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(137.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

Unterschrift

Was ich heut’ so öffentlich erzähle, war bisher ein tiefes Geheimnis. Und dennoch war es keines, weil es sich vor allen Augen und Ohren vollzog, die sehen und hören wollten. Viele berufene und unberufene Menschen gaben sich Mühe, das Rätsel zu lösen, doch stets vergeblich, weil sie selbst mit im Geheimnis standen, ohne daß sie es glaubten oder wußten. Keiner von ihnen allen brachte es fertig, sich aus diesem Geheimnisse herauszustellen, um die ganze, unsaubere Bande zu durchschauen, die aus fünf Personen bestand, die in Summa nur drei Namen hatten, nämlich zwei Achmed Agha, zwei Selim Agha und Abdahn Effendi, der eigentliche Gebieter.

Die vier Agha waren Offiziere; der Effendi aber war Zivilist und zugleich der dickste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe. Er betrieb die Viehzucht, die Landwirtschaft, die Bäckerei, die Fleischerei, die Fischerei, die Jagd, die Gastwirtschaft, den Binnen- und Außenhandel und war zu gleicher Zeit der Schech el Beled, der Kadi und der Imahm (Schultheiß, Richter und Geistlicher) der weit ausgedehnten Landschaft Dschan, durch die sich die türkisch-persische Grenze zieht. Daher der Titel Effendi, den er von jedermann verlangte und auch wirklich zugesprochen erhielt. Dschan liegt sehr hoch, im Süden des kurdischen Gebirges. Dort ragen die Berge von Uluhm empor, zwei Reihen zum Teil scharf abgegrenzter, zum Teil auch ineinander fließender Höhen, die, immer parallel miteinander, von Nordwest nach Südost verlaufen und zwischen sich ein langes, viel gewundenes, tief und steil eingeschnittenes

Tal bilden, auf dessen Sohle ein sehr fischreiches Wasser fließt. Die Fische gehörten dem Effendi. Er behauptete das. Und er hatte gedroht, einen jeden niederzuschießen, der sich an einer einzigen Flosse zu vergreifen wage! Die Berge von Uluhm sind, ebenso wie das zwischen ihnen liegende Tal, sehr dicht mit Busch und Wald bestanden, worin es Wild in Menge gibt. Der Effendi behauptete, daß auch dieses ihm gehöre und daß er einen jeden aufhängen werde, der so frech sei, auch nur eine einzige Maus oder Ratte anzutasten!

Wer die Türkei und Persien kennt, der weiß, daß an der Grenze beider Länder allezeit ein ebenso reger wie einträglicher Schmuggel betrieben worden ist. Und nie hat es eine Stelle gegeben, welche die Aufmerksamkeit der beiderseitigen Zoll- und Steuerbehörden in der Weise auf sich gezogen hat, wie die Landschaft Dschan, die mit ihren Bergen, Schluchten und Wäldern die Pascher geradezu herausforderte, sich hier zusammen zu ziehen.

Ein breiter Karawanenweg führt, Persien mit der Türkei verbindend, quer durch Dschan und also ebenso quer zwischen den Bergen von Uluhm hindurch. Das ist der offizielle, der befohlene Weg, den alle Personen und Güter zu nehmen haben. Jeder andere Weg wird als Schleichweg betrachtet, und wer ihn geht, setzt sich der Gefahr aus, als Schmuggler betrachtet und behandelt zu werden, vielleicht gar als Dieb und Räuber für Fisch und Wild. Da, wo diese Karawanenstraße auf der östlichen Seite in das Tal hinuntersteigt, befindet sich das Hauptquartier der persischen Zollbeamten. Da, wo sie auf der westlichen Seite wieder emporgestiegen ist, stehen die Gebäude der türkischen Douane. Beide also hoch oben auf den beiden Rändern des Tales, während unten, in der Mitte desselben, die Besitzung des Effendi an der über das Wasser führenden Brücke liegt. Er behauptete, daß diese Brücke ihm auch gehöre, und drohte, einen jeden einzusperren, der hinüber- oder herübergehe, ohne ihm den Brückenzoll zu entrichten! Sein Anwesen bestand aus einem nicht unbedeutenden Komplexe von Häusern, Hütten, Stallungen, Schuppen, Tennen, Winkeln und Löchern, welche alle dem Betriebe der oben erwähnten Tätigkeiten und Berufe zu dienen hatten. Die beiden geräumigsten -

geräumigsten unter diesen Baulichkeiten waren zwei Karawanserais, rechts an der Straße eines für die, welche von rechts her, also von Persien kamen und nach der Türkei wollten, links an der Straße eines für die, welche von links her, also von der Türkei kamen und nach Persien wollten. Da war den von beiden Seiten Kommenden Gelegenheit gegeben, mit ihren Tieren und Waren Unterkunft zu finden und sich auszuruhen oder gar zu übernachten. Im Hauptgebäude, in dem Abdahn Effendi selbst wohnte, gab es auch für vornehmere Leute Gelegenheit, zu wohnen. Nämlich zwei Zimmer über dem Parterre und noch zwei Stuben, die über diesen beiden lagen. Es gab also so eine Art erster und zweiter Etage, die aber beim Bau des Hauses gar nicht mit geplant worden waren. Sie bildeten vielmehr einen einfachen Würfel von Bretterwänden, die man erst später auf das platte Dach gesetzt hatte, um diese vier Unterkunftsräume zu gewinnen.

Ich war mit meinem kleinen Hadschi Halef Omar, den Scheik der Haddedihn-Araber, den jeder meiner Leser kennt, von Bagdad hier heraufgekommen, um nach Teheran zu gehen. Wir kehrten nicht in einem der beiden Serais, sondern hier im Hauptgebäude ein, in der Stube, die im Parterre lag und als das Zimmer für vornehme Gäste bezeichnet wurde. Man hielt uns sofort für vornehm, weil man uns nach unseren Pferden taxierte, die Araber von reinstem Blute waren und in jener kostbaren Weise aufgeschirrt, die man in Persien mit dem Namen Reschma bezeichnet. In dem Zimmer saßen fünf Personen, drei ältere und zwei jüngere. Einer von den Alten war ungeheuer dick. Er saß auf einem Sitz, der ganz augenscheinlich extra stark für ihn besonders angefertigt worden war. Sich in orientalischer Weise niederzusetzen, durfte er nicht wagen, weil es ihm in diesem Falle unmöglich war, wieder aufzustehen. Halef sagte, als er ihn erblickte, leise zu mir:

„Maschallah (Wunder Gottes), was für ein Mensch! Wer dreimal um ihn herumgeht, muß sich unterwegs viermal setzen, um auszuruhen!“

(Fortsetzung folgt.

(139.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

Unterschrift

(1. Fortsetzung.)

Dieser Mann war Abdahn Effendi, der Wirt. Seine Wangen standen wie Halbkugeln und seine Äuglein verschwanden fast ganz unter oder hinter dem Fettpolster, welches sie umgab. Den Mund sah man fast nicht und der Schnurrbart war unter der dicken Rindstalgnase vor Fett ganz verdünnt, erstickt und verkümmert. Aber der Zug von Gutmütigkeit, der wohlbeleibten Leuten eigen zu sein pflegt, war diesem Gesichte fremd. Die Augen schielten und wenn der „Effendi“ sprach, so hatte seine Stimme einen außerordentlich hochmütigen, harten, rücksichtslosen Klang. Eben als wir in die Stube traten, aß er. Ich habe ihn überhaupt fast niemals anders als essend gesehen. Von den beiden anderen Alten hatte der eine ein langes, schmales Vogel-, der andere aber ein kurzes, breites Bulldoggesicht, doch beide echt orientalisch geschnitten und in lange, dichte Vollbärte gehüllt. Die zwei jüngeren Männer sahen einander ähnlicher. Der eine lächelte immerfort wie ein Fuchs, der einer Gans die Ehe verspricht, und der andere saß, ging und stand ohne Unterlaß geduckt wie ein Marder, der einen Hühnerstall beschleicht. Man sieht, sympathisch waren diese Leute eben nicht, aber psychologisch außerordentlich interessant. Man fühlte gleich beim ersten Blicke, daß mit keinem von ihnen gut Kirschenessen sei und man nicht mit ihnen anbinden durfte, außer man wünschte, daß irgend etwas mehr oder weniger Unangenehmes passiere. Nach altem, orientalischem Brauche sagte mir der Effendi, daß er der Wirt sei, und nannte mir denn die Namen und die Berufsstellungen der vier anderen Männer. Sie titulierten sich gegenseitig Agha,

was so viel wie „Herr“ bedeutet und stets hinter den Namen gesetzt wird. Diese vier hatten nur zwei Namen. Die beiden Älteren hießen Achmed Agha und die beiden Jüngeren Selim Agha. Hierzu kam, daß zu dem gleichen Namen sich der gleiche Rang gesellte. Die beiden Achmeds standen im Oberstenrange; die beiden Selims waren Leutnants, alle vier also Offiziere. Ich fragte mich, welche Gründe man in Konstantinopel und Teheran wohl gehabt haben könne, zwei so hohe und verdiente Offiziere, wie ein Oberst doch wohl ist, in diese abgelegene Gegend zu versetzen; aber die Herren zeigten sich außerordentlich mitteilsam; sie freuten sich sichtlich, wieder einmal mit einem gebildeten Menschen sprechen zu können, und als sie gar hörten, daß ich Europäer sei, schien ihnen sehr daran zu liegen, sich vor mir in gutes Licht zu stellen. Darum erzählten sie mir ganz ungefragt und unaufgefordert, warum und weshalb sie von Bagdad und Teheran hieher gekommen und dann hier geblieben seien.

Es war, wie sie versicherten, mit der Schmuggelei hier nicht mehr auszuhalten gewesen. Die Zölle hatten fast gar nichts mehr eingebracht und so waren die beiden Regierungen darin übereingekommen, die Bewachung der Grenze der bisherigen liederlichen Aufsicht zu entziehen und in feste, militärische Hände zu legen. Dies konnte aber nicht geschehen, ohne daß die betreffenden militärischen Personen vorher bei der jetzigen Douane eine Lehrzeit durchgemacht hatten, um ihre Pflichten kennen zu lernen und in ihren Beruf sich einzuleben. Darum wurde von beiden Seiten je ein Hauptmann, ein Oberleutnant und ein Leutnant nebst drei gewöhnlichen Soldaten zu ihrer Bedienung herauf nach Dschan geschickt. Der Erfolg war ein überraschend schneller. Die beiden Hauptleute und die beiden Oberleutnants wurden mit ihren Soldaten von den Paschern schnell weggeputzt. Man begrub ihre Leichen, wo man sie fand. Die beiden Leutnants aber bewährten sich. Sie hielten sich mit ihren zwei Soldaten. Sie schafften Wandel. Sie wiesen nach, daß die beiden bisherigen Kommandanten mit den Schmugglern gemeinschaftliche Sache gemacht und die Behörden um ungeheure Summen betrogen hatten. Die beiden Verbrecher wurden abgesetzt und in Ketten nach Teheran und Bagdad transportiert; ganz selbstverständlich bekamen die Leutnants die freigewordenen Stellen. Sie blieben; sie blieben für immer, aber nur aus Pflichtgefühl und Aufopferung, denn

wenn sie gegangen wären, hätte die mühsam unterdrückte Schmuggelei sofort ihr Haupt von Neuem erhoben und alle bisherige Mühe wäre vergeblich gewesen. Aber die vorgesetzten Behörden waren dankbar für eine so beispiellose Uneigennützigkeit und Treue. Sie ließen die Leutnants und Soldaten entsprechend avancieren. Die Leutnants hatten es, als ich nach Dschan kam, schon bis zum Obersten gebracht, und die Soldaten standen bereits im Leutnantsrang. Weil die ersteren beide Achmed und die letzteren beide Selim hießen, alle vier aber Agha waren, konnte man sie nur dadurch auseinander scheiden, daß der Rang der beiden türkischen Offiziere nach türkischem Gebrauch, die Chargen der beiden persischen Offiziere aber in persischer Weise bezeichnet wurden. Oberst heißt türkisch Mir Alai, persisch aber Särtix. Leutnant heißt türkisch Mülasim, persisch aber Naïb. Darum hieß der Alte mit dem Vogelgesicht Mir Alai Achmed Agha, der Alte mit dem Buldoggesicht Särtix Achmed Agha, der Junge mit dem Fuchsgesicht Mülasim Selim Agha, und der Junge mit dem Mardergesicht Naïb Selim Agha.

Wir, nämlich Halef und ich, hatten gar nicht hier bleiben, sondern nur unsere Pferde ausruhen lassen und dann weiterreiten wollen, aber der Anblick dieser fünf Männer erweckte den Wunsch in mir, sie kennen zu lernen. Wir aßen etwas, dann verließ ich die Stube, um, wie es so meine Weise ist, einen kurzen Gang durch die Umgebung zu machen, um sie meiner Erinnerung einzuprägen. Als ich nach vielleicht zwei Stunden zurückkehrte, saß Halef nicht mehr an seinem Platze, sondern bei den fünf Männern. Sie hatten gewünscht, daß er bei ihnen sitze, und ihn dann ausgefragt. Wer meinen kleinen Hadschi Halef kennt, der weiß, welche Schleusen der Beredsamkeit da von ihm geöffnet worden waren, um unsere Erlebnisse und alle tausend Vorzüge, die er uns andichtete, in das hellste Licht zu stellen. Ich wurde zu meinem großen Erstaunen mit lautem Jubel begrüßt. Sämtliche Agha taten, als ob sie mich schon längst gekannt und geliebt hätten, und der dicke Abdahn Effendi bat mich inständigst, so lange sein Gast zu sein, wie es mir beliebe und ohne etwas zu bezahlen; nur müsse ich ihm den Gefallen tun, den riesengroßen, kurdischen Bär zu erlegen, der von Norden her in die Waldungen von Dschan gedrungen sei und unter dem Wildstand ungeheure Verwüstungen anrichte.(Fortsetzung folgt.)

(141.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(2. Fortsetzung.)

Kein hiesiger Mensch getraute sich an ihn. Meine Leser kennen diese Art des Bären; ich habe wiederholt von ihr erzählt. Der kleine Halef hatte erklärt, daß ich diesen Wunsch wahrscheinlich erfüllen werde, weil es uns zu aller Zeit eine Freude sei, mit einem solchen Raubwilde Bekanntschaft zu machen. Ich hatte keinen Grund, anders zu denken als er, und stellte nur die Bedingung, daß uns gute Unterkunft und gutes, gesundes Futter für unsere Pferde geboten werde. Dieser Bescheid erregte allgemeine Freude. Die Pferde bekamen einen schnell gesäuberten Stall für sich allein angewiesen und so viel Gerste, gequollenen Reis und gequetschte Bohnen, daß sie förmlich wüsten konnten. Und was uns selbst betraf, bedeutete der ultradicke Effendi, daß er uns in eigener Person die Zimmer anweisen werde, die wir bewohnen sollten. Er bekümmerte sich um seine Gäste nie, denn er habe keine Zeit dazu. Daß er sich mit uns jetzt diese Mühe gebe, sei eine Auszeichnung, die wir dankbar anzuerkennen hätten.

Er führte uns hinaus und hinter das Haus, wo eine Holztreppe auf das platte Dach leitete. Er stieg uns da voran, langsam und schwer, ächzend und stöhnend, hustend und pustend, pro Minute einen Schritt. Wir, die wir hinter ihm gingen, hatten das Glück, den Anblick seiner unförmlichen Fleischmasse mit Demut und Ergebenheit zu genießen. Das Dach war lang und breit. Es bestand aus festgeschlagenem Lehm. Man konnte mit großen Schritten darauf spazieren. Es büßte durch den schon erwähnten Bretterwürfel, der die vier Stuben enthielt und auf der Mitte des vorderen Randes stand, nur den vierten Teil seiner Oberfläche ein. Wir bekamen die zwei Stuben, welche direkt auf den Dache standen. Man trat gleich direkt von dem letzteren durch eine Tür hinein. Zu den beiden oberen Stuben führte ein schwankes, hölzernes Mittelding zwischen Treppe und Leiter hinauf. Sie waren schon bewohnt, und zwar

auch von zwei Fremden. Der eine von ihnen sei aus dem Sumpflande von Basra, also ein Türke, der andere aus dem Fieberlande von Laristan, also ein Perser. Das Sumpffieber habe sie an den Rand des Todes gebracht und sie gezwungen, für einige Monate hier herauf nach Dschan zu gehen, um in der reinen, stärkenden Höhenluft zu gesunden. Sie seien schon zwei volle Wochen hier und würden uns nicht im geringsten belästigen, da sie sich während des ganzen Tages im Walde aufhielten, um guten Atem zu holen.

Unsere Zimmer gefielen uns sehr, weil sie uns einen freien Ausblick nach allen vier Himmelsrichtungen boten und weil wir nur aus der Tür zu treten brauchten, um im Freien sein zu können, ohne zu den anderen Leuten hinuntersteigen zu müssen. Leider waren wir aber nicht die einzigen Bewohner dieser mit Kissen, Decken und Teppichen sehr reichlich ausgestatteten Räume. Es logierte da eine solche Menge jener kleinen, lieblich duftenden und zutraulichen Wesen, die der Araber Bakka, der Perser aber Sas oder Millä (Wanze) nennt. Diese letztere Sorte ist übrigens nicht ungefährlich, da ihr Biß unter Umständen direkt giftig wirkt. Der Effendi hatte davon gesprochen, daß er keine Bezahlung von uns nehmen wolle. Mir ahnte aber, daß unser Gehen nicht so friedlich wie unser Kommen verlaufen werde, und so hielt ich es darum für ausgeschlossen, irgend etwas ohne Gegenleistung von ihm anzunehmen. Darum eröffnete ich ihm jetzt, als ich mich bereit erklärte, die Zimmer anzunehmen, daß ich sie und alles andere bezahlen würde, obwohl er darauf verzichtet habe. Da gestand er mir mit fast überirdischer Aufrichtigkeit, daß er sich das genau so gedacht habe, wie ich es ihm jetzt sage. Ein anständiger Mensch lasse sich nichts schenken, sondern er bezahle um so mehr, je weniger man verlange. Da er aber nicht nur wenig, sondern gar nichts von mir verlangt habe, so rechne er auf den höchsten Preis, den es hier oben gebe. Als ich ihn dann aufforderte, diesen Preis zu bestimmen, schüttelte er den Kopf und antwortete, das überlasse er mir. Dann ließ er uns oben stehen und stieg wieder vom platten Dach hinab, daß alle Stufen der Treppe krachten. Halef lachte. Er sagte:

„So dick und ungeschlacht er ist, so unförmlich ist auch

diese seine Geldschneiderei! Wir werden ihn bezahlen, nicht wahr, Effendi? Nicht zu viel und nicht zu wenig!“

Er zog dabei seine Kurbatsch (Nilpferdpeitsche) aus dem Gürtel, um mit einigen kräftigen Bewegungen des Armes die Münze anzudeuten, in der er sich diese Bezahlung dachte. Dann folgten wir dem Effendi hinab, um das uns aufgetragene Werk sofort zu beginnen. Ich teilte den Herren Offizieren mit, daß wir im Begriffe ständen, unsere Bärensuche anzutreten, und forderte sie auf, sich zu beteiligen. Das lehnten sie aber ganz entschieden ab. Die Kerle hatten Angst. Die einzige Hilfe, die sie uns leisteten, bestand darin, daß sie uns berichteten, was sie über den Bären, den wir erlegen sollten, wußten, und das war wenig genug. Bevor wir dann aufbrachen, erhielten wir von Abdahn Effendi folgende Instruktion:

„Der ganze Wald ist mein und die ganze Gegend ist mein. Ihr könnt also überall hin, wohin ihr wollt. Nur vor dem Sägemüller Ben Adl habt ihr euch zu hüten. Der ist mein Feind. Ich verbiete euch, seine Besitzung zu betreten oder gar mit ihm zu reden. Er schießt nämlich jeden nieder, der es wagt, sich ihm zu nähern! Nehmt euch also in acht!“

„Wo ist die Mühle?“ erkundigte ich mich.

„Wenn ihr an diesem unseren Wasser aufwärts geht, kommt erst ein Bach von rechts, dann einer von links, dann wieder einer von rechts. An diesem hat Ben Adl, der Schuft und Schurke, sich festgesetzt, um unser schönes Dschan zu verschimpfieren. Sein Vater war der hiesige Kommandant der persischen Douane. Er ist jetzt Kettengefangener. Der Vater seines Weibes war der hiesige Kommandant der türkischen Douane, der auch in Ketten liegt. Beide Kommandanten wurden abgesetzt und bestraft, weil sie große Unterschleife und Betrügereien begangen hatten. Sie mußten alles hergeben, was sie besaßen. Nur eines konnte man ihnen nicht nehmen, nämlich das Land, welches sie direkt vom Schah gekauft hatten, um ihren Kindern ein Haus darauf zu bauen und sie dann miteinander zu vermählen. Aus diesem Hause ist eine Schneidemühle geworden, in welcher diese Kinder nun als Mann und Weib wohnen, um mir meine Bäume wegzufällen und mich totzuärgern.

(Fortsetzung folgt.

(143.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(3. Fortsetzung.)

„Sie machen aus diesen Bäumen Bretter, die sie über das ganze Hochland bis nach Kurdasir und Feridan, sogar bis Teheran und Isfahan versenden, wo Pilgersärge aus ihnen gezimmert werden. Dieses viele, viele Geld könnte ich mir selbst verdienen! Sie nehmen es mir weg! Sie bestehlen, betrügen und berauben mich! Darum verbiete ich euch, mit ihnen zu verkehren. Wenn ihr es dennoch tätet, würde meine Rache euch vernichten!“

„Die meine auch!“ rief Achmed Agha, das Vogelgesicht.

„Die meine auch!“ drohte Achmed Agha, das Bulldoggesicht.

„Die unsere auch!“ warnten die beiden Selim, Fuchs und Marder, zusammen.

Dann, nachdem sie ihre Pflicht hiemit getan zu haben glaubten, nahmen ihre Physiognomien sofort wieder die freundlichsten Züge an, und wir wurden mit dem strahlendsten Wohlwollen von ihnen entlassen.

