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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge

von

Karl May.

I.

Der Goliath.

    Auf der hoch im Gebirge gelegenen Endstation war der aus der Kreishauptstadt kommende Zug signalisirt. Die in saubere Hausknechtskleidung gehüllten Gasthofshyänen, welche auch dieser Erdenwinkel aufzuweisen hatte, schritten, erwartungsvoll auf ihre Beute lauernd und einander mit mißgünstigen Blicken musternd, auf dem Perron auf und ab, während einige biedere Gebirgsbewohner, welche zur Begrüßung irgend eines Angehörigen zugegen waren, sich in halb scheuer Bescheidenheit unter den Eingang zurückgezogen hatten. Der einfache Sohn der Berge kann sich nur schwer an jenes sichere, zuweilen auch anspruchsvolle Auftreten gewöhnen, welches man selbst am kleinsten Halteorte zu bemerken pflegt.

    Ihre Aufmerksamkeit war getheilt zwischen dem Treiben auf dem Perron und einem leichten Wagen, welcher vor dem Bahnhofe hielt. Ein derber, bausbäckiger Knecht stand vorn bei den muthigen Braunen, denen das geduldige Harren schwer zu werden schien, und am offenen Schlage lehnte eine Gestalt, welche die Aufmerksamkeit eines Vorübergehenden auf sich ziehen mußte. Sie war von wahrhaft riesigen Proportionen, die eine außergewöhnliche Körperstärke bekundeten. Der Mann ragte, wie einst Saul, um eines Kopfes Länge über alles Volk empor; seine breiten Schultern, nur von einer kurzen Tuchjacke bekleidet, der starke Nacken, welcher unverhüllt aus dem zurückgeschlagenen Hemdenkragen hervorsah, die hochgewölbte Brust, die gewaltigen Arme, welche die ganze Aermelweite ausfüllten, die kräftigen Schenkel, von einer engen Lederhose umschlossen, die sich in die weit heraufgezogenen Aufschlagestiefel verlor, sie bildeten eine beredte Warnung, mit dem Besitzer dieser Vorzüge nicht in eine feindselige Körperberührung zu kommen. Doch wurde diese Warnung bedeutend abgeschwächt durch einen Umstand, welcher zu der Furcht as [das] Mitleid gesellen mußte: Der Mann war blind. Zwei große, glanzlose Augen blickten starr unter den buschigen Brauen hervor; die ursprünglich weiße Hornhaut zeigte eine dunkle, körnige Färbung, und auch über die übrigen Gesichtstheile zog sich ein tüpfeliges Blauschwarz, welches ihm ein beinahe schreckliches Aussehen verlieh.

    Einer der Bahnbeamten war unter den Eingang getreten.

    »Wer ist der Herkules dort?« frug er die Dastehenden.

    »Kennt Ihr ihn net?« lautete die Antwort. »Aber gehört habt Ihr von ihm! Es ist der Goliath aus Finsterwalde.«

    »Der Goliath?«

    »Ja, der Bachbauer, den sie den Goliath heiß'n, weil ihn kaan Mensch zu überwind'n vermag. Der Waldkönig hat ihm das Aug'nlicht hinweggeschoss'n.«

    Der Frager warf einen theilnehmenden Blick auf den Riesen und eilte dann davon. Das schrille Heulen der herbeieilenden Lokomotive belehrte ihn, daß der erwartete Zug nahe.

    Als derselbe zum Halten gebracht war, fand jeder der Harrenden seinen Gegenstand. Der Bachbauer blieb am Wagen gelehnt, aber trotz der Verunstaltung seiner Züge konnte man in ihnen die Ungeduld erkennen, mit welcher er auf die ihn umwogende Geschäftigkeit horchte.

    »Kommt er noch net, Baldrian?« frug er den Knecht.

    »Hab noch Nix von ihm gesehn. Ich kenn' ihn doch auch gar net!«

    »Wirst ihn schon gleich kennen: Krauskopf, rothe Backen, Sammetrock und lackirte Stulp'nstiefel, ein roth und weiß' Verbindungsband mit goldner Klunker auf der West' und die grüne Student'nmütz hoch droben im Pfiff.«


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    »Ja, dort steht nun einer, der ist so lang und breit wie Ihr. Krauskopf und Stulp'nstiefel, das ist richtig, aber Rock, Mütz', Band und Klunker, das will net pass'n. Jetzt kommt er grad auf uns herbei!«

    Der junge Mann, welchen Baldrian meinte, war aus einem Coupé zweiter Klasse gestiegen und hatte sich suchend auf dem Perron umgesehen. Als er dort kein bekanntes Gesicht erblickte, schritt er dem Ausgange zu und gewahrte das Geschirr, bei welchem die Beiden standen. Einen Moment lang verschärfte sich sein Blick, dann flog es wie ein heftiger Schreck über sein hübsches, jetzt tief erbleichendes Gesicht. In der nächsten Sekunde stand er vor dem Goliath.

    »Vater!«

    »Frieder!«

    Sie lagen sich in den Armen. Aus der Innigkeit der Umarmung konnte man auf die herzliche Liebe schließen, welche die Beiden verband.

    »Endlich, endlich bist Du wieder da, Frieder!« seufzte der Bauer auf. »Ich lass' Dich nun auch gar nimmer wieder fort. Net wahr, Du bleibst, Du böser Wandervog'l?«

    »Ja, Vater! Und wenn ich Dich und die Mutter auch nicht gar so lieb hätte, ich müßte doch die Stelle des Bruders ausfüllen, der – – –«

    »Laß' gut sein jetzt, Frieder; das ist Zeit bis nachher später!« Das Gesicht des Sprechers legte sich in düstre Falten. »Net wahr, 'hast nie gedacht, mich so zu find'n wie heut?«

    »Nie! Ich kann Dir gar nicht sagen, wie es mir das Herz zerreißt, das zu sehen, was zu lesen mir schon so entsetzlich war. Gebe Gott, daß noch Hülfe für Deine lieben Augen möglich ist!«

    »Nix ist mehr möglich, gar nix! Ich bin bei allen Doktor'n und Professor'n gewes'n und hab um Hülf gefleht wie ein Nestling, der zur Erd' gefallen ist, aber umsonst. Komm, steig' ein. Ich erzähl' Dir die Geschicht' unterwegs!«

    »Laß mich erst den Koffer besorgen!«

    Nachdem dieser von dem Knecht geholt und auf den Bock befestigt worden war, stiegen Vater und Sohn ein; die Braunen zogen an, und der Wagen rollte der nahen Landstraße zu, welche höher hinauf in das Gebirge führte.

