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CLAUS ROXIN

Karl May, das Strafrecht und die Literatur*



I

Es ist entschieden ungewöhnlich, daß ein Professor auf Einladung und auf den ausdrücklichen Wunsch einer hohen juristischen Fakultät über »Karl May, das Strafrecht und die Literatur« spricht. Die Tatsache, daß der Vortragende Strafrechtler und gleichzeitig Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft ist, gibt dafür eine biographische Erklärung. Ich will aber versuchen zu zeigen, daß mein Thema ganz unabhängig von dieser zufälligen persönlichen Konstellation für das Verständnis der Kriminalität wie der Wirkung von Literatur einigen Erkenntnisgewinn bringen kann. Der Umstand allein freilich, daß ein vielfach straffällig gewordener Mann sich nach der Entlassung aus dem Zuchthaus im Alter von 32 Jahren der Schriftstellerei zuwendet und fortan ein zwar im bürgerlichen Sinne immer noch recht ungewöhnliches, aber doch im wesentlichen straffreies Leben führt, begründet nur das Interesse, das dem Thema »pen and crime« im allgemeinen zukommt, ein Interesse, in das sich Karl May mit vielen anderen Autoren teilen muß und dessen spektakulärer Einschlag eher Zurückhaltung verdient, wenn man sieht, wie die Sensationspresse mit solchen Fällen zu verfahren pflegt und auch bei May verfahren ist; sein Tod war die Folge der Diffamierungskampagne, die die Enthüllung seiner Vorstrafen im Alter nach sich zog. Wenn aber ein ehemaliger Strafgefangener mehr als 50000 vom Bewußtsein kaum zensierte Druckseiten hinterläßt, in denen er - überwiegend in der Ich-Form schreibend - fast ausschließlich und mit monomanischer Intensität von sich selbst und den seelischen Widerfahrnissen berichtet, die sich hinter seinen Abenteuern verstecken, dann haben wir damit ein anamnestisches Material vor uns, wie es der

* Vortrag vor der juristischen Fakultät der Universität Bern - Siehe die einleitende Anmerkung S. 33 f.


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Wissenschaft so umfassend in einem Einzelfall kaum je zugänglich gemacht worden ist; hier liegt - weitab von der zweifelhaften Neigung zu biographischer Indiskretion - ein Forschungsstoff, der längst das lebhafteste Interesse der Kriminologie hätte hervorrufen müssen. Wenn dieser Mann darüber hinaus zu dem seit 85 Jahren meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache emporgestiegen ist, dessen in bisher 73 Bänden veröffentlichtes Gesamtwerk in weit mehr als 50 Millionen Exemplaren gedruckt ist und Jahr für Jahr um weitere zwei Millionen anwächst, wenn von Karl May zur Zeit sieben vielbändige Ausgaben auf dem Markt sind und eine ganze Industrie sich um seinen Namen dreht, dann ist dies ein singulärer Fall sogar auch für die Literaturwissenschaft. Nicht in dem Sinne allerdings, daß damit über den ästhetischen Wert oder Unwert dieses umstrittenen Autors das geringste ausgesagt wäre; sein literarischer Rang wäre bei genauerem Hinsehen sehr differenziert zu beurteilen, liegt aber außerhalb der psychologischen und soziologischen Kategorien, um die es hier geht. Über Macht und Wirkungsweise des geschriebenen Wortes jedoch läßt sich daraus auch für den mit der Literatur Befaßten etwas lernen. Da nun die Straftaten Karl Mays und seine literarische Wirkung durch dieselbe Psyche vermittelt sind, die Psyche eines Mannes, der sich selbst im Alter als Monographen der Menschheitsseele verstand, liegt es nahe zu vermuten, daß zwischen beiden Äußerungsformen seines in jeder Bedeutung des Wortes merkwürdigen Wesens ein Zusammenhang besteht, der auch auf einige gesellschaftliche und kollektiv-psychologische Sachverhalte Licht werfen und meiner Themenzusammenstellung eine über persönliche Neigungen hinausreichende Rechtfertigung liefern könnte.


II

Ich gebe zunächst die Fakten, die für eine kriminologische Beurteilung des Falles unerläßlich sind.

1. Karl May wird am 25. Februar 1842 als fünftes von vierzehn Kindern eines erzgebirgischen Webers im sächsischen Ernstthal geboren; das soziale Milieu ähnelt dem der schlesischen Weber, das wir aus dem um dieselbe Zeit spielenden Stück Gerhart Hauptmanns kennen. Von den vierzehn Kindern sterben neun in den ersten beiden Lebens-


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jahren, die meisten nach wenigen Monaten, an Hunger und mangelnder Hygiene. Eine Großmutter stirbt, wie May in seiner Selbstbiographie sagt(1), an dem, was man gegenwärtig diskret als »Unterernährung« zu bezeichnen pflegt. Der eine Großvater begeht Selbstmord, nach den Angaben des Kirchenbuches(2) aus »Trunkenheit und Verzweiflung«; auch der zweite Großvater stirbt eines unnatürlichen Todes, als dessen Ursache das Begräbnisbuch(2) »unordentliche Lebensart« vermerkt. Karl May selbst erkrankt kurz nach der Geburt, erblindet, siecht dahin - Ich wurde als ein krankes, schwaches Kind geboren, welches noch im Alter von sechs Jahren auf dem Boden rutschte, ohne stehen oder gar laufen zu können, schreibt May im »Surehand«(3) -, aber er überlebt. Durch ärztlichen Eingriff wird das Kind im fünften Lebensjahr wieder sehend und entwickelt sich auch sonst allmählich zu einem einigermaßen kräftigen Jungen. Doch muß das Elend für heutige Begriffe unglaublich gewesen sein. Der Vater webt, gibt das wenige Geld aus und prügelt die Kinder. Die Mutter arbeitet als Hebamme und näht in der übrigen Zeit mit der ganzen Familie weiße Leichenhandschuhe; Karl, der einzige überlebende Knabe, verfertigt die Mittelfinger. Wir pflückten von den Schutthaufen Melde, von den Rainen Otterzungen und von den Zäunen wilden Lattich . . . Die Blätter der Melde fühlen sich fettig an. Das ergab beim Kochen zwei oder drei kleine Fettäuglein, die auf dem Wasser schwammen. Wie nahrhaft und wie delikat uns das erschien!(4)

Trotz allem entwickelt sich die Begabung des Jungen. Er tritt vor der heranwachsenden Schuljugend als Vortragender und Erzähler auf, wie er es dann bis ins Alter vor größerem oder kleinerem Publikum immer wieder getan hat. Er wird ein guter Schüler, der seinen Altersgenossen vorauseilt. Einmal läuft der Junge von zu Hause weg und hinterläßt einen Zettel: »Ihr sollt euch nicht die Hände blutig arbeiten; ich geh nach Spanien; ich hole Hilfe!«(5) Ernst Bloch hat die Szene, wie May sie später geschildert hat, in seinem »Prinzip Hoffnung« dem 27. Abschnitt vorangestellt.(6)

2. Mit vierzehn Jahren - 1856 - wird May konfirmiert und verläßt die Schule. Ich wollte so unendlich gern auf das Gymnasium, dann auf die Universität, schreibt er(7). Zu beidem reicht das Geld nicht. Ich mußte mit meinen Wünschen weit herunter und kam zuletzt beim Volksschullehrer an. Aber auch hierzu waren wir zu arm. Doch ein kleines Stipendium ermöglicht ihm den Besuch des Lehrerseminars in Waldenburg.


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Im vierten Jahre dieses Studiums stößt May zum ersten Male mit dem Gesetz zusammen. Im November 1859 ist der damals Siebzehnjährige »Lichtwochner« an seinem Seminar, d. h. er hat die Aufgabe, für die Talglichter zu sorgen, mit denen man damals die Räume beleuchtete. Dabei nimmt er sechs Kerzen weg und versteckt sie in seinem Koffer, um sie in den Weihnachtsferien mit nach Haus zu nehmen und den elterlichen Tannenbaum damit zu erleuchten, für den man keine Kerzen kaufen kann. Der Vorfall wird entdeckt und dem Kultusministerium angezeigt, das May »wegen sittlicher Unwürdigkeit für seinen Beruf« aus dem Seminar ausweist(8). Diese härteste aller nach der Seminarordnung möglichen Sanktionen wird außer auf den Vorfall mit den Kerzen auch darauf gestützt(9), daß sich bei dem Angeschuldigten »arge Lügenhaftigkeit, ein rüdes Wesen« und »Mangel an religiösem Sinn« bemerklich gemacht hätten, wofür als einziges Beispiel angeführt wird, daß er sich einmal »von dem angeordneten Besuche des Nachmittagsgottesdienstes absentirt« und sein Fehlen auch noch anfänglich geleugnet habe. »Dem Direktor gestand er sein Unrecht und bat sehr um Verzeihung, die ihm auch von dem Lehrercollegio für dießmal zu Theil ward. Der Fall war aber ganz dazu angethan, daß man dem May die Verdorbenheit seines Gemüths und Herzens gleichsam offen darlegen konnte.« Doch diesmal geht es noch glimpflich aus. Nach einem Gnadengesuch des Ernstthaler Pfarrers darf May sein Studium auf dem Seminar in Plauen fortsetzen, wo er die Prüfung als Schulamtskandidat im September 1861 mit der Note »gut« besteht.(10)

3. Aber es geht nicht lange gut. May wird im selben Herbst, noch keine zwanzig Jahre alt, erst Armen- und dann Fabrikschullehrer in Glauchau und Chemnitz.(11) Weihnachten 1861 fährt er mit einer Taschenuhr nach Hause in den Urlaub, die er sich von einem Kollegen geliehen hat, weil er sich keine leisten kann und der Verleiher zwei Uhren besitzt. Der Kollege zeigt ihn an, und May muß, obgleich er eine Zueignungsabsicht wohl zu Recht leugnet, sechs Wochen Gefängnis abbüßen; dabei ist bis heute unklar, ob die Verurteilung wegen Diebstahls oder wegen einer »widerrechtlichen Benutzung fremder Sachen« erfolgte, die nach Art. 330 Abs. 3 des sächsischen StGB von 1855 anders als nach dem Reichsstrafgesetzbuch von 1871 generell unter Strafe stand.(12) Schlimmer als die Strafe selbst sind die weiteren Folgen. Er verliert sein Amt sofort und endgültig und steht mittellos auf der Straße.


