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Ein SchundverlagvonKarl May.

Korrekturheft, Bogen 17 bis 26.Nur für den Verfasser gedruckt.

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und keineswegs zu wiederholen, dass ich dieses Buch nicht schreibe, um behördliche Organe zu kritisieren, sondern um denen, die nach uns kommen, zu zeigen, was der Humanität und Christlichkeit des jetzt beginnenden Jahrhunderts noch alles möglich war. Auch der Gedanke, Böses vergelten zu wollen, liegt mir vollständig fern. Da aber meine Person von der Zukunft meiner litterarischen Werke nicht abzutrennen ist, so habe ich das, was jetzt mit mir geschieht, dem Urteile unserer Nachfolger vorzulegen und zwar so objektiv, dass noch die spätere Zeit mir zugeben muss, die Wahrheit gesagt zu haben. Es ist in der Litteratur noch keines einzigen Volkes ein derartiges Haberfeldteiben veranstaltet worden wie gegen mich, und sobald die künftigen Geschlechter davon hören, sollen sie zugleich im stande sein, zu entscheiden, ob ich dies verdiente oder nicht. Der in der Gegenwart Lebende darf noch in Nebel schauen; der auf sie Zurückblickende aber muss klaren Auges sein.

Darum habe ich im ersten Kapitel dieses Buches zwar die ablehnenden Bescheide der Königlichen Staatsanwaltschaft ganz wörtlich wiedergegeben und auch die Namen der beiden Beamten hinzugefügt, mich aber einer Bemerkung hierzu sorgfältig enthalten. Die beiden Anzeigen liegen nun bei der nächsthöheren Instanz, deren Entscheidung abzuwarten ist, bevor ich weiteres hierüber registriere. Aber da mit Bestimmtheit vorauszusehen ist, dass unsere neue, vollständig umgewandelte Psychologie uns ganz unmöglich erlauben kann, in der bisherigen, ebenso ungerechten wie grausamen Unterdrückung der ethisch Auferstandenen fortzufahren, so halte ich es für geboten, eine dann geltende Regel, die man zwar jetzt schon kennt, aber leider fast nie beachtet, hier anti cipando zu nehmen. Ich meine den Satz:

Auf geradem Lebensweg beweist man nichts. Nur wer steigt, zeigt, dass er will und kann. Wer aber abstürzte und doch nicht unterging, sondern sich trotz seiner zerschlagenen Glieder wohl gar noch höher emporarbeitete, als er früher stand, der hat doppelten Aufstieg hinter sich und zweifachen Beweis erbracht, dass die Stelle, an der er stürzte, den Vorwurf verdient, nicht aber er. Jedermann, der klar und unbefangen denkt, sagt

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sich von den bisherigen Versündigungen los und bekennt sich zu dem unanfechtbaren Axiom: Wer nur leicht fiel, der kann sich leicht erheben, aber auch leicht wieder fallen. Je schwerer einer fehlte, desto schwerer kommt er wieder auf, doch um so sicherer steht er dann auf seinen neuen Füssen. Es ist nicht nur in psychologischer Beziehung, sondern auch noch anderweit sehr falsch, dem zur Gesellschaft Zurückgekehrten um so mehr zu misstrauen, je tiefer sein Fall gewesen ist. Vielmehr lehrt die einfachste Logik ebenso wie die tägliche Erfahrung, dass er ganz im Gegenteile der Versuchung viel besser widersteht, als der leicht oder garnicht Bestrafte, denn er hat sie kennen und verachten gelernt. Und je längere Zeit zwischen damals und jetzt vergangen ist, um so weniger ist es angezeigt, noch auf das Vorhandensein alter Rückstände zu schliessen. Nicht im scheinbar gesunden Dahinleben und auch nicht nach leichten, sondern nur nach schweren Krankheiten pflegt eine neue und meist viel kräftigere Konstitution geboren zu werden. Es wird Zeit, dies endlich auch auf das Gebiet des Ethischen anzuwenden: Nicht nach der scheinbaren Grösse der Schuld messt euern gegenwärtigen Zweifel, sondern nach der Grösse der damaligen Katastrophen wachse euer jetziges Vertrauen. Denn es ist hier auf diesem Gebiete genau so, wie auf allen andern, dass es keine Besserung gibt, als nur durch Katastrophen. Und wer die Kraft besass, solche Verhängnisse niederzuringen, der ist zu schützen, nicht aber zu vernichten.

Und noch einen zweiten Punkt gestatte ich mir hier festzustellen. Ich darf dies nicht unterlassen, obgleich ich noch am anderen Orte auf Herrn Rudolf Lebius zurückzukommen habe. In dem mir auf meine Anzeige von der Königlichen Staatsanwaltschaft zugegangenen Einstellungsbeschluss heisst es nämlich: „Der Sachsenstimmenartikel vom 11. September 1904 stellt sich objektiv als ein rein sachlich gehaltener dar, der zwar nach manchen Richtungen hin Tadel ausspricht, der aber gleichzeitig verschiedenfach Seiten Mays hervorhebt, die der Verfasser bewundert. Er geht nach keiner Richtung über eine zulässige sachliche Kritik hinaus.“

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Dieser Sachsenstimmenartikel befindet sich neben dem Einstellungsbeschluss im ersten Kapitel dieses Buches. Ich habe mich dort jeder subjektiven Bemerkung enthalten und tue dies auch jetzt noch. Vollständig objektiv zu konstatieren aber habe ich folgendes:

Erstens behandelt der erwähnte Artikel einen Besuch, den ich dem Herrn Lebius bei mir erlaubte. Ich zog aber aus naheliegenden Gründen einen Zeugen hinzu, der die ganze Unterredung vom ersten bis zum letzten Worte hörte. Ich weiss nichts davon, dass dieser Zeuge von der Staatsanwaltschaft vernommen worden ist. Er kennt den Artikel und bezeichnet ihn als eine einzige, grosse, böswillige Verzerrung und Fälschung unserer Unterredung. Er stellt auf 200 Zeilen genau 75 Behauptungen fest, die nicht auf Wahrheit fussen. Er ist ebenso wie ich jederzeit bereit, dies nachzuweisen.

Zweitens sagt Friedrich Hebbel auf Seite 20 seines zehnten Bandes: „Lessing macht es mit Recht zur moralischen Bedingung aller Kritik, die sich nicht von vornherein um den Kredit bringen will, dass dem Kritiker von einem Autor nie mehr bekannt sein dürfe, als das zu besprechende Werk selbst ihm verrate; auf den Missbrauch amtlicher Erfahrungen sind sogar angemessene Strafen gesetzt.“

Ich bemerke auch hierzu nichts; aber ich gestatte mir, anzunehmen, dass Lessing und Hebbel doch wohl Männer waren, welche genau wussten, was man unter einer „zulässigen, sachlichen Kritik“ zu verstehen hat. Ich lese daraufhin den Lebius-Artikel mit seinen 75 persönlich zugespitzten Punkten noch einmal durch und lege ihn dann den Manen dieser beiden berühmten deutschen Dichter und kritischen Autoritäten in die Hände. Gegen den oben gekennzeichneten „Missbrauch amtlicher Erfahrungen“ von Seiten des Herrn Lebius haben wir dann später aufzukommen. Für jetzt erübrigt nur noch, mein im vorigen Kapitel gegebenes Versprechen zu erfüllen und die dort erwähnten vier Schriftstücke hier anzufügen. In welcher Absicht dies geschieht, habe ich an dem angegebenen Orte bereits gesagt.

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No. 1.

Herrn Geheimen Hofrat, Rector magnificus, Professor
Dr. Gurlitt, Dresden.

Sehr geehrter Herr!

Soeben lese ich Ihre Erklärung im „Dresdner Journal“ vom 9./2. 05. Man ist also gewillt, diese geradezu lächerliche Angelegenheit immer wieder aufzuwärmen. Da beeile ich mich denn, Sie um Ihrer selbst willen zu ersuchen, die dort erwähnten, Ihnen „von verschiedenen Seiten zugegangenen Anfragen“ ja nicht etwa in den Papierkorb zu werfen sondern sorgfältig aufzubewahren. Sie werden nämlich Gelegenheit finden, sich durch Vorzeigen derselben als den Mann zu legitimieren, der jene Anfrage nach mir nur aus höchsten und reinsten Gründen an das Königl. Ministerium gerichtet hat, nicht aber in Beeinflussung von Personen, welche der Herausgeberin des einst so hochinteressantenVenustempelsdienen.

Dieser „Venustempel“ war ein ganz unbeschreibliches Werk über die allerniedrigste, venerische Kloakenliebe, mit nackten Frauen und Geschlechtsteilen, in hundert verschiedenen Lagen und Zuständen abgebildet. „Das ist unser schönstes Werk“, pflegte Frau Münchmeyer zu sagen; „das bringt Geld, viel, viel Geld!“ Aber die Dresdner Sittenpolizei war anderer Meinung. Sie hielt diese Geldquelle für skandalös unsittlich und stellte sich eines Tages in bedeutender Anzahl ein, um den „Venustempel“ zu konfiszieren. Die Ausbeute war nicht gross, denn Herr und Frau Münchmeyer hatten „Wind“ bekommen und die Vorräte alle gut versteckt. Hinter anderen, schnell vorgeschobenen Werken, im Fahrstuhl, von Vexir-Riegeln vortrefflich beschützt, an jedem verborgenen Ort standen die hohen Säulen der nackten Göttin, für fremde Augen fast unmöglich zu entdecken. Auch in den Wohnräumen war die liebe Venus untergebracht. Sie steckte sogar unter den Betten, in denen die Kinder anderer Leute schliefen. Zeugen hierfür sind noch heute mehr als genug vorhanden; sie stehen bereit. Man rief sich damals über den Münchmeyerschen Hof herüber

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und hinüber lachend zu, in wie köstlicher Weise die Sittenpolizei der Haupt- und Residenzstadt Dresden auf Jagdweg No. 13 „gemünchmeyert“ worden sei! Das war zur Zeit, als ich der Schwager von Frau Münchmeyer werden und ihre Schwester heiraten sollte. Ich lehnte aber ab, kündigte meine Stelle als Redakteur und ging. Vexirschlösser, um verbotene „Venustempeleien“ vor der Polizei verstecken zu können, das passte nicht in meinen Lebensplan.

Warum ich Ihnen das erzähle, Herr Rektor? Weil Sie mir leid tun! Es handelt sich zwar jetzt nicht mehr um den alten „Venustempel“, aber doch um etwas nicht weniger schlimmes, nämlich um fünf, sage fünf Romane von abgrundtiefer Unsittlichkeit, die ich verschwinden lassen will, damit die deutsche Volksseele nicht länger mehr von ihnen vergiftet werde . Von wem diese giftigen Stellen stammen, ob von mir oder von späteren anderen, hat erst in zweiter Linie zu stehen, obgleich es sich grad hierbei um meine Schriftstellerehre handelt. Vor allen Dingen und zunächst hat diese Münchmeyersche Eiterbeule aufzuhören ihre Jauche weiter zu ergiessen. Und da mein Name es ist, den man bei dieser moralischen Volksvergiftung reklametrommelnd in die Gassen schreit, so habe ich nicht nur die heilige Pflicht, sondern auch das unumstössliche Recht, diesem skandalösen Treiben Einhalt zu gebieten. Hat doch der jetzige Besitzer der Firma erst kürzlich, am letzten 21. Dezember, vor allen Richtern der 6. Zivilkammer des Königl. Landgerichtes ohne alle Scheu und Scham in lauten Worten erklärt, dass „solche Stellen in Menge vorhanden seien!“

Wissen Sie, was das heisst, mein Herr? Ich kämpfe den schwersten Kampf, den man sich denken kann, um die deutsche Volksseele von dieser Pest zu befreien. Ich habe die Religion, das Gesetz, die Moral, die gute Sitte auf meiner Seite. Mir gegenüber stehen die, welche mit dieser „abgrundtiefen Unsittlichkeit“ nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen verdienten und weiter verdienen wollen. Sie genieren sich nicht im geringsten. Sie geben die Unsittlichkeit sogar gerichtlich zu; aber sie wollen ihre Säckel noch höher füllen, wollen weiter infizieren, weiter anstecken und vergiften, weiter demoralisieren,

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weiter zerstören und wehren sich gegen mein gutes Recht und meine guten Absichten wie die Geier, denen man ihren Frass, das Aas, entreissen will.

Wie ganz natürlich, habe ich alle unbefangen, loyal und unparteiisch denken Leute auf meiner Seite. Wer auf der anderen steht, den brauche ich nicht zu beschreiben: er kennzeichnet sich von selbst! Es hat jahrelang durch alle Zeitungen und Journale deutscher Zunge geklungen, dass diese Romane verderblich wirken müssen. Ich weiss mich mit allen diesen Stimmen und mit der deutschen Ethik Eins, indem ich um die Vernichtung dieses Aussatzes prozessiere und den Hohn und Spott aller derer ruhig auf mich nehme, die sich vom Geruch der eiternden Stelle angezogen fühlen.

Sie können sich also denken, wie betroffen ich war, als ich auch Ihren Namen auf der Seite derer las, die ich mit gutem Grund nicht näher bezeichne. Und warum Sie? Meines „amerikanischen Doktortitels“ wegen. Wie lächerlich! Den führe nämlich nicht ich, sondern die Firma Münchmeyer. Ich habe dieser Firma extra und mit grösstem Nachdruck verboten, mich Doktor zu nennen; sie hört trotzdem nicht auf und hat mich erst vor noch nicht langer Zeit in sechs Zeilen viermal „Herr Dr. phil. Karl May“ tituliert. Ich muss also sehr bitten, mich mit derartigen Vorwürfen zu verschonen, und dafür lieber Münchmeyers wegen Bombardement mit unerlaubten Amerikanern gerichtlich bestrafen zu lassen!

Uebrigens, dass ich dem Herrn Minister mein Diplom zum hohen Bescheid eingeschickt habe, das war offen und ehrlich, rechtschaffen und redlich gehandelt, nach meiner Pflicht als sächsischer Untertan. Den von mir erwähnten Bescheid hat meine Frau mündlich erhalten, bei der betreffenden Audienz im Ministerium, und zwar von Ihrem, meinerseits so hochverehrten Kollegen, Herrn Regierungsrat und Professor Freiherrn von Welck. Wer in dieser Angelegenheit mit vollem Bewusstsein gelogen hat, ob Gurlitt oder May, ob Gerlach oder Lebius, das wird die Untersuchung ergeben. Für jetzt und für mich genügt ja schon das eine: Um mich als Lügner hinzustellen, wurde am 18. Dezember frischweg behauptet, ich hätte das Diplom im März 1904 eingereicht. Jetzt am 9. Februar, lässt

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sich aus Ihrer Veröffentlichung ersehen, dass es bereits im Jahre 1903 geschah. Wem ist da wohl um seine öffentliche Ehre, um seine Wahrheitsliebe angst und bange geworden, Gerlach oder Lebius, Gurlitt oder May? Dass in dieser Beziehung auf Würden und Titel nichts gegeben werden kann, zeigt folgender Fall: Ich hatte einen rheinischen Chefredakteur öffentlich als Zeugen meiner Gegenpartei benannt. Er wurde sofort von einem Dresdner Redakteur für Kunst und Wissenschaft darüber befragt und stellte es in Abrede. Der Dresdner Herr stäupte mich hierauf öffentlich als einen Menschen, der etwas behauptet hat, was der Wahrheit nicht entspricht. In meinen und meines Rechtsanwalts Handakten aber liegt eine Zufertigung des Grossherzoglichen Amtsgerichts Friedberg vom 1. September 1904, in welcher der Herr Chefredakteur als Zeuge gegen mich angegeben wird. Jedermann kann dieses Aktenstück einsehen. Hat da etwa das Amtsgericht Friedberg gelogen? Der rheinische Herr ist Doktor der Philosophie, der Dresdner ist dasselbe und noch dazu Professor! Ich nehme nicht sogleich absichtliches Lügen an, denn ich kenne beide Herren sehr genau; aber es zeigt sich da doch wieder wie so oft, dass weder Titel noch Würden in die Wagschale fallen dürfen, wenn zwischen Schuld und Unschuld zu entscheiden ist.

Trotzdem sagte ich vorn, (auf Seite 5 im Original), dass Sie mir leid tun, Herr Rektor. Denn was Sie für das Lebiussche Blättchen und seine über hundert Zeilen lange Lüge

„Amtliches Material über Karl May“

hergeliehen haben, das war nicht blos das, was Ihnen gehörte, nämlich Ihre äussere und innere Persönlichkeit, sondern auch ihre „Magnifizenz“, und diese durften Sie nicht solchen Zwecken dienstbar machen, denn sie ist nicht Ihr individuelles Eigentum, sondern ein ebenso heiliges wie köstliches Gemeingut, an welchem jeder Ihrer Herren Professoren partizipiert. Sie haben sie unbefleckt und unentweiht am Schlusse Ihres Jahres zurückzugeben. Mag man nun „den klaren Tatbestand wieder verdrehen“ oder nicht (Sie sehen, ich bediene mich ganz derselben Worte), so ist als Wahrheit deutlich zu erkennen:

Sie haben der Herausgeberin desVenustempels“ und der fünf „abgrundtiefen Unsittlichkeiten“ als

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Kundschafter im Ministerium beigestanden. Das Ergebnis Ihrer Erkundigungen wurde von Rudolf Lebius veröffentlicht, nicht von Herrn Hofrat Doenges, an den Sie infolge Ihrer hohen Stellung allein gewiesen waren. Tun Sie, was Sie wollen, Sie kommen nicht von diesem Lebius los, selbst dadurch nicht, dass Sie den Fehler nach fast zwei Monaten nachzuholen versuchen. Es wurde Ihnen eine Veröffentlichung „in geeigneter Weise“ erlaubt. Fast möchte ich den Herrn Minister bitten, zu entscheiden, ob der über hundert Zeilen lange Morast in Nr. 47 der „Sachsenstimme“ als „geeignete“ Ablade- und Umschaufelungsstelle für ministerielle Mitteilungen zu betrachten sei. Dieser Morast hat sich von hier über das ganze Zeitungswesen ergossen. Unter der Maske des „Rektor magnificus der Dresdner technischen Hochschule“ und der Ueberschrift „Amtliches Material“ ist von dieser Eiterbeule aus alles Mögliche und Unmögliche an die Oeffentlichkeit hinausgeschmuggelt worden. Das alles, alles bleibt auf Ihnen liegen, Herr Rektor. Ob Sie es haben sein wollen oder nicht, man wird Sie für einen Münchmeyerschen Handlanger halten, zumal Sie Ihre jetzige Erklärung vom 9. Februar keineswegs benützten, den Inhalt des „Sachsenstimmen“-Artikels vom 18. Dezember von sich abzuweisen.

Schliesslich unter vier Augen noch eine Frage: Wie ist denn eigentlich der Wortlaut jenes Paragraphen, von dem Sie nicht als Gurlitt und nicht als Gerlachs Schwager, sondern ganz ausschliesslich nur als Rektor magnificus der Königlichen technischen Hochschule partout gezwungen wurden, sich mit mir zu beschäftigen? Hätte das ein anderer Rektor auch tun müssen? Bitte, lassen Sie diesen Paragraphen hören, und zeigen Sie die „Anfragen von verschiedenen Seiten“ vor! Ich werde Ihnen Gelegenheit dazu geben, denn es liegt mir wirklich aufrichtig und viel daran, den Begriff „Rektor magnificus“ genau so weiter definieren zu dürfen, wie er von mir bisher definiert worden ist!

Radebeul, am 12. Februar 1905.

Hochachtungsvoll

Karl May.

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No. 2.Offener Brief

an den Haupt-Redakteur der „Kölnischen Volkszeitung“ Herrn
Dr. phil. Hermann Cardauns.

Geehrter Herr Redakteur!

Die gleich anfangs und von mir vorausgesehene Zeit ist da, mich mit vorliegendem Brief an Sie zu wenden.

Wie Sie wissen, führe ich meinen 3-jährigen Prozess gegen die Dresdener Kolportage-Firma H. G. Münchmeyer sowohl gegen die frühere Inhaberin als auch gegen den jetzigen Besitzer. Ich freue mich herzlich, dass die gesamte deutsche Presse daran denjenigen regen Anteil genommen hat, den solch eine Sache verdient. Nur war leider dieses Interesse ein so ungeduldiges, dass ein ruhiges Abwarten des Richterspruches nicht im Bereich der Möglichkeit gelegen zu haben scheint. Man hat vielmehr diesem Urteile weit vorausgegriffen und mich, Karl May, durch die ganze deutsche Presse als den „Entlarvten“ hingestellt, ohne zu bedenken, wie erschwerend und schädigend dies auf den Gang dieser Rechtssache einwirken musste. Es war nicht etwa leicht für mich, dies ruhig hinzunehmen!

Es handelt sich um diejenigen „Romane“, welche Sie, Herr Redakteur, sowohl in den Zeitungen als auch in Ihren öffentlichen Vorträgen als „abgrundtief unsittlich“ gekennzeichnet und gebrandmarkt haben. Hunderte von Blättern und hunderte von Kritikern haben ganz genau dieselbe Ansicht geäussert, und, da es auch die meinige ist, wie ich schon längst veröffentlicht habe, so gereicht es mir zur freudigen Genugtuung, mich den Verbreitern dieser „abgrundtiefen Unsittlichkeiten“ gegenüber nicht allein, sondern unter so vortrefflichem Schutz zu wissen.

Es kann mir nicht einfallen, nun auch meinerseits dem Gange des Prozesses vorauszugreifen, aber da so oft versichert worden ist, dass ich ihn nur aus pekuniären, überhaupt niedrigen Gründen führe, so darf ich mir wohl folgende Berichtigung gestatten:

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Die Firma Münchmeyer hat mir erklärt, dass sie diese „Unsittlichkeiten“ für unzertrennlich von diesen Romanen halte und mit ihnen so viel Geld wie möglich verdienen wolle. Ich kann dies jederzeit durch unanfechtbare briefliche Dokumente beweisen. Um diese Ausnützung der Unsittlichkeiten endlos fortsetzen zu können, behauptet man, dass ich auf alle Urheber- und Verlagsrechte verzichtet habe, wobei sogar das Recht der beliebigen Veränderung, Umarbeitung usw. mit inbegriffen sei. Ich hingegen prozessiere, um diese mir gewaltsam vorenthaltenen Rechte mir gerichtlich bestätigen und die Romane dann sofort und für immer verschwinden zu lassen. Das ist zunächst meine erste und höchste Pflicht; die Vergiftung hat ganz unbedingt schnellstens aufzuhören. Ob ich sie damals genau so geschrieben habe, wie sie jetzt gedruckt werden, ob man berechtigt ist, die Unsittlichkeiten gar noch zu illustrieren usw., das sind Fragen, die darum erst an zweiter Stelle zu stehen haben, obgleich sie mich nicht weniger berühren. Diese unsittlichen Werke zunächst und so schnell wie möglich aus dem Buchhandel und aus den Verkaufsläden heraus; das ist für mich die Hauptsache! Denn, wenn der jetzige Besitzer der Kolportagefabrik von H. G. Münchmeyer auch zehn- und hundertmal öffentlich erklärt, dass die schlechten Stellen nicht von mir stammen, sondern von anderer Hand hineingetragen worden seien, so geschieht das nicht etwa zu meiner „Ehrenrettung“, es wird vielmehr durch diese höchst pfiffige Reklame ganz besondes auf die Schlüpfrigkeit dieser Werke aufmerksam gemacht, damit sich zu den zahllosen Maylesern auch noch diejenigen gesellen möchten, die May nur deshalb nicht lesen, weil seine Bücher keine aufreizenden Liebesgeschichten enthalten. Ich habe mich also gegen alle derartigen „Sittenzeugnisse“ des Herausgebers solcher Werke auf das Energischste zu verwahren. Es soll nicht wieder von ihm und mir geschrieben werden:

„Sie vertragen sich!“

Indem ich mich in dem Bestreben, diese Münchmeyerschen Werke schleunigst verschwinden zu lassen, mit Jedermann einig weiss, dem das Wohl und die Gesundheit der Volksseele

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am Herzen liegt, darf ich nicht beachten, dass ich mich dadurch wahrscheinlich selbst auch schädige. Und noch viel weniger darf mich der Umstand zur Nachsicht bewegen, dass die Hersteller und Verbreiter dieser „abgrundtiefen Unsittlichkeiten“ es verstanden haben, sich hochklingende Namen und hochgestellte Personen dienstbar zu machen, von denen ich nur sagen kann, dass ich sie bedauere, weil sie nicht wissen, was sie tun.

Der gegenwärtige Besitzer der Fabrik wagte erst kürzlich, am 21. Dezember 1904, vor Gericht zu erklären, er gebe diese Romane in 30 Bänden heraus und der unsittlichen Stellen seien eine ganze Menge darin. Dann ging er hin, um weiter zu drucken und weiter zu verbreiten. Man denke, vor Gericht! Das ist doch wohl schon mehr als kühn! Hätte er das wagen können, ohne so einflussreiche Personen hinter dem Namen Münchmeyer zu wissen? Man sieht, wie weit das Gift zu schleichen vermag, und es ist wohl an der Zeit, diesem Umsichgreifen der Schundromanmoral aus allen Kräften Einhalt zu tun! Man gründet Vereine, um derartige Romane aus der Literatur hinausschreiben zu lassen, übrigens ganz derselbe Zweck, den ich damals verfolgte. Es treten hohe Herrschaften an die Spitze dieser Vereine. Man setzt Preise aus; man scheut keine Opfer und gibt sich alle Mühe. Was nützt aber dies alles, wenn der Verleger von 30 Bänden „abgrundtiefer Unsittlichkeiten“ sich geschäftlich, rechtlich und moralisch so sicher weiss, dass er sich herausnehmen darf, vor Gericht mit ihnen zu prahlen, ohne dass irgend jemand die Macht besitzt, ihm das Handwerk zu legen! Dieser Mann scheint wohl gewusst zu haben, wie die Karten liegen, als er mir am Anfang des Prozesses drohte, ich sollte ja auf den Vergleich eingehen, denn falls er der Verlierende sei, werde er mich mit Hilfe der Zeitungen moralisch kaput machen!

Oder sollten wir uns irren, Sie Herr Redakteur und ich und die vielen anderen alle, die über die Romane jenes schwere, vernichtende Urteil ausgesprochen haben? Sollte die Verbreitung dieser „Unsittlichkeiten“ ein so grosses Verdienst um unser Volk und seine Seele sein, dass man sogar Geh. Hofräte resp. einen Rektor magnificus in Bewegung setzen darf, wenn es gilt, mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln den Fortbestand -

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Fortbestand der ge- resp. erwerbsmässigen Unsittlichkeit zu erzwingen? Denn das ist sie doch, da man durch sie nur Geld verdienen will, weiter nichts! Fast hat es den Anschein, als ob man geneigt sei, unsere einstimmige Konstatierung und Verurteilung der Unsittlichkeit für eine Farce oder Faxe zu halten, der gegenüber man die Verbreiter und Verkäufer zu beschützen habe. Da wollen wir uns denn doch beeilen, uns Klarheit zu verschaffen.

Nämlich ich werde sehr wahrscheinlich nächstens veranlasst werden, Ihnen Gelegenheit zu geben, sich vor Gericht hierüber auszusprechen. Sie standen und stehen noch heute an der Spitze derer, die in sittlicher Empörung über die Münchmeyerschen Romane zum Worte und zur Feder griffen. Es würde mich unendlich freuen, wenn Sie heute noch derselben Meinung wie damals wären und auch mit ganz derselben Begeisterung für sie eintreten wollten. Denn ich bitte Sie hiermit um die Erlaubnis, Sie in dieser Angelegenheit als Kenner, Sachverständigen und Zeugen angeben zu können.

Ich befürchte nicht, mit dieser meiner Bitte von Ihnen zurückgewiesen zu werden, und habe dazu folgenden Grund: Ich hatte Sie in einem hiesigen Blatte gelegentlich als Zeugen meiner Gegenpartei im Beleidigungsprozess May gegen Praxmarer bezeichnet. Ich nannte natürlich keinen Namen, weil es sich um einen sehr tüchtigen, katholischen Pfarrer, einen berühmten katholischen Erzieher und einen hohen österreichischen Prälaten handelte. Die Namen dieser drei Herren zu erfahren, wäre der hiesigen Presse eine wahre Wonne gewesen. Man versuchte, mich zur Indiskretion zu reizen. Man schrieb an Sie. Man hatte sich nicht verrechnet. Sie stellten in Abrede, Zeuge gewesen zu sein. Hierauf koramierte man mich öffentlich als Lügner; ich ging aber nicht auf den Leim. Zwar befindet sich in meinen und in meines Rechtsanwalts Handakten die betreffende Zufertigung des Grossh. Hessischen Amtsgerichts Friedberg vom 1. September 1904, in welcher wir benachrichtigt werden, dass Sie als Zeuge angegeben und vorzuladen seien; der Beweis, dass nicht ich gelogen habe, wäre mir also sehr leicht gefallen; aber ich schwieg trotzdem, denn zu verantworten pflegt man sich doch nicht vor Leuten, die einem weder amtlich noch intellektuell etwas zu sagen haben, und ich bin ja gewohnt,

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unsagbar albernes über mich schwatzen zu lassen, ohne darauf einzugehen! Von Interesse war mir nur, was man Ihnen in den Mund legte, nämlich: „Wäre ich als Zeuge über seine Kolportageromane vernommen worden, so hätte ich umsomehr gesagt.“

Wie mich das freute, als ich es las! Sie haben sich zwar in mir, ich mich aber nicht in Ihnen geirrt! Das, was Sie da tun wollen, ist ja grad das, was ich mir von Ihnen wünsche, und ich habe Sie nur zu bitten, „halten Sie aber auch Wort, Herr Redakteur!“ Ich werde sehr wahrscheinlich, wenn Sie in Köln vernommen werden, mich beim Verhör einfinden, bitte Sie aber schon jetzt, vollständig überzeugt zu sein, dass Sie meiner guten Sache umsomehr dienen werden, je weniger nachsichtig Sie mit diesen Münchmeyerschen Romanen verfahren.

Radebeul-Dresden, den 1. März 1905.

In höflichster Hochachtung

Karl May.

No. 3.

Sehr geehrter Herr!

Sie forderten mich auf, in Ihrem „Beobachter“ das Wort zu ergreifen. Sie wollen dadurch Klarheit schaffen; das ist lobenswert. Ich tue es also und sage Ihnen Dank.

Nein, Jugendschriftsteller bin ich nicht. Meine Gegner haben mich so getauft, um mich angreifen zu können; es würde sich ja sonst keine Handhabe gegen mich ergeben. Wer meine Bücher mit Verständnis liest, der findet es ganz unbegreiflich, dass sich Jugendschriftenvereine und Jugendschriften­kommissionen dazu gebrauchen lassen, mir mein Taschentuch streitig zu machen, um die Nase irgend eines Kunst- und Literaturpapstes damit zu putzen. Ich schreibe für Leute, welche Geist besitzen, mögen sie jung sein oder alt. Wenn die Jungen mich lesen und gewisse Alte mich verwerfen, so beweist das nicht etwa, dass ich Jugendschriftsteller bin, sondern dass unsere jetzige Jugend mehr Geist besitzt, als diese Alten je besessen haben.

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Meine Bücher verursachen den obengenannten Päpsten Kopfzerbrechen. Die wissen nicht, wohin sie mit ihnen sollen. Für das, was ich schreibe, gibt es bei ihnen weder einen besonderen Kasten noch eine besondere Nummer. Sie können also nicht antworten, wenn man sie nach mir fragt. Darum werfen sie mich gleich lieber zum Fenster hinaus; da sind sie mit mir fertig. Es ist kaum glaublich, aber wahr! Meine Reiseerzählungen erschienen alle in hochbedeutenden Journalen, die nur von erwachsenen, geistig reifen Menschen gelesen werden, und doch wagt man es, sie der Volksseele nur als Lesefutter für dumme Jungens zu bezeichnen. Warum? Damit diese Seele, wie der arme Lazarus beim reichen Manne, nur von den Brocken leben, die ihr die Koryphäen herunterfallen lassen! Und was noch schlimmer ist: Diese Erzählungen sind nun ein volles Vierteljahrhundert alt, und trotz dieser langen Zeit hat sich unter besagten Literaturpäpsten noch kein einziger gefunden, der scharfsinnig genug war, einzusehen, dass sie noch gar nicht diskutierbar sind. Es gibt ausser mir kaum vier oder fünf Personen, welche wissen, was ich mit ihnen eigentlich will, und es ist im höchsten Grade spassig, dass man trotzdem Leute hat, welche mir den Platz schon prophezeien, den ich in der Literaturgeschichte einst angewiesen bekommen werde. Herr Redakteur, ich sage Ihnen, dass ich nach einer ganz anderen Unsterblichkeit trachte, als nach dieser blos literarischen!

Das betraf die erste Frage. Nun die zweite: Nein, angefeindet werde ich nicht. Das klingt Ihnen sonderbar, nicht? Angefeindet wird nämlich nur mein Zerrbild, welches im Gehirn eines bekannten, defekten Kopfes entstanden ist und seitdem überall sein Wesen treibt, wo andere Köpfe an ähnlicher Defektheit leiden. Wenn ich wirklich der Karl May wäre, für den mich diese armen Teufel ausgeben, so wäre ich entweder der schlechteste oder der verrückteste Mensch, den man je auf Erden gefunden hat. Eine einzelne Phantasie kann gar nicht krank genug sein, sich eine solche Missgestalt auszudenken; es gehört eben die Arbeit so vieler lädierter Gehirne dazu und dann die ganze unbegreifliche Denkfaulheit aller derer, die grad das, was unglaublich ist, am allerleichtesten glauben. Noch nie und nirgends hat dieses Zerrbild

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May derart gespukt, wie jetzt und hier in Dresden. Wenn all die armen Leute, in deren Köpfen es sich herumtreibt, wüssten, was ich denke, wenn ich mit ihnen spreche! Indem sie mich mit dieser monströsen Kreatur ihrer eigenen Gedanken verwechseln, glauben sie, unendlich hoch über mir zu stehen, und ahnen nicht, wie sehr ich sie bedaure! Und indem ich ihnen ansehe, dass sie sich die grösste Mühe geben, einen humanen Ton gegen mich anzuschlagen, wissen sie nichts von der Grösse der Nachsicht, die ich ihnen widme.

Freilich, wenn ich sehe, was alles über mich geschrieben wird und wie man sich auf gewisser Seite die grösste Mühe gibt, diese Karrikatur als Wahrheit hinzustellen, so kann ich es dem, der mich nicht persönlich kennt, allerdings nicht übel nehmen, wenn er den May, der in Radebeul wohnt, mit dem May verwechselt, der nur in der Lüge der Abgefeimten und in der Leichtgläubigkeit der Bornierten existiert.

Es hat in keiner Literatur irgend eines Landes einen ähnlichen Fall gegeben, und ich bin es nicht nur mir und meinen wohlmeinenden Lesern schuldig, dafür zu sorgen, dass dieser Zustand ein Ende nehme. Hiermit komme ich auf Ihre letzte Frage, die für mich die jetzt aktuellste ist. Ja, richtig! Es ist durch alle deutschsprechenden Länder und Zeitungen konstatiert worden, dass die Romane, welche die Firma Münchmeyer unter meinem Namen herausgibt, pornographischen Inhalts sind. Sie werden von den besten Kennern als „abgrundtief unsittlich“ bezeichnet, und ich selbst habe mich bereits schon vor Jahren diesem sehr wahren Urteile öffentlich angeschlossen. Ich kämpfe mit allen Kräften gegen diese Unsittlichkeit. Ich führe den bekannten Prozess zu keinem anderen Zwecke, als um dieses fürchterliche Gift zu vernichten, an dem die ethische Gesundheit unserer Volksseele zugrunde gehen muss. Die Firma Münchmeyer verbreitet eine grosse Anzahl von Romanen, aber schon allein für die fünf, um die es sich handelt, wird bei jeder Auflage, nur zu 5000 gerechnet, der armen Leserwelt die ungeheure Summe von 750 000 Mark entzogen, bei jeder Auflage, merken Sie wohl! Und was bekommt sie dafür? Einen Lesestoff, der jedem Leser die eigene Scham, die Scham vor sich selbst im Innern tötet. Und dieses

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Gift liegt in allen Häusern herum und wird von den Kindern mit verschlungen! Das hat aufzuhören, und zwar möglichst bald! Es ist nicht nur die Pflicht des Gesetzes, sondern die Pflicht jedermanns, dieser Volksverderbnis Einhalt zu tun. Vor allen Dingen aber die meinige, weil diese „abgrundtiefe Unsittlichkeit“ meinen Namen trägt. Ob ich sie selbst geschrieben habe oder ob meine ursprünglichen Arbeiten von anderen Händen so lüstern gefärbt worden sind, das hat erst an zweiter Stelle zu kommen; an erster Stelle muss es unbedingt heissen: „Weg, sofort weg mit dieser Münchmeyerschen Eiterbeule! Herausgeschnitten muss sie werden und vernichtet für immer!“ Jeder wohldenkende Mensch, der nicht von den Krankheiten der Volksseele lebt, wird mir dabei zur Seite stehen! Ich kämpfe nicht etwa gegen die Kolportage überhaupt; nein; die brauchen wir, und ich achte und ehre sie. Sondern ich kämpfe nur gegen jene ungeheure Schamlosigkeit, die ihren verderblichen Handel vor aller Augen treibt und sich nicht einmal darüber schämt, dass sie sich nicht mehr schämen kann. Der grässlichste aller dieser Handelsartikel war der Münchmeyersche „Venustempel“. Der Tempel wurde polizeilich vernichtet, aber die Venus lebt noch heute, und der, der will ich das Handwerk endlich legen!

„Münchmeyers“ sträuben sich, wie man sieht, aus allen Kräften gegen diese Abrechnung mit mir. Noch ehe ich den Prozess begann, wurde die Parole ausgegeben: „Wenn May verklagt, machen wir ihn öffentlich kaput in allen Zeitungen!“ Nun, ich habe trotzdem geklagt, und alle Welt beobachtet jetzt, in welcher raffinierten, unerbittlichen Weise ich öffentlich hingerichtet werde. Es ist ernst, bitter ernst, denn das verderbliche Gift ist überall hingedrungen, selbst in diejenigen Kreise, deren Pflicht es ist, mir beizustehen. Man kennt ja jenen Dresdner Professor, Doktor und Redakteur für Kunst und Wissenschaft, der es mir in seinem Amtsblatte vorwarf, dass ich gegen diese „Münchmeyers“ prozessiere, anstatt ihnen „meine Liebe“ zu erweisen! Man kennt die ganz besonderen Angriffe eines gewissen Herrn Lebius, der soeben wieder eine Mitteilung aus der Quelle des Herrn Rektors magnific. Geh. Hofrat Professor Dr. Gurlitt bringt, welcher der Schwager des Münchmeyerschen Rechtsanwaltes ist und die

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Unwahrheiten nicht berichtigt, die unter seinem Namen gegen mich veröffentlicht werden.

Sie sehen, es wird mir gar nicht leicht gemacht, die Eiterbeule auszuschneiden und zu vernichten, aber es ist mir trotzdem nicht bange. Die künstlich gegen mich gemachte, scharf giftige Stimmung muss doch endlich weichen, denn meine Sache ist gerecht, und ich befinde mich in einem Lande, in welchem unsere göttlich und moralisch vorgeschriebenen Sittengesetze massgebend sind, nicht aber die in den gegen mich verteidigten Venustempeleien versteckten Sittenlosigkeiten!

Was man durch Herrn Lebius über mich verbreitet, findet selbstverständlich strafrichterlichen Abschluss. Uebrigens arbeite ich an einer höchst eingehenden Schilderung meines Lebens, in der ich alle meine bekannten und unbekannten Fehler öffentlich beichte. Ja, das werde ich tun, aus eigenem Antriebe. Abzubitten aber habe ich der Menschheit … nichts!

Indem Sie diese Zeilen drucken, werden Sie zum Vorkämpfer der öffentlichen guten Sitte. Ich danke Ihnen nochmals.

Hochachtungsvoll

Karl May.

No. 4.

Sehr geehrter Herr!

Sie wollen in Ihrer nächsten Nummer für mich das Wort ergreifen? Nein! Bitte, tun Sie das nicht! Und warum nicht? Das will ich Ihnen sagen.

Sie kennen doch jedenfalls Professor Dr. Ludwig Freytag, den erfahrenen und hochverdienten Literaturkenner, Kritiker und Redakteur des „Pädagogischen Archives“? Dieser Herr schrieb kürzlich nach einer wohlwollenden Kritk über mich: „Die plötzliche Feindschaft gegen den Dichter ist derart, dass man ihre Ursachen heutzutage nicht klarlegen darf, ohne sich Prozessen auszusetzen.“ Er charakterisiert hiermit das Gebahren jener gewalttätigen, terroristischen Clique, deren unversöhnliche Feindschaft Sie sich sofort zuziehen, falls Sie es wagen, ein wohlwollendes Wort über mich zu veröffentlichen.

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Die allergeringste Strafe, der Sie aber mit um so grösserer Sicherheit entgegen gehen, ist die Anschuldigung, dass Sie von meiner Unterstützung leben und sich den Artikel von mir selbst schreiben lassen. Ich fühle die innere Verpflichtung, Sie, der Sie mir Ihre Spalten in ebenso freiwilliger wie uneigennütziger Weise geöffnet haben, vor derartigen Verlästerungen zu bewahren. Wenn Sie meinen, dass das, was Sie sagen wollen, unbedingt gesagt werden muss, so lassen Sie mich es tun, der ich weder geschäftliche noch irgend eine andere Rücksicht zu nehmen habe. Und sollte man sich auf jener Seite etwa darüber moquieren, dass ich nicht ein sogenanntes „höheres“ Blatt zur Aussprache wähle, so brauche ich mich nur auf den Herrn Geheimen Hofrat Professor Dr. Gurlitt zu berufen, der sowohl als Rector magnificus der Königlichen technischen Hochschule wie auch heute noch nichts dagegen tun zu wollen scheint, für einen Freund, Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter eines Blättchens gehalten zu werden, für dessen Rang ich vergeblich nach einem Massstab suche. Also, Ihre Einwilligung voraussetzend, erlaube ich mir, an Ihrer Stelle zu sprechen.

Ich weiss, Sie wollen zweierlei tun, Herr Redakteur, nämlich warnen und aufklären; warnen vor der Uebereilung und Bissigkeit, und aufklären über die angebliche Macht und Fürchterlichkeit meiner sogenannten Gegner. Die Uebereilung ist leider schon längst in vollstem Gange. Man beurteilt mich in hergebrachter Weise, nach alter bequem gewordener Schablone. Darum begreift man nicht, dass ich bis jetzt noch gar nicht gearbeitet, sondern nur Versuche gemacht habe. Alle meine nachdenkenden Leser wissen, dass es mir noch gar nicht eingefallen ist, ein „wirkliches Etwas“ zu leisten. Ich habe mir nur eine einzige Aufgabe gestellt und werde also nur eine einzige Arbeit liefern. Ich durfte mir nicht erlauben, mit dieser Arbeit zu beginnen, bevor ich die nötige Reife zu ihr besass. Darum war meine bisherige Tätigkeit nur der Uebung, der Präparation gewidmet. Ich schulte mich in der Führung des Stiftes, in der Verteilung von Licht und Schatten, im Treffen aller möglichen Tinten. Ich schrieb mir die verschiedenen geistigen und seelischen Farben und Farbmischungen meiner Palette zusammen. Ich prüfte die Farben, Tinten, Lichter und Schatten in ihren Wirkungen auf meine Leser. Und nun ich

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mit diesen meinen Vorstudien zu Ende bin, glaube ich, es wagen zu dürfen, meine eigentliche Arbeit zu beginnen.

Ich habe also bisher nur skizziert, mich vorbereitet. Es gibt aus meiner Feder noch nichts, was ich als „Werk“ bezeichnen darf. Nun stehe ich als dreiundsechzigjähriger Mann vor einer vollständig leeren Leinwand. Meine Palette ist zwar reich, wohl vorbereitet, aber ich kann mich leicht in meinem Können täuschen; dann war mein Leben nichts; kein Mensch braucht ein Wort darüber zu verlieren! Und dennoch, dennoch – – wie viel ist schon über mich gesprochen und geschrieben worden! Ganz unnütz, ohne allen Zweck! Man sollte es nicht glauben, aber es gibt wirklich Leute, welche meine Uebungen für fertige Werke, meine Palette für ein Gemälde halten. Und grad sie sind es, die ihr voreiliges Urteil in die Welt hinausposaunen und gar nicht ahnen, wie sehr sie sich dieser ihrer Unwissenheit zu schämen haben. Wer berufen zu sein glaubt, literarisch zu Gericht zu sitzen, der muss doch wenigstens so viel gelernt haben, dass er die Vorübung, den Vorversuch vom wirklichen Werk, das erst noch zu erwarten ist, unterscheiden kann. Und gesellt sich zu diesem Unvermögen noch jene scharfe, giftige Bissigkeit, über die ich mich so oft zu verwundern habe, so kann man als vernünftiger Mensch nichts weiter tun als – schweigen.

Was nun zweitens die angeblich grosse Zahl und Macht meiner Gegner betrifft, so ist das eine Uebertreibung, die nur den Zweck verfolgt, sich wichtig zu machen. Wie man früher den grossen Fehler beging, mich unverdient zu loben, so begeht man jetzt den glücklicher Weise geringeren, mich allzusehr zu tadeln. Diese Umwandlung war eine so plötzliche und so oberflächliche, dass sie unbedingt Verdacht erwecken muss. Veranlasst wurde sie durch die Kolportagefirma Münchmeyer und deren „abgrundtief unsittliche, höchst pornographische“ Romane, vor deren Lektüre ich gar nicht genug warnen kann, obgleich sie unter meinem Namen herausgegeben werden. Ich prozessiere gegen die weitere Verbreitung dieses Giftes und hoffe, dass es mir gelingt, es aus der Welt zu schaffen.

Zwar wird von gegnerischer Seite der Anschein erweckt, als ob die Stimmung gegen mich eine allgemeine sei und tiefe Wurzeln geschlagen habe; dies ist aber keineswegs der Fall,

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sondern sie beschränkt sich nur auf solche Punkte oder engere Kreise, die entweder von den Münchmeyerschen Kolporteuren bestrichen werden oder irgend eine egoistische Veranlassung haben, mich mit diesen Schundromanen in eine Beziehung zu bringen, die ich von mir weisen muss. Die paar hundert Personen, um die es sich handelt, haben für die Seele unseres deutschen Volkes fast nichts oder doch herzlich wenig zu sagen; um so grösser aber ist der Eifer, mit dem sie glauben zu machen suchen, dass sie diese Seele gegen mich in Schutz zu nehmen haben. Sie sind nicht imstande, einzusehen, dass sie mir und meinen Büchern dadurch eine Bedeutung beilegen, die sie an anderer Stelle beharrlich abzuleugnen pflegen.

Vollständig unschuldig bin ich an der Gegnerschaft der Kolporteure, Kolportagebuchhändler und Kolportageverleger. Ich habe weder die Absicht noch einen Grund, der Kolportage feindlich gesinnt zu sein. Sie ist uns nötig; wir können und wollen sie nicht entbehren. Sie hat ganz sicher keinen geringeren Prozentsatz edler, hochdenkender und hochherziger Männer als der Buchhandel überhaupt. Diese Männer kommen mit dem eigentlichen Volke in die innigste Berührung und sie wissen, in welcher Form sie ihm die gesunde, geistige Hausmannskost zu bieten haben. Es würde eine schwere Versündigung am Volke sein, ihm den Kolportageroman nehmen zu wollen; aber natürlich ein Schundroman darf er nicht sein. Einen guten Kolportageroman schreiben zu können, ist keine Schade, sondern eine Ehre; wer das nicht glaubt, der versteht von der Sache nichts. Doch eben weil die Kolportage in so inniger Fühlung mit dem Volke steht, wirkt sie doppelt und zehnfach verderblich, wenn sie Artikel vertreibt wie der Münchmeyersche „Venustempel“ einer war und mehrere Münchmeyersche Romane jetzt noch sind. Ich bin nicht ein Feind, sondern ein Freund der Kolportage. Und weil ich dies bin, so wünsche ich herzlich, dass sie keinen Verleger unter sich dulde, der durch die Herausgabe „abgrundtief unsittlicher“ Werke das alte Vorurteil zur neuen traurigen Wahrheit macht, dass man unter „Kolportagesachen“ nur schmutzigen Schund zu verstehen habe. – – –

Hochachtungsvoll

Karl May.

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5. Kapitel.Als Redakteur.

Ich fahre nun in meiner Lebensbeschreibung da, wo ich oben stehen geblieben bin, fort und beginne diese Fortsetzung mit dem Tage, den ich unbedingt als meinen verhängnisvollsten zu bezeichnen habe, weil er mich verführte, das mir von der Vorsehung zugewiesene, eigenartige Milieu zu verlassen und mich einer Atmosphäre zuzuwenden, die ich gewiss gemieden hätte, wenn sie mir nicht so völlig unbekannt gewesen wäre.

