Du die Bombe geworfen, magst Du meinetwegen in den Flur des Hauses zurückspringen, damit Du durch die Stücke der meinen nicht verletzt wirst.«
»Es bleiben demnach noch drei?« meinte Swiney fragend, indem er auf ein Tuch deutete, das in einer Ecke des Zimmers einen Haufen von runden Gegenständen verdeckte.
Der Anführer, denn dies schien Alsop in der Gesellschaft zu sein, obschon ihm sein Gefährte Andrea Nichts an Energie nachgab, stand auf und hob das Tuch vorsichtig in die Höhe.
»Nehmt,« sagte er - »denn es wird bald Zeit sein und Brappi könnte herein kommen und Etwas merken. Obschon er ein Italiener ist und zu den Flüchtlingen hält, ist er doch eine niedere Seele und man darf ihm dergleichen nicht vertrauen. - Nehmt die beiden größeren, Antonio, und Carlo - Andrea, hier ist Deine Waffe; dies sind die meinen!«
Er hob zwei Gegenstände auf und legte sie auf den Tisch.
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Es waren anscheinend zwei etwa handlange runde Cylinder von entsprechender Dicke, in dunkles Boy genäht.
Ein wahrhaft teuflischer Blitz zuckte aus den Augen Andrea's, als er den ihm bestimmten Gegenstand gegen das Licht erhob und in der Hand wog.
»Sie haben gerade genug Gewicht, um den Wurf sicher zu machen. Taylor20 wird sich über sein Werk wundern können, wenn er von seiner Wirkung in den Zeitungen liest!«
Alsop sah starr auf die Bomben. »Was weiß Taylor davon - er war das bloße Instrument! Sein Eisen wäre in der That Nichts denn das leere Metall, als welches es Georges und Zuguero so geschickt über die Grenze brachten, wenn der schwäbische Bauer21 mir nicht seine Erfindung verkauft hätte, die bestimmt ist, uns von allen Feinden zu befreien.« Er lachte grell auf. »Blickt hin, wie sie sich plagen und Belohnungen und Orden vertheilen, die Tyrannen der Völker, um für ihre Kanonen täglich neue Erfindungen zu schaffen, gegenseitig ihre feilen Söldnerheere zu vernichten - und hier liegt, von entschlossenen Männern gebraucht, was ihre Throne in die Wolken schleudern kann. Seid Ihr bereit Brüder und habt Ihr Euere Waffen?«
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Die drei Verschworenen zeigten jeder einen Revolver, dann verbargen sie denselben wieder in der Tasche.
»Aber warum haben Sie uns die größeren Kugeln gegeben?« frug Swiney.
»Du bist ein Tropf! Siehst Du nicht ein, daß sie eine ausgedehntere Wirkung machen müssen und leichter unter die Menge zu werfen sind, wo das Ziel gleichgültig ist?«
Der Neapolitaner schwieg.
In diesem Augenblick ließ sich an der Thür, die das Zimmer mit den vorderen Gemächern des Hauses verband, ein Ton wie ein leichtes Kratzen vernehmen.
Alsop und Andrea wechselten rasch einen Blick.
»Es ist Zeit, daß wir aufbrechen,« sagte der Erstere. »So laßt uns denn den letzten Trunk thun auf das Gelingen unserer That, von der noch die spätesten Enkel reden werden, wenn über unseren Gräbern Italien die Sonne der ewigen Freiheit leuchtet! Schenk die Gläser voll, Carlo von Rudio, als der Jüngste in der Cohorte des Todes!«
Der Mann, den er angeredet, und den sie bisher da Sylva genannt, goß die Gläser voll - er war in diesem Augenblick bleich wie der Tod, seine Hand zitterte so stark, daß der Wein über den Tisch floß.
Alsop faßte diese Hand über dem Gelenk und hielt sie wie mit einer eisernen Klammer fest.
»Du bist eine Memme, Carlo von Rudio,« sagte er streng. Laß den Propheten eintreten, Andreas, damit er sieht, mit welchen Leuten wir den Ruhm theilen sollen!«
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Der ältere Verschwörer ging an die innere Thür, schob den Riegel zurück und öffnete.
Sofort trat ein Mann von hoher Gestalt ein. Er trug einen alten Militairmantel, den Kragen in die Höhe geschlagen, so daß er mit dem tief in die Stirn gedrückten Kasket fast das ganze Gesicht verbarg, von dem außer der kräftigen langen Nase und den dunkel blitzenden Augen nur ein langer Schnauzbart sichtbar war.
Der Fremde hatte, auch dem geübten Auge eines Mouchards gegenüber, ganz das Aeußere eines der zahlreichen alten Soldaten, die zum Theil als Commissionaire und Eckensteher ihr Brod in den Straßen von Paris verdienen. Darauf deutete auch das Schild an seiner Mütze und der geflochtene Tragstrick, den er unter dem Mantel um die Schulter trug.
»Gottes Tod,« sagte der Mann, ohne Weiteres an den Tisch tretend und mit einem scharfen Blick die Vier musternd, »ich glaubte schon, die Konferenz würde kein Ende nehmen. Es ist Zeit, Felicio, daß Jeder auf seinem Posten ist.«
»Der Prophet!« murmelte Swiney und stellte sein Glas wieder auf den Tisch.
»Signor Präsidente,« sagte Alsop - »wir waren im Begriff aufzubrechen, als wir das Zeichen Deiner Nähe vernahmen. Ich bat Andrea, Dich eintreten zu lassen; denn es scheint, daß diese Feiglinge im Augenblick der Gefahr zögern und sich fürchten, ihr Leben für die Freiheit einzusetzen!«
Der Fremde hatte den alten Mantel zurückgeworfen,
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er stand hoch aufgerichtet da. Es war eine hagere aber sehnige Gestalt, das Gesicht markirt, mit festem ruhigem Auge.
Wer bei dem Viscount von Heresford am Abend vorher gewesen wäre, als er in den Champs Elysees mit dem Cigarrenhändler sprach, würde eine auffallende Aehnlichkeit mit diesem in dem Eingetretenen gefunden haben. »Urtheile nicht zu rasch, Felicio,« sagte er ruhig in italienischer Sprache. »Es sind junge Männer, die noch nicht gelitten haben, was Dein Herz gestählt hat, - ihr Fleisch zittert vielleicht noch; aber ich weiß, ihr Wille ist stark und ihr Entschluß unverändert.«
Er hatte sein Auge ruhig auf die beiden jüngeren Verschwörer gerichtet, die seinen Blick nicht ertragen konnten und den ihren zu Boden richteten.
»Anton Gomez,« fuhr er fort, »Du weißt, was Du freiwillig geschworen hast?«
Swiney stammelte ein »Ja!«
»Wenn es Dir leid ist, kannst Du noch in diesem Augenblick zurücktreten!«
»Nein - niemals,« sagte hastig der Neapolitaner. »Seit ich Sie in der Nähe weiß, bin ich ruhig und zu Allem bereit. Befehlen Sie, was ich thun soll!«
»Nicht ich habe hier zu befehlen, sondern dieser Mann da,« er wies auf Alsop. »Aber es ist nicht genug, daß Du Deinen Eid durch Gehorsam lösen willst, Du mußt auch selbst bereit sein, Dein Leben für die heilige Sache der Freiheit zu opfern.«
»Ich bin's!«
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»Bedenke, daß man Dich ergreifen, mit allen Leiden des Kerkers foltern, auf das Schaffot bringen kann, um Dich zum Verrath zu zwingen!«
»Ich schwöre Ihnen, ich werde niemals Sie verrathen! Sie sind der Prophet!«
Der Fremde nickte. »Und Du Carlo von Rudio, dessen Väter im Senat Venedigs saßen, Sohn eines alten Geschlechts - ich entbinde Dich Deines Schwurs!«
Der junge Mann mit dem Stiergesicht wankte, als hätte er einen Schlag bekommen. Dann stürzte er plötzlich vor dem Fremden auf die Knie. Große Thränen rollten aus seinen Augen.
»Bei der Erde Italiens, Signor, thun Sie mir die Schmach nicht an! Nehmen Sie auf der Stelle mein Leben, aber vertrauen Sie mir. Ich will allein zu dem Wagen des Tyrannen gehen und ihn ermorden ...«
»Unsinniger! wir sind keine Mörder, sondern die Rächer eines gebrochenen Eides, die Rächer eines blutendenVolkes. Schick sie fort, Felicio - sie werden Beide auf ihrem Posten sein!«
Das Haupt der Vier winkte seinen jüngeren Gefährten. »Wir müssen einzeln das Haus verlassen. Versteckt sorgfältig die Bomben und wartet links auf dem Trottoir in der Menge. Ihr kennt Euere Pflicht!«
Ohne ein Wort dagegen zu sagen, nahmen die beiden Verschwörer die furchtbaren Waffen und verbargen sie, der eine unter seinem Mantel, der Andere unter seinem Rock.
»Deinen Segen, Prophet, wenn wir sterben sollten in unserm Werk!« bat der Neapolitaner.
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Sie beugten sich vor dem Fremden, dieser machte rasch das Bundeszeichen mit dem Daumen und Zeigefinger über ihre Stirn und Brust.
»Im Namen des freien Gottes und der Freiheit Italiens, geht!«
Sie verließen Einer nach dem Andern ohne Geräusch das Zimmer durch den zweiten Ausgang.
Der Fremde setzte sich sogleich nach ihrer Entfernung nieder und wandte sich hastig zu den beiden Zurückgebliebenen.
»Jetzt zu Euch - denn die Augenblicke sind kostbar und der Verrath uns auf der Ferse. Glaubst Du, daß die Bursche ihre Schuldigkeit thun werden, Felicio?«
»Jetzt - ja! Sie würden selbst im schlimmsten Fall nur das verrathen, was sie selbst angeht.«
»Wohlan denn - es muß unter allen Umständen heute versucht werden. Beide Parteien lassen sich nicht mehr länger halten, alle Anstalten sind getroffen, die Führer bereit, obschon sie blind genug sind, um die Puppen in unserer Hand zu sein. Paris und Frankreich wird morgen Abend weder der Dynastie Orleans, noch einem neuen Bonaparte gehören, sondern der Freiheit! Aber die Gefahr ist dringend - die Polizei ist auf Eurer Spur!«
«Diavolo! was sagst Du!« Alsop hatte unwillkürlich nach dem Griff seines Revolvers gefaßt.
»Beruhige Dich, diesmal gilt's nicht Dir, sondern dem da!« Er wies auf Andrea. »Ihr wißt bereits, daß seine Rückkehr schon seit vierzehn Tagen von dem Gesandten in Brüssel signalisirt war. Es war unvorsichtig von Euch,
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so offen auf Jersey und in Brüssel mit Personen zu verkehren, die von der Polizei beobachtet werden. Nur ein glücklicher Zufall ist's, daß Ihr die Granaten unbemerkt über die Grenze gebracht habt. Aber diesen Mittag ist ein neues Telegramm eingegangen, aus London selbst, das vor einem Attentat auf den Tyrannen warnt. Der alte Palm wird schwach und bekommt Gewissensbisse. Pietri ist zwar ein Maulwurf, wenn er noch vor zwei Stunden bei dem Diner im Hôtel Lagrange sich rühmte, er müsse sich pensioniren lassen, weil sein Amt eine Sinecure geworden, aber nicht Alle sind so blind wie er, und unter den Mouchards sind Viele, die Dich kennen müssen, Andrea.«
Der Graubärtige beugte den Kopf. »Zum Teufel, das ist wahr! Aber was thun? - Es werden gewiß genug Polizeileute unter den Gaffern vor dem Eingang sein, und wenn ich erkannt werden sollte, ist Alles verloren!«
»Eben deshalb bin ich gekommen. Felicio und die beiden andern sind unbekannt in Paris - Du aber darfst Dich in ihrer Nähe und auf dem Schauplatz der That nicht zeigen.«
Der finstere Italiener knurrte wie ein Bulldogg, dem die stärkere Hand einen Knochen entreißen will. »Aber ich habe es geschworen. Du weißt - damals in San Pietro di Montorio, als seine Bomben um uns krachten. Jetzt sollen ihm die meinen um die Ohren springen und sein falsches Herz zerreißen!«
»Es muß sein - Du weißt, daß ich die Macht habe, Dich zu entbinden. Aber Du sollst wahrlich nicht müssig sein. Halte Dich in der Straße Rossini, und wenn Du
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den ersten Schlag hörst, so schleudere Dein Geschoß auf irgend ein beliebiges Haus - die Explosion in einer andern Straße wird die Verwirrung nur steigern und die Aufmerksamkeit theilen.«
Das ist wahr. Aber das Gas - ich sollte die Hauptröhren sprengen!«
»Sei unbesorgt - die Anstalten sind getroffen, die Flammen werden sofort verlöschen. Eine Stunde später müßt Ihr hinter den Barrikaden sein.«
»So ist die Revolution sicher?«
»Der Ausbruch wartet nur auf das Signal. Die Venta's der Rothen sind bereit, - auch die Polen. Von der andern Seite werden sich sofort die Orleanisten erheben. - Sie sind gut genug, die Soldaten so lange zu beschäftigen, bis dieser Affe seines Onkels proclamirt ist, der sich einbildet, wir arbeiteten für ihn. Ledru Rollin, Charras, Hugo können morgen Mittag schon in Paris sein, obschon es hier nicht an Führern fehlt. In Madrid, Neapel, Mailand und der Romagna bricht zugleich die Revolution aus. Garibaldi hat uns seinen entschlossensten Offizier geschickt und der Plan, den er entworfen, ist vortrefflich. Die drei Cohorten werden zu gleicher Zeit sich der Tuilerien, des Stadthauses und des Palais Royal bemächtigen und wenn der Pöbel den neuen Präsidenten der Republik ausschreit, dürften nur wenige Soldaten auf ihn schießen.«
»Wer ist der Offizier Garibaldi's?«
»Kapitain Laforgne - Du mußt ihn von Rom her kennen!«
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»Gewiß - aber eben deshalb,« sagte unzufrieden Alsop, »warum sind wir nie mit ihm in Berührung gebracht worden? warum erfahren wir überhaupt erst jetzt im letzten Augenblick der That die Details der Erhebung?«
»Weil die vollendete That sich nicht mehr ändern läßt. Die meisten dieser Leute aber, sowohl von den Unsern, als von den Bourgeois - Laforgne an der Spitze, - würden sich geweigert haben, wenn von einer That die Rede gewesen wäre, die sie Mord schelten, während sie nur Nothwehr und Vergeltung ist. Wir hätten nicht den zehnten Theil dieser Unzufriedenen in der Armee für den Aufstand gewinnen können, wenn wir unser Geheimniß ihnen preisgegeben hätten. Sie glauben an einen offenen Kampf mit der Bedeckung des Tyrannen, darin mag er fallen oder gefangen werden - aber sie dürfen von diesen da Nichts wissen. Ist es geschehen, werden die albernen Scrupel von selbst vorbei sein! Aber es ist Zeit - zum letzten Mal - seid Ihr bereit, Brüder des Bundes?«
Die beiden Verschworenen hatten ihre Hüte genommen und die furchtbaren Waffen eingesteckt.
»Wir sind's - bis in den Tod! Es lebe Italien!«
»Dann vorwärts! Ein freier Gott und ein freies Vaterland! Brüder, ich weihe Euch mit diesem Kuß dem Siege selbst im Tode. Auf Wiedersehen in der Ewigkeit, hier - oder dort!«
Er küßte Beide feierlich auf die Stirn - einen Augenblick später hatten sie das Zimmer verlassen.
Der Zurückgebliebene schlug den Mantel wieder in die Höhe und wand einen grünen Shawl um den Kragen.
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Es war das Erkennungszeichen der Verschworenen. Nach einem sorgfältigen Blick umher, ob auch kein Gegenstand, der sie verrathen konnte, zurückgeblieben war, verließ auch er das Zimmer.
Die Garçons und die Gäste des Café waren in diesem Augenblick viel zu beschäftigt, um sich um die Ab- und Zugehenden zu bekümmern. Alles stand an den Fenstern oder vor der Thür, um die Ankunft der kaiserlichen Equipage zu sehen. Das Haus ist zahlreich bewohnt und der Verkehr der Fremden, namentlich der Italiener, war zu jener Zeit in dem Café nicht unbedeutend.
Als der Mann in dem alten Militairmantel und mit dem Schilde des Commissionairs unbemerkt wieder auf die Straße gelangt war, blieb er einige Augenblicke stehen und sah sich aufmerksam um. Etwa zehn Schritte von sich zur Linken, hinter einer dichten Gruppe von Männern, Frauen und Kindern sah er den angeblichen Alsop stehen, neben ihm Rudio, etwas entfernter Gomez.
Die Beleuchtung des Opernhauses und der Straße war so glänzend, daß es fast tageshell und jedes Gesicht deutlich zu sehen war.
Der »Prophet«, wie sie ihn genannt hatten, ging hinter den Zuschauerhaufen entlang und berührte dabei die Hände zweier Männer, die unter den Gaffern standen, welche die Sergeants de Ville auf dem Trottoir zurückhielten, damit der Straßendamm frei blieb.
Die beiden Personen trugen, wie der Unbekannte einen grünen Shawl und folgten ihm, ohne es auffällig zu wachen.
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An der Ecke blieb der Kommissarius stehen und lehnte sich an das Haus.
Die beiden Männer traten zu ihm, als wollten sie eine jener gewöhnlichen Unterhaltungen beginnen, welche die Pflastertreter aller großen Städte lieben.
»Ora!« sagte der Eine.
»E sempre!« antwortete der Kommissionair. »Stellen Sie sich sofort in der Nähe der Separat-Anfahrt des Opernhauses auf, und wenn die erste kaiserliche Equipage anfährt, so verzögern Sie durch irgend ein Mittel um fünf Minuten die Weiterfahrt.«
»Es soll geschehen. Ist sonst noch Etwas zu thun?«
»Aufmerksamkeit auf Alles. Zu welcher Venta?«
»Zur achten!«
»Gut! - Wir treffen uns also um Mitternacht vor dem Hôtel de Ville. Adieu!«
Er ging weiter und bog zur Rechten in die Straße Rossini ein. Hier begegnete ihm Andrea. Die beiden Männer tauschten nur einen Blick und der Unbekannte ging weiter.
Er war eben bis an die Ecke der Straße Drouot gekommen, und bog nach den Boulevards ein, als er plötzlich stehen blieb und einem Manne nachschaute, der auf der andern Seite der Straße mit raschen Schritten an ihm vorüber gegangen war.
»Verdammt!« murmelte er - »das ist Hébert! Er hat eine der feinsten Nasen der Präfectur und muß Andrea kennen. Ich hoffe, daß der Bursche sich nicht unvorsichtig
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exponirt und ihm in den Weg kommt, aber ich muß zusehen, sonst ist Alles verloren!«
Er drehte auf der Stelle um und ging dem Manne nach; aber an der Ecke der Straße Rossini versperrten ihm entgegenkommende Wagen den Uebergang und hielten ihn ein paar Minuten auf.
Als er endlich die Straße passirte, sah er etwa fünfzig Schritt entfernt einen Menschenknäuel.
So große Selbstbeherrschung der Unbekannte auch bewahrte, so vieles Mißlingen ihn auch schon im Leben gestählt hatte, eine Todtenblässe überzog sein Gesicht.
Er ging vorsichtig näher unter den sich sammelnden Menschen, denn in Paris wie anderwärts vereint das unbedeutendste Straßenereigniß in frequenter Gegend sofort Hunderte.
»Was ist denn hier geschehen?« frug er einen der Neugierigen.
»Ei - ich weiß nicht! Man wird einen Taschendieb verhaftet haben, deren sich immer eine Menge bei der Oper herumtreiben - oder es hat Jemand ein Bein gebrochen. Sehen Sie - das Erste ist richtig!«
Eben öffnete sich der Kreis, zwei Sergeants de Ville führten Andrea, ihn an beiden Armen festhaltend, heraus. Der Polizei-Commissair Hébert folgte ihnen.
»Führen Sie diesen Mann,« sagte derselbe laut, »sofort nach der Mairie des 9. Arrondissements und untersuchen Sie ihn dort aufs Genaueste. Geben Sie Acht, er ist ein entschlossener und gefährlicher Mensch; obschon er sich Andreas nennt und im Hôtel de France und de
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Champagne wohnen will, möchte ich meinen Kopf verwetten, daß er der Revolutionair Joseph Pierri ist, der uns annoncirt worden. - Gebe Gott, daß sein Umherstreifen hier kein Unheil bedeutet. Ich will schnell nach der Thür der Oper eilen und alle Sicherheitsmaßregeln treffen, denn der Kaiser muß sogleich kommen!«
Er eilte in die Straße Lepelletier.
In dem Augenblick, als ihn die Sergeanten, zu denen rasch sich zwei Polizeidiener in Civil gesellten, fortführten oder vielmehr stießen, hob der Gefangene zum ersten Mal das finstere Auge und ließ es über die Menge schweifen.
Sein Blick traf auf den Commissionair- mit Gedankenschnelle machte dieser ein Zeichen mit dem Daumen und Zeigefinger über Mund und Brust und trat dann zurück in den Schatten.
Der Gefangene warf stolz den Kopf zurück, ließ seinen spöttischen Blick über die Menge gleiten, die zum Theil, durch die Worte des Polizeiagenten zur Neugier angereizt, diesem gefolgt war, und schritt vorwärts.
Er hatte noch keine zwanzig Schritte gethan, als sich plötzlich ein starker, die Luft erschütternder Knall hören ließ.
Der Knall kam offenbar aus der Straße Lepelletier vom Opernhause her. Gleich darauf erscholl ein zeterndes Geschrei, dann ein zweiter, ein dritter Knall und ein furchtbares Geheul, als rängen hundert Menschen mit dem Tode.
Ein grimmiges, frohlockendes Lachen überflog die finstern Züge des Gefangenen; er versuchte mit plötzlichem Ruck sich aus den Händen seiner Wächter loszumachen,
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während Zetergeschrei und Geheul von der Straße Lepelletier herübertönte, aber obschon die Sergeanten von der Explosion verdutzt und erschrocken waren, gelang es ihm nur, die eine Hand frei zu bekommen, mit der er nach der Rocktasche fuhr. Aber schnell hatte einer der nebenstehenden Polizeiagenten sie gepackt und hielt sie fest.
»Zum Henker, Jerôme, ich glaube, Ihr habt dem Kerl Waffen gelassen! Sieh nach, was er in der Tasche da hat! Was mag da drüben geschehen sein, es ist ja ein Gejammer, als sei eine Höllenmaschine losgebrannt!«
»Einen Revolver haben wir ihm schon abgenommen, aber schau was der Bursche hier noch hat - es fühlt sich an wie eine Kanonenkugel - aber auf beiden Seiten spitzig. Ich glaube, es ist von Eisen, obschon es in Tuch genäht ist!«
»Werft's auf den Boden, dann werdet Ihr's sehen!« sagte der Italiener.
»Nichts da - Parbleu! Daß wir Narren wären! Schafft den Burschen fort zur Mairie, und wenn er nicht gehen will, braucht Gewalt. Ich muß wissen, was an der Oper los ist, der Lärmen wird immer ärger!«
Andrea wurde fortgeschleppt - aus allen Seitenstraßen strömte das Publikum, entsetzt, fragend, schreiend, nach der Straße Lepelletier. Der Ruf: »Der Kaiser ist ermordet! Eine Höllenmaschiene[Höllenmaschine]! Man steckt die Häuser in Brand!« erscholl aus tausend Kehlen und pflanzte sich bis auf die Boulevards fort.
Sehen wir, was unterdeß vor dem Eingang der Oper geschehen war und am nächsten Morgen schon auf den
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Blitzesschwingen des Telegraphendrahtes ganz Europa in Schrecken und Bewegung setzen sollte.


Wagen rasselten noch immer heran, Phaëtons, Tandems, Broughs, Fiakers, Equipagen; die Sergeants de Ville hatten in der That Mühe, die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn die zahlreichen anwesenden Agenten der Polizei in Civil kümmerten sich nicht um den untergeordneten Dienst der Straßenordnung, begnügten sich, das Publikum zu mustern und bildeten die vordersten Reihen desselben. Es ist einmal Mode in Paris, zu spät in die Theater zu kommen, um möglichst Aufsehen zu erregen.
Aus einem vorfahrenden viersitzigen Wagen stieg eine muntere Herrengesellschaft: Lord Heresford, sein Schatten in Paris: Kapitain Peard, und zwei andere Herren, von denen der Eine der dicke Journalist Duplessis war, der damals bei dem Souper der Guerin die komische Figur spielte und seitdem Chef-Redakteur, noch dicker und noch mehr Gourmand geworden war.
»Ich hoffe, Montboisier ist bereits im Orchestre,« sagte der Lord. »Ich möchte in der That wissen, warum er uns mitten im Diner verließ.«
»Ich habe es Ihnen ja gesagt, Mylord, eine neue Liebschaft. Faronne, der Advokat von Maquet erzählte mir, als er bei Véfour eintrat, daß er ihn eben in einem Wagen mit einer verschleierten Dame gesehen.
»Bah - Herr Faronne hat noch die Romane von heute Morgen aus dem Justiz-Palaste im Kopfe, Uebrigens
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ist der Prozeß ein Scandal für Herrn Dumas, und er verdiente ausgepfiffen zu werden, wenn er sich heute im Foyer blicken läßt. Er hätte Herrn Maquet wenigstens die 50,000 Franken zahlen sollen, nachdem er ihn um die Autorschaft des »Monte Christo« und der »Fünfundvierzig« betrogen hat.«
»Was wollen Sie, Mylord, eine gute Firma ist so viel wie das Einlagekapital bei einem Kompagniegeschäft. Ueberdies weiß unser Creole 50,000 Franken besser anzuwenden, als sie Herrn Maquet in die Tasche zu stecken. Aber wollen wir nicht eintreten, der zweite Akt muß schon begonnen haben. Die Ristori spielt in der That nicht ganz schlecht in der Tragödie.«
»Meinen Sie? ich will wünschen, daß die italienischen Tragödien immer Ihren Beifall finden mögen! - Aber lassen Sie uns noch einige Augenblicke in der frischen Luft verweilen, - der Latour des Herrn Véfour ist vortrefflich. Warum hat sich so viel Publikum hier versammelt?«
»Man erwartet den Kaiser« sagte der vierte Herr.
»Und deswegen so viele Leute!« meinte der Kapitän. »Die Pariser sind neugierig für Nichts. Ich werde mich auch im Schauspiel langweilen - es ist doch Alles bloß Komödie!«
»Zum Henker« meinte der Journalist, »wünschen Sie vielleicht, daß man Ihnen zum Dessert nach unserm Diner bei Véfour für Ihre acht Franken eine Maria Stuart in Wirklichkeit köpfen soll?«
»Warum nicht - in Dahomei hat man's umsonst gethan. Nun habe ich leider noch keine Gelegenheit gehabt,
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in Europa ein gekröntes Haupt sterben zu sehen. Ich wollte, ich hätte schon 1793 gelebt, da verlohnte es sich noch der Mühe, Beobachtungen zu machen. Nach dem fatalen Zufall von gestern wäre mir das Glück wirklich einen Ersatz schuldig. Goddam - was hatte dieser Dummkopf von Deutschen sich in den schönen Sturz der Miß Rositta zu mischen!«
»Die Journale sind heute voll des Lobes für die entschlossene Hilfe. Ich bedauere, daß ich nicht im Circus war« sagte der Journalist. »Ich hoffe, der junge Mann hat keinen Schaden genommen?«
»Montboisier versprach, bei ihm vorzufahren und ihn mit in den Circus zu bringen«, bemerkte der Lord. »Der junge Mann interessirt mich. Sehen Sie einmal, Stansfeld, wie diese guten Herren Pariser an Ordnung gewöhnt, sind? Unsere Bursche würden sich vor Drury-Lane oder Conventgarden schwerlich so in Ordnung halten lassen!«
Das Bier brauende Parlamentsmitglied - denn die vierte Person der Gesellschaft war in der That der bekannte Beschützer Mazzini's, der vor einiger Zeit als Partisan und Kabinetsmitglied des alten Pam der Regierung Ihrer Majestät nicht geringe Kompromittirungen bereitet hat, machte eine sehr verächtliche Geberde.
»Es sind lauter Mouchards, Mylord! Man hat mich versichert, daß an solchen Abenden an hundert dieser Halunken die Wache in der Oper haben. Es ist eine Tyrannei sonder Gleichen für eine civilisirte Nation! Alle diese Kerle mit den grünen Shawls gehören zur geheimen Polizei.«
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Der Lord sah ihn mit einem eigenthümlichen Lächeln an. Sie sprachen ungestört, da der Journalist mit Kapitän Peard in einen Streit über die Vorzüge der Guillotine vor der englischen Hinrichtungsweise durch den Strang gerathen war.
»Aber erlauben Sie mir die Bemerkung Sir, Sie tragen ja selbst einen solchen Shawl!«
Das Parlamentsmitglied erröthete einigermaßen. »O ich, Mylord, das ist etwas Anderes. Niemand wird mich für einen Mouchard halten.«
»Das nicht - aber ... die Wahl des Tuches ist jedenfalls nur zufällig!«
»Nicht so ganz, Mylord, nicht so ganz! Ein anonymes Billet, das ich diesen Morgen empfing, hat mich ersucht, heute und morgen einen solchen Shawl zu tragen.«
»Und Sie glaubten wahrscheinlich, daß es das Zeichen zu einem galanten Rendezvous sein sollte?«
»Dies oder eines politischen! Sie wissen, Mylord, man wendet sich häufig in geheimen Interessen an mich! Aber ich sehe, daß man sich einen schlechten Spaß mit mir gemacht hat, und ich will sogleich ...
Der Viscount legte die Hand auf seinen Arm, der schon sich nach dem Tuch erhob, um es abzunehmen und einzustecken.
»Nicht so hastig, werther Sir! ich glaube, Sie irren sich in der Uniformirung der Myrmidonen des Herrn Pietri. Sehen Sie her!«
Er zog aus der Seitentasche seines Rockes ein grünes Tuch.
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»Wie Mylord, Sie auch?«
Der Viscount zuckte die Achseln. »Lieber Herr Stansfeld« sagte er spöttisch lächelnd, »Sie sehen, daß Sie nicht allein Verbindungen haben, und nicht den Geheimnißvollen gegen mich zu spielen brauchen! Wenn mich nicht sehr Alles trügt, wird es heute Nacht oder morgen früh zu einigen Schlägen zwischen der Demokratie und den Soldaten des Herrn Bonaparte kommen, und da ich den Spaß gern in der Nähe ansehen möchte, habe ich in diese Tasche, wie Sie sehen, das diesmalige Erkennungszeichen Ihrer Freunde, und in die andere Tasche eine kaiserliche Kokarde gesteckt. Sie sehen, ich bin für beide Theile vorbereitet.«
»Aber, Gott soll meine Augen verdammen, Mylord, ich weiß wahrhaftig von Nichts! Man hätte mich doch unterrichten müssen! Für was bin ich denn eigentlich nach Paris gekommen?«
»Vielleicht, um zu bestätigen, daß Ihr Freund Alsop ein Commissionär Ihres trefflichen Bierverlags ist! Sie müssen das schon mit Ihren Freunden abmachen, daß man gegen einen Mann von Ihrem Eifer und Ihrem Gewicht so hinterm Berge hält. Aber ich kann Sie versichern, daß wenn Ihre lieben Freunde, die Herren Mazzini, Ledru Rollin und so weiter sich nicht etwas mit dem Barrikadenbau beeilen, sie Herr Pietri trotz seiner Schläfrigkeit vielleicht morgen schon beim Kragen nehmen wird, und wahrscheinlich auch Sie dazu, obschon Sie so vortreffliches Ale brauen!«
Der Dummkopf, der sich seit Jahren von den Mazzinisten brauchen läßt und sein Geld an sie wegwirft,
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konnte sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen, daß ein Hochtory mehr wissen sollte als er, - aber er hatte keine Zeit, diesem Erstaunen weiter Ausdruck zu geben; denn von den Boulevards her kamen im gestreckten Galop zwei Vorreiter in der kaiserlichen Livree gesprengt, und hinter ihnen drein rasselten Wagen und der scharfe Trab eines Kavaleriepikets auf dem Steinpflaster.
Der Wagen, welcher hinter den beiden Vorreitern kam, und vor dem Separat-Eingang des Opernhauses halten blieb, enthielt die beiden Palastdamen der Kaiserin, die sie bei dem Besuch der Oper begleiten sollten, und den dienstthuenden Kammerherrn. Die drei Personen stiegen eilig aus; als aber der Kutscher weiterfahren wollte, um der kaiserlichen Equipage Platz zu machen, wollte das Handpferd weder Zügel noch Peitsche gehorchen, schlug hinten aus gegen den Wagen und versuchte mit wüthendem Schnauben über die Deichsel zu springen.
Wie sich später ergab, war in dem Gedränge, das sich vor den Pferden gebildet hatte, dem einen das brennende Ende einer Cigarre in die Nüster geschoben worden.
Die zuspringenden Bedienten und einige Polizeiagenten suchten das Pferd zu beruhigen und dem Kutscher zu helfen, die Anfahrt frei zu machen.
Indeß ward dadurch jener Aufenthalt veranlaßt, den der Unbekannte von den beiden Männern verlangt hatte. Hinter der Equipage der Hofdamen war in vollem Trab die Eskorte des kaiserlichen Wagens angekommen, ein ziemlich starkes Detachement der Municipal-Gardisten, Garde-Lanziers unter der Führung eines Offiziers.
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»Platz! Platz!«
Aber der erste Wagen konnte noch immer nicht von der Stelle gebracht werden.
Mehrere andere Polizei-Agenten sprangen zu, aber die Eskorte mußte bereits halten und hinter ihr die kaiserliche Equipage, in der der Kaiser und die Kaiserin im Fond saßen, auf dem Rücksitz der General Roquet.
Endlich fuhr der erste Wagen weiter. Das Kommando des Offiziers, erklang:
»Abgeschwenkt! - Links! - Rechts!« Aber ehe die Pferde noch aus den durch den Aufenthalt dicht aneinander gedrängten Reihen in Gang gebracht werden konnten, flog aus dem Publikum ein dunkler Gegenstand zwischen das vorletzte Glied der Lanciers und fiel auf das Pflaster.
In demselben Augenblick erfolgte ein erschütternder Knall. Pferde und Reiter stürzten über einander - ein lauter Aufschrei aus zwanzig Kehlen! -
Ehe er noch die Luft durchzittert hatte, folgte ein zweiter, noch stärkerer Knall, ein noch entsetzlicheres Wehgeheul. Das eine Pferd vor dem kaiserlichen Wagen sprang in die Höhe, das andere stürzte sogleich zu Boden, - der Kutscher wurde von seinem Sitz geschleudert, alle Fensterscheiben am Opernhause und den Häusern gegenüber bis in das dritte Stockwerk klirrten auf das Pflaster, die Flammen der Gaslaternen am Opernhause verloschen mit einem Male. - - -
In das gellende Hilfgeschrei, in den Ruf: Flieht! Flieht! Rettet den Kaiser! donnerte eine dritte Explosion.
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Während das zweite fürchterliche Geschoß gerade unter den Pferden des kaiserlichen Wagens explodirt hatte, war die dritte Bombe, von der sichern Hand Alsops geschleudert, unter den Wagen selbst gefallen.
Ein furchtbares Jammergeschrei erfüllte die Luft, Alles umher war einige Augenblicke fast finster, denn die Erschütterung der Luft hatte die meisten Gaslaternen an den Häusern ausgelöscht, während die an der Front des Opernhauses, wie sich später erwies, durch das Zudrehen eines Haupthahnes sämmtlich erloschen waren. Eine unbeschreibliche Verwirrung herrschte in dieser Finsterniß in der Straße, Blutende, Todte, schlagende Pferde, herbeistürzende Menschen im wilden Knäuel durcheinander.
Auf dem mit Blut und zuckenden Körpern bedeckten Trottoir stand ein Mann, das Blut rann in dunklem Strom von seiner eigenen Stirn - er hob die Hand - die Hand hielt einen dunklen Ballen. - - -
In diesem Augenblick fiel der Lichtstrahl aus einer von einem entschlossenen Polizeiagenten auf's Neue an der Häuserreihe entzündeten Gaslaterne durch die zerbrochenen Scheiben auf die Gruppe vor ihm - einen Mann, der eine blutende Frau vom Boden aufhob.
Der Schein der Gasflamme beleuchtete das kräftige, offene Gesicht dieses Mannes, das Schrecken und Abscheu wieder spiegelte.
Der Andere auf dem Trottoir trat einen Schritt zurück und ließ den Arm sinken.
»Er - beim Himmel - mein Retter von Mantua!«
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murmelte er. »Der Teufel selbst führt ihn gerade jetzt hierher! Und dennoch - - -«
Er wollte den Arm wieder erheben - aber es war bereits zu spät.
Drei, vier neue Gasflammen leuchteten auf - die Polizeiagenten mit ihren Revolvern und Dolchen umringten den kaiserlichen Wagen, - hundert Augen suchten zwischen der gräulichen Mordscene.
Der Mann mit der verwundeten Frau stand bereits vor dem blutenden Verschwörer.
»Helfen Sie mir diese Dame in ein Haus bringen. Aber Sie bluten selbst - wie - sehe ich recht? Signor Or ...? -«
»Still! - wollen Sie mich verderben! Helfen Sie mir selbst fort von hier aus dem Gedränge - ich bin verwundet!«
Der Deutsche, der Secretär der Fürstin Trubetzkoi und Informator ihres Kindes, der auf das erhaltene Billet Otto von Röbels eben auf dem Wege war, ihn in der Oper aufzusuchen, als die furchtbare Blutscene sich ereignete und die Stücke der explodirenden Bomben um ihn her sprühten, seine Kleider zerreißend, ohne ihm jedoch mehr als einige Hautwunden zuzufügen, hatte die verwundete Frau in die Arme aus dem Haufen herbeieilender Personen gelegt und faßte den falschen Alsop am Arm.
»Kommen Sie - stützen Sie sich auf mich! Geschwind, oder Sie sind verloren!«
Der blutende Verschwörer stützte sich schwer auf seine
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Schulter; er fühlte, daß er allein nicht von dieser Mordstätte flüchten könne.
Dennoch zögerte er einen Augenblick.
»Der Kaiser? - was ist mit dem Kaiser?«
»Die Mörder haben ihr Ziel verfehlt« sagte der Deutsche streng. »Der Kaiser Louis Napoleon hat so eben mit der Kaiserin den Wagen verlassen. Kommen Sie!«
Er führte ihn die Häuser entlang nach der Rue Rossini hin, wo das Gedränge der herbeiströmenden Menschen weniger groß war, als von den Boulevards her.
Als sie in der nächsten Straße waren und nach der Rue Lafitte sich wendeten, blieb der Erzieher stehen.
»Mein Herr -« sagte er kurz, »sind Sie in der That der Flüchtling von Mantua?«
»Ja, Herr, Sie gaben mir damals das Leben und die Freiheit. Sie gehören Ihnen. Rufen Sie die Häscher - ich bin Ihr Gefangener!«
»Signor Orsini«, sagte der Deutsche kalt, »ich bin ein Kämpfer für die Freiheit wie Sie, und habe ihr mehr als das Blut geopfert, das von Ihrer Stirn fließt. Aber ich bin kein Meuchelmörder und will mit Meuchelmördern Nichts weiter zu thun haben. Sie sind der ersten Gefahr entronnen - fliehen Sie, wenn Sie können, ich habe Nichts mit Ihnen weiter zu schaffen - Gott wird über Sie richten!«
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich um und ließ den Italiener auf der Straße stehen.
Dieser starrte ihm einige Augenblicke finster nach,
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dann suchte er seine Kräfte zu sammeln und seinen Weg fortzusetzen, nachdem er die Bombe und den Revolver, den er trug, in einen dunkeln Winkel der Straße niedergelegt hatte.
Aber er konnte bald nicht weiter. In der Straße Lafitte schleppte er sich in die Apotheke Vautrain, wo er mit mehreren Andern flüchtig verbunden wurde. Als er heraus kam, sprach er den ersten ihm Begegnenden an:
»Wenn Sie ein Christ sind, Herr, so helfen Sie mir bis zum nächsten Fiakre; ich bin schwer verwundet, wie Sie sehen!«
Der Mann, auf den der Verschwörer gestoßen, war der Bürger Decoilly. Er bot mit der Gefälligkeit und dem Eifer, die den Franzosen auszeichnen, dem Schwankenden seine Unterstützung und geleitete ihn zu dem Fiakrestand an der Rue de Provence.


Der Schauplatz des abscheulichen Verbrechens bot unterdeß ein erschütterndes Bild.
Mehr als hundertundfünfzig Personen - diese Zahl wurde später amtlich konstatirt, reicht aber noch lange nicht an die Wirklichkeit, da viele Personen theils bei der Verschwörung selbst kompromittirt, theils um mit der Untersuchung Nichts zu schaffen zu haben, dies verschwiegen - waren von den teuflischen Höllenmaschinen mehr oder weniger verwundet worden. Darunter allein eilf Municipalgardisten, zwölf Lanciers, drei Bedienten des Kaisers, einige dreißig Polizeiagenten - neun Frauen und Mädchen. Die Verwundeten, die Weiber und Kinder wurden in der Dunkelheit
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von den erschreckten Flüchtenden unter die Füße getreten. Von den Stahlstücken der zweiten Granate waren beide Pferde vor dem kaiserlichen Wagen getroffen worden, das eine stürzte gleich todt zu Boden, das andere mußte erstochen werden - mehrere Pferde der Escorte wälzten sich in ihrem Blut; - nach dem späteren Gutachten der Sachverständigen genügte jede der Granaten, hundert Menschenleben zu vernichten, - nur dem Umstand, daß die Mörder ihr Werk allzugut hatten verrichten wollen, daß sie die stählernen Bomben mit dem furchtbaren Explosionsstoff, dem Knallsilber, überladen hatten und so die Eisenhülle in zu kleine Splitter zerstoben war, ist es zuzuschreiben, daß nicht noch mehr Verwundungen tödtlich wurden.
Dennoch - die wieder angezündeten Gasflammen und die herbeigeschafften Fackeln warfen Jetzt ein helles Licht auf die Stätte der grausigen Metzelei - wälzten sich auf dem Pflaster viele auch nur leichter verwundete Personen mit wahnsinnigem Schmerzensruf und schrieen unter den Händen der Fortschaffenden: mais il y a poison! ah c'est du feu!
Die Leiden der Verwundeten waren so entsetzlich, daß man glaubte, die Mordwaffen seien noch mit Gift getränkt gewesen.
Ein Soldat zählte siebenundzwanzig Wunden, ein anderer zwanzig!
Der Wagen des Kaisers war von 76 Bombensplittern getroffen und an einer Seite durchlöchert wie ein Sieb, die starken Kupferbeschläge waren zerfetzt, zerbrochen, die Fenster zersplittert.
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Den General Roquet, der auf dem Rücksitz des Wagens saß, hatte ein Sprengstück am Nacken verwundet, zum Glück nicht gefährlich, - ein anderes Eisenstück hatte den Hut des Kaisers durchlöchert und ihn heruntergeworfen, dennoch - sagen wir nicht durch ein besonderes Glück oder einen merkwürdigen Zufall - sagen wir dreist: durch den Willen der Vorsehung! hatten die mörderischen Geschosse den Kaiser und die Kaiserin selbst gänzlich verschont, nur ein Glassplitter des Fensters hatte die Wange des Beherrschers von Frankreich blutig geritzt.
Während der ganzen Fahrt von den Tuilerien bis zur Oper hatte die Kaiserin nur wenig an der Unterhaltung der beiden Männer Theil genommen. Sie war verstimmt und unzufrieden, es schien, daß eine jener kleinen häuslichen Scenen, irgend ein Wortwechsel vorgefallen war, die in den Ehen der Throne eben so gut spielen, wie in denen der Hütte.
In dem Augenblick aber, als der Knall der ersten Bombe die Luft erschütterte, warf sie sich mit dem Ruf: »Mon fils, mon pauvre fils!« vor den Kaiser und griff, die zum Schutz heranstürzenden Polizeiagenten für Verschwörer haltend, nach dem Revolver, der stets im Bereich seiner Hand in der Seitentasche des Wagens des Kaisers steckt.
Im nächsten Augenblick erfolgte die zweite und dritte Explosion; - die muthige Frau, die Spanierin von blauem Blut, deckte mit ihrem Leib den Gatten gegen die sprühenden Eisenstücke.
Die Hand Gottes deckte sich über sie!
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Die Agenten der Polizei sprangen zu dem Wagen des Kaisers, ihren Mäcen zu schützen - wir haben bereits gesagt, daß sie in den wenigen Schritten von den sprühenden Bomben Rudio's und Orsini's nicht decimirt, sondern halbirt wurden.
Die Uebriggebliebenen rissen den Schlag auf.
»Um Himmelswillen - sind Euer Majestät verwundet?!«
Es erfolgte eine Pause, ehe die Antwort kam: »Nein - ich glaube nicht. Ces miserables m'ont manqués encore une fois! Lassen Sie den Wagen umkehren! Nach den Tuilerien!«
Die Kaiserin sprang entrüstet aus dem Wagen ohne irgend einen Beistand.
»Nimmermehr! Allons, Monsieur! Faisons nôtre métier et montons!«
Der Direktor der Oper war unterdeß herbeigeeilt, er bot zitternd der Kaiserin den Arm. Sie lehnte sich darauf, um die Stufen der Ballustrade emporzusteigen.
Der Kaiser hatte sich unterdeß von dem ersten augenblicklichen Schrecken erholt und war ausgestiegen, den General Roquet unterstützend. Er war jetzt ganz wieder der kalte, ruhig überlegende Diplomat.
»Sie haben Recht, Madame, wie immer! - Wir werden dem Schauspiel beiwohnen. Mein Herr - führen Sie die Kaiserin in den Salon der Loge. Ich habe hier meine Pflicht zu erfüllen.«
Indem der Direktor der Oper die Kaiserin zu ihrer Loge begleitete, wandte sich der Kaiser sofort zu der schrecklichen
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Scene und befahl die Fortschaffung und die mögliche Hilfleistung für die Verwundeten.
Er war wieder ganz der ruhige große Beherrscher, der Kaiser einer großen Nation, die - selbst in der Empörung - Nichts bedarf zu ihrem Wohlbefinden, als einer eisernen Hand.
In diesem Augenblick eilte der Graf v. Goyon, General-Adjutant des Kaisers, herbei und zog ihn bei Seite.
»Euer Majestät - ich fürchte das Schlimmste! Man hat den Marschall Magnan auf den Boulevards insultirt! Ueberall sammeln sich Menschenhaufen. Ich zweifle keinen Augenblick, man beabsichtigt eine Revolution!«
»Eine Revolte, wollen Sie sagen, Herr Graf«, antwortete ruhig der Kaiser. »Lassen Sie die Narren es probiren, wenn sie Lust haben, aber ich glaube es nicht. Eine Revolte hatte nur einen Sinn, wenn ihr Attentat gegen mich gelungen wäre. Helfen Sie mir, für diese armen Leute zu sorgen!«
Alles legete jetzt Hand an, um die jammernden und stöhnenden Verwundeten fortzubringen.
Dieselben wurden entweder nach den zunächst liegenden Häusern oder nach der Apotheke Gagnière geschafft. Ein zufällig in der Nachbarschaft anwesender Geistlicher leistete auf den Trottoirs den Sterbenden den letzten geistlichen Beistand.
Unter den schwer Verwundeten befanden sich der Gardist Batty und der Beamte Riquier, die schon am andern Tage in dem Hôtel Lariboissiere starben, wohin man sie gebracht. Der amerikanische Kaufmann Haas und fünf
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andere Männer (Ruffin, Dusange, Chassard, Dahlen und Watteau) starben mehrere Tage später an den erhaltenen Wunden.
Von allen Seiten eilte jetzt Beistand herbei. Der Kaiser wich fast eine halbe Stunde lang nicht vom Platz und leitete selbst die Anstalten zur Fortschaffung der Verwundeten. Erst dann begab er sich nach dem Salon der kaiserlichen Loge, wo die Kaiserin ihn erwartete.
Die Escorte hielt noch immer auf der Straße und jetzt nach beiden Seiten das herbeidrängende Publikum zurück, um das Fortschaffen der verwundeten Menschen und Pferde zu ermöglichen. Vierundzwanzig Pferde der Lanziers waren von dem Eisenhagel verwundet, drei auf der Stelle todt geblieben.
Der kommandirende Offizier wandte sich jetzt an seine Leute.
»Ist Jemand noch verletzt?«
Eine gebrochene Stimme antwortete ihm.
»Ich, mein Offizier!«
Im nächsten Augenblicke sank der Soldat vom Pferde in die Arme seiner Kameraden.
Wenige Minuten später war er verschieden. Der Tapfere hatte unter den Waffen, auf seinem Posten, den Todeskampf gekämpft!
Kapitän Peard hatte zu seiner großen Befriedigung noch das Glück, zurecht zu dieser Scene zu kommen, nachdem er in den Nachbarhäusern und in der Apotheke Gagnière den Leiden der Verwundeten bei ihrem ersten Verband beigewohnt hatte, die - wie wir bereits erwähnt
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haben - schrecklich waren, da die Verletzungen wie Gift brannten und einen dem Wahnsinn ähnlichen Zustand hervorriefen.
Der Lord, der Journalist und das Londoner Parlamentsmitglied hatten auf der Rampe des Opernhauses der schrecklichen Scene beigewohnt, ohne glücklicher Weise schwer verletzt zu werden, da der Wagen des Kaisers und das Zuschauerspalier zwischen ihnen und den explodirenden Geschossen gestanden. Nur der Hut Master Stanfeld's war von einem kleinen Eisenstück gleich dem des Kaisers getroffen worden.
»Goddam!« murrte der das britische Reich regieren helfende Bierbrauer - »die Schurken haben mir meinen Hut verdorben, den ich diesen Morgen erst gekauft habe!«
»Sie haben immer Glück, Sir« antwortete der Lord. »Hier nehmen Sie den meinen, ich zahle noch zehn Pfund zu und werde ihn der Raritätensammlung auf meinem Landsitz in Schottland einverleiben zum Andenken daran, daß Herr Louis Napoleon ein ganz unverschämtes Glück hat. Wenn ich Ihnen rathen darf, Sir, so kaufen Sie keinen neuen in Paris, sondern warten damit bis London, wohin Sie morgen mit dem Frühzuge abreisen!«
»Wie, Mylord - Sie meinen doch nicht etwa - - -«
Der Visecunt hatte das honorable Parlamentsmitglied bei Seite gezogen. »Ich meine«, sagte er trocken, »Monsieur Pietri wird morgen sich alle Mühe geben, die kleine Fahrlässigkeit von heute wieder gut zu machen, und die Polizei wird alle Hände voll zu thun haben mit einer
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recht hübschen Anzahl von Verhaftungen. Man wird es stark auf die grünen Shawls absehen!«
Das Parlamentsmitglied band eiligst den seinen ab.
»Aber Sie selbst, Mylord, haben ja ...«
»Bah - ich trage den meinen nur in der Tasche. Auch bin ich eine zu unbedeutende Person und von der lieben Pariser Polizei viel zu gut gekannt, um ihren Verdacht zu erregen. Es ist nicht wie bei Ihnen - man wird Sie offenbar mit den Barrikaden in Verbindung bringen, welche Herr Mazzini, Ihr ganz spezieller Freund und Schützling offenbar bei einem besseren Ausgang des kleinen Feuerwerks sicher bauen lassen wollte, und ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, daß in diesem Augenblick Lord Russel wegen des vortrefflichen Porters von Walsam Green eine Kriegserklärung an Frankreich machen wird. Die Krimm hat uns in der That etwas an Kriegsruf und Soldaten geschwächt.«
»Aber ich versichere Sie auf Ehre, Mylord, ich weiß ja von Nichts, man hat mir schändlicher Weise gar Nichts von einer Revolution gesagt!«
»Eben darum mein Bester! Die hohe Polizei faßt gewöhnlich nur die Personen, welche Nichts wissen! Doch - wie gesagt, das ist Ihre Sache, machen Sie das, wie Sie wollen!«
Er ging gleichgiltig, als sei Nichts vorgefallen, nach seiner Loge, wo er um so bequemer saß, als Master Stansfeld es in der That für nützlicher gefunden hatte, sich sogleich nach seinem Hôtel zu begeben, von wo er am nächsten Tage mit dem Frühzuge abreiste, ohne etwas Näheres über die Revolution erfahren zu haben. Monsieur
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Duplessis war seinem Geschäft nach auf die Jagd nach Details über das famöse Attentat gegangen und Kapitän Peard konnte sich nicht eher von den Leidenden trennen, als bis die Aerzte ihn geradezu fortwiesen.
Das Publikum im Saal hatte zuerst geglaubt, es sei eine Gas-Explosion erfolgt, aber bald hatte sich von Bank zu Bank, von Loge zu Loge die Nachricht von dem Geschehenen, durch das Gerücht noch vergrößert, verbreitet und einen so allgemeinen Aufstand hervorgerufen, daß die Vorstellung unterbrochen werden mußte. Alles wollte nach den Ausgängen, doch wurde von den dienstthuenden Inspektoren der Austritt nicht verstattet, um das Gedränge auf der Straße nicht unnütz zu vermehren. Man begann sich erst zu beruhigen, als der Ober-Regisseur auf der leeren Bühne erschien und verkündete, daß beide Majestäten unverletzt seien und auf den ausdrücklichen Befehl des Kaisers die Vorstellung ihren Fortgang haben solle.
Dennoch hat die Ristori wohl nie vor einem unaufmerksameren Publikum gespielt, und als endlich der Kaiser mit der Kaiserin am Arm in der Loge erschien und bis an die Brüstung vortrat, wurde das Spiel zum zweiten Mal unterbrochen.
Ein ungeheurer Applaus - jener gewaltige Orkan, der bei politischen Anlässen aus der Menge bricht, gegenüber dem Windesrauschen des gewöhnlichen künstlerischen Beifalls - erhob sich aus allen Rängen, die Damen wehten mit ihren Tüchern, die Männer erhoben ihre Hände gegen die Loge und immer und immer wieder, während das kaiserliche Paar dankte, brach der gewaltige Zuruf aus
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und wollte bei dem so leicht erregbaren französischen Naturell fast kein Ende nehmen. Drei Mal mußten der Kaiser und die Kaiserin aus dem Hintergrund der Loge, wohin sie sich wieder zurückgezogen hatten, zur Brüstung treten.
Erst allmälig beruhigte sich der Sturm und konnte das gestörte Spiel wieder seinen Fortgang nehmen.
Kaum war der Vorhang zum nächsten Mal gefallen, als sich Alles in die Korridore und das Foyer drängte, selbst die Damen der vornehmsten Gesellschaft verließen ihre Logen und füllten den berühmten Saal, wo in den Zwischenakten Alles zu verkehren pflegt, was Paris an Notabilitäten der Politik, der Kunst, der Wissenschaft und des Vergnügens aufzuweisen hat.
Es gab natürlich diesmal nur einen Stoff der Unterhaltung: die wahrhaft wunderbare Rettung des Kaisers und die Muthmaßungen über die Urheber des schändlichen Attentats. Man hörte ganz offen den Namen Mazzini, mehrere anwesende Offiziere ergingen sich in lauten Drohungen gegen England, das den Revolutionären des Festlandes stets seinen Schutz und Beistand gewähre. Von Anderen, namentlich den enragirten Bonapartisten, wurde der Verdacht gegen die Orleanisten oder die Bourbons geschleudert. Viele bezeichneten die Verbannten der Julitage als die Anstifter.
Wo irgend Jemand mit einer neuen Nachricht von dem Schauplatz des blutigen Ereignisses herbeikam, oder die Dreistigkeit hatte, eine Erfindung seiner Phantasie als Thatsache zu erzählen, sammelten sich rasch um ihn
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neugierige Kreise. Die tollsten Gerüchte begannen den Saal zu durchkreuzen. -
Der Lord stand in einer Gruppe, welcher der dicke Journalist eben seine Neuigkeiten zum Besten gab, als er Montboisiers ansichtig wurde, der eben in den Saal trat.
»Hierher, Oberst, und befreien Sie uns endlich von den Phantasiestücken des Herrn Duplessis. Der Spectateur wird morgen so viel Lügen bringen, daß ein nüchterner Mensch für ein ganzes Jahr sich den Magen daran verderben kann. Hat die Polizei des Herrn Pietri die Mörder erwischt?«
»Man glaubt, einen derselben zu haben«, berichtete der Kammerherr. »Ich war eben im Foyer der kaiserlichen Loge, als der Präsident selbst die Meldung brachte.«
»Goddam - wie sieht er aus? Hat er vielleicht Schwanz und Hörner, oder ist es ein tollgewordener Kosak, der sich für die Krimm revanchiren will? Sie sehen ja, diese Herren sterben vor Neugier und Peard beneidet bereits Monsieur Samson, oder wie gegenwärtig Ihr Kopfabschneider heißt, um den Platz auf den Brettern.«
»Man hat in dem Kaffeehaus gegenüber der Oper einen jungen Menschen festgenommen, der sich auffallend ängstlich zeigte und nach seinem Herrn forschte. Er nennt sich Swiney.«
»Pah - das ist Alles?«
»In einer Lade des Zimmers hat er einen Revolver zu verbergen gesucht. Man ist eben daran, seinem angeblichen Herrn in der Rue Montauban einen Besuch abzustatten.«
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»Was ist der Bursche für ein Landsmann?«
»Ein Italiener. Das Wichtigere ist, daß ein Polizeikommissar fünf Minuten vorher, ehe die Bomben knallten in der Rue Rossini einen höchst gefährlichen Verschwörer, einen der Trabanten Mazzini's und Garibaldi's von 1849, verhaftet hat. Man hat bei ihm eine Art Höllenmaschine gefunden, wahrscheinlich von derselben Gattung, wie man sich deren bei dem Attentat bedient hat.«
»Sein Name?«
»Er giebt an, Andreas zu heißen, aber der Polizeikommissar Hébert, der gleich darauf vor der Oper verwundet wurde, behauptet auf das Bestimmteste, in ihm einen gewissen Pierri erkannt zu haben, der vor mehreren Jahren aus Paris ausgewiesen wurde und dessen Ankunft der Gesandte in Brüssel vor Kurzem signalisirt hat.«
»Ah - Major Pierri! Er hat in den Legationen sich bekannt genug gemacht, er ist ein Teufelskerl, der Nichts scheut!«
»Der Henker hole seine Majorschaft! Der Kerl ist ein Meuchelmörder der schlimmsten Art - mehr als hundert unschuldige Menschen den Mordgeschossen zu überliefern!«
»Und wie hat Meister Louis die Explosion vertragen?«
»Der Kaiser scheint mehr ergriffen als die Kaiserin. Wissen Sie, was sie in dem Salon zu ihm sagte, als das Publikum stürmisch ihre Gegenwart verlangte?«
»Nun?«
»Sie nahm seinen Arm. Kommen Sie, Sire, sagte sie, zeigen wir ihnen, daß wir mehr Muth haben als sie!«
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»In der That - sie ist eine Spanierin!«
Der Oberst gab ihm einen Wink. »Treten wir einige Augenblicke zur Seite, Mylord!«
»Sehr gern, lieber Graf. Was zum Teufel haben Sie so Wichtiges?«
»Mylord«, sagte der Oberst ernst, indem er ihn in eine der Fensternischen führte, »heute war Herr Stansfeld in unserer Gesellschaft!«
»Gewiß - Sie saßen ihm ja gegenüber!«
»Es ist mir unangenehm genug. Master Stansfeld ist der vertraute Freund oder vielmehr Beschützer des Signor Mazzini!«
»Mein Gott, alle Welt weiß das! Sein vortreffliches Ale bringt ihm viel Geld und er muß doch eine Verwendung dafür haben!«
»Es unterliegt bereits keinem Zweifel mehr, daß das infame Attentat von diesem Abend von den Mazzinisten ausgegangen ist. Man hat die sichere Nachricht, daß nach der Ermordung des Kaisers eine socialistische oder orleanistische Revolte, vielleicht beides zu gleicher Zeit ausbrechen sollte und daß Mazzini selbst in Paris ist und den Mordanschlag geleitet hat!«
»Goddam - ich traue es ihm zu!«
»Wenn dem so ist, Mylord, dann könnte Herr Stansfeld in sehr unangenehme Verwicklungen gerathen. Es sind Befehle zu zahlreichen Verhaftungen gegeben!«
»Bah - unser Bierbrauer ist kein Narr und wird hoffentlich im Hôtel der englischen Gesandtschaft logiren, wenn er nicht schon unterwegs nach Havre oder Calais
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sein sollte, obgleich ich Sie versichern kann, daß er so unschuldig an Allem ist wie der dümmste seiner Brauknechte!«
»Desto besser, Mylord - aber -«
Er zögerte sichtlich, weiter zu sprechen.
»Ah - Sie meinen mich selbst?«
»Wenn Sie es selbst aussprechen, nun ja, Mylord - etwas Vorsicht wäre gut. Man weiß, daß Sie ein Gegner des Kaisers sind!«
»Ah bah - ich denke nicht daran! Monsieur Louis Napoleon ist für mich eine Art Seiltänzer, oder wenn Sie wollen, eine Art van Aken, der mit den Tigern und Hyänen experimentirt, und ich sehe einfach zu, wie lange ihm das glückt. Ueberdies war ich ihm noch eine kleine Revanche schuldig von den Dezembertagen her. Ich danke Ihnen bestens, lieber Graf, aber ich versichere Sie, Monsieur Louis ist viel zu klug, um mich zu belästigen und sich mit der englischen Nation zu verfeinden!«
»Sie vergessen Morny - er treibt den Kaiser!«
»Zum Teufel, was thue ich mit allen Bastarden der seligen Hortense, schönen Angedenkens! Herr Morny ist ein Spekulant, der gescheut genug ist, in seiner eigenen Familie zu suchen und befände sie sich auch am Nordpol. Seien Sie unbesorgt um mich! - Aber sehen Sie, was geht da vor? Das ist ja wohl Ihr kleiner Preuße von gestern Abend, den die Polizei da beim Wickel hat!«
Es hatte sich in der That am andern Ende des Saales eine Scene ereignet, die allgemeines Aufsehen verursachte.
Am Arm ihres alten Freundes und Begleiters war
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die Sennora Rositta in den Saal getreten, neben ihr, in intimem Gespräch, ging Otto von Röbel. Die Mordscene bildete natürlich auch unter ihnen, seit er sie in ihrer Loge aufgesucht, das Thema der Unterhaltung, aber doch hatte gar manches Wort eine weit höhere Bedeutung für das Paar.
Auf dem Wege durch den Saal trat ihnen ein Mann entgegen - es war der Sekretär der Fürstin Trubetzkoi.
»Verzeihung, Madame«, sagte er höflich, »daß ich Ihre Unterhaltung unterbreche und die Gelegenheit benutze, mitten unter all den schrecklichen Eindrücken meinen Glückwunsch darzubringen, daß Sie gestern dasselbe Glück gehabt haben, wie heute Ihre kaiserliche Landsmännin. Aber dieser Herr hat gewünscht, mich zu sprechen und ich stehe zu seinem Befehl!«
Der junge Edelmann war anfangs etwas verlegen, er wußte nicht gleich, wie er sich dem Jugendfreunde gegenüber, den er am Abend vorher so brüsk zurückgestoßen hatte, benehmen sollte. Aber bald siegte das ehrliche Rechtsgefühl in ihm. Er reichte dem Freunde die Hand.
»Ich glaube, Rudolph, ich bin gestern zu rasch gewesen, über Dich abzusprechen. Heute ist Alles Licht und Glanz in mir trotz der schändlichen That, die uns erschreckt. Ich bedarf Deines Beistandes, wenn Du vergessen kannst, daß ich Dich gestern beleidigt.«
»Mein Herz ist unverändert für Jeden, der den Namen Röbel trägt!«
»Gott sei Dank, wenn ich dies glauben darf. Aber erlauben Sie einen Augenblick, Sennora - ich habe sogleich wieder die Ehre, an Ihrer Seite zu sein!«
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Er nahm den Arm des Informators und trat mit ihm zur Seite. Die Kunstreiterin, sofort von einer Menge ihrer Bewunderer aus dem Circus umringt, ließ sich auf dem nächsten Divan nieder.
Der Mohrendoktor drückte ihren Arm. »Ruhe, Kind und Kraft« flüsterte er leise. »Blick dort hinaus. - Rechts!«
Sennora Rositta schauderte. Durch die mittlere Thür war so eben der Conde Guzman de Montijo an der Seite des Marquis von Massaignac eingetreten.
Der Preuße hatte den wieder gewonnenen Freund aus dem Gedränge der Herren und Damen geführt.
»Du warst gestern Abend Zeuge einer Scene in den Elysäischen Feldern!«
»Leider! Ich hoffe, daß sie weiter keine schlimmen Folgen haben wird!«
»Ich werde mich morgen um 9 Uhr im Bois de Boulogne mit dem Grafen Montijo schießen.«
»Um Himmelswillen - mit dem Verwandten der Kaiserin?«
»Mit demselben. Er ist Derjenige, dessen Bosheit gestern jener Dame das Leben kosten konnte. Der Freund, den Du bei mir gesehen, ist abwesend, ich fürchte, in politische Intriguen verwickelt, und ich kann daher nicht auf ihn rechnen - andere Bekannte konnte ich nicht treffen, deshalb wandte ich mich an Dich, den Landsmann und Freund meiner Jugend, mir den Dienst zu leisten und mein Sekundant zu sein.«
»Verlaß Dich darauf - was habe ich zu thun?«
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»Dort ist mein Gegner und sein Sekundant. Ich werde Dich dem Marquis von Massaignac vorstellen - das Uebrige ist Eure Sache.«
Er schritt durch die Gruppen mit dem Freunde auf den Senateur zu, der bei seiner Annäherung sofort seinen Begleiter verließ und ihm höflich entgegen kam.
Aber ehe sich Beide begegnet waren, veränderte sich plötzlich die Scene.
Der Spanier mußte schon beim Eintritt seinen Gegner von gestern und dem nächsten Morgen bemerkt haben, denn er gab einem Mann, der in der Nähe stand, heimlich einen Wink und deutete mit dem Auge auf den Preußen.
Eine Hand faßte den Arm Otto von Röbels. Als er sich umsah, stand ein Herr mit anfangs zugeknöpftem Paletôt und finsterer entschlossener Miene vor ihm.
»Mein Herr«, sagte der Fremde, »ich bitte Sie, mir ohne Aufsehen aus dem Saale zu folgen. Ich habe mit Ihnen zu sprechen!«
»Mit mir? Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, und bin eben beschäftigt!«
»Ohne Umstände - ich bin, wie Sie sehen, der Polizei-Kommissar der Oper, Dupret, und ersuche Sie, mir zu folgen!«
»Aber ich begreife nicht - ich habe Nichts mit Ihnen zu schaffen! Wenn Sie meine Legitimation verlangen ...«
»Wenn Sie nicht augenblicklich folgen«, sagte der Beamte streng, »so werde ich Sie im Saale verhaften. Man macht mit Meuchelmördern und deren Genossen in Paris nicht viel Umstände!«
Der junge Edelmann wurde todtenblaß. Er wollte
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aufbrausen, aber der Gedanke an François und sein geheimnißvolles Treiben schoß ihm durch den Kopf. »Sie irren sich wahrscheinlich in meiner Person, Herr«, sagte er gefaßt. - »Graf Hatzfeldt, der Gesandte meines Königs, wird Rechenschaft für jede mir angethane Beleidigung fordern.«
»Das sind Redensarten und wird sich finden.«
Der Graf Montboisier war, wie wir bereits erwähnt haben, durch das laute Sprechen und das sich um die Streitenden sammelnde Publikum auf den Vorgang aufmerksam geworden und näher getreten.
»Sie scheinen in der That im Irrthum, mein Herr«, sagte in diesem Augenblick der Secretär der Fürstin Trubetzkoi - »ich kenne diesen Herrn und leiste für ihn Bürgschaft!«
»Sie werden vielleicht in der Lage sein, das für sich selbst thun zu müssen, da Sie sich in seiner Gesellschaft befinden« bemerkte der Beamte streng. »Ich bitte Sie, mich nicht in die Lage zu versetzen, meine Leute rufen zu müssen!«
»Ei, Herr von Röbel«, sagte der Oberst - »was haben Sie, was giebt es?«
»Dieser Herr hat mir angekündigt, daß ich verhaftet sei!«
»Sie? wäre das heutige Attentat nicht, der Held von ganz Paris wegen Ihrer entschlossenen That von gestern! Was zum Teufel will Man von Ihnen?«
»Ich weiß es nicht - oder vielmehr - -«
Sein Auge war in diesem Augenblick dem lauernden
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Blick des Grafen Montijo begegnet, der unter den Zuschauern der Scene stand.
Er war selbst zu ehrenhaft, um trotz des Verdachts, der ihm durch den Kopf schoß, die Wahrheit für möglich zu halten und anzudeuten.
»Mein Herr«, sagte der Graf zu dem Kommissair, »ich bin der Oberst Graf Montboisier, Kammerherr Sr. Majestät des Kaisers. Ich habe die Ehre, diesen Herrn, einen preußischen Edelmann, der sich hier auf der Durchreise aufhält, zu kennen und verbürge mich nöthigen Falls für ihn.«
Der Beamte war bei der Nennung des Namens und Ranges dieses Bürgen weit höflicher geworden, aber er zuckte die Achseln und sagte mit Bestimmtheit: »Bei aller Achtung für Ihre Person, Herr Graf, bedauere ich, meiner Pflicht Folge leisten zu müssen. Die Verhaftung dieses Herrn geschieht auf speziellen Befehl des Herrn Polizei-Präfekten. So viel ich weiß, hat man ihn gestern in der Gesellschaft von Personen gesehen, die der Theilnahme an dem Attentat verdächtig sind; ich zweifle keinen Augenblick, daß es ihm gelingen wird, die nöthige Aufklärung zu geben - aber bis dahin muß ich den mir gewordenen Befehl erfüllen.«
Der Graf wandte sich an den jungen Mann. »Das ist eine sehr unangenehme Sache, Monsieur de Reuble«, sagte er höflich, »und ich bedauere, daß ich Ihnen die augenblickliche Unannehmlichkeit, diesen Herrn zu begleiten, nicht werde ersparen können. Aber es kann sich eben nur um eine Auskunft handeln. Ich bitte Sie, sich nöthigen
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Falls auf mich zu berufen, wenn ich Ihnen dienen kann - mein Kammerdiener sagte mir, daß Sie heute zwei Mal während meiner Abwesenheit in meiner Wohnung waren ...«
Otto von Röbel verbeugte sich höflich. »Sie sind eben so gütig als ehrenhaft, Herr Graf. Ich wollte Sie um eine Gefälligkeit ersuchen, indeß hat sie dieser Herr, ein Landsmann, bereits übernommen und ich hoffe«, fuhr er lauter fort, »morgen ohne weitere Verhinderung davon Gebrauch machen zu können. - Beruhige meine Mutter und Schwester, Rudolph,« sagte er zu dem Freunde auf Deutsch, »und besorge alles Nöthige. So bald ich auf der Präfektur entlassen bin, suche ich Dich auf! Entschuldige mich bei der Sennora, ich bitte Dich! - Mein Herr, ich bin bereit, Ihnen zu folgen!«
Der Beamte, dem selbst das Aufsehen lästig war, das die Scene gemacht hatte, beeilte sich, mit dem Preußen den Saal zu verlassen, verfuhr aber in Folge der Einmischung des Obersten sonst mit der größten Höflichkeit gegen ihn. Das Signal zum Wiederbeginn der Vorstellung, das in diesem Augenblick in dem Foyer erklang, half die Neugier und Aufmerksamkeit des Publikums ablenken und überdies begriff man, daß diese Detinirung auf die Polizei unter den Konsequenzen des furchtbaren Ereignisses wahrscheinlich nicht die einzige sei.
Otto von Röbel hatte es absichtlich vermieden, bei seiner unfreiwilligen Entfernung aus dem Saal noch einen Blick nach der Stelle zu werfen, wo er die Kunstreiterin mit dem Arzt zurückgelassen hatte - es war ihm widriger als alles Andere, daß sie grade Zeuge dieser Scene gewesen
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sein mußte. In der That war sie auch der Beachtung der Sennora nicht entgangen und sie war um so erregter und besorgter, als ihrer verschärften Aufmerksamkeit, die der Mohrendoktor selbst auf den Grafen von Montijo und seinen Begleiter gerichtet hatte, das Zeichen nicht verloren gegangen war, mit dem der Erstere dem Polizei-Kommissar die Person des jungen Preußen heimlich angedeutet hatte.
Da ihr die Funktion des in Civil gekleideten Beamten unbekannt war, glaubte sie, daß die Bosheit des Spaniers ihren Lebensretter in irgend einen gefährlichen Streit verwickelt habe und beschwor eben auf das Dringendste den Arzt, dem jungen Manne zur Seite zu stehen und ihm zu folgen, als der Sekretär der Fürstin zu ihr heran trat.
»Madame«, sagte er hastig, »ich habe den Auftrag von Herrn von Röbel, ihn bei Ihnen zu entschuldigen. Ein unangenehmer Vorfall hat ihn zu einer schleunigen Entfernung genöthigt, ohne sich bei Ihnen beurlauben zu können!«
»Um Gotteswillen - reden Sie mein Herr, was ist geschehen? ich höre von einer Verhaftung sprechen - Sie ahnen nicht, wie wichtig es ist, daß ich die Wahrheit erfahre - Monsieur de Röbel hat mächtige Feinde hier!«
»Aber auch aufrichtige Freunde, wie ich sehe! Es ist allerdings richtig, Herr von Röbel ist wahrscheinlich aus irgend einem Mißverständniß verhaftet worden, eine Unannehmlichkeit, die vielen Fremden passiren kann.«
»Nein - nein« sagte die Reiterin heftig - »das ist es nicht. Er darf nicht aus den Augen gelassen werden, oder er ist verloren! Seine arme Mutter - seine Schwester - -«
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»Ich werde sogleich in ihr Hôtel gehen«, bemerkte der Secretär, »um Frau von Röbel von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen und sie zu beruhigen!«
»Thun Sie das - sagen Sie ihnen, daß alles Mögliche aufgeboten werden soll, um ihn zu befreien. Ich habe ein Mittel dazu in Händen. Heilige Jungfrau, ich verdiente nicht zu leben, wenn ich es zu einem andern Zweck benutzen wollte.«
Sie wendete sich zu ihrem Begleiter und redete eindringlich in spanischer Sprache zu ihm. Er schien anfangs Etwas zu verweigern, endlich sich den Gründen, die sie angab, zu fügen.
Dann wandte sie sich wieder zu Meißner. »Sind Sie bekannt in Paris? Haben Sie Bekanntschaft auf der Polizei oder mit einflußreichen Personen?«
»Ich bin erst seit Kurzem hier und sehr unbekannt!«
»Dann, Papa Achmet, mußt Du gehen, Du siehst es ein und darfst keinen Augenblick verlieren. Dieser Herr wird mich zu meiner Loge begleiten und Du holst mich ab.«
Der Mohrendoktor zögerte noch, aber ein dringender, fast herrischer Wink der Dame entschied. Er entfernte sich eilig, um ihrem Verlangen gemäß Erkundigungen über die Haft des jungen Preußen einzuziehen.
Rudolph Meißner geleitete die schöne Fremde, dann beurlaubte er sich, um in das Hôtel d'Orient zu gehen und Frau von Röbel von dem unangenehmen Vorfall in Kenntniß zu setzen.