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4. Der junge Mann versucht sich nun kümmerlich durchzuschlagen(13): mit Privatstunden, als Rezitator, Kapellmeister, Komponist, auch wohl mit ersten, heute verschollenen schriftstellerischen Bemühungen. Das langt nicht hin und nicht her, und es kommt, wie es kommen muß. Zweieinhalb Jahre nach dem Verlust seiner Stellung, im Sommer 1864, wird der inzwischen 22jährige zum ersten Mal eindeutig straffällig: Er tritt als Augenarzt unter dem bemerkenswerten Namen Dr. Heilig auf (wobei man wissen muß, daß Arztberuf und Doktortitel für May von früh an zu den unerreichbaren Wunschzielen seines Lebens gehört hatten), läßt sich bei einem Schneider standesgemäß einkleiden, revanchiert sich mit einem Rezept und verschwindet, ohne gezahlt zu haben. Bald darauf treffen wir ihn in Chemnitz als »Seminarlehrer Lohse« und im März 1865 unter dem Namen »Hermes«, des Gottes der Kaufleute und Diebe, in Leipzig, wo er ähnliche Betrügereien wiederholt(14). Hier wird er nach einem Handgemenge gefaßt. Die rechtlichen Folgen sind: May wird am 8. Juni 1865 vom Bezirksgericht in Leipzig wegen mehrfachen Betruges zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus verurteilt, einer Sanktion, die damals in Sachsen als zweitschwerste Freiheitsstrafe zwischen Zuchthaus- und Gefängnisstrafe stand.(15) May verbüßt die Strafe ab 14. Juni 1865 im Schloß Osterstein zu Zwickau und wird am 2. November 1868 begnadigt.

5. Aber schon im Januar 1869 wird er rückfällig, indem er ein Pferd stiehlt. Vom März an gibt er sich dann gegenüber verschiedenen Leuten als Mitglied der »Geheimen Polizei« aus und »beschlagnahmt« - teilweise unter grotesken Umständen - angebliches Falschgeld, mit dem er jeweils entweicht; dabei führt er eine gefälschte polizeiliche Legitimation mit sich, die mit dem Namen des sächsischen Generalstaatsanwaltes Dr. Schwarze, eines ehedem sehr bekannten StGB-Kommentators, unterzeichnet ist.(16) Am 2. Juli 1869 wird May schließlich verhaftet. Beim Transport zu einem Lokaltermin zerbricht er am 26. Juli jedoch die eisernen Fesseln und entspringt. Nachdem eine große polizeiliche Suchaktion erfolglos verlaufen ist, treibt er sich in den folgenden Monaten im Sächsischen und Böhmischen herum. Am 4. Januar 1870 wird er als Unbekannter in Algersdorf in Böhmen festgenommen, wo er unerlaubt in einer Scheune übernachtet hat. Nun führt er die Polizei zwei Monate lang irre, indem er sich den Namen Albin Wadenbach beilegt und sich als den Neffen eines Pflanzungsbe-


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sitzers von der fernen Insel Martinique ausgibt, der bei einer Europareise seine Ausweise verloren habe. Der Staatsanwalt und Kriminologe Erich Wulffen, der die Originaldokumente noch gesehen hat, sagte später in seiner »Psychologie des Verbrechers« darüber(17): »Unter Benutzung seiner schon damaligen Kenntnisse von ausländischen Gegenden und Sitten schrieb er in der Haft an den angeblichen Onkel einen Brief, aus dessen Inhalt man tatsächlich hätte schließen können, daß der Häftling auf Martinique wie zu Hause sei.« Schließlich kommt aber die Identität Mays doch heraus, und er wird am 13. April 1870 vom Bezirksgericht Mittweida zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die er vom 3. Mai 1870 bis 2. Mai 1874 unter sehr harten Bedingungen im Zuchthaus Waldheim verbüßt.(18)

6. Nach der Entlassung - er ist jetzt 32 Jahre alt und seine letzten Straftaten liegen fünf Jahre zurück - beginnt Karl May zu schreiben, erst neben einer Tätigkeit als Redakteur von Unterhaltungsblättern, dann bald als freier Schriftsteller: heimatliche und exotische Novellen, 20000 Seiten pseudonyme Kolportagehefte, deren Texte heute als Reprintausgaben alle wieder vorliegen, aber auch schon die ersten der Reiseromane, die ihn später berühmt machen. Einmal wird er noch bestraft, im Jahre 1879, mit drei Wochen Gefängnis, aber zu Unrecht, wie Erich Schwinge, der Marburger Kollege, inzwischen in einem Gutachten nachgewiesen hat(19): Ein Verwandter seiner Braut ist tödlich verunglückt; es geht das Gerücht, er sei einem Mord zum Opfer gefallen; May eilt an den Ort des Geschehens, um das vermeintliche Verbrechen aufzuklären, und gibt sich dabei als »höherer, von der Regierung eingesetzter Beamter« aus, der »noch über dem Staatsanwalt« stehe. Prompt wird er wegen Amtsanmaßung verurteilt, obwohl er - was die Voraussetzung einer Strafbarkeit gewesen wäre - keine Amtshandlung vorgenommen hat.

7. Dann wird er niemals wieder straffällig, wenn auch sein Leben dramatisch genug verläuft. Als er, schon jenseits des 50. Lebensjahres, durch die Buchausgabe seiner Werke ein berühmter Mann wird, tritt er vor die Öffentlichkeit mit dem Anspruch, alle von ihm geschilderten Abenteuer selbst erlebt zu haben.(20) Ja, ich habe das Alles und noch viel mehr erlebt . . . Keine der Personen und keines der Ereignisse, welche ich beschreibe, ist erfunden.(21)

Um die Jahrhundertwende erfährt er auf einer Orientreise, seiner ersten außereuropäischen Reise überhaupt, einen völligen Wesensum-


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bruch. Er gibt die Abenteuerschriftstellerei, die ihn reich und bekanntgemacht hat, abrupt auf - der Riß geht mitten durch seinen Roman »Im Reiche des silbernen Löwen« - und schreibt von nun an symbolisch-surrealistische Schlüsselromane von pazifistischer Tendenz, die Schlußbände des »Silberlöwen«, »Und Friede auf Erden«, »Ardistan und Dschinnistan«, die heute als seine literarisch besten Leistungen gelten.

8. Aber nun holt ihn seine Vergangenheit ein.(22) Es kommt heraus, daß er in seiner Jugend nicht Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, sondern ein Krimineller gewesen war; und seine früheren Kolportageschreibereien werden unbefugt unter seinem Namen neu veröffentlicht. May prozessiert daraufhin zehn Jahre lang vor zahllosen Gerichten um Ehre und Urheberrecht, bis hinauf zum Reichsgericht; forensisch fast überall mit Erfolg, aber seine bürgerliche Existenz wird dabei durch die Enthüllungen der Skandalpresse ruiniert.

Im November 1909, May ist inzwischen 67 Jahre alt, nennt ihn der Journalist Rudolf Lebius, sein schlimmster Gegner, einen »geborenen Verbrecher«. May erhebt Privatklage wegen Beleidigung; das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg spricht Lebius am 12. April 1910 wegen »Wahrnehmung berechtigter Interessen« frei, und die gesamte deutsche Presse druckt nun - meist mit hämischen Kommentaren - nach, daß man Karl May ungestraft einen geborenen Verbrecher nennen darf. Diese Kampagne führt Mays körperlichen Zusammenbruch herbei. Aber seelisch hält er sich aufrecht. Er will seine Sache vor den Reichstag bringen(23) und wendet sich an Maximilian Harden um Hilfe(24), der ihm endlich einen bedeutenden Anwalt verschafft, Gottfried Sello, dessen Buch über die »Irrtümer der Strafjustiz« noch heute zu den Grundlagenwerken der Fehlurteilsforschung gehört. Mays letztes Werk ist ein 147 Druckseiten langer Berufungsschriftsatz an das Königliche Landgericht zu Berlin. Tatsächlich wird Lebius in der Berufungsverhandlung am 18. Dezember 1911 verurteilt. May lebt wieder auf und spricht drei Monate später auf Einladung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik in Wien noch einmal über sein Leben und Werk(25), vor über 2000 Zuhörern im überfüllten Sofiensaal in Anwesenheit der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, deren Ideen er propagiert. Das Publikum bereitet dem nun 70jährigen Ovationen, noch auf der Straße im naßkalten Märzwetter. Dabei zieht sich May eine fiebrige Erkältung zu, der sein zerrütteter Körper nicht


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mehr gewachsen ist. Acht Tage später, am 30. März 1912, erliegt Karl May einem Herzschlag.


III

Das sind, in skizzenhafter Zusammendrängung, die Daten seines Lebens, soweit das Strafrecht darin eine Rolle spielte. Es spielte, nach der Literatur, die beherrschende Rolle. Mußte das so sein? Warum wurde dieser Mann kriminell?

1. Im Charlottenburger Urteil heißt es(26): »Die Bezeichnung »geborener Verbrecher« ist erst neuerdings auf Grund der von Lombroso gemachten Untersuchungen in die gerichtlich-medizinische Wissenschaft eingeführt. Ob nun die von dem Angeklagten über den Privatkläger . . . ausgesprochene Ansicht zutreffend ist oder nicht, könnte nur auf Grund eingehender Gutachten von Sachverständigen festgestellt werden.« Daß es jedoch »geborene Verbrecher« nicht gibt - schon gar nicht im Sinne der Vorstellungen Lombrosos, aber auch nicht etwa auf Grund von Chromosomenanomalien, die in den letzten Jahren allein noch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion gewesen sind(27) - gehört zu den wenigen Einsichten der Kriminologie, die man heute als gesichert ansehen kann. Abgesehen davon stellt dieser Vorwurf im Falle Mays auch nach dem Erkenntnisstande seiner Zeit schon allein deshalb eine Diskriminierung dar, weil May, den man nach dem Sprachgebrauch des deutschen Strafgesetzbuchs bei seinen letzten Straftaten vielleicht als »werdenden Hangtäter« hätte bezeichnen können, das Verhältnismäßig seltene Beispiel einer geglückten Selbstresozialisierung abgibt. Seine Delinquenz war also alles andere als schicksalhaft vorgezeichnet, und seine kriminelle Aktivität hat im Ganzen seines Lebens auch nur episodischen Charakter. Er war sogar ein ziemlich guter Mensch: Er hat seine Taten bereut und sie nach Kräften wiedergutzumachen versucht. Der Schaden, den er mit seinen Delikten angerichtet hat, erreicht insgesamt keine 1000 Mark.(28) May hat aber später, als er zu Geld gekommen war, viele tausend Mark an Bedürftige verschenkt, er hat auch sein gesamtes Vermögen und alle innerhalb der Schutzfrist noch zu erzielenden Einnahmen aus seinen Werken einer Stiftung für mittellose Künstler hinterlassen. Auch ist der Läuterungsgedanke eine der Grundtendenzen seines Werkes - nicht überall zu dessen literarischem Vorteil.


