Heft 27
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(Fortsetzung.)
Abd el Mot hielt sich stets in ihrer Nähe und ritt meist hinter ihnen her, schien jedoch auf das, was sie sprachen, gar nicht zu achten. Übrigens unterhielten sie sich wenig, und wenn sie es thaten, nur mit gedämpfter Stimme. Er hatte das Gewehr des Deutschen übergehängt und dessen Revolver in seinen Gürtel gesteckt. Mit diesen Waffen liebäugelte er so fleißig, daß man merken konnte, wie stolz er auf dieselben war. Das Fernrohr blickte aus der Satteltasche hervor, und die Uhr, den Geldbeutel und das übrige Eigentum Schwarz' hatte er auch an sich genommen.
Man kam über ödes, langsam ansteigendes Land. Von fernher winkten kahle Berge. Als man ihren Fuß erreichte, stand die Sonne am Horizont, und es
Die Gefangenen mußten ziemlich rasch ausschreiten, um mit ihrem Ochsen Schritt zu halten. Die Schebah, welche jeder von ihnen trug, war von hartem, unzerbrechlichem Holze und wog wohl über dreißig Pfund. Diese Last war nicht übermäßig; aber die Gabel berührte bei jedem Schritte den nackten Hals und rieb ihn in der Folge wund. Später stellte sich noch ein zweiter Übelstand ein. Die vom Ellbogen aufwärts an die Schebah gefesselten Vorderarme waren diese Stellung oder Haltung nicht gewohnt und schliefen ein. Im übrigen war der Marsch mit keiner Beschwerde verbunden.
wurde angehalten und zum Mogreb abgestiegen. Diese gefühllosen Barbaren beteten zu Gott, obgleich sie im Begriff standen, eine himmelschreiende That auszuführen. Auch der Emir kniete trotz der ihn hindernden Sklavengabel nieder, um sein Gebet zu verrichten, und Schwarz folgte seinem Beispiele, vielleicht auch um die Moslemin nicht gegen sich aufzubringen, meist aber aus wirklichem Herzensbedürfnis.
Dann, als die Sonne verschwunden war, ging es weiter. Es wurde finster, und nun war es dem Deutschen nicht mehr möglich, die Landschaft zu sehen, durch welche sie kamen. Er bemerkte nur, daß es stets bergauf ging, oft über steile Gelände, oft durch enge Thäler. Einige Male kam man an Sümpfen vorüber, von denen sich Myriaden Stechfliegen erhoben, um sich auf Menschen und Tiere zu werfen und den Zug auf weite Strecken zu verfolgen. Dann fühlten die Gefangenen es schmerzlich, daß sie mit ihren gefesselten Händen nicht im stande waren, diese Blutsauger von sich abzuwehren.
Je später, desto heller wurde der Glanz der Sterne, der den Marsch wesentlich erleichterte. Zuweilen kehrte einer der Späher zurück, um eine leise Meldung zu machen. Endlich, vielleicht eine Stunde vor Mitternacht, gebot Abd el Mot Halt.
Schwarz strengte seine Augen an, vielleicht das Dorf zu sehen, doch vergeblich. Boten kamen und gingen wieder; der Anführer verkehrte leise mit ihnen. Sämtliche Reit- und Lasttiere wurden unter der Obhut einer Anzahl Wächter nach einem sicheren Orte geschafft; kleine Abteilungen der Asaker marschierten ab, geradeaus, nach rechts und nach links, und endlich hielt Abd el Mot nur noch mit zehn Männern bei den Gefangenen, welche natürlich von ihrem Ochsen losgebunden worden waren.
»In kurzer Zeit werdet ihr sehen, wie man es machen muß, um Sklaven zu bekommen,« sagte er. »Denkt aber, wenn es losgeht, ja nicht, daß ihr diese Gelegenheit zur Flucht benützen könnt! Ihr würdet augenblicklich erschossen werden!«
Dem Deutschen war traurig zu Mute; er dachte nicht an sich, sondern an die armen, unschuldigen und nichts ahnenden Schwarzen, welche auf eine so entsetzliche Weise aus ihrer Ruhe gestört werden sollten.
