Die Sklavenkarawane.

Von Karl May.

Verfasser von "Der Sohn des Bärenjägers", "Geist der Llano estakata", "Kong-Kheou, das Ehrenwort".


Heft 37
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(Fortsetzung.)

Die Sklavenkarawane - No. 37 Es kamen zwei große Vögel über den Fluß geflogen. Trotz der schwierigen, ja gefährlichen Lage, in welcher sich die Menschen hier unten, und der Graue mit ihnen, befanden, richtete er seine ganze Aufmerksamkeit hinauf zu den Vertretern seiner Lieblingstierklasse. Er war aufgesprungen und verfolgte ihren Flug mit scharfem Auge, wobei seine Nase sich auch emporrichtete, als ob sie ganz dasselbe lebhafte Interesse wie ihr Besitzer empfinde.

»Ja, das weiß ich,« antwortete Schwarz lächelnd.

»Nun? Den lateinischen Namen?«

»Balaeniceps rex.«

»Wahrhaftig, Sie wissen's! Und wie wird dieser Vogel hier g'nannt?«

»Abu Merkub, 'Vater des Schuhes'.«

»Warum?«

»Weil der obere Schnabel die Form eines Schuhes hat.«

»Richtig! Da sehen's wieder mal, daß die Leut' hier den Tieren ihre Namen nach gewissen Eigenschaften geben. Sonst fliegt der Abu Merkub nit so hoch. Er muß aufg'scheucht worden sein. Er kam aus dera Gegend, wohin die Boote g'fahren sind, von dorther, wo - - - schaun's, da kommt es, unser Boot! Sehen's es, ganz da draußen im Kanal?«

»Ja. Es schleppt ein zweites hinter sich her. Jetzt werden wir erfahren, welchen Erfolg die Jagd gehabt hat.«

Die beiden Fahrzeuge wurden auch von andern bemerkt. Die Leute machten einander durch laute Zurufe auf sie aufmerksam. Auch die Nuehr, soweit sie nicht mit ihren Toten und Verwundeten zu thun hatten, richteten ihr Augenmerk auf sie.

Als sie näher kamen, stellte es sich zur Enttäuschung der Sieger heraus, daß Abu el Mot entkommen war. Die Niam niam und Asaker kehrten vollzählig und unverletzt zurück, und das Boot, in welchem der Sklavenjäger die Flucht ergriffen hatte. war leer. Es hatte also keinen Kampf gegeben.

Die Niam-niam legten bei der Dahabiëh an, und der »Vater der elf Haare« war der erste, welcher an Bord stieg und zu Schwarz kam, um ihm seine Meldung zu machen.

»Wie siehst du aus?« fragte dieser. »Du bist ja ganz naß!«

Der Kleine nahm seinen Turban ab, strich die ganz trübselig aussehenden Federn desselben mit der Hand und antwortete:

»Ich warrr gefallte in Wasser, triefendes.«


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»Wie ist das gekommen?«

»Ich hatt geschoßte auf Abu el Mot, miserablem, und da mußt schaukelnte derrr Kahn, unvorsichtiger; da hatt ich machte Wasserplumps, kopfübergen.«

»So ist also Abu el Mot entkommen.«

»Ja; errr ist fahrte an Ufer, von uns unerreichtes, und gelaufte davon in Busch, gesträuchigen.«

»Die Homr mit ihm?«

»Seinte auch entflüchtete, die Homr, fünfige!«

»So konntet ihr das Boot also nicht einholen?«

»Nein, denn es hatt gehabte Vorsprung, übermäßigen; wir es nicht kann einholte trotz Anstrengung, aller und fast übermäßiger. Aber wir hatt auffangte Boot, seiniges, und bringte es herrr in Triumph, siegreichem.«

»An welches Ufer hat er sich denn gerettet? Etwa an das linke?«

»Nein, sondern an rechtiges, von uns hier aus aber linkiges, weil wir habte Stellung aufwärtsige in Fluß.«

»So ist er also fort!« sagte Pfotenhauer. »Er wird sich nit wieder sehen lassen, und Sie können Ihr dem Mudir gegebenes Wort nit einlösen.«

»Ich hoffe, es doch noch zu können,« antwortete Schwarz.