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Fragt man sich, warum ein solcher Mann in einer doch auch wieder recht massiven Weise straffällig werden konnte, so zeigt der Ablauf seines Lebens dem Kriminologen drei Problemfelder, deren Ineinandergreifen mir die Erklärung zu liefern scheint. Das erste dieser »Felder« wird durch die staatliche Reaktion auf die Gesetzesverstöße des jungen Seminaristen und Hilfslehrers bezeichnet; das zweite durch die soziale und familiäre Situation des Kindes und das dritte durch die Art und Weise der Straftaten, die vom Bilde der üblichen Delinquenz erheblich abweicht und dadurch zur Deutung ihrer Ursachen beitragen kann.

2. Ich beginne mit dem Problem der staatlichen Reaktion. In der kriminologischen Diskussion der letzten Jahre hat bekanntlich der sog. labeling approach, der Etikettierungsansatz, lebhafte Resonanz gefunden.(29) Diese Lehre geht davon aus, daß leichtere Formen sozialabweichenden Verhaltens ubiquitär sind, d. h. mehr oder weniger von allen Menschen, besonders im Jugendlichen- und Heranwachsenden-Alter, an den Tag gelegt werden, daß aber nur ein geringer Bruchteil dieser Verstöße von den Instanzen sozialer Kontrolle zur Kenntnis genommen und verfolgt wird. Diejenigen, die unter solchen Umständen verurteilt werden, sind danach an sich nicht wesentlich anders als andere auch, werden aber durch die Behörden mit dem Etikett des Kriminellen versehen und in eine Rolle gedrängt, die sie gesellschaftlich diskriminiert und weiteren Stigmatisierungen Vorschub leistet. Die Delinquenz ist also, wenn man dem folgt, nicht so sehr ein sozialschädliches Verhalten des Täters als vielmehr ein Produkt der Strafverfolgung. Autoren, die diesen Ansatz mit marxistischen Auffassungen verbinden, fügen ihm meist die Hypothese hinzu, daß die Selektion der Kriminalisierten schichtenspezifisch erfolge, d. h. daß vorzugsweise Angehörige der Unterschicht durch die Privilegierten an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden.

Dieses Erklärungsmodell ist einseitig und überspitzt, wie sich auch in unserem Falle noch zeigen wird; aber ein bei der Entstehung von Kriminalität wirksamer Teilaspekt wird hier doch erfaßt, und auch das lehrt das Beispiel Karl Mays. Denn die Taten, die ihn auf die schiefe Bahn gebracht haben, der Kerzendiebstahl und die unbefugte Benutzung einer fremden Taschennhr - wobei auch die Unbefugtheit noch nicht einmal zweifelsfrei ist - sind wirklich bagatellarische Unregelmäßigkeiten, deren Unwertgehalt durch die soziale Not des Handelnden


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noch weiter reduziert wird. Normverstöße vergleichbarer und schlimmerer Art kommen bei den meisten Heranwachsenden vor und werden in aller Regel ohne die Einschaltung von Ministerien und Gerichten so erledigt, daß dem jungen Mann keine schweren und dauernden Nachteile daraus entstehen. Auch nach der damaligen Rechtslage wäre es ohne weiteres möglich gewesen, den Vorfall mit den Kerzen seminarintern durch einen Verweis zu regeln und bei dem unklaren Vorwurf der Gebrauchsanmaßung mit der Begründung zu einer Einstellung zu kommen, es sei dem Beschuldigten nicht zu widerlegen, daß er irrtümlich eine Einwilligung des Eigentümers angenommen habe. Wenn diese Wege nicht beschritten und auch nicht glimpfliche Sanktionen verhängt, sondern statt dessen Maßnahmen ergriffen wurden, die für den Betroffenen eine Vernichtung der mit äußerster Anstrengung errungenen bürgerlichen Existenz bedeuten mußten, dann hat die »Definitionsmacht« der Instanzen sozialer Kontrolle hier tatsächlich eine Zuschreibung von Kriminalität bewirkt, deren verhängnisvolle weitere Folgen von vornherein naheliegen mußten.

Denn wer durch eine solche staatliche Uberreaktion zwangsweise aus der einigermaßen geebneten Lebensbahn geworfen wird und in der bürgerlichen Gesellschaft nicht wieder Fuß fassen kann, wird leicht die ihm zudiktierte Rolle des Kriminellen halb aus Not, halb aus Trotz und Resignation übernehmen und erst jetzt aus eigenem Entschluß werden, als was er bisher etikettiert worden war. So hat es jedenfalls auch May selbst gesehen. In einem kurzen, von ihm nicht veröffentlichten Text unter dem Titel »Meine Beichte« schreibt er im Alter über seinen Zustand, den er als seelische Depression schildert(30): Ich begann nicht mich, sondern andere zu beschuldigen: den hinterlistigen, grausamen Eigentümer der Uhr, den Staatsanwalt, den Untersuchungsrichter und alle anderen Personen, die in dieser Sache gegen mich zu tun gehabt hatten. Ich sann auf Rache . . . Diese Rache sollte darin bestehen, daß ich, der durch die Bestrafung unter die Verbrecher Geworfene, nun auch wirklich Verbrechen beging. Nach meiner Ansicht hatte man mich dann auf dem Gewissen, und am Jüngsten Tage war Gott dann gezwungen, die ganze verruchte Schwefelbande, die mich und die Meinen so elend gemacht hatte, in die Hölle zu schleudern. Es ist erstaunlich, wie genau May hier aus eigener Erfahrung ein erst Jahrzehnte später entwickeltes theoretisches Konzept bestätigt.


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Bestätigt wird durch May auch ein von Stephan Quensel im Jahre 1970 unter dem Titel »Wie wird man kriminell?«(31) nach dem »Vorbild kybernetischer Regelungsprozesse« entwickeltes Verlaufsmodell der Kriminalitätsentstehung als »einer fehlgeschlagenen Interaktion zwischen Delinquenten und Sanktionsinstanz«. Quensel zeigt hier im Anschluß an eigene empirische Untersuchungen, wie zunächst harmlose Verfehlungen junger Leute in unglücklichen Fällen heftige Negativreaktionen der Umwelt auslösen, die dann ihrerseits zu gesteigerten Normabweichungen und in deren Folge zu noch schwereren Sanktionen führen, bis nach diesem »Teufelskreis-Modell« sich wechselseitig hochschaukelnder Interaktionsprozesse aus einem relativ sozialisierten jungen Mann eine verfestigte »kriminelle Persönlichkeit« wird.

Daß die Darstellung Mays keine nachträgliche Konstruktion ist zeigt die provozierende Begehungsweise seiner Taten: ihre demonstrative Verübung auf offener Bühne, die Usurpation staatlicher Machtrollen und die bedeutungsvolle Namengebung. Es wird auch durch objektive Zeugnisse belegt. So schreibt der Verteidiger Mays in der Berufungsschrift gegen das spätere Zuchthausurteil(32): »Die ganze Persönlichkeit des Angeklagten machte in der Hauptverhandlung den Eindruck eines komischen Menschen, der gewissermaßen aus Übermuth auf der Anklagebank zu sitzen schien.« Es steckt also gewiß ein gutes Stück Protest und Rebellion in diesen Taten, und man darf annehmen, daß May nie ein Krimineller geworden wäre, wenn er in seinem Beruf, den er im übrigen erfolgreich ausübte(33), hätte bleiben dürfen.

Dieser Befund stützt kriminalpolitisch eine These, die in der neueren internationalen Diskussion eine wesentliche Rolle spielt: daß nämlich das relativ wirksamste Mittel zur Verhütung von Straftaten junger Leute darin besteht, auf kleinere und mittlere Verfehlungen nur informell (etwa überwachend und fürsorgend), jedenfalls aber nicht durch soziale Diskriminierung, Freiheitsentziehung (selbst wenn sie behandlungsfreundlich ist) und Zerstörung der Berufslaufbahn zu reagieren. Amerikanische, kanadische, skandinavische und japanische Versuche(34) zeigen, daß auf diesem informellen Wege bessere Erfolge erzielt werden können als durch aufwendige nachträgliche Resozialisierungsprogramme. Auch bei Karl May hat der dreijährige Aufenthalt im Arbeitshaus seinem fast sofortigen Rückfall nicht vorbeugen können,


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obwohl man sich dort unter dem Motto »Besserung durch Individualisierung« in einer für die damalige Zeit erstaunlich fortschrittlichen Weise um die Häftlinge bemühte; wir besitzen darüber von dem Ostberliner May-Forscher Hainer Plaul eine umfassende und (auch abgesehen von dem Fall May) vollzugsgeschichtlich sehr wertvolle Darstellung.(35) Natürlich ist es methodisch unzulässig, aus dem einen Fall May, der sich zudem unter historisch anderen Voraussetzungen abgespielt hat, Folgerungen für das gegenwärtige Recht abzuleiten. Aber das Beispiel lehrt immerhin, daß rigorose Sanktionsmechanismen einen begabten Menschen, der durchaus das Zeug zu einer glänzenden Laufbahn hatte, in die Kriminalität drängen können. May war insofern ein Opfer der staatlichen Bestrafungspraxis, die bis in unsere Tage hinein trotz besten Willens zur Verhütung der Kriminalität nicht selten ihr Förderer gewesen ist.

