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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge

von

Karl May.

(Fortsetzung.)

    [»]Jetzt wirst' gescheidt, Buschwebel! Niemand darf das Geringst' davon wiss'n, sondern Du schleichst allein hinaus, leis' und heimlich, daß Dich keine Katz' bemerkt, bis an den Stoll'n. Ich denk' mir schon den Ort, wo's ist.«

    »Sag', wo?«

    »Grad an der Mündung, wo auch der Bachbauer damals gesteckt hat, steht eine Birk', und gleich daneb'n geht ein Loch in die Erd'[.] Es ist von Gesträuch bewachs'n, so daß man es gar net sieht, aber Du wirst's schon merk'n, wenn sie hineinkriech'n.«

    »Weißt's genau?«

    »Ganz und gar. Das Loch kenn' ich schon lang, hab' aber net gedacht, daß ein Versteck dahinter ist, in dem die Pascher sind.«

    »Soll'n sie's etwa mit der Glock' in die Welt hineinläut'n, wo sie steck'n? Aber es ist gut, daß ich erst mit Dir gesproch'n hab. Nun ich einmal weiß, wo sie zu find'n sind, können sie mir nimmer entgehen. Ich werd' es schon so anfangen, daß ich den Lieut'nant net brauch'. Am meist'n freu ich mich auf den Bachfrieder, denn der ist dabei, das weiß ich ganz genau.«

    »Wirklich? Woher?«

    »Weil er auch da drob'n war und jedenfalls auch mit unter den Stein geblickt hat, nämlich als ich noch schlief. Ich hab' ihn dann eingeholt, und er ist ganz verlegen dagestand'n, als er mich erblickt hat. Was will er im Forst? Er ist Bauer und gehört auf den Acker oder in den Stall.«

    »Ich an Deiner Stell' macht' kurz'n Prozeß mit ihm. Sobald er mir 'mal begegnet', bekäm er die Kugel, und keine Katz' miaut' nach ihm. Ob er der König ist oder net, dabei ist er doch, und dann ist's ja gleich, ob er ein wenig früher oder später vorgenommen wird.«

    »Verdient hätt' er's; aber die Kugel ist net genug für ihn. Er muß ins Zuchthaus, das ist noch zehnmal schlimmer als der Tod. Nachher kann er darüber nachdenk'n, wer der Stärkst' ist, er oder ich. Aber, weißt', Feldbauer, Du kennst das Loch; geh mit hinaus zum Stoll'n!«

    »Was fällt Dir ein! Mich geht die Sach' ja gar nix an. Ich bin net herbeikommandirt, um den Waldkönig zu fangen, und werd' mich hüt'n, mir die Hand an ihm zu verbrennen. »Was deines Amt's net ist, da laß' den Vorwitz,« sagt das Sprichwort, und Du hast ja selbst gemeint, ich hätt' den groß'n Mund aber die kleine Faust. Was kann ich Dir da nütz'n?«

    »Mach' keine Flaus'n! Was in der Hitz' gesagt wird, kann vergessen werd'n. Und Dein Schad' würd's auch net sein, wenn Du mir beistehst auf den heut'gen Abend.«

    »Mein Vortheil auch net. Fürcht'st Dich vielleicht allein im Wald?«

    »Ich? Der Buschwebel? Bist' bei Sinnen?«

    »Ja, mehr als Du selber. Ich wett', Du kommst net allein hinaus zum Stoll'n. Der Muth ist eine eig'ne Sach'; er weicht gern aus dem Herz'n und setzt sich auf die Zung'.«

    »So mag's bei Dir sein, aber bei mir net. Ich geh, und morg'n wirst' sogleich erfahr'n, was ich ausgerichtet hab'.«

    »Ich bin begierig d'rauf. Geh nur beizeit'n und lauf' net wieder fort, wenn's anfängt, Dich zu gruseln!«

    Er verließ die Stube und ging nach dem Hofe, wo er den Brunnenraum öffnete und dann von Innen wieder sorgfältig verschloß.

    »Welch' ein Glück, daß er net zu schweig'n versteht! Hätt' er im Still'n die Anzeig' gemacht, so wär' ich in eine saub're Tint' gerath'n. Muth hat er, das ist wahr; aber die Klugheit fehlt ihm dabei. Jetzt droht mir von ihm mehr Gefahr als vom Bachfrieder. Er kennt den Stein und das Geheimniß, und ich muß ihn zur Verschwiegenheit bringen. Das Blend'n hilft hier nix; entweder stirbt er, oder – ja, oder er muß mit zur Gesellschaft tret'n; das ist die einz'ge Wahl, die ich ihm lass'. Zu hart ist's net für ihn, denn was hat er gesagt von der Marthe? Er bekommt zehn And're an ihrer Stell'! Gut, er wird noch alle Finger nach ihr leck'n und sie dennoch net erhalt'n. Sie war nur die Lockspeis' und soll mir noch weit höher hinaus. Heut' halt' ich Abrechnung mit ihm von weg'n dem Esel, den er mir ins Gesicht geworf'n hat. Er soll ihm wohl bekommen!«


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    Die Haspel, außer welcher nicht der kleinste Gegenstand in der Brunnenstube zu bemerken war, trug zwei Eimer, welche so an dem Seile befestigt waren, daß je einer von ihnen niederfuhr, wenn der andre in die Höhe ging. Der Feldbauer bestieg den oberen und ließ sich langsam hinab, indem er das den unteren tragende Seilende durch die Hände gleiten ließ. –

    Der Feldwebel war in seiner ungewöhnlichen Aufregung zurückgeblieben. Er hatte keine Ahnung davon, daß er ein Spielball in der Hand Dessen sei, den er fangen wollte. Der Rath des Feldbauern schien ihm der beste, und er befolgte ihn um so genauer, als ihm sehr viel daran lag, seinen Muth zu beweisen.

    Er konnte das Hereinbrechen des Abends kaum erwarten und machte sich, sobald es zu dunkeln begann, auf den Weg. Die Vorsicht, welche er anzuwenden hatte, ließ ihn nur langsam vorwärts kommen; doch erreichte er die verschüttete Mündung des Stollens noch vor dem neunten Glockenschlage. Er fand auch bald die Birke; es war die einzige, welche an dieser Stelle stand, und er bückte sich nieder, um nach dem angegebenen Loche zu forschen. In diesem Augenblicke aber erhielt er einen Schlag auf den Kopf, der ihn sofort vollends zu Boden streckte; eine Schlinge legte sich um seinen Hals; Hände und Füße wurden zusammengebunden – er hatte das Bewußtsein verloren.