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Der fünfte Akt der Tragödie hatte begonnen, als die Logenschließerin die Loge der Sennora öffnete und ihr ein flüchtig zusammen gefaltetes Billet überreichte.
Die Kunstreiterin war allein, ihre Unruhe, ihre Besorgniß hatten ihr nicht erlaubt, das fade Geschwätz und die Schmeicheleien jener Gesellschafter länger anzuhören, die sich berechtigt glauben, jede Künstlerin umdrängen zu dürfen, und sie hatte diesen Schwarm entfernt, darunter den Fürsten Trubetzkoi. Für das Schauspiel oder die kaiserliche Loge, heute der Brennpunkt alles Interesses und aller Operngläser, hatte sie nicht die geringste Aufmerksamkeit, diese war vielmehr fortwährend der Thür ihrer eigenen Loge zugewendet geblieben, durch die sie jeden Augenblick ihren väterlichen Freund oder den Landsmann ihres Lebensretters eintreten zu sehen hoffte.
Sie griff daher hastig nach dem überbrachten Billet, denn sie vermuthete mit Recht, daß es zu dem Gegenstand ihrer Besorgniß in Bezug stehe. Es war in französischer Sprache mit Bleistift von einer ihr unbekannten Männerhand geschrieben und lautete:
Die Kunstreiterin, bei der raschen Entschlossenheit ihrer Sinnesart und der gewohnten Selbstständigkeit ihres Handelns, zögerte keinen Augenblick. Sie zog ihren Shawl um sich und verließ die Loge.
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Indem sie an der Thür derselben noch einen Blick auf den Saal warf, sah sie an der allgemeinen Bewegung, daß soeben das kaiserliche Paar sich zurückgezogen haben mußte. In dem Interesse dafür blieb natürlich auch das Verschwinden der Kunstreiterin in dem Orchester, dem Sammelpunkt der Lions, unbemerkt.
Die Sennora traf vor der Thür der Loge einen Mann in Civil.
»Sind Sie der Herr, der mir dies Billet überbracht hat?«
»Ja Madame!« Der Fremde öffnete seinen Paletôt, die Kunstreiterin sah, daß er darunter die Uniform eines Polizeibeamten trug.
»Woher kommt der Brief? was ist geschehen? was kann ich thun?« fragte sie hastig.
»Madame,« sagte der Beamte höflich aber bestimmt, »ich bin nur beauftragt, Ihnen diese Zeilen zu überreichen und Sie an den Ort zu geleiten, wo Sie den Schreiber derselben finden werden, von dem ich nur weiß, daß er ein Fremder ist. Mein Dienst verlangt meine schleunige Rückkehr, ich muß Sie also bitten, sich zu entschließen, ob Sie mich begleiten wollen oder nicht.«
Die Kunstreiterin zögerte nur einen Augenblick, dann war sie entschlossen.
»Meinen Mantel, Madame!«
Die Schließerin selbst half ihr denselben umlegen. Dann bot der Beamte ihr den Arm, sie nach dem Ausgang der Oper zu führen.
Das Gedränge an der Thür war groß - das kaiserliche
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Paar hatte soeben das Haus verlassen, die Straßen waren dicht gedrängt voll Menschen und fast tageshell, denn mit Ausnahme der Häuser an der Unglücksstätte selbst strahlten alle Fenster in hellem Kerzenschein; ganz Paris war illuminirt; wo die kaiserliche Equipage vorüber kam, donnerte der Jubelruf der Menschenmassen, denn das feige Attentat, welches das Leben so vieler Unschuldiger gefährdet und vernichtet hatte, rief selbst bei Denen, welche keine Freunde des bonapartistischen Regiments waren, Entrüstung und Verdammung hervor.
Als der Beamte mit der Sennora im Ausgang der Oper erschien, gab er einem dort harrenden wie ein Sergeant de Ville gekleideten Mann einen Wink und dieser rief sofort einen Wagen zum Vorfahren.
Erst als die Kunstreiterin eingestiegen war und der Wagen eilig durch die Nebenstraßen hinrollte - wie ihr Führer ihr sagte, um das Gedränge auf den Boulevards zu vermeiden, - bemerkte sie, daß es eines jener geschlossenen Coupé's zu zwei Personen war, die in Paris fast in allen Straßen in besonderen offenen Remisen bei Tag und Nacht zum Dienst bereit stehen.
Die Vorhänge der Fenster waren geschlossen und als die Sennora einen derselben nach einiger Zeit zurückschob, bemerkte sie, daß sie eben über die Pontneuf fuhren und sich in das Straßengewirr des Marai's wendeten.
Wiederholt hatte sie ihren Begleiter gefragt, wohin er sie führen wolle und wie sie dem Verhafteten helfen könne; - der Beamte erklärte ihr, daß er nur im Auftrage eines Vorgesetzten handle, ohne Näheres zu wissen,
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und vermehrte dadurch ihre Besorgniß und zu gleicher Zeit ihre Entschlossenheit, dem Gefährdeten zu Hilfe zu kommen. Endlich bog der Wagen in einer ziemlich engen Straße in ein offenstehendes Thor ein und fuhr über das Pflaster eines Hofes.
Man schien ihre Ankunft erwartet zu haben, denn die Sennora hörte, wie sich gleich hinter ihnen das Thor schloß.
Nach einigen Augenblicken hielt der Wagen dicht vor einem großen dunklen Hause, der Beamte öffnete den Schlag und half der Dame aussteigen.
Sie befanden sich vor einer offenen Thür - Alles umher war dunkel, nur eine düster brennende Lampe erhellte matt einen langen Corridor.
»Kommen Sie Madame!«
Die Tänzerin schauderte - es war Alles so kalt, so öde, eine unerklärliche Angst legte sich plötzlich wie ein drückender Alp auf ihr muthiges Herz.
»Wo sind wir? wohin führen Sie mich?«
»Kommen Sie nur - wir sind zur Stelle, man erwartet Sie!«
Sie waren eine Strecke in dem Corridor hin gegangen, dann öffnete er eine Thür.
»Treten Sie ein Madame - ich werde sogleich die Personen von ihrer Ankunft benachrichtigen.«
Die Kunstreiterin trat ein - sie war so aufgeregt, daß sie nicht bemerkte, wie hinter ihr die Thür sich schloß.
Das Zimmer war gewölbt, eben so düster wie der
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Corridor von einer Ampel erleuchtet und in der Mitte durch ein eisernes Gitter getheilt.
Die Thür dieses Gitters stand offen.
Die Sennora Rositta hatte mit einem Blick alle diese Einzelnheiten überflogen, das spärliche Meublement, das nur in einem Betpult und einigen Holzschemmeln bestand, - das Gitter, - alles dies schien ihr so bekannt, so klösterlich einfach - eine entsetzliche Ahnung überkam sie, sie drehte sich rasch um und wollte die Thür, durch die sie eingetreten war, wieder öffnen.
Es war vergeblich - die Thür war verschlossen.
»Warum wollen Sie sich entfernen, liebe Tochter?« fragte aus dem Hintergrund des Zimmers eine weibliche Stimme. »Treten Sie näher, wir haben viel mit einander zu reden und es wird gut sein, wenn Sie sich geduldig fügen! Danken Sie der heiligen Jungfrau, die Ihnen das Mittel gewährt, Ihr sündiges und schlimmes Leben abzulegen und Buße zu thun!«
Die Kunstreiterin starrte betroffen, verletzt auf die Erscheinung, die sich aus dem dunklen Hintergrund des Zimmers erhob, wo sie dieselbe bisher nicht bemerkt hatte.
Es war eine große hagere Frau, mit strengen finstern Zügen, in die einfache weiße Tracht der Camaldulenserinnen, jenes ascetischen Ordens gekleidet, der in neuerer Zeit in vielen Orten unter anderen Namen wieder aufgetaucht ist und sich durch seine Strenge und seine Ränke bereits eben so gefürchtet, als verhaßt gemacht hat.
Das goldne Kreuz auf der Brust zeigte der Kunstreiterin, die ihre Jugenderziehung in einem Kloster erhalten
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hatte, daß die Frau die Oberin war - und im raschen Gedankengang wurde ihr die Ueberzeugung, daß sie sich in einem Kloster oder einer jener klösterlichen Anstalten befinde, deren in Paris viele bestehen und sich meist der innern Aufsicht des Staates gänzlich zu entziehen wissen.
»Mein sündiges und schlimmes Leben? was wollen Sie damit sagen? Wo ist Monsieur de Reuble, zu dem man mich führen wollte?«
»Was haben wir in diesen heiligen Mauern mit fremden Ketzern und Rebellen zu schaffen! Ich sehe, man hat mich recht berichtet, es war die höchste Zeit, Sie auf Ihrem Wege zum leiblichen und ewigen Verderben aufzuhalten. Aber ich werde den mir gewordenen Auftrag mit aller Strenge meines heiligen Amtes erfüllen und es wird gut sein, wenn Sie sich sofort fügen und allen Gedanken an die sündigen Eitelkeiten der Welt und Ihren liederlichen Lebenswandel entsagen.«
»Madame Sie sind unverschämt! es scheint überhaupt hier ein Irrthum obzuwalten und ich ersuche Sie, diese Thür öffnen zu lassen, damit ich mich entfernen kann!«
»Verblendete - die Heiligen mögen Erbarmen haben mit Deiner Verstocktheit! Bist Du nicht die Person, die sich Rositta nennt und mit Springern und Gauklern ihr Wesen treibt?«
»In der That Madame - mein Name ist Rositta! Man hat mich aus der großen Oper zu einem ganz andern Zweck hierher geführt und ich bestehe darauf.«
»Aus dem Pfuhl der Sünde hat man Dich zur heiligen Buße geholt! Die, welche Macht haben über Dich,
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haben Dich unserer armen Anstalt überwiesen, damit Du gebessert werdest und durch Reue einst vielleicht gewürdigt werden kannst, selbst unter die Gemeinschaft eintreten zu dürfen.«
Die Sennora wurde todtenbleich und ihre Hand zuckte nach dem Herzen, gleich als hätte sie einen Stich empfangen. Im nächsten Augenblick aber hatte sie ihre volle Entschlossenheit wieder gefunden und trat mit blitzendem Auge einen Schritt auf die Klosterfrau zu.
»Also ein nichtswürdiger Verrath, der hinterlistige Versuch zu einer Beraubung meiner Freiheit? Hüten Sie sich Madame, daß ich nicht die Gesetze dieses Landes gegen Ihr Thun in Anspruch nehme!«
»Ich werde verantworten, was ich thue,« sagte die Oberin kalt. »Sie sind minorenn und der Beschluß Ihrer Familie hat Sie mir übergeben mit unbeschränkter Vollmacht!«
»Meiner Familie? ich kenne keine und will keine kennen. Ich bin frei und selbstständig! Zum letzten Mal - wollen Sie mir sofort die Thür öffnen lassen, oder soll ich mir einen Ausgang erzwingen?«
Die Oberin klatschte zwei Mal in die Hände.
Sogleich öffnete sich eine Seitenthür und zwei große kräftige Frauenzimmer mit harten männlichen Gesichtszügen traten ein.
»Führen Sie diese Person in ihre Zelle,« sagte die Nonne kalt - »nehmen Sie ihr diesen eitlen Putz, der ein Abscheu ist für ehrbare Augen und legen Sie ihr Rock und Kaputze der Büßerinnen an. Wenn sie nicht
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folgen will, so brauchen Sie Gewalt und binden sie. - Wenn Sie demüthig geworden sind, wie sich ziemt, werden Sie mich wieder sehen. Einstweilen nehmen Sie dies!«
Sie reichte der Entsetzten ein Papier und verschwand durch das Gitter.
Rositta starrte angstvoll auf das Blatt in ihrer Hand. Es enthielt nur zwei Zeilen, aber als sie dieselben gelesen hatte, ließ sie es fallen und schaute wild um sich.
Die Worte lauteten:
Ein Namen stand darunter - sie kannte ihn nur zu gut!
»Vatermörder! schändlicher Vatermörder! - willst Du auch mich opfern! Aber nimmermehr soll es Dir gelingen - ich kenne die Schlange, die ihr Gift gegen mich wendet! Aber Gott sei Dank, ich habe eine Beschützerin, an die Eure Bosheit nicht hinan langt und die heilige Jungfrau hat sie beschirmt vor Mörderhand, wie mich deren Gnade gerettet hat durch den theuren Freund!«
Sie wandte sich nochmals zur Thür - die beiden Weiber vertraten ihr den Weg.
»Na machen Sie keine Dummheiten,« sagte die eine von robuster voller Gestalt mit gemeinem Gesicht. »Hier geht's nicht heraus, sondern da! Sie haben gehört, was die hochwürdigste Frau befohlen hat, also fix!«
»Seelig sind die Reumüthigen,« setzte mit einem näselnden Ton die zweite hagere Person von noch
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abschreckenderer Häßlichkeit hinzu - »die lieben Heiligen haben Wohlgefallen an dem Lamm, das zur Heerde zurückkehrt. Thue ab die schnöden Flitterblumen aus Deinem Haar; die Palmen, mit denen die himmlischen Jungfrauen uns schmücken, sind kostbarer als Perlen und Edelsteine!«
Ihre lange knochige Hand streckte sich nach der dunklen mit einem blitzenden Diamant im Kelch geschmückten Rose, welche die Reiterin im Haar trug - die Sennora bebte zurück.
»Rührt mich nicht an, Ihr Elenden - laßt mich los!«
»Ach was - zugefaßt Schwester Benedikte! Wenn Du nicht hören willst, sollst Du fühlen!«
Die Megäre stürzte sich auf das entsetzte Mädchen, deren Hilferuf vergeblich an den dicken Mauern sich brach. Die magere Hexe hielt sie wie eine Spinne mit ihren Armen umschlungen, während die Andere das seidene Kleid ihr vom Leibe riß.
Ein entsetzliches widriges Ringen erfolgte, dann verstummte der Hilferuf zu einem leisen Stöhnen, als wenn mit einem Knebel der Schrei unterdrückt wird.


Wir haben bereits erwähnt, daß bei der Rückkehr des Kaisers nach den Tuilerien alle Straßen auf das Glänzendste erleuchtet waren. Eine ungeheure Volksmenge wogte auf den Boulevards, durch die Straße Richelieu und Vie Rue St. Honoré - überall hörte man den Ruf: »Vive l'Empereur! Vive l'Impératrice! - à bas les meurtries! à bas les republicains!«
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Aus dem Boulevard du Poissonnière bog ein Mann tief in den Mantel gehüllt mit raschen Schritten in die Rue du Faubourg Montmartre, als eine Hand ihn am Mantel faßte und ihn in die Gasse der Cité Bergère zog.
Der Fremde, der diese Vorsicht gebraucht, war eine hohe stattliche Gestalt. Als sie an der Ecke der Rotonde standen, ließ er zuerst den Mantel fallen. Es war der Unbekannte, der am Abend vorher im Cirque Déjean den Kapitain Laforgne angesprochen und zu der geheimnißvollen Unterredung eingeladen hatte.
Der Mann, den er anhielt, war Kapitain Laforgne selbst. In der Miene der beiden Partisanen war Verdruß und Zweifel zu lesen.
»Unvorsichtiger,« sagte der Fremde zu dem jungen Offizier - »wie können Sie es wagen, in diesem Augenblick über den Boulevard zu gehen.«
»Caraï!« entgegnete der Kapitain wild, »ich scheere mich den Teufel um die Spione, wo Alles verloren ist! Hol' Sie der Henker!, hätte ich gewußt, daß ich einem gemeinen Meuchelmord zur Folie dienen sollte, ich hätte Paris seit 24 Stunden im Rücken. Schämen Sie sich Herr!«
Der Fremde richtete sich hoch und stolz auf. »Was fällt Ihnen ein, Herr Kapitain?«
»Pardioux! Man hat mich hierher kommandirt, um einen Kampf auf den Barrikaden gegen die Tyrannei zu leiten, aber statt des offenen Angriffs bedienen Sie sich des Meuchelmords! Ich erkläre Ihnen, wie ich vor einer Viertelstunde Signor Mazzini rund heraus gesagt habe,
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daß ich damit Nichts zu thun haben will und sofort Paris verlassen werde.«
»Kapitain Laforgne, ich ehre und achte Ihre Gesinnung« sagte der Unbekannte stolz. »Kennen Sie mich?«
»Nein! Sie haben mir das Loosungswort gesagt, das Andere ist nicht meine Sache!«
»Nun wohl, ich schwöre Ihnen auf meine Ehre als Soldat, daß man mich so gut, wie Sie getäuscht hat. Man hat eine Revolution veranlassen wollen, indem man uns sorgfältig verheimlichte, durch welche verächtlichen Mittel man sie zu Stande bringen wollte. Sie sind ein Ehrenmann, es wird nur der Nennung meines Namens bedürfen, um Sie zu überzeugen, daß weder ich noch meine Partei Etwas mit dem Mordanschlag zu thun haben!«
Er bog sich zu ihm nieder und flüsterte ihm einen Namen in's Ohr.
Der Abenteurer fuhr betroffen zurück. Wie eifrig er auch geholfen hatte, Throne zu stürzen, er hatte doch Herz genug, ein erhabenes Unglück zu ehren.
»Wie - der Tapfere von Constantine? - Euer Königliche Hoheit ...«
»Still, still Kapitain, wenn Sie uns nicht beide nach Vincennes oder Ham bringen wollen. Es genügt, daß Sie nicht mehr glauben werden, ich hätte bei dieser Abscheulichkeit die Hand im Spiel. Ich sehe, daß unsere Partei gemißbraucht worden ist und nur dazu hat dienen sollen, die Verwirrung zu vermehren und die Kastanien für die Rothen aus dem Feuer zu holen. Ich fange an zu glauben, daß der gegenwärtige Beherrscher von Frankreich eben
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so viele Verräther um sich hat, als die Orleans und vor ihnen die Bourbonen hatten. Leben Sie wohl Herr Kapitain und nehmen Sie den Rath an, Paris so bald als möglich zu verlassen. Vielleicht treffen wir uns einst auf einem besseren Schlachtfeld und es soll mich freuen, selbst den Gegner dann begrüßen zu können.«
Er reichte dem Partisan der Revolution die Hand und verschwand in der nächsten Straßenbiegung.
Kapitain Laforgne setzte eilig seinen Weg fort. Er fühlte, daß es galt, Paris so rasch als möglich zu verlassen, und es kam jetzt nur darauf an, daß es ihm glückte, seine Frau ohne Verdacht zu erregen zu benachrichtigen und sie über ihr Verhalten zu instruiren.
In der Rue de Provence war ein Laden, auf dessen Inhaber er sich, wie er wußte, verlassen konnte.
Hier schrieb er ein kurzes Billet und ließ es durch den Vertrauten seiner Frau, auf deren unbedingten Gehorsam er sich verlassen konnte, bringen. Der Brief wurde richtig übergeben; er enthielt die Anweisung, sofort am andern Tage nach der Schweiz abzureisen und ihn entweder an einer bestimmten Station diesseits der Gränze oder in Neuchâtel zu erwarten.
Es versteht sich, daß die kleine von Angst und Besorgniß um den geliebten Gatten verzehrte Frau nichts Eiligeres zu thun hatte, als buchstäblich den Anweisungen ihres Mannes zu folgen.


Es war am nächsten Vormittag gegen 10 Uhr. Die Familie Röbel war in der größten Besorgniß. Otto von
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Röbel war während der Nacht und auch am nächsten Morgen nicht zurückgekehrt.
Rudolph Meißner hatte sich am Abend vorher bald nach 11 Uhr in dem Hôtel eingefunden und unter Uebersendung seiner Karte Frau von Röbel um eine kurze Unterredung bitten lassen.
Im ersten Augenblick, da ihr Sohn und Tochter die Anwesenheit des früheren Freundes, den sie fast als einen ihrer eigenen Söhne zu betrachten gewohnt gewesen war, noch verschwiegen und sie ihn in der That unter der Menschenmasse des Circus nicht bemerkt hatte, war ihr bei der Trennung der beiden Liebenden der Besuch befremdend und peinlich. Die Nachricht von dem schrecklichen Ereigniß vor der Oper war aber bereits auch zu ihr gelangt, und die beiden Frauen hatten sich um so mehr geängstigt, als sie wußten, daß Otto die Oper hatte besuchen wollen; die Mutterangst führte sogleich die Edelfrau dem Informator entgegen, indem sie sich nur Zeit nahm, der Tochter die Karte zuzuwerfen.
Die Peinlichkeit der ersten Augenblicke des Wiedersehens wurde durch die Umstände gemildert.
»Um Gotteswillen - Rudolph - Herr Meißner, Sie hier? Um diese Stunde - das bedeutet ein Unglück! Otto - er war in der Oper! der schreckliche Mord ...«
Sie konnte nicht weiter, die Mutterangst versagte ihr die Sprache.
»Beruhigen Sie sich vor Allem gnädige Frau,« sagte der Bote, ihre Hand nehmend und sie zum Sopha geleitend, auf dem mit pochendem Herzen und fliegend
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wechselnder Farbe die Geliebte seiner Jugend mit der, so eben durch den Empfang des Billets ihrer größten Sorge um den Gatten entledigten und ihre sofortige Abreise eben verhandelnden Freundin sah. »Otto lebt und ist unverletzt, er selbst sendet mich mit dieser Botschaft zu Ihnen.«
»Aber warum kommt er nicht selbst, er kann sich doch denken, welche Angst uns verzehren muß!«
»Ein unangenehmer Zufall verhindert ihn daran. Es sind von dem übertriebenen Eifer der Polizei eine Menge Personen verhaftet worden, die zufällige Zeugen des traurigen Ereignisses gewesen sind; und durch irgend ein Mißverständniß befindet sich Herr von Röbel darunter!«
»Heiliger Gott!« rief die Mutter - »Sie verschweigen mir die Wahrheit, - Otto ist todt - ermordet, wie die Andern!«
»Auf meine Ehre! so wahr ich Sie, meine gütige Beschützerin und Jene dort« - er wandte zum ersten Mal das ernste trauernde Auge auf Rosamunde, - »nie aufgehört habe, in treuem Herzen zu verehren und zu lieben über Zeit und Raum, Otto ist unverletzt und es ist so wie ich Ihnen sage. Ich würde es nicht gewagt haben, Sie zu täuschen.«
Und dennoch täuschte er sie, oder er verschwieg wenigstens die drohende Gefahr des nächsten Morgens.
Auf seine ernste Versicherung beruhigte sich Frau von Röbel. Wenn auch die Verhaftung ein unangenehmer Vorfall war, so wußte sie doch, daß sie nur wenige Stunden dauern konnte und das Mißverständniß, das sie annahm, sich am andern Morgen lösen mußte. Ihre
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nächste Sorge war jetzt die Tochter und der Eindruck, den das unerwartete Wiedersehen des Geliebten, welchen die Strenge des Vaters von ihr getrennt hatte, auf diese machen mußte.
»Verzeihen Sie unserer Angst, Herr Meißner« sagte sie freundlich, »wenn bei diesem plötzlichen Wiederfinden nach so langer Zeit unsere ersten Gefühle dem Sohn und Bruder gehörten, und wir Sie nicht willkommen geheißen und das Interesse für Sie selbst gezeigt haben, das ein so alter Freund unserer Familie, dem wir selbst viel schulden - unsere Rettung damals in Frankfurt! - verdient. Reichen Sie Rosamunden Ihre Hand und begrüßen Sie das arme Kind als die Schwester Ihrer Jugend.«
Der Informator nahm die Hand der Geliebten und küßte sie schweigend. Der leise Druck, den er empfand, sagte ihm mehr als Worte es hätten thun können, daß die Gefühle ihres Herzens so unverändert geblieben waren, wie die seinen.
Die Frauen wollten nunmehr das Nähere wissen, sowohl über das blutige Ereigniß in der Straße Lepelletier, als über die Verhaftung des jungen Edelmanns. Meißner erzählte mit Vorsicht, aber die Fragen, die gethan wurden, seine eigenen Wahrnehmungen am Abend vorher, die Worte des verhaftenden Beamten und die ängstlichen Aeußerungen der jungen Frau führten ihn bald auf die richtige Spur, daß der Begleiter seines jungen Freundes am Abend vorher, wenn auch nicht in dem Mordanschlag verwickelt, so doch Theilnehmer an einer politischen Intrigue war und der Umgang mit diesem die Gelegenheit zur Verhaftung Otto's von Röbel gegeben hatte. Unter
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diesen Umständen hielt er es für das Beste, in dieser Beziehung die volle Wahrheit zu sagen.
Dies steigerte wieder die Besorgniß der Frauen und sie fühlten, daß sie am Besten thäten, dem so unerwartet gefundenen Freunde volles Vertrauen zu schenken. Frau von Röbel hatte zwar gewußt, daß der Kapitain der politischen Partei angehörte, welche der ihres Gatten und Sohnes gegenüberstand, aber sie bekümmerte sich absichtlich zu wenig um Politik, sah in dem Offizier nur den bewährten Freund ihres Sohnes und die beiden Freunde selbst hüteten sich zu sehr, in Gegenwart der Frauen politische Fragen zu verhandeln, - als daß sie von den wirklichen Zwecken des Aufenthaltes des Kapitains in Paris eine Ahnung gehabt hätte. Eben so wenig wußte die eigene Frau davon. Die Angst, die Verwirrung bei Allen war groß, als ihnen der Secretair der Fürstin in seiner ruhigen klaren Weise bewies, daß der Kapitain offenbar stark compromittirt sei, und wahrscheinlich bereits die Flucht ergriffen habe, jedenfalls das Beste für Alle.
Es wurde auf seinen Rath beschlossen, daß die junge Frau nicht mehr nach ihrer Wohnung zurückkehren, sondern aus dem Hôtel d'Orient sogleich am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Straßburg abreisen sollte. Das Fräulein von Röbel konnte sie mit der nöthigen Wäsche und Kleidern versehen, an Geld fehlte es ihr nicht, da der Kapitain, offenbar aus Vorsorge für einen solchen Fall, seine bedeutende Baarschaft in Banknoten, 30,000 Franken, bei der Edeldame niedergelegt hatte. Die Haft Otto's von Röbel konnte unter den obwaltenden Umständen
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von den Seinen fast für einen Glücksfall angesehen werden, da er dadurch verhindert wurde, sich mit der Sorge um den gefährdeten Freund zu compromittiren, die er gewiß in jeder Weise zu bethätigen für seine Pflicht gehalten haben würde.
Die Mittheilung, daß der Doktor Achmet, der Geleiter und Beschützer der Kunstreiterin, es übernommen hatte, ihrem Sohn zu folgen und für seine baldige Befreiung zu sorgen, beruhigte Frau von Röbel am meisten; denn der maurische Arzt hatte durch sein würdiges verständiges Wesen bei dem Besuch am Morgen sich ihr besonderes Vertrauen erworben. Die Edeldame erklärte, im Fall ihr Sohn nicht im Laufe des nächsten Vormittags in Freiheit gesetzt sei, sich an Graf Hatzfeldt, den Preußischen Gesandten wenden und seinen Schutz in Anspruch nehmen zu wollen.
Es war Mitternacht vorüber, als der Informator die Frauen verließ, denen er kurz die Verhältnisse seiner Stellung und die Persönlichkeiten, unter denen er lebte, geschildert hatte. Er trug einen tiefen Schmerz im ehrlichen Herzen mit sich hinweg. Das Wiedersehen des blassen leidenden Mädchens, dem seine erste und ganze Liebe gehört hatte und noch gehörte, das er unter dem Druck unglücklicher Verhältnisse, die er selbst nicht einmal abschütteln und verurtheilen konnte, in treuer Gegenliebe zu ihm dahin welken fand, hatte alle Wunden der Seele wieder aufgerissen. Er begann zu fühlen, wie wenig das trotzige Festhalten an jenen politischen Utopien der demokratischen Freiheit, das ihn hinausgetrieben aus dem Vaterhaus in
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die Welt, ihn entschädigen konnte für zerstörtes Lebensglück! Tief und innig fühlte er die Milde und Freundlichkeit, mit der die edle, stille nur ihrer Familie und dem engen Kreis ihrer Pflichten lebende Edelfrau ihm entgegen gekommen - er verglich unbewußt ihre mütterliche Sorge, ihr zartes Walten und klares Empfinden für Recht und Unrecht mit der innern Zerrissenheit, dem Unglück und dem ewigen Kampfe der weit höher begabten Dame, der er diente, - und er fühlte recht tief, wie groß der Unterschied war und auf wessen Seite sich die Wagschaale neigte. Und dieses Wohlwollen, diese alte Liebe und Treue, die er so oft schon und so schmerzlich hatte verletzen müssen, sollte er vielleicht in wenig Stunden bereits einer neuen harten Prüfung unterwerfen; - denn, wenn in dem bevorstehenden Duell den jungen Freund ein Unglück treffen sollte, würden ihm nicht Mutter und Schwester die Verheimlichung der Gefahr, die Unterstützung des Beginnens mit Recht zuschreiben?
Mit sich selbst uneins setzte er jetzt selbst seine Hoffnung für eine Verhinderung des Duells auf den Zwischenfall der Verhaftung und sann über ein Mittel, vielleicht für alle Theile eine Hilfe zu finden.
Als er das Hôtel der Fürstin erreichte, hatte er seinen Entschluß gefaßt.
Tunsa - oder Feodora, wie sie selbst jetzt nur genannt sein wollte - war aufgeblieben, ihn zu erwarten. Die Nachricht von den Schreckensscenen hatte sie in die wildeste Besorgniß um ihn verseht, und als er jetzt kalt
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und frostig ihr diese Sorge kaum dankte und hastig nach seinem Zimmer ging, brach sie in leidenschaftliche Schmähungen aus, nannte ihn einen Undankbaren und geberdete sich wie ein verzogenes Kind, bis sie sich spät in Schlaf weinte.
Rudolph Meißner zog es vor, sich nicht erst niederzulegen, da er schon vor sieben Uhr im Hôtel der Rue Saint Georges sein mußte, um die kleine Kapitainsfrau zum Bahnhof zu geleiten. Er brachte die Stunden der Nacht damit zu, mehrere Briefe zu schreiben und zu adressiren.
Um 6 Uhr verließ er das Hôtel.


Rosamunde hatte mit dem Geliebten die Freundin zu dem unfernen Bahnhof begleitet, die gütige Mutter hatte es selbst so angeordnet. Die Abreise erfolgte ohne Hinderniß, aber schon wenige Stunden darauf eilte der Telegraph der ungefährlichen Reisenden voraus nach Straßburg und veranlaßte dort bei der Ankunft ihre Verhaftung. Die Zeitungen meldeten damals, daß eine Frau daselbst in Folge des Attentats von der Polizei festgenommen und im Besitz von 30,000 Franken gefunden worden sei. Wir können hier gleich hinzufügen, daß - da Kapitain Laforgne bereits über Besançon die schweizer Grenze glücklich erreicht hatte und der armen jungen Frau nichts weiter zur Last gelegt werden konnte, als daß sie die Gattin eines der revolutionairen Agenten war, - sie nach kurzer
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Haft entlassen wurde und mit dem Gatten in Bern zusammentraf.
Als das so lange getrennt gewesene Paar, Rudolph Meißner und Rosamunde von Röbel, allein in dem Wagen zu dem kleinen Hôtel zurückkehrte, fand anfangs keines von Beiden ein Wort, nur ihre Hände ruhten in einander.
Endlich ermannte sich der Informator. »Es ist wahrscheinlich das letzte Mal, Rosamunde, meine Geliebte - nach dem Wort Ihrer edlen Mutter, meine Schwester, - daß wir uns allein sprechen. Ich glaube, daß Ihrer Familie das Verweilen in Paris durch die Vorgänge verleidet sein wird und daß Sie bald nach unserer theuren Heimath zurückkehren werden. Unsere Wege begegnen sich vielleicht nie wieder im Leben; so lassen Sie uns denn, wenn Gott es will, scheiden für dieses mit der Gewißheit, daß unsere Herzen unverändert geblieben sind. Ich habe manchen Irrthum abgethan Rosamunde, manche bittere Lehre aus dem Leben erhalten, und wenn ich auch kein Abtrünniger von jenen Gefühlen und Träumen meiner Jugend sein kann, so habe ich doch begriffen, daß sie der Wirklichkeit gegenüber eben nur Träume sind, die uns als Ideal vorschweben dürfen, um geistig nach dieser Freiheit zu streben, während ihr Beiwerk so voll Blut und Schmutz ist, so voll Egoismus und Verbrechen, daß selbst das Princip davon beschmutzt wird!«
»Armer Freund!«
»Wenn jene Lehrer der Jugend - ich möchte lieber sagen, jene Verführer der Jugend wüßten, welches heillose Samenkorn sie mit Lehre und Beispiel oft in die empfänglichen
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Herzen werfen, indem sie mit den glänzenden Theorien und Idealen nicht auch zugleich die Schranken der bürgerlichen Gesellschaft, die Festhaltung des Geheiligten und Reellen lehren, und jene so für das wirkliche Leben tüchtig machen, statt sie Phantomen nachjagen zu lassen - sie würden behutsamer sein und nicht muthwillig die heiligen Bande sprengen helfen, die an Zucht und Ordnung, an Treue und Liebe fesseln sollen. Unsägliches Elend hat dieses Ueberstürzen der Freiheit gebracht, die allein die fortschreitende Zeit giebt, nicht der mißgeleitete Enthusiasmus eines Studenten, die Theorie des Katheders oder der Ehrgeiz des Deputirten! - Doch was langweile ich Sie mit all' den Klagen, die dem Munde nur überströmen, weil die Brust sie so lange verschließen mußte. Auch zwischen uns hat der politische Zwist seine Scheidewände gebaut - aber Sie wenigstens Rosamunde, dürfen nicht untergehen daran. Nehmen Sie das Wort zurück, das Sie mir verpfändeten, damals, als ich im Park Ihres Gutes Ihnen meine Liebe zu gestehen wagte, und wiederum an jenem blutigen Tage im Garten der Villa Bethmann zu Frankfurt, als ich die Freundeshand von mir stoßen mußte, die ihr Vater mir bot für den Abfall von meiner Ueberzeugung. Nehmen Sie es zurück, verschönern Sie die letzten Lebenstage Ihres würdigen Vaters durch den Gehorsam der einzigen Tochter und werden Sie eine liebende Gattin und die Mutter eines blühenden Geschlechts, das einen bessern Mann seinen Vater nennt, als den unglücklichen Freund Ihrer Jugend.«
»Niemals! niemals! Rudolph, ich bin eine gehorsame
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Tochter - ich habe Dir entsagt! Mehr verlangt selbst der starre Wille meines Vaters nicht, und Gott hat Mitleid mit einem gebrochenen Herzen. Hier« sie legte die Hand auf die Brust, »ich fühle es tief, wird bald Alles ruhig und friedlich sein - nur in einer andern Weise!«
Ihr Haupt war an seine Brust gelehnt, seine Lippe trank den Duft ihres schönen blonden Haars.
»Rosamunde!«
»Meine Kraft ist zu Ende,« sagte sie leise schluchzend - »ich fühle es, daß es für mich nur ein Glück giebt: das Grab! dann Rudolph, bist Du frei, der kräftige starke Mann, nicht gebunden mehr durch Deine Liebe zu einem thörichten verkümmerten Mädchen, und kannst nach dem stolzesten Ziel streben und es erreichen. Nur Eines bitte ich Dich, halte mein Gedächtniß werth und bleibe der treue Freund des Bruders Derer, für die das Grab nur der Gränzstein des Lebens, aber nicht ihrer Liebe ist!«
»Unglückliche - Du weißt nicht, was Du sprichst. Nicht Du darfst das Opfer sein, - dies Recht ist mein und ich denke Dir meine Liebe in Deinem Bruder zu beweisen. - Treue denn Rosamunde, Treue uns Beiden bis über das Grab hinaus!«
Der Wagen hielt - er öffnete den Schlag und hob das bleiche Mädchen heraus, das über die thränenfeuchten Augen den Schleier herabgezogen hatte.
Oben in der Wohnung der Edelfrau hörte er, daß noch keine Nachricht von Otto eingegangen. Die besorgte Mutter bat ihn, nach der Polizei-Präfectur zu gehen und
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dort Nachfrage zu halten, denn Madame Mäher, die Dame des Hauses war bereits gegen die Gewohnheit der Pariserinnen, die vor 11 Uhr selten sichtbar werden, herauf gekommen und hatte hundert Gerüchte erzählt, die aus dem Barbierladen geradeüber von der Entdeckung einer großen Verschwörung und der Verhaftung mehrer tausend Mörder und Attentäter herüber gekommen waren.
Der Informator versprach, was man von ihm verlangte, und so bald als möglich wieder zu kommen. Dann nahm er Abschied von den beiden Frauen und nur der eigenen Sorge der Mutter und dem aufgeregten Gefühl des Mädchens konnte es entgehen, daß dieser Abschied von seiner Seite ein bewegterer war, als die kurze Frist des Scheidens rechtfertigte.
Rudolph Meißner ging, als er das Hôtel d'Orient verlassen, nach dem Fiakrestand in der Rue de Provence und winkte dem nächsten Kutscher.
Er sah nach der Uhr - es war Acht.
»Rue St. Dominique,« befahl er - »Hôtel Massaignac!«
Unterwegs, bei Devisme, hielt er an und kaufte ein Paar einfache, aber gute Pistolen.


