Fotos zwischen Seite 160 und 161:

Karl May und Richard Ploehn in Port Said (68 Kb-Jpg)

Karl May in Heluan (45 Kb-Jpg)


//165//

HANS WOLLSCHLÄGER / EKKEHARD BARTSCH

Karl Mays Orientreise 1899/1900

Dokumentation



Die große Reise in den Orient, die Karl May mit 57 Jahren unternahm, auf dem Höhepunkt seines Ruhms und seines Wohlstandes, wurde zum Schlüssel-Erlebnis seines Alters. Das ist der früheren biographischen Forschung zwar nicht ganz unsichtbar geblieben; ihrer dokumentarischen Erhellung aber wurde nie die Sorgfalt gewidmet, die ihr gebührt. Was kurz nach Mays Tod noch leicht hätte geleistet werden können, ist heute naturgemäß wesentlich erschwert; ganz lückenlos wird sich die Reise nie mehr rekonstruieren lassen. Trotzdem, ja gerade deshalb, erscheint es wichtig, einmal alle noch vorhandenen Unterlagen zusammenzustellen und damit ein konkretes Grundgerüst zu schaffen, von dem die künftige Interpretation ausgehen kann.

Hauptquelle für die exakte Datenfolge sind, neben den erhaltenen Hotelquittungen, die beiden »Reisetagebücher« Karl Mays (abgekürzt RT). Das erste besteht aus einem kleinen Kalendarium für das Jahr 1899 und enthält knappe, stichwortartige Eintragungen; über die Geschichte des zweiten, das - bis auf einige Fragmente - nur in einer Teilabschrift Klara Mays erhalten blieb und vom Karl-May-Verlag in einer subjektiven Bearbeitung veröffentlicht wurde (Ges. Werke Bd. 49), wird in anderem Zusammenhang später noch berichtet werden. Ergänzende Hilfe leisteten die von May benutzten Reiseführer von Baedeker und Meyer, die zahlreiche Anstreichungen aufweisen.Der Fülle der von May versandten Ansichtspostkarten entspricht leider ihre Ergiebigkeit nur selten: sie enthalten bei den verschiedenen Adressaten naturgemäß oft identische Texte und bleiben zumeist auf Grußzeilen beschränkt; fast nirgends spiegelt sich in ihnen etwas vom wirklichen Erlebnis der Reise wider. Die exotischen Motive der Karten waren eine Sammler-Rarität; das vor allem bewog May, seine Freunde so reich damit zu bedenken.


//166//

Für unsere Dokumentation lieferten diese Unterlagen praktisch nur Datenbelege; es wäre absurd gewesen, die zahllosen, nur wenig variierten Grußzeilen sämtlich mit aufzuführen, und nur wo sie auf eine konkrete Reisestation Bezug nehmen, erscheinen sie mit im Text. Dies gilt auch für die Kartenserien, die May für seine eigene Sammlung an seine Frau Emma sandte: sie enthalten nur wenige, häufig recht banale Grußworte und oft überhaupt keinen Text. Dieser Umstand macht den Verlust der ausführlichen Briefberichte nach Hause besonders schmerzlich. Von ihnen sind nur allerkleinste Fragmente erhalten; nur ein Verzeichnis der später noch vorgefundenen Briefumschläge läßt den ursprünglichen Umfang erkennen:

1899: 10. 4. aus Suez an Plöhns; 13. 4. aus Ismailija an Emma; 11. 5. aus Kairo an Plöhns; 20. 5. aus Kairo an Emma; 21. 5. aus Kairo an Emma; 10. 6. aus Assuan an Emma; 11. 6. aus Assuan an Plöhns; 20. 6. aus Kairo an Plöhns; 25. 6. aus Port Said an Emma; 1. 7. aus Beirut an Emma; 10. 7. aus Beirut an Emma; 17. 7. aus (unleserlich) an Emma; 28. 7. aus Jaffa an Plöhns; 9. 8. aus Jerusalem an Plöhns; 9. 8. aus Jerusalem an Emma; 11. 8. aus Jerusalem an Plöhns; 18. 8. aus Jerusalem an Beibler; 1. 9. aus Jaffa an Plöhns; 2. 9. aus Jaffa an Plöhns; 22. 9. aus Massaua an Emma; 26.10. aus Colombo an Emma; 4. 11. aus Penang an Emma; 17. 11. aus Padang an Plöhns.

Mit diesen Briefen fehlen vom ersten Abschnitt der Reise fast alle Schilderungen der besichtigten Stätten und ihrer Eindrücke, die sie mutmaßlich auch enthielten. Um diese Lücke zu schließen, wurden für die Dokumentation erweiternd diejenigen Werke Mays beigezogen, die unmittelbar aus den Erlebnissen der Reise inspiriert wurden, also die Bände XXVIII - XXX der »Gesammelten Reiseerzählungen« sowie die Novelle »Schamah«. Die betreffenden Stellen, die das Selbsterlebte im Rahmen der Fabel augenfällig betonen und ihre Verwendung somit selbst legitimieren, wurden nach Ermessen den Daten zugeordnet, die am wahrscheinlichsten ihren Erlebnis-Ursprung darstellten; natürlich sind sie nicht Niederschriften dieser Tage wie alle sonst zitierten Dokumente. Zu diesen letzteren, unmittelbaren Zeugnissen des Reise-Erlebnisses gehören, so unsichtbar der Zusammenhang meist auch ist, die zahlreichen Aphorismen und Gedichte, von denen May nach Rückkehr einen Teil zu dem Band »Himmelsgedanken« (HG) zusammenfaßte. Man darf annehmen, daß fast alle diese Gedichte und Gedanken während der Reise niedergeschrieben wurden; der Exaktheit zuliebe wurden in die Dokumentation jedoch nur Hinweise auf diejenigen Texte auf-


//167//

genommen, die im erhalten gebliebenen Erst-Manuskript genau datiert sind.

Hingewiesen sei schließlich noch auf den Umstand, daß die Daten des in früheren Auflagen von Band 34 »Ich« (1. - 26. Auflage) mit Übersetzung wiedergegebenen Reisepasses sämtlich falsch sind; die Gründe hierfür können später einmal an anderer Stelle erörtert werden, - hier genüge die Feststellung, daß die Paßdaten keinen Einwand gegen unsere mehrfach abgesicherte Datierung bilden.

26. März 1899. Dresden früh 8.50 ab, Frankfurt abends 8.20 an (mit Emma und Klara) sowie Richard Plöhn (RT).

27. März 1899. Frankfurt. Hôtel Continental. (RT)

28. März 1899. Frankfurt. Palmengarten. (RT)

29. März 1899. 9.45 ab nach Freiburg. Abends bei Fehsenfelds. (RT)

30. März 1899. Freiburg. 4-spännige Ausfahrt (RT) mit Fehsenfeld. Das war ein schöner Tag! Wir sind Ihnen überhaupt so herzlich dankbar für Ihre liebe Gastlichkeit ... (an Fehsenfeld, Kairo, 22. 4. 99)

31. März 1899. Ab nach Lugano. (RT)

1. April 1899. Lugano.

2. April 1899. Lugano. 1.20 ab nach Genua über Como, Mailand, Pavia. Sitze allein. (RT)

3. April 1899. Genua. Ausflug nach Arenzano.

4. April 1899. Von Genua ab (RT) mit der »Preußen« vom Norddeutschen Lloyd. Abschied von Emma und Plöhns. Das war in Genua für mich ein böses Scheiden. Ich habe an derselben Stelle gestanden, bis nach 2 Stunden das Land ganz verschwunden war. Diese herrliche, unvergleichliche Reisewoche hat es mir noch heut angethan! (an Emma, Kairo, 25. 4. 99)

5. April 1899. Auf der »Preußen«. Station in Rom. - Emma und Plöhns fahren weiter »nach Nizza (ungefähr 14 Tage) und darauf über Marseille und Lyon nach Paris. In Paris haben wir uns auch ungefähr 14 Tage aufgehalten. Von Paris sind Plöhns mit mir über Straßburg nach Radebeul gefahren. Ich bin noch einige Zeit nach Deidesheim gefahren«. (Emma in einem Protokoll des KLG Dresden. 13. 12.1907: Lebius 46)

6. April 1899. Auf der »Preußen«. Station in Neapel.


//168//

7. April 1899. Auf der »Preußen«. Station in Messina, Catania.

8. April 1899. Auf der »Preußen«. Auf dem Schiffe entdeckte mich Professor Lesser aus Berlin auf der Schiffsliste. Seit diesem Augenblicke war es aus mit meiner Freiheit. Alle wollten mit Kara Ben Nemsi Afrika betreten und mit ihm von Port Said nach Kairo fahren, sogar hier mit in seinem Hôtel wohnen ... (an Fehsenfeld, Kairo, 22. 4. 99)

9. April 1899. 10 l/2 Uhr an Port Said. Hôtel Continental. (RT)

10. April 1899. Port Said. Abends bis 9 1/4 Uhr Gedicht Ade, mein Heim ... (MS-Sammlung Pilgerreise Nr. 1)

11. April 1899. Port Said. Nachts 2 Uhr Gedicht Schon weicht der Norden hinter mir ... (Südwärts: MS-Sammlung Pilgerreise Nr.2: HG 65). - 3.42 nach Ismailija (RT) mit der Bahn.

12. April 1899. Ismailija.

13. April 1899. Ismailija. Abends 3/4 12 Uhr Gedicht Der Abend küßte grad die Nacht ... (Am Vierwaldstädter See: MS-Sammlung Pilgerreise Nr. 3)

14. April 1899. Mit der Bahn nach Kairo, Hotel Bavaria F. Schüller, Scharia Kâmel.

15. April 1899. Kairo. Wir befanden uns im Vorsommer, also in der Zeit, in welcher der Khamsin jährlich gegen fünfzig Tage lang der höchst ungern gesehene Gast Ägyptens ist. Dieser heiße, trockene Südwestwind, welcher den feinen Staub der Wüste mit sich führt, kann, wenn er stark auftritt, so erschlaffend wirken, daß sowohl der Einheimische als auch der Fremde Alles meidet, was mit einer körperlichen Anstrengung verbunden ist ... (XXX, 7)

16. April 1899. Kairo. Sonntag abend 12 Uhr Gedicht Siehst du die wunderbare Herrlichkeit ... (Rigi Kulm: MS-Sammlung Pilgerreise Nr. 4)

17. April 1899. Kairo. Der Blick vom Mokattam und dem Dschebel Giyuschi ist unbeschreiblich schön, mir aber doppelt wert, wenn beim Sonnenuntergange die Beleuchtung der Stadt und ihrer Umgegend durch den in der Luft schwebenden Khamsinstaub zu einer, fast möchte fch sagen, märchenhaften wird. Es sind dann alle Härten und Schärfen des Bildes abgemildert, und es liegt ein so undefinierbarer Farbenton rings ausgegossen, daß man meinen möchte, von einer jenseitigen Höhe auf eine ganz andere, un- oder überirdische Welt herabzuschauen ... Mein Lieblingsplatz war ein Felsensitz in der Nähe der alten, verfallenen Giyuschi-Moschee (XXX, 7 f.)

18. April 1899. Kairo.

19. April 1899. Kairo. Fahrt nach Gizeh. Menahaus. Pyramiden. Mondschein. (RT) - Auf der Straße von Kairo nach den Pyramiden kommt man an zwei Fellachendörfern vorüber, welche links liegen. Rechts dehnen sich grüne Flächen aus, welche


//169//

von Kanälen bewässert werden. Die Pyramiden hat man gerade vor sich liegen. Sie erscheinen von Weitem als dreieckige Flächen, treten aber, je mehr man sich ihnen nähert, um so plastischer hervor. Das Menatouse-Hotel liegt am Fuße derselben ... Am östlichen Fuße der Pyramiden liegt das arabische Dorf el Kafr, dessen Bewohner, von den Touristen vollständig verdorben, in rücksichts- und charakterloser Aufdringlichheit das Menschenmöglichste leisten. Sie halten, vereinzelt aufgestellt, schon in weiter Entfernung von den Pyramiden auf der Straße Wache, um über die aus der Stadt kommenden Fremden herzufallen und, wenn sie auch nicht engagiert werden, doch wenigstens ihre falschen Münzen, geschickt nachgemachten Skarabäen und andere wertlose Imitationen an den Mann zu bringen ... (XXX, 63 f.)

20. April 1899. Ritt durch die Wüste nach Sakkara, Bedraschên und Heluan. (RT) Baedeker-Route: mit Kamelen vom Menahouse am Rand der Wüste entlang über Abusir nach Sakkara (etwa 2 3/4 Stunden); Memphis; über den Nil nach Heluan. RÜckfahrt nach Kairo mit der Bahn am rechten Nil-Ufer.

21. April 1899. Kairo. Bin außerordentlich zufrieden mit meinem Hotel. Werde es sehr empfehlen! (an Emma) - Plan und Titelblatt (Abb. Wollschläger 76) zu einer Gedicht-Sammlung Eine Pilgerreise in das Morgenland, datiert angefangen Kairo, d. 20ten April 1899: hierzu neu die Nrn. 5-8: Der Helm von Eis, der Panzer Stein ... (Am Gotthardt); Sei mir gegrüßt, San Salvatore ... (San Salvatore); Signor,bleib stehn; gieb eine Gabe ... (Genua); Sei still in Gott, still wie das Meer ... (Erster Blick auf das Meer; HG 313) - sämtlich undatiert.

22. April 1899. Kairo. Ich habe mich bisher nur einmal freimachen können, zu einem zweitägigen Ritte in die lybische Wüste. Noch nicht einmal die Pyramiden bestiegen, und nur 2 Moscheen besucht. Erst in Oberegypten wird das anders, weil es da glücklicher Weise keine Leser giebt. Jeder gebildete Deutsche, der sich hier in Kairo befindet, kennt leider May. Wir haben jetzt eben, Nachmittag 3 Uhr, 32 Grad Réaumur; das genügt! ... Ich mache, ehe ich nach dem Sudan aufbreche, erst einen Extursionsritt nach dem Fayum ... Und nun rathen Sie, wer hier jetzt auf meinem Divan sitzt und seinen Namen auch unterschreiben wird! Ein Rechtsanwalt in Zeitz schrieb mir, er habe Ben Nil in Kairo getroffen; er sei jetzt Besitzer von 2 Dahabijen. Das ist richtig! (an Fehsenfeld, mit arabischer Zusatz-Unterschrift »Ben Nil«) - Jetzt gehe ich nach dem Sudan; dann über Mekka nach Arabien zu Hadschi Halef, Persien, Indien ... (an Johann Dederle)

23. April 1899. Kairo. Wenn Du gleich wiederschreibst, trifft mich Dein Brief noch hier an ... Heut bin ich nur l/2 Stunde ausgegangen. Das war mein Sonntagsvergnügen ... Du hast keine Ahnung, was ich zu schreiben habe. Heut sind ohne die Briefe 78 Postkarten fertig geworden. 25 allein für die bayrischen Prinzen, denn die wünschen ganze Sammlungen. Dr. Weigl hat nämlich schon geantwortet, und von meiner Frau habe ich noch kein Lebenszeichen! (an Emma) - Aus all dieser Herrlichkeit heraus sehne ich mich doch so herzlich nach Euch allen, Ihr Lieben ... (an Wilhelmine Beibler)

24. April 1899. Kairo. An Emma und Klara je einen Bildband »Souvenir of Egypt« mit der Widmungsstrophe: Seh ich in Trümmern diese »ewgen« Werke ...


//170//

25. April l899. Kairo. Für Emma und Klara Stoff für Kleider: Er ist großartig. Sehr leicht und unverwüstlich. Laßt die Anzüge gleich machen, und tragt sie mir zur Erinnerung! (an Emma) - Bitte, lieber Freund, erlaube, daß Klara den Stoff von mir annehmen darf! Ich möchte, daß sie und Emma sich ganz gleich kleiden, wenn sie auf den Marienstein steigen. (an Richard Plöhn) - Ich habe mir einen leichten weißen Anzug machen lassen für die Hitze. Ist egyptischer Stoff; wird nur hier gemacht ... (an Emma) - Bin gestern vom Consul entdeckt worden. Er lud mich zu Tische. Habe es aber abgeschlagen. Will ganz für mich, ganz allein bleiben ... Ich esse ganz wenig Fleisch. Will es mir abgewöhnen. Trinke täglich zwei Limonaden. (an Emma) - Egyptische Tänzerin. Die einzige, die ich gesehen habe, hier auf der Karte. (an Emma) - Bin heut nur 1/2 Stunde fortgewesen. Gearbeitet von früh bis jetzt. Gestern bis nachts 2 Uhr. (an Emma)

26. - 29. April 1899. Kairo.

30. April 1899. Kairo. Langer Brief an Adalbert Fischer über die Rechts-Situation der Münchmeyer-Romane (s. Wollschläger 76).

1. Mai 1899. Undatierbar während des Kairo-Aufenthalts: Bekanntschaft mit dem Buchhändler Boehme von der Buchhandlung Boehme & Anderer in Kairo (das Erinnerungs-Feuilleton von Hans Rühlmann, KMJB 1923, 123 ff., ist als Quelle nicht brauchbar).

2. Mai 1899. Kairo. Heut vor 4 Wochen sind wir von einander geschieden. Ich habe Dir so häufig geschrieben, Du mir aber noch kein einziges Mal! Seid Ihr denn so lange an der Riviera und bei Commerzienraths geblieben? Ich kann natürlich nicht von hier fort ohne eine Nachricht von Dir und versäume also die kostbare Zeit ganz uunütz. Jeder Tag kostet mich ca. 60 Mark. Leider bin ich auch schon hier in Kairo entdeckt worden. Jeder Deutsche liest meine Werke. Man schwärmt für mich, wie ja überall, und will den »berühmten« Karl May sehen. Es regnet Blumen, Briefe ,,,, Ich bin, wie stets auf Reisen, ein armer, geplagter Mann und möchte recht bald fort. Darum schreib ja sofort! Ich gehe zunächst nach dem Sudan ... (an Emma) - Ich hatte sie (Emma) in Genua gebeten, direkt heimzukehren und mir ihre Ankunft sofort nach Kairo mitzuteilen. Anstatt dies zu tun, kam sie erst nach sieben Wochen dazu, mir das zu schreiben, was ich wissen mußte, um von Kairo fortzukönnen. Dort kostete mich jeder Tag 40 - 60 Mark. So erging es mir während der ganzen Reise ... (»Frau Pollmer. Eine psychologische Studie«, künftig abgekürzt »Studie«, MS 1908)

3. Mai 1899. Kairo. Gedicht Für Valerie Arlt, ein Mädchen aus einem Kairoer Pensionat: Schau auf zu Gott, du holde Menschenblume ... (KMJB 1931, 478) - Ich bin wüthend. Schon 4 Wochen warte ich vergeblich auf eine Zeile und brauche hier täglich 50 - 60 Mark, weil ich nicht fortkomme. Konntest Du die Kinder nicht benachrichtigen, daß ich hier in Kairo, Hôtel Bavaria, bin und auf Antwort warte? Du hast doch alle Karten an Euch bekommen? Wenn Emma noch nicht wieder zu Hause ist, so weiß sie doch, daß Du Eure Karten liesest und also weißt, wo ich bin. Sie mußte sich also unbedingt brieflich bei Dir erkundigen, um mir schreiben zu können. Wenn mir nur auf der Weiterreise nichts passirt, denn wenn ich so ohne


//171//

Verbindung mit der Heimath bleibe wie jetzt, weil sich die Frau nicht um mich kümmert, so kann ich Monate lang irgendwo in der Tinte stecken, und nicht einmal eine Depesche für 50 Mark hilft etwas. Denkt sich Emnua denn nicht, daß mir dieses Schweigen große Sorge macht? (an Wilhelmine Beibler)

4. Mai 1899. Kairo.

5. Mai 1899. Kairo.

6. Mai 1899. Kairo. Barrage du Nil. (RT)

7. Mai 1899. Kairo.

8. Mai 1899. Kairo. v. Oppenheim Einladung. (RT)

9. Mai 1899. Kairo. Museum Gizeh. (RT)

10. Mai 1899. Kairo. Emmas und Mausels erste Briefe. (RT)

11. Mai 1899. Kairo.

12. Mai 1899. Kairo. Depesche v. E. aus Deidesheim, daß wichtiger Brief unterwegs. (RT)

13. Mai 1899. Kairo.

14. Mai 1899. Kairo. »Der bekannte Reiseschriftsteller Dr. Karl May, der seit einiger Zeit hier in Kairo weilt, plant eine neue größere Reise. Er gedenkt von hier nach Bombay zu gehen, von dort durch den Persischen Golf nach Basrah, Bagdad und dann Mesopotamien und die Syrische Wüste zu durchqueren, um Damaskus zu erreichen. Die Erlebnisse und Ergebnisse der Reise werden darauf in einem neuen, zweifellos höchst interessanten Buche den zahlreichen Verehrern des Schriftstellers dargeboten werden.« (»Ägyptische Zeitung« Kairo, Typ. M.Schencke, Nr.9; Rubrik »Aus der Kolonie«)

15. Mai 1899. Kairo.

16. Mai 1899. Kairo.

17. Mai 1899. Kairo. Beifolgende Zeitungsnotiz (vgl. 14. 5.) wurde ohne mein Wissen gedruckt; habe sie darum korrigiert, falls Sie sie aufnehmen sollten. (an Dederle) - Grad weil das Leben des Orientes so inhaltslos, so oberflächlich, schmutzig und lärmvoll ist, wirkt es auf die besser veranlagten Menschen vertiefend, bereichernd, reinigend, beruhigend und befestigend. Man wendet sich unbefriedigt und bedauernd ab und geht nach innen. Das ist die Wirkung auf mich, und ich bin Gott dankbar dafür. (an Emma)

18. - 22. Mai 1899. Kairo.


//172//

23. Mai 1899. Kairo. Abschluß eines Dienstvertrags mit Sejd Hassan (Kairo, Muski, Suk el Khando):
D i e n s t - V e r t r a g
Zwischen dem Reisenden Herrn Dr. Karl May aus Dresden und dem anderen Coutrahenten Sejd Hassan aus Kairo ist heut folgender Dienstvertrag abgeschlossen worden.
§ 1. Herr Dr. Karl May engagirt Sejd Hassan zu und während der jetzt von ihm anzutretenden Reise als Diener.
§ 2. Sejd Hassan hat Herrn Dr. Karl May zu begleiten, wohin es diesem beliebt, ihm vor allen Dingen Gehorsam, Treue und Ehrlichkeit zu erweisen und sich der Ausführung keines Befehls zu weigern. Er erhält dafür eine Gage von 5 Mark, sage fünf Mark, pro Tag, wovon er alle Ausgaben für sein Leben, also für Wohnung, Ernährung, Kleidung, Wäsche u. s. w. zu bestreiten hat. Alle Beförderungskosten hingegen trägt H. Dr. May.
§ 3. Sejd Hassan erhält von Herrn Dr. Karl May einen Vorschuß von zwei englischen Pfund, deren Empfang er hiermit quittirt. Der Zahlungsmodus des Gehaltes und die Zurüdrerstattung des Vorschusses geschieht so, wie H. Dr. May es für angemessen findet.
§ 4. Wenn H. Dr. Karl May mit seinem Diener zufrieden ist, kann die Auflösung dieses Contractes nur nach einer Kündigung erfolgen, welche wenigstens eine Woche vorher zu geschehen hat. Entläßt Herr Dr. Karl May Sejd Hassan auf diese Weise an einem anderen Orte, so gewährt er ihm die Reisekosten nach Kairo dritter Schiffs- oder Wagenklasse. Ungehorsam, Untreue, Unehrlichkeit und dergleichen aber berechtigen H. Dr. Karl May, Sejd Hassan sofort und ohne irgend welche Entschädigung und Zahlung, wofür es auch sei, zu entlassen. Alles Übrige resp. Weitere ist in das Belieben des H. Dr. Karl May gestellt.
§ 5. Dieser in zwei Exemplaren ausgestellte Dienst-Vertrag wurde Sejd Hassan vorgelesen, von ihm als richtig befunden und hierauf von den Contrahenten und den beiden als Zeugen unterzeichneten Herren durch ihre eigenhändige Namemsunterschrift für bindend erklärt.
Dr. Karl May / Sejd Hassan
Kairo, den 23. Mai 1899 F. Marschner / R. Zschunke.