    Als er erwachte, war es vollständig dunkel um ihn her, und es vergingen einige Minuten, ehe er sich auf das Geschehene besinnen konnte. Mit der Erinnerung kam ein fürchterlicher Grimm über ihn; er zerrte mit aller ihm zu Gebote stehenden Gewalt an den Fesseln, und als er diese Anstrengung fruchtlos fand, begann er laut zu rufen.

    Seine Stimme mußte gehört worden sein, denn es dauerte nicht lange, so vernahm er das Rasseln eines Schlosses, eine Thür wurde geöffnet, und heller Lichtschein fiel auf das faulende Stroh, welches sein Lager bildete. Er befand sich in der Gefängnißhöhlung, welche Frieder jüngst bemerkt hatte. Draußen standen zwei tief verhüllte Männer; der Eine von ihnen trug eine Laterne; der Andre trat näher und löste den Strick, welcher die Füße des Gefangenen zusammenhielt.

    »Vorwärts!« gebot er mit einem derben Tritte seiner schwerledernen Stiefel, indem er ihn zugleich beim Kragen packte und in die Höhe zog. Dann stieß er ihn in den Gang und schob ihn vor sich her bis in die Erweiterung des Stollens, wo die Hängelampe unter einem dämpfenden Schirme hervor ein zweifelhaftes Licht verbreitete und eine bedeutende Anzahl finsterer Gestalten, wohlbewaffnet und mit der Maske versehen, rund auf den Bänken Platz genommen hatte.

    Einer von ihnen erhob sich.

    »Feldwebel, weißt', wo Du bist?« Seine Stimme klang dumpf unter der Maske hervor, so daß wohl jede Silbe zu vernehmen, an ein Wiedererkennen aber nicht zu denken war.

    »Ja. Im Stoll'n bin ich, in der Räuberhöhl', hinterrücks überfall'n und hereingeschafft. Aber das soll Euch net gut bekommen; ich werd' Euch all' zusammen an den Galg'n bringen oder ans Schaffot!«

    Ein durch die Larven gedämpftes allgemeines Gelächter war die Antwort.

    »Spar' das Droh'n und Aufschneid'n!« meinte der vorige Sprecher. »Du bist net in der recht'n Lag' dazu. Du stehst vor Gericht und sollst das Urtheil hab'n für die Müh', die Du Dir mit uns gibst.«

    »Vor Gericht? Ich kenn' kein Gericht, das in solcher Weis' abgehalt'n wird, ich protestir' dageg'n, ich erkenn's net an; ich will meine Freiheit hab'n!«

    »Ob Du protestirst oder net, das ist uns ganz gleich, und wenn das Urtheil ausgeführt ist, mußt's schon anerkennen.«

    »Das thu' ich net! Ihr habt kein Recht, mich zu fangen; Euch selber gehört der Strick und die Kugel; Ihr seid Diebe, Mörder, Räuber.« –

    »Halt! Schau Dich um, Buschwebel. Dort steht der Waldkönig. Siehst' das Pistol' in seiner Hand? Sobald Du noch ein einzig' Wort sagst, das ihm net gefällt, bist' eine Leich'. Dann schimpf, soviel Du willst!«

    Der Sprecher deutete nach dem Hintergrunde des Stollens. Dort stand hoch aufgerichtet die breite Gestalt des Pascheroberhauptes. Die langen Haare rollten bis auf den Nacken herab, der dunkle Bart quoll unter der Larve hervor, im Gürtel blitzten die Waffen, und die ausgestreckte Rechte hielt sich zum Losdrücken bereit.

    Den Feldwebel überlief ein kalter Schauer. Sein ganzes heißblütiges Naturell sträubte sich gegen den Zwang, und doch mußte


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er einsehen, daß hier die einzige Rettung nur in der Ergebung zu suchen sei.

    »So beginnt das Poss'nspiel, aber macht's so kurz wie möglich!«

    »Hab' keine Sorg'! Wir sind net an allzu große Läng' gewöhnt! Also, Du hast geschwor'n, den Waldkönig zu fangen, um Lieut'nant zu werd'n und den Preis zu erhalt'n, der auf seinen Kopf gesetzt ist. Weil das aber ein ganz vergeblich' Beginnen ist, so woll'n wir Mitleid mit Dir hab'n und Dir behilflich sein. Die Treß', nach der Du Dich sehnst, sollst' gleich bald erhalt'n und auch den Preis, aber net in Silber und Gold, sondern in Hanf und Eis'n: Sieh' her! hier [Hier] ist der Strick und dort der Nagel. Da wirst abgethan, und morg'n in der Früh' hängst' im Wald, und in der Tasch' steckt der Zettel mit der Schrift: »Zur Strafe, vom Waldkönig!« grad wie beim Bachfranz und beim Förster.«

    »Das ist Todtschlag, das ist Mord, den ich gar net verschuldet hab'!«

    »Sei still! Weshalb bist' nach Finsterwalde versetzt? Warum liegst' im Wald den ganz'n Tag, und wozu bist' heut' an den Stoll'n gekommen? Du hast unsern Bestellort belauscht und mußt sterb'n. Der Tod macht alles stumm; dann sind wir sicher.« Er wandte sich zu den Paschern. »Wer von Euch für den Tod stimmt, der mag aufsteh'n!«

    Alle ohne Ausnahme erhoben sich.

    »Siehst', Feldwebel, wie's um Dich steht? Bet' ein Vaterunser oder ein Ave Maria, ganz wie Du willst, denn in zwei Minut'n hängst' an der Wand!«

    Die Männer hatten sich nicht wieder gesetzt, sie umringten ihn drohend. Er fühlte zum ersten Male in seinem Leben die Angst vor dem Tode über sich kommen.

    »Gibt's keine Rettung, keine Hülf' weiter?« frug er bebend.

    »Keine!«

    »Ich werd' schweig'n, ich werd' Euch net verrat'n!«

    »Das versprichst' wohl, aber zu halt'n, das vermagst' net!«

    »Ich schwör's Euch zu. Fordert den schlimmst'n Eid; ich werd' ihn willig leist'n!«

    »Dein Eid nützt uns nix. Nur das Grab ist still und plaudert net. Komm' her!«

    Er legte ihm die Schlinge wieder um die Beine. Ein Widerstand war unmöglich. Der Buschwebel hatte dem Tode mehrmals kalt in das Auge geschaut; das war auf dem Schlachtfelde gewesen, wo man mit ruhmglänzender Stirn und bewaffneter Faust gegen ihn anstürmt. Hier aber war das anders. Hier sollte er ohne Kampf und Ehre vom hinterlistigen Meuchelmorde überfallen werden; seine ganze Natur bäumte sich dagegen auf, und kein Mittel schien ihm zu kostbar oder zu – verwerflich, um sich zu retten. Er versuchte noch einmal die Festigkeit der Fesseln, seine Muskeln schwollen unter ihnen beinahe um das Doppelte, aber sie rissen nicht. Man schleppte ihn zur Mauer; er fühlte die verhängnisvolle Schlinge um den Hals, und sein Blick fiel auf den Waldkönig, der zwar jetzt den Arm zurückgezogen hatte, sonst aber noch in der vorigen Haltung im Hintergrunde stand.