Dass diese Atmosphäre sogar noch in der Rückbetrachtung verschlechternd wirkt, wird man sofort an dem Ton erkennen, den ich nun anzuschlagen habe. Wir treten nämlich mit dem gegenwärtigen Kapitel in den Dunstkreis der „Schundliteratur“, und kaum ist dies geschehen, so wird man bemerken, dass dieser mein bisheriger Ton niedriger zu klingen beginnt. Der Schund macht eben ordinär, und nicht nur das, sondern er zwingt sogar dazu, auch mich! Ich habe nämlich während der letzten drei Jahre eine derartige Menge von Lügen, Verleumdungen und Verdächtigungen über mich ergehen sehen, dass es einer fast unglaublichen Selbstbeherrschung bedurfte, sie der guten Sitte zu Liebe einstweilen schweigend hinzunehmen. Ich konnte als allbekannter Optimist resp. Idealist unmöglich daran zweifeln, dass die Wahrheit trotz dieser fortgesetzten Bewerfung mit moralischen Fäkalien zum Siege kommen werde. Ich würde gewiss auch weiter schweigen, wenn nicht von gegnerischer Seite in Beziehung grad auf den unsauberen Teil des Prozessmaterials eine sehr schlau berechnete, künstliche Durchsickerung betrieben worden

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wäre, die mich zwingt, mir dies nun endlich einmal zu verbitten. Und dass dies nicht in dem devoten Tone, den man bisher so gütig war, mir zuzumuten, geschehen kann, lässt sich wohl denken! Man spricht hier in Dresden von den diskretesten Zeilen meiner Prozessakten mit einer Offenheit, die geradezu in Erstaunen setzt. Man trägt diese Dinge den Redakteuren für ihre Blätter zu. Ist es gedruckt, so schickt man an die Zeitungen Deutschlands und Oesterreichs Exemplare zur Weiterverbreitung. Was heut in Dresden als selbstverständlich sekret verhandelt wird, kann ich, wenn ich will, schon übermorgen in einem westfälischen oder süddeutschen Blatte lesen. Und die Abonnenten dieser Zeitungen schicken mir dann Briefe zu, durch welche mir die Augen über dieses Treiben so vollständig geöffnet werden, dass sie mir übergehen möchten.

Das ist es, was ich meinte, als ich oben sagte, dass sogar endlich auch ich selbst von dem „Schund“ geradezu gezwungen werde, einen niedriger klingenden Ton anzuschlagen. Vor den Richtern habe ich die Lüge nicht Lüge, die Gemeinheit nicht Gemeinheit genannt, weil dies, wenigstens von gebildeter Seite, dort nicht gebräuchlich ist; man bedient sich da gewisser Umschreibungen, durch welche die Verhandlung auf derjenigen Höhe bleibt, die der Würde des Gerichts geziemt. Da ich aber gezwungen werde, meinen Gegnern aus dem höflichen und verschwiegenen Kreise des Verhandlungszimmers hinaus in die rücksichtslose und plauderhafte Oeffentlichkeit zu folgen, so bin ich berechtigt, mein bisheriges Schweigen abzulegen und die Dinge genau so zu nennen, wie sie in Wahrheit heissen. In diesem und dem folgenden Kapitel wird also die Lüge Lüge und die Gemeinheit Gemeinheit sein. Später, wenn ich dann nicht mehr im Tone meiner Gegner zu sprechen brauche, werde ich den meinen wieder höher steigen lassen.

Die Tiefe, in der ich mich jetzt zu bewegen habe, wurde schon durch den Titel des vorliegenden Buches angedeutet: „Ein Schundverlag“. Dieses Wort ist keineswegs meine eigene Erfindung. Auch setzte ich mich, indem ich es als Ueberschrift benutze, keineswegs der Gefahr aus, wegen Beleidigung verklagt zu werden. Nämlich der Chef der Firma H. G. Münchmeyer hat diesen terminus technicus höchstselbst für sich

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sanktioniert. Ich besitze von ihm einen Brief, den ich Jedermann zeigen kann. Da schrieb er mir seinerzeit:

„Ich versichere Ihnen schliesslich noch, dass mich nur der Zufall zum Schundverleger gestempelt hat; es steckt aus meinem früheren Geschäft noch ein gut Teil bester Verlegergeschmack in mir, den Sie zu meinem Glück ev. berufen sind, in mir wieder wachzurufen. In dieser Hoffnung begrüsst Sie etc. etc.

Der Mann kennt sein Geschäft doch jedenfalls besser als ich. Indem er sich selbst als „Schundverleger“ bezeichnet, raubt er mir die Möglichkeit, seine Firma und seinen Verlag höher einzutaxieren, als die Bezeichnung „Schund“ es mir gestattet. Der Titel hat also stehen zu bleiben, und ich kann nun erzählen, wie ich mit der Atmosphäre, die sogar noch jetzt meine Ausdrucksweise verschlechtert, in persönliche Berührung gekommen bin.

Ich wohnte damals seit fast einem Jahre bei meinen Eltern. Was von gegnerischer Seite anders behauptet wird, ist Lüge! Warum ich dieses Wort nicht umschreibe, weiss man bereits! Warum ich dies fett drucken lasse, wird sich später zeigen. Aber stets habe ich da, wo es steht, auf gerichtliches Verlangen Zeugen bereit, das, was ich behaupte, zu beweisen. Ich bitte dringend, diesen Umstand festzuhalten!

Meine Eltern standen sich so, dass Vater nicht mehr zu arbeiten brauchte. Es gab also für mich weder Not noch Sorge. Und selbst wenn ich mir auch jahrelang keinen Pfennig verdient hätte, wäre es für mich, so lange sie lebten, nicht nötig gewesen, fremde Menschen um Hülfe anzugehen. Aber ich war keineswegs ohne Arbeit und ohne Verdienst. Man hat dies zwar behauptet, aber das ist Lüge! Ich war bereits seit Anfang der sechziger Jahre Schriftsteller. Aus jener Zeit stammt z. B. die inkriminierte Novelle „Wanda“, die ich später Münchmeyer für nur einen Abdruck überliess. Die Behauptung, dass ich erst durch Münchmeyer Literat geworden sei, ist Lüge! Meine „Humoresken“ waren vielbegehrt, und meine „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ begannen zu wirken. Die neue, ungewöhnliche Psychologie, die ich in ihnen lehrte, frappierte die Leser und zog immer neue herbei. Kurz, es brauchte mir um meine Zukunft nicht im Geringsten bange zu

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sein. Am allerwenigsten aber hatte ich einen Menschen nötig, der mich „rettete“.

Ich sass damals am Fenster und schrieb. Da standen draussen auf dem Markte zwei Männer, die mich anschauten. Ich kannte sie nicht. Es war H. G. Münchmeyer und sein Bruder Fritz. Sie hatten von mir gelesen und gehört und waren nur gekommen, mich persönlich zu sehen, hundert Kilometer weit, von Dresden her. Sie kamen herein in die Wohnung und brachten ihr Anliegen vor. Otto Freitag, der Münchmeyers Schundblatt „Der Beobachter an der Elbe“ redigierte, war plötzlich fortgelaufen und hatte ein eigenes Blatt gegründet, um Münchmeyer totzumachen. Ich war zu seinem Nachfolger ausersehen, sollte aber schon morgen in Dresden sein, um die Redaktion anzutreten, weil bei der Gewandtheit und Energie dieses Mannes jeder Verzug von grösstem Schaden werden könne. Das reizte mich. Ein Kampf zwischen zwei Redakteuren, von denen der eine unbedingt unterliegen musste! Ich konstatiere im Voraus, dass es Freitag war, der unterlag. Auch der geringe Gehalt von 1800 Mark störte mich nicht. Die Redaktion eines derartigen Wochenblattes nimmt höchstens einen Tag in Anspruch. Die übrigen Tage gehörten dann mir und meinen Manuskripten; das brachte mehr als noch doppelt so viel; denn dass alle meine Zeit und Arbeit Münchmeyer gehört habe, ist eine Lüge; ich habe das bereits bewiesen. Auch bestimmte mich der Umstand, dass mir hier eine gute Gelegenheit geboten wurde, mich als Redakteur auch nebenbei über den Satz, die Stereotypie, den Druck etc. zu informieren, was für einen Schriftsteller sehr förderlich ist. Vor allen Dingen aber machte Münchmeyer mich dadurch bereit, die Stelle anzunehmen, dass er mir das Blatt, dessen Redaktion ich übernehmen sollte, als ein sehr gutes, ja beinahe feines beschrieb. Ich sagte also zu und versprach, morgen einzutreffen, zumal wir vierteljährliche Kündigung vereinbarten und er mich also nicht halten konnte, wenn ich mich nicht halten lassen wollte. Als ich ihn mit meinem curriculum vitae bekannt machen wollte, sagte er, dass sei nicht nötig, denn er habe sich nach mir erkundigt, ehe er zu mir gekommen sei. Leute wie ich seien ihm überhaupt sympathisch; man könne mit ihnen getrost über alles reden. Hierauf fuhren die beiden

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Brüder nach Dresden zurück, sehr vergnügt, ihren Zweck erreicht zu haben. Dass Münchmeyer mich weder aufgesucht noch mir die Stelle angetragen habe, sondern dass ich nach Dresden gekommen sei, mir Arbeit zu erbitten, ist Lüge! Die hundert Kilometer, die er mit seinem Bruder daransetzte, um mich zu sehen und mir die Annahme der Stelle plausibel zu machen, sind nicht wegzubringen. Das ist fett gedruckt; ich habe also Zeugen.

Auch die Behauptung, dass ich nicht hätte Redakteur sein können, ist eine Lüge! Sie lässt sich nicht mit Unwissenheit entschuldigen, denn vor Gericht soll man wohl prüfen, bevor man spricht. Es kann mich keine Polizei und keine Aufsicht verhindern, Redakteur zu sein, denn es steht ganz in meinem Belieben, ob ich selbst zeichnen oder einen anderen zeichnen lassen will, und ein politisches Blatt ist der „Beobachter an der Elbe“ ja nicht gewesen. Sogar ein Stadtverwiesener könnte über die Grenze herüber redigieren. Übrigens sollte ich bald sehr froh darüber sein, dass ich mich als Schriftsteller, nicht aber speziell als Redakteur angemeldet hatte. Ich komme in kurzem hierauf!

Als ich in Dresden ankam, war es um die Mittagszeit, und die Familie Münchmeyer sass beim „Kartoffelbrei“. Dieser war so dick, dass ich ihn bis heute noch nicht vergessen habe. Ich wurde aber nicht eingeladen, mitzutun, sondern Münchmeyer sagte mir, dass wir heute Abend ausgehen und etwas besseres mit einander essen würden. Er zeigte mir die Geschäftsräume, und dann ging ich, um mir eine Wohnung zu mieten. Ich fand eine passende, die in derselben Strasse lag. Dass ich gleich anfangs bei Münchmeyers in einem „Stübchen“ untergebracht worden sei, wie aus reinem Mitleid, und „eine Art von Gehalt“ bezogen habe, ist eine doppelte Lüge!

Hierauf trat ich, also nach der Mittagspause, sofort meine Stelle an, mit guten Hoffnungen und noch besseren Absichten. Der Beginn war eines derartigen Geschäftes würdig. Mein Vorgänger hatte die für das Münchmeyersche Blatt bestimmten Manuskripte mitgenommen. Münchmeyer hatte Angst vor ihm und bat mich, zu ihm zu gehen und sie mir geben zu lassen. Ich tat es mit Begeisterung, wurde aber von Herrn Otto Freitag zum Ruhme Heinrich Münchmeyers mit noch grösserer Begeisterung -

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Begeisterung zur Tür „herausgeschmissen“; so wenigstens drückte sich dieser liebenswürdige Herr aus, abgleich diese eilige Beförderung nur durch Worte angeregt, nicht aber mit Hülfe der Gliedmassen bewerkstelligt wurde. Ich behielt die Gefährlichkeit des Hausfriedensbruches im Auge und im Herzen und ging still fort, um dem „Heinrich“ – denn so wurde H. G. Münchmeyer meist genannt – einige vertrauliche Winke zu erteilen, die ich hier nicht wiederholen will.

Natürlich liess ich mir nun vor allen Dingen das Blatt vorlegen, dessen neuer Redakteur zu sein, ich die Ehre hatte. Als ich es sah und seinen Inhalt überflog, erschrak ich. Es war ein Unterhaltungsblatt höchst niedrigen Ranges, für Kolportageleser, à la „Hexe von Dresden“ oder „Die Windmühle auf dem Galgenberge“. Und nicht nur das, sondern ich bemerkte auch sehr bald, dass mit diesem Blatte in einer Weise manipuliert und den Lesern Sand in die Augen gestreut wurde, die ich nicht anders als mit dem Worte „Schwindel“ bezeichnen konnte. Dieses Blatt hiess nämlich nur für hier bei uns „Der Beobachter an der Elbe“. Für Wien, Köln, Frankfurt usw. „Der Beobachter an der Donau, am Rhein, an der Mulde, an der Tauber“ usw. genannt. Münchmeyer rühmte sich, diesen „Geschäftstrik“ selbst erfunden zu haben und durch ihn sehr gute Geschäfte zu machen, weil zudem meist der betreffende Kolporteur als Verleger angegeben und dadurch an jedem Orte der Glaube erweckt wurde, dass man es mit einem einheimischen „Beobachter“ zu tun habe, der nur bringe, was dort Interessantes geschehe.

Es lässt sich denken, wie wenig mir dies passte. Ich sah mich da als Redakteur von vierzig oder fünfzig Kolporteuren, welche sich einbildeten, Verleger zu sein und mir Vorschriften machen zu können. Diese Vortäuschung nicht existierender Verhältnisse konnte sehr leicht zu polizeilichen, wohl gar auch strafgerichtlichen Unannehmlichkeiten führen. Hierzu die Wertlosigkeit, ja sogar Gefährlichkeit des Inhaltes – – – kurz, mir ahnte gleich an diesem ersten Tage, dass meines Bleibens hier nicht lange sein könne, falls der „Heinrich“ sich nicht bewegen lasse, eine Änderung zu treffen. Heute freilich sagte ich noch nichts; ich hatte mich zunächst nur erst zu orientieren.

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Am Abende dieses ersten Tages erklärte mir Münchmeyer, dass wir, wenn es mir recht sei, von jetzt an allabendlich ausgehen würden, um, meist mit seinem Bruder Fritz, eine Partie Billard oder Skat zu spielen. Ich willigte ein. Wir gingen nach der Ammonstrasse. Dort gab es, wo er früher gewohnt hatte, eine kleine Wirtschaft mit Billard. Als wir in die Stube traten, stellte er mich den anwesenden Gästen, die meist Handwerker waren, mit den Worten vor: „Meine Herren, mein neuer Redakteur, Herr Doktor May!“ Es wurde zunächst gespielt. Dann hielt der „Heinrich“ Wort: Wir assen etwas besseres als Kartoffelbrei mit einander; er bestellte drei Rumpsteaks, sein Lieblingsessen, eins für den „Heinrich“ eins für den „Fritz“ und eins für mich. Jeder durfte das seinige essen und dann auch bezahlen. Der „Fritz“ trank schweres Bier, und zwar mit grossem Fleiss und noch grösserer Innigkeit. Bei jedem frischgefüllten Glase gewann er mich lieber. Ich weiss nicht, beim wie vielten, machte er Brüderschaft mit mir und versicherte dabei, dass er zwar nur Schneidergeselle gewesen, aber trotzdem zehnmal gescheidter sei als alle anderen Leute. Der „Heinrich“ sei Zimmergeselle gewesen und nur durch ihn, den Schneider, ein reicher Mann geworden. „Du bist ein Schaf, ein albernes!“ fuhr ihn da der „Heinrich“ an und blinzelte heimlich mit den Augen zu ihm herüber. Da schaute der „Fritz“ erschrocken vor sich nieder und war von nun an, bis wir gingen, still. Die Bedeutung dieser Szene wurde mir erst später klar, als ich gelernt hatte, verschiedene Gerüchte zu vergleichen.

Auf dem Nachhauseweg fragte ich Münchmeyer, wie er dazu gekommen sei, mich Doktor zu nennen. Das sei so Sitte, sagte er. Jeder bessere Schriftsteller, besonders aber jeder Redakteur sei so zu nennen. Ein kluger Verleger müsse das fordern, damit sein Redakteur von den Abonnenten und die es werden sollen, für ein gescheidter Kerl gehalten werde. Wer sich diesen Titel nicht gefallen lasse, der mache dem Geschäfte Schaden; er werde mich also öffentlich immer „Doktor“ nennen, unter vier Augen aber stets nur „lieber Karl“. Ich war geistesgegenwärtig genug, dies ebenso rührend zu finden wie „Fritzens“ Brüderschaft, erhob aber dennoch weiteres Bedenken gegen den „Herrn Doktor“. Da versetzte „Fritz“ mir einen vehementen

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Rippenstoss und schnauzte mir in das Gesicht: „Bis nich dumm Esel! Waste nich verschtehst, darüber haste nich zu reden!“ Ich fand keine Zeit, über diese Art und Weise meines neuen Duzbruders zu erstaunen, denn er fügte einen zweiten Rippenstoss hinzu, und zu gleicher Zeit erklärte mir der „Heinrich“ lachend: „Da haben Sie’s! Der Fritz ist der grösste Grobsack, den es gibt; das müssen Sie sich merken; aber Recht hat er; es bleibt dabei! Es kann da kein Gericht und keine Polizei etwas dagegen haben, denn Jedermann weiss, dass wir damit den „anstudierten“ Doktor gar nicht meinen.“

Ich war also gezwungen, mich gleich an meinem ersten Abend in Dresden mit dieser ganz unverhofften, „nicht anstudierten“ Würde schlafen zu legen. Ich wurde infolgedessen von Jedermann Doktor genannt, auch von Frau Münchmeyer und ihren Töchtern, sofern ich mit ihnen sprach. Gegenteilige Behauptungen sind Lügen! Übrigens hatte Münchmeyer ganz richtig charakterisiert: „Fritz“ war grob. Oder vielmehr, er war noch gröber als grob. „Heinrich“ aber liebte es, für „fein“ gehalten zu werden. In vertraulichen Augenblicken gab er zu, dass dies „der Speck sei, mit dem man Mäuse fange;“ besonders als Kolporteur habe man das zu wissen und zu üben. Er sagte das aus eigener Erfahrung.

Nun habe ich zunächst einige der Hauptpersonen zu nennen, mit denen ich es zu tun bekam. Dass der „Heinrich“ ein Zimmergeselle und der „Fritz“ ein Schneidergeselle gewesen war, wurde bereits gesagt. Sie stammten vom Lande. Was sie konnten, hatten sie in der Dorfschule gelernt. „Heinrich“ hatte seine weitere Ausbildung, besonders „das Feine“, den damals vielgelesenen Kolportageromanen „Die Gräfin mit dem Totenkopfe“ u. s. w. entnommen. Er hatte auf dem Dorfe Tanzmusik gemacht, Klappenhorn geblasen, Violine gegeigt und einige Zeit beim Militär gestanden. Er strebte sowohl nach Bildung, wie auch nach Geld, besonders durch Kloster-, Gespenster-, Ritter-, Räuber-, Mord- und Liebesromane. Darum wurde er Kolporteur. Er hatte Geschick dazu, besonders wegen – – das Feine! Er konnte ganze Reden auswendig, die irgend ein Graf, eine Fürstin, eine sterbende Braut, ein vergifteter Pfarrer oder ein verloren gegangenes Edelfräulein in irgend einem Schauerroman gehalten hatte. Mit solchen Waffen ausgerüstet, -

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ausgerüstet, zog er auf Kolportage aus und siegte Schritt für Schritt. Auf diesen Wanderungen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf lernte er ein Dienstmädchen kennen, welches sich zur Kolportage und zum „Heinrich“ hingezogen fühlte. Sie folgte inm [ihm] und heiratete ihn. Sie hiess Pauline und war eine geborene Ey, genau so wie ihre Schwester, die aber Minna hiess. Die Mutter dieser Töchter lebte noch, der Stiefvater auch. Dieser hiess „Der alte Reuter“. Ich habe ihn sehr geachtet. Er war ein ausserordentlich braver Mann, der sich seiner Stieftöchter weit mehr annahm, als er eigentlich verpflichtet war. Er wohnte, als ich die Redaktion übernahm, mit der Frau und der unverheirateten, aber bereits sehr ältlichen Tochter im Münchmeyerschen Seitengebäude und war zu jeder, auch der schlechtesten Arbeit willig.

Wir haben nun also einen „Heinrich“, einen „Fritz“, eine „Pauline“, eine „Minna“, eine „alte Reutern“, einen „alten Reuter“ und einen „lieben Karl“. Der letztere war ich. Weil ich aber nur vertraulich so genannt wurde, öffentlich hingegen „Herr Doktor“, so erwähne ich es nur, um mein Verhältnis zum Verleger zu bezeichnen. Diesen Namen ist noch ein sehr wichtiger, ein „Wilhelm“ beizufügen. Das war der Buchdrucker Gleissner, ein fast über die Kräfte arbeitsamer, höchst brauchbarer, gewissenhafter Mann, dem Münchmeyer zur grössten Dankbarkeit verpflichtet war, denn ohne den unausgesetzten Beistand dieses klugen, umsichtigen und ausserordentlich treuen Geschäftsmannes wäre Münchmeyer ohne alle Frage geblieben, was er war. Gleissner war die Seele des Geschäfts. Er konnte alles, entdeckte stets neues, war vorsichtig, doch unternehmend und wusste überall Rat. Es fehlte ihm nur Eines, seinen eigenen Weg zu machen, nämlich das selbstbewusste Auftreten, das Imponieren, die Suada, der Kothurn. Es war ihm nicht gegeben, jemand zu überreden; darum blieb er stets im Hintergrunde. Der „Heinrich“ aber besass das alles in hohem Grade; er hatte es sich auf seinen Kolportagewanderungen angeeignet. Er verstand es ausgezeichnet, die Gedanken anderer als die seinigen auszumalen nnd [und] sich nutzbar zu machen; er stand stets vorn, im Lichte. Man glaubte ihm; ja, gewöhnliche Menschen glaubten ihm sogar mehr als sich selbst. Darum brachte es Gleissner zu nichts, trotz aller guten Ideen. Münchmeyer -

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Münchmeyer aber wurde reich, denn er sagte, sie seien von ihm und führte sie aus. Was ich bei Münchmeyer durchsetzte, erreichte ich nur dadurch, dass ich mich mit Gleissner verständigte; der trug es dem „Heinrich“ hin und knetete es ihm in die Münchmeyersche Form. Dann kam der „Heinrich“ zu mir, um mir zu meiner heimlichen Freude das, was ich wünschte, als seine eigenen Gedanken an das Herz zu legen.

Wilhelm Gleissner hatte in Plauen i. V. eine Buchdruckerei gehabt und sich von Münchmeyer bestimmen lassen, mit seinen Maschinen nach Dresden zu kommen, denn beim Kolportagedruck sei da ein Vermögen zu erwerben. Er kam. Er arbeitete Tag und Nacht. Das Vermögen stellte sich ein, aber nicht bei ihm. Als ich ihn kennen lernte, wohnte er mit seiner zahlreichen, fleissigen Familie im Münchmeyerschen Hofe, im Seitengebäude, in bescheidenen Verhältnissen. Ich bemerkte sehr bald, dass er die eigentliche, treibende Kraft des Verlegers war. Er schien hier nicht gefunden zu haben, was er erwartet hatte. Ich fühlte, dass ein Weh auf ihm lag, auf seiner braven Frau und auch auf seinen Kindern. Darum war ich lieb zu ihnen und hatte ihn gern, er mich vielleicht wohl auch.

Schon in den ersten Tagen meiner Redaktionstätigkeit erfuhr und bemerkte ich, dass „der Wilhelm“ eines ganz besonderen, aber keineswegs angenehmen Nebenamtes zu walten hatte; das war das Zustandebringen der sehr häufigen Münchmeyerschen Notanleihen. So oft ein Wechsel oder sonst eine Zahlung fällig, aber „der Heinrich“ nicht bei Kassa war, konnte man, wie der damalige Ausdruck lautete, „den Wilhelm springen sehen“, um Geld herbei zu schaffen. Das Borgen gehört nicht zum „Feinen“; darum besorgte „der Heinrich“ das nicht gern persönlich. Die Ableugnung dieser sich immer wiederholenden Geldverlegenheiten ist einfach Lüge!

Ich weiss gar wohl, dass auch ein gut fundierter Geschäftsmann einmal in die Lage kommen kann, sich aushelfen lassen zu müssen; aber bei Münchmeyers geschah dies so häufig, dass es mir auffiel. Ich forschte nach den Gründen und fand ohne grosse Mühe deren zwei. Den einen begriff ich, als es mir trotz allen Eifers nicht gelingen wollte, mich in das Münchmeyersche Geschäft einzuleben. Es war wie absichtlich verschlossen, wie mit Brettern vernagelt. Es gab da nirgends

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einen klaren, durchsichtigen Punkt. Ich stiess überall auf etwas heimliches, was nicht reden wollte. Jedermann tat so, als ob er irgend etwas zu verschweigen habe. Ob die Druckmaschinen dem „Heinrich“ oder dem „Wilhelm“ gehörten, konnte ich nie erfahren. Warum der „Fritz“ die „Pauline“ mit den gemeinsten Ausdrücken belegen und ihr täglich und öffentlich zeigen durfte, wie gründlich er sie verachtete, das war mir zunächst unerfindlich. Diese zwei Beispiele mögen genügen; es schien aber im ganzen Geschäft überhaupt keinen Menschen zu geben, der aufrichtige Auskunft erteilen durfte. Ich habe bestimmte Ziele, nach denen ich schon damals strebte. Da war es vor allen Dingen nötig, den Grund und Boden kennen zu lernen, den es hier bei Münchmeyers gab, und die Mittel, die mir zur Verfügung standen. Aber ich konnte nichts erfahren. Es war ein allgemeines Heimlichtun. Jeder hatte etwas zu befehlen; jeder hatte etwas zu sagen; jeder hatte etwas hineinzureden. Ich sah fast gar nichts mehr, was geeignet war, mir Freude zu bereiten.

Hieran konnte doch unmöglich nur die Kolportage schuld sein. Es ist ja zuzugeben, dass eine nichts weniger als erhebende Tendenz in ihr vorhanden ist; aber hier handelte es sich nicht um Tendenzen sondern um längst fertige Zustände, deren Ursachen rein persönliche zu sein schienen. Vor allen Dingen bemerkte ich, dass es keine Buchführung gab. Es stand zwar einer da, dessen Arbeit es war, gewisse Einträge zu machen, aber ob er etwas von Buchführung verstand, das werden wir erst später untersuchen. Er hiess Jäger, heiratete Münchmeyers älteste Tochter, als diese sich von der Bühne verabschiedete, wurde nachmals angeblich Münchmeyerscher Prokurist und Firmenleiter, worauf er aber bald in einem Asyl für Trinker an Gehirnerweichung starb. Wie beträchtlich zur Zeit, von der ich rede, seine Kenntnisse in der Buchführung waren, geht aus dem Umstande hervor, dass ihm das Hauptbuch von einem siebzehnjährigen Lehrjungen „in Stand gesetzt und eingerichtet“ werden musste. Ich habe es mir gefallen lassen, dass er mir im Prozess als Koryphäe gegenübergestellt worden ist, nehme nun aber Grund, ihn einmal aufmerksamer zu betrachten. Heinrich Münchmeyer, der frühere Zimmergeselle, der niemals als Buchhändler oder Kaufmann gelernt

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hatte, ist doch wohl nicht im stande gewesen, Fachleute auszubilden und sich in diesem Manne einen wirklichen Buchhändler und firmen Kaufmann heranzuziehen. Ist Jäger in Wahrheit eine solche Kapazität gewesen, wie er hingestellt wird, so muss er vor allen Dingen dafür gesorgt haben, dass die Buchführung seines nicht fachmännisch gebildeten Schwiegervaters und seiner noch weniger genügenden Schwiegermutter wenigstens den gesetzlichen Vorschriften entsprach, so dass nicht noch nachträglich eine Bestrafung zu erfolgen hat. Wir werden ja nun bald sehen, ob dies der Fall ist. Unwissenheit kann doch unmöglich straffrei machen! Übrigens wurde mir von einwandfreier Seite mitgeteilt, dass gewisse Buchungen unterlassen worden sind, damit später keine Beweise vorhanden seien. Ich werde diese Zeugen nennen.

Diese Mangelhaftigkeit der Buchführung war das Hauptübel, durch welches die anderen alle erst ermöglicht wurden. Weil nichts bewiesen werden konnte, durfte Münchmeyer alles behaupten, was ihm beliebte. Und jeder andere machte ihm das nach. „Sie mausen alle wie die Raben“, pflegte er zu sagen. „Ich weiss es, aber ich kann es ihnen nicht nachweisen und sie nicht erwischen!“ Das führte zu der geschäftlichen Undurchsichtigkeit, von der ich gesprochen habe. Münchmeyer gab niemals glatte Auskunft über seine Geschäftsverbindungen, weil sonst Dinge an den Tag gekommen wären, die niemand wissen sollte. Seine Leute machten ihm das nach. Da spielte ein jeder mit seinen eigenen Karten und trieb seine eigene Wirtschaftpolitik. Es gingen ganze Wagenladungen von defraudierten Dingen aus dem Hause. Wer davon wusste, sprach aber nicht davon, denn keiner verriet den andern. Daher das immerwährende Bemühen durch das ganze Geschäft, einander zu mystifizieren, am allermeisten aber den „Heinrich“ und die „Pauline“.

Die letztere ganz besonders, denn ihr Geiz forderte geradezu dazu heraus, zumal ihr sonderbarer Stolz die Leute von ihr abstiess. Hierzu kam der eigentümliche Ruf, in dem sie stand, ein Ruf, der keineswegs geeignet war, die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Ehrlichkeit zu bestärken. Das Wort Münchmeyers von den „mausenden Raben“ erweckte in den Leuten ein Echo, welches zwar nur heimlich erklang, doch

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um so erbitterter und verächtlicher. Man meinte damit „die Pauline“. Das ist ein Punkt, den ich nur höchst ungern berühre, aber doch berühren muss, und zwar ausführlicher, als ich wohl wünschte. Denn hier liegt ganz ohne allen Zweifel im Münchmeyerschen Geschäft die schmutzige Stelle, von welcher aus jeder höhere Aufschwung niedergehalten und das Niveau des Verlages sogar noch unter dem Ausdruck „Kolportage“ herabgedrückt worden ist. Ich meine den Geiz, der die Grenzen der Sparsamkeit längst verlassen hat und auch bei der Habsucht noch nicht stehen bleibt, sondern nicht eher ruht, als bis er zur Gier, zur Geldgefrässigkeit geworden ist. Ob diese Gier das Geld für sich selbst zusammenscharrt oder für die Kinder, das ist sowohl für die, denen es entzogen, als auch für die, denen hierdurch ein verführerisches Beispiel gegeben wird, gewiss sehr gleich. Wenn eine Frau ebenso heimlich wie auch unheimlich für sich und die Kinder alles zusammenscharrt, was sich erreichen lässt, so treibt sie den Mann in förmliche Angst, die entstandenen Lücken immer wieder aufzufüllen. Ob er in dieser Angst die Grenzen des Erlaubten überschreitet, oder ob er, an dieser Grenze angekommen, ihrer Habsucht Einhalt gebietet, das hängt davon ab, wer die grösseren Fäuste macht, er oder sie. Ich komme hierauf später noch zu sprechen.

Zunächst fiel es mir auf, dass „der Heinrich“ auch bat, falls ich einmal mit einem Schriftsteller ein besseres Honorar vereinbare, „der Pauline“ ja nichts davon zu sagen. Er begründete das mit den Worten: „Ich bekäme da schlechte Ehe, denn die will alles haben, aber nichts geben.“ Das machte mich aufmerksam, und ich beobachtete die Frau. Sie stand fast den ganzen Tag im Geschäft, doch ohne etwas sichtlich Notwendiges zu machen. Aber sie beaufsichtigte das eingehende Geld, bejammerte das ausgehende und passte auf, dass niemand während der Arbeit eine Pause machte. Als ich Briefmarken für die Redaktion verlangte, mutete sie mir zu, ihr die Briefe vorzulegen; sie werde die Marken selbst darauf kleben. Da frankierte ich aus meiner eigenen Tasche.

Hierauf sagte man mir, dass „der Heinrich“ so häufig in Geldnot sei, weil „die Pauline“ die Geschäftskasse bestehle. Ich wollte das nicht glauben. Ich hielt es für unmöglich, dass

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eine Frau ihrem Manne das Geld heimlich aus der Kasse nehmen könne. „Bis nich dumm!“ lachte mich „der Fritz“ aus, den ich fragte. „Bei so ‘ner Buchführung!“ – – „Und „der Heinrich“, was sagt denn der dazu, wenn er es merkt?“ erkundigte ich mich. – – „Das geht Dich nischt an“, antwortete er; „das machense mit ’nander ab, aber laut!“ Das klang zwar höchst drastisch, schien aber der Wahrheit zu entsprechen, zumal der „Pauline“ alles Kräftige gern zuzutrauen war. Sie hatte berufsmässig gewaschen und gescheuert, war jahrelang mit kolportieren gegangen, wusch und scheuerte heute noch alles selbst, sogar die Treppen, und lieferte in Gedanken, Worten und Werken eine Hausmannskost, die keineswegs vom feinsten Mehl gebacken wurde. Mein Zweifel begann also, zu wanken, besonders auch deshalb, weil ich von dem Stiefvater und der Mutter der „Pauline“ Bemerkungen hörte, aus denen ich zu schliessen hatte, dass sie in Beziehung auf das heimlich verschwindende Geld die Vertrauten ihrer Tochter seien. Noch Deutlicheres hörte ich eines Tages vom „Wilhelm“. Er sollte wieder einmal Geld borgen gehen, war zornig hierüber und sagte, dass so etwas gar nicht nötig wäre, wenn „die Pauline“ sich nicht heimlich an der Kasse vergriffe und das Geld in den Kohlenkeller trüge, um es dort zu verstecken. Volle Gewissheit aber bekam ich kurze Zeit hierauf durch „die Pauline“ selbst.

Ich sass in meinem Zimmer und schrieb. Da kam sie herein, ohne anzuklopfen, im höchsten Grade aufgeregt. „Sie müssen mich retten; Sie müssen mich retten, Herr Doktor. Mein schönes Geld!“ jammerte sie. – – „Was denn für Geld? Was meinen Sie?“ fragte ich. – – „Der Wechsel, der heute fällig ist. Er leugnet mir ihn ab. Ich gebe Ihnen ein gutes Geschenk, ein grosses Geschenk, wenn Sie mir dazu verhelfen, dass ich nichts verliere. Mein Geld, mein Geld, mein vieles, schönes Geld!“ – Ich fragte nun nach und nach aus der alterierten Frau heraus, dass sie heimlich Geld auf Wechsel verborgt hatte. Es war eine bedeutende, vierstellige Summe. Sie hatte den Wechsel sehr gut versteckt, nur wusste sie nicht mehr, wo. Heute war er fällig. Sie suchte ihn überall, fand ihn aber nicht. Da ging sie ohne Wechsel, um sich das Geld zu holen. Als der Schuldner hörte, dass sie das Papier verloren -

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verloren habe, stellte er sich unwissend und leugnete den Wechsel einfach ab. Sie war starr hierüber und wurde grob; da wies er sie hinaus. Nun wusste sie sich keinen Rat und kam zu mir, dass ich ihr helfen möge. Ich tat das Einfachste und Richtigste, was geschehen konnte: Ich forderte sie auf, die Sache Herrn Münchmeyer zu erzählen; der werde ihr am besten helfen können. Da schlug sie erschrocken die Hände zusammen und schrie mir ins Gesicht: „Sie sind wohl nicht gescheidt? Wenn der erfährt, dass ich ihn heimlich bemause und das Geld hinter seinem Rücken verborge, da schlägt er mich doch tot! So ein Mann darf doch gar nicht wissen, wieviel unsereins für die Wirtschaft und für die Kinder braucht!“ – Sie liess sich eines Besseren nicht belehren; sie blieb dabei, dass ihr Mann um keinen Preis etwas erfahren dürfe, und so sah ich mich denn wohl oder übel gezwungen, mich der fatalen Sache anzunehmen. Ich suchte den Schuldner auf, und es gelang mir, ihn so weit zu bringen, dass er nicht mehr leugnete. Es sei im Scherz geschehen; aber Geld habe er heute freilich nicht. Er akzeptierte einen neuen Wechsel, der auf einen späteren Termin lautete. Da bekam „die Pauline“ denn richtig ihr Geld. Das verlorene Papier fand sich sodann in der alten Wäsche. Von meinem guten Geschenk, meinem grossen Geschenk aber hat das Schicksal bis zum heutigen Tag geschwiegen!

So waren die Diebstähle also wahr. Und das Schlimmste für mich, ich war Mitwisser geworden, Mitschuldiger, Hehler! Die giftige Säure hatte auch mich schon ergriffen! Und ich hatte mir doch so Gutes, so Hohes, so Edles vorgenommen gehabt! Nun gehörte ich zu all den anderen, die längst schon wussten, wohin das viele Geld verschwand, und es dennoch verschwiegen. Ich war um keinen Deut besser als sie! Oder sollte ich es dem „Heinrich“ verraten? War es meine Pflicht, es ihm zu sagen? Das gefährlichste Gift ist das, für welches man weder ein Ja noch ein Nein zu finden weiss! Ich fühlte mich schuldig, hatte ein böses Gewissen und konnte doch nicht anders. Hierzu kam als ebenso tiefe innere Schädigung, dass es mir, wie sich von selbst versteht, von Stund an nicht mehr möglich war, diese Frau als das zu achten, was sie zu scheinen, sich alle Mühe gab. Und da sie sich derart

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in alles drängte, dass es sich ganz von selbst verbot, sie einfach zu ignorieren, so waren mir alle meine guten Absichten, mit denen ich gekommen war, mit einem Male verleidet.

Wer die ersten Kapitel des vorliegenden Buches gelesen hat, der weiss, dass es für mich höchst triftige Gründe gab, nur mit Personen zu verkehren, deren guter Ruf und deren Ehrlichkeit ausser allem Zweifel stand. Wie aber sprach hier Jedermann von der Prinzipalin des Geschäftes! Und wie ernst, ja wie gefährlich war es gerad für mich, von ihr in das schlimmste Vertrauen gezogen und dadurch zum Mitschuldigen gemacht worden zu sein! Als die Eltern von ihr erfuhren, dass ich mich ihrer angenommen hatte, wurden sie mitteilsamer gegen mich. Auch ihre Schwester, „die Minna“, war wohl unterrichtet. Ich wurde als Vertrauensmann behandelt und gewann dadurch ein höchst überraschendes Bild von dem Bienenfleisse, mit welchem „die Pauline“ schon seit Jahren hinter dem Rücken ihres Mannes für künftige Schwiegersöhne gesammelt hatte. Denn das war ja die Spannfeder, der sie gehorchte: Vornehme Schwiegersöhne, die ihre reiche Schwiegermutter hofieren, koste es, was es wolle! Der Mann muss es schaffen, und was er schafft, nimmt man ihm heimlich weg, damit er es ja nicht etwa wieder verspekuliere! Es hatte sich sogar einmal ereignet, dass die in den Kohlenkeller geschaffte Summe zu schwer gewesen war. Da riss das Schürzenband entzwei, und das Geld verschüttete sich klirrend über die Treppe. Zeugen hierzu sind heute noch da; sie wünschen, hierüber vernommen zu werden. Dieses Klirren wurde berüchtigt; Jedermann sprach davon. In welcher Weise Münchmeyer selbst über diese Kassendiebstähle geklagt und einzelne Summen sogar bis auf 40 000 Mark angegeben hat, davon später, denn jetzt habe ich zunächst noch auf etwas anderes zu kommen.

Ich meine den schamlosen „Venustempel“, den man unmöglich übergehen kann, wenn von dem „Heinrich“ und der „Pauline“ überhaupt die Rede ist. Dieses Werk ist derart charakteristisch für diesen Mann und diese seine Frau, dass man etwas Treffenderes wohl kaum finden könnte. Es existierte schon lange Zeit vorher, ehe ich die Redaktion übernahm, und wurde in den ersten Wochen sorgfältig vor mir geheimgehalten.

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Ich sollte nur nach und nach sehen, in welche einem Nest ich steckte. Auch andere Schundwerke, sogenannte Schauersachen wie z. B. das „schwarze Buch“ usw. schob man mir nicht sogleich zur Betrachtung hin.

Eines Tages veranlasste mich Münchmeyer, in die Stadt zu gehen und einige Aufträge für ihn zu besorgen. Er hatte das sehr eilig, obgleich es sich um gar nichts wichtiges handelte. Das fiel mir auf. Es schien, als ob er mich für einige Stunden aus dem Geschäft zu entfernen wünsche. Ich spioniere nie, beeilte mich also keineswegs, hielt mich aber auch nicht länger auf, als nötig war, und kam darum weit eher heim, als er erwartet hatte. Er geriet dadurch in hohe Verlegenheit, denn es gab da eine Menge Polizisten, die nach etwas suchten, was sie nicht finden sollten. Er hatte, auf welche Weise, das ist mir unbekannt, erfahren, dass heute bei ihm der berüchtigte „Venustempel“ konfisziert werden sollte. Er kannte sogar die Zeit, in welcher die Polizei kommen würde, um hauszusuchen, und hatte seine Vorkehrungen getroffen. Vor mir schämte er sich über diese sittenpolizeiliche Massnahme gegen ihn. Ich sollte nichts davon wissen, sollte es wenigstens erst dann erfahren, wenn es vorüber sei. Darum hatte er mir die Aufträge gegeben, um mich fernzuhalten. Ausserdem traute er weder meinen Augen, noch meiner Ehrlichkeit. Nämlich, wenn er mich nicht veranlasste, fortzugehen, so hätte ich bemerken müssen, was in den Räumen hier für Veränderungen vorgenommen worden waren, um die gesuchten „Venustempel“ zu verstecken. Er war überzeugt, dass ich die Polizei auf keinen Fall belügen würde, wenn sie auf den Gedanken käme, sich bei mir zu erkundigen. Ich war ihm also so gefährlich, dass er mich unbedingt wieder zu entfernen hatte. Er kam, als er mich eintreten sah, auf mich zugeeilt und bat mich, wieder fortzugehen; er werde mir später sagen, warum; jetzt habe er keine Zeit. Ich ging und erfuhr dann erst am Abend, um was es sich gehandelt hatte. Doch teilte man mir das nur so im allgemeinen mit. Ausführlicheres erfuhr ich erst später, als ich die „Minna“ heiraten und also der Schwager des „Heinrich“ und der „Pauline“ werden sollte. Da glaubte man, mich in das Vertrauen ziehen zu müssen; ich erfuhr nach und nach alles, was andere Leute nicht wussten, und wurde auch

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in die so glücklich überstandene Venustempelaffäre eingeweiht, wenn auch erst nachträglich.

Ich habe im vorigen Kapitel bei Gelegenheit meines Gurlittbriefes über diese Affäre einiges gebracht, was ich noch einmal durchzulesen bitte. Bezeichnend ist, dass es im Münchmeyerschen Geschäft überhaupt Vexierriegel gab. Ich stelle ganz dahin, ob so etwas bei ehrlichen Leuten nötig ist! Bezeichnend ist ferner, dass man von dem Eintreffen der Polizei, sogar von der Zeit, in der dies geschehen sollte, genau unterrichtet worden war. Das konnte nur auf dem Wege der Bestechung resp. durch den Verrat von Amtsgeheimnissen geschehen sein! Ob diese gesetzeswidrige Verbindung zwischen der warnenden und der zu warnenden Seite von Mann zu Mann oder von Frau zu Frau bestand, habe ich hier nicht zu untersuchen. Jedenfalls ist das letztere vorzuziehen, und es muss konstatiert werden, dass „die Pauline“ in ganz hervorragender Weise mit bemüht gewesen ist, die Dresdner Polizei in geradezu raffinierter Weise zu betrügen. Dass z. B. die „Venustempel“ sogar auch unter die Betten der Kinder versteckt wurden, geschah nur von weiblicher Hand. Es heisst mehr, als man denkt, eine solche Menge von Büchern zu verstecken, so dass sie nicht gefunden werden können. Die Dresdner Polizei ist doch als sehr intelligent bekannt, aber der „Heinrich“ und die „Pauline“ waren ihr über. Man glaubt gar nicht, wie unfehlbar das wohlgeübte Münch- und Biedermeyersche Gesicht wirkt, welches der „Pauline“ von ihren Kolportagewanderungen her noch zur Verfügung steht, so bald sie es braucht! Auch bedenke man, dass die gesuchten Bücher fast überall steckten und also fast das ganze Personal in das Vertrauen gezogen, das heisst, veranlasst werden musste, an der Nase mit zu arbeiten, welche den Vertretern der öffentlichen Sittlichkeit gedreht werden sollte. Das ist ein böses Gift, welches niemals ruht, sondern unaufhaltsam weiterfrisst!

Man war es aber bei Münchmeyers schon gewohnt, dieses niederträchtige, gemeinste aller Gifte. Jeder Arbeiter und jede Arbeiterin musste [wusste], dass es polizeilich verboten war, und doch arbeitete man an seiner Herstellung vor aller Augen mit grösstem Fleisse weiter. Mir war es bis zur Haussuchung verborgen geblieben; dann aber beeilte ich mich, es kennen zu lernen, und

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gestehe aufrichtig, dass ich niemals etwas so Ordinäres gesehen habe oder noch sehen werde! Der „Venustempel“, später auch noch „Buch der Liebe“ genannt, war ein Buch, welches auf die allergemeinste Sinnenlust spekulierte. Die jedem Hefte beigegebenen phrynischen Buntdruckbilder waren nackt und frech im höchsten Grade. Hunderte von Textzeichnungen illustrierten die Begattung und ihren Verlauf in jeder, sogar der unnatürlichsten Weise. Und damit für den „Heinrich“ und die „Pauline“ sogar noch aus den allerschlimmsten Folgen dieser Verführung zur Unzucht Nutzen springe, war dem „Venustempel“ eine Hausapotheke mit denjenigen Antisyphilitica beigegeben, die niemals heilen, sondern nur vorbeugen und darum hundertfach gefährlich sind, weil sie dem Betrogenen vortäuschen, dass er ohne Schaden weiter sündigen könne.

Dieses scheussliche Machwerk wurde zu vielen Tausenden gedruckt und zu teurem Preis versandt. Jeder Arbeiter und jede Arbeiterin des Münchmeyerschen Geschäftes hatte damit zu tun. Diese Leute nahmen es bogenweise mit nach Hause. So kam das Gift in die Familien. Bei Münchmeyers lagen die Hefte und Abbildungen in den Stuben herum. Die Kinder, es waren vier Mädchen, studierten mit Eifer die Figuren. Die Mutter las sehr häufig in dem Buche. Sie erklärte es für ihr allerschönstes, bestes Werk, denn es bringe sehr viel Geld ein und sei höchst interessant und nützlich. Wahrscheinlich interessierte sie sich besonders für denjenigen Teil, der mit „Procuratio abortus“ überschrieben war. Wir kommen hierauf zurück, wenn es gilt, zu hören, was sowohl der „Heinrich“ als auch der „Fritz“ hierüber ganz öffentlich von der „Pauline“ erzählt haben. Zeugen sind noch heut vorhanden.

Man bedenke, welch ein Fluch dieses Schandwerk für Alle, die es kauften, auch für ihre Bekannten, für ihre Frauen und Kinder gewesen ist! Welche Moralität und welche Unersättlichkeit des Geldhungers gehört dazu, dass ein Weib, eine Frau, eine Mutter von vier Töchtern im Stande ist, so etwas nicht nur schön, sondern auch noch nützlich zu finden, weil es viel, sehr viel Geld in die Kasse bringt! Ich geniere mich nicht, hier ganz öffentlich zu sagen, dass mir ein weibliches Wesen, welches sich mit diesem Buche beschäftigt hätte, für immer ein Gräuel sein würde. Ich möchte sie nicht berühren,

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zur Frau nehmen aber auf keinen Fall! Man wird bald sehen welchen Grund diese meine Erklärung hat.

Und man glaube ja nicht, dass der so raffiniert schlau abgeschlagene Confiscationsversuch der Dresdner Polizei eine Einstellung der Venustempel-Fabrik zur Folge gehabt habe. O nein! Zunächst herrschte allgemeine Freude über die bewährte Pfiffigkeit. Nicht nur in der Fabrik, sondern auch in deren Nachbarschaft konnte man erzählen hören, in welcher Weise die Behörde „gemünchmeyert“ worden sei. Das so schon rote Gesicht der „Pauline“ trug doppelte Farbe. Hierauf begann man, nachzudenken und sich zu beraten. Man beschloss, den „Tempel“ flott weiter zu drucken, aber vorsichtiger zu sein. Er wurde fortan nur noch unter Siegel versandt, und wer die Verhältnisse und das betreffende Publikum kennt, der weiss, dass nichts so sehr wie gerad dieser Umstand geignet [geeignet] war, Reklame für das Buch zu machen. Ich aber war nach diesen Erfahrungen sehr froh, dass ich mich im Einwohneramte nicht als Münchmeyers Redakteur, sondern ganz allgemein nur als Schriftsteller angemeldet hatte. Es gehört eine bedeutende Unkenntnis der Verhältnisse oder eine höchst verwerfliche Absichtlichkeit dazu, diesen für mich so günstigen Umstand jetzt nun prozessualisch in einen ungünstigen verwandeln zu wollen.

Um nun auf den Hauptpunkt zurückzukommen, nämlich auf den „Beobachter an der Elbe“, der mein eigentliches Arbeitsfeld bedeutete, so hatte ich ihn nun vollständig durchgeprüft und war zu dem Entschluss gekommen, den „Heinrich“ vor eine Alternative zu stellen. Er hatte mich durch sein Lob dieses Blattes bestimmt, die Redaktion desselben zu übernehmen. Hätte ich das gewusst, was ich nun wusste, nämlich dass es so wenig oder gar nichts taugte, so wäre es mir gar nicht eingefallen, diese Stelle anzunehmen. Ich forderte ihn also auf, entweder mich zu entlassen oder den „Beobachter“ aufzugeben, um ein neues besseres Blatt an seiner Stelle zu gründen. Ich könne mich unmöglich an dem Weitererscheinen eines solchen Schundes beteiligen, sei aber bereit, nicht nur eines, sondern sogar zwei höher stehende Journale zu gründen und zu redigieren, nur aus reinem Interesse an der Sache und ohne eine Gehaltserhöhung zu verlangen.