Es war 12 Uhr, die beiden Frauen hatten noch Nichts von dem Sohn und Bruder gehört; auch der Freund, auf dessen Nachricht sie mit Bestimmtheit gerechnet, war seltsamer Weise nicht wiedergekehrt.
Dagegen hatte ein anderes Ereigniß, eine andere
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Kunde ihre Besorgniß vermehrt. Doktor Achmet, der Begleiter der Kunstreiterin Rositta, war schon zwei Mal im Hôtel gewesen, in der größten Angst und Aufregung, um nachzufragen, ob sie Nichts von der Dame wüßten.
Die Kunstreiterin war seit dem Abend vorher spurlos verschwunden.
So sehr sie auch die näher liegende Besorgniß in Anspruch nahm, und so flüchtig ihre Bekanntschaft mit dem fremden Mädchen auch war, konnten sie doch dem Schmerz, der Angst des älteren Mannes ihre innige Theilnahme nicht versagen und diese mußte sich um so mehr steigern, als sie von ihm hörten, daß die seltsame spurlose Entfernung der Sennora in Zusammenhang mit der Verhaftung des jungen Edelmanns stand, daß durch sie wenigstens der Doktor veranlaßt worden war, seinen Schützling zu verlassen.
Es war ihm auf der Polizei-Präfectur trotz der dort wegen des Attentats und der Verfolgung der Mörder herrschenden Verwirrung gelungen, zu erfahren, daß Otto von Röbel auf speziellen Befehl des Polizei-Präfecten arretirt worden sei, sich aber in einem anständigen Haftlokal allein und mit allen Bedürfnissen versehen befinde, und daß seine Sache so rasch als möglich am andern Tage vorgenommen werden solle.
Als er zurückkehrte nach der Oper, war die Vorstellung eben beendet worden und das Haus geschlossen. In der Annahme, daß die Sennora allein oder von einem ihrer zahlreichen Verehrer begleitet, nach Hause gefahren sei, war er nach ihrer Wohnung geeilt - hatte sie jedoch
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dort nicht gefunden. Es war möglich, daß sie noch eine Fahrt durch die illuminirten Straßen gemacht hatte, und er wartete von Minute zu Minute auf ihre Rückkehr. Aber aus den Minuten wurden Stunden - das Mädchen kam nicht, und seine Angst wuchs. Mit dem ersten Tageslicht lief er von Ort zu Ort, um Nachricht über sie zu suchen - aber überall fand er taube Ohren; das Attentat, die bereits in der Nacht erfolgte Verhaftung der muthmaßlichen Mörder hatte alles Interesse in Anspruch genommen, - in der Oper waren die Logenschließer nicht so rasch aufzutreiben, um befragt werden zu können; - Monsieur Déjean, zu dem er in seiner Angst eilte, um seine zahlreichen Verbindungen in Anspruch zu nehmen, gerieth über das Verschwinden in Extase und behauptete geradezu, seine Angst sei Komödie und die Kunstreiterin nach einem andern Engagement durchgegangen, und auf der Polizei-Präfectur hatte man in diesem Augenblick in der That Wichtigeres zu thun, als sich um die Abwesenheit einer Reiterin zu kümmern, die wer weiß wo in den Armen irgend eines Liebhabers die Nacht zugebracht und bis in den Tag hinein verlängert haben mochte!
Vergeblich waren seine Betheuerungen, daß dies bei dem Charakter der Sennora unmöglich sei. Das Beste, was ihm passirte, war ausgelacht zu werden, und ohne Resultat hatte er mehre Stunden mit Nachforschungen zugebracht.
Welche tausend Zufälle übrigens auch die Abwesenheit des Mädchens veranlaßt haben konnten, - er konnte im Innersten seines Herzens den Argwohn nicht los werden,
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daß andere persönliche und mächtige Feinde damit in Verbindung ständen.
Bei der zweiten Nachfrage hatte er sich von den Frauen die Adresse des Mannes erbeten, des Freundes Otto's, den er im Foyer der Oper bei der Sennora zurückgelassen, um sie nach ihrer Loge zu begleiten. Aber zufällig hatte Meißner nicht erwähnt, in welchem Hôtel die Fürstin wohnte, oder die Frauen hatten den gleichgültigen Umstand überhört und wußten nur, daß er zum Haushalt der Fürstin Trubetzkoi gehörte. Jetzt war der Doktor zu diesem selbst geeilt, um sein bekanntes Interesse für die Verschwundene in Anspruch zu nehmen und den Informator des jungen Erben des Fürsten zu ermitteln.
Es war zwölf Uhr - die Edelfrau hatte so eben ihre Toilette vollendet, um nach dem Hôtel der Preußischen Gesandtschaft in der Rue de Lille zu fahren und den Schutz des Grafen von Hatzfeldt für ihren Sohn in Anspruch zu nehmen, als ein verschlossener Wagen vor dem kleinen Hôtel der Rue St. Georges vorfuhr.
Ein Freudenruf Rosamundens, die zufällig am Fenster stand, führte die Mutter hastig dahin - aus dem Hagen, auf dessen Bock neben dem Kutscher ein Municipal-Gardist saß, waren zwei Herren gestiegen, Otto von Röbel und ein Beamter. Beide traten so eben in das Hôtel.
Mutter und Schwester flogen dem Befreiten an der Thür entgegen und umarmten ihn zärtlich. Aber er erwiederte ihre Liebkosungen nur kurz - sein ganzes Wesen war finster und erregt. Er flüsterte bei der Umarmung
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der Schwester zu, ob François in Sicherheit? und als sie das, so weit sie wußte, bejaht und ihm mitgetheilt hatte, daß seine Gattin auf seinen Befehl bereits am Morgen nach Straßburg abgereist sei, schien ihm ein Stein vom Herzen und er wandte sich zu seinem Begleiter, der an der Thür des Zimmers stehen geblieben war.
»Sie sehen mein Herr« sagte er, »daß ich die Wahrheit gesagt, und hier nur zwei Frauen zu finden sind, meine Mutter und meine Schwester, die der Polizei Ihres Kaisers wohl keine Besorgnisse einflößen werden.«
»Wir wußten dies bereits, mein Herr« erwiderte der Beamte ruhig, »eben so, daß heute Morgen eine dritte Dame, wahrscheinlich die Frau oder Zuhälterin Ihres Freundes von hier abgereist ist.«
»Herr ...«
Die Edelfrau machte eine befehlende Geberde gegen ihren Sohn. »Mein Herr,« sagte sie mit der ganzen Würde einer Matrone, »ich bin die Gattin des ehemaligen Preußischen Majors von Röbel, eines treuen Dieners seines Königs und dies ist meine Tochter. Ich glaube, es wird nur dieser Bürgschaft bedürfen, um Sie zu überzeugen, daß wir nur mit der Gattin des Herrn Kapitain Laforgne verkehren konnten.«
Der Beamte verbeugte sich etwas beschämt. »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entschuldigte er - »Kapitain Laforgne ist als Mitglied einer Verbindung ermittelt worden, die beabsichtigt, die Regierung zu stürzen und den Kaiser zu ermorden. Wir haben Ursach, den Gliedern
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dieser Gesellschaft jede mögliche moralische Schlechtigkeit zuzutrauen, und eine Täuschung ist so leicht ...«
»Nicht in dieser Beziehung, mein Herr« sagte die Dame stolz. »Was die politischen Agitationen des Herrn Kapitain Laforgne betrifft, so stelle ich nicht in Abrede, daß uns bekannt war, daß er ein Freund und Anhänger des General Garibaldi ist, aber wir haben mit seiner politischen Meinung Nichts zu schaffen und stets in ihm nur den privaten Freund unserer Familie gesehen. Ich kenne den Herrn Kapitain als viel zu rechtschaffen und ehrenhaft, um glauben zu können, daß er an einem so schändlichen Verbrechen, wie die Ermordung so vieler Unschuldiger, sich betheiligt haben könnte!«
Der Beamte dachte einige Augenblicke nach. »Ich mag dies auch nicht behaupten, Madame« sagte er endlich. »Es scheint, daß der Mordanschlag unabhängig von einer beabsichtigten Schilderhebung der Rothen und der Orleanisten zur Ausführung gekommen ist. Die Sache der Justiz wird es sein, die Wahrheit zu ermitteln, die Polizei hat nur mit den naheliegenden Thatsachen zu thun, und in dieser Beziehung muß ich bedauern, streng meine Pflicht üben zu müssen.«
»Und worin besteht diese?«
»Sie werden selbst begreifen, Madame, daß Ihr Herr Sohn durch den vertrauten Umgang mit einem der Führer der beabsichtigten Emeute, um nur diese gelten zu lassen, in den Augen der Regierung stark compromittirt ist, um so mehr, als er sich hartnäckig geweigert hat, über die Person dieses Freundes gestern Abend bei seiner ersten
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Vernehmung die geringste Auskunft zu geben, und sich erst heute dazu herbeigelassen hat, als die Persönlichkeit bereits auf andere Weise festgestellt war. Unter diesen Umständen, gnädige Frau, werden Sie es selbst gerechtfertigt finden, wenn ich den Befehl habe, für Ihre sofortige Abreise zu sorgen und Sie bis an die Gränze zu begleiten.«
»Nimmermehr! Das ist eine unerhörte Tyrannei« brauste der junge Mann auf. »Ich werde Paris verlassen, aber erst, wenn ich hier nothwendige Geschäfte in Ordnung gebracht habe!«
»Sie werden mich nicht zwingen, Herr von Reuble« sagte der Beamte kalt, »Zwangsmaßregeln in Anwendung zu bringen. Ich habe den strengen Befehl, und ich hoffe, Ihre Frau Mutter wird die unangenehme Nothwendigkeit einsehen.«
»Wir haben meines Wissens Nichts mehr in Paris zu thun« erwiederte Frau von Röbel kalt. »Wie lange gestattet die Regierung des Kaisers Louis Napoleon uns Zeit?«
»Der nächste Zug nach Brüssel oder Saarbrück geht um 1 Uhr 45 Minuten ab - Sie würden also noch fünf Viertelstunden für Ihr Gepäck haben. Madame haben vollkommen Freiheit, diese zu benutzen, wie Sie wollen - ich habe nur den Befehl, Ihren Herrn Sohn nicht zu verlassen.«
»Was meinen Sohn angeht, gilt auch seiner Mutter. Still Otto - im Namen Deines Vaters befehle ich es Dir. Mein Herr, wir werden in einer Stunde zu Ihren
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Diensten sein. Bitte die Wirthin, Rosamunde, uns eines der Mädchen zu senden, um uns beim Einpacken zu helfen und zugleich um unsere Rechnung.«
Das Benehmen der Dame war so ruhig, so kalt und würdevoll, daß der Beamte sich in einer peinlichen Lage fühlte. Nachdem die Edelfrau nochmals ihrem Sohne streng befohlen hatte, jeden Streit zu vermeiden und so rasch als möglich seine Sachen zu ordnen, entfernte sie sich in das Nebenzimmer, um den Koffer zu packen.
Der junge Mann ging finster in dem Zimmer auf und nieder, über einem Entschluß brütend. Endlich trat er zu dem Beamten.
»Mein Herr - waren Sie Soldat?«
»Ich diente unter Bugeaud in Afrika.«
»Dann wissen Sie, was eine Ehrensache ist. Ich habe eine solche - durfte es aber in Gegenwart meiner Mutter nicht erwähnen. Geben Sie mir eine halbe Stunde Zeit, um wenigstens meinen Sekundanten aufzusuchen und durch ihn mich rechtfertigen und andere Arrangements treffen zu lassen; denn ich habe durch meine Haft das Rendezvous versäumen müssen. Ich wollte Sie auf der Fahrt hierher nicht darum bitten, weil wir nicht allein waren. Ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort, daß ich vor der Abfahrt hier zurück sein werde.«
»Monsieur,« sagte der Beamte höflich - »es thut mir aufrichtig leid, daß ich Ihnen nicht gefällig darin sein kann. Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich Soldat gewesen, also gewohnt bin, den mir ertheilten Befehlen strenge Folge zu leisten. Ich habe die Ordre,
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Sie direkt nach Ihrem Hôtel und von dort mit dem ersten Bahnzug nach der Gränze zu begleiten, ohne Ihnen einen Besuch oder die Absendung von Briefen zu gestatten: Im Uebrigen bin ich bereit, Ihnen gern zu dienen!«
»Also auch dies! - nicht einmal schriftlich soll ich einen Schimpf von meinem Namen abwenden dürfen!« knirschte der Preuße. »Gut denn mein Herr, die Post von Brüssel nach Paris wird mir hoffentlich 24 Stunden später Satisfaktion verschaffen.«
Er sollte dessen nicht bedürfen.
Die Thür des Zimmers, in dem er sich mit dem Beamten befand, wurde hastig aufgerissen, der maurische Arzt, der Begleiter der Kunstreiterin, trat ein. Sein ganzes, sonst so ruhiges und ernstes Wesen war verändert, und hatte einer heftigen Aufregung Platz gemacht.
»Endlich!« rief er, die Hände des jungen Mannes fassend. »Gott sei Dank, daß Sie frei sind! Sie werden mir sie suchen helfen; denn ich weiß, Ihre Theilnahme ist aufrichtig und Sie haben ihr nicht das Leben gerettet, um sie jetzt in den Händen ihrer Feinde zu lassen, die ja auch die Ihren geworden sind. Helfen Sie - rathen Sie, was sollen wir thun?«
Der junge Edelmann sah ihn erschrocken an. »Um Himmelswillen, was ist geschehen - was meinen Sie?«
»Die Sorge um Sie, gestern bei Ihrer Verhaftung, war die Ursach! Jetzt da Sie frei sind, ist es an Ihnen!«
»Ich verstehe Sie noch immer nicht! Was soll ich helfen? Sehen Sie nicht, daß ich noch ein Gefangener bin?«
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»Wie - man hat Sie nicht entlassen?«
»Gewiß, aber nur um mich und die Meinen gleich Vagabonden über die Gränze Frankreichs zu transportiren!«
Der Doktor schlug die Hand vor die Stirn. »O das ist ein schreckliches Unheil - ich rechnete sicher auf Sie - dann ist sie verloren!«
»Verloren - wer?«
»Wer anders, als meine Tochter, mein Kind - die Sennora!«
»Rositta?«
Der Preuße stürzte auf ihn zu, bleich, mit drohendem Auge, und schüttelte wild seinen Arm.
»Reden Sie, was ist mit ihr geschehen?«
»Wie - hat Ihre Mutter Sie nicht unterrichtet?«
»Meine Mutter? ich habe noch nicht zehn Worte mit ihr gewechselt! Um Himmelswillen, wo ist die Sennora?«
»Fort - seit gestern Abend spurlos verschwunden! Niemand weiß, wo sie geblieben, seit ich sie gestern Abend verlassen habe, um Ihnen nach dem Gefängniß zu folgen!«
Der junge Mann war bei der unerwarteten Nachricht zurückgewankt, als wäre er von einem heftigen Schlage getroffen. Seine Hand faßte unwillkürlich nach der Lehne des nächsten Stuhls, um sich darauf zu stützen.
»Fort? verschwunden? - wie wäre das möglich in einer Stadt wie Paris - unter tausend Augen!«
»Es sind gar viele Dinge möglich in Paris - das sehen Sie an sich selbst! Ihr unglücklicher Freund - den Sie uns gestern im Foyer vorstellten, war der Letzte, der sie gesehen. Er versprach, sie nach ihrer Loge zu bringen -
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aber er muß mehr wissen, wenn er nur erst sprechen könnte. Offenbar steht sein Duell im Zusammenhang mit Rositta's Verschwinden!«
»Sein Duell? Doktor, machen Sie mich nicht wahnsinnig? Rudolph hat sich duellirt? - Mit wem? wann?«
»Vor kaum zwei Stunden! Lord Heresford, der englische Sonderling, hat ihn selbst aus dem Boulogner Holz zurückgebracht!«
»Wie - Rudolph sollte sich mit dem Lord geschlagen haben? aber warum?«
»Par dios! nicht mit dem Lord! wie ich im Vertrauen erfahren habe, mit dem Grafen Montijo!«
»Höll' und Teufel - dann hat der Elende seine Stellvertretung angenommen. Rudolph hat sich für mich geschlagen - es war mein Duell! Wo ist er, ich muß ihn sprechen, um jeden Preis!«
Er stürzte nach der Thür, um das Zimmer zu verlassen. Der Polizeibeamte stellte sich ihm in den Weg.
»Nicht von der Stelle, Herr! Sie kennen meine Instruction!«
»Aber haben Sie denn nicht gehört? Sie ist fort - er hat sich für mich geschlagen! Ich muß ihn sprechen, um Auskunft zu erhalten ...«
Der Beamte blieb unbeweglich. »So leid es mir thut, mein Herr, in diesem Fall - es ist unmöglich! - Uebrigens, die Zeit verrinnt - ich muß Sie daran erinnern, sich fertig zu machen - in kaum einer Stunde geht der Zug ab und ich habe den strengen Befehl, Sie nöthigenfalls mit Gewalt zur Abreise zu zwingen.«
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Der junge Mann stand in der Mitte des Zimmers - sein Gesicht nahm eine eigenthümliche Blässe an - sein sonst so ruhiges, klares Auge fing an, in einer ganz besonderen Weise zu funkeln.
Es begann offenbar jener Zustand von Zorn bei ihm einzutreten, der den kräftigen nordischen Naturen eigen ist, wenn sie allzusehr gereizt werden, und den man in früheren Zeiten mit dem Namen der »Berserkerwuth« bezeichnete.
Eine große That - oder ein großes Verbrechen ist gewöhnlich die Folge davon.
In diesem Augenblick trat die Edelfrau wieder in's Zimmer.
»Mein Gott, Otto - Du noch hier - hast Du Deine Sachen bereit? - Wie, auch Sie hier, mein Herr? Kommen Sie von Rudolph? Haben Sie Ihre Pflegetochter - haben Sie Sennora Rositta gefunden?«
Sie hatte die Aufregung Ihres Sohnes noch nicht bemerkt, da sie hinter ihm stand.
»Nicht Sennora Rositta, Madame,« sagte der Arzt entschlossen, »sondern Carmen von Massaignac, die Tochter des verstorbenen Freundes Ihres Gemahls, des Obersten Fourichon von Massaignac, und die Schwester des Senateurs dieses Namens!«
»Carmen?« Ein Zittern durchlief den Körper des jungen Mannes; erst jetzt bemerkte die Mutter den Zustand ihres Sohnes und eilte auf ihn zu. »Und Rudolph? - Aus dem Wege Herr, wenn nicht ein Unglück geschehen soll - ich muß Rudolph sprechen, er weiß von ihr!«
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Seine Augen blitzten so tödtlich, daß der Beamte unwillkürlich zurücktrat und nach dem Revolver in der Brusttasche des Rocks griff.
»Otto - mein Kind! um Gotteswillen, komm zu Dir! Rühren Sie ihn nicht an - er ist entsetzlich!«
Sie kannte diesen Zustand aus seiner Knabenzeit. Er wehrte sie mit einer langsamen und unwiderstehlichen Bewegung seines Armes zurück und schritt weiter.
Aber eine Hand legte sich auf die seine. »Es ist unnütz, Sie können ihn nicht sprechen« sagte der Arzt. »Dieselben Feinde, die meine Tochter gestohlen, haben auch ihn getroffen. Er ist in dem Duell für Sie durch die Brust geschossen und ohne Besinnung!«
Ein jäher Aufschrei - in der Thür des Nebenzimmers stand die Gestalt des bleichen Mädchens aus der Mark - ihre beiden Hände zuckten nach dem Herzen, dann fiel sie ohnmächtig zu Boden.


Es war am Abend desselben Tages.
In Folge der Ohnmacht des Fräulein von Röbel und auf die dringenden Vorstellungen der Mutter und des Arztes hatte es der Beamte auf sich genommen, die Abreise bis zum nächsten Zuge, der um 5 Uhr 10 Minuten von Paris nach Brüssel geht, zu verschieben, nachdem Otto von Röbel sein Ehrenwort gegeben, sein Zimmer bis dahin nicht zu verlassen.
Rosamunde war in Folge der angewandten Mittel
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bald wieder zu sich gekommen. Ihr Schmerz war still und in sich gekehrt - sie erklärte sich zur Abreise bereit und verlangte nur noch vorher Nachricht von dem Befinden des Geliebten.
Der Arzt, - trotz der eigenen Sorge, die ihn verzehrte, - hatte es übernommen, nochmals nach dem Hôtel der Fürstin Trubetzkoi zu gehen, wohin man den Kranken gebracht hatte. Er war in den wenigen Stunden ihrer Bekanntschaft der Freund der Familie, der Vertraute Aller geworden.
Die Nachricht, die er brachte, und mit der er nicht täuschen wollte, lautete wenig tröstlich. Die Fürstin hatte die ersten Aerzte von Paris berufen, und seine eigene Erfahrung in Schußwunden aus den Feldzügen in Algerien und der Krim zeigte ihm, daß ihr Ausspruch richtig war.
Die Kugel war unter der rechten Schulter durch in die Brust gegangen - die Wunde schien nicht unbedingt tödtlich, aber es war für die Erhaltung des Lebens in Folge der starken Blutung nur wenig Hoffnung, und jedenfalls die sorgsamste Pflege nothwendig.
Die Fürstin that Alles, was eine Freundin, was eine Mutter an dem Krankenlager ihres eigenen Kindes nur thun kann. Doktor Achmet versprach, den Kranken so oft zu besuchen, als es ihm nur die Nachforschungen nach Rositta, oder vielmehr Carmen, die er jetzt ganz rücksichtslos betreiben wollte, gestatten würden, und täglich nach Brüssel Nachricht zu geben, wo die Familie bis zur Entscheidung des Schicksals ihres unglücklichen Freundes bleiben wollte. Otto von Röbel hatte erklärt, unter keinen
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Umständen eher die Nähe der französischen Grenze verlassen zu wollen. Offenbar bannte ihn noch ein anderer Gedanke dahin.
Um 5 Uhr 10 Minuten war die Familie in Begleitung des Polizeibeamten, der sich mit aller Rücksicht, aber mit eben solchem festen Beharren auf der ihm ertheilten Ordre benahm, abgereist. Es war Otto von Röbel nicht gestattet worden, Briefe aus dem Hôtel abzusenden. -
Um 8 Uhr 20 Minuten war der Expreß-Train von Brüssel eingetroffen - die Züge kreuzen sich auf einer Zwischenstation von Douay.
Aber wir haben dem Leser noch Rechenschaft zu geben über einige Vorgänge des Morgens, ehe wir ihn am Abend an das Lager des Verwundeten führen.


Wir haben den Informator auf dem Wege nach dem Hôtel des Marquis von Massaignac verlassen, wie er in dem Magazin eines Waffenhändlers des Boulevard des Italiens ein Paar Pistolen kaufte.
Rudolph Meißner hatte vollkommen seinen Entschluß gefaßt.
Er wußte aus der kurzen, flüchtigen Mittheilung seines Freundes am Abend vorher die Stunde und den allgemeinen Ort des Rendezvous und daß der Senateur der Sekundant des Gegners sein würde.
Wenn sich dieser also zu dem Rendezvous begeben wollte, obschon der Preuße am Abend vorher verhaftet worden war, so mußte er entweder den Marquis abholen, oder dieser ihn.
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Rudolph beschloß also, vor dem Hôtel des Senateurs zu warten und ihm dann zu folgen. So mußte er den Ort der Zusammenkunft erreichen und konnte dort nach den Umständen handeln, das heißt, die Abwesenheit Otto's von Röbel rechtfertigen, oder seine Stelle einnehmen.
Er hatte oft gehört, daß selten ein Franzose sich weigern würde, einem anständigen Manne einen Ehrendienst zu leisten. Er beabsichtigte also, die erste geeignete Person, der er im Bois de Boulogne begegnen würde, zu seinem Zeugen zu machen.
In der Nähe des Hôtels ließ er den Fiacre halten. Er hatte noch nicht zehn Minuten gewartet, als eine Chaise heranfuhr, und Graf Montijo aus dieser sprang und in das Hôtel ging.
Bald darauf kam er in Begleitung des Marquis von Massaignac und zweier anderen Herrn zurück.
Einer derselben trug die Uniform der Garde, der andere Civil; dieser schien ein Arzt.
Die Vier nahmen in der Chaise Platz, und dieselbe rollte in der Richtung des Champs Elysees davon. Der Graf schien sehr aufgeräumt zu sein, er scherzte und lachte mit dem Offizier. Nicht so heiter gestimmt schien der Marquis.
Es war etwas später, als halb neun Uhr; die Chaise der vornehmen Herren rollte rasch die Champs Elysee's entlang um den place d'étoile durch die Porte Maillot nach dem See, in dessen Nähe sich die, mit dem pomphaften Namen des Mont St. Bernard bezeichnete, Anhöhe befindet.
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Der Informator versprach dem Fiacrekutscher fünf Francs Trinkgeld, wenn er den Wagen stets im Auge halten würde. Die Coupé's der Regie haben eine vortreffliche Bespannung und der Fiacre erfüllte ohne Anstrengungen seinen Auftrag.
Die Equipage hielt an dem, in der Nähe befindlichen Kaffeehaus, die Herren stiegen aus.
Es waren nur wenige Gäste da - kaum sechs oder acht, die Meisten aus Auteuil und der Nachbarschaft. Nur ein Mann von Stande saß im Zimmer des Cafés und las eine englische Zeitung, während sein Reitknecht die Pferde in der Allee umherführte.
Die Ankommenden schienen ihn zu kennen, denn sie grüßten ihn höflich. Der Fremde dankte mit einem kurzen Kopfnicken und wendete sich dann wieder zu seiner Zeitung.
Der Graf hatte seine Uhr gezogen, er hielt sie seinen Begleitern hin. »Punkt neun Uhr. Noch ist Niemand hier!«
»Pardious[Pardioux],« meinte ziemlich unwirsch der Marquis - »ich denke, es wird wohl auch Niemand kommen. Sie wissen ...«
»Das kümmert uns Nichts,« sagte der Graf finster. »Wir haben unsere Pflicht zu erfüllen und an Ort und Stelle zu sein, zur bestimmten Zeit. Erscheint dieser Herr Preuße nicht, so haben wir das unsere gethan und er mag den Flecken auf seiner Ehre wegwischen, so gut er kann. Ich denke, Sie stimmen mir bei, Herr Kapitain?«
Der Offizier, aus einer hohen adligen Familie und einer der Tonangeber der Modewelt von Paris, nickte ihm
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Beifall. »Gewiß, gewiß, lieber Graf, ich bin Autorität in Duellen und ich denke, mein Ausspruch ist entscheidend im Club. Wir werden hier eine Viertelstunde warten, und wenn Ihr kleiner Preuße bis dahin nicht erscheint, oder eine genügende Entschuldigung beibringt, ist er ein verlorner Mann für die anständige Gesellschaft. - Das Wetter ist schön - ich denke, wir nehmen ein Glas Absynth und promeniren auf und ab.«
Man war einverstanden - die Herren plauderten, als seien sie nicht hier, um selbst zur Zielscheibe einer Kugel zu dienen, von dem Attentat des gestrigen Abends und den Entdeckungen, die während der Nacht die Polizei gemacht hatte.
Unterdeß war der Secretair der Fürstin Trubetzkoi gleichfalls herangetreten, aber unbeachtet geblieben von den Herren, da auch der Marquis sich wohl seines Gesichts nicht erinnerte.
Rudolph Meißner war einige Augenblicke in Verlegenheit, als sein Blick glücklicher Weise auf den Gast fiel, den die Gesellschaft bei ihrem Eintreten begrüßt hatte, und dessen Pferde vor dem Café auf und nieder geführt und eben von dem Offizier mit Kennermiene gemustert wurden.
Der Fremde kam ihm bekannt vor, er mußte ihn schon gesehen haben, - noch vor Kurzem. Einige Augenblicke Nachdenkens zeigten ihm, daß dies am gestrigen Abend geschehen. Es war der Herr, der sich in der Begleitung des Obersten Montboisier befunden hatte, als dieser sich bei der Verhaftung des jungen Preußen seiner annahm.
Der Secretair hatte nur den Namen Montboisier gehört,
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als dieser sich selbst nannte und kannte die andern Herren nicht, aber das ehrenwerthe Benehmen des Kammerherrn bürgte ihm für seine Gesellschafter und er beschloß, bevor er sich an die Gesellschaft der Gegner wandte, sich womöglich in dem Fremden einen Zeugen zu verschaffen.
Mit diesem Entschluß trat er an den Tisch.
»Mein Herr, darf ich Sie um einige Worte bitten?«
Der Fremde sah auf, schob das Lorgnon in das Auge und betrachtete ihn.
»Was wünschen Sie.«
»Erlauben Sie mir zuerst, mich Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Preuße, der Secretair der Fürstin Trubetzkoi, mein Name ist Rudolph Meißner.«
»Well! well! was weiter?«
»Wie ich höre, sind Sie Engländer - das erleichtert mir meine Bitte. Ein Engländer wird dem Mitglied einer Nation, deren Kronprinz so eben die Prinzeß Royal von Großbritannien heirathet, gegen französische Perfidie gewiß Beistand leisten!«
Der Fremde betrachtete ihn jetzt aufmerksamer und legte das Zeitungsblatt weg. »Sie sehen nicht aus, wie ein Bettler, Sir. Sprechen Sie, womit kann ich Ihnen dienen?«
»Wenn die Frage nicht unbescheiden ist, befanden Sie sich gestern Abend nicht in der Gesellschaft des Herrn Grafen von Montboisier im Foyer der Oper bald nach dem Attentat?«
»Ja. Es wurde da ein junger Mann verhaftet, der mir am Abend vorher vorgestellt war.«
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»Desto besser. Herr von Röbel ist ein Jugendfreund von mir, oder vielmehr, ich bin der Jugendfreund seiner älteren Brüder.«
»Goddam! ich erinnere mich, den einen hier in Paris im Dezember 1851 gekannt zu haben. Er hatte ein famoses Rencontre mit einem alten Todtengräber aus den Katakomben.«
»Ich weiß davon Nichts, weil ich seit längerer Zeit fern von der Familie gelebt und den jüngeren Sohn nur zufällig hier wieder getroffen habe. Aber ich bin hocherfreut, daß Sie sich für die Familie interessiren, welche die Achtung jedes Ehrenmannes im höchsten Grade verdient. Herr von Röbel, der gestern verhaftet wurde, hatte auf heute Morgen ein Duell angenommen. In dem Augenblick, als er mich gestern dem Secundanten seines Gegners, dem Marquis von Massaignac vorstellen wollte, wurde er verhaftet.«
»Dem Marquis von Massaignac? demselben, der sich erlaubt, dort eben meinen »Atlantic« so unverschämt zu betasten?«
»Demselben!«
»Goddam! und der Gegner?«
»Ein Graf Montijo!«
Der Engländer ließ ein Pfeifen durch die Zähne hören. »By Jove! die Sache wird interessant! Wissen Sie zufällig, was die Veranlassung des Duells war?«
»Herr von Röbel hat vorgestern Abend nach der Vorstellung im Circus den Grafen Montijo in den Elysäischen Feldern, als er mit ihm in Wortwechsel gerathen war,
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geohrfeigt. Er und ein Freund von ihm wurden schon damals von der Polizei verfolgt und ich und andere Personen hegen starken Verdacht, daß die gestrige Verhaftung mehr ein Akt persönlicher Rache als der Politik ist!«
Der Engländer rieb sich sichtlich vergnügt die Hände. »Very well! die Sache wird immer besser. Ich möchte darauf wetten, daß die hübsche Kunstreiterin dabei im Spiele ist, denn ich sah die Bosheit des spitzbübischen Spaniers, dessen Visage mir schon lange fatal ist, und die entschlossene That Ihres Freundes. Ich liebe die Jugend und den Muth. Aber sagen Sie mir jetzt - warum haben Sie sich an mich gewandt und wie kann ich Ihnen beistehen?«
»Sir, ich sehe, daß man offenbar die Ehre meines Freundes beflecken will. Diese Herren wissen, daß er verhaftet ist, sie sind trotzdem hier erschienen, offenbar, um sein Ausbleiben zu constatiren. Ich hatte keine Zeit, um mich heute Morgen an den Herrn Grafen von Montboisier zu wenden. Ich bin hierher gekommen, um gegen jede folgerung aus dem Ausbleiben des Herrn von Röbel zu protestiren, oder besser und lieber noch, um seine Stelle zu vertreten,«
Der Engländer sah ihn scharf an.
»Das wollten Sie?«
»Gewiß! mit Freuden! ich hatte beschlossen, mich an den ersten Fremden zu wenden, der mir Vertrauen einflößte, um ihn zu bitten, mein Zeuge zu sein.«
»Und ich flößte Ihnen dies Zutrauen ein?«
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»Ja, mein Herr! und ich habe gesehen, es war kein Zufall, Gott hat meine Wahl gelenkt!«
Der Engländer nickte. »Sie haben vielleicht Recht. In einem bewegten Leben habe ich die Erkenntniß des Spruchs geschöpft: Es fällt kein Sperling vom Dach, ohne Seinen Willen. - Ich bin der Viscount von Heresford. Wollen Sie Ihre Angelegenheit meinen Händen überlassen? Sie sehen, diese Herren sind im Begriff, eben ihren Wagen wieder zu besteigen!«
»Wie Mylord, Sie sind der berühmte Lord Heresford?«
»Berühmt, oder berüchtigt - das bleibt sich gleich! Wollen Sie Ihre Sache meinen Händen vertrauen?«
»Mit Dank - mit tausend Freuden Mylord!«
»Well! Ihr Freund, der junge Held aus dem Circus von vorgestern Abend soll deshalb nicht schlechter fahren. Kommen Sie jetzt und sagen Sie diesem Herrn Marquis aus Montevideo, was Sie ihm zu sagen haben! sans gêne!«
Er erhob sich und ging mit dem Preußen auf die Gesellschaft zu, die eben wieder unter höhnischen Bemerkungen ihren Wagen besteigen wollte.
»Monsieur le Marquis de Massaignac!«
»Mylord - ich freue mich sehr, Sie begrüßen zu können. Was steht zu Ihren Diensten?«
»Sie sind jawohl der Sekundant des Herrn Grafen von Montijo?«
Der Marquis stutzte. »Wie soll ich das verstehen, Mylord?«
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»Goddam - man sagt, daß ich ein verständliches Französisch rede! Also kurz heraus, ja oder nein?«
Der Marquis blickte zögernd auf seinen Begleiter. Als ihm der Kapitain zunickte, sagte er entschlossen: »Ja Mylord! indeß, wir haben bis jetzt vergeblich hier auf die Ankunft dieses Herrn aus Preußen gewartet, und sind eben im Begriff, nach Paris zurückzukehren.«
»Mit unser Aller Uebereinstimmung,« bemerkte der Kapitain.
»Ich habe mit Ihnen Nichts zu thun, Sir,« sagte der Lord trocken, »sondern mit diesem Herrn. Herr Marquis, Sie wissen wahrscheinlich eben so gut, wie Ihr Auftraggeber, daß Herr von Reuble verhindert ist, hier zu erscheinen.«
»Mylord, das geht uns Nichts an, er hätte dann eine Entschuldigung senden und sein Ausbleiben rechtfertigen müssen.«
»Well! Er hat noch Besseres gethan - er hat Ihnen hier einen Stellvertreter geschickt!«
»Wie, Mylord?«
»Ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Herrn - zum Henker, wie heißen Sie doch?«
»Rudolph Meißner!«
»Also Herrn Meißner vorzustellen. Er ist ein Freund und Landsmann des Herrn von Reuble und hierher gekommen, um seine Stelle einzunehmen.«
Es zuckte, wie eine geheime Freude über das häßliche unangenehme Gesicht des Marquis.
»Ich weiß nicht - ob ich das annehmen darf. In
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solchen Fällen, Mylord, kann unmöglich eine Stellvertretung gelten und dieser Herr ist uns ganz unbekannt!«
»Ei zum Henker, Herr Senateur, machen Sie keine Umstände. Wenn es blos darauf ankommt, daß Sie eine bekannte Person haben wollen, an die Sie sich halten können, so bin ich jeden Augenblick bereit, selber den Herrn Vetter der Kaiserin Eugénie zu maulschelliren. Herr von Reuble ist gestern verhaftet worden - wir wollen vorläufig nicht untersuchen, auf wessen Veranlassung. Wer aber von den Klauen der Polizei des Herrn Pietri festgehalten wird, der kann offenbar nicht zu gleicher Zeit hier im Gehölz von Boulogne sein. By Jove! ich dächte, das wäre sonnenklar! Dieser Herr ist hier, um Ihnen dies mitzutheilen und seine Stellvertretung anzubieten. Ich habe mich ihm zum Sekundanten offerirt und ich denke, diese Bürgschaft wird allen Clubs von Paris genügen!«
»Gewiß, Mylord, gewiß!« beeilte sich der Marquis zu versichern. »Aber erlauben Sie mir, mit diesen Herren mich zu besprechen.«
»Ventre Dieu!« fiel der Kapitain ein, »was braucht es da großer Ueberlegung. Ich denke, wir sind nicht zum Spaß hierher gekommen. Die Entschuldigung des Herrn von Reuble ist vollkommen genügend, und wenn dieser Herr, unter der Bürgschaft eines so ausgezeichneten Edelmanns, wie Mylord, sich erbietet, an seiner Stelle ein Paar Kugeln zu wechseln, so wird der Graf von Montijo Nichts dawider haben.«
Der Spanier biß sich auf die Lippen. Indeß es fehlte ihm, wie wir bereits erwähnt haben, von Natur
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nicht an Muth und Entschlossenheit und er nickte seinem Sekundanten einfach zu, worauf er sich abwandte und die Allee entlang ging.
Der Marquis konnte den Ausdruck einer geheimen Freude nicht ganz unterdrücken. »Ich stehe Ihnen zu Diensten, Mylord« sagte er. »Wenn es Ihnen gefällig ist, treten wir zur Seite und besprechen die Vorbereitungen.«
Rudolph Meißner entfernte sich gleichfalls. Der Lord und der Senator besprachen sich einige Augenblicke und riefen dann den Kapitain hinzu. Nachdem die Präliminarien geordnet waren, kehrten die Sekundanten zu ihren Freunden zurück.
Der Spanier hörte finster und schweigend den Bericht seines Freundes. Ein spöttisches Lächeln flog über seine Züge, als dieser ihm sich darzuthun mühte, daß er nicht anders habe handeln können, als die Stellvertretung anzunehmen, da man sonst von der bekannten Excentricität des Lords alles Mögliche zu erwarten gehabt hätte.
Es war bestimmt worden, daß die Gegner auf fünfzehn Schritt von einander gestellt werden sollten, und jeder fünf Schritt avanciren und nach Belieben feuern könne. So hatte es der Viscount durchgesetzt.
Man ließ die beiden Wagen bis an den See fahren und dort bleiben, nachdem man den Kasten mit den Pistolen genommen. Dann schlug man den Weg nach dem Mare d'Auteil ein, in dessen Nähe sich noch prächtige Baumgruppen befinden.
Die Jahreszeit und die frühe Stunde - die Pariser
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lieben nicht das zeitige Aufstehen, - ließen das Gehölz fast menschenleer und bald hatte man eine genügende Stelle gefunden.
Das Loos entschied für die Pistolen des Grafen.
Der Lord gab dem Deutschen die Waffe.
»Haben Sie für den Fall eines unglücklichen Ausgangs einen Auftrag?«
»Ich wohne im Hôtel du Louvre, Mylord; in meinem Zimmer wird man zwei Briefe finden, die Sie befördern wollen.«
»Well! Verlassen Sie sich darauf. Sind Sie ein guter Schütze?«
»Nein; ich bin etwas kurzsichtig.«
»Das ist schade. So bleibt Ihnen nur zu warten, bis er den ersten Schuß gethan hat, und dann bis an die Barriere zu treten. Heben Sie die Pistole von unten und feuern Sie, so wie Sie die Richtung haben. Wenn Sie ihn erschießen, ist Nichts daran gelegen. Ich schütze Sie. Nun leben Sie wohl!«
»Leben Sie wohl, Mylord und nehmen Sie meinen Dank!«
Der Viscount war zurückgetreten. Er hatte vielleicht fünfzig Duellen schon beigewohnt oder sie selbst ausgefochten, aber selten hatte er so viele Theilnahme gezeigt. Sein Auge verließ das Gesicht seines Mandanten keinen Moment.
»Er hat Muth und verdiente ein anderes Schicksal,« murmelte er. »Wäre Peard hier, so könnte er einen Mann sterben sehen!«
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Der Spanier stand auf seinem Platz; als ihm der Marquis die Pistole reichte, hielt er ihn einen Augenblick zurück.
»Besten Dank, lieber Freund, für das Arrangement!« sagte er spöttisch. »Sie erinnern sich doch, daß unser Kaufvertrag heute Mittag in Gültigkeit tritt!«
»Ja wohl!« In den schweren Seufzer der Antwort mischte sich einige Hoffnung.
Der Graf sah ihn spöttisch an. »Machen Sie sich keine unnützen Illusionen, lieber Senateur,« sagte er. »Ich werde diesen Herrn dort erschießen, und im Fall mir etwa ein Unglück passiren sollte -«
»Nun?«
»Caramba[Caramba] - so sind die nöthigen Anordnungen getroffen, daß Sennora Rositta diesen Abend im Cirkus wieder kunstreiten kann!«
Er wandte sich ab, während der Marquis, sehr blaß geworden, sich auf die Lippen biß und zurücktrat.
»Sind Sie bereit, meine Herren? fragte der Kapitain.
»Ja!«
»Dann steht es Ihnen frei, mit dem Wort Drei zu avanciren, jeder bis zu der Stelle, wo das Taschentuch liegt. Sie feuern nach Belieben. Eins!«
Der Vetter der Kaiserin hob das Pistol.
»Zwei!«
Lord Heeresford hielt unverrückt seinen Schützling im Auge. Dieser war fest und ruhig, um seinen Mund zuckte ein schmerzlicher Zug.
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»Drei!«
Das Loosungswort war kaum gesprochen, als der Graf von Montijo von seinem Platz aus feuerte, ohne zu avanciren. Der Informator ließ die Pistole fallen, streckte die Hände in die Luft und fiel nach vorn über.
»Das war nicht viel besser als ein Mord!« sagte der Engländer laut, während er zu dem Erschossenen ging.
Der Arzt war bereits an seiner Seite und drehte den blutenden Körper um. Durch Rock und Gilet aus der rechten Seite strömte ein starker Blutstrom. Lord Heresford half dem Doktor die Kleider entfernen. Der Verwundete hielt die Augen geschlossen, zwischen dem Stöhnen des Schmerzes, das sich seinen Lippen entrang, flüsterte er einen Namen.
Dieser Name war: Rosamunde!
Der Arzt hatte die Kleider und das Hemde geöffnet und die Wunde untersucht. Er machte ein bedenkliches Gesicht.
»Wie steht es, Herr - sprechen Sie!«
»Der Schuß ist gefährlich. Es wird Alles darauf ankommen, ob die Lunge verletzt oder nur gestreift ist. Ich hoffe das Letztere. Der Herr muß aber sofort in die sorgsamste Pflege kommen und auch da kann ich nicht für sein Leben stehen.«
»Kann er den Transport nach seiner Wohnung vertragen?«
»Wo ist diese?«
»Im Hôtel du Louvre!«
»Wir müssen es auf alle Fälle versuchen. Ich werde
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das Möglichste thun, um eine Verblutung zu verhindern; mehr ist für den Augenblick die Wissenschaft außer Stande zu leisten. Aber wir dürfen ihn nicht im Wagen fortschaffen, sondern müssen eine Krankenbahre haben. Es stehen immer dergleichen in den Büreaux der Mairien bereit. Das von Neuilly wird die nächste sein.«
»In fünf Minuten bin ich dort. Adieu bis dahin!«
Der Viscount nickte den Gegnern, die in einiger Entfernung zusammen standen, einen kalten Gruß, und ging hastig nach der großen Allee, wo sein Reitknecht mit den Pferden hielt.
Einige Augenblicke darauf jagte er nach Neuilly.
Der Marquis und der Garde-Offizier waren zu dem Verwundeten getreten.
»Können wir Ihnen irgend Beistand leisten, Doktor?«
»Nein. Die Natur allein muß hier das Beste thun. Schicken Sie mir meinen Mantel aus dem Wagen hierher. Es ist unnütz, daß Sie bleiben.«
»Das denke ich auch. So leben Sie denn wohl und lassen Sie mich heute Abend hören, wie es mit Ihrem Patienten geworden ist. Es war ein verteufelt guter Schuß!«
»Und ein sehr eiliger dazu!« sagte der Doktor, ohne weiter sich mit besonderen Abschiedskomplimenten aufzuhalten.
Die Drei entfernten sich. - - -
Eine halbe Stunde später passirte eine jener Hospitaltragen, in denen die Kranken nach den öffentlichen Anstalten der Barmherzigkeit gewöhnlich transportirt werden, die
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Porte Maillot und nahm ihren Weg durch die Elysäischen Felder nach der Rue Rivoli.
Dergleichen ist in Paris, wie in allen großen Städten zu gewöhnlich, um weiter Aufmerksamkeit zu erregen.
Neben dem Tragkorb ging der Arzt; der Lord war nach dem Hôtel voran geritten, um die Vorbereitungen zur Aufnahme des Kranken zu treffen und die Fürstin in Kenntniß von dem Vorgefallenen zu setzen.
Wir haben bereits berichtet, mit welcher Sorge die Fürstin die Nachricht erwidert hatte. Einer der berühmtesten Aerzte wurde sofort geholt, um dem Doktor, welcher dem Duell beigewohnt und sich des Verwundeten so freundlich angenommen hatte, beizustehen.


Um 8 Uhr 20 Minuten war der Expreß-Train am Abend von Brüssel eingetroffen.
Es war 9 Uhr, als eine verschleierte Dame bei dem Portier des Hôtel du Louvre am Platz des Hôtel Royal sich nach der Wohnung des Secretairs der Fürstin Trubetzkoi erkundigte und als sie diese bezeichnet erhalten und zugleich erfahren hatte, daß er noch am Leben sei und die Aerzte sogar Aussicht auf seine Erhaltung gäben, stieg sie die Treppe empor nach der Wohnung der Fürstin.
Das Benehmen der verschleierten Fremden war ängstlich und befangen, ihre Aussprache, verrieth offenbar die Ausländerin, so daß sich der Portier veranlaßt sah, ihr einen der Aufwärter nachzuschicken.
Ohne weiter zu fragen, hatte die Unbekannte den
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Korridor erreicht, in welchem, abgesondert von der vorderen Wohnung der Fürstin, die beiden Zimmer lagen, welche der Informator bewohnte.
Die Dame horchte an der Thür, über welcher sie die ihr genannte Nummer sah, dann öffnete sie leise.
Das Zimmer war leer, eine Ampel erhellte es. Die Thür des anstoßenden Zimmers war offen, ein leises schmerzliches Stöhnen drang manchmal von dort her.
Leicht wie ein Geist schlüpfte die Fremde über den Teppich.
In der Mitte des Zimmers blieb sie einen Augenblick stehen und preßte die Hände auf die Brust. Dann schlug sie den Schleier zurück - ein bleiches, von schönem blondem Haar umrahmtes Gesicht mit thränenfeuchten Augen wurde sichtbar; leise wie sie gekommen, schritt sie weiter und trat über die Schwelle des Schlafzimmers.
Man hatte das Bett des Kranken etwas von der Wand ab in die Mitte des Zimmers gerückt, weil die Aerzte diese Lage zu der am Mittag vorgenommenen Operation des Kugelausziehens nöthig gefunden. Es war eines der Gardinenbetten, wie sie im Süden und in Paris üblich sind. Die Gardinen waren an beiden Seiten aufgeschlagen, - aus einer Ecke des Zimmers leuchtete das gedämpfte Licht einer Lampe, - auf einem Tisch zu Häupten des Bettes standen Medizinflaschen und was sonst zum Bedarf und zur Pflege eines Kranken gehört.
Dieser selbst schien eben im Wundfieber zu liegen. Das Gesicht war von fliegender Hitze gefärbt, er warf sich unruhig hin und her und stöhnte dann tief auf, wenn
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durch die Bewegungen die Wunde ihn schmerzte. Die trockenen brennenden Lippen stammelten wiederholt verworrene Reden oder einzelne Worte.
Ehe die Fremde vielleicht selbst recht wußte, was sie that, kniete sie an der Seite des Bettes und hatte die eine Hand des Kranken gefaßt, die sie mit ihren Thränen benetzte.
»Rosamunde! Rosamunde!« fieberte mit geschlossenen Augen der Kranke. »Mein Blut - wie damals! die Mörder sind hinter ihm - gerettet!«
»Hier, Rudolph hier - ich bin bei Dir und weiche nicht von Dir im Leben oder Tode!«
Sie hatte die Worte nur leise gesprochen, fast geflüstert, aber der Kranke schien sie doch gehört und verstanden zu haben, denn er wurde plötzlich ruhig.
Aber auf der andern Seite des Bettes erhob sich eine Gestalt, ein funkelndes Auge in dunklem Gesicht schien Flammen zu sprühen, als es sich auf die Fremde wandte.
»Was ist das? was wollen Sie hier? Entfernen Sie sich, er gehört mir allein wenigstens im Tode!«
Der Kranke selbst überhob die Fremde der Antwort. Er schlug die Augen auf, sie suchten einen Moment umher und blieben dann an dem Gesicht der blonden Dame hangen.
Das Licht des Erkennens zuckte über sein Gesicht.
»Rosamunde - Du hier?«
»Rudolph - theurer Freund! es ist Rosamunde, Deine Schwester, die zu Dir kommt, Deine Wunde zu pflegen, mit der Du ihr den Bruder gerettet haft!«
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»Rosamunde?« sagte gellend eine andere Stimme, - »also Du bist es, die ihn kalt macht wie das Eis seines Nordens gegen Alles, was ihn liebt! Dein Namen ist es, den seine Lippen sprachen, während der blasse Tod auf ihnen saß! Fluch Dir, der Fremden! was willst Du hier, die nie um ihn gefragt und gesorgt? Eher mög' er sterben, als daß er Dir gehört!«
»Feodora!«
»Ich heiße nicht Feodora - ich bin Tunsa, die Zigeunerin, in der das heiße Blut ihrer Väter wallt!« schrie leidenschaftlich das Mädchen. »Was kümmert es mich, ob alle Welt weiß, daß ich Dich liebe! Als sie Dich sterbend hierher brachten und Dein Blut in dunklem Strom aus der Wunde quoll, daß die weisen Aerzte und Doktoren, die Narren, sich nicht zu helfen wußten, da war ich es, die mit der geheimen Kunst meiner Großmutter Mumeli-Swa, die ich einst mit Füßen stieß, damals in der Csárda vor Enyád dies Blut stillte. Mir dankst Du Dein Leben, und wenn ich auch nur die Hündin bin, die zu Deinen Füßen kriecht, um einen Blick aus Deinen kalten Augen bettelnd - so sollst Du doch auch keiner Anderen gehören, und lieber will ich das Blut, das der Zauber des armen Zigeunerkindes Dir erhielt, zurücknehmen, als daß es ihr fließen soll!«
Und mit wilder Bewegung warf sie sich auf den Verwundeten und faßte nach dem Verband auf seiner Brust, um ihn in eifersüchtiger Wuth abzureißen.
Der Kranke machte keine Bewegung, sie zu hindern, aber eine andere Hand faßte die ihre.
Es war die der Jungfrau.
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»Sie lieben ihn?«
Die Zigeunerin schaute sie wild an. »Was wissen Sie, was Liebe ist? Ich trotze Dir, obschon sein Mund Deinen verhaßten Namen selbst im Todeshauch nannte! Ja, ich liebe ihn, wie die Hündin ihren Herrn, wie der Pelikan, der seinen Jungen die Brust öffnet, auf den Schilf-Inseln der Theiß!«
»Und Sie haben ihm das Leben gerettet?«
Tunsa hob grollend den Blick zu ihr empor. »Was kümmert es Sie, wie es geschah? Die Aeltermutter unseres verachteten Stammes lehrte die Mädchenbrut das Geheimniß des Blutbesprechens. Konnte es die tausend Quellen zurückhalten, aus denen das Lebensblut des Vaters floß, dort auf den Steinen von Enyád? - Möge er eben so sterben, ehe er Dir gehört!«
Und abermals faßte sie wild nach dem Verband.
»Halten Sie ein,« sagte das deutsche Mädchen sanft - »ich entsage ihm!«
Die Zigeunerin starrte sie an.
»Ebbadta! Du willst ihm entsagen?«
»Mit Freuden, wenn Sie dafür sein Leben retten und erhalten wollen! - Lassen Sie mir nur Eines - lassen Sie mir gleiches Recht zu seiner Pflege, denn ich habe ihn geliebt seit meiner Kindheit!«
Ein Kampf schien in der Seele der wilden Tochter der Pußta, mit den noch immer ungezähmten Leidenschaften vorzugehen; ihre kleine schmächtige Gestalt wand sich wie in glühenden Schmerzen unter diesen Eindrücken, ihr rundes, schwarzes Auge brannte zornig und voll Haß auf
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dem deutschen Mädchen und kehrte sich dann wie zitternd auf den Kranken, der sie unter der magischen Fessel seines ruhigen ernsten Blicks wie gebannt hielt.
Es war vergeblich, gegen diese Macht zu kämpfen, die seit Jahren den schlimmen Geist in ihr gefesselt hielt. Ein lautes krampfhaftes Schluchzen machte sich Luft aus ihrer glühenden Brust, und an das Bett eilend warf sie sich nieder vor der Jungfrau und preßte unter heißen Thränen ihr Kleid an die Lippen.
»Vergieb der wilden Tunsa, Herrin,« schluchzte sie - »Du bist besser als ich, die ihn in blinder Wuth vernichten wollte! Was bin ich? ein zertretener Wurm, das verlorene Kind eines verachteten Volks - verloren und verdorben seit meiner Jugend, ein Spiel der Launen des Gebieters, ein nichtswürdiges unglückliches Geschöpf, wie der Wolf an der Kette gehalten wird, daß er nicht über seine Herren herfallen und sie zerfleischen kann. Du aber siehst aus wie die Reine, Heilige, wie die Madonna selbst, von der die Leute erzählen und wie die Bilder sie malen! O vergieb mir, Heilige und bitte für mich bei ihm, daß er mich nicht von sich stößt mit Verachtung, wie seit Jahren, und daß Tunsa wie ein Hund zu den Füßen seines Bettes wachen darf über ihn!«
Und krampfhaft schluchzend verbarg das Zigeunermädchen ihr Gesicht in den Falten des Kleides.
»Feodora!« sagte eine ernste mahnende Stimme.
Rosamunde wandte sich um, mit sanfter Hand sich von der Schluchzenden befreiend.
Es war die Fürstin, die in der Thür des Nebenzimmers
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stand, neben ihr ein Mann. Die Diener hatten ihr gemeldet, daß eine fremde Frau in das Zimmer des Kranken gegangen war. Sie befand sich gerade in einer kurzen Berathung mit Doktor Achmet, der gekommen war, noch am Abend trotz der eigenen Sorgen nach dem Zustand des Verwundeten zu sehen.
»Fräulein von Reuble - wie, Sie hier? Ist Ihre Familie denn nicht abgereist? ich hörte es doch im Hôtel!«
Das Fräulein, denn in der That war es Rosamunde von Röbel, die am Krankenbett des Geliebten stand, ging hastig und etwas verwirrt und verlegen auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
»Gott sei Dank, daß ich Sie sehe!« - sagte sie. »Ja, meine Familie muß bereits in Brüssel sein und wird große Unruhe um mich haben. Aber ich konnte nicht anders - es war eine heilige Pflicht, die ich zu erfüllen hatte, und ich folgte der Stimme meines Herzens, die wahrer und treuer spricht, als alle Schicklichkeitsgebote der Menschen. Gott und meine Mutter werden mir verzeihen, daß ich den Freund meiner Jugend, der für meinen Bruder sein Leben geben wollte, nicht verlassen konnte. Ich habe in Douay, mich heimlich aus dem Coupé entfernt und die Kreuzung der Züge zur Rückkehr benutzt.«
»Aber Ihre Mutter, Ihr Bruder werden in der größten Sorge um Sie sein!«
»Ein Zettel, auf den ich flüchtig einige Worte mit Bleistift schrieb, und den ich mit einem Goldstück einem der Conducteure des Zuges für sie gab, wird sie einstweilen beruhigen. Morgen schreibe ich. An Sie richte ich die
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Bitte, mir hier die Erlaubniß zu verschaffen, ihn pflegen zu dürfen, bis Gott entschieden hat!«
Die Fürstin war auch hinzugetreten. »Sein Sie mir willkommen, Fräulein,« sagte sie - »die Freunde des Herrn Meißner, dem ich gar Vieles verdanke, sind auch die meinen und keiner ist an diesem Bett zu viel. Auch Du nicht Feodora - ich habe Alles gehört und freue mich, daß der bessere Theil in Dir gesiegt hat!«
Sie hatte der Deutschen und dem Zigeunermädchen jedem eine Hand geboten und beide drückte sie an ihre Lippen.
»Jetzt aber, Doktor, lassen Sie uns vor Allem nach unsern[unserm] lieben Kranken sehen, den ich nur einige Augenblicke verlassen hatte, Fräulein, um mit diesem würdigen Mann zu sprechen. Ich fürchte, die Aufregung könnte in seinem Zustand ihm sehr geschadet haben!«
Der Arzt stand bereits an dem Bett und hatte den Finger am Puls des Kranken.
»Gott sei Dank - das Fieber ist geschwunden, die Krisis ist überstanden - ich glaube, jetzt können wir seine Rettung verbürgen.«
Die drei Frauen sanken auf ihre Knie.

Auf dem Schaffot.

Noch in der Nacht des Attentats waren von der Polizei die direkten Thäter ermittelt und verhaftet worden.
Wir haben in dem vorigen Kapitel bereits mitgetheilt, daß in dem - der Oper gegenüberliegenden - Café Broggi ein junger Mann gleich nach der That durch das ängstliche Fragen nach seinem Herrn sich verdächtig gemacht hatte, und verhaftet worden war. Sein Herr war angeblich ein Engländer, der im Hôtel de Saxe Cobourg in der Straße St. Honoré 223 wohnen sollte. Er selbst nannte sich Swiney.
Der Leser weiß bereits, daß der angebliche Swiney der Flüchtling Anton Gomez aus Neapel war. In Folge der obigen Angabe über seine Wohnung begab sich Nachts um halb 3 Uhr ein Polizei-Commissar in das Hôtel. Er fand in dem Bett desselben ein Mädchen, Namens Menager, des Verschwörers nach der That mit den Genüssen der Liebe harrend. Sie wurde verhaftet, später aber freigelassen, da gegen sie Nichts vorlag und man von einer pariser Courtisane nicht verlangen kann, daß sie einen Unterschied zwischen einem Legitimisten und einem
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Demagogen oder Kaisermörder macht. Man fand außerdem bei ihm einen Paß auf den angegebenen Namen und an 300 Franken. Sein Herr hieß angeblich Alsop und wohnte in der Rue Monthabor Nr. 10.
Sofort stattete die Polizei diesem ihren Besuch ab. Es war Orsini, den sie in der Person des Bierhändler Alsop fand. Er lag zu Bett, mit einer leichten Wunde am Kopf, die aber stark geblutet haben mußte. Man fand bei ihm einen von Palmerston unterzeichneten ältern Paß auf den angegebenen Namen, über 8000 Franken an Geld und im Stall ein ihm gehöriges Pferd. Der Verschwörer war seit dem 12. December in Paris und hatte sich Nichts abgehen lassen.
Pierri hatte bei seiner Verhaftung in der Straße Rossini das Hôtel des France et de Champagne, Straße Montmartre 132, als seine Wohnung genannt. Als sich die Polizei dahin begab, fand sie dort den angeblichen da Sylva, oder vielmehr Karl von Rudio, den Sprößling einer adligen heruntergekommenen Familie aus dem Venetianischen, halb angekleidet, auf dem Bett liegen. Durch ihn eben kam man auf die Spur Orsini's und seines Zusammenhanges mit dem Attentat, da bald ermittelt wurde, daß er die Stelle von Gomez (Swiney) im Hôtel eingenommen hatte.
Somit waren in Zeit von einigen Stunden die vier politischen Mörder: Orsini und Gomez, Pierri und Rudio verhaftet, und ihr Zusammenhang unter einander ermittelt. Noch im Laufe des Tages hatte die Justiz auch trotz der bei allen gefundenen, theils von den englischen und
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portugiesischen, theils von den belgischen ausgestellten und von den auswärtigen französischen Behörden selbst vidimirten Pässen ihre wahren Namen ermittelt.
Als Orsini zuerst nach seinem richtigen gefragt wurde, antwortete er:
»Was thut der zur Sache? mein Namen ist Legion!«
Bereits am Freitag Vormittag konnten dem Kaiser genauere Meldungen über das Attentat gemacht werden.
Aber mit dem Rapport über das Attentat selbst und die Personen, die unzweifelhaft, nicht die Urheber, wohl aber die Ausführer gewesen waren, gingen andere Berichte ein, die eben so unzweifelhaft bewiesen, daß das Attentat nicht allein stand, sondern daß es sich um eine weit verzweigte Schilderhebung der revolutionairen Partei gegen das Kaiserthum handelte, die zum Sturz desselben sich mit verschiedenen ihrer sonstigen Gegner verbunden hatte.
Die Nationalen, die Rothen, die Kommunisten und die Orleanisten sollten an verschiedenen Punkten losbrechen. Nur von den Legitimisten fehlten die Beweise der Theilnahme, das schützte sie aber wenig vor dem Verdacht. Offenbar dachte jede der Parteien, wenn nur das Kaiserthum erst gestürzt sei, dann ihrerseits die andere entweder zu überlisten, oder mit Gewalt aus dem Felde zu schlagen. Für den ersten Zweck aber waren sie alle einig.
Durch Verrath, der bei einer durch äußerliche Umstände herbeigeführten Vereitelung stets bei der Hand ist, erfuhr die Regierung noch im Laufe des Tages den vollständigen Plan des Angriffs. Es erfolgten eine Menge Verhaftungen - in Paris in den nächsten Tagen mehr als
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zweihundertfünfzig. Eine große Menge von Fremden und bisher geduldeten politischen Flüchtlingen wurde mit der größten Strenge ausgewiesen.
Im Laufe des Tages meldeten aus den italienischen Herzogthümern, aus dem Kirchenstaat, Neapel und Madrid Telegramme, daß dort ebenfalls revolutionaire Aufstände hätten versucht werden sollen, aber unterdrückt worden waren.
Es fand deshalb am Abend in den Apartements des Kaisers eine Berathung seiner Vertrautesten statt. Der Kaiser selbst war unruhig und finster; - er, der nur so selten ein menschliches Wesen in das wahre Geheimniß seiner Politik und seiner Pläne blicken läßt, fühlte am meisten, daß er auf einem Vulkan stand, von dessen vernichtendem Ausbruch, wenn man ihm nicht zuvorkam, das Attentat und die mißlungene Revolte nur ein einzelnes Vorspiel gewesen war.
Das Feuer, das in diesem Boden gährte und kochte, hieß: die italienische Frage.
Der Kaiser begriff, daß er entweder drei Gegner zu vernichten, oder früher oder später ihnen scheinbar wenigstens nachzugeben haben würde, um ihnen desto stärkere Fesseln anlegen zu können.
Diese drei Gegner waren: Mazzini[,] - Cavour - und der Prinz Napoleon!
Der Kaiser durchschaute sie Alle!
Den Haß des ehrlichen Republikaners, des Phantasten für eine große italienische Republik!
Die diplomatischen Intriguen des großen
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Constitutionellen für die Machtvergrößerung des Hauses Savoyen, für das Eintreten Piemonts in die Zahl der europäischen Großmächte!
Endlich den glühenden, aber wohl versteckten und desto gefährlicheren Ehrgeiz des eigenen Verwandten, den die Geburt des Prinzen um die sichere Hoffnung auf den Thron von Frankreich gebracht hatte!
Er kannte sie Alle - Alle! -
In dem Conseil wurde beschlossen, das Attentat nur als einen vereinzelten Mordstreich der revolutionairen Partei zu behandeln und darauf den Prozeß einzuleiten.
Von der Revolution, von dem beabsichtigten Aufstand gegen das Kaiserthum sollte und durfte nicht die Rede sein. Alles, was darauf zielte, mußte in der Oeffentlichkeit unterdrückt werden. Weder die Franzosen, noch das ganze Europa, das noch immer mit einem geheimen Haß und Vorurtheil auf das neu erstandene bonapartistische Kaiserthum sah, durfte erfahren, auf welchen schwachen Füßen es stehe und wie sehr der Boden unter dem Thron des neuen Cäsar schwanke.
Daß die Revolution selbst und die zu dem Angriff mit ihr verbündet gewesenen Parteien nach dem Mißlingen ihres Planes davon schweigen würden, ließ sich annehmen.
Der Beschluß des Vertrauten-Conseils ist das eine der großen Geheimnisse, die in dem Prozeß Orsini gespielt haben!
Nach dem Conseil blieb der Kaiser mit seinem Stiefbruder, dem Grafen Morny, allein.
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Es war Mitternacht, als der Präsident der Deputirten-Kammer das kaiserliche Kabinet verließ.
Was sie da verhandelt, wird vielleicht die Welt nie erfahren, es müßte denn sein, daß die hinterlassenen Memoiren des Grafen - denn in dem Augenblick, wo der Verfasser des Buches dies Kapitel niederschreibt, hat der Herzog Morny seinen Platz in der alten Gruft der Könige Frankreichs in St. Denys bereits usurpirt, wie sein Halbbruder den Thron selbst! - daß also jene hinterlassenen Memoiren, die mit denen des Fuchses Talleyrand in zehn Jahren veröffentlicht werden sollen, darüber Auskunft geben.
Aber was für den strengen Beobachter genügt, das sind die Konsequenzen, das sind die Thaten!
Diese Thaten: Bagnères - Magenta - Solferino - Villafranka - Nizza - Savoyen - Aspromonte! sie haben zur Genüge die Geschichte jener Unterredung geschrieben!


