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[Aus allen Zeiten und Zonen.]
      
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Die Rache des Ehri

Ein Abenteuer aus dem südöstlichen Polynesien von Emma Pollmer.

Ungefähr auf dem 16. Grad südlicher Breite und dem 226. Grad östlicher Länge von Ferro oder dem 216. von Paris liegt eine Inselgruppe, welche im Jahre 1606 von Quiros entdeckt und von dem berühmten Cook, der sie 1769 zuerst gründlich erforschte, zu Ehren der „Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu London“ Gesellschaftinseln genannt wurde.

Sie zerfallen in zwei durch eine breite Straße getrennte Abtheilungen, die Windwards- und die Leewardsgruppe. Zu der ersteren gehören Tahiti oder Otaheiti, die bedeutendste Insel des Archipels, Maitea, auch Osnabruc genannt, und Eimeo oder Moörea. Die Leewardsinseln sind Huahine, Raiatea, Taha, Borabora und Maurua oder Maupiti.

Diese ganze Inselgruppe ist vulkanischen Ursprungs, doch arbeiten die kleinen, fast mikroskopischen „Baumeister des Meeres“, die Pflanzenthiere der Polypen unausgesetzt an ihrer Vergrößerung, umgeben jede einzelne Insel mit scharfen, spitzen Korallenringen, an die sich neues Land ansetzen kann, und machen dadurch die Schifffahrt auf den Wasserstraßen, welche die Eilande trennen, zu einer sehr gefährlichen.

Der Boden dieser Inseln ist durchgehends reich und fruchtbar. Die Gebirge sind mit dichten Waldungen bedeckt und die Küstenebenen durch Bäche wohl bewässert, so daß die Vegetation eine außerordentlich üppige genannt werden muß und eine Fülle von Zucker- und Bambusrohr, Brodfruchtbäumen, Palmen, Bananen, Pisang, Platanen, Bataten, Getreide, Yams-, Arumwurzel und anderen südländischen Gewächsen erzeugt.

Die Bewohner sind malayisch-polynesischen Ursprunges, dunkel kupferfarbig, die Frauen meist etwas heller, gut und kräftig gebaut, gesellig, gastfrei und gutmüthig. Sie leben in Monogamie und halten ihre Weiber in ziemlicher Eingezogenheit, lieben Musik, Tanz und Fechten leidenschaftlich.

Fortsetzung folgt.)

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Die Rache des Ehri

Ein Abenteuer aus dem südöstlichen Polynesien von Emma Pollmer.

(Fortsetzung.)

Die Bewohner der Gesellschaftsinseln hingen ursprünglich einer polytheistischen Religion an, bei deren Ausübung selbst Menschenopfer nichts Ungewöhnliches waren. Ihre Priester, welche zugleich Aerzte und Wahrsager waren, übten einen ungemeinen Einfluß auf sie aus, dem allerdings schon zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts die von den Engländern hier gegründeten Missionen entgegenarbeiteten. Später sandte auch Frankreich seine Bekehrer herüber, um die „armen Heiden“, welche ein vollständig zufriedenes und glückliches Leben führten, der ewigen Verdammniß zu entreißen und für den Himmel zu gewinnen, so daß gegenwärtig die einstigen Heiden in Christen umgewandelt sind, ob zu ihrem Vortheile und Segen, daß ist freilich eine Frage, die der Bekenner des Christenthums am liebsten unbeantwortet läßt.

