- 269 -


Aus allen Zeiten und Zonen.

XI.

Ein Abenteuer auf Ceylon

von Karl May.

(Schluß.)


Walawi bat, den Posten übernehmen zu dürfen, und Walpole gab ihm die Erlaubniß dazu. Er konnte versichert sein, daß der Singhalese seine Sinne auf das Aeußerste anstrengen werde, um die Dschonke zu entdecken.

Diese war jedenfalls wenigstens unter den Segelschiffen das einzige, welches nach Osten ging; es war gar nicht möglich, daß sie uns entschlüpfen konnte, und doch verging der Nachmittag und wir hatten die Breite von Cap Palmyra hinter uns, ohne den Chinesen in Sicht zu bekommen. Ich suchte Walpole auf, welcher ungeduldig längst der Reyling hin und her spazierte.

»Ich denke, der Jao=dse hat dem Hafenmeister falsches Ankerziel gesagt und treibt an einem Küstenpunkte irgend ein verschleiertes Geschäft. Habt Ihr nicht Lust, zu wenden, Sir John Emery?«

Er warf die ausgerauchte Cigarette über Bord und schielte mir über den vorgerutschten Klemmer ironisch in das Gesicht.

»Was Ihr für ein gewaltiger Admiral seid, mein lieber Charley! Ihr seid ein ganz prächtiger Kerl, aber bis zum vollkommenen Gentleman habt Ihr es doch noch nicht gebracht, und vom Seemann steht Ihr auch noch weit entfernt. Ob der Chinese an einem Punkte der Küste angelegt hat oder nicht, das bleibt sich für uns ganz gleich. Wir können ihn nur auf offener See abfangen. Da wir nicht wissen, wo er ankert, so müßten wir jede Bucht und Bai der Küste mühevoll absuchen, und dabei ginge er uns auf und davon, ohne daß wir ihm good bye sagen könnten. Ich werde allerdings wenden, aber nur um zwischen Süd und Nord zu kreuzen.«

»So haltet Euch wenigsten Etwas näher an das Land und gebt mehr auf das Lee acht, denn ich glaube nicht, daß ein Frauenräuber, der dieses Geschäft vielleicht im Großen betreibt, sich in die belebten Wasser von Batticaloa wagt. Er ist jedenfalls nur zwischen ihnen und der Breite von Dowandara zu finden.«

»Charley, Ihr seid doch nicht ganz so unrecht, wie ich dachte, denn Eure Ansicht scheint mir viel für sich zu haben. Ich werde Euch folgen und der Yacht einige Knoten mehr geben!«

Er nahm das Sprachrohr zur Hand, befahl die Leute an die Brassen, und bald beschrieb das Schiff einen Bogen von Nord über West und legte dann auf Südwest ein. Jetzt legte sich der Passat straff in das Leinen; die Maschine arbeitete mit voller Kraft, und wir flogen vor dem Winde


wieder auf Cap Thunder=Head zurück, welches wir am frühen Morgen douplirt hatten.

Noch immer saß Walawi auf dem Maste; er war nicht dazu zu bringen, sich ablösen zu lassen, und blieb um so fester auf seinem Posten, als wir kurz nach Mitternacht südlich von Batticaloa Küstenwasser erreichten. Heut ging keiner von den Männern, welche sich auf der Yacht befanden, zur Ruhe, eine Ausdauer, die auch ihre Belohnung fand, denn es ertönte vom Ausguke der Ruf:

»Feuer grad in West!«

»Schnell an die Reffs; zieht alle ein!« befahl sofort Walpole. »Maschinist, halbe Kraft! Mann am Steuer, dreh um auf Ost bei West!«

Im Nu waren sämmtliche Segel eingezogen und die Yacht ging langsam und geräuschlos grad auf die Küste zu. Je näher wir ihr kamen, desto mehr wurde das Feuer auch Denen sichtbar, welche sich auf dem Decke befanden. Der Himmel röthete sich immer stärker, und endlich waren die Flammen, welche von der Erde emporloderten, deutlich zu erkennen.