Der Prozeß nahm seinen raschen Verlauf. Da man Mazzini und mit ihm die Revolution nicht anklagen wollte, nahm man einen Popanz, auf den man aus der Ferne und damit auf das englische Asylrecht für politische Mörder und Spitzbuben losschlagen konnte, den ehemaligen Marine-Arzt, Franz Bernard, einen französischen Flüchtling aus Carcassonne, der die Mitglieder des Attentats nur bis Brüssel begleitet und dort seine Haut salvirt hatte. -
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Die Bemühung des Untersuchungsrichters hatte bald genug Material herausgefordert, um wenigstens die Mehrzahl der Angeklagten des politischen Märtyrerthums zu entkleiden.
Pierri war im Mai 1831 von dem Zuchtpolizeigericht zu Lucca wegen Diebstahls verurtheilt worden, zwei Jahre später wegen desselben gemeinen Verbrechens verfolgt nach Frankreich geflohen, hatte in Lyon, Avignon und Paris das Geschäft eines Mützenfabrikanten betrieben, später 1843, nachdem seine Frau wegen schlechter Behandlung sich von ihm getrennt hatte, in Algerien in der Fremdenlegion gedient, alsdann in toskanischen Diensten den Rang eines Majors erworben, von dem er entsetzt wurde, und sich 1848 der Revolution in Rom angeschlossen. Wir sind ihm dort in der Sitzung des Todtenbundes in Pietro San Montorio mit Orsini begegnet. Im Jahre 1852 aus Frankreich ausgewiesen, hielt er sich 1855 kurze Zeit in Düsseldorf auf und kehrte dann nach England zurück, wo er später in Birmingham die Anfertigung der Sprengbomben leitete.
Gomez, seiner Lebensstellung nach ein bloßer Bedienter, aus Neapel gebürtig, hatte 1852-55 gleichfalls in der algierer Fremdenlegion, diesem Sammelplatz des Auswurfs Europas und Afrikas gedient, war dann in Marseille wegen Betrügereien zu Gefängniß verurtheilt worden und später nach England gekommen. Carl von Rudio hat, wie Orsini, wenigstens den Vorzug, ein geborner Revolutionair zu sein, denn auch sein Vater und seine Schwester wurden wegen Verschwörungen verfolgt.
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Er selbst trieb sich in Italien müßig umher, betheiligte sich an den politischen Excessen und kam 1856 nach England, von wo er selbst das Gerücht seines Todes verbreitete. -
Frau von Röbel war von Brüssel allein nach der Heimath und zu ihrem Gatten zurückgekehrt, der bei dem Wiederausbruch eines alten Uebels, das noch bis zu den Strapazen der Befreiungskriege zurück datirte, selbst dringend ihrer Pflege bedürfte. Das treue Mutterherz mußte die beiden Kinder zurücklassen, denn Rosamunde hatte sich mit dem ihr vom Vater überkommenen Zuge der Unbeugsamkeit, sobald sie einmal einen Entschluß gefaßt hatte, geweigert das Krankenlager des Informators zu verlassen, bis dieser ganz außer Gefahr war, und Otto hatte mit geheimer Befriedigung die Gelegenheit wahrgenommen, zu erklären, daß er die Schwester unmöglich verlassen dürfe und wenigstens an der Gränze über sie wachen werde.
Der tiefere Beweggrund - seine Leidenschaft zu der unglücklichen Carmen Massaignac - blieb freilich dem sorgenden Auge der Mutter nicht verborgen. Aber einerseits hatte die Fremde selbst trotz der kurzen abenteuerlichen Bekanntschaft ihr Herz gewonnen, andererseits kannte sie den Charakter ihres Sohnes zu gut, um nicht zu wissen, daß er auch in seiner Liebe den strengen Geboten der Ehre Nichts vergeben würde, daß er aber auch hartnäckig auf seinem Willen bestand.
Uebrigens war, drei Tage nach der Abreise der Familie von Paris Doktor Achmet selbst nach Brüssel gekommen und hatte der Edelfrau einen Brief der Fürstin
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Trubetzkoi überbracht, in welchem diese um die Erlaubniß bat, Rosamunde einige Wochen bei sich behalten zu dürfen, und versprach, wie eine Mutter oder ältere Schwester über ihr zu wachen. Doktor Achmet berichtete von dem günstigen Einfluß, den die Nähe und die Pflege der Geliebten auf den Zustand des Kranken geübt hatte, und die Dame konnte es nicht über das Herz bringen, das edle Opfer des Predigersohns mit dem strengen Gebot der Rückkehr an ihre Tochter zu vergelten.
So wurde denn beschlossen, von dem freundlichen Anerbieten der Fürstin Gebrauch zu machen, und Rosamunde erhielt von der Mutter Erlaubniß, so lange der Zustand des Patienten gefährlich wäre, bei der Fürstin zu verweilen. Doktor Achmet wollte sie dann nach Brüssel zu dem Bruder zurückbringen.
Dem Vater in der Heimath konnte die Edelfrau somit sagen, daß die Geschwister durch eine Einladung der Fürstin, die sich nicht hätte ablehnen lassen, noch in Paris für kurze Zeit zurückgehalten worden wären.
Weniger leicht und glücklich als auf dieser Seite war der Erfolg der Nachforschungen des Mohrendoktors nach seiner auf so geheimnißvolle Weise verschwundenen Pflegetochter.
In den ersten Tagen hatte, wie gesagt, die Polizei geradezu die Sache von der Hand gewiesen, theils weil man nicht an die Entführung einer Schauspielerin oder Reiterin ohne ihre Einwilligung glauben wollte, hauptsächlich aber, weil alle Kräfte mit der Verfolgung der Entdeckungen aus dem Attentat beschäftigt waren. Später
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machte er die Erfahrung, daß alle seine Bemühungen auf geheime Hindernisse stießen und ein im Stillen wirkender Einfluß dagegen operirte. Man machte ihm Versprechungen der genauesten Nachforschung, aber diese dienten nur dazu, ihn hinzuhalten.
Wer, der es eifrig und ernstlich mit einem Zweck meint, hätte nicht schon die Erfahrung gemacht, daß selbst in jeder Regierungsform es eine Freimaurerei, eine Macht giebt, an der gewöhnlich selbst der Wille des Monarchen scheitert, viel weniger die Kraft des Privaten: die sogenannte Büreaukratie. Wer nicht zur Freimaurerschaft des Beamtenthums gehört oder den geheimen Schlüssel des Berges Sesam kennt, erlahmt an diesem Gezücht: die besten Kräfte, die erfolgreichsten Ideen, der redlichste Wille, ja die aufrichtigste Treue erschlaffen an der Phalanx der Beamtenherrschaft, denn selbst in Monarchieen regieren in Wahrheit nicht der König oder seine Minister, sondern die Cotterieen der Geheimen Räthe und ihre festgegliederte Beamten-Armee. Die Büreaukratie trägt die Schuld der meisten Revolutionen und hat in der Stunde der Gefahr schon viele Throne verlassen und verrathen, aber noch nie einen geschirmt.
Durch die Ernennung des Generals Espinasse zum Minister des Innern und seine eisernen Maßregeln, die er gegen die Presse in Folge des Attentats ergriff, wurde dem Doktor auch der Weg der Oeffentlichkeit abgeschnitten oder wenigstens so erschwert, daß er davon abstand. Mit jedem vergeblichen Schritt überzeugte er sich immer mehr, daß bei dem Verschwinden seines Schützlings eine geheime
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Macht im Spiel war, der er nicht offen die Spitze bieten, ja der er nicht einmal die Larve abzureißen vermochte.
Leider hatte Rositta, oder vielmehr Carmen, noch nicht Zeit gehabt, ihn von dem Inhalt ihrer Unterredung mit der hohen Dame in Kenntniß zu setzen, die allein vielleicht die Macht gehabt hätte, seine Nachforschungen wirksam zu unterstützen; denn sie war gleich nach ihrer Rückkehr nach der Oper gefahren, und der Oberst Graf Montboisier, den er einige Tage später in seiner Angst aufsuchte, hatte eine Mission nach Berlin und Petersburg erhalten, um die Antwort des Kaisers und der Kaiserin auf die Glückwunschschreiben des russischen Monarchen, des Prinzregenten von Preußen, und der frommen und erhabenen Königin dieses Landes zu überbringen, die an dem Krankenlager ihres Gemahls, den sie mit wahrhaft evangelischer erhabener Liebe und Treue pflegte, bei den eigenen schweren Sorgen Zeit und Theilnahme gefunden hatte, der jungen Kaiserin der Franzosen herzliche Zeilen zu senden.
Die Kaiserin Eugénie hat dies auch in späterer Zeit Elisabeth von Preußen niemals vergessen!
Der Hacene vermuthete sehr richtig, woher der Schlag gekommen war - aber was konnte er thun, welches Recht hatte er im äußersten Fall, hier einzuschreiten, selbst wenn er es hätte beweisen können, daß der eigene Bruder die Entführung veranstaltet hatte?! Es war Thatsache, daß Carmen Massaignac noch nicht mündig war, daß sie sich der Flucht aus der Obhut ihrer Verwandten und eines mindestens unpassenden umherstreifenden Lebens schuldig gemacht hatte, und daß nach dem Gesetz ihr älterer
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Bruder ihr mit jeder Machtvollkommenheit ausgerüsteter Vormund war.
Dennoch hatte der Doktor versucht, bis zu dem Senator zu dringen. Er wußte durch die Mittheilungen des ehemaligen Argelino genug, um wenigstens den Versuch machen zu können, den verbrecherischen Sohn einzuschüchtern: - aber als er sich in dem Hôtel Massaignac melden ließ, erfuhr er, daß der Marquis mit seiner Gemahlin am dritten Tage nach dem Attentat eine Reise nach Italien angetreten hatte.
So blieb ihm denn Nichts übrig, als der Gunst des Zufalls, oder vielmehr der Hand Gottes zu vertrauen und einstweilen im Stillen seine emsigen Nachforschungen fort- und alle jene Hebel in Bewegung zu setzen, die sein früheres Wirken in Paris in Kreisen ihm an die Hand gegeben hatte, die oft für solche Zwecke weit nützlicher sind, als alle offizielle Macht der Polizei.
Von all' seinen Schritten und deren geringen Erfolgen hatte der Doktor Otto von Röbel brieflich in Kenntniß erhalten. Es bestand ein aufrichtiger und herzlicher Verkehr zwischen den Beiden, denn der junge Edelmann hatte dem älteren Freunde kein Hehl aus den Gefühlen gemacht, die ihn für die Verschwundene beseelten. Otto von Röbel verzehrte sich in ungeduldiger Aufregung und hundert Planen in dem Exil, das ihm ein unglückliches Zusammentreffen von Umständen auferlegt hatte.
Sofort nach der Abreise seiner Mutter hatte er von Brüssel aus zuerst an den Marquis von Massaignac, und als er durch Doktor Achmet erfuhr, daß dieser Paris
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verlassen hatte, direkt an den Grafen von Montijo geschrieben, sich auf die Ursach seines gezwungenen Ausbleibens von dem Duell berufen und ein erneutes Rendezvous an der Gränze angeboten, ja gefordert.
Die Antwort, die er erhielt, war von der Hand des Garde-Offiziers, welcher als Zeuge dem Duell mit dem Informator beigewohnt hatte, und lautete höflich aber kalt dahin, daß durch den Kugelwechsel mit dem Stellvertreter des Herrn von Reuble der Graf Montijo die nothwendige Satisfaction erhalten habe und weitere Erörterungen mit seinem Gegner ablehnen müsse.
Die ausweichende Antwort erregte den höchsten Zorn des jungen Mannes, aber er sah ein, daß er vorläufig Nichts dagegen machen könne, ohne in dem Licht eines hitzigen Knaben zu erscheinen. -
Der Prozeß wegen des Attentats hatte unterdeß seinen raschen Gang genommen.
Die öffentliche Meinung durch ganz Europa hatte sich so eclatant über das Verbrechen ausgesprochen, daß die französische Regierung auf sie gestützt es wagen konnte, allen Haß, allen Verdacht auf England auszuschütten. Morny hielt, nach einer gut gespielten Komödie mit dem Kaiser in den Journalen, eine donnernde Rede in der Deputirtenkammer gegen die englische Politik und ihr Asylrecht für politische Flüchtlinge, das aus England nichts Anderes mache, als den Heerd für Mord und Brand auf dem Continent. Die Offiziere der französischen Armee schleuderten geradezu wüthende Herausforderungen gegen England und forderten Krieg! - die Journale zählten das Sündenregister
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Englands gegen Frankreich auf und erinnerten an den systematischen Mord des ersten Napoleon auf dem sonnversengten Felsen von Helena!
Daß sein Neffe einst selbst als politischer Flüchtling auf dem Boden Englands Schutz und Gelegenheit für seinen Fastnachtszug nach Boulogne gefunden hatte, schien man ganz vergessen zu haben!
Die englischen Journale, die bekanntlich verstehen, den Mund noch weit größer aufzureißen, blieben natürlich Nichts schuldig, und die entente cordiale von Sebastopol drohte einen argen Riß zu bekommen.
Der Prozeß hatte unterdeß seinen weitern Verlauf genommen; die Justiz ihrer Anweisung gemäß begnügte sich damit, die nothwendigen Zeugen in Frankreich, Belgien und England aufzutreiben, um die Anfertigung der Höllenmaschine, ihre Ueberführung nach Frankreich, die Verbindung der vier Verschworenen und die Vorgänge des Attentats selbst zu erweisen.
Anfänglich hatte Orsini die That nicht geleugnet. Seine Antwort: »Mein Name ist Legion!« bewies seine Entschlossenheit. Erst später und namentlich bei den Verhandlungen des Prozesses am 25., 26. und 27. Februar fand er es in seinem Interesse, zwar nicht den Entschluß und die Vorbereitungen zu dem Attentat, wohl aber seine direkte Theilnahme auf dem Schauplatz des Verbrechens, also das Schleudern der Bomben selbst in Abrede zu stellen. Dagegen weigerte er sich, das Geringste gegen seine Mitschuldigen auszusagen.
Pierri leugnete entschlossen. Er wollte Nichts von
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den Bomben wissen und die bei ihm gefundenen nur von Orsini zur Aufbewahrung erhalten haben. Gomez und Rudio überboten sich in jämmerlichen Lügen und Entschuldigungen und suchten durch die Anklagen der beiden Häupter ihr jämmerliches Leben zu erkaufen.
Der Name Mazzini wurde - wenigstens in der Oeffentlichkeit - nur selten in dem Prozeß ausgesprochen; von den mit dem Attentat verbundenen Revolutionsplänen war gar nicht die Rede. Die Gefangenen handelten hierin nach einer Instruction, die ihnen auf geheimen[geheimem] Wege zugekommen war; denn kein Kerker ist so sicher und fest bewahrt, daß List und Gold nicht den Weg da hinein finden sollten!
Chaix d'Estanges, der berühmteste Redner Frankreichs an der Barre des Gerichts, vertrat bei den Verhandlungen des Prozesses vor der Jury das öffentliche Ministerium, das heißt das Amt des Anklägers.
Von den Vertheidigern zeichnete sich nur der Orsini's, Jules Favre aus. Er hatte den Muth, nicht den Kopf seines Klienten vertheidigen zu wollen, sondern nur, wie er sagte »auf dessen unsterbliche Seele einen Strahl von jener Wahrheit zu werfen, die allein sein Andenken vor unverdienten Beschuldigungen beschützen könne!« Er verwarf das Verbrechen, aber vor und nach diesem Verbrechen suchte er seinen Clienten in die Toga des Schwärmers der Freiheit, des fanatischen Republikaners zu hüllen.
Das Gericht und den Prokurator überraschend, zog er die Abschrift jenes Briefes hervor, den Orsini am 11. Februar aus dem Gefängniß Mazas an den Kaiser gerichtet hatte
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und der das Bündniß von Plombières veranlaßte und Oesterreich die Lombardei gekostet hat und verlas ihn.
Wir kommen später auf diesen Brief zurück.
Um 5 Uhr Nachmittag (am 26.) zogen sich die Geschworenen zurück - ganz Paris harrte um und in dem Gerichtssaal, der mit den vornehmsten Frauen gefüllt war, ihrer Rückkehr, die um 8 Uhr erfolgte.
Ihr Spruch lautete, wie nicht anders zu erwarten stand, auf Schuldig.
Der Gerichtshof verurtheilte Orsini, Pierri und Rudio zur Strafe des Vatermords, das heißt zum Tode, indem sie barfuß, im Hemd und das Haupt mit einem Schleier verhüllt auf das Schaffot geführt werden und vor der Hinrichtung die rechte Hand verlieren sollten.
Gomez wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt.
Die Gefangenen hörten schweigend die Verkündigung - nur Rudio brach zusammen und mußte von den Gensd'armen beim Verlassen des Saales geführt werden.
Die drei zum Tode Verurtheilten wurden am Tage darauf aus Mazas nach dem Gefängniß von La Roquette übersiedelt, vor dessen Thor die Hinrichtungen vollzogen werden.
La Roquette liegt auf der Straße des Todes - die Straße La Roquette ist der Weg zum Père Lachaise!
Alle Drei legten sofort die Kassation ein - selbst Orsini hatte die Feigheit, sein Leben retten zu wollen!
Außerdem hofften sie auf Hilfe von Außen, auf einen Aufstand zu ihren Gunsten, der sie befreien sollte.
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In der That waren ihre Freunde auch nicht müßig, aber die Regierung war gewarnt und gerüstet. Ein versuchter Aufstand in Chalons sur Saone wurde rasch unterdrückt; in Paris und durch das ganze Land folgten zahlreiche Verhaftungen und als sich in der Nacht zum 5. März zahlreiche Volkshaufen auf dem Platz vor dem Gefängniß versammelten unter dem Ruf: »Vive la République!« - »Vive Orsini!« und offenbar in der Absicht, die Kerkerthüren zu sprengen, war sofort das Militair bei der Hand und warf die Emeute zurück.
Aber das Alles waren sehr bedenkliche Zeichen und der Kaiser Louis Napoleon versteht sich bekanntlich auf die Vorboten des Sturms!
Die Schläge und Schutzmaßregeln der Regierung folgten rasch auf einander: - das Sicherheitsgesetz, die Eintheilung Frankreichs in fünf große Militairbezirke mit je einem Marschall an ihrer Spitze.
Am 11. März hatte der Kassationshof das Gesuch der Verurtheilten verworfen.
Man erwartete die Hinrichtung, aber man glaubte nicht daran. Im Publikum hatten sich zahlreiche Gerüchte verbreitet, daß der Kaiser damit umgehe, die Verbrecher zu begnadigen, während die Minister sich energisch dagegen erklärten. Der grimmige Espinasse mit seinem Furcht und Schrecken erregenden Antlitz bestand vor Allem darauf.
Endlich hörte man, daß der Kaiser den Spruch des Gerichts bestätigt habe. Aber das schloß noch im letzten Augenblick die Begnadigung nicht aus und während Hunderte seit acht Tagen jede Nacht auf dem Platz La Roquette
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zubrachten, um das blutige Schauspiel nicht zu versäumen, erzählte man sich, daß die Kaiserin ohne Unterlaß ihrem Gemahl anliege, wenigstens Orsini zu begnadigen.


Es war ein ziemlich rauher Märzabend - Donnerstag den 11. Am Tage vorher, Mitfasten, dem privilegirten Vergnügungstag zwischen den nutzlosen, aber von der Mode zahlreich besuchten Bußpredigten, hatte sich ganz Paris wieder einmal ausgetobt und statt des politischen Geschwätzes Cancan getanzt. Man konnte sich noch nicht sogleich wieder in die Entsagungen der Fastenzeit finden und die Kaffeehäuser und Weinschänken waren überfüllt. Man feierte Mitfasten, während Grutry und Coqueret bereits wieder von der Kanzel ihre Donner schleuderten!
Vor dem großen Hôtel in der Rue du Faubourg St. Honoré Nr. 39 hielt ein Fiacre. Ein Mann von einigen dreißig Jahren mit blassem eckigen Gesicht und stechendem Auge sprang heraus und trat zu dem Portier.
»Mylord zu Hause, John?«
»Ja, Sir! Aber ich glaube nicht, daß er zu sprechen ist.«
»Das ist meine Sache. Master Blakburn ist doch im Vorzimmer?«
»Gewiß Sir! Gehen Sie nur die Seitentreppe hinauf, Mylord ist in seinem Kabinet.«
Der Fremde, der elegant in Schwarz gekleidet war, hielt sich nicht weiter auf, sondern schritt über den Hof
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des Hôtels nach dem Seitenflügel und stieg hier eine matt erleuchtete Treppe hinauf.
Er hatte eben den Vorflur des ersten Stocks erreicht und wollte an die nächste Thür klopfen, als diese sich öffnete und Master Blakburn, der erste Kammerdiener, einen Mann herausführte.
Dieser hatte eine hohe hagere Gestalt mit gefurchtem Gesicht und dem Greisenalter nahe. Als er des Fremden ansichtig wurde, zog er rasch den Kragen seines Mantels über das Gesicht, doch nicht schnell genug, um nicht dem Blick des eben Eingetretenen Veranlassung zu einem gewissen Erstaunen zu geben. Er grüßte kurz den Kammerdiener und ging rasch die Treppe hinab.
Der Diener war einigermaßen verlegen, als er den neuen Gast in das Zimmer führte, und diese Verlegenheit steigerte sich bei der Indiscretion, die sich derselbe zu Schulden kommen ließ.
»Bei allen schlimmen Geistern, Master Blakburn,« sagte er rücksichtslos - »das ist ein eigenthümlicher Besuch bei Mylord, wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben! Wenn man das in den Tuilerien wüßte, dürfte das Verhältniß mit dem Kabinet von Saint-James leicht noch gespannter werden!«
»Oh Sir,« meinte der bestürzte Kammerdiener - »es war nur ein Reisender, Master Samwer, der in einer Paßangelegenheit kam!«
»Und der des Abends in einer Privataudienz von Mylord empfangen wird,« bemerkte gleichgültig der Frager. »Ich hätte darauf schwören wollen, dies Gesicht öfter als
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einmal im Schweizer Kaffeehaus, in London22 gesehen zu haben, wo er mir Signor Ma - - - Aber ich schweige schon,« beruhigte er die ängstliche Geberde des Kammerdieners. »Im Grunde geht es mich Nichts an und ich trage an der Last der Geheimnisse von Jenseits genug, um mich nicht noch mit dem thörichten der Menschen zu beladen. Melden Sie mich, Mylord hat mich zu sprechen verlangt.«
»Ich weiß, ich weiß, Sir, verziehen Sie einen Moment.«
Er trat in das Zimmer und hob einige Augenblicke darauf die Portière.
»Treten Sie gefälligst ein Sir, Sie finden Mylord in seinem Arbeitskabinet.«
Der Fremde trat in das nächste Zimmer und ging langsam, ohne auf die Umgebungen auch nur einen Blick zu werfen, durch dasselbe nach der offenen Thür des nächsten, aus dem man sprechen hörte.
Auf der Schwelle blieb er stehen.
Es befanden sich zwei Herren in demselben, auf Lehnstühlen am Tisch vor dem Divan sitzend und beide rauchend.
Der eine, offenbar der Hausherr, eine breite aristokratische Gestalt von gereiftem Alter mit sehr ruhigen, fast phlegmatischen Bewegungen, erhob sich.
»Willkommen, willkommen, Master Hume!« sagte er, dem Eingetretenen die Hand reichend. »Es ist sehr
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freundlich von Ihnen, daß Sie sich einer besseren Gesellschaft entzogen haben, um mit uns armen Menschenkindern zu verkehren. Erlauben Sie mir, Sie einem Freunde vorzustellen. Master Alexander Hume, der berühmte Beherrscher der Geisterwelt, Freund Seiner Majestät des Kaisers der Franzosen und des Herzogs von Hamilton, Herr Marquis von Casale!«
»Alias Graf Camillo Cavour, Premierminister Seiner Majestät des Königs von Sardinien,« sagte der Geisterbeschwörer ruhig, ohne eine Miene zu verziehen, »und Freund des Signor Mazzini, dem ich so eben die Ehre hatte, zu begegnen.«
Die beiden Herren sahen sich etwas verblüfft an, dann brach der Graf in ein lautes Gelächter aus, in das nach kurzem Besinnen der Gesandte einstimmte.
»Mylord Cowley,« sagte der Premier noch immer lachend, - »unser Incognito kann nur für gewöhnliche Menschenkinder gelten, aber nicht für Hellseher und Vertraute von Geistern. Aber Cospetto, Signor Hume, woher kennen Sie mich? Ich erinnere mich nicht, Sie schon bei uns in Turin gesehen zu haben und bin erst vor einer Stunde in Paris angekommen, ohne daß außer zwei Personen Jemand das Geringste davon weiß!«
»Herr Graf,« sagte der Geisterseher, »ich habe die Ehre gehabt, in vergangener Nacht als dritte Person in Ihrem Coupé zu sitzen!«
»In meinem Coupé?«
»Ja - zwischen Maurienne und Chambery, bis wohin Sie Ihren Secretaire Signor Manotti mitnahmen.«
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Der Minister starrte den Schotten erstaunt an.
»Per Baccho,« sagte er - »das ist stark und mir sehr unangenehm. Ich glaubte meine Abreise in das tiefste Geheimniß gehüllt, und nun sehe ich, daß irgend ein Verräther aus meiner nächsten Umgebung mir mit dem Telegraphen den Streich gespielt hat.«
Der Geisterseher hatte auf den Wink des Gesandten sich niedergelassen, so daß er beiden Herren gegenüber saß.
»Beunruhigen Sie sich nicht, Herr Graf,« sagte er lächelnd. »Sie denken in diesem Augenblick, Se. Majestät der Kaiser Louis Napoleon habe die Nachricht erhalten, ich hätte sie aus dieser Duelle und Sie nach einem Portrait erkannt. Aber dem ist nicht so. Se. Majestät der Kaiser weiß in diesem Augenblick so wenig von Ihrer Ankunft in Paris, wie von der Anwesenheit des Herrn Mazzini.«
»Aber dann erklären Sie mir - wie ist es möglich? Ich kann doch nicht an eine Zauberei glauben!«
Master Hume sah ihn ernst an.
»Sie sind aus Italien, Herr Graf, haben also doch oft von dem bösen Blick, der faccia cattiva gehört!«
»Gewiß - der größte Theil des Volkes hält an dem Aberglauben, aber das kommt von dem mangelhaften Schulunterricht und der systematischen Verdummung des Volkes durch die Pfaffen.«
»Shakespeare sagt: Es giebt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen können. Hier Mylord hat bedeutende Besitzungen in Schottland. Er wird Ihnen vielleicht einige Thatsachen von der Gabe des
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zweiten Gesichts erzählen können. Ich, Herr Graf, stamme aus Schottland durch meine Mutter. Aber haben Sie nie von jener seltsamen Macht gewisser Personen in Lappland gehört, ihren verkörperten Geist während eines geheimnißvollen Schlafs nach weit entlegenen Orten wandern zu lassen?«
»Nein; auch - erlauben Sie mir, es frei heraus zu sagen, - glaube ich an dergleichen nicht.«
»Nun Herr Graf,« bemerkte lächelnd der Geisterseher, »ein gescheuter Mann muß nie etwas verschwören. Vielleicht kann ich Sie eines Besseren überzeugen. Sie wissen also gewiß, daß Sie auf der Tour von Maurienne nach Chambery mit Ihrem Secretaire allein in dem Coupé erster Klasse waren?«
»Zuverlässig!«
»Sie trugen eine graue Reisemütze und noch von der Fahrt über den Mont Cenis einen Biberpelz. Sie unterhielten sich während der ganzen Nacht mit Signor Manotti über den Zweck Ihrer Reise.«
»Das ist leicht zu errathen. Aber wie zum Teufel wissen Sie meine Kleidung?«
»Weil ich mit Ihnen im Coupé war!«
»Das ist unmöglich!«
»Nun, so will ich Ihnen einige Worte wiederholen. Als Signor Manotti Sie frug, ob Sie sich für die Begnadigung Orsini's und seiner Gefährten verwenden würden, sagten Sie ...«
»Nun?« frug der Graf in der höchsten Spannung.
»Sie sagten: den Teufel, ich denke nicht daran! ich
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wünschte, wir würden seiner Zeit Herrn Mazzini eben so los, wie diese vier Dummköpfe!«
Der berühmte Constitutionelle fuhr zurück, als hätte er einen Schlag bekommen, »Per Baccho!« sagte er endlich, indem er sich mit dem Taschentuch über die Stirn fuhr - »das ist in der That stark!«
»Wie Herr Graf,« frug der Gesandte - »waren das wirklich Ihre Worte?«
»Ich kann es nicht, leugnen,« sagte der Minister kleinlaut - »Herr Hume wiederholt wörtlich.«
Der Gesandte lachte. »Wissen Sie, lieber Graf, wenn Herr Mazzini das gehört hätte, wie ich, möchte er doch etwas scheu werden!«
»Ei was,« sagte der Piemontese ungeduldig, - »er weiß recht gut, was ich von ihm denke. Aber es ist mir unerklärlich, wie diese Unterredung hat belauscht werden können, denn ...«
Er brach ab.
Der Geisterbeschwörer lächelte seltsam. »Euer Excellenz trauen mir also noch immer nicht. Wenn es auch möglich gewesen wäre, Sie zu hören, so hätte man doch nicht sehen können, was Sie - kurz vor Chambery in Ihr Portefeuille schrieben!«
»In mein Portefeuille? - Herr, sind Sie des Teufels?!«
»Sie hatten eben zu Signor Manotti gesagt: Er wird uns bluten lassen - ich kenne ihn! Aber es geht nicht anders - wir müssen Opfer bringen! Dann richteten Sie an Signor Manotti eine Frage, und notirten sich
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aus der Antwort Einiges in Ihr Portefeuille. Soll ich Ihnen vielleicht sagen, was Euer Excellenz geschrieben haben? Da Sie wahrscheinlich Ihr Portefeuille bei sich führen, können Sie die Wahrheit gleich erproben!«
»Nur heraus damit, Herr Hume!« drängte neugierig der Lord.
Der Premierminister war aufgestanden; so gefaßt und gewandt er auch sonst war - diesmal schien er alle Fassung verloren zu haben.
»Lassen Sie es gut sein, Herr Hume,« sagte er hastig. »Ich kann diesen Beweisen nicht widerstehen, so wenig ich mir die Sache erklären kann. Sagen Sie mir das Eine, wissen mehr Personen als Sie von dieser Unterredung?«
»Wissen? Nein! aber gehört hat sie eine zweite Person.«
»Und wer ist das?«
»Die Somnambüle!«
Der Minister that einen ziemlich undiplomatischen Athemzug. »Ach so,« sagte er, »also durch Somnambülismus haben Sie mich beobachtet?«
»Zufällig Excellenz. Bei der Entdeckung eines Mediums, wie mir noch kein zweites vorgekommen ist.«
»Wo geschah das?«
»Im Hôtel du Louvre, wo ich wohne!«
»Und keine andere Person war zugegen?«
»Keine Seele. Ein bloßer Zufall hat mich mit der jungen Dame in Berührung gebracht - oder vielmehr die Fügung der Vorsehung. Sie gehört zu den vornehmen Ständen und lebt in der Familie einer russischen
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Fürstin, die in dem Hôtel wohnt. Sie hatte wahrscheinlich von mir gehört und wandte sich mit einer Frage in Familienangelegenheiten an mich. Ich machte sofort die Entdeckung, daß sie in der auffallendsten Weise für das Fluidum empfänglich sei und manipulirte sie ohne ihren Willen!«
»Aber wie kamen Sie dabei auf meine Person?«
»Durch ein Album, das auf dem Tisch lag. Ich beschloß, die Wahl der Person dem Zufall zu überlassen, und schlug das Album auf. Das aufgeschlagene Blatt enthielt Ihr photographisches Portrait.«
Der Minister dachte einige Augenblicke nach.
So große Mühe sich auch der Gesandte geben mochte, bei der seltsamen Unterredung gleichgültig zu bleiben, vermochte er doch nicht, sein Interesse an den damit verknüpften politischen Beziehungen zu verbergen. Dem scharfen Auge des Piemontesen entging dies keinesweges.
»Das ist ein gefährliches Spiel, Herr Hume,« sagte er ernst. »Danach wäre Niemand vor Ihnen sicher!«
»O nein Excellenz - Alles hat seine Gränzen und hängt von Bedingungen ab. Wie ich bereits die Ehre hatte zu sagen, war es ein reiner Zufall, der mich durch das Medium gerade zum Zeugen Ihrer Unterredung machte und ich denke zu redlich und zu gleichgültig über Politik, um solche Entdeckungen zu verfolgen. Das größte Hinderniß dabei aber ist, daß Medien von einer Empfängniß wie das gestrige nur sehr selten gefunden werden, und daß ich nach dem heutigen Abend wohl schwerlich
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wieder so glücklich sein werde, eine ähnliche Gelegenheit zu haben.«
»Diesen Abend?«
»Ja! Die junge Dame, oder vielmehr ihr Beschützer haben sich auf meine dringenden Bitten entschlossen, einen einzigen Versuch machen zu lassen. Dies ist auch nur geschehen in der Hoffnung, dadurch Auskunft über jene Frage zu erhalten, welche die Dame an mich gerichtet hat und zu deren Lösung ich gestern keine Gelegenheit hatte, da ich noch nicht in Rapport dazu gestellt war.«
»Aber wenn sich das Frauenzimmer einmal dazu verstanden hat« bemerkte der Lord, »so wird sie sich wohl auch weiter überreden lassen.«
»Ich würde mich der Gefahr aussetzen, dafür erschossen zu werden. Der Mann, welcher sie in Schutz genommen, ein früherer Militair-Arzt, hat mir dies, obschon er seiner maurischen Abstammung nach selbst geheime Dinge und Kenntnisse liebt und achtet, in Stelle ihres Bruders sans gêne erklärt.«
»Und darf man fragen, wer sonst diesem Versuch beiwohnen wird?«
»Der Kaiser!«
Die beiden Herren fuhren gleichzeitig von ihren Stühlen auf. »By Jove!« sagte der Lord »da wären wir auf einmal am Ziel. Ist dies wirklich der Fall, Master Hume?«
»Ich hatte bereits die Ehre, es Ihnen zu sagen, Mylord. Der Kaiser wird mit dem Herzog von Hamilton
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der Sitzung beiwohnen, da ich ihn von dem seltsamen Phänomen in Kenntniß gesetzt habe.«
»Wo wird sie stattfinden?«
»Um neun Uhr in seinem Arbeits-Kabinet. Die Dame hat auf meine Bitte eingewilligt, da ich als Bedingung mir meinerseits die Wahl des Ortes vorbehielt.«
Der Gesandte hatte mit dem piemontesischen Minister einen Blick des Verständnisses gewechselt. »Hören Sie, Herr Hume,« sagte er dann - »ich habe Sie aus zwei Gründen zu mir bitten lassen. Der erste ist eine angenehme Nachricht für Sie, der zweite ein Dienst, den ich von Ihnen wünsche. Da Sie aber gerade so hellsehend sind, werden Sie vielleicht schon wissen, was ich Ihnen zu verkünden habe.«
Ohne den Spott zu beachten, der in den letzten Worten lag, antwortete der Amerikaner: »Mylord, mein Verkehr mit den Ueberirdischen zeigt mir nur das, was Andere betrifft, Nichts über mich selbst.«
»Desto besser! dann habe ich das Vergnügen, Ihnen mittheilen zu können, daß nach einer bei der Gesandtschaft eingegangenen Akte des Erbschaftsgerichts Ihnen von Mistreß Cavendish zu Bradford testamentarisch eine Jahresrente von 6000 Franks hinterlassen worden ist, wozu ich Ihnen von Herzen gratulire.«
»Ich danke, Mylord! aber sagen Sie mir das Wichtigere - womit ich Ihnen dienen kann?«
Die totale Gleichgültigkeit gegen das nicht unbedeutende Geldgeschenk imponirte selbst dem stolzen Pair. »Meine Bitte« sagte er sehr höflich, »ist folgende. Jedermann
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weiß, daß Sie unbeschränkten Zutritt zum Kaiser haben und einen gewissen Einfluß auf ihn besitzen. Es ist von Wichtigkeit, daß Graf Cavour noch diesen Abend eine geheime Audienz erhält; doch soll Niemand, selbst im Palast nicht davon wissen. Ich hoffte, Sie würden mir die Gefälligkeit erweisen, den Kaiser zu bewegen, einer Person, die sich nur ihm selbst nennen wolle, eine Audienz zu ertheilen. Mein Name darf jedoch dabei nicht erwähnt werden, eben so wenig der Umstand, daß Sie den Herrn Grafen erkannt haben. Sie sind Amerikaner, Master Hume, und ich brauche Ihnen blos zu sagen, daß Sie damit der Sache der Befreiung einer ganzen Nation von unwürdigen Fesseln einen großen Dienst leisten werden.«
»Herr Hume wird mich dadurch persönlich außerordentlich verpflichten« bemerkte der Graf.
Der Geisterseher hatte sich erhoben. »Euer Herrlichkeit wissen« sagte er ernst, daß ich vermeide, mich mit politischen Dingen zu befassen. Ich kann daher Ihren Wunsch nur in meiner Weise erfüllen.«
»Und die ist?«
»Se. Excellenz möge die Güte haben, sich um Punkt neun Uhr am ersten Thor der Tuilerien nach der Straße Rivoli einzufinden und uns dort zu erwarten.«
»Sie wollen ihn direkt einführen?«
»Sobald ich es an der Zeit halte, ja!«
»Herr Hume,« sagte der Graf, »zählen Sie auf meine Pünktlichkeit, ich werde zur Stelle sein.«
»Schön. Mylord, ich glaube, Sie bedürfen meiner nicht mehr - ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!«
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Er nahm das Dokument der Erbschaft in Empfang und verließ das Hôtel. Wir werden ihm sogleich wieder begegnen.
Die beiden Diplomaten waren kaum allein, als sie sofort die mit dem Eintritt des Geistersehers unterbrochene Unterhaltung wieder begannen.
»Es ist ein unangenehmer Zufall« sagte der Graf, »daß dieser Herr mich erkannt hat und Mazzini begegnet ist. Ich weiß in der That nicht, was ich von seinen Erzählungen denken soll.«
»Ich sträube mich selbst dagegen, an übernatürliche Kräfte zu glauben, und dennoch lassen sie sich an Hume nicht läugnen, obgleich von Zeit zu Zeit die Fähigkeit dazu ihm gänzlich verschwinden soll. Aber gleichviel, mein Gedanke, sich an ihn zu wenden, war ein ganz glücklicher und Hume ist bei all' seinem seltsamen Wesen ein Mann von Wort und Ehre. Sie werden den Kaiser sprechen, und ich freue mich, Ihnen dazu verholfen zu haben.«
»Die Verständigung mit Eurer Herrlichkeit war mir ebenso wichtig!«
»Keine Komplimente unter uns - lassen Sie uns offene Karten spielen. Es bestehen gewisse Verpflichtungen, die wir bei dem Krimkrieg gegen Sie eingegangen sind für Ihren Beitritt zu dem Feldzug. Ich sage Ihnen kein Geheimniß, wenn ich Ihnen ausspreche, daß England augenblicklich außer Stande ist, dem König Victor Emanuel, oder vielmehr dem Kabinet Cavour die gemachten Zusagen zu halten und die beabsichtigte Erhebung Italiens direkt zu unterstützen. Die Krim hat unsere gedienten Truppen
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decimirt, der unglückliche, noch lange nicht bekämpfte Aufstand in Indien, der Krieg in China und die Haltung der nordamerikanischen Union nehmen alle militairischen Kräfte in Anspruch. Auf der andern Seite müssen wir gerade wünschen, Frankreich möglichst nach einer andern Richtung beschäftigt zu sehen. Diese einfältige Attentat-Geschichte könnte wirklich zu den schlimmsten Folgen führen, obschon wir ganz unschuldig daran sind.«
Der Graf nickte beistimmend mit schlauem Lächeln.
»Die entente cordiale« sagte er, »hat in der That einen schweren Riß bekommen. Die Pyat'sche Brochüre und die französische Antwort23 werden auch nicht dazu beitragen!«
Der Gesandte zuckte die Achseln. »Was kann das Kabinet machen gegen die Opposition? Die Stimmungen hüben und drüben sind sehr gereizt. Die Verschwörungsbill hat keine Aussicht, durchzugehn, selbst der Prozeß Bernard wird wahrscheinlich mit einer Freisprechung oder einer geringen Verurtheilung enden und dies die Erbitterung noch steigern. Die Presse thut alles Mögliche, das Feuer zu schüren und es bedarf in der That nur eines Funken in dem Pulverfaß, um den Ausbruch herbeizuführen!«
»Und unter diesen Umständen hält das Kabinet von Saint James die italienische Frage für einen vortrefflichen Ableiter?«
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»Wir leugnen es nicht. Ohnehin würde die Eifersucht Frankreichs nicht eine direkte englische Einmischung in Oberitalien zugeben. Wir sind deshalb damit einverstanden, daß Frankreich Piemont dort unterstützt, nur ...«
»Nun, Mylord?«
»Müßten Sie keine zu großen Verpflichtungen eingehen. Sie kennen die Pläne des Kaisers Louis Napoleon auf das mittelländische Meer!«
Der sardinische Minister beantwortete diese englische Anmaßung, die unter den obwaltenden Umständen vollkommen die Unverschämtheit der britischen Politik repräsentirte, nur mit einem diplomatischen Lächeln. »Ich denke, Mylord,« sagte er, »wir, nicht England, sind Diejenigen, welche den Preis zahlen müssen.«
»Ihre Constituirung« fuhr der Lord fort, die kleine Zurechtweisung überhörend, »wird uns ein bedeutendes Opfer kosten. Wir gehen damit um, Corfu aufzugeben.«
Das spöttische Lächeln zuckte wieder um den Mund des Grafen, diesmal ziemlich unverholen. »Sollte diese Politik« sagte er, »nicht weit eher Oesterreich zu Gunsten kommen, als uns?«
»Bah lieber Graf - die österreichische Marine wird nie eine Stellung einnehmen, die es uns wichtig macht, das adriatische Meer zu schließen.«
»Das ist sicher! Aber offen gesprochen, Mylord, ist es nicht sehr freundschaftlich für uns und schmeckt sehr nach einer gewissen politischen Achselträgerei. Verzeihen Sie, daß ich mich offen ausdrücke, - aber ich muß ganz bestimmt darauf bestehen, zu erfahren, in welcher Weise
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England die für unsere Hilfe im Krimkriege geleisteten Versprechungen zu erfüllen denkt?«
Der Gesandte spielte mit dem Crayon, den er in der Hand hielt. »Ich habe Ihnen bereits auseinander gesetzt, lieber Graf« sagte er, »daß wir im Augenblick außer Stande sind, anders, als mit unserm moralischen Gewicht und etwa der Lieferung von Waffen in der Lombardei Ihnen Beistand zu leisten. Aber wir sind bereit, unter gewissen Bedingungen Sie im Süden Italiens zu unterstützen.«
»Sie wollen uns also Neapel erobern helfen?«
»Das heißt - wir wollen Sie dabei durch gewisse Demonstrationen unterstützen. Zum Beispiel eine Flotte vor Neapel legen, ein Vorwand wird sich ja leicht finden, und bei einem Aufstand in dem unruhigen Sicilien, wo Alles gährt und nur auf das Signal wartet, die neapolitanische Marine verhindern, sich den Ausschiffungen zu widersetzen. Wir sind bereit, mit einer Anleihe, Waffen und Munition und der Zulassung von Werbungen den Aufstand zu unterstützen.«
»Also in der gewöhnlichen englischen Weise. Ich muß gestehen, Mylord, das ist allerdings sehr unter unsern Erwartungen! Und was beanspruchen Sie dafür?«
»O - sehr wenig; Die Abtretung einiger Schwefel-Werke in Sicilien. Wir hätten Sicilien selbst beanspruchen sollen.«
»Euer Herrlichkeit wissen sehr wohl, daß dies einen Krieg zwischen England und Frankreich hervorrufen würde. Aber ich muß auch das Verlangen von Gebietsbesitz auf
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Sicilien überhaupt ablehnen und sage Ihnen offen, daß - kommt es zu einem Kriege mit Neapel in der Frage der italienischen Einheit, - der König Victor Emanuel lieber Beistand auf einer andern Seite suchen müßte. Das Einzige, wozu wir uns noch verbindlich machen würden, können nur gewisse Handelsvortheile sein, nicht aber das Aufgeben der Haupterwerbsquellen des Landes.«
Der Engländer erwiderte Nichts auf diese direkte Zurückweisung, als daß er darüber berichten werde, und ging dann zu einem andern Theil der Verhandlungen.
»Die Eifersucht zwischen Preußen und Oesterreicher sagte er, »sichert die Neutralität des ersteren, wenigstens so lange Sie nicht die deutschen Gränzen selbst bedrohen. Die Heirath der Prinzeß Royal und die schleswig-holstein'sche Frage geben uns den nöthigen Einfluß. Es bliebe demnach nur die Einmischung von Rußland zu berücksichtigen.«
»Darüber Mylord braucht sich das Kabinet von St. James keine Sorge zu machen. Rußland wird nicht interveniren, wenn die Macht Oesterreichs geschwächt wird.«
»Das weiß ich, das ist klar! Aber später - bei Neapel. Rußland hat aus der Haltung der Bourbonen beim orientalischen Kriege eine gewisse Verpflichtung der politischen Dankbarkeit.«
»Euer Herrlichkeit glauben gewiß am Allerwenigsten an ein solches Phantom. Die Sache hat uns allerdings ein kleines Opfer gekostet, indeß, es war nicht zu ändern.«
»Und darf man fragen, welches?«
»O gewiß, Mylord, - es kann überdies nicht verschwiegen
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bleiben. Se. Majestät der König Viktor Emanuel hat den unbedeutenden Hafen von Villafranca zwischen Nizza und Monaco an den Kaiser von Rußland zu einer Kohlenstation für die russischen Dampfer im Mittelmeer abgetreten.«
Der Schlag war so direkt, daß der englische Diplomat einige Augenblicke ganz verstummte.
So unbedeutend diese Gebietsabtretung an und für sich war, zeigte ihr Abschluß hinter dem Rücken des britischen Kabinets doch klar, wie sehr man den Einfluß Englands im Mittelmeer bereits gesunken ansah.
»Eine Kohlenstation? - Wahrhaftig! Ist dieser Vertrag denn bereits geschlossen?«
»Gewiß, Mylord - vollständig unterzeichnet. Die Uebergabe wird in Kurzem erfolgen.«
Die Miene des Grafen war so unbefangen, so vergnügt, daß es der englische Diplomat gar nicht wagte, Etwas darauf zu erwidern; er fühlte, daß er geschlagen war und daß es allein galt, ein möglichst gutes Gesicht zu der verdrießlichen Thatsache zu machen.
»Ich wünsche, daß Sie den Handel nicht zu bereuen haben, und die Aufgabe der Kabinette von St. James und der Tuilerien wird es sein, dafür zu sorgen, daß Rußland nicht etwa eine militairische Flottenstation aus dieser Erwerbung macht. Werde ich von Ihnen Nachricht erhalten lieber Graf, über den Ausgang Ihrer Verhandlungen mit dem Kaiser Louis Napoleon?«
»Gewiß, Mylord - die drei Mächte müssen dabei ja Hand in Hand gehen.«
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»Nur nicht, wie bei Villafranca - der Name ist etwas odiös. Ich sehe Sie also noch vor Ihrer Abreise?«
»Wenn es möglich ist, ja. Andernfalls erhalten Sie auf dem bisherigen Weg unserer Communikation sofort Nachricht. Und nun Mylord, habe ich nur die Bitte, dafür zu sorgen, daß Marquis d'Azeglio bei seinen Unterhandlungen mit den Banquiers der City und den Waffenfabrikanten in Birmingham von Ihrer Regierung unterstützt wird. Leben Sie wohl, Mylord, und nehmen Sie meinen Dank für die rasche Vermittelung der geheimen Audienz.«
Die beiden Diplomaten hatten sich erhoben.
»Die Bestätigung des Urtheils ist also erfolgt?« frug der Piemontese noch an der Thür.
»Vor zwei Stunden, wie ich Ihnen bereits sagte.«
»Und die Hinrichtung?«
»Das werden Sie in den Tuilerien erfahren! Ich weiß es nicht. Man pflegt gewöhnlich 14 Tage dieselbe aufzuschieben!«
Die beiden Diplomaten drückten sich einander die Hände und schieden. Master Blakburn geleitete den in seinen Mantel gehüllten Premier des Königreichs Italien über dieselbe Stiege hinab, auf welcher er kurz vorher den ersten Verschwörer der apenninischen Halbinsel expedirt hatte.


Es war kurz vor 9 Uhr, als Doktor Achmet in Begleitung einer tief verschleierten Dame das Hôtel du Louvre
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verließ und nach dem nahen Portal der Tuilerien, welches zum Carousselplatz führt, ging.
Die Dame drängte sich scheu und dicht an ihren Begleiter, der ihr Muth einsprach.
An dem Ausgang des Hôtels hatte sie ein Herr erwartet; er sprach einige Worte mit dem Arzt und ging dann voran. Als sie in den großen Hof der Tuilerien traten, sahen sie einen Mann im Mantel an dem Gitter, das den innern Hof von dem Platze trennt, auf- und niedergehen.
Als die Drei näher kamen, trat er auf den Führer zu.
»Signor Hume?«
»Zu dienen. Haben Sie die Güte, sich uns anzuschließen, aber ich bitte im Voraus um Entschuldigung, wenn ich Sie einige Zeit im Vorzimmer warten lassen sollte.«
»Es kommt mir nur darauf an, unerkannt in die Appartements zu kommen.«
»Schön, Herr Graf, dann haben Sie die Güte, uns zu folgen.«
Die Schildwach am Eingang des Triumphbogens, welch« in den innern Hof führt, rief sie an.
»Halte-là Messieurs! On ne passe pas ici!«
»Doch mein Braver - hier ist die Karte!«
Der Geisterbanner zeigte die Erlaubnißkarte zum Eintritt nach Schluß der äußeren Zugänge.
»Passez!«
Der Garde-Zuave trat zur Seite.
Master Hume mit seiner Gesellschaft wandte sich
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sofort links, nach dem Pavillon de Flore, in dem sich die Gemächer des Kaisers befinden.
Sie traten in die Seitenthür. Am Fuß der Treppe wartete ein Lakai auf sie, der sie hinauf geleitete; oben, am Eingang der Vorzimmer, trat ihnen Thélin, der erste Kammerdiener des Kaisers, entgegen.
»Guten Abend, Monsieur Hume. Se. Majestät lassen Sie bitten, einstweilen in den blauen Salon einzutreten und alle Vorbereitungen zu treffen. Der Kaiser ist in diesem Augenblick noch dringend beschäftigt.«
Er öffnete die Thüren des nächsten Zimmers.
»Dieser Herr, Monsieur Thélin,« sagte der Amerikaner, »ist mein Begleiter, ich habe ihn nöthig heute bei der Experimentirung. Sie werden erlauben, daß er in dem Zimmer neben dem Salon zur Hand ist.«
»Sie haben zu befehlen, Monsieur. Will Madame nicht ablegen?«
Die junge Deutsche, die nur in ein großes Shawltuch gehüllt war, machte eine abwehrende Bewegung.
»Treten Sie ein!«


Der Leser kennt aus einem der früheren Kapitel zum Theil die Einrichtung der Appartements der Kaiserin.
Die Räume im ersten Stock, welche der Kaiser bewohnt, sind dieselben.
Wir führen ihn in das kleinere Arbeitszimmer des mächtigen Geistes, das kalte Ueberlegenheit, Schlauheit und
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Muth gegenwärtig in vier Welttheilen die Geschicke von Nationen beherrscht, die anderen beeinflußt.
Der Kaiser saß an seinem Schreibtisch - vor ihm lagen geöffnete Briefe und mehrere Aktenstücke.
Er hatte das Kinn in die Hand gestützt; das schwere, verschlossene Gesicht war noch finsterer als gewöhnlich. - Dem Manne gegenüber, der allein mit ihm im Zimmer war, brauchte er nicht die eherne Maske, die sonst vor den spähenden Blicken so schroff seine Gedanken und Empfindungen verbirgt.
Louis Napoleon hatte sich seit der Zeit, da ihn unser Buch einführte, ja seit den Scenen, welche seine Vermählung einleiteten, bedeutend körperlich verändert. Die Gestalt hatte ein unvortheilhaftes Embonpoint angenommen, die Gesichtsfarbe war noch matter und ungesunder als früher. Nur selten fiel der Glanz eines freundlichen Gefühls über dies strenge eherne Gesicht, das seit dem Attentat noch finsterer geworden war.
Ihm gegenüber stand die ziemlich elegante, aber feste Gestalt seines Halbbruders Morny, mit der einen Hand auf den Tisch gestützt, in der andern eine Feder, die er dem Kaiser reichte.
Die Söhne der schönen und galanten Exkönigin von Holland schienen in dieser Stunde die Rollen getauscht zu haben. Der Präsident des Corps législativ war sicher, entschlossen, kühn, - der Kaiser finster und mißtrauisch, wie immer, aber zugleich schwankend und unentschlossen, wie er nur selten ist.
»Höre mich an Louis,« sagte der Graf energisch. »Du
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weißt, daß mein Schicksal an das Deine geknüpft ist, daß ich mit Dir fallen würde. Man wird mir niemals den 2. Dezember vergeben. Saint Arnaud ist todt, ich habe jene Tage jetzt allein zu vertreten und ich will nicht die Verantwortung für die Ströme von Blut auf mich genommen haben, um jetzt unser Werk an einer thörichten Schwäche untergehen zu sehen. Wenn Du Orsini und seine Helfershelfer begnadigst, so sanctionirst Du damit die Revolution!«
»Ich bin ein Sohn derselben, Jules, vergiß das nicht!«
»Bah - die Phrase ist gut für ein Wahlmanifest, wenn man Präsident oder Kaiser werden will. Ist man das geworden, dann muß der Sohn der Herr seiner Mutter werden und zwar ein strenger Herr, oder die andern Kinder wachsen ihm über den Kopf. Die Meinung des Ministerraths war einstimmig - sie verlangen die Hinrichtung der Verbrecher. Meinetwegen begnadige Rudio und schicke ihn nach Cayenne. Er ist der ungefährlichste und von der Mazzinistischen Bande so lange als Verräther verfehmt und verfolgt worden, bis er sich zu dem Beitritt zu der schändlichen That entschlossen hat.«
»Aber die Kaiserin besteht auf der Begnadigung. Die wiederholten Drohbriefe, die sie empfangen hat, haben sie in Angst und Schrecken um das Leben ihres Sohnes gesetzt.«
»Madame Eugénie fürchtet blos die Zukunft, sie hat höchstens den Schreck zu rächen - es befinden sich aber in Paris über zweihundert Personen, die ihr Blut gerächt sehen wollen!«
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Der Kaiser warf dem strengen Forderer einen raschen Blick zu. »Höre Jules,« sagte er - »ich glaube, Cayenne ist gerade nicht ein besseres Schicksal, als die Guillotine!«
»In Cayenne lebt man, aus Cayenne entkommt man, und eine blutige That fordert blutige Sühnung. Darf ich Espinasse den Befehl zur Hinrichtung schicken?«
»Ich weiß nicht, warum Du so eilst. La Roquette ist ein ganz sicherer Aufenthalt!«
»Sire,« sagte der Graf, plötzlich den Ton ändernd - »ich müßte Sie nicht kennen, oder Sie haben einen Hintergedanken dabei. La Roquette ist sicher, aber auch die Bastille hat man gebrochen. Erinnern Sie sich, daß wenn nicht die strengsten Präventiv-Maßregeln ergriffen worden wären, wir am 24. Februar eine blutige Revolte der Rothen gehabt hätten und daß in der Nacht zum 5ten wir noch die Versuche dazu gesehen haben.«
»Es wäre besser gewesen, wir hätten sie zum Ausbruch kommen lassen. Wir wären dann mit einem Mal damit fertig geworden!«
»Sire,« sagte der Graf sehr ernst, »man kann innerhalb zehn Jahren nicht mehr als ein Mal einen zweiten December machen!«
Der Kaiser schwieg einige Augenblicke. »Du hast Recht! - Aber Du kennst jenen Brief24 - er hat nicht
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so Unrecht! die Italiener sind eigentlich etwas schlecht behandelt worden.«
»Nicht mehr als sie verdienen. Die Italiener sind
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wie die Polen, unruhige Kinder, die das Geschenk der Freiheit nicht vertragen. Ueberdies Sire, steht es ja in Ihrer Hand, die Sache wieder gut zu machen. Man wartet in Turin ja nur auf Ihren Beistand!«
»Meinst Du?«
»Euer Majestät wissen das besser als ich. Ueberdies Sire, haben Sie die Erbschaft Ihres Onkels erst zum Theil erfüllt!«
»Du meinst Rußland!«
»Ja, Sire, der Flecken von 1812 auf den französischen Fahnen ist glänzend ausgelöscht. Außerdem ist England dabei gedemüthigt worden, und wenn Sie jetzt Sardinien unterstützen und die Oesterreicher aus Oberitalien werfen, so ist diese Demüthigung vollständig und der englische Einfluß an den Küsten des mittelländischen
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Meeres gebrochen. Sie haben dann mit zwei weiteren Factoren von 1813 und 15 die Abrechnung gehalten!«
»Meinst Du? - Du vergißt, Jules, daß dies eine alte Schuld ist, und daß die Neuzeit manchen neuen Posten in das Conto eingetragen hat. Man kokettirt in England mit mir nur, weil man mich fürchtet. Der brutale Hochmuth der Nation zeigt ihre wahre Stimmung. Wie hat man sich gegenüber dem Attentat benommen? Der Prozeß Bernard wird offenbar mit der Freisprechung oder einer ganz geringen Strafe des Halunken endigen; die Revolutionsbill25 wird nicht durchgehen, alle Welt vom Lord bis zum Kesselflicker agitirt dagegen! und die Pyat'sche26 Brochüre sagt ganz offenkundig, wie man denkt!«
»Nun gut - was hindert Dich, mit England noch besondere Abrechnung zu halten? Die Zeit wird kommen, denn offenbar ist die englische Macht im Sinken und Amerika ist früher oder später der Dorn in seinem Fleisch. Aber vor Allem darf Frankreich Italien nicht aus den Augen verlieren, denn dort ist der Boden, wo seine politischen und blutigen Schlachten ausgefochten werden. Man besiegt den Germanismus nicht am Rhein oder der Spree, sondern am Mincio und an der Tiber!«
Der Kaiser war aufgestanden und einige Male in dem Zimmer auf und nieder gegangen; dann blieb er vor
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einer Karte Italiens stehen, die an der Wand hing. »Italien gränzt sehr nahe an Frankreich!« sagte er.
Der Graf lachte. »Gewiß, Sire. Deswegen waren wir auch stets so rasch dort!«
»Bedenke Jules, unsere Position in Rom beherrscht ganz Italien!«
»Und außerdem den heiligen Vater, das Schooskind Deiner Frau. Aber wer zum Henker räth Dir denn, Rom aufzugeben!«
»O dieses Haus Savoyen ist sehr ehrgeizig. Man müßte doch wenigstens wissen, für was?«
In diesem Augenblick ließ sich ein zweimaliges Kratzen an der Thür hören.
»Ah - Thélin! - Herein mit Dir!«
Der alte Kammerdiener trat ein.
»Ist er da?«
»Ja, Sire - im blauen Salon, wie Sie befohlen haben!«
»Und hat er sie mitgebracht?«
»Wen, Sire?«
»Parbleu - die Dame, das Frauenzimmer!«
»Ja, Sire! es ist eine Dame dabei, die tief verschleiert ist. Aber sie ist nicht das gewöhnliche - Medium, wie Herr Hume es nennt!«
»Es ist gut, Thélin! Sage Monsieur Hume, daß ich sogleich bei ihm sein werde! Jules, Du begleitest mich!«
»Wohin?«
»Nun zu Nichts weiter, als zu einer Sitzung mit
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Monsieur Hume. Er hat mich wissen lassen, daß er ein vortreffliches neues Medium aufgethan hat.«
»Sire, ich bitte Sie im Namen Frankreichs, zuvor diese Ordonnanz zu unterzeichnen!«
Er schob ihm das Papier zu, und reichte ihm zum dritten Mal die Feder.
Der Kaiser nahm sie - er tauchte sie ein und hob die Hand.
Sie wurde ihm festgehalten.
Eine zarte aristokratische Hand, die Hand seiner Gemahlin, hatte sich auf die seine gelegt.
»Sie werden nicht unterzeichnen, Sire!«
»Wie Eugénie - Du bist es?«
»Ja, Louis - ich bin Dein guter Engel! Begnadige sie - vergieb ihnen, wie ich es thue. Um unsers Kindes willen!«
»Ihre Majestät wollen mir die Bemerkung erlauben,« sagte Morny schroff, »daß dies Staatsangelegenheiten sind.«
»Oh, reden Sie nicht - ich weiß, daß Sie kein Gefühl haben außer für Blut und für Gold!« rief die Spanierin heftig. »Was kümmert es Sie, Sie wissen es nicht, was es heißt, ein Kind zu haben auf diesem blutumströmten, selbst von der Kirche verfluchten Thron! Wäre ich ruhig in meinem Privatleben geblieben, ich wäre hundertmal glücklicher als mit diesem Mann, der weder Frau noch Kind liebt!«
Der Kaiser sah einen jener leidenschaftlichen Stürme kommen, die nach der unglücklichen Ueberraschung des
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14. Januar sich bereits mehrfach wiederholt hatten, und eilte, sich ihm zu entziehen.
»Du sollst uns begleiten, meine Liebe! Du weißt, daß ich ein wenig abergläubisch bin - ich will die möglichste Rücksicht nehmen gegen Deine Wünsche, aber ich verlange, daß Du ruhig bist!«
»Du rettest das Leben Deines Kindes, wenn Du Gnade walten läßt! Hörst Du - ich will es! Du bist mir Genugthuung schuldig für jene schändliche Scene, als ich Dich ...«
Der Kaiser hatte Thélin einen befehlenden Wink gegeben. Der finstere Zug zwischen seinen Brauen war plötzlich so schroff und tief geworden, daß selbst die leidenschaftliche Spanierin schwieg,
Er bot, ohne weiter ein Wort zu sagen, der Kaiserin den Arm und führte sie durch die Flügelthür, die Thélin devot aufwarf.
Der Präsident des gesetzgebenden Körpers folgte mit einem leichten Achselzucken.