»Das bezweifle ich!«

»Und ich bin überzeugt, daß er mehr als ich dafür sorgen wird, daß wir uns wieder treffen.«

»Das wär' dumm von ihm!«

»Gewiß nicht, nämlich von seinem Standpunkte aus. Wir haben ihm eine Schlappe beigebracht, wie er sie in seinem ganzen Leben gewiß noch nicht erlitten hat. Klug wäre es freilich von ihm, sich nicht nur von uns, sondern auch überhaupt in dieser Gegend niemals wieder sehen zu lassen; aber wie wäre das mit seinem Charakter zu vereinbaren! Es handelt sich bei ihm nur darum, sich nicht nur an mir, sondern auch an Hasab Murat zu rächen, und darauf wird er auf keinen Fall verzichten. Ich bin vielmehr überzeugt, daß er sich damit sehr beeilen wird.«

»Aber wie will er das anfangen?«

»Er holt seine Leute als Hilfe herbei.«

»Die nach Ombula sind? So meinen's also, daß er nach dort gehen wird? Ja, das ist freilich wahrscheinlich. Das sind fünfhundert gut bewaffnete Leut', mit denen er es schon wagen kann, uns anzugreifen. Aber nach dem Maijeh Husan el bahr ist nit so weit wie bis Ombula. Vielleicht geht er erst dorthin?«

»Das glaube ich nicht. Er mit den fünf Homr? Gegen fünfzig Aufrührer? Das ist ein zu großes Wagnis.«

»Aber er muß doch hin, da er nur dort die Munition, welche ihm fehlt, erlangen kann! Er mag vielleicht der Ansicht sein, daß diese Leut', wann er ihnen verzeiht, sich wieder zu ihnen halten.«

»Möglich ist das; aber er wird dennoch nach Ombula gehen und erst von dort aus mit hinreichender Macht den Feldwebel aufsuchen.«

»Wie er's macht, das ist mir gleich, wann wir ihn nur wiederbekommen! Ich rechne aber nit mit solcher Sicherheit darauf wie Sie. Wann er klug ist, begibt er sich nit nochmals in die G'fahr, welcher er jetzt nur mit Not entkommen ist. Er weiß ja auch überhaupt nit, ob es ihm möglich ist, uns nochmals anzutreffen.«

»Was das betrifft, so hat er gehört, daß wir ihn haben wollen. Er muß natürlich annehmen, daß ich nur deshalb hieher gekommen bin, ihn gefangen zu nehmen. Darum ist er überzeugt, daß ich nach ihm suche. Auch von seinem Feinde Hasab Murat muß er der Ansicht sein, daß dieser nicht heimkehren werde, ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben, ihn zu erwischen.«

»Sollte er das wirklich denken? Sollte er uns für so dumm halten, ins Blaue hinein nach ihm zu forschen, ohne irgend ahnen zu können, wo er zu finden ist? Denn das letztere muß er doch denken.«

»O nein. Er weiß, daß wir nach Ombula gehen werden.«

»Sie meinen, daß er das errät?«

»Ja. Er muß sich doch jedenfalls folgendes denken: Wir sind nach der Seribah gekommen, um ihn zu bestrafen. Wir haben ihn gar nicht und sie eingeäschert gefunden. Selbstverständlich haben wir uns da bei den Dschur erkundigt und erfahren, wohin er will, und sind ihm schleunigst nachgefolgt. Nun er uns entgangen ist, wissen wir doch, wohin er sich wenden wird und wenden muß, und wir werden ihm nachfolgen. Das denkt er gewiß, und danach wird er handeln.«

»Ja, wenn Sie die Sach' so erklären, so wird sie schon richtig sein. Und nun, wie gedenken's dann, wohin wir gehen? Nach dem Maijeh oder nach Ombula?«

