//123//

[Flugblatt-Reprint (81Kb-Gif)]


//124//

KARL MAY

An den Dresdner Anzeiger



Man rühmt sich von gewisser Seite, die sogenannte »May-Frage« wieder in Fluß gebracht zu haben. Ich freue mich, daß dem so ist, und werde mich wohl hüten, mich dieser Bewegung hindernd in den Weg zu stellen. Sie ist im höchsten Grade berechtigt und wird, wenn nicht ich selbst sie störe, ganz unbedingt zum guten Ende führen.

   Wer gegen mich und meine Werke schreibt, kann ziemlich sicher sein daß ich ihm nicht antworten werde. Ich beanspruche nämlich wie jeder andere, das Recht, mir unter meinen Gegnern denjenigen wählen zu dürfen, den ich für meiner Sache würdig halte, und bis der kommt, scheint es noch gute Wege zu haben. Am allerwenigsten aber werde ich mich mit Personen herumbalgen, welche mir, wie ich jedermann und jederzeit nachweisen kann, für 3000, 6000 resp. 10000 Mark die »Unterstützung« ihrer Zeitungen anbieten und sodann, nachdem sie von mir abgewiesen worden sind, ihrem Ärger in ganz denselben Zeitungen alle Zügel schießen lassen.

   Etwas anderes ist es, wenn ein Blatt von dem Rufe des »Dresdner Anzeiger« mir die Ehre erweist, mich in seinen Spalten besprechen zu lassen, denn da darf ich wohl hoffen, auf einen Kritiker, wie ich ihn mir wünsche, zu treffen, einen gerechten, gesunden, offenen und ehrlichen Mann, der keine Schonung gibt, aber dann von meiner Seite auch keine Schonung erwartet. Auf einen solchen Gegner freute ich mich, als ich, gestern abend, von einer Reise heimkehrend, erfuhr, daß am vergangenen Sonntag der »Anzeiger«, einen ziemlich langen, aber nicht freundlichen Aufsatz über mich gebracht habe. Ich las ihn sofort durch - - - wie schade! Ich sah dann nach dem Namen - - - ja richtig: eine Dame! Sie spricht zwar von einem Freunde, der die von mir »bereisten Länder genau zu kennen glaubt«, hat aber leider nicht die


//125//

Güte, den Namen dieser ihrer männlichen Quelle zu veröffentlichen. Ich gestehe aufrichtig, daß ich enttäuscht war, sehr enttäuscht! M. Silling ist ein rund sechzig Jahre altes, unverheiratetes Fräulein aus Stettin, und so bin ich, anstatt mich mit einem geistig muskulösen, widerstandsfähigen Opponenten messen zu können, gezwungen, mich anständigerweise genau nach Wilhelm Busch zu verhalten, nämlich: »Im Gesichte Seelenruhe, an den Füßen milde Schuhe!« Höchst wahrscheinlich ist es schon zu viel, wenn ich mir folgende Kleinigkeiten erlaube:

   Mein Buch wurde mit der Broschüre Max Dittrichs zusammen gegeben, weil die letztere sagt, wie man das erstere zu lesen hat, wenn es richtig verstanden werden soll. Indem Fräulein Silling diese Broschüre nur mit den Worten »Dankbarkeit verpflichtet« abtut, hat sie einfach darauf verzichtet, zur Beurteilung meines Buches berechtigt zu sein. Und sie schreibt auch wirklich nur ganz gewöhnliches Blech; es ist kein einziger Buchstabe von besserem Metall dabei. In einer über 160 Zeilen langen »Kritik« (!) nichts weiter als nur Tadel, kein einziges unfeindliches Wort, das ist so echt weiblich, so ganz und gar unvorsichtig, die gebundene Marschroute verratend. Es ist psychologisch geradezu köstlich, daß diese unbesonnene, gedankenlose Weiblichkeit glaubt, mir ihren unverstandenen Goethe um die Ohren schlagen zu können, und dabei gar nicht ahnt, daß sie hierdurch ihren Tadel in Lob verwandelt hat. Mit falschen Zitaten zu geistreicheln, um geistreich zu erscheinen, kann leicht blamabel werden.

   Ebenso ungeschickt ist das ganz verkehrte Suchen nach der Zeit, die ich auf Seite 658 in korrektester Weise angebe: »Meine Brüder, es gibt - - - Krieg!« Fräulein Silling aber muß sich von meinem arabischen Diener etwas vorschwimmen lassen, um zu erfahren, wieviel die Glocke geschlagen hat. Dann wird nach altgewordener Backfischart ganz skrupellos drauflos gefälscht, gefräuleint, die  R e e d e  von Point de Galle sei verödet. Ich aber habe von dem  H a f e n  gesprochen, in welchem jährlich ca. 500 große Dampfer verkehren, die allen seefahrenden Nationen angehören. Auch wird den Lesern des »Anzeiger« weisgemacht, daß ich einen Dysenteriekranken »aus der niedern Gegend des Crag-Hotels in das Gebirge« geschickt habe; ich aber sage auf Seite 210 ganz deutlich, daß er nicht dort, sondern in meinem Hotel an der Küste gewohnt hatte. Und wenn Fräulein Silling sich für


//126//

malayisch so hochgebildet hält, daß sie sich erlauben darf, mir sprachliche Schnitzer vorzuwerfen, so möchte sie damit doch warten, bis einmal ein Malaye aus Schreck über diese ihre Kenntnisse Feuer schreit. Bei den Bewohnern des Barissangebirges, um die es sich hier handelt, bedeutet »Panas« nicht etwa nur warm, sondern auch heiß, Hitze, Brand, Glut, Feuerglut u. s. w, wie der »Freund«, wenn er wirklich dort gewesen ist und diese Sprache kennt, doch sicherlich wissen muß.

   In dieser Weise wird weiter fortgewurstelt Der »Freund« ist mir in allem über. Meine Gestalten sind erlogen, meine Sittenschilderungen falsch. Ich weiß nicht einmal, zu welcher Tageszeit die weiße Jacke zur schwarzen Hose paßt, ganz unerhört! Und nun gar mein Englisch! Da bin ich doch der reine Botokude! Aber auch diese Seite 270 klingt in meinem Buche ganz anders, als von Fräulein Silling angegeben wird, und wenn ich an anderer Stelle das »thou« dem »you« einmal gegenübersetze, so geschieht es in einer höchst wichtigen, psychologischen Absicht, für welche Fräulein Silling kein Verständnis besitzen kann. Psychologische Rätsel durch verbotene persönliche Fürwörter zu beleuchten, das sind ja böhmische Dörfer! Wenn ich in meinen Erzählungen, um das Verhältnis zwischen Geist und Seele deutlich zu machen, das Innere des Menschen in mehrere befreundete oder gar verwandte Personen spalte, so habe nur ich allein, nicht aber diese Dame, die Anrede zu bestimmen, welche diesem Vergleiche angemessen ist.

