Karl May: Durchs wilde Kurdistan. Hausschatz-Fassung, erfasst von Karlheinz Everts

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Als wir auf der Höhe vor dem Dorfe ankamen und das Thal des Heiligen überblicken konnten, bemerkten wir ganz in der Nähe des Hauses, welches dem Bey gehörte, einen ungeheurren Haufen von Reisholz, welcher von einer Anzahl von Dschesidi immer noch vergrößert wurde. Pir Kamek stand dabei und warf von Zeit zu Zeit ein Stück Erdharz hinein.

»Das ist sein Kurban-kalabalik [1) Opfer-Haufen],« meinte Ali Bey.

»Was wird er opfern?«

»Ich weiß es nicht.«

»Vielleicht ein Thier?«

»Nur bei den Putperestler [2) Heiden] werden Thiere verbrannt.«

»Dann vielleicht Früchte?«

»Die Dschesidi verbrennen weder Thiere noch Früchte. Der Pir hat mir nicht gesagt, was er verbrennen wird, aber er ist ein großer Heiliger, und was er thut, wird keine Sünde sein.«

Noch immer ertönten von der gegenüberliegenden Höhe die Salven der ankommenden Pilger, und noch immer wurde denselben im Thale geantwortet; und doch bemerkte ich, als wir unten ankamen, daß dieses Thal kaum noch mehr Menschen zu fassen vermöge. Wir übergaben unsere Thiere und gingen nach dem Grabmale. An dem Wege, welcher zu demselben führte, lag ein Springbrunnen, der von Platten eingefaßt war. Auf einer derselben saß Mir Scheik Khan und sprach mit einer Anzahl von Pilgern, die in ehrerbietiger Haltung und Entfernung vor ihm standen.

»Dieser Brunnen ist heilig, und nur der Mir, ich und die Priester dürfen auf diesen Steinen sitzen. Zürne also nicht, wenn Du stehen mußt!« sagte Ali zu mir.

»Eure Gebräuche werde ich achten.«

Als wir uns nahten, gab der Khan den Umstehenden ein Zeichen, auf welches sie Platz machten, so daß wir zu ihm kommen konnten. Er erhob sich, kam uns einige Schritte entgegen und reichte uns die Hände.

»Willkommen bei Eurer Rückkehr! Nehmt Platz zu meiner Rechten und Linken!«

Er deutete dem Bey zur Linken, sodaß mir die rechte Seite übrig blieb. Ich setzte mich auf die geheiligten Steine, ohne daß ich bei einem der Anwesenden den geringsten Verdruß darüber bemerkt hätte. Wie sehr stach ein solches Verhalten gegen dasjenige ab, welches man bei den Muhammedanern zu beobachten hat.

»Hast Du mit dem Häuptling gesprochen?« frug der Khan.

»Ja. Es ist Alles in der besten Ordnung. Hast Du den Pilgern bereits eine Mittheilung gemacht?«

»Nein.«

»So wird es Zeit sein, daß die Leute sich versammeln. Gib den Befehl dazu!«

»Ich bin der Regent des Glaubens, und alles Andere ist Deine Sache. Ich werde Dir den Ruhm, die Gläubigen beschützt und die Feinde besiegt zu haben, niemals verkürzen.«

Auch dies war eine Bescheidenheit, welche bei den muhammedanischen Imams niemals zu finden ist. Ali Bey erhob sich und schritt von dannen. Während ich mich mit dem Khan unterhielt, bemerkte ich eine Bewegung unter den Pilgern, welche mit jeder Minute größer wurde. Die Frauen blieben an ihren Plätzen stehen, die Kinder ebenso; die Männer aber stellten sich am Bache entlang auf, und die Anführer der einzelnen Stämme, Zweige und Ortschaften bildeten einen Kreis um Ali Bey, welcher ihnen die Absichten des Mutessarif von Mossul bekannt machte. Dabei herrschte eine Ruhe, eine Ordnung, wie bei der Parade einer europäischen Truppe, ganz verschieden von dem lärmenden Durcheinander, welches man sonst bei orientalischen Kriegern zu sehen und zu hören gewohnt ist. Nach einiger Zeit, in welcher die Anführer den Ihrigen die Mittheilung und die Befehle des Bey überbracht hatten, ging die Versammlung ohne Unordnung wieder auseinander, und ein Jeder begab sich an den Platz, den er vorher inne gehabt hatte.

Ali Bey kam zu uns zurück.

»Was hast Du befohlen?« frug der Khan.

Der Gefragte streckte den Arm aus und deutete auf einen Trupp von vielleicht zwanzig Männern, die den Pfad emporstiegen, auf dem wir vorhin herabgekommen waren.

|162A »Siehe, das sind Krieger aus Aïram, Hadschi Dsho und Schura Khan, welche diese Gegend sehr gut kennen. Sie gehen den Türken entgegen und werden uns von deren Kommen rechtzeitig benachrichtigen. Auch gegen Baadri hin habe ich Wachen stehen, so daß es ganz unmöglich ist, uns zu überraschen. Bis es Nacht wird, ist noch drei Stunden Zeit, und das genügt, um alles Überflüssige nach dem Thale Idiz zu bringen. Die Männer werden aufbrechen, und Selek wird ihnen den Weg zeigen.«

»Werden sie bei dem Beginne der heiligen Handlungen zurückgekehrt sein?«

»Ja; das ist sicher.«

»So mögen sie gehen!«

Nach einiger Zeit schritt ein sehr, sehr langer Zug von Männern, welche Thiere mit sich führten oder verschiedene Habseligkeiten trugen, an uns vorüber, wo sie, immer Einer hinter dem Andern, hinter dem Grabmale verschwanden. Dann kamen sie über demselben auf einem Felsenpfade wieder zum Vorschein, und man konnte von unserem Sitze aus ihren Weg verfolgen, bis derselbe oben in den hohen, dichten Wald verlief.

Jetzt mußte ich mit Ali Bey gehen, um das Mahl einzunehmen. Nach demselben trat der Baschi-Bozuk zu mir.

»Herr, ich muß Dir etwas sagen!«

»Was?«

»Uns droht eine große Gefahr!«

»Ah! Welche?«

»Ich weiß es nicht; aber diese Teufelsmänner haben mich seit einer halben Stunde mit Augen angesehen, welche ganz fürchterlich sind. Es sieht grad so aus, als ob sie mich tödten wollten!«

Da der Buluk Emini seine Uniform trug, so konnte ich mir das Verhalten der von den Türken bedrohten Dschesidi sehr leicht erklären; doch war ich vollständig überzeugt, daß ihm nichts geschehen werde.

»Das ist schlimm!« meinte ich. »Wenn sie Dich tödten, wer wird dann den Schwanz Deines Esels bedienen?«

»Herr, sie werden den Esel auch mit erstechen! Hast Du nicht gesehen, daß sie die meisten Büffel und Schafe, die vorhanden sind, bereits getödtet haben?«

»Dein Esel ist sicher, und Du bist es auch. Ihr gehört zusammen, und man wird Euch nicht auseinander reißen.«

»Versprichst Du mir dies?«

»Ich verspreche es Dir!«

»Aber ich hatte Angst, als Du vorhin abwesend warst. Gehst Du wieder fort von hier?«

»Ich werde bleiben; aber ich befehle Dir, stets hier im Hause zu sein und Dich nicht unter die Dschesidi zu mischen, sonst ist es mir unmöglich, Dich zu beschützen!«

Er ging, halb und halb getröstet, von dannen, der Held, den der Mutessarif mir zu meinem Schutze mitgegeben hatte. Aber es kam auch noch von einer andern Seite eine Warnung: Halef suchte mich auf.

»Sihdi, weißt Du, daß es Krieg geben wird?«

»Krieg? Zwischen wem?«

»Zwischen den Osmanly und den Teufelsleuten.«

»Wer sagte es?«

»Niemand.«

»Niemand? Du hast doch wohl gehört, was wir heute früh in Baadri bereits davon gesprochen haben?«

»Nichts habe ich gehört, denn Ihr spracht türkisch, und diese Leute sprechen diese Sprache so aus, daß ich sie nicht verstehen kann. Aber ich sah, daß es eine große Versammlung gab und daß nach derselben alle Männer die Waffen untersuchten. Nachher haben sie ihre Thiere und Güter fortgeschafft, und als ich zu Scheik Mohammed hinauf auf die Plattform kam, war er beschäftigt, die alte Ladung aus seinen Pistolen zu nehmen, um sie gegen eine neue zu vertauschen. Sind dies nicht genug Zeichen, daß man eine Gefahr erwartet?«

»Du hast recht, Halef. Morgen früh beim Anbruch des Tages werden die Türken von Baadri und auch von Kaloni her über die Dschesidi herfallen.«

»Und das wissen die Dschesidi?«

»Ja.«

»Wie hoch zählen die Türken?«

|162B »Fünfzehnhundert Mann.«

»Es werden Viele von ihnen fallen, da ihr Plan verrathen ist. Wem wirst Du helfen, Sihdi, den Türken oder den Dschesidi?«

»Ich werde gar nicht kämpfen.«

»Nicht?« erwiderte er getäuscht. »Darf ich nicht?«

»Wem willst Du helfen?«

»Den Dschesidi.«

»Ihnen, Halef? Ihnen, von denen Du glaubtest, daß sie Dich um das Paradies bringen würden?«

»O Sihdi, ich kannte sie nicht; jetzt aber liebe ich sie.«

»Aber es sind Ungläubige!«

»Hast Du selbst nicht stets Jenen geholfen, welche gut waren, ohne sie zu fragen, ob sie an Allah oder an einen andern Gott glauben?«

Mein wackerer Halef hatte mich zum Moslem machen wollen, und jetzt sah ich zu meiner großen Freude, daß er sein Herz für ein ganz und gar christliches Gefühl geöffnet hatte. Ich antwortete ihm:

»Du wirst bei mir bleiben!«

»Während die Andern kämpfen und tapfer sind?«

»Es wird sich für uns vielleicht Gelegenheit finden, noch tapferer und muthiger zu sein, als sie.«

»So bleibe ich bei Dir. Der Buluk Emini auch?«

»Auch er.«

Ich stieg hinauf auf die Plattform zu Scheik Mohammed Emin.

»Hamdullillah, Preis sei Gott, daß Du kommst!« sagte er. »Ich habe mich nach Dir gesehnt wie das Gras nach dem Thau der Nacht.«

»Du bist stets hier oben geblieben?«

»Stets. Es soll mich Niemand erkennen, weil ich sonst vielleicht verrathen werden möchte. Was hast Du Neues erfahren?«

Ich theilte ihm Alles mit. Als ich geendet hatte, deutete er auf seine Waffen, welche vor ihm lagen.

»Wir werden sie empfangen!«

»Du wirst dieser Waffen nicht bedürfen.«

»Nicht? Soll ich mich und unsere Freunde nicht vertheidigen?«

»Sie sind stark genug. Willst Du vielleicht in die Hände der Türken, denen Du kaum entgangen bist, fallen, oder soll Dich eine Kugel, ein Messerstich treffen, damit Dein Sohn noch länger in der Gefangenschaft von Amadijah schmachtet?«

»Emir, Du sprichst wie ein kluger, aber nicht wie ein tapferer Mann!«

»Scheik, Du weißt, daß ich mich vor keinem Feinde fürchte; es ist nicht die Angst, welche aus mir spricht. Ali Bey hat von uns verlangt, daß wir uns vor dem Kampfe hüten sollen. Er hegt übrigens die Überzeugung, daß es gar nicht zum Kampfe kommen werde, und ich bin ganz derselben Meinung wie er.«

»Du denkst, die Türken ergeben sich ohne Widerstand?«

»Wenn sie es nicht thun, so werden sie zusammengeschossen.«

»Die Offiziere der Türken taugen nichts, aber die Soldaten sind tapfer. Sie werden die Höhen stürmen und sich befreien.«

»Fünfzehnhundert gegen vielleicht sechstausend Mann?«

»Wenn es gelingt, sie zu umzingeln!«

»Es wird gelingen.«

»So müssen wir also mit den Frauen nach dem Thale Idiz gehen?«

»Du, ja.«

»Und Du?«

»Ich werde hier zurückbleiben.«

»Allah kerihm! Wozu? Das würde Dein Tod sein!«

»Das glaube ich nicht. Ich bin im Giölgeda padischahnün, besitze die Empfehlungen des Mutessarif und habe einen Buluk Emini bei mir, dessen Anwesenheit schon genügend wäre, mich zu schützen.«

»Aber was willst Du hier thun?«

»Unheil vermeiden, wenn es möglich ist.«

»Weiß Ali Bey davon?«

»Nein.«

»Oder der Mir Scheik Khan?«

»Auch nicht. Sie erfahren es noch immer zur rechten Zeit.«

Ich hatte wirklich große Mühe, den Scheik zur Billigung meines Vorhabens zu überreden. Endlich aber gelang es mir.

|163A »Allah il Allah! Die Wege des Menschen sind im Buche vorgeschrieben,« meinte er; »ich will Dich nicht bewegen, von diesem Vorhaben abzulassen, aber ich werde hier bei Dir bleiben!«

»Du? Das geht nicht!«

»Warum?«

»Sie dürfen Dich nicht finden.«

»Dich auch nicht.«

»Ich habe Dir bereits auseinandergesetzt, daß ich keine Gefahr laufe; Dich aber, wenn Du erkannt wirst, erwartet ein anderes Loos.«

»Das Ende des Menschen steht im Buche verzeichnet. Soll ich sterben, so muß ich sterben, und dann ist es gleich, ob es hier geschieht oder dort in Amadijah.«

»Du willst in Dein Unglück rennen, aber Du vergissest, daß Du auch mich darein verwickelst.«

Dies schien mir der einzige Weg, seiner Hartnäckigkeit beizukommen.

»Dich? Wieso?« frug er.

»Bin ich allein hier, so schützen mich meine Firmans; finden sie aber Dich bei mir, den Feind des Mutessarif, den entflohenen Gefangenen, so habe ich diesen Schutz verloren und verwirkt. Dann sind auch wir verloren, Du und ich, alle Beide!«

Er blickte nachdenklich vor sich nieder. Ich sah, was sich in ihm gegen den Rückzug nach dem Thale Idiz sträubte, aber ich ließ ihm Zeit, einen Entschluß zu fassen. Endlich sagte er mit halber, unsicherer Stimme:

»Emir, hältst Du mich für einen Feigling?«

»Nein. Ich weiß ja, daß Du tapfer und furchtlos bist.«

»Was wird Ali Bey denken?«

»Er denkt ganz so wie ich, ebenso Mir Scheik Khan.«

»Und die andern Dschesidi?«

»Sie kennen Deinen Ruhm und wissen, daß Du vor keinem Feinde fliehest. Darauf kannst Du Dich verlassen!«

»Und wenn man an meinem Muthe zweifeln sollte, wirst Du mich vertheidigen? Wirst Du öffentlich sagen, daß ich mit den Frauen nach Idiz gegangen bin, nur um Dir zu gehorchen?«

»Ich werde es überall und öffentlich sagen.«

»Nun wohl, so werde ich thun, was Du mir vorgeschlagen hast!«

Er schob resignirt die Flinte von sich fort und wendete sein Angesicht wieder dem Thale zu, welches sich bereits in den Schatten des Abends zu hüllen begann.

Gerade jetzt kamen die Männer zurück, welche vorher nach Idiz gegangen waren. Sie bildeten einen Zug einzelner Personen, welcher sich im Thale vor uns auflöste.

Da erscholl vom Grabe des Heiligen her eine Salve, und zu gleicher Zeit kam Ali Bey herauf zu uns mit den Worten:

»Es beginnt die große Feier am Grabe. Es ist noch nie ein Fremder dabei zugegen gewesen, aber der Mir Scheik Khan hat mir im Namen aller Priester die Genehmigung ertheilt, Euch einzuladen.«

Das war nun allerdings eine sehr hohe Ehre für uns; aber Scheik Mohammed Emin lehnte sie ab:

»Ich danke Dir, Herr; aber es ist dem Moslem verboten, bei der Anbetung eines Andern als Allah zugegen zu sein.«

Er war ein Moslem; aber er hätte diese Abweisung doch in andre Worte kleiden können. Er blieb zurück, und ich folgte dem Bey.

Als wir aus dem Hause traten, bot sich uns ein seltsamer, unbeschreiblich schöner Anblick dar. So weit das Thal reichte, flackerten Lichter unter und auf den Bäumen, am Wasser unten und auf jedem Felsen in der Höhe, um die Häuser herum und auf den Plattformen derselben. Das regste Leben aber herrschte am Grabmale des Heiligen. Der Mir hatte an der ewigen Lampe des Grabes ein Licht angebrannt und trat damit heraus in den innern Hof. An diesem Lichte zündeten die Scheiks und Kawals ihre Lampen an; von diesen liehen wieder die Fakirs ihre Flammen, und nun traten sie Alle heraus in das Freie, und Tausende strömten herbei, um sich an den heiligen Feuern zu reinigen.

Wer den Lichtern der Priester nahe zu kommen vermochte, fuhr mit der Hand durch die Flamme derselben und bestrich dann mit dieser Hand die Stirn und die Gegend des Herzens. Männer |163B strichen dann zum zweitenmal durch die Flamme, um den Segen derselben ihren Frauen zu bringen. Mütter thaten ganz dasselbe für ihre Kinder, welche nicht die Kraft besaßen, durch die dichte Menge zu dringen. Und dabei herrschte ein Jubel, eine Freude, die gar nichts Anstößiges hatte.

Auch das Heiligthum wurde illuminirt. In jede der zahlreichen Mauernischen kam eine Lampe zu stehen, und über die Höfe hinweg zogen sich lange Guirlanden von Lampen und Flammen. Jeder Zweig der dort befindlichen Bäume schien der Arm eines riesigen Leuchters zu sein, und Hunderte von Lichtern liefen an den beiden Thürmen bis zu den Spitzen derselben empor, zwei riesige Girandolen bildend, deren Anblick ein zauberischer war.

Die Priester hatten jetzt, zwei Reihen bildend, im inneren Hofe Platz genommen. Auf der einen Seite saßen die Scheiks in ihren weißen Anzügen und ihnen gegenüber die Kawals. Diese letzteren hatten Instrumente in der Hand, abwechselnd je Einer eine Flöte und der Andere ein Tamburin. Ich saß mit Ali Bey unter der Rebenlaube. Wo Mir Scheik Khan war, konnte ich nicht bemerken.

Da ertönte aus dem Innern des Grabes ein Ruf, und die Kawals erhoben ihre Instrumente. Die Flöten begannen eine langsame, klagende Melodie zu spielen, wozu ein leiser Schlag auf das Tamburin den Takt angab. Dann folgte plötzlich ein lang ausgehaltener viertöniger Akkord; ich glaube, es war ein Terzquartsextakkord, zu welchem auf den Tamburins mit den Fingerspitzen getrillert wurde, erst pianissimo, dann piano, stärker, immer stärker bis zum Fortissimo, und dann fielen die Flöten in ein zweistimmiges Tonstück ein, für welches keiner unserer musikalischen Namen paßt, dessen Wirkung aber doch eine sehr angenehme und befriedigende war.

Am Schlusse dieses Stückes trat Mir Scheik Khan aus dem Innern des Gebäudes heraus. Zwei Scheiks begleiteten ihn. Der Eine trug ein hölzernes Gestell vor ihm her, welches einem Notenpulte glich; dieses wurde in die Mitte des Hofes gesetzt. Der Andere trug ein kleines Gefäß mit Wasser und ein anderes, offenes, rundes, in welchem sich eine brennende Flüssigkeit befand. Diese beiden Gefäße wurden auf das Pult gestellt, zu welchem Mir Scheik Khan trat.

Er gab mit der Hand ein Zeichen, auf welches die Musik von Neuem begann. Sie spielte eine Einleitung, nach welcher die Priester mit einer einstimmigen Hymne einfielen. Leider konnte ich mir den Inhalt derselben nicht notiren, da dies aufgefallen wäre, und der eigentliche Wortlaut ist meinem Gedächtnisse entschwunden. Sie war in arabischer Sprache verfaßt und forderte zur Reinheit, zum Glauben und zur Wachsamkeit auf.

Nach derselben hielt Mir Scheik Khan eine kurze Ansprache an die Priester. Er schilderte in kurzen Worten die Nothwendigkeit, seinen Wandel von jeder Sünde rein zu halten, Gutes zu thun an allen Menschen, seinem Glauben stets treu zu bleiben und denselben gegen alle Feinde zu vertheidigen.

Dann trat er zurück und setzte sich zu uns unter den Weinstock. Jetzt brachte einer der Priester einen lebenden Hahn herbei, welcher mittels einer Schnur an das Pult befestigt wurde; zur Linken von ihm wurde das Wasser und zur Rechten das Feuer gestellt.

Die Musik begann wieder. Der Hahn hockte in sich gekehrt am Boden; die leisen Klänge der Flöten schien er gar nicht zu beachten. Da wurden die Töne stärker, und er lauschte. Den Kopf aus dem Gefieder ziehend, blickte er sich mit hellen, klugen Augen im Kreise um und bemerkte dabei das Wasser. Schnell fuhr er mit dem Schnabel in das Gefäß, um zu trinken. Dieses freudige Ereigniß wurde durch ein helles, jubelndes Zusammenschlagen der Tamburins verkündet. Dies schien das musikalische Interesse des Thieres zu erregen. Der Hahn krümmte den Hals und horchte aufmerksam. Dabei bemerkte er, daß er sich in einer gefahrvollen Nähe von der Flamme befand. Er wollte sich zurückziehen, konnte aber nicht, da er festgehalten wurde. Darüber ergrimmt, richtete er sich auf und stieß ein lautes »Kik-ri-kih!« hervor, in welches die Flöten und Tamburins einfielen. Dies schien in ihm die Ansicht zu erwecken, daß man es auf einen musikalischen Wettstreit abgesehen habe. Er wandte sich muthig gegen die Musikanten, schlug die Flügel und schrie abermals. Er |164A erhielt dieselbe Antwort, und so entwickelte sich ein Tongefecht, welches den Vogel schließlich so erzürnte, daß er unter einem wütenden Gallicinium sich losriß und in das Innere des Grabes floh.

Die Musik begleitete diese Heldenthat mit dem allerstärksten Fortissimo; die Stimmen der Priester fielen jubelnd ein, und nun folgte ein Finale, welches allerdings ganz geeignet war, sowohl die Musikanten als auch die Sänger zu ermüden. Am Schluß des Stückes küßten die Kawals ihre Instrumente.

|164B Sollte dieses laute, stürmische Finale auf irgend eine Weise einmal Gelegenheit gegeben haben, die Dschesiden mit den unlautern Cheragh Sonderan, oder wie es in kurdischer Sprache lautet, Tscherah sonderahn [1) Lichtauslöscher] zu verwechseln? Das religiöse Gefühl eines Christen sträubt sich allerdings gegen die Vorführung dieses Vogels, aber etwas Immoralisches habe ich dabei nicht beobachten können.

|165A Jetzt sollte der Verkauf der Kugeln erfolgen, von denen ich bereits gesprochen habe. Vorher aber traten die Priester herbei und machten Ali Bey und mir ein Geschenk davon. Er erhielt sieben und ich sieben. Sie waren vollständig rund und mit einem arabischen Worte versehen, welches man mit einem spitzigen Instrumente eingegraben hatte. Von meinen sieben Kugeln zeigten vier das Wort >El Schems<, die Sonne.

Der Verkauf fand im äußeren Hofe Statt, während im Innern des ummauerten Raumes die Instrumente und der Gesang noch ertönten. Ich verließ das Heiligthum. Ich dachte, daß das Thal von der Höhe aus einen wundervollen Anblick bieten müsse, und ging, um mir Halef zur Begleitung zu holen. Ich fand ihn auf der Plattform des Hauses bei dem Buluk Emini sitzen. Sie schienen sich in einem sehr animirten Gespräch zu befinden, denn ich hörte ihn sagen:

»Was? Ein Russe wäre es gewesen?«

»Ja, ein Russikow, dem Allah den Kopf abschneiden möge; denn wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich meine Nase noch! Ich haute wie wüthend um mich; dieser Kerl aber holte nach meinem Kopfe aus; ich wollte ausweichen und trat zurück. Der Hieb, welcher den Kopf treffen sollte, traf bloß die - - -«

»Hadschi Halef!« rief ich.

Es machte mir wirklich Spaß, die berühmte Geschichte von der Nase auch einmal unterbrechen zu können. Die Beiden sprangen auf und traten auf mich zu.

|165B »Du sollst mich begleiten, Halef; komm!«

»Wohin, Sihdi?«

»Dort hinauf zur Höhe, um zu sehen, wie sich die Illumination des Thales ausnimmt.«

»O Emir, laß mich mit Dir gehen!« bat Ifra.

»Ich habe nichts dagegen. Vorwärts!«

Wir stiegen die nach Baadri zu gelegene Höhe hin an. Überall trafen wir Männer, Frauen und Kinder mit Fackeln und Lichtern, und von Allen wurden wir mit einer wirklich kindlichen Freude begrüßt und angeredet. Als wir die Höhe erreichten, bot sich uns ein geradezu unbeschreiblicher Anblick dar. Mehrere der Dschesidi waren uns gefolgt, um uns zu leuchten: ich aber bat sie, zurückzugehen oder ihre Fackeln zu verlöschen. Wer den Genuß vollständig haben wollte, mußte sich selbst im Dunkeln befinden.

Da unten im Thale fluthete Flamme an Flamme. Tausend leuchtende Punkte kreuzten, hüpften und schlüpften, tanzten, schossen und flogen durch einander, klein, ganz klein tief unten, je näher aber zu uns, desto größer werdend. Das Heiligthum wallte förmlich von Glanz und Licht, und die beiden Thürme leckten empor in das Dunkel der Nacht wie flammende Hymnen. Dazu ertönte von unten herauf zu uns das dumpfe Wogen und Brausen der Stimmen, oft unterbrochen von einem lauten, nahen Jubelrufe. Ich hätte Stunden lang hier stehen und mich an diesem Anblicke weiden und ergötzen können.

|166A »Was ist das für ein Stern?« ertönte da neben mir eine Frage in kurdischer Sprache.

Einer der Dschesidi hatte sie ausgesprochen.

»Wo?« frug ein Anderer.

»Siehe die Rea kadisahn [1) Milchstraße] da rechts!«

»Ich sehe sie.«

»Unter ihr flammte ein heller Stern auf. Jetzt wieder! Siehst Du ihn?«

»Ich sah ihn. Es ist der Kjale be scheri [2) Wörtlich: der Alte ohne Kopf (große Bär)].«

Die vier Sterne, welche in unserm Sternbilde den Rücken des Bären bilden, heißen nämlich bei den Kurden >der Alte<. Sie meinen, daß sein Kopf hinter einer benachbarten Sternengruppe versteckt sei. Die drei Sterne, welche bei uns den Schwanz des großen Bären bilden (oder die Deichsel des >Wagens<, wie dieses Sternbild auch genannt wird), heißen bei ihnen die >zwei Brüder und die blinde Mutter des Alten<.

»Der Kjale be scheri? Der hat doch vier Sterne!« meinte der erste Frager. »Es wird Kumikji schiwan [3) Venus] sein.«

»Der steht höher. Jetzt leuchtet es wieder. Ah, wir sind irr; es ist ja im Süden! Es wird Meschin [4) Waage] sein.«

»Meschin hat auch mehrere Sterne. Was meinst Du, Herr, daß es ist?«

Diese Frage war an mich gerichtet. Mir schien das Phänomen auffällig.

Die Fackeln und Lichter unter uns warfen einen Schein in die Höhe, der es uns unmöglich machte, die Sterne genau zu erkennen. Der Glanz aber, welcher von Zeit zu Zeit da drüben aufblitzte, um sofort wieder zu verschwinden, war intensiv. Er glich einem Irrlichte, das plötzlich aufleuchtete und augenblicklich wieder verlöschte. Ich beobachtete noch eine Weile und wandte mich dann zu Halef:

»Hadschi Halef, eile sofort hinab zu Ali Bey und sage ihm, daß er sehr schnell zu mir heraufkommen möge! Es handle sich um etwas Wichtiges.«

Der Diener verschwand mit schnellen Schritten, und ich trat noch eine Strecke weiter vor, theils, um den vermeintlichen Stern besser beobachten zu können, theils auch, um allen weiteren Fragen zu entgehen.

Glücklicher Weise hatte Ali Bey gehört, daß ich heraufgegangen sei, und den Entschluß gefaßt, mir zu folgen. Halef traf ihn eine nur kleine Strecke unter uns und brachte ihn zu mir.

»Was willst Du mir zeigen, Emir?«

Ich streckte den Arm aus.

»Blicke fest dorthin! Du wirst einen Stern aufblitzen sehen. Jetzt!«

»Ich sehe ihn.«

»Er ist wieder fort. Kennst Du ihn?«

»Nein. Er liegt sehr tief und gehört zu keinem Bilde.«

Ich trat an einen Busch und schnitt einige Ruthen ab. Die eine davon steckte ich in die Erde und stellte mich dann einige Schritte vorwärts von ihm auf.

»Kniee genau hinter dieser Ruthe nieder. Ich werde in der Richtung von ihr, in welcher der Stern wieder blitzt, eine zweite aufstecken. - Sahst Du ihn jetzt?«

»Ja. Ganz deutlich.«

»Wohin soll die Ruthe? Hierher?«

»Einen Fußbreit weiter nach rechts.«

»Hierher?«

»Ja; das ist genau.«

»So! Nun beobachte weiter!«

»Jetzt sah ich ihn wieder!« meinte er nach einer kleinen Weile.

»Wo? Ich werde eine dritte Ruthe stecken.«

Der Stern war nicht am alten Platze. Er war viel weiter links.

»Wie weit? Sage es!«

»Zwei Fuß von der vorigen Ruthe.«

»Hier?«

»Ja.«

|166B Ich steckte die dritte Ruthe ein, und Ali Bey beobachtete weiter.

»Jetzt sah ich ihn wieder,« meinte er bald.

»Wo?«

»Nicht mehr links, sondern rechts.«

»Gut! Das war es, was ich Dir zeigen wollte. Jetzt magst Du Dich wieder erheben.«

Die andern hatten meinem sonderbaren Gebaren mit Verwunderung zugesehen, und auch Ali Bey konnte den Grund desselben nicht einsehen.

»Warum lässest Du mich dieses Sternes wegen rufen?«

»Weil es kein Stern ist!«

»Was sonst? Ein Licht?«

»Nun, wenn es nur ein Licht wäre, würde es schon merkwürdig sein; aber es ist eine ganze Reihe von Lichtern.«

»Woraus vermuthest Du dies?«

»Ein Stern kann es nicht sein, weil es tiefer steht, als die Spitze des Berges, der dahinter liegt. Und daß es mehrere Lichter sind, hast Du ja aus dem Experimente gesehen, das wir vorgenommen haben. Da drüben gehen oder reiten viele Leute mit Fackeln oder Laternen, von denen zuweilen die eine oder die andere herüberblitzt.«

Der Bey stieß einen Ausruf der Verwunderung aus.

»Du hast Recht, Emir!«

»Wer mag es sein?«

»Pilger sind es nicht, denn diese würden auf dem Wege von Baadri nach Scheik Adi kommen.«

»So denke an die Türken!«

»Herr! Wäre es möglich?«

»Das weiß ich nicht, denn diese Gegend ist mir unbekannt. Beschreibe sie mir, Bey!«

»Hier grad aus geht der Weg nach Baadri, und hier weiter links der nach Aïn Sifni. Theile diesen Weg in drei Theile; gehe das erste Drittel, so hast Du diese Lichter dann Dir zur Linken nach dem Wasser zu, welches von Scheik Adi kommt.«

»Kann man am Wasser entlang reiten?«

»Ja.«

»Und auf diese Weise nach Scheik Adi kommen?«

»Ja.«

»So ist ein großer, ein sehr großer Fehler vorgekommen!«

»Welcher?«

»Du hast Vorposten gestellt nach Baadri und Kaloni hin, aber nicht nach Aïn Sifni zu.«

»Dorther werden die Türken nicht kommen. Die Leute von Aïn Sifni würden es uns verrathen.«

»Aber wenn die Türken nicht nach Aïn Sifni gehen, sondern bei Dscheraijah den Khausser überschreiten und dann zwischen Aïn Sifni und hier das Thal zu erreichen suchen? Mir scheint, sie würden dann dieselbe Richtung nehmen, in welcher sich dort jene Lichter bewegen. Siehe, sie sind bereits wieder nach links vorgerückt!«

»Emir, Deine Vermuthung ist vielleicht die richtige. Ich werde sofort mehrere Wachen vorschicken!«

»Und ich werde mir einmal diese Sterne näher betrachten. Hast Du einen Mann, der diese Gegend genau kennt?«

»Niemand kennt sie besser als Selek.«

»Er ist ein guter Reiter; er soll mich führen!«

Wir stiegen so schnell wie möglich hinab. Der letztere Theil der Unterredung war von uns leise geführt worden, so daß niemand, und besonders auch der Baschi-Bozuk nicht, etwas davon vernommen hatte. Selek war bald gefunden; er erhielt ein Pferd und nahm seine Waffen zu sich. Auch Halef mußte mit. Ich konnte mich auf ihn mehr als auf jeden Andern verlassen. Zwanzig Minuten später, nachdem ich den Stern zuerst gesehen hatte, jagten wir auf dem Wege nach Aïn Sifni dahin. Auf der nächsten Höhe blieben wir halten. Ich musterte das Halbdunkel vor uns und sah endlich das Aufleuchten wieder. Ich machte Selek auf dasselbe aufmerksam.

»Emir, das ist kein Stern, das sind auch keine Fackeln, denn diese würden einen umfangreicheren Schein verbreiten. Das sind Laternen.«

»Ich muß hart an sie heran. Kennst Du die Gegend genau?«

|167A »Ich werde Dich führen; ich kenne jeden Stein und jeden Strauch. Halte Dich nur hart hinter mir, und nimm Dein Pferd stets hoch!«

Er wandte sich von dem Wasser nach rechts, und nun ging es über Stock und Stein im Trabe vorwärts. Es war ein sehr böser Ritt, aber bereits nach einer reichlichen Viertelstunde konnten wir genau mehrere Lichter unterscheiden. Und nach einer zweiten Viertelstunde, während welcher uns dieselben hinter einem vor uns liegenden Bergrücken verschwunden waren, langten wir auf dem Letzteren an und sahen nun sehr deutlich, daß wir einen ziemlich langen Zug vor uns hatten. Von wem derselbe gebildet wurde, war von hier aus nicht zu unterscheiden; das aber bemerkten wir, daß er plötzlich verschwand und nicht wieder erschien.

»Gibt es dort wieder einen Hügel?«

»Nein. Hier ist Ebene,« antwortete Selek.

»Oder eine Vertiefung, ein Thal, in welchem diese Lichter verschwinden können?«

»Nein.«

»Oder ein Wald - - -«

»Ja, Emir,« fiel er schnell ein. »Dort, wo sie verschwunden sind, liegt ein kleines Olivenwäldchen.«

»Ah! Du wirst mit den Pferden hier bleiben und auf uns warten. Halef aber begleitet mich.«

»Herr, nimm mich auch mit,« bat Selek.

»Die Thiere würden uns verrathen.«

»Wir binden sie an!«

»Mein Rappe ist zu kostbar, als daß ich ihn ohne Aufsicht lassen dürfte. Und übrigens verstehst Du auch das richtige Anschleichen nicht. Man würde Dich hören oder gar sehen.«

»Emir, ich verstehe es!«

»Sei still!« meinte da Halef. »Auch ich dachte, ich verstände es, mich mitten in ein Duar zu schleichen und das beste Pferd wegzunehmen; aber als ich es vor dem Effendi machen mußte, habe ich mich schämen müssen wie ein Knabe! Aber tröste Dich, denn Allah hat nicht gewollt, daß aus Dir eine Eidechse werde!«

Wir ließen die Gewehre zurück und schritten voran. Es war gerade so licht, daß man auf fünfzig Schritte einen Menschen so leidlich erkennen konnte. Vor uns tauchte nach vielleicht zehn Minuten ein dunkler Punkt auf, dessen Dimensionen von Schritt zu Schritt zunahmen - das Olivenwäldchen. Als wir so weit heran waren, daß wir es in fünf oder sechs Minuten zu erreichen vermocht hätten, hielt ich an und lauschte angestrengt. Nicht der mindeste Laut war zu vernehmen.

»Gehe genau hinter mir, daß unsere Personen eine einzige Linie bilden!«

Ich hatte nur Jacke und Hose an, beide dunkel; auf dem Kopfe trug ich den Tarbusch, von dem ich das Turbantuch abgewunden hatte. So war ich nicht so leicht vom dunklen Boden zu unterscheiden. Mit Halef war ganz dasselbe der Fall.

Lautlos glitten wir weiter. Da vernahmen wir das Geräusch knackender Äste. Wir legten uns nun auf die Erde nieder und krochen langsam vorwärts. Das Knacken und Brechen wurde lauter.

»Man sammelt Äste, vielleicht gar, um ein Feuer zu machen.«

»Gut für uns, Sihdi!« flüsterte Halef.

Bald erreichten wir den hinteren Rand des Gehölzes. Das Schnauben von Thieren und Männerstimmen wurden hörbar. Wir lagen soeben hart neben einem dichten Buschwerke. Ich deutete auf dasselbe und sagte leise:

»Verbirg Dich hier, und erwarte mich, Halef.«

»Herr, ich verlasse Dich nicht; ich folge Dir!«

»Du würdest mich verrathen. Das unhörbare Schleichen ist in einem Walde schwieriger als auf offenem Felde. Ich habe Dich nur mitgenommen, um mir den Rückzug zu decken. Du bleibst liegen, selbst wenn Du schießen hörst. Wenn ich Dich rufe, so kommst Du so schnell wie möglich.«

»Und wenn Du weder kommst noch rufest?«

»So schleichst Du Dich nach einer halben Stunde vorwärts, um zu sehen, was mit mir geschehen ist.«

»Sihdi, wenn sie Dich tödten, so schlage ich Alle todt!«

Diese Versicherung hörte ich noch, dann war ich fort; aber noch hatte ich mich nicht sehr weit von ihm entfernt, so hörte ich eine laute, befehlende Stimme rufen:

|167B »Et atesch - brenne an, mache Feuer!«

Diese Stimme kam aus einer Entfernung von vielleicht hundert Fuß. Ich konnte also unbesorgt weiter kriechen. Da vernahm ich das Prasseln einer Flamme und bemerkte zugleich einen lichten Schein, der sich zwischen den Bäumen fast bis zu mir verbreitete. Das erschwerte mir natürlich mein Vorhaben bedeutend.

»Taschlar atesch tschewresinde - lege Steine um das Feuer!« befahl dieselbe Stimme.

Diesem Befehle wurde jedenfalls sofort Folge geleistet, denn der lichte Schein verschwand, so daß ich nun besser vorwärts konnte. Ich schlich mich von einem Stamme zum andern und wartete hinter einem jeden, bis ich mich überzeugt hatte, daß ich nicht bemerkt worden sei. Glücklicher Weise war diese Vorsicht überflüssig; ich befand mich nicht in den Urwäldern Amerika's, und die guten Leute, welche ich vor mir hatte, schienen nicht die mindeste Ahnung zu haben, daß es irgend einem Menschenkinde einfallen könne, sie zu belauschen.

So avancirte ich immer weiter, bis ich einen Baum erreichte, dessen Wurzeln so zahlreiche Schößlinge getrieben hatten, daß ich hinter denselben ein recht leidliches Versteck zu finden hoffte. Wünschenswerth war dies besonders deßhalb, weil ganz in der Nähe des Baumes zwei Männer saßen, auf die ich es abgesehen hatte, - zwei türkische Offiziere.

Mit einiger Vorsicht gelang es mir, mich hinter den Schößlingen häuslich niederzulassen, und nun konnte ich die Scene vollständig überblicken.

Draußen vor dem kleinen Gehölze standen - vier Gebirgskanonen oder vielmehr zwei Kanonen und zwei Haubitzen, und am Saume des Gehölzes waren ungefähr zwanzig Maulthiere angebunden, die zum Transporte dieser Geschütze erforderlich gewesen waren. Man braucht zu einem Geschütze gewöhnlich vier bis fünf Maulthiere; eins muß das Rohr, eins die Lafette und zwei bis vier müssen die Munitionskästen tragen.

Die Topdschi [1) Kanoniere] hatten es sich bequem gemacht; sie lagen auf dem Boden ausgestreckt und plauderten leise mit einander. Die beiden Offiziere aber wünschten Kaffee zu trinken und ihren Tschibuk zu rauchen; darum war ein Feuer gemacht worden, über welchem ein kleiner Kessel auf zwei Steinen stand. Der Eine der beiden Helden war ein Jüs Baschi [2) Hauptmann] und der Andere ein Mülasim [3) Lieutenant]. Der Jüs Baschi hatte ein recht biederes Aussehen; er kam mir grade so vor, als sei er eigentlich ein urgemüthlicher, dicker, deutscher Bäckermeister, der auf einem Liebhabertheater den wilden Türken spielen soll und sich dazu für anderthalbe Mark vom Maskenverleiher das Kostüm geliehen hat. Mit dem Mülasim war es ganz ähnlich. Just so wie er mußte eine sechzigjährige Kaffeeschwester aussehen, die auf den unbegreiflichen Backfischgedanken gerathen ist, in Pumphosen und Osmanly-Jacke auf die Redoute zu gehen. Es war mir ganz so, als müsse ich jetzt hinter dem Baume hervortreten und sie überraschen mit den geflügelten Worten:

»Schön' guten Abend, Meister Mehlhuber; 'pfehle mich, Fräulein Lattenstengel; 'was Neues? Danke, danke, werde so frei sein!«

Freilich waren die Worte, welche ich zu hören bekam, etwas weniger gemüthlich. Ich lag ihnen so nahe, daß ich Alles hören konnte.

»Toplerimiz chosch - unsere Kanonen sind gut!« brummte der Jüs Baschi.

»Pek chosch - sehr gut!« flötete der Mülasim.

»Atar-iz, atar-iz hepsi - wir werden schießen, Alles niederschießen!«

»Hepsi - Alles!« ertönte das Echo.

»Japar-iz kazangdschü - wir werden Beute machen!«

»Tschok kazangdschü - viel Beute!«

»Oladschag-iz jijid - wir werden tapfer sein!«

»Pek jijid - sehr tapfer!«

»Binar-iz - wir werden befördert werden!«

»Jüksek, ghajet jüksek - hoch, äußerst hoch!«

»Tütar-iz sonra tütünü adschemli - dann rauchen wir Tabak aus Persien!«

»Tütünü schirazli - Tabak aus Schiras!«

|168A »Ile itschar-iz kawehji arabli - und trinken Kaffee aus Arabien!«

»Kawehji mokkahli - Kaffee aus Mokka!«

»Dschesidiler gerek olar-lar ölmek hepsi - die Dschesidi müssen alle sterben!«

»Hepsi - alle!«

»Fenalar - die Bösewichter!«

»Oghanlar - die Buben!«

»Na paklar, utanmazlar - die Unreinen, die Unverschämten!«

»Kiöpekler - die Hunde!«

»Öldirar-iz onlari - wir werden sie tödten!«

»Jarin sabah tiz - morgen früh gleich!«

»Tabiatli, dir doghru - natürlich, das versteht sich!«

Ich hatte nun genug gesehen und gehört; darum zog ich mich zurück, erst langsam und vorsichtig, dann aber rascher. Ich erhob mich dabei sogar von der Erde, worüber Halef sich nicht wenig wunderte, als ich bei ihm ankam.

»Wer ist es, Sihdi?«

»Artilleristen. Komm; wir haben keine Zeit!«

»Gehen wir aufrecht?«

»Ja.«

Wir erreichten bald unsere Pferde, stiegen auf und kehrten zurück. Die Strecke nach Scheik Adi wurde jetzt natürlich viel schneller zurückgelegt, als vorhin. Wir fanden dort noch dasselbe rege Leben.

Ich hörte, daß Ali Bey sich beim Heiligthum befinde, und traf ihn mit dem Mir Scheik Khan in dem inneren Hofe desselben. Er kam mir erwartungsvoll entgegen und führte mich zum Khan.

»Was hast Du gesehen?« frug er.

»Kanonen!«

»Oh!« machte er erschrocken. »Wie viele?«

»Vier kleine Gebirgskanonen.«

»Welchen Zweck haben sie?«

»Scheik Adi soll damit zusammengeschossen werden. Während die Askeri [1)Infanteristen] von Baadri und Kaloni angreifen, soll die Artillerie jedenfalls da unten am Wasser spielen. Der Plan ist nicht schlecht, denn von dort aus läßt sich das ganze Thal bestreichen. Es handelte sich nur darum, die Geschütze unbemerkt über die Höhen zu bringen; dies ist gelungen; man hat sich der Maulthiere bedient, mit deren Hilfe die Kanonen in einer Stunde von dem Lagerplatze aus bis nach Scheik Adi gebracht werden können.«

»Was thun wir, Emir?«

»Gib mir sofort sechzig Reiter mit und einige Feneri [2)Laternen], so siehst Du binnen zwei Stunden die Geschütze mit ihrer Bedienung hier in Scheik Adi!«

»Gefangen?«

»Gefangen!«

»Herr, ich gebe Dir hundert Reiter!«

»Nun wohl, gib mir sofort achtzig und sage ihnen, daß ich sie unten am Wasser erwarte.«

Ich ging und traf Halef und Selek noch bei den Pferden.

»Was wird Ali Bey thun?« frug Halef.

»Nichts. Wir selbst werden thun, was gethan werden soll.«

»Was ist das, Sihdi? Du lachst! Herr, ich kenne Dein Gesicht; wir holen die Kanonen?«

»Allerdings! Ich möchte aber die Kanonen haben, ohne daß Blut vergossen wird, und darum nehmen wir achtzig Reiter mit.«

Wir ritten dem Ausgange des Thales zu, wo wir nicht lange warten durften, bis die Achtzig kamen.

Ich sandte Selek mit zehn Mann voran und folgte mit den Andern eine Strecke hinter ihnen. Wir erreichten, ohne einen Feind zu sehen, die Anhöhe, auf welcher Selek vorhin auf uns gewartet hatte, und stiegen da ab. Zunächst sandte ich einige Leute aus, welche für unsere eigene Sicherheit zu wachen hatten; dann ließ ich zehn Mann bei den Pferden zurück und gebot ihnen, den Platz ohne meinen Befehl nicht zu verlassen, und nun schlichen wir Andern auf das Wäldchen zu. In passender Entfernung vor demselben angekommen, wurde Halt gemacht, und ich ging allein vorwärts. Wie vorher gelangte ich auch diesmal ohne Hinderniß zu dem Baume, unter welchem ich bereits gelegen hatte. Die Türken lagen in einzelnen Gruppen beisammen und plauderten. |168B Ich hatte gehofft, daß sie schliefen. Die militärische Wachsamkeit und die Erwartung des bevorstehenden Kampfes ließen sie jedoch nicht schlafen. Ich zählte mit den Unteroffizieren und den beiden Offizieren vierunddreißig Mann und kehrte zu den Meinen zurück.

»Hadschi Halef und Selek, geht und holt Eure Pferde! Ihr reitet einen Bogen und kommt an der andern Seite des Wäldchens vorüber. Man wird Euch anhalten. Ihr sagt, daß Ihr Euch verirrt habt und zu dem Feste nach Scheik Adi kommen wollt. Ihr werdet so die Aufmerksamkeit der Osmanly von uns ab-, und auf Euch lenken. Das Übrige ist unsere Sache. Geht!«

Die Übrigen ließ ich zwei lange, hinter einander stehende Reihen bilden, die den Zweck hatten, das Gehölz von drei Seiten zu umfassen. Ich gab ihnen die nöthige Anweisung, worauf wir uns zu Boden legten und vorwärts krochen.

Natürlich kam ich am schnellsten voran. Ich hatte meinen Baum wohl bereits seit zwei Minuten erreicht, als laute Hufschläge erschallten. Das Feuer brannte noch immer; darum war es mir möglich, die ganze Scene leidlich zu überblicken. Die beiden Offiziere hatten wahrscheinlich während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit geraucht und Kaffee getrunken.

»Scheik Adi kem juwa - Scheik Adi ist ein böses Nest!« hörte ich den Hauptmann sagen.

»Jum juwa - ganz bös!« antwortete der Lieutenant.

»Chalk onda scheïtani etar-lar - die Leute dort beten den Teufel an!«

»Scheïtani; Allah onlari döj-sun de jassilt-sun de - Den Teufel; Allah zerhacke und zerquetsche sie!«

»Bu kylar-iz - das werden wir thun!«

»He, onlari jirtar-iz - ja, wir werden sie zerreißen!«

»Büz bütün - ganz und gar!«

Bis hierher konnte ich die Unterhaltung vernehmen, dann aber hörte man das erwähnte Pferdegetrappel. Der Lieutenant hob den Kopf empor.

»Bir kemse gel-yr - man kommt!« sagte er.

Auch der Hauptmann lauschte.

»Kim dir olan - wer mag das sein?« frug er.

»Iki atlilar dirler; onu ischar-im - es sind zwei Reiter; ich höre es.«

Sie erhoben sich, und die Soldaten taten dasselbe. In dem Scheine, welchen das Feuer hinauswarf, wurden Halef und Selek sichtbar. Der Hauptmann trat ihnen entgegen und zog seinen Säbel.

»Halt! Wer seid Ihr?« rief er sie an.

Sie waren sofort von den Türken umringt. Mein kleiner Halef betrachtete sich die Offiziere vom Pferde herunter mit einer Miene, welche mich errathen ließ, daß sie auf ihn ganz denselben Eindruck machten, den sie auch auf mich hervorgebracht hatten.

»Wer Ihr seid, habe ich gefragt!« wiederholte der Hauptmann.

»Leute!«

»Was für Leute?«

»Männer!«

»Was für Männer?«

»Reitende Männer!«

»Scheïtan sizi jer - der Teufel verschlinge Euch! Antwortet besser, sonst erhaltet Ihr die Bastonnade! Also, wer seid Ihr?«

»Wir sind Dschesidi,« antwortete jetzt Selek mit kleinlauter Stimme.

»Dschesidi? Ah! Woher?«

»Aus Mekka.«

»Aus Mekka? Allah il Allah! Gibt es dort auch Teufelsanbeter?«

»Jarisi jük - grad fünfmalhunderttausend.«

»O kadar - so viele! Allah kerihm; er läßt viel Unkraut unter dem Weizen wachsen! - Wohin wollt Ihr?«

»Nach Scheik Adi.«

»Ah, sizi war-benim - ah, habe ich Euch! Was wollt Ihr dort?«

»Es wird dort ein großes Fest gefeiert.«

»Ich weiß es. Ihr tanzt und singt mit dem Teufel und betet dabei einen Hahn an, der durch das Feuer der Dschehennah |169A ausgebrütet worden ist. Steigt ab! Köle olar-siz - Ihr seid meine Gefangenen!«

»Gefangen? Was haben wir gethan?«

»Oghular scheïtanün siz - Ihr seid Söhne des Teufels. Ihr müßt geprügelt werden, bis Euer Vater von Euch gewichen ist. Aschaghy atlardan - herunter von den Pferden!«

Er griff selbst zu, und die beiden Männer wurden förmlich von den Pferden heruntergezogen.

»Gebt Euere Waffen her!«

Ich wußte, Halef würde das nie thun, selbst unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht. Er sah suchend nach dem Feuer hin, und so hob ich den Kopf so weit empor, daß er mich erblickte. Nun wußte er, daß er sicher sein könne. Aus dem vielen leisen Rascheln hinter mir hatte ich bereits erkannt, daß die Meinen das Lager vollständig umschlossen hatten.

»Unsere Waffen?« frug Halef. »Höre, Jüs Baschi, erlaube, daß wir Dir etwas sagen!«

»Was?«

»Das können wir nur Dir und dem Mülasim mittheilen.«

»Ich mag nichts von Euch erfahren!«

»Es ist aber wichtig, sehr wichtig!«

»Was betrifft es?«

»Höre!«

Er flüsterte ihm einige Worte in das Ohr, welche den augenblicklichen Erfolg hatten, daß der Hauptmann einen Schritt zurücktrat und den Sprecher mit einer gewissen achtungsvollen Miene |169B musterte. Später erfuhr ich, daß der schlaue Halef geflüstert hatte: »Euern Geldbeutel betrifft es!«

»Ist das wahr?« frug der Offizier.

»Es ist wahr!«

»Wirst Du darüber schweigen?«

»Wie das Grab!«

»Schwöre es mir!«

»Wie soll ich schwören?«

»Bei Allah und dem Barte des - - doch nein, Ihr seid ja Dschesidi. So schwöre es mir beim Teufel, den Ihr anbetet!«

»Nun wohl! Der Teufel weiß es, daß ich nachher nichts sagen werde!«

»Aber er wird Dich zerreißen, wenn Du die Unwahrheit sagst! Komm, Mülasim; kommt, Ihr Beiden!«

Die vier Männer traten zum Feuer herbei; ich konnte jedes ihrer Worte vernehmen.

»Nun, so rede!« gebot der Hauptmann.

»Laß uns frei! Wir werden Dich bezahlen.«

»Habt Ihr Geld?«

»Wir haben Geld.«

»Wißt Ihr es nicht, daß dieses Geld bereits mir gehört? Alles, was Ihr bei Euch führt, ist unser.«

»Du wirst es nie finden. Wir kommen von Mekka her, und wer eine solche Reise macht, der weiß sein Geld zu verbergen.«

»Ich werde es finden!«

|170A »Du wirst es nicht finden, selbst wenn Du uns tödtest und Alles ganz genau durchsuchen lässest. Die Teufelsanbeter haben sehr gute Mittel, ihr Geld unsichtbar zu machen.«

»Allah ist allwissend!«

»Aber Du bist nicht Allah!«

»Ich darf Euch nicht freilassen.«

»Warum?«

»Ihr würdet uns verrathen.«

»Verrathen? Wie so?«

»Seht Ihr nicht, daß wir hier sind, um einen Kriegszug zu unternehmen?«

»Wir werden Dich nicht verrathen.«

»Aber Ihr wollt nach Scheik Adi gehen!«

»Sollen wir nicht?«

»Nein.«

»So sende uns, wohin es Dir beliebt!«

»Wolltet Ihr nach Baaweiza gehen und dort zwei Tage warten?«

»Wir wollen es.«

»Wie viel wollt Ihr uns für Eure Freiheit zahlen?«

»Wie viel verlangst Du?«

»Fünfzehntausend Piaster [1) Dreitausend Mark ungefähr] für Jeden.«

»Herr, wir sind sehr arme Pilger. So viel haben wir nicht bei uns!«

»Wie viel habt Ihr?«

»Fünfhundert Piaster können wir Dir vielleicht geben.«

»Fünfhundert? Kerl, Ihr wollt uns betrügen!«

»Vielleicht bringen wir auch sechshundert zusammen.«

»Ihr gebt zwölftausend Piaster und keinen Para weniger. Das schwöre ich Euch bei Mohammed. Und wollt Ihr nicht, so lasse ich Euch so lange prügeln, bis Ihr sie gebt. Ihr habt gesagt, daß Ihr Mittel besitzt, Euer Geld unsichtbar zu machen; Ihr habt also viel bei Euch, und ich habe das Mittel, Euere Piaster wieder sichtbar zu machen!«

Halef tat, als erschrecke er.

»Herr, thust Du es wirklich nicht billiger?«

»Nein.«

»So müssen wir es Dir geben!«

»Ihr Schurken, jetzt sehe ich, daß Ihr viel Geld bei Euch habt! Nun werdet Ihr nicht für zwölftausend Piaster frei, sondern Ihr müßt das geben, was ich zuerst verlangte, nämlich fünfzehntausend.«

»Verzeihe, Herr, das ist zu wenig!«

Der Hauptmann sah den kleinen Hadschi Halef ganz erstaunt an.

»Wie meinst Du das, Kerl?«

»Ich meine, daß ein Jeder von uns mehr werht ist, als fünfzehntausend Piaster. Erlaube, daß wir Dir fünfzigtausend geben!«

»Mensch, bist Du verrückt?«

»Oder hunderttausend!«

Der Bäckermeister-Jüs Baschi blies ganz rathlos die Backen auf und blickte dem Lieutenant in das hagere Gesicht.:

»Mülasim, ne sen-der - Lieutenant, was sagst Du?«

Dieser hatte den Mund offen und gestand freimüthig:

»Hitsch, sim hitsch - nichts, ganz und gar nichts!«

»Ich auch nichts! Diese Menschen müssen ungeheuer reich sein!«

Dann wandte er sich wieder zu Halef:

»Wo habt Ihr das Geld?«

»Mußt Du es wissen?«

»Ja.«

»Wir haben Einen bei uns, der für uns bezahlt. Du kannst ihn aber nicht sehen.«

»Allah bizi koruny-sun - Allah beschütze uns! Du meinst den Teufel!«

»Soll er kommen?«

»Nein, nein, niemals! Ich bin kein Dschesidi, ich verstehe nicht, mit ihm zu reden! Ich würde todt sein vor Schreck!«

»Du wirst nicht erschrecken, denn dieser Scheïtan kommt in der Gestalt eines Menschen. Da ist er schon!«

|170B Ich hatte mich hinter dem Baume erhoben, und mit zwei schnellen Schritten stand ich vor den beiden Offizieren. Sie fuhren entsetzt aus einander, der Eine nach rechts und der Andere nach links. Da ihnen aber meine Gestalt doch nicht ganz und gar schrecklich vorkommen mochte, so blieben sie stehen und starrten mich wortlos an.

»Jüs Baschi,« redete ich sie an, »ich habe Alles gehört, was Ihr heute Abend und heute Morgen gesprochen habt. Ihr sagtet, Scheik Adi sei ein böses Nest!«

Ein schwerer Athemzug erscholl als einzige Antwort.

»Ihr sagtet, Allah möge dort die Leute zerhacken und zerquetschen.«

»Oh, oh!« ertönte es.

»Ihr sagtet ferner, Ihr wolltet die Bösewichter, die Buben, die Unreinen, die Unverschämten, die Hunde niederschießen und große Beute machen!«

Der Mülasim war halb todt vor Angst, und der Jüs Baschi konnte nichts als stöhnen.

»Ihr wolltet dann befördert werden und Tabak aus Schiras rauchen!«

»Er weiß Alles!« brachte der dicke Hauptmann angstvoll hervor.

»Ja, ich weiß Alles. Ich werde Euch befördern. Weißt Du, wohin?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nach Scheik Adi, zu den Unreinen und Unverschämten, die Ihr tödten wolltet. Jetzt sage ich zu Euch das, was Ihr vorhin zu diesen beiden Männern sagtet: Köle olar-siz - Ihr seid meine Gefangenen!«

Die Soldaten konnten sich den Vorgang nicht erklären; sie standen in einem dichten Knäuel beisammen. Der Wink, welchen ich bei meinen letzten Worten gab, genügte. Die Dschesidi brachen hervor und umringten sie. Nicht ein Einziger dachte daran, Widerstand zu leisten. Alle waren ganz verblüfft. Die Offiziere aber ahnten nun doch den wahren Sachverhalt und griffen in den Gürtel.

»Halt, keine Gegenwehr!« ermahnte ich sie, indem ich den Revolver zog. »Wer zur Waffe greift, wird augenblicklich niedergeschossen!«

»Wer bist Du?« frug der Hauptmann.

Er schwitzte förmlich. Der brave Fallstaff dauerte mich einigermaßen, und die Don Quixote-Gestalt neben ihm gleichfalls. Um ihre Beförderung war es nun geschehen.

»Ich bin Euer Freund und wünsche deßhalb, daß Ihr nicht von den Dschesidi niedergeschossen werdet. Gebt Eure Waffen ab!«

»Aber wir brauchen sie doch!«

»Wozu?«

»Wir müssen damit die Geschütze vertheidigen!«

Dieser beispiellosen Naivität war nicht zu widerstehen, ich mußte laut auflachen. Dann beruhigte ich sie:

»Seid ohne Sorgen; wir werden die Kanonen behüten!«

Es ward zwar noch Einiges hin und her gesprochen, dann aber streckten sie doch die Waffen.

»Was werdet Ihr mit uns thun?« frug jetzt der besorgte Jüs Baschi.

»Das kommt ganz auf Euer Verhalten an. Vielleicht werdet Ihr getödtet, vielleicht aber auch erlangt Ihr Gnade, wenn Ihr gehorsam seid.«

»Was sollen wir thun?«

»Zunächst meine Fragen der Wahrheit gemäß beantworten.«

»Frage!«

»Kommen noch mehr Truppen hinter Euch?«

»Nein.«

»Ihr seid wirklich die Einzigen hier?«

»Ja.«

»So ist der Miralai Omar Amed ein sehr unfähiger Mensch. In Scheik Adi halten mehrere tausend Bewaffnete, und hier schickt er dreißig Männer mit vier Kanonen gegen sie. Er mußte Euch wenigstens einen Alai Emini mit zweihundert Mann Infanterie als Bedeckung mitgeben. Dieser Mann hat gemeint, die Dschesidi seien so leicht zu fangen und zu tödten, wie die Fliegen. Welche Befehle hat er Euch gegeben?«

»Wir sollen die Geschütze unbemerkt bis an das Wasser schaffen.«

|171A »Und dann?«

»Und dann an demselben aufwärts gehen, bis eine halbe Stunde vor Scheik Adi.«

»Weiter!«

»Dort sollen wir warten, bis er uns einen Boten sendet. Darauf müssen wir bis zum Thale vorrücken und die Dschesidi mit Kugeln, Kartätschen und Granaten beschießen.«

»Das Vorrücken ist Euch gestattet; Ihr werdet sogar noch weiter kommen als nur bis zum Eingange des Thales. Das Schießen aber werden Andere übernehmen.«

Nun es einmal geschehen war, ergaben sich die Türken als echte Fatalisten ganz ruhig in ihr Schicksal. Sie mußten zusammentreten und wurden von den Dschesidi escortirt. Die Geschützstücke waren auf die Maulthiere geladen worden und folgten unter Bedeckung. Natürlich machten wir uns wieder beritten, als wir bei den Pferden ankamen.

Eine halbe Stunde vor dem Thale von Scheik Adi ließ ich die Kanonen unter dem Schutze von zwanzig Mann zurück. Es geschah dies um des Boten willen, welcher von dem Miralai erwartet wurde.

Gleich an dem Eingange zum Thale trafen wir auf eine bedeutende Menschenmenge. Das Gerücht von unserer kleinen Expedition hatte sich sehr bald unter den Pilgern verbreitet, und man hatte sich hier versammelt, um das Ergebniß so bald wie möglich zu vernehmen. In Folge dessen war auch jedwedes Schießen im Thale eingestellt worden, so daß nun eine tiefe Stille herrschte. Man wollte die Schüsse hören, falls es zwischen uns und den Türken zu einem ernstlichen Kampfe kommen sollte.

Der Erste, welcher mir entgegenkam, war Ali Bey.

