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WALTHER ILMER

Karl May auf halbem Wege

Mannigfaches zur hochbrisanten, »hochinteressanten« Erzählung »El Sendador«



I

1. Karl Mays zweibändiges Werk »Am Rio de la Plata« / »In den Cordilleren« hat immer im Schatten der anderen Bände gestanden -sowohl in der Lesergunst als auch in der Sekundärliteratur.(1) Dabei gehört »El Sendador« nicht nur zu den farbigsten und mitreißendsten Schöpfungen Karl Mays, die Erzählung ist auch eine der »sprechendsten« (weil verkleidenden und damit enthüllenden) und zeigt Karl May innerhalb seiner Entwicklung als Mensch und als Schriftsteller an einem entscheidenden Punkt: auf halbem Wege.

2. Das gilt im übertragenen wie im Wort-Sinne, zeitlich wie entwicklungsgeschichtlich, bezogen auf den schreibenden wie auf den innerlich wachsenden Mann. Der im Elend des Zuchthauslebens um sein besseres Selbst Ringende, nach äußerer und innerer Befreiung Drängende und der mild verklärte Weise, der beim Niederschreiben des »Mir« die Gipfel von Dschinnistan zum Greifen nahe sieht, hält zur Entstehungszeit von »El Sendador« in der Mitte zwischen Nadir und Zenit. Und beides, der überquellende Drang nach Befreiung und der Weg nach Dschinnistan, haben gerade in die Geschichte vom irrenden, schillernden, bösen und doch seltsamerweise so wenig verabscheuungswürdigen Sendador in auffälliger Weise Einzug gehalten. Und mehr: Während Karl May den »Sendador« schreibt, steht er halbwegs zwischen seinen schriftstellerischen Anfängen als Redakteur und seinem ersten großen Kunstwerk - dem dritten und vierten »Silberlöwen«-Band -, steht halbwegs zwischen dem ergreifenden Hinfinden zu Emma Pollmer und der schmerzlichen Trennung von ihr. Halbwegs zurückgelegt ist die Strecke zwischen einerseits den - jeweils in ihrer Art - hart ans Genialische streifenden, vielfältige Handlungen verwebenden Erzählungen sowohl vom »Waldröschen« als auch von den Reisen »Im Schat-


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ten des Großherrn«, die das kostbare Talent dieses Mannes erweisen(2), und anderseits den das Spätwerk, die Reife einleitenden Markierungspunkten »Weihnacht!« und »Am Jenseits«.(3)

Gerade in der Mitte zwischen den beiden ungemein einschneidenden Lebens- und Schaffenszeugnissen »Deutsche Herzen - Deutsche Helden«, das auf der Suche nach der verlorenen Liebe und nach der Antwort auf viele Fragen sich selber verliert, und »Old Surehand«, das die gleiche Suche fast gewaltsam glücklich beendet, steht Karl May bei »El Sendador«. Vierzehn Jahre nach den ersten tastenden Schritten vorwärts ins Ungewisse einer schriftstellerischen Existenz - der einzigen Existenz, die dieser anderenfalls unfaßlichen Seele adäquat ist -und vierzehn Jahre vor dem Aufstieg zum Gipfel steht eben, beziehungsvoll »El Sendador«, der Führer, der den einzig rechten Weg von mehreren möglich erscheinenden Wegen weist.

3. Das Werk steckt voller Allegorien, was May später im Alter, als personifizierte Menschheitsfrage, sehr verallgemeinernd Symbolik nannte. Und die schon im Werktitel knarrend aufgerichtete Allegorie spannt die 1260 Buchseiten in den klar erkennbaren Bogen: Dieser Sendador, dieser Vielkönner, dieser halbe Gelehrte (12/88)(4), dieser Irregeleitete, dieser Schatzjäger, zu so vielen Schandtaten bedenkenlos Fähige, das ist nicht nur der Schurke innerhalb einer packenden Erzählung, das ist ebenso - und noch viel mehr - der auf halbem Wege zur Erkenntnis angelangte Autor!

Der Schurke flieht vom morastigen Floßland der Ebene durch Steppe und Berge zur Höhe einsamer Felsen, die Schutz gewähren sollen. Der Held, dem Schurken merkwürdig seelenverwandt, folgt ihm im unbeugsamen Willen, die Konfrontation herbeizuführen und über alles Böse zu triumphieren. Und genau so war es siebzehn, sechzehn Jahre früher, als der »Verbrecher« durch das Zuchthauselend watete und sich immer weiter voranarbeitete, bis alles »Verbrecherische« in ihm erloschen war und der Gipfel - das offene Zuchthaustor - sichtbar wurde. Und noch einmal genau so ist es sechzehn, siebzehn Jahre später, als der Panther im sumpfigen Flußtal der Ussul erstmals mit dem Abgesandten der unbesiegbaren Macht des Guten aneinandergerät und Lump und Held sodann einander auf den Weg zur unbestechlichen Höhe treiben, auf der für den Bösewicht kein Platz mehr ist.

Ein Leben lang ging Karl May von Ardistan nach Dschinnistan. Und auf halbem Wege beschreibt er es schon einmal ganz genau, bevor er


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am Ende des Weges seinem stupendesten Werk - das nur ein logisch-konsequenter Krönungsstein ist - in der Tat diesen Namen gibt.

4. Vier verblüffende Parallelen charakterisieren »El Sendador« und »Ardistan und Dschinnistan«:

- Die Reise verläuft vom sumpfigen, ungesunden Flußdelta durch Wüste und Steppe und fruchtbares Land zur reinen Luft der hohen Bergwelt.

- Im jeweils 1. Band wird die weitaus kürzere, im jeweils 2. Band die bedeutend längere Strecke zurückgelegt.

- Der jeweils 1. Band bringt nach und nach die Enthüllung eines wichtigen Geheimnisses: der Sendador als Mörder; das Grab der Mutter des Dschirbani.

- Der jeweils 2. Band schildert ein längeres Verweilen an einem Schauplatz mit Zentralisierung des Geschehens auf eine Person, die eine innere Wandlung erfahren darf: Der viejo Desierto wird in der Abgeschiedenheit seiner Behausung in der Wildnis von Schuldkomplexen befreit; der Mir von Ardistan durchläuft in der Abgeschiedenheit der Stadt der Toten die ersehnte Läuterung zum verantwortungsbewußten Edelmenschen.

Die Höhe des Gedankenfluges, die Verinnerlichung des Spätwerkes »Ardistan und Dschinnistan« freilich hat Karl May bei »El Sendador« noch nicht gemeistert. Aber in das Panorama von Schlammdelta bis Erlösungsfelsen baut er eine schlechthin mitreißende Handlung ein, deren geschickte Komposition Anerkennung verdient.

5. Der Spannungsbogen ist ausgezeichnet geführt, das eigentliche Anliegen - nämlich die Auseinandersetzung des »guten« Helden mit einem Verbrecher besonderen Formats und das Heben eines sagenhaften Schatzes - ist eingebettet in ein abwechslungsreiches, schier pausenloses Geschehen: Der Sendador wird beiläufig erwähnt (12/30, 31)und rückt dann unversehens in den Mittelpunkt (12/85ff.). Die Ereignisse um den angeblichen Kriminalkommissar und das famose Kriegsgericht lenken ab - und der an Spannung seinesgleichen suchende Höhepunkt am Ende dieser Episode, das Entkommen des Helden vor der Cadera-Bande, die Zuflucht im Rancho, wird durch eine ganz

unerwartete Wendung angereichert um einen weiteren Höhepunkt: ein Sterbender berichtet über einen vom Sendador begangenen Mord (12/247, 256, 275ff.). Und gleich darauf weckt ein leiser Peitschen schnalzer neue Spannung in anderer Richtung: Auf Seite 281 taucht


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der Name Pena auf, den der Erzähler bis dahin gelassen verschwieg. Ein weiterer Strudel von Ereignissen, losgelöst vom Sendador, mündet ein in die scheinbar nebensächliche Erwähnung der Ermordung eines Mannes namens Gomarra - und das erweist sich fast unmittelbar anschließend als Fährte zum Sendador (12/595, 630ff.). Das legt der Erzähler dann auch, zur Verdeutlichung, dem Frater Hilario in den Mund (12/665 unten). - In straffer Weiterführung des Spannungsbogens entsteht die geschickte Schilderung der Art des ersten Zusammentreffens des Helden mit dem Sendador - der regelrecht in die Handlung hineingeschleuderte Pena hat entscheidenden Anteil daran - und der vom Helden gewollten Flucht des Sendador: Das vom Leser lange erwartete Kräftespiel hat mit Macht eingesetzt. Es sieht so aus, als halte die Persönlichkeit des in dieser Gegend fremden Helden den mit allen Wassern gewaschenen, hier beheimateten Schurken in Schach, als könne es - rein aus der menschlichen Überlegenheit und Festigkeit des Helden heraus - ein Gentleman-Agreement geben, das der Lump, nicht ohne beachtenswerte Grandezza, einhält. Aber weil es einfach unmöglich ist, daß der eindeutig als Schuft entlarvte Sendador fortan wochenlang »gleichberechtigt« in Gesellschaft der ihn ja gerade entlarvenden Ehrenmänner dahinreitet und bildungsbeflissene Gespräche führt, muß der Erzähler sich jetzt etwas einfallen lassen. Und der Leser wird nicht enttäuscht: Beim neuen Zusammentreffen der Helden-Truppe mit dem Sendador sorgt die Disziplinlosigkeit Gomarras für das erzähltechnisch unerläßliche Umschwung-Moment. Der Sendador obsiegt, der Held wird in die Defensive gedrängt und begeht obendrein eine Dummheit, indem er in das Handgemenge eingreift, anstatt sich fern zu halten (13/144). Erklomm er erst hastig einen Abhang nach dem anderen, so liegt er jetzt unten und muß mühsam trachten, den weit vorangekommenen Gegner einzuholen. Die sich anschließenden Ereignisse, die allmählich - in mehrdeutigem Sinne - zur »Einkreisung« des Sendador führen, sind mehr als geeignet, zum Weiterlesen anzustacheln, und die retardierenden Momente, die sich aus der Voreiligkeit des Helden ergeben (13/372, 375), erweisen Karl May als einen klugen Erzähler und seinen Ich-Helden als strauchelfähigen Menschen, der in seinem Anspruch auf Omnipotenz des Korrektivs sehr wohl bedarf. Dann aber hat der Held wieder Tritt gefaßt, die Handlung jagt förmlich dem Kulminationspunkt entgegen und bleibt dem Leser - fast - nichts schuldig. Allein die Ereignisse an der Pampa


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de las Salinas und den sie umgebenden Felsen müßten genügen, um den Doppelband 12-13 in die vordere Reihe beliebtester May-Erzählungen zu rücken.

II

1. Und was nicht alles hat der Mann in diesen Erzählrahmen hineinverpackt - an inneren Stürmen, an nagenden Ängsten, an Wissen um die noch längst nicht überwundene eigene Unzulänglichkeit. Unbewußt bleibt ihm wohl zumeist, was ihm da eigentlich gelingt; aber manches auch entschlüpft gewiß dem Halbschlummer der die menschliche Unendlichkeit durcheilenden Seele und wird bereits beim Niederschreiben als das erkannt, was es ist, was Karl Mays schriftstellerisches Schaffen in dieser Form überhaupt erst ermöglicht: die dramatisch-symphonische Sehnsucht nach Befreiung.

Wie in anderen Werken, so ist auch in »El Sendador« Mays Eingehen auf (damals) aktuelle Geschehnisse und die Verarbeitung realer Hintergründe(5) die Dekoration der Bühne, auf der sein Innenleben sich in ständig neuer Gewandung vollzieht.

2. Gleich zu Anfang der Erzählung wird der Held mit einem berühmten Manne, dem Obersten Latorre, verwechselt und könnte hieraus Nutzen ziehen, und im weiteren Verlauf wird ihm sogar angeboten, für Latorres Partei in dessen Namen aufzutreten. Aber der ach so starrköpfige Held geht auf das verlockende Angebot nicht ein. In den Erzählrahmen hätte die Doppelgänger-Partie gut hineingepaßt; tolle zusätzliche Abenteuer hätten sich daraus ableiten lassen - aber in dem Doppelgänger-Motiv, in dem Paradieren als »großer Mann«, in dem Vortäuschen, eine staatstragende Persönlichkeit zu sein, steckt etwas, wovon Karl May loskommen möchte: die Angst vor der Aufspaltung der eigenen Seele, die Erinnerung an seine Hochstapler-Zeiten, die zu Freiheitsentzug führten, und auch der immer noch nicht überwundene Schock aus der »Affäre Stollberg«, die ihm die Verurteilung wegen Amtsanmaßung eintrug.(6) Nie wieder! hat er sich geschworen; und so kokettiert er mit dem Latorre-Spiel nur deshalb, um es mannhaft zu verwerfen. Die Scheu vor den üblen Folgen neuerlicher Anmaßung obsiegt.(7)

(Er verwendet den gleichen Einfall noch einmal in »Das Vermächt-


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nis des Inka« in bezug auf Dr. Morgenstern und hat hier sofort die glaubwürdige Erklärung zur Hand, daß ein braver - wenngleich mutiger und abenteuerlustig gesinnter - deutscher Gelehrter sich niemals auf betrügerische Manöver einlassen kann. Und ein solcher Gelehrter wollte Karl May ja gern sein!)

3. Es ist ja auch gar nicht nötig, den Helden mit dem Schein einer anderen Persönlichkeit zu umkleiden: er behauptet sich, furchtlos und beglückend autoritär, in diesem ihm fremden Lande sehr schnell und durchgehend aus eigener Kraft; seine Führernatur verfolgt Zwecke außerhalb der politischen Radau-Szene, weiß aber die Kulissen und Akteure dieser landespolitischen Arena geschickt und dreist zum Wohl des eigenen Ich einzusetzen und verschafft sich unausgesetzt Respekt.

Karl May und sein Ich-Held wissen nur allzu gut, daß sich in den dem Helden noch unbekannten Wildnissen Uruguays, Argentiniens und Boliviens kühne Männer schon längst adäquat bewegen und daß der Held sich mit ihnen messen muß, denn nur aus dem sieghaften Vergleich mit den Fähigkeiten landeserfahrener Abenteurer kann das Bild des landesfremden Helden Glanz gewinnen. Sein Anspruch, anderen Kundigen weit überlegen zu sein, muß konstant durch Beispiele der eigenen Tüchtigkeit belegt werden. Umgäbe der Erzähler den Helden nur mit eifrigen »Nullen«, so könnte der Held dem Leser ja kaum imponieren. Und Karl May bezieht natürlich nur aus seiner auf den Ich-Helden projizierten Überlegenheit über jeweilige - akzeptable -Könner ihres Faches seine Nahrung zum Weiterleben und Weiterkämpfen.

So schafft er sich eine stattliche Reihe erfahrener »Pampasläufer« als subsidiäre Helden, Repräsentanten verschiedener Berufe, die durch vertrauten Umgang mit der Wildnis zu achtunggebietenden Männern geworden sind: der Teesammler Mauricio Monteso, der Gottesmann Bruder Hilario (genannt Jaguar), der Urwaldsiedler Alfred Winter (genannt Desierto), der Rindensammler Pena, der Ranchero, Pfadfinder und Jäger Antonio Gomarra und - bedeutendster von allen - der Bergführer Geronimo Sabuco, El Sendador. Und ihnen allen, die hundertfach sich bewährt und Gefahren überwunden haben, läuft der deutsche Ich-Held eilends den Rang ab.

Das geht so behntsam, daß keinem Beteiligten ein Zweifel an der Selbstverständlichkeit kommt. Noch in seiner Wut ist Gomarra, noch


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in seinem Groll ist Pena, noch in seiner Gegnerschaft ist Sabuco nicht blind für die bestürzende Überlegenheit des ledernen Deutschen. Der Leser akzeptiert sämtliche Nebenhelden ob ihres jeweiligen Wertes und wäre verwundert, wenn sie nicht unweigerlich auf die hinteren Plätze verwiesen würden.

In jeder dieser Figuren ist ein Stück Biographie des Autors lebendig, und das Ringen mit ihnen markiert die Wegesmitte, an der er angelangt ist.

4. Mauricio Monteso ist der Vertreter der »besitzenden Klasse«, der sein Hab und Gut rastloser, zäher, ehrlicher Arbeit verdankt. May, zur Zeit der Niederschrift von »El Sendador« noch keineswegs wohlhabend, aber auf halbem Wege dorthin, läßt den Erzähler keinerlei Neid über das Landgut des Teesammlers empfinden, zeigt vielmehr deutlich, daß Besitztum ein gerüttelt Maß Sorgen und Mühen mit sich bringt. Und seine mutmaßlichen Vorstellungen vom eigenen, erhofften, künftigen, gediegenen Wohlstand kleidet er in das Motiv, das sich erfolgreich als Hilfsmittel gegen die Anmaßungssucht einsetzen läßt: »Mehr sein als scheinen!«(8) So will er es künftig halten - und so wird Monteso zunächst als zerlumpt und fast erbärmlich geschildert und dann als Caballero kenntlich gemacht. Er erscheint dem Erzähler an innerer Statur fast ebenbürtig: in den Szenen in Montevideo ist er überlegen, hilfreich, schützend, entwickelt kluge Gedankengänge in bezug auf Andaro und Latorre und die dem Helden zugedachte Rolle, und der Erzähler erweist ihm ein unverhohlenes Kompliment (12/85). Monteso beantwortet das bereitweillig mit einem Gegenkompliment (12/86) - und damit kehrt sich das Tableau zu seinen Ungunsten, hat sowohl der Held seine Schuldigkeit gegenüber Monteso getan als auch Monteso die Rolle des Mentors abgelegt. Sah es bis dahin so aus, als komme der Erzähler sich wirklich noch neu im Lande vor und strecke vorsichtig die Fühler aus, so ergreift er Montesos anerkennende Worte gleichsam als Rüstung, in die er schlüpft. Fortan brilliert nur noch er. Monteso kann sich ihm gegenüber nicht mehr behaupten, wird ins Unrecht gesetzt und darf nur noch froh und dankbar sein, daß es diesen sensationellen Deutschen gibt:

Das Motiv des sich rasant zum Helden mausernden Greenhorns -Spiegelung des für Karl May unerträglichen Gedankens, keine bewundernswerten Leistungen zu vollbringen. Seit »Der Scout«(9), worin die Greenhorn-Rolle noch konsequent beibehalten wurde, abgeschlossen


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vorliegt, ist der innere Entwicklungsprozeß ein gutes Stück vorangekommen, hat im Orient Kara Ben Nemsi bereits Lorbeeren eingeheimst, hat Old Shatterhand die jugendlichen Leser des »Guten Kameraden« begeistert. Das Greenhorn ist ein gestandener Mann geworden. So - nicht ausschließlich, aber a u c h - erklärt sich, daß das aus »Der Scout« übernommene Greenhorn-Motiv Jahre später in der Buchfassung von »Winnetou I« nur dünn aufgesetzt bleibt: May, inzwischen erfolgreich und angesehen, darf seinen Ich-Helden nie mehr in die Rolle des Lehrlings zurückdrängen, ohne an Selbstachtung einzubüßen; der junge Surveyor wird im Handumdrehen zum Helden und läßt alle, einschließlich seines Lehrers Sam Hawkens, hinter sich. So, wie May das sich selber und seinem Helden bei »El Sendador« am Beispiele Montesos und anderer vorexerziert hat.