   Und hier bin ich bei dem Punkt angelangt, bei welchem gewissen Leuten der Verstand stehen zu bleiben pflegt. Daß dies auch bei Fräulein Silling geschehen ist, kann mich nicht wundern, nachdem ich gelesen habe, mit welcher majestätischen Handbewegung sie die plebejische Broschüre Max Dittrichs von sich abgewiesen hat. In diesem Büchlein steht sehr deutlich zu lesen, daß man in meinen Büchern auf jene Stelle zu achten habe, von welcher an nur noch »innere Ereignisse Geltung haben«. Da aber diese Dame während ihres ganzen Aufsatzes nur auf Äußerlichkeiten trumpft und von der »Seele« eines Buches nicht die geringste Ahnung zu haben scheint, so wird es am besten sein, hierüber wohl zu schweigen. Sie ahnt ja nicht einmal, was heut jeder Schulknabe weiß, nämlich, daß ich mit meinem so viel angefeindeten »Ich« etwas ganz anderes meine, als man von gewisser Seite den Lesern glauben machen will. Ihr scheint es vollständig unbekannt zu sein, wie sehr ich


//127//

in diesen Büchern grad mich und meine persönlichen Fehler aufrichtig bekenne und geißele, und daß sie sich selbst geradezu als Ignorantin schildert, wenn sie von »seiner Ruhmsucht usw. phantasiert! Ein jeder, der da weiß, wen ich in meinen Büchern mit Karl May, mit Old Shatterhand, mit Kara Ben Nemsi, mit Hadschi Halef Omar usw. eigentlich meine, ist überzeugt, daß mir meine sogenannte »Berühmtheit« nur Qual bereitet und daß ich den mir angedichteten »Heiligenschein« der phantasievollen Dichterin von Herzen gern überlasse; mir gehört er nicht!

   Auf die Behauptung, daß ich alle gegen mich erhobenen Anschuldigungen durch Freunde, die mir verpflichtet sind, scheinbar widerlegen lasse, würde ich ganz anders antworten, wenn sie nicht aus weiblichem Munde käme. Diese Dame beweise mir einen einzigen Fall! Es ist bisher nur zweimal von freundlicher Seite über mich geschrieben worden, und beide Male hat es erst monatelangen Kampf gegeben, bevor ich mich dem ganz überflüssigen Wunsche, mir helfen zu wollen, fügte. Meine Feinde sind keineswegs solche Riesen und Giganten, wie sie denken; ich werde schon allein mit ihnen fertig, selbst wenn sie sich als anonyme »Freunde« hinter alte Fräuleins stecken.

   Darum heraus mit ihnen! Ich fordere Fräulein Marie Silling hiermit öffentlich auf, binnen heut und einer Woche zu mir heraus nach Radebeul zu kommen und ihren »Freund« mitzubringen. Da werde ich ihnen Rede und Antwort stehen, so weit und viel sie wollen. Ich werde beweisen, daß alles, was diese Dame über mich behauptet hat, der Wahrheit ganz entbehrt. Aber ich werde auch von ihnen beiden die Beweise fordern, daß sie in jeder Beziehung so hoch über mir stehen, wie ich von Leuten verlangen kann und verlangen muß, die sich für berechtigt halten, mich öffentlich zu vernichten! Ich betone, daß ich persönliche Aussprache fordere, und werde das Resultat derselben sofort an dieser Stelle hier veröffentlichen. Kommen sie nicht zu mir, so bin ich mit ihnen fertig. Auf weitere gedruckte Anzapfungen würde ich nur schweigen!

   Und die Herren vom »Dresdner Anzeiger« bitte ich, folgendes zu bedenken:

   Sie sind berechtigt, über meine Werke zu kritisieren, ja; aber wenn es geschieht, dann unbedingt von einer Kraft, welche dieser Arbeit voll-


//128//

ständig gewachsen ist und den hierzu nötigen Ernst besitzt. Sie nehmen eine geachtete, eine hohe Stelle in der Presse Sachsens, in der Presse Deutschlands ein. Ist es dieser Stellung und dieser Achtung entsprechend, wenn sie einen Autor, den einige Millionen Deutsche lesen, in der Weise behandeln lassen, wie es am Sonntag in Ihrem Blatte geschah? Verfahren Sie gegen meine Werke so streng, als es Ihnen beliebt, aber Persönlichkeiten und altjüngferliche Bliemchenkaffeewitze muß ich mir verbitten. Übrigens wohne ich nicht auf dem Monde, und wenn eine anständige Dresdner Zeitung die Absicht hat, über einen Radebeuler Schriftsteller zu schreiben, so sind nur einige Kilometer zu überwinden, um ein Verständnis zu erzielen, welches der Redaktion mehr Anerkennung bringt, als die Behandlung aus der zwar wohl bequemeren, aber höchst verdächtigen Ferne.

   Ich möchte nicht glauben, daß Sie nicht begreifen, was ich schreibe. Sollte ich mich aber hierin irren - Hunderttausende haben mich längst begriffen - so bin ich jederzeit und sehr gern bereit, Ihnen die zwar vorhandenen, aber nur scheinbaren Rätsel zu lösen.

   Ich gehe meinen eigenen Weg, einen Weg, den noch niemand vor mir beschritten hat. Er ist einsam, und ich mute keinem Menschen zu, mir zu folgen. So verlange man auch nicht von mir, hinter anderen herzulaufen. Ich störe und beleidige keinen; man lasse auch mich in Ruhe! - - -

   Radebeul, den 5. November 1904.

May.

*

   N o c h  e i n m a l :  a n  d e n  A n z e i g e r.

   Um mein Wort zu halten, habe ich heute und hier zu konstatieren, daß Fräulein Marie Silling und ihr geheimnisvoller »Freund« es vorgezogen haben, sich weder persönlich noch brieflich bei mir einzustellen, um zu beweisen, daß sie berechtigt und befähigt sind, sich eine Kritik meines Buches »Und Friede auf Erden« zuzutrauen. Damit ist meine Entgegnung als wohlbegründet und richtig anerkannt.


//129//

   Ich wäre mit dieser Angelegenheit nun also eigentlich fertig, zumal ich erklärt habe, daß ich auf weitere Anzapfungen nur schweigen würde; aber der »Dresdner Anzeiger« bringt einen weiteren Artikel, über den er meinen Namen setzt, und da es sich hierbei nicht um eine »neue Anzapfung«, sondern um einen »alten, stehen gebliebenen Bierrest« handelt, so gestatte ich mir, diesen Bodensatz endlich einmal dahin zu schütten, wohin er gehört - - - in die Gosse.