Wir wanderten schweigend am Wasser hinauf, jeder mit seinen Gedanken für sich. Wir befanden uns kaum erst drei Stunden bei diesen Leuten und wußten trotz dieser kurzen Zeit doch schon, wie tief sie trotz des hochgelegenen Landes, in dem sie lebten, standen. Sie zu durchschauen, war freilich noch nicht möglich, aber wir hegten beide die Überzeugung, daß es uns wahrscheinlich beschieden sei, nichts Gutes, sondern Schlimmes aufzudecken. Nachdem wir lange Zeit so still nebeneinander hingegangen waren, fragte Halef:

„Sihdi (Herr), soll ich dir sagen, was wir beide jetzt denken?“

„Nein,“ antwortete ich.

„Warum nicht?“

„Weil ich es schon weiß.“

„So sage du es! Ich bin überzeugt, daß du genau dasselbe denkst wie ich.“

„Ganz richtig! Wir denken beide, daß wir nun erst recht zu Ben Adl, den Sägemüller, gehen. Der wird höchstwahrscheinlich ein braver Mensch sein!“

„Ganz meine Ansicht! Ich habe ihn jetzt schon lieb! Wen so ein dicker, schielender, habsüchtiger Abdahn haßt, der verdient gewiß, daß man ihm Achtung und Vertrauen schenkt. Hast du gerochen, wie der Effendi stank, als er vor uns die Treppe emporstieg?“

Ich nickte nur. Da fuhr er fort:

„Er stank nach allen möglichen schlechten Düften, besonders aber nach Geist- und Seelenlosigkeit. Geh, lauf, Effendi, damit wir schneller aufwärts kommen!“

Er verdoppelte die Schritte seiner kleinen, kurzen Beine und zwang mich dadurch, auch meinerseits ein schnelleres Tempo einzuschlagen. Nach einer halben Stunde erreichten wir den ersten, von rechtsher kommenden Bach, nach einer zweiten halben Stunde den, der von der linken Seite kam und sich, wie der erstere, in das Hauptwasser ergoß. Das Tal, dem wir folgten, war oft sehr breit, zuweilen aber auch ebenso schmal, immer aber von dichtem Unterholz besetzt, aus dem die Kronen hoher Bäume ragten. Es gab da einen Holzreichtum, der für Persien beinahe als Wunder zu betrachten war. Es mochte bald wieder eine halbe Stunde vergangen sein, so daß wir nun anderthalb Stunden lang gegangen waren, da erreichten wir den zweiten Bach, der von rechts her mündete. Wir bogen in diese Richtung ein, um seinem Laufe entgegenzugehen. Der Weg wurde hier gangbarer. Er verließ sogar zuweilen den Bach, um in gerader Richtung eine seiner Windungen abzuschneiden. Indem wir ihm aufwärts folgten, hatten wir diese Windungen bald zur rechten, bald zur linken Seite neben und unter uns liegen. Es galt, kleine Brücken zu übersteigen. Das Plätschern und Murmeln des Wassers erklang bald hüben und bald drüben. Bei einer dieser Gelegenheiten hörten wir nicht nur das Wasser, sondern auch menschliche Stimmen. Es schienen weibliche zu sein. Wir blieben stehen und lauschten. Der Weg lag an dieser Stelle über dem Bache. Zwei Riesenbuchen standen in einiger Entfernung von ihm, und zwar genau an dem Rande, der sich zum Bache niedersenkte. Die Hälfte ihrer Wurzeln verlief nach unserer Seite in die Erde. Die andere Hälfte stieg auf

der anderen Seite im Freien abwärts, bis sie unten den Boden erreichten und in demselben verschwanden. Diese freiliegenden Wurzeln bildeten eine Art von Nische, in der zwei Bänke standen, eine niedrige und eine höhere, aus Stein und Moos gebaut. Man sah, das war zum Beten.

Um zu sehen, wer da sprach, waren wir an die Buchenstämme getreten, knieten da leise nieder und schauten heimlich hinab. Auf der niedrigen Bank knieten zwei Kinder nebeneinander, ein Knabe und ein Mädchen. Sie hatten die Hände gefaltet auf den Schoß einer Frau gelegt, die vor ihnen auf der höheren saß. Alle drei beteten, und zwar mit vereinten Stimmen. Und was sie beteten, das war nicht aus dem Kuran, sondern aus der Bibel, nämlich das Vaterunser, natürlich in arabischer Sprache. Und zwar beteten sie in einer unendlich rührenden, gläubigen Weise. Die Augen der Kinder waren voll Liebe auf das Gesicht der Mutter gerichtet, und diese hatte den Blick zum Himmel erhoben, und ihre Augen erglänzten in heiligem Feuer. Man sah und hörte, daß hier nicht nur drei Lippenpaare, sondern auch drei Herzen beteten, die wirklich an die Macht und an die Güte dessen glaubten, an den sie sich wendeten. Als wir zu horchen begannen, waren sie mit den ersten Bitten schon vorüber. Nun fuhren sie fort:

„Unser tägliches Brot gib uns heute! Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern! Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel! Erlöse uns von Abdahn Effendi und allen seinen Freunden! Erlöse den Vater unsers Vaters und den Vater unserer Mutter von den Ketten, in die sie unschuldig gefallen sind! Du kannst sie retten, wenn du willst! Amen!“

Als sie geendet hatten, drückte die Mutter die Köpfchen der Kinder an ihr Herz, gab jedem einen Kuß, und dann begann es von neuem: „Vater unser, der du im Himmel bist!“ Ich war tief gerührt. Ich stand auf und trat von den Bäumen zurück. Daß wir hier lauschten, kam mir wie eine Entheiligung des Gebetes vor. Halef schien ganz dasselbe zu fühlen. Er zog mich noch weiter fort und sagte:

„Komm, wir gehen!“

(Fortsetzung folgt.

(145.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(4. Fortsetzung.)

Erst als wir uns weit genug entfernt hatten und rings von Gebüsch umgeben waren, hielt er die Schritte wieder an. Da fragte er:

„Für wen hältst du diese drei Personen, Effendi?“

„Für die Frau und die Kinder des Sägemüllers Ben Adl,“ antwortete ich.

„Ich auch. Die Mühle scheint nicht mehr fern von hier zu sein, denn dieser Platz war die Kirche, war der Gebetsplatz, und den legt man sich doch so nahe wie möglich an das Haus. Ich behaupte, daß diese Leute Christen sind, und da war es ganz richtig, daß ich sie schon liebte, ehe ich sie zu sehen bekam. Nun aber liebe ich sie doppelt. Gehen wir direkt und offen in die Mühle?“

„Nein. Wenigstens nicht gleich. Wir umkreisen sie erst einmal, ohne daß man uns sieht. Es ist immer vorteilhaft, ein sicheres Bild von der Wohnung zu haben, ehe man zu den Leuten geht, die sich drin befinden, nicht nur in materieller, sondern auch in anderer Beziehung.“

„Du meinst, daß es geraten ist, sich erst um den Körper zu bekümmern, ehe man sich an die Erforschung des Geistes und der Seele macht?“

„Ja. Nun komm!“

Wir gingen weiter. Wie Halef vermutet hatte, so war es: die Mühle lag in der Nähe. Wir waren noch gar nicht weit gegangen, so blieb ich überrascht stehen, denn ich sah ein kleines, reizendes Landschaftsbild vor mir liegen, welches von einem Künstler nicht besser, lieblicher und traulicher hätte angelegt werden können und mich fast heimatlich anmutete. Die bisher ganz schmale Schlucht des Baches erweiterte sich hier sehr plötzlich und energisch zu einem nicht ganz unbedeutenden Talkessel, der von hier gegen Morgen lag und uns gleich beim ersten Blick verriet, daß der Besitzer desselben ein fleißiger, umsichtiger und überhaupt intelligenter Mann

sei. Der Kreis, den der Boden des Kessels bildete, war mit Feldern, Wiesen und Weiden, die vom Bach bewässert wurden, ausgelegt. Uns gegenüber sah ich einen Steinbruch, in dem man arbeitete. Hüben zogen sich zwei große, wohlgepflegte Gärten am Abhange des Berges hinauf. Zwischen ihnen lag die Mühle, deren Rad aber nicht durch den Bach, sondern mit Hilfe eines von weiter oben direkt herabgeleiteten Wassergrabens in Bewegung gesetzt wurde. Ihre innere Einrichtung war uns unbekannt, doch stand zu vermuten, daß sie der einer einfachen, primitiven deutschen Sägemühle ähnlich sei. Vor ihr waren große Haufen von Stämmen, Klötzen und Brettern aufgestapelt. Seitwärts stand ein zwar niedriges, aber sehr geräumiges Gebäude, welches jedenfalls als Unterkunftshaus diente. Daneben gab es eine Hürde, in welcher fremde Kamele, Maultiere und Maulesel standen, die für den Transport der Bretter bestimmt waren. Überall sah man arbeitende Menschen. Auf den Weiden grasten Pferde, Kühe, Schafe und Ziegen. Und rund um dieses schöne, erfreuliche Bild zog der Hochwald seinen dichten schützenden Rahmen. Man konnte es verstehen, daß der dicke Abdahn Effendi sich über diesen Besitz, über diesen Fleiß und über diese unverkennbare Behäbigkeit reichlich ärgerte.

Wir standen am Rande des Waldes und brauchten, um in das Freie zu kommen, nur noch einige Schritte zu tun. Das Unterholz bestand hier aus dichten Jasmin- und wilden Weichselbüschen, welche in Blüten förmlich leuchteten und einen Duft verbreiteten, den dieselben Sträucher in Deutschland nie erreichen. Eben wollte ich für einen Augenblick den Schutz der Bäume verlassen, um mich zu orientieren, wohin wir uns nun zu wenden hätten, da trat ich rasch wieder zurück, weil aus dem einen naheliegenden Garten drei Männer kamen, die ihre Richtung nicht nach der Mühle, sondern nach der Stelle nahmen, an der wir uns befanden. Da mündete ja der Weg, der wahrscheinlich nicht nur der unserige, sondern auch der ihrige war. Sie wollten vermutlich da hinunter, wo wir heraufgekommen waren. Wir verbargen uns hinter dem hellen Grün und duftenden Weiß der Jasmine, um sie an uns vorübergehen zu lassen, doch kam es etwas anders, als wir dachten.

Zwei von ihnen waren bejahrte Männer, aber noch rüstig. Ihre Bewegungen waren würdevoll, ihre Haltung stolz und fest, beinahe militärisch. Sie trugen Vollbärte. Der dritte war bedeutend jünger als sie, stark und kräftig gebaut, mit einem ungewöhnlich offenen, intelligenten Gesicht, in dem er nur den Schnurrbart trug. Sein Anzug zeigte die Spuren der Arbeit, doch sah man ihm an, daß er nicht als Untergebener tätig war. Er behandelte die beiden älteren Männer mit sichtbarer Hochachtung.

„Ob das etwa Ben Adl, der Müller, ist?“ fragte Halef.

„Sehr wahrscheinlich“, antwortete ich.

„Die beiden anderen sind nicht von hier“, fuhr er fort. „Das sind nicht Männer, sondern Herren. Und sie kommen nach dem Wege, der hinunter in das Haupttal und dann nach uns zu Hause führt. Weißt du, Effendi, welcher Gedanke mir da annehmbar erscheint?“

„Der Gedanke, daß es die beiden Fremden sind, die in den Zimmern über uns wohnen?“

„Ja, wahrhaftig, so vermute ich!“

„Ich auch, obwohl ich gar keine Haltepunkte hiefür habe. Wenn Abdahn Effendi uns verboten hat, hieher zu gehen, so ist wohl anzunehmen, daß er es auch den beiden anderen Gästen untersagte.“

„Die aber ganz so wie wir der Meinung waren, daß sie nicht verpflichtet sind, ihm zu gehorchen! Doch still! Sie sind schon da!“

Wir waren der Ansicht gewesen, daß diese Leute an uns vorübergehen würden. Das taten sie aber nicht, sondern sie blieben an der Stelle, wo der Weg aus dem Walde mündete, stehen. Wir sahen und hörten sehr bald, warum. Wir hatten uns nicht geirrt. Sie waren die, für die wir sie gehalten hatten, nämlich der Sägemüller und die beiden Fremden aus Basra und Laristan, die gerade über unseren beiden Zimmern wohnten. Sie hatten im Garten ein wichtiges Gespräch gehabt, nach welchem der Müller seinen Besuch nun bis hieher begleitete, wo ihr Heimweg durch den Wald begann. Da blieben sie nun für einige Augenblicke stehen, um sich voneinander zu verabschieden.

(Fortsetzung folgt.

(147.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(5. Fortsetzung.)

„Hierbei hat es also zu bleiben“, sagte einer der beiden älteren Herren in arabischer Sprache, doch hielt ich ihn infolge seines Dialekts sofort für einen Perser. „Es bleibt uns leider kein anderes Mittel mehr übrig. Ist auch das ohne Erfolg, so geben wir diese Forschungen auf und kehren in unsere Garnisonen zurück.“

„Das verhüte Gott!“ wünschte der Müller, indem er die Hände faltete.

„Ein anderes bleibt uns dann allerdings nicht übrig,“ bestätigte der andere ältere Herr, der unbedingt ein Türke war. „Wir geben zu, daß diese drei Personen im höchsten Grade verdächtig sind; aber wir können nichts auf sie bringen. Der Zoll bringt nichts mehr ein, und doch wissen wir, daß ganz bedeutende Mengen von Waren gerade hier durch Dschan nach beiden Richtungen gehen. Wir hofften auf dich. Du lebst ja hier und kennst die Verhältnisse. Du behauptest, daß dein Vater und der Vater deiner Frau unschuldig bestraft worden seien. Du hast also das größte Interesse daran, uns nachweisen zu helfen, was für Schurken die drei Kerle sind. Was aber haben wir entdeckt?“

„Nichts, gar nichts!“ antwortete der Perser schnell. „Nur eins haben wir gefunden, nämlich, daß die beiden Achmed Agha sich als Oberst und die beiden Selim Agha sich als Leutnants bezeichnen, obwohl kein Mensch daran gedacht hat, sie avancieren zu lassen. Die Achmeds sind heute noch Leutnants und die Selims heute noch gewöhnliche Soldaten. Aber das gibt keinen Grund, sie zu bestrafen. Sie würden einfach sagen, daß es ein Scherz sei oder daß sie diese Täuschung der Schmuggler für notwendig gehalten haben, um zu imponieren und sie vom Verbrechen abzuschrecken. Sie haben in ihren Berichten sich niemals als etwas Höheres bezeichnet, als sie sind, und darum könnte auf diese falsche Rangbezeichnung dem Zivil gegenüber höchstens ein Verweis erfolgen, zumal sie niemals Uniform getragen haben, am allerwenigsten diejenige einer Charge, die sie nicht bekleiden. Diese drei Männer

sind entweder so grundehrliche Leute, oder so abgefeimte Schurken, daß wir nicht die geringste Waffe gegen sie in die Hand bekommen haben, obwohl du uns hilfst und wir schon zwei Wochen lang, von ihnen unerkannt, bei ihnen wohnen und sie so scharf beobachtet haben, daß uns sicherlich nichts von dem, was während dieser Zeit geschah, entgangen ist. Nun haben wir nur noch die Wirkung unseres neuen Planes abzuwarten. Der von mir in Teheran bestellte Bote wird von heute an in vier Tagen ankommen — —“

„Der, den ich in Bagdad bestellt habe, ungefähr an demselben Tage,“ bestätigte der Türke, indem er ihm in die Rede fiel.

„Sie kommen also wohl an einem und demselben Tage nach Dschan,“ sagte der Sägemüller, „und die beiden sogenannten Oberste werden also zu gleicher Zeit die Meldung erhalten, daß ein persischer und ein türkischer hoher Adjutant kommen werde, um eine Untersuchung gegen sie einzuleiten. Daß diese beiden Adjutanten schon da sind, das wissen sie und das ahnen sie nicht. Sie werden durch diese Botschaft in eine gewaltige Aufregung versetzt werden. Sie werden hin- und herrennen. Sie werden Tag und Nacht arbeiten und alles in Bewegung setzen, die Spuren ihrer verbrecherischen Tätigkeit zu verwischen. Sie werden ihre Ruhe verlieren und weniger vorsichtig sein. Wir aber werden unsere Aufmerksamkeit verdoppeln und es sofort bemerken, wenn sie sich durch irgend etwas verraten.“

„Das ist es, was wir hoffen,“ gestand der Perser. „Daß dann auch dein Vater und der Vater deines Weibes unterwegs sind, wird nicht in den Meldungen stehen. Sie werden fürchterlich erschrecken, wenn sie beide sehen, und der Augenblick dieses Schreckes wird, so hoffe ich, sie so betroffen machen, daß sie alle ihre Geheimnisse verraten.“

„Und dann kommen unsere Väter frei?“ erkundigte sich der Müller.

„Nur für den Fall, daß erwiesen wird, daß sie damals unschuldig waren. Denn was die drei Schurken nachher taten, kann eure Väter nicht befreien.“

„Wir bitten Gott täglich um Hilfe.“

„Das ist umsonst!“

„Warum? Wohl weil ich Christ bin?“

„O nein!“ lächelte der Perser. „Nicht deshalb! Ich bin Schiit; mein Kamerad hier ist Sunnit und du bist Christ.

Wir sind das nur, weil unsere Väter das waren, was wir sind. Das gewöhnliche Volk aber rechnet sich das als Verdienst an. Es verlangt für dieses Verdienst, daß Allah stets bereit sei, ihm zu dienen. Es betet; das heißt, es belästigt ihn, es fordert von ihm Dinge, zu denen er nicht verpflichtet ist. Mein Kamerad hier ist zwar Moslem, er leugnet aber Allah ganz. Ich, der Schiit, will ihn zwar nicht leugnen, aber ich mute ihm auch nicht zu, unser Packträger und Wunscherhörer zu sein, so oft wir es von ihm verlangen. Wenn du glaubst, daß er etwas auf das Plappern und Beten der anderthalbtausendmillionen Menschen, die es gibt, achtet, so bist du unheilbar irr im Kopf!“

„Ich glaube es aber,“ versicherte der Müller, indem er beide Hände beteuernd auf die Brust legte.

„So bist du also unheilbar, bist irr!“

„Nein; Ihr seid irr!“

„Beweise es!“

„Das kann ich nicht. Das kann nur Gott!“

„So mag er es beweisen!“

„Ja, das ist so die Art der Ungläubigen,“ nickte der Müller. „Erst sagen und behaupten sie, daß es keinen Gott gebe, und dann verlangen sie, daß er sie dennoch höre und sich ihnen offenbare. Es sind also sehr schwache Füße, auf denen Euer Unglaube steht!“

„Spotte nicht!“ gebot ihm der Türke. „Du bist Müller, weiter nichts. Du sägst dein Holz und staubst deine Gebete wie Sägemehl in die Luft. Sie fallen ganz von selbst wieder nieder. Wir aber wissen das besser. Du behauptest, es sei ein Gott, kannst es aber nicht beweisen. Ich aber glaube, daß es gar keinen Gott gibt, und mein Kamerad, der Schiit, behauptet, daß ein Gott, selbst wenn es einen gäbe, ganz unmöglich auf dein Lallen hören kann. Wir werden dir das beweisen. Du betest täglich, daß der Gott der Christen euch von Abdahn Effendi und allen seinen Freunden erlösen möge?“

„Ja.“

„Dein Weib und deine Kinder beten dasselbe?“

„Ja.“

„Und ihr glaubt, daß er es hört?“

„Ja.“

(Fortsetzung folgt.

(149.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(6. Fortsetzung.)

„Dann muß er euch erhören, muß, muß, muß! Sonst ist er ja noch schlimmer als dieser Abdahn Effendi nebst allen seinen Schmugglern, Dieben und Betrügern! Sage ihm das! Laß es ihm auch durch deine Frau und deine Kinder sagen! Und sage ihm auch noch folgendes: Wenn es wirklich einen Gott gibt, der die Gebete der Christen hört, so verlangen wir von ihm, daß er das eurige erfüllt, und zwar nicht durch uns, sondern eben auch durch einen Christen, und — — “

„Und,“ fiel ihm der Perser in die Rede, „und wir verlangen ferner vor ihm, daß Abdahn Effendi selbst zu ihm beten soll: Erlöse uns von Abdahn Effendi und allen seinen Freunden! Hast du das verstanden, Ben Adl?“

Der Gefragte war vor Schreck einige Schritte zurückgetreten. Er antwortete:

„Verstanden habe ich es. Aber das ist ja Gotteslästerung!“

„O nein! Wir geben dem Gott der Christen nur Gelegenheit, zu beweisen, daß er wirklich existiert und daß seine Ohren offen stehen, zu hören, was man betet!“

„Aber das ist es ja eben, was ich als Gotteslästerung, als Frevel gegen Gott bezeichne!“

„So mag er ihn hören, diesen Frevel!“

„Das heißt soviel, wie ihn bestrafen!“ rief der Müller entsetzt.

„Laß es so heißen; wir fürchten uns nicht!“ befahl ihm der ungläubige Türke. „Wenn es einen Gott der Christen gibt, ist er noch lange nicht ein Gott der Mohammedaner!“

„Er ist beides! Er ist der Gott aller Menschen, der Herr und Vater der ganzen erschaffenen Welt!“

„Der meine nicht! Er lasse mich in Ruhe! Doch nun, leb wohl, Ben Adl; wir gehen!“

Er reichte ihm die Hand und ging. Auch der Perser gab ihm die Hand und sprach:

„Leb wohl! Ich verwerfe Allah nicht ganz. Ich behaupte nur, daß er viel zu hoch steht, als daß er sich um uns bekümmern -

bekümmern kann. Leb also wohl, und laß dich von ihm behüten — wenn er will!“

Er folgte dem Türken. Dieser war schon einige Schritte in die Waldung hineingegangen. Da drehte er sich noch einmal um, nickte dem Müller zu und sagte:

„Also laß es ihm wissen, was wir von ihm verlangen! Einen Christen hat er zu senden. Wenn er das tut, werde ich an ihn glauben!“

Da blieb auch der Perser wieder stehen und fügte hinzu:

„Und Abdahn Effendi hat in eigener Person und mit seinem eigenen Munde ihn zu bitten, daß er Euch von ihm erlöse!“

„Und die Strafe für diese eure Lästerung?“ fragte der Müller mit einer Stimme, welche man zittern hörte.

„Die gibt es nicht!“ beteuerte der Türke.