5. Der Cascarillero Pena, alter Bekannter des Erzählers und im südamerikanischen Urwald sicherlich bewanderter als dieser, bleibt zweiter Geiger und Gefährte, setzt sich gegen die Führungskraft des Helden nicht durch. Die ihm zugebilligten Schlüsselszenen, in denen er statt des Helden zum Lichtträger wird - nämlich sein Losschneiden des Erzählers (13/149), seine Kenntnis der Dialekte der Einheimischen (13/172 ff., 191, 264, 295) und sein Wissen, daß der Desierto entgegen dessen eigener Überzeugung kein Mörder ist (13/340ff.) -, gründen sich nicht auf Großmut des Verfassers gegenüber einem sonst etwa benachteiligten Landsmann, sondern auf den Kummer (Pena = Kummer! 13/58, 74, 237), mit dem May sich hier auseinandersetzt. Zustandekommen, Art und Dauer der früheren Bekanntschaft des Erzählers mit Pena werden, im Gegensatz zu ähnlichen Schilderungen, recht beiläufig abgetan (13/56, 57): Mays gute Kenntnis des Kummers und der Sorge ist nicht auf nur ein bestimmtes Ereignis zurückzuführen, sondern ist die Summe vieler Einzelgeschehnisse. Als wesentlichen Fixationspunkt läßt er durchblicken, daß er zwar kein Goldsucher war, als er Kummer kennenlernte (13/56), aber was den Erzähler seinerzeit trieb, bleibt ungesagt, außer ein unbedachtes Wort habe ihn verraten können: Die Hochstapler-Delikte, begangen im Zustand eingetrübten Bewußtseins, wenn nicht regelrechter Bewußtseinsspaltung, auf der Suche nach materiellem Gewinn, aber auf lächerlich niedriger Ebene angesiedelt und dank Unvorsichtigkeit des Missetäters nie von bleibendem Erfolg gekrönt - eben die Dämmerzustände verhindern ja konsequente Durchtriebenheit -, führten ins Abseits und ins Elend;


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der Kummer triumphierte. Und dieser Kummer, seither schon in vielen Masken ins Werk des Schriftstellers May hineingesetzt, wird hier auf halbem Wege mit eben diesem Namen auf die Szene gezerrt, damit er gerade hierdurch seine Schrecken einbüßt(10): Der Kummer erhält Gelegenheit zum Kräftemessen mit dem Erstarkenden, der bereit ist, sich in jedem Neuland zu bewähren. Deshalb auch talpen der Erzähler und sein Gefährte Kummer allein durch die Wildnis (der Seele) und suchen den Ausweg.

Der auf dem Weg vom Irrtum zur Wahrheit befindliche Mensch - und Erzähler - nutzt in schwieriger Situation geradezu den Kummer, Pena, um daran zu wachsen und den Blick für Erkenntnisse zu schärfen. Pena beherrscht die Dialekte der Eingeborenen und ist damit dem Erzähler voraus, aber dieser denkt gar nicht daran, nun etwa Pena die Führung zu überlassen. Für ihn ist Pena ein Dolmetscher, ein Hilfsorgan. Auf dem Wege zur Straffälligkeit ließ Karl May, unerfahren und wirr, sich auf das Risiko der vielen unbekannten Faktoren ein - und zahlte mit Schmerz und Kummer; auf dem Wege zur Rettung lernt er, den Kummer nicht als drohend und verschlingend, sondern als ernst-freundlichen Mahner zu sehen und die vom Kummer vermittelten Einsichten zur Förderung des eigenen Nutzens im positiven Sinne zu verwenden.

Und auch dem Bemühen, in die von Widersprüchen beherrschte Einstellung zu dem inzwischen verstorbenen Vater Heinrich May versöhnliche Farben zu bringen, gilt die katalysierende Macht des Schmerzes: Der viejo Desierto wird durch Penas Bericht aus einem viele Jahre währenden Grauen erlöst. Ausgerechnet der sich gebieterisch zu Wort meldende Kummer also bewirkt die Befreiung von der Last, die auf unziemlichen Selbstvorwürfen beruht. In Karl May klopft die Bewußtwerdung an, daß die Mittel zur Lösung eines Konfliktes sich überraschend aus eben dessen Ursache ergeben können.

6. Alfred Winter, der alte Desierto, ist eine fesselnde Figur - und doch bleibt er dem Herzen des Lesers fern, weit mehr als der verbrecherische Sendador. Hier ist Karl May aus besonderen schöpferischen Unterschichten seines Talentes ein Wagestück erster Ordnung gelungen (zur absichtlichen Gestaltung war er um diese Zeit wohl kaum fähig): Bei allem Eintreten für die Anliegen und die Interessen des etwas unheimlichen Mannes wissen Autor und Erzähler eine ruhig-kritische Distanz zu wahren, eben jene Distanz, die Karl May zu ganz


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bestimmten, jeweiligen Teilaspekten der in ihm virulenten Bilder seiner selbst, seines Vaters und seines Schwieger(groß)vaters hat.

Im Kampf mit feindlichen Uniformträgern (Winter: Soldaten; Karl May: Polizisten, Justizwachtmeister) ist dem vom Schicksal Verfolgten ein einziges Stübchen (Zelle!) geblieben, wo seine auf den Tod kranke Lebensgefährtin (Seele) darniederliegt (13/336). Dieser Zelle entkommt Karl May, aber seine Seele liegt in den letzten Zügen, und wie vom Wahnsinn befallen flüchtet er. Er fängt sich, erlegt sich Buße auf, läßt sich das Wohl schlichter, aber wertvoller Menschen, denen er vieles Nützliche beibringen kann, angelegen sein: Er schreibt Geographische Predigten und Erzählungen und Reiseschilderungen für das Volk. Der Flüchtling Alfred Winter wird zum Wohltäter der honorigen Toba-Indianer. Der Erzähler ist fern davon, all die Verdienste des Büßenden nicht anzuerkennen, aber er bleibt gelassen: Karl May ist sich des durchgreifenden Erfolges seiner Mühen noch nicht sicher und hütet sich, auf halbem Wege angelangt, vor überschwenglichem Eigenlob. Sorgfalt muß er bei den bereitwillig Lernenden walten lassen, denn will man ihnen das sogenannte Glück aufzwingen, werden sie starrköpfig (13/243, hier unwesentlich verändert). So steht nüchterne Einschätzung des Umfeldes neben betontem Selbstbewußtsein; die Spaltung des Autors, mit all ihren Akzenten und übergreifenden Fasern, liegt in »El Sendador« offen zu Tage.

Das angestrebte gute Verhältnis zu seiner Leserwelt vor Augen, garniert er die Abkehr von lockender Versuchung - die sich schon im prononcierten Verzicht auf das Latorre-Rollenspiel ausdrückte - in anderer Form, überläßt sich dem Zweifel, ob er sich auf irgend etwas, das außerhalb seines eigenen seelischen Kräftereservoirs liegt, als Stimulans und Helfer verlassen darf, oder ob er sich nur ein neues Joch überwirft, wenn er dem Tabakgenuß huldigt: Der Desierto tischt Zigarren auf und verbreitet sich über ihre Fabrikation durch die Tobas und hielt uns die Cigarrenkiste hin - aber ob der Erzähler zugreift, erfährt der Leser nicht (13/243, 244); und auch ein Weilchen später heißt es nur, Wir . . . mußten uns Cigarren einstecken (13/251) - von a n stecken (anzünden) ist nicht die Rede. Der Zigarrenliebhaber Karl May schafft Distanz zum geliebten Laster.(11)

7. Fast spukhaft bringt Heinrich May sich im Desierto zur Geltung: Er ist es, der sich rührend um die Kranke kümmert, der bis zuletzt bei ihr ausharrt, der dem frechen Störer des häuslichen Friedens entschlos-


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sen entgegentritt (13/336, 337) - ein Bericht, der tiefen Eindruck auf den Erzähler macht. Reckt sich hier Erinnerung an eine zeitweilige Entfremdung zwischen den Eheleuten Heinrich und Christiane May entstanden aus Christianes Hinwendung zu einem anderen Mann(12), einem gesellschaftlich Höhergestellten, der aber nichts taugte? Der vielleicht Mediziner oder angehender Mediziner war - beruflich mit der Hebamme Christiane May bekanntgeworden? Den Heinrich May hart zurechtwies? - Viele Jahre macht er sich Vorwürfe: Er glaubt, mit seinen Strafmaßnahmen zu weit gegangen zu sein, wertvolles Lebensgut durch heftiges, unkluges Handeln unwiederbringlich vernichtet zu haben. In der Erzählung ist das auf den Eindringling gemünzt; in Heinrich Mays Biographie(13) trifft es natürlich seine Frau, der er vielleicht zeitlebens nicht alle notwendige Wärme entgegenbrachte, und seinen Sohn, den er in so vieler Hinsicht falsch behandelte und der sich eines Tages erdreistet hatte, als Arzt aufzutreten, und der die Nachsicht des Vaters übermäßig strapazierte.

Die Erinnerung an Verfehlungen, an Strafen, an des Vaters Schwanken zwischen Abkehr und Achtung, schafft sich Durchlaß, ohne während dieser Desierto-Szenen den Autor zu übermannen: Den Knaben, den wehrlos dem Zugriff Ausgelieferten, hatte der Vater noch roh mit dem birkenen Hans strafen können - ein Bild, das sich glaubwürdig in die Erzählhandlung eingesprenkelt findet, indem der Desierto dem aller Waffen baren - wieder einmal in die Pose einer neuen Identität geschlüpften - Erzähler mit dem Ruder einen tüchtigen Hieb verabfolgt (13/274). Dem erwachsenen, »verlorenen« und um gute Tatenbemühten, heimkehrenden Sohn gegenüber legt der Vater zunächst eine abwartende Haltung an den Tag: »Wir sind in großer Sorge«, sagt er (13/303), als der Zurückgekehrte als Beweis für die ihm zukommende Vertrauenswürdigkeit dem Vater das überwundene Böse verschnürt und geknebelt vor die Füße legt. Später freilich gesteht er: »Nachdem ich gesehen habe, was Sie wagen und fertig bringen, fühle ich mich stark genug. Sennor, ich habe Sie sehr um Verzeihung zu bitten. Ich traute Ihnen beiden - dem Sohn und dem diesen auf Schritt und Tritt begleitenden Kummer! - nichts Gutes zu«. Der Desierto hat sich willig den Vorschlägen des Ich-Helden gefügt, wiewohl er - Winter - die Indios seit Jahren und viel besser kennt als der Erzähler und dank seiner Erfahrungen die Situation beherrschen müßte. Das spiegelt den Vater, wie Karl May ihn sich wünschte, wie er aber sicherlich nicht durchweg


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vor den Augen des büßenden Sohnes stand. Und dünn zeigen sich die Konturen des Wunsches, dem Vater Fehlverhalten anzulasten, damit die Schuld des Sohnes nicht allzu fürchterlich erscheine.

Auf der Mitte zwischen »Deutsche Herzen - Deutsche Helden« und »Old Surehand« läßt Karl May dieses ihn jahrzehntelang bewegende Thema hier in »El Sendador« schon kräftig anklingen, aber er weicht doch der vertieften Darstellung aus, fühlt sich noch nicht reif dafür, läßt seinen Ich-Helden mit Bekennermut sagen: »Gott hat mich nicht zum Richter über irgend einen meiner Nebenmenschen(14) gesetzt. Ich bin wohl ein noch größerer Sünder als Sie und kann mich an Stärke der Reue nicht mit Ihnen vergleichen.« (13/334)

8. In das düstere Vaterbild mischt sich noch ein anderes, das May kritisch-distanziert mustert: Christian Gotthilf Pollmer droht an der Schaffenskraft im nachhinein zu zehren - und mit ihm Emma, seit elf Jahren Frau May und dies für noch einmal rund elf Jahre (ohne daß Karl May letzteres bereits weiß). Lange vor dem kühnen »Silberlöwen I«, mit dem er die Auseinandersetzung um Rettung oder Beendigung seiner Ehe betreiben wollte(15), springen ihm die Sätze aus der Feder, die man nur mit Beben lesen kann: Das Mädchen machte einen ganz eigenen Eindruck auf mich; es war, als ob ihr Herz und ihr ganzes Wesen offen vor mir liege, und doch saß sie als ein Geheimnis vor mir, dessen Enthüllung man unterläßt, weil es einem heimlich graut (13/222). Die Schilderung der Begegnung mit Emma, in »Mein Leben und Streben«, S. 187, zwanzig Jahre später niedergeschrieben, ist erschreckend gleichartig.

Unica, das Halbblut, Tochter eines unehrenhaften Strolches, die sich in Beziehung auf Schönheit mit jeder weißen Porteña (hätte) messen können (13/219), vom Apotheker Winter in allen Allüren einer Stammeskönigin bestärkt, ist der Abklatsch des ganz eigenartigen, geheimnisvollen Mädchens Emma(16), der Tochter eines kaum sehr ehrenhaften Umherziehers, die vom Barbier, Chirurgus und Homöopathen Pollmer in all ihrer Hochnäsigkeit gefördert wurde. Und nicht nur darin: Auch die Zweifel des Mädchens an der Integrität des von ihr Geliebten (zumindest: für eine Verbindung Ausersehenen) schürt der Alte fleißig; die Verbindung Unica-Horn findet ebensowenig ungeteilte Zustimmung dieses finsteren Kräutermischers wie damals die Verbindung Emma-May. Nimmt es wunder, daß Adolf Horn, der tüchtige Mann, zu Unrecht verdächtigt wird? Legte man nicht Karl


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May, dem um Rechtfertigung Bemühten, einst Taten zur Last, die er nicht begangen hatte? Und wehrt er sich jetzt nicht noch immer - sogar mit ungewohnter Schärfe: »warten Sie mit seiner Verurteilung, bis Sie sichere Beweise haben. Ich habe schon manchen Menschen kennen gelernt, dessen Mitmenschen ihn moralisch steinigten, und dann stellte es sich heraus, daß er rein war - reiner vielleicht als sie. Ich betrachte selbst den Gestrauchelten, den Gefallenen als einen Mann, der sich wieder erheben kann, der sich früher oder später erheben wird, und halte es für meine Pflicht, ihm die Hand zu reichen, indem ich der Worte des Heilandes gedenke, daß nur derjenige, welcher ohne Fehler ist, den ersten Stein auf den Sünder werfen möge« (13/241-42)? Das ist deutlich - und für Karl May notwendig, um seine von ihm errungene moralische Überlegenheit über diejenigen zu festigen, die - hinter Emma aufgebaut und Emma als Sprachrohr vorschiebend - immer noch Schatten werfen: der Münchmeyer-Clan. Hierauf wird noch zurückzukommen sein.

Sehr lebendig und sehr aufdringlich, sehr darauf bedacht, nicht übersehen zu werden, stark extravertiert und Kampfspielen mit Frauen zugeneigt und nicht so liebenswert, wie sie eigentlich wohl sein sollte, so präsentiert sich Unica. Verglichen mit den früheren positiven Mädchengestalten der Reiseerzählungen, Hanneh, Ingdscha et al., und den späteren, Nscho-tschi zum Beispiel oder Martha Vogel, der idealisierten Geliebten, kommt Unica nicht sonderlich gut weg. Der Psycholog Karl May hat hier einmal besonders scharf durchs Pincenez gelugt: Unica steht halbwegs zwischen der gefallsüchtigen Emma Vollmer (!) aus »Scepter und Hammer« und der betulichen Pekala aus »Silberlöwe III«. Zufall ist dies nicht.

Schleunigst - um die Gelassenheit und die Distanz zu wahren -wendet Karl May sich ab von dem Geheimnis . . ., dessen Enthüllung man unterläfßt, weil es einem heimlich graut: So wenig er seinerzeit den Ursprung der Adlerhorst-Tragödie aufzudecken vermochte(17), So wenig kann er im jetzigen Stadium offen die Enttäuschung über seine Ehe an die Öffentlichkeit zerren. In den Tiefenschichten seiner Seele hat er das Geheimnis ihres Mißerfolges längst durchschaut; darüber zu sprechen, wäre jetzt - nach der Hälfte der Strecke - verderblich für den Fluß der hoffenden Phantasie, die ja ständig aus dem Wust der Erinnerungen schöpft. Zum unverblümten Austragen der Problematik und zum Fixieren des Namens Emmeh findet er erst nach Jahren, als er in


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der Auseinandersetzung mit sich selbst Zuflucht zum Propagieren der Old-Shatterhand-Legende genommen und auf deren Höhepunkt Abstand von den Gespenstern und Mut zugleich gewonnen hat. Im Vorfeld der Cordilleren ist noch kein Raum dafür. Hier münzt er, als Gegenkraft zu den Schatten, die von Menschen aus der Heimat herüberragen, Kindheitserinnerungen von der heimatlichen Vogelwiese zu köstlichen Randereignissen im Toba-Dorf um - Randereignisse, deren Schilderung das Herzensgemüt dieses ewigen großen Kindes erhellen: Der kleine Bube, der das heiße Fett auffängt (13/413, 414), und der urkomische Hornist mit seinen beängstigenden Leistungen (13/358, 359, 360, 425) sind bestechend authentisch.