   Die Überschrift lautet: »Karl May. (Was unsere Quartaner lesen.) Von einem Gymnasiallehrer.« Warum verschweigt auch dieser Herr seinen Namen? Ist dieser etwa so sehr berühmt oder so wenig berühmt, daß man ihn ganz besonders in acht zu nehmen hat? Als Namenloser kann man nicht einmal wegen Beleidigung verklagen, wenn irgend einer kommt und irrtümlich liest: »Karl May. (Was unsere anonymen Gymnasiallehrer lesen.) Von einem Quartaner!« Am Schlusse des Artikels wird gesagt, daß er aus Otto Lyons Zeitschrift für den deutschen Unterricht abgedruckt worden sei.

   Es wäre interessant, zu wissen, ob er dort auch die Ueberschrift »Karl May« gehabt hat. Wenn nicht, so hätte ich anzunehmen, daß es dem Anzeiger jetzt wieder nicht um ernste Sachlichkeit zu tun sei, sondern nur darum, mich abermals persönlich zu blamieren. Für diesen Fall behalte ich mir weiteres vor. Ich habe bisher, dem Volumen nach, ca. 50 Bände geschrieben. Durch alle diese Bände ziehen sich, um nur das hierher Gehörige zu erwähnen, unzählige Beispiele, durch welche ich zu beweisen suche, daß der Mensch auf keinem anderen Wege vorwärts kommen und glücklich werden könne, als durch Gehorsam gegen Eltern und Lehrer, Achtung vor dem Gesetz und der Obrigkeit, strenge Erfüllung aller seiner Pflichten und hilfsbereite Liebe für jeden, der ihrer bedarf. Das haben Hunderttausende gelesen; sie lesen es noch heut und werden es noch weiter lesen. Wie käme ich dazu, hierfür in der Weise behandelt zu werden, wie es das Amtsblatt derjenigen königlichen und städtischen Behörden tut, die ganz gewiß nicht anstehen werden, mich in diesem meinem wohlgemeinten Streben zu unterstützen? Aber sehen wir uns diese Blamage einmal näher an; vielleicht habe ich mich geirrt.

   Der Herr »Gymnasiallehrer« behauptet, daß die Kritik mich bereits gerichtet und mir jedes künstlerische Können und Wollen abgesprochen


//130//

habe! Sonderbar! Man versichert mir oft das Gegenteil, nämlich, daß die Kritik nur sich selbst gerichtet habe, indem erwiesen sei, daß ihr sogar das künstlerische Verständnis für mein »Und Friede auf Erden« fehlt. Und was ganz im besonderen die Kunsterhabenheit des anonymen Herrn »Gymnasiallehrers« betrifft, so empört er sich über die »Vollkommenheit und Makellosigkeit« meiner Helden, die überhaupt »keine Menschen mehr sind«. Er kennt somit nicht einmal den ersten und einfachsten Lehrsatz aller Kunst, nämlich, daß der Künstler das ungeschmälerte Recht besitzt, nur diejenigen Eigenschaften seines Helden darzustellen, durch welche er den ihm vorschwebenden Zweck erreicht. Die »Kunst« dieses Herrn geht also darauf aus, die Ideale, an denen die Jugend sich erfreuen und erheben soll, ihrer erziehlichen Vorzüge zu entkleiden und sie in ganz gewöhnliche, fehlerhafte Geschöpfe zu verwandeln, vor denen man sich seiner Gebrechen ganz und gar nicht zu schämen, sie also auch nicht abzulegen braucht! Wenn es so weit mit uns gekommen ist, daß ein deutscher Lehrer und Erzieher es wagen darf, sich öffentlich zu so einer schmutzigen Kunst zu bekennen, und gar noch sich für berechtigt hält, der Jugend ihre Lektüre vorzuschreiben, dann wehe unserm Volke und unserm Vaterlande, denn alles, was uns begeistert und beglückt, steht in Gefahr, in dieser Afterkunst mit Gewalt erstickt zu werden, sogar die Religion!

   Von dem Augenblick, an welchem sich dieser Herr Anonymus durch sein Kunstbekenntnis selbst entlarvte, gehört er wenigstens in meinen Augen nicht mehr zu denen, die über das Thema Jugend- und Volkserziehung anzuhören sind, zumal er in seinem Urteile so weit geht, den alten abgestandenen Bierrest, den ich auszuschütten habe, als einen »prächtigen Essay« zu bezeichnen. Daß er durch seine Ausdrucksweise erraten zu lassen sucht, ich sei extra nach München gereist, um durch eine Annonce meine »Bewunderer« zusammenzutrommeln, ist ein sehr beliebter Kniff meiner Herren Gegner. Wenn wirklich etwas Derartiges veröffentlicht wurde, so geschah es ohne mein Wissen und ganz unbedingt gegen meinen Willen.

   Wer den Titel »Karl May« von E. Weber (Zur Jugendschriftenfrage) liest, der denkt gewiß an einen alten erfahrenen Erzieher, der während eines langen Lebens und Wirkens für die Jugend genug Objektivität und Selbstbeherrschung gesammelt hat, sich über diesen so wichtigen


//131//

Stoff in gerechter, unparteiischer Weise zu äußern. Aber wem hierauf gleich zugemutet wird, mir und einem wirklichen Offizier Leichtfertigkeiten wie die dann erzählten zuzutrauen, der wird sich diesen Herrn E. Weber wohl erst einmal ansehen, ehe er ihm den Gefallen tut, ihn für eine Koryphäe der Glaubwürdigkeit zu halten. Und in der Tat, wenn ich sage, daß dieser Herr soeben erst Student in Jena ist und das erzählte Gespräch vor ca. 7 - 8 Jahren stattgefunden haben soll, so brauche ich wohl nicht in Abrede zu stellen, daß er sich die damalige üble Behandlung meinerseits, die er mir heute noch nachzutragen scheint, nur allein durch seine große geistige Reife und wunderbare Urteilsschärfe zugezogen hat.