3. Andererseits - und damit komme ich zum zweiten Problemfeld - scheint es mir keineswegs so, wie manche Vertreter des social reaction approach suggerieren, als ob etwa die Instanzen sozialer Kontrolle zur Auslösung von Kriminalität in der Weise beitrügen, daß der Betroffene mehr oder weniger zufällig - auf Grund persönlichen Pechs - oder gar wegen einer bestimmten Gruppen- oder Klassenzugehörigkeit unter die Räder der Justizmaschinerie geriete. Vielmehr liegen bei einem Menschen, der wiederholt und in schwerer Weise straffällig wird, in aller Regel Sozialisationsstörungen vor, die sich nicht notwendig, aber doch unter bestimmten ungünstigen Bedingungen, wie ich sie eben geschildert habe, in strafbaren Handlungen ausprägen.

So war es auch bei Karl May. Lassen Sie mich zur Verdeutlichung nur die letzte seiner Straftaten vom 15. Juni 1869 herausgreifen.(36) An diesem Tage ist er bei einem Bäcker namens Wappler erschienen, hat sich als Bote eines Dresdener Advokaten ausgegeben und der freudig erstaunten Familie mitgeteilt, ihr sei eine große amerikanische Erbschaft zugefallen; der Vater solle sich mit den drei Söhnen zur Regelung dieser Angelegenheit schleunigst nach Glauchau begeben. Kaum waren die vier Männer weggegangen, hat er sich der Frau und der Schwiegertochter als Geheimpolizist vorgestellt und ihnen eröffnet, daß in ihrem Hause Falschmünzerei getrieben werde; er müsse eine Haussuchung durchführen. Die dabei aufgefundenen 28 Taler hat er sogleich »beschlagnahmt« und ist damit verschwunden. So erheiternd sich das anhört: Hier zeigt sich doch eine Hemmungslosigkeit, die -


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vorsichtig ausgedrückt - auf ein nicht hinreichend entwickeltes Über-Ich schließen läßt. Ein in seinem Persönlichkeitsgefüge intakter Mensch würde auch dann nicht in dieser Weise handeln, wenn ihm so übel mitgespielt worden wäre, wie man dies May zweifellos zugute halten muß.

Geht man der Ursache dieses Sozialisationsdefizites nach, so stößt man auf ein Syndrom, das der Tiefenpsychologie als ein bei der Entstehung von Delinquenz wesentlicher Faktor heute sehr geläufig ist. May hat in der Kindheit Liebesversagungen erfahren, die seine eigene Liebesfähigkeit geschädigt und ihm zeitlebens die emotionale Ausgewogenheit und die gefestigte Persönlichkeitsstruktur versagt haben, die in der Regel nur bei intensiver mütterlicher Zuwendung in den ersten Lebensjahren zustande kommt. Die dadurch bedingte Kontaktschwäche, der Rückzug der emotionalen Besetzung vom Objekt, vom anderen Menschen, auf das eigene Ich, hat den jungen May (und nicht nur den jungen) zu einer ausgeprägt narzißtischen Persönlichkeit werden lassen; und der bekannte Mechanismus von Frustration und Aggression hat die psychische Disposition geschaffen, die eine Kompensation von Demütigungen und Minderwertigkeitsgefühlen durch kriminelle Handlungen überhaupt erst möglich macht. Hans Wollschläger, der unlängst als Übersetzer des Joyceschen »Ulysses« sehr bekannt geworden ist, hat das in einer literarisch wie psychologisch glänzenden Charakteranalyse Karl Mays, auf die ich hier nur pauschal verweisen kann, bis in die Einzelheiten aus biographischen und literarischen Dokumenten nachgewiesen; die Arbeit ist in den Jahrbüchern der Karl-May-Gesellschaft veröffentlicht.(37)

May hat das auch vielfach selbst bezeugt. Ich stand innerlich allein, allein, allein, wie stets und allezeit, heißt es in seiner Selbstbiographie(38), und noch im letzten Schriftsatz an das Königliche Landgericht in Berlin, vier Monate vor seinem Tode, schreibt er(39): so sind in hunderten und aberhunderten von kalten, liebeleeren, qualvollen Nächten alle die Bücher entstanden, in denen ich von nichts als nur von Liebe rede. In der Tat ist diese zentrale Not seines Lebens auch der zentrale Antrieb seines Schreibens geworden. Schon im »Wilden Kurdistan« antwortet Kara Ben Nemsi auf die Frage nach dem Grunde seiner suchenden Fahrten durch die Welt(40): »Wer in der Wüste schmachtet, der lernt den Wert des Tropfens erkennen, der dem Dürstenden das Leben rettet. Und auf wem das Gewicht des Leides und der Sorge lastete, ohne daß eine


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Hand sich helfend ihm entgegenstreckte, der weiß, wie köstlich die Liebe ist, nach der er sich vergebens sehnte.« Und in der letzten seiner Abenteuererzählungen, am Beginn des Spätwerks, in dem Roman »Am Jenseits« steht geschrieben(41): »Das einzige Licht der Seele ist die Liebe; die einzige Nahrung der Seele ist die Liebe; die einzige Luft, welche sie zu atmen vermag, ist die Liebe . . . Mein Dasein aber hatte nur mir gegolten; ich war liebeleer gewesen und hatte also nicht gelebt.«

Der Zusammenhang zwischen frühem Liebesentzug und späterer Delinquenzgefährdung ist vielfältig belegt, so daß meine knappen Andeutungen zu diesem Thema genügen mögen. Der Fall May bestätigt auch insoweit im vorhinein Einsichten, die wissenschaftlich erst viel später aufgearbeitet worden sind. Über die Umstände, die bei May zu dieser Störung geführt haben, gibt es in der Literatur verschiedene Hypothesen, die einander nicht ausschließen und die sich durch zahlreiche, aus der Werkanalyse zu gewinnende Indizien stützen lassen, aber angesichts der Quellenlage bis heute nicht in stringentem Sinne verifizierbar sind.(42) Das ist aber auch nicht erforderlich, weil jenseits aller besonderen Umstände die allgemeinen Ursachen auf der Hand liegen. May entstammt der den Kriminologen wohlbekannten kinderreichen Unterschichtfamilie, deren Angehörige unter den Straffälligen immer weit überrepräsentiert gewesen sind. Es ist klar, daß eine Mutter, die in den frühen Jahren Mays quasi ununterbrochen mit Kindsgeburten beschäftigt war, die aber daneben bei äußerster Armut eine vielköpfige Familie zu versorgen und auch noch beim Erwerb des notdürftigsten Lebensunterhaltes mitzuarbeiten hatte, beim besten Willen nicht die Geborgenheit geben konnte, die ein krankes, blindes und dadurch doppelt isoliertes und liebebedürftiges Kind so dringend gebraucht hätte. Liebe muß sein, selbst im allerärmsten Leben(43), sagt May in seiner Autobiographie; unter den sozialen Bedingungen, die hier gegeben waren, aber konnte sie kaum sein. Es liegt nicht einmal fern, daß die Angehörigen, denen schon so viele Kinder gestorben waren und für die ein blindes und krankes Kind eine schwere Last sein mußte, auch den Tod des kleinen Karl für nicht unwahrscheinlich hielten und sich innerlich darauf eingestellt hatten. Ich brauche nicht auszumalen, was das für die seelische Entwicklung eines Menschen bedeuten kann.

Für den Kriminologen ist Mays Leben ein exemplarischer Fall, weil sein extremes Seelenschicksal sich in zahllosen Zeugnissen mit einer


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Genauigkeit abbildet, die tiefere Einsichten ermöglicht als die Analyse vieler Patienten, die in der Sprechstunde des Psychiaters zu erscheinen pflegen. May selbst, der sein Schicksal in seiner Biographie im Märchen von der verlorengegangenen Menschenseele symbolisiert sah(44), hat erstaunlicherweise im Alter erkannt, daß der Wert seiner meisten Bücher nicht im Künstlerischen, sondern im psychologischen Material liegt. Die künstlerische Kritik braucht sich . . . mit meinen Reiseerzählungen nicht zu befassen, sagt er lakonisch.(45) Der Wert liegt im Metall, nicht in der Arbeit. In einem Brief aus dem Jahre 1905 schließlich steht der Satz(46): Ich schreibe nicht Romane und nicht Reiseerzählungen, sondern ich bin Psycholog.

4. Die Psychologie ist auch die Wissenschaft, an deren Hand wir unser drittes kriminogenes Problemfeld betreten müssen. Ich sprach anfangs vom äußeren Erscheinungsbild der Straftaten, das man zu ihrer Erklärung mitheranziehen müsse. Schon vielen Beobachtern ist aufgefallen, daß Mays Verhaltensauffälligkeiten und strafbare Handlungen, wenn man die Vorzeichen umdreht, eine frappierende Ähnlichkeit mit den abenteuerlichen Taten seiner literarischen Helden aufweisen; er selbst hat sie im Alter einmal Old-Shatterhand-Streiche genannt.(47) Erich Wulffen, der Kriminologe, wies schon zu Lebzeiten Mays darauf hin, daß dessen frühe Delinquenz »die ersten Symptome des Charakters der späteren Schriftstellerei« erkennen lasse. Diese merkwürdige Parallelität hat sich oft bis zur Verquickung von fiktiver und realer Existenz gesteigert, so z. B. wenn May ganz nach Art seiner Romanfiguren in den Masken gelehrter oder beamteter Personen auftrat und sich bemühte, Kranke zu heilen oder vermeintliche Verbrechen aufzuklären. In derselben Richtung liegt es, wenn er später Photographien im Kostüm Old Shatterhands oder Kara Ben Nemsis von sich anfertigen ließ(48) und alle seine Geschichten als selbst erlebt ausgab. Er wußte diese Abenteuer aus dem Stegreif so suggestiv vorzutragen, daß er auch als mündlicher Erzähler große Menschenmengen faszinierte. Es ist überliefert, daß er einmal in München im Foyer seines Hotels zu erzählen begann und daß die Zuhörer schließlich bis weit auf die Straße hinaus standen, eine Verkehrsstörung verursachten und von der Feuerwehr auseinandergetrieben werden mußten.(49) Er stellte dabei die unmöglichsten Behauptungen über seine Taten und Fähigkeiten auf, steigerte sich aber so überzeugungskräftig in seine Phantasien hinein, daß selbst die Pressereporter gläubig berichteten,


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May spreche 1200(!) Sprachen, habe Amerika - das er in Wirklichkeit nie gesehen hatte! - schon mehr als zwanzigmal bereist und wolle jetzt gerade zu einem Besuch seines Hadschi Halef Omar nach Mesopotamien aufbrechen.(50) Wenn er im privaten Kreise vom Tode Winnetous erzählte, saß er tränenüberströmt da, weil ihm die Erinnerung daran zu nahe ging.(51) Auch wenn er ganz allein bei der Arbeit saß - er schrieb oft mehrere Tage und Nächte hindurch - sprach, lachte und weinte er mit seinen Figuren. Einmal lief eine Angestellte, die das Geschrei in Mays Zimmer gehört hatte, entsetzt aus dem Hause und verkündete, Herr May sei wahnsinnig geworden, was dann auch prompt in die Presse kam.