    Schweigend saßen sie neben einander. Der Bauer rang mit den finstern Regungen seines Innern, mit denen er seit seiner Erblindung so viel und so vergeblich gekämpft hatte und die sich jetzt von Neuem mit doppelter Gewalt in ihm aufbäumten, da er sich verurtheilt sah, auf den so lange entbehrten Anblick des geliebten Sohnes für immer verzichten zu müssen. Und Frieder, wie der Gebirgler sich den Namen Friedrich gern zurechtlegt, konnte kein Auge von der Zerstörung wenden, welche dem Gesichte des Vaters den einst so freundlichen und intelligenten Ausdruck geraubt hatte. Es wallte in ihm von Gefühlen, welche ihm heiß und feucht in das Auge traten und ihm die Hände ballten, als müsse er den unheilvollen Urheber solcher Leiden zwischen ihnen zermalmen. Der Betreffende wäre in einer solchen Lage nichts weniger als zu beneiden gewesen, denn Frieder besaß, wie der Knecht vorhin ganz richtig bemerkt hatte, die Natur des Vaters und war diesem an jugendlicher Gewandtheit jedenfalls noch überlegen. Zwischen den Bergen rechnet man mehr mit den physischen Kräften als auf dem städtereicheren Lande wo das geistige Vermögen den bevorzugten Faktor bildet.

    »So hast' also den Brief erhalt'n?« frug endlich der Bauer, als der Wagen schon längst die Stadt verlassen hatte und beinahe geräuschlos zwischen den bewaldeten Höhen dahinfuhr.

    »Ja, ein fürchterlicher Brief!«

    »Er war kurz, aber schlimm. Ich konnt ihn net aufsetz'n, weil das Aug'nlicht net mehr vorhand'n war, und so hat ihn die Mutter auf's Papier gesetzt, die mit der Feder niemals viel zuweg' gebracht hat.«

    »Aber warum habt Ihr mir denn nicht vorher gemeldet, daß der Bruder gestorben ist?«

    »Gestorb'n? Ja, gestorb'n ist er, aber wie und woran! Ich hab Dir es net kund gethan, weil ich Dir das Leid auf welche Zeit ersparen wollt' und weil ich ganz andre Ding' im Kopfe trug, als Feder und Papier. Aber jetzt sollst All's erfahr'n, jetzt mußt' All's wiß'n, denn jetzt bist daheim, und der Mund kann sag'n, was die Tin't [Tint'] net zu erzähl'n versteht.«

    Sein ausdrucksloses Auge starrte leer in die Weite; seine Lippen zitterten unter der Qual des Erlebten und doch noch nicht Ueberstandenen, und seine Hände drückten sich auf die hochgehende Brust, als wolle er den darin wüthenden Schmerz gewaltsam niederdrücken. Dann fuhr er fort:

    »Vom Waldkönig hast gehört?«


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    »Nein. Ich war volle fünf Jahre von der Heimath abwesend, habe die weite Welt durchstreift und diese ganze Zeit von zu Hause Nichts vernommen als die letzte Botschaft, welche mich veranlaßte, schleunigst heimzukehren.«

    »So muß ich die Geschicht ganz von vorn anfangen! Du weißt von Kind her, daß vor vielen Jahr'n der Grenzmeister 'mal sein Wes'n hier in den Berg'n trieb. Er hatt' alle Wilderer und Schmuggler unter sich, die ihn net verrieth'n, weil sie selber nicht wußt'n, wer er eigentlich war, und weil sie die Straf' fürchteten, die er Jedem gab, den er für seinen Feind hielt. Wie Viel' von ihm erschoss'n, erstoch'n oder aufgehängt word'n sind, das ist eigentlich gar niemals herausgekommen; es hat bei ihm weder Gnad' noch Barmherzigkeit gegeb'n, und kam 'mal unschuldig einer in seine Händ', so ist ihm das Aug' geblendet word'n, damit er net im Stand' sei, den Ort und die Personen wieder zu kennen. Nachher ist er aber doch entdeckt word'n und hat ein schmählich End' genommen. Weißt' noch die Geschicht'?«

    »Ja. Der Schmuggel ist eine von jenen Sünden, die vom Volke durch allerhand Trugschlüsse und Spitzfindigkeiten beschönigt werden, so daß man die Pascher mit dem Heldennimbus umgiebt und vorzieht, ihnen allen möglichen Vorschub zu leisten, statt sie der wohlverdienten Strafe zu überliefern.«

    »Hast Recht, Frieder, und wenn es auf mich ankäm', so müßt'n sie All' am Stricke hangen. Aber thu' mir doch den Gefall'n und sprich net so vornehm wie bisher, sondern red' die Sprach', die wir daheim sprech'n, sonst kommst mir fremd vor, und ich weiß net, ob Du auch wirklich der Frieder bist! – Also grad wie damals mit dem Grenzmeister ist's auch jetzt mit dem Waldkönig, nur daß dieser noch viel schlimmer ist als jener. Was jetzt in einer Woch' über die Grenz' geschafft wird, das ist sonst in vielen Jahr'n net hinüber[-] und herüberkommen, und das Wild ist beinahe ganz ausgestorb'n, weil der Waldkönig es hinwegputzt, grad wie der Bauer die Flieg'n. Ganz große Schmuggelzüg' gehn hin und her, die Leut' sind bewaffnet bis an die Zähn'; der Grenzer, der es wagt, mit ihnen anzubind'n, ist verlor'n, und wer ihnen unglücklicher Weis' begegnet, wird unschädlich gemacht, wie und womit, das sieh'st Du an mir.«

    »Schrecklich! Und die Obrigkeit, Vater?«

    »Die Obrigkeit? Die ist ganz gut und giebt sich alle Müh', aber vergebens. Hat sie mir das Aug' beschützt? Kann sie mir das Licht zurückgeb'n in der Finsterheit, die mich umgibt, wie das weite Meer den Mann, der am Strohhalm hängt? Wo soll man den König suchen und wie kann man ihn greifen und pack'n? Niemand weiß, wer er ist und wo er wohnt, er ist nirgends und doch überall, und seine Leut' sind ihm unterthan und gehorsam auf's Wort und auf den Wink. Die Förster und die Grenzer hab'n sich zusammengethan und ihm Urfehd' geschwor'n; er lacht sie all' mit 'nander aus. Niemand hat solche List und Stärk' wie er; er ist der Fuchs und der Tiger zugleich; das ist der Grund, warum ihn Keiner fängt.«

    »Sollt' es wirklich Niemand geb'n, der ihm die Faust auf den Nacken legt, Vater?« frug Frieder mit einem beinahe selbstbewußten Lächeln.