»Liegt das Dorf in der Nähe?« fragte er, doch ohne Hoffnung, eine Antwort zu erhalten.
Er erhielt doch eine. Abd el Mot selbst gab sie ihm:
»Ja. Ihr werdet mit bis an die Umzäunung gehen und alles sehen.«
»Ist der Überfall unwiderruflich beschlossen?«
»Allah! Wer soll ihn widerrufen, und warum?«
»Bedenke, daß sie dir nichts gethan haben und Menschen sind wir du!«
»Schweig!« erhielt er barsch zur Antwort. »Ich habe dich nicht gefangen, um mich von dir belehren zu lassen. Diese Schwarzen sind wie das Vieh. Sie fühlen nichts und lecken die Hand, von welcher sie geschlagen werden. Sage mir vielmehr jetzt, wie man dein Gewehr zu handhaben hat. Ich weiß, es ist besser als alle unsre Flinten, aber ich weiß nicht, wie es geladen wird.«
»Willst du damit auf die Neger schießen?«
»Was soll ich sonst damit wollen!«
»So hänge es getrost wieder um! Ich will nicht durch eine solche Belehrung den Tod dieser Menschen verschulden.«
»Hund! Wirst du gehorchen oder nicht?«
»Nein!«
»Ich töte dich!«
»Immer zu!«
Abd el Mot besann sich, hing das Gewehr wieder um und sagte:
»Jetzt nicht. Du wirst deine Strafe später empfangen. Vorwärts!«
Zwei Mann nahmen Schwarz und zwei andre den Emir bei der Gabel und zogen sie mit sich fort. Die andern folgten leise, bis sich eine hohe dunkle Masse vor ihnen erhob, welche nach beiden Seiten mauerähnlich in der Finsternis verlief. Das war die Dornhecke, von denen bekanntlich zwei, eine innere und eine äußere, das große Dorf Ombula umgaben.
Schwarz hatte während des ganzen Marsches bis hieher nachgedacht, ob es nicht doch ein Mittel gebe, das Dorf zu retten; aber es war ihm keins eingefallen. Jetzt kam ihm ein Gedanke, aber ein Gedanke, dessen Ausführung ihm unbedingt das Leben kosten mußte. Dennoch war er entschlossen, sein Leben für dasjenige vieler zu opfern.
»Ich rette das Dorf doch noch,« raunte er dem Emir zu.
»Wie denn?« flüsterte dieser.
»Ich werde mit aller Macht meiner Stimme schreien, daß man es durch ganz Ombula hört und alle Schläfer davon erwachen.«
»Allah behüte dich! Du gibst dein Leben hin, ohne einen einzigen zu retten. Das Dorf ist eingeschlossen, und kein Mensch kann entkommen. Dein Rufen würde das Elend nur erhöhen, denn es ist besser, im Schlafe, als im Wachen erschlagen zu werden.«
Das waren triftige Gründe; dennoch öffnete Schwarz bereits den Mund, um seinen todesmutigen Vorsatz auszuführen, als einer der Unteroffiziere herbeikam, um dem Anführer zu melden:
»Es kann beginnen. Alle stehen bereit. Die Wächter des Eingangs sind still umgebracht worden, und auch der Pferch der Tiere ist umstellt.«
Da mußte Schwarz freilich einsehen, daß sein Opfer vollständig nutzlos gewesen wäre.
»Brenn an, den andern zum Zeichen,« gebot Abd el Mot dem Manne.
Dieser kauerte sich nieder - ein leiser Klang von Stahl und Stein - ein springender Funke - eine glimmende Flintenlunte und dann ein kleines Flämmchen, welches rasch anwuchs, sich zerteilte und dann in zehn, zwanzig Zickzackschlangen an der ausgedorrten Hecke emporlief. Wenige Sekunden später stand an dieser Stelle die Einfriedigung bereits mehrere Meter breit in Flammen, welche so schnell weiterliefen, als ob der Zaun aus geöltem Papier bestanden hätte.
Zur Rechten und zur Linken, fern und nahe, zuckten gleiche Flammen auf. Nach Verlauf von zwei Minuten stand die Umzäunung des ganzen Dorfes in hellen, haushoch emporschlagenden und keine Lücke lassenden Flammen. Von jenseits erschallten angstvolle Rufe, von Schüssen beantwortet.
