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GABRIELE WOLFF

George Catlin: Die Indianer Nord-Amerikas

Das Material zum Traum



»Geographische Lehrbücher und Expeditionsberichte werden es vor allem gewesen sein, die ihn fesselten, weil sie seiner bildhaften Vorstellungsweise am ehesten entgegenkamen... So mag er denn also die Seiten seiner Geographiebücher in unzähligen Wachträumen mit den Wunschbildern seiner Phantasie erfüllt haben, mag er sich selber tausendmal auf die Reise geschickt haben in so inbrünstigen Visionen, daß das Gitter seiner Zelle davor ins Imaginäre versinken mußte.«(1)

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Und welches Land gab es da, schien nur auf ihn gewartet zu haben mit der noch heute gültigen Verlockung des »Go west young man!«, der weite Raum für Körper und Geist: wie mußte diese Beschreibung auf ihn gewirkt haben:

   »Wer in einem solchen Lande ist, wie ich gegenwärtig, der hat keine Muße zum Schreiben und kaum Zeit genug zum Moralisiren. Alles, was er thun kann, ist, seinen Skalp zu bewachen und sich nach Lebensmitteln umzusehen. Aber die flüchtigen Vorfälle des wilden Lebens geben schnelle und unauslöschliche Eindrücke der lebhaftesten Art, und wer sie sich wieder zu vergegenwärtigen vermag, dem bieten sie ein reiches Material für seine Feder dar. Wer für solche Eindrücke empfänglich ist, kann eine Menge von Vorfällen sammeln, die sich leicht beschreiben lassen - er braucht nur das Gemälde einer Welt zu entwerfen, die von Allem, was man bisher gesehen und geschildert, gänzlich verschieden ist; mit ihren Tausenden von (englischen) Meilen, mit ihren Tausend und aber Tausenden von rasenbewachsenen Hügeln und Thälern, wo das tiefste Schweigen herrscht und wo der zu Betrachtungen geneigte Geist seinem Schöpfer näher zu sein glaubt. Hat wol irgend Jemand einen der grünen Hügel des Missouri erstiegen, von dessen Gipfel der Blick über die endlosen grasbedeckten Hügel und Thäler schweift, wo das Schweigen des Todes herrscht und nicht einmal die Stimme eines Vogels oder eines Heimchens gehört wird - ohne von dem Gefühl einer sanften Melancholie befallen zu werden, die seine Gedanken von allem, was unter und neben ihm war, abzog!«(2) George Catlin schrieb diese Zeilen, eingefangen vom Zauber dieser Wildnis und ihrer Bewohner, der ihn sein Leben lang nicht losließ und dem er


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sein ganzes Leben widmete, mit einem ungeheuren Idealismus auf seine Art gegen den Untergang der roten Rasse kämpfend; und das wird zu zeigen sein, wie befruchtend sein Buch "Die Indianer Nord-Amerikas" auf den sächsischen Träumer gewirkt hat, der Fluchträume suchte und ideale Gebärden. Zugleich kann diese Untersuchung ein Licht werfen auf ein bislang noch zu wenig erforschtes Kapitel Mayscher Werksgeschichte: den Umgang mit den Quellen.


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George Catlin wurde am 26. Juli 1796 in Wilkes-Barre, Pennsylvanien, geboren. Sein Vater war Anwalt und praktizierte zunächst in Wilkes-Barre, bis er sich 1797 40 Meilen von der Stadt entfernt auf einer Farm niederließ. Als George Catlin 21 Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern nach Litchfield, wo er zwei Jahre lang Jura studierte. Schon zu dieser Zeit aber beschäftigte er sich mit Zeichnen und Malen und entwickelte seine natürliche Begabung in dieser Kunst, ohne daß er je eine künstlerische Ausbildung genossen hatte. Von 1820 bis 1823 praktizierte er als Anwalt an den Gerichten von Luzerne County in Pennsylvanien, gewann aber schon bald mehr Ansehen als Amateurmaler als durch seine juristischen Auftritte. 1823 begab er sich nach Philadelphia in der Absicht, seinen Lebensunterhalt als Künstler zu verdienen. Als Porträtmaler machte er sich schnell einen Namen und wurde bereits 1824 in die Philadelphia Academy of Art gewählt. Doch dann geschah etwas, das seinem Leben eine Wende geben sollte: eine Abordnung von zehn oder fünfzehn Indianern erschien in der Stadt, um dort Zwischenstation auf dem Weg nach Washington einzulegen. Catlin selbst beschreibt den Eindruck, den diese Männer auf ihn machten:

   »Schweigend und mit stoischer Würde stolzirten diese Herren der Wälder, in ihre bemalten Mäntel gehüllt, die Stirn mit den Federn des Kriegsadlers geschmückt, in der Stadt umher und erregten die Bewunderung Aller, welche sie sahen... Schwarze und blaue Kleider und Zivilisation dienen nicht nur dazu, die Grazie und Schönheit der Natur zu verhüllen, sondern auch sie zu vernichten. Der Mensch in der Einfachheit und Erhabenheit seiner Natur, unbeschränkt und ungehemmt durch die Vermummungen der Kunst, ist gewiß das schönste Modell für den Maler - und das Land, welches diese Modelle gewährt, ist unstreitig das beste Studium oder die beste Schule der Künste in der Welt; ein solches ist, nach den Modellen, die ich gesehen habe, jedenfalls die Wildnis Nord-Amerikas. Und die Geschichte und die Gebräuche eines solchen Volkes durch malerische Darstellung aufzubewahren, sind Aufgaben, werth, daß ein Mann seine Lebenszeit darauf verwendet, und nichts als der Verlust meines Lebens soll mich verhindern, ihr Land zu