    »Keinen! Die Bachbauern sind seit Menschengedenk'n ein stark Geschlecht gewes'n, und auch ich hab' mir auf meine Kraft viel zu gut gewußt. Der Feldbauer ist der Einz'ge, der mir fast gewachsen war, und doch sind wir Beid' unterlegen, Dein Bruder Franz und ich. Freilich weiß ich net, auf welche Weis' sie über ihn gekommen sind, und bei mir sind es gar viel gewes'n, sonst hätt' meine Faust sich schon Raum verschafft.«

    »»Wie [»Wie] ist's gekommen, Vater?«

    »Das war so: Der Franz hat stets gut Freundschaft gehalt'n mit dem Förster, und sie sind Beid' sehr oft mit 'nander auf die Pürsch gegangen. Eines Nachts nun kommen sie net wieder heim, und am andern Morgen findet man sie an einen Baum gebund'n, der Eine hüb'n, der Andre drüb'n, und Jeder todt, die Kugel in der Brust. Die Erd' und das Gestrüpp sind ringsumher zerstampft und zertreten, als hätt' ein gewalt'ger Kampf stattgefund'n, und in der Tasch steckt bei ihnen ein Zettel, darauf steht geschrieb'n: »Zur Strafe vom Waldkönig.« Als sie mir nachher den Franz herbeibracht'n, ist mir's gewes'n, als ob mich einer mit der Keul' erschlüg; ich hab' alle Sinn' verlor'n, mich eingeschloss'n und nix gewußt von dem, was um mich vorgegangen ist. Erst nach dem Begräbniß hat mich die Mutter wieder hervorgebracht, und ich bin hinausgegangen auf den Friedhof zu meinem Sohn, der tief unter der Erd' gelegen hat, wo ihn mein Aug' net erreichen konnt'. Da hab' ich das Gelübd' gethan, net zu ruh'n und net zu rast'n, bis der Waldkönig unter mir liegt wie der Tiger unter dem Elephant, der ihn mit einem einz'gen Tritt vernichtet und zermalmt.«


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    Die letzten Worte waren pfeifend zwischen den knirschenden Zähnen hervorgestoßen, und über das Gesicht des Erzählers zuckte ein Grimm, der alle seine Glieder erbeben machte. Frieder hatte seine beiden Hände ergriffen.


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    »Vater,« rang es sich aus seiner hochgehenden Brust hervor, »grad so denk' und fühl' auch ich in diesem Aug'nblick, und was Dir net gelungen ist, das werd' ich um so sich'rer erreich'n; das schwör' ich Dir. Hier hast Du meine Hand darauf!«


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    »Du – –? Geh, Bub'! Was denkst' von Dir und ihm? Du bist der kleine Student, der mir net an die Schulter reicht und dem das Studium das Mark aus Leib und Seel' genommen hat. Ich hab' es nimmer gern gehabt, Dich als hochgelehrt zu sehen,


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aber Du hast gute Wort' gegeben und die Mutter auch, und so ist Euch Euer Will' geschehen. Jetzt nun bin ich blind, der Franz ist todt, und das Geschlecht der Bachbauerries'n stirbt aus. Ich war der Stärkst' von All'n, drum nennt man mich den Goliath; wie


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aber wird man Dich heiß'n, Knirps?« Trotz der nichts weniger als lustigen Stimmung des Augenblickes zuckte ein heiteres Lächeln um das Bärtchen, welches die Lippen Frieders beschattete.

    »Fünf Jahr', hast's gehört, Vater, fünf volle Jahr' war ich net daheim! Denkst net, daß ich in dieser Zeit ein wenig gewachs'n bin?«

    »Ein wenig, ja. Aber der ächte Bachbauer wirst nie sein; der Bücherwurm hat Dir die Kraft verzehrt und die Courasch' dazu.«

    »So werd' ich wieder stark zu Haus'; denn nun der Franz todt ist, nehm ich die Arbeit über mich. Der Bachhof steht mir höher als die Gelehrsamkeit, es ist ja meine Heimath, und die hält man hoch.«

    »Frieder,« rief der Bauer, »so hör' ich's gern, und Niemand wird sich mehr darüber freu'n, als wie die Mutter! Du sollst das Aug' werd'n, mit dem ich schau, und wirst auch die Hand sein, mit der ich schaff' und arbeit'. Hab Dank für dieses Wort!«

    Ein kräftiger Händedruck, der jeden Andern zu einem Laut des Schmerzes veranlaßt hätte, besiegelte diesen Bund; dann fuhr der Vater fort:

    »Es ist nachher für mich eine gar regsame Zeit gewes'n. Bei Tag hab' ich im Hof und auf dem Feld geschafft, und bei Nacht bin ich hinaus in den Wald gegangen, den Haß im Herz'n und die Büchs' auf der Schulter. Ich hab' gehorcht und gelauscht vom Abend bis zum Morg'n und nix gesehn und nix erfahr'n, als daß die Nachbarn all' die Rach' gekannt hab'n, die in mir kochte Tag und Nacht. Nur einer hat kein Mitleid mit mir gehabt, sondern über mich gelacht und gespottet, der Feldbauer, der mein Rival gewes'n ist von Jugend auf. Er trägt es mir noch heut' nach, daß die Mutter mich genommen hat und net ihn, und wo er es nur kann, da fügt er mir Verdruß und Kränkschaft bei. Die erste Frau hat er ins Grab geärgert, und die Zweit', die er als Wittwe bekommen hat, wird wohl das gleiche Loos erleiden müss'n. Mich dauert nur das arme Kind, die Martha, die er so stief behandelt, weil er der Stiefvater ist, und dennoch ist sie das schönst' und gutest' Madel weit und breit. Sie ist trotz der Feindschaft ihres Vaters 'kommen und hat der Mutter bei der Pfleg' geholf'n, als ich unter Schmerz und Qual darniederlag. Das werd' ich ihr nimmer vergess'n, solang ich lebend bin, denn ihr Wort und Trost war grad so mild und lind wie die Hand, mit der sie mir das Aug' verbund'n hat. Und ich hab' ihn gebraucht, den Zuspruch und den Trost, denn es war, als hätt' die Höll' in mir gebrodelt und gekocht, viel schlimmer noch als damals, als ich das Gelübd' am Grabe that.«

    Er holte tief Athem. Die Erinnerung stürmte auf ihn ein, und es dauerte lange, ehe er wieder ruhiger zu erzählen vermochte.

