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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge

von

Karl May.

(Fortsetzung.)

    [»]Grüß Gott, Martha! Ist der Bauer daheim?«

    »Ja, er hält den Mittagsschlaf.«

    »So weck' ihn und führ' mich einstweil'n in die Stub'! Bleibt hier im Hof,« wandte er sich dann an den Knecht, »bis ich Dein nachher wieder bedarf!«

    Sie nahm ihn bei der Hand und leitete ihn in die Stube, wo sich auch die Bäurin befand, die ebenso erschrak, wie vorher die Tochter.

    »Ihr wollt zum Bauer?« frug sie erstaunt nach gewechseltem Gruße.

    »Ja, zu ihm. Ein gar selt'ner Besuch, net wahr?«

    »So selten, daß ich beinah' Angst bekomm'.«

    »Vor mir oder vor ihm?«

    »Vor Euch net, Bachbauer. Wer brav und recht handelt, braucht sich net vor Euch zu fürcht'n.«

    »Das will ich meinen! Und grad darum werft Eure Angst hinaus, denn Niemand hat so wenig Grund dazu wie Ihr. Ich komm' in einer Sach', die gar gut und löblich ist, und wenn's so geht, wie ich denk, so bring' ich Fried' und Freundlichkeit.«

    Martha war unterdessen gegangen, um den Vater zu wecken. Sie kehrte zurück, um sein Erscheinen anzukündigen, und hatte noch nicht ausgesprochen, so stand er bereits hinter ihr.


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    »Oho, wer ist denn das? Der Goliath, der net lernen will, rechtschaff'nen Leut'n aus dem Weg zu gehn. Jetzt kommt er gar noch auf den Feldhof und verpestirt mir die frische Luft. Mach Dich von hinnen, sonst gebrauch' ich mein Hausrecht und setz Dich hinaus!«

    »Das wirst' net thun. Ich bin heut' eine heil'ge Person, die selbst der ärgst' Feind net anzutast'n wagt.«

    »So! Bist etwa als heil'ge Blindkuh in den Kalender gesetzt word'n?«

    »Den Spott vergeb ich dir. Du denkst, Du hast ihn billig, aber glaub' mir, er ist eine gar teure Waar'! Ich komm', mit Dir zu red'n, mit Dir ganz allein. Hast' keine Stub' für Dich?«

    »Für mich? Der ganz' Hof ist ja mein, also brauchst' um die Stub' net bang zu sein. Doch darfst' net denk'n, daß ich mir von Dir die Vorschrift geben lass'. Deine Heiligkeit ist net weit her, das weiß ich ganz genau, und was Du mir zu sag'n hast, kann jeder Andre hör'n.«

    »Es ist nur für Dich allein, und Dein eig'nes Interess' erheischt, daß es Niemand hör'.«

    »Mach' keine Fabelei! Entweder sprichst oder gehst, das ist mein Bescheid. Ich wüßt' net, was Du dem Feldbauer für Heimlichkeit zu sag'n hätt'st. Bleibt da!« gebot er den Frauen, welche Miene machten, sich zurückzuziehen. »Nun heraus damit und so kurz wie möglich! Was bist' für eine heil'ge Personnag' geword'n?«

    »Ich bin als Freiersmann auf den Feldhof gesandt – – –«

    »Als Freiersmann? Ein blinder Brautwerber; das müßt' einen schönen Eh'stand geb'n. Willst etwa die Düngermagd für Deinen Student'n hab'n? Nimm sie hin und schau, daß ich Dich nun los werd'!«

    »Halb hast' recht gerath'n: Der Frieder ist's, der mich schickt, doch net um die Magd, obgleich das keine Schand' sein würd, wenn sie brav ist und ihre Sach' versteht.«

    »So wüßt' ich weiter net, wen Du begehrst. Ich brenn' vor Neugierd'; sag' rasch, wem solch' ein Glück bescheert werd'n soll!«

    Er setzte sich mit einer Miene auf den Stuhl, als erwarte er eine vergnügte Unterhaltung. Martha war bleich geworden, und die Bäuerin zitterte beinahe vor Sorge um das Kommende. Der Bachbauer war der Einzige, der seinen Gleichmuth bewahrte.

    »Feldbauer, es ist Feindschaft zwisch'n uns gewes'n seit langer, langer Zeit; Du weißt wohl, warum. Ich hab' sie net begonnen und brauch' sie also auch net zu end'n, doch die Unversöhnlichkeit bringt nix als Unheil, und darum bin ich 'kommen, um Dir die Hand zum Frieden darzureich'n.«

    »So, also das willst'? Meinst', ich bin ein Bettelbub', dem man den Pfennig hinwirft, der nix gilt? Ich brauch' Deine Hand net und Deinen Fried'n net; ich hab' Hand genug, und den Fried'n schaff' ich mir schon selber, zum Beispiel wenn Du ihn mir jetzt störst. Der, den Du bringst, ist Bachgutfried'n, der paßt net auf den Feldhof. Und bezahl'n soll ich ihn doch auch, net wahr? Was willst dafür?«

    »Den – den Buschwebel!«

    Der Spott seines Gegners hatte die mühsam festgehaltene Ruhe des Bachbauern erschüttert. Seine Antwort enthielt den ersten Pfeil, den er versendete.

    »Den Buschwebel? Bist' verrückt?«

    »Nein. Ruf den Lieutenant her, so will ich ihm sag'n, wo der Webel steckt und wer ihn herausgeb'n kann! Merk' Dir Eins, Feldbauer: ich komm, um in Ruh' mit Dir zu red'n; zeigst Du Vernunft, so bleib ich das Kind, mit dem sich gut sprech'n läßt, bist' aber widerhaarig, so bin ich der Goliath, der Keinen fürchtet, obgleich er blind ist, selbst den Waldkönig net, der den Bachgutfried'n net gebrauch'n kann!«

    Der Feldbauer war erbleicht, doch faßte er sich schnell und stand vom Stuhle auf.

    »Bachbauer,« donnerte er, »wahr' Deine Zung', sonst schlag' ich den Goliath nieder, so lang und groß er ist!«

    »Das thust' net, Feldbauer, denn auf die Faust kannst' Dich net verlass'n; das hast' ja wohl gemerkt. Steck lieber die Perück' auf und den Bart, bind' die Larv' vor und schieß mir das Pulver in die Aug'n, das bringst' besser zu Weg', grad so gut, hörst', grad so gut wie der Waldkönig da unt'n im Stoll'n!«

    Auch er hatte sich erhoben; der Haß hatte wieder die Oberhand über ihn gewonnen; er blitzte aus jedem seiner Züge, er grollte aus seinem Tone, er streckte und reckte sich in jeder seiner Muskeln. Der Feldbauer hatte Miene gemacht, sich auf ihn zu stürzen, sank aber unter der Wucht der gegen ihn geschleuderten Anklage in den Stuhl zurück. Der Bachbauer hörte diesen krachen.

    »So ist's recht! Setz Dich nieder und hör' mich ruhig an; dann magst' thun, was Dir beliebt!« Auch er nahm wieder Platz. »Du kennst den Frieder. Er ist ein Bursch', dem's Keiner in keinem Stück gleichthut. Das ist die Summ' von ihm, im Einzeln brauch ich weiter nix zu sag'n. Er hat die Martha lieb, und – – –«


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    »Die Martha?« brauste der Andre auf, doch beherrschte er sich wieder. »Sprich weiter, Bachbauer, dann kommt auch die Summ' von mir!«

    »Also, er hat die Martha lieb und sie ihn auch. Sie ist ein Madel, fünfzig Feldhöf' werth, so daß ich geg'n seine Wahl net das Mindest' einzuwend'n hab'. Du bist nun zwar weder der Vater noch der Vormund und hast net über sie zu bestimmen, aber weil ich Versöhnung will, komm ich dennoch zu Dir, um Dir die Sach' vorzutrag'n. Gieb Dein Wort dazu, und es soll All's vernichtet sein, was zwisch'n uns so wild und wirr emporgewachs'n ist!«

    »Bist' fertig?«

    »Ja.«

    »So kommt jetzt mein Bescheid; der lautet: Fort, hinaus!«

    »Ich mein' – – –«

    »Nix hast' zu meinen! Hinaus!«

    »Bleib ruhig, Feld – – –«

    »Hinaus! Gehst' oder net!«

    Er war aufgefahren und auf den Bachbauer zugetreten. Jetzt faßte er ihn am Arme.

    »Vater!« rief Martha voll Angst und eilte herbei. Auch die Mutter wagte sich in die Nähe und hob flehend ihre Hände empor.

    »Habt keine Sorg' um mich!« mahnte jetzt in finstrer Ruhe der Blinde. »Bleibt still an Eurem Platz!«

    »Ja, macht Euch fort, sonst fliegt auch Ihr hinaus! Also vorwärts, Gesell', sonst mach' ich Dir Bein'!«

    »Wagst' wirklich, den Goliath anzutast'n? Hinweg mit der Hand!«

    Als diesem Gebote nicht sofort Folge geleistet wurde, streckte er die Arme aus. Im Nu wurde der Gegner ergriffen, emporgehoben und mit solcher Wucht zu Boden geschmettert, daß er die Besinnung verlor.

    Die Frauen stießen einen Schreckensruf aus und warfen sich bei ihm nieder. Der Blinde stand stolz und hochaufgerichtet da und lächelte.

    »Er hat genug, net wahr?«

    »Mein Gott, Bachbauer, er ist todt!«

    »Nein, todt ist er net; ich kenn' meinen Griff. Sollt' er todt sein, so hätt' ich Etwas weiter ausgelangt. Doch sagt, Feldbäu'rin, ist Euch der Frieder recht?«

    »Er ist mir der Liebst' von Allen, die ich kenn'!«

    »So seid getrost; es wird Euch nix gescheh'n! Und sollt' Etwas kommen, wobei Ihr Hülf' von Nöth'n habt, so schickt hinaus zu uns; sie wird Euch gern gebracht!«

    Er schritt an dem Besinnungslosen vorüber dem Ausgange zu. Das noch zitternde Mädchen faßte seine Hand und geleitete ihn in den Hof, wo ihn der Knecht empfing.

    »Vergiß net, Martha, daß Dir der Bachhof off'n steht. Leb wohl!«

    Er ging. Wie gern hätte sie an seiner Seite den Feldhof verlassen und gleich in diesem Augenblicke den verheißenen Schutz in Anspruch genommen; aber sie mußte an der Seite der Mutter aushalten, die ihrer schwachen Hülfe und ihres Trostes bedurfte.

    Als sie wieder in die Stube trat, begann sich der Bauer zu regen. Er blickte einige Zeit wie abwesend um sich her, dann kam ihm das verlorene Bewußtsein wieder. Mit einem Sprunge war er auf die Füße.