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besuchen und ihr Geschichtschreiber zu werden.«(3) Nach weiteren finanziell ertragreichen Erfolgen auf dem Gebiet der Porträtmalerei 1826 wurde er in die Academy of Fine Arts gewählt - hatte er die Mittel, die ihm die Verwirklichung seiner Pläne ermöglichten. Zwischen 1830 und 1836 unternahm er ausgedehnte Reisen in den Westen von Nordamerika, die alle in St. Louis begannen. Sie führten ihn nach Fort Leavenworth und weiter nördlich in die Prairie du Chien (1830), in das Gebiet zwischen Missouri und dem Platte River (1831). Im Jahre 1832 nahm er an der Erkundungsfahrt auf dem Floßdampfer »Yellow Stone« teil, eine 2000 Meilen lange Fahrt auf dem Missouri bis nach Fort Union und von da zu Lande weiter nach Fort McKenzie, damals der äußerste Posten der Amerikanischen Pelzhandelskompanie im Nordwesten. Die Rückreise unternahm er mit dem Kanu. 1834 begleitete er das erste Dragonerregiment unter Oberst Henry Dodge, das das Gebiet der Comanchen, Kiowa und Wichita erkunden sollte, unterwegs aber erkrankte und zum größten Teil starb. Auch Catlin wurde ein Opfer dieser Krankheit, erholte sich jedoch in Fort Gibson und ritt allein die 540 Meilen nach St. Louis zurück. 1835 suchte er die Sioux-Indianer in der Gegend des oberen Mississippi auf und wanderte bis zu den Fällen des St. Anthony. Im darauffolgenden Jahr hielt er sich an der Green Bay des Michigansees auf und begab sich später zu den Pfeifensteinbrüchen im südwestlichen Minnesota, dessen hier gefundenes Mineral heute seinen Namen trägt: Catlinit. Im Spätherbst 1836 kehrte er in den Osten zurück, mit einer Ausbeute von fast 600 Gemälden, vielen Zeichnungen und einer großen Sammlung von indianischen Gebrauchsgegenständen.

   Seine Hoffnung, daß seine "Indian Gallery" vom Kongreß der Vereinigten Staaten erworben und als Nationalstiftung übernommen werden könnte, täuschte: zu eindeutig hatte er sich auf die Seite der Indianer gestellt. Als später im Jahre 1846 ein Gesetz zur Einrichtung eines Nationalmuseums verabschiedet wurde (Smithsonian Institution), wurde seine Sammlung nicht berücksichtigt. Die Tendenz der damaligen Zeit wird deutlich in einer Meinung, die der Abgeordnete von Florida, James D. Westcott, anläßlich dieser Diskussion äußerte: »Ich bin dagegen, Porträts von Wilden zu erwerben. Was für eine moralische Lektion können sie uns vermitteln? Ich würde lieber die Porträts der zahllosen Bürger betrachten, die von diesen Indianern hingemordet wurden!«(4)

   Nach Ausstellungserfolgen in Albany, Troy und New York im Jahre 1838 verließ er die Vereinigten Staaten, weil er in Europa eine größere Aufnahmebereitschaft für sein Anliegen erhoffte. In England konnte er mit seinen Bildern und der Sammlung sogar die Aufmerksamkeit der Queen Victoria erregen, und fast drei Jahre lang zeigte Catlin seine Ausstellung in London, bevor das Interesse der Bevölkerung abnahm.


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1845 stellte er in der Salle Valentino und im Louvre in Paris aus; der Erfolg war so groß, daß König Louis Philippe ihn und seine Familie empfing und ihm darüber hinaus neue Aufträge verschaffte. Als 1848 in Frankreich die Revolution ausbrach und der König Louis Philippe nach England fliehen mußte, brachte sich auch Catlin mit seiner Familie und der Sammlung nach England in Sicherheit, denn seine enge Beziehung zum König hätte auch ihn der Verfolgung ausgesetzt. Er geriet schon bald in wirtschaftliche Schwierigkeiten und mußte Teile seiner Sammlung verkaufen, um überleben zu können; hinzu kam eine Erkrankung, die ihn fast völlig taub werden ließ.

   Mit geliehenem Geld konnte er zwischen 1853 und 1858 noch ausgedehnte Südamerikareisen unternehmen und brachte auch von diesen Reisen Bilder der südamerikanischen Indianer mit. Nach seiner Rückkehr nach Paris versuchte er, die durch Gläubigerpfändungen und Verkauf verlorengegangenen Bilder der Indian Gallery wieder zu vervollständigen. Die "Cartoon Collection", eine zweite große Sammlung von auf speziellem Karton gemalten Bildern, entstand. Catlin selbst lebte in beschränkten Verhältnissen in Brüssel.

   Im Jahre 1870 kehrte der 74jährige Maler nach New York zurück, seiner Ausstellung der "Catlin's Indian Cartoons" blieb der Erfolg jedoch versagt. Noch immer hoffte er, daß seine Bilder als Nationalstiftung vom Kongreß erworben werden könnten. Zwar nahm ihn ein alter Freund, nunmehr Direktor der Smithsonian Institution, auf und stellte ihm nicht nur Ausstellungsräume, sondern auch eine Arbeitsstätte zur Verfügung, der Traum, daß sein Lebenswerk als Geschichtsschreibung des Lebens amerikanischer Ureinwohner offiziell anerkannt werde, erfüllte sich dennoch nicht. Enttäuscht darüber, daß auch jetzt die im Kongreß stattfindenden Gespräche über seine Sammlung ergebnislos blieben, verlor er Lebensmut und Widerstandskraft. Er wurde krank und starb am 23.12.1872. Seine letzten Worte waren: »What will happen to my Gallery?«(5)


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Schon in diesem kurzen Aufriß des Lebens von George Catlin werden Parallelen zu dem Leben Karl Mays sichtbar, die ihren Ursprung in einer gleichgelagerten Seelenlage haben könnten: und daß May diese Wahlverwandtschaft gespürt haben mag, dafür steht als Indiz die Art und Weise, wie Catlin's Buch sein Werk beeinflußt hat; Winnetou I, für mich das schönste und geschlossenste seiner Bücher über den Far West, zehrt - bis hin zu nahezu wörtlichen Übereinstimmungen - in einem hohen Maße von Catlins Reisebericht.

   Was also fällt auf an Gemeinsamkeiten in den Biographien beider


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Künstler? Nun, zunächst, daß sie sich als Künstler entdeckten erst auf einem Umweg/Ausweg aus einem bürgerlichen Dasein, und als verblüffendes Detail kann hier vermerkt werden, daß es die  O r d n u n g  der Paragraphen war, der beide entflohen sind; Catlin freilich stand auf der anderen Seite der Schranke, die Juristen und »Rechtsbrecher« trennt. Doch empfindet nicht nur derjenige, in dessen Leben die Rechtsordnung empfindlich eingreift, Gesetzesvollziehung als Mittel der Machtausübung anderer; auch der Rechts-Anwendende ist dieser Ordnung unterworfen und stößt nur allzu oft an die Grenzen, als die sich nicht selbst gesetzte Normen und juristische Denkgesetze einem freien Geist darstellen müssen. So notierte Catlin einmal mit von Humor kaum verstellter Bitterkeit in St. Louis: »Nachdem mein Gepäck in den Gasthof geschafft worden, kehrte ich nach einigen Stunden an den Kai zurück, um nach meinem kleinen Boote zu sehen, welches ich unter der Obhut eines dort beschäftigten Mannes gelassen hatte; allein durch irgend eine geheimnißvolle Medizin-Operation war es verschwunden und ich sah es niemals wieder, während es oft Wochen oder Monate lang bei den Dörfern der rothen Männer lag, wo es keine Gesetze gab, die es schützten und wo es oft von den Medizin-Männern ans Land gezogen, neben meinem Wigwam niedergelegt und wohlbehalten wieder ins Wasser geschafft wurde, sobald ich weiter zu fahren wünschte.«(6)