»Nach dem Maijeh. Ich habe meine guten Gründe dazu.«

»Welche sind das?«

»Erstens wird er glauben, daß wir ihm nach Ombula folgen, und sein Verhalten nach dieser Voraussetzung einrichten. Indem ich es nicht thue, stelle ich mich in den Vorteil gegen ihn. In Ombula wird es ihm leichter, sich gegen uns zu wehren, als wenn wir ihn an einem andern Orte, den wir selbst auswählen, während des Heimzuges überrumpeln. Und sodann haben wir, wenn wir den Feldwebel mit seinen Leuten vorher festnehmen, den Rücken frei, was nicht der Fall wäre, wenn wir direkt nach Ombula gingen und also zwischen zwei Lager kämen.«

»Aber Sie müssen halt dennoch mit dem Umstand rechnen, daß er den Feldwebel aufsucht. Die Klugheit erfordert das. Er muß ihn, um die Herden und alles andre zu retten, auf irgend eine Weis' vor uns warnen.«

»Das habe ich schon in Betracht gezogen. Ich muß suchen, ihm zuvorzukommen. Darum werde ich einstweilen mit der Dahabiëh voranfahren. Die hundertfünfzig Soldaten, welche sich auf derselben befinden, sind mehr als ausreichend für die Überwältigung des Feldwebels. Jetzt aber gilt es, hier mit den Nuehr zu Ende zu kommen. Ich werde mit dem Häuptling in Verhandlung treten.«

Diesen letzteren sah man auf dem Deck des Sandal sitzen. Seine Leute lagen oder standen um ihn her und unterhielten sich unter lebhaften Gestikulationen. Es war natürlich anzunehmen, daß ihre gegenwärtige mißliche Lage der Gegenstand ihrer Reden sei. Schwarz trat an den Rand der Dahabiëh und rief ihn an. Der Häuptling stand auf und trat an die Brüstung des Sandal.

»Ich habe mit dir zu reden,« sagte Schwarz.

»So sprich!« antwortete der Nuehr.

»Nicht so, nicht aus dieser Entfernung. Komm herüber auf mein Schiff!«

»Du kannst ebenso auf das meinige kommen!«

»Ich glaube, es ist Sitte, daß der tiefer Stehende zu den Höhern, der Besiegte zu dem Sieger kommt.«

»Noch bin ich nicht besiegt!«

»Weil wir euch geschont haben. Wir werden es aber nicht länger thun, wenn du dich weigerst, meiner Aufforderung Folge zu leisten.«

»Wie kannst du von mir verlangen, zu dir zu kommen und mich also in deine Hände zu liefern!«

»Das verlange ich nicht. Ich will nur


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mit dir sprechen. Ich möchte euch nicht töten. Wenn du kommst, werde ich dir nichts thun und dich auch nicht zurückhalten.«

»Sagst du die Wahrheit?«

»Ja.«

»Ich kann zu meinen Leuten zurück, selbst dann, wenn ich nicht mit dir einig werde?«

»Gewiß; ich verspreche es dir.«

»Schwöre es mir beim Propheten!«

»Nun wohl! Mohammed ist mein Zeuge, daß du gehen kannst, sobald es dir beliebt.«

»So komme ich.«

»Auch nit übel!« lachte Pfotenhauer. »Schwört dieser Naturforscher Schwarz auf den alten Mohammed! Man derlebt doch sonderbare Sachen. wann man die Nas' in fremde Länder steckt! Was werden's ihm denn für Bedingungen machen ?«

»Sich zu ergeben, das verlange ich, und dafür soll er straflos ausgehen.«

»Ist das nit zu gelind?«

»Nein. Diese Nuehrs haben nicht den richtigen Begriff von der Abscheulichkeit des Sklavenhandels. Und selbst wenn sie sich derselben bewußt wären, wie soll ich sie strafen? Etwa indem ich sie alle erschieße?«

»Nein.«

»Oder sie in ein Zuchthaus stecke?«

»Da gibts keins.«

»Habe überhaupt ich über sie zu richten?«

»Wohl schwerlich! Es wird sogar zweifelhaft sein, ob der Mudir das Recht hat, sie zu bestrafen.«