    »Hilf mir – rett' mich!« rief er. »Warum bist' der König, wenn Du net begnad'gen darfst!«

    »Das darf ich schon, wenn ich will!« klang es zurück. »Aber wer mich fangen will, für den gibt's keine Gnad'!«

    »Ich will Dich net fangen, ich werd' mich um Dich net bekümmern; ich will so thun, als ob Du gar net vorhand'n seist!«

    »Das gilt nix! Wenn Du los sein willst, so mußt' einen bessern Preis bezahl'n!«

    »Welch'n?«

    »Dich selber.«

    »Wie meinst' dies?«

    »Tritt ein in die Gesellschaft!«

    »Als Pascher? Nimmermehr!«

    »Net als Pascher, sondern als Schutz. Du trittst in meinen Dienst und schaffst mir Kund' von meinen Feind'n.«

    »Also Spion!«

    »Nimm's, wie Du willst!«

    »Das thu' ich net!«

    »Gut, hängt ihn auf!«

    »Gnade! Gebt mir Bedenkzeit!«

    Der König schien nachzudenken.

    »Sollst sie hab'n,« entschied er dann; »aber morg'n um diese Zeit hängst' entweder oder bist unser Kam'rad. Fort mit ihm!«

    Er wurde wieder in sein Gefängnis geführt. Man gab ihm die Hände und Füße frei, befestigte ihn aber mittels einer Kette an der Mauer. Den Inhalt seiner Taschen hatte man ihm schon vorher genommen. Nachdem für Wasser und Brot gesorgt worden war, schloß sich die Thür hinter ihm. Er blieb zurück, und zwar


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mit ganz andern Gefühlen als diejenigen waren, mit denen er seinen heutigen Gang angetreten hatte. –

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IV. [V.]

Herzenskampf.

    Noch ehe es völlig dunkel war, hatte sich Frieder wieder hinauf zur Zeche begeben. Er trug ein ziemlich umfangreiches Paket bei sich, welches mehrere vollständig neue und sehr lange Leinen


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enthielt. Sie waren schwach, um nicht viel Raum wegzunehmen, aber er hatte sie erprobt und wußte, daß sie ihn halten würden.

    Nach reiflicher Ueberlegung war er zu der Ansicht gekommen, daß er, um das Geheimniß des Waldkönigs vollständig aufzudecken, auf der Zeche einfahren müsse. In die Brunnenstube des Feldhofes zu gelangen, war ihm unmöglich, und das Eindringen durch den Einsturztrichter konnte kaum zu einem weiteren Resultate führen. Zwar begab er sich jedenfalls in eine Gefahr, die um so größer war, als er sie noch nicht kannte und sie von mehreren Seiten auf ihn lauerte; aber das Glück war ihm bisher so hold gewesen, daß er auch jetzt sein Vertrauen festhielt.


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    Mit einer kleinen Handsäge, die er mitgenommen hatte, schnitt er sich einige harte Stämmchen im Busche und lehnte sie unter den Laden der Zechenscheune. Nachdem er diesen geöffnet hatte und eingestiegen war, zog er sie in das Innere, legte sie quer über einander und verband sie an ihrem Berührungspunkte mit einem festen Stricke. Dann zog er einen Haken mit einer Rolle daran hervor, den er daran befestigte, und befand sich nun im Besitze einer Vorrichtung, die ihm mittelst der Leinen die Einfahrt ermöglichen mußte. Das Seil, dessen sich heut der Feldbauer zur Bergung seines Paschgutes bedient hatte, reichte nur einmal hinab und war für Frieder also unbrauchbar; doch hatte sich dieser die ungefähre Länge desselben gemerkt, um sie als Maßstab für seine Leinen zu nehmen.


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    Diese waren an ihren Enden so verbunden, daß die Verbindungsstellen ohne Stocken über die Rolle des Globen laufen konnten, die Anwendung einer Vorsicht, welche nicht verabsäumt werden durfte.

    Er verschloß den Laden wieder, entfernte die Bretter von dem Mundloche, legte die Stämme darüber und schob die Leine über die Rolle. Dann zog er eine kleine Blendlaterne hervor, zündete sie an und befestigte sie über der Brust.

    »Glück auf!« murmelte er, sich selbst ermunternd, und trat in die Schlinge, welche er sich für den Fuß zurechtgelegt hatte. Nicht blos die Finsterniß, nein auch der Tod war es, der unter ihm lauerte. Die gähnende Tiefe grinste ihm entgegen wie der Schlund eines ungeheuren Geschützes, welches in jedem Moment


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ihm ein sicheres Verderben entgegenspeien konnte. Der kleinste Zufall konnte Unheil bringen, doch der muthige Jüngling schüttelte alle ängstlichen Gedanken von sich ab, griff ruhig Fuß um Fuß der Leine ab und fühlte, als er deren Ende noch nicht erreicht hatte, den festen Boden unter sich.

    Er sah sich um. Nicht weit von ihm führte ein zweites Mundloch abermals zur Tiefe; es war unbedeckt; und zu seiner Rechten ging der Stollen in horizontaler Richtung in die Erde hinein. Er folgte ihm. Die Schienen, auf denen man die Hunde bewegt hatte, waren noch ziemlich wohl erhalten, ja, es hatte den Anschein, als seien sie auch jetzt noch benutzt. Diese Beobachtung bestätigte sich, als er bei der Stelle anlangte, welche seiner Muthmaßung nach unter dem Feldhof liegen mußte; ein Hund stand hier, noch mit einigen Fässern und Bündeln beladen, und unfern davon lag ein leerer Wassereimer am Boden, an einem Seil befestigt, welches in die Höhe ging.

    Er leuchtete empor. Die Decke zeigte ein zirkelrundes Loch, dessen Höhe der Schein der Laterne nicht zu erreichen vermochte. Das war der Brunnen, den der Feldbauer ganz allein gegraben hatte.

    Frieder ging weiter. Er hatte eine geraume Strecke zurückzulegen, ehe er die Quermauer erreichen konnte, jenseits welcher er seine Nachforschungen gehalten hatte, das wußte er. Darum beschleunigte er seine Schritte so viel wie möglich, und gelangte endlich an eine Stelle, wo der Stollen zu einem Raume erweitert worden war, der, wie gleich der erste Blick belehrte, zur Waarenniederlage benutzt wurde. Hier lag alle mögliche Art von Schmuggelgut vom Boden bis zur Decke aufgespeichert, auch Waffen hingen an den Wänden, wohl für den Fall der Aushilfe, und an der einen Seite war ein Schränkchen angebracht, dessen Thür offen stand.