9. Uberhaupt mangelt es nicht an hellen, stärkenden Bildern, an aufquellender Dankbarkeit und an Mahnungen zur Selbstzucht. Deutlich wird dies an den beiden »bärenstarken« Gestalten, denen der Erzähler in herzlicher Zuneigung zugetan ist: Bruder Jaguar, dem Kenner der Wildnis, und dem - ebenso wie der Erzähler in der Pampa fremden - deutschen Schiffssteuermann Hans Larsen.

»Halt! Sie reiten ins Verderben!« Mit diesen wirkungsvollen, aufrichtigen und überraschende, unerwartete Wendungen einleitenden Worten führt sich ein Laienbruder ein (12/247), der allen Situationen gewachsen ist und der für den Erzähler, als dieser sich nach äußerster Anspannung seiner Kräfte in schier auswegloser Lage befindet, zum Retter wird. Besser hätte Karl May seine Schuld an den GefängnisKatecheten Kochta(18) kaum abtragen können. Kochta bewahrte ihn vor den ihn jagenden Mächten des Bösen und erwies sich als weit über einen etwa nur provinziellen Horizont hinaus lebenskundig. Ein Mann, den ein vom Erzähler knapp angedeutetes hochinteressantes Geheimnis (12/252) umgibt, das nie gelüftet wird: Sinnbild jenes dem Katecheten Kochta zugeschriebenen Wissens um »Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«, das er seinem Schützling vermittelt. Ein angebliches Buch dieses Titels ist nie entdeckt worden - doch daß von Kochta bedeutende Impulse auf May übergingen, ist unstreitig. Ihm räumte Karl May in seinem Seelenleben daher gern einen bedeutenden Platz ein - und folgerichtig findet Kochtas starker Einfluß auf den Gefangenen seinen Ausdruck in Frater Hilarios, des Bruders Jaguar, ungewöhnlicher Körperkraft (12/258, 259, 404) und in der Macht seiner brennenden Augen (12/259, 260). Mays stetige, unverbrüchliche Bindung an eine


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weltoffene Religion, jenseits aller Konfessionen und Rituale, wird erkennbar. Als zusätzliche Konsequenz ergibt sich, daß Bruder Jaguar - als einziger der Reisegefährten (den Sendador immer ausgenommen) - ein kaum hinter dem Erzähler zurückstehender Protagonist ist, dem die Führerschaft des Trupps glaubhaft zuzutrauen wäre. (19) Erzähltechnische und psychogene Gründe lassen dies freilich nicht zu - doch wird durch betont respektvolles Verhalten vor dem Frater, durch Herausstellen seiner Vorzüge, wettzumachen gesucht, daß der Erzähler den ihm vom Bruder Jaguar willig eingeräumten Vorrang einem geschickten Trick verdankt: Das zweite Fortnehmen des Hutes von der Bank (12/285-287) spiegelt noch einmal schalkhaft den Übermut des auf den Bluff angewiesenen Hochstaplers: »Seht ihr, so laßt ihr euch täuschen!« Auf diese Weise zum Zuge gekommen, ist sich der ernsthaft um Läuterung Ringende aber auch der drückenden Verpflichtung bewußt, daß der Anspruch, andere führen zu wollen, immer neu erkämpft und verdient werden muß - zumal vor dem im Buch und im Leben hochgeschätzten Gottesmann, in dessen Augen der Kämpfer ja schon aus Selbstachtung heraus makellos dastehen möchte. Und glücklicherweise hat er ja mehr als nur Tricks auf Lager.

10. Hans Larsen, der friesische Steuermann, ist eine für die äußere Handlung im Grunde entbehrliche Figur, erfüllt aber für den Autor einen mehrfachen Zweck: Erstens verkörpert er, ein Landsmann des Erzählers, den einsichtigen Landesfremden, der bei allen ihm eigenen Vorzügen gut daran tut, die Begleitung umsichtiger Einheimischer nicht abzulehnen, sondern sich ihrem Schutz anzuvertrauen, und der sich keine Führungsrolle anmaßt. Damit wird die Tatsache, daß ausgerechnet ein Landesfremder - der Erzähler - die Führung der Reisegruppe an sich gerissen hat, deutlich unter den Aspekt der Ausnahmesituation gerückt: Nicht etwa als Europäer ist er a priori den Einheimischen überlegen, sondern einzig aufgrund seines individuellen Charismas; und mit diesem ist er ausgestattet, weil Gott ihn zur Bewältigung schwerer Aufgaben ausersehen und ihm daher bestimmte Gnadenerweise erteilt hat. Larsen aber unternimmt die Reise nicht um höherer Zwecke willen - und ordnet sich gelassen unter. Zweitens verkörpert dieser Steuermann, der mühelos ein Schiff durch den Sturm in Sicherheit zu lenken weiß, in seiner Eigenschaft als Untergeordneter den unerläßlichen Mate: Ruhe, Stehvermögen und Riesenkraft des Steuerers allein tun es nicht, wenn das Lebensschiff ins Trudeln gerät; es


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bedarf auch der geistigen Durchdringung - und Beherrschung - der Situation durch den Kapitän(20), der von höherer Warte aus Rundschau hält und dem Steuermann die angemessenen Weisungen erteilt, der aber samt seinem Schiff verloren ist, wenn er die Fähigkeiten seines Mate falsch eingeschätzt hat. Harmonisches Zusammenwirken scheinbar gespaltener Teile - danach strebt Karl May; hier, auf halbem Wege, stellt er diese Erkenntnis mächtig neben sich hin - jederzeit greifbar, doch nicht hindernd. Drittens verkörpert der Gefolgsmann Larsen dank seiner ungeheuren, immer wieder gebremsten Muskelkraft(21) das Prinzip der dosierten, klug gesteuerten Gewalt, von der der Edelmensch gar nicht ungern weiß, daß auch s i e ihm zur Verfügung steht, die er aber nur sehr sparsam und in ganz pointierten Umständen - und dann ungemein effektvoll, ohne spätere üble Folgen für ihn einsetzt (12/495, 496). Die nackte Gewalt kann, wenn unkontrolliert gehandhabt, geistige und seelische Kraft-Faktoren lähmen und bewirkt damit Destruktion: Karl May ruft es sich anhand des dem Steuermann zugestandenen kleinen Jongleuraktes (12/405) ins Gedächtnis und zementiert seinen Entschluß, seinen Weg unter steter Aufbietung geistigen und seelischen Potentials zu finden und dem Dämon Gewalt, der nur Leiden bringen kann, keine Herrschaft über sich einzuräumen. Wobei »Gewalt« den Begriff »Unrecht tun« schlechthin umfaßt.

Ohne Zögern, aber mit dumpfem Unterton greift er ein Motiv aus »Waldröschen« wieder auf: Bei der Befreinng der Gefangenen von der Insel im Ozean - einer der schier unzähligen Befreiungsszenen bei May - hat der Retter als erstes eine ergreifende Begegnung mit einem starken Mann (Olms-Reprint Bd. 3, S. 1406-1408; Ges. Werke, Radebeul, Bd. 53/150-152) - ebenso aber auch der als Befreier agierende Erzähler auf der Isleta del Circulo (13/453-454). Dient Kapitän Wagners ergreifende, d. h. seelisch anrührende Begegnung mit Sternau der Manifestation einer dank Verankerung im Göttlichen unerschntterlichen Psyche, so verschafft die ergreifende, d. h. zur physischen Umklammerung führende Begegnung des Erzählers mit Larsen dem Autor die Gelegenheit, seinen Helden zum Sieger über das für unbesiegbar Gehaltene - und zwar sehr »handgreiflich« - werden zu lassen.

Die Körperkraft Hans Larsens ist weit vordergründigerer Natur als die des Bruders Jaguar, entbehrt aber nicht ihrer subtilen Reize. Ihre Demonstration, im Lichte des vorerwähnten Prinzips der dosierten,


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klug gesteuerten Gewalt gesehen, bezeichnet die Umsetzung von Mahnungen und Erkenntnissen aus den Tiefen des Unterbewußtseins in graphische Szenen: Unversehens kann einem Schurken die Luft ausgehen (12/495, 496, wie oben) - und gar die absolute Ehrlosigkeit wird urplötzlich besonders empfindlich gestraft, weil sie durch ihre unausgesetzten Schindludereien die rächende Gewalt geradezu herausfordert. Cadera, der Erzlump, der widerrechtlich Uhr (!), Ausweise (!), Geld (!) und anderes an sich bringt und im Angesicht der Entdeckung seiner Schandtaten frech leugnet (!), büßt beinahe die rechte Hand ein (12/504, 505). Karl May braucht seine rechte Hand; sie erschreibt ihm den Lebensunterhalt und den Weg in die Freiheit. Er ist nicht gewillt, das noch einmal aufs Spiel zu setzen.

11. Distanzierung von der Gewalt als Mittel zum Durchsetzen des Willens zeigt sich auch im Rückgriff auf das Motiv der erfolglos angewandten Prügel»strafe«, die andere für den Helden vollstrecken müssen (12/76-77; 13/319). Prügel tilgen nicht das Delikt und bessern nicht den Delinquenten. Der »birkene Hans« des Vaters war stets ein Mißgriff. Und daß May, als Prügel bei dem verschlagenen Yerno nichts fruchten, eine ausgeklügelte Marter ins Spiel bringt, mittels derer dem Schuft die Zunge gelockert wird (13/321 ff., 328, 344), ist keineswegs Freude des Autors an Grausamkeit jenseits aller Prügel: Sie versinnbildlicht vielmehr die Tatsache, daß die scheinbar sanfte, in ihrer Wirkung jedoch tückische Verwendung eines Naturgutes, das eigentlich lebenspendend sein soll, größere Qualen hervorzurufen vermag als offene Roheit. So ergeht es, in zweimaliger Rückspiegelung, dem »Schwiegersohn« - und damit Ehemann - Karl May. Das Bild bedarf keiner weiteren Erläuterung. - Dieser Yerno ist vielbödig. Und daß May sich selbst und die Leser im unklaren läßt über das weitere Schicksal des Gefangenen (die letzte Erwähnung der Person des Yerno, 13/472, erlaubt keine Prognose), ist untypisch und typisch zugleich: Mit diesem zerschundenen, wunden Mann ist May innerlich noch nicht fertig; er wagt kein Verdikt über ihn - weil er sich der Entwicklung des E h e m a n n e s Karl May hier, auf halbem Wege, noch nicht sicher ist.

12. Die von Zügellosigkeit und Gewalttätigkeit ausgehende Verderbnis, der der Held entgegentreten muß, die aber ihren Ursprung in einer aus Milieuschäden und unbewältigter Demütigung geborenen Fehlentwicklung hat, bannt Karl May, auf halbem Wege des Schaffens


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prozesses, mit einigen wenigen kühnen Strichen lebendig und aufrüttelnd aufs Papier: Antonio Gomarra, stolz, wild und vom eigenen Anspruch auf Vergeltung überzeugt, bindet in sich ganz prägnante Partien des von seelischen Zerreißproben bedrohten Karl May ebenso wie bestimmte dunklere Teile des Vaters Heinrich May. Ungemein differenziert setzt die Seele Karl Mays durch das Instrument der von tastenden und durchbrechenden Gedanken dirigierten Schreibfeder sich mit dem Schrecken vor dem eigenen Ich und dem ambivalenten Vaterbild in den Gestalten des Desierto, des Sendador und des Antonio Gomarra auseinander. Jeder erfüllt eine andere reinigende Funktion, und Mays schriftstellerisches Können legt hier eine Talentprobe ersten Ranges ab. Die Bilder durchdringen einander in rascher Folge, und ob auch von Szene zu Szene wechselnd der Sohn zum Vater und der Vater zum Sohn wird: May hat das Heft fest in der Hand; die innere Stimmigkeit bleibt voll gewahrt; und die vorstrukturierten Spiegelungen lassen sich mühelos ablesen.

Von schlichter Herkunft, unternehmerisch und in mancherlei milieugetreuen Formen des Broterwerbs bewandert, handelt Antonio Gomarra sich sogar einen Offiziersrang ein (12/595). Stolz betont er, er habe Lesen und Schreiben gelernt und möchte mit keinem tauschen (12/607). Er ist vom Leben enttäuscht und ist ungehemmt jähzornig. Die geistig-seelische Überlegenheit eines anderen vermag er anzuerkennen, doch er befindet sich im Widerstreit zwischen dem Wunsch, zum eigenen langfristigen Vorteil von dieser Erkenntnis - der Überlegenheit eines anderen - zu profitieren, und trotzigem Aufbegehren, das keine Knebelung brodelnder Emotionen duldet. Die Parallelen zu Heinrich May (»Mein Leben und Streben«, S. 9 unten ff.), dem Unsteten, der sich in vielen Betätigungen versuchte, dem Hauptmann der heimischen Bürgerwehr(22), dem Mann mit zwei Seelen, springen ins Auge. Gomarra hat, infolge der Leidenschaft eines anderen, das Liebste verloren, das er besaß - den Bruder -, und sinnt unerbittlich auf Rache; sie wird sein Verderben. Die Bilder mischen sich: Mußte nicht Heinrich May den einzigen ihm verbliebenen Sohn eines Tages als »verloren« betrachten - Opfer trügerischer Glitzervorstellungen? Und stand einst, lange vordem, auch die Ehefrau im Begriff, verloren zu gehen? Richtete Heinrich May heftige Angriffe gegen den in einer höheren sozialen Schicht angesiedelten Friedensbrecher? Die Frage stellt sich immer wieder. Alfred Winter und der Militärarzt - Antonio


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Gomarra und der Sendador. Der Arzt, zumal Offizier dazu, rangierte gesellschaftlich vor dem Apotheker; der berühmte Andenführer Geronimo Sabuco durfte sich mehr dünken als ein schlichter ChinchillaJäger. Phantasie und Kunstgriff des Schriftstellers drapierten die Situation einmal so, einmal so, aber ihr nacktes Gerippe macht ihm innerlich zu schaffen.

Bildhaft als Gerippe heraufbeschworen, aber von sublimierter Gedankenwelt umhüllt, wird diese Ur-Situation ein gutes Dutzend Jahre später, als Kara Ben Nemsi in unterirdischen Ruinen sich der Begegnung mit dem Skelett stellt und den Großen Traum durchlebt (»Silberlöwe IV«, S.305, 332, 348), in einer Weise bewältigt, welche Befreiung gewährleistet. Und ein gutes Dutzend Jahre vor »El Sendador« blieb es noch beim rudimentären Versuch des am Anfang des Weges Stehenden, das »skeleton in the cupboard« aus sich selbst heraus, als »Klapperbein«, nicht ohne krude Gruseleffekte, unheilüberwindend wirken zu lassen: »Der Herrgottsengel«, neben »Des Kindes Ruf« Mays packendste der kürzeren Geschichten aus der Frühzeit, bringt eine nachdenklich stimmende Variante des Themas.

13. Und ein weiteres Klicken des Kaleidoskopes zeigt Antonio Gomarra in einer weichen Stunde (12/628), in der er sich dem Erzähler offenbart, und dieser berichtet Gomarra von der Bluttat, die der Sendador beging, und erläutert, wie nach seinen Vorstellungen die Schande gelöscht werden kann (12/655-658). Heinrich May sucht ein vertrautes Gespräch mit dem Sohn, um alles Fremde, alles Trennende zwischen ihnen zu beseitigen, wohl auch, um den überlegenen Geist des Sohnes auf die Sorgen des Vaters zu lenken, Hilfe vom Sohn zu erbitten. Der Sohn ist zur Hilfe bereit, denn auch ihn drängt es, seinerseits dem Vater Vertrauen entgegenzubringen -, und er will imponieren: er sagt, was ihn bewegt, verweist auf die in die Zukunft deutenden Hoffnungen.