24. Mai 1899. Kairo. Abreise von Kairo. Siut. Hôtel Orient. (RT)

25. Mai 1899. Siut. Zimmer 2 Frks., gebe aber 4. (RT) Ich melde Euch mit frohem Sinn, / daß ich hier angekommen bin. / Siut ist eine schöne Stadt, / die aber auch viel Schwächen hat, / dieweil sie, wie Ihr alle wißt, / als Stadt und Genus weiblich ist. / Doch will ich über sie nicht schelten / und lasse nur die Schönheit gelten. / Trotz dieser eil' ich froh und heiter / nach drei vier kurzen Tagen weiter. / Nach Theben steht nunmehr mein Sinn; / wahrscheinlich komm' ich Sonntag hin. - Bitte, Briefe immer noch nach Hôtel Bavaria, Kairo. (an Richard Plöhn)

26. Mai 1899. Siut. Hassan Will betrügen. (RT)

27. Mai 1899. Siut. Es ist eine meiner Eigenheiten, so viel wie möglich im Freien zu arbeiten, selbst auch des Abends und des Nachts. Ich kann sagen, daß ich meine glücklichsten, geistig belebtesten und fruchtbarsten Zeiten auf den platten Dächern des Morgenlandes verlebt habe. Wer des Nachts unter funkelndem Sternentimmel von den Dächern Siuts hinauf nach der Höhe des Stabl Antar ... geschaut hat, dem


//173//

werden diese Stunden lebenslang im Gedächtnisse bleiben ... (XXIX, 7; vgl. auch XXVIII, 343)

28. Mai 1899. Siut. Von Siut fort. Luxor. Luxor Hôtel. (RT)

29. Mai 1899. Luxor. E. und K. Karte aus Weimar. Blatt aus Speyer »Pfälzer Zeitung«. (RT) vgl. unter 6. Juni 1899.

30.Mai bis 2.Juni 1899. Luxor. - Der von May benutzte Baedeker (4Leipzig 1897, S. 229 ff.) empfiehlt einen »Aufenthalt von wenigstens 5 - 6 Tagen« für das gesamte riesige Ruinengebiet von Theben. Da Karl May genau diese Zeit in Luxor verbrachte, kann angenommen werden, daß er Baedekers Besichtigungsplan folgte und gerade deshalb die Stichwort-Notierung im RT vergaß. Die Stationen wären dann die folgenden gewesen: Erster Tag: Besichtigung des großen Ammon-Tempels in Karnak und des Luksor-Tempels. Zweiter Tag: Westufer: Memnons-Kolosse. Tempel von Medinet Habu; Der el Medine. Dritter Tag: Ramesseum; Gräber von Schekh Abd el Kurna; Terrassentempel von Der el Bahri; el Asasif; Drah Abu 'l Negga. Vierter Tag: Grabtempel Sethos' I. zu Kurna; Königsgräber; Rückkehr über den Berg. Fünfter Tag: Nochmaliger Besuch des Karnak-Tempels; Besichtigung der verschiedenen Seitentempel und Pylonen; event. Ausflug nach Medamut (Vorstadt von Theben; mehrstündiger Ritt).

3. Juni 1899. Luxor. Brief von E. und Kl. über Sitzung in Weimar. (RT) - 1. Artikel gegen Karl May in der »Frankfurter Zeitung« (Nr. 152, 2. Morgenblatt)

4. Juni 1899. Luxor. Von Luxer fort nach Assuan (RT) - auf dem Nil mit der »Sethi«.

5. Juni 1899. Auf dem Nil. Wohne auf Schiff Sethi. (RT) - Wer Egypten bis hinauf nach Assuan, also bis ca. zum ersten Katarakt, kennenlernen will, der soll sich ja nicht unterwegs durch Dinge zerstreuen, die ihm allüberall begegnen, und auf die gigantischen Eindrücke verzichten, für die ihm dann am herrlichen Nil nur kurze Tage verbleiben. Ein einziger Tag in Karnak, Luxor ,,,, wiegt für mich ganze kleinasiatische Wochen auf! Egypten ist eine »Persönlichkeit«, deren erhabene Heiligkeit nur Dem vor die Augen tritt, der direct vor sie tritt und sich nicht mit tausend kleinen und kleinlichen Bildern belastet, die er unterwegs aufgelesen hat. Dieses Kleine mag er auf der Rückreise betrachten, wenn das Große in ihm unvergänglich geworden ist ... (MS-Fragment Reise nach Egypten)

6. Juni 1899. Ankunft in Assuan. - Das (nämlich der auf der Postkarte abgebildete Mumienkopf) (an Plöhn) Ihr müßt eine fürchterliche Hitze in Deidesheim gehabt haben, noch größer als ich hier in Nubien, denn so dunkel bin ich doch noch nicht ganz wir Ihr ... Ich danke Euch recht, recht herzlich für diese Bilder! (an Emma; Karl May hatte aus Deidesheim eine Reihe Photos bekommen, darunter auch ein - stark unterbelichtetes und darum »dunkles« - Gruppenbild, auf dem sich die drei Frauen - Emma, Klara und Frau Seyler - in orientalischer Kostümierung als »Dein Harem in Gedanken bei


//174//

Dir« (Klara) zusammengestellt hatten). - Langer Renommier-Brief an den Chefredakteur der »Pfälzer Zeitung« in Speyer: Bischari-Lager. Sechs Reitstunden von Schellal in Nubien entfernt. - Vorhin wurden mir die vom Nil hergeholten Briefe überbracht. Unter diesen Postsachen befindet sich auch Nr. 133 Ihrer »Pfälzer Zeitung« ... und ich will Ihnen sogleich schreiben und danken, obgleich es hier im Beduinenlager weder Briefbogen noch Kouverts gibt. In meiner Satteltasche steckt etwas gewöhnliches Papier, und ein wenig Ssamgh (Gummi arabicum) zum Zukleben holt mir die Frau des Scheikes aus ihrem Toilettentopf. Dann wird ein Bote mit dem Briefe nach Schellal geschickt. Bitte also, mich nicht nach diesem Opus zu beurteilen. Ich schreibe sonst besser. Ein Fettfleck ist auch schon im Papier, doch versichere ich Ihnen, daß ich mich daheim am Schreibtische dann einer um so größeren Magerkeit befleißige. Ich gehe jetzt nach dem Sudan. Die Engländer dulden das nicht, darum reite ich als Kara Ben Nemsi meine alten Karawanenwege. Dann will ich über Mekka nach Arabien zu meinem Hadschi Halef und mit ihm durch Persien nach Indien. Sie sehen, daß meine Bücher nicht in meiner Studierstube entstehen, wie hie und da ein kluger Mann sich ausgesprochen hat ... Wenn Sie sehen und hören könnten, wie es hier um mich her im Lager zugeht, so würden Sie es für unmöglich halten, daß man dabei überhaupt schreiben kann. Ich bin nämlich beim Kamelkaufe, und die halbkopf geschorenen Nomaden lassen mir keine Ruhe. Ich habe in den wenigen Monaten meiner Reise schon Stoff für 5 - 6 Bände gesammelt. Täglich kommen neue Anschauungen und neue Gedanken; täglich öffnen sich neue Gesichtspunkte. Lieber Herr, man ahnt gar nicht, was man, wenn man guten Willens ist, von diesen »sogenannten« Wilden oder Halbwilden lernen kann! Gibt es vielleicht auch »sogenannte« Civilisierte, nur »sogenannte« Christen? Gestatten Sie mir, daß ich die Beantwortung dieser Frage nicht auf mich nehme, sondern sie Ihnen überlasse! Ich könnte mir sonst zu den alten Feinden noch neue machen und bitte Sie zuzugeben, daß dies nicht ganz klug gehandelt sein würde von Ihrem Ihnen dankbar ergebenen Kara Ben Nemsi Effendi. (abgedruckt in der »Pfälzer Zeitung« vom 16. 6. 1899). - Ehe ich von hier aus in den Sudan verschwinde, sende ich Ihnen noch diesen Gruß. (an Ludwig Auer, Donauwörth; abgedruckt im »Raphael«, Donauwörth, Jg. 1899, S. 136; vgl. KMJß 1922, 314) - Achtzeiler Wenn endlich sich zwei Herzen finden ... (an Emma)

7. Juni 1899. Ritt von Assuan nach Schellal fokani, einem Nildorf gegenüber der Insel Philae: Bahnhof. Wüstenweg nach Süden, Telegraphenstangen folgend. Arabische Friedhöfe, rechts davon europäisch. Auf der Höhe rechts engl. Forts. Am Wege Granitblöcke. Hinter Friedhof rechts ab, Dorf Mahatta. Dann Flußweg, Wüste, dann Biban esch Schellal (kleinerer Katarakt). Dörfer: Koror, Tarmusiye, Schellal tahtani (unterer), Schellal fokani (oberer Katarakt). (Zettelnotiz) - 2. Artikel gegen Karl May in der »Frankfurter Zeitung« (Nr. 156, 2. Morgenblatt: »Karl Mays Reisen«).

8. Juni 1899. Schellal.

9. Juni 1899. Schellal. Bestandene Prüfung. (RT) Zurück nach Assuan. - 3. Artikel gegen Karl May in der »Frankfurter Zeitung« (Nr. 158, 2. Morgenblatt: »Der "Freund der Haddedihn" «)

10. Juni 1899. Assnan.


//175//

11. Juni 1899. Assuan.

12. Juni 1899. Von Assuan nach Luxor. (RT)

13. Juni 1899. Von Luxor nach Kene. Dentera Hôtel. (RT)

14. Juni 1899. Von Kene nach Sohag. (RT)

15. Juni 1899. Sohag. Abydos Hôtel, ganz erste Etage. (RT)

16. Juni 1899. Von Sohag nach Minieh. (RT)

17. Juni 1899. Minjeh (Minyet Ibn Chasib). Schlechte Nilfahrt nach Kom el Kefara, ausgestiegen. (RT) - 4. Artikel gegen Karl May in der »Frankfurter Zeitung« (Nr. 166, 1. Morgenblatt: »Karl May im Urtheil der Zeitgenossen«)

18. Juni 1899. Zurück nach Kairo. (RT)

19. - 20. Juni 1899. Kairo.

21. Juni 1899. Kairo. Erfahren von Biographie, Leipzig. Wahrscheinlich Klara Angst. (RT)

22. Juni 1899. Kairo. Beim Briefeschreiben fürchterliche Aufregung, Klara auch? (RT)

23. Juni 1899. Kairo. Ab nach Port Said. Hôtel Royal. (RT)

24. Juni 1899. Port Said.

25. Juni 1899. Port Said. Ab mit Scherkije nach Beyrut. 8 Uhr abends. (RT) - Ausstellung des Reise-Passes und eines Quarantaine-Scheins von der ägyptischen Regierung. Es wird Euch interessiren, daß ich hier in der Türkei auf einen ganz falschen Paß reise. Die Herren von der Polizei konnten nur ihre Schrift lesen. Als ich mir einen türkischen Paß holte (ein Teskereh), haben sie meinen Familiennamen vergessen und nur die beiden Vornamen Karl Friedrich eingetragen. Und da es in der Türkei den akademischen Grad eines Doctors nicht giebt, so haben sie einfach das Wort Professor, Gelehrter gesetzt. Es steht also auf dem Passe: Karl Friedrich, Professor, Gelehrter ... Ich lasse das nicht ändern, weil ich in Jerusalem dem voraussichtlichen Andrange entgehe, wenn ich mich auf Grund dieses Passes anders nennen kann. Karl May ist nämlich auch hier in Palästina eine so bekannte Größe, daß ich an keinem von Europäern besuchten Ort meinen Namen sagen darf ... (an Wilhelmine Beibler am 15. 7.)

26. Juni 1899. Auf der »Scherkije«. In Beirut Ankunft 5 Uhr nachmittags. Quarantaine. (RT)

27. Juni 1899. Auf der »Scherkije«. Debarquement. Quarantaine. (RT)


//176//

28. Juni 1899. Beirut. Quarantaine. (RT)
Entgegnung auf die Artikel der »Frankfurter Zeitung« in der »Pfälzer Zeitung«, Speyer (1. Folge: Nr. 173: »Karl May und seine Kritiker«)

29. Juni 1899. Beirut. Quarantaine. (RT) - Entgegnung in der »Pfälzer Zeitung« (2. Folge: Nr. 174)

30. Juni 1899. Beirut. Quarantaine. (RT) - Entgegnung in der »Pfälzer Zeitung« (3. Folge: Nr. 175)

1. Juli 1899. Beirut. Quarantaine. (RT) - Gedicht Nun gute Nacht, mein Lieb und auch ihr Schwestern ... (an Emma und Plöhns) - Notiz in der »Frankfurter Zeitung« (Nr. 180, Abendblatt: »Bei den Bayrischen Haddedihn«)

2. Juli 1899. Beirut. Quarantaine. (RT)

3. Juli 1899. Beirut. Quarantaine. (RT)

4. Juli 1899. Beirut. Quarantaine. (RT) - Gern spielt' ich mit Scepter, Krone und Stern, / Doch bin ich dem Purpur und der Krone hier fern; / Der Pest höchst verdächtig im türkischen Haus, / Üb' ich meine Herrschaft auf Flöhe nur aus! (an Emma) Hassan bezahlt (RT)

5. Juli 1899. Beirut. Quarantaine. (RT)

6. Juli 1899. Beirut. Quarantaine. (RT)

7. Juli 1899. Beirut. Quarantaine. (RT) Notiz in der »Frankfurter Zeitung« (Nr. 186, 2. Morgenblatt: »Zu fromm!«)

8. Juli 1899. Beirut. Ende der Quarantaine. Hôtel Allemand Blaich (RT) Damit Ihr seht, wie herrlich und in Freuden ich hier lebe, schreibe ich Dir diesen Brief auf Speisekarten, welche ich nach der hungerleidenden Quarantaine vollständig abgegessen habe. Der »Deutsche Hof«, in welchem ich wohne (Hôtel Allemand), gefällt mir von allen bisherigen Hôtels am besten. Herzensbrave, deutsche Wirthsleute aus dem Schwarzwalde. Gute Küche, größte Sauberkeit. Alles glänzt und spiegelt vor Reinlichkeit. Ich habe schönes, sehr lichtes Zimmer mit Balkon nach dem Garten, andrerseits Balkon auf das herrliche Meer. Mein Zimmer ist hoch, in lichtem Kapellenstyle gehalten, eine ernste, fromme Wohnung, möchte ich sagen. Noch über der Thür mit Spitzbogenfenstern, welche Oberlicht geben. Auch über der Balkonthür noch hoch oben ein Fenster. Alles still und wohlthuend ruhig. Bin wegen der Quarantaine, welche alle Fremden von hier fernhält, der einzige Gast im ganzen Hause. Das thut mir um die lieben Menschen leid, denen die Pest so großen Schaden macht. Alle Hôtels stehen deswegen leer ... (an Wilhelmine Beibler am 15. 7.)
Die Daten des Beiruter Quarantaine-Scheins (vom 16. 6. 99: Quittung über Gebühren für 12 Tage Quarantaine, vom 14. bis 26. 6.; Abb. in den früheren Auflagen von Bd. 34 »Ich«, Radebeul und Bamberg) sind falsch, wahrscheinlich weil die europäischen Behörden im Geltungsbereich des türkischen Kalenders mit der eigenen


Fotos zwischen Seite 176 und 177:

Karl May und Richard Plöhn vor dem Hotel "Mena House" in Gizeh (72 Kb-Jpg)

Karl May auf der Sphinx (88 Kb-Jpg)



//177//

Zeitrechnung durcheinander geraten waren. Die an die Diskrepanz zwischen Quittung und RT geknüpfte Folgerung Euchar Schmids (»... in Wirklichkeit wurde diese Frist durch ein »Bakschisch« umgangen ...«: Bd. 34 »Ich« 1Radebeul 1916, S. 545) ist durch Karl Mays eigene Aufzeichnungen widerlegt.

9. Juli 1899. Beirut.

10. Juli 1899. Beirut. Nach Brumana. (RT)

11. Juli 1899. Brumana. Dort spazieren gefahren. (RT) Sogar oben in Brumana, einem kleinen Flecken im Libanon, wurde ich entdeckt und angeschwärmt! (an Wilhelmine Beibler am 15. 7.)

12. Juli 1899. Brumana. Heim (RT) nach Beirut.

13. Juli 1899. Beirut.

14. Juli 1899. Beirut.

15. Juli 1899. Beirut. Der Libanon ist grad in der Gegend von Beyrut von wunderbarer Schönheit, ja Großartigkeit. Ich habe ihn eine ganze Woche lang studirt. So lange hat es gedauert, mich von den Entbehrungen der 12-tägigen Quarantaine zu erholen. Ich war ganz mager und kraftlos geworden ... (an Wilhelmine Beibler)

16. Juli 1899. Beirut. - Gedicht Du herrlich Land, wie es kein zweites giebt ... (den Inhabern des Hotel Allemand/Deutscher Hof J. und Chr. Blaich ins Gästebuch)

17. Juli 1899. Beirut. Von Beyrut nach Haifa mit Schiff »Venus«. (RT)

18. Juli 1899. Haifa. Spaziergang auf dem Karmel. (RT) Dort, wo der Prophet Elias Gott schaute und seine Offenbarungen empfing, wird wohl auch mir ein Blick nach oben werden ... (an Wilhelmine Beibler am 15. 7.) Als ich über meinen lieben, mir heiligen Berg Karmel wanderte, dachte ich an Euch so viel und suchte nach einem Andenken an ihn - für Euch. Von Blumen gab es nur Disteln in seinem Felsengewirr. Da schnitt ich Euch von einem Johannesbrodbaume diese Zweigspitzen ab ... (an Plöhns am 27. 7.) Wir hatten eine lang hingestreckte Höhe zu erklimmen gehabt, an der sich Wein- und Johannisbrotgärten aneinanderreihten. Ich dachte dabei an meinen Lieblingsberg, den Karmel, auf dessen Höhe es auch Wein und Johannisbrot in Menge gibt ... (XXXII, 91)

19. Juli 1899. Haifa. Fahrt nach Jaffa. (RT) - Die Fahrt nach Jaffa (ca. 100km von Haifa) ist unwahrscheinlich und wurde im RT, das zudem noch den Vermerk »dann Karmel« enthält, vermutlich nur als Plan notiert; vgl. 26. 7.

20. Juli 1899. Nach Nazareth. (RT) Für die jetzige Jahreszeit hatte man luftige Zelte errichtet oder auf den Dächern aus Laub und Stangen Hütten gebaut, in denen man des Nachts zu schlafen pflegte. Diese Hütten sind auch in anderen Gegenden des Orients gebräuchlich. Man sieht sie z. B. besonders auf den alten, dumpfigen Ge-


//178//

bäuden von Beled esch Schech und El Jadschur, welche an der Straße von Haifa nach Nazareth liegen ... (XXVIII, 283)

21. Juli 1899. Fahrt zum See Genezareth. Tiberias. Lateinisches Kloster. (RT) - »Einen ganz besonderen Reiz hatten für ihn (Karl May) die stillen Mondnächte. Am liebsten sprach er da vom Roten Meer, dort benützte er in keiner Nacht seine Kabine, und ein Teil seiner "Himmelsgedanken" entstand dort. Diese "Himmelsgedanken" sind fast durchweg Nachtschöpfungen. Einen Teil davon schrieb er am See Genezareth auf dem Dach des französischen Klosters in Tiberias ... Für den See Genezareth hegte Karl May eine große Vorliebe; als er seine weiten Ufer umkreiste, stieß er auf die Haddedihn, die von der Not der verbrannten Steppe bis dorthin getrieben waren ...« (Klara May, »Bunte Blätter aus Karl Mays Leben«, 1917: KMJB 1918, S. 69) - Vierzeiler Tiberias (undatiertes MS): Auf des Klosters Zinne saß ich, / Tief versunken, gettentzückt; / Meine kleine Welt vergaß ich, / War der Gegenwart entrückt.

22. Juli 1899. Tiberias. Nach Nazareth zurück. (RT)

23. Juli 1899. Nazareth. Hotel Germania, Friedr. Heselschwerdt. Mit Kutsche und Diener nach Haifa zurück. (RT)

24. Juli 1899. Ritt von Haifa durch die Saron-Ebene in Richtung Jaffa. Am Tage gute Pferde, aber Sonnenbrand, untrinkbare Quellen unterwegs und so armseliger Steinweg, daß man jeden Schritt des Pferdes in den Knochen fühlte ... (Brief vom 27. 7. aus Jaffa an Plöhns)

25. Juli 1899. Saron-Ebene. Nach Santorin. Jüdisdhes Hotel. Schmutz!!! (RT) Konnte das Essen nicht ansehen und habe nur den Kaffee förmlich hinuntergezwungen. Trotzdem kostete mein Lodh 6 Franks und der Kaffee 2 Franks. Diener und Pferdeknecht haben auch nichts gegessen und sogar den Kaffee nidht gemocht ... (Brief vom 27.7. aus Jaffa an Plöhns)

26. Juli 1899. Santorin (Sarona). Nach Jaffa. Hôtel Jerusalem. (RT) Also 2 Tage und Nächte weder gegessen noch geschlafen, hier in Jaffa meine Stube über dem Salon mit Piano, auf welchem unausgesetzt herumgedroschen wird ... Wollte Euch weiterschreiben, kann aber unter diesen Umständen nicht. Ade! (Brief vom 27. 7. aus Jaffa an Plöhns)

27. Juli 1899. Jaffa. Morgen geht es nach Ramle, übermorgen nach Jerusalem, wo ich hoffentlich einen Brief von Euch vorfinde ... (an Plöhns)

28. Juli 1899. Mit der Bahn nach Ramle. Hotel Reinhardt. (RT)

29. Juli 1899. Ramle. Nach Jerusalem. Lloyd Hotel A. Fast. (RT) Hier in Jerusalem erreichen May mit der Post aus der Heimat die Artikel der »Frankfurter Zeitung«.

30. Juli 1899. Jerusalem. Besuch der heiligen Stätten: ... durch das Jaffathor ... geradeaus auf jenem Stufenwege, welcher hinab nach dem »Heiligthume« führt ...