»Die Wächter bei den Herden sind erwacht; sie werden erschossen,« erklärte Abd el Mot mit teuflischer Freude.
»Jetzt geht es los. Ihr werdet die Dscharahdin1) gleich winseln hören.«
Ein starker Luftzug, von den Flammen aufgeweckt, begann zu wehen, und die Stimme des Feuers ging wie das Brausen einer fernen Brandung durch die grell erleuchtete Nacht. Hierein mischten sich einzelne Schreie, welche den Lippen derer entsprangen, die durch die Schüsse aus dem Schlafe geweckt wurden. Die Bewohner des Dorfes waren erwacht. Sie sprangen aus ihren Tokuls und erkannten mit Entsetzen, daß die Umzäunung brannte. Noch
1) Plural von Dschirdan = Ratte.
war ihnen die ganze Größe ihres Unglücks verborgen.
Sie weckten die noch Schlafenden, um im Vereine mit ihnen das Feuer von ihren Hütten abzuwehren. Aber die umherfliegenden Funken fielen auf die aus dürrem Schilfe bestehenden Dächer und steckten diese trotz aller Bemühung der Bewohner in Brand. Bald standen sämtliche Tokuls in Flammen. Die Neger konnten es in der Glut nicht aushalten. Aber wohin? Durch die brennende Umzäunung konnten sie nicht ins Freie; Auswege gab es nur durch die Thore. Diese pflegten des Tages offen zu stehen und des Nachts mit Schilfmatten verhängt und durch Krieger bewacht zu werden. Diese letzteren waren von den Sklavenjägern aber überrascht und ermordet worden. Die Matten hatten sich schnell in Asche verwandelt, da sie aus einem Materiale bestanden, welches vom Feuer in wenigen Augenblicken verzehrt wird. Darum waren die Thore die einzigen Punkte, wo man aus der alles versengenden Glut hinaus ins Freie konnte. Diesen Stellen eilten die Unglücklichen zu.
Aber die Sklavenjäger hatten das vorberechnet und sich in ausreichender Anzahl dort postiert. Jeder erwachsene Belanda, welcher vor einem der Thore erschien, wurde sofort erschossen; dasselbe Schicksal erlitten die alten Frauen. Die jüngeren Personen riß oder schlug man nieder und band sie mit Stricken, welche zu diesem Zwecke in großem Vorrate auf den Lasttieren mitgebracht worden waren.
Die Scene, welche das gab, läßt sich unmöglich beschreiben. Männer kamen gesprungen, mit Kindern auf den Armen, die sie retten wollten. Sie stürzten, von den Kugeln getroffen, nieder, und dann riß man die Kinder aus ihren Armen. Hier kam eine alte Frau durch das Thor gerannt, laut aufjubelnd, daß sie dem Feuer entgangen war; in demselben Augenblicke wurde sie mit dem Kolben niedergeschmettert. Ein junges Weib flüchtete sich, zwei Knaben nach sich ziehend, durch das Thor. Die Kinder wurden ihr sofort entrissen; sie selbst warf man sofort nieder, um sie an Händen und Füßen zu binden. Ein stämmiger Neger, welcher in weiten Sätzen zwischen den brennenden Tokuls nach dem Thore rannte, wurde von der Kugel nicht tödlich getroffen. Er erhielt mit dem Flintenlaufe einen Stoß vor den Magen, so daß er niederstürzte; dann schnitt man ihm die Achillessehne durch, so daß der Ärmste nicht entspringen konnte.
Es geschahen ähnliche und noch viel schlimmere Thaten, so daß sich die Feder sträubt, sie zu beschreiben. Aus den einzelnen Schreien, welche man zuerst gehört hatte, war ein allgemeines Geheul und Gebrüll geworden. Die Neger hatten erkannt, daß sie es nicht mit einem zufällig ausgebrochenen Feuer, sondern mit einer Ghasuah zu thun hatten, welcher sie nicht entrinnen konnten. Die Männer wußten, daß sie dem unerbittlichen Tode verfallen seien. Viele von ihnen rotteten sich zusammen, um kämpfend zu sterben. Da sie aber keine Zeit gefunden hatten, ihre Waffen dem Feuer zu entreißen, so waren sie nur auf ihre Fäuste angewiesen und wurden schnell niedergemetzelt. Andre hatten ein Messer gefunden und benützten dasselbe, sich selbst den Tod zu geben, indem sie sich damit erstachen. Einige sprangen freiwillig in die lodernden Flammen und rissen ihre Frauen oder Kinder mit hinein, um sie vor der Sklaverei zu retten.