Aber Reue über die notdürftig kaschierte Renommiersucht stellt sich ein: »lch bin schwach gegen Sie gewesen« (12/658) - gegen die Versuchung nämlich, die das Imponiergehabe anstachelte. Warum mußte er zur Unzeit sein Wissen um den Mörder Juan Gomarras vor Antonio Gomarra herausstreichen? Da marschieren sie auf, die Selbstvorwürfe über voreilig begangene Handlungen, deren Folgen nicht bedacht worden waren und die nicht zuletzt aus Großtuerei entstanden - der Kerzendiebstahl im Seminar, die Aneignung der Uhr und der


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Zigarrenspitze, die Beschlagnahme des angeblichen Falschgeldes, die Albin-Wadenbach-Mär.(23) Die immer neue Suche nach der Identität hat absonderliche Blüten getrieben, läßt einige davon auch noch in »El Sendador« sichtbar werden.(24) Und diese Identitätssuche geht ja Hand in Hand mit der Suche nach der verlorenen Liebe und mit dem unbeirrbaren Festhalten am Glauben als einzig festem Fundament. Karl May hatte ihn; bei Heinrich May sind wir nicht so sicher. Manches deutet darauf hin, daß der Weber May mit seinem Gott in Fehde lag.(25) Im Ringen um des Vaters Anerkennung, im Bestreben, ihn alles mit den Augen des Sohnes sehen zu lassen - der es sich eben auf seinem »Weg nach oben« nicht leicht macht -, erleidet Karl May eine Niederlage. So wie der erzählende Held sich nicht in der gewünschten Weise bei Gomarra durchsetzt. Der Frage nach Gomarras Einstellung zu Gott und zur Religion weicht Karl May sorgfältig aus; eine dezidierte, aber anders auch kaum mögliche Aussage, die Ermordung eines Geistlichen sei eine unverzeihliche Sünde (12/657), ist das einzige Indiz, daß Gomarra eine Glaubenswelt besitzt oder besaß. Aber den von ihm propagierten Totschlag an dem Sendador sieht er nicht als Sünde an; er selbst vergreift sich auch bedenkenlos an einem Geistlichen (13/113, 114); hier zeigt der Zwiespalt die Krallen, und die Spiegelung zwingt zum Grübeln. Warum verweist der Held gerade diesen rachsüchtigen Menschen nicht auf die strafende Hand Gottes, auf die stärkende Gewißheit »Mein ist die Rache! spricht der Herr«? Kein Versuch wird unternommen, Gomarra vom Religiösen her zu packen - nicht einmal vermittels des respektheischenden Bruder Jaguar. Das gibt zu denken. Ein Gericht, bestehend aus den Mitgliedern der Reisegruppe, soll den Sendador verurteilen, wobei Gomarra der Part des Anklägers zugebilligt wird (13/535); eine sehr weltliche, aber von der Qualifikation ihrer Mitglieder her höchst anfechtbare Institution wird zur unbefriedigenden Lösung des Problems bemüht. Dieses famose Zivilgericht hat genau so wenig Daseinsberechtigung wie das Militärgericht (12/206) -von dem noch die Rede sein wird. May nährt hier nicht nur seine Zweifel an der Unzulänglichkeit mancher menschlicher Einrichtungen, die über Recht oder Unrecht befinden sollen; er mahnt auch, daß menschliche Anmaßung sich nicht unterfangen darf, anstelle des ewigen Richters handeln zu wollen, wenn ihr die innere Autorität dazu fehlt. Die Bestrafung des Sendador wird durch ein »Gottesurteil« bewirkt - und die Überlegung, warum der Erzähler seinen Widerpart


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Gomarra nicht in Erörterungen über Glaubensmomente verwickelt hat, mündet in die Frage: War Gomarra ein Gottloser - trotz seiner Aussage über den Mord als Sünde? Und ist eine Periode drückender Glaubenslosigkeit im Leben Heinrich Mays hier abgespiegelt? Eine Zeit, in der er nicht ansprechbar war, in der Enttäuschung, Gram und Bitterkeit ihm den Blick ins eigene Herz verstellten? ». . . früher nicht der finstere, verbitterte Mann«, (sondern) »ein munterer, lebenslustiger Mann«, bis zur »Ermordung (des) Bruders«, heißt es 12/629, 630 - und hier kann ein Schlüsselmerkmal liegen für den Versuch, Karl Mays schwankendes Verhältnis zum Bild des Vaters auch unter dem Aspekt der Einstellung zu Gott und zur Ergebung in dessen allweisen Ratschloß zu ergründen.

Karl May hat Ansätze zur Klärung vorgenommen: Von Gomarra führt ein dorniger Pfad über Abd Asl zu Old Wabble - den Vaterfiguren, die Gott schänden und ein so böses Ende nehmen. Und im Verlaufe des sich innerlich vollziehenden Prozesses reinigt Karl May das Bild soweit, daß er in bezug auf Old Wabble einen versöhnlichen Ausklang findet. Von dann an dominiert ohnehin das Mutterbild, wie an anderer Stelle einhellig dargestellt wurde.(26) Über die letzten dreizehn Lebensjahre Heinrich Mays erfahren wir von Karl May nichts: Jählings und schnittartig verschwinden die Eltern aus der Selbstbiographie, nachdem sie dem Sohn zum Vertrag mit Münchmeyer geraten haben (»Mein Leben und Streben«, S. 183). Den Gründen hierfür und den sich daran knüpfenden Überlegungen soll ein andermal nachgegangen werden. Hier an dieser Stelle bleibe es bei dem Hinweis, daß der spätere, vor dem Vaterbild scheinbar resignierende, in Wahrheit von weiser Milde angerührte Karl May jene letzten dreizehn Jahre, von 1875 bis 1888, in die beinahe wie nebenher geschriebenen Worte faßt: Er war ein einfacher Bürgersmann gewesen, schlicht und recht, wie arme Leute sind . . . Er hatte jenes Forschen und Suchen nicht begreifen können. Die materielle Not ist blind gegen Ideale. Er litt unter meinen äußeren Niederlagen; an den inneren Siegen aber, zu denen sie mich führten, konnte er nicht teilnehmen; sie brachten ihm keinen Gewinn. Und als ich endlich, endlich oben war. . ., da legte er sich hin und starb, mich zwingend, meine schöne Hoffnung, alles, alles an ihm gutmachen zu können, nach jenem Lande zu richten, in welchem ein jeder nachzusühnen hat, was hier auf Erden zu sühnen vergessen worden ist! (»Silberlöwe III«, S. 624-625). Hier schwingt neben vielem anderen noch einmal alles mit,


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was den Sohn beim Schreiben von »El Sendador« an Selbstvorwürfen gequält hatte, und auch die negative Auswirkung eines Gespräches in weicher Stunde: Die Hoffnungen auf ein stabiles, von berechtigtem Vertrauen getragenes Vater-Sohn-Verhältnis erwiesen sich als nichtig. So wie Antonio Gomarra, so ist auch Heinrich May zu erdverhaftet, zu verwundbar; höheren Einsichten vermag er nicht zu folgen.

14. Viele verschiedenfarbige Stränge sind Webmustern gleich ineinander verschlungen. Die divergierenden Vaterbilder - das des bußfertigen Desierto und das des unbelehrbaren Gomarra - und die zwischen Vater und Sohn hin und her geschobenen Schuldkomplexe verkoppeln sich in der Gestalt des Sendador Geronimo Sabuco. Und dieser ist dabei fast liebevoll gezeichnet: Dem Erzähler tut es leid, Sabuco als Verbrecher überführen zu müssen, eben weil der Autor bedauert, daß ein happy end unglaubwürdig wäre.

Hier liegt eine Identifikation zugrunde, von der der Autor weit tiefer durchdrungen ist als von den anderen. Den Desierto hielt er sich auf Distanz; Gomarra holte er ganz nahe heran, um ihn um so heftiger von sich zu stoßen; Sabuco trägt er im Herzen. Das ist gar nicht schwer erklärlich: Karl May nimmt auf eine besonders elegante Weise Abschied von seinen kriminellen Verirrungen und errichtet zugleich das Gebäude seiner Sehnsucht nach umfassender Versöhnung mit dem Vater Heinrich May.

Geronimo Sabuco ist der gescheite, intellektuelle Verbrecher, dem kein Mensch etwas Übles zutraut, weil er sich - verdientermaßen - in seinem eigentlichen Gewerbe einen hervorragenden Ruf erworben und sich durch viele kühne Taten im positiven Sinne ausgezeichnet hat. Bei den Indios ist er ein großer Mann, ein Häuptling. Insoweit wird hier das Motiv des von den Eingeborenen unumschränkt als Führer akzeptierten Weißen, wie es auch beim Desierto und später bei Klekih-petra und gar bei Old Shatterhand Anwendung findet, auch auf eine im bürgerlichen Sinne negative Figur ausgedehnt und paßt genau ins Bild. Die Indios mehren dank des Sendador - ohne daß dieser auf sie angewiesen ist - ihren Besitz und ihre Kampfstärke, und nach ihrer Rechtsauffassung begeht er ja keineswegs etwas Schändliches, wenn er Begüterte beraubt und tötet. Die Parallele liegt auf der Hand: Die schlichten Dorfbewohner des Erzgebirges hatten eine recht laxe Auffassung gegenüber mancher Art Rechtsbruch (der Schmuggel war nur eine davon) - Not kennt ungern Gebot -, und die Straffälligkeit Mays


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war in sich kein Grund, diese sozial Schwachen und Unterdrückten gegen ihn einzunehmen(27); sie verfielen auch nicht auf die Idee, seine Talente in ihren Dienst zu stellen und ihn in Abhängigkeit bringen zu wollen: solcher Durchtriebenheit sind schlichte Gemüter nicht fähig.

Warum Sabuco den Weg des Rechtsbrechers wählt, sagt Karl May nicht; der Erklärungsversuch »Hören Sie meinen Lebenslauf!« (13/ 578) wird plausibel abgewehrt. May weicht aus, weil er sich nicht in die Verlegenheit begeben will, womöglich unecht klingende, lahme Gründe, die eher gegen den Mann als für ihn einnehmen, anzuführen: er will keine Entschuldigungen für sein eigenes Übeltun suchen und vorbringen, und das tief eigentliche Warum, das seinen Vergehen zugrunde lag, kann er ohnehin weder sich noch anderen um diese Zeit schlüssig erklären. Doch anderes hat er parat:

Karl May konnte sich leicht ausmalen, wohin der seinerzeit einmal eingeschlagene Weg der Verfehlungen ihn hätte führen können, wäre es nicht zu Bewußtseinstrübungen und rechtzeitig zu seiner Enttarnung gekommen. »Mays Talente im Dienste überlegter Verbrechen« als Prämisse für Reflexionen bringt auch einen weniger Phantasiebegabten, als May selber war, zu der Vorstellung, daß einer der oft von ihm - sehr gekonnt! - beschriebenen Pascherkönige oder ähnliches an ihm verlorenging, als er sich für die Rechtschaffenheit entschied. Der »Räuberhauptmann Karl May« - den es de facto ja nie gegeben hat -ist ein Image, das keineswegs der Berechtigung entbehrt; daß May überhaupt jemals so eingeschätzt werden konnte, hat seinen Grund in Wirkungen, die er inspirierte, obwohl er die Taten nicht mitlieferte. Hatten die Leser seiner Reiseerzählungen keine Mühe, sich all das Geschilderte als wirklich vom Autor in dem betreffenden Land erlebt vorzustellen, so hatten die, die in May einen Bandenführer sehen wollten, ebenfalls keine Schwierigkeiten dabei. Karl May vereinigte in sich nicht nur die zwei Seelen seines Vaters, sondern noch einige mehr, und jede von ihnen war quicklebendig und erzeugte ungeheuerliche Schwingungen. Daß es ihm wahrhaftig gelang, sie alle in den Griff - der schreibenden Hand - zu bekommen und in eine Form zu pressen, die ihn den Weg zum Glück finden ließ und Millionen, Abermillionen anderer Menschen seit nunmehr neunzig oder mehr Jahren im Innersten anrührt, zu verhaltensbestimmender, ja oft lebensbestimmender Leitlinie wird, ohne Schaden anzurichten, ist eine gar nicht hoch genug zu veranschlagende und nicht umfassend genug zu bewundernde Lei-


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stung. In die Lektüre eines Karl-May-Buches zu versinken, bedeutet, eine Reinigung des Ich vorzunehmen - selbst wenn man das gar nicht merkt -, so wie der Autor immer wieder neu eine Reinigung seines Selbst vornahm, als er seine Geschichten schrieb.

Er stattet den Sendador mit den Eigenschaften und Wesenszügen aus, die er berechtigterweise jenem Karl May zuschreiben muß, der ein kühner, im Grenzgebirge bewanderter Übeltäter hätte sein können. Der furchterregende Gedanke, daß »but for the grace of God«, wäre nicht Gottes Gnade, ihm, Karl May, das Geschick eines zum Mörder Gewordenen und ein grauenhafter Absturz vom Felsen der Überheblichkeit in die Tiefe der Verworfenheit hätte bevorstehen können, schwingt unübersehbar mit in jeder Zeile, die der Autor dem Sendador widmet, jedem Satz, den der Erzähler mit dem Sendador wechselt. Und er gestaltet das Verhältnis der beiden Spiegelantlitze zueinander auffallend nuanciert und »ausgefeilt« präzise: Nur aus unmittelbarem Seelenfluß kann das gelingen. Vom bewußten Wollen durchdrungenes, künstlerisch beabsichtigtes Feilen hätte »El Sendador« nicht zustande gebracht. Aber der auf dem Weg zur Heilung Befindliche, der die Seelenspaltung kannte, schaffte es auf Anhieb. Unter diesem Blickpunkt gewinnt das »Sendador«-Segment eine in keiner anderen Reiseerzählung übertroffene Dimension.

15. Als Gomarra mit dem Messer auf den Sendador eindringt, schlägt der Held den Hitzkopf kurzerhand nieder - nicht allein, weil Gomarra um seiner persönlichen Rachegelüste willen die allen Reisegefährten gemeinsame Sache preisgibt, vielmehr auch, weil der Held sein Ansehen wahren muß und nicht dulden kann, daß es untergraben wird, vor allem aber, weil der Gegner im besten Sinne Anspruch auf Fairness hat. Der Sendador »ist ein Bösewicht, aber daß ihm heute seine ehrliche Stunde mit dem Messer belohnt worden ist« (13/142), erzeugt im Helden einen über Gut und Böse hinausreichenden Solidarisierungseffekt zugunsten des Schurken. Karl May weiß sich in beiden Sätteln gerecht; er bettelt nicht um Gnade und erwartet keine Straflosigkeit; aber Gerechtigkeit soll man ihm angedeihen lassen.

Das Zweckbündnis Held-Schurke zerbricht. Die Entwicklung der Erzählhandlung vertieft die Kluft zwischen dem halben Gelehrten, der um materiellen Gewinnes willen Kenntnisse auswertet, und dem anderen kenntnisreichen Mann, der Wissen um des inneren Aufstrebens


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willen ansammelt. Und die schließliche Konfrontation zwingt zum »Er oder Ich« außerhalb der Fairness:

Mit betont an den Tag gelegter Kaltblütigkeit - denn falsches Mitleid wäre Selbstzerstörung - bringt der Held dem Schurken eine Verwundung bei: er schießt ihn in den rechten Arm (13/516). Die Wiederholung des Motivs, das dem Quetschen der rechten Hand des Widerlings Cadera zugrunde lag, dient May zur Forcierung seines Willens, sich jedem Einfluß verderblicher Mächte zu entziehen. Aber der Held weigert sich nicht, sich noch einmal der unmittelbaren Begegnung zu stellen, dem Gegner Gelegenheit zu geben, alle Argumente vorzubringen. Und der um diese Zeit von monetären Sorgen keineswegs freie Karl May verbirgt nicht, welchen Kampf es ihn kostet, Reichtum nicht auf unredliche Weise erwerben zu wollen: Durch die ganze Erzählung zieht sich der rote Faden des Inka-Schatzes, dessen Aushebung das erklärte Ziel des Helden ist. Jegliche Eigensucht dabei weist er alsbald von sich (12/96), doch niemals schwindet fortan zwischen den Worten der Zweifel, ob der Erzähler den Schatz wirklich nur den Dominikanern in Tucoman zugänglich machen will und ob er nur von wissenschaftlichem Interesse getrieben wird. Der Proletarier Karl May(28) läßt sich ein Hintertürchen offen, um mit dem Gedanken spielen zu können, der aufrechte Held werde den anderen und sich selbst vielleicht doch noch ein Schnippchen schlagen. Der Wunsch des Unbegüterten hat es schwer, sich durch übergeorduete Ethik abwürgen zu lassen. Einmal schlägt er richtig durch: Ich aber war fast begierig, die Zeichnungen und Kipus zu sehen ( 13/78). Das schreibt May nicht, um seinen Helden dem Leser menschlich näher zu bringen - dessen bedarf es nicht -, sondern um mit sich selbst den Kampf um die gesunde Einstellung zum Mammon auszutragen und die um Reichtum kreisenden Träume des zu Betrugsdelikten herabgesunkenen, früheren Karl May auszurotten. Spürte er es, erkannte er es, oder blieb es ihm unbewußt, daß er sieghafte Klarheit über das ihn Bedrängende gewann, sobald er fertigbrachte, es unverblümt, unverschlüsselt in die Erzählhandlung einzubauen, nicht »darum herum zu reden«? Die für die Gesamthandlung des Romans »Scepter und Hammer« unwichtige Emma-Vollmer-Szene sprengt beinahe das Frühwerk, machte aber Schluß mit früheren nebulösen Vorstellungen, die May bezüglich seiner Frau genährt hatte. Emmeh und May in späteren Werken ebnen den Boden, auf dem allein das Alterswerk wachsen konnte (die nachträgliche Umwandlung Em-


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meh's in Dschanneh war eine mildtätige Geste gegenüber der ersten wie der zweiten Ehefrau(29)). Oftmals schreckt das Ich vor allzu kühner Offenheit zurück, flüchtet in die Vermummung, doch bei »El Sendador«, auf halbem Wege, hat May den Mut, in allem, was mit dem Sendador zusammenhängt, offen immer wieder zwischen Versuchung und Rippenstößen zu pendeln. Der Unterton des Bedauerns, daß der Held um der leidigen Ehrbarkeit willen den Schatz nach Entdeckung abliefern muß, liegt über dem letzten hierzu zwischen beiden Protagonisten geführten Gespräch (13/527-529), und auch nachdem der Held sich einen definitiven Ruck gegeben und zur Klarheit gezwungen hat (13/538), läßt er noch zweimal anklingen, eigentlich sei es ja doch schade (13/578, 581).

16. Das bettet sich nahtlos ein in den Motivkreis, der sich um das Fehlverhalten des Helden rankt - sei es, daß Mangel an Nachdenken ihn unziemlich handeln läßt (13/144, 372, 375) oder daß Arroganz ihm über die Schulter blickt, so wie bei seinen Eigenmächtigkeiten hinsichtlich der Überwältigung des Sendador (13/512), die nicht den Beifall der Gefährten haben.(30) Zwar darf er bei den Voreiligkeiten auf Verständnis zählen, und seine Anmaßung gegenüber den Gefährten wurzelt in Humanität gegenüber dem Gegner, doch in jedem Falle legt der Held hier Unzulänglichkeiten an den Tag. Und May unterläßt es nicht, ihn mit solchen Unzulänglichkeiten auszustatten, weil der masochistische Zug in ihm darin das Mittel zur Selbsterziehung erkennt. Jahr um Jahr, Werk um Werk, stellt er sich ihm neu und arbeitet auf den Moment hin, daß das Bekennen der Fehler die Absolution bringt. »El Sendador« verschafft ihm die Überwindung bestimmter bedrückender Kümmernisse, die sich hart bemerkbar gemacht hatten, die er wohl zeitweise als ungerecht empfand, und er kann Pena den Helden um Verzeihung bitten lassen (!) (13/557), was ihn sofort zu dem Eingeständnis veranlaßt, ich hatte ja nicht weniger Fehler begangen als er (ebda.). So makellos ist keiner, daß nicht das eigene Tun und Lassen zutreffenden Vorwürfen ausgesetzt bliebe; Karl May arbeitet aber an der Überwindung und ist bei »El Sendador« auf halber Strecke angelangt.