„Und wenn es sie doch gibt?“

„So mag sie kommen,“ antwortete der Perser. „Wir fürchten uns nicht!“

Dann gingen sie. Der Müller blieb noch eine kurze Weile stehen. Er schaute in die Richtung, die sie genommen hatten.

„Gott hat es gehört! Gott hat es gehört!“ sagte er, indem er seine Hände zusammenschlug. „Er wende es zu unserem Heil und Segen!“

Nach diesen Worten ging er fort, der Mühle zu. Wir warteten noch einige Zeit, ehe wir unser duftendes Jasminversteck verließen. Dann schauten wir hinter ihm drein, bis er in der Mühle verschwand.

„Sihdi, was sagst du hiezu?“ fragte Halef.

„Nichts. Wir gehen,“ antwortete ich.

„Warum?“

„Für heute haben wir genug gehört und gesehen. Einstweilen haben wir es nur noch mit dem Bär zu tun.“

„Hm!“ brummte der Hadschi, dem dies gar nicht paßte.

„Wir haben zunächst zu erfahren,“ fuhr ich fort, [„]ob dieser Bär ein herumziehender Vagabund ist, oder ob er sich seßhaft gemacht hat, vielleicht gar mit Frau und Kindern. Die Kinder wären jetzt vier Monate alt, sie ständen also in ihrer drolligsten Jugendzeit — —“

„Aber Bär und Bärin sind darum um so wilder,“ fiel er

ein. „Ja, gehen wir, um den alten Fisch- und Wildhüter aufzusuchen.“

Abdahn Effendi hatte uns nämlich an einen alten Kurden gewiesen, den er als Waldläufer angestellt hatte, um sowohl die Fische als auch das Wild zu bewachen, damit nichts gestohlen werde. Der Weg zur einsamen Hütte, in welcher dieser Mann wohnte, war uns so genau beschrieben worden, daß wir gar nicht irren konnten. Das Glück war uns günstig. Wir trafen ihn daheim. Aus dem, was wir von ihm erfuhren, ließ sich schließen, daß es sich nicht um einen einzelnen Herumtreiber, sondern um eine ganze, fest angesessene Bärenfamilie handelte, und da dieses Jagderlebnis nur eine Nebenepisode ist, so will ich hier gleich im voraus bemerken, daß es mir und meinem Halef gelang, die beiden Alten zu erlegen. Sie waren Prachtexemplare, gewiß vier Zentner schwer, und es gehörte ein ganzer Trupp von Menschen dazu, sie aus dem Walde nach Abdahns Ansiedlung zu schaffen. Die beiden Jungen brachten wir lebend heim. Durch diesen Beweis von Mut, den weder der Effendi noch die vier Agha besaßen, wurde unser Ansehen befestigt. Abdahn beauftragte uns, ihm so viel Wild wie möglich abzuschießen. Er wollte es versenden und verkaufen. Ich ging recht gern darauf ein, weil uns dies ein guter Behelf war, hier zu bleiben und uns mit den obwaltenden Geheimnissen zu beschäftigen. Die Bevollmächtigung zur Jagd gab uns gute Ursache, überall herumzustöbern, ohne daß es Aufsehen erregen konnte.

Dies sei also schon im voraus gesagt. Heute sahen und sprachen wir den Fisch- und Wildhüter zum ersten Male, fragten ihn aus und ließen uns die Stellen zeigen, wo er dem Bären wiederholt begegnet, aber schleunigst vor ihm ausgerissen war. Dann wanderten wir heim, um die eigentliche Suche erst morgen zu beginnen. Für heute war es zu spät. Wir hatten uns zu beeilen, noch vor Abend heimzukommen.

Unterwegs verhielt sich Halef ganz gegen seine Gewohnheit sehr schweigsam. Was über die Bärenjagd zu sagen gewesen war, das hatten wir besprochen. Nun schien er an die Mühle zu denken und an das, was wir gesehen, gehört und erfahren hatten. Auch ich war nachdenklich. Er aber konnte das nicht lange aushalten; er mußte reden.(Forts. folgt.)

(151.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(7. Fortsetzung.)

„Sihdi,“ sagte er, „du glaubst an keine Zufall?“

„Nein,“ antwortete ich.

„So wurden wir hiehergeführt?“

„Ja.“

„So hältst du dich also für den Christen, der retten und helfen soll?“

„Ja.“

Hierauf schwieg er eine Weile, dann fuhr er fort:

„Du weißt, daß ich dich in der ersten Zeit, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, immer zum Islam bekehren wollte. Nun aber hast du beinahe gesiegt. Ich bin fast Christ geworden, ohne daß du den geringsten Versuch, mich zu überzeugen, nötig hattest. Das ist die Macht des Glaubens, der nur in Taten lehrt! Aber heute bist du doch zu kühn. Heute ist dein Glaube gar zu groß!“

„Wieso?“

„Auch ich bin überzeugt, daß wir sehr bald entdecken werden, was diese beiden heimlichen Adjutanten nicht herausbekommen haben. Wenn uns das gelingt, so ist die Bedingung, welche der Türke stellte, erfüllt. Aber die Bedingung des Persers! Abdahn Effendi soll selbst beten, daß Gott die Menschen von ihm erlöse! Hältst du das überhaupt für möglich?“

„Es ist in fast jeder Beziehung eine Unmöglichkeit, nur in einer nicht, nämlich in Beziehung auf meinen Glauben. Noch vor einer Woche wollten wir nach Mossul. Wir hätten es für unmöglich gehalten, heute hier in Dschan zu sein. Heute sind wir dennoch hier! Aus welchem Grunde? Nur ganz allein, weil mir der Gedanke kam, nach Teheran zu gehen, obgleich es gar nichts zu diesem Entschlusse Treibendes gegeben hat. So gibt es auch für Abdahn Effendi jetzt keinen Grund, ein solches Gebet gegen sich selbst zu tun; aber wenn es noch über ihn beschlossen ist, daß es geschehe, so kann er nicht widerstehen, sondern hat zu gehorchen. Zerbrechen wir uns nicht den Kopf, sondern warten wir es ab!“

„Gut, warten wir es ab! Aber wenn sich deine Zuversicht bewähren sollte, so bin ich ganz besiegt und muß für immer schweigen!“

Hiermit hatte er seinem Herzen Luft gemacht und war nun wieder still. Als wir daheim ankamen, sah ich den türkischen Achmed Agha, der von der Anhöhe herabgestiegen war, um das Abendbrot bei Abdahn Effendi zu essen. Die vier Agha waren nämlich alle unverheiratet und pflegten ihre Mahlzeiten bei ihrem dicken Freunde einzunehmen. Als der „Mir Alai“ mich sah, grüßte er mich schon von weitem. Das veranlaßte mich, stehen zu bleiben und das Gewehr, welches ich mitgenommen hatte, Halef mit der Bitte zu geben, es mit dem seinigen hinauf zu uns zu tragen. Ich ging dem Oberst, der nicht Oberst war, die kurze Strecke, die uns trennte, entgegen. Er verbeugte sich außerordentlich höflich, reichte mir die Hand und fragte:

„Schon zurück? Wie steht es mit dem Bären?“

„Es sind mehrere,“ erwiderte ich. „Ich hoffe, sie baldigst zu bekommen.“

„Es ist Essenszeit. Speisest du mit?“

„Ja.“

„Dein Hadschi Halef Omar auch?“

„Gewiß!“

„Das freut mich. Ich habe ihn sehr schnell liebgewonnen, er mich aber auch. Und das ist gar kein Wunder, denn weißt du, ich bin eine Seele von einem Menschen, und was ich anderen Leuten an den Augen absehen kann, das tue ich. Auch dein Herz wird mir bald gehören. Also komm!“

Er schritt der Tür des Hauses zu. Da erscholl von der anderen Seite her eine rufende Stimme. Ich sah den persischen Achmed Agha kommen. Er grüßte auch schon von weitem, und ich ging ihm die kurze Strecke, die zwischen uns lag, entgegen. Er verneigte sich tief, drückte mir die Hand und sprach:

„Ich freue mich außerordentlich, daß ihr schon zur Essenszeit wieder heim seid. Ihr speiset doch mit?“

„Ja,“ antwortete ich.

„Da erlaube mir, mich neben dich zu setzen. Ich habe dich nämlich sehr schnell liebgewonnen, denn ich bin wirklich eine Seele von einem Menschen, wie du wohl schon bemerkt haben wirst. Wenn es mir gelänge, auch deine Teilnahme zu finden, so würde ich sehr glücklich sein! Komm mit herein!“

Soeben kam Halef wieder von oben herab. Wir traten in dieselbe Stube, in der wir schon gewesen waren. Da saß Abdahn Effendi. Er aß schon. Indem wir bei ihm Platz nahmen, fragte er nach dem Erfolge unseres Ausfluges. Ich gab ihm dieselbe Auskunft, die schon der „Mir Alai“ bekommen hatte.

„Freut mich!“ nickte er vergnügt, indem er weiterkaute und mich mit seinen verschobenen Äuglein anblinzelte. „Habt Ihr mit Ben Adl, dem Müller, gesprochen?“

„Nein,“ antwortete Halef.

„Oder mit einem andern Menschen aus der Mühle?“

„Nein.“

„Das freut mich, freut mich sehr! Ich bin nämlich ein Gemütsmensch, aber wenn man mir nicht gehorcht, so schlage ich zu und schmeiße alles hinaus. Das müßt ihr euch merken!“

Zu essen gab es genug. Fleisch, Reis, anderes Gemüse, auch Mehlgebackenes. Als Halef um Wasser bat, sahen die drei einander fragend an; dann erkundigte sich der Dicke:

„Trinkt Ihr nur Wasser?“

„Nein, sondern auch alles andere, was nicht giftig ist,“ lachte Halef.

„Auch Wein?“

„Ja. Warum sollten wir nicht?“

„Weil er dem Moslem verboten ist.“

„Da irrst du dich! Der Kuran verbietet alles, was betrunken macht. Also darf man von allem trinken, bis man bemerkt, daß sich der Rausch einstellt; dann aber hört man auf.“

„Hamdulillah, bist du ein kluger Kerl!“ rief der Effendi, und die beiden anderen stimmten in dieses Lob mit ein. Man hatte nur gewartet, was wir sagen würden; nun man unsere Ansicht aber kannte, wurde sofort nach Wein gerufen, den man in einem Kruge brachte und der aus irdenen Bechern getrunken wurde. Es war jene orientalische, dicke, schwere Sorte, welche man jahrelang auf Harz oder Tannenzapfen liegen läßt, um sie haltbar zu machen. Wir beide waren vorsichtig; wir nippten nur. Die anderen aber genossen dieses starke Getränk wie Wasser. Wir wurden wegen unserer Mäßigkeit ausgelacht. Man sprach von allen möglichen Getränken und ihren Wirkungen. Das Allerbeste und Allerherrlichste, was sie kennen gelernt hatten, war ein heißer Trank mit viel Zucker gewesen, aber nicht aus Wein, sondern aus etwas anderem; auch Zitrone sei dabei. Ein Engländer, der mit einer großen Dienerschaft nach Isfahan wollte, hatte hier übernachtet und seinen eigenen Koch und seine eigenen Getränke mitgehabt. Dieser Koch hatte dieses Getränke in der Küche zubereitet und dem Wirt und den beiden Obersten je ein Glas davon gegeben.

(Fortsetzung folgt.

(153.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(8. Fortsetzung.)

„Haben sie nicht gesagt, wie der Name dieses Trankes lautet?“ fragte Halef. „Mein Sihdi weiß alles. Wenn er den Namen hört, kann er das ebenso gut machen, wie dieser englische Koch.“

„Wirklich, wirklich?“ fragte da der Dicke, und „Wirklich, wirklich?“ riefen auch die beiden Achmeds, denen dieses Thema ebenso willkommen zu sein schien wie dem Effendi.

„Ja, wirklich!“ versicherte Halef.

Da stand der Dicke von seinem Sitze auf, sah mir erwartungsvoll in das Gesicht und sagte, indem er jedes einzelne Wort betonte:

„Dieser — Wundertrank — heißt — — Plöntsch!“

„Plöntsch?“ fragte Halef, sich besinnend. „Das kenne ich nicht. Plöntsch habe ich noch nie getrunken. Du wohl auch nicht, Effendi?“

„O doch!“ antwortete ich. „Und auch du hast schon von ihm getrunken. Nur heißt der Name nicht Plöntsch, sondern Pöntsch. Wir Deutschen sagen Punsch.“

„Ja, Pöntsch, Pöntsch, Pöntsch!“ rief der Oberst mit dem Vogelgesicht.

„Pöntsch, Pöntsch, Pöntsch!“ stimmte der Oberst mit dem Bulldoggesicht bei.

„Pöntsch, Pöntsch, Pöntsch!“ fiel der Dicke in seinem seligsten Tone ein. „Pöntsch ist richtig, Pöntsch! Du weißt es ja noch viel besser als ich! Aber, sag: Kannst du das machen, Sihdi?“

„Ja. Aber nur dann, wenn ich alles habe, was dazu gehört.“

„Und was gehört dazu?“

„Hast du Rum oder Arrak?“

„Beides!“ antwortete er ganz leise, indem er beide Hände in Form einer sich heimlich öffnenden Doppelklappe vor den Mund legte.

„Dann ist’s ja gut! Der Zoll, die Steuer und solche Dinge gehen mich ja nichts an. Also, wer Pöntsch machen will, muß haben Rum, Arrak, Zucker, Zitronen, Zwiebeln, Knoblauch, heißes Wasser und — und — — und etwas, was dir leider fehlen wird.“

„Was mir fehlen wird? Was ist das?“ fragte er in höchster Spannung.

„Aloe!“ antwortete ich.

„Aloe? Die hab’ ich!“ jubelte er auf.

„Er hat sie!“ rief der eine Achmed.

„Er hat sie!“ schrie der andere Achmed.

„Ja, ich habe sie!“ brüllte er selbst. „Wie mich das freut! Weißt du, Sihdi, ich bin ein Gemütsmensch! Ich habe immer alles, was andere Leute brauchen. Es sollte ’mal ein ganzer, großer Korb voll hier durchgepascht werden; der wurde von der Behörde konfisziert. Nun habe ich ihn! Du kannst ihn bekommen! Den ganzen Korb voll, wenn du ihn brauchst!“

„Wieviel enthält der Korb?“

„Eine halbe Maultierlast?“

„Das ist mir fast zu viel für einen einzigen Pöntsch,“ lachte ich. „Gib mit ein Stück, welches so groß ist wie eine Pflaume, hiezu acht große Zwiebeln, sechs Knollen Knoblauch, zwölf Zitronen, dazu eine Flasche Rum, eine Flasche Arrak und den nötigen Zucker, so sollst du einen Pöntsch bekommen, der auf alle Fälle noch weit besser als der des Engländers ist. Aber ich stelle die Bedingung, daß ich ihn selbst machen darf, in der Küche, und daß es keinem Menschen erlaubt ist, mich dabei zu stören!“

„Das wird geschafft! Das wird alles geschafft! Und niemand soll es wagen, dir dabei nahe zu kommen!“ versicherte der Dicke. „Allah segne dich, Effendi, Allah segne dich! Du bist ein von ihm begnadeter Mann! Erstens weil du das Rezept so genau weißt, und zweitens weil du es unterwegs nicht vergessen hast! Man darf zwar keinem Menschen wissen lassen, daß man Rum und Arrak hat, weil nämlich ein entsetzlich hoher Zoll darauf liegt, zu dir aber haben wir Vertrauen; dir darf man alles sagen. Ich werde also selbst gehen, um dir

diese Dinge zu besorgen, gleich, sofort! Dann führe ich dich in die Küche!“

Er rannte fort, so schnell sein Körperbau es ihm gestattete. Halef machte ein Gesicht wie ein Kaninchen, dessen Bau verregnet ist. Die Aloe, der Knoblauch und die Zwiebeln wollten ihm nicht in den Kopf; ich aber blieb ernst und tat, als ob ich von den Gewissensschlägen, die er fühlte, gar keine Ahnung hätte. Wir aßen weiter, bis der Wirt mich nach einiger Zeit in die Küche holte. Das war ein großer, auf der andern Seite des Hauses liegender, nur von brennenden Spänen erleuchteter Raum, in dem mehrere weibliche Gestalten unter dem Kommando einer ewig langen und unendlich dürren Frau beschäftigt waren, für das leibliche Wohl der Gäste zu sorgen. Der Effendi sagte mir, daß dies seine Gattin sei, daß er keine Töchter habe und daß seine beiden Söhne sich in Bagdad und Teheran als Kaufleute niedergelassen hatten. Er schnippste dabei mit den Fingern, um mir anzudeuten, wie vorzüglich sie sich in ihren Geschäften ständen. Ich vermutete, daß ihre einträgliche kaufmännische Tätigkeit in sehr naher Beziehung zu dem hiesigen Schmuggel stehe. Dann führte er mich an einen separatstehenden Tisch, auf welchem ich alles stehen und liegen sah, was ich für nötig befunden hatte.

„Darf ich zusehen, wie du es machst?“ fragte er.

„Leider nein“, antwortete ich. „Du würdest mich in meiner Andacht stören. Man hat bei der Bereitung dieses Trankes gewisse geheimnisvolle Verse herzusagen. Paßt man da nicht auf, so schmeckt er bitter und derart widerwärtig, daß man ihn nicht genießen kann.“

Er ging. Nun gab ich der Frau das Stückchen Aloe, um es im Mörser zu Mehl zu stoßen, die Zitronen, um sie zu schälen, und die Zwiebeln und den Knoblauch, um sie auf dem Reibeeisen klar zu machen. Das hatte den Erfolg, daß die Frauenzimmer alle zu niesen begannen. Inzwischen sah ich mich nach einem Gefäße um, welches sich dazu eignete, als Bowle oder Terrine benützt zu werden. Zwei alte, ziemlich große Krüge erschienen mir an geeignetsten dazu.

(Fortsetzung folgt.

(155.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(9. Fortsetzung.)

Ich spülte sie in dem fließenden Wasser aus, welches in sehr praktischer Weise vom Bache her durch die Küche geleitet war und gerade an meinem Tische vorüberfloß. Als dann die Ingredienzen mir in verfeinerter Form zurückgegeben wurden und auf dem Herde das Wasser zu sieden begann, machte ich mich an die Arbeit. Aloe, Zwiebeln, Knoblauch und so viel von den Zitronen, wie ich zuviel genommen hatte, ließ ich heimlich in das Wasser fallen; es verschwand, ohne daß man es bemerkte. Der Rum und Arrak gaben gerade und genau die zwei Krüge voll Punsch, dessen Duft durch die ganze Küche ging. Ich winkte die Frau herbei und gab ihr zu kosten. So lang und schmal sie war, so verschüchtert sah sie aus. Sie hatte so große Augen und einen so traurigen Blick, daß ich mich herabließ, freundlich mit ihr zu sein, das machte sie so verlegen, daß sie kein Wort zu sprechen wagte. Aber indem sie kostete, sagte mir ihr Gesicht, daß ihr das Getränk im höchsten Grade deliziös vorkam. Ich sagte ihr, daß der eine Krug für uns sei, der andere aber für sie und ihre Dienerinnen und Schützlinge unter den armen Gästen der Karawanserei. Da griff sie schnell nach meiner Hand, um sie zu küssen, und faßte strahlenden Auges dann nach ihrem Kruge. Ich trug den meinen in das Speisezimmer, welches eigentlich das Wohnzimmer des Effendi war und nicht von jedermann betreten werden durfte. Man empfing mich mit großer Spannung. Man probierte. Man schnalzte mit den Zungen. Man war entzückt; man trank! Man war des Lobes voll! Man versicherte, daß der Pöntsch des Engländers nicht halb so gut gewesen sei als der meinige! Ich trank ganz wenig, Halef auch. Umso fleißiger waren die drei anderen. Der Inhalt des Kruges reichte gerade aus, sie in jene Stimmung zu versetzen, in der man mit der Seligkeit keines andern Menschen tauscht; um sie aber betrunken zu machen, war es zu wenig. Wir bekamen eine Menge Lobeserhebungen und

Liebeserklärungen anzuhören, denn die beiden Obersten, die nicht Oberste waren, erhielten durch den Punsch eine Redseligkeit sondergleichen. Wenn der eine soeben zum zehnten Male versichert hatte, daß er eine wahre Seele von einem Menschen sei, so behauptete der andere bereits zum zwölften oder dreizehnten Male, daß er das von sich gar nicht erst zu sagen brauche, denn das wisse doch schon alle Welt. Der Effendi aber wurde still. Nur in den Augenblicken, in denen es ihm gar zu gut schmeckte, schlug er mit der Faust auf den Tisch und schrie:

„Ich bin ein Gemütsmensch! Daß ihr es wißt! Und wer es nicht glaubt, den schmeiße ich hinaus!“

Dann, als der Krug leer war, überkam den persischen Achmed eine Schläfrigkeit, der er nicht widerstehen konnte. Nach einiger Zeit folgte ihm der Wirt. Beide schliefen. Der türkische Achmed lachte über sie, fühlte sich aber auch ermüdet und sagte, daß er heimgehen werden, ohne die Schläfer aufzuwecken; das werde sie ärgern. Ich begleitete ihn hinaus. Draußen sagte er:

„Sihdi, ich habe dich unendlich lieb. Willst du mir eine Bitte erfüllen?“

„Gern, wenn ich kann“, versicherte ich.

„Geht Ihr morgen wieder nach dem Bären?“

„Ja.“

„So besucht mich vorher! Ich habe Euch etwas Hochwichtiges mitzuteilen, etwas, was Euch große Freude bereiten wird. Werdet Ihr kommen?“

„Ja.“

„Ich danke dir! Ihr werdet es nicht bereuen. Es ist immer verdienstvoll, so eine Seele von einem Menschen, wie ich bin, zu besuchen, und ich werde es Euch lohnen, königlich lohnen!“

Er hob den Arm bei dieser letzteren Beteuerung wie zum Schwur empor und ging dann davon, ohne einen Gruß zu sagen. Als ich wieder in die Stube kam, wachte der Perser soeben auf. Er sah und hörte, daß sein Kamerad gegangen sei. Da entfernte er sich auch, ohne den Effendi zu wecken. Wir gingen mit ihm hinaus. Draußen sagte er, indem er sich Mühe gab, nicht hin- und herzuschwanken:

„Sihdi, ich bin dein Freund, dein wahrster, bester Freund! Glaubst du das?“

„Wünschest du, daß ich daran zweifle?“ gegenfragte ich vorsichtig.

