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KARL MAY

»An die deutsche Presse« und andere Flugblätter

Mit Einleitung und Anmerkungen von Ekkehard Bartsch




Die umfassende Dokumentation Hainer Plauls »Literatur und Politik. Karl May im Urteil der zeitgenössischen Publizistik« (Jb-KMG 1978) machte erstmals die geistesgeschichtlichen und kulturpolitischen Zusammenhänge des großen Pressestreits um Karl May sichtbar. Dadurch wird es nun möglich, die einzelnen Themenkomplexe aufzuarbeiten, ohne jedesmal erneut ausführliche Exkurse zur Erklärung dieser Zusammenhänge unternehmen zu müssen. Denn was sich seinerzeit in den Augen Karl Mays als eine große Verschwörung ausnahm, war in Wirklichkeit ein sehr komplexes Gebilde der verschiedensten Interessengruppen: Geschäftsinteressen (Firma Münchmeyer), politische Interessen und persönliche Geltungssucht (Lebius), Interessen der Kulturpädagogik (Mamroth, Muth, Cardauns, Avenarius), konfessionelle Interessen (Pöllmann, Rentschka).

Einzelne Themenbereiche wie der Streit mit Fedor Mamroth, Paul Schumann und Ansgar Pöllmann wurden innerhalb unserer Jahrbuch-Reihe bereits dokumentiert. Nun kann es natürlich nicht das Ziel der Karl-May-Forschung sein, jede belanglose Zeitungsstimme des Für und Wider erneut abzudrucken, zumal die Verfasser oft nur oberflächlich informiert waren. Wichtig sind jedoch die aus Karl Mays Feder stammenden Texte: zahlreiche Richtigstellungen (oft unter Hinweis auf § 11 des Pressegesetzes), polemische und unpolemische Entgegnungen auf kritische Artikel, sowie »Eingesandt«-Leserbriefe. Alle diese Texte sollen - soweit auffindbar - als autobiographisches Material Mays im jeweils passenden Zusammenhang erneut gedruckt werden. Die nachfolgende Zusammenstellung bringt die von Karl May gesondert als Flugblätter veröffentlichten Polemiken, sechs an der Zahl. Sie erschienen im Druck als Faltblätter (Format 30 mal 23 cm)


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und wurden von Karl May an die Presse versandt. Manche Zeitungen druckten sie vollständig oder auszugsweise, kommentiert oder kommentarlos, ab; andere verwendeten sie als Informationsgrundlage. Durchweg waren es Antworten auf gegnerische Presse-Veröffentlichungen.

Einige Erläuterungen, Querverbindungen und Quellenverweise bringen die angefügten Anmerkungen. Darüber hinaus sei, soweit die Zusammenhänge nicht aus dem Inhalt selbst erkennbar sind, auf Plauls übersichtliche Darstellung im Jahrbuch 1978 verwiesen.

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Fünf der sechs Flugblätter richten sich besonders gegen den Chefredakteur der »Kölnischen Volkszeitung«, Hermann Cardauns, und beschäftigen sich mit dessen Kritik an Mays angeblich »abgrundtief unsittlichen« Münchmeyer-Romanen. Den »Offenen Brief« von 1905 verwendete Karl May auch für seinen im gleichen Jahr erschienenen Privatdruck »Ein Schundverlag«, den er am Schluß seines Flugblattes »Die »Rettung« des Herrn Cardauns« erwähnt. Wie absurd übertrieben Hermann Cardauns' Kritik war, ist heute ersichtlich, seit diese Romane als Reprint der Frühdrucke wieder zugänglich sind. Daß May sich die Verurteilung der Kolportageromane voll zu eigen machte, dürfte einerseits taktische Gründe gehabt haben, denn es galt ja, der Firma Münchmeyer die Verfälschungen nachzuweisen. Andererseits war sie wohl auch in dem Wandel begründet, den seine Einstellung zu sich und seinem Schaffen seit der Jahrhundertwende durchgemacht hatte, so daß er es für ausgeschlossen halten mußte, die Romane jemals in dieser Form geschrieben zu haben. So kam die kuriose Situation zustande, daß May und Cardauns sich in der Sache einig waren, nur sah Cardauns in Karl May den Schuldigen, während in Mays Augen die Firma Münchmeyer die alleinige Verantwortung trug.

Der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Flugblatt-Polemik bleibt die Frage nach den »unsittlichen« Stellen. Daß die Münchmeyer-Romane, selbst in der ersten Druckfassung, nicht »abgrundtief unsittlich« oder gar »pornographisch« waren, liegt heute für den Kenner auf der Hand. Immerhin enthält aber vor allem der »Waldröschen«-Roman einige derb erotische Beigaben, bei denen sich die Frage ergibt, ob diese wirklich von Karl May stammen. Szenen, die zwar der Phantasie einigen Spielraum geben, die aber insgesamt dezent gehalten sind, dürften auf Karl May zurückgehen, vor allem, wenn sie unmittelbarer Bestand-


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teil der Handlung sind. Sie sind vergleichbar mit Passagen in den nicht bei Münchmeyer erschienenen Romanen »Scepter und Hammer« und »Die Juweleninsel«. Direkte erotische »Handgreiflichkeiten« dagegen sind von so plumper Stereotypie und wirken so künstlich aufgesetzt, daß die Interpolation beinahe auf der Hand liegt. Selbst Cardauns fand sie »an den Haaren herbeigezogen«, und Klaus Hoffmann weist nach (Nachwort »Waldröschen«-Reprint, S. 2665f.), daß sich durch solche Einschübe sogar Handlungs-Inkonsequenzen ergeben -: ein Indiz, das ganz besonders zu Mays Gunsten spricht.

Von dem Kitsch, der in diesen unter der Hetzpeitsche der Kolportage niedergeschriebenen Romanen steckt, ist Karl May sicher nicht zu entlasten. Und wenn May in der Selbstbiographie und auch in dem Flugblatt »Die »Rettung« des Herrn Cardauns« den Eindruck zu erwecken versucht, er habe diese Romane auf dem gleichen Niveau geschrieben wie die Reiseerzählungen für Pustet, und habe die Absicht gehabt, sie ebenfalls der Fehsenfeld-Serie anzugliedern, so wird man ihm nicht folgen können. Daß vereinzelte erotisch stimulierende Szenen und Formulierungen von fremder Hand eingefügt wurden, ist dagegen durchaus wahrscheinlich und in Einklang zu bringen mit den vom Münchmeyer-Verlag zugestandenen redaktionellen Änderungen, die bis zu 5 Prozent betragen haben sollen.

Ein starkes Argument für Karl Mays Darstellung ist auch die Tatsache, daß der taktisch sonst eher vorsichtige May von Anfang an so entschieden die Vorlage seiner Originalmanuskripte verlangt hat. Er muß seiner Sache ganz sicher gewesen sein, denn er konnte ja nicht genau wissen, ob die Manuskripte wirklich alle vernichtet waren, und wäre ein großes Risiko eingegangen, wenn man ihm aus seinen Handschriften »Unsittlichkeiten« hätte nachweisen können.

Eine besondere Technik Mays in seinen Polemiken war es, als Titel seiner Repliken die Überschriften der gegnerischen Aufsätze zu verwenden. So antwortete er auf den Cardauns-Artikel »Die »Rettung« des Herrn Karl May« mit dem Flugblatt »Die »Rettung« des Herrn Cardauns« und auf Karl Küchlers Artikel »Ist Karl May rehabilitiert?« mit dem Flugblatt »Ist Cardauns rehabilitiert?«.

Das letzte Flugblatt aus dem Jahre 1910 schließlich richtete sich gegen Mays damaligen Hauptgegner Rudolf Lebius und dessen mit Hilfe eines Zirkus-Indianers inszenierte neue Anti-May-Kampagne.

Alle sechs Texte geben - aus der Sicht Karl Mays - Einblick in die


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Aufregungen der Prozesse und der Presse-Attacken. Sie sind, auch da, wo ihre Argumentation schwach ist, wichtige biographische Zeugnisse, denn sie lassen ahnen, in welchem Umfang Mays Arbeitskraft durch die Tagespolemiken in Anspruch genommen wurde. Und sie geben mancherlei Einblick in Zusammenhänge, die an anderer Stelle, zum Beispiel in »Mein Leben und Streben«, weit weniger ausführlich dargestellt sind.


Offener Brief
an den Haupt-Redakteur der »Kölnischen Volkszeitung« Herrn Dr. phil. Hermann Cardauns

Geehrter Herr Redakteur!

Die gleich anfangs von mir vorausgesehene Zeit ist da, mich mit vorliegendem Brief an Sie zu wenden.

Wie Sie wissen, führe ich meinen nun 3 jährigen Prozeß gegen die Dresdener Kolportage-Firma H. G. Münchmeyer, sowohl gegen die frühere Inhaberin als auch gegen den jetzigen Besitzer. Ich freue mich herzlich, daß die gesamte deutsche Presse daran denjenigen regen Anteil genommen hat, den solch eine Sache verdient. Nur war dieses Interesse leider ein so ungeduldiges, daß ein ruhiges Abwarten des Richterspruches nicht im Bereich der Möglichkeit gelegen zu haben scheint. Man hat vielmehr diesem Urteile weit vorausgegriffen und mich, Karl May, durch die ganze deutsche Presse als den »Entlarvten« hingestellt, ohne zu bedenken, wie erschwerend und schädigend dies auf den Gang dieser Rechtssache einwirken mußte. Es war nicht etwa leicht für mich, dies ruhig hinzunehmen!

Es handelt sich um diejenigen »Romane«, welche Sie, Herr Redakteur, sowohl in den Zeitungen als auch in Ihren öffentlichen Vorträgen(1) als »a b g r u n d t i e f  u n s i t t l i c h« gekennzeichnet und gebrandmarkt haben. Hunderte von Blättern und hunderte von Kritikern haben ganz genau dieselbe Ansicht geäußert, und, d a  e s  a u c h  d i e  m e i n i g e ist, wie ich schon l ä n g s t  v e r ö f f e n t l i c h t habe, so gereicht es mir zur freudigen Genugtuung, mich den Verbreitern dieser » a b g r u n d t i e f e n  U n s i t t l i c h k e i t e n « gegenüber nicht allein, sondern unter so vortrefflichem Schutz zu wissen.

Es kann mir nicht einfallen, nun auch meinerseits dem Gange des


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Prozesses vorauszugreifen, aber da so oft versichert worden ist, daß ich ihn nur aus pekuniären, überhaupt niedrigen Gründen fahre, so darf ich mir wohlfolgende Berichtigung gestatten:

Die Firma Münchmeyer hat mir erklärt, daß sie diese » U n s i t t l i c h k e i t e n « für u n z e r t r e n n l i c h von diesen Romanen halte und mit ihnen so viel Geld wie möglich verdienen wolle. Ich kann dies jederzeit durch unanfechtbare briefliche Dokumente beweisen. Um diese Ausnützung der Unsittlichkeiten endlos fortsetzen zu können, behauptet man, daß ich auf alle Urheber- und Verlagsrechte verzichtet habe, wobei sogar das Recht der b e l i e b i g e n  V e r ä n d e r u n g ,   U m a r b e i t u n g usw. mit inbegriffen sei. Ich hingegen prozessiere, um diese mir gewaltsam vorenthaltenen Rechte mir gerichtlich bestätigen und die Romane dann s o f o r t und für i m m e r  v e r s c h w i n d e n  z u  l a s s e n.(2) Das ist zunächst meine erste und höchste Pflicht: die Vergiftung hat ganz unbedingt schnellstens aufzuhören. Ob ich sie damals genau so geschrieben habe, wie sie jetzt gedruckt werden, ob man berechtigt ist, die Unsittlichkeiten gar noch zu illustrieren usw., das sind Fragen, die darum erst an zweiter Stelle zu stehen haben, obgleich sie mich nicht weniger berühren. Diese unsittlichen Werke zunächst und s o  s c h n e l l  w i e  m ö g l i c h  a u s  d e m  B u c h h a n d e l und aus den Verkaufsläden heraus; das ist für mich die Hauptsache! Denn, wenn der jetzige Besitzer der Kolportagefabrik von H. G. Münchmeyer auch zehn- und hundertmal öffentlich erklärt, daß die schlechten Stellen nicht von mir stammen, sondern von anderer Hand hineingetragen worden seien, so geschieht das n i c h t  e t w a  z u  m e i n e r  » E h r e n r e t t u n g «, es wird vielmehr durch diese h ö c h s t  p f i f f i g e  R e k l a m e ganz besondes auf die S c h l ü p f r i g k e i t  d i e s e r  W e r k e aufmerksam gemacht, damit sich zu den zahllosen Maylesern auch noch diejenigen gesellen machten, die May nur deshalb nicht lesen, weil seine Bücher keine aufreizenden Liebesgeschichten enthalten. Ich habe mich also gegen alle derartigen »Sittenzeugnisse« des Herausgebers solcher W e r k e  a u f  d a s  E n e r g i s c h s t e zu verwahren. Es soll nicht wieder von ihm und mir geschrieben werden:

»Sie vertragen sich!«

Indem ich mich in dem Bestreben, diese Münchmeyerschen Werke schleunigst verschwinden zu lassen, mit Jedermann einig weiß, dem das Wohl und die Gesundheit der Volksseele am Herzen liegt, darf ich nicht beachten, daß ich mich dadurch wahrscheinlich selbst auch schädige. Und noch viel weniger darf mich der Umstand zur Nachsicht bewegen,


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daß die Hersteller und Verbreiter dieser » a b g r u n d t i e f e n  U n s i t t l i c h k e i t e n « es verstanden haben, sich hochklingende Namen und hochgestellte Personen dienstbar zu machen, von denen ich nur sagen kann, daß ich sie bedauere, weil sie nicht wissen, was sie tun.

Der gegenwärtige Besitzer der Fabrik(3) wagte erst kürzlich, am 21. Dezember 1904, v o r  G e r i c h t zu erklären, er gebe diese Romane in 30 Bänden heraus und der unsittlichen Stellen seien eine ganze Menge darin. Dann ging er hin, um weiter zu drucken und weiter zu verbreiten. Man denke, vor Gericht! Das ist doch wohl schon mehr als kühn! Hätte er das wagen können, ohne so einflußreiche Personen hinter dem Namen Münchmeyer zu wissen? Man sieht, wie weit das Gift zu schleichen vermag, und es ist wohl an der Zeit, diesem Umsichgreifen der Schundroman-Moral aus allen Kräften Einhalt zu tun! Man gründet Vereine, um derartige Romane aus der Literatur hinausschreiben zu lassen, übrigens ganz derselbe Zweck, den ich damals verfolgte. Es treten hohe Herrschaften an die Spitze dieser Vereine. Man setzt Preise aus; man scheut keine Opfer und gibt sich alle Mühe. Was nütztaber dies Alles, wenn der Verleger von 30 Bänden » a b g r u n d t i e f e r  U n s i t t l i c h k e i t e n « sich geschäftlich, rechtlich und moralisch so sicher weiß, daß er sich herausnehmen darf, vor Gericht mit ihnen zu prahlen, ohne daß irgend Jemand die Macht besitzt, ihm das Handwerk zu legen! Dieser Mann scheint wohl gewußt zu haben, wie die Karten liegen, als er mir am Anfang des Prozesses drohte, ich sollte ja auf den Vergleich eingehen, denn falls er der Verlierende sei, werde er mich mit Hilfe der Zeitungen moralisch kaput machen!

Oder sollten wir uns irren, Sie Herr Redakteur und ich und die vielen Anderen alle, die über die Romane jenes schwere, vernichtende Urteil ausgesprochen haben? Sollte die Verbreitung dieser »Unsittlichkeiten« ein so großes Verdienst um unser Volk und seine Seele sein, daß man sogar Geh. Hofräte resp. einen Rektor magnificas in Bewegung setzen darf, wenn es gilt, mit allen meglichen und unmeglichen Mitteln den Fortbestand der g e - r e s p.  e r w e r b s m ä ß i g e n  U n s i t t l i c h k e i t zu erzwingen? Denn das ist sie doch, da man durch sie nur Geld verdienen will, weiter nichts! Fast hat es den Anschein, als ob man geneigt sei, unsere einstimmige Konstatierung und Verurteilung der Unsittlichkeit für eine Farce oder Faxe zu halten, der gegenüber man die Verbreiter und Verkäufer zu beschützen habe. Da wollen wir uns denn doch beeilen, uns Klarheit zu verschaffen.


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Nämlich ich werde sehr wahrscheinlich nächstens veranlaßt werden, Ihnen Gelegenheit zu geben, sich vor Gericht hierüber auszusprechen. Sie standen und stehen noch heute an der Spitze derer, die in sittlicher Empörung über die Münchmeyer'schen Romane zum Worte und zur Feder griffen. Es würde mich unendlich freuen, wenn Sie heute noch derselben Meinung wie damals wären und auch mit ganz derselben Begeisterung für sie eintreten wollten. Denn ich bitte Sie hiermit um die Erlaubnis, Sie in dieser Angelegenheit als Kenner, Sachverständigen und Zeugen angeben zu können.