Viel, sehr viel hat Karl May von sich selbst und über sich selbst gelernt, seit er verschleierte, uneingestandene Kämpfe mit seinem dunklen Ich in mancherlei Gestalt in der Orient-Odyssee »Im Schatten des Großherrn« von der Wüste bis hinauf zu den Bergen des Schar


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Dagh bestand oder seit er eine immens heftige und dann verkrampft verlaufende Auseinandersetzung mit dem Dämon unternahm, als er Florin in »Deutsche Herzen - Deutsche Helden« schuf. Bei »El Sendador« ist er in der Lage, sein Spiegelbild mit Wehmut, mit Nachsicht, mit fast blamabler Schwäche zu betrachten, sich der Verlockung kräftig auszusetzen und dann des Unrechts Herr zu werden, der Rechtschaffenheit zum Sieg zu verhelfen, ohne die hauchdünne Grenze zum Lächerlichen, zum Kitschigen, zum Unglaubwürdigen zu überschreiten. Schriftstellerisch wie psychologisch darf Karl May hier einen weiteren Glanzpunkt für sich verbuchen.

Dieses Spiegelbild blickte . . . mir mit scharfen, finsteren Augen in das Gesicht, als ob er mein Inneres ganz durchdringen wolle.(31) . . . bei seinen hohen Gaben . . . hätte er es zu hohen Ehrenstellen bringen können; . . . Es erfaßte mich eine unbeschreibliche, milde Regung. Wäre es jetzt auf mich angekommen, wahrhaftig, ich hätte ihn gegen das Versprechen der Besserung laufen lassen. (13/522) Diese aufrüttelnden Sätze gehören zu den sprechendsten Stellen in Mays Gesamtwerk und raffen in einen Brennpunkt seine Einschätzung des irrfähigen, des gegen sich selbst strengen und des wahrhaft humanen Karl May und richten sich ohne Haß gegen jene, die da meinten, ihn jahrelang hinter Zuchthausmauern sperren zu müssen, statt ihm auf andere Weise Gelegenheit zur Bewährung zu geben!

17. Gelegenheit zur Bewährung- die soll nicht nur die Gesellschaft dem Ex-Sträfling einräumen, auch der Vater soll sie dem Sohn zugestehen, und der Vater selbst soll sie erhalten, um Schuld an Schuld zu messen und das schwankende Bild zurechtzurücken. So hält Heinrich May denn auch Einzug im Sendador und zeigt sich als der Vater, der dem einzigen Sohn die falschen Wege wies und der doch angstvoll sich einen sauberen Weg für seinen Jungen wünscht (13/579, 580): Karls fehlgeleitete Erziehung, indem der Vater ihn mit »Wissen« vollstopfte, das den Buben zu krausen und irrigen Anschauungen veranlaßte, und indem er den Beruf für ihn aussuchte - den dornenreichen -, und abgespiegelt wird auch die - später in »Mein Leben und Streben« immer wieder gerühmte - Besorgnis des Vaters um des Sohnes Wohlergehen. Doch beinahe wie unter »ferner liefen« wird dies aufgeführt, um der Vollständigkeit und Parität willen; weit gewichtiger ist im Buch die Ermordung eines Dominikaner-Paters durch den Sendador. Zum drittenmal taucht das Mordmotiv in der gleichen Konstellation in ein und


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derselben Erzählung auf: Ein Mann von Stand und Ansehen wird zum Opfer der ungezügelten Leidenschaft eines gesellschaftlich weniger Arrivierten. Und wieder ist es der Vater-Teil der Figur, dem die Tat angelastet wird. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines gewaltsamen Ringens. Und weil es nicht ihn selbst betraf, sondern den Vater, hielt Karl May sich nicht für berechtigt, »die Dinge beim Namen zu nennen«, griff er zur doppelten, zur mehrfachen Verschlüsselung und verfremdenden Maskierung. Das nie gelöste Adlerhorst-Rätsel, das auch um eine dem Vater Alban von Adlerhorst unterstellte Bluttat kreist, reckt erneut das Haupt. Das Motiv verbindet sich gerade in der Person des Sendador spezifisch mit dem zweiten, auf Heinrich May abgestellten Fragenkomplex: Ist die an Ruchlosigkeit kaum zu überbietende Ermordung eines G e i s t l i c h e n die deutliche Spur zu Heinrich Mays Abkehr vom christlichen Glauben? Trugen die Zweifel ihn fort vom Totenbett? Oder schied er in Frieden von der Erde - versöhnt mit sich selbst, mit dem Sohn und Gott? Der uneingestandene Gottsucher Geronimo Sabuco erfährt Bekehrung und Erlösung, findet zur inneren Einkehr(32), als er den einzigen Sohn unter der Salzkruste versinken sieht, und nicht zuletzt auch unter dem schockierenden Eindruck des furchtbaren Endes seines Feindes Gomarra. Wunschvorstellungen Mays, auf den Vater projiziert, um dessen Bild freizuwaschen von jedwedem Schatten? Erinnerung, daß der dem Vater verhaßte »Nebenbuhler« ihm im Tode vorausging, daß aber - anders als bei Sabuco - Heinrich May verhärtet blieb? Wir glauben nicht etwa, daß Heinrich May zu irgendeinem Zeitpunkt eine Bluttat - noch dazu eine den Behörden verborgen gebliebene - auch nur beinahe beging; doch der Gedanke an einen Ballungskomplex »Zeitweilige Entfremdung zwischen den Ehegatten - Auseinandersetzung des Ehemannes mit dem Rivalen - Zweifel an der Vaterschaft über Karl - Hinwendung zu Karl - Enttäuschung über Karl - Verharren bei Frau und Sohn aus Pflichtgefühl - Abkehr vom Glauben« wird durch so viele Werke Karl Mays gefördert und gestützt, daß er sich nicht radikal als abwegig beiseiteschieben läßt.

18. In »El Sendador« erfährt diese Frage zusätzliche Stärkung durch das Seitenmotiv des sterbenden Gambusino (der auch nach vorsündflutlichen Tieren gräbt - 12/256 -, also mehr als nur materiellen Interessen nachgeht), eines gebürtigen Thüringers (Thüringer und Sachsen haben viele Gemeinsamkeiten), der Zeuge der Ermordung


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des Dominikanerpaters wird und dem Sendador einen quälenden Schwur leisten muß. Die frühere Bekanntschaft mit dem Mörder rettet ihm das Leben. In diesem Handlungsstrang verweben sich bemerkenswerte Farbtupfer.

Einer weist auf Mays Gestaltungskraft hinsichtlich Sabucos: Dieses Scheusal wäre um ein Haar innerhalb weniger Stunden zum dreifachen Mörder geworden; die Begegnung mit dem Gambusino erfolgt kurz nach der Ursprungstat, und die als »reine Schntzwehr« vorgenommene Folgetat der Ermordung Juan Gomarras ereignet sich nur wenig später. Vor diesem Menschen muß es den Leser schaudern, nachdem er Antonio Gomarras Erzählung gehört hat, in der auch der alte Gambusino noch einmal auftaucht, - aber das Schaudern stellt sich nicht ein. Das Tun des Sendador wird mit wacher, fast klinischer Anteilnahme und voll Sachlichkeit verfolgt. Die innere, geistig-seelische Einstellung des Autors zu seinem Bergführer-Schurken war von so intensiven Kräften geprägt, daß das Medium des toten Papiers sie nicht zu tilgen vermochte und sie seither noch weiterwirkt. Der Leser sieht Sabuco so, wie May ihn sah: eben nicht als Scheusal, sondern als irrenden Menschen.

Ein anderer Farbtupfer weist auf das sehr menschliche Problem des - erzwungenen oder freiwillig übernommenen - Verschweigens einer nicht allgemein bekannt gewordenen Unrechtstat und die daraus gegebenenfalls resultierenden Gewissensnöte; und hieraus wiederum erblüht die zwie-gespaltene Frage: War das beobachtete enge Beieinander zweier Menschen damals nicht Mord, sondern ein In-Liebe-zueinander-finden, dem sich ein störender Dritter beigesellte? Und brach für jeden der drei eine Welt zusammen, aus deren Trümmern er/sie nie mehr etwas dem Früheren Gleichwertiges aufzubauen vermochte? Und/Oder folgte dem gestörten, der Liebe dienenden Beisammensein eines Tages ein anderes, bei dem Enttäuschung, Gier nach Strafe und Vergeltung auf Zerstörung drangen - wobei dann die »frühere Bekanntschaft« ausschlaggebend für den Verzicht auf Gewaltanwendung wurde? Und war auch dies vom Mantel des Schweigens umhüllt, bis der Todesengel anklopfte? Und - wichtigster Aspekt von allen - litt womöglich der »innocent bystander«, der schuldlos am Geschehensrande stehende Karl, mehr darunter als die anderen drei, die direkt Betroffenen?

Ein weiterer Farbtupfer ergibt sich aus den bezeichnenden Äuße-


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rungen des Erzählers gegenüber dem Sterbenden: »ich hege die Überzeugung, daß der Geist des Menschen nur durch den Glauben frei zu werden vermag« (12/274) und »Wer hier nach Kräften seine Pflicht gethan hat und seine Sünden aufrichtigen und gläubigen Herzens in Gottes Erbarmen legt, der kann ruhigen Herzens seine Augen schließen, denn Gott ist die Liebe!« (12/279) Karl May baut, wie schon gesagt, seinen Kampf um innere Befreiung auf seinen Glauben auf und hat in diesem Glauben den einzig nahezu adäquaten Ersatz für die verlorene Liebe. Der sterbende Gambusino lief Gefahr, zugunsten einer bösen Fehldeutung den ursprünglichen Glauben an die göttliche Gnade in sich zu verschließen - eine Gefahr, die der Erzähler mit Verve besiegt: Karl May wünscht sich aus vollem Herzen so sehr, daß der Vater, der ja gewiß sein Leben lang nach Kräften seine Pflicht gethan hat (!), fest und gelöst im Glauben ruht(e) - im Glauben und Vertrauen zu Gott und zum Sohn. Glauben ist Liebe; May vermochte ohne Glauben nicht zu leben; Abkehr vom Glauben war Liebesentzug. Vielleicht ist alles, was auf Heinrich Mays Abkehr vom Glauben hindeutet, nur eine schmerzlich-gigantische Verkleidung für den Liebesentzug, dem Karl May sich ausgesetzt sah? So erhielte das Bild der Ermordung eines gesellschaftlich Höherstehenden durch einen weniger Arrivierten plötzlich einen ganz anderen Zuschnitt: Der auf ganz eigene Weise um gesellschaftlichen und um inneren Aufstieg kämpfende Sohn Karl sieht sich durch das Unverständnis des zur Tyrannei neigenden Vaters frustriert und an den Rand seiner Kräfte gedrängt.

Wo immer in dem unergründlich tiefen See, in dessen Flut ich meine Ruder schlage, die Deutung schlummert: Liebesentzug und Befreiungsdrang, fern davon, Frustrationen zu erzeugen, legten in Karl May Schaffenskräfte bloß, die ihresgleichen suchen.

19. Zu den bewegendsten und dramatischsten Szenen Mayscher Schilderung zählen die Rettung des Sendador vom Felsen (13/550556) und der Ritt über die Salzkruste mit der Errettung des jungen Sabuco (13/570-576). Hier wogt eine im ständigen seelischen Trauma befangene schriftstellerische Begabung ersten Ranges. Die inhärenten Spiegelungen erschließen sich von selbst; Errettungsszenen bei May dienen immer seiner eigenen Befreiung. Beide Szenen sind auch Musterbeispiele für das Phänomen, daß der Leser dem Autor Karl May -mehr als jedem anderen - alles »abzukaufen« bereit ist: Der Erzähler betont seine - sehr glaubhafte - körperliche Ermattung nach dem


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Heraufholen des schwerverletzten Sendador, aber nur wenig später unternimmt er die strapaziöse Verfolgung des jungen Sabuco mit einem Elan, als sei er frisch und munter soeben aus stärkendem Schlafe erwacht. Vom rein physischen Leistungsvermögen eines Menschen her - auch eines abgehärteten Weltläufers - wird hier etwas sehr wenig Wahrscheinliches geboten; doch bei Karl May zählt das innere Gewicht der Szenen, und dahinter versinkt der Mangel an Realitätsbezogenheit ins Unwesentliche.(33) Das innere Gewicht aber bezieht seine Wucht aus dem seelischen Engagement des Autors und der Eindringlichkeit, die er beim Bewältigen seiner Ängste freisetzt. Der Erzähler-cum-Held greift so tief in die Seelenfalten seiner Leser hinein, daß sich in ihnen das Erkennen der Allgemeingültigkeit der von jener Menschheitsfrage behandelten Anliegen regt. Jeder ist der Sendador, der sündigt und frech die Zähne zeigt, jeder ist der Held, der dem Schlüssel zum Reichtum und dem im Unheil versinkenden Mitmenschen nachjagt. Jeder ist Karl May - und nur die Uneinsichtigen, die in der Minderzahl, sperren sich der Wahrheit. Die Ereignisse an der Pampa de las Salinas sind weit über ihre Funktion im Buch hinaus Spiegelungen von Schlüsselerlebnissen für jedermann und wirken daher unmittelbar im Wesenskern des Lesers nach.

Eine Würdigung der allegorischen Bedeutung dieser Szenen in bezug auf das Innenleben Karl Mays, samt Hinweis auf die augenfällige Parallele zum Ritt über den Schott el Dscherid, ist bereits vorgenommen worden(34) und kann daher hier entfallen. Das effektvolle Motiv, den erzählenden Helden der unheilbergenden dünnen Salzkruste trotzen zu lassen, verdient aber noch ergänzende Beachtung:

May verwendet es in der Wüste wie im hohen Gebirge, als Ausdruck der ihn in allen Lebensstationen bewegenden Angst vor dem falschen Schritt, die sich aber paart mit dem Mut zum Wagnis um des soliden Zieles willen. Im Laufe der persönlichen und der schriftstellerischen Entwicklung wird das Thema reizvoll variiert und erhellt, welche unterschiedlichen Wertbezüge Karl May dabei jeweils verarbeitete.

Kara Ben Nemsi, noch nicht sonderlich erfahren, in Begleitung eines dienstfertigen, aufschneiderischen Mohammedaners, der den geistig überlegenen Fremdling für den Islam gewinnen möchte(35), bedarf des Führers, um den Schott el Dscherid zu überqueren, und ist so gut wie zur Strecke gebracht, als ein Schuft den Führer erschießt (wobei der Schuft eben nicht weiß, daß Kara Ben Nemsi noch auf einen anderen


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Führer hoffen darf, der sich dann auch wirklich einstellt). Das ist Karl May, am Beginn der eigentlichen Reiseerzählungen, im Zwiespalt zwischen dem Vertrauen auf seine Leistungskraft und den Einflüsterungen jener aus niedrigerem Metier, deren bequeme Lebensmaximen ihn zum Widerlegen herausfordern -, Karl May, der lenkender, helfender Einflüsse bedarf, um bösen Gefahren zu entgehen.

Das Bild hat ihn offenbar nicht losgelassen; die Scharte mußte ausgewetzt werden.(36) Und schon ein Jahr später, nachdem u. a. die Schlacht im Tal der Stufen bei den Haddedihn und die Abenteuer in Kurdistan reichlich Gelegenheit zu heldischem Tun geboten hatten, kehrte er zu den Schotts zurück: 1882 veröffentlichte er »Der Krumir«(37), ein bedeutsamer Text im Gesamtwerk, zu wenig gewürdigt, eine spannende und vielschichtige Erzählung, die allein schon um der äußeren Handlung willen Beachtung verdient. Unter ausdrücklichem Bezug auf das frühere Erlebnis auf dem Schott el Dscherid hetzt der Erzähler den Schurken der Geschichte, eben den Krumir, zu Pferde über den Schott Rharsa, um ihm ein geraubtes Mädchen abzujagen (10/230, 407, 416-422). Der Schwerpunkt liegt also auf der Errettung menschlichen Lebens, dem Unrecht angetan wurde. Das Element des Materiellen stellt sich bei der Krumir-Jagd in zwei kostbaren, ebenfalls geraubten Reittieren dar; ihre Rückgewinnung ist aber für den Helden nicht vorrangig. Wenngleich damals mehr dürftig als üppig lebend, läßt May materielle Rücksichten in der Story also zurücktreten. - Und wiederuist hier ein erzählerisches Geschick am Werk, daß dem Leser der Atem stocken kann. Der Held beweist sich und anderen demonstrativ, was Mannesmut vermag. Das Loch, das vom Schott el Dscherid her zurückblieb, ist geschlossen, das dort vernichtete Leben (des Schott-Führers) wird am Schott Rharsa in der Gestalt der blohenden, dem Krumir entrissenen Scheik-Tochter zurückgewonnen. Karl May hat einen ungeheuren Sprung vorwärts getan. Fortan wird er jeden Sumpf besiegen, welche Form dieser auch annimmt, das Risiko ababer keineswegs verkennen oder unterschätzen.