„Nein, wahrhaftig nein! Ich liebe dich. Ich liebe euch alle beide. Und ihr liebt mich wieder, denn ihr habt gesehen, daß ich eine Seele von einem Menschen bin. Ich muß euch beweisen, wie nahe ihr meinem Herzen getreten seid. Darum würde ich euch bitten, mich gleich morgen früh zu besuchen, doch befürchte ich, daß ich da noch schlafe. Darum lade ich euch ein, zu Mittag zu mir zu kommen. Willst du mir diese Liebe erweisen?“

„Mit Vergnügen!“

„Ich danke dir! Allah sende euch einen recht großen, dicken, fetten Schlaf! Gute Nacht!“

„Gute Nacht! Gute Nacht!“

Er ging. Ich bemerkte, daß Halef etwas sagen wollte, und verhinderte ihn daran:

„Pst, still! Die beiden Adjutanten schauen oben heraus. Ich hörte einen Laden sich bewegen. Sie haben alles gehört, denn der Perser sprach überlaut.“

„So werden sie uns für Freunde dieser Verbrecherbande halten. Gehen wir wieder hinein?“

„Nein. Wir gehen schlafen. Komm!“

Wir begaben uns nach der hinteren Seite des Hauses und stiegen die Treppe nach dem platten Dache empor, um unsere Wohnung aufzusuchen. Die beiden über uns wohnenden Männer hörten uns jedenfalls kommen; sehen konnten sie uns nicht, denn die Nacht war stockdunkel. Ohne vorher unsere kleinen Sesamöllämpchen angebrannt zu haben, legten wir uns zur Ruhe und schliefen auch sehr bald ein. Doch dauerte der Schlaf wohl keine Viertelstunde lang, so wurden wir geweckt. Nun machten wir Licht und sahen nun die lieben Tierchen laufen, die sich aus allen Rissen und Ritzen des Holzes auf uns gestürzt hatten. Wie die beiden Männer über uns die Angriffe dieser Menge von Insekten auszuhalten vermochten, das war mir unbegreiflich.

(Fortsetzung folgt.

(157.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(10. Fortsetzung.)

Wir ergriffen die Flucht. Draußen auf dem Dache, so weit wie möglich von unserem Logement entfernt, richteten wir uns mit Hilfe unserer eigenen Decken so gut oder so schlecht wie möglich ein Lager her, welches uns eine längere Ruhe versprach. Aber auch da gab es eine Störung, wenn auch keine so häßliche. Wir hatten uns nämlich kaum gelegt und lagen nun still, den Schlummer zu erwarten, da hörten wir eine laute Stimme unter uns, die so nahe klang, als ob der Sprechende seinen Mund von unter herauf an das Dach halte. Er schien sehr aufgeregt zu sein. Man konnte ihn sehr gut hören, sogar die Worte unterscheiden, nur war es unmöglich, sie zu verstehen. Das klang zwischen Halef und mir, von einer ganz bestimmten Stelle. Wir tasteten beide zu gleicher Zeit hin. Da war ein Loch gewesen, ein Loch, so ungefähr von dem Durchmesser eines runden, gewöhnlichen Ofenrohres. Das hatte man mit Lappen zugestopft und diese Lappen dann oben mit dem Fuße geebnet.

„Du, Effendi, weißt du, wo wir sind?“ fragte Halef leise. „Ich glaube, wir liegen gerade über der Stube, in der wir gegessen haben!“

Er hatte recht. In dieser Stube stand ein Herd, oder vielmehr, er lag zu ebener Erde. Einen Herdmantel gab es nicht, sondern hüben und drüben einen vorstehenden Mauerpfeiler, zwischen denen der Rauch emporgeleitet wurde. Da oben ging ein rundes Loch durch das Dach, in welches im Winter jedenfalls ein Rohr gesteckt wurde, um als Schornstein zu dienen. Jetzt, im Anfange des Sommers, wo man nicht heizt, hatte man es herausgenommen. Es versteht sich ganz von selbst, daß wir uns beeilten, die Lappen herauszuziehen, und zwar so vorsichtig, daß nichts davon hinunter in die Stube fiel. Als das geschehen war und ich nun durch die Öffnung schaute, konnte ich fast den ganzen Raum übersehen und jedes Wort ganz

deutlich verstehen. Nach unserer Entfernung war ein Mann zu dem Effendi gekommen, den dieser uns nachgeschickt hatte, um uns unterwegs zu beobachten, ob wir nach der Mühle gehen würden. Er hatte sich immer hart hinter uns gehalten und alles belauscht. Nun hatte er gewartet, bis wir schlafen gingen, und stand jetzt vor dem Effendi, um ihm Bericht zu erstatten. Der Dicke war sehr aufgeregt. Er schritt auf und ab, gestikulierte mit beiden Armen und sprach in lautem, zornigem Tone. Er war eben jetzt mitten in einem angefangenen Satze:

„— — der Frau und den Kindern solche Schlechtigkeiten zu lehren! Oder hast du etwa falsch verstanden?“

„Nein,“ versicherte der Mann. „Die beiden Fremden hatten sich unter den Bäumen niedergelegt; ich aber war über den Bach hinübergesprungen und konnte von drüben aus die Betenden viel deutlicher sehen und hören, als sie.“

„Und du hast wirklich verstanden, was du behauptest?“

„Ja. Sie beteten das Vaterunser der Christen. Sie sagten alle drei: Erlöse uns von dem Übel! Erlöse uns von Abdahn Effendi und allen seinen Freunden! Dann später rief der Perser, der bei uns wohnt, dem Müller die Worte zu: Und Abdahn Effendi hat in eigener Person und mit seinem eigenen Munde zu bitten, daß er euch von ihm erlöse! Auch das habe ich ganz deutlich gehört.“

„Wer ist das, den ich bitten soll?“

„Das weiß ich nicht.“

„Und sonst hast du weiter nichts verstanden?“

„Weiter gar nichts. Der Deutsche stand mit dem kleinen Scheik, der so gern erzählt, im Gebüsch und lauschte. Diese beiden haben jedes Wort gehört, welches gesprochen worden ist. Ich aber konnte nur hören, was zu allerletzt so laut gerufen wurde. Später folgte ich unseren neuen Gästen dann weiter durch den Wald, kam ihnen aber nie so nahe, daß ich vernahm, was sie miteinander sprachen.“

„Das ist schlimm, sehr schlimm! Es wäre außerordentlich gut, zu erfahren, was sie erlauscht haben. Der Türke ist nicht aus Basra und der Perser nicht aus Laristan. Beide sind Offiziere. Man hat Verdacht gegen uns geschöpft. Sie sind gekommen, eine Untersuchung einzuleiten. Das haben die beiden -

beiden „Seelen“ sofort durchschaut. Bei uns hier hat man Wohnung genommen, um uns aus erster Hand beobachten zu können, und den Müller besucht man heimlich, um mit ihm zu konspirieren. Sie ahnen nicht, daß du sie schon so lange beobachtest, wie sie sich hier befinden. Sobald sie anfangen, es zu arg zu treiben, stechen wir sie einfach nieder und schießen den Deutschen mit seinem kleinen Hanswurst als ihre Mörder über den Haufen!“

„Das ist nicht gut! Das ist zu gefährlich!“ fiel der Berichterstatter ein. „Ich schlage vor, es genau wieder so wie damals zu machen: Pulver in die Schlafstatt und eine Zündschnur daran, die draußen am Stamm des Pfirsich herunterführt. Dann fliegen alle vier, die verkappten Offiziere, der Deutsche und der kleine Hadschi mit einem Male in die Luft, und alle Welt glaubt, daß sie selbst schuld seien, weil sie mit Pulver und Patronen gespielt haben.“

„Ja, das ist besser und kürzer,“ stimmte der Dicke bei. „Würdest du die Sache wohl wieder wie damals übernehmen?“

„Gegen den damaligen Lohn, tausend Yäk quirahn (tausend Franken), sehr gern!“

„Die gebe ich, wenn es wieder so gelingt wie mit den beiden Adjutanten, die ausfindig machen sollten, von wem damals die zwei Hauptleute und die zwei Oberleutnants mit ihren vier Soldaten ermordet worden seien.“

„Das haben die beiden Leutnants gut besorgt. Daß ich ihren Führer machte, brachte mir zweitausend Yäk quirahn von ihnen ein.“ Und mit einem grausamen Lachen fügte er hinzu: „Sie bluten noch heute manches Gold- und Silberstück, weil die Beweise von ihrer Schuld noch immer in meinem Beine stecken.“

„In welchem Beine? Du sprichst nur immer von Schuldbeweisen in deinem Beine! Das ist doch wohl Unsinn?“

„Nein, es ist kein Unsinn, sondern Wahrheit, geht aber dich nichts an. Es genügt, wenn ich dir sage, daß es mir jetzt nicht schlechter gelingen wird, als es mir damals gelang. Die tausend Yäk quirahn sind mir sicher. Soll ich den Deutschen mit seinem kleinen Scheik auch morgen wieder beobachten?“

(Fortsetzung folgt.

(159.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(11. Fortsetzung.)

„Ja. Ich muß unbedingt wissen, ob das heute nur Zufall war, oder ob er die wirkliche Absicht hat, den Müller aufzusuchen.“

„So muß ich schlafen gehen, sonst bricht er morgen auf, noch ehe ich aufgestanden bin.“

Er ging. Als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, hob Abdahn Effendi die geballte Faust, schüttelte sie ihm drohend nach und sagte:

„Lauf heut noch hin, Bursche! Auch deine Zeit ist nahe! Du spielst dein letztes Pulver aus; dann fliegst du hintendrein!“

Er ging noch einige Male hin und her, dann schob er den Innenriegel der Tür vor und trat zum Herd. Da lag ein Borstenbesen. Mit dem kehrte er den aufgehäuften Schmutz von der steinernen Platte, welche in gleicher Linie mit dem Boden lag, und richtete sie nach einer Seite in die Höhe. Da wurde ein großes, tiefes, quadratisches Loch sichtbar, in welches er niedergriff, um ein Korbgeflecht, welches genau hineinpaßte, in die Höhe zu ziehen und auf den Fußboden zu setzen. Das geschah gerade senkrecht unter meinen Augen. Es war gar nicht möglich, deutlicher zu sehen, als ich sah. Als der Korb nun stand, gleich er einer Kommode mit fünf übereinanderliegenden Fächern, nur daß es keine Kästen zum Herausziehen und Hineinschieben gab. Die Böden waren unbeweglich und die Fächer mit geflochtenen kleinen Türen verschlossen. Der Effendi öffnete nun eine derselben, entnahm dem Fache ein dickes Geschäftsbuch und setzte sich damit an den Tisch, an dem wir gegessen hatten. Er rechnete irgend etwas nach, schlug dann das Buch wieder zu, legte es in das Fach, verschloß dieses, versenkte den Korb wieder in das Loch und ließ die Platte darauf niedersinken, um sie von neuem mit Schmutz und Asche zu bedecken. Diese Arbeit war ihm bei seiner Wohlbeleibtheit schwer geworden. Als er sich von ihr wieder aufrichtete, holte er tief Atem und sprach halblaut, für mich aber doch vernehmlich, vor sich hin:

„Alle Geheimnisse liegen hier vergraben, alle! Niemand kann es finden! Sie alle sind zu dumm dazu, zu dumm!“

Er blies die Öllampe aus und verließ die Stube. Es gab keine Lagerstatt in ihr; er schlief also an einem anderen Orte.

Welch eine unendlich wichtige Entdeckung hatte ich da gemacht! Halef hatte natürlich nicht mit lauschen können. Ich erzählte ihm alles. Er war gar nicht sehr erstaunt. Daß wir in die Luft gesprengt werden sollten, interessierte ihn am meisten. Und sein größter Ärger war, daß der Effendi gewagt hatte, ihn einen kleinen Hanswurst zu nennen.

„Der soll den Hanswurst kennen lernen, aber wie!“ drohte er. „Hast du bemerkt, daß man die zwei Obersten die „beiden Seelen“ nennt?“

„Ja. Infolge ihrer stehenden Redensart!“

„Und daß der Dicke nun auch schon das vom Vaterunser weiß?“

„Das ist mir das Wichtigste! Das ist Fügung! Das ist die Einleitung zur Erfüllung der zweiten Bedingung! Es wird in ihm so lange wirken und arbeiten, bis es plötzlich explodiert. Doch, nun haben auch wir nach dem Schlaf zu trachten! Gute Nacht, Halef!“

Das war leichter gesagt als ausgeführt. Halef hatte noch eine ganze Menge von Fragen, so daß wir bei der Beantwortung derselben fast vergessen hätten, das Loch wieder zu verstopfen. Als dies geschehen war, kam endlich doch der Schlummer und und ging nicht eher wieder fort, als bis die Sonne aufgegangen war. Da badeten wir im Bache, tranken unsern Morgenkaffee, sorgten für Tagesproviant, nahmen unsere Gewehre und begannen unser Tagewerk. Der Dicke schlief noch. Er mochte annehmen, daß wir uns auf die Bärensuche begeben hätten, in Wahrheit aber stiegen wir zu Achmed Agha, dem Manne mit dem Vogelgesicht, hinauf.

Die Karawanenstraße zog sich in mehreren Windungen zur Höhe und war zu beiden Seiten von Büschen eingesäumt. Nach der ersten Windung blieben wir hinter diesen Sträuchern stehen, um zurückzuschauen. Wirklich! Er hatte uns abgelauert! Er folgte uns! Der Berichterstatter, den ich gestern Abend mit dem Effendi belauscht hatte!

„Wer mag er sein?“ fragte Halef.

„Das werden wir von Achmed Agha erfahren, der ihn ja vorübergehen sieht,“ antwortete ich.

Hierauf gingen wir weiter, um dem Spion nicht merken zu lassen, daß er von uns durchschaut worden sei. Es hat für

hier kein Interesse, die Gebäude der türkischen Douane zu beschreiben; es genügt, zu sagen, daß der Kommandant schon munter war und uns von weitem kommen sah. Er trat heraus, um uns zu empfangen. Kaum war dies geschehen, so erschien auch der Spion. Ich hatte angenommen, daß er, sich gleichgültig stellend, vorübergehen werde; zu meiner Verwunderung aber tat er das nicht, sondern als er uns stehen sah, kam er direkt auf uns zu. Achmed Agha winkte nach ihm hin und sagte:

„Da kommt Omar, mein Basch Tschausch (Feldwebel). Er ist ein tüchtiger Mann. Erlaubst du, daß er bei uns bleibe?“

„Du bist der Herr; dein Wille geschieht. Er ist also auch Militär?“

„Eigentlich nicht. Er stammt von hier. Ich rekrutiere meine Mannschaften nicht vom Militär, sondern aus der hiesigen Gegend: das ist vorteilhafter. Tretet ein! Möge es euch bei mir gefallen!“

Er führte uns nicht in das Bureau, sondern in sein Privatkabinett, wo er wohnte, rauchte und schlief. Der Feldwebel stellte sich außerordentlich devot, glückselig, sich uns zugesellen zu können, und wir behandelten ihn so freundlich, als ob wir noch gar nichts wüßten. Sobald wir Platz genommen hatten, zögerte Achmed Agha nicht, uns mitzuteilen, welchen Grund seine Einladung hatte. Er hielt eine lange Rede über seine Liebe zu uns, über meine Geschicklichkeit, Pöntsch zu machen. Dieser Pöntsch sei der höchste aller irdischen Genüsse, und er hoffe, daß ich das, was ich gestern für Abdahn Effendi getan habe, nun heut’ auch für ihn tun werde. Er sei eine Seele von einem Menschen und werde mir also gewiß sehr dankbar sein. Er habe alles besorgt, Zitronen, Zwiebeln, Knoblauch. Arrak und Rum sei trotz der hohen Zöllle immer da. Nur Aloe habe er nicht. Ob es nicht vielleicht einmal auch ohne diese gehe? Ich könne ja die Verse, die ich dabei zu sagen habe, auf das Fehlen der Aloe einrichten. Es sei heut’ ein so schöner, sonniger Morgen; da müsse ein Krug Pöntsch oder zwei ganz gedeihlich sein. Wenn der Pöntsch ohne Zeugen gemacht werden müsse, so solle ich ihn drüben in der Stube machen, wo der Basch Tschausch wohne; der sei jetzt bei uns, nicht drüben. Da gebe es einen Herd.“

(Fortsetzung folgt.

(161.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(12. Fortsetzung.)

Man kann sich denken, wie gerne ich auf die Wünsche Achmed Aghas einging. Welch eine vortreffliche Gelegenheit, nach dem „Beine“ des Feldwebels zu suchen, in dem die Schuldbeweise versteckt sein sollten!

Als ich mich bereit erklärt hatte, wurde ich hinüber geführt. Was ich brauchte, wurde geschafft, genau so viel wie gestern, obwohl heut’ weniger Personen waren. In Beziehung auf den fehlenden Aloe gab ich den Trost, daß der Pöntsch hiedurch zwar weniger glühend, aber umso wärmer werde. Achmed Agha machte in eigener Person Feuer; dann entfernte man sich. Ich war allein und schob den Riegel vor, damit mich niemand überraschen könne. Während der Zeit, die das Wasser brauchte, um ins Kochen zu kommen, forschte ich. Es verstand sich ganz von selbst, daß der Feldwebel nicht sein eigenes, sondern das Bein irgend eines Möbels gemeint hatte. Es war aber kein anderes Möbel mit Beinen zu sehen, als das sehr niedrige, orientalische Bettgestell, welches in der hinteren Ecke stand. Vielleicht war eines der vier Beine hohl? Ich hob das Gerät erst auf der einen, dann auf der anderen Seite empor, um nachzuschauen. Wirklich, wirklich! Von dem verstecktest stehenden der vier Beine war unten ein dünnes Scheibchen quer herüber abgesägt und dann mit kleinen, kurzen Holzstiften wieder angenagelt worden. Mit Hilfe meiner Messerklinge gelang es mir sehr leicht, diese Scheibe mitsamt den Stiften zu entfernen. Als dies geschehen war, sah ich, daß der Basch Tschausch das Bein etwas über fingerstark ausgebohrt hatte. In dem so entstandenen, röhrenartigen Loche steckten Papiere, die ich herauszog. Sie waren zusammengerollt; ich rollte sie auf und las. Es waren zwei Berichte, der eine in türkischer und der andere in persischer Sprache geschrieben. In dem türkischen wies der türkische Achmed Agha nach, daß der persische Achmed Agha damals den persischen Hauptmann, den persischen Oberleutnant und die ihnen beigegebenen Soldaten -

Soldaten nach und nach erschossen habe, um selbst Kommandant zu werden. Und in dem persischen brachte der persische Achmed Agha die Beweise, daß der türkische Achmed Agha damals den türkischen Hauptmann, den türkischen Oberleutnant und ihre beiden Soldaten nacheinander weggeschossen habe, um die oberste Stelle hier zu bekommen. Dabei lagen einige Notizen von des Feldwebels Hand, aus denen hervorging, daß diese Berichte von den beiden Achmed Agha verfaßt worden waren, um einander gelegentlich zu vernichten, und daß der Basch Tschausch sie ihnen gestohlen hatte, um Erpressungen auszuüben. Ich wußte genug, rollte die Papiere zusammen und steckte sie wieder in das hohle Bein. Die Holzscheibe, deren Stifte genau in die kleinen Löcher paßten, wurden wieder festgeklopft und das Bett sodann genau an seine vorige Stelle gerückt.

Nach diesem Erfolge machte ich mich an meine eigentliche Aufgabe, nämlich an den Pöntsch. Die guten Leute hatten mir ein Feuer angezündet, an dem ich ein Kalb hätte braten können. Ich warf die Zwiebeln, den Knoblauch und die überflüssigen Zitronen hinein, und es dauerte nur kurze Zeit, bis ich sie in Asche verwandelt sah. Dann goß ich Arrak und Rum zusammen und verteilte beides derart in die zwei Krüge, daß der Punsch in dem einen recht mild und lieblich, in dem andern aber zehnfach stark geriet. Dann löschte ich das Feuer aus und trug das Getränk zu den sehnsuchtsvoll Wartenden hinüber. Natürlich stellte ich die Krüge so, daß die milde Sorte auf Halef und mich, die starke aber auf die beiden anderen kam.

Wollte ich berichten, was während des Trinkens nun alles gesagt und gesprochen wurde, so würde diese Erzählung zur Burleske werden, und das soll sie nicht. Doch darf ich nicht verschweigen, daß wir nach einem kleinen Stündchen den Basch Tschausch hinüber auf sein Bett schaffen mußten, weil er sich nicht mehr aufrecht halten konnte. Ich war froh, als er fort war, denn nun Achmed Agha sich allein mit uns befand, konnte er freier reden als vorher. Auch er hatte bereits einen Rausch, doch befand er sich noch im Stadium des Prahlens, aus dem man dann in das Stadium der Aufrichtigkeiten -

Aufrichtigkeiten tritt. Ich übergehe alles nicht hieher Gehörige. Wir erfuhren, daß die beiden Douanen vollständig gleich gebaut seien. Nämlich ein großes Haus für den Oberst und ein kleines für den Leutnant; hiezu die nötigen anderen Räume. Aber die Leutnants waren nicht gleichnamig, sondern übereck verteilt, so daß der türkische Leutnant drüben auf der persischen Douana und der persische Leutnant hüben auf der türkischen wohnte, weil auf der türkischen Seite auch persisch und auf der persischen Seite auch türkisch expediert werden mußte. Als er uns dies erklärte, war er mit seinem Rausch bereits so weit gekommen, daß er die beiden Achmeds, die beiden Selims, die beiden Douanen und das Türkische und Persische schon nicht mehr auseinanderhalten konnte. Er verwechselte alles. Er kam nach und nach ins Lallen. Als ich ihn fragte, warum der persische Leutnant hier hüben und sein eigener Leutnant drüben beim Perser sei, sah er mich erst ganz verständnislos an und antwortete dann:

„Wo sollte ich denn sonst die Passiermarken herbekommen?“

Diese Worte verstand ich nicht. Während er sie sagte, ließ er den rechten Arm sinken und machte mit der Hand jene von vorn nach hinten gehende, schnaubende [schraubende] Bewegung, welche so viel wie verschwinden lassen oder stehlen bedeutet. Ich fragte nicht weiter, denn solche Dinge darf man nicht erzwingen wollen, sondern man muß sie an sich kommen lassen. Als sich seine Betrunkenheit so vergrößert hatte, daß sie übermächtig wurde, war das Letzte, was wir von ihm erfuhren, sein unüberwindlicher Abscheu vor den schäitischen [schiitischen] Perserleichen, die hier sehr häufig, oft sogar in ganzen Karawanen, vorübergeschafft wurden, um drunten in den heiligen Städten des Irak Arabi begraben zu werden. Er konnte diesen Gestank nicht vertragen und ergriff die Flucht, so oft sich so etwas nahte. Eben als er das erzählte, kam ein Mann herein, der sehr vertraut mit ihm zu verkehren schien. Der meldete, daß der persische Leutnant jetzt nicht aufpasse und daß die drei Maultiere also abgehen könnten. Er bitte um drei Marken.