Was durch diese und zahlreiche andere Einzelheiten belegt ist, entspricht psychiatrisch dem Erscheinungsbilde der (zuerst von Anton Delbrück 1891 so genannten) pseudologia phantastica, einer Gemütsverfassung, die sich von der des Durchschnittsbürgers durch die verminderte Fähigkeit unterscheidet, Imagination und Realität klar auseinanderzuhalten.(52) Sie beruht anscheinend darauf, daß das »Ich« die Kontrolle über die tagträumerischen Wunscherfüllungsphantasien des Unbewußten verliert, ein Zustand, der sich von harmloseren Formen der Exzentrik und traumgängerischer Versponnenheit bis zu erheblichen Graden des Pathologischen steigern kann. Solche Wesenszüge waren bei May zeitweise sehr stark ausgeprägt und sind die Ursache für zahlreiche Absonderlichkeiten seines irdischen Wandels, die ihm im bürgerlichen Leben immer wieder Schwierigkeiten gemacht haben. Alle Autoren, die diese Erscheinung beschrieben haben, stimmen darin überein, daß solche pseudologischen Züge mit größerer oder geringerer Intensität besonders bei vier Verkörperungen des Menschlichen auftreten: beim Kinde, beim Schauspieler, beim Dichter und beim Hochstapler. Ich habe das einmal in einer besonderen Abhandlung ausführlich dargestellt(53) und kann jetzt nur auf das aus den Phänomenen bis ins Detail belegbare Ergebnis hinweisen, daß alle diese vier »Rollen« im Leben Mays so deutlich ausgeprägt sind, wie man es sonst selten findet. Er ist - und das ist nicht eine Frage des Ranges, sondern der idealtypischen Deutlichkeit - geradezu der »Prototyp des phantasierenden Dichters mit besonders starken Einschlägen von kindheitlichen und schauspielerischen Zügen«; er ist also auch ein Modellfall für psychologische Untersuchungen zum Problem des Dichterischen und der Phantasie.

Um aber auf die Straftaten zurückzukommen, so wird aus diesem


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Zusammenhang deutlich, daß Mays Hochstapeleien und Amtsanmaßungen, aber auch der Pferdediebstahl, das Zerbrechen der Fesseln und die Flucht in die böhmischen Wälder als gelebte Abenteuerromane und in der Realität ausagierte Phantasievorstellungen nur eine andere Ausprägung derselben Wesensart waren, die ihn später zum Dichter gemacht und seinen literarischen Erfolg wie sein bürgerliches Scheitern begründet hat. Wie Heinz Stolte(54) einmal sagte: »Ein Phantasiemensch und Literat von Genie und Anlage hat sich, ehe er zu seiner Bestimmung reifen konnte, ins kriminelle Abenteuer verirrt.« Man darf das freilich nicht so verstehen, als biete Mays dichterisch-phantastische Wesensart allein eine Erklärung seiner Delinquenz, denn diese Anlage wird meist in sozial angemessener Weise ausgelebt und in das bürgerliche Leben integriert, wie dies May im späteren Leben immerhin auch einigermaßen gelungen ist. Goethe, Gottfried Keller oder Thomas Mann, die ich als Dichter nicht mit Karl May vergleichen möchte, die aber von sich über solche pseudologischen Anwandlungen aufschlußreich berichtet haben(55), sind trotzdem auch in ihrer Jugend nicht straffällig geworden. Bei May mußten die anfangs geschilderten extrem unglücklichen sozialen und familiären Bedingungen hinzukommen, um ihn straffällig werden zu lassen. Aber die Erscheinungsweise seiner Delinquenz ist sicher durch den pseudologischen Einschlag seines Charakters bestimmt worden, und die geringere Kontrollfähigkeit des Bewußtseins gegenüber den Antrieben des Unbewußten, die mit dieser Anlage einhergeht, hat die Möglichkeit solcher Taten jedenfalls gesteigert.

Fragt man nach den Ursachen dieses psychischen Phänomens bei May, so wird man auch an diesem Punkt auf seine Kindheit zurückverwiesen. Das Elend und die nicht hinreichende Gelegenheit zu emotionaler Bindung mußten von vornherein eine Abwendung von der Realität und die Abkapselung in einem autistischen Binnenreich von Wunschphantasien begünstigen. Diese Entwicklung ist vermutlich durch die Blindheit der ersten Lebensjahre ins Abnorme gesteigert worden. Denn ohnehin vollzieht sich in der Kindheit die Scheidung zwischen der Imagination und einer als davon unabhängig erkannten Wirklichkeit nur sehr allmählich. Es ist einleuchtend, daß dieser Prozeß mit lebenslangen Nachwirkungen gestört werden kann, wenn ein Kind in den entscheidenden Jahren die Außenwelt rein optisch nicht einmal sieht. May selbst schreibt(56): Nur wer blind gewesen ist und


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wieder sehend wurde, und nur wer eine so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, daß sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich schrieb . . . Als ich sehen lernte, war mein Seelenleben schon derart entwickelt und in seinen späteren Grundzügen festgelegt, daß selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor meinen Augen öffnete, nicht die Macht besaß, den Schwerpunkt, der in meinem Innern lag, zu sich hinauszuziehen.

5. Damit scheinen mir die Entstehungsursachen von Mays Kriminalität einigermaßen erklärt. Es sind, wie in den meisten Fällen, außerordentlich verschiedene Bedingungen, die zusammenkommen mußten; teils handelt es sich um sehr heterogene soziale Umstände, wie die staatliche Sanktionspraxis und das erzgebirgische Weberelend, teils um psychische, aus der Familiensituation erklärbare Ursachen, teils sogar um körperliche Faktoren, wie die Krankheit und Blindheit des Kindes. Sie alle aber sind letzten Endes auf soziale Gegebenheiten zurückzuführen, da selbst die Augenkrankheit vermutlich nur durch die desolaten hygienischen Verhältnisse bedingt war. Auch der Fall May zeigt also: Die Kriminalität ist kein biologisches, sondern ein psycho-soziales Phänomen, das freilich hochkomplex ist und dem man mit monokausalen Erklärungen nicht beikommen kann.


IV

Ich hoffe, gezeigt zu haben, daß Karl Mays Schicksal auch unter rein kriminologischen Gesichtspunkten Aufmerksamkeit verdient. Aber überragendes Interesse gewinnt dieses Leben natürlich erst durch seine Auswirkungen im Literarischen. Man müßte darüber stundenlang reden. Doch kann ich über »Karl May und das Geheimnis seines Erfolges« - das ist der Titel einer auch als Buch veröffentlichten Dissertation(57) - nur noch eine Skizze geben. Meine These ist, daß auf den drei Problemfeldern, auf denen ich die Ursache seiner Delinquenz gesucht habe, auch die Quellen dessen zu finden sind, was eine andere Doktorarbeit seine »Massenwirkung«(58) nennt.

1. Erinnern wir uns des ersten Gesichtspunktes, der existenzvernichtenden Reaktion des Staates auf die harmlosen Anfangsverfehlungen des Seminaristen und Junglehrers! Jeder Leser weiß, daß in Mays


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Abenteuererzählungen die Aufdeckung von Unrecht und die Rettung unschuldig Verfolgter fast überall das zentrale Handlungsmotiv abgeben. Ebenso ist ohne weiteres klar, daß es sich bei den übermenschlichen Fähigkeiten, Leistungen und Erfolgen der Ich-Gestalten Mays (also Kara Ben Nemsis und Old Shatterhands) um einen gigantischen Kompensationstraum ihres im irdischen Leben so tief gedemütigten und so kläglich gescheiterten literarischen Vaters handelt. Neuere Untersuchungen Heinz Stoltes(58a) haben gezeigt, wie sich Mays Reiseerzählungen bis ins unbewußte Detail hinein als Mittel zur Heilung seiner Lebenswunden, als traumlogische Verkehrungen seiner Niederlagen ins Sieghafte, aufschlüsseln lassen. Hier liegt auch der Grund für Mays Resozialisierung: Alles, was ihm im Leben gefehlt hatte, hat er sich durch die Niederschrift seiner Phantasien und den realitätsunabhängigen inneren Glauben an ihre Wahrheit selbst gegeben. Es ist auch nur allzu deutlich, daß er damit unzähligen Menschen, die von der Realität geschunden werden, namentlich den unsicher vor dem Leben stehenden Jugendlichen, Identifikationsmuster geliefert hat, die ihre Faszinationskraft bis heute nicht verloren haben.

Aber das alles sind, wenn man Mays Wirkung einer Gesamtbeurteilung unterzieht, noch sehr vordergründige Einsichten. Denn Kompensationsliteratur solcher Art ist zu allen Zeiten häufig gewesen und kann Mays spezifische, langdauernde und im Laufe der Jahrzehnte immer noch angewachsene Wirkung allein bei weitem nicht erklären. Wichtiger erscheint mir der Umstand, daß May in seinen Reiseerzählungen die Realität, unter der er so gelitten hatte, überhaupt negiert zugunsten einer Gegenwelt, die sich als spiegelbildliche Verkehrung aller wirklichen gesellschaftlichen Zustände seiner und auch noch unserer Zeit darstellt.(59) Der engen lichtlosen Kerkerzelle, die ihn zur Bewegungsunfähigkeit verdammte, setzt er die endlose Weite der Wüsten, Savannen und Prärien entgegen, die man auf pfeilschnellen Kamelen und Pferden durchfliegt; tausendmal werden die Gefangenen befreit und die Fesseln gesprengt. Das Gefühl, in bedrückender Enge gefangen zu sein, ist aber nicht nur Karl Mays persönliches Trauma. Es ist in einem nur wenig übertragenen Sinne ein kollektives Schicksal des durch die Zwänge der industriellen Arbeitswelt funktionalisierten Menschen, und das Freiheitsgefühl, das Mays unbegrenzte Räume vermitteln, teilt sich auch dem Leser mit. In einer Nachlaßnotiz Mays steht(60): Das ewige Gefangenwerden und sich wieder Befreien in meinen Werken ist


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für den Oberflächlichen eine Qual. Ist es im Innenleben nicht ebenso? Er hatte das also erkannt.