    »Es war in einer Mondnacht, beinah' so hell wie der Tag, als ich drunten auf der Halde saß, wo sie vor langer Zeit den alt'n Stollen zugeschüttet hab'n. Da knackt es im Gebüsch, und als ich aufschau, steht einer vor mir, breit und stark wie der Herkules, bewaffnet bis an die Zähn' und mit einer Larv' vor dem Gesicht.«

    »Der Waldkönig!« ruf' ich und spring empor, um die Büchs' anzuleg'n. Der aber sagt kein Wort, sondern schnellt zurück, legt den Finger an den Mund und pfeift. Ich will grad losdrück'n, doch in demselben Aug'nblick werd' ich von hint'n und von der Seit' gefaßt und zu Boden geriss'n. Sie sind über mir wie die Wölf, um das einz'ge Roß; ich schlag um mich, soviel ich kann, schüttle sie ab und spring empor, werd' wieder niedergeworf'n, und so geht der Kampf wohl zehn Minuten fort, bis ich endlich ermüdet bin und gefesselt werde. Es sind wohl an die zwanzig Mann, jeder mit der Mask' vor dem Gesicht. Ein Tuch wird mir um die Aug'n gelegt und ein Knebel mit Gewalt in den Mund gesteckt, dann geht es fort, wohin, das weiß ich net. Halb getrag'n, halb gestoß'n und geschob'n werd' ich über eine halbe Stund' weiter gezerrt, bis es wie Strauch und Dornzeug raschelt und ich eine Trepp' hinuntersteig'n muß. Dort ist's feucht und kalt; ich werd' zu Boden gelegt; und dann beginnt mit leiser Stimm' die Verhandlung über mich. Ich hör' nix als das letzte Wort davon:

    Es ist genug, daß der Franz die Kugel bekam. Der Tod ist net so schlimm als wie das Andre und gibt auch keine größere Sicherheit. Er soll den Waldkönig net fangen, dafür wird gesorgt!«

(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge

von

Karl May.

(Fortsetzung.)

    [»]Die Stimm' kommt mir bekannt vor, obgleich sie unter der Larv' erklingt und auch ganz nach Verstellung lautet, aber noch heut' kann ich mir net sag'n, wo ich sie schon 'mal vernommen hab'. Ich hör' ein Geräusch, als werd' ein Gewehr gelad'n, und dann nimmt man mir die Bind' vom Aug' hinweg. Ich blick' auf, aber da blitzt und kracht es grad vor meinem Gesicht los, und ich brech' zusammen wie vom Blitz erschlag'n. Der Lauf war nur mit Pulver gelad'n; schau her, ich hab' ein gut Theil davon noch heut im Aug' und im Gesicht! Das Weit're kannst Dir denk'n! Der Schmerz, den ich hab', wird verlacht und verhöhnt; man faßt mich an, schleppt mich empor und schafft mich in das Dorf, wo ich endlich mit Gewalt die Fesseln herunterbring' und dann auch den Knebel fortnehm'. Der Wächter kommt herbei und führt mich nach Haus'. – Das ist die Geschicht', Frieder; das Andre will ich net erzähl'n. Aber wenn ich schlaf'n geh und wenn ich erwach', so ist mein einzig Gebet, daß der liebe Gott die Gnad' und Barmherzigkeit haben mög', den Waldkönig mir in die Hand zu führ'n. Das Gewehr taugt nix mehr in meiner Hand, aber diese Hand, Frieder, diese Hand, wenn sie ihn erst ergriff'n hat, sie läßt net wieder los, er mag sich wind'n wie eine Schlang' und krümmen wie ein Wurm, sie hält ihn fest und malmt ihn zusammen wie Papier, das man zerknillt und dann zur Erde wirft! Das ist mein Gebet, mein höchster Wunsch. Der Waldkönig ist mein Gedanke am Tag' und mein Traum bei Nacht; jeder Biss'n, den ich genieß', und jeder Schluck, den ich trink', schmeckt nach ihm, jeder Laut, den ich vernehm', mahnt mich an ihn, ich hab' weder Ruh noch Rast und vermag net zu sterb'n, eh' ich weiß, daß er den Lohn bekommen hat!«

    Trotzdem der Wagen in raschem Trabe auf der Straße dahinrollte, hatte er sich in demselben erhoben. Er streckte die muskulösen Arme aus, als könne er den Todfeind jetzt mit ihnen erfassen; die Faust öffnete und ballte sich abwechselnd, ein sprechendes Bild der Zermalmung, von welcher er gesprochen hatte; seine Zähne mahlten hörbar aneinander; ihr Elfenbein blickte drohend zwischen den grimmig sich spaltenden Lippen hervor, und die Augen strebten starr aus ihren Höhlen, als wolle die leidenschaftlich angeregte Kraft des unverletzten Sehnerven den geblendeten Augapfel durchdringen, um auszublicken nach dem geheimnißvollen Dämon, der so viel Unglück verschuldet, so unversöhnlichem Hasse das Dasein und – vielleicht auch die Berechtigung gegeben hatte.

    Frieder war in die Ecke zurückgesunken. Seine Glieder wurden nicht wie diejenigen des Vaters bewegt von der gewaltigen Gährung, welche auch in seinem Innern herrschte. Aber in seinen Augen glühte es wie ein eingeschlossener Brand, welcher nur der geringsten Oeffnung bedarf, um vernichtend emporzulohen, und seine Lippen preßten sich zusammen unter dem Bestreben, diese


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Flamme zurückzuhalten und hinabzuringen in die Tiefe, wo er die glühenden Wasser kochen fühlte, wie in einem Vulkane, über dessen Krater eine purpurne Aureole schwebt zum Zeichen, daß das Verderben in ihm wohne.

