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HANS WOLLSCHLÄGER

Das siebte Jahrbuch




Das Mißtrauen, das die monographische Beschreibung einer bedeutenden Individualität bei einer auf bloße Massenphänomene eingerichteten Kritik gerade da erwirbt, wo diese die behauptete Bedeutung als die eines Massenphänomens erkennen und anerkennen muß, ist auch den Jahrbüchern der Karl-May-Gesellschaft immer wieder ausgesprochen worden. Wirklich hat ja die konzentrierte Beschäftigung mit nur einem Autor schon etwas Isoliertes, geradezu Monomanisches an sich, und ein Unternehmen, das sich sie zur Aufgabe gesetzt hat, muß bereit sein, sich nach Sinn und Nutzen solcher Beschränkung befragen zu lassen. Die Kriterien sind schwankend; »richtig« könnten durchaus mehrere sein. Aber auch wenn man die Praxis der akademischen Literaturbefassung, die Kunstwerke nach Genese und Gestalt als Sozialerscheinungen zu betrachten, als redliche Notlösung anerkennt und als Ausweg aus dem bewiesenen Dilemma, an ihnen sonst kaum anderes als gutbesoldete Verwaltungsakte vollziehen zu können, so verstört doch die Strenge, mit der uns auch ihre Theorie auf diese Verfahrensweise einzuschränken und festzulegen wünscht. Denn die Wege zum Parnaß der Erkenntnis sind vielfältig und verschlungen, und der, auf dem sich »die Gesellschaft« tummelt, ist nur einer von ihnen. Wenn die Erzeugnisse der beamteten Literaturforschung zum Beweis, daß sie auf diesem Wege entstanden sind, zudem oft nur ihren staubtrockenen und auch andere Spuren der Mühseligkeit bewahrenden Stil vorweisen können, so befriedigt dies eigentlich nur unter dem Gesichtspunkt einer darin gelungenen Kongruenz von Form und Gehalt. Weniger überzeugend jedenfalls ist die Ausschließlichkeit, mit der dieser Weg empfohlen wird. Die Karl-May-Gesellschaft hat von Anfang an anderen den Vorzug gegeben, und es ist vielleicht an der Zeit, einige Gründe dafür kurz zu erläutern.


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Denn es waren mehrere und durchaus verschiedene. Zum einen haben die Herausgeber allerdings die Frage, welcher Gegenstand den Jahrbüchern angemessener sei, Leben und Werk der Individualität Karl May, dessen Kunstleistungen das Interesse der auftraggebenden Mitglieder ja doch vorab begründeten, oder Beschaffenheit und Auswirkung der speziellen Weltstruktur, in deren unerfreulicher Mitte sich beides entwickeln mußte, zu Ungunsten der letzteren entschieden. Sie sind dabei bedenkenlos der veralteten Auffassung gefolgt, die der Gesellschaft im großen Schauspiel der Kreativität nur eine Statistenrolle bzw. Kulissenfunktion (mit freilich allen Konsequenzen) einräumt, und dies auch nur im Sinne eines notwendigen Übels. Der Umstand, daß sich das Gedeihen etwa von Pflanzen natürlicherweise immer unter bestimmten Luft- und Lichtbedingungen abspielt, hat ja auch dem Gedanken, die Wetterforschung zum Mittelpunkt der Botanik zu machen, noch nicht zur vollen Geltung verhelfen können. Entsprechend wurde einstweilen auch dem psychologischen Ansatz bei der Erhellung des Phänomens Karl May absichtsvoll vor dem soziologischen der Vorrang eingeräumt, gestattet er doch - nach Theorie wie praktischem Ergebnis - den weitaus tieferen Einblick in das Zustandekommen einer Erscheinung, deren Wertvollstes gerade aus ihrer Welt-Fremdheit erwuchs und deren geschichtlicher Isolation eine isolierte, nicht vorab geschichtsbezogene Bearbeitung nur gerecht würde. Sollte der Modellfall, als der sich diese Erscheinung bereits jetzt in vielerlei Hinsicht hat erweisen lassen, schließlich, wie wir annehmen dürfen, Einsichten der allgemeinsten Gültigkeit ermöglichen, Einsichten in die Vorbedingungen der Kreativität überhaupt, in den schlechthin asozialen Charakter der Kunstwerke und dessen komplexe individualhistorische Kausalität, so könnte der Verzicht auf das soziologische Schema Ergebnisse und Konsequenzen erbringen, die ihn nicht nur voll rechtfertigen, sondern denen auch die Literaturwissenschaft, wenn nicht Folge leisten, so doch einen Anlaß zum Überdenken ihrer eigenen Verzichtposition abgewinnen dürfte. Dies wäre der eine Hauptgrundsatz der Jahrbücher, und er muß sich einstweilen, solange die Ergebnisse noch in den Anfängen stecken, als Ziel und Aufgabe verstehen und das Risiko nicht nur des Scheiterns, sondern auch des Irrtums tragen.