Aber May geht viel weiter. Denn seine Helden leben in einer Welt, die sämtliche gesellschaftlichen Strukturen, die Repression und menschliche Abhängigkeit möglich machen, außer Kraft setzt. Es gibt bei ihm nicht die Kategorien von Befehl und Gehorsam, sondern die Menschen erkennen freiwillig den Tüchtigsten als Führer an und können sich aus ihrer Gruppe jederzeit lösen. Es gibt keine Polizei, kein Militär, keine Bürokratie (es sei denn, in der verspottenden Karikatur). Lohnabhängigkeit, Arbeitsteilung, ja selbst die Geldwirtschaft sind in Mays exotischen Freiräumen, die keine geographische, sondern rein psychische Wirklichkeit haben, unbekannt. Der einzelne ist kein anonymes Rädchen im Getriebe, sondern das Individuum steht im Mittelpunkt. Die Welt ist für den Menschen noch prinzipiell durchschaubar, und er kann sie auf sich selbst gestellt aus eigener Kraft bestehen. Wo Kafkas Helden sich unbegreiflichen Instanzen unentrinnbar und hilflos ausgeliefert fühlen, erlauscht Mays »Ich« die geheimsten Pläne; die Vögel am Himmel und selbst die Spuren im Sande reden zu ihm. Die Unterschiede im ästhetischen Niveau ändern nichts daran, daß durchaus vergleichbare psychische Erfahrungen sich in Bilder und Szenen umgesetzt haben, wenn auch dort als Alptraum und hier als erlösender Wunscherfüllungstraum.

May selbst hat im Alter immer wieder darauf bestanden, daß nicht nur seine späten Werke, sondern auch seine Reiseerzählungen symbolisch zu verstehen seien. Er erzähle einheimische Begebenheiten im exotischen Gewande.(61) Noch auf den letzten Seiten seiner Selbstbiographie sagt er(62), seine Leser sollten empfinden und erleben, wie es einem Gefangenen zumute ist, vor dem die Schlösser klirren, weil der Tag gekommen ist, an dem man ihn entläßt . . . Sie sind Gefangene, ich aber will sie befreien. Und indem ich sie zu befreien trachte, befreie ich mich selbst, denn auch ich bin nicht frei, sondern gefangen, seit langer, langer Zeit.

Der Ideologiekritiker ist schnell damit bei der Hand, dergleichen Literatur als billigen Eskapismus abzuqualifizieren. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn Seelenprotokolle solcher Art halten nicht nur die Traumen des Autors fest, sondern diagnostizieren mit unreflektierter, naiver Bildkraft die Leiden der Epoche, die sich seit Mays Zeiten nicht geändert, sondern eher verschärft haben - mit der Folge,


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daß Mays Wirkung auf das Leserpublikum immer weiter angestiegen ist. So unausweichlich die Existenzbedingungen der modernen Gesellschaft sind und so wenig vermutlich der Traum von der großen Freiheit auf Erden je Wirklichkeit werden wird: Daß das Bewußtsein für andere Möglichkeiten offengehalten und daß nicht vergessen werde, wessen der Mensch neben Lohn und Brot sonst noch bedarf, ist eine gesellschaftlich durchaus wichtige Aufgabe von Literatur. So hat denn auch Ernst Bloch, der bekanntlich ein großer Verehrer Mays ist(63), aus dem utopischen Impuls seiner Philosophie einen literaturtheoretischen Ansatz entwickelt, der heute von seinen Schülern zu einer umfassenden »Ästhetik des Vorscheins« ausgearbeitet wird und für den gerade das Werk Karl Mays eine nicht geringe Rolle spielt. Gert Uedings Abhandlung über »Traumliteratur« (im Arbeitsbuch zum 90. Geburtstag Blochs)(64) mag davon einen vorläufigen Eindruck geben; Ueding wird über das Thema auch auf der nächsten Jahrestagung der Karl-May-Gesellschaft in Freiburg (im Oktober dieses Jahres) sprechen.

Doch ich will mich nicht auf literaturwissenschaftliches Terrain begeben. Im Sinne unseres Themas läßt sich jedenfalls festhalten, daß Karl May seine Gefangenschaften und seine Erfahrungen mit der Gesellschaft literarisch in einen einzigen großen Befreiungsakt verwandelt hat, der nicht nur ihm die Existenz ermöglichte, sondern bis heute auch psychosoziale Defizite von Millionen Lesern ausgleicht. Selten ist menschliches Unglück so produktiv und die therapeutische Funktion des Schreibens so wirkungsmächtig geworden wie hier.

2. Das alles gilt auch für unser zweites Problemfeld, das ich durch das Stichwort der »Liebesversagung« umschrieben und zur Erklärung seiner Straftaten herangezogen habe. Hans Wollschläger(65), der diesen Themenkomplex als erster in gültiger Weise analysiert hat, sieht zu recht Mays Wirkung gerade durch seinen seelischen Grundkonflikt bedingt. »Läge hier«, so sagt er, »zuletzt auch das "Geheimnis seines Erfolges"? Kein Schriftsteller hat je so tief abhängige Bindungen zu seinen Lesern hergestellt; keiner auch hat je so viel Liebe auf sich vereinigt wie er, dessen Werk eine einzige Recherche nach der verlorenen Liebe war. Die Massenpsychologie würde uns die Frage vielleicht gar so beantworten: Karl Mays "Ich" ist das Ego-Zentrum ungezählter ich-schwacher Menschen geworden, ein Resonanzraum kollektiver Not. Ewige Wiederkehr des Ähnlichen holt die Seelen in seine Gewalt:


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die Größe seines Konflikts ist die seiner Wirkung; die Größe seiner seelischen Verarbeitung die seiner seelischen Macht.«

Tatsächlich ist das Problem der menschlichen Liebesfähigkeit im weitesten Sinne des Wortes ein anthropologisches Grundthema, eine Menschheitsfrage, als deren Verkörperung May in den letzten Jahren seines Lebens betrachtet werden wollte. Kennst du den unergründlich tiefen See, / In dessen Fluth ich meine Ruder schlage? / Er heißt seit Anbeginn das Menschheits-W e h, / und ich, mein Freund, ich bin die Menschheits-F r a g e, so heißt das befremdende Motto, das er dem Wiener Vortrag kurz vor seinem Tode voranstellte.(66) Mays »Shatterhand« und die übrigen Helden seiner frühen Reiseerzählungen, ursprünglich Abbilder der Identifikation mit dem übermächtigen Vaterbilde, wären mit ihren manchmal wilhelminisch überfärbten Attributen männlicher Omnipotenz als literarische Figuren heute kaum noch erträglich, wenn nicht die heldische Attitüde von vornherein durch die weicheren Züge des Mutterideals gemildert worden wäre, wenn nicht die Sehnsucht nach Liebe und Versöhnung die Ich-Gestalten umtriebe und ihnen die emotionale Zuwendung der Leser sicherte.

Diese Züge wurden mit dem Fortschreiten der schriftstellerischen Entwicklung bei May immer stärker, bis schließlich das am Vaterbild orientierte Ich-Ideal gänzlich zerbrach und durch die wiedergewonnene Mutter-Identifikation ersetzt wurde. Das ereignete sich - ein psychologisch fast beispielloser Vorgang - auf seiner Orientreise, wo er in Aden am 15. September 1899 in einem Brief(67) vermerkt, er sei nun gerade das Gegentheil vom früheren Karl . . . Der ist mit großer Ceremonie von mir in das rothe Meer versenkt worden. Von nun an schrieb er keine Abenteuerbücher mehr. »Du bist Old Shatterhand?« heißt es bald darauf im »Silberlöwen«.(68) »Ich war es«, antwortete ich ruhig, aber bestimmt. »Du bist Kara Ben Nemsi Effendi?« »Ich war es«, erwiderte ich abermals.

Diese »Kehre« im Werke Karl Mays ist auch wirkungsgeschichtlich sehr wichtig. Denn May ging nun mit großer Konsequenz daran, das, was er über die »Liebe«, die er mit »Gott« gleichsetzte, erkannt zu haben glaubte, aus dem Psychologischen ins Weltanschauliche, Menschheitlich-Politische zu übersetzen. Er wurde Pazifist, und »Friede auf Erden« heißt denn auch der erste Roman, mit dem er nach der Jahrhundertwende hervortrat. Er schmuggelte den Erstdruck des Buches in ein Pomp- und Prachtwerk zur Feier der deutschen Intervention in China


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ein(69) und unterlief damit zum Entsetzen des Herausgebers, des bekannten Joseph Kürschner(70), programmatisch die imperialistische Tendenz des Sammelwerkes, ein Streich, der manche Torheit seines Lebens aufwiegt(71). Die Idee einer die ganze Menschheit umfassenden Liebesethik, der Gedanke der Völkerversöhnung und des Weltfriedens liegen auch allen seinen folgenden Werken zugrunde. Noch die allerletzte Erzählung, die May in seinem Leben geschrieben hat, die Novelle »Merhameh« (zu deutsch: »Barmherzigkeit«), endet mit den Worten: »Es sei Friede! Es sei Friede!« Im Zusammenhang unseres Themas bedarf das alles deshalb der Erwähnung, weil Mays Spätwerk, für dessen künstlerische Bedeutung in der Nachkriegszeit zuerst Arno Schmidt eingetreten ist(72), an Einfluß immer mehr gewinnt. Erst vor zwei Monaten, am 18. April 1977, berichtete der »Spiegel«(73) unter der Uberschrift »Amerika entdeckt den Mystiker May«, wie er dort anläßlich einer Übersetzung von »Ardistan und Dschinnistan« dem Lesepublikum als der Mann vorgestellt wird, »dessen Pazifismus Einstein und Hesse beeinflußte«(74). Auf den Schlußseiten von »Ardistan und Dschinnistan«(75) sagt Marah Durimeh, die bei May die Menschheitsseele verkörpert: »Die Erde sehnt sich nach Ruhe, die Menschheit nach Frieden, und die Geschichte will nicht mehr Taten der Gewalt und des Hasses, sondern Taten der Liebe verzeichnen«, und sie endet mit der hymnischen Preisung des neuen Tages einer versöhnten Menschheit. Welchem heutigen Leser wäre das nicht aus dem Herzen gesprochen? Auch diese visionär-utopische Komponente im Werk Mays macht einen beachtlichen Bestandteil seiner Wirkung aus.