Die Gesittung hat ihren Barbarismus, das Licht seinen Schatten, die Liebe ihren Egoismus, und von dem Orte der ewigen Seligkeit aus kann man, wie das Gleichniß von dem armen Manne und Lazarus lehrt, hinunter in die Hölle blicken. Christi Liebe, Milde und Erbarmung predigende Religion ist, vom unduldsamen Zelotismus auf die Spitzen der Schwerter gehoben und von einer schlau berechnenden Eroberungslust in’s Panier genommen, über den größten Theil des Erdkreises gegangen; ganze Raçen und Völker sind verschwunden oder liegen noch jetzt in den letzten, wilden Todeszuckungen; die Geschichte der Zukunft hat durch solche Vernichtung wichtige, kulturhistorische Kräfte und Momente verloren, und der treue Seelenhirt, welcher „mit Aufopferung seiner selbst nach dem verlorenen Schäflein jagt“, welches doch niemals zu seiner Heerde gehörte, kehrt den zahlreichen und bösen Krankheiten den Rücken, die im heimischen Stalle ihre Opfer suchen.

Als die Gesellschaftsinseln entdeckt wurden, fand man in ihren Bewohnern ein kindlich-naives, wunschloses und in paradiesischer Unschuld lebendes Völkchen, dem eine reiche Natur alle zu einem zufriedenen, sorgenfreien Leben nothwendigen Bedürfnisse in verschwenderische Weise verliehen hatte. Die Fremdlinge wurden mit freudiger Gastlichkeit aufgenommen, fast als Götter verehrt und erhielten Alles, was ihr Herz begehrte. Sie brachten die Kunde davon in die Heimath, wo der Wunsch nach gleichen Genüssen und das Verlangen rege wurde, die Glückseligkeit der Insulaner durch die Predigt des göttlichen Wortes und das Stellen in politische Abhängigkeit zu erhöhen. Es wurden Schiffe ausgerüstet, welche Waffen, Bibeln, Geistliche und — allerlei moralisches Gesindel nach den Eilanden brachten. Die Bekehrung -

Bekehrung begann; die Waffen und mitgebrachten Krankheiten begannen ihre Wirkung; die Menschenopfer wurden verpöhnt, aber Herrn Bachus und Frau Venus eine Hekatombe nach der andern gebracht, so daß aus den „armen Heiden“ sehr bald gelehrige Schäflein wurden, unter denen nur selten ein widerhaariger Bock auftauchte, der zur „Linken“ geschieden werden mußte, wenn er nicht von selbst dahin ging, wo Heulen und Zähneklappen ist. Das gute, theilnehmende Menschenkind ist nie so hassenswerth, als wenn es aufdringlich wird, um seinen Bruder glücklich zu machen. Dieses freundliche Bestreben hat unzählige Ströme warmen Blutes vergossen und Millionen — wer vermag sie zu zählen — Charakter, Heimath, Leben und Eigenthum gekostetet. — —

Tahiti, die „Perle der Südsee“, lag unter einem herrlichen, tiefblauen Himmel; die Sonne glühte auf die blitzenden Wogen des Meeres und die bewaldeten Spitzen und Hänge des Orohenaberges nieder oder funkelte in den Bächen und schmalen Caskaden, welche von den malerisch aufstrebenden Klippen herabsprangen, aber ihre Gluth erreichte nicht die freundlichen Ansiedelungenn, welche im Schatten der Palmen und zahllosen Fruchtbäumen lagen und von der frischen Seebrise angenehme Kühlung zugefächelt erhielten.

In dem milden Luftzuge rauschten die langen, gefiederten Wedel der Cocospalmen und raschelten die breiten, vom Winde ausgerissenen Blätter der Bananen; die abgeblühten Blumen der Orangen, deren Zweige aber trotzdem schon mit goldgelben Früchten bedeckt waren, tropften, wonnige Düfte verbreitend, zur Erde herab. Es war einer jener zauberisch schönen, wunderbaren Tage, wie sie in solcher Pracht und solchem Reichthume nur in den Tropen zu finden sind. Und während das Land in all’ seiner paradiesischen Schönheit so jung und frisch, als sei es eben erst aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, da lag, donnerte draußen an den Korallenriffen die Brandung ihr tiefes, ewiges Lied. Die Zeiten sind anders geworden und mit ihr die Menschen, die unendliche, stets wechselnde und doch ewig gleiche See ist dieselbe geblieben und schleudert auch heut’ wie vor Jahrtausenden ihre krystallenen Massen gegen die scharfen Dämme; die weißen, blitzenden Häupter der Wogen hoben und senkten sich, als blickten Tausende von Najaden hinüber, wo über dem Schaum der Wellen immergrüne, wehende Wipfel sich erheben, unter denen ein dem allmähligen Untergange geweihtes Völkchen die letzten Pulsschläge seines individuellen Daseins zu zählen vermag.