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Er war zunächst ganz still vor Betroffenheit. Dann sagte er, so etwas sei unmöglich. Als er aber sah, dass ich auf meinem Willen stand, meinte er, er wolle es sich überlegen. Ich suchte also den „Wilhelm“ auf, um mich seines Einflusses zu versichern. Dieser verständige Mann gab mir in Allem Recht. Seine Meinung war: der „Heinrich“ lässt sich gern als „fein“ betrachten; er hat sogar Zeiten, in denen er gern für das „Höhere“ schwärmt, besonders wenn einmal kein Wechsel fällig ist; den werden wir bald dahin bekommen, wohin Sie ihn haben wollen. Aber die „Pauline“ ist das Bleigewicht. Die strotzt vor Geiz; die will nur Geld. Der „Beobachter“ bringt eine ganz annehmbare Summe ein, und auf die wird sie wohl nicht verzichten wollen. Machen Sie sich auf einen Kampf mit ihr gefasst. Sie war Wasch- und Scheuerfrau und wird Wasch- und Scheuerfrau bleiben, auch in der Kolportage!

Es kam so, wie er gesagt hatte. Ich war der Ansicht, dass eines der beiden neuen Blätter ein unterhaltendes sein müsse, vielleicht mit dem Titel „Feierstunden“ oder „Deutsches Familienblatt“. Das andere aber habe ein belehrendes zu sein. Es fehle ein billiges Blatt für den gewöhnlichen Arbeiter, ein religiös und sittlich unanfechtbares Blatt, welches ihm einen innern Halt verleihe und ihn bewahre, in unzufriedene, demokratische oder überhaupt illoyale Hände zu fallen. Mein Augenmerk sei dabei besonders auf Berg-, Hütten-, Eisenarbeiter und dem verwandte Fächer gerichtet. Davon gebe es ja viele Hunderttausende, und wenn die Sache richtig angegriffen werde, so habe man einen nicht nur lohnenden, sondern auch rühmlichen Erfolg zu erwarten. Als passenden Titel schlage ich da „Schacht und Hütte“ vor.

Nach einigen Tagen kam der „Wilhelm“ mit dem „Heinrich“ zu mir und gar mir einen lächelnden Wink. Der „Heinrich“ sagte mir, dass er soeben mit dem Wilhelm über etwas sehr Wichtiges gesprochen habe, was er auch mir mitteilen wolle. Wir würden also heut Abend einmal nicht kneipen gehen, sondern einen Spaziergang in das Freie machen, weil das, was er sich ausgesonnen habe, etwas sehr Feines, sehr Edles und sehr Volksbeglückendes sei, wozu die reine Luft im grossen Garten weit besser passe als der Tabaksdunst in Wiedemanns Schankwirtschaft. Wir gingen also am Abend nach dem grossen

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Garten, wo er mir eröffnete, dass er auf einen köstlichen Gedanken gekommen sei. Er wolle nämlich den „Beobachter an der Elbe“ eingehen lassen und an dessen Stelle nicht zwei sondern drei neue Blätter gründen, zwei unterhaltende und ein belehrendes. Sogar die Titel habe er schon fertig. Die unterhaltenden sollten „Deutsches Familienblatt“ und „Feierstunden“, das belehrende aber „Schacht und Hütte“ heissen. Doch dürfe ich auch für das dritte Blatt keine Gehaltserhöhung verlangen, denn das sei das einzige, womit er die „Pauline“ herumkriegen könne, zu diesen Neuerungen ja zu sagen; eine Gehaltszulage würde Alles verderben, und das sei sehr schade, weil besonders das Berg- und Eisenarbeiterblatt, wenn es richtig angegriffen werde, nicht nur einen lohnenden, sondern auch einen rühmlichen Erfolg erwarten lasse!

Wenn er gesehen hätte, wie ich heimlich schmunzelte! Ich ging natürlich gern auf Alles ein, denn ob ich zwei Blätter redigiere oder drei, das war mir eins, und eine Gehaltserhöhung brauchte ich nicht, weil ich mir ja nebenbei als Literat ein schönes Geld verdiente. Ich schrieb gleich am nächsten Tage an eine Reihe hervorragender Schriftsteller und Schriftstellerinnen; sie sagten alle zu. Es waren berühmte Namen dabei, sogar eine Baronin, auch eine Gräfin von Gallwitz; so strahlte also „Heinrich“ vor Stolz. Aber es ereignete sich das Wunder, dass diese Gräfin nach Dresden kam, um ihr Manuskript persönlich mit mir zu besprechen. Sie lud mich ein, im „Hotel Kronprinz“, wo sie abgestiegen war, mit ihr zu speisen. Ich akzeptierte unter der Bedingung, dass auch Herr Heinrich Münchmeyer mitkommen dürfe. Sie erlaubte es. Als der „Heinrich“ dann daheim erzählte, was alles aufgetragen, gegessen und getrunken worden war und dass ihm das keinen einzigen Pfennig gekostet hätte, da floss sogar der „Pauline“ das Herz dermassen über, dass sie nicht mehr auf den „Beobachter“ bestand, der allerdings „für Gräfinnen nicht gut passte“.

Ich wünschte, dass „Schacht und Hütten“ mit einem einzigen Schlage durch ganz Deutschland und Oesterreich erscheine. Darum stellte ich die fünf ersten Nummern vollständig fertig zusammen, liess sie drucken und trat mit ihnen eine Rundreise an, um sie – es sei mir der Ausdruck erlaubt – den Königen, Fürsten und Baronen der Berg-, Hütten- und

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Eisenindustrie persönlich vorzulegen. Ich meine da Leute wie Krupp, Hartmann, Borsig und andere. Diese Reise dauerte mehrere Monate. Wohin ich kam, wurde ich gut aufgenommen. Ueberall sagte man mir, dass man ein derartiges, gegen den Unglauben und die Bestrebungen der Sozialdemokratie gerichtetes Blatt mit Freuden begrüsse und seine Verbreitung warm befürworten werde. Es gab Fabrikcentren, wo in Folge dieser Befürwortung von oben herab die Buchhändler gleich mehrere oder gar viele tausend Nummern bestellten. Ich kehrte schliesslich infolgedessen mit einem Erfolge von über 200 000 festen Lesern nach Dresden zurück; wie jeder Kenner zugeben wird, etwas noch niemals Dagewesenes.

Nun war ich voller Begeisterung, die Versprechungen, die ich allen diesen grossen Industriellen gemacht hatte und die von ihnen so bereitwillig geglaubt worden waren, zu erfüllen. „Schacht und Hütte“ sollte ein Arbeiterblatt werden, wie es noch nirgendwo je eines gegeben hatte. Ich war am Abende heimgekommen und ging am Morgen ins Geschäft. Da traf ich zunächst den „Wilhelm“. Er begrüsste mich erfreut und bat mich, nicht zu erschrecken. „Warum, worüber?“ fragte ich. „Das werden Sie sehen“, antwortete er; mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Ich ging also zum „Heinrich“, der mich unendlich warm begrüsste und mir sagte, dass er mit den drei neuen Blättern, besonders aber mit „Schacht und Hütte“ ein geradezu glänzendes Geschäft machen werde, teils weil ich die Besitzer, Direktoren und Beamten so vieler grosser Etablissements gewonnen habe, meist aber deshalb, weil er den unendlich glücklichen Einfall gehabt habe, nach meiner Abreise meine fünf Originalnummern umzuändern und zu verbessern. Nun seien Tausende und Abertausende unter der Presse; er könne gar nicht genug liefern.

Ich sah ihn an, ohne zunächst ein Wort zu sagen. Was ich da hörte, kam mir ganz unfassbar vor. Da sprach er weiter. Er erklärte mir, dass die „Pauline“ die von mir ausgearbeiteten fünf Nummern durchgelesen und viel zu trocken und gelehrt gefunden habe. Der Leser will sich doch unterhalten; aber wieviel Lokomotiven es in der Welt gibt und was das Pfund Eisen kostet, wenn Uhrfedern daraus gemacht

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worden sind, das interessiere höchstens nur die paar Uhrmacher, die es gebe, weiter aber keinen Menschen. Das sei natürlich sehr richtig, und darum habe er mein Blatt umgeändert und nur die Hälfte so gelassen, wie sie war, im Uebrigen aber einen sehr schönen Roman mit hereingenommen, der ausserordentlich rührend sei und den Lesern gewiss tausende von Tränen kosten werde. Der „Heinrich“ weinte nämlich ungeheuer gern. Bei ihm richtete sich der Wert eines Romanes ganz nach seiner erschöpfenden Wirkung auf die Tränendrüsen. Auch mir war in diesem Augenblicke das Weinen näher als das Lachen. Ich beherrschte mich aber und blieb äusserlich ruhig, obgleich es in meinem Innern förmlich kochte. Ja, es war so! Meine mühsam zusammengerechneten statistischen Resultate waren der „Pauline“ zu trocken gewesen. Auch meine „geographischen Predigten“ taugten ihr nicht. Der Leser, besonders aber der Arbeiter, will Liebesgeschichten haben, wo sie sich entweder kriegen, oder wo sie sich erschiessen. Darum hatte man während meiner Abwesenheit meine Nummern umgeändert oder vielmehr, um den richtigen Ausdruck zu gebrauchen, gefälscht und ohne mein Wissen einen Roman hereingenommen, der mit „Geheime Gewalten“ betitelt war. Ich hatte überall meine Originalnummern vorgezeigt. Alle die eingelaufenen Bestellungen waren auf diese meine Nummern hin gemacht worden. Nun bekamen die Besteller ganz anders aussehende Blätter, mit einem Kolportage- resp. Liebesroman an Stelle der von mir versprochenen, wertvollen Belehrungen. Ich war blamiert! Ich stand als Lügner, als Schwindler da, vor allen diesen Leuten! Es kamen Briefe über Briefe, die voller Fragen und Vorwürfe waren. Ich zeigte sie natürlich vor. Da wurde der „Heinrich“ bedenklich. „Das tut mir leid, lieber Karl“, sagte er; „wir werden aber bald sehen, wer recht gehabt hat, Sie oder meine Frau.“

Schacht und Hütte“ musste ganz selbstverständlich nun mit dem fatalen Schundroman weitergeliefert werden. Das raubte mir alle Freude an diesem Blatte. Ich gab auf die eingegangenen Vorwürfe die nötigen Erklärungen ab; mehr konnte ich nicht tun. Das half doch so, dass die Bestellungen wenigstens nicht zurückgenommen wurden. Der Erfolg war also trotz der Fälschung ein sehr zufriedenstellender, und auch

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die beiden unterhaltenden Blätter gingen sehr gut. Der frühere Redakteur Otto Freitag, mein Vorgänger, der dem „Heinrich“ tot machen wollte, tat zwar so, als ob er das Geld ganz haufenweise verdiene, und fuhr nun schon in eigener Equipage, ging aber sehr bald wieder auf seinen eigenen Beinen und machte schliesslich Bankrott. Wir aber hielten uns nicht nur über Wasser, sondern wir lernten uns besser und immer besser stehen, so dass die „Pauline“ von Tag zu Tag immer freundlicher, immer gütiger und immer vertraulicher zu mir wurde, bis sie sich vor Freundschaft zu mir gar nicht mehr lassen zu können schien. Das ist ein etwas starker Ausdruck, aber für diesen Fall hier vollständig am Platze.

Frau Münchmeyer hiess, wie bekannt, im allgemeinen „die Pauline“. Vom „Fritz“ wurde sie am liebsten „das alte M…“ genannt. Mit diesem M ist dasjenige deutsche Wort gemeint, welches lateinisch homo und griechisch anthropos heisst. Der „Fritz“ meinte es aber nicht in männlicher, sondern in sächlicher und ziemlich ehrenrühriger Bedeutung. Einige andere machten ihm das bisweilen nach. Dies mochte seinen Grund in der oben erwähnten procuratio abortus haben, auf welche ich an der Hand mehrerer noch lebender Zeugen zurückzukommen habe. Es war bekannt, dass die „Pauline“ keine Kinder mehr haben wollte, und sogar ihrem Manne machte es Spass, dies in öffentlichen Restaurationen mit den deutlichsten Zusätzen zum Besten zu geben. Es leben auch hierfür noch verschiedentliche Zeugen. Wie diese Frau von diesem ihrem Manne genannt wurde, ist höchst interessant. Ein Zeuge, den ich auch noch wegen anderer Beweise zu nennen haben werde, erklärte mir: „Vor den Leuten nannten sie sich Papa und Mama, unter vier Augen aber warfen sie einander die Teller an die Köpfe. Er musste in der Küche essen und durfte nicht in die Zimmer. Sie liess ihn nicht zu sich; er lebte stets von ihr getrennt.“ Das alles wusste auch ich, denn ich sah es ja, und der „Heinrich“ sprach mit mir ganz ungeniert hierüber. Sie hielt ihre Wohnung überhaupt für jedermann verschlossen; niemand durfte ihre Möbel berühren. Wenn sie die Treppe getont hatte, durften die Gleissnerschen Kinder nur mit entblössten Füssen über die Stufen gehen oder sie tonte ihnen auch die Schuhsohlen. Da geschah etwas, was alle Welt in

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Erstaunen versetzte, denn es stellte diese Eigenart der „Pauline“ geradezu auf den Kopf.

Mein Vater schrieb mir nämlich, dass er nach Dresden kommen werde, mich zu besuchen. Ich hatte in meiner Wohnung ganz reichlich Platz für ihn. Da aber kam Frau Münchmeyer aus höchst eigener Initiative, mir zu erklären, dass sie ihn sich als Gast ausbitte; er solle in ihrem Fremdenzimmer wohnen. Das war eine Leistung sondergleichen! Mein Vater, ein in seinem ganzen Wesen und Benehmen fast mehr als bescheidener Mann, sollte als Gast in die Räume aufgenommen werden, die Münchmeyer selbst fast nie betreten durfte! Ich machte ihr diesen Gedanken ganz aufrichtig klar; sie nahm aber meine Abweisung nicht an und blieb dabei, „den guten alten Herrn Vater bei sich behalten und recht gut verpflegen zu dürfen.“ So geschah es denn, das grosse Wunder, das von jedermann bestaunt und besprochen wurde. Mein Vater wohnte volle zwei Wochen bei der „Pauline“ Sie kochte besser für ihn, als sie sonst zu kochen pflegte. Sie gab sich alle Mühe, ihm zu Gefallen zu sein. Sie ging sogar wiederholt mit, wenn ich mit ihm ausging, während ihr Mann sie fast nie bewegen konnte, dies mit ihm zu tun. Auch ihr Vater, ihre Mutter und ihre Schwester nahmen sich des Gastes in einer Weise an, die beinahe auffällig war. Der „alte Reuter“ machte bereits am zweiten Tage Brüderschaft mit ihm, und die „Minna“ nannte ihn nicht anders als nur erst „Papa May“ und dann ganz einfach „Papa“. Das alles fiel auf; es wurde belächelt und betuschelt. „Du, nimm Dich in Acht“, warnte mich „Fritz“, der grobe; „gehste ins Netz, so kommste nich wieder ’raus!“

Dass die „Pauline“ in dieser Weise mir zu Liebe aus allen ihren Gewohnheiten fiel, war das erste Mirakel. Das zweite geschah zu Weihnachten. Ich erzähle es jetzt, obwohl es chronologisch nicht an diese Stelle gehört. Ich bekam nämlich ein Weihnachtsgeschenk. Es wurde mir von der „Pauline“ bescheert. Sie sagte, das sei ein Beweis ihrer ganz besonderen Zufriedenheit mit meinen Leistungen als Redakteur der drei neugegründeten Blätter. Das Geschenk war ein Klavier, ein sogar tafelförmiges und gelbes. Ihre Kinder hatten schon längst ein

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Pianino. Darum zwar abgesetzt und hierauf kalt gestellt, hielt die Weihnachtsgabe doch noch leidlich zusammen. Ich nahm sie, ihrem Alter entsprechend, höchst ehrfurchtsvoll entgegen und stellte sie in meinem Wohnzimmer auf, etwas entfernt vom irdischen Verkehr, damit ja Niemand daran stosse. Ein Fachmann, der es bei mir stehen sah und mich fragte, wie ich zu dieser Häckselmaschine gekommen sei, untersuchte sie ebenso vorwichtig wie genau und erklärte mir dann, dass ich sie sofort hingeben solle, falls irgend Jemand so unbesonnen sei, mir fünfundzwanzig Mark zu bieten. Ein Gebot von sechsundzwanzig lasse fast schon auf unheilbare Paranoia schliessen. Ich habe aber sogar dreissig Mark dafür bekommen, und zwar von einem geistig ganz gesunden Möbel- und Instrumentenhändler, doch freilich unter Umständen, die ich noch zu berichten haben werde.

Dass dieses Weihnachtsgeschenk trotz alledem ein wahres Wunder bedeute, das sagte Jeder, der den sogar gerichtlich zugestandenen Geiz der Geberin kannte. So etwas war noch nie geschehen. Ich sass bei ihr im Brette und hatte mich wohl nur vor einem Allzuviel in Acht zu nehmen. Die Warnung des „Fritz“ klang mir im Ohre fort. Er war der Bruder des Besitzers, erfuhr von diesem mehr, als andere Leute wussten, und hatte gewiss einen triftigen Grund gehabt, von einem Netz zu sprechen, vor dem ich mich hüten solle.

Und „Fritz“ hatte Recht. Es öffnete sich dieses Netz; ja, es stand schon längst offen; nur hatte ich viel Wichtigeres zu tun gehabt, als auf solche Dinge zu achten. Ich wurde erst dann aufmerksam, als man es mir ganz unerwartet nahe legte, mit in Münchmeyers Haus zu ziehen. Mein bisheriges Logis genügte mir vollständig. Es war da still; ich wurde nicht gestört. Bei Münchmeyers aber wohnten diese mit Gleissners und Reuters im Seitengebäude; das Vorderhaus stand im Bau; dazu der ununterbrochene Lärm der Fabrik; ich sah keinen Grund, meine ruhige Wohnung mit einer so unruhigen zu vertauschen! Aber der „Heinrich“ erklärte, seinen Redakteur in der Nähe haben zu müssen; die „Pauline“ stimmte bei, und so zog ich dann um, ob gern oder ungern, das ist für heute nun gleich.

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Es war eine ganz hübsche Wohnung für mich leer geworden; ein junger Kaufmann war soeben ausgezogen. Sie bestand aus Vorsaal, Wohn- und Schlafzimmer, zudem auch noch ein separater Keller. Das war doch wohl genug für einen unverheirateten Mann. Dass ich in einem „Stübchen“ untergebracht worden sei, ist eben Lüge! Ich kaufte mir die nötigen Möbels, mit Federbett und was sonst noch Alles dazu gehörte. Der „Fritz“ war dabei. Er unterschrieb als Zeuge, dass „der Herr Redakteur Karl May“ diese Sachen gekauft und sofort bar bezahlt habe. „Das brauchste vielleicht’mal, denn ich kenne die Alte; hebs gut auf!“ sagte er. Auch das ist eingetroffen. Ich besitze diese Quittung noch. Dass ich nicht Redakteur gewesen sei, ist eben auch nur Lüge!

Kaum war ich eingezogen, so bekam ich Gelegenheit, mich an die schon mehrfach erwähnte Warnung zu erinnern. In meinem vorigen Logis war ich von meiner Wirtin, einer Witwe, bedient worden. Hier brauchte ich eine Aufwartung. Ich engagierte eine unserer Punktiererinnen, die sehr arme Eltern hatte und darum gerne noch einige weitere Mark pro Woche verdiente. Wie erstaunt war ich, als trotzdem die Schwester der Frau Münchmeyer, also die „Minna“, bei mir erschien und mir mitteilte, dass sie beauftragt sei, sich meiner Wohnung anzunehmen. Also nur der Wohnung; das konnte gehen! Aber bald kam auch das Andere alles dazu, sogar die Leib- und Bettwäsche und das Essen. Man litt es nicht, dass ich noch weiter in der Restauration speiste. Die Mutter der Frau Münchmeyer kochte für mich. Erst ass ich bei mir, also allein; dann lud man mich zur Familie; ich musste zu Reuters, mit andern Worten zur – – Minna. Erst nur Mittags, dann auch Abends. Hierauf ging ich fort, mit dem „Heinrich“ und dem „Fritz“, so regelmässig wie bisher.

Dieses sonderbare Verfahren, sich meiner zu bemächtigen, gab mir zunächst wohl Spass; es war psychologisch interessant. Ich konnte still beobachten, wie man Schritt vor Schritt immer weiter ging und das Netz immer mehr zusammenzog. Gefährlich war es für mich nicht; darum liess ist es mir gefallen, so lange es mir nicht lästig wurde. Dann aber stellten sich Forderungen ein, denen ich mich entziehen musste. Ich sollte

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nicht nur auch des Abends mit Reuters essen, sondern sodann nach dem Essen bei ihnen und ihrer Tochter bleiben. Ich wendete ein, dass ich doch täglich mit Herrn Münchmeyer auszugehen habe; das sei stets so gewesen und müsse auch so bleiben. Da aber geschah es, dass der „Heinrich“, wenn ich kam, ihn abzuholen, immer schon fortgegangen war, und zwar ohne zu sagen, wohin. Ging ich nach, so fand ich ihn nicht. Also ein Komplott gegen mich; aber ein liebes, süsses Komplott, welches mit einer Hochzeit enden sollte!

Da verzichtete ich zwar noch nicht darauf, bei Reuters zu essen, denn ich wollte ihnen nicht so öffentlich und mit einem Male wehe tun; aber ich gewöhnte es mir nun ebenso an wie der „Heinrich“, allein auszugehen. Doch wo ich auch hinging, wenn es in der Nähe war, um mein Glas Bier zu trinken, so trat ganz unfehlbar bald darauf der „alte Reuter“ herein, setzte sich zu mir, um mich von den andern Gästen abzusondern und mutete mir dann zu, mit ihm nach hause zu „seiner Minna“ zu gehen. Es blieb mir also nichts übrig, als mich so weit wie möglich vom Schuss zu entfernen. Ich wanderte viele Strassen weit und fand dann endlich Ruhe, aber auch nur des Abends, denn am nächsten Morgen stellte sich bald der, bald die mit Vorwürfen ein, die ich zwar erst höflich, dann aber immer entschiedener von mir wies. Dazu kam ein äusserst fatales Lächeln, welches ich mir nicht erklären konnte, obwohl es mir überall begegnete. Es war auf jedem Gesicht zu sehen. Da fragte ich den „Fritz“; der war zwar grob, aber aufrichtig; von dem erfuhr ich es gewiss! Ja, richtig, er sagte mir Alles, und er nahm sich dabei kein Blatt vor den Mund.

Es war bestimmt, dass ich der Schwager von Frau Pauline Münchmeyer werden, also ihre Schwester, die „Minna“, heiraten sollte. Man setzte alle Hebel in Bewegung, dies zu erreichen. Gelang es, so hatte man eine Arbeitskraft gewonnen, die man mit der Schraube der Verwandtschaft auspressen konnte, ohne sie so teuer bezahlen zu müssen, wie eine fremde. Man war überzeugt, dass ich es als Schriftsteller zu etwas bringen werde, und daran konnte man durch diese Heirat auf die allerbilligste Weise participieren. Es war im höchsten Falle ein kleines Hochzeitsgeschenk von zwei- oder dreihundert Mark daranzuspenden.

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Dafür kam die Kolportagefabrik in den Besitz eines Leibeigenen, der tanzen musse, wie die „Pauline“ pfiff. Diese schlaue Berechnung durchschaute Jedermann, und da man meine unbesorgte, sichere Freundlichkeit für Einwilligung in die Münchmeyerschen Pläne hielt, so stiess ich schon im Voraus auf jenes ironische Lächeln, welches ich verdient hätte, wenn ich bereit gewesen wäre, im Netz zu bleiben. Uebrigens wurde mir diese Ironie doppelt begreiflich, als mir der „Fritz“ erzählte, dass ich allabendlich vom „alten Reuter“ in allen umliegenden Restaurationen gesucht wurde. Fand er mich nicht, so liess er regelmässig die laute Weisung zurück, die von allen Gästen gehört wurde: „Falls er ja noch hier einkehren sollte, so sagen Sie ihm, dass er zur Minna kommen soll; die sitzt zu Hause und wartet!“

Es mag nur lächerlich erscheinen, dass ich in dieser ungenierten, öffentlichen Weise mit der „Minna“ in Verbindung gebracht wurde, aber es war nicht nur das, sondern mehr. Es lag eine Blamage und ebenso ein äusserst fataler, moralischer Zwang darin, mir den alten Mann von Haus zu Haus, von Strasse zu Strasse nachzuschicken und mich und das bejahrte Mädchen derart in der Leute Mund zu bringen, dass, wie man hoffte, mir nichts anderes übrig blieb, als es für meine Ehrenpflicht zu erachten, die hierdurch angegriffene Reputation der „Minna“ durch einen schleunigen Besuch des Pfarr- und Standesamtes wieder herzustellen. Als mir schliesslich gar noch Spott- und Lästerverse zu Ohren kamen, die über den Versuch, mich einzufangen, rundum im Schwange gingen, da konnte ich unmöglich länger schweigen und nahm den „Heinrich“ vor, um ihn daran zu erinnern, dass ich wohl eingewilligt habe, sein Redakteur zu werden, nicht aber der Schwager der „Pauline“, seiner Frau. Ich habe bemerkt, dass nicht nur diese letztere, sondern auch die „Minna“ den „Venustempel“ fast auswendig kenne, und das sei, alles andere gar nicht gerechnet, vollständig genug für mich!

Er nahm es, wie ich auch gar nicht anders erwartet hatte, ziemlich ruhig hin. Der „Wilhelm“ und der „Fritz“ hatten mir bei ihm schon vorgearbeitet und ihn auf die Unsinnigkeit und die voraussichtlichen Folgen einer derart lächerlichen -

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lächerlichen falschen Berechnung aufmerksam gemacht. Er gab zu, dass es ihm als ein guter Gedanke erschienen sei, mich für immer an sein Geschäft zu binden; nun sei zwar eine Heirat der allersicherste Weg hierzu, aber wenn ich das partout nicht wolle, so gebe es doch auch noch andere Mittel, mich zu bestimmen, ihm treu zu bleiben. Hierauf schloss er im Tone der Genugtuung: „Das war überhaupt jetzt nichts, das Alleinsein alle Abende. Ich muss Sie bei mir haben; ich bin das so gewohnt. Von heute Abend an geht’s wieder wie vorher!“

Er glaubte, die Sache hiermit beigelegt zu haben; aber er hatte an eins nicht gedacht, oder vielmehr an Eine, nämlich, an die – – „Pauline“. Ich wohnte grad unter Münchmeyers. Noch kaum eine Viertelstunde nach dieser Unterredung bemerkte ich ein eiliges, heftiges Treppenlaufen auf und ab. Dann ertönten über mir sehr laute, zornige Stimmen. Füsse stampften. Nach längerem Kreischen, Zetern und Brüllen wurde es oben still; aber es kam die Treppe herunter, wie mit gleichen Beinen, zur Vorsaaltür und zur Zimmertür herein, ohne anzuklopfen und ohne zu grüssen – – – nämlich die „Pauline“! Nun wusste ich, was die Glocke geschlagen hatte, aber auch, was sie höchstwahrscheinlich nun meinerseits schlagen würde. Die Frau war rot vor Zorn, im höchsten Grade aufgeregt und derart grob, dass ich die Szene ganz unmöglich wiedergegen kann. Ich blieb ruhig, liess sie ausreden, führte sie hinaus und kündigte dann sofort meine Stelle. Da liess sie mir heruntersagen, ich solle mir ja nicht etwa einbilden, dass sie mir ihr Klavier zu Weihnachten geschenkt habe; sie habe es mir nur geborgt und verlange es wieder zurück. Der „Heinrich“ aber kam trotz alledem am Abende zu mir, um mich zum Spazierengehen abzuholen. Er sagte nichts; aber der „Fritz“, der mitging, machte es mir mit Hilfe einiger schadenfrohen Bemerkungen klar, dass die Angelegenheit zwischen dem Ehepaar nicht so friedlich verlaufen sei, wie es scheine.

Münchmeyer war der Hoffnung, dass ich mich bereden lassen werde, die Kündigung wieder zurückzunehmen. Aber er musste, ohne dass ich es ihm deutlich zu machen brauchte, von Tag zu Tag mehr einsehen, dass dies unmöglich sei. Die

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Frauen, besonders aber die „Pauline“, verhielten sich in einer Weise zu mir, dass es gar nicht auszuhalten gewesen wäre, wenn sich nicht das sämtliche Personal, ohne alle Ausnahme, gegen sie auf meine Seite gestellt hätte. Die Leute sahen ein, dass ich nicht das gewesen war, wofür sie mich gehalten hatten und zeigten mir nun auf jede Weise, wie sie sich hierüber freuten und wie leid es ihnen aber auch tat, dass ich entschlossen war, fortzugehen. Leider wurde mir während der letzten drei Monate von der weiblichen Feindseligkeit so viel in den Weg gelegt, dass es mir ganz unmöglich war, die drei von mir gegründeten Blätter mit derselben Sorgfalt zu behandeln wie bisher. Ich sah voraus, was kommen musste, wenn Münchmeyer nach meinem Fortgange keinen Redakteur fand, der da passte. Ich sagte ihm das. Er zuckte die Achsel und antwortete, dass er nun alle Lust verloren habe, da ich nicht bei ihm bleiben könne. Er wolle gern hoch, könne aber nicht. Daran seien nur die verteufelten „Weibsen“ schuld. Er werde wohl so sterben, wie er gelebt habe, nämlich blos als Kolporteur. Er habe es geradezu satt, sich nur für die Frau und für die Kinder zu plagen, für sich selbst aber vom Leben gar nichts Besseres zu haben als höchstens eine Partie Billard oder einen Skat. Wenn er das wollte, hätte er Zimmergesell bleiben können. In der letzten Zeit habe es geschienen, als ob er sich nun doch nicht immer nur da unten in der Niedrigkeit herumwälzen müsse, aber das sei jetzt wieder aus. Er freue sich darüber, dass ich in Dresden bleibe; da dürfe er vielleicht hoffen, dass ich wieder einmal zu ihm kommen werde, nicht als Redakteur, sondern als Mitarbeiter, was für ihn von derselben Wirkung sei.

Er dauerte mich, der Heinrich! Es wäre ihm gar wohl möglich gewesen, es zu etwas besserem zu bringen, wenn er sich in engeren Grenzen gehalten und seiner Frau die Zügel fester angezogen hätte. Er hatte den Fehler gemacht, über seine Leistungsmöglichkeit hinauszugehen. Er hätte Kolporteur bleiben sollen; dazu reichte seine Intelligenz vollständig aus. Er hätte auch da mit einem ausgedehnten Menschenmaterial arbeiten können, da er sich nun doch einmal einbildete, es sei ein Ruhm, recht viele Untergebene zu haben. Aber auf den Gedanken zu kommen, dass man als Oberkolporteur, der

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hunderte, ja tausende von Unterkolporteuren zu dirigieren weiss, zu einer Macht werden kann, die den ganzen, literarischen Markt beherrscht, dazu mangelte ihm die geistige Fähigkeit. Jedoch er wollte die Sachen, die er verkaufte, auch selbst drucken. Er wollte nicht nur Kolporteur, sondern auch Verleger sein. Davon aber verstand er nichts; es fehlten ihm alle Vorbedingungen dazu. Zum Kolporteur braucht man keine Vorbildung; Druck und Verlag aber wollen gelernt sein, und er besass nicht die geringste Spur von Fachkenntnis. Er ist niemals Buchhändler oder Kaufmann gewesen oder geworden. Ich weiss nicht, ob das Gesetz es einem Zimmergesellen, der auf den Gedanken gekommen ist, in rohester Weise aus Kartoffeln Branntwein herzustellen und zu verkaufen, gestattet, sich Kaufmann zu nennen. Auch weiss ich nicht, ob es ihm erlaubt ist, sich Verlagsbuchhändler zu nennen, weil er so unternehmend ist, aus den Kartoffelköpfen seiner Schundschriftsteller geistigen Schnaps zu ziehen und dieses Gift in Heften zu verkaufen, die jeder Buchbinderlehrling zusammenstellen kann. Aber das weiss ich, dass ihn kein vernünftiger Mensch als solchen bezeichnen oder gar gerichtlich gelten lassen würde. Wie alle wissen viel zu genau, dass es Münchmeyer niemals eingefallen ist, in einer kaufmännischen oder buchhändlerischen Versammlung zu erscheinen oder gar vielleicht das Wort zu ergreifen. Ich habe ihn oft dazu aufgefordert, ihn aber nie dazu gebracht, denn er wusste nur zu wohl, dass er nicht dorthin gehörte. Er verstand anfänglich ja nicht einmal vom Druck etwas. Darum eben musste Gleissner aus Plauen kommen, und was er von diesem sah und hörte, das wusste er so zu drapieren, dass man es für seine eigene Klugheit und Geschicklichkeit hielt und ihn darüber lobte. Mit diesen falschen Kleidern begnügte er sich; damit war er zufrieden. Ihn als grossen, wohl gar als initiativen Verlagsbuchhändler hinzustellen, ist eine ebenso grosse Lüge!

Uebrigens war sein Anfang als Verleger klein und einfach. Das mochte gehen; das konnte er übersehen, zumal er hierbei noch selbst kolportierte und seine Sachen selbst zu Markte trug. Auch „die Pauline“ half dabei. Das war bedachtsam, klug und ehrenwert von Beiden. Wenn sie ihre Intelligenz addierten, so reichte die Summe recht gut hierfür

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aus. Es wurden alte Bücher, die niemand mehr gehörten, hergenommen und die darin enthaltenen grausigen Geschichten abgedruckt; das kostete kein Honorar. So entstand der Münchmeyersche Verlag. Die Knechte und die Mägde, die gern gruseln, die kaufen solche Sachen. Der „Heinrich“ machte Geschäfte. Er gewann die Herzen dieser Leute durch seine bekannte Suada und behandelte sie immer – – fein! Wäre er hierbei geblieben, so hätte er es zum ruhigen Wohlstand, zur sorgenlosen Lebensführung gebracht. Aber in der Stunde, in der er diese alten Quellen vor sich schob und zum ersten Mal bei einem lebenden Schriftsteller nach Manuskripten anfragte, verzichtete er auf diese behagliche Zukunft und stieg dorthin, wohin er nicht gehörte. Er, der Koporteur, ging unter die Verleger, wie ein Neger unter die Kaukasier geht. Und da ihm hierzu nicht mehr als beinahe alles fehlte, so hatte diese Unvorsichtigkeit ganz selbstverständlich mit einem Fehlbetrag zu enden; das heisst: Er ist nun zwar tot, aber die Schriftsteller, deren Manuskripte er ganz widerrechtlich ebenso behandelte wie jene alten Räuber- und Gespensterbücher, die herrenlos geworden waren, sind heute noch seine Gläubiger; seine Witwe und sein Nachfolger mögen dies leugnen oder nicht!

Der Neger merkte bald, dass er kein Weisser war. Es reichte bei ihm nicht. Darum musste, wie bereits erwähnt, Gleissner mit seinen Maschinen nach Dresden kommen. Wer war der eigentliche Meister? Der „Heinrich“ oder der „Wilhelm“? Niemand wusste es. Man sieht, die Komplikation begann! Es wurde eine Buchführung erforderlich, von der man nichts verstand. Man lernte die beiden Worte Kredit und Debit kennen und machte Gebrauch von ihnen, besonders von dem einen. Die Sorgen kamen herbei, als ob sie gerufen worden seien. Aber das Geschäft wuchs dabei; es wurde grösser und grösser. Wenigstens wurde dies vom „Heinrich“ so behauptet, und er war stolz darauf, der Besitzer einer solchen Firma zu sein. Dass er da den Fehler beging, „gross“ mit „kompliziert“, „verwickelt“ und „schwer übersehbar“ zu verwechseln, das glaubte er erst dann, als ich es ihm später bewies. Die Entwickelung des Geschäftes ging ja nur in der

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Weise vor sich, dass zu einer Arbeit, die er nicht verstand, eine andere kam, die er noch weniger verstand. Darum machte bei ihm eigentlich ein jeder, was er wollte, und wenn man trotzdem leidlich vorwärts kam, so hatte man dies nur der Ehrlichkeit und Umsicht Gleissners zu verdanken und den scharfen Augen des „alten Reuters“, der wie ein Geheimpolizist allüberall war, wo er etwas Falsches oder gar Unerlaubtes vermutete.

Ich habe Gleissner die Seele des Geschäftes genannt, und er war sie wirklich. Zur Seele gehört der Geist. Dieser fehlte dem Geschäft. Der „Heinrich“ war nur so eine Art von Anima oder, besser gesagt, von Animus, Geist aber nicht. Das stellte sich besonders deutlich heraus, als er auf den Gedanken kam, den „Beobachter an der Elbe“ herauszugeben. Dazu reichte sein Wissen und sein Können nicht aus, obgleich es sich nur um ein so ganz gewöhnliches Kolportageblatt handelte. Otto Freitag, mein Vorgänger, ein höchst geschäftsgewandter Berliner „Volksschriftsteller“, übernahm die Redaktion. Dieser Mann brachte, wie „Fritz“ sich in seiner Weise ausdrückte, „Dampf in die Bude“. Der Wagen rollte schneller; das Geschäft ging flotter; die Einnahmen mehrten sich. Aber anstatt ihm dankbar hierfür zu sein, begann die „Pauline“, sich als reiche und ebenso auch kluge Frau zu fühlen. Sie wollte von Freitags Kindern nichts wissen; sie verfeindete sich mit Freitags Frau, sodann mit Freitag selbst, und als dieser Mann nun kommen sah, was kommen musste, traf er seine Vorbereitungen, der „Pauline“ zu zeigen, dass es keinen Grund für sie gebe, sich derartig hoch zu fühlen. Es kam zu einem Zusammenstoss, infolgedessen er alles stehen und liegen liess, wie es lag und stand, und augenblicklich ein schon längst im Stillen ausgearbeitetes Blatt für sich selbst und natürlich gegen Münchmeyers „Beobachter“ erscheinen liess.

Ob dies fair oder gar ehrlich war, habe nicht ich zu entscheiden. Der „Heinrich“ behauptete, Freitag habe ihm nicht nur seine Manuskripte, sondern auch seine Abonnenten mitgenommen. Ich sah bald aber noch anderes, was Münchmeyer nicht eingestehen wollte. Freitag hatte dem Münchmeyerschen

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Geschäft eine feste, charakteristische Organisation gegeben, die nun, da er ging, hinter ihm zusammenbrach. Die Maschinerie stand still; kein Rädchen wollte mehr gehen, und wenn man es zwang, sich zu bewegen, so ging es falsch. Freitag sah das und lachte. Er hatte sich auf derselben Strasse etabliert und war überzeugt, dass er den „Heinrich“ in kurzer Zeit totgemacht haben werde. Er tat ihm eigentlich leid, aber um der „Pauline“ willen war Schonung ausgeschlossen.

In dieser Not war es, wie gewöhnlich, wieder der „Wilhelm“, von dem man Rat erwartete. Er hatte ihn auch. Er nannte meinen Namen. Er sowohl als auch die Brüder Münschmeyer hatten Einiges von mir gelesen, bereits vor vier oder fünf Jahren. Daran erinnerten sie sich. Sie beschlossen, mich aufzusuchen, um zu sehen, ob ich für eine solche Stelle wohl passe. Darum fuhr der „Heinrich“ mit dem „Fritz“ nach Hohenstein-Ernstthal. Sie wussten, dass ich dort bei meinen Eltern wohnte, denn sie waren in dieser Gegend nicht nur als Kolporteure wohlbekannt, sondern die „Pauline“ stammte dort aus einem naheliegenden Dorfe und hatte in der Nähe gedient. In den beiden Städtchen angekommen, erkundigten sie sich sehr eingehend nach mir, ehe sie mich aufsuchten, und sie erhielten sehr ausführliche Auskunft. Ich betone dies hier ganz besonders, weil die Lüge verbreitet worden ist, dass Frau Münchmeyer meine damaligen Verhältnisse erst vor kurzem kennen gelernt habe. Sie muss sogar, wenn sie ehrlich ist, zugeben, dass ich über diese Verhältnisse im Kreise ihrer und der Reuterschen Familie so oft und ausführlich gesprochen und erzählt habe, dass der „Heinrich“ wiederholt und begeistert ausgerufen hatte: „Hierüber müssten sie einen Roman schreiben, lieber Karl, und zwar für mich, denn das wäre eine Goldgrube, wie ich sie mir gar nicht besser wünschen könnte!“ Ich unterlasse es, die Schlüsse hieraus zu ziehen.

Welchen Erfolg die Reise der beiden Münchmeyer nach meiner Heimat hatte, ist bekannt. Ich trat an Freitags Stelle, liess den von ihm redigierten „Beobachter“ und alle seine Abonnenten fallen und tat damit einen Schritt, den Münchmeyer mir ganz sicher verweigert hätte, wenn ihm die Gefährlichkeit -

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Gefährlichkeit desselben nicht erst dann beigekommen wäre, als das Wagnis bereits gelungen war. Als ich durch Deutschland und Oesterreich reiste, um meinen neuen Blättern Eingang zu verschaffen, begegnete mir überall Otto Freitags Konkurrenz. Sie war rapid gewachsen. Aber sie begann sofort, zu fallen, als dann die von mir angeknüpften Verbindungen in Wirkung traten. Von der Reise heimgekehrt, sah ich, dass Freitag in eigener Equipage fuhr. Das war bereits der Anfang des Endes. Der Geist, der gleich seine ersten Erfolge in die üppigen Wagenpolster setzt, ist wohl nicht der rechte; er geht zu Grunde.

Ich hatte es gewiss und wahrhaftig gut und ehrlich mit Münchmeyer gemeint. Der „Heinrich“ wusste das ebenso wie alle anderen, und darum änderte sich seine Gesinnung gegen mich nicht, als ich mich weigerte, auf die Verwandtschaftswünsche einzugehen. Umso grösser war die Empörung seiner Frau, dass ich es gewagt hatte, eine solche Fülle von Herablassung, Güte, Glück und Segen von mir abzuweisen. Ihr Verhalten sagte mir mehr als deutlich, dass sie mir eine rücksichtslose und unversöhnliche Feindin geworden sei; ich nahm dies aber mit Gleichmut hin, denn ich war überzeugt, dass sich unsere Wege später niemals wieder kreuzen würden, obgleich der „Heinrich“ wünschte, dass dies geschehen möge. Der erste Schritt, den ihre Rache gegen mich unternahm, war die Andeutung, dass nicht ich gekündigt habe, sondern dass mir gekündigt worden sei und dass ich zu gleicher Zeit auch von der „Minna“ den Laufpass bekommen hätte. Mir fiel es gar nicht ein, ein Wort hiergegen zu sagen. Ich hatte auch gar nicht nötig, dies zu tun, denn alle Welt kannte die Wahrheit, und nicht nur „Fritz“, der grobe, und Wilhelm Gleissner, sondern sogar auch der „Heinrich“ selbst sagten überall offen und ehrlich, dass diese Behauptung der „Pauline“ eine niederträchtige Lüge! sei! Ich habe Zeugen!

Am letzten Abende, als die drei Monate vorüber waren, gesellte sich, als wir drei zum letzten Male mit einander ausgingen, auch der „Wilhelm“ zu uns. Das war eine grosse Seltenheit. Es geschah, um Abschied zu nehmen. Der „Heinrich“ war sehr still; es ging ihm nahe. Auch Gleissner sprach

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wenig. Dass ich ging, war auch für ihn kein gutes Omen. Er hatte in der langen Zeit, die er für Münchmeyer druckte, „die Pauline ertragen gelernt“, wie er sich ausdrückte; aber er liebte seine Frau, und er liebte seine Kinder; darum ging auch er später fort; es war nicht auszuhalten. Umso lebhafter zeigte sich der Fritz. Er war einfach wütend. Er hatte mir sein Herz geschenkt, das gestand er mir, und es „wurmte“ ihn gewaltig, dass er mich herzugeben hatte. Darum erging er sich gegen die „Pauline“ in Ausdrücken, die sogar für seine wohlbekannte Redeweise viel zu kräftig waren, und warf mit Vorwürfen um sich, ohne auf die heimlichen Winke seines Bruders zu achten. Wenn die Pauline das, was er sagte, hätte hören können! Es waren Anklagen ganz eigener Art. Ich unterlasse es, sie zu wiederholen, denn die, welche dabei waren, sind nun tot, und ich bringe in diesem Prozesse grundsätzlich nur Dinge vor, die ich durch Zeugen beweisen kann. Aber was man mir von kundiger Seite sehr gern beeiden will, ist zweierlei. Nämlich erstens hat ein Sohn des „Fritz“ behauptet, dass das Geschäft nicht vom „Heinrich“, sondern von seinem Vater, dem „Fritz“ gegründet worden sei, und zwar vom eingebrachten Gelde seiner Mutter, die niemals einen Pfennig wiederbekommen habe und jetzt so arm sei, dass sie unterstützt werden müsse, vorher eine reiche Bauerstochter! Dieser Sohn hat bitter geweint, als er das sagte. – – Und diese Frau des „Fritz“, also die Schwägerin der Pauline, hat vor noch gar nicht langer Zeit zu zwei Zeugen gesagt: „Mein Mann hat meine Hypotheken ins Geschäft getragen, ohne mich viel zu fragen. Wiederbekommen habe ich nichts. Nun bin ich bettelarm; die „Pauline“ aber ist reich. Es fällt ihr aber gar nicht ein; an mich und an mein schönes Geld zu denken. Die schwört für eine saure Gurke einen Meineid und lässt sich für drei Pfennige an den Haaren durch die Stube schleifen!“ – – Ein Neffe der „Pauline“ hat dies gegen meine Frau und mich bestätigt! – Ich weiss gar wohl, dass Behauptungen juridisch nicht als Tatsachen betrachtet werden können; aber wenn sie die Folgen von Erfahrungen sind und von so nahen Verwandten, welche die Verhältnisse genau kennen, ausgesprochen werden, dann kann sie auch der Richter wohl für beachtlich halten, zumal sie zu den übrigen Charakterzügen stimmen.

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Als der „Fritz“ einen seiner Söhne verheiratete und also seinen Bruder zur Hochzeit lud, wurde diesem von der „Pauline“ verboten, mitzumachen. Er tat es trotzdem, aber heimlich, hinter ihrem Rücken. Sie wollte nichts von den Verwandten wissen, die ihr Geld für sie geopfert hatten. Sie war sogar so unvorsichtig, ganz unverhohlen zu erklären, dass sie ihre arm gewordene Schwägerin schon darum nicht leiden könne, weil sie so viele Kinder bekomme. Diese brave Frau des „Fritz“ hatte freilich den „Venustempel“ nicht studiert und konnte auch nicht sagen, was man unter Procuratio abortus zu verstehen hat! Dass Münchmeyer diese Ausbeutung und Verachtung seiner eigenen Verwandten duldete, hängt mit dem zweiten grossen Fehler zusammen, der ihn nicht emporkommen liess: er hätte diese geldgierige Frau straffer in die Zügel nehmen sollen; dann hätte sie ihm nicht stets grad diejenigen Personen, denen er sein Emporkommen verdankte, aus dem Haus und Geschäft getrieben. Es wäre ihm der „Wilhelm“ mit seiner unendlich fleissigen Familie treu geblieben; er hätte sich die äusserst fruchtbare Arbeitskraft Otto Freitags erhalten, und was mich betrifft, so will ich jetzt hierüber schweigen, und später an geeigneter Stelle darauf zurückkommen.

Mein Abschied von dem Münchmeyerschen Seitengebäude ging sehr still von statten; um so lauter aber geschah der Abmarsch des Klavieres. Ich hätte den Kasten gewiss, und zwar mit Wonne, für die Pauline stehen lassen, wenn ich sie nicht zu gut gekannt hätte, um daran zu zweifeln, dass sie dies gegen mich ausbeuten werde. Aber brauchen konnte ich das alte safrangelbe Saitenspiel nun und nimmer. Ich beschloss also, es zu verkaufen. Ich liess einen Händler kommen. Der bot mir erst zwanzig, dann nach langem Ueberlegen fünfundzwanzig Mark, jeder weitere Pfennig sei geradezu eine Sünde. Hierauf erzählte ich ihm, wie ich zu dem Klavier gekommen sei, warum ich es nicht einfach stehen lasse, und dass sich beim Fortschaffen höchst wahrscheinlich ein Faustkampf zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit ergeben werde, um dessen Ausgang mir für den Käufer bange sei. Da geschah etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Der Mann legte nämlich fünf Mark zu; er bot dreissig, der Amazonenschlacht wegen, die ich ihm in Aussicht stellte. Das sei ja ungeheuer interteressant! -

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interessant! Er habe sehr kräftige Packträger und werde auch selbst mitkommen, um dabei zu sein; ich solle also vernünftig sein und ihm den Kasten lassen. Ich tat es und sagte ihm die Zeit, in der ich dieses Haus verlassen würde. Er kam zur angegebenen Stunde. Da griff ich nach Hut und Regenschirm, um leise abzuscheiden. Er hatte vier handfeste Packer mit; die kamen soeben in den Hof. Er legte mir die dreissig Mark hin und sagte dabei: „Es bleibt doch alles still. Nicht wahr, Pauline heisst sie? Ich möchte sie kennen lernen!“ Da steckte ich das Geld zu mir, setzte den Hut auf und antwortete: „Das werden Sie! Man hat Sie gesehen. Hören Sie da oben über uns die Türen gehen? Ich gehe auch. Adieu!“ Er sagte noch etwas, was ich aber nicht mehr hörte, denn ich war schon draussen und beeilte mich, die Treppe hinab und über den Hof hinüber zu kommen. Es gelang; aber hinter mir erscholl eine laute, weibliche Stimme. Die gewünschte Bekanntschaft begann!