So war er also gewappnet für den Ritt über die Salzlagune in den Cordilleren. Diese dritte Verwendung des Themas hat in »Der Krumir« den direkten Vorläufer, obwohl Jahre dazwischen liegen. Sie hat sogar fast aufs Haar den gleichen Anlaß, denn jener räuberische Krumir ist eben ein berühmter Pfadfinder und Bergführer - das gleiche wie der Sendador. Aber in die Verfolgung des Sendador-Sohnes mischt sich,


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im Gegensatz zu der auf dem Schott Rharsa, neben das Element der Menschenrettung sehr kräftig das Lurlei-Motiv des Goldes in Gestalt der Kipus und der Zeichnung, denen der Held fast begierig nachjagt: May wußte, daß er jetzt ernstlich darangehen mußte, viel Geld zu verdienen - auf ehrenhafte Art selbstverständlich. Münchmeyer lag hinter ihm und sollte sich, nach Mays Wunsche, nie mehr als rettender Geldgeber aufspielen können. May mußte zeigen, daß er gerade ohne Münchmeyer mehr verdienen konnte als durch ihn. Und er hatte eine Frau, die viel Geld brauchte.

20. Ja, die einst von dem blind Verliebten, dem Geschmeichelten, dem Betörten so schicksalsvoll falsch eingeschätzten unangenehmen Seiten der jungen Frau und ihre - auch nach Mays zweiter Trennung von Münchmeyer - enge Verbindung zu Pauline Münchmeyer sind Störelemente im Seelenfrieden des Menschen und des Schriftstellers Karl May. Der Schwung, der die Sendador-Erzählung gedeihen läßt, gestattet aber kein Verweilen bei depressiven Stimmungen. May berührt jeden schmerzenden Punkt in sehr fühlbarer Art, ohne sich von dem Schmerz einfangen zu lassen. Die schon fast unpersönliche und doch chevalereske Manier, in der der Erzähler mit Unica und in der May mit seinem »Hausteufel« umgeht, dieweil er das Spiegelglas dem Zerbersten aussetzt, verrät, wie bereits dargetan, eine bestimmte innere Distanz.(38) Und auch den im Untergrund rumorenden Bildern aus der Münchmeyer-Zeit setzt er - über die ganze Geschichte verteilt, von Montevideo bis hinauf zur Puna - Konterfeis ganz eigener kühler Prägung entgegen, und zwar so distanziert, daß auch der Kenner an den darin lauernden Gespenstern leicht vorbeigeht, denen May hier so beherrscht antwortet.

In einem Restaurant, während einer Mahlzeit, nach langer Erörterung des etwas verschwommenen Sachverhalts, läßt der Erzähler sich Monteso zuliebe auf ein riskantes Unternehmen ein, dem er nicht ganz traut, das ihn jedoch reizt und das ihm ein lohnend erscheinendes Ziel setzt, ihn in seiner Unabhängigkeit der Bewegung aber doch arg einschränkt. Er und Monteso haben einander vorher in mißlichen Lagen beigestanden, eine gewisse Affinität ist gegeben - und da sitzt Karl May trinkend und essend mit Münchmeyer im Lokal am Tisch und hört Münchmeyers Pläne und lauscht den eigenen Träumen und wird Gefangener des »Waldröschen« und seines Mixteka-Schatzes und der Folgen. Zwar hat er seine Bedingungen gestellt - wie der Erzähler in


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Montevideo (12/96) - aber natürlich gestehen Münchmeyer und Monteso in ihrer Erleichterung spontan alles zu.

Monteso, der Mann, der seine finanziellen Verhältnisse nur zur Schau stellt, wenn dies unumgänglich ist, wird für kurze Zeit in die Rolle des Kolportageverlegers gedrängt, der nicht immer mit offenen Karten spielt, - wird aber rasch wieder aus dieser Rolle befreit, denn May will das aus dem Dämmer heraufziehende Bild verdrängen: Ich erfahr später tagtäglich, daß er mich wirklich tief in sein ehrliches Herz geschlossen hatte ( 12/97), schafft einen guten Übergang, rückt Monteso ins rechte Licht und erlaubt eine Verbrämung zugunsten der lichteren Seiten des Herrn Münchmeyer.

Doch unversehens wird ihm die Rolle noch einmal aufgepfropft: Monteso, der sich nach Landessitte kleidet, der sich jederzeit neue Kleidungsstücke kaufen kann, aber keinen Wert auf sein Äußeres legt, der Dornen- und Moskitostiche auf sich nimmt, weil sie zum Alltag gehören, lacht über den ledernen Anzug des neuen Gefährten (12/ 110) und lauscht dann bewundernd den Erklärungen, wieso dieser Anzug so praktisch und nützlich ist (12/111-113). Münchmeyer ist sein äußerer Ruf gleichgültig, Hauptsache, er lebt bequem, und Anfeindungen (Moskitostiche) nimmt er nicht ernst. Er muß aber einsehen, daß der neue Redakteur - und sogar noch der nachmalige »Waldröschen«-Autor - weit verwundbarer ist als der Verleger und daß er sich durch Verhalten und Lebensstil einen Schutzwall gegen Dornen, Stachelgewächse, Regengüsse und Moskitos schafft. Der lederne Anzug ist ein Symbol.(39)

Und bald wird es im ganzen Lande bekannt. Und wie sein Träger vorausgesagt hat (12/113), so stellt das lederne Gewand sich in der Tat als Schutz gegen den tückischen Giftpfeil aus dem Dunkel heraus, den Petro Aynas im Solde von Tunichtguten losläßt (12/355), und wie May ihn ab 1887 jederzeit, heimlich abgeschossen, aus Richtung eines »verbiesterten« Münchmeyer oder einer »giftigen« Pauline erwarten muß. Die Schilderung der Giftküche des Petro Aynas, die sich völlig legitim in die Handlung einfügt (12/340-342), ist eine deutliche Anspielung auf die Schundproduktion des Hauses Münchmeyer, auf ihre Wirkungsweise und Verbreitung und auf die minimalen Möglichkeiten von Abwehrmaßnahmen. Scheu vor dem Bruder Jaguar läßt Petro Aynas von weiteren Feindseligkeiten gegen den deutschen Mörder, Dieb und Räuber (12/370) Abstand nehmen, und Respekt vor dem


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angesehenen katholischen Familienblatt »Deutscher Hausschatz« und der ebenfalls grundsoliden Union Deutsche Verlagsgesellschaft mag Münchmeyer bewogen haben, Verleumdungskampagnen und ähnliches gegen May nicht anzuzetteln.

Aber da ist auch noch Daya, Petro Aynas' höchst unansehnliche, dabei auf äußeren Glanz erpichte Frau (12/342, 343), beinahe abnormal, kretinhaft; und als äußerst mager wird sie vielleicht deshalb so betont geschildert, damit die üppigen Formen der Panline Münchmeyer nicht gar so aufdringlich durchschimmern. »In diesen Sümpfen ist sie daheim, und ich bin überzeugt, daß ihr Mann sie nicht sieht, selbst wenn sie an ihm vorüberhuscht« (12/345-346), ist die ihr verliehene Charakterisierung, und pointierter konnte May kaum darauf verweisen, daß Pauline Münchmeyer, nach Glanz gierend, doch durch Schmutz watend, allerhand Heimlichkeiten - zum Teil wohl hinter ihres Mannes Rücken - trieb und dabei im Trüben fischte.

Es mag etwas weit hergeholt sein, die Wahl des Vornamens Petro für Aynas durch die alltägliche Assoziation Peter und Paul erklären zu wollen, wobei Paul sich wiederum durch Pauline ergab; doch hinter der Namenswahl Daya steckt gewiß makabres Grollen: sie ruft sogleich die Lautmalereien »May - ah!a und »Ey- (ah) ja!?« auf den Plan, und wer denkt dabei nicht an jenen hohnvollen Zweizeiler: »May und Minna Ey / die werden niemals zwei!«(40) In das Auftreten der tückischen, sich geschickt dumm stellenden, abartig wirkenden Daya zwängt Karl May alle seine Schreckensvorstellungen, daß er durch eine eheliche Verbindung mit Paulines Schwester Minna Ey und durch eine unverändert beibehaltene Tätigkeit im »Sündensumpf« Münchmeyer zu einem geistigen und seelischen Kretin geworden wäre.

Die Angst vor der geistigen Knebelung und Vergewaltigung und die damit verbundene Furcht vor geistiger Umnachtung, wie sie schon in »Der Scout«, in »Das Waldröschen«, »Die Liebe des Ulanen«, »Der Weg zum Glück« beredten Ausdruck gefunden hat und später in »Old Surehand« fast träumerisch Einzug hält, hat diverse Wurzeln, gedeiht aber auf dem schwammigen Nährboden der um Münchmeyer herum angesiedelten Gedankenfelder Mays erklärlicherweise besonders gut. Und die Sorge, von Giftpfeilen aus jener Richtung getroffen zu werden, spiegelt sich im weiteren Verlauf von »El Sendador« in einer ganz kurzen, kaum ins Gewicht fallenden und in Wahrheit erschütternden


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Szene, die an Präkognition gemahnt und dem Gedanken an eine mediale Veranlagung Karl Mays Vorschub leistet:

Der Erzähler trifft auf einen wohl über sechzig Jahre alten Mbocovi Indianer, dem »ein Jaguar in den Kopf (kriecht)«, weil ihn ein Giftpfeil getroffen hat (13/433-435), und dieser ehemalige Medizinmann, jetzt geistesschwach, seiner wenigen Güter beraubt, aber gutmütig und hilfsbereit, fällt dankbar über die Essensgaben her, die der Erzähler bereithält. Wie mußte man dem armen Manne mitgespielt und ihn vernachlässigt haben, kommentiert der Erzähler (13/440) und erfaßt damit schlagartig die Entwicklung, die er als Münchmeyers Schwager vom ausgenutzten »Star-Autor« des Kolportageverlages zum verachteten, schäbigen Anhängsel genommen hätte, - ein Phantasiebild, das nur allzunah bei der Wirklichkeit liegt: Er schrieb mit diesem Satz in wahrhaft prophetischen Worten auch, welchem Entsetzen späterhin der vor dem Greisenalter stehende Karl May aufgrund des nun doch sein Ziel findenden, teuflisch gegen ihn gerichteten Giftpfeils ausgeliefert sein wird.(41)

In wohltuender Unkenntnis dessen, daß er hier einen Blick in die Zukunft getan hat, vollzieht Karl May, am Schluß von »El Sendador« angelangt, eine seiner vielen inneren Loslösungen von Münchmeyer und von allen unlauteren Quellen dadurch, daß er das von Monteso schmackhaft gemachte, aber von Mühseligkeiten umtürmte Schatz-Projekt endgültig scheitern läßt. Der Held hat die vielfarbigen, vielfältig verschlungenen Kipus, die den Reichtum erschließen sollten, verloren, hat vergebens seine Zeit für sie geopfert - die vielverschachtelten und streckenweise so schwer lesbaren Kolportageromane haben ihn Jahre gekostet -, aber um wertvolle Erfahrungen reicher ist er. Und seine Seele hat er gerettet.


III

1. Rettung der Seele aus den Verstrickungen der Niedrigkeiten und Hinwendung zum Erhabenen, Erlösenden ist nun einmal das durchgängig übergreifende Thema im Gesamtwerk Karl Mays; es wird auf beinahe jeder Seite neu variiert, ihm dient jedes Erzählelement in subtil verdünnter oder kompromißlos derber Form - jeweils aber doch so umgesetzt auf dem Wege vom Schriftstellerherzen zum beschriebe-


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nen Papier, daß der Leser eingefangen und nicht etwa von unerträglichen Gefühlsergüssen abgeschreckt wird. Der Drang nach Befreiung aus innerem - und äußerem - Elend sowie der Mut zum Verwinden des bedrückenden Liebesentzugs bewirken in ständiger wechselseitiger Verschränkung unter Einsatz einer lebensbejahenden Phantasie die fesselndsten Bücher der Reise- und Abenteuerliteratur. Karl May legt eben seine inneren Reisen und Abenteuer in diesen Büchern zurück, und keiner gestaltet Aufregenderes. »El Sendador« bildet einen Höhepunkt der Gestaltungskraft. Die ausgewogene, bei allem seelischen Engagement ohne Bitterkeit durchgehaltene, bruchfreie Filigranarbeit im zweiten Teil der Erzählung (»Der Schatz der Inkas« = »In den Cordilleren«) erwächst aus der ungewöhnlich gehobenen Seelenlage, in die May sich durch eine wahre Meisterleistung - wie selbst er sie nur selten aufzuweisen hatte - hineingearbeitet hat: Die prasselnden Ereignisse rund um »Lopez Jordan« im ersten Teil der Erzählung ( = »Am Rio de la Plata«) brachten ihm glanzvolle Siege und eine Befreiung, wie er sie bis dahin nicht kannte. Diese Stimmung trug ihn dann geradewegs bis in die Cordilleren hinauf.

Er gewinnt die ersehnte Freiheit, indem er sein Ich mit absolut gewissenlosen Halsabschneidern konfrontiert und es in so ausweglos erscheinende Situationen hineinmanövriert, daß es sein Weiterleben nur einem Geniestreich verdanken kann. Und genau das ist der entscheidende Punkt. Der mit dem Erzähler durch das Geschehen geführte Leser kommt auf den Verdacht, der Autor serviere ihm Träume -und natürlich sind es Träume, am Schreibtisch und auf geruhsamen Spaziergängen erträumt, aber doch nur als neu gekleidete Wiedergabe von tiefempfundenen Innenereignissen eines an Einengung und Knüppelung reichen, doch nie abgestumpften Lebens.

Er steigert sich dabei. Die Situationen werden von Stufe zu Stufe kritischer und ungewöhnlicher, und die Schufte immer größer in ihren Dimensionen. Auch insoweit gebührt dem Schriftsteller Karl May, der dem Menschen Karl May zum Siege verhilft, Anerkennung.

2. Es beginnt, in Montevideo, mit einer für Karl-May-Geschichten ziemlich normalen Überfall-Szene: Der Erzähler sieht sich, waffenlos, einem gedungenen Bravo gegenüber, dem er dank seiner Unerschrockenheit entkommt (12/43-45) und dessen später wiederholter, mit Helfershelfern eingeleiteter Anschlag durch Monteso vereitelt wird (12/59-77), wobei der erzählende Held dennoch sich selbst den Part


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des moralisch Überlegenen zuweisen darf. Hier ist in einer fast unheimlichen Verkleidung und in zeitlicher Überblendung dargestellt, wie May sich nach der Entlassung aus Waldheim vom Ortspolizisten -dem bezahlten Vertreter der »bewaffneten Macht« - verfolgt und brüskiert sieht(42), sich zur Wehr setzt und den Anfeindungen entgeht, weil Münchmeyer ihm zu Hilfe kommt.(43) Ein Münchmeyer, in dem May damals nur den Freund sehen konnte. Montesos Bild glänzt daher vor Biederkeit. Die seither eingetretenen Veränderungen schlagen sich in der Rückschau jedoch ebenfalls nieder - bei gleichzeitigem Wunsch, Münchmeyers damalige Rolle nicht ungerecht zu färben: Die Sache kam mir verdächtiger vor, als sie war. Eine Art von Mißtrauen wollte sich auch gegen den Yerbotero in mir regen. Ich kannte ihn eigentlich noch gar nicht (12/70). In der dem Bravo verabfolgten Tracht Prügel entlädt sich der Grimm gegen den überheblichen Ortspolizisten, wobei das Vergebliche dieser Art Strafe hervorgehoben wird: Erstens ist sie unwürdig, zweitens bessert sie niemand (vgl. auch weiter oben II, 11.), drittens schützt den Bravo sein »dickes Fell«, d. h. den Polizisten seine amtliche Stellung. Montesos Vorgehen gegen den Bravo fördert, im Verein mit seinem Eingeständnis des (zu diesem Ehrenmann kaum passenden) Betrugs an Tupido (12/81), die Mutmaßung, May habe in das Münchmeyer-Bild unkontrolliert noch etwas einfließen lassen von den nicht völlig einwandfreien Eindrücken, die er damals gewann, und im nachhinein die Rechtmäßigkeit des Vorgehens gegen Otto Freitag(44) und andere Konkurrenten angezweifelt.

Mit der Abwehr des gedungenen Messerhelden bewährt sich der Held und legt ein gutes Fundament. Karl May hat im Befreiungskampf gegen die feindliche Welt der mißbräuchlich und verfehlt angewandten staatlichen Autorität die unteren Chargen zu Fall gebracht. Er ist bereit zum Angriff auf höherer Ebene.

3. Den leitet er nun ganz ausgeklügelt ein. Um unbefleckt wie Lohengrin und Sir Galahad in die Schranken zu treten, muß er beweisen, daß er das, was je an Schlacken in ihm war, fortzuspülen vermag. Dazu ruft er sich den zweifachen Doppelgänger herbei, an dem er seine - frühere - vermeintliche wie existente »schäbige Gesinnung« demonstriert, um sie damit aus der Welt zu schaffen. Er läßt den Helden dem ihm a n g e t r a g e n e n Doppelgänger-Spiel (der Held soll ja Latorre mimen) bewußt ausweichen - es kann vielleicht zur Befreiung des Landes, aber nicht zur Befreiung des Ich, die vordringlich ist, beitragen


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- und inszeniert dafür ein anderes nach eigener Wahl, weil dies den gewünschten Beitrag leistet:

Statt den Helden in eine ihm nicht zukommende Rolle zu schieben, läßt er einen Halunken als angeblichen Comisario criminal Carrera posieren und diesen versuchen, sich bei dem Helden anzubiedern ( 12/ 128). Diese Bewußtmachung der einstigen Maskerade als angeblicher Kriminalbeamter, der »Falschgeld« beschlagnahmte, wie auch die der Amtsanmaßung in der Affäre Stollberg führt zur hinreichenden Erledigung eines sekundären Überbleibsels an Schuldgefühl: der beflissen niederträchtige Halunke wird sehr schnell vom Helden entlarvt; ein Schutzwall ist errichtet. Und den benötigt er, weil der falsche Kriminalbeamte trotz der ihm bereits nachgewiesenen Nichtswürdigkeit die Stirn besitzt, als Ankläger bei einem Militärgericht aufzutreten. Damit hat er sich zu hoch hinauf gewagt: Der Held gibt ihm einen Denkzettel von bleibender Wirkung (12/231) und hat die Genugtuung, daß selbst die Spießgesellen des Ekels diesem nicht zu Hilfe kommen. Der hier zu Fall gebrachte, eine Anklage manipulierende Fälscher ist aber, im Zuge der bei Mays Meisterschaft so rasch und gründlich wechselnden Spiegel-Identitäten, nicht mehr der Doppelgänger des Autors, sondern jeder der von krassem Unverständnis, wenn nicht von Arroganz, gegen den straffälligen Proletarier erfüllten bigotten Kaste »höherer Beamter«, unter denen May nicht wenig zu leiden hatte. In Carrera steckt eine sehr wohl passende Anspielung auf »Karriere« - die eigene wie die der anderen.