»Ganz richtig! Es fällt mir gar nicht ein, etwas zu thun, was nicht meines Amtes ist. Und außerdem gebietet mir die Klugheit, Milde walten zu lassen. Was wollen wir mit diesen vielen Menschen thun, wenn sie in unsre Hände fallen? Sie vielleicht mit uns umherschleppen, daß sie uns in allem hindern und vielleicht gar bei Gelegenheit gegen uns losbrechen? Nein, ich lasse sie laufen.«

Jetzt kam der Häuptling in einem Boote herbei. Schwarz befahl Kaffee und Pfeifen und begab sich mit Pfotenhauer in die Kajüte, wo er den Häuptling empfing.

Er war sehr gut gebaut, die schmale, enge Brust abgerechnet, welche alle Völker haben, welche in Flußniederungen und sumpfigen fiebererzeugenden Gegenden wohnen. Quer über die Stirn trug er drei parallele Narben. Die Eltern bringen den Knaben schon in der Jugend diese Schnitte bei. Die Narben gelten als Schönheit. Ferner hatte er in der Unterkinnlade keine Vorderzähne. Die Nuehr haben die Sitte, diese den Kindern auszubrechen, weshalb, das ist schwer zu sagen. Dadurch bekommt ihre Sprache etwas Eigentümliches, was sehr schwierig nachzuahmen ist.

Auf Schwarzens Einladung setzte er sich nieder, trank seine Tasse Kaffee aus und ließ es gern geschehen, daß der schwarze Diener ihm die Pfeife in Brand steckte. Als er zwei oder drei Züge gethan hatte, ließ er ein wohlgefälliges, ja entzücktes Grunzen hören. Er hatte bisher stets nur mit andern Blättern vermischtes schlechtes Tabakspulver rauchen können. Der Wohlgeruch und Wohlgeschmack dieser Pfeife versetzte ihn in Ekstase. Schwarz begann:

»Du sagtest, daß wir euch noch nicht besiegt hätten. Hältst du es vielleicht für möglich, uns noch zu entkommen?«

»Nein,« gestand der Schwarze in naiver Aufrichtigkeit.

»Was gedenkst du da zu thun?«

»Zu kämpfen bis auf den letzten Mann.«

»Was hättest du davon?«

»Wir würden viele von euch töten.«

»Ohne einen Vorteil davon zu haben!«

»Müssen wir nicht? Sind wir nicht dazu gezwungen?«

»Nein.«

Der Häuptling machte ein außerordentlich erstauntes Gesicht. Fast wäre ihm dabei die Pfeife ausgegangen. Er bemerkte das, that schnell einige Züge und fragte dann:

»Du willst wirklich nicht weiter mit uns kämpfen?«

»Nein.«

»Aber wir werden uns doch nicht ohne Gegenwehr töten lassen sollen!«

»Das mute ich euch auch gar nicht zu. Aber was meinst du denn, was geschehen soll? Der Sieger tötet entweder die Besiegten, oder er macht sie zu Sklaven. Und ich will weder von dem einen noch von dem andern etwas wissen. Ich will euch nicht töten und brauche auch keine Sklaven. Ich bin ein Christ.«

»Ein Christ?« Er suchte in seinem Gedächtnisse nach, um darüber, was man unter einem Christen zu verstehen habe, klar zu werden. Endlich dämmerte eine Erinnerung in ihm auf, und er fuhr fort:

»Sind das die Leute, welche Schweinefleisch essen dürfen?«

»Ja. Doch ist das nicht etwa das Hauptzeichen, welches uns von den Bekennern des Propheten unterscheidet. Unsere Religion gebietet uns, zu lieben anstatt zu hassen und selbst unsern Feinden Gutes zu erweisen.«

Der Nuehr sah ein, daß dieses Gebot sehr vorteilhaft für ihn sei, und fragte:

»Und ihr gehorcht dieser Religion auch wirklich?«

»Ja.«

»Du weißt doch wohl, daß wir deine Feinde sind?«

»Allerdings.«

»So mußt du uns Gutes erweisen!«

»Das beabsichtige ich auch, zu thun,« antwortete Schwarz, innerlich belustigt über die schlaue Logik dieses Mannes.