Dort am Strande lag Papetee, die Hauptstadt Tahiti’s, und eine bunt bewegte Schaar wogte in hren weißen, blauen,

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rothen, gelben, gestreiften oder geblümten, langen Gewändern hin und her. Wie prachtvoll hatten sich die jungen, bildhübschen Mädchen das schwarze, lockige und seidenweiche Haar mit Blumen und dem künstlich geflochtenen, schneeweiß wehenden Bast des Arrow-root geschmückt! Und wie gewandt und doch stolz waren die Bewegungen der eingeborenen Stutzer, welche, den bunten Parau oder die faltige Marra kokett um die Lenden geschlagen und darüber die Tebuta, das Schultertuch malerisch über die Achsel geworfen, zwischen den Schönen umher stolzirten! Sie hatten die langen, fettglänzenden Locken mit Streifen von in einander geflochtener weißer Tapa und rothem Flanell umwunden, was ihnen zu den broncefarbenen Gesichtern gar nicht so übel stand.

Da auf einmal drängte sich Alles dem Ufer näher. Ein Canoe nahte, in dessen weißes Segel sich die Brise voll gelegt hatte, so daß der Darinsitzende des Ruders nur bedurfte, um das Fahrzeug in dem richtigen Course zu erhalten.

Das Canoe war eines der hier stets gebräuchlichen, einfach aus einem Stamme gehauen und mit rundem Boden. Dadurch segelt es rascher, wäre aber auch sehr leicht umzuschlagen, wenn es nicht ein sogenannter Ausleger (outrigger) davor beschützt hätte.

Diese Ausleger bestehen aus zwei fest und quer über das Canoe befestigten Stangen oder Hölzern, die nach rechts hinaus einen leichten kufenartig geschnittenen Balken halten. Dieser schwimmt also, mit dem Kahne parallel und etwa vier Fuß von dem Rande desselben entfernt, auf dem Wasser und ist mit Bast fest an die Querhölzer geschnürt. Ein Umschlagen des Fahrzeuges, ja selbst ein Schaukeln wird dadurch unmöglich gemacht, denn dasselbe kann nicht nach links hinüber, weil es dann den ganzen, noch nahezu zwei Ellen abstehenden Balken aus dem Wasser heben müßte, und nach rechts eben so wenig, da sich der aus leichten Holze bestehende Balken mit den Stangen und auf diese Entfernung hin nicht unter Wasser drücken läßt. Diese Canoes fahren daher selbst bei unruhiger See außerordentlich sicher. Freilich würde man sich ohne diese Ausleger nur sehr vorsichtig darin bewegen müssen, da der runde Boden der geringsten Neigung des Körpers folgt und man bei der kleinsten Schwankung nicht nur Gefahr liefe, umzukentern und ein unfreiwilliges nasses Bad zu erhalten, sondern diesen an und für sich kleinen Unfall sogar mit dem Leben bezahlen könnte, da die Buchten und sonstige Wasser dieser Inseln von Haien wimmeln, die zu der gefräßigsten Art dieses unheilvollen Fisches gehören.

Der junge Mann wußte, wie alle diese Insulaner, ganz vortrefflich mit seinem Canoe umzugehen; er schnitt mit demselben quer über die Wogen und ließ, in der Nähe des Landes angekommen, das Segel fahren, um vom Winde nicht an die scharfe Küste getrieben zu werden.