So endete meine redaktionelle Tätigkeit. Sie hatte mich um vieles enttäuscht, mich aber auch manches gelehrt, was mir noch heute von Nutzen ist. Das letztere war durch das erstere mehr als reichlich bezahlt. Ich schuldete keinem Menschen irgend eine Art von Dank, auch nicht den allergeringsten; aber ich hatte beide, den „Wilhelm“ und den „Fritz“ doch liebgewonnen, und wenn ich an den „Heinrich“ dachte, der verurteilt war, bei einem warmblütigen und nicht unedlen Temperamente den Pflug des weiblichen Geizes wie ein alter Ackergaul stets durch dieselben Furchen zu zerren, so tat es mir wehe um ihn, und es kam mir der Gedanke, dass ich trotz allem, was geschehen war, ihn doch nicht stecken lassen würde, wenn sich mir einmal eine Gelegenheit böte; ihn von diesem Pfluge aus- und abzuspannen. Dass auch er in dieser freundlichen Weise an mich dachte, hörte ich später von andern, und zwar oft. Er sprach sich, wenn von mir die Rede war, nie anders als anerkennend aus. Ich sei ihm ein wahrer Freund gewesen, und er nähme es mir gar nicht übel, dass ich die „Minna“ nicht habe heiraten wollen, sondern fortgegangen sei. Seine „Weibsen“ hätte sich alle Mühe gegeben, ihn gegen mich aufzubringen; aber das sei ihm gar nicht eingefallen; er habe mir viel zu verdanken und könne auch gar nicht wissen,

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ob nicht einmal eine Zeit kommen würde, in der er meine Hilfe brauche. Der Ertrag der von mir gegründeten Blätter sei schon sehr weit zurückgegangen, und da er sich nicht getraue, wieder einen Redakteur anzustellen, so befürchte er, dass er gezwungen sein werde, sie gar wieder eingehen zu lassen.

Für dieses Urteil Münchmeyers über mich stelle ich vollgültige Zeugen. Ich führe es hier nicht etwa an, um mit ihm wichtig zu tun, o nein, der „Heinrich“ war keinesfalls der Mann, mit dem man sich wichtig machen könnte, sondern ich tue es, weil mich spätere Vorkommnisse dazu zwingen. Im Uebrigen ist es mir vollständig gleichgültig, was man in der Münchmeyerschen Kolportagefabrik für eine Meinung über mich hat. Denn wie es mit der Münchmeyerschen Glaubwürdigkeit schon damals und noch heute ausschaut, dass ist durch zuverlässige Zeugen folgendermassen zu erweisen.

„Als der Redakteur May in das Geschäft trat, ging es sogleich in einem ganz andern, bessern Tone. Er war anständiger als Münchmeyer. Wer mit beiden redete, der wusste nicht, welcher der Chef war, Münchmeyer oder May. Die Münchmeyers logen wie gedruckt. Was sie erzählten, das glaubte man ihnen nicht. Das kam von der verlogenen Kolportage. Und weil es bei Münchmeyers derart stand, dass sie sich nicht in das Geschäft blicken lassen wollten, so mussten sie täuschen und lügen. Wenn sie aber etwas behaupteten, und May sagte „das ist wahr“, so glaubte man es, denn der war ehrlich und log auf keinen Fall!

Ja, die Zeugen, die bereit sind, dies mit Tatsachen zu beweisen, haben Recht. Diese Münchmeyersche Verlogenheit hatte ihren Grund zum grössten Teil mit in der Kolportage; sie ist nicht etwa verschwunden, sondern sie existiert noch heut, und ich kann dem vorliegenden Kapitel keinen geeigneteren Schluss verleihen, als indem ich wenigstens eine gewissen Teil dieses Schmutzes beleuchte.

Ich habe gesagt, dass Münchmeyer, der Kolporteur, zu den Verlegern übergegangen sei, wie der Neger zu den Kaukasiern

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übergeht; er kann keiner werden, denn genau so, wie die Schwärze in der Schwärze liegt, so liegt die Kolportage eben in der Kolportage; sie ist nicht herauszuwaschen, nicht herauszubringen. Aber es gibt ehrliche und unehrliche Kolportagefabrikanten. Die ehrlichen zeigen aufrichtig, wer und was sie sind, was sie wollen und wie sie es vollbringen. Sie wissen, dass die Kolportage für gewisse Zwecke und gewisse Kreise unersetzlich ist, und sind stolz darauf, unersetzlich zu sein. Es fällt ihnen also gar nicht ein, etwas anderes zu scheinen, als sie sind. Darum sind sie höchst achtbare und ehrenwerte Leute. – – – Mit den unehrlichen ist dies nicht der Fall. Sie stammen ganz unbedingt von unten, selbst wenn sie sich eines gewissen Bildungsgrades rühmen. Der Plebejer, der Parvenu steckt tief in ihnen und ist nicht herauszubringen. Darum kommen sie nicht empor, weder geistig noch seelisch noch moralisch. Da ihnen die natürlichen Mittel fehlen, so wenden sie künstliche an, um als das, was sie wünschen, zu gelten. Aber sie sind es nicht, sondern sie scheinen es nur. Und wenn Münchmeyer tausend Bibeln und tausend Luthers Hauspostillen druckt und verkauft, so wird er dadurch doch nicht zum anständigen Buchverleger, denn er wählt diese frommen Sachen nur, weil er keine Honorare für sie zu zahlen braucht, und lässt nebenbei den „Venustempel“ und die „Syphilitische Apotheke“ laufen, ohne sich zu schämen! Das untrüglichste Kennzeichen so eines Parveneu oder Shoddy ist das Protzen mit dem Gelde. Der ehrliche, der achtbare Kolportagemann wird die Mittel, mit denen er arbeitet, nicht falsch beziffern, wird sie nicht übertreiben. Er rechnet es sich der Wahrheit gemäss zum Ruhm, mit mehr Anstrengung, aber bedeutend weniger Geld dasselbe zu erreichen, wozu ein grosser Buchverleger ein ganzes Vermögen braucht. Der unreelle aber gibt sich Mühe, diese Tatsache zu verheimlichen, zu fälschen, um Grund zum Jammern zu finden und durch das Herabdrücken der Honorare und Arbeitslöhne schneller reich zu werden. Besonders in Rechtssachen, vor Gericht, ist er überaus schnell und stets bei der Hand, darüber zu klagen, wieviel Geld er im Geschäft stecken habe, wie unsicher eine solche Anlage sei und wie lange es währe, ehe diese Kapitalien ein zinsliches Ergebnis bringen! Das ist natürlich Lüge!

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In dem Prozess, über den ich schreibe, hat sich die Gegenpartei wiederholt bemüht, die Herausgabe eines Kolportageromanes als ungeheuer kostspielig darstellen zu lassen. Derartige Behauptungen gehören zur „Verlogenheit der Kolportage“. Man will erstens verheimlichen, wie arm man an eigentlichem Anlagekapital ist. Man will zweitens nicht merken lassen, wie hoch die Prozente sind, die so ein kleines Kapitel ergibt. Es soll drittens niemand erfahren, dass es beider Kolportage überhaupt kein Risiko gibt, ausser wenn man ein ganz robuster Dummkopf ist. Es soll viertens verschwiegen bleiben, in welchem schandbaren Verhältnisse der Hungerlohn, den der Verfasser bekommt, zum vielhundertprozentigen Gewinn des sogenannten „Verlegers“ steht. Und es soll fünftens der Richter über die wirkliche Lage der Sache derart getäuscht werden, dass, falls der Verfasser klagt, ein obsiegendes Urteil für ihn so gut wie unmöglich ist! Im Falle der Not zieht man Sachverständige herbei, und da man eben nur Kolporteure als solche anerkennt, so stimmen sämtliche Lügen, und der arme Kläger verliert den Prozess, obgleich die Richter genau nach Recht und Gewissen entschieden haben. Ich deute hier auf den Fall Wurm–Münchmeyer, der wiederholt gegen mich ausgespielt worden ist. Wurm hat verloren, ja; aber wie er mir sagte, nur infolge eines Sachverständigen-Gutachtens und weil ihm das Geld fehlte, den Prozess in die zweite Instanz zu bringen. Der Sachverständige hat gegen Wurm etwas behauptet, was er dann mir und einem anderen gegenüber dementierte. Er war früher bei Münchmeyer gewesen, und Münchmeyer gewann den Prozess. Sobald ich Wurm dieses eigentümliche Verhalten des Sachverständigen mitteile, steht zu erwarten, dass er den Prozess wieder aufleben lässt, um nachzuweisen, was auf die Gutachten von Kolporteuren zu geben ist!

Um in Zahlen nachzuweisen, wie sehr diese Herren lügen, wenn sie von ihrem grossen Risiko und ihren noch grösseren Kosten sprechen, will ich in meine eigene Erfahrung greifen. Es ist gegen mich behauptet worden, dass das Risiko und die Kostenanstrengung bei einem Kolportagefabrikanten bedeutend

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grösser sei als bei einem Verlagsbuchhändler. Ich ziehe den Verlagsbuchhändler Fehsenfeld in Freiburg und den Kolportageerzeuger Münchmeyer herbei. Ich habe für beide gearbeitet, für Fehsenbeld 30 Bände und für Münchmeyer 5 Romane; das sind gerad auch 30 Fehsenfeldsche Bände. Die Verhältnisse sind in dieser Beziehung also ganz dieselben. Ein Münchmeyerscher Roman ergibt nämlich sechs Fehsenfeldsche Bände. Nun nehme ich an, ich gebe beiden Herren einen und denselben Roman in Verlag, und zwar, wie es zwischen mir und Münchmeyer vereinbart worden war, für eine Auflage von 20 Tausend. Münchmeyer darf also 20 tausend mal hundert Kolportagenummern, Fehsenfeld aber 20 tausend mal sechs Bände drucken; das sind 120 000 Bände. Nun will ich mich sogar auch noch auf die Seite Münchmeyers stellen und ihm zu gunsten das höchste Honorar berechnen, welches er je gegeben hat, für Fehsenfeld aber das niedrigste. Münchmeyer zahlt für 20 000 Exemplare 5000 Mark, und zwar nicht sofort, sondern heftweise, wie das Manuskript geliefert wird, pro Heft 50 Mark. Fehsenfeld zahlt für jede Auflage von 5 Tausend Büchern 2000 Mark, für 120 000 Bücher also 48 000 Mark Honorar, und zwar sofort und alles!

Der erste Absatz unseres Rechenexempels ergibt also, dass für ein und dasselbe Unternehmen der Buchverleger nur an Honorar gleich 48 000 Mark auszugeben hat, ehe er überhaupt beginnen kann. Wieviel aber werden vom Kolportagemann verlangt? Es sind vor allen Dingen die Gratisnummern zu drucken. Früher, als ich bei Münchmeyer war, gab es nur eine. Diese Herren haben einander aber selbst so hoch hinaufgetrieben, dass der Abonnentensammler jetzt die ersten fünf Nummern gratis bekommt. Diese sind also vom Verfasser zunächst zu schreiben und abzuliefern. Er bekommt dafür 50 Mark mal 5, also 250 Mark. Gegen 48 000 Mark bei dem andern! Geradezu lächerlich!

Es geht nun also an die Herstellung des Werkes. Dabei ist es bei beiden gleich, ob sie Bargeld haben oder nicht. Fehlt es ihnen, so haben sie ja Kredit, beim Papierhändler, beim Drucker und sonst noch überall! Verrichten sie diese Arbeiten selbst, so brauchen sie nicht an andere zu zahlen.

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Fehsenfeld ist gehalten, die 120 000 Bände ganz herzustellen. Sind sie fertig, so kann er zwar annoncieren und Ansichtssendungen machen; aber er hat doch auf alle Fälle zu warten, bis die Bestellungen kommen. Er kann sie nicht aufsuchen, kann sie nicht mit Münchmeyerscher Suada erzwingen, kann und darf sich nicht aller der erlaubten und unerlaubten Mittel bedienen, mit denen der Kolporteur so Jung und Alt wie Arm und Reich zu bearbeiten weiss, bis sie in die Tasche greifen und ihm den ersten Groschen, der er haben will, bezahlen. Die 120 000 Bücher können, wenn es sehr gut geht, in fünf Jahren verkauft sein. Sie können aber auch in zehn Jahren noch liegen wie Blei. Sie können das Schicksal erleben, nach zwei Jahrzehnten eingestampft zu werden. Dann kommen zu den Herstellungskosten und verlorenen Zinsen noch die bedeuten Lager- und noch andere Gelder!

Ganz anders ist es bei der Kolportageindustrie. Da sind dergleichen Enttäuschungen und Verluste unmöglich, es sei denn, dass der Betreffende von der Sache gar nichts versteht und sie so dumm anfängt, dass sie eben auch dumm zu Ende gehen muss. Münchmeyer will 20 000 Abonnenten machen. Die hierzu nötigen Groschennummern gibt er dem Lesersammler gratis, früher nur Nr. 1, jetzt aber die Nummern 1 bis 5. Es war ein Unsinn, sich diese Leute derart zu verwöhnen! Um zu prahlen und um die Richter zu täuschen, sagt er nun: „Die Erfahrung lehrt, dass man 5 No. 1 auslegen muss, um einen Abonnenten zu machen. Wenn ich 20 000 Abonnenten will, muss ich also 100 000 No. 1 drucken lassen. Und da ich dem Sammler Nr. 1 bis 5 gratis gebe, so kostet es mich 500 000, also eine halbe Million Sammelmaterial, um die 20 000 Leser zu bekommen. Das gebe ich vorher und umsonst!“ – – Wer es nicht versteht, dem klingt die Sache ungeheuer richtig, und in Wirklichkeit ist es den Herren, die so sagen, fast stets gelungen, Glauben zu finden. Dann lachen sie sich ins Fäustchen und freuen sich darüber, um so viel pfiffiger als die Getäuschten zu sein. Diese Darstellung ist aber nichts als nur eine unleugbar absichtliche Lüge!

Infolge der Unkenntnis und Leichtgläubigkeit Derer, die nicht prüfen und keine Beweise fordern, ist das Wort von den

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„Sammelmillionen“ der Kolporteure fast zum Kredo geworden. Die Wahrheit aber ist, dass der Fachmann einen Jeden, der in der beschriebenen Weise verführe, nicht nur für unheilbar albern, sondern geradezu für verrückt erklären würde. Welchem denkenden Menschen könnte es wohl einfallen, die 20 000 Abonnenten gleich mit einem Schlage, gleich auf einmal machen zu wollen! Es ist schon mehr als genügend, ja sogar splendid, hierzu nur 20 000 Nr. 1 zu drucken. Die werden ausgelegt. Was nicht behalten wird, das bekommt man zurück und wird weiter ausgelegt. Wenn es viel ist, so gehen hierbei 10 Prozent an Beschmutzung etc. verloren. So macht man also, ob in kürzerer oder in längerer Zeit, mit den 20 000 No. 1 achtzehntausend Abonnenten. Ich will aber zu gunsten des Kolporteurs rechnen, dass er 30 000 Nr. 1 braucht, um die 20 000 Leser zu gewinnen. Die anderen Gratisnummern werden nicht ausgelegt, sondern nach der Zahl der mit No. 1 gemachten Abonnenten effektuiert. Sie ergeben in Summe 20 000 × 4 Nummern. So sind also an Gratisnummern 1 bis 5 in Summa 110 000 Stück zu liefern, um 20 000 Leser zu gewinnen. Sehr hoch gerechnet, kommt die Herstellung dieser 110 000 Nummern ca. 1500 Mark zu stehen. Aber selbst diese Lappalie braucht der Schundromanfabrikant nicht sofort, nicht auf einmal, denn sie verteilt sich auf Jahre, auf die ganze Zeit, in der er an den Abonnenten sammeln lässt. Und selbst, wenn er das ganze Sammelmaterial sofort und auf einmal hinauswerfen müsste, würde es doch nicht die ganze Summe von 1500 Mark betragen, weil er doch von Seiten des Papierlieferanten etc. mit Kredit hantiert und nicht gleich zu zahlen braucht. In Wirklichkeit braucht er, falls er selbst druckt, weiter nichts als die 250 Mark Honorar für die 5 ersten Nummern und die Arbeitslöhne für die Herstellung der Sammelnummern, dazu einige Porti, weiter nichts, zusammen noch lange nicht 1000 Mark!

Also der Buchverleger braucht, ehe er nur beginnt, gleich 47 000 Mark mehr als der Kolporteur. Hierzu kommen für nächste Ostern, zur Buchhändlermesse, die Herstellungskosten. Und dann hat er zu warten, ob die Bücher laufen werden oder nicht! Münchmeyer aber druckt, falls er als solider, vorsichtiger Mann verfährt, von jeder folgenden Nummer nicht mehr, als er für die vorhergehenden Abonnenten hat. Er wird

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also niemals schmerzliche Reste auf Lager haben. Nr. 1 bis 5 sind gratis; aber von No. 6 an beginnt das Geld hereinzufliessen, so dass beim sechstausendsten Abonnenten schon alles gedeckt ist und also der Profit beginnt. Ausserdem kann er bei jeder Nummer aufhören, wenn er sieht, dass der Roman nicht geht. Er kann dies sogar schon gleich bei der ersten Nummer tun, falls er merkt, dass sie keine Abonnenten zieht. Ein Risiko gibt es also absolut nicht, denn die 300 Mark, welche die Herstellung dieser ersten Nummer kosten würde, sind doch wohl nicht als solches zu bezeichnen!

So also liegen die Verhältnisse. Geht der Roman, so ergeben die 20 000 einen Reingewinn von ca. 50 000 Mark, unter Umständen sogar noch mehr. Geht er nicht, so lässt man ihn einfach fallen; der geringe Verlust dabei ist ja gar nicht zu rechnen. Vor allen Dingen aber ist zu betonen, dass die Kolportage mit den allerbescheidensten Barmitteln arbeitet. Geschäftliche Wagnisse gibt es für sie nicht, ausser es fehlt ihr das Gehirn. Sie druckt von der Hand in den Mund und lebt von der Hand in den Mund. Sie macht viel geschäftlichen Lärm um geschäftliche Bagatellen, um andere über die Wahrheit hinwegzulügen und dabei im Trüben zu fischen.

Zu dieser Fischerei im trüben Schlamme hat man sich einen Köder zurechtgemacht, der allerdings geeignet ist, Unkundige heranzulocken und zu täuschen. Aber auch diese werden bei näherer Betrachtung schnell erkennen, dass es sich dabei um eine gefälschte Fliege handelt, auf welche es lächerlich wäre, hereinzufallen. Ich meine den sogenannten „Usus“ der Kolportage. Diese Erfindung stammt aus Münchmeyerschen Kreisen. Man pflegt sie dort auch heute noch, obgleich es ganz undenkbar ist, dass sich ein klarer Kopf durch sie betrügen lassen werden. Ich erwähne sie hier nur, weil ich wahrscheinlich gezwungen sein werden, nachzuweisen, was für Leute es sind, die diesen „Usus“ prozesslich gegen mich in ganz derselben Weise benutzen wollen, wie damals die Organe der Behörde durch den „Venustempel“ und seine Herausgeberin „gemünchmeyert“ worden sind. – – –

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6. Kapitel.Als Mitarbeiter.

Wenn ich dieses Buch nur für Juristen schrieb, so würde ich mich jener Art von Darstellung befleissigen, die man als die juristische bezeichnet. Man hat mir gesagt, dass nur diese die einzige Möglichkeit gebe, die Tatsachen derart objektiv darzustellen, dass sie der Wirklichkeit entsprechen. Man habe sie von allem störenden Beiwerk zu entkleiden, um der Wahrheit so viel wie möglich nahe zu kommen. Vor allen Dingen habe man hierbei die Phantasie des Erzählers gänzlich auszuschalten!

Hm! Ich kann dem nicht widersprechen, denn ich bin ja nicht Jurist. Auch ist dieses Buch für die allgemeine, grosse Oeffentlichkeit bestimmt, deren Logik und deren Stil ich glaube, zu kennen. Mit der Objektivität ist es so eine eigene Sache; es kommt darauf an, was man unter ihr versteht. Und mit der Wahrheit ist es ganz dasselbe. Es gibt wohl weder eine absolute Wahrheit noch eine absolute Objektivität, denn jeder Mensch hat seine eigene Atmosphäre und seine eigenen Augen und Ohren, auch in seelischer, geistiger, ethischer Beziehung. Wenn ein Ereignis in der Weise wahr ist, wie es geschieht, so kann man doch den Bericht, der es seines „störenden Beiwerkes entkleidet“, unmöglich als „wahr“ bezeichnen. Ich meine, wenn ich eine Begebenheit genau so beschreibe, wie sie vor meinen Augen geschah, so brauche ich keine Phantasie dazu. Wenn ich sie aber nach allen Seiten drehe, betrachte, begutachte, belobe, betadle und bearbeite, um sie „objektiv“ zu machen, so verbrauche ich dabei eine solche Menge von Phantasie, von Ein- und Umbildungskraft, dass sie mir im Gegenteile nun ganz „subjektiv“ erscheint.

Kein menschlicher Poet vermag zu dichten, wie das Leben dichtet. Die Phantasie aller fünfzehnhundert Millionen Menschen

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vermag sich in tausend und abertausend Jahren das nicht auszusinnen, was die Phantasie des alltäglichen Lebens sich in einer einzigen Minute erdenkt und in Gestalt von materialisierten Geistesfunken über den ganzen Erdkreis sprühen lässt. Wer wahr sein will, darf hieran nichts ändern, weder hinzufügen noch streichen. Er muss genau so erzählen, wie es geschah, mit allem Bei- und Nebenwerk. Ich habe die Personen, von denen ich erzähle, nicht so zu beschreiben und nicht so sprechen zu lassen, wie sie vor Gericht auftreten und sprechen würden, denn wenn ich dies täte, würde ich lügen. Sondern ich habe den „Heinrich“, den „Fritz“ u. s. w. genau so zu zeichnen, wie sie sich gaben. Das scharfe Auge der Oeffentlichkeit wird sofort erkennen, wie genau und lebenswahr ich zeichne. Jeder, auch der kleinste Mangel an Gewissenhaftigkeit würde sich rächen. Nur der geistlose Leser könnte es fertig bringen, die der Wirklichkeit genau entsprechende „Lebendigkeit“ meiner Darstellung hinwegzuwünschen. Uebrigens habe ich bereits im ersten Kapitel ausführlich genug gesagt, warum, wozu und für wem [wen] ich diese Blätter schreibe; das, um was es sich handelt, ist noch nicht abgeschlossen, bewegt sich noch im vollsten Fluss; darum kann mich zwar wohl die Gegenwart hier und da einmal missverstehen; aber sobald dieser Fluss zum Stehen und sein erregtes Wasser zur Ruhe und zur Abklärung gekommen ist, wird man in diesem meinem Buche eine Beichte erkennen, die genau so ehrlich und der Wahrheit entsprechend geschrieben wurde, als ob ich sie an geistlicher Stelle abzulegen hätte.

Diese Vorbemerkungen sind mir als notwendig erschienen. Nachdem ich sie erledigt habe, fahre ich in der begonnenen Darstellung der Prozessereignisse fort.

Ich hatte dem „Heinrich“ gesagt, dass ich wahrscheinlich in Dresden bleiben werde. Darum hoffte er, dass wir uns in nicht ferner Zeit auf irgend eine Weise wieder zusammenfinden würden. Aber es stellte sich heraus, dass die Residenz für die Arbeiten, die ich vorhatte, zu bewegt war. Ich kehrte nach meiner Heimat zurück, in die Ruhe der Kleinstadt, wo ich mein schweres Lebenswerk überlegen und wohl vorbereiten konnte.

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Man wird sich entsinnen, dass ich bereits im zweiten Kapitel ausführlicher hierüber gesprochen habe. Es galt eine vollständig neue Psychologie. Es ist ein Unsinn, zu glauben, dass der Geist im Körper wohne. Er, der Ergründer und Beherrscher aller Dinge, soll im weissgrauen Brei des Gehirnes hausen. Soll, wenn wir es ihm erlauben, einmal aus den Augen schauen, aus den Ohren horchen, aus der Nase schnobern dürfen! Welche Verrücktheit! Es gleiche der Mensch einem Dresdner Taxameter. Der Wagen ist der Körper, das Pferd die Anima, der Kutscher die Seele. Diese drei erfüllen alle Bedingungen; aber obgleich sie es tun, so bringt es doch nichts ein. Da kommt ein Fahrgast, steigt auf und befiehlt „Blasewitz, Sommerstrasse 5.“ Das ist der Geist. Erst duch ihn wird das Fuhrwerk nützlich; erst durch ihn erfüllt es seinen Zweck. Wo kommt dieser Fahrgast her? Wer ist er? Und wohin geht er, wenn er ausgestiegen ist? Ich will es meinen Lesern sagen. Aber wenn ich das in der gewöhnlichen Weise tue, so begreifen sie es nicht. Ich muss Geschichten erzählen, die so interessant sind, dass sie sie lesen. Dabei belehre ich sie heimlich, ohne dass sie es bemerken. Und wenn sie so weit sind, wie ich es wünsche, so kann ich dann den Vorhang im Saistempel lüften und ihnen das lebengebende Geheimnis enthüllen, von dem die bisherige Welt gelogen hat, dass es einem Jeden den Tod bringe, der es zu sehen bekommt.

Ich studierte nun noch fleissiger als früher Psychologie. Ich beobachtete und verglich. Ich schrieb. Scheinbar ganz einfache Dorfgeschichten. Aber jedes Kind war eine Anima, jede Frau eine Seele und jeder Mann ein Geist. Was da im Dorf, im Bauergut, im Haus geschah, das war neue Psychologie. Diese Erzählungen hatten einen ungeahnten Erfolg. Sie brachten Ruhm und gute Honorare. Aber man las sie, ohne nachzudenken. Das Milieu eignete sich nicht für meinen Zweck. Ich prüfte anderweit und fand da in der Reiseerzählung das, was ich brauchte. Ich schrieb bald meinen ersten Band „Durch die Wüste“. Mit dieser Wüste meinte ich die Unwissenheit. In diese ihre Unwissenheit führte ich meine Leser. Kaum dort angelangt, sahen sie meinen Hadschi

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Halef Omar kommen, der aber garnicht Hadschi war. Mit ihm meinte ich den Animus, der sich für Geist ausgiebt, aber keiner ist. Nun begannen die Wanderungen und Erlebnisse, die genaue Beschreibung aller psychischen Funktionen des Menschen, die Suche nach der Seele, nach dem Geiste, durch alle Länder, bis hoch hinauf zum Mount Winnetou und zum Dschebel Marah Durimeh.

Der Erfolg dieser psychosittischen Reisebeschreibungen liess mich erwarten, dass ich mit ihrer Hülfe meinen Zweck erreichen werde. Man las sie mit Begeisterung, besonders die Jugend, obgleich sie garnicht für diese geschrieben sind. Aber eben weil ich nach der Menschenseele suchte und dies in der richtigen Weise tat, so kamen mir die Seelen der Menschen entgegengeflogen, die Seelen, die noch beweglich jung, noch nicht verknöchert, noch nicht von der Pedanterie gefesselt waren. Ich wurde sehr bald gelesen, so weit die deutsche Zunge klingt. Sehr bald auch übersetzt, in das Französische schon im Jahre 1878. Man schrieb mir von dort, dass ich nach dem Kriege der erste Deutsche sei, mit dem man öffentlich erscheinen könne, ohne Zorn zu erregen. Das ergab auch eine gute, klingende Ernte, zumal man sich auch in Deutschland genierte, mir etwa niedrige Honorare anzubieten. Ich gehörte zu den wenigen Schriftstellern, ja, ich war damals vielleicht der einzige, der seine Arbeiten nicht an- und auszubieten hatte. Ich konnte vielmehr die Bestellungen, die bei mir einliefen, nur zum kleinsten Teil befriedigen.

Wenn ich dies erzähle, so tue ich es natürlich nicht, um mich zu beliebäugeln, sondern weil man im Prozess wiederholt behauptet hat und sogar noch heut behauptet, dass ich mich auch damals wieder in Not befunden habe und von Münchmeyer abermals gerettet worden sei. Es handelt sich auch hier wieder um eine jener geradezu bewussten resp. beabsichtigten Lügen, welche sich durch den ganzen Prozess, vom Anfange desselben bis hierher, hindurchziehen und auch fernerhin kein Ende nehmen zu wollen scheinen! Ich weise auch an dieser Stelle mit Bedacht darauf hin, dass ich das Wort Lüge habe fett drucken lassen; es soll das, wie bekannt, andeuten, dass ich für diesen Punkt Zeugen in Bereitschaft halte.

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Ich stand mich ganz im Gegensatz zu dieser unredlichen Behauptung so, dass ich, obgleich ich recht gut auch fernerhin bei meinen Eltern hätte bleiben können, mir einen eigenen und garnicht etwa dürftigen Hausstand gründete. Meine Frau war arm, doch grad das freute mich. Es ist das keine Schande, sondern wenn man trotzdem vorwärts kommt, eine Ehre. Es war ein Glück für mich, für Alles sorgen zu müssen und auch gut sorgen zu können! Wir bewohnten eine ganze Etage, hatten einen Garten dazu gepachtet und besassen nicht nur immer genug für uns, sondern auch für meine zahlreichen Verwandten, denen ich nun nach und nach der bekannte „Onkel aus Amerika“ zu werden begann.

Meine Frau stammte von dort. Sie kannte mich genau. Und sie hatte sich ausserdem noch ganz besonders für mich interessiert, weil sie mit ihrem Vater meine Werke las. Sie gewann sehr bald auch Interesse für Münchmeyer, ohne ihn zu kennen. Ich sprach sehr oft von ihm, in freundlicher Weise, denn ich hatte ja keinen Grund, ihm wegen irgend etwas zu zürnen. Sie kannte Dresden noch nicht, war nur erst einmal dort gewesen, und zwar für kurze Zeit. Natürlich kam ich ihrem Wunsche zuvor. Wir reisten hin und stiegen im Trompeterschlösschen ab. Sie wünschte, grad in diesem Hause zu wohnen, weil es einen guten Ruf in der Heimat genoss. Viele Leute von dort pflegten hier zu bleiben.

Auf einem Spaziergange vom böhmischen Bahnhof her kamen wir an die damalige Rengersche Restauration. Es war in der Dämmerung. Ich sagte ihr, dies sei das Lokal, in welchem ich mit dem „Heinrich“ und dem „Fritz“ so oft gesessen habe, im Zimmer und auch im Garten, so um die jetzige Zeit. Da schlug sie mir vor, hinein zu gehen. Sie möchte gern wissen, wie es da aussehe, wo ich früher verkehrt habe. Wir taten es. Es gab im Garten nur einen einzigen Gast. Der sass mit dem Rücken gegen uns, den Kopf tief auf den Tisch gebeugt, in beiden Hände gestützt, wie in recht schweren Sorgen. Sonderbar! Das war – – – der „Heinrich“! Ich schlich mich hin, legte ihm von hinten her die Hände über die Augen und fragte ich, wer ich sei. Er erkannte mich an der Stimme; ich hatte sie nicht verstellt.

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Nach sechs Jahren! Er hatte jedenfalls sehr oft an mich gedacht! Nun sprang er auf, begrüsste mich fast jubelnd und bat, mich zu ihm zu setzen. Ich stellte ihm meine Frau vor. Er liebte schöne Frauen, sogar wohl mehr, als nötig war. Sie gefiel ihm so, dass er sie von diesem ersten bis zum letzten Augenblick allezeit mit Auszeichnung behandelt hat. Leider zog er eine Reminiscenz aus früherer Zeit herbei und war auch nicht davon abzubringen, nämlich er nannte sie „Frau Doktor“ und gab auch mir diesen alten, „nicht anstudierten“ Titel wieder, ganz gleich, ob ich damit einverstanden war oder nicht.

Zunächst war unsere Unterhaltung eine heitere, doch als meine Frau ihn fragte, warum er in so schwerer Haltung dagesessen habe, als wir kamen, da wurde er ernst und sagte, dass er gar wohl Veranlassung habe, den Kopf in die Hände zu nehmen, denn es stehe garnicht gut bei ihm im Geschäft. Er habe die von mir gegründeten Blätter eingehen lassen müssen; ich sei emporgekommen, er aber wieder herunter. Ich sei sogar berühmt geworden, das wisse er; für ihn gebe es nichts Anderes, als sich nur für die Frau und für die Kinder schinden, weiter nichts, keine einzige Freude! In dieser Weise sprach er weiter. Man hörte förmlich, wie sehr es ihm Bedürfniss gewesen war, sich einmal so recht von Herzen aussprechen zu können. Er hatte aber Niemand hierzu gehabt, dem er sich anvertrauen durfte; darum tat er es jetzt um so froher und umso gründlicher. So sassen wir lange beisammen und sprachen über Alles, was ihn bewegte. Er freute sich herzlich darüber, dass meine Ehe eine so glückliche war, fühlte aber den Gegensatz zu der seinigen um so bitterer und wiederholte immer, dass ich damals sehr klug gewesen sei, als ich um keinen Preis habe bleiben wollen.

Doch, es handelt sich hier nicht um Familienverhältnisse, sondern um Geschäftliches. Er teilte uns ganz aufrichtig mit, dass er vorhin, ehe wir kamen, über seine grad jetzt sehr bedrängte Lage nachgedacht habe, um einen Ausweg zu finden. Da habe ich ihm meine Hände auf die Augen gelegt. Das sei kein Zufall. Er kenne mich und wisse, wie ich schreibe. Ich solle doch an die alten, guten Zeiten denken, an den „Fritz“,

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an den „Wilhelm“, und ihm einen Roman schreiben; er sei überzeugt, dass ihn das schnell wieder auf die Beine bringen werde. Ich wisse ja, dass er seiner Frau seine Sorgen niemals anvertrauen könne und es ihr niemals sagen dürfe, wenn es nicht gut um ihn stehe. Denn wenn er es täte, so peinige sie ihn derart mit Vorwürfen, dass er es unmöglich aushalten könne. Bei ihr müsse man stets so tun, als ob alles ganz vortrefflich stehe, als ob es nicht die geringste Sorge gebe, und diese immerwährende Notwendigkeit, sich zu verstellen, reibe den stärksten Menschen auf. „Helfen Sie mir aus dieser Plage, lieber Karl!“ bat er. „Und Sie, Frau Doktor, geben Sie ihm ein gutes Wort, mir meinen Wunsch zu erfüllen! Ich sehe, dass er Sie lieb hat. Wenn Sie ihn bitten, den Roman zu schreiben, so wird er es tun!“

Er besass die alte, frühere Ueberredungsgabe noch immer. Meine Frau konnte ihr nicht widerstehen. Sie war eine Kleinstädterin. Der „Heinrich“ hatte sie durch das bekannte „Feine“, durch seine „Kolportage-Ritterlichkeit“ sehr schnell gewonnen. Sie nahm sich seines Wunsches kräftig an, und so gab ich denn eine Erklärung ab, die zwar nicht abweisend, aber auch nicht gleich ganz zustimmend war. Ich hatte genug Schundroman-Atmosphäre geatmet, um gelernt zu haben, vorsichtig zu sein. Ich zeigte mich zwar nicht abgeneigt, einen Roman für Münchmeyer zu schreiben, doch auf keinen Fall mit Abtretung meiner Rechte, sondern nur für eine Auflage bis mit Zwanzigtausend, mehr aber nicht. Ich gab ihm auch die Gründe hierzu an, nämlich dass ich Reiseerzählungen schreibe, die einen gewissen Zweck verfolgen und als Bände meiner gesammelten Werke zu erscheinen haben. Schreibe ich für ihn einen Roman, so werde er aus solchen Reiseerzählungen bestehen, auf die ich nicht für längere Zeit verzichten könne. Darum nur die Auflage von Zwanzigtausend. Aber für diese 20 000 ausser dem Honorar, dann auch noch eine feine Gratifikation! Ueber den Inhalt lasse ich mir keine Vorscshriften machen. Einen Titel aber könne er sich wünschen, denn der falle später fort.

Er erklärte sich hiermit einverstanden und freute sich

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besonders auf meinen Namen, weil dieser angefangen habe, berühmt zu werden; das komme nun auch seinem Geschäft und der Firma Münchmeyer zu gute. Da aber sagte ich ihm sofort und allen Ernstes, dass er auf diesen meinen Namen zu verzichten habe, wenn er nicht wünsche, dass unser Uebereinkommen gleich von vornherein scheitere. Mein Name habe eine Zukunft und stehe schon jetzt mit so hochangesehenen Firmen in Verbindung, dass es ganz unmöglich sei, ihn auf Kolportagehefte zu drucken. Es müsse ein anderer Name, ein Pseudonym, gewählt werden, und der sei von mir zu bestimmen. – Er machte zwar den Versuch, mich dennoch zu bewegen, meinen wirklichen Namen herzugeben, doch wies ich das in der Weise zurück, die ihn veranlasste, diesen Wunsch, um nicht auf alles verzichten zu müssen, schnell wieder fallen zu lassen. Hierbei bekräftigte er die feine Gratifikation noch ganz besonders.

In dieser Weise waren also die Hauptbedingungen gestellt, unter denen ich geneigt sei, ihm den Roman zu schreiben. Es wurde noch einiges andere besprochen, und dann sagte er, dass er morgen am Vormittage nach dem Trompeterschlösschen kommen werde, um die übrigen Punkte mit mir zu vereinbaren. Er bitte mich, die Sache wohl zu überlegen, und zwar in seinem Sinne, damit ich ihm morgen nicht etwa mit einem Nein entgegenkomme. Jetzt gehe er heim, und es sei heute gewiss seit langer Zeit das erste Mal, dass er gut schlafen werde. Damit trennten wir uns. Als ich mit meiner Frau dann allein war, bat sie mich, nicht bös darüber zu sein, dass sie den „Heinrich“ mit ihrer Bitte unterstützt habe. Er sei ja so niedergeschlagen und so voller Sorge gewesen, dass sie ihn auf das Lebhafteste bedaure. Es müsse fürchterlich sein, eine Frau zu besitzen, der man gerad das nicht sagen darf, was sie eigentlich verpflichtet sei, mitzutragen. Ausserdem habe sie ihm auch aus dem Grunde beigestanden, weil ich ja sehr oft davon gesprochen habe, dass man der „Schundliteratur“ nur dadurch zu Leibe gehen könne, dass man sie aus den Höhlen, in denen sie gepflegt und gefüttert wird, hinausschreibt. Die Firma Münchmeyer sei eine solche Höhle; so habe ich also jetzt die

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beste Gelegenheit, diese meine Theorie in die Praxis umzusetzen.

Ja, richtig war das allerdings, was sie da sagte. Ich hatte diese Ansicht wiederholt ausgesprochen und halte sie auch heute noch für richtig. Man muss den Kolporteur überzeugen, dass er mit guten Sachen bessere Geschäfte mache, als mit Schund. Man muss ihm Arbeiten überlassen, welche schnellen und leichten Absatz finden und das Bedürfnis nach guter Lektüre erwecken. Ich hatte in meinen „Reiseerzählungen“ einen derartigen Lesestoff geschaffen. Es war wenigstens eines Versuches wert, ihn auch den Kolportagelesern anzubieten. Freilich, das Honorar, welches mir andere zahlten, konnte ich von Münchmeyer nicht verlangen, zumal jetzt, wo er sich in so bedrängter Lage befand. Es war also wohl nicht zu vermeiden, auch in dieser Beziehung ein Opfer zu bringen, und als ich meine Frau hierüber fragte, zeigte sie sich einverstanden, obgleich sie den Wert des Geldes sehr wohl kannte.

Der „Heinrich“ hatte gesagt, dass er am Vormittag kommen werde; er kann aber schon früh, so zeitig, dass zunächst nur ich, nicht aber meine Frau zu sprechen war. Einmal aufgewacht, hatte er nicht wieder einschlafen können. Der Gedanke, einen Roman von mir zu bekommen, hatte ihn von zu Hause fort und in das Freie hinausgetrieben. Da hatte er sich alles, was wir gestern besprochen hatten, nochmals überlegt und kam nun, mir zu sagen, dass er mit meinen Bedingungen einverstanden sei. Es sei zwar noch sehr früh am Morgen, aber ich werde das entschuldigen. Es hänge ja soviel davon ab, dass er mit mir abschliessen könne, und da werde ich wohl begreifen, dass er nicht eher Ruhe finden werde, als bis dies geschehen sei. Auf meine Frage nach dem Honorar erklärte er, dass er leider nicht in der Lage sei, mir mehr als dreissig Mark pro Nummer zu geben. Das war allerdings blutwenig, denn wieviel er anderen zahlte, dass konnte doch auf mich keine Anwendung finden. Ich machte eine Mehrforderung, wenn auch keine bedeutende, nur fünf Mark höher; aber die Art, wie er sie hinnahm, tat mir beinahe wehe. Es war aus ihr zu ersehen, dass er sich allerdings in Verlegenheit befinden müsse. Er ging zwar schliesslich darauf ein, gab mir aber zu

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bedenken, dass er auch schon in Beziehung auf die anderen Punkte das Allermöglichste geleistet habe. Die Rechte nicht für immer! Sondern nur Zwanzigtausend! Dazu eine „feine Gratifikation“! Das seien Bedingungen, auf welche er nur darum eingehe, weil ich sein besonderer Freund sei, weil ich besser schreibe und er mich also auch besser behandeln müsse als alle anderen, und weil ich doch wohl jetzt keine schlechteren Bedingungen stellen könne als diejenigen, unter denen ich damals als sein Redakteur abzuschliessen pflegte. Er bitte also, ihn nicht weiter zu drücken, denn er könne jetzt nicht mehr bieten. Sollte es aber bei gutem Erfolg zu weiteren Romanen kommen, so werde er dann im Stande sein, auf bessere Honorare einzugehen. Ich wusste von früher her, dass er grundsätzlich gegen schriftliche Verlagskontrakte war. Er gab sich gern als Biedermann, für den es ein Misstrauen bedeutete, seine Unterschrift zu verlangen. Ob das nur so klang und er dabei doch gewisse Berechnungen im Nacken sitzen hatte, das ist eine Frage, auf die ich hier nicht einzugehen habe. Natürlich schlug ich ihm die Anfertigung eines Kontraktes vor, er aber lehnte ab. Ich wisse ja, dass er dass [das] nicht tue. Wir seien Freunde und Ehrenmänner; da gelte das Wort mehr als die Schrift. Er hoffe nicht, dass ich an seiner Ehrenhaftigkeit zweifle!

So schloss ich also mit ihm ab, ohne die Anfertigung eines schriftlichen Dokumentes, sondern nur durch Wort und Handschlag, zu den Bedingungen, die von mir im Prozess wiederholt und mehr als genügend angegeben worden sind. Er bat mich hierbei, gegen andere, besonders aber gegen seine Frau verschwiegen zu sein. Ich kenne sie ja und werde also wissen, was ich ihr sagen könne und was nicht. Aber in Acht solle ich mich vor ihr nehmen, denn sie habe es mir noch nicht vergeben und werde es mir auch nie vergeben, dass ich es damals abgeschlagen habe, ihre Schwester zu heiraten. Sie betrachte das noch heute als die grösste Beleidigung, die ihr jemals widerfahren sei – – Hierauf kam meine Frau, die sich darüber freute, dass wir einig geworden waren. Wir zählten ihr die Bedingungen auf, die gestellt und angenommen worden waren, und so ist es also eigentlich fast ganz dasselbe, als ob sie auch bei den heutigen

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Vereinbarungen mit zugegen gewesen sei. Als Münchmeyer sich mit der Bitte an sie wendete, doch darauf zu sehen, dass ich die Arbeit, die er so notwendig brauche, so bald wie möglich beginne, gab ich ihm selbst das Versprechen, dass ich anfangen werde, sobald ich heimgekommen sei.

Was hierauf folgt, unser ferneres Zusammensein mit dem „Heinrich“ in diesen Tagen, ist nebensächlich. Höchstens wäre zu erwähnen, dass er wünschte, wir wohnten nicht daheim bei uns, sondern hier bei ihm in Dresden. Nach unserer Heimkehr hielt ich Wort und fing sofort an, diese Arbeit zu schreiben. Es gab da zwar zunächst einige kleine Kontroversen, die sich auf den Modus des Honorarzahlens bezogen und mich veranlassten, mit der Lieferung des Manuskriptes einzuhalten; dann aber begann das Geschäft, sehr glatt zu laufen, und die erst ziemlich unzufrieden, oft sogar erregt klingenden Briefe Münchmeyers wurden immer freundlicheren Inhaltes, bis er endlich schrieb, dass er zufrieden sei. Der Roman begann, ihm Geld in den Schrank zu liefern.

Einige Zeit später hatte ich in Dresden zu tun, nur für einen Tag. Ich fuhr früh ab und wollte Abends wiederkommen. Darum nahm ich meine Frau nicht mit; sie blieb daheim. Ich hatte dort auch den „Heinrich“ aufzusuchen, nur auf fünf Minuten, natürlich nur im Geschäft, nicht etwa in der Wohnung. Ich richtete es so ein, dass es kurz vor Mittag war. Um diese Zeit war es gewiss, dass ich die „Pauline“ nicht etwa traf, denn da hatte sie zu kochen. Ich wollte vermeiden, sie durch meinen Anblick in Harnisch zu bringen. Ich sah sie noch heut vor mir als Furie, mich laut anschreiend, ob ich ihre Schwester, die „Minna“, heiraten wollte oder nicht! Aber es kam anders, ganz anders, als ich hätte erwarten können.

Münchmeyer war aufrichtig erfreut, als er mich sah. Ich sagte ihm, dass ich nur für einen Augenblick gekommen sei, denn ich fahre heut wieder heim. Da schüttelte er den Kopf. Das sei Unsinn; ich solle ja nicht etwa denken, dass er das zugebe. Dabei drehte er sich nach einem Boten um, den er hinüber in der [die] Wohnung schickte: „Sag der Mama schnell, dass der Herr Doktor May da ist; er wird mit Mittag essen!“ Ich glaubte nicht, meinen Ohren trauen zu dürfen, und sah

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ihn verwundert an. Da sagte er lachend: „Haben Sie keine Angst vor der Alten! Die wird schon freundlich sein; sie weiss auch wohl, warum!“ Er hatte einige Leute abzufertigen; ich gab ihn dazu frei und machte indessen einen Rundgang durch das Geschäft. Ich freute mich, dass es überall freundliche Gesichter gab, wo man mich sah. Meine alten Bekannten waren fast alle noch da. Ich traf den „Fritz“. Der lachte am ganzen Gesicht. „Du, die hat aber gleich noch rasch zum Fleescher geschickt“, sagte er. – „Wer?“ fragte ich. – „Na, die. Du bist doch Gast!“ – „Das weisst Du schon?[“] – „Natürlich! Das ging ja wie een Looffeuer rum. Jetzt wissens Alle! Haste etwa Angst?“ – „Das nicht, aber wissbegierig bin ich doch, wie es sich gestalten wird.“ – „Gut, sehr gut, sonst setzt es Prügel; daroff kannste Dich verlassen. Sie darf weit gehen; das is richtig, aber ja nich drüber naus. Weeste, im Vertrauen: Dein Roman zieht kolossal; so hat noch niemals was gezogen. Das bringt Geld, und Geld is bei der da drüben Alles: da wird sogar die „Minna“ vergessen. G’segende Mahlzeit!“

Er hatte mir richtig prophezeit; ja, es geschah sogar noch mehr als das. Als ich mit dem „Heinrich“ hinüber in die Wohnung kam, war es „Pauline“ zwar nicht möglich, jenes stereotyp verlegene, breite Lächeln zu verbergen, welches auch einem geistreichen Gesicht nur übel stehen würde; aber im Verhältnis zu ihrer sonstigen Intelligenz fand sie sich doch ganz leidlich in die für sie gewiss nicht angenehme Situation. Sie war sehr höflich. Das stimmte mich dankbar. Ich versuchte, sie anzuregen, und da ich ihre geistige Atmosphäre und die in derselben am Boden stehenden oder an der Wand hängenden Gegenstände kannte, so gelang es mir, ein sehr geläufiges Gespräch in Fluss zu bringen, über welches sich Niemand so sehr freute, wie der „Heinrich“. Da brauchte er nämlich nicht mitzureden. Da konnte er seine ganze Aufmerksamkeit auf das Essen richten, und er ass nämlich gern, sehr gern und auch sehr viel! Dazu kam, dass in Münchmeyers Haus ein Gast eine ausserordentliche Seltenheit war, infolge der Ungeselligkeit und des Geizes der „Pauline“. Heut aber hatte sie sich grad ihrer Geldliebe wegen veranlasst sehen müssen, dem Verfasser des einträglichsten aller ihrer Romane ein

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splendides Mittagsessen vorzusetzen. Das war für den „Heinrich“ ein Fest. Er konnte einmal in der Weise, wie er es verdiente, essen, ohne den Restaurationsspeisezettel zu Hülfe zu nehmen. Und das tat er denn so ausgiebig und so vertieft, dass es schien, als wolle er uns von dem ganzen Schmaus fast nur die Unterhaltung übrig lassen. Diese erstreckte sich auf die allgemeinen Schlechtigkeit der Menschen, auf die besondere Unzuverlässigkeit der Arbeiter, auf die Faulheit der Dienstboten, auf die Reinigung der Leib- und Bettwäsche, auf die Abstäubung der Möbel, auf die moralische Verderbnis der Putzmacherinnen und Schneiderinnen und auf die Unvergleichlichkeit der Münchmeyerschen Lektüre. Wenn wir zum elften Male mit den Arbeitern und zum zwölften Male mit den Dienstboten fertig waren, so kamen wird zum dreizehnten Male auf die Wäsche. Es war also kein Wunder, dass rechts und links von mir Begeisterung herrschte; die „Pauline“ behauptete, dass sie sich noch nie so gut unterhalten habe, und der „Heinrich“ lobte, dass er noch kaum je so gut gegessen habe wie heut. Bei diesen Worten stieg ein Wunsch, ein kühner Wunsch in seinem Herzen auf, nämlich der, dass es doch für einige Tage so bleiben möge wie jetzt. Und weil die Flasche, die es sonst niemals, sondern nur heut einmal gab, beinahe leer war, tat er einen tiefen Schluck, sammelte seine ganze Verwegenheit und fragte: „Wir lassen den Herrn Doktor natürlich heut nicht fort. Wie steht es mit dem Fremdenzimmer, Mama? Es ist doch ganz unmöglich, ihn ins Hotel gehen zu lassen!“ Die „Pauline“ erschrak. Sie sah ihn an; er sie aber auch! Der Wein war stark und der „Heinrich“ darum noch stärker. Da senkte sie die Augen und erklärte, dass sie gleich einmal nachsehen werde. Sie stand auf und ging hinaus, wahrscheinlich aber mehr, um sich zu sammeln, als um nach dem Zimmer zu schauen. „Na, was habe ich gesagt? Sie folgt! Sie mag doch einmal so tun, als ob Sie damals wirklich zugegriffen hätten und ihr Schwager geworden wären! Essen Sie, lieber Karl! Zu trinken gibt es jetzt nichts mehr; das besorgen wir heut Abend, mit dem „Fritz“. Denn daheim zu bleiben bei ihr, das mute ich ihr doch nicht zu!“

Mit dem Trinken hatte er Recht, denn der Wein war alle; er trank soeben den letzten Schluck. Mit dem Essen aber

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hatte er sich geirrt, denn das war auch alle. Ich gestand ihm aufrichtig und allen Ernstes, dass es mir ganz und gar nicht lieb sei, sein Gast sein und seiner Frau beschwerlich fallen zu müssen; am liebsten liefe ich augenblicklich davon! – „Ja, tun Sie das; aber ich gehe mit, und zum Kaffee sind mir [wir] wieder da,“ lachte er. „Kommen Sie!“ Wir verschwanden. Als wir wiederkamen, wies mir die „Pauline“ das Zimmer an, und der „Heinrich“ tat, weil ich nicht auf Uebernachten eingerichtet war, ein Uebriges und borgte mir seine Filzpantoffel. Das einigte unsere Herzen noch inniger als vorher. Ich blieb drei volle Tage. Am dritten stand ich mit Heinrich und Pauline Münchmeyer im Wohnzimmer, um zu danken und Abschied zu nehmen. Ich musste heim. Da klingelte es draussen. Die Tür ging auf, und wer trat herein? Meine Frau! Ich war am Abend nicht heim gekommen. Das Verreisen war und ist bei mir keine Seltenheit, und da ich während dieser drei Tage fast unausgesetzt gewillt gewesen war, mit dem nächsten Zuge fort zu fahren, so hatte ich nicht nach Hause geschrieben. Da machte meine Frau am dritten Tage sehr kurzen Prozess; Sie setzte sich in den Zug und fuhr nach Dresden. Sie wusste zwar nicht, wo ich war, aber dass ich auch mit zu Münchmeyers hatte gehen wollen; dort würde die schon erfahren, in welchem Hotel ich wohne. Nun war sie angekommen; nun war sie da!