»Endlich kommst Du,« rief er sichtlich erleichtert; dann setzte er besorgt hinzu: »aber ohne Kanonen! Und auch Leute fehlen!«

»Es fehlt kein Mann, und auch kein einziger ist verwundet.«

»Wo sind sie?«

»Bei Halef und Selek draußen bei den Geschützen, die ich zurückgelassen habe.«

»Warum?«

»Dieser Jüs Baschi hat mir erzählt, daß der Miralai an die Stelle, an welcher die Kanonen stehen, einen Boten senden werde. Sie sollen dann vorrücken und Scheik Adi mit Vollkugeln, Kartätschen und Granaten beschießen. Hast Du Leute, welche ein Geschütz zu bedienen verstehen?«

»Genug!«

»So sende sie hinaus. Sie mögen mit den Türken die Kleidung wechseln, den Boten gefangen nehmen und dann sofort einen Schuß lösen. Dies wird für uns das sicherste Zeichen sein, daß der Feind nahe ist, und diesen selbst wird es zu einem übereilten Angriff verleiten. Was thust Du mit den Gefangenen?«

»Ich schicke sie fort und lasse sie bewachen.«

»Im Thale Idiz?«

»Nein. Diesen Ort darf Keiner sehen, der nicht ein Dschesidi ist. Aber es gibt eine kleine Schlucht, in der es möglich ist, die Gefangenen nur durch wenige Leute festzuhalten. Komm!«

In seinem Hause erwartete mich ein sehr reichliches Nachtessen, wobei mich seine Frau bediente. Er selbst war nicht zugegen, denn er mußte die Umkleidung der Gefangenen beaufsichtigen, welche dann abgeführt wurden. Diejenigen, welche die Uniformen der Türken erhielten, waren geschulte Kanoniere und rückten bald ab, um sich zu den Geschützen zu begeben.

Die Sterne begannen bereits zu erbleichen, als Ali Bey zu mir kam.

»Bist Du bereit, aufzubrechen, Emir?«

»Wohin?«

»Nach dem Thale Idiz.«

»Erlaube, daß ich hier bleibe!«

»Du willst mitkämpfen?«

»Nein.«

»Dich uns nur anschließen, um zu sehen, ob wir tapfer sind?«

»Ich werde mich Euch auch nicht anschließen, sondern hier in Scheik Adi bleiben.«

|171B »Herr, was denkst Du!«

»Ich denke, daß dies das Richtige sein wird.«

»Man wird Dich tödten!«

»Nein. Ich stehe unter dem Schutze des Großherrn und des Mutessarif.«

»Aber Du bist unser Freund; Du hast die Artilleristen gefangen genommen; das wird Dir das Leben kosten!«

»Wer wird das den Türken erzählen? Ich bleibe hier mit Halef und dem Baschi-Bozuk. So kann ich für Euch vielleicht mehr thun, als wenn ich in Euren Reihen kämpfe.«

»Du magst Recht haben, Emir; aber wenn wir schießen, kannst auch Du verwundet oder vielleicht gar getödtet werden!«

»Das glaube ich nicht, denn ich werde mich hüten, mich Euern Kugeln auszusetzen.«

Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat herein. Er gehörte zu den Posten, welche Ali Bey ausgestellt hatte.

»Herr,« meldete er ihm, »wir haben uns zurückgezogen, denn die Türken sind bereits in Baadri. In einer Stunde sind sie hier.«

»Kehre zurück und sage den Deinen, daß sie immer in der Nähe der Türken bleiben, sich aber von ihnen nicht sehen lassen sollen!«

Wir gingen vor das Haus. Die Frauen und Kinder zogen an uns vorüber und verschwanden hinter dem Heiligthume. Da kam ein zweiter Bote athemlos gelaufen und meldete:

»Herr, die Türken haben Kaloni längst verlassen und marschiren durch die Wälder. In einer Stunde können sie hier sein.«

»Postirt Euch jenseits des ersten Thales und zieht Euch, wenn sie kommen, zurück. Die Unserigen werden Euch oben erwarten!«

Der Mann kehrte zurück, und der Bey entfernte sich auf einige Zeit. Ich stand am Hause und sah auf die Gestalten, die an mir vorüberzogen. Als die Frauen und Kinder vorbei waren, schlossen sich ihnen lange Reihen von Männern an, zu Fuße und zu Pferde; aber sie verschwanden nicht hinter dem Heiligthume, sondern erstiegen die nach Baadri und Kaloni gelegenen Höhen, um den Türken das Thal freizugeben. Es war ein eigenthümliches Gefühl, welches ich beim Anblick dieser dunklen Gestalten empfand. Ein Licht nach dem andern wurde ausgeblasen; eine Fackel nach der andern erlosch, und nur das Grabmal mit seinen beiden Thürmen streckte seine flammende Doppelzunge noch immer zum Himmel empor. Ich war allein hier. Die Angehörigen des Bey waren fort; der Buluk Emini schlief droben auf der Plattform, und Halef war noch nicht zurück. Da aber hörte ich den Galopp eines Pferdes. Halef sprengte heran. Als er absaß, erdröhnten von unten herauf zwei starke, krachende Schläge.

»Was war das, Halef?«

»Die Bäume stürzen. Ali Bey hat befohlen, sie zu fällen, um unten das Thal zu schließen und die Kanonen gegen einen Angriff der Türken zu schützen.«

»Das ist klug gehandelt! Wo sind die Andern von den Zwanzig?«

»Sie mußten auf Befehl des Bey bei den Geschützen zurückbleiben, und er hat außerdem noch dreißig andere Männer zu ihrer Bedeckung beordert.«

»Also zusammen fünfzig Mann. Diese könnten schon einen Angriff aushalten.«

»Wo sind die Gefangenen?« frug Halef.

»Bereits fort unter Aufsicht.«

»Und diese Männer hier ziehen schon zum Kampfe?«

»Ja.«

»Und wir?«

»Bleiben hier zurück. Ich bin begierig, die Gesichter der Türken zu sehen, wenn sie bemerken, daß sie in die Falle gerathen sind.«

Dieser Gedanke schien Halef zu befriedigen, so daß er nicht über unser Hierbleiben murrte. Er mochte sich auch sagen, daß dieses Bleiben wohl gefährlicher sei, als der Anschluß an die Streiter.

|172A »Wo ist Ifra?« frug Halef noch.

»Er schläft auf der Plattform.«

»Er ist ein Ujkudischi [1) Schlafmütze], Sihdi, und darum wird ihm sein Hauptmann den Esel gegeben haben, welcher die ganze Nacht hindurch schreit. Weiß er bereits etwas von dem, was geschehen wird?«

»Ich glaube nicht. Er soll auch nicht wissen, wie weit wir dabei betheiligt waren; verstehst Du?«

Da kam Ali Bey noch einmal zurück, um sein Pferd zu holen. Er machte mir noch allerlei Vorstellungen, welche aber nichts fruchteten, und so war er gezwungen, mich zu verlassen. Er that dies mit dem herzlichsten Wunsche, daß mir nichts Böses geschehen möge, und versicherte wiederholt, er würde alle fünfzehnhundert Türken niederschießen lassen, wenn ich von ihnen ein Leid erdulden müsse. Zuletzt bat er mich, das große weiße Tuch, welches in der Stube hing, auf die Plattform des Hauses, welche er von der Höhe ganz gut überblicken konnte, zu legen, zum Zeichen, daß ich mich wohl befinde. Sollte das Tuch fortgenommen werden, so werde er schließen, daß ich mich in Gefahr befinde, und werde sofort dem gemäß handeln.

Nun stieg er auf und ritt davon, der Letzte von all' den Seinen.

Der Tag begann zu grauen; der Himmel lichtete sich, und wenn man zu ihm emporblickte, vermochte man bereits die einzelnen Äste der Bäume zu unterscheiden. Droben an der gegenüberliegenden Thalwand verhallten die Hufschläge von Ali Bey's Pferd. Ich war nun, da auch mein Dolmetscher mich verlassen mußte, mit den beiden Dienern ganz allein in jenem viel besprochenen Thale eines geheimnißvollen und auch jetzt mir immer noch räthselhaften Cultus. Allein? Ganz Allein? War es wirklich so, oder hörte ich nicht Schritte dort in dem kleinen El Schems geweihten Hause?

Eine lange, weiße Gestalt trat hervor und blickte sich um. Da sah sie mich und kam auf mich zu. Ein langer, schwarzer Bart hing ihr über die Brust herab, während das Haupthaar schneeweiß über den Rücken wallte. Es war Pir Kamek; ich erkannte ihn jetzt.

»Du noch hier?« frug er, als er vor mir stand, mit beinahe harter Stimme. »Wann folgest Du den Andern nach?«

»Ich bleibe hier.«

»Du bleibst? Warum?«

»Weil ich Euch hier mehr nützen kann, als auf andere Weise.«

»Das ist möglich, Emir; aber dennoch solltest Du gehen!«

»Ich richte dieselbe Frage an Dich: Wann gehest Du den Andern nach?«

»Ich bleibe.«

»Warum?«

»Hast Du dort den Scheiterhaufen nicht gesehen?« antwortete er finster. »Er hält mich zurück.«

|172B »Warum er?«

»Weil es nun an der Zeit ist, das Opfer zu bringen, wegen dessen ich ihn errichten ließ.«

»Die Türken werden Dich ja stören!«

»Sie werden mir sogar das Opfer bringen, und ich werde heute den wichtigsten Tag meines Lebens feiern.«

Fast wollte es mir unheimlich werden bei dem Klange dieser hohlen, Stimme. Ich überwand jedoch dieses Gefühl und frug:

»Wolltest Du nicht heute noch mit mir über Dein Buch sprechen, welches mir Ali Bey geliehen hatte?«

»Kann es Dir Freude machen und Nutzen bringen?«

»Gewiß!«

»Emir, ich bin ein armer Priester; nur Dreierlei gehört mir: mein Leben, mein Kleid und das Buch, von dem Du redest. Mein Leben bringe ich dem Reinen, dem Mächtigen, dem Erbarmenden zurück, der mir es geliehen hat; mein Kleid überlasse ich dem Elemente, in welchem auch mein Leib begraben wird, und das Buch schenke ich Dir, damit Dein Geist mit dem meinigen sprechen könne, wenn Zeiten, Länder, Meere und Welten uns von einander trennen.«

War dies nur eine blumige, orientalische Ausdrucksweise, oder sprach aus ihm wirklich die Ahnung eines nahen Todes? Es überlief mich ein Schauder, den ich nicht abschütteln konnte.

»Pir Kamek, Deine Gabe ist groß; fast kann ich sie nicht annehmen!«

»Emir, ich liebe Dich. Du wirst das Buch erhalten, und wenn Dein Blick auf die Worte fällt, die meine Hand geschrieben hat, so denke an das letzte Wort, welches diese Hand schreiben wird in das Buch, darinnen verzeichnet steht die blutige Geschichte der Dschesidi, der Verachteten und Verfolgten.«

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihn umarmen.

»Ich danke Dir, Pir Kamek! Auch ich liebe Dich, und wenn ich Dein Buch öffne, so wird vor mich treten Deine Gestalt, und ich werde hören alle Worte Deines Mundes, die Du zu mir gesprochen hast. Jetzt aber solltest Du Scheik Adi verlassen, denn noch ist es nicht zu spät!«

»Sieh dort das Heiligthum, in welchem Der begraben liegt, welcher verfolgt und getödtet wurde. Er ist nie geflohen. Steht nicht auch in Deinem Kitab, daß man sich nicht fürchten soll vor Jenen, die nur den Leib tödten können? Ich bleibe hier, da ich weiß, daß die Osmanly mir nicht zu schaden vermögen. Und wenn sie mich tödteten, was wäre es? Muß nicht der Tropfen emporsteigen zur Sonne? Stirbt nicht El Schems, der Glänzende, täglich, um auch täglich wieder aufzuerstehen? Ist nicht der Tod der Eingang in eine lichtere, in eine reinere Welt? Hast Du jemals gehört, daß ein Dschesidi von einem Andern sagt, daß er gestorben sei? Er sagt nur, daß er verwandelt sei; denn es gibt weder Tod noch Grab, sondern Leben, nichts als Leben. Darum weiß ich auch, daß ich Dich einst wiedersehen werde!«

|173A Nach diesen Worten schritt er schnell davon und kam hinter der Außenmauer des Grabmales außer Sicht.

Ich trat in das Gebäude und ging nach der Plattform. Droben vernahm ich Stimmen. Halef und Ifra redeten mit einander.

»Ganz allein?« hörte ich den Letzteren fragen.

»Ja.«

»Wohin sind die Andern, die Vielen, die Tausende?«

»Wer weiß es!«

»Aber warum sind sie fort?«

»Sie sind geflohen.«

»Vor wem?«

»Vor Euch.«

»Vor uns? Hadschi Halef Omar, ich verstehe nicht, was Du sagest!«

»So will ich Dir es deutlicher sagen: Sie sind geflohen vor Deinem Mutessarif und vor Deinem Miralai Omar Amed.«

»Aber warum denn?«

»Weil der Miralai kommt, um Scheik Adi zu überfallen.«

»Allah akbar, Gott ist groß, und die Hand des Mutessarif ist mächtig! Sage mir, ob ich bei unserem Emir bleiben darf, oder ob ich unter dem Miralai kämpfen muß!«

»Du mußt bei uns bleiben.«

»Hamdullillah, Preis und Dank sei Allah, denn es ist gut sein bei unserm Emir, den ich zu beschützen habe!«

»Du? Wann hast Du ihn denn beschützt?«

»Stets, so lange er unter meinem Schirme wandelt!«

Halef lachte und erwiederte:

»Ja, Du bist der Mann dazu! Weißt Du, wer der Beschützer des Emir ist?«

»Ich!«

»Nein, ich!«

»Hat ihn nicht der Mutessarif selbst in meine Obhut gegeben?«

»Hat er sich nicht selbst unter meinen Schutz begeben? Und wer gilt da mehr, der Sihdi oder Dein Suzhitsch [1)Wörtlich: Ohnenichts, also nichts, gar nichts, nicht einmal nichts, der geringschätzendste Ausdruck, dessen sich ein Türke bedienen kann] von Mutessarif?«

»Halef Omar, hüte Deine Zunge! Wenn ich dieses Wort dem Mutessarif sage!«

»Glaubst Du, ich werde mich dann vor ihm fürchten? Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah!«

»Und ich heiße Ifra, gehöre zu den tapfern Baschi-Bozuk des Großherrn und wurde für meine Heldenthaten zum Buluk Emini ernannt! Für Dich sorgt nur eine Person, für mich aber sorgt der Padischah und der ganze Staat, den man den osmanischen nennt!«

»Ich möchte wirklich wissen, welchen Vortheil Du von dieser Fürsorge hast!«

»Welchen Vortheil? - Ich will es Dir auseinandersetzen! Ich erhalte einen Monatssold von fünfunddreißig Piastern und täglich zwei Pfund Brot, siebzehn Loth Fleisch, drei Loth Butter, fünf Loth Reis, ein Loth Salz, anderthalb Loth Zuthaten nebst Seife, Öl und Stiefelschmiere!«

»Und dafür verrichtest Du Heldenthaten?«

»Ja, sehr viele und sehr große!«

»Die möchte ich sehen!«

»Was? Du glaubst das nicht! Wie bin ich da zum Beispiel um meine Nase gekommen, welche ich nicht mehr habe! Das war nämlich bei einem Streite zwischen den Drusen und Maroniten des Dschebel Libanon. Wir wurden hingeschickt, um Ruhe und Achtung der Gesetze zu erkämpfen. In einer dieser Schlachten schlug ich wie wütend um mich herum. Da holte ein Feind nach meinem Kopfe aus. Ich wollte ausweichen und trat zurück, und nun traf der Hieb statt meinen Kopf meine Na- - - oooh - aaah - - was war das?«

»Ja, was war das? Ein Kanonenschuß!«

Halef hatte recht; es war ein Kanonenschuß, der den kleinen Buluk Emini um den Schluß seiner interessanten Erzählung gebracht hatte. Das war jedenfalls der Signalschuß, den unsere Artilleristen abgegeben hatten, um uns anzuzeigen, daß |173B der Adjutant des Miralai von ihnen gefangen genommen worden sei. Die beiden Diener kamen sofort von oben herunter geeilt.

»Sihdi, man schießt!« rief Halef, nach den Hähnen seiner Pistolen sehend.

»Mit Kanonen!« fügte Ifra hinzu.

»Schön! Holt die Thiere herein und schafft sie nach dem innern Hof!«

»Auch meinen Esel?«

»Ja. Dann schließt Ihr die Thür!«

Ich selbst holte den weißen Shawl und breitete ihn oben auf der Plattform aus. Dann ließ ich mir einige Decken kommen und legte mich in der Weise darauf, daß ich von unten nicht bemerkt werden konnte. Die beiden Diener nahmen später unweit von mir Platz.

Es war mittlerweile so licht geworden, daß man ziemlich deutlich sehen konnte. Der Nebel wallte bereits im Thale auf; aber noch immer brannten die Lichter und Flammen des Heiligthums, ein Anblick, welcher dem Auge wehe zu thun begann.

So vergingen fünf, ja zehn erwartungsvolle Minuten. Da hörte ich drüben am Abhange ein Pferd wiehern, noch eins, und dann antwortete ein drittes hüben von der andern Seite. Es war klar: die Truppen rückten zu gleicher Zeit an beiden Seiten in das Thal hernieder. Die Befehle des Miralai wurden mit großer Pünktlichkeit befolgt.

»Sie kommen!« meinte Halef.

»Ja, sie kommen!« bestätigte Ifra. »Herr, wenn sie uns nun für Dschesidi halten und auf uns schießen?«

»Dann lässest Du Deinen Esel hinaus, an welchem sie Dich sofort erkennen werden!«

Kavallerie war jedenfalls nicht dabei; die Pferde, welche gewiehert hatten, waren Offizierspferde. Man hätte das Pferdegetrappel hören müssen. Nach und nach aber ließ sich ein Geräusch bemerken, welches immer hörbarer wurde. Es war der Tritt vieler Menschen, die näher kamen.

Endlich ertönten Stimmen von dem Grabmale her, und zwei Minuten später vernahmen wir den Marschschritt einer geschlossenen Kolonne. Ich erhob den Kopf und schaute hinab. Es waren vielleicht zweihundert Arnauten, prächtige Gestalten mit wilden Angesichtern, angeführt von einem Alai Emini und zwei Hauptleuten. Sie zogen in geschlossenen Gliedern das Thal hinab. Hinter ihnen aber kam eine Bande Baschi-Bozuk, welche sich nach rechts und links zerstreute, um die unsichtbaren Bewohner des Thales aufzusuchen. Dann folgte eine kleine Cavalcade von lauter Offizieren: zwei Jüs Baschi, zwei Alai Emini [1) Regimentsquartiermeister oder Rang-Major], zwei Bimbaschi [2) Major oder Bataillonschef], ein Kaimakam [3) Oberstlieutenant], mehrere Kol Agassi [4) Stabsoffizier, Adjutant] und an der Spitze der Truppe ein langer, hagerer Mensch, mit einem außerordentlich grob zugehackten Gesichte, in der reichen, von Gold strotzenden Uniform eines Regimentscommandeur.

»Das ist der Miralai Omar Amed!« meinte Ifra in achtungsvollem Tone.

»Wer ist der Civilist an seiner Seite?« frug ich.

An der Seite des Obersten nämlich ritt ein Mann, dessen Züge höchst auffällig waren. Ich weiß, daß man einen Menschen nicht mit einem Wesen aus dem Thierreiche vergleichen soll; aber es gibt wirklich menschliche Physiognomien, welche ganz unwillkürlich an bestimmte Thiere erinnern. Ich habe Gesichter gesehen, die etwas Affen-, Bullenbeißer- und Katzenartiges hatten; ich habe bei gewissen Gesichtsschnitten sofort an einen Ochsen, einen Esel, eine Eule, ein Wiesel, ein Rüsselthier oder einen Fuchs oder Bären denken müssen. Mag man nun Phrenolog und Physiognomiker sein oder nicht, man wird doch bald bemerken, daß auch die Haltung, der Gang, die Ausdrucksweise, das ganze Thun und Treiben eines solchen Menschen eine gewisse Ähnlichkeit mit der Art und Weise desjenigen Thieres besitzt, an welches man durch die Physiognomie erinnert wurde. Das Gesicht des Mannes nun, den ich jetzt sah, hatte etwas Raubvogelähnliches; es war ganz das eines Stößers.

»Es ist der Makredsch [5) Vorsteher des Gerichtshofes] von Mossul, der Vertraute des Mutessarif,« antwortete der Buluk Emini.

|174A Was wollte, oder was sollte dieser Makredsch mit den Truppen hier? Ich konnte meinen Vermuthungen darüber nicht nachhängen, denn jetzt ertönte plötzlich ein Kanonenschuß und noch einer. Ein wirres Heulen, Schreien und Rufen erscholl, und dann hörte ich ein Stampfen, als ob viele Menschen im Galoppe herbeigesprungen kämen. Die Cavalcade hatte grad unter meinem Beobachtungsposten angehalten.

»Was war das?« rief der Miralai.

»Zwei Kanonenschüsse!« antwortete der Makredsch.

»Sehr richtig!« bemerkte der Oberst spöttisch. »Ein Offizier wäre wohl schwerlich auf diese Antwort gekommen. Aber, Allah, was ist das!«

Die Arnauten, welche soeben erst vorüber marschirt waren, kamen in größter Unordnung und schreiend zurückgeflohen; Viele unter ihnen blutig und zerfetzt, Alle aber von höchstem Schreck ergriffen.

»Halt!« donnerte der Oberst. »Was ist geschehen?«

»Man hat mit Kartätschen auf uns geschossen. Der Alai Emini ist todt und ebenso Einer der Hauptleute; der Andere liegt verwundet dort.«

»Allah onlari boza-uz - Allah vernichte sie! Auf ihre eigenen Leute zu feuern! Ich lasse sie Alle todt peitschen. Nasir Agassi, reite vor und kläre diese Hunde auf!«

Dieser Befehl war an einen der Kol Agassi gerichtet, welche sich in seinem Gefolge befanden. Es war derselbe, den ich am Bache von Baadri überrascht und dem ich dann wieder zu seiner Freiheit verholfen hatte. Er gab seinem Pferde die Sporen, kehrte aber in kürzester Zeit wieder zurück.

»Herr, es sind nicht die Unserigen, sondern es sind Dschesidi, welche geschossen haben. Sie ließen mich herankommen und riefen es mir zu.«

»Wo sind unsere Geschütze?«

»Die befinden sich in ihren Händen; mit ihnen haben sie geschossen; sie haben die Geschütze heute Nacht dem Jüs Baschi abgenommen.«

Der Oberst stieß einen fürchterlichen Fluch hervor.

»Dieser Halunke soll es mir büßen! Wo ist er?«

»Gefangen mit allen seinen Leuten.«

»Gefangen? Mit Allen? Also ohne sich gewehrt zu haben!«

Er stieß seinem Pferde vor Wuth die Sporen so in die Weichen, daß es kerzengerade emporstieg, dann frug er weiter:

»Wo sind diese Dschesidi, die Teufelsmänner, diese Giaurs unter den Giaurs? Ich wollte sie fangen, peitschen, tödten, aber Keiner läßt sich sehen! Sind sie verschwunden? Man wird sie finden. Vorher aber holt mir die Geschütze zurück! Die von Diarbekir haben sich geschlossen. Vorwärts mit ihnen, und dann die Hunde von Kjerkjuk hinterher!«

Der Kol Agassi sprengte zurück, und sofort setzten sich die Infanteristen von Diarbekir in Bewegung. Der Oberst ging mit seinem Stab zur Seite. Sie marschirten an ihm vorüber. Weiter konnte ich nichts sehen, da das Thal eine Wendung machte; aber kaum war eine Minute vorüber, so dröhnte ein Kanonenschuß, ein zweiter, dritter und vierter, und dann erfolgte ganz dieselbe Scene wie vorher: die Verschonten und Leichtverwundeten kamen zurückgeflohen, indem sie die Toten und Schwerverwundeten hinter sich ließen. Der Oberst ritt mitten unter sie hinein und züchtigte sie mit der flachen Klinge seines Säbels.

»Steht, Ihr Feiglinge; steht, sonst schicke ich Euch mit eigener Hand in die Dschehennah! Agassi, die Dragoner herunter!«

Der Adjutant eilte davon. Die Flüchtigen sammelten sich, und Viele der Baschi-Bozuk kamen herbei, um zu melden, daß sie alle Gebäude leer gefunden hätten.

»Zerstört die Nester; brennt Alles nieder, und sucht mir Spuren. Ich muß wissen, wo diese Ungläubigen hingekommen sind!«

Jetzt war es Zeit für mich, wenn ich überhaupt hier etwas nützen sollte.

»Halef, wenn mir etwas Übles geschieht, so nimmst Du dieses weiße Tuch hinweg. Es ist ein Zeichen für Ali Bey!«

Nach diesen Worten richtete ich mich empor und wurde sofort bemerkt.

»Ah,« rief der Miralai, »da ist ja Einer! Komm herunter, Du Sohn eines Hundes; ich will Auskunft haben!«

Ich nickte und trat zurück.

|174B »Halef, Du verschließest die Thüre hinter mir und lässest ohne meine Erlaubniß Niemand ein. Wenn ich Deinen Namen rufe, öffnest Du sofort!«

Ich nahm ihn mit hinab und trat vor das Haus; die Thüre schloß sich hinter mir. Sofort hatten die Offiziere einen Kreis um mich gebildet.

»Kurd, sen - Wurm, der Du bist, antworte auf meine Fragen, sonst lasse ich Dich schlachten!« befahl mir der Oberst.

»Wurm?« frug ich ruhig. »Nimm und lies!«

Er blitzte mich wüthend an, ergriff aber doch den großherrlichen Ferman. Als er das Siegel erblickte, drückte er das Pergament an seine Stirn, aber nur leicht und beinahe verächtlich, und überflog den Inhalt.

»Du bist ein Franke?«

»Ein Nemtsche.«

»Das ist gleich! Was thust Du hier?«

»Ich kam, um die Gebräuche der Dschesidi zu studiren,« antwortete ich, indem ich den Paß wieder in Empfang nahm.

»Wozu das! Was geht mich dieses Bu-djeruldi an! Warst Du in Mossul beim Mutessarif?«

»Ja.«

»Hast Du von ihm die Erlaubnis, hier zu sein?«

»Ja. Hier ist sie.«

Ich reichte ihm das zweite Blatt entgegen; er las es und gab es mir wieder.

»Das ist richtig; aber - - -«

Er hielt inne, denn es prasselte jetzt drüben am Abhang ein sehr kräftiges Gewehrfeuer los, und zu gleicher Zeit vernahmen wir den Hufschlag schnell gehender Pferde.

»Scheïtan! Was ist das da oben?«

Diese Frage war halb an mich gerichtet; daher antwortete ich:

»Es sind die Dschesidi. Du bist umzingelt, und jeder Widerstand ist vergebens.«

Er richtete sich im Sattel auf.

»Hund!« brüllte er mich an.

»Laß dieses Wort, Miralai! Sagst Du es noch einmal, so gehe ich!«

»Du bleibst!«

»Wer will mich halten? Ich werde Dir jede Auskunft ertheilen, aber wisse, daß ich nicht gewohnt bin, mich unter einen Miralai zu stellen. Ich habe Dir gezeigt, unter welchem Schutze ich stehe, und sollte dies nicht helfen, so weiß ich mich selbst zu schützen!«

»Ah!«

Er erhob die Hand, um nach mir zu schlagen.

»Halef!«

Mit diesem lauten Rufe drängte ich mich zwischen die Pferde hindurch; die Thüre öffnete sich, und kaum hatte ich sie hinter mir zugeschoben, so knirschte die Kugel einer Pistole im Holze. Der Miralai hatte auf mich geschossen.

»Das galt Dir, Sihdi!« meinte Halef besorgt.

»Komm herauf!«

Noch während wir die Treppe erstiegen, vernahmen wir draußen ein wirres Rufen, untermischt mit Rossegestampf, und als ich oben anlangte, sah ich die Nachhut der Dragoner hinter der Krümmung des Thales verschwinden. Es war der reine Wahnsinn, sie gegen die Geschütze zu jagen, die nur durch einen Schützenangriff von den Seiten des Berges aus hätten zum Schweigen gebracht werden können. Der Miralai war sich über seine Situation ja gar nicht klar, und ein Glück war es für ihn, daß Ali Bey das Leben der Menschen schonen wollte; denn droben am Heiligthume und auf den Pfaden bis zur halben Höhe des Berges standen die Türken so dicht, daß jede Kugel der Dschesidi ein oder gar mehrere Opfer finden mußte.

Da erdröhnte der Donner der Kanonen von Neuem. Die Kartätschen und Granaten mußten, wenn gut gerichtet war, eine fürchterliche Verwüstung unter den Reitern hervorbringen, und dies bestätigte sich nur gar zu bald; denn der ganze untere Theil des Thales bedeckte sich mit fliehenden Reitern, laufenden Dragonern und reiterlosen Pferden.

Jetzt war der Miralai ganz steif vor Wuth und Entsetzen; aber es mochte ihm dabei die Erkenntniß kommen, daß er anders |175A zu handeln habe. Er bemerkte meinen Kopf, der nach unten schaute, und winkte mir. Ich erhob mich wieder.

»Komm herab!«

»Wozu?«

»Ich habe Dich zu fragen.«

»Und auf mich zu schießen?«

»Es galt nicht Dir!«

»Nun wohl, so frage! Ich werde Dir von oben antworten; Du hörst dann meine Worte ebenso deutlich, als wenn ich bei Dir stünde. Aber« - und dabei gab ich Halef, der mich sofort verstand, einen Wink - »aber siehst Du diesen Mann? Er ist mein Diener; er hat die Büchse in der Hand und zielt auf Dich. Sobald sich eine einzige Waffe gegen mich erhebt, erschießt er Dich, Miralai, und dann werde ich grad so sagen wie Du, nämlich: Es galt nicht Dir!«

Halef kniete hart am Rande der Plattform und hielt seine Büchse auf den Kopf des Obersten gerichtet. Dieser wechselte die Farbe, ob vor Angst oder vor Wuth, das weiß ich nicht.

»Thut das Gewehr fort!« rief er.

»Es bleibt!«

»Mensch, ich habe fast zweitausend Soldaten hier; ich kann Dich zermalmen!«

»Und ich habe diesen einen bei mir; ich kann Dich mit einem Winke zu Deinen Vätern senden!«

»Die Meinen würden mich fürchterlich rächen!«

»Es würden viele von ihnen zu Grunde gehen, ehe es ihnen gelänge, in dieses Haus zu dringen. Übrigens ist das Thal von viertausend Kriegern umschlossen, denen es ein Leichtes ist, Euch innerhalb einer halben Stunde aufzureiben.«

»Wie viele, sagst Du?«

»Viertausend. Schau hinauf auf die Höhen! Siehst Du nicht Kopf an Kopf? Dort steigt ein Mann hernieder, der mit seinem weißen Turbantuche weht. Es ist gewiß ein Bote des Bey von Baadri, der mit Dir verhandeln soll. Gewähre ihm ein sicheres Geleite und empfange ihn der Sitte gemäß; das wird zu Deinem Besten dienen!«

»Ich brauche Deine Lehren nicht. Die Rebellen sollen nur kommen! Wo sind die Dschesidi alle?«

»Laß Dir erzählen! Ali Bey hörte, daß Du die Pilger überfallen solltest. Er sandte Boten aus und ließ die Truppen aus Mossul, Diarbekir und Kjerkjuk beobachten. Die Frauen und Kinder wurden in Sicherheit gebracht. Er stellte Deinem Anzuge nichts in den Weg, aber er verließ das Thal und schloß dasselbe ein. Er ist Dir weit überlegen an Anzahl der Krieger und auch in Beziehung auf das Terrain. Er befindet sich in Besitz Deiner Artillerie mit ihrer ganzen Munition. Du bist verloren, wenn Du nicht freundlich mit seinem Abgesandten verhandelst!«

»Ich danke Dir, Franke! Ich werde erst mit ihm verhandeln und dann auch mit Dir. Du hast das Bu-djeruldi des Großherrn und den Ferman des Mutessarif und machst doch gemeinschaftliche Sache mit ihren Feinden. Du bist ein Verräther und wirst Deine Strafe finden!«

Da drängte Nasir Agassi, der Adjutant, sein Pferd zu ihm heran und sagte ihm einige Worte. Der Oberst deutete auf mich und frug:

»Dieser wäre es gewesen?«

»Er war es. Er gehört nicht zu den Feinden; er ist zufällig ihr Gast und hat mir das Leben gerettet.«

»So werden wir weiter darüber reden. Jetzt aber kommt in jenes Gebäude!«

Sie ritten nach dem Tempel der Sonne, stiegen vor demselben ab und traten ein.

Mittlerweile war der Parlamentair von Fels zu Fels springend, in grader Linie herab in das Thal und über den Bach herübergekommen. Er trat auch in den Tempel ein. Kein Schuß fiel; es herrschte Ruhe, und nur der Schritt der Soldaten ertönte, welche sich von dem oberen Theile des Thales, wo sie sich zu sehr bloßgestellt sahen, mehr nach unten ausbreiteten.

Wohl über eine halbe Stunde verging. Da trat der Parlamentair wieder in das Freie, aber nicht allein, sondern er wurde - geführt. Man hatte ihn gebunden. Der Miralai, welcher auch am Eingange des Gebäudes erschien, blickte sich um, sah den Scheiterhaufen und deutete auf denselben. Es wurden zehn |175B Arnauten herbei gerufen; diese nahmen den Mann in ihre Mitte und schleppten ihn zum Holzstoß. Während Mehrere ihn hielten, griffen die anderen nach ihren Gewehren - er sollte erschossen werden.

»Halt!« rief ich zum Obersten hinüber. »Was willst Du thun? Er ist ein Abgesandter, also eine unverletzliche Person!«

»Er ist ein Rebell, wie Du. Erst er, dann Du; denn nun wissen wir, wer die Artilleristen überfallen hat!«

Er winkte; die Schüsse krachten; der Mann war todt. Da aber geschah etwas, was ich nicht erwartet hatte: durch die Soldaten drängte sich ein Mann. Es war der Pir Kamek. Er erreichte den Scheiterhaufen und kniete bei dem Toten nieder.

»Ah, ein Zweiter!« rief der Oberst und schritt hinzu. »Erhebe Dich, und antworte mir!«

Weiter konnte ich nichts hören, denn die Entfernung wurde zu groß. Ich sah nur die feierlichen Gesten des Pir und die zornigen des Miralai. Dann bemerkte ich, daß der Erstere die Hände in den Haufen steckte, und einige Sekunden später züngelte eine Flamme blitzschnell an demselben empor. Eine Ahnung durchzuckte mich. Großer Gott, sollte er ein solches Opfer, eine solche Strafe, eine solche Rache an dem Mörder seiner Söhne und seines Weibes gemeint haben!

Er wurde ergriffen und von dem Haufen weggerissen, aber bereits war es zu spät, die Flamme zu löschen, die in dem Erdpeche eine furchtbare Nahrung gefunden hatte. In der Zeit von kaum einer Minute war sie bereits zur hellen Lohe geworden, welche hoch zum Himmel schlug.

Der Pir stand umringt und festgehalten; der Miralai schien den Platz verlassen zu wollen. Da aber kehrte er um und ging zu dem Priester zurück. Sie sprachen zusammen, der Oberst erregt, der Pir aber ruhig und mit geschlossenen Augen. Doch plötzlich öffnete er sie, warf die Zwei, welche ihn hielten, von sich und packte den Oberst. Mit der Körperkraft eines Riesen hob er ihn empor - zwei Sprünge, und er stand vor dem Scheiterhaufen; noch einer - sie verschwanden in der lohenden Gluth, die über ihnen zusammenschlug. Eine Bewegung im Innern derselben ließ vermuthen, daß die beiden dem Flammentode Geweihten, mit einander kämpften; der Eine, um sein Leben zu retten, und der Andere, um ihn sterbend festzuhalten.

Es war mir, als sei ich bei der grimmigsten Winterkälte in das Wasser gestürzt. Also darum war dieser Tag >der wichtigste seines Lebens<, wie er, der Priester, zu mir gesagt hatte? Ja, der wichtigste Tag des Lebens ist derjenige, an welchem man dieses Leben verläßt, um sich den brandenden Fluthen der Ewigkeit anzuvertrauen. Also diese fürchterliche Rache an dem Miralai war das >letzte Wort<, welches seine Hand verzeichnen sollte in jenes Buch, darinnen verzeichnet steht die blutige Geschichte der Dschesidi, der Verachteten und Verfolgten? Also dieses Feuer war das >Element<, in dem sein Leib begraben werden sollte, und dem er darum auch sein Kleid überlassen wollte?

Schrecklich! Ich schloß die Augen. Ich mochte nichts mehr sehen, nichts mehr wissen; ich ging hinunter in die Stube und legte mich auf das Polster, mit dem Gesicht an die Wand. Noch einige Zeit lang war es draußen verhältnismäßig ruhig, dann aber begann das Schießen von Neuem. Mich ging das nichts an. Wenn mir Gefahr drohte, würde mich Halef ganz sicher benachrichtigen. Ich sah nur die langen weißen Haare, den wallenden schwarzen Bart und die goldblitzende Uniform in dem Brodem des Scheiterhaufens verschwinden. Mein Gott, wie werthvoll, wie unendlich kostbar ist ein Menschenleben, und dennoch, - dennoch - dennoch - - -!

So verging eine geraume Zeit; da hörte das Schießen auf, und ich vernahm Schritte auf der Treppe. Halef trat ein.

»Sihdi, Du sollst auf das Dach kommen!«

»Weßhalb?«

»Ein Offizier verlangt nach Dir.«

Ich stand auf und begab mich wieder hinauf. Ein einziger Blick belehrte mich über den Stand der Dinge. Die Dschesidi hielten nicht mehr die Höhen besetzt, sie waren vielmehr nach und nach hernieder gestiegen. Hinter jedem Stein, hinter jedem Baum oder Strauch hielt sich Einer verborgen, um aus dieser sichern Stellung seine Kugel zu versenden. Im untern Theile des Thales hatten sie sogar, durch die Geschütze gedeckt, bereits die Sohle |176A erreicht und sich in dem Gebüsch am Bache eingenistet. Es fehlte nur noch Eins: wenn die Geschütze nur eine kurze Strecke noch herauf avancirten, so konnten mit einigen Salven sämmtliche Türken vernichtet werden.

Vor dem Hause stand Nasir Agassi.

»Herr, wirst Du noch einmal mit uns sprechen?« frug er.

»Was habt Ihr mir zu sagen?«

»Wir wollen einen Boten zu Ali Bey senden, und weil der Miralai, dem Allah das Paradies schenken möge« - er deutete dabei nach dem noch immer qualmenden Scheiterhaufen - »den Boten der Dschesidi getödtet hat, so kann Keiner von uns gehen. Willst Du es thun?«

|176B »Ich will. Was soll ich sagen?«

»Der Kaimakam wird es Dir befehlen. Er führt jetzt das Commando und ist in jenem Hause. Komm herüber!«

»Befehlen? Euer Kaimakam hat mir nicht das Mindeste zu befehlen. Was ich thue, das thue ich freiwillig. Der Kaimakam mag kommen und mir sagen, was er mir zu sagen hat. Dieses Haus steht ihm offen, aber nur ihm und höchstens noch einer zweiten Person. Wer sich sonst naht, den lasse ich niederschießen.«

»Wer ist außer Dir im Hause?«

»Mein Diener und ein Kawaß des Mutessarif, ein Baschi-Bozuk.«

|177A »Wie heißt er?«

»Er ist der Buluk Emini Ifra.«

»Ifra? Mit seinem Esel?«

»Ja,« lachte ich.

»So bist Du der Fremdling, welcher den arnautischen Offizieren die Bastonnade erlassen hat und die Freundschaft des Mutessarif erlangte?«

»Ich bin es.«

»So warte ein wenig, Herr! Der Kaimakam wird gleich kommen.«

Es währte wirklich nur kurze Zeit, so trat der Kaimakam drüben aus dem Tempel und kam auf das Haus zu. Nur der Makredsch begleitete ihn.

|177B »Halef, öffne ihnen, und führe sie in die Stube. Die Thür schließest Du wieder, und dann kehrst Du hieher zurück. Sollte sich ein Unberufener dem Hause nähern, so schießest Du auf ihn!«

Ich ging hinab. Die beiden Männer traten ein. Sie waren hohe Beamte; das durfte mich jedoch nicht kümmern; ich empfing sie daher in sehr gemessener Haltung und winkte ihnen nur, sich niederzulassen. Als sie dies gethan hatten, frug ich, ohne sie besonders willkommen zu heißen:

»Mein Diener hat Euch eingelassen. Hat er Euch gesagt, wie man mich zu nennen hat?«

»Nein.«

|178A »Man nennt mich hier Hadschi Emir Kara Ben Nemsi. Wer Ihr seid, weiß ich. Was habt Ihr mir zu sagen?«

»Du bist ein Hadschi?« frug der Makredsch.

»Ja.«

»Du warst also in Mekka?«

»Ja. Siehst Du nicht den Kuran an meinem Halse hangen und das kleine Fläschchen mit dem Wasser des Zem-Zem?«

»Wir glaubten, Du seist ein Giaur!«

»Seid Ihr gekommen, mir dies zu sagen?«

»Nein. Wir bitten Dich, in unserem Auftrage zu Ali Bey zu gehen.«

»Werdet Ihr mir sicheres Geleite geben?«

»Ja.«

»Mir und meinen Dienern?«

»Ja.«

»Was soll ich ihm sagen?«

»Daß er die Waffen strecken und zum Gehorsam gegen den Mutessarif zurückkehren möge.«

»Und dann?« frug ich, neugierig, was noch kommen werde.

»Dann soll die Buße, welche der Gouverneur über ihn verhängt, so gnädig wie möglich sein.«

»Du bist der Makredsch von Mossul, und dieser Mann ist Kaimakam und Befehlshaber der Truppen, welche hier stehen. Er ist es, welcher mir seine Aufträge zu ertheilen hat, nicht aber Du.«

»Ich bin bei ihm als Beauftragter des Mutessarif.«

Der Mann mit der Stößerphysiognomie warf sich bei diesen Worten so viel wie möglich in die Brust.

»Hast Du schriftliche Vollmacht?«

»Nein.«

»So giltst Du hier so wenig wie jeder Andere!«

»Der Kaimakam wird es mir bezeugen!«

»Nur eine schriftliche Vollmacht kann Dich legitimiren, sonst nichts. Geh und hole Dir dieselbe. Der Mutessarif von Mossul wird nur einem Manne von Kenntnissen erlauben, ihn zu vertreten.«

»Willst Du mich beleidigen?«

»Nein. Ich will nur bestätigen, daß Du kein Offizier bist, von militärischen Dingen nichts verstehst und hier also schweigst.«

»Emir!« rief er, indem er mir einen wüthenden Blick zuwarf.

»Soll ich Dir die Wahrheit meiner Worte beweisen? Ihr seid so eingeschlossen, daß kein Einziger von Euch entkommen kann; es bedarf nur einer kleinen halben Stunde, so seid Ihr hilflos in die Erde hineingeschossen. Und bei einem solchen Stande der Dinge soll ich dem Bey sagen, daß er die Waffen strecken soll? Er würde mich für wahnsinnig halten. Der Miralai, dem Allah gnädig und barmherzig sein möge, hat fünfzehnhundert wackere Krieger durch seine Unvorsichtigkeit in das Verderben geführt. Dem Kaimakam fällt die ehrenvolle Aufgabe zu, sie diesem Verderben zu entreißen; wenn ihm dies gelingt, so hat er wie ein guter Offizier und wie ein Held gehandelt. Mit hochtrabenden Worten aber, hinter denen Furcht und Heimtücke lauern, wird es ihm nicht gelingen. Ich habe nur mit ihm zu reden. In militärischen Angelegenheiten soll nur ein Krieger zu bestimmen haben.«

»Und doch sollst Du auch mich anhören!«

»Ich wüßte nicht, worin!«

»Es sind auch Dinge zu verhandeln, welche das Gesetz betreffen, und ich bin ein Makredsch!«

»Sei, was Du willst! Du kannst mir keine Vollmacht zeigen, und darum sind wir mit einander fertig!«

Ich hatte einen entschiedenen Widerwillen gegen diesen Menschen, aber es wäre mir nicht eingefallen, demselben einen so kräftigen Ausdruck zu geben, wenn er anders aufgetreten wäre und ich nicht eine sehr deutliche Ahnung gehabt hätte, daß er die meiste Schuld an den gegenwärtigen Verhältnissen trage. Warum hatte sich dieser Gerichtsmensch überhaupt der Expedition angeschlossen? Doch wohl nur, um den Dschesidi nach ihrer etwaigen Überwindung auf dem Wege des moslemitischen Gesetzes die Übermacht der Osmanly fühlbarer zu machen.

Ich wandte mich nun an den Kaimakam:

|178B »Was soll ich dem Bey sagen, wenn er mich fragt, warum Ihr Scheik Adi überfallen habt?«

»Weil wir uns zwei Mörder holen wollen, und weil die Dschesidi den Haradsch [1) Eine auf Nicht-Mohammedaner gelegte Taxe] nicht regelmäßig bezahlen.«

»Er wird sich über die Gründe sehr wundern. Die Mörder müßt Ihr bei Euch selbst suchen; das wird er Euch beweisen, und den Haradsch konntet Ihr auf einem andern Wege erlangen. Was soll ich ihm von Deinen jetzigen Entschlüssen sagen?«

»Sage ihm, daß er mir einen Mann senden möge, mit dem ich über die Bedingungen verhandeln kann, unter denen ich abziehe!«

»Und wenn er mich nach der Grundlage dieser Bedingungen fragt?«

»Ich verlange im Namen des Mutessarif unsere Geschütze zurück; ich verlange für jeden unserer Todten oder Verwundeten ein Sühnegeld; ich verlange den verweigerten Haradsch, und ich verlange die Auszahlung einer Summe, die ich noch bestimmen werde, als Brandschatzung.«

»Allah kerihm, Gott ist gütig! Er hat Dir einen Mund gegeben, welcher sehr gut zu fordern weiß. Du brauchst mir weiter nichts zu sagen; es ist genug, und das Übrige magst Du Ali Bey selbst mittheilen. Ich werde sofort zu ihm gehen und Euch die Antwort entweder selbst bringen oder sie Euch durch einen Boten wissen lassen.«

»Sage ihm nur noch, daß er unsere Artilleristen frei lassen und ihnen ihren Schreck vergüten muß!«

»Ich werde ihm auch dies noch mittheilen; aber ich befürchte, daß er von Euch auch eine Vergütung der Überraschung verlangt, welche Ihr ihm bereitet habt. Jetzt sind wir fertig; ich werde mich aufmachen, warne Euch aber vorher noch in einer Beziehung. Wenn Ihr in Scheik Adi Schaden anrichtet, dann wird der Bey gegen Euch keine Schonung kennen.«

Ich stand auf. Sie thaten dasselbe und gingen.

Jetzt rief ich Halef und Ifra herab, welche die Thiere satteln mußten. Dies nahm nur kurze Zeit in Anspruch. Dann verließen wir das Haus und stiegen auf.

»Haltet hier; ich komme gleich zurück!«

Nach diesen Worten ritt ich zunächst ein Stück das Thal hinab, um die Wirkung der Geschütze in Augenschein zu nehmen. Sie war eine grauenhafte, doch wurde sie dadurch gemildert, daß die Dschesidi die verwundeten Türken aufgehoben hatten, um ihnen möglichst Hilfe angedeihen zu lassen. Wie anders wäre es wohl gewesen, wenn den Osmanly ihr Überfall geglückt wäre! Ich wandte mich ab, trotzdem mir die Sieger von ihrer Verschanzung her erfreut zuriefen, nahm Halef und Ifra auf und ritt nun am Bache hinan, um auf den Weg nach Baadri zu gelangen; denn da oben auf dieser Seite mußte ich den Bey vermuthen.

Als ich an dem Tempel vorüberkam, stand der Kaimakam mit seinem Stabe vor demselben. Er winkte mir, und ich ritt zu ihm hin.

»Sage dem Scheik noch, daß er eine Summe bezahlen muß als Sühne für den Tod des Miralai!«

»Ich glaube sehr, daß der Makredsch von Mossul sich große Mühe gibt, immer neue Forderungen zu entdecken, und ich vermuthe, daß der Bey eine sehr bedeutende Sühne verlangen wird für seinen ermordeten Parlamentär. Doch werde ich ihm Deine Worte sagen.«

»Du hast einen Baschi-Bozuk bei Dir?«

»Wie Du siehst!«

»Wer hat ihn Dir gegeben?«

»Der Mutessarif.«

»Brauchst Du ihn noch?«

»Ja.«

»Wir brauchen ihn auch.«

»So hole Dir einen Befehl vom Gouverneur. Wenn Du mir diesen vorzeigst, werde ich Dir den Buluk Emini zurückgeben!«

Ich ritt weiter und kam an lauter finsteren Gesichtern vorüber. Gar manche Hand zuckte nach dem Dolche, aber Nasir Agassi begleitete mich, bis ich in Sicherheit war, dann aber nahm er Abschied.

|179A Der Abschied war kurz, denn die Zeit drängte.

»Effendi, werden wir uns wiedersehen?« frug Nasir Agassi.

»Allah weiß Alles, auch dieses, wir aber nicht.«

»Du bist mein Retter; ich werde Dich nie vergessen und danke Dir. Sollten wir uns einmal wiedersehen, so sage mir dann, ob ich Dir dienen kann.«

»Gott schütze Dich! Vielleicht sehe ich Dich einmal als Miralai; dann möge Deiner ein besseres Kismet warten, als das des Omar Amed!«

Wir reichten einander die Hände und schieden. Auch ihn habe ich zu einer Zeit wieder gesehen, wo ich am wenigsten an ihn dachte.

Nur wenige Schritte weiter empor trafen wir hinter einem Busche den ersten Dschesidi, welcher sich so weit herangewagt hatte, um beim Wiederbeginn des Kampfes ein sicheres Ziel zu haben. Es war der Sohn Selek's, mein Dolmetscher.

»Emir, bist Du wohl erhalten?« rief er mir entgegen.

»Ganz wohl. Hast Du das Buch des Pir Kamek bei Dir?«

»Nein. Ich habe es an einem Ort versteckt, an dem es keinen Schaden leiden kann.«

»Aber wenn Du gefallen wärest, so wäre es verloren gewesen!«

»Nein, Effendi. Ich habe Mehreren offenbart, wo es liegt, und diese hätten Dir es mitgetheilt.«

»Wo ist der Bey?«

»Oben auf der Klippe, von welcher aus man das Thal am besten überblicken kann. Erlaube, daß ich Dich führe!«

Er nahm das Gewehr über die Schulter und schritt voran. Wir erreichten die Höhe, und es war von Interesse, hier hinabzublicken auf die Verstecke, hinter denen die Dschesidi standen, saßen, hockten und lagen, ganz bereit, bei dem Zeichen ihres Anführers |179B den Kampf nun im vollen Ernste zu beginnen. Hier kam man noch besser als unten zu der Überzeugung, daß die Türken verloren wären, wenn es ihnen nicht gelänge, mit ihren Belagerern einig zu werden. Hier an derselben Stelle hatte ich mit Ali Bey gestanden, als wir die vermeintlichen Sterne beobachteten, und jetzt, nur wenige Stunden später, stand die kleine Secte, welche es gewagt hatte, den Kampf mit den Truppen des Großherrn aufzunehmen, bereits als Sieger da.

Wir ritten nun links weiter, bis wir zu einem Felsen gelangten, der sich ein weniges über den Rand des Thales hervorstreckte. Hier saß der Bey mit seinem Stabe, welcher nur aus drei barfüßigen Dschesidi bestand. Er kam mir erfreut entgegen.

»Ich danke dem Allgütigen, der Dich gesund und unversehrt erhalten hat!« sagte er herzlich. »Ist Dir Übles begegnet?«

»Nein, sonst hätte ich Dir das Zeichen gegeben.«

»Komm her!«

Ich stieg ab und folgte ihm auf den Felsen. Man konnte von hier aus Alles deutlich sehen, das Heiligtum, das Haus des Bey, da unten die Batterie hinter der Verschanzung und die beiden Seitenwände des Thales.

»Siehst Du die weiße Stelle auf meinem Hause?« frug er.

»Ja. Es ist der Shawl.«

»Wäre er verschwunden, so hätte ich ein Zeichen gegeben, und fünfhundert meiner Leute wären Sturm hinabgelaufen, unter dem Schutze der Kanonen, welche den Feind zurückgehalten hätten.«

»Ich danke Dir, Bey. Es ist mir nichts geschehen, als daß der Miralai einmal nach mir schoß; aber ohne mich zu treffen.«

»Das soll er büßen!«

»Er hat es bereits gebüßt.«

Ich erzählte ihm Alles, was ich gesehen hatte, und berichtete ihm auch die Worte, in denen der Abschied des Pir von |180A mir enthalten war. Er hörte aufmerksam und in tiefster Bewegung zu; aber als ich geendet hatte, sagte er nichts als:

»Er war ein Held!«

Dann versank er in ein tiefes Sinnen, aus welchem er erst nach einer Weile wieder erwachte.

»Und was sagst Du? Sie haben meinen Boten getödtet?«

»Sie haben ihn hingerichtet, erschossen.«

»Wer hat den Befehl dazu ertheilt?«

»Jedenfalls der Miralai.«

»O lebte er noch!« knirschte er. »Ich ahnte, daß dem Boten etwas widerfahre. Ich hatte ihm gesagt, daß ich den Kampf wieder beginnen werde, wenn er binnen einer halben Stunde nicht zurückgekehrt sei. Aber ich werde ihn rächen; ich werde jetzt das Zeichen geben, daß nun endlich Ernst gemacht werden soll!«

»Warte noch, denn ich habe vorher mit Dir zu reden. Der Kaimakam, welcher jetzt das Commando führt, hat mich zu Dir gesandt.«

Ich erzählte ihm nun wortgetreu meine ganze Unterredung mit dem Oberstlieutenant und dem Makredsch. Als ich den Letzteren in Erwähnung brachte, zog er die Brauen finster zusammen, doch hörte er mich ruhig bis zu Ende an.

»Also der Makredsch ist dabei! O, nun weiß ich, wem wir das Alles zu verdanken haben! Er ist der schlimmste Feind der Dschesidi; er haßt sie; er ist ihr Vampyr, ihr Blutsauger, und er hat auch jenem Morde die Wendung gegeben, welche zur Handhabe geworden ist, durch diesen Überfall eine Contribution von uns zu erzwingen. Aber meine Gesandtschaft, welche nach Stambul gegangen ist, wird auch zum Anadoli Kasi Askeri [1) Oberrichter der asiatischen Türkei] gehen, um ihm einen Brief von mir zu überbringen, den mir der Pir Kamek noch geschrieben hat. Beide kannten sich und hatten sich lieb, und der Pir ist lange Zeit sein Gast gewesen. Er weiß die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden und wird uns Hilfe bringen.«

»Das wünsche ich Dir von Herzen. Aber wen wirst Du zu dem Kaimakam senden? Ein gewöhnlicher Mann darf es nicht sein, sonst wird er überlistet.«

»Wen ich senden werde, fragest Du? Niemand werde ich senden, keinen Menschen. Nur ich selbst werde mit ihnen sprechen. Ich bin das Haupt der Meinen; er ist der Anführer der Seinen, und wir Beide haben zu entscheiden. Aber ich bin der Sieger, und er ist der Besiegte; er mag zu mir kommen!«

»So ist es recht!«

»Ich werde ihn hier erwarten. Ich werde ihm freies Geleit geben; aber wenn er in dreißig Minuten noch nicht zur Stelle ist, so lasse ich die Beschießung beginnen und halte nicht eher ein, als bis keiner der Osmanly mehr lebt!«

Er trat zu seinen Adjutanten und sprach kurze Zeit mit ihnen. Darauf entfernten sich zwei von ihnen. Der Eine ergriff einen weißen Shawl, legte seine Waffen ab und stieg links da hinab, wo ich jetzt heraufgekommen war; der Andere aber schritt längs des Randes der Höhe hin und klimmte dann rechts hinab nach dem Punkte hin, an welchem die Geschütze standen.

Nun gab Ali Bey einigen Dschesidi, welche in der Nähe hielten, den Befehl, ein Zelt für uns zu errichten. Die zu demselben gehörigen Requisiten lagen bereit. Während sie seinem Gebote Folge leisteten, bemerkte ich, daß sich unten die Verschanzung öffnete. Die Kanonen wurden durch die entstandene Lücke vorgezogen und avancirten längs des Baches bis an die Linie derjenigen Dschesidi, welche auf der Sohle des Thales festen Fuß gefaßt hatten. Dort gab es mehrere Felsblöcke, welche mit einigen schnell umgehauenen Bäumen eine neue Verschanzung bildeten.

Es waren seit der Absendung des Dschesidi noch nicht zwanzig Minuten vergangen, so nahte sich der Kaimakam. Er war von drei türkischen Soldaten begleitet, und an seiner Seite ritt - der Makredsch. Das war eine große Unklugheit von dem letzteren; ich sah es dem finsteren Blicke an, mit welchem Ali Bey ihn betrachtete.

Der Bey trat in das Zelt, welches mittlerweile aufgerichtet worden war, und ließ sich auf den Teppich nieder, welcher den Fußboden desselben bildete. Ich empfing die Kommenden. Die |180B drei Soldaten blieben vor dem Zelte halten; die beiden Andern aber traten ein.

»Sallam!« grüßte der Kaimakam.

Der Makredsch grüßte nicht. Er als der Vorsteher eines großherrlichen Gerichtshofes erwartete, daß der Bey der Teufelsanbeter ihn bewillkommnen werde. Dieser aber nahm weder von ihm Notiz, noch beantwortete er den Gruß des Oberstlieutenants. Er deutete nur auf den Teppich und meinte:

»Kaimakam, komar-sen - Du darfst Dich setzen!«

Der Angeredete nahm in würdevoller Weise Platz, und der Makredsch ließ sich an seiner Seite nieder.

»Du hast uns gebeten, zu Dir zu kommen,« begann der Offizier. »Warum bist Du nicht zu uns gekommen?«

»Du irrst!« antwortete Ali Bey sehr ernst. »Ich habe Dich nicht gebeten, sondern ich habe Dir nur kund gethan, daß ich die Osmanly niederkartätschen lassen werde, wenn Du nicht kommst. Ist das eine Bitte? Du fragst ferner, warum ich nicht zu Dir gekommen bin. Wenn ich von Scheik Adi nach Mossul komme, werde ich Dich aufsuchen und nicht verlangen, daß Du Dich zu mir bemühest; Du bist von Mossul nach Scheik Adi gekommen und wirst die Gesetze der Höflichkeit kennen, welche Dir gebieten, Dich zu mir zu bemühen. Deine Frage veranlaßt mich übrigens, Dir gleich die Stellung klar zu machen, von welcher aus wir gegenseitig zu einander sprechen werden. Du bist ein Diener, ein Beamter des Großherrn und des Mutessarif, ein Offizier, der im günstigen Falle ein Regiment commandirt; ich aber bin ein freier Fürst der Kurden und Oberfeldherr aller meiner Krieger. Glaube darum nicht, daß Dein Rang höher sei, als der meinige -«

»Ich bin nicht ein Diener des - - -«

»Sus ol - schweige! Ich bin gewohnt, daß man mich hört und mich ausreden läßt; merke Dir das, Kaimakam! Du bist ohne alles Recht und ohne vorherige Ankündigung in mein Gebiet eingebrochen, wie ein Dieb, wie ein Räuber mit bewaffneter Hand. Einen Räuber fange und tödte ich, ganz wie es mir gefällt; da Du aber ein Diener des Großherrn und des Mutessarif bist, so will ich vorher, ehe ich meine ganze Macht entwickle, in Güte mit Dir reden. Daß Du noch lebst, Du und die Deinen, das habt Ihr nur meiner Milde und Nachsicht zu verdanken. Nun sage, wer das Recht hat, zu erwarten, daß der andere zu ihm komme, Du oder ich!«

Der Kaimakam machte ein ganz erstauntes Gesicht, denn eine solche Ausführung hatte er jedenfalls nicht erwartet. Er besann sich noch, was er sagen solle; doch der Makredsch, über dessen Stößerphysiognomie es wie ein flammender Grimm zuckte, ergriff das Wort:

»Ali Bey, was wagest Du! Du nennst uns Diebe und Mörder, uns, die wir als Vertreter des Padischah und des Generalgouverneur hier sitzen! Nimm Dich in acht, sonst wirst Du es bereuen!«

Der Bey wandte sich in vollkommenster Ruhe an den Offizier:

»Kaimakam, kim bu katschyk - Oberstlieutenant, wer ist dieser Verrückte?«

Der Gefragte machte eine erschrockene Geberde.

»Wahre Deine Zunge, Ali Bey! Dieser Effendi ist der Makredsch von Mossul!«

»Du scherzest! Ein Makredsch muß im Besitze seiner Besinnung sein. Der Makredsch von Mossul hat den Mutessarif zu dem Kriegszuge gegen mich beredet; er würde, wenn er nicht verrückt ist, es nie wagen, zu mir zu kommen; denn er muß wissen, was in diesem Falle seiner wartet!«

»Ich scherze nicht. Er ist es wirklich.«

»Ich sehe, daß Du weder träumst, noch betrunken bist; darum muß ich Dir glauben. Aber bedenke, daß ich nur Dich allein zu mir gefordert habe!«

»Er ist mit mir gegangen als Vertreter und Abgesandter des Mutessarif.«

»Das ist möglich, denn Du sagest es; aber kannst Du mir es beweisen?«

»Ich sage und bezeuge es!«

»Das darf hier nichts gelten. Ich vertraue Dir; aber ein jeder Andere, der in einer solchen oder in einer ähnlichen Angelegenheit zu mir kommt, muß beweisen können, daß er das Recht |181A und den Auftrag hat, mit mir zu verhandeln; sonst läuft er Gefahr, daß ich ihn so behandle, wie Ihr meinen ersten Boten behandelt habt.«

»Ein Makredsch kann niemals in eine solche Gefahr kommen!«

»Ich werde Dir das Gegentheil beweisen!«

Er klatschte in die Hände, und sogleich trat der Dschesidi ein, welcher den Kaimakam geholt hatte.

»Hast Du dem Kaimakam ein sicheres Geleite versprochen?«

»Ja, Herr.«

»Wem noch?«

»Keinem.«

»Den drei Soldaten nicht, welche draußen stehen?«

»Nein, und dem Makredsch auch nicht.«

»Die Drei werden abgeführt; sie sind gefangen; und diesen Mann, welcher sich für den Makredsch von Mossul ausgibt, nimmst Du auch mit. Er ist Schuld an Allem, auch an der Ermordung meines Parlamentärs.«

»Ich protestire!« rief der Kaimakam.

»Ich werde mich zu vertheidigen und auch zu rächen wissen,« drohte der Makredsch, indem er einen Dolch zog, den er im Gürtel stecken hatte.

In demselben Augenblick aber hatte sich Ali Bey emporgeschnellt und schlug ihm die Faust mit solcher Gewalt in das Gesicht, daß der Getroffene rückwärts niederstürzte.