»Und worin soll das bestehen?«

»Das wird ganz auf dich ankommen. Sage mir aufrichtig, wozu Abu el Mot euch angeworben hat!«

»Um Sklaven zu machen.«

»Wo?«

»Bei den Niam-niam.«

»Was bot er euch dafür?«

»Speise und Trank, Kleider, wie sie bei unserm Volk getragen werden, jedem eine Flinte und sodann für jeden Sklaven, den wir machen würden, einen Abu Noktah.«

»Das ist sehr wenig! Ihr seid also bloß zum Sklavenfang angeworben worden. Warum habt ihr da gegen uns gekämpft?«

»Weil Abu el Mot es so wollte, weil wir seine Genossen, seine Verbündeten sind und ihn also verteidigen mußten.«

»Ihr habt erfahren, wie gefährlich es ist, der Genosse eines Sklavenjägers zu sein! Eure Freundschaft für ihn hat euch viele Tote und Verwundete gekostet.«

»Ja, es sind ihrer viele,« antwortete der Häuptling niedergeschlagen. »Deine Medfa1) hatte großen Hunger; sie hat mehr von uns aufgefressen, als ihr kleiner Mund verschlingen kann.«

»Hast du sie gezählt?«

»Ja. Es sind über dreißig Tote und doppelt so viel Verwundete. Mehrere sind sogar durch die Compirah2) geschossen! Was soll weiter werden?«

»Sage vorher, wem die Schiffe gehören!«

»Einem Manne in Diakin.«

»Ist er Sklavenhändler?«

»Nein.«

»Oder reich?«

»Auch nicht. Die Schiffe sind sein einziges Eigentum, und er wird sehr arm werden dadurch, daß du sie verbrennst.«


1) Kanone.
2) Frisur.


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»Wer sagt dir, daß ich sie verbrennen werde?«

»Jeder Sieger würde das thun oder sie für sich behalten.«

»Hat er sie dazu vermietet, daß mit ihnen eine Ghasuah unternommen werden solle?«

»Nein. Sie sollten uns nach der Seribah bringen und dann umkehren. Aber weil der Noqer Abu el Mots verbrannt worden war, mietete er sie weiter.«

»So soll dieser Mann seine Schiffe wieder bekommen. Sage ihm, daß ich sie ihm schenke!«

»Das wolltest du thun? Herr, deine Güte ist ganz ohnegleichen! Aber wie soll ich ihm das sagen?«

»Sobald du nach Diakin kommst.«

»Komme ich denn hin?«

»Ja, du und deine Leute. Ich schenke euch die Freiheit.«

Da ließ der Schwarze seine Pfeife fallen, sprang auf und rief:

»Die Freiheit? Ist das möglich? Herr, du scherzest nur mit mir!«

»Nein; was ich sage, das ist mein vollster Ernst. Ihr sollt leben bleiben.«

»Alle? Auch ich?«

»Alle und auch du mit eingeschlossen; aber ich mache meine Bedingungen dabei!«

»Sage sie; sage sie!« forderte der Schwarze ihn freudig auf. »Wir werden alles thun, was du verlangst, wenn es nur möglich ist«

»Ihr gebt alle eure Waffen ab!«

»Die sollst du erhalten. Wir haben genug andre daheim.«

»Ihr denkt ferner nicht mehr an Abu el Mot; ihr macht keinen Versuch, ihn aufzufinden, sondern ihr fahrt in euern beiden Schiffen so schnell wie möglich heim.«

»Das werden wir gern thun, sehr gern!«

»Ich hoffe es. Ich werde nur mit der Dahabiëh diese Stelle verlassen, und meine Noqer bleiben hier, um dafür zu sorgen, daß diese Bedingung auch genau erfüllt werde. Sie sollen euch folgen. Sobald ihr Miene macht, umzukehren, werden sie euch angreifen und vernichten. Beachte das wohl!«