   Für beide bot sich die Verschränkung von Kunst und Reise(phantasie) also an als Flucht aus einer Zivilisation, deren Realität sie ablehnten - und beide begriffen ihr Leben als Aufgabe: einem Ideal wurde es gewidmet. Catlins Versuch, wenigstens die Kultur der Indianer für die Nachwelt zu retten, wenn er schon ihren Untergang nicht verhindern konnte, entspricht bei Karl May dessen großem »Empor!«, das sich von der Befreiung aus eigener dunkler Vergangenheit bis hin zur menschheitlichen Läuterung in "Ardistan und Dschinnistan" steigerte. Beide auch stellten ihr Leben unter eine Idee, die sich gegen die Zeitströmung wandte; Catlins Eintreten für die Indianer wirkte in dem Amerika der ungehemmten Expansion genauso befremdlich wie die Mayschen Friedensgedanken im wilhelminischen Deutschland. Die Lebensleistung dieser Männer konnte erst nach deren Tode im gebührenden Maße gewürdigt werden. (Erst 1959 wurden die der Zerstörung durch unsachgemäße Lagerung entgangenen Überreste der Cartoon Collection für die Nationalgalerie in Washington erworben!)(7) Und beide mußten auch, trotz einiger Zeit der glanzvollen gesellschaftlichen Anerkennung, erleben, daß das wahre Verständnis für ihr Lebenswerk ausblieb. Auch wenn in Mays und Catlins letztem Lebensjahr ihnen eine gewisse Rehabilitierung widerfuhr, galten ihre letzten Gedanken noch dem Kampf - auch wenn Mays Großer Sieg! doch wesentlich optimistischer ausfiel...


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Im Jahre 1841 veröffentlichte George Catlin in London seine in Briefform gehaltenen Reiseberichte in zwei Bänden, für die er selbst 400 Zeichnungen nach seinen Gemälden angefertigt hatte, um die Reproduktionen weniger kostspielig werden zu lassen. Der Erfolg dieses Buches war so groß, daß noch im selben Jahr eine Neuauflage herausgebracht werden konnte. 1848 gab der Geograph Prof. Dr. Heinrich Karl Berghaus die erste deutsche Ausgabe heraus. Für diese Ausgabe kürzte er den Originaltext von 58 Briefen auf 52 Kapitel und reduzierte die Abbildungen auf 24 kolorierte Tafeln, er fügte dem Werk ein Nachwort hinzu (Anmerkungen des deutschen Übersetzers), in dem er die Reiseberichte des Prinzen Max von Neuwied manchen Ausführungen Catlins teils bestätigend, teils kritisierend entgegenhält. 1851 erschien die zweite deutsche Auflage, bei der auf die Kolorierung der Bildtafeln verzichtet worden war. In Deutschland wurde das Buch ebenfalls mit einer großen Begeisterung aufgenommen:

   »Ein Bildwerk, aber ein höchst interessantes, ein Werk von hoher Bedeutung. Frei und kräftig hat es seine Kunst im Dienste der Natur walten lassen, und edel und herzgewinnend hat es das begeisterte Wort genommen zur Rettung eines Volkes, dessen Völkerrechte schmachvoll zertreten und besudelt worden sind...« (Blätter für Literarische Unterhaltung 1848, Nr. 216 und 217).(8)

   Die Catlin-Ausgabe von 1848 befand sich auch in Karl Mays Bibliothek, es scheint jedoch nicht bekannt zu sein, ab wann er sie benutzt hat: Werner Poppe ist in seiner Untersuchung über den Ursprung des Namens »Winnetou« der Ansicht, daß May Catlins Buch erst um 1880 benutzt haben dürfte.(9) Die Beobachtung Poppes, daß es von den frühen Erzählungen um Winnetou zwischen 1880 und 1888 bis zu der Idealgestalt des roten Bruders in "Winnetou I" (1893) noch ein weiter Weg gewesen sei(10), führt mich zu der Ansicht, daß May sich erst dann eingehend mit dem Werk Catlins auseinandergesetzt hat, als er für die Buchausgabe für Fehsenfeld eine völlig neue Winnetou-Erzählung schrieb: daß er mit "Winnetou I" der roten Rasse das wohlverdiente Denkmal setzen wollte(11), wie er in der Einleitung 1892 schrieb, diese Motivation ist undenkbar ohne Catlins Einfluß.


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»So sagt mir, wie Ihr auf diese Idee kommt! Da werden Eure Bücher Euch wohl gewaltig in die Irre geführt haben.«

»Das steht nicht darin, sondern ich habe es mir selbst gesagt, allerdings nur infolgedessen, daß ich diese Bücher sehr aufmerksam gelesen und mich in ihren Inhalt sehr lebhaft hineingedacht habe.«(12)


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Catlins Buch, das zum größten Teil aus nüchternen Beschreibungen des Aussehens, der Sitten und Gebräuche der Indianer besteht, liest sich streckenweise wie eine Anklage; voller Empörung betrachtet er die Ausrottung der roten Rasse und ergreift wortgewaltig, trauernd, Partei für die Indianer, die gleich dem Büffel keine Überlebenschancen in dem land- und rohstoffhungrigen Amerika jener Zeit haben. Als Beispiel für viele dieser Plädoyers um Anteilnahme und Verständnis gegenüber den Indianern mag stellvertretend dieser Auszug dienen:  » G e w a l t  ist vielleicht  R e c h t ,  H a b g i e r  eine  T u g e n d  und jenes Volk und jene Tiere sind vielleicht  v o n  R e c h t s w e g e n  zum Untergang verdammt. Es kann leicht bewiesen werden - denn wir haben eine civilisirte Wissenschaft, welche dies und noch ganz andere Dinge beweist, wenn es darauf ankommt, die Ungerechtigkeiten des civilisirten Menschen zu beschönigen - es kann bewiesen werden, sage ich, daß der Schwache und Unwissende gar keine  R e c h t e  hat, - daß es in dem Zustande der Unwissenheit keine Tugenden giebt - daß die Gaben Gottes keine Bedeutung und kein Verdienst haben, als bis der civilisirte Mensch sie sich aneignet und zu seinem Nutzen und Luxus verwendet. Wir haben eine Art des Raisonnements, wodurch dies Alles und selbst noch mehr bewiesen werden kann. Ich sage  w i r  können dergleichen Dinge beweisen, aber ein  I n d i a n e r  kann es nicht. Seiner natürlichen Einfachheit ist diese Art der Beweisführung unbekannt, die trefflich dazu geeignet ist, den Interessen der civilisirten Welt förderlich zu sein, die im Verkehr mit den Wilden stets ihr eigener Richter ist und die in der gegenwärtigen aufgeklärten Zeit mancherlei Gelüste hat, die nur dann gesetzlich befriedigt werden können, wenn man beweist, daß die Gesetze Gottes mangelhaft sind.