Wir haben bereits erwähnt, daß der maurische Arzt und seine Begleiterin in den sogenannten blauen Salon, der nur durch ein kleines Zwischenzimmer von dem Arbeitskabinet des Kaisers geschieden ist, von dem ersten Kammerdiener Thélin, dem Zeugen so vieler wichtiger Wandelungen und Ereignisse eingeführt worden war.
Der Piemontese war in einem der anstoßenden Zimmer
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geblieben, nachdem er Master Hume seine Karte eingehändigt hatte.
Der Geisterbanner bewies, daß er in diesen Appartements eine sehr bekannte Person war. Er führte das Edelfräulein zu einem Sessel in der Nähe des Kamins und bat sie, hier Platz zu nehmen und sich durch Nichts stören zu lassen.
Dann unterredete er sich mit dem Arzt und dem bereits anwesenden Herzog von Hamilton. Sie hatten etwa zehn Minuten gewartet, als die Thür des Salons hastig geöffnet wurde, und der Kaiser mit der Kaiserin hastig eintrat. Hinter ihnen mit einer aus Spott und Mißvergnügen ziemlich deutlich zusammengesetzten Miene kam Graf Morny.
Louis Napoleon, sobald er eingetreten war, ließ den Arm der Kaiserin los und ging auf Hume zu.
»Da sind Sie ja, Monsieur Hume! und gerade zur rechten Zeit. Haben Sie das Medium mitgebracht?«
»Erlauben Euer Majestät mir, Ihnen die Dame zu präsentiren.«
Die Dame verbeugte sich - man konnte trotz des Hutes und Schleiers bemerken, in welcher Aufregung sie sich befand.
»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Madame,« sagte der Kaiser, »daß Sie sich bereit gezeigt haben, meinen Wunsch zu erfüllen, die seltene Naturkraft, die sich bei Ihnen in so ausgezeichnetem Maße findet, selbst beobachten zu können. Wollen Sie nicht Hut und Schleier ablegen - seien Sie ganz ohne Sorgen, ich versichere Sie meines besonderen Schutzes.«
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»Sire,« fiel der Geisterbanner ein, - »es ist eine der Bedingungen, unter welchen sich die Dame zu der Sitzung verstanden hat.«
»Also ein Theil des Programms! Nun gut, ich füge mich. Und dieser Herr?«
»Der Begleiter der Dame, Doktor Achmet, früher Arzt bei den Garde-Zuaven Ihrer Majestät.«
»Der Mohrendoktor - Parbleu! ich erinnere mich und warum sind Sie aus dem Dienst getreten?«
»Sire, ich wurde vor Sebastopol gefangen genommen und kehrte erst nach längerer Zeit als Begleiter einer Dame zurück, die sich in Rußland unter meinen Schutz gestellt hatte.«
»Dieser hier?«
»Nein Sire, einer Landsmännin Ihrer Majestät, der Primadonna des Cirque, Sennora Rositta!«
Er hatte die Worte absichtlich laut gesagt, damit die Kaiserin dieselben hören sollte.
Seine Berechnung hatte ihn nicht getäuscht. Die Kaiserin, als sie den Namen hörte, kam sofort näher. Aber die Ungeduld des Kaisers schnitt jede weitere Erörterung ab.
»Wenn ich nicht irre, so haben Sie die Bedingung gestellt, den somnambülen Schlaf dieser Dame zugleich benutzen zu dürfen, um einige Fragen an sie zu richten?«
»Ja, Sire - unter dieser Bedingung, die dazu dienen soll, über das Schicksal einer uns theuren, in räthselhafter Weise verschwundenen Person Aufschluß zu erhalten,
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hat Fräulein de Reuble sich dazu verstanden, sich in magnetischen Schlaf bringen zu lassen.«
»Nun gut - das ist die beste Gelegenheit, sich von der Extase der Dame zu überzeugen. Sie werden demnach die Fragen beginnen. Wenn Sie mit Ihren Vorbereitungen fertig sind, Monsieur Hume, können wir anfangen. Setzen wir uns!«
Der Kaiser nahm die Hand seiner Gemahlin und führte sie zu einem Lehnsessel. Sein Wink befahl den andern Anwesenden, sich geeignete Plätze zu suchen.
Nur Hume selbst blieb stehen. Er befand sich dem preußischen Edelfräulein gegenüber, die von den seltsamen Verhältnissen aufgeregt sichtlich unter Hut und Schleier zitterte.
Der Magnetiseur ging nach einer der Fensternischen und holte dort einen kleinen Tisch, den er vor das Mädchen stellte.
»Bitte Madame, legen Sie Ihre linke Hand auf den Tisch.«
Das Edelfräulein that es.
»Nun sehen Sie mich an!«
Er begann vor ihr stehend die Manipulationen.
Nach zwei oder drei Minuten sah man das Mädchen rückwärts sinken mit dem Kopf an die Lehne des Sessels, ihre Hand blieb auf dem Tisch liegen, eine gewisse Steife und Starrheit verbreitete sich über alle Glieder.
Der Geisterbanner that noch einige Striche, dann hielt er inne.
Es war eine große Stille im Zimmer, Alle, selbst
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der ungläubige Spötter Morny, beobachteten den Vorgang mit Interesse.
»Sie schlafen, Madame?«
»Ja, mein Herr!«
Die Stimme der Somnambülen war schwach, aber deutlich verständlich.
»Sind Sie hellsehend?«
»Ich weiß es nicht!«
»Ich frage, ob Sie alle Dinge und Personen, körperliche oder unkörperliche, mit denen ich Sie in Verbindung sehe, sehen?«
»Ich glaube es. Es ist mir, als wäre mein Geist sehr frei. Fragen Sie!«
Der Geisterbanner wandte sich an den Arzt.
»Haben Sie einen Gegenstand bei sich, welcher der Person gehörte, über welche Sie das Medium befragen wollen?«
»Hier ist ein Handschuh, den sie am Abend vorher, ehe sie in so unerklärlicher Weise verschwunden ist, getragen hat!«
»Geben Sie her!«
Er schob den Handschuh unter die linke Hand des zurückgelehnt schlummernden Mädchens auf der Tischplatte.
»Was wollen Sie wissen?«
»Zunächst, ob sie lebt, oder ob ihr ein Unglück widerfahren ist!«
»Madame, suchen Sie die Person, deren Handschuh Sie in Ihrer Hand haben. Lassen Sie den Tisch für
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Sie antworten, wo es geht, um sich nicht zu ermüden. Haben Sie die Person?«
Obschon die Hand des Mädchens nur steif und unbeweglich auf dem kleinen, mit runder Bouleplatte und vergoldeten Füßen versehenen Tisch ruhte, zeigte sich doch nach einigen Augenblicken ein seltsames Phänomen.
Der Tisch gerieth in ein sichtbares Schwanken und gleich darauf klopfte der Fuß drei Mal deutlich auf das Parket.
Der Kaiser warf seinem Bruder einen bedeutsamen Blick zu.
»Befindet sich die Person in diesem Augenblick noch unter den Lebenden?«
Der Tisch wiederholte das Klopfen. Der maurische Arzt legte unwillkürlich nach morgenländischer Sitte die Hand auf's Herz.
»Sehen Sie die Person genau an. Können Sie uns dieselbe beschreiben?«
Die Somnambüle machte eine leichte Bewegung. »Ah - ich kenne sie! - es ist die Dame, welche uns besuchte - die Sennora -«
»Welche Sennora?«
»Ich kann den Namen nicht finden - nein - aber ich sehe sie deutlich! Sie ist sehr blaß und hager - sie weint!«
»Um Himmelswillen wo - wo ist sie?«
»Können Sie sagen, wo die Person sich befindet?«
»Sie martern mich - ich weiß keine Namen - ich kann Ihnen nur beschreiben.«
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»Also - was sehen Sie?«
Die Antwort kam in Absätzen - aber die Worte waren deutlich.
»Eine enge Zelle - sehr häßlich - es sieht aus wie ein Kerker - das Fenster oben ist vergittert - sie trägt ein Kleid von grober Leinwand, ihr schönes Haar ist abgeschnitten. Sie sitzt auf dem Holzbett - bloß ein Strohsack darauf - auf dem Tisch ein Krug mit Wasser und Brod - ein Kruzifix - das ist Alles!«
»Was thut die Person?«
»Sie hat die Hände gefaltet - ihre Augen sind geröthet - o wie sie hager und bleich ist. - Jetzt ...«
»Nun - geben Sie sich Mühe, genau zu sehen!«
»Ja, ja - jetzt steht sie auf, sie sucht einen Gegenstand im Stroh des Bettes - sie hat ihn. Er ist sehr schön!«
»Was ist es - können Sie die Sache nicht erkennen?«
»Es ist ein Ring, ein Ring - mit einem großen Diamanten - ein schwarzer Diamant - wie er funkelt im Schein der Lampe!«
Die Kaiserin hatte sich halb von ihrem Sitz erhoben bei den Worten - ihre Miene drückte die größte Theilnahme aus.
Der Kaiser warf ihr einen erstaunten Blick zu. »Ein schwarzer Diamant? Vielleicht der Ihre Madame, den Sie am Abend des Attentats verloren?«
»Verzeihung Sire - Sie stören die Einwirkung!«
Der Kaiser lehnte sich zurück, aber der Arzt hatte sich
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fast ungestüm erhoben und den Arm des Magnetiseurs gefaßt. »Bei Allem, was Ihnen theuer ist, beschwöre ich Sie, fragen Sie sie, wo das Gefängniß ist, in dem die Schändlichen Carmen eingeschlossen haben. Den Ort, bitte ich Sie, den Ort!«
Der Amerikaner zuckte die Achseln. »Sie haben es bereits gehört, Mademoiselle kann nur Andeutungen geben, nicht Namen. Ich will versuchen, was zu erfahren ist. Was thut die Person jetzt, Madame?«
»Ich sehe deutlich - sie küßt den Ring! ihre Augen leuchten - es muß das Einzige sein, was man ihr gelassen, oder was sie verbergen konnte. Jetzt - sie lauscht - sie versteckt den Ring in ihrem Busen - die Thür geht auf - ah!«
»Was ist Ihnen?«
»Es ist ein fremdes Weib - sie sieht fast aus wie eine Nonne - sie bringt Wasser - - sie spricht mit ihr - -«
»Was? was sagt sie?« frug der Doktor, indem er die Hand der Somnambülen faßte. »Reden Sie, ich beschwöre Sie im Namen Ihres Bruders Otto!«
Ein Zucken lief über die Glieder des Mädchens, als litte sie einen plötzlichen körperlichen Schmerz. »Ich verstehe nicht Italienisch! - es ist Alles dunkel, ich sehe Nichts mehr,« sagte sie verdrießlich.
Sie verstummte und schien in tiefem Schlaf befangen.
Der Geisterbanner zog den Handschuh unter ihrer Hand fort. »Sie sind selbst schuld, wenn Sie nicht mehr
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erfahren haben,« sagte er zu dem Arzt. »Sie haben die Kette unterbrochen und wir müssen die Zeit benutzen, wo die Extase noch fortdauert, um zu Wichtigerem überzugehen.«
»Ich danke Ihnen, Herr,« erwiederte der Doktor halblaut. »Zum Glück habe ich jetzt wenigstens eine Spur, wo wir Carmen von Massaignac suchen sollen!«
So leise er gesprochen, so hatte das Ohr der Kaiserin doch den Namen gehört.
Sie wandte sich rasch nach dem Arzt.
»Sie sprechen von der Marquise Carmen von Massaignac?« sagte sie. »In welcher Verbindung steht das, was wir eben von der Somnambülen gehört haben, mit diesem Namen? ich wünsche es eines Umstandes wegen zu wissen!«
»Ihro Majestät haben zu befehlen. Die Person, von welcher die Somnambüle so eben gesprochen hat, ist die junge Marquise von Massaignac, dieselbe, welche unter dem Namen der Kunstreiterin Rositta sich Ihrer Majestät Wohlwollens zu erfreuen hatte. Darauf gestützt, bitte ich Ihro Majestät um Schutz für eine Unglückliche, die wahrscheinlich ein Opfer der Habsucht und Tyrannei unwürdiger Verwandter geworden ist!«
»Ich habe gehört, daß die Kunstreiterin Rositta verschwunden war, aber ich glaubte nicht ...«
»Ihro Majestät schwöre ich, daß Rositta die Marquise von Massaignac ist, die durch verschiedene Umstände zu der Annahme dieser Rolle bewogen wurde. Seit dem
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Abend des nichtswürdigen Attentats ist sie auf geheimnißvolle Weise aus dem Opernhaus verschwunden.«
»Sire,« wandte sich die Kaiserin zu ihrem Gemahl, »Sie haben gehört, was dieser Herr erzählt. Ich bitte um Ihren Schutz für das unglückliche Mädchen. Den meinen hatte ich ihr bereits zugesichert und als Unterpfand ihr, wie ich jetzt zu meinem Bedauern gestehen muß, den Ring mit dem schwarzen Diamanten anvertraut.«
Der Kaiser zog bei der letzteren Mittheilung die Stirn in Falten, - sie berührte ihn offenbar unangenehm.
»Es thut mir leid, Madame,« sagte er, »daß Sie mein Geschenk nicht besser zu bewahren wußten!«
Aber er hätte offenbar klüger gethan, die Sache nicht zu erwähnen; denn wie immer fand er an der schönen Spanierin einen schlagfertigen Gegner.
Eine leichte Röthe überflog das Gesicht der hohen Dame, die sie unter dem Fächer barg. Dann neigte sie sich zu ihrem Gemahl hinüber.
»Sire, Sie belieben zu vergessen, daß ich den Ring an dem Tage fortgab, an welchem ich die Ehre hatte, einige Briefe der Mademoiselle Pierrefond Ihnen dafür wieder zu geben! ich bitte nochmals um Schutz für meine junge Freundin!«
Der Kaiser drehte ziemlich verlegen seinen Schnur[r]bart. »Die Sache soll untersucht werden, verlassen Sie sich darauf. Morny, erinnern Sie mich daran. - Können wir zu den Gegenständen übergehen, Monsieur Hume, wegen deren ich Ihre Somnambüle befragen will?«
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»Sire, die Extase ist wieder vollständig!«
Der Geisterbanner warf dem Arzt einen verständigenden Blick zu. Doktor Achmet trat in eine entfernte Fensternische.
»Aendern Sie das Experiment, Monsieur Hume,« sagte der Kaiser. »Wir wollen in unserer früheren Weise verfahren. Nehmen Sie den Psychographen.«
Der Amerikaner holte eine kleine runde Scheibe herbei, in deren Mitte sich eine bewegliche Nadel, fast wie eine Magnetnadel befand. Rings um die Scheibe liefen die Buchstaben des Alphabets.
»Wen rufen wir?«
»Euer Majestät mögen bestimmen. Sie wissen, daß die Citirung am Leichtesten bewirkt wird, wenn wir einen Gegenstand zur Hand haben, der dem Verstorbenen im Leben gehört hat.«
»Ich habe daran gedacht. Legen Sie diese Waffe in die Hand der Somnambülen. Sie gehörte der Person, die ich meine.«
Er nahm aus der Tasche des Rockes einen kleinen Dolch von ausgezeichneter florentinischer Arbeit, offenbar eine Waffe aus dem fünfzehnten oder sechszehnten Jahrhundert.
Hume nahm dieselbe und betrachtete einen Augenblick das Monogram auf dem Griff.
Darauf neigte er sich zu dem Kaiser und sagte flüsternd:
»C. B. Sire?«
Der Kaiser nickte.
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»Euer Majestät wissen, ich muß den Namen kennen!«
»Cäsar Borgia!«
Die zwei Worte waren so leise gesprochen, daß nur Hume selbst sie zu hören vermocht hatte.
»Wollen Euer Majestät die Fragen mündlich stellen, oder niederschreiben?«
»Wir wollen sehen. Setzen Sie sich nur in Rapport!«
Der Magnetiseur hatte die kleine Waffe wie vorhin den Handschuh unter die linke Hand der jungen Dame gelegt.
Bei der ersten Berührung schauderte sie sichtbar zusammen.
Der Geisterbanner fixirte das Mädchen jetzt schars mit seinen Blicken. Die Somnambüle machte mehre unruhige Bewegungen, ohne die Finger von der Waffe zu nehmen - ihr Athem wurde schwer, fast stöhnend - selbst auf der kleinen zarten Hand zeigten sich große Schweißtropfen.
Plötzlich begann der Tisch wie früher zu schwanken.
Es war eine eigenthümliche Stille in dem Salon eingetreten, selbst der Fächer der Kaiserin rauschte nicht mehr.
»Sire,« sagte der Magnetiseur mit tiefer leiser Stimme, »er ist da. Sie können fragen!«
»Fragen Sie, ob er uns antworten will!«
»Madame - Sie haben die Frage gehört!«
Der Tisch, der bisher die zitternden Schwingungen fortgesetzt, blieb plötzlich ruhig und unbeweglich.
»Sie sehen selbst, Sire, er weigert sich!«
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»Er soll antworten. Lassen Sie das Fluidum stärker wirken und wenden Sie den Psychographen an!«
Der Amerikaner nahm die rechte Hand der Somnambülen und stellte die Spitze des Mittelfingers auf den Knopf der Nadel. In dieser unbequemen Stellung blieb die Hand, ohne sich zu rühren, als sei sie aus Marmor gehauen.
Plötzlich fing die Nadel an zu zittern und flog dann nach verschiedenen Richtungen in der Runde, indem sie an einzelnen Punkten mit der Spitze einen Moment verweilte, etwa wie die Zeiger der früher gebräuchlichen Telegraphen-Apparate.
Der Magnetiseur verfolgte aufmerksam mit seinen Augen die Bewegungen. Er hatte eine kleine Schiefertafel genommen, auf die er mit besonderer Geschicklichkeit die Buchstaben unter einander schrieb, bei denen die Nadel verweilte.
Im Augenblick, wo sie aufhörte, sich zu bewegen und er den letzten Buchstaben geschrieben hatte, überreichte er auch die Tafel dem Kaiser.
Dieser nahm sie und warf einen Blick darauf. Es waren sechs Buchstaben unter einander geschrieben. Die graue krankhafte Gesichtsfarbe des Kaisers verwandelte sich zu einer fahlen Blässe, - die im nächsten Moment einer unheimlichen Röthe Platz machte.
Gleich darauf warf er einen forschenden Blick umher, als wolle er sich vergewissern, ob auch Niemand die Wirkung beobachtet habe, welche jene sechs Buchstaben so plötzlich auf ihn gemacht hatten.
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Die einzige Person, welche außer dem Magnetiseur bei dem Platz des Kaisers den Ausdruck seiner Mienen hatte beobachten können und auch wirklich beobachtet hatte, war der Arzt gewesen. Aber er wurde von dem Vorhang des Fensters ganz bedeckt.
Im nächsten Moment war bereits die Aufregung des Kaisers vollständig überwältigt, nur die tiefere Falte zwischen den Brauen bekundete noch den Eindruck, den die sechs Buchstaben auf ihn gemacht, und mit einem laschen Strich hatte er sie von der Tafel gelöscht.
Diese sechs Buchstaben hatten gelautet:
       R
       I
       M
       I
       N
       I
Der Leser, der die erste Abtheilung unsers Buches27 kennt, wird sich vielleicht des Kapitels im ersten Bande erinnern, das die Ueberschrift führt: »Der Gefangene von Ham« und an den Traum dieses Gefangenen.
Für andere Leser, denen unser Werk nicht genug Theilnahme eingeflößt hat, um es bis zu seinem Ursprung zu verfolgen, bemerken wir, daß am 25. März 1831, also siebenundzwanzig Jahre früher, der ältere Bruder des Kaisers an dem Thor von Rimini bei einem der zahlreichen Aufstände der italienischen Nationalpartei unter dem Säbel des ungarischen Husaren Andreas Palazsdy fiel!
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Die furchtbare Mahnung aus einer andern Welt - von jenem Schatten, dessen blutiger Name mit dem Tode des Herzogs von Gandia28 in der Geschichte befleckt ist, mußte auch auf einen ehernen Geist ihre Wirkung üben!
Dennoch bestand diese nur darin, daß der Kaiser sich erhob und an den Tisch trat.
»Fahren Sie fort, Herr Hume,« sagte er ruhig. »Geben Sie mir die Tafel!«
Der Magnetiseur überreichte ihm die Tafel und den Stift, der Kaiser schrieb drei Zeilen auf den Schiefer und reichte sie dem Amerikaner, der sie las und dann sogleich die Schrift auswischte.
»Wollen Euer Majestät die Antwort selbst entgegen nehmen?«
Der Kaiser nickte.
Der Beschwörer legte nach diesem Zeichen den Mittelfinger seiner linken Hand auf die der Somnambülen, sie zugleich mit seinem Blick scharf fixirend.
Der Körper des Mädchens erbebte unter neuen Convulsionen - zugleich fing die Nadel des Psychographen sich mit großer Geschwindigkeit an zu drehen.
Der Kaiser folgte ihr hastig mit dem Auge, während er zugleich so schnell als möglich einzelne Buchstaben auf die Tafel schrieb.
Die Bewegungen der Nadel dauerten etwa eine Minute, dann stand sie still. Der Kaiser hob die Tafel näher zum Auge und bemühte sich, die flüchtig geschriebenen
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Zeichen zu entziffern. Ein triumphirendes Lächeln zeigte sich einen Augenblick um den sonst so verschlossenen Mund.
»Fragen Sie den Herzog von Valentinois29, ob auch in Rom?« sagte er hastig, ohne sich erst des Stifts zu bedienen.
Die Nadel bewegte sich nicht - auch der Tisch rührte sich nicht!
»Fragen Sie doch! fragen Sie doch!«
»Sire, ich habe bereits zwei Mal gefragt, und Sie haben die Antwort erhalten. Der Geist ist nicht mehr gegenwärtig. Sehen Sie das Medium an.«
In der That lag die Somnambüle wieder ruhig im Sessel.
»Glauben Sie, Monsieur Hume,« frug der Kaiser nach einer Pause, »daß wir den Ruf noch einmal wiederholen könnten?«
»Nein, Sire - die Schatten sind sehr schwer zu bewegen, unserer irdischen Neugier überhaupt Rede zu stehen und ich fürchte überdies, daß die Somnambüle eine Wiederholung nicht ertragen würde. Ich habe mein Wort gegeben, sie keiner Gefahr auszusetzen.«
»Aber das vorige Experiment, das Hellsehen an Lebenden, können wir wiederholen?«
»Ja, Sire. Es ist sogar wünschenswerth.«
Der Kaiser wandte sich an den Grafen Morny.
»Was sagst Du zu dem Allen, was Du hier gesehen hast?«
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Der Präsident des gesetzgebenden Körpers lächelte etwas spöttisch. Wenn die Komödie Ihnen Vergnügen macht, Sire, so habe ich Nichts dagegen!«
»Du bist und bleibst ein Ungläubiger, selbst den eclatantesten Beweisen gegenüber. Du weißt nicht, was ich erfahren habe!«
»Sire - es ist spät - ich muß mich noch mit den Ministern verständigen. Wollen Sie die Gnade haben, die Ordre zu unterzeichnen und mich zu entlassen?«
»Welche Ordre?«
»Sie wissen - auf Ihrem Tisch!«
»Sei so gut, in mein Kabinet zu gehen und mir den Brief zu holen, der zur rechten Hand liegt.«
»Und die Ordre?«
»Du magst sie mitbringen!«
Der Graf verließ den Salon. Einige Augenblicke nachher, während deren die Kaiserin sich mit dem Herzog von Hamilton unterhielt, kehrte er zurück. Er hatte in der einen Hand zwei Papiere, in der andern eine Feder.
»Hier, Sire!«
Der Kaiser nahm den Brief, den sein Bruder ihm reichte. Als er ihn aufschlug, um ihn anzusehen, machte er eine leichte Bewegung der Ueberraschung.
»Dieser Brief lag zur Rechten?«
»Ja - ist es nicht der richtige?«
»Zufall oder Verhängniß!« murmelte der Kaiser. »Was es auch sei - ich will es benutzen! - Es ist richtig, Graf,« sagte er laut. »Nehmen Sie diesen Brief, Herr
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Hume, und verbinden Sie ihn mit dem Medium. Aber ich wünsche, die Somnambüle selbst zu befragen - bringen Sie mich mit ihr in Rapport!«
»Durch mich Sire, oder direkt?«
»Direkt!«
»Dann Sire, wird es nöthig, daß uns der Schleier nicht stört, da Ihre Einwirkung natürlich geringer ist. Ich kann es verantworten, Euer Majestät das Gesicht dieser Dame zu entschleiern, aber ich habe mein Wort gegeben, daß Sie Niemand weiter sehen soll!«
»Dies wird nicht geschehen. Lieber Herzog, unterhalten Sie einige Augenblicke in jener Fensternische die Kaiserin - ich wünsche, das jetzige Experiment ohne Zeugen zu machen.«
Die Kaiserin hatte sich erhoben - sie hätte den Salon verlassen, wenn nicht die Worte des Grafen über eine Ordre und sein Drängen zur Unterschrift ihren Argwohn erregt hätten.
Sie nahm den Arm des Pairs und trat mit ihm in das entfernteste Fenster, indem sie dem Grafen winkte, sich ihnen anzuschließen. Sie wollte wissen, was das Blatt enthielt.
Der Kaiser, Master Hume und die Somnambüle befanden sich jetzt verhältnißmäßig allein.
»Legen Sie diesen Brief unter ihre Hand!«
Der Amerikaner gehorchte. Indem er es that, schob er zugleich die Karte, welche er vor zwei Stunden im Palais der englischen Gesandtschaft erhalten, und auf die der Eigenthümer einige Worte geschrieben hatte, unter das Papier.
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»Jetzt Monsieur Hume, haben Sie die Güte, mich in direkte Verbindung mit dem Subjekt zu bringen und dann zurück zu treten.«
Der Magnetiseur hob den Schleier des Hutes auf - das blasse seine Gesicht Rosamundens von Röbel zeigte sich. Die Augen waren mit einem dunklen, fast violetten Rand umgeben und geschlossen.
Der Kaiser betrachtete die Somnambüle einige Augenblicke, offenbar nicht ohne Theilnahme. Dann reichte er dem Magnetiseur die Hand.
»Fangen Sie an!«
Der Amerikaner bildete zwischen ihm und dem Medium eine Kette, die er nach und nach verkürzte. Zuletzt legte er die Hand des Kaisers auf die Stirn der Schläferin.
»Jetzt, Sire - verlieren Sie keine Zeit!«
Er trat zurück bis in die Mitte des Salons, so daß er von den leise gestellten Fragen und gegebenen Antworten Nichts hören konnte, während er seine Blicke auf Beide fixirt hielt.
»Suchen Sie die Person, die das Papier geschrieben hat, Mademoiselle,« sagte der Kaiser.
»Welches von beiden?«
»Was soll das heißen? Haben Sie denn zwei Papiere? Ich meine den Brief, den Sie unter Ihrer Hand halten.«
»Ja - ja - das ist die eine - ich habe sie - es ist weit dahin - jetzt - o es ist sehr kalt!«
Die Schlafende schauderte, als fröstelte es sie.
»Das will ich glauben - Kapitän Roß ist dort
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erfroren; aber ich bin nicht bange, daß mein lieber Herr Vetter sich allzusehr den Eisbären aufdrängen wird! Ich möchte schwören, daß er so wenig die Kälte liebt, als das Feuer - wenigstens hat er das Letztere zur Genüge an der Alma bewiesen. Fahren Sie fort - was sehen Sie?«
»Ein Schiff - es ist Eis ringsum - und Wasser - ein heller Himmel mit glänzenden Strahlen, die wie Raketen am Horizont aufschießen!«
»Ein Nordlicht ohne Zweifel!«
»Ich weiß es nicht, aber es ist, als ob der Himmel sich geöffnet hätte! -«
»Aber die Person - die Person!«
»Welche?«
»Zum Henker, die am Nordpol!«
»Sie sitzt am Tisch - in dem Salon des Schiffs. Ein Mann ist bei ihr. Er schreibt eifrig - sie diktirt ihm - -«
»Können Sie die Worte hören?«
»Ja - zum Theil.« -
»Wiederholen Sie dieselben!«
»Wir sind auf der Rückfahrt - in drei Tagen hoffe ich in Bergen zu sein!«
»Wie, auf der Rückfahrt?«
›Dort finde ich Ihre Briefe und schicke den meinen ab. Der Kapitain machte Umstände - aber ich wurde krank. Ich hoffe, Sie haben für den Fall, daß die erwartete und nothwendige Veränderung in Paris bereits erfolgt ist, meine Interessen wahrnehmen lassen. Italien kann sich ganz auf mich und meine Freunde verlassen - ich werde
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mein Wort halten. Ich trete zuerst wieder für Corsika auf. - Auch im andern Fall werde ich sofort nach meiner Rückkehr, wie wir ausgemacht haben, den Antrag auf die Zurückziehung der Truppen aus Rom stellen!‹
- »Sieh, sieh - das wollte mein Herr Vetter? -«
»Sie stören mich - ich kann nicht mehr hören - der Brief ist geschlossen - die Person siegelt ihn - sie schreibt selbst die Adresse und legt ihn in ein Portefeuille.«
»Können Sie die Adresse lesen?«
»Die Adresse?«
»Ja!«
»Aber es ist ja dieselbe, wie auf der Karte! Er ist da!«
»Wer?«
»Der die Karte geschrieben hat!«
»Welche Karte?«
»Die ich in der Hand halte - - -«
»Eine Karte? Was steht auf derselben?«
»Warten Sie - ich strenge mich an - jetzt! Sire - ›Ich bin hier und bitte um eine geheime Audienz!‹
»Aber der Namen - die Adresse?«
»Ca - mill - Camillo - Comte de - Comte de Ca ...«
»Cavour?«
»Ja - Cavour!«
»Und der Schreiber der Karte ist hier?«
»Dicht neben mir - - ich sehe ihn - in dem zweiten Zimmer von hier - ein kluges Gesicht - - -«
Der Kaiser konnte sich nicht länger halten, er faßte
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nach der Hand der Hellseherin, die noch immer starr auf dem Tische lag und die Papiere bedeckte, die er ihr entriß.
Ein leichter Schmerzensruf entfloh den Lippen der Somnambülen, gleich, als sei gewaltsam ein Nerv verletzt oder von einem electrischen Schlag getroffen, und sie fuhr mit der Hand, die bisher so todt und unbeweglich gewesen, nach dem Herzen. Zugleich eilte der Amerikaner herbei.
»Um Gotteswillen, Sire - Sie können die junge Dame bei dieser Nervenüberreizung tödten mit der plötzlichen Erweckung!«
»Was liegt daran! - Wie kommt diese Karte in die Hand der Somnambülen, Monsieur Hume?«
Er hatte die Karte gelesen. Auf der Vorderseite stand der Name
Camillo Comte de Cavour.
Auf der Rückseite mit Bleistift geschrieben, was die Hellseherin eben gesagt hatte.
Das Auge des Kaisers war so finster, so durchbohrend auf den Amerikaner gerichtet, daß dieser trotz seiner gewöhnlichen Ruhe in Verlegenheit gerieth.
»Sire,« sagte er - »ich wollte damit einen Versuch machen, wie weit die geheimnißvolle Kraft der Somnambülen geht.«
»Aber wie kommen Sie zu dieser Karte?«
»Ein Fremder, der gehört, daß wir uns zu Euer Majestät begaben, hat mich am Eingang des innern Hofes dringend gebeten, ihm Zulaß in das Schloß zu verschaffen und diese Karte in die Hände Eurer Majestät zu bringen.«
»Sie haben sie gelesen?«
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»Nein, Sire - Niemand als Euer Majestät hat einen Blick darauf geworfen.«
»Ihr Ehrenwort?«
»Mein Ehrenwort darauf!«
Der Amerikaner sprach die Wahrheit - er hatte die Karte nicht angesehen.
»Aber wo ist Derjenige, der Ihnen die Karte gegeben hat?«
»Im zweiten Vorzimmer Sire, bei Monsieur Thélin.«
Der Kaiser sann einige Augenblicke nach. Dann schien er seinen Entschluß gefaßt zu haben.
»Gut denn! ich will den Mann sprechen. Haben Sie die Güte, wenn Sie diese Dame fortführen, Thélin zu sagen, daß er ihn über den zweiten Korridor in mein kleines Arbeitskabinet führen soll.«
Die Unterredung war bisher mit unterdrückter Stimme gehalten worden. Der Geisterbanner hatte dabei nur halb auf den hohen Sprecher gehört - seine Aufmerksamkeit galt dem Mädchen, das mit dem Erwachen aus dem Zustande der Betäubung kämpfte. Der Mohrendoktor, der bei dem Aufschrei seines Schützlings hinter der Gardine hervorgetreten war, eilte auf seinen Wink voll Besorgniß herbei. Beide waren um die Erwachende beschäftigt, deren bisher so blasse Wangen eine fieberhafte Röthe zu bedecken begann.
»Die Sltzung ist zu Ende,« sagte der Kaiser laut. »Meine Herren, das Experiment war ausgezeichnet, so merkwürdig, wie ich es noch nie gesehen habe. Sie
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werden die Güte haben, Monsieur Hume, der fremden Dame einstweilen bei ihrem Erwachen unsern Dank abzustatten.«
Die Kaiserin, Graf Morny und der Herzog waren näher getreten.
»Apropos Jules - hast Du die Ordre zur Unterschrift hier?«
»Hier, Sire!«
Der Graf reichte ihm Papier und Feder.
»Wann?«
»Sonnabend Morgen, Sire! Bis dahin werden alle Vorbereitungen getroffen sein!«
»Und Du stehst mir für Alles?«
»Wenn Sie die Maßregeln mir überlassen, mit meinem Kopf! ich kenne meine Pariser!«
»Gieb her! Aber nicht früher!«
Der Kaiser legte das Papier auf den nächsten Tisch und ergriff die Feder.
Die Kaiserin faßte nochmals seinen Arm.
»Louis, bedenken Sie, was Sie thun! Es handelt sich um Ihr Leben, um die Zukunft Ihres Sohnes!«
»Eben darum, Madame! Sie oder ich! - ich will meinem Sohn Frankreich hinterlassen, nicht meinem Vetter!«
Die letzten Worte waren so leise gesprochen, daß nur die Kaiserin sie hören konnte. Sie ließ sogleich die Hand von seinem Arm. Der Kaiser unterzeichnete mit einem raschen, kräftigen Federzug.
»Nimm! - Gute Nacht, meine Herren!«
Er reichte der Kaiserin den Arm und führte sie nach
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dem Schlafzimmer, aus dessen Kabinet eine Treppe zu den von ihr bewohnten Gemächern niederläuft.
Graf Morny und der Herzog entfernten sich durch den großen Eingang, während der Amerikaner Thélin herbeirief. -
Fünf Minuten später trat der Kaiser in sein kleines Arbeitskabinet, das Zimmer, zu dem außer Thélin selbst die Vertrautesten nur selten Zugang haben.
Ein Mann erhob sich von einem der Sessel mit tiefer Verbeugung.
Der Kaiser ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Das ist ein höchst unerwarteter Besuch, lieber Graf - und so geheimnißvoll! Was hat das zu bedeuten?«
»Sire,« sagte der Premierminister von Sardinien, - »ich komme, um Frankreich zwei neue Provinzen zu bringen!«
»Zwei Provinzen? - Das wäre! und welche?«
»Nizza und Savoyen!«


Der Magnetiseur hatte dem Arzt ein Flacon gegeben, während er Thélin den Befehl des Kaisers überbrachte, um das scharfe Salz auf die Nerven der Somnambülen wirken zu lassen, die jetzt nach und nach wieder zum Bewußtsein kam.
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Dem apathischen Schlaf schien eine große nervöse Aufregung zu folgen, wahrscheinlich durch die unvorsichtige hastige Erweckung hervorgerufen, wie der Nachtwandler, der bisher sicher über die Dächer gestiegen ist, durch den erweckenden Zuruf in die Tiefe gestürzt wird. Der Puls des Fräuleins von Röbel ging fieberhaft - die schläfrige Starrheit des Blickes machte einem wilden, unruhigen Ausdruck Platz, der ganz mit dem sanften geduldigen Wesen, das ihr eigen, disharmonirte.
Doktor Achmet schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich möchte fast, mein eigener Wunsch hätte mich nicht verleitet, Ihren Bitten nachzugeben, Monsieur Hume,« sagte er unruhig. »Der Zustand, in den die junge Dame versetzt worden, gefällt mir nicht. Ihr ganzes Nervensystem ist aufgeregt.«
»Aber wir haben für die Wissenschaft einen Erfolg gehabt, wie noch nie! Denken Sie, diese magnetische Kraft, dieses Zwingen des Ueberirdischen ...«
»Zum Henker mit Ihrem Ueberirdischen - ich wünschte, ich hätte Mademoiselle in dem Hôtel und ihrem Zimmer!«
»Eine kleine Dosis Opium zur Beruhigung der Nerven und ein tüchtiger Schlaf wird sie vollkommen wieder herstellen. Soll ich Sie begleiten?«
Das Edelfräulein schien sich so weit wieder körperlich erholt zu haben, daß es nicht nöthig war. Sie war aufgestanden und sah mit etwas wirren Blicken umher.
»Was ist mit mir geschehen, Doktor? wo bin ich? das ist nicht mein Zimmer ...«
»Erinnern Sie sich, liebe Rosamunde, daß Sie in
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den Tuilerieen sind - daß mit Ihrer Bewilligung von diesem Hume ein Experiment mit Ihrer großen zufällig entdeckten somnambülen Kraft gemacht worden ist, um mir und Ihrem Bruder die Marquise Carmen entdecken zu helfen!«
»Ja, ja - ich erinnere mich - es mag so sein - aber führen Sie mich fort von hier in die frische Luft - ich weiß nicht, wie mir ist - mein Kopf brennt, mein Blut ist in den Adern wie Feuer - - -«
»Es wird das Beste sein, Mademoiselle in die frische Luft zu führen,« rieth der Magnetiseur. »Ich werde mich morgen früh nach ihrem Befinden erkundigen.«
Der Arzt, sich selbst Vorwürfe machend, hatte die junge Dame in das Vorzimmer geführt, wo er sie in das weite Shawltuch hüllte. Dann nahm er ihren Arm und führte sie die Treppen hinunter aus dem Schloß.
Sie schritt, als sie über den innern Hof gingen, rasch und elastisch neben ihm her und der Arzt schlug ihr daher vor, zur Beruhigung ihrer Nerven nicht direkt den Ausgang nach der Straße Rivoli und dem Hôtel zu passiren, sondern nach der andern Seite zu gehen und an dem Quai der Seine entlang den Umweg um das Louvre zu nehmen.
»Ja, ja - Luft - Bewegung - ich will unter Menschen sein - mir ist als müßte ich laufen, tanzen ...«
Der Arzt sah sie mit Besorgniß an und faßte ihren Arm fester. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen, um die frische Nachtluft besser zu genießen, und er bemerkte mit Schrecken in dem hellen Licht, der Gaslaternen, daß
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ihr Gesicht fieberhaft geröthet war und ihre Augen seltsam glänzten.
»Um Gotteswillen, Mademoiselle, beruhigen Sie sich, wir werden gleich zu Hause sein, und dann werde ich für die Linderung dieses Zustandes sorgen!«
Statt der Antwort begann das unglückliche Mädchen eine rasche Tanzmelodie zu trällern und ihn immer ungestümer fortzuziehen.
Doktor Achmet machte sich jetzt die lebhaftesten Vorwürfe, daß er das Experiment des Magnetiseurs gestattet hatte. Er begriff, daß die geheimnißvolle unnatürliche Anstrengung des Nervensystems statt wie in den meisten Fällen eine Erschlaffung und Apathie, hier eine Ueberreizung der Sinne hervorgebracht hatte, die namentlich bei weiblichen Wesen oft von den seltsamsten Extravaganzen begleitet ist, die dem sonstigen Wesen und Charakter der Individuen gänzlich widerstreben.
Sie waren auf dem Quai des Louvre eben bis zur Pont des Arts gekommen und der Mohrendoktor sah sich nach einem Fiacre um, die kurze Strecke bis zum Hôtel lieber in diesem zurückzulegen, als über die Brücke ein Strom von Menschen daher kam.
Sie kamen aus dem Straßengewirr des Luxemburg und des Quartier Latin, um nach den Boulevards und der Straße La Roquette zu drängen. Die Nachricht von zwei merkwürdigen Schauspielen hatte sich rasch verbreitet; aus der Straße Lafitte sollte der große Leichenzug des Prinzen von Audh unter Fackelzug nach dem Père Lachaise sich
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bewegen - vor dem Gefängniß La Roquette sollte das Schaffot gebaut werden.
Das waren zwei öffentliche Belustigungen in der Fastenzeit, die man sich nicht entgehen lassen durfte!
Wahrscheinlich wirkte noch eine dritte Ursache mit, welche Volksmassen nach jener Gegend drängte: - die Absicht eines neuen Versuchs zur Emeute, um die Gefangenen zu retten.
Studenten, Arbeiter, Bürger, Grisetten, Flaneurs und Taschendiebe, jene unheimlichen Gestalten, welche die Cité, das Quartier Latin, Vaugirard und das Arrondissement de l'Observatoire auch auf dieser Seite der Seine bei jedem Zusammenströmen des Volks ausspeien, - Alles war auf den Beinen. Wer Paris kennt, weiß, wie rasch sich die Menschenmasse durch den geringsten Anlaß vermehrt, und ein lustiger Schwarm, der aus einem Wirthshaus kommt, oder der Zank zweier Höckerinnen genügt, um Hunderte und Tausende neugierig zu versammeln.
Der Strom der Menge drängte an dem Quais nach dem Stadthaus entlang, um von dort durch St. Antoine und nach dem Bastilleplatz zu ziehen, wo man den Leichenzug vorüber kommen sehen oder ihn bis La Roquette begleiten konnte.
Mit Schrecken bemerkte der Arzt, daß seine Begleiterin an diesem Menschenstrom und diesem Lärmen ein besonderes Vergnügen zu empfinden schien und ihre Aufregung sich damit steigerte.
»Lassen Sie uns warten Mademoiselle,« bat er, »bis
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die Menge vorüber ist. Sie wird sich auf dem Platz des Louvre zerstreuen.«
»Nein, nein - kommen Sie - es thut mir wohl - ich bin so aufgeregt - so lustig - ich muß sehen -«
Sie hatten die Ecke des Louvre und des Platzes vor der Kirche St. Germain l'Auxerrois erreicht, von deren Thurm einst die Glocke das schaurige Signal zur Bartholomäusnacht gab, als hinter ihnen drein im raschen Trabe eine Abtheilung der berittenen Garde-Municipale ankam, um sich gleichfalls nach den Boulevards zu begeben und dort die Chaine für den Leichenzug zu bilden.
Die Colonne der Wachter der öffentlichen Sicherheit spaltete rücksichtslos den Strom des Publikums - Alles stürzte zur Seite, lachend, schmähend und scheltend oder Witze reißend mit der lustigen und leidenschaftlichen Beweglichkeit, die dem pariser Volk eigen ist.
»Gute Geschäfte Kameraden! Habt hübsch Acht, daß der Meister Bäcker Monsieur Orsini nicht um einen Kopf länger macht, Louis möchte dann zu kurz kommen!«
»Sie sollen die Diamanten der seligen Familie Audh bewachen! der Ko-ih-noor wird dem Sarge des Prinzen vorausgetragen!«
»Dummkopf - die Engländer haben ihnen längst Alles gestohlen. Er läßt sich blos in Paris begraben, weil's ihm in London zu theuer ist!«
In das Kreischen eines Frauenzimmers, das eine fremde Hand in ihrer Tasche fühlte, mischte sich das Pfeifen und Jauchzen der Straßenjugend, das Gelächter
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der Studenten, die mit ihren »Frauen« am Arm übermüthig umherdrängten.
Dazwischen ließ ein Schalk oder ein Politiker, sicher für seine Person unter der Menge, den so sehr verpönten und bereits in der Nacht zum 5ten mit scharfen Säbelhieben bezahlten Ruf hören: »Vive Orsini! Vive la République!«
Die Polizei-Agenten, die unter jedem Menschenschwarm sich befinden, drängten sofort nach der Stelle, von wo der Ruf erschollen war und faßten eine oder zwei unschuldige Personen; - einer der letzten Garden, diensteifrig, spornte sein Pferd in die Menge.
»Hurrah für den Kaiser und Seine Hoheit den seeligen Prinzen von Audh! - Vorwärts, vorwärts, oder wir kommen zu spät!«
In diesem Augenblick fühlte der Doktor, daß seine Begleiterin sich von ihm losriß.
»Mademoiselle - Rosamunde - wo wollen Sie hin?« Aber der Gardist mit seinem Pferde war bereits zwischen ihnen - auf der andern Seite mitten in dem Gedränge konnte er einen Augenblick noch ihre Gestalt sehen, dann schloß sich die Woge.
»Lassen Sie mich durch - lassen Sie mich durch - Mademoiselle - sie ist unbekannt in Paris! ...«
Ein lustiger Student umarmte ihn, daß er sich nicht rühren konnte. »He alter Bursche, laß sie laufen! sie hat sich wahrscheinlich einen Jungen genommen, und das ist der Lauf der Natur! Wir Mediziner wissen das! Keine Eifersucht heute, morgen kommt das Täubchen sicher ganz
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unbeschädigt wieder in den Taubenschlag, wenn Du sie gut gewöhnt hast, und spielt Dir noch einen Marsch dazu auf! Ventre saint gris! ich kenne meine Pariserinnen!«
Die ganze Gesellschaft lachte.
»Lassen Sie mich los, Herr - es ist meine Tochter!«
»Ah - bah! - oder eine Nichte! So spricht jeder alte Sünder!«
»Wenn Sie ein Student der Medizin sind, so achten Sie wenigstens den gleichen Stand - ich bin selbst Arzt!«
Der Bruder Studio ließ ihn sogleich los. »Hollah - das ist etwas Anderes! - ich bitte um Entschuldigung, aber Jugend hat nun einmal keine Tugend! Louison und ich stellen uns zur Disposition, um Ihnen suchen zu helfen!«
Aber Doktor Achmet war bereits in der Menge verschwunden.
Diese begann sich auf dem Platz nach allen Seiten zu theilen. Einige folgten den unschuldig Verhafteten, andere eilten den innern Straßen zu, die meisten folgten der früheren Absicht.
Doktor Achmet eilte voll Angst über den Platz, von Gruppe zu Gruppe: - er rief wiederholte den Namen des Edelfräuleins und frug die Begegnenden, ohne auf den Spott zu achten, dem er sich aussetzte - aber trotz des hellen Lichts der Laternen - nirgends war eine Spur der jungen Deutschen zu entdecken.
Endlich kam er zu der Ueberzeugung, daß sie getrennt von ihm sich wahrscheinlich direkt nach dem Hôtel begeben
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hatte. Die Entfernung war nur gering und Fräulein von Röbel lange genug in Paris, die Umgebung des Louvre überhaupt zu bekannt, um sich hier verirren zu können.
Sobald der Gedanke in ihm aufgetaucht, eilte er in das Hôtel zurück und befrug den Portier.
Der Portier war seit einer Stunde nicht von dem Thor gewichen - aber er hatte Nichts von der Rückkehr der Dame gemerkt.
Bei den Hunderten, die in dem großen Hôtel aus- und eingingen, konnte er sie aber leicht übersehen haben - Doktor Achmet eilte nach den Zimmern der Fürstin.
Die einzige Person, die um den Ausgang, wenn auch nicht dessen näheren Zweck gewußt hatte, war Tunsa, die seit jener Scene am Lager der Verwundeten eine leidenschaftliche Verehrung und Hingebung für die Deutsche gezeigt hatte. Rosamunde beherrschte diese wilde dämonische Natur gerade durch den Zauber ihrer weiblichen Milde und Ruhe und konnte mit ihr ausrichten, was selbst der Fürstin nicht gelang, gegen die sich trotz ihres Schuldbewußtseins oft ihr Trotz erhob, wenn auch gleich nachher wieder die demüthigste Zerknirschung folgte. Der Fürstin selbst hatte man von der Absicht des Fräuleins und des Arztes Nichts zu sagen gewagt, weil sie sicher sich dagegen erklärt haben würde.
Tunsa eilte sofort in das Zimmer der Deutschen und überzeugte sich, daß diese noch nicht zurückgekehrt war. Auch sie gerieth in die größte Besorgniß, obschon man jeden Augenblick erwartete, die Verlorene jetzt wieder eintreten zu sehen.
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Doktor Achmet rannte auf's Neue nach dem Platz am Louvre, er drang sogar bis an den Eingang des Pavillon Marsan, um sich bei der Dienerschaft zu befragen, ob die Fremde vielleicht dahin zurückgekehrt sei.
Es schlug 12 Uhr, als er erschöpft von dem Suchen und der Sorge endlich in das Hôtel wieder eintrat, Tunsa und mehre Diener der Fürstin erwarteten ihn am Thor - Rosamunde von Röbel war noch immer nicht zurückgekehrt, die Fürstin, der man ihr Vermissen nicht länger hatte verschweigen können, in größter Besorgniß darüber.