   Diesen Gründen ist es wohl auch zuzuschreiben, daß er einem damals, allerdings aber doch in ganz anderer Weise stattgehabten Gespräch dann später eine Bearbeitung gegeben hat, die seinen Zwecken entsprechender ist als das Original, welches er um seiner selbst und ebenso auch um des angeblichen Offiziers willen gar nicht erzählen dürfte. Jeder Sachverständige weiß, daß ein so vielschüssiges Gewehr kein Magazingewehr, sondern nur ein Paternosterlader sein kann. Der angebliche Offizier war also in Wirklichkeit kein Offizier, sonst müßte er noch heute über die ihm gewordene Abfuhr erröten, sondern höchstens ein Berichterstatter mit einem Honorar von 10 Pfennigen die Zeile. Und welch ein bedeutender Teil dieser Abfuhr für Herrn Weber selbst bestimmt war, das scheint er sogar heute noch nicht zu wissen. Die Anrempelung des Kaisers: »Majestät, wir wollen einmal mit einander schießen« geht so hoch über jede irdische Möglichkeit hinaus, daß sie am besten gar nicht erfunden worden wäre!

   Hierauf erfährt man, daß wieder einmal ein Schüler meinetwegen seinen Eltern entlaufen sei. Donner und Doria, das ist nun wohl schon der fünfhundertste! Nämlich weil bereits gegen fünfhundert Zeitungen ganz dasselbe gebracht haben. In Wirklichkeit aber ist es immer nur dieser eine, und der ist nicht etwa meiner Bücher wegen durchgebrannt, sondern der anderen Bücher wegen, die sich die gesunde Jugend z. B. nicht von dem Herrn Studenten Weber oder anonymen Gymnasiallehrern aufzwingen lassen will. Wenn diese Herren gleich in den nächsten Zeilen von einem strammen Jungen die Fähigkeit verlangen, »ein Kunstwerk ruhig zu genießen«, so wird wohl jeder verständige


//132//

Vater und jede vernünftige Mutter nun wissen, was unter solchen Kunstwerken zu verstehen ist: literarische Zwangsjacken, und der »Genuß« ist - - - Qual!

   Daß ich von den Rektoraten der bayrischen Mittelschulen auf den Index gesetzt worden sei, ist Übertreibung. Ja, einige dieser Herren verlangen von ihren Schülern, nicht Karl May zu lesen, sondern das »Gebetbüchlein für fromme Studenten« oder den »guten Sepp, der seinen Lehrern immer Freude macht«, aber um so fröhlicher treten die anderen für mich ein, und ich könnte wohl manches Hundert bekannter Namen von Pfarrern, Lehrern und Erziehern vorzeigen, die sich in ihren Jugendschriften warm zu meinen Büchern bekennen.

   So schreibt mir ein in Dresden wohnender Pastor über mein Buch »Und Friede auf Erden«: »In unseren Kirchen und Schulen, in unseren Rathäusern und Gerichtssälen, in unseren Vereinen für äußere und innere Mission, in unseren pastoralen und synodalen Konferenzen, in der Familie wie im Volksleben und Volksverkehr, kurz überall, wo, wie der Dichter sagt, »der Menschheit Würde in unsere Hand gegeben« ist, überall sollte diese »Shen« das Szepter schwingen; dann wäre das Rätsel der Völkerbeglückung mit einem Schlage gelöst, dann wäre - - - Friede auf Erden!«

   Ein anderer Pfarrer schreibt vor ca. zwei Wochen: »Seien Sie versichert, daß Sie in meinen Augen trotz aller Stürme gegen »May und Maykäfer« nichts verloren haben und daß ich die gleiche Hochachtung vor Ihren Werken habe, wie vor der Zeit, als man Sie noch ohne Widerspruch achtete und verehrte. Seien Sie auch versichert, daß ich Ihrer täglich im Gebete gedenke, daß Gott Ihre Bemühungen segne! Mehr kam ich Ihnen nicht geben!«

   Und ein weit bekannter Leipziger Pfarrer schreibt vor kurzem: »Ich möchte mich anheischig machen, der beste Kenner Ihrer Schriften zu sein. Sie werden fragen, was der Zauber war? Vor allem der reine fromme Sinn, der mir immer wie ein Blick in eine helle, sonnenbeglänzte Landschaft war oder wie in den klaren Sternenhimmel, wenn das Auge sich müde gesehen hatte an der Verirrung und dem Schmutze der Welt. So etwas Reines hat keiner von denen geschrieben, die so wie Sie in das bewegte Menschenleben hineinführen. Und der andere Grund: Das Taten- und Abenteuerreiche Ihrer Bücher, das den Geist in eine bunte


//133//

Welt führt, woran er sich ergötzt und erfrischt. Grad wenn wir so viel mit der starren, bleiernen Prosa des Lebens zu tun haben, liebe ich es, in einen Feenwagen zu steigen, der doch so viel Wirklichkeit in sich birgt. Kurz, mein Dank ist ein tiefer, weil nicht auf flüchtigem Leserrausch beruhender, sondern hervorgegangen aus jahrelangem Lesen Ihrer Bücher in einsamen Nachtstunden nach des Tages Last und Hitze.

   Die Schutzschrift von Dittrich war mir in dem Passus, der von den Kolportageromanen handelt, am wichtigsten. Hier liegt meines Erachtens der brennende Punkt, hier der Beruf, den Ihnen Gott gegeben hat. Da hält man überall Reden über die Volksverderbnis durch die Schund- und Schauerromane. Jetzt wieder in Regensburg haben die frommen Zentrums-Herren ihre pathetischen Klagen hören lassen. Aber kein Mensch weiß Rettung. Die einzige Rettung wäre, eben solche Schriften, die das Volk verschlingt, selbst zu schreiben, aber von gutem sittlichen Inhalt. Aber es lebt meines Wissens kein einziger, der das versteht, als Karl May. Und diesen einzigen haben sie in den Kot getreten, haben ihn dem Volke verekelt, haben das Anathema über seine Schriften ausgesprochen. Warum? Die Gründe sind mir noch nicht klar Aber es gibt keine Gründe, dem Volke seinen besten Schriftsteller zu nehmen. Ich halte die Mayhetze für ein Verbrechen an der Seele des deutschen Volkes; das sage ich Ihnen ganz offen!«

   Wenn ich diese Stimmen dreier erfahrener, hochehrwürdiger, geistlicher Herren bringe, so geschieht das keineswegs um niedriger Reklame, sondern nur um meiner Dresdner Leser willen, denen ich hiermit zeigen möchte, daß ich keineswegs so verlassen bin, wie meine Gegner glauben machen wollen. Wenn irgend ein Student sich bemüht, mir durch Verdrehung eines alten Gespräches eine ihm widerfahrene Abfuhr heimzuzahlen, oder wenn irgend eine Ostseejungfrau glaubt, Karl May aus der Welt schaffen und der deutschen Literatur dann durch ihre Kieler Sprotten und Stettiner Flundern aufhelfen zu können, so sind dies keineswegs so gigantische Kräfte, daß ich mich fürchten und verstecken müßte. Man vergegenwärtige sich doch die fürchterlichen Heerscharen, die gegen mich zum Kampf beordert wurden: Voran die zarte Weiblichkeit, nicht mehr ganz im Flügelkleide, die Blechtrompete blasend. Hinter ihr ein dreiviertel unsichtbarer Malaye, der ganz gewiß wußte, daß »Api« Feuer heißt, und dann vollends verschwand. Hierauf Herr Student


//134//

Weber in Jena, den ich den dortigen lieben Ziegenhainern sehr warm empfehle, und endlich gar eine Anonymität, welche dieses Studenten »Prächtigkeit« bewundert und an trüben Winternachmittagen das Vergnügen hat, sich vertretungsweise mit der Quarta zu beschäftigen! Ist es da ein Wunder, daß mir hierüber die Augen aufgehen und daß ich nun endlich begreife, was die Herren vom Anzeiger eigentlich wollen?