„Ich komme gleich“, antwortete der Kommandant.

(Fortsetzung folgt.

(163.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(13. Fortsetzung.)

Der Mann entfernte sich, und Achmed Agha wollte sich von seinem Sitze erheben, fiel aber, so oft er es versuchte, immer wieder nieder. Da zog er unter der Weste ein kleines Täschchen hervor, reichte es mir hin und lallte:

„Nimm drei heraus, und geh’ hinaus! Klebe sie auf!“

„Wohin?“ fragte ich.

„Den Ma—ma—maultieren a—a—auf den Sti—ti—tirnriemen. Da kl—le—lebt sie der Pe—pe—perser immer hi—hi—hin!“

Ich öffnete. Das Täschchen enthielt Passiermarken.

„Aber das sind ja persische!“ sagte ich erstaunt. „Du darfst nur türkische aufkleben!“

„Ich da—da—darf, was ich will!“ schnauzte er mich an. „Du hast zu geho—ho—horchen! Packe dich!“

Ich gehorchte in guter Absicht, nahm drei Marken heraus, gab ihm das Täschchen zurück und ging hinaus. Da hielt der Mann mit drei Maultieren. Ich klebte jedem eine Passiermarke auf den Stirnriemen. Der Mann bedankte sich und zog dann mit seinen Tieren davon. Er hielt mich für eingeweiht und ich war es nun allerdings. Der türkische Achmed Agha stahl sich von dem persischen Selim Agha persische Passiermarken, um auf eigene Hand Schmuggel zu treiben. Infolge dieser Marken unterließ es der persische Kommandant, das Gepäck zu untersuchen, weil er annahm, daß es schon von seinem Leutnant untersucht worden sei. Als ich wieder hineinkam, lag der Türke auf seinem Kissen und schnarchte. Wir gingen fort, ohne den Versuch zu machen, ihn aufzuwecken.

Eben als wir aus dem Hause traten, sahen wir drei halbnackte Kerle kommen, welche die persische Grenze hier passiert hatten und an der türkischen Maut sich und ihr Gepäck untersuchen lassen mußten. Jeder von ihnen führte einen abgetriebenen Esel, und jeder Esel trug einen geradezu pestialisch

stinkenden Sarg, in welchem sich die faulenden Überreste eines verstorbenen Persers befanden. Die Schiiten glauben bekanntlich, daß man gerade und direkt in den Himmel komme, wenn man sich nach dem Tode nach Meschhed Ali oder Kerbela schaffen läßt, um dort begraben zu werden. Der Gestank war so groß, daß wir uns die Nasen zuhalten mußten. Da kein Beamter sich sehen ließ, gingen die drei Menschen langsam vorüber und lächelten einander dabei so triumphierend zu, daß es wirklich auffällig war.

„Sihdi, den schleichen wir nach! Die haben etwas!“ sagte Halef.

Ich war einverstanden. Wir ließen sie erst um die nächste Wegbiegung verschwinden und gingen ihnen dann nach. Die Hochebene war noch auf eine große Entfernung hin, so weit die Feuchtigkeit des Tales reichte, mit Busch und Baum besetzt. Das bot uns gute Deckung. Die drei Eseltreiber sahen nicht, daß wir ihnen folgten. Es verging eine Viertelstunde und noch eine, ohne daß irgend etwas geschah. Dann aber blieben sie plötzlich stehen, schauten sich lange und vorsichtig um und drangen dann, als sie sich unbemerkt glaubten, von der Straße ab in die Büsche ein. Wir folgten ihnen nicht, sondern warteten. Nach einiger Zeit erschienen sie an ganz derselben Stelle wieder, um den unterbrochenen Weg fortzusetzen. Als sie in der Ferne verschwunden waren, gingen wir bis an die betreffende Stelle und ließen uns dann von ihrer Spur, die sehr deutlich war, in das Gebüsch führen. Schon nach wenigen Schritten rochen wir, daß sie ihren Gestank hier zurückgelassen hatten. Je weiter wir kamen, desto fürchterlicher wurde er, bis wir eine tief eingesunkene Bodenstelle erreichten, wo der duftende Inhalt ihrer Särge lag, gräßlich faules, höllische Pestdünste aushauchendes Fleisch. Und zwar war es Wild, nur Wild.

„Also keine wirkliche Leiche!“ staunte Halef. „Man füllt die Särge halb mit stinkendem Fleisch und halb mit Schmuggelware! Hat man die Douane hinter sich, so wirft man das Fleisch weg und lacht Achmed Agha, den Türken, der den Gestank nicht vertragen kann und also keinen Sarg untersucht, aus! Wer mag der Pfiffikus sein, der sich das ausgedacht hat?“

„Ich vermute, daß wir das sehr bald erfahren werden. Für jetzt wissen wir genug. Wir gehen.“

Wir kehrten nach dem Tale zurück, durchquerten es aber nicht auf der Karawanenstraße, weil wir da von Abdahn Effendi oder seinen Leuten gesehen worden wären, sondern auf einer im Walde liegenden Stelle, wo der Bach schmal genug zum Überspringen war. Dann stiegen wir jenseits unter den Bäumen nach dem hohen Rande hinauf, um nun den persischen Achmed Agha aufzusuchen, denn der Mittag war inzwischen nahe herangekommen. Als wir die Douane, die genau wie die türkische gebaut war, vor uns liegen sahen, blieb Halef stehen und sagte:

„Effendi, es überkommt mich ein Verdacht!“

„So?“ fragte ich. „Welcher denn wohl?“

„Daß du auch hier wieder Pöntsch kochen sollst! Was sagst du dazu?“

„Ich sage, daß du höchstwahrscheinlich ganz recht vermutest.“

„Ja, ganz recht! Ich bin überzeugt, daß auch der persische Achmed Agha Zitronen, Zwiebeln und Knoblauch versorgt hat!“

„Vielleicht sogar auch Aloe!“ fügte ich hinzu.

„Was wirst du machen, wenn man das von dir verlangt?“

„Pöntsch werde ich machen, Pöntsch, Pöntsch, Pöntsch! Diese Leute wollen ihn ja haben und du wirst sehen, daß heut’ abend auch der Dicke mit demselben Wunsche kommen wird, wenn er sich inzwischen nicht schon selbst geholfen hat!“

„Allah verhüte es!“ rief er aus. „Der täte ja wirklich hinein, was du nur scheinbar hineingegeben hast! Wie soll das schmecken und bekommen?“

„Hoffentlich gut, sehr gut, nämlich uns! Für einen Mann, der uns in die Luft sprengen will, kann der Pöntsch gar nicht genug Zwiebeln und Knoblauch haben! Vorwärts!“

Wir traten aus dem Walde und gingen auf die hintere Seite der Douane zu. Dennoch wurden wir gesehen, denn als wir um das Hauptgebäude herumgegangen waren, und uns dem Eingange näherten, kam der Kommandant heraus, um uns schon an der Tür zu empfangen.

„Welche Freude! Welches Glück!“ rief er aus. „Kommt schnell herein, schnell, schnell! Es liegt schon alles bereit.“

(Fortsetzung folgt.

(165.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(14. Fortsetzung.)

„Was liegt bereit?“ fragte Halef.

„Alles, alles! Der Rum, der Arrak, die Aloe und alles andere, was dazu gehört.“

„Woher hast du die Aloe?“

„Von Abdahn Effendi. Ich ließ ihm sagen, daß ich das bittere Zeug zum Beizen des Holzes brauche. Du weißt doch wohl, daß man es auch hiezu zu verwenden pflegt? Also kommt herein! Ich habe dafür gesorgt, daß kein Mensch uns stört! Wir sind vollständig allein!“

Er führte uns in das Haus, und zwar zunächst in den Raum, wo sich der Herd befand. Dort lagen auch die Ingredienzien. Sogar das Feuerholz hatte er bereits so angeschichtet, daß man nur das Schwefelholz daran zu halten brauchte, um die Flamme hervorzurufen.

„Siehst du, wie liebreich ich das alles eingeleitet habe?“ sagte er. „Ja, ich bin eine Seele von einem Menschen! Und darum wirst du mir den Pöntsch so gut und so stark wie möglich machen! Wir verlassen dich, der Verse wegen, die du zu sagen hast. Wenn du fertig bist, so komm in die Stube gegenüber; da warten wir auf dich!“

Er führte Halef fort und ich konnte mein spirituoses Werk beginnen. Ich will Szenen, die ich schon beschrieben habe, nicht abermals wiederholen; es sei nur kurz erwähnt, daß der Mann mit der Bulldoggenphisiognomie durch den Punsch wenigstens ebenso unvorsichtig und plauderhaft gemacht wurde, wie drüben der Mann mit dem Vogelgesicht. Ich erfuhr ziemlich viel. Beide waren Kreaturen des dicken Effendi, überragten ihn in Beziehung auf die Intelligenz aber ganz bedeutend. Beide haßten ihn und betrogen ihn. Beide haßten und betrogen auch einander. Der persische Selim [Achmed] Agha lachte über den Abscheu, den sein türkischer Kamerad und Namensbruder gegen den Geruch der Leichen hatte, und die Art und Weise dieses Lachens ließ vermuten, daß der erwähnte Abscheu auf der anderen Seine eine ganz befriedigende Wirkung habe.

Schließlich schlief der diesseitige Kommandant ebenso lallend ein, wie der jenseitige in Schlaf gefallen war. Wir betteten ihn bequem auf seine Kissen und gingen dann fort, ohne uns um weiteres zu bekümmern.

Es war erst zwei Stunden nach Mittag, für eine ausführliche Bärensuche aber doch bereits zu spät. Wir beschlossen also, wieder nach der Schneidemühle zu gehen, und suchten von der anderen Seite an sie heranzukommen. Wir stiegen also nicht wieder in das Tal hinab, sondern wir blieben auf der Höhe, um an dem Rand desselben hinzugehen. Indem wir dieses taten, bemerkten wir, daß Spuren von Stiefeln und Eselshufen in das Gebüsch hinunterführten. Das fiel uns auf. Wir folgten den Spuren und kamen an eine Stelle, an der es fürchterlich stank. Wir untersuchten sie.

Hier waren nach unserer Meinung unbedingt die drei Särge gefüllt und die drei Esel beladen worden. Die beiden Achmed Agha betrieben im Verein mit Abdahn Effendi eine großartige, sehr einträgliche Schmuggelei. Sie schmuggelten aber auch außerdem heimlich gegeneinander, der eine mit Hilfe gestohlener Passiermarken, die er seinen Waren aufklebte, und der andere, indem er Leichen imitierte. Das hiezu nötige Wild schoß er sich heimlich wohl selbst. Nach dem Orte zu suchen, wo er es aufbewahrte, bis es stank, war heute nicht nötig. Wir stiegen also wieder zur Höhe hinauf und wanderten der Mühle entgegen.

Wir kamen über den Oberlauf des ersten Baches und dann eine Stunde später an den Oberlauf des dritten Baches, an dem die Mühle lag. Wir folgten diesem. Als wir sie erreichten, befanden wir uns schräg gegenüber der Stelle, an welcher wir uns gestern hinter die Jasmine versteckt hatten. Die Müllerin war mit den Kindern im Garten. Sie schnitt Rosen. Auch den Müller sahen wir. Er band junge Obstbäume an die Pfähle. Wir schritten über die Weiden hinüber, gerade auf sie zu. Sie sahen es. Sie kamen an den Zaun. Der Müller auch. Als wir sie erreichten, grüßten wir. Ich sagte, daß wir Fremde seien und daß ich Rosen außerordentlich liebe. Sofort griffen die Kinder mit allen vier Händen in den Korb, um mir eine ganze Menge zu bringen. Ich aber bat nur um zwei, für mich eine und für Halef eine. Hierauf suchte die Müllerin die zwei schönsten aus und reichte sie uns. Ich nahm die meine und fragte:

„Weißt du schon, o Müllerin, daß die Engel des Gebetes am liebsten auf Blumendüften auf- und niedersteigen?“

„Ich hörte es,“ antwortete sie.

„Du betest mit deinen Kindern: Erlöse uns von Abdahn Effendi und allen seinen Freunden! In diesem Gebete steigen deine Engel zum Himmel auf. Und auf dem Dufte dieser Rosen kehren sie zu dir zurück, um dir zu sagen: Euer Gebet ist erhört. Nur noch wenige Tage, so seid ihr erlöst.“

Und mich an ihren Mann, den Müller wendend, fuhr ich fort:

„Die Bedingung des türkischen Adjutanten ist bereits erfüllt: Gott hat den Christen gesandt! Nun warte getrost, was weiter geschieht! Lebt wohl! Und Dank für Duft und Rose!“

Ich ging schnell fort. Halef dankte auch und folgte ebenso rasch. Ihre Stimmen klangen hinter uns her. Wie sahen aber nicht zurück, sondern beeilten uns, im Walde zu verschwinden. Hierauf suchten wir den alten Waldhüter auf, der den Bären abermals gesehen hatte, und forderten ihn auf, bereit zu sein, uns morgen schon früh zu begleiten. Dann gingen wir heim.

Als wir dort ankamen, war es schon dunkel. Das Eßzimmer war leer. Man sagte uns, daß Abdahn Effendi sehr krank sei und mich bitten lassen, zu ihm zu kommen. Ich wurde nach seiner Schlafstube geführt. Da lag er in einem ganz eigenartigen Zustande. Seine Frau wußte weder aus noch ein mit ihm. Er hatte schon gleich am Vormittage „Pöntsch“ gemacht, er selbst, mit Aloe, Knoblauch und Zwiebeln. Das war nichts Wunderbares; das hatte ich sogar erwartet. Aber er hatte ihn auch getrunken, und das war eine Leistung, die ich mir als keine menschliche denken konnte. Dann hatte er wie ein Klotz gelegen und geschlafen. Am Nachmittag war Bewegung über ihn gekommen. Er hatte sich hin- und hergeworfen und allerlei dummes Zeug gesprochen, besonders einige ganz eigentümliche Worte über sich selbst, die sie nicht begreifen könne. Ich wollte fragen, welche Worte das seien; da gab er mir die Antwort selbst und ungefragt. Er richtete sich halb auf, starrte wie in die Ferne und rief:

„Erlöse uns von Abdahn Effendi und allen seinen Freunden! Das soll ich sagen! Ich will nicht, ich will nicht! Aber ich fühle, daß ich muß, ich muß, ich muß!“

(Fortsetzung folgt.

(167.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(15. Fortsetzung.)

Dann fiel er wieder um. Er war ohne Besinnung. Er hatte uns gar nicht gesehen. War das nur der Rausch? Oder wirkte auch noch etwas anderes mit?

„Das sind die Worte, die ich meine,“ sagte die Frau.

„Und was hat er außerdem noch alles gesprochen?“ erkundigte ich mich.

Das brachte sie in große Verlegenheit. Sie schwieg. Sie konnte nicht antworten; sie durfte nicht; sie hätte ja alles verraten. Sie wollte die ganze Nacht hier sitzen bleiben und keinen Menschen zu ihm lassen. Mich habe sie nur fragen wollen, ob diese Krankheit schlimm und langwierig sei. Ich gab ihr den Bescheid, daß sich das erst morgen zeigen werde, und ging dann fort, um Abendbrot zu essen und mich dann schlafen zu legen. Die zweimalige Trinkerei hatte auch uns ermüdet.

Wir machten heute gar nicht erst den Versuch, in unserem Gast- und Wanzenzimmer zu schlafen. Wir machten uns gleich direkt auf dem Dache bequem, und zwar auf derselben Stelle wie gestern. Die zwei Achmed Agha hatten wir nicht zu erwarten, denn es war die Botschaft von beiden gekommen, daß sie heute Abend amtlich ungemein beschäftigt seien. Die verkappten Adjutanten waren daheim. Es brannte Licht in den beiden Stuben. Am anderen Morgen waren sie so zeitig wach wie wir, nämlich schon beim Tagesgrauen. Sie gingen an uns vorüber, als wir mit unseren Pferden einige Bewegung machten. Wir grüßten. Sie taten, als ob sie das nicht sähen, als ob wir gar nicht vorhanden seien.

Dann brachen wir auf zur Bärenjagd. Ich will nur kurz wiederholen, daß wir großes Glück hatten. Wir erlegten die beiden Alten und brachten die Jungen lebend mit heim.

Das imponierte, und Abdahn Effendi gab uns, wie bereits erwähnt, den Auftrag, für ihn so viel Wild wie möglich zu liefern. Wir gingen darauf ein, weil es uns Vorteil brachte, ließen uns aber keineswegs dadurch verleiten, ihm als Fleischergesellen zu dienen. Auch das Wild ist Gottes Geschöpf!

Er hatte sich heute von seiner gestrigen Niederlage erholt, wenigstens körperlich, seelisch aber nicht. Man sah deutlich, es ging ihm unablässig irgend etwas im Kopfe herum, und er bewegte sehr oft die Lippen, als ob er heimlich mit sich selbst zu sprechen habe. Davon, daß er Pöntsch gekocht und getrunken hatte, sagte er kein Wort. Auch die beiden Kommandanten, welche heute wieder mit zu Abend aßen, schwiegen über ihre Gastereien und ihre Bombenräusche. Als sie später heimgingen und auch ich mich mit Halef entfernen wollte, bat er uns, noch einige Minuten zu warten; er habe uns eine Frage vorzulegen. Wir blieben also noch.

Zunächst warnte er uns vor dem Türken und dem Perser, die über uns wohnten. Die hatten ihm gesagt, er solle sich vor uns hüten, weil wir sicher weiter nichts als nur Pferdediebe seien. Solche Pferde und solche Menschen könnten höchstens nur durch Diebstahl zusammenkommen! Sodann fragte er speziell mich, der ich ja ein Gelehrter sei, ob ich etwas von den Krankheiten des Geistes wisse. Ich nickte. Da fuhr er fort:

„Ich komme mir seit gestern vor, als ob ich wahnsinnig werden solle. Es steckt ein fremder Kerl in mir, der mich zwingen will, etwas zu sagen, was die größte Dummheit ist, die es geben kann.“

„Was ist das, was du sagen sollst?“ fragte ich.

„Das sage ich ja eben nicht! Es ist ein ganz bestimmtes Wort, ein ganz bestimmter Satz, mit dem ich innerlich geladen bin, wie eine Flinte mit der Kugel geladen ist. Und immerwährend greift eine Hand nach dem Drücker, um diesen Satz, diese Kugel abzuschießen. Das ist eine entsetzliche Qual! Ich habe nur immer auf diese Hand aufzupassen, daß sie den Drücker nicht erwischt! Kennst du das, Sihdi? Hast du schon einmal von so etwas gehört?“

„Ja; oft sogar!“

„Und gibt es ein Mittel dagegen?“

„Nein!“

„Allah ’l Allah!“ rief er erschrocken aus. „Wirklich nicht?“

„Nein!“ antwortete ich unerbittlich.

„So muß ich es sagen?“

„Unbedingt! Es gibt keine andere Hilfe!“

„Aber ich will doch nicht!“

„Du mußt! Du wirst gezwungen!“

„Es schadet mir!“

„Das ist nicht wahr! Es schadet dir nur, wenn du es darin behältst! Heraus muß es! Wenn du es nicht vor Menschen sagen willst, weil es dir schaden würde, so knie nieder und sage es Gott! Zu sagen hast du es! Die Hand, die nach dem Drücker greift, ist die Hand deines Gewissens. Dieses Gewissen will dich retten! Du sollst bekennen; du sollst beten! Du sollst ein anderes, ein neues Leben beginnen. Wenn du das nicht tust, so wirst du entweder verrückt, oder du stirbst!“

Da stand er von seinem Sitze auf, richtete sich stolz in die Höhe und sagte:

„Bekennen? Beten? Ein neues Leben? Ich glaube, nicht mir droht der Wahnsinn, sondern du wirst verrückt! Hältst du mich für einen Verbrecher, der sich zu bessern hat?“

„Wofür ich dich halte, kommt gar nicht in Betracht. Du hast mich nach Geisteskrankheiten gefragt und ich gebe dir Auskunft. Das ist eine Gefälligkeit von mir, die dich zu Dank verpflichtet, weiter nichts. Was dein Gewissen mit dir zu sprechen hat, kann ich nicht wissen. Und ob du das, was es dir befiehlt, den Menschen beichtest oder Gott, das ist mir einerlei. Aber ich kenne das und weiß, daß es kein Entrinnen gibt. Ist das Gewissen noch so sehr durch Arrak, Rum, Zucker und heißes Wasser betäubt und schläft es noch so fest in diesem Rausche, die Aloe, der Knoblauch und die Zwiebeln, die sich der Mensch so toll ins Leben mischt, sie wirken doch! Ein einziges Wort, welches dir zu Ohren kommt, steigt in die Tiefe deiner Seele, weckt dein Gewissen aus dem Schlafe und läßt dir nicht eher wieder Ruhe, als bis du dich entschieden hast, ob du gehorchen willst oder nicht. So steht es auch bei dir. Du hast dich zu entscheiden! Gute Nacht!“

(Fortsetzung folgt.

(169.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(16. Fortsetzung.)

Wir gingen und ließen ihn stehen, so starr und aufrecht, wie er stand. Ganz selbstverständlich wurde, als wir das platte Dach erreichten, das Kaminloch sofort geöffnet. Als ich durch dasselbe hinunter in die Stube schaute, öffnete sich soeben die Tür und der Basch Tschausch trat ein. Dieser Mensch schien also den Befehl zu haben, allabendlich auf unser Gehen zu warten und dann Bericht zu erstatten. Er hatte ausgekundschaftet, daß wir gestern in der Mühle gewesen waren und mit Ben Adl gesprochen hatten. Das erzählte er.