    »Wo ist er, der Hallunk', der mich in meinem Haus geschlag'n hat? Ihr habt ihn fort gelass'n, Ihr habt ihm geholf'n, Ihr – – –«

    Er streckte schon die Arme aus, sich an der Frau und Tochter zu vergreifen, da zog ein Gedanke sie ihm wieder zurück.

    »Hierher, Martha, hierher kommst' und stehst' Red' und Antwort auf das, was ich Dich frag!«

    Sie folgte der Weisung und nahm allen ihren Muth zusammen.

    »Du steckst mit dem Bachfrieder unter einer Deck' und hast mit ihm charmirt?«

    Sie schlug die Augen zu Boden.

    »Gut, ich seh' schon, wie's steht. Bist wohl gar bei ihm im Bachhof gewes'n?«

    »Ja.«

    »Und hast gewußt, daß der Alt' heut kommen werd'?«

    »Nein.«

    »Ihr habt vom Waldkönig gesproch'n?«

    »Ja.«

    »Was weißt' von ihm?«

    Sollte sie verrathen, daß der Geliebte Alles wisse? Nein, es konnte sein Untergang sein.

    »Ich hab' ihn geseh'n.«

    »Du? Wo?«

    »In der Brunnenstub'.«


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    Sie sah ihm fest in die Augen. Er konnte seinen Schreck nicht verbergen und fuhr einen Schritt zurück.

    »Wer ist's?«

    »Du selber!«

    Da, wo die Mutter stand, erscholl ein Seufzer. Das Entsetzen hatte ihr sogar den Schrei versagt. Sie lag an der Erde.

    »O mein Gott, die Mutter stirbt!«

    Sie wollte hin zu ihr. Er hielt sie fest.

    »Laß sie lieg'n! Sie ist zäh' wie die Katz' und macht die Aug'n ganz von selber auf. Nun weiß ich auch, warum der Bachbauer von der Perück' und der Larv' geredet hat. Du hast ihm All's erzählt?«

    »Ja.«

    »Also steht's so! Du hast Dich an den Lump, den Frieder gehängt und Deinen eigenen Vater an ihn verrath'n. Ich sollt' Dich bei den Haar'n ergreif'n und – – aber nein, ich werd's net thun; Du und Deine Mutter, Ihr seid den Griff net werth. Geh hin zu ihr, und wenn sie erwacht, so kommst' mit ihr hinauf in meine Stub'!«

    Er ging voran. Droben angekommen, wanderte er mit langen erregten Schritten im Zimmer auf und ab.

    »Waldkönig, Dein Reich geht zu End', so schnell und plötzlich, wie Du's nimmer geglaubt hast! Noch ist's Zeit; noch wiss'n sie net All's, und ich werd' die Maßregeln so ergreif'n, daß ich All's noch rett', was ich erworb'n hab. Vom Stoll'n hat er gesproch'n, aber er kennt ihn net. Will er Anzeig' mach'n, so mag er's thun; ich bin zu End', noch eh' sie kommen. Und wie nun, wenn ich ihn hinhalt', bis ich fertig bin? Ja, das ist das Best'. Die Weiber müss'n hinab! da [Da] können sie net plaudern, und ich fahr' zum Schwäher, der mir den Hof abkauft Er hat ihn längst begehrt und kann ihn gleich bezahl'n, wenn ich mit ihm Abrechnung halt'. Morg'n bring ich ihn mit; wir versammeln die Leut', wozu ich den Zettel gleich nachher leg', er übernimmt das ganz' Geschäft und mag dann thun, was er will. Dann geh ich in die Welt und lach' der klugen Leut', die all' Finger nach mir streck'n und doch nix greif'n als die Luft.«

    Er begann sich umzuziehen.

    »Der Webel mag steck'n, bis ich zurückkehr'; vielleicht darf er gar nimmer wieder heraus. Und der Bachfrieder, ja, mit dem hab' ich noch eine Furch zu ackern, bei der ihm Hör'n und Seh'n vergehen soll. Was geht ihn der Waldkönig an? Was hat er nach ihm zu spionir'n? Ist er Soldat oder Jäger oder Grenzer? Er hat ein unberufen Amt übernommen, und ich werd' ihm dafür die Löhnung zahl'n bis zum letzt'n Heller. Ich weich' net eher aus dem Ort, bis er dasselb' Gesicht hat wie der Goliath; das bin ich mir und dem Nachfolger schuldig!«

    Jetzt brachte Martha die Mutter geführt. Beide blieben unter der Thür stehen und sprachen kein Wort.

    »Wir verreis'n. Macht Euch fertig und nehmt Speis' mit für einen Tag oder zwei. In einer Viertelstund' wird angespannt.«

    »Wohin, Vater?« frug Martha.

    »Das geht Euch nix an; das ist meine Sach'!«

    »Auf zwei Tag? Und wir all' Drei? Willst' den Hof so verwaist zurücklass'n?«

    »Halt' den Mund und thu', was ich befehl',« herrschte er sie an, »'hast die Supp' eingebrockt und kannst sie nun auch auslöffeln!«

    Sie gingen.

    »Was hat er vor, Mutter?«

    »Ich weiß net, aber nix Gut's, das ist sicher. Mir ist's auch gleich, mit mir ist's all', er mag thun, was er will!«

    »So darfst' net sprech'n Mutter! Weg'n ihm darf'st Dich net vergrämen und verjammern; er ist's net werth. Sei stark, thu' mir's zu Lieb'! Weißt' net, was der Bachbauer gesagt hat? Der Vater mag verreis'n, wohin er will; ich pack meine Sach' und geh zum Bachhof. Kommst' mit?«

    »Nein. Das gäb' einen Skandal, wie er net größer gedacht werden kann. Harr' aus bei mir, Marthe; vielleicht hilft Gott, daß All's noch gut wird!«

    »So will ich bei Dir bleiben; aber das thu' ich: ich schicke zum Frieder und laß' ihm sag'n, daß der Vater uns wegzwingt und net sagt, wohin. Darf ich?«

    »Ja, thu' es; doch laß' nix davon merk'n!«

    Martha ertheilte ihren Auftrag einem Tagelöhner, der nicht so leicht wie das Hausgesinde vermißt werden konnte. Der alte Mann konnte sich trotz ihrer Mahnung nicht sofort von seiner Arbeit trennen und machte sich dann nur langsam auf den Weg. Er traf Frieder im Hofe des Bachgutes beschäftigt.

    »Recht, daß ich Dich gleich find'. Die Marth' läßt Dir schnell


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sag'n, daß der Bauer sie mit der Mutter auf den Wag'n packt und fortschaff'n will.«

    »Wohin?«

    [»] Das hat er net gesagt. Sie müss'n Speis' für zwei Tag' mitnehmen.«

    »Und wenn [wann] geht's fort?«

    »Sogleich. Das Geschirr stand schon bereit, als ich ging.«

    »Jetzt sogleich, wo es bereits dunkelt?«

    Er eilte hinaus auf die Straße und schritt eine Strecke auf ihr hin, bis er den Feldhof erblicken konnte. Aus dem geöffneten Thore desselben rollte in diesem Augenblicke der Wagen mit dem Bauer vorn auf dem Bocke und den Frauen auf dem Innensitz. Der Erstere hatte sein Augenmerk auf die muthigen Pferde gerichtet, welche ihm zu schaffen machten, und hielt das Gesicht von dem Dorfe abgewandt. Frieder benutzte dies, trat hinter dem Straßenbaume, der ihn verbarg, hervor und winkte. Sein Zeichen wurde


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von Martha, welche ihr Taschentuch erhob, beantwortet. Er eilte zurück und gebot dem Knechte, schleunigst zu satteln, dann ging er zu den Eltern.

    »Soeb'n schleppt der Feldbauer die Martha mit ihrer Mutter fort. Sie wiss'n net, wohin, und hab'n zu mir gesandt. Ich muß seh'n, was er mit ihnen thut, und reit' ihm nach!«

    Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er auf sein Zimmer, warf sich in andere Kleider und lenkte schon nach wenigen Augenblicken zum Thore hinaus. Die Geliebte sollte ihm entrissen werden; er mußte ihr folgen und gab dem Braunen die Sporen. Im Galopp flog dieser die Straße dahin; der Wald war in kaum einer Minute erreicht, und hier, wo die Chaussee in schnurgerader Richtung allmählich bergan stieg, sah er trotz der hereinbrechenden Dunkelheit das Geschirr des Feldbauers in ziemlicher Ferne vor sich.

    »Er fahrt nach der Grenz'. Vielleicht schafft er sie zum Kauf-


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mann [Kaufmann] hinüber, mit dem er das Geschäft macht. Ich reit' nun langsam, denn er darf mich net bemerk'n.«

    Er ließ das Pferd im Schritt gehen, und erst als die Verfolgten jenseits der Höhe verschwunden waren, nahm er die Zügel zum scharfen Trab empor. Auf dem Höhenpunkte angekommen, wo rechts und links ein paar schlecht befahrene Holzwege in den Forst abzweigen und die Straße sich wieder abwärts senkte, vermochte er, so weit sein Auge die Dämmerung durchdringen konnte[,] den Wagen nicht mehr zu erkennen.

    »Er hat's eilig und ist scharf gefahr'n. Vorwärts; ich darf ihn net aus dem Aug' verlier'n!«

    Eine Viertelstunde verging; das nächste Dorf lag vor ihm, und noch hatte er die Erstrebten nicht erreicht. Bei der Chausseegeldereinnahme hielt er an.

    »Ist hier ein Wag'n vorüber, Fuchs und Schimmel angespannt?«

    »Nein.«


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    »Ganz gewiß?«

    »Ganz sicher. Ich bin seit einer Stund' net vom Fenster weggekommen.«

    Er zog den Braunen herum und jagte zurück.

    »Er hat eine Schelmerei vor und ist in einen von den beiden Waldweg'n eingelenkt!«

    Als er die Höhe wieder erreichte, stieg er ab, um die Wege zu untersuchen. Es war nun mittlerweile dunkel geworden; das Licht des Zündholzes reichte zu seinem Zwecke nicht aus; er trat zu einer knorrigen Kiefer, welche niedrig und verwachsen am Waldesrande stand, und fand glücklicher Weise an den Knospenstellen mehrerer Zweige einige von Insektenstichen erzeugte Harzkaspeln. Rasch war eine derselben in Brand gesetzt, und bei dem breitlodernden Lichte sah er deutlich die schmalen Spuren der Wagenräder, welche rechts von der Straße in den Forst hineinführten


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und von den älteren, tiefer und breitergehenden Geleisen der hier verkehrten Holzfuhrwerke zweifellos zu unterscheiden waren.