    Dem Knechte war kein einziges Wort der Unterhaltung entgangen. Dem guten Menschen stand das Wasser in den Augen. Er wußte, was sein Herr gelitten hatte und heut noch litt; das griff ihm in das treue Herz hinein, und wie sehr er sich räusperte, wie oft er sich auch mit dem Aermel über das Gesicht fuhr, die Tropfen erneuten sich immer wieder, so daß er endlich, zwischen Aerger und Beschämung kämpfend, auf die Braunen einhieb, daß sie förmlich auf der Straße dahinflogen. An einer Stelle, wo ein Vizinalweg von der Seite her in die Chaussee mündete, drehte er sich um.

    »Grad aus oder links?«

    »Fahr links ab. Wir kommen näher!« antwortete der Bauer, obgleich er den Weg nicht zu sehen vermochte. Er wußte, daß er gemeint sei, und war ihn früher selbst stets gefahren, um einen guten Bruchtheil Zeit abzuschneiden.

    So ging es weiter. Der Wald lichtete sich zur offenen Haide, zwischen welcher das Geleis schmal und holperig dahinführte, und schon senkte sich der Weg bergab zum Dorfe, als Baldrian sich nochmals nach rückwärts wandte.

    »Dort kommt Einer geritt'n. Es muß der Feldbauer sein!« Er war gewohnt, dem Blinden jede Begegnung zu melden, damit dieser die Begrüßung nicht verfehle.

    Der Reiter, welchen er meinte, kam ihnen in scharfem Trabe entgegen. Es war eine breite, nicht zu hohe aber massive Gestalt, an welcher der nicht mehr zu junge Schimmel gerade genug zu tragen hatte. Grad vor ihnen parirte er mitten auf dem Wege das Pferd, so daß auch Baldrian zum Halten gezwungen war.

    »Holla, wer ist denn das? Das ist ja der Goliath mit dem Student'n, der in die weite Welt 'gangen ist, weil ihn zu Haus' Niemand gern leid'n mag! Fahrt seitwärts ab, damit anständ'ge Leut' vorüber können!«

    »Ihr könnt uns eher ausweich'n als wir Euch, Feldbauer,« meinte der Knecht. »Reitet ab!«

    »Ich Euch, Grünschnabel? Fällt mir gar net ein! Marsch auf die Seit', sonst helf ich nach!«

    Als Baldrian keine Miene machte, dem Gebote zu folgen, bekam der Schimmel die Sporen, der Reiter hielt im nächsten Augenblicke neben dem Wagen und zog dem Knechte mit der Peitsche einen kräftigen Hieb über das Gesicht herüber.

    »So, Hallunk', da hast' was Du brauchst, um ein ander Mal zu wiss'n, wer Meister ist, Du oder ich!«

    »Was ist das, Feldbauer?« frug da der Blinde. »Du wagst es, mein Gesind' zu schlag'n! Könnt' ich noch sehn, so wollt' ich Dich [Dir] schon heimleucht'n!«

    »Du mir heimleucht'n? Denkst' vielleicht, ich fürcht' mich vor Dir? Da, hast' den Hieb grad auch so wie der Knecht!«

    Er holte aus zum Schlage, kam aber nicht dazu. Mit einem gedankenschnellen Sprunge war Frieder aus dem Wagen und griff dem Schimmel in die Nüstern, daß er vorn emporstieg und zwar so kerzengrad, daß der Reiter zu Boden fiel. Sofort kniete der junge Mann auf diesem, entriß ihm die Peitsche und bearbeitete ihn mit derselben scheinbar so mühelos, als habe er einen Schulknaben unter sich liegen.

    »Frieder, Frieder, was machst'?« rief der Blinde angstvoll, welcher nicht anders glaubte, als daß die so hörbaren Schläge dem Sohne gälten.

    »Ich lehr' ihn Achtung vor den Bachbauern, Vater. Hab' keine Sorge um mich!«

    Der Feldbauer strengte seine ganze Kraft an, sich emporzubäumen und den Gegner abzuwerfen; es gelang ihm nicht. Die thatendurstige Erbitterung, welche die Erzählung des Vaters in dem Herzen Frieders hervorgerufen hatte, war durch die diesem gewordene Beleidigung zum Ausbruche getrieben worden. Der Jüngling hielt die Arme des Feindes unter den Knieen fest, drückte ihm mit der Linken die Kehle wie zwischen einem Schraubstocke zusammen und ließ mit den unaufhörlich niedersausenden Peitschenhieben nicht eher nach, als bis er fühlte, daß die Widerstandskraft des Feldbauern vollständig erlahmt sei.

    »So, da hast genug und bist gezeichnet für lange Zeit! Ich will Dich lehr'n, den Knecht zu schlag'n und den Vater zu schimpfir'n. Die Peitsch' nehm ich mit zum Zeich'n, daß der Student, den Niemand leid'n mag, weit über den Feldbauer kommt, der der Liebling ist vom ganz'n Dorf. Willst' sie wieder hab'n, so kannst' sie vom Bachhof hol'n, nachher sollst' sie bekommen, aber anders net!«


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    Er gab dem Schimmel einen Schlag, daß dieser laut wiehernd das Weite suchte, und sprang, ohne den Ueberwundenen eines weiteren Blickes zu würdigen, schnell in den Wagen, der seinen Weg unverzüglich fortsetzte.

    »Frieder!« stieß der Blinde voller Erstaunen hervor.

    »Wunderst Dich wohl, Vater? Der Feldbauer mag Dir beinah' gewachs'n sein, wie Du vorhin gemeint hast, mir aber net! Willst' mich nun noch den »Knirps« heiß'n?«

    »Nun sicher net! Ich hab' Dich vor mir geschaut immer nur grad so, wie Du vor fünf Jahr'n gewes'n bist, und es ist wahr, Du bist gewachs'n, Frieder. Aber einen Feind hast' Dir erworben, der Dir die Zücht'gung niemals vergeben wird!«

    »Ich fürcht' ihn net und nehm's mit Zweien auf von seinem Schlag!«

    Als der Wagen in den Bachhof, welcher der erste und größte des Dorfes war, einfuhr, stand die Bäuerin schon zum Empfange bereit.

    »Komm her, Anna, und nimm den Sohn wohl auf,« meinte der Blinde. »Er hat die grüne Mütz und die Klunker abgelegt und will für immer bei uns bleib'n. Ich sag' Dir, daß er ein Bachbauer werd'n wird, wie's noch keinen gegeb'n hat, denn der Mensch ist ein Ries', noch dreimal größer als der Goliath!« – –

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II.