»Hund, wagst Du es, in meinem Zelte die Waffe gegen mich zu ziehen! Fort, hinaus mit ihm!«

»Halt!« gebot der Kaimakam. »Wir sind gekommen, zu unterhandeln; es darf uns nichts geschehen!«

»Auch mein Bote kam zu Euch, um zu unterhandeln, und dennoch habt Ihr ihn ermordet, habt ihn als einen Verräther hingerichtet. Hinaus mit diesem Menschen!«

Der anwesende Dschesidi faßte den Makredsch und schaffte ihn fort.

»So werde auch ich gehen!« drohte der Kaimakam.

»So gehe! Du wirst die Deinen unverletzt erreichen; aber ehe Du zu ihnen kommst, werden ihrer Viele getödtet sein. Emir Kara Ben Nemsi, tritt hinaus auf den Felsen und erhebe die Rechte. Es ist das Zeichen, daß die Kanonade beginnen soll! «

»Bleib!« wandte sich der Kaimakam schnell zu mir. »Ihr dürft nicht schießen.«

»Warum nicht?« frug Ali Bey.

»Das wäre Mord, denn wir können uns nicht wehren.«

»Das wäre kein Mord, sondern Strafe und Vergeltung. Ihr wolltet uns überfallen, ohne daß wir eine Ahnung davon hatten; Ihr kamt mit Säbeln, Flinten und Kanonen, um uns niederzuhauen, niederzukartätschen. Nun aber Eure Kanonen sich in unseren Händen befinden, nun Ihr von uns gebührender Weise empfangen worden seid, sagt Ihr, derjenige, welcher schießt, sei ein Mörder! Kaimakam, lasse Dir zürnen, aber lasse Dich nicht verlachen!«

»Du wirst den Makredsch freigeben!«

»Er ist Repressalie für den gemordeten Parlamentär!«

»Du wirst ihn tödten?«

»Vielleicht. Es kommt ganz darauf an, ob wir Beide uns verständigen.«

»Was verlangst Du von mir?«

»Ich bin bereit, Deine Zugeständnisse zu vernehmen.«

»Zugeständnisse? Wir sind gekommen, um Forderungen zu machen!«

»Ich habe Dich bereits gebeten, Dich nicht auslachen zu lassen! Sage mir zunächst, aus welchem Grunde Ihr uns überfallen habt!«

»Es sind Mörder unter Euch.«

»Ich weiß, welchen Fall Du meinst, aber ich sage Dir, daß Du falsch unterrichtet bist: nicht zwei von den Unserigen haben einen der Eurigen, sondern drei der Eurigen haben zwei der Unserigen ermordet. Ich habe bereits dafür gesorgt, Euch dies beweisen zu können; denn der Kiajah [1) Vorsteher] des Ortes, wo die That geschehen ist, wird in kurzer Zeit mit den Angehörigen der Ermordeten hier sein.«

»Vielleicht ist dies ein anderer Fall!«

|181B »Es ist nur der nämliche, aber der Makredsch hat ihn verdreht. Er wird es nicht wieder thun. Und wenn es so wäre, wie Du sagst, so ist dies ganz und gar kein Grund, mit bewaffneter Macht unser Gebiet zu überfallen.«

»Wir haben noch einen zweiten Grund.«

»Welchen?«

»Ihr habt den Haradsch nicht bezahlt.«

»Wir haben ihn bezahlt. Was nennst Du überhaupt Haradsch? Wir sind freie Kurden; was wir zahlen, das zahlen wir freiwillig. Wir haben die Kopfsteuer bezahlt, welche Jeder, der nicht ein Moslem ist, für seine Befreiung vom Militärdienste zu entrichten hat. Nun wollt Ihr auch den Haradsch, und doch ist dieser nichts Anderes als diese bereits entrichtete Kopfsteuer! Und wenn Ihr in Eurem Rechte wäret, und wenn wir dem Mutessarif eine Steuer schuldig geblieben wären, ist dies eine genügende Veranlassung, uns zu überfallen? Muß er da just Scheik Adi überfallen, wo jetzt Tausende von Menschen sind, die nicht nach Mossul gehören, und die ihm auf keinen Fall etwas schuldig sind? Kaimakam, Du und ich, wir Beide wissen sehr genau, was es eigentlich ist, was der Gouverneur von uns will: Geld und Beute. Es ist ihm nicht gelungen, uns zu berauben, und so wollen wir also nicht weiter über seine Gründe sprechen. Du bist weder ein Jurist noch ein Steuereinnehmer; Du bist Offizier, und darum habe ich mit Dir nur das zu besprechen, was Deine militärische Aufgabe betrifft. Du sollst reden, und ich werde hören!«

»Ich habe von Dir den Haradsch und die Mörder zu verlangen, sonst muß ich auf Befehl des Mutessarif Scheik Adi und alle Ortschaften der Dschesidi zerstören und einen Jeden tödten, der mir Widerstand leistet.«

»Und Alles mit Dir nehmen, was die Dschesidi besitzen?«

»Alles!«

»So lautet der Befehl des Gouverneur?«

»So lautet er.«

»Und Du wirst ihn erfüllen?«

»Mit allen Kräften.«

»Thue es!«

Er erhob sich, zum Zeichen, daß die Unterredung beendet sei. Der Kaimakam machte eine Bewegung, ihn zurückzuhalten.

»Was wirst Du beginnen, Bey?«

»Du wirst die Dörfer der Dschesidi zerstören und die Einwohner derselben berauben, und ich, das Oberhaupt der Dschesidi, werde meine Unterthanen zu beschützen wissen. Ihr seid ohne vorherige Anmeldung bei mir eingebrochen; Ihr vertheidigt das mit Gründen, welche Lügen sind; Ihr wollt sengen und brennen, rauben und morden; Ihr habt sogar meinen Boten getödtet, eine That, welche ganz und gar gegen das Recht der Völker ist. Daraus folgt, daß ich Euch nicht als Krieger betrachten kann, sondern als Räuber behandeln muß; Räuber aber schießt man einfach über den Haufen. Wir sind fertig! Kehre zu den Deinen zurück. Jetzt stehst Du noch unter meinem Schutze; dann aber bist Du vogelfrei!«

Er verließ das Zelt und erhob den Arm. Die Artilleristen mochten längst auf dieses Zeichen gewartet haben - ein Kanonenschuß krachte, und noch einer.

»Herr, was thust Du?« rief der Kaimakam. »Du brichst den Waffenstillstand, noch während ich bei Dir bin!«

»Haben wir einen Waffenstillstand abgeschlossen? Habe ich Dir nicht gesagt, daß wir fertig sind? Hörst Du? Das waren Kartätschen - und das Granaten; dieselben Geschosse, welche für uns bestimmt waren; nun aber treffen sie Euch. Allah hat gerichtet; er trifft den Sünder mit demselben Streiche, mit dem dieser gesündigt hat. Du hörst das Schreien Deiner Leute. Gehe zu ihnen, und befiehl ihnen, unsere Dörfer zu zerstören!«

Wirklich schien der dritte und vierte Schuß außerordentlich gewirkt zu haben; das konnte man aus dem wilden Heulen schließen, welches aus der Tiefe scholl.

»Halt ein, Ali Bey! Gib das Zeichen, mit dem Feuer wieder einzuhalten, damit wir weiter verhandeln können!«

»Du kennst den Befehl des Mutessarif, und ich kenne meine Pflicht; wir sind fertig.«

»Der Mutessarif hat seine Befehle nicht mir, sondern dem Miralai gegeben, und nun ist es meine Pflicht, meine Leute nicht wehrlos niederschießen zu lassen. Ich muß sie zu retten suchen.«

|182A »Willst Du diesen Gedanken festhalten, so bin ich bereit, die Verhandlung wieder aufzunehmen.«

»So komm herein!«

Ali Bey wand sein Turbantuch los und wehete damit nach unten, dann ging er wieder in das Zelt.

»Was verlangst Du von mir?« frug der Kaimakam.

Der Bey blickte nachdenklich zur Erde, dann antwortete er:

»Nicht Du bist es, dem ich zürne, und darum möchte ich Dich schonen; jedes endgiltige Übereinkommen aber, welches wir treffen könnten, würde Dein Verderben sein, weil meine Bedingungen für Euch mehr als ungünstig sind. Darum werde ich nur mit dem Mutessarif selbst verhandeln, und Du bist aller Verantwortung ledig.«

»Ich danke Dir, Bey!«

Der Kaimakam schien kein schlimmer Mann zu sein; er war froh, daß der Angelegenheit eine solche Wendung gegeben wurde, und darum kam sein Dank ganz sichtlich aus einem aufrichtigen Herzen.

»Aber eine Bedingung habe ich natürlich auch an Dich,« fuhr Ali fort.

»Welche?«

»Du betrachtest Dich und Deine Truppen als kriegsgefangen und bleibst mit ihnen in Scheik Adi, bis ich mich mit dem Mutessarif geeinigt habe.«

»Darauf gehe ich ein, denn ich kann es verantworten. Der Miralai ist an Allem Schuld; er ist zu unvorsichtig vorgegangen.«

»Du gibst also die Waffen ab?«

»Das ist schimpflich!«

»Könnt Ihr als Kriegsgefangene die Waffen behalten?«

»Ich erkläre mich nur insoweit für kriegsgefangen, als ich in Scheik Adi bleibe und keinen Durchbruch versuche, bis ich weiß, wie der Mutessarif über uns verfügen wird.«

»Der Durchbruch würde Dein Verderben sein; er würde Euch aufreiben.«

»Bey, ich will ehrlich sein und zugeben, daß unsere Lage eine sehr schlimme ist; aber weißt Du, was tausend Mann vermögen, wenn sie zur Verzweiflung getrieben werden?«

»Ich weiß es, aber es kommt dennoch Keiner von Euch davon.«

»Aber es wird auch Mancher von Euch fallen! Und bedenke, daß dem Mutessarif noch das Linien- und Dragonerregiment zur Verfügung steht, dessen größter Theil in Mossul zurückgeblieben ist. Rechne dazu die Hilfe, welche er aus Kjerkjuk und Diarbekir, aus Sulimanijah und andern Garnisonen erhalten kann; rechne dazu die Artillerie, welche ihm noch zur Verfügung steht, und Du wirst einsehen, daß Du zwar Herr der jetzigen Situation bist, es aber wohl nicht bleiben wirst.«

»Soll ich auf einen Sieg und seine Ausnutzung verzichten, weil ich später vielleicht geschlagen werden kann? Der Mutessarif mag mit seinen Regimentern kommen; ich werde ihm sagen lassen, daß es Euch das Leben kostet, wenn er mich nochmals angreift. Und wenn ihm weitere Hilfe zur Verfügung steht, so ist dies bei mir ebenso der Fall. Du weißt, daß es nur meines Aufrufes bedarf, um so manchen tapfern Stamm der Kurden zur Erhebung gegen ihn zu bringen. Doch ich liebe den Frieden und nicht den Krieg. Ich habe zwar heute Dschesidi aus ganz Kurdistan und den angrenzenden Provinzen um mich versammelt und könnte die Fackel des Aufstandes unter sie schleudern; aber ich thue es nicht, sobald der Mutessarif mir erlaubt, die Rechte der Meinigen zu wahren. Ich will Dir und Deinen Truppen jetzt noch die Waffen lassen; aber ich habe einem Verbündeten Gewehre versprochen, und die wird der Gouverneur auf alle Fälle liefern müssen.«

»Wer ist dieser Verbündete?«

»Kein Dschesidi verräth seinen Freund. Also Du behältst Deine Waffen, aber alle Munition lieferst Du mir ab, und dafür verspreche ich Dir, für den Proviant zu sorgen, dessen Du bedarfst.«

»Gebe ich Dir die Munition, so ist es genau so, als ob Du auch die Waffen hättest!«

Ali Bey lächelte.

»Wohl, so sollst Du auch die Munition behalten; doch sage ich Dir: wenn Deine Leute Hunger bekommen und Du mich um |182B Proviant bittest, so werde ich Dir denselben nur gegen Flinten, Pistolen, Degen und Messer verkaufen. Also auf diese Weise seid Ihr nicht kriegsgefangen, sondern wir schließen nur einen Waffenstillstand ab.«

»So ist es, und darauf kann ich eingehen.«

»Du siehst, daß ich sehr nachsichtig bin. Nun aber höre meine Bedingungen: Ihr bleibt im Thale Scheik Adi; Ihr bleibt ohne alle Verbindung mit außen; Ihr enthaltet Euch aller Feindseligkeit gegen die Meinigen; Ihr ehrt unsere Heiligthümer und unsere Wohnungen; Erstere dürft Ihr gar nicht betreten und die Letzteren nur mit meiner Erlaubnis; der Waffenstillstand dauert so lange, bis Euch ein Befehl des Mutessarif zugeht, und zwar wird dieser Befehl Euch in meiner Gegenwart gegeben; jeder Fluchtversuch, auch eines Einzelnen, und jede Zuwiderhandlung gegen unsere Vereinbarung hebt den Waffenstillstand sofort auf; Ihr behaltet Eure gegenwärtige Stellung und ich die meinige. Dagegen mache ich mich verbindlich, daß ich bis zu der angegebenen Zeit mich aller Feindseligkeiten enthalten werde. Bist Du einverstanden?«

Nach einem kurzen Bedenken und einigen unwesentlichen Hinzufügungen und Ausführungen nahm der Kaimakam die Bedingungen an. Er verwandte sich sehr für den Makredsch und verlangte die Auslieferung desselben, doch ging Ali nicht darauf ein. Es wurde Papier herbeigeschafft; ich entwarf den Vertrag, und Beide unterzeichneten, der eine durch die Unterschrift seines Namens und der andere mit seinem Bu-kendim [1) Wörtlich: >Dieses ich selbst< oder >Dieses bin ich selbst< - ein statt der Namensunterschrift geltendes zeichen]. Dann kehrte der Offizier in das Thal zurück, wobei es ihm erlaubt wurde, seine drei Soldaten wieder mitzunehmen.

Nun wartete Pali auf die Befehle seines Vorgesetzten.

»Willst Du mir einen Brief an den Mutessarif schreiben?« frug mich dieser.

»Gern! Was willst Du ihm mittheilen?«

»Die jetzige Lage seiner Truppen. Dann sollst Du ihm sagen, daß ich mit ihm zu verhandeln wünsche, daß ich ihn entweder hier erwarte oder in Dscherraijah mit ihm zusammentreffen will. Er darf aber eine Begleitung von höchstens fünfzig Mann mitbringen und hat sich aller Feindseligkeiten zu enthalten. Die Zusammenkunft findet übermorgen bis zum Mittag Statt. Versäumt er, zu kommen, so tödte ich den Makredsch und lasse seine Truppen ihre eigenen Kartätschen fühlen. Dies geschieht auch dann, sobald ich bemerke, daß er gesonnen ist, die Feindseligkeiten fortzusetzen. Kannst Du dies schreiben?«

»Ja.«

»Ich werde Pali noch ganz besondere Aufträge ertheilen. Schreibe so schnell wie möglich, damit er bald aufbrechen kann!«

Einige Minuten später saß ich im Zelte und schrieb mit meinem Bleistifte, nach orientalischer Manier das Papier auf dem Knie, von der Rechten zur Linken hinüber den Brief an den Gouverneur, der sicher beim Lesen desselben keine Ahnung hatte, daß er von seinem Schützlinge verfaßt worden war. Und kaum eine halbe Stunde später jagte das Pferd, welches Pali trug, im Galopp auf dem Wege nach Baadri hin. -

Das Fest der Dschesidi hatte eine außerordentliche Störung erfahren, aber das Bedauern darüber war nicht so groß, wie die Freude, daß es gelungen war, das große Unglück abzuwenden, welches der Versammlung in Scheik Adi gedroht hatte.

»Was wird nun aus dem Feste?« frug ich Ali Bey. »Die Osmanly können noch mehrere Tage lang da unten verweilen müssen, und eine so lange Zeit dürften die Dschesidi doch nicht warten wollen.«

»Ich werde ihnen ein Fest geben, welches größer ist, als sie erwartet haben,« antwortete er. »Weißt Du den Weg nach dem Thale Idiz noch genau?«

»Ja.«

»Du hast Zeit. Reite hin und hole Mir Scheik Khan mit den Scheiks und Kawals herbei. Wir wollen sehen, ob sich die Überreste des Pir Kamek finden lassen, und sie im Thale Idiz begraben.«

Das war allerdings ein Gedanke, welcher bei den Dschesidi zünden mußte, und mir war es außerordentlich lieb, bei dem Begräbnisse |183A eines Dschesidi gegenwärtig sein zu können. Ich nahm nur Halef mit, den Buluk Emini aber ließ ich zurück.

Zwar hatte ich gesagt, daß der Weg nach dem Thale Idiz mir bekannt sei, aber ich war ja nicht von Scheik Adi, sondern von Baadri aus dorthin gekommen. Jedenfalls glaubte der Bey, daß ich mit dem Sohne Selek's über Scheik Adi geritten sei, und ich klärte ihn nicht auf, weil es mir Vergnügen machte, zu sehen, ob ich das Thal finden werde, ohne den Weg zu kennen. In der Richtung konnte ich mich nicht irren, und die Spuren der Dschesidi vom Tage vorher mußten mich ja ganz genau führen. Ich ritt also an der Kante des Thales hin, bis ich oberhalb des Heiligthumes anlangte. Bis hierher kam ich an zahlreichen Dschesidi vorüber, welche den Abhang eng besetzt hielten; dann aber wandte ich mich links in den Wald hinein. Einem geübten Auge war es selbst vom Pferde herab nicht schwer, die Spur zu erkennen. Wir folgten ihr und langten bald an der Stelle an, an welcher ich mit meinem Dolmetscher hinabgestiegen war. Hier stand eine Wache, welche den Auftrag hatte, jeden Unberufenen abzuweisen. Wir stiegen von den Pferden und ließen dieselben oben.

Als wir die Steilung hinunterkletterten, bot sich uns ein seltsamer, lebensvoller Anblick dar. Tausende von Frauen und Kindern hatten sich in den malerischsten Stellungen dort unten gelagert. Pferde grasten; Rinder weideten; Schafe und Ziegen kletterten an den Felsen herum; aber kein Laut war zu hören, denn ein Jeder redete leise, damit das Versteck ja nicht durch einen unvorsichtigen Laut verrathen werde. Am Wasser saß Mir Scheik Khan mit seinen Priestern. Sie empfingen mich mit großer Freude; denn sie hatten bisher nur erfahren, daß der Angriff des Feindes allerdings mißlungen sei, aber einen ausführlichen Bericht hatten sie noch nicht erhalten.

»Ist das Heiligthum erhalten?«

Das war die erste Frage, die der Khan an mich richtete.

»Das Heiligthum ist unversehrt, und ebenso alle anderen Gebäude.«

»Wir hörten das Schießen. Ist viel Blut geflossen?«

»Nur das der Osmanly.«

»Und die Unsrigen?«

»Ich habe nicht gehört, daß Einer während des Kampfes verletzt worden sei. Zwei allerdings sind todt, doch starben sie nicht im Streite.«

»Wer ist es?«

»Der Sarradsch [1) Sattelmacher] Hefi aus Baazoni und - -«

»Hefi aus Baazoni? Ein frommer, fleißiger und tapferer Mann. Nicht im Kampfe? Wie starb er denn?«

»Der Bey sandte ihn als Parlamentär zu den Osmanly, und sie erschossen ihn. Ich mußte zusehen, ohne ihn retten zu können.«

Die Priester neigten die Häupter, falteten die Hände und schwiegen. Nur Mir Scheik Khan sagte mit ernster, tiefer Stimme:

»Er ist verwandelt. El Schems wird ihm hier nicht mehr leuchten, aber er wandelt unter den Strahlen einer höheren Sonne in einem Lande, wo wir ihn wiedersehen werden. Orata ölüm ne mozar ne, adschy ne tasa ne; orata ebedi atschyk ile zewk - dort gibt es weder Tod noch Grab, weder Schmerz noch Kummer; dort ist ewig Licht und Wonne; zira tanry jakin dir - denn er ist bei Gott!«

Diese Art und Weise, die Nachricht von dem Tode eines Freundes hinzunehmen, war ergreifend. Nicht ein böses Wort traf die Mörder. Diese Priester trauerten, aber sie gönnten dem Todten seine Verwandlung. Einer solchen Ergebenheit ist der Islam niemals fähig; sie konnte nur eine Folge der christlichen Ideen und Anschauungen sein, welche die Dschesidi aufgenommen und festgehalten haben.

»Und wer ist der Andere?« frug nun der Khan.

»Du wirst erschrecken!«

»Ein Mann erschrickt nie vor dem Tode, denn der Tod ist >dost insanün, son günahnun, iptida saadetün< - der Freund des Menschen, das Ende der Sünde und der Anfang der Seligkeit. Wer ist es?«

|183B »Pir Kamek.«

Sie zuckten dennoch Alle wie unter einem plötzlichen Schmerze, aber Keiner sagte ein Wort. Auch jetzt sprach Mir Scheik Khan zuerst wieder:

»Ewlija dejischtirmis - der Heilige ist verwandelt. Chüda bujurdi - Gott hat es gewollt! Erzähle uns seinen Tod!«

Ich berichtete so ausführlich, als ich nur konnte. Sie hörten Alle tief ergriffen zu, und dann bat der Khan:

»Kardaschlar, fikirimiz ona jakin ol - Brüder, laßt uns seiner gedenken!« [1) Wörtlich: >Unser Gedanke sei bei ihm]

Sie senkten die Köpfe tief herab. Beteten sie? Ich weiß es nicht; aber ich sah, daß die Augen Mehrerer sich befeuchteten und daß ihre Rührung wohl eine wahre und herzliche war. Man hat behauptet, daß nur der Deutsche das besitze, was man »Gemüth« nennt. Wenn dies wahr sein sollte, so waren diese Dschesidi den Deutschen sehr ähnlich. Wie wollte ich es ihnen gönnen, wenn die göttliche Milde und Klarheit des Christenthums die Schatten ihrer Thäler erleuchten und die Spitzen ihrer Berge vergolden dürfte!

Erst nach einer längeren Weile wich ihre Andacht der gewöhnlichen Stimmung, so daß ich wieder zu ihnen reden konnte.

»Nun sendet mich Ali Bey, um Euch zu ihm zu holen. Er will es versuchen, ob die Überreste des Heiligen noch zu finden sind, damit sie in diesem Falle heute noch begraben werden.«

»Ja, das ist eine wichtige Aufgabe, welche wir zu lösen haben. Die Gebeine des Pir dürfen nicht da ruhen, wo diejenigen des Miralai liegen!«

»Ich befürchte sehr, daß wir nicht Gebeine, sondern nur Asche finden werden!«

»So laßt uns eilen!«

Wir brachen auf, das heißt, sämmtliche Priester und Kawals; die Fakirs aber blieben zur Beaufsichtigung von Idiz zurück. Als wir oberhalb Scheik Adi bei dem Zelte des Bey anlangten, sprach dieser mit einem Mann, den er an den Kaimakam mit der Frage gesendet hatte, ob die Türken den Priestern der Dschesidi erlauben würden, den Scheiterhaufen zu untersuchen. Der Offizier hatte bejahend geantwortet und nur die Bedingung ausgesprochen, daß die betreffenden Personen keine Waffen bei sich führen sollten.

Ali Bey konnte die Scheiks nicht begleiten, da er stets anderweit zur Disposition sein mußte. Ich bat, mich anschließen zu dürfen, und das wurde mir gern gestattet. Fast hätte man die Hauptsache vergessen: ein Gefäß, welches die Asche des Heiligen aufnehmen sollte. Auf eine darauf bezügliche Frage zeigte der Bey, daß er auch bereits an diesen Umstand gedacht habe.

»Mir Scheik Khan, Du weißt, daß der berühmte Tschömlekdschi [2) Töpfer] Rassat in Baazoni meinem Vater Hussein Bey eine Urne machte, welche einst seinen Staub aufnehmen soll, wenn es Zeit ist, ihn aus dem Mezar [3] Grab] zu entfernen, damit er nicht mit dem Mehle des Tabut [4) Sarg] vermengt und verunreinigt werde. Diese Kilja [5) Urne, Thongefäß] ist ein Meisterstück des berühmten Töpfers und wohl werth, die Überreste des Heiligen aufzunehmen. Sie steht in meinem Hause zu Baadri, und ich habe bereits Boten ausgesandt, sie herbeizuholen. Sie wird ankommen, noch ehe Ihr am Scheiterhaufen Eure Arbeit beendet habt.«

Dies war genügend, und so setzte sich die Prozession nach niederwärts in Bewegung. Wir kamen bei der Batterie vorüber und langten an dem Orte an, wo der >Heilige< sich und seinen Feind der Rache geopfert hatte. Wir sahen einen Aschenhügel, aus dem die halb verbrannten Stummel starker Hölzer hervorragten. Vor demselben lag die Leiche des erschossenen Parlamentärs. Die Hitze des Feuers hatte wohl seine Kleider, nicht aber seinen Körper zerstört. Er wurde entfernt, eine Arbeit, bei welcher unsere Geruchsnerven nicht wenig zu leiden hatten.

Die Asche war erkaltet. Die nahe liegenden Häuser lieferten die nöthigen Werkzeuge, und nun begann man eine vorsichtige, nur Zoll für Zoll fortschreitende Wegräumung der Aschendecke. Diese Abräumung mußte so sorglich vorgenommen werden, daß sie eine sehr lange Zeit in Anspruch nahm, während welcher ein Dschesidi mit einem Maultiere anlangte, auf dessen Rücken die Urne |184A befestigt war. Ihre Form glich über dem Fuße derjenigen eines umgestürzten Glasschirmes, wie wir sie auf unseren Lampen zu sehen pflegen, und darauf ruhte ein Deckel, welchen eine Sonne krönte. Auf diesem Gefäße waren eine Abbildung und einige Worte im Kurmangdschi eingebrannt. Die Zeichnung stellte einen fliegenden Vogel mit gabelförmigem Schwanz und spitzen Flügeln vor. Welcher Art dieser Vogel sein sollte, sagte mir die Unterschrift: Hadschi Hadschik, der Pilger unter den Pilgern, d¨ i¨ die Schwalbe.

|184B Rund um den Vogel und die Unterschrift waren acht Worte in folgender Ordnung zu sehen:

                          Speïda

           Mezaal                             Isterik

                 (Abbildung der Schwalbe)

Kabirstan                                             Adef

                    (Hadschi Hadschik)

          Toprasch                            Azman

                           Ross.

|185A In deutscher Sprache würden diese acht Worte also lauten:

                        Morgenröthe

          Grabmal                             Stern

                 (Abbildung der Schwalbe)

Kirchhof                                              Sonne

                    (Hadschi Hadschik)

          Erde                                Himmel

                            Tag.

Die Bedeutung dieser Inschrift ist so klar, daß es gar nicht nöthig ist, eine besondere Erklärung derselben zu geben. Ich deutete auf den Vogel und frug einen der Scheiks:

»Ist die Schwalbe ein heiliger Vogel der Dschesidi?«

»Sie ist ein Symbol der irdischen Pilgerschaft. Wenn der Herbst kommt, zieht sie in schönere Länder, und wenn der Sommer des Menschen vorüber ist, so rüstet auch er sich, abzuscheiden von den Bergen, an denen er sein Nest erbaute, und hinüberzugehen in eine bessere Welt. Jenseits des Grabes, des Friedhofes und der Erde geht auf die Morgenröthe und der Tag eines anderen Sternes, einer reineren Sonne, der Tag des Himmels, welcher kein Ende kennt und keine Nacht besitzt. Hier auf dieser Kilja steht es geschrieben.«

Es schien mir ganz unmöglich, die Überreste des >Heiligen< von denen des Scheiterhaufens zu unterscheiden; allein ich sollte mich bei dieser Annahme geirrt haben. Als die Asche beinahe bis zum Boden herab fortgeräumt worden war, wurden zwei formlose Klumpen bloßgelegt, denen die Priester ihre ganze Aufmerksamkeit zuwandten. Sie schienen nicht in's Reine kommen zu können, und Mir Scheik Khan winkte mich hinzu.

Es war keine leichte Aufgabe, diese Gegenstände genau zu untersuchen; man mußte sich Mund und Nase dabei verschließen. Wir hatten wirklich die Körper der beiden Todten vor uns. Sie waren halb verbraten und halb verkohlt, auf ein Drittheil ihrer früheren Größe zusammengeschrumpft und von einer ziemlich starken Kruste umgeben, welche, wie sich bei der näheren Untersuchung ergab, aus den unverbrennlichen Bestandtheilen des Erdpeches und der daran angeklebten Asche bestand.

»Es sind die Todten,« meinte ich. »Ihr habt es diesem Erdpeche zu verdanken, daß Ihr Euren >Heiligen< begraben könnt.«

»Aber welcher ist es?«

»Sucht ihn heraus!«

Ich wollte sehen, wie weit der Scharfsinn dieser Männer gehe. Sie gaben sich die größte Mühe, vermochten es aber nicht, die scheinbar schwierige und doch so leichte Frage zu entscheiden.

»Es ist unmöglich, den Pir zu erkennen,« meinte endlich der Khan in ziemlicher Rathlosigkeit. »Wir müssen entweder darauf verzichten, seiner Asche die gebührende Ehre zu erweisen, oder wir sind gezwungen, beide Körper in die Urne zu legen, Freund und Feind, den Frommen und den Gottlosen. Oder weißt Du einen bessern Rath, Emir Kara Ben Nemsi?«

»Ich weiß einen.«

»Wie lautet er?«

»Nur allein die Gebeine des Pir in die Urne zu thun.«

»Aber Du hast ja gehört, daß wir dieselben nicht von denen des Miralai unterscheiden können!«

»Das ist ja nicht schwer! Dieser hier ist der >Heilige<, und dieser hier ist der Türke.«

»Woraus erkennst Du das? Kannst Du es beweisen?«

»So sicher, wie Ihr es nur wünschen möget. Der Pir hatte keine Waffen bei sich; der Miralai aber trug seinen Säbel, einen Dolch und zwei Pistolen. Seht Ihr die krumm gezogenen Pistolenläufe und die Messerklinge an diesem Körper kleben? Die Schäfte und der Griff sind verbrannt. Und hier grad unter ihm sieht die Säbelspitze aus der Asche heraus. Dieser ist also unbedingt der Miralai gewesen.«

Jetzt nun wunderten sich die Dschesidi, daß sie nicht selbst auch auf diesen so einfachen Gedanken gekommen waren. Sie Alle ohne Ausnahme stimmten meiner Ansicht bei und machten sich daran, die Reste des Pir in die Urne zu bringen.

Während des ganzen Vorganges hatte der Kaimakam mit mehreren seiner Offiziere in der Nähe gehalten. Ihm wurde die |185B Leiche seines früheren Vorgesetzten überlassen, und dann kehrten wir wieder zur Höhe zurück. Dort bat Ali Bey den Khan um seine Befehle in Beziehung auf die Bestattungsfeierlichkeit.

»Wir müssen sie auf morgen verschieben,« antwortete dieser.

»Warum?«

»Pir Kamek war der Frömmste und der Weiseste unter den Dschesidi; er soll würdig bestattet werden, und dazu ist es heute zu spät. Ich werde anordnen, daß man ihm im Thale Idiz ein Grabmal errichte, und dieses kann erst Morgen fertig sein.«

»So wirst Du Duwardschi's [1) Maurer] und Dägerler [2) Zimmerleute] brauchen?«

»Nein. Wir werden einen einfachen Bau aus Felsblöcken errichten, der keines Kittes bedarf, und jeder Mann, jedes Weib und auch ein jedes Kind soll einen Stein dazu herbeibringen, je nach seinen Kräften, damit keiner der versammelten Pilger ausgeschlossen werde, dem Verwandelten das ihm gebührende Denkmal zu stiften.«

»Aber ich brauche die Krieger zur Bewachung der Türken!« wendete Ali Bey ein.

»Sie werden sich ablösen; dann stehen Dir immer genug von ihnen zu Gebote. Laß uns berathen, welche Gestalt wir dem Baue geben!«

Da ich hierbei unbetheiligt war, suchte ich meinen Dolmetscher auf, um mir das Manuscript des Verstorbenen geben zu lassen. Er hatte es in das Innere eines hohlen Thinarbaumes [3) Ahorn] versteckt, und wir ließen uns in der Nähe desselben nieder, wo ich meinen Sprachübungen ungestört obliegen konnte.

Darüber verging der Tag, und der Abend kam heran. Auf den Höhen, welche das Thal von Scheik Adi umgaben, leuchtete ein Wachtfeuer neben dem andern auf. Es war den Türken unmöglich, zu entkommen, selbst wenn der Kaimakam gegen sein Versprechen die Nacht zu einem Durchbruche hätte benutzen wollen. Die Zeit der Dunkelheit verging ohne alle Störung, und am Morgen kehrte Pali zurück. Die Schnelligkeit und Ausdauer seines guten Pferdes hatte die Entfernung zwischen Scheik Adi und Mossul bedeutend abgekürzt. Ich hatte in dem Zelte des Bey geschlafen und befand mich noch dort, als der Bote eintrat.

»Hast Du den Mutessarif getroffen?« frug ihn Ali.

»Ja, Herr; noch spät am Abend.«

»Was sagte er?«

»Erst wüthete er und wollte mich todt peitschen lassen. Dann ließ er viele Offiziere und seinen Diwan effendisi [4) Versammlung der Räthe] kommen, mit denen er sich lange Zeit berathen hat. Dann durfte ich zurückkehren.«

»Bei dieser Berathung warest Du nicht zugegen?«

»Nein.«

»Welche Antwort hast Du erhalten?«

»Einen Brief an Dich.«

»Zeige ihn!«

Pali zog ein Schreiben hervor, welches mit dem großen Möhür mutessarifün (5) Siegel der Satthalterschaft] verschlossen war. Ali Bey öffnete und betrachtete die Zeilen. In dem großen Schreiben lag ein kleiner, offener Brief. Er reichte mir beide Schriftstücke.

»Lies Du, Emir! Ich bin begierig, zu erfahren, was der Mutessarif beschlossen hat.«

Die Zuschrift war von dem Schreiber des Statthalters verfaßt und von dem Letzteren unterzeichnet worden. Er versprach, am andern Morgen mit zehn Mann Begleitung, in Dscherraijah zu sein, und stellte die Bedingung, daß Ali Bey auch nur von einer so geringen Anzahl begleitet werde. Er erwartete, daß der Ausgleich ein friedlicher sein werde, und bat, dem Kaimakam den inneliegenden schriftlichen Befehl zu übergeben. Dieser enthielt die allerdings sehr friedliche Weisung, bis auf Weiteres jede Feindseligkeit einzustellen, den Ort Scheik Adi zu schonen und die Dschesidi als Freunde zu behandeln. Angeschlossen war dann die Bemerkung, diesen Befehl recht genau zu lesen.

Ali Bey nickte befriedigt mit dem Kopfe.

|186A Nach einer kleinen Pause machte der Dschesidi-Häuptling seinem vollen Herzen mit den Worten Luft:

»Wir haben gewonnen und dem Mutessarif eine nachhaltige Lehre ertheilt; merkst Du dies, Emir? Der Kaimakam soll diesen Brief erhalten, und morgen werde ich in Dscherraijah sein.«

»Wozu dem Kaimakam diese Zuschrift geben?«

»Sie gehört ihm.«

»Ist aber überflüssig, da er sich ja bereits verbindlich gemacht hat, das zu thun, was ihm hier geboten wird.«

»Er wird es um so sicherer und treuer thun, wenn er sieht, daß es auch der Wille des Mutessarif ist.«

»Ich muß Dir gestehen, daß dieser schriftliche Befehl meinen Verdacht erweckt.«

»Warum?«

»Weil er überflüssig ist. Und wie eigenthümlich klingen die letzten Worte, daß der Kaimakam den Befehl ja ganz genau lesen möge!«

»Dies soll uns von dem guten Willen des Mutessarif überzeugen und den Kaimakam zum pünktlichsten Gehorsam ermuntern.«

»Diese Pünktlichkeit ist selbstverständlich, und darum scheint mir der Befehl mehr als überflüssig.«

»Dieser Brief gehört nicht mir; der Gouverneur hat ihn meiner Ehrlichkeit anvertraut, und der Kaimakam soll ihn erhalten.«

Es war, als wolle der Zufall diesem Vorsatze des Bey seine ganz besondere Genehmigung ertheilen, denn gerade jetzt meldete ein eintretender Dschesidi:

»Herr, es kommt ein Reiter aus dem Thal herauf.«

Wir gingen hinaus und erkannten nach einiger Zeit in dem Nahenden den Kaimakam, der allerdings ohne alle Begleitung heraufgeritten kam. Wir erwarteten ihn im Freien.

»Seni selamlar-im - ich begrüße Dich!« sagte er beim Absteigen erst zum Bey und dann auch zu mir.

»Chosch geldin-sen, effendi - sei willkommen, Herr!« antwortete Ali. »Welcher Wunsch führt Dich zu mir?«

»Der Wunsch meiner Krieger, welche kein Brod zu essen haben.«

Das war ohne alle Einleitung gesprochen. Ali lächelte leise.

»Ich mußte das erwarten. Aber hast Du Dir gemerkt, daß ich Brod nur gegen Waffen verkaufe?«

|186B »So sagtest Du; aber Du wirst dennoch Geld nehmen!«

»Was der Bey der Dschesidi sagt, das weiß er auch zu halten. Du brauchst Speise, und ich brauche Waffen und Munition. Wir tauschen, und so ist uns Beiden dann geholfen.«

»Du vergissest, daß ich die Waffen und die Munition selbst brauche!«

»Und Du vergissest, daß ich des Brodes selbst bedarf! Es sind viele tausend Dschesidi bei mir versammelt; sie Alle wollen essen und trinken. Und wozu brauchst Du die Waffen? Sind wir nicht Freunde?«

»Doch nur bis zum Schlusse des Waffenstillstandes!«

»Wohl auch noch länger. Emir, ich bitte Dich, ihm den Brief des Gouverneur einmal vorzulesen!«

»Ist ein Brief von ihm angekommen?« frug der Oberstlieutenant schnell.

»Ja. Ich sandte einen Boten, welcher jetzt zurückgekommen ist. Lies, Emir!«

Ich las das Schreiben, das ich noch bei mir hatte, vor. Ich glaubte, in der Miene des Kaimakam eine Enttäuschung zu bemerken.

»So wird also Friede zwischen uns werden!« meinte er.

»Ja,« antwortete der Bey. »Und bis dahin wirst Du Dich freundlich zu uns verhalten, wie Dir der Mutessarif noch besonders gebietet.«

»Besonders?«

»Er hat einen Brief beigelegt, den ich Dir geben soll.«

»Einen Brief? Mir?« rief der Offizier. »Wo ist er?«

»Der Emir hat ihn. Laß ihn Dir geben!«

Schon stand ich im Begriff, ihm das Schreiben hinzureichen; aber die Hast, mit welcher er danach langte, machte mich denn doch stutzig.

»Erlaube, daß ich ihn Dir vorlese!«

Ich las, aber nur bis zu der letzten Bemerkung, welche meinen Verdacht so sehr erregt hatte. Doch da frug er:

»Ist dies alles? Steht weiter nichts da?«

»Noch zwei Zeilen. Höre sie!«

Ich las nun bis zu Ende und hielt dabei den Blick halb auf ihn gerichtet. Nur einen kurzen Moment lang öffneten sich seine Augen weiter als gewöhnlich, aber ich wußte nun sicher, daß dieser Satz irgend eine uns unbekannte Bedeutung habe.

|187A »Dieser Brief gehört mir. Zeige ihn her!«

Bei diesen Worten griff er so schnell zu, daß ich kaum Zeit behielt, meine Hand mit dem Papiere zurückzuziehen.

»Warum so eilig, Kaimakam?« frug ich, ihn voll ansehend. »Haben diese Zeilen etwas so sehr Wichtiges zu bedeuten, daß Du Deine ganze Selbstbeherrschung verlierst?«

»Nichts, gar nichts haben sie zu bedeuten; aber dieses Schreiben ist doch mein!«

»Der Mutessarif hat es dem Bey gesandt, und auf diesen allein kommt es an, ob er es Dir geben oder Dich nur mit dem Inhalte bekannt machen will.«

»Er hat es Dir ja bereits gesagt, daß ich den Brief erhalten soll!«

»Da dieses Papier Dir so wichtig zu sein scheint, trotzdem Du seinen Inhalt bereits kennst, so wird er mir erlauben, es zuvor einmal genau zu betrachten.«

Mein Verdacht hatte sich noch mehr befestigt. Anstatt gehoben zu werden, war er bereits zu einer bestimmten Vermuthung geworden. Ich hielt das Papier mit seiner Fläche senkrecht zwischen das Auge und die Sonne; ich konnte nichts Auffälliges bemerken. Ich befühlte und beroch es, aber ohne Erfolg. Nun hielt ich es wagrecht so, daß ich die darauf fallenden Sonnenstrahlen mit dem Auge auffing, und da endlich zeigten sich mir mehrere, allerdings nur einem sehr scharfen Blicke bemerkbare Stellen, welche zwar mit der Farbe des Papiers beinahe verschwammen, aber dennoch die Gestalt von Schriftzeichen zu haben schienen.

»Du wirst das Papier nicht bekommen!« sagte ich zum Kaimakam.

»Warum nicht?«

»Weil es eine geheime Schrift enthält, welche ich untersuchen werde.«

Er verfärbte sich.

»Du irrst, Effendi!«

»Ich sehe es genau!« Und um ihn zu versuchen, fügte ich hinzu: »Diese geheime Schrift wird zu lesen sein, wenn ich das Papier in das Wasser halte.«

»Tue es!« antwortete er mit einer sichtbaren Genugtuung.

»Du hast Dich durch die Ruhe Deiner Worte verrathen, Kaimakam. Ich werde das Papier nun nicht in das Wasser, sondern über das Feuer halten.«

Ich hatte es getroffen; das erkannte ich an dem nicht ganz unterdrückten Erschrecken, welches sein zu offenes Gesicht überflog.

»Du wirst den Brief ja dabei verbrennen und zerstören!« mahnte er.

»Trage keine Sorge! Ein Effendi aus dem Abendlande weiß mit solchen Dingen recht wohl umzugehen.«

Der Bey war ganz erstaunt.

»Glaubst Du wirklich, daß dieser Brief eine verborgene Schrift enthält?«

»Laß ein Feuer anmachen, so werde ich es Dir beweisen!«

Noch war Pali zugegen. Auf einen Wink Ali's suchte er dürre Äste zusammen und steckte sie in Brand. Ich kauerte mich nieder und hielt das Papier vorsichtig über die Flammen. Da that der Kaimakam einen schnellen Sprung auf mich zu und suchte, es mir zu entreißen. Ich hatte das erwartet, wich ebenso schnell zur Seite, und er fiel strauchelnd zu Boden. Sofort kniete Ali Bey auf ihm.

»Halt, Kaimakam!« rief er; »Du bist falsch und treulos; Du bist jetzt zu mir gekommen, ohne Dich vorher meines Schutzes zu versichern, und ich mache Dich zu meinem Gefangenen!«

Der Offizier wehrte sich, so gut er es vermochte, aber wir waren ja Drei gegen Einen, und zudem kamen auch andere Dschesidi, welche in der Nähe gehalten hatten, herbei. Er wurde entwaffnet, gebunden und in das Zelt geschafft.

Nun konnte ich mein Experiment vollenden. Die Flamme erhitzte das Papier beinahe bis zum Versengen, und nun kamen sehr deutliche Worte zum Vorscheine, welche an dem Rande der Zeilen standen.

»Ali Bey, siehst Du, daß ich Recht hatte?«

»Emir, Du bist ein Zauberer!«

»Nein; aber ich weiß, wie man solche Schriften sichtbar machen kann.«

|187B »O, Effendi, die Weisheit der Nemtsche ist sehr groß!«

»Hat der Mutessarif dieses Zauberstück nicht ebenso verstanden? Es gibt Stoffe, aus denen man eine Tinte machen kann, welche nach dem Schreiben verschwindet und mit einem andern Mittel gezwungen wird, wieder sichtbar zu werden. Die Wissenschaft, welche diese Mittel kennt, heißt Chemie oder Scheidekunst. Sie wird bei uns mehr gepflegt als bei Euch, und darum haben wir auch bessere Mittel als Ihr. Wir kennen viele Arten von geheimen Schriften, welche sehr schwer zu entdecken sind; die Euren aber sind so einfach, daß keine große Klugheit dazu gehört, Eure unsichtbaren Worte sichtbar zu machen. Rathe einmal, womit diese Worte geschrieben worden sind.«

»Sage es!«

»Mit Harn.«

»Unmöglich!«

»Wenn Du mit dem Harne eines Thieres oder eines Menschen schreibst, so verschwindet die Schrift, sobald sie eingetrocknet ist. Hältst Du das Papier dann über das Feuer, so werden die Züge schwarz, und Du kannst sie lesen.«

»Wie lauten diese Worte?«

»O bir gün gel-yr-im jen-mek itschin - ich komme übermorgen, um zu siegen.«

»Ist dies wahr? Irrest Du Dich nicht?«

»Hier steht es deutlich!«

»Wohlan, so gib mir diesen Brief!«

Er ging in großer Erregung einige Male auf und ab; dann blieb er wieder vor mir stehen.

»Ist dies Verrath oder nicht, Emir?«

»Es ist Heimtücke.«

»Soll ich diesen Mutessarif vernichten? Es liegt in meiner Hand!«

»Du wirst es dann mit dem Padischa zu thun bekommen!«

»Effendi, die Urus [1) Russen] haben ein Wort, welches lautet: >Giöj jüksek, thsaar uzak - der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit<. So ist es auch mit dem Padischah. Ich werde siegen!«

»Aber Du wirst viel Blut vergießen. Sagtest Du mir nicht kürzlich, daß Du den Frieden liebst?«

»Ich liebe ihn, aber man soll ihn mir auch lassen! Diese Türken kamen, um uns die Freiheit, das Eigenthum und das Leben zu rauben; ich habe sie dennoch geschont. Jetzt spinnt man neuen Verrath. Soll ich mich nicht wehren?«

»Du sollst Dich wehren, aber nicht mit dem Säbel!«

»Womit sonst?«

»Mit diesem Briefe. Tritt mit demselben vor den Mutessarif, und er wird besiegt und geschlagen sein.«

»Er wird mir einen Hinterhalt legen und mich gefangen nehmen, wenn ich morgen nach Dscherraijah gehe!«

»Wer hindert Dich, dasselbe auch mit ihm zu thun? Er ist Dir sicherer als Du ihm, denn er hat keine Ahnung, daß Du seine Absichten kennst.«

Ali Bey sah eine ganze Weile nachdenklich vor sich nieder; dann antwortete er:

»Ich werde mich mit Mir Scheik Khan besprechen. Willst Du mit mir nach dem Thale Idiz reiten?«

»Ich reite mit.«

»Vorher aber will ich diese Menschen da unten unschädlich machen. Tritt nicht mit ein, sondern erwarte mich hier!«

Warum sollte ich ihn nicht in das Zelt begleiten? Seine Hand lag am Dolche, und sein Auge blickte entschlossen. Wollte er mich verhindern, eine rasche That zu verhüten? Ich stand wohl eine halbe Stunde allein, und während dieser Zeit hörte ich die zornigen Töne einer sehr erregten Unterhaltung. Endlich kam er wieder. Er hatte ein Papier in der Hand und gab es mir.

»Lies! Ich will hören, ob es ohne Falschheit ist. «

Es enthielt die kurze, gemessene Weisung an die befehligenden Offiziere, alle Waffen und auch die Munition sofort an diejenigen Dschesidi zu übergeben, deren Anführer diesen Befehl vorzeige.

»Es ist richtig. Aber wie hast Du das erlangt?«

»Ich hätte ihn und den Makredsch sofort erschießen lassen und die Kanonade begonnen. In einer Stunde wären wir mit ihnen fertig gewesen.«

|188A »Nun bleibt er gefangen?«

»Ja. Er wird mit dem Makredsch bewacht.«

»Und wenn sich die Seinen nicht fügen?«

»So werde ich meine Drohung wahr machen. Bleibe hier, bis ich zurückkehre, und Du wirst sehen, ob mich die Türken respektiren.«

Er ertheilte noch einige Befehle und stieg dann nach der Batterie hinab. In der Zeit von zehn Minuten waren alle Dschesidi kampfbereit. Die Schützen lagen mit aufgenommenen Schießgewehren in ihren Verstecken, und die Artilleristen standen zum Schusse fertig bei den Geschützen. Ihre Verschanzung öffnete sich, um gegen zweihundert Dschesidi und wohl an die dreißig Maulesel durchzulassen. Diese Thiere bestanden meist aus denen, welche wir mit den Kanonieren gefangen genommen hatten. Dieser Zug blieb in einiger Entfernung halten, während der Anführer desselben vorschritt und den Platz aufsuchte, an welchem sich die Offiziere der Osmanen befanden.

Ich konnte von meinem Standpunkte aus dies Alles sehr genau beobachten. Es gab eine ziemlich lange Zeit der Verhandlung. Dann jedoch traten die Soldaten in Trupps zusammen, welche einer nach dem andern bis in die Nähe der Maulthiere vormarschirten, um dort die Waffen abzulegen. Dies lief nun allerdings nicht ganz glatt und ruhig ab, besonders da auch sämmtliche Chargen gezwungen waren, sich von Säbel und Pistole zu trennen; aber es blieb nur bei leeren Kraftworten, da die Türken wußten, daß jeder thatsächliche Widerstand mit Kartätschen gebrochen werden solle.

Ali Bey war kaum eine Stunde lang entfernt gewesen, so kehrte er zurück. Ihm folgten die mit den Waffen beladenen Maulthiere, deren Treiber beordert waren, die kostbare Beute nach dem Thale Idiz zu bringen. Auch der Kaimakam wurde von einigen Kriegern in Sicherheit gebracht. Man führte ihn dorthin, wo der Makredsch das Glück hatte, die Gesellschaft des dicken Artilleriehauptmannes und seines tapfern Lieutenants zu genießen. Er konnte mit diesen Beiden auf Beförderung warten und unterdessen >Tabak aus Schiras< rauchen.

Nun machten auch wir uns auf den Weg. Halef ritt mit. Mein Baschi-Bozuk war nicht zu sehen; jedenfalls hatte er aus Langeweile seinen Esel spazieren geritten. Auf dem Wege nach dem Thale Idiz begegneten wir einer langen Reihe zurückkehrender Dschesidi. Sie hatten ihren Beitrag zum Baue des Grabmales geleistet und sollten nun zu demselben Zwecke eine gleiche Anzahl ihrer Gefährten ablösen. Sie theilten uns mit, daß der Bau rasch vor sich schreite.

Als wir den Eingang erreichten, bot sich uns das Bild eines sehr bewegten Lebens dar. In der Mitte desselben war eine große Anzahl von Frauen versammelt, welche auf großen, flachen Steinen Mehl aus Körnern bereiteten; Andere saßen an Gruben, welche sie durch Feuer erhitzten, um Brod zu backen; noch Andere machten Fackeln oder richteten die Lampen und Laternen, die man vorgestern aus Scheik Adi mitgenommen hatte, zu der bevorstehenden Feier her. Am regsamsten aber ging es im oberen Theile des Thales zu, wo das Grabmal errichtet wurde. Es stellte eine ungeheure Felspyramide dar, deren hintere Seite sich an die steile Wand des Felsens lehnte. Das Fundament bestand aus großen Blöcken, deren Transport und Aufbau jedenfalls bedeutenden Kraftaufwand gekostet hatte. In der Mitte der voraussichtlichen Höhe war ein hohler Raum gelassen, welcher die Gestalt einer zwölfstrahligen Sonne hatte und von deren Mittelpunkt die Urne aufgenommen werden sollte. Mehrere hundert Männer arbeiteten daran, und noch mehr Frauen und Kinder waren beschäftigt, Steine herbeizuwälzen, oder hingen wie Eichhörnchen an den Vorsprüngen der Felsenwand, um von oben herab dem Baue förderlich zu sein.

Die Priester waren theils mit der Beaufsichtigung des Werkes beschäftigt, theils legten sie selbst mit Hand an. Mir Scheik Khan saß in der Nähe der Pyramide. Wir gingen zu ihm. Ali Bey erzählte ihm die heutigen Vorkommnisse und zeigte ihm auch die beiden Schreiben des Mutessarif. Der Khan versank in tiefes Nachdenken; dann aber frug er:

»Was wirst Du thun, Ali Bey?«

»Du bist der Ältere und der Weisere; ich komme, mir Deinen Rath zu erbitten.«

|188B »Du sagst, ich sei der Ältere. Das Alter liebt die Ruhe und den Frieden. Du sagst, ich sei der Weisere. Die größte Weisheit ist der Gedanke an den Allmächtigen und Allgütigen. Er macht den Schwachen stark; er beschützt den Unterdrückten; er will nicht, daß der Mensch das Blut seines Bruders vergieße.«

»Sind diese Türken unsere Brüder? Sie, die wie wilde Thiere über uns und die Unserigen herfallen?«

»Sie sind unsere Brüder, obgleich sie nicht als Brüder an uns handeln. Tötest Du einen Bruder, der Dir übel will?«

»Nein.«

»Du sprichst mit ihm freundlich oder streng, aber Du forderst nicht sein Leben. So sollst Du auch mit dem Mutessarif reden.«

»Und wenn er nicht auf mich hört?«

»Der Allerbarmer gab dem Menschen den Verstand, um zu denken, und ein Herz, um zu fühlen. Wer nicht die Rede eines Anderen überdenkt, und wer nicht die Gefühle seines Bruders empfindet, der hat den Erbarmenden verlassen und verleugnet, und dann, erst dann darf der Zorn und die Strafe über ihn kommen.«

»Mir Scheik Khan, ich werde nach Deinen Worten handeln!«

»So wiederhole ich meine Frage: Was wirst Du thun?«

»Ich werde mit zehn Männern nach Dscherraijah gehen, mir aber genug Krieger folgen lassen, um den Mutessarif gefangen zu nehmen. Vorher aber, bereits noch heute, werde ich Kundschafter nach Mossul, Kufjundschik, Telkeif, Baaweiza, Ras ul Aïn und Khorsabad senden, welche mich rechtzeitig von seinen Plänen benachrichtigen werden. Ich werde in Liebe mit ihm reden, dann mit Strenge, wenn er nicht hört. Achtet er auch dann nicht auf mich, so lasse ich ihn seinen geheimen Brief sehen und gebe das Zeichen, ihn zu ergreifen. Während ich bei ihm bin, werden meine Männer Dscherraijah umringen. Er kann mir nicht entgehen.«

»Vielleicht wird er auch Kundschafter senden, um zu erfahren, wie Du Dich auf die Zusammenkunft mit ihm vorbereitest.«

»Er wird nichts erfahren, denn meine Leute werden bereits während der Nacht von hier abgehen, und zwar nicht auf der Straße über Baadri, sondern rechts bis fast nach Bozan hinüber. Sie werden am Morgen am Bache im Westen von Dscherraijah sein.«

»Und wer wird während Deiner Abwesenheit in Scheik Adi befehligen?«

»Willst Du es thun?«

»Ich will.«

Das klang so einfach. Hier übergab der weltliche Beherrscher der Dschesidi ihrem geistlichen Regenten seine Gewalt ohne die leiseste Regung einer kleinlichen Eifersucht, ohne alles Mißtrauen und Bedenken. »Willst Du?« frug der Eine. »Ich will,« antwortete der Andere. Welchen Klang mag wohl das Wort >Culturkampf< in einem der Dialekte dieser Teufelsanbeter haben!

Es wurde nun die Verproviantierung der in Scheik Adi eingeschlossenen Türken besprochen und dann das heutige Fest. Unterdessen wanderte ich von Gruppe zu Gruppe, um einen oder den andern sprachlichen Fund zu thun. Da kam es hinter mir heran gekeucht, und eine nach Athem schnappende Stimme rief:

»Weiche aus, Sihdi!«

Ich wandte mich um. Es war mein Halef, der seine ganze Körperkraft anstrengte, ein mächtiges Felsstück vor sich herzurollen.

»Was thust Du hier?« frug ich erstaunt.

»Mein Beitrag zum Monument.«

»Wird er angenommen? Du bist ja kein Dschesidi!«

»Sehr gern! Ich habe gefragt.«

»So hole ich auch einen Stein!«

Nicht weit von unserm Standorte lag ein ziemlicher Felsbrocken. Ich legte die Waffen und das Oberkleid ab und machte mich daran, ihn fortzuschaffen. Er wurde von den Scheiks mit Dank angenommen und, nachdem ich mit dem Dolche meinen Namen eingegraben hatte, mit Anwendung von Seilen empogezogen, wo er seine Stellung grad über der Sonne bekam.

Mittlerweile hatte Ali Bey den Zweck seines Besuches erreicht. Er wollte wieder aufbrechen und frug mich, ob ich ihn begleiten oder lieber hier bleiben wolle.

»Wie werde ich die Feierlichkeit am besten beobachten können?«

|189A »Wenn Du mit mir gehest,« antwortete er. »Die Urne wird heute abend beim Glanze der Fackeln und Laternen von Scheik Adi nach dem Thale Idiz übergeführt.«

»Ich denke, sie ist bereits hier!«

»Nein. Sie steht am kühlen Wasser im Walde und wird erst in das Heiligthum gebracht.«

»Trotz der Türken?«

»Sie können uns nicht hindern.«

»So reite ich mit.«

»Du hast bis zum Abend Zeit. Willst Du mir eine Liebe erweisen?«

»Gern, im Falle es mir möglich ist!«

»Du weißt, daß ich dem Häuptling der Badinan-Kurden Gewehre versprochen habe. Wirst Du den Ort finden, wo er seine Hütten hat?«

»Sehr leicht. Jedenfalls braucht man gar nicht bis dorthin zu reiten, da er den Paß und die Seitenthäler besetzen wollte. Es wird übrigens an der Zeit sein, ihm einmal Nachricht zu geben.«

»Willst Du dies übernehmen?«

»Ja.«

»Und ihm seine Gewehre bringen?«

»Wenn Du sie mir anvertraust!«

»Er soll hundert haben und auch Munition dazu. Drei Maulthiere können dies tragen. Wie viele Männer wünschest Du als Begleitung?«

»Ist ein Angriff oder sonst eine Feindseligkeit zu erwarten?«

»Nein.«

»Gib mir zehn Krieger mit. Ich werde auch Mohammed Emin mitnehmen, der dort von der Höhe kommt.«

Ich hatte vorhin erfahren, daß der Scheik der Haddedihn auf die Jagd gegangen sei. Ich war überhaupt in den letzten Tagen gar nicht mit ihm zusammengetroffen. Er wollte sich so wenig wie möglich zeigen, damit seine Anwesenheit nicht öffentlich zur Sprache komme, und er hatte wohl auch sein Vorurtheil gegen die Teufelsanbeter nicht ganz überwunden. Darum war es ihm lieb, daß er mit mir gleich wieder aufbrechen konnte.

Es währte nur kurze Zeit, so waren die Maulthiere beladen, und unser kleiner Zug setzte sich in Bewegung. Zunächst hielten wir auf Scheik Adi zu, und dann wichen wir links ab, um den Weg nach Kaloni zu gewinnen. Meine Vermuthung bestätigte sich; ich traf eine Anzahl der Badinankurden bereits auf der ersten Höhe hinter Scheik Adi und wurde von ihnen zu ihrem Häuptlinge geführt, der mich dieses Mal mit sehr großer Ehrerbietung empfing. Ich mußte bei ihm bleiben, um ein Mahl einzunehmen, welches uns sein Weib bereitete. Er war mit den Gewehren sehr zufrieden und zeigte sich ganz besonders erfreut über den Säbel des Kaimakam, den Ali Bey mir als Extrageschenk für ihn mitgegeben hatte. Mohammed Emin fand an den Badinankurden ein solches Wohlgefallen, daß er sich entschloß, hier zurückzubleiben und mich zu erwarten, obgleich er nicht Kurdisch verstand. Ich versuchte nicht, ihm abzurathen, da seine Anwesenheit in Scheik Adi doch noch von den Türken bemerkt und dann der eigentliche Zweck unsers Rittes in die Berge gefährdet werden konnte. Ich kehrte also ohne ihn zurück.

Der Tag war doch so ziemlich vergangen, als ich wieder bei Ali Bey anlangte und ihm von den Badinan berichtete. Ich bemerkte, daß die Türken sich mehr nach der Mitte des Thales zurückgezogen und das Heiligthum also freigegeben hatten.

»Wann beginnt die Feier?« frug ich den Bey.

»Sobald es dunkel geworden ist. Nimm Deine Gewehre mit; es wird viel geschossen.«

»Gib mir eins von den Deinigen. Ich muß meine Patronen schonen, die ich hier nicht durch neue ersetzen kann.«

Ich war wirklich sehr neugierig auf diese Begräbnißfeierlichkeit, deren Zeuge ich werden sollte. Es war ja sehr leicht möglich, daß vor mir noch niemals ein Europäer dem Begräbnisse eines der angesehensten Teufelsanbeter beigewohnt hatte. Ich saß an der Kante des Thales und blickte hinab, bis sich die Schatten der Nacht niedersenkten. Da leuchteten rundum die Wachtfeuer wieder auf, und zugleich wuchs über dem Heiligthume langsam eine Doppelpyramide von Lichtern empor, grad so wie am ersten |189B Abend, den ich in Scheik Adi zugebracht hatte. Die beiden Thüren des Grabmales wurden mit Lampen behangen.

»Komm!« ermunterte mich Ali Bey, der mit einigen Bevorzugten zu Pferde stieg.

Der Baschi-Bozuk blieb zurück. Halef begleitete uns. Wir ritten in das Thal hinab und langten vor dem Heiligthume an, welches vollständig erleuchtet worden war. Der Platz vor demselben wurde von einer doppelten Reihe bewaffneter Dschesidi eingeschlossen, um jedem Türken den Zutritt zu versagen. Im Heiligthume selbst befand sich nur Mir Scheik Khan mit den Priestern; Andern außer Ali Bey und mir war der Eintritt nicht gestattet. Im innern Hofe standen zwei eng neben einander gekoppelte Maulthiere, die ein quer über ihre Rücken liegendes Gestell trugen, auf welchem die Urne befestigt war. Um diese beiden Thiere hatten die Priester einen Kreis gebildet. Sie begannen bei unserm Erscheinen in sehr langsamem Tempo einen monotonen Gesang, in welchem die Worte »dschan dedim - ich gebe meine Seele hin« sehr oft wiederkehrten. Nach demselben wurden die Maulthiere mit Wasser aus dem heiligen Brunnen getränkt und erhielten einige Handvoll Körner, um anzudeuten, daß der, den sie trugen, eine weite Reise vor sich habe. Nun machte der Mir Scheik Khan einige Zeichen mit der Hand, deren Bedeutung ich nicht verstand, und jetzt begann ein zweiter Gesang, leise und harmonisch. Er hatte vier Absätze, deren jeder mit den Worten: »Tu Chode dehabini, keif inim - Du liebst Gott, genieße Ruhe« begann. Leider verstand ich zu wenig Kurdisch, um das Ganze begreifen und merken zu können.

Als dieser Gesang beendet war, gab der Khan ein Zeichen. Er stellte sich an die Spitze; zwei Scheiks nahmen die Maulthiere am Zügel; ihnen folgten paarweise die andern Scheiks und Kawals, denen sich Ali Bey mit mir anschloß. Der Zug setzte sich in Bewegung und wurde, als er aus dem Heiligthume trat, von einer Salve der Wachehaltenden empfangen.