    »Was hat er hier gewollt? Der Weg geht auf der Höh' bis hin zur Zech', und kein andrer zweigt sich von ihm ab. Ich muß ihm folg'n, aber das Pferd wird mich verrath'n. Hier anbind'n und zurücklass'n darf ich's net. Ich reit' im Carrière nach Haus', geb's ab und spring den Berg hinauf zur Zech', das ist das Best', was ich zu thun vermag!«

    Er stieg wieder auf, um diesen Vorsatz auszuführen. Da war es ihm, als vernehme er den unbewachten Knall einer vorsichtig geführten Peitsche.

    »Was ist das? Kommt er vielleicht zurück?«

    Ein dumpfer Ton ließ sich hören, als ob ein Wagenrad an eine aus dem Wege hervorstehende Wurzel stoße. Schnell war er wieder von dem Thiere herunter, zog es zwischen die nächsten Bäume[,] verhüllte ihm mit dem Taschentuche die Nüstern und versuchte, es durch Streicheln zur möglichsten Ruhe zu bewegen. Es gelang; der Braune gab keinen Laut von sich, als der Wagen hart an ihm und seinem Herrn vorüberging und dann in die Straße einlenkte.

    »Das war er. Ich hab' ihn ganz genau erkannt; er fährt nach der Grenz'. Aber wo sind die Frau'n? Sie war'n net darin. Er hat ihnen ein Leid angethan, das ist sicher! Und statt ihnen zu Hülf', zu kommen, hab' ich beinah' eine Stund' versäumt mit Umweg und Forschung nach der Spur. Es muß 'was ganz Absonderlich's sein, sonst hätt' er net das Wagniß unternommen, heut, wo der Wald von Soldat'n wimmelt, gar mit dem Fuhrwerk der Gefahr zu trotz'n.«

    Noch im Zweifel mit sich selbst, vernahm er jetzt ein lautes Rascheln, welches sich der Straße näherte. Einige Soldaten sprangen, als hätte er sie durch die soeben gemachte Erwähnung gerufen, über den Graben und traten, als sie ihn erblickten, mißtrauisch auf ihn zu.

    »Wer da?«

    »Gut' Freund! Kennt Ihr mich denn net?«

    Der Anrufende war einer von den Beiden, welche auf dem Bachhofe im Quartier lagen.

    »Der junge Herr mit dem Pferd! Ist 'was am Zeug geriss'n?«

    »Nein. Ich will noch zum Förster und mag mit dem Gaul doch net in den Wald; der Hafer sticht ihn heut, und er könnt' mir Dummheit mach'n. Ihr geht doch net nach dem Dorf?«

    »Wir sind grad d'rüber. Soll ich das Pferd mitnehmen?«

    »Ja. Sagt dem Vater, daß ich bald nachkomm'! Ist der Feldwebel gefund'n?«

    »Nein. Den braucht Ihr net wieder durchs Fenster zu spedir'n!«

    Sie gingen mit dem Braunen ab. Er konnte ihnen das Pferd getrost anvertrauen; seine Stärke hatte ihn in Respekt gesetzt, und die gute Pflege des Bachhofes war nach der unliebsamen Tanzaffaire das beste Mittel zur allmähligen Aussöhnung gewesen.

    Er betrat den Holzweg, welchem er folgte, ohne etwas Auffallendes zu bemerken. Auf der Zechenhalde angelangt, stieg er auf die gewöhnliche Weise in die Scheune; er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß dieser Ort mit dem Verschwinden der zwei Frauen in Verbindung stehe.

    Als er einen von den mitgenommenen Harzäpfeln in Brand gesteckt hatte, gewahrte er eine kleine Blendlaterne, welche an einem Nagel hing.

    »Er ist hier gewes'n und hat die Latern' zurückgelass'n, weil er sie net braucht. Mir ist's grad' recht, denn ohn' sie könnt' ich nix beginnen!«

    Er brannte sie an und untersuchte nun das Innere der Scheune. Auf den ersten Blick schien Alles in dem gewöhnlichen Stande zu sein, doch bald fiel ihm ein Seilende auf, welches unter dem Haus hervorblickte. Er entfernte die Bündel und gewahrte nun, was ihm bei seinen bisherigen Besuchen dieses Ortes entgangen war: Ein vollständiges Haspelwerk befand sich unter dem Heu und dabei ein Fahrstuhl, Beides vielleicht vor kaum einer halben Stunde in Gebrauch gewesen. Er sah sich um nach einer Spur von der Geliebten, einem Bande, einer Schleife, wie der Romanschreiber es so gern seinen Helden finden läßt; es war Nichts zu bemerken. Nun schaffte er die Haspel über das Mundloch, hing den Fahrstuhl ein, stieg auf und ließ sich hinab. Es ging schneller und sicherer als mit der primitiven und immerhin unzuverlässigen Vorrichtung, deren er sich das letzte Mal bedient hatte.

    Unten angekommen, stand er schon im Begriff, in den Stollen einzubiegen, als er einen Laut vernahm, der sich aus der Tiefe des zweiten Schachtes hervorzuringen schien. Er kniete sich an der Oeffnung, welche er heut ebenso unbedeckt fand wie letzthin, nieder und rief hinab:

    »Ist Wer da unt'n?«


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    Eine Antwort erfolgte, deren Laute er nicht zu unterscheiden vermochte.

    »Martha!«

    Er legte das Ohr auf den Boden, und jetzt war es ihm, als ob er seinen Namen rufen höre. Nun leuchtete er hinab und entdeckte zwei eiserne Haken, aber die Fahrt, welche an ihnen befestigt gewesen war, fehlte. Wenn die Frauen wirklich unten waren, wie hatte der Feldbauer sie hinabgebracht? Er schritt ein Stück in den Stollen hinein, um irgend einen Anhalt zu finden, und hatte sich nicht getäuscht. Die vermißte Fahrleiter lag am Boden. Sie war entfernt worden, um den Gefangenen, die günstigen Falls nur einen Theil des Schachtes zu ersteigen vermochten, die Flucht abzuschneiden. Er hing sie ein, erprobte sorgfältig ihre Festigkeit und stieg dann hinab. Die Fahrt stieß an eine zweite, diese an eine dritte, und so kam er langsam, aber ohne Aufenthalt immer weiter hinab, bis er ganz vernehmlich hörte:

    »Frieder, bist's oder ein Andrer?«

    »Martha, ich bin's!«

    Ein Jubelruf erschallte, und als er den Boden unter sich fühlte, schlangen sich zwei Arme um ihn, und zwei warme Lippen küßten ihn immer und immer wieder ohne Unterlaß.

    »Ich hab Deinen Wink gesehn und darum gewußt, daß Du kommen werd'st!« Dann verließen sie ihre bis auf das Aeußerste angespannten Kräfte; sie sank auf den feuchten, moderigen Boden nieder neben der regungslosen Mutter, welche von sich und dem, was bei ihr geschah, nicht das Mindeste zu wissen schien.

    Er untersuchte sie. Sie lebte, aber ihr Puls ging kaum bemerkbar, und alle an sie gerichteten Worte hallten erfolglos an ihr Ohr.

    »Martha, wie seid ihr herabgekommen?«

    Sie konnte unter dem jetzt ausbrechenden Schluchzen nicht antworten.

    »Wein' net, Martha, sondern sei stark um der Mutter will'n, sonst weiß ich net, was ich mit Euch beginnen soll!«

    Sie faßte sich mit Gewalt.

    »Er sagt', wir woll'n verreis'n, und gebot, Speis' mitzunehmen für zwei Tag', hier liegt sie neb'n der Mutter in dem Tuch'. Dann sind wir gefahr'n, bis es dunkel war und wir vor der Zech' hielt'n. Da hat er die Scheun' geöffnet und uns hineingestoß'n. Was nun gefolgt ist, kann ich net erzähl'n. Wir wollt'n net hinab, bis er das Messer zog und uns die Wahl ließ zwisch'n Gehorsam oder Tod. Von da an hat die Mutter keinen Laut gethan und ist wie todt gewes'n bis jetzt. Ich hab' dann in dem furchtbar'n Loch herniedersteigen müss'n, und die Mutter hat er sich auf den Rück'n gebund'n und herabgetrag'n. Dann ist er wieder hinauf und hat gesagt, daß er morg'n wiederkommen werd'. Ich hab' erst bei der Mutter geleg'n und geweint, daß mir der Athem verging, dann mußt' ich an Dich denk'n, Frieder, und ich hab' die Händ' gerungen und gebetet, daß der liebe Gott Deine Schritt' herbeilenk'n mög', damit Du uns findest und befrei'st.«

    »Er hat sie gelenkt, Martha, und nun lass' ich Dich net wieder von mir fort, damit Du net wieder in die Hand des Wütherichs geräth'st, der kein Gefühl und kein Erbarmen kennt. Er hat Angst gehabt, daß Du plaudern mög'st, und Euch deshalb gefangen genommen. Aber das soll die letzt' Kart' sein, die er spielt; sobald er zurückkehrt, ist's mit ihm aus, und wenn der liebe Gott vom Himmel käm', um Gnad' von mir zu erflehn. Ich hab' ihm Verzeihung geben woll'n; er aber hat sie verschmäht, den Vater verhöhnt und Dich mißhandelt und gar mit dem Messer bedroht. Das ist der Punkt in mir, mit dem net zu spaß'n ist. Er hat mit der Sünd' gespielt, und sie mag ihn verschlingen!«

    Er leuchtete in dem Raume umher.

    »Wie nun, wenn hier die böse Luft vorhand'n wär'? Dann lägst' todt mit der Mutter hier und ich – Martha, ich riß ihm jedes Glied stückweis' vom Leib herunter! Komm herauf; ich kann Dich keine Minut' länger hier unt'n sehn!«

    Die Fahrt war noch fast neu. Der Waldkönig hatte sie jedenfalls nicht längst erst angefertigt, und man konnte sich ihr unbesorgt anvertrauen. Die Furcht vor dem Messer des Vaters hatte Martha die Kraft gegeben, den gefährlichen Weg zurückzulegen; jetzt stärkte sie das Vertrauen auf die Nähe des Geliebten. Von ihm unterstützt, gelangte sie hinauf in den Stollen. Er ließ sie hier auf kurze Zeit allein und kehrte zur Mutter zurück. Was der Feldbauer vermocht hatte, mußte auch ihm gelingen; er brachte die Besinnungslose wohlbehalten empor. Sie schlug für einen kurzen Augenblick die Lider empor; ihr Blick fiel auf zwei geliebte Gesichter, ein müdes Lächeln ging über ihre bleichen Züge, dann schloß sie die Augen wieder. Frieder zog seine Jacke aus und legte sie ihr unter den Kopf.        (Fortsetzung folgt.)


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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge

von

Karl May.

(Fortsetzung.)