//179//

bog nach links, in die engen Bazare, die auf das Thor von Damaskus münden. Dort ... dem »Leidenswege« zu, hinauf nach Golgatha, dessen Stätte ein Gegenstand der Phantasie geworden fst, weil man die rechte Stelle nicht mehr kennt. Im tiefen Winkel liegt die »Klagemauer«. Hier hörte man die wahre Sehnsucht einst nach der Erlösung rufen. Jetzt aber kratzt man sich dort am Gestein die Finger blutig wund, nur um ein karges Bakschisch zu erhalten. So geht überall, nicht bloß im heiligen Jerusalem, die Menschheitsseele betteln, wenn sie den Geist verlor, der ihr Führer ist, damit dann sie ihn fort, nach oben, leite! Er aber, dieser Geist, schleicht forschend durch den Sukh des niederen Lebens, an Kesselflickern, Krämern und Wechsel-Habichten vorbei, nach dieser Seele suchend, die er verlieren mußte, weil er sein Herz an eitle Dinge hing! Und wenn er sie ninht findet, geht er hinaus vor Salems alte Mauern, steigt hin und her in jenen öden Thälern, wohin die Stadt das Aas gefallener Tiere sendet, am Ölberg dann hinauf, wo an dem Weg nach Jericho das Volk der Hammel abgeschlachtet wird ... (XXIX, 168 f.)

31. Juli bis 6. August 1899. Jerusalem und Umgebung. Der Besitzer des Lloyd Hotels, »ein aus Süddeutschland ausgewanderter Landsmann, sprach oft und gern von Kara Ben Nemsi. Die beiden Male, die er bei ihm abgestiegen war, hielt sich Karl May nur wenige Tage im Gasthof auf; gerade lang genug, um seine Ausrüstung zu vervollständigen, deren er für seine weiten Züge bedurfte, die ihn nach Bethlehem, Hebron, bis tief in die Wüste hinein und anderseits über das Tote Meer hinaus in die kahlen Berge von Juda führten. War alles, was not tat, vorhanden, dann verschwand er mit einem Araber auf mehrere Wochen ...« (E. Serman im KMJB 1918, 5.289, die Fortsetzung des Berichts ist Phantasie - ob die Karl Mays, Said Hassans oder A. Fasts, läßt sich nicht mehr entscheiden). »Ich kenne das Land doch seit vierzig Jahren und doch lerne ich es erst kennen, wenn ich in seinen Büchern blättere, die ich mir alle anschaffte. Wie würde ich mich freuen, wenn er noch einmal wiederkäme! ... Wo er war, da hat er ein dankbares Erinnern und viel Liebe hinterlassen.« (A. Fast bei Serman a. a. O. 290).

7. August 1899. Jerusalem. Telegramm an Richard Plöhn: Alles erhalten bis m's Zeitgenossen. Was kommt noch? (gemeint ist der mit »m.« gezeichnete Artikel Fedor Mamroths »Karl May im Urtheil der Zeitgenossen« in der »Frankfurter Zeitung«)

8. August 1899. Jerusalem. Telegramm an Richard Plöhn: Kritik folgt.

9. August 1899. Jerusalem. Während der folgenden Tage Niederschrift der Entgegnung auf die Artikel der »Frankfurter Zeitung« für Richard Plöhn.

10. - 12. August 1899. Jerusalem.

13. August 1899. Jerusalem. Ich konnte ... nicht weiterschreiben und bin hinauf auf das Dach gestiegen und da bis heut früh herumgelaufen. Jetzt ist Sonntag, d. 13te. Auf dem Dache, unter Sternenschein und fliegenden Sternschnuppen ist folgendes Gedicht fertig geworden: (folgt Ich will zurück (Glaubensheimath): KMJB 1924, S. 32) Meine liebe Emma, diese 4 Strophen sind mir nicht blos dichterisch gelungen, sondern sie bedeuten auch noch ein ganz anderes Gelingen ... Und so soll dieses Gedicht auch eine Antwort sein für die andern Feinde, die mich um


//180//

meinen Schriftstellerruhm bringen wollen ... Ich komme mir oft vor wie Simson mitten unter den Philistern: Von allen Seiten Feinde und Kampf, nur allein von oben nicht. Ich habe nur immer, immer um mich zu schlagen; aber das wird nun wohl bald enden, und dann kommt der Friede, dessen Segen mir in Eurer Mitte blühen wird ... (an Emma und Plöhns; nur fragmentarisch erhalten).

14. - 19. August 1899. Jerusalem.

20. August 1899. Jerusalem. Von dort nach Ramleh zu Reinhardts. (RT)

21. August 1899. Von Ramle nach Jaffa. Hôtel Jerusalem. (RT)

22. August 1899. Jaffa. Telegramm an Plöhn: Encore une lettre passer Luke Thomas banquier Aden.

23. August 1899. Jaffa. Heut, meine liebe Emma, sind es 52 Tage, also 7 1/2 Wochen, seit Du mir das letzte Mal geschrieben hast. Und das war so wenig! ... In dieser Beziehung bin ich wirklich so arm, so bitter arm, wie fast kein anderer Mensch!!!

24. August 1899. Jaffa. 11 Uhr vormittags höchst elegische Stimmung. (RT)

25. August 1899. Jaffa. Gedicht Einer Künstlerin: Trägst du Ahnung in dem Herzen ... (für Friederike Hardegg, Schülerin des Orientmalers J. G. A. Bauernfeind; KMJB 1933, 440)

26. August 1899. Jaffa. Schrecklichster Tag. 11 Uhr vormittags. 5 Rufe Mausels. Anderes Zimmer. (RT)

27. August 1899. Jaffa. Erholungsfahrt nach Ramleh zu Reinhardts. (RT)

28. August 1899. Jaffa. Ritt nach dem Rubinfeste. (RT)

29. August 1899. Jaffa.

30. August 1899. Jaffa.

31. August 1899. Telegramm nach Dresden: Encore une lettre au banquier Aden.

1. September 1899. Jaffa.

2. September 1899. Jaffa. E. Hardegg, der Besitzer des Hotel Jerusalem, widmet KM zum Abschied ein Gedicht. Von Jaffa ab nach Port Said mit »Dakalieh«. (RT)

3. September 1899. Auf der »Dakalieh«. Ankunft Port Said 6 Uhr früh. Hôtel Royal. (RT)

4. September 1899. Von Port Said ab nach Suez. Ankunft abends 7 Uhr. Hôtel Continental. (RT)


//181//

5. September 1899. Suez. Umzug nach Hôtel New. Abends vor Tisch: Nicotin entsagt auf dem Balkon. (RT)

6. September 1899. Suez.

7. September 1899. Suez.

8. September 1899. Suez. Hassan 40 Frank gegeben, will seinem Vater Geld senden. Noch 10 Piaster. (RT)

9.September 1899. Suez.

10. September 1899. Suez.

11. September 1899. Von Suez ab. Consul Meyer. Schiff »Gera« vom Norddeutschen Lloyd (RT).

12. September 1899. Auf der »Gera« im Roten Meer. Man fragt so oft vergeblich, warum das rothe Meer eben roth genannt wird. Niemand kann antworten, von jetzt an aber ich ... Es bilden sich ganz eigenthümliche Wogen-Complicate, welche weiße, schnell zerrinnende Gischt-Kronen tragen, und wenn man gegen die Sonne steht, so haben die von ihr abgewendeten Wogentheile das Aussehen, als ob sie aus lauter flüssigem, phosphorescirendem Blut bestünden ... (an Richard Plöhn am 26. 9.)

13. September 1899. Auf der »Gera« im Roten Meer.

14. September 1899. Auf der »Gera« im Roten Meer. Habe auf dem Schiff einen meiner Gegner kennengelernt, Herzfelder, Freund der Neuen Freien Presse und der Frankfurter Zeitung. Reist nach Australien. Keunt mich nur als »Dr. Friedrich«. Hat mich unendlich lieb gewonnen, sogar geküßt, ohne die Wahrheit zu ahnen. Es wird noch interessant! (an Plöhns am 16. 9.; Horace Herzfelder schrieb am 30. 12. 1900 an May: »Das Glück meines Verkehrs mit Ihnen war leider nur sehr sehr kurz - vom 14. bis 15. Sept. 1899 an Bord der Gera im Roten Meer. Seitdem ist kein Tag vergangen, ohne daß ich Ihrer in Liebe und Verehrung gedacht, in Erinnerung an diese Stunden geschwelgt hatte. Sie erschienen mir wie eine mir von Gott gesandte Erscheinung, verklärt, magisch, fascinierend. Ich wagte es nicht, in Colombo Sie aufzusuchen. Ich erfuhr, daß Sie Tag und Nacht schrieben, nicht einmal zu den Mahlzeiten kamen. Ich war oft bei Ihrer Tür, aber anzuklopfen getraute ich mich nicht. Mit Dr. Friedrich durfte ich sprechen, aber Dr. May durfte ich nicht kennen ...«)

15. September 1899. Auf der »Gera« im Roten Meer. Ankunft in Aden 10 Uhr früh. Hôtel de l'Europe. (RT) Es haben mich viele auf dem Schiff lieb gewonnen, obgleich ich jetzt das gerade Gegentheil vom früheren Karl bin. Der ist mit großer Ceremonie von mir in das rothe Meer versenkt worden, mit Schiffssteinkohlen, die ihn auf den Grund gezogen haben ... (an Plöhns am 16. 9.)

16. September 1899. Aden.


//182//

17. September 1899. Aden. Gedicht. Ich bin so müd, so herbstesschwer ... (HG 117): Sonntag, d. 17ten Septbr. 99 in Aden gedichtet, als ich Eure Briefe hatte verbrennen müssen. Habe hierbei bitterlich, zum Herzbrechen geweint. (Vermerk auf der Rückseite des MS)

18. September 1899. Aden.

19. September 1899. Aden.

20. September 1899. Aden. Mit »Palestina« ab nach Massaua. Mit Küßler und einem englischen Menschenhändler. (RT)

21. September 1899. Auf der »Palestina«. Ankunft in Assab. Küßler fort. (RT)

22. September 1899. Ankunft in Massaua. (RT) Endlich und glücklich hier angekommen, gestatte ich mir, Ihnen mit meinen herzlichsten Grüßen auch einen der jetzt so vielgesuchten König-Menelik-Thaler zu senden, damit Sie sehen, daß ich Ihrer stets und gern gedenke ... (an Johann Dederle)

23. September 1899. Massaua. Bei einer Gluth von 41 Grad Réaumur schreibe ich Ihnen diesen Gruß. Bin bisher glücklich durchgekommen, noch bei voller Reiselust, und hoffe, daß es so bleibt. Die überall herrschende Pest ist wegen der mit ihr zusammenhängenden Quarantaine außerordentlich hinderlich. Es geht nur sehr langsam vorwärts. Oft sind bedeutende Umwege notweudig. Darum wird meine jetzige Reise wohl viel länger als ein Jahr in Anspruch nehmen. Dafür aber bringe ich einen so reichen Stoff mit heim, daß ich an Sujets nie Mangel leiden werde ... (an Dederle; abgedruckt in der »Tremonia« Nr. 424 vom 10. 10. 99) Lassen Sie doch die Lügner sdhwatzen! Mich stört das nicht im Mindesten. Habe hier Briefe und eine Menge solcher Zeitungen vorgefunden. Sie lassen mich vollständig kalt. Lächerlidhe Bemühungen ohnmächtiger Geister. Weiter nichts! (an Fehsenfeld)

24. September 1899. Massaua. Massaua ist der heißeste Punkt von ganz Ostafrika und wird darum von den Italienern der Inferno genannt. Ich blieb nur drei Tage hier, während welcher Zeit der Gouverneur, die Offiziere des hier liegenden Kriegsschiffes und andere Notabili kamen ... Die Italiener befinden sich hier in Erythräa in einer höchst prekären Lage; sie müssen sehr vorsichtig sein, zumal gegen Ausländer, die sie nicht kennen. Niemand darf Massaua ohne Erlaubnis des Militair-Gouvernements verlassen. Ich war überzeugt, daß man mir große Schwierigkeiten madhen werde, zumal ich im Süden gewesen war, also bei den Engländern, den größten Kolonialfeinden Italiens. Doch wurde die Angelegenheit in ausgezeichneter und für mich höchst ehrenvoller Weise erledigt. Es kamen, ohne daß ich ihnen vorher meinen Besuch gemacht hatte: Der Militairgouverneur selbst, Offiziere des hier stationirten italienischen Kriegsschiffes, der Kolonialarzt und andere Offiziere und Nobili, und wir haben zweimal bei mir unter höchst animirter Unterhaltung gespeist ... Nun geht es nach Arabien, Persien und Indien. Aber die arabischen Häfen des rothen Meeres sind mir durch die Pest verschlossen; ich muß also nach der andern Seite, nach dem persischen Golf, Maskat oder Bender Abbas oder Bender Buschir. Vor allen Dingen in Aden Geld erheben, dann der schnelleren Verbindung wegen zunächst nach Colombo auf Ceylon ... Ich sende Euch 30 photographische Ansichten aus Abyssinien, in Deutschland eine große Seltenheit ... (an Plöhns)


//183//

25. September 1899. 8 Uhr früh ab von Massaua. Umzug in die Cabine des Prinzen von Genua. (RT) Der Kommandant der »Palestina«, mit der ich nach Aden fahre, hat mich liebgewonnen ... Der Prinz von Genua wollte nach Massaua kommen und mit der Palestina fahren; es wurde ihm ein Extra-Salon ,,, bestimmt, doch hat er telegraphisch absagen müssen. In diesem Salon wohne nun ich, habe das ganze Hinterdeck für mich allein, und kein Mensch darf mir zu nahe kommen. Ich werde .mit größter Auszeichnung behandelt und muß sogar sagen, was ich gern esse; das hat der Koch zu bereiten ... Und dabei habe ich mit keinem Worte verrathen, daß ich ein berühmter Schriftsteller bin, sondern es ist wirklich nur die Folge des persönlichen Eindrucks, den ich gemacht habe ... (an Plöhns am 26. 9.)
In der Nacht auf den 26. drei Gedichte: Sie trug mich stets auf ihren Armen ... (Meiner guten Oberboden-Großmutter; HG 109); Herr, gieb mir Schwingen, aufzusteigen ... (Flügel; HG 67); Siehst du an des Berges Hange ... (Kirchlein am Bergeshang; HG 133).

26. September 1899. Auf der »Palestina«. Assab angelaufen. (RT)

27. September 1899. Auf der »Palestina«. In Aden angekommen. Hôtel de l'Europe. (RT) Entgegnung Richard Plöhns in der »Tremonia«, Dortmund: »Karl May und seine Gegner« (1. Folge: Nr. 404)

28. September 1899. Aden. - Entgegnung in der »Tremonia« (2.Folge: Nr. 406)

29. September 1899. Aden. Ab nach Colombo mit »Bayern« (vom Norddeutschen Lloyd). Capitain Prehn. (RT) - Entgegnung in der »Tremonia« (3. Folge: Nr. 408)

30. September 1899. Auf der »Bayern«. Bergmüller aus Regensburg. »Bin von Palästina gekommen«, sagt er. Tigerjäger. »Bayerischer Volksbote«. (RT) Ein feuilletonistisch aufgemachter Bericht Ludwig Bergmüllers (»Tagebuchblätter von meinem Jagdausflug nach Sumatra«, Regensburg 1909; bearbeitete Auszüge KMJB 1933, S. 442 - 44) schilderte das Zusammentreffen ausführlich: »Seine (Mays) Erscheinung entsprach ganz dem Bild, das ich mir von ihm gemacht. Er hatte einen Araber als Diener bei sich. Im Lauf einer längeren Unterhaltung mit ihm, die mir unvergeßlich geblieben, ... gab er mir manche dankenswerten Ratschläge und Auskünfte und versprach, mir noch weitere Winke zuteil werden zu lassen. Zu meiner größten Freude wurde der interessante Mann noch mein Kabinen- und Schlafgenosse ... Auf dem Schiffe fand abends Kostümfest statt.... Dr. Karl May stellte mir nicht nur sein im Sudan getragenes Reitkostüm zur Verfügung, sondern half mir auch persönlich beim Anlegen desselben, eine Unterstützung, ohne die mir das Ankleiden viel zu schaffen gemacht hätte ...«

1.Oktober 1899. Auf der »Bayern«. Tischnachbar Jäger. (RT) Gedicht Grüß Gott, du liebes Tröpflein Tau ... (HG)

2. Oktober 1899. Auf der »Bayern«. »Mit der Eintönigkeit der Fahrt versöhnte mich nur der belehrende und belebende Umgang mit Dr. Karl May ... Auch des Doktors arabischer Diener interessierte mich, zumal er Deutsch verstand und sprach ... « (Bergmüller a. a. O.)


//184//

3. Oktober 1899. Auf der »Bayern«.

4. Oktober 1899. Auf der »Bayern«.

5. Oktober 1899. Auf der »Bayern«. Wir kamen jetzt von Bombay und waren froh, den Gefahren dieser von der Pest vollständig verseuchten Stadt glücklich entgangen zu sein. Kap Komorin war dubliert, und wir flogen auf einet wunderbaren See dem herrlichen Ceylon zu ... Der Morgen war schon angebrochen, und nun ging auch die Sonne auf, nicht langsam, wie hinter Bergen empor, nicht mit Nebeln und irdischen Dünsten kämpfend, sondern plötzlich, mit einem Male ... Vom Sonnenpunkt am Horizont beginnend und nach Nord und Süd immer breiter werdend, war für uns eine aus flüssigen Brillanten gegossene, funkelnde Bahn gezeichnet ... Ich war nach dem Vorderdeck gegangen, wo die Passagiere dritter Klasse loglerten, und hatte mich an das Spriet gelehnt. unn den Anblick dieses einzig schönen Sonnenaufgangs voll genießen zu können ... (XXX, 107 ff.) - Nachdruck der »Tremonia«-Entgegnung im »Bayerischen Courier«: »Karl May« (1. Folge: Nr. 274)

6. Oktober 1899. Früh 1 Uhr: Colombo an. Grand Oriental Hotel. (RT) »Etwas nach Mitternacht, gegen 1 Uhr 10 Min. morgens, lief unser Schiff in den Hafen von Colombo ein ...« (Bergmüller a. a. O.) - Es gab, wie in jedem orientalischen Hafen, einen unbeschreiblichen Lärm, doch vollzieht sich hier die Ausschiffung in langen, bequemen Böten und einer andernorts sehr wünschenswerten Bedachtsamkeit. Mit Paß- und Zollformalitäten hatte ich nichts zu tun. Unter dem Regendach der Landestelle sitzen Geldwechsler, bei denen man alle möglichen Münzen des Ostens haben kann. Ich verweilte mich bei einem von ihnen, um mich mit landläufigem Silber zu versehen, und schlenderte dann dem Hotel zu. Es ist, beiläufig gesagt, das teuerste, welches ich im Orient gefunden habe ... (XXX, 113)
Karl May blieb in Colombo bis zum 28. 10. und unternahm - bis auf die Fahrt nach Point de Galle, wo er übernachtete - von hier aus höchstens Tagesausflüge, wie die Hotelrechnungen beweisen. Mit E. A. Schmids Behauptung über den Ceylon-Aufenthalt (»... durchstreifte diese Insel mehrere Wochen lang ...«: Band 34 »Ich«, 1. Aufl. 1916, S. 546, bis 26. Aufl. 1967, S. 300) hat es nichts auf sich.

7. Oktober 1899. Colombo. Mein Raum lag zwei Treppen hoch, nicht nach der See oder nach der Straße, sondern nach dem Hofe zu, bei dessen Anblick mich das Gefübl überkam, daß ich nach langer Zeit nun wieder einmal zu Hause sei. In diesem Hofe kannte ich jeden, auch den kleinsten und verborgensten Winkel, obgleich ich ihn nie betreten hatte. Er war der Bereich der interessantesten ethnographischen Studien gewesen, welche ich von meinem hochgelegenen Söller aus hatte machen können, denn er wurde teils vom Hotel, teils von Geschäftshäusern eingeschlossen und stand mittels breiter Durchgänge mit den Straßen in Verbindung. Es gab ein immerwährendes Kommen von Gestalten aller Farben und aller Sorten ... Hassan konnte in den »Pettah« genannten Eingeborenenviertel wohnen, wo ein mir bekannter Deutscher ein Hotel niedrigeren Ranges besaß. Dort gab es für ihn übrigens auch mehr Gelegenheit zu den ihm so am Herzen liegenden Sprachstudien als hier im Grand Oriental Hotel ... (XXX, 116 und 115) Die von den Eingeborenen bewohnten Stadtteile haben schmale Straßen; die Häuser und Häuschen stehen eng beisammen. Man sieht Laden an Laden, und wer sich vor gewissen Gerüchen scheut,


//185//

der tut wohl, sich in eine der stets und überall vorhandenen Rickschahs zu setzen und dabin zu fahren, wo es nicht mehr riecht ... Die Bungalows der Weißen sind von herrlichen Gärten und Parks umgeben, in denen die indische Vegetation zur vollsten, herrlichsten Geltung kommt ... (XXX, 118) - Entgegnung im »Bayer. Courier« (2. Folge: Nr. 276)

8. Oktober 1899. Colombo. Von Genua an bis zu meiner Ankunft hier, also 6 l/2 Monat lang habe ich nicht einen einzigen Tropfen Regen gesehen, nur Gluth, Gluth und Gluth. Hier nun herrscht jetzt der Südwest-Monsun, der regelmäßig täglich 2 mal Regen bringt, 4 Uhr Nachmittags und 4 Nachts. Welche Wonne! (an Richard Plöhn am 10. 10.&added;) Es giebt hier auf Ceylon keine Dattel-, sondern nur Kokospalmen. Philodendren und ähnliche Pflanzen, die bei uns in Töpfen klein und elend hungern, tragen hier kopfgroße Früchte. Herrlich, herrlich! - Dies (eine Postkartenabbildung) giebt Dir nur ein ganz schwaches Bfld von der üppigen Vegetation. Es ist, als habe der Herrgott seine ganze Schöpfungsliebe auf diese unbeschreiblich schöne Insel concentrirt. Jede einzelne Pflanze predigt sein Lob. (an Klara Plöhn am 10. l0.) Es ist hier ein Paradies, von dessen Schönheit Ihr keine Ahnung habt. Ich sckwelge förmlich in Natur- und Schönheitswonne. Wie ist Gott doch so gütig! (an Wilhelmine Beibler am 10.10.)