„Also daher die zwei Rosen, die sie oben bei sich im Wasser stehen haben!“ sagte der Effendi. „Sie verkehren mit dem Müller. Sie sind vertraut mit ihm. Sie bekommen sogar Rosen geschenkt! Von jetzt ab werde ich dafür sorgen, daß immer einer der beiden Leutnants bei ihnen ist, damit sie nicht weiter spionieren können. Waren sie vielleicht schon in einer der Douanen?“

„Ja; sogar in beiden,“ antwortete der Feldwebel.

„Wann?“

„Gestern.“

„Und das erfahre ich erst jetzt? Hütet euch! Wenn ich einmal aufhöre, Gemütsmensch zu sein, so schlage ich euch alle tot und schmeiße euch dann noch extra alle hinaus! Nehmt euch in acht, daß sie ja nichts von den Schmuggelkellern erfahren, die wir damals von den Regierungsgeldern heimlich mit in die Douanen bauten!“

„Und daß man durch die Brunnen zu ihnen hinuntersteigt!“ fügte der Basch Tschausch lachend hinzu. „Das war der pfiffigste Streich, den wir uns jemals ausgesonnen haben! Die Regierungen haben die Keller selbst gebaut und auch selbst bezahlt, in denen wir unsere Schleichwaren verbergen! Sie selbst sorgen also, ohne daß sie es ahnen, für unsere Unterkunft und daß wir nie entdeckt werden können!“

„Ja, nie entdeckt! Das ist richtig!“ stimmte der Dicke bei. „Mag man hier bei mit suchen, so viel man will, es ist nichts zu finden. Und wenn ja das Unmögliche geschähe, daß die Keller entdeckt werden, so findet man dort nicht ein einziges Haar, durch welches bewiesen werden könnte, daß du oder ich zu den Paschern gehören. Wir beide sind auf alle Fälle sicher. Und sollten einmal die vier Aghas erwischt werden, so mache ich mir nichts daraus, ja, es ist mir das sogar lieb, denn sie betrügen mich doch, wenn ich auch noch nicht habe entdecken können, wie!“

Was noch gesprochen wurde, bezog sich auf andere Dinge, die mit gleichgültig waren; ich stopfte also das Loch wieder zu; dann legten wir uns schlafen. Mochte man uns von morgen an immerhin strenger bewachen als bisher, wir konnten uns das gefallen lassen; wir brauchten nicht mehr zu forschen; wir wußten mehr als genug!

Am Montag waren wir gekommen. Heute war Mittwoch. Morgen, Donnerstag früh, gesellte sich, als wir birschen gingen, schon der türkische Leutnant zu uns. Er tat das in möglichst zufällig erscheinender Weise, und wir hüteten uns, ihn merken zu lassen, daß wir es besser wußten. Er blieb den ganzen Tag um uns. Am Freitag trat der persische Selim Agha an seine Stelle. Es war ekelhaft, wie bös es diese Menschen meinten und wie freundlich sie doch taten, sie alle fünf!

Man weiß, daß der Freitag der Wochenfeiertag der Mohammedaner ist. Abdahn Effendi nannte sich Imahm, war aber höchstens nur Vorleser. In seinen Bereich gehörten alle Bewohner der kleinen ärmlichen Hütten, die einzeln, weit zerstreut, mitten im Umkreise lagen. Ein Bethaus lag inmitten dieses Bezirkes, auf einem kahlen Hügel. Der Dicke lud uns ein, mit ihm zu gehen und dem Gottesdienst beizuwohnen. Wir taten es. Es war aber kein Gottesdienst, sondern eine Gottesschändung. Hieran schloß sich eine öffentliche Gerichtssitzung, die an jedem Freitag hier abgehalten wurde. Er war ja Schultheiß und Richter; Kadi nannte er es. Auch das war nichts als Narrenspielerei. Ich hatte den Eindruck, daß alle die versammelten Leute doch nur Schmuggler seien, die unter dem Deckmantel der Religion und der Rechtsprechung -

Rechtsprechung ihre verwerflichen Geschäfte besorgten. Als wir dann heimkehrten, erfuhren wir, daß inzwischen der Blitz, von dem wir an der Mühle gehört hatten, ganz pünktlich niedergefahren war. Heute, am vierten Tage, waren an den beiden Douanen zwei Boten eingetroffen, welche die Ankunft eines persischen und eines türkischen Adjutanten gemeldet und sich dann wieder entfernt hatten. Das einzige, worüber sie sich noch geäußert hatten, war, daß eine Untersuchung wegen Schmuggelei eingeleitet werden solle.

Daß dieser Blitz getroffen hatte, war den „zwei Seelen“ anzusehen, als sie zum Mittagsessen kamen. Sie rührten das Essen fast gar nicht an und tranken auch nur Wasser. Gegen Ende der Mahlzeit sagte der türkische Achmed Agha zu mir:

„Sihdi, ich glaube, daß du mich für einen Mir Alai (Oberst) hältst; ich mache dich aber darauf aufmerksam, daß ich nur Kaimakam (Oberstleutnant) bis.“

Da fiel der persische Achmed Agha gleich auch ein:

„Derselbe Irrtum geschieht dir auch mit mir. Aus deinen Reden vermute ich, daß du glaubst, ich sei Särtix (Oberst); ich bin aber nur Särhäng (Oberstleutnant).“

Und beim Abendessen desselben Tages veränderten sich diese Chargen schon in der Weise, daß der Türke die vertrauliche Frage an mich stellte:

„Sihdi, ich habe dir heute Mittag gesagt, daß ich nur Bimbaschi (Major) bin. Halte mich nicht etwa für einen Kaimakam!“

Und der Perser sprach:

„Ich muß es dir in dein Gedächtnis zurückrufen, daß ich Yawär (Major) bin, keineswegs Särhäng, wie du zu denken scheinst.“

Nach diesem Abendessen machten die zwei Kommandanten keine Anstalt, nach Hause zu gehen. Sie hatten augenscheinlich die Absicht, zu bleiben, bis wir uns entfernt hatten. Darum gingen wir, beeilten uns aber, an unser Loch zu kommen. Während ich da lauschte, stand Halef Wache, um zu verhüten, daß die beiden Adjutanten mich überraschten. Sie verließen aber ihre Stuben des abends für keinen Augenblick.

(Fortsetzung folgt.)

(171.2)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(17. Fortsetzung.)

Nun wir nicht mehr dabei waren, ging es unten sehr lebhaft her, aber verraten wurde nichts. Ein jeder hielt den andern für einen Betrüger; darum ging keiner aus sich heraus. Man kam während des Gespräches auf den Gedanken, daß die beiden Adjutanten gar nicht mehr unterwegs, sondern schon hier seien, doch inkognito, um leichter forschen zu können. Man hielt mich für den türkischen Adjutanten und Halef für meinen Schreiber; der persische Adjutant aber wohne nun schon über zwei Wochen hier, auch mit einem Schreiber. Beide Paare in den vier Stuben auf dem platten Dache. Wie bequem, uns in die Luft zu sprengen! Dieser Ansicht war besonders der Dicke. Die Achmeds aber zweifelten. Sie forderten, daß unbedingt noch einige Tage gewartet werde. Stelle sich dann weiter niemand mehr ein, so möge das Pulver sprechen, eher aber nicht.

Als wir am anderen Morgen zum Kaffee hinunterkamen, saß der türkische Selim Agha bereits da, um zu fragen, ob er uns wieder begleiten dürfe. Wir erlaubten es, und zwar mit großen Vergnügen. Da fuhr er fort:

„Effendi, du hast mich immer Mulasim (Leutnant) genannt; ich muß dich daran erinnern, daß ich nur Tschausch (Sergeant) bin. Auch mein Kamerad, der persische Selim Agha, ist nicht Naïb (Leutnant), sondern nur Bingsadeh (Sergeant).“

Hierauf fragte ich ihn, wo er sein Pferd habe; wir würden heut’ nicht gehen, sondern reiten. Da wurde er sehr betroffen und erklärte, daß er weder ein Pferd besitze, noch kavalleristisch reiten könne. Ehe er sich über diesen gänzlich unvorhergesehenen Fall bei Abdahn Effendi Rats erholen konnte, waren wir fort. So klein mein Hadschi Halef Omar war, so groß war der Spaß, den ihm das gab.

Wir ritten heut’, am Samstag, absichtlich in die Irre, ohne festen Plan und bestimmtes Wohin; im stillen aber fühlte sowohl ich als auch Halef, daß es uns nach der Mühle trieb.

Wir kamen dort an, nachdem wir bis zum späten Nachmittag die weite Umgegend durchstrichen hatten. Auf den geschälten Stämmen vor dem Hause, die geschnitten werden sollten, saßen der Müller, die Müllerin und die beiden Adjutanten. Sie hatten uns noch eher gesehen als wir sie. Wir ritten hin und stiegen von den Pferden. Da standen die beiden Adjutanten auf und verabschiedeten sich, um zu gehen. Sie sahen uns gar nicht an. Das wurmte den kleinen Halef. Es war ihm unmöglich, zu schweigen. Er trat ihnen sofort in den Weg, grad vor sie hin und sagte:

„Ihr scheint blind zu sein; darum sollt ihr wenigstens hören! Wer Schmuggler fangen und Abdahn Effendi übertölpeln will, der muß es klüger anfangen als ihr. Er läßt euch schon über zwei Wochen lang auf euren Gängen nach der Mühle belauschen und ahnt schon längst, wer ihr seid!“

Die beiden sahen ihn auch jetzt noch nicht an.

„Was wollte der Knirps?“ fragte der Perser im Tone unendlicher Verachtung.

„Mag Abdahn Effendi es wissen! Pferdediebe sind wir nicht! Des Abends betrunken sind wir nicht! Und an Engel glauben wir nicht!“ ließ sich der Türke in demselben Tone hören.

Halef wollte den „Knirps“ zurückgeben; ich aber winkte streng ab. Da trat er ihnen aus dem Wege. Sie gingen. Die Müllersleute befanden sich in Verlegenheit.

„Laßt euch das nicht quälen!“ forderte ich sie auf. „Ihr habt mit diesen Männern von uns gesprochen und dabei erfahren, daß sie uns für Pferdediebe halten. Wie klug das von ihnen ist, magst du sehen.“

Wir zogen unsere türkischen und persischen Pässe aus den Taschen und gaben sie ihnen hin.

„Das ist gar nicht nötig!“ rief die Müllerin. „Wir glauben euch!“

„Dein Mann soll sie aber lesen,“ antwortete ich. „Es ist mein Wunsch!“

Er tat es. Als er sie überflogen hatte, verbeugte er sich tief und sagte:

„Ja, es war nicht nötig; aber ich kann doch nun diesen beiden Ungläubigen beweisen, daß wir recht hatten, als wir

mit Begeisterung von euch sprachen. Ihr scheint viel mehr zu wissen, als wir selbst. Wir werden aber nicht wagen, euch mit Fragen zu belästigen. Unser Haus ist das eure. Tretet ein, wenn es euch beliebt!“

„Wir bleiben hier im Freien. Laßt eure Kinder kommen und einen Schluck Milch für uns. Zu sagen haben wir euch für heute noch nichts. Eure behördlichen Berater sind nicht wir, sondern die beiden Adjutanten. Wir treten nur dann für euch ein, wenn sie sich als unbrauchbar erweisen.[“]

Wie ich da gesagt hatte, so geschah es. Wir tranken Milch. Halef setzte die beiden Kinder auf unsere Pferde, die von den Eltern hoch bewundert wurden, und tummelte sich mit ihnen herum. Und ich unterhielt mich indessen mit diesem Manne und dieser Frau, die zwar erst in der Mitte der Dreißigerjahre stand, aber doch schon soviel Lebensernst und Lebenserfahrung besaßen, daß sie mir in hohem Grade vertrauenswürdig vorkamen. Ich fragte nach nichts. Dieser Besuch hatte nicht den Zweck, sie auszuforschen, sondern nur, sie überhaupt kennen zu lernen, um gegebenenfalls zu wissen, wie weit man für sie eintreten durfte oder nicht. Doch erfuhr ich immerhin einiges, was mir wichtig war. Hiezu gehörte vor allen Dingen die Neuigkeit, daß die Frau Abdahn Effendis heimlich hier gewesen war, um zu fragen, ob sie sich in den Schutz des Müllers flüchten dürfe. Sie könne es unmöglich mehr als Sklavin ihres Mannes und seiner Bekannten aushalten. Sie war stets eine heimliche Freundin der Müllersleute gewesen und darum hatten diese ihr den nachgesuchten Schutz zugesagt. Wo man sie unterzubringen gedenke, ob hier in der Mühle oder anderswo, danach erkundigte ich mich nicht. Aber ebensowenig verriet ich, woher wir wußten, was Mutter und Kinder gebetet hatten. Ich kann sagen, wir gewannen uns gegenseitig aufrichtig lieb.

Als wir dann am Abend nach Hause kamen, versorgten wir zunächst unsere Pferde und gingen dann zum Abendessen. Da saßen alle vier Agha mit dem Effendi beisammen, welcher natürlich schon aß, ehe noch die anderen angefangen hatten.

(Fortsetzung folgt.)

(173.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(18. Fortsetzung.)

Es war das eine wirklich ausgebildete, direkte Gefräßigkeit, vor der ich ihn schon während der ganzen Woche gewarnt hatte und nun auch weiter warnte. Dieser dicke, fette, kurz- und starkhalsige Mann, der oft kaum atmen konnte, besaß alle Zeichen der gefährlichsten Schlaganfälligkeit in so hohem Grade, daß es einem angst und bange wurde, wenn er sich einmal aufzuregen begann. Dann färbte sich sein Gesicht blau; er zitterte am ganzen Körper, und alles deutete darauf hin, daß er ersticken wolle, und doch tat er auch gerade das, was geeignet war, diese seine Schlaganfälligkeit zu erhöhen. Seine Eß-, nein, Freßbegierde war geradezu widerlich, und leider durfte das, was ich dagegen vorbrachte, nicht deutlich sein, weil es ihn sonst beleidigt hätte. Ich konnte nur im allgemeinen sprechen, und da war er sehr weit entfernt davon, es auf sich zu beziehen.

Unser Kommen wurde mit einem Jubel begrüßt, der zu laut war, als daß er hätte aufrichtig und ehrlich sein können. Da gab es lauter „Gemütsmenschen“, lauter „Seelen von Menschen“, lauter „Freunde“! Besonders mit dem letzteren Worte warf man in einer Weise um sich, die nicht nur lächerlich, sondern geradezu beleidigend war. Wir nahmen das ruhig hin und taten, als ob wir es glauben.

Abdahn Effendi war sehr zerstreut. Er gab sich zwar Mühe, dies nicht merken zu lassen, doch vergeblich. Man sah zu deutlich, wie er von Zeit zu Zeit sich förmlich zusammenraffte. Es drückte ihn etwas schwer, sehr schwer, und sein Auge kehrte immer und unwillkürlich mit einem Ausdrucke zu mir zurück, als ob er bei mir Hilfe suchen wolle und doch nicht dürfe. Es war, als könne er sich nicht fassen. Er blieb nach dem Essen nicht sitzen. Es trieb ihn hinaus. Wir hörten seine zornige, scheltende Stimme bald von hier, bald von dort erschallen. Er brachte alles in Aufruhr. Dann legte er sich schlafen. So blieben auch die anderen nicht; sie gingen fort. Wir ebenso.

Am anderen Morgen war Sonntag. Wir blieben am Vormittag daheim. Wir sahen, wie sehr wir die verkappten Adjutanten störten. Nun die erwartete Botschaft aus Teheran und Bagdad gekommen war, wollten sie alles, was nun geschah, vom platten Dach herab heimlich beobachten, und da standen wir ihnen überall im Wege. Sie haßten uns! Einige Zeit vor Mittag sahen wir, daß Abdahn Effendi umherlief, überall eifrig fragend und suchend. Seine Frau war weg, war nirgends zu sehen, war verschwunden. Er hatte sich gestern abends mit ihr gezankt, hatte sie sogar geschlagen. Er hatte sich gleich heute früh wieder mit ihr gezankt. Da war sie gegangen, unbemerkt, still, ohne es ihm vorher zu sagen, ohne ihm vorher damit zu drohen. Das brachte ihn um alles Gleichgewicht. Er hatte nicht gewußt, daß diese wortlose, knechtisch gehorchende, niemals klagende Frau eigentlich seine einzige, seelische Stütze gewesen war, und nun, da er sie vergeblich suchte, brach sein Inneres langsam aber sicher zusammen. Als wir zum Mittagessen hinunterkamen, saß er am leeren Tische, das bläuliche Gesicht in beide Fäuste gestemmt.

„Wir essen in zwei Stunden. Es muß erst gekocht werden,“ sagte er. „Meine Frau ist fort!“

Wir waren still. Da stand er langsam auf, kam ebenso langsam auf uns zu, blieb vor uns stehen, stierte uns mit irrem Blicke an und wimmerte:

„Nun werde ich es doch wohl sagen müssen!“

Dann aber gab er sich einen Ruck. Es war, als ob er aus einer Ohnmacht wieder zu sich komme, als ob er uns bis jetzt gar nicht gesehen habe. Er schaute uns zunächst überrascht an, zog dann die Stirne zusammen und fragte:

„Habt ihr es schon gehört? Sie ist fort!“

„Wer?“ fragte ich.

„Meine Frau, das — — Weib! Sie ist eine heimliche Christin. Sie hat während der letzten Nächte an meinem Bette gesessen, von Abend bis früh, und auf das Wort und auf den Schuß gewartet. Sie betete. Ich sagte es nicht. Da ist sie verrückt geworden und gegangen. Ich weiß, sie kommt nicht wieder. Wir essen in zwei Stunden. Die Mägde werden kochen.“

Wir gingen. Als die zwei Stunden vorüber waren, stand der Tisch gedeckt. Er aß wie ein Wahnsinniger, so häßlich und

so viel. Als er nicht mehr konnte, sprang er, ohne ein Wort zu sagen, von seinem Platze und rannte hinaus. Wohin, das wußte niemand. Kein Mensch bekam ihn an diesem Abend wieder zu sehen.

Am Montag früh schien alles wieder in Ordnung zu sein. Als wir zum Morgenkaffee hinunterkamen, saß der Dicke an seinem Platze und aß. Am Mittag tat er dasselbe, am Abende auch. Nichts schien ihm seinen Abend verdorben zu haben. Er unterhielt sich auch, doch nicht wie früher. Man fühlte, der Bogen war gespannt, das Gewehr geladen. Er ging schon vor uns schlafen. Aber daß er schlafen konnte, war unmöglich, und er sah am anderen Morgen auch wirklich so elend und so übernächtlich aus, wie einer, der sich die ganze Nacht zwischen Wachen und schlechten Träumen herumgeworfen hat.

Um die Mittagszeit gab es einen großen Lärm. Es kamen türkische Soldaten, zwanzig Mann, unter dem Kommando eines Leutnants und eines Sergeanten. Sie nahmen in der türkischen Karawanserei Quartier. Und gegen Abend wiederholte sich der Lärm. Es kamen persische Soldaten, zwanzig Mann, auch unter dem Kommando eines Leutnants und eines Sergeanten. Die nahmen Quartier in der persischen Karawanserei. Keiner der beiden Leutnants meldete sich und seine Truppe beim Kommandanten der betreffenden Douane. Und keiner der beiden Leutnants betrat Abdahn Effendis Haus. Das ließ nichts Gutes ahnen! Sie logierten bei ihren Mannschaften im Serai.

Was mich und Halef betrifft, so machten wir am Nachmittage einen Ausflug, bei dem uns der persische Selim Agha begleitete. Unterwegs nahm er Gelegenheit, mich zu fragen:

„Sihdi, hat mein türkischer Kamerad den Irrtum berichtigt, in dem du dich über uns befindest?“

„Ja,“ antwortete ich.

„Was sagte er?“

„Das er nicht Leutnant, sondern Sergeant sei.“

„Das mußt du falsch verstanden haben. Er ist nicht Tschausch (Sergeant) und ich bin nicht Bing Sadeh (Korporal) [Sergeant], sondern er ist On Baschi (Korporal) und ich bin Deh-Baschi (Korporal). Ich bitte, dir dies zu merken!“

(Fortsetzung folgt.)

(175.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(19. Fortsetzung.)

Und als wir dann zum Abendessen kamen, saßen die beiden Achmed Agha schon bereit. Der türkische fragte:

„Weißt du noch, daß ich nicht Bimbaschi (Major), sondern nur Fus Baschi (Hauptmann) bin?“

„Und ich nicht Yawär (Major), sondern Sulthan (Hauptmann)?“ fügte der persische hinzu.

Ich nickte nur und winkte ab. Halef aber besaß diese Selbstbeherrschung nicht. Er lachte laut auf. Und es klang auch wirklich lächerlich, zu hören, wie diese imitierten Chargen immer tiefer herunterstiegen. Dieses Rückwärtsavancieren erreichte am nächsten Morgen seinen niedrigsten Grad, also seinen ursprünglichen Stand. Da kamen die vier Agha zum Kaffee zusammengelaufen, um einander und den Effendi zu berichten, daß die Soldaten gesagt hätten, heute sei noch Ruhe, morgen aber gehe die Untersuchung los. Die Adjutanten seien längst schon hier! Hierauf herrschte zunächst allgemeine Stille. Der Dicke nahm mich in die Augen, als ob er mich vor Haß verschlingen wolle, denn er hielt mich ja für den türkischen Adjutanten. Der türkische Achmed Agha aber sprach:

„Sihdi, du wirst dich auf das besinnen, was ich dir gestern abend offen und ehrlich sagte, nämlich, daß ich nicht Jus Baschi (Hauptmann), sondern Mälasim (Leutnant) bin!“

„Und ich nicht Sulthan (Hauptmann), sondern Naib (Leutnant)!“ gestand der persische.

Diese Gelegenheit nahm der türkische Selim Agha schleunigst wahr, indem er mich fragte:

„Weißt du noch, daß ich nicht On Baschi (Korporal), sondern Nefer (Gemeiner) bin?“

„Und ich nicht Deh-Baschi (Korporal), sondern Särbahs (Gemeiner) bin?“ folgte der persische Selim Agha seinem Beispiele.