Mit Hülfe des Ruders arbeitet er sich nun, zwischen die Korallenbänke hindurch, an das Land heran; doch war diese Arbeit sichtlich keine fleißige, vielmehr schien die ungewöhnliche -

ungewöhnliche Anzahl geschmückter Kähne, welche ruderfertig und einer neben dem andern am Ufer hingen, einen großen Theil seiner Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Denn unter ihnen befand sich einer, der sich durch Wimpel und allerlei Blumen- und Blätterschmuck am meisten auszeichnete und den er sehr gut kannte. In ihm war er vom Potomba, dem Vater seines herrlichen, jungen Weibes, abgeholt worden, als er sie von Eimeo, der nächsten, westlich von Tahiti gelegenen Insel, heimführte in sein unter Palmen gelegenes Haus zu Papetee.

Auch den alten, runzeligen Potai, welcher in dem Fahrzeuge wartend saß, kannte er. Dieser hatte damals gerade so wartend in dem Canoe gekauert wie jetzt. Sah das nicht aus wie eine fröhliche Hochzeitsfahrt? Und warum zeichnete sich der Kahn Potomba’s vor den übrigen aus, da der Letztere doch nur die eine Tochter besaß?

Er legte sich jetzt fester auf das Ruder, und in wenig Augenblicken knarrte sein Boot auf den Sand des Ufers. Er befestigte es mit dem Baststricke an einen der hierzu eingeschlagenen Holzpfahle und sprang dann hinüber zu dem alten Diener.

„Potai“, frug er, „was thust Du heut hier am Strande von Tahiti?“

Der Alte blickte auf. Sein Auge überflog die Gestalt des Fragenden mit einem unbeschreiblichen Blicke.

„Atua, der Gott alles Guten, sei mit Dir, Anoui! Geh’ heim und frag’, was ich hier thu’!“

„Warum willst nicht Du selbst es mir sagen?“

„Ich kann nicht, Anoui! Mein Herz hat viel an Dich gedacht während der vielen Wochen, die Du auf den Inseln von Tabuai warst. Oro, der Gott alles Bösen, hat sich über Eimeo gesenkt und ist über Potomba, den großen Fürsten, gekommen, der den Glauben der Väter von sich geworfen hat und nun den Gott anbetet, den der alte, bleiche Mitonare verkündigt.“

Mitonare heißt Missionär, und mit diesem Worte bezeichnet das in seiner Sprache sehr einfache Inselvolk auch Alles, was mit der Religion der Christen in Verbindung steht, wie z. B. Kirche, Prediger, Altar, Predigt, selig, heilig, fromm u. s. w. immer nur mitonare genannt wird.

„Ist’s möglich, Potai?“ frug der junge Mann so erschreckt, daß man trotz seiner broncenen Gesichtsfarbe bemerken konnte, daß ihm das Blut aus den Wangen wich. „O, wäre ich daheim geblieben! Ich wußte, daß der fremde Schleicher in sein Haus ging, um ihm den Glauben unserer Väter zu stehlen; aber der reiche Gewinn lockte mich nach den Ländern von Tabuai, und der Handel, der mich dort so lange Zeit aufhielt, hat mir reichen Gewinn gebracht. Ich werde mit ihm sprechen; ich werde ihn wieder zurückführen zu der Wahrheit unserer Priester und Manina wird mir gern helfen!“

„Manina, Dein Weib?“

Fortsetzung folgt.)

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Die Rache des Ehri.

Ein Abenteuer aus dem südöstlichen Polynesien von Emma Pollmer.

(Fortsetzung und Schluß.)