9. Oktober 1899. Colombo. 36 Seiten von Eunnna aus Mulda erhalten. 2. 9. abgegeschickt. Große Freude! über den Erfolg in Mulda. (RT) - Enegegnung im »Bayer. Courier« (3. Folge: Nr. 278)

10. Oktober 1899. Colombo. Da ich heut eine Menge Briefe zu schreiben hatte und darum nicht ausgehen wollte, so gab ich denn Sejjid (Hassan) bis zum Abend frei ... Bis dabin sollte er im Pettah nach alten Münzen und Merkwürdigkeiten, besonders aber nach Büchern suchen und mir dann sagen, wo so Etwas zu sehen und vielleicht zu kaufen sei ... (XXX, 128) An diesem Tag zahlreiche Postkarten-Serien an verschiedene Empfänger; May faßt den Entschluß, Emma und Plöhns nach Ägypten kommen zu lassen, und gibt ihnen Anweisungen für ein Treffen in Port Said. Dabei ging ich öfters hinaus auf den Söller, um die Raben zu füttern ... Sie bevölkerten die Dächer und Bäume in Scharen und waren so zahm, daß sie sogar in das Zimmer kamen ... Am Nachmittage ging ein echt ceylonesischer Regen nieder; jetzt blauer, vollständig wolkenloser Himmel; plötzlich verrdüstert er .sich, doch ohne daß man massige Wolkennildungen bemerkt. Das Wasser stürzt förmlich wie ein ausgeschütteter See hernieder. Dann wieder ebenso plötzlich heiterer Himmel. Diese Regenszene spielt sich oft innerhalb einer halben Stunde ab ... (XXX, 128 f.) An Wilhelmine Beibler Gedicht Ich kenn' ein Haus in weiter Ferne / da schlägt ein Mutterherz für mich ... Auf einer Ansichtskarte »Mount Lavinia Hotel, Colombo«: Dieses Hôtel ist das schönste, was ich auf Erden gesehen habe, leider aber nur zur gründlichen Ausbeutung der Menschen errichtet. Die Segnungen des Christenthums! (an Klara Plöhn). Auf einer Ansichtskarte »Tamil Lady«: So gehen hier die eingeborenen Frauen der besseren Stände. Es ist ein herrlicher Menschenschlag, der aber durch die sogenannte Civilisation seine Herzensschätze verlieren wird. (an Klara Plöhn)

11. Oktober 1899. Colombo. - Entgegnung im »Bayer. Courier« (4. Folge: Nr. 280).


//186//

12. Oktober 1899. Colombo. Habe von hier aus auch Folgenden geschrieben: Erbprinzessin von Schönburg, Fürst von Schönburg, Fürst Windischgrätz, Prinzessin Adine 10 Karten, die sie jedenfalls am Kaiserhofe vorzeigt. Graf v. Jankovics. Herzöge von Mecklenburg. Königliche Prinzen und Herzöge von Bayern ... (an Klara Plöhn). Außerdem lange Karten-Serien ähnlichen Inhalts an Zeitungs-Redakteure und Leser. Nun kommt eine Mittheilung, welche Sie wahrscheinlich interessiren wird, Herr Redacteur. Ort, Zeit und dergleichen verschweige ich. Warum? Das werden Sie gleich erfahren. Es handelt sich um die Entdeckung eines reichen, ausgedehnten Goldfeldes, vielleicht eines orientalischen Klondyke. Zwölf Reitstunden lang kann der Kenner das goldhaltige Gestein zu Tage treten sehen. Es fehlte an den nöthigen Werkzeugen, und die gebotene Heimlichkeit erschwerte den Prozeß noch mehr; trotzdem ergab ein kopfgroßes Stück Muttergestein für ca. 40 - 45 Mark reines Gold. Dieser Gehalt soll natürlich nicht als der überhaupt durchschnittliche hingestellt werden. Dazu aber kamen noch werthvolle Nebenprodukte und Nebenfunde, die ich nach Deutschland geschickt habe, um sie fachmännisch untersuchen zu lassen. Denken Sie ja nicht, daß ich mich einer Illusion überantwortet habe. Die Goldfelder sind da, wirklich da, doch nicht einmal mein Diener ahnt etwas davon; aber dieser Fund läßt mich sehr kalt; ich brauche ihn nicht, denn ich habe mehr als genug, um nicht darben zu müssen. Die geordnete, fleißige Arbeit segnet Gott; das habe ich ja selbst erfahren; aber das Graben und Kämpfen um den goldnen Klumpen tödtet Leib und Seele und hat noch keinem Lande und keinem Volke geistigen und ethischen Nutzen gebracht. Ich kann dieses Geheinnniß mit in das Grab nehmen, ohne daß es mich eine Spur von Überwindung kostet. Ja, wenn die Gegend in der Nähe einer deutschen Kolonie oder Ansiedlung läge, dann würde ich vielleicht nicht schweigen; aber Fremden - - - - ? Nein! Von hier, also von Colombo aus, mache ich zunächst einen Abstecher nach Sumatra. Ich kann dadurch fünf braven deutschen Menschenkindern zu einem lange vergeblich gesuchten Glücke verhelfen. Sie sehen, Karl May ist trotz seiner sechs Dezennien noch unternehmend und thatbereit, wenn es dem Wohle Anderer gilt. Dann geht es durch Indien und Persien nach dem Tigris hinab zu den Haddedihn ... (an Johann Dederle; abgedruckt in der »Tremonia«, Dortmund, vom 8. 11. 99; vgl. auch die Karten-Serie an das Prager Tagblatt vom 10. 10. 99. abgedruckt Jb-KMG 1970. S. 174 ff.) - Entgegnung im »Bayer. Courier« (5. Folge: Nr. 281).
Gedicht In unsren Herzen war es Nacht ... (an Dr. Pfefferkorn, Lawrence)

13. Oktober 1899. Colombo. Wiener Jude, Hotel angekounnnen, wahrscheinlich schon gestern. (RT) Ich bin jetzt am Oberschenkel verwundet, habe meine anstrengendsten Ritte auch während der jetzigen Reise grad in der heißesten Tageszeit gemacht, von 10 - 4 Uhr, hatte z. B. in Massaua über 40 Grad Réaumur, schlafe trotz meiner sechzig Jahre und größtem Temperaturunterschied im Sonnenbrand der Fieberluft im Freien und fühle mich doch an Körper, Geist und Gemüth so jünglingsfrisch und wohl, als ob ich erst 25 Jahre zählte ... Ich habe allerdings eine wahre Elefantennatur ... (an Prof. Dr. Gustav läger, Stuttgart am 12.10.)

14. Oktober 1899. Colombo. Gedicht Geh hin, mein Herz, und frage nach ... (an Emma)

15. Oktober 1899. Colombo. Längerer Brief an Fehsenfeld zu den Presseangriffen:


//187//

Mich läßt das Alles vollständig kalt ... Ich fürchte alle Journale der Welt nicht im Geringsten. Man mag nur warten, bis ich nach Hause komme! ... In den gestern fortgesandten Karten erwähnte ich, daß wir 1 Band Liebesgedichte herausgeben werden. Der Titel soll aber doch anders lauten, nämlich »Liebes-Psalmen« von Karl May. Innen eine Abbildung in schöner, feiner Zeichnung: Ein Engel, welcher Harfe spielt. Einband mitteldunkle Nuance von Blau, ja kein Bild, nur den Titel. Der Band muß ein hochfeines Aussehen haben. Um Ihnen zu zeigen, welcher Art diese »Liebesgedichter« sind, sende ich Ihnen No. 1. Das Buch wird ein Schlag sein, und wir werden damit einen Schlag machen. Außerdem.sind 2 neue Bände »Reise« unterwegs in Arbeit. Der Druck muß im Frühjahr (April) beginnen. Ich habe vor, noch viel, sehr viel zu schreiben. Stoff ist mehr als genug da, zumal neuer, hoch interessanter. Bin auf Menschenjäger gestoßen, welche Zwangsarbeiter für die Outlanders in Transvaal pressen wollten. Bei dieser Gelegenheit war es, daß ich die Goldfelder entdeckte. Gehe von hier nach Sumatra, Indien, Persien, Arabien - Haddedihn. Den westlichen Zugang nach Arabien versperrte mir leider die Pest. Muß dann nach Egypten zurück, eines neuen, inhaltsschweren Bandes wegen in die lybische Wüste. Da sehe ich mich nun gerwungen, eine Bitte auszusprechen: Mein Reisegeld wird wahrscheinlich grad nur bis Egypten reichen, und da das eine Summe von gegen 30,000 Mark beträgt, so möchte ich meiner sparsamen Hausfrau nicht den Schmerz bereiten, direct noch tiefer greifen zu müssen. Sie soll gar nichts davon merken, und so darf das, was ich noch entnehnne, nicht von den neuen Auflagen sein. Bitte, haben Sie die Güte, und kreditiren Sie mir 6.000 Mark auf die beiden neuen Bände, welche ich vorhin erwähnte! Die schreibe ich so, daß Emmaa nidhts weiß ... Es darf nicht gut weniger als 6000 Mark sein, weil ich mit dem Unnstande zu rechnen habe, daß ich aus der lybischen Wüste noch nach Tripolis, Tunis und gar Algier spritze ... (an Fehsenfeld).

16. Oktober 1899. Colombo.

17. Oktober 1899. Colombo. Album »Views of Colombo« mit Widmung an Emma und Klara.

18. Oktober 1899. Colombo. Gedicht Es kam ein milder Abendhauch ... (Colombo, den 18. 10. 1899 früh 1/2 1 Uhr)

19. Oktober 1899. Mit der Bahn nach Point de Galle (RT). Die Bahn geht längs des Meeres, oft auf einem im Wasser liegenden Damme hin, welcher durch Korallenklippen vor Überflutung und Zerstörung geschützt wird. Rechts hinaus liegt die entweder blau träumende oder beweglich funkelnde See, die ich hier nie in Erregung gesehen habe, und links die Küste mit dem tiefen Grün ihrer herrlichen Vegetation, aus welcher einzelne Häuser oder zusammenhängende Dorfschaften mit fremdblickenden, verwunderten Augen auf den vorüberrollenden Zug schauen. Die Pflanzenwelt prangt hier in fast noch größerer Üppigkeit, als drüben auf dem ostindischen Festlande. Bambusgruppen, Jack- und Brotfruchtbäume, riesige Bananen und volltragende Feigen, gelblich leuchtende Pisonien, Borassus-, Caryota-, Corypha-, Calamus- und Arecapalmen bilden die Unterbrechung von Kokospflanzungen, welche kein Ende nehmen. Die dazwischen liegenden Häuser der Wohlhabenden sind mit blumengeschmückten Veranden versehen; der Ärmere lebt in einfachen Ziegel- oder


//188//

Lehmhäusern, deren Dächer meist aus Palmblättern bestehen. Auch diese Wohnungen sind von Gärten umgeben und machen den Eindruck der Sauberkeit, welcher für Jeden, der aus mit Arabern bevölkerten Gegenden kommt, doppelt angenehme Wirkung hat. Die Eingeborenenstadt von Point de Galle liegt im Niveau der See; die Europäerstadt zieht sich über die hohe, luftige Klippe nach dem wieder tiefer stehenden Leuchtturm hin. Von dem noch oberhalb der Kirche liegenden Hotel aus konnte ich den ganzen Hafen mit den hier ankernden Schiffen fast aller seefahrenden Nationen überblicken ... (XXX, 147 f ) - Gedicht Vergieb, mein Herz ... (HG 56)

20. Oktober 1899. Point de Galle. Hotel Madras. Mein diesmaliger Aufenthalt währte ... nur eine Nacht, und diese Nacht war keine angenehme. Da ich gern hoch, frei und licht wohne, wählte ich ein Zimmer in der zweiten Etage, während ich Sejjid Omar (Hassan) in der ersten unterbringen ließ. Die Räume hier oben hatten die Eigentümlichkeit, daß ihnen die Decken fehlten; das Hausdach, welches noch hoch über sie emporstieg, schützte sie gemeinschaftlich vor dem Regen, und da die Zwischenwände diesem Dach nicht folgten, sondern in etwas über Manneshöhe aufhörten, so konnten sich die Bewohner dieser Etage zwar nicht sehen, aber Alles, was in dem einen Zimmer gesprochen wurde und ebenso jedes Geräusch und jeder andere Schall fiel von dem hohen Dache mit verdoppelter Stärke in die andern Räume zurück, so daß es fast nicht möglich war, ein lautes Wort zu sagen oder irgend etwas Hörbares zu tun, was Niemand wissen sollte. Man wohnte da, wenigstens in Beziehung auf das Ohr, in vollster Öffentlichkeit ... (XXX, 148) Nachmittags nach Colombo zurück (RT) In Point de Galle Gedicht Prüfe dein Auge ... (HG 59)

21. Oktober 1899. Colombo.

22. Oktober 1899. Colombo.

23. Oktober 1899. Colombo. Soeben, nur Stunden vor der Abfahrt nach Sumatra, erhalte ich den geharnischten Tremonia-Artikel meines Freundes Plöhn. Karten mit m e i n e r Ansicht über diese Punkte sind schon unterwegs an Sie. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Plöhn schreibt mir, daß Sie ein Manuscript von mir wünschen. Ja, wissen Sie, daß ich nie kürzen oder ändern lasse? Unter dieser Bedingung bin ich sehr gern bereit, und zwar aus persönlicher Synpathie für Sie, Ihnen unter dem Gesammttitel »Reisebilder aus dem Oriente« noch während der Reise eine Reihe hochinteressanter Sendungen zu machen, sozusagen Photographien von Personen, Orten oder Zuständen, die gewiß sehr gern gelesen werden ... (an Johann Dederle)

24. Oktober 1899. Colombo.

25. Oktober 1899. Colombo

26. 0ktober 1899. Colombo. Als ich am Abend auf mein Zimmer kam, lagen die inzwischen eingegangenen Briefe da, unter ihnen einer, dessen Inhalt mich bestimmte, die von mir geplante Reiseroute dadurch zu verlängern, daß ich ihr die Strecke Ceylon - Sumatra einfügte, und diese Fahrt mußte möglichst sofort, mit denn nächsten Schiffe, unternommen werden. Auf Befragen erfuhr ich, daß heute ein deutscher Lloyddampfer nach Singapore abgegangen, übermorgen aber ein Österreicher fällig


//189//

sei, welcher auch in Penang anlege. Ich beschloß. auf diesem Passage zu nehmen ... (XXX, 161)

27. 0ktober 1899. Colombo.

28. Oktober 1899. Mit der »Vindobona« vom Triester Lloyd ab von Colombo (RT). Der österreichische Dampfer kam ohne Verspätung; er hatte wenig Fracht und wenig Passagiere und sich also nicht durch aufhaltende Hafenarbeiten verspäten können ... Mir war es sehr lieb, daß es so viel Platz gab, denn ich gehe gern ungestört spazieren, auch auf - - der See ... (XXX, l66)

29. - 31. Oktober 1899. Auf der »Vindobona«.

1. November 1899. Auf der »Vindobona«. Unser Dampfer brauchte fünf Tage, um von Colombo nach Penang zu kommen. Sonnabend waren wir abgefahren; Donnerstag kamen wir an. In der letzten Nacht ging ich nicht schlafen, sondern blieb an Deck und schrieb. Der Kapitän hatte meinetwegen den Befehl gegeben, das Licht nicht auszudrehen ... Es war eine wunderschöne, südliche Meeresnacht ... Der südliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nördliche, aber sie scheinen größer und darum der Erde und mit ihr den Menschen näher zu sein; die See erstrahlt in hellerem astralischen Glanze, und die Rätsel der Nacht, die man daheim nicht lösen konnte, treten hier viel deutlicher mit der Bitte an den Menschen heran, gelöst zu werden ... (XXX, 167 f.)

2. November l899. Auf der »Vindobona«. Meine Arbeit ... beschäftigte mich bis zum Morgen. Da sah ich, daß wir uns in der Straße von Malakka befanden. Am südlichen Horizonte trat die Diamantspitze von Sumatra hervor; wir näherten uns Penang ... (XXX, 180 f.) An Penang. East and Oriental Hôtel (RT). Das East and Oriental Hotel besteht aus zwei Abteilungen, einer einheimischen und einer europäischen. Die letztere habe ich, den Speisesaal ausgenommen, gar nicht betreten, denn ich lasse mich nicht gern zwingen, jeden Tag volle vierundzwanzig Stunden lang nur immer »Lord« und gar nichts Anderes zu sein. Die andere Abteilung, eine sehr in Ruhe gelassene Dependence, liegt seitwärts, lang gestreckt an einem schmalen Garten hin, den herrlich bewipfelte Bäume einfassen. Gleich hinter diesen Schattenspendern rauscht Tag und Nacht die See am Strand empor ... Jedes einzelne Logis nimmt einen Querschnitt durch das ganze Gebäude ein und besteht aus mehreren Räumen. Vorn liegt der Garten, von dem aus man in das orientalisch ausgestattete Vorzimmer tritt; dann folgt das geräumige, immer kühle Wohngemach, aus welchem man nach hinten in einen Flur kommt, der auf der einen Seite nach der Badestube und auf der andern nach den Toilettenräumen führt. Hieran schließt sich ein wohlgepflegter Blumengarten ... Das alles steht jedem einzelnen, für sich wohnenden Gaste zur Verfügung ... (XXX, 190 f.)

3. November 1899. Penang. Dem mit dem Dampfer nach dem Osten kommenden Reisenden treten hier in Penang zum ersten Male chinesische Gestalten, Formen und Gebräuche in der Weise entgegen, daß sein Auge von ihnen gefesselt wird. Er findet das, was er sieht, so überaus fremdartig, seinem gewohnten Fühlen und Denken so fernliegend, daß er sich unwillkürlich fragt, ob es ihm möglich sein werde, unter


//190//

diesen neuen Eindrücken der Alte zu bleiben. Und er hat ein Recht, einen schwerwiegenden Grund zu dieser Frage, weil allen diesen Erscheinungen eine Lebensfülle, eine strotzende Kraft, eine überzeugende Selbstverständlichkeit innewohnt, durch welche die Ansicht, daß es sich um altersschwache, kranke Zustände handle, schon in den ersten Stunden arg erschüttert wird ... Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich, als ich nach Tische einen Gang durch Penang machte. In den Straßen und Gassen stieß ein Laden an den andern. Viele hatten gar keine Tür, weil die Vorderwand des Hauses fehlte und es an ihrer Stelle nur Tragpfosten gab. Und vor diesen Läden zogen sich zu beiden Seiten lange Reihen von feilhaltenden Frucht- und andern Händlern hin. Ich sah weder Polizei noch Militär, und doch herrschte überall eine Ordnung, welche einen erfreulichen Eindruck machte. (XXX, 201, 204)

4. November 1899. Ab nach Padang. »Coen«. Kommandant Wilkens. (RT) Man pflegt, wenn man von Penang nach Uleh-leh geht, nach Durchquerung der Malakkastraße in Edi, Lo-Semaweh und Segli anzulegen. Das sind Militärstationen, welche an der fieberhauchenden Küste angelegt sind, un bei den Kämpfen gegen den Herrscher von Atjeh den kriegerischen Vorstößen in das Innere als Stützpunkte zu dienen. Infolge dieses dreimaligen Anlegens sind zwei Tage notwendig, um von Penang nach Uleh-leh zu kommen ... Das Wetter war geradezu herrlich; die Luft stand fest; die See ging in langgestreckten Wogen ... (XXX, 264)

5. November 1899. Auf der »Coen«. Edi - Telok (RT).

6. November 1899. Auf der »Coen«. Ich schlief sehr gut und lange. Als ich früh auf das Deck kam, erfahr ich, daß wir die Spitze von Tanjong Perlak schon hinter uns hätten und uns also in den Gewässern von Sumatra befänden. Später sah man backbordseits den Goldberg in blauer Ferne liegen. Segli wurde doubliert, und dann dauerte es gar nicht lange, so machte R. uns darauf aufmerksam, daß wir dem Ziele nahe seien. - Uleh-leh ist nicht groß, fast durchweg nur aus Holz gebaut. Der Stil der Häuser ist darauf berechnet, möglichst luftig zu sein und doch genügend Schutz gegen die sehr kräftigen Monsunregen zu gewähren. Ein breiter, aus starken Bohlen zusammengefügter Landungssteg reicht in die See hinein ... Bei der Ankunft von Passagierdampfern entwickelt sich auf ihm ein außerordentlich buntes, hochinteressantes Treiben ... (XXX, 280) In Uleh-leh 100 Postkarten. Mit Rosenberg ins Hotel seines Schwagers. (RT) Mit der Bahn von Uleh-leh nach Kota Radjah, Hotel Rosenberg (vgl. XXX, 211) Wir hatten wieder eine wunderbare Fahrt. Es ist, als ob das Wetter extra für mich gemacht wurde! (an Emma)

7. November 1899. Kota Radjah. Ich bin glücklich hier auf Sumatra angekommen, und zwar zu einer für mich sehr günstigen Zeit. Waruns? Das werde ich in den Ihnen versprochenen »Reisebildern aus den Oriente« erzählen. Ich hoffe, sie beginnen zu können, sobald ich nach Padang komme ... (an Johann Dederle)

8. November 1899. Mit der »Coen« ab nach Uleh-leh. (RT)

9. November 1899. Auf der »Coen«.

10. November 1899. An Padang. Adjeh-Hotel. (RT)


//191//

11. November 1899. Padang. Hassan will fort (RT) Abrechnung Hassan: 18,5 Wochen = 647,50 Mark.

12. November 1899. Padang. Es gibt in Uleh-leh und Kora Radscha eine Art sehr leichter Fiaker, welche mit kleinen, aber sehr schnellen, edlen Barak-Ponies bespannt sind. Diese Pferdchen laufen wie ein Wetter und sind von einer Ausdauer, die fast unbegreiflich wäre, wenn man nicht sähe, mit welcher Liebe so ein Malaie an seinem Tiere hängt. Ich habe später von Padang aus mit solchen niedlichen Tieren ganze Tagestouren von doppelter Länge, als man in Deutschland gewöhnt ist, gemacht, und wenn wir des Abends nach Hause kamen, so waren sie noch so frisch und mutig wie am frühen Morgen ... (XXX, 316)

Bis 23. November 1899: Padang.
Über den Padang-Aufenthalt sind keine Unterlagen vorhanden; auch die Spiegelung in »Friede« übergeht diese Reise-Station.