   Es genügt in unserer verfeinerten und ausschweifenden Zeit nicht, dem Indianer sein Land zu entreißen und die Kleider vom Leibe zu nehmen, man muß ihm auch noch den Unterhalt entziehen, um der feinen Welt einen neuen und unnützen Luxus-Gegenstand zu verschaffen. Die Rasse der Büffel muß ausgerottet und der Indianer seiner Subsistenzmittel beraubt werden, damit die weißen Leute einige Jahre länger in Büffel-Roben einherstolziren können!«(13)

   Interessant ist gerade dieses Zitat deswegen, weil im Mittelpunkt der Betrachtung das zentrale Leitmotiv »Gerechtigkeit« steht: sowohl May wie auch Catlin hatten allen Grund, sich von dem kalten Ergebnisdenken juristischer Beweisführung abzuwenden; der Naturrechtler Catlin notiert immer wieder mit Staunen, wie bei den Indianern ohne die Hilfe von Gesetzen und Verordnungen materielle Gerechtigkeit verwirklicht wird - und auch bei May sind es nie irdische Gerichte, die das Rechte tun. Schon dieses kurze Zitat zeigt aber auch, wie May diese Gedanken Catlins aufgegriffen hat und welch innere Beteiligung (nicht nur im fernen Westen geschah Unrechtes, auch dem Schriftsteller fügte


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man Übles zu!) dabei mitspielte. Und ihm, der durch das Wort lebte, standen ganz andere Mittel zur Verfügung als dem auch-schreibenden Maler; was bei Catlin oft langatmig, zusammenhanglos und mit dem dilettantischen Pathos des tatsächlich Betroffenen vorgebracht wurde, geriet dem Deutschen zu einer prägnant-kraftvollen Einleitung, die sämtliche Gedanken Catlins effektvoll zusammenfaßt. Mehr noch: in "Winnetou I" wird die Anklage gegen die Zivilisation zum Handlungsmotiv. Als Landvermesser für den Bau einer Eisenbahn durch das Land der Apachen beteiligt sich der junge Lehrer aus Sachsen ja gerade an der Vertreibung der Roten in immer entlegenere Reservate. Auch wenn er dabei eher gedankenloser Mitläufer ist, den die wahre Schuld nicht trifft, gibt er dadurch Intschu-tschuna die Gelegenheit, in dessen starker, bilderreichen Sprache das Schicksal der Indianer zu beklagen. Auch Catlins durch viele Beispiele belegte Ansicht, daß der Weiße die Indianer verdorben hat, wird bei May zu einem die Handlung vorantreibenden Motiv: Wenn Catlin berichtet, daß 500-600 Sioux an einem Nachmittage 1400 Büffel töteten, um deren Zungen für einige Gallonen Branntwein zu verkaufen(14), läßt May den Kiowastamm des Tangua die Apatschen überfallen, weil weiße Pferdehändler für ein Apatschenpferd ebensoviel Waren und Brandy bezahlen wollten wie für ein Kiowapferd - und damit die Indianer zum Raub angestiftet hatten.(15) Dieses humanitäre Ethos Catlins setzt sich bei May fort, indem es die Handlung fördert (Rattler als Vertreter des Systems der Vernichtung durch Feuerwasser erschießt Klekih-petra) oder als retardierendes Moment die Spannung erhöht: und  d i e s e  Rede Intschu-tschunas liest jeder mit großer Aufmerksamkeit, weil darin über das Schicksal der Identifikationsfigur Old Shatterhand entschieden wird. Als Gefangener hört sie das »Ich«, und gefesselt wird dadurch auch der Leser. Ein schönes Beispiel für die von Stolte(16) beobachteten didaktischen Finessen Mays, der so mühelos Aufmerksamkeit und Anteilnahme des Lesers für sich und seine Sache binden konnte. May hat nicht nur die allgemeine Grundhaltung Catlins übernommen; eine chronologische Überprüfung der Winnetouerzählung zeigt, wieviel bis hin zu verblüffenden Details er aus dieser Quelle geschöpft hat.

   Wie bei Catlins sämtlichen Reisen bildet die Stadt St. Louis den Aufbruchsort der Heldenreise, die Route in das Gebiet zwischen Canadian River und Red River entspricht der der Expedition Catlins im Jahre 1834.(17) Die Idee, den Westmann Sam Hawkens mit einer Perücke auszustatten, die die durch das Skalpieren entstandene Glatze bedeckt, könnte durchaus auf der Mitteilung Catlins beruhen, daß man an der westlichen Grenze der Vereinigten Staaten häufig solche Kahlköpfe antreffen könne.(18) Die ganze Anlage der Nebenfigur Sam Hawkens entspricht dem Begleiter Catlins auf einigen Reisen, dem Freitrapper Baptiste, der wie Hawkens zwar ein erfahrener Westmann ist, aber mit


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seinem französisch/englischen Sprachgemisch und seinem Talent, in komische Situationen zu geraten, eher drollig wirkt.(19) Auch die Bitte des kleinen Sam, in den Büchern des »Vielgereisten« nicht mit dem für einen Westmann beschämenden Fauxpas einer nicht gefundenen Spur vorzukommen, findet sich bei Catlins Baptiste: Auf der Flucht vor feindlichen Indianern findet Catlin mit zwei Begleitern, Baptiste und Bogard, Zuflucht auf einem im Wasser befindlichen Tonhügel. Da es in der Nacht heftig regnet, wachen die drei - nach einer mit Erzählungen verkürzten Nacht - völlig schlammbedeckt wieder auf. Daraufhin entwickelt sich folgender Dialog:

»Pardon, Monsieur Cataline, haben Sie geschlafen?«

»Nein, Baptiste, ich habe nicht geschlafen; Bogard hat mich, während Ihr schlieft, mit der Schilderung einer Büffeljagd unterhalten, die vor etwa einem Jahre an der Mündung des Yellow Stone-Flusses Statt fand. Ich werde sie aufschreiben und nach Neu-York senden.«

»Das gefallen mir sehr und ich werde sehr gern vous donner eine Beschreibung von etwas, wenn Ihr ihn wollt aufschreiben, wie?«