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Zum anderen aber haben die Herausgeber dem sozialwissenschaftlichen Ansatz zur Erhellung der May-Vita, deren aktual-tragische Seite ja fraglos vielfältig im gesellschaftlichen Kontext begründet lag, nie eine andere Beschränkung auferlegt als die Pflicht, über dessen Untersuchung das Zentrum nicht zu vergessen, dem sie zu gelten hat. Dieses Zentrum ist das Leben Mays und nicht das seiner Umwelt, ist die Eigenart eines individualen Literaturwerks und nicht die einer anonymen Leser- und Nichtleserschaft, und die gelegentlich wiederkehrende Forderung der Kritik, es nur als Ausgangspunkt umgreifender Zeitdarstellungen zu betrachten, kann kaum so ernst genommen werden, wie sie vorgetragen wurde. Ähnlich auch die Frage, die den Jahrbüchern schon vor einiger Zeit von der »Germanistik« (XIV, 1973/1) gestellt worden ist: »Wie wäre es in Zukunft«, hieß es da, »mit Abhandlungen über Pauperismus, Militarismus, Kolonialismus oder über Schulwesen, Arbeiterbildung, Kolportagehandel und Informationsmarkt um den großen May herum?« Die Antwort heißt: Mit Abhandlungen über Ismen wäre es nichts; wohl aber sind inzwischen detailreiche Arbeiten erschienen, die das soziale und politische Ambiente von Mays Leben ausgreifend berücksichtigen. Sie entsprechen auch einem Gesichtspunkt der Herausgeber, den man didaktisch nennen könnte: dem nämlich, das Interesse, das dem Gegenstand May entgegengebracht wird, auf diese Weise Überlegungsbereichen zuführen zu können, die durch Abstraktion, durch Verzicht auf individual-humane Bezogenheit, oft auch auf alle breitere Teilnahme verzichten. Mit den Lebenserleidnissen Karl Mays für ein vertieftes Weltverständnis zu werben, wäre auch im Sinne Mays selbst, der den Gleichnischarakter seines Daseins erkannte. Eine Literaturwissenschaft freilich, die auf die Ausschließlichkeit solcher Zwecke pocht, wird vom Interesse der Literaturleser mit Recht verlassen. Wenn die »Germanistik« meinte, in den Jahrbüchern werde »viel sozioökonomisch Erklärbares neuerlich dem Unbewußten, den Ur-Sachen (Mays oder des May-Lesers) zugeschoben, viel Sozialhistorisches (Kriminalität in Sachsen) zugedeckt, um den Heros als singuläres Phänomen aufleuchten zu lassen«, so scheint hier ein Selbstverständnis durch, das sich vergebens als Vorbild anträgt. Wie auch der Wunsch, die Autoren möchten »ein wenig Abstand von dem blendenden May-Bild gewinnen«, nur auf der


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verbreiteten Annahme beruht, daß die Verkleinerung des Gegenstandes, die der Abstand bewirkt, durch den Zuwachs an Umgebungsperspektive aufgewogen werde. Der Gegenstand, das singuläre Phänomen, steht im Zusammenhang seiner Umgebung, aber die Umgebung höchstens am Rande des Zusammenhangs seiner Singularität. So wird denn diese vorerst weiter das Thema der Jahrbücher sein, bis es der Germanistik gelingt, die kunstschaffende Kraft der Kriminalität in Sachsen mit so vielen sozioökonomisch erklärbaren Kunstleistungen zu belegen, daß diejenigen Mays darüber vernachlässigt werden dürfen.