Ich befürchte nicht, mit dieser meiner Bitte von Ihnen zurückgewiesen zu werden, und habe dazu folgenden Grund: Ich hatte Sie in einem hiesigen Blatte gelegentlich als Zeugen meiner Gegenpartei im Beleidigungsprozeß May gegen Praxmarer bezeichnet.(4) Ich nannte natürlich keinen Namen, weil es sich um einen sehr tüchtigen, katholischen Pfarrer, einen berühmten katholischen Erzieher und einen hohen österreichischen Prälaten handelte. Die Namen dieser drei Herren zu erfahren, wäre der hiesigen Presse eine wahre Wonne gewesen. Man versuchte, mich zur Indiskretion zu reizen. Man schrieb an Sie. Man hatte sich nicht verrechnet. Sie stellten in Abrede, Zeuge gewesen zu sein. Hierauf coramierte man mich öffentlich als Lügner; ich ging aber nicht auf den Leim. Zwar befindet sich in meinen und in meines Rechtsanwalts Handakten die betreffende Zufertigung des Großh. Hessischen Amtsgerichts Friedberg vom 1. September 1904, in welcher wir benachrichtigt werden, daß Sie als Zeuge angegeben und vorzuladen seien; der Beweis, daß nicht ich gelogen habe, wäre mir also sehr leicht gefallen; aber ich schwieg trotzdem, denn zu verantworten pflegt man sich doch nicht vor Leuten, die einem weder amtlich noch intellektuell etwas zu sagen haben, und ich bin ja gewohnt, unsagbar Albernes über mich schwatzen zu lassen, ohne darauf einzugehen! Von Interesse war mir nur, was man Ihnen in den Mund legte, nämlich: »Wäre ich als Zeuge über seine Kolportageromane vernommen worden, so hätte ich umsomehr gesagt. «

Wie mich das freute, als ich es las! Sie haben sich zwar in mir, ich mich aber nicht in Ihnen geirrt! Das, was Sie da tun wollen, ist ja grad das, was ich mir von Ihnen wünsche, und ich habe Sie nur zu bitten, »halten Sie aber auch Wort, Herr Redakteur!« Ich werde sehr wahrscheinlich, wenn Sie in Köln vernommen werden, mich beim Verhör einfinden, bitte Sie aber schon jetzt, vollständig überzeugt zu sein, daß Sie meiner guten


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Sache umsomehr dienen werden, je weniger nachsichtig Sie mit diesen Münchmeyerschen Romanen verfahren.

In höflichster Hochachtung

Karl May.

Radebeul-Dresden, den 1. März 1905.


Aus dem Lager der May-Gemeinde

In Heft 4 der »Historisch-politischen Blätter« erschien ein Aufsatz von Hermann Cardauns(5), der sich mit dem Prozeß May-Münchmeyer beschäftigt und eine solche Menge von d i r e k t e n  U n w a h r h e i t e n und f a l s c h e n  K o m b i n a t i o n e n enthält, daß ich gezwungen bin, in Heft 5 derselben Blätter das Wort zu ergreifen, um die Wahrheit zur Geltung zu bringen. Hierauf brachte die »Kölnische Volkszeitung« in ihrer Nr. 706 einen Aperçu über denselben Gegenstand, dessen Gedankengang in der Behauptung gipfelt, Herr Cardauns w e i s e  i m  E i n z e l n e n  u r k u n d l i c h  n a c h ,   d a ß  d i e  g a n z e  R e t t u n g s k a m p a g n e  n i c h t s  a l s  e i n  e i n z i g e r  u n g e h e u r e r  S c h w i n d e l  s e i. Herr Cardauns hat nämlich seinem Aufsatze den zweischneidigen Titel »Die Rettung des Herrn Karl May« gegeben. Ich sage zweischneidig, denn diese Rettung des Herrn May ist offenbar nur zur Rettung des Herrn Cardauns geschrieben, der, wie sich nun zur Evidenz herausstellt, d e r  j o u r n a l i s t i s c h e  S c h u t z p a t r o n  d e s  M ü n c h m e y e r - F i s c h e r s c h e n  S c h u n d v e r l a g e s ist und infolgedessen gegenwärtig in der augenfälligsten Gefahr schwebt, nach einer langen und ehrenhaften Tätigkeit wider alles Erwarten doch noch mit einem vernichtenden Fiasko abzuschließen. Da ist es menschlich sehr wohl zu begreifen, daß er sich an den letzten Strohhalm klummert, an dem sich auch seine bisherigen Schützlinge, meine Prozeßgegner, noch mühsam zu halten suchen, und da in seiner Not von m e i n e r Rettung spricht, wo es sich doch nur um seine eigene handelt. Ich gebe gern zu, daß diese seine Rettung, um in seiner Weise zu reden, n u r  d u r c h  e i n e n  e i n z i g e n ,   u n g e h e u r e n  S c h w i n d e l möglich ist, und werde sicherlich noch entdecken, wer es eigentlich ist, der diesen Schwindel treibt.

Es ist für Jedermann klar, daß der literarische Prozeß »Cardauns gegen May« den Zweck verfolgt, auf den juridischen Prozeß »May


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[Faksimile des Flugblatts »Aus dem Lager der May-Gemeinde« (52 Kb-Gif)]

gegen Münchmeyer« verwirrend einzuwirken. Von wem und in welcher Weise Herr Cardauns hierfür gewonnen wurde oder ob er nur genarrt worden ist und nicht die Kraft besitzt, dies offen zu bekennen, das wird man hoffentlich in absehbarer Zeit erfahren. Vor allen Dingen wirft er meinen Verteidigern vor, daß sie nicht sachlich seien, sondern sich auf allgemeine Redensarten beschränkten. Er meint, daß es sich einzig und allein nur darum handle, ob ich unsittlich geschrieben habe oder nicht. Ich bin bereit, hierauf einzugehen, und erkläre Folgendes:


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Es mangelt hier der Raum, ausführlich zu sein. Meine erschöpfende Antwort wird Herr C. in Nr. 5 der »Hist.-pol. Blätter« bekommen, wo er mich angegriffen hat. Ich verweise die Leser der »Köln. Volks-Zeitung« hierauf, und bitte, diese Antwort ohne Voreingenommenheit zu lesen.

Die raffinierteste aller Schwindelarten, deren man sich gegen mich bedient, ist der »Akten«-, »Urkunden«- und »Dokumenten«-Schwindel. Von Anfang an bis heute wurden diese behördlichen Ausdrücke gebraucht, um die Öffentlichkeit zu dapieren. Herr C. ist viele Jahre lang Redakteur, sogar Hauptredakteur gewesen. Er weiß also besser als jeder Andere, daß n u r  d a s  g e s c h r i e b e n e  O r i g i n a l m a n u s k r i p t maßgebend ist, wenn es sich darum handelt, festzustellen, ob ich unsittlich geschrieben habe oder nicht. Meine eigenhändig geschriebenen Originale bestehen aus 13 000 Quartblättern mit 26 000 vollen Seiten. Wer mir diese vorzeigt, mit dem will ich verhandeln. Wer aber über meine moralische Qualität aburteilt, wohlgar öffentlich, ohne den Münchmeyerschen Schund mit ihnen verglichen zu haben, der macht sich der L ü g e, des B e t r u g e s, der F ä l s c h u n g, kurz, d e s  e i n z i g e n ,   u n g e h e u r e n  S c h w i n d e s schuldig, von dem Herr Cardauns so tief entrüstet spricht.

Also Herr Cardauns, heraus mit diesen meinen 26000 Seiten! Sie behaupten ja, das authentische »Aktenmaterial« zu besitzen! Und Sie sind ein Ehrenmann! Sind Ihre Dokumente aber nur Münchmeyersche Drucksachen, so sprechen wir uns an anderer Stelle weiter! Was meine Freunde bisher in den Zeitungen veröffentlicht haben, ist k e i n  S c h w i n d e l, sondern die v o l l s t e  W a h r h e i t gewesen. Ich werde das in dem bereits angegebenen Heft 5 der »Historisch-politischen Blätter« des Näheren erörtern. Bis dahin aber hoffe ich, obgleich Sie mir niemals antworten, Ihre k l a r e,   k u r z e und b e s t i m m t e Erklärung zu lesen, wie Sie zu meinen 13 000 Blättern gekommen sind und wo Sie sie jetzt haben. Mit den »allgemeinen Redensarten« aber, die Sie uns vorwerfen, ist uns nicht gedient.

Radebeul-Dresden, den 19. August 1907.

Karl May.


Die »Rettung« des Herrn Cardauns

Das vierte Heft der »Historisch-politischen Blätter« bringt einen Aufsatz, in welchem der oben genannte, frühere Redakteur der »Kölnischen


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Volkszeitung« sich über mich in Auslassungen ergeht, die teils auf f a l s c h e r  K o m b i n a t i o n und teils auf d i r e k t e r  U n w a h r h e i t beruhen. Der Geist, der aus ihnen spricht, versteigt sich bis zu den beiden gefährlich hohen Punkten: » D i e s e  g a n z e  R e t t u n g s k a m p a g n e  i s t  n i c h t s  a l s  e i n  e i n z i g e r  u n g e h e u r e r  S c h w i n d e l « und » D u r c h  V o r s t e h e n d e s  d e n  F a l l  e n d g ü l t i g  e r l e d i g t  z u  h a b e n ,   s c h m e i c h l e  i c h  m i r  n i c h t .  D a f ü r  g i b t  e s  z u  V i e l e  v o n  j e n e r  A r t ,   d i e  n i c h t  a l l e  w i r d ! « Herr Cardauns wirft also die ungezählten Tausende, die nicht seiner Meinung sind, einfach zu den »Dummköpfen«. In dieser Art, sich auszudrücken, liegt eine Hoffart, eine Selbstaberhebung, die man nur dann für möglich halten kann, wenn man die Zeilen wirklich vor sich liegen sieht.

Ein solcher Ton kann ganz unmöglich in eine Revue von dem literarischen, ethischen und auch ästhetischen Range der »Historisch-politischen Blätter« gehören. Es herrscht vom ersten bis zum letzten Worte dieses von unendlicher Verachtung strotzenden und von Beleidigungen geradezu wimmelnden Artikels ein Tropenkoller, den es bis vor kurzer Zeit in Bonn am Rhein noch nicht gegeben hat. Wenn das Ausland s o l c h e Dinge von uns liest, muß es auf einen sehr, sehr niedrigen Standpunkt der deutschen Kritik schließen, und darum war es gleich am Beginn der vorliegenden Berichtigung meine Pflicht, mir diese südafrikanische Ausdrucksweise sehr ernstlich zu verbitten. Ich bin höflich, und wenn May dies kann, kann es Cardauns doch wohl auch!

Er war ja früher höflich, sogar sehr höflich gegen mich. Er bezeichnete in seiner »Kölnischen Volkszeitung« meine Werke als » t u r m h o c h « stehend.(6) Er rühmte meine  » v i e l s e i t i g e  B i l d u n g «, meine » e r n s t e  L e b e n s a u f f a s s u n g « und meine » g r ü n d l i c h e n  K e n n t n i s s e «. Er bestätigte ausdrücklich, d a ß  a l l e s  f ü r  d i e  J u g e n d  A n s t ö ß i g e  s o r g f ä l t i g  v e r m i e d e n  s e i. Und er fügte hinzu » V i e l e  t a u s e n d  E r w a c h s e n e  h a b e n  a u s  d i e s e n  b u n t e n  B i l d e r n  s c h o n  E r h o l u n g  u n d  B e l e h r u n g  i m  r e i c h s t e n  M a ß e  g e s c h ö p f t ! « In dieser höchst anerkennenden Weise schrieb Herr Cardauns sowohl über mich als auch über meine Bücher. Aber eines Tages wurde dieser freundliche Ton ein ganz entgegengesetzter, nicht etwa langsam, nach und nach, sondern ganz plötzlich, wie über Nacht. Warum? War ich ein Anderer geworden? Nein! Oder hatten meine von ihm gelobten Bücher sich verschlechtert? Nein! Aber ein bisher vollständig unbekannter Schundverleger war mit der ganz unglaublichen Behauptung aufgetreten, daß ich unsittliche


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Romane geschrieben habe. Mit diesen Romanen verhält es sich folgendermaßen:

Meine Eltern bewagen mich(7) vor nun über 30 Jahren, bei einem ihrer Bekannten als Redakteur einzutreten. Er befand sich in augenblicklicher, großer Not, und ich sollte ihn retten. Es war der Kolportageverleger Münchmeyer in Dresden. Ich nahm mich seiner an, doch nur unter der Bedingung, daß er sich verpflichte, seinen Schundverlag in einen anständigen zu verwandeln. Er ging darauf ein, und so gründete ich für sein Geschäft mehrere neue Blätter, welche den Zweck verfolgten, für den Glauben, für die wahre Menschlichkeit und besonders auch für das geistige und seelische Wohl der arbeitenden Klassen einzutreten. Für eines dieser Blätter schrieb ich meine »Geographischen Predigten«. Ich hatte hiermit das Richtige getroffen. Das Geschäft blühte auf, u n d  M ü n c h m e y e r  w a r  g e r e t t e t. Er versuchte, mich durch die Verheiratung mit einer Schwester seiner Frau für immer an sich zu fesseln. Während er selbst mir die Ablehnung dieses seines Planes nicht übel nahm, zog sie mir einen derartigen Haß seiner Frau zu, daß ich schleunigst meine Redaktion niederlegte. Infolgedessen ging der Aufschwung wieder zurück. Er fand keine geeignete Kraft, die von mir gegründeten Blätter in meiner Weise zu halten. Sie gingen schließlich ein, und als ich nach fünf bis sechs Jahren bei einer kurzen Anwesenheit in Dresden ganz zufälligerweise mit ihm zusammentraf, teilte er mir in verzweifelter Stimmung mit, daß es sehr schlecht mit ihm stehe. Seit meinem Fortgange habe er sich vergeblich bemüht, sich festzuhalten, und er nehme es als eine Fügung des Himmels, mich hier wiederzusehen. Niemand könne ihn retten als nur ich allein, und ich sei eigentlich verpflichtet, es zu tun, weil er nur durch meine Zurückweisung seines Heiratsplanes in die gegenwärtige, schlimme Lage geraten sei. Meine Frau war anwesend. Er verstand es, seine Kolportage-Herzenstöne anzuschlagen. Sie fühlte sich gerührt. Sie bot und bot, bis ich schwach wurde und einwilligte. I c h  r e t t e t e  i h n  z u m  z w e i t e n  M a l e.(8)

Was ich einmal tue, pflege ich ganz zu tun. So auch hier. Ich schrieb ihm nicht nur einen Roman, sondern mehrere, seiner Lage wegen für ein höchst bescheidenes, einstweiliges Honorar.(9) Doch durfte er nur 20000 Exemplare drucken, worauf das Werk mit allen Rechten und einer nachträglichen Gratifikation an mich zurückzufallen hatte. Hierauf sollten diese Erzählungen, genau so wie die bei Pustet erschienenen, von mir als »Gesammelte Reiseerzählungen« herausgegeben werden. Daß dieser


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Kontrakt kein schriftlicher, sondern ein mündlicher war, genierte mich damals nicht. Ich war noch jung und vertrauend und hielt es für völlig ausgeschlossen, daß Münchmeyer an einem Mann, von dem er zweimal aus so schwerer Not gerettet worden war, als Schurke handeln werde. Ich bekam während des Druckes weder Korrektur noch Revision zu lesen, hatte auch gar keine Zeit dazu. Die Werke erschienen in hundert und noch mehr Lieferungen. Einzelne Hefte konnten mir nichts nützen. Fertige Pflichtexemplare waren nur nach dem Erscheinen der letzten Nummer möglich, und wenn man die letzten heraus hatte, waren die ersten schon wieder verkauft, kurz, man bekam kein komplettes Werk für mich zusammen, und mir fiel das gar nicht auf, weil ich ohne Ahnung und immer nur bei dem Gedanken war, daß mir nach Erreichung der Zwanzigtausend ja doch Alles zufallen werde. Um diese meine Nachlässigkeit, die aber nur eine scheinbare ist, zu begreifen, muß man die Kolportage nach Münchmeyerschem Sile kennen. Es hat sich erst jetzt, im Jahre 1907, gerichtlich herausgestellt, daß es i n  B e z i e h u n g  a u f  m e i n e  W e r k e eine geordnete Buchführung gar nicht gab. Es wurde sogar den einzelnen Arbeitern verboten, sich schriftliche Notizen zu machen, » w e i l  d a d u r c h  d i e  S c h r i f t s t e l l e r  e r f a h r e n  k ö n n t e n ,   w i e v i e l  E x e m p l a r e  m a n  v o n  i h n e n  d r u c k e!« Auf meine Anfragen erhielt ich immer nur den Bescheid, daß die Zwanzigtausend noch lange nicht vollendet sei. Schließlich wurde man kurz und grob gegen mich; da zog ich mich zurück.