Hier mache ich eine Pause, denn in den letzten Worten „nun war sie da“ liegt für mich viel, sehr viel! Wahrscheinlich wäre mir, wenn sie sich nicht eingestellt hätte, unendliches Herzeleid erspart geblieben! Tausendmal habe ich mir nachträglich die bittersten Vorwürfe gemacht, dass ich ihr keine Nachricht gab. Aber ich unterliess dies auch deshalb, weil ich dachte, dass sie dann grad kommen werde. Ich war überzeugt, dass ich diese beiden Frauen nicht zusammenbringen dürfe; aber ich dachte mir hierfür andere Gründe, nämlich die äusseren, nicht die innerlichen, die seelischen, die dann so verderblich wirkten. Meine Frau wusste nicht, was sie tat. Sie war jung, und sie war – – Weib! Der „Heinrich“ hatte sie gesehen; nun wollte sie sich auch der „Pauline“ zeigen, grad deshalb, weil ich deren Schwester ausgeschlagen hatte. Das ist der Satanas, der sich so gern hinter die weibliche -

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weibliche Schönheit steckt. In dem Augenblicke, an dem sie in die Stube trat, begann die Scheidung zwischen ihr und mir, obgleich dieselbe erst zwanzig Jahre später gerichtlich ausgesprochen wurde. Es kann Jahrzehnte dauern, ehe ein innerer Grund zur äusseren Folge wird.

Ich hätte meine Frau am liebsten bei der Hand genommen und sofort hinausgeführt; aber das ging doch nicht! Münchmeyer war ganz entzückt; er hielt eine förmliche Rede, wie hoch sie willkommen sei. Die „Pauline“ zu beobachten, hatte ich keine Zeit, denn die Angekommene nahm mich in Anspruch; sie hatte sich zu entschuldigen und mir von Briefen und anderen wichtigen Dingen zu berichten. Von meiner Abreise konnte nun natürlich nicht mehr die Rede sein, doch beeilte ich mich, es als ganz selbstverständlich zu erklären, dass wir im Hotel wohnen würden. Es wurde ausgemacht, einige Ausflüge in die sächsische Schweiz oder wenigstens in die Dresdner Haide zu unternehmen. Das schlug der „Heinrich“ vor, und ganz sonderbarer Weise stimmte die „Pauline“ bei. Meine Aufmerksamkeit wurde hierdurch erst wieder auf sie gelenkt. Man sah ihr weder Hass noch Aerger an. Sie war so freundlich! Es dauerte gar nicht sehr lange, so sass sie mit meiner Frau auf dem Sofa und hatte sie bei der Hand! Dann wurde spazieren gegangen. Die „Pauline“ ging mit. Eine Seltenheit, ja, falls sie es ehrlich meinte, eine Auszeichnung sogar! Es wurde mir beinahe angst, zumal sie meine Frau so vollständig in Beschlag nahm und sich mit ihr so von uns andern absonderte, dass es mir kaum möglich war, mit einem Blick zur Vorsicht aufzufordern. Auch war meine Frau so schnell ganz für sie eingenommen und so voller Aufmerksamkeit für sie, dass Blicke gar nicht bemerkt wurden. Sie hatte erst dann wieder Zeit, als wir uns im Hotel befanden, wo sie mir erklärte, sie wisse nun, wer schuld an dieser unglücklichen Ehe sei, nämlich nicht die „Pauline“, sonder der „Heinrich“.

Ich war Psycholog genug, ihr nicht sofort zu widersprechen. Menschen, die nicht zusammen passen, soll man langsam und vorsichtig trennen, nicht auseinanderreissen wollen, sonst klammern sie sich aneinander fest! Aber gemeinsame Ausflüge sind bekanntlich der Trennung gar nicht günstig. Der

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„Heinrich“ freute sich riesig, dass seine Frau „anfing, gesellschaftlich werden zu wollen“. Er unterstützte das, und ich widerstrebte dem nicht, weil ich ihm diese Freude wohl gönnte. Der „Fritz“ beobachtete still; aber als er glaubte, nicht mehr schweigen zu dürfen, warnte er auch: „Du, bis nich dumm; nimm Deine Frau in acht! Die kriegste sonst nich wieder! Denkste etwa, das ist echt? Aber mach, waste willst!“ Er hatte recht; aber ich konnte doch nicht so derb und rücksichtslos verfahren, wie er es in seiner Weise für richtig hielt. Da kam er auf die Idee, sich direkt an meine Frau zu wenden, und leider tat er das in seiner drastischen Weise. Er erreichte dadurch grad das Gegenteil. Sie hat ihn von da an stets nur für einen Grobian, niemals aber für aufrichtig, für ehrlich gehalten. Er hatte nicht berechnet, dass die „Pauline“ ihm schon längst vorausgekommen war und ihn derart gezeichnet hatte, dass er unrecht haben musste. Ich glaubte, es klüger anfangen zu müssen, als er. Es kam darauf an, die Eindrücke dieser Tage nicht festwachsen zu lassen. Um sie zu verwischen, fuhr ich nicht direkt heim, sondern schloss an den Dresdner Aufenthalt eine kleine Reise, von der ich erwartete, dass sie diesem meinem Zwecke günstig sei. Vor allen Dingen habe ich an dieser Stelle zu betonen, dass ich bei der „Pauline“ als Logiergast gewohnt habe und dass es also eine Lüge ist, zu behaupten, dass etwas derartiges niemals stattgefunden und es einen Familienverkehr nie zwischen ihr und uns gegeben habe. Es werden sich bald noch mehr Beispiele eines solchen Verkehrs zeigen!

Hierauf kam eine ausserordentlich arbeitsreiche Zeit. Ich förderte das „Waldröschen“ – so hiess der Münchmeyersche Roman – mehr, als ich verpflichtet war, und schrieb für den Buchverlag volle drei Bände „Reiseerzählungen“, ohne die kleineren Novellen, die so nebenbei entstanden. Dazu unausgesetzte Sprach-und andere Studien, um mich für mein eigentliches Lebenswerk vorwärts zu bringen. Da gab es wenig oder gar keine Zeit für Dinge, die sich nicht direkt bemerkbar machten, am wenigsten für die Erinnerung an die „Pauline“, an die auch meine Frau fast nie zu denken schien.

Bei diesem äusseren und inneren Vorwärtsstreben stellte sich nach und nach doch die Unzulänglichkeit der kleinen

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Stadt heraus. Sie hatte mir die Ruhe gewährt, die ich zum Entwerfen und Ueberdenken meiner Aufgabenreihe brauchte. Nun war das vorüber. Ich hatte innere Klarheit erlangt und musste nun zurück ins Leben und an die Quellen, die nur in der Grossstadt fliessen. Ich wählte natürlich Dresden, aber nicht die Stadt selbst, sondern einen ihrer Vororte. Wir reisten wieder hin, sahen uns die letzteren an und entschieden uns für Blasewitz, wo wir die erste Etage einer Villa mit Gartennutzung mieteten. Niemand war hierüber froher als der Heinrich. Er bereitete uns, kaum dass wir eingezogen waren, eine sehr unerwartete Ueberraschung. Er kam nämlich eines Tages und sagte uns, dass er auch in Blasewitz wohne. Er habe überhaupt keine Häuslichkeit; die „Pauline“ raisoniere, wenn er in die Zimmer komme; in der Restauration zu essen sei er so wie so gewöhnt, und so habe er sich hier eine Wohnung genommen, um sich nicht mehr den ganzen Tag ärgern zu müssen. Diese Gründe teile er aber ganz selbstverständlich andern nicht mit. Er gehe zwar täglich nach der Stadt ins Geschäft, beeile sich aber, so bald wie möglich wieder herauszukommen. Besonders von Sonnabend bis Montag habe er mit Dresden nichts mehr zu schaffen. Er komme zu uns; da wisse er wenigstens, dass man ihn gern sehe und aufrichtig gegen ihn sei.

So wurde er unser Gast, in der Woche sehr häufig des Abends, Sonntags aber schon am Mittag, zuweilen auch bereits am Morgen, zum Kaffee. Der „Fritz“ gesellte sich sehr oft hinzu. Der ass noch lieber und noch mehr als der „Heinrich“. Es war eine Wonne, mit ihnen bei Tisch zu sitzen. Dieses gute Verhältnis gefiel der „Pauline“ natürlich nicht. Es ist doch nicht grad rühmlich für eine Frau, wenn ihr Mann in eine andere Familie flieht, um nach des Tages Arbeit die verdiente Ruhe und ein anerkennendes Wort zu finden. Sie hat sich hierfür bei uns dadurch abgefunden, dass sie vor Gericht behauptete, wir hätten nicht einmal Möbel gehabt. Das ist natürlich Lüge! Die Firma Bruno Seewald kann mir bezeugen, dass ich nur für den Transport meiner Möbel 150 Mk. sofort und bar bezahlt habe. Uebrigens weiss sie ganz genau, wie anständig wir gewohnt haben; sie hat es ja nicht nur selbst, sondern auch öfters gesehen. Sie musste doch etwas

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tun, den zwischen ihr und ihrem Manne vorhandenen Riss nicht in so gehässigem Licht erscheinen zu lassen. Darum stellte sie sich hier und da in Blasewitz ein, um uns aufzusuchen. Auch ihre älteste Tochter brachte sie mit, die jetzige Witfrau Jäger, die damals bestimmt war, als „star“ auf der Bühne zu leuchten. Da ist in ihrer Gegenwart von mir und ihrem Manne sehr ausführlich über unsere mündlichen Abmachungen gesprochen worden. Sie hat das von den Zwanzigtausend gehört und ebenso auch von der „feinen Gratifikation“. Sie hat also sehr wohl gewusst, dass es mir gar nicht eingefallen war, auf meine Rechte zu verzichten. Das in Abredestellen dieser ihrer Besuche bei uns in Blasewitz ist Lüge!

Ich bin überzeugt, dass sie aus gewissen Gründen unendlich gern mit meiner Frau verkehrt wäre, aber natürlich ohne mich und auch nicht in Gegenwart ihres Mannes. Sie hat es ja später erreicht, diesen Wunsch erfüllt zu sehen, und das in einer Weise ausgenutzt, welcher der Erfolg nicht fehlen konnte. Aber weil meine Frau unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht derart abzusondern war wie damals bei ihrem Besuch in Dresden, so blieb es nur bei den vorhin erwähnten gelegentlichen Visiten. Dass sich ihr Mann bei uns wie zu Hause fühlte, war mir zunächst ganz recht gewesen; aber der „Heinrich“ kannte da leider kein Mass. Ich war fest nicht mehr Herr meiner selbst, musste daheim sein, wenn er kam, musste stets und stets zu seiner Verfügung sein, und das alles nur deshalb, weil er sich wohl bei uns fühlte. Er siedelte sogar seine alte Geige bei uns an und mutete mir zu, ihn auf dem Pianino zu begleiten! Dass der „Fritz“ mit kam, war mir lieb. Aber dass Münchmeyer mir auch Personen brachte, die dann bei uns aus- und eingehen sollten, obwohl es für mich ganz unmöglich war, mit ihnen zu verkehren, das hätte ich ihm gern abgewöhnt, doch gelang mir das leider nicht. Vor allen Dingen mutete er mir zu, jeden neuen Mitarbeiter bei mir aufzunehmen und an seiner Stelle, aber mit meinem Gelde die Honneurs des Hauses Münchmeyer zu machen. Das war fatal. Er brachte mich durch dieses alles um so viel Zeit, dass ich kaum mehr zum ruhigen Arbeiten kam. Ich überlegte hin und her. Das musste aufhören, doch auf eine Weise, die ihn weder kränkte noch beleidigte, sondern unsere Absonderung als

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etwas Selbstverständliches erscheinen liess. Das beste Mittel zu diesem Zweck war jedenfalls, das Logis zu wechseln, von Blasewitz fortzugehen, wenn auch nicht weit.

Die Ausführung dieses Entschlusses wäre wohl noch verschoben worden, wenn er uns nicht wieder einmal, grad als wir zum Empfang derartiger Leute am wenigstens disponiert waren, einen Gast herbeigebracht hätte, der am besten gleich an der Tür zurückgewiesen worden wäre. Auch der war ein Mitarbeiter, ein früherer katholischer Lehrer, der, wie der „Heinrich“ in seiner ungenierten Weise gestand, im Konkubinate lebe und heut total betrunken sei. Ja, dieser Mann war allerdings betrunken. Er betrug sich derart, dass ich ihn zum Gehen veranlasste und ihn bat, ja niemals wiederzukommen. Es ist das der Schriftsteller Bräuer, der Zeuge der Frau Pauline Münchmeyer gegen mich, der sogar beschworen hat, dass der Schriftsteller seine Kontrakte nur mit dem Sortimentsbuchhändler mache, eine Behauptung, die freilich sehr nach Alkohol riecht!

Münchmeyer schien es mir übelnehmen zu wollen, dass ich diesem seinem betrunkenen Protégé die Türe gewiesen hatte; ich machte also kurzen Prozess, kündigte meine Wohnung und mietete eine andere, die ziemlich entfernt davon an der Stadtgrenze lag und bereits zur Stadt gehörte. Der Eigentümer war ein Schlossbesitzer, ein sehr tatkräftiger Herr, bei dem es nur eines Winkes bedurfte, das, was ich wünschte, zu begreifen. Als ich dieses neue Logis bezogen hatte, setzte der „Heinrich“ zunächst seine Besuche fort, obgleich es ihm nicht bequem lag. Dann kam er nach und nach seltener und schliesslich gar nicht mehr. Als ich ihn gelegentlich fragte, warum, sagte er, er könne meinen Wirt nicht leiden und den Kutscher noch weniger. Es sei jammerschade, dass ich ausgezogen sei; ich solle doch so bald wie möglich wieder kündigen. Was er mit dem Herrn und mit dem Kutscher gehabt hatte, das habe ich nicht erfahren, denn es verstand sich von selbst, dass ich weder den einen noch die beiden anderen danach fragte. Aber das Wegbleiben Münchmeyers brachte eine Folge, die ich nicht mit in Berechnung gezogen hatte; nämlich, als der „Heinrich“ bei uns verschwunden war, erschien nun die „Pauline“!

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Ich behaupte nicht etwa, dass sie sich auffällig und häufig eingestellt habe, o nein. Das geschah ganz so, wie bei einem Dichter die Reime kommen. Ich schrieb in meinem Studio und hatte mir etwas aus dem Wohnzimmer zu holen. Als ich hinüberkam, war sie da, bei meiner Frau; sie sassen bei einander, genau so, als ob sie sich reimten! Das wiederholte sich, allerdings nur ein- oder zweimal. Aber es geschah von jetzt an öfters, dass meine Frau Sonnabends Lust bekam, morgen, am Sonntage in die Haide spazieren zu gehen. Meist zunächst nach dem Fischhause. Kamen wir dahin, so sass sie „Pauline“ da. Es war ihr geraten worden, Waldluft zu atmen, und sie tat das in vehementester Weise. Sie steckte sich den Regenschirm quer über den Rücken unter die Arme, und wenn dies geschehen war, so konnte ich die arabischen Gutturaltöne viel besser studieren als in Arabien selbst. Dieses Zusammentreffen repetierte in verschieden grossen Interwallen [Intervallen], doch stets nur Sonntags, denn das war der einzige Tag, an dem die „Pauline“ nicht in der Firma Posten stand. Wir wohnten an der Blasewitzer Grenze, in der Nähe der Elbe. Wir brauchten nur überzufahren, so hatten wir den Wald, für den sich Frau Münchmeyer jetzt im höchsten Grade interessierte. Der Rendezvous und Spazierziele gab es verschiedene; das Waldschlösschen, die Saloppe, das Fischhaus, die Haidemühle, die Hofewiese und andere. In einem ganz besonderen Falle war sie nicht allein. Ein Sohn das [des] Stadtrates Heubner, des bekannten Achtundvierzigers, hatte eine Tochter der „Pauline“ kennen gelernt. Man wünschte, aus den jungen Leuten ein Paar zu machen. Es wurden gemeinsame Spaziergänge kombiniert, mit Poesie, in den Wald hinaus. Wir wurden eingeladen. Münchmeyers drei Personen, Heubners drei Personen und Mays zwei Personen. Die jungen Leute haben auch wirklich geheiratet.

Ich bitte, hieraus zu ersehen, dass die Behauptung, es habe zwischen uns und Münchmeyers kein Verkehr bestanden, eine „Lüge“ ist! Ferner ist Heubner jun. später als Zeuge gegen mich aufgestellt worden. Ich habe damals, bei unserm viele Stunden langen Beisammensein in der Dresdner Haide, mit ihm sehr ausführlich über mich, über meine Werke und meine Schreibweise gesprochen. Ich habe ihm da gesagt, dass Münchmeyer schon im Jahre 1875 und 76 „Indianergeschichten“

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von mir bekommen habe und dass nun jetzt auch das „Waldröschen“ wieder eine ganze Menge von „Indianergeschichten“ enthalte. Und jetzt nun, da ich mit seiner Schwiegermutter prozessiere, will man gerichtlich glaubhaft machen, dass er sich mehrere Jahre später bei Münchmeyer erkundigt habe, ob ich der „Indianergeschichten-May“ sei! Ich konstatiere das blos; hinzuzufügen brauche ich wohl nichts! – Und da ich einmal bei dieser Art von Behauptungen bin, so möge auch noch folgende gleich mit abgefertigt werden: Die „Pauline“ hat nämlich behauptet, dass ich grad zu jener Zeit, als wir auf der Prinzenstrasse wohnten, mich in Geldnot befunden und darum Münchmeyer angeborgt habe. Meine Frau sei nämlich im Krankenhause gewesen und ich habe das nicht bezahlen können! Nun hat sich meine Frau aber grad zu jener Zeit so ganz besonders rüstig gezeigt. Sie hat niemals, weder vorher noch nachher, so ausgedehnte Landpartien gemacht wie damals mit Frau Münchmeyer. Von einem Kranksein oder gar Darniederliegen war keine Rede. Auch hat meine Frau nie, so lange sie lebt, in irgend einem Krankenhause gelegen. Ich muss also die obige Behauptung, wie so vieles andere, für eine „Lüge“ erklären. Erst viel später, als wir längst in einem ganz anderen Stadtviertel wohnten, musste sich meine Frau wegen einer schweren Erkältung in die ärztliche Privatbehandlung des Geheimen Medizinalrates Professor Leopold begeben, ein Fall, auf den diese „Lüge“ jedoch in keiner Weise bezogen werden kann.

Es lässt sich wohl denken, dass es mir keineswegs angenehm war, der „Pauline“ zu diesen ihren Spaziergängen meine Sonntage ebenso zu opfern, wie ich sie vorher in Blasewitz dem „Heinrich“ geopfert hatte. Auch äusserte sich die Wirkung dieser Ausflüge auf die Frauen nicht gleich, sondern ganz verschieden. Die Waldluft bekam nämlich der „Pauline“ ganz ausgezeichnet; umso schlechter aber bekam die „Pauline“ meiner Frau! Das merkte ich sehr bald, und das steigerte sich immer mehr und mehr.

Gingen wir zu dritt durch die Haide, so war ich meist voran oder hinterher. Ich beschäftigte mich in Gedanken mit meiner Arbeit oder mit dem, was ich um mich sah. Denn

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worüber die Frauen sprachen, das interessierte mich nicht; sie waren also meist allein. Nachdem dies wiederholt geschehen war, kam es mir ganz so vor, als ob meine Frau in verschiedenen, ja in vielen Dingen jetzt anders denke als früher. Manches, was sie sagte, klang ganz deutlich aus der Schundroman-Atmosphäre heraus. Ich stiess auf Gedanken, die sie nur von der „Pauline“ haben konnte. Dass es nur selten einen guten Mann gebe! Dass eine sparsame Frau nicht mit Geld zu bezahlen sei! Dass man vor allen Dingen und zunächst auf sich selbst zu sehen habe! Dass die Männer nicht alles zu wissen brauchen! Dass eine Frau dem Manne viel nötiger sei, als er ihr! – Sie hatte früher derartige Gedanken nie geäussert; jetzt aber schienen sie ihr bereits geläufig zu sein. Auch konnte es mir nicht entgehen, dass sie sparsamer wurde, besonders wenn es sich um arme Verwandte von mir oder um sonst eine Wohltätigkeit handelte. Es ist nicht meine Aufgabe hier, dies weiter auszuführen; auch fiel es mir nicht ein, gewalttätig einzugreifen. Aber ich sorgte dafür, dass wir an Sonntagen nicht mehr so zur Verfügung standen wir bisher. Wir verreisten sehr oft. Es stellte sich heraus, dass unsere jetzige Wohnung nicht mehr passte. Es galt, eine neue einzurichten. Das gab Zerstreuung und Beschäftigung. Wir zogen aus, nach der Schnorrstrasse, in eine schöne, freigelegene Etage.

Um diese Zeit war ich ungemein beschäftigt. Professor Josef Kürschner, der ebenso fleissige wie berühmte Bibliograph, stand im Begriff, für Spemann, später „Union“ in Stuttgart, ein Blatt im höheren Style zu gründen. Er nannte es „Vom Fels zum Meere“. und ich sollte mich hieran beteiligen. Ich schrieb ihm das lappländische „Saiwa tjalem“ und das kurdische „Christi Blut und Gerechtigkeit“. Die Erfolge, die ich mit derartigen Arbeiten hatte, brachten ihn auf den Gedanken, im gleichen Verlage eine Jugendzeitung herauszugeben, deren Hauptartikel ich zu schreiben hatte. So entstanden damals „Der Sohn des Bärenjägers“, „Der Geist des Llano estacado“, „Der Schatz im Silbersee“ und andere noch jetzt von der „Union“ verlegte Sachen. Zu gleicher Zeit arbeitete ich für den Buchverlag an den beiden Werken „In den Schluchten des Balkan“ und „Durch das Land der Skipetaren“. Das war gewiss -

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gewiss Arbeit in Hülle und Fülle. Ich konnte mich fast um nichts anderes kümmern. Für Münchmeyer zu schreiben, hatte ich aufgehört und war sehr froh, diese für mich stets nur unerfreuliche Verbindung abgebrochen zu haben. Da geschah etwas, was mich zuerst, ehe ich die Gründe erfuhr, befremdete. Nämlich es stellte sich bei meiner Frau das Bedürfnis nach frühen Morgenspaziergängen ein. Das sei ausserordentlich gesund und erhalte den Körper schlank. Dieser Ausdruck war mir bekannt. Er stammte von der „Pauline“, deren Taille sehr in die Breite ging, obgleich sie alles tat, dies zu verhindern. Für meine Frau stand eine solche Zunahme des Umfanges noch lange nicht zu befürchten; darum wollten mir diese plötzlichen Morgenspaziergänge weder notwendig noch bequem erscheinen. Sie stand nämlich früh gegen 4 Uhr auf, ging nach dem „Grossen Garten“, kam gegen 7 Uhr ganz ermüdet wieder und legte sich darauf von neuem schlafen. Ich darf wohl sagen, dass ich es nicht ganz fertig brachte, dies mit meiner Weltanschauung zu vereinigen. Da ich aber wusste, dass gegen die Logik der Frauen nicht gut aufzukommen ist, und ich auch keine Zeit hatte, der Gattin vor oder nach jedem derartigen Spaziergange ein Privatissimum über die Umkehrung der Tageszeiten zu halten, so liess ich sie ungestört weiter promenieren, indem ich hoffte, dass sie diesem sonderbaren Treiben ganz von selbst ein Ende machen werde.

Aber das geschah nicht. Da öffnete ich denn doch einmal die Augen, um hinter die eigentliche Ursache des Wunsches, schlank zu bleiben, zu kommen. Er war ausserordentlich interessant, dieser Grund, des Morgens 4 Uhr in den Grossen Garten und dann 7 Uhr wieder schlafen zu gehen. Er hiess nämlich „Pauline“! Ich bin nicht neugierig genug gewesen, mich zu erkundigen, in welcher Weise dieser Plan entstand; es war mir genug, die Tatsache zu konstatieren. Meine Frau kam täglich, gutes Wetter vorausgesetzt, im Grossen Garten mit Frau Münchmeyer zusammen. Das genügte! Mehr brauchte ich nicht zu wissen! Denn dass die eine Dame nur deshalb kam, um schlank zu bleiben und die andere nur deshalb, um wieder schlank zu werden, das hing meines Erachtens nur mit der bekannten „Verlogenheit der Kolportage“ zusammen. Was nun geschah, steht unter Diskretion. Ich bin ganz selbstverständlich -

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selbstverständlich nicht etwa ungelind verfahren. Ich besinne mich nicht, auch nur ein einziges scharfes Wort gesprochen zu haben. Aber es war für mich nichts weniger als erfreulich, den Geist des Münchmeyerschen Hauses jetzt nun in meinem eigenen Heim emporwachsen und mir in einer Weise entgegentreten zu sehen, die sehr schlimmes befürchten liess. Ich will nicht etwa sagen, dass die „Pauline“, wie man sich auszudrücken pflegt, meine Frau gegen mich „verhetzt“ habe; o nein, dazu war sie trotz aller ihrer übrigen Intelligenz denn doch zu klug! Meine Person war unberührt geblieben; wenigstens schien es so. Die Veränderung bezog sich nur auf meine Frau. Es hatte eine Umbildung in ihr stattgefunden, so in der Tiefe und so heimlich beginnend, dass es mir nicht möglich gewesen war, es zu bemerken. Es waren anererbte und bisher in ihr ruhende Geister aufgeweckt worden, und ich ahnte sogleich, dass sie nie wieder schlafengehen würden. Ich sah ihn kommen, den Kampf zwischen ihnen und mir. Ich erkannte von Tag zu Tag, von Woche zu Woche die Gifte immer deutlicher, die während dieser Morgenspaziergänge von der einen Person auf die andere übergegangen waren, die Einbildung auf äussere Zufälligkeiten, den Bettelstolz, den Geldhunger und die Verheimlichung. Und als ich vorsichtig an die sich mir entfremdende Seele horchte, gewahrte ich, dass das, was mich so erschreckte, nicht etwa erst von heute und gestern stammte. Die Pilze waren zwar erst jetzt aus dem verseuchten Boden emporgeschossen; das Mycelium hatte aber schon längst im Stillen gewirkt; es war während unseres damaligen Besuches in Dresden übertragen worden, als ich die Unvorsichtigkeit beging, während der Spaziergänge meine Frau von mir absondern zu lassen.

Mein Kampf mit diesen Giften begann. Ich erfuhr so nach und nach, was während der Zusammenkünfte im Grossen Garten gesprochen worden war. Wie ist es nur möglich, dass diese Kolportagefrau den Verkehr mit uns nun heute leugnen kann! Als ich ihn bei einer Zeugenvernehmung erwähnte, sprang sie in voller Entrüstung von ihrem Stuhle auf, schlug die Hände zusammen und rief, dass dies eine Lüge sei; es habe nie ein Verkehr bestanden, und grad Mays seien die allerletzten, mit denen sie hätte eine Bekanntschaft pflegen

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mögen. Ihre Töchter stimmten ihr in demselben Tone bei, obgleich die älteste von ihnen, die Witwe Jäger, in Blasewitz mit Vater und Mutter bei uns gewesen war! Der Verkehr bestätigte sich ganz von selbst aus den Folgen, die er mir brachte. Es stellte sich ganz derselbe ungebührliche Ton und genau dasselbe Ableugnen erwiesener Tatsachen ein. Hierzu noch andere Dinge, die mich nach monatelangen, vergeblichen Versuchen ihrer Herr zu werden, dann endlich zwangen, eine so grosse Entfernung zwischen die beiden Frauen zu legen, dass Intimitäten nicht mehr möglich waren. Ich verliess Dresden nun für ganz und zog nach der Lössnitz, in den entlegensten Ort derselben, nach Kötzschenbroda, wo ich eine ganze Villa mietete, um der einzige Herr meiner Haustüre zu sein. Ich habe, um ein zusammenhängendes, klares Bild geben zn [zu] können, diese persönlichen Darstellungen in einer Schnur vollendet und schiebe sie nun für einstweilen bei Seite, um das Geschäftliche nachzuholen.

Als Münchmeyer mich damals bat, ihm einen Roman zu schreiben; und ich ihm diesen Wunsch erfüllte, meinte er nur einen, und ich auch. Aber er konnte mit dem Drucke nicht so schnell folgen, wie ich schrieb. Darum war ich schon zu Ende, als der Erfolg bei ihm soeben erst begonnen hatte. Er bat mich, gleich weiterzuschreiben, nämlich einen zweiten. Er habe ja gleich damals gesagt, dass er mir später mehr als für den ersten zahlen könne und biete mir jetzt 50 Mark pro Nummer. So viel habe er noch nie gegeben und werde es später auch niemals geben, ausser mir. Meine Frau redete mir zu; ich war nun einmal in Fluss und so willigte ich ein, ganz selbstverständlich ausser der Erhöhung des Honorares zu den bekannten Waldröschenbedingungen, nämlich Wahrung aller meiner Rechte, 20 000 Auflage und dann eine feine Gratifikation. Diese Abmachung erfolgte sehr schnell und glatt, ohne alle Schwierigkeiten, weil sich das ja ganz von selbst verstand. Ebenso fraglos verhielt es sich mit der Pseudonymität. Die war, weil es sich um Kolportagehefte handelte, ganz unbedingt beizubehalten. Er machte auch gar keinen Versuch, mich zur Aufhebung derselben zu bewegen, denn er wusste, dass er sich dadurch in Gefahr brachte, auf meine Mitarbeiterschaft verzichten zu müssen. Uebrigens hatte

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sich mein Pseudonym mit dem „Waldröschen“ sehr gut eingeführt, und so wäre es wohl nicht geschäftlich klug gewesen, darauf zu verzichten.

Es kann wohl kaum befremden, dass ich dann noch zwei Romane für Kolportagehefte schrieb, gleich lang und auch zu denselben Bedingungen. Münchmeyer wünschte es, meine Frau befürwortete es, weil es den Verkehr erhielt, und mir wurde es nicht schwer, denn ich arbeitete schnell und leicht. Zwar bezog ich von Münchmeyer eben nur ein Kolportagehonorar, aber das glich sich ja dann später wieder aus, wenn meine Zeit kam, diese Arbeiten für mich in Buchform erscheinen zu lassen. Auch war es ganz bequem, für eine Dresdner Firma zu schreiben, bei der man sich zu jeder Zeit das Honorar persönlich holen konnte, ohne von den Zufälligkeiten der Fernzahlung abhängig zu sein. Ich habe das einmal mit dem Worte „Brotschrank“ bezeichnet. Man beeilte sich, diesem meinem Ausdrucke die vollständig falsche Bedeutung beizulegen, dass Münchmeyer mein „Brotherr“ gewesen sei, ohne den ich mich in Nahrungssorgen, in Not befunden hätte. Ich meinte aber, dass diese Honorare grad nur für Brot ausreichten, für weiter nichts; die Befriedigung aller übrigen Lebensbedürfnisse, also das eigentliche Gros meiner Ausgaben, hatte ich aus anderen Quellen zu bestreiten, die reichlicher fliessen mussten.

Zu erwähnen sind eine Anzahl kleinere Erzählungen, die Münchmeyer in Zeitschriften brachte. Er hatte damals Not um kürzere Manuskripte, die verhältnismässig teuer sind, wenn sie etwas taugen. Er scheute diese Ausgabe und fragte mich, ob ich nicht einen Ausweg wisse. Da überliess ich ihm diese Sachen, natürlich nur zum einmaligen Abdruck; er hat mir nichts dafür bezahlt. Uebrigens gehörten sie mir auf alle Fälle nach zwei Jahren wieder, weil sie eben in Zeitschriften standen. – Wichtiger ist eine andere Zeitschriftenarbeit, nämlich der grosse Roman „Die Liebe des Ulanen“. Münchmeyer gab damals eine Zeitschrift heraus, „Der deutsche Wanderer“ genannt, die gar nicht gehen wollte. Er bat mich also, einen Roman für sie zu schreiben. Ich war aus den bereits oben angeführten Gründen nicht abgeneigt, es zu tun und liess mir das Blatt zeigen. Es galt, zu sehen, ob dieser „Wanderer

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nur ein gewöhnliches Kolportageblatt oder eine wirkliche Zeitschrift sei, deren Beiträge nach zwei Jahren gesetzlich an den Verfasser zurückfallen müssen. Ja, es war eine Zeitschrift. Die Nummer des Bandes war angegeben und ebenso der Jahrgang, also das Jahr. „Der deutsche Wanderer“ sollte kein Kolportageunternehmen sein. Er sollte auf derselben Höhe stehen, wie die beiden im Jahre 1875 von mir gegründeten Unterhaltungsblätter. Darum hatte Münchmeyer den Wunsch, dass der betreffende Roman nicht unter einem Pseudonym, sondern unter meinem wirklichen Namen veröffentlicht werde. Wie der bekannte „Deutsche Hausschatz“ in Regensburg durch die Beiträge von Karl May in die Höhe gekommen war, so sollte auch der „Deutsche Wanderer“ von diesem meinem Namen profitieren. Da es sich nicht um Kolportagenummern, sondern um eine anständig scheinende Zeitschrift handelte und ich meine jetzigen Erfahrungen mit der Firma Münchmeyer damals noch nicht gemacht hatte, so liess ich mich bewegen, hierauf einzugehen. Ich schrieb also den Roman „Die Liebe des Ulanen“, und zwar nur für den „Wanderer“ und die betreffende Erscheinungszeit. Nach Ablauf von zwei Jahren war er wieder mein.

Hiermit sind diejenigen meiner Werke, um die es sich zwischen mir und Münchmeyer handelt, alle genannt. Sie zerfallen in drei Gruppen, nämlich:

  1. Kleinere Sachen, die er nicht bezahlt hat, für nur einen Abdruck hergegeben.
  2. Die Liebe des Ulanen“, nur für die Zeitschrift „Deutscher Wanderer“ bestimmt und nach zwei Jahren an mich zurückzufallen.
  3. Vier Kolportageromane, ohne Abtretung sämtlicher Rechte, pseudonym, nur bis 20,000 und dann eine „feine Gratifikation“.

Man sieht, ich bin ein ziemlich fruchtbarer Mitarbeiter für Münchmeyer gewesen. Er hätte unter normalen Verhältnissen an diesen Sachen ca. 250,000 Mark verdienen und sie mir dann zurückgeben müssen; das Erstere war sein Recht und das Letztere das meine! Aber es kam ganz anders, als in dieser

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einfachen, geschäftlich glatten Weise. Ob ich ihm nach Zahlung der „feinen Gratifikation“ diese Arbeiten für noch weitere 20,000 abgelassen hätte, wäre unnötig, zu erörtern, weil seine solche Bezahlung überhaupt nicht stattgefunden hat. Münchmeyer machte einmal den Versuch, sich durch einen Scherz um sie herumzuwinden. Es war beim Einkauf von Weihnachtsgeschenken meiner Frau das Geld ausgegangen. Sie befand sich in der Nähe von Münchmeyers, und um nicht den weiten Weg nach Hause machen zu müssen, ging sie zum „Heinrich“ und liess sich 30 Mark auf mein Konto von ihm geben. Als er am nächsten Male bei mir war, sagte er, dass ich diese 30 Mark als die betreffende „feine Gratifikation“ für das „Waldröschen“ betrachten solle. Da holte ich augenblicklich 30 Mark aus dem Nebenzimmer, zahlte sie ihm hin und erklärte, dass es mir ganz unmöglich sei, eine derartige Lappalie als „feine Gratifikation“ für diesen Roman zu betrachten. Ich habe von diesen 30 Mark nichts gewusst und gebe sie ihm hiermit dankend zurück. Er nahm das Geld, steckte es lachend ein und hat mir seitdem niemals wieder etwas angeboten.

Wer gewöhnt ist, Verhältnisse wie die vorliegenden rein geschäftlich zu betrachten, der wird sich sehr wahrscheinlich darüber wundern, dass ich nur immer von ferneren Romanen spreche, die ich für den „Heinrich“ geschrieben habe, aber nichts über eine Berichterstattung seinerseits, welche Erfolge mit ihnen erreicht worden seien. Ich kann hierfür eine ganze Menge von Gründen anführen, die alle für mich sehr massgebend sind, wenn auch nicht für andere Leute. Zunächst bin ich Idealist; es ist mir immer schwer gefallen, einem Menschen zu misstrauen. Zweitens betrachtete ich mich als Münchmeyers Freund, allerdings nicht in dem Verhältnisse wie Kastor und Pollux oder David und Jonathan, aber doch so, dass ich ihm Zeit und Raum zu lassen hatte, sich aus den Verlegenheiten herauszuarbeiten, ohne sich nun gleich sofort um meine Gratifikation sorgen zu müssen. Drittens stand ich mich doch nicht so, dass ich nicht hätte warten können, so lange es mir beliebte. Viertens war mir meine Seelenruhe wichtiger als die immerwährende Frage, ob ich wohl Geld zu bekommen habe oder noch nicht. So könnte ich noch viel anführen; ich will aber nur noch fünftens ganz aufrichtig gestehen, dass

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meine Frau die Kasse führte, nicht ich. Das wird wohl der Hauptgrund sein! Ich lasse mich nicht gern von Alltagssachen stören. Ich habe, so lange ich verheiratet bin, mich nie mit der Kasse befasst. Es war meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich niemand rühmen konnte, sie auf dem Nullpunkt überrascht zu haben; das übrige alles war Sache meiner Frau. Diese inklinierte noch mehr für Münchmeyer, als ich selbst. Und noch höher als ihn bewertete sie die „Pauline“. Diesen beiden irgend ein Misstrauen zu zeigen, war damals für sie so gut wie ausgeschlossen. Kam ich gelegentlich je einmal auf die „feine Gratifikation“ zu sprechen und dass es wohl Zeit sei, uns nach ihr zu erkundigen, so war sie der Meinung, dass ich „nobel sein und noch nichts sagen solle.“ Die Münchmeyers seien anständige Leute und auch zahlungsfähig. Besonders sie, die „Pauline“, habe genug Geld, auch zu jeder Zeit bezahlen zu können; das wisse sie genau!

Es muss bemerkt werden, dass ich weder eine Korrektur noch eine Revision zu lesen bekam. Es war also unmöglich festzustellen, ob oder dass meine Werke genau so gedruckt wurden, wie ich sie geschrieben hatte. Es wurde mir einmal gesagt, dass Münchmeyer riesig ändere. Da ging in hinein, liess mir den letzten Druck und das letzte Manuskript geben und schaute nach. Da entdeckte ich nun freilich derartige Veränderungen, dass ich drohte, sofort mit Schreiben aufzuhören, falls das nur noch ein einziges Mal vorkomme. Er versprach hoch und teuer, es nicht wieder zu tun, weder selbst, noch von anderen tun zu lassen. Die jetzige Versicherung, dass er dieses Wort gehalten habe, ist offenbarste „Lüge“, denn es ist durch den Prozess bereits das Gegenteil erwiesen, und ich habe ausserdem noch andere, bisher nicht verhörte Zeugen, welche beweisen werden, dass in hohem Masse geändert worden ist. Selbst wenn ich einem Menschen irgend eine Arbeit vollständig und für immer abgetreten hätte, so besässe er doch nicht das Recht, mir auch nur eine einzige Zeile zu verändern. Münchmeyers Nachfolger aber hat derartige Umgestaltungen ausführen lassen, dass sich zwischen der alten und seiner neuen Ausgabe ein Unterschied von hunderten von Seiten ergibt. Das ist doch geradezu grässlich! Wenn irgend ein

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Mensch es wagte, das Gemälde eines Malers zu beschneiden und überpinseln oder die Statue eines Bildners behacken und bemeiseln zu lassen und diese Verballhornisierungen als Originalwerke der betreffenden Erzeuger zu verkaufen, so würde sich die gesamte Presse des Geschädigten annehmen und den Fälscher derartig brandmarken, dass er sich nicht wieder sehen lassen könnte. Da aber in diesem meinem Falle der Fälscher ein Mitglied der Presse ist und sie im tiefsten Schweigen verharrt, so kann ich seine Verurteilung nur auf gerichtlichem Wege erreichen.

Es wird von den Kolportagisten behauptet, dass es Jahre und sogar Jahrzehnte daure, ehe sie im stande seien, über den Erfolg eines Romanes Rechenschaft abzulegen. Das ist wissentliche „Lüge“! Es sollen hierdurch die besonderen Absichten resp. Fehler der betreffenden Geschäftsführung verhüllt werden. Wer ehrlich ist und sich einer guten, übersichtlichen Buchführung befleissigt, der weiss täglich, woran er ist, nicht aber erst nach so langen Zeitintervallen. Und grad bei der Kolportage liegen auch in dieser Beziehung die Verhältnisse viel günstiger als bei dem Buchverleger, weil der Erfolg, den man mit dem Sammelmaterial macht, schon gleich im Anfange zeigt, was sich ergeben wird. Wenn ich dem „Heinrich“ trotzdem längere Zeit gelassen habe, an die Verpflichtungen zu denken, die er gegen mich eingegangen war, so geschah dies aus den bereits angeführten Gründen. Diese hielten so lange aus, als ich persönlich mit ihm verkehrte. Dann aber trat, wenigstens bei mir, nicht aber bei meiner Frau, diese Rücksicht zurück und ich begann, die Sache nicht mehr mit den Augen der Freundschaft, sondern nur noch geschäftlich anzusehen. Ich hatte nur immer gehört, dass das „Waldröschen“ ausserordentlich gut gehe. Ich erfuhr auch, dass die anderen Romane von fast demselben Erfolge seien. Aber die Meldung, dass man die 20,000 erreicht habe, wollte sich absolut nicht einstellen. Allerdings gelangte das, was ich erfuhr, nur indirekt zu mir, durch andere Leute. Vom Geschäft aus gab es keine Auskunft. Grad weil meine Sachen so gut gingen, sei es unmöglich, jeder einzelnen Nummer nachzulaufen, um zu sehen, der wievielte Abonnent es sei, der sie lese. In diesem Sinne sprach man sich aus. Da wurde ich misstrauisch. Das war

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zur Zeit der frühen Morgenspaziergänge im Grossen Garten. Wenn ich meine Besorgnis äusserte und von strengeren Mitteln sprach, die ich wahrscheinlich anwenden müsse, so wurde ich sehr deutlich an die Worte erinnert, welche ich früher so oft aus dem Munde Münchmeyers gehört hatte: „Das darf ich nicht, sonst bekomme ich schlechte Ehe!“ Von solchen „strengeren Mitteln“ wollte meine Frau durchaus nichts wissen, und da mir für die damalige anhaltende Arbeitsfülle die äussere und innere Ruhe nötiger als alles andere war, so begnügte ich mich mit einfachen Erkundigungen und der Bitte an Münchmeyer, mir doch Auskunft zu erteilen. Er schickte mir seinen geheimnisvollen Vertrauensmann, einen gewissen Walter, der in Münchmeyers Familie und Geschäft eine selbst jetzt noch nicht aufgeklärte Rolle spielte. Er war ein alter, vorbestrafter Pfiffikus, der sich mit solcher Schlauheit auszudrücken verstand, dass ich von ihm noch weniger als nichts erfahren konnte. Aber Münchmeyer fühlte sich durch diese meine Nachforschungen beängstigt. Er sagte, wie ich dann später erfuhr, dass es jetzt doch nun Zeit geworden sei, mit seinen Schriftstellern schriftliche Kontrakte zu machen, und so erschien denn das Faktotum Walter eines schönen Tages bei mir, um mir mit gleissender Freundlichkeit ein Schriftstück vorzulegen, welches ich unterschreiben sollte. Dieses Elaborat liegt bei den Akten. Es ist ein Meisterstück der Kolportagepfiffigkeit, der Walterschen Geriebenheit; denn dass dieser es verfasst hat, darüber gibt es bei mir keinen Zweifel. Mir einen offenen und ehrlichen, einen wirklichen und klaren Kontrakt vorzulegen, durch dessen Unterschrift ich alle unsere mündlichen Abmachungen über den Haufen werfen und auf alle meine Rechte verzichten würde, das wagte man nicht. Darum griff man zur Hinterlist, zur Verstellung. Man tat, als ob es sich nicht um alle, sondern nur um zwei meiner Romane handle. Und man tat so, als ob ich das Manuskript nicht schnell genug und auch nicht regelmässig geliefert habe. Nun sollte ich mich jetzt plötzlich kontraktlich verpflichten, wöchentlich fünf Nummern zu liefern und hierbei nur so nebenhin mit unterschreiben, dass ich an Herrn Münchmeyer das alleinige, freie, unbeschränkte Verlags-, Eigentums- sowie Uebersetzungsrecht abtrete. Es ist zu betonen, dass das Urheberrecht -

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Urheberrecht nicht mit erwähnt worden ist. Ferner ist es selbst dem fleissigsten Verfasser unmöglich, sich auf regelmässig wöchentlich fünf Nummern zu verpflichten. Das wäre sein Tod! Ich habe für Münchmeyer über 500 Nummern geschrieben; das ergibt wöchentlich über zwei. Es ist aber die Regel, an die Abonnenten wöchentlich nur eine Nummer zu liefern. Also habe ich grad doppelt so viel geschrieben, als eigentlich nötig war. Wenn man es trotzdem wagt, mir im Prozess vorzuwerfen, dass ich saumselig gewesen sei, so ist das „Lüge“. Man tut das nur, um den obigen Kontraktversuch zu beschönigen und damit zu verbergen, worauf es eigentlich mit diesem sogenannten „Revers“ abgesehen war. Uebrigens muss, wer ein offenes und unparteiisches Auge besitzt, gewiss doch folgendes ganz bestimmt erkennen:

Wenn die in diesem Kontraktversuche abgegebenen Rechte Herrn Münchmeyer von mir abgetreten gewesen wären, so hätte er es nicht nötig gehabt, das Experiment zu machen, ob es ihm nicht vielleicht durch diese Ueberrumpelung gelinge, sich noch nachträglich in den Besitz der selben zu bringen! Und weil durch dieses Schriftstück erwiesen ist, dass er meine Unterschrift begehrt, also für nötig hält, so sollte ich wohl meinen, dass das Fehlen dieser meiner Unterschrift den untrüglichen Beweis erbringt, dass ich ihm die in Frage stehenden Rechte nicht abgetreten habe. Wie es mir schon vorher niemals einfallen konnte, dies zu tun, so auch dann damals nicht, als Walter mir das Schriftstück zur Unterschrift vorlegte. Ich war vielmehr über dieses Ansinnen derart empört, dass ich ihn schleunigst, so was man sagt, hinausgeworfen habe.