„Ja. Sie liebt mich mehr als ihr Leben; sie ist mir vom Vater, von Eimeo gefolgt nach Papetee; sie hat geweint, als ich ging, ein ganzes Meer von Thränen. O, meine süße Manina, heut siehst Du mich wieder und wir werden Potomba aus der Hand des Mitonare reißen! Doch sag’, was thust Du hier?“

„Mein Mund will schweigen, das Wort wird ihm zu schwer!“

„Potai — Dein Geist ist finster und Dein Auge naß! Du liebst mich, Dein Angesicht sagt mir auch ohne Worte, daß mir ein Unglück droht. Es gilt Manina. Was ist mit meinem Weibe?“

„Ich sage es nicht, doch denke an Mahori, der Dein Nebenbuhler war!“

„Mahori?“

Er sprach nur dies eine Wort aus, aber mit einem einzigen Satze war er zwischen den Canoes hindurch und flog landeinwärts. Er beachtete nicht die Menschenmenge, deren Blicke voll Theilnahme auf ihm ruhten; er rannte sogar achtlos an Denen vorüber, welche hervortraten, um ein Wort mit ihm zu sprechen. Sein Lauf ging um Papetee herum, bis er ein Gebäude erreicht, welches sich durch seine Größe und den Umfang der zu ihm gehörigen Pflanzungen auszeichnete.

In diesem Hause hatte er seine goldene Jugendzeit verlebt; hier hatte er die Ehrfurcht beobachtet, welche seinem Vater, dem größten Häuptlinge Tahiti’s, gewidmet worden war; hier hatte er auch die Zerstörung aller herkömmlichen und darum heiligen Verhältnisse erlebt, die seinem Vater

die Macht, das Ansehen und — das Leben gekostet hatte. Der Adel war werthlos geworden; er hatte mit dem Bruder ein Handelsgeschäft mit den nahe liegenden Inselarchipeln gegründet und an Reichthum gewonnen, was er an Einfluß als Ehri, als Fürst verloren hatte. Dann war er so glücklich gewesen, das schönste und beste Mädchen der Gesellschaftsgruppe zum Weibe zu bekommen, obgleich Mahori, der mächtige Priesterssohn, der Christ und einheimischer Mitornare geworden war, um ihr Hand angehalten hatte, um den Einfluß ihres Vaters für sich zu gewinnen.

Was war jetzt mit ihr geschehen? Er trat in das Haus und fand den Bruder finster in einem Winkel sitzend.

„Ombi, was ist geschehen?“ forschte er fast athemlos.

„Anoui, Du hier? Atua sei gepriesen, der Dich sendet, damit meine Seele erlöst werde von der Qual, die auf ihr lastet! Bist Du stark genug, die Kunde zu vernehmen?“

„Ich bin stark. Was ist mit Manina? Warum kommt sie nicht, mich zu empfangen?“

„Sie ist nicht mehr hier.“

„Nicht — mehr — hier?“ Er brachte die inhaltsschweren Worte nur stockend hervor. „Das Weib meines Herzens nicht mehr hier? Wo ist sie hin?“

„Potomba hat sie geholt und sie Mahori, dem Abtrünnigen, zur Frau gegeben. Heut’ ist Hochzeit und die Canoes warten am Wasser, um den Bräutigam nach Eimeo zu holen.“

Anoui antwortetet nicht. Er trat an die Wandöffnung, welche als Fenster diente. Er mußte Luft haben, wenn er

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nicht ersticken wollte. Seine Brust flog convulsivisch und sein Athem drang röchelnd zwischen den todesbleichen Lippen hervor.

Lange, lange stand er da, bis er sich endlich langsam umdrehte.

„Ombi, ist sie ihm gern gefolgt?“

„Nein. Er hat sie geholt, als ich nicht da war und sie durch List fortgelockt. Nun ist sie bei ihm und er darf über sie gebieten.“

Anoui athmete erleichtert auf.

„Die fremde Lehre wirft Haß, Zwietracht und Falschheit in die Herzen. Sie wird über unseren Glauben wachsen wie das Unkraut über die Pflanze. Ich gehe fort aus dem Lande der Väter und kehre nie zu ihm zurück.“

„Fort? Die Stimme der Verzweiflung spricht aus Deinem Munde!“

„Nein, Ombi. Manina liebt mich noch; ich bin ruhig. Aber darf ich bleiben, wenn —“

Er hielt mitten in der Rede inne, aber der Bruder verstand den funkelnden Blick und die rasche Handbewegung des Sprechers.