23. November 1899. Padang. Es ist hier so herrlich, daß ich gestern meiner Frau, den Ihnen bekannten Herrn Plöhn in Radebeul und seiner Gemahlin depeschirt habe, daß sie sofort nach Port Said in Egypten kommen sollen, wohin ich für morgen auch Dampfer genommen habe, um sie nach hier zu holen und ihnen dieses Paradies zu zeigen. Dann nehne ich sie mit nach den andern Gegenden, in welche mich diese Reise führt. Ist das nicht schön und eine unschätzbare Gnade Gottes, mit der Frau und herzlieben Freunden solche Weiten des Orients bereisen und mein schönes Bagdad auch mit besuchen zu dürfen? Ich versprach Ihnen ein Manuscript für Ihre Zeitung, bin aber weder auf der See noch während der zwei Wodsen hier zum Anfang gekommen, kann Ihnen aber sagen, daß ich während der 23-tägigen Fahrt von hier nach Port Sald an dieses mein Wort denken werde ... (an Johann Dederle)

24. November 1899. Ab Padang. »Bromo«, Rotterdamer Lloyd. (RT) Gedicht Es war in fernen Landen ...

Bis 11. Dezember 1899 auf der »Bromo«. Laut Notiz Klara Mays fand während dieser Reise »sein Zusammentreffen mit dem Selbstmörder aus belasteter Familie« statt: Wir verbrachten eine ganze, helldunkle Sternennacht auf dem Oberdeck über psychologischen Fragen. Da gewann er Vertrauen zu mir und teilte mir mit, was er sonst Keinem sagte ... (XXXIII, 26)

11. Dezember 1899. Ankunft in Port Said. Grand Hôtel Continental. Hier wartet May auf das Eintreffen Emmas und der beiden Plöhns. Aber als das Lloydschiff dann eintraf, waren die drei Erwarteten nicht zu sehen. Sie befanden sich überhaupt nicht unter den Passagieren. Ich telegraphierte nach Hause; ich schrieb, bekam aber keine Antwort. Dieses entsetzliche Warten und Schweben in peinlicher Ungewißheit verschlang ... bedeutendes Geld. Ich tat alles Mögliche, um zu erfahren, wo die drei Personen steckten. Endlich wurde mir der Name eines italienischen Ortes an der Riviera genannt, der aber so unbedeutend war, daß Niemand ihn kannte. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als hinüberzufahren und ihn zu suchen ... (»Studie«)

18. Dezember 1899. Abfahrt von Port Said. Ich nahm mit Sejjid Omar, meinem


//192//

arabischen Diener, Passage auf einem englischen Schiff, welches nach Marseille ging. Wir hatten wütenden Sturm, kamen aber glücklich an. Ich war schwer krank, fast ein Skelett, infolge der Anstrengungen und Entbehrungen der Reise. Von Marseille ließ ich den Telegraphen spielen. Es gelang mir zu erfahren, wo meine Frau sich mit Herrn und Frau Plöhn befaud ... (»Studie«) Sie steckte in Arenzano, eiuem kleinen Orte der italienischen Küste ... Ich fuhr über Nizza hin ... (II. Schriftsatz an das KLG III Berlin, 75) Richard Plöhn, der an der Brightschen Nierenkrankheit litt, war unterwegs pflegebedürftig geworden, und erst am 18. Januar 1900 konnte Klara einem Bekannten nach Dresden »berichten, daß sich mein armer Mann wieder besser befindet, aber noch nicht gut ...«
In Arenzano (20 km westlich von Genua) Grand Hôtel, Rodino Brothers, blieben Mays und Plöhns bis zum 14. März 1900; am 15. März waren sie in Pisa, am 19. März in Rom, am 29. März in Neapel. Von hier aus fuhren sie am 4. April mit dem Reichspostdampfer »Hamburg« nach Port Said, wo sie am 9. April eintrafen.

9. April 1900. Weiterfahrt nach Kairo. Hotel Continental.

10. - 19. April 1900. Kairo. Ausflüge in die nähere Umgebung. Die von Klara später behaupteten Unternehmungen (nochmalige Nilfahrt bis Assuan, Ritte durch die Wüste etc.) sind Erfindung. Plöhns Zustand machte dergleichen unmöglich.

20. April 1900. Kairo. Brief Karl Mays an Fritz Unger, Haifa, mit der Bitte um einen Mietwagen nach Jerusalem.

21. April 1900. Kairo.

22. - 26. April 1900. Fahrt zu den Pyramiden von Gizeh mit Übernachtung im Mena House. Ich ließ einen Tisch mit Stüblen hinaus vor die Tür bringen, um die Genugtuungg zu habeu, ihnen das beste zu bieten, was Gizeh demjenigen Besucher bieten kann, welcher das geistige Auge und die seelische Empfänglichkeit dafür besitzt: den von den anderen Gästen nicht gestörten Anblick der Pyramidem beim Moudesschein ... (XXX, 98)

27. April 1900. Kairo.

28. April 1900. Mit der Bahn nach Port Said.

29. April 1900. Port Said.

30. April 1900. Port Said. Abfahrt mit »Le Caire« nach Jaffa.

1. Mai 1900. Ankunft in Jaffa. »See war sehr ruhig, hatten sehr gutes Schiff, Khediviallinie, "Le Caire" war der Name. Wir gehen nun nach Jerusalem ... Hier ist es herrlich, aber sehr warm ...« (Klara an Wilhelmine Beibler)

2. Mai 1900. Jaffa. In diesen Tagen Besuch der deutschen Kolonie Sarona (1868 von Mitgliedern des »deutschen Tempels« gegründet; 3 km nordöstlich von Jaffa); Bekanntschaft mit den deutschen Familien Lippmann und Weiss: »Alle Kinder sind


Fotos zwischen Seite 192 und 193:

Karl May zwischen den Mauerresten von Bethanien, etwa 2 km südöstlich von Jerusalem am Ölberg (100 Kb-Jpg)

Karl May am Siloahteich (207 Kb-Jpg)



//193//

dort geboren; die mit hinübergenommen wurden, starben alle. (Fiebergegend).« (Klara auf der Rückseite ihres Fotos der Familien).

3. Mai 1900. Jaffa.

4. Mai 1900. Jaffa. Widmungszeilen in eine Bibel für Emma: Dies ist das Buch mit tausend Siegeln ...

5. Mai 1900. Jaffa.

6. Mai 1900. Jaffa. Am Nachmittag mit der Bahn nach Ramle. »So Gott will, öffnen sich uns morgen die Pforten der heiligen Stadt ...« (Klara an Wilhelmine Beibler)

7. Mai 1900. Ramie. Weiterfahrt nach Jerusalem. Lloyd Hotel A. Fast.

8. Mai 1900. Jerusalem. Nachmittags wanderten wir nach dem Ölberge, um nach Bethanien hinauf zu spazieren und dann über die Stätte Betphage und Kafr et Tur nach der Stadt zurückzukehren. Wit nahmen den photographischen Apparat mit, ohne den Klara fast nie verreist ... So machte sie auch heute in Bethanien einige Aufnahmen, welche die Eigenartigkeit der dortigen Stein- und Mauerreste zeigen. Dann stiegen wir zur vollen Höhe des Ölbergs hinauf. Da gibt es Stellen, an denen man nicht nur die ostjordanischen Berge, sondern sogar einen Teil des Toten Meeres liegen sieht ... (Schamah, Stuttgart 1910, 22)

9. Mai 1900. Jerusalem. Wir verwendeten den Vormittag dazu, die »Gräber der Könige« und einige andere naheliegende Orte zu besuchen. Am Nachmittag wollten wir nach Ain Karim, einem meiner Lieblingsplätze, den man für den Geburtsort Johannis des Täufers hält ... (Schamah 69)

10. Mai 1900. Jerusalem. Besichtigungen und Spaziergänge. Klara veranlaßte mich, den Apparat mitzunehmen. Sie wollte am Siloahteiche und in Bethanien einige Aufnahmen machen. Als wir hinkamen, war kein Mensch außer uns zu sehen. Ich freute mich darüber ... Von hier aus gingen wir nach dem Kidrontal und bis zur sogenannten oberen Brücke, um Gethsemane zu sehen. Dann über den jüdischen Begräbnisplatz nach Bethanien hinauf ... Am Grab des Lazarus nahmen wir auf dem Gemäuer Platz und teilten uns unsere Gedanken mit - leise wie in einer Kirche. Wir waren ganz allein. Der Hüter hatte sich entfernt. Das Grab stand offen. Welche Gedanken schauten aus dieset geöffneten Tüt zu uns herüber! ... (Schamah 72, 73 und 77)

11. Mai 1900. Ausflug nach Hebron. Hebron ist in hohem Grade ehrwürdig, leider aber nicht freundlich gegen Frmde, zumal gegen Chtisten. Die Bevölkerung ist die bigotteste des ganzen Landes, ungefähr neuntausend Mohammedaner und fünfhundert Juden, die zwar vom Christen so viel wie möglich Geld verdienen wollen, ihn aber sonst als einen minderwertigen, wohl gar unreinen Feind betrachten, durch dessen Berührung man sich beschmutzt. Ein durch die Gassen Hebrons gehender Christ tut wohl daran, wenn er sich bemüht, die Augen der »wahren Gläubigen« so wenig wie möglich auf sich zu ziehen, sonst kann es leicht kommen, daß wenig-


//194//

stens die Jugend hinter ihm herläuft, um ihn nicht nur mit Schimpfworten, sondern auch mit noch kompakteren Dingen zu bewerfen. Dieses feindselige Verhältnis spricht sich wohl am deutlichsten durch den Umstand aus, daß es in Hebron kein Gasthaus zur Aufnahnne von Christen gibt, obgleich die Stadt durch eine recht gut fahrbare Straße mit Jerusalenn verbunden ist ... (Schamah 33) Ich ritt auf dem alten Pflasterweg nach dem Haine Mamre hinaus und ließ mir im russischen Hospize dort den Schlüssel zum Aussichtsturme geben. Ich sah die unterhalb stehende »Eiche Abrahams« ... und ritt dann zwischen Weinbergsmauern weiter, die Jerusalemstraße hinaus und rechts hinüber nach dem Brunnen Abrahams. Er liegt in der unteren, rechten Ecke des Mauerfeldes, und die strenggläubigen Bewohner von El Chalil sehen es nicht gern, wenn ein Christ von seinem Wasser trinkt. Ich schöpfte aber doch und trank und trank. Hierauf sammelte ich, wie ich schon früher gethan, den Samen der dort massenhaft wachsenden Kompositenblumen, um ihn daheim in meinem Garten auszusäen ... (XXVIII, 274) Mein alter, braver Eppstein nahm uns im höchsten Grade gastlich auf. Er gab uns sein mir wohlbekanntes »bestes Zimmer«, welches verhältnismäßig luftig auf dem platten Dache liegt. In dem Tagebuche meiner Frau, die sich derartige Dinge gern notiert, sind hierüber folgende Zellen zu lesen: »Es war ein sehr heißer Tag. Wir bekamen ein schönes, kühles, gewölbtes Zimmer, welches zwei weitgeschweifte Bogen hatte. An drei Seiten Fensteröffnungen und an der vierten Seite die Tür. Der Raum war nach dortigen Verhältnissen splendid zu nennen. Die Ausstattung bestand aus zwei Betten, einem auf drei alten Kasten aufgebauten Divan und einem Tisch nebst vier Stühlen mit Holzsitzen, die aber mit weißen Kappen, welche auch noch eine Falbel hatten, belegt waren. Ein schöner Wasserkrug, wie er schon zu Christi Zeiten in Gebrauch war, stand in der Ecke. Die Wände waren blau getüncht. Auf einem der Stühle stand ein Waschservice aus Messing. Über die Bilder, die an den Wänden hingen, schweige ich. Bewirtet wurden wir mit vorzüglichem Hebronwein, die ganze Flasche für einen Frank. Das Essen, welches man uns vorsetzte, zeugte von großer Mühe, die man sich gegeben hatte, doch wäre diese Mühe gewiß einer bessern Sache wert gewesen ...« (Schamah 43; die zitierte Stelle aus »dem Tagebuche meiner Frau« stammt nach Diktion und Stil eindeutig von May selbst: daß er auch über diesen Reiseabschnitt ausführliche, später »verloren« gegangene Aufzeichnungen gemacht hatte, die er dann für Schamah benutzte, darf folglich mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden).

12. Mai 1900. Von Hebron zurück nach Jerusalem, wo ich mit meiner Frau, Freund Plöhn und dessen Gemahlin vereint weile. Es sind wahre Odysseus-Fahrten gewesen, welche zwischen meinem letzten Gruß und dem heutigen liegen, und ich fand da leider nicht die nöthige Ruhe und Zeit, das Ihnen versprochene Manuscript zu vollenden. Sie wollen dies gütigst verzeihen! Aber mein Wort halte ich. Gestern waren wir in Hebron, und morgen geht es nach dem todten Meere. Ich habe außer dem Äußerlichen auch so viel, so sehr viel Innerliches erlebt, und Palästina ist in geistiger Beziehung noch heut das Land, darinnen Milch und Honig fließt. Ich bringe davon mit! (an Johann Dederle)

13. Mai 1900. Jerusalem. Telegramm an Fritz Unger nach Haifa, einen Mietwagen nach Jaffa zu schicken. Nachmittags Abfahrt nach Jericho. (In Jericho mietete May sicb in einem russischen Privatbaus eine Wohnung; er blieb dort vermutlich mehrere Tage und unternahm verschiedene Ausflüge.)


//195//

14. Mai 1900. Jericho. Er-Riha wird diese Stadt vom heutigen Araber genannt. Von ihr aus geht es über eine alte, verfallene Brücke nach dem fernliegenden »Toten Meere«. Nach der anderen Seite führt, an zerlumpten, niedrigen Beduinenzelten vorüber, ein bequemer Weg nach Ain es Sultan, wo die eingeborenen Bettler gern unter Wasser tauchen, um die für sie hineingeworfenen Geldstücke herauszuholen ... Geht man von hier aus noch weiter, so sieht man den innposanten Dschebel Qarantel vor sich liegen, der sich aus dem Abgrunde wie ein böser Traum aus tiefem Schlaf erhebt. Seine Einsamkeit hat schon in den frühesten Zeiten anziehend auf fromme Anachoreten gewirkt. Die Höhlen wurden von ihnen bewohnt. Zelle gesellte sich zu Zelle. Sie sind hoch am schwindelnd steilen Fall der Felsen gelegen. Heute wird diese Siedlung als Strafkolonie für griechisch-katholische Priester gebraucht ... Auch in Jericho habe ich unter freiem Himmel wiederholt ganze Nächte durchgewacht. Warum? Der Unsauberkeit und des Ungeziefers wegen, welches mich aus der Wohnung heraus bis an den verwilderten Garten trieb ... Ich sah am Tell ed Den den Chan Chadrur vor mir liegen, welcher die Herberge sein soll, in die der barmherzige Samariter seinen Pflegling brachte. Dort habe ich für eine Flasche allerschlechtesten Bieres drei Mark bezahlt. Ein Glas widerilch parfümiertes Wasser kostet einen Frank. Wer aus Sparsamkeit nicht einkehrt, ist des ferneren Weges nicht sicher. Die Verhältnisse sind nach zweitausend Jahren noch ganz diesselben. Das ist »das gelobte Land«! Wie herrlich weit hat man es dort gebracht! (XXVIII, 339 ff.)

15. - 16. Mai 1900. Jericho und Umgebung.

17. Mai 1900. Jericho. Zurück über Jerusalem nach Jaffa.

18. Mai 1900. Abreise im Wagen der Firma Unger nach Tiberias.

19. - 21. Mai 1900. Unterwegs nach Tiberias.

22. Mai 1900. Ankunft in Tiberias. Bootsfahrt nach Magdala, Kapernaum, Bethsaida, über den See Genezareth, welcher so stürmisch war, daß wir beinahe in Lebensgefahr kamen. (an Wilhelmine Beibler) »Denn auf dem Rückweg machte sich ein furchtbarer Sturm auf, und wir mußten weit von der Stadt entfernt landen. Das Boot konnte aber auch nicht ans Ufer, und wir mußten auf den Schultern der Bootsleute ans Ufer getragen werden. Es war furchtbar ...« (Klara an Wilhelmine Beibler)

23. Mai 1900. Tiberias. Besuch bei Pater Biever, dem Direktor der Deutschen Palästinagesellschaft in Kapernaum. »Bei Pater Bieber (!) fanden wir auch Karl Mays Werke. Er selbst ist ein begeisterter Leser, und er erzählte uns, daß Karl May sein Lehrer im Umgang mit den Beduinen gewesen sei. Jetzt gilt er dort unter diesen Leuten als Berater und Helfer in allen Lebenslagen ...« (Klara May, KMJB 1918, 70)

24. Mai 1900. Tiberias.

25. Mai 1900. Weiterfahrt nach Nazareth. Richard Plöhn »ist sehr angegriffen und verträgt gar nichts ...« (Klara an Wilhelmine Beibler)

26. Mai 1900. Ankunft in Haifa.


//196//

27. Mai 1900. Haifa. Abends an Bord der »Hungaria«.

28. Mai 1900. Abfahrt von Haifa. Wir gingen gestern an Bord des Österreichischen Lloyd-Dampfers »Hungaria«, wo Richardts Cabine No. 5 und wir No. 3 bekamen. Abendessen gab es nicht. Fritz Unger blieb bis 1/2 12 Uhr bei uns. Dann gingen die lieben Drei schlafen. Das Schiff nahm ca. 1/2 2 Uhr Anker auf. Ich blieb noch länger auf dem Promenadendeck, bis Lichter und Leuchtthurm von Haifa und mit ihnen der liebe Karmel verschwanden. Gegen 5 Uhr war ich wieder oben. Ich sah Sidon im Morgenglanze liegen, dann nördlich Dörfer und einzelne Häuser am Strande oder am Gebirge. 8 Uhr erschien Berut. Ich weckte. Die Lieben zogen den Kaffee dem Anblick der Stadt vor. Sie sind eben anders als ich.
Das Schiff wurde von Booten bestürmt. Dasjenige des Hôtel Allemanja mit Ungers Bruder war auch da. Er begrüßte mich. Wit waren schon längst erwartet worden. Wir hatten Zeit und beschlossen, mit dem Ausbooten zu warten, bis Ruhe sei.
Beyrut nimmt sich von der See wunderbar gut aus, schmuck und sauber mit seinen hellen Mauern und rothen Ziegeldächern. Ich schaute nach dem Quarantaineplatze aus, konnte ihn aber nicht sehen, weil wir im Binnenhafen lagen. Die See war ruhig, und das Ausbooten war bequem. Am Gumruk mußten wir alles öffnen, doch verfuhr der Beamte sonst rücksichtsvoll. Geschrei gab es viel, und E. schrie mit. Wir behielten aber Alles beisammen und kamen glücklich im Hotel an, wo Fräulein Blaich sich freute, mich wiederzusehen: Ich bekam mein früheres Zimmer, Emma das große nördlich. Klara nahm zwei nebeneinander liegende westlich. Richardt forderte mich auf, noch ehe er sein Zimmer betreten hatte, ein kaltes Bier mit zu trinken. Wir gingen zu Gaßmann, wo wir einen Versicherungsinspector (Österreich) fanden, mit welchem wir uns sehr gut unterhielten.
Nach Tisch fuhren wir in 2 Wagen nach dem Nahr el Kelb, den ich schon von früher her kenne.
Der Weg durch die Stadt war staubig. Wegen Straßenbaues fahren wir nicht über den Kanonenplatz, sondern durch die untere Stadt und an der Quarantaine vorüber. Mich interessiren an den Häusern besonders die saracenischen Anklänge. Leider sind die auf dünnen Säulen ruhenden Bogen mehr rund als Spitzbogen, oft 3 neben einander, der dritte zuweilen halb oder ganz ausgemauert. Auch der kirchliche Hochfensterbau bei Privatbäusern gefällt mir. Das Eindringen des Lichtes wird sogar durch Ochsenaugen unterstützt. Man beweist dadurch, daß man sehr licht und dabei doch kühl wohnen kann.
Die Straße außerhalb der Stadt ist gut. Die Kapelle des h. Georg, wo nach der Sage der Kampf mit dem Drachen stattgefunden haben soll, sahen wir leider nicht, weil sie am obern Wege liegt. Jenseits der von Fachr ed Din erbauten Berutbrücke sieht man Aley, Brumana und andere Ortschaften, später auch das Kloster hoch oben liegen. E. war müde; sie schlief auf dem Hinwege, interessirte sich dafür aber auf dem Rückwege um so mehr für die Bewohnet von Dschedeide, Ant Elias und Debaje.
Es sind das fleißigere und intelligentere Menschen, als die, welche wir in letzter Zeit sahen. Sie haben allerdings Wasser, benutzen es aber auch. Es giebt da ausgedehnte und gutgehaltene Manlbeerpflanzungen für die hier fleißig betriebene Seidenraupenzucht. Zwischen den Baumreihen pflügen Ochsen den Acker. An dem mit hohen Schilfgräsern eingefaßten Wege liegen wohlbestellte Äcker und Gärten (Kürbis, Melonen, Wein, Öl ,,,,). Die Menschen, wohlgenährt und kräftig aus


//197//

sehend, sind besser, oft malerisch, halb militärisch gekleidet und schauen nicht nach Bakschisch aus. Es giebt sehr hübsche Gesichter mit edlen, intelligenten Zügen. Die meist in Gärten liegenden Häuser sind von Mauersteinen massiv und sauber gebaut. platte Dächer, auf welche Holztreppen von außen führen. Die an der Straße liegenden haben meist eine von sarazenischen Bogen getragene steinerne Vorhalle, welche den dahinter liegenden Wohnungen Kühlung bringt. Sieht man durch die offenen Thüren, so erblickt man freilich meist leere Räume, in denen nichts vorhanden ist, was auf europäische Bequemlichkeit Bezug hat.
Man begegnet Wagen (Droschken aus der Stadt), Fußgängern, Reitern zu Kameel, Pferd oder Esel. Sie alle machen den Eindruck der Zufriedenheit und Werkthätigkeit. Wo man hält oder einkehrt, stehen sie auch alle rundum, aber nicht mit der zudringlichen Neugierde anderer Gegenden, sondern mit sichtlich wirklichem Interesse und Nackdenken und sind den Fremden in jeder Art behülflich. In der Restauration am Nahr el Kelb, dessen Eisenbahnbrücke eingestürzt war, so daß ein Theil der Schienen in der Luft hing, brachte man uns sofort Blumen. Ein Gast übersetzte unsere Wünsche. Ich entdeckte 2 Flaschen Münchener Sedelmeyer, von denen sofort eine im Korbe in den Bach gehängt wurde. Die anderen Drei tranken Kaffee. Ich ging hinter das Haus und entdeckte reife Luhf-Pflanzen, die ich an der Frühstückseiche jenseits des Karmel nur unreif gesehen hatte. Kaum bemerkte man, daß ich sie nahm, so holte man noch mehr. Man mag dabei zwar auch mit an das Trinkgeld denken, aber es geschieht in einer Weise, welche den Eindruck vorzugsweiser Aufmerksamkeit und Gefälligkeit macht. Kurz, ich bin von diesen Leuten sehr befriedigt. Auf dem Rückwege bogen wir links nach El Hersch und Rustam Paschas Garten ein. Der Ausflug gefiel Richardt so sehr, daß Klara meinte, er müsse noch einmal gemacht werden. Hier wird das alte Berytos wieder jung und ist in sein schönstes Grün gekleidet. Man glaubt nun auch, daß es wegen seiner Seidenwebereien einst hochberühmt war. Es giebt an diesem Wege überall kleine Pinienwälder und lichtere Kiefernpflanzungen, welche beweisen, daß das Land wohl wieder grünen könnte, wenn Einsicht, Fleiß, Wasser und Wald vorhanden wäre. Die beiden Ersteren würden die beiden Letzteren wohl unschwer schaffen können. Nur müßte vor allen Dingen der Zoll auf Obstbäume fallen.
(RT)

29. Mai bis 1. Juni 1900. In diesen Tagen Ausflug in den Libanon. Es bettelt einen hier kein Mensch an; die Leute sind betriebsam und fleißig; sie würden sich schämen, das Wort Bakschisch auszusprechen.
Im Hotel kosteten 7 Sarfs 1 Frank. Es gab ein Lachen über Hassau, der nach den Kebeb-Eisen gefragt wurde und nicht deutsch konnte.
Überall erblickt man saubere und wohlgepflegte Manlbeerpflanzungen, die Steine zu Mauern aufgeräumt. In und oberhalb Bukfaja auch Wein. In Bachrsaf traten wir in eine Seidenspinnerei ein und sahen uns das Abspinnen der Cocons an. Es herrschte ein penetranter Geruch, und die oft recht hübschen Mädchen wurden vom Aufseher mit dem Stock zur Arbeit angetrieben! Oben waren wir in den Wolken gewesen, in Bukfaja so kalt, daß wir das Zimmer aufsuchten. Von Bachrsaf wurde es wieder warm und hell, und das großartige Gebirgspanorama trat deutlich hervor.
Im Hotel Saalmüller hatte man mit dem Mittagessen auf uns gewartet. Es gab sehr reichlich Lachs etc., was mich Etwas ahnen ließ. Und richtig, als ich die Rechnung haben wollte, durfte ich nicht zahlen. Schon Richardt war abgewiesen worden. 4 Personen, 2 Kutscher, 7 Diener, 4 Pferde. Eine ganz und gar unerwartete und groß-


//198//

artige Gastlichkeit. Wir erhielten sogar noch Pinienäpfel und echte Zweige der Libanonzedern! Muß mich abfinden!
Der Abschied war herzlich und rührend. Gott segne diese guten Menschen!
Bei der Niederfahrt hielten wir in Ain Saâda an, wo am Straßenrande aus dem Innern der Seidenwürmer, die gelb sind und dadurch minderwertig, Angelschnuren gemacht werden. Wir kauften 2 Gebinde für à 1 Fr.
In Tikwêni lag eine junge Frau am Wege. Der Mann hatte sie geschlagen, bis sie liegen geblieben war, - - - er war Christ. Unterwegs kam mir der Gedanke, daß die Geduld der edlere Beweis der Liebe sei.
Zwischen Brumana und Bet Maria schrieb ich: Gedanken beim Sonnenuntergang (Erst wenn man was verloren hat, erkennt man seinen Wert) ...
(RT)
»Unsere Libanontour war herrlich, nur komme ich nie dazu, die Herrlichkeiten mit ruhigem Gemüth genießen zu können ...« (Klara an Wilhelmine Beibler am 7. 6.)