Ich fand diesen Versuch Münchmeyers, in den Besitz meiner Rechte zu kommen, zwar nichts weniger als lobenswert, doch aber auch nicht unbegreiflich. Ich wusste, dass er Werke druckte, die nicht gut gingen, einige sogar schlecht. Er setzte Geld mit ihnen zu, und woher sollte oder konnte er das nehmen? Es fehlte ihm, wie schon früher ausgeführt, der Geist, der voraussieht und klar und richtig berechnet. Und durch die immer steigende Anhäufung von Druckmaschinen

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sah er sich gezwungen, um diese Maschinen zu beschäftigen, nur immer neue Romane schreiben zu lassen, gleichviel, ob vorauszusehen war oder nicht, welchen Erfolg sie haben würden. Dass ihm der Geist, von dem ich sprach, wirklich fehlte, beweisst unter anderem auch folgender Vorfall. Der Militärschriftsteller Max Dittrich schieb ein Werk über den französischen Krieg. Münchmeyer wollte es herausgeben; aber die Herstellung war kostspielig. Er hatte Sorge, ja wohl gar Angst, ob es klappen werde oder nicht. Da schrieb er mir, ich solle ihm den Gefallen tun und kommen, um das Manuskript zu lesen und ihm zu raten. Ich hatte bereits auf den persönlichen Verkehr mit ihm verzichtet. Ich fuhr aber, weil meine Frau es wollte, trotzdem zu ihm. Dittrich war auch gerufen worden. Ich prüfte die Arbeit und sagte Herrn Münchmeyer, dass er sie nehmen solle; sie werde ihm, falls er es richtig mache, ein ganzes Vermögen bringen. Er folgte diesem meinem Rate, aber nicht in meiner Weise, sondern nach seinem eigenen Kopfe. Darum verdienten zwei Kolporteure, welche das Werk vertrieben, in kurzer Zeit über 200,000 Mark; der Verfasser aber bekam nur 1000 Mark, und Münchmeyer hastete und plagte sich weiter, wie vorher. Freitag hatte Geist in das Geschäft gebracht, Gleissner die Seele. Der Erstere war aus Stolz, der Andere jetzt aus Aerger fortgegangen. Fand Münchmeyer nicht Ersatz für diese und andere gute Kräfte, auf die er sich hatte verlassen können, so musste das Geschäft ganz unbedingt auf jenen intellektuellen Fehlbetrag hinauslaufen, den ich im vorigen Kapitel vorausgesehen habe.

Zu diesen verfehlten Spekulationen mit Verlagsartikeln, die keine Einnahme, sondern nur Ausgaben brachten, kamen andere Dinge, von denen sich hier nicht sprechen lässt. Es gelang Frau Münchmeyer, eine ihrer Töchter nach der anderen zu verheiraten. Das kostete aber Geld, viel mehr Geld, als der „Heinrich“ dachte und wohl auch wusste. Diese Sachen gehen mich nichts an, wenigstens einstweilen. Zwingt man mich, so kann ich meine Zeugen nicht hindern, zu erzählen, was sie wissen. Der eine z. B. sah bei Münchmeyer einen neuen Geldschrank stehen und machte eine hierauf bezügliche Bemerkung. Münchmeyer antwortete diesem Manne, der in grossem Vertrauen bei ihm stand: „Ja, den muss ich jetzt

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haben, sonst schleppt mir die Alte noch alles heimlich fort. Da kürzlich fehlten mir wieder grad vierzigtausend Mark, wo ich doch so viel zu bezahlen hatte! Das machen die Ausstattungen. Was die kosten, soll ich nicht wissen!“ – Hatte die Frau derartige Heimlichkeiten, so will ich nicht behaupten, dass der Mann keine gehabt hätte. Mehrere Zeugen versichern, dass aus diesen und ähnlichen Gründen, besonders aber auch, weil die Ordnung im Geschäft und eine richtige Buchführung gefehlt habe, in der Kasse fast fortwährend Mangel an Geld gewesen sei. Gute Jahresberichte und Abschlüsse auf dem Papiere beweisen garnichts, wenn die eingegangenen Gelder heimlich verschwinden oder zu Ausgaben bestimmt sind, die nicht eingetragen werden. Dann kann es freilich vorkommen, dass man nachträglich vor Gericht per Eintragung einen hohen Jahresgewinn beweist, während aber zur selben Zeit sowohl Münchmeyer als auch seine Frau mündlich und brieflich darüber geklagt haben, dass kein Geld zum Zahlen vorhanden sei.

Von diesen Verhältnissen war ich ganz leidlich unterrichtet. Ich konnte also sein Experiment begreifen, mir nachträglich meine Rechte abzulisten. Er stand grad jetzt unter Einflüssen, denen er nichts entgegenzusetzen hatte, als nur sich selbst. Aber begreifen heisst noch lange nicht, billigen! Ich ging mit mir zu Rate, ob ich noch warten solle oder nicht. Meine Frau war für das erstere, und es wird wohl niemand behaupten, dass man auf die Frau keine Rücksicht zu nehmen habe, zumal in Angelegenheiten, die so ernst und so entscheidend sind. Ich holte mir auch juridischen Rat. Dieser lautete, ich solle jetzt noch nicht drängen, dann aber vor allen Dingen nachzuweisen suchen, dass die stipulierten 20 000 gedruckt worden seien. Das war zur Zeit, als ich nach Kötzschenbroda zog, und ich habe also das persönliche mit dem geschäftlichen hiermit eingeholt.

Hier, in der Lössnitz, begann die Herausgabe meiner Spemannschen und Fehsenfeldschen Bände, welche den Zweck haben, die Vorstudien zu meinen eigentlichen, späteren Arbeiten unter den deutschen Lesern zu verbreiten und diesen eigentlichen Arbeiten den Boden vorzubereiten. Der fast beispiellose

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Erfolg dieser Bücher ist bekannt; ihm steht ein fast ebenso beispielloser, feindseliger Neid meiner Herren „Kollegen“ zur Seite. Jeder, der da irgend etwas geschrieben hat, was keine Leser findet, hält es für seine Pflicht, mich glühend zu hassen und unversöhnlich zu verfolgen. Ich sehe mich gezwungen, diesen Umstand zu erwähnen, weil er in Beziehung auf die Münchmeyerschen Machinationen von hervorragender Bedeutung ist. Es erschienen in ca. zehn Jahren weit über dreissig Bände. Wenn man berechnet, dass ich in dieser Zeit ganz bedeutende Reisen unternommen habe, auf denen wohl Studien aber nicht Arbeiten möglich waren, darunter eine nach Egypten, Arabien, Indien, Sumatra und Ostasien, die zwei Jahre in Anspruch nahm, so wird man mir erlauben, auf das Jahr fünf volle Bände zu rechnen, und meiner Versicherung glauben, dass ich mich nur dann an Münchmeyers erinnern lassen konnte, wenn es ganz unumgänglich nötig war. Frau Münchmeyer kam einmal oder einige Male, um meine Frau zu besuchen. Ich konnte das nicht verhindern, weil ich es nicht vorher gewusst hatte. Dann wurde mir gesagt, dass Münchmeyer nicht mehr lebe, sondern gestorben sei, in Südtirol, fast sterbend von fremden Leuten hingeschafft und von fremden Leuten behandelt. Als er starb, weder Fran [Frau] noch Kind bei ihm, für die er doch gearbeitet hatte, ich möchte fast sagen, Tag und Nacht! Der mir dies erzählte, fügte das Wort einer Person hinzu, welche die Münchmeyerschen Verhältnisse und die Frau „Pauline“ sehr genau kennt. Es lautet: „Münchmeyer hat wie ein Hund gelebt und ist wie ein Hund gestorben!“

Es versteht sich ganz von selbst, dass ich bei dieser Todesbotschaft an meine Abmachungen mit dem Verstorbenen dachte. Aber die standen ja fest; es konnte an ihnen kein Mensch etwas ändern; wenigstens glaubte ich so. Meine Frau war der Ansicht, dass es im höchsten Grade rücksichtslos sein würde, die Witwe, überhaupt die Hinterlassenen jetzt mit geschäftlichen Dingen zu peinigen; dazu sei später stets immer noch Zeit; das verjähre ja nicht. Ich konnte nicht umhin, ihr Recht zu geben; aber ich erkundigte mich doch, wie es mit der Firma stand. Man sagte mir, dass die Witwe die Universalerbin sei und das Geschäft weiterführen werde. Das genügte. Sodann erfuhr ich, dass ihr Schwiegersohn Jäger in Prokura

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bei ihr stehe. Ich kannte ihn persönlich. Er war kein geschäftliches Licht und immer voll Angst vor seiner Schwiegermutter. Wenn man diesen Mann für den leitenden Geist hielt, den das Geschäft jetzt brauchte, so hatte man sich geirrt. Ueber diesen Schwiegersohn und Prokuristen kann ich durch Zeugen folgendes belegen: Stand er vor seiner Schwiegermutter, so sagte er „liebe Mama“. War sie aber fort, so nannte er sie „das Biest!“ Er wurde später geisteskrank und in eine Heilanstalt für Trinker gebracht. Dort war die Pension sehr billig! Dort wurde er von Münchmeyerschen Arbeitern mit Geld unterstützt. Von jemand, den ich vor Gericht noch nennen werde, bekam er zehn Mark, damit er sagen möge, dass Karl May alle seine Rechte an Münchmeyer abgetreten habe! Als Frau Münchmeyer angehalten wurde, sich dieses ihres kranken Schwiegersohnes doch besser anzunehmen, rief sie entrüstet aus: „Der fremde Mann? Was geht uns denn der fremde Mann an!“

Also die „Pauline“ als Besitzerin! Dieser ganz gewiss schon als Prokurist nicht mehr gehirngesunde Mann als Leiter des Geschäftes! Und jener geheimnisvolle Herr Walter als sogenannter „Redakteur“! Was der letztere für ein Mensch war, kann ich nur durch Zeugen sagen lassen. Die „Pauline“ bedient sich seiner genau in derselben Weise wie ihres Schwiegersohnes und Prokuristen. Hält sie es für dienlich, so war Jäger ein heller Kopf und Walter ein höchst vertrauenswerter Mann, der ihre wichtigsten Angelegenheiten zu besorgen hatte. Hält sie das aber nicht für dienlich, so ist Jäger als Irrsinniger gestorben, und Walter war nur ein ganz bedeutungsloser Schreiber, der niemals Vollmachten besass und einen Wochenlohn von 20 Mark erhielt! – Diese drei Personen waren es, in deren Hände das fernere Wohl oder Wehe der Firma Münchmeyer lag. Ich hielt es unter diesen Umständen für sicher, dass es mit ihr nicht anders als bergab gehen werde. Ich erkundigte mich von Zeit zu Zeit und hörte, es gehe schlecht. Das stimmte mit meiner Voraussage: es wurde langsam alle! Wozu also einen Zwang ausüben oder einen Streit beginnen, der gar nicht nötig war! Was ich für die Firma geschrieben hatte, das war und blieb ja doch für alle Fälle mein! Und es fiel sogar noch vor dem zwanzigtausendsten -

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zwanzigtausendsten Abonnenten an mich zurück, falls das Geschäft einging, ehe er erreicht worden war. – Die Berichte, dass es nicht gut stehe, mehrten sich. Solche Gerüchte gehen vom Personale aus, welches sehr scharfe Augen hat, und sich weit zuverlässiger als beschönigende Auszüge aus einer Buchführung, die auf ihre Glaubhaftigkeit wohl erst noch zu untersuchen ist. Und nun geschah etwas, was mich zwar nicht überraschte, aber auch nicht sehr erfreute. Nämlich Frau Münchmeyer kam abermals, meine Frau zu besuchen. Sie klagte über schlechten Geschäftsgang und fragte mich, ob ich mich vielleicht bestimmen lassen würde, einen Roman für sie zu schreiben. Das war für mich die beste Gelegenheit, mir über sie klar zu werden. Ich sagte also, dass so etwas nicht ausgeschlossen sei, doch müsse ich mir in diesem Falle ganz genau dieselben Punkte bedingen, die ich damals mit ihrem Mann vereinbart habe. Ich zählte sie ihr auf; sie nahm sie ohne alle Einwendung hin und bat um meinen sofortigen Entschluss. Da musste ich ihr freilich sagen, dass „gleich jetzt“ keine Zeit dazu vorhanden sei; ich werde es mir aber überlegen. So ging sie also unbefriedigt fort, ich aber hatte die gewünschte Klarheit erhalten: Sie hatte mir, als ich von meinen Rechten sprach, nicht widersprochen, sie also anerkannt. In Beziehung auf die erreichten Abonnenten aber war sie zurückhaltend gewesen; sie wisse das nicht genau und könne es mir also nicht sagen, wolle sich aber erkundigen.

Um diese Zeit mag es wohl gewesen sein, dass sie den Militärschriftsteller Max Dittrich um Rat gefragt hat, ob sie wieder zu mir gehen und mich um einen Roman bitten solle. Sie hat dabei einen Ausdruck gebraucht, der ähnlich geklungen hat wie mich „fussfällig bitten“. Ich schliesse daraus und aus noch Späterem, dass sie sich in Not befunden hat. Wenn sie jetzt nun behauptet, niemals gebeten, ja gar nicht die Absicht gehabt zu haben, einen Roman von mir zu bekommen, so ist das nichts als Lüge! Meine damalige Frau kann unbedingt beschwören, dass Frau Münchmeyer bei mir gewesen ist und mir erst zehn-, dann sogar zwanzigtausend Mark geboten hat; sie wolle diese Summe sogar sofort erlegen. Es gibt ausser dieser meiner Frau noch eine fernere Zeugin,

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zu der die erstere sogleich gegangen ist, um ihr ganz entrüstet zu erzählen, dass ich so „dumm“ gewesen sei, die Zwanzigtausend zurückzuweisen. Auch sind in dieser Angelegenheit zwischen mir und Frau Münchmeyer einige Briefe gewechselt worden. Der Rechtsanwalt dieser Frau hat der Höflichkeit, in der ich geschrieben habe, eine vollständig falsche Deutung gegeben; er ist aber jedenfalls klug genug, die richtige zu kennen. Jedenfalls aber geht aus diesen meinen bei den Akten liegenden Briefen hervor, dass Frau Münchmeyer auch in der Lössnitz bei uns gewesen ist und dass die Ableugnung jedweden Verkehres zwischen ihr und uns nichts anderes sein kann als nur Lüge!

Dies bringt mich auf den wichtigsten der von dieser Frau abgeleugneten Punkte, nämlich auf ein Mittagessen, zu dem ich mit meiner Frau von ihr geladen war. Das fand auf dem Jagdweg statt, in ihrer Wohnung. Ein gutes Essen pflegt gutwillig zu stimmen. Man hoffte, bei dieser Gelegenheit die von mir gewünschte Arbeit nicht nur fest zugesagt, sondern dann auch recht bald in Manuskript zu erhalten. Das wusste ich gar wohl. Natürlich konnte es mir nicht einfallen, selbst gegen die sofortige Zahlung von 20 000 Mark nicht, den steckengebliebenen Karren wieder einmal herauszuholen, damit die alte Leier von neuem beginnen könne. Ich folgte der Einladung aber trotzdem mit meiner Frau, weil ich hoffte, hierbei doch endlich einmal die so lange vergeblich gesuchte Auskunft zu erhalten, wieviel von meinen Arbeiten gedruckt worden sei.

Frau Münchmeyer hatte sich angestrengt, uns etwas wirklich gutes vorzusetzen. Das bedienende Mädchen servierte in weissen Handschuhen. Ich weiss noch heut, was es zu essen gab, und ich weiss auch ganz genau, an welchem Platze ich sass. Dieses Mittagessen und diese Unterredung war für mich von grösster Wichtigkeit; darum richtete ich meine Aufmerksamkeit sogar auf Kleinigkeiten, die ich sonst wohl nicht zu achten pflege. Noch heut ist es mir ganz so, als ob es erst vor zwei oder drei Wochen gewesen wäre. Mit meiner Frau war es genau ebenso der Fall. Für sie handelte es sich nicht nur um eine geschäftliche, sondern auch um eine innerliche -

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innerliche Wichtigkeit, nämlich um die Frage, ob ich berechtigt gewesen sei oder nicht, sie vor dieser Frau zu warnen. Das musste sich heut entscheiden; davon war sie überzeugt.

Der von mir gewünschte Roman kam selbstverständlich zuerst zur Sprache. Ich verhielt mich dilatorisch. Ich bin gern offen; ja, man wirft mir sogar allzu grosse Offenheit vor. Aufrichtigkeit ist eines Mannes würdiger, und man kommt mit ihr auch weiter, als mit Winkelzügen. Aber es gibt auch Ausnahmefälle, in denen Zurückhaltung geboten ist. Die Frau Münchmeyer hasste mich. Sie hatte seit jener Redaktionszeit niemals aufgehört, dies zu tun. Da ist nie zu trauen! Und sie befand sich in Not. Sie mag das leugnen oder nicht, es ist durch Zeugen und durch die vorliegenden Geschäftsbriefe erwiesen! Auch pflegt die Geldgier eines geizigen Menschen nicht mit dem Alter ab- sondern zuzunehmen. Und von dieser Geldgier vollständig abhängig die beiden einzigen Menschen, mit denen ich mich ausser ihr zu berühren hatte, falls man weniger ehrlich war, als die Verpflichtung erheischte. Nämlich ein Schwiegersohn, der nach der eigenen, durch Zeugen bewiesenen Aussage der Schwiegermutter „gar nichts zu sagen hatte“ und dessen persönliche Interessen in angegebenen Falle sehr mit den meinen kollidierten. Und ein alter, mir stets gehässig gewesener Opponent, über den die ehrenrührigsten Gerüchte im Umlauf waren, der weder Stil noch Orthographie besass und trotz alledem von Frau Münchmeyer als ihr Redakteur und Vertrauensmann bezeichnet wurde, bis es sich nach seinem Tode herausstellte, dass sie schmählich von ihm betrogen worden war. Solchen Personen stand ich gegenüber, falls man sich beikommen lassen sollte, das Geld höher als die Ehrlichkeit zu schätzen. Und dass so etwas nicht im Bereiche der Unmöglichkeit lag, das war ja durch verschiedenes längst angedeutet worden. Die Frau, die nicht nur wegen sich, sondern auch ihrer Kinder wegen dem Manne heimlich in die Geschäftskasse gegangen war, besass nicht nur diese Kinder noch, sondern auch Enkel, die dazu gekommen waren. Und die Lehren, welche sie meiner Frau während der langen Zeit ihrer Bekanntschaft erteilt hatte, waren keineswegs geeignet, mich zu beruhigen. Es galt also, zwar ehrlich zu sein, aber nicht von jener plumpen Offenheit, die sehr leicht einfältig

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wird und niemals rechtschaffenen, sondern nur gewissenlosen Menschen Vorschub leistet.

Das sind die Gründe dazu, dass ich mich dilatorisch verhielt. Ich hoffe, dass meine Leser sie begreifen und also gelten lassen werden! Ich lenkte von dem Thema der Frau Münchmeyer auf das meinige hinüber, nämlich von dem Roman, den sie von mir wünschte, auf die Romane, die ich schon früher geschrieben hatte. Ich zählte die Bedingungen wieder auf, unter denen ich sie ihrem Manne überlassen hatte. Sie widersprach auch jetzt mit keinem Wort, war also einverstanden. Ich ging also weiter, und sagte ihr, dass die Zeit nun wohl gekommen sei oder wenigstens bald kommen werde, diese Arbeiten in meine Fehsenfeldschen Bücher aufzunehmen. Da müsse ich aber um die Zurückgabe meiner Originalmanuskripte bitten. Da versicherte sie, dass sie das nicht könne, weil sie nicht mehr vorhanden seien, wahrscheinlich verbrannt, weil es mit der Zeit an Platz für sie gemangelt habe. Ob sie mir denn nicht an Stelle dieser Manuskripte den gedruckten Text für diese meine Zwecke liefern könne. Das bejahte ich. Da versprach sie mir, diese Texte extra für mich einbinden zu lassen, recht schön und gut; sie werde sie mir sofort schicken, sobald sie fertig seien. Nach dieser offenbaren und rückhaltlosen Bestätigung aller meiner Rechte fragte ich sie auch nach der erreichten Abonnentenziffer. Sie geriet hierdurch ganz sichtlich in Verlegenheit. Man sah und hörte, dass sie nichts zugeben wollte; aber sie war nicht gewandt genug, die Wahrheit bis an die letzte Grenze zu verbergen. Sie sagte es zwar nicht offen heraus, aber sie konnte doch nicht umhin, es anzudeuten, dass diese Ziffer vielleicht erreicht worden sei, doch ohne dass man es schon jetzt bereits wissen könne. Ich nahm mir hierauf vor, nun meinerseits mit dem Drucke des zuerst von mir gelieferten Romanes, des Waldröschens, sofort zu beginnen, sobald sie mir das hierzu gehörige Manuskript geliefert habe. Und das ist denn auch geschehen. Nach ungefähr zwei Wochen trafen die acht Bände ein, in welche diese zurückgelieferten Manuskripte auf eigene, perönliche Weisung der Frau Münchmeyer gebunden worden waren, und ich zögerte nicht, nun augenblicklich den faktischen Beweis zu erbringen, dass mir mit ihnen alle meine Rechte wieder übergeben -

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übergeben worden seien. Ich entnahm dem Waldröschen-Manuskripte diejenigen Abteilungen, deren Bestimmung es war, zuerst zu erscheinen, und sandte sie nach Stuttgart an Kommerzienrat Felix Krais, den Besitzer der Hoffmannschen Buchdruckerei, um sie dort setzen und drucken zu lassen. Das ist geschehen. Sie befinden sich in meinem dreibändigen Werke „Old Surehand“, und wer im Waldröschen-Manuskripte nachschaut, welches jetzt bei den Akten liegt, der wird bemerken, dass sie dort fehlen, dort herausgenommen sind. Auf diese Weise wurde also auf zweierlei Wegen erwiesen, dass ich auf meine Rechte nie verzichtet habe. Erstens auf direktem Wege, in dem Frau Münchmeyer mir nicht widersprach, sondern ganz im Gegenteil mir die Manuskripte zur eigenen und weiteren Verwertung auslieferte, und zwar sehr gut und dauerhaft gebunden, infolge ihres eigenen Befehls! Und zweitens auf indirektem Wege dadurch, das sich sofort und ungesäumt begann, diese Manuskripte für mich zu verwenden. Es ist auch niemals Frau Münchmeyer eingefallen, gegen diese Verwendung, die doch eine hochöffentliche war, Einspruch zu erheben!

Der Erfolg dieses Mittagessens war also für mich ein recht zufriedenstellender, wenigstens in geschäftlicher Beziehung. In einer gewissen, anderen Hinsicht aber schien ich nicht gewonnen, sondern verloren zu haben. Für die eigentliche Gewinnerin nämlich hielt sich – – meine Frau! Diese meinte, ich müsse nun doch endlich einsehen, wie sehr ich mich in Frau Münchmeyer geirrt habe. Es könne nicht den geringsten Zweifel mehr geben, dass sie eine rechtschaffene Frau sei, die uns nicht betrügen wolle, sondern es gewissenhaft und ehrlich mit uns meine. Wenn mich jemand habe beschwindeln wollen, so sei es der „Heinrich“ gewesen, als er mir Walter mit dem Kontrakt-Versuch schickte. Aber seiner Frau, seiner Witwe, so etwas zuzutrauen, das solle ich in Zukunft bleiben lassen. Sie habe ja alles zugestanden und werde mir auch die „feine Gratifikation“ auszahlen, vom Heller bis zum Pfennig! – Ich war hierzu still. Es gibt Menschen, die sich nicht durch wohlgemeinte Worte, sondern nur durch die Widerwärtigkeit der Tat belehren lassen.

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Ich will mit diesen letzten Worten keineswegs sagen, dass ich der Ansicht gewesen sei, Frau Münchmeyer habe mich in Beziehung auf meine Rechte täuschen wollen. Nein; dieser Gedanke kam mir nicht in den Sinn. Dass ich meine Manuskripte und meine Rechte ohne alle Beschränkung und für immer zurückerhalten hatte, daran gab es für mich nicht den geringsten Zweifel. Aber in betreff der Abonnentenzahl und der „feinen Gratifikation“, da gab es denn doch Bedenken, deren ich mich nicht erwehren konnte. Nach dem sehr genauen Porträt, welches mir das Leben von Frau Münchmeyer gezeichnet hatte, kam mir das Bezahlen der Gratifikation „vom Heller bis zum Pfennig“ nicht ganz so sicher vor wie meiner Frau, die wirklich und wahrhaftig so naiv war, sich einzubilden, dass sie von der „Pauline“ aus aufrichtigem Herzen geliebt und aus völlig uneigennütziger Teilnahme bemuttert werde. – Diese letztere kam auch nach jenem Mittagessen noch einige Male in die Lössnitz zu uns heraus. Sie ass da einmal nur ganz trockene Semmel und klagte mehr als vorher über schlechte Zeiten. Sie klopfte dabei mit der Hand auf den runden Tisch, an dem sie sass, und sagte zu meiner Frau: „Ihr Mann braucht mir nur zu sagen, dass er den Roman schreiben will, so hole ich die 20 000 Mk. und lege sie hier auf den Tisch, auf diese selbe Stelle – und wenn ich sie mir borgen sollte. Geben Sie doch dem Herrn Doktor ein gutes Wort!“ Bei diesem Titel muss ich betonen, dass diese Frau mich niemals anders genannt hat, besonders aber wenn es galt, ihr einen Wunsch zu erfüllen. Was sie jetzt Gegenteiliges behauptet, das ist nur „Lüge!“

Leider konnte ich aber auch während dieser ihrer letzten Besuche nichts gewisses über die stipulierte Abonnentenzahl erfahren. Mein Misstrauen wuchs also, zumal wenn ich an die falsche Karte dachte, welche sie gewagt hatte, mir durch ihr ganz besonderes Faktotum, den „Herrn Walter“, vorzuspielen. Dieser suchte mich nämlich eines Tages an ihrer Stelle und in ihrem Auftrage auf, um mit mir über den gewünschten neuen Roman zu verhandeln. Ich hatte diesen Menschen, wie man weiss, einer heimtückischen Absicht wegen bereits einmal hinausgeworfen, und so war es also keineswegs zart von ihr, mir grad ihn als Unterhändler zu senden. Da ich gern näheres

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über meine Werke erfahren wollte, war ich mit ihm so höflich, wie ich es fertig brachte, zeigte mich abermals nicht abgeneigt und zählte ihm die alten, mit Münchmeyer vereinbarten Bedingungen auf. Die Folge davon war sein bei den Akten liegender Brief vom 27. November 1894, in dem er mich ganz selbstverständlich „Herr Doktor phil.“ titulierte und mir von diesen meinen Forderungen so viel wie möglich abzuzwacken versuchte. Er spricht da von keiner „feinen Gratifikation“, sondern von einer zweiprozentigen Tantième von 20 000 an. Es versteht sich ganz von selbst, dass er sich eine solche Veränderung unmöglich so ganz eigenmächtig gestatten konnte; sie stammt von Frau Münchmeyer selbst. Zwar hat sie es abgeleugnet, diesen Brief verursacht zu haben, aber diese Behauptung ist schon sachlich unglaubhaft und auch deshalb nicht als wahr zu nehmen, weil in dem vorliegenden Prozesse eine derartige Menge von Unwahrheiten gegen mich vorgebracht worden sind, dass man jeder neuen Verneinung eine doppelte Vorsicht entgegenzubringen hat. Uebrigens bat er um „beschleunigte Benachrichtigung“; Frau Münchmeyer hatte es also sehr eilig mit ihrem Wunsche, von dem sie jetzt behauptet, ihn gar nicht gehabt zu haben!

Nun gab es in meinem Verhältnisse zur Firma Münchmeyer wieder einen jener toten Punkte, in denen die Kraft zwar vorhanden ist, doch ohne in Wirkung zu kommen. Die Ursache lag teils in dem Widerstreben meiner Frau, teils in der Ueberhäufung mit Arbeit und endlich auch in der Ueberzeugung, dass mir das, was ich zu fordern hatte, auf alle Fälle sicher sei. Hierzu kamen die sehr umfassenden Vorstudien zu einer längeren Orientreise, durch die ich abgehalten wurde, mich jetzt für derartige Angelegenheiten zu engagieren.

Die Zeit zu dieser Tour rückte näher. Die Abreise war nicht aufzuschieben. Da wurde mir die fremdklingende Botschaft gebracht, dass Frau Münchmeyer das Geschäft verkaufen wolle, wahrscheinlich mit allen sogenannten Rechten auf die Manuskripte, auch auf die meinigen. Das letztere war zwar geradezu unglaublich, ich tat aber darnach und sofort das einzige, was für mich möglich war, ich schrieb ihr einen Brief, in welchem ich in der ernsten Weise, die ich hier für geboten

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hielt, die Verhältnisse darlegte, in aller Form auf meinen Rechten beharrte und sie auf die schweren Folgen aufmerksam machte, die es haben würde, falls das wahr sei, was ich erfahren habe. Ich bezeichne dieses Schreiben als meinen „Warnungsbrief“, auf den ich später zurückzukommen habe. Frau Münchmeyer kann auf keinen Fall behaupten, dass sie überzeugt gewesen sei, die in Frage kommenden Rechte zu besitzen. Sie war ganz ohne Beweis und hatte übrigens bisher, besonders aber in letzter Zeit, strikt gegen eine derartige Ueberzeugung gehandelt. – Ich glaubte, annehmen zu dürfen, dass dieser mein Brief die Wirkung haben werde, die ich von ihm erwartete. Nach der ganzen, eigenartigen Vorgeschichte dieser meiner Manuskripte musste es mir ja als die Tat eines irr gewordenen Menschen, wenn nicht gar als etwas Schlimmeres, erscheinen, die oben beschriebene direkte und indirekte Bestätigung meiner Rechte jetzt plötzlich zurückzunehmen und über mein Eigentum gewalttätig zu verfügen! Ich trat also, hierüber beruhigt, meine Reise an, liess aber die Weisung zurück, mir sofort Nachricht zuzusenden, falls Frau Münchmeyer das Geschäft wirklich verkaufen und gegen alles Erwarten dabei meine briefliche Warnung unberücksichtigt lassen sollte.

Was ich nicht für möglich gehalten hatte, das geschah. Die soeben erwähnte Nachricht wurde abgesandt. Sie erreichte mich in Egypten, und ich kehrte sofort nach Kairo zurück, um Postverbindung zu haben. Frau Münchmeyer hatte verkauft, an einen gewissen Adalbert Fischer. Dieser mir vollständig fremde Mann sass nun in meinem rechtmässigen Eigentum, geberdete sich als der einzige und gesetzliche Herr derselben und traf Vorbereitungen, es in einer derartigen Weise auszunutzen, dass ich mich mit allen Kräften dagegen hätte verwahren müssen, selbst wenn gegen diese Besitzübertragung an sich nichts einzuwenden gewesen wäre. Ich schrieb ihm einen sehr ernsten Brief und bekam von ihm eine Antwort, die an Grobheit und Missachtung ihresgleichen suchte. Ich schrieb abermals, um mir nicht später vorwerfen zu müssen, dass in meinen Mitteilungen an ihn eine Lücke gewesen sei. Er antwortete mit einer Geringschätzung, die gar nicht

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beleidigender hätte sein können, als sie war. Es spritzte mir aus jeder seiner Zeilen ein Hohn entgegen, der mir ganz unbegreiflich war; später freilich wurde er mir umso klarer. Der Ton dieses Mannes klang ganz so von oben herab, als ob er der geschädigte Verfasser Karl May sei, ich aber irgend ein verkommener Lump, der so niederträchtig frech gewesen war, ihn betrogen, bestohlen und noch sonst wer weiss alles zu haben. Dieses Benehmen stellte die Verhältnisse geradezu auf den Kopf. Die Krone desselben aber bestand in der Zumutung, meine Klage binnen höchstens zwei Wochen einzureichen, widrigenfalls er mich des für ihn entstehenden Schadens wegen gerichtlich belangen lassen werde. Dabei schrieb mir dieser Mann nach Egypten, und er wusste, dass ich mich erst am Anfange einer ganz ungewöhnlichen weiten Reise befand! In dieser Weise pflegt man wohl kaum Zuchthäusler zu behandeln! Das sagte ich mir, und indem ich dies tat, empfand ich noch einen ganz anderen Eindruck dieser Fischerschen Briefe, als den bisherigen. Ich las sie daraufhin noch einmal durch. Ja, ich hatte mich nicht geirrt! Derartige Briefe pflegt man überhaupt nicht zu schreiben: wer sie aber dennoch schreibt, der richtet sie nur an Menschen, von denen er glaubt, dass sie ausserhalb der Gesellschaft und ausserhalb des Rechtsschutzes stehen und sich alles Mögliche gefallen lassen müssen, ohne sich dagegen wehren zu können. Und mein nächster Gedanke war an jenen geheimnisvollen „Herrn Walter“, der als gewesener Sträfling diese Schutzlosigkeit genau kannte und so unvorsichtig gewesen war, sie mir in einer Weise zu demonstrieren, die ich noch zu erwähnen haben werde. Mit diesem Walter hatte Herr Adalbert Fischer als Käufer des Münchmeyerschen Geschäftes auf alle Fälle verhandelt. Dass ich dabei erwähnt worden war, stand ausser allem Zweifel. Ich begann, den Zusammenhang dieser Verhandlungen und der Fischerschen Ausdrucksweise zu ahnen. Aber hätte mir jemand prophezeit, welche entsetzlichen Folgen hieraus für mich entstehen würden, so wäre es mir gewiss selbst nicht im Traume eingefallen, diesen Voraussagungen Glauben zu schenken. So schrieb ich zwar nach Hause, um einige Instruktionen zu erteilen, die ich für nötig hielt, traf aber keineswegs diejenigen Massregeln, die ich ohne allen

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Zweifel ergriffen hätte, wenn ich von allem unterrichtet gewesen wäre.

So aber bereiste ich zunächst ganz unbesorgt Palästina und Syrien und kehrte dann nach Egypten zurück, um nilaufwärts nach dem Sudan zu gehen. Von da nach Abessinien. Dann an der Küste des roten Meeres in Massaua angekommen, von wo aus ich mit einem mir befreundeten italienischen Kapitän nach Aden dampfen wollte, bekam ich nach langer Briefpause die aus der Heimat hierher bestellten Postsachen ausgeliefert. Dabei die ersten Zeitungen, seit ich von zuhause fort war. Man hatte gewisse Stellen blau angestrichen. Ich las. Die angestrichenen Stellen waren höchst sonderbaren Inhaltes. Das eine Blatt behauptete, dass ich mich nicht etwa im Orient befinde; das sei Schwindel; ich stecke vielmehr in Tölz in Oberbayern, um heimlich Jod zu baden. Meine Reisen seien überhaupt nur Lügen; ich ersinne alles am Schreibtisch daheim! Das war gehässig, aber lächerlich. Kein vernünftiger Mensch glaubt so etwas. Ich warf dieses Blatt weg. Ein anderes brachte dieselbe Notiz und fügte dann hinzu, dass mein Schwiegervater ein Handwerker sei. Noch lächerlicher! Ein drittes warnte vor meinen Büchern, ohne aber einen Grund anzugeben. In diesem Tone ging es noch durch mehrere fort. Ich war bisher von den Zeitungen beinahe verzogen worden; woher jetzt plötzlich dieser Ton? Woher diese Ordinärheiten? Warum log man über mich, und zwar so handgreiflich? Was hatte ich getan? Und wem? Hierauf kam ich an zwei ineinander geschobene Blätter. Das eine sagte, man dürfe mich nicht lesen, denn ich sei nicht Katholik, sondern Protestant; ausserdem sei mir überhaupt nicht mehr zu trauen, weil ich Schundromane schreibe. Das andere behauptete, ich sei nicht Protestant, sondern Katholik; ich habe nicht Hunderttausende, sondern Millionen Leser gehabt; das sei nun aber aus, denn es habe sich herausgestellt, dass ich Kolportageromane von geradezu abgrundtiefer Unsittlichkeit geschrieben habe. Und die letzte dieser Zeitungen verfuhr am gründlichsten, denn sie gab nicht nur die Titel dieser Romane an, sondern auch den Verlag, in dem sie erschienen waren, nämlich die Firma H. G. Münchmeyer in Dresden, deren jetziger Besitzer Adalbert Fischer sei.

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Nie werde ich diese Zeitungslesestunde in Massaua vergessen! Mit ihr begann meine Kreuzigung. Ich hänge noch heut am Marterholz, und kein einziger Mensch rührt die Hand, mir mitleidig herabzuhelfen! Und was habe ich getan? Heute weiss ich es; aber damals, als ich mir diese Frage zum ersten Male vorlegte, wollte keine Antwort kommen. Ja, ich hatte Kolportageromane geschrieben, aber doch nicht verwerfliche, die gar abgrundtief unsittlich waren! Und diese Romane trugen doch nicht meinen Namen; sie waren pseudonym. Wer war es, der diese Pseudonymität gelüftet, dieses Geschäftsgeheiminis verraten hatte? Ich erfuhr hierüber nichts. Das Packet enthielt ausser den Zeitungen noch eine Menge Briefe meiner Leser, die man mir ihrer Wichtigkeit wegen nachgeschickt hatte, und ein Schreiben meiner Frau, in dem dieser Punkt nicht derart berührt wurde, wie es für mich zu wünschen war. Sie teilte mir in Beziehung hierauf nur mit, dass Fischer einen ungeheuren Lärm mit meinen Kolportagesachen mache, der ebenso ungeheures Aufsehen errege, und dass sich infolgedessen in den Zeitungen immer mehr und mehr eine Stimmung gegen mich entwickele, die mir sehr leicht gefährlich werden könne. Ich schrieb unverweilt nach hause und gab an, in welcher Weise gegen diese Zeitungslügen vorzugehen sei. Das mit den „abgrundtief unsittlichen“ Romanen müsse ein Irrtum sein, denn so etwas habe ich niemals geschrieben, und die Folgen des Verrates meiner Pseudonymität werde der Betreffende zu tragen haben, sobald ich heimgekommen sei. Wie beinahe kindlich unbefangen das klingt! Das fürchterliche Unheil, welches über mich hereinzubrechen begann, war mir noch verborgen; es handelte sich jetzt nur erst um die Vorboten; aber auch diese brachten mir schon derartige Sorgen, dass mir die ganze Reise nun wohl verleidet gewesen wäre, wenn ich nicht zu denjenigen Optimisten gehörte, welche selbst am schlechtesten ihrer Nebenmenschen noch immer etwas Gutes glauben.

Ueberall, wo ich von nun an Post bekam, in Arabien, Indien, Sumatra, Ostasien, traten mir aus den geöffneten Packeten und Briefen die Gespenster der Frau Pauline Münchmeyer und des Herrn Adalbert Fischer, die miteinander einen Pakt geschlossen hatten, entgegen. Dass dieser Pakt für mich

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verderblich werden müsse, das wurde mit immer klarer, obgleich man sich daheim befleissigte, mich nur so weit auf dem Laufenden zu erhalten, wie unumgänglich nötig war. Das Uebrige verschwieg man mir, der Wichtigkeit wegen, die meine jetzige Studienreise für die Arbeiten der nächsten Jahre hatte. Vielleicht hätte diese Reise drei Jahre in Anspruch genommen, anstatt nur zwei, wenn mich nicht die Sorge um das, was ich aus der Ferne nicht deutlich sehen konnte, noch vor dieser Zeit heimgetrieben hätte. Da sah ich es dann aus der Nähe und fand es schlimmer als alles, was ich befürchtet hatte. Leider wurde mir nicht Zeit gegeben, mich sofort und in der Weise damit zu befassen, wie ich es eigentlich für nötig hielt. Mein Verlagsbuchhändler hatte dem Publikum für das Weihnachtsfest einen Band Gedichte von mir versprochen, und ich hatte dieses Wort nun schleunigst einzulösen; die „Himmelsgedanken“ erschienen. Ausserdem waren in ganz derselben Eile die beiden letzten Bände „Im Reich des silbernen Löwen“ zu schreiben; man wartete bereits darauf. Um Ruhe und Sammlung hierfür zu bekommen, meldete ich mich wieder für ein volles Jahr von der Heimat ab und ging nach dem fernen Süden. Hierdurch gewannen meine Gegner zu den bereits verflossenen zwei Jahren noch weitere Zeit, ihre Absichten beinahe ganz ungestört zu verfolgen.

Ich weiss, dass die meisten meiner Freunde mich begreifen; es gibt aber doch welche, die sich darüber wundern, dass ich nicht alles andere im Stich gelassen habe, um nur schleunigst meine Rechte gegen Münchmeyer – Fischer zu verteidigen. Diesen guten Leuten habe ich zu sagen, dass es für mich denn doch noch andere und bedeutend höhere Interessen gibt, als sie da meinen. Die Arbeit an meiner Lebensaufgabe ist die Hauptsache für mich. Was ich noch zu schreiben habe, muss unbedingt geschrieben werden. Kommt eine Störung darein, und sei sie noch so gross und noch so schädlich für den Augenblick, so kann sie doch nur nebenbei beseitigt, nicht aber zur Hauptsache werden. Wir haben Gesetze und wir haben Richter. Ich brauche also weder überhaupt Angst zu haben, noch mich einiger Menschen wegen zu überstürzen, die mir zwar alles nehmen wollen, aber doch nichts nehmen können.

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Dies rein prozessualisch gesagt. In anderer Beziehung steht es allerdings auch eben anders. Da handelt es sich um unendlich mehr als nur um einen Prozess zwischen Schriftsteller und Verleger. Da steht meine ganze Existenz auf dem Spiele, die geistige, moralische und literarische. Da habe ich nicht nur um meine Gegenwart, sondern noch viel mehr um meine Zukunft zu kämpfen, und zwar gegen Personen, die nur für die Gegenwart existieren und niemals eine Zukunft haben können und haben werden. Darum haben sie in diesem Kampfe nur die Materie, den niedrigen Stoff, das Geld im Auge; ich aber kämpfe um das, was bleibt, wenn dieser Stoff verschwindet. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es unendlich traurig, dass solche Dinge auf Erden möglich sind. Ich habe meinem Geiste und meiner Seele ein irdisches Gewand gegeben, Roman genannt, damit beide zu meinem Volke, zu meinen Freunden gehen und sich ihnen manifestieren möchten. Dieser Geist und diese Seele sind niemals zu verkaufen, um keinen Preis, an keinen Menschen, auch an keinen Buchhändler, keinen Kolporteur. Beide gehören mir, nur mir allein, für alle Zeit und Ewigkeit, für dieses und für jenes Leben, denn sie sind ich und ich bin sie! Andere mögen so etwas noch nicht genau wissen; ich aber weiss es; ich lehre es sogar in allen meinen Büchern. Und darum kann es mir niemals eingefallen sein und auch niemals einfallen, diesen Geist und diese Seele irgend einem Menschen oder gar irgend einem Kolportagefabrikanten derart abzutreten, dass er mit ihnen verfahren kann, wie ihm beliebt! Dieses Gewand ist der einzige Körper, in dem es meinem inneren Menschen möglich ist, mit meinen Lesern zu reden, sich ihnen sicht- und hörbar zu machen. Es darf kein Wort, keine Zeile daran geändert werden. Jede kleinere Aenderung, sogar die allerkleinste, bedeutet eine Wunde; jede grössere macht ihn aber zum Krüppel.

Seele und Geist sind allgegenwärtig. Sie können sich überall zeigen, wo sie den literarischen Körper finden, den ich für sie schuf und artikulierte. Dieser Körper aber ist Materie, ist räumlich beschränkt, kann nicht überall sein und muss darum so oft vervielfältigt werden, als es Stellen gibt, an denen man ihn braucht. Diese Zahl habe nur ich zu bestimmen; das ist mein natürliches Recht; aber die Vervielfältigung auch

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selbst vorzunehmen, dazu bin ich nicht gezwungen; ich übergebe sie vielmehr einem andren, der die Werkzeuge hierzu besitzt. Für diese seine Arbeit bekommt er einen genau zu vereinbarenden Teil des Honorares, das jeder Leser für den literarischen Körper meines inneren Menschen, der er kennen zu lernen wünscht, an mich zu entrichten hat. Also, man merke wohl: Ich beziehe mein Honorar von meinen Lesern, nicht etwa vom Buchhändler, der kassiert es nur ein! Die ganze Arbeit des Letzterem [Letzteren] besteht nur darin, den Körper zu vervielfältigen und zu versenden, den ich geschaffen habe. Schon hierfür muss meine Forderung berechtigter und höher sein, als die seinige. Aber ich liefere nun dazu die Hauptsache, meinen inneren Menschen, meinen Geist und meine Seele. Das tue ich nicht für den Buchhändler, sondern für die Leser. Was sie dafür bezahlen, richtet sich ganz zweifellos nur nach dem Werte meiner Gabe, die nicht etwa eine Gabe des Verlegers ist. Denn, werde ich ihnen zu teuer, so kaufen sie mich eben nicht. Also, die Zahlung gilt nur mir allein, nicht dem Buchhändler; aber ich trete ihm einen bestimmten Teil davon ab, und zwar dafür, dass er die Vervielfältigung und Versendung ausführte und hierzu auch noch das Inkasso übernahm. Er ist mein Beauftragter, nicht aber bin ich der seinige!

An diesem Verhältnisse zwischen mir und meinem Verleger, nach welchem keineswegs ich der Subordinierte bin, kann zwar etwas, aber auch nicht viel durch den Umstand geändert werden, dass in den weitaus meisten Fällen der Buchhändler wohlhabend, der Verfasser aber unbemittelt ist und sich darum gezwungen sieht, sich einer pekuniären Abhängigkeit des ersteren zu fügen. Der Buchhändler kann es aushalten, bis die Leser bezahlen, der arme Verfasser aber nicht. Man vereinbart also eine Vorausentrichtung der Leserhonorare, noch ehe diese eingezogen worden sind. Der Buchhändler verlegt dieses Geld und wird hierdurch zum Verlagsbuchhändler, zum Verleger, denn eine andere Ableitung und einen anderen Sinn hat dieses Wort sicher nicht! Er wird die Vorauszahlungen natürlich nicht umsonst leisten, sondern ein Äquivalent dafür verlangen, welches mehr oder weniger anständig oder wucherisch ausfällt, je nachdem dieser

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Herr ein Ehrenmann oder ein gewissenloser Gurgelabschneider ist. Aber dadurch, dass in solchen Fällen der Buchhändler durch Ausnutzung seiner grösseren Zahlungsfähigkeit zum gewöhnlichen Geldverleiher resp. zum Verleger wird, steigt er keineswegs in irgend einer geistigen oder moralischen Beziehung über den Verfasser hinaus, denn derjenige, der den Geist, die Seele gibt, hat doch wohl mehr und höheres getan als der andere, der nur die Pappe, das Papier, die Druckerschwärze lieferte und dann auch während des Versandtes und Kassierens keineswegs gezwungen war, sich als kaufmännisches oder sonstiges Genie zu erweisen. Jedem distinguierten Buchhändler ist das gar wohl bewusst, und er gibt das auch ehrlich zu, denn grad in dieser Ehrlichkeit liegt seine Distinktion. Der Schundverleger denkt aber so niedrig, dass er einer solchen Einsicht gar nicht fähig ist. Er drückt seinen Mitarbeiter bis auf den menschenmöglich-niedrigsten Lohn herab, ohne auch nur zu ahnen, dass er sich dadurch aus dem Verleger in den Gurgelabschneider verwandelt, und sinkt schliesslich in solche Tiefe herab, dass er zu allen fähig wird, selbst zu dem, wovon ich vorhin sagte, es sei unendlich traurig, dass solche Dinge auf Erden möglich sind! Was ich da meine, sei durch folgendes Beispiel gezeigt:

Ich schreibe ein Werk, in dem ich mein inneres Wesen sprechen lasse. Ich lege alles Hässliche hinein, was mich quälte, und alles Schöne und Edle, was mich begeisterte und hob. Ich will ehrlich zeigen, wie ich sank und wie ich stieg, damit alle, die mich lesen, nicht sinken, sondern steigen. Ich gebe meinen Geist und meine ganze Seele hin, genau so, wie ich bin, im Gemüt, im Kopf, im Herzen. Für diese meine innere Persönlichkeit und all ihr Glauben, Hoffen, Lieben, Dulden und Leiden, artikuliere ich den einzig möglichen Körper, in dem sie von anderen Leuten verstanden und begriffen werden kann; er hat die Gestalt eines Romans. Diesen Körper übergebe ich einem Verleger, dem ich erlaube, ihn aus einem geschriebenen in einen gedruckten zu verwandeln, und zwar in 20 Tausend Exemplaren, kein einziges mehr; dann hat er aufzuhalten. Für die 20 000 Exemplare zahlen die Leser volle 200 000 Mark. Von dieser Summe verlange ich 3500 resp. 5000 Mark und dann beim letzten Abonnenten eine „feine Gratifikation“. -

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Gratifikation“. Das sind von mir so bescheidene Forderungen, dass jeder Kenner sofort weiss, von wem sie stammen, nämlich von meiner Gutmütigkeit. – – Es vergehen zehn Jahre, ohne dass man mir sagt, dass die 20 000 erreicht worden seien. Es vergehen sogar beinahe zwanzig Jahre. Da wird das Geschäft verkauft, und der Käufer macht auf Grund der ihm gemachten Versicherungen und Nachweise bekannt, dass nicht 20 000, sondern eine Million gedruckt worden sei. Die 200 000 haben sich also in über 10 Millionen Mark verwandelt, ohne dass man einen Finger gerührt hat, mir dies zu notieren. Aber das ist noch das wenigste! Man behauptet nämlich, dass ich die 20 000 gar nicht vereinbart, sondern das Werk für immer und ewig hingegeben habe. Man ist überzeugt, bis zum Verfall der betreffenden Rechte noch ca. 30 Millionen herausschlagen zu können. Und für das alles hat man mir 3500 Mark gegeben!