Die erste Spur.

    Es war am nächsten Sonntag. Der Gottesdienst ging zu Ende, und die Kirchgänger traten auf den Kirchhof heraus, um den gewohnten Umgang durch die Gräber zu halten und dabei die Neuigkeiten der vergangenen Woche zu besprechen. Die Stadt hat ihre Kränzchen und Brunnenversammlungen, das Dorf seine Spinnstuben und Gottesackermeetings, auf welchen Mann und Weib, Alt und Jung Gelegenheit findet, sich auszusprechen über Alles, was das Herz bedrückt oder die Neugierde befriedigt.

    Zweierlei beschäftigte heute die Zungen ganz besonders: die Rückkehr des Bachfrieder und der seltene Umstand, daß der Feldbauer nicht in der Kirche gewesen war. Daß Beides im engen Zusammenhange stand, wußte man bereits, nur hielt man eine eingehende Erörterung für nothwendig, aus welchem Grunde sich ein zahlreicher Kreis von Zuhörern um Baldrian versammelte, welcher an der Kirchmauer lehnte und mit wunderbaren Gestikulationen sein Erlebniß erzählte.

    »Ja, es war nur drei Minut'n vorher, da hat ihn mein Bauer einen Knirps genannt und er ist ganz still dazu gewes'n, und jetzt auf einmal kommt er über den Feldbauer wie Simson über die Pharisäer, oder wie die Leut' und das Dorf zur damalig'n Zeit geheiß'n hat. Das war grad, wie wenn die Bulldogg' über die Maus geräth, da giebt's weder Widerstand noch Rettung, sie wird einfach zu Tod' gebiss'n und dann aufgefress'n.«

    »Hat sich denn der Feldhof net gewehrt?«

    »Gewehrt? Wo denkt Ihr denn hin? Gewollt hat er's vielleicht, aber er ist ja gar net dazu gekommen, denn der Frieder ist so unverhofft und schnell über ihn hergefall'n und hat auf ihm geleg'n wie der Ambos auf der Mück', daß er nur ein wenig mit den Beinen wackeln konnt', weiter nix.«

    In seinem Eifer gab der gute Baldrian der Sache etwas mehr Farbe als unumgänglich nöthig war.

    »Ihr hättet nur das Gesicht seh'n soll'n, auf dem die Peitsch' gearbeitet hat, wie das Graupelwetter auf dem Dach. Da ist Hieb auf Hieb und Schlag auf Schlag 'kommen, und die Schwiel', die ich hier über die Nas' herüber hab, hat mehr als hundert Prozent getrag'n. Der Feldbauer hat nachher auch gar net daran gedacht, sich nochmals an uns zu vergreif'n, sondern ist langsam aufgekrabbelt und dem Schimmel nachgehinkt, als wir davonfuhr'n.«

    »Also darum kommt er net in die Kirch', weil ihm das Gesicht gezeichnet ist. Ihm ist ganz recht gescheh'n, und nun wird er wohl net mehr so prahlig thun mit seiner Körperstärk', da er den Meister gefund'n hat.«

    »Er mag sich nur auch ferner fein hübsch in Acht nehmen vor dem Frieder; den hab' ich in den paar Tag'n ganz genugsam kennen gelernt! Er ist so gut und fromm wie ein Lamm, aber wenn man ihn bei der Gall' angreift, so mag man nur immer schnell die Flucht ergreif'n. Ihr solltet nur 'mal seh'n, wie lieb und lind er ist! Die Mutter hat er stets beim Kopf, und den Vater trägt er auf den Händ'n. Dazu greift er wacker an, wo's nur immer Arbeit giebt, und nämlich wie, das ist die Sach'! Im Hof, da lag ein Klotz, der Bretter geben sollt'; drei Männer konnt'n


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ihn kaum erschlepp'n; er aber hat ihn aufgenommen und vor's Thor geschafft, als ob's ein Schaufelstiel sei oder so 'was Aehnlich's. Den Stier nimmt er bei den Hörnern und drückt ihn zu Bod'n, daß er sich net zu rühren vermag. Und bei dieser Gütigkeit und Stärk' ist er gelehrt und geschickt, daß man sich nur wundern muß. Er hat nach Maschinen geschrieb'n und nach andern Dingen, von denen Unsereiner net 'mal den Namen kennt, und dem Bauer einen Plan über den Feldbau vorgelegt, nach dem das Land grad um die Hälft' mehr bringen muß als früher.[«]

    »Ja, klug ist er und geschickt dazu, sonst hätt' er ja gar net die Un'versität überstanden. Das Dorf hat noch niemals einen


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Student'n gehabt, und wir müss'n also stolz auf den Frieder sein, der bewies'n hat, daß es bei uns auch Leut' giebt, die net auf den Kopf gefall'n sind. Wie er heut die Orgel gespielt hat, so 'was Schön's ist hier noch gar nimmer gehört word'n; der Kantor ist das reine Nix geg'n ihn. Seht, dort kommen sie Beid' vom Chor herab!«

    Frieder wurde von allen seinen Bekannten, denen er bisher noch nicht begegnet war, mit Enthusiasmus begrüßt; er hielt sich aber nicht lang bei ihnen auf, sondern schritt dem stillen Winkel zu, wo sich die gelösten Grabstätten der Bachbauern befanden. Der Platz war von tief herabzweigenden Trauerweiden beschattet, unter


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denen eine Steinbank stand, deren Sitz mit weichem Moos bekleidet war. Als er die Zweige auseinanderschlug, fiel sein Blick auf ein Mädchen, welches hier gesessen hatte und sich jetzt in halber Verlegenheit erhob.

