Häufig - auch in diesem Forum - stellen KM-Fans die Überlegung nach neuen KM-Verfilmungen an. Die interessante Frage dabei: Wie könnten die im Jahre 2001 eigentlich aussehen?
So wie in den 60er-Jahren aber etwas werktreuer? Mal ehrlich: Werktreue Verfilmungen jedweder Literatur hat es (außer im Experimentalfilm) nie gegeben und wird es nie geben. Was heißt denn werktreu? Hunderte von Figuren und Nebenhandlungen drin, die jegliche Literatur-Verfilmung auf einen 12-Stunden-Film bringen müsste? Oder: Rahmenhandlung mit den wichtigsten Figuren und dem "Geist" der Vorlage? - Schon eher. Da treffen Silbersee und W1 sogar noch recht genau, verglichen mit vielen anderen Lit.-Filmen der Geschichte.
Was finden wir bei KM? Fantasievolle und deshalb faszinierende, aber - unserem heutigen Wissen zugleich - naive Welt- und Völkerbilder. Die sind so(!) aber schon verfilmt worden. Der Science-Fiction-Film hat es da einfacher: Seine Märchenbilder sind nicht überprüfbar, da sie noch nicht stattgefunden haben.
Aber heute noch mal Märchen à la KM verfilmen? Das funktioniert nicht. Oder doch? Warum eigentlich ist "Der mit dem Wolf tanzt" so erfolgreich? (Die 4-Std-DVD ist ein Genuss!). Ein Märchen ganz im Stile Karl Mays: Ein Weißer erringt das Vertrauen der Eingeborenen, verliebt sich in eine (Halb)Indianerin und muss am Ende tatenlos zusehen, wie machtgierige Menschen seiner Rasse den Traum vom Miteinander zerstören.
Der Unterschied (und damit auch die weitere Unverfilmbarkeit)liegt wohl daran, dass Karl May den wahren Konflikten letzlich ausgewichen ist. Zu schnell teilt er die Positionen in Gut und Böse. Und wer sich als heidnisch "Guter" bewährt hatte, konnte dies nur, wenn in ihm der Kern an den "besseren" Glauben und die "bessere" Bildung angelegt war: Nscho-Tschi will in den Städten der Weißen lernen, Winnetou will im Sterben Christ werden. Nicht zu vergesen: Ein Deutscher (Klekih-Petra) war notwendig, den Indianern Weisheit und Gerechtigkeit beizubringen. - Wie, bitte, wollen wir diese Botschaften von Vorgestern heute "werktreu" verfilmen?
Häufig wird bemängelt, dass in der W1-Verfilmung von 1963 die Rolle Klekhi-Petras misslungen ist. Man kann es auch anders sehen: Eine filmische Stärkung des christlich-deutschen Missionsgeistes der Jahrhundertwende würde das Betrachten dieser Filme heute wohl unerträglich machen. Man kann hier durchaus der Meinung sein, dass "mangelnde Werktreue" dem (filmischen) Werk bisweilen langfristig nützen kann.
Ich freue mich auf eure/Ihre Beiträge zu diesem Thema. Gern auch kontrovers.