Schwarz war es unmöglich, solche Scenen anzusehen. Er wendete sich ab. Er fühlte sich unbeschreiblich unglücklich, nicht etwa aus Sorgen um sich selbst, sondern weil er gezwungen war, Zeuge dieser Grausamkeiten zu sein. Das Heulen der unglücklichen Neger, das Jauchzen der Sklavenjäger wollte ihm die Besinnung rauben. Die letzteren kamen ihm im Scheine der lodernden Flammen wie Teufel vor, welche um die Seelen der Verdammten ihre höllischen Reigen tanzen. Hätte es ihm ein Wort gekostet, sie alle in den Tod zu schicken, er hätte es gethan, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen.
Als seit dem Aufzucken der ersten Flamme eine halbe Stunde vergangen war, sah man das grausige Werk vollendet. Es erschien kein Neger mehr, um sich aus den Flammen zu retten. Wer sich nicht in den Händen der Sklavenjäger befand, war von denselben getötet worden oder im Feuer umgekommen.
Draußen vor dem brennenden Dorfe befanden sich die erbeuteten Herden, von einer Anzahl Asaker bewacht. Die andern hüteten die Gefangenen. Diese befanden sich in einem Zustande teils der größten Aufregung, teils der tiefsten Niedergeschlagenheit. Die meisten saßen am Boden, still weinend oder lautlos vor sich hinstarrend. Andre rasten zwischen diesen umher, gebärdeten sich wie wahnsinnig und brüllten vor Verzweiflung wie wilde Tiere. Sie wurden mit der Peitsche sehr bald zur Ruhe gebracht.
Nun gebot Abd el Mot die Beute zu zählen. Die Unteroffiziere gingen umher, um die Gefangenen mit Kennerblicken zu mustern. Die einzelnen »Arten« wurden voneinander geschieden und zu Gruppen vereinigt. Man hatte gegen vierhundert Knaben, ebensoviel Mädchen und fast zweihundert jüngere Frauen erbeutet. Außerdem gab es noch viele kleine Kinder, welche man ihren Müttern einstweilen noch ließ. Im ersten Augenblick war es notwendig gewesen, den Gefangenen auch an die Füße Fesseln zu legen; dann aber hatte man sie von denselben befreit, um ihnen die notwendigste Beweglichkeit zu gestatten. Sie wurden wieder zusammengetrieben und mußten sich niedersetzen. An die Flucht dachte keine dieser unglücklichen Personen. Sie waren ja rund von bewaffneten Männern umstellt, und man hatte ihnen gedroht, daß wer es wage, von seinem Platze auch nur aufzustehen, augenblicklich erschossen werde.
An einen Schlaf war nicht zu denken, weder bei den Gefangenen, noch bei den Sklavenjägern. Diese letzteren hatten noch nie einen so reichlichen Fang gemacht. Beinahe tausend Sklaven, ohne das Vieh, welches eine ebenso wertvolle Beute war! Das machte diese Menschen beinahe wonnetrunken. Sie jubelten, lachten und scherzten und erzählten einander die Heldenthaten, welche sie ausgeführt hatten, indem sie die fliehenden Männer erschossen, erstachen oder niederschlugen.