    Er hatte sie schon in der Kirche bemerkt und sich von ihrer Erscheinung seltsam ergriffen gefühlt. Ihre hohe, volle Gestalt war nicht mit dem hier in der Gegend üblichen, sondern mit dem jenseits der Grenze getragenen Festtagsgewande bekleidet. Der kurze, roth und schwarz gestreifte Rock ließ einen kleinen und doch kräftig gebauten Fuß frei; um die enge Taille spannte sich eine seidene


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Schürze, deren zierlicher Schnitt es verrieth, daß sie nicht für den gewöhnlichen Gebrauch gefertigt sei; unter dem dunklen Jäckchen blickte das sammetne Mieder hervor, dessen Ausschnitt verrätherisch das feingefältete, blüthenweiße Hemde frei gab, welches sich in seiner Krause um den schönen Hals legte und eine wundervolle Büste leicht verhüllte. Von dem unbedeckten Kopfe hingen die mit einer einfachen Feldskabiose geschmückten, reichen Haare in zwei langen, dicken Zöpfen bis weit über die Hüften herab, und die feinen Händchen, welche jetzt das Gesangbuch umschlossen, schienen sich noch nie mit gröberer Hausarbeit beschäftigt zu haben. Wer ihr in das Gesicht


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blickte, hatte keine Zeit, sich bei der Betrachtung der einzelnen Theile desselben aufzuhalten, sondern fühlte sich sofort gefangen von dem Ausdrucke der Sanftmuth und Herzensgüte, welcher über ihm ausgebreitet lag.

    »Grüß Gott,« antwortete sie auf seinen Gruß und schlug die langen, verlegenen Wimpern langsam empor, die sich aber sofort wieder über das große, tiefblaue Auge senkten.

    »Sei net bös' über die Störung, die ich Dir bereitet hab'!« bat er. »Ich hab' net gewußt, daß Wer hier ist. Soll ich gehn?«

    »Nein, bleib nur; denn ich bin's ja, die weich'n muß!«

    Sie schlug ihr Auge mit einem wie um Verzeihung bittenden Blicke wieder halb empor, und es war ihm, als müsse er die feinen Lider vollends heben, um dieses wunderbare Auge ganz und voll zu erblicken.

    »Warum mußt' denn weich'n? Bitt', sag' es mir!«

    »Weil dieser Ort net mir gehört, sondern Dir.«

    »So kennst' mich wohl?«

    »Ich sah Dich gestern nach der Stadt reit'n, als ich auf dem Feld' war, und die Magd sagt' Deinen Namen.«

    »So darf ich wohl auch wiss'n, wie der Dein'ge lautet?«

    »Martha.«

    »Martha?« wiederholte er, selbst nicht wissend, ob freudig oder schmerzlich überrascht. »So bist' wohl gar die Martha vom Feldhof?«

    »Ja.«

    Das eine Wörtchen kam nur langsam und in einem Tone über ihre zögernden Lippen, als müsse sie um Gnade flehen, daß sie die Tochter des Feldbauern sei. Er aber trat näher und ergriff ihre Hand.

    »So bin ich Dir unendlich viel Dank schuldig für die große Lieb und Barmherzigkeit, die Du dem Vater und der Mutter erzeigt hast, Martha. Der liebe Gott mag's lohnen, wir können's net! Warum bist' dieser Tag' net zu uns hereingekommen?«

    Sie schwieg.

    »Darf ich's net wiss'n?«

    »Ich kann's net sag'n!«

    »Und eine Ausred' magst' auch net mach'n, denn das wär' eine Lüg', und dazu bist zu brav und stolz, net wahr? Aber laß' gut sein, Martha; ich weiß doch, was Du net sag'n willst! Der Vater hat Dir's verbot'n. Ist's so oder anders?«

    Sie nickte nur mit dem Kopfe, blickte aber jetzt voll und groß zu ihm empor mit einem Blicke, in welchem er eine hinter der Verlegenheit verborgene Anklage zu lesen meinte.

    »Hätt' ich gewußt, was ich heut' nun weiß,« entschuldigte er sich daher unwillkürlich, »so wär' der Angriff des Feldbauern net in der Weis' abgewehrt word'n, wie es geschehen ist. Aber, sag, hat er Dir net schon auch vorher verbot'n, nach dem Bachhof zu geh'n?«

    »Ja.«

    »Schaust', Martha, was ich mein'? Und dennoch bist herüber 'gangen! Warum bleibst' alleweil' jetzt davon? Die Mutter hat immer groß' Sehnen nach Dir, und Du kannst ihr große Freud' bereit'n, wenn Du bald 'mal vorsprech' nmagst [vorsprech'n magst]. Darf ich ihr sag'n, daß Du kommen willst?«

    »Ich weiß' noch net!«

    »So weiß ich jetzt, warum! Als ich net daheim war, hast' den Bachhof besucht, nun ich aber nach Haus' 'kommen bin, bleibst hinweg. Ich allein bin Schuld; Du magst mich net leid'n. Leb' wohl, Martha; das thut mir weh!«

    Er ließ die Hand fahren und wandte sich zum Gehen.

    »Frieder!«

    Er drehte sich wieder zu ihr herum.

    »So hab' ich's net gemeint! Deine Eltern sind mir net gram, daß mein Vater solche Feindschaft hegt, denn ich kann ja nix dafür; von Dir aber hab' ich net gewußt, ob auch Du so denkst wie sie; darum wollt' ich erst sehen, ob ich auch darf vor Dir.«

    Er legte seine Hand auf die ihrige und entgegnete in beinahe leisem Tone:

    »Das ist nur die halbe Offenheit! Ich bat Dich, zu kommen, und dennoch gabst' zur Antwort: »Ich weiß noch net![«] Fürcht'st Dich vor mir, Martha?«

    Jetzt zuckte ein rasches Lächeln um ihren Mund, zwischen dessen Lippen die kleinen Zähne hervorblitzten, und ihr Blick traf den seinen mit voller Aufrichtigkeit.

    »Ja, beinah' ganz sehr.«

    »Warum?«

    »Du bist der Mächtigst' weit und breit und dazu hast' so viel Gelehrsamkeit studirt. Soll man sich da net vor Dir fürcht'n?«

    »Wenn das nix Anders bringt als Furcht und Scheu, so wollt'


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ich, daß ich net so mächtig wär' und ungeschickt dazu. Soll das so sein, Martha?«

    »O nein, Frieder! Bleib, wie Du bist!«

    »Aber dann wirst' Dich auch ferner fürcht'n?«

    »Ich werd' mir die Angst abgewöhnen. Ich hab' mir den Mann, der den Vater geschlag'n hat, ganz anders vorgestellt, recht wüst, rauh und hart, net so sanft und freundlich, wie Du bist. Sag den Eltern, daß ich kommen werd'!«

    »Hab' Dank! Nun geh ich gern, denn ich weiß, daß ich Dich wiederseh'.«

    »Nein, laß mich gehn und bleib! Du kamst zum Bruder, der hier unten liegt; das ist ein fromm' und heilig' Recht, das ich Dir net verkürz'n darf!«

    Sie reichte ihm die Hand und ging. Er bog die Zweige, welche sich hinter ihr geschlossen hatten, wieder auseinander und blickte ihr heimlich nach. An der Ecke der Kirche wandte sie sich einmal um, willenlos und ohne Absicht, wie man von einem innern Impuls getrieben wird, der sich gegen jede Aufsicht sträubt. Er bemerkte es auch und sah mit einem stillen, innigen Lächeln vor sich nieder.