2. Juni 1900. Beirut. Aphorismen Es kann kein Mensch ... und Nenne Gott nicht eher deinen Vater ... mit abschließenden 8 Verszeilen. Es ist mir, als müsse sich das geplante Epos »Die beiden Inseln« auf diese Erlösungslehre beziehen. Aber unter einem anderen Titel. Vielleicht »Der Archipel«. Seine Bewohner sehnen sich nach dem Festlande, dem Vater dort, können aber nicht einzeln zu ihm, sondern bekämpfen sich. Endlich gelingt es ihnen durch die vereinigte Liebe und den führenden Verstand. (RT) - Bekanntschaft mit dem Berliner Theologen Dr. Bruno Violet (s. 6. Juni; er edierte 1902 sein »Zweisprachiges Psalmfragment aus Damaskus«)

3. Juni 1900. (Pfingsten) Beirut. Früh 7.05 nach Muallaka, von da nach Baalbek. - Wie liebe ich dieses Land und seine Gebirgsformationen! Die Gefährten stehen ihm kälter gegenüber. Die Gegend bis Aleih habe ich schon gesehen. Diese Berge alle sind steinerne Gebete zu Gott um Wasser. Sie wollen geben, spenden, fruchtbar sein, und wo die Menschen an der Erhörung dieses Gebetes arbeiten, ernten sie von diesen steril scheinenden Höhen auch wirklich Dankbarkeit. Diese Leute sind mir sympathisch. Sie sehen sauber und intelligent aus und sind freundlich und gefällig. Die auf einer Station, ich glaube Dschenhur, in Körben aushängenden Brote und Früchte machten einen so reinlichen Eindruck, daß sogar die beiden Frauen Appetit bekamen. Die Häuser sind hier noch massiv von Stein; es giebt eine gewisse Sicherheit und Behäbigkeit um sie her. Später wird das freilich anders.
In Ain Sofar war der höchste Punkt im Libanon erreicht.
Es geht durch die Hochebene Bekaa (Bika'), welche den Libanon (links) vom Antilibanon (rechts) trennt. Diese Ebene ist wie Eisenoxyd roth und war früher gut bebaut, jetzt nur noch leidlich. Nur mit dem Pflug bewirtschaftet. Dazwischen steppenartige Strecken.
Ich wurde nicht müde, die beiden Höhenzüge zu betrachten, aber die Ebene ist einförmig, das Auge ermüdet. Die Häuser der Dörfer, durch welche man kommt, gleichen den egyptischen Schlammziegelhütten, und die Bewohner sind nicht so ansprechend wie bisher. In Bet Schannah wurde gerastet. Dann ging es nach N. O. querlang über die Ebene. Wer mag hier alles gelebt, wer nach Baalbek gezogen sein, um dort zu verehren, »die wir nicht verehren«, wie der Kuran in der Fathha sagt?
Warum hat man Baalbek dorthin gesetzt, wo es stand und steht? Die Karte giebt keine Antwort darauf, aber das Auge. Man denke sich Libanon und Antilibanon bewaldet, zwischen ihnen die Ebene und auf ihr die Züge der Pilger etc.; da plötzlich


//199//

scheint sie abgeschlossen von einem Querhöhenzug, der Halt und Ruhe gebietet. Dieser Zug war auch bewaldet, und ein Flüßchen bot reiches Wasser. Das war der passendste Ort. Es mögen auch andere Gründe mitgesprochen haben, vielleicht maßgebender gewesen sein, aber dieser gewiß nicht zum wenigsten.
Ich muß sagen, daß Baalbek die Erwartungen, mit denen man ihm sich nähert, nicht täuscht. Die Ruinen und besonders die 6 hohen Säulen des Peristyles machen schon von Weitem einen großen Eindruck. Leider war es, als wir ankamen, schon zu spät, den Tempel noch zu besuchen. Wir wohnten im Hotel Viktoria.
(RT)

4. Juni 1900. Baalbek. 2. Pfingstfeiertag. Wir gingen zur Akropolis (1 Medschidie). Der jetzige Eingang ist ein tunnelartiger breiter Gang, dessen Wände aus der phönizischen Zeit stammen; die Wölbung gehört, wie ich glaube, einer späteren an. Er ist nicht der Einzige. Diese Gänge sind durch Quergänge verbunden. Jetzt zeigt man 2 Haupteingänge und 1 Quergang. Ich meine, das sei nicht alles. Meine Beschreibung in Bd. 3 trifft das Richtige. Der Eingang mündet unweit und vor den noch stehenden 6 Säulen.
Mein erstes Gefühl war das der Befriedigung, was bei mir leider so selten ist, ich kann nichts groß, gewaltig und schön genug bekommen und habe doch kein ausgebildetes Kunstverständnis für das Schöne. Goethe würde ganz anders sehen, denken und empfinden als ich. Das ist nun leider hier inn Leben nicht mehr nachzuholen.
Harmonisch. Dieses Wort »harmonisch« scheint mir unentbehrlich, weil das wichtigste für die Kunst. Ohne Harmonie ist wohl nichts wirklich schön. Der Schöpfer gab das herrliche Vorbild in seinem Schöpfungsplan, dessen Harmonie eine göttliche, dem Geschöpfe also unerreichbar ist; dennoch soll es ihm nachstreben. Dieser Plan ist seit Ewigkeiten da, zwar unvollendet und doch schon vollendet im Einzelwesen und seiner Harmonie zum unendlichen Ganzen. Und wenn er nicht vollendet ist, ausgeführt ist, indem sich jede Dis- in Konsonanz aufgelöst hat, so wird dieses All doch nur sich offenbaren als ein einzelner Stein eines noch größeren Tempelbaus, als ein einziges Molecule einer ungeahnten, neuen, größeren und herrlicheren Welt, nicht von einem anderen und höheren, sondern von demselben Gott geschaffen, erhalten und regiert, denn größer, erhabener und heiliger als Er ist keiner.
Wie dies All sich nach außen dehnt, erweitert und verherrlicht, so vertieft und vervollständigt sich auch das All im Innern des Menschen. Auch in ihm liegt trotz aller Gegensätze und Dissonanzen die Kraft und der Raum der Ausarbeitung und Ausdehnung zu einer großen herrlichen Harmonie. Wir kennen das nicht, was wir Seele nennen, aber wir sollen und können uns innerlich so entwicheln und klären, wie Gott die Außenschöpfung sich entwickeln und klären läßt. Dann werden wir besser in uns sehen als bisher.
Ich werde diese Ruinen nie vergessen. Derselbe Himmel stand über ihnen, als sie noch nicht Ruinen waren. Wo sind sie, die einst hier gläubig lehrten und gläubig beteten? Wo sind sie, die hier beides ohne Glauben aus anderen Gründen taten? Kann man dies nicht auch bei anderen Tempeln und Kirchen fragen? Es ist das Alte und sich immer Wiederholende: die Anbetungsstätten waren und sind - - - teils was und teils was? - - - Erst ge- und dann entweiht. Meinen hehren Wald, mein Kämmerlein aber kann mir keiner entweihen, denn ich weihe beide durch mein eigenes Gebet, und diese Weihe bleibt bei mir und kehrt erst mit mir wieder zurück. Hier spielen einige Kapitel.


//200//

Allein ging ich zum Hadschar el Hublah, ich stieg hinauf und konnte 27 Schritte auf ihm gehen. Dieser Stein ist noch nicht ganz aus der Erde gelöst.
Von hier zum Friedhof. Welch ein Unterschied! Dort Cyclopen- und hier Pygmäenarbeit, dort künstlerisch fein durchdacht, hier ohne alles Verständnis und unsinnig zusammengeschoben, wie Kinderspiel.

Vierzeiler Was taten die, die weniger doch hatten ...
Baalbek birgt viele Schwalben. Nie zuvor sah ich so viele.
(RT)
... die weltberühmten Mauersteine, welche die Umfassungsmauer von Baalbek bildeten. Ich selbst bin, um ihn auszuschreiten, dort auf einen Block gestiegen, den man Chadschar el Hubla nennt, und habe ihn über einundzwanzig Meter lang, mehr als vier Meter hoch und genau vier Meter breit gefunden ... (XXVIII, 502)

5. Juni 1900. Von Baalbek nach Damaskus. Hotel Besraoui. Gedicht O komm, du lieber deutscher Wandersmann ... (RT; KMJB 1918, 162)

6. Juni 1900. Damaskus. Die Omaijadenmoschee besitzt nnein größtes Interesse. - Auf dem Friedhof Bab es Saghir besuchte ich Fatimas Grab. Jeden Donnerstag schmückt man die Gräber mit frischem Grün, besonders Myrten. Wohltätiger Anblick. (folgt Lagezeichnung der Gräber:) 1. Khadidscha. 2. Fatima. 3. Abess. Prinzessin, auch Mohammeds Frau. 4. Hammed Nassif Pascha. 5. auch eine Frau Mohammeds. Die anderen sollen Gräber von Kindern Mohammeds sein. Will mit dem Hüter sprechen, stimmt einiges nicht.
Die dritte der heiligen Fahnen ist hier. Die 1. in Mekka, die 2. beim Sultan.
Dieser Hammed Nassif Pascha hat 2.500 türkische Pfund bezahlt, um hier begraben zu werden. Fatimas Grabecke hat bunte Wunschfäden. Einen nahm ich zum Andenken, hing ihn aber doch wieder hin, es war mir wie Grabschändung.
Die großen Mengen aufgespeicherter Mist
(vor den Stadtmauern) dienen zum Heizen der 380 Stadtbäder.
Auf dem Wege nach Schweifat ein Einsiedler.
Gedicht Du hast dir's leicht gemacht ... Aphorismen Das Räthsel der Gottheit ... Die Liebe der Menschen ... (RT)
»Aufnahme der Omaijadenmoschee; sie ist zum Teil noch im Bau. Es war früher ein alter heidnischer Tempel. Dr.Violet aus Berlin war mit uns in Damaskus; er hatte vom deutschen Kaiser den Auftrag, die dort befindlichen wunderbaren altarabischen Werke zu studieren und zu übersetzen.
Es befinden sich schöne alte Mosaiken in der Moschee. In einem riesigen alten Kasten mit einem weißgrünen Baldachin wird das Haupt Johannes des Täufers aufbewahrt. Dorthin wallen in den Morgenstunden verhüllte Frauengestalten und beten um männliche Nachkommenschaft. An diesem Heiligtum und an der Kiblah (Gebetnische) stehen je 2 mächtige Kerzen, diese brennen an jedem Freitag (Sonntag der Mohammedaner) eine halbe Stunde zum Gebet und sollen länger als 50 Jahre brennbar sein. Hier befindet sich auch der Wunderbrunnen, dessen Wasser die Lebensdauer des Menschen um 10 Jahre verlängert, wenn man 6mal daraus trinkt. Der Turm "Mâtinet Isâ" soll am Jüngsten Tag Christus tragen; von da wird er die Schlüssel zur Moschee zurückverlangen.« (Aufzeichnung Klaras auf der Rückseite ihrer Aufnahme der Omaijaden-Moschee)

7. Juni 1900. Damaskus. Besuch einer Fabrik (s. 9. Juni). Kleinere Besichtigungen (z. B. des sog. »heiligen Baums«); fotografische Aufnahmen - u. a. vom Regierungs-


//201//

gebäude: »Hier wohnte ... Nasim Pascha, derselbe, welcher 1897 in Konstantinopel 60,000 Armenier ins Wasser werfen ließ. Er ist krank, spuckt Blut, 5 Ärzte sind in unserem Hotel Besraoui und sein dummer Neffe; er ist Emmas Nachbar bei Tische.« (Aufzeichnug Klaras auf der Rückseite der Aufnahme)

8. Juni 1900. Damaskus. Besuch des Palastes von Assad Pascha: »Das Haus hat 365 Zimmer. Der Pascha hatte zurzeit 50 Frauen, aber nur 10 mit etwa 20 Kindern waren anwesend. Die übrigen waren mit dem Herrn bereits zur Sommerfrische ins Gebirge abgereist. Der Eunuch führte Emma und mich herum. Die Herren blieben beim Hausverwalter, rauchten und nahmen Kaffee ein. Leider konnte ich die Frauen nicht bewegen, sich von mir photographieren zu lassen. Es ist den Mohammedanern verboten, Bilder festzuhalten, weil sie sonst nicht selig werden können. Nur eine junge Nubierin blieb; sie sitzt mit Emma auf dem Brunnenrand im Marmorhof. - Der deutsche Kaiser hat dieses Haus besucht und dem Pascha sein lebensgroßes Bild geschenkt; es stand an der Erde im Empfangsraum. In diesem Hause wurden vom Vater des jetzigen Besitzers einst 2 Armenier lebend mit Kraut gekocht, und die in Damaskus lebenden Armenier mußten ihre Landsleute essen. Die Armenier hatten dem Pascha Kraut gestohlen; er hatte die Diebe entdeckt und sie so bestraft.« (Aufzeichnung Klaras auf der Rückseite einer Aufnahme des Palasthofes; vgl. auch ihren »Besuch im Harem«, KMJB 1928, 387 ff.)

9. Juni 1900. Damaskus. Alles arbeitet, und zwar mit Lust und Liebe. Das sahen wir schon vorgestern, in welcher Zeit wir eine Fabrik besuchten, wo verschiedene orientalische Arbeiten gefertigt wurden. Ich habe da Kinder gesehen, welche Perlmuttereinlegungen ,,,,, mit einem erstaunlichen Verständnisse ausführten. - Wir gingen in das Mausoleum Salah ed Dins, welches in der Nähe der Omaijadenmoschee liegt. Ich liebe diesen Toten und ging also ... (RT-Fragment; auf der Rückseite Notenmelodie Türkische Hornisten in Damaskus)

10. Juni 1900. Damaskus. »Früh am Markt Aufnahme gemacht; wurde unangenehm, man stürzte auf mich ein, ich rettete mich in ein Kaffeehaus mit unserem Diener und entkam glücklich durch einen hinteren Ausgang. Karl war sehr böse über meinen heimlichen Morgenausflug; ich solle nie ohne ihn gehen bei solchen Unternehmungen.« (Aufzeichnung Klaras auf der Rückseite des Marktfotos).
Nochmals Besuch der Omaijadenmoschee: in ihrem Bezirk ... liegt die Kuppel, welche das Haupt Johannes des Täufers enthält. Sie hat 16 Säulen, je 2 an den Schmal- und 2 an den Längsseiten. An der starken Südmauer zählte ich oben 22 Fenster. - Die Moschee wird von 2 Minarehs flankirt, dem Westthurm und dem Isa-Thurm. Letzteren photegraphirte Klara, und ich zeichnete ihn ab: (folgt Zeichnung).
Am Nachmittage fuhren wir hinauf nach es Salehije, um das Grab Abd el Kaders zu sehen. Es liegt in der Moschee, in welcher der Muhiadin Ibn el Arabi begraben liegt. Man geht durch den Hof und links eine Treppe hinab. Das Innere sieht folgendermaßen aus: (folgt Planskizze der Gräber:) 1. Der Muschir Muhammed Amin. 2.Abd el Kader. 3. Der Weli Surir. 4. Muhammed Saad ed Din, Sohn von 6. 5.Mubammed Amad ed Din. 6. Ibn el Arabi. (folgt Zeichnung des Grabes von Abd el Kader:) So. Es ist mit Tuch beschlagen. Darauf steht: (folgt Kopie der arabischen Inschrift). Ich liebe auch diesen Mubammedaner, der in seinem


//202//

Edelmuthe so viele Christen rettete, obgleich es doch Christen waren, die ihn um Alles brachten!
Dann fahren wir nach dem Dschebel Kassiun, um zu photographiren.
Vergangene Nacht und früh habe ich geschrieben:
Gedicht Hinauf zu dir will ich nur immer denken ... (HG 38)
(RT-Fragment)

11. Juni 1900. Damaskus. Heut bin ich nicht ausgegangen. Habe eine Menge Postkarten geschrieben, die letzten Leserkarten auf dieser Reise. Wir haben beschlossen, morgen abzureisen; denn das Kommen der Mekka-Karawane ist ungewiß, und wir haben mit dem Schiffe zu rechnen ... (RT-Fragment)

12. Juni 1900. Abreise von Damaskus nach Beirut. Gedicht Ich gehe fort in das gelobte Land ... Bin mit Sujets so reich versehen, daß ich bei meinen 60 lahren nur eilen, eilen, eilen muß, um auch meinen Lesern das zu geben, was mein Herz erfüllt und mich so unendlich glücklich macht, denn was ich bis jetzt geschrieben habe, ist nur die Einleitung, die ohne Kenntnis des Folgenden unmöglich verstanden werden kann. Daher auch meine fröhliche und unerschütterliche Ruhe den Zeitungen gegenüber, welche mich angreifen, ohne mich begriffen zu haben. Diese Herren brachten mir große buchhändlerische Erfolge, und das Ende ihrer Angriffe wird ein für mich hochbefriedigendes sein. (an Johann Dederle) - Gedicht Für Emma: Du zürnst mit mir, weil ich oft streng gewesen ...

13. Juni 1900. Beirut.

14. Juni 1900. Beirut.

15. Juni 1900. Beirut. Widmungsgedicht für den Globetrotter Gustav Koegel Geh hin; fahr hin, und sieh die Welt ... (Jb-KMG 1970, 177 ff.)

16. Juni 1900. Beirut. Hier im Hause sind 2 Radfahrer angekommen. Leipziger. Wollen nach Teheran. Kögel über Stambul und Schwiegershaus über Damaskus. Kögel ist 2mal durch die Vereinigten Staaten und hat den Weltmeisterschaftspreis. Bescheidener Mensch, aber unvorsichtig, und von Sprachen keine Spur. (RT) »Schwiegershaus hat dann Jahre später hier in Radebeul einen Vortrag über seine Weltreise gehalten und kam bei dieser Gelegenheit mit Stock und Spillner hierher.« (Klara auf der Rückseite ihres Fotos der beiden Radfahrer) - Aphorismus Der religiöse Gedanke ... (RT)

17. Juni 1900. Beirut. Abschied von Hassan. »Der gute Mensch hing zuletzt so sehr an uns, daß er seine Familie verlassen und mit uns nach Europa gehen wollte. Der Abschied in Beirut war schwer; er kam noch einmal auf den russischen Dampfer, der uns nach Griechenland bringen sollte, und bat, mitgenommen zu werden ... Ich hatte sein Haus und die Seinen gesehen und konnte ihm nachfühlen, daß das Wiederhineinpassen in die Enge für ihn keine leichte Sache gewesen sein wird ...« (Klara May, KMJB 1919, 207).
Im Paradies gab es keine Gewalt noch Macht als allein die Liebe von Gott. Gottes Liebe gab das Paradies, aber die Gegenliebe des Menschen wendete sich bald von


//203//

Gott ab und dem Paradiese zu; sie setzte dieses höher als den Schöpfer. Da ward der Undankhare aus dem Paradiese verbannt (denn der Garten Eden lag niemals auf der Erde), um sich nach ihm und Gott zurückzusehnen und in dieser Sehnsucht die Liebe zu Gott wiederzufinden. Seine letzte Erinnerung an Gott war die der strafenden Allmacht und Gerechtigkeit. Die Erinnerung an die Liebe war ihm verloren gegangen. Dies übertrug er auf die Verhältnisse seines jetzigen Aufenthaltes. Er trachtete nur nach Macht und sah im Besitze derselben sein einziges Glück. (Die »Religion der Liebe« hat das nur wenig geändert, denn Jeder strebt auch noch nach Macht - durch Geburt, Rang, Besitz, Kenntnisse,,,).
Die Macht, welche sich ihm zunächst bot, war nur eine weltliche, die Herrschaft über Leben, Arbeitskraft, Hab und Gut. Aber er mußte bald ein höheres Walten anerkennen, dessen Gunst er zu erreichen trachtete. Er stellte sich äußerlich diesem Walten untertban, trachtete aber im Geheimen, als ordinirter Diener desselben, es zur Erlangung noch größerer als weltlicher Macht zu verwenden. Es entwickelte sich das Streben nach geistlicher Gewalt. Diese beiden Bestrebungen, nach weltlicher und nach geistlicher Macht, kämpften oft genug gegen einander, gingen ebenso oft auch Hand in Hand, in beiden Fällen war weltliche und geistliche Unterdrückung die Folge.
Der Hochmuth, welchen die Macht beim Menschen zur Folge hat, trachtete nach falscher Verewigung; er setzte sich Zeichen und Denkmäler. Es entstanden jene Bauten, welche der Nachwelt einen Begriff der Macht zu geben hatten. Aber das Streben nach dieser Macht ist ebenso irdisch, wie sie selbst es ist. Die Machthaber starben; die herrschenden Familien, Sippe, Völker verschwanden; ihre Bauten fielen in Trümmer. Aber selbst in diesen Trümmern blieb Jahrtausende lang das Eine, Ewige erhalten: Der Himmelsschein des göttlichen Waltens, dessen Zerrbild das menschliche Streben gewesen war und heut noch ist - die Rückahnung zum Paradiese, welche die Seele dieser Bauten geworden war. Und nach dieser Seele habe ich zu suchen, um von ihr zu lernen, mit ihr zurückzukehren zum Anfang und dort einzusehen, daß die Nichtigkeit des Menschen und all seiner Werke nur mit der Erkenntniß aufhört, daß der Mensch auf die Erde kam, um sie nach dem Bilde dessen, was er jenseits sah, zum Paradiese zu gestalten. Dazu gehört vor allen Dingen, daß er der persöulichen Macht für persönliche Zwecke entsagt und einzig und allein bestrebt ist, das Glück und Heil der Allgemeinheit zu erwirken. Hat er dies erreicht oder wenigstens ehrlich und mit allen Kräften erstrebt, so wird ihm die Erlaubniß werden, aus dem von ihm geschaffenen oder erstrebten Abbilde des Paradieses zurückzukehren. Das ist die soziale Aufgabe der Völker, der Gemeinden, der Familien und auch jedes einzelnen Menschen, also ein allgemeines Auf- und Untergehen im Streben nach dem Glücke der Gesammtheit, dem Gesammtglück aller Menschen. Wer nicht daran theilnimmt, ist nicht nur unnütz sondern sogar schädlich.
Erst wenn dieses Glück erreicht ist, dieses »Glück von Edenhall«, ist der Mensch geschickt, mit den Boten zu verkehren, die vom Himmel steigen, um den aus dem Paradiese Verbannten wieder in dasselbe zurückzuführen. Und auch erst dann wird im eigentlichen Sinne von Religion die Rede sein. Selbstverständlich braucht der einzelne Mensch nicht zu warten, bis die Neuheit dieses Ziel erreicht hat, da er es während seines Lebens schon für sich und die Seinen erreichen kann.
(RT) Aphorismus Du kannst und du sollst denken ...