Abd el Mot war stolz auf das Gelingen seines Raubzuges; er befand sich in der heitersten Laune. Die Folge davon war, daß er in fast freundlichem Tone zu dem Deutschen sagte:
»Ihr werdet Hunger haben. Soll ich euch zu essen geben lassen?«
»Nein,« antwortete Schwarz. »Ich bin satt, vollständig satt. Wer könnte jetzt ans Essen oder Trinken denken!«
»Ganz wie du willst! Freust du dich nicht, so viele Gefährten bekommen zu haben, denen du dein Unglück klagen kannst?«
»Spotte immerhin! Ich bin glücklicher als du. Wenn du einst über es Ssireth, die Brücke des Todes, gehst, werden die Seelen der heute Ermordeten dich in die grausigste Tiefe ziehen, und weder Allah noch dein Prophet wird sich dein erbarmen. Mir graut vor dir!«
»Du bist sehr aufrichtig. Eigentlich sollte ich dich dafür bestrafen, aber mein Herz ist heiter gestimmt, und so will ich dir verzeihen. Ich will dir sogar den Beweis einer Güte geben, zu welcher ich mich sonst nur schwer zu verstehen pflege. Ihr werdet ermüdet sein und der Ruhe bedürfen. Die Schebah verhindert euch, zu schlafen. Ich will sie euch abnehmen lassen und hoffe, daß ihr mir für diese Gnade danken werdet.«
Er gab einigen seiner Leute den betreffenden Befehl. Diese nahmen den beiden die Gabeln vom Halse, doch erstreckte sich die gewährte Erleichterung nicht so weit, wie Schwarz vermutet hatte. Er mußte sich vielmehr mit dem Rücken auf die Schebah legen und wurde mit derselben so zusammengebunden, daß er lang ausgestreckt am Boden lag und sich nicht bewegen konnte. Dem Emir erging es ebenso. Dann mußte sich ein Soldat zwischen sie setzen, um sie während der Nacht zu bewachen.
Diese Nacht war die schrecklichste, welche Schwarz jemals erlebt hatte. Er vermochte kein Auge zuzuthun, und wenn er die Lider je einmal schloß, so führte die aufgeregte Phantasie die erlebten Scenen an seinem Inneren vorüber. Die wenigen Stunden bis zum Morgen wurden ihm zur Ewigkeit, und er war unendlich froh, als der erste Schimmer des Tages die Sterne erbleichen ließ.
Aber wenn er der Ansicht gewesen war, daß der Tag ihn weniger Grausamkeiten werde sehen lassen als die Nacht, so hatte er sich geirrt.
Zunächst verrichteten die Sklavenjäger ihr Morgengebet. Dann wurde die Fahne aufgesteckt, und der Fakir las, an derselben stehend, die Sure des Sieges vor. Hierauf wurden mehrere Rinder und viele Schafe geschlachtet, um als Festspeise verzehrt zu werden. Die Gefangenen mußten die Orte angeben, wo ihre Matmurah und Siebah lagen.
Unter Matmurah versteht man große, tiefe Gruben, in denen die Durrah aufbewahrt zu werden pflegt. Siebah sind kleine, auf Steinen errichtete und gut zugedeckte cylindrische Bauten, welche dem gleichen Zwecke dienen.
Man schaffte ganze Haufen von Durrah herbei, welche die gefangenen Frauen mahlen mußten, um dann Kisrah daraus zu backen und Merissah zu bereiten. Für Abd el Mot, die Unteroffiziere und einige Soldaten, welche sich besonders ausgezeichnet hatten, wurde Mararah gebraten.
Diese gilt im ganzen Sudan als großer Leckerbissen und wird aus der Leber, den Gedärmen und der Galle bereitet. Diese letztere Zuthat läßt es ganz selbstverständlich erscheinen, daß die Mararah einem Europäer unmöglich munden kann.
Während diese Vorbereitungen getroffen wurden, ereignete sich etwas, was Schwarz mit Schauder erfüllte. Die Gefangenen sollten natürlich nach der Seribah Abu el Mots transportiert werden. Kleinere Kinder waren dabei hinderlich und unbequem. Darum gab Abd el Mot den Befehl, alle Kinder, welche das Alter von vier Jahren noch nicht erreicht hatten, zu töten. Die Aufregung, welche dieses Gebot bei den unglücklichen Müttern hervorbrachte, läßt sich gar nicht beschreiben. Sie wollten die Kinder nicht hergeben; sie wehrten sich wie die Löwinnen, doch vergeblich. Man bezwang sie mit der Peitsche. Als dieses unmenschliche Morden gethan war, wurde die übrige Menschenbeute in der bekannten Weise aneinander gebunden, und dann erst ordnete sich die ganze Kolonne zum Abzug. Vorher kam aber Abd el Mot zu dem Emir und dem Deutschen, welche noch auf der Schebah an der Erde lagen, und sagte:
»So macht man es mit dem schwarzen Fleische, welches man nicht gebrauchen kann. Ihr werdet mir zugeben, daß dies sehr klug gehandelt heißt.«
»Du bist ein Satan!« antwortete Schwarz in höchstem Zorn.