Hierauf starb Münchmeyer(10), grad zur Zeit, als ich mit der Herausgabe meiner Pustetschen Erzählungen bei Fehsenfeld begonnen und keine Zeit für andere Dinge hatte. Seine Witwe führte das Geschäft fort. Bei Todesfällen und gegen Witwen ist es mir unmöglich, streng zu sein. Auch konnten die Münchmeyerschen Sachen erst nach den Pustetschen herausgegeben werden. Ich hatte also Zeit und drängte Frau Münchmeyer nicht. Da geschah etwas Hochwichtiges. Sie bot mich plötzlich um einen neuen Roman. Sie meinte, ich brauche nur ja zu sagen, so gebe sie mir das Honorar voraus. Ich ging scheinbar auf Verhandlungen ein, um klaren Wein zu bekommen. Das Resultat hiervon war: Die Zwanzigtausend seien wahrscheinlich erreicht, doch müsse sie erst noch genau nachrechnen lassen. Sie gebe mir also mein Manuskript zurück, weil es doch nun wieder mir gehöre und ich es neu herausgeben werde. Sie liefere es mir aber in Form von Abdrucken, denn m e i n e  O r i g i n a l e  s e i e n  l e i d e r  v e r b r a n n t. Das erregte in mir zum ersten Male Ver-


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dacht. So wertvolle Manuskripte wirft man doch nicht in das Feuer!(11) Frau Münchmeyer sandte mir das sogenannte »Manuskript«, für mich extra in Leder gebunden. Ich hatte keine Zeit, die dicken Bände zu lesen und stellte sie ahnungslos in die Bibliothek. Ich verreiste verschiedentlich. Da kam die Pustetsche Frage. Meine Antwort ist bekannt.(12) Aber so leicht, wie Herr Cardauns mit seinem juristischen Babyverstande denkt, ist ein so hochwichtiger Prozeß nicht in Gang zu bringen. Ich wußte nun plötzlich, warum man behauptete, meine Originale seien verbrannt. Es sollte mir und dem Gericht die Möglichkeit genommen werden, die Drucke mit den Originalen zu vergleichen. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Hunderte von Worten und Szenen kehrten in mein Gedächtnis zurück, um sich in mir zu einer Entdeckung zu vereinigen, bei der sich mir die Haare sträuben wollten. Ich sah ein, daß die größte Vorsicht nötig sei, und sammelte zunächst Beweise. Das war ungeheuer schwer, denn die Zeugen, die ich brauchte, standen alle in Münchmeyerschem Brot. Das Gerücht von den Karl Mayschen »Schundromanen« stammte aus Amerika, wo Münchmeyer einige sehr bedeutende Filialen hatte. Die Recherchen dort erforderten ungeheure Zeit. Ich erfuhr nur nach und nach, was da drüben in Amerika alles mit meinen Werken geschehen war. Wie mühsam solche Nachforschungen sind und welchen Zeit und Geldaufwand sie kosten, sei an dem Leiter dieser amerikanischen Filialen nachgewiesen, der später nach Deutschland zurückkehrte und sich in Berlin niederließ.(13) Dort besaß er mit Weib und Kind eine Privatwohnung, sodann eine größere Fabrik von Harmonikas, zu denen er einen Roman von mir vollständig gratis gab, und außerdem in den größeren Städten des Deutschen Reichs über 20 Filialen mit demselben Harmonika- und Karl-May- Vertrieb. Und wenn ich ihn fassen wollte, war er nie zu haben. Nur ein einziges Mal ist es mir und meinem Rechtsanwalt gelungen, ihn zu sehen, dann niemals mehr.

Hierzu kam, daß Frau Münchmeyer mich noch einige Male an den von ihr gewünschten Roman erinnert hatte, von mir aber abgewiesen worden war. Sie erfuhr von meinen Nachforschungen und bekam Angst. Ich stand grad vor einer Orientreise, als ich hörte, daß sie verkaufen wolle. Ich nahm an, daß sie das tue, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und schickte ihr einen Warnungsbrief, in dem ich sie daran erinnerte, daß sie kein Recht habe, etwa auch meine Werke mit zu veräußern. Dann trat ich die erwähnte Reise an, die nicht zu verschieben war, die ich aber doch verschoben hätte, wenn es mir möglich gewesen


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wäre, das Furchtbare, was dann kam, zu ahnen. In Kairo erhielt ich von meiner Frau die Nachricht, daß ein gewisser Adalbert Fischer das Münchmeyersche Geschäft gekauft habe, meine Rechte und Werke eingeschlossen. Ich schrieb diesem Herrn.(14) Er antwortete mir in rüder Weise, er habe mit mir nichts zu tun, wohl aber mit meinen Werken, die nun ihm gehörten, und werde sie und meine »Berühmtheit« so ausbeuten, wie es nur möglich sei. Wenn ich ihn nicht binnen 14 Tagen verklage, werde er mich später wegen Schadenersatz gerichtlich belangen! Da war er zum ersten Mal, der Adalbert Fischersche Ton, den ich damals nicht begreifen konnte, dann später aber an Herrn Cardauns begriffen habe! Ich betraute einen Freund(15) daheim mit dieser Angelegenheit und reiste weiter. Diese Studienreise dauerte ca. zwei Jahre. Ich reise nicht wie andere Leute. Die Nachrichten von daheim trafen mich nur selten. Ihre Bedrohlichkeit wuchs derart, daß ich meine Frau von Padang auf Sumatra aus telegraphisch aufforderte, nach Egypten zu kommen und mir Bericht zu erstatten. Was ich dort erfuhr, war so schlimm, daß ich sofort nach Hause reiste, um den Prozeß, der Herrn Cardauns so seltsam interessiert, in die Wege zu leiten.(16)

In der Heimat angekommen, sah ich mit dem ersten Blicke, welch eine ungeheure Veränderung mit meinem literarischen und auch persönlichen Rufe vorgegangen war. Früher hatte man mich in den Zeitungen n u r  l o b e n d besprochen, mit der einzigen Ausnahme der »Frankfurter Zeitung«, die mich wegen meiner » c h r i s t l i c h e n « Anschauung natürlich gleich von vornherein befehdet hatte.(17) Jetzt aber fand ich ganze Berge von Zeitungen aufgehäuft, in denen mit keiner einzigen Ausnahme nur Tadel, Haß und Neid, Verachtung, Hohn und Spott die Stimme gegen mich führten. Der gesamte Inhalt dieser zahllosen Artikel, von denen jeder einzelne eine förmliche Hinrichtung für mich bedeutete, führte auf eine vereinte, ganz besondere Quelle. Ich fand sie in dem Hauptredakteur der »Kölnischen Volkszeitung«, Hermann Cardauns. Zwar hatte eigentlich die »Frankfurter Zeitung« begonnen, doch in ihrer altgewohnten Weise, die man genugsam kennt, um zu wissen, daß es nichts weiter auf sich hat. Herr Cardauns aber beging bekanntlich die Ungeheuerlichkeit, die Münchmeyer-Fischersche Jauche auf kirchliches Gebiet hinüberzuleiten, mich mit Graßmann und Taxil zusammenzustellen und seine ganze, blinde Gefolgschaft für diesen Frevel zu begeistern. Die dann so b e r ü c h t i g t  g e w o r d e n e »Karl-May-Hetze« war im vollsten Gange, der o r d i n ä r s t e,   n i e d e r t r ä c h t i g s t e und b a r b a -


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r i s c h s t e Schandfleck, den die deutsche Literaturgeschichte dem Schundroman-Fischer und seinem journalistischen Schutzpatron zu verdanken hat. Diese beiden eng verwandten Geister haben den »großen Rummel« geleitet, Fischer als der Pfiffigere nur im Verborgenen, Cardauns aber in vollster, verantwortungsreichster Öffentlichkeit. Fischer war der heimliche Verfasser, Cardauns der offenbare Verleger und Verbreiter, der Requisiteur und Kulissenschieber dieser beispiellosen Hanswurstiade. Aber Fischer war Herrn Cardauns in jeder Beziehung über. Der »Schutzpatron« sank nach und nach zum »Fuchs« und Schüler des schlauen »Burschen« herab. Der Redakteur der »Kölnischen Volkszeitung« trat in die Fußstapfen des Dresdner Schundverlegers. Er machte sich seine Anschauungsweise, seine Ausdrücke, seinen Stil und ganz besonders auch seinen »Ton« zu eigen, mit dessen Erwähnung ich nun zu den ersten Seiten meiner Berichtigung zurückkehre. Dieser Fischersche Schund- und Kolportageton beherrscht Alles, was Herr Cardauns über mich geschrieben hat, und ist auch auf seine gehorsamen Gardisten übergegangen. Unwahrheiten und Verdrehungen achtet man schon gar nicht mehr; sie sind alltäglich. Ausdrücke, wie Schwindler, Lügner, literarischer Hochstabler usw. wirft man als Früchte der verdorbenen Cardaunsschen Säfte einfach auf den Kompost. Dieser Herr kann meinen Namen schon gar nicht mehr nennen, ohne ein jämmerliches Beiwort hinzuzufügen. Er scheint gar nicht zu ahnen, daß er mit Stechapfelblüten wie »der g l o r r e i c h e May!« nicht nur seine eigene Seele und seinen eigenen Stil vergiftet, sondern bei seiner hervorragenden Stellung auch die journalistischen Umgangsformen damit verpestet. Er ist auch hier Herrn Fischer seelisch verwandt. Der Eine infiziert mit seinen Schundromanen die Volkssrele überhaupt, der Andere durch seine stilistische Unsauberkeit die Seele der Presse insbesondere! Wie konnte so Etwas möglich werden? Bei einem Mann von der früheren Reinlichkeit des Herrn Cardauns?

Dieser Frage steht jeder Uneingeweihte ratlos gegenüber. Herr Cardauns kannte mich und meine Werke, auch ihre Wirkungen. Er hatte sie und mich » t u r m h o c h « gestellt. Meine Bücher enthielten n i c h t  e i n  e i n z i g e s lascives Wort. Ja, ich bin der einzige Schriftsteller, der 30 Bände Erzählungen geschrieben und dabei die Geschlechtsliebe vollständig ausgeschaltet hat! Da behauptet plötzlich Jemand, daß ich unsittliche Romane geschrieben habe. Dieser Jemand war nicht etwa eine Autorität, der man zu glauben hatte, sondern ein gewisser Herr Fischer,


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den Niernand kannte. Was tat Herr Cardauns? Ohne in Berücksichtigung meiner bisherigen Unbescholtenheit und seiner bisherigen Hochachtung mir auch nur die kleinste Anfrage zu gönnen, setzte er sich mit dem obskuren Schundfabrikanten in Verbindung, ließ sich die Romane kommen, vertiefte sich in ihre moralischen Abgründe und schlug dann aus dieser bodenlosen Schamlosigkeit heraus in einer Weise auf mich ein, als ob er einen Casanova vor sich habe! Nicht etwa, daß mir nicht geglaubt wurde, nein, ich wurde gar nicht erst gefragt! Diese Sinnesänderung war eine so plötzliche und so vollständig radikale, daß ihre Gründe, falls man sie kennen lernte, gewiß ebenso befremden und frappieren würden, wie die Änderung an sich selbst. L i t e r a r i s c h e Gründe aber, die sich, wie Herr Cardauns glauben machen will, wirklich nur auf die »Sittlichkeit« meiner Werke beziehen, sind sie jedenfalls nicht. Denn als ich öffentlich bot, doch meinen Prozeß ruhig abzuwarten, bei dem sich herausstellen werde, daß die mir gemachten Vorwürfe unberechtigt seien, wartete er nicht etwa, sondern er schlug mit doppeltem Eifer zu. E s  w a r  i h m  a l s o  n i c h t  u m  d i e  K l ä r u n g  d e r  K a r l  M a y - F r a g e ,   s o n d e r n  g a n z  a l l e i n  n u r  u m  d i e  H i e b e  z u  t u n ,   d i e  e r  m i r  z u g e d a c h t  h a t t e . Es schweben gegen »Münchmeyer« und gegen »Fischer« noch andere Prozesse als der eine, um den ess ich hier handelt. Man scheint das Herrn Cardauns verschwiegen zu haben. Die Untersuchung wird sich auch auf ihn erstrecken, und dann werden die eigentlichen Ursachen seiner Handlungsweise wohl kaum mehr zu verbergen sein. Herr Cardauns hat in seinen Angriffen gegen mich aller » g u t e n  S i t t e « derart ins Gesicht geschlagen, daß es nicht nur lächerlich, sondern e t w a s  n o c h  g a n z  A n d e r e s  v o n  i h m  i s t ,   s i c h  z u m  S i t t e n r i c h t e r  ü b e r  m i c h  z u  e r h e b e n !

Ich kehre zu meiner Heimkehr aus dem Oriente zurück. Ich hatte eine Fülle von köstlichen, tiefen, ja heiligen Eindrücken mitgebracht. Einiges davon ist in » F r i e d e  a u f  E r d e n « und » B a b e l  u n d  B i b e l « verwertet. Ich wollte mich von nun an ganz nur meinem liebsten Ideale, der »Menschheitsseele« widmen. Denn ich liebe die Menschen, und Alles, was ich schreibe, ist den »Menschheitsproblemen« geweiht. Wie aber wurde ich von diesen Geliebten daheim empfangen! Nicht wie von Menschen, sondern wie von Teufeln! Mehrere Wochen brauchte ich, um die aufgehäuften Zeitungsartikel zu lesen und mich in den Beschuldigungen, die sie gegen mich enthielten, zurechtzufinden. Meine arme Frau weinte bitterlich; ich aber kämpfte das Leid hinab. Mitten in dieser


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Seelenpein gab ich die »Himmelsgedanken« heraus, eine unendliche Fülle von göttlicher Liebe und menschlicher Güte, nicht nur für meine Freunde, sondern auch für meine Gegner. Dazwischen hinein klang der Fischersche Reklameradau und der Lärm der sittlichen Rotomontaden des Herrn Cardauns. Man weiß, daß ich mich mit psychologischen Problemen beschäftige. Auch dieser letztere Herr ist eines. Aber es fiel mir nicht schwer, ihn zu durchschauen. Das alte, wohlbekannte »Nullum ingenium magnum sine mixtura dementiae« fahrte mich in das Innere dieses eigenartigen Charakters. »Kein Mann von Geist ist ohne eine Beigabe von Dummheit resp. Narrheit.« Noch bei Niemand habe ich dieses Wort so bewährt gefunden wie bei Herrn Cardauns. M ä n n e r  v o n  G e i s t  b e h e r b e r g e n  i n  s i c h  z w e i  g a n z  e n t g e g e n g e s e t z t e  W e s e n .  D a s  e i n e  i s t  d a s  I n g e n i u m ,   u n d  d a s  a n d e r e  i s t  d e r  D u m m k o p f  r e s p .  N a r r. Sobald mir diese Sentenz einfiel, wußte ich mit einem Male, warum die feindseligen Auslassungen des Herrn Cardauns, die an sich sehr ernst, ja schrecklich waren, für mich und Alle, die hierüber mit mir sprachen, a u ß e r d e m  n o c h  e i n e n  s c h n u r r i g e n  B e i k l a n g  h a t t e n. Psychologisch ist das im höchsten Grade interessant. Auf dieses »Ingenium und auf diesen Narren« des Herrn Cardauns komme ich wieder zurück, nachdem wir uns mit einer Art von Traum oder Vision beschäftigt haben, die ich hatte, als ich, vom Lesen der zahllosen, feindseligen Zeitungsartikel tief niedergedrückt, eines Abends ermüdet im Zimmer saß. Ich hatte grad eben einen schreienden Fischerschen Bombast gelesen und auf einen Stoß von Blättern gelegt, in denen allen zum tausendsten Male nachgewiesen wurde, daß Herr Cardauns mich »entlarvt und vernichtet« habe, da wurde meinen Nerven die Sache doch zu toll. Sie begannen, in mir zu schwingen und zu klingen, um mir zu zeigen, was für ein Gesicht das Gebaren des Kölnischen Redakteurs i n  W a h r h e i t hatte. Ich sah eine große Vogelwiese, darauf ein riesiges Kasperltheater, mit einer lachenden Menschenmenge drumherum. Auf der Außenseite der Leinwand war in hundertfacher Vervielfältigung zu lesen: »Z e h n  M a r k  p r o  P e r s o n ,   d e r  P r e i s  e i n e s  F i s c h e r s c h e n  R o m a n e s ! « Herr Fischer selbst stand am Eingange, stieß immerwährend in eine schmetternde Trompete und rief dazwischen: »Herbei, herbei! Neu, neu! Neu, neu! Cardauns und May! Große Keilerei!« Man hörte im Innern der Bude Hiebe fallen. Dann brüllte, zeterte und fauchte es: »Ich habe ihn erschlagen, ich, nicht Du! Er ist nun endlich tot, mausetot!« Das war ganz deutlich die Stimme des Herrn Cardauns. Eine


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andere Stimme, die ich nicht kannte, antwortete: »Dafür mache ich Dich aber auch zum Professor der Geschichte in Bonn!« Ich gab Herrn Fischer nicht zehn Mark, sondern zwei Millionen Mark Entree und ging hinein. Da stand die fesche, nicht ganz züchtig gekleidete »Frankfurter Zeitung« und spielteKasperltheater. In der linken Hand hatte sie eine als Karl May präparierte Puppe, und mit der rechten dirigierte sie Herrn Cardauns, der den Hanswurst zu spielen und den armen May alle zehn Minuten fünfmal umzubringen und dann zu brüllen hatte: » I c h  h a b e  i h n  e r s c h l a g e n ,   i c h ,   n i c h t  D u !  E r  i s t  n u n  e n d l i c h  t o t ,   m a u s e t o t ! « Worauf die Frankfurter Zeitung stets in anerkennendem Tone erwiderte: » D a f ü r  m a c h e  i c h  D i c h  a b e r  a u c h  z u m  P r o f e s s o r  d e r  G e s c h i c h t e  i n  B o n n ! « Und nach jeder abgelaufenen halben Stunde fügte sie außerdem noch hinzu: » U n d  D e i n e  I n a u g u r a l r e d e  h ä l t s t  D u  ü b e r  d i e  B e f ä h i g u n g  d e s  H a n s w u r s t e s  z u r  a k a d e m i s c h e n  P r o f e s s u r ! « Dann brach unter den Zuschauern ein homerisches Gelächter aus. Man klatschte, trampelte und jubelte, und das zog immer weiteres Publikam heran. Herr Adalbert Fischer aber steckte einen Geldhaufen nach dem anderen in die Tasche und freute sich des Herrn Cardauns!