Die von der ostindischen Compagnie ihres Thrones und Gatten beraubte Königin von Audh war zur Zeit des Attentats im Hôtel Lafitte gestorben und einige Tage darauf mit indischem Pomp beerdigt worden.
Seit dem Begräbniß der Rachel am 11. Januar hatte kein Leichencondukt so die Neugier der Pariser in Anspruch genommen. Um so mehr mußte neben dem Attentats-Prozeß die Nachricht Theilnahme finden, daß der Prinz Aboul-Wasser-Kadir-Mirza-Mohamed-Ali-Bahudan, der auf die Nachricht von dem Tode seiner unglücklichen Schwägerin von London nach Paris geeilt und im goldnen Königsmantel von Audh mit seinem jungen und schönen Neffen Mirza dem Sarge seiner Schwägerin nach dem Père Lachaise gefolgt war, jetzt die Anmaßung der indischen Krone in England selbst mit dem Tode gebüßt hatte und von seinem Neffen nach Paris gebracht worden sei, um
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an der Seite der entthronten Königin seine einfache Ruhestätte zu finden.
Daß ein solches Schauspiel halb Paris in Allarm setzte, war nicht zu verwundern. Das Begräbniß hatte erst am Nachmittag stattfinden sollen, war aber dann auf die spätere Abendstunde festgesetzt worden.
Die Boulevards von der Straße Lafitte ab waren mit harrenden Menschenmassen bedeckt und die Polizeibeamten hatten Mühe, den Fahrdamm frei zu halten. In dieser Menge wiederholten hin und wieder einzelne Redner die Mittheilungen der Tagesblätter über die unglückliche Königsfamilie von Audh und die vergeblichen Bemühungen der verstorbenen Fürstin, ihres Schwagers und ihres Sohnes - des jungen Prinzen Mirza - in London Gerechtigkeit für den Raub ihrer Krone und die Gefangenhaltung ihres Gatten in Calcutta zu erlangen.
Die Königin war darüber gestorben - und den Mann, der sich muthig als ihren Nachfolger proklamirte, hatte wenige Wochen nachher das gleiche Schicksal erreicht.
Man erzählte sich, daß der Prinz Mirza, von dessen Schönheit namentlich die Frauen viel zu sagen wußten, mit der Leiche seines Oheims nach Paris geflüchtet sei, um den Giften der ostindischen Kompagnie und ihrer Helfershelfer zu entgehen. Andere wollten wissen, daß der berühmte birmanische General d'Orgoni, ein geborner Franzose, den jungen Prinzen den Mördern in London entführt habe.
Die Erinnerung an das Attentat vom 14. Januar frischte sich dadurch von Neuem auf und wiederholt hörte
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man aus der Menge den Ruf: »Nieder mit den englischen Meuchelmördern!«
Die pariser Polizei hütete sich sehr wohl, gegen diese Stimmung einzuschreiten. Man brauchte sie für den nächsten Tag!
Die Wogen des Volkes gingen bis zum Bastille-Platz, hier aber war der Eingang zur Straße La Roquette von Militair abgesperrt unter dem Vorwand, den Weg für den Leichenzug frei zu halten.
Dies war die Ursach zur Verbreitung des Gerüchts, daß die Hinrichtung der verurtheilten Italiener schon am nächsten Morgen erfolgen solle, und das Schaffot bereits gebaut würde.
Uebrigens hatten schon seit drei Tagen oder vielmehr seit drei Nächten Haufen von Liebhabern solcher blutigen Schauspiele in der Nähe des Gefängnisses in den Schänken, ja auf der offenen Straße bivouacquirt, um ja die ersten Zuschauerplätze bei der Tragödie zu haben! - - -
Der Bastilleplatz war des Zusammenströmens auf den Boulevards wegen verhältnißmäßig leer, und selbst die Jongleurs und Bänkelsänger, die bis spät in die Nacht hinein hier ihre öffentlichen Vorstellungen geben, vermochten nicht, das sonst so bereitwillige Publikum zu fesseln.
An der nördlichen Seite des Gitters, welches die Juli-Säule einschließt, ging ein Mann auf und nieder, in einen langen Mantel gehüllt, von großer stattlicher Figur. Auf der andern Seite des Gitters schien er einen Gefährten zu haben, denn auch hier wanderte ein Mann im Paletôt, den Hut tief in die Augen gedrückt, rastlos
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auf und nieder. Sein Schritt war elastisch und kräftig, wie er der Jugend angehört.
Mehrmals kreuzten sich die Wege der Beiden und dann suchte der forschende Blick des Aelteren das Gesicht des Anderen zu erspähen, das dieser jedes Mal abwandte.
Beide schienen entweder einander zu beobachten, oder eine andere Person zu erwarten.
Endlich bei einer Wendung, die sie wieder einander gegenüber brachte, gelang es dem Mann im Mantel das Gesicht des zweiten Spaziergängers fest in's Auge zu fassen.
Er blieb sogleich stehen.
»Wenn ich mich nicht sehr irre, Sir,« sagte er freundlich, »so kennen wir uns? - Sie sind der junge Preuße, der am Abend des Attentats im Foyer der Oper verhaftet wurde und der am Tage vorher sich so wacker im Circus benommen hatte?«
Otto von Röbel, denn dieser war es wirklich, den seine Ungeduld heimlich nach Paris zurückgetrieben hatte und der mit dem straßburger Abendzug in Paris eingetroffen war, sah unwillig und erstaunt auf den Frager.
»Mein Herr, wenn Sie ein Polizei-Spion sind, so verrichten Sie Ihr Handwerk. Ich werde meinen Namen nicht verleugnen!«
»Ein Polizist? - Goddam - das ist originell! es geht mir wie den Spitzbuben, ich bin ein geborner Antipode jeder Polizei! Wenn ich mich Ihnen denn vorstellen muß, in dem heraldischen Taschenbuch der Herrn Waterford
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und Comp. figurire ich als Seine Herrlichkeit der Viscount von Heresford!«
»Mylord - ich bitte tausend Mal um Entschuldigung - in dem Mantel und dem breitkrämpigen Hut erkannte ich Sie nicht gleich.«
»Das ist wahr - ich dachte im Augenblick nicht an die Maskerade. Es geht mir wie Ihnen, ich habe keine Lust heute Abend, mich mit einem Policeman zu boxen; denn wenn mir recht ist, glaube ich doch gehört zu haben, daß man Sie ausgewiesen hat?«
»Ja, Mylord! aber ich danke dem Zufall, der mir Gelegenheit giebt, Ihnen für die freundliche Weise Dank zu sagen, mit welcher Sie in einer, meine Person betreffenden Sache meinem armen Freunde beigestanden haben.«
»Ah - Sie meinen das Duell? - zum Henker, ich habe in meinem Leben deren so viele gesehen, daß die einzelnen nicht der Erinnerung werth sind, als um zu beweisen, daß in dieser albernen Welt der Schuft gewöhnlich den Sieg über den ehrlichen Mann davon trägt, wenn eine kräftige Hand nicht hin und wieder einen Riegel vorschiebt. Aber Ihr Freund, der sich beiläufig wie ein braver Kerl benommen hat, ist außer Gefahr und in voller Besserung!«
»So hörte ich mit Freude, und um mich davon zu überzeugen und zugleich eine mir nahe stehende Person zurückzuholen, bin ich heimlich nach Paris gekommen.«
»Nehmen Sie sich in Acht - im Hôtel du Louvre fehlt es nicht an geheimen Polizei-Agenten, die Alles ausspioniren, und es ist gerade nicht angenehm, wenn auch ganz interessant, unter Polizei-Eskorte über die Gränze
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gebracht zu werden, wie mir zwei Mal passirt ist, das eine Mal in Rußland unter dem seeligen Kaiser Nicolaus, das andere Mal unter Herrn Thiers, weil ich ihn im Cercle des Herrn Odilon-Barroi einen alten Spitzbuben in's Gesicht genannt hatte!«
Der junge Preuße mußte unwillkürlich über die naive Mittheilung des Excentric lachen. »Um dem zu entgehen, Mylord! beabsichtige ich auch nicht, ohne Weiteres das Hôtel zu besuchen, da Herr Espinasse sehr mißtrauisch gegen die Fremden sein soll. Ich habe deshalb durch einen Commissionair gleich nach meiner Ankunft mittels einiger Zeilen einem Freunde die Bitte übersandt, mich hier zu treffen.«
Der Lord horchte auf das Geräusch, das wie eine Woge aus dem Innern der Stadt herüber schwoll.
»Es geht mir, wie Ihnen, auch ich habe mir an der Juli-Säule ein Rendezvous mit einer Person gegeben. Aber wenn uns unsere beiden Leute noch lange warten lassen, möchten sie uns schwerlich finden; denn das Gewühl dieses neuen Spektakelstückes des Herrn Bonaparte kommt immer näher.«
»Sie meinen den Leichenzug des Königs von Audh? ich wußte Nichts davon, sonst hätte ich einen andern Platz gewählt. Ich warte seit einer Stunde, aber Doktor Achmet kann wahrscheinlich nicht durchdringen.«
»Man dringt immer durch, wenn man ein Paar gute Fäuste besitzt und einen Rock zu verlieren hat. Was diese Begräbniß-Komödie betrifft, die man mit irgend einem indischen Bettelprinzen aufführt, wie sie am Ganges schockweise
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herum laufen, so würde sie wahrhaftig nicht in Szene gesetzt worden sein, wenn es Herrn Louis nicht gerade paßte, einmal wieder auf die Engländer schimpfen zu lassen. - Aber - voilà - da kommt der Mann, den ich erwartete. Auf Wiedersehen denn Sir und gute Verrichtung!«
Der Britte nickte mit dem Kopf dem jungen Edelmann einen Gruß und ging einem Mann entgegen, der in einen langen schwarzen Rock gekleidet wie ein Geistlicher oder wenigstens wie ein Angehöriger der Kirche, ein Packet in ein weißes Tuch gehüllt tragend von der Seite des Boulevard Bourdon langsam herankam.
Ein flüchtiger Blick, den der junge Preuße, indem er sich sogleich diskret entfernte, auf den Ankommenden warf, zeigte ihm, daß dies ein alter Mann mit langem weißen, auf seine Schultern herabfallenden Haar war, der eine große Brille trug. Seine Gestalt war von der Last der Jahre und Krankheit gekrümmt.
Der junge Deutsche setzte sein Auf- und Niederwandern auf der andern Seite des Denkmals fort.
Lord Heresford war dem alten hüstelnden Mann näher getreten. »Zum Henker, husten Sie sich nicht die Lunge aus, würdigster Signor - ich denke, Sie werden sie noch länger brauchen. Aber in der That, wenn ich Ihre Verkleidung nicht vorher gekannt hatte, ich würde Sie sicher nicht erkannt haben!«
Der Alte richtete sich mühsam an dem langen Stock empor, den er trug. Dann warf er einen raschen Blick um sich her und schien ein ganz anderer Mann geworden.
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»Wir haben zehn Minuten Zeit, ehe der Leichenzug kommt, Mylord, das wird genügen. Ich mußte Sie warten lassen, weil ich erst das Resultat dieser Unterredung des Grafen mit dem Tyrannen hören wollte.«
»Sie haben also den Grafen Cavour gesprochen?«
»Er hatte noch nicht zwanzig Schritte aus dem Thor der Tuilerien gethan, als ich an seiner Seite war, schwerlich sehr zu seinem Behagen.«
»Nun - und?«
»Der Graf erklärt sich ganz bestimmt gegen jeden neuen Aufstands-Versuch. Sie müssen einig geworden sein, aber der Teufel weiß, um welchen Preis. Cavour behauptet, daß der Bonaparte ein Jahr Zeit zu den diplomatischen und militairischen Vorbereitungen verlangt hätte.«
»Und was hat er in diesem Fall versprochen?«
»Drei Corps seiner besten Truppen am Mincio, seine eigene Anwesenheit und seine besten Generale!«
»Aber Rom?«
Der Verkleidete lachte bitter auf. »In Rom bleibt es vorläufig beim Alten, bis wir vielleicht ein Mal Garibaldi vom Süden her die Fremden hinauswerfen lassen. Die auf den Thronen verstehen sich immer, auch wenn sie sich wie zwei Wölfe beißen! - Der Graf erklärte mir ganz bestimmt, daß die Verhandlungen mit dem Prinzen abgebrochen werden müßten und daß sich die italienische Partei verpflichten müsse, Nichts gegen die Person des Tyrannen und gegen seine Regierung in Frankreich zu unternehmen. Nach den Vorgängen in Genua hätte ich diese Erklärung voraussehen können!«
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»Sie meinen die Verhaftung Hodge's?«
»Gewiß! Dowell-Hodge ist sehr unvorsichtig gewesen. Seine Papiere kompromittiren, ganz abgesehen von meiner Person, eine Menge unserer Freunde, und die Constitutionellen haben damit die Macht in den Händen, unsere Partei vor der Deputirtenkammer anzuklagen und die schädlichsten Maßregeln durchzubringen! Es bleibt uns im Augenblick Nichts übrig, als uns ruhig zu verhalten. Italien ist unser erstes Ziel, und ehrlich gestanden - wenn er in dieser Beziehung auch nur einen Theil seiner Zusagen hält, ist er uns mehr werth, als dieser politische Duckmäuser, der seine Kastanien, mit unsern Händen aus dem Feuer holen will!«
»Meinetwegen - ich kümmere mich herzlich wenig um Ihre politischen Pläne und welche Partei die Schläge bekommt, wenn es nur deren tüchtige giebt, bei denen man sich die Langeweile vertreiben kann. Ich werde einstweilen bis dahin nach Indien gehen! - Aber wie steht es mit der Hauptsache?«
»Was?«
»Nun Goddam[Goddam], mit diesem Signor Orsini, dem erbärmlichen Meuchelmörder, für den ich noch keinen Finger rühren würde, wenn es mich nicht kitzelte, dem Herrn Bonaparte einen Streich zu spielen.«
»Der Graf zuckte die Achseln und erklärte, man müsse sie ihrem Schicksal überlassen. Ihre Aufopferung sei nothwendig für Italien.«
»Wissen Sie, ob das Urtheil bereits bestätigt ist?«
»Diesen Abend - Morny ist nicht eher gewichen und die Drohbriefe an Madame Eugénie haben demnach
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Nichts genützt. Es soll wieder eine jener mystischen Komödien des Amerikaner Hume im Pavillon stattgefunden haben - dieser Aberglauben ist wahrhaftig die einzige Schwäche, die man an ihm finden kann!«
»Dann ist keine Zeit zu verlieren, Espinasse ist ein alter Haudegen voll grimmiger Entschlossenheit und wird Royer30 zur sofortigen Vollstreckung nöthigen.«
»Deswegen eben sehen Sie mich hier, Mylord, in diesem Kostüm. Doch glaube ich nicht, daß man es wagen wird, die drei Tage abzukürzen. Die Verwerfung des Cassationshofes muß heute Abend den Verurtheilten publizirt worden sein. Dann hat Abbé Hugon das Recht, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht Zutritt zu verlangen, und Sie sehen, daß ich diese Gelegenheit sofort benutzt habe. Wie weit sind Sie gekommen?«
»Es steht Alles gut. Die Klausel des Urtheils, daß sie als Vatermörder - dieser Herr Bonaparte ist wirklich ein vortrefflicher Vater seines Volkes! - mit verhülltem Gesicht auf das Schaffot gebracht werden sollen, ist ein glücklicher Umstand.«
»Aber wann soll die Verwechselung stattfinden?«
»Bei der sogenannten Toilette des Henkers. Sie wird an jedem der Verurtheilten in einer besonderen Zelle vorgenommen werden. Von dem Augenblick an, sieht Niemand mehr ihr Gesicht. Nur ein Aufseher, der Scharfrichter und seine Gehilfen sind dabei zugegen!«
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»Und der Bursche, der das angenehme Geschäft hat, die Stelle Orsini's zu vertreten?«
»Es ist ein Verbrecher, der längst den Tod erleiden sollte, der aber lange krank im Lazareth gelegen. Man wird ihn darin sterben lassen. Der Kerl erwartet nichts Anderes, als hingerichtet zu werden und wird den Teufel Etwas von der Verwechselung merken. Uebrigens ist das Sache des Meister Scharfrichters und ich müßte mich sehr irren, oder die Erfindung der eisernen Knebel, die sich zwischen den Zähnen erweitern, und einige feste Hanfschnüre um die Gelenke werden jede Gefahr der Entdeckung beseitigen.«
»In der That Mylord, der Gedanke, Orsini noch an der Treppe des Schaffots der heiligen Justiz zu escamotiren, ist kostbar und konnte nur in Ihrem Kopf entstehen. Aber ich glaube, daß er eben so kostspielig ist!«
»Goddam - zu was Teufel hätte ich denn das Geld, wenn ich es nicht zu meinem Vergnügen verwenden sollte? Der Spaß kostet zehntausend Pfund - das ist aber nicht zu theuer für die Genugthuung, Herrn Louis vor ganz Europa eine Nase zu drehen?«
»Die betheiligten Beamten werden sofort nach England flüchten?«
»Sie denken nicht daran! Wenn Orsini in gehöriger Sicherheit in Amerika wieder auftaucht, können sie meinetwegen die Geschichte mit dreister Stirn für eine Lüge erklären - der Kalk hat längst die Gebeine des unglücklichen Stellvertreters verzehrt und Herr Louis Napoleon wird so klug sein, zu thun, als ob die Geschichte mit seinem Willen
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passirt sei. - Es thut mir nur leid, daß ich ihm nicht auch Pierri entführen kann - aber der Kerl ist in der That zu gemein, als daß es sich lohnte, auch nur eine Guinee an ihn zu verschwenden.«
»Wohl, Mylord, ich bin jetzt genügend informirt und in einer Stunde wird Orsini von Allem in Kenntniß gesetzt sein. Aber wie wird man ihn aus La Roquette bringen?«
»Er wird es mitten durch die Wachen als einer der Gehilfen des Meister Henker verlassen und zwar schon vor der Hinrichtung. Das ist eine Bedingung, die ich für das Geld gestellt habe. Man wird ihn sofort aus Paris bringen bis zur nächsten Station der Nordbahn. Um 3 Uhr ist er in Brüssel.«
»Sie werden ihn selbst begleiten?«
»Ich - nein! ich mag mit seiner Person Nichts zu thun haben! überdies will ich mir die öffentliche Gerechtigkeitspflege des Herrn Bonaparte ansehen - ich habe diesmal wirklich eine kleine Schwäche im Genre des sehr ehrenwerthen Kapitain Peard!«
»Sie haben also bereits eine sichere und unverdächtige Person?«
»Das nicht - ich will meinen Kammerdiener Brown wegen einer solchen Bagatelle nicht gern entbehren, überdies ist er auch zu gut allen Polizei-Agenten von Paris bekannt, weil er sich mit der Hälfte schon geboxt hat. Aber es wird sich bis dahin Jemand finden, der mir den Dienst erweist. - Warten Sie - ich glaube, ich habe die geeignete Person!«
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»Wen meinen Sie, Mylord?«
»Sehen Sie dort den jungen Mann, der auf der andern Seite des Gitters so beharrlich auf und nieder wandert?«
»Ja - er befand sich in Ihrer Gesellschaft, als ich kam. Wer ist er?«
»Ein - Tedesco, von der Ihnen verhaßten Nation, aber kein Oesterreicher! Er ist ein entschlossener, courageuser Bursche und braucht nur das Nothwendigste zu wissen. Ich werde sogleich mit ihm sprechen. Jetzt machen Sie, daß Sie fortkommen und den würdigen Abbé Hugon nicht warten lassen! Frischen Sie die Courage des Herrn Orsini gehörig auf, damit er bis zum entscheidenden Augenblick den Poltron spielt und Nichts von der Märtyrer-Glorie vor der Polizei einbüßt.«
»Verlassen Sie sich darauf, Mylord - er wird seine Instruktionen erhalten. Wollen Sie mich erwarten - es wird vielleicht nöthig sein, im Fall ich etwas Wichtiges im Gefängniß erfahren sollte?« »Aber wo?«
»Ich denke, wir treffen uns in der Nähe des Gefängnisses, in Menilmontant. Kennen Sie am Boulevard des Amandiers die Pas Rosier?«
»Nein, aber ich werde sie finden.«
»Etwa in der Mitte der Straße ist eine Wein- und Tanzkneipe, es steht eine grüne Laterne vor der Thür. Die Gesellschaft besteht aus den verschiedensten Elementen und ist ziemlich lustiger Natur für die Nähe des Père Lachaise,
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aber wir werden dort unbehorcht und sicher sein, ich kenne den Wirth!«
»Well! Ich werde Punkt 1 Uhr dort sein, bis dahin wird das Begräbniß zu Ende sein und werden Sie Herrn Orsini beruhigt haben!«
»Auf Wiedersehen, Mylord! Sie Helfer in der Noth!«
»Auf Wiedersehen, Krone aller Verschwörer! dort kommt der Zug!«
Der falsche Gehilfe des Almoseniers von La Roquette humpelte nach dem Eingang der Straße, der Engländer ging rasch nach der andern Seite des Gitters, um durch die auf dem Boulevard Beaumarchais (St. Antoine) heranwogende Volksmenge nicht von dem Preußen getrennt zu werden, den er zum Helfer bei seinem kecken Streich ausersehen.
»Ihre fernere Wache Sir« sagte er, »ist nutzlos, der Platz wird gleich so dicht gefüllt mit Menschen sein, daß an das Auffinden eines Einzelnen nicht zu denken ist. Verschieben Sie Ihr Geschäft bis morgen und kommen Sie mit mir, um uns ein Begräbniß mit den Ceremonien vom Ganges anzusehen. Wenn wir noch fünf Minuten warten, werden wir mit der Menge auf diesem Platz eingesperrt bleiben! - Ueberdies habe ich Sie um einen Dienst zu bitten!«
Otto von Röbel hatte bereits eingesehen, daß sein Brief den älteren Freund nicht getroffen haben mußte, oder daß dieser verhindert worden sei zu erscheinen, und da er ohnehin nicht wußte, wo er die Nacht über bleiben sollte, entschloß er sich leicht, das Anerbieten des Lords anzunehmen.
»Wenn ich Ihnen wirklich einen Dienst leisten kann,
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Mylord,« sagte er höflich, »so befehlen Sie ganz über mich. Ich bin so tief in Ihrer Schuld für die Theilnahme, die Sie meinem Freunde bewiesen haben, daß Sie in jeder Sache auf mich rechnen können!«
»Ich halte Sie beim Wort, doch davon später. Jetzt Sir, kommen Sie!«
Beide gingen gleichfalls nach der Straße La Roquette, die das Militair und die Polizeiagenten abgesperrt hielten. Ein Fünffrankenthaler in die Hand eines der letztern gedrückt, verschaffte ihnen leicht den Durchgang, und der Lord blieb in der Nähe stehen, um die Ankunft des Zuges zu erwarten und diesem sich anzuschließen.
Er hatte Recht gehabt, - einige Augenblicke nachher war der große Platz von einer Menschenmenge überfluthet, die sich mit Schreien und Lärmen an der unerwarteten Schranke des Militaircordons vor der Straße La Roquette brach und dann nach dem Platz oder den Seitenstraßen zurückströmte.
Das dadurch veranlaßte Gedränge war arg, und die dem Zuge voran reitenden Municipal-Gardisten hatten Mühe, die Bahn für den Leichencondukt frei zu machen.
Der überaus lange und große Leichenwagen war von sechs mit rothen goldbesetzten Decken geschmückten Pferden gezogen. Auch über den Sarg, der unter dem Baldachin stand, war eine rothe goldgestickte Decke gebreitet. Zwölf Trauerkutschen eröffneten das Grabgeleit, hinter der letzten folgte zunächst der junge Thronerbe von Audh, zur Rechten auf den berühmten Abenteurer, den birmanischen General
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d'Orgoni, einen der grimmigsten Feinde der Engländer gestützt, zur Linken den Commandeur Lynch.
Ein allgemeines »Le pauvre garçon!« der Menge empfing die jugendlich schöne Erscheinung des Prinzen Mirza und in das »Ah qu'il est beau, le pauvre Prince!« der Frauen, mischte sich an vielen Stellen der energische Ruf: »Ah bas les anglais! mort aux meurtriers!«
»Dieser Mann versteht sein Handwerk!« sagte der Lord zu seinem Gefährten. »Ich wette, daß mindestens hundert solcher Schurken von der Polizei bezahlt sind, hier Lügen über die britische Nation zu verbreiten. Ich wollte, ich hätte einen der Halunken im Bereich meiner Faust!«
Die Tagesblätter hatten bereits angekündigt, daß der unglückliche Thronerbe des indischen Königreichs in einem überaus kostbaren Gewande erscheinen würde, und in der That trug der Prinz Mirza einen kaftanartigen Ueberwurf, der mit Goldstickereien so überladen war, daß sich die ursprüngliche Farbe des Tuches gar nicht erkennen ließ. Ebenso war sein mit schwarzen Federn geschmücktes Barett, so daß man wirklich sagen konnte, er sei ganz in Gold gekleidet.
Ihm folgten vierundzwanzig vornehme Indier in ähnlichen nur nicht so reichen Gewändern von den buntesten Farben, darunter der Vezir des gefangenen Königs Mulvi-Mohamed-Kader, braune hagere Gestalten von düsterem Ansehen. Einen desto ungünstigeren Eindruck dagegen machte die darauf folgende ziemlich schmutzige und größtentheils barfuß laufende Dienerschaft mit ihren wilden Gesichtern; der Humor der schaulustigen Pariser hatte bald das Aussehen dieser Bande zum Zielblatt genommen und der Pöbel, der den
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Zug hinter den Fremden schloß, ließ es an Witzen über die armen Fremden nicht fehlen.
Die Chaine der Soldaten am Eingang der Straße La Roquette öffnete sich vor dem Zuge, ließ aber nur diesen passiren und schob seine Barrikade von Gewehrläufen wieder der nachdringenden Menge entgegen, die sich jetzt in den Nebenstraßen verlief.
Der Viscount und sein Begleiter hatten sich innerhalb der Straße dem Zuge angeschlossen, um die Ceremonien auf dem Kirchhof mit anzusehen. Als sie an dem Platz zwischen dem Mustergefängniß für jugendliche Gefangene zur Linken und dem neuen Strafhaus (nouveau Bicêtre - La Roquette) zur Rechten vorüberkamen, deutete der Lord auf die dunklen einförmigen Mauern des letzteren.
»Sehen Sie sich den steinernen Sarg dort an, Sir,« sagte er höhnisch - »meinen Sie wohl, daß ein Mensch seinen Wänden entlaufen könnte, ohne Flügel zu haben?«
»Es ist ein Gefängniß?«
»Yes und eines der festesten in Frankreich, und jedenfalls besser bewacht, als Ham war, Herr Louis Napoleon versteht sich darauf!«
»Ich habe mir sagen lassen, daß es so entschlossene und schlaue Verbrecher giebt, daß kein Gefängniß sie halten kann. Ich habe einmal die Lebensbeschreibung eines solchen Mannes aus Ihrem eigenen Lande gelesen, Jack Sheppards!«
»Goddam - es war ein ganzer Bursche! Schade, daß man ihn zuletzt doch gehangen hat. Es ist nur etwas lange her!«
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»Sie haben in neuerer Zeit die berühmte Flucht Orsini's aus Mantua!«
»Das ist wahr. Aber es möchte Signor Orsini doch schwerer werden, aus diesen Mauern zu entschlüpfen!«
Der Ton des Excentric hatte unverkennbar etwas Spöttisches.
»Wie - der gräßliche Mörder sitzt hier?«
»Es ist La Roquette - er wartet auf die Guillotine. Aber warum schaudern Sie so über den Namen?«
»Mein Gott, hat er nicht an jenem Abend, an dem ich das Unglück hatte, selbst unter dem Verdacht der Mitwissenschaft um eine so abscheuliche That verhaftet zu werden, eine Menge schuldloser Personen schändlich gemordet, wenn er auch seinen nichtswürdigen Zweck nicht erreicht hat?«
»Das ist eben der Unterschied, junger Mann! Merken Sie sich die Lehre für's Leben - der Erfolg macht Alles! Der zweite December desselben Mannes, auf den Orsini seine vortrefflichen Bomben so ungeschickt schleuderte, war eben nichts Anderes, als ein vorbereiteter Mord en gros! - aber weil Herr Louis Napoleon aus drei- bis viertausend erschossener Männer, Weiber und Kinder sich einen Thron aufzubauen verstanden hat, deshalb nennt die Welt das Dezember-Gemetzel nicht einen Mord, für den man in La Roquette die Guillotine erwartet, sondern eine große historische That!«
»Sie reden sehr frei Mylord - es könnte gefährlich werden in dieser Umgebung!«
»Bah! ich kümmere mich um keine Polizei der Welt
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und habe mich so ziemlich mit der aller Staaten, die deren besitzen, geprügelt. Am Wenigsten um die pariser, der die handfesten Knüppel der londoner Policemen oder die langen Stöcke der Khawassen von Konstantinopel fehlen! Ueberdies denkt halb Frankreich dasselbe, wenn es auch unter Herrn Espinasse nicht die Courage hat, es zu sagen! - Aber á[à] propos, wie steht es mit Ihrem Freund, wegen dessen Bekanntschaft Sie damals verhaftet wurden?«
»Kapitain Laforgne?«
»Ja! ich habe viel Braves von ihm gehört!«
»Er ist glücklich in die Schweiz gelangt und befindet sich jetzt bei seinem Freund und Wohlthäter dem General Garibaldi auf einer Insel an der Westküste Ober-Italiens.«
»Ah - Caprera! ich habe davon gehört. Well! ich werde den General besuchen auf meinem Wege nach Indien und dem Kapitain Ihre Grüße bestellen!«


Zur selben Zeit, als der Leichencondukt des Königs von Andh sich durch die Straße La Roquette nach der letzten Ruhestätte des indischen Fürsten in einem fremden Welttheil bewegte, - rollte vom Faubourg St. Antoine her durch die Rue de la Muette ein geschlossener zweisitziger Wagen ohne Abzeichen rasch heran und hielt an der Ecke der Straße de la Folie, welche die Rückseite des Gefängnisses begränzt.
Zwei Männer stiegen aus, beide tief in Mäntel gehüllt, der eine den Kopf mit einer Militairmütze bedeckt, der andere in Civil.
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Sie gingen nach dem verschlossenen Eingang des Gefängnisses, vor dem ein Doppelposten steht.
»Werda?«
»Gutfreund! Wir wünschen in das Gefängniß zu treten!«
Der Soldat hatte die Militair-Mütze gesehen.
»Das ist hier nicht gestattet, mein Offizier, selbst wenn Sie die Parole haben. Sie müssen sich nach dem Haupteingang in der Straße La Roquette wenden.«
»Das ist, was ich vermeiden will, Kamerad! Giebt es kein Mittel?«
»Man müßte an der Schelle ziehen und einen Aufseher rufen. Aber ...«
»Nun?«
»Haben Sie die Parole?«
»›Malakof‹ - wo Du selbst gefochten mein Braver, wie ich an Deiner Uniform sehe.«
Zugleich öffnete der Fremde den Mantel und zeigte die Uniform eines Generals.
Die Schildwache wollte präsentiren, aber der Offizier verhinderte es. »Kein Aufsehen, Kamerad. Ziehe die Klingel und rufe Jemand herbei.«
Der Soldat zog stark die Schelle und bald darauf hörte man schwere Tritte auf dem Pflaster des Thorwegs im Innern und ein eng vergittertes Schubfenster im Thor wurde geöffnet.
»Was giebts?«
»Hier ist ein Herr, der in's Gefängniß zu treten wünscht.«
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»Unsinn - der Zutritt ist nur bis Abends 6 Uhr erlaubt. Ich werde es dem Sergeanten der Wache anzeigen, daß Sie mich unnütz belästigen, Schildwach!«
Der General war näher getreten, während sich sein Begleiter im Schatten hielt,
»Es ist auf meinen Befehl geschehen,« sagte er. »Ist der Direktor des Gefängnisses noch wach?«
»Ja - aber was geht das Sie an?«
»Hört guter Freund,« bemerkte der Offizier ruhig, »Ihr werdet am Besten thun, Euch etwas höflichere Manieren anzuschaffen, wenn Ihr Euren Posten behalten wollt. Bringt diese Karte sofort dem Direktor und hütet Euch, unterwegs das Papier zu öffnen, in dem sie steckt. Aber ohne einen Augenblick Verzug, wenn Euch Euer Amt lieb ist.«
Der eingeschüchterte Aufseher nahm leise brummend durch das Gitterfenster das Papier und trollte sich. Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als rasche Tritte sich im Innern des Hofes hören ließen und das Pförtchen im Thor aufgeschlossen wurde.
»Darf ich bitten, einzutreten?«
Der alte Offizier von seinem Begleiter gefolgt trab in den Thorweg, wo der Direktor des Gefängnisses ihn erwartete, während der Wärter die Thür wieder verschloß.
»Ich bitte tausend Mal um Entschuldigung, daß Euer Excellenz haben warten müssen - aber ich konnte den Besuch nicht ahnen und die Dienstvorschriften sind überaus streng.«
»Keine Entschuldigung, mein Herr - die strengste
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Pflichterfüllung ist die beste. Wollen Sie so gut sein, uns an einen Ort in der Nähe zu führen, wo ich Ihnen meinen Auftrag mittheilen kann, ohne daß wir nöthig haben, durch das ganze Gefängniß zu gehen?«
»Ich bitte, mir die Ehre zu erweisen, mir zu folgen.«
Er schritt über den Hof weg nach einem Seitenflügel und öffnete die Thür.
»Haben Euer Excellenz die Gewogenheit einzutreten, hier ist eines der Büreaux.«
Sie waren alle Drei in ein in der gewöhnlichen Weise der Geschäftszimmer meublirtes Gemach eingetreten, aus dem zwei weitere Thüren nach dem Innern des Gebäudes führten. An den Wänden umher hingen schwarze Tafeln mit einer Menge von Schlüsseln.
»Wollen Euer Excellenz die Gnade haben, Platz zu nehmen? und dieser Herr?«
Der Direktor sah etwas neugierig auf den zweiten Besucher, der den Hut in die Stirn gedrückt und den Mantel um sich geschlagen behielt, so daß seine Züge nicht zu erkennen waren.
»Dieser Herr,« sagte der General »gehört zu mir! - Ich komme im Allerhöchsten Auftrag, mein Herr, um einige Fragen an Sie zu richten, und um eine Gefälligkeit zu bitten. Vor Allem muß aber über unsere Unterredung und selbst über meinen Besuch das unbedingteste Schweigen beobachtet werden. Sie haben doch bei Empfang der Karte meinen Namen nicht genannt?«
»Bewahre! - Des Schweigens können Euer Excellenz
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versichert sein, aus diesen Mauern kommt ohnehin nicht viel Nachricht in die übrige Welt.«
»Desto besser. Es ist Ihnen bekannt, daß der Kassationshof heute die Berufung der italienischen Meuchelmörder verworfen hat?«
»Ja, mein Herr. Heute Abend um sieben Uhr haben der Untersuchungsrichter und ein Mitglied des hohen Kollegiums in meinem Beisein den Verurtheilten die Verwerfung mitgetheilt.«
»Und was ist seitdem geschehen?«
»Sie sind, wie dies üblich ist, der Vorbereitung des Almoseniers des Gefängnisses übergeben worden.«
»Das Urtheil pflegt in drei Tagen nach der Bestätigung vollstreckt zu werden?«
»Gewöhnlich. Die Bestätigung ist bereits erfolgt und mit ihr zugleich vor einer halben Stunde der Befehl angelangt, alle Anstalten der Art zu beschleunigen, daß die Hinrichtung bereits am Sonnabend Morgen um sieben Uhr erfolgen kann!«
»Wissen das die Gefangenen?«
»Nein - sie erhalten die Nachricht erst wenige Stunden vor der Vollstreckung.«
»Wo befindet Orsini sich jetzt?«
»In einer der Zellen für die zum Tode Verurtheilten!«
»Wie hat er die Nachricht der Verwerfung aufgenommen?« frug plötzlich rauh der Verhüllte.
»Ziemlich gefaßt, mein Herr! er scheint die Hoffnung auf die Gnade des Kaisers noch nicht aufgegeben zu haben. Doch befindet er sich in einer fieberhaften Aufregung -
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er hat Schreibmaterial verlangt, um ein Gesuch aufzusetzen oder sein Testament zu machen. Pierri tobt und schleudert Verwünschungen gegen Gott und alle Welt - Rudio ist fast bewußtlos vor Angst und weint und klagt.«
»Der Dummkopf - der Kaiser hat ihn ja begnadigt! Man pflegt dies erst in der letzten Stunde den Verbrechern bekannt zu machen, um die heilsame Wirkung der Angst nicht zu schmälern.«
»Sind die Gefangenen gefesselt?«
»Nein Monsieur - die Aufsicht ist so gut, daß dies nicht nothwendig erscheint. Es wäre eine unnütze Grausamkeit.«
»Aber dieser Orsini zum Beispiel, ist bereits aus einem der festesten Gefängnisse ausgebrochen!«
Der Direktor lächelte. »Ich bitte Euer Excellenz zu bemerken, daß dies in Oesterreich geschah. Aus dem Gefängniß La Roquette geht man nur auf das Schaffot oder durch die Gnade des Kaisers in die bürgerliche Gesellschaft zurück.«
»Ist es nicht möglich,« mengte sich wiederum der Unbekannte in die Unterredung, »den Verurtheilten vorher einige Zeit zu beobachten, ehe man ihn besucht?«
Der Direktor sah ihn erstaunt an. »Wie, Monsieur, Sie wollen Orsini sprechen?«
»Ja!«
»Aber das geht nicht an, ohne eine besondere Erlaubniß des Präsidenten des Kassationshofes!«
»Ich werde sie haben. Aber beantworten Sie zunächst meine andere Frage.«
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»Es befinden sich allerdings in den Thüren vergitterte Oeffnungen, durch welche die Aufseher ziemlich unbemerkt die Gefangenen controlliren können!«
»Ich bin kein Aufseher,« sagte der Fremde ungeduldig. »Machen Sie nicht so viel Umstände. Im geheimen Archiv der Polizei befindet sich ein Plan von La Roquette, demzufolge an drei gewissen Zellen ein geheimer Corridor oder sonst ein Raum da ist, aus dem man Alles, was in diesen Zellen gethan oder gesprochen wird, sehen und hören kann. Ich frage Sie nun, ob der Gefangene Orsini sich gegenwärtig in einer dieser drei Zellen befindet?«
Der Direktor zögerte, obschon er die Wahrheit zu ahnen begann.
»Mein Herr - das ist ein Amtsgeheimniß von so hoher Bedeutung ...«
Der Fremde unterbrach ihn ungeduldig.
»Roquet, sagen Sie diesem Herrn doch, daß er mich nicht unnöthig aufhält!«
Der General gab lächelnd dem Direktor einen bedeutungsvollen Wink mit den Augen.
»Ich versichere Sie auf mein Wort, daß Sie für Alles gedeckt sind. Entsprechen Sie genau den Befehlen dieses Herrn.«
Der Beamte verbeugte sich. »Orsini befindet sich in diesem Augenblick allerdings mit dem Almosenier des Gefängnisses und dessen Sakristan in einer der bezeichneten Zellen.«
»Und warum wird er dort nicht beobachtet?«
»Ich habe keinen Befehl dazu erhalten.«
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»Nehmen Sie Ihre Schlüssel und führen Sie mich an jenen Ort, wo ich sehen und hören kann!«
Der Direktor nahm, ohne ein Wort zu entgegnen, einen Leuchter mit Kerze, zündete diese an der Gasflamme an und öffnete eine der Thüren im Hintergrund.
»Haben Sie die Gnade mir zu folgen; mit so wenig Geräusch als möglich.«
Er ging voran in einem der gewöhnlichen Gänge, die in das Innere des Gefängnisses führen. Der Korridor war breit und gut erleuchtet; an einer Kreuzung fanden sie eine Schildwach, an zwei andern Stellen begegneten sie Aufsehern, die in Schuhen mit starken Filzsohlen fast unhörbar und auf einen Wink des Direktors, ohne sich weiter um sie zu bekümmern, an ihnen vorüber glitten.
Dann kamen sie zu einer steinernen Treppe, die in das erste Geschoß hinauf lief.
Der Direktor führte sie jedoch nicht diese hinauf, sondern wandte sich in einen engern Seitengang, der in einer kleinen Curve sich bog, so daß er von der Treppe oder dem größeren Corridor aus nicht übersehen werden konnte.
Als sie so weit hinein geschritten waren, schien der Gang mit einem quer vorgestellten großen Schrank zu endigen.
Der Direktor holte ein kleines Schlüsselbund, das offenbar nur seinem Privatgebrauch diente, aus der Tasche und suchte einen Schlüssel aus, mit dem er den Schrank aufschloß. Dann leuchtete er in das Innere.
»Haben Sie die Gnade, einzutreten!«
Als der Beamte das Licht in den Schrank hielt, konnte
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man sehen, daß statt der Hinterwand eine Treppenöffnung in die Höhe führte.
»Darf ich voran gehen?«
»Zeigen Sie den Weg!«
Der Direktor stieg, das Licht hoch haltend, die Stufen hinauf, die mit einem Teppich belegt waren, um das Geräusch der Schritte zu dämpfen, nachdem er den General ersucht hatte, die Thür des Schrankes wieder in's Schloß zu drücken.
Sie stiegen eine Anzahl Stufen hinauf, die wahrscheinlich der der großen Treppe, an welcher sie vorüber gegangen waren, gleichkam, und gingen dann einen kurzen, sehr schmalen Gang entlang.
Derselbe öffnete sich in einen dreieckigen Raum. Der Direktor zündete einen von der Decke hängenden Gasarm an, der eine spärliche, aber genügende Helle verbreitete, um erkennen zu lassen, daß an jeder der drei Seiten sich eine schmale dunkle Thüröffnung befand.
»Meine Herren,« sagte der Führer, »Sie befinden sich jetzt in Mitten des Gefängnisses. Diese drei Thüren führen zu den Wänden der Zellen, welche man den Verurtheilten oder solchen Verbrechern giebt, deren Treiben zu beobachten das Staatsinteresse gebietet. Die Einrichtung ist so geschickt, daß Sie Alles sehen und hören können, was der Gefangene thut und spricht, ohne bemerkt zu werden. Die ganze Anlage hängt in von Außen ganz unbemerkbarer Weise mit dem System der Röhrenleitungen für die Heizung des Gebäudes zusammen.«
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»Welches ist die Zelle, in der, wie Sie sagen, Orsini jetzt mit dem Geistlichen zusammen ist?«
»Dort!« Der Direktor wies nach der mittleren Oeffnung; der General wandte sich mit einer fragenden Bewegung zu seinem Begleiter.
»Bleiben Sie hier - ich will selbst gehen! Sprechen Sie nicht!« Als sei er überzeugt, daß man ihm gehorchen müsse, trat der Mann im Mantel in den bezeichneten Gang, in dem er etwa zwanzig Schritt machte, wobei ein schwacher Lichtschimmer vom Ende her ihm die Richtung zeigte, bis seine vorgestreckte Hand an die abschließende Wand stieß. Auch hier war der Fußboden mit einem dicken Teppich belegt und die Wand rechts und links stark mit Leder gepolstert. Als der Fremde an das Ende kam, befand er sich in Höhe der Augen vor einer durchbrochenen Rosette von Gußeisen, wie solche in den mit der sogenannten russischen Heizung versehenen Gebäuden dazu dient, die Wärme in die Zimmer zu lassen, oder die trockene Luft in der Höhe zu entfernen.
Die Rosette war so geschickt gearbeitet und so dünn, daß man durch die Oeffnungen die ganze darunter liegende gewölbte Zelle übersehen konnte. Zugleich war die Wölbung der Art eingerichtet, daß sie nach den Gesetzen der Akustik allen Schall nach der Rosette hin concentrirte.
In der Zelle befanden sich vier Personen: Felix Orsini, der ehemalige Gefangene von Mantua, - der greise Abbé Hugon, Almosenier des Gefängnisses, sein Kirchendiener oder vielmehr der Vertreter desselben, dem wir auf dem Bastillenplatz begegnet sind, und ein Gefangnenwärter.
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Die Zelle enthielt Nichts, als einen am Fußboden befestigten Tisch und zwei in gleicher Weise angeschraubte Bänke, von denen die eine so breit war, daß sie mit einem darauf liegenden Strohsack zur Lagerstätte dienen konnte. An der Wand hing ein Kruzifix. Vor dem Tisch stand ein unbeweglicher schwerer Holzklotz als Sessel. Die Rosette befand sich an der Wandseite über der Lagerstätte. Der Verurtheilte saß in dem Augenblick, als der Fremde an die Rosette trat, neben dem Geistlichen auf der Lagerstätte und hörte mit zerstreuter Miene auf die Tröstungen der Religion und die Ermahnungen, seine Verbrechen zu bereuen und durch ein aufrichtiges Bekenntniß vor dem irdischen Richter seine Seele zu entlasten, ehe der furchtbare Augenblick gekommen sei, in dem sie vor ihren ewigen treten müsse.
Der Geistliche sprach in keiner Weise zelotisch, sondern ruhig und verständig, indem er das Gefühl nicht verdammte, aus dem die fanatische That der vier Italiener hervorgegangen, sondern nur diese That selbst. Dennoch achtete offenbar Orsini wenig auf die Worte und sein dunkles Auge suchte wiederholt den falschen Küster, dessen Zeichen beim Eintritt er wohl bemerkt hatte. Der Alte unterhielt sich jedoch leise mit dem Gefangnenwärter und schien ihm keine Beachtung zu schenken.
»Sie wollen also heute nicht dem heiligen Sakrament der Beichte sich unterziehen, mein Sohn?« sagte endlich der Abbé.
»Nein, hochwürdiger Vater, - ich fühle mich nicht dazu gestimmt!«
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»Aber bedenken Sie wohl, daß nach dem Urtheil der menschlichen Gerechtigkeit Ihre Stunden gezählt sind - daß Sie keine Zeit zu verlieren haben, sich vor Ihrem Schöpfer zu demüthigen und die Heiligen um ihre Fürbitte anzurufen. Ein reuiges Herz, ein offenes Bekenntniß erleichtert die letzten Stunden!«
»Sie reden, als ob ich in der nächsten schon hingerichtet werden sollte?« sagte der Verschwörer mit einem fragenden Blick.
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, mein Sohn, daß ich Nichts davon weiß, daß es nur meine Pflicht ist, den Verurtheilten ihre letzten Stunden zu erleichtern, indem ich sie mit ihrem Gott versöhne und sie die Gnade des Erlösers anrufen mache. Ich habe es für Pflicht gehalten, noch diesen Abend zu Ihnen und den andern Schuldigen zu kommen, weil ich gehört, daß Ihnen heute die Verwerfung Ihres Gnadengesuches verkündet ist.«
»Das ist noch nicht der Befehl zur wirklichen Vollstreckung des Urtheils!«
»Nein - Gott kann die Herzen der Mächtigen lenken zur Gnade, aber bedenken Sie, daß Ihr Verbrechen sehr schwer ist!«
Der Verurtheilte schleuderte einen trotzigen Blick nach dem falschen Sakristan.
»Ich werde mich diese Nacht damit beschäftigen,« sagte er in fieberischer Aufregung, »noch ein Mal an den Kaiser zu schreiben. Da liegt bereits das Papier - ich habe ihm so Vieles zu sagen, das er hören muß! ich verlange wenigstens Aufschub der Vollstreckung und er darf
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mir ihn nicht verweigern! ich habe Freunde, die mich unterstützen müssen. Mit ihrer Hilfe -«
»Rechnen Sie lieber auf Gott, als auf die Hilfe menschlicher Freunde,« sagte der Geistliche ernst. »Unglücklicher Mann - ich sehe, wie es mit Ihnen steht. Sie können noch zu keinem Entschluß kommen und mißkennen Ihre Lage. Werfen Sie endlich die Bande von sich, mit denen Sie sich an das Leben ketten wollen und vertrauen Sie allein auf Ihren Erlöser. Ich muß Sie jetzt verlassen und mich zu Ihren unglücklichen Gefährten begeben. Gebe Gott, daß ihr Herz empfänglicher ist. Nehmen Sie dieses Gebetbuch und benutzen Sie es. Morgen hoffe ich Sie besser vorbereitet für das heilige Sacrament der Beichte und der Kommunion zu finden.«
Der Priester hatte sich erhoben und gab dem Sakristan einen Wink, die heiligen Geräthschaften aufzunehmen.
Diesen Augenblick benutzte der Verkleidete, um durch ein Zeichen dem Verurtheilten anzudeuten, daß er mit ihm sprechen wolle.
Orsini legte die Hand auf den Arm des Priesters.
»Ich wünschte,« sagte er - »Sie könnten zu mir in den Klängen meiner Muttersprache reden. Sie würden wahrscheinlich mehr Eingang zu meinem Herzen finden, denn ich bin nicht so verstockt, als Sie glauben!«
»Ich weiß,« erwiederte der Abbé milde, »welche große Macht die Erinnerungen der Heimath über das menschliche Herz üben und bedauere deshalb um so mehr, daß ich die schöne Sprache Ihres Vaterlandes nicht verstehe!«
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»Wenn ich Ihnen, hochwürdiger Herr oder dem unglücklichen Mann hier dienen kann,« sagte der verkleidete Sacristan, »so bin ich gern bereit, da ich in meiner Jugend unter dem großen Kaiser die Kriege in Italien mitgemacht und das Italienische gelernt habe, ehe ich in die heilige Kirche eintrat.«
»Das trifft sich gut,« meinte arglos der Geistliche, »und ich danke es dem hochwürdigen Pfarrer von St. Ambroise, der Sie mir in Stelle meines armen kranken Ambrosio zugeschickt und empfohlen hat. Da dieser Beamte hier mit dem Gefangenen die Zelle theilt, hat es wohl kein Bedenken, wenn ich Sie hier noch auf eine halbe Stunde zurücklasse, bis ich etwa Ihrer Dienste bei den andern Gefangenen bedarf?«
Die Frage war an den Aufseher gerichtet. »Es hat nicht das geringste Bedenken,« sagte der Mann. »Ich darf die Zelle nicht verlassen und mein Kamerad, der außen die Wache hält, wird Euer Hochwürden in die Zelle des Herrn Rudio geleiten. Das ist der Schlimmste, er thut Nichts als heulen, obschon ich glaube, daß der Kleine, der Major, wie er sich nennt31, mehr Furcht hat, als er sehen lassen will.«
»So reden Sie diesem armen Manne zu, der Gnade Gottes sich demüthig anzuvertrauen, damit ich bei meinem Besuch morgen früh eine aufmerksamere Stimmung in ihm finde!«
Der Geistliche klopfte an die Thür, die sich sofort
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öffnete, und verließ die Zelle. Der Aufseher sprach einige Worte mit seinem Gefährten, dann wurde die Pforte wieder verschlossen.
Man hörte Schritte sich entfernen und dann nur noch den gemessenen Tritt der Schildwach, die auf dem Korridor der Verurtheilten mit geladenem Gewehr auf und nieder ging.
Der falsche Sakristan horchte einige Augenblicke, dann wandte er sich zu dem Gefangnenwärter, indem er dicht zu ihm herantrat.
»Sie sind der Mann, der bei diesem Herrn bis zu seinem Tode bleibt und bei der sogenannten Toilette des Henkers zugegen ist, kurz der ihm die letzten Dienste erweisen soll?«
»Ja, Monsieur!«
»Gut. Dann habe ich Ihnen einen Namen zu nennen. Es ist der des Lord Heresford!«
»Das genügt, Monsieur. Wer Sie auch sein mögen, ich sehe, Sie sind im Geheimniß!«
»Ich habe vor kaum einer halben Stunde den Lord verlassen, und bin hier, um Alles vorzubereiten und Signor Orsini zu verständigen.«
»Dann Monsieur, beeilen Sie sich. Sie können jeden Augenblick abgerufen werden. Ich werde unterdeß an der Thür Wache halten.«
»Parlate Italiano?«
Der Mann sah ihn groß an. »Was meinen Sie?«
»Ich fragte, ob Sie Italienisch verstehen?«
»Nein, Herr!«
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»Gehen Sie an die Thür also. Sie wissen, daß der Lord mit der Belohnung nicht knickert.«
»Ich weiß, ich weiß! aber auch, daß man mich nach Lambessa oder Cayenne schicken kann!«
Der Aufseher stellte sich horchend an die Thür; der falsche Sakristan ging auf den Gefangenen zu, der sich, ihr Zwiegespräch mit großer Erregung beobachtend, auf sein Lager gesetzt hatte.
»Felicio!«
»Ha - ich kenne diese Stimme! ich habe mich also nicht getäuscht. Es ist der Prophet!«
»Für die Anderen meinetwegen, für Sie Ihr Freund! Wissen Sie, daß der Befehl zu Ihrer Hinrichtung bereits ertheilt ist?«
Der Verschwörer fuhr zusammen. »Zu wann?« stammelte er endlich.
»Uebermorgen, Sonnabend früh!«
»Und will man mich wirklich sterben lassen wie einen Hund?« frug der Gefangene wüthend. »Sind das die Versprechungen, die man mir gemacht? Aber ich werde mich rächen, ich werde dann nicht allein sterben, ich - -
»Still!« gebot der Sakristan. »Hätten Sie Ihre Absicht mit etwas mehr Geschicklichkeit oder Ruhe ausgeführt, so befänden Sie sich jetzt nicht in diesen Mauern. Doch das läßt sich nicht ändern, es handelt sich vorläufig nur darum, Sie zu retten! Sie wissen nicht, daß über diesem Versuch bereits mindestens zwanzig Menschen, die in der Nacht zum 5ten einen Aufstand vor La Roquette machten,
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nach Cayenne wandern werden. Was enthält jenes Papier, von dem Sie sprachen?« Er wies nach dem Tisch.
Der Verurtheilte zögerte.
»Antwort bei Ihrem Eid, Felicio Orsini!«
Der Republikaner holte tief Athem. »Es ist - es ist die Bitte um Begnadigung!«
Der Sakristan ging, ohne eine Antwort zu geben, nach dem Tisch, las das Papier, das übrigens erst einige Zeilen enthielt, und zerriß es.
»Setzen Sie sich und schreiben Sie, was ich Ihnen diktire!«
Der Verurtheilte gehorchte. Bei der Unterredung bedienten sich übrigens Beide nur der italienischen Sprache.
»Ich bin bereit!«
       ›Sire!
An der Schwelle des Schaffots sende ich dem Mitgliede des Bundes der Carbonari, das jetzt auf dem Throne von Frankreich sitzt und mit der Gewalt seiner Bayonnette die Hauptstadt Italiens und damit Italien selbst gefesselt hält, mein Testament!‹
»Mein Testament!« wiederholte der Schreibende.
»Fahren Sie fort:
›Die italienische Liga hatte Sie nicht gerufen, Sie und Ihr Bruder sind freiwillig in den Bund getreten und haben den Eid bei Ihrem Leben geleistet. Ihr Bruder starb für die Freiheit, - das Wie? ist Ihnen am Besten bekannt! - Sie sind selbst einer unserer Tyrannen geworben. In der Nacht, als Ihre Kanonen das letzte Bollwerk des mit dem Blut Ihrer Bundesbrüder frei
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gewordenen und vertheidigten Roms niederwarfen, schworen hundert Männer einen heiligeren Eid, als der Ihre war, dieses Blut zu rächen. Sire - wir, die Sie auf das Schaffot senden - sind nun die Ersten, die nach langem Zögern, nachdem wir sieben Jahre lang auf Ihre Umkehr und die Erfüllung Ihrer Versprechungen gewartet haben, ihren Eid lösen.
Greifen Sie zurück in die letzten Erinnerungen Ihrer geheimen Politik, und Sie werden wissen, was uns den Dolch in die Hand gegeben hat.‹
»Mailand!« sagte der Schreiber.
»Bologna und Venedig! weiter!«
›Von diesem Augenblick an giebt es nur zwei Dinge, die Befreiung Italiens, oder Ihr Tod. Sie können noch hundert Köpfe unter dem Eisen Ihrer Guillotine fallen lassen, aber der hundertundeinste wird Ihren Fall sehen. Aus der Mitte Ihrer Kohorten heraus wird der Tod, in welcher Form es auch sei, Sie holen. Denken Sie an das Schicksal Cäsars! Die Tuilerieen gewähren nicht mehr Schutz, als das Kapitol!
Ich sterbe, Sire, indem ich Sie binnen hier und einem Jahre vor den Richterstuhl Derer lade, welche seit vierzig Jahren für die Freiheit Italiens gestorben sind, wenn bis dahin mein Blut nicht durch Ihre Kriegserklärung an Oesterreich gesühnt ist. Ich verwerfe Ihre Gnade und sterbe als ein Märtyrer meiner Ueberzeugung und als ein Rächer meines Volks.
Sire! wählen Sie! Ich vermache die Sorge für
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meine Familie meinen Freunden, und die Pflicht, meinen Tod zu feiern oder zu rächen Italien.‹
Unterzeichnen Sie: ›La Roquette. Felicio Orsini!‹
Der Verurtheilte hatte es gethan - er warf jetzt die Feder mit Erbitterung nieder.
»Gut - Sie wollen meinen Tod, so sei es denn!« sagte er finster. »Ich will Ihnen zeigen, daß ich meinen Eid halte!«
Er hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt, die Arme auf den Tisch gestützt.
Der »Prophet,« wie er ihn nannte, hatte das Papier genommen und dasselbe in Briefform gefaltet.
»Sie sind noch nicht fertig. Schreiben Sie die Adresse des Kaisers - aber mit fester Hand. Unten die Bemerkung: Mein Testament. Nach meinem Tode zu übergeben!«
In stummer Verzweiflung leistete der Gefangene Folge.
»So ist es gut. Diesen Brief behalten Sie bei sich, bis Sie den Todesgang antreten sollen. Dann vergessen Sie nicht, ihn zurückzulassen, - oder besser, übergeben Sie ihn dem Mann dort, der Sie bis zum letzten Augenblick nicht verlassen soll. Er wird für die Beförderung sorgen!«
»Sie sind Erz und Marmor,« sagte der Verurtheilte bitter. »Bedenken Sie, daß ich nur ein Mensch bin und spannen Sie die Saiten nicht zu straff!«
»Eben deshalb, weil ich Sie nicht ganz für einen Brutus halte, wollen wir jetzt von Ihrer Rettung sprechen!«
»Von meiner Rettung? Sie fügen noch den Hohn zu Ihrer Hartherzigkeit!«
»Sie irren sich - ich bin von Nichts mehr entfernt, als davon, Sie zu höhnen oder zu täuschen. Ihre Rettung ist eine abgemachte Sache. Ich dächte, der Umstand, daß Sie mich hier sehen und daß jener Mann dort von unserer Unterredung keine Notiz nimmt, könnte Ihnen schon Bürgschaft genug sein.«
»Das ist wahr. Aber ich kenne Ihren Einfluß; daß Sie in Paris waren unter irgend einer Verkleidung und Verbindungen in meinem früheren Gefängniß hatten, wußte ich aus den Anweisungen und Botschaften, die Sie mir während des Prozesses haben zugehen lassen. Aber wenn sich vor Ihnen auch die Thüren der Kerker öffnen, so dürfte es doch ein Anderes mit uns sein!«
»Ich kann auch blos für Ihre Rettung bürgen - Pierri und Rudio müssen ihr Schicksal tragen. Sie - aber, wenn Sie Muth und Ruhe bewahren, sollen frei aus diesem Kerker herausgehen!«
»Ja - auf das Schaffot!«
»Es führt ein Weg neben dem Schaffot vorbei!«
»So will man mich im letzten Augenblick begnadigen?«
»Nein - das Eisen der Guillotine wird fallen - aber auf den Kopf eines Andern!«
Der Verurtheilte blickte den Verkünder dieser seltsamen Rettung mißtrauisch und fragend an. »Was soll das heißen?«
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»Sie wissen, daß Sie zur Strafe des Vatermordes verurtheilt sind?«
»Ja - ich soll die Hand verlieren, ehe man mir den Kopf zum Besten dieses würdigen Vaters abschneidet!«
»Das Urtheil ist in dieser Beziehung gemildert. Aber was wichtiger ist, Sie werden mit verhülltem Haupt das Schaffot betreten.«
»Nun?«
»Die Personen, welche Sie in dem letzten Augenblick in Ihrer Zelle umgeben zur Vornahme der sogenannten Toilette der Verurtheilten, sind bestochen. Man wird eine andere Person an Ihre Stelle schieben, irgend einen des Todes längst würdigen Verbrecher, der das Fallbeil erwartet. Sie werden in der Kleidung eines der Knechte des Nachrichters das Gefängniß verlassen im Augenblick, wo die Hinrichtung vor sich geht. Ein Fiacre erwartet Sie am hintern Ausgang von La Roquette und bringt Sie bis vor die Barriere. Dort harrt ein Wagen, der Sie mit Ihrem Begleiter im Galop bis Creil bringt, wo Sie den Bahnzug nach Brüssel besteigen. Das Uebrige ist die Sache Ihres Begleiters. In Brüssel finden Sie Alles Nöthige, um sofort nach England zu gehen.«
»Gott sei Dank! - wenn ich England erreichen kann, ...«
»England ist in diesem Augenblick kein Boden für Sie. So sehr man auch geneigt sein würde, sich über Ihre Flucht zu freuen und diese zu unterstützen, kann man Sie doch nicht offen beschützen, da man die französische Alliance braucht. Man würde gezwungen sein, Sie
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auszuliefern. Sie dürfen England nur betreten, um sofort nach Liverpool zu gehen und sich dort mit dem ersten Dampfer nach Amerika einzuschiffen.«
»Aber man wird den Betrug bald entdecken, man wird mich verfolgen!« sagte der Italiener eigensüchtig, ohne mit einer Sylbe des Schicksals seiner Gefährten zu gedenken.
»Nein - nur ein unglücklicher Zufall kann überhaupt eine Entdeckung herbeiführen, ehe sie von Ihnen selbst ausgeht. Die Todten sprechen nicht, und die Lebenden und Wissenden werden sich hüten, es zu thun, bis es an der Zeit ist. Darum auch müssen Sie selbst unter anderem Namen in Amerika verborgen bleiben, bis Sie von dem Bunde die Erlaubniß erhalten, wieder hervorzutreten.«
»Und - - wenn es nun mißglückt?«
»Dann halten Sie Ihren Eid und sterben Sie wie ein Mann, der jenen Schergen der Gewalt zeigt, was die Begeisterung für die Freiheit vermag. Der Erfolg hätte Ihre That geadelt, jetzt muß es Ihr Tod thun. Aber fürchten Sie Nichts - die Vorbereitungen sind so gut getroffen, daß ein Mißlingen kaum möglich ist. Darum, wenn man Sie morgen mit Versprechungen von Gnade oder Drohungen bestürmt, halten Sie fest und zeigen Sie ihnen die Verachtung des Mannes, der für seine Sache bereit ist, zu sterben!«
»Ich werde es!« sagte der Verurtheilte, in dem der alte Fanatismus wieder den Sieg gewonnen, mit funkelndem Auge. »Der Prophet soll den Schüler seiner würdig finden!«
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In diesem Augenblick sah der Gefangenwärter von der Thür auf.
»Man kommt, um Sie zu rufen!« sagte er.
Der Sakristan war im Augenblick wieder in seiner Rolle.
»So leben Sie denn wohl bis morgen, unglücklicher Mann,« sprach er salbungsvoll, »und möge Gott Ihr Herz rühren, daß die Worte unsers frommen Abbé in demselben Eingang finden. - Bedarf der hochwürdige Herr meiner?« frug er den eintretenden Aufseher.
»Ja, Herr Sakristan - der Abbé wünscht Sie in der Zelle des Gefangenen Rudio zu sehen!«
»Also nochmals Muth und Vertrauen, Signor Orsini,« sagte der Verkleidete auf französisch. »Gott sei mit Ihnen!«
Die Thür fiel hinter ihm in's Schloß. - -
Einige Minuten nachher kehrte der Mann im Mantel aus dem geheimen Gange zurück und trat in das Vorzimmer, wo der Direktor und der General warteten.
»Kommen Sie!«
»Wohin befehlen Euer ...«
Der Unbekannte unterbrach ihn herrisch. »Still! - Haben Sie nicht verstanden, daß General Roquet Ihnen Schweigen in jeder Beziehung auferlegt hat?«
Der Direktor verbeugte sich ehrerbietig.
»Führen Sie uns zurück nach dem gewöhnlichen Aufgang. Ich wünsche in die Zelle des Signor Orsini zu treten und mit ihm zu sprechen. Sie werden die beiden Aufseher, die bei ihm postirt sind, so lange entfernen.«
»Aber - ich bitte um Entschuldigung - der Gefangene
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ist nicht gefesselt, er ist ein verwegener und entschlossener Mensch, und es dürfte nicht ohne Gefahr sein ...«
»Sie werden die Thür hinter mir nicht verschließen und mit dem General in der Nähe derselben bleiben, so daß Sie jeden Ruf hören können. Gehen Sie voran.«
Während der Direktor das Licht nahm und auf dem Wege zurück ging, den sie vorher gekommen, näherte sich der General seinem Begleiter.
»Ich bitte Sie, die Warnung dieses Herrn zu beachten,« sagte er flüsternd. »Es ist doch zu gefährlich - gestatten Sie mir wenigstens, dabei zu sein.«
»Nein, Roquet, das geht nicht! Ueberdies können Sie unbesorgt sein, ich bin nicht ohne Waffen.«
Er hob unter dem Mantel die Hand hervor und öffnete sie.
Aus dem Aermel ragte der kurze fünffache Lauf eines jener kleinen Taschenrevolver, die man bequem in der hohlen Hand bis zum Gebrauch verbergen kann und die man »Taschenmörder« nennt.
Der Offizier nickte beruhigt.
Unterdeß war der Direktor wieder bis zu dem Schrank gekommen und visirte durch eine geheime Klappe, ob der Gang leer sei, dann öffnete er und sie traten heraus.
Der Beamte schritt ihnen die Treppe vorauf und führte sie nach dem Vorplatz, von dem aus man die verschiedenen Gänge übersehen konnte. Dort bat er sie, einige Augenblicke zu verziehen und trat dann in den Corridor, der zu den Zellen der zum Tode Verurtheilten führt.
Gleich darauf kamen die beiden Aufseher, die in und
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vor der Zelle Orsini's ihren Posten hatten, an ihnen vorüber.
Der Direktor winkte, sie traten näher und standen vor der mit Eisen beschlagenen Thür.
»Sie ist offen, wenn Sie noch befehlen, einzutreten!«
»Gut. Bleiben Sie hier und merken Sie auf!«
Der Unbekannte öffnete selbst die Thür und trat in die Zelle, den Hut auf dem Kopf, den Mantel vor dem Gesicht. Orsini saß an dem Tisch und schrieb eifrig.
Als er den Fremden eintreten sah, glaubte er wahrscheinlich, es sei ein Beamter des Gerichts, denn er blieb ruhig sitzen und sagte mit trotziger und höhnischer Miene:
»Sie kommen wahrscheinlich im Auftrag des Tyrannen Frankreichs und Italiens, um mir anzuzeigen, daß seine Guillotine ihr Amt an mir verrichten soll? - Nun, ein Paar Stunden eher oder später, es kommt Nichts darauf an! Lassen Sie mich nur diesen Satz eines Briefes an meine Frau beendigen und ich stehe sogleich zu Diensten!«
Der Fremde trat an die andere Seite des Tisches, ließ den Mantelkragen fallen und nahm den Hut ab.
So blieb er stehen.
Der Italiener in der angenommenen Gleichgültigkeit schrieb noch ein oder zwei Minuten weiter, ohne die Augen zu erheben.
Dann sagte er: »Ich bedauere, mein Herr, daß ich Ihnen keinen andern Sitz als jene Bank anbieten kann. Se. Majestät der Kaiser Louis Napoleon hat mich etwas schlecht möblirt logirt.«
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»Das ist wahr,« sagte der Unbekannte ruhig in italienischer Sprache. »Aber Sie haben es nicht besser gewollt.«
Der Verschwörer sah erstaunt empor - dann sprang er betroffen auf und starrte den Fremden an, als sehe er eine Erscheinung.
»Träume ich - seh' ich recht? - Sire - Euer Majestät ...«
»Still!« sagte der Fremde, »Sie vergessen, Signor Orsini, daß Sie ein Republikaner sind und mich vor vier Wochen haben in die Luft sprengen wollen!«
»Sire,« sagte der Verschwörer finster - »es galt dem Unterdrücker meines Vaterlandes!«
»Sie sind ein Narr mit sammt Ihrem Herrn Mazzini und haben Beide nicht warten gelernt. Aber die Kaiserin, die Sie mit Ihren Meuchelmördern so schwer gefährdet, hat um Gnade für Sie gebeten. Ich bin hierher gekommen, um Ihnen einige Fragen vorzulegen, ehe ich mich darüber entscheide. Wollen Sie dieselben beantworten?«
»Ich muß die Fragen erst kennen!«
»Bedenken Sie, es handelt sich um Ihren Kopf, den Sie verwirkt haben!«
»Ich bin bereit, ihn auf das Schaffot zu tragen!«
»Und ich wiederhole Ihnen, daß Sie ein Narr sind, wenn Sie Ihr Leben nicht retten wollen.«
»Fragen Sie und ich werde sehen!«
»Zunächst - man hat mich wissen lassen, daß der Eid zu meiner Ermordung sich schon aus früherer Zeit herschreibt!?«
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»Seit dem Tage, da Sie die Freiheit Italiens durch die Eroberung Rom's unterdrückt haben.«
»Und warum hat man so lange gezögert? Oder gehörten Pianori und Bellamare auch zu Ihnen?«
»Nur der Erstere, der Andere war ein Verrückter. Aber nach uns werden Hundert kommen!«
»Das beantwortet meine Frage nicht. Warum haben Sie gerade jetzt Ihr Mordattentat versucht?«
Der Italiener sah ihn spöttisch an.
»Sie haben sonst nicht ein so kurzes Gedächtniß, Sire!«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Nun wohl - ich kannte eines Ihrer politischen Geheimnisse, Ihren neuesten Verrath an Italien!«
Der Andere schwieg.
»Pianori,« fuhr der Verurtheilte fort, »hob das Pistol wegen Ihres geheimen Vertrages mit Oesterreich für die Hilfe im Krimkrieg. Sie sicherten ihm damals die Lombardei.«
»Aber Oesterreich war nicht unser Verbündeter!«
»Man hielt nur so viel, als dem Kabinet von Wien gut dünkte. Eben deshalb schloß England den Vertrag mit Piemont.«
»Sie sehen also, daß Ihre wahnsinnige Partei sich getäuscht hat!«
»Nein, denn Sie hassen Piemont eben so wie Oesterreich und handeln nur nach Ihrem Vortheil.« - Er trat einen Schritt auf ihn zu, was den Andern veranlaßte,
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fast unwillkürlich die Hand von dem Mantel frei zu machen.
»Fürchten Sie Nichts, Sire, obschon ich weiß, daß Sie es waren, welcher den Aufstand in Mailand, Venedig und Bologna, der Italien frei machen sollte ohne die Waffen Victor Emanuels, den Oesterreichern verrathen und sie gewarnt hat!«
»Das ist falsch!«
»Es ist!«
Der Besucher biß sich auf die Lippen. »Wer hat Ihnen oder Herrn Mazzini dieses Mährchen aufgebunden?«
»Ihre Alliance mit England, Sire, steht auf sehr schwachen Füßen! Soll ich Ihnen vielleicht die Details der Mittheilung bezeichnen? Lord Palmerston ist in Wien sehr gut bedient!«
»Also von dort her? - ich hatte es mir denken können!« Er biß die Zähne auf einander. »Nun gut - ich will es nicht leugnen, denn das Geheimniß geht mit Ihnen zu Grabe. Ich will Ruhe in Europa!«
Wiederum lächelte der Italiener spöttisch. »Wenn England es Ihnen erlaubt, Sire!«
»Wiederum England, und immer England! - Nun wohl, Signor Orsini, ich habe Ihnen angeboten, Ihren Kopf zu retten, ja ich verspreche Ihnen, nach kurzem Gefängniß Sie ganz zu begnadigen und Ihnen selbst die Mittel zu einem anständigen und ruhigen Leben zu sichern, - wenn ...«
»Nun, Sire, wenn ...«
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»Sie haben dies abscheuliche Attentat, das so vielen Menschen das Leben gekostet hat, in England vorbereitet!«
»Der Prozeß enthält darüber das Nöthige.«
»Ja - aber er läßt das Meiste hinter den Coulissen. Er enthüllt nicht einmal die Person dieses mysteriösen Master Alsop. Offenbar hätten Sie alle die Vorbereitungen und Proben in England nicht treffen können, wenn Sie nicht einen geheimen Schutz gehabt hätten,«
»Sire, England ist ein sehr freies Land!«
»Für die Verbrechen ja - sonst nicht! ich kenne es zur Genüge. Ich weiß ganz bestimmt, daß die Absicht des nichtswürdigen Attentats dem Kabinet von St. James vorher nicht unbekannt gewesen ist!«
»Dann Sire,« sagte der Italiener kalt, »wissen Sie mehr als ich! - Aber wie ich aus dem Prozeß gehört habe, hat die Londoner Polizei ja vorher gewarnt!«
»Bah - wie es alle Monat mindestens zwei Mal geschieht! Stellen Sie sich nicht, als ob Sie mich nicht verständen, Signor Orsini. Ich verlange von Ihnen eine Erklärung und die Beweise, um das englische Kabinet vor Europa des Mordversuchs gegen mich anklagen zu können! Ich bin überzeugt, ich weiß, daß Sie dies können!«
»Nun Sire - ja - ich kann es!«
»Also gut - wir sind einig! - Sie werden den General-Prokurator und zwei Mitglieder des obersten Gerichtshofes morgen zu sich fordern, und vor diesen ihre Aussage zu Protokoll geben!«
»Welche Aussage?«
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»Nun, in Betreff der Mitwissenschaft des englischen Kabinets!«
»Ich weiß von Nichts!«
»Aber Sie haben im Augenblick mir ja die Thatsache selbst zugestanden!«
»Ihnen gegenüber Sire, das ist etwas Anderes! vor der Oeffentlichkeit habe ich keine Ursach, meinen Brüdern das letzte Asyl, Italien die letzte Hoffnung zu verschließen, die ihnen bleibt!«
»Also Sie weigern sich, die Aussage zu machen, die allein Ihren Kopf retten kann?«
»Ich bin ein Republikaner - aber kein Verräther! Suchen Sie diese in Frankreich und selbst auf dem französischen Kaiserthron!«
»Wahnsinniger! Ich hätte Ihnen Alles verziehen - aber Sie müssen begreifen, daß Sie nach dieser Unterredung meinen Willen erfüllen oder das Schaffot besteigen müssen. Ich warne Sie, täuschen Sie sich nicht mit falschen Hoffnungen!«
»Ich ziehe das Schaffot vor!«
»Ist dies Ihr letztes Wort, Signor Orsini?«
»Ja, Sire!«
»Dann wollen wir scheiden. Setzen Sie Ihren letzten Willen auf, Sie kennen jetzt meine Gesinnungen auf Kosten Ihres Kopfes - Sie selbst haben die Gnade zurückgewiesen und wollen Ihr Schicksal. Ich gebe Ihnen mein Wort, so viel als möglich Ihr Testament zu erfüllen.«
»Und Italien, Sire?«
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»Wenn der König von Sardinien von den Deutschen angegriffen wird, werde ich sein Verbündeter sein!«
»Das ist für den Eid eines Carbonari wenig genug, wenn es auch der Krone Frankreich vielleicht sehr nützlich sein mag,« sagte der Verschwörer spöttisch. »Genug Sire - meine Stunden sind gezählt und ich brauche sie, um Ihnen und der Welt zu zeigen, daß Ihre Guillotine keine Schrecken für mich hat!«
»Wir werden sehen. Meine Aufgabe ist: die Größe Frankreichs, die Sicherheit Europas. In diesem Gefühl vergebe ich Ihnen den Mordversuch gegen mich!«
»Und ich vergebe Ihnen meinen Tod, Sire!«
Der Fremde klopfte an die Thür, die sich sofort öffnete.
Er warf noch einen Blick zurück auf den Verurtheilten, der ihm eine kalte höhnische Verbeugung machte.
»Signor Orsini, gedenken Sie morgen an diese Stunde!«
Die Thür schloß sich hinter ihm, man hörte in demselben Augenblick noch das trotzige spöttische Lachen des Verurtheilten.
Der Fremde hatte wieder den Mantel um sich gezogen.
»Führen Sie uns in das Zimmer, in dem Sie uns bei unserer Ankunft empfingen!« befahl er kurz.
Der Direktor ging ehrerbietig voran.
Als sie auf den großen Treppenflur kamen, in welchen die Korridors des Gefängnisses münden, trat gerade aus dem nächsten ein Aufseher mit zwei Personen.
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Es waren der alte Almosenier des Gefängnisses, Abbé Hugon mit seinem Sakristan.
Der Direktor konnte das Zusammentreffen nicht mehr vermeiden, er blickte entschuldigend nach dem Mann im Mantel, der ruhig mit dem Kopf nickte zum Zeichen der Zustimmung.
Abbé Hugon grüßte höflich die Fremden und trat zu dem Direktor.
»Es ist traurig, zu sehen, wie sich der Mensch gegen den Tod wehrt; der eine mit erheucheltem Trotz, der andere mit kläglicher Furcht, statt sich reuig seinem Erlöser in die Arme zu werfen,« sagte der Greis. »Ich habe kaum je die Schwere meines Amtes so gefühlt, als heute!«
»Hoffen wir, daß es Ihren Ermahnungen gelingen wird, die Unglücklichen zu einer passenden Stimmung zu bringen, ehrwürdiger Herr,« erwiederte der Direktor. »Sie waren bei Orsini?«
»Ja und bei Rudio. Nottelet hat seinen geistlichen Zuspruch dem Verurtheilten Pierri zugewendet. Ist denn keine Gnade zu hoffen?«
Der Direktor zuckte die Achseln. »In Betreff Orsini's und Pierri's schwerlich!«
»Dann helfe uns Gott in dem schweren Werk, sie wenigstens christlich sterben zu machen! Kommen Sie!«
Die letzten Worte waren zu dem Sakristan gesprochen, der ihn begleitete.
Dieser hatte sich während der kurzen Unterredung möglichst zurück und im Schatten gehalten, nachdem er einen raschen scharfen Blick auf die begegnende Gruppe
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geworfen. Jetzt, indem er dem Priester in seiner anscheinend vom Alter gebeugten Haltung nachschlich, kam er dicht an dem Mann im Mantel vorüber.
Dieser ließ in demselben Augenblick den Kragen des Mantels fallen, mit dem er den untern Theil des Gesichts bedeckt hielt.
Der falsche Sakristan schlug bei dieser Bewegung das Auge auf und begegnete dem auf ihn gerichteten Blick.
In diesem Blick lag ein eigenthümlicher Ausdruck von Ironie.
So große Selbstbeherrschung der Mann, den der Verurtheilte als den »Propheten« bezeichnet hatte, in den tausend Gefahren auch gewonnen, mit denen er sein ganzes abenteuerliches Leben lang gekämpft, so konnte er bei dem Anblick dieses Gesichts und dieses ironisch auf ihn gehefteten Auges doch eine unwillkürliche Bewegung der Ueberraschung, ja des Erschreckens nicht unterdrücken.
Im nächsten Moment hatte er seine Ruhe wieder gewonnen und schritt, als ob er nicht das Geringste bemerkt habe, hinter dem Geistlichen drein die Treppe hinab und nach dem vordern Theil des Gefängnisses.
Der ungenannte Begleiter des Generals hatte sofort wieder den Mantel vor das Gesicht gezogen und gab dem Direktor einen Wink, den Weg fortzusetzen. Dieser führte sie zurück nach dem Büreau, in das sie zuerst eingetreten waren.
Der Unbekannte setzte sich sogleich in einen Sessel und ließ jetzt den Mantel sinken. Der Beamte blieb in ehrerbietiger Haltung vor dem Tisch stehen.
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»Ich sehe, Sie haben mich erkannt, mein Herr!«
»Ja, Sire!«
»Nun gut, dann wissen Sie, daß Schweigen Ihnen doppelte Pflicht ist. - Zur Sache! Welcher Beamte begleitet den Scharfrichter bei den Vorbereitungen zu der Hinrichtung?«
»Mein Stellvertreter, Sire, der Oberaufseher des Gefängnisses, der zugleich die Aufsicht über den Krankensaal führt.«
»Sein Namen?«
»Durand, Sire, er ist ein sehr zuverlässiger pflichtgetreuer Mann und Euer Majestät ganz ergeben.«
»Bemerken Sie den Namen, Roquet!«
»Ist derselbe bei der sogenannten Toilette der Verurtheilten zugegen?«
»Ja, Sire, er, der Scharfrichter mit seinem ersten Gehilfen und der Aufseher, der den Gefangenen in den letzten Tagen bewacht hat.«
»Welcher Nachrichter vollzieht das Urtheil?«
»Es ist das Privilegium des Scharfrichters von Paris, doch hat er das Recht, sich einen seiner Gehilfen oder Kollegen zu substituiren!«
»Gut! - Entfernen Sie sich jetzt, ich habe einige Augenblicke mit General Roquet zu thun. Sorgen Sie, daß wir hier nicht gestört werden. Ich werde Sie dann rufen lassen!«
Der Direktor entfernte sich gehorsam mit einer ehrerbietigen Verbeugung.
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»Jetzt, General, setzen Sie sich hierher und schreiben Sie!«
Der General gehorchte. »Ich bin bereit, Sire!«
»Zuerst Ordre an Marschall Magnan, Gouverneur von Paris, die Dispositionen für die morgen, oder vielmehr heute, Mittag um 12 Uhr, die Wachen beziehenden Regimenter eine Stunde vorher zu ändern und namentlich für das Gefängniß La Roquette ein anderes Regiment zu bestimmen, als an der Reihe ist!«
»Fertig, Sire!«
»Weiter! Ordre an General Espinasse, sofort und noch diese Nacht durch den Telegraphen die Scharfrichter von Rouen und Caen hierher zu berufen, so daß sie diesen Abend in Paris eintreffen!«
Der General schrieb eilig. »Es ist geschehen Sire!«
»Instruction für den Offizier, welcher die Wache des Gefängnisses kommandirt: Abends 10 Uhr einen Doppelposten vor das Lazareth der Anstalt zu stellen und Niemandem, selbst den Aufsehern nicht, den Austritt bis den andern Morgen 8 Uhr zu gestatten! Siegeln Sie die Ordre mit Ihrem Ring!«
Der General that es.
»Nun noch eine Instruktion für den Direktor des Gefängnisses. Erstens: Von dem Augenblick des Bezugs der neuen Wachen, also von Mittag ab, darf Niemand und unter keinerlei Vorwand mehr die Rundmauern des Gefängnisses verlassen bis 9 Uhr des andern Morgens. - Zweitens: Der Direktor hat in Stelle des bisher dazu bestimmten Beamten selbst der sogenannten Toilette der
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beiden Verurtheilten beizuwohnen. - Drittens: die Hinrichtung des Verurtheilten Orsini geschieht nicht durch den Scharfrichter von Paris, sondern durch den von Rouen. Der Wechsel ist diesen Beamten des Kriminalgerichts erst am Morgen der Hinrichtung mitzutheilen. - Sind Sie fertig?«
»Ja, Sire!«
»So schließen Sie die letzte Instruktion und die an den kommandirenden Offizier in ein Couvert und bezeichnen Sie es mit ›Geheim‹ und dem Befehl, es erst Mittag 12 Uhr zu eröffnen.«
»Sire - ich verstehe Sie nicht recht - ist Etwas geschehen, was diese Veränderungen nothwendig macht?«
»Nichts von Bedeutung General. Ich habe nur einen alten Bekannten, der sich noch nicht daran gewöhnen kann, daß Aschermittwoch vorüber und die Maskenscherze des Faschings nicht mehr an der Tagesordnung sind!«
»In der That, ich verstehe Sie nicht Sire!«
»Später! später! - aber wissen Sie, wem wir eben in diesem so wohl bewachten Gefängniß von La Roquette begegnet sind?«
»Wen meinen Sie? dem Geistlichen?«
»Nein, - Herrn Mazzini!«
»Mazzini?«
»Ja - oder wenn Sie den vollständigen Namen wissen wollen, Signor Giuseppe Mazzini!«
»Das ist unmöglich, Sire!«
»Oh - doch!«
»Aber dann muß man die Person, welche verdächtig
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ist, dieser ewige Revolutionair und Meuchelmörder zu sein, sofort, verhaften. Ich will sogleich selbst eilen ...«
»Bleiben Sie ruhig sitzen, General und siegeln Sie den Brief. Ich denke nicht daran, Herrn Mazzini einzusperren, ich habe noch gewisse Verpflichtungen gegen ihn von Ham her. Ueberdieß wäre es leicht möglich, daß wir in weniger als einem Jahre wieder ganz gute Freunde sind. Diese Herren italienischen Propagandisten sind nur etwas zu ungeduldig und heißblütig! - So, jetzt rufen Sie den Direktor und lassen Sie an dem hintern Thor den Wagen vorfahren!«
»Und die Mörder Sire?«
»Die Mörder? - Nun, sie sind ja verurtheilt und müssen ihr Schicksal tragen. Ich mische mich nicht in die Sprüche meiner Gerichtshöfe!«
Der Direktor trat ein.