»Schimpfe und denke nicht, daß ich stets guter Laune bin.«
»Stände ich mit freien Gliedern vor dir, so wollte ich dir zeigen, in welcher Laune ich mich jetzt befinde!«
»Was würdest du thun?«
»Ich erwürgte dich! Ich sage dir, der Augenblick, welcher mir die Freiheit wiedergibt, ist zugleich der Augenblick deines Todes!«
»Drohe und belle immerhin, du Hund!« lachte der Sklavenjäger höhnisch. »Du wirst die Freiheit nicht wieder verkosten. Jetzt schone ich dich, sind wir aber auf der Seribah angekommen, so werde ich euch meine Rache in einer Weise fühlen lassen, daß euch die Verdammnis der Hölle dagegen als Seligkeit erscheint!«
Als der »Vater des Storches« zu seinem Boote zurückgekehrt war, hatte er nicht mit dem Aufbruche gesäumt. Die Sterne leuchteten hell genug, die Stromfahrt trotz der Nacht wagen zu lassen. Das Boot wurde losgebunden und nach der Mitte des Flusses gesteuert, wo sich die Niam-niam kräftig in die Ruder legten. Sie hatten, während sie auf den Grauen warteten, gegessen und sich ausgeruht, so daß das Boot unter dem Drucke
1) Kampf zu Wasser, Flußgefechte.
ihrer muskulösen Arme mit der Schnelligkeit eines Fisches abwärts schoß, von der kundigen Hand des »Sohnes des Geheimnisses« gesteuert.
Diese Leute waren an das südliche Klima und die hiesigen Verhältnisse gewöhnt; sie konnten selbst außergewöhnliche Anstrengungen vertragen. Anders ist es mit dem Fremden, dem die Sorge für seine Gesundheit die möglichste Schonung seiner Kräfte gebietet. Darum hüllte Pfotenhauer sich in seine Decke und legte sich im Vorderteile des Fahrzeuges nieder, um einige Stunden zu schlafen.
Er kannte den eigentümlichen Reiz, welchen die nächtliche Scenerie des gewaltigen Stromes gewährt, genug, um sich diesen Genuß für heute einmal versagen zu können. Sein Schlaf war tief und lang, denn als er erwachte, stand die Sonne schon hoch über dem Walde von Dalebpalmen, welcher am rechten Ufer stand, in dessen Nähe der »Sohn des Geheimnisses« jetzt steuerte, und als er die Uhr zog, sah er zu seinem Staunen, daß er bis morgens zehn Uhr geschlafen hatte.
Die Niam-niam arbeiteten jetzt in der Weise, daß nur die Hälfte von ihnen ruderte, um von den andern, wenn diese ausgeruht hatten, abgelöst zu werden. Übrigens hatte das Wasser hier einen so bedeutenden Fall, daß es, um schnell zu fahren, keiner anstrengenden Nachhilfe mittels der Ruder bedurfte.
Zum Essen brauchte man keiner besonderen Pause; wer essen wollte, der aß, wenn er von der Arbeit abgelöst worden war. Getrunken wurde sehr einfach aus dem Flusse, und so suchte man das Ufer während des ganzen Tages gar nicht auf, bis man am späten Nachmittag durch einen Umstand dazu gezwungen wurde, welcher den Insassen des Bootes beinahe gefährlich geworden wäre.