   Ich bin diesen Herren schon gleich anfangs nicht ganz gram gewesen. Nun aber fühle ich mich gerührt und reiche ihnen, vollständig versöhnt, meine beiden Hände Sie meinten es gut mit mir, unendlich gut. Ich hätte niemals so wie sie der Menschheit zeigen können, von welcher Art die Personen und die Waffen sind, mit Hilfe derer ich vernichtet werden soll. Seit im Jahre 1898 die Parole ausgegeben wurde: »May ist eine Macht; er muß ausgemerzt werden um jeden Preis und mit allen Mitteln«, hat sich niemand meiner so erfolgreich angenommen, wie jetzt der »Dresdner Anzeiger«. Alle, die ihn und meine beiden Antworten gelesen haben, wissen nun ganz genau, daß es sich bei allen Angriffen gegen mich nur ganz allein um meine Person, nicht aber um meine Werke handelt. Daher der freundliche Ulk des Anzeigers, der mich nun meinen Feinden gegenüber vollständig rehabilitiert.

   Und da der Scherz vorüber ist, so darf der Ernst nun folgen. Ich werde von nun an schweigen, mag kommen, was da will, bis ich mein nächstes Werk vollendet habe. Das stelle ich dann der Redaktion des »Dresdner Anzeiger« zur allerstrengsten!, doch sachlichen Kritik zu, und hierauf wird es sich finden, ob weitere Ulke sich von nöten machen!

   Radebeul, den 12. November 1904

May.

*

   H e r r n  P r o f e s s o r  D r.  P a u l  S c h u m a n n.

Sehr geehrter Herr!

   Als ich mein letztes Buch »Und Friede auf Erden« veröffentlicht hatte, gingen mir zahlreiche Besprechungen zu, die sich mehr in menschlich-freundlicher als in kritisch-ernster Weise mit ihm beschäftigten. Da ich mich aber bemühe, meine Fehler kennen zu lernen, um sie abzulegen,


//135//

kam es mir ganz selbstverständlich nur darauf an, die ernste, ungeschminkte Wahrheit zu vernehmen, und da wendete ich mich an Sie.

   Warum gerade an Sie! Weil Sie erstens »Redakteur für Kunst und Wissenschaft« sind und zwar eines Amtsblattes hoher königlicher und städtischer Behörden. Weil Sie zweitens Mitbesitzer und Mitbewohner eines Hauses sind, in welchem die Kunst nach ewiger Wahrheit sucht und das, was sie gefunden hat, in alle Welt hinausverkündet. Und weil Sie drittens ganz ebenso wie der Mitgenosse dieses Ihres Hauses, Herr »Kunstwart« Avenarius, mein ausgesprochener Gegner sind, von dem ich weder Höflichkeiten noch leere Phrasen zu erwarten hatte. Daß ich mein Buch grad Ihnen, dem Feinde, zu Händen stellte, war für Sie eine Ehre, für welche Sie mir nichts anderes als nur Dank zu sagen haben. Und daß ich grad Sie zum Richter hoch über mich setzte, weil ich Sie im Besitze der nötigen Bildung, Selbstbeherrschung und Objektivität vermeinte, das war jedenfalls eine Huldigung, von der ich glauben durfte, daß Sie sie von mir, dem dreiundsechzig Jahre alten Manne, nicht ganz ohne einige Rührung entgegennehmen würden. Dabei stand es für mich ganz außer allem Zweifel, daß Sie entweder nur sich selbst oder einen Ihrer Herren Redakteure für berechtigt halten würden, ein Urteil abzugeben, denn ich gehöre doch wohl nicht zu denjenigen literarischen Gestalten, mit denen man sich durch journalistische Bonnen oder Gouvernanten abzufinden pflegt.

   Wahrscheinlich wissen Sie, geehrter Herr, was man unter »Kritik« zu verstehen hat. Es gibt edle und unedle, vornehme und unvornehme Kritiker. Der Hauptunterschied zwischen Beiden ist, daß die gemeine, ordinäre Kritik persönlich wird, die anständige, künstlerisch ernste aber nie. Bei Ihnen war die Möglichkeit einer unvornehmen, unedlen Kritik vollständig ausgeschlossen, weil Sie erstens ein hochanständiges Blatt redigieren, weil Sie zweitens der wahren, heiligen »Kunst«, die keine Sünde gegen die Reinheit des Inhaltes und die Schönheit der Form duldet, »als Wart« zu dienen haben, und weil Sie drittens grad als mein Gegner sich streng nur an das Buch zu halten und jede Abschweifung auf das Persönliche hinüber sorgfältig zu vermeiden hatten. Es stand Ihnen ja frei, die Besprechung von »Friede auf Erden« einfach abzulehnen, hatten Sie aber beschlossen sich ihr zu unterziehen, so durften Sie das nur in der von mir angedeuteten Weise tun, in keiner anderen!


//136//

   Ich muß ehrlich sein und gestehen, daß ich mich auf die erwartete Rezension freute. Ich habe das angegebene Buch lieb gewonnen und möchte es gern von den Fehlern befreien, welche die Kritik noch an ihm findet. Was aber kam? Ein Aufsatz von einem gewissen Fräulein Silling - - 180 Zeilen mit nur persönlichen Schmähungen, für das Buch aber kein einziges gutes Wort, keine einzige ruhig und nicht voreingenommen klingende Zeile! Wenn ich sage, ich war enttäuscht, so sage ich viel zu wenig, enthalte mich aber hier jedes schärferen Wortes. Ich beschloß, zu schweigen, wie immer; aber beim nochmaligen Durchgehen der Zeilen fielen mir einige gewisse, weiblich unvorsichtige Wendungen auf, welche, wenn sich meine sofortige Vermutung bestätigte, für eine andere, keineswegs hierher gehörende Angelegenheit von größter Wichtigkeit zu werden versprach. Um mir hierüber klar zu werden war es nötig, den Herrn Redakteur Paul Schumann zu veranlassen, in eigener Person hervorzutreten und mir durch ganz dieselbe, vielleicht auch größere Unvorsichtigkeit das Geheimnis zu verraten. Das konnte nur durch jenen scharfen Ton geschehen, den Sie, geehrter Herr, zwar als »unvornehm« bezeichnen, der aber ganz genau den Erfolg hatte der mit ihm beabsichtigt worden war. Sie kamen!