18. Juni 1900. Heut Abschied von Beirut. Wir fahren mit Alexander II, einem


//204//

russischen Schiffe von 1720 Tonnen. Schlank, 10 Knoten, über 30 lahre alt. 8 Uhr Anker auf. R. Kl. E. sofort seekrank in die Cabinen. Wir dampfen die Küste entlang. Wunderbares Land! Bet Meri mit seinen breiten Pinien oben und Brumana verschwinden rechts. Dann ein Berg, ein Thal, ein Ort nach dem andern. Später eigenartige Höhenbildung. Die Abhänge steigen an wie Theile eines Wagenkissens, welches der Sattler durch unregelmäßige Stiche in hervortretende Bausche gezogen hat. Die Ortschaften liegen bald am Strande selbst, bald weiter zurück, bald ganz oben. Sichtbar nur einzelne Bäume. Vielleicht sind die versteckten Thäler grüm. Nach 4 1/2 Stunden langes Vorgebirge, hinter welchem Tripolis zum Vorscheine kam. Es wird hier leider bis morgen nachmittag 4 Uhr gehalten.
Tripoliter = gewandte Seeleute. Kamen in Masse kühn angesegelt, als ob sie den Alexander auf den Grund rennen wollten; es sah aus wie ein Angriff malayischer Seeräuber mit Prauen.
B ... heut über Sternschnuppe: Ists eine Welt, die im Entstehn ...
(HG 27) (RT)

19. Juni 1900. Für mich herrliche Fahrt, die Andern leider alle seekrank. Sogar Tripolis lockt sie nicht. - Um 3 Uhr nahmen wir Anker auf und steuern nun auf Cypern los. - Erster Offizier überraschend guter Mensch, seine Ansicht: Menschheit muß besser werden. Palästina wird wieder von großer Wichtigkeit werden. - Gespräch mit Herrn ... (Auslassung in Klaras Abschrift) aus Wien. Sein Kind. Wird als Engel gesandt, unn die Eltern, indem sie es erziehen, selbst zu erziehen und in das Paradies zu führen. Dadurch wird das Leben des Einzelmenschen ein Bild des Menschheitslebens und des Erlösungsplanes. (RT)

20. Juni 1900. Heute früh Cypern doublirt. Ich sah Strand und Berge kahl. Nun halten wir auf Rhodos zu. (RT)

21. Juni 1900. Die herrlichen Sporaden kamen. Nachmittag Samos (Schiller) mit dem hochgelegenen Marathokampos. Abends hielten wir vor Kastron auf Chios. Es wurde bis 2 1/2 Uhr geladen, 3 Uhr Anker auf. Ich blieb bis 1/2 4 Uhr auf dem dem &?& Deck. Gedicht Laß mich, o Vater, vor dir knien ... (RT)

22. Juni 1900. Heute früh gingen wir vor Mitali (Mytilene, Lesbos) vor Anker. - Wir gingen an Land. Malerisch lieblich. la, hier mußten die schönen Frauen geboren werden, welche zur byzantinischen Zeit nach der Hauptstadt gesucht wurden. Hier lebte einst der Venuskult. Hier machen sich heute die reichen Griechen seßhaft, die irgendwo ein Vermögen erwarben. - Viel Ölbäume. - Mytilini liegt an der Innenseite eines bergigen Halbmondes, dessen Spitze sich allmählich in das Meer wieder senkt. Es ist sehr heiß hier. (RT)
Richard Plöhns Geburtstag. - Verschiedene Sujets für Gedichte (2- und 4-Zeiler); Nachtrag von der Prophetenschule Karmel: Ich stieg den Berg hinauf zu dir ... (4 Vierzeiler mit Anmerkung Ich muß ändern, hat einen Mißklang!) (RT)
Die Insel bot beim Scheiden einen wunderbaren Anblick. Die Ortschaften glänzten in der Abendsonne wie Lager von eingesprengten Perlen aus dem Grün der Ufer und Berggelände. (RT)

23. Juni 1900. 5 Uhr früh war der Dampfer im Hellespont und legte grad das Ruder um. Er war so nahe an hohen, nördlichen Ufer, daß es schien, er wolle ein


//205//

Loch hineinstoßen. Dann ging es auf die Dardanellen los. Nach kurzem waren wir dort. Die asiatische Seite liegt tief, die europäische hoch. Das Wasser war trotz der frühen Morgenstunde belebt. Wir bekamen »Pratica« und dampften nach ca. 1 Stunde weiter. Ich war tief bewegt.
Dann kam das Marmara. Es zeigte sich in seiner größten Schönheit. Spiegelglatt wie feinster Sammet mit graublauem Silberglanz, von sanft erhabenen Querlinien durchzogen. Ich sah viele Trupps von Delphinen fischen, doch hob sich keiner recht über die Wogen. Wie viel schöner ist Stambul als Kairo! Hier pulsirt irgend etwas nicht in Worte zu Fassendes fortwährend, immerwährend. Hier ist ewige Hochzeit zwischen Ocean und Festland; hier fließt stets eine Kraft von Erdtheil zu Erdtheil, gleichzeitig hin und her. In Egypten schlägt der Puls nur ein einziges Mal! Hier giebt es auch Ruinen, auch Gräber in Menge, aber sie liegen nicht in todter Einsamkeit, sondern mitten im Leben drin. Sie gleichen todten Blutkörpern, welche von dem gesunden Lebenden entweder aufgezehrt oder ausgeschieden und vernichtet werden. Dieses Assimiliren resp. Ausscheiden hat vielleicht auch auf geistigem Gebiete stattzufinden.
Trümmer habe&?& nur dann ein Recht zu bleiben, wenn sie der Menschheit als Gegenstände des Anschanungsunterrichtes, also zu Bildungszwecken dienen, als Fingerzeige, wo geistige Schätze zu heben sind. Dann sind sie nicht mehr Trümmer, sondern Gottesmahnungen, die wir nicht beseitigen, sondern erhalten nnüssen, um mit großem Fleiße auf sie zu achten und während unseres Lebens so zu handeln und zu arbeiten, daß wir nicht einst auch nur Trümmer hinterlassen, sondern für die Ewigkeit schaffen. Der Bau eines Triumph- oder Siegesbogens wird einst zerfallen; die Etagen eines Kranken-, Witwen- oder Waisenhauses aber ragen in den Himmel hinein!
(RT)

24. Juni 1900. Istanbul. Grand Hôtel Kroecker. Mein guter alter Kapitain Peter Irbit, Odessa, Jamskaja N. 55. W. N. 22, suchte mich auf. Wir gingen zusammen zu Janni. Kroecker schlecht. (RT)

25. Juni 1900. Istanbul. Ausgezogen nach Pera Palace Hotel. Sehr gut. Aphorismus Die wahre Freude an den Bewohnern der Erde ... (RT)

26. Juni 1900. Istanbul. - Sujet Im Morgengrauen schlief das stille Thal ... (HG 293); Aphorismen Die einzige Gott wohlgefällfge und wahrhaft siegreiche Vertheidigungswaffe ... und Das Verbrennen der Leichen ... (RT)

27. Juni 1900. Istanbul. Suleimanije Moschee. Seine Turbe. Zu Roxolane fehlte der Schlüssel. - Taubenmoschee. Dann nach den 1001 Säulen. Anderen ist der Zutritt seit den Armenierwirren nicht mehr gestattet. - Janitscharen Museum etwas Barnum. Diese Truppe repräsentierte die rücksichtslose Gewalttätigkeit, und so war es auch ein Akt derselben alten Erbsünde, der sie vernichtete. Blut um Blut. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Fast wie die Mameluken, nur noch augenfälliger. Es hat bisher noch jede Prätorianerwirtschaft ein solches Ende genommen.
Das Museum liegt im Hippodrom, von dessen Herrlichkeit nur noch »3 Säulen« stehen. Nämlich der Obelisk, welchen Theodosius der Große aus Heliopolis hierher versetzte. Den andern sahen wir ja dort noch stehen. Sodann die brennende Schlangensäule aus dem Apollotempel von Delphi und der gemauerte Obelisk Konstantins. Von da zum Mörder und Richter der Janitscharen. Zur Turbe Mahmuds, des Refor-


//206//

mers. Der Schließer war erfreut, einen Deutschen mit viel Interesse zu sehen. Er zeigte mir den Kuran Harun al Raschids, dann einen Shawl, in dem mit unendlicher Feinheit in Handgewebe der Kuran eingewebt ist. Dann eine Farbenabbildung des Haram von Mekka.
Aja Sophia. Sie hat Wort gehalten. Was schien mir schöner, die Peterskirche, der Lateran oder sie? Ich kann's nicht entscheiden, setze sie aber diesen beiden keinesfalls nach. Mir ist der Kuppelbau sympathisch, weil er das Bild des Himmels giebt, während die Säulenwölbung nur das unbefriedigte Streben nach demselben zeigt; sie enden oben spitz, ohne ein End- und Anfangsloses zu geben. Damit gebe ich meine laienhafte Vorliebe für die Gotik auf, hat doch auch Goethe in seinen späteren Jahren seine Meinung geändert und den hellen, »gütigen« Kuppelbau vorgezogen. Die Gotik ist ein schweres, überernstes, nach außen abgeschlossenes, lichtarmes Ringen nach der Höhe. Ihre zahlreichen, gewaltigen Säulen sind zu viel irdische Materie. Es fehlt der Geist, die freie, lichte Kunst. Die formale Kraft, welche sich die Höhe bildet und sie hält und trägt, ohne solcher Stützen zu bedürfen, die dadurch, daß sie den Platz hinwegrauben, das Streben nach oben in Theile zerlegen, den Schwung unmöglich machen und die Einheit der Andacht vernichten. Der Sammlung des Einzelnen mag das dienlich sein, aber weder der Mensch noch gar.der Betende ist ein Einzelwesen; er ist ein Theil des Ganzen, mit dem er aufzustreben, mit und für welches er zu denken, zu sorgen und auch - - - zu beten hat. Für die Einzelandacht ist das »Kämmerlein«, der Tempel aber hat der vereinten Erbauung der Gemeinde zu dienen. Dazu, nur dazu sind die Kirchen etc. da!
Die zugemauerte Pforte in der Sophia interessirte mich sehr. Durch sie verschwand der Priester, und durch sie soll er einst wiederkommen. Es ist mir, als wär's ein Sujet für mich. Ich meine, wenn man auch nichts davon weiß und sieht, es hat jede Kirche solch eine Pforte, durch welche die wahre Religion verschwand und durch welche sie einst wieder erscheinen soll und wird. Diese Pforte der Sophia ist symbolisch, die Machtliebe ist der Muhammed II., vor dem sie flieht; der Brudersinn wird ihr die Pforte wieder öffnen.
Die Gräber der »Hadschi« zeigen einen Goldstreifen schief um den Turban. Auf den Gräbern der Enthaupteten steht der Turban schief.
Nach Jedi Kule längs der alten Mauer hingeritten. Die Kahrije Dschami mit besucht. Der alte Gang, der hier mündet und zur Sophia führt, reizt mich zu gehen. Mit dem Schließer läßt sich was machen.
(RT)
»Wir sind alle reisemüde, und das Geld wird auch alle ... Richard geht es bald besser, bald schlechter, leider ist das letztere mehr der Fall. Mir geht es nicht besonders, ich bin recht zusammengefallen von der Hitze ...« (Klara an Wilhelmine Beibler)

28. Juni 1900. Istanbul. Die »Heulenden« in Scutari stoßen mich ab, grad wie die in Kairo. Ich kann mich für diese Art des »Gottesdienstes« nicht erwärmen; mir scheint es mehr wie Gottes- wenn nicht -lästerung, dann -entweihung. Ja, diese Leute sind gewiß nicht Lügner, sie glauben an die Gottwohlgefälligkeit ihrer Übungen; das Entree wird für gute Zwecke verwendet, und es werden auch oft Kranke gebracht - (der Schech stellt sich ihnen auf den Rücken, haucht Wasser in Gläsern an, Magnetismus). - Aber das Geschrei ist mir zu trivial, es ist unschön, und das Häßliche soll man nicht zum Dienste dessen verwenden, der Alles nach dem Gesetze des Schönen schuf und leitet. Dieser Gesang und diese gegen den Körperbau und


//207//

den Zweck der Glieder sündigenden Bewegungen können doch wohl ebenso wenig Gottes Wohlgefallen finden wie das blutrünstige Gesicht eines Fakirs und die skelettierte Gestalt eines europäischen, hungernden Zeloten. Luther sagt: »Fasten und leiblich, sich bereiten ist wohl eine feine äußerliche Zucht«; aber Gott ist Geist, und wir haben auch eine Seele. Wenn diese Seele mit ihn in Verehrung spricht, soll der Körper still und ruhig sein und nichts tun, was so außerordentlich unseelisch, so turnerisch, so schlangenmenschartig aussieht, wie diese Quirlungen der Gedärme auf den Hüften. Es gehört das auch zu den gewalttätigen Unterdrückungen des Geistes. Der Gründer der Heulenden Derwische hat das erfunden, und die nachfolgenden Schechs treiben es fort als sogenannte »Disciplin«, welche die Freiheit der Geister tödtet und sie ihnen in die Hände giebt. Herrschen, herrschen um jeden Preis, selbst durch so häßliche Mittel. Es ist die alte Erbsünde, das Streben nach Macht durch Fesselung des Göttlichen im Menschen unter naturwidrigen, von der Selbstsucht ausgetülftelten Verordnungen, denn den Ehrennamen »Gesetz« verdient so Etwas nicht! (RT)

29. Juni 1900. Istanbul. Gäste des Sultans zum Selamlük durch die deutsche Botschaft. Hochinteressant. Dann zu den »Tanzenden Derwischen«. Schon der Raunn war einer religiösen Andacht angemessen. Er war 6-echig. Von Säule zu Säule unten mit Gittern, oben mit Balustraden versehen. (folgt Skizze des Raums; die Wiedergabe in Band 49, 371 ist falsch: die Innenlinien sind Korrekturen der im MS ausgestrichenen Außenlinien). 1. Unter dem Eingang. Ihm gegenüber bei 2. saß der Scheik. Hinter den Gittern und Balustraden die Zuschauer. Nur 1. oben ausgenommen, wo die Loge der Sänger und Musici war, und 2. hatte keine Empore, sondern ging als Nische bis nach oben durch, wo sie mit kaligraphischen Inschriften verziert war. Von der Mitte hängt ein Glasleuchter herab. Der Scheik war ein kleiner, ergrauter Mann. 25 Derwische mit den bekannten hohen Mützen und dunklen Talaren waren von 3. über 1. bis 4. aufgestellt. Wir saßen oben, links von 4.
Als wir kamen, war in der Musikloge links von uns eine einzelne Rohrflöte zu hören, eine eigenthümliche, melodische Weise, oft abbrechend und dann fast stets mit einem Schlage der großen Septime in die Oktave hinüber wieder beginnend. Nicht die arabische Art, die mir so mißfällt, sondern wohllautend, fast wie der Hirt in Wagners Tannhäuser. Dann fielen eine Pauke ein und mit ihr der Gesang aus häßlich aufgerissenen Mäulern. Das musikalisch Häßliche war da, mit ihm das Zeichen zum Beginn.
Die Derwische begannen einen 3-maligen Rundgang, in der Richtung des Pfeiles: der erste Schritt langsam, in würdevoller Haltung vorwärts. Als er den Scheik erreichte, zog er die Füße zusammen und verbeugte sich, nicht vor ihm, sondern gradeaus, tat 2 - 3 Schritte an ihm vorüber, drehte sich um, verbeugte sich gegen seinen Hintermann, der den Scheik inzwischen erreicht hatte, wendete sich wieder um und ging weiter. Das geschah, bis jeder 3-mal am Scheik vorübergekommen war, worauf der Tanz begann, und zwar folgendermaßen:
Die Teilnehmer näherten sich einer nach dem andern dem Schech und küßten ihm die Hand. Nach dem Kuß tat der Betreffende einige Schritte vorwärts und begann sich dann zu drehen. Sie hatten die dunklen Kaftans abgelegt und waren darunter weiß gekleidet. Ein Shawl hielt das Gewand an den Hüften zusammen. Von ihnen abwärts blähte es sich zu einem rotirenden Kreise auf. Die erst herabhängenden Hände wurden erhoben, zunächst hoch; dann breiteten sie sich bei denen, die den


//208//

äußeren Kreis bildeten, waagerecht aus. Indem sich jeder um sich selbst drehte, bewegte er sich im Kreise auch vorwärts, in der Pfeilrichtung, nur den Einen ausgenommen, der genau im Mittelpunkte unter dem Leuchter blieb und die Arme in nicht unschöner Haltung erhoben hielt, die eine Hand nach oben geöffnet, die andere nach unten, halb geschlossen. Er bewegte sich langsam, doch in voller Rundung, um ihn die 6 Anderen schneller, und um diese wieder 14 noch schneller, doch war die Schnelligheit der auf derselben Bahn Tanzenden nicht gleich, sondern verschieden. Ich denke mir den hierdurch dargestellten Gedanken so:
Der Scheik stellt den Schöpfer dar, von dem alles Sein und alle Bewegung ausgeht, und zwar zum Preise seiner Herrlichkeit - daher der verehrende Handkuß. Die Tanzenden stellen die Sterne, die Welten dar. Eigentümlicher Weise geht nicht der Mittlere (unter dem Leuchter) zuerst und dann die 6 nächsten von ihm aus. Sondern Jeder bewegt sich zunächst aus der Hand des Scheiks vorwärts und findet erst später seinen Platz. Also die Anschauung, daß der Centralkörper nicht vor den ihn umkreisenden hat dasein müssen. Und Gott steht nicht inmitten, sondern außerhalb der Kreisenden; er ist nicht ihresgleichen; er ist der Schöpfer, der Herr; sie sind die Gehorchenden. Er giebt ihnen das Gesetz, die Kraft der Bewegungen; er aber selbst steht außerhalb dieses Gesetzes; er tut, was er will - - - er ist Person. Auch das, was man Urkraft nennt, kommt von ihm, ist aber nicht mit Ihm Selbst zu verwechseln.
Der Tanz fand 2 Wiederholungen. Bei der ersten war die Verteilung 1 - 3 - 11. Bei der zweiten wurde ein einfacher Kreis von 15 mit Niemand in der Mitte gebildet. Gottes Wille, seine Allmacht ist an keine Zahl, an keine Bestimmungen gebunden. Hierauf kehrten sie alle noch einmal zu ihm zurück und küßten ihm die Hand, wobei er Diesem oder Jenem seinen Mund wie im Kusse näherte, einige küßte er wirklich, und zwar hinten auf die Mütze, bei der Verbeugung. Andere fanden diese Auszeichnung nicht. Was von ihm ausging, kehrt zu ihm zurück, und er hält da Gericht; er belohnt und er bestraft, doch letzteres ohne Vernichtung. Wem heute sein Kuß nicht wird, weil er sich ihm nur widerstrebend nähert, dem giebt die Gnade Zeit und neue Bahn zur besseren Heimkehr in das Vaterhaus.
Vielleicht begriff ich den Sinn des Tanzes, vielleicht auch nicht; aber er war mir sympathisch, besonders der Schluß. Nämlich nachdem Jeder die Hand des Scheiks geküßt hatte, ging er nach seiner Stelle, die er vor dem Tanz eingenommen hatte, jeder Folgende am Vorhergehenden, nun Stehenden vorüber, und im Vorübergehen blieb er bei Jedem einen Augenblicke im Handkusse stehen. Die Liebe, die vom Vater ausgeht, wird von einer Welt der anderen zugetragen.

Vierzeiler (mit Vermerk Ausarbeiten!): Die Liebe wird von einer Welt ...
Nachdem dies geschehen war, schwiegen Pauken und Gesang, und die lieblichen Töne der Rohrflöte erklangen wieder. Dann warfen sich die Derwische auf den Ruf des Scheiks vorn nieder, um zu beten. Er sagte 3-mal Salam und ging über den Saal. Am Ausgang wendete er sich zurück, wiederholte den Gruß und entfernte sich. Seine Untergebenen folgten.
Von Skutari heimkehrend hatte ich auf dem Schiff eine rührende Scene. Ich suchte, wie immer, einen Platz ganz vorn auf dem Schiff. Da saß ein Offizier in etwas abgerissener Uniform, abgewendet, weil er aß; Gurke, Käse, Brot, aus einer Papiertüte. Ich setzte mich an seine Seite und tat, als ob ich ihn nicht beachte. Da schälte er eine Gurke, hielt sie mir mit dem Messer hin und bat mich höflich, an seinem Mahle teilzunehmen. Ich besann mich nicht gleich auf meine Pflicht und dankte, ich


Fotos zwischen Seite 208 und 209:

Karl May in Jericho auf der Veranda seiner Wohnung (62 Kb-Jpg)

Karl May bei Hebron im "Hause Abrahams" (87 Kb-Jpg)



//209//

hätte keinen Hunger. Es tat ihm weh. Als er fertig war, nahm er eine Ausichtskatte vom Leanderturm aus der Tasche uud reichte sie mir mit den Worten: Nimm dauu wenigstens dies von mir. So ist der »Türke«, eiu seelensguter Mensch!
Freitag abend Nachricht vou Dr. Schurtz' Tod.
Gedicht-Sujet Wo gingst du hin? Ich weiß es leider nicht ... (HG 206) (RT)

30. Juni 1900. Istanbul. Heute das Antiquitäten-Museum im Serai besucht. Ich muß gestehen, daß ich all diesen Sammlungen wenig Verständniß entgegenbringe. Ich erkenne an, daß der sogenannte Alexander-Sarkophag ein Kunstwerk ist, fühle aber keine Begeisteruug und sehe die gepriesenen Schönheiten nicht. Warum sehe ich aber die Schönheit einer Blume, eines Augesichts?
Der Kolossalbau der Ahmedije gefällt mir wohl, obgleich die Kritiker die 4 Säulen plump nennen. Sie haben genug zu tragen, und ich finde sie also zweckmäßig. Es ist hinreichend Licht vorhanden; sie rauben nichts davon. Sie sind doch nicht Streber, sondern Grundpfeiler, auf denen die Last sämmtlicher Kuppeln ruht, und diese müssen stark genug sein, sie zu tragen. Diese Moschee hatte 6 Minarehs; also mußte das Haram vou Mekka ein 7tes bekommen. Natütlich ist das wieder Grund zur Fabel über den Baumeister.
Det Mann macht die Fabel, und das Weib glaubt sie.