    [»]Wir dürf'n sie net allein lass'n; das Loch ist in der Näh'. Getraust' Dich, ein paar Minut'n hier im Finstern zu sein, bis ich wiederkehr', Martha?«

    »Es ist so schaurig hier unter der Erd', Frieder. Mußt' denn fort?«

    »Ja. Ich muß den Buschwebel such'n.«

    »So denkst', auch der ist hier?«

    »Ja, wenn er noch lebt. Ich geh an die Höhl', von der ich Dir und den Eltern erzählt habe. Hier hast' Zündholz und Harzäpfeln; sie reich'n vielleicht, bis ich wiederkehr'.«


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    »Frieder, geh net fort! Ich hab so Angst, daß Dir 'was Böses begegnet.«

    »Sei ohne Sorg'. Ich bin heut ganz sicher!«

    Er hob die Fahrt wieder aus und legte sie an dieselbe Stelle, wo er sie gefunden hatte; dann folgte er dem Stollen. Dabei beeilte er sich soviel wie möglich, um die Geliebte nicht lange in der Ungewißheit zu lassen. Auf der ganzen Strecke fand er nichts Bemerkenswerthes, an der Mauer angekommen, schob er einen der Riegel zurück; sie folgte seinem Drucke, und er schlich sich an die jetzt wohl verschlossene Thür des Gefängnißraumes. Eine Kette klirrte im Innern. Er durfte den Gefangenen nicht befreien, weil dessen Abwesenheit den Verdacht der Schmuggler erregen konnte, und ebenso wenig wollte er mit ihm sprechen, bevor alle Maßregeln zur Ergreifung der Verbrecher getroffen waren. Eine Unvorsichtigkeit des Buschwebels konnte Alles vereiteln. Aber wissen mußte er doch, wer der Gefangene sei. Er führte einen einzigen, raschen Schlag gegen die Thür.

    »Wer ist drauß'n? Macht auf! Ich hab's ja taus'ndmal geruf'n und gebrüllt, daß ich den Spion mach'n will, wenn Ihr mich net hängt!«

    Er hatte genug gehört. Es war die Stimme des Buschwebels, und seine Worte enthielten eine kurze aber deutliche Beschreibung dessen, was er während seiner Gefangenschaft erfahren hatte. Er kehrte in den Vorrathsraum zurück, schob den Riegel vor und eilte zu Martha.

    »Wie lang' bist' fortgeblieb'n, Frieder! Ich hab viel Furcht gehabt; das Licht hat net gelangt, und die Mutter ist wie todt. Ach Gott, was wird noch All's geschehn!«

    »Hab' gut'n Muth, Martha! Schau, hier ist der Fahrstuhl. Zusammen können wir net empor; hernieder ist's leichter gewes'n. Die Mutter muß zuerst hinauf. Willst' wart'n?«

    »Ja.«

    Er legte die Bäurin in den Stuhl, stieg selbst hinein und zog an. Oben angelangt, bettete er die Besinnungslose auf das weiche Heu und kehrte zurück, um auch Martha heraufzubringen. Trotz seiner Stärke fühlte er sich ermüdet. Er mußte sich ausruhen, ehe er daran ging, das Innere der Scheune wieder in Ordnung zu bringen. Als dies geschehen war, öffnete er den Laden und half dem Mädchen hinaus. Dann reichte er ihr die Mutter zu, deren bewußtloser Zustand Alles ungemein erschwerte, und folgte nun selbst nach.

    »Gott sei Dank; jetzt nun erst ist's glücklich vorüber. Komm' nach dem Bachhof, Martha!«

    »Soll ich net nach Haus', Frieder?«

    »Nie wieder, und heut erst ganz und gar net. Der Bauer muß denk'n, ihr seid noch immer im Schacht, und damit er die Befreiung net erfährt, darf Euch kein Mensch sehn, bis All's zu End' gegangen ist.«

    Er hob die Feldbäuerin empor, nahm sie in die Arme wie ein Kind, und stieg, gefolgt von der Geliebten, mit ihr den Berg hinab. Glücklich und ungesehen in der Nähe des Bachhofes angelangt, blieb er halten, um für einen Augenblick zu verschnaufen; da tauchte eine in einen Mantel gehüllte Gestalt vor ihm auf, der Hahn einer Pistole knackte und eine befehlende Stimme gebot:

    »Halt, steh! Wer seid Ihr?«

    Frieder erkannte den Lieutenant, welcher eine ganz besondere Veranlassung haben mußte, hier so nahe am Dorfe und in eigener Person Patrouillendienst zu verrichten.

    »Der Bachbauer, Herr Lieutenant. Hab'n Sie ein wenig Zeit?«

    »Vielleicht. Warum?«

    Bitt', kommen Sie mit herein in den Hof. Ich hab' Ihnen Wichtig's mitzutheil'n!«

    »So! Wer ist das Frauenzimmer, und wen haben Sie hier auf dem Arme?«

    »Das werd'n Sie drin erfahr'n; hier ist net der Ort dazu.«

    »So gehn Sie voran; ich werde folgen!«

    Die Bachbäuerin schlug vor Verwunderung die Hände über dem Kopfe zusammen, als sie die Kommenden bemerkte.

    »Du lieber Herrgott, Frieder, wen bringst' denn da?«

    »Die Martha mit ihrer Mutter, die ganz von Besinnung ist. Thu' sie schnell ins Bett, und schick den Knecht mit dem Wag'n in die Stadt zum Doktor! Aber er und Niemand als wir darfs wiss'n, daß sie und der Herr Lieutenant hier sind!«

    Seinem Gebote wurde sofort Folge gegeben. Der Knecht fuhr schleunigst nach der Stadt, nicht anders glaubend, als der Bachbauer sei plötzlich unwohl geworden; die Kranke wurde in weiche Federn gebettet, und Martha ließ es sich nicht nehmen, bei ihr zu bleiben. Die Andern aber sahen mit Ungeduld den Aufklärungen entgegen, welche sie von Frieder zu erwarten hatten. – – –

––––––––


//493//

VII.

Schluß.

    Die Feldbäuerin war erwacht; der Arzt hatte erklärt, ihr Schwächezustand sei eine Folge langer innerer Seelenleiden und auf's Höchste gesteigert durch den heut über sie hereingebrochenen Jammer. Er hatte die größte Ruhe und Schonung befohlen, vor jeder Aufregung gewarnt und stärkende Arzneien verschrieben. Jetzt lag sie da, glücklich lächelnd über die reiche Liebe, die ihr aus so vielen Augen entgegenstrahlte. Sie war hart an der Grenze des Lebens hingestreift, hatte das Rauschen des Todes vernommen und fühlte ihre Seele von der früheren Schwäche befreit.

    »Frieder!« lispelte sie.

    Er neigte sich zu ihr nieder.

    »Ist er wieder da?«

    »Nein.«

    »Ich geb' ihn in Deine Hand. Das Gesetz hat größres Recht auf ihn als ich. Doch, sprich net mehr von ihm!«

    Er neigte zustimmend das Haupt und kehrte in die Stube zurück, wo der Lieutenant beim Vater saß. Beide schienen sich schnell zusammengefunden zu haben; der Offizier hatte sich eine Pfeife angesteckt und qualmte dem Blinden ins Gesicht, daß es paffte; dieser schien sich dieser Intimität höchlich zu freuen und überhaupt in einer Stimmung zu sein, wie man sie seit langer Zeit nicht an ihm bemerkt hatte.

    »Ist die Stub' für die Martha in Ordnung, Frieder?«

    »Ja, zwei; eine für sie und eine für ihre Mutter.«

    »Sorg' nur, daß ihnen nix fehlt! Hat auch der Herr Lieut'nant noch Tabak und gehörig zu trink'n?«

    »Es ist für Alles aufs Beste gesorgt,« antwortete dieser selbst.

    »Der Knecht giebt doch tüchtig Hafer, daß die Braunen gut aushalt'n?«

    »Ich freu' mich auf den Ritt,« versicherte der Offizier. »Er bringt mich mit einem Male zum Ziele, wo ich geglaubt hatte, noch monatelang im Dunkeln tappen zu müssen. Der Buschwebel hat die Schwierigkeiten nur erhöht und vermehrt, statt mir von Nutzen zu sein. Ihnen zum Beispiel,« wandte er sich zu Frieder, »muß ich gestehen, daß eine Art Verdacht gegen Sie gehegt wurde. Sie waren maskirt und bewaffnet im Walde gesehen worden und heut wieder zu Pferde dort gewesen, wo jeder Andre es sich angelegen sein ließ, daheim zu bleiben – – –«

    »Grad darum war der Verdacht doch eigentlich ausgeschloss'n. Wer sich unsicher fühlt', blieb daheim; wer ein gut's Gewiss'n hatt', konnt' sich sehen lass'n. Doch, da hängt der Knecht die Latern' heraus; das ist das Zeich'n, daß gesattelt ist.«

    »Er wird doch net aufpass'n, wer mit aufsitzt?« frug der Blinde. »Meine Leut' sind gut und treu; aber besser ist besser, und vor Austrag der Sach' darf Niemand net erfahr'n, was heut im Bachhof vorgegangen ist.«

    »Laß mich sorg'n, Vater! Der Herr Lieut'nant geht durch die Pfort' voran und steigt erst auf der Straß' zu Pferd. Ist's gefällig?«

    Der Genannte legte die Pfeife weg und nahm Abschied. Er gewann unbemerkt die Straße und hörte bald Frieder hinter sich hergetrabt kommen. Als dieser ihn erreichte, schwang er sich auf.

    Es war längst Mitternacht vorüber; die Erde lag in tiefer Ruhe, und nur hier und da funkelte ein einsames Licht vom dunklen Himmel herab.

    »Wissen Sie, daß ich mich beinahe vor Ihnen fürchten möchte?«

    »Warum?« lächelte Frieder.

    »Weil in Ihrem Körper eine solche Masse von Elementarkraft aufgespeichert liegt. Der Name Goliath gehört schon Ihrem Vater mit vollem Recht zu eigen, Ihnen aber noch viel mehr. Wäre diese physische Stärke nicht mit so viel geistigem Vermögen gepaart, so könnte sie wirklich gefährlich werden, und ich darf Gott danken, daß ich mich in Ihnen geirrt habe.«

    »Der Waldkönig konnt' ich doch unmöglich sein; er trieb sein Wes'n doch schon lang, bevor ich in der Heimath war.«

    »Das ist schon richtig; aber Sie konnten sich seit Ihrer Rückkehr mit ihm verbündet haben. Ihr Auftreten dem Feldwebel und seinen Leuten gegenüber, das Umherschleichen im Walde, die Maske, der Revolver, Ihr heutiger, fingirter Besuch beim Förster, das Alles war für mich Grund, in der Nähe des Bachhofes selbst auf Ihre Rückkehr zu warten. Ich war zwar bewaffnet, waren Sie aber wirklich Derjenige, für welchen ich Sie hielt, ich hätte wohl keinen leichten Stand gehabt. Wer einen Kerl wie den Buschwebel durch das Fenster wirft, dem ist auch wohl zuzutrauen – – –«

    »Daß er einen Lieut'nant zerbricht,« fiel Frieder scherzend mit einem Blicke auf die schlanke Gestalt seines Gefährten ein.