    Frieder leuchtete hinein. Neben Gold und allerlei Werthsachen lagen einige Bücher; sie enthielten eine zwar von unkundiger Hand geführte[,] aber sehr genaue Buchführung über das geheimnißvolle Speditionsgeschäft des Waldkönigs. Die Namen aller Interessenten waren genannt; die Bücher mußten ihnen verderblich werden, wenn sie in die Hand der Behörde gelangten – der Feldbauer war doch nicht so schlau, wie er es selbst von sich dachte.

    Der Stollen führte weiter, doch nur wenige Ellen, dann stand Frieder an der Mauer, welche sein heutiges Ziel bildete. Er war auf eine schwierige und vielleicht gar resultatlose Untersuchung derselben vorbereitet gewesen, sah sich aber, allerdings nur zu seiner Freude, getäuscht, denn sobald der Schein der Laterne auf sie fiel, gewahrte er die Konstruktion, von welcher er an ihrer andern Seite keine Spur gefunden hatte.

    Es war eine Drehwand, zwischen vier Rahmenbalken aufgeführt, welche so bearbeitet und angestrichen waren, daß sie an der Mündungsseite des Ganges ganz genau an die Wände desselben anschlossen und auch in Beziehung ihrer Farbe nicht von ihrer Umgebung abstachen. Ein hölzerner Riegel je hüben und drüben bewerkstelligte den Verschluß. Frieder schob den einen zurück und konnte nun mit einem verhältnismäßig leichtem Drucke die Mauer bewegen.

    Der Waldkönig hatte das Alles jedenfalls nur eigenhändig hergestellt. Welche Anstrengung und Ausdauer hatte es ihm wohl gekostet, dem alten Stollen seine jetzige Einrichtung zu geben!

    Jetzt hätte Frieder durch den Trichter das Freie am leichtesten und Sichersten erreichen können, aber er mußte wieder zurück, um seine Anwesenheit nicht zu verrathen. Die Scheidemauer war nur von dieser Seite zu öffnen und zu verschließen, und die im Schachte niederhängende Leine konnte nur allzu leicht zum Verräther werden. Er kehrte also um und beeilte sich so viel wie möglich, die Ausfahrt zu erreichen. Er wußte nicht, zu welcher Stunde die Schmuggler heut bestellt waren, und konnte darum einer Begegnung mit dem Waldkönige recht gut gewärtig sein.

    Nur einem Manne von seiner riesenhaften Stärke war es möglich, sich in dem Schachte emporzuziehen, und als er später nach sorgfältiger Entfernung aller Spuren die Scheune verließ, athmete er auf wie nach einer Anstrengung, die auch die kleinste seiner Fasern in Anspruch genommen hatte.

    Bei den Eltern fand er Martha, die ihm beinahe verlegen die Hand reichte. Es war ja das erste Mal, daß sie mit ihm in Gegenwart der Seinen zusammentraf.

    »Wo bist' schon wieder gewes'n, Frieder?« forschte der Vater. »Ich hab' mich gefreut, daß Du aus der Fremd' gekommen bist, und geglaubt, Dich immer bei mir zu hab'n; jetzt aber ist's ganz anders. Du bist fast gar nie daheim, sondern gehst Deine Weg', und wir bleib'n zurück und mög'n sehn, wie wir mit unsrer Sorg' fortkommen!«


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    »Laß' gut sein, Vater! Das Herumstreich'n hat ein End'. Meine Aufgab' ist gelöst, und Ihr sollt mich nun von jetzt an wieder ganz bei Euch hab'n.«

    »Ist's wahr? Deine Aufgab' ist erfüllt, und Du gehst net wieder in den Wald?«

    »Ja. Nur ein einzig Mal noch muß ich hinaus, um die Schling' zusammenzuzieh'n, die ich bisher gelegt hab'. Dann ists genug.«

    »Hast' ihn schon d'rin, Frieder? Kann er auch net wieder heraus?«

    »Nein; er steckt fest, so fest, daß ein Entrinnen unmöglich ist. und [Und] für mich ist net die geringst' Gefahr mehr vorhand'n.«

    »Darf ich's auch glaub'n? Wir sind vor Sorg' und Angst beinah' vergangen, seit wir wiss'n, daß Du des Nachts hinausgehst, um den Waldkönig zu fangen.«

    Martha hatte bisher dem Gespräch zugehört, ohne zu wiss'n, auf wen es sich bezog. Bei dem letztgenannten Namen aber fuhr sie erschrocken auf.

    »Den Waldkönig willst' fangen, Frieder?« frug sie erblassend.

    »Ja.«

    »O, thu' das net, Frieder! Er ist fürchterlich und wird sich grausam rächen.«

    »Recht hast' mit dem fürchterlich, Martha, doch seine Rach' fürcht' ich net. Der Stachel dazu ist ihm genommen.«

    »Wenn auch! Weißt', was in der Bibel steht? »Die Rache ist mein; ich will vergelt'n, spricht der Herr!« Ueberlaß ihn dem lieb'n Gott, den kann er net betör'n und überwind'n!«

    Da trat der alte Bachbauer zu ihr und tastete seine Hand auf ihre Schulter.

    »Marthe, Du sprichst, wie ein Weib reden muß, dem ein weich und zart' Gemüth gegeb'n ist, in das der Haß und die Feindschaft noch nimmer hinabgestieg'n sind. Aber blick um Dich her auf das Elend, das der König angerichtet hat, geh hinaus auf den Kirchhof, wo der Franz in der kalt'n Erd' gebettet liegt, schau her auf mein Angesicht, und Du wirst anders denk'n. Weg'n meiner hat sich noch nie ein Wurm gekrümmt, mein Herz ist mild und sanft; aber es hat eine Stell', die ist wie Erz und Stein; die hat der Waldkönig angegriff'n, und nun bleibt sie hart und starr, bis ich mit ihm quitt geworden bin. Der Frieder ist der Einzig', den ich hab', und seit ich weiß, daß er den Feind beschleicht, hab ich den Seelenkrampf, denn jeder Aug'nblick konnt' mir die Kund' bringen von seinem Untergang. Aber nun er so weit vorgeschritt'n ist, darf er nimmer wieder zurück; ich verbiet es ihm, und er will's auch selber net. Wir hab'n ein Recht auf den Waldkönig, und das soll uns Niemand nehmen!«

    »Gebt's dennoch auf, Bachbauer, gieb's auf, Frieder! Denn solch' ein Recht kommt net von Gott!« bat sie mit unverkennbarer Angst in Stimme und Miene.