Gedicht Sei mir gegrüßt in stiller Stunde ... (HG 138)
Tschibuks. Rechnnung für Dr. Eser. (folgt Aufstellung über Pfeifenköpfe und -spitzen). (RT)

1. Juli 1900. Istanbul. Noch einmal zur Turbe Solimans. Giebt es noch eine Stadt, in welcher so viele Herrscher so prächtig begraben liegen, wie hier in Konstantinopel? Welche Gedanken drängen sich mir da auf! Das Innere dieser Turbe ist mit der kostbarsten Fayence ausgelegt; aber daß die zuweilen nußgroßen Steine an der Deckenwölbung wirklich Diamanten seien, welche die Sterne bezeichnen sollen, das möchte ich doch bezweifeln. Die 6 Gräber gehören: 1. Soliman d. Großen, 2. Soliman II. und 3. Achmed II., seinen Söhnen. Am Kopfende je ein weißer Turban mit Federstutz. Rechts und links. 4 - 6 sind Frauen von ihm. Auch die Turbe Roxolanes, seiner Lieblingsfrau, ist bis zu den Fenstern mit Fayencen ausgekleidet. Die Kuppel ist einfach weiß.
Von da zur Turbe Mohammeds des »Eroberers«. Sie ist prächtig. Decke und Wände sind mit Goldarabesken in Rot und Blau, mit Rosenbouquets und Guirlanden geschmückt. Ein schöner Lüster hängt von der Decke herab. Die Grabeinfassuug ist Silber. An den 4 Seiten silberne Leuchter. Unter der weißen Decke des Katofalks liegt die eigentliche von braunem Sammet mit herrlichen Silberstickereien.
Hierauf nochmals zur Aja Sophia. Ich habe sie lieb, obgleich ich erst 2-mal da war. Heute war ich auch auf den Emporen. Welche Fülle vou Raum! Welch herrliche Arbeit der durchbrochenen Kapitäle! Eine eigenartige Liebe nimmt mich für dieses Gotteshaus ein.
(RT)

2. Juli 1900. Per Dampfer nach Rumeli Kawak und von da zu Pferde und Wagen nach Bujukdere und Therapia zurück. Im letzteren Orte im Somm-Palace-Hotel gerastet.Sehr gut dort.
Mit dem Bosporus kann sich keine der schönsten Flußgegenden vergleichen. Es ist, als ob die Fülle des Wassers, welche 2 Meere verbindet und 2 Welttheile ver-


//210//

einigt, die landschaftlichen Schönheiten in Menge herbeigetragen hätte. Eindrücke, nie zu vergessen. (RT)

3. Juli 1900. Besuch des Friedhofs von Ejub. Die Moschee unten darf kein Christ betreten. Hier werden die Sultane mit dem Schwert Osmans, des Gründers der Dynastie, umgürtet, und hier wird der heilige Sandschak aufbewahrt. Ejub (Hiob) hat seinen Namen von Abu Ejub Ansâri Achâlid Ben Saijid, dem Fahnenträger und Waffenbruder des Propheten, der 672 bei der Belagerung durch die Araber gefallen und begraben worden sein soll. Ejub gilt den Türken als der heiligste Ort in Europa. Darum lassen sich viele hier begraben. Von der Höhe von Ejub (Bektaschkloster und Kaffeehaus) hat man eine herrliche Aussicht auf das Goldene Horn. Von hier bis zum Tore von Adrianopel lagerte das Kreuzheer unter Gottfried von Bouillon. (RT)

4. Juli 1900. Istanbul. Heute Klaras Geburtstag. Leider hat Konstantinopel keine Blumen für so Etwas. Gott segne sie mit der ganzen Fülle seines Segens!
Heute auf der Hochebene nach Maslak bis Rumeli Hissar. Möchte wieder hin.
(RT)
Gedicht Sei lieb und gut, und trag uns gern ... (Unserer Herzensschwester Klara am 4ten Juli 1900 in Konstantinopel ... Deine Geschwister Emma und Karl)

5. Juli 1900. Istanbul.

6. Juli 1900. Istanbul.

7. Juli 1900. Heute früh verließen wir das Hotel und bestiegen das Schiff »Aurora« des österreichischen Lloyd. Um 10 Uhr sollte es abgehen. Ein Defekt an der Maschine verzögerte den Abgang bis 6 Uhr nachmittags.
Es war noch Tag, und das unvergleichliche Bild konnte noch einmal die Seele berauschen. Der letzte Tag im eigentlichen Orient.

8. Juli 1900. Auf der »Aurora«. Als der neue Tag erwachte, war Gallipoli in Sicht. Das Marmarameer lag hinter uns. Der schöne Hellespont mit seinen Schlössern kam, links die Ebene von Troja. Bis zum Ausgang der Dardanellen ging alles gut; aber als sich die bewegten Wogen der Ägäa bemerklich machten, verschwanden die Lieben.

9. Juli 1900. Montag früh, anstatt Sonntag abend, kamen wir in Piräus an. Man hatte ohne unser Wisseu aus dem Pera Palast nach Athen telegraphiert, und so wurden wir erwartet am Hafen und nach dem Hotel Graude Bretagne geleitet. Kein Koffer wurde geöffnet. Wagen zur Fahrt nach Athen standen bereit.
Zuerst grüßte uns der Piräus, dann der Hymettos, dann die Sternwarte und die Akropolis.
Athen liegt nur wenig höher als Piräus. Die Häuser sind freundlich und von wohltuender verschiedener Individualität. Die Nähe der Marmorbrüche macht sich bemerklich, und das künstlerische Erbe, welches die Alten dem jetzigen Geschlechte hinterlassen haben, ist nicht zu verkennen.
Tempel des Zeus, Hadriansbogen, Akropolis, auf welche ich zurückkomme. Abends auf unserem Balkon das rege Treiben auf dem Königsplatz zu beobachten, ist lohnend und schön. Am Abend erwacht das Leben, da es am Tage zu heiß ist.


//211//

Gedichte und Sujets Geh hin und schau die Welt dir an ... Ich segne dich. Ich sah die Träne stehn ... Du schlossest klug dich hinter Mauern ein ... (Dem Klausner) Ich frage nicht, wenn ich auch Fragen finde ...
Wie kein Mensch, kein Volk, kein Land eine eigene Sonne hat, deren Licht und Wärme nur ihm allein gehört, so giebt es auch für keinen Einzelnen und für keine irgendwelche religiöse Gesamtheit einen besonderen Eigentumsgott, mit dem man sich brüsten kann. Diejenige Religion, welche Andere von der Gemeinschaft mit Gott ausschließt, hat sich den ihrigen selbst construirt, ihre Verehrung ist nicht Gottes- sondern Götterdienst; sie steht, und wäre es Jahrtausende lang, auf tönernen Füßen, die einst zerbrechen werden!
(RT)

10. Juli 1900. Athen. Nationalmuseum. Das wunderbare Relief im Saale II No. 126 aus Eleusis tat es mir an. Solche Gesichtszüge bringen wir jetzt nicht mehr fertig.
An den vielen schönen Grabreliefs fiel mir auf, daß kein Gesicht unsern herkömmlichen, hoffnungslosen aber tränenreichen Schmerz zeigt, welcher unschön ist und dem Glaubensmangel entspringt. Meist zeigen die Züge der Sterbenden einen fragenden und die der Anverwandten eineu beruhigenden Ernst. Ich werde noch oft an No. 869 Saal IX denken (Vater, Sohn und Diener, ein unten sitzender Knabe). Der Sohn scheint das Jenseits schon zu sehen, und der Vater blickt ihn mit offenen Augen an, als ob er erwarte, Staunenswertes zu erfahren.
Tage, Wochen möchte man hier lernen.
(RT)

11. Juli 1900. Markttor, Äolustempel, Ölmarkt, dann Akropolismuseum. - Gräberstraße. Stier, Löwe, Hund! Das Grabmal der Freundinnen Demetria und Pamphile. Erstere aus Eleusis, letztere vou Athen. Das Grab liegt an einer Quelle. Man weiß nicht, woher das Wasser kommt.
Rennbahn, die alte. Ein Grieche in Alexandrien gab 16 Millionen, sie wieder aufzufrischen. Vor 4 Jahren faßte sie einmal 120.000 Zuschauer.
Der Tempel des Jupiter Olympios, der einst 120 Säulen hatte, zeigt nur noch 16. Eine in Trümmern; an ihnen sieht man die Verbindung.
Hadriansbogen, Lysikratesdenkmal, die sogen. Laterne des Diogenes. Der Theseustempel, nur noch ein Mauerwerk in seinem Innern.
Das Markttor hat mich interessirt. Es führte zum Ölmarkt. Der Weg ist jetzt durch häßliche Häuschen versetzt. Die Säulen des Ölmarktes stehen nur noch in Resten, sie und ihre Trümmer in dichtem Unkraut, Coloquinten ,,,, In der Böschung sieht man noch einige Ölkrüge oder die Eindrücke derselben. Der Äolustempel (Turm der Winde) ist klein, achtseitig mit 2 Eingängen, oben die liegende Figur des Gottes, die verschiedenen Winde darstellend. Er hat mir sehr gefallen. In einer Nische der Brunnen des Äsculap.
Und nun die Akropolis.
Das Museum hat mich nicht erwärmt. Natürlich liegt das an mir. Meine Heimat war nichts weniger als ein Athen, uud die dortigen Menschen sind keine Kallosbioten.
Ich sehe den Parthenon und das Erechtheion jetzt durch mein Fenster hoch oben im Sonnenstrahle liegen, 6 Uhr nachmittags. So hoch und entfernt liegt mir auch das Begreifen der einstigen Zeit, aber es liegt doch für mich s c h o n im Sonnenstrahl, währeud das Irdische nur n o c h in demselben liegt.
Jetzt kriechen nüchterne Häuser und Hütten den Fuß des Berges hinauf. So kriechen auch wir langsam am Vergangenen empor, welches noch immer unser Mittelpunkt


//212//

ist, den wir wieder erreichen müssen, um dann neue Säulen aufzubauen. Ich ahne es: Es ist nicht nur das Schöne, das Gewaltige, das Können, sondern noch etwas Anderes: Es ist der Dank! Der Dank soll das Fundament jedes Tempels sein. Der Glaube zeigt den Menschen Gott. Der Dank steigt auf zum Herrn und nimmt den Menschen mit. Er ist die Leiter, an welcher der Mensch Sprosse um Sprosse höher bauen soll, bis er im Himmel einen Stützpunkt für eine neue, höhere Stufenfolge findet. Das ist dann nicht die unthätige, vor Gott knieende und fromme Lieder singende Religion, sondern das ist das werkthätige Streben hinauf zum Vater, das Streben an sich selbst, um ihm Freude zu machen, und das Wirken an der Menschheit, um ihrer recht viele mit zu ihm empor zu bringen. Der Dank ist das einzige Verdienst, welches sich der Mensch vor Gott erwerben kann.
Die Liebe sorgt aurch ohne Dank; aber sie sorgt heiterer, freier, unbefangener, wenn sie Dank findet. (Der Dank vervielfältigt die Liebe und die Gabe).
(RT)

12. Juli l900. Heute nach Eleusis, auf der heiligen Straße. Sie führt vorüber an dem botanischen Garten und auf der Höhe am Eliaskloster. Die Höhen sind fast so kahl wie die von Palästina. Am Ende des Thales erschien der Golf von Salamis. Es geht am Ufer hin, dann wieder ab von ihm durch die Ebene. Pfeffer- und Olbäume stehen an den Straßen und riesige Agaven in Blüte. Endlich ist Eleusis erreicht. Wir fanden im Hause des Kustos freundliche Aufnahme.
Elensis.
In Trümmern. Könnte ich die Geheimnisse dieser Vergangenheit aus den Trümmern lesen!
Ich pflückte einen Ölzweig, will ihn zu den aus dem Haram zu Jerusalem mitgenommenen legen und aus Italien, dem Lande des heutigen, »positiven« Christentums, noch einen dazu tun. Dann habe ich muslimische, christliche und »heidnische« Ölzweige. Ein Noahzeichen, daß Land vorhanden ist.
Es muß zur Zeit der Prozessionen ein wunderbares Leben hier geherrscht haben, auf der »heiligen Straßer«, welche, wenigstens für die Bevorzugten, direkt hinauf bis in die Akropolis führte. Der ursprüngliche Sinn der Mysterien war ein reiner, tiefer, ist wohl aber bald menschlich verschleiert worden und dann ganz in Vergessenheit geraten.
Sobald der Gottesbegriff durch Spaltung in Personen seine Einheit verloren hatte, trat das Heidenthum an Stelle der reinen Wahrheit. Hat der Christ durch die Spaltung in Vater, Sohn und Geist denselben Schritt getan?
Der Mensch geht um so lieber zur Jugend zurürk, je älter er wird, weil sie ihm mehr Paradiesisches geboten hat als das ganze spätere Leben.
(RT)

13. Juli 1900. Athen.

14. Juli 1900. Heute nahmen wir Abschied von Athen. Ich stieg früh auf den Lykabettos. Es war da ein Ausblick sondergleichen. Die Stadt lag im Sonnenglanze unter mir mit ihren rotgrauen Dächern. Wie mag sie erst früher von hier ausgeschaut haben! Ich wünsche, daß ich sie wiedersehe.
Dann nach der Sternwarte. Dann zum Jupitertempel noch einmal. Abends nach Tische spät noch einmal auf meine Sondererlaubniskarte, die auch nachts mir und meiner Begleitung Eintritt verschafft, hinauf zur Akropolis. Zauberhaft spielte der Mondenschein in den Trümmern, die sich zu beleben schienen. Lange verweilten wir. Auf den Stufen des Nike-Tempels begeisterte uns Klara für den Gedanken, diesen


//213//

Tempel nachbilden zu lassen und ihn zum Andenken an diese Zeit auf dem heimischen Friedhof zu erbauen und uns alle darin zur letzten irdischen Rast betten zu lassen. Sie bekam dazu freie Hand. (RT)

15. Juli 1900. Heute fuhren wir nach Korinth. Noch einmal sahen wir Eleusis. Wir sahen Megara, die skironischen Felsen und Kalamaki. Die Fahrt war wunderschön. Links stets das Meer mit den es einengenden Felsen. In Korinth gingen wir in das Hotel Grande Bretagne. Gute Menschen. Will sie empfehlen. Dann nach Akrokorinth, Alt-Korinth. Wo eben hochinteressante Ausgrabungen gemacht waren. Wir gruben mit und fanden alte Münzen und Scherben in Menge. Die Rückkehr durch die Korinthenfelder war reizvoll und genußreich, wir kauften einen ganzen Korb voll dieser fast übersüßen Trauben für einen sehr geringen Preis. Die Früchte sind dort überall vorzüglich und sehr billig. (RT)

16. Juli 1900. Weiterreise nach Patras. Eine herrliche Fahrt. Der Parnaß fesselte mein Auge lange, lange Zeit. Griechenland ist ein herrliches Land; ich liebe es und möchte es wiedersehen. Die Gegend verliert nichts an Schönheit bis Patras. Im Hôtel d'Angleterre nahnnen wir Wohnung. Auch gute Leute, die alles Mögliche tun. - Ausflüge gemacht. (RT)

17. Juli 1900. Heute gingen wir mit dem italienischen Dampfer »Kandia« von Patras ab, nach Korfu. Herrliche Fahrt! (RT)

18. Juli 1900. Korfu. Wir kamen 10 Uhr vormittags dort an, dann hinauf zum Achilleion der Kaiserin von Österreich. Die Stadt liegt außerordentlich schön. Es ist nicht zu verwundern, daß Elisabeth sie und die Insel so lieb hatte. Die alten Festungswerke präsentieren sich gut. (Denkmal Schulenburgs hier). Es war egyptisch heiß. Der Weg geht durch die Vorstadt und dann zwischen Kaktuszäunen hin. Weinpflanzungen, Föhren, Cypressen, Tamarisken. Das Achilleion liegt auf halber Bergeshöhe, wunderbar schön. Man denkt 15 Kilometer weit im Binnenlande zu sein und staunt freudig, von der Schloßtreppe aus plötzlich das Meer tief unten und doch so nahe vor sich athmen zu sehen.
Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Der Bau und die Innenräume sind wunderbar schön. Die Musen. Der sterbende Achilles im Garten! Ich nahnn da ein Efeublatt mit. Am meisten wirkte auf mich das Gemälde »Achilles, den Hektor um Trola schleifend«. Das Heinedenkmal. Als Geist soll Heine der Kaiserin hoch gestanden haben. - Nachmittags 4 Uhr von Korfu ab. Ade von Griechenland!
(RT)

19. Juli 1900. Heute früh 1/2 4 Uhr Ankunft in Brindisi. 7 Uhr mit dem Zuge nach Ancona, wo wir gegen Abend ankamen.
Dieses östliche Italien gefällt uns allen viel besser als das westliche. Ich glaube nicht, daß es nur an der Jahreszeit liegt. Herrlich grün, wohlbebaut, fruchtbar. Saubere Ortschaften in prächtigen Gegenden. Italien ist schön! Im Hôtel Milano fanden wir gute Unterkunft und noch bessere Küche und Weine.
(RT)

20. Juli 1900. Heute nach Bologna. Hôtel Brunn. Ausgezeichnetes Haus. Große Zimmer, feine Küche. Gute Dienerschaft.
Die Stadt gefällt mir sehr. Schöne alte Paläste. Rundfahrt wie überall zuerst. Campo


//214//

Santo, er gefällt mir nicht. Ein Spezereikasten mit Namensinschriften auf den Deckeln. Eine Leichensammlung mit Daten auf jeder Nummer. Nur ein Monument von Thorwaldsen fesselte mich. (RT)

21. Juli 1900. Heute nach Venedig. Grand Hôtel Britannia, vis-à-vis der Maria della Salute. Sehr gut. Diesfual nur 4 Tage. Bald hoffe ich wieder hier zu sein.
Die Wohnung Wagners aufgesucht. Ich stand auf der Stelle, wo er starb. Tiefbewegt. Künstlerwallen. - - - Markuskirche hat mir zu viel Gold und Mosaiken, sie machen auf midh den Eindruck von Geduldsspielen. Der Dogenpalast imponierte mir. Nicht seiner Kunstwerke wegen, sondern als Denkmal, und zwar als ein mahnendes und warnendes. Diesen Menschen war eine große Aufgabe anvertraut, doch sie lösten sie nicht. Sie beherrschten ihre Welt und wollten sie richten. Sie herrschten ohne Liebe und richteten ohne Gerechtigkeit. Nun sind sie selbst gerichtet. Wer die ihm gewordene öffentliche Macht zum heimlichen Terrorismus zwingt, dem wird sie genommen. Gott ist Licht, er will auch von denen, die ihn vertreten, Licht. Umgeben sie sich aber mit Finsterniß, so gehen sie in ihr unter. Was ist von ihnen geblieben? Der Besucher ihrer Paläste freut sich über die Werke ihrer Künstler, er nennt die Namen derselben mit Ehrerbietung; das Andere ist Schweigen. Wagners Sterbezimmer wird mit Pietät betreten und betrachtet. Der Name der Aristokraten, denen der Palast gehört, ist uns vollständig schnuppe! Venedig, die einstige »Königin der Meere«, ist zum alten Weib geworden, welche sich von den Überresten ihrer einstigen Schönheit nährt. Das ist der Eindruck, den sie im allgemeinen auf mich macht, wenn ich audh im besonderen viel würdige.
Die »Straßen« der Stadt sind in Wahrheit »Adern«, in denen das Leben pulsirt. Aber das Blut ist nicht rein und der Puls träge. Dieser einst so schöne Leib muß mit fremden Säften ernährt werden.
(RT)

22. Juli 1900. Venedig. Die St. Maria della Salute zum Hochamt besucht. Dann nach der Frari. Mir scheint sie nicht hell genug. Für mich waren nur die Grabmonumente Canovas und Tizians vorhanden. Das Erstere, eine Pyramide, wirkt grad durch die Einfachheit groß. Wenig Figuren. Aber warum immuer wieder diese Trauer um den Leib? Wo ist die Freude darüber, daß die Seele frei geworden ist? Die Trennung beider ist ja nur dann zu beklagen, wenn die irdische Vereinigung beider nicht zu dem Ziel geführt hat, welches sie zu erreichen hatte. Das Letztere ist auch schön, aber die Menge der Figuren zerstreut. Ein Monument soll nicht ein Katalog der Werke des betreffenden Künstlers sein, sondern so kurz, aber auch so schön wie möglich sagen, was er denen, die es errichteten, hat sein wollen und geworden ist.
Auch den Dogenpalast seh ich wieder. Diesmal ließ er mich noch kälter. Die heimlichen Gänge und Gefängnisse suchte ich gar nicht auf.
(RT)

23. Juli 1900. Venedig. Kennst du die rollenden Spiralen der Chiesa Santa Maria della Salute in Venedig? Sie streben, Propheten tragend, nach allen Richtungen hinaus, doch fest verbunden mit der Kuppel bleibend. Der Körper lastet; der Geist ist es, der wirkt. Das ist ein monumentaler Ruf zur ächten christlichen Mission. Gehet mit Eurer Kraft hinaus in alle Welt, doch Alles, was da lastet, bleibe daheim! (Zettelnotiz)

24. Juli 1900. Venedig.


//215//

25. Juli 1900. Heute mit der Bahn über Verona nach Bozen. Ankunft 2 Uhr 35. Das Batzenhäusel noch besucht. (RT)

26. Juli 1900. Bozen. Wagenfahrt nach dem Mendelpaß. Die Fahrt durch die lombardische Ebene hat mein Interesse für Italien gesteigert. Dann führte der Schienenweg empor zur Alpenherrlichkeit. Der italienische Teil der Brennerbahn ist schöner als der der Gotthardstrecke. Es steigert sich fortwährend bis Bozen, und das ist ein Juwel. Wir nahmen im Hôtel Victoria Wohnung, empfohlen vom Onkel des Wirtes in Venedig. Nicht gut. 5 Stunden hinauf zum Mendelpaß. Hotel Penegal. Prachtlage, Küche vorzüglich. Dieser Ausflug hat mich entzückt. Auf dem Weg nach dem Mendelpaß Gedichte Im heimlich stillen Waldesfrieden ... und Streckt sich bittend dir entgegen ... (HG 54) (RT)

27. Juli 1900. Wagenfahrt nach den Dolomiten. Abgestiegen im Karersee-Hotel. Gut! Gründlich verdorben! O dieses Weib! (RT)
»Herrliche Tour nach dem Karersee und -paß. Rosengarten, Lattemar. Sarnthal, Rungelstein, Gries.« (Klara; MS »Meine 3 Italienreisen«)

28. Juli 1900. In das herrliche Sarnthal. (RT)

29. Juli l900. Nach München. Hôtel Leinfelder. Nach Tische kam der Herzog Paul von Mecklenburg zu mir. Wohnte zufällig auch da. (RT)

30. Juli 1900. München. Bei Weigl gewesen. War verreist. Paul Mecklenburg kam mit seinem Bruder Borwin. Morgen 8,42 geht es heim. Mutters Geburtstag. (RT)


Inhaltsverzeichnis Jahrbuch 1971

Übersicht Jahrbücher

Titelseite