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    »Pardon, mein Lieber,« lachte dieser. »Soweit wäre es denn doch wohl nicht gekommen, sintemalen Seine Majestät allerhöchst Ihre Offiziere weder aus der Porzellanfabrik noch aus der Glasbläserei zu beziehen pflegen. Ich hätte mich auch ein wenig gewehrt, wie man zu thun pflegt, wenn es Einem an den Kragen geht. Doch, Scherz bei Seite! Wie stark ist die Bande des Königs?«

    »Neunzehn Mann.«

    »Und sie gehen stets gut bewaffnet?«

    »Mit Büchs' und Messer.«

    »Und im Vorrathsraum befinden sich auch noch Gewehre?«

    »Eine ziemlich' Zahl.«

    »So werden wir wohl einen harten Stand bekommen!«

    »Ich fang' sie ganz allein, wenn's verlangt wird.«

    »Oho! Dazu reicht wohl selbst Ihre Riesenstärke nicht aus.«

    »Warum net? Es kommt ganz d'rauf an, wie man's beginnt!«

    »Nun, wie?«

    »Erst thu' ich den König ab; das ist net schwer, und sodann stell' ich mich vor den Eingang und geb' Jedem, wenn er kommt, so viel, daß er genug hat. Aber solch' eine Anstrengung ist ja gar net nothwendig, und ich geb' auch zu, daß es oft net so glatt geht, wie man sich die Sach' ausgedacht hat. Wir reit'n zum Herrn Amtshauptmann, dem ich den Waldkönig mit seiner ganz'n Band' in die Hand geb'; er mag thun, was er für's Best' und Gutest' hält. Will er ihn billig, so bin ich dabei, und will er ihn auf der That abfangen, so soll's auch da net an mir fehl'n.«

    »Das will ich gern glauben, Sie hätten statt der Feldhacke die Waffe wählen sollen; wir hätten einen ausgezeichneten Kameraden in Ihnen gefunden. Wenn ich bedenke, daß alle unsere Mühe vergebens gewesen ist, während es Ihnen, dem Einzelnen, gelang, ein festes, unzerreißbares Netz um die fürchterlichen Menschen zu schlingen, so möchte ich vor jeden Andern treten, nur nicht vor den Amtshauptmann.«

    »Zufall, Herr Lieut'nant, und Verborg'nheit!«

    »Zufall? Meinetwegen, aber die geschickte Ausnutzung desselben gibt ihm erst den Werth. Der Buschwebel ist auch am Stollen gewesen, grad wie Sie; aber Sie sind Meister der Situation, während er in der Falle steckt. Er ist sehr brauchbar, aber ein Poltron und hat die empfangene Lehre verdient.«

    Das Gespräch stockte jetzt; man hatte das Dorf erreicht und mußte am Schlagbaume halten. Es kam auch nicht wieder in regen Fluß, bis man zur Amtsstadt gelangte, wo sich eben die Thüren der Gasthöfe öffneten, um den über Nacht gebliebenen frühmunteren Fuhrleuten die Abfuhr zu gestatten.

    Sie stiegen an einem derselben ab, übergaben die Pferde und nahmen einen warmen Frühtrunk zu sich. Dann begaben sie sich in das Amtshauptmannschaftsgebäude, wo sie den Chef wecken ließen. Er empfing sie mit finsterer Miene.

    »Ist Ihre Angelegenheit von solcher Wichtigkeit, daß Sie mich im Schlafe stören?«

    »Wir haben den Waldkönig fest.«

    Diese wenigen Worte des Offiziers brachten den hellsten Sonnenschein auf dem Gesichte des Beamten so plötzlich hervor, daß Keiner der Beiden sich eines Lächeln zu erwehren vermochte.

    »Was Sie sagen, mein bester Herr Lieutenant! Ich darf natürlich an der Wahrheit Ihrer Versicherung nicht den mindesten Zweifel hegen.«

    »Welcher allerdings wenig oder gar nicht gerechtfertigt sein dürfte. Der Schmuggler befindet sich zwar noch nicht in unsern Händen, da wir es vorzogen, vorher die Befehle des Herrn Kreishauptmannes zu vernehmen, aber es bedarf wirklich nur dieser letzteren, um ihn mit seiner ganzen Bande der Gerechtigkeit zu übergeben.«

    »Sie liefern damit einen dankbaren Beweis Ihrer Umsicht, und ich nehme keinen Anstand, zu bemerken, daß man vollständig überzeugt war, die Ihnen gewordene Aufgabe den besten Händen anvertraut zu haben.«

    »Denen es leider erst von jetzt an gestattet sein wird, an der Aktion Theil zu nehmen. Hier dieser Herr hat ganz allein, ohne jede Beihülfe und aus eigenem Antriebe die Aufgabe gelöst, während ich bis heut noch nicht den mindesten Fortschritt zu verzeichnen vermochte.«

    »Ah!« machte erstaunt der Beamte, indem er den Zwicker auf die Nase schob und Frieders Person, die er erst jetzt zu bemerken schien, einer nähern Betrachtung unterwarf. »Der Name wurde mir genannt, ich vergaß ihn wieder; bitte, Herr Lieutenant, stellen Sie mir den Mann doch einmal vor!«

    Frieder, den diese Art und Weise belustigte, ließ es gar nicht dazu kommen. Er trat rasch einige Schritte vor:

    »Ich bin der Bachfrieder aus Finsterwalde, Herr Amtshauptmann, und mein Vater ist der Goliath, den man im ganz'n Gebirg' net anders als mit diesem Namen nennt.«


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    »So, so, so!« meinte der Angeredete, dessen kleine, schmächtige Gestalt bei dem so unerwarteten wie energischen Nähertreten der reckenhaften Figur Frieders wie erschrocken zurückgefahren war. »Den Goliath kenne ich. Der Waldkönig hat ihn geblendet und seinen ältesten Sohn erschossen.«

    »Grad darum ist der König mir verfall'n. Wollt Ihr ihn hab'n? Ich bring' ihn her!«

    »Du bist ganz der rechte Sohn des Goliath, wie's scheint. Ja, ja, Rauchfleisch und Kartoffelklöße tun auf dem Lande Wunder. Geist ist nicht nöthig, wenn nur der Körper gut gedeiht.«

    »Grad' umgekehrt wie in der Stadt, wo der Körper net nöthig ist, wenn nur der Geist bis in die Wolk'n wächst, net wahr, Herr Amtshauptmann?«

    Er legte dem Männchen die Hand auf die Achsel und blickte mit unwiderstehlicher Freundlichkeit auf ihn hernieder. Der Gefragte trat, um dieser Berührung zu entgehen, noch einen Schritt zurück und wandte sich an den Offizier:

    »Wollen Sie Ihren Bericht beginnen, Herr Lieutenant? Bitte, nehmen Sie Platz!«

    »Darf ich ersuchen, diese Aufforderung an meinen Freund zu richten? Er ist in der Angelegenheit vollständig au fait, während ich mich dessen nicht rühmen kann.«

    »Ihr Freund?« klang die verwunderte Frage. »Ich liebe eine kurze, sachgemäße Darstellungsweise, zu welcher dem Landbewohner die nöthige Schule entgeht.«

    »Ich bitte dennoch,« fiel hier Frieder im besten Hochdeutsch und indem auch er sich gemächlich in den Sessel legte, ein, »um Ihre freundliche Erlaubniß zu der Beweisführung, daß Rauchfleisch und Kartoffelklöße keine schlechten Lehrmittel sind, wenn man ihre Wirkung mit dem Besuche einiger Universitäten unterstützt. Ich werde dabei so kurz und sachgemäß wie möglich verfahren!«

    Er begann. Der Amtshauptmann, welcher sich trotz seiner Würde von dem Vorgange einigermaßen betreten fühlte, ließ ihn gewähren. Seine Aufmerksamkeit wurde zur Spannung, welche von Sekunde zu Sekunde wuchs, bis er seine Bewunderung nicht mehr zurückzuhalten vermochte.

    »Aber Sie sind doch ein ganz erstaunlicher Charakter, dem man die größte Anerkennung zollen muß! Warum führen Sie Diejenigen, welche mit Ihnen verkehren, durch Ihre Sprache und Gewandung irre?«

    »Die Gewandung paßt ganz genau zu dem Berufe, den ich jetzt den meinigen nenne, und der Dialekt des Gebirges hat ganz dasselbe Recht wie jeder andre auch. Ich habe als Kind mich in ihm ausgedrückt, werde noch heut so von den Meinen am Besten verstanden und ihn beibehalten, solang ich mit Menschen verkehre, die ihn sprechen und verstehn. Doch, zurück zur Sache!«

    Er nahm den unterbrochenen Bericht wieder auf und führte ihn trotz seines bedeutsamen und aufregenden Inhalts ununterbrochen zu Ende. Jetzt sprang der Amtshauptmann empor.

    »Er ist es also wirklich, der Feldbauer, und wir haben ihn sicher, ganz sicher. Sie haben sich schon jetzt den Preis verdient und werden ihn nebst einer noch höhern Anerkennung auch sofort nach Habhaftwerdung des Königs erhalten.«

    »Er wird angenommen,« entgegnete Frieder, jetzt wieder in seine frühere Sprechweise zurückfallend, »doch net für mich, sondern für die Armen im Ort, denen ich ihn bescheeren werd'. Nun bitt' ich um die Befehl', die wir jetzt brauch'n!«

    »Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Situation! Der Waldkönig hat seinen Versteck in dem sogenannten alten Stollen, welcher an drei Orten zugängig ist, an der Zeche, durch den Brunnen und vom Einsturzkessel aus. Die Bande kennt blos diesen letzteren Punkt, wenigstens ist dies sehr wahrscheinlich der Fall und wäre also am Leichtesten zu überwältigen durch eine Aufstellung im Innern, welche jeden einzelnen Ankömmling empfängt und bezwingt. Das Oberhaupt der Schmuggler fühlt sich nicht mehr sicher und ist jedenfalls nur zu dem Zwecke verreist, das Geschäft aufzugeben und dann Person und Errungenschaft in Sicherheit zu bringen. Daß der Feldbauer dies möglichst beschleunigen wird, steht außer allem Zweifel. Ich vermuthe sogar, daß er sich nach einem Nothkäufer für den Feldhof umsieht, und dies kann möglicher Weise der Kaufmann sein, dem er die Waaren liefert. Ich nehme an, daß er heut zurückkehrt und diesen Herrn gleich mitbringt. Sein Erstes wird sein, sich zu überzeugen, ob im Stollen noch Alles in Ordnung ist, und in dieser Beziehung ist es allerdings ganz vortrefflich gehandelt, daß Sie sich dem Feldwebel nicht gezeigt haben. Er stand bei dem Feldbauer in Quartier, und ich wette, daß dieser so schlau gewesen ist, ihn als Hörrohr zu benutzen. Wer weiß, aus welchem Grunde er dann von ihm in die gegenwärtige Falle gelockt wurde; wir werden dies jedenfalls noch erfahren. Was nun