Da lachte Halef wieder laut auf und rief:

„Hörst du, Sihdi, wie sie müssen, obgleich sie nicht wollen. Es drängt doch jede Lüge mit Gewalt nach der Wahrheit zurück. Sie kann keinen Augenblick länger bestehen, als Allah will!“

Da waren die vier Degradierten mäuschenstill; die Stimme Abdahn Effendis aber klang scharf zu uns herüber:

„Sihdi, ich habe eine Bitte. Der Perser und der Türke, die über euch wohnen, behaupten, daß sich Ungeziefer bei ihnen eingenistet habe. Sie können nicht schlafen. Ich will heut oben säubern und reinlichere Möbel hineinsetzen lassen, auch bei euch. Ist dir das recht?“

„Sehr recht“, antwortete ich. „Ich bin sogar überzeugt, daß du noch weit größeres und weit gefährlicheres Ungeziefer vernichten wirst, als du jetzt denkst. Ich werde dich heute abend hieran erinnern. Für jetzt lebt wohl! Sobald unsere Stuben bereitet sind, kehren wir zurück.“

Wir gingen und eilten auf das glatte Dach zu unserem Loche. Da sah und hörte ich alles, ohne selbst gesehen zu werden, denn die beiden Adjutanten waren schon fort und von unten aus konnte man nicht bemerken, daß wir platt niederlagen und horchten. Es war beschlossene Sache, daß wir heute in die Luft gesprengt werden sollten. Sie alle waren damit einverstanden, alle sechs! Es sollte nach dem Abendessen geschehen, und der Basch Tschausch war es wieder, der sich an den Pfirsichbaum zu schleichen und der Zündschnur Feuer zu geben hatte. Von Mitleid gab es nicht die geringste Spur. Man freute sich vielmehr. Man lachte schon jetzt über das Entsetzen, mit welchem die gestern angekommenen Soldaten sich beeilen würden, wieder zu verschwinden. Abdahn Effendi schloß die Beratung mit den Worten:

„Man hat gesagt, heute gehe die Untersuchung los. Sie mag beginnen. Das Urteil aber ist schon gesprochen und wird auch heute schon ausgeführt! Ihr wißt, daß ich ein Gemütsmensch bin, wenn es sich aber um Sein oder Nichtsein handelt, dann wehre ich mich bis auf das letzte Messer. Mit den vier Kerlen ist es aus! Und wenn die Soldaten sich nicht verduften wollen, so helfen wir mit unserem Heer von Paschern nach!“

Länger zu horchen, wäre unnütz gewesen. Wir gingen, und

zwar direkt nach der Mühle, weil ich als sicher annahm, daß die Adjutanten dort zu finden seien. Diese Vermutung erwies sich als richtig; sie waren dort; aber die Mühle war rings von Soldaten umstellt, die uns nicht passieren lassen wollten. Ich machte kurzen Prozeß, gebärdete mich als Vorgesetzter und schob den Doppelposten, der uns zurückhalten wollte, einfach beiseite. Die Müllersleute freuten sich, als sie uns sahen. Die Adjutanten verhielten sich reserviert. Sie hatten von unseren Pässen erfahren und befanden sich nun in einer Verlegenheit, die sie nur unter der Maske der Zurückhaltung verstellen konnten. Halef wollte Gleiches mit Gleichem vergelten und nun seinerseits so tun, als ob er sie nicht sähe; ich sagte ihm aber, daß dies nicht edel sei, und da er bekanntlich mit Eifer danach trachtete, für einen edeln Menschen gehalten zu werden, so verzichtete er sehr gern auf diese Rache und befand sich sehr bald in angelegentlichem Gespräch mit ihnen.

Dieselben Soldaten, welche die Mühle umstellt hielten, hatten die beiden Väter des Müllerpaares gebracht, die einstigen hiesigen Douanenkommandanten, die als Gefangene in Ketten abgeführt und dann verurteilt worden waren. Sie waren noch heute gefangen, aber es stand im Belieben der Adjutanten, sie sofort freizulassen, sobald ein Zeichen ihrer Unschuld zu finden sei. Die Steuern hatten in den letzten Jahren keine Einnahmen mehr ergeben und man war auf das unvorsichtige prahlerische Gebaren der Söhne des dicken Effendi aufmerksam geworden. Es entstand der Verdacht, daß diese Geldquelle des Staates auf eine bisher unerhörte Weise in Privattaschen abgeleitet werde. Die Adjutanten wurden abgesandt, hier heimlich zu recherchieren. Sie konnten nichts entdecken. Sie baten um Militär und um Zusendung der abgesetzten, früheren Kommandanten, weil diese die Verhältnisse kannten und die Listen ihrer einstigen Ankläger und Widersacher wohl durchschauen würden. Nun waren sie gestern angekommen. Wir bekamen sie zu sehen, sie und ihre beiden Frauen, die bei ihren Kindern hier auf der Mühle lebten, uns aber noch nicht vor die Augen gekommen waren.

Fortsetzung folgt.)

(177.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(20. Fortsetzung.)

Diese lieben, guten, alten, unschuldigen Leute! Man sah es den beiden Frauen an, wie sehr sie sich gegrämt und nach ihren Männern gesehnt hatten! Und diese Männer trugen noch heute die von Handring zu Handring gehende Kette, durch die sie an der Flucht verhindert werden sollten. Ich sagte ihnen schon gleich während der ersten fünf Minuten, als ich mir ihnen redete, daß sie diese Ketten morgen nicht mehr tragen würden. Da fielen mir aber die beiden Adjutanten sofort in die Rede, indem sie mich aufforderten, mich nicht in ihre Obliegenheiten zu mischen; sie hätten nichts erfahren können, und es könnten noch Wochen vergehen, ehe man etwas entdeckte.

„Bis dahin seid Ihr dann längst in die Luft gesprengt!“ antwortete ich.

„In die Luft gesprengt?“ fragte der Perser verwundert. „Wieso?“

„Wo schlaft Ihr heute abend?“ gegenfragte ich.

„Natürlich da, wo wir hier immer geschlafen haben, in unseren beiden Stuben!“

„Und Ihr wißt, daß schon einmal zwei Adjutanten hier gewesen sind, um eine Untersuchung anzustellen?“

„Wir wissen es. Sie fanden ebenso wenig wie wir, nämlich nichts. Und sie gingen sehr unvorsichtig mit ihrem Pulver und ihren Patronen um. Sie waren starke Raucher; sie machten oft Feuer; sie flogen in die Luft.“

„So? Ich weiß das anders. Es ist mit ihnen genau dasselbe geschehen, was heute mit euch und uns geschehen soll. Man hält euch beide für den persischen Adjutanten und seinen Schreiber. Weißt du, was heute mit unseren Wohnungen geschieht?“

„Sie werden gesäubert.“

„Fällt keinem Menschen ein! Man gibt nur andere Möbel hinein, um die es nicht schade ist, in die Luft zu fliegen. Man praktiziert uns Pulver oder einen anderen Sprengstoff in die Stuben. Man legt eine Zündschnur, die vom Dach an dem Pfirsichbaum niederläuft, der an der Ecke des Hauses steht. Diese Schnur wird nach dem Abendessen von dem Basch Tschausch des türkischen Kommandanten angezündet werden. Wir fliegen in die Luft und dann wird es wieder heißen, daß die Adjutanten zu dumm gewesen sein, etwas zu entdecken, und daß sie unvorsichtig mit Feuer, Pulver und Patronen gespielt haben!“

Die Wirkung dieser Worte war groß. Erst tiefe Stille, dann hundert drängende Fragen von allen Seiten. Die Adjutanten forderten Beweise.

„Holt sie euch!“ sagte ich. „Heute abend! Ich habe gelauscht; ich hörte zufälligerweise sprechen. Was ich gehört habe, sage ich euch. Was ihr dann tut, ist eure Sache. Ihr habt uns ja verboten, uns um eure Angelegenheiten zu kümmern!“

Nun stand ich von meinem Sitze auf und entfernte mich, um weiteren Fragen zu entgehen. Halef tat dasselbe. Ich verbot ihm, diesen beiden Männern auch nur das Geringste zu entdecken. Wir gingen wohl gegen zwei Stunden lang spazieren, absichtlich nicht kürzere Zeit. Als wir zurückkehrten, wurde uns mitgeteilt, daß beschlossen worden sei, die Wahrheit unserer Behauptungen zu prüfen. Man werde unsere vier Stuben genau durchforschen und, falls das, was ich sage, richtig sei, die ganze Bande gefangen nehmen und mit der Untersuchung sofort beginnen. Es stehe zu erwarten, daß es infolge der gewaltigen Überraschung und des Schuldgefühles zu einem schnellen, allgemeinen und umfassenden Geständnisse komme, zumal wenn man plötzlich die früheren Kommandanten in Ketten vorführe und den Verbrechern in dieser Weise ihr eigenes Schicksal zeige. Es fiel mit nicht ein, mich über diesen Plan zu äußern. Ich deutete nach dem Steinbruch hinüber und fragte den Müller kurz:

„Gehören die Arbeiter da drüben zu dir?“

„Ja,“ antwortete er.

„Da wird zuweilen gesprengt?“

„Ja.“

„So hast du Zündschnur?“

„Einen Vorrat für lange Zeit,“ nickte er.

„So bring’ mir ein Stück, vielleicht zwanzig Spannen lang! Wir brauchen es heute abend.“

„Wozu?“ fragte der türkische Adjutant.

„Um den Basch Tschausch auf der Tat zu ertappen, so daß kein Leugnen möglich ist. Man wird mit dem angeblichen Säubern erst fertig sein, wenn es dunkel ist, damit wir nichts sehen und entdecken können. Wir brauchen die Stuben gar nicht zu untersuchen. Es genügt vollständig, wenn wir finden, daß die Zündschnur am Pfirsich niederhängt. Sie führt nach unseren Wohnungen. Wir entfernen sie und bringen an ihre Stelle eine andere, die nur bis auf das Dach führt, aber nicht weiter. Ihr Funke erlischt, wo sie aufhört; sie ist ungefährlich. Dann warten wir, bis nach dem Essen der Basch Tschausch kommt. Sobald er sie angezündet hat, wird er ergriffen. Es ist bewiesen. Er kann nicht leugnen.“

Dieser Vorschlag fand allseitigen Beifall. Es wurde beschlossen, ihn auszuführen, und uns lud man ein, bis zum Abend hier zu bleiben. Wir taten dies gerne, hüteten uns aber, während der ganzen Zeit, noch weiteres mitzuteilen.

Als die Zeit gekommen war, brach ich mit Halef zuerst auf. Wir beide hatten es übernommen, den Pfirsichbaum zu untersuchen und die zweite Zündschnur zu befestigen. Es war so eingerichtet, daß keiner von uns vor Nacht eintraf. Die beiden früheren Kommandanten, mit denen man die Täter überraschen wollte, sollten den hierzu geeigneten Augenblick heimlich in der Karawanserai erwarten. Der Müller bat, mit dabei sein zu dürfen. Es wurde ihm erlaubt. Von Abdahn Effendis verschwundener Frau war während des ganzes Tages kein Wort gesprochen worden.

Wir kamen an, als es schon völlig dunkel war, und schlichen uns durch das Gebüsch, welches bis nahe an die betreffende Ecke des Hauses reichte. Kein Mensch war in der Nähe. Wir huschten zum Baume hin. Ja, da hing die Zündschnur herab.

(Fortsetzung folgt.)

(179.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(21. Fortsetzung.)

Wir fühlten sie. Man hatte sie nicht an den Baum befestigt, sondern sie nur lose herabgelassen, und zwar so, daß sie am Stamme niederging. Das machte uns die Sache leicht. Ich wickelte die mitgebrachte Schnur, die von ganz derselben Nummer war, auseinander und verband sie durch einen Knoten mit der ersteren, um sie an dieser emporzuziehen. Dann schlich ich mich ganz ungesehen hinauf auf das Dach. Halef blieb unten, um aufzupassen. Er ließ, als ich oben zog, die Schnur solange nach oben gleiten, bis die mitgebrachte genau soweit herniederhing, wie die vorherige. Dann gab er mir das Zeichen und entfernte sich, um nicht doch noch entdeckt zu werden. Ich aber knüpfte den Knoten wieder auf und befestigte das Ende der neuen, kurzen Schnur an einem hervorstehenden Nagel, bis zu dem der Funke also laufen konnte, weiter aber nicht. Die alte, lange aber wickelte ich zu einem Knäuel zusammen, den ich eben, ohne die Leitung zu zerreißen, durch den geöffneten Laden hinein in meine Stube legen wollte, als die beiden Adjutanten eintrafen und hierauf nach ihrer Wohnung kamen. Das gab mir gute Gelegenheit, ihnen den Befund zu melden. Nun war der zerschmetternde Stein im Rollen; er konnte nicht mehr aufgehalten werden. Ich schlich mich wieder hinab, wo Halef unten an der Treppe auf mich wartete. Hierauf stellten wir uns, indem wir taten, als ob wir erst jetzt kämen, beim Abendessen ein.

Da ging es sehr ruhig zu. Es wollte heute kein Gespräch zu stande kommen, obgleich sie alle da waren, der Effendi, die beiden Achmed Agha, die zwei Selim Agha und sogar der Feldwebel, der den tödlichen Funken in der Gestalt eines Zündholzes in der Tasche trug. Abdahn Effendi stand mehrere Male von Essen auf und ging hinaus und wieder herein. Er befand sich in großer Aufregung. Seine Hände zitterten. Sein Gesicht hatte einen blauaschfarbenen Schein. Er holte oft tief und

röchelnd Atem und trank aber trotz oder wohl gerade wegen dieser Aufregung den schweren Wein wie pures Wasser. Als wir beide fertig waren, stand ich auf und sagte:

„Wir gehen schlafen. Allah schenke auch allen eine gute Nacht und freundlichere Gedanken, als die sind, die jetzt hier in diesem Zimmer wohnen!“

Da sprang der Dicke auf und schrie mich, scheinbar ohne alle Ursache, zornig an:

„Meinst du etwa, daß ich es sage?“

„Was?“ fragte ich.

„Das Wort! Den Schuß, der hier geladen ist!“ antwortete er, indem er sich mit der Hand an die Brust schlug.

„Ja, auch das meine ich. Du wirst es sagen!“

„Nein!“ rief er.

„Doch!“ behauptete ich.

„Nein! Nein, nein!“

„Aber doch! Du sollst und du mußt es sagen! Und wir alle, die wir hier versammelt sind, wir werden es hören! Noch heute! Vor Mitternacht!“

Da sank er in seinen Sitz zurück, stemmte das Gesicht in die Hände und jammerte:

„Dieser Mensch, dieser Mensch! Hinaus mit ihm, hinaus!“

Wir gingen. Auf dem Dache angekommen, bemerkten wir, daß die beiden Adjutanten auf uns warteten. Sie schlichen sich hinab, um den Feldwebel zu ergreifen. Sie hatten, während wir aßen, ihre Maßregeln getroffen. Ihre Lampen brannten, damit man denken solle, daß sie daheim seien. Ich riet ihnen, aufzupassen, weil ich ihnen wahrscheinlich sagen könne, wann der Feldwebel komme. Als sie fort waren, brannten auch wir unsere Lampen an. Dann legte sich Halef an das Loch, um aufzupassen. Ich setzte mich in seine Nähe, meine beiden Revolver in der Tasche, denn ich ahnte, daß wir sie wohl brauchen würden, und sei es auch nur zum Drohen. Auch Halef hatte seine Drehpistolen eingesteckt.

Die Entscheidung nahte schnell. Man war da unter über das, was ich gesagt hatte, in höchstem Grade aufgebracht. Man beschloß, mit der Antwort auf meine Frechheit keinen Augenblick zu warten. Der Basch Tschausch solle gehen und, falls Licht in allen Stuben sei, die Schnur anzünden.

„Sihdi, er kommt!“ meldete Halef, indem er das Loch wieder schloß.

„So komm! Wir sehen zu,“ antwortete ich.

Wir huschten über das Dach an der Ecke hinüber, wo der Baum stand.

„Pst! Seid ihr schon da?“ raunte ich hinunter.

„Ja,“ antwortete es.

„Er kommt! Paßt auf!“

Wir kauerten uns nieder und schauten hinab. Ja, er kam. Wir hörten ihn. Er trat an den Baum. Das Zündholz brannte auf. Als er es ausblies, sahen wir, daß etwas langsam wie ein Leuchtkäferchen am Baume in die Höhe lief. Er wollte sich entfernen. Da aber wurde er gepackt. Er schrie vor Schreck laut auf.

„Herbei, herbei!“ kommandierten die beiden Adjutanten.

Er riß sich von ihnen los. Aber wohin er sich wendete, sah er die Gestalten der Soldaten, die sich näherten. Es blieb ihm nur die Flucht in das Haus und die wurde von ihm genommen; er rannte hinein. Wir eilten an unser Loch. Ich öffnete es wieder und schaute hinab. Ich sah sie alle, die da von ihren Sitzen aufgesprungen waren und nun Zetermordio heulten. Ich sah auch den Basch Tschausch. Er hatte das lange, scharfe Vorlegemesser vom Tische gerissen und stürzte sich damit auf die Adjutanten, die soeben eintraten, um ihn wieder festzunehmen. Das konnte schlimm werden! Wir eilten hinab. Der Hausgang und die vordere gewöhnliche Stube standen voller Soldaten. Wir bahnten uns einen Weg nach dem Eßzimmer. Jeder, der ein Maul hatte, schrie, so weit er es nur aufsperren konnte. Als wir es erreichten, war das kurze Handgemenge bereits vorüber. Der wütende Feldwebel hatte dem türkischen Adjutanten vier Finger der rechten Hand abgeschnitten; nur der Daumen war geblieben. Und der persische Adjutant hatte einen Schnitt quer über die Nase bekommen; sie war für immer entstellt. Außerdem hatte es einige Messerstiche für die Soldaten gegeben, die nun auf dem am Boden liegenden Menschen knieten, um ihn derart zu fesseln, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Seine Mitschuldigen hatten sich gehütet, ihm beizustehen.

(Fortsetzung folgt.)

(181.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(22. Fortsetzung.)

Sie saßen jetzt wieder auf ihren Plätzen und stellten sich wie Kinder, die keine Ahnung haben. Ich versuchte zunächst, den entsetzlichen Lärm zu stillen. Es gelang. Dann galt es, nach den Wunden zu sehen. Die Soldaten verbanden einander selbst. Sie hatten Verbandstoffe in ihren Taschen. Auch die Hand des einen Adjutanten machte wenig Mühe. Das Gesicht des anderen aber setzte mehr Kenntnisse und Übung voraus, als hier vorhanden war. Dennoch hatten wir nach einer Stunde die Blutung gestillt und den klaffenden Schnitt so viel wie möglich wieder zusammengezwungen. Beide Herren waren nun für das ganze Leben gezeichnet, und zwar wahrscheinlich so, daß sie nicht weiterdienen konnten. Man kann sich denken, in welcher Stimmung sie sich befanden. Sie bestanden trotz ihrer Verletzungen darauf, die Sache gleich ein- für allemal, also gleich jetzt, zu Ende zu bringen, und so sehr ich sie aufforderte, sich zu schonen, sie führten es aus. Die Speisestube wurde zum Verhörzimmer, und die draußen in der vorderen Stube postierten Soldaten hatten die Aufgabe, dem, was die beiden Herren befahlen, Nachdruck zu geben.

Zunächst wurde der Basch Tschausch vernommen. Er wußte von nichts. Er sagte, er habe sich dort an der Ecke des Hauses eine kleine Sighara (Zigarette) anbrennen wollen, und da habe man ihn plötzlich gepackt, er wisse nicht, warum. Natürlich habe er sich gewehrt. Kein Mann aus Basrah und kein Mann aus Laristan habe ihm etwas zu befehlen. Er sei Basch Tschausch und gehorche nur Offizieren.

Jetzt begannen die Adjutanten einzusehen, wie fehlerhaft sie verfahren waren. Die anderen fünf Personen verhielten sich genau ebenso. Sie behaupteten, nichts zu wissen und nichts zu ahnen. Da griffen die beiden Befehlenden zu dem Mittel, auf dessen Wirkung sie sich so sehr verlassen hatten: Sie ließen die zwei früheren Kommandanten kommen. Der Müller begleitete -

begleitete sie. Aber auch das war vergeblich. Die Bande war nicht einmal überrascht, viel weniger erschrocken über das Erscheinen dieser ihrer alten Bekannten. Das Resultat der ganzen Untersuchung war, die Angeklagten heute einzeln einzusperren und sie morgen einzeln zu vernehmen. Nachdem die Adjutanten die hiezu nötigen Instruktionen erteilt hatten, wollten sie sich entfernen. Da rief mir Abdahn Effendi höhnisch zu:

„Nun, Sihdi, wo bleibt mein Wort und wo bleibt deine Drohung? Adjutant bist du nicht; das sehen wir nun! Also bleibt es beim Pferdedieb!“

Da wendete ich mich an die beiden Befehlenden:

„Geht hinauf nach den beiden Douanen und steigt in die Brunnen! Da werdet ihr die Keller finden, welche von dem Gelde der Regierungen heimlich erbaut worden sind und nun voller Schmuggelwaren stecken!“

Die beiden Achmed Agha und die beiden Selim Agha schrien vor Schreck lauf auf. Abdahn Effendi ließ ein tiefes, röchelndes Stöhnen hören. Ich fuhr fort:

„Und geht auf der türkischen Douane in die hintere, kleine Stube links, wo ein Herd zu finden ist. Da wohnt der Basch Tschausch. Das hinterste Bein seiner Bettstelle ist hohl, mit einer dünnen Holzscheibe vernagelt, die man aber mit dem Messer leicht losmachen kann. Darin stecken die Beweise, daß diese Kerle hier ihre damaligen Vorgesetzten ermordet haben!“

Zunächst klang ein vereinter, großer Schrei durch das Zimmer. Dann brüllte Abdahn Effendi den am Boden liegenden Feldwebel an:

„Das Bein, das Bein! Das also ist das Bein, das ich nie erraten konnte! Mensch, ich erwürge dich!“

Er wollte sich auf ihn stürzen, wurde aber von der Wache daran verhindert.

„Sihdi, bist du allwissend?“ fragte der persische Adjutant erstaunt.