»Herr, wir werden froh sein, nach Hause fahren zu dürfen, und es fällt uns gar nicht ein, zurückzubleiben. Dieser Abu el Mot hat uns schmählich und heimtückisch verlassen, und wenn ich ihn je einmal wiedersehe, so ist es um ihn geschehen.«

»Gut, wir sind also fertig und - -«

»Nein, wir sind noch nicht fertig,« fiel der Graue ein, natürlich in deutscher Sprache. »Ich habe auch ein Wort zu sagen und stelle noch eine Bedingung.«

Seine Nasenspitze wippte in so lächerlicher Weise auf und nieder, hin und her, daß einer, der ihn kannte, überzeugt sein mußte, seine Bedingung werde eine wenig tragische sein.

»Sage sie!« forderte der Häuptling ihn auf; »ich hoffe, daß es möglich ist, sie zu erfüllen.«

»Nun gut! Ich verlange, daß ihr euch eure Compajir1) abschneidet und an mich abliefert!«

Die Wirkung dieser Bedingung war keine geringe. Der Schwarze erschrak auf das heftigste. Er trat einen Schritt zurück, warf die Arme in die Luft, rollte die Augen, schrie laut auf und antwortete dann:

»Herr, das darfst du nicht verlangen!«

»O doch! Ich verlange es. Du hast es ja gehört!«

»Aber wir können es nicht erfüllen!«

»Warum nicht? Es sind ja scharfe Sekakin2) genug da, und außerdem haben wir einige Makassa3) hier, mit denen wir sie schnell herunterschneiden können.«

»Warum willst du uns solche Schmerzen erleiden lassen?«

»Schmerzen? Nehmt euch nur in acht, dann wird es nicht wehe thun!«

»Du irrst. Andern kann man die Compirah leicht nehmen, weil sie das Haar lose tragen. Unsre Compajir aber sind hart und fest gebaut wie Stein. Man weiß nicht, wo der Kopf aufhört und wo die Compirah beginnt.«

»Wenn ihr es nicht wißt, so weiß ich es, denn ich bin Tabib4) und kenne den Bau des Kopfes ganz genau. Und wenn ich je einem von euch ein Stück vom Schädel mit wegschneide, so heile ich es ihm sofort wieder an.«

»Nein, nein, Herr! Ich glaube gern, daß du ein großer und berühmter Tabib bist, denn du hast eine Nase, welche fürchterlich groß ist, und wir Abdi5) wissen recht gut, daß ein Mensch desto klüger


1) Plural von Compirah = Frisur.
2) Messer.
3) Scheren.
4) Arzt.
5) Neger.


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und gelehrter gilt, je länger seine Nase ist; aber wenn du uns die Compajir auch wirklich schmerzlos herunter schneiden kannst, so wirst du uns doch nicht die Schande anthun, uns unsres Schmuckes zu berauben und uns zu zwingen, daheim ohne die größte männliche Zierde vor unsere Frauen zu treten.«

»Ich kann nicht anders,« behauptete der Graue. »Strafe muß sein!«

»Wenn du uns strafen willst,« fuhr der Nuehr voller Angst fort, »so will ich dir einen Vorschlag machen. Ein Nuehr stirbt lieber, als daß er der Lieblichkeit seiner Vorzüge entsagt. Das Los mag unter meinen Leuten entscheiden. Die Hälfte von ihnen mögen mit ihren Compajir nach Hause gehen dürfen, und die andern magst du töten und ihnen den Schmuck nehmen. Dazu magst du noch extra die Compajir unsrer Toten bekommen.«

Daß er sich in größter Sorge befand, bewies dieser Vorschlag. So ernst er die Sache nahm, so große Mühe hatten die Deutschen, das Lachen zu verbeißen. Pfotenhauer fragte:

»Also deine Leute sollen losen? Du doch auch mit?«

»Ich? Nein, denn ich bin der Anführer und als solcher über das Los erhaben. Bedenke doch, daß ich auch sterben würde, wenn es mich träfe!«