»Gut, ich höre gern Alles, was es in diesem Land Merkwürdiges und Unterhaltendes gibt.«

»Sehr gut, Monsieur Cataline. ich werden Euch erzählen sehr viel Interessantes; mais, aber, Ihr werden niemals erzählen, wie wir sein gewesen fest, diese Nacht, wie?«

»Nein Baptiste, ich werde es weder erzählen, noch malen.«(20)

Die Bilder gleichen sich, und das eine wird hier bereits deutlich, daß May besonders zum Fabulieren angeregt wird, wenn Catlin aus der Rolle des nüchternen Beobachters in die des Erlebenden schlüpft. So etwa erinnert Sams Erzählung seines »Abenteuers« mit Kliuna-ai (dem sich zum Neumond wandelnden Vollmond) an Baptiste's komisches Drama mit seiner Squaw Wih-ne-on-ka, die ihn eifersüchtig verfolgt, als er gerade Medizinbeutel aus einem Häuptlingsgrab entwenden will und er dabei die ihn verfolgende »Sich beugende Weide« für ein Gespenst des Häuptlings hält.(21)

   Für die Beschreibung der drei Mutproben des Greenhorns - Büffeljagd, Pferdefang und das Erlegen des Grizzlybären - bietet Catlins Buch reiches Material. Auffallend ist wiederum, wie May besonders von Beschreibungen zum Entlangträumen inspiriert wird, die Catlin als Erlebtes niederschreibt; diese Eigenheit wird besonders deutlich, wenn man Catlins erste Büffeljagd liest, die in ihren Abläufen bis ins Detail Mays Büffeljagd gleicht: eine Identifikation lag in diesem Fall auch besonders nahe, da auch Catlin mit der Begeisterung eines Neulings im fernen Westen dieses Erlebnis bestritt; man möge folgende Beschreibung mit Mays Bd. VII, S. 59-69 vergleichen:


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Ich will jetzt eine Jagd beschreiben, die Herr M'Kenzie mit einer Anzahl seiner Leute ohne Indianer veranstaltete und an der ich Theil nahm... Die Pferde sind hier sämmtlich auf diese Jagd eingeübt und scheinen mit demselben Enthusiasmus daran Theil zu nehmen, wie ihre Reiter. Während des Auskleidens und Ladens zeigten sie die größte Ungeduld, und als wir uns der Heerde näherten, schienen sie alle von der Jagdlust begeistert zu sein, denn selbst der trägste Gaul stolzirte mit elastischem Schritt einher, biß auf die Stange, spitzte die Ohren und richtete die funkelnden Augen auf das Wild, während er unter dem Sattel seines Reiters zitterte.

   Auf diese Weise ritten wir vorsichtig und schweigend weiter und waren den Büffeln bis auf etwa zehn oder fünfzehn Ruthen nahe gekommen, als sie uns erblickten, Kehrt machten und in Masse davonliefen. Nun ging es vorwärts (und vorwärts müssen Alle, denn Niemand würde in einem solchen Augenblicke sein Pferd zurückhalten können) und dahin flogen wir über die Prairie, in eine Wolke von Staub gehüllt... Ich hatte einen großen Stier entdeckt, dessen Schultern über die ganze Heerde hervorragten, und drängte mich durch, um an seine Seite zu kommen. Ich ging nicht nach »Fleisch«, sondern nach einem »Siegeszeichen«; ich wollte seinen Kopf und seine Hörner. Ich jagte durch die über die Ebene hinstürmende Heerde, von allen Seiten gedrängt, gestoßen, so daß ich oft nicht wußte, ob ich auf einem Büffel oder auf meinem Pferd saß, bis ich endlich an die Seite meines Stiers gelangte und ihm einen Schuß beibrachte. Ich sah den Blitz von mehreren Flinten, hörte aber keinen Knall. Chardon hatte einen stattlichen Stier verwundet und wollte eben zum zweiten Male schießen; Beide waren, ebenso wie wir, in vollem Rennen und dicht vor mir, als der Stier sich plötzlich umwandte und das Pferd auf die Hörner nahm, so daß Chardon einen Froschsprung über den Büffel weg machte, und fast unter den Hufen meines Pferdes zu Boden fiel. Ich ritt so schnell als möglich zu ihm zurück; er lag noch am Boden, der Büffel neben ihm mit den Beinen nach oben, und quer über demselben das Pferd. Ich stieg sogleich ab; indeß hob sich Chardon auf den Händen empor, Augen und Mund voll Staub, und suchte seine Flinte, die an dreißig Schritt weit von ihm lag... Ich sah mich nun nach der fliehenden Heerde und unseren Gefährten um. allein von Beiden war nichts zu sehen als die Staubwolke, die sie hinter sich gelassen hatten. Dagegen erblickte ich in geringer Entfernung zur Rechten meinen großen Stier, der sich auf drei Beinen so schnell als möglich von diesem gefährlichen Boden zu entfernen suchte. Ich galoppirte auf ihn los und sogleich kehrte er sich kampffertig gegen mich; er schien sehr gut zu wissen, daß er mir nicht entgehen könne und wollte daher sein Leben so theuer als möglich verkaufen. Ich fand, daß mein Schuß ihm etwas zu weit nach vorn getroffen, eine Schulter zerschmettert und in der Brust steckengeblieben war; bei seiner großen Masse war es ihm daher unmöglich, auf mich loszuspringen. Ich näherte mich ihm daher bis auf wenige Schritte, nahm mein Skizzenbuch heraus, legte meine Flinte quer über den Sattel und begann ihn zu zeichnen, indem ich es dem Scharfsinn meines Pferdes überließ, mich außer dem Bereich der Gefahr zu halten. ... Niemand kann sich einen Begriff machen von dem Blick eines solchen Thieres; ich fordere die ganze Welt auf, mir ein anderes Thier zu nennen, das einen so entsetzlichen Blick hat, wie ein großer Büffel-Stier, der verwundet ist und sich, vor Wuth aufschwellend, zum Kampfe umwendet - seine Augen sind blutroth, seine lange zottige Mähne hängt bis auf den Boden - das Maul steht offen und er stößt


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Ströme von Dampf und Blut aus Maul und Nase aus, wenn er sich bückt, um auf seinen Angreifer loszuspringen.