»Ein Schiff in Sicht, grad vor dem Bug!« rief Walawi von oben herab.

»Geht es vorüber oder liegt es fest?« frug Walpole.

»Es hat beigelegt gehabt, zieht aber jetzt die Leinwand auf.«

»Fahr es an, Mann am Steuer, fahr es an und dreh bei an seinem Luv!«

Als wir dem Fahrzeuge näher kamen, erkannten wir es als eine chinesische Dschonke.

»Konstabel, leg Kartätschen ein!« commandirte Walpole. Er hatte also nicht die Absicht, es durch den gewöhnlichen blinden Schuß zum Flaggenziehen zu bewegen. Der Steuermann schloß dies aus dem Commando und drängte die Yacht so nahe an die Dschonke, daß diese mit der Stimme angesprochen werden konnte.

»Stopp, Maschinist; fertig mit den Waffen!«

Es war ein eigenthümliches Gefühl, welches mich in diesem Augenblicke erfaßte. Wir waren im Ganzen nur elf Mann auf der Yacht; die Bemannung des Chinesen mußte uns weit überlegen sein. Walawi war zu uns herabgekommen und hatte den blitzenden Kris in der Faust.

»Wollt Ihr hinüber, Sihdi?« frug er. »Es sind nur wenig Leute drüben; die Andern stoßen eben vom Lande.«

»Laß erst sehen! Verstehst Du Chinesisch?«

»Was ein Schiffer wissen muß.«

»Ruf die Dschonke an!«


- 270 -


Der Singhalese that es. Statt der Antwort flog drüben eine leuchtende Rakete in die Höhe.

»Sie geben das Warnungssignal; es sind Räuber und Mordbrenner. Hoihoo! Leg hart an zum Entern und stoß dann allein weit ab!«

Die Yacht gehorchte dem Befehle und legte Seite an Seite mit der Dschonke. Nur der Steuermann und der Maschinist blieben zurück, wir andern Neun sprangen hinüber. Der Chinese hatte nicht Anker geworfen, sondern nur beigedreht und nicht mehr Leute an Bord, als zur Ueberwindung der Abtrifft unbedingt nöthig waren. Sie waren nach kurzer Gegenwehr überwältigt und wurden schnell gefesselt. Das Schiff war der Jao=dse, welchen wir suchten.

Die vom Lande abgestoßenen Kähne waren mittlerweile näher gekommen. Ihre Insassen hatten das Signal und ebenso auch den Dampfer bemerkt, welcher sich trotz seiner Kleinheit nicht vollständig hinter der Dschonke zu verstecken vermochte. Da er aber weit von derselben abgetrieben war, so glaubten sie ihn nur in Verhandlung mit den Ihrigen und ahnten nicht, daß wir an Stelle der Letzteren sie in Empfang nehmen würden.

Als sie den Jao=dse erreichten, warfen wir das Fallreep und die Leitern hinab. Sie legten die Boote an die Taue und kamen, ihre Ladung einstweilen im Stiche lassend, rasch auf Deck geklettert, um vor allen Dingen zu wissen, was es mit der Yacht für eine Bewandtniß habe. Sie wurden nach Kräften empfangen. Es entspann sich ein Kampf, der uns zwar einige Wunden kostete, aber doch mit unserm Siege endete. Wir hatten ihn dem glücklichen Umstande zu verdanken, daß die Boote nicht zugleich, sondern ein's nach dem andern anlangten und wir also Zeit behielten, die Feinde einzeln zu überwinden.

Sie wurden ebenso wie die Vorigen gefesselt und dann sammt und sonders nach der Yacht übergeführt. Während dies geschah, stieg ich mit Walpole in die Kähne hinab. Wir fanden sie voll gefangener Frauen und Mädchen, von denen wir erfuhren, daß ihr Dorf von den Chinesen überfallen worden sei. Die erschrockenen Männer waren einfach davongelaufen, die Frauen aber hatte man, so viel ihrer habhaft wurden, zusammengebunden und mitgenommen, nachdem die primitiven Hütten des Ortes in Brand gesteckt worden waren.