»Ach so! Du willst aber nicht sterben? Nun, das kann ich keinem Menschen übel nehmen und auch dir nicht. Aber mein Gerechtigkeitsgefühl empört sich dagegen, daß einer auf alle Fälle leben bleiben soll, während die andern ihr Leben von dem Zufalle abhängig machen müssen. Darum will ich nicht bloß gegen dich milde sein, sondern auch die andern mit meiner Barmherzigkeit erleuchten. Ich verzichte hiermit auf die Compajir, verlange aber, daß du mir an deren Stelle deine Boneta el badschak überlieferst.«

»Meine Bornata el lulu?« rief der Schwarze aus, indem er sich mit beiden Händen nach der bereits beschriebenen Kopfbedeckung fuhr und seine Züge sich vor Entsetzen verzerrten. »Herr, das kannst du nicht wollen; das kannst du nicht verlangen! Diese Bornata ist das Zeichen meiner Häuptlingswürde.«

»Das weiß ich wohl, geht mich aber nichts an. Bedenke, daß du damit das Leben von über hundert Nuehrs, auf welche das Los fallen würde, retten kannst!«

»Mögen sie sterben; ich habe nichts dagegen. Kein Schah und kein Malik gibt seine Tadscha her, ohne um sie gekämpft zu haben. Was soll dir die meinige nützen, da du doch nicht König der Nuehr wirst sein wollen!«

»Diese Absicht habe ich freilich nicht. Aber du bist besiegt und hast ein Zeichen der Unterwerfung an uns abzuliefern. Etwas andres wäre es, wenn du dich entschließen könntest, dir meine Gnade dadurch zu erwerben, daß du bei uns bleibst und unser Freund und Verbündeter wirst. Dann brauchtest du uns weder deine Tadscha noch eure Compajir abzuliefern und würdest vielmehr manches von uns erhalten, was dir nützlich ist und dich erfreuen kann.«

Als der Neger diese Worte hörte, holte er tief und erleichtert Atem und antwortete:

»Herr, du machst meine Seele wieder leicht. Ich habe große Angst ausgestanden. Sage mir, in welcher Weise ich euer Verbündeter sein soll!«

»Du sollst mit uns gegen Abu el Mot ziehen, der euch so hinterlistig eurem Schicksal überlassen hat.«

»Herr, das thue ich gern, sehr gern!« lautete die eilige und energische Antwort. »Es war seine Pflicht, uns zu sagen, daß er fliehen wolle. Er hat uns geopfert, um nur selbst entkommen zu können, und dadurch unsre Rache verdient. Du magst noch so großmütig sein und uns nach Hause ziehen lassen, ohne uns unsre Schiffe, ja selbst unsre Waffen und Compajir zu nehmen, so ist uns das doch nicht so lieb und willkommen, als wenn du uns erlaubst, bei euch zu bleiben und diesem Chajin zu zeigen, daß er uns nicht unbestraft in der Gefahr verlassen darf. Er hat, indem er dieses that, den Bund mit uns zerrissen, und ich knüpfe nun einen neuen mit euch, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Gut! Ihr sollt euch bei uns wohler als bei ihm befinden. Ihr habt gesehen, daß wir stärker sind als er, und so gebietet euch schon die Klugheit, es lieber mit uns, als mit ihm zu halten. Wir schenken euch dafür das Leben, die Waffen, die Compajir, kurz alles, was euch gehört, und dir auch deine Bornata el lulu. Dazu sollt ihr einen Teil der Beute haben, welche wir machen werden. Die Herden und Vorräte Abu el Mots werden in unsre Hände fallen, auch seine Soldaten, denen wir die Gewehre nehmen, um sie euch zu geben. Ihr werdet dann besser bewaffnet sein als alle Stämme an und zwischen den Flüssen und sie euch leicht unterwerfen können.«

»Herr, das ist ja weit, weit mehr, als wir von Abu el Mot erhalten hätten!« jubelte der Nuehr. »Du gibst uns Gnade und Leben, anstatt Rache und Tod. Ihr werdet Freunde an uns haben, auf die ihr euch selbst in der größten Gefahr verlassen könnt!«