Carrera ist aber nicht allein - und im übrigen nur ein Werkzeug. Der ihn dirigierende Schuft aus einer noch höher angesiedelten Gaunerklasse, der seine Gewissenlosigkeit und Grausamkeit vorerst hinter geradezu unverschämter Höflichkeit verbirgt, heißt Enrico Caderader zweite Doppelgänger.

4. Die Ähnlichkeit der Namen Carrera und Cadera - von denen mindestens einer falsch ist, wodurch die Spiegelung auf zwei Ebenen sichtbar wird - entspringt der ähnlichen Funktion der beiden Figuren. Und während Carrera kurzerhand abgetan werden kann, gewinnt der Widersacher Enrico Cadera (»Kader-Kandare-Kadaver« sind naheliegende und furchterregende Assoziationen) an Statur und taucht noch mehrmals auf.

M a j o r  E n r i c o  C a d e r a birgt in sich zwei Teilstränge feindlicher Strömungen, denen Mays Kampf um Loslösung gilt: die ihn


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peinigenden Züge des Vaters H e i n r i c h und die listenreichen Winkelzüge des kriminell veranlagten, verkappten Karl. Da sind sie abermals; er kann ihnen nicht oft genug den Garaus machen. Und der Majorsrang, den Cadera sich unrechtmäßig zulegt, ist der Karl wie Heinrich deckende Name May.

Dieser sich durch niedrige Schurkengesinnung auszeichnende angebliche Major steht zeitlich in der Mitte - also halbwegs - zwischen dem braven Pappermann aus »Husarenstreiche«(45), der - schon vor der Affäre Stollberg und ähnlich wie viel später der problematische Kantor emeritus Hampel(46) - scharf darauf hinweist, daß er das Äquivalent der Majorswürde (Oberstwachtmeister) nicht errungen hat, und dem in der May-Forschung berühmt gewordenen und seltsam namenlosen Major aus »Sonnenscheinchen«(47), der sich bei den Dörflern so großer Wertschätzung erfreut. Unübersehbare Spiegelungen dreier Kalvarien-Stationen in der May-Vita, die das Ringen um den Erwerb der »höheren Weihen« und den Widerstand gegen die zum Bösen lockenden Versuchungen und das der feindlichen Umwelt abgetrotzte Erfolgs-Image in unterschiedlichem Lichte zeigen: 1877 - May schwört der Hochstaplerei ab; 1890 - May macht den falschen »Mai(or)« zu seinem direkten Gegner, um ihn zu besiegen; 1903 - May vertraut darauf, daß die Güte seiner Werke ihm, dem zum Symbol gewordenen Ich, jenseits der Tagespolemik die Achtung, wenn schon nicht die Liebe, des Volkes sichern wird.

Wie sagte May doch so entwaffnend wahrheitsgetreu in seiner Selbstbiographie: Ich . . . konnte darum stets der Wahrheit gemäß behaupten, daß Alles, was ich erzähle, Selbsterlebtes und Miterlebtes sei.(48)

5. Major Enrico Cadera nimmt den Helden höhnisch in Empfang. Unversehens ist der Held zwischen einen ihn fortdrängenden Reitertrupp geraten (12/200-201), und sein Leben ist keinen Pfifferling mehr wert. Damit aber springt der Autor-Erzähler mitten hinein in die scheinbare Ausweglosigkeit. Er kämpft gegen eine Mauer von Feinden, die er gegen sich aufgebracht hat.

Enrico Cadera gebärdet sich als Vorsitzender eines Militärgerichts, einer gigantischen Farce - als beschämendes Spektakel der Perfidie ein Stück glaubhafter Porträtierung damaliger aktueller politischer Zustände, als schriftstellerischer Coup von maßloser Spannung geladen und als Element der Biographie von unschätzbarer Wichtigkeit. Karl May läuft hier zu ganz großer Form auf, reißt Lügengebäude nieder,


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ficht mit dem unerschütterlichen Gottvertrauen und Selbstvertrauen des Mannes, der sich im Recht weiß gegen alle massierte Bürokratie und säbelrasselnde Hohlheit. Die Szenen sind schwindelerregend; nicht schnell genug geht das Lesen. Wie um alles in der Welt will der Held diesen elenden Lumpen entkommen!?

Karl May schafft das souverän (12/205-242). Er heimst einen überragenden Triumph ein und degradiert den Widersacher zur lächerlichen Hanswurst-Figur: Cadera sieht seinen prächtigen Frack - den strotzenden Standesornat - zerfetzt, landet im kalten Wasser (12/233) und . . . kroch im Grase herum und suchte nach seinen Pistolen (12/ 242), den abhanden gekommenen Wahrzeichen der Gewalt. Und wie auch in der Person des unrechtmäßigen Anklägers Carrera rechnet May in diesem Gerichtsvorsitzenden schonungslos ab mit der Unangemessenheit der früher gegen ihn erhobenen Vorwürfe und mit der Unangemessenheit des Strafmaßes. Darüber hinaus geißelt er - härter, zorniger, gesteigerter als im Falle des »niedergeschlagenen« 0rtspolizisten - in dem Militärgericht alles, was sich an Inkompetenz, an Arroganz aus Standesdünkel, an Mißbrauch jeder von Staats wegen verliehener Autorität und an unseligem Machtanspruch im wilhelminischen Deutschland breitmacht. »Militär-« steht stellvertretend für das gesamte Obrigkeitswesen. May ist ja kein Gegner des ordentlichen Militärs, das das Vaterland gegen Angreifer schützt, wohl aber ein Gegner der entwürdigenden Ausformungen, die es zu jener Zeit zeigt.

Phantastischer, in mancherlei Sinne, als dort am und im Fluß, wo Autor, Erzähler und Held buchstäblich die »Flucht nach vorn« antreten, geht es selten zu in Karl Mays Geschichten. Genau deshalb ist die am Ende der brisanten Szenenfolge so unwahrscheinlich anmutende Befreiung nämlich nicht unwahrscheinlich, muß vielmehr mit Beifall akzeptiert werden: Karl May hat mehrere Alp-Lasten abgeschüttelt, er ist freier als vordem (»dem Leben wiedergewonnen«), von ungewöhnlichem Mut zum Dasein beseelt, entzieht sich jauchzend per Pegasus der geifernden Meute, deren einzelne Kläffer nun - auch hier in einem der brillanten Wechsel der Identitäten und Zeitausschnitte bei May - aus Staffage-Vertretern unlegitimierter Staatsmacht zu Schatten des Verbrechens werden, das den mühsam Entronnenen wieder einfangen will. Dieser aber, zu großen Aufgaben ausersehen, wie bereits erhellt, reitet nun geradenwegs dem rettenden Katecheten, dem Gottesmann, dem allumfassenden Glauben an die ewige Gnade in die Arme.


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Wie gut, daß er auch hierbei - wie bei jener Begegnung mit dem alten Medizinmann - nicht weiß, wie sehr ihm diese Vergangenheitsbewältigung zum - unbekannten - Vorwissen um fernes Zukünftiges wird: Das Tribunal mit dem Zeugen und Ankläger ist, grausam genug, eine Vorwegspiegelung des Lebius-Traumas, das ihn einmal wirklich fast das Leben kosten soll.(49)

6. Und so holt er nun zum großen Schlage aus. Die Zusammenstöße mit Cadera und seiner Bande erbringen dem Helden einen unerwünschten, aber dafür um so effektvoller genutzten Aufenthalt in der Höhle des Löwen (12/432). Das Gefecht der Manneswürde gegen Geschmeiß und Bosheit wird um noch eine Etage höher getragen. Der Generalissimo, das Oberhaupt der Verschwörer-Clique, Caderas großer Boß, wird, umgeben von einem Heer waffenstarrender Schergen, zur Zielscheibe der Genialität des höchst lebenswilligen Helden.

Das geht mit einer beispiellosen Dreistigkeit und Frechheit vor sich. Zunächst wird der Stellvertreter des Generalissimo geblufft und eingeschüchtert (12/459ff.) und kann um der eigenen Eitelkeit willen gar nicht anders, als seinem Chef auch eine so erbärmliche Niederlage zu wünschen (12/496), denn er muß sich von dem zum Tode Verurteilten sagen lassen: »Ich bin kein argentinischer Schafsjunge, der sich von dem Worte General in die Enge treiben läßt. Bei mir gilt der Mann, nicht aber der Titel. Von Spitzbuben lasse ich mich nicht verschüchtern.« (12/ 465)(50) Und dann wird der oberste Beelzebub nach Strich und Faden »fertiggemacht« und mit seinen eigenen Waffen Stück um Stück, Schritt um Schritt geschlagen (12/471 ff.) - bis zur Demütigung: »Ein Generalissimo sollte stets selbst wissen, was zu thun ist.« (12/497) Diese unglaublich intensiven, plastisch vorspringenden Dialoge mit Regieanweisungen rangieren unter Mays besten Szenenschöpfungen; sie sind geistvolle Meisterung einer inneren Spannungssituation. Das wahnwitzige Risiko, das der Held gegenüber Lopez Jordan eingeht, beruht auf gründlicher Kenntnis der menschlichen Natur und auf vorbildlich angewandter Psychologie - ein Feld, das dem zeitweiligen und dem sich hier noch einmal seinen Spaß machenden Hochstapler Karl May ja nicht fremd war.

Der Gewalt der Gewissenlosigkeit (Cadera, Jordan) hat er die Kühnheit der Uberraschungstat, die geistige Behendigkeit und - wie auch nicht? - die moralische Uberlegenheit sowie schließlich noch die Gewalt der Sauberkeit (Larsen) entgegengesetzt. In der Weite der


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freien Natur wie in der Enge des Zimmers erlegt das Wiesel den Bären. Die Wucht dieser Befreiungsszenen, ihre »knallige« Farbenpracht bezeichnen das Wegemal: Von hier an, nach dieser Hälfte der Strecke, wird es einfach nur noch aufwärts gehen.

7. Das imponierende Umspringen mit Jordan ist ein Akt der Abrechnung mit nunmehr imaginierten Gegnern: Sollten Generale, Präsidenten, Herrscher gegen den um seinen Platz an der Sonne streitenden Karl May zu Felde ziehen wollen, traut er sich zu, auch ihnen Respekt beizubringen. Sein späterer gesellschaftlicher Umgang mit Vertretern hoher Adelskreise ist hier kühn vorweggespiegelt. Doch auch noch ein anderes trägt dieser auf dem Wissensvorsprung des Helden aufgebaute Bluff-Sieg über Lopez Jordan in sich: Dieses Vordringen gegen einen Mächtigen symbolisiert einfach Mays überzeugendes Plädieren für seine Sache als Schriftsteller. Auch potente Verleger der »oberen Schicht« hat er für sich interessieren und gewinnen können, und wenn sie ihm nicht passen, jagt er sie zum Teufel, nicht sie ihn.

Noch einmal aber tritt hier das Moment einer bestürzenden Präkognition aus den Buchseiten heraus: Der »Gerichtshof« des Generalissimo, die schweigende Mauer voreingenommener Männer rundum und der Übel-Bube Cadera bereit, jeden Eid zu leisten - da ist abermals das Wissen, eines Tages vor einem nicht pro-May gesinnten Gericht gegen einen Dr. Gerlach und einen Lebius antreten zu müssen und dabei der Vernichtung sehr nahe zu sein. Aber der Held siegt - wie Karl May seinerzeit auch vor Gericht letzten Endes siegte und seither immer wieder und immer weiter von Sieg zu Sieg eilt.

8. Er wußte aber wohl auch, daß seine Natur sich noch auf halbem Wege zur Gesundung befand: die Befreiung aus Alptraum-Lasten, die das Mut-Reservoir anreichert und den Blick zu den Cordilleren hin weitet, schließt nicht die völlige Befreiung von den Doppelgängern ein. Sowohl Carreras, des angeblichen Kriminalkommissars, als auch Caderas weiteres Geschick verlieren sich im Ungewissen - wie das des Yerno. So wie er zur Problematik seiner Ehe damals keinerlei Voraussage wagte, so konnte Karl May zur Zeit der Niederschrift von »El Sendador« auch die Tilgung der noch in ihm verbliebenen Dämonen nur halb vornehmen. Diese Gespenster, das spürte er wohl, waren noch keineswegs aus seinem Leben verbannt; er mußte ihnen noch viele Kleider anziehen und diese zerfetzen.


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Die Doppelgänger haben aber am Ende des »Lopez-Jordan«-Teiles ihre Schuldigkeit getan und können verdrängt werden. Der Autor verdeutlicht seine innere Abkehr von diesem nunmehr ausgeschöpften Motiv, als er in der Begegnung des Erzählers mit dem Oberst Alsina (12/534-539) kein Wort darüber verliert, daß der Erzähler dem Oberst Latorre so ähnlich sieht. Diese Ähnlichkeit hätte aber Alsina sofort auffallen und er hätte sich dazu äußern müssen!

Der Schriftsteller Karl May hat auch einige andere Schnitzer im Werk begangen, doch sind sie in der Gesamtschau und für die Bewertung der Erzählung unwesentlich. Wichtiger ist etwas anderes:

Als Schriftsteller kann Karl May zu vielen anderen Positiva in »El Sendador« auch noch diesen Extrapunkt für sich verbuchen: Speziell die Befreiungsszenen, die sich aus dem Militärgericht und dem Auftreten vor Jordan ergeben, sind Träger einer bildhaften Sprache, jener Sprachgebärden(51), die ein literarisches Werk zum »Knüller« und Dauerbrenner erheben können und seinen Autor zum Idol von Lektoren, Verlegern und Lesern machen. Die Kritiker von Karl Mays Stil oder seinem begrenzten Wortschatz oder seiner rohen Technik übersehen, daß er nicht um schöner Worte oder ausgereifter Gedanken willen oder griffigen Formulierungen zuliebe gelesen wird - er wäre sonst nicht er - und daß jegliches künstlerische, stilistische Ausfeilen der schwungvollen, lebenserfüllten Aussage Abbruch getan hätte und als nachträglicher Aufguß den ursprünglichen Geschmack beeinträchtigt hätte. May ist nun einmal nur May, so wie er schrieb. Und daß er das instinktiv, fesselnd, blutvoll konnte, erweist sich in der Sinnfälligkeit und Plastizität der genannten Szenen, in denen »das Wasser sich über mir schloß« und »ein Ertrinkender ein Seil nicht ergreifen soll, weil es vielleicht zerreißen kann?«(52), in denen einem Bösewicht die Zähne (in der Form scharf geladener Revolver) gezeigt werden und ihm die Luft abgepreßt und er in die Schrauben genommen wird. Die Anschaulichkeit trifft jeweils genau - und um den vielen, auch den nicht genannten Beispielen ein weiteres, exaktes hinzuzufügen, sei bemerkt, daß nur jemand, der wie Karl May »so im Dreck gesessen hatte« und mit so unbeugsamem Willen »seinen Weg nach oben machen« wollte, derartige hochgesteigerte Szenen ungeheuerlicher innerer Befreiung gestalten und niederschreiben konnte.(53)


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IV

Versuchen wir ein Fazit nach dem Bemühen, Karl May auf halbem Wege über die Schulter und in die Seele zu schauen:

»El Sendador«, eine ungemein lesenswerte Erzählung, zeigt Karl May auf eindringlicher Suche nach der eigenen Identität und auf dem Wege, die bestgeeigneten Mittel zur Befreiung des Ich vom Druck der Vergangenheit zu finden, zeigt ihn fähig, sich zu imaginierten Großtaten gewissermaßen hochzupeitschen, ohne der Unglaubwürdigkeit anheimzufallen, zeigt ihn aber dem Trauma des Liebesentzuges weiterhin ausgeliefert. Ein gutwilliger, dennoch mit wachem Blick für Willkür und Rankünen ausgerüsteter Staatsbürger auf halbem Wege zwischen jeder Art von Kerker und Freiheit im weitesten Sinne, dem unverbrüchliche Verankerung im Gottesglauben und das daraus erwachsende Selbstvertrauen eine Garantie des Aufstiegs zu äußerer wie innerer Höhe ist.

Er steht vor dem Eintreten in jenes Transit-Stadium, das ihn Jahre später, als der innere Schrei nach Liebe ihn verschlingen will, nach außen hin zur lauthals behaupteten Identifikation mit seinen Helden treibt: Der Prozeß ist eingeleitet, hat aber noch gute Weile. May war hier mit vollem Herzen, vollen Sinnen bei der Sache, hat die ihn noch unablässig bewegenden Probleme seines Lebens in all ihrer Dichte und in all ihrer Breite herausgeschält und ihnen instinktiv das richtige Kleid verliehen. Diese sprühende Geschichte ist eine der erstaunlichsten Leistungen eines Traumschreibers, der fast nur aus dem Unbewußten schöpfte, und hinterläßt - von kleinen unbedeutenden Mängeln abgesehen - den Eindruck vorzüglicher innerer Geschlossenheit.

Uns Heutige berührt es eigenartig, daß gerade das die halbe Wegstrecke markierende Epos vom sündigen Pfadfinder und Bergführer auf einem sonst von May vernachlässigten Schauplatz angesiedelt wurde: schon das weist ihm in der Rückschau eine besondere Rolle zu und darf allegorisch-symbolische Bedeutung für sich in Anspruch nehmen; Zufall war es jedenfalls nicht.