   Während ich ruhig zeichnete, kamen M'Kenzie und seine Gefährten, ihre erschöpften Rosse am Zügel führend, von der Jagd zurück. Alle versammelten sich um mich und meinen Stier, den ich durch einen Schuß in den Kopf tödtete. Wir setzten uns auf die Erde, Jeder zündete seine Pfeife an und erzählte seine Heldenthaten. Ich selbst wurde herzlich ausgelacht, weil ich, als Neuling, einen alten Stier getödtet hatte, dessen Fleisch ungenießbar ist. Ich ritt mit M'Kenzie zurück, der mir fünf Kühe zeigte, die fettesten und schönsten der Heerde, welche er erlegt hatte...(22)

   Die Ähnlichkeiten sind frappierend (obwohl es der Mayster nicht lassen konnte, bei seiner ersten Jagd gleich zwei Bullen zu erlegen und wie nebenbei auch noch den Lebensretter zu spielen), und in diesem Zusammenhang amüsiert es schon, folgende Stelle zu lesen.

»Mir war ganz sonderbar zumute. Wie man den Bison jagt, das hatte ich sehr oft gelesen; darüber konnte man mir nichts Neues sagen; aber es ist ein Unterschied zwischen dem Papiere, auf welches man solche Beschreibungen druckt, und der Wildnis, in der man diese Jagden erlebt.«(23)

Diesen kleinen Unterschied sollte er vor allen Dingen bei den folgenden Jagderlebnissen noch weiter betonen, denn Mays Wirklichkeit war natürlich eine andere als die der gedruckten Schilderung Catlins, der in sympathischer Weise viele Fehler eingesteht. Die Beschreibungen Catlins vom Einfangen wilder Pferde mit Hilfe des Lassos hat May sicherlich verwertet: genauso schildert es Catlin, der allerdings nicht selbst auf diese Art ein Pferd fing und es »niederbrach, bis es, ganz mit Schaum bedeckt, sich der Macht des Menschen unterwirft.«(24) Auch das Detail, daß sich bei den Pferdeherden Maultiere befinden, die wertvoller als die Pferde sind, fehlt bei May nicht.(25) Für die Heldentat der Erlegung des Grizzlybären allerdings bot die Vorlage nicht genug an action: Catlin wird mit seinen Gefährten Bogard und Baptiste in den Rocky Mountains von einer Bärin überrascht, als sie morgens aufwachen. Das Tier sitzt mit zwei Jungen nur wenige Schritte von ihrem Lager entfernt:

Während wir uns in dem so eben erwähnten Dilemma befanden, und jeder schnell seine Waffen zur Vertheidigung in Stand setzte, gab ich an, auf welche Weise wir die Bärin tödten, die Jungen fangen und das Fell als Siegeszeichen mit nach Hause bringen könnten. Mein Plan wurde indeß, obgleich wir gut bewaffnet waren, gänzlich verworfen, denn Bogard und Baptiste widersetzten sich demselben mit großer Heftigkeit und sagten, es sei stehende Regel im Gebirge, »niemals Kaleb anzugreifen, außer zur Selbstvertheidigung.« Ich war indeß fast entschlossen, die Bärin allein anzugreifen, da ich eine Büchse in der Hand, ein Paar große Pistolen, einen Tomahawk und ein Skalpirmesser im Gürtel hatte, als Baptiste plötzlich seinen Arm über meine Schulter streckte und, nach einer


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anderen Richtung zeigend ausrief: »Da ist ein Reservecorps, Herr Cataline - da ist ihr Ehemann. Fort, schnell nach dem Flusse, schnell!« Und Bogard fügte hinzu: »Diese verdammten Thiere sind zu stark für uns, es ist besser, wir machen uns davon.« Dies kühlte meinen Muth etwas ab, wir packten ein und fuhren so schnell wie möglich davon, während noch Jeder von uns seine Flinte abschoß, worauf die Bärin voll Wuth auf die Stelle hinstürzte, wo wir wenige Augenblicke zuvor unseren heilsamen Entschluß gefaßt hatten.(26)

Diesen heilsamen Entschluß konnte May seinem Alter ego gegenüber nicht verantworten, wie wir wissen, doch fällt bei dem Bericht über seine Bärenjagd auf, wie oft er einen geradezu entschuldigenden Ton anschlägt: als würde er selbst die Abweichung von der Vorlage als eine Zumutung an den gesunden Menschenverstand ansehen, begründet er seine Motivation, den Bär nur mit einem Messer bewaffnet anzugreifen, mit dem schauerlichen Anblick des von dem Bär getöteten Mannes.(27)

   Klekih-petra taucht auf, der weiße Schulmeister. Wenn auch, wie die Elemente Lehrer/Buße zeigen, diese Figur für May aus biographischen Gründen von hoher Bedeutung gewesen sein muß, bot Catlins Reisebericht doch eine hinreichend reale Grundlage für die Erfindung eines weißen Zivilisators: vielfach berichtet er von den Bemühungen einiger Weißer, Indianerstämme seßhaft zu machen und ihnen durch ihr Beispiel sowohl christlichen Glauben als auch den Ackerbau nahezubringen. So erwähnt er die »eifrigen Bemühungen edler Männer mit ihren Familien« bei dem Stamm des Osagenhäuptlings Clermont, die es vermochten, diesen Stamm vom Branntwein ab- und dem Ackerbau zuzuwenden.(28) In derselben positiven Weise wertet Catlin das Wirken eines Mannes namens Riqua, der ein kleines Dorf gründete und viele Osagen dazu bewegen konnte, seine Lebensweise zu übernehmen.(29)

   Intschu-tschuna und Winnetou sind natürlich Ideal-Indianer, deren Beschreibung man in einem um Genauigkeit bemühten Sachbuch kaum finden wird; darüberhinaus hat Catlin die Apatschen nicht besucht - was aber May nicht gehindert hat, Anleihen bei den Krähenindianern zu machen, die bei Catlin als die elegantesten Indianer des Nordwestens bezeichnet werden. (So genau nahm er's nun doch nicht!) Zwei Details in Winnetous Äußerem sind es, die auf die Beschreibung der Krähenindianer bei Catlin hindeuten: die mit Stachelschweinborsten verzierte Kleidung und das Lange Haar. Laut Catlin verleiht diese Haartracht den Krähenindianern »ungemeine Grazie und Schönheit«, und der Häuptling »Langhaar« wird vorgestellt, dessen bei festlichen Angelegenheiten offen getragenes Haar, »schwarz und glänzend wie ein Raben-Fittig, noch in der Länge von 3 bis 4 Fuß auf dem Boden nachschleppt.«(30)