Sofort krachten auf den Höhen Hunderte von Schüssen, und aber Hunderte trugen die Botschaft, daß wir aufgebrochen seien, dem Thale Idiz entgegen.

Wir zogen langsam zur Höhe empor. Als wir den Weg nach dem Thale erreichten, bot sich uns ein zauberischer Anblick dar. Die Dschesidi hatten von Scheik Adi bis Idiz ein Spalier gebildet, dessen Doppelglieder ungefähr dreißig Schritte aus einander standen. Jeder dieser Männer trug eine Fackel und eine Flinte, und jedes dieser Glieder schloß sich unter Abfeuern der Gewehre hinter uns an. So bildete sich ein Zug, der mit jedem Augenblicke und mit jedem Schusse immer länger wurde. Das Licht der Fackeln schmückte den dunkeln Wald, welcher hier meist aus hohen Eichen bestand, mit unbeschreiblichen Tinten, und der Donner der Salven wurde von den dunkeln Gründen des tiefen Forstes ununterbrochen zurückgeworfen.

Wahrhaft überwältigend aber wurde das Schauspiel, als wir endlich das Thal erreichten. Dasselbe schien der mächtige Krater eines Vulkanes zu sein, in dessen Grunde riesige Flammen loderten, zwischen denen Tausende von Geistern mit Leuchten und Lichtern irrten. Ein mehrtausendstimmiger Ruf hieß uns willkommen und in der Zeit einiger Sekunden hatten sich sämmtliche Lichter zu beiden Seiten der Thalsohle geordnet. Der große, weite Kessel war förmlich tageshell erleuchtet. Das größte Licht aber verbreiteten zwei gigantische Feuer, deren Flammen, von riesigen Scheiterhaufen genährt, zu beiden Seiten der Felsenpyramide an der nackten Wand des Thales emporkletterten. Es überkam mich jenes >süße Grauen<, welches, wohltuend und niederbeugend zu gleicher Zeit, das Menschenherz ergreift, sobald etwas Erhabenes hereingreift in die Grenzen unserer kleinen, inneren Welt.

Wir zogen den Abhang hinunter, zwischen dem wallenden Meere der Fackeln hindurch, und hielten vor dem Denkmale. In der sonnenförmigen Aushöhlung desselben standen zwei Priester, deren weiße Gewänder von dem dunkeln Gestein lebhaft abstachen. Hoch oben hatten sich mehrere Männer postirt, welche die Seile hielten, an denen die Urne emporgezogen werden sollte.

Sobald die Maulthiere vor der Pyramide anlangten, verstummten die Schüsse; es trat eine tiefe Stille ein. Die Urne wurde abgeladen und an die Seile befestigt. Ein anderes Seil, unten an die Urne gebunden, diente dazu, das zerbrechliche Gefäß |190A von den Steinen abzuhalten. Der Mir Scheik Khan winkte, und die Seile wurden angezogen. Die Urne schwebte höher und höher und erreichte die Sonne. Die Priester griffen zu und zogen sie hinein. Sie wurde von ihnen aufgestellt, und dann hingen sie sich selbst an die Seile, um herabgelassen zu werden.

Nun gab der Khan das Zeichen, daß er sprechen wolle. Er hielt eine kurze Rede. Seine langsam, deutlich und sehr laut gesprochenen Worte klangen über das ganze Thal dahin, und obgleich ich die wenigsten derselben verstand, fühlte ich mich doch unter dem Eindrucke des außergewöhnlichen Vorganges tief ergriffen. Als er geendet hatte, begann der Chor der Priester einen freudigen Gesang, von welchem ich nur den Refrain der einzelnen Theile verstehen konnte: »Ro dehele - die Sonne geht auf.« Bei dem letzten Tone erhoben Alle die Hände, und da krachte aus allen Gewehren eine Salve, wie ich eine solche noch nie gehört hatte.

Damit war die eigentliche Feierlichkeit beendet. Nun aber begann sich das Leben erst zu regen. Es gibt nichts, womit ich diese Nacht im Thale Idiz vergleichen könnte, diese Nacht der Flammen und Fackeln zwischen himmelan strebenden Felsen, diese Nacht der Fragen und Klagen unter den Verachteten und Geschmäheten, diese Nacht unter den Bekennern einer Anbetungsform, deren Grundzug in der irre geleiteten und daher unbefriedigten Sehnsucht nach jenem Lichte besteht, das einst den drei Scheiks |190B leuchtete, die, vielleicht aus dem nämlichen Lande, in dem ich mich jetzt befand, nach Bethlehem pilgerten, um vor der Krippe das Bekenntniß abzulegen: »Wir haben im Morgenlande seinen Stern gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten.«

Ich saß bei den Priestern bis lange nach Mitternacht; dann erloschen die Fackeln, und die Feuer fielen zusammen. Nur die beiden Flammen am Denkmale brannten noch, als ich mich unter einem Baume in meinen Burnus wickelte, um den Schlaf zu suchen. Da oben stand die Urne mit den Gebeinen des >Heiligen<. Dieser >Merd-es-Scheïtan< war der Unterrichtetste unter allen seinen Glaubensgenossen, und dennoch hatte er den rechten Weg zur Wahrheit nicht finden können.

Wie glücklich sind Jene zu preisen, deren Wiege bereits an diesem Wege steht, und doch wie schwer wird es ihnen oft, dieses Glück zu erkennen und zu schätzen! Ich schloß die Augen, und es gelang mir endlich, einzuschlafen; aber ich träumte von Fackelzügen und Salven, von Scheiterhaufen und Urnen, aus denen Gerippe stiegen, die mich, den Christen, mit Grinsen umtanzten. Sie wollten mich ergreifen; da aber erschien der Pir Kamek, wehrte sie von mir ab und sagte:

»Er hat ein heiliges Kitab, darinnen geschrieben steht: >Oghuldschikler, sizi oranizde sewyn-iz - Kindlein, liebet Euch unter einander!<« - - -

|191A Prester Johann, von Gottes und unseres Herrn Jesu Christi Gnaden König der Könige, an Alexios Komnenos, Statthalter zu Konstantinopel. Gesundheit und glückliches Ende.

Unsere Majestät hat in Erfahrung gebracht, daß Du von unserer Herrlichkeit gehört hast und daß Dir über unsere Größe Mittheilungen gemacht worden sind. Was wir zu wünschen wissen, ist, ob Du mit uns am wahren Glauben hängst und in allen Dingen an unsern Herrn Jesum Christum glaubst.

Wenn Du zu wissen wünschest die Größe und Herrlichkeit unserer Macht und welchen Umfang unsere Länder haben, so |191B wisse und glaube, ohne zu zweifeln, daß wir sind Prester Johann, der Diener Gottes: daß wir an Reichthum Alles unter dem Himmel und an Tugend und Macht alle Könige der Erde übertreffen. Siebenzig Könige sind uns zinspflichtig. Wir sind ein frommer Christ und beschützen und unterstützen mit Almosen jeden armen Christen, der sich in dem Bereiche unserer Gnade befindet. Wir haben ein Gelübde gethan, das Grab unsers Herrn, wie es sich für den Ruhm unserer Majestät gebührt, mit einer großen Armee zu besuchen und gegen die Feinde des Kreuzes Christi Krieg zu führen, sie zu demüthigen und seinen heiligen Namen zu erhöhen.

|192A Unsere Herrlichkeit regiert über die drei Indien, und unsere Besitzungen gehen über das äußerste Indien hinaus, in welchem der Körper des hl¨ Apostels Thomas ruht; von dort aus über die Wildniß, welche sich nach dem Aufgange der Sonne zu erstreckt, und geht rückwärts, nach Sonnenuntergang zu, bis Babylon, das verlassene, ja sogar bis zum Thurme zu Babel.

Zweiundsiebenzig Provinzen gehorchen uns, von denen einige christliche Provinzen sind, und jede hat ihren eigenen König. Und alle ihre Könige sind uns zinspflichtig. In unsern Ländern werden Elephanten, Dromedare und Kameele gefunden, und fast alle Arten von Thieren, die es unter dem Himmel gibt. In unsern Ländern fließt Milch und Honig. In einem Theile unseres Staates kann kein Gift schaden; in einem andern wachsen alle Arten von Pfeffer; ein anderer ist so dicht mit Hainen versehen, daß er einem Walde gleicht, und er ist in allen Theilen voller Schlangen. Dort ist auch eine sandige See ohne Wasser. Drei Tagereisen von dieser See entfernt sind Gebirge, von denen Ströme von Steinen herabkommen. In der Nähe dieser Gebirge befindet sich eine Wüste zwischen unwirthbaren Hügeln. Unter diesen fließt ein unterirdischer Bach, zu dem kein Zugang ist, und dieser Bach fällt in einen größeren Fluß, in den Leute aus unsern Besitzungen hineingehen und Edelsteine in großem Überflusse darin finden. Über diesen Fluß hinaus wohnen zehn Stämme Juden, welche, obgleich sie behaupten, ihre eigenen Könige zu haben, dessen ungeachtet unsere Diener und uns zinspflichtig sind.

In einer andern unserer Provinzen, in der Nähe der heißen Zone, sind Würmer, welche in unserer Sprache Salamander genannt werden. Diese Würmer können nur im Feuer leben und machen ein Gehäuse um sich herum, wie die Seidenwürmer. Dieses Gehäuse wird von unsern Palastdamen fleißig gesponnen, und es gibt die Zeuge zu unsern Kleidern. Es kann aber nur im hellen Feuer gewaschen werden.

Vor unserer Armee werden dreizehn große Kreuze von Gold und Edelsteinen hergetragen; wenn wir aber ohne Staatsgefolge ausreiten, wird nur ein Kreuz, welches nicht mit Figuren, Gold und Juwelen geziert ist, damit wir immer unseres Herrn Jesu Christi eingedenk seien, und eine mit Gold gefüllte Silbervase, damit alle Leute wissen, daß wir der König der Könige sind, vor uns hergetragen.

Alljährlich besuchen wir den Leib des heiligen Daniel, welcher in Babylon in der Wüste ist. Unser Palast ist von Ebenholz und von Schittimholz und kann vom Feuer nicht beschädigt werden. An jedem Ende seines Daches sind zwei goldene Äpfel, und in jedem Apfel zwei Karfunkel, damit das Gold bei Tage scheinen und die Karfunkel bei Nacht leuchten mögen. Die größeren Thore sind von mit Horn gemischtem Sardonyx, damit Niemand mit Gift eintreten könne; die kleineren sind von Ebenholz. Die Fenster aber sind von Krystall. Die Tische sind von Gold und Amethyst, und die Säulen, welche sie tragen, von Elfenbein. Das Zimmer, in welchem wir schlafen, ist ein wundervolles Meisterstück aus Gold, Silber und jeder Art von Edelsteinen. In ihm brennt beständig Weihrauch. Unser Bett ist von Saphir. Wir haben die schönsten Frauen. Täglich unterhalten wir dreißigtausend Menschen, außer den gelegentlichen Gästen. Und alle diese beziehen täglich Summen aus unserer Kämmerei zur Unterhaltung ihrer Pferde und zu anderweitiger Verwendung. Während jedes Monats werden wir von sieben Königen (von jedem der Reihe nach), von fünfundsechzig Herzogen und von dreihundertfünfundsechzig Grafen bedient. In unserem Saale speisen täglich zu unserer Rechten zwölf Erzbischöfe und zu unserer Linken zwanzig Bischöfe, außerdem noch der Patriarch von Sanct Thomas, der Protopapas von Salmas und der Archiprotopapas von Susa, in welcher Stadt der Thron unseres Ruhmes und unser kaiserlicher Palast sich befindet. Äbte, der Zahl nach mit den Tagen des Jahres im Einklange, verwalten das geistliche Amt vor uns in unserer Kapelle. Unser Mundschenk ist ein Primas und König; unser Haushofmeister ist ein Erzbischof und ein König; unser Kammerherr ist ein Bischof und ein König; unser Marschall ist ein Archimandrit und ein König; und unser Küchenmeister ist ein Abt und ein König; wir aber nehmen einen niedrigeren Rang und einen demüthigeren Namen an, auf daß wir unsere große Demuth zeigen.« - -

|192B So lautet im Auszuge ein Brief, welchen der berühmte, aber geschichtlich vielleicht doch fragliche Tatarenkönig Presbyter Johann an den griechischen Kaiser geschrieben hat oder doch geschrieben haben soll. Mag der Brief untergeschoben sein oder nicht, er enthält neben verschiedenen belustigenden Merkwürdigkeiten, die ihren Grund in den falschen Anschauungen früherer Jahrhunderte haben, doch auch Thatsachen und Einzelheiten, welche von Marco Polo, Sir John Mandeville und andern Reisenden oder Forschern bestätigt worden sind, und ich wurde lebhaft an ihn erinnert, als ich jetzt auf der östlichen Höhe von Scheik Adi hielt und einen Blick nach Morgen richtete, wo sich die Berge von Surgh, Zibar, Haïr, Tura Ghara, Baz, Dschelu, Tkhoma, Karitha und Tijari erhoben.

In den Thälern, welche zwischen ihnen liegen, wohnen die Letzten jener christlichen Sectierer, denen dieser Tatarenkönig angehörte. Zu seiner Zeit waren sie mächtig und einflußreich; die Sitze ihrer Metropolitanen lagen über den ganzen asiatischen Continent zerstreut, von den Küsten des kaspischen Meeres bis zu den chinesischen Seen und von den allernördlichsten Grenzen Skythien's bis zum äußersten südlichen Ende der indischen Halbinsel. Sie waren die Rathgeber Mohammed's und seiner Nachfolger. Die christlichen Anklänge des Kuran sind meist ihren Büchern und Lehren entnommen. Aber mit dem Falle der Khalifen brach auch ihre Macht zusammen, und zwar mit reißender Schnelligkeit; denn ihre innere, geistliche Constitution entbehrte der göttlichen Reinheit, welche die Kraft eines unbesiegbaren Widerstandes verleiht. Bereits unter der Regierung des Kassan, der ein Sohn des Arghun und ein Enkel des berühmten Eroberers von Baghdad, Hulaku Khan, war, begannen die Verfolgungen gegen sie. Dann aber brach der große Tamerlan unbarmherzig über sie herein. Mit unersättlicher Wuth verfolgte er sie, zerstörte ihre Kirchen und brachte Alle, denen es nicht gelang, in die unzugänglichen Berge Kurdistan's zu entkommen, mit dem Schwerte um. Die Urenkel dieser Entkommenen leben noch heute an Plätzen, welche Festungen verglichen werden können. Sie, die Überreste des einst so mächtigen assyrischen Volkes, sehen allzeit das Schwert der Türken und den Dolch der Kurden über sich schweben und haben in neuerer Zeit Grausamkeiten zu ertragen gehabt, bei deren Erzählung sich die Haare sträuben. Einen großen Theil der Schuld daran haben jedenfalls jene überseeischen Missionäre zu tragen, welche ihren Schul- und Bethäusern das Ansehen von Fortificationen gaben und dadurch das Mißtrauen der dortigen Machthaber erweckten. Damit und durch ähnliche Unvorsichtigkeiten haben sie sowohl ihrem Werke als auch den Anhängern desselben gleich großen Schaden bereitet.

Auf meinem Ritt nach Amadijah kam ich voraussichtlich auch in Ortschaften, die von diesen chaldäischen Christen bewohnt wurden; Grund genug, an jenen Brief zu denken, welcher ihre Vergangenheit am lebhaftesten illustrirt. Einst Minister und Berather von Fürsten und Khalifen, sind sie jetzt, soweit sie nicht zur heiligen christkatholischen Kirche zurückgekehrt sind, so ohne alle innere und äußere Kraft, daß Männer wie der berüchtigte Beder Khan Bey und sein Verbündeter Abd el Summit Bey die fürchterlichsten Metzeleien unter ihnen anrichten konnten, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Und doch hätte das schwer zugängliche Terrain, welches sie bewohnen, ihnen die erfolgreichste Vertheidigung an die Hand gegeben.

Wie ungleich männlicher hatten sich dagegen die Dschesidi verhalten!

Nach jener Flammennacht im Thale Idiz war Ali Bey nach Dscherraijah geritten, scheinbar nur von zehn Männern begleitet. Aber noch vor seinem Aufbruche hatte er eine hinreichende Anzahl von Kriegern in die Nähe von Bozan vorausgesandt.

Der Mutessarif war wirklich mit einer gleich großen Begleitung eingetroffen, aber Ali Bey hatte durch seine Kundschafter erfahren, daß zwischen Scio Khan und Ras ul Aïn eine beträchtliche Truppenmacht zusammengezogen worden sei, um noch desselben Tages nach Scheik Adi vorzugehen. Auf diese Kunde hin hatte er den Mutessarif einfach einschließen lassen und zum Gefangenen gemacht. Um seine Freiheit wieder zu erhalten, hatte dieser sich nun gezwungen gesehen, alle hinterlistigen Pläne aufzugeben und auf die friedlichen Vorschläge des Bey einzugehen.

|193A Die Folge davon war, daß das unterbrochene Fest der Dschesidi wieder aufgenommen und mit einem Jubel begangen wurde, dessen Zeuge Scheik Adi wohl noch nie gewesen war.

Nach Ablauf dieser Feste wollte ich nach Amadijah aufbrechen, erfuhr aber, daß Mohammed Emin sich in den Bergen von Kaloni den Fuß vertreten hatte, und so war ich gezwungen, drei Wochen lang seine Wiederherstellung abzuwarten. Indeß ging mir diese Zeit nicht ungenützt vorüber, da sie mir die höchst willkommene Gelegenheit bot, mich mit dem Kurdischen vertrauter als bisher zu machen.

Endlich benachrichtigte mich der Haddedihn durch einen Boten, daß er zum Aufbruche bereit sei, und so hatte ich mich heute in aller Frühe aufgemacht, um ihn bei dem Häuptlinge der Badinankurden abzuholen. Mein Abschied von den Dschesidi war ein herzlicher, und ich mußte versprechen, auf der Rückkehr noch einige Tage bei ihnen zu verweilen. Zwar hatte ich mir jede Begleitung verbeten, aber Ali Bey ließ es sich nicht nehmen, mich wenigstens zu den Badinan zu bringen, um auch Mohammed Emin Lebewohl sagen zu können.

Jetzt also hielten wir auf der östlichen Höhe von Scheik Adi und ließen die Ereignisse der letzten Wochen an uns vorüberfliegen. Was werden die nächsten Tage bringen? Je weiter nach Nordost hinauf, desto wilder werden die Bergvölker, welche keinen Ackerbau kennen und nur von Raub und Viehzucht leben. Ali Bey mochte mir diesen Gedanken von der Stirn ablesen.

»Emir, Du gehst beschwerliche und gefährliche Wege,« meinte er. »Wie weit hinauf willst Du in die Berge?«

»Zunächst nur bis nach Amadijah.«

»Du wirst noch weiter müssen.«

»Warum?«

»Dein Werk in Amadijah mag gelingen oder nicht, so bleibt die Flucht Dein Loos. Man kennt den Weg, welchen der Sohn Mohammed Emin's einzuschlagen hat, um zu seinen Haddedihn zu gelangen, und man wird ihm denselben verlegen. Wie willst Du dann reiten?«

»Ich werde mich nach den Umständen zu richten haben. Wir könnten nach Süden gehen und auf dem Zab Ala oder zu Pferde längs des Akra-Flusses entkommen. Wir könnten auch nach Norden gehen, über die Berge von Tijari und den Maranan-Dagh, und dann den Khabur und den Tigris überschreiten, um durch die Salzwüste nach dem Sindschar zu kommen.«

»In diesen Fällen aber werden wir Dich niemals wiedersehen!«

»Gott lenkt die Gedanken und Schritte des Menschen; ihm sei Alles anheimgestellt!«

Wir ritten weiter. Halef und der Baschi-Bozuk folgten uns. Mein Rappe hatte sich weidlich ausruhen können. Er hatte früher nur Balahat-Datteln gefressen und sich jetzt an anderes Futter gewöhnen müssen, war mir aber doch fast ein wenig zu fleischig geworden und zeigte einen Überfluß an Kräften, so daß ich ihn derb zwischen die Schenkel nehmen mußte. Ich war übrigens halb neugierig und halb besorgt, wie er sich bewähren werde, wenn es gälte, die Schneeberge Kurdistan's zu überwinden.

Wir langten bald bei den Badinan an und wurden von ihnen mit gastlicher Fröhlichkeit empfangen. Mohammed Emin war reisefertig, und nachdem wir noch ein Stündchen geplaudert, geschmaust und geraucht hatten, brachen wir auf. Ali Bey gab uns Allen, und mir zuletzt, die Hand. Im Auge stand ihm eine Träne.

»Emir, glaubst Du, daß ich Dich lieb habe?« frug er bewegt.

»Ich weiß es; aber auch ich scheide in Wehmuth von Dir, den meine Seele lieb gewonnen hat.«

»Du gehest von hinnen, und ich bleibe; aber meine Gedanken werden Dich begleiten, meine Wünsche werden weilen in den Spuren Deiner Füße. Du hast Abschied genommen von dem Mir Scheik Khan, aber er hat mir seinen Segen mitgegeben, daß ich ihn im Augenblicke des Scheidens auf Dein Haupt legen soll. Gott sei mit Dir und bleibe bei Dir zu aller Zeit und auf allen Wegen; sein Zorn treffe Deine Feinde, und seine Gnade erleuchte Deine Freunde! Du gehst großen Gefahren entgegen, und der Mir Scheik Khan hat Dir seinen Schutz versprochen. Er sendet Dir diesen Melek Ta-us, damit er Dir als Talisman diene. Ich weiß, Du hältst diesen Vogel nicht für ein Götzenbild, sondern |193B für ein Zeichen, an welchem Du als unser Freund erkannt wirst. Jeder Dschesidi, welchem Du diesen Ta-us zeigest, wird für Dich sein Gut und sein Leben opfern. Nimm diese Gabe, aber vertraue sie keinem Andern an, denn sie ist für Dich allein bestimmt! Und nun lebe wohl, und vergiß nie Diejenigen, welche Dich lieben!«

Er umarmte mich, stieg dann schnell auf sein Pferd und ritt, ohne sich umzusehen, von dannen. Es war mir, als sei ein Stück meines Herzens mit ihm davongegangen. Es war ein großes, ein sehr großes Geschenk, welches mir der Mir Scheik Khan durch ihn gemacht hatte. Wie viel ist über das Vorhandensein eines Melek Ta-us gestritten worden! Und hier hatte ich dieses räthselhafte Zeichen in meiner eigenen Hand. Es war ein ganz ungewöhnliches Vertrauen, dessen mich der Khan würdigte, und es verstand sich ganz von selbst, daß ich mich der Figur nur im äußersten Nothfalle bedienen würde.

Sie war aus Kupfer und stellte einen Vogel dar, der seine Schwingen zum Fluge entfaltete, und auf dem unteren Theile zeigte sich das Kurmangdschi-Wort >Hemdscher<, d¨ i¨ Freund oder Genosse, eingegraben. Eine seidene Schnur diente dazu, sie um den Hals zu befestigen.

Die Badinan wollten uns eine Strecke weit das Geleite geben; ich mußte es gestatten, machte aber die Bedingung, daß sie bei ihrem Dorfe Kalahoni umkehren sollten. Dieses liegt vier Stunden von Scheik Adi entfernt. Seine Häuser waren fast ausnahmslos aus Stein gebaut und hingen wie riesige Vogelnester zwischen den Weingärten hoch über dem Flußbette des Gomel. Sie erhielten ein sehr durables Aussehen durch die riesigen Steinblöcke, welche als Oberschwellen der Thüren und als Ecken des Gebäudes dienten.

Hier wurde Ade gesagt, dann ritten wir zu Vieren weiter.

Auf einem sehr steilen Wege, der unsern Thieren große Beschwerden bereitete, erreichten wir das kleine Dörfchen Bebozi, welches auf dem Gipfel einer bedeutenden Höhe liegt. Es gibt hier eine katholische Kirche, denn die Einwohner gehören zu den Chaldäern, welche bekehrt worden sind. Wir wurden von ihnen sehr freundlich aufgenommen und erhielten unentgeltlich Trank und Speise. Sie wollten mir einen Führer mitgeben; da ich dies aber ablehnte, so wurde mir der Weg zum nächsten Orte so genau beschrieben, daß wir ihn gar nicht verfehlen konnten.

Er führte uns zunächst längs der Höhe hin durch einen Wald von Zwergeichen und stieg dann in das Thal hinab, in welchem Cheloki liegt. In diesem Orte machten wir einen kurzen Halt, und ich nahm den Baschi-Bozuk vor:

»Buluk Emini, höre, was ich Dir sage!«

»Ich höre es, Emir!«

»Der Mutessarif von Mossul hat Dir den Befehl gegeben, für Alles zu sorgen, was ich brauchen werde. Du hast mir bisher noch keinen Nutzen gebracht; von heute an aber wirst Du Deines Amtes warten.«

»Was soll ich thun, Effendi?«

»Wir werden diese Nacht in Spandareh bleiben. Du reitest voraus und trägst Sorge, daß bei meiner Ankunft Alles für mich bereitet ist. Hast Du mich verstanden?«

»Sehr gut, Emir!« antwortete er mit amtlicher Würde. »Ich werde eilen, und wenn Du kommst, wird Dich das ganze Dorf mit Jubel empfangen.«

Er stieß seinem Esel die Fersen in die Seiten und trollte von dannen.

Von Cheloki bis hinüber nach Spandareh ist nicht weit, aber doch brach die Nacht bereits herein, als wir dieses große Kurdendorf erreichten. Es hat seinen Namen von der großen Anzahl von Pappeln, die dort vorkommen; denn Spidar, Spindar und auch Spandar heißt im Kurmangdschi die Weißpappel. Wir frugen nach der Wohnung des Kiajah, erhielten aber statt einer Antwort nur grimmige Blicke.

Ich hatte meine Frage türkisch ausgesprochen; jetzt wiederholte ich sie kurdisch, indem ich nach dem Malkoe-gund, welches Dorfältester bedeutet, fragte. Dies machte die Leute augenblicklich willfähriger. Wir wurden vor ein größeres Haus geführt, wo wir abstiegen und eintraten. In einem der Räume wurde ein sehr lautes Gespräch geführt, welches wir sehr deutlich hören konnten. Ich blieb stehen und horchte.

|194A »Wer bist Du, Du Hund, Du Feigling?« rief eine zornige Stimme. »Ein Baschi-Bozuk bist Du, der auf einem Esel reitet. Das ist für Dich eine Ehre, für den Esel aber eine Schande; denn er trägt einen Kerl, der dümmer ist, als er. Und Du kommst herbei, mich hier zu vertreiben!«

»Wer bist denn Du, he?« antwortete die Stimme meines tapfern Ifra. »Du bist ein Arnaute, ein Gurgelabschneider, ein Spitzbube! Dein Maul sieht aus wie das Maul eines Frosches; Deine Augen sind Krötenaugen; Deine Nase gleicht einer Chyjar [1) Gurke], und Deine Stimme klingt wie das Schreien einer Wachtel! Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn; was aber bist denn Du? Ein Khawaß, ein einfacher Khawaß, weiter nichts.«

»Mensch, ich drehe Dir das Gesicht auf den Rücken, wenn Du nicht schweigest! Was geht Dich meine Nase an? Du hast gar keine! Du sagst, Dein Gebieter sei ein sehr großer Effendi, ein Emir, ein Scheik des Abendlandes? Man darf nur Dich betrachten, dann weiß man, wer er ist! Und Du kommst, mich hier fortzujagen?«

»Und wer ist denn Dein Gebieter? Auch ein großer Effendi aus dem Abendlande, sagst Du? Ich aber sage Dir, daß es im ganzen Abendlande nur einen einzigen großen Effendi gibt, und das ist mein Herr. Merke Dir das!«

»Höre,« begann eine dritte Stimme sehr ernst und ruhig; »Ihr habt mir zwei Effendi angemeldet. Der Eine hat eine Schrift vom Onsul [2) Consul] der Franken, die vom Mutessarif unterzeichnet worden ist; das gilt. Der Andere aber ist im Giölgeda padischahnün; er hat Schriften vom Onsul, vom Großherrn, vom Mutessarif und hat auch das Recht auf den Disch-parassi; das gilt noch mehr. Dieser Letztere wird hier bei mir wohnen; für den Anderen aber werde ich eine Schlafstätte in einem andern Hause bereiten lassen. Der Eine wird Alles umsonst erhalten; der Andere aber wird Alles bezahlen.«

»Das leide ich nicht!« klang die Stimme des Arnauten. »Was dem Einen geschieht, das wird dem Andern auch geschehen!«

»Höre, ich bin hier Nezanum [3) Vorsteher] und Gebieter; was ich sage, das gilt, und kein Fremder hat mir Vorschriften zu machen. Söjle-dim - ich habe gesprochen!«

Jetzt öffnete ich die Thür und trat mit Mohammed Emin ein.

»Ivari 'l kher - guten Abend!« grüßte ich. »Du bist der Herr von Spandareh?«

»Ich bin es.«

Ich deutete auf den Buluk Emini.

»Dieser Mann ist mein Diener. Ich habe ihn zu Dir gesandt, um mir Deine Gastfreundschaft zu erbitten. Was hast Du beschlossen?«

»Du bist der, welcher unter dem Schutze des Großherrn steht und das Anrecht auf den Disch-parassi hat?«

»Ich bin es.«

»Und dieser Mann ist Dein Begleiter?«

»Mein Freund und Gefährte.«

»Habt Ihr viele Leute bei Euch?«

»Diesen Buluk Emini und noch einen Diener.«

»Ser sere men at - Ihr seid mir willkommen!« Er erhob sich von seinem Sitze und reichte uns die Hand entgegen. »Setzt Euch nieder an mein Feuer, und laßt es Euch in meinem Hause gefallen! Ihr sollt ein Zimmer bekommen, wie es Euer würdig ist. Wie hoch schätzest Du Deinen Disch-parassi?«

»Für uns Beide und den Diener sei er Dir geschenkt, aber diesem Baschi-Bozuk wirst Du fünf Piaster [4) Eine Mark] geben. Er ist der Beauftragte des Mutessarif, und ich habe nicht das Recht, ihm das Seinige zu entziehen.«

»Herr, Du bist nachsichtig und gütig; ich danke Dir! Es soll Dir nichts mangeln an dem, was zu Deinem Wohle gehört. Doch erlaube, daß ich mich eine kleine Weile mit diesem Khawassen entferne!«

Er meinte den Arnauten. Dieser hatte uns sehr finster zugehört; jetzt nun zürnte er:

»Ich gehe nicht fort; ich verlange das gleiche Recht für meinen Herrn!«

»So bleibe!« meinte der Nezanum einfach. »Wenn aber Dein Gebieter keine Wohnung findet, so ist es Deine Schuld.«

|194B »Was sind diese beiden Männer, welche sagen, daß sie unter dem Schutze des Großherrn stehen? Araber sind es, welche in der Wüste rauben und stehlen und hier in den Bergen die Herren spielen - - -«

»Hadschi Halef!« rief ich laut.

Der kleine Diener trat ein.

»Halef, dieser Khawaß wagt es, uns zu schmähen; wenn er noch ein einziges Wort sagt, welches mir nicht gefällt, so gebe ich ihn in Deine Hand!«

Der Arnaut, der bis unter die Zähne bewaffnet war, blickte mit offenbarer Verachtung auf Halef herab.

»Vor diesem Zwerge soll ich mich fürchten, ich, der ich - -«

Er konnte nicht weiter sprechen, denn er lag bereits am Boden, und mein kleiner Hadschi kniete über ihm, in der Rechten den Dolch zückend und die Linke um seinen Hals klammernd.

»Soll ich, Sihdi?«

»Es ist einstweilen genug; aber sage ihm, daß er verloren ist, wenn er noch eine feindselige Miene macht!«

Halef ließ ihn los, und er erhob sich. Seine Augen blitzten in zorniger Tücke, aber er wagte doch nichts zu unternehmen.

»Komm!« gebot er dem Dorfältesten.

»Du willst Dir die Wohnung anweisen lassen?« frug dieser.

»Ja, einstweilen. Wenn aber mein Herr angekommen ist, dann werde ich ihn herbeisenden, und es wird sich entscheiden, wer in Deinem Hause schläft. Er wird auch richten zwischen mir und diesem Diener der beiden Araber!«

Sie gingen miteinander fort. Während der Abwesenheit des Nezanum leistete uns einer seiner Söhne Gesellschaft, und bald wurde uns gesagt, daß der Ort, an dem wir schlafen sollten, für uns bereitet sei.

Wir wurden in ein Gemach geführt, in welchem mittels Teppichen zwei weiche Lager bereitet waren; in der Mitte desselben aber hatte man das Abendessen servirt. Diese Schnelligkeit und das ganze Arrangement ließen vermuthen, daß der Dorfälteste nicht zu den armen Bewohnern des Ortes zählte. Sein Sohn saß bei uns, nahm aber nicht Theil am Mahle; es war dies eine Respektserweisung, auf welche wir uns etwas einbilden konnten. Die Frau und eine Tochter des Vorstehers bedienten uns.

Zunächst wurde uns Scherbet gereicht. Wir tranken ihn aus sehr hübschen Findschani ferfuri [1) Porzellanschalen], hier in Kurdistan eine sehr große Seltenheit. Dann erhielten wir Valquapamasi, Weizenbrod in Honig gebraten, wozu der dazu gebotene Findika [2) Salat aus zarten Pistazienblättern] allerdings nicht recht passen wollte. Nun folgte ein junger Bizihn [3) Ziegenbraten] mit Reisklößen, die in seiner Brühe schwammen, dazu Bera asch [4) Wörtlich: Mühlsteine - Ein hohes, festes Gebäck in der runden Form der Mühlsteine], die ihrem Namen vollständig entsprachen. Zwei kleine Braten, welche die Fortsetzung bildeten, kamen mir recht appetitlich vor. Sie waren recht schön >knusperig< gebräunt; ich hielt sie unbedingt für Tauben. Sie waren wirklich delikat, hatten aber doch einen Geschmack, der mir etwas fremd erschien.

»Ist dies Kewuk [5) Taube]?« frug ich den jungen Mann.

»Nein. Es ist Bartschemik [6) Fledermaus],« antwortete er.

Hm! Eine recht hübsche gastronomische Überraschung! Jetzt trat der Vorsteher herein. Auf meine Einladung setzte er sich zu uns nieder und nahm Theil an dem Mahle, in dessen ganzem Verlaufe auf einer blechernen Platte duftendes Fistik [7) Mastix] brannte. Jetzt, da der Hausherr zugegen war, wurde die Hauptschüssel aufgetragen. Sie enthielt Quapameh, Hammelbraten in saurer Sahne gebacken, und dazu wurde Pirindsch [8) Reis] gegeben, welcher mit Pivaz [9) Zwiebeln] abgesotten war. Als wir zur Genüge davon gekostet hatten, winkte der Vorsteher. Man brachte eine zugedeckte Schüssel, die er mit sehr wichtiger Miene in Empfang nahm.

»Rathe, was das ist!« bat er mich.

»Zeige es!«

»Das ist ein Gericht, welches Du nicht kennst. Es ist nur in Kurdistan zu haben, wo es starke und muthige Männer gibt.«

»Du machst mich neugierig!«

»Wer es genießt, dessen Kräfte verdoppeln sich, und er fürchtet sich vor keinem Feinde mehr. Rieche einmal!«

Er öffnete den Deckel ein wenig und ließ mich den Duft kosten.

|195A »Diesen Braten gibt es nur in Kurdistan?« frug ich.

»Ja.«

»Du irrst; denn ich habe dasselbe Fleisch bereits sehr viele Male gegessen.«

»Wo?«

»Bei den Urus und den andern Völkern, besonders aber in einem Lande, welches Amerika genannt wird. Dort wächst das Thier viel größer und ist auch viel wilder und gefährlicher, als bei Euch.«

»Du bist es, der sich irrt; denn nur hier in Kurdistan lebt dieses Thier.«

»Ich bin noch nie in Kurdistan gewesen und erkenne dieses Fleisch doch bereits am Geruche; also muß ich es auch schon in andern Ländern gegessen haben.«

»Was ist es für ein Thier?«

»Es ist Hirtsch [1) Bär]. Habe ich recht?«

»Ja wirklich, Du kennst es!« rief er erstaunt.

»Ich kenne es noch besser, als Du meinst. Ich habe noch nicht in diese Schüssel geblickt und wette dennoch mit Dir, daß das Fleisch die Nanuhk [2) Kralle, Tatze] vom Bären ist!«

»Du hast es errathen! Nimm, und iß!«

Nun ging es an das Erzählen von Jagdgeschichten. Der Bär ist in Kurdistan allerdings sehr häufig anzutreffen, aber bei Weitem nicht so gefährlich, wie der große graue Petz von Nordamerika. Zu den gedämpften Bärentatzen gab es ein dickes Mus von gedörrten Hermeh und Eruhks [3) Birnen und Pflaumen], dem ein gepanzertes Gericht folgte, nämlich gesottene Krebse, zu denen eine Zuspeise gereicht wurde, die mir sehr fremd und complicirt erschien. Ich erlaubte mir, mich zu erkundigen, und die Frau des Vorstehers gab mir bereitwillig Auskunft:

»Nimm Kundir [4) Kürbis] und koche sie zu Brei,« meinte sie. »Thue Schukir [5) Zucker] und Rune kehl 'e [6) Geschmolzene Butter] dazu, rühre klaren Panir [7) Käse] und geschnittenen Sir [8) Knoblauch] hinein und füge zerdrückte Tu [9) Maulbeeren] und weichgequollene Kerne von Guli roschyan [10) Sonnenblume] hinzu. Dann hast Du diese Speise, welcher keine andere gleich kommt!«

Ich kostete diese unvergleichliche Mischung von Kürbis und Sonnenblume, Käse und Zucker, Butter, Maulbeeren und Knoblauch und fand, daß der Geschmack derselben nicht so schlimm war, wie der Klang der Ingredienzien. Den Schluß des Mahles bildeten getrocknete Sev und Scherabi [11) Äpfel und Weintrauben], zu denen ein Schluck Racki getrunken wurde. Dann kamen die Tabakspfeifen zu ihrem Rechte.

Während wir den starken, rauhen und nur wenig fermentirten Tabak von Kelekowa in Brand steckten, ließ sich unten ein lautes Gespräch vernehmen. Der Vorsteher ging hinaus, um nach der Veranlassung desselben zu sehen, und da er den Eingang offen ließ, konnten wir jedes Wort vernehmen.

»Wer ist da?« frug er.

»Was will er?« hörte ich eine andere Stimme in englischer Sprache fragen.

»Er fragt, wer da ist,« antwortete ein Dritter, gleichfalls englisch.

»Was heißt türkisch: ich?«

»Ben.«

»Well! Ben!!!« rief es dann zum Wirte herauf.

»Ben?« frug dieser. »Wie ist Dein Name?«

»Was will er?« frug dieselbe klappernde Stimme, die mir so außerordentlich bekannt war, daß ich vor Verwunderung über die Anwesenheit dieses Mannes aufgesprungen war.

»Er fragt, wie Sie heißen.«

»Sir David Lindsay!« rief er herauf.

Im nächsten Augenblicke stand ich unten neben ihm im Flur. Ja, da lehnte er vor mir, beleuchtet vom Feuer des Aryuhn [12) Herd]. Das war der hohe, graue Zylinderhut, der lange, dünne Kopf, der breite Mund, die Sierra-Morena-Nase, der bloße, dürre Hals, der breite Hemdkragen, der graukarrirte Shlips, die graukarrirte Weste, der graukarrirte Rock, die graukarrirte Hose, die graukarrirten Gamaschen und die staubgrauen Stiefel. Und wahrhaftig, da in der Rechten trug er die berühmte Hacke, welche die edle Bestimmung hatte, Fowling-bulls und andere Alterthümer zu insultiren!

|195B »Master Lindsay!« rief ich aus.

»Well! Ah, wer sein? Oh - ah - Ihr seid es?!«

Er riß die Augen auf und den Mund noch viel mehr und staunte mich mit den genannten Organen wie einen Menschen an, der vom Tode erstanden ist.

»Wie kommt Ihr nach Spandareh, Sir?« frug ich, beinahe ebenso erstaunt, wie er.

»Ich? Well! Geritten!«

»Natürlich! Aber was sucht Ihr hier?«

»Ich? Oh! Hm! Euch und Fowling-bulls!«

»Mich?«

»Yes! Werde erzählen. Vorher aber zanken!«

»Mit wem?«

»Mit Mayor, mit Bürgermeister von Dorf. Schauderhafter Kerl!«

»Warum?«

»Will nicht haben Englishman, will haben Araber! Miserabel! Wo ist Kerl, he?!«

»Hier steht er,« antwortete ich, auf den Ältesten zeigend, der unterdessen herbeigetreten war.

»Ihm zanken, raisonniren!« gebot Lindsay dem Dolmetscher, welcher neben ihm stand. »Mach Quarrel, mach Scold, sehr laut, viel!«

»Erlaubt, Sir, daß ich dies übernehme,« meinte ich. »Die beiden Araber, über welche Ihr Euch ärgert, werden Euch nicht im Wege sein. Sie sind Eure besten Freunde.«

»Ah! Wo sind?«

»Der Eine bin ich, und der Andere ist Mohammed Emin.«

»Moh - - - ah! Emin - - ah! Wo ist?«

»Droben. Kommt mit herauf!«

»Well! Ah, ganz außerordentlich, immense, unbegreiflich!«

Ich schob ihn ohne Umstände die schmale Stiege empor und wies sowohl den Dolmetscher als auch den Arnauten, die uns folgen wollten, zurück. Bei den kurdischen Damen erregte das Erscheinen der langen, graukarrirten Gestalt ein gelindes Entsetzen; sie zogen sich in die entfernteste Ecke zurück. Mohammed Emin aber, der sonst so ernsthafte Mann, lachte laut, als er den dunklen Krater erblickte, den der offene Mund des erstaunten Engländers bildete.

»Ah! Good day, Sir, Master Mohammed! How do you do - wie befinden Sie sich?«

»Maschallah! Wie kommt der Inglis hierher?« frug dieser.

»Wir werden es erfahren.«

»Kennst Du diesen Mann?« frug mich der Herr des Hauses.

»Ich kenne ihn. Er ist derselbe Fremdling, welcher seinen Khawaß vorhin sandte, um bei Dir zu bleiben. Er ist mein Freund. Hast Du eine Wohnung für ihn besorgt?«

»Wenn er Dein Freund ist, so soll er in meinem Hause bleiben,« lautete die Antwort.

»Hast Du Raum für so viele Leute?«

»Für Gäste, welche willkommen sind, ist immer Raum vorhanden. Er mag Platz nehmen und ein Mahl genießen!«

»Setzt Euch, Sir,« sagte ich also zu Lindsay, »und laßt uns wissen, was Euch auf den Gedanken gebracht hat, die Weidegründe der Haddedihn zu verlassen und nach Spandareh zu kommen!«

»Well! Aber erst versorgen.«

»Was?«

»Diener.«

»Die mögen für sich selbst sorgen, denn dazu sind sie da.«

»Pferde.«

»Die werden von den Dienern versorgt. Also, Master?«

»Hm! War tedious, fürchterlich langweilig!«

»Habt Ihr nicht gegraben?«

»Viel, sehr viel.«

»Und etwas gefunden?«

»Nothing, nichts, gar nichts! Fürchterlich!«

»Weiter!«

»Sehnsucht, schreckliche Sehnsucht!«

»Wornach?«

»Hm! Euch, Sir!«

Ich lachte.

»Also aus Sehnsucht nach mir!«

|196A »Well, very well, yes! Fowling-bulls nicht finden, Ihr nicht da - ich fort.«

»Aber, Sir, wir hatten doch bestimmt, daß Ihr bis nach unserer Rückkehr bleiben solltet!«

»Keine Geduld, nicht aushalten!«

»Es gab doch Unterhaltung genug!«

»Mit Arabern? Pshaw! Mich nicht verstehen!«

»Ihr hattet einen Dolmetscher!«

»Fort, weg, ausgerissen.«

»Ah! Der Grieche, dieser Kolettis ist entflohen? Er war doch verwundet!«

»Loch im Bein, wieder gewachsen. Halunke früh Morgens weg!«

»Dann allerdings konntet Ihr Euch nicht gut verständlich machen. Wie aber habt Ihr mich gefunden?«

»Wußte, daß Ihr nach Amadijah wolltet. Ging nach Mossul. Consul gab Paß; Gouverneur unterschrieb Paß, gab Dolmetscher mit und Khawaß. Ging nach Dohuk.«

»Nach Dohuk? Warum diesen Umweg?«

»War Krieg mit Teufelsmännern; konnte nicht durch. Von Dohuk nach Duliah und von Duliah nach Mungayschi. Dann hierher. Well! Euch finden. Sehr gut, prachtvoll!«

»Aber nun?«

»Zusammenbleiben, Abenteuer machen, ausgraben! Fowling-bulls schicken, Traveller-Klub, London, yes!«

»Schön, Master Lindsay! Aber wir haben jetzt andere Dinge zu thun.«

»Was?«

»Ihr kennt doch den Grund, welcher uns nach Amadijah führt!«

»Kenne ihn. Schöner Grund, tapferer Grund, Abenteuer! Master Amad el Ghandur holen. Werde ihn mitholen!«

»Ich glaube, daß Ihr uns nicht viel Nutzen bringen würdet.«

»Nicht! Warum?«

»Ihr versteht ja nur Englisch.«

»Habe Dolmetscher!«

»Wollt Ihr ihn mit in das Geheimniß ziehen? Oder habt Ihr vielleicht gar bereits davon gesprochen?«

»Kein Wort!«

»Das ist gut, Sir, sonst wären wir ungemein gefährdet. Ich muß Euch offen gestehen, daß ich gewünscht habe, Euch erst später wiederzusehen.«

»Ihr? Mich? Well, ab! Habe geglaubt, daß Ihr Freund von mir! Das aber nicht, folglich ab! Reise nach - nach - nach - - -«

»In's Pfefferland, sonst nirgends wo anders hin! Es versteht sich ganz von selbst, daß Ihr mein Freund seid, und ebenso bin ich der Eurige; aber Ihr müßt doch einsehen, daß Ihr uns Schaden bringt!«

»Schaden? Warum?«

»Ihr fallt zu sehr auf!«

»Well, nicht mehr auffallen! Was muß ich thun?«

»Hm, das ist eine höchst unangenehme Affaire! Zurückschicken kann ich Euch nicht; hier lassen kann ich Euch nicht; ich muß Euch mitnehmen; wahrhaftig, es geht nicht anders!«

»Schön, sehr schön!«

»Aber Ihr müßt Euch nach uns richten.«

»Richten? Well, werde es!«

»Ihr jagt Euern Dolmetscher und auch den Khawaß fort.«

»Müssen fort, zum Teufel, yes!«

»Auch diese Kleidung muß fort!«

»Fort? Ah! Wohin?«

»Weg, ganz weg. Ihr müßt wie ein Türke oder wie ein Kurde gehen.«

Er sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an, grad so, als ob ich ihm zugemuthet hätte, sich selbst aufzuspeisen. Seine Mundstellung wäre dazu wohl nicht ungeeignet gewesen.

»Wie ein Türke? Wie ein Kurde! Horribel, schauderhaft.«

»Es geht nicht anders!«

»Was anziehen?«

»Türkische Pumphosen oder schwarzrothe kurdische Beinkleider.«

»Schwarzroth! Ah, schön, sehr gut! Schwarz und roth karrirt!«

|196B »Meinetwegen. Wie wollt Ihr Euch tragen? Als Türke, oder als Kurde?«

»Kurde.«

»So müßt Ihr allerdings schwarzroth gehen; das ist die kurdische Leibfarbe. Also kurdische Hosen. Eine Weste, ein Hemd, welches über die Hose getragen wird.«

»Schwarzroth?«

»Ja.«

»Karirt?«

»Meinetwegen! Es muß vom Hals bis auf die Knöchel reichen. Dann einen Rock oder Mantel darüber.«

»Schwarzroth!«

»Natürlich!«

»Karirt?«

»Meinetwegen! Sodann einen Turban von der riesigen Größe, wie ihn vornehme Kurden zu tragen pflegen.«

»Schwarzroth?«

»Auch!«

»Karirt?«

»Meinetwegen!«

»Dann einen Gürtel, Strümpfe, Schuhe, Waffen - -«

»Schwarzroth!«

»Habe nichts dagegen!«

»Und karrirt?«

»Laßt Euch meinetwegen noch das Gesicht schwarzroth karriren!«

»Wo kaufen diese Sachen?«

»Da weiß ich selbst keinen Rath. Einen Basar finden wir ja erst in Amadijah. Vielleicht aber gibt es auch hier einen Händler, denn Spandareh ist ein großes Dorf. Und - - - Ihr habt ja Geld, viel Geld, nicht?«

»Viel, sehr viel, well! Werde Alles bezahlen!«

»Werde einmal fragen.«

Ich wandte mich an den Vorsteher:

»Gibt es hier einen Urubadschi [1) Kleidermacher oder Kleiderhändler]?«

»Nein.«

»Gibt es einen Mann, der jetzt nach Amadijah reiten und für diesen Fremdling Kleider holen könnte?«

»Ja, aber der Basar wird erst morgen offen sein, und die Kleider können also erst spät eintreffen.«

»Oder ist ein Mann hier, der uns ein Kleid bis Amadijah leihen würde?«

»Du bist mein Gast; ich habe ein neues Panbukah [2) Anzug aus Wollenstoff]; ich werde es ihm sehr gern leihen.«

»Auch einen Turban?«

»Es gibt hier Keinen, der zwei Turbane hätte; aber eine Mütze kannst Du sehr leicht erhalten.«

»Was für eine Art?«

»Ich gebe Dir eine Kulik [3) Eine Mütze aus Filz von Ziegenhaar], die ihm passen wird.«

»Welche Farbe hat sie?«

»Sie ist roth und hat schwarze Bänder.«

»So bitte ich Dich, dies Alles für morgen früh zu besorgen. Du gibst uns einen Mann mit, den wir bezahlen. Wir werden ihm in Amadijah den Anzug für Dich zurückgeben. Aber ich wünsche, daß von dieser Sache nicht gesprochen werde!«

»Wir Beide werden schweigen, ich und mein Bote!«

Jetzt kam das Nachtmahl für den Engländer. Er bekam einige Reste, welche wir übrig gelassen hatten und denen ein neues Ansehen gegeben worden war. Er schien nicht bloß Appetit, sondern sogar Hunger zu haben; denn zwischen seinen langen, breiten, gelb glänzenden Zähnen verschwand der größte Theil dessen, was ihm vorgelegt wurde. Mit innerlicher Genugtuung bemerkte ich, daß man ihm auch einen jener kleinen Braten servirte, welche ich für Tauben gehalten hatte. Er ließ nicht das kleinste Knöchelchen davon übrig. Später setzte man ihm unter Anderem einen zierlich gearbeiteten Holzteller vor, der ein niedliches Gerichtchen enthielt, welches die Form eines Beefsteak hatte und einen solchen Wohlgeruch verbreitete, daß ich selbst noch Appetit bekam, obgleich ich ganz gegen meine sonstige Gewohnheit bereits sehr reichlich gegessen hatte. Ich mußte wissen, was dies war.

|197A »Sidna, was ist dies für ein schönes Gericht?« frug ich die Frau, welche den Engländer bediente.

»Es ist Tschekurdschek [1) Heuschrecke],« antwortete sie.

»Wie wird es bereitet?«

»Die Heuschrecken werden geröstet, klar gestoßen und in die Erde gelegt, bis sie anfangen, zu riechen. Dann habe ich den Teig in Dune zeitun [2) Olivenöl] gebraten.«

Auch nicht übel! Ich nahm mir vor, dieses höchst wichtige Rezept meinem guten Master Fowling-bull nicht lange vorzuenthalten. Während er noch aß, ging ich hinab, um nach den Pferden zu sehen. Sie waren wohl versorgt. Bei ihnen standen Halef, der Dolmetscher, der Buluk Emini und der Arnaute, im heftigen Streite, der aber bei meinem Erscheinen sofort abgebrochen wurde.

»Was zanket Ihr, Halef?« frug ich diesen.

Er deutete auf den Arnauten.

»Dieser Mensch schändet Dich, Sihdi. Er hat gedroht, Dich und mich zu ermorden, weil ich ihn auf Deinen Befehl niedergeworfen habe.«

»Laß ihn reden! Thun wird er wohl nichts.«

Da legte der Arnaute die Hand an die Pistole und rief:

»Schweig, Mensch! Oder willst Du Dich mit diesen Deinen Knechten heute noch in der Dschehennah treffen?«

»Tschit-i, ker, werujem, ti szi szlep - sei still, Hund! Ich glaube, Du bist vollständig blind!« antwortete ich ihm arnautisch. »Siehst Du nicht die Gefahr, in welche Du Dich begibst?«

»In welche?« frug er ganz verdutzt.

»Male ti pucshke ne gadschaju dobo - diese Pistolen treffen nicht gut!« antwortete ich, auf seine Waffe deutend.

»Warum?«

»Budutschi um-e-m öno bölje - weil ich es besser kann!«

Zu gleicher Zeit hielt ich ihm meinen Revolver entgegen. Ich hatte die Gewaltthätigkeit dieser arnautischen Soldaten genugsam kennen gelernt, um selbst einen so einfachen Fall nicht zu leicht zu nehmen. Der Arnaute achtet das Leben eines Menschen gleich Nichts. Er schießt wegen eines Schluck Wassers einen Andern ruhig nieder und beugt dann dafür mit derselben Ruhe sein Haupt unter das Schwert des Henkers. Wir hatten diesen Khawaß beleidigt; ein Schuß war ihm zuzutrauen. Dennoch nahm er die Hand von den Pistolen und frug im Tone der Verwunderung:

»Du sprichst die Sprache von Schkiperia [3) So nennen die Albanesen ihr Land]?«

»Wie Du hörst!«

»Bist Du ein Schkipetar?«

»Nein.«

»Was sonst?«

»Ich bin ein Nematz [4) Deutscher], und ich sage Dir, daß die Leute aus Nemacschka [5) Deutschland] es verstehen, mit Deinesgleichen umzuspringen.«

»Ein Nematz bist Du nur? Kein Madschar, kein Rusz, kein Szrbin [6) Serbe] und kein Turcschin? Obictz-i dschawo-wraga - fahre zum Teufel!«

Er erhob blitzschnell die Pistole und drückte los. Hätte ich nicht das Auge fest auf die Mündung der Waffe gehalten, so wäre mir die Kugel in den Kopf gegangen; so aber fuhr ich mit dem Kopf rasch zur Seite nieder, und die Kugel ging über mich hinweg. Ehe er den zweiten Lauf abfeuern konnte, hatte ich ihn unterlaufen und preßte ihm die Arme an den Leib.

»Soll ich ihn erschießen, Sihdi?« frug Halef.

»Nein. Bindet ihn!«

Um seine Arme nach hinten zu bekommen, mußte ich sie einen Augenblick freigeben. Das benutzte er, riß sich los und sprang davon. Im nächsten Augenblicke war er zwischen den Bäumen, welche die Häuser trennten, verschwunden. Alle Anwesenden eilten ihm nach, aber sie kehrten bald wieder zurück, ohne ihn gesehen zu haben.

Der Schuß hatte auch die Andern herbeigelockt.

»Wer hat geschossen, Sir?« frug Lindsay.

»Euer Khawaß.«

»Auf wen?«

»Auf mich«

»Ah! Fürchterlich! Weßhalb?«

»Aus Rache.«

|197B »Ist richtiger Arnaut! Hat getroffen?«

»Nein.«

»Ihn erschießen, Sir; sofort!«

»Er ist entflohen.«

»Well; laufen lassen! Kein Schade!«

Damit hatte er allerdings sehr Recht. Er hatte mich nicht getroffen, warum also blutdürstig sein? Zurück kam er sicherlich nicht wieder, und ein hinterlistiger Anfall stand wohl auch nicht zu befürchten. Der Engländer brauchte nun, da er mich gefunden hatte, weder ihn noch den Dolmetscher, und so wurde auch dieser Letztere abgelohnt, und zwar mit der Weisung, daß er morgen früh Spandareh verlassen und nach Mossul zurückkehren könne.

Die übrige Zeit des Abends verbrachten wir mit den Kurden in lebhafter Unterhaltung, welche mit einem Tanze schloß, der uns zu Ehren veranstaltet wurde. Man lud uns ein, in den Hof zu kommen. Dieser bildete ein Viereck, das von einem niederen Dache eingeschlossen wurde, auf dem sämmtliche anwesende Männer Platz nahmen. Hier lagen, hockten und knieten sie in den malerischsten Stellungen, während sich gegen dreißig Frauen in dem Hofraume zum Tanze versammelt hatten.

Sie bildeten einen doppelten Kreis, in dessen Mitte ein Vortänzer stand, der einen Wurfspieß schwang. Das Orchester bestand aus einer Flöte, einer Art von Geige und zwei Tamburins. Der Vortänzer gab das Zeichen zum Beginne durch einen lauten Ruf. Seine Tanzkunst bestand aus den mannigfaltigsten Arm- und Beinbewegungen, die er immer auf einer und derselben Stelle ausführte. Der Kreis der Frauen ahmte dieselben nach. Ich fand nicht, daß diesem einfachen Tanze irgend ein Gedanke, irgend eine Idee zu Grunde liege; aber dennoch gewährten diese Frauen mit ihren eckigen Turbanmützen, von denen lange, über den Rücken geschlungene Schleier herabwallten, bei der ungewissen Fackelbeleuchtung einen ganz hübschen Anblick.

Als dieser einfache Tanz beendet war, gaben die Männer ihre Zufriedenheit durch ein lautes Murmeln zu erkennen, ich aber zog ein Armband hervor und rief die Tochter des Vorstehers, welche mich beim Essen bedient hatte und sich jetzt mit unter den Tänzerinnen befand, zu mir herauf. Es bestand aus gelben Glasstücken und hatte das täuschende Ansehen jenes rauchigen, halbdurchsichtigen Bernsteins, der im Oriente so beliebt, gesucht und theuer ist. Bei einem deutschen Tabulettkrämer hatte ich dieses Armband mit fünfzig bis sechzig Pfennigen bezahlt; hier aber richtete ich voraussichtlich eine Freude damit an, die mir bedeutend höher angerechnet wurde.

Das Mädchen kam herbei. Alle Männer hatten gehört, daß ich sie zu mir verlangte, und wußten, daß es sich um eine Belobigung handeln werde. Ich mußte der Höflichkeit meiner Erzieher Ehre zu machen suchen.

»Komm herbei, Du lieblichste Tochter der Kurden von Missuri! Auf Deinen Wangen glänzt das Licht Schefag [1) Der Morgenröthe], und Dein Antlitz ist lieblich wie der Kelch Sumbul [2) Der Hyacinthe]. Deine langen Locken duften wie der Hauch Gulilik [3) Der Blume], und Deine Stimme klingt wie der Gesang Bulbuli [4) Der Nachtigall]. Du bist das Kind der Gastfreundschaft, die Tochter eines Helden, und wirst die Braut eines weisen Kurden und eines tapfern Kriegers werden. Deine Hände und Füße haben mich erfreut wie der Tropfen, der den Durstigen labt. Nimm dieses Bazihn [5) Armband], und denke meiner, wenn Du Dich damit schmückest!«

Sie erröthete vor Freude und Verlegenheit und wußte nicht, was sie antworten sollte.

»Az khorbane ta, Hodia - ich bin Dein Eigen [6) Eigentlich wörtlich: >Dein Opfer<], o Gebieter,« lispelte sie endlich.

Dies ist ein gebräuchlicher Gruß der kurdischen Frauen und Mädchen, einem vornehmen Manne gegenüber. Auch der Dorfälteste war so erfreut über die seiner Tochter gewordene Auszeichnung, daß er sogar die orientalische Zurückhaltung ganz vergaß und sich das Geschenk reichen ließ, um es zu betrachten.

»O wie herrlich, wie kostbar!« rief er aus und ließ das Armband ringsum von Hand zu Hand gehen. »Das ist Bernstein, so guter, prächtiger Bernstein, wie ihn der Sultan nicht |198A köstlicher an seiner Pfeife trägt! Meine Tochter, Dein Vater kann Dir keine solche Hochzeitsgabe schenken, wie sie dieser Emir Dir gegeben hat. Aus seinem Munde ertönt die Stimme der Weisheit, und von den Haaren seines Simbehl [1) Schnurrbart] träufelt die Güte. Frage ihn, ob er es Dir erlaubt, ihm so zu danken, wie eine Tochter ihrem Vater dankt!«

Sie erröthete noch mehr als vorhin; aber sie frug dennoch:

»Erlaubst Du es, Herr?«

»Ich erlaube es.«

Da bog sie sich zu mir, der ich auf dem Boden saß, hernieder und küßte mich auf den Mund und auf die beiden Wangen; dann aber eilte sie schnell davon.

Ich war über diese Art, seine Dankbarkeit zu beweisen, nicht erstaunt; denn ich wußte, daß es den Mädchen der Kurden erlaubt ist, Bekannte auch mit einem Kusse zu begrüßen. Einem höher Stehenden gegenüber würde eine solche Vertraulichkeit eine Beleidigung sein, und daher hatte ich eigentlich meine Güte verdoppelt, indem ich den Kuß gestattete. Dies sprach der Vorsteher auch sofort aus.

»Emir, Deine Gnade erleuchtet mein Haus, wie das Licht der Sonne die Erde erwärmt. Du hast meine Tochter begnadigt, damit sie sich Deiner erinnern möge; erlaube, daß auch ich Dir ein Andenken verehre, damit Du Spandareh nicht vergessen mögest!«

Er bog sich über die Kante des Daches vor und rief das Wort >Dojan< [2) Falke] in den Hof hinab. Sogleich ertönte ein freudiges Gebell; eine Thüre wurde geöffnet, und ich bemerkte, daß die unten Stehenden einem Hunde Platz machten, damit er über die Treppe herauf zu uns kommen könne. Nur einen Augenblick später stand derselbe vor dem Ältesten und liebkosete ihn. Es war einer jener kostbaren gelbgrauen und außergewöhnlich großen und starken Windhunde, die in Indien, Persien und Turkestan bis nach Sibirien hinein Slogi genannt werden. Bei den Kurden wird diese seltene Rasse Tazi genannt. Sie ereilen die flüchtigste Gazelle; sie holen oft selbst den wilden Esel und das windschnelle Tschiggetai ein und fürchten sich vor keinem Panther und vor keinem Bären. Ich muß gestehen, daß mich der Anblick dieses Thieres mit lebhafter Bewunderung erfüllte. Er war als Hund ebenso kostbar, wie mein Rappe dieses Prädicat als Pferd verdiente.

»Emir,« meinte der Vorsteher, »die Hunde der Missurikurden sind berühmt weit über unsere Berge hinaus. Ich habe manchen Tazi erzogen, auf den ich stolz sein konnte; keiner aber hat diesem hier geglichen. Er sei Dein!«

»Nezanum, diese Gabe ist so wertvoll, daß ich sie nicht annehmen kann,« antwortete ich ihm.