„Pah!“ antwortete ich. „Tut erst das! Dann werdet ihr noch mehr erfahren!“

„Noch mehr? Noch mehr?“ schrie der Dicke, indem sich sein Gesicht dunkel färbte. „Mensch, ich schlage dich tot, ich —“

„Schweig!“ unterbrach ich ihn, denn nicht nur er wollte

zu mir her, sondern auch die vier Agha machten Miene, aufzuspringen. Darum nahm ich meine Revolver heraus und legte sie vor mich hin. Halef zeigte sofort auch die seinen. Dann fuhr ich fort:

„Die beiden Kommandanten tun jetzt, was ich gesagt habe! Inzwischen werden diese Leute hier alle gefesselt! Einem jeden, der sich wehrt, schieße ich eine Kugel durch den Kopf!“

So geschah es! Die Kerls hatten Angst vor den Revolvern; sie ließen sich binden. Abdahn Effendi war so fürchterlich erregt, daß ich von Augenblick zu Augenblick einen Schlaganfall erwartete. Seine Brust bebte und keuchte. Seine Augen füllten sich mit Blut. Einmal stand er auf, öffnete den Mund, als ob er reden wolle; dann setzte er sich nieder und stöhnte:

„Nein, nein! Ich sage es nicht, ich sage es nicht! Lieber sterbe ich — sterbe — sterbe, sterbe ich!“

Es dauerte lange Zeit, wohl bis eine Stunde vor Mitternacht, da kehrten die Adjutanten von ihrer Suche zurück. Sie jubelten.

„Wir haben alles gefunden, alles!“ rief der türkische, und der persische fuhr schnell und ganz begeistert fort: „Die Beweise in dem Beine! Die Keller! Zwei vollständige Buchführungen! Und eine Menge von Pascherwaren im Werte von vielen Hunderttausenden!“

„Aber ich bin unschuldig, ich, ich, ich!“ brüllte der Dicke. „Auf mich bringt ihr nichts, nichts, nichts!“

Da ging ich langsam nach dem Herde, nahm den Besen und kehrte den Schmutz hinweg. Im Zimmer herrschte tiefe Stille. Jeder wußte, es komme etwas Unerwartetes. Ich hob die Herdplatte zur Seite. Da tat es hinter mir einen entsetzlichen Schrei und einen schweren Fall. Der Schrei kam von Abdahn Effendi; dann war er vom Stuhl gestürzt. Ein konvulsivisches Zittern ging über seinen Körper. Aber er war nicht tot. Seine Augen standen offen. Sein Blick folgte meinen Bewegungen.

„Hebt — — hebt — — hebt mich auf!“ lallte er. „Hal — halt — haltet mich!“

(Fortsetzung folgt.)

(183.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(23. Fortsetzung.)

Vier Soldaten gehörten dazu, den schweren Körper aufzurichten und festzuhalten. Er stand aufrecht, mit an den Leib gefesselten Armen. Der Schweiß stand ihm in dicken Tropfen nicht nur auf der Stirn, sondern im ganzen Gesichte. Eine entsetzlichere Angst als die, welche sich jetzt in diesem unförmlichen Fleischklumpen offenbarte, ist nicht zu denken! Da griff ich in das Loch, zog den hohen Korb heraus und stellte ihn, weil der Platz das so erforderte, gerade vor den Effendi hin.

„Du siehst, das Ungeziefer wird ausgerottet!“ sagte ich zu ihm. „Du siehst, ich halte Wort! Ich gab dir Zeit bis Mitternacht! Nur noch wenige Minuten, dann ist’s vorbei!“

Da öffnete es ihm den Mund, und erst leise, dann immer stärker preßte es sich heraus.

„Führe uns nicht in Versuchung — — erlöse uns von allem Übel — — erlöse uns von Abdahn Effendi und von seinen Freunden!“

Und nun geschah etwas unendlich Ergreifendes. Nämlich der Müller und die beiden früheren Kommandanten erhoben ihre Hände und beendeten das Gebet, indem sie lauf hinzufügten:

„Du kannst es, wenn du willst! Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!“

Die vier Soldaten hatten, als der Effendi sprach, ihre Hände von ihm genommen; er stand allein.

„Amen!“ wiederholte er das letzte Wort der nach ihm Betenden. Dann war es, als ob ihn eine fremde, außer ihm liegende Kraft einmal um seine eigene Achse drehe; er sank in beide Knie und brach dann langsam in sich selbst zusammen, nicht wie ein fester, schwerer Körper, sondern wie ein lockerer Haufen von Erde oder Asche, der sich in nichts verlieren will.

Ich untersuchte ihn. Er war tot. Da wendete ich mich an die beiden Adjutanten:

„Hier steht der Christ, den Ihr von Gott verlangtet! Und das Wort, welches Abdahn Effendi sprechen sollte, ist erklungen — —“

„Aber ich, ich warnte Euch vor dieser Lästerung!“ fiel mit der Müller in die Rede. „Ich wollte Euch bewahren vor den Folgen — —“

„Die kamen allerdings!“ unterbrach ihn der Türke, indem er den Stummel seiner Hand hob. „Ich muß den Abschied nehmen! Vorher aber sollen mir diese Halunken an Gott glauben lernen, so wie er mich durch dich gezwungen hat, an ihn zu glauben!“

„Solche Menschen,“ fiel der Perser ein, „können ihn nicht in seiner Liebe, sondern nur in seiner Gerechtigkeit kennen lernen und die soll ihnen werden, Buchstabe für Buchstabe, Silbe für Silbe, Wort für Wort! Sihdi, du hast uns besiegt! Aber ich danke dir dafür!“

„Ich auch!“ fügte der Türke hinzu.

Beide reichten mir ihre Hände. Da bat ich sie:

„Nicht Dank will ich, sondern auch nur Gerechtigkeit, und zwar für diese hier.“ Ich zeigte auf die früheren Kommandanten. „Könnt Ihr diese Ketten öffnen?“

„Ja; wir haben die Schlüssel zu den Spangen.“

„So gebt diese Schlüssel mir! Durch einen Christen sollen sie erlöst werden. Ich bitte, diese Bedingung auch wörtlich nehmen zu dürfen!“

Die Schlüssel befanden sich in den Händen der beiden Leutnants. Sie wurden geholt und ich hatte dann die Freude, die Gefangenen mit meinen Händen von ihren Fesseln befreien zu können. Sie waren so tief ergriffen, daß sie nicht wünschten, der Gerichtssitzung weiter beiwohnen zu müssen. Mir ging es genau so wie ihnen. Sie wollten sich nach der türkischen Karawanserai zurückziehen, und ich versprach ihnen dorthin sehr bald zu folgen. Da ich nur noch als Zeuge gebraucht wurde und Halef ebenso auch, so hatten wir nur noch Bericht zu erstatten über die Art und Weise, in welcher wir zu so genauer

Kenntnis der Tatsachen gekommen waren. Dann wurden wir entlassen, mußten aber versprechen, im Serai zu bleiben, bis die Angelegenheit für heute erledigt sei.

Dort angekommen, trafen wird die beiden alten und auch die junge Frau aus der Mühle an. Sie hatten es nicht aushalten können; sie waren trotz der Dunkelheit durch den weiten Wald gekommen, um mit teilzunehmen. Welche Liebe und Dankbarkeit uns da von allen Seiten entgegenduftete, ist nicht zu beschreiben. Nach einer Stunde erhielten wir die Botschaft, daß man im Korbe des toten Effendi die Lösung aller Rätsel und die Beseitigung aller Zweifel gefunden habe. Es sei jeder Wunsch erfüllt. Nach wieder einer Stunde kam einer der Leutnants mit mehreren Soldaten, die uns sämtliche Gegenstände brachten, die, uns gehörig, sich in unsern zwei Stuben befunden hatten. Wir sollten sagen, ob noch etwas fehle; es fehlte aber nichts. Auf die Frage, warum man uns das sende, erhielt ich den Bescheid, daß wir heute wo anders schlafen würden. Und nach hierauf einer halben Stunde kamen die Adjutanten selbst. Sie waren außerordentlich ernst. Sie sagten, daß die Kriminaluntersuchung vorüber sei; die geschäftliche Aufklärung aber werde wohl noch längere Zeit erfordern. Die werde man wohl nur den Händen des Müllers anvertrauen können, der mit Hilde der beiden alten, braven Kommandanten, die nun aber wieder die neuen seien, wohl Recht und Ordnung schaffen können werde. Für heute handle es sich nur noch um den richtigen Schluß und da seien sie auf einen Gedanken gekommen, der ihnen als der richtige erscheine. Nämlich, wenn wir nicht klüger gewesen wären, als sie, so wären wir zusammen in die Luft geflogen. Wie ein solches Indieluftfliegen damals ausgesehen habe und wie es auch heute wieder ausgesehen hätte, das möchte man wohl gerne wissen und sehen. Darum habe man jetzt alles, was nicht mitfliegen solle, fortgeschafft und die alte, lange Zündschnur wieder heruntergelegt. Es bedürfe nur noch eines Streichholzes, so erfolge die Explosion. Man werde den Befehl hiezu sofort erteilen. Auf keinen Fall sei es um das stinkige Ungeziefer schade, welches jetzt darin vorhanden sei.

(Fortsetzung folgt.)

(185.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(24. Fortsetzung.)

Dieser Gedanke war allerdings originell. Uns konnte die Explosion nichts tun, denn wir saßen geschützt im Serai. Am allermeisten darauf gespannt, wie es ausgesehen hätte, wenn wir in die Luft geflogen wären, zeigte sich mein kleiner Halef. Ihm machte das großes Vergnügen. Er erbot sich selbst, die Schnur anzuzünden, leider aber war bereits ein Mann hiezu beordert. Der stand schon dort am Pfirsichbaum und wartete auf das Zeichen. Es wurde gegeben. Das Hölzchen flammte auf. Wir sahen das Glühwürmchen emporsteigen, am Stamm hinauf, quer durch die Äste, bis auf das Dach, wo es verschwand, um auf dem Dache hin nach den vier Stuben zu laufen. Meine Gedanken folgten ihm dorthin, und da wurde es plötzlich hell in mir. Ich wußte mit einem Male, was die beiden Adjutanten mit dieser Explosion eigentlich wollten. Sie war kein Feuerwerk, sondern eine Hinrichtung. In den Räumen, die wir bewohnt hatten, steckten jetzt die Verbrecher. Sie sollten genau so in die Luft fliegen, wie es für uns bestimmt gewesen und früher schon einmal auch wirklich geschehen war. Sobald mir diese Erkenntnis kam, verlangte es mich, das Entsetzliche zu verhüten. Aber es war zu spät. Der Funke hatte sein Ziel erreicht. Es erfolgte ein mächtiger Schlag, ein Krach, ein brausendes Pfeifen; eine Feuergarbe stieg auf, verbreiterte und zerteilte sich hoch oben und dann hörten wir rundum das Prallen, Schlagen und Klatschen der Trümmer, die auf die Erde niederfielen. Uns schützte das Dach. Es wurde überhaupt kein Mensch getroffen, weil jedermann vorher gewarnt worden war.

„Prächtig! Herrlich! Köstlich!“ rief Halef. „Dieses Schauspiel ist — —“

„Schweig!“ fiel ich ihm in die Rede. „Geh hinaus! Sieh dir die Trümmer, die Knochenstücke und Fleischfetzen an!“

„Ah! Du ahnst, Sihdi?“ fragte der türkische Adjutant.

„Ja, ich ahne!“ antwortete ich.

„Und hältst du es für richtig?“

„Was ist richtig? Richtig auf Erden ist alles, und richtig auf Erden ist nichts! Aber mir graut vor euch! Ich gehe fort! Was ich hier sollte, habe ich getan. Ich wäre wohl länger geblieben, denn ich habe hier liebe, gute Menschen gefunden, über die ich mich freue, aber der Anblick eurer gräßlich nackten Rache treibt mich fort. Komm, Halef, komm!“

Da griffen die beiden Adjutanten nach mir, um mich festzuhalten, und der persische sprach:

„Bleib hier, bleib hier! Auch wir haben dich liebgewonnen! Bedenke, was diese Menschen taten! Zwei Adjutanten umgebracht! Zwei Hauptleute und zwei Oberleutnants umgebracht! Vier Offiziersdiener umgebracht! Zwei Kommandanten unschuldig in Ketten gebracht! Heute wieder schon auf der Tat, vier Personen umzubringen! Allezeit bereit, sich untereinander abzuschlachten! Den Staat um Millionen beraubt! Dazu ein Heer von vergangenen Missetaten, die wir nicht kennen, und eine Unsumme von Verbrechen, die noch geschehen wären, wenn wir sie nicht verhütet hätten! Bedenke auch, daß ich nicht dein Gott der Christen bin, an den zu glauben du uns gezwungen hast, sondern nur ein Mensch, ein Beamter, der verpflichtet ist, seine Nebenmenschen vor solchen Bestien zu schützen! Denke auch an mein Gesicht und an den blutigen Armstummel meines Kameraden!“

„Ich denke an alles!“ antwortete ich. „Bei mir wiegt es sogar noch schwerer als bei euch! Ich gebe euch ebenso wenig Unrecht, wie der Soldat, der Held, dem Fleischer oder Schinder unrecht gibt. Ihr handelt nicht aus euch selbst, sondern zufolge eines ehernen Gesetzes und auch zugleich im Auftrage jener ebenso strengen als allgütigen Himmelsmacht, die uns befiehlt, nichts ohne den Zusammenhang zu betrachten. Abdahn Effendi war auch und uns zum Lernen aufgegeben. Ich lerne mehr von ihm und auch anderes, als ihr. Wenn er, der Leib, in dieser Weise starb, mußte alles, was geistig nur ihm allein entfloß, nach oben hin zerstäuben. Es wäre eine Lüge gewesen, es nicht in die Luft zu jagen. Ich sage euch das, obwohl ich weiß, daß man mich nicht versteht. Ihr habt also nicht nur folgerichtig, sondern allzu richtig gehandelt, und das, das treibt

mich fort. Ein wirklicher Mensch, ein Christ, kann nicht auf den Trümmern und Fetzen von anderen Menschen gehen. Halef, hol die Pferde! Wir reiten fort!“

Er ging. Kaum war er hinaus, so hörten wir einen Schrei aus seinem Munde. Er war auf etwas getreten, hatte es aufgehoben und brachte es herein, um es bei Licht zu betrachten. Es war ein menschlicher Oberarm! Aus den Schultern herausgerissen! Die zerfetzten Muskeln hingen noch daran. Die Frauen schrien auf. Halef erschrak.

„Was habt ihr getan?“ fragte er die beiden Adjutanten.

„Gerichtet haben wir!“ antwortete der türkische. „Erst ließen wir die Leiche des Effendi hinaufschaffen, dann auch die Gefangenen, so fest gebunden, daß sie sich nicht rühren konnten.“

„Wußten sie, was mit ihnen geschehen sollte?“

„Natürlich! Sonst wäre es ja keine Strafe für sie gewesen!“

„Aber man hörte sie doch nicht schreien?“

„Weil sie nicht konnten! Sie waren geknebelt. Die Gerechtigkeit erforderte es!“

„Die Gerechtigkeit!“ lachte der Hadschi. „Und Gnade gab es nicht?“

„Gnade? Wofür?“

„Wofür? Als ob der Mensch auch noch die Gnade extra zu bezahlen hätte!“

Er warf ihnen die gräßlichen Überreste vor die Füße, trat ganz nahe an sie heran und fragte:

„Wer hat diese Leute in eure Hand gegeben? Wir! Wer hat alle ihre Taten entdeckt? Nur wir! Wem aber war es drei Wochen lang vollständig unmöglich, auch nur die geringste Spur von Geist und Befähigung zu zeigen? Euch! Und trotz dieses geradezu lächerlichen Unvermögens haltet ihr euch für berufen, über Strafe und Gnade, über Leben und Tod, wohl gar über Seligkeit und Verdammnis zu entscheiden? Ihr armen Teufel ihr, die ihr nur immer von Gerechtigkeit redet und doch selbst nur Gnade und Mitleid braucht, weiter nichts!“

(Fortsetzung folgt.)

(187.1)
(Nachdruck verboten.)

Abdahn Effendi.

Reiseerzählung von Karl May

(Fortsetzung und Schluß.)

Er ging. Auch die anderen gingen, ohne ein Wort zu sagen. Nur die Müllerin blieb am Ausgange stehen und richtete an mich die Worte:

„Verzeih, Effendi! Das Entsetzen treibt uns fort. Wir gehen heim; dort ist die Erde rein! Ist es wahr, daß du dieses Tal verläßt?“

„Ja.“

„Wann?“

„Sofort!“

Da faltete sie die Hände, bog das Knie und sah in rührender, aufrichtiger Bitte zu mir auf. Dieser Bitte Worte zu geben, wagte sie nicht, doch verstand ich sie.

„Ja, ich komme!“ lächelte ich ihr dankbar zu.

Da stieß sie einen Jubelruf aus und eilte fort, den anderen nach.

„So siegst du auch hier!“ sagte der persische Adjutant, der mit dem türkischen noch da stand wir zuvor. „Leb wohl!“

„Leb wohl!“ sagte auch der türkische. Dann gingen sie hinaus. Ich war allein.

Halef brachte die Pferde, die er in fliegender Eile gesattelt hatte. Er versicherte, die hiesige Luft wolle ihm nicht mehr in den Hals; er ersticke fast. Wir packten auf, was uns gehörte, und ritten davon, den Weg, den wir am vorigen Montag gekommen waren, an der türkischen Maut vorüber, ein Stück zurück und dann nach rechts in die köstliche, staub- und schmutzfreie Atmosphäre der Hochebene hinein.

Das war schon über drei Stunden nach Mitternacht. Es galt nicht, zu reisen, sondern nur, zu reiten. Die Pferde brauchten es nach so langer Ruhe, und wir hatten uns die Dünste des Tales aus der Seele zu atmen. Da unten hatte Finsternis geherrscht. Hier oben grüßten uns die Sterne, und die zarte Sichel des neuerstandenen Mondes stand am Firmament. Wir

sprachen nicht. Jeder folgte seinen eigenen Gedanken. Wir schlugen einen großen, weiten Bogen, nach West, über Nord, dann nach Ost zurück, um nicht vor Tage bei der Mühle anzukommen. Wir kannten die Gegend nicht, doch war uns das gerade recht, denn es lenkte unsere Aufmerksamkeit von den vergangenen letzten Stunden ab. Als der Tag zu grauen begann, ritten wir langsamer, denn wir näherten uns dem Ziele. Da konnte Halef das stete und lange Schweigen nicht mehr ertragen. Er begann, das Erlebte zu besprechen, und ich hielt es für meine Pflicht, hierauf einzugehen, um ihm das Herz zu erleichtern.

Dann ging die Sonne auf, gerade als wir die Mühle vor uns liegen sahen. Sie erschien uns nach den dunklen, häßlich irdischen Ereignissen der vergangenen Nacht wie ein Bild aus dem Garten. Eden, vom reinen, heiligen Glanz des Himmels überflutet. Das Wasser rauschte; schalkhaft knarrte das Rad; laut pries die Säge ihren eigenen Fleiß. Auf dem Hofe brüsteten sich die Pfauen. Tauben badeten ihr lichtes Gefieder in der Morgenglut. Zwei Hunde sprangen uns schweifwedelnd und bellend entgegen. Da öffnete sich die Tür und aus ihr quollen voran die jubelnden Kinder, mit großen Rosenbuschen in den kleinen Händen, dann Vater und Mutter, ein Paar Großeltern, hinterdrein ein junges Kätzchen, welches noch nicht ausgeschlafen hatte und sich draußen sofort hinsetzte und sich die staunenden Augen auswischte, um uns dann deutlicher sehen zu können. Und um alle Ecken schauten die Köpfe des Gesindes, der Arbeiter und anderer Leute, die zufällig anwesend waren.

„Welch eine Menge!“ rief ich fröhlich aus. „Ist da denn Platz für uns?“

„Ob Platz ist, hat er gesagt!“ meldete das kleine Mädchen in besorgtem Tone zur Mutter empor.

„Mehr als genug!“ antwortete diese. „Für solche liebe, liebe Gäste stets! Sage ihm das, und gib ihm deinen Buschen!“

„Für solche liebe, liebe Buschen stets! Hier hast du deinen Gast! Mehr als genug!“

Alles lachte. Wir stiegen ab und wurden im Triumph in das Haus geführt, zur hinteren Tür wieder hinaus und in den Garten, der dort so verborgen lag, daß wir ihn noch nicht gesehen hatten. Dort stand unter schattigen Bäumen ein kleines, weißglänzendes Häuschen. Man bat uns, es uns anzusehen, ob es uns als Wohnung gefalle, und dann zurückzukommen; das Frühstück sei bereitet. Dann zogen sich die guten Leute zurück. Das Häuschen bestand aus zwei kleinen, netten Stuben, höchst sauber eingerichtet und mit Blumen geschmückt. In der einen fanden wir einen Zettel, darauf stand: „Für den Scheik der Haddadihn.“ Da steckte Halef seinen Rosenbusch in den dazu vorhandenen Wasserkrug und sagte:

„Hier wohne also ich, du kannst gehen!“

In der anderen sah ich einen zweiten Zettel, darauf stand, „Für ihn.“ Kein Titel und kein Name. Auch ich tat meine Rosen in das Wasser. Da kam Halef mir schon nach und fragte:

„Hast du schon zum Fenster hinausgesehen?“

„Nein,“ antwortete ich.

„So schau!“

Er deutete in die Richtung, die er meinte. Da fiel mein Blick zwischen den Stämmen hoher Zapfenbäume hinüber in das Tal des Baches, gerade auf die Stelle, wo die zwei Bänke standen, auf denen die Mutter mit den Kindern gebetet hatte. Auch jetzt saß jemand da, nämlich eine sehr lange, sehr dünne und sehr vergrämt aussehende Frau. Sie hielt den Kopf gesenkt und schien gebetet zu haben; ihre Hände waren gefaltet. Es war — — Abdahn Effendis gerettete Seele.

„Sie ist also hier,“ sagte er. „Man hat sie aufgenommen. Bleiben auch wir?“

„Ja, wir bleiben.“

„Allah sei dank! Wie das mich freut! Als wir den Müller mit den beiden Adjutanten belauschten, hörten wir ihn auf ihre Lästerungen sagen: „Gott hat es gehört; Gott hat es gehört. Er wende es zu unserem Heil und Segen!“ Der hat es getan. Der hat es gewendet. Und darum wiederhole ich: Ihm sei Lob gesagt, Lob und Ruhm und Preis und Dank!“ — —