Eine Kritik hingegen, der die geduldige Detailforschung um den Schriftsteller May die Erwägung abgewinnt, es sei »schon bei Hölderlin nicht leicht, zu entscheiden, ob derlei zu wissen sich lohnt« (FAZ 1975/236), hätte ein Recht darauf, von der Germanistik selbst beantwortet zu werden, mit einer Belehrung nämlich über den Sinn der getreuen Sicherung biographischen Materials, der minuziösen Ermittlung und Bewahrung von Lebens- und Werksumständen, ohne deren Kenntnis jede Interpretation Stückwerk bleibt. Leichter freilich fällt es, über sie hinweg gleich in säkularen Zusammenhängen zu denken und Endurteile vorzuführen, die von Detailkenntnissen nur lästig behindert würden: »May«, schrieb die FAZ, »ist ein Stück Vorgeschichte der deutschen Katastrophe, und daß diese Katastrophe schon in den ästhetischen Gebrechen seiner Werke sich abzeichnete, ist eine Erkenntnis, die seine Verweser bei den May-Kritikern noch nicht wahrgenommen haben.« Ob derlei Erkenntnisse bei den Kritikern wahrzunehmen sich lohnt, ist schon bei Hölderlin nicht leicht zu entscheiden, der dadurch, daß er im Tornister von Weltkriegern mitgeführt wurde, stark belastet ist; bei May bleibt man schwankend, obwohl natürlich die Vorstellung, ein Schriftsteller hätte durch bloße Stilmittel eine Großkatastrophe auf Erden bewirken helfen, vielfältig bestechend ist und für das Ausbleiben der sozioökonomischen Erklärung entschädigt. Am Ende wird man mit Gewinn wohl auch hier wieder auf die Psychologie zurückgreifen, die Gedankenschöpfungen dieser wie jener Art als aktive Identitäts-Diffusionen erläutern kann und als Symptome jener immer mehr um sich greifenden Identitätsschwäche, die durch ein Aufgehen in Kollektiv-Positionen wie »der


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Gesellschaft« und anderen Spiralnebeln des Großen Ganzen bezeichnet ist. Gegen sie ein anderes Prinzip der Literaturforschung aufrecht zu erhalten, ist also mehrfach begründet: ein Prinzip, das die Aufnahme außerliterarischer Betrachtungsformen nicht mit dem Verlust sämtlicher Proportionen bezahlt. In ihm wird weiter die Material-Sicherung den Mittelpunkt bilden - als Verfahrensweise, deren Zuständigkeit unabhängig ist von Rang und Bedeutung des Objekts. Den Journalismus mag das verdutzen: er hat ja ein gewisses Recht auf jede Ausdrucksform des schönen Staunens, das ihn grundsätzlich im Angesicht präziser Ermittlungsarbeit ergreift; die beamtete Philologie dagegen könnte sich gelegentlich erinnern, daß hier nur eine Arbeit geleistet wird, die ihre eigenen Pflichtversäumnisse aufholt. Es mag aber, bei Lage der Leistungseignung, ganz gut so sein und denn immerhin auch so bleiben: im Fall May jedenfalls nimmt die May-Gesellschaft weiterhin die Aufgaben der Germanistik wahr, während die Germanistik die der Soziologie verwaltet und diese wiederum so für die allgemeine Literaturwissenschaft freistellt. Sollten dabei auch Ergebnisse zustande kommen, wie sie bei genügend gewonnenem Abstand vom blendenden May-Bild ins Blickfeld treten könnten, Erhebungen etwa zur »Leser-Struktur« oder genauer zu jener Erscheinung, die in der zeitgenössischen Gaunersprache »Zielgruppe« heißt, - um so besser. Es ist Raum für alles, auch in diesen Jahrbüchern, und die Herausgeber würden es nur begrüßen, nähmen ihnen solche von der Kritik bisher vermißten Arbeiten die Vorstellung ab, ihre eigene ausgeprägte Gleichgültigkeit solchen Themen gegenüber sonst doch vielleicht selber, als Autoren, überwinden zu müssen.

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Welche Versäumnisse in der materiellen Erforschung von Mays Lebens- und Werksentwicklung zu beklagen sind, ist jedem klar, der bei seinen Untersuchungen vor den »dunklen« Zeiträumen der Biographie hat haltmachen müssen, und mit Bedauern blickt man auf die von der FAZ jetzt eingeholte Denkweise der früheren May-Forschergeneration zurück, der noch weit mehr Primärmaterial zugänglich war oder hätte sein können. Der Umstand, daß die Journalisten


