- 223 -


XI.

Ein Abenteuer auf Ceylon

von Karl May.


1.

Ich stand auf dem Leuchtthurm von Point de Galle, versunken im Genusse des herrlichen Panorama's, welches sich unten zu meinen Füßen ausbreitete. Im Hafen lagen eine Menge Fahrzeuge vor Anker; ein= und auslaufende Schiffe belebten die Scene; es waren unter ihnen alle Größen und Gattungen vom größten und prachtvollsten europäischen Dampfer bis herunter zur erbärmlichen chinesischen Dschonke vertreten. Kleine Felseninseln, von Kokospalmen und Pandanen bestanden, ragten aus den schimmernden Fluthen empor. Zwischen ihnen zogen sich Korallengärten hin, zwischen denen wundervolle rothe und blaue Fische schwammen; Haifische zerrten an dem Kadaver eines todten Hundes; vielgliedrige Krabben krochen die Steilung der Felsen hinan. Die Häuser und Hütten der Stadt lagen schalkhaft unter dem [ den ] Kronen der Palmen versteckt, und wo die reinlichen Straßen sich dem Blicke offen zeigten, da war eine Menge von Lebenserscheinungen, weidende Zebuochsen, schwarze Schildwachen, luftwandelnde [ lustwandelnde ] Ladys, durchsichtig weiße englische Kinder mit braunen singhalesischen Ammen, tabakrauchende eingeborene Kinder, behäbig und stolz einherschreitende Muselmänner, schachernde Juden, bezopfte Malayas, Betel kauende Ratschputen, Buddhapriester im langen, schwefelgelben Gewande,


Kopf und Bart nackt abgeschoren, englische Midshipmen in rother Jacke und mit schwerem Säbel, malerisch schöne Hindumädchen, Nase, Ohren, Stirn, Arme und Beine mit Gold und Edelsteinen behangen, zu erkennen. Ueber dem Allen lag der bezaubernde Duft des Südens ausgegossen.. Die Sonne schickte sich an, in die Wogen des Meeres zu steigen, und warf ihre Reflexe vom tiefsten Purpur bis zum leuchtendsten Flammengold über die ruhelos bewegte Meeresfläche hin. Es war ein Anblick, in den man sich stundenlang versenken konnte, ohne seiner müde zu werden.

Neben mir lehnte Sir John Emery Walpole. Er bemerkte von Alledem, was ich sah, nicht das Geringste. Die herrlichen Tinten, in denen der Himmel glühte, das strahlendurchblitzte Krystall der See, das erquickende Balsam der sich abkühlenden Lüfte, die bunte, interessante Bewegung auf dem vor uns ausgebreiteten kostbaren Fleckchen Erde, sie gingen ihm verloren, sie waren ihm gleichgültig, sie durften es nicht wagen, seine Sinne auch nur einen Augenblick lang in Anspruch zu nehmen.

(Fortsetzung folgt.)
Vorwort