   Zwar nicht gleich, aber doch! Sie hielten mir erst noch die achtzig Zeilen eines ungenannten Gymnasiallehrers vor, abermals nur Beleidigungen, kein einziges unbefangenes Wort; dann aber erschienen Sie selbst, als höchst gewichtiger Mann, sechzehn volle abgeteilte Zentner auf vierhundertsechzig Zeilen wiegend! Wie froh ich war! Jetzt mußte ja der Beweis kommen, daß ich mich nicht geirrt hatte, als ich Ihnen mein Buch sandte, weil ich Sie im Besitze der zur Besprechung nötigen Bildung, Selbstbeherrschung und Objektivität vermeinte! Und es kam auch wirklich ein Beweis; welcher, das beantworten Sie sich wohl selbst, Herr Redakteur!

   Also vierhundertsechzig Zeilen, in sechzehn einzelnen Abschnitten! Und der Inhalt? Man lese nach! Persönliche Geringschätzung, spöttische Herabsetzung, der Vorwurf der Unvornehmheit und dann gar der Feigheit, das ist der Anfang! Dann beginnen sofort die Wahrheitswidrigkeiten Es wird mir die »naive Zumutung« unterstellt, die Herren Redakteure des Anzeigers sollten zu mir kommen. Ich habe Fräulein Silling und ihren »Freund« gemeint, vielleicht auch irgend einen Bericht


//137//

erstattet; das Wort Redakteur habe ich nicht gebraucht. Übrigens kenne ich mehr als genug Redakteure, die sich lieber vorher erkundigen, als daß sie sich nachher Lügen strafen lassen, und wenn Sie, Herr Redakteur, irgend Jemand zu mir geschickt hätten, um mich zu sprechen und sich bei mir umzusehen, so hätten Sie sich und Ihrem Blatte mehr erspart, als Sie zu ahnen scheinen! Man interviewt heutzutage doch jedes gestolperte Droschkenpferd, um die Wahrheit über solch interessanten Fall zu ergründen. Hat irgend Jemand das Recht, es mit der Wahrheit über den Inhalt und die Entstehung meiner Bücher weniger genau zu nehmen?

   Der nächste Abschnitt moquiert sich zunächst über meine Logik, spricht dann von »Stimmungsmache und Lobhudelei« und wiederholt dann »seinen Namen achtzehnmal in einem Atem derart hintereinander, daß ich mich ewig schämen müßte, wenn ich Ihnen nicht rund und glatt erklärte: Herr Redakteur, mit Ihnen als Kritikus bin ich schon jetzt, gleich hier am Anfang, fertig. Was ich Ihnen noch sagen werde, das gilt nicht dem Kunstsachverständigen, dem Rezensenten, dem Professor, dem Doktor der Philosophie, dem Redakteur, dem Schriftsteller, sondern nur dem Menschen, der Paul Schumann heißt, und diesen meine ich, wenn ich »geehrter Herr« zu Ihnen sage.

   Ich bin auf das Weitere, was Sie gegen mich vorbringen, zu keiner Antwort verpflichtet. Das Wie und Warum, also Ihre Art und Weise und Ihre Gründe, entbinden mich davon. Wer der »Besprechung« meines Buches 460 Zeilen widmet und nach einem schier endlosen Schwall persönlicher Kränkungen, Verdächtigungen und Ehrverletzungen am Schlusse, sich dieser seiner Pflicht erinnernd, nichts weiter als die Drohung hat, daß er es von einem Andern besprechen lassen werde, der hat hiermit alles von ihm Vorgebrachte zur Null gemacht und auf das Recht, beachtet zu werden, vollständig verzichtet. Aber ich bin es sowohl mir selbst als auch der Öffentlichkeit schuldig, wenigstens auf die Hauptpunkte einzugehen, welche ich klargestellt haben möchte.

   Es peinigt Sie, geehrter Herr, daß ich im Literaturkalender von Kürschner als Doktor der Philosophie bezeichnet werde. Das Diplom kam vom Auslande, honoris causa, ohne mein persönliches Betreiben, ganz so, wie mir einst wegen meines »Krumir«, der kurz vor dem Krumirkrieg erschien, eine französische Dekoration angeboten wurde, die ich


//138//

aber ablehnte, weil ich überzeugt war, sie nicht verdient zu haben. Ich glaubte, diesen »Doktor« führen zu dürfen, denn die betreffende auswärtige Vertretung hatte mir dies versichert; ich legte aber trotzdem vor einigen Jahren das Diplom dem Königlichen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts zur Prüfung vor und erhielt den Bescheid es sei allerdings gültig, überall, nur innerhalb Deutschlands nicht, übrigens habe der Name Karl May einen größeren Wert als jeder derartige Titel. So wurde gesagt, und ich hoffe, daß infolge dieser meiner Darstellung der »Doktor« aus dem Kürschner verschwindet. Einen hierauf bezüglichen, besonderen Antrag zu stellen, ist mir die Sache denn doch zu gleichgültig gewesen.

   Und da wir einmal beim Kürschner sind, wer gibt Ihnen, geehrter Herr, das Recht, der Ortsbezeichnung »Hohenburg« meinerseits so schlechte Gründe zu unterlegen? Als die beiden Städtewesen Hohenstein und Ernstthal in eines vereinigt werden sollten, war die Frage, unter welchem Namen. Man sprach von Ernststein, Hohenthal, Hohenburg usw. Ich erfuhr, daß man sich für das letztere entschlossen habe, und meldete dies an Kürschner zur Berichtigung. So ist die Sache, anders nicht! Auch war mein persönliches Verhältnis zu Professor Kürschner ein derartiges, daß es zwischen uns der von Ihnen erwähnten »Zeichen« nie bedurfte. So war auch nicht ich es, sondern er, der das Wort »chinesisch« hinzufügte, und zwar mit Recht. Ihre Zeitangabe aber ist unwahr. Schlagen Sie nach! Und so war auch nicht ich es, sondern er, der das Kreuz vor meinen Namen setzte, genau wie bei allen Andern, die er in Heinrich Keiters Kalender stehen fand.