Aber auch das ist noch nicht alles. Das für mich Allerfürchterlichste kommt erst noch! Nehme ich meine damalige Arbeit jetzt in die Hand, so erkenne ich sie kaum wieder. Das ist nicht jener wohlbedacht artikulierte Leib, in welchem meine Seele zum Leser sprechen sollte. Das sind nicht jene weichen und doch energischen Konturen, die ich ihm gegeben habe, nicht die hellen Züge, die runden Linien, die hohe, denkende Stirn, die klaren Augen, die beweglichen Glieder! Sondern das ist ein formlos dicker Rumpf, von ordinären Genüssen aufgeschwollen, mit verkrüppelten Armen und Beinen, die an den Leib gezogen sind, weil sie zu faul waren, sich zu bewegen. Ein wüster Kopf! Alles ist stumpf an ihm, nicht nur die Nase! Sinnlichkeit und nichts als Sinnlichkeit, wohin ich nur schaue! Pfui! Und dieser Kerl soll ich sein? Man verstehe wohl: Ich meine jetzt nur das Äussere, den Körper! Wie konnte aus der von mir geschaffenen, wohlgegliederten Gestalt, die zwar keinen Engel aber doch einen stattlichen und ebenmässig gebildeten Menschen darstellte, ein solcher trottelhafter Tolpatsch werden! Und wie konnte sich die schlanke, kräftige, zwar auch nicht sündenlose Menschlichkeit, die ich gezeichnet habe, in eine so feiste, schwammige, nach Ehebruch lüsterne Abscheulichkeit verwandeln, wie ich sie hier zu sehen bekomme! Wer hat meine wohlabgemessenen Worte in Klumpen

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zusammengeballt, meine leichtfliessenden Sätze in hässlich breite, langsam vorwärtskriechende Krötenleiber verwandelt? Wer hat mir alle die lieben Pausen, in denen mein Leser Atem holen und liebend nachsinnen sollte, herausgenommen und aus meinen kurzen, leicht begreiflichen Redeformen zottige Stricke gedreht, an denen sich jede Aufmerksamkeit zu Tode würgen muss? Wer das getan hat, dem „sollte ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ersäufet werden im Meere, da es am tiefsten ist!“ Denn diese Lurch- und Unkengestalt, in der meine Arbeiten heute vor mir liegen, ist niemals mehr in das, was sie früher war, zurückzuverwandeln. Selbst wenn man sich die grösste Mühe gäbe, würde das, was man nach jahrelanger Ausdauer erreichte, im günstigsten Falle doch nur konsternieren!

Das war aber nur der Leib, der Körper, den man mir so unheilbar verunstaltet hat, obgleich das Gesetz jede derartige Veränderung verbietet. Nun aber frage ich: Was kann in einer solchen Widerwärtigkeit für ein Geist, für eine Seele wohnen? Ich schaue nach. Die oben erwähnte „nach Ehebruch lüsterne Abscheulichkeit“ hat einen Verdacht in mir erweckt, den ich leider nur zu sehr bestätigt finde. Ich suche nach meinem Geiste, nach meiner Seele. Ich finde sie nicht. Sie sind verschwunden, alle beide! Ja, scheinbar bin ich da, aber als Zerrbild, als Fratze. Oder sollte ich das wirklich sein, dieses vielverwundete, tödlich verletzte Wesen, welches mir ähnlich ist und doch auch wieder nicht? Wohlgemerkt, das, was ich jetzt sage, ist geistig, ist seelisch zu nehmen! Ich habe diese Romane, seit ich sie schrieb, niemals gelesen, auch die Korrektnren [Korrekturen] nicht. Damals, als ich einige Abschnitte aus dem „Waldröschen“ nahm, um sie für „Old Surehand“ in Druck zu geben, fiel es mir auf, dass ich so viel herauszustreichen oder zu ändern hatte. Jetzt habe ich einen Zeugen gefunden, der ein Freund der Frau Münchmeyer ist und mir trotzdem bezeugen wird, dass Heinrich Münchmeyer damals grad in diesen Abschnitten sehr arg herumgeändert hat. Ich forschte weiter. Ja, ich bin da, allerdings. Die Anlage stammt von mir, der Bau, die Disposition, die Gliederung. Das Geographische, Geschichtliche, das Ethnologische. Die Schilderung von Land und Leuten. Die genau berechnete Schaffung

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psychologischer Situationen resp. Verwickelungen. Das stammt von mir; das ist fast alles mein Werk; aber von Schritt zu Schritt bemerke ich mehr und mehr, dass sich fremde Geister in dieses Werk geschlichen haben. Ich stosse auf Fäden, die ich nicht kenne, auf Spuren, die nicht von meiner Psyche, sondern von anderen Seelen stammen. Ich entdecke Münchmeyers wohlbekannte Stapfen und höre seine Schritte förmlich hallen. Sein rührseliges Schluchzen. Sein halblautes, verliebtes Lächeln. Das Tätscheln frischer Wangen. Die satte Deutlichkeit in der Beschreibung weiblicher Reize. Redewendungen, die nur ihm allein eigen waren. Dann plötzlich ein logischer Barbarismus von solcher Ungeheuerlichkeit, dass man laut aufschreien möchte. Das ist nicht Münchmeyer, sondern Walter, der ebenso unvergleichliche wie einflussreiche Untermensch, der die Manuskripte der Münchmeyerschen Mitarbeiter auf das „Irdisch-Weibliche“ hin durchzusehen hatte. Ich machte mir nie etwas mit diesem Manne zu schaffen, habe ihm nie den Backenbart gekratzt und ihm auch nie etwas in die stets offene Hand gedrückt. Was daraus folgt, das wissen meine Zeugen. Nun geht dieser Herr nach seinem Tode genau so in meinen Romanen um, wie seine Feder, als er noch lebte, mit meinen Manuskripten umgesprungen ist. Ich begegne seinem Geiste, oder vielmehr seinem Gespenste auf Schritt und Tritt. Er hat sich mit ganz derselben Maitressenwirtschaft, die er eine Treppe hoch über Frau Münchmeyer trieb, hinter meine Gedanken geschlichen, und wer mich nun liest, der hält ihn für May und findet mich „abgrundtief unsittlich“! Ueberall, wohin ich in diesen meinen Romanen schaue, tritt mir sein Gesicht mit dem unvermeidlichen, hämischen Lächeln entgegen, welches er stets für mich hatte. Meine geistige Arbeit konnte er wohl beschmutzen, doch nicht zerstören; sie existiert noch heut; aber meine Seele ist der seinigen gewichen. Sie kann und will und darf nicht mehr auch nur das Allergeringste mit diesen Münchmeyerschen Romanen zu schaffen haben!

Und nun erlaube man mir eine kurze Wiederholung! Ich schenkte der Firma H. G. Münchmeyer das Vertrauen, ihr die Vervielfältigung meines literarischen Leibes für 20 000 Leser zu überlassen, denn ich wollte auf diese Leser geistig und

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seelisch einwirken. Die Firma Münchmeyer aber fälschte diesen Leib und belebte ihn mit der eigenen und mit „Herrn Walters“ Seele. Was ich den Zwanzigtausend sagen wollte, ist ungesagt geblieben; aber dafür haben Heinrich Münchmeyer, Walter und alle folgenden, die an mir weiter fälschten, zu Millionen Menschen sprechen dürfen, ohne dass ich eine Ahnung davon hatte. Was diese Millionen von ihnen gehört und von ihnen gelernt haben, das wird von der Presse als „abgrundtiefe Unsittlichkeit“ bezeichnet. Ob man sich durch die Ueberschreitung der 20 000 der Unterschlagung oder des Betruges schuldig gemacht hat, habe nicht ich zu entscheiden; aber dass man bei und trotz allem, was geschah, schliesslich auch noch meine Pseudonymität verriet, so dass die Münchmeyerschen und Walterschen Gespenster vor aller Welt unter meinem Namen ihr Wesen weitertreiben konnten, das ist das Traurige, von dem ich oben sprach.

Ich habe vierzig Bücher verfasst, in denen nie ein unsittliches Wort gefunden wurde. Das ist für meine Leser Beweis genug; kein einziger von ihnen wird jemals an mir zweifeln. Man sollte meinen, dass es auch für andere Leute nicht schwer gewesen sei, derselben Logik zu folgen, zumal ich keineswegs mit der öffentlichen Erklärung zögerte, dass es mir niemals eingefallen sei, unsittliche Dinge zu schreiben. Aber das war keineswegs der Fall; ich wurde verdammt, und zwar in so liebloser, oft sogar boshafter und niederträchtiger, meist auch aufgeregter Weise, dass jeder ruhig denkende Mensch misstrauisch werden musste. Warum so ein Sturm? So ein Hass? Solche Unerbittlichkeit? So fragte man sich, und schon nach kurzer Zeit konnte man die Antwort hören; sie lautete: Die Herren Kollegen! Auf die andere, noch viel richtigere und noch viel wichtigere Antwort aber kam man nicht. Ich füge sie hinzu; sie lautet: Herr Adalbert Fischer!

Ueber die Herren Kollegen habe ich hier zu schweigen. Sie gehören nur dahin, wo Charakter und Name verschwindet, also in ihre Zeitungen. Aber mit Herrn Fischer habe ich mich zu beschäftigen, später wohl noch eingehender als jetzt! Wer und was dieser Mann vorher gewesen ist, das interessiert mich nicht. Für mich beginnt er erst von da an, zu existieren, wo

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er, der mir vollständig Fremde, sich meines Schicksales in einer Weise bemächtigte, die mehr als geradezu unbeschreiblich ist. Seine beiden, mir nach Egypten geschriebenen Briefe habe ich bereits gekennzeichnet. Ihr Inhalt liess auf den Inhalt seines Innern, seines Lebens schliessen; Buchdruckerschwärze, zuletzt für Schundroman und Kolportage fettig eingerieben! Kaum hatte er sich in die Firma Münchmeyer eingerichtet, so bestellte er sich, wie ich berichtet wurde, einen Roman nach seinem persönlichen Geschmack, und dieser Geschmack war derart, dass er wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften bestraft wurde. Das ist die einzige Empfehlung, durch die er bei mir eingeführt worden ist! Zur weiteren Charakteristik sei hinzugefügt, obgleich das Schamgefühl es eigentlich verbietet: Als ich zum ersten Male bei ihm war, hatte ich meine jetzige Frau mit, damals meine Braut. Nicht die Jugend, sondern das Alter, nicht das Glück, sondern das Leid hat uns zusammengeführt. Sünden gegen die Schamhaftigkeit sind das fürchterlichste, was sie sich denken kann. Seine zirka achtzehnjährige Tochter kam herein. Er scherzte mit ihr. Wir hatten soeben von Kolportageromanen gesprochen. Er fragte sie, wie ein solcher Roman geschrieben sein und was für Szenen er enthalten müsse, wenn er wirken soll. Das tat er in einer solchen Weise und unter derartigen Ausdrücken, dass es uns beiden war, als ob wir in das Gesicht geschlagen worden seien. Ein Vater zu seiner Tochter! In Gegenwart fremder Personen, die zum ersten Male bei ihm sind! – Bei einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft in Dresden, bei welcher meine Braut wieder anwesend war, genierte sich seine höchst angetrunkene Frau, eine Berliner Fleischerstochter, nicht im geringsten, uns von ihrem Mutterwitz zu überzeugen, indem sie dem an der Wand hängenden Bilde des Kaisers ihr Glas entgegenhielt und dabei rief: „Prost, Willem; ich komme dir Eins!“ Er aber brachte die Rede abermals auf „saftige“ Kolportageszenen und nahm während dieses höchst fatalen Diskurses meine Braut auf die Seite, weil er ihr etwas höchst wichtiges zu sagen habe. Und was hörte sie? Solche Szenen seien im Leben noch schöner als im Buche, aber unter Umständen gefährlich. Sie solle mich um Gotteswillen schonen, denn ich sei nun schon zu alt

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dazu! Es ist mir hier verboten, es derart auszudrücken, wie er es tat. Und es war das nicht das einzige Mal; er hat es bei späteren Gelegenheiten wiederholt, in jener infamen, schamlosen Weise, die beleidigender ist als alles andere, weil sie bei dem Hörer ganz dieselbe moralische Versunkenheit voraussetzt. Ich bin nicht häufig mit diesem Manne zusammengekommen, und so oft es geschah, war meine Frau dabei. Wir taten es höchst ungern, schon auch deshalb, weil beide, sowohl er als auch sie, eine ganz besondere Vorliebe für geschlechtliche Themata und zweideutige Zoten äusserten. Wenn wir dann wieder allein waren und uns schämten, gezwungen gewesen zu sein, so etwas anzuhören, konnten wir nur das immer gleichklingende Urteil wiederholen: Adalbert Fischer und der Schundverlag passen zusammen wie der Fisch und das Wasser, in dem er sich befindet; es ist sein Element!

Zum ersten Male sah ich diesen Mann kurz nach meiner Heimkehr aus Afrika und Asien. Er hatte erfahren, dass ich wieder da sei, und kam nach Radebeul, scheinbar, um Frieden mit mir zu schliessen, in Wirklichkeit aber, um mich auszuhorchen. Denn dass es niemals einen wirklichen Frieden zwischen uns geben kann, das wusste und das weiss er besser als ich selbst. Seine Absichten ruhen nicht; sie bleiben niemals stehen; darum könnte das, was er als Frieden bezeichnet, nur höchstens Waffenstillstand sein. Sein Auftreten war gleich bei diesem ersten Male ein derartiges, als ob er bei mir zu Hause sei, als ob meine ganze Villa ihm gehöre. Er genierte sich nicht im geringsten. Er sagte mir, dass er ein steinreicher, hochangesehener Mann sei und das Münchmeyersche Geschäft für den Preis von 175 000 Mark erworben habe. Einen Prozess wegen dieses Kaufes habe er nicht zu fürchten, weil er Justizräte in seiner Verwandtschaft habe. Er habe sich in Leipzig vom Geschäft zurückgezogen und sei nach der Lössnitz bei Dresden übergesiedelt, um da als Rentier zu leben; das nötige Vermögen besitze er dazu. Da aber sei ihm noch ein Sohn geboren worden, und er habe es für seine Pflicht gehalten, auch für diesen noch ein Vermögen zu erwerben. Nur dieser Sohn sei schuld, dass er sich wieder in das Geschäft gestürzt und die Firma Münchmeyer gekauft habe, um für ihn zu weiteren und neuen Kapitalien zu kommen;

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er sei ja Vater und müsse für seine Kinder sorgen. – Das klang ganz allerliebst und ehrenwert; aber wie kam denn ich dazu, für ein ihm gehöriges Kind das mir gehörige Vermögen hergeben zu sollen? Denn die Romane gehörten ja wieder mir; ich hatte sie zurückbekommen! Und dass er sich nicht scheute, nichts anderes als das Allerheiligste, wozu ein Vater verpflichtet ist, zum Deckmantel seiner ganz eigenartigen Spekulationen herbeizuziehen, das wirkte ekelerregend. Ich fragte ihn, wie er nun darauf gekommen sei, grad die Münchmeyersche Kolportagefabrik zu kaufen. Für einen so angesehenen Mann, wie er sich schildere, sei es doch wohl keine Ehre, Besitzer eines derartigen Geschäftes zu werden. Da gab er zu, dass das freilich ein grosser Niederstieg gewesen sei und seine Reputation hierdurch sehr gelitten habe; es gehe ihm von seiten seiner vornehmen Verwandten aus diesem Grunde sehr schlecht. Aber grad ich hätte die allerwenigste Veranlassung, mich über das, was ihm vorgeworfen werde, zu wundern, weil doch niemand weiter schuld daran sei, als nur ich allein. Nur meine Berühmtheit habe ihn zu diesem Schritt veranlasst. Er habe gehört, dass mein Verleger Fehsenfeld ein blutarmer Teufel gewesen, durch mich aber Millionär geworden sei. Da habe er sich nach Sachen von Karl May erkundigt und sei hierbei auf Frau Münchmeyer getroffen. Das weitere könne ich mit denken. Der ganze Münchmeyersche Verlag sei nichts mehr wert gewesen, weder die alten Maschinen noch alles andere, ausgenommen nur allein meine Romane. Nur deretwegen habe er das Geschäft gekauft und nur um ihretwillen die Summe von 175 000 Mark bezahlt. Ich komme ihm also wohl teuer genug zu stehen. Nur dieser meiner Sachen wegen habe er auf sein schönes, freies, unabhängiges Leben verzichtet und sich wieder in Arbeit, Sorgen und Not gesteckt. Aber anstatt dies anzuerkennen, habe ich die Absicht, über ihn herzufallen. Er müsse mich also sehr darum ersuchen, ihn doch in Ruhe zu lassen!

Dieser Ton klang, wie ich schon einmal angedeutet habe, genau so, als ob ich der Verbrecher sei, er aber der Ehrenmann. Sollte man da lachen? Oder weinen? Oder diesen Herrn Adalbert Fischer ganz einfach die Treppe hinunterwerfen? Man kam gar nicht dazu, sich hierüber schlüssig zu

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werden, denn er sprach in einem fort, vor allen Dingen nochmals über meine Berühmtheit und dann über die Vorzüglichkeit meiner Romane. Er hatte den schlechten Eindruck seiner Worte bemerkt und glaubte, das nun hierdurch wieder gut machen zu müssen. Er erreichte grad das Gegenteil. Eben wollte ich ihn veranlassen, sich schleunigst zu entfernen, da begann er, von Frau Münchmeyer und ihren Schlechtigkeiten zu sprechen. Das veranlasste mich, noch zu warten. Er behauptete, bei diesem Kauf von ihr betrogen worden zu sein; sie sei alles andere, aber nur nicht ehrlich! Er hat genau dasselbe auch zu anderen Personen gesagt, die es vor Gericht bereits beschworen haben. Vor allen Dingen habe Frau Münchmeyer ihn durch falsche, unwahre Angaben getäuscht. Es sei ihr nicht zu glauben. Er bedaure, dies aber doch getan und das Geschäft gekauft zu haben. Sogar auch Walter, ihr Faktotum und Vertrauensmann, habe ihn belogen! Jetzt, da ich nun einmal entschlossen sei, zu klagen, so solle ich doch nicht ihn, sondern diese Frau verklagen; die habe das verdient! Aber nur einige Minuten später drehte er diesen Satz grad um und forderte, dass ich nicht sie, sondern ihn verklagen möge. Ich schloss hieraus, dass er nur gekommen war, um zu sondieren. Er gab an, dass er mit Frau Münchmeyer in Klage und Gegenklage stehe. Sie haben auch noch späterhin miteinander prozessiert. Ob das auf einen saubern und ehrlichen Handel schliessen lässt, das lasse ich dahingestellt. Was er vom Zustandekommen dieses Handels erzählte, das war im höchsten Grade interessant.

Ich habe bereits erwähnt, dass von seiten solcher, die das wissen mussten, über schlechten Geschäftsgang geklagt wurde. Hier eine Buchführung mit guten Abschlüssen, dort aber fast ununterbrochene Klagen über Mangel an Geld! Das ist an sich nichts Widersprechendes und zumal im Münchmeyerschen Geschäft sehr leicht zu erklären. Der Geldmangel legte den Gedanken nahe, den immer wachsenden Sorgen dadurch ein Ende zu machen, dass man das Geschäft verkaufte. Verdient hatte man damit ja mehr als genug! Zum Verkaufe aber war die Vorlegung guter Abschlüsse nötig – – ergo! Noch

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pfiffiger erschien der Entschluss, eine Gesellschaft, Genossenschaft oder dem ähnliches zu gründen. Man leitete die hierzu zweckdienlichen Schritte ein. Frau Münchmeyer, die einstige Bewunderin ihres eigenen „Venustempels“, stand als gold- und silberströmende Auskunftsquelle in der Mitte dieser höchst vortrefflichen Idee. Herr Walter, der bei Münchmeyers veredelte Sträfling, ergründete die privat- und strafrechtlichen Fragen eines derartigen Unternehmens. Der gehirnkranke und als solcher in eine Trinkerheilstätte versetzte Schwiegersohn, Prokurist und Buchhalter Jäger war bemüht, gute Jahresabschlüsse, Berichte und Auszüge aus den Büchern vorlegen zu können. Und der Hoflieferant, Posamentenfabrikant und Freund der Frau Jäger, Herr Ludwig, übernahm für den neu zu gründenden Staat das wichtige Portefeuille der äusseren Angelegenheiten. Er gab sich grosse Mühe; es wurde aber nichts daraus. Die Gründe lassen sich denken. Einer der Herren, mit denen er verhandelte und dem so etwas wie eine Direktorsstelle angetragen wurde, sagte kürzlich zu mir: „Wie froh bin ich, damals nicht ja gesagt zu haben! Ihren Prozess, den hätte nun höchstwahrscheinlich ich!“ Und eben weil dieser Herr Ludwig mit seinen Mühen damals so ganz erfolglos war, nimmt er sich der Münchmeyerschen Sache jetzt um so kräftiger an, als Zeuge in allen Stücken, als Kapazität in jeder Frage, als selbstlose Stütze der Frau Pauline und als mutiger Begleiter von deren Tochter, seiner Freundin, verwitwete Jäger, die er nach Berlin, Danzig usw. begleitet, wenn dort Zeugen gegen mich zu vernehmen sind. Nach solchen resultatlosen Bemühungen, das Geschäft an einen anderen loszuschlagen, erscheint da plötzlich Herr Adalbert Fischer aus Leipzig, der von sich sagt, er sei ein hochangesehener, steinreicher Mann und wolle seinen [seinem] nachgeborenen Sohn mit den Werken von Karl May ein Vermögen verdienen! Man kann sich wohl denken, welchen Eindruck diese grossartige geschäftliche Epiphania auf die obengenannten Herren und Damen bewirken musste! Vor der Helligkeit einer solchen Erscheinung fiel jede Erinnerung an meine Rechte ins tiefste Dunkel. Alle Versprechungen, jeder Verkehr, sogar das Mittagessen und die acht eingebundenen Manuskriptbände waren augenblicklich vergessen. Hundertfünfundsiebzigtausend Mark,

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welche eine Summe! Aber nur dann, wenn die Mayschen Werke der Firma gehörten, sonst aber nicht!

Hier beginne ich eine neue Zeile, denn ich gestatte mir nicht, der alten weiter zu folgen, weil ich ja nicht dabei gewesen bin. Es würde gewiss eine hochinteressante Aufgabe für den Staatsanwalt, den Untersuchungsrichter sein, dem Zustandekommen dieses höchst sonderbaren Kaufes nachzugehen! Man erinnert sich jenes ernsten, höchst wichtigen Warnungsbriefes, den ich an Frau Münchmeyer sandte, als ich hörte, dass sie verkaufen wolle. Ich legte in ihm alle meine Rechte resp. Ansprüche dar und drohte mit gerichtlicher Klage, wenn man gegen sie verfahre. Herr Fischer hat mir bei seinem jetzt erzählten Besuch in Radebeul mündlich und dann später in zwei Briefen schriftlich eingestanden, dass Frau Münchmeyer ihm noch vor Abschluss des Kaufes diesen meinen Brief gegeben und er ihn gelesen habe. Sie hat geglaubt, sich dadurch von aller Verantwortlichkeit zu befreien und selbst einem Kriminalprozess mit Ruhe entgegensehen zu können; ob mit Recht, das hat sich noch zu zeigen! Herr Adalbert Fischer aber kann nicht in Abrede stellen, hierdurch überzeugt worden zu sein, dass ich auf meinen Rechten beharre und sie der Firma Münchmeyer abspreche, ebenso auch, dass ich entschlossen sei, gegebenen Falles gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich muss hier fragen, ob er ein bonae fidei-Käufer ist oder nicht! Er musste ganz unbedingt die Verhältnisse prüfen oder prüfen lassen. Er mag nachweisen, dass er das getan hat und welches Gutachten ihm geworden ist! Man legt nicht 176,000 Mark in einer so zweifelhaften Sache an, ohne sich bei Autoritäten auf das Eingehendste befragt zu haben! Wer sind diese Autoritäten gewesen? Jeder Mensch von gesundem Verstande, um wieviel mehr aber ein Jurist, musste sofort erkennen, dass die Behauptungen der Frau Münchmeyer gänzlich ohne Beweise waren. Alle ihre Zeugen fussen nur auf Hörensagen. Jeder hat es von einem andern, aber nicht vom Richtigen, von mir! Nachdem Münchmeyer gestorben ist, bringt man dieses und jenes, was er gesagt haben soll. Aber er hat so vieles verschwiegen und so vieles anders sagen müssen, als es war, und die Logik der Tatsachen ist nicht zum Schweigen zu bringen. Die Personen,

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die sich auf solche unerwiesene Behauptungen beziehen, sind beteiligt oder verwandt, und vor allen Dingen ist jener Kontraktversuch Münchmeyers nicht aus der Welt zu bringen, in dem er dadurch, dass ich bestätigen soll, zugibt, dass ich noch nicht bestätigt habe. Und jener Brief Walters im Auftrage von Frau Münchmeyer, in dem sie Eingeständnisse macht, die sie nun freilich bestreitet. Also – – die Behauptungen dieser Frau hingen derart in der Luft, dass ich ganz unmöglich glauben kann, es habe sich ein vertrauenswürdiger Berater gefunden, der ihm riet, das Geschäft trotz meiner Warnung zu kaufen. Ich fühle mich berechtigt, ihn so lange nicht als bonae fidei emtor anzuerkennen, als er nicht den unumstösslichen, gerichtlichen Beweis erbringt, dass er nur nach sorgfältiger, von hierzu berufener Stelle unternommener Prüfung an den Kauf herangetreten ist. Tut er das nicht, so sehe ich mich sehr wahrscheinlich gezwungen, diese zivilrechtliche Angelegenheit in eine strafrechtliche zu verwandeln.

Nämlich die Vermutung, die mir kam, als ich in Egypten seine beiden Briefe las, hat sich jetzt als Wahrheit herausgestellt. Der hohe Ton, den er sich gegen mich erlaubte, war allerdings eine Folge der Ursache, die ich mir dachte. Er preist mich als „berühmt“; er nennt meine Werke „unvergleichlich“; er sagt es ohne Scheu heraus, dass er aus mir für seinen Knaben ein Vermögen schlagen will; wenn er es trotzalledem für richtig hält, so ausserordentlich von oben herab an mich zu schreiben, so muss ihm doch gewiss ein dem entsprechendes Bild von mir entworfen worden sein. Es stellt sich heraus, dass dies allerdings der Fall gewesen ist.

Man hat zwar nicht umhin gekonnt, ihm meinen Brief zu zeigen und ihn also in die Zweifelhaftigkeit der Münchmeyerschen Rechte einzuweihen; aber man ist zugleich auch bemüht gewesen, die hierauf ganz notwendigerweise in ihm entstehenden Bedenken sofort zu zerstreuen, indem man ihm glaubhaft machte, dass ich es auf keinen Fall wagen werde, meine Rechte zu verteidigen. Man log ihm vor, dass ich seinerzeit wegen Unzucht mit Kindern bestraft worden sei. Jetzt sei ich ein berühmter Mann, der

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mitten und hoch im öffentlichen Leben stehe. Meine Berühmtheit komme nur davon her, dass ich niemals Liebesgeschichten schreibe. Das Bekanntwerden dieser Unzuchtsverbrechen wäre mein Verderben, mein öffentlicher Tod. Ich würde mir also alles mögliche gefallen lassen, wenn man verspräche, hierüber zu schweigen; darauf könne er sich verlassen! Als ich das erfuhr, war mir der Ton, den er gleich von Anfang an gegen mich anschlug, erklärt. Für den Schundverleger, der nur Grobstoffliches begriff, war ich nun eben nichts weiter als ein abgesetzter Schulmeister, der mit seinen Kindern verbrecherische Unzucht getrieben hatte. Hierdurch wurde mir dann auch die Zotenhaftigkeit dieses Mannes verständlich, die er sich gar keine Mühe gab, vor mir zu verbergen. Und das war jedenfalls auch der Grund, dass er gleich bei seinem ersten Besuche in Radebeul in einer Weise auftrat, als ob ich mir sofort und vor allen Dingen besonders seiner moralischen Ueberlegenheit bewusst zu sein habe. Als er hierfür kein Verständnis fand, wurde er ungeduldig und beeilte sich, mir einen Wink zu geben. Er machte nämlich in Beziehung auf die von mir beabsichtigte Klage die Bemerkung, dass es immer eine gewagte Sache sei, andere vor Gericht zu bringen, wenn man selbst auch vor Gericht gestanden habe; das könne dann leicht ganz anders gehen, als man denke! Da er hierbei keine Namen nannte, musste ich still sein; aber es war eine Drohung; ich wusste nun, woran ich mit ihm war! Doch nicht blos mit ihm, sondern auch mit dieser Frau Münchmeyer und ihrem ganzen Anhange!

Meine damalige Frau war bei diesem ersten Besuche Fischers, der in meinen Arbeitsräumen stattfand, zugegen. Sie sagte aber fast kein Wort. Was sie da hörte, war mehr als genug, ihr über ihre mütterlich zärtliche Freundin Pauline Münchmeyer nun endlich einmal die Augen zu öffnen. Fischer war freilich so vorsichtig, jetzt nur erst anzudeuten. Später sagte er aus, dass Pauline Münchmeyer ihn mit seinen Erkundigungen an ihren „Vertrauensmann“ Walter gewiesen habe. Dieser gab ihm über mich und meine Rechte folgende Auskunft:

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„Haben Sie keine Angst wegen May! Da brauche ich nur ein paar Zeilen zu schreiben an May; da ist er ruhig![“]

Fischer fragte ihn, ob er sich mit dieser Versicherung darauf stütze, dass ich wegen Unzucht mit jungen Mädchen bestraft worden sei. Walter bejahte dies und fügte hinzu:

„Den machen wir moralisch kaput, wenn er überhaupt gegen uns vorgeht. Den haben wir in der Hand!“

Und auf die ganz besonders wichtige Frage Fischers, was aber dann zu geschehen habe, wenn ich trotz alledem verklage, antwortete Walter:

„Sobald ich ihm drohe, tritt er zurück!“

Also drohen! Nicht von dem legalen Mittel des Beweises wurde gesprochen, sondern von der verbotenen Waffe der Bedrohung, der Erpressung! Diese Waffe sei unfehlbar; sie wirke ganz bestimmt! Walter kannte die giftige Schärfe solcher Klingen, denn er war ja vorbestraft. Er hatte einen grimmigen Hass auf mich geworfen, weil ich jeden Umgang mit ihm mied. Ich tat das wegen seines Charakters; er glaubte aber, wegen seiner Bescholtenheit. Das machte ihn mir zum unversöhnlichen Feind, denn woher mein Stolz? Ich war ja auch nur seinesgleichen, meinte er! Uebrigens hat Herr Adalbert Fischer bei derselben Vernehmung über diesen „Vertrauensmann“ der Frau Münchmeyer ausgesagt, dass Walter ihm [ihn] bei dem Verkaufe des Geschäftes belogen, ihm falsche Auskünfte erteilt habe und darum entlassen worden sei. Das genügt wohl?! Und von so einem Menschen liess Herr Adalbert Fischer sich die Waffe der Bedrohung reichen und ging dann hin, um unter ihrem Schutze den Handel über mich und meine Rechte abzuschliessen! Das behaupte ich so lange, bis er mir beweist, dass er diesen Kauf nur auf Grund unwiderleglicher Wahrsprüche eingegangen sei, dass er das tun könne, ohne mich zu schädigen!

Schon früher, wenn Walter zu mir kam, um Münchmeyersche Botschaften abzugeben, und ich ihn nur als Bote,

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aber sonst weiter nichts behandelte, liess er zuweilen Bemerkungen fallen, die zwar schon hämisch, aber doch noch nicht drohend klangen. Ich verstehe unter „hämisch“ eine Komposition von Hohn und Tücke. Genau dieselbe Komposition bemerkte ich auch in den beiden, mir nach Egypten geschickten Briefen Fischers; drum erriet ich sofort, dass Walter sein Gewährsmann sei, wenn ich auch die Einzelheiten unmöglich wissen konnte. Bedeutend deutlicher wurde es mir gemacht, als Fischer zu mir kam und sich fast mit Porträtgenauigkeit so gegen mich betrug, wie einst „Herr Walter“. Es war genau so, als ob dieser Walter vor mir stehe, und nur eins schien noch nicht vorhanden zu sein, nämlich der grimmige Hass, mit dem der Letztere mich bis an seinen Tod verfolgt hatte. Aber, im Verlaufe des Prozesses konnte sich ja auch dieser noch entwickeln!

Er begann, der Prozess. Sein bisheriger Verlauf wurde in den ersten Kapiteln berichtet. Dann folgte die Beschreibung der handelnden Personen, vor allen Dingen der meinigen. Ich meine, dass ich hierbei aufrichtiger gewesen und gründlicher mit mir ins Gericht gegangen bin, als selbst meine Gegner wohl erwartet haben. Mit Herrn und Frau Münchmeyer bin ich weniger ausführlich gewesen; ich verfuhr mit ihnen nicht halb so streng, wie mit mir selbst, und ich möchte, dass es so bleibe. Es wäre mir gewiss nicht angenehm, nachträglich etwa noch gezwungen zu werden, den bisher geschilderten Münchmeyerschen Charakterzügen noch diejenigen hinzuzufügen, die ich zurückbehalten habe, um nicht rachsüchtig oder gar ordinär zu erscheinen. Dieser Ton der Schundroman-Atmosphäre ist nicht nur dem Leser widerlich, sondern auch dem Schreibenden verhasst. Den übrigen Personen gehört ein besonderes Kapitel, in dem ich ihre Porträts zu bringen habe. Sie sollen da als Solitärs zu sehen sein, jeder für sich, in seiner nur ihm eigentümlichen Welt. Vorher aber habe ich alle diese einzelnen Edelsteine in ihrer „Zusammenfassung gegen Karl May“, also als Münchmeyerschen Kolportage-„Ring“ darzustellen, weil jeder einzelne sich seine ganz besondere Brillanz aus diesem Ringe holt. Wohlgemerkt: Der Titel meines Buches heisst „Ein Schundverlag“. Es ist also keineswegs meine Absicht, über weiter nichts als nur über diesen

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entsetzlichen Prozess zu schreiben; ich habe den wirklichen, ganz andern Zweck dieses Buches im ersten Kapitel desselben dargelegt und brauche also nicht hier noch zu wiederholen, dass es mir gleichgültig sein muss, ob der Psycholog, der Jurist, der Buchhändler, der Literat usw., jeder von seinem Standpunkte aus, mit diesen Kapiteln zufrieden ist oder nicht. Ich gebe eine Fülle des Stoffes. Dann wird ein Fachmann kommen, um seine kluge Künstlerhand an diesen Block zu legen. Ich habe vor allen Dingen dafür zu sorgen, dass in meinem Materiale weder Löcher noch Blasen, noch springende Härten entstehen. Dann wird und muss er erklingen und gelingen, dieser laute, öffentliche Schrei, auch mich einmal zu hören!

Die Namen der Solitärs, die ich zu behandeln habe, sind folgende. Ich nenne sie in umgekehrter Reihe.

1. Herr Geheimer Hofrat, Rector magnificus, Professor Dr. Gurlitt, Dresden. Er debütierte in der „Sachsenstimme“ gegen mich. Das war der Anfang. Der Schluss aber steht noch aus.

2. Herr Dr. phil. Hermann Cardauns, Hauptredakteur der „Kölnischen Volkszeitung“, Köln. Er hat den Kampf gegen den Münchmeyerschen „Schundverlag“ eröffnet, und jeder, der es mit der deutschen Volksseele ehrlich meint, muss wünschen, dass dieser Herr nun endlich einmal siege.

3. Herr Rechtsanwalt Dr. Gerlach, Dresden. Dieser Herr ist der Prozessvertreter der Frau Münchmeyer. Ich habe Schritt für Schritt zu zeigen, in welcher Weise er ca. drei Jahre gegen mich gearbeitet hat, um mich als einen eidesunwürdigen Menschen hinzustellen z. B. sein Anschleichen an meine Gartentür usw. Ich habe, und zwar in Beziehung auf nicht nur meinen Prozess, in diesem meinem Buche eine Eingabe an die zuständige Anwaltskammer dieses Herrn Dr. Gerlach zu veröffentlichen. Zwar hätte auch mein Rechtsanwalt wohl schon längst Grund genug gehabt, seinerseits bei derselben Kammer und gegen denselben Herrn eine ähnliche Beschwerde zu erheben, aber ob er es getan hat, das weiss ich nicht, und noch viel weniger, ob und welche Folge ihr gegeben worden ist. Jedenfalls wird die Darstellung meiner

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zahlreichen und wichtigen Gründe nicht unter der Berücksichtigung der Kollegialität zu leiden haben. Und bei der ausserordentlichen Fülle von Indiskretionen, unter denen ich drei Jahre lang zu leiden gehabt habe und heut noch leide, fühle ich mich keineswegs verbunden, den diskreten, weil direkten Weg zur Anwaltskammer einzuschlagen, sondern meine Beschwerde wird versuchen, dieses Ziel auf dem Wege durch die Oeffentlichkeit zu erreichen!

4. Einige Dresdner Redakteure, die sich allerdings die Berechtigung, überhaupt erwähnt zu werden, nur dadurch erworben haben, dass sie über mich „logen, wie gedruckt“. Herr Professor Gurlitt wie noch vielmehr sein Schwager Gerlach werden nicht umhin können, zu den Lügen und Verdrehungen dieser Personen Stellung zu nehmen.

5. Herr Adalbert Fischer, jetziger Besitzer der Firma Münchmeyer, der sich selbst und eigenhändig als „Schundverleger“ bezeichnet, der Vater des lieben Jungen, dem ich alter, dreiundsechzigjähriger Mann die Arbeit von Jahren, die Früchte von unzähligen, rastlos durchschriebenen Nächten auf das Kinderbettchen legen sollte, nur damit sein Vater nicht verrate, dass ich wegen „Unzucht mit jungen Mädchen“ bestraft worden sei! Denn dass er wirklich und fest gewillt war, dies zu tun, das hat er nicht nur mir selbst direkt in das Gesicht gedroht, sondern auch noch anderen Personen mitgeteilt, die bereit sind es mir zu bezeugen.

Es gab nämlich in der ersten Zeit des Prozesses einen Vergleichsversuch, der aber, wie ich ganz besonders hervorheben muss, nicht von mir ausgegangen ist. Dieser Versuch sollte zwischen Fischer und mir stattfinden, und zwar in einer Weinstube des Kaiserpalastes, wo ich mit ihm zusammentraf. Wir waren allein. Er wollte Wein auch mit für mich bestellen; ich lehnte aber ab. Das ärgerte ihn. Er benutzte die Abwesenheit anderer Leute, mir zu raten, dafür zu sorgen, dass der Vergleich zu stande komme, denn ich sei ein vorbestrafter Mensch. Er drohte mir: „Wenn sie diesen Prozess gewinnen, so setze ich in alle Zeitungen, dass Sie bestraft sind, und mache Sie so in ganz Deutschland kaput!“ Ich antwortete ihm in aller Ruhe, dass dies

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eine Drohung, eine Erpressung sei, um mich zum Nachgeben, zur Zurücknahme meiner Klage zu zwingen; was werde dann mit ihm, wenn dies an den Tag komme? Er gab mir den Bescheid: „Da habe ich mich bei zwei Justizräten erkundigt, von denen der eine sogar mein Onkel ist. Sie sagten beide, ich solle mich nur ja nicht fürchten, sondern es tun, denn für mich kämen höchstens einige Hundert Mark Strafe heraus; Sie aber wären vor der ganzen Welt kaput für alle Zeit![“]

Ich bin ein Mensch und habe meine Schwächen. Ein tragisches Geschick ist dichterisch ganz schön, bei nüchterner Betrachtung aber wohl kaum wünschenswert. Meine Ziele sind keine niedrigen, und ich habe Hunderttausende von Lesern, deren Augen ich nach innen richten will. Macht man mich kaput, so fallen mit mir alle diese Ziele, und mein ganzes, sechzigjähriges Leben und Leiden ist, als ob es nicht gelebt und nicht durchlitten wäre! Diese Bestrafung wegen Unzucht war zwar eine Lüge, aber sie sagte mir doch deutlich genug, wozu Herr Fischer fähig und wozu er entschlossen war! Ich gab also nach, und wir wurden uns über die Bedingungen einig. Welche das waren, ist gleichgültig, weil aus diesem Vergleiche trotzdem nichts wurde. Meine Frau kam dazu. Ich schickte sie zu meinem Rechtsanwalte, der nebenan wohnt, und liess ihn bitten, zu kommen und den Vertrag aufzusetzen; wie seien bereit, zu unterschreiben. Er aber liess mir sagen, dass er nicht wünsche, dies ohne Herbeiziehung des Fischerschen Anwaltes tun zu sollen. Er werde diesen also fragen, wenn es ihm passe.

So kam also, wohl gleich am nächsten Tage, eine Besprechung unter Vieren zu stande. Fischer wollte seinem Anwalte überhaupt nicht wohl, und über den meinigen ärgerte er sich wegen seiner Schuld am gestrigen Misslingen. Auch hatte die beiden Herren Anwälte eine solche Fülle von Akten, Gesetz- und Nachschlagebücher vor sich ausgebreitet, dass uns beiden Laien des Zustandekommen eines Vergleiches gleich von vorn herein unmöglich erschien. Mein Rechtsanwalt wusste nichts von der Fischerschen Drohung und konnte also meine gestrige Nachgiebigkeit, von der er erfuhr, nicht begreifen; er

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stellte ganz andere, neue Bedingungen. Fischer hingegen hielt an dem, was er gestern verlangt hatte, fest, hütete sich aber natürlich, heut vor diesen beiden Zeugen dasselbe zu sagen und zu tun, was er gestern unter vier Augen hatte wagen dürfen. Er brauchte nur zu leugnen; da konnte ihm nichts geschehen; so dachte er. Ich aber ergriff ganz selbstverständlich die jetzige Gelegenheit, mir Zeugen zu verschaffen. Ich erzählte nämlich beiden Anwälten Wort für Wort die gestrige Drohung Fischers und ihre Folgen. Fischer war sprachlos hierüber; er vergass ganz, sich zu äussern. Sein Vertreter aber, Herr Rechtsanwalt Hans Kohlmann, rief ihm entrüstet zu, dass er so etwas unmöglich zu geben könne und zu geben werde, solange er sein Anwalt sei! Aus den heutigen Verhandlungen wurde nun auch nichts, doch habe ich hierauf noch ganz besonders zu betonen, dass Fischer sich auch noch anderweit und gelegentlich gegen meinen Anwalt in ganz derselben drohenden Weise ausgesprochen hat, dass er, wenn ich den Prozess gewinne, mich durch die Zeitungen totmachen werde.

Die Streitsache nahm also ihren weiteren Verlauf. Ich hatte nicht Frau Münchmeyer, sondern Fischer verklagt, aber sie war als Nebenintervenientin beigetreten. Was das heisst, ist nicht zu sagen, sondern nur durchzumachen! Es gelang mir aber dennoch, in Sachen einer einstweiligen Verfügung obzusiegen. Fischer durfte nur noch ein gewisses Quantum drucken, um Einiges zu komplettieren, dann nichts mehr, und ich bekam das Recht, mir seine Bücher vorlegen zu lassen, um nachzusehen, ob er diese Entscheidung respektiere. Ich war so glücklich darüber und freute mich unendlich, dies erreicht zu haben, denn im übrigen standen meine Angelegenheiten umso trauriger, so traurig, wie ich es nie im ganzen Leben für möglich gehalten hätte. Ich stand nämlich am öffentlichen Pranger, und alle Welt schlug und speite auf mich ein. Oder vielmehr, man hatte mich stückweise öffentlich aufgehängt, wie ein geschlachtetes Rind, welches verpfundet werden soll. Herr Fischer war an der vollen Arbeit, das gewünschte Vermögen für seinen Knaben zu machen. Er hatte begonnen, mich auszuschlachten!

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Ja, auszuschlachten, denn anders ist es nicht zu nennen! Ich hatte, sobald ich meine Romane von Frau Münchmeyer zurückbekam, mit dem Druck des „Waldröschens“ begonnen. Herr Fischer tat dasselbe; er fing mit „Waldröschen“ an. Er gab es aber nicht etwa so heraus, wie er es überkommen hatte, also mit nur den Aenderungen, die von Münchmeyer, Walter usw. stammten, sondern er liess es von einem gewissen Staberow noch weiter umarbeiten, und zwar ohne die geringste Spur von Erlaubnis meinerseits. Er zerstückelte das Ganze, um es bequemer verpfunden zu können, ganz gegen den inneren Zusammenhang in ihm beliebige, äusserliche Portionen, auch das gegen meinen Willen. Er riss, gegen jedes Recht und natürlich ebenso ohne meine Einwilligung, den Text durch Bilder auseinander, durch welche alles, was sich von der Seele des Verfassers noch in dem Werke befand, vollends herausgetrieben wurde. An die Stelle dieser Seele trat nun vielmehr der wegen Verbreitung unsittlicher Schriften bestrafte Animus Herr Fischer und die Anima des wohlbezahlten Zeichners, der die ihm gewordenen Instruktionen durch eine ganze Menge geschlechtlich aufregender Szenen verriet, die teils dem Werke direkt beigegeben, teils aber auch durch Hunderttausende von Reklame-Ankündigungen in alle Welt hinaus verbreitet worden sind. Diese Kuss-, Umarmungs- und ähnlichen Szenen waren sehr bald in zahllosen deutschen, österreichischen, schweizer- und amerikanischen Buchhandlungen oder gar an deren Schaufenstern zu sehen; später auch in fremdsprachigen Uebersetzungen. Die ganz ohne meine Genehmigung gewählten Titel der einzelnen Stücke hatten den Zweck, die Kauflust zu reizen. Unter diesen unerlaubten Buchtiteln und unter diesen lüsternen Szenen aber stand nicht etwa ein Pseudonym, sondern mein Name, mein voller Name, ohne dass irgend jemand mich vorher gefragt hatte, ob ich das erlaube oder nicht. Da standen die Menschen und staunten. Niemand glaubte es. Das soll Karl May sein, den wir achten, lieben und lesen, weil niemand ihm auch nur einen einzigen Buchstaben nachweisen kann, vor dem er erröten müsste? Derselbe? Nein, das ist unmöglich; wir glauben es

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nicht! Es ging ein Schrei sehr wohlberechtigter Entrüstung durch meine ganze Leserwelt. Und ebenso ging ein Schrei, aber ganz anderer Entrüstung, durch die froh aufatmende Welt meiner Herren Kollegen, deren Bücher nicht gekauft und nicht gelesen werden, weil man nichts von allem, was man sucht, in ihnen findet. Wieviel Briefe kamen, in denen man mich nach der Wahrheit fragte? Ich habe sie nicht gezählt. Man schickte mir die lasciven Bilder, die üppigen Seiten und Zeilen. Ich erklärte, dass ich niemals irgend etwas gegen die Schamhaftigkeit geschrieben habe. Man solle Geduld haben und den Prozess abwarten. Herr Fischer habe kein Recht, das alles zu drucken, noch dazu unter meinem Namen! Da erliess dieser Herr in den Zeitungen mehrere Bekanntmachungen: Er sei der rechtmässige Besitzer dieser Romane, und Karl May sei der Verfasser, Karl May, der Herausgeber der berühmten Reiseerzählungen, Herr Dr. phil. Karl May, in Radebeul bei Dresden, wohnhaft in Villa „Shatterhand“, der Verfasser von „Winnetou“ und „Old Surehand“. Und grad diese Kolportageromane seien seine allerbesten Werke, denn er habe sie in der Zeit seiner allerbesten Schaffenskraft geschrieben!

Hierauf schrieb mein Spezialgegner Cardauns, der Hauptredakteur der Kölnischen Volkszeitung, an Fischer, er solle ihm doch diese Romane als Aktenmaterial zu einem Feldzuge gegen Karl May senden. Herr Fischer tat es; er schickte sie ihm! Natürlich mit Begleitschreiben! Herr Dr. Cardauns las, und der Vernichtungsfeldzug gegen mich begann, in allen Zeitungen, und ebenso in Vorträgen, die dieser Herr von Stadt zu Stadt gegen mich hielt. Seit dieser Tat des Mannes, der sich einen „Schundverleger“ nennt, hat kein Mensch mehr das Recht, falls Herr Fischer mich aus Geschäftsrücksichten einmal öffentlich loben oder sich scheinbar irgendwie meiner annehmen sollte, mit vorzuwerfen, dass ich mich in ihm irre. Mein Hauptverleger, Herr Fehsenfeld in Freiburg, macht umso bessere Geschäfte mit mir, je höher ich sittlich stehe. Ein Schundverleger aber macht umso bessere Geschäfte mit mir, je tiefer ich moralisch falle. Und wenn ihm das grosse, doch keineswegs schwere Werk gelingen sollte, mich gar zur moralischen Leiche zu machen, dann wird er ohne

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Zweifel Millionär! Jetzt ist der „reinliche“ May der gelesenste Schriftsteller; ein Schand- und Schund-May aber würde ein Geschäft bringen, wie es überhaupt noch keines gegeben hat. Und dieses ist das Ideal, nach dem Herr Fischer strebt! Er hat mir das durch jeden einzelnen seiner Schritte, die er tat, bewiesen, vor allen Dingen aber durch den Verrat des Pseudonym. Frau Münchmeyer hatte ihm einen jährlichen Reingewinn von 40 oder 60 tausend Mark garantiert. Das war wohl genug und sehr gut auch mit der bisherigen Pseudonymität zu erreichen, zumal er aus meinen Briefen sehr wohl wusste, dass ich mir nichts so sehr wie grad diesen Verrat verbitten müsse. Aber sein Junge sollte in allerkürzester Zeit zu meinem Vermögen kommen, und so musste mein Name hinaus in die Welt, um dieses Vermögen zu machen. Was mir dabei verloren ging, das war ihm nicht nur gleich, sondern ganz im Gegenteile, je tiefer ich sank, desto höher stiegen die Schundpapiere!

Zurzeit, als die Angriffe gegen mich den grössten Umfang, wenn auch nicht ihre grösste Böswilligkeit gewonnen hatten, wurde in Sachen der oben erwähnten einstweiligen Verfügung ein mir günstiger Spruch gefällt, der mich hoffen liess, dass auch der weitere Verlauf des Prozesses ein für mich günstiger sein werde. Ich habe bereits gesagt, wie glücklich ich hierüber war, wie sehr ich mich freute. Mir war das Recht zugesprochen worden, in den Fischerschen Büchern nachzusehen, ob er in den Grenzen des Erlaubten bleibe oder nicht. Eine Nachricht, die ich bekam, veranlasste mich, von diesem Rechte Gebrauch zu machen; ich fuhr nach Niedersedlitz, um zu Fischer zu gehen. Meine jetzige Frau, damals noch meine Braut, hatte sich einige dort liegende Baustellen anzusehen und fuhr also mit. Sie ging auch mit zu Fischers. Herr Fischer lud uns nämlich ein, in seine Privatwohnung zu kommen, wo er in Beziehung auf die von mir beabsichtigte Revision seiner Bücher die Ueberzeugung aussprach, dass ich mich gewiss mit seinem Ehrenwort begnügen werde; das Gegenteil würde er als Beleidigung nehmen müssen!“ Warum auch hier schon wieder dieser eigenartige, zwingende Ton? Wenn er wirklich -

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wirklich ehrlich war, so musste es ihn doch wohl freuen, ihm Genugtuung bereiten, es mir offen und ohne Rückhalt nachweisen zu können! Grad dass ich die Bücher nicht sehen und mich nur auf sein Ehrenwort verlassen sollte, musste mir dieses Ehrenwort verdächtig machen, zumal er sich beelte [beeilte], das Gespräch auf einen Gegenstand zu bringen, der ihm Gelegenheit gab, nicht nur diese eine, sondern auch noch weitere Konzessionen von mir zu verlangen.