»Willst Du mich beleidigen?« frug er sehr ernst.

»Nein, das will ich nicht,« lenkte ich ein. »Ich wollte nur sagen, daß Deine Güte größer ist, als die meinige. Erlaube, daß ich den Tazi annehme, aber gestatte mir auch, Dir dieses Fläschlein zu geben!«

»Was ist es? Ein Wohlgeruch aus Persien?«

»Nein. Es ist von mir gekauft worden beim Beith Allah in der heiligen Stadt Mekka und enthält das Wasser vom Brunnen Zem-Zem.«

Ich machte es vom Halse los und reichte es ihm. Er war so gewaltig erstaunt, daß er vergaß, zuzugreifen. Ich legte es in seinen Schoß.

»O Emir, was thust Du!« rief er endlich entzückt. »Du bringst in mein Haus die herrlichste Gabe, welche Allah der Erde verliehen hat. Ist es Dein Ernst, daß Du sie mir schenkest?«

»Nimm sie hin; ich gebe sie Dir sehr gern!«

»Gesegnet sei Deine Hand, und stets weile das Glück auf Deinem Pfade! Kommt her, Ihr Männer, und befühlt diese Flasche, damit die Güte des großen Emir auch Euch beglücken möge!«

Die Flasche ging von Hand zu Hand. Ich hatte mit ihr die größte Freude gestiftet, die es nur geben kann. Als sich das Entzücken des Vorstehers einigermaßen gelegt hatte, wandte er sich wieder zu mir:

»Herr, dieser Hund ist nun Dein. Spucke ihm dreimal in das Maul, und nimm ihn heut unter Deinen Mantel, wenn Du schlafen gehest, so wird er Dich nie wieder verlassen!«

|198B Der Engländer hatte das Alles mit angesehen, ohne den Vorgang recht zu verstehen. Er frug mich:

»Zem-Zem verschenkt, Master?«

»Ja.«

»Well! Immer fort damit! Wasser ist Wasser!«

»Wißt Ihr, was ich dafür bekommen habe?«

»Was?«

»Diesen Hund.«

»Wie? Was? Nicht möglich!«

»Warum nicht?«

»Zu kostbar. Kenne die Hunde! Dieser ist fünfzig Pfund werth!«

»Noch mehr. Aber dennoch gehört er mir.«

»Warum?«

»Weil ich der Tochter des Ortsvorstehers das Armband geschenkt habe.«

»Schrecklicher Kerl! Kolossales Glück! Erst Pferd von Mohammed Emin, gar nichts zu bezahlen, und nun auch Windhund! Ich Pech dagegen. Nicht einen einzigen Fowling-bull gefunden. Schauderhaft!«

Auch Mohammed bewunderte den Hund, und ich glaube gern, daß er ein klein wenig eifersüchtig auf mich war. Ich muß gestehen, ich hatte Glück.

Kurz bevor ich mich zur Ruhe begab, ging ich noch einmal zu den Pferden. Der Vorsteher traf mich dort.

»Emir,« frug er halblaut, »darf ich eine Frage aussprechen?«

»Sprich!«

»Du willst nach Amadijah?«

»Ja.«

»Und noch weiter?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Es ist ein Geheimniß dabei?«

»Das vermuthest Du?«

»Ich vermuthe es.«

»Warum?«

»Du hast einen Araber bei Dir, der nicht vorsichtig ist. Er schlug den Ärmel seines Gewandes zurück, und dabei habe ich die Tättowirung seines Armes gesehen. Er ist ein Feind der Kurden und auch ein Feind des Mutessarif; er ist ein Haddedihn. Habe ich richtig gesehen?«

»Er ist ein Feind des Mutessarif, aber nicht ein Feind der Kurden,« antwortete ich.

Dieser Mann war ehrlich; ich konnte ihn nicht belügen. Es war jedenfalls besser, ihm zu vertrauen, als ihm eine Unwahrheit zu sagen, die er doch nicht geglaubt hätte.

»Die Araber sind stets Feinde der Kurden; aber er ist Dein Freund und mein Gast; ich werde ihn nicht verrathen. Ich weiß, was er in Amadijah will.«

»Sage es!«

»Es ist viele Tage her, daß die Krieger des Mutessarif einen gefangenen Araber hier durchführten. Sie stiegen bei mir ab. Er war der Sohn des Scheik der Haddedihn und sollte in Amadijah gefangen gehalten werden. Er sah Deinem Freunde so ähnlich wie der Sohn dem Vater.«

»Solche Ähnlichkeiten kommen sehr oft vor.«

»Ich weiß es, und ich will Dir Dein Geheimniß gar nicht rauben; aber Eins will ich Dir sagen: Kehrest Du von Amadijah zurück, so kehre bei mir ein, es mag am Tage sein oder mitten in der Nacht, im Geheimen oder öffentlich. Du bist mir willkommen, auch wenn der junge Araber bei Dir ist, von dem ich gesprochen habe.«

»Ich danke Dir!«

»Du sollst mir nicht danken! Du hast mir das Wasser des heiligen Zem-Zem gegeben; ich werde Dich beschützen in jeder Noth und Gefahr. Wenn Dich aber Dein Weg nach einer andern Richtung führt, so mußt Du mir eine Bitte erfüllen.«

»Welche?«

»Im Thale von Berwari liegt das Schloß Gumri. Dort wohnt der Sohn des berühmten Abd el Summit Bey; eine meiner Töchter ist sein Weib. Grüße sie und ihn von mir. Ich werde Dir ein Zeichen mitgeben, an dem sie erkennen, daß Du mein Freund bist.«

»Ich werde es thun.«

|199A »Sage ihnen jede Bitte, die Du auf dem Herzen hast; sie werden sie Dir gern erfüllen, denn kein wackerer Kurde liebt die Türken und den Mutessarif von Mossul.«

Er trat in das Haus. Ich wußte, was der brave Mann bezweckte. Er errieth, was wir vorhatten, und wollte mir auf alle Fälle nützlich sein. Ich ging nun schlafen und nahm den Windhund mit. Als wir am andern Morgen erwachten, erfuhren wir, daß der Dolmetscher des Engländers Spandareh bereits verlassen habe. Er hatte den Weg nach Bebozi eingeschlagen.

Ich hatte mit Mohammed Emin in demselben Gemache geschlafen; dem Engländer aber war ein anderer Raum angewiesen worden. Er trat jetzt zu uns herein und - wurde mit einem hellen Gelächter empfangen. Niemand kann sich den Anblick denken, welchen uns der brave Master Lindsay bot. Vom Halse bis herab zu den Füßen war er vollständig roth und schwarz, allerdings noch nicht karrirt, und auf dem hohen, spitzigen Kopfe saß wie ein umgekehrter Kaffeesack die kurdische Mütze, von welcher lange Bänder wie die Fangarme eines Polypen herabhingen.

»Good morning! Warum lachen?« grüßte er sehr ernst.

»Vor Freude über Euer außerordentlich amüsantes Exterieur, Sir.«

»Well! Freut mich!«

»Was tragt Ihr hier unter dem Arme?«

»Hier? Hm! Ein Packet, denke ich!«

»Das sehe ich allerdings auch. Was enthält es?«

»Ist mein Hat-box, meine Hutschachtel.«

»Ah!«

»Habe den Hut eingewickelt, auch Gamaschen und Stiefel. Well!«

»Das konntet Ihr Alles hier lassen!«

»Hier? Warum?«

»Wollt Ihr Euch mit diesen unnützen Kleinigkeiten schleppen?«

»Unnütz? Kleinigkeiten? Schauderhaft! Brauche sie doch wieder!«

»Aber wohl nicht gleich.«

»Kehren wir zurück nach hier?«

»Das ist zweifelhaft.«

»Also! Hat-box wird mitgenommen! Versteht sich!«

Das weite Gewand schlotterte ihm um den hagern Leib wie ein altes Tuch, das man einer Vogelscheuche umgehangen hat. |199B Das störte ihn aber nicht. Er nahm würdevoll an meiner Seite Platz und meinte siegesbewußt:

»Nun bin ich Kurde! Well!«

»Ein echter und richtiger!«

»Famos, ausgezeichnet! Prachtvolles Abenteuer!«

»Eins aber fehlt Euch noch!«

»Was?«

»Die Sprache.«

»Werde lernen.«

»Das geht nicht so schnell, und wenn Ihr uns nicht schaden wollt, so seid Ihr gezwungen, unter zwei Entschlüssen einen zu fassen.«

»Welche Entschlüsse?«

»Entweder Ihr geltet für stumm - - -«

»Stumm? Dumb? Abscheulich! Geht nicht!«

»Ja, für stumm oder gar taubstumm.«

»Sir, Ihr seid verrückt!«

»Danke! Es bleibt aber doch dabei. Also, entweder Ihr geltet für stumm, oder Ihr habt ein Gelübde gethan - - -«

»Gelübde? Well! Schöner Gedanke! Interessant! Welches Gelübde?«

»Nicht zu sprechen.«

»Nicht zu reden? Kein Wort? Ah!«

»Kein einziges!«

»Keine Silbe?«

»Keine! Nämlich nur dann, wenn wir beobachtet sind. Befinden wir uns aber allein, so könnt Ihr reden nach Herzenslust.«

»Ist gut! Nicht ganz übel! Werde Gelübde thun! Wann geht es an?«

»Sofort, nachdem wir Spandareh verlassen haben.«

»Well! Einverstanden!«

Nach dem Morgenkaffee erhielten wir noch allerhand Proviant eingepackt; dann stiegen wir zu Pferde. Wir hatten Abschied von allen Mitgliedern des Hauses, außer dem Hausherrn selbst, genommen und sagten auch den Andern, welche sich versammelt hatten, Lebewohl. Der Vorsteher hatte satteln lassen, um uns eine Strecke Weges zu begleiten.

Hinter Spandareh gab es einen sehr beschwerlichen, kaum reitbaren Weg, der uns zu den Tura-Ghara-Bergen emporführte. Es gehörten fast die Füße von Gemsen dazu, diesen Felsenpfad zu überwinden, aber wir langten glücklich auf der |200A Höhe an. Hier hielt der Vorsteher sein Pferd an und nahm aus der Satteltasche ein Packet.

»Nimm dies, und gib es dem Manne meiner Tochter, wenn Du nach Gumri kommen solltest. Ich habe Ihr ein persisches Tuch und ihrem Manne für seine Mehin [1) Stute] einen Dizgin [2) Zügel,Zaum] versprochen, wie ihn die Kurden von Pir Mani führen. Wenn Du ihnen diese Sachen bringst, so wissen sie, daß Du mein Freund und Bruder bist, und werden Dich so aufnehmen, als ob ich es selber wäre. Aber ich wünsche um Deinetwillen dennoch, daß Du wieder zu mir zurückkehren mögest.«

|200B Er deutete auf einen Reiter, der uns gefolgt war und bei Halef und dem Baschi-Bozuk hielt.

»Das ist der Mann, der mir den Anzug dieses Fremdlings wieder bringen wird. Ihm könntest Du auch das Packet geben, wenn Du merkst, daß Dich Dein Weg nicht nach Gumri führt. Und nun scheiden wir! Aaleïk sallam, u rahhmet Allah - der Friede und die Barmherzigkeit sei mit Dir!«

Wir umarmten und küßten uns, dann gab er auch den Andern die Hand und kehrte um. Ich hatte in ihm einen Mann kennen gelernt, an den ich noch heute mit Achtung und Wohlwollen zurückdenke.

|201A Wir ritten weiter. Der Weg ging bergab in das Thal von Amadijah hinunter. Dieses Thal wird von einer Sandsteinablagerung gebildet und von sehr vielen Schluchten durchschnitten, in denen rauschende Waldbäche strömen. Sie führen alle ihr Wasser dem Zab entgegen. Die Schluchten und Gelände sind mit kräftigen Eichenwaldungen bestanden, die bedeutende Galläpfelernten liefern, mit denen die Bewohner einen einträglichen Handel treiben. In der Ebene liegen zahlreiche chaldäische Dörfer, die aber entweder öde und verlassen sind, oder nur wenige Bewohner zählen, da die Chaldäer sich vor den Bedrückungen der Türken und den Einfällen räuberischer Kurdenstämme gern in die Berge zurückziehen.

Durch diese Landschaft, deren Eichen mich heimatlich anmutheten, ritten wir unserm Ziele entgegen.

»Darf ich reden?« frug Lindsay leise.

»Ja. Wir sind ja unbelauscht.«

»Aber der Kurde hinter uns?«

»Kommt nicht in Betracht.«

»Well!«

»Dorf hieß Spandareh?«

»Ja.«

»Wie Euch gefallen?«

»Sehr. Und Euch, Sir?«

»Prächtig! Guter Wirth, gute Wirthin, feines Essen, schöner Tanz, prachtvoller Hund!«

Bei dem letzten Worte blickte er auf das Windspiel, welches neben meinem Pferde hertrabte; ich war so vorsichtig gewesen, es mittels einer Leine an meinen Steigbügel zu binden. Übrigens hatte der Hund bereits Freundschaft mit meinem Pferde geschlossen und schien es genau zu wissen, daß ich sein Herr geworden sei. Er blickte mit seinen großen, klugen Augen sehr aufmerksam zu mir empor.

»Ja,« antwortete ich. »Alles war schön, besonders das Essen.«

»Excellent! Sogar Taube und Beefsteaks!«

|201B »Hm! Glaubt Ihr wirklich an die Taube?«

»Well! Warum nicht?«

»Weil es keine war.«

»Nicht? Keine Taube. War welche!«

»War keine!«

»Was sonst?«

»Es war das Thier, das von den Zoologen den lateinischen Namen Vespertilio murinus oder myotis erhalten hat.«

»Bin kein Zoologe. Auch nicht Latein!«

»Diese Taube heißt gewöhnlich Fledermaus.«

»Fleder - - -«

Er hielt inne. Seine Geschmacks- und Verdauungsnerven wurden beim Klange dieses Wortes in eine Anstrengung versetzt, durch welche sein Mund in eine trapezoide und perennirende Höhlenöffnung verwandelt wurde, in welcher man die schönste Entdeckungsreise vornehmen konnte. Sogar die lange Nase schien in Mitleidenschaft gezogen zu sein, denn ihre Spitze bekam jene weiße Färbung, von welcher der Dichter gesungen haben soll: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß mir so traurig ist!«

»Ja, Fledermaus war es, Sir. Fledermaus habt Ihr gegessen.«

Er hielt sein Pferd an und starrte in das Blaue.

Endlich hörte ich einen lauten Klapp; der Mund war wieder zugefallen, und ich ahnte, daß ihm nun auch das Vermögen, seine Gefühle in Worte zu fassen, zurückgekommen sei.

»- - - maus!!!«

Mit dieser kleinen Silbe setzte er das vorhin begonnene »Fleder - - -« fort; dann langte er von seinem Pferde herüber und faßte mich am Arme.

»Sir!«

»Was?«

»Vergeßt die Achtung nicht, die man einem jeden Gentleman schuldig ist!«

»Habe ich sie Euch gegenüber vergessen?«

»Sehr, sage ich!«

|202A »In wie fern?«

»Wie könnt Ihr behaupten, daß Sir David Lindsay Fledermäuse ißt!«

»Fledermäuse? Ich habe nur von einer einzigen gesprochen.«

»Gleich! Eine oder mehrere, die Injurie bleibt sich gleich. Ihr werdet mir Genugthuung geben! Satisfaktion! Well!«

»Die habt Ihr ja bereits!«

»Ich habe? Ich hätte? Ah! Wie?«

»Ihr habt eine Satisfaktion erhalten, die Euch vollständig genügen wird.«

»Welche? Weiß von keiner!«

»Ich habe selbst auch Fledermaus gegessen; auch Mohammed Emin.«

»Auch? Ihr und er? Ah!«

»Ja. Auch ich hielt es für Taube. Als ich mich aber erkundigte, hörte ich, daß es Fledermaus sei.«

»Fledermaus hat Häute!«

»Waren weggeschnitten.«

»Also wirklich wahr?«

»Wirklich.«

»Kein Scherz, kein Spaß?«

»Ernst!«

»Fürchterlich! Oh! Bekomme Kolik, Cholera, Typhus, oh!«

Er machte ein wirkliches Choleragesicht; ich mußte Erbarmen zeigen:

»Fühlt Ihr Euch unwohl, Sir?«

»Sehr! Yes!«

»Soll ich helfen?«

»Schnell! Womit?«

»Mit einem homöopathischen Mittel.«

»Habt Ihr eins? Mir ist wirklich übel! Armselig! Welches Mittel?«

»Similia Similibus.«

»Wieder Zoologe? Latein?«

»Ja. Latein ist es: Gleiches mit Gleichem. Und zoologisch ist es auch, nämlich Heuschrecken.«

»Was! Heuschrecken?«

»Ja, Heuschrecken.«

»Gegen das Übelsein? Soll ich essen?«

»Ihr sollt sie nicht essen, sondern Ihr habt sie bereits gegessen.«

»Habe bereits? Ich?«

»Ja.«

»Dulness, Dummheit! Unmöglich! Wann?«

»Gestern Abend.«

»Ah! Erklärung!«

»Ihr sagtet vorhin, die Beefsteaks seien sehr gut gewesen.«

»Sehr! Ungeheuer gut! Well!«

»Es waren keine Beefsteaks.«

»Keine? Keine Beefsteaks! Bin Englishman! Waren welche!«

»Waren keine! Ich habe ja gefragt.«

»Was sonst?«

»Es waren in Olivenöl gebratene Heuschrecken. Wir Deutsche nennen diese delicaten Springer sogar zuweilen Heupferde.«

»Heu - - -«

Wieder blieb ihm wie vorhin das Wort auf halbem Wege stecken, aber diesmal gestattete er seinem Munde nicht, allzu offenherzig zu werden, sondern er preßte die Lippen mit solcher Charakterstärke zusammen, daß sie ihre Ausdehnung, anstatt in die Weite, so sehr in die Breite nahmen, daß es ihm bei nur einigem guten Willen möglich gewesen wäre, mit jedem Mundwinkel ein Ohrläppchen abzukneipen. Und die Nase war über das Verschwinden der ihr so sympathischen Öffnung so bestürzt, daß sie ihre Spitze weit herunter bog, um nachzusehen, wie dem Verluste abzuhelfen sei.

Da endlich näherten sich die Dimensionen wieder ihrem früheren Zustande; die Restitutio in integrum stellte sich ein, und die Lippen ließen von einander ab.

»- - - pferde!«

So ließ er denn die Fortsetzung seines unterbrochenen »Heu - - -« vernehmen, und die Nasenspitze schnellte sich befriedigt in die Höhe.

»Ja, Heupferde habt Ihr gegessen.«

|202B »Ah! Schauderhaft! Habe sie ja aber gar nicht geschmeckt!« »Wißt Ihr so genau, wie sie schmecken?«

Er machte mit Armen und Beinen eine Bewegung, als wolle er sich auf dem Pferde um seine eigene Achse drehen.

»No, at no time, niemals!«

»Ich versichere Euch, daß es Heuschrecken waren. Sie werden geröstet und zerrieben; dann legt man sie in die Erde, bis sie haut gout erhalten, und schmort sie in dem Öle der friedlichen Olive. Ich habe mir dieses Recept von der Frau des Dorfältesten geben lassen und weiß also sehr genau, was ich sage.«

»Entsetzlich! Bekomme Magenkrampf!«

»Seid Ihr mit meiner Satisfaktion zufrieden?«

»Habt auch Heupferd gegessen?«

»Nein.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Weil ich keines vorgesetzt bekam.«

»Nur ich?«

»Nur Ihr allein; jedenfalls als ehrenvolle Auszeichnung für Euch, Sir!«

»Habt Ihr gewußt?«

»Erst nicht. Aber während Ihr aßt, frug ich.«

»Warum mir nicht gleich gesagt?«

»Weil Ihr jedenfalls etwas gethan hättet, wodurch unser Wirth beleidigt worden wäre.«

»Master, will mir das verbitten! Yes! Hinterlist! Heimtücke! Schadenfreude! Werde mich mit Euch schlagen, boxen oder - - -«

Er hielt inne, denn es fiel ein Schuß, und die Kugel riß mir einen Fetzen aus dem Turban.

»Herab, und hinter die Pferde gestellt!« rief ich.

Zugleich warf ich mich vom Pferde, keinen Augenblick zu früh, denn ein zweiter Knall ertönte, und die Kugel pfiff über mich hinweg. Mit einem schnellen Griffe zog ich die Schnur, an welche der Hund gebunden war, aus dem Halsbande desselben.

»Sert - halte fest!«

Nur einen kurzen Laut stieß der Hund aus, der fast so klang, als ob er mir sagen wollte, daß er mich verstanden habe; dann schoß er in das Gebüsch.

Wir befanden uns in einer Schlucht, deren Seiten von dicht stehenden jungen Eichen bewachsen waren. Selbst einzudringen, war zu gefährlich, da wir uns der Waffe des unsichtbaren Schützen ausgesetzt hätten. Wir schützten uns durch die Körper unserer Pferde und horchten.

»Maschallah! Wer mag es sein?« frug Mohammed Emin.

»Der Arnaute,« antwortete ich.

Da hörten wir einen Schrei und gleich darauf ein lautes, rufendes Anschlagen des Hundes.

»Dojan hat den Täter,« meinte ich so ruhig wie möglich. »Buluk Emini, geh hin, und hole ihn!«

»Allah illa Allah! Emir, ich bleibe; es könnten Zehn oder gar Hundert sein, und dann wäre ich verloren!«

»Und Dein Esel wäre ein Waisenkind geworden, Du Hasenfuß! Paß auf die Pferde auf! Kommt!«

Wir drangen in das harte Gestrüpp ein und brauchten nicht weit zu gehen. Ich hatte mich nicht geirrt; es war der Arnaute. Der Hund stand nicht, sondern er lag auf ihm, und zwar in einer Stellung, welche mich über die außergewöhnliche Klugheit des Thieres erstaunen ließ. Der Arnaute hatte nämlich seinen Dolch gezogen, um sich gegen den Angreifer zu vertheidigen; der Hund hatte also eine mehrfache Aufgabe. Darum hatte er ihn niedergerissen und sich so auf den rechten Arm des Arnauten gelegt, daß dieser denselben nicht bewegen konnte. Dabei hielt er ihn mit den Zähnen am Halse, zwar leicht, aber doch so, daß der Überwundene bei der geringsten Bewegung verloren war.

Ich nahm dem Meuchler erst den Dolch aus der Hand und dann die eine Pistole aus dem Gürtel; die andere, abgeschossene lag am Boden; er hatte sie beim Angriffe des Hundes fallen lassen.

»Geri - zurück!«

Auf diesen Befehl ließ Dojan den Arnauten los. Dieser erhob sich und griff sich unwillkürlich an den Hals.

»Mensch, Du mordest ja! Soll ich Dich niederschlagen?«

|203A »Sihdi, befiehl es, und ich hänge ihn auf!« bat Halef.

»Pah! Er hat Keinen von uns getroffen. Laßt ihn laufen!«

»Emir,« meinte Mohammed, »er ist ein wildes Thier, welches unschädlich gemacht werden muß!«

»Er hat auf mich geschossen und wird keine Gelegenheit haben, es wieder zu thun. Packe Dich, Schurke!«

Im Nu war er zwischen den Büschen verschwunden. Der Hund wollte ihm augenblicklich folgen, aber ich hielt ihn zurück.

»Sihdi, wir müssen ihm nach; er ist ein Arnaute und bleibt uns gefährlich!« rief Halef.

»Wo will er uns gefährlich sein? Etwa in Amadijah? Dort darf er sich nicht sehen lassen, sonst lasse ich ihm den Prozeß machen.«

Auch Mohammed und der Engländer erhoben heftigen Widerspruch, aber ich kehrte zu den Pferden zurück und stieg auf. Der Hund folgte mir ungeheißen; ich merkte, daß ich ihn nicht anzubinden brauchte, und fand dies in der Folge auch bestätigt.

Gegen Mittag erreichten wir ein kleines Dorf, Namens Bebadi; es sah sehr ärmlich aus und hatte nestorianische Bewohner, wie ich zu bemerken glaubte. Wir machten da eine kurze Rast und hatten Mühe, zu unserm Proviant einen Schluck Scherbet zu erhalten.

Nun hatten wir den kegelförmigen Berg vor uns, auf welchem Amadijah liegt. Wir erreichten es sehr bald. Zur Rechten und zur Linken des Weges, der uns emporführte, bemerkten wir Fruchtgärten, welche eine leidliche Pflege zu genießen schienen; der Ort selbst aber machte schon von außen keinen sehr imponirenden Eindruck auf uns. Wir ritten durch ein Thor, welches jedenfalls einmal ganz verfallen und dann nur nothdürftig ausgebessert worden war. Einige zerlumpte Arnauten standen da, um Sorge zu tragen, daß kein Feind die Stadt überfalle. Einer von ihnen ergriff mein Pferd, und ein Anderer das des Haddedihn beim Zügel.

»Halt! Wer seid Ihr?« frug er mich.

Ich deutete auf den Buluk Emini.

»Siehst Du nicht, daß wir einen Soldaten des Großherrn bei uns haben? Er wird Dir Antwort geben.«

»Ich habe Dich gefragt, aber nicht ihn!«

»Fort, auf die Seite!«

Bei diesen Worten nahm ich mein Pferd in die Höhe; es that einen Sprung, und der Mann fiel auf die Erde. Mohammed folgte meinem Beispiele, und wir ritten davon. Hinter uns aber hörten wir die Arnauten fluchen und den Baschi-Bozuk sich mit ihnen zanken. Ein Mann begegnete uns, der einen langen Kaftan trug und ein altes Tuch um den Kopf geschlungen hatte.

»Wer bist Du, Mann?« frug ich ihn.

»Herr, ich bin ein Jehudi [1) Jude]. Was befiehlst Du mir?«

»Weißt Du, wo der Mutesselim [2) Commandant] wohnt?«

»Ja, Herr.«

»Führe uns nach seinem Serai!«

Je sicherer man im Oriente auftritt, desto freundlicher wird man behandelt. Zudem war dieser Mann ein Jude, also nur ein in Amadijah Geduldeter; er wagte es nicht, sich zu widersetzen. Wir wurden von ihm durch eine Reihe von Gassen und Bazars geführt, welche alle den Eindruck des Verfalles auf mich machten.

Diese wichtige Grenzfestung schien sehr vernachlässigt zu werden. Es gab kein Leben in den Straßen und Läden; nur wenige Menschen begegneten uns, und diejenigen, welche wir sahen, hatten ein krankhaftes, gedrücktes Aussehen und waren lebende Zeugnisse für die bekannte Ungesundheit dieser Stadt.

Der Serai verdiente seinem Äußern nach den Namen eines Palastes nicht im Geringsten. Er glich einer ausgebesserten Ruine, vor deren Eingang nicht einmal eine Wache zu sehen war. Wir stiegen ab und übergaben Halef, dem Kurden und dem Buluk Emini, welcher uns wieder eingeholt hatte, unsere Pferde. Nachdem der Jude ein Geschenk erhalten hatte, wofür er sich enthusiastisch bedankte, traten wir ein.

Erst nachdem wir einige Gänge durchwandert hatten, kam uns ein Mann entgegen, der bei unserem Anblick seinen langsamen Gang in einen schnellen Lauf verwandelte.

»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier?« frug er mit zorniger Stimme.

|203B »Mann, rede anders, sonst werde ich Dir zeigen, was Höflichkeit ist! Wer bist Du?«

»Ich bin der Nazardschi [1) Aufseher] dieses Palastes.«

»Ist der Mutesselim zu sprechen?«

»Nein.«

»Wo ist er?«

»Ausgeritten.«

»Das heißt, er ist daheim und hält seinen Kef!«

»Willst Du ihm gebieten, was er thun und lassen soll?«

»Nein; aber ich will Dir gebieten, mir die Wahrheit zu sagen!«

»Wer bist Du, daß Du so mit mir redest? Bist Du ein Ungläubiger, daß Du es wagst, mit einem Hunde in den Palast des Commandanten einzutreten?«

Er hatte Recht, denn neben mir stand der Windhund und beobachtete uns mit Augen, die mir deutlich sagten, daß er nur auf meinen Wink warte, um sich auf den Türken zu stürzen.

»Stelle Wachen vor das Thor,« antwortete ich ihm; »dann wird Niemand Zutritt erhalten, dem derselbe nicht erlaubt worden ist. In welcher Zeit kann ich mit dem Mutesselim sprechen?«

»Zur Zeit der Abenddämmerung.«

»Gut. So sage ihm, daß ich kommen werde!«

»Und wenn er mich fragt, wer Du bist?«

»So sagst Du, ich sei ein Freund des Mutessarif von Mossul.«

Er wurde verlegen; wir aber kehrten um und stiegen wieder zu Pferde, um uns eine Wohnung zu suchen. Eine solche war eigentlich sehr leicht zu finden, denn wir bemerkten, daß viele Häuser leer standen; doch konnte es nicht meine Absicht sein, heimlich von einem derselben Besitz zu ergreifen.

Indem wir so, die Gebäude musternd, dahinritten, kam uns eine riesige, martialische Gestalt entgegen. Der Mann ging breitspurig wie ein osterländischer Zwölfspänner. Seine Sammtjacke war ebenso wie seine Hose von Goldstickereien bedeckt; seine Waffen hatten keinen geringen Wert, und von dem Tschibuk, welchen er mit großem Selbstbewußtsein im Gehen rauchte, hingen, wie ich später zählte, vierzehn seidene Quasten herab. Er blieb seitwärts von uns stehen, um meinen Rappen mit wichtiger Kennermiene zu betrachten. Ich hielt an und grüßte ihn.

»Sallam!«

»Aaleïkum!« antwortete er mit einem stolzen Neigen seines Hauptes.

»Ich bin hier fremd und mag mit keinem Birkadschi [2) Ein gewöhnlicher Mann] reden. Erlaube, daß ich mich bei Dir erkundige!« sagte ich wenigstens ebenso stolz.

»Deine Rede sagt mir, daß Du ein Effendi bist. Ich werde Deine Frage beantworten.«

»Wer bist Du?«

»Ich bin Selim Agha, der Befehlshaber der Albanesen, welche diese berühmte Festung vertheidigen.«

»Und ich bin Kara Ben Nemsi, ein Schützling des Padischah und Abgesandter des Mutessarif von Mossul. Ich suche mir ein Haus in Amadijah, in dem ich einige Tage wohnen kann. Kannst Du mir eins nennen?«

Er ließ sich zu einer Bewegung militärischer Ehrerbietung herab und meinte:

»Allah segne Deine Hoheit, Effendi! Du bist ein großer Herr, der in dem Palaste des Mutesselim Aufnahme finden muß.«

»Der Aufseher des Palastes hat mich fortgewiesen, und ich - - -«

»Allah verderbe diese Creatur,« unterbrach er mich. »Ich werde gehen, um ihn in Stücke zu zerreißen!«

Er rollte die Augen und fuchtelte mit beiden Armen. Dieser Mann war wohl nur ein Bramarbas gewöhnlicher Sorte.

»Laß diesen Menschen! Er soll nicht die Ehre haben, Gäste bei sich zu sehen, die ihm viel Bakschisch bringen.«

»Bakschisch?« frug der Tapfere. »Du gibst viel Bakschisch?«

»Ich pflege damit nicht zu geizen.«

»Oh, so weiß ich ein Haus, in welchem Du wohnen und rauchen kannst, wie der Schah-in-Schah von Persien. Soll ich Dich führen?«

»Zeige es mir!«

|204A Er wandte sich wieder um und schritt voran. Wir folgten. Er führte uns durch einige leere Bazargassen, bis wir vor einem kleinen offenen Platze hielten.

»Das ist der Meidan jüdschelikün, der >Platz der Größe<,« erklärte er.

Dieser Platz hatte alle möglichen Eigenschaften, nur groß war er nicht, und grad darum jedenfalls hatte man ihm diesen hochtrabenden Namen gegeben. Daß ich mich in einer türkischen Stadt befand, sah ich hier sehr genau; denn es lungerten wohl an die zwanzig herrenlose Hunde auf diesem Meidan jüdschelikün herum, unter denen mehrere räudig waren. Bei dem Anblick meines Hundes erhoben sie ein wütendes Geheul, dem aber Dojan, wie ein Pascha einem Haufen von Bettlern gegenüber, keine Aufmerksamkeit schenkte.

»Und hier ist das Haus, welches ich meine,« fügte der Agha hinzu.

Er zeigte dabei auf ein Gebäude, welches die ganze eine Fronte des Platzes einnahm und gar kein übles Aussehen hatte. Es zeigte nach vorn heraus mehrere Pengdscheri [1) Fenster], welche mit hölzernen Gitterstäben versehen waren, und um das platte Dach lief ein Schutzgeländer, gewiß ein großer Luxus hier zu Lande.

»Wer wohnt in diesem Hause?« frug ich.

»Ich selbst, Effendi,« antwortete er.

»Und wem gehört es?«

»Mir.«

»Du hast es gekauft oder gemiethet?«

»Keines von beidem. Es war Eigenthum des berühmten Ismaïl Pascha und blieb seitdem herrenlos, bis ich es in Besitz nahm. Komm, ich werde Dir Alles zeigen!«

Dieser wackere Befehlshaber der Arnauten hatte jedenfalls großes Wohlgefallen an meinem Bakschisch gefunden. Doch war mir sein Anerbieten sehr willkommen, da ihn seine Stellung befähigte, mir über alles Nöthige die gewünschte Auskunft zu geben. Wir stiegen vor dem Hause ab und traten ein. Im Flure hockte ein altes Weib, welches Zwiebeln schälte und dabei mit thränenden Augen die abgefallenen Schalen kaute. Ihrem Aussehen nach war sie entweder die Urgroßmutter des ewigen Juden, oder die von dem Tode ganz vergessene Tante von Methusalem.

»Höre, meine süße Mersinah, hier bringe ich Dir Männer!« redete er sie in sehr liebenswürdigem Tone an.

Sie konnte uns vor Thränen nicht sehen und wischte sich daher mit der Zwiebel, die sie grad in der Hand hielt, die Augen aus, so daß das Wasser sich verdoppelte.

»Männer?« frug sie mit einer Stimme, welche dumpf wie die Antwort eines Klopfgeistes aus dem zahnlosen Munde hervorklang.

»Ja, Männer, die in diesem Hause wohnen werden.«

Sie warf die Zwiebeln von sich und sprang mit jugendlicher Schnelligkeit vom Boden auf.

»Wohnen? Hier in diesem Hause? Bist Du toll, Selim Agha?«

»Ja, meine liebliche Mersinah, Du wirst die Meichanedscha [2) Wirthin] dieser Männer sein und sie bedienen.«

»Wirthin? Bedienen? Allah kerihm! Du bist wirklich verrückt geworden! Habe ich nicht bereits Tag und Nacht zu arbeiten, um nur mit Dir allein fertig zu werden! Jage sie fort, fort auf der Stelle; das befehle ich Dir!«

Er wurde ein wenig verlegen; das war ihm anzumerken. Die >süße, liebliche< Mersinah schien hier ein sehr kräftiges Scepter zu führen.

»Deine Arbeit soll nicht größer werden, meine Taube. Ich werde ihnen eine Kyzla [3) Mädchen, Dienerin] halten, die sie bedienen wird.«

»Eine Kyzla?« frug sie, und dabei klang ihre Stimme nicht mehr dumpf und hohl, sondern kreischend und überschnappend, als ob der rosige Mund der lieblichen Taube sich in einen Klarinettenschnabel verwandelt hätte. »Eine Kyzla! Und wohl eine junge, hübsche Kyzla, he?«

»Das kommt auf diese Männer an, Mersinah.«

Sie stemmte die Arme in die Hüften, eine Bewegung, welche dem Oriente ebenso eigenthümlich ist, wie dem Abendlande, und holte tief Athem. Dies war ein Zeichen, daß sie |204B einen bedeutenden Luftvorrath brauchen werde, um ihre angestammte Herrschaft mit dem nothwendigen Nachdrucke vertheidigen zu können.

»Auf diese Männer? Auf mich kommt es an! Hier bin ich die Herrin! Hier habe ich allein zu befehlen! Hier habe ich zu bestimmen, was geschehen soll, und ich gebiete Dir, diese Männer fortzujagen! Hörst Du, Selim Agha? Fort, augenblicklich!«

»Aber es sind ja gar keine Männer, meine einzige Mersinah!«

Mersinah, was im Deutschen Myrte bedeutet, wischte sich die Äuglein abermals aus und betrachtete uns sehr genau. Ich selbst war etwas erstaunt über diese Behauptung des Agha. Was denn eigentlich sollten wir sein, wenn wir keine Männer waren?

»Nein,« antwortete er. »Es sind keine Männer, sondern Effendi's, große Effendi's, die unter dem Schutze des Großherrn stehen.«

»Was geht mich der Großherr an! Hier bin ich die Großherrin, die Sultanin Valide, und was ich sage, das - - -«

»Aber so höre doch! Sie werden ein sehr gutes Bakschisch geben!«

Bakschisch hat im Oriente eine zauberhafte Wirkung; es schien auch hier das richtige erlösende Wort zu sein. Die >Myrte< ließ die Arme sinken, versuchte ein einlenkendes Lächeln, welches aber in ein höhnisches Grinsen ausartete, und wandte sich an Master David Lindsay:

»Ein großes Bakschisch? Ist das wahr?«

Der Gefragte schüttelte den Kopf und deutete auf mich.

»Was ist mit diesem?« frug sie mich. »Ist er übergeschnappt?«

»Nein,« antwortete ich. »Laß Dir sagen, wer wir sind, Du Seele dieses Hauses! Dieser Mann, den Du jetzt fragtest, ist ein sehr frommer Pilger aus Londonistan; er gräbt mit seiner Hacke, die Du hier siehst, in die Erde, um die Sprache der Verstorbenen zu belauschen, und hat ein Gelübde gethan, kein Wort zu reden, bis er die Erlaubniß dazu hat.«

»Ein Frommer, ein Heiliger, ein Zauberer?« frug sie erschrocken.

»Ja. Ich warne Dich, ihn zu beleidigen! Dieser andere Mann ist der Anführer eines großen Volkes weit im Westen von hier, und ich bin ein Emir derjenigen Krieger, welche die Frauen verehren und Bakschisch geben. Du bist die Sultana dieses Hauses. Erlaube uns, es zu besehen, ob wir für einige Tage darinnen wohnen können!«

»Effendi, Deine Rede duftet nach Rosen und Nelken; Dein Mund ist weiser und klüger als das Maul dieses Selim Agha, der stets vergißt, das Richtige zu sagen, und Deine Hand ist wie die Hand Allah's, die Segen spendet. Hast Du viele Diener bei Dir?«

»Nein, denn unser Arm ist stark genug, uns selbst zu beschützen. Wir haben nur drei Begleiter: einen Diener, einen Khawassen des Mutessarif von Mossul und einen Kurden, welcher noch heute Amadijah wieder verlassen wird.«

»So seid Ihr mir willkommen! Seht Euch mein Haus und meinen Garten an, und wenn es Euch bei mir gefällt, so wird mein Auge über Euch wachen und leuchten!«

Sie wischte sich die >Wachenden< und >Leuchtenden< abermals aus und sammelte dann die Zwiebeln vom Boden auf, um uns den Weg zu ebnen. Der tapfere Agha der Arnauten schien mit diesem Ausgange sehr zufrieden zu sein. Er brachte uns zunächst nach einer Stube, welche ihm als Wohnung diente. Sie war sehr geräumig und hatte als einziges Möbel einen alten Teppich, der als Sopha, Bett, Stuhl und Tisch gebraucht wurde. An den Wänden hingen einige Waffen und Tabakspfeifen, und auf dem Boden stand eine Flasche, in deren Nähe einige hohle Eierschalen zu sehen waren.

»Ich heiße Euch willkommen, Ihr Herren,« meinte er. »Laßt uns den Trunk der Freundschaft thun!«

Er bückte sich, um die Flasche nebst den Schalen aufzuheben, und gab von den Letzteren einem Jeden von uns eine in die Hand. Dann schenkte er ein. Es war Raki. Wir tranken aus den hühnerognostischen Pokalen, er aber setzte die Flasche selbst an den Mund und nahm sie nicht eher wieder fort, bis er die beruhigende Überzeugung hatte, daß das scharfe, schwefelsaure |205A Getränk der Bouteille keinen chemischen Schaden mehr thun könne. Dann nahm er uns die Schalen aus der Hand, sog das heraus, was wir noch drin gelassen hatten, und legte sie sehr behutsam auf den Boden nieder.

»Kendim idschad eter - meine eigne Erfindung!« meinte er stolz. »Wundert Ihr Euch, daß ich keine Gläser habe?«

»Du wirst diese schöne Erfindung den Gläsern vorziehen,« antwortete ich.

»Ich ziehe sie vor, weil ich keine Gläser habe. Ich bin Agha der Albanesen und habe als Sold und Taim monatlich dreihundertdreißig Piaster [1) 66 Mark] zu bekommen; aber ich warte bereits seit elf Monaten auf dieses Geld. Allah kerihm; Padischah kendisi onu kullar - Gott ist gnädig, und der Sultan braucht es selber!«

Da durfte ich mich allerdings nicht darüber wundern, daß das Wort Bakschisch für ihn eine nachhaltige Bedeutung hatte.

Er führte uns nun in dem Hause herum. Es war geräumig gebaut, aber doch auch bereits in Verfall gerathen. Wir nahmen uns vier Zimmer, eins für Jeden von uns und eins für Halef und den Baschi-Bozuk. Der Preis war gering, fünf Piaster, also eine Mark pro Woche für die Stube.

»Wollt Ihr auch den Garten sehen?« frug er dann.

»Natürlich! Ist er schön?«

»Sehr schön; so schön, wie die Gärten des Paradieses! Du siehst da allerlei Bäume, Kräuter und Gräser, die ich gar nicht kenne. Bei Tage leuchtet über ihm die Sonne, und des Nachts glänzen die Augen der Sterne auf ihn herab. Er ist sehr schön!«

»Regnet es auch auf ihn nieder?« frug ich belustigt.

»Wenn es regnet, erhält er auch sein Theil; ja, es ist zuweilen sogar Schnee auf ihn gefallen. Komm und siehe! «

Im Hofe gab es einen Schuppen, den wir für die Pferde mietheten. Auch er kostete eine Mark. Der Garten maß ungefähr vierzig Schritte im Gevierte, war also sehr unbedeutend. Ich sah eine verkrüppelte Cypresse und einen wilden Apfelbaum. Die >allerlei Kräuter und Gräser< bestanden einfach aus wildem Kendir [2) Hanf], ausgewucherter Madanos [3) Petersilie] und einigen notorisch armen Gänseblümchen. Das größte Wunder dieses Gartens aber war ein Beet, auf welchem Soghani [4) Zwiebeln], Sarmysak [5) Knoblauch], Kedilan [6) Katzenkraut], eine Stachelbeere, mehrere Pilsenkräuter und einige verblühte Veilchen in lieblicher Eintracht neben einander verhungerten.

»Bir güzel bagtsche - ein schöner Garten! Nicht wahr?« frug der Agha, indem er eine gewaltige Tabakswolke auspuffte.

»Güzel-zorli - gewaltig schön!« entgegnete ich.

»Pek bereketli - sehr fruchtbar!«

»Ghajet bereketli- äußerst fruchtbar!«

»Ile tschok güzel dikekler - und viele schöne Pflanzen! Nicht?«

»Syz sajyjü - ohne Zahl!«

»Weißt Du, wer hier gewandelt hat?«

»Wer?«

»Die schönste Rose von Kurdistan. Hast Du niemals von Esma Khan gehört, der keine Andere an Schönheit gleich gekommen ist?«

»Sie war das Weib von Ismaïl Pascha, dem letzten erblichen Sohne der abbassidischen Khalifen?«

»Ja; Du weißt es. Sie führte den Ehrentitel >Khan<, wie alle Frauen dieser erlauchten Familie. Er wurde, nämlich Ismaïl Pascha, von dem Indscheh Bairakdar Mohammed Pascha belagert; dieser sprengte die Mauern des Schlosses, welches dann im Sturm genommen wurde. Darauf ging Ismaïl mit Esma Khan als Gefangener nach Baghdad. Hier hat sie gelebt und geduftet. Emir, ich wollte, sie wäre noch hier!«

»Hat sie auch diese Petersilie und diesen Knoblauch gepflanzt?«

»Nein,« antwortete er sehr ernsthaft; »das hat Mersinah, meine Wirthschafterin, gethan.«

»So danke Allah, daß Du an Stelle von Esma Khan diese süße Mersinah bei Dir hast!«

»Effendi, sie ist zuweilen sehr bitter!«

»Darüber darfst Du nicht murren, denn Allah theilt die Gaben sehr verschieden aus. Und daß Du den Duft dieser >Myrte< athmen sollst, das stand ja wohl im Buche verzeichnet.«

|205B »So ist es! Aber sage mir, Emir, ob Du diesen Garten pachten willst!«

»Wie viel verlangst Du dafür?«

»Du bezahlst mir zehn Piaster [1) Zwei Mark] für die Woche. Dann dürft Ihr Alle in den Garten gehen und an die Esma Khan denken, so oft Ihr wollt!«

Ich zögerte mit der Antwort. Der Garten stieß an die Rückwand eines Gebäudes, in welcher ich zwei Reihen kleiner Löcher bemerkte. Das sah mir recht gefängnißmäßig aus. Ich mußte mich erkundigen:

»Ich glaube nicht, daß ich diesen Garten miethen werde.«

»Warum nicht?«

»Weil mich diese Mauer stört.«

»Diese Mauer? Warum, Effendi?«

»Ich liebe es nicht, in der Nähe eines Gefängnisses zu sein.«

»Oh, die Leute, welche da drinnen stecken, können Dich nicht stören. Ihre Löcher sind so tief, daß sie diese kleinen Fenster gar nicht erreichen können.«

»Ist dies das einzige Gefängniß in Amadijah?«

»Ja. Das andere ist eingefallen. Mein Tschausch [2) Sergeant] hat die Aufsicht über die Gefangenen.«

»Und Du glaubst, daß mich diese nicht stören werden?«

»Du wirst nichts von ihnen sehen und keinen Laut von ihnen hören.«

»So werde ich Dir die zehn Piaster geben. Du hast also in Summa für die Woche fünfunddreißig Piaster von uns zu bekommen. Erlaube, daß ich Dich für die erste Woche jetzt gleich bezahle!«

Er schmunzelte bei diesem Anerbieten vor Vergnügen im ganzen Gesichte. Der Engländer bemerkte, daß ich in die Tasche griff, um zu bezahlen. Er schüttelte den Kopf, zog seine eigne Börse hervor und reichte sie mir. Er konnte eine kleine Erleichterung derselben recht wohl verschmerzen; darum nahm ich drei Mahbub-Zechinen hervor und gab sie dem Agha.

»Hier nimm! Das Übrige ist Bakschisch für Dich.«

Das war mehr als das Doppelte von dem, was er zu erhalten hatte; darum machte er ein sehr vergnügtes Gesicht und meinte sehr respektvoll:

»Emir, der Kuran sagt: >Wer doppelt gibt, dem wird es Allah hundertfach segnen.< Allah ist Dein Schuldner; er wird es Dir reichlich vergelten!«

»Wir brauchen nun Teppiche und Pfeifen für unsere Zimmer. Wo kann man diese geliehen bekommen, Agha?« frug ich ihn.

»Herr, wenn Du noch zwei solche Goldstücke gibst, wirst Du Alles erhalten, was Dein Herz begehrt.«

»Hier hast Du sie!«

»Ich eile, um Euch zu bringen, was Du brauchst.«

Wir verließen den Garten. Im Hofe stand Mersinah, die Seele des Palastes. Ihre Hände waren jetzt von Ruß geschwärzt. Sie rührte mit dem Zeigefinger in einem Gefäße voll zerlassener Butter.

»Emir, wirst Du die Zimmer nehmen?«

Bei dieser Frage mochte ihr einfallen, daß der Finger kein integrirender Theil des Napfes sei; sie zog ihn also heraus und strich ihn sehr behutsam an der herausgestreckten Zunge ab.

»Ich werde sie behalten; auch den Schuppen und den Garten.«

»Er hat bereits Alles bezahlt,« bemerkte der Agha nachdrücklich.

»Wie viel?« frug sie.

»Fünfunddreißig Piaster für die erste Woche.«

Von dem Bakschisch sagte der Schalk nichts. Ob er wohl auch in dieser Beziehung unter dem Paputsch [3) Pantoffel] seiner >Myrte< stand? Ich nahm noch eine Mahbub-Zechine [4) Ungefähr fünf Mark] aus der Börse und gab sie ihr.

»Hier nimm, Du Perle der Gastfreundschaft! Das ist das erste Bakschisch für Dich. Wenn wir mit Dir zufrieden sind, wirst Du mehr erhalten.«

Sie griff höchst eilfertig zu und steckte das Geld in ihren Gürtel.

»Ich danke Dir, o Herr! Ich werde darüber wachen, daß Du Dich in meinem Hause so wohl befindest, wie im Schooße |206A des Erzvaters Ibrahim. Ich sehe, daß Du der Emir der tapfern Krieger bist, welche die Frauen verehren und Bakschisch geben. Geht hinauf in Eure Zimmer! Ich werde Euch einen steifen Pirindsch machen, mit sehr viel zerlassener Butter darüber!«

Dabei fuhr sie selbstvergessen und >in der Gewohnheit holder Sitte< mit dem Finger wieder in den Napf und begann von Neuem zu rühren. Ihr Anerbieten war ein sehr leutseliges, aber - brrrr!

»Deine Güte ist groß,« antwortete ich, »aber wir haben leider keine Zeit, sie anzunehmen, da wir jetzt ausgehen müssen.«

»Aber Du wünschest doch, daß ich die Speisen für Euch bereite, Emir?«

»Du sagtest doch, daß Du Tag und Nacht zu arbeiten hättest, um nur den Agha zu bedienen; wir dürfen Dich also nicht noch mehr belästigen. Übrigens steht zu erwarten, daß wir oft zu Tische geladen werden, und wenn dies nicht der Fall ist, so werden wir unser Essen beim Jemegidschi [1) Speisewirth] holen lassen.«

»Aber das Ehrenmahl darfst Du mir doch nicht versagen!«

»Nun wohl, so siede uns einige Eier; etwas Anderes dürfen wir heute nicht essen.«

Das war das Einzige, was man füglicher Weise aus den Händen der zarten >Myrte< genießen konnte.

»Eier? Ja, die sollst Du haben, Effendi,« antwortete sie geschäftig; »aber wenn Ihr sie esset, so schonet der Schalen, denn Agha Selim gebraucht sie als Becher, und dieser Unvorsichtige ist so unbedachtsam, sie alle zu zerbrechen.«

Wir zogen uns für kurze Zeit in unsere Räume zurück, in denen der Agha bald mit den Decken, Teppichen und Pfeifen erschien, die er sich bei den betreffenden Händlern ausgeliehen hatte. Sie waren neu und darum reinlich, so daß wir zufrieden sein konnten. Dann erschien Mersinah mit dem Deckel einer alten Holzschachtel, welcher als Präsentirteller diente. Auf demselben befanden sich die Eier, welche uns zum Ehrenmahle dienen sollten. Daneben lagen einige halb verbrannte Teigfladen und - auch der berühmte Butternapf stand dabei, umgeben von einigen Eierschalen, in denen sich schmutziges Salz, grob gestoßener Pfeffer und ein sehr zweifelhafter Kümmel befand. Messer oder Eierlöffel gab es natürlich nicht.

Diese lukullische Empfangsgasterei, zu welcher wir die Höflichkeit hatten, auch Mersinah einzuladen, wurde bald und glücklich überwunden. Sie bedankte sich höchlichst für die ihr erwiesene, nie geahnte Ehre und ging mit ihrem >Alfenidegeschirr< in die Küche. Auch der Agha erhob sich.

»Weißt Du, Herr, wohin ich jetzt gehen werde?« frug er.

»Ich werde es wohl hören.«

»Zum Mutesselim. Er soll erfahren, was Du für ein vornehmer Emir bist, und wie Dich der Aufseher seines Palastes behandelt hat.«

Er vollendete sein dienstliches Äußere dadurch, daß er sich die Reste der zerlassenen Butter, welche er mit Mersinah allein genossen hatte, aus dem Schnurrbart strich, und brach auf. Jetzt waren wir allein.

»Darf ich reden, Sir?« frug jetzt Lindsay.

»Ja, Master.«

»Kleider kaufen!«

»Jetzt?«

»Ja.«

»Rothkarrirte?«

»Natürlich!«

»So wollen wir zum Bazar gehen!«

»Aber ich nicht reden! Ihr müßt kaufen, Sir. Hier Geld!«

»Kaufen wir uns nur Kleider?«

»Was noch?«

»Einiges Geschirr, welches wir brauchen und klugerweise dem Agha oder der Haushälterin zum Geschenk machen können. Sodann Tabak, Kaffee und ähnliche Dinge, die sich nicht gut entbehren lassen.«

»Well; bezahle Alles!«

»Wir werden uns zunächst Eurer Börse bedienen und sodann mit einander abrechnen.«

»Pshaw! Bezahle Alles! Abgemacht!«

»Gehe ich mit?« frug Mohammed.

|206B »Wie Du willst. Nur denke ich, daß Du besser thust, Dich so wenig wie möglich sehen zu lassen. In Spandareh hat man Dich auch als einen Haddedihn erkannt, gar nicht gerechnet, daß Du Deinem Sohne sehr ähnlich siehst, was mir auch der dortige Dorfälteste versicherte.«

»So bleibe ich zurück!«

Wir brannten unsere Dschibuks an und gingen. Der Hausflur war mit Rauch erfüllt, und in der Küche hustete die >Myrte<. Als sie uns bemerkte, kam sie für einen Augenblick hervor.

»Wo sind unsere Leute?« frug ich sie.

»Bei den Pferden. Du willst gehen?«

»Wir begeben uns nach dem Bazar, um Einiges einzukaufen. Laß Dich nicht stören, Du Hüterin der Küche. Dort läuft Dir das Wasser über.«

»Laß es laufen, Herr. Das Essen wird dennoch fertig!«

»Das Essen? Kochst Du es in diesem großen Kessel?«

»Ja.«

»So ist es jedenfalls nicht für Dich und Selim Agha?«

»Nein. Ich habe für die Esirler [1) Gefangenen] zu kochen.«

»Ah! Die sich hier nebenan befinden?«

»Ja.«

»Gibt es viele solche Unglückliche in dem Hause?«

»Noch nicht zwanzig.«

»Die sind alle aus Amadijah?«

»O nein. Es sind mehrere arnautische Soldaten, die sich vergangen haben, einige Chaldäer, ein Kurde, ein paar Einwohner von Amadijah und auch ein Araber.«

»Ein Araber? Araber gibt es hier ja gar nicht!«

»Er wurde von Mossul gebracht.«

»Was bekommen sie zu essen?«

»Brotfladen, die ich backe, und dann des Mittags oder des Nachmittags, ganz wie es mir paßt und gefällt, dieses warme Essen.«

»Worin besteht es?«

»Mehl in Wasser gequirlt.«

»Wer bringt es ihnen?«

»Ich selbst. Der Sergeant öffnet mir die Löcher. Hast Du schon einmal ein Gefängniß gesehen, Emir?«

»Nein.«

»Wenn Du es sehen willst, so darfst Du es mir nur sagen; ich nehme Dich mit.«

»Der Sergeant würde es mir nicht erlauben!«

»Er erlaubt es Dir, denn ich bin seine Herrin.«

»Du?«

»Ja. Bin ich nicht die Herrin seines Agha?«

»Das ist wahr! Ich werde mir einmal überlegen, ob es sich für die Würde eines Emir schickt, ein Gefängniß zu besuchen und Denen, welche dies erlauben, ein gutes Bakschisch zu geben.«

»Es schickt sich, Herr; es schickt sich sehr. Du wirst vielleicht Deine Gnade leuchten lassen auch über die Gefangenen, daß sie mir einige Speisen und auch Tabak abkaufen können, was sie sonst nicht haben!«

Nichts konnte mir lieber sein als die Erfahrung, welche ich hier machte; aber ich war so vorsichtig, eingehendere Fragen jetzt noch zu vermeiden, da ich durch dieselben leicht hätte Verdacht erregen können. Halef, der Buluk Emini und der Kurde aus Spandareh wurden gerufen, uns zu begleiten; dann gingen wir.

Die Bazars waren wie ausgestorben. Kaum daß wir eine Kaffeeschenke fanden, wo uns ein Trank gereicht wurde, der mir sehr nach gebrannten Gerstenkörnern schmeckte. Dort erfuhren wir auch, was die Ursache der jetzigen Leblosigkeit in Amadijah war. Trotz der hohen und freien Berge dieser Stadt ist sie nämlich außerordentlich ungesund, so daß sich bei Anbruch der wärmeren Jahreszeit schleichende Fieber erzeugen. Dann verlassen die Einwohner den Ort und begeben sich in die benachbarten Wälder, um dort in Sommerwohnungen zu leben, welche Jilaks genannt werden.

Nachdem wir den mysteriösen Trank überwunden und uns die Pfeifen neu gestopft hatten, begaben wir uns auf den Kleiderhandel. Der Kaffeewirth hatte uns einen Ort beschrieben, an dem wir das Gesuchte finden könnten. Der Handel wurde unter der schweigsamen Assistenz des Engländers und zu seiner sichtbaren |207A Befriedigung abgeschlossen. Er erhielt ein vollständiges, roth und schwarz karrirtes Gewand für einen verhältnißmäßig billigen Preis. Dann wurden auch die übrigen Einkäufe besorgt und die Diener mit denselben nach Hause geschickt. Der Kurde erhielt als Geschenk einen perlengestickten und gefüllten Tabaksbeutel, den er mit stolzer Genugthuung sofort an seinem Gürtel befestigte, damit dieser Beweis seiner männlichen Würde Jedermann in die Augen falle.

Nun begann ich mit dem Engländer allein einen Gang durch die Stadt, um dieselbe einigermaßen kennen zu lernen, und erhielt die Überzeugung, daß diese einst so wichtige Grenzfestung, auf welche die Türken auch heute noch einen nicht geringen Werth legen, von einigen hundert unternehmenden Kurden leicht überrumpelt werden könne. Die wenigen Soldaten, welche wir trafen, sahen hungrig und fieberkrank aus, und die Vertheidigungswerke befanden sich in einem Zustande, der ihnen alles Recht auf diesen Namen raubte.

Als wir heimkehrten, wartete der Agha bereits meiner.

»Emir, ich harre schon lange auf Dich.«

»Warum?«

»Ich soll Dich zum Mutesselim bringen.«

»Bringen?« frug ich mit lächelnder Betonung dieses Wortes.

»Nein, sondern begleiten. Ich habe ihm Alles erzählt und diesem Aufseher des Palastes die Fäuste unter die Nase gehalten. Allah beschützte ihn, sonst hätte ich ihn vielleicht gar getödtet oder erwürgt!«

Dabei rollte er die Augen und bog die zehn Finger wie Zangen zusammen.

»Was sagte der Commandant?«

»Emir, soll ich die Wahrheit sagen?«

»Ich erwarte das!«

»Er ist nicht erfreut über Deinen Besuch.«

»Ah! Warum nicht?«

»Er liebt die Fremden nicht und empfängt überhaupt sehr selten Besuche.«

»Ist er ein Einsiedler?«

»Nein. Aber er bekommt als Commandant neben freier Wohnung monatlich sechstausendsiebenhundertachtzig Piaster [1) 1356 Mark], und es geht ihm, wie uns Allen: er hat seit elf Monaten nichts erhalten und weiß nicht, was er essen und trinken soll. Kann er sich da freuen, wenn er wichtige Besuche erhält?«

»Ich will ihn sehen und sprechen, aber nicht bei ihm essen!«

»Das geht nicht. Er muß Dich standesgemäß und würdig empfangen, und darum hat er die - die - - -«

Er wurde verlegen.

»Was? Die - die - - -?«

»Die hiesigen Juden zu sich kommen lassen, um fünfhundert Piaster von ihnen zu leihen. Das braucht er, um zu kaufen, was er zu Deinem Empfange nöthig hat.«

»Sie haben es ihm gegeben?«

»Allah illa Allah; sie hatten selbst nichts mehr, denn sie haben ihm bereits Alles geben müssen. Nun hat er sich einen Hammel geborgt und noch Vieles dazu. Das ist sehr schlimm, besonders für mich, Emir!«

»Warum für Dich?«

»Weil ich ihm diese fünfhundert Piaster leihen oder - oder - - -«

»Nun, oder - - -«

»Oder Dich fragen muß, ob Du - Du - - -«

»Sprich doch weiter, Agha!«

»Ob Du reich bist. Oh, Emir, ich hätte ja selbst auch keinen einzigen Para, wenn Du mir heute nichts gegeben hättest! Und davon habe ich an Mersinah fünfunddreißig Piaster geben müssen!«

Zu meinem Empfange dem Mutesselim fünfhundert Piaster borgen, das heißt so viel wie schenken! Das waren ungefähr hundert Mark. Hm, ich war ja durch das Geld, welches ich bei dem Thiere von Abu Seïf gefunden hatte, nicht ganz mittellos, und für unsern Zweck konnte das Wohlwollen des Mutesselim von großem Vortheile sein. Fünfhundert Piaster konnte ich allenfalls geben, und ebensoviel rechnete ich auf Master Lindsay, der für ein Abenteuer sehr gern diese für ihn so geringfügige |207B Summe verausgabte. Daher begab ich mich in die Stube des Engländers, während der Agha auf mich warten mußte.

Sir David war grad mit dem Umkleiden beschäftigt. Sein langes Angesicht strahlte vor Vergnügen.

»Master, wie sehe ich aus?« frug er.

»Ganz Kurde!«

»Well; gut, sehr gut! Ausgezeichnet!«

»Aber wie wickeln Turban?«

»Gebt her das Zeug!«

Er hatte in seinem Leben noch kein Turbantuch in der Hand gehabt. Ich setzte ihm die Mütze auf das strahlende Haupt und schlang ihm das rothschwarze Zeug kunstvoll um dieselbe herum. So brachte ich einen jener riesigen Turbane fertig, wie sie hier zu Lande von Würdenträgern und vornehmen Männern getragen werden. Eine solche Kopfbedeckung hat oft vier Fuß im Durchmesser.

»So, nun ist ein kurdischer Großkhan fertig!«

»Vortrefflich! Herrlich! Schönes Abenteuer! Amad el Ghandur befreien! Alles bezahlen; sehr gut bezahlen!«

»Ist dies Euer Ernst, Sir?«

»Warum nicht Ernst?«

»Ich weiß allerdings, daß Ihr sehr wohlhabend seid und das zur richtigen Zeit auch anzuwenden wißt - - -«

Er blickte mich schnell und forschend an und frug dann:

»Wollt Geld haben?«

»Ja,« antwortete ich einfach.