   Nicht nur der sächsische Feldvermesser erhält seinen Kriegsnamen,


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auch Catlin wird von den Indianern des Stammes der Mandaner mit einem neuen Namen ausgestattet: Te-ho-pe-ni Wash-i, was soviel wie weißer Medizinmann heißt; diese Beförderung verdankt er der Ehrfurcht der Indianer vor seiner Porträtmalerei, die für sie Medizin ist, da sie glauben, daß auf die Leinwand ein Stück Leben von ihnen gebannt wird. Catlin schreibt dazu: »Ich stieg täglich in der Achtung der Medizin-Männer und der Häuptlinge, und indem ich den Ernst und die Vorsicht annahm, wie sie einem so bedeutenden Manne geziemten (und vielleicht noch beträchtlich mehr) und gelegentlich irgend ein unergründliches Kunststück ausführte, hatte ich Hoffnung, meine Stelle zu behaupten.«(31) Diese Achtung der Indianer vor gemalten Porträts nützte May in einer anderen Reiseerzählung aus, in der er die Furcht feindlicher Indianer erregt, indem er droht, die von ihnen gemalten Bilder mit seinem Henrystutzen in die Luft zu schießen.(32)

   Aber auch für "Winnetou I" nutzt er Catlins Anregungen als Spielmaterial; anregend für May waren sicherlich Erlebnisse Catlins mit dem Aberglauben der Indianer, die sein Zeitunglesen nicht verstehen konnten und das lange Starren auf das Papier für eine Heilbehandlung der Augen hielten, die Zeitung daher »Medizin-tuch für kranke Augen« nannten.(33) Oder die Begebenheit, daß ihnen die fremdartigen Percussionsschlösser an Catlins Gewehren große Medizin waren, so daß sie nicht wagten, die Waffen zu benutzen.(34) Einen solchen Trick wendet auch Old Shatterhand an, indem er eine Blechbüchse hervorzieht und Tangua droht, ihn und seinen Stamm mit dieser Medizin zu vernichten.(35) Gerade diese Begebenheit beleuchtet Mays didaktische Erzählstruktur: Er setzt völkerkundliche Informationen um in Handlung, spielt mit dem Gedanken, wie wohl diese oder jene Eigenart auszunützen sei und träumt gleichsam über das Material hinaus: die vor der oben genannten Episode stehende Erklärung der Herkunft von Medizin hält sich äußerst eng an die inhaltsgleichen Ausführungen bei Catlin(36), wird aber gleich darauf in ein Handlungselement umgewandelt - genauso, wie May seine Quelle rezipierte. Sollte bislang ein eindeutiger Beweis fehlen, daß Catlin  d i e  Quelle Mays für die Niederschrift des "Winnetou I" gewesen sein muß, kann diese Tatsache an dieser Stelle eindeutig belegt werden. May führt innerhalb der Erläuterungen zum Begriff der Medizin deren indianische Bezeichnung in den Sprachen der Mandans, Tuskaroras, Schwarzfüße, Sioux und Aricarees auf: diese fünf Sprachen werden im Anhang B bei Catlin vorgestellt, das Verzeichnis enthält die bei May wiedergegebenen Begriffe (und  n u r  diese).(37)

   Noch viele Einzelheiten wären zu nennen, die aus Catlins Buch in "Winnetou I" eingegangen sind, wie unter anderem das Verhalten eines Indianers am Marterpfahl, das standhafte Ertragen von Schmerzen verbunden mit der Verhöhnung des Gegners(38), doch sollen die bis jetzt genannten Beispiele genügen. Eine, allerdings bedeutsame, Parallele


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sei dennoch dargestellt, weil sie dokumentiert, wieviel Verständnis Catlin auch für Rituale aufbrachte, die »zivilisierten« Menschen fremd bleiben mußten. Interessant ist das Zitat auch deshalb, weil May nicht nur mit derselben Motivation, sondern auch mit Hilfe derselben Technik um Verständnis für indianische Sitten und Gebräuche warb. Man lese den Dialog zwischen Nscho-tschi und Old Shatterhand über die Grausamkeit der Marterstrafe kurz vor Rattlers Tod(39) und vergleiche ihn mit dem Gespräch gleicher Thematik, wie es Catlin wiedergibt:

Als ich einst am oberen Missouri einen Häuptling der Sioux über ihre Regierungs-Weise, ihre Strafen und die an den Gefangenen verübten Martern befragte und ihm den Vorwurf der Grausamkeit machte, richtete auch er mehrere Fragen über die Gebräuche der civilisirten Völker an mich, die ich hier mittheilen will.

   »Bei den Weißen Männern nimmt keiner Deine Frau, Deine Kinder, Deine Mutter, schneidet die Nase ab -- sticht die Augen aus - verbrennt sie lebendig?« - »Nein.« - Nun, daher schneidet Ihr auch keine Nasen ab - stecht keine Augen aus - verbrennt Niemanden lebendig - sehr gut!« »Man hat mir erzählt, die Weißen Männer hingen ihre Verbrecher am Halse auf und erwürgten sie gleich Hunden, und zwar von ihrem eigenen Volke.« - »Ja.« - »Die Weißen Männer werden ins Gefängniß gesetzt und bleiben darin einen großen Theil ihres Lebens, weil sie nicht bezahlen können!« - Als ich auch dies bejahte, erregte dies großes Erstaunen und Gelächter selbst unter den Frauen. - »Als ich in Eurem Fort Council Bluffs war, wurden von den vielen dort anwesenden Kriegern drei auf die Prairie hinausgeführt, an einen Pfahl gebunden und fast todt gepeitscht und man hat mir gesagt, dies geschehe, um etwas Geld zu erhalten.« »Ja.« - »Man hat mir erzählt, daß wenn die Weißen Frauen gebären, die Weißen Medizin-Männer dabei stehen - die Frauen im Lande der Indianer würden dies nimmer gestatten, sie würden sich schämen. Ich habe gesehen, daß die Weißen ihre kleinen Kinder schlagen, das ist sehr grausam. - Die Weißen Medizin-Männer haben mir erzählt, daß der Große Geist der Weißen Männer das Kind einer Weißen Frau sei; daß die Weißen Männer ihn getödtet haben! Der Große Geist der Rothen Männer hatte keine Mutter - die Rothen Männer tödten ihn nicht, denn er stirbt nie!« - Er richtete sodann noch eine Menge Fragen an mich über die Eingriffe der Weißen Männer in das Gebiet der Indianer, über ihre beständigen Versuche, die Moralität der Indianischen Frauen zu untergraben, über das Aufwühlen der Gräber, um sich der Gebeine der Rothen Männer zu bemächtigen. Da ich alle diese Beschuldigungen nicht in Abrede stellen konnte, so war ich froh, endlich diesen ungestümen Frager los zu werden, und mich aus der Menge, die sich um uns versammelt hatte, entfernen zu können.(40)

Ein eindrucksvolles Beispiel, in welcher Weise May es fertigbrachte, Inhalte und Techniken aufzunehmen und in der ihm eigentümlichen Art zu gestalten, als wärs ein Stück von ihm: und wie fehl der früher erhobene Plagiatsvorwurf geht, den May mit Recht entrüstet von sich gewiesen hat, beweist dieser Auszug allemal.