Wenn Sie jetzt, meine Damen und Herren, Ihren Blick noch einmal auf das blinde erzgebirgische Weberkind, auf die ihm fehlende Liebe und Wärme und die sich daraus ergebenden strafrechtlichen Verirrungen des jungen Mannes zurücklenken, so muß man auch insoweit sagen, daß wenige Menschen Not und Irrtum ihres Lebens so wirkungsvoll und fruchtbar ins Positive haben wenden können wie Karl May.

3. Gestatten Sie mir schließlich ein letztes Wort zu unserem dritten Problemfeld, dem Themenkreis der pseudologia phantastica, der wie die zuvor geschilderten Umstände nicht nur Mays Straftaten, sondern auch seine literarische Wirkung mitbestimmt. Denn das Fürwahrnehmen des nur Erdichteten, das bei May vielfach übermächtig wurde, überträgt sich auf die Psyche des naiven, vor allem jugendlichen Le-


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sers, der diese Geschichten distanzlos glaubt und dadurch völlig in den Bann der Suggestivwirkung gerät, der May selbst beim Schreiben und Erzählen verfiel. Er hat seinerzeit, wie ich einmal durch eine Dokumentation nachgewiesen habe(76), nicht nur Kinder, sondern sogar die ganze deutsche Öffentlichkeit bis in die Literaturgeschichte hinein eine Zeitlang davon überzeugen können, daß er alle seine Abenteuer selbst erlebt habe. Diese Wesenskomponente erklärt gleichzeitig die spezifisch jugendliche Seelenlage Mays, die ihn zum Lieblingsschriftsteller aller großen und kleinen Kinder gemacht hat. Denn das Vorwalten des Phantasielebens und die fehlende Einwurzelung in die Realität teilt May mit den Typen des Kindes und des Jugendlichen. Hier schreibt nicht wie sonst in der Jugendliteratur ein Erwachsener für Kinder, sondern May schreibt - vor allem in seinen Wildwestgeschichten - selbst aus der Seelenlage des Jugendlichen. Die Pädagogen haben das durchweg bis heute nicht bemerkt und stehen wie auch sonst mancher Erwachsene oft fassungslos vor der Begeisterung junger Menschen für diesen Autor. Dabei wäre May der große Modellfall auch für eine altersspezifische Theorie der Jugendliteratur.

Mays Nähe zur Psyche des Jugendlichen, die dadurch bedingte geringere Bewußtseinskontrolle und Durchlässigkeit seines »Ich« für die Bildungen des Unbewußten haben aber auch bedeutenden Einfluß auf die inhaltliche Substanz seines Werkos: Das reiche archetypische Material seiner Bücher und ihre strukturelle Verwandtschaft mit den Sagen und Märchen der alten Völker beruhen wahrscheinlich auf Mays entwicklungspsychologisch bedingter Affinität zu den Frühformen menschlichen Bewußtseins. Wolf-Dieter Bach hat schon im Jahre 1971 in seiner Abhandlung über »Fluchtlandschaften«(77) durch verblüffend reichhaltige Belege nachgewiesen, daß Mays »Phantasiewelt dieselben Inhalte besaß wie die große mythische und religiöse Tradition«, und Ingrid Bröning(78) sieht in der Faszination des inneren Umgangs mit archetypischen Bildern, wie sie sich bei May finden, eine Hauptquelle seiner Wirkung und auch deren literaturpädagogische Legitimierung. May selbst wollte im Alter als Märchenerzähler, als orientalischer Hakawati, verstanden werden, und gewiß ist auch die mythische Substanz seiner Geschichten ein wesentlicher Bestandteil ihrer Lebenskraft. Seine Geschichten reflektieren nicht nur individuelles und soziales Schicksal; sie haben auch etwas von der Zeitlosigkeit und Eindruckstiefe der Märchen, Sagen und Legenden.(79)


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Auch hier ist es wieder erstaunlich, wie dieselbe psychische Verfassung, die den Dr. Heilig und den mythologisch verkleideten Herrn Hermes auf ihren zwielichtigen Wegen inspirierte, Mays über die Jahrzehnte andauernden literarischen Erfolg mitträgt. Der Psychoanalytiker Otto Rank spricht in seinem Buch »Der Mythos von der Geburt des Helden« (1922)(80) von »der schmalen Grenzscheide, wo sich das unschuldige kindliche Phantasieleben, die ins Unbewußte verdrängten neurotischen Phantasmen, die dichterische Mythenbildung und gewisse Formen der Geisteskrankheit und des Verbrechens inhaltlich sowie in ihren Ursachen und Triebkräften so innig und doch wieder so differenziert berühren«, und er meint, daß sich die wissenschaftlichen Wege hier »vorläufig noch in dichtem Urwald verlieren«. Der Fall Karl May wäre für die Klärung solcher Fragen ein exemplarischer Forschungsgegenstand.


V

Damit bin ich am Ende. Mein langer, im Verhältnis zur Unerschöpflichkeit seines Gegenstandes aber doch auch wieder gedrängter Vortrag, bei dem ich die Grenzen der Disziplinen mit dem Leichtsinn des Dilettanten ständig überschritten habe, mag immerhin gezeigt haben, daß das Thema Karl May ein komplexes Forschungsfeld bietet, auf dem sich für Kriminologie, Psychologie, Soziologie, Literaturwissenschaft und noch weitere Fächer einiges ernten läßt. Als May im Alter unter den Nachstellungen seiner Feinde, die seine Jugendverfehlungen aufdeckten und ihn in neue Strafverfahren hineinzuziehen versuchten, fast zusammenbrach, schrieb er einmal mit der Emphase, die ihm eigen war, an seinen Anwalt(81): Es handelt sich nicht etwa nur um meine kleine, unbedeutende Person, sondern um das Gelingen eines Lebenswerkes, welches bestimmt ist, Millionen von Menschen zu beglücken. Wenn es nicht vollendet wird, so können Jahrhunderte vergehen, ehe eine Wiederholung möglich ist. Ja, vielleicht treffen sich die äußeren und inneren Umstände nie so wieder! Das klingt vermessen. Aber sollte man nicht heute - 70 Jahre danach - einräumen, daß er nicht ganz unrecht hatte?

Der vorstehende Text ist die wörtliche Wiedergabe einer Gastvorlesung, die ich am 16. Juni 1977 im Auditorium Maximum der Universität Bern auf Einladung der dortigen


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juristischen Fakultät (aber auch in Anwesenheit von Walter Killy) gehalten habe. Da ich bei den Hörern keine Kenntnis der Biographie Mays und der May-Forschung voraussetzen konnte, enthält der Vortrag manche Informationen, die dem Kenner nicht neu sind. Ich habe deshalb Bedenken dagegen gehabt, die Arbeit, die für einen anderen Zweck verfaBt war, im Jahrbuch abzudrucken. Wenn ich dem Wunsche des geschäftsführenden Herausgebers Heinz Stolte, das Referat an dieser Stelle zu veröffentlichen, gleichwohl schließlich nicht länger widersprochen habe, waren dafür zwei Erwägungen maßgebend: Erstens kann es aus dokumentarischen Gründen als sinnvoll erscheinen, unseren Lesern einen Text zugänglich zu machen, der sich unter dem Aspekt meines speziellen Themas gleichzeitig als eine Art Resümee der bisherigen Ergebnisse der May-Forschung darstellt. Und zweitens enthält die Abhandlung eine Weiterführung meiner »Vorläufigen Bemerkungen über die Straftaten Karl Mays« (Jb-KMG 1971, S. 74ff.), die durch ihren Brückenschlag zur Literatur- und Leserpsychologie zugleich die Fruchtbarkeit einer interdisziplinären Arbeit auf diesem Gebiet dartun will und den Lesern des ersten Teils meiner einschlägigen Überlegungen vielleicht nicht vorenthalten werden sollte. Hcrrn Dr. Jakob Stämpfli, Bern, sind wir für die Zustimmung zum Abdruck des Vortrages, der auch im Jahrgang 1978 der »Schweizerischen Zeitschrift für Strafrecht« erscheint, zu herzlichem Dank verpflichtet.



1 Karl May, Mein Leben und Streben. Freiburg 1910, S. 9

2 Hainer Plaul, Faksimile-Reprint von Karl Mays »Mein Leben und Streben«. Hildesheim-New York 1975, S. 325, Anm. 1

3 Old Surehand, 1. Band Freiburger Ausgabe, Bd. XIV S. 411. Nach dieser Edition, der Ausgabe letzter Hand, wird im folgenden unter Angabe der Bandzahl zitiert.

4 Mein Leben und Streben, S. 39/40

5 Mein Leben und Streben, S. 79

6 Zitiert nach der Ausgabe bei Suhrkamp. Frankfurt a. M. 1959, 11.-15. Tsd. 1968, S. 409

7 Hier und im folgenden Zitat: Mein Lcbcn und Streben, S. 77

8 Eingehende Darstellung bei Klaus Hoffmann, Der »Lichtwochner« am Seminar Waldenburg, in: Jb-KMG 1976, S. 92ff; ferner Plaul, wie Anm. 2, Anmerkung 95-101, S. 366-368

9 Das folgende nach Jb-KMG 1976, S. 98/99

10 Näher Plaul, wie Anm. 2, S. 369, Anm. 103

11 Im einzelnen Plaul, wie Anm. 2, S. 369, Anm. 104

12 Näher Plaul, wie Anm. 2, S. 371, Anm. 108

13 Hans Wollschläger, Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 32

14 Näher Rudolf Lebius, Die Zeugen Karl May und Klara May. Ein Beitrag zur Kriminalgeschichte unserer Zeit. Berlin-Charlottenburg 1910, S. 8-12; Hainer Plaul, Alte Spuren. Über Karl Mays Aufenthalt zwischen Mitte Dezemher 1864 und Anfang Juni 1865, in: Jb-KMG 1972/73, S. 195ff.