   Aber nun jetzt: Wie kommen Sie dazu, mir dieses Kreuzes wegen Vorwürfe zu machen? Wann habe ich Ihnen erlaubt, in mein Inneres zu schauen? Wie können Sie es wagen, die unwahre, fürchterliche Behauptung aufzustellen, daß ich mich für einen katholischen Schriftsteller ausgegeben habe, »ganz einfach des Geschäftes wegen«? Ich frage Sie: Graut Ihnen jetzt vor mir oder vor sich selbst? Was habe ich Ihnen getan, daß Sie so entsetzlichen Schimpf, so namenlose Schande auf mich häufen?

   Auf welchem Wege kommen Sie ferner zu der Behauptung, daß ich »tiefen Schmerz« darüber empfinde, daß die deutsche Literaturgeschichte keine Notiz von mir nimmt? Wer mit mir verkehrt, der weiß ganz


//139//

genau, warum ich nicht erwähnt werde, nämlich weil ich jede hierauf bezügliche Aufforderung abweise. Wer das Zerrbild, welches Sie von mir entwerfen, aufnehmen will, der mag es tun. Übrigens, ob ich in eine Literaturgeschichte gehöre oder nicht, und an welcher Stelle ich im bejahenden Falle einst stehen werde, darüber hat die Nachwelt zu entscheiden, kein »Freund« von Ihnen, und sei er noch so anonym!

   Wer gibt Ihnen ferner das Recht, sich über meine Sprachstudien lustig zu machen? Ich trieb schon in frühen Knabenjahren fremde Sprachen; der Herr Pfarrer und der Rektor erteilten mir gratis Unterricht. Später war dann ich der Unterrichtende für Andere. Meinen Sie, daß man Sprachen nur auf Gymnasien und Universitäten lernt? Sie spotten besonders über die »Indianerdialekte«. Ich will gar nicht von den südlichen fünf Mayadialekten reden, aber was die nördlichen Sprachen und Dialekte betrifft: Wenn Sie wirklich keine Ahnung von den ganz vorzüglichen Werken eines Loew, Wheeler, Yarrow, White, Rupprecht, Komas, Shea, Gibbs, Simpson, Marcy, McClellan, Wipple, Ewbank, Schoolcraft usw. haben, so sollten Sie doch nicht so unvorsichtig sein, mich durch einen Spott herauszufordern, den ich mit dem reinen, schönen Bild bezahlen muß, welches ich von Ihren hohen edlen Eigenschaften hatte. Wenn ich so viele Bände schrieb und außerdem mich bemühte, auf sprachlichem Wege die Seele der Völker, über die ich schreibe, zu studieren, so wird dies jeder achtbar denkende Mann als Fleiß bezeichnen. Wenn aber Sie dieses ehrliche, unausgesetzte Ringen nach Erkenntnis, dem ich noch jetzt so manche schlaflose Nacht zum Opfer bringe, zur moralischen Mißgestalt verzerren, um mich zum Gespött und zum Gelächter Ihrer Leser zu machen, so denke ich an den Schluß eines meiner Gedichte:

»Ich lasse still die Flammen um mich schlagen,
Denn das Metall wird nur im Feuer rein,
Doch meinen Henkern habe ich zu sagen:
Ich möchte nicht an eurer Stelle sein!«
   Und nun noch überhaupt: Wie kommen Sie dazu, mich ganz in ganz als persönliches und literarisches Scheusal hinzustellen?! Ich weiß, dieser Ausdruck ist stark, doch ebenso richtig! Sie haben 700 Zeilen über mich gebracht, und von der allerersten bis zur allerletzten starre ich förmlich in Schmutz und Schmant und Schande. Es ist alles, alles falsch und


//140//

schlecht an mir. Meinen Sie denn wirklich, daß es einen solchen Menschen geben kann? Und meinen Sie wirklich, daß man Ihnen eine solche Monstrosität glaubt? Sie sind Hauptredakteur für Kunst und scheinen nicht einmal zu wissen, daß man grad in der Kunst allüberall Maß zu halten hat, besonders aber im Häßlichen? Müssen Sie erst von mir hierauf aufmerksam gemacht werden, von Karl May, denn Greuel aller Greuel? Hätten Sie nur wenigstens ein gutes Wort gesagt, ein einziges, so würde man doch wenigstens nicht lachen. Man würde Ihnen zwar nicht alles glauben, aber doch manches für möglich halten. Da Sie mich aber so beschreiben, als ob an meinem Körper kein einziger Quadratzentimeter gesund sei, sondern alles, alles nur lauter Geschwür und Eiter, so haben Sie auf alle Glaubwürdigkeit verzichtet und nicht nur sich selbst einen schlimmen Dienst erwiesen, sondern auch allen denen, auf die ich jetzt am Schlusse noch deuten muß.

   Ich sagte Ihnen bereits, daß ich, als ich Sie veranlaßte, hervorzutreten, auf Ihre Unvorsichtigkeit rechnete. Es kam so, wie ich dachte: Sie handelten unbehutsam; Sie wogen nicht ab, was Sie sagten. Und so haben Sie, wahrscheinlich ganz gegen Ihren Willen, mir mitgeteilt, was ich von Ihnen wissen wollte. Es ist ungefähr folgendes:

   Indem Sie, geehrter Herr, über meinen Prozeß gegen die Firma H. G. Münchmeyer sprechen, nehmen Sie sich den sonderbaren Mut, wie über alles, was mich betrifft, so auch über die Beweggründe zu witzeln, die mich veranlaßten, gegen die genannte Firma vorzugehen. Ganz selbstverständlich verschmähe ich es, Ihnen in diesem Tone zu antworten, und stelle dafür lieber richtig, daß nicht Sie es sind, sondern daß ich es bin, der zu bestimmen hat, welche Personen und welche Vergehen ich inkriminiere.

   Kurze Zeit, nachdem ich diesen Prozeß anhängig gemacht hatte, bot der jetzige Besitzer dieser Firma nun eine Vergleichsverhandlung. Ich ging hierauf ein. Wir trafen uns, unter vier Augen, und er benutzte diese Abwesenheit von Zeugen, mich zu dem gewünschten Vergleich durch die Drohung zu zwingen: »Ich hörte, daß Sie sich in Ihrer Jugend gegen das Gesetz vergangen haben; Sie sind kein unbestrafter Mensch. Vergleichen Sie sich mit mir! Denn, wenn Sie diesen Prozeß gewinnen, so setze ich in alle Zeitungen, daß Sie bestraft sind, und mache Sie so in ganz Deutschland kaput!« Auf meine Frage, was dann aber mit ihm geschehe,


//141//

antwortete er mir: »Da habe ich mich bei zwei Justizräten erkundigt, der eine ist sogar mein Onkel. Sie sagten, ich solle es nur tun, denn ich bekäme höchstens einige hundert Mark Strafe, Sie aber wären vor der ganzen Welt kaput für alle Zeit!«

   Ganz selbstverständlich nahm ich hierauf Gelegenheit, Herrn Adalbert Fischer hierüber vernehmen zu lassen, und da stellte sich heraus, daß in dem Verlagsgeschäft und in der Druckerei von H. G. Münchmeyer schon seit langer Zeit der sonderbare Grundsatz gegolten hatte: Mit den Mayschen Romanen können wir machen, was wir wollen; der ist in seiner Jugend bestraft worden und darf es nicht wagen, uns zu verklagen. Und wenn er es tut, da brauchen wir bloß ein paar Zeilen zu schreiben; dann haben wir ihn in der Hand; der wird, wenn er überhaupt gegen uns vorgeht, moralisch umgebracht!