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6

»Und mochte er sich zur Staffage seiner Erzählungen auch solider, mit mehr oder weniger Akribie benutzter Fach-Unterlagen bedienen, - die eigentlichen "Quellen" sind anderswo zu suchen...«(41)

   Trotz oder gerade wegen der vielen Übereinstimmungen zwischen Vorlage und seinem Reiseerlebnis stellt sich die Frage, warum die Atmosphäre des May'schen Wilden Westens so wenig mit der Wildnis Catlins zu tun hat, die doch von jenem nicht weniger enthusiastisch beschrieben wird: auch noch in der begeistertsten Überhöhung bleibt Catlins Bild real, erfährt man von Moskitoplagen, Krankheiten, umstürzenden Birkenkanus, kurz, das Leben, wie es ist. Nichts dergleichen bei May, bei dem, wie Wollschläger treffend ausführt, »alle Weltgegenden, zu denen die Reisen rund um die Erde führen, irgendwo von jener Ungreifbarkeit (bleiben), die in ihrer späten Entrückung auf den Stern Sitara nur eine Konsequenz erfährt.«(42)

   Daher ist es fast aufschlußreicher, zu untersuchen, welche Informationen, die die Quelle anbietet, von May gerade nicht genutzt, ja, teilweise wider besseres Wissen in ihr Gegenteil verkehrt worden sind. Unreal erscheinen Mays Märchenwelten ja auch deshalb, weil viele Bereiche des auch im Fernen Westen existierenden Alltags einfach ausgeblendet sind. Catlins Buch ist eine Fundgrube, will man etwas über das »normale« Leben der Indianer wissen, (und das wird es auch gewesen sein, warum Berichte über Nahrungszubereitung, Kinderpflege, Zeltbau, Kleiderherstellung, Spiele, Tänze und religiöse Zeremonien keinen Eingang fanden in die buntere Gegenwelt des Hakawati). Bis auf zwei Ausnahmen sind sämtliche Begegnungen Catlins mit den Indianern friedlicher Natur, geprägt von Scheu, Hochachtung und Neugier, die der eine gegenüber dem anderen empfindet.

   Die Kämpfe und Gefangennahmen, die Befreiungen und das erneute Anschleichen fanden nur in Mays Innerem statt - und er brauchte keine Vorlage, die ihm solche Inszenierungen anbot; souverän konnte er darüber hinweggehen, daß Catlin von dem nicht ausrottbaren Vorurteil sprach, wonach Indianer schweigsam und in sich gekehrt seien: im Gegenteil, wer jemals einen Blick in die Wigwams dieses Volkes getan habe, werde die Überzeugung gewinnen, daß Schwatzen, Plaudern und Erzählen ihre Hauptleidenschaften seien.(43) Trotz dieser Information mußte für May sein Held Winnetou schweigsam sein, dieses Heldenbild war einfach zu stark, als daß schiere Realität daran etwas hätte ändern können.

   May hatte schon recht, als er schrieb, daß er eine so mächtige Innenwelt besäße, daß sie selbst dann, als er sehend wurde, lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte.(44) Und so konnte ihm eine Quelle nicht mehr als Hinweise geben, wie die exotische Kulisse seiner persönlichen


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Dramen gestaltet werden muß. Dennoch: ohne diese Quellen wäre May nicht der Erfolgsschriftsteller geworden, als der er die größten Wirkungen hatte; erst später konnte er auf die Mittel verzichten, die seine bildhafte Phantasie so lange gespeist hatten: und es stellt ein reizvolles Gedankenspiel dar, ob nicht Catlin sein Großes Anliegen hätte verwirklichen können, wenn ihm ein Buch wie "Winnetou I" geglückt wäre...



1 Stolte, Jb-KMG 1975, S. 20

2 Catlin, George: Die Indianer Nord-Amerikas. Faksimile-Nachdruck der Ausgabe von 1851. Horst Hamecher Verlag Kassel 1973, S. 41

3 Catlin, S. 2

4 Ceram, C. W.: Die ersten Amerikaner, Reinbek 1972, S. 119

5 Sämtliche Informationen über Catlins Biographie entstammen dem Nachwort der von mir unter (2) bezeichneten Ausgabe

6 Catlin, S. 197

7 Wie Anm. 5

8 Wie Anm. 5

9 Poppe, Jb-KMG 1972/73, S. 252

10 Poppe, ebd., S. 249

11 May: Winnetou I. Ges. Werke Bd. VII, S. 6

12 May, Bd. VII, S. 167

13 Catlin, S. 178/179

14 Catlin, S. 177

15 May, Bd. VII, S. 189

16 Stolte: Ein Literaturpädagoge. Untersuchungen zur didaktischen Struktur in Karl Mays Jugendbuch "Die Sklavenkarawane". In: Jb-KMG 1972/73-1976

17 May, Bd. VII, S. 37 / Catlin, S. 206ff.

18 May, Bd. VII, S. 31 / Catlin, S. 164

19 Catlin, S. 45

20 May, Bd. VII, S. 175 / Catlin, S. 299

21 May, Bd. VII, S. 445 / Catlin, S. 295

22 Catlin S. 18-20 (mit Kürzungen)

23 May, Bd. VII, S. 60-61

24 Catlin, S. 210; andere Beschreibungen des Pferdefanges S. 105, 209, 211

25 Catlin, S. 213

26 Catlin, S. 52/53

27 May, Bd. VII, S. 100

28 Catlin, S. 201

29 Catlin, S. 234

30 Catlin, S. 21, Zitate S. 34/35

31 Catlin, S. 77/78

32 May: Winnetou III. Ges. Werke Bd. IX, S. 233

33 Catlin, S. 233/234; May, Bd. IX, S. 228, 234

34 Catlin, S. 25; bei May vielfach im Zusammenhang mit dem Henrystutzen benutztes Motiv

35 May, Bd. VII, S. 257

36 May, Bd. VII, S. 255-257 / Catlin, S. 25-27

37 May, Bd. VII, S. 255-256 / Catlin, S. 348

38 May, Bd. VII, S. 404/ Catlin, S. 129, 330

39 May, Bd. VII, S. 385-389

40 Catlin, S. 331

41 Wollschläger, Jb-KMG 1970, S. 126

42 Wollschläger, Jb-KMG 1977, S. 60

43 Catlin, S. 62

44 May: Mein Leben und Streben. Nachdruck der Erstausgabe von 1910. Hildesheim-New York 1975, S. 31


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