    »Und dennoch kommt's von ihm! Du hast vorhin den Spruch gesagt, Martha, aber seine Bedeutung kennst' gar nimmer. Die Rach' kommt von Gott; er wird vergelt'n; aber er steigt net vom Himmel herab, um mit der Faust dreinzuschlag'n, sondern er gebietet es uns, die Straf' zu vollstreck'n. Ich hab seine Stimm' gehört seit langer Zeit, aber ihr net Gehorsam leist'n können. Soll ich ihr jetzt widerstreb'n, wo ich die Macht hab', Vergeltung auszuüb'n? Nein! Frieder, wirf mir den Waldkönig in diese beiden Händ', und ich will Dich segnen all mein Lebelang; keine Macht, kein Reichthum und keine Bitt' soll ihn befrei'n, und wie er kein Erbarmen gehabt hat mit uns, so soll auch ihm sein Recht werd'n, voll und unverkürzt, wie er's verdient!«

    »Ist er wirklich in Deine Hand gegeb'n, Frieder?« frug das Mädchen.

    »Ja, er kann mir net den geringst'n Widerstand leist'n, wenn ich ihn fass'n will.«            (Fortsetzung folgt.)


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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge

von

Karl May.

(Fortsetzung.)

    [»]Und kennst' auch seinen Namen?«

    »Auch den.«

    »Wer ist's, Frieder? O sag's, ich bitt' gar sehr!«

    »Das kann ich heut noch net, doch morg'n vielleicht sollst's erfahr'n.«

    »Aber gesehn hast' ihn! Wie sieht er aus?«

    »Stark und breit, im Gürtel Messer und Pistol', das Gesicht voller Bart und die Larv' obendrauf; er ist gar furchtbar anzuschaun.«

    »Was hat er für Haar?«

    »Es ist dunkel und geht bis auf die Achsel hernieder.«

    Sie stieß einen Schrei aus, schlug die Hände vor das Gesicht und sank auf ihrem Sessel zusammen. Die Bäuerin eilte erschrocken herbei, und auch Frieder erfaßte bestürzt ihre Hände, um sie von dem Gesichte zu entfernen.

    »Um Gotteswill'n, was gibt's, was hast', Marthe?«

    Sie ließ die Arme sinken und legte den Kopf schwer auf die Lehne des Stuhles. Ihr Busen ging hoch, ihre Lippen zuckten, und aus den halb geschlossenen Wimpern rollten zwei große, schwere Tropfen über die todesbleichen Wangen herab.

    »Frieder!« klang es müde zwischen den Lippen hervor.

    »Martha, sei stark; mach' Dein Herz frei, und sag', was Dir fehlt. Du wirst gern Trost und Hülf' von uns erhalt'n!«

    »Ich hab' keinen Vater mehr!«

    »Wie meinst' das? Was weißt' von ihm?«

    »Alles, Alles weiß ich! Oh, meine liebe, gute Mutter, das wirst' nimmer überwind'n, das kannst net verschmerz'n, daran wirst' untergehen und sterb'n, Du und auch ich!«

    Der Gedanke an die Mutter gab dem erstarrenden Pulse neues Leben; sie brach in ein herzerschütterndes Schluchzen aus. Die Bäuerin ließ sich an ihrer Seite nieder und zog das konvulsivisch bebende Köpfchen liebevoll an sich.

    »Wein' net, Marthe, sondern erzähl' uns Dein Leid. Du sollst nie und nimmer von uns verlassen sein!«

    »O nein, ich kann's net erzähl'n! Ihr würdet mich hass'n und mich von Euch jag'n, und das, ja, das wär mir noch schlimmer als das Andre!«

    »Dich hass'n und Dich fortjag'n, Marthe? Was denkst von uns! Frag den Mann und frag den Frieder, ob die an so 'was denk'n!«

    »Hier nimm die Hand,« meinte mit gütiger Stimme der Bauer, »ich reich sie Dir hin als Stütz' und Hülf' in jeder Noth. Nur mußt' sie sag'n, damit ich weiß, wie ich Dir beispringen kann!«

    »Und hier ist auch meine Hand, Martha,« fügte Frieder hinzu. »Ich hab' sie noch nie den Unwürd'gen gereicht, und Du kannst Dich in aller Noth auf sie verlass'n. Drum sag', warum hast' keinen Vater mehr?«

    »Du weißt's ja auch!«

    »Ich weiß net, ob Du das Richt'ge meinst.«

    »Es ist das Richt'ge, Frieder, und – ja, ich will's sag'n; es muß doch einmal heraus, und je eher, desto besser ist's! Wißt Ihr, Bachbauer, wer der Waldkönig ist?«

    »Nein, der Frieder hat mir's bisher net sag'n woll'n.«

    »Er hat's verschwieg'n blos um meinetwill'n. Mein Vater ist's!«

    »Dein – Vater ist's? Der Feldbauer!«

    Der Blinde ließ ihre Hand, die er in den seinen hielt, fallen und trat einige Schritte zurück. Ueber sein entstelltes Angesicht zuckte es wie eine plötzliche Erkenntniß; seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen, seine Zähne bissen sich fest auf einander; sein Fuß erhob sich, und seine Ellbogen warfen sich empor, als wolle er sich auf Den stürzen, von dessen Geheimniß so plötzlich der Schleier gerissen war.

    »Ja, mein Vater, der Feldbauer! Net wahr, nun bin ich Euch verhaßt und verachtet und muß geh'n?«

    »Der – der – der also!« knirschte es zwischen den Lippen des Gefragten hervor. »Ich hab' mirs so oft gedacht und konnt' mir den Waldkönig gar net anders denk'n als in seiner Gestalt. Also hat er mir den Sohn gemordet, er hat mir das Aug' geraubt,


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er ist der Satan gewes'n für das ganz' Gebirg und hat Verderb'n gebracht über so viel ehrliche Leut', die sich net von ihm verlocken ließ'n! Frieder, ist's wahr! Ist's kein Andrer?«

    »Er ist's, Vater!«

    »So sei er verflucht, taus'ndmal, millionenmal! Die Erd' kann ihn net länger trag'n, und der Himmel mag ihn nimmer hab'n; hinunter in die Höll' mit ihm! Frieder, komm' reich' mir die Hand! Ich muß hinaus zum Feldhof, hinaus zu ihm, ich muß ihn zermalmen, zerdrück'n, fort, fort, ich halt's hier nimmer aus!«

    Er streckte die Hand aus nach dem Sohne; sie wurde von einer anderen, kleineren erfaßt.

    »Bachbauer!«

    Die Arme Martha's umklammerten ihn, als könne sie dadurch das drohende Unheil von ihrem Heim abwenden.