15 Vgl. Plaul, Jb-KMG 1975, S. 129

16 Vgl. die Zusammenstellung im späteren Strafurteil bei Lebius, wie Anm. 14, S. 12-17. Eine umfangreiche Schilderung dieser Lebensepoche gibt Klaus Hoffmann, Karl May als »Räuberhauptmann« oder Die Verfolgung rund um die sächsische Erde. Karl Mays Straftaten und sein Aufenthalt 1868 bis 1870, 1. Teil, in: Jb-KMG 1972/73, S. 215-245; 2. Teil, Jb-KMG 1975, S.243-275

17 Erich Wulffen, Psychologie des Verbrechers. Berlin-Lichterfelde 1908, Bd. 2, S. 173

18 Über die Zuchthauszeit eingehend Hainer Plaul, Resozialisierung durch »progressiven Strafvollzug«. Über Karl Mays Aufenthalt im Zuchtbaus zu Waldheim von Mai 1870 bis Mai 1874, in: Jb-KMG 1976, S. 105-170

19 Erich Schwinge, Karl Mays Bestrafung wegen Amtsanmaßung (Fall Stollberg), in: Fritz Maschke, Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe. Bamberg 1973, S. 130-136


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20 Über diesen Lebensabschnitt eingehend Claus Roxin, »Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand«, in: Jb-KMG 1974, S. 15-73

21 Beide Zitate bei Roxin, wie Anm. 20, S. 20

22 Die beste Darstellung von Mays Spätzeit gibt Wollschläger, wie Anm. 13, S. 94-182

23 Mein Leben und Streben, S. 309

24 Uber die Beziehungen zwischen May und Harden vgl. Gerhard Klußmeier, »Ein Wind niedriger Gesinnung weht durch Deutschland«. Karl May und Maximilian Harden, in: Jb-KMG 1977, S. 103

25 Ausführliche Dokumentation bei Ekkehard Bartsch, Karl Mays Wiener Rede, in: Jb-KMG 1970, S. 47-80

26 bei Lebius, wie Anm. 14, S. 296-298 (297)

27 Vgl. näher A. E. Brauneck, Zum Begriff der kriminellen Anlagen, in: Festschrift für K. Engisch. Frankfurt a. M. 1969, S. 636-643 und J.-D. Murken, Agressivität als Problem der Genetik, in: Arno Plack (Hrsg.), Der Mythos vom Agressionstrieb. München 1973, S. 121-144

28 Vgl. Wollschläger, wie Anm. 13 S. 44

29 Vgl. zusammenfassend W. Rüther, Abweichendes Verhalten und Labeling Approach. Köln u. a. 1975

30 Abgedruckt in: Karl May's Gesammelte Werke, Bd. 34, »Ich«. Bamberg, 29. Aufl. 1975, S. 15-20 (16). Erstabdruck dieses Textes bei Lebius wie Anm. 14, S. 4-7 (4/5)

31 in: Kritische Justiz, 1970, S. 375-382

32 bei Wollschläger, wie Anm. 13, S. 44

33 Ihm wurde »kein übles Lehrgeschick« bescheinigt; vgl. Wollschläger, wie Anm. 13, S. 28

34 Vgl. nur etwa H. J. Schneider, Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug. Prüfe Dein Wissen. München 1976, S. 314ff., S. 340/41, S. 345f., 348f.

35 Hainer Plaul, »Besserung durch Individualisierung«. Über Karl Mays Aufenthalt im Arbeitshaus zu Zwickau von Juni 1865 bis November 1868, in: Jb-KMG 1975, S. 127-199

36 ausführlich dargestellt bei Hoffmann, Jb-KMG 1972/73, S. 229f.; vgl. auch Wollschläger, wie Anm. 13, S. 40

37 Hans Wollschläger, »Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«. Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays, in: Jb-KMG 1972/73, S. 11-92

38 Mein Leben und Streben, S. 244

39 An die 4. Strafkammer des Königl. Landgerichts III in Berlin, 2. Fassung, Privatdruck, 1911, S. 72

40 Freiburger Ausgabe, Bd. II, S. 633

41 Freiburger Ausgabe, Bd. XXV, S. 512

42 Zu der von Hans Wollschläger rekonstruierten »Urszene« (der vermuteten Beziehung der Mutter zu einem Geliebten) vgl. Jb-KMG 1972/73, S. 30ff. Zur Frage einer mangelnden oralen Befriedigung in der Säuglingsphase vgl. Bach, Jb-KMG 1971, S. 67f. und passim; Jb-KMG 1975, S. 64f., Anm. 31 und passim.

43 Mein Leben und Streben, S. 37

44 Mein Leben und Streben, S. 30/31, 135/136

45 Hier und im folgenden Zitat: Mein Leben und Streben, S. 151, 152

46 Brief an Hans Möller vom 6.10.1905; zitiert bei Roxin, Jb-KMG 1972/73, S. 7

47 in einem Brief an den Maler Sascha Schneider vom 31.5.1905, abgedruckt in: Hansotto Hatzig, Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Bamberg 1967, S. 78. Der Brief ist von Klara May geschrieben, aber von Karl May entworfen worden (Hatzig, a. a. O. S. 245, Anm. 35).

48 Dazu näher (mit Bilddokumentation) Roxin, Jb-KMG 1974, S. 19, mit weiteren Nachweisen.

49 näher Roxin, Jb-KMG 1974, S. 66, Anm. 44

50 dazu Roxin, Jb-KMG 1974, S. 25

51 Nachweise bei Roxin. Jb-KMG 1974, S. 29


//36//

52 Eingehend darüber Roxin, Vorläufige Bemerkungen über die Straftaten Karl Mays, in: Jb-KMG 1971, S. 74-109 (81ff.)

53 wie Anm. 52

54 Heinz Stolte, Kriminalpsychologie oder Literaturpsychologie, in: Mitt-KMG Nr. 2, Dezember 1969, S. 7

55 Nachweise bei Roxin, Jb-KMG 1971, S. 87f.

56 Mein Leben und Streben, S. 31. Das folgende Zitat a. a. O. S. 32

57 Viktor Böhm, Karl May und das Geheimnis seines Erfolges. Wien 1955

58 Emanuel Kainz, Zum Problem der Massenwirkung Karl Mays. Wien 1949

58a Die Reise ins Innere. Dichtung und Wahrheit in den Reiseerzählungen Karl Mays, in: Jb-KMG 1975, S. 11ff.; Die Affäre Stollberg, in: Jb-KMG 1976, S. 171ff.

59 Dazu Bach, Jb-KMG 1971, S. 161; Volker Klotz, Ausverkauf der Abenteuer, in: Probleme des Erzählens in der Weltliteratur. Festschrift für Käte Hamburger. Stuttgart 1971, S. 161; Roxin, Jb-KMG 1974, S. 53f.

60 veröffentlicht in: Karl-May-Jahrbuch 1922, S. 53

61 Vgl. nur: Mein Leben und Streben, S. 209

62 Mein Leben und Streben, S. 317 f.

63 Rezeptionsgeschichtlich sehr wichtig ist Blochs Aufsatz »Über Karl Mays sämtliche Werke«. Literaturblatt der Frankfurter Zeitung vom 31.3.1929; heute in etwas abweichender Fassung unter dem Titel »Die Silberbüchse Winnetous« in: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt a. M. 1962, Gesamtausgabe Bd. 4, S. 169ff. Vgl. auch Bloch, »Urfarbe des Traums« und »Charley« in: Jb-KMG 1971, S. 11-16

64 Ernst Blochs Wirkung. Ein Arbeitsbuch zum 90. Geburtstag. Frankfurt a. M. 1975, S. 251-270; zu dieser Abhandlung: Roxin, Jb-KMG 1976, S. 293ff.

65 wie Anm. 37, S. 84

66 vgl. Jb-KMG 1970, S. 52, 60

67 abgedruckt in: Jb-KMG 1971, S. 181

68 Freiburger Ausgabe, Bd. XXIX, S. 67

69 Zusammenfassende Schilderung bei Ekkehard Bartsch, »Und Friede auf Erden!«. Entstehung und Geschichte, in: Jb-KMG 1972/73, S. 93-122, mit weiteren Nachweisen.

70 des Herausgebers der heute noch unter seinem Namen erscheinenden Literatur- und Gelehrtenkalender. Näher Erich Heinemann, Ijar und Yussuf el Kürkdschü. Joseph Kürschner, Karl May und der Deutsche Literaturkalender, in: Jb-KMG 1976, S. 191-206

71 Der genaue Titel des Sammelwerkes lautet: China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik, hgg. von Joseph Kürschner. Leipzig-Berlin-Breslau 1901

72 in: Abu Kital. Vom neuen Großmystiker. Enthalten in dem Sammelband »Dya na sore. Gespräche in einer Bibliothek«. Karlsruhe 1958, S. 150-193

73 Heft 17/1977, S. 202

74 Bei Hesse, der freilich May schätzte, wird das kaum zutreffen. Vgl. Roxin, Hermann Hesse, Karl May und der Pazifismus, in: Mitt-KMG, Nr. 5, September 1970, S. 11-14. Über Einstein vgl. A. W. Conrady, in: »Ich«. Karl Mays Gesammelte Werke, Bamberger Ausgabe, 21. Aufl. 1958, S. 379. Diese Darstellung ist freilich sonst nicht belegt, und ihre Authentizität muß als zweifelhaft gelten.

75 Freiburger Ausgabe, Bd. XXXII, S. 633

76 in: Jb-KMG 1974, S. 15ff.

77 in: Jb-KMG 1971, S. 39-73 (62)

78 Ingrid Bröning, Die Reiseerzählungen Karl Mays als literaturpädagogisches Problem. Ratingen-Kastellaun-Düsseldorf 1973

79 Vgl. dazu neuerdings besonders Gunter G. Sehm, Der Erwählte. Die Erzählstrukturen in Karl Mays »Winnetou«-Trilogie, in: Jb-KMG 1976, S. 9-28

80 Der Mythos von der Geburt des Helden. Versuch einer psychologischen Mythendeutung. 2. Aufl. 1922. Leipzig und Wien

81 Zitiert nach Hans Wollschläger, wie Anm. 13, S. 148


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