Die letzten Ceremonien waren vorüber, die Menge der Neugierigen, die bis zu dem Kirchhof gelangt waren, verlief sich, während die Indier mit ihren Fackeln um das Grab zurückblieben.
Der Lord hatte den Arm des Preußen gefaßt.
»Lassen Sie uns gehen, es ist Zeit. Wir können diesen würdigen Herrn von Audh, der nicht einmal das Vergnügen eines Königlichen Harems gehabt hat, wie seine Vorgänger,
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doch Nichts mehr nutzen. Und nun zu dem Dienst, den Sie mir leisten sollen. Wann wollen Sie nach Brüssel zurückkehren?«
»Sobald als möglich Mylord, sobald ich die Personen gesprochen habe, die ich aufzusuchen gekommen bin. Spätestens Sonnabend oder Sonntag mit dem Frühzug, wenn ich so lange hier mit Sicherheit bleiben kann.«
»Das ist eine leichte Sache - ich bürge dafür. Der Dienst um den ich Sie bitten werde, ist, eine Person glücklich aus Frankreich zu schaffen etwa als Ihren Diener. Ich sage Ihnen aber offen, die Sache ist nicht ohne Gefahr.«
»Desto besser.«
»Haben Sie eine Legitimation aus Brüssel?«
»Nein! Ich bin bei Erquelines heimlich über die Gränze gegangen und habe den Umweg über Reims gewählt.«
»Das wird auf dem Rückweg nicht nöthig sein, es handelt sich darum, so rasch als möglich die Gränze zu überschreiten.«
»Sagen Sie mir Ihren Plan!«
»Wir müssen es auf alle Gefahr wagen, den Brüsseler Zug zu nehmen. Er geht um 9 Uhr ab. Sie werden Paris mit jener Person um 7 Uhr zu Wagen verlassen und erst in Creil einsteigen, als kamen Sie vom Lande. In Douai verlassen Sie wieder den Zug, und dann ist es Ihre Sache über die Gränze zu kommen. - Sie dürfen Nichts dabei sparen, Sie haben plein pouvoir, die besten Pferde zu kaufen und sie zu Tode zu reiten,«
»Ich hoffe, die Sache einfacher zu bewerkstelligen, wenn mein Begleiter nur ein guter Fußgänger ist!«
»By Jove - ich versichere Sie, er wird laufen als
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ob die Sohlen ihm brennten. Ich sage Ihnen die näheren Umstände nicht, um Ihnen eben volle Ruhe zu sichern und Sie vor unnützer Verantwortlichkeit zu bewahren. Wir sprechen ausführlicher darüber. Wenn Sie eben noch kein Unterkommen in Paris haben, wird der Ort, wohin wir gehen, der beste sein.«
»Und wohin führen Sie mich, Mylord, wenn ich fragen darf?«
»Gerade an keinen, wie ich glaube, in Betreff der Tugend und Mäßigkeit sehr empfehlenswerthen Ort, in eine der Schänken jenseits der äußeren Boulevards, wo es heute Abend laut genug zugehen dürfte, da ein guter Theil von Paris nach dieser Seite des neuen Ninive gelockt worden, ist. Ich erwarte dort Jemand, mit dem ich mich wegen der Angelegenheit besprechen kann!«
Sie gingen weiter den Boulevard des Amandiers entlang, bis sie in die Nähe des Pas Rosier kamen.
Trotz der Abgelegenheit der Gegend war der Ort ziemlich belebt. Die Schaulustigen, welche sich auf die Nachricht von der bevorstehenden Hinrichtung in der Nähe von La Roquette versammelt hatten, verbrachten die Nacht in den Kneipen, um sich am nächsten Morgen zu überzeugen, daß sie sich vergeblich bemüht hatten. Andere Gruppen kamen vom Père-Lachaise und mischten sich unter diejenigen, welche der Ruf der Wein-Kneipe, die der Sakristan dem Lord zum Rendezvous bezeichnet hatte, direkt dahin zog.
Obschon es in der Fastenzeit und daher jede öffentliche Tanzlustbarkeit verboten war, wußten die Besucher
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des Rosier d'or »Goldnen Rosenstrauchs,« wie die Kneipe aller Botanik entgegen hieß, sich vollkommen zu entschädigen und die Polizei drückte willig ein Auge zu, weil sie gewiß war, hier immer die besten Nachrichten und geeigneten Falls einen sichern Fang zu machen.
Die Kneipen aller Länder für so gemischte Gesellschaft ähneln sich in dieser Zeit der modernen Gleichmacherei so sehr, daß wir uns die nähere Beschreibung des Goldnen Rosenstrauchs ersparen können. Nur in der Gesellschaft und den Vergnügungen ist noch einige Charakteristik zu finden, aber auch diese verschwindet immer mehr; denn die Spitzbuben und Courtisanen von Paris verkehren eben so gut in Berlin, wie in Mabille, und die Thugs der Dschungeln haben ihre Mordschlingen den Garottiers von London gebracht. Auch der politische Revolutionair ist jetzt überall, in New-York wie in Warschau und Neapel ein gewöhnliches Wild, und der Cancan hebt die Unterröcke in Algier wie in Wien!
Dennoch war noch viel Charakteristisches im Rosier d'or!
Ein Vorzug derartiger pariser Kneipen ist der Umstand, daß die Gesellschaft, - selbst wenn die Hefe der Vorstädte dort verkehrt, - selten einseitig ist, sondern immer ein buntes Bild der verschiedensten Stände bietet.
Wir haben bereits erwähnt, daß der Rosier d'or in einer Sackgasse des Boulevard des amandiers liegt. Das vordere Haus, durch die bunten Laternen gekennzeichnet, war einstöckig, als gewöhnliche Tabagie für die spießbürgerlichen Stammgäste der Nachbarschaft eingerichtet.
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Aber neben dem gewöhnlichen Hausflur befindet sich eine Einfahrt, die zu dem Hofraum, dem Sommergarten und den Lokalitäten führt, welche durch einen Seitenflügel mit dem Vorderhause verbunden und der eigentliche Aufenthalt der Gäste sind.
Ein großer Saal ist mit Tabacksrauch, mit den Dünsten von Wein, Branntwein und Speisen und der Musik zweier Harfenistinnen und einer Flöte gefüllt.
Wer den Cancan in seiner Vollkommenheit, das heißt den Matratzenball en debout sehen will, der besuche den rosier d'or.
Die Pariser Polizei hat etwas mehr zu thun, als sich für gewöhnlich um die Decenz in einer öffentlichen Tanzkneipe zu kümmern. An den privilegirten Orten wie die Clauserie de lilas, chateau rouge, Mabille, u. s. w., transportirt man die Extravaganten ohne viel Lärmen hinaus und das Publikum nimmt nicht die geringste Notiz davon, weil Jedermann weiß, daß ihm im nächsten Augenblick dasselbe passiren kann. In den Kneipen der Vorstädte hat man noch nicht einmal diese Rücksicht - sobald nicht geradezu die Nudität regiert, läßt man das Völkchen treiben, was es will.
Es ist überhaupt schlimm, wenn die Polizei die Moralität machen soll!
Im Rosier d'or verkehren nicht die Loretten der Straße Breda und der Chaussee d'Antin. Selbst die Grisetten des Quartier latin haben, wenn sie mit ihren »Männern« nicht eine Extrapartie machen, ihre Vergnügungsorte jenseits der Seine weit bequemer.
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Aber es giebt in Menilmontant und den anstoßenden Quartieren verschiedene Fabrik-Etablissements, die Hunderte von Mädchen aus dem Volk beschäftigen, und das ist immer ein guter und frischer Schlag, der es mit den Bewohnerinnen der Straße Breda und mit den Grisetten der Magazine in der innern Stadt aufnehmen kann.
Er hat keine so feinen Hände, keine so großen Ansprüche, aber bessere Hüften!
Außerdem fehlt es nicht an pikanten Elementen, bei denen nicht blos das Fleisch den Vorrang hat.
Die kleineren Boulevard-Theater senden ihre Rekruten und selbst ihren Stamm hierher.
Der Wein im Rosier d'or ist kein blauer, sondern für einen Franken die Bouteille wunderbar gut und rein. Der Wirth, Monsieur Carabouche, muß ganz besonders die Kunst verstehen, den Octroi zu betrügen; die Fremden, die hierher kommen, die Routiniers des Café anglais und des Palais Royal, die sich einfanden, um Brautschau zu halten über die tägliche neue Einwanderung aus dem Elsaß und der Champagne, die in Menilmontant ihre Hauptstation hat, locken die dramatische Speculation in Tricots.
Es ist ein alter Grundsatz, dessen Wahrheit namentlich die Verschwörer von Profession kennen, daß in der größten Oeffentlichkeit die sicherste Verborgenheit ist.
Monsieur Carabouche stand mit den Polizeibeamten seines Quartiers auf einem vortrefflichen Fuß. Er hinderte sie nie daran, irgend einen oder den andern Besucher seiner »Kränzchen« vielleicht mitten in einer Quadrille oder bei einer Flasche Champagner zu drei Franken beim
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Kragen zu nehmen, und nach einer der nächsten Mairieen mit der Aussicht auf Bicêtre oder das Bagno zu bringen, - ja er gab ihnen selbst außer freier Zeche die vortrefflichsten Fingerzeige, aber das that seiner Beliebtheit und seinem Renommée nicht den geringsten Eintrag; denn er lieh auf Pfänder, namentlich an dramatische Künstler, für die er eine besondere Vorliebe zeigte, brauchte willig die Kreide und man wollte wissen, daß er - wo es in seinem Interesse war, - ein Geheimniß auch sehr gut zu bewahren verstand.
An Tagen oder vielmehr in Nächten, wie die heutige, war der Rosier d'or überfüllt. An solchen Tagen führte Madame Carabouche, eine kleine dicke, aber sehr rührige Frau mit einer unermüdlichen Zunge das Regiment am Schanktisch des Vorderhauses und Herr Carabouche regierte in dem Salon, wie Madame gegen die Nachbarschaft den großen Raum des Hintergebäudes zu nennen liebte.
Wir müssen der Persönlichkeit des Herrn Carabouche einige Worte widmen.
Er war ungefähr sechszig Jahr alt und führte das Geschäft seit fünfzehn Jahren. Bis dahin war er zuerst einer der Gehilfen des Todtengräbers von Père Lachaise und dann Leichenbitter oder Begleiter der Trauerkutschen gewesen.
Seine Körperconstitution eignete ihn dazu ganz vortrefflich. Alles an ihm war lang und mager, der Körper, der Kopf, die Nase, die Hände, die Beine - es gab keine Linie an ihm, die nicht in die Länge gegangen wäre, gerade wie bei seiner kleinen runden Frau Alles in die
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Breite ging. Selbst die Augen, die mit Ausnahme der Chinesen bei gewöhnlichen Menschenkindern eine horizontale Richtung in dem Gesicht nehmen, und der Mund, der gewöhnlich die Quere zu laufen pflegt, schienen bei ihm diese gewöhnliche Richtung verloren zu haben, um nicht dem Ganzen zu widersprechen.
Man wollte wissen, daß er in seiner Jugend Taschendieb gewesen wäre, weil aber schon damals seine Physiognomie allzu kennbar erschien, das Geschäft hätte aufgeben müssen. Da er durch irgend einen Zufall seiner Erziehung fertig mehrere Sprachen redete, war er mit Gentlemen oder Kunstreitern und Schauspielern auf Reisen gegangen und eine Reihe von Jahren gänzlich verschollen, bis er plötzlich bald nach der Juli-Revolution und der Thronbesteigung der Orleans wieder in Paris erschien und sich nach den verschiedenen Wechselfällen des Lebens seltsamer Weise in die Karriere des Kirchhofs warf.
Die Eigenthümlichkeiten des Herrn Carabouche hörten übrigens mit seinem äußeren Ansehen noch keineswegs auf.
Aus jeder Periode seines Lebens hatte er gewisse Angewohnheiten behalten.
Für gewöhnlich war er trübselig und melancholisch, ja die Leute, die ihn bei seinem Wiedererscheinen in Paris gekannt hatten, waren der Meinung, daß Etwas schwer auf seiner Seele lasten müsse, weshalb er auch einen so melancholischen Stand ergriffen hätte.
Er besaß merkwürdiger Weise eine sehr schöne Stimme und war ein geübter Sänger.
Nun konnte man ihn in ein und derselben
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Viertelstunde irgend einen lustigen Chanson aus einer der neuen Operetten, wie sie die Schauspieler und Schauspielerinnen bei ihm trällerten, wiederholen hören, wenn die lustige Gesellschaft ihn dazu verführte. Im nächsten Augenblick aber fiel er plötzlich, wie um die Sünde abzubüßen, in einen schauerlichen Grabgesang, schlug sich die Brust und bekreuzte sich zum großen Gaudium seiner übermüthigen Gäste.
Wie mit seinem Gesang, so ging es auch mit seiner gewöhnlichen Redeweise, ausgenommen, daß er die Citate aus der Begräbnißmesse mit frivolen Redensarten aus allen Ländern und allen Sprachen zu variiren liebte, die er vor seinem Gräberposten frequentirt hatte.
Dieses Original von einem Kneipenwirth stand in abgetragenem schwarzem Frack und Beinkleidern mit weißer, oder vielmehr ursprünglich weißer Cravatte hinter dem Schanktisch des großen Saales und bemühte sich eifrig, Wein, Punsch und Liköre einzuschenken, oder die Größe der Portionen zu überwachen, die etwa dem scharfen Auge seiner runden Ehehälfte vor dem Verlassen der Küche entgangen waren.
Es war kurz vor 1 Uhr, als der Lord mit seinem Begleiter in den Goldnen Rosenstrauch eintrat, zunächst in das Billardzimmer des Vorderhauses.
Wir wissen, daß seine Herrlichkeit ganz absonderlich für absonderliche Gesellschaft eingenommen war, und der erste Blick in das Innere belehrte ihn, daß er deren hier in der merkwürdigsten Weise finden könne.
Um das Billard her standen etwa fünf bis sechs
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Männer mit langen bis auf die Erde von ihren Hüten herabfallenden oder um die Arme gewickelten Trauerfloren in schwarzer Kleidung, statt der in den Ecken lehnenden Trauerstäbe die Billardqueues in der Hand, Cigarren im Munde und eifrig beschäftigt, eine Boule zu spielen.
Andere in gleichem Kostüm saßen an den Tischen, spielten Karten und tranken Wein zu zehn Sous die Flasche, um sich von den Strapatzen des Kirchhofs zu erholen. Es waren die Leichenbitter, die so eben den König von Audh zu seiner letzten Ruhestätte auf der Höhe des Père Lachaise gebracht hatten und hier sich bei einem alten Kollegen von den Anstrengungen erholen wollten.
Die Gesellschaft am Tisch hatte zwischen sich zwei der indischen Diener, die sie mit hierher geschleppt hatte und die bereits civilisirt genug waren, um sich den vom Koran ihnen verbotenen Wein von Paris schmecken zu lassen, während sie sich durch Pantomimen mit ihren schwarzen Gastfreunden verständigten. Die armen Kerle in ihren bunten Gewändern, barfuß, mit den braunen hagern Gesichtern und den langen Bärten nahmen sich höchst seltsam in dieser Gesellschaft aus, die durch einige Bürger, meist Gärtner und Angestellte an den großen Schlachthöfen und Bildhauer vervollständigt wurde, Klassen, welche besonders in der Nähe der Boulevard des Amandiers und der Höhen von Lachaise vertreten sind. Doch befanden sich offenbar auch viele Personen aus den entfernteren Stadttheilen dort.
Die Unterhaltung drehte sich natürlich um das Leichenbegängniß und die Hinrichtung.
»Zwei Points - Fillebarde! Sie sind gemacht,« sagte
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sich vergnügt die Hände reibend ein kleiner runder Kerl, zu dessen feistem, blühend rothem Gesicht der Trauerflor in vollstem Widerspruch stand. »Ich habe mir sagen lassen, daß diese indischen Heiden die Gewohnheit haben, ihre Weiber an ihre Leichname zu binden und sich mit ihnen verbrennen zu lassen. Was mir an der Sitte nicht gefällt, das ist, daß sie mit dem Verbrennen der Frauen erst bis zu ihrem Tode warten müssen, andernfalls wäre ich entschlossen, nach Indien zu ziehen!«
»Du bist ein Don Juan, dicker Granget,« erwiederte sein Gegenpart, »Ich werde es meiner Gevatterin Nanon sagen, daß Du sie zum Scheiterhaufen verdammst, während der Kaiser die Italiener doch blos guillotiniren läßt!«
»Bah! Auf Ehre, es würde mir und ihm Nichts nutzen bei Madame Granget, denn ihre Zunge wäre im Stande, noch aus dem Korbe des Meister Rothhemds heraus mit diesem Spectakel anzufangen und mich zu verleumden. Ich ziehe das Feuer vor!«
»Damit Du eine Junge heirathen kannst, - die schwarze Jeannette in dem Kranzladen an der Ecke der Straße Folie, ich kenne Dich Faublas der Jüngere!«
Der Dicke schmunzelte behaglich - »Was wollt Ihr, Messieurs, jeder Mensch hat seine Leidenschaften und Madame Nanon ist volle fünfzehn Jahre älter, als ich! Es lebe die Liebe, es lebe der Wein bis über die Gräber hinaus!«
Einer seiner Kollegen, ein großer magerer Gesell mit einer kupferfarbenen Nase, hob die Hände zum Himmel! »Apage Satanas!« rief er mit einer wahren Grabesstimme.
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»Dieser Granget ist eine Schande für unser Amt. Wir müssen Anzeige über ihn machen im Leichen-Büreau des Arrondissements, damit man über seine Moralität wacht!«
»Ich stimme dafür, daß er bei der nächsten Bewerbung um den Tugendpreis der Akademie abvotirt wird. Granget, ich verweigere Dir feierlich meine Stimme!«
Der Kleine mit dem Borsdorfer Gesicht hob sich auf die Zehen. »Ich bitte Sie, meine Herren, die Nase dieses Heuchlers Tourbillon zu betrachten! Glauben Sie, daß er dieselbe seinen Leichenwachen zu verdanken hat?«
»Nein! nein!« schrieen die Andern.
»Granget, Du verläumdest mich! Die Theilnahme an den Leiden der Wittwen und Waisen hat mein Haar grau gemacht und der scharfe Wind auf dem Kirchhof diese sonst bleichen Wangen geröthet!«
»Bah - lüge nicht! ich habe Dich selbst am vorigen Sonntag aus der Courtille nach Hause geführt, als Du Madame Colombine, die Leichenwäscherin, besucht hattest und nachher nicht mehr auf den langen Beinen stehen konntest!«
Ein schallendes Gelächter belohnte die Entdeckung. »Es war eine Ohnmacht!« rief der Lange, »meine schwachen Nerven waren angegriffen von der Geschichte, die sie mir über drei gesegnete Todesfälle in einer Familie während des Laufs einer Woche erzählt hatte! - Aber meine Herren, meine Herren! bedenken Sie, daß wir hier nicht allein sind und daß sie unserm hochachtbaren Stande, der gleich
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hinter der Geistlichkeit folgt, Schmach bereiten durch solche boshafte Reden!«
»Es ist wahr, Tourbillon hat Recht! Man muß die Standesehre wahren! Halte Dein Maul, Granget!«
»Was würde Carabouche dazu sagen, wenn er Euch gehört hätte!« näselte der Besucher der Leichenwäscherin.
»Carabouche! wo ist Carabouche? Madame, lassen Sie mir einen frischen Schoppen bringen und sagen Sie mir, wo Sie Ihren Gemahl haben, daß er seine Freunde vernachlässigt!?«
Die kleine dicke Frau schrie mit gellender Stimme nach dem Kellner.
»Was wollen Sie von Carabouche? Der arme Mann hat heute einen schweren Stand! Sie wissen, wie unglücklich es ihn macht, in der lüderlichen Gesellschaft zu sein, aber Jean-Pierre, unser Oberkellner, hat sich gestern das Bein gebrochen und die Herren vom Theater Beaumarchais feiern heute eine Taufe?[!]«
»Eine Taufe? zum Henker! Die ganze Regie hat doch nicht etwa zusammen ein Kind gemacht?«
»Fi donc, Monsieur Granget, Sie sind abscheulich! ich werde Sie bei Madame Granget verklagen! Man ertheilt heute einer abscheulichen Sünderin, einer Novize des Vallets ihren Namen und Carabouche muß den Schanktisch überwachen!«
»Pardieu! Bei der Tugend der eilftausend Jungfrauen, da muß ich dabei sein! Carabouche wird Roger übertreffen!«
Der kleine Leichenbitter rollte den Trauerschleier um
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seinen linken Arm, nahm die Frackschöße in die Höhe und versuchte eine Pirouette zu schlagen, während er nach der Thür zum Garten eilte.
In einer Ecke saßen ein Paar ziemlich verdächtige Gestalten mit einem Mitglied des offiziellen Leichengefolges zusammen und tranken ihm eifrig zu.
Der Eine der beiden Fremden war ein Kerl von kolossaler Figur mit einem ungeschlachten finsteren Gesicht und einem keulenartigen Knüttel zwischen den Beinen, neben sich einen Bullenbeißer, dem er von seinem Abendessen zuweilen einen Knochen oder einen Bissen Fleisch zuwarf; der Andere äußerlich gerade das Gegentheil von ihm, denn er war klein und mager und hatte unter rothen Haaren ein wahres Fuchsgesicht.
Wer am Vorabend des berüchtigten blutgetränkten 2. Dezember mit gewissen Personen hinunter gestiegen wäre in die Steinbrüche von Montrouge, um die Schänke zur »Schönen Guillotine« zu besuchen, würde sich auch jetzt nach sieben Jahren wohl noch der beiden Persönlichkeiten erinnern.
»Also man hat den Sarg erst im Hofe des Hôtel Lafitte zugemacht?« frug der Kleine, während er dem Leichenbitter aufs Neue einschenkte.
»Ja wohl, Monsieur! ich habe es selbst gesehen, wie die braunen Heiden die Leiche wuschen und allerlei ketzerische Ceremonieen mit ihr vornahmen.«
»Aber ich kann unmöglich glauben, daß man ihr all' den Schmuck, von dem Sie erzählen, gelassen hat, um ihn auf dem Kirchhof mit zu verscharren!«
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»Ich will mich selber begraben,« schwor der bereits weinselige Leichenbestatter, »wenn ich nicht die funkelnde Krone auf seinem Kopfe mit Rubinen und Diamanten und Smaragden und wie der Putz der Vornehmen alle heißt, mit diesen meinen lebendigen Augen gesehen habe. Die Armbänder waren dreimal so dick wie die Stricke, mit denen Meister Calonne, der Todtengräber, die Särge in's Grab läßt, und die Ringe an den magern Fingern funkelten von lauter Juwelen! Es ist eine Schande, daß so viel Geld in der Erde verfaulen soll, aber diese Indier thun's nun einmal nicht anders, während sie uns mit einem Hundelohn abspeisen, die wir doch eigentlich den ganzen Staat des Leichenbegängnisses machen!«
Der würdige Repräsentant der audh'schen Familientrauer fing an zu schlucken, leerte das Glas noch einmal und legte dann das schwankende Haupt mit dem Trauerflor auf den Tisch.
Die Augen des Kleinen funkelten leuchtender als die Diamanten und Smaragden, von denen Mer erzählt hatte.
»Was meinst Du, Nebukadnezar32, flüsterte er. »Wollen wir morgen Nacht den Masematten33 handeln? Die Erde wird noch locker sein im Kniwer34 und die Arbeit gering.«
Der Riese schüttelte bedenklich den Kopf. »S'ist Jaske bessachern, Baal35, sagte er, »die Galeeren sind uns sicher, wenn wir treife sind!«36
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Ueberdies sind auf dem Baies-aulem37 immer zwei Beileschmiele38.
»Balmaure!39 wenn es so viele Awonim-tauwess40 gilt, was thun wir mit zwei Chajess?41 Wenn Du keine Courage hast, will ich's dem Gurgeljean verschlagen!«
»Was der Jean-Gorge thut, kann ich auch,« brummte mürrisch der riesige Wächter der ›Schönen Guillotine‹ in den Steinbrüchen. »Packan macht den Einen stumm, ohne daß er einen Laut thut. Ihr wißt, Tête-Renard, daß er darauf abgerichtet ist!«
»Still Chammor42, wer wird hier Namen nennen! Wir wollen weiter d'rüber kaspern43 nachher, es sind hier Orchims44 in der Nähe und halten die Ohren auf!«
Die Warnung bezog sich auf den Lord und seinen Begleiter, die an dem Tisch daneben Platz genommen und eine Flasche Wein bestellt hatten.
»Nun - by Jove! ich glaube, Meister Joseph kennt meine schwachen Seiten, daß er mir hier das Rendezvous gegeben,« sagte der Lord. »In der That, die Gesellschaft ist originell genug. Der seelige Rajah von Nudh hat sich gewiß nicht träumen lassen, wo sein Leichenschmaus einst gefeiert werden würde! - Puh, Frau Wirthin - das Zeug ist sauer wie Essig! Haben Sie keinen Burgunder, Volnay oder Chambertin? aber unvermischt, der Preis ist gleichgültig!«
Er warf einen Napoleonsd'or auf den Tisch.
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Otto von Reubel heftete nicht ohne Besorgniß einen Blick auf die verdächtige Nachbarschaft, die bei dem Anblick der reich gefüllten Börse lange Hälse gemacht und sich zugewinkt hatte.
»S' ist ein Rother45, aufgepaßt Neb! Vielleicht ist auf dem Nachhausewege noch Etwas zu machen!«
»Ein schuftiger Engländer? Dann stech ich den Kerl ab wie ein Schwein! Es lebe der Kaiser, wenn ich auch an den Dreibein glauben müßte!«
Der »Fuchskopf,« als er die Stimmung seines Werkzeugs sah, ließ Branntwein kommen. - - -
»Ich möchte Sie bitten, Mylord,« sagte der junge Preuße zu dem Pair auf Englisch, »etwas vorsichtiger in dieser obscuren Umgebung zu sein. Es dürfte schon Ihrer Absicht mehr entsprechen.«
»Sie haben Recht, Sir,« meinte der Excentric, »Ihr Rath ist gut, aber ich weiß in der That nicht, was mir heute Abend ist und ich brauche wirklich einige Aufregung, um die Unruhe auszugleichen, die mich verzehrt.«
»Ich kenne das Nähere Ihres Vorhabens nicht, Mylord, aber wahrscheinlich ist es dieses, was Sie so in Spannung setzt.«
»Ah - bah! Dann kennen Sie Edward Heresford noch schlecht, junger Mann! Allein, die Sache, in der Sie mein sehr unwissender, aber sehr gefälliger Verbündeter sein wollen, könnte mich nur bester Laune machen, denn es handelt sich darum, einem Gegner einen Streich zu
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spielen und ein Paroli zu biegen für schuftigen Undank! Nein, die Unruhe, die mich verzehrt, - diese eigenthümliche Aufregung der Nerven ist anderer Art - ich erinnere mich, Aehnliches kaum ein einziges Mal empfunden zu haben, damals in Indien, vor der Schlacht von Ferozschah!«
»Wie, Mylord, Sie haben die Schlacht mitgemacht, in der unser wackerer Prinz Waldemar an der Seite Ihres Generals den Angriffen der Afghanen stand!«
»Goddam! ich war nicht zehn Schritt von ihm, als er so tapfer mitten unter dem Ansturm seinen Freund, den Arzt - wie zum Teufel war doch sein Name?«
»Hofmeister!«
»Richtig, Master Hofmeister sterbend in seinem Arm auffing. Seitdem habe ich Respekt vor den Preußen! Ich habe mir einen Ihrer tüchtigsten Künstler, den Maler Kretzschmer aus Berlin nach Schottland kommen lassen, um mir eine Copie seines Bildes über die Sache zu malen. Aber wie gesagt, am Vorabend der Schlacht, als ich mit dem Prinzen bei Lord Harding soupirte, überfiel mich auf einmal ein ähnliches Gefühl und am andern Morgen hatte ich einen Lanzenstich in der Seite, der mich drei Monat auf's Krankenlager warf! - Aber fort mit den Narrheiten - wir haben hier treffliche Gelegenheit, alle Gespenster, und wären es die drei Hexen Macbeths, zu vertreiben. Lassen Sie uns den Volnay austrinken, der für eine Barriere von Paris nicht schlecht ist, und nach den hintern Räumen gehen, um mit dem Wirth zu sprechen, an den ich gewiesen bin!«
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Er schenkte das Glas voll und stürzte es aus, während er sich erhob.
»Apropos, sind Sie bewaffnet?«
»Ich habe es bei dem Zweck, den meine Reise hat, für besser gehalten, keine Waffen bei mir zu führen, um nicht in Versuchung zu kommen, sie zu brauchen.«
»Dann nehmen Sie diesen Revolver. Man kann nicht wissen, was Ihnen zustößt, wenn Sie diese Nacht hier zubringen müssen, und es ist besser, auf alle Fälle vorbereitet zu sein!«
»Aber dann sind Sie selbst waffenlos!«
»Bah - ich bin bekannter mit den Parisern und bleibe auch nur so lange, bis die Person kommt, die ich erwarte. Lassen Sie uns jetzt den Wirth aufsuchen.«
Er hatte sich rasch orientirt und ging seinem Begleiter voran durch die Thür, durch welche vorhin der kleine Leichenbitter verschwunden war.
Tête Renard bezahlte und folgte ihnen mit Nebukadnezar, der - seit er von seinem Meister gehört, daß der Fremde ein Engländer sei, - bei dem blinden Haß, der damals die Armee und die niedern Stände, von der Presse aufgereizt, wegen des Attentats erfüllte, - mit grimmigen Blicken die Beiden betrachtete.
Der Viscount trat in den Hof - der Lärmen, das Jauchzen übermüthiger Lust, die ihm aus den hintern Lokalitäten entgegen schollen, zeigte ihm den Weg.
Sie traten in den »Salon,« wie Madame Carabouche den Ort zu nennen liebte.
Wir müssen ihnen um eine Viertelstunde vorangehen
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und uns mit der Gesellschaft des »Salons« bekannt machen. - -
Monsieur Carabouche war an seinem Schänktisch[Schanktisch] beschäftigt, den so eben zwei Pärchen belagert hielten.
Wir haben bereits erwähnt, daß wegen der Fastenzeit keine Tanzmusik stattfinden durfte.
Aber ein Sprüchwort sagt: »Wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen!« und die Gesellschaft half sich mit dem Sprüchwort, bildete einen Kreis oder eine Chaine um die zum Tanz Angetretenen und pfiff aus Leibeskräften die Melodie eines Contretanzes oder eines Cancan. Wer nicht mit dem Talent zu pfeifen begabt war, sang wenigstens die Melodie. Ueberdies hatte sich ein musikalischer Bewohner der Courtille gefunden, welcher für solche Falle eine schrille Pickelflöte in der Tasche trug, und dies mit den beiden Harfen genügte vollkommen.
Somit fehlte es nicht an der nöthigen musikalischen, wenn auch nicht immer harmonischen Unterstützung.
Nahe an der Schänke befand sich ein Tisch, dem Herr Carabouche besondere Aufmerksamkeit zu widmen schien.
An diesem Tisch saßen Herren und Damen in etwas derangirter, aber immer genialer Toilette. Die Herren hatten die Halskragen geöffnet, der Dickste sogar den Rock ausgezogen und sich theatralisch mit dem bunten Shawl einer der Damen drapirt, während ihr Hut windschief auf seinem bereits kahlen Kopf sah; - die Frauen trugen einzelne Stücke der Garderobe, die offenbar noch einer Rolle
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auf dem Theater angehörten, darüber ein Tuch im Kreuz gebunden oder einen eleganten, nur etwas zerknitterten und schmutzigen Paletôt oder Bournous geworfen.
Sicherlich aber genirte in diesem Augenblick Rücksicht auf die Garderobe am Allerwenigsten die lustige Gesellschaft.
Man trank Wein, Punsch und Bier, ziemlich Alles durcheinander.
»Carabouche, eine Flasche Champagner, aber keinen Elfasser oder von Deiner Limonade gazeuse! ich kenne Dich, schuftiger Kirchhofswurm, wie Du Deine Gäste gern betrügen magst. Aber bei Venus und Terpsichore, beim ersten Versuch schleudere ich Dir mein Glas an Deinen Schädel!«
Der Sprecher war ein dicker stattlicher Mann von einigen vierzig Jahren, mit Brillantringen auf den fleischigen Fingern und dem rothen Band im Knopfloch.
»Dicker Duplessis, ich trinke mit Dir!«
»Komm her Kind, setz' Dich auf meinen Schooß - es ist Dein Ehrentag, Du sollst getauft werden, und ein so unschuldiger Täufling riskirt bei einem Junggesellen wie ich bin, Nichts.« Er zog das etwa siebenzehnjährige Mädchen mit den dunklen blitzenden Augen und den dreisten Manieren zu sich - aber sie drehte sich mit einer Pirouette aus seinen Armen und warf ihr rechtes Bein in die Höhe, daß die Fußspitze ihm den Hut vom Kopf schleuderte.
»Zum Henker - wenn Du einen Winkel von über neunzig Grad machen willst, so benachrichtige mich
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vorher, kleine Josephine, damit ich meinen Operngucker benutzen kann. Du sollst binnen acht Tagen die erste Tänzerin an St. Martin sein, da Mademoiselle Cournière nicht hier ist, wenn Du das Kunststück noch einmal machst!«
»Fi donc, dicker Schäker, wer wird so neugierig sein! Gieb Deinen Champagner her und laß uns darauf trinken, daß Dein Bericht über mein Debüt mehr Furore macht als der über das Köpfen der armen Sünder!«
»Die Heiligen mögen sich ihrer erbarmen!« erklang die melancholische Stimme des Wirth. »O Mademoiselle Durvant, wie können Sie so Profanes mit dem Tode zusammenbringen. Juventus nunquam virtus! Herr verschließe Deine Ohren dem Frevel!«
»Dummes Vieh!« sagte höchst gelassen der Journalist. »Glaubst Du, daß wir hierher gekommen sind, um Deine Litaneien anzuhören? Wein her, oder wir demoliren die Bude und attakiren die Keuschheit der Madame Carabouche. He Legnier, haben Sie den Scandal am Ambigu mit Madame Fleurette gehört?«
»Nein, Doktor!«
»Ei parbleu - sie hat den neu engagirten Liebhaber vierundzwanzig Stunden in ihrem Zimmer eingeschlossen, weil er bei seinem ersten Besuch wie Joseph den Mantel im Stich lassen wollte!«

    »Tout le monde autrefois courut
    Après la petite Ragonde;
    A son tour la Veille est en rut,
    Elle court après tout le monde!«
»Bravo Papa Carabouche, ich sehe, Du bist wenigstens noch nicht zu den Trappisten übergegangen, lärmte die
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Tänzerin, ihr Glas dem Journalisten zum Füllen hinhaltend. Geschwind würdigster Sohn und Erbe aller Begrabenen, gieb uns noch einen Chanson zum Besten!«
»Papa Carabouche, Papa Carabouche ein Lied!« heulte die ganze Tafelrunde. Die Quadrille war eben zu Ende und Alles drängte nach dem Schanktisch.
Ein Kreis hatte sich um den ehemaligen Leichenbestatter gebildet.
»Ich bin ein armer Sünder, der sich mit diesem traurigen Broderwerb beschäftigen muß, um sein und seines Weibes Leben zu fristen!« weinte kläglich der Lange. »Störet mich nicht in meinem Beruf und haltet die Versuchung von mir! Exorcisco vos! Exorcisco vos!«
»Was wir uns daraus machen!« lachte ein kleiner beweglicher Mann mit einem türkischen Fez auf dem Kopf und so weiten Seemannsbeinkleidern, daß man drei solche Figuren hätte hineinstecken können. »Den Teufel über diesen Dummkopf von Garderobier! Wie kann er mir zu meiner heutigen Rolle die Hosen des dicken Bamboche geben! Ich bitte Dich, Celeste, hilf mir, sie dreifach umzuschlagen oder ich kann die nächste Quadrille nicht mit Dir tanzen!«
»Carabouche! Carabouche! Wein hierher! Beim heiligen Prinzen von Arkadien - die Bedienung ist heute hundeschlecht!«
»Madame Carabouche ist mit Zwillingen niedergekommen, sie kann die Küche nicht besorgen!«
»Nein - die Ratten von Popincourt haben sie gefressen!«
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»Die Köchin ist mit einem Zuaven davongelaufen.«
»Pfui, es ist eine ehrbare Person - über fünfzig! Aber Carabouche läßt erst auf den Dächern die Katzen fangen, die er uns als Hasen braten will!«
»Ich habe neulich einen Rattenschwanz im Fricassee gefunden. Pfui, Carabouche!«
»Schäme Dich, Papa Carabouche!«
Der unglückliche Wirth hob die Hände in die Höhe. »O Ihr Lügner! Ihr Lügner! Wollt Ihr einen ehrlichen Mann in seinem Gewerbe zu Grunde richten, nachdem Ihr ihm seine letzten Sparpfennige abgeborgt habt?«
»Aus christlicher Liebe mit zweihundert Prozent!«
»Wucher ist verboten, Carabouche! - ich brauche zehn Napoleons!«
Der Leichenbitter warf einen raschen Blick auf den Sprecher, einen sehr liederlich aber zugleich sehr gentil aussehenden jungen Mann mit blondem Henryquatre.
»Monsieur Bertin, erster jugendlicher Liebhaber der »Variétés,« ich borge Ihnen Nichts mehr! Apage Satanas!« Bezahlen Sie erst Ihre letzte Anleihe!«
»Fichtre! Ich folge dem Beispiel der Regierung und bin bereit, alle Jahre ein Prozent zu tilgen. Aber wenn Du mir auf diesen Ring nicht zehn heilige Napoleons borgen willst, kannst Du zusehen, wer heute meine Zeche bezahlt!«
»Unsinniger Jüngling, der Du in Dein Verderben rennst! Zeigen Sie den Ring her!«
»Es ist pariser Gold, er hat ihn in der Colonnade des Palais Royal gekauft! Er betrügt Dich Carabouche!«
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»Zum Teufel! werdet Ihr schweigen? Es ist ein Geschenk der kleinen Herzogin von Chateaubris, die sich in mich als ›Raoul‹ verliebt hat, und wenigstens fünfhundert Flanken werth!«
Der Wirth hatte bereits den Ring in der Hand und betrachtete ihn nach allen Seiten. »Man hat Sie belogen, Monsieur Bertin - das Höchste, was ein ehrlicher Christ geben kann, sind fünfzig Franken!«
»Sage acht Füchse!«
»Ich müßte die Wittwen und Waisen bestehlen!«
»Hundert Franken denn! oder ich veröffentliche im Journal des Debats unter der Protektion Monsieur Duplessis die Liebesbriefe der Madame Carabouche an mich, die beweisen, daß sie Dich zum Hahnrei macht.«
Und Monsieur Bertin begann sofort den »Cocus« zu singen:

    »Dans notre voisinage, où l'on voit tant d'abus,
    Disait Lucas à son Compère:
    Sans vous compter, combien comptez Vous de Cocus?«
Der ehemalige Leichenbitter ließ sich verleiten und fiel sofort ein:

    »Comment, sans me compter! reprit l'autre en colère.«
»Das Geld, das Geld, oder ich stürme die Kasse, wie ich die Tugend der Madame Carabouche gestürmt habe!«
Der Lange breitete seine Hände schützend über den Ladentisch. »Halt, halt! Sie sollen es haben Monsieur Bertin! O über die Verderbniß! Aber das Gericht wird kommen über Euch, mit Schrecken und Pestilenz und Eure
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Gebeine verstreuen über die Haide! Ihr Spötter und Ruchlosen! tempus fugit! Das Gericht ist nahe!«
»Resurgam!« lachte der Schauspieler, indem er von den fünf Goldstücken eins zwischen die Gläser warf. »Vier Flaschen Champagner, alte Unke! Es ist Zeit, daß die Taufe beginnt. Mademoiselle Josephine ich zahle das Weihwasser, aber ich muß die Ehre des ersten Cancan haben!«
Die Tänzerin sprang auf den Stuhl, ihr Glas in der Hand und setzte den Fuß sehr ungenirt auf die Lehne.
»Nichts da, ich muß freie Wahl behalten zu meiner Einsegnung. Duplessis ist mir zu ungeschickt und mit Dir Bertin, kommt man in schlechtes Renommée. Ich muß etwas Anständiges, etwas Exquisites haben! Hurrah - ich habe mein Theil! Musik Kinder, den Cancan von Sebastopol!«
»Was ist's - wer ist der Glückliche?« und Carabouche begann mit heller Stimme zu singen:

    »Un jour que Madame dormait,
    Monsieur baisait sa Chambrière!«
Mademoiselle Durvant war von dem Stuhl gesprungen und wie ein Jagdhund durch die Menge geschlüpft. In einem Augenblick hielt sie den kleinen dicken Leichenbitter beim Kragen, der eben neugierig in den Salon hineinlugte.
»Hierher, Monsieur! herein mit Dir schwarzer Posaunenbläser des Todes! Du sollst die Ehre haben, bei mir Gevatter zu stehen und den ersten Cancan auf meiner Kindtaufe zu tanzen. Ohne Sträuben Du kleines schwarzes Ungeheuer, oder ich zerzause Dein Kapitol!«
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Sie zog und stieß ihn unter allgemeinem Gelächter bis zum Tisch der Schauspieler.
»Bei allen Unterirdischen, wen haben wir hier? einen Boten des Jenseits!«
»Granget ...« rief der lange Wirth, die Hände erhebend. »Wie kommt Ihr hierher, Gevatter, warum bleibt Ihr nicht bei Madame Carabouche? in coelo quies! - Laßt ihn los, Ihr Unholde, er ist von der Zunft und mein Gevatter!«
»Eben darum! jetzt soll er bei mir Gevatter stehen. Trink, alter dicker Junge. Zizine, binde ihm den Trauerhut fest auf seinen runden Schädel, er darf ihn beim Tanze um keinen Preis verlieren!«
Mademoiselle Durvant brachte ihrer neuen Eroberung ein großes Glas Champagner und nöthigte ihn, es in einem Zuge zu leeren, während ihre Kollegin ihm ein Paar rothe Bänder, die sie sich von der Haube ihres ländlichen Kostüms abriß, an den Hut mit den langen Trauerfloren steckte und diesen unter dem feisten Kinn zusammen band.
Der kleine Mann hatte freilich trotz des Prahlens unter seinen Kollegen eigentlich nur seine lüsterne Neugier befriedigen wollen und sich auf den Schutz seines Freundes und Gevatters Carabouche verlassen, und schnitt daher ein ziemlich albernes Gesicht; aber der Champagner, dessen Portion sofort von einer der andern Damen wiederholt wurde, machte ihm Courage und begann ihm über die Bedenklichkeiten fortzuhelfen.
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Ueberdies setzte sich die hübsche Creolin auf seinen Schooß und begann ihn zu caressiren.
Der kleine Mann fing an mit den Augen zu zwinkern und den Mund wie ein verliebter Taubrich zu spitzen, während die Männer der Gesellschaft sich ausschütten wollten vor Lachen und Carabouche einmal über das andere den Teufel exorcirte und seinen ehemaligen Kollegen ermahnte, seiner Würde eingedenk zu sein, bis der Teufel ihn selber bei den Haaren faßte und mit irgend einem Witzwort der Gesellschaft verleitete, einige Verse eines liederlichen Couplets dazwischen zu streuen.
Während dieser Scene der leichtfertigen, aber genialen Gesellschaft in der unmittelbaren Nähe des Büffets waren die andern Kreise nicht müßig und Jeder amüsirte sich so gut und ausgelassen er konnte, ohne sich viel um den Andern zu kümmern.
Am entgegengesetzten Ende des Saales saß eine eben so laute Gesellschaft, wie die an der Schänke: Studenten mit ihren »Frauen,« die das Gerücht der Hinrichtung in diese Gegend getrieben hatte, Flaneurs aller Art, Grisetten, Handwerker bunt durcheinander. An einen großen Burschen von etwa dreißig Jahren mit frechem, übermüthigem Gesicht und bunter geschmackloser Garderobe, der den Ton an dem Tische lärmend angab und von seinen Eroberungen schwatzte, lehnte eine Frauengestalt, die nicht in den Kreis zu gehören schien.
Man sah ihr, trotz der sehr derangirten einfachen, aber eleganten Toilette die Dame aus den höhern Ständen sofort an. Sie war von schlankem, hohem Wuchs,
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hatte herrliches blondes Haar und blaue Augen, aber diese von einem dunklen Streifen umgeben.
Ueberhaupt war ihr freundliches und angenehmes, wenn auch nicht schönes Antlitz von krankhafter Farbe und Magerkeit. Ein rother Fleck auf ihren Wangen zeigte einen fieberhaften Zustand.
Ueberhaupt war ihr Wesen ein seltsames. Ihre Augen stammten in dem Glanz einer unnatürlichen Erregung, - dann plötzlich bedeckte eine dunkle Röthe Stirn und Wangen bis zum Busen hinab, als gelänge sie augenblicklich zur Erkenntniß ihrer Lage; sie blickte mit Zittern und Entsetzen auf ihre Umgebung. Aber im nächsten Moment schien eine unbekannte Erregung und das Feuer der Getränke, die ihr Galan ihr reichte, wieder eine wilde Leidenschaft durch ihre Adern strömen zu lassen, ihre Augen funkelten in wollüstigem Feuer, ihr Busen hob sich und sie preßte sich unwillkürlich an ihren Begleiter.
An ihrem Stuhl hing Hut und Schleier, den sie schon längst abgenommen.
»Laßt uns tanzen, tanzen!« rief sie plötzlich aufspringend mit fremdem Accent. »Rodolphe, mein Liebster, ich muß tanzen! ich will lustig sein!«
»Hussah! meine kleine Elsasserin! einen Cancan noch und dann zu Hause und zu Bett! Es lebe die Liebe, wenn man einen Freund hat, wie den schönen Henriot!«
»Sie hat den Teufel im Leibe!« sagte einer der Studenten. »Seit einer Stunde rast sie ununterbrochen!«
»Wo zum Henker hat der Bursche die Dirne
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aufgeschnappt? Mir ist, als hätt' ich sie schon im Gedränge am Louvreplatz gesehen!«
»Cancan! Cancan!«

    »Lucas revenant au logis
    Avec plusieurs gens de sa sorte!«
Das Mädchen, das bereits ihren Liebhaber am Arm gefaßt und empor gezogen hatte, blieb plötzlich stehen. Sie fuhr mit der Hand nach der Stirn, es war, als durchzucke sie ein elektrischer Schlag und ihr Gesicht färbte sich mit fliegender Röthe.
»Um Gotteswillen, wo bin ich?« sagte sie deutsch, indem sie den Mann, der sie umfassen wollte, mit Ekel von sich stieß. »Rühren Sie mich nicht an! Was ist mit mir geschehen - ich will fort von hier, nach Hause!«
Ihre Augen starrten mit unverkennbarem Entsetzen umher.
»Mach' keine Flausen, alberne Dirne,« sagte der Mann roh, ohne daß er die deutschen Worte verstanden hätte. »Bald hab' ich's satt und kann zehn andere Demoiselles haben, denn sie lecken sich die Finger nach dem schönen Henriot. Allons trink und dann noch einen Tüchtigen!«
Er setzte ihr das Punschglas an den Mund und das Mädchen trank einen Schluck - erst mit Ekel - dann sog sie das noch halbgefüllte Glas leer. Ihre Augen begannen auf's Neue zu funkeln. »En avant Rodolphe, au danse!«
Sie zog ihn in die Reihe, die sich bereits gebildet hatte.