„Anoui, Du bist ein Ehri und fürstlich Blut rinnt durch Deine Adern. Man hat Dir Dein Weib geraubt; die beiden Mitonare sind Schuld daran. Thu’, was Dein Herz Dir gebietet. Ombi, Dein Bruder, wird Dir treu zur Seite stehen!“

„Ich bedarf Deiner Hülfe nicht. Doch werde ich in der nächsten Nacht noch fliehen müssen. Ich gehe nach den Inseln von Tubuai, woher ich heut’ gekommen bin. Sorge für Alles, was ich brauche und verschweige den Ort, wohin ich geflüchtet bin.“

„Ich werde schweigen und nachkommen. Atua hat die „Perle der Südsee“ verlassen; ich werde dorthin gehen, wo ich weiß, daß ich Dich finde.“

„So sag’ ich Dir Joranna (Ade, Lebewohl). Laß um Mitternacht das große Canoe mit Reisevorrath hinter der Spitze von Loga halten. Ich gehe!“

Er nahm von der Wand einen scharfen, zweischneidigen Kris (Dolch), den er zu sich steckte.

„Joranna, Ombi; ich bin ein Ehri und Manina bleibt mein!“

„Joranna, Anoui; der Gott alles Guten sei bei Dir; er lasse seine Sonne leuchten über Dir des Tages und seine Sterne in der Nacht, daß Dein Weg licht bleibe und nie bedeckt werde von Finsterniß!“

Anoui ging. Er vermied die Menschen und schritt zu einer Stelle des Ufers, wo ihn Niemand sah.

Die Hochzeitsflottille, welche den Bräutigam geholt hatte, war abgesegelt und befand sich unterwegs nach Eimeo. Er warf sich nieder, verdeckt von den breiten Blättern der Bananen, und wartete.

Erst als die Canoes verschwunden waren und die Menge sich verlaufen hatte, erhob er sich und schritt nach seinem Fahrzeuge. Er stieg ein, ruderte sich zwischen den Korallenriffen hindurch und setzte dann das Segel bei.

Sein Weg führte ihn um die Insel Eimeo herum nach dem auf ihr liegenden Orte Tamai, der sich unweit der Opoauho-Bai befindet. Dort wohnte Potomba, der Wortbrüchige und Frauenräuber, und dort fand die Hochzeit statt, die mit großer Feierlichkeit abgehalten wurde, weil der Vater der Braut ein Fürst und der Bräutigam ein einheimischer und überhaupt der erste Mitonare war, an dem eine solche Ceremonie vollzogen wurde.

In dem hintersten Gemache der Wohnung saß Manina, zum Feste vorbereitet. Ihre Dienerinnen hatten sie auf ihr Geheiß verlassen, und nun, da sie sich allein fühlte, flossen die zurückgehaltenen Thränen über die marmorbleichen Wangen. Einmal schon hatte sie als Braut hier gesessen, aber wie glücklich war sie damals gewesen, und wie unglücklich, wie namenlos unglücklich heut. Und der Schmuck, worin bestand er? Sie war eine schlanke, edle Gestalt, noch voll Jugendfrische, wie man trotz des Herzeleides sah, welches ihren Körper erbeben machte. Ihre schönen, dunklen Augen waren umflort, ihre scharfgeschnittenen Brauen fest zusammengezogen und ihre feinen Lippen geschlossen. Nicht eine einzige Blume oder irgend ein anderer Tand war in ihrem Haare, an ihrer Gestalt zu bemerken. Ja, sie schien sogar die Kleidung und die Stoffe verschmäht zu haben, die ihr von den Weißen, den verhaßten Fremden herübergebracht worden waren. Ein Parou von weicher, gelbbrauner Tapa, der ihr nur wenig über die Kniee herabreichte, umschloß ihre Hüften und zeigte die tadellos schönen Formen des unteren Beines, während der Tehei, ein kurzer Ueberwurf von demselben Stoffe, ihre Schultern und den Oberkörper verhüllte. Ihr rabenschwarzes Haar hing ihr lang, voll und lockig am Nacken hernieder, mit keiner Blume besteckt und von keiner wehenden Faser Arrow-root gehalten. Sie war ja selbst eine Blume, welcher der glühende Thau im Kelche brannte und die herausgerissen war von dem Orte, wo sie am schönsten hatte blühen und am lieblichsten hatte durften dürfen.