»Well; sollt es bekommen! Für Euch?«

»Nein. Ich hoffe, daß Ihr mich nicht von einer solchen Seite kennen gelernt habt!«

»Ist richtig, Sir! Also für wen?«

»Für den Mutesselim.«

»Ah! Warum? Wozu?«

»Dieser Mann ist sehr arm. Der Sultan schuldet ihm seit elf Monaten sein Gehalt. Aus diesem Grunde hat er jedenfalls das bekannte System aller türkischen Beamten angewandt und die hiesige Bewohnerschaft so ziemlich ausgesaugt. Nun hat Niemand mehr etwas, und kein Mensch kann ihm borgen. Deßhalb bringt ihn mein Besuch in große Verlegenheit. Er muß mich gastlich empfangen und besitzt die dazu nöthigen Mittel nicht. Darum hat er sich einen Hammel und verschiedenes Andere geborgt und läßt mich unter der Hand fragen, ob ich reich genug bin, ihm fünfhundert Piaster zu leihen. Das ist nun allerdings ganz türkisch gehandelt, und auf das Zurückerstatten darf man nicht rechnen. Da es aber für uns sehr nöthig ist, eine freundliche Gesinnung in ihm zu erwecken, so habe ich beschlossen - - -«

Er unterbrach mich mit einer schnellen Handbewegung.

»Gut! Sollt eine Hundertpfundnote haben!«

»Das ist zu viel, Sir! Das wären ja nach dem Kurse von Konstantinopel elftausend Piaster! Ich will ihm fünfhundert Piaster geben und ersuche Euch, dieselbe Summe hinzuzufügen. Er kann damit zufrieden sein.«

»Tausend Piaster! Zu wenig! Habe ja Araber-Scheiks seidenes Gewand geschenkt! Möchte ihn auch sehen. Wenn mit darf, dann Alles bezahlen; Ihr nichts geben!«

»Mir soll es recht sein.«

»So sagt Agha, er soll uns machen lassen!«

»Und was werden wir machen?«

»Unterwegs Geschenk kaufen; Geld hinein stecken.«

»Aber nicht zuviel, Sir!«

»Wie viel? Fünftausend Piaster?«

»Zweitausend ist mehr als genug!«

»Well; also zweitausend! Fertig!«

Ich kehrte zu Selim Agha zurück.

»Sage dem Commandanten, daß ich mit einem von meinen Begleitern kommen werde!«

»Wann?«

»In Kurzem.«

»Deinen Namen kennt er bereits; welchen Namen soll ich ihm noch sagen?«

»Hadschi Lindsay-Bey.«

»Hadschi Lindsay-Bey. Gut! Und die Piaster, Emir?«

»Wir bitten um die Erlaubniß, ihm ein Geschenk mitbringen zu dürfen.«

|208A »Dann muß er Euch auch eins geben!«

»Wir sind nicht arm; wir haben Alles, was wir brauchen, und werden uns am meisten freuen, wenn er uns nichts als seine Freundschaft schenkt. Sage ihm das!«

Er ging getröstet und zufriedengestellt davon.

Bereits nach fünf Minuten saß ich mit dem Engländer zu Pferde; ich hatte ihm eingeschärft, ja kein Wort zu sprechen. Halef und der Buluk folgten uns. Den Kurden hatten wir mit dem geliehenen Gewande und vielen Grüßen nach Spandareh zurückgeschickt. Wir ritten durch die Bazars, wo wir gesticktes Zeug zu einem Feierkleide und eine hübsche Börse kauften, in welche der Engländer zwanzig goldene Medschidje zu je hundert Piaster legte. In solchen Dingen war mein guter Master Lindsay nie ein Knauser; das hatte ich zu meinem Vortheile sehr oft erfahren.

Nun ritten wir nach dem Palast des Commandanten. Vor demselben standen etwa zweihundert Albanesen in Parade, angeführt von zwei Mulasim unter dem Commando unsers tapfern Selim Agha. Er zog den Sarras und commandirte:

»Ajagda duryn dykkatli - steht genau!«

Sie gaben sich herzliche Mühe, diesem Verlangen nachzukommen, bildeten aber doch eine Art Schlangenlinie, die am Ende der Aufstellung in einen sehr gebogenen Schwanz auslief.

»Tschalghy! Islik tscharyn: - Musik! Pfeift!«

Drei Flöten begannen zu wimmern, und eine türkische Trempete [1) Trommel] forcirte einen Wirbel, der wie das Leiern einer Kaffeemühle klang.

»Daha giöre! Kuwetlirek! - lauter, stärker!«

Der gute Agha rollte dabei die Augen nach der geschwindesten Ziffer von Melzel's Metronom; die Musikanten thaten es ihm nach, und während dieses künstlerischen und für uns sehr schmeichelhaften Empfanges ritten wir vor den Eingang, um abzusteigen. Die beiden Lieutenants ritten herbei und hielten uns die Steigbügel. Ich griff in die Tasche und gab jedem von ihnen ein silbernes Zehnpiasterstück. Sie steckten es befriedigt zu sich, ohne im Geringsten in ihrer Offiziersehre verletzt zu sein. Der türkische subalterne Offizier ist, besonders in entlegenen Garnisonen, selbst heute noch der Diener seines nächst höheren Vorgesetzten und stets gewohnt, sich als solchen betrachten zu lassen.

Dem Agha gab ich das Zeug und die Börse.

»Melde uns an, und gib dem Commandanten dieses Geschenk!«

Er ging würdevoll voran, und wir folgten. Unter dem Thore stand der Nazardschi des Palastes. Er empfing uns jetzt ganz anders als beim ersten Male. Er kreuzte die Arme über der Brust, verbeugte sich tief und murmelte demüthig:

»Bendeniz el öpir; aghamin size selami wer - Euer Diener küßt die Hand; mein Herr läßt sich Euch empfehlen!«

Ich schritt an ihm vorüber, ohne ihm zu antworten, und auch Lindsay that, als habe er ihn gar nicht bemerkt. Ich muß gestehen, daß mein Master Fowling-bull trotz der schreienden Farbe seines Anzuges einen ganz respektablen Eindruck machte. Der Anzug paßte, wie für ihn gemacht, und das Bewußtsein, ein Engländer und dazu auch reich zu sein, gab seiner Haltung eine Sicherheit, die hier ganz am Platze war.

Der Aufseher nahm trotz seiner offenen Mißachtung doch den Vortritt und führte uns eine Treppe empor in einen Raum, der das Vorzimmer zu bilden schien. Dort saßen die Beamten des Commandanten auf armseligen Teppichen. Sie erhoben sich bei unserm Eintritte und begrüßten uns ehrfurchtsvoll. Es waren meist Türken und einige Kurden dabei. Die Letztern machten, wenigstens in Beziehung auf ihr Äußeres, einen viel bessern Eindruck als die Ersteren, die sich in keiner so guten wirtschaftlichen Lage zu befinden schienen. An einer der Fensteröffnungen stand ein Kurde, den man sofort für einen freien Mann der Berge halten mußte. Er schaute mit finsterer, ungeduldiger Miene hinaus in's Freie. Einer der Türken trat auf mich zu:

»Du bist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, den der Mutesselim erwartet?«

»Ich bin es.«

»Und dieser Effendi ist Hadschi Lindsay-Bey, welcher das Gelübde gethan hat, nicht zu sprechen?«

|208B »Ja.«

»Ich bin der Basch Kiatib [1) Gerichtsschreiber] des Commandanten. Er läßt Dich bitten, einige Augenblicke zu warten.«

»Warum? Ich bin nicht gewohnt, zu warten, und er hat gewußt, daß ich komme!«

»Er hat eine wichtige Abhaltung, die nicht lange währen wird.«

Was dies für eine wichtige Abhaltung war, konnte ich bald bemerken. Nämlich ein Diener kam äußerst eilfertig aus dem Zimmer des Mutesselim gestürzt und kehrte nach einiger Zeit mit zwei Büchsen zurück, auf denen die Deckel fehlten. Die größere enthielt Tabak und die kleinere gebrannte Kaffeebohnen. Der Commandant hatte diese nothwendigen Sachen erst nach Empfang unseres Geldes holen lassen können. Vor der Rückkehr seines Dieners trat der Agha aus dem Zimmer des Mutesselim.

»Effendi, verzeihe noch einen Augenblick! Du wirst sofort eintreten können!«

Da wandte sich der am Fenster stehende Kurde zu ihm:

»Und wann endlich werde ich eintreten dürfen?«

»Du wirst noch heute vorgelassen.«

»Noch heute? Ich bin eher dagewesen als dieser Effendi, und auch eher als alle diese Andern. Meine Sache ist nothwendig, und ich muß noch heute wieder aufbrechen!«

Selim Agha rollte die Augen.

»Diese Effendi's sind ein Emir und ein Bey, Du aber bist nur ein Kurde. Du kommst erst nach ihnen!«

»Ich habe ein gleiches Recht wie sie, denn ich bin der Abgesandte eines tapfern Mannes, der auch ein Bey ist!«

Das freimüthige, furchtlose Wesen dieses Kurden gefiel mir ungemein, obgleich seine Beschwerde indirekt gegen mich gerichtet war. Den Agha aber schien sie außerordentlich zu erzürnen; denn er begann seinen Augenwirbel von Neuem und antwortete:

»Du kommst erst später daran, und vielleicht auch gar nicht. Wenn Dir das nicht gefällt, so kannst Du gehen! Dir ist ja nicht einmal das Nothwendigste bekannt, um vor einem großen, einflußreichen Manne erscheinen zu dürfen!«

Ah, der Kurde hatte also das >Nothwendigste<, nämlich das Bakschisch, vergessen. Er ließ sich aber nicht einschüchtern, sondern antwortete:

»Weißt Du, was das Nothwendigste für einen Berwari-Kurden ist? Dieser Säbel ist es!« Dabei schlug er an den Griff der genannten Waffe. »Willst Du eine Probe davon versuchen? Mich sendet der Bey von Gumri; es ist eine Beleidigung für ihn, wenn ich immer von Neuem wieder zurückgesetzt werde und warten muß, und er wird wissen, was er darauf zu erwiedern hat. Ich gehe!«

»Halt!« rief ich.

Er befand sich bereits an der Thüre. Der Bey von Gumri, an den mich der Älteste von Spandareh adressirt hatte? Das war eine vortreffliche Gelegenheit, mich vortheilhaft bei ihm anzumelden.

»Was willst Du?« frug er barsch.

Ich schritt auf ihn zu und hielt ihm die Hand entgegen.

»Ich will Dich begrüßen, denn das ist ebenso, als ob Dein Bey meinen Gruß hörte.«

»Kennst Du ihn?«

»Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber man hat mir von ihm erzählt. Er ist ein sehr tapferer Krieger, dem meine Achtung gehört. Willst Du mir eine Botschaft an ihn ausrichten?«

»Ja, wenn ich es kann.«

»Du kannst es. Aber vorher werde ich Dir beweisen, daß ich den Bey zu ehren weiß: Du sollst vor mir zum Mutesselim eintreten dürfen.«

»Ist dies Dein Ernst?«

»Mit einem tapferen Kurden scherzt man nie.«

»Hört Ihr es?« wandte er sich zu den Andern. »Dieser fremde Emir hat gelernt, was Höflichkeit und Achtung bedeutet. Aber ein Berwari kennt die Sitte ebenso.« Und zu mir gerichtet, fügte er hinzu: »Herr, ich danke Dir; Du hast mir mein Herz erfreut! Aber ich werde nun gern warten, bis Du mit dem Mutesselim gesprochen hast.«

Jetzt war er es, der mir die Hand entgegenstreckte. Ich schlug ein.

|209A »Ich nehme es an, denn ich weiß, daß Du nicht lange zu warten haben wirst. Aber sage mir, ob Du nach Deiner Unterredung mit dem Commandanten so viel Zeit hast, zu mir zu kommen!«

»Ich werde kommen und dann etwas schneller reiten. Wo wohnest Du?«

»Ich wohne hier bei Selim Agha, dem Obersten der Arnauten.«

Er trat mit einer zustimmenden Kopfbewegung zurück, denn der Diener öffnete die Thüre, um mich und Lindsay eintreten zu lassen.

Das Zimmer, in welches wir gelangten, war mit einer alten verschossenen Papiertapete bekleidet und hatte an seiner hintern Wand eine kaum fußhohe Erhöhung, die mit einem Teppiche |209B belegt war. Dort saß der Commandant. Er war ein langer, hagerer Mann mit einem scharfen, wohl frühzeitig gealterten Angesichte. Sein Blick war verschleiert und nicht Vertrauen erweckend. Er erhob sich bei unserem Eintritte und bedeutete uns durch eine Bewegung seiner Hände, zu beiden Seiten von ihm Platz zu nehmen. Mir fiel dies nicht schwer; Master Lindsay aber hatte einige Mühe, sich mit gebogenen Beinen in jene Stellung zu bringen, welche die Türken >Ruhen der Glieder< nennen. Wer sie nicht gewöhnt ist, dem schlafen die unteren Extremitäten sehr bald ein, so daß man dann gezwungen ist, sich wieder zu erheben. Ich mußte also aus Rücksicht auf den Engländer dafür sorgen, daß die Unterhaltung nicht gar zu lange dauere.

|210A »Chosch geldin demek; ömriniz tschok ola - seid mir willkommen; Euer Leben möge lang sein!« empfing uns der Commandant.

»Grad so, wie das Deinige,« antwortete ich ihm. »Wir sind von fern her gekommen, um Dir zu sagen, daß wir uns freuen, Dein Angesicht zu sehen. Möge Segen in Deinem Hause wohnen und jedes Werk gelingen, das Du unternimmst!«

»Auch Euch wünsche ich Heil und Erfolg in Allem, was Ihr tut! Wie heißt das Land, das Deinen Tag gesehen hat, Emir?«

»Germanistan.«

»Hat es einen großen Sultan?«

»Es hat sehr viele Padischahs.«

»Und wie viele Krieger?«

»Wenn die Padischahs von Germanistan ihre Krieger versammeln, so sehen sie mehrere Millionen Augen auf sich gerichtet.«

»Ich habe dieses Land noch nicht gesehen, aber es muß ein großes und ein berühmtes sein, da Du unter dem Schutze des Großherrn stehest.«

Dies war natürlich ein Wink, mich zu legitimiren. Ich that es sogleich:

»Dein Wort ist richtig. Hier hast Du das Bu-djeruldi des Padischah!«

Er nahm es, drückte es an Stirn, Mund und Brust und las es.

»Hier lautet doch Dein Name anders als Kara Ben Nemsi!«

Ah, das war fatal! Der Umstand, daß ich den mir von Halef gegebenen Namen hier beibehalten hatte, konnte uns schädlich werden; doch faßte ich mich schnell und meinte:

»Willst Du mir einmal den Namen vorlesen, der hier auf dem Pergamente steht?«

Er versuchte es, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Und über den Namen des Heimatortes stolperte er vollends gar hinweg.

»Siehest Du!« erklärte ich. »Kein Türke kann einen Namen aus Germanistan richtig lesen und aussprechen; kein Mufti und |210B kein Mollah bringt dies fertig, denn unsere Sprache ist sehr schwer und wird in einer andern Schrift geschrieben, als die Eurige ist. Ich bin Hadschi Kara Ben Nemsi; das wird Dir auch dieser Brief beweisen, welchen der Mutessarif von Mossul mir für Dich mitgegeben hat.«

Ich reichte ihm das Schreiben hin. Als er es gelesen hatte, war er befriedigt und gab mir das Bu-djeruldi nach der gebräuchlichen Ceremonie zurück.

»Und dieser Effendi ist Hadschi Lindsay-Bey?« frug er dann.

»So ist sein Name.«

»Aus welchem Lande ist er?«

»Aus Londonistan,« antwortete ich, um den bekannteren Namen von England zu vermeiden.

»Er hat gelobt, nicht zu sprechen?«

»Er spricht nicht.«

»Und er kann zaubern?«

»Höre, Mutesselim, von der Magie soll man nicht sprechen, wenigstens nicht zu Jemand, den man noch nicht kennt.«

»Wir werden uns kennen lernen, denn ich bin ein großer Freund der Magie. Glaubst Du, daß man Geld machen kann?«

»Ja, Geld kann man machen.«

»Und daß es einen Stein der Weisen gibt?«

»Es gibt einen, aber er liegt nicht in der Erde, sondern im menschlichen Herzen vergraben und kann also auch nicht durch die Scheidekunst bereitet werden.«

»Du sprichst sehr dunkel; aber ich sehe, daß Du ein Kenner der Magie bist. Es gibt eine weiße und eine schwarze. Kennst Du alle beide?«

Ich konnte nicht anders, ich mußte lustig antworten:

»O, ich kenne auch alle andern Arten.«

»Es gibt noch andere? Welche?«

»Eine blaue, eine grüne und gelbe, auch eine rothe und graue. Dieser Hadschi Lindsay-Bey war erst ein Anhänger der graukarrirten, jetzt aber hat er die schwarzrothe angenommen.«

|211A »Das sieht man an seinem Gewande. Selim Agha hat mir erzählt, daß er eine Kazma [1) Hacke] bei sich führt, mit welcher er in die Erde schlägt, um die Sprache der Verstorbenen zu erforschen.«

»So ist es. Aber laß uns heute darüber schweigen. Ich bin ein Krieger und Effendi, aber kein Chodscha [2) Schulmeister], der Andere unterrichtet.«

Der brave Commandant hatte alle Hilfsquellen der ausgesaugten Provinz erschöpft und suchte nun sein Heil in der Magie. Es konnte mir nicht einfallen, ihn in seinem Aberglauben zu bestärken, aber ich hatte in den gegenwärtigen Verhältnissen auch keine Veranlassung, sie ihm wegzudisputiren. Oder hatte ihn nur die berühmte Hacke meines Master Fowling-bull auf den Gedanken gebracht, mit mir über die Magie zu verhandeln? Das war auch möglich. Übrigens machten meine letzten Worte wenigstens den Eindruck auf ihn, daß er in die Hände klatschte und Kaffee und Pfeifen bringen ließ.

»Ich hörte, daß der Mutessarif einen Kampf mit den Dschesidi gehabt habe?« begann er ein anderes Thema.

Dasselbe war für mich nicht ungefährlich, aber ich wußte nicht, wie ich es hätte abweisen können. Es begann grad wie ein Verhör: »Ich hörte!« Und doch mußte er als der nächste Untergebene des Gouverneur und als Commandant von Amadijah die Sache nicht bloß vom Hören-Sagen kennen. Ich trat dazu in seine eigenen Fußtapfen:

»Auch ich hörte davon.« Und um einer Frage seinerseits zuvorzukommen, fügte ich hinzu: »Er wird sie gezüchtigt haben, und nun kommen wohl die widerspenstigen Araber an die Reihe.«

Er horchte auf und blickte mich forschend an.

»Woraus vermuthest Du das, Emir?«

»Weil er selbst mit mir davon sprach.«

»Er selbst? Der Mutessarif?«

»Ja.«

»Wann?«

»Als ich bei ihm war, natürlich.«

»Wie kam er dazu?« erkundigte er sich, ohne eine Miene des Unglaubens ganz verbergen zu können.

»Jedenfalls weil er Vertrauen zu mir hatte und gewillt ist, mir in Beziehung auf diesen Kriegszug eine Aufgabe zu ertheilen.«

»Welche?«

»Hast Du einmal etwas von Politik und Diplomatik gehört, Mutesselim?«

Er lächelte überlegen.

»Wäre ich Commandant von Amadijah, wenn ich nicht ein Diplomat wäre?«

»Du hast sehr Recht! Aber warum zeigst Du es mir nicht, daß Du ein solcher bist?«

»Bin ich undiplomatisch gewesen?«

»Sehr.«

»In wiefern?«

»Weil Du mich nach meiner Aufgabe in so direkter Weise fragst, daß ich erstaunen muß. Ich darf von ihr nicht sprechen, und Du hättest es nur durch eine feine und kluge Ausforschung erfahren können.«

»Warum dürftest Du es mir nicht sagen? Der Mutessarif hat kein Geheimniß vor mir!«

»Du mußtest mich fragen, um etwas über diese Angelegenheit zu erfahren; dies ist doch der sicherste Beweis, daß der Mutessarif gegen mich offenherziger gewesen ist, als gegen Dich. Wie nun, wenn ich grad in einer Sache, die auf seinen Einfall in das Gebiet der Araber Bezug hat, nach Amadijah gekommen wäre?«

»Das ist nicht möglich!«

»Das ist sehr möglich! Ich will Dir nur soviel vertrauen, daß der Gouverneur mich nach meiner Rückkehr von Amadijah zu den Weideplätzen der Araber senden wird. Ich soll dort heimlich das Terrain studiren, damit ich ihm meine Vorschläge machen kann.«

»Ist dies wahr?«

»Ich sage es Dir im Vertrauen, folglich ist es wahr.«

»Dann bist Du ein großer Inandschi [3) Vertrauter] von ihm!«

»Vermuthlich!«

»Und hast Einfluß auf ihn!«

|211B »Wenn dies der Fall wäre, so dürfte ich es doch nicht behaupten. Sonst könnte ich diesen Einfluß doch sehr leicht verlieren.«

»Emir, Du machst mich besorgt!«

»Warum?«

»Ich weiß, daß die Gnade des Mutessarif nicht über mir leuchtet. Sage mir, ob Du wirklich sein Freund und Vertrauter bist!«

»Er hat mir mitgetheilt, was er Andern vielleicht nicht sagen würde, sogar von seinem Zuge gegen die Dschesidi hat er mir vorher gesagt; ob ich aber sein Freund bin, das ist eine Frage, deren Beantwortung Du mir erlassen mußt.«

»Ich werde Dich auf die Probe stellen, ob Du wirklich mehr weißt, als Andere!«

»Tue es!« sagte ich zuversichtlich, obgleich ich innerlich einige Besorgniß fühlte.

»Auf welchen Stamm der Araber hat er es besonders abgesehen?«

»Auf die Schammar.«

»Und auf welche Abtheilung derselben?«

»Auf die Haddedihn.«

Jetzt nahm sein scharfes Gesicht einen lauernden Ausdruck an.

»Wie heißt der Scheik derselben?«

»Mohammed Emin. Kennst Du ihn?«

»Nein. Aber ich hörte, der Mutessarif soll ihn gefangen genommen haben. Er hat doch sicher davon zu Dir gesprochen, da er Dir sein Vertrauen schenkte und Dich zu den Arabern senden will!«

Dieser gute Mann machte wirklich eine Anstrengung, diplomatisch zu sein! Ich aber lachte ihm in das Gesicht.

»O Mutesselim, Du stellst mich da sehr hart auf die Probe! Ist Amad el Ghandur so alt, daß Du ihn mit Mohammed Emin, seinem Vater, verwechselst!«

»Wie kann ich sie verwechseln, da ich Beide noch nie gesehen habe!«

Ich erhob mich.

»Laß uns unser Gespräch beenden! Ich bin kein Gendschi [1) Knabe], den man narren darf. Aber wenn Du den Gefangenen sehen willst, so gehe hinab in das Gefängniß; der Sergeant wird Dir ihn zeigen. Ich sage Dir nur: Halte es geheim, wer er ist, und laß ihn ja nicht entkommen! Solange der zukünftige Scheik der Haddedihn sich in der Gewalt des Mutessarif befindet, kann dieser Letztere den Arabern Bedingungen stellen. Jetzt erlaube, daß ich gehe!«

»Emir, ich wollte Dich nicht beleidigen. Bleibe!«

»Ich habe heute noch Anderes zu thun.«

»Du mußt bleiben, denn ich habe Dir ein Mahl bereiten lassen!«

»Ich kann in meiner Wohnung speisen und danke Dir. Übrigens steht draußen ein Kurde, der nothwendig mit Dir zu sprechen hat. Er war eher da als ich, und darum wollte ich ihm den Vortritt lassen; er war aber so höflich, dies abzulehnen.«

»Er ist ein Bote des Bey von Gumri. Er mag warten!«

»Mutesselim, erlaube, daß ich Dich vor einem Fehler warne!«

»Vor welchem?«

»Du behandelst diesen Bey wie einen Feind oder doch wie einen Mann, den man nicht zu achten oder zu fürchten braucht!«

Ich sah es ihm an, daß er sich Mühe gab, eine zornige Aufwallung zu beherrschen.

»Willst Du mir Lehren geben, Emir, Du, den ich gar nicht kenne?«

»Nein. Wie kann ich es wagen, Dich belehren zu wollen, da Du mehr als mein Alter hast! Bereits als wir von der Magie sprachen, habe ich Dir bewiesen, daß ich Dich für weiser halte, als daß ich Dich belehren könnte. Aber einen Rath darf auch der Jüngere dem Älteren ertheilen!«

»Ich weiß selbst, wie man diese Kurden zu behandeln hat. Sein Vater war Abd el Summit Bey, der meinen Vorgängern und besonders dem armen Selim Zillahi so große Mühe machte!«

»Soll sein Sohn Euch dieselbe Mühe machen? Der Mutessarif braucht seine Truppen gegen die Araber, und einen Theil derselben muß er stets gegen die Dschesidi bereit halten, denen er nicht trauen darf. Was wird er sagen, wenn ich ihm |212A mittheile, daß Du die Kurden von Berwari so behandelst, daß auch hier ein Aufstand zu befürchten steht, wenn sie merken, daß der Gouverneur augenblicklich nicht die Macht besitzt, ihn niederzudrücken? Thue, was Du willst, Mutesselim. Ich werde Dir weder eine Lehre noch einen Rath ertheilen.«

Dieses Argument frappirte ihn; das sah ich ihm an.

»Du meinst, daß ich den Kurden empfangen soll?«

»Thue, was Du willst. Ich wiederhole es!«

»Wenn Du mir versprichst, bei mir zu essen, so werde ich ihn in Deiner Gegenwart hereinkommen lassen.«

»Unter dieser Bedingung kann ich hier bleiben; denn ich gehe meist ja deßhalb, damit er nicht meinetwegen noch länger warten müsse.«

Der Mutesselim klatschte in die Hände, und aus einer Nebenthüre trat der Diener ein, welcher den Befehl erhielt, den Kurden herein zu rufen. Dieser schritt in stolzer Haltung in das Zimmer und grüßte mit einem >Sellam<, ohne sich zu bücken.

»Du bist ein Bote des Bey von Gumri?« frug der Commandant.

»Ja.«

»Was hat mir Dein Herr zu sagen?«

»Mein Herr? Ein freier Kurde hat nie einen Herrn. Er ist mein Bey, mein Anführer im Kampfe, nicht aber mein Gebieter. Dieses Wort kennen nur die Türken und Perser.«

»Ich habe Dich nicht rufen lassen, um mich mit Dir zu streiten. Was hast Du an mich auszurichten?«

Der Kurde mochte ahnen, daß ich die Ursache sei, daß er nicht länger zu warten brauchte. Er warf mir einen verständnißvollen Blick zu und antwortete sehr ernst und langsam:

»Mutesselim, ich hatte etwas auszurichten; da ich aber so lange warten mußte, habe ich es vergessen. Der Bey muß Dir also einen andern Boten senden, der es wohl nicht vergessen wird, wenn er nicht zu warten braucht!«

Das letzte Wort sprach er bereits unter der Thüre; dann war er verschwunden. Der Commandant machte ein ganz verblüfftes Gesicht. So etwas hatte er nicht erwartet, während ich mir im Stillen sagte, daß kein europäischer Ambassadeur correcter hätte handeln können, als dieser junge, einfache Kurde. Es zuckte mir förmlich in den Beinen, ihm nachzueilen, um ihm meine Achtung und Anerkennung auszusprechen. Auch der Mutesselim wollte ihm nachspringen, aber in etwas anderer Absicht.

»Schurke!« rief er aufspringend. »Ich werde - - -«

Er besann sich aber doch und blieb stehen. Ich stopfte mir sehr gleichmütig meinen Tschibuk und brannte an.

»Was sagst Du dazu, Emir?«

»Daß ich es so kommen sah. Ein Kurde ist kein heuchelnder Grieche und auch kein schmutziger Jude, der sich nicht einmal krümmt, wenn man ihn tritt. Was wird der Bey von Gumri thun, und was wird der Mutessarif sagen!«

»Du wirst es ihm erzählen?«

»Ich werde schweigen, aber er wird die Folgen sehen.«

»Ich lasse diesen Kurden zurückrufen!«

»Er wird nicht kommen.«

»Ich will ihm ja nicht zürnen!«

»Er wird das nicht glauben. Es gibt nur einen Einzigen, der ihn bewegen kann, zurückzukehren.«

»Wer ist das?«

»Ich bin es.«

»Du?«

»Ja. Ich bin sein Freund; er wird vielleicht auf meine Stimme hören.«

»Du bist sein Freund? Du kennst ihn?«

»Ich habe ihn in Deinem Vorzimmer zum ersten Male gesehen. Aber ich sprach zu ihm wie zu einem Manne, welcher der Bote eines Bey ist, und das hat ihn sicher zu meinem Freund gemacht.«

»Du weißt jedoch nicht, wo er sich befindet!«

»Ich weiß es.«

»Wo ist er? Fort von Amadijah. Sein Pferd stand unten.«

»Er ist in meiner Wohnung, wohin ich ihn eingeladen habe.«

»Du hast ihn eingeladen? Soll er bei Dir essen?«

|212B »Ich werde ihn als Gast empfangen; die Hauptsache aber ist, daß ich ihm eine Botschaft an den Bey anzuvertrauen habe.«

Der Mutesselim staunte immer mehr.

»Was für eine Botschaft?«

»Ich denke, Du bist ein Diplomat? Frage den Mutessarif!«

»Emir, Du sprichst in lauter Räthseln!«

»Deine Weisheit wird sie sehr bald zu lösen wissen. Ich will Dir aufrichtig sagen, daß Du einen Fehler begangen hast, und da Du weder eine Lehre noch einen Rath von mir annehmen willst, so erlaube mir wenigstens, diesen Fehler wieder gut zu machen, indem ich dem Bey von Gumri eine sehr friedliche Botschaft sende!«

»Ich darf sie nicht wissen?«

»Ich will es Dir im Vertrauen mittheilen, trotzdem es ein diplomatisches Geheimniß ist: Ich habe ihm ein Geschenk zu übermitteln.«

»Ein Geschenk? Von wem?«

»Das darf ich allerdings nicht sagen, aber Du kannst es vielleicht errathen, wenn ich Dir gestehe, daß der betreffende Beamte und Gebieter, von dem es kommt, im Westen von Amadijah wohnt und sehr wünscht, daß der Bey von Gumri ihm nicht feindlich gesinnt werde.«

»Herr, jetzt sehe ich, daß Du wirklich der Vertraute des Mutessarif von Mossul bist; denn von ihm kommt das Geschenk, Du magst es nun sagen oder nicht!«

Der Mann war ein Schwachkopf und ganz unfähig für sein Amt. Ich erfuhr später, daß er die Creatur seines Vorgängers gewesen war, der selbst auch den Sprung vom Nefus Emini in Zillah in Kleinasien zum Mutesselim von Amadijah gethan hatte. Mein Besuch bei diesem Commandanten hatte eine ganz unerwartete, frappante Wendung erhalten. Für was er mich nahm, das konnte ich zwar hören und vermuthen, nicht aber sicher behaupten; und doch führte mich der eigenthümliche Gang unsers Gespräches dazu, ihm Dinge zu sagen, Dinge wissen oder ahnen zu lassen, von denen er recht wohl auf die Absicht unserer Anwesenheit hätte schließen können. Er hatte wohl kaum das rechte Zeug, ein guter Dorfältester, viel weniger aber Mutesselim zu sein; und doch dauerte er mich im Geheimen, wenn ich an die Verlegenheit dachte, in welche ihn das Gelingen unsers Vorhabens bringen mußte. Die Möglichkeit, ihn dabei zu schonen, wäre mir willkommen gewesen; aber es gab sie ja nicht.

Die Fortsetzung unseres Gespräches wurde aufgeschoben, da man das Essen brachte. Es bestand aus einigen Stücken des geliehenen Hammels und einem mageren Pillau. Der Commandant langte fleißig zu und vergaß dabei das Sprechen; als er sich aber gesättigt hatte, frug er:

»Du wirst den Kurden wirklich bei Dir treffen?«

»Ja; denn ich glaube, daß er sein Wort hält.«

»Und ihn wieder zu mir schicken?«

»Wenn Du es haben willst, ja.

»Wird er auf Dich warten?«

Dies war ein leiser Fingerzeig, der seinen Grund nicht in einem Mangel an Gastfreundlichkeit, sondern in der Besorgniß hatte, daß der Bote die Geduld auch bei mir verlieren werde. Darum antwortete ich:

»Er will bald aufbrechen, und darum wird es gerathen sein, daß ich ihn nicht ermüde. Erlaubst Du, daß wir gehen?«

»Unter der Bedingung, daß Du mir versprichst, heute Abend abermals mein Gast zu sein.«

»Ich verspreche es. Wann wünschest Du, daß ich komme?«

»Ich werde es Dir durch Selim Agha wissen lassen. Überhaupt bist Du mir willkommen, wann und so oft Du kommst.«

Unser Gastmahl hatte also nicht lange Zeit in Anspruch genommen. Wir brachen auf und wurden in sehr höflicher Weise von ihm bis hinunter vor das Thor begleitet. Dort warteten unsere beiden Begleiter mit den Pferden auf uns.

»Du hast einen Baschi-Bozuk bei Dir?« frug der Commandant.

»Ja, als Khawaß. Der Mutessarif bot mir ein großes Gefolge an, doch ich bin gewohnt, mich selbst zu beschützen.«

Jetzt erblickte er den Rappen.

»Welch ein Pferd! Hast Du es gekauft oder groß gezogen?«

»Es ist ein Geschenk.«

|213A »Ein Geschenk! Herr, der es Dir schenkte, ist ein Fürst gewesen! Wer war es?«

»Auch das ist ein Geheimniß; aber Du wirst ihn vielleicht bald sehen.«

Wir stiegen auf, und sofort brüllte Selim Agha seiner Wachtparade, die auf uns gewartet hatte, den Befehl entgegen:

»Silahlarile nischanlaryn - zielt mit den Gewehren!«

Sie legten an, aber nicht zwei von den Flinten bildeten eine Linie mit einander.

»Tschalghy, schamataji kylyn - Musik, macht Lärm!«

Das vorige Wimmern und Kaffeemahlen begann.

»Hepsi herbiri halan atyn - schießt Alle zugleich los!«

O weh! Kaum die Hälfte dieser Mordgewehre hatte den Muth, einen Laut von sich zu geben. Der Agha rollte die Augen; die Träger der confusen Schießinstrumente rollten auch die Augen und bearbeiteten die Schlösser ihrer Vorderlader, aber erst nachdem wir bereits um die nächste Ecke gebogen waren, erklang hier und da ein leises Gekläff, welches uns vermuthen ließ, daß wieder einmal ein Pfropfen aus dem Laufe geschlingert worden sei.

Als wir zu Hause anlangten, saß der Kurde in meinem Zimmer auf meinem Teppich und rauchte aus meiner Pfeife meinen Tabak. Das freute mich, denn es bewies mir, daß unsere Ansichten über Gastlichkeit ganz dieselben seien.

»Kheïr att, hemscher - willkommen, Freund!« begrüßte ich ihn.

»Wie, Du redest kurdisch?« frug er erfreut.

»Ein wenig nur, aber wir wollen es versuchen!«

Ich hatte Halef den Befehl gegeben, für mich und den Gast bei irgend einem Speisewirthe etwas Eßbares aufzutreiben und konnte mich also dem Boten des Bey von Gumri ruhig widmen. Ich steckte mir nun auch eine Pfeife an und ließ mich an seiner Seite nieder.

»Ich habe Dich länger warten lassen, als ich wollte,« begann ich; »ich mußte mit dem Mutesselim essen.«

»Herr, ich habe gern gewartet. Die schöne Jungfrau, welche Deine Wirthin ist, mußte mir eine Pfeife reichen, und dann habe ich mir von Deinem Tabak genommen. Ich hatte Dein Angesicht gesehen und wußte, daß Du mir nicht darüber zürnen würdest.«

»Du bist ein Krieger des Bey von Gumri; was mein ist, das ist auch Dein. Auch muß ich Dir danken für das Vergnügen, welches Du mir bereitet hast, als ich mich bei dem Commandanten befand.«

»Welches?«

»Du bist ein Jüngling, aber Du hast als Mann gehandelt, als Du ihm Deine Antwort gabst.«

Er lächelte und sagte:

»Ich hätte anders mit ihm gesprochen, wenn ich allein gewesen wäre.«

»Strenger?«

»Nein, sondern milder. Da aber ein Zeuge zugegen war, so mußte ich die Ehre Dessen wahren, der mich gesendet hat.«

»Du hast Deinen Zweck erreicht. Der Mutesselim wünscht, daß Du zu ihm zurückkehrst, um Deine Botschaft auszurichten.«

»Ich werde ihm diesen Gefallen nicht erweisen.«

»Auch mir nicht?«

Er blickte auf.

»Wünschest Du es?«

»Ich bitte Dich darum. Ich habe ihm versprochen, diese Bitte an Dich zu richten.«

»Kennst Du ihn? Bist Du sein Freund?«

»Ich habe ihn noch niemals gesehen und war heute zum ersten Male bei ihm.«

»So will ich Dir sagen, was für ein Mann er ist. Eigentlich schildere ich Dir diesen Mann am besten, wenn ich Dir weiter nichts sage, als daß der Saliahn [1) Die Vermögenssteuer] jetzt nur kaum zwanzigtausend Piaster für Amadijah einbringt, und daß er nicht, wie es doch an der Regel wäre, die Pacht der Steuern hat. Die hat man ihm genommen. Der Sultan hört selten eine Beschwerde an; hier aber hat er hören müssen, denn es war zu himmelschreiend. Er plünderte die Einwohner dermaßen, daß sie auch im Winter im Gebirge blieben und sich nicht in die Stadt zurückwagten. Nun |213B ist der ganze Distrikt verarmt, und der Hunger ist ein steter Gast der Leute geworden. Der Mutesselim braucht immer Geld und borgt, und wer ihm da nicht zu Willen ist, der hat seine Rache zu befürchten. Übrigens ist er ein feiger Mensch, der nur gegen den Schwachen muthig ist. Seine Soldaten hungern und frieren, weil sie weder Speise noch Kleidung erhalten, und ihre guten Gewehre hat er gegen schlechte umgetauscht, um den Profit für sich zu nehmen, und wenn für die paar Kanonen, welche die Festung vertheidigen sollen, das Pulver kommt, so verkauft er es an uns, um Geld zu erhalten.«

Das war also eine echt türkische Wirthschaft! Nun brauchte ich mich nicht über die effectvolle Schießübung zu wundern, deren Augen- und Ohrenzeuge ich gewesen war.

»Und wie steht er mit Deinem Bey?« erkundigte ich mich.

»Nicht gut. Es kommen viele Kurden nach der Stadt, entweder um hier einzukaufen oder Lebensmittel zu verkaufen. Für diese hat er eine hohe Steuer eingeführt, die der Bey nicht leiden will. Auch maßt er sich in vielen Fällen eine Gewalt über uns an, die ihm gar nicht gehört. Zwei Kurden haben sich kürzlich in Amadijah Blei und Pulver gekauft, und man verlangte ihnen am Thore eine Steuer dafür ab. Das war noch nie vorgekommen; sie hatten nicht genug Geld zur Bezahlung der Steuer, welche noch höher war, als der Preis der so schon theuren Ware, und so wurden sie in das Gefängniß gesteckt. Der Bey verlangte ihre Freiheit und gab zu, daß man das Pulver und Blei confisciren möge; aber der Mutesselim ging nicht darauf ein. Er verlangte die confiscirte Waare, den Zoll, eine Strafsumme und dann auch noch Bezahlung der Untersuchungs- und Gefängnißkosten, so daß aus zwanzig Piastern hundertundvierzig geworden sind. Ehe diese nicht bezahlt werden, gibt er die Leute nicht los und rechnet ihnen zehn Piaster für den Tag als Verpflegungsgelder an.«

»In dieser Angelegenheit wolltest Du mit ihm reden?«

»Ja.«

»Solltest Du die Summe bezahlen?«

»Nein.«

»Nur unterhandeln? Das würde zu nichts führen.«

»Ich soll ihm sagen, daß wir jeden Mann aus Amadijah, der unser Gebiet betritt, gefangen nehmen und zurückhalten werden, bis die beiden Männer wieder bei uns sind.«

»Also Repressalien! Das würde keine großen Folgen haben, denn ihm ist es wohl sehr gleich, ob ein Bewohner Amadijah's Euer Gefangener ist oder nicht. Und sodann müßt Ihr bedenken, daß aus einem solchen Verfahren sehr leicht bedeutende Conflicte entstehen können. Das beste würde sein, wenn es diesen Männern gelänge, zu entfliehen.«

»Das sagt auch der Bey; aber eine Flucht ist nicht möglich.«

»Warum nicht? Ist die Bewachung so streng?«

»O, die Wächter machen uns keine Sorge. Es ist ein Sergeant mit drei Männern, die wir bald überwältigt hätten; aber das könnte einen Lärm ergeben, der uns gefährlich werden möchte.«

»Gefährlich? Hm!«

»Die Hauptsache aber: es ist ganz unmöglich, in das Gefängniß zu kommen.«

»Warum?«

»Die Mauern sind zu stark, und der Eingang mit zwei Thüren verschlossen, die mit starkem Eisen beschlagen sind. Das Gefängniß stößt an den Garten dieses Hauses, wo der Agha der Arnauten wohnt; jedes ungewöhnliche Geräusch kann ihn aufmerksam machen und uns verderblich werden. Wir müssen auf den Gedanken einer Flucht verzichten.«

»Auch wenn Ihr einen Mann findet, der bereit ist, Euch behilflich zu sein?«

»Wer wäre dies?«

»Ich!«

»Du, Emir? O, das wäre gut! Und wie wollte ich Dir danken! Die beiden Männer sind mein Vater und mein Bruder.«

»Wie ist Dein Name?«

»Dohub. Meine Mutter ist eine Kurdin von dem Stamme der Dohubi.«

»Ich muß Dir sagen, daß ich selbst hier fremd bin und also nicht weiß, wie eine Flucht zu bewerkstelligen ist; aber Dein |214A Bey wurde mir empfohlen, und auch Dir bin ich gewogen. Ich werde bereits morgen forschen, was man in dieser Angelegenheit unternehmen kann.«

Hinter dieser Zusicherung versteckte sich allerdings auch ein kleiner Eigennutz. Es war ja sehr leicht möglich, daß wir der Unterstützung des Bey von Gumri bedurften, und dieser konnten wir uns am besten versichern, wenn wir seine eigenen Leute in Schutz nahmen.

»Du meinst also, daß ich zum Mutesselim gehen soll?«

»Ja, gehe zu ihm und versuche Dein Heil noch einmal durch Verhandlung; ich habe mir Mühe gegeben, ihn zu bearbeiten, daß er Deine Verwandten vielleicht freiwillig entläßt.«

»Herr, hättest Du dies wirklich gethan?«

»Ja.«

»Wie hast Du es angefangen?«

»Dir dies zu sagen, würde zu weit führen; aber ich werde Dir einige Worte aufschreiben, die Dir vielleicht von Nutzen sein werden, wenn Du meinem Rathe Folge leistest.«

»Welchen Rath gibst Du mir?«

»Sprich nicht zu ihm von Repressalien. Sage zu ihm, wenn er die Gefangenen nicht heute noch freigäbe, so würdest Du sofort zum Mutessarif nach Mossul reiten und ihm sagen, daß die Berwari-Kurden sich erheben werden. Dabei mußt Du vorübergehend erwähnen, daß Du durch das Gebiet der Dschesidi reiten und mit Ali Bey, ihrem Feldherrn, reden wirst.«

»Herr, das ist zuviel gesagt und auch zuviel gewagt!«

»Tue es dennoch; ich rathe es Dir und habe meinen Grund dazu. Er hält die Gefangenen wohl meist deßhalb so fest, weil er Euch Geld abpressen will, welches er sehr nöthig brauchte; jetzt aber fällt dieser Grund fort, weil wir ihm ein bedeutendes Geschenk an Piastern gemacht haben.«

»So werde ich zu ihm gehen!«

»Und zwar jetzt gleich. Dann aber kommst Du wieder zu mir, damit ich Dir meine Botschaft an den Bey sagen kann!«

Ich schrieb auf ein Blatt meines Notizbuches folgende Worte in türkischer Sprache: »Erlaube mir, Dir das Anliegen dieses Kurden an das Herz zu legen, und vermeide es, den Mutessarif zu erzürnen!« Nachdem ich meinen Namen hinzugefügt hatte, übergab ich Dohub diese Zeilen, mit denen er sich eilig entfernte.

Ich hatte die Kühnheit, mich als einflußreiche Persönlichkeit zu fühlen; ich handelte abenteuerlich, das ist wahr; aber der Zufall hatte mich nun einmal, so zu sagen, an eine Kletterstange gestellt und mich bis über die Hälfte derselben emporgeschoben; sollte ich wieder herabrutschen und den Preis aufgeben, da es doch nur einer Motion bedurfte, um vollends empor zu kommen?

Da kam Halef zurück und brachte eine solche Ladung kalter Speisen und Früchte, als habe er uns für eine Woche zu verproviantiren.

»Sehr reichlich, Hadschi Halef Omar!« sagte ich.

»Allah akbar; Allah ist groß, Sihdi, aber mein Hunger ist noch größer. Weißt Du, daß ich und der kleine Ifra seit heute morgen in Spandareh gar nichts gegessen haben?«

»So eßt! Aber trage vor allen Dingen hier auf, damit mein Gast nicht hungrig von mir geht. Hast Du Wein?«

»Nein. Du bist ein echter Gläubiger geworden und willst noch immer den Trank der Ungläubigen genießen! Allah kerihm; ich bin ein Moslem und soll in Amadijah Wein verlangen?«

»So werde ich mir selbst welchen holen. Verstehest Du!«

»Nein, Sihdi, das sollst Du nicht; aber hier reden viele Leute kurdisch, was ich gar nicht verstehe, und das Türkische kenne ich nur wenig. Ich kann also nur Dinge kaufen, deren Namen ich weiß.«

»Wein heißt türkisch Scharab und kurdisch Scherab; das ist sehr leicht zu merken. Master Lindsay will welchen haben; also geh und hole!«

Er ging. Als sich dabei die Thür öffnete, hörte ich unten die scheltende Stimme Mersinah's, in welche sich die bittende Stimme eines Mannes mischte, und gleich darauf kehrte Halef zurück.

»Sihdi, es ist ein Mann unten, den die Wirthin nicht herauf lassen wollte.«

»Wer ist es?«

»Ein Bewohner von Amadijah, dessen Tochter krank ist.«

|214B »Was hat dies mit uns zu thun?«

»Verzeihe, Sihdi! Als ich vorhin Brod kaufte, kam ein Mann gerannt, der mich beinahe über den Haufen riß. Ich fragte ihn, was er so eilig zu laufen habe, und er sagte mir, daß er nach einem Hekim [1) Arzt] suche, weil seine Tochter ganz plötzlich krank geworden sei und vielleicht sterben müsse. Da rieth ich ihm, zu Dir zu kommen, wenn er keinen Arzt finden könne, und nun ist er da.«

»Das hast Du dumm gemacht, Halef. Du weißt ja, daß ich die kleine Apotheke, aus welcher ich am Nil kurirte, gar nicht mehr besitze!«

»O, Sihdi, Du bist ein großer Gelehrter und kannst einen Kranken auch ohne die Körner gesund machen, die Du damals gabst.«

»Aber ich bin doch eigentlich kein Arzt!«

»Du kannst Alles!«

Was war zu thun? Halef hatte in Erinnerung an die damaligen Backschisch jedenfalls wieder einmal sehr Großes von mir berichtet, und ich war nun Derjenige, der den angeschnittenen Apfel zu verspeisen hatte.

»Die Wirthin ist klüger wie Du, Halef! Aber gehe und hole den Mann herauf!«

Er ging und schob bald nachher einen Fremden herein, dem der Schweiß von der Stirn in den Bart herabtropfte. Es war ein Kurde; das sah man an dem Tolik [2) Haarlocke über der Stirn], der ihm unter dem etwas gelüpften Turban hervor über die Stirne herabfiel; doch trug er türkische Kleidung.

»Sallam!« grüßte er eilig. »O Herr, komm schnell, sonst stirbt meine Tochter, die bereits von dem Himmel redet!«

»Was fehlt ihr?«

»Sie ist von einem bösen Geist besessen, der sie umbringen wird.«

»Wer sagte das?«

»Der alte türkische Hekim, den ich holte. Er hat ihr ein Amulett umgehangen, aber er meinte, daß es nicht helfen werde.«

»Wie alt ist Deine Tochter?«

»Sechzehn Jahre.«

»Leidet sie an Krämpfen oder Fallsucht?«

»Nein, sie ist niemals krank gewesen bis auf den heutigen Tag.«

»Was thut der böse Geist mit ihr?«

»Er ist ihr in den Mund gefahren, denn sie klagte, daß er ihr den Hals zerkratze; dann machte er ihr die Augen größer, damit er herausgucken könne. Ihr Mund ist roth und auch ihr Gesicht, und nun liegt sie da und redet von den Schönheiten des Himmels, in den sie blicken kann.«

Hier war schleunige Hilfe nöthig, denn es lag jedenfalls eine Vergiftung vor.

»Ich will sehen, ob ich Dir helfen kann. Wohnest Du weit von hier?«

»Nein.«

»Gibt es außer dem alten Hekim noch einen Arzt?«

»Nein.«

»So komm schnell!«

Wir eilten fort. Er führte mich durch drei Gassen und dann in ein Haus, dessen Äußeres eine gewisse Stattlichkeit zeigte. Der Besitzer desselben konnte nicht zu den ärmeren Leuten gehören. Wir passirten zwei Zimmer und traten dann in ein drittes. Auf einem niedrigen Polster lag ein Mädchen lang ausgestreckt auf dem Rücken. An ihrer Seite knieten einige weinende Frauen, und in der Nähe hockte ein alter Mann, der seinen Turban abgenommen hatte und, gegen die Kranke gerichtet, laute Gebete murmelte.

»Bist Du der Hekim?« frug ich ihn.

»Ja.«

»Was fehlt dieser Kranken?«

»Der Teufel ist in sie gefahren, Herr!«

»Albernheit! Wenn der Teufel in ihr steckte, würde sie nicht von dem Himmel sprechen.«

»Herr, das verstehest Du nicht! Er hat ihr das Essen und Trinken verboten und sie schwindelig gemacht.«

»Laßt mich sie sehen!«

Ich schob die Weiber beiseite und kniete neben ihr nieder. Es war ein sehr schönes Mädchen.

|215A »Herr, rette meine Tochter vom Tode,« jammerte eine der Frauen, »und wir werden Dir Alles geben, was wir besitzen.«

»Ja,« bestätigte der Mann, welcher mich geholt hatte. »Alles, Alles sollst Du haben, denn sie ist unser einziges Kind, unser Leben.«

»Rette sie,« ertönte eine Stimme aus dem Hintergrunde des Raumes; »so sollst Du Reichthum besitzen und Gottes Liebling sein!«

Ich schaute nach dieser Gegend hin und sah eine alte Frau, deren Äußeres mich schaudern machte. Sie schien ihre hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Todtenkopfes, aber von ihrem Haupte hingen zwei schwere weiße Haarzöpfe fast bis auf den Boden herab.

»Ja, rette sie, rette mein Urenkelkind!« wiederholte sie, indem sie bittend die gefalteten, ausgedorrten Hände erhob, von denen ein Rosenkranz hernieder hing. »Ich werde niederknieen und zur schmerzensreichen Mutter Gottes bitten, daß es Dir gelingen möge.«

Eine Katholikin! Hier unter den Kurden und Türken!

»Bete,« antwortete ich ergriffen; »ich werde versuchen, ob hier ein Mensch noch helfen kann!«

Die Kranke lag da mit offenen, heiteren Augen; aber ihre Pupillen waren sehr erweitert. Ihr Angesicht war stark geröthet, Athem und Puls gingen schnell, und ihr Hals bewegte sich unter einem krampfhaften Würgen. Ich frug gar nicht, wann die Krankheit ausgebrochen sei; ich war Laie, aber ich hatte die Überzeugung, daß die Kranke Belladonna oder Stramonium genossen habe.

»Hat Deine Tochter gebrochen?« frug ich den Mann.

»Nein.«

»Hast Du einen Spiegel?«

»Einen kleinen hier.«

»Gib ihn her!«

Der alte Hekim lachte heiser:

»Der böse Geist soll sich im Glase besehen!«

Ich antwortete ihm gar nicht und ließ das durch die Fensteröffnung eindringende Licht der bereits niedersteigenden Sonne so auf den Spiegel fallen, daß es auf das Gesicht der Kranken gebrochen wurde. Der blendende Strahl übte keine Wirkung auf die Iris der Kranken aus.

»Wann hat Deine Tochter zum letzten Male gegessen?« frug ich.

»Das weiß ich nicht,« antwortete der Vater. »Sie war allein.«

»Wo?«

»Hier.«

»Es ist kein böser Geist in sie gefahren, sondern sie hat ein Aghy [1) Gift] gegessen oder getrunken!«

»Allah il Allah! Ist das wahr, Herr?«

»Ja.«

»Glaubt es nicht!« mahnte der Hekim. »Der Teufel ist in ihr.«

»Schweig, alter Narr! Habt ihr Citronen hier?«

»Nein.«

»Kaffee?«

»Ja.«

»Könnt ihr Galläpfel bekommen?«

»Deren wachsen viel in unsern Wäldern. Wir haben welche im Hause.«

»Macht schnell einen sehr starken, heißen Kaffee fertig und kocht Galläpfel in Wasser. Schickt auch nach Citronen!«

»Ha, er will den Teufel mit Galläpfeln, Citronen und Kaffee füttern!« verwunderte sich der Hekim, indem er vor Entsetzen die Hände zusammenschlug.

Ich steckte in Ermangelung von etwas Anderm den Finger in den Mund der Kranken, um sie zum Erbrechen zu reizen, wobei ich den Finger durch den Griff meines Messers vor ihren Zähnen schützte. Nach einiger Mühe gelang das Experiment, wenn auch unter der schmerzlichsten Anstrengung des Mädchens. Ich wiederholte es, doch war die Entleerung nicht hinlänglich.

|215B »Gibt es eine Etschzaga [1) Apotheke] in der Nähe?« frug ich, da ein Vomitiv nothwendig war.

»In derselben Gasse.«

»Komm schnell; führe mich!«

Wir gingen. Mein Führer blieb vor einem kleinen Laden stehen.

»Hier wohnt der Attar [2) Kräuterhändler]!« sagte er.

Ich trat in die kleine Budika und sah mich von einem Chaos von allerlei nöthigen und unnöthigen Dingen umgeben. Ranzige Pommaden, Pfeifenrohre, alte, vertrocknete Pflaster und Talglichter, Rhabarber und brauner Zucker in einem Kasten, Kaffeebohnen neben Lindenblüten, Pfefferkörner und geschabte Kreide, Sennesblätter in einer Büchse, auf welcher >Honig< stand; Drahtnägel, Ingwer und Kupfervitriol, Seife, Tabak und Salz, Brillen, Essig, Charpie, Spießglanz, Tinte, Hanfsamen, Gallizenstein, Zwirn, Gummi, Baldrian, Knöpfe und Schnallen, Theer, eingemachte Wallnüsse, Teufelsdreck und Feigen. - Alles lag hier friedlich bei-, neben-, unter-, über- und durcheinander, und dabei saß ein schmutziges Männlein, welches grad so aussah, als habe es alle diese Mittel und Ingredienzien so eben innerlich und äußerlich an sich selbst probirt. Welches Unheil hatte dieser Attar wohl bereits angerichtet!

Ich konnte für meine Zwecke nur Kupfervitriol bekommen und nahm noch ein Fläschchen Salmiakgeist mit. Das Erstere wirkte nach unserer Rückkehr zur Kranken recht befriedigend. Dann gab ich ihr starken Kaffee mit Citronensaft und dann den Galläpfelaufguß. Hierauf schärfte ich zur Verhütung eines etwaigen Steck- und Schlagflusses ihren Verwandten ein, sie durch Schütteln, Bespritzen mit kaltem Wasser und Riechenlassen an dem Salmiakgeist möglichst am Einschlafen zu verhindern, und versprach baldigst wiederzukommen.

Diese Behandlung war wohl keine ganz richtige, aber ich verstand es nicht besser, und - sie hatte Erfolg. Nun konnte ich, da die augenblickliche Gefahr entfernt zu sein schien, auch an Anderes denken. Ich blickte mich im Zimmer genau um und sah ein kleines Körbchen in der Ecke stehen, welches noch ziemlich mit Maulbeeren gefüllt war. Zwischen diesen sah ich mehrere - Tollkirschen liegen.

»Willst Du den bösen Geist sehen, der in die Kranke gefahren ist?« fragte ich den Hekim.

»Einen Geist kann man nicht sehen. Und selbst wenn dies möglich wäre, könntest Du ihn mir nicht zeigen, da Du nicht an ihn glaubst. Wenn das Mädchen nicht stirbt, so hat mein Amulett geholfen.«

»Hast Du nicht gesehen, daß ich es ihr sofort vom Halse nahm? Hier liegt es, ich werde es öffnen.«

»Das darfst Du nicht!« rief er, schnell zugreifend.

»Laß ab, Alter! Meine Hand ist kräftiger als die Deinige. Warum darf ich es nicht öffnen?«

»Weil ein Zauber darinnen ist. Du würdest sofort von demselben Geiste besessen werden, der in dem Mädchen steckt!«

»Wollen sehen!«

Er wollte es verhindern, aber ich öffnete das viereckig zusammengenähte Stück Kalbleder - und fand darinnen eine todte Fliege.

»Laß Dich nicht auslachen mit diesem unschuldigen Thierchen!« lachte ich, indem ich die Fliege zu Boden fallen ließ und zertrat. »Nun, wo ist Dein Geist, der mich befallen soll?«

»Warte nur, er wird kommen!«

»Ich werde Dir den Teufel zeigen, der diese Krankheit verschuldet hat. Schau her! Was ist das? Du bist ein Hekim und mußt diese Beeren kennen!«

Ich hielt ihm die Tollkirsche entgegen, und er erschrack.

»Allah sei uns gnädig! Das ist ja die Ölüm kires [3) Todeskirsche]! Wer diese ißt, der muß sterben, der ist verloren, der kann nicht gerettet werden!«

»Nun, von diesen Früchten hat die Kranke gegessen; das habe ich an ihren Augen gesehen. Wer von ihnen genießt, dessen Augen werden größer; das merke Dir! Und nun setz Deinen Turban auf und mache Dich von hinnen, sonst zwinge ich Dich, von diesen Todeskirschen zu genießen, damit Du siehest, ob Dir eine Sin-ek [4) Fliege] das Leben retten wird!«

|216A Ich nahm die Kirschen in die Hand und schritt auf ihn zu. Da stülpte er in wahrer Todesangst den Turban auf sein kahl geschorenes Haupt und nahm sehr eilig und ohne allen Abschied Reißaus.

Die Anwesenden sahen ein, daß ich Recht hatte. Auch ohne meine Worte sagte es ihnen die günstige Veränderung, welche mit der Kranken vorgegangen war. Sie ergingen sich in den ehrfurchtsvollsten Dankesbezeigungen, denen ich nur dadurch ein Ende machen konnte, daß ich mich schnell entfernte. Ich hinterließ die Weisung, mich bei einer etwaigen Verschlimmerung gleich holen zu lassen.

Als ich in meiner Wohnung anlangte, traf ich Mersinah, welche soeben mit wüthender Geberde und mit einem großen Löffel in der Hand aus der Küche geschossen kam. Hinter ihr flog ein großer, nasser Hader, der so vortrefflich gezielt war, daß er ihre kleinen, wirren Knackwurstzöpfe erreichte und sich sehr liebevoll um ihr ehrwürdiges Haupt herumschlang. Zugleich ertönte aus dem Innern des auf solche Weise entweihten Heiligthums die Stimme von Hadschi Halef Omar hervor:

»Warte, alter Drache!« rief er; »Du sollst mir noch einmal über meinen guten Kaffee kommen!«

Sie wickelte sich aus der feuchten Umarmung des Haders heraus und ballte denselben zusammen, jedenfalls um ihn in eine rückgängige Bewegung zu versetzen; da erblickte sie mich.

»O, Emir, wie gut ist es, daß Du kommst! Errette mich von diesem wüthenden Menschen!«

»Was gibt es denn, o Rose von Amadijah!«

»Er sagte, er hätte in Deiner Büchse meinen Kaffee gefunden und in meiner Tüte den Deinigen.«

»Das ist wohl auch wahr?«

»Wahr? Ich schwöre es Dir bei Ayescha, der Mutter aller Heiligen, daß ich Deine Büchse nicht angerührt habe!«

»So, Du Großmutter aller Lügnerinnen und Spitzbuben!« ertönte es aus der Küche. »Du bist nicht über unsern Kaffee gerathen, von dem mich zweihundert Drem [1) 1 1/3 Pfund] fünfundzwanzig gute Piaster kosten? Ich werde es dem Sihdi doch beweisen!«

Er kam aus der Küche, in der Rechten die neugekaufte Kaffeebüchse und in der Linken eine große, geöffnete Papiertüte.

»Sihdi, Du kennst den Kaffee von Harimah?«

»Du weißt es, daß ich ihn kenne.«

»Suche einmal, wo er ist!«

Ich unterwarf die Büchse und auch die Tüte einer sehr eingehenden und ernsthaften Ocularinspection.

»Er ist in allen Beiden, aber mit schlechteren Bohnen und gedörrten Schalen vermischt.«

»Siehst Du wohl, Effendi! Ich habe guten Harimah gekauft, und hier diese Mutter und Urgroßmutter eines Räubers und Spitzbuben kocht nur schlechten Kaffee, mit Schalen vermengt. Siehst Du nun, daß sie über meine Büchse gerathen ist!«

»Sihdi, Du bist ein gewaltiger Krieger, ein großer Gelehrter und der weiseste aller Richter,« entgegnete die >Myrte<, indem sie dem Hadschi ihren Hader sehr unternehmend vor der Nase herumschwenkte. »Du wirst diesen Vater eines Übelthäters und Sohn eines Verleumders streng bestrafen!«

»Bestrafen?« rief Halef ganz erstaunt. »Auch noch!«

»Ja,« entschied sie sehr bestimmt; »denn er ist es, der über meine Tüte gerathen ist und mich betrogen hat. Nur er allein hat den Kaffee vermischt, um mir und meinem Hause vor Deinen Augen Schande zu bereiten!«

»O, Du Ausbund aller neununddreißig Laster!« zürnte Halef ganz ergrimmt; »Du willst es wagen, mich, mich zum Diebe zu machen? Wärest Du nicht ein Weib, so würde ich Dich - - -«

»Halt, Halef, zanke nicht, denn ich bin da und werde ein gerechtes Urtheil sprechen! Mersinah, Du behauptest, daß dieser Halef Omar die beiden Arten des Kaffees unter einander gemengt hat?«

»Ja, Emir!«

»So hat er das Seinige zu diesem schwierigen Rechtsfalle beigetragen. Nun thue Du auch das Deinige und lies die Sorten wieder aus einander! Ich werde bald nachsehen, ob es geschehen ist, und dann mein Urtheil sprechen.«

|216B Sie öffnete den Mund, um mir mitzutheilen, daß sie gesonnen sei, Einspruch oder Nichtigkeitsbeschwerde zu erheben, doch Halef kam ihr zuvor:

»Das muß aber schnell geschehen, denn wir brauchen den Kaffee sehr nothwendig!«

»Warum?« frug ich.