    »Was soll's? Will'st ihn vielleicht errett'n? Hab ich net vorhin gesagt, daß keine Macht, kein Reichthum und keine Bitt' ihm helf'n soll? Er ist mein erster und mein letzter Gedank' bei Tag und Nacht; er hat mir mehr geraubt, als ihr wißt und versteht: meine Seel', mein Gemüth, meine Ruh', meinen Fried'n, mein Glück, meinen Hof, meine Welt mit Allem, was darinnen ist, und auch Euch selber. Es ist finster um mich und in mir; ich kann nix seh'n mit dem Aug' des Leibes und kann nix seh'n mit dem Aug' des Geistes. Was ich gekannt, ich hab's vergess'n und verlor'n, und kein einzig Bild ist mir von Euch geblieb'n. Sagt, giebt's größern Raum auf der Erd'? Giebt's eine Straf', die groß genug ist dafür?«

    Da trat die Bäuerin zu ihm und nahm ihn bei der Hand. Sie kannte die Macht, die ihre Stimme über ihn hatte.

    »Komm, Vater, setz' Dich nieder! Der erst' Gedank' ist net immer der best'. Laß den Frieder erzähl'n und die Martha, dann woll'n wir seh'n, was Du thust!«

    »Ja, erzähl', Frieder; heraus damit; ich brenn' vor Begierd', zu wiss'n, wie Du hinter seine Schlich' gekommen bist!«

    »Das werd' ich thun; doch muß ich erst erfahr'n, wie Martha ihn erkannt hat. Magst's sag'n, Martha?«

    »Es muß ja sein! Der Vater sagt' heut, daß er gleich nach dem Nachttisch schlaf'n geh, und ich nahm mir daher vor, Euch zu besuch'n. Ich wollt' durch den Gart'n, weil da mein Gang vom Gesind' net bemerkt werd'n kann. Ich ging daher ganz leis' über den Hof und an der Brunnenstub' vorüber. Es war Licht darin. Ich blickte hinein, und wen sah ich? Den Vater. Er glaubt' uns all' noch drin beim Ess'n und hielt sich darum sicher vor Verrath. Er hatt' die hohen Stiefel an und einen Gürtel um den Leib, in dem es von Waff'n blitzte. Grad als ich an das Fenster trat, nahm er eine lange Perück' auf den Kopf und hing einen Bart um das Kinn. Dann band er die Larv' vor das Gesicht und stieg in den Brunnen. Das ist's, was ich bemerkt hab; es war genug für mich. Ich bin dabeigestand'n, als hätt' mich der Blitz geschlag'n; die Bein' sind mir gewes'n wie Blei, das Herz wie Stein und der Kopf wie Eisen, und als ich dann gegangen bin, so hab' ich gewankt wie ein Trunkener, dem die Glieder net gehorchen mög'n.«

    »Du armes Wurm,« meinte mitleidsvoll die brave Bäurin; »drum warst' so bleich und müd', als Du herbeikamst!«

    »Der Mensch ist net den kleinen Finger seines Kindes werth!« stimmte der Blinde bei, dessen Blut schon in weniger hohen Wogen ging. »So hat er sein Versteck im Brunnen?«

    »Im Stoll'n, in den der Brunnen geht, Vater,« berichtigte Frieder. »Weißt, der Stoll'n beginnt unt'n an der Zech', führt unter dem Feldhof vorbei und mündet im Wald. Der Feldbauer bringt die Güter aus der Stadt, läßt sie in den Schacht hinab und fährt sie auf dem Hund bis unter den Wald, wo die Niederlag' ist. Die Pascher sind neunzehn Mann; sie steig'n da, wo der Gang net weit von der Mündung eingestürzt ist, hinab, empfangen die Waar' und trag'n sie über die Grenz. Sie kennen blos den untern Theil des Stollens, und dort sind auch die Stuf'n, die Du hinabgestiegen bist.«

    »Warst' denn darin?«

    »Ja; da die Martha den Waldkönig kennt, kann ich nun All's erzähl'n!«

    Er begann seinen Bericht, den er in größter Ausführlichkeit erstattete. Mehr als einmal ergriff die Mutter oder auch Martha seine Hand, wenn seine Erzählung eine Gefahr berührte, in welcher er sich befunden hatte. Das Mädchen vergaß den Vater und ihr eigenes Unglück und dachte nur an das fürchterliche Wagniß, welches dem unerschrockenen Jüngling mehr als die Freiheit und [das] Leben hätte kosten können. Die Bäuerin hatte ganz die gleichen Empfindungen, und der Bauer saß da, scheinbar kalt und ruhig, während er doch jedes Wort des Erzählers verschlang und ein über das andre Mal tief aufathmete vor Erwartung des Kommenden oder


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vor Stolz, einen Sohn zu besitzen, welche [welcher] der alten Tradition des Bachhofes solche Ehre machte.

    Als dieser geendet hatte, herrschte eine ganze Weile tiefes Schweigen in der Stube. Der Vater war der Erste, welcher es brach.

    »'Hast Recht gehabt, Frieder! Die Schling' ist gelegt; er kann uns net entgeh'n. Nur noch einmal mußt' hinaus und ich geh' mit, es ist keine Gefahr dabei, und bei dem Fang muß ich zugeg'n sein. Kann ich auch nix sehen, so kann ichs doch hör'n, wie er sich krümmt und windet, und dann will ich vor ihn hintret'n und ihm den letzt'n Stoß versetz'n, der ihn gefangen gibt. Gleich morg'n früh machst' die Anzeig' beim Feldwebel; der mag's dem Offizier bericht'n, und dann kann der Tanz beginnen.«

    »Gnade!« flehte Martha. »Habt Erbarmen mit mir und der Mutter. Wenn Ihr ihn fangt, wird sie die Schand' net überleb'n! Ich will Euch dankbar sein, solang ich leb'; ich will zu Euch ziehn und Eure Magd werd'n, die Geringst' in Eurem Dienst, will Euch Alles am Aug' absehn und Euch auf den Händen trag'n, so gut ich kann und vermag!«

    »Gnade? Hat er Gnad' mit mir gehabt oder Erbarmen? Die geg'n ihn wär ein Verbrech'n, das uns an seiner Schuld theilnehmen ließ. Was geht Dich und die Mutter der Waldkönig an! Dem Feldbauer will ich um Deinetwill'n und Ihretweg'n all' den Haß vergeb'n, den er auf mich geworf'n hat; aber der Waldkönig ist Euch fremd, und seine Sünd' steigt hoch zum Himmel empor, sie schreit um Vergeltung wie das Blut Abels und kann nimmer gesühnt und vergeben werden. Das ganze Dorf weiß, wie ihr mit dem Feldbauer steht. Von seinem Thun wird net der geringst' Vorwurf auf Euch kommen, und alle Thor' und Thür'n sind Euch geöffnet, wo Ihr anklopft. Wollt Ihr noch länger hinsiech'n und hinkriech'n unter dem Unglück, das er Euch bereitet? Werft es ab, das ist eure Pflicht und Schuldigkeit, und ihr werdet mirs noch Dank wiss'n, daß ich ihn zertreten hab'!«

    Er erhob sich und ging in die Nebenstube. Der Goliath kannte sich und wußte ganz genau, daß er längeren Bitten unmöglich widerstehen konnte.