   Nun wußte ich mit einem Male, aus welchen Gründen man es gewagt hatte, mit meinen Arbeiten in der Weise umzugehen, wie es fast 20 Jahre lang geschehen war. Ich ging natürlich trotz dieser Drohungen gegen die Firma vor, und die Folge war, daß von ihrer Seite der sogenannten »May-Hetze« in der Weise beigetreten wurde, daß es meines ganzen Gottvertrauens und aller meiner Energie bedurfte, um nicht zum Revolver zu greifen oder einen ähnlichen, verzweifelten Schritt zu tun.

   Jetzt ist der Prozeß in erster Instanz für mich entschieden. Was ist von gegnerischer Seite die Folge? Die Drohung wird zur Tat. May wird kaput gemacht! Und welche Zeitung beginnt? Der Dresdner Anzeiger! Das Amtsblatt königlicher und städtischer Behörden!

   Mein geehrter Herr! Über das, was man meine Bestrafung nennt, habe ich mich hier nicht auszusprechen; aber Sie können sich darauf verlassen, daß ich es sicher tun werde, und zwar an der hierfür geeigneten Stelle! Woher sind die Andeutungen, die Sie sich über mich zu machen erlauben? Diese Frage richte einstweilen ich an Sie; aber es wird jemand sein, der sie wiederholt, an einem andern Orte und vor einem andern Areopag.

   Sie halten es nicht für fair oder opportun, sich bei mir nach der Wahrheit zu erkundigen, bevor Sie über mich schreiben. Ich aber bin nicht »unvornehm« genug, Sie ohne Warnung zu lassen. Sie drohen mir mit »Beweisen, daß es sich in der Tat in Mays neuester Erzählung um pure Erfindung, Phantasterei und Abschreiberei aus veralteten Reise-


//142//

beschreibungen handelt«. Ich sage Ihnen: Das Buch ist Original, vom ersten bis zum letzten Worte. Ich war wiederholt an den Orten, die ich beschreibe, und bin wahrscheinlich ein ebenso guter Kenner der dortigen Verhältnisse, wie Ihr »hiesiger Herr«, dessen Namen Sie noch immer nicht nennen. Bemühen Sie sich zu Günther & Rudolf. Man wird Ihnen dort beweisen, daß ich während zweier Jahre in Kairo, Aden, Ceylon, Penang, Sumatra usw. gewesen bin und von dem Kredite dieser Firma an allen diesen Orten Gebrauch gemacht habe. Es steht bei Ihnen, diese Warnung zu beachten oder nicht.

   Sie sagten, Sie seien noch nicht mit mir fertig; ich aber bin es mit Ihnen! Ich wollte Ihnen, wie Sie wohl gelesen haben, mein nächstes Buch zur Kritik einsenden. Nachdem Sie dann mit Ihren persönlichen Leistungen hervorgetreten sind, verzichte ich darauf. Sonderbarer Weise empfehlen Sie, der protestantische Redakteur, die wüsten »May-Hetzereien« Ihres ultramontanen Antipoden Cardauns. Natürlich! May soll und muß ja kaput gemacht werden, und da greift man auf die alten, lächerlichen Münchmeyereien zurück. Aber Sie wissen wahrscheinlich noch nicht folgendes:

   Max Dittrich gibt in seiner von Ihnen so verächtlich besprochenen Broschüre den Wortlaut jener Beleidigung an, auf welche ich Strafantrag gestellt habe. Die Schuldigen waren: Ein hochberühmter, bayrischer Pädagog, ein hessischer Pfarrer, Religionslehrer und Doktor der Philosophie, und ein österreichischer Professor und ordensgeistlicher Herr. Als sogenannter Zeuge stand ihnen zur Seite Ihr Herr Dr. Cardauns von der »Kölnischen Volkszeitung«, der berühmte Hetzer gegen May. Ich reiste hin, um den Gerichtsverhandlungen beizuwohnen, und das hatte man nicht erwartet! Nachdem die drei Herren mich gesehen und gesprochen hatten, waren sie überzeugt, daß ein gutes Wort an mich von größerem Nutzen sei als alle angeblichen »Beweise« des Herrn Cardauns. Sie widerriefen, bedauerten den Vorfall und unterschrieben alles, was ich von ihnen verlangte. Als ich den einen geistlichen Herrn fragte, wie er doch auf den sonderbaren Gedanken habe kommen können, sich eines Cardauns als Zeugen gegen mich zu bedienen, antwortete er froh, wieder los zu sein: »Ja wissen Sie, was tut man in der Not!«

   Man ist nämlich in den dortigen Kreisen endlich klug geworden. Man will nicht länger dulden, daß ein hyperultramontaner Redaktionspapst


//143//

sich einbilde, der Herr und Meister der ganzen katholischen Priester und Laienschaft zu sein. Man lacht schon längst über seine verfahrenen Taxiliaden. Man ist empört darüber, daß er z. B. sogar hier in Dresden mit heimlichen Briefen herumspioniert, um einen Bürger gegen den andern auszunützen. Und die alten abgegriffenen und niemals bewiesenen Behauptungen dieses Herrn empfiehlt nun jetzt der Redakteur eines residenzlichen Amtsblattes! Wozu? Um Karl May kaput zu machen, wie es sich die Firma H. G. Münchmeyer vorgenommen hat!

   Ein hyperultramontaner Redakteur, bekannt als größter Hetzer seiner Zeit - - - ein Dresdner, evangelischer Redakteur für Kunst und Wissenschaft, in dem berühmten Kunstwarthause daheim - - - verbündet mit einander gegen Karl May - - - zum Nutz und Wohl, zum Segen und zum Frommen einer Kolportageverlagsbuchhandlung, wegen der man mich verachtet und verfolgt - - - ! Fertig!

   Radebeul, den 18. November 1904.

May.


Inhaltsverzeichnis


Alle Jahrbücher


Titelseite