Dies zur psychologischen und moralischen Bewertung der Verhältnisse und der handelnden Personen. Herr Cardauns fordert mich nicht nur durch seine gegenwärtigen Artikel zur kräftigsten Abwehr heraus, sondern er zieht auch alles Veraltete und längst Widerlegte herbei und spielt nun jetzt zum zweiten Male eine Rolle, die mich ins Verderben führen soll. Nämlich, da es an einem geschriebenen Kontrakte fehlte, kam es zwischen mir und meinen Gegnern nur darauf an, wer den Eid erhielt, sie oder ich. Darum zogen sie, die überhaupt k e i n e  s a c h l i c h e n Beweise hatten, den Prozeß in das rein Persönliche und gaben sich fünf Jahre lang die allergrößte Mühe, mich als einen Menschen hinzustellen, der nicht eideswürdig ist. H e r r  C a r d a u n s  r e i c h t e  i h n e n  d a z u  s e i n e  H a n d ! Ich wurde in der ganzen Welt als ein lügenhafter, ehrloser Mensch blamiert. Die Richter lasen das in allen Zeitungen. Seine Henkerartikel wurden zu den Akten gegeben. Das wirkte wie Wagenschmiere in das Gesicht. Man kann sich den Einfluß auf den Gang des Prozesses denken. Es dauerte Jahre, ehe die Richter es vermochten, hinter diese Schmiere zu schauen. Umso höher nun aber auch der Wert meines Sieges. Der ganze Berg von Lügen, unter dem ich ersticken sollte, brach unter den Augen der Wahrheit und der Gerechtig-


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keit zusammen. Auf meiner Seite aber wurde n i c h t  e i n e  e i n z i g e, noch so geringe U n w a h r h e i t gefunden. Und nun es sich nicht nur um die zivilrechtliche, sondern auch um die k r i m i n e l l e  V e r f o l g u n g meines Sieges handelt, wird Herr Cardauns abermals in das Geschirr gespannt, um »den Karren aus dem Dreck zu ziehen!« Man hofft, mit seiner Hülfe das »Ende mit Schrecken« abermals auf Jahre hinaus zu verschieben. Und man will mich durch ihn zu einer Rechtfertigung verleiten, durch die ich mein juridisches Material und meine Waffen für die noch bevorstehenden Strafprozesse verrate. Das ist d e r  H a u p t p u n k t, der bei der Beurteilung der vorliegenden Entgegnung in Betracht zu ziehen ist. Ich soll übertölpelt werden!

Wenn Herr Fischer nicht gelogen hat, so beträgt mein Verlust durch ihn weit über zwei Millionen Mark und Herr und Frau Münchmeyer haben mich um genau ebenso viel betrogen. Es handelt sich also nicht um einen Pappenstiel, sondern u m  e i n  u n g e h e u r e s ,   d u r c h  l a n g e  J a h r e  r a f f i n i e r t  f o r t g e s e t z t e s  V e r b r e c h e n ,   welches nur deshalb bis heute ungesühnt geblieben ist, weil ich mir die Beweise erst durch den Prozeß zu erkämpfen hatte. U n d  d i e s e  k r i m i n e l l e n  B e w e i s e  m u ß t e n  f ü r  m i c h  d i e  H a u p t s a c h e  s e i n ,   w e i l  a u s  i h r  a l l e  a n d e r e n  B e w e i s e  s p r i n g e n !  D i e  S i t t l i c h k e i t s f r a g e  a l s  P r o z e s s n a l h ö c h s t e s  v o r z u s c h i e b e n ,   i s t  S p i e g e l f e c h t e r e i ,   w e i t e r  n i c h t s ! Jawohl, sie ist auch mir das Ethischhöchste, aber ich lasse sie mir nicht als Scheuleder anschnallen, um die Peitsche des Herrn Cardauns nicht zu sehen! Dieser Herr mag wohl wissen, was gut und was bös ist, aber in Beziehung auf die Prozeßordnung scheint er ein goldiges Baby zu sein, dem ein Soxhlet-Hütchen in den Mund gehört, nicht aber das große Wort! Daß er selbst jetzt noch, wo ich gewonnen habe, die Spiegelfechterei nicht läßt, beweist wohl mehr als genügend, daß er an die Münchmeyerei durch Knoten gebunden ist, die erselbst nicht mehr aufzuknüpfen vermag. Ich bin überzeugt, daß es nur mir gelingen wird, ihn aus diesen Fesseln zu befreien!

Nach Einleitung des Prozesses besuchte mich Fischer persönlich, um mir Angst zu machen. Er bot und drohte. Ich wies ihn ab. Es handelte sich um die Frage, ob ich sittlich oder unsittlich geschrieben habe. S i e  k o n n t e , da man den Schundfabrikanten mehr glaubte als mir, n u r  d u r c h  m e i n e  O r i g i n a l m a n u s k r i p t e  b e a n t w o r t e t  w e r d e n.  D a s  w e i ß  H e r r  C a r d a u n s  a l s  l a n g j ä h r i g e r  R e d a k t e u re b e n s o  g u t  w i e  j e d e r  a n d e r e  M e n s c h . Frau Münchmeyer stellte jetzt plötz-


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lich alles Vorangegangene in Abrede. Fischer hatte ihr 175000 Mark bezahlt, und nun behauptete sie, ihr Mann habe diese Manuskripte damals für immer gekauft und darum stehe mir kein Recht auf sie zu. Herr Fischer sei jetzt ihr rechtmäßiger Eigentümer. Ich verklagte ihn also um diese meine Rechte. Nur wenn sie mir zugesprochen wurden, konnte ich meine Unschuld beweisen. Frau Münchmeyer trat als Nebenintervenientin gegen mich bei. Die Cardaunsschen Artikel machten es mir ungeheuer schwer, nicht einfach als Betrüger zu erscheinen, dennoch errang ich eine außerordentlich wichtige einstweilige Verfügung, die meine Gegner aber zur äußersten Anstrengung trieb, mich nicht sachlich, denn das konnte man nicht, sondern persönlich zu vernichten. Was damals geschah, darf ich nicht verraten. Es ist das Sache eines besonderen Verfahrens gegen Fischer, zu dem im September verhandelt wird. Zu sagen erlaubt, ist mir nur folgendes:

Die Fischersche Reklame war trotz ihrer schlechten Zwecke eine geradezu geniale. Er arbeitete besonders für die ganz unteren Klassen. Die besseren Kreise ließ er Herrn Cardauns über, der ihm das mit fast noch größerer Genialität besorgte. Es war für Kolporteure eine wahre Lust, diese beiden Männer an der Arbeit zu sehen. Wer von dem Schund nichts wußte, der erfuhr es durch Cardauns. Seine unbegreiflich kurzsichtige und unablässige Hindeutung, daß Karl May »Schamlosigkeiten« geschrieben habe, trieb Herrn Fischer Hunderttausende von Neugierigen in die Netze.

Mir wurde himmelangst! Was ich mit aller Kraftzu verhüten suchte, nämlich die Verbreitung dieses Schundes, d a s  w u r d e  v o n  C a r d a u n s  m i t  a l l e r  K r a f t  b e g ü n s t i g t . Es liefen soviel Bestellungen ein, daß die Fabrik sie nicht allein befriedigen konnte, sondern fremde Druckereien heranziehen mußte. Und dabei sagte man mir, der Prozeß werde noch lange Jahre dauern! Das brannte mir auf der Seele. Ich suchte und suchte nach einem Mittel, den Einfluß des Herrn Cardauns zu brechen und der Verbreitung der Fälschungen noch vor Schluß des Prozesses Einhalt zu tun. Es kostete Opfer, an deren Größe ich gar nicht mehr denken darf, aber es schien zu gelingen: Es kam zu jener Abmachung(18) vom Februar 1903, die mir von Cardauns vorgeworfen wird, obwohl er der Vater von ihr ist. Der Wortlaut dieses sogenannten Vergleiches ist nebensächlich. Hätte Herr Cardauns überhaupt Wort halten w o l l e n , so gäbe es trotz des Ausdruckes »die seiner Überzeugung usw. usw.« h e u t e  d i e s e  S c h u n d r o m a n e  n i c h t  m e h r . Er aber ging nur darauf aus, die Car-


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daunssche Karl May-Hetze und meinen brennenden Wunsch, sein Gift zu vernichten, zur Erpressung neuer, endloser Opfer von mir auszunutzen. Ich habe auch das gerichtlich anhängig gemacht, und die Entscheidung steht nächstens bevor. Er hatte die Folgen seiner beispiellosen Habgier nicht berechnet. Der Prozeß ruhte gegen ihn nur scheinbar, ging aber gegen Frau Münchmeyer umso nachdrücklicher und auch gegen ihn selbst noch im Verborgenen fort, denn es war mir nun möglich, i h n  a l s  Z e u g e    g e g e n  s i c h  s e l b s t  u n d  g e g e n  s e i n e  e i g e n e n  V e r b ü n d e t e n  v o r z u n e h m e n und dadurch zu Beweisen zu gelangen, die wichtig genug waren, ganze Prozesse aufzuwiegen. Es kam durch ihn folgender Sachverhalt an den Tag:

Münchmeyers wußten, daß die Romane ihnen nur bis zur Zwanzigtausend gehörten. Aber als man suh, welch ein riesiges Geld sie brachten, wurde beschlossen, s i e  f ü r  i m m e r  z u  b e h a l t e n  u n d  d e n  m ü n d l i c h e n  K o n t r a k t  a b z u l e u g n e n . Man betrachtete meine Originale als volles Eigentum und strich und änderte nach Belieben. Alles hinter meinem Rücken. Hauptsache war, mir niemals zu sagen, daß die Zwanzigtausend erreicht sei. Für den Fall, daß ich die Wahrheit dennoch entdecken und gerichtlich klagen sollte, war man fest gewillt, durch eine energische Zeitungskampagne die Fälschungen und Lascivitäten auf mich zu werfen und mich dadurch öffentlich zu vernichten. Nach diesem Plane wurde strikt gehandelt. Nur einmal, als es galt, mir einen neuen Roman abzulocken, wich Frau Münchmeyer von ihm ab, indem sie mir die oben erwähnten Eingeständnisse machte, doch leugnete sie dieselben später vor Gericht wieder ab. Ich mußte sie durch Zeugen überführen. D i e s e r  P l a n  w u r d e  H e r r n  F i s c h e r ,    b e v o r  e r  d a s  G e s c h ä f t  k a u f t e ,   m i t g e t e i l t . Er erfuhr schriftlich und mündlich, daß ich den Verkauf meiner Werke verboten habe, aber er kaufte sie doch und führte diesen Plan dann später aus, und zwar mit einer Unerbittlichkeit und Energie, die mich an den Rand des Verderbens brachte, weil sie an dem ihm attachierten Journalisten, Herrn Cardauns, einen ebenso erbarmungslosen Helfer fand. Ich hebe aus den Zeugenaussagen nur die folgenden zwei Punkte hervor:

1 .  F i s c h e r  s e l b s t  w a r  w i e d e r h o l t  g e z w u n g e n ,   a l s  Z e u g e  e i n z u g e s t e h e n ,   d a ß  d e r  P l a n ,   m i c h  d u r c h  d i e  Z e i t u n g e n  k a p u t z u m a c h e n ,   v o r h a n d e n  s e i .  Das genügt für heut!

2 .  E s  i s t  d u r c h  Z e u g e n ,    u n d  s o g a r  d u r c h  g e g n e r i s c h e  Z e u-


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g e n ,   e r w i e s e n  w o r d e n ,   d a ß  m e i n e  W e r k e  s c h o n  b e i  r e s p .  v o n  M ü n c h m e y e r  g e f ä l s c h t  w o r d e n  s i n d .

Wo, Herr Cardauns, ist nun der »einzige, ungeheure Schwindel«, der mit meiner »Rettung« getrieben worden ist? In den Zeitungen stand: »Karl May hat seinen Prozeß gegen die Münchmeyer nun auch in dritter und letzter Instanz vor dem Reichsgericht gewonnen, und es ist zu konstatieren, daß es während des ganzen Verlaufes dieser 6-jährigen Rechtssache den Gegnern trotz aller Mühe, die sie sich gaben, nicht gelungen ist, ihm auch nur ein einziges unwahres Wort oder auch nur die geringste Bestätigung dessen, was ihm vorgeworfen worden ist, nachzuweisen. Sein Sieg ist vollständig und bedingungslos.« I c h  t r e t e  f ü r  d i e s e  Z e i l e n  v o l l  u n d  g a n z  e i n , obwohl ich sie anders abgefaßt hätte. Was Herr Cardauns gegen sie vorbringt, ist wieder nur Spiegelfechterei. Die Ausdrücke »Teilprozeß« und »Teilarteil« sind für Juristen. Nicht einmal das »goldene Baby« scheint etwas davon zu verstehen. Für den Laien heißt das: Der Prozeß wurde wegen seines kolossalen Umfanges in einen u n t e r s u c h e n d e n resp. e r k e n n e n d e n und einen a u s f ü h r e n d e n Teil zerlegt. Im ersten Teile wird untersucht und rechtgesprochen. Im zweiten Teile wird das Urteil ausgeführt. Folglich kommt es für uns hier nicht auf den zweiten, sondern auf den ersten Teil an. Verstehen Sie das nun, Herr Cardauns? D a s  U r t e i l  i s t  g e f ä l l t ;  i c h  h a b e  o b g e s i e g t . Und Alles, was ich durch diesen Sieg errungen habe, f ä l l t  a u c h  H e r r n  F i s c h e r  m i t  z u r  L a s t . Wo ist da Schwindel? Und dieser Sieg ist wirklich vollständig und bedingungslos, denn i c h  h a b e  j e d e  B e d i n g u n g ,   d i e  m a n  a n m i c h  s t e l l t e ,   e r f ü l l t . Wo ist da Schwindel? Drehe ich aber den Spieß um, so frage ich: Wenn es sich für Herrn Cardauns und seine Münchmeyerei in Wirklichkeit nur darum handelt, nachzuweisen, daß ich unsittlich geschrieben habe, w a r u m  h a t  m a n  d a s  d a n n  n i c h t  g e t a n ?  M a n  h a t t e  d o c h  v o l l e  s e c h s  J a h r e  Z e i t  d a z u ! Der Schwindel liegt wo - wo - wo? Die Absichten des Herrn Cardauns scheinen doch nicht auf die Sittlichkeit meiner Bücher, sondern auf ganz andere Dinge gerichtet zu sein? Es ist ein Jammer, daß ein Mann von seinen Meriten sich aus der Münchmeyerei Instruktionen holt, die auf der Lüge basieren und gegen Christentum, Humanität und gute Sitte verstoßen. Ich durchschaue diesen Herrn. E r  s t e u e r t  e i n e m  A k t s c h l u ß  z u ,   d e r  s e i n e r   u n w ü r d i g  i s t  u n d  i h m  k e i n e n  S e g e n  b r i n g t !