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frage, »ob derlei zu wissen sich lohnt«, eine reiche Tradition hinter sich hat, erweist sich bei deren Betrachtung mithin als eher ungeeignet, mit ihr auszusöhnen. Daß es trotzdem noch heute gelingen kann, aus bloßen Sekundärmaterialien und Indizien gesicherte Tatbestände in Mays Leben zu erschließen, hat vor allem Hainer Plaul mehrfach gezeigt, und auch seine neue Arbeit, die das Schwergewicht dieses Jahrbuchs bildet, zeigt es erneut. Sie ist in ihrer akribischen Ermittlungsweise ein wirkliches Musterbeispiel und scheint mir zu den wertvollsten Beiträgen zu gehören, die wir diesem Autor verdanken; da sie sich der Lesebequemlichkeit nicht leicht fügt, sei ihr die ausdrückliche Empfehlung mitgegeben, sie mit aller Sorgfalt zu lesen. Denn sie gewährt nicht nur Einblick in Mays vielleicht schwierigste Lebenszeit, die der Wiederherstellung seiner Identität nach den katastrophalen Strafzeiten, sondern sie liefert zugleich ein Umwelts- und Umfeldsporträt, das zu betrachten man auch heute nicht müde werden sollte. Nun ist ja das Auftauchen des »Staates« in der Literaturgeschichte selten von anderen als trostlosen Folgen; aber die Gestalt, in der er hier vor uns hintritt, als aberwitzige Selbstkarikatur der Lebensverwaltung, als schlechthin verrückte Ausgeburt der Ruhe- und Ordnungs-Inhumanität, überschreitet, auch im Stilbild, die gewohnte Anschaulichkeit. Ein weiteres Mal wird man, sofern man nicht durch zu großen Abstand darin behindert ist, die Lebensleistung eines Menschen bewundern dürfen, der sich gegen solche Umstände zu verwirklichen vermochte. Sie enthalten kaum einen Zug, der nicht ihr Opfer ins Recht setzte, wie immer es auf sie reagierte, und höchstens einem von ihnen könnte man bedauernd in die Vergangenheit nachblicken, dem nämlich, daß sich die Erwerbung einer Zuchthausstrafe damals als erwägenswerte Alternative zur Allgemeinen Militärpflicht anbot. Mays »Jugendkriminalitäten« bedürfen ja, wie die FAZ richtig vermutete, heute keiner Ereiferung mehr; nur der Erklärung. Aber wer den Weltlauf und seine vorwiegend irrsinnigen Begebenheiten am Einzelschicksal studiert, könnte heute - wo die Gleichsetzung von Wehrpflicht und Ehrpflicht ihre Kraft nicht über den Reim hinaus hat bewahren können - leicht zu dem Schluß gelangen, daß sie, die Kriminalitäten Mays, kulturgeschichtlich schon deshalb gerechtfertigt sind, weil sie ihn der Möglichkeit beraubten, im 66er oder


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70/71er Krieg für sein von Plaul eindrucksvoll geschildertes Vaterland umzukommen.

Unter den Themen, die Mays Leben auch für die Zeitbetrachtung aufwirft, gehört zu den wichtigsten vielleicht die Rolle der Presse. Ohne sie hätte seine späte Tragödie nie das Ausmaß erreicht, das als wiederum durchaus singuläres Phänomen nur auch die Selbstdarstellung des allgemeinen Übels bewirkte, und seine Dokumentierung stellt sich als eine der besonders schwierigen Aufgaben dar, die von der May-Forschung zu leisten sind. Einstweilen können hier nur Materialien zusammengetragen werden, wie sie Gerhard Klußmeier zur Beziehung zwischen May und Maximilian Harden ermittelt hat. Daß May in der Zeit seiner größten Bedrängnisse die Teilnahme eines bedeutenden Journalisten wie Harden gewann, hätte von weitreichenden Folgen sein und den betrüblichen Umstand, daß seine Verbündeten (Redakteure wie Dederle, Wagner oder Röder) nur in der Provinzpresse wirkten, ausgleichen können. Aber leider gedieh auch Hardens Einsicht nicht zum tatkräftigen Beistand, und eine Kritik am Journalismus, in dessen Aufgabenverständnis immer erst der Stoff kommt und dann die Moral (und diese höchstens wiederum als Stoff), wäre auch bei ihm um Gründe nicht verlegen. Die Gelegenheit zur Ausnahme, die hier gegeben war, ist auch von Harden nicht wahrgenommen worden; es wird am Ende doch so sein, daß sein Bild ohne verschönende Einschränkung nur in der Gestalt überlebt, die Karl Kraus ihm verliehen hat.