»Du hast ja Gäste oben!«

»Wen?«

»Drei Kurden, welche auf Dich warten. Derjenige, welcher Dich bereits besuchte, ist dabei.«

»So hole einstweilen rasch andern Kaffee!«

Ich stieg hastig die Treppe empor, denn die zwei andern Kurden konnten doch wohl nur die beiden Gefangenen sein. Diese Vermuthung bestätigte sich. Als ich eintrat, erhoben sie sich, und Dohub sprach:

»Hier ist der Emir, der Euch gerettet hat! O Effendi, der Mutesselim hat Deine Worte gelesen und mir den Vater und den Bruder zurückgegeben!«

»Sagtest Du ihm, daß Du nach Mossul gehen würdest?«

»Ja. Dein Rath war gut, denn der Commandant wurde sofort freundlicher, und als ich ihm Deinen Brief gab, ließ er Selim Agha rufen, der die Gefangenen bringen mußte.«

»Wie ist es mit dem Zoll und der Strafe?«

»Er hat uns Alles erlassen, aber das Pulver und Blei erhielten wir nicht zurück. Emir, sage uns, wie wir Dir danken sollen!«

»Kennst Du den Nezanum von Spandareh?«

»O, sehr gut! Seine Tochter ist das Weib unseres Bey, und er kommt sehr oft nach Gumri, um Beide zu besuchen.«

»Er ist auch mein Freund. Ich war bis heute früh bei ihm, und er bat mich, den Bey zu besuchen, wenn ich nach Gumri komme.«

»Komm, Herr, komm zu uns. Dein Empfang soll besser sein, als wenn der Mutesselim oder der Mutessarif käme!«

»Ich werde vielleicht kommen; aber bis dahin dürften wohl noch einige Tage vergehen. Der Nezanum hat mir ein Packet übergeben, welches ich dem Bey überreichen sollte. Es darf nicht lange hier liegen bleiben, und darum bitte ich Euch, es mit nach Gumri zu nehmen. Grüßt mir den Bey und sagt ihm, daß ich sein Freund sei und ihm alles Glück und Gute wünsche!«

»Das ist die Botschaft, die Du uns aufzutragen hast?«

»Ja.«

»Es ist zu wenig, Herr!«

»Vielleicht könnt Ihr mir später eine Liebe erweisen.«

»Wir thun es. Komm nur und befiehl, was Du von uns wünschest!«

»Würdet Ihr einem Freunde von mir Schutz gewähren, wenn er von dem Mutesselim verfolgt wird und sich zu Euch flüchtet?«

»Der Commandant würde ihn nie zu sehen bekommen!«

Ich wandte mich zu dem Älteren der beiden andern, denen man die Entbehrungen anmerkte, denen sie während ihrer Gefangenschaft unterworfen gewesen waren.

»Wißt Ihr, wer mit Euch gefangen war?«

»Nein,« antwortete er. »Ich stack in einem finsteren Loche, welches nur ganz wenig Licht erhielt, und ich konnte weder etwas hören, noch etwas sehen.«

Seinem Sohne war es ebenso ergangen.

»Ist der Sergeant, der Euch bewachte, ein böser Mann?«

»Er hat nie mit uns gesprochen. Die einzige menschliche Stimme, welche wir zu hören bekamen, war diejenige des alten schmutzigen Weibes, welches uns das Essen brachte.«

»Wie sind die Wege von hier nach Gumri?«

»Du mußt zunächst in das Thal von Berwari hinab, und zwar auf einem Pfade, der so steil und gefährlich ist, daß man nicht reiten kann, sondern die Pferde am Zügel führen muß. Das Thal ist reich von Eichen bewaldet und enthält Dörfer, welche theils von Kurden und theils von nestorianischen Chaldäern bewohnt werden. Auch durch die dürre Ebene wirst Du kommen, welche wir Newdascht nennen und in der das kurdische Dorf Maglano liegt; dann erreichest Du den kurdischen Weiler Hajis, in welchem nur einige arme Familien wohnen. Du mußt über |217A viele Gewässer hinweg, die alle dem Zab zufließen, und erblickst Gumri schon von Weitem, da es auf einem hohen Felsen erbaut ist, welcher ganz allein in der Ebene steht.«

Nach diesen und andern nothwendigen Erkundigungen lud ich sie zum Essen ein. Die beiden frei gewordenen Gefangenen langten mit einem Heißhunger zu, der mich wohl erkennen ließ, wie besorgt die alte Mersinah um das leibliche Wohl ihrer Pfleglinge sei. Halef brachte auch Kaffee, ein Getränk, welches die Kurden am schmerzlichsten vermißt hatten, ganz ebenso wie den Tabak, den sie nachher rauchten.

Endlich brachen sie auf, eben als Selim Agha eintrat, um mir zu sagen, daß der Mutesselim bereit sei, mich zu empfangen. Sie nahmen einen herzlichen Abschied von mir und schärften mir nochmals ein, daß ich ja nach Gumri kommen möge. Dohub nahm das Packet des Dorfältesten mit, und ich war überzeugt, daß ich mir Freunde erworben hatte, auf die ich im Falle der Noth wohl sicher rechnen könne.

Ich besuchte nun zunächst meine Patientin und wurde in dem vorderen Zimmer von ihren Eltern mit Freude empfangen.

»Wie geht es Eurer Tochter?« fragte ich.

»O, viel, viel besser bereits, Herr,« antwortete der Mann. »Deine Weisheit ist fast noch größer als unser Dank, denn sie kann bereits wieder vernünftig reden und hat uns auch gesagt, daß sie wirklich von den Kirschen des Todes gegessen habe. Und Deine Güte ist noch größer, als wir verdienen und ahnten; denn ich habe erfahren, daß Du kein Arzt bist, der für Lohn zu den Kranken kommt, sondern ein großer Emir, der ein Liebling des Großherrn und ein Freund des Mutessarif ist.«

»Wer sagte dies?«

»Die ganze Stadt weiß es bereits. Selim Agha ist Deines Lobes voll; der Mutesselim hat Dich mit Parade empfangen und auf Deinen Befehl sogar Gefangene freilassen müssen. Einer sagt es dem Andern, und so haben auch wir es erfahren.«

»Bist Du ein Kind dieser Stadt? Ich sehe doch, daß Du doch wohl eigentlich ein Kurde bist!«

»Du hast richtig gerathen, Effendi. Ich bin ein Kurde von Lizan und für kurze Zeit nach Amadijah gezogen, weil ich mich daheim nicht sicher fühlte.«

»Nicht sicher? Warum?«

»Lizan gehört zu dem Gebiete von Tijari und wird meist von nestorianischen Christen bewohnt. Diese haben große Bedrückungen zu erleiden gehabt, so daß es seit Kurzem unter ihnen gährt, als ob sie sich einmal aufraffen und Rache nehmen wollten. Weil ich nun kein Christ, sondern ein Muhammedaner bin, so habe ich mich in Sicherheit gebracht und kann hier mein Geschäft in Frieden treiben, bis die Gefahr vorüber ist.«

»Welches Geschäft hast Du?«

»Ich kaufe die Galläpfelernten ein und versende sie nach dem Tigris, von wo aus sie dann weiter gehen.«

»Du bist ein Moslem, und doch ist die alte Mutter, welche ich bei Dir sah, eine Christin. Wie kommt das?«

»Emir, das ist eine Geschichte, die mich und mein Weib sehr betrübt. Der Ahne war ein berühmter Melek [1) König, Fürst] der Tijaris und nahm die Lehre an von Christus, dem Gekreuzigten. Sein Weib, die Ahne, die Du gesehen hast, that dasselbe. Aber sein Sohn war ein treuer Anhänger des Propheten und trennte sich vom Vater. Dieser starb und der Sohn später auch, der die Würde eines Melek verloren hatte. Er war arm geworden um des Propheten willen, trotzdem sein Vater einer der reichsten Fürsten des Landes war. Seine Kinder blieben auch arm, und als ich mein Weib heirathete, die seine Enkelin ist, hatte sie kaum ein Kleid, um ihre Blöße zu bedecken. Aber wir liebten einander, und Allah segnete uns; wir wurden reich.«

»Und die Ahne?«

»Wir hatten sie nie gesehen, bis sie uns einst in Lizan aufsuchte. Sie zählte über hundert Jahre, glaubte, nun bald sterben zu müssen, und wollte ihre Kindeskinder einmal sehen. Seit jener Zeit hat sie uns jährlich zweimal besucht; aber wir wissen nicht, woher sie kommt und wohin sie geht.«

»Habt Ihr sie nicht gefragt?«

|217B »Einmal nur, aber da antwortete sie nicht und verschwand auf lange Zeit. Seitdem haben wir diese Frage nie wieder ausgesprochen. Sie ist jetzt bei der Kranken. Willst Du diese sehen?«

»Ja; kommt!«

Ich fand die Patientin bedeutend besser. Die Röthe war verschwunden; der Puls ging matt, aber ruhiger, und sie vermochte, wenn auch mit einiger Anstrengung, doch geläufiger zu sprechen, als da ich sie zuerst gesehen hatte, wo sie in der Betäubung fabulirte. Die Pupille hatte sich verengert, aber die Schlingbeschwerden waren noch vorhanden. Sie blickte mir neugierig und dankbar entgegen und erhob die Hand, um mir zu danken.

Ich rieth, mit dem Kaffee und Zitronensaft fortzufahren, und empfahl dabei ein heißes Fußbad; dann wollte ich wieder gehen. Da erhob sich die Gestalt der Alten, die bisher am unteren Ende des Lagers gekauert hatte.

»Herr,« sagte sie, »ich habe Dich für einen Hekim gehalten. Verzeihe, daß ich Dir Lohn versprach!«

»Mein Lohn ist die Freude, Dir Dein Enkelkind erhalten zu dürfen.«

»Gott hat Deine Hand gesegnet, Emir. Er ist mächtig in dem Schwachen und barmherzig in dem Starken. Wie lange wird die Kranke noch leidend sein?«

»Einige Tage sind genug, um ihre gegenwärtige Schwäche zu überwinden.«

»Emir, ich lebe, aber nicht in mir, sondern in diesem Kinde. Ich bin gestorben seit langen, langen Jahren; aber ich stand wieder auf in Der, welche ich bewahrt sehen möchte vor jedem Flecken des Leibes und der Seele. Du hast nicht ihr allein, sondern auch mir das Leben erhalten, und Du weißt nicht, wie gut dies ist für Viele, die Du weder kennst noch jemals gesehen hast. Du wirst wiederkommen?«

»Ja, morgen.«

»So brauche ich Dir heute weiter nichts zu sagen.«

Sie wandte sich ab und setzte sich wieder an ihren früheren Platz. Sie sprach so dunkel und war selbst für ihre Verwandten ein Räthsel. Ich hätte mir Zeit genug wünschen mögen, dieses Räthsel zu lösen. Ich sollte essen und trinken, ehe ich das Haus verließ, aber ich kam eben von dem Mahle her und hatte auch bei dem Mutesselim ein solches zu erwarten; daher mußte ich abschlagen.

Als ich zu dem Commandanten kam, waren alle seine Beamten und auch die Offiziere der Besatzung bereits um ihn versammelt. Es gab also große Soirée. Ich erhielt den Ehrenplatz an seiner Seite. Wir befanden uns in einem größeren Zimmer, welches einem kleinen Saale glich; es wäre Raum genug zur freien Bewegung gewesen, aber ein Jeder saß still an seinem Platze, rauchte seine Pfeife, trank den herumgereichten Kaffee und flüsterte leise mit seinem Nachbar. Wenn aber der Mutesselim ein lautes Wort sagte, so neigten sie lauschend die Häupter, wie vor einem mächtigen Herrscher.

Auch meine Unterredung mit ihm wurde leise geführt. Nach einigen Weitschweifigkeiten sagte er:

»Ich habe schon gehört, daß Du heute ein Mädchen heiltest, welches vom Teufel besessen war. Mein Hekim hat ihn hineinfahren sehen; er verlangte, daß ich Dich fortschicken soll, weil Du ein Zauberer bist.«

»Dein Hekim ist ein Thor, Mutesselim! Das Mädchen hatte eine giftige Frucht gegessen, und ich gab ihr ein Mittel, durch welches das Gift unwirksam gemacht wurde. Von dem Teufel oder von einem Geiste war keine Rede.«

»So bist Du ein Hekim?«

»Nein. Du weißt ja, wer und was ich bin! Aber im Westen von hier, weit über Stambul hinaus, da, wo ich geboren bin, hat Jedermann mehr Kenntnisse über die Krankheiten als Dein Hekim, der den Teufel durch eine todte Fliege vertreiben wollte.«

Das war rücksichtslos und wohl auch ein wenig muthig gesprochen; aber es konnte diesen Leuten gar nicht schaden, wenn einmal Einer kam, der es wagte, an ihrer Selbstherrlichkeit zu rütteln.

|218A Der Mutesselim that, als hätte er meine scharfe Antwort nicht gehört, und erkundigte sich weiter:

»So kennst Du alle Krankheiten?«

»Alle!« antwortete ich sehr entschieden.

»Und kannst auch alle Tränke machen?«

»Alle!«

»Gibt es auch Tränke, die ein guter Moslem nicht trinken darf?«

»Ja.«

»Welche sind es?«

»Die Paksitz [1) Unreinen], welche aus solchen Dingen bereitet werden, deren Genuß der Prophet verboten hat, zum Beispiel Schweinefett und Wein.«

»Wein ist aber auch eine Medizin?«

»Ja, eine sehr wichtige.«

»Wann wird sie getrunken?«

»Bei gewissen Krankheiten des Blut- und Nervensystems, sowie auch der Verdauung als Stärkungs- oder Erregungsmittel.«

Wieder stockte die Unterhaltung. Die Anwesenden begannen wieder leise unter einander zu flüstern, und nach einer Weile wandte sich der Mutesselim auch ebenso leise an mich:

»Effendi, ich bin krank, sehr krank!«

»Ah, ist es möglich! Allah gebe Dir Deine Gesundheit zurück!«

»Er wird es vielleicht thun, denn ich bin ein guter Moslem und ein treuer, frommer Anhänger des Propheten.«

»An welcher Krankheit leidest Du?«

»Ich habe bereits viele Ärzte gefragt; sie sagen alle, daß ich leide an gewissen Krankheiten des Blut- und Nervensystemes, sowie auch der Verdauung.«

Ich konnte mich kaum beherrschen, ihm nicht geradezu in das Gesicht zu lachen. Darum also diese eigenthümliche Einleitung, die sich um den Rand herum bewegt hatte, wie >die Katze um den |218B heißen Brei<. Jedenfalls lief die Sache auf eine kleine Bettelei hinaus.

»Haben Dir Deine Ärzte Mittel gegeben?«

»Ja, aber diese Mittel haben nicht geholfen. Diese Männer waren nicht so klug und unterrichtet wie Du. Meinst Du nicht, daß ich der Anregung und der Stärkung bedarf?«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Würdest Du mir ein solches Mittel geben?«

»Ich darf nicht.«

»Warum nicht?«

»Der Prophet verbietet es mir.«

»Der Prophet hat nicht gewollt, daß die wahren Gläubigen an dem Systeme des Blutes und der Nerven untergehen und sterben sollen. Hast Du den Kuran aufmerksam gelesen?«

»Sehr aufmerksam.«

»So sage mir, ob Du eine einzige Arznei gefunden hast, die darin verboten wird!«

»Keine!«

»Siehst Du! Also willst Du mir eine Anregung geben?«

»Ich habe die Sachen nicht, welche ich zur Bereitung derselben brauche.«

»Du scherzest wieder, denn Du hast sie!«

»Woher wolltest Du dies wissen?«

»Dein Diener hat heute solche Dinge bei einem Juden gekauft.«

Ah, der Mutesselim ließ uns also beobachten! Er wußte bereits, daß der kleine Hadschi für den Engländer Wein geholt hatte. Wir mußten also vorsichtig sein, wenn unser Vorhaben nicht verrathen werden sollte.

»Es gehört mehr dazu, als das ist, was mein Diener kaufte,« antwortete ich.

»Das Wenige ist besser als gar nichts. Eben weil ich sehr schwach bin, darfst Du nicht viele Dinge zusammenmischen. Willst Du mir eine einfache Stärkung senden?«

»Gut; Du sollst sie haben!«

»Wie viel?«

|219A »Eine Iladsch-schische [1) Arzneiflasche] voll.«

»Emir, das ist viel zu wenig! Ich bin Commandant und ein sehr langer Mann; der Trank wird alle sein, ehe er durch den ganzen Körper gekommen ist. Siehst Du dies ein?«

»Ich sehe es ein, darum werde ich Dir eine große Flasche senden.«

»Eine? Nimmt ein Kranker nur einmal Arznei?«

»Nun wohl, Du sollst zwei haben!«

»Laß mich täglich einmal nehmen, und zwar eine Woche lang!«

»Mutesselim, ich denke, Du wirst dann zu stark werden!«

»O, Emir, das hast Du nicht zu befürchten.«

»So wollen wir es denn mit einer Woche versuchen!«

»Aber eine Bitte erfüllst Du mir dabei.«

»Welche?«

»Ein Mutesselim darf seinen Untergebenen nie wissen lassen, daß er ein krankes System der Nerven und der Verdauung hat.«

»Das ist richtig!«

»Also wirst Du diese Arznei so gut einpacken, daß Niemand sieht, daß sie in Flaschen enthalten ist.«

»Ich werde Dir diesen Wunsch erfüllen.«

»Hast Du auch kranke Nerven, Emir?«

»Nein. Warum sollte ich welche haben?«

»Weil Du Dir dieses Mittel kaufen ließest.«

»Es war nicht für mich.«

»Für wen sonst? Für den stummen Hadschi Lindsay-Bey?«

»Du sagtest vorhin, daß ein Mutesselim nicht wissen lassen dürfe, daß er ein krankes System habe. Es gibt auch andere Männer, welche dies nicht wissen lassen dürfen.«

»Oder war es für den dritten Mann, der sich gar nicht sehen läßt? Er muß sehr krank sein, weil er nicht aus seiner Stube kommt!«

Das klang wie ein Verhör. Er wollte sich nach Mohammed Emin erkundigen.

»Ja, er ist krank,« antwortete ich.

»Welche Krankheit hat er?«

»Eine Krankheit des Herzens.«

»Kannst Du ihn heilen?«

»Ich hoffe es.«

»Ich bedaure, daß Du ihn wegen seiner Krankheit nicht mitbringen konntest. Es ist ein Freund von Dir?«

»Ein sehr guter Freund.«

»Wie lautet sein Name?«

»Er hat mich gebeten, ihn Dir heute noch nicht zu nennen. Du kennst ihn sehr gut, und er will Dir eine Überraschung bereiten.«

»Ah!« meinte er neugierig. »Eine Überraschung? Wann?«

»Sobald seine Krankheit geheilt ist.«

»Wie lange dauert dies noch?«

»Nur einige Tage.«

»Soll ich ihn nicht lieber besuchen, da er nicht zu mir kommen kann?«

»Dieser Besuch würde ihn zu sehr aufregen. Herzkrankheiten sind lebensgefährlich; das wirst Du wohl auch wissen?«

»So muß ich warten.«

Wieder versank er in Schweigen; dann begann er von Neuem:

»Weißt Du, daß Du mir ein Räthsel bist?«

»Du mir auch.«

»Warum?«

»Weil Du mich räthselhaft findest. Sage mir, ob es bereits Jemand gewagt hat, so klar und offen, so aufrichtig und ohne Furcht wie ich, mit Dir zu reden!«

»Das ist wahr, Effendi! Ich wollte es auch keinem Andern rathen! Du aber bist ein Emir, stehst unter dem Schatten des Großherrn und bist mir sehr gut von dem Mutessarif empfohlen; da dulde ich es.«

»Und bei all dieser Furchtlosigkeit bin ich Dir ein Räthsel?«

»Ja.«

»Ich will Dir helfen, es zu lösen. Frage mich!«

»Ich möchte vor allen Dingen wissen, wie Du in den Schutz des Großherrn gekommen bist, wie der Großherr über mich denkt und was er für Pläne hat mit Dir und mir. Aber dazu ist |219B heute keine Zeit. Wir werden davon morgen reden, wenn wir allein sind.«

Das war mir lieb. Auch hörte jetzt die Unterhaltung auf, da ein Medah [1) Märchenerzähler] eingelassen wurde, welchen der Commandant zur Unterhaltung seiner Gäste engagirt hatte. Die Pfeifen wurden von Neuem gestopft und angebrannt, die Tassen wieder gefüllt, und dann lauschte man andächtig den Worten des Erzählers.

Er stellte sich in die Mitte des Raumes und erzählte mit singender, lamentirender Stimme, die tausendmal gehörten Geschichten von Abu-Szaber, dem schiefmäuligen Schulmeister, dem Liebessklaven Ganem, von Nureddin Ali und Bedreddin Hassan. Dafür erhielt er zwei Piaster und konnte gehen.

Dann erhob sich der Mutesselim, zum Zeichen, daß diese amüsante Soirée beendet sei. Man sagte sich einige fulminante Höflichkeiten, verbeugte sich gegenseitig und war dann froh, dem Commandanten, dem Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, dem Tabak und Kaffee und dem Medah glücklich entronnen zu sein. Ich hatte das nachträgliche Vergnügen, von Selim Agha unter dem Arm genommen und nach Hause begleitet zu werden.

»Emir, erlaube, daß ich Deinen Arm nehme!« bat er.

»Da hast Du ihn!«

»Ich weiß, daß ich dies eigentlich nicht sollte, denn Du bist ein großer Emir, ein weiser Effendi und ein Liebling des Propheten; aber ich habe Dich lieb, und Du mußt bedenken, daß ich kein gemeiner Arnaute, sondern ein sehr tapferer Agha bin, der diese Festung gegen fünfzigtausend Feinde vertheidigen würde.«

»Das weiß ich. Auch ich habe Dich lieb. Komm, laß uns gehen!«

»Wer ist das?«

Er deutete dabei auf eine Gestalt, welche hinter der Ecke gelehnt hatte und nun an uns vorüberstrich und schnell im Dunkel der Häuser verschwand. Ich erkannte den Mann. Es war der Arnaute, der uns angefallen hatte, doch zog ich es jetzt vor, ihn nicht zu erwähnen.

»Es war wohl einer Deiner Arnauten.«

»Ja, aber ich habe doch wohl dieses Gesicht noch nicht gesehen.«

»Das Licht des Mondes täuscht.«

»Weißt Du, Emir, was ich Dir jetzt sagen wollte?«

»Was?«

»Hm! Ich bin krank.«

»Was fehlt Dir?«

»Ich leide an dem System der Nerven und des Blutes.«

»Selim Agha, ich glaube, Du hast gehorcht!«

»O nein, Effendi! Aber ich mußte ja Euer Gespräch hören, da ich als der Nächste neben dem Mutesselim saß.«

»Jedoch so weit entfernt, daß Du lauschen mußtest!«

»Soll man nicht lauschen, wenn man einer Stärkung bedarf?«

»Du willst sie doch nicht etwa von mir verlangen!«

»Wohl von dem alten Hekim? Der würde mir Fliegen geben!«

»Willst Du sie in einer Iladschi-schische oder in einer großen Flasche?«

»Du willst sagen, in einigen großen Flaschen!«

»Wann?«

»Jetzt, wenn es Dir gefällig ist!«

»So laß uns eilen, daß wir nach Hause kommen!«

»O nein, Emir, denn da ist mir Mersinah im Wege. Sie darf niemals wissen, daß ich ein krankes System der Verdauung habe!«

»Aber sie sollte es doch wissen, da sie Dir die Speisen bereitet.«

»Sie würde die Medizin an meiner Stelle trinken. Ich weiß einen Ort, wo man diesen Trank in Ruhe und Sicherheit genießen kann.«

»Wo?«

»Effendi, ein solcher Ort ist allemal bei einem Juden oder bei einem Griechen. Hast Du dies noch nicht bemerkt?«

»Sehr oft. Aber man wird Dich sehen, und dann erfährt die ganze Stadt, daß Du Dich nicht ganz auf Dein System verlassen kannst!«

|220A »Nur wir Beide werden einander sehen. Dieser Jude hat eine kleine Stube, in welche nicht einmal der Mond blicken kann.«

»So komm! Aber laß uns vorsichtig sein, daß wir nicht beobachtet werden.«

Also wieder einen Angriff auf meinen Geldbeutel! Übrigens war ich ganz vergnügt, den Agha als einen Moslem kennen zu lernen, dem zwar der Wein, nicht aber die Arznei verboten ist, welche aus dem Blute der Trauben gekeltert wird. Ein kleines Räuschchen konnte mir Vortheile bringen.

Nachdem wir einige enge und winkelige Gäßchen passirt hatten, hielten wir vor einem kleinen, armseligen Häuschen, dessen Thüre nur angelehnt war. Wir traten in den dunklen Flur, wo Selim in die Hände klatschte. Sogleich erschien eine krumme, mit einem ächt israelitischen Gesichte ausgestattete Gestalt aus der Stube und leuchtete dem Agha in das Gesicht.

»Ihr seid es, Hoheit? Gott Abraham's, bin ich erschrocken, als ich sah im Hause stehen zwei Gestalten statt der Eurigen, die ich gewohnt bin, alle Tage die Ehre zu haben, zu empfangen in meinem Hause mit Vergnügen und sehr tiefer Unterthänigkeit!«

»Mach auf, Alter!«

»Mach auf? Was? Die Stube, welche ist die kleine oder die große?«

»Die kleine!«

»Bin ich auch sicher, daß dieser Mann, welcher hat die Ehre, mit Euch zu kommen in mein Haus, nicht wird sein ein Herr, dessen Mund redet von Dingen, die von mir geschehen aus Barmherzigkeit und doch nicht sollen werden besprochen, weil mich dann bestrafen würde der mächtige Mutesselim?«

»Du bist ganz sicher. Öffne, oder ich mache mir selbst auf!«

Der Alte schob einige Bretter zur Seite, hinter denen eine Thüre zum Vorschein kam. Sie führte in ein sehr kleines Gemach, dessen Boden mit einer zerrissenen Bastmatte belegt war. Einige Mooskissen bildeten die Sophas.

»Soll ich brennen an die Lampe?«

»Natürlich!«

»Was werden begehren die Herren zu trinken?«

»Wie immer!«

Jetzt brannten zwei Flammen, und der Jude konnte mich, der ich bisher stets hinter Selim gestanden, nun besser betrachten.

»Katera Musa [1) Um Mosis Willen], das ist ein hoher Effendi und ein großer Held des Krieges! Ist er doch behangen mit gläzenden Silah's [2) Waffen], trägt einen goldenen Kuran am Halse und hat einen Simbehl [3) Schnurrbart] wie Jehoschuah, der Eroberer des Landes Kanaan. Da darf ich nicht bringen den Gewöhnlichen, sondern ich muß gehen in eine Ecke des Kellers, wo da liegt vergraben ein Trank, den nicht ein Jeder bekommt.«

»Was für welcher ist es?« frug ich.

»Es ist Wein von Türbedi Haidari, aus einem Lande, welches Niemand kennt und wo Trauben wachsen, deren Beeren sind wie die Äpfel und deren Saft kann umreißen die Mauern einer ganzen Stadt.«

»Bringe eine Flasche!« befahl der Agha.

»Nein, bringe zwei Krüge! Du mußt nämlich wissen, daß der Wein von Türbedi Haidari nur in großen Thonkrügen aufbewahrt und nur aus kleinen Krügen getrunken wird.«

»Du kennst ihn?« frug der Jude.

»Ich habe ihn oft getrunken.«

»Wo? Wo liegt dieses Land?«

»Der Name, den Du nanntest, ist der Name einer Stadt, welche in Terbidschan in Persien liegt. Der Wein ist gut, und ich hoffe, daß Du verstanden hast, ihn zu behandeln. Was kostet er?«

»Du bist ein vornehmer Herr; darum sollst Du ihn haben halb umsonst. Du wirst bezahlen dreißig Piaster für den Krug.«

»Das ist halb umsonst? Bringe die zwei Krüge, damit ich ihn koste. Dann werde ich Dir sagen, wie viel ich gebe!«

Er ging. In einer Ecke lehnten einige Pfeifen neben einem Kästchen mit Tabak. Wir setzten uns und griffen nach den Pfeifen, die ohne Spitze waren. Ich zog mein Mundstück aus der Tasche und schraubte es an; dann versuchte ich den Tabak; es war ein guter Perser.

|220B »Was ist drüben auf der andern Seite des Hauses, Selim Agha?« frug ich.

»Ein Spezereiladen und eine Kaffeestube. Hinten ist eine Opiumbude und eine Weinschänke für das Volk; hier aber dürfen nur vornehme Herren eintreten,« erklärte er mir mit selbstgefälligem Gesichte.

Ich kann sagen, daß ich mich auf diesen Wein freute. Es ist ein rother, dicker und ungemein starker Naturtrank, von dem drei Schluck genügen, um einen Menschen, der noch nie Wein getrunken hat, in einen gelinden Rausch zu versetzen. Selim liebte das Getränk Noah's, aber ich war überzeugt, daß ihn der Krug mehr als überwältigen werde.

Da kam der Wirth mit zwei Krügen, von denen jeder vielleicht einen Liter faßte. Hm, armer Selim Agha! Ich versuchte einen Schluck. Der Wein hatte auf der Reise gelitten, ließ sich aber trinken.

»Nun, Hoheit, wie ist er?« frug der Jude.

»Er ist so, daß ich Dir für den Krug zwanzig Piaster geben werde.«

»Herr, das ist geboten zu wenig, viel zu wenig! Für zwanzig Piaster werde ich wieder mitnehmen meinen Wein und Dir bringen einen andern.«

»Im Lande, wo er bereitet wird, gebe ich nach hiesigem Gelde für diesen Krug vier Piaster. Du siehst, ich will gut bezahlen, aber wenn Dir das nicht genügt, so nimm ihn wieder mit!«

Ich stand auf.

»Was soll ich bringen für welchen?«

»Keinen! Ich trinke nur diesen für zwanzig Piaster, den Du mir auch für fünfzehn ließest. Bekomme ich ihn nicht, so gehe ich, und Du magst ihn selbst trinken.«

»So wird ihn trinken die Hoheit des Selim Agha.«

»Er wird mit mir gehen.«

»Gib neunundzwanzig!«

»Nein.«

»Achtundzwanzig!«

»Gute Nacht, Alter!«

Ich öffnete die Thüre.

»Komm her, Effendi! Du sollst ihn doch haben für zwanzig Piaster, weil es mir ist eine Ehre, Dich zu sehen in meinem Hause.«

Der Handel war also abgeschlossen, und jedenfalls sehr zur Zufriedenheit des Juden, der sich, nachdem ich ihm das Geld gegeben hatte, mit verstecktem Schmunzeln entfernte. Der Agha kostete ein wenig und that dann einen tiefen Zug.

»Allah illa Allah! Wallah, Billah, Tallah! Solchen habe ich noch nicht bekommen. Glaubst Du, daß er gut ist für ein krankes System, Emir?«

»Sehr gut!«

»Oh, wenn das die >Myrte< wüßte!«

»Hat sie auch ein System?«

»Ein sehr durstiges, Effendi!«

Er that einen zweiten und nachher einen dritten Zug.

»Das ist kein Wunder,« meinte ich. »Sie hat sehr viel zu sorgen, zu schaffen und zu arbeiten.«

»Für mich nicht; das weiß Allah!«

»Aber für Deine Gefangenen.«

»Sie bringt ihnen täglich einmal Essen, Brod und Mehlwasser.«

»Wie viel gibt Dir der Mutesselim für jeden Gefangenen?«

»Dreißig Para täglich.«

Also fünfzehn Pfennige ungefähr! Davon blieb sicherlich die Hälfte in den Händen Selim's kleben.

»Und was erhältst Du für die Beaufsichtigung?«

»Zwei Piaster täglich, die ich aber noch niemals bekommen habe. Ist es da ein Wunder, daß ich diese schöne Arznei noch gar nicht kenne?«

Er that abermals einen Zug.

»Zwei Piaster? Das ist sehr wenig, zumal Dir die Gefangenen sehr viele Mühe machen werden.«

»Mühe? Gar keine! Was soll ich mir mit diesen Halunken für Mühe geben? Ich gehe täglich einmal in das Gefängniß, um nachzusehen, ob vielleicht Einer gestorben ist.«

»Zu welcher Zeit thust Du das?«

|221A »Wenn es mir paßt.«

»Auch des Nachts?«

»Ja, wenn ich am Tage es vergessen hatte und grad ausgegangen war. Wallahi, da fällt mir ein, daß ich heute noch nicht dort gewesen bin!«

»Meine Ankunft hat Dich gestört.«

»Das ist wahr, Effendi.«

»So mußt Du nachsehen?«

»Das werde ich nicht thun.«

»Warum nicht?«

»Die Kerle sind es nicht werth, daß ich mich bemühe!«

»Richtig! Aber wirst Du Dir nicht den Respekt verscherzen?«

»Welchen Respekt?«

»Du bist doch Agha, ein hoher Offizier. Deine Arnauten und Unteroffiziere müssen Angst vor Dir haben! Nicht?«

»Ja, das müssen sie. Bei Allah, das müssen sie!« betheuerte er.

»Auch der Sergeant, der im Gefängniß ist?«

»Auch dieser. Natürlich! Dieser Mazir ist überhaupt ein widerspenstiger Hund. Er muß Angst haben!«

»So mußt Du ihn gut beaufsichtigen, mußt ihn zuweilen überraschen, um zu sehen, ob er im Dienste pünktlich ist, sonst wird er Dich niemals fürchten!«

»Das werde ich; ja, bei Allah, ich werde es!«

»Wenn er sicher ist, daß Du nicht kommst, so sitzt er vielleicht beim Kawedschi [1) Kaffeewirth] oder bei den Tänzerinnen und lacht Dich aus.«

»Das soll er wagen! Ich werde ihn überraschen, morgen oder auch heute noch. Emir, willst Du ihn mit überraschen?«

Ich hütete mich wohl, einen Zweifel darüber blicken zu lassen, ob ich überhaupt das Recht habe, in dem Gefängnisse Zutritt zu nehmen; ich that im Gegentheile so, als ob ich ihm mit meiner Begleitung eine Ehre erwiese:

»Ist so ein Kerl es werth, daß er das Angesicht eines Emir sieht?«

»Du begleitest mich doch nicht um seinet-, sondern um meinetwillen. «

»Dann muß mir aber auch die Ehre erwiesen werden, die einem Emir und Effendi, der das Gesetz studirt hat, gebührt!«

»Das versteht sich! Es wird so sein, als ob mich der Mutesselim selbst begleitete. Du sollst das Gefängniß inspiciren.«

»So gehe ich mit, denn ich bin überzeugt, daß mich diese Arnauten nicht für einen Khawassen halten.«

Er hatte nur noch eine kleine Neige im Kruge, und ich hatte mit ihm gleichen Schritt gehalten. Seine Augen wurden kleiner, und die Spitzen seines Schnurrbartes standen auf Krakehl.

»Wollen wir uns noch einen Krug kommen lassen, Selim Agha?« frug ich ihn.

»Nein, Effendi, wenn es Dir beliebt. Ich dürste danach, diesen Mazir zu überraschen. Wir werden morgen wieder hierher gehen!«

Der Sergeant wurde nur vorgeschoben, in Wirklichkeit aber mochte der gute Agha die Gefährlichkeit des Weines aus Türbedi Haidari bereits verspüren. Er legte die Pfeife fort und erhob sich ein wenig unsicher.

»Wie war der Tabak, Effendi?« erkundigte er sich.

Ich ahnte den Grund und antwortete deßhalb:

»Schlecht. Er macht Kopfschmerzen und Schwindel.«

»Bei Allah, Du hast recht. Dieser Tabak schwächt das System des Blutes und der Nerven, während man doch gekommen ist, es zu stärken. Komm, laß uns gehen!«

»Müssen wir dem Juden unsere Entfernung melden?«

»Ja.«

Er klatschte in die Hände. Das war wieder das Zeichen; dann traten wir in das Freie. Das kurze Weinstudium war für mich vortheilhaft gewesen.

»Komm, Emir, gib mir Deinen Arm! Du weißt, ich liebe Dich!«

Es war weniger die Liebe als vielmehr die Schwächung seines >Systems<, welche ihn bewog, diese Bitte auszusprechen; denn als ihm die frische Abendluft entgegen¦wehte, verriet er |221B den sichtbarsten Eifer, in jene akrobatische Fatalität zu verfallen, in welcher man den Nadir mit dem Zenith zu verwechseln pflegt.

»Nicht wahr, Mohammed war ein gescheidter Kerl, Emir?«

frug er so laut, daß ein eben Vorübergehender stehen blieb, um uns etwas in Augenschein zu nehmen.

»Warum?«

»Weil er die Arzneien nicht verboten hat. Hätte er auch dies noch gethan, so müßte man aus den Trauben Tinte machen. Weißt Du, wo das Gefängniß liegt?«

»Hinter Deinem Hause.«

»Ja; Du hast immer recht, Emir. Aber wo liegt unser Haus?«

Das war nun eine jener leichten Fragen, die sich doch sehr schwer beantworten lassen, wenn nicht die Antwort ebenso albern sein soll, wie die Frage.

»Grad vor dem Gefängnisse, Agha.«

Er blieb stehen oder versuchte vielmehr, still zu stehen, und sah mich überrascht an.

»Emir, Du bist just ein ebenso gescheidter Kerl wie der alte Mohammed; nicht? Aber ich sage Dir, dieser Tabak ist mir so in das Gehirn gefahren, daß ich hier rechts das Gefängniß sehe und dort links ebenso. Welches ist das richtige?«

»Keines von Beiden. Da rechts steht eine Eiche, und das da oben links, das ist eine Wolke.«

»Eine Wolke? Allah illa Allah! Erlaube, daß ich Dich ein wenig fester halte!«

Der wackere Agha führte mich und zeigte dabei jene merkwürdige Manie des unwillkürlichen Fortschrittes, welchen man in einigen Gegenden Deutschland's >eine Lerche schießen< nennt. So kamen wir allerdings ziemlich schnell weiter, und es gelang mir endlich, ihn vor das Gebäude zu bringen, welches ich für das Gefängniß hielt, obgleich ich es von seiner vorderen Seite noch nicht gesehen hatte.

»Ist dies das Zindan [1) Gefangenhaus]?« frug ich ihn.

Er schob den Turban in das Genick und blickte sich nach allen Seiten um.

»Hm! Es sieht ihm ähnlich. Emir, bemerkst Du Niemand in der Nähe, den man fragen kann? Ich habe Dich so fest halten müssen, daß mir die Augen wirbeln, und das ist schlimm; denn diese Häuser sprangen an mir vorbei wie eine galoppirende Karawane.«

»Ich sehe keinen Menschen. Aber es muß es sein!«

»Wir wollen einmal probiren!«

Er fuhr mit der Hand in seinen Gürtel und vigilirte nach Etwas, was er nicht finden konnte.

»Was suchest Du?«

»Den Schlüssel zur Gefängnißthüre.«

»Hast Du ihn?«

»Stets! Lange Du doch einmal her und sieh, ob Du ihn findest!«

Ich suchte und fand den Schlüssel sofort. Man mußte ihn bei dem ersten Griffe fühlen, denn er war so groß, daß man ihn mit einer Bärenkugel Nummer Null hätte laden können.

»Hier ist er. Soll ich schließen?«

»Ja, komm! Aber ich denke mir, daß Du das Loch nicht finden wirst, denn Dein System hat sehr gelitten.«

Der Schlüssel paßte, und bald knarrte die Thüre in ihren Angeln.

»Gefunden!« meinte er. »Diese Töne kenne ich sehr genau. Laß uns eintreten!«

»Soll ich die Thüre wieder zuschließen?«

»Versteht sich! In einem Gefängnisse muß man vorsichtig sein.«

»Rufe den Schließer!«

»Den Sergeant? Wozu?«

»Er soll uns leuchten.«

»Fällt mir gar nicht ein! Wir wollen doch den Schurken überraschen!«

»Dann mußt Du leiser sprechen!«

Er wollte vorwärts, stolperte aber so, daß er gefallen wäre, wenn ich ihn nicht mit beiden Händen gehalten hätte.

|222A »Was war das? Emir, wir sind dennoch in ein fremdes Haus gerathen!«

»Wo ist der Raum, in dem sich der Sergeant befindet? Liegt er zu ebener Erde?«

»Nein, sondern eine Treppe hoch.«

»Und wo führt die Treppe hinauf, hinten oder vorn?«

»Hm! Wo war es nur! Ich glaube, vorn. Man hat von der Thüre aus noch sechs bis acht Schritte zu gehen.«

»Rechts oder links?«

»Ja, wie stehe ich denn? Hüben oder drüben? O Emir, Deine Seele kann die Arznei nicht gut vertragen; denn Du hast mich so schief gestellt, daß dieser Hausflur nicht gradaus läuft, sondern von unten hinauf in die Höhe!«

»So komm her! Hinter Dir ist die Thüre; hier ist rechts, und da ist links. An welcher Seite nun geht die Treppe empor?«

»Hier links.«

Wir schritten vorsichtig weiter, und mein tastender Fuß stieß wirklich bald an die unterste Stufe einer Treppe.

»Da sind die Stufen, Agha!«

»Ja, das sind sie. Falle nicht, Emir! Du warst noch nie in diesem Hause; ich werde Dich sehr sorgfältig leiten.«

Er hing sich schwer an mich, so daß ich ihn die mir unbekannte Treppe förmlich emportragen mußte.

»Jetzt sind wir oben. Wo ist die Stube des Sergeanten?«

»Rede leiser; ich höre Alles! Rechts die erste Thüre ist es.«

Er zog mich fort, aber grad aus statt nach rechts; ich schwenkte ihn also herum und fühlte nach einigen Schritten die Thüre, welche ich tastend untersuchte.

»Ich fühle zwei Riegel, aber kein Schloß.«

»Es gibt keins.«

»Die Riegel sind vorgeschoben.«

»Dann sind wir am Ende doch in ein fremdes Haus gerathen.«

»Ich werde öffnen.«

»Ja, thue es, damit ich erfahre, woran ich mit Dir bin!«

Ich schob die schweren Riegel zurück. Die Thüre ging nach außen auf. Wir traten ein.

»Gibt es ein Licht in der Stube des Sergeanten?«

»Ja. Die Lampe steht mit dem Feuerzeuge links in einem Mauerloche.«

Ich lehnte ihn an die Wand und suchte. Das Loch nebst dem Nöthigen wurde entdeckt, und bald hatte ich die Lampe angebrannt.

Der Raum war eng und klein. Eine Binsenmatte lag auf der Diele; sie hatte als >Möbel für alles< zu dienen. Ein zerbrochener Napf, ein Paar zerrissene Schuhe, ein Pantoffel, ein leerer Wasserkrug und eine Peitsche standen und lagen auf dem Boden herum.

»Nicht da! Wo steckt dieser Mensch?« frug der Agha.

»Er wird bei den Arnauten sein, die auch hier zu wachen haben.«

Er nahm die Lampe und wankte voran, stieß aber an den Thürpfosten.

»Schiebe mich nicht, Emir. Komm, halte die Lampe; ich will Dich lieber führen, sonst könntest Du mich die Treppe hinabwerfen. Ich liebe Dich und bin Dein Freund, Dein bester Freund; darum rathe ich Dir, nie wieder diese persische Arznei zu trinken. Sie macht Dich ja ganz gewaltthätig!«

Ich mußte allerdings einige Gewalt anwenden, um ihn unbeschädigt hinabzubringen. Als wir vor der bezeichneten Thüre anlangten, war auch sie verschlossen, und als wir sie öffneten, fanden wir auch diesen Raum leer. Er glich mehr einem Stalle als der Wohnung eines Menschen und ließ sehr Trauriges über die Asyle der Gefangenen errathen.

»Auch fort! Emir, Du hattest recht. Diese Schurken sind fortgelaufen, statt zu wachen. Aber sie sollen lernen, mich zu fürchten. Ich lasse ihnen die Bastonnade geben; ja, ich lasse sie sogar aufhängen!«

Er versuchte, die Augen zu rollen, aber er brachte es nicht fertig; der Wein wirkte je länger, desto kräftiger; sie fielen ihm zu.

»Was thun wir nun?«

»Was meinst Du, Emir?«

|222B »Ich an Deiner Stelle würde warten, um die Arnauten so zu empfangen, wie sie es verdient haben.«

»Freilich werde ich dies thun. Aber wo warten wir?«

»Hier oder oben.«

»Hier. Ich steige nicht erst wieder hinauf; Du wirst mir zu schwer, Effendi. Sieh, wie Du wankst! Setze Dich nieder!«

»Ich denke, wir wollen die Gefängnisse inspiciren?«

»Ja, das wollten wir,« sagte er ermüdet. »Aber, diese Menschen sind es nicht werth. Es sind lauter Spitzbuben, Diebe und Räuber, Kurden und auch ein Araber, welcher der Schlimmste von Allen ist.«

»Wo steckt dieser Kerl?«

»Hier nebenan, weil er am schärfsten bewacht werden soll. So setze Dich doch!«

Ich ließ mich neben ihm nieder, obgleich der Boden nur aus hartgestampftem Lehm bestand und den höchsten Grad von Unreinlichkeit zeigte. Der Agha gähnte.

»Bist Du müde?« frug er mich.

»Ein wenig.«

»Darum gähnst Du so. Schlafe, bis sie kommen. Ich werde Dich wecken. Allah illa Allah, Du bist ganz schwach und unzuverlässig geworden! Aber ich werde es mir so bequem wie möglich machen.«

Er streckte sich aus, stemmte den Ellenbogen auf und legte den Kopf in die Hand. Eine lautlose Stille trat ein, und nach einer kleinen Weile sank der Kopf vollends nieder - der Herr des Gefängnisses schlief.

Wie oft hatte ich gelesen, daß ein Gefangener durch die Berauschung seiner Wächter befreit worden sei, und mich über diesen verbrauchten Schriftstellercoup geärgert! Und jetzt befand ich mich in voller Wirklichkeit in Folge eines Rausches in dem Besitze aller Gefangenen. Sollte ich dem Haddedihn Thor und Thüre öffnen? Das wäre wohl unklug gewesen. Wir waren nicht vorbereitet, augenblicklich die Stadt zu verlassen. Am Thore standen Wachen, welche sicher Verdacht geschöpft hätten. Auf den armen Agha wäre die ganze Schuld gefallen und - ich mußte ganz offen als der Thäter bezeichnet werden, was mir große Gefahr bringen oder wenigstens später viele Ungelegenheiten bereiten konnte. Es war jedenfalls besser, den Gefangenen so verschwinden zu lassen, daß sein Entkommen ganz unbegreiflich blieb. Das war jetzt in meine Hand gegeben und machte es mir möglich, jeden Verdacht von mir fern zu halten. Ich beschloß also, heute mit dem Haddedihn nur zu sprechen, und die Flucht erst dann zu bewerkstelligen, wenn sie gehörig vorbereitet sein würde.

Der Agha lag am Boden und schnarchte laut bei offen stehendem Munde. Ich rüttelte ihn erst leise und dann stärker am Arme. Er erwachte nicht. Nun ergriff ich die Lampe und verließ die Stube, deren Thüre ich leise zumachte. Auch einen der Riegel schob ich lautlos vor, um auf keinen Fall überrascht zu werden. Ich hatte bereits vorhin Acht gegeben und bemerkt, daß alle Thüren ohne Schlösser und nur mit zwei Riegeln versehen waren. Einen Schlüssel brauchte ich also nicht zu suchen.

Es war mir doch ein wenig verändert zu Muthe, als ich so allein draußen auf dem Gange stand, dessen Finsterniß von dem kleinen Lichte der Lampe nicht durchdrungen werden konnte. Aber ich hielt mich auf Alles gefaßt. Wäre ein zwingender Umstand eingetreten, so hätte ich Alles gewagt, um nicht ohne den Gefangenen fortzukommen. Ich schob die Riegel zurück, öffnete und ließ die Thüre weit offen stehen, um jeden Laut vernehmen zu können, nachdem ich eingetreten war.

Ja, es war ein Loch, welches ich erblickte! Ganz ohne die Vermittlung von einigen Stufen fiel der vor mir liegende Raum hart hinter der Thüre über zwei Ellen tief hinab. Er hatte eine Länge von vier und eine Breite von zwei Schritten ungefähr und zeigte weder Tünche, noch Holz- oder Lehmboden. Oben, dicht unter der Decke war eines jener Löcher angebracht, die ich am Tage von außen bemerkt hatte, und außer einem >Napfe< mit Wasser, wie man ihn einem Hunde vorgesetzt haben würde, sah ich nichts als den Gefangenen in dieser Höhle.

Er hatte auf der feuchten, dumpfen Erde gelegen, war aber bei meinem Erscheinen aufgestanden. Hohläugig und abgemagert, glich er einem Halbtodten, aber dennoch war seine Haltung eine stolze, und sein Auge blitzte zornig, als er mich frug:

|223A »Was willst Du? Darf man nicht einmal schlafen?«

»Sprich leise! Ich gehöre nicht zu Deinen Wächtern. Wie ist Dein Name?«

»Warum fragest Du?«

»Sprich noch leiser, denn man soll uns nicht hören. Wie heißest Du?«

»Das wirst Du wissen!« antwortete er, aber doch mit gedämpfter Stimme.

»Ich vermuthe es, aber ich will aus Deinem Munde wissen, wer Du bist.«

»Man nennt mich Amad el Ghandur.«

»So bist Du Jener, den ich suche. Versprich mir, ganz ruhig zu sein, was ich Dir auch sagen werde!«

»Ich verspreche es!«

»Mohammed Emin, Dein Vater, ist in der Nähe.«

»Allah il Al - - -!«

»Schweig! Dein Ruf kann uns verrathen!«

»Wer bist Du?«

»Ein Freund Deines Vaters. Ich kam als Gast zu den Haddedihn und habe an der Seite Deines Vaters gegen Eure Feinde gekämpft. Da hörte ich, daß Du gefangen seiest, und wir haben uns aufgemacht, Dich zu befreien.«

»Allah sei gelobt! Aber ich kann es nicht glauben!«

»Glaube es! Siehe, dieses Fenster geht in einen Hof, welcher an einen Garten stößt, der zu dem Hause gehört, in dem wir wohnen.«

»Wie viele Männer seid Ihr?«

»Nur vier. Dein Vater, ich, noch ein Freund und mein Diener.«

»Wer bist Du, und wer ist dieser Freund?«

»Laß das für später, denn jetzt müssen wir eilen!«

»Fort?«

»Nein. Wir sind noch nicht vorbereitet, und ich kam zufällig hierher, ohne es vorher geahnt zu haben. Kannst Du lesen?«

»Ja.«

»Aber es fehlt Dir das Licht dazu.«

»Zur Mittagszeit ist es hell genug.«

»So höre. Ich könnte Dich gleich jetzt mitnehmen, aber das wäre zu gefährlich; doch ich versichere Dir, daß es nur ganz kurze Zeit noch dauern wird, bis Du frei sein wirst. Noch weiß ich nicht, was wir beschließen werden; aber wenn Du einen Stein durch das Fenster fallen hörst, so hebe ihn auf; es wird ein Papier daran gebunden sein, welches Dir sagt, was Du thun sollst.«

»Herr, Du gibst mir das Leben zurück; denn beinahe wäre ich verzweifelt! Wie habt Ihr erfahren, daß man mich nach Amadijah geschleppt hat?«

»Ein Dschesidi sagte es mir, den Du am Wasser getroffen hast.«

»Das stimmt,« antwortete er schnell. »O, nun sehe ich, daß Du die Wahrheit redest! Ich werde warten, aber grüße den Vater von mir!«

»Ich werde es noch heute thun. Hast Du Hunger?«

»Sehr!«

»Könntest Du Brod, Licht und Feuerzeug verstecken?«

»Ja. Ich grabe mit den Händen ein Loch in die Erde.«

»Hier hast Du meinen Dolch dazu. Es ist für alle Fälle gut, wenn Du eine Waffe hast. Aber sie ist mir kostbar; laß sie nicht entdeckt werden!«

Er griff hastig zu und drückte sie an die Lippen.

»Herr, Allah mag Dir das in Deiner Todesstunde gedenken! Nun habe ich eine Waffe; nun werde ich frei sein, auch wenn Ihr nicht kommen könnt!«

»Wir werden kommen. Unternimm ja nichts Vorschnelles; das könnte Dich und Deinen Vater in große Gefahr versetzen.«

»Ich werde eine ganze Woche warten. Seid Ihr dann noch nicht gekommen, so handle ich selbst.«

»Gut! Wenn es geht, werde ich Dir noch diese Nacht Speise, Licht und Feuerzeug durch das Fenster bringen. Vielleicht können wir auch mit einander sprechen. Wenn es ohne Gefahr geschehen kann, sollst Du die Stimme Deines Vaters hören. Jetzt, lebe wohl; ich muß gehen!«

|223B »Herr, reiche mir Deine Hand!«

Ich hielt sie ihm entgegen. Er drückte sie mit beiden Händen, daß es mich schmerzte.

»Allah segne diese Hand, so lange sie sich bewegt, und wenn sie sich zum Todesschlaf gefaltet hat, so möge Dein Geist sich im Paradiese freuen der Stunde, in welcher Du mein Engel wurdest! Jetzt gehe, damit Dir nichts widerfahre!«

Ich verschloß das Gefängniß und begab mich leise zum Agha zurück. Er schlief und schnarchte noch immer, und ich setzte mich nieder. So saß ich wohl eine ganze Stunde lang, bis ich Schritte vernahm, welche vor der Hausthüre halten blieben. Schnell zog ich die bisher offene Thüre zu und rüttelte den Agha munter. Es war dies keine leichte Arbeit, besonders da sie schnell geschehen mußte. Ich stellte ihn aufrecht empor. Er starrte mich verwundert an.

»Du, Emir? Wo sind wir?«

»Im Gefängnisse. Raffe Dich zusammen!«

Er schaute sich verdutzt um.

»Im Gefängnisse? Ah! Wie kommen wir hierher?«

»Denke an den Juden und an die Arznei; denke auch an den Sergeant, den wir überraschen wollen!«

»Den Serg - - - Maschallah, jetzt weiß ich es! Ich habe geschlafen. Wo ist er? Ist er noch nicht da?«

»Sprich leiser! Hörst Du? Sie stehen noch unter der Thüre und reden mit einander. Reibe Dir den Schlaf aus dem Gesichte!«

Der gute Selim sah sehr jämmerlich aus; aber er hatte wenigstens die Besinnung wieder gefunden und vermochte ohne Schwanken aufrecht zu stehen. Und jetzt, als die Thüre verschlossen wurde, nahm er die Lampe in die Hand, stieß unsere Thüre auf und trat in den Gang hinaus. Ich folgte ihm. Die Übeltäter blieben erschrocken stehen, während er auf sie zuschritt.

»Wo kommt Ihr her, Ihr Hunde?« fuhr er sie an.

Seine Stimme klang wie Donner in dem langen, schmalen Raum.

»Vom Kawedschi,« antwortete der Sergeant nach einigem Zögern.

»Vom Kawedschi! Während Ihr hier wachen sollt! Wer hat Euch die Erlaubniß ertheilt, fortzugehen?«

»Niemand!«

Die Leute zitterten vor Angst; sie dauerten mich. Ihre Nachlässigkeit war mir ja von so großem Vortheile gewesen. Trotz des kleinen Flämmchens sah ich, wie schrecklich der Agha seine Augen rollen ließ. Die Spitzen seines Bartes bebten, und seine Hand ballte sich vor Wuth. Aber er mochte bemerken, daß er denn doch noch nicht ganz fest auf den Füßen stehe, und daher besann er sich eines Besseren.

»Morgen erhaltet Ihr Eure Strafe!«

Er setzte die Lampe auf eine der Treppenstufen und wandte sich zu mir:

»Oder meinst Du vielleicht, Emir, daß ich gleich jetzt das Urtheil fälle? Willst Du haben, daß ich den Einen durch die Andern auspeitschen lasse?«

»Verschiebe ihre Züchtigung bis morgen, Selim Agha! Sie kann ihnen ja nicht entgehen.«

»Ich thue Deinen Willen. Komm!«

Er öffnete die Thüre und verschloß sie von draußen wieder.

Wir gingen nach Hause, wo uns die >Myrte< erwartete.

»Warest Du so lange beim Mutesselim?« frug sie ihn argwöhnisch.

»Mersinah,« antwortete er, »ich sage Dir, daß wir eingeladen wurden, bis zum frühen Morgen zu bleiben; aber ich wußte Dich allein zu Hause und habe darum die Gastfreundlichkeit des Commandanten abgeschlagen. Ich will nicht haben, daß Dir die Russen den Kopf abschneiden. Es gibt Krieg!«

Sie schlug erschrocken die Hände zusammen.

»Krieg? Zwischen wem denn?«

»Zwischen den Türken, Russen, Persern, Arabern und Kurden. Die Russen stehen bereits mit hunderttausend Mann und dreitausend Kanonen vier Stunden von hier in Serahru.«

»O Allah! Ich sterbe; ich bin bereits todt! Mußt Du auch mitkämpfen?«

|224A »Ja. Fette mir noch heute Nacht die Stiefel ein! Aber laß keinen Menschen etwas wissen. Der Krieg ist jetzt noch Staatsgeheimniß, und die Leute von Amadijah sollen es erst erfahren, wenn die Russen morgen die Stadt umzingelt haben.«

Sie taumelte und setzte sich ganz entkräftet auf den ersten besten Topf, der in ihrer Nähe stand.

»Schon morgen! Morgen sind sie wirklich da?«

»Ja.«

»Und sie werden schießen?«

»Sehr!«

»Selim Agha, ich werde Dir Deine Stiefel nicht einschmieren!«

»Warum nicht?«

»Du darfst nicht Krieg führen helfen; Du sollst nicht erschossen werden!«

»Gut! Das ist mir sehr lieb, denn dann kann ich schlafen gehen. Gute Nacht, Effendi! Gute Nacht, meine süße Mersinah!«

Er trat ab. Die Blume des Hauses blickte ihm etwas verwundert nach; dann erkundigte sie sich:

»Emir, ist es wahr, daß die Russen kommen?«

»Das ist noch ein wenig ungewiß. Ich glaube, daß der Agha die Sache etwas zu ernst genommen hat.«

»O, Du träufelst Balsam in mein verwundetes Herz. Ist es nicht möglich, sie von Amadijah abzuhalten?«

»Wir wollen uns das überlegen. Hast Du die Kaffeesorten auseinander gelesen?«

»Ja, Herr. Es ist das eine sehr schlimme Arbeit gewesen; aber dieser böse Hadschi Halef Omar ließ mir keine Ruhe, bis ich fertig war. Willst Du es sehen?«

»Zeige her!«

Sie brachte die Büchse und die Tüte herbei, und ich überzeugte mich, daß sie sich allerdings große Mühe gegeben hatte.

»Und wie wird Dein Urtheil lauten, Emir?«

»Es lautet gut für Dich. Da Deine zarten Hände diese Bohnen so oft berühren mußten, so soll der Kaffee Dein Eigenthum sein. Auch das Geschirr, welches ich heute einkaufte, gehört Dir; die Gläser aber schenke ich dem wackeren Selim Bey.«

»O Effendi, Du bist ein gerechter und weiser Richter. Du hast mehr Güte, als ich Töpfe hatte, und dieser duftende Kaffee ist ein Beweis Deiner Herrlichkeit. Allah mag das Herz der Russen lenken, daß sie nicht kommen und Dich nicht erschießen. Denkst Du, daß ich heute noch ruhig schlafen kann?«

»Das kannst Du; ich versichere es Dir!«

»Ich danke Dir, denn die Ruhe ist noch das Einzige, an dem ein geplagtes Weib sich freuen kann!«

»Schläfst Du hier unten, Mersinah?«

»Ja.«

»Aber nicht in der Küche, sondern nach vorn hinaus?«

»Herr, eine Frau gehört in die Küche und schläft auch in der Küche.«

Hm! Das war unangenehm. Übrigens kam mir der dumme Witz des Agha sehr ungelegen. Die >Myrte< schlief heute gewiß nicht gleich ein. Ich stieg nach oben, ging aber, anstatt in mein Zimmer, in dasjenige des Haddedihn. Er hatte sich bereits schlafen gelegt, erwachte aber sofort. Ich erzählte ihm mein Abenteuer im Gefängniß, und er ward des Staunens voll.

Wir packten dann Eßwaaren nebst Licht und Feuerzeug ein und schlichen uns nach einer leeren Stube, welche an der Hochseite des Hauses lag. Sie hatte nur ein Fenster, das heißt, eine viereckige Öffnung, welche durch einen Laden verschlossen war. Dieser war nur angelehnt, und als ich hinaus¦blickte, sah ich das platte Dach, welches diese Seite des kleinen Hofes umschirmte, nur fünf Fuß unter mir. Wir stiegen hinaus und von dem Dache in den Hof hinab. Die Thüre des Letzteren war verschlossen; wir befanden uns also allein und gingen in den Garten, in welchem einst die schöne Esma Khan geduftet hatte. Nun trennte uns von dem Gefängnisse nur eine Mauer, deren Höhe wir mit der Hand erreichen konnten.

»Warte,« bat ich den Scheik. »Ich will der Sicherheit wegen erst sehen, ob wir auch wirklich unbeobachtet sein werden.«

Ich schwang mich leise hinauf und drüben wieder hinab. Aus dem ersten kleinen Fensterloche rechts im Parterre sah ich einen fahlen Lichtschein. Dort war die Stube, in welcher der |224B Agha geschlafen hatte. Und dort saßen jetzt wohl die Arnauten, die vor Angst nicht schlafen konnten. Das nächste, also das zweite Fenster gehörte zu dem Raume, in welchem Amad el Ghandur auf uns wartete.

Ich durchsuchte den schmalen Hofraum, ohne auf etwas Verdachterregendes zu stoßen, und fand auch die Thüre verschlossen, welche aus dem Gefängnisse in den Hof führte. Nun kehrte ich zu der Stelle der Mauer zurück, hinter welcher der Haddedihn stand.

»Mohammed!«

»Wie ist es?«

»Alles sicher. Kannst Du herüber?«

»Ja.«

»Aber leise!«

Er kam.

Wir huschten über den Hof hinüber und standen nun unter dem Fensterchen, welches ich beinahe mit der Hand erreichen konnte.

»Bücke Dich, Scheik, stütze Dich gegen die Wand und stemme die Hände auf die Kniee!«

Er that es, und ich stieg auf seinen Rücken, welcher jetzt eine beinahe wagrechte Lage angenommen hatte. Ich stand mit dem Gesicht grad vor dem Loche des Kerkers.

»Amad el Ghandur!« sprach ich in dasselbe hinein und hielt dann schnell das Ohr hin.

»Herr, bist Du es?« klang es hohl von unten herauf.

»Ja.«

»Ist mein Vater auch da?«

»Er ist hier. Er wird Dir Speise und Licht an einer Schnur herablassen und dann mit Dir sprechen. Warte; er wird gleich oben sein.«

Ich stieg von dem Rücken des Arabers herab.