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Seine Ausführungen in Heft 4 der »Historisch-politischen Blätter« erinnern an den Kasperl der »Frankfurter Zeitung«. Nullum ingenium usw.! »Kein Mann von Geist ist ohne Beimischung von Narrheit!« Sein Artikel zeigt von Seite 286 bis 309, daß sein »Ingenium«, welches er auftreten läßt, sich in Gefahr begibt, als »mixtura dementiae« wieder abzutreten. Diese »mixtura« ist kenntlich am Fischerschen Styl und Ton. Immer nur Anzüglichkeiten und Beleidigungen! Das »Ingenium« beginnt Seite 286 natürlich mit »Quellenmaterial«! »Öffentlichen Erklärungen«! und »Akten«! aber schon 287 zeigt sich die »mixtura«, die bei öffentlichen Vorträgen nicht das Soxhlet-Hütchen, sondern das große Wort im Munde fahrte. »Die Prozesse«, Seite 288-292, enthalten abermals Spiegelfechterei. Kein »Ingenium« sondern nur eine »dementiae« kann mir die Schuld geben, wenn ein A n d e r e r(19) einen Prozeß verliert, d e n  i c h  n i c h t  f ü h r e ! Hätte ich sie geführt, so hätte ich sie sicherlich gewonnen. Um Herrn Cardauns dies zu beweisen, werde ich sie wieder aufnehmen lassen und s e l b s t zu Ende führen! Ob ich meine Beleidigungsklage auf die Unsittlichkeit oder auf die Irrenanstalt stelle, geht allerdings das »Ingenium« nichts, umsomehr aber die »mixtura« sehr viel an! Über diese »mixtura« und Herrn Schumann in Dresden wird noch vor Gericht verhandelt werden! Über den »Rettungsfeldzug« 2 92- 296 habe ich zu sagen, daß Herr Cardauns seine »Rettung des Herrn Karl May« n u r  z u  s e i n e r  e i g e n e n  R e t t u n g  geschrieben haben kann. Selbst wenn ich es nötig hätte, gerettet zu werden, würde ich mich doch dagegen wehren, weil ich weiß und sehe, daß dabei das »Ingenium« von der »mixtura« zu Grunde gerichtet wird! Bei der famosen »Kritik der Rettungsaktion« 297 muß ich leider an mein Buch » H i m m e l s g e d a n k e n « denken. Herr Cardauns kritisierte über asselbe folgendermaßen: »Auch als Iyrischen Dichter müssen wir uns Herrn May verbitten!« Das ganze Buch enthält aber n i c h t  e i n  e i n z i g e s Iyrisches Gedicht. Seit dieser ganz unglaublichen mixtura dementiae muß ich mir das »goldige Baby« als Kritikus verbitten! Zu 298 usw.: Glaubt Herr Cardauns etwa, daß er als Zeuge Reden halten(20) kann à la Elberfeld und Coblenz! Ich werde ihn allerdings zitieren lassen. Wann, das ist nicht seine sondern meine Sache. Da werden ihm ganz bestimmte Fragen vorgelegt, und er hat sie kurz, bündig und bescheiden zu beantworten. Sie werden sich nicht auf s e i n e Ansicht über mich und meine Werke beziehen, sondern auf meine Ansicht über ihn und seine Dresdener Verhältnisse! Über den »Vergleich Mav-Fischer« 301-305 habe ich mich bereits ausge-


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sprochen. Es ist hierüber ein Prozeß im Gange. Das »Ingenium« des Herrn Cardauns hat die gerichtliche Entscheidung abzuwarten; will aber seine »mixtura« bereits vorher darüber reden, so soll mich wundern, in welchem Blatte es geschieht! »Der Prozeß May-Witwe Münchmeyer« 305-309: Das ist weder das »Ingenium« noch die »mixtura«, die hier von »Thalern, Groschen und Pfennigen« redet, sondern eine mir sehr wohlbekannte Dresdener Stimme(21), die nächstens Gelegenheit finden wird, sich vor der Anwaltskammer zu verantworten. Und grad in dieser und einer verwandten Angelegenheit wird Herr Cardauns vor einer andern Kammer stehen, ob als Zeuge oder als etwas Anderes, das ist wohl weder dem »Ingenium« noch seiner »mixtura« heut schon klar!

M i t  d e m  j e t z t  v o m  R e i c h s g e r i c h t  a u f r e c h t  e r h a l t e n e n  T e i l u r t e i l  i s t  d i e  U n t e r s u c h u n g  m e i n e r  A n g e l e g e n h e i t  a l l e r d i n g s  z u  E n d e .  W a s  n u n  n o c h  f o l g t ,   i s t  n u r  d i e  A u s n u t z u n g  d e s  S i e g e s ,   H e r r  C a r d a u n s  m a g  e s  d r e h e n ,   w i e  e r  w i l l ! Die Leser dieser Zeilen sind über die Soxhletzeit hinaus und danken für Alles, was dieser Herr sich teils aus der Münchmeyerflasche und teils aus seinen eigenen Fingern saugt. Wenn er auf Seite 297 so peremtorisch fragt: » Um was hat es sich denn eigentlich bei diesen gerichtlichen Auseinandersetzungen gehandelt?« so bin ich gern bereit, die fünf Millionen, um die ich betrogen worden bin, zu überspringen, indem ich seinem Wunsche gemäß antworte: Um die Frage, ob ich sittlich oder unsittlich geschrieben habe. D i e s e  F r a g e  a b e r  i s t  d u r c h  d e n  P r o z e ß  b e a n t w o r t e t . Erstens hat Fischer eingestanden, daß die unsittlichen Stellen von dritter Hand hinzugetragen worden sind. Als Sittenzeugnis habe ich das zurückgewiesen; als Zurechtweisung für die »mixtura dementiae« aber hat es vollen Wert! Zweitens ist durch Zeugen unwiderleglich bewiesen, daß Münchmeyer meine Arbeiten gefälscht hat. Und drittens hat sich während des Prozesses herausgestellt, daß Herr Cardauns sich im Besitze meiner Originalmanuskripte befindet, und das sind

13 000 Quartblätter
mit 26 000 von mir selbst beschriebenen Seiten!

Herr Cardauns weiß ebenso gut wie ich und jeder Andere, daß bei der von ihm aufgeworfenen Frage n u r diese Originale authentisch und beweisgebend sind. Er hat von Anfang an bis heute behauptet, im B e s i t z e  d e s  B e w e i s m a t e r i a l e s zu sein. Er hat mich a u f  d i e s e s  M a t e r i a l  h i n vor aller Welt an den Pranger gestellt und tut das auch


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noch heut. Es ist also gar nicht anders möglich, a l s  d a ß  e r  d i e s e  2 6  0 0 0  S e i t e n  b e s i t z t  u n d  m i t  d e m  F i s c h e r s c h e n  S c h u n d  v e r g l i c h e n  h a t . Ich fordere ihn hiermit auf, mir bis zum ersten September a. c. öffentlich mitzuteilen, von wem er diese Manuskriptenstöße bekam und wo sie sich befinden. S i e  g e h ö r e n  n ä m l i c h  m i r , und wer sie mir vorenthält, begeht eine Unterschlagung, die ich streng bestrafen lassen werde. Besteht sein sogenanntes Beweismaterial aber vielleicht nur aus gedrucktem Münchmeyer-Schund, s o  h a t  e r  m i c h  u n d  d i e  g a n z e  ö f f e n t l i c h e  W e l t  s e i t  J a h r e n  b e l o g e n  u n d  b e t r o g e n  u n d  d e n  n i e d e r t r ä c h t i g s t e n  u n d  g e m e i n s t e n  S c h w i n d e l  b e g a n g e n ,   w i e  e s  k e i n e n  z w e i t e n  g i b t  i n  d e r  P r e s s e  s ä m t l i c h e r  V ö l k e r ! Und stellte sich heraus, daß nicht er, sondern ein Anderer der Schwindler ist, so wäre sein »Ingenium« zur ausgesprochenen »Narrheit« geworden, und die Vision hätte Recht, die ihn mir als »Hanswurst in fremden Händen« zeigte. Denn ein »Narr« oder »Hanswurst« muß doch wohl derjenige sein, der als so langjähriger Redakteur, sogar Hauptredakteur, nicht einmal weiß, daß Drucksachen keine geschriebenen Originalmanuskripte sind!

Jedermann weiß, daß ich ein Kind des niedrigsten Standes, der bittersten Armut bin. Das Elend war meine Wiege, und der Hunger nährte mich. Ich lernte schon in meinen ersten Tagen das hagere Gespenst des Menschheitsleides kennen. Es hatte mich besonders lieb; es lächelte mich an und nahm mich an sein Herz. Es hat mich durch die Kindheit, durch die Jugend und durch das Alter bis hierher getragen. In seinen Armen liege ich noch heut. Es ist mir nichts erspart geblieben, was es an Leibesnot und Seelenqual in unserer Erdenhölle gibt. Und dennoch habe ich das Leben und die Menschen lieb, und wenn das Herz mir schwer und schwerer wird, so daß es brechen oder sterben will, so greife ich zur Feder und wandle meine Qual in Glück für Andre um, in Glück auch für die Toren, die mich hassen! Warum hassen sie mich? Warum haßt mich Herr Cardauns? Er nannte mich einen Taxil, einen Graßmann. Ich bin weder dieser noch jener. Er behauptete, ich sei ein unsittlicher Schriftsteller. Auch das ist nicht wahr. Als er in Elberfeld gegen mich sprach, versicherte er mit Pathos: »Wenn es sich herausstellt, daß May diese Unsittlichkeiten nicht geschrieben hat, bin ich der Erste, der ihm die Hand zur Versöhnung reicht!« Er hat es n i c h t getan. Ist es denn gar so schwer, die geballte Hand zu öffnen, zumal wenn man Unrecht hat?! Pustet und Denk kehrten zu mir zurück.(22) Muth und


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Pöllmann und Andere werden ihnen folgen. Ist Cardauns nicht ebenso edel, nicht ebenso groß? Ist er kleiner als sie? Bei dem erwähnten Vortrag rief er in sittlicher Entrüstung aus: » W e r  d a  l ü g t ,   m u ß  P r ü g e l  h a b e n ! « Er hat mich jahrelang geprügelt, ohne daß ich log. Jetzt lügt er! Aber ich gebe ihm diesen Spruch nicht zurück. Ich warne ihn nur, indem ich sein hochmütiges Wort wiederhole, daß mit meiner Rettungsaktion e i n  e i n z i g e r ,   u n g e h e u e r e r  S c h w i n d e l  g e t r i e b e n  w o r d e n  s e i . Aber dieser Schwindel geschah nicht von Seite derer, die er einfach zu den »Dummen« wirft, sondern von Seite derer, d i e ,   s o  G o t t  w i l l ,   a l l e  w e r d e n ! Ich vollende in nächster Zeit ein Werk, welches schon fast fertig gedruckt ist und unter dem Titel » E i n  S c h u n d v e r l a g «(23) die ganze Karl May-Hetze und den Münchmeyerprozeß ausführlich beschreibt. Es wird da jede hierbei tätig gewesene Person so scharf wie möglich beleuchtet, damit der literarischen Forschung späterer Zeit ein authentisches, wohlgesichtetes und peinlich genaues Material zur Verfügung stehe. Es tut mir aufrichtig leid, daß das umfangreiche Kapitel, welches ich Herrn Cardauns widme, in einem so traurig tiefen Schatten liegt, doppelt hervorgehoben durch einen grellen, in das Gebiet der Monomanie hinaberweisenden Schein. Das » g o l d i g e  B a b y «, die » M ü n c h m e y e r s c h e  S o x h l e t f l a s c h e « und der » H a n s w u r s t  d e r  F r a n k f u r t e r  Z e i t u n g « sind da in größerer, gerichtspsychologischer Schärfe herausgearbeitet, und der charakteristische Gegensatz zwischen dem »Ingenium« und der » m i x t u r a  d e m e n t i a e « im Menschen Cardauns wird in ganz anderen, sehr deutschen Worten gezeichnet als hier in dieser Entgegnung, wo es mir noch gegönnt ist, schonend zu verfahren. Radebeul-Dresden, im August 1907.

Karl May.


Ist Cardauns rehabilitiert?
Entgegnung zu No. 194 der »Germania«

Herr Karl Küchler schließt seinen Artikel » I s t  K a r l  M a y  r e h a b i l i t i e r t ? « in Nr. 194 dieses Blattes mit den folgenden Worten: »Herr Karl May hat noch immer den Beweis zu führen, daß er nicht gleichzeitig anständige und »abgrundtief unsittliche« Werke geschrieben hat. Bis er diesen Nachweis erbracht hat, möge er uns mit Zumutungen, seine Ehre auszubessern, verschonen.«


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Herr Karl Küchler befind et sich in mehrfachem Irrtum. Ich bot bei der Feuilletouredaktion der »Germania«(24) u m  m e i n  R e c h t . Etwas Anderes wollte ich nicht. Und nebenbei beabsichtigte ich damit, die »Germania« vor der Blamage zu bewahren, m i t  H e r r n  C a r d a u n s  h e r e i n z u f a l l e n . Herr Karl Küchler hat diesen Wink nicht beachtet und wird nun die Folgen tragen müssen. Leider verfällt er nicht nur in die bekannten Unzuverlässigkeiten, sondern auch in den Münchmeyer-Fischerschen Kolportageton des Herrn Cardauns. Indem ich seine Irrtümer richtigstelle, werde ich mich bemühen, diesen giftigen Ton zu vermeiden.

Erstens behauptet Herr Karl Küchler, daß Herr Cardauns den »Nachweis« meiner Unsittlichkeit angetreten habe, verschweigt aber, wo, wann und wie ihm dieser Nachweis gelungen sei. Zweitens behauptet er, daß ich » f ü r  K i n d e r  u n d  u n r e i f e  M e n s c h e n  F r ö m m i g k e i t  g e h e u c h e l t  h a b e . « Die Romane, welche er meint, sind im »Deutschen Hausschatze«, einer Zeitschrift für sehr ernste und sehr erwachsene Leser, erschienen. Wo sind da die »Kinder« und die »unreifen Menschen?« Und vor allen Dingen, w o  i s t  d i e  H e u c h e l e i ? Drittens behauptet er, daß ich geschäftsmäßig Pornographisches vertreibe. Also nicht nur S c h a m l o s i g k e i t , sondern sogar g e s c h ä f t s m ä ß i g e  S c h a m l o s i g k e i t . Etwas Schlimmeres kann man einem Autor, der dreißig Bände Erzählungen geschrieben hat, ohne sich auch nur ein einziges Mal mit der Geschlechtsliebe zu befassen, doch wohl nicht vorwerfen. Herr Karl Küchler wird vor Gericht die Stellen, in denen ich Frömmigkeit heuchle, nachzuweisen haben. Und ebenso wird er vor Gericht die unsittlichen Stellen der Münchmeyerromane zu bezeichnen und dabei durch die Vorlegung meiner Originalmanuskripte den Beweis zu fahren haben, daß diese Stellen aus m e i n e r Feder sind. Viertens ist die Erwähnung »zweier Beleidigungsprozesse« eine jener Cardaunsschen Spiegelfechtereien, die bei Leuten, welche offenen Auges sind, nicht verfangen. Diese Klagen waren nicht gegen mich, sondern gegen A n d e r e gerichtet. Auch bin ich weder als Zeuge beteiligt, noch irgend -wie aufgefordert worden, mich über den Gegenstand zu äußern. Ihre Erwähnung hat also nur den Zweck, die Karl-May-Affäre zu meinem Schaden zu komplizieren. Fünftens muß ich mir den Ausdruck »Klique« allen Ernstes verbitten. Was ich schreibe, ist wahr. Ich verbinde mich mit keinem Schurken. Und die Herren Redakteure und Autoren, die für mich eintraten, sind Ehrenmänner. Herr Karl Küchler wird vor Gericht die Namen derer zu deponieren haben, die er mit diesem höchst


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beleidigenden Ausdrucke meint. Auch wird er an derselben Stelle die » b e s t e n  B e w e i s g r ü n d e « aufzuführen haben, daß die »Öffentlichkeit wieder einmal gründlich angelogen worden ist«. Ebenso wird er den »blauen Dunst« zeigen, den ich mit meiner Klique der Öffentlichkeit vormache, und zwar z u m  B e s t e n  a n r ü c h i g e r  U n t e r n e h m u n g e n . Welche sind das? Sechstens soll mir in Beziehung auf den Friedberger Prozeß(25) Herr Karl Küchler den »Advokatenkniff« beweisen. Wie ich meinen Strafantrag formuliere, ist Nebensache, wenn nur die Hauptsache mitgeklärt und verhandelt wird. Hier wieder Cardauns'sche Spiegelfechterei! Und warum nennt er nicht offen die betreffenden Namen? Es handelte sich um den Pfarrer, Religionslehrer und Redakteur Praxmarer in Friedberg in Hessen, den bekannten bayerischen Pädagogen Ludwig Auer, Direktor des berühmten Cassianeums in Donauwörth, und den Ordensmann und »Professor« Pater Bessler in der Abtei Sekkau, Steiermark. Diese Herren werden es Herrn Karl Küchler wenig Dank wissen, daß er mich zwingt, nach so langer und ehrlicher Diskretion ihre Namen nun doch noch zu veröffentlichen. Sie wurden n u r durch die Cardaunssche Hetze verführt, gegen mich zu schreiben. Sie baten um Verzeihung, gaben mir schriftliche Ehrenerklärungen und baten mich, die Klage nicht weiter zu verfolgen, in deren Verlauf natürlich auch die »Unsittlichkeit« mit zur Verhandlung gekommen wäre. Ich willigte ein und verzichtete in Rücksicht auf ihren Stand und ihre Schüler und Beichtkinder sogar freiwillig auf die Veröffentlichung ihrer Ehrenerklärungen. Den Dank für diese Humanität bringen mir nun Herr Karl Küchler und Herr Cardauns! Siebentens habe ich mich gegen den Ausdruck »glatte Geldaffaire« zu verwahren. Die Richter aller drei Instanzen und auch meine Anwälte werden es mir  g e r n  b e z e u g e n , daß es mir nicht auf das Geld angekommen ist, obwohl ich, wenn Fischer nicht gelogen hat, um fünf Millionen betrogen worden bin. Herrn Karl Küchler aber muß ich fragen, ob es denn i h m so gar sehr gleichgültig wäre, wenn man ihm solche Millionen unterschlagen hätte! Achtens habe ich in wohlerwogener Absicht nicht auf die Unsittlichkeitsfrage, sondern auf die Klarlegung meiner Eigentumsrechte verklagt. Ich wollte und mußte durch Zeugen erwiesen haben, daß Münchmeyer meine Werke verfälscht hat. Die Zeugen, die ich brauchte, standen alle in Münchmeyers resp. Fischers Brot. Hätte man diesen meinen eigentlichen Zweck geahnt, so hätte Fischer mir jeden Zeugen unmöglich gemacht. Es hat bisher nur einer seiner Arbeiter für mich gezeugt. Den bedrohte er dafür mit drei


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Monaten Gefängnis, so daß der alte, ehrliche, abgearbeitete Mann sich vor Schreck und Angst hinlegte und starb. Unter solchen Verhältnissen hatte ich äußerst vorsichtig zu sein, denn Münchmeyer-Fischers kämpften mit jeder Art von Waffe gegen mich. Dieser blinden Gier verdanke ich es, daß mir, sogar auf Seite der Gegner, zwei vollwichtige Zeugen erstanden, welche die Fälschungen meiner Werke bewiesen. Das genügt doch wohl! Es ist also wahr und keine Lüge, wenn gesagt worden ist, es sei durch den Prozeß erwiesen, daß meine Romane gefälscht worden sind. Aber diese Zeugen- und Eidesbeweise sind trotz ihrer Vollgültigkeit hier doch nur Nebensache. Die Hauptsache liegt im neunten und letzten Punkt, den ich so stark wie möglich zu unterstreichen bitte.