    Martha weinte. Sie hatte viel gelitten, heut aber war der bitterste Tag ihres Lebens.

    »Sei still,« tröstete die Mutter; »bis morg'n ist noch lang' Zeit, und ich kenn' den Mann, der gar bärbeißig thut und vor der Bitt' den Reißaus nimmt, weil er sie net versag'n kann. Der Frieder wird schon helf'n!«

    »Soll ich, Martha?«

    »Oh, thu's, Frieder, thu's. Auf Dich muß ich die einzige Hoffnung setz'n, die mir noch möglich ist. Wirst' sie erhör'n?«

    »Dir thu' ich All's zu lieb, was ich vermag. Ich werd' mit dem Vater sprech'n, und vielleicht läßt sich ein Ausweg find'n, der das Land vom Waldkönig befreit, auch ohn' daß der Feldbauer dabei zur Sprach' kommen muß.«

    »Mach's möglich, Frieder, und ich will Dir's dank'n, solang ich leb' und Athem hab'!«

    Sie schickte sich an, den Heimweg anzutreten.

    »Darf ich mitgeh'n, Martha?«

    »Ja.«

    Als sie die Stube verlassen hatten, trat der Bauer wieder herein.

    »Warum gingst' fort, Vater?«

    »Weil mir's die Marth' angethan hat und ich ihr nix abschlag'n kann. Sie hat so einen Schick und so eine Stimm', daß man thun muß, was sie bittet. Ich glaub' gar, sie könnt' mich herum bringen, den Waldkönig lauf'n zu lass'n!«

    »Und das magst' wohl net?«

    »Auf keinen Fall!«

    »Dann strafst' net ihn allein, sondern auch die Seinen, und zwar viel schlimmer noch als ihn. Er geht ins Zuchthaus, da thut ihm Niemand 'was zu Leid; sie aber müss'n jede Stund' von der Schand' hör'n, die auf ihnen lastet.«

    »Das woll'n wir abwart'n, Frau! Ich nehm' sie in den Schutz, und wer sie nur mit dem kleinst'n Laut, mit dem stillst'n Blick beleidigt, der hat's mit mir zu thun. Sie Beid' sind Goldes werth, und ich bin neugierig, ob der Frieder net das Aug' aufthut. Ein Madel wie die Marth' giebt's nimmer wieder!«

    Die Beiden, von denen hier die Rede war, gingen schweigend dem Feldhofe zu. An der Stelle, wo sie schon einmal gestanden hatten, hielt Martha die Schritte an.

    »Gut' Nacht, Frieder!«

    »Warum so schnell, Martha?«

    »Hast net gehört, was Dein Vater sagt'?« [sagt'?] »Er sei verflucht, taus'ndmal, millionenmal![«] Das ruht nun auch auf mir. Das


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Mörderkind darf net bei rechtschaff'nen Leut'n stehn. Geh fort von mir, Frieder, und auch ich will geh'n, so weit meine Füß' mich trag'n!«

    »Zürn' dem Vater net! Er ist gar arg verletzt; aber sein Zorn dauert net ewig, und der Fluch kam nur aus zorn'gem Herz'n. Die Mutter versteht's gar gut, ihn langsam weich zu stimmen, und ich wett', sie ist schon jetzt dabei. Ein Mörderkind bist' net, das darfst' mir glauben! Der Feldbauer ist Dir fremder als der fremdest' Mensch, und Du hast net den geringst'n Theil an ihm!«

    »Er ist der Mann meiner Mutter, das mußt' bedenk'n, Frieder. Und wenn das Gericht kommt und ihn fortnimmt, so stirbt sie, und ich, ich sterb mit ihr.«

    Ihre Worte klangen nach jenem stillen, einwärts gekehrten Weinen, welches tieferen Eindruck macht als laut hinausgeschluchzter Schmerz.

    »Das wär' das Fürchterlichst', das mir begegnen könnt'! Dein Leb'n ist mir werther als das mein'ge, und für Dein Glück wollt' ich gern das Schwerst' erleid'n!«


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    Er hatte ihre Hände gefaßt, und sie hörte an dem leisen Beben seiner Stimme, daß seine Worte keine Unwahrheit enthielten.

    »Sprich nimmer so. Ich darf Dir doch net werth sein, Frieder!«

    »Wer kann's verbiet'n, wenn Du's sein willst? Kein König und kein Kaiser!«

    »Du selber!«

    »Ich? Wär' jeder Stein im Gebirg' eine That, die auf dem Gewiss'n des Waldkönigs liegt, und jeder Baum im Wald das Zeich'n eines Verbrechens, das er begangen hat, so käm' mir dennoch kein solch' Verbot in den Sinn. Und wenn alle Welt auf Dich zeigt' und Niemand nix von Dir wiss'n möcht' um seinetwill'n, ich würd' Dich ehr'n mehr als mich selber und Dich vertheid'gen geg'n jede Silb', die wider Dich erklingt.«

    »Ist's möglich, Frieder?« hauchte sie.

    »Willst's glaub'n?«

    »O, wenn ich dürft'!«

    »Du darfst!« Er legte ihr die Hände auf das volle, weiche


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Haar und zog ihr Köpfchen herzinnig an die Brust. »Martha, ich hab' Dich lieb, so lieb, wie ich Dir's nimmermehr net sag'n kann. Als ich Dich sah, hab' ich von Anbeginn gewußt, daß meine Seel' zu Dir gehört all'zeit und immerdar; Du bist das Köstlichst', was ich kenn', das Herrlichst', was ich mir erwünsch', und all' mein Leben lang möcht ich nix thun, als nur Dir zeig'n, wie heilig und wie theuer Du mir bist. Bitt', sag es, willst' mein eig'n sein, Martha?«

    Die Worte erklangen in jenem unwiderstehlichen Tone, dessen die menschliche Stimme nur einmal im Leben fähig ist. Martha hatte kein Wort der Erwiderung, aber sie konnte nicht anders, sie mußte ihre Arme um seinen Hals legen und ihren Kopf fest, fest an die starke Brust lehnen, in der so reiche Liebe wohnte. Er bog sich herab und blickte ihr in das große, klare Auge.

    »Net so still, Martha. Sag' nur ein Wort, ein einziges Wort! Bist mir gut?«

    »Ja.«

    Er vernahm das Wörtchen kaum, aber es erfüllte ihn mit unendlicher Seligkeit.