Um ein ähnlich dauerhaftes Thema bewegt sich die Verbindung zwischen May und seinem tschechischen Verleger Vilimek, die Manfred Hecker und Hans-Dieter Steinmetz dargestellt haben. Auch ihnen sind neue Materialfunde gelungen, und wenn die hier erstmals veröffentlichten Briefe Mays sich auch »fast nur mit Geldfragen« beschäftigen, so mag doch dieses Motiv die ganze Beachtung finden, die es in einem Schriftstellerleben verdient. Es geht da um Übervorteilung und Ausbeutung - ein Vorgang, der sich freilich mit solcher Folgerichtigkeit durch die ganze Literaturgeschichte zieht, daß man eigentlich eher dokumentieren sollte, wo er  n i c h t  auftritt. Karl May hat lebenslang mit Verlegern dieses Schlages zu tun gehabt; immer ist seine Arbeit anderen einträglicher gewesen als ihm selbst, und wenn


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man das auch schlicht zum gewohnten Begriff »Unternehmertum« rechnet und zur moralischen Betrachtung nicht zuläßt, so mag es doch im biographischen Material seinen Platz finden und vielleicht sogar, als ein sozioökonomisch erklärbares Stück »Informationsmarkt«, die Billigung der Germanistik gewinnen.

Heinz Stolte, dessen Essay »zur Rezeption der Toleranzidee Lessings bei Karl May« das Jahrbuch einleitet, hat sich ertragreich einem Thema zugewandt, das bisher noch nie genügend bearbeitet worden ist: Mays Christentum und seinen Quellen. Daß May trotz einer frühen, sich tastend entfaltenden Denkweise von »voltairianischer Freizügigkeit« bis ins Alter an der Religion selbst, an der Annahme eines Weltenvaters festhielt, ist dem Psychologen erklärlich, der seine tiefe, das ganze Leben durchdringende Vaterbindung sieht; sie ging auch beherrschend in seine späte Kunsttheorie ein. Aber auch wo er sich, besonders in den für katholische Blätter geschriebenen Reiseerzählungen, mit dem Kirchenchristentum seiner Zeit einig zeigte, wird das Muster dessen, was die Frankfurter Zeitung (diesmal jene von 1899) als »süßlich-frömmelnde Propaganda für den wahren Glauben« erblickte, immer wieder von Zügen durchbrochen, die in einem anderen geistigen Wirkungszusammenhang stehen und deren Fortentwicklung im Alter ihn denn auch mehrfach in Konflikt mit dem Katholizismus brachte. Diesem Umstand kommt um so mehr Bedeutung zu, als er es war, an dem Mays fraglos bedeutendstes Werk »Ardistan und Dschinnistan« - oder genauer: dessen ruhige Ausarbeitung und Vollendung - gescheitert ist. Die Niederschrift, die dem Vorabdruck im »Deutschen Hausschatz« parallel ging, stand von Anfang an unter dem Eindruck von Protesten, der Leserschaft wie auch der Redaktion, und sie zeigten die ganze intolerante Enge, auf die sich die Rechtgläubigkeit beider Anspruch erworben hatte. Bereits nach der knappen Hälfte wurde May gedrängt, vorzeitig abzuschließen; die dadurch gegebene Beschränkung und Bedrückung bildet für die flächig-flüchtigere, hier wirklich oft nur »skizzierende« Darstellungsform des II. Bandes und für die endliche Torso-Gestalt des ganzen Konzepts eine betrübliche Begründung.

Torso ist auch der Plan geblieben, Entstehung und Charakteristik von »Ardistan und Dschinnistan« in diesem Jahrbuch umfassend zum


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thematischen Mittelpunkt zu machen. Meine eigene Untersuchung zur psychischen Innenstruktur des Werks hat, seit längerem schon geplant, leider noch nicht zum Abschluß gebracht werden können, nicht zuletzt weil sich die Perspektiven während der Beschäftigung mit dem Stoff so erweiterten, daß auch die vorgesehene Umfangsgrenze nicht mehr zu halten war. So konnte, als vorläufige Lösung, nur mein Gelsenkirchener Vortrag zum Thema Platz finden: Einstieg in eine Auffassung des Buches, deren Richtung man so immerhin erraten mag. Er war, nach Notizen eines größeren Zusammenhangs, weitgehend improvisiert und hat auch hier diese Form unverändert bewahrt, als Nachschrift der Tonbandaufzeichnung; der Wunsch, verschiedene Partien nachträglich extensiv auszuformulieren, trat vor der Gewißheit zurück, daß auch dadurch der Charakter der Skizze nicht hätte aufgelöst werden können.