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»Die Taufe! die Taufe!«
»Wer hält das Kind?«
»Ich bin der Vater, ich beanspruche die Ehre!«
»Den Henker auch, dicker Duplessis, Sie lassen mich fallen!« rief der unschuldige Täufling.
»Wenn Du fällst, meine Liebe,« tröstete der Journalist, »so fällst Du auf denjenigen Theil, der am wenigsten Schaden leiden kann! Aber ich will mir einen Substituten kommandiren. Nicole, halten Sie ihr die Beine, aber hübsch anständig, ohne sich über die Knöchel zu verirren!«
»Nein - Nicole ist nichtswürdig! mein schwarzer Pathe soll es thun!«
»Mann des Grabes,« sagte der dicke Journalist pathetisch - »diese Ehre soll Ihnen widerfahren, indem wir hoffen, daß Sie den irdischen Versuchungen abgestorben sind und in dieser jungen Sünderin nur ein einfaches Wickelkind sehen, dessen unzüchtige Berührung im Code Napoleon verboten ist. Bei dem Haupte Orsini's, wickeln Sie ihre Unterröcke um die Knöchel und halten Sie fest. Wo ist der Pfaffe und das Taufbecken? Saint Just, - thun Sie Ihre Schuldigkeit!«
Der erste Komiker des Beaumarchais, ein hagerer Alter mit einem grauen Krauskopf, schlug eine Serviette um seine Schulter, Nicole griff eine Schüssel zum Gläserspülen von dem Schanktisch, goß das schmutzige Wasser Monsieur Carabouche über die Füße und leerte eine Flasche Champagner hinein.
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»Ich bitte die verehrlichen Pathen, sich um den Täufling zu gruppiren! Haben Sie sich gruppirt?«
»Duplessis, kneipen Sie mich nicht, oder ich kratze Sie!«
»Es ist Dein schwarzer Liebhaber da unten, der Dich wie Blaubart an den Fußsohlen krabbelt!«
»Dann geb' ich dem Kerl einen Tritt vor den Magen!«
»Meine Herrschaften! meine Herrschaften! Señores und Gentlemen! Sie werden doch keine Todsünde begehen? Langue di Santi! Es ist eine Blasphemie der heiligen Kirche,« rief der Wirth, »Absolve, quaesumus Domine!«
»Halt's Maul!« befahl der Komiker. »Stillgestanden, ich beginne!«
In diesem Augenblick waren der Lord und sein Begleiter in den Saal getreten und näherten sich der ausgelassenen Gruppe.
Monsieur Saint Juste hatte die Faust bereits in dem improvisirten Taufbecken und bespritzte den vielversprechenden Täufling drei Mal.
»Im Namen des Porte Saint Martin, des Ambigu und Beaumarchais taufe ich Dich, ungezogener Sprößling der Terpsichore zum Mitglied der noblen Zunft von den Tricots und Flatterhöschen! Möge es Dir nie an Einfaltspinseln fehlen, die Deine Wattons für Fleisch und Blut halten und ihre Börsen noch bereitwilliger in Stich lassen als ihre Unterhosen. Stehe auf, keusche Vestalin der Bretter und wandle hinfort auf den Theaterzetteln unter dem Namen - alle Teufel, wie soll sie denn heißen?
»Ambroise!«
»Nein - Georgine!«
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»Esmeralda!«
»Es muß etwas Feines sein! Wie wäre es mit Klytemnästra oder Portiunkula?«
»Fi donc!«
»Halt - da ist's! Sie hat Finesse genug schon in dieser zarten Jugend, um die Männer auszuziehen, wenn diese sie ausziehen wollen! Ich schlage vor, den Täufling Finette zu heißen!
»Finette! Finette!« schrie die Bande.
»Mademoiselle Finette« sagte der Journalist, »erheben Sie sich mit diesem Namen, wenn Sie nicht wünschen, auf dem Kopf zu stehen und der verehrten Gesellschaft ein Schauspiel zu geben; denn meine Arme sind eingeschlafen! - Teufel Mylord,« unterbrach er sich. »Sind Sie's wirklich? Wie zum Heuler kommen Eure Herrlichkeit hierher?«
»Ein Mylord? Pardieu, da muß ich dabei sein! Dicker Duplessis, Du wirst mich ihm als Dein eben getauftes Kind vorstellen!«
Mademoiselle Finette, nach ihrem neuen nomme de bataille, schwang sich vermittels eines Trittes auf ihren schwarzen Pathen wieder in senkrechte Stellung und lorgnettirte den Lord und seinen Begleiter.
»Wahrhaftig - ein ganzer Gentleman und wenn er Pfunde hat und nicht knickrig ist damit, will ich ihn centnerweise lieben, - obschon mir der Andere lieber wäre.«
»Mylord,« sagte der Journalist, »erlauben Sie mir, mich für so manche interessante Stunde zu revangiren und Ihnen diesen Kreis achtbarer und unter Aegide weiland des Herrn Carabouche, ehemaligem Mitglied der
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hochehrwürdigen Leichenbitter- und Todtengräber-Zunft, jetzigem Ganymed dieses tugendhaften und respectablen Ortes zu präsentiren, wie sie eben bemüht sind in Erwartung des Abscheidens der Herren Orsini und Complicen diese sittsame Novize der Tanzkunst mit dem Champagner einer dramatischen Taufe zu begießen!«
»Uf!« rief der würdige Täufling - »war das eine lange Rede! Erhole Dich Dicker!« und damit schlug sie ihn mit der Fußspitze gegen den Leib, daß er laut aufkreischte.
»Satan von einem Frauenzimmer! ich werde Dich bei Gericht wegen eines Mordversuchs denunziren!«
»Pah - das für die Gerichte der ganzen Welt!« Sie schlug ein Schnippchen. »Edler Britte, wollen Sie mit mir den Täuflings-Cancan tanzen, obschon Sie nicht die Ehre haben, mein Pathe zu sein?«
Der Viscount lachte. »Nein, schöner Säugling, ich bin etwas zu steif dazu. Aber ich mache mir das Vergnügen, Ihnen als Pathengeschenk diese Nadel« - er nahm die kostbare Busennadel aus seiner Cravatte - »an die Brust zu stecken!«
»Carrajo« sagte Carabouche - »dieser Engländer verdient auf dem Père-Lachaise begraben zu werden!«
Der Lord machte bei dem höflichen Wunsch eine unwillkürliche Bewegung, als träte er auf ein widriges Reptil und seine Hand zuckte nach der Stirn.
Im nächsten Augenblick hatte er jedoch die Schwäche bewältigt und die Tänzerin half ihm ohnehin darüber fort.
»König aller Mylords, Finette ertheilt Dir hiermit
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einen Passe partout auf ihre Gunstbezeugungen. Papa Carabouche, wenn Du nicht ein so infamer Wucherer wärst, würde ich dies Kleinod bei Dir in Versatz geben!«
»Ich schwöre Ihnen, Mademoiselle Finette - ich achte diesen Großinsulaner zu hoch, um nicht das Möglichste zu thun. In paradisum deducant te Angeli!« und er begann mit heller Stimme die bekannte Ballade zu singen:

    [»]O Richard! o mon roi!
    L'univers t'abandonne;
    Sur la terre il n'est donc que moi
    Qui s'interesse a ta personne!«
»Still Gräberunke! hörst Du nicht, daß sie den Cancan beginnen! Allons mein hübscher Junge - ich erzeige Dir die Ehre als Engländer, obschon Ihr mir meinen kleinen Louis mit den Spindelbeinen ermorden wolltet!«
»Mademoiselle,« sagte der Preuße höflich aber bestimmt, »ich bin kein Engländer und verstehe die französischen Tänze nicht!«
»Als Entschuldigung verspreche ich Ihnen, die Nadel bei Monsieur Carabouche mit hundert Pfund einzulösen!«
»Bei dem heiligen Cartouche! er ist der einzige Gentleman in der Gesellschaft! Hierher also Du schwarzes Ungeheuer! Finette, die Königin des Cancan, erzeigt Dir die Ehre, ihr Wort zu halten und mit Dir einen Schmeißer zu riskiren! Aber der Teufel soll Dich holen, wenn Du Dich nicht anstrengst!«
»Madame,« sagte der kleine Leichenbitter, sich in die Brust werfend, und vom Champagner zu jedem Exceß angefeuert, »ich hoffe, Ihnen Ehre zu machen!«
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Er bot ihr die Hand und führte sie unter dem Gelächter der Uebrigen zu der Reihe, die sich bereits bei der seltsamen Musik gebildet hatte.
»Es lebe der Cancan! Vorwärts!«
Monsieur Carabouche war auf seinen Schanktisch gestiegen und sah aus, wie der schwarze Pfahl eines Galgens, während er mit tiefer Stimme den Baß zu dem jubelnden übermüthigen Gesange intonirte.
Die lange Reihe war in voller Bewegung, die Herren stampften und sprangen wie besessen, die Damen kniffen die Röcke zusammen und schlugen bis zu den Nasenspitzen der Tänzer die Spitzen ihrer Schnürstiefeln.
»Finette hat Recht, sie ist die Königin des Cancans! Seht, wie sie, rast! Die Bocksprünge ihres Partners sind wirklich zum Todtlachen!«
»Sie hat Raçe, die Kleine! aber dort unten die große Blonde - kommen Sie einmal dahin, Monsieur de Reuble, dies Mädchen tanzt wie eine wahre Bachantin! So müssen die Mänaden sich geberdet haben!«
Sie traten einige Schritte weiter vor - plötzlich erscholl ein wilder, gellender Ruf.
»Rosamunde!«
Trotz des bachantischen Lärmens im Saale drang der Ruf weithin bis in die fernste Ecke.
Zugleich warf die kräftige Hand des jungen Preußen zwei Paare über den Haufen und er stürzte sich mitten zwischen die Reihe.
»Rosamunde!«
Ein schriller Aufschrei - die große blonde Tänzerin
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mit dem bleichen Gesicht blieb mitten in der Tour stehen, sie fuhr mit den Händen nach den Schläfen und schwankte wie ein Rohr. Ihre hellen blauen Augen fuhren wie irrsinnig umher.
»Um Himmels willen - diese Stimme! - Otto! Otto rette mich!«
Mit dem Sprung eines Löwen war er bei ihr.
»Heiliger Gott! wie kommst Du hierher? - Halte Dich an mich, Rosamunde! fort von hier!«
Der Tanz stand still, Alles drängte herbei. Er hatte sie mit beiden Armen umschlungen und aufgehoben, und versuchte, sie aus den Reihen zu tragen. »Fort da! Platz!«
»Daß ich ein Narr wäre, mir so den Mund zu wischen!« schrie der schäbige Elegant, der mit der Fremden zum Tanz angetreten war. »Für was hätte ich sie vom Chateau d'Eau bis hierher geschleppt? Laßt die Elsasserin los, langer Schlingel, oder Ihr sollt es mit mir zu thun kriegen!«
»Schmeißt den Störenfried 'raus! Was will der Bursche hier?«
Das Mädchen hing bewegungslos an des Bruders Halse, nur ein lautes Schluchzen verrieth, daß sie nicht in Ohnmacht gefallen war. Sein Gesicht nahm eine blasse, fast fahle Farbe an. Seine gleich denen der Schwester blauen Augen wurden starr und gläsern, ein unheimliches Licht schien aus ihnen emporzublitzen.
»Lassen Sie mich durch - geben Sie Raum!«
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Aber die Menschenmauer verdichtete sich, lachend, trotzend, in vielen begann sich der böse Geist zu regen.
»Nichts da - für was habe ich sie tractirt? Die Elsasserin muß bei mir schlafen!«
Der schöne Henriot hatte das Wort kaum ausgesprochen, als ihn ein Faustschlag so gewaltig in's Gesicht traf, daß er der Länge nach den Boden maß.
»Canaille!«
Dies war das einzige Wort, das den Schlag begleitete. Aber die vor dem nun wirklich erschreckenden Anblick des jungen Mannes zurückweichende Menge erhob jetzt ein Zetergeschrei, und die Freunde des Monsieur Henriot schrieen, der fremde Tölpel habe ihn todt geschlagen.
Die Adern an der sonst so klaren, ruhigen Stirn Otto von Röbels waren blau angeschwollen - eine eigenthümliche krampfhafte Bewegung zuckte um seinen Mund.
Es war jener Zustand, den schon einmal seine Mutter beschworen, in dem er sich aus der Luke des Schloßthurms zu Neuchâtel mit seinem damaligen Feinde gestürzt hatte.
Der Lord hatte sich näher gedrängt, als er seinen Begleiter in dieser Situation sah.
»By Jove, Sir, - was haben Sie da, was giebts?« frug er auf englisch.
»Mylord - ich muß hinaus - oder ich begehe einen Mord!«
»Ruhig! ruhig! was ist geschehen?«
Der Preuße hatte mit einem Schwunge die halb ohnmächtige, willenlose Gestalt des Mädchens auf seinen linken Arm
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geworfen. Zugleich erinnerte er sich an den Revolver, den ihm der Lord gegeben und riß ihn aus der Tasche.
»Platz da - wer mich anrührt, ist ein Kind des Todes!«
Man sah ihm an, daß der geringste Widerstand die Drohung auf jede Gefahr hin schrecklich zur Ausführung bringen würde.
»Um Himmelswillen, schießen Sie nicht, Röbel« rief der Lord. »Bedenken Sie, was Sie thun!«
»Mylord - es ist meine Schwester!«
»Dann fort - bringen Sie sie fort! ich decke Ihnen den Rücken!«
Der Viscount brach sich Bahn zu seinem Begleiter, indem er die Vorstehenden achtlos zur Seite stieß.
»Engländer! Engländer! Schlagt die Meuchelmörder todt, die falschen Hunde! die Giftmischer und Bombenschmeißer!«
Der Nationalhaß, durch das Attentat erregt und die Presse geschürt, brach in vollen Flammen aus. Vergebens hörte man Papa Carabouche, der übrigens an Schlägereien ziemlich gewöhnt war, von der Höhe seines Schanktisches herab fortwährend rufen: »In coelo quies! in coelo quies! - Cospetto! halten Sie Ruhe, meine Herrschaften, oder ich rufe die hohe Polizei!«
Der Preuße schien weder den Sturm um ihn her noch die letzten Worte seines Begleiters gehört zu haben. Langsam, den Revolver vorgestreckt, das jetzt wirklich ohnmächtige Mädchen auf seinem Arm, ging er auf die Menge, die unwillkürlich mehr von dem Anblick, den er bot, als
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von der drohenden Mündung des Pistols eingeschüchtert, ihm Platz machte, nach der Thür zu.
Der dicke Journalist hatte Geistesgegenwart genug, dieselbe rasch zu öffnen, und sie, als der junge Mann mit seiner Last hinaus geschritten war, zuzuschlagen.
Lord Heresford, der seinem Begleiter Schritt vor Schritt folgte, warf sich vor die Thür.
»Also Messieurs,« sagte er lachend - »es scheint, daß es den Engländern gilt? Nun, Goddam your eyes - das hier ist ein Kanal, den Niemand passiren soll trotz Cherbourg! Bleibt hübsch zurück, Kinder, wer nicht ein blaues Auge sich holen will!«
Er streifte ruhig seinen Rockärmel in die Höhe und setzte sich in Boxerpositur.
»Auf ihn! auf ihn! Der Puddingfresser verhöhnt uns noch! - Schlagt ihn zu Boden, den englischen Lump! - Hinter dem Mädchendieb drein!«
Vergebens versuchte Duplessis und einige Verständige, selbst Meister Carabouche die Menge zu beruhigen. Der Erstere rief vergeblich, es sei der Viscount von Heresford, ein englischer Excentric und ein vornehmer Mann, ein Freund des Kaisers, den man schonen müsse.
Die Frauenzimmer kreischten bei dem Scandal, der kleine Tänzer Finette's hatte sich unter einen Tisch verkrochen und die Tänzerin selbst bemühte sich auf alle Weise, die Streitenden zu beruhigen; denn die Pfunde des Engländers waren ihr zehnmal wichtiger als jeder Zipfel von Nationalstolz.
Aber es waren viel zu viel überwiegende Elemente in
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der Gesellschaft, die den Krakehl liebten und wollten. Die Studenten hetzten und schrieen aus purem Uebermuth, die niederen Personen tobten aus der gewöhnlichen Brutalität und die Kunde, daß ein Lord - ein Engländer - sich ihnen so herausfordernd entgegenstellte, erhitzte die Gemüther.
Monsieur Henriot hatte sich bereits von dem Denkzettel wieder erholt und that alles Mögliche, um die verlorene Beute wieder zu gewinnen, ohne sich dabei einer weiteren Gefahr auszusetzen.
»Auf ihn! Schlagt ihn nieder, den englischen Lump!« Ein großer, kräftiger Bursche warf die Anderen zur Seite.
»Fort da! laßt mich an den Engländer! ich habe so manchen Ochsen erschlagen und werde wohl mit dem Beafsteak-Gesicht fertig werden!«
Es war ein kräftiger Schlächtergeselle von Menilmontant, aus der Normandie, mit Muskeln wie die Taue eines Schiffs und einem blutgewohnten und blutgierigen Blick.
Die Menge, die um so mehr Courage hatte, nachdem sie sich überzeugt, daß ihr einzelner Gegner keine anderen Waffen zur Abwehr führte, als seine Hände, jauchzte ihrem Vorkämpfer Beifall.
»Hurrah drauf, Kamerad, gieb's ihm tüchtig, dem Mylord!«
Der Schlächter hatte seinen Rock abgeworfen, den ihm bereitwillig Einer der Gesellschaft hielt und ging mit geballten Fäusten auf den Viscount los.
»Daß sich Keiner untersteht, sich hineinzumengen!« brüllte er.
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Der englische Excentric stand ruhig, den Oberkörper leicht zurück gebeugt in der Boxerposition. Seine Miene zeigte die ruhige spöttische Ueberlegenheit, die ihn bei weit ernsteren Gefahren nie verlassen.
»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte er fest. »Nicht ich bin es, der den Kampf beginnt! Ihre saubere Gesellschaft wird hoffentlich so anständig sein, ihn ehrlich führen zu lassen!«
»Hund von einem Briten! nimm das als Antwort!«
Der Schlächter stürzte sich auf die ruhige schlanke, anscheinend kaum des Widerstandes gegen solche brutale Kraft fähige Gestalt des Pairs, und führte einen furchtbaren Schlag nach ihm, der wirklich, wie der Schlag des Milo, einen Ochsen hätte tödten können.
Der Viscount parirte den Schlag mit seinem linken Arm, und den rechten vorwerfend, versetzte er seinem Gegner einen solchen Stoß mit der Faust zwischen die Augen, daß derselbe zurücktaumelte und von seinen Freunden aufgefangen werden mußte.
Einige Augenblicke darauf hatte das Wuthgeschrei seiner Kameraden ihn jedoch wieder zur Besinnung gebracht.
Er faßte nach dem Messerschärfer, der an einem Muschelgürtel an seiner Seite hing, und denselben wie ein Messer zum Stoß haltend, stürzte er unter einem Brüllen wie das eines wüthenden Stiers nochmals vorwärts.
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Der Excentric erwartete ihn, den linken Fuß und den linken Arm vorgestreckt, ohne einen Laut von sich zu geben.
Seine Stirn war in zwei tiefe Falten zwischen den Brauen zusammen gezogen, die Zähne waren fest zusammen gebissen.
Wie ein wildes Thier sprang der Schlächter auf ihn ein, die stumpfe aber gefährliche Waffe zum Stoß vorgestreckt.
»Stirb Du englischer Mörder!«
»Dummkopf!«
Eine leichte Bewegung der Linken wandte den gefährlichen Stoß zur Seite. Zugleich traf die Faust des Lords so gewaltig gegen die linke Schläfe des Angreifenden, daß dieser im Halbbogen sich drehte und wie ein Sack zu Boden stürzte.
Aber fast im selben Augenblick erklang auch von allen Seiten der Ruf: »Nieder mit ihm! Schlagt ihn zu Boden! Hinaus mit ihm!« und von drei Seiten stürzte sich mit allerlei Waffen zum Handgemenge der ganze Halbkreis auf den Lord.
Ein Paar Minuten widerstand er mit kräftiger, energischer Vertheidigung, mit dem Rücken gegen die Thür gestemmt, die er so mannhaft vertheidigte. Aber dann wurde seine Kraft überwältigt und er sank noch immer ohne einen Laut von sich zu geben und um Hilfe zu rufen in die Knie.
In diesem Augenblick wo die Kämpfenden einen wirren wüsten Knäuel bildeten, stieß Tête-Renard, der sich mit seinem Akoluthen von Beginn des Streites an unter der Menge befand, sein Werkzeug an.
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»Vorwärts Neb! jetzt ist der Augenblick! Gieb's ihm unter der fünften Rippe! Die Börse steckt in seiner linken Rocktasche!«
Der Wächter der »Schönen Guillotine« stürzte sich in den Knäuel der Balgenden. Gleich darauf hörte man einen leichten Schrei.
Neb sprang zurück. »Ich habe sie! fort!«
Wie mit einem Zauberschlage löste sich die wirre wilde Masse. »Blut! - Blut! - Mord!«
Meister Carabouche schlug die Hände zusammen. »Dies illa, calamitatis et miseriae! Herr erbarme Dich!«
Der Ruf Mord - der Anblick des Blutes, das im Nu viele Hände färbte und eine große Lache auf dem Fußboden bildete, stob sofort die Streitenden auseinander und ließ den Platz um den Lord frei.
Man konnte jetzt sehen, welches Unheil geschehen war.
Der Viscount hatte sich wieder auf ein Knie erhoben, die linke Hand stützte er auf den Boden, die rechte preßte er auf die Seite, während zwischen den Fingern unaufhaltsam dunkle Blutwellen hervordrangen. Auch von der Stirn rieselte ein Blutstreif aus einer Wunde, die ihm ein Stockhieb geschlagen hatte. Seine Kleider waren zerrissen und beschmutzt.
»Goddam!« sagte er schwer. »Das war feiger tückischer Mord! Zum Teufel mit diesen Froschfressern - sie haben mir den Rest gegeben! - Helfen Sie mir auf, Duplessis, wenn Sie ein Gentleman sind, damit ich als ein solcher sterbe!«
Der dicke Journalist schreckensbleich und von allen
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Geistern des Weins verlassen, versuchte den Blutenden aufzurichten und sah sich nach Beistand um, aber der Kreis umher lichtete sich rasch und Jeder eilte, so schnell wie möglich aus dem Saale zu kommen, um nicht bei der unglücklichen Geschichte von der Polizei als Mitschuldiger oder Zeuge gefaßt zu werden. Nur zwei oder drei Personen, darunter Mademoiselle Durvant, die Tänzerin, die man Finette getauft, unterstützten ihn.
»Um Gotteswillen Mylord, ermannen Sie sich! es wird hoffentlich nicht so schlimm sein. Einen Arzt! Steht nicht da Ihr langer Esel, sondern schafft einen Doktor herbei!«
Die Ermahnung galt Monsieur Carabouche, der mit noch verlängertem Gesicht und die Hände ringend dabeistand und kaum wußte, ob er die Sterbe-Litanei oder irgend ein Lied seines gewöhnlichen Schlages anstimmen sollte. Endlich entschloß er sich, seinen Gevatter Granget unter dem Tisch hervorzuzerren und ihn mit einem Tritt und dem Auftrag nach vorn zu schicken, man möge schleunigst einen Doktor auftreiben.
Die Kunde von dem Unglück war unterdeß durch die Flüchtenden bereits in das Vorderhaus gedrungen und Madame Carabouche eilte mit großem Geschrei an der Spitze der noch anwesenden Leichenbitter und anderen neugierigen Gäste herbei, die nicht zu fürchten brauchten, durch ihre Gegenwart bei dem Streit selbst compromittirt zu werden.
Duplessis hatte mit Hilfe der Tänzerin und zweier anderer Personen - denn der Saal war jetzt völlig leer von den früheren Gästen, - den Pair auf den Sessel gehoben, den Carabouche aus seiner Schänke eiligst herüberlangte,
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als Madame auf dem Schauplatz ankam und bei dem Anblick des blutenden Mannes laut aufkreischte.
»Carabouche, Unglücklicher! was ist geschehen? was hast Du gethan? Heilige Ursula und Genoveva, was wird die Polizei dazu sagen! und sie erzählen gar, er sei ein Lord!«
»Lord oder Kesselflicker,« bedeutete zähneklappernd ihr würdiger Gemahl die Dame, »mors vincit omnia, Madame Carabouche, der Tod macht Alles gleich! Exultabunt domino ossa humiliata! Carambo! es ist eine ganz verfluchte Geschichte, aber ich kann Nichts dafür und werde für ein möglichst christliches Begräbniß sorgen!«
Der Verwundete war in Ohnmacht gesunken. »Einen Arzt! einen Arzt, ihr Narren!« wiederholte der Journalist. »Schafft wenigstens Essig und Wasser herbei, statt sich zu zanken. Mademoiselle Josephine haben Sie Ihr Flacon bei sich?«
»Hier ist es Dicker!«
Zugleich ließ sich eine ernste Stimme hören. »Was ist hier geschehen? wer ist ermordet?«
Die hohe jetzt aufgerichtete Gestalt des falschen Sakristans war in den Kreis getreten.
»Ein Priester! oder wenigstens Einer von der Kirche! Gott sei Dank, daß dieser englische Mylord nicht als Ketzer zu sterben braucht!«
Der »Prophet« hatte die Vorstehenden zur Seite geschoben und einen raschen Blick auf den Blutenden geworfen. »Gütiger Himmel - Mylord Heresford! Was ist geschehen - wer hat das gethan?«
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»Ein unglücklicher Streit - eine Prügelei um ein Frauenzimmer,« erzählte der Journalist. »Der Lord war erst kurz vorher eingetreten und vertheidigte einen Freund gegen die Menge, die ihn überwältigte. Ich hoffe, seine Wunde ist nicht gefährlich - wenn Sie etwas davon verstehen, mein Herr, wie es mir nach Ihrem Behaben scheint, so legen Sie einen Nothverband an, bis es mir gelingt, einen Arzt herbei zu schaffen, denn die Wirthsleute scheinen den Kopf verloren zu haben!«
Der falsche Sakristan hatte in der That die Kleider des Verwundeten geöffnet und seine Brieftasche hervorgezogen, in der sich ein kleines wundärztliches Besteck befand. »Ich kann wenigstens die erste Hilfe leisten,« sagte er hastig. »Gehen Sie mein Herr, und suchen Sie einen Arzt herbei zu holen, so schnell als möglich! Es ist ein großes Unglück!«
Der Journalist zog Madame Carabouche fast mit Gewalt mit sich fort, um von ihr die nöthige Auskunft zu erlangen.
Er hatte kaum den Saal verlassen, als der Sakristan den Kneipenwirth zur Seite winkte.
»Ora!« sagte er leise.
Meister Carabouche fuhr zusammen und sah den Verkleideten erschrocken an. Die Verkleidung selbst war indeß so meisterhaft, daß er Nichts entdecken konnte, was sein Erstaunen vermindert hätte.
»E semper!« antwortete er.
»Es ist gut damit. Ich bin Euer Vorgesetzter. Wenn es sonst noch eines Mittels bedarf, Euch zum raschen Gehorsam zu bewegen, so wird, denke ich, die Erinnerung an
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Neapel und das Verschwinden eines gewissen deutschen Reisenden, vor sechszehn Jahren auf dem Wege nach dem Vesuv genügen, von dem sein Diener allein zurückkehrte.«
Der ehemalige Leichenbitter war ganz fahl im Gesicht geworden und zitterte sichtbar. »Befehlen Sie, Herr - was soll ich thun? Sie werden einen armen Mann nicht unglücklich machen!«
»Ich denke nicht, wenn ich strengen Gehorsam finde. Zunächst schafft auf irgend eine Weise und so schnell als möglich diese Leute aus der Nähe des Kranken, bis wir sie etwa brauchen.«
»Alle - auch das Weibstück?«
»Auch diese! - Ich werde mich unterdeß mit dem Verwundeten beschäftigen.«
Der Wirth rief seine ehemaligen Kameraden zusammen und erklärte ihnen, daß es, wie er sich ausdrückte, in articulo mortis sei, und daß der Lord, sobald er wieder zu sich käme, von dem fremden geistlichen Herrn ermahnt werden solle, vor seinem Ende die Ketzerei abzuschwören. Damit trieb er sie und alle anderen Neugierigen nach dem andern Ende des Saales.
Der Sakristan hatte unterdeß die Wunde näher untersucht und die Blutung durch ein festes Umbinden mit seinem, weißen Halstuch für den Augenblick gestillt. Sein Blick war sehr ernst und er schüttelte mehrmals den Kopf.
»Was sind für Leute hier gewesen?« frug er streng. »Der Stich ist offenbar von der geübten Faust eines Banditen geführt worden, denn er geht durch die Rippen von
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unten nach oben und ich fürchte, daß die Lebensorgane verletzt sind!«
»Ich schwöre Ihnen, Herr, ich weiß von Nichts!« stöhnte der unglückliche Wirth. »Es sind heute des Begräbnisses und der Hinrichtung wegen so viele Fremde hier gewesen ...«
»Genug! schweigt! Er kommt wieder zu sich. - Mylord, mein theurer Freund - ermannen Sie sich!« Er hatte dem Verwundeten ein scharfes Salz vorgehalten und seine Schläfe damit gerieben. Der Viscount schlug die Augen auf.
»Goddam!« sagte er leise, »ich meinte schon, es wäre zu Ende. - Ah - Sie sind es Signor! Das ist gut, so kann ich Ihnen wenigstens noch meine Aufträge geben. Es ist mir ein Unfall passirt und ich fürchte - der Excentric und rastlose Herumschweifer wird bald ein stiller Mann sein.«
Der »Prophet« antwortete weder auf die Frage noch auf den begleitenden Blick.
»Ich weiß, Signor Giuseppe,« sagte der Lord, »daß Sie ein halber Wundarzt sind. Bei Ihrem Geschäft lernt man das durch die Uebung. Sie kennen mich zur Genüge - also sagen Sie kurz und bestimmt, wie es steht!«
»Mylord - ich habe nach einem Arzt geschickt. Indeß - versuchen Sie einmal tiefer zu athmen.«
Der Verwundete that es - offenbar mit Anstrengung. Ein leichter hellrother Schaum trat auf seine Lippe.
Der Italiener beugte schmerzlich das Haupt. »Freund,« sagte er traurig - »Sie sind ein Mann! ich fürchte, Sie
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haben nur noch wenige Minuten zu leben. Wenn Sie irgend eine Bestimmung haben -«
»Nein - meine Bestimmungen sind längst getroffen! Es ist nur einfältig, nach so mancher besseren Gelegenheit an einem Kneipenstreit sterben zu müssen, und doch ist das Wie? am Ende gleich. Kommen Sie hierher, Signor, - fassen Sie in meine Brusttasche und nehmen Sie das kleine Portefeuille. Es sind zwölftausend Pfund darin in Banknoten - die anderen Papiere verbrennen Sie. Es ist das Geld für die Rettung Orsini's. Apropos - ich schulde dem Mädchen da, der Tänzerin, die den Muth hatte, mir beizustehen, hundert Pfund!«
»Sie sollen bezahlt werden, Mylord, aber ...«
»Nun, wenn Sie den Streich nur so ausführen, wie er eingeleitet, bin ich überflüssig! Ich gehe wenigstens mit dem Vergnügen aus der Welt, an diesem Herrn Bonaparte mich revangirt zu haben. Sie waren im Gefängniß? Sie haben Alles vorbereitet?«
Das Sprechen wurde ihm offenbar sehr schwer, es war mehr ein Röcheln. Auf den befehlenden Wink des »Propheten« war der Wirth in scheue Entfernung zurück getreten.
»Mylord, wissen Sie - wem ich in La Roquette begegnet bin?«
»Nun - rasch, ich habe keine Zeit, lange zu rathen!«
»Dem Kaiser!«
»Damned! und - was - wollte er dort?«
»Ich weiß es nicht. Er war mit General Roquet, anscheinend incognito. Aber das Schlimmste ...«
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»Nun?«
»Ich begegnete ihm, als ich den Gefangenen verlassen hatte und ich fürchte, er hat mich erkannt, oder wenigstens Verdacht!«
»Warum?«
»Sein spöttischer Blick sagte es mir.«
»Verdammt! aber, - dann hätte er Sie verhaften lassen!«
»Nein - warum das? er ist zu klug zu dem Lärmen, den es gemacht hätte. Aber wenn er mich erkannt hat, weiß er, daß ich nicht ohne Zweck da gewesen bin und wird seine Maaßregeln treffen!«
»Hell and damnation über sein unverschämtes Glück! und besiegt zu sterben, - Edward Heresford - wie ein Hund, am Abend vor der Schlacht!« Er warf sich ungestüm zur Seite, das Blut aus der Wunde strömte auf's Neue - der Schaum auf seinen Lippen wurde dichter.
»Mylord, Mylord! denken Sie an Gott!«
»Ich - bin fertig mit ihm - oder er - mit mir! - Gutenacht Giuseppe Mazzini - auch Ihre Zeit - wird kommen und Ihr Bau und all' Ihr Mühen sich als eitel erweisen! - Jetzt - ich fühle es - kommt der Tod - so heiß, so heiß!«
»Gott nehme seine Seele in Gnaden auf!« sagte tief ergriffen der Verschwörer. »Es stirbt ein wackrer Mann!«
Der Wirth - die Leichenbitter - die Tänzerin, sie waren alle wieder herbei getreten. Finette hielt das Haupt des Sterbenden.
Plötzlich versuchte dieser noch einmal, sich mühsam
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emporzurichten, ein sarkastisches Lächeln flog über sein Gesicht.
»Peard,« flüsterte er stammelnd - »Peard - wird sich - ärgern, - daß, daß er - mich nicht sterben sieht!« Er sank zurück in den Stuhl und schnappte nach Luft, ein Gurgeln in der Kehle, ein neuer Blutschaum auf den Lippen - er war todt!
So starb Edward Marquis von Heresford, ein Excentric vom reinsten Wasser, aber auch im besten Sinne des Wortes, einer der originellsten und bravsten Charaktere seiner Zeit. -
Als der Journalist gleich darauf mit einem aus dem Schlaf getrommelten Arzt herbeieilte und mit ihm mehre Polizeibeamte eintrafen, fanden sie nur seine Leiche, um welche die Leichenbitter des Père Lachaise, seine ominöse letzte Gesellschaft, standen und unter dem Vorsang ihres alten Kollegen die Litanei respondirten: Kyrie eleison! Ora pro eo!
Der Sacristan war verschwunden.


Der Freitag verging unter den widersprechendsten Gerüchten; - schon gegen Abend sammelten sich wieder große Menschenmassen in der Nähe von La Roquette, um ja des blutigen Schauspiels nicht verlustig zu gehen.
Bald sollten sie sich überzeugen, daß sie diesmal nicht vergeblich sich bemüht hatten.
Um 10 Uhr fuhren drei Wagen mit Balken und
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Bohlen beladen vor das Gefängniß - man begann bei Fackelschein das Schaffot aufzuschlagen.
Der Pöbel belustigte sich, hin und wieder die Carmagnole oder sonst ein mißliebiges Lied anzustimmen, und die Sänger wurden mitunter von den in Civil unter der ganzen Menge zahlreich anwesenden Polizei-Agenten beim Kragen genommen und eingesteckt. Im Ganzen verhielt man sich ziemlich ruhig, um den Platz und die Aussicht nicht zu verlieren.
Um 3 Uhr war das Schaffot von den Zimmerleuten beendet und die Gehilfen des Scharfrichters stellten ihre schreckliche Maschine auf und probirten ihren Gang.
Es war Alles in bester Ordnung - das Eisen fiel ganz excellent in seinen Fugen. Um 5 Uhr rückte das Militair, das zu der Hinrichtung kommandirt war, von Vincennes, von den Kasernen Popincourt und Bondy her an, säuberte den Platz und nahm seine Aufstellung.
Fünf Schwadronen Cavallerie besetzten die Zugänge des Gefängnisses; mehre Abtheilungen der Pariser Garde stellten sich an der Ausmündung der mit der Straße de la Roquette gleichlaufenden Straßen von den Straßen Basfroi und Popincourt auf, um den weitern Zudrang der Menge zu hindern, die sich von Minute zu Minute vermehrte.
Es war, wie wir wiederholen, Sonnabend, den 13. März. Das Urtheil des Assisenhofes des Seine-Departements war am 26. Februar gefällt worden. Das Attentat hatte am 14. Januar stattgefunden, die ganze Procedur also gerade zwei Monate gedauert.
Um 5\frac12 Uhr erschienen der Direktor des Depôts der
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Verurtheilten und Abbé Hugon in der Zelle Orsini's, und der erstere theilte ihm mit, daß der verhängnißvolle Augenblick nahe sei. Orsini antwortete gefaßt, daß er bereit sei.
Hierauf gingen der Direktor und Abbé Nottelet in die nahe liegende Zelle Pierri's und sagten ihm, daß er sich zum Tode vorbereiten müsse. Karl von Rudio wurde die Umwandelung der über ihn gefällten Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit mitgetheilt. Er fiel in Convulsionen, nachdem er während der ganzen Zeit in wahrhaft jämmerlicher Weise lamentirt und sein Schicksal beklagt hatte.
Das Benehmen der beiden Verurtheilten zeigte auch jetzt den Unterschied ihres Charakters, der sich bereits früher offenbart hatte.
Pierri befand sich in fortwährender Aufregung; er sprach und gestikulirte ohne Unterlaß, discutirte über Alles mit seinen Wächtern und suchte selbst in den Worten des Priesters einen Gegenstand zur Controverse. Bei der Mittheilung der nahen Vollstreckung des Urtheils zuckte er trotz aller Anstrengung, sich fest zu zeigen, zusammen und verlangte dann mit einer Miene, der er gewaltsame Fassung zu geben suchte, zu frühstücken, indem er bat, daß man ihm Rum in den Kaffee gieße. Er trank ihn mit fieberhafter Aufregung, die sich durch heftiges Gestikuliren und Ausrufe bekundete. Nachdem er Kaffee und Rum genommen, bat er dringend, ja zornig, um noch mehr Rum und Wein.
Die Angst vor dem nahen Tode kämpfte sichtlich in ihm mit dem Trotz seines Charakters.
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Seit der Ankündigung der Verwerfung des Cassationsgesuches, also seit jenem verhängnißvollen Donnerstag Abend, an dem ihn der falsche Sakristan besucht, hatte Orsini eine finstere Ruhe bewahrt - er brütete offenbar in seinem Innern über die ihm gemachten Verheißungen und sprach nur wenig. Gegen den Abbè[Abbé] Hugon, der ihn am Freitag besuchte, benahm er sich ehrerbietig, hörte seine Ermahnungen an und erklärte, daß er sich über die französische Justiz in keiner Hinsicht zu beklagen habe und beichtete nach den Vorschriften seiner Confession. Die Begleitung des Geistlichen durch einen andern Ministranten machte ihn zwar anfangs unruhig und er erkundigte sich nach dem Mann, der ihm am Abend vorher in italienischer Sprache Trost zugesprochen; als der Abbé ihm aber erwiederte, daß der Sakristan einer benachbarten Pfarrei angehört und nur für seinen erkrankten Amtsbruder ausgeholfen habe, schwieg er, um den »Propheten« nicht zu compromittiren, und, darauf vertrauend, daß dessen erfindungsreichem Geist viele andere Wege zu Gebote stehen würden, in seine Nähe zu kommen. Da er es nicht wagen durfte, sich mit dem Aufseher, der ihm als Mitwisser und Mithelfer des Geheimnisses bezeichnet worden war, anders als durch allgemeine Winke zu unterhalten, hatte er sich bald auf sein Lager geworfen, und schlief, oder versuchte vielmehr zu schlafen; denn schwerlich kann in einem solchen Zustand und bei dieser verzehrenden Erwartung die Seele Ruhe finden, in wirklichen Schlaf zu versinken.
Nach der Ankündigung der Vollstreckung des Urtheils durch den Direktor verließen die Aufseher die Zelle und
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Abbé Hugon blieb mit dem Verurtheilten einige Augenblicke allein. Er benutzte sie, um ihm nochmals Muth, Ergebung und Vertrauen auf die Verzeihung Gottes anzuempfehlen.
Dann trat der Direktor wieder ein - ihn begleiteten zwei dem Verurtheilten unbekannte Aufseher.
Jetzt zum ersten Mal erbebte der Italiener und begann einen unglücklichen Ausgang zu fürchten. Er warf einen unruhigen Blick auf die Männer und bat um ein Glas Rum.
Man brachte es auf einen Wink des Direktors, der das ernsteste Schweigen beobachtete. Orsini, der wahrscheinlich unterdeß bedacht, daß die Abwesenheit des von seinen Freunden gewonnenen Aufsehers für die Vorbereitungen der Flucht nothwendig sei und der Umtausch der Personen ja erst bei der sogenannten Toilette erfolgen sollte, bat, das Glas auf das Wohlsein des Direktors leeren zu dürfen.
Dann ging er festen Schrittes zwischen den beiden Aufsehern nach der Kapelle des Gefängnisses, wo er zum ersten Mal nach der öffentlichen Verhandlung ihres Prozesses seinen Gefährten und Schicksalsgenossen Pierri wiedersah.
Orsini kniete neben dem Priester nieder und betete anscheinend sehr andächtig - vielleicht für das Gelingen seiner Flucht - vielleicht - - Gott allein weiß es!
Jetzt hörte man die Uhr auf der Kapelle des Gefängnisses ausheben und schlagen.
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Mit welchen Gefühlen mögen die Verurtheilten diesen Schlägen, der sie jeder näher zur Ewigkeit brachte, gelauscht haben.
Es schlug Eins - Zwei - Drei - Dreiviertel auf Sieben.
In einer Viertelstunde mußte für Orsini Alles entschieden sein; - er erhob sich ohne Mahnung ungeduldig von seinen Knieen.
Man mußte Pierri erinnern, aufzustehen, da die Zeit zu ihrer »Toilette,« jenem furchtbaren letzten Akt vor dem Eisen selbst gekommen war.
Die Aufseher führten die Verurtheilten bis an die Schwelle der Kapelle.
Jenseits derselben standen zwei Männer in Schwarz gekleidet; es waren die beiden Scharfrichter von Paris und Rouen. Mit der Berührung dieser Männer waren sie dem Schaffot verfallen.
Ehe die Verurtheilten die Schwelle überschritten, reichten die beiden ehrwürdigen Geistlichen ihnen noch einmal die Hand, sie nahmen gleichsam Abschied von ihnen, denn sie sollten sie erst bei dem furchtbaren Gange wieder sehen.
Felix Orsini trat rasch und kühn über die Schwelle - er hoffte ja hinter ihr das Leben zu finden; Pierri zauderte, dann, all' seinen Trotz aufbietend, folgte er. Der traurige Zug schritt langsam durch den Gang - Orsini warf rechts und links suchende Blicke.
Eine Minute nachher waren sie an die Stelle gekommen, wo die Gänge sich theilten. Die Thüren von zwei größeren Zellen standen offen - in jeder derselben stand
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ein Schemel in der Mitte bereit und befanden sich zwei Personen in kurzen anschließenden ledernen Jacken.
Orsini warf einen unruhigen Blick umher, aber er beruhigte sich, als er sah, daß die beiden Aufseher, die bisher speziell zu seiner Bewachung bestimmt gewesen waren, unter den andern Personen standen, die hier der Verurtheilten harrten. Nur war der Eine - derselbe, welchen er im Vertrauen wußte, - sehr blaß und unruhig und hielt die Augen zu Boden geschlagen. Indeß der Verurtheilte wußte Nichts von den Spezialitäten seiner Rettung, und nur, daß der Wechsel der Personen während der nächsten Minuten vor sich gehen solle.
In diesem Augenblick trat der Direktor vor und zog ein Papier aus der Brusttasche.
»Herr Jerôme Jean Letrain, Nachrichter der Justiz von Paris, ich übergebe Ihnen den hier anwesenden Joseph Andrea Pierri auf Befehl der Behörde der öffentlichen Sicherheit, um ihn zur Vollstreckung des Urtheils vorzubereiten.«
»Sie irren, Herr Direktor,« sagte der Mann, - »ich soll das Urtheil an dem andern Gefangenen vollstrecken.«
»Nein. Befehl des Kaisers! Emile Gauthier Barolle, Nachrichter der Justiz von Rouen, ich übergebe Ihnen den hier anwesenden Felix Orsini, zu gleichem Zweck! - Gehen wir!«
Obschon er noch immer nichts Bestimmtes wissen konnte, durchzuckte doch eine furchtbare Ahnung den Gefangenen.
Aber es war zu spät, um sich in anderer Weise zu
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vergewissern. Er biß die Zähne zusammen und trat in die Zelle.
Hinter ihm traten der Nachrichter von Rouen, der Direktor des Gefängnisses und die beiden Gefangenwärter ein, die diesen Morgen den Dienst übernommen hatten. Der Mann, den ihm der »Prophet« als Mitwisser bezeichnet hatte, rührte sich nicht.
Die Aufseher schlossen sofort die Thür und stellten sich vor dieselbe. In dem Augenblick, wo die Thür sich schloß, erfaßten auf einen Wink des Meisters die beiden Henkersknechte den Verurtheilten und nöthigten ihn, sich auf den Schemel in der Mitte der Zelle niederzusetzen,
Er warf einen stieren, angsterfüllten Blick umher - die Zelle hatte an der Seite einen zweiten Ausgang.
Er athmete hoch auf.
Indeß hatte das schreckliche Werk begonnen - Niemand sprach, man hörte nur das schwere Athmen des Verurtheilten und das Knirschen der Scheere, die seine schwarzen, krausen Haare im Nacken abschnitt, um dem furchtbaren Eisen Platz zu machen. Der zweite Gehilfe band ihm mit einer dünnen festen Hanfschnur die Hände.
Als dies geschah, überfiel ihn auf's Neue die Ahnung der Wahrheit. Er versuchte sich zu erheben und frug leise: »Warum das? - ich denke ...«
»Bleiben Sie ruhig sitzen,« sagte der Nachrichter. »Es muß sein!«
Fast willenlos ließ er die Knechte in ihrer gräßlichen Handtirung an seinem Körper fortfahren. Einer der Knechte zog ihm die Schuhe und Strümpfe aus, der
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zweite brachte einen großen und dichten schwarzen Schleier herbei.
Jetzt -, jetzt mußte der Augenblick gekommen sein!
Der Nachrichter nahm den Schleier und hing ihn über das Haupt des Verurtheilten, daß er in langen Falten über das Gesicht niederfiel.
»Erheben Sie sich, Felix Orsini!«
Er stand auf - er zitterte vor Aufregung.
»Kommen Sie!«
Der Nachricht« faßte seinen Arm und führte ihn auf die zweite Thür zu.
Die Thür öffnete sich.
Jetzt - - -
Er trat über die Schwelle - ein leises Murmeln von Stimmen brauste wie Wogendonner an seine Ohren - dann hörte er eine gellende, fast schreiende Stimme, welche kurz abgebrochen zu ihm sagte: »Nun! mein Alter!«46
Er erkannte die Stimme seines Genossen Pierri, und als er, so weit es der dichte Schleier gestattete, um sich blickte, sah er sich in einer geräumigen Halle und diese von Gefängnißbeamten, Wachen, den Geistlichen und anderen Personen gefüllt.
Jetzt erst begriff er, daß er verloren war, daß ein Verrath oder ein Mißlingen aller Anstalten ihn unwiderruflich dem Schaffot überlieferte.
Er that einen Schritt, als wollte er sich gegen die
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Menge stürzen, ein leichtes Stöhnen entrang sich, kaum gehört von den Nächststehenden, seinem Munde. Dabei fielen ihm vielleicht die Worte seines furchtbaren Meisters ein: Dann halten Sie Ihren Eid und sterben Sie wie ein Mann!
Er schien sich gewaltsam zu fassen. Gleich darauf antwortete er mit fester Stimme seinem Todesgefährten: »Ruhe! Ruhe!«


Als der Henker Pierri den Schleier auf den Kopf legte, sagte dieser mit fieberhaftem Lachen: »Ei, man putzt mich, wie eine alte Kokette!« und als man ihm die Schuhe auszog, da die Verurtheilten den letzten Gang mit nackten Füßen antreten sollten, wiederholte er: »Es ist gut, daß ich mir gestern die Füße wusch!« - -
Es war zwei Minuten vor 7 Uhr, als die Thore von La Roquette sich öffneten.
Gleich darauf begann im Innern des Gefängnisses eine Glocke zu läuten und der schreckliche Zug trat heraus.
Pierri, mit na[c]kten Füßen, das Haupt mit dem schwarzen Schleier bedeckt, ging voran; Abbé Nottelet führte ihn. »Seien Sie unbesorgt,« sagte Pierri, obschon er zitterte, zu ihm, »ich habe keine Furcht, ich gehe auf den Calvarienberg.« Als er aus der Pforte des Gefängnisses trat, begann er das Lied der Girondisten:

    Mourir pour la patrie etc.
Orsini, gleichfalls nackten Fußes, das Haupt verschleiert, folgte mit dem Abbé Hugon.
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Am Fuße des Schaffots, auf dem der Nachricht« von Caen sie erwartete, verlas der Huissier Janvier den Urtheilsspruch.
Als dies geschehen war, stiegen die beiden Verurtheilten die Stufen hinan. -
Ueber den Platz hin klang die vibrirende gellende Stimme des fanatischen Mörders:

    »Frères, pour une cause sainte,
    Quand chacun de nous est martyr,
    Ne proférons pas une plainte,
    L'Italie un jour doit nous bénir.
            Mourir pour la Patrie!
    C'est le sort le plus beau, le plus digne d'envie!«
Die Kommandanten der Truppen erhoben die Säbel, die Trommeln wirbelten. - Die Knechte des Henkers stürzten sich auf den Italiener und warfen ihn auf das verhängnißvolle Brett.
Im Nu war er angeschnallt - das Brett rasselte in den Fugen vorwärts ...
»Mourir ...«
Ein Wink - ein Blitz fuhr nieder - ein Schlag ...
Der Flüchtling von Mantua schien alle Energie seiner Jugend in diesem Augenblick wieder gefunden zu haben. Der Meuchelmörder und seine Furcht waren verschwunden, nur der Mann, der für seine Meinung stirbt, war geblieben. Er sprang einen Schritt vor und mit einer energischen Bewegung schleuderte er den verhängnißvollen Schleier von sich.
»Franzosen - ich bin Orsini! Es lebe Italien! es lebe Frankreich!«
In diesem Augenblick erhob sich, auf den Schenkel eines
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Lastträgers tretend aus der fernen Menge eine dunkle Gestalt und schwenkte ein rothes Taschentuch.
Ein bitteres verächtliches Lachen flog über das bleiche Gesicht des Revolutionairs. Ohne eine Bewegung zu machen, überließ er sich den Händen der Henker.
Wenige Augenblicke und der warme Strom des Lebens spritzte aus hundert Quellen!
Durch die Reihen der Militairs aber donnerte das Kommando:
Vive l'Empereur!


Zwei Stunden später kam der »Prophet« finster und bleich in den heimlichen Versteck, den er seit vierundzwanzig Stunden bewohnte, von seiner Sicherheit und Verborgenheit vollkommen überzeugt.
In dem versteckten Hinterzimmer auf dem Tisch lag ein Brief.
Die Adresse lautete: Master Alsop!
Der große Verschwörer stutzte, als er diese Adresse las. Er wußte, daß er das Zimmer vor seinem Weggehen sorgfältig verschlossen hatte.
Dann öffnete er rasch das Couvert. Es enthielt ein Blatt, auf dem Blatt standen die einzigen Worte:

    »Der Kaiser Napoleon wird binnen Jahresfrist an Oesterreich den Krieg erklären.«

Footnotes:

1»Villafranca« 3. Band S. 265.
2Kesselflicker.
3Villafranca I. Band »Die alte Garde«.
4Zehn Jahre III. Band »Ein Ball in den Tuilerien«.
5Zehn Jahre. III. Band. Ein Ball in den Tuilerien.
6Zehn Jahre. III. Band. Der 2. December.
7Villafranca II. Band.
8Der Juwelier der Kaiserin, der auch ihren prächtigen Brautschmuck von Rubinen und weißen Perlen verfertigt hat.
9Verfasser des Rührstücks.
10Später unter den Namen »Josephinen-Handschuh« bekannt.
11Eine der ersten Modistinnen in London.
12Der Fall ereignete sich nach der Chronik im Jahre 1400.
13Villafranca 3. Band S. 265.
14Marketenderin.
15Villafranka. I. Band. Der schwarze Diamant.
16Zehn Jahre. III. Band. Ein Ball in den Tuilerien.
17Heinrich IV. wurde bekanntlich am 14. Mai 1610 in dieser Straße (jetzt Rue St. Honoré 3) von Ravaillac ermordet.
18Aus dem Hause Nr. 50 richtete Fieschi am 28. Juli 1835 seine Höllenmaschine auf Louis Philipp.
19Der »Place de la Concorde«, wo das Schaffot Ludwig XVI. am 21. Jan. 1733 stand.
20Wir müssen den Leser auf die spätere Darstellung des Prozesses in Betreff dieser und anderer Namen verweisen.
21Es ist in der That erwiesen, daß die Verschworenen schon im Jahre 1856 das Geheimniß der Erfindung dieser neuen Höllenmaschine von einem jungen Mann in Karlsruhe kauften.
22Der Hauptversammlungsort der Flüchtlinge in London.
23Die bekannte damalige Brochüre »Louis Napoleon et l'Angleterre«, unter dem Namen Laguerronnière's erschienen, aber offenbar vom Kaiser selbst ausgegangen.
24Der berüchtigte Brief Orsini's an den Kaiser aus dem Gefängniß, den Jules Favre, der Vertheidiger Orsini's bei der Verhandlung ganz unerwartet vorlas und der einen Fingerzeig für die folgenden Ereignisse giebt, lautet:
25Die in Folge des Attentats von Lord Palmerston eingeblachte Bill gegen Verschwörungen der Flüchtlinge, die in England Asyl gefunden.
26Felix Pyat war der Präsident des französischen Club's in London.
27Villafranca. Berlin. I. Theil, S. 113.
28Der ältere Sohn Papst Alexanders VI.
29Cäsar Borgia wurde von Ludwig XII. von Frankreich mit dem Herzogthum Valentinois in der Dauphiné belehnt.
30Der Justizminister.
31Pierri.
32Zehn Jahre. II. Bd. S. 465.
33Diebstahl.
34Grab.
35Kirchendiebstahl, Herr!
36überführt werden.
37Kirchhof.
38Nachtwächter.
39Narr.
40Edelstein.
41Leben.
42Dummkopf.
43Reden.
44Gäste.
45Engländer.
46Historisch, wie überhaupt die ganze schreckliche Scene.




Werke von Sir John Retcliffe