    »Das ist also die Martha, von der die Eltern so viel Lieb's und Gut's erzähl'n! Ich hab das All's gern geglaubt, doch nun ich sie geseh'n und gesproch'n hab', weiß ich, daß sie noch mehr und noch viel besser ist. So weit ich auch gewes'n bin, eine solche Schönheit, mit solcher Herzenseig'nschaft gepaart, hab' ich net gesehn, und hier auf dem abgeschied'n Dorf hätt ich's gar nimmermehr gesucht!«

    Noch immer stand er und schaute nach der Ecke, hinter welcher sie verschwunden war.

    »Und welch' einen Vater hat dies englische Gemüth! Wär ich ihr vorher begegnet, so hätt' er keine solche Lehr' erhalt'n, die gleich auf ein- für allemal berechnet war. Freilich etwas zu stark bin ich dabei gekommen, das mag sein, aber der Grimm über den Waldkönig war da, und den Vater, der soviel erduldet hat, laß ich net verhöhnen und net schlag'n. Wer das beginnt, darf net auf Nachsicht rechnen. Ja, sie hat Recht, ich bin sanft und freundlich, aber es gibt einen Punkt in mir, den man net anstoß'n darf, das ist die Lieb' zu Vater und Mutter und all den andern Meinen. Daher ist dem Waldkönig die größte Rach' geschwor'n, denn er hat den Punkt am Stärk'sten angefaßt. Ich weiß, daß ich ihn find', ich weiß, daß ich ihn ergreif', die Ahnung sagt es mir. Der Vater hat es falsch gemacht, denn er hat alle Welt wiss'n lass'n, daß er nach ihm jagt. Von mir aber soll's Niemand erfahr'n, was ich thu, selbst die Eltern net, denn sie würd'n große Sorg' und Angst um mich empfind'n, daß es mir so geht wie dem Franz, der nun hier unter dem Hügel liegt. Aber er ist net todt, er ist net gestorb'n, sondern er lebt noch; er ist wieder erwacht in mir und wird den Mordblender zur Vergeltung bringen!«

    Er brach einen kleinen Zweig von dem Lebensbaum, der auf dem Grabe stand, und steckte ihn an den Hut.

    »Das ist die Kokard', der ich dien'; sie kommt net eher von ihrem Platz herunter, als bis meine Aufgab' erfüllt ist!«

    Er verließ den Kirchhof und ging nach Hause, wo das Mittagsmahl schon seiner wartete. Nach demselben verließ er den Hof wieder, um sich in den Wald zu begeben. Er brauchte einige Spannhölzer für die Wagen und hatte vom Förster den Auftrag erhalten, sich die passenden Eichen- oder Buchenstämmchen auszusuchen und zu bezeichnen.

    Im Freien angekommen, schlug er unwillkürlich einen Umweg ein, um den Feldhof zu vermeiden, welcher eine Strecke vor dem Dorfe lag. Droben auf der Höhe, wo das Buschwerk begann, kamen ihm Schritte entgegen. Der Nahende war kein Andrer als der Feldbauer. Als er Frieder erkannte, blieb er mitten auf dem Pfade stehen. Sein Gesicht trug noch die vollständigen Spuren der Züchtigung, die er von dem Jüngling erhalten hatte. Sie entstellten ihn mehr als bis zur Häßlichkeit, so daß sein Wegbleiben von der Kirche gar nicht zu verwundern war. Es mußte eine sehr dringliche Angelegenheit sein, die ihn in den Wald geführt hatte.

    »Weich aus, Bub',« kommandirte er; »heut geht's anders als vorher!«

    »Ja, heut weich' ich aus, aber net, weil Ihr's gebietet, sondern aus ganz andrem Grund.«

    »Den Grund, den kennt man schon! Leut' unvermuthet überfall'n, das kann Jeder, aber wenn er off'n angeredet wird, da geht nur ein Lump und Feigling auf die Seit'.«

    Frieder trat ruhig auf ihn zu, legte ihm die Hand schwer auf die Schulter und sah ihm mit blitzenden Augen in das blauroth angeschwollene Gesicht. Es lag dabei Etwas in ihm, was der Bauer


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nicht zu definiren vermochte, ihn aber abhielt, den allerdings auch nur vielleicht beabsichtigten Kampf zu beginnen.

    »Feldbauer, Ihr habt wohl kein Verständnis für noch andre und viel bess're Gründ', weg'n denen man einer Rauferei ausweicht. Und was den Lump und Feigling betrifft, so kann nur ein solcher es unternehmen, einem Blinden, der sich net zu wehr'n vermag, die Peitsch' anzubieten. Das muß ich Euch sag'n, und nun gehabt Euch wohl!«

    Der Bauer schob die Tabakspfeife, welche er bisher im Mund behalten hatte, schnell in die Tasche und faßte ihn am Arme.

    »Ihr habt noch mehr verdient als die Peitsch', Ihr alle Beid'. Nimm Dich nur in Acht, daß Du dem Waldkönig net auch in die Hand geräthst, sonst wirst mich gar nimmer lang mehr sehn. Hier hast' den Trumpf drauf!«

    Er schlug mit der Faust nach dem Gesicht Frieders, dieser aber parirte den Hieb und faßte dann die beiden Arme des Gegners mit einer Gewalt, daß dieser einen Laut des Schmerzes ausstieß.

    »Feldbauer, ich hab Euch schon gezeichnet, und Ihr wißt ganz genau, daß ich mich net vor Euch fürcht'. Darum werd' ich Euch aus dem Weg gehn, so gut ich kann, denn der Klügst' gibt nach. Erhebt Ihr aber den Arm nur noch ein einzig Mal geg'n mich, so schlag' ich hin, wo sich's gehört, und dann seid Ihr kaput!«            (Fortsetzung folgt.)


Einführung "Der Waldkönig"


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