Da hörte sie ein leises Geräusch an der äußeren Bambuswand.

„Manina!“ rief es leise.

Sie kannte diese Stimme. War es möglich, daß er hier sein konnte? Sie hatte ja gehört, daß er noch nicht zurückgekehrt sei.

„Anoui!“ rief sie jauchzend

„Sprich nicht laut, Manina!“ warnte es von draußen. „Oro, der Gott alles Bösen, wacht mit seinen Geistern um die Hütte, drum mußt Du still und vorsichtig sein.“

„Aber wenn man Dich sieht, Anoui?“ frug sie jetzt angstvoll.

„Der Pisang deckt mich zu, Du Sonne meines Herzens. Sag, hast Du mich noch lieb?“

„Lieber als tausend Leben!“

„Und wolltest doch mit den Abtrünnigen gehen?“

„Nein, nie! Ich trage den Dolch unter dem Gewande; er hätte mein Herz gefunden, sobald Mahori mich anrührt, glaube mir das, Anoui!“

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„Ich kenne Dich und glaube Dir! Willst Du mein Weib bleiben?“

„Wie gern; doch geht es nicht!“

„Es geht. Tritt immer mit ihm vor den fremden Priester; ich werde kommen und sprechen. Und helfen meine Worte nichts, so merke auf, wenn er Dich nach Papetee bringt. Sobald ich Deinen Namen sage, springst Du herüber in mein Canoe. Willst Du?“

„Ja.“

„Dann fürchte Dich nicht vor den Worten und Weisen des bleichen Mitonare. Er läßt unsern Bund nicht gelten, weil unser Priester ihn geschlossen hat, und so soll auch sein Segen zerrinnen wie Nichts im Meere. Leb wohl, Manina; Joranna, Joranna, mein herrliches Weib!“

Der Pisang raschelte draußen. Anoui hatte sich zurückgezogen.

Die Flottille war in Tomai angekommen. Der Bräutigam betrat den Strand und wurde von Potomba willkommen geheißen. Die Gäste lagerten sich unter Palmen, genossen milchreiche Kokos, geröstete Bataten und eine Menge der schmackhaften Früchte, welche jene Gegend so massenhaft hervorbringt.

Da ertönte der Schall der Trommel und der Klang der Flöte. Die Ceremonie sollte beginnen. Unter immergrünen Laubbäumen war ein blumenbeschmückter Altar errichtet worden, an welchem der „bleiche Mitonare“, der englische Missionär, der Braut harrte: Mahori trat in das Haus und bracht sie geführt.

Da drängte sich durch den Kreis der umstehende Gäste ein junge Mann und trat zu Potomba, welcher in der Nähe des Altares stand.

„Sei gegrüßt, o Potomba, Du Vater meines Weibes! Sie ist, als ich nicht daheim wnr, war, zu Dir gekommen, und ich bin herbeigefahren, sie mir wiederzuholen.“

„Weiche von mir, Heide!“ lautete die Antwort. „Ich habe mit Dir nichts mehr zu schaffen!“

Anoui blieb ruhig. Er legte nur die Hand auf die Schulter seiner Frau und wandte sich zum Priester:

„Mitonare, dieses Weib hat mir auf den Schädeln unserer Voreltern Treue geschworen; der Priester unseres Volkes frug mich: „Eita anei oe a faarue i ta oe vatrina? Willst Du niemals Dein Weib verlassen?“ und ich antwortete „Eita, nein!“ Potomba gab uns seinen Segen. Hast Du das Recht, uns zu trennen?