Man näherte sich einer scharfen Krümmung des Flusses. Der konvex vorspringende Rand des rechten Ufers machte, daß man nicht sah, was jenseits dieser Krümmung lag und geschah. Da stand der Steuermann von seinem Platze auf, hielt die Hand muschelförmig an das Ohr, lauschte einige Augenblicke nach vorn und sagte dann:
»Schu haida! Rina - was höre ich! Einen Gesang!«
»Wo? Auf dem Flusse?«
»Ja. Es kommen Menschen. Wer mag das sein? Doch nicht etwa Abu el Mot mit seinen Schiffen!«
»Wir dürfen uns nicht sehen lassen. Also rasch ans Ufer!«
»An welches?«
»An das linke, denn dort ist Schilf, in dem wir uns verbergen können; hier am rechten aber gibt es wenig davon.«
Der »Sohn des Geheimnisses« gehorchte und steuerte nach links. Als das Boot so weit hinüber war, daß man um die Krümmung blicken konnte, nahm der Graue sein Fernrohr zur Hand. Kaum hatte er es angesetzt, so rief er erschrocken:
»Schnell zurück, zurück nach rechts, sonst werden wir entdeckt! Ich sehe zwei Schiffe, aber auch Menschen, welche am Ufer laufen.«
Sofort riß der Steuermann das Ruder auf die andre Seite, und die Schwarzen legten sich so mächtig in die Riemen, daß das Boot eine so scharfe Wendung machte, daß es fast gekentert wäre.
»Leute am Ufer?« fragte der »Sohn des Geheimnisses« - »Lagen die Schiffe denn vor Anker?«
»Nein. sie fuhren. Ich habe die Segel gesehen.«
»Dann haben sie das Liban1) am Maste, um schneller vorwärts zu kommen. Wenn es zwei Schiffe sind, so gehören sie Abu el Mot. Ich war sehr unvorsichtig, daß ich deinem Befehle, nach links zu steuern, gehorchte. Ich hörte die Leute singen. Das thun sie nur, wenn sie am Liban ziehen oder mit den Mitarah2) arbeiten. Zum Glück hat hier rechts das Wasser eine Gras- und Omm Sufahinsel angeschwemmt, welche uns verbergen wird.«
Er steuerte das Boot scharf mitten in diese Insel hinein und ließ dann den Anker fallen. Das war, so weit man sehen konnte, am rechten Ufer der einzige Ort, welcher Schutz gewähren konnte. Aber diese Insel war so niedrig, daß die Männer sich in das Boot legen mußten, um nicht gesehen zu werden.
Der Deutsche mußte das scharfe Gehör des jungen Steuermanns bewundern, denn er selbst hatte nichts von einem Gesange vernommen. Er hörte selbst jetzt noch keinen Ton, obgleich der Jüngling behauptete, das Singen jetzt sogar deutlicher als vorher zu vernehmen.
Bald jedoch drangen die Töne auch in Pfotenhauers Ohr. Es waren die zwei Silben heh - lih, heh -
lih, welche immerfort wiederholt wurden. »Heh« fiel auf den Grundton und »lih« auf die kleine Terz; die Tonart war also Moll.
Dann aber war eine längere Melodie, ein Lied zu hören, welches mehrere Strophen hatte. Die Worte der ersten waren noch undeutlich; bei der zweiten aber hatten sich die Schiffe schon so weit genähert, daß man den Gesang verstehen konnte. Der Deutsche vernahm die vier Verse:
Jetzt kam das erste Schiff um die Krümmung. Es war ein Sandal und hatte volle Segel an den zwei Masten. Vom Vordermast ging das Zugseil nach dem jenseitigen Ufer, an dem man etwa ein Dutzend Männer sah, welche sich vorgespannt hatten. Hinten neben dem Steuermann standen zwei Personen, welche sehr in die Augen fielen, eine sehr lange und sehr dürre, in arabische Tracht gekleidete Gestalt und neben derselben ein Mann, dessen Kleidung aus drei Stücken bestand. Das erste war eine Art Badehose, welche kaum bis an das Knie reichte, das zweite ein Pantherfell, welches ihm hinten von den Schultern niederhing, und das dritte eine sehr hohe, zuckerhutförmige Kopfbedeckung, welche ganz mit Kaurimuscheln bedeckt war und von deren Spitze bunte Glasperlen herabhingen. Sein Gesicht war nicht ganz negerschwarz.»Der Lange ist Abu el Mot,« sagte der »Sohn des Geheimnisses«.