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die Frauen betrifft, so konnten diese allerdings unmöglich in ihrer verzweifelten Lage gelassen werden, doch kann ihr Verschwinden den Waldkönig aufmerksam machen, und es wird also nöthig sein, ihn sofort bei seiner Ankunft zu empfangen.«

    »Das dürf'n wir net,« bemerkte Frieder. »Es geht net ohn' Aufsehn vorüber, und dadurch werd'n seine Leut' gewarnt. Er ist ein harter Gesell', dem's ganz gleich ist, ob die Frau'n eine Stund' länger im Schacht steck'n oder net; er thut sicher erst das Geschäft ab, eh' er zu ihnen geht, sie sind ihm sonst im Weg'. Ueberdies hab' ich den Proviant im Schacht gelass'n, und unt'n sind so viel' Gäng', daß sie sich gar leicht verlauf'n können. Das wird er denk'n, wenn er je hinabsteig'n sollt' und sie net findet.«

    »Das klingt allerdings wahrscheinlich; halten wir also diese Ansicht fest. Täuscht uns die Vermuthung nicht, so kehrt er heut nach Finsterwalde zurück und wird seine Leute für den Abend nach dem gewöhnlichen Versammlungsort bestellen. Eine Prüfung des Steins wird darüber Sicherheit geben. Von den drei Angriffspunkten, die uns dann zu Gebote stehen, scheint mir die Zeche der vortheilhafteste zu sein. Oder nicht, Herr Lieutenant?«

    »Jedenfalls. Man fährt dort ein, läßt den Brunnen für den Waldkönig frei und besetzt den Trichter nur von Außen, wobei man den Schmugglern ungehinderten Eingang gestattet, ihnen aber dann den Ausgang verwehrt.«

    »Ganz richtig. Wir sind also in der Hauptsache gleicher Meinung. Sie werden allerdings den Angriff leiten, mir aber gestatten, dabei gegenwärtig zu sein. Ich nehme einen meiner Assessoren mit, um den Thatbestand gleich und an Ort und Stelle aufnehmen zu lassen. Es wird ein Abenteuer sein, auf welches ich mich freue. Nur wäre es wünschenswert, die Oertlichkeit schon vorher kennen zu lernen. Wird das zu ermöglichen sein?« frug er, sich an Frieder wendend.

    »Sehr leicht, wenn der Feldbauer net vorher zurückkehrt, und ich rath' darum, so bald wie möglich aufzubrech'n.«

    »Ich stimme bei,« meinte der Lieutenant. »Die Einzelheiten, um welche es sich nur noch handelt, können und müssen ja den Umständen gemäß bestimmt werden.«

            (Schluß folgt.)

––––––––


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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge

von

Karl May.

(Schluß.)

    [»]Wohl! geben [Geben] Sie mir Frist zu einem kurzen Frühstücke, während dessen ich die laufenden Geschäfte stellvertretenden Händen übergeben und den Assessor benachrichtigen werde. Dann bin ich bereit. Sie sind wohl mit Fuhrwerk versehen?«

    »Nein; wir sind nur beritten. Vielleicht darf ich bemerken, daß es gerathen sein wird, alles Aufsehen zu vermeiden und darum den Weg vereinzelt zurückzulegen, womöglich auch in Beziehung der Kleidung – – –«

    »Das versteht sich wohl von selbst, Herr Lieutenant. Geben wir uns ein Rendez-vous, wo wir uns treffen, ohne bemerkt zu werden!«

    »Eine Strecke vor dem Dorfe steht eine einsame Waldschänke. Ist diese passirt, geht links ein Richtweg ab. Dürfen wir Sie auf demselben erwarten?«

    »Gut. Ich werde den Wagen schon vor der Schänke verlassen und ihn retour schicken. Das Uebrige wird sich dann weiter finden.«

    Er gab mit der Hand das Entlassungszeichen und begleitete die Männer bis an die Thür. Sie begaben sich in den Gasthof zurück, den sie erst verließen, als sie den Amtshauptmann mit dem Assessor vorüberfahren sahen. Unweit der Stadt schon überholten sie mit den raschen Braunen die Beamten, denen sie bald weit vorankamen.

    »Eine allerliebste kleine Episode, das mit dem Rauchfleisch und den Kartoffelklößen, nicht wahr?« lachte der Lieutenant.

    Frieder nickte vergnügt.

    »Sie gestatten doch nachträglich, Sie als meinen Freund bezeichnet zu haben?«

    »Ich dank' Ihnen dafür! Es schien ein Ueberraschung zu sein für den Herrn. Aber darf ich vielleicht vorschlag'n, uns zu trennen? Es ist besser, wenn Niemand uns beisammen sieht. Sie reit'n über das Feld an den Bachhof und bind'n das Pferd an den Zaun. Am Buschrand bei der Zech' treff'n wir nachher wieder zusammen.«

    »Ich stimme bei; adieu bis dahin!«

    Er ließ den Braunen die Zügel schießen und flog davon. Frieder verließ bald darauf die Straße, um die Heimath auf Waldwegen zu erreichen. Als er dort ankam, fand er das Pferd bereits vor. Martha war allein in der Stube.

    »Bist' schon wieder da? Nun geht's doch noch über den Vater her!«

    »Er will's net anders. Wir hab'n gethan, was wir konnt'n, vielleicht auch noch mehr, und sind nun ohn' alle Schuld an ihm. Wirst's ertrag'n können Martha?«

    »Bei Dir, ja, sonst net! Aber bang ist mir um die Mutter.«

    »Die Stütz' wird ihr net fehl'n. Ist sie wohler?«

    »Ja; aber sprech'n mag sie net.«

    Er rief die Eltern und gab ihnen kurzen Bescheid, versah sich dann mit dem nöthigen Licht und begab sich nach der Zechenhalde, wo der Lieutenant schon auf ihn wartete. Sie suchten mit einander den Richteweg auf und trafen auf der Stelle, wo Frieder den Feldbauer mit der Peitsche gezüchtigt hatte, mit dem Amtshauptmann und seinem Begleiter zusammen. Beide gingen auf das Allereinfachste gekleidet, so daß Jeder, der sie nicht persönlich kannte, sie für einfache Bürgers- oder Handwerksleute halten mußte.

    »Der Feldbauer ist noch nicht zurück. Ich ging über den Feldhof, angeblich um mich nach dem Buschwebel zu erkundigen,« berichtete der Lieutenant.

    »So bleibt uns freie Hand. Vorwärts, wir fahren ein!«

    »Woll'n wir net erst zum Stein gehn, um nach der Bestellung zu sehn?«

    »Ja, richtig. Das ist das Nothwendigste!«

    Frieder ging voran. Sie gelangten, ohne Jemanden zu begegnen, an die Stelle. Die Zeit, in welcher die Schmuggler nachzusehen pflegten, war noch nicht da. Frieder hob den Granit empor.

    »Am alten Stollen, um 10« las er.

    Die Andern traten hinzu, um sich zu überzeugen.

    »Er hat gestern bei der Fahrt von der Zech' zurück den Zettel gelegt. Anders ist's net.«

    »Also um zehn Uhr,« nickte der Amtshauptmann. »Da bleibt uns genugsam Zeit für alle Vorbereitungen. Jetzt weiter, meine Herren!«


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    Der Zettel war unberührt geblieben. Frieder senkte den Stein und ging wieder voran nach der Halde zurück. Hier langte der Beamte in die Tasche und brachte einen Bund Schlüsselhaken zum Vorschein.

    »Sie sehen, ich bin mit dem Nöthigen versehen und werde Sie nicht durch den Laden bemühen.«

    Das Thor wurde geöffnet, sie traten ein. Frieder brannte die Laterne an. Die Herren griffen mit zu; die Haspel wurde über die Mündung gebracht, und paarweise langte man unten im Stollen an.

    Dieser wurde auf das Sorgfältigste in Augenschein genommen, ohne daß man die Lage irgend eines Gegenstandes veränderte. An der Gefängnißzelle zog der Amtshauptmann seine Schlüsselhaken wieder hervor und öffnete. Das Licht, welches in den engen Raum fiel, ließ die vier Männer im Dunkeln und blendete den Gefangenen.

    »Seid ihr endlich da?« frug er. »Führt mich zum König!«

    »Haben Sie so große Sehnsucht nach ihm?« frug der Offizier.

    Jetzt erkannte der Buschwebel seinen Vorgesetzten, obgleich dieser die Uniform abgelegt hatte und in Civilkleidern ging.

    »Der Herr Lieutenant!« rief er, freudig erschrocken. Er wollte sich emporrichten; der Raum gab es aber nicht zu.

    »Ja, ich bin es. Und hier an meiner Seite befindet sich der Herr Amtshauptmann, der von Ihnen zu wissen begehrt, auf welche Weise Sie in eine so blamable Lage geriethen!«

    »Ich – ich wollte den Waldkönig fangen.«

    »Sehr lobenswerth! Doch, das wollten wir Alle, ohne deshalb in eine gleiche Situation zu kommen. Erzählen Sie!«

    »Ich hab' den Bestellort entdeckt, wo der Waldkönig seine Zettel niederlegt.«

    »Ah! Wo ist das?«

    »Droben im Walde auf einer kleinen Lichtung. Die Zettel liegen unter einem Steine.«

    »Weiter!«

    »Er hatte die Bande an den alten Stollen bestellt, und ich ging, sie zu belauschen.«

    »Ohne mir vorher Notiz von Ihrer Entdeckung zu machen, die doch jedenfalls so wichtig war, daß Sie dies zu thun gezwungen waren?«

    »Ich – ich wollte mich vorher überzeugen, ob der Zettel auch wirklich Wahrheit enthielt.«

    »Wie fingen Sie das an?«

    »Ich schlich mich zur angegebenen Zeit an den Stollen, erhielt aber gleich im nächsten Augenblick einen Schlag, der mich betäubte. Als ich erwachte, lag ich hier. Ich wurde dann vor die Pascher geführt und von ihnen zum Tode verurtheilt. Ich war gefesselt und konnte mich nicht wehren. Schon lag der Strick um den Hals, und ich stand unter dem Nagel, da – da – –«

    »Nun – da –?«

    »Da wurde mir das Leben geschenkt.«

    »Aber doch wohl nicht bedingungslos?«

    »Ich sollte Mitglied werden,« antwortete er zögernd.