Die Töchter Eva's erhoben ein wahrhaft betäubendes Jubelgeschrei, als sie hörten, daß sie ihre Freiheit zurückerhalten würden. Walpole machte ihrem Danke ein schnelles Ende. Nachdem wir ihre Bande zerschnitten hatten, gebot er ihnen, an das Land zurück zu rudern. Sie kamen diesem Befehle schleunigst nach, denn die Kähne, welche auf diese Weise in ihrem Besitze blieben, waren jedenfalls mehr werth, als die sämmtlichen Schilf= und Basthütten ihres niedergebrannten Dorfes.


Nun wurde die Ladung des Jao=dse untersucht. Sie bestand aus Zimmt, Reis, Tabak, Ebenholz, Kaffee und - geraubten Frauen. Diese Letzteren waren sämmtlich in der Gegend von Point de Galle aufgegriffen worden, und unter ihnen befand sich auch Kaloma, die "Schönste unter den Frauen der Vayisa's", wie sie von Walawi, ihrem zärtlichen Gatten, genannt worden war. Das Glück der beiden Leute war unermeßlich und ebenso unbeschreiblich klangen die Ausdrücke, in denen sie dem großen Maharadscha aus Anglistan ihren Dank ausdrückten.

Als es Morgen wurde, war alle nothwendige Arbeit vollbracht. Die Dschonke zog einiges Segelwerk auf und wurde von der Yacht in's Schlepptau genommen. Wir douplirten Cap Thunder=Head zum zweiten Male, nur jetzt im entgegengesetzten Course und langten gegen Abend wieder in Point de Galle an, wo unser Erscheinen nicht wenig Aufsehen erregte. Es stand ja beispiellos da, daß ein kleiner Privatdampfer sich an einem wohlbemannten "Girl=robber", wie sie von China aus die dortigen Gewässer zuweilen unsicher machen, gewagt hätte. Das größte Erstaunen aber erregte diese Nachricht bei dem Mudellir, welchem wir unsre Gefangenen zur Bestrafung und den Jao=dse zum Rechtsspruche überlieferten. Er hatte das Schiff für ein unschädliches Handelsfahrzeug und den Schiffer für einen rechtschaffenen Mann gehalten und daher auch - jedenfalls aber in Folge eines ansehnlichen Geschenkes - unsern armen Walawi zum Tode des Ertrinkens verurtheilt, weil dieser einen jedenfalls nur zufälliger Weise an seine Hütte verirrten Matrosen des Chinesen kurzweg erstochen hatte.

Er benahm sich außerordentlich freundlich gegen uns und bat Walpole, der mächtigen Königin in Anglistan von seiner Weisheit und Gerechtigkeit zu erzählen. Dieser versprach es ihm, warf ihm dabei aber über den mächtigen Klemmer einen Blick zu, in welchem etwas ganz Anderes als die Anerkennung der gerühmten Weisheit und Gerechtigkeit lag.

Wir kehrten in das Hotel Madras zurück, wo wir dieselben Zimmer wieder bekamen, welche wir vorher bewohnt hatten. Als wir auf dem Divan Platz nahmen, um unser Abenteuer in der Erinnerung noch einmal zu durchleben, meinte der gute Sir John Emery:

»Seht Ihr nun, daß ich meine beiden Wetten richtig gewonnen hätte?«

»Ich sehe es, aber eben deshalb wette ich nie.«

»Das ist kein Grund, denn Ihr könnt doch einmal glücklich sein und gewinnen. Ihr seid ein ganz prächtiger Kerl, Charley, aber wenn Ihr Euch so vor dem Verlieren fürchtet, werdet Ihr es in Eurem ganzen Leben nicht bis zum vollkommenen Gentleman bringen. Ich habe Euch lieb und muß Euch daher von ganzem Herzen bedauern. Gebt Euch Mühe und werdet endlich einmal besser!« - - -


Vorwort