Nämlich Herr Cardauns wirft mir doch nicht etwa vor, daß M ü n c h m e y e r unsittliche Romane g e d r u c k t habe; täte er das, so könnte er es d u r c h  D r u c k s a c h e n beweisen. Sondern er wirft mir vor, daß i c h diese Unsittlichkeiten g e s c h r i e b e n habe; das ist aber doch nicht durch das, was gedruckt worden ist, zu beweisen, sondern eben urch das, w a s  i c h  g e s c h r i e b e n  h a b e . Als langjähriger Redakteur, sogar Hauptredakteur, weiß Herr Cardauns ganz genau, daß in dieser Angelegenheit nicht die Münchmeyerschen Schunde, s o n d e r n  m e i n e  s e l b s t g e s c h r i e b e n e n  O r i g i n a l m a n u s k r i p t e maßgebend sind. Und Herr Karl Küchler weiß das auch, denn auch er ist Redakteur, im Dienste der »Germania«. Nun hat Herr Cardauns nicht nur behauptet, daß ich unsittlich geschrieben habe, sondern er hat auch in jeder seiner Veröffentlichungen mit »Akten«, »Dokumenten« und dem Besitz von »Beweismaterial« geprahlt. Dieses Beweismaterial aber besteht nur a u s  m e i n e n  O r i g i n a l m a n u s k r i p t e n , 13000 Quartblätter mit 26000 vollgeschriebenen Seiten. Er muß also dieses zentnerschwere Material besitzen und jede unsittliche Münchmeyersche Stelle mit der betreffenden Schreibseite meiner Manuskripte verglichen haben. Herr Karl Küchler wird nicht umhin können, mir da Recht zu geben. Die Sache liegt also folgendermaßen:

Im gegenwärtigen Kesseltreiben geht es nicht über m e i n e n Pelz her, sondern über das Fell des Herrn Cardauns. I c h  h a b e  g a r  n i c h t s  z u  b e w e i s e n ! Der Ankläger, der Behauptende und also der zum Beweis Verpflichtete ist Herr Cardauns. Ich warte nun schon seit Jahren auf seinen Beweis, habe aber bis heute noch nicht die geringste Spur von ihm gesehen. Herr Karl Küchler hat sich mit seinen Vorwürfen also nicht an mich, sondern an diesen Herrn zu wenden. N i c h t  i c h ,   d e n n  i c h  b i n


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r e i n ,   s o n d e r n  H e r r  C a r d a u n s  h a t  s i c h  z u  r e h a b i l i t i e r e n !  D e r  g r o ß e  S c h w i n d e l ,   v o n  d e m  m a n  s p r i c h t ,   f ä l l t  n i c h t  m i r ,   s o n d e r n  d e m  z u r  L a s t ,   d e r  d i e  O e f f e n t l i c h k e i t  i n  d e n  G l a u b e n  v e r s e t z t e ,   s e i n  a n g e b l i c h  » e i n w a n d f r e i e s  B e w e i s m a t e r i a l «  b e s t e h e  a u s  m e i n e n  M a n u s k r i p t e n ! Darum sind Herrn Karl Küchlers Schlußworte nicht auf mich, sondern nur auf Cardauns zu beziehen: Bis Cardauns den vollen Beweis von der Wahrheit seiner Behauptungen erbracht hat, mögeerunsmitZumutungen, seineEhreauszubessern, verschonen! Und wenn dieser Beweis nicht sehr bald, und zwar durch Vorlegung meiner 26000 geschriebenen Manuskriptseiten geliefert wird, kann mich selbst meine beispiellose Langmut nicht mehr hindern, mir und der deutschen Literatur nun endlich Ruhe zu schaffen. Zunächst aber wird Herr Karl Küchler anzugeben haben, wann und wo ich ihn aufgefordert habe, meine Ehre auszubessern.

Radebeul-Dresden, den 26. August 1907.

Karl May.


An die deutsche Presse!


Als der frühere Redakteur Cardauns mich vor Jahren öffentlich anklagte, in den Münchmeyerschen Romanen unsittlich geschrieben zu haben, behauptete ich, daß dies nicht wahr sei, versprach, den Verleger zu verklagen, und bot, das Ende des Prozesses abzuwarten. Ich hielt Wort.

Ganz selbstverständlich konnte die Frage, ob ich unsittlich geschrieben habe oder nicht, n u r  g a n z  a l l e i n durch Einsicht in meine Originalmanuskripte entschieden werden, welche sich im Besitz der Firma Münchmeyer-Fischer befanden. Da ihre Herausgabe mir v e r w e i g e r t wurde, mußte ich sie mir e r z w i n g e n . Ich hatte also gerichtlich nachzuweisen, daß die Romane nicht Münchmeyer-Fischer, sondern mir gehörten, und darum wurde die Klage auf Anerkennung meiner Rechte und Rechnungslegung gestellt. Daß ich direkt auf Entscheidung über meine Sittlichkeit hätte klagen sollen, kann nur ein - - Laie verlangen!

Leider wartete man nicht. Herr Cardauns ging weiter gegen mich los, als ob meine Schuld bereits bewiesen sei. Er sprach in Zeitungen und öffentlichen Vorträgen von »Akten, Dokumenten, Urkunden, vollgaltigem Beweismaterial« und auch von »Quellenbelegen«. Daß nur meine


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Originalmanuskripte maßgebend und entscheidend sind, weiß er als langjähriger Redakteur g a n z  b e s t i m m t . Dennoch hat er von den

über 13 000 Blättern mit über 26 000 von
mir selbst sehr eng beschriebenen Seiten

bisher noch nicht eine einzige Zeile gebracht, und auch von »Not- oder Verlegenheitsbeweisen«, die man, ohne die Unwahrheit zu sagen, vielleicht als Urkunden oder Dokumente bezeichnen könnte, ist nichts zu sehen gewesen. Und die »Quellenbelege« ? Die Quelle, aus der sie stammen, ist der Münchmeyer-Fischersche Schundverlag, den ich nicht anders bezeichnen kann, als mit diesem Worte, weil Fischer selbst sich » S c h u n d v e r l e g e r « nannte (siehe unten unter A). Wie rein oder schmutzig diese Quelle fließt, mag man aus Folgendem ersehen:

Ich schrieb diese Arbeiten, um Münchmeyer zu retten und zu heben, genau so, wie Fischer dann später von mir dasselbe hoffte. Das Honorar war spärlich, doch hatten die Romane beim 20 000. Abonnenten mit allen Rechten an mich zurückzufallen, wobei die eigentliche Bezahlung in Form einer »feinen Gratifikation« erfolgen sollte. Der Erfolg war ungeheuer. Münchmeyer gab schon vor ca. 20 Jahren kolossale Ziffern an (siehe unten unter B), nach denen ich Millionen eingebüßt habe. Aber diese Erfolge wurden mir sorgfältig verschwiegen. Ich erhielt keinen Pfennig; ich erhielt nie meine Rechte wieder und nie meine Originalmanuskripte zurück. Die Summen, welche einliefen, waren verführerisch. Sie waren so groß, daß man beschloß, die Romane für immer zu behalten und zu sagen, daß ich sie für alle Zeit und mit allen Rechten an Münchmeyer abgetreten habe. Aber der immense Erfolg konnte mir doch nicht ewig verschwiegen bleiben; einmal mußte ich ihn doch erfahren. Was sollte man tun, wenn ich Münchmeyer dann verklagte? Nichts leichter als das! Man brauchte den Kontrakt, der ja kein schriftlicher war, nur einfach abzuleugnen! Aber falls ich den Prozeß dennoch gewann? So war nur nötig, ein Mittel zu entdecken, mich derart einzuschachtern, daß ich es nicht wagte, zu prozessieren. Einem Schundromanfabrikanten kann es nicht schwer fallen, ein solches Mittel zu erfinden. Man zog zwei Unterlagen herbei, auf die man baute.

Erstens hatte man meine Romane, natürlich ohne daß ich etwas davon ahnte, nach dem Grundsatze verändert, den Fischer später vor Gericht aussprach: » I c h  k a n n  a u f  d i e  U n s i t t l i c h k e i t  n i c h t  v e r z i c h t e n ,   s o n s t  m a c h e  i c h  k e i n  G e s c h ä f t ! « Und zweitens gründete sich mein


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schriftstellerischer Ruf auf die Tatsache, daß ich in keinem meiner Werke mit der geschlechtlichen Liebe manipuliere. An diesem meinem Rufe mußte mir Alles liegen. Er war sofort verloren, falls es gelang, mir verborgene Unsittlichkeiten vorzuwerfen. Man brauchte die Veränderung meiner Originale einfach nur wirken zu lassen, ohne zu gestehen, daß sie von Münchmeyer seien. Und man brauchte nur noch so nebenbei ein kleines, allerliebstes, schamloses on dit zu kolportieren, so war der Weg zu meiner vollsten Einschüchterung geebnet. Kurz, es entspann sich gegen mich, doch hinter meinem Rücken, eine Kabale, von der ich leider erst dann Kenntnis erhielt, als sie mit voller Wucht zum offenen Ausdruck kam. Es wurde gelegentlich gesagt und geflissentlich verbreitet, daß ich früher wegen »Unsittlichkeiten« bestraft worden sei. Es bildete sich über diese Bestrafungen ein ganzer Sagenkreis. Ich brauche wohl nicht ausdrücklich zu erklären, daß es n i c h t  w a h r ,   s o n d e r n  e i n e  r a f f i n i e r t e  L ü g e  i s t , erfunden zu dem Zweck, den Glauben vorzubereiten, daß ich gewiß auch fähig sei, unsittliche Romane zu verfassen. Die Untersuchung, wie diese Kabale gegen mich sich von Jahr zu Jahr weiter entwickelt hat, gehört nicht hierher; sie ist beim Königlichen Landgericht im Gange. Ich habe nur zu konstatieren, daß Münchmeyers Plan, falls ich meine Rechte geltend machen und meine Originalmanuskripte zurückverlangen werde, darin bestand, mich durch Bedrohung einzuschüchtern und, falls dies nicht gelingen sollte, die Drohung ohne Skrupel auszuführen. Die Parole lautete:

»Wenn May klagt, wird er durch ganz Deutschland
in allen Zeitungen kaput gemacht!«

Dieser Plan, so unglaublich er zu sein scheint, ist erwiesen. Fischer selbst hat ihn bestätigt, vor Gericht, sogar dreimal in einer Viertelsaunde. Der Vertrauensmann der Frau Münchmeyer, der den Verkauf des Geschäftes leitete, hat alles verraten. Als Fischer erfuhr, daß Frau Münchmeyer meine Romane »eigentlich nicht mit verkaufen dürfe«, wurde er bedenklich. Da sagte ihm dieser Vertrauensmann, der Walther hieß, grad heraus, daß er trotzdem ganz ruhig kaufen könne. Man besitze die Mittel, mich von der gerichtlichen Klage abzuhalten (siehe unten unter C). Das ist die eine Seite der »Quelle«, die Münchmeyersche, aus der die berühmten »Belege« des Herrn Cardauns stammen. Mit der anderen Seite, der Fischer'schen, verhält es sich folgendermaßen:

Herr Fischer hat mir nachträglich selbst gesagt, er sei ein steinreicher


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Mann, und seine bisherigen Kinder bekämen einst sehr viel Geld. Aber es sei ihm ein Söhnchen nachgeboren worden, für das er nun auch ein Vermögen zu erwerben habe, und das gehe am schnellsten und am leichtesten mit Karl May'schen Sachen. Darum habe er das Münchmeyer'sche Geschäft gekauft, nur um meiner Romane willen. Also nur eines kleinen, nachgeborenen Fischerleins wegen hat Herr Cardauns die ganze literarische Welt in Alarm versetzt! Bevor Fischer kaufte, warnte ich Frau Münchmeyer durch einen Brief, den Beide gelesen haben. Ich drohte darin, zu verklagen. Fischer wußte also v o n  m e i n e r  S e i t e  a u s sehr genau, daß Frau Münchmeyer die Romane nicht verkaufen durfte, weil sie mir gehören. Und e b e n s o wußte er das a u c h  v o n  M ü n c h m e-y-e r ' s c h e r  S e i t e  a u-s , denn Walther, der Münchmeyer'scheVertrauensmann bei dem ganzen Handel, teilte ihm ausdrücklich mit, daß Münchmeyer die betreffenden Rechte von mir zwar haben wollte, aber nicht bekommen habe (siehe unten unter D). Er wußte also von beiden Seiten, daß die Werke nicht Frau Münchmeyer, sondern mir gehörten. Dennoch kaufte er sie und zahlte dafür 175 000 Mark! Wie war das möglich? Sehr einfach! Nur durch die beruhigende Versicherung

»Haben Sie keine Angst! Den machen wir moralisch kaput, wenn er überhaupt gegen uns vorgeht!«

und durch das hierauf folgende Übereinkommen:

»Wenn er doch verklagt, so machen wir ihn durch ganz Deutschland in allen Zeitungen kaput!«

Diesen Plan hat Fischer ausgeführt. Über das Wie will ich schweigen. Zunächst kam er zu mir und forderte 70 000 Mark; dann werde er auf meine Rechte verzichten. Als ich ihn mit diesem Ansinnen zurückwies, drohte er. Ich klagte dennoch, denn ich war unschuldig, und Unschuld kann man nicht erkaufen! Im Verlaufe des Prozesses wiederholte er die Drohung, mich » i n  a l l e n  Z e i t u n g e n  k a p u t z u m a c h e n «, noch sehr oft, nicht nur gegen mich, sondern auch gegen meine Frau. Ja, er ging sogar so weit, sich meinem juristischen Vertreter, dem mitunterzeichneten Rechtsauwalt Bernstein, gegenüber in diesem Sinne auszusprechen (siehe unten unter E)! Am weitesten aber ging er in dem sogenannten »Vergleich« vom 11. Februar 1903, den Herr Cardauns gewiß nicht erwähnt hätte, wenn er wüßte, um was es sich da handelt. Es liegt sogar von später noch eine ganze Reihe von Erpressungen vor, über die vor Gericht noch zu verhandeln ist.


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So, das ist die andere Seite der »Quelle«, aus der Herr Cardauns seine »Belege« bezieht! Diese Quelle ist eine K o l p o r t a g e s c h u n d f a b r i k . Herr Cardauns bezieht aus ihr seine »Belege«! Der Besitzer dieses Schundgeschäftes erklärt vor Gericht, daß er auf die Unsittlichkeit nicht verzichten könne, s o n s t  m a c h e  e r  k e i n e  G e s c h ä f t e . Herr Cardauns bezieht von ihm seine »Belege«! In dieser Schundfabrik steckt man die Millionen ein, die Karl May gehören. Herr Cardauns bezieht aus ihr seine »Belege«! Herr Fischer eignet sich die Werke von Karl May an, obgleich er weiß, daß dies nach dem Strafgesetzbuch ein Verbrechen ist. Herr Cardauns bezieht von ihm seine »Belege«! Die Schundfabrik will Karl May in den Zeitungen totmachen, falls er sich gerichtlich gegen das Unrecht wehrt. Herr Cardauns bezieht aus ihr seine »Quellenbelege«! Als May trotz dieser Drohungen die Klage erhebt, gehen Münchmeyer-Fischer mit vereinten Kräften gegen den völlig Unschuldigen vor, indem sie mit dem »Totmachen in den Zeitungen« beginnen. Herr Cardauns bezieht von ihnen seine Belege! Der Totschlag in den Zeitungen hat schon seit Jahren angehalten, ein kaum auszusagendes Schinden und Carillern sondergleichen. Durch dieses fast unglaubliche Quälen und Martern ist der Münchmeyer-Fischer'sche Plan gegen May, falls er klagen sollte, zur Ausführung gebracht und die kolossale Erpressung also erwiesen. Herr Cardauns bezieht seine »Quellenbelege« von ihnen weiter! Aber nicht bloß das, sondern man höre: Herr Cardauns bekommt diese »Quellenbelege« geliefert, um in den Zeitungen gegen mich vorzugehen. Indem er das tut, stellt er sich auf das gleiche Niveuu mit der Schundfabrik und macht sich zum ausführenden Domestiken der Münchmeyer-Fischer'schen Kabale! Man könnte an der Gerechtigkeit, Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit dieses Herrn Cardauns verzweifeln, wenn nicht noch die Annahme möglich wäre, daß er unter der ihm weit überlegenen Suggestion des Schundrerlages steht. Diese Suggestion ist ungeheuer stark. Wer das nicht weiß, der glaubt es nicht. Auch ich habe es erfahren, an mir selbst. Und es bedurfte meiner ganzen Willenskraft, mich von diesem niederträchtigen Einflusse loszureißen.