»War ich schwer?«

»Lange ist es nicht auszuhalten, denn die Stellung ist zu unbequem.«

»So werden wir es jetzt anders machen, da Du jedenfalls nicht nur einen kurzen Augenblick mit Deinem Sohne reden willst: Du kniest auf meine Achseln; dann kann ich aufrecht stehen und es so lange aushalten, wie es Dir beliebt.«

»Hat er Dich gehört?«

»Ja. Er fragte nach Dir. Ich habe in der Tasche eine Schnur, an welcher Du das Packet hinablassen kannst.«

Die Schnur wurde befestigt; ich bildete mit auf dem Rücken gefalteten Händen einen Tritt, auf welchen er den Fuß setzen konnte, und er stieg auf. Nachdem ich meine Hände an seine Kniee gelegt hatte, so daß er nicht abrutschen konnte, kniete er auf meinen Achseln so sicher wie zur ebenen Erde. Er ließ das Päckchen hinab, und nun begann ein leises, aber desto eifrigeres Zwiegespräch, von dem ich nur den von Mohammed Emin gesprochenen Theil vernehmen konnte. Dazwischen hinein fragte mich der Scheik zuweilen, ob er mir nicht zu schwer werde. Er war ein langer, starker Mann, und deßhalb war es mir schon recht, als er nach ungefähr fünf Minuten zu Boden sprang.

»Emir, er muß heraus; ich kann es nicht erwarten.«

»Vor allen Dingen wollen wir gehen. Steig einstweilen voran; ich will dafür sorgen, daß man am Tage keine Fußspur findet.«

»Der Boden ist ja hart wie Stein!«

»Vorsicht ist besser als Nachlässigkeit.«

Er ging voran, und ich folgte bald nach. In kurzer Zeit waren wir auf demselben Wege, den wir gekommen waren, zurückgekehrt und befanden uns in dem Zimmer des Scheik.

Er wollte nun sogleich einen Plan zur Befreiung seines Sohnes mit mir berathen; ich aber empfahl ihm, darüber zu schlafen, und schlich mich auf mein Zimmer.

Am andern Morgen besuchte ich zunächst meine Patientin; sie hatte nichts mehr zu befürchten. Die Mutter war ganz allein bei ihr, wenigstens bekam ich weiter Niemand zu sehen. Sodann machte ich einen Gang durch und um die Stadt, um eine Stelle in der Mauer ausfindig zu machen, an der es möglich war, hinaus in das Freie zu gelangen, ohne das Thor passiren zu müssen. Es gab eine, aber sie war nicht für Pferde, sondern nur für Fußgänger zu passiren.

Als ich wieder nach Hause kam, hatte sich Selim Agha erst vom Lager erhoben.

|225A »Emir, jetzt ist es Tag,« meinte er.

»Bereits schon lange,« antwortete ich.

»O, ich meine, daß man nun besser als gestern über unsere Sache reden kann.«

»Unsere Sache?«

»Ja, unsere. Du bist ja auch dabei gewesen. Soll ich Anzeige machen oder nicht? Was meinst Du, Effendi?«

»Ich an Deiner Stelle würde es unterlassen.«

»Warum?«

»Weil es besser ist, es wird gar nicht davon gesprochen, daß Du während der Nacht im Gefängnisse gewesen bist. Deine Leute haben jedenfalls bemerkt, daß Dein Gang nicht ganz sicher war, und sie könnten dies bei ihrer Vernehmung mit in Erwähnung bringen.«

»Das ist wahr! Als ich vorhin erwachte, sah mein Anzug sehr schlimm aus, und ich habe lange reiben müssen, um den Schmutz wegzubringen. Ein Wunder, daß dies Mersinah nicht gesehen hat! Also Du meinst, ich soll die Anzeige unterlassen?«

»Ja. Du kannst ja den Leuten einen Verweis geben, und Deine Gnade wird sie blenden wie ein Sonnenstrahl.«

»Ja, Effendi, ich werde ihnen zunächst eine fürchterliche Rede halten!«

Seine Augen rollten wie das Luftrad einer Stubenventilation. Dann standen sie plötzlich still, und sein Gesicht nahm einen sehr sanftmüthigen Ausdruck an.

»Und dann werde ich sie begnadigen, wie ein Padischah, der das Leben und Eigenthum von Millionen Menschen zu verschenken hat.«

Er wollte gehen, blieb aber unter der Thüre halten; denn draußen war ein Reiter abgestiegen, und ich hörte eine bekannte Stimme fragen:

»Sallam, Herr! Bist Du vielleicht Selim Agha, der Befehlshaber der Albanesen?«

»Ja, der bin ich. Was willst Du?«

»Wohnt bei Dir ein Effendi, welcher Hadschi Emir Kara Ben Nemsi heißt, und zwei Effendi, einen Diener und einen Baschi-Bozuk bei sich hat?«

»Ja. Was soll er?«

»Erlaube, daß ich mit ihm spreche!«

»Hier steht er.«

Selim trat zur Seite, so daß der Mann mich sehen konnte. Es war kein Anderer, als Selek, der Dschesidi aus Baadri.

»Effendi,« rief er mit großer Freude, »erlaube, daß ich Dich begrüße!«

Wir reichten einander die Hände; dabei sah ich, daß er ein Pferd Ali Bey's ritt, welches dampfte. Er war jedenfalls sehr rasch geritten. Es war zu vermuthen, daß er mir eine Botschaft, und zwar eine sehr wichtige, zu überbringen hatte.

»Führe Dein Pferd in den Hof und komme dann herauf zu mir!« wies ich ihn an.

Als wir uns in meiner Stube und also allein befanden, griff er in den Gürtel und zog einen Brief hervor.

»Von wem?«

»Von Ali Bey.«

»Wer hat ihn geschrieben?«

»Mir Scheik Khan, der Oberste der Priester.«

»Wie hast Du meine Wohnung gefunden?«

»Ich frug gleich am Thore nach Dir.«

»Und woher weißt Du, daß zwei Effendi bei mir sind? Als ich bei Euch war, hatte ich nur Einen bei mir.«

»Ich erfuhr es in Spandareh.«

Ich öffnete den Brief. Er enthielt sehr Interessantes, einige gute Nachrichten, welche die Dschesidi betrafen, und eine schlimme, welche sich auf mich bezog.

»Was? Einen solchen Erfolg hat die Gesandtschaft Ali Bey's gehabt?« frug ich. »Der Anadoli Kasi Askerie [1) Oberrichter der asiatischen Türkei] ist mit ihr nach Mossul gekommen?«

»Ja, Herr. Er liebt unsern Mir Scheik Khan und hat eine strenge Untersuchung gehalten. Der Mutessarif wird weggenommen; an seine Stelle kommt ein Anderer.«

»Und der Makredsch von Mossul ist entflohen?«

|225B »So ist es. Er war an allen Fehlern Schuld, die der Mutessarif gemacht hat. Es haben sich sehr schlimme Dinge herausgestellt. Seit elf Monaten hat kein Unter-Gouverneur die nöthigen Gelder und kein Befehlshaber und kein Soldat seinen Sold erhalten. Die Demüthigung der Araber, welche die hohe Pforte anbefohlen hatte, blieb unterlassen, weil er alle Summen einsteckte, welche dazu erforderlich waren. Und so noch vieles Andere. Die Khawassen, welche den Makredsch gefangen nehmen sollten, sind zu spät gekommen; er war fort. Darum haben alle Beys und Kieijahs der Umgegend den Befehl erhalten, ihn festzunehmen, sobald er sich sehen läßt. Der Anadoli Kasi Askerie vermuthet, daß er nach Bagdad geflohen sei, weil er ein Freund des dortigen Weli [1) Vicekönig] gewesen ist.«

»Das ist wohl eine falsche Vermuthung! Der Flüchtling ist sicher in die Berge geflohen, wo er schwerer zu ergreifen ist, und wird lieber nach Persien als nach Bagdad gehen. Das Reisegeld kann er unterwegs sehr leicht erhalten. Er ist der Oberrichter sämtlicher Untergerichtshöfe, deren Gelder ihm zu Gebote stehen.«

»Du hast Recht, Effendi! Noch gestern abend haben wir erfahren, daß er am Morgen des vorigen Tages in Alkosch und am Abend bereits in Mungayschi gewesen ist. Es scheint, daß er nach Amadijah gehen wolle, aber auf einem Umwege, weil er die Ortschaften der Dschesidi fürchtet, die er überfallen hat.«

»Ali Bey vermuthet mit Recht, daß mir sein Eintreffen hier große Schwierigkeiten bereiten kann. Er wird mir sehr hinderlich sein, und ich kann leider nicht beweisen, daß er selbst ein Flüchtling ist.«

»O Emir, Ali Bey ist klug. Als er von dem Makredsch hörte, befahl er mir, sein bestes Pferd zu satteln und die ganze Nacht zu reiten, um noch vor dem Oberrichter hier einzutreffen, falls dieser wirklich die Absicht haben sollte, nach Amadijah zu kommen. Und als ich Baadri verließ, gab er mir zwei Schreiben mit, die er aus Mossul erhalten hat. Hier sind sie; Du sollst sehen, ob Du sie gebrauchen kannst.«

Ich öffnete sie und las. Das Eine war der Brief des Anadoli Kasi Askerie an Mir Scheik Khan, in welchem diesem die Absetzung des Mutessarif und des Makredsch mitgetheilt wurde. Das Andere enthielt die amtliche Weisung an Ali Bey, den Makredsch festzunehmen und nach Mossul zu transportiren, sobald er sich auf dessen Gebiete sehen lasse. Beide waren mit der Unterschrift und dem großen Siegel des Kasi Askerie versehen.

»Diese Papiere sind mir allerdings sehr wichtig. Wie lange kann ich sie behalten?«

»Sie sind ganz Dein.«

»Also vorgestern Abend ist der Makredsch in Mungayschi gewesen?«

»Ja.«

»So könnte er heute hier ankommen, und ich brauche diese Schreiben bloß für diesen Tag. Kannst Du so lange warten?«

»Ich warte so lange, wie Du befiehlst, Emir!«

»So gehe jetzt zwei Thüren weiter! Dort wirst Du Bekannte treffen, nämlich Hadschi Halef und den Buluk Emini.«

Die Nachricht, daß der Makredsch nach Amadijah kommen könne, hatte mich zunächst mit Besorgniß erfüllt; sobald ich mich aber in dem Besitze der beiden Schriftstücke sah, mußte diese Besorgniß schwinden, und ich konnte seinem Kommen mit Ruhe entgegensehen. Ja, ich glaubte bereits, daß die Kunde von der Absetzung des Mutessarif eine Freilassung des gefangenen Haddedihn zur Folge haben könne, kam aber von dem Gedanken zurück, als ich las, daß die Feindseligkeiten gegen die Araber nicht als eine Privatsache des Mutessarif, sondern auf Befehl der Pforte unternommen seien.

Am Nachmittage trat die >Myrte< in meine Stube.

»Effendi, willst Du mit in das Gefängniß?«

Das kam mir erwünscht, aber ich mußte doch erst mit Mohammed Emin reden. Darum sagte ich:

»Ich habe jetzt keine Zeit.«

»Du hast es mir aber doch versprochen und auch gesagt, daß Du den Gefangenen erlauben willst, Einiges von mir zu kaufen!«

|226A Der Rose von Amadijah schien sehr viel an dem Gewinne zu liegen, den dieser kleine Handel ihr jedenfalls einbrachte.

»Ich würde mein Wort halten; aber ich habe leider erst in einer Viertelstunde Zeit.«

»So warte ich, Emir! Aber wir können doch nicht mitsammen gehen!«

»Ist Selim Agha dabei?«

»Nein. Er hat jetzt Dienst bei dem Mutesselim.«

»So befiehl dem Sergeanten, daß er mir öffnen möge. In diesem Falle kannst Du bereits jetzt gehen, und ich werde nachkommen.«

Sie verschwand mit heiterem Angesichte. Sie schien es gar nicht der Mühe werth zu halten, daran zu denken, ob der Sergeant mir den Zutritt erlauben werde, da ich doch weder ein Recht dazu hatte, noch die Erlaubniß seines Vorgesetzten nachweisen konnte. Natürlich ging ich sofort zu Mohammed Emin und setzte ihn von meinem bevorstehenden Besuche im Gefängniß in Kenntniß. Ich empfahl ihm, zur Flucht bereit zu sein und zunächst für seinen Sohn durch Halef heimlich einen türkischen Anzug kaufen zu lassen. Dann brannte ich mir einen Tschibuk an und stieg mit gravitätischen Schritten durch die Gassen. Als ich das Gefängniß erblickte, sah ich die Thüre desselben offen. Der Sergeant stand unter derselben.

»Sallam!« grüßte ich kurz und würdevoll.

»Sallam aaleïkum!« antwortete er. »Allah segne Deinen Eintritt in dieses Haus, Emir! Ich habe Dir viel Dank zu sagen.«

Ich trat ein, und er verschloß die Thüre wieder.

»Dank?« frug ich nachlässig. »Wofür?«

»Selim Agha war hier. Er war sehr zornig. Er wollte uns peitschen lassen, aber endlich sagte er, daß wir Gnade finden sollen, weil Du für uns gebeten hast. Sei so gütig, mir zu folgen.«

Wir stiegen die Treppe empor, welche zu finden und zu passiren mir der Agha gestern so viel Mühe gemacht hatte. Auf dem Gange stand Mersinah mit einem blechernen Kessel, welcher eine Mehlbrühe enthielt, die ganz das Ansehen hatte, als ob sie aus dem Spülwasser ihrer Küche und Schlafstätte bestehe, und auf dem Boden lag das Brod, welches ihre zarten Hände gebacken hatten. Es war einst auch Mehlwasser gewesen, hatte aber durch Feuer und anhaftende Kohlenreste eine feste Gestalt bekommen. Neben ihr standen die Arnauten, mit leeren Gefäßen in den Händen, die von einem Scherbenhaufen aufgelesen zu sein schienen. Sie verbeugten sich bis zur Erde herab, blieben aber aus Ehrfurcht stumm.

»Emir, befiehlst Du, daß wir beginnen sollen?« frug die >Myrte<.

»Ja.«

Sofort wurde die erste Thüre geöffnet. Der Raum, in welchen ich blickte, war auch ein Loch, doch lag der Boden desselben mit dem Gange in gleicher Höhe. Ein Türke lag darin. Er erhob sich nicht und würdigte uns keines Blickes.

»Gib ihm zwei Portionen, denn es ist ein Osmanly!« befahl der Sergeant.

Der Mann erhielt zwei Schöpflöffel voll Brühe in einem größeren Napfe und ein Stück Brod dazu. In der nächsten Zelle lag wieder ein Türke, welcher die gleiche Portion erhielt. Der Insasse des dritten Loches war ein Kurde.

»Dieser Hund erhält nur eine Portion, denn er ist ein Mann aus Balahn [1) Ein Dorf der Kazikahnkurden]!«

Das war ja eine ganz allerliebste Einrichtung! Ich hätte den Kerl beohrfeigen mögen. Er führte dieses Prinzip während der ganzen Speisevertheilung durch. Als die oberen Gefangenen versorgt waren, stiegen wir hinab in den untern Gang.

»Wer befindet sich hier?« frug ich.

»Die Schlimmsten. Ein Araber, ein Jude und zwei Kurden von dem Stamme Bulamuh. Sprichst Du kurdisch, Emir?«

»Ja.«

»Du magst wohl nicht mit den Gefangenen sprechen?«

»Nein; denn sie sind es nicht werth!«

»Das ist wahr. Aber wir können nicht Kurdisch und auch nicht Arabisch, und diese Hunde haben doch stets etwas zu sagen.«

»So werde ich einmal mit ihnen reden.«

|226B Das war es ja, was ich so gern wollte; nur hatte ich nicht geglaubt, daß ich den Wächtern auch einen Gefallen erweisen werde.

Die Zelle des einen Kurden wurde geöffnet. Er hatte sich ganz vor gestellt. Der arme Teufel hatte jedenfalls Hunger; denn als er seinen Löffel Brühe erhielt, bat er, man möge ihm doch ein größeres Stück Brod geben, als gewöhnlich.

»Was will er?« frug der Sergeant.

»Etwas mehr Brod. Gib es ihm!«

»Er soll es haben, weil Du für ihn bittest.«

Nun kamen wir zum Juden. Ich schwieg, weil dieser türkisch reden konnte. Er hatte eine Menge Klagen vorzubringen, die von meinem Standpunkte aus alle sehr wohl begründet waren; aber er wurde nicht angehört.

Der zweite Kurde war ein alter Mann. Er bat nur, vor den Richter geführt zu werden. Der Sergeant versprach es ihm und lachte dabei.

Jetzt endlich wurde die letzte Zelle geöffnet. Amad el Ghandur hockte tief unten in der Ecke und schien sich nicht rühren zu wollen, aber als er mich erblickte, erhob er sich.

»Ist das der Araber?« frug ich.

»Ja.«

»Spricht er nicht türkisch?«

»Er redet gar nicht.«

»Nie?«

»Kein Wort. Deßhalb erhält er auch kein warmes Essen.«

»Soll ich einmal mit ihm reden?«

»Versuche es!«

Ich trat näher zu ihm heran und sagte:

»Sprich nicht mit mir!«

Er blieb in Folge dessen still.

»Siehst Du, daß er nicht antwortet!« meinte der Sergeant zornig. »Sage ihm, daß Du ein großer Emir bist, und dann wird er wohl reden!«

Nun wußte ich ja ganz genau, daß die Wächter wirklich nicht Arabisch verstanden; und wenn auch, der Dialekt der Haddedihn war ihnen fremd klingend.

»Halte Dich heute Abend bereit,« sagte ich zu Amad. »Vielleicht ist es mir heute möglich, wiederzukommen.«

Er stand stolz und aufrecht da, ohne eine Miene zu verziehen.

»Er redet auch jetzt noch nicht!« rief der Unteroffizier. »Nun soll er heute auch kein Brod bekommen, da er nicht einmal dem Effendi antwortet.«

Die Revision der Löcher war beendet. Nun führte man mich auch weiter in dem Gebäude herum. Ich ließ dies geschehen, obgleich es keinen Zweck hatte. Endlich waren wir fertig, und Mersinah sah mir mit fragender Miene in das Gesicht.

»Kannst Du den Gefangenen Kaffee kochen?« erkundigte ich mich bei ihr.

»Ja.«

»Und ihnen Brod dazu geben, eine sehr reichliche Portion?«

»Ja.«

»Wie viel kostet das?«

»Dreißig Piaster, Effendi.«

Also zwei Thaler ungefähr. Die Gefangenen erhielten wohl kaum für eine Mark davon. Ich zog das Geld heraus und gab es ihr.

»Hier. Aber ich wünsche, daß Alle davon erhalten.«

»Sie sollen Alle haben, Effendi.«

Ich gab der Alten und dem Sergeanten je fünfzehn und den Arnauten je zehn Piaster, ein Trinkgeld, wie sie es wohl nicht erwartet hatten. Daher erschöpften sie sich in außerordentlichen Danksagungen, und als ich das Haus verließ, executirten sie ihre Verbeugungen selbst dann noch, als ich bereits die Gasse erreicht hatte und sie nur noch meinen Rücken sehen konnten.

Heimgekommen, suchte ich Mohammed Emin auf. Ich traf Halef bei ihm, welcher den Anzug gebracht hatte. Dies war unbemerkt geschehen, weil ja weder der Agha noch Mersinah zu Hause war.

Ich beschrieb dem Haddedihn meinen Besuch.

»Also heute Abend!« meinte er erfreut.

»Wenn es möglich ist,« fügte ich hinzu.

»Aber wie willst Du es machen?«

»Ich werde, wenn nicht ein Zufall etwas Besseres bringt, von dem Agha den Schlüssel zu erhalten suchen und - - -«

|227A »Er wird Dir ihn nicht geben!«

»Ich nehme ihn! Dann warte ich, bis die Wächter schlafen und öffne Amad die Zelle.«

»Das ist zu gefährlich, Emir! Sie werden Dich hören.«

»Ich glaube dies nicht. Sie haben während der letzten Nacht nicht geschlafen und werden in Folge dessen müde sein. Sodann gab ich ihnen ein Bakschisch, das sie sicher nach und nach in Raki anlegen, und dieser wird ihre Schläfrigkeit befördern. Übrigens habe ich genau aufgepaßt und da bemerkt, daß das Schloß der Hausthüre sich lautlos öffnen läßt. Wenn ich einigermaßen vorsichtig bin, wird es gelingen.«

»Aber, wenn man Dich erwischt?«

»So habe ich doch keine Sorge. Den Wächtern gegenüber gibt es eine Ausrede, und träfen sie mich mit dem Gefangenen, nun, dann müßte eben gehandelt werden, und zwar schnell.«

»Wohin wirst Du Amad bringen?«

»Er wird sofort die Stadt verlassen.«

»Mit wem?«

»Mit Halef. Ich reite jetzt mit diesem aus, um in der Umgebung der Stadt einen Ort zu suchen, welcher ein Versteck bietet. Halef wird sich den Weg merken und Deinen Sohn hinführen.«

»Aber die Wachen am Thore?«

»Sie werden die Beiden nicht zu sehen bekommen. Ich kenne eine Stelle, an welcher man über die Mauer kommen kann.«

»Wir sollten gleich selbst mitgehen!«

»Wir bleiben noch wenigstens einen Tag, damit kein Verdacht auf uns fällt.«

»Aber Amad wird sich unterdessen in großer Gefahr befinden, denn man wird ihn in der ganzen Umgegend suchen.«

»Auch dafür ist gesorgt. Unfern des einen Thores bildet der Felsen von Amadijah einen Abgrund, in den wohl wenige Männer hinabzusteigen sich getrauen. Dorthin schaffen wir einige Fetzen seines alten Gewandes, welches wir zerreißen. Man wird das finden und dann annehmen, daß er bei seiner nächtlichen Flucht in die Schlucht gestürzt sei.«

»Wo kleidet er sich um?«

»Hier. Und der Bart muß ihm sofort abrasirt werden.«

»So soll ich ihn sehen! O, Emir, welche Freude!«

»Ich stelle aber die Bedingung, daß Ihr Euch still verhaltet.«

»Das werden wir ganz sicher. Aber unsere Wirthin wird ihn kommen sehen; denn sie ist stets in der offenen Küche.«

|227B »Das wirst Du verhindern. Halef wird Dich benachrichtigen, wenn Amad kommt. Dann gehst Du hinunter und verhinderst die Wirthin, ihn zu bemerken. Das ist nicht schwer, und unterdessen bringt ihn der Diener in Deine Stube, welche Du verschließest, bis ich heim komme.«

Ich hörte jetzt, daß Halef die Pferde herausschaffte, und ging. Draußen fand ich die Thüre des Engländers offen. Er winkte mich hinein und frug:

»Darf ich reden, Sir?«

»Ja.«

»Höre Pferde. Ausreiten? Wohin?«

»Vor die Stadt.«

»Well; werde mitreiten!«

»Ich beabsichtige einen Ritt in den Wald. Ihr würdet gezwungen sein, ein wenig mit durch die Büsche zu kriechen.«

»Werde kriechen!«

Er war schnell fertig. Sein Pferd wurde auch gesattelt, und bald ritten wir zum Thore hinaus, welches nach Asi und Mia führt. Es war so, wie mir der Kurde Dohub erzählt hatte. Der Pfad war so steil, daß wir die Pferde führen mußten. Am Thore hatte man uns übrigens nicht angehalten, da dort Arnauten die Wache hatten, die mich von der gestrigen Parade her kannten.

Unten im Thale angelangt, wären wir rechts an die Jilaks der Einwohner von Amadijah gekommen, welche sich in die Berge zurückgezogen hatten. Darum wandten wir uns nach links grad in den Wald hinein. Er war hier so licht, daß er uns am Reiten nicht verhinderte, und nach einer Viertelstunde erreichten wir eine Blöße, wo wir abstiegen, um uns auf dem Boden auszustrecken.

»Warum hierher führen?« frug Lindsay.

»Ich suche ein Versteck für Amad el Ghandur.«

»Ah! Bald frei?«

Ich theilte ihm meinen Plan mit.

»Prächtig!« meinte er. »Schöne Gefahr dabei! Erwischen! Boxen! Schießen! Well; werde mitbefreien!«

»O, Master, Ihr könnt mir nichts nützen!«

»Nicht? Warum? Schlage jeden nieder, der uns wehren will! Freier Englishman! Yes!«

»Na, wollen erst sehen! Hier links oben liegt die Stelle, an welcher man über die Mauer kommt. In der hiesigen Gegend also müssen wir uns ein Versteck suchen. Wollt Ihr mit suchen?«

»Sehr!«

|228A »So theilen wir uns. Ihr geht grad, und ich gehe mehr zur Seite. Wer einen guten Ort gefunden hat, der schießt sein Pistol los und wartet dort, bis der Andere kommt.«

Halef blieb bei den Pferden zurück, und wir gingen vorwärts. Der Wald wurde dichter, aber ich suchte wohl lange Zeit, ohne eine geeignete Stelle zu finden, welche wirkliche Sicherheit bot. Da hörte ich einen Schuß mir zur Linken. Ich schritt der Richtung entgegen, aus welcher der Knall gekommen war, und hörte bald einen zweiten Schuß ganz in meiner Nähe. Der Engländer stand bei einem Gestrüpp, aus welchem vier riesige Eichen emporragten. Er war barfuß und hatte sein Obergewand abgelegt. Auch der rothkarrirte Riesenturban lag am Boden.

»Habe zweimal geschossen. Konntet mich fehlen, weil der Schall im Wald täuscht. Versteck gefunden?«

»Nein.«

»Habe eins.«

»Wo?«

»Rathet! Werdet nicht errathen!«

»Wollen sehen!«

Er war barfuß und halb entkleidet; er hatte also eine Kletterpartie gemacht, und das Versteck mußte also auf einer der Eichen zu suchen sein. Aber diese waren so stark, daß man sie unmöglich erklettern konnte. Aber neben der einen ragte der schlanke Stamm einer Pinie in die Höhe und verschlang ihre doldenartige Krone mit den breitgreifenden Zweigen der Eiche. Ziemlich hoch oben lehnte sich der Stamm an einen starken Eichenast, so daß von der Pinie aus dieser leicht zu erreichen war, und oberhalb der Stelle, an welcher er am Stamme saß, sah ich ein Loch in der Eiche.

»Ich habe es, Sir!« meinte ich.

»Wo?«

»Dort oben. Der Stamm ist hohl.«

»Well; gefunden! War bereits oben.«

»Ihr klettert wohl gut?«

»Wie Eichhörnchen! Yes!«

»Aber jedenfalls ist der ganze Baum hohl!«

»Sehr!«

»Und wer da oben hineinkriecht, der fällt herab und kann nicht heraus.«

»Sehr! Kann gar nicht heraus.«

»Dann ist es ja mit dem Versteck nichts!«

»Versteck ist gut, sehr gut. Nur dafür sorgen, daß nicht herunterfällt.«

»Auf welche Weise?«

»Ah, Ihr wißt nicht? Hm, Master Lindsay gescheidter Kerl! Schönes Abenteuer! Prächtig! Möchte bezahlen, gut bezahlen! Knüppel abschneiden und in die Höhlung klemmen, quer herüber. Viel Moos hier. Dieses darauf legen. Dann kann nicht herunterfallen. Versteck fertig! Schönes Landhaus! Prachtvolle Villa!«

»Da hättet Ihr Recht! Wie groß ist dort der Durchmesser der Höhlung?«

»Vier Fuß ungefähr. Weiter nach unten noch mehr. Könnt Ihr klettern?«

»Ja. Ich werde mir diese Gelegenheit einmal ansehen.«

»Nicht ledig hinauf. Gleich Knüppel mitnehmen!«

»Das ist allerdings praktischer. Hier stehen genug eichene Stangen.«

»Aber wie hinaufbringen? Klettern und auch tragen? Geht nicht!«

»Ich habe meinen Lasso mit. Der hat mich auf allen meinen Reisen begleitet, denn so ein Riemen ist eine der nützlichsten Sachen.«

»Well; so schneiden wir!«

»Aber immer vorsichtig sein, Master! Zunächst wollen wir uns überzeugen, ob wir allein sind. Unsere englische Unterhaltung kann hier kein Mensch verstehen; sie hätte also unser Vorhaben nicht verrathen. Aber ehe wir handeln, müssen wir uns sicher stellen.«

»So sucht! Werde einstweilen Stangen machen.«

Ich ging den Umkreis ab und überzeugte mich, daß wir unbeobachtet waren; dann half ich dem Engländer, der ganz erpicht war, da oben eine Villa zu bauen. Wir schnitten ein Dutzend |228B etwas mehr als vier Fuß langer Stämmchen aus den Büschen, aber so, daß wir dabei jede Spur vermieden, und dann wand ich den Gürtelshwal von der Hüfte, unter welchem ich den Lasso um den Leib geschlungen trug. Bis zum ersten Ast der Pinie reichte er. Während der Engländer die Stämmchen zusammenlegte und mit dem einen Ende des achtfach zusammengeflochtenen, unzerreißbaren Riemens umwand, nahm ich das andere zwischen die Zähne und kletterte empor. Die hindernden Kleidungsstücke hatte ich natürlich abgelegt. Auf dem ersten Aste angekommen, zog ich das Bündel in die Höhe. Lindsay kam nachgeklettert, und so brachten wir die >Knüppel< bis vor die Öffnung, wo sie angebunden wurden. Ich untersuchte die Höhlung. Sie hatte die angegebene Weite, wurde nach unten immer größer und reichte bis zur Erde hinab.

Nun begannen wir, die Stämmchen einzuklemmen, um aus ihnen einen Fußboden zu bilden. Das mußte sehr sorgfältig geschehen, damit er ja nicht hinunterbrechen konnte. Mit Hilfe der Messer brachten wir es nach einiger Anstrengung fertig. Der Boden war fest und sicher.

»Nun Moos, Streu und Laub mit dem Lasso herauf!«

Wir kletterten bald wieder hinab und hatten bald so viel gesammelt, wie wir brauchten. Es wurde in meinen Haïk und das Überkleid Lindsay's geschlungen, und nach zweimaligem Auf- und Niederklettern war die Höhlung in ein Versteck umgewandelt, in welchem es sich ganz weich und sicher liegen ließ.

»Wacker gearbeitet,« meinte der Engländer, indem er sich den Schweiß von der Stirne wischte. »Amad wird gut wohnen. Nun noch Essen und Trinken, Pfeife und Tabak, so ist der Divan fertig!«

Wir kehrten jetzt zu Halef zurück, der bereits Sorge um uns hegte, weil wir so lange Zeit fortgeblieben waren.

»Master Lindsay, jetzt bleibt Ihr bei den Pferden zurück, denn ich muß nun zuvor auch unserem Hadschi Halef Omar das Versteck zeigen!« sagte ich.

»Well! Doch bald wiederkommen! Yes!«

»Kannst Du klettern?« frug ich Halef, als wir bei den Eichen angekommen waren.

»Ja, Sihdi. Ich habe ja von mancher Palme die Datteln herabgeholt. Warum?«

»Das ist ein ganz anderes Klettern. Hier gibt es einen glatten Stamm, der keine Stütze bietet, und auch kein Klettertuch, wie man es beim Ernten der Datteln in Anwendung bringt. Siehst Du das Loch an dem Stamme der Eiche, dort grad über dem Aste?«

»Ja, Sihdi.«

»Klettere einmal hinauf und siehe Dir es an! Du mußt hier an der Pinie empor und dann den Eichenast entlang.«

Er versuchte es, und siehe da, es ging recht leidlich.

»Effendi, das ist ja ein Kiosk,« meinte er, als er unten wieder anlangte. »Den habt Ihr wohl jetzt gebaut?«

»Ja. Weißt Du, wo das Fort von Amadijah liegt?«

»Hier links hinauf.«

»So höre, was ich Dir sage! Ich glaube heute Abend Amad el Ghandur aus dem Gefängnisse holen zu können. Er muß noch während der Nacht aus der Stadt gebracht werden, und das sollst Du thun.«

»Herr, die Wachen werden uns sehen!«

»Nein. Es gibt eine Stelle, an welcher die Mauer so beschädigt ist, daß Ihr sehr leicht unbemerkt in das Freie gelangen könnt. Ich werde Dir diese Stelle bei unserer Rückkehr zeigen. Nun aber handelt es sich darum, daß Ihr trotz der Nacht hier diesen Platz nicht verfehlt, denn das Loch da oben soll dem Haddedihn zum Verstecke dienen, bis wir ihn von hier abholen. Darum gehest Du von hier aus links hinauf, um den Weg, den Ihr heute Abend zu nehmen habt, richtig kennen zu lernen, und kehrst dann zu uns zurück. Präge Dir das Terrain gut ein. Wenn er sich in Sicherheit befindet, hast Du dafür zu sorgen, ungesehen wieder in unsere Wohnung zu gelangen; denn Niemand darf wissen, daß Einer von uns die Stadt verlassen hat.«

»Sihdi, ich danke Dir!«

»Wofür?«

»Dafür, daß Du mir erlaubst, wieder einmal auch selbst etwas zu thun; denn seit langer Zeit habe ich zusehen müssen.«

|229A Er ging, und ich kehrte zu Lindsay zurück, der lang ausgestreckt im Moose lag und gen Himmel blickte.

»Prachtvoll in Kurdistan! Fehlt nur an Ruinen!« sagte er.

»Ruinen gibt es hier genug, wenn auch keine tausendjährigen wie am Tigris. Vielleicht sind wir gezwungen, Gegenden aufzusuchen, in denen Ihr Euch von dem Vorhandensein von Ruinen überzeugen könnt. Aus den Thälern Kurdistan's ist der Qualm brennender Dörfer und der Geruch von Strömen vergossenen Blutes zum Himmel gestiegen. Wir befinden uns in einem Lande, in welchem Leben, Freiheit und Eigenthum mehr gefährdet sind, als in jedem anderen. Wünschen wir, daß wir uns nicht aus eigener Erfahrung davon überzeugen müssen!«

»Will mich aber davon überzeugen, Sir! Will Abenteuer haben! Möchte kämpfen, boxen, schießen! Werde bezahlen.«

»Dazu gibt es vielleicht auch ohne Bezahlung Gelegenheit, Sir; denn gleich hinter Amadijah hört das Gebiet der Türken auf, und es beginnen diejenigen Länder, welche von Kurden bewohnt werden, die der Pforte nur dem Namen nach unterworfen oder tributpflichtig sind. Dort gewähren uns unsere Pässe nicht die mindeste Sicherheit; ja, es kann sehr leicht der Fall sein, daß wir feindselig behandelt werden, grad deßhalb, weil wir die Empfehlung der Türken und der Consuln besitzen.«

»Dann nicht vorzeigen!«

»Allerdings. Diese halbwilden gewaltthätigen Horden macht man sich am besten geneigt, wenn man sich ihrer Gastfreundschaft mit Vertrauen überläßt. Ein Araber kann noch Hintergedanken haben, wenn er einen Fremden in sein Zelt aufnimmt; ein Kurde aber nie. Und sollte dies ja einmal der Fall sein, und sollte es keine andere Möglichkeit der Rettung geben, so begibt man sich in den Schutz der Frauen; dann ist man sicher geborgen.«

»Well, werde mich beschützen lassen von den Frauen! Prachtvoll! Sehr guter Gedanke, Master!«

Nach vielleicht einer Stunde kehrte Halef zurück. Er versicherte, das Versteck nun selbst bei Nacht ohne Irrung auffinden zu können, sobald es ihm nur erst gelungen sei, aus der Stadt zu kommen. Der Zweck unseres Spazierrittes war somit erreicht, und wir kehrten nach Amadijah zurück. Dort richtete ich es so ein, daß wir an der beschädigten Mauerstelle vorüberkamen.

»Das ist der Ort, den ich meine, Halef. Wenn Du nachher ausgehest, so magst Du diese Bresche einmal genau untersuchen, aber so, daß es nicht auffällt.«

»Das werde ich baldigst thun müssen, Sihdi,« antwortete er; »denn es wird sehr bald Abend werden.«

Der Tag war, als wir unsere Wohnung erreichten, allerdings schon weit vorgeschritten. Ich bekam keine Zeit, mich von dem Ritte auszuruhen, denn Selim Agha empfing mich an der Thüre:

»Hamdullillah, Allah sei Dank, daß Du endlich kommst!« meinte er. »Ich habe auf Dich mit Schmerzen gewartet.«

»Warum?«

»Der Mutesselim sendet mich, um Dich zu ihm zu bringen.«

»Was soll ich dort?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du vermuthest es auch nicht?«

»Du sollst mit einem Effendi reden, der vorhin ankam.«

»Wer ist es?«

»Der Mutesselim hat mir verboten, es Dir zu sagen.«

»Pah! Der Mutesselim kann mir nichts verheimlichen! Ich wußte längst, daß dieser Effendi kommen werde!«

»Du wußtest es? Aber es ist ja ein Geheimniß!«

»Ich werde Dir beweisen, daß ich dieses große Geheimniß kenne. Es ist der Makredsch von Mossul, der gekommen ist.«

»Wahrhaftig, Du weißt es!« rief er erstaunt. »Aber er ist nicht allein bei dem Mutesselim.«

»Wer ist noch da?«

»Ein Arnaute.«

Ah, ich ahnte, welcher es war, und sagte daher:

»Auch das weiß ich. Kennst Du den Mann?«

»Nein.«

»Er hat keine Waffen bei sich.«

»Allah akbar; das ist richtig! Effendi, Du weißt Alles.«

»Wenigstens siehst Du, daß der Mutesselim nicht der Mann ist, mir etwas zu verbergen.«

|229B »Aber, Herr, sie müssen bös von Dir gesprochen haben!«

»Warum?«

»Ich muß darüber schweigen.«

»Gut, Selim Agha, ich sehe nun, daß Du mein Freund bist und mich liebst!«

»Ja, ich liebe Dich, Emir; aber der Dienst erfordert, daß ich gehorche.«

»So sage ich Dir, daß ich Dir noch heute Befehle geben werde, denen Du grad so gehorchen wirst, als ob Du sie von dem Commandanten erhieltest! Seit wann ist der Makredsch hier?«

»Seit fast zwei Stunden.«

»Und so lange Zeit wartest Du bereits auf mich?«

»Nein. Der Makredsch kam allein, ganz heimlich und ohne alles Gefolge. Ich war grad beim Commandanten, als er eintrat. Er sagte, daß er heimlich komme, weil er in einer sehr wichtigen Sache reise, von welcher Niemand eine Ahnung haben dürfe. Sie unterhielten sich weiter, und da erwähnte der Commandant auch Dich und Deine Gefährten. Der Makredsch muß Dich kennen, denn er wurde sehr aufmerksam, und der Mutesselim mußte Dich ihm beschreiben. >Er ist's!< rief er dann und bat den Commandanten, mich hinauszuschicken. Nachher wurde ich gerufen und erhielt den Befehl, Dich zu holen und - - -«

»Nun, und - - -«

»Und - - Emir, es ist gewiß wahr, daß ich Dich lieb habe, und darum will ich es Dir sagen. Aber, wirst Du mich verrathen?«

»Nein. Ich verspreche es Dir!«

»Ich mußte mehrere Arnauten mitnehmen, um den Platz zu besetzen, daß Deine Gefährten sich nicht entfernen können. Und auch für Dich stehen im Palaste einige meiner Arnauten bereit. Ich soll Dich festnehmen und in das Gefängniß schaffen.«

»Ah, das ist ja sehr interessant, Selim Agha! So ist wohl bereits eines Deiner Löcher für mich in Bereitschaft gesetzt worden?«

»Ja. Du kommst neben den Araber zu liegen, und ich mußte einige Strohdecken hineinthun lassen; denn der Mutesselim sagte, Du seist ein Emir und solltest feiner behandelt werden, als die andern Spitzbuben!«

»Für diese Rücksicht bin ich ihm wirklich sehr großen Dank schuldig. Sollten meine Gefährten auch eingesteckt werden?«

»Ja, aber ich habe über sie noch keine weiteren Befehle.«

»Was sagt die >Myrte< dazu?«

»Ich habe es ihr gesagt. Sie sitzt in der Küche und weint sich die Augen aus.«

»Die Gute! Aber Du sprachst von einem Arnauten?«

»Ja. Er war da, noch ehe der Makredsch kam, und hat mit dem Mutesselim lange Zeit gesprochen. Dann wurde ich gerufen und gefragt.«

»Wornach?«

»Darnach, ob der schwarzrothe Effendi auch in der Wohnung kein Wort rede.«

»Was hast Du geantwortet?«

»Ich sagte die Wahrheit. Ich habe den Effendi noch keine Silbe reden hören.«

»So komm. Wir wollen gehen!«

»Herr, ich soll Dich bringen, das ist wahr; aber ich habe Dich lieb. Willst Du nicht lieber entfliehen?«

Dieser brave Arnaute war wirklich mein Freund.

»Nein, ich fliehe nicht, Agha; denn ich habe keine Veranlassung, mich vor dem Mutesselim oder dem Makredsch zu fürchten. Aber ich werde Dich bitten, außer mir noch Einen mitzunehmen.«

»Wen?«

»Den Boten, welcher zu mir gekommen ist.«

»Ich will ihn rufen; er ist im Hofe.«

Ich trat unterdessen in die Küche. Dort kauerte Mersinah am Boden und machte ein so trübseliges Gesicht, daß ich mich wirklich gerührt fühlte.

»O, da bist Du, Effendi!« rief sie aufspringend. »Eile, eile! Ich habe dem Agha befohlen, Dich entfliehen zu lassen.«

»Nimm meinen Dank dafür, Mersinah! Aber ich werde doch bleiben.«

»Sie werden Dich aber einsperren, Herr.«

|230A »Das wollen wir abwarten!«

»Wenn sie es thun, Effendi, so weine ich mich zu Tode und werde Dir die besten Suppen kochen, die es gibt. Du sollst nicht hungern!«

»Du wirst für mich nichts zu kochen haben, denn man wird mich nicht einstecken; das versichere ich Dir.«

»Emir, Du gibst mir das Leben wieder! Aber sie könnten es doch thun, und dann nehmen sie Dir Alles ab. Magst Du mir nicht Dein Geld zurücklassen und auch die andern Sachen, welche Dir theuer sind? Ich werde Dir Alles aufbewahren und kein Wort davon sagen.«

»Das glaube ich Dir, Du Schutz und Engel dieses Hauses; aber eine solche Vorsicht ist nicht nöthig.«

»So thue, was Dir gefällt! Gehe nun, und Allah sei bei Dir mit seinem Propheten, der Dich beschützen möge!«

Wir gingen. Als ich über den Platz schritt, bemerkte ich hinter den Thüren einiger Häuser die Arnauten stehen, von denen Selim gesprochen hatte. Es war also jedenfalls sehr ernstlich gemeint. Auch vor dem Palaste, im Flur und auf der Treppe desselben, sogar im Vorzimmer standen Soldaten. Ich wäre doch beinahe besorgt geworden.

Der Commandant befand sich nicht allein in seinem Raume; die zwei Lieutenants saßen am Eingange, und auch Selim Agha zog sich nicht wieder zurück, sondern ließ sich nieder.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich so unbefangen wie möglich, trotzdem ich mich in der Falle befand.

»Aaleïkum!« antwortete der Commandant zurückhaltend und zeigte dabei auf einen Teppich, welcher seitwärts in seiner Nähe lag.

Ich that, als ob ich diesen Wink nicht gesehen oder nicht verstanden habe, und ließ mich an seiner Seite nieder, wo ich ja früher schon gesessen hatte.

»Ich sandte nach Dir,« begann er, »aber Du kamst nicht. Wo bist Du gewesen, Effendi?«

»Ich ritt spazieren.«

»Wohin?«

»Vor die Stadt.«

»Was wolltest Du da?«

»Mein Pferd ausreiten. Du weißt, ein edles Roß muß gepflegt werden.«

»Wer war dabei?«

»Hadschi Lindsay-Bey.«

»Der das Gelübde gethan hat, nicht zu sprechen?«

»Derselbe.«

»Ich habe vernommen, daß er dieses Gelübde nicht sehr streng hält.«

»So!«

»Er redet.«

»So!«

»Auch mit Dir.«

»So!«

»Ich weiß das gewiß.«

»So!«

Dieses »So!« brachte den guten Mann einigermaßen in Verlegenheit.

»Du mußt dies doch auch wissen!« meinte er.

»Wer hat Dir gesagt, daß er spricht?«

»Einer, der ihn gehört hat.«

»Wer ist es?«

»Ein Arnaute, der heute kam, um Euch anzuklagen.«

»Was thatest Du?«

»Ich sandte nach Dir.«

»Warum?«

»Um Dich zu vernehmen.«

»Allah illa Allah! Also auf die Anklage eines schurkischen Arnauten hin sendest Du zu mir, um mich, den Emir und Effendi, wie einen eben solchen Schurken zu behandeln! Mutesselim, Allah segne Deine Weisheit, damit sie Dir nicht abhanden komme!«

»Effendi, bitte Gott um Deiner eigenen Weisheit willen, denn Du wirst sie brauchen können!«

»Das klingt fast wie eine Drohung!«

»Und Dein Wort klang wie eine Beleidigung!«

|230B »Nachdem Du mich beleidigst hast. Laß Dir etwas sagen, Mutesselim. Hier in dieser Drehpistole sind sechs Schüsse und in dieser andern ebenso viele. Rede, was Du mit mir zu reden hast; aber bedenke, daß ein Emir aus Germanistan kein Arnaute ist und sich auch nicht mit einem solchen vergleichen läßt! Wenn mein Gefährte sein Gelübde nicht hält, was geht es einen Arnauten an? Wo ist dieser Mann?«

»Er steht in meinem Dienst.«

»Seit wann?«

»Seit lange.«

»Mutesselim, Du sprichst die Unwahrheit! Dieser Arnaute stand gestern noch nicht in Deinem Dienste. Er ist ein Mann, von dem ich Dir noch mehr erzählen werde. Wenn Hadschi Lindsay-Bey spricht, so hat er dies mit seinem Gewissen abzumachen, aber einen Andern geht dies gar nichts an!«

»Du hättest Recht, wenn ich von ihm allein nur dieses wüßte.«

»Was gibt es noch?«

»Er ist der Freund eines Mannes, der mir sehr verdächtig ist.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Du selbst bist es!«

Ich that sehr erstaunt.

»Ich! Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird auch Dir barmherzig sein!«

»Du hast zu mir von dem Mutessarif gesprochen und gesagt, daß er Dein Freund sei.«

»Ich sagte die Wahrheit.«

»Es ist nicht wahr!«

»Was! Du zeihst mich der Lüge! So kann meines Bleibens hier nicht länger sein. Ich werde Dir Gelegenheit geben, diese Beleidigung zu vertreten.«

Ich erhob mich und that, als ob ich das Selamlük verlassen wollte.

»Halt,« rief der Commandant. »Du bleibst!«

Ich drehte mich zu ihm um.

»Du befiehlst es mir?«

»Ja.«

»Hast Du mir zu befehlen?«

»Hier stehest Du unter mir, und wenn ich Dir gebiete, zu bleiben, so wirst Du gehorchen!«

»Und wenn ich nicht bleibe?«

»So zwinge ich Dich! Du bist mein Gefangener!«

Die beiden Lieutenants erhoben sich; auch Selim Agha that dies, aber sehr langsam und ungern, wie ich bemerken mußte.

»Dein Gefangener? Was fällt Dir ein? Sallam!«

Ich wandte mich wieder nach der Thüre.

»Haltet ihn!« gebot er.

Die beiden Lieutenants ergriffen mich, Einer hüben und der Andere drüben. Ich blieb stehen und lachte erst dem Rechten und dann dem Linken in das Angesicht; dann flogen sie, Einer hinter dem Andern, über den Raum hinweg und stürzten vor dem Mutesselim zur Erde.

»Da hast Du sie, Mutesselim. Hebe sie auf! Ich sage Dir, daß ich gehen werde, wenn es mir beliebt, und keiner Deiner Arnauten soll mich halten! Aber ich werde bleiben, denn ich habe noch mit Dir zu sprechen. Dies thue ich aber nur, um Dir zu beweisen, daß kein Nemtsche einen Türken fürchtet. Frage also weiter, was Du zu fragen hast!«

Dem guten Manne war ein solcher Widerstand gar niemals vorgekommen; er war gewohnt, daß ein Jeder sich tief vor ihm beugen müsse, und schien jetzt gar nicht so recht zu wissen, was er thun solle.

»Ich sagte,« begann er endlich wieder, »daß Du kein Freund des Mutessarif seist.«

»Du hast doch seinen Brief gelesen.«

»Und Du hast gegen ihn gekämpft!«

»Wo?«

»In Scheik Adi!«

»Beweise es!«

»Ich habe einen Zeugen.«

»Laß ihn kommen!«

»Ich werde Dir diesen Wunsch erfüllen.«

|231A Auf einen Wink des Mutesselim verließ der Agha das Zimmer.

In einigen Augenblicken kehrte er mit - dem Makredsch von Mossul zurück. Dieser würdigte mich keines Blickes, schritt an mir vorüber zu dem Commandanten, ließ sich an derselben Stelle nieder, an welcher ich vorher gesessen hatte, und griff zu dem Schlauche der Wasserpfeife, welche dort stand.

»Ist dies der Mann, von dem Du erzähltest, Effendi?« frug ihn der Commandant.

Er warf einen halben, verächtlichen Blick auf mich.

»Er ist es.«

»Siehst Du?« wandte sich der Commandant zu mir. »Der Makredsch von Mossul, den Du ja kennen wirst, ist Zeuge, daß Du gegen den Mutessarif kämpftest.«

»Er ist ein Lügner!«

Da erhob der Richter die Augen voll zu mir.

»Wurm!« zischte er.

»Du wirst diesen Wurm bald kennen lernen!« antwortete ich ruhig. »Ich wiederhole es: Du bist ein Lügner, denn Du hast nicht gesehen, daß ich gegen die Truppen des Mutessarif die Waffen gezogen habe!«

»So sahen es Andere!«

»Aber Du nicht! Und der Commandant sagte doch, daß Du selbst es gesehen haben willst. Nenne Deine Zeugen!«

»Die Topdschis [1) Kanoniere] haben es erzählt.«

»So haben auch sie gelogen. Ich habe nicht mit ihnen gekämpft; es ist kein Tropfen Blutes geflossen. Sie haben sich und ihre Geschütze ohne alle Gegenwehr ergeben. Und dann, als Ihr in Scheik Adi eingeschlossen wurdet, habe ich den Bey zur Güte und Nachsicht gemahnt, so daß Ihr es nur mir zu verdanken habt, daß Ihr nicht sammt und sonders niedergeschossen wurdet. Willst Du daraus den Beweis ziehen, daß ich ein Feind des Mutessarif sei?«

|231B »Du hast die Geschütze überfallen und weggenommen!«

»Das gestehe ich sehr gern ein.«

»Aber Du wirst Dich dafür in Mossul verantworten.«

»Oh!«

»Ja. Der Mutesselim wird Dich gefangen nehmen und nach Mossul schicken, Dich und Alle, welche bei Dir sind. Es gibt nur ein einziges Mittel, Dich und sie zu retten.«

»Welches?«

Er gab einen Wink, und die drei Offiziere traten ab.

»Du bist ein Emir aus Frankistan, denn die Nemsi sind Franken,« begann nun der Makredsch. »Ich weiß, daß Du unter dem Schutze ihrer Consuln stehst, und daß wir Dich also nicht tödten dürfen. Aber Du hast ein Verbrechen begangen, auf welchem die Strafe des Todes steht. Wir müssen Dich über Mossul nach Stambul senden, wo Du dann allerdings ganz gewiß die Strafe erleiden wirst.«

Er machte eine Pause. Es schien ihm nicht leicht zu werden, jetzt die richtige Wendung zu finden.

»Weiter!« meinte ich.

»Nun bist Du aber ein Schützling des Mutessarif gewesen; auch der Mutesselim hat Dich freundlich aufgenommen, und so wollen diese Beiden nicht, daß Dir ein so trauriges Loos bereitet werde.«

»Allah denke ihrer dafür in ihrer letzten Stunde!«

»Ja! Darum ist es möglich, daß wir von einer Verfolgung dieser Sache absehen, wenn - - -«

»Nun, wenn?«

»Wenn Du uns sagst, wie viel das Leben eines Emirs aus Germanistan werth ist.«

»Es ist gar nichts werth.«

»Nichts? Du scherzest!«

»Ich rede im Ernste. Gar nichts ist es werth.«

»In wiefern?«

»Weil Allah auch einen Emir zu jeder Minute zu sich fordern kann.«

|232A »Du hast recht; das Leben steht in Allah's Hand; aber es ist ein Gut, welches man beschützen und erhalten soll!«

»Du scheinst kein guter Moslem zu sein, denn sonst würdest Du wissen, daß die Wege des Menschen im Buche verzeichnet stehen «

»Und dennoch kann der Mensch sein Leben wegwerfen, wenn er diesem Buche nicht gehorcht. Willst Du dieses thun?«

»Nun gut, Makredsch. Wie hoch würdest Du Dein eignes Leben schätzen?«

»Wenigstens zehntausend Piaster.«

»So ist das Leben eines Nemtsche grad zehntausendmal mehr werth, nämlich hundert Millionen Piaster. Wie kommt es, daß ein Türke so sehr tief im Preise steht?«

Er blickte mich verwundert an.

»Bist Du ein so reicher Emir?«

»Ja, da ich ein so theures Leben besitze.«

»So meine ich, daß Du hier in Amadijah Dein Leben auf zwanzigtausend Piaster schätzen wirst.«

»Natürlich!«

»Und das Deines Hadschi Lindsay-Bey ebenso hoch.«

»Ich stimme bei.«

»Und zehntausend für den Dritten.«

»Ist nicht zu viel.«

»Und Dein Diener?«

»Er ist zwar ein Araber, aber ein tapferer und treuer Mann, der ebensoviel werth ist, wie jeder Andere.«

»So meinst Du, daß auch er zehntausend kostet?«

»Ja.«

»Hast Du die Summe berechnet?«

»Sechzigtausend Piaster. Nicht?«

»Ja. Habt Ihr so viel Geld bei Euch?«

»Wir sind sehr reich, Effendi.«

»Wann wollt Ihr bezahlen?«

»Gar nicht!«

Es war wirklich spaßig zu sehen, mit welchen Gesichtern die beiden Männer erst mich und dann sich ansahen. Dann frug der Makredsch:

»Wie meinst Du das, Effendi?«

»Ich meine, daß ich aus einem Lande stamme, in welchem Gerechtigkeit herrscht. Bei den Nemsi ist der Bettler ebenso viel werth vor dem Richter wie der König. Und wenn der Padischah der Nemsi sündigt, so wird er von dem Gesetze bestraft. Keiner kann sein Leben erkaufen, denn es gibt keinen Richter, der ein Schurke ist. Die Osmanly aber haben kein anderes Gesetz als ihren Geldbeutel, und darum schachern sie mit der Gerechtigkeit. Ich kann mein Leben nicht bezahlen, wenn ich verdient habe, daß es mir genommen wird.«

»So wirst Du es verlieren!«

»Das glaube ich nicht. Ein Nemtsche treibt keinen Handel mit seinem Leben, aber er weiß es zu vertheidigen.«

»Effendi, die Vertheidigung ist Dir unmöglich!«

»Warum?«

»Deine Schuld ist erwiesen, und Du hast sie auch bereits eingestanden.«

»Das ist nicht wahr. Ich habe keine Schuld eingestanden, sondern ich habe nur zugegeben, daß ich Euch die Kanonen fortgenommen habe. Und das ist eine That, die keine Strafe erhalten wird.«

»Das meinst Du nur. Du weigerst Dich also, auf unsern Vorschlag der Güte und des Erbarmens einzugehen?«

»Ich brauche kein Erbarmen.«

»So müssen wir Dich festnehmen.«

»Versucht es!«

Auch der Commandant richtete eine wohlgemeinte Vorstellung an mich; da ich aber nicht auf dieselbe hörte, so klatschte er in die Hände, und die drei Offiziere erschienen wieder.

»Führt ihn ab!« gebot er ihnen. »Ich hoffe, Effendi, daß Du Dich nicht weigern wirst, mit ihnen zu gehen. Draußen stehen genug Leute, um jeden Widerstand zu überwinden. Du sollst es während Deiner Haft hier gut haben und - - -«

»Schweige, Mutesselim!« unterbrach ich ihn. »Ich möchte den Mann hier sehen, der das Zeug hätte, mich zu überwältigen. |232B Euch fünf thut ein Nemtsche in drei Sekunden ab, und Deine fieberkranken Arnauten reißen vor meinem Blick aus; darauf kannst Du Dich verlassen! Daß ich es gut haben würde als Gefangener, versteht sich ganz von selbst; das gebietet Euch ja Euer eignes Interesse. Nach Mossul werde ich nicht geschickt, denn das kann dem Makredsch nichts nützen; er will bloß, daß ich mich loskaufe, denn er braucht Geld, um über die Grenze zu kommen.«

»Über die Grenze?« frug der Mutesselim. »Wie soll ich Deine Worte verstehen?«

»Frage ihn selbst!«

Er blickte den Makredsch an, der sich plötzlich verfärbte.

»Was meint er?« frug er ihn.

»Ich verstehe ihn nicht!«

»Er versteht mich nur zu gut,« entgegnete ich. »Mutesselim, Du hast mich beleidigt; Du willst mich gefangen nehmen; Du hast mir einen Antrag gemacht, der sehr schwere Folgen für Dich hätte, wenn ich davon sprechen wollte. Ihr Beide habt mich bedroht; aber jetzt werde ich die Waffe selbst auch in die Hand nehmen, nachdem ich gesehen habe, wie weit Ihr zu gehen wagt. Weißt Du, wer dieser Mann ist?«

»Der Makredsch von Mossul.«

»Du irrst. Er ist es nicht mehr; er ist abgesetzt.«

»Abgesetzt!« rief er.

»Mensch!« rief dagegen der Makredsch. »Ich erwürge Dich.«

»Abgesetzt!« rief der Commandant noch einmal, halb erschrocken und halb fragend.

»Ja. Selim Agha, ich sagte Dir vorhin, daß ich Dir heute einen Befehl geben werde, dem Du Gehorsam leisten wirst. Jetzt sollst Du ihn hören: Nimm den Mann dort gefangen und stecke ihn in das Loch, in welches ich kommen sollte! Er wird dann nach Mossul geschafft.«

Der gute Agha staunte erst mich an und dann die beiden Andern; aber er rührte natürlich keinen Fuß, um meinen Worten nachzukommen.

»Er ist wahnsinnig,« meinte der Makredsch, indem er sich erhob.

»Du selbst mußt es sein, da Du es wagst, nach Amadijah zu kommen. Warum bist Du nicht den geraden Weg, sondern über Mungayschi geritten? Du siehst, daß ich Alles weiß. Hier, Mutesselim, hast Du den Beweis, daß ich das Recht habe, seine Gefangennehmung zu verlangen!«

Ich übergab ihm dasjenige Schreiben, welches an Ali Bey gerichtet war. Er blickte zunächst nach der Unterschrift.

»Vom Anatoli Kasi Askeri?«

»Ja. Er ist in Mossul und verlangt die Auslieferung dieses Mannes. Lies!«

»Es ist wahr!« staunte er. »Aber was thut der Mutessarif?«

»Er ist auch abgesetzt. Lies auch dieses andere Schreiben!«

Ich übergab es ihm, und er las es.

»Allah kerihm, Gott sei uns gnädig! Es gehen große Dinge vor!«

»Sie gehen allerdings vor. Der Mutessarif ist abgesetzt, der Makredsch ebenso. Willst auch Du abgesetzt sein?«

»Herr, Du bist ein geheimer Abgesandter des Anatoli Kasi Askeri oder gar des Padischah!«

»Wer ich bin, das kommt hier nicht in Betracht; aber Du siehst, daß ich Alles weiß, und ich erwarte, daß Du Deine Pflicht erfüllst.«

»Effendi, ich werde sie thun. Makredsch, ich kann nicht anders; hier steht es geschrieben; ich muß Dich gefangen nehmen!«

»Thue es!« antwortete dieser.

Ein Dolch blitzte in seiner Hand, und im Nu war er durch das Zimmer hinweg, auch an mir vorüber und zur Thüre hinaus. Wir eilten nach und kamen grad recht, zu sehen, daß er draußen zu Boden gerissen wurde. Selek, der mich begleitet hatte, war es, der auf ihm kniete und ihm den Dolch zu entringen versuchte. Ein Entkommen war nun allerdings unmöglich. Er wurde entwaffnet und wieder in das Selamlük zurückgebracht.

»Wer ist dieser Mann?« frug der Commandant, auf Selek deutend.

»Es ist der Bote, den mir Ali Bey von Baadri gesandt hat. Er kehrt wieder dorthin zurück, und Du magst ihm erlauben, den Transport zu begleiten. Dann sind wir sicher, daß der |233A Makredsch nicht entkommen wird. Aber ich werde Dir noch einen Gefangenen übergeben.«

»Wen, Herr?«

»Laß nur den Arnauten kommen, der mich angeklagt hat!«

»Holt ihn!« gebot er.

Einer der Lieutenants ging und brachte den Mann, der eine Wendung der Dinge zu seinen Ungunsten nicht vermuthete.

»Frage ihn einmal,« sagte ich, »wo er seine Waffen hat!«

»Wo hast Du sie?«

»Sie wurden mir genommen.«

»Wo?«

»Im Schlafe.«

»Er lügt, Mutesselim! Dieser Mann war dem Hadschi Lindsay-Bey von dem Mutessarif mitgegeben worden; er hat auf mich geschossen und entfloh; dann unterwegs lauerte er uns auf und gab aus dem Dickicht des Waldes noch zwei Kugeln auf mich ab, die aber nicht trafen. Mein Hund hielt ihn fest, aber ich ließ Gnade walten, vergab ihm und ließ ihn entkommen. Wir nahmen ihm dabei die Waffen ab, welche mein Khawaß noch besitzt. Soll ich die Zeugen, daß ich die Wahrheit rede, kommen lassen?«

»Herr, ich glaube Dir! Nehmt diesen Hund gefangen und schafft ihn in das sicherste Loch, welches sich in dem Gefängnisse befindet!«

»Herr, befiehlst Du mir, den Makredsch gleich mitzunehmen?« frug Selim Agha den Commandanten.

»Ja.«

»Mutesselim, laß ihn zuvor binden,« erinnerte ich. »Er hat einen Fluchtversuch gemacht und wird ihn wiederholen.«

»Bindet ihn!«

Sie wurden alle Beide abgeführt, und ich blieb mit dem Commandanten allein zurück. Dieser war von dem Ereignisse so angegriffen, daß er sich müde auf den Teppich fallen ließ.

»Wer hätte das gedacht!«

»Du allerdings nicht, Mutesselim!«

»Herr, verzeihe mir! Ich wußte ja von diesen Dingen nichts.«

»Gewiß hat der Arnaute den Makredsch vorher getroffen und sich mit ihm verständigt, sonst hätte er es nicht gewagt, gegen uns aufzutreten, da wir doch Grund hatten, ihn bestrafen zu lassen.«

»Er soll auf keinen Menschen wieder schießen! Erlaube, daß ich Dir eine Pfeife reiche!«

Er li