Und die Häufung der auf ein unheimliches - aber nicht als Zukunftsschau erkanntes - Vorwissen hindeutenden Passagen stellt die Dringlichkeit der mit zulässigen Mitteln vorzunehmenden, auf möglichst eingehende Erforschung der Psyche Karl Mays abzielenden Bemühungen heraus: Nicht damit der Zauber weiche - im Gegenteil, damit seine ewigwährende Wirkung sich uns erst recht erschließe.


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In seiner Art ein Meisterwerk, bildet »El Sendador« die Durchgangsstation für den seiner Begabung und seiner Begnadung innewerdenden Büßer und die Grundlage, die Karl May zum Auftürmen zweier weiterer großer Werke benötigte: »Im Lande des Mahdi« und »Satan und Ischariot«.

Und was ich darin fand und daraus erfuhr? Vielleicht erzähle ich es dem lieben Leser ein anderes Mal!(54)


Die Material- und Gedankensammlung zu diesem Beitrag entstand geraume Zeit vor der Tagung der KMG in Freiburg (Oktober 1977) und in Unkenntnis des Inhalts der dortigen Vorträge der Herren Professoren Ueding, Stolte und Klotz. Um so mehr Genugtuung bereitete es mir, in jedem dieser Vorträge - zu jeweils verschiedenen Aspekten - gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Beobachtungen wie meinen eigenen zu begegnen. Vieles kann ich nur in knappen Umrissen behandeln; auch aus Raumgründen mußte manche Ausführung knapp gehalten werden.

Ich widme diese »mannigfachen Denkfäden« mit besonderer Genugtuung Herrn Professor Heinz Stolte, der mir in Freiburg mit der Erwähnung meiner Arbeit in seinem Vortrag (vgl. Jb-KMG 1978, S. 49) eine große Ehre erwies, und Herrn Professor Claus Roxin, der mir Mut zusprach.

1 Vgl. Hans Wollschläger: Karl May. Reinbek 1965, S.58, Zürich 1976, S.75. - Vgl. auch Thomas Ostwald: Karl May. Braunschweig, 4. Aufl. 1977, S. 106 u.109.

2 Zur Datierung dieser »parallel zueinander entstandenen Werke« siehe Claus Roxins Einführung zum Reprint »Die Todeskaravane«. KMG/Pustet 1978.

3 Amerika dort - Orient hier. Das ist gar nicht erstaunlich. Vgl. »Der Bruch im Bau -kein Bruch im Ich«, M-KMG Nr.36/1978.

4 Angaben wie 12/88, 13/144 beziehen sich auf die betreffende Seite in Band 12 bzw. 13 »Am Rio de la Plata« und »In den Cordilleren« der Freiburger Kleinoktav-Ausgabe (1894), die auch mit der Radebeuler Ausgabe noch weitestgehend übereinstimmt. Die heutige Bamberger Ausgabe und ihre Lizenzen weisen jedoch (besonders im ersten Band) zahlreiche Textabweichungen und Streichungen auf, so daß in diesem Fall zur Verfolgung der nachfolgenden Gedankengänge die Onginaltexte besonders wichtig sind. (Anm. d. Red.)

5 Siehe hierzu im einzelnen die Arbeiten von Ekkehard Koch und Bernhard Kosciuszko in diesem Jahrbuch.

6 Siehe Stolte: Die Affäre Stollberg, in Jb-KMG 1976, und Erich Schwinge: Karl Mays Bestrafung wegen Amtsanmaßung, in Maschke: Karl May und Emma Pollmer. Bamberg 1973.

7 Doch der Eulenspiegel-cum-Hochstapler läßt sich nicht einfach ganz wegdrücken. In fortwährend anderen Masken und »Identitäten« harmlos-amüsanter Couleur stelzt der Erzähler durch die Pampa. Nachweis bei Stolte: Mein Name sei Wadenbach, in Jb-KMG 1978.

8 In fast beängstigend großartiger Überspitzung später einmal auf den Gräbersucher Charley in »Old Surehand« angewendet.

9 »Der Scout«. Reprint aus »Deutscher Hausschatz«. KMG/Pustet 1977, mit Einführung von Claus Roxin; »Der Scout auf dem Weg zu Winnetou« von Anton Haider. Sonderdruck der KMG 1976. - »Deadly Dust« und andere Vorläufer können in diesem Zusammenhang unberücksichtigt bleiben. - Zur Rolle des Helden, mit dem May sich identifiziert, vgl. auch Gertrud Oel-Willenborg: »Von deutschen Helden«. Weinheim 1973: Sobald Old Shatterhand auftaucht, stellen sich sogar die bis dahin führenden Größen Sam Hawkens und Old Firehand unter sein Kommando.

10 Im fortschreitenden Schaffen wurde Karl May geradezu souverän darin, sich von


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inneren Schlacken zu reinigen, indem er auf Maskierung verzichtete und »die Dinge beim Namen nannte«: Über das ungemein geschickte, eingestandenermaßen fiktive März (einer von den zwölf Monaten) in »Satan III« (S. 35) und das offene »May« in »Weihnacht!« (S.7 u. a.) wie über Emmeh in»Silberlöwe I/II« schuf er die Voraussetzungen zur seelischen Abgeklärtheit. Im Grunde ist die ihm so übel vermerkte und von ihm so forcierte Old-Shatterhand-Legende auch eine ungewöhnliche »Flucht nach vorn«, mittels derer er das selbstauferlegte Joch abzuschütteln hoffte.

11 Vgl. Ilmer in M-KMG Nr. 29/1976, S. 14 bezüglich Old Wabbles und Mays Raucher-Leidenschaft. Vgl. auch Fritz Maschkes detaillierte Ausführungen in »Karl May und Emma Pollmer«. Bamberg 1973, S.41!

12 Hans Wollschläger: »Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«. Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays, in Jb-KMG 1972/73; Ilmer: Das Adlerhorst-Rätsel - ein Tabu? in M-KMG Nr. 34/1977.

13 Mangels gesicherter Daten in Heinrich Mays Vita läßt sich eine von ihm ausgehende handgreifliche oder nur wortreiche oder wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit einem »Nebenbuhler« nur rein hypothetisch annehmen.

14 Eine hochinteressante Wortwahl. Zeigt sie - undeutlich noch, erst halb durchgebildet - die Zentrierung des Autors auf sein Ego als das der Menschheitsfrage, die sich in ihm manifestiert? Das Wort findet sich auch in »Satan III«, S. 612 (Freiburg/Radebeul bis zum 80. Tsd.) - im unmittelbaren zeitlichen Vorfeld der Old-Shatterhand-Legende.

15 Vgl. Ilmer, wie Anm 3

16 Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg (1910), S.189

17 Vgl. Ilmer: »Mißratene« Deutsche Helden, in Sonderheft Nr.6 der KMG sowie »Das Adlerhorst-Rätsel - ein Tabu?« in M-KMG Nr.34/1977.

18 Karl May: Mein Leben und Streben. Reprint der Ausgabe Freiburg o. J. (1910). Vorwort, Anmerkungen, Nachwort, Sach-, Personen- und geographisches Namenregister von Hainer Plaul. Hildesheim-New York 1975, S. 172ff. -Hans Wollschläger im Jb-KMG 1972/73, S.47, Hainer Plaul im Jb-KMG 1976 S. 140.

19 Helmut Schmiedt schreibt in seinem vorzüglichen Buch »Kari May - Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers«: »In »Am Rio de la Plata« hat der Bruder Jaguar durch den starken Eindruck seiner Persönlichkeit eine ganze Schar von Verfolgern (des Helden) in Schach gehalten (251ff.) und wirkt wie prädestiniert zur Leitung der Reisegruppe. Aber das Bild trügt, (der Held) beweist durch eine spielerische Auseinandersetzung, daß er die in der Wildnis nötigen Fähigkeiten doch besser beherrscht, und übernimmt nun unangefochten die Führung. «

20 Das bezieht May in der hier unterlegten Gedankenwelt nicht auf den harmlos unkomplizierten Turnerstick, sondern auf die zum Edelmenschentum strebende Führernatur schlechthin.

21 Der scheinbar nur zu Dekorationszwecken über Schiffsplanken und Festland polternde Steuermann Peter Polter in »Auf der See gefangen« (»Frohe Stunden«, II. Jahrgang 1877/78, Nr. 21ff., S. 321ff.), auch in »Old Surehand II« (S. 186ff., S. 471 ff.) bzw. in »Kapitän Kaiman« (Ges. Werke Bd. 19), ein Vorläufer Larsens, erfüllt in wesentlich kruderer Form ähnliche Schntzfunktionen.

22 Hierzu Hainer Plauls Anmerkung 51 auf S. 349 des Reprints von »Mein Leben und Streben« und Hans Wollschlägers Anm.160 auf S.91 im Jb-KMG 1972/73.

23 Im Rahmen der Forschungen, die sich an Mays Auftreten als Plantagenbesitzer Wadenbach knüpfen lassen, bietet sich auch das »Namens-Syndrom« an: Albins Tante heißt M-alwin-e, sein Bruder heißt Friedrich (Mays zweiter Vorname). Vgl. Klaus Hoffmann: Karl May als »Räuberhauptmann« oder Die Verfolgung rund um die sächsische Erde. Karl Mays Straftaten und seinAufenthalt 1868 bis 1870, 1. Teil, in Jb-KMG 1972/73, S. 240. - Vgl. auch Albin Richemonte in »Die Liebe des Ulanen« (Bösewicht besonders großen Formats) und Alban von Adlerhorst in »Deutsche Herzen, deutsche Helden« (dem ein im Roman nie geklärtes Verbrechen angelastet wird). Im übrigen siehe Anm.24.


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24 Hierzu im einzelnen Stolte in »Mein Name sei Wadenbach«. Zum Identitätsproblem bei Karl May, in Jb-KMG 1978.

25 Vgl. llmer in M-KMG Nr.34/1977.

26 Claus Roxin: »Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand«. Zum Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen, in Jb-KMG 1974.

27 Vgl. Hainer Plaul: Redakteur auf Zeit. Über Karl Mays Aufenthalt und Tätigkeit von Mai 1874 bis Dezember 1877, in Jb-KMG 1977, S. 123 u. 135. Vgl. auch u. a. die Carl-Stülpner-Legende, auf die Klaus Hoffmann im Jb-KMG 1975, S. 246 Bezug nimmt. (Siehe auch M-KMG Nr. 18, Notiz auf Seite 34).

28 Vgl. Kurt H. Schenk: »Ich, der Proletarier«, sagte Karl May, in M-KMG Nr. 19/1974.

29 Vgl. auch H. Hatzig: Dschanneh, ein Name ohne Gestalt, in M-KMG Nr.25/1975.

30 Der ewige Besserwisser Old Shatterhand macht Karl May in dieser Hinsicht dann noch viel zu schaffen. Zur Rolle des insoweit sympathischeren Kara Ben Nemsi siehe Claus Roxins Einführungen zu den Reprints aus »Deutscher Hausschatz« »Die Todeskaravane«, »Durch das Land der Skipetaren«. KMG/Pustet 1978.

31 Eine frappierende Wiederholung des Blick-Motivs und der Notwendigkeit, unter solchem Blick einen Entschluß zu fassen, findet sich in »Silberlöwe IV«, S.69. - Den Hinweis verdanke ich Hansotto Hatzig.

32 Der Sendador geht hierin Old Wabble voran, bei dem May das Problem vertieft behandelt. Auch das Verhältnis Old Shatterhand/ Old Wabble beruht auf gegenseitiger, mit Zuneigung gemischter Achtung, die auch unter bitterer Feindschaft nie eigentlich erstickt.

33 Die magische Wirkung der von den Supermännern Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi erbrachten Leistungen liegt nicht nur - sofort erkennbar - darin begründet, daß sie nacheifernswert erscheinen und Identifikations-Sehnsüchte im Leser wachrufen, sondern vornehmlich in ihrem inneren, von der Seele erfühlbaren Wahrheitsgehalt. Mays seelisches Nachvollziehen des in ganz anderer Form »Selbsterlebten« findet spontane Resonanz in den noch naiven - oder den bereits überdurchschnittlich perzeptionsfähigen - Bezirken der Leserpsyche. Vgl. auch Claus Roxin in Jb-KMG 1971, S.89 und seine Anmerkung 93 auf S.107 in demselben Jahrbuch.

34 Gert Ueding: Der Traum des Gefangenen. Geschichte und Geschichten im Werk Karl Mays. Vortrag vor der KMG in Freiburg, 22. Oktober 1977; abgedruckt in Jb-KMG 1978.

35 Hier wird bewußt ein Aspekt isoliert herausgegriffen.

36 Vgl. auch Stolte: Die Reise ins Innere, in Jb-KMG 1975.

37 In »Belletristische Korrespondenz«, Bielefeld-Leipzig. (Hans Wollschläger: Karl May. Reinbek 1965, S. 160, Zürich 1976, S. 210). Aufgenommen in Bd. 10 »Orangen und Datteln« (Freiburg/Radebeul) bzw. »Der Sand des Verderbens« (Bamberg).

38 Die von mir vermutete, mit dem Entstehen des fünften Münchmeyer-Romans »Der Weg zum Glück« beginnende Periode einer gewissen Entspannung in Mays Eheleben, die ihn zu nachsichtig-gelassener und freundlicher, wenn auch kritischer Haltung befähigte, könnte zur Zeit von »El Sendador« noch durchaus bestanden haben. (Vgl. Sonderheft Nr. 6 der KMG »Karl Mays Deutsche Herzen und Helden«, S.36, Ziffer 3).

39 Old Shatterhand im Wilden Westen trägt ihn ständig, Kara Ben Nemsi im Orient verzichtet darauf und behält nur die Stiefel an. Die fur das Tragen des Anzugs im Wilden Westen geltenden Argumente lassen sich auch für den Orient anführen, und doch ist die Ausgangslage verschieden: Old Shatterhand bedarf der zusätzlichen Schutzwehr auf seinen Wegen durch die feindselige Männerwelt, in der sich unsichtbar irgendwo der gesuchte Vater befindet; Kara Ben Nemsi bewegt sich in der andersgearteten, vom schützenden Mutterbild der Marah Durimeh überstrahlten Welt und ist weniger angreifbar.

40 Hans Wollschläger: Karl May. Reinbek 1965, S. 42; Zürich 1976, S. 52. Vgl. Karl Mays Aussage hierzu, zitiert in »Die Zeugen Karl May und Klara May« von Rudolf Lebius. Berlin 1910, S. 121-122.

41 Eine zusätzliche Akzentuierung erfährt das kurze Auftreten des einstigen Medizin-


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mannes (»Zauberers«) dadurch, daß Mays kurzlebige Hoffnungen auf eine Arzt-Karriere und der Schwindel als »Dr. med. Heilig« samt aller Hochstapler-Manipulationen sich hier als »geschrumpft« spiegeln.

42 Mein Leben und Streben, S. 179. Dazu im Reprint die Plaul-Anmerkung 159 auf S. 389-390.

43 Ebda., S. 180, mit Plaul-Anmerkungen 160, 152 auf S.390-391. -Diese in Band 12 widergespiegelte Szene wird in der hier vorliegenden Betrachtung von den unter Abschnitt II, Ziffer 20 aufgeführten Beispielen abgelöst, da sie unter eine andere Subsumtion fällt.

44 Wie Anm. 39, S. 181-182, mit Plaul-Anmerkungen 166, 167, S.393-395

45 In »Frohe Stunden«, 11. Jahrgang 1877/78, ab Nr. 32, S. 503ff. - Die mehrmalige Verwendung des Namens Pappermann durch May ist bei anderer Gelegenheit einen besonderen Exkurs wert. - In »Husarenstreiche« wimmelt es im übrigen von Namen, die nähere Betrachtung verdienen: Anna, Treskow, Hiller. - Vgl. auch in M-KMG Nr.29/1976 die Anm. 19 auf S. 19.

46 Siehe Stolte: Die Affäre Stollberg, in Jb-KMG 1976

47 In »Erzgebirgische Dorfgeschichten«. Niedersedlitz 1903. Reprint Hildesheim-New York 1977; auch in Gesammelte Werke Bd. 43 »Aus dunklem Tann« (Radebeul/ Bamberg). - Hierzu siehe das Nachwort des Herausgebers Roland Schmid im 129. Tsd. von Bd.44 »Der Waldschwarze« (Bamberg).

48 Mein Leben und Streben, S.139.

49 Vgl. auch im Sonderheft Nr. 6 der KMG »Karl Mays Deutsche Herzen und Helden« auf S. 36 den zweiten Absatz.

50 Der darauf im Text folgende Satz, »Dieser sogenannte Major ist als Räuber jenseits der Grenze eingebrochen«, ist eine bedenkenswerte, in düsterer Verzerrung dargebotene Reminiszenz und, gleichzeitig, ebenfalls eine der in »El Sendador« an Medialität und Präkognition gemahnenden Textstellen. Wußte May, tief unterschichtig, daß man ihn eines Tages offen bezichtigen werde, ein Räuberhauptmann gewesen zu sein? - Vgl. auch oben Abschnitt 11, Ziffer 14.

51 Bestechende Beispiele über die Verwendung von Sprachgebärden und deren Verwurzelung irn Unbewußten zeigte Volker Klotz in seinem Vortrag »Woher, woran und wodurch rührt 'Der verlorene Sohn'?«, gehalten vor der KMG in Freiburg am 23. Oktober 1977; abgedrucktinJb-KMG 1978.

52 Hierin liegt in der Rückspiegelung auch die Rechtfertigung, die seinerzeit von Münchmeyer angebotene Redakteur-Stelle trotz aller damit verbundenen Risiken angenommen zu haben.

53 Vgl. auch Hainer Plaul: Redakteur auf Zeit, in Jb-KMG 1977, S. 116.

54 So Karl Mays Schlußworte in »Himmelslicht«, in: »Orangen und Datteln«, S.510.


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