Dieser Einfluß ist bei Herrn Cardauns so groß, daß er in seinen gegen mich gerichteten Artikeln schon ganz sich selbst verleugnet und nur noch in der Sprache und im Geiste der Kolportage redet. Denn nur in diesem Geiste kann er die juridische Lächerlichkeit begehen, meinen Rechtsanwälten vorzuwerfen, daß sie die Prozeßforderung nicht so gestellthaben, wie es ihm beliebt. Und nur in diesem Geiste kann er ihnen und mir


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zumuten, ihm über die »sittlichen« Erfolge unsres Prozesses Rechenschaft abzulegen! Und nur darum, weil er von diesem Geist geblendet ist, sieht er nicht, daß eine Schundquelle ihm nur Schundbeweise und Schundbelege liefern kann und daß er nur das zu lesen bekommt, was für den Schund scheinbar günstig klingt, nicht aber das, was ihn verdammt. Und nur in diesem Geiste konnte er sich rühmen, in seinem Vorgehen gegen mich gerecht und unparteiisch verfahren zu sein. Ich konstatiere hiermit vor der gesamten deutschen Presse, daß Herr Cardauns mit den S c h u n d f a b r i k a n t e n in fluktueller Verbindung steht, mit mir aber noch nicht ein einziges Wort gewechselt hat, um sich von der Wahrheit zu überzeugen. Das sagt wohl mehr als genug!

Herr Cardauns befindet sich in einer schlimmen Lage. Er hat mich vor Jahren öffentlich beschuldigt, die Münchmeyerschen Romane unsittlich geschrieben zu haben. Er ließ sich von Fischer, der weit pfiffiger war als er, verleiten, gegen mich derart aufzutreten, als ob er meine wirklichen Originalmanuskripte, nicht aber die falschen Münchmeyerschen Abdrucke in den Händen habe. Jetzt nun, da die Zeitungen endlich beginnen, von diesen Fälschungen und von den an mir verübten Dingen zu sprechen, wird ihm himmelangst um seine eigene Ehre. Er tritt wieder gegen mich auf, wie Goliath, »sechs Ellen und eine handbreit hoch«, und hält beschimpfende Reden, genau wie dieser Philister. Der Stoff zu diesen Reden stammt aus der Schundfabrik, und ihr Zweck ist, mich zu übertölpeln. Es gehen nämlich noch weitere Prozesse gegen Münchmeyer-Fischer nebeneinander. Der Schundverlag möchte nun gar zu gern erfahren, mit welchen Waffen aus dem gewonnenen Prozeß ich mich für die anderen zu rüsten gedenke. Daher die jetzigen Ausführungen des Herrn Cardauns. Daher besonders auch die Zumutung, mich über die Beweise der Münchmeyerschen Fälschungen auszulassen. Diese Beweise liegen vor Gericht. Da haben sie liegen zu bleiben, bis ich sie nicht mehr brauche. Da sind sie mir sicher. D a  w e r d e n  s i e  m i r  n i c h t  a u c h  n o c h  g e f ä l s c h t !

Herr Cardauns hat sich eine Reihe von Jahren hindurch darin gefallen, mein Schicksal zu lenken und meinen Richter zu spielen. Aus diesem Spiel wird nun Ernst. Nicht für mich, denn ich bin allezeit ernst, sondern für Herrn Cardauns. E r  h a t  e n t w e d e r  m e i n e  O r i g i n a l m a n u s k r i p t e  v o r z u l e g e n  u n d  d i e  S t e l l e n  z u  z e i g e n ,   a u f  d i e  e r  s e i n e  A n k l a g e n  g r ü n d e t ,   o d e r  e r  h a t  e i n z u g e s t e h e n ,   d a ß  e r  z u m  R i c h t e r  ü b e r  m i c h  u n d  m e i n e  W e r k e  n i c h t  d i e  g e r i n g s t e  B e f ä -


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h i g u n g  b e s i t z t . Denn wer Cardaunssche Urteile fällt, ohne auch nur ein einziges Manuskriptblatt zu besitzen und ohne mich auch nur ein einziges Mal um Auskunft ersucht zu haben, d e r  k a n n  n u r  d e r  G e r i c h t e t e ,   n i c h t  a b e r  R i c h t e r  s e i n !


Zum Schluß noch eine Bitte an die deutsche Presse.

Die Presse ist eine Schirmburg, erbaut zum Schutze des Rechtes, der Humanität, der guten Sitte. Ihre Tür steht einem jeden offen, an dem gegen dieses Recht, gegen diese Humanität und gegen diese gute Sitte gesündigt wird. Als Herr Cardauns vor Jahren diese dreifache Sünde an mir beging, flüchtete ich mich nach dieser Burg. Ich wurde abgewiesen. Ihm, dem Preßgewaltigen, standen alle Zeitungen offen; mir aber warf man zwei- oder dreimal eine nichtssagende, altbackene Zeile zu, an der die Gerechtigkeit ihren Hunger doppelt fühlte. Ich komme heut zum zweiten Male; ich weiß, es ist das letzte Mal. Ich bitte um Gerechtigkeit, um weiter nichts! I c h  v e r l a n g e ,   d a ß  H e r r  C a r d a u n s  s i c h  n u n  e n d l i c h  e i n m a l  ü b e r  m e i n e  O r i g i n a l m a n u s k r i p t e  m i t  d e r s e l b e n  O f f e n h e i t  a u s s p r i c h t ,   m i t  d e r  e r  s i c h  ü b e r  d e n  M ü n c h m e y e r s c h e n  S c h u n d  v e r b r e i t e t  h a t . Dann, wenn das geschehen ist, soll die Presse Richter sein über mich und über ihn. Tut er das aber nicht, so ist er ganz von selbst gerichtet und die arme deutsche Literatur wird wieder Ruhe haben.

Radebeul-Dresden, Ende August 1907.

Karl May.


Rechtsanwaltliche Bestätigungen


A. In seinem Briefe vom 24. März 1903 an Karl May schreibt Fischer:

»Ich versichere Ihnen schließlich noch, daß mich nur der Zufall zum Schundverleger gestempelt hat, es steckt aus meinem früheren Geschäft noch ein gut Teil bester Verlegergeschmack in mir, d e n  S i e  z u  m e i n e m  G l ü c k  e v .  b e r u f e n  s i n d ,   i n  m i r  w i e d e r  w a c h z u r u f e n .  I n  d i e s e r  H o f f n u n g  b e g r ü ß t  S i e - - - . «

B. Siehe beeidigte Aussage der Zeugin Freytag vom 11. Februar

1904:

»Münchmeyer hat mit mir gesprächsweise wiederholt davon ge-

sprochen, daß die Schriften des Klägers den Grund zu seinem


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Reichtum gelegt hätten« -- »Es ist richtig, daß Münchmeyer mir in Bezug auf das »Waldröschen« gesagt hat, er hätte Bankrott machen müssen, wenn nicht das Waldröschen erschienen wäre. E r  h ä t t e  d a v o n  e i n e  h a l b e  M i l l i o n  a b g e s e t z t . Es sei ein Treffer gewesen. Es sei auch in Amerika gut gegangen. Er sei Herrn May aufrichtig dankbar. Er schätze ihn hoch.«

C. Aussage von Fischer selbst, als Zeuge vernommen, am 2. April 1903. Man hat ihm damals gesagt:

»Haben Sie keine Angst wegen May. Da brauch ich bloß ein paar Zeilen zu schreiben, da ist er ruhig!«

ferner:

»Sobald ich ihm drohe, tritt er zurück!« und endlich:

»Den machen wir moralisch kaput, wenn er überhaupt gegen uns vorgeht!«

D. Fischers Zeugenaussage vom 2. April 1903:

»Walther erzählte mir auch gelegentlich, daß er von Münchmeyer Vollmacht erhalten hätte, mit dem Kläger zu verhandeln, um dessen ganze Werke ins unbeschränkte Eigentum zu bekommen. Er habe auch mit dem Kläger verhandelt. Es sei sogar ein Vertrag aufgesetzt worden. Der Kläger habe ihn aber nicht unterschreiben wollen, sodaß er nichts erreicht habe. Wie ich später nach Einsichtnahme in den Vertrag gesehen habe, hat sich dieser nur auf die Werke "Helden und Herzen" und "Weg zum Glück" bezogen. «

E. Ist richtig!

Dresden, Ende August 1907.

Der Anwalt am Königlichen Landgericht:

Der Anwalt am Königlichen Oberlandesgericht:


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Herr Rudolf Lebius, sein Syphilisblatt und sein Indianer


Soeben versendet Herr Rudolf Lebins ein neues Flugblatt gegen mich, welches angeblich aus der Feder eines »Vollblutindianers« stammen soll. Dieser Indianer ist ein Mohawk und nennt sich Brant Sero.(26) Die Überschrift des Flugblattes lautet » E i n e s  I n d i a n e r s  P r o t e s t  g e g e n  d i e  b l u t r ü n s t i g e  I n d i a n e r l i t e r a t u r «. An der Spitze ist Brant Sero in indianischer Kleidung mit großem Federkopfschmuck abgebildet. Ganz selbstverständlich wendet sich der Inhalt trotz der Überschrift nicht etwa gegen die »blutrünstige Indianerliteratur« überhaupt, auch nicht etwa gegen die alleinschuldigen Verfasser der berüchtigten Zehn- und Zwanzigpfennighefte, sondern g e g e n  m i c h  a l l e i n , der ich mit diesen Verfassern und deren Heften nicht das geringste zu schaffen habe. Es handelt sich also nicht um den vorgespiegelten, allgemeinen, zornesedeln Protest, sondern einzig und allein um eine sehr unedle, »blutrünstige« Abschlachtung Karl Mays. Urheber des Machwerkes ist nicht Brant Sero, sondern Rudolf Lebius. Als vor einigen Jahren Herrn Lebius ein Gerichtstermin drohte, in dem ich als Zeuge vorgeschlagen war, gab er unter anderem Namen ein ähnliches Pamphlet heraus, welches genau kurz vor diesem Termin zu erscheinen hatte.(27) Es sollte auf die Richter gegen mich wirken. Er hat für den betreffenden Namen 250 Mark bezahlt. Jetzt, am 29. Juni, war wieder ein solcher Termin anberaumt, von dem alle Zeitungen berichteten. Natürlich mußte da wieder etwas gegen mich losgelassen werden, auch ganz kurz vor dem Termin, am 27. oder 28. Juni, diesesmal angeblich von einem Indianer, also eine Sensation allerersten Ranges. Da dieser Indianer aber leider weiter nichts als ein h e r u m  z i e h e n d e r  S c h a u b u d e n - r e s p .  S c h a u t r u p p e n t ä n z e r ist und bei der Darstellung i n d i a n i s c h e r  P f e r d e d i e b e und M o r d b r e n n e r mitzuwirken hatte, so wurde er schleunigst in einen großen » G e l e h r t e n « verwandelt und der Berliner Strafkammer, die in der Berufungssache May-Lebius zu entscheiden hat, als Sachverständiger benannt. So etwas war nur Herrn Lebius zuzutrauen. Nicht zugetraut aber hätte ich ihm, dem stets so außerordentlich Pfiffigen, die unverzeihliche Torheit, den auf allen Schaustellungen herumtanzenden und mit »blutrünstigen« Revolvern herumknallenden Roten auch außerhalb des verschwiegenen Gerichtssaales, nämlich in der hellsten Öffentlichkeit der Presse, als Kapazität auftreten zu lassen und gegen mich loszuhetzen. Denn dadurch zwingt er mich, in Winkel zu


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leuchten, in denen weder für Herrn Rudolf Lebius noch für Mister Brant Sero etwas Ersprießliches zu entdecken ist. Alle meine Leser wissen, wie sehr und wie aufrichtig ich mich für die rote Rasse begeistere. Es ist ein Teil meines Lebenswerkes, nachzuweisen, daß sie nicht dem Untergang geweiht ist, sondern eine große Zukunft besitzt. Es tut mir außerordentlich leid, einem ihrer Angehörigen in der Weise entgegentreten zu müssen, wie es hier geboten ist. Er ist der Verführte. Die wirkliche Schuld und die Verantwortung fällt auf den Verführer! -

In gewissen Zeitungen trifft man auf folgende und ähnliche Annoncen:

Syphilis
Heilung durch Aufklärung. Lazarus
(Monatsschrift). Jahresbezugspreis
2 Mk. 40 Pfg. Mommsenstraße 47,
Charlottenburg.

Kommt der Syphilitiker, der das liest, nach Charlottenburg, Mommsenstraße 47, so wohnt da Herr Rudolf Lebius mit seiner Frau M. Lebius, die mit ihrem Namen als Verlegerin des Syphilisblattes zeichnet. Dieses Blatt heißt »Lazarus«. Diese Frau ist auch Verlegerin des »Bund«, des Leibblattes der Lebiusschen Gemeinde. An dem Kopfe dieses Blattes sind eine Menge der bedeutendsten und ehrenhaftesten Firmen angeführt. Lebius bezeichnet einen Geheimen Kammergerichtsrat als »mein Syndikus«. Hochgestellte Juristen werden als Anwälte genannt. Dabei aber stützt sich der Lebiussche Verlag auf S y p h i l i s a n n o n c e n , um Klienten nach seiner Wohnung zu ziehen. Im »Lazarus« ist den »Syphilistropfen« und ähnlichen Dingen der breiteste Raum gegeben.(28) Und ausgerechnet grad dies Syphilisblatt hat Lebius gewählt, um den angeblichen »Protest« des Indianers Brant Sero beizulegen und in die Welt hinauszuschicken. Ist die rote Rasse, d e r  a l l e  a n s t ä n d i g e n  Z e i t u n g e n  d e r  g a n z e n  W e l t  s e h r  g e r n  z u r  V e r f ü g u n g  s t e h e n , so tief gesunken, daß sie nur noch im Rahmen der Charlottenburger Syphilisinteressen ihr Heil zu finden vermag? Wer ist denn eigentlich dieser Brant Sero, welcher der Wahrheit entgegen behauptet, daß die Indianer über keine Presse verfügen? Soll ich ihm ein Schock und noch mehr ganz prächtige indianische Zeitungen nennen, die kleineren gar nicht gerechnet? Und wie kommt er zu der Ansicht, daß ich Angst vor ihm gehabt habe? Ich habe seine Schaustellungen in Dresden wiederholt besucht und w a r  e m p ö r t  d a r ü b e r . Wir haben, sowohl ich wie meine


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Frau, mehrere Male mit ihm gesprochen aber unsern Namen nicht genannt. Wir haben mit George W. Deer, James D. Deer. Mrs. James D. Deer und anderen gesprochen, uns aber gehütet, zu sagen, wer wir sind. Denn hätte ich meinen Namen genannt, so wäre ich verpflichtet gewesen, das ungeheuer Verwerfliche dieser sogenannten »Wild West Show« derart zu geißeln, daß es zu ernsten Szenen gekommen wäre, und das wollte ich nicht.

Ich frage, wer ist schuld daran, daß es hier minderwertige Schriftsteller gibt, die so »blutrünstige« Sachen schreiben, wie im Verlage von Münchmeyer, Eichler und Anderen erscheinen? Etwa wir? Mitnichten! Man schaue nach, seit wann solcher Schund erscheint! Seit dem ersten Auftreten von Buffalo Bill und Konsorten. Seit dem Erscheinen jener Wild-West-Schaustellungen, bei denen rote Räuber, rote Diebe, rote Schurken, rote Mörder die Hauptrolle spielten. Und die, welche diese niederträchtigen, verlogenen Rollen gaben, waren - - - Indianer! Sie taten das für Geld! Sie zogen bei uns herum! Sie schrieen und brüllten ihr Kriegsgeheule! Sie schmückten sich mit falschen Federn! Sie beschlichen und bestahlen einander! Sie überfielen einander! Sie knallten einander nieder! Sie mordbrennerten! Sie überfielen die weißen Jäger, die Postkutschen, die Ansiedelungen! Das alles haben uns die Buffalo Bills, die Texas Jacks und Anderen zu hundert Malen gezeigt, und wir mußten es bezahlen. Und was der Deutsche bezahlt, das hält er fest. In allen diesen Wild- West-Shows wurden die niederträchtigsten Schufte von Indianern dargestellt. Sie gaben das, was sie mimten, für Wahrheit aus. Es war unsere Pflicht, es ihnen zu glauben, und der Ungebildete glaubte es ihnen auch wirklich. Ist es da ein Wunder, daß sie in den jetzigen Schundheften das Alles wiederfinden, was sie uns an blutrünstigen Grauenhaftigkeiten vorgelogen haben? Ich kenne ehrenhafte Indianer, die sich lieber erschießen, als für Geld sehen lassen würden. Diese hier aber sind wiederholt durch ganz Europa gezogen und haben überall da, wohin sie kamen, die Ehre ihres eigenen Stammes, ihrer eigenen Rasse mit Füßen getreten und uns Erinnerungen hinterlassen, für die ich nicht die richtigen bezeichnenden Worte setzen will. Es sind nur wenige deutsche Schriftsteller, denen es geglückt ist, sich von diesen Eindrücken freizumachen, sich über sie zu erheben. Ich selbst habe mir die größte Mühe gegeben, diese Blutrünstigkeiten auszuwischen, den roten Mann als sympathisch hinzustellen und ihn in meinem »Winnetou« zu idealisieren.(29) Ich kann wohl sagen, wir haben bei unsern Lesern Etwas erreicht.