»Ich will es dir glauben. Außerdem habt ihr noch einen großen Vorteil, welchen ihr bei Abd el Mot nicht gefunden hättet. Nicht ich allein bin Tabib, son-


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dern dieser Effendi, mein Freund, ist ein noch viel größerer und berühmterer als ich. Wir werden uns eurer Verwundeten annehmen, deren größter Teil bei Abu el Mot wohl nicht hätte gerettet werden können. Hast du, um den Bund mit uns abzuschließen, die Zustimmung deiner Leute zu erbeten?«

»Was denkst du von mir!« antwortete der Häuptling stolz. »Ich bin der König meines Stammes, und meine Krieger haben mir zu gehorchen. Aber denke ja nicht, daß sie das jetzt nicht gern thun werden. Sie erwarteten den Tod, und anstatt des Verderbens bringe ich ihnen das Glück. Sie werden meine Nachricht mit Entzücken empfangen.«

»Gut, so seid ihr von jetzt an unsre Freunde und Bundesgenossen. Gieb uns die Hand darauf und kehre dann auf den Sandal zurück. Wir werden hören was deine Leute dazu sagen, und dann hinüberkommen, um die Verwundeten zu verbinden.«

Der Neger gab beiden seine Hand und ging dann fort, um sich nach dem Sandal rudern zu lassen.

»Nun, sind's einverstanden? Hab' ich's gut g'macht?« fragte der Graue Schwarz.

»Ja,« antwortete dieser. »Wir sind zwar auch ohne die Nuehr stark genug, um es mit Abu- und Abd el Mot aufzunehmen, aber Feinde in Freunde zu verwandeln, ist stets vorteilhaft, und wir können doch vielleicht in eine Lage kommen, in welcher dieser Zuwachs an Leuten uns von Nutzen ist. Aber warum haben Sie den armen Teufel vorher in Beziehung auf die Frisuren in solche Angst getrieben?«

»Weil's meine Absicht war, in den Besitz seiner Spitzhaube zu kommen. Ich hätt' sie halt gar zu gern als ethnographische Kuriosität mit heimg'bracht. Da er aber mit Leib und Seel' an derselbigen hängt, so mag er sie b'halten. Nun kommen's! Wir wollen schauen, was seine Leut' für G'sichter machen. Sie scheinen froh zu sein; hören's, wie sie schreien und brüllen?«

Die beiden hatten die Kajüte nicht zugleich mit dem Nuehr verlassen; sie waren in derselben zurückgeblieben. Trotz der zugemachten Thür vernahmen sie jetzt ein Getöse menschlicher Stimmen, als ob die Schreienden gepfählt werden sollten.

»Ja sefa, ja bacht, ja fahra - o Wonne, o Glück, o Freude!« nur diese drei Worte waren es, welche die Nuehr riefen, aber sie brachten mit ihnen ein solches Stimmengewirr fertig, daß man sich hätte die Ohren zuhalten mögen.

Und als die Deutschen aus der Kajüte auf das Deck traten, sahen sie die Schwarzen auf ihren beiden Schiffen springen und tanzen, als ob sie wahnsinnig geworden seien.

»Da hab' ich schönes Unheil ang'richtet!« lachte der Graue. »Jetzund möcht' man Irrenarzt sein, um die Kerls wieder zu Verstand zu bringen.«

Der Häuptling trat an den Rand des Sandals und rief herüber:

»Seht ihr die Freude meiner Krieger? Sie sind voller Wonne und werden euch treu dienen und ihr Leben für euch wagen. Nun kommt auch herüber und nehmt euch der Verwundeten an, welche mit Schmerzen auf euch warten!«

Bevor Schwarz dieser Aufforderung Folge leistete, beordete er die Reïsihn der beiden Noqer zu sich. Hasab Murat erhielt die Weisung, seine Leute wieder einzuschiffen und mußte auch mit nach der Dahabiëh kommen. Hier erfuhren sie, daß die Nuehr von jetzt an als Verbündete zu betrachten und zu behandeln seien, und sie nahmen diese Nachricht mit großer Befriedigung auf.

(Fortsetzung folgt.)

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