Im weiteren waren auch Ekkehard Bartschs Darstellung der Entstehungsgeschichte von »Ardistan und Dschinnistan« empfindliche Beschränkungen auferlegt, und zwar weil die sehr wichtige Korrespondenz zwischen May und dem »Hausschatz«-Redakteur Otto Denk sowie Kommerzienrat Karl Pustet nicht ausgewertet werden konnte und nur die wenigen Briefe zur Verfügung standen, die nicht im Archiv des Karl-May-Verlags verschlossen sind. Der Karl-May-Verlag hat unsere schriftliche Bitte, die Einsichtnahme in die Korrespondenz sowie in das Manuskript von »Ardistan und Dschinnistan« zu gestatten, keiner Antwort gewürdigt, eine offenbar verschärfte Form des abschlägigen Bescheids, der anderen Ersuchen um Auskünfte und Material immerhin erteilt wurde. Diese Haltung ist um so befremdlicher, als die Erlaubnis zur Archiv-Benutzung Bestandteil eines Vertrages ist, in dem Verlag und Gesellschaft 1973 ihre Streitigkeiten beilegten; ich kann sie hier nur festhalten und muß sie dem Kontrast zu der uneigennützigen Hilfe überlassen, die unserer Arbeit von anderen Archiven auch in diesem Jahrbuch wieder zuteil geworden ist. Welche Bedeutung dem Briefwechsel Mays mit Inhaber und Redakteur des Pustet-Verlags zukommt, ist an dem Schreiben vom 3. 2.1909 zu sehen, das Bartsch wiedergeben konnte: da beschwert sich May über Änderungen seines Manuskripts (auf 10 Seiten 132 »Verfälschungen«), und wenn sich auch über die Relevanz dieser Änderungen aufgrund


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der Unzugänglichkeit des Manuskripts nichts sagen läßt, so steht doch fest, daß May, als er den »Hausschatz«-Text für die Buchausgabe revidierte, nicht annähernd so viele Rückänderungen vorgenommen hat. Dies könnte bedeuten, daß er einem Großteil der Korrekturen trotz seiner empörten Beschwerde dann doch zustimmte; es könnte aber, wahrscheinlicher, auch heißen, daß er die Überprüfung und Revision nicht so »sorgfältig« durchführte, wie Bartsch sie kennzeichnet. Dafür spricht in der Tat vieles, neben der flüchtigen Handschrift und den gegen Mitte des II. Bandes immer seltener werdenden Änderungen etwa auch die Kürze der Zeit, die May darauf verwandte. Er begann mit der Revision nicht vor Mitte Juli 1909; am 23. 7. war der I. Band vollständig durchgesehen, am 27. 7. bereits der gesamte bis dahin im »Hausschatz« erschienene II. Band (etwa zwei Drittel). Um den 25. 8. begann May dann mit der Niederschrift von »Winnetou IV« (dessen Vorabdruck am 6. 10. in der Beilage der »Augsburger Postzeitung« einsetzte); das Schlußmanuskript von »Ardistan und Dschinnistan« ging am 17. 9. an die Druckerei; und der Waschzettel schließlich, der in meinem Aufsatz wiedergegeben ist, folgte am 13. 11. So gibt es durchaus Gründe für die Annahme, daß der Ausgabe letzter Hand doch nicht die ganze Sorgfalt letzter Hand zuteil geworden ist, die der Begriff meint, und daß die Erstfassung nach wie vor erhöhte Aufmerksamkeit verdient. Um so bedauerlicher ist es, daß der Karl-May-Verlag seine auch schon vor Jahren gegebene großartige Ankündigung, das Manuskript von »Ardistan und Dschinnistan« als Faksimile veröffentlichen zu wollen, ebenfalls bis heute nicht wahrgemacht hat.

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Zum Schluß ist allen herzlich zu danken, die an diesem Jahrbuch selbstlos und ohne Entschädigung durch Ertrag mitgewirkt haben: den Autoren und Forschern, den Herausgebern, dem Redakteur - und nicht zuletzt den Mitgliedern der Karl-May-Gesellschaft, durch deren Beiträge und Spenden die kostspielige Drucklegung wieder möglich geworden ist. Ich bitte sie alle, diese gemeinsame Arbeit weiter fortzusetzen.


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