Der Missionar schlug die Augen empor zum Himmel.

„Die heilige christliche Kirche kann als allmächtige Mutter ihre Töchter nehmen und geben wem sie will. Weiche von hinnen, Ungläubiger, damit Dich der Zorn der Kinder Gottes nicht treffe!“

„So komme, Manina!“ antwortete er, sie bei der Hand erfassend.

Da schlug ihm Mahori mit der Faust in das Gesicht,

und zugleich wurde er erfaßt und davongeschleppt. Er sprach kein Wort, sondern ließ es geschehen. Aber in der Nähe des Strandes rang er sich los und sprang in sein Canoe.

„Sagt Mahori, daß ich mir mein Weib holen werde!“ rief er ihnen noch zu und ruderte hinaus in die See. Die Insel umsegelnd, gelangte er an den Papetee gegenüberliegenden Ort Alfareaita, wo er anlegte, um auszusteigen und sich eine Anzahl größerer oder kleinerer Fische zu kaufen.

Als ihm die rechte Zeit gekommen schien, begab er sich mit diesen wieder in das Fahrzeug und ruderte sich eine Strecke hinaus, wo er die Meeresstraße zwischen den beiden Inseln zu überblicken vermochte. Es wurde dunkler über dem Wasser; die Nacht war angebrochen, aber die Wogen lagen um das Canoe wie ein flüssiger, durchsichtiger Kristall. Er band einen der Fische an ein Stück Bast und hing ihn in’s Wasser; schon nach kurzer Zeit erfolgte ein scharfer Ruck. Ein Haifisch hatte sich die Lockspeise geholt. Nach einiger Zeit warf der junge Mann einen zweiten Fisch aus und fuhr so fort, bis sich fast als ein halbes Dutzend Haie um sein Boot tummelten.

„Seid willkommen, Ihr Diener des Ehri. Ich nehme meine Rache, und Ihr erhaltet Eure Speise!“

Er fuhr fort, die gefräßigen Ungeheuer an sich zu locken, bis nahende, flackernde Bootsfeuer ihn überzeugten, daß die Flotte nahe, um die Neuvermählten heimzubringen. Er ruderte ihr, gefolgt von den Haien, langsam entgegen.

Allen weit voran fuhr Mahori. Er kauerte hinten am Steuer, während Manina vorn am Buge saß. Da plötzlich sah er vor sich ein Fahrzeug, welches ihm den Weg verlegte. Er erhob sich.

„Halt; wer da vorn?“ frug er.

„Anoui, um Dir den heutigen Schlag zu lohnen!“ klang es zurück.

Zugleich legte sich das Bott längsseite mit dem seinen, zwei kräftige Schnitte mit dem scharfen Kris durch die Bastbänder des Auslegers, und der Querbalken fiel in das Wasser. Jetzt war Mahori bei der geringsten Bewegung rettungslos verloren.

„Manina, hinüber!“ rief Anoui.

Mit einem raschen Sprunge war sein Weib bei ihm; das Boot Mahori’s, jetzt ohne Ausleger, kenterte um, er stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Fluth und wurde von den Haien sofort in Empfang genommen.

Ehe die übrigen Fahrzeuge zur Stelle waren, hatte Anoui das Segel gezogen und flog auf seinem guten, scharfgebauten Canoe der Gegend von Loga zu. Man hat niemals wieder Etwas von ihm und Manina gehört. Ombi, sein Bruder, verließ nach einiger Zeit auch Tahiti und ging, wie man sagt, nach den Tubuai-Inseln. Potomba starb nach einiger Zeit. Er hatte sein einziges Kind geliebt und sein letztes Wort soll ein Fluch gegen den „bleichen Mitonare“ gewesen sein, dem er den Verlust der Tochter zu verdanken hatte. —