    »So sollst' hier an meinem Herz'n sein, solang es klopft und


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schlägt, und den Strahl empfind'n, der das Leid in Freud' und Seligkeit verkehrt!«

    Sie standen noch lange still und wortlos bei einander, Hand in Hand und Blick in Blick getaucht, und als sie endlich schieden, schien es, als ob sie sich kaum von einander zu trennen vermöchten.

    »Schlaf wohl, Martha, und glaub, es wird All's noch gut!«

    »Schlaf wohl, Frieder, ich vertrau' auf Dich und Gott, der helf'n wird!«

    Der Jüngling fand seine Eltern noch wach. Sie wußten, daß sie nur spät die Ruhe finden würden, und hatten auf ihn gewartet.

    »'Bist gar lang, Frieder,« meinte die Mutter. »Die Martha wollt' Dich wohl gleich ganz behalt'n?«

    »Ja, Mutter, sie mich und ich sie. Wir geb'n einander nimmer wieder her.«

    »Was sagst', Bub?« frug der Vater, »Ist's wahr?«

    »Ja. Die Martha wird meine Frau trotz Feldbauer und Waldkönig. Ist's Euch recht?«

    »Von ganz'm Herz'n!« riefen Beide, indem sie seine Hand ergriffen, und der Bauer fügte hinzu: »Eine größ're Freud' konnt'st


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uns gar nie bereit'n! Und der Feldbauer – – ja, was wird denn nun mit dem? Darf ich den eig'nen Schwäher ins Gefangniß liefern?«

    »Vater, was er uns gethan, das kann vergeben werd'n; aber wir sind net die Einz'gen, und wenn er frei geht, droht noch viel Gefahr. Mich dünkt's fast ein Verbrech'n, wenn wir ihn laufen lass'n, und doch kann ich der Martha kein solch' Herzeleid anthun und ihrer Mutter auch. Ich geh' hinaus zu ihm und red' ihm ins Gewiss'n. Will er sich bekehr'n, so ist's gut, will er aber net, so ist's die Schuldigkeit, die Landplag' auszurott'n.«

    »Das klingt mir aus der Seel', Frieder! Ich will ertrag'n, was net mehr zu ändern ist, und ihm seine Schuld net anrechnen, und wenn er besser wird, so kann Dich Niemand zwingen, den Schwiegervater anzuzeig'n. Geht er aber net in sich, so bist's Gott schuldig und der ganz'n Welt, ihn unschädlich zu mach'n. Aber net Du sollst zu ihm, sondern ich selber geh. Geb' ich die Rach' auf, nach der ich mich gesehnt, so lang als ich im Finstern wandle, so will ich's wenigstens sein, der ihm das Entweder – Oder nach dem Feldhof bringt.«

    »Du, Vater? Das geht ja net!« meinte Frieder, und auch die Bäurin erhob lauten Widerspruch; er aber schnitt ihre Einreden dadurch ab, daß er sich erhob.

    »Gut, gut, ich weiß All's, was Ihr sag'n wollt, aber ich weich' net ab von meiner Forderung. Ich bin noch immer der Goliath, wißt Ihr's, und hab' keinen Grund, mich vor dem Waldkönig zu fürcht'n, wenn er off'n vor mir steht. Ich geh hinaus; dabei bleibt's, und nun gut' Nacht!« – – –

––––––––

VI.

Im Schachte.

    Am andern Morgen lief eine Nachricht durch das Dorf, welche selbst die Unbetheiligten in nicht geringe Aufregung versetzte. Der Buschwebel wurde vermißt. Der Lieutenant war schon am frühen Morgen in dienstlicher Angelegenheit in Finsterwalde gewesen und nach dem Feldhof gegangen, um seinen Untergebenen aufzusuchen. Dort hatte er in Erfahrung gebracht, daß dieser gestern gegen Abend in den Wald gegangen und bis jetzt noch nicht wieder zurückgekehrt sei. Eine Befragung der Soldaten hatte ergeben, daß er während der Nacht keinen der ausgestellten Posten inspizirt habe, und es ließ sich also vermuthen, daß ihm schon am frühen Abend ein Unglück zugestoßen sei. Aus diesem Grunde wurden alle verfügbaren Personen in den Wald beordert, um denselben nach dem Vermißten abzusuchen, und gegen Mittag schon brachte Einer von ihnen die Dienstmütze des Webels.

    Sie hatte an der verschütteten Mündung des Stollens gelegen und trug die deutlichen Spuren eines kraftvollen Hiebes, der auf den Kopf ihres Trägers geführt worden war. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr; der Feldwebel war in die Hände des Waldkönigs gerathen und entweder bereits todt oder wurde an irgend einem verborgenen Orte in Gefangenschaft gehalten.

    Der Offizier zog darum auch die in der Umgebung stehende Mannschaft herbei, um Nichts unversucht zu lassen, der Person oder Leiche des Verlorenen wieder habhaft zu werden; das sämmtliche Forst- und Grenzpersonal wurde in Allarm versetzt und selbst eine Menge Civilisten requirirt, um ja nicht aus Mangel an Kräften eine Spur unentdeckt zu lassen.

    Die Nachbarn standen vor dem Dorfe auf der Gemeindewiese und theilten sich ihre Vermuthungen mit, als ein neues Ereigniß ihre Aufmerksamkeit erregte. Die Pforte des Bachhofes öffnete sich und der Bauer trat heraus. Er trug die Sonntagsjacke und wurde von dem Jungknechte geführt, welcher den Weg nach dem Feldhofe einschlug.

    »Der Bachbauer geht nach dem Feldhof. Der jüngst' Tag ist vor der Thür; schlagt drei Kreuz' und werft die Händ' über dem Kopf zusammen!« meinte Einer.

    »Wart's erst ab, ob er auch wirklich hinein geht, er kann ja auch vorüber woll'n!« antwortete ein Anderer.

    »Siehst's denn net, daß er grad nach dem Thor einbiegt! Jetzt tritt er hinein. Was mag er beim Feldbauer woll'n?«

    »Das wirst' schon noch erfahr'n, denn wenn die Beid'n zusammenkommen, so schallt's im ganz'n Dorf zurück!« –

    »Ist wer im Hof?« frug Frieders Vater, als er das Thor hinter sich hatte, seinen Führer.

    »Ja, ein paar Knecht' und Mägd', die uns ganz verwundert anschaun. Und dort kommt grad auch die Tochter unter die Thür.«

    »Gieb ihr den Wink und führ' mich hin!«

    Martha erbleichte vor Schreck, als sie ihn erblickte, doch wartete sie, bis er vor ihr stand.            (Fortsetzung folgt.)



Einführung "Der Waldkönig"


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