    »Ah, jedenfalls in Form eines Spions, was?«

    »Ja. Ich schlug es rund ab. Lieber sollten sie mich hängen!«

    »Wirklich? Dann wären Sie auch gehängt worden und steckten nicht wohlerhalten hier im Verließ. Wollen Sie vielleicht die Wahrheit sagen? Der Waldkönig befindet sich, wie Sie wohl gleich bei unserm Erscheinen geahnt haben, in unserer Gewalt und wird uns Aufklärung geben, wenn Sie dieselbe verweigern.«

    »Ich – ich bat um Bedenkzeit, aber nur um Zeit zu gewinnen.«

    »Schön! Haben Sie vielleicht gesehen, wer den Schlag auf Sie führte?«

    »Nein.«

    »Oder dann einen von den Männern erkannt?«

    »Nein. Sie trugen Masken.«

    »Machten Sie irgend Jemandem Mittheilung von Ihrer Entdeckung des Zettels?«

    »Nein. Der Herr Lieutenant waren ja der Erste und Einzige, dem ich das schuldig war.«

    »Besinnen Sie sich!«

    »Es kam kein Wort davon über meine Lippen.«

    »Ganz wie Sie wollen! Sie lügen, denn Sie haben mit dem Feldbauer darüber gesprochen.«

    »Nur andeutungsweise,« versuchte sich der Feldwebel zu rechtfertigen.

    »Nein, ausführlich! Und er hat Ihnen den Rath gegeben, die Meldung zu unterlassen und sich allein zum Stollen zu begeben. Ist es so oder nicht?«

    »Ja,« gestand er kleinlaut.

    »So sind wir nun im Klaren. Ich will jetzt nicht untersuchen,


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was die von Ihnen erbetene Bedenkzeit für ein Resultat ergeben hätte; Sie empfinden schon jetzt die Folgen Ihres dienstwidrigen Verfahrens und werden auch noch weiter an ihnen zu leiden haben. Ich will Ihnen nur bemerken, daß Ihre Plauderhaftigkeit dem Feldbauer gegenüber den Waldkönig gleich vom ersten Augenblicke


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unsers Hierseins an in den Stand gesetzt hat, von allen unsern Schritten unterrichtet zu sein. Vernehmen Sie meinen strengen Befehl! Sie bleiben hier in Ihrer gegenwärtigen Lage; der Waldkönig wird mit den Seinen kommen und Sie nach Ihrem Entschlusse fragen. Sie weisen sein Ansinnen mit Entschiedenheit zurück und ergeben


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sich in Alles, selbst das Schlimmste, was man mit Ihnen vornimmt. Wir werden im entscheidenden Augenblicke zur Hülfe bereit sein. Nur eine strenge Befolgung dieser Verordnung kann uns Ihre Fehler in einem milderen Lichte erscheinen lassen!«

    Er warf einen fragenden Blick auf den Amtshauptmann. Dieser nickte zustimmend und verschloß die Thür wieder.


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    Auch der Eingang durch den Trichter sowie die Umgebung des Letzteren wurde in genauen Augenschein genommen. Dann kehrte man zurück und stieg auch in den zweiten Schacht hinab, um zu sehen, ob sich auch dort unten vielleicht etwas Bemerkenswerthes finden lasse. Es zeigten sich mehrere Gänge, die alle außer einem vor Ort abgebrochen waren. Dieser Eine wurde verfolgt. Die


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verhältnismäßig gute Luft, welche sich in demselben befand, ließ vermuthen, daß er auf irgend eine Weise mit der Oberwelt in Verbindung stehe. Er war sehr alt und theilweise ziemlich verfallen, immer aber noch gangbar und mündete, wie sich endlich nach langer, mühevoller Wanderung zeigte, mitten in die senkrecht abfallende, verwitterte und vielfach zerklüftete Hinterwand eines alten, längst verfallenen Steinbruches. Hier hatte der Waldkönig ein Zeichen seiner Anwesenheit zurückgelassen: Ein eiserner Haken war in den Stein geschlagen und an diesem eine Strickleiter befestigt, welche zusammengerollt am Boden lag, jedenfalls aber lang genug war, um bis auf die Sohle des Steinbruches hinabzureichen.

    »Wohl nur für den Fall der Flucht angebracht, wenn diese oben nicht mehr möglich sein sollte,« meinte der Amtshauptmann. »Kennen Sie den Bruch?«

    »Ja,« antwortete Frieder. »Er liegt mitt'n im Forst, und es können Jahr' vergehn, eh' ein Mensch dahin kommt. Die Entdeckung ist ganz gut, und ich mein', daß es gerath'ner sei, hier aufzusteig'n, als drob'n im Schacht einzufahr'n; der Einschlich ist hier viel leichter als dort.«

    Dem stimmten die Uebrigen bei, und es wurde beschlossen, den Angriff von hier statt von der Zeche aus zu unternehmen. –

    Es war gegen Abend, als der Wagen des Feldbauers von der Straße nach dem Hofe einbog. Einer der Knechte hatte ihn bemerkt und eilte herbei, um die Pferde in Empfang zu nehmen.

    »Ist 'was passirt?«

    »Nein; All's in Ordnung!«

    »Also gar nix Neu's?«

    »Im Hof' net, aber im Dorf. Das Militär zieht ab.«

    »Warum?« klang überrascht die Frage.

    »Sie müss'n zum Manöver ins Niederland und kommen erst in vierzehn Tagen wieder. Der Lieut'nant ist schon da aus Steinertsgrün mit seinen Leut'n, um die hies'ge Trupp' abzuhol'n; dann geht's nach der Stadt, um mit dem Nachtzug abzufahr'n.«

    »Ohne den Waldkönig!« lachte der Bauer mit einem verständnißvollen Blick auf den langen, hagern Herrn, der mit ihm ausgestiegen war. »Schau, da kommen sie wirklich schon!«

    Einen Tambour voran, welcher kräftig auf dem Kalbfelle wirbelte, marschirte das kleine Detachement, vom Lieutenant kommandirt, aus dem Dorfe hervor, begleitet von einer Anzahl leidtragender Dorfjungen, welche den so plötzlichen Abschied der blanken Heldensöhne nicht gut verwinden konnten.

    »Sie wollt'n Einen hol'n, hab'n aber statt dess'n Einen dagelass'n!« kicherte der Hagere. »Deine Sorg' war ganz ohn' allen Grund!«

    »Das denkst' blos! Aufgeschob'n ist net aufgehob'n. Wir sind aufvierzehn Tag' sicher, und das auch nur vielleicht, dann aber geht die Hetz' wieder los. Es bleibt dabei, ich mach' mich davon!«

    »Die Bäu'rin mit der Tochter ist wohl net dabei?« erkundigte sich der wieder herbeitretende Knecht.

    »Geht's Dich 'was an? Thu' Deine Sach', und bekümm're Dich net um ungelegte Eier!«

    Sie traten ein, saßen lange in leise geführtem, angelegentlichem Gespräch bei einander und benutzten dann einen unbewachten Augenblick, um nach der Brunnenstube zu gehen. Von hier aus ließen sie sich in den Stollen hinab, in welchen der Bauer unverweilt hineinschritt.

    »Willst' net erst nach den Weibern sehn?«

    »Fällt mir net ein. Morg'n geht's fort, da hol' ich sie herauf, jetzt aber hab' ich keine Zeit, auf ihr Lamentir'n zu acht'n!«

    In der Niederlage angekommen, öffnete er den Schrank und zog die Bücher hervor, welche von dem Andern einer sehr sorgfältigen Prüfung unterworfen wurden, wobei sie nicht bemerken konnten, daß einige hundert Schritt von ihnen entfernt bewaffnete Gestalten dem untern Schachte entstiegen.

    Frieder befand sich an ihrer Spitze. Er war gleich zurückgeblieben und hatte ihnen jetzt die Strickleiter zugeworfen. Auf diese Weise war er auch allen Erörterungen entgangen, welche ihm zu Hause bevorgestanden hätten. Vielleicht hätte der Vater trotz seiner Blindheit gar gewünscht, bei der Affaire gegenwärtig zu sein, ein Verlangen, dem er auf keine andere Weise besser auszuweichen vermocht hätte.

    Jetzt war sowohl die Zeche als auch der Einsturztrichter von Militair und Forst- und Zollbeamten wohl besetzt, auch um den Feldhof hatte man eine Kette gezogen, und im Stollen stand eine hinreichende Zahl Soldaten, um den Paschern gewachsen zu sein.

    Frieder schlich leise voran, hinter ihm zunächst der Lieutenant und die beiden Beamten. Es war zehn Uhr, und die Entscheidung nahte. Sie gelangten so weit an den Vorrathsraum heran, daß sie jedes Wort der beiden Sprecher verstanden.

    »Nun, machst' mit?« frug der Feldbauer. »Mich brennt's an die Fers'n, und deshalb hab' ich Dir viel Vortheil gelass'n bei dem Handel. Meine Bedingungen kennst'!«

    »Ja, ich bin dabei!«

    Sie schlugen ein. Dann legte der Bauer die Bücher wieder in den Schrank zurück und zog ein Paket hervor.

    »Das Uebrig' thun wir später ab; jetzt müss'n wir zu den Leut'n, die schon längst gewartet hab'n. Hier hast' All's, was wir brauch'n!«

    Sie legten Perücken und Bärte an, banden Larven vor und verhüllten sich in unkenntlich machende Kleidungsstücke. Dann schob der Waldkönig den Riegel zurück, blies die Laterne aus, welche ihnen bis jetzt geleuchtet hatte, und schlüpfte zwischen der sich bewegenden Mauer und der Stollenwand hindurch. Der Andre folgte.

    Die bereits vollzählig versammelten Pascher erhoben sich bei ihrem Erscheinen. Ihre Gesichter waren nicht zu sehen, aber ihren Bewegungen konnte man die Befremdung darüber entnehmen, daß ihr Oberhaupt in Begleitung erschien.

    »Ich hab' Euch bestellt net um der gewöhnlich'n Ursach', sondern aus einem andern Grund. Ich tret' heut' zurück vom Geschäft und geb' Euch an meiner Stell' einen andern Anführer. Hier steht er. Er wird Euch stets so unbekannt bleib'n wie ich, aber stets auch so gut auf Euern Vortheil seh'n. Die Aend'rung kann net gleich und schnell geschehn; sie muß zuvor gar reiflich von uns besprochen werd'n. Darum wird heut ein Rath abgehalt'n, bei dem ein Jeder seine Meinung sagt.«

    Die Schmuggler steckten überrascht die Köpfe zusammen; die Nachricht schien keinen guten Eindruck auf sie gemacht zu haben. Nach längerem Flüstern trat Einer hervor.

    »Waldkönig, denkst' etwa, Du kannst uns verhandeln wie eine Herd' Schaf' oder Rinder, die sich's ruhig gefall'n läßt, wenn man ihr einen andern Hirt'n giebt? Wir woll'n – – «

    »Was Ihr wollt, könnt Ihr nachher sag'n. Vielleicht tret' ich net vollständig aus und geb' Euch dies'n nur als Stellvertreter. Ich hab' Euch doch gesagt, daß Euer Vortheil absolvirt werd'n soll, und ihr könnt versichert sein, daß ich net anders als mit Eurer Zustimmung handeln werd.«

    Das schien sie einigermaßen zu beruhigen.