Er erwähnte unsere damaligen Einigungsversuche, die leider gescheitert seien. Das habe er nun davon, nämlich die einstweilige Verfügung, dass er nicht mehr drucken dürfe! Das sei erst so vor kurzem, und doch habe es ihm bereits über 40 000 Mark Schaden gemacht. Wie solle das nun weiter mit ihm werden! Es sei ja ganz unmöglich, dass er das aushalten könne, und er hoffe aber auch nicht, dass ich ihm das zumute! Er habe Frau und Kinder, ich aber nicht; das müsse ich bedenken! – Nach dieser ganz eigenartig logischen Einleitung kam er auf das, was er mir unter vier Augen gesagt habe und war er hier wiederholen könne, weil er meine Braut nicht als eine Fremde betrachte; sie können doch wohl alles wissen. Er müsse sich nun unbedingt wehren, und es komme ganz auf mich und auf meine Braut an, ob er gezwungen werde, mich kaput zu machen oder nicht. Wir sollen doch bedenken, dass es sich um seine Existenz handle, also um alles. – Der weitere Verlauf dieses Besuches in Niedersedlitz zwang mich, auf die Revision der Bücher zu verzichten und dagegen mit Fischer einen Vergleich einzugehen, durch den er alles erhielt, was er nur wünschen konnte, ich aber nichts. Ich verzichtete auf den ganzen Erfolg der einstweiligen Verfügung, der mich so glücklich gemacht hatte. Ich trat ihm die betreffenden Werke ab, ohne dass er mir irgend etwas dafür zu bezahlen hatte, keinen einzigen Pfennig. Er zwang mich sogar, ihm noch andere, neue Werke teils hinzuzulegen, teils zu versprechen. Und er drückte schliesslich noch eine öffentliche Erklärung in den Zeitungen durch, dass ich überzeugt sei, er habe beim Kaufe des Münchmeyerschen Geschäftes im guten Glauben gehandelt. Dass er mir hierfür

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die Gegenerklärung versprach, nach seiner Ansicht seien die unsittlichen Stellen in meinen Romanen nicht von mir, das wird jeder Fachmann und jeder Kenner der Verhältnisse sofort als das erkennen, was es ist, nämlich nicht etwa eine Gunst für mich, sondern ein Vorteil ohne gleichen für ihn und sein Geschäft. Es war von sämtlichen Zeitungen behauptet worden, diese Romane seien von abgrundtiefer Unsittlichkeit. Das musste die Leselust aller der Unzähligen erwecken, die Karl May nur deshalb nicht kauften, weil er sittlich unantastbar ist. Es wäre also geschäftlich der grösste Fehler gewesen, diesen Vorwurf der Kritik zurückzuweisen. Nein, grad der Verleger dieser Werke musste selbst zugeben, dass die Obscönität in Wirklichkeit vorhanden sei! Er hatte das schon indirekt durch seine Illustrationen getan; wenn er es nun auch noch in Worten tat, so ergab das eine Reklame, die gradezu einzig zu nennen war. Aber öffentlich und direkt erklären, „die Werke von Karl May sind unsittlich, also bitte ich, sie zu kaufen“, das war unmöglich. Doch da kam grad recht der mir abgezwungene Vertrag und der kostbare Gedanke, infolge dieses Vertrages allen jenen lüsternen Menschen einen ebenso öffentlichen wie deutlichen Wink zu geben. Darum der Passus von den vorhandenen Unsittlichkeiten, den nur jemand, der nichts von der Sache versteht, als für mich erwünscht und günstig bezeichnen kann. Er ist vielmehr ganz zweifellos der allerstärkste Trompetenstoss Münchmeyerscher Reklame. Und wenn Herr Fischer jetzt, nach eingeheimster Ernte, sich pfiffiger Weise bemüht, die Sache als mir zum Vorteile darzustellen, so kann er dies nur wagen, wie er glaubt, dass die Personen, denen er das glaubhaft machen will, von einer pfiffigen, raffinierten Reklame nichts verstehen. Als Herr Fischer öffentlich erklärte, dass die unsittlichen Stellen nicht von Karl May seien, hat selbst der allereinfachste Menschenverstand nicht angenommen, dass man ihm das glauben werde, sondern Tausende und Abertausende sind nun erst recht überzeugt gewesen, dass sie aus meiner Feder stammen und dass diese Bücher infolgedessen im höchsten Grade interessant sein dürften.

Man sieht, dass Herr Fischer durch diesen mir abgedrohten und abgepressten Vergleich viel mehr erreicht hat,

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als er jemals hoffen durfte. Ich gab ihm alles, was ich hatte, und musste ihm dazu auch noch Zukünftiges versprechen! Was aber leistete er mir? Nichts, sogar noch weniger als nichts, denn das, was er tut, steht unter Null! Das einzig Positive, nach dem ich für mich trachten dürfte, war der Wegfall der Unsittlichkeiten und die Vermeidung der Zusammenstellung der beiden Namen Münchmeyer und May. Ich habe selbst auch das nicht erreicht, denn Herr Fischer drückte in der Niederschrift des Vergleiches die Wendung durch, dass wegzufallen habe, was „seiner Ueberzeugung nach“ unsittlich sei, nicht etwa „meiner“; darum bleibt alles, wie es ist! Und ebenso hat er seit Abfassung des Vergleiches, also volle achtundvierzig Monate lang, anstatt des vorgeschriebenen Pseudonym meinen vollen Namen weitergedruckt. Er behauptet, ich habe ihm das privatim erlaubt, und ich bin also gezwungen, einen Extraprozess anzustrengen, um selbst das Blutwenige, was mir versprochen wurde, doch endlich zu erreichen. Also die Leistungen Herrn Fischers in Beziehung auf den erpressten Vergleich sind gleich Null. Die Romane werden mit meinem vollen Namen und allen Obscönitäten weitergedruckt. Es ist ja gar nicht anders möglich, als dass ich diesen Vergleich nur infolge einer Zwangslage eingegangen sein kann, die von ihm bis auf den letzten Rest ausgenutzt wurde und auch ferner noch ausgenutzt werden soll. Ich habe darum gegen diesen Herrn bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet und bin also nicht in der Lage, hier Dinge zu bringen, über welche jetzt nur diese Behörde zu befinden hat. Für das Resultat ist dasjenige Kapitel des zweiten Bandes bestimmt, welches ich mit „Neue Ideale“ überschreibe.

Als dieser Vergleich von mir unterschrieben worden war, hatte ich grössere Opfer gebracht, als man wohl denkt. Ich hatte Hunderttausende mit diesem Federzug verschenkt, und nicht blos das, sondern mehr, viel mehr! Ich hätte gar wohl verdient, dass mir von gegnerischer Seite wenigstens einigermassen Wort gehalten werde, und ebenso, dass man mir endlich einmal Ruhe gönne. Aber das war keineswegs der Fall. Kaum hatte Fischer den unterschriebenen Kontrakt in den Händen, so begann von seiner Seite eine Tätigkeit, die ich nicht anders als „dämonisch‘, nennen kann. Herr Fischer war

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von nun an äusserst höflich, darum wir auch. Er schrieb sehr häufig; meist antwortete meine Frau, die meine Korrespondenzen führt. Aber bei aller Höflichkeit war er unausgesetzt bestrebt, sich als Herr der Situation zu zeigen. In welcher Weise dies geschah, gehört jetzt erst noch vor die Staatsanwaltschaft. Seine Briefe schwammen in Hochachtung; seine Freundschaft wurde mir unausgesetzt versichert; aber nichts war ihm recht; er wollte immer mehr. Vor allen Dingen turbierte er mich und meine Frau unausgesetzt mit Forderungen, zu denen er nicht die geringste Berechtigung besass. Er hatte z. B. laut Kontrakt die unsittlichen Stellen „auf seine Kosten“ zu entfernen. Anstatt nun dies zu tun, warf er auch diese Last noch auf mich, und zwar in einer Weise, welche die Geldgier der Frau Pauline Münchmeyer um das zehnfache übertraf. Ich sollte immerfort zu allem, was er mir abgezwungen hatte, noch neue Opfer bringen, die Jahre an Zeit und viele Tausende an Geld betragen hätten. Mit wurde himmelangst, denn zwischen diesen Forderungen war bei aller Höflichkeit der alte hämische Ton und die alte Drohung immer wieder von neuem herauszuhören. Es war, als ob ich mir mit diesem Vergleich einen Abgrund geöffnet habe, in den ich alles zuwerfen hatte, was mir noch gehörte oder mir noch gehören werde. Und das ging so fort; das nahm kein Ende; das liess mir weder Ruhe noch Pause! Um diesem unerhörten, qualvollen Zustand ein Ende zu machen, schlug ich ihm vor, doch seinen ganzen Schund- und Kolportageverlag fallen zu lassen, auch meine Sachen, und einen anständigen Buchverlag zu gründen. Wenn er dies tue, mache er es mir möglich, in der ersprieslichen Weise für ihn tätig zu sein, wie er es wünsche, sonst aber nicht!

Man ersieht hieraus, dass ich nichts unversucht gelassen habe, mich auf gütliche Weise aus der fürchterlichen Umarmung dieses Mannes zu retten, die für mich um so unerträglicher war, als mir von Tag zu Tag immer klarer wurde, dass die grossen Opfer, zu denen er mich durch seine Drohungen gezwungen hatte, höchst wahrscheinlich umsonst gebracht worden seien. Das rieb mich auf, zumal der andere Teil des Prezesses [Prozesses] von seiten des Rechtsanwaltes der Frau Münchmeyer in einer Weise gegen mich geführt wurde und

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heut noch ganz ebenso geführt wird, dass ich mich, wie schon erwähnt, nun unbedingt gezwungen sehe, hierüber eine Eingabe an die zuständige Anwaltskammer zu richten und sie zu gleicher Zeit durch die vorliegenden Blätter auch an die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen. Ich wurde nicht nur durch Herrn Adalbert Fischer, sondern auch von dieser Seite derart behandelt, dass ich schliesslich zusammenbrach. Ich rang wochenlang mit dem Tode, lag monatelang darnieder und leide noch heute an den schweren Folgen dieser Erkrankung, für die ich nur die genannten Personen verantwortlich machen kann. Es ist eben das, was ich gesagt habe, genau und wörtlich der Fall: Ich hänge am Marterpfahl, und alle Welt schlägt auf mich ein. Die Kreuzigung ist sogar eine doppelte. An dem einen Kreuze hänge ich persönlich; an dem andern hänge ich in meinen Werken. Dass meine Person angenagelt wurde, dafür hat Herr Rechtsanwalt Dr. Gerlach gesorgt. Der letzte Akt hierzu ist die Herbeiziehung der Strafakten, sogar der Dittrichschen, zum Zivilprozess. Ich sehe voraus, dass ihr Inhalt ebenso in die Oeffentlichkeit lanciert werden wird, wie schon so vieles andere vorher. Das eben ist die Ausführung der Münchmeyerschen Drohung „Wir machen ihn in den Zeitungen kaput!“ Wie der genannte Rechtsanwalt dies Schritt um Schritt besorgt hat, werde ich in meiner öffentlichen Eingabe an die Anwaltskammer nachweisen. Und genau so, wie dieser Herr mit meiner Person verfahren ist, weil er absolut nichts Sachliches gegen mich besass, so schlachtet Herr Adalbert Fischer meine Werke ab, Pfund für Pfund; ich möchte sogar sagen, Knochen für Knochen! So teilte er uns mit: Wenn er „den verlorenen Sohn“ veröffentliche, so sei es aus mit mir! Er wollte durch diese Drohung ein neues Manuskript von mir erpressen. Ich ging nicht darauf ein. Da veröffentlichte er diesen Roman mit allen vorhandenen Unsittlichkeiten, obwohl er kontraktlich verpflichtet war, sie auf seine Kosten zu entfernen. Und nicht nur das, sondern er forcierte meine Hinrichtung derart, dass er in der Ankündigung für Buchhändler den Titel folgendermassen stylisierte:

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„Der verlorene Sohn

Roman aus dem Leben von Karl May.“

Ich hatte diese Unsittlichkeiten also selbst erfahren, selbst erlebt, selbst begangen! Er hat dies vor Gericht allerdings als ein Versehen hingestellt und wurde gezwungen, es zu widerrufen, es kann aber gewiss kein Mensch so verblödet sein, an so wichtiger Stelle und bei einem gross und fett gedruckten Titel an ein Versehen zu glauben! Das war der Dämon, von dem ich sprach. Er muss das Blatt, in dem es stand, angewiesen haben, genau so zu setzen und zu drucken. Denn Setzer, Metteur en pages, Korrektor und Redakteur können nicht alle vier so blind sein, diesen schändlichen Lapsus nicht zu bemerken. Als ich vor Gericht diesen Vorhalt machte, gestand Herr Fischer schliesslich doch noch ein, dass er diese Fassung allerdings beabsichtigt habe. Er habe sogar seinen Redakteur resp. Buchhalter oder Stellvertreter hierüber gefragt, und da auch dieser der Ansicht gewesen sei, dass es nichts schade, so sei es eben geschehen. Dadurch aber, dass er erst einen Anderen gefragt hat, ist mehr als zur Genüge erwiesen, dass er sich der Folgen dieser Ungeheuerlichkeit für mich sehr wohl bewusst gewesen ist. Was ich in meinen 30 Fehsenfeldschen Reisebänden erzählt habe, gilt als selbsterlebt. Es bedurfte nur dieser Fischerschen Veröffentlichung an den deutschen und ausländischen Buchhandel, so glaubte die gesamte Leserwelt, dass auch dieser „Verlorene Sohn nur Selbsterlebtes enthalte, und betrachtete mich dem zufolge als einen jener „Verlorenen“, die sowohl durch ihr romantisches Leben als auch durch die Ungewöhnlichkeit ihres Unterganges das Entzücken aller Schundroman-Abonnenten erregen. Erst als ich diesen so dämonisch abgefassten Titel las, wurde ich mir der eigentlichen Quintessenz der Fischerschen Drohung bewusst, dass es aus mit mir sei, wenn er diesen Roman veröffentliche. Ich muss dringend bitten, diesen wichtigen Ring meiner Beweiskette festzuhalten, und füge gleich noch zwei weitere hinzu.

Der erste ist folgender: Um die Zeit, in der das Vorerwähnte geschah, sollte die schon oft angedeutete Broschüre

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erscheinen, welche der Militärschriftsteller Max Dittrich über mich schrieb. Dieses Büchlein hatte nicht etwa den Zweck, zu raisonieren oder mich zu verteidigen, sondern der Verfasser wollte nur erklären, wie meine Bücher gelesen werden müssen, um verstanden zu werden. Da schrieb mir Fischer, dass er von dem Erscheinen dieser Broschüre gehört habe; er nehme an, dass sie einen Angriff gegen ihn und den Münchmeyerschen Verlag bringen werde, und fordere mich auf, ihr Erscheinen zu verhindern; er kämpfe um seine Existenz! Ich habe hierzu weiter nichts zu tun, als nur zu fragen, ob jemand, der ein gutes Gewissen hat, in dieser Weise schreiben wird, noch ehe ihm ein einziger Buchstabe vom Inhalte der Broschüre vor die Augen gekommen ist! – – Und der zweite Ring bezieht sich auf einen meiner Zeugen, den Buchbinderobermeister Arthur Meissner, der im Münchmeyerschen Geschäft angestellt gewesen ist und auf die ganz besondere Anweisung der Frau Münchmeyer hin die mehrfach erwähnten acht Manuskriptbände für mich eingebunden hat. Frau Münchmeyer leugnete das nachträglich ab. Dieser Ehrenmann aber kam zu mir und bot sich mir als Zeuge an. Er sagte, er könne es nicht mit ansehen, dass man mich in so gemeiner Weise betrügen wolle; die von mir behaupteten Rechte seien mein; er wisse das und werde für mich zeugen. Als Fischer, sein Prinzipal, erfuhr, dass er für mich aussagen wolle, suchte er dies zu verhindern, indem er ihm drohte, dass er dafür drei Monate Gefängnis bekommen werde. Meissner hat dies beschworen, und ich habe auch noch zwei andere Zeugen dafür. Ich meine, es kann gar keinen überzeugenderen Beweis als diese Drohung geben, dass Fischer wünscht, dass ich trotz des Vergleiches mit ihm den Prozess gegen Frau Münchmeyer verliere. Ob eine derartige Drohung, durch welche ein Zeuge beeinflusst werden sollte, sich entweder seiner Zeugnis pflicht ganz zu entziehen oder die Wahrheit zu verschweigen, auch ohne besondere Anzeige vor den Strafrichter gehört, darüber habe nicht ich zu entscheiden! Aber ich kann nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen, dass Meissner ein ausserordentlich arbeitsamer, aufopfernder und zartfühlender Untergebener war, der weit über seinen

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Stand hinaus auf guten Ruf und persönliche Ehre hielt. Er war zudem schon seit Jahren rückenmarkleidend und daher für jede Art von Roheit doppelt empfindlich. Die Drohung Fischers, dass er drei Monate Gefängnis bekommen werde, schmetterte ihn zunächst förmlich nieder. Er konnte nicht schlafen und musste während der Nacht hinaus in die frische Luft; so beklemmte ihn die Angst. Seine Pflicht gebot ihm, die Wahrheit zu sagen, aber wenn er sie sagte, so drohte ihm das Gefängnis! Dieser Streit in seinem Innern war so entsetzlich, dass er gegen den Gedanken des Selbstmordes kämpfte. Er war ein kindlich harmloser Mensch, viel zu unbefangen, als dass ihm der Gedanke gekommen wäre, dass Fischer gelogen habe. Er glaubte wirklich an die drei Wochen [Monate] Gefängnis. Das warf ihn hin. Er musste in das Karolahaus geschafft werden. Am zweiten Tag nach seiner Einlieferung wurde er als Zeuge vernommen. Dass er trotz der Drohung Fischers und trotz seiner Angst vor den ihm vorgemalten Folgen meine gerichtlichen Angaben bestätigte, ist erstens ein sicherer Beweis von der Wahrheit derselben und lässt zweitens als ebenso gewiss annehmen, dass er während der Zeit der Vernehmung vollständig klaren und sogar sehr energischen Geistes war. Hätte die Krankheit ihn bei seiner Aussage beeinflusst, so wäre er nicht so stark gewesen, der Drohung zu trotz bei seiner Ueberzeugung zu bleiben. Dieser kranke Mann war in Begleitung seiner Frau aus dem Karolahaus gekommen. Während der gesunden Frau Münchmeyer, die garnichts zu sagen, sondern nur zuzuhören hatte, ausser ihrem Anwalte auch noch eine Tochter als „Hülfe“ zur Seite stand, setzte es ihr Rechtsanwalt durch, dass die so notwendige Stütze des Kranken hinausgewiesen wurde. Dann dauerte das Verhör desselben über eine Stunde, während welcher Zeit Rechtsanwalt Gerlach ihn in geradezu unerhörter Weise durch ganz überflüssige Fragen peinigte. Nun er diese Qual tapfer ausgehalten und alles auf das klarste beantwortet hat, spricht man von Unzurechnungsfähigkeit! Er ist leider nicht wieder gesund geworden, sondern gestorben. Der ärztliche Sachverständige, Herr Hofrat Dr. Ganser, behauptet in seinem Gutachten, dass in dieser Zeit bei dem Kranken eine plötzliche und erhebliche Steigerung des Leidens eingetreten sei, und

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zwar infolge einer ganz bedeutenden, ungünstigen Aufregung, wie er annehmen müsse. Dieser Herr hatte Recht. Die Aufregung, die er meinte, wurde durch Fischers Drohung hervorgerufen, und ich bin im stande, Zeugen zu stellen, welche die Verhältnisse ganz genau kennen und darum behaupten, dass Meissner gewiss noch heute lebte, wenn die Drohung unterblieben wäre. Auch ich habe keinen Grund, zu verheimlichen, dass Fischer, wenn ich dieselben seelischen Eigenschaften wie dieser arme Meissner besässe, mich längst schon zehnmal in den Tod getrieben hätte. Er war und ist noch heut ganz wörtlich das, als was ich ihn bereits schon einmal bezeichnete, nämlich der Abgrund, in den ich alles werfen soll, was ich hatte, habe und noch haben werde, erst kürzlich schon wieder zwei vollständig neue Bände Ersatz für ganz unbewiesene Fischersche Ansprüche an Frau Münchmeyer. So fortgesetzte Auspressungen können auch einen stärkeren Mann, als dieser brave Buchbinder war, schliesslich krank und wahnsinnig machen!

Es ist höchst charakteristisch, dass dieser Herr Adalbert Fischer mich in seinen Briefen bis zum Gefühl des Ekels lobt und auch in seinen geschäftlichen und nicht geschäftlichen Veröffentlichungen in ähnlichem Tone redet, es aber nicht ausstehen kann, wenn ein anderer sich einmal erlaubt, anerkennend über mich zu schreiben. Ueber den fällt er sofort her, wie Beispiele beweisen, sogar mit gerichtlichen Klagen. Der Grund liegt darin, dass die anderen es ehrlich meinen; bei ihm hat das offene Lob nur die darauf folgende, heimliche Ausbeutung zum Zweck. Jeder Pfennig Lob für Karl May bringt ihm hundert Mark für dessen Romane ein. Das weiss er gar wohl, und anders tut er es nicht! Aber jeder Pfennig Unsittlichkeit, angeblich von Karl May, bringt ihm nicht hundert, sondern tausend Mark ein. Das weiss er noch besser, und so tut er dies erst recht und auch nicht anders. Es versteht sich ganz von selbst, dass ein Schundroman, der unter dem Namen Karl May erscheint, erst von da an die höchsten Erträge bringt, wo man sich bemüht, diesen Verfasser auch persönlich zum Schund zu werfen! Wie aber muss das angefangen werden? Nun, genau so, wie Herr

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Fischer es in der „Sachsenstimme“ des Herrn Rudolf Lebius machte. Er brachte nämlich in Nr. 34, Jahrgang 1904 dieses Blattes eine Annonce, durch welche er denselben „Verlorenen Sohn“ anpries, der mich totmachen sollte; das hatte er ja selbst versichert. Die Ueberschrift lautete „Allen Karl May-Freunden empfohlen“. Aber sollte jemand so kurzsichtig sein, dies für aufrichtig und ehrlich zu halten, der schlage das Blatt um, denn jenseits steht unter der Ueberschrift „Jugendstreiche“ sehr deutlich zu lesen, dass meine Bücher die Jugend verleiten, „auszureissen und Indianer zu schiessen“! Das ist doch interessant, so etwas muss man doch lesen, denn jedenfalls ist es pervers. Und geradezu meisterhaft wurde diese Adalbert Fischersche Annonce durch den Schund- und Schandartikel der vorhergehenden Nummer dieses Blattes eingeleitet, in welchem ich als ein hochbegabter, aber von Stufe zu Stufe immer weiter herabsinkender Mensch beschrieben wurde, dem die Firma Münchmeyer 20 000 Mark geben wolle; ich verlange aber 80 000 Mark. Ich frage:

Konnte es wohl eine raffiniertere Vorbereitung für die nachfolgende Adalbert Fischersche „Verlorene Sohn“–Annonce geben, als die vorausgehende Beschreibung meiner hoch interessanten Depravation?

Man bedenke, dass dieses Blatt durch ganz Deutschland und Oesterreich gegangen ist! Dem Schundroman-Publikum lief das Wasser im Mund zusammen. Herr Fischer bekam Bestellung über Bestellung, ich aber sank und sank und sank und sank! Und in der Nummer 46 desselben Blattes wurde bekannt gemacht:

„Es gibt einen Mann, der ganz genau Auskunft über May erteilen könnte, wenn er nur wollte. Das ist der jetzige Inhaber der Münchmeyerschen Druckerei, Herr Fischer. Dieser Herr übernahm mit der Druckerei die gesamte alte Geschäftskorrespondenz, in der ganze Haufen Mayscher Briefe enthalten sind. Herr Fischer wird aber nicht sprechen!“

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Das ist natürlich alles Lüge. Aber dass es von Herrn Fischer stammt, das beweist der übrige Inhalt des Artikels. Herr Fischer hat aus der Schule geschwatzt, sich aber gehütet, die Wahrheit zu sagen. Wie schlau angelegt die obigen Zeilen sind! Herr Fischer könnte über mich Auskunft erteilen, wenn er nur wollte – – –! Aber Herr Fischer wird nicht sprechen – – –! Das klingt so interessant und geheimnisvoll! Das lässt viel vermuten! Man hat schon mehr als genug über diesen May gehört; was für Ehrlosigkeiten mögen nun auch diese Briefe noch enthalten! Aber Fischer schweigt. Wie zart, wie human, wie christlich von diesem vortrefflichen Herrn! Er ist ganz unbedingt ein edler Mensch; May aber, was ist der?

Auf solche Gedanken wird jeder Leser, der die Verhältnisse nicht kennt, ganz ohne Zweifel hingeführt. Ich aber bezeichne jede derartige Andeutung, die vernichten soll, obgleich nichts hinter ihr steckt, als Infamie! Nur ganz kurze Zeit vor dieser Veröffentlichung erklärte Herr Fischer im „Dresdner Anzeiger“ neben anderen offenbaren Unwahrheiten, dass er allen Angriffen gegen mich fern stehe. Wie soll ich so etwas wohl nennen?! Die ganze, sogenannte „Karl May-Hetze“ ist nur alle in durch ihn und ganz besonders durch seine entsetzlich unsaubere Reklame entstanden, durch die ich in aller Leute Mund gekommen bin! Er hat meinem Hauptgegner das gefälschte Material zum Kampf geliefert! Er hat sich stets und unverweilt, fast möchte ich sagen, mit sichtbarer Gier, auf jeden Versuch gestürzt, die Wahrheit darzulegen. Er tat dies auf alle mögliche Weise, privatim, in den Zeitungen und durch Prozesse! Er hat mich durch die schwersten Drohungen, die es geben kann, zu einem Vergleich gezwungen, der mich durchaus hinderte, mich der von ihm hervorgerufenen öffentlichen Angriffe zu erwehren! Er hat diese in geradezu unbeschreiblicher Weise dadurch unterstützt, dass er die Unsittlichkeiten stehen liess, die er laut Kontrakt zu entfernen hatte! Er gab im Gegenteile noch extra und hinter meinem Rücken ein Buch heraus, in welchem ganz besondere Proben derartiger Stellen gesammelt sind! Damit ja aber gar kein Zweifel darüber bleibe, das diese Unsittlichkeiten von mir

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stammen, nicht etwa von einem anderen May, genügte ihm selbst der Verrat der Pseudonymität noch nicht, sondern er verbreitete durch alle Welt die Feststellung, dass es sich in aller Wirklichkeit um „den berühmten“ Karl May, um den „Dr. phil.“ Karl May, um den „in Radebeul in Villa Shatterhand“ wohnenden Karl May usw. handle! Er hetzte meine Gegner durch die für mich fürchterliche Lüge auf, dass diese Obscönitäten nicht etwa aus alten Zeiten stammten, sondern jüngsten Datums seien, denn auf allen seinen unzähligen Reklameartikeln waren diese ca. 20 Jahre alten Sachen in grösster Schrift als Neu! – – Neu! – – Neu! – – bezeichnet! Er erteilte Redakteuren und Verlegern schriftliche Auskünfte, durch welche sie zum Kampf gegen mich förmlich aufgestachelt wurden! Er – – doch lieber nicht weiter, obgleich ich noch lange nicht fertig bin! Aber dass dieser Mann zu behaupten wagt, er stehe allen Angriffen gegen mich fern, ist gewiss ein neuer Beweis der schon wiederholt erwähnten „Verlogenheit der Kolportage“. Dieser Mann dreht jetzt alles, was ich sage, grad herum, sodass er der Unschuldige ist, ich aber der Schuldige bin. Gebe ich einen Privatmann als Zeugen an, so bedroht er ihn mit Gefängnis; musste sein Rechtsanwalt der Wahrheit gemäss zu meinen Gunsten sprechen, so weigert er sich, ihn hierzu freizugeben, obgleich er im übrigen „nicht das geringste mehr mit ihm zu schaffen haben will“! Das ist jener brave, ehrenhafte Herr, der die Drohung Fischers, seines eigenen Klienten, so energisch als „Gemeinheit“ bezeichnete. Ich hoffe, dass man es ihm noch ermöglichen wird, seine Zeugenaussage abzugeben!

Das ist derselbe Herr Fischer, der zu meiner Frau wiederholt gesagt hat, es sei ein Glück für mich, dass ich den Vergleich mit ihm eingegangen sei. Er hätte mich unbedingt tot machen müssen, und das wäre doch schade um mich gewesen! Das ist derselbe Fischer, der mich, ebenso wie die Münchmeyerschen Personen und Anwälte, im Verlaufe des Prozesses so oft als Lügner bezeichnete, aber auch ebenso wie sie stets schwieg, wenn ich ihn aufforderte, mir auch nur eine einzige Unwahrheit nachzuweisen! Ich darf wohl allen Ernstes behaupten, dass ich auch in dieser Beziehung -

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Beziehung ein reiches Gewissen habe, während die ganze „Verlogenheit der Kolportage“ auf Seite meiner Gegner stand und heute noch steht. Ich weiss gar wohl, das ist ein starkes Wort, aber es sagt keineswegs zu viel. Die einzelnen Lügen kann man nämlich fassen; sie sind also nicht lebensgefährlich. Aber wenn der ganze Organismus des Widerstandes, das ganze System, die ganze Taktik sich, gewollt oder nicht gewollt, auf diese Verlogenheit stützen, so läuft eben auch der ganze Prozess Gefahr, in dieses Milieu der Kolportage hinübergetrieben zu werden, und es bedarf gewiss ganz bedeutender Eigenschaften des Richters, dem widerstehen zu können. Denjenigen meiner Leser, welche nicht genau wissen, was ich hiermit meine, sei folgendes Beispiel gegeben. Ich lese in den Akten sehr oft Ausdrücke wie: „Zu dieser Abtretung ist Herr Münchmeyer gewiss nicht geneigt gewesen!“ – „Auf dieses Recht hat Herr Münchmeyer sicher nicht verzichtet!“ – „Eine solche Konzession musste Herr Münchmeyer selbstverständlich verweigern!“ – „Es wird bestritten, dass Herr Münchmeyer das bewilligt hat!“ Wer solchen Ausdrücken wiederholt begegnet, ohne sofort ihren Sinn zu prüfen, dem geschieht sehr leicht das, was ich sagte; er wird in das beabsichtigte Milieu hinübergeschoben, ohne es zu bemerken. Vor seinen Augen steigt der Verleger, sogar der Schundverleger, nach und nach als diejenige Person in die Höhe, auf die es hier in allen Stücken anzukommen hat. Es ist aber grad das strikte Gegenteil der Fall. Ich bin der Verfasser; ich habe alles und gelte alles. Den Roman, den ich geschrieben habe, gehört mir, mit allen seinen Rechten; sie sind mein natürliches Eigentum. Münchmeyer aber hat nichts und gilt nichts. Er kann nur das haben und das gelten, was ich ihm erlaube, ihm abtrete, und zwar auch nur so lange, wie es mir beliebt. In Beziehung auf den Roman, den er von mir zu erwerben wünscht, bin ich ihm nicht etwa „unter“, sondern „über“, und zwar in jeder Beziehung, in allen Stücken! Ich habe bereits einmal gesagt, dass der feine, der anständige Verleger dies offen anerkennt. Nur das protzenhafte Schundverlegertum, welches dem Gurgelabschneider in das Handwerk pfuscht, geberdet sich so lächerlich dominant, um von Leuten, die das nicht verstehen, so viel wie möglich herauszuschlagen. Hundert schlechte Schriftsteller -

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Schriftsteller finden ihre Verleger; aber hundert Verleger finden kaum einen einzigen guten Schriftsteller, zumal in der Kolportage! Ich stehe also, wenn Münchmeyer einen Roman von mir wünscht, im Vollbesitze meiner Rechte vor ihm da; er aber hat nichts, gar nichts. Und nun kommt es ganz auf mich an, was ich tun und was ich lassen will, denn die paar hundert Mark, die er mir zahlt, bekomme ich auch von jedem andern! Wenn man dann hinterher, nach einem Vierteljahrhundert, Wendungen hört, wie „Konzession verweigern, zur Abtretung nicht geneigt, auf dieses Recht nicht verzichtet, Herr Münchmeyer hat nicht bewilligt“ usw., so klingt das allerdings genau so, als ob ich dem herabgekommenen Stande der literarischen Bettler angehört habe und Münchmeyer, so zu sagen, von mir „angefochten“ worden sei; aber diese Verdrehung der Tatsachen gehört ja eben in jenes Milieu der Kolportage, von dessen Gefährlichkeit für die wahrheitstreue Beurteilung ich hier ein Beispiel geben wollte.

Wie gefährlich es ist, mit diesem Milieu in Berührung zu kommen, zeigt der Fall „Gurlitt“, den ich der Oeffentlichkeit bisher nur darum entzogen habe, weil ich ein Bewunderer von Louis Gurlitt bin, dem Vater dessen, den ich meine. Ich beklage es aufrichtig, dass dieser Herr, wahrscheinlich seinem Schwager, dem Rechtsanwalt Gerlach zu liebe, sich mit in die „Sachsenstimme“-Affäre verwickeln liess, in der meine Abschlachtung beendet werden sollte. Der damalige Rector magnificus der Königl. Technischen Hochschule ahnte, als er das tat, wohl nicht, dass er dadurch in ein Rendez-vous Münchmeyer, Fischer, Gerlach, Lebius gedrängt wurde, welches zwar in hohem Grade diskret beasichtigt [beabsichtigt] war, aber jedenfalls sehr öffentlich auseinandergehen wird. Ich werde von allen diesen Herren ja förmlich gezwungen, für diese Oeffentlichkeit zu sorgen!

Es ist nämlich nicht etwa ein Zufall, dass die „Sachsenstimme“ sich für die Briefstösse des Herrn Adalbert Fischer interessiert, dass sie in Verbindung mit Herrn Rechtsanwalt Gerlach steht, dass sie direkte Münchmeyersche Anschauungen verbreitet, und dass sogar der Herr Geheime Hofrat Gurlitt sie mit seiner Mitarbeiterschaft beehrt, mag diese nun eine direkte oder indirekte zu nennen sein. Ist das letztere der Fall, dann

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umso schlimmer! Auch ich bin ihr Mitarbeiter, doch ohne mich dessen rühmen zu dürfen, denn diese meine Mitarbeiterschaft ist nicht eine aktive, sondern eine leidende. Herr Lebius, der Herausgeber dieses Blattes, bat mich einst um Beiträge. Er hat keine bekommen. Er bat mich um noch mehr, nämlich um Geld, um viel Geld, denn er brauchte es; er hatte, glaube ich, den Offenbarungseid geschworen; darum hielt er sich für berechtigt, von mir drei-, auch sechs-, auch zehntausend Mark zu verlangen, und für befähigt, sie mir baldigst wiederzugeben! Ich gab ihm aber auch kein Geld. Nicht etwa, dass ich ihn für einen Schwindler, für einen journalistischen Hochstapler hielt, o nein; denn je weniger ein Mensch hat und je mehr man ihm darum borgt, desto eher bekommt man es nicht wieder, und das ist doch jedenfalls besser, als wenn man es erst sehr spät nicht wiederbekommt! Aber dieser Herr versprach mir, mich für dieses Geld in seiner Zeitung zu loben, und das wollte ich nicht. Er wollte mir Anerkennung verschaffen, wollte meinen Ruhm in über 300 Zeitungen pro Woche verkünden; aber ich gab ihm nicht nur nichts, sondern ich antwortete ihm überhaupt kein Wort. Da griff er entrüstet zur Feder und log alle Welt mit der fettgedruckten Rache an: „Wie May nach dieser Anerkennung und diesem Ruhme lechzt!“ Dieser stets im Plural schreibende, aber sehr einzelne Herr Verleger, Herausgeber, Redakteur und Geschäftsführer war überzeugt, mich hierdurch absolut tötlich getroffen zu haben, denn noch war nicht lange Zeit vergangen, so schrieb er schon: „Unserer Meinung nach gibt es seit dem Erscheinen des Sachsenstimmenartikels über Karl May keine Karl May-Frage mehr!“ Damit meinte er doch wohl, dass ich für ihn gestorben sei, dass ich für ihn gar nicht mehr lebe. Wenn man bedenkt, dass ich mir mit den paartausend Mark mein Leben hätte retten können! Aber dieses Opfer hätte sich später doch als ein ganz unnütziges herausgestellt, denn er liess mich nicht liegen, sondern weckte mich immer wieder auf, fast alle acht Tage einmal, so dass ich noch heute am Leben bin und nach seiner Anerkennung und seinem Ruhme weiterlechze!

Doch Verzeihung! Diese Sache ist viel zu ernst, als dass sie einen solchen Ton noch weiter vertrüge! Und Herrn Lebius

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gebührt weder für meinen literarischen Tod die ganze Schuld, noch für mein schriftstellerisches Lebenbleiben die ganze Anerkennung. Wir wissen ja, dass er Mitarbeiter hat, die sich dafür, ob ich sterbe oder lebe, ganz ausserordentlich interessieren. Ihnen wird ein besonders Kapitel zu widmen sein, ob hier in diesem Buche oder anderswo, kann ich jetzt noch nicht sagen. Vielleicht spielen einige sehr interessante Seiten davon auch in jener Eingabe an die Anwaltskammer, die ich schon setzen lasse! – – –

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7. Kapitel.Im Prozess.

Als ich das fünfte Kapitel begann, war ich gezwungen, in den Dunstkreis der Schundliteratur zu treten. Ich wusste, dass diese Atmosphäre dem, was man sagt, einen anderen, viel tiefer liegenden Klang verleiht, die Ausdrucksweise sinken lässt, die Rede ordinärer macht. Ich kann den Schmutz weder als Gold bezeichnen, noch ihm eine goldene Fassung geben; das eine wäre Lüge und das andere lächerlich. Ich musste, um nicht falsch zu zeichnen, mich mit in die Tiefe sinken lassen, und bat, mir das zu verzeihen. Nun bin ich froh, mit der letzt umgewendeten Seite diese Atmosphäre verlassen zu haben und wieder einmal frei und unbedrückt atmen zu können. Es ist mir so, als ob ich eine ganz andere Feder in der Hand hielte, und als ob mir die Gedanken aus einer ganz anderen Quelle kämen, als vorher.

Genau auch so war mir damals zu Mute, als ich nach Niederlegung meiner Redaktionsstelle das Haus Münchmeyer verliess und wieder mein eigener Herr wurde. Mein Leben erklang sofort in einem anderen, höheren und reineren Tone. Ebenso jetzt, von dieser neuen Seite an. Ich schliesse den „Schundverlag“ hinter mir ab und kehre in mein neues, glückliches Leben zurück, welches ich verlassen musste, um in das alte niederzusteigen, wie ich hoffe, nun endlich zum letzten Mal!

Es gibt nicht nur einerlei, auch nicht nur zweierlei Leben, sondern vielerlei, je nach der verschiedenen Höhe oder Tiefe, die wir ihm in uns geben. Wir steigen oder wir sinken, ob äusserlich, das meine ich nicht, denn das ist mir keineswegs wichtig, aber innerlich, in uns selbst; das ist die Hauptsache! Ich bin nun dreiundsechzig Jahre alt. Der Herrgott gab mir also weit über zwanzigtausend Tage zu leben. Das sind

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zwanzigtausend weisse, unbeschriebene Blätter, die ihren Inhalt zu finden hatten. Nun liegen sie da, vollständig fertiggestellt, in dreiundsechzig Jahre gebunden. Ob ich der wirkliche, der einzige Autor gewesen bin, der diese Bände verfasste, das ist wohl sehr die Frage; ich spreche hierüber ja oft in meinen Werken. Aber, dass ich der einzige Verleger bin, das kann ich unmöglich bestreiten. Mögen der Mitarbeiter, die in mir wirkten, noch so viele sein, vor der sinnlichen Welt und also vor der Oeffentlichkeit treten sie zurück, und wenn mir die Gottheit oder die Menschheit naht, um mich nach meinen Leben, nach meinen Werken zu fragen, so bin nur ich, der Verleger, es allein, der die Bücher aufzuschlagen hat, ich, kein anderer!

Und dann, wie wird es klingen? Zu welcher Kategorie der Verleger werde ich gerechnet werden? Bewahre mich Gott vor dem entsetzlichen Schicksale, welches in der Entscheidung liegen würde, die im Titel meines Buches klingt – – – „ein Schundverlag“.

Jetzt werden meine Leser anfangen, zu begreifen, warum ich im ersten Kapitel sagte, dass dieser Titel nicht beleidigend, sondern höher zu nehmen sei. Wir haben das niedrige Leben, so solche Beleidigungen möglich sind, soeben verlassen und halten Rückschau in uns selbst. Ich meine es ernst. Wir können die Vorsehung nicht täuschen; wir haben alles, alles zu bezahlen; sie schenkt uns keinen Heller, keinen einzigen! Die Gnade Gottes besteht nicht darin, dass wir auf sie hin sündigen können und sie dann barmherzig sagt: Ich verzeihe Dir! Sondern sie ist im Bestrafen ebenso unerbittlich wie die Gerechtigkeit; ja, sie ist doch gar nichts anderes als diese Gerechtigkeit eben selbst. Aber sie zeigt uns den Weg zur Sühne, und sie gewährt uns zu den Mitteln wohl auch noch die Zeit, das abzutragen, was wir schuldig geworden sind. Ich habe gewiss kein Recht, gnädiger mit mir zu sein, als Gott selbst. Wie er mich kennt, so habe auch ich selbst mich zu kennen, und es würde sich dereinst gewiss bitter rächen, wenn ich über mich die Augen schliessen wollte, wo ich sie öffnen sollte. Darum schreibe ich das vorliegende Buch, um in den dreiundsechzig Bänden meines Lebens nachzuschlagen. Ich habe jeden einzelnen geöffnet, vom ersten bis zum letzten. Ich

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habe sie durchgesehen, die Summen unter einander gesetzt und nun das Facit zu ziehen. Wie wird es lauten?

Ich habe oben gemeint, dass mich Gott davor behüten möge, dass diese Summe dem Titel meines Buches ähnlich klinge. Aber es ist mir ebenso wie jedem anderen Sterblichen unmöglich, der Vorsehung auch nur einen Heller abzuhandeln; es ist und bleibt doch so, wie es ist; ich kann es weder verschweigen noch beschönigen, sondern ich muss es ehrlich sagen: Das Facit meines Lebens steht auf dem Titel dieses meines Buches; es ist leider nur „ein Schundverlag!“

Aber, mein lieber Leser, beunruhige Dich nicht, und sorge dich nicht um mich! Ich weiss genau, was ich tue. Grad der Mensch, der sich einbilden wollte, dass ich dieses mein Geständnis hier für ihn abgelegt habe, der mag getrost hinausgehen und sich schämen. Was ich schulde, das schulde ich weder ihm noch der Menschheit überhaupt, sondern nur Gott. Und wenn ich sage „Schundverlag“, so meine ich dieses Wort nicht mehr im Sinne jenes Milieu, dem ich soeben erst beim letzten Kapitelschluss entronnen bin, sondern jener anderen, reineren Atmosphäre, in der das duftet, was dort unten stinkt!

Man begreife mich, oder man begreife mich nicht, ich habe es doch zu sagen: Nur derjenige Mensch hat ein vollständiges Leben gelebt, dem Gott die Gnade verlieh, sein materielles Leben noch vor dem Tode geistig repetieren zu dürfen, um Soll und Haben zum Abschluss zu bringen. Ich stehe soeben bei der Repetition. Fast bin ich mit ihr zu Ende. Den grossen Fehler meines materiellen Lebens, dass ich mich bestimmen liess, sechs Jahre für die Interessen eines Münchmeyer tätig zu sein, habe ich soeben durch die Leiden der letzten sechs Jahre abgebüsst, Leiden, die von ganz derselben Firma ausgegangen sind; so wollte es das Geschick. Es war unendlich schwer zu tragen; ich trug es aber doch! Damit habe ich das Aeusserliche auch innerlich bezahlt, habe den Schund vergangener Zeiten als freies, mir allein gehöriges Eigentum erworben und werfe ihn nun weg, vor die Füsse Derer hin, die von ihm zehren und leben!

Und nun soll für mich kommen, was mir einst mit dem andern nicht gelang. Aus dem Schundvertrieb soll ein Verlag

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erwachsen, durch den ich quitt auch mit mir selber werde. Mein Leben war voll anderer Mitarbeiter. Kein einziger grosser Geist befand sich unter ihnen, und viele waren nicht nur klein, sondern auch noch anderweit minderwertig. Ich war unendlich arm, an geistigem Raum beschränkt, in seelisch sumpfiger Atmosphäre. Ich wollte die Tage meines Lebens nur rein und gut beschreiben; für mich aber wurde es eingeheftet. Was konnten solche Bände enthalten? Es wurden Kolportageromane, weiter nichts! Das ergrimmte mich. Ich nahm die Bände her und riss sie durch. Warum tat ich das? War es Wahnsinn? Nein! War es Verzweiflung? Nein! Es ist ein Rätsel, aber ich werde es noch lösen, wenn auch nicht hier in diesem Buche, sondern in einem extra dazu bestimmten anderen. Ich Tor! Welchem Menschen würde Gott erlauben, die ihm nicht passenden Seiten seines Lebens quer durchzureissen, ohne dass sie ihm einst doch noch abgefordert würden! Ich habe die meinigen vorzeigen müssen. Die Gerechtigkeit ist unerbittlich, und doch ist grad diese Unerbittlichkeit nur allerliebevollste Göttlichkeit, denn Menschen würden verzeihen und dadurch nur vernichten!

An diesen meinen Mitarbeitern, den seelischen Fluiden und geistigen Potenzen, die auf das Innenleben des Menschen von aussen her gestaltend, leitend, doch auch verführend oder gar zerstörend wirken, ging mein Verlag zu Grunde. Doch machte ich nicht etwa bankrott. Ich bezahlte alles ehrlich, blieb keinem etwas schuldig und ging inzwischen tief in mich hinein, um da zu säubern und für Edles, Gutes Platz zu machen. Als dies gelungen war, begann ich abermals, mit besseren Kräften und in anderer Weise. Ich kam sehr schnell voran und erntete Erfolge, doch nicht für mich; ich wurde ausgenützt. Man merke wohl, ich spreche geistig. Meine Mitarbeiter, die seelischen Fluiden und geistigen Potenzen, waren mir nicht treu. Ich hatte nur Verluste. Ich wurde von ihnen übervorteilt und betrogen. Sie tun das noch. Da reisst mir die Geduld. Ich besinne mich auf meine guten Rechte und beschliesse, sie mir von keinem anderen auch nur noch einen Augenblick lang vorenthalten zu lassen. Also fest entschlossen, beginne ich – – – „den Prozess“, mit dem ich dieses Kapitel überschrieben habe.

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Ich meine hier nicht etwa den Prozess May gegen Münchmeyer-Fischer, denn ich rede noch immer nur rein geistig. Und doch wird dieser Münchmeyersche Prozess der materielle Körper sein, nach dessen Formen und Konturen sich der geistige Rechtsstreit vollzieht, den ich in diesem, dem vorliegenden Buche beginne. Ob ich den materiellen Münchmeyerprozess gewinnen werde, das weiss ich noch nicht, ich hoffe es aber; den geistigen jedoch gewinne ich auf jeden Fall; er spielt in meiner Psychologie, als in meinem Reich; da bin ich sicher, dass ich nicht verliere. Ich habe nur den Fehler zu vermeiden, den allerdings keiner, der noch nicht selbst Geist geworden ist, vermeiden kann. Ich deutete ihn an, indem ich oben sagte: „Mein Leben war voll anderer Mitarbeiter“. Und das soll nie wieder geschehen!

Ich weiss, dass ich für viele hier noch in Rätseln spreche; aber noch viele, viele mehr werden mich verstehen, besonders die meisten von denen, welche mir bis zum letzten meiner bisherigen Reisebände, dem dreissigsten, gefolgt sind. Sie wissen ganz genau, was ich meine, wenn ich sage, dass ich einen andern Verlag beginnen werde. Ich werde keinen fremden Fluiden und Potenzen mehr gestatten, an meinem Leben mitzuarbeiten. Es wird für meinen Verlag nur einen einzigen Mitarbeiter geben, und der bin ich selbst. Dann wird der frühere Schundverlag sich in etwas ganz anderes verwandeln, und das vorliegende Buch wird, wenn der Künstler kommt, von dem ich sprach, der seine Hand an mein Material zu legen hat, einen Titel erhalten, der anders als nach Schund zu klingen hat.

Und es wird Zeit hierzu. Der Prozess, den ich mit meiner Kapitelüberschrift meine , hat zu beginnen. Wir stehen in einer hochernsten, wichtigen Zeit. Die kürzliche Jahrhundertwende bedeutet zu gleicher Zeit den Uebergang aus der bisherigen Weltanschauung in eine neue, die sich längst schon verbreitet hat, obwohl nur erst wenige ahnen, was diese herrliche Tochter der jüngsten Vergangenheit für einen Namen tragen wird. Als das Wort von der Umwertung der Werte gefunden wurde, hörte man das erste Rauschen ihres lichten Kleides. Es ist die Menschenseele, die zur Erde kommt, um als des Menschen Geist zu Gott zurückzukehren und ihm für