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Aber wieder und immer wieder kommen neue, herumziehende Indsmen herüber, um die reinen Bilder zu beschmutzen.

Nie hat mich das so sehr empört, wie bei der Truppe, zu welcher Brant Sero gehörte. Diese Darstellung der indianischen Verkommenheit und Grausamkeit mußte in jedem Zuschauer die etwa vorhandene Sympathie für die rote Rasse geradezu vernichten. Diese niederträchtigen Überfälle weißer Ansiedler! Diese »blutrünstigen« Raub- und Mordbrennerszenen! Ein Dieb wurde vom Pferde an der Leine im Galopp über das Feld geschleift, an einem Baume emporgehißt und dann von roten Burschen, Frauen und Mädchen mit Rerolverkugeln durchlöchert! Rundam stand die hoffnungsvolle Dresdner Jugend und jubelte vor Entzücken! Die Väter und Mütter schmunzelten! Ahnten diese Eltern denn nicht, daß die Seelen ihrer Kinder soeben für immer vergiftet wurden?

Und Mister Brant Sero war auch dabei, wenn auch nur in sehr untergeordneten Rollen. Er tanzte; er mordbrennerte mit, und er pferdediebte mit. Er bekam nur 50 Mark pro Woche, nach amerikanischen Begriffen ein wahrer Hungerlohn. Aber er trank gern, und zwar aus den größten Gläsern. Daher kam es, daß er dem Wirte für Wohnung 180 Mark schuldig blieb, für Essen und Trinken über 119 Mark. Das ist bis heute noch nicht bezahlt. Sogar der arme Kellner hatte 7 Mark zu fordern. Ich gab sie ihm, der seine paar Groschen so notwendig braucht. Der Wirt, Karl Stieler, hat über 300 Mk. zu bekommen, auch für die Wäsche Mister Brant Sero's. Dieser letztere hat nichts anzuziehen gehabt. Da hat ihm der Wirt einen getragenen Überrock für 22 Mark gekauft, ihm 7 Mark geschenkt und nur 15 Mark verlangt, aber auch diese nicht bekommen. Das ist der »große indianische Gelehrte«! Der 2. Vizepräsident der historischen Gesellschaft von Ontario! Der die hervorragenden Männer aller Stämme des nordamerikanischen Kontinentes kennt! Ich aber weise ganz anderes nach. Nicht einmal die Federn gehörten ihm, die man auf seinem Bilde sieht; e r  h a t t e  s i e  s i c h  g e b o r g t ! Arme, historische Gesellschaft von Ontario! Dein Präsident tanzt für Geld auf deutschen Völker- und Vogelwiesen herum, spielt den Brandstifter, Räuber und Mörder und flüchtet sich dann, weil er seine Schulden nicht bezahlen kann, in die Arme des Herrn Lebius, der einst 250 Mark bezahlte, um einen fremden Namen für seine Schmähschrift gegen mich zu bekommen. Ich werde Mister Brant Sero vor Gericht zitieren und ihn fragen lassen, wer der eigentliche Verfasser seines Aufsatzes ist und welcher Lohn ihm für die Hergabe seines Namens wurde!


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Mister Brant Sero war ca. 6 Monate lang in Dresden. Erst in der letzten Zeit schrieb er an mich, ich solle mir seine »Schau« ansehen. Die kannte ich aber schon längst. Sogar die Pferde waren geborgt! Zudem lag ich krank und durfte das Haus nicht verlassen. Von einer weiteren Zuschrift weiß ich nichts. Wenn er sich einen »Vollblut-Mohawk-Indianer« nennt, so läßt das den Kenner sehr kalt, denn das ist ganz dasselbe, als wenn ein Deutscher drüben in Amerika sagen würde: »Ich bin ein Vollblut-Reuß-Schleitz-Greitz- oder Lobensteiner! Die Mohawks zählen nur einige hundert Köpfe. Er droht mir mit dem Indianerkongreß in Muscogee. Armer Teufel! Was weiß dieser Kongreß von Brant Sero! Und wenn er etwas wüßte z. B. von seinen Tänzen, seinen blutrünstigen Indianerspielen und seinen Schulden, so würde das wohl ein ganz anderes Ende nehmen, als Mister Brant Sero uns hier sagen darf!

Und was er über das Küssen sagt, klingtganz wie Lebius. Er weise mir doch die »allgemeine Abschleckerei« in Band IV von » Winnetou« nach. Das ist ja eine Lüge! Ein jeder gebildete Indianer der Gegenwart weiß, daß er der Dame des Hauses einen Handkuß schuldet, und es ist ihm ein Vergnügen, ihr diese Höflichkeit zu erweisen. Und daß auch der ungebildete Indianer küßt, haben die »Wild-West-Shows« erwiesen, bei denen ja auch er mit tätig war. Man erkundige sich nur bei den Dienstmädchen und Bajaderen, mit denen die roten Schausteller so gern verkehren, so wird man über die Behauptung, daß der Indianer nicht küßt, nur lächeln können. Hier liegt auch ein dunkler Punkt jener Schaustellungen, über den Mister Brant Sero oder vielmehr Herr Lebius am besten geschwiegen hätte!

Daß ich behauptet habe, das Christentum bei den Indianern eingeführt zu haben, ist eine Lüge sondergleichen. Eine ebenso große Lüge ist es, daß ich die Indianer als eine aussterbende Rasse bezeichne. Ich behaupte und beweise grad das Gegenteil.(30)

Brant Sero kennt keinen einzigen Band meiner Werke, auch nicht den, über den angeblich er soeben schreibt. Ich bin aber überzeugt, daß nicht er, sondern Lebius der Verfasser ist. Dieser Band ist, wie jedes Kind sofort erkennen muß, v o l l s t ä n d i g  s i n n b i l d l i c h e n  l n h a l t e s . Der Verfasser des »Protestes« kann also unmöglich auch nur die geringste Spur von literarischer Bildung besitzen, denn Alles, was er als konkret und faktisch nimmt, ist eben nur abstrakt vorhanden. In »Winnetou« Band IV, der kritisirt wird, gibt es einen Kampf Tausender gegen Tausende. Von diesen vielen Tausenden fallen nur zwei Personen, und


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zwar nur aus Liebe und Aufopferung, zur Sühne! Ist das etwa »blutrünstig«? Wie kommt Mister Brant Sero dazu, grad mich bei jenem Kongresse anzuklagen? Er, der »blutrünstige« Kriegstänzer, der »blutrünstige« Raubmörder, der »blutrünstige« Einbrecher in weiße Ansiedlungen, der »blutrünstige« Pferdedieb? Denn diese »blutrünstigen« Scenen hat er doch alle gespielt, und zwar viele hundert Male! Es wird endlich einmal Zeit, uns und unsere Jugend gegen solche verderbliche »Indianer-Shows« zu schützen! Die rote Rasse ist eine edle Rasse. Ich weiß, daß sie einst groß werden wird, gewiß ebenso groß wie die weiße. Grad deshalb habe ich diesen Band IV von »Winnetou« geschrieben. Aber es gibt einen angefaulten Bodensatz von ihr. Den dürfen wir nicht zu uns herüberlassen. Eine einzige jener »blutrünstigen« Schaustellungen aus dem Wilden Westen schadet mehr als tausend Bände Schundliteratur, denn diese Bände sind nur die Folgen, die aus jenen Shows entspringen. Mister Brant Sero hat nicht den geringsten Grund zu einem Protest. Er ist sogar der selbst Schuldige. Der Schaden, den er durch seine »blutrünstigen« Indianerspiele seiner Nation zufügt, ist gar nicht abzumessen. Ich führe ihn hiermit zur Anklagebank. Ich kenne gar wohl die Sünden, die unsere Schundschriftsteller begehen, und es fällt mir gar nicht ein, sie verteidigen zu wollen. Aber ich halte es für ein sehr starkes Stück von einem herumziehenden Indianer, sich hierüber in so hohem Tone zu beschweren und dabei doch selbst ein zehnfach »Blutrünstiger« zu sein und diese »Blutrünstigkeit« sogar ganz handwerksmäpig für 50 Mark pro Woche zu betreiben!

Wenn es sich um einen Protest handeln soll, so sind wir zu ihm berechtigt, wir Weißen. Wir müssen ihn bei den Gesandtschaften und Konsulaten der Vereinigten Staaten erheben. Wir müssen uns nach Washington wenden. Wie wir uns faulende Wurst und verdorbenen Schinken von da drüben verbitten, so müssen wir unsere Grenzen auch allen jenen verdorbenen Völkerabfällen verschließen, die uns Gift anstatt Belehrung bringen und dafür auch noch bewundert und belohnt sein wollen! Ich gebe diesen Gedanken allen Jugendschriften-Kommissionen und Jugendschriftenvereinen zur weiteren Verfolgung hin. Wäre Mister Brant Sero ein nur einigermaßen bedeutender Mensch, so würde ich sofort die nötigen Schritte tun, die mir da drüben in seiner Heimat geboten erscheinen, so aber macht das, wozu er sich gegen mich hat verleiten lassen, ganz genau den Eindruck, als ob ein kurdischer Tabakspfeifenhändler oder ein armenischer Pantoffelverkäufer nach Ber-


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lin oder Dresden käme, um Deutschland darüber zu belehren, daß meine Werke, die er gar nicht einmal lesen kann, nichts taugen. Ich habe ihn nur zu fragen: Was bekam er für den Protest? - - -

Ende Juni 1910.

Karl May.


1 Gemeint ist der Cardauns-Vortrag über »Literarische Curiosa: Leo Taxil, Robert Graßmann und - Karl May«; vgl. Hans Wollschläger, Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, 114; ferner Hainer Plaul in: Karl May, Mein Leben und Streben (Reprint der Ausgabe Freiburg 1910). Hildesheim-New York 1975, 409f. (Anm.213).

2 Dieses Ziel hat Karl May nicht erreicht. Denn im endgültigen Vergleich vom 8.10. 1907 mit den Erben Adalbert Fischers ließ er sich zwar bescheinigen, daß die Romane »in ihrer jetzigen Form nicht mehr als von Herrn Karl May verfaßt gelten können«, doch erschienen sie anschließend anonym weiter.

3 Adalbert Fischer (1855-1907), der 1899 von der Witwe Pauline Münchmeyer den Verlag erwarb. Sein Name tritt in den Büchern selbst allerdings nie in Erscheinung; der Verlagsname lautete bis zum Schluß H. G. Münchmeyer.

4 In Praxmarers Zeitschrift »Stern der Jugend« war behauptet worden, man hätte Karl May »in eine Irrenanstalt gebracht«. Vgl. hierzu Jb-KMG 1976, 248; ferner Hainer Plaul (vgl. Anm. 1), 483f.; mit ausführlichen Zitaten auch in: Max Dittrich, Karl May und seine Schriften, Dresden 1904, 107ff. (Reprint in: Schriften zu Karl May, hrsg. von Karl Serden, Ubstadt 1975).

5 Hermann Cardauns, Die »Rettung« des Herrn Karl May. In: Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland, 140. Bd., Heft 4. München 1907, S. 286-309 (vgl. Jb-KMG 1978, 205).

6 Diese Besprechung aus der Kölnischen Volkszeitung von 1892 wurde von Mays Verleger Fehsenfeld noch in späteren Jahren gern und ausführlich zitiert. Es heißt dort: »May's Werke stehen turmhoch über den gewöhnlichen Skalp-, Büffel- und sonstigen Jägererzählungen.« Vgl. z. B. die Reprint-Ausgabe: Karl May, Der dankbare Leser, Ubstadt 1974, 146.

7 Zum Hinweis auf die Eltern vgl. auch »Mein Leben und Streben« (wie Anm.1), 183

8 Vgl. hierzu Klaus Hoffmanns Darstellung der Beziehung May-Münchmeyer in: Nachwort zu Karl May, Waldröschen (Reprint), Bd. 6, Hildesheim-New York 1971.

9 Beim »Waldröschen« 35 Mark pro Heft; bei den anderen drei Lieferungswerken 50 Mark pro Heft; der Roman »Die Liebe des Ulanen« erschien nicht in Heftform, sondern als Zeitschriften-Abdruck.

10 6. April 1892

11 Demgegenüber weist Roland Schmid darauf hin, daß auch von Mays übrigen Werken nur wenige Originalmanuskripte erhalten seien. Wenn das Manuskript »vermutlich bereits kurze Zeit nach der Veröffentlichung zum Altpapier wanderte«, so sei »seitens der Firma Münchmeyer im Zusammenhang mit der Vernichtung der Originaltexte durchaus branchenüblich gehandelt worden« (Begleittext zur Reprint-Ausgabe »Deutsche Herzen - Deutsche Helden«. Bamberg 1976).

12 Vgl. Jb-KMG 1977, 86

13 Alwin Eichler. Vgl. Hoffmann (wie Anm.8), S.2624

14 Brief Karl Mays vom 30.4. 1899; vgl. Jb-KMG 1971, 170, sowie Wollschläger (wie Anm. 1), 96

15 Richard Plöhn (vgl. Jb-KMG 1974, 124ff.)

16 Diese Darstellung läßt sich nicht ganz aufrecht erhalten. Zur wirklichen Chronologie des Schlußteils der Orientreise vgl. Jb-KMG 1971, 191-215; die Klage gegen den Verlag Münchmeyer reichte May erst am 10. 12. 1901 ein.

17 Ausführlich dargestellt von H. Hatzig in: Jb-KMG 1974, 109 ff.


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18 Vgl. Hans Wollschläger (wie Anm. 1), 125f., und Ekkehard Bartsch, Vorwort zu: Karl May, Erzgebirgische Dorfgeschichten (Reprint), Hildesheim-New York 1977.

19 Klage des Verlags Bachem (Kölnische Volkszeitung) gegen die Elberfelder Zeitung, sowie gegen Mays Verleger F. E. Fehsenfeld, in Zusammenhang mit Äußerungen in der Broschüre »Karl May als Erzieher«, Freiburg 1902 (vgl. auch Hans Wollschläger, wieAnm.1, S. 115).

20 wie Anm.1

21 Gemeint ist Rudolf Lebius, der nach seinem von May abgelehnten Darlehns-Gesuch einen Hetzartikel mit der Überschrift »Mehr Licht über Karl May. - 16 0000 Mark Schriftstellereinkommen« veröffentlichte (Sachsenstimme, Dresden, 11. 9. 1904); vgl. Gerhard Kloßmeier/Hainer Plaul, Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern, Hildesheim-New York 1978, 216.

22 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, und der Chefredakteur des »Deutschen Hausschatz«, Otto Denk (vgl. Jb-KMG 1977, 85 ff.)

23 Dieses Werk (erster Teil 1905, zweiter Teil 1909) erschien jedoch nur als Privatdruck und wurde befreundeten Redakteuren als Informations-Grundlage überlassen. Teile daraus hat May möglicherweise auch für die Selbstbiographie »Mein Leben und Streben« verwendet (vgl. Jb-KMG 1976, 207).

24 Zur ambivalenten Haltung der »Germania« in Sachen Karl May vgl. Hainer Plaul in: Jb-KMG 1978, 202ff.

25 Vgl. Anm. 4

26 Zur Auseinandersetzung mit dem Brant-Sero-Artikel vgl. auch den glänzend geschriebenen Aufsatz von Lu Fritsch in der Stettiner Gerichtszeitung vom 2.9. 1910 (faksimiliert in: M-KMG Nr. 34/1972). Porträt Brant-Seros mit Faksimile-Unterschrift und Anfang des Presseartikels bei Kloßmeier/Plaul (wie Anm.21), S.266.

27 Karl May, ein Verderber der deutschen Jugend. Von F. W. Kahl-Basel. Vgl. Hainer Plaul, in: Jb-KMG 1974, 195ff.

28 Vielleicht bezieht sich Rudolf Beissel hierauf, wenn er Lebius als »Pornoautor« bezeichnet (in: Von Atala bis Winnetou. Bamberg-Braunschweig 1978, 271). Denn daß er den Lebius-Roman »Gärung« gemeint hat, ist wohl unwahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen, bei einem Mann, der die moderne Literatur pauschal als »Pornographie« und z. B. Bölls »Ansichten eines Clowns« als »langweilige Schweinereien« abqualifiziert (Blätter für Volksliteratur, Graz, Nr. 1/1964, S.4).

29 So unglaubhaft es ist, daß Brant Sero sich den gesamten Band »Winnetou IV« hat übersetzen lassen, so unsinnig ist die speziell auf diesen Band bezogene Kritik: »Der Maysche Indianerroman ist ein lächerlicher Witz, aber die Sache hat auch ihre ernste Seite. Es kann uns Indianern nicht gleichgültig sein, ob wir in der ausländischen Literatur als skalpierende, blutdürstende Wilde geschildert werden.. .« (zitiert nach: Dresdner Anzeiger Nr. 176 vom 28. 6. 1910).

30 Bezogen auf »Winnetou IV« hat Karl May recht. Während er im Vorwort zu »Winnetou I« den Indianer noch als sterbenden Mann bezeichnet, versucht er im vierten Band, das erwachende Selbstbewußtsein und Einigungs-Streben der roten Rasse darzustellen.


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