    »Und was wird mit dem Feldwebel?«

    »Der kommt zunächst d'ran; aber es wird anders, als es ausgedacht war. So lang das Kommando hier war, konnt' er uns nütz'n; jetzt ist's weg, und er kann uns nur Schaden bringen. Er kennt den Stein und den Stoll'n, er merkt vielleicht auch, wer ihn herbeigelockt hat, er muß sterb'n, sonst sind wir von jetzt an keine Stund' mehr sicher. Seid Ihr's zufried'n?«

    »Ja.«

    »Holt ihn heraus!«

    Er gab den Schlüssel zu der Gefangnisthür aus der Tasche; der Feldwebel wurde herzugebracht.

    »Buschwebel, wie hast' Dich entschied'n?«

    »Ich kann net auf Eure Wünsch' eingehn.«

    »Gut, das verkürzt die Sach'. Paß auf, wenn ich drei sag', drück' ich los!« Er zog das Pistol' aus dem Gürtel und erhob den Arm. Zwei der Pascher hielten den Gefesselten. »Eins – zwei – –«

    »Halt – ergebt euch!« erscholl es da im Hintergrunde des Raumes, und in demselben Augenblicke wurde der Waldkönig von zwei eisernen Armen gepackt. Frieder war herbeigesprungen und hielt ihn, daß er sich nicht zu rühren vermochte. An seiner Seite stand der Lieutenant, den gezogenen Degen in der Faust, und über die ganze Breite des Raumes starrten den Versammelten drohende Gewehrläufe entgegen.

    »Fort, durch das Loch!« brüllte der Feldbauer, indem er sich unter dem Griffe Frieders vergeblich wand.

    Die Pascher gehorchten dem Rufe. Sie stürzten, Einer immer den Andern drängend und hindernd, der Trichteröffnung zu. Der Vorderste riß den Stein zurück und warf sich auf den Boden, um hindurchzukriechen.

    »Halt, sonst schieß ich!« schallte es ihm entgegen.

    Er fuhr zurück.

    »Drauß'n steht der ganze Kessel voll Grenzer!« rief er erschrocken.

    »Laß los, sonst schieß' ich!« schäumte der Feldbauer. Er rang den einen Arm empor und richtete den Lauf der Pistole über die Achsel hinweg auf Frieder; dieser riß den drohenden Arm zurück; der Schuß krachte, die Kugel flog hart am Gesichte des Waldkönigs vorüber, und der Blitz des Pulvers zuckte ihm in das Auge. Einen fürchterlichen Schmerzensschrei ausstoßend, vereinigte er seine ganzen Kräfte zu einem gewaltigen Rucke. Der Hagere preßte in die-


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sem Augenblicke Friedern, dieser mußte sich gegen ihn wenden, der Feldbauer kam frei und stürzte sich, halb geblendet, mitten unter die Gegner hinein. Der gewaltige Anprall warf diese auseinander; er erreichte die offenstehende Wand und schnellte den Stollen entlang dem Brunnen zu. Frieder erhob die Faust. Mit einem einzigen Schlage derselben schmetterte er den Hageren zu Boden und sprang dem Waldkönig nach. Dieser hörte die Schritte hinter sich; zum Aufgang durch den Brunnen blieb ihm keine Zeit übrig. Er eilte weiter, riß die Fahrt von der Erde auf, zerrte sie zum Schachte und hob sie ein.

    »Steh', Waldkönig; der Frieder kommt!« donnerte es hinter ihm.

    »Schau, ob Du mich bekommst, Hallunk'!« antwortete er.

    Er schwang sich in das Mundloch. Der Schreck der Ueberraschung, die Angst vor dem Verfolger, der Schmerz in den geblendeten Augen und die Heftigkeit der Flucht verwirrten ihn. Sein Fuß glitt von der Sprosse, seine Hände griffen fehl; mit einem fürchterlichen Schrei stürzte er in den Schlund hinab. Frieder vernahm den Schrei und das polternde, dumpfe Geräusch des Falles; er hatte hier Nichts mehr zu thun und eilte zurück. Die Pascher hatten die Gefährlichkeit und Nutzlosigkeit eines jeden Widerstandes erkannt und sich ergeben. Man war eben daran, sie zu binden. Der Hagere, welcher sich wieder emporgerafft hatte, sträubte sich dagegen.

    »Ich appellir' geg'n diese Behandlung. Ich gehör'net zu diesem Volk', sondern bin unschluldig hereingebracht word'n.«

    »Versuchen Sie keine Vertheidigung, sie nützt Ihnen Nichts!« gab der Amtshauptmann zur Antwort. »Wir waren ungesehene Zeugen Ihrer Verhandlung mit dem Feldbauer. Der neue Waldkönig darf nicht auf Nachsicht rechnen, und Ihre Bücher werden uns wohl vollständig rechtfertigen!«

    »Wo ist der Feldbauer?« rief der Lieutenant, welcher die Fesselung der Gefangenen überwachte, Friedern entgegen.

    »In den Schacht gestürzt. Das Gericht hat ihn ereilt. Er hat sich selber geblendet und liegt zerschellt da unt'n, wo er die Frau'n hinabgezwungen hat.«

    Die Bande des Feldwebels wurden beseitigt. Frieder war so rücksichtsvoll gewesen, den Entschluß seines früheren Gegners, in den Dienst des Waldkönigs zu treten, zu verschweigen. Die Pascher wand man einzeln durch den Brunnen empor; sie wurden sofort unter Militärbegleitung an das Gerichtsamt abgeliefert. Der Amtshauptmann blieb mit dem Assessor zurück, um seinen Pflichten volle Genüge zu thun.

    Die Nachricht von dem Geschehenen brachte eine ungeheuere Aufregung im Dorfe hervor. Trotz der späten Stunde versammelte sich Alt und Jung, Groß und Klein auf der Gemeindewiese, um die Gefangenen abziehen zu sehen. Die Nachricht, wer der Waldkönig gewesen sei, steigerte die bisher gegen den Feldbauern gerichtete unfreundliche Gesinnung mit einem Male zum vollsten Grimme, und hätte er sich bei den Gefangenen befunden, er wäre sicherlich gelyncht worden. Ganz anders klang es, als Frieder aus dem Feldhof trat, um sich nach Hause zu begeben. Er war der große Held des Ereignisses und wurde beinahe auf den Händen nach dem Bachgute getragen.

    »Endlich bist' wieder da!« empfing ihn der Vater. »Das war eine entsetzliche Ewigkeit, seit Du fortgegangen bist. Drauß'n hat der Lärm gewährt schon über eine Stund', und ich seh' nix, ich weiß nix und möcht' doch vor Erwartung und Angst um Dich an der Wand emporlauf'n! Wie ist's 'gangen?«

    »Gut. Net ein Tropf'n Blut ist gefloss'n, und wir hab'n sie All' bekommen. Hört!«

    Er stattete den lauschenden Eltern seinen Bericht ab.

    »Hätt' ich nur eine Viertelstund' zu seh'n vermocht,« rief der Blinde am Schlusse desselben, »ich gäb fünf Jahr' vom Leb'n dafür hin. So aber muß ich all's versäumen, worauf meine Sehnsucht ging so lange Zeit. Doch Eins muß ich hab'n! Wo liegt der Waldkönig?«

    »Im Feldhof. Man hat ihn heraufgeschafft; er ist zerschellt und zertrümmert, daß man sich vor ihm graut.«

    »So führst' mich hin zu ihm. Die Rach' ist zu End', aber meine Hand muß es fühl'n, ob's auch wahr ist. Dann will ich seiner gedenk'n als eines Todt'n, dem man verzeiht um der Seinen will'n.«

    Frieder suchte nun Martha auf. Sie befand sich bei der Mutter und sprang bei seinem Erscheinen empor, um sich an seine Brust zu werfen.

    »Gott sei Dank, daß Du lebst! O, was hab' ich erlitt'n, seit Du fort bist! Ich hab' Dich net anders gesehn als todt, gemordet vom – von Dem, den Du fangen willst.«


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    Sie blickte mit unbeschreiblicher Liebe in sein Auge und schmiegte sich an ihn, als ob sie ihn Jahrzehnte lang vermißt hätte. Die Kranke richtete sich langsam empor.

    »Ist's vorüber, Frieder?«

    »Ja. Besser als zu vermuth'n war. Er wird net mit Verhör und Gefangenschaft gemartert werd'n – er ist todt.«

    Daß der Oheim mitergriffen sei, verschwieg er ihr jetzt noch. Sie legte sich zurück und faltete die Hände.

    »Was Gott thut, das ist wohlgethan, so will ich denk'n und mich von nun an nur an Eurem Glück erfreuen!« – – –

    Das Militärkommando verließ, dieses Mal nicht blos zum Scheine, nach einigen Tagen die Gegend. Viele Familien geriethen ins Elend dadurch, daß ihr Ernährer ein Mitglied der Schmugglerbande gewesen war, gegen welche eine außerordentlich komplizirte und langwierige Untersuchung eingeleitet wurde, die mit der Verurtheilung aller Betheiligten endete.

    Der Feldhof steht noch; er ist in fremde Hände übergegangen. Die unterirdischen Gänge wurden verschüttet, der Brunnen ausgefüllt und jede Spur von der dunklen Residenz des Waldkönigs vernichtet; aber sein Andenken bleibt an dem Hofe haften und wird niemals von ihm zu trennen sein.

    Wer heute den Bachhof besucht, darf versichert sein, alle Zeichen eines reichen Glückes vorzufinden. Der Goliath lebt noch als ein rüstiger Greis, den der Verlust des Augenlichtes nicht hindert, fröhlich mit den Fröhlichen zu sein. Auch die Bäuerin ist noch derselbe milde, freundliche Charakter wie früher, und ihrem Einflusse ist es zum größten Theile zuzuschreiben, daß Marthas Mutter die Tage des schwersten Leides glücklich überstanden hat. Frieder ist der respektabelste und angesehenste Bauer der Umgebung und seine Frau ein Engel für jeden Hilfsbedürftigen. Das kleine Töchterchen, welches an ihrer Hand durch das Gras des Gartens zappelt, ist bis auf die großen, blauen Augen ganz ihr Ebenbild, und der Junge, welcher, auf dem Baume sitzend, Beide mit Kirschen bombardirt, giebt alle Hoffnung, daß das Geschlecht der Riesen vom Bachhofe auch ferner gedeihen werde.

    Der Buschwebel hat den Abschied nehmen müssen und ist mit seinem Erbtheile nach Amerika gegangen. Niemand weiß etwas Näheres über ihn, sein Scheiden hat kein armes Herz gebrochen. –



Einführung "Der Waldkönig"


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