»Ist er es?« antwortete der Graue. »Diesen Kerl muß ich mir genau betrachten.«
Er legte sein Fernrohr auf den Rand des Bootes und richtete es nach dem berüchtigten Sklavenjäger. Dann fuhr er fort:
»Er hat freilich ganz das Aussehen des Todes. Dieser Mensch ist ein wahres Gerippe. Wer mag der andre sein, welcher neben ihm steht?«
»Er ist ein Beng-did1) der Nuehr, denn bei ihnen dürfen nur die Anführer solche Mützen tragen. Siehst du die Schwarzen, welche mit den Stoßstangen arbeiten und dabei singen? Das sind Nuehr. Ich ersehe das aus der Art und Weise, wie sie ihr Haar tragen.«
»So kommt dieser Abu el Mot viel eher, als ich dachte. Wie weit haben wir noch bis zur Seribah Madunga?«
»Wir werden sie gerade mit Sonnenuntergang erreichen. Sie liegt am rechten Ufer des Stromes; darum hat Abu el Mot sich an das linke gehalten. Wären wir nicht so schnell umgekehrt, so hätten diese Leute uns jetzt schon entdeckt. Weil ihnen die Lebensmittel fehlen, beeilen sie sich sehr und verlassen sich nicht bloß auf den Wind.«
Dieser war dem Sandal günstig, denn er kam aus Nord. Die Stoßstangen vermehrten die Geschwindigkeit des Fahrzeuges so, daß die Leute, welche am Ufer am Seile zogen, Trab laufen mußten.
Als der Sandal vorüber war, erschien das zweite Schiff, ein etwas kleinerer Noqer, welcher auch unter vollen Segeln ging und überdies vom Ufer aus am Seile gezogen wurde. Sein Deck war von Nuehrs gefüllt.
Das Lied war zu Ende; man hörte wieder das einfache heh lih, heh - lih, welches desto leiser wurde, je weiter sich die beiden Schiffe aufwärts entfernten. Doch erst nach einer Viertelstunde hatten sie eine so genügende Strecke zurückgelegt, daß der »Sohn des Geheimnisses« sagen konnte:
»Jetzt kann man uns nicht mehr sehen. Es war mir doch bange, als sie vorüberkamen. Allah sei Dank, daß wir nicht entdeckt worden sind!«
»Pah! Was hätte uns geschehen können!« meinte der Graue.
»Zu Sklaven hätte man uns gemacht.«
»Auch mich?«
»Uns sicher.«
»Wir hätten uns gewehrt.«
»Wahrscheinlich ohne Erfolg. Deine Waffen sind vortrefflich, aber wir wären doch zu schwach gegen diese Übermacht gewesen. Besser ist es auf jeden Fall, daß wir gar nicht gesehen worden sind. Jetzt wollen wir fort.«
Der Anker wurde aufgenommen, und dann nahm das Boot die unterbrochene Fahrt wieder auf. Die Ruderer strengten ihre Kräfte doppelt an, um die versäumte Zeit einzubringen.
Als die Sonne hinter dem linken Ufer des Stromes und den dort stehenden Bäumen verschwunden war, zeigte es sich, daß der Steuermann ganz richtig geschätzt hatte. Man sah am rechten Ufer eine breite Mischrah, unter welchem Worte man eine Landestelle für Schiffe, eine Tränkstelle für die Herden und zugleich einen Weg versteht, welcher vom hohen Ufer herab nach dem Flusse führt.
»Das ist die Seribah,« sagte der »Sohn des Geheimnisses«.
»Das?« fragte der Graue, indem er den Platz betrachtete. »Man sieht doch nichts von ihr!«
»Weil sie nicht am Wasser, sondern auf dem Thaharah2) liegt. Ich kenne den Herrn, welchem sie gehört, und weiß, daß er uns willkommen heißen wird.«
Er steuerte das Boot nach der Mischrah und legte an derselben an. Man ließ den Anker fallen und befestigte das Fahrzeug außerdem an einen der Pfähle, welche zu diesem Zwecke eingerammt waren. Ein zur Seribah gehöriger Kahn lag nicht am Ufer. Man pflegt die Boote innerhalb der Umzäunung aufzubewahren, damit sie nicht weggeführt werden können.
1) "Großer Herr", Häuptling.
2) Hohes Ufer, Landrücken.