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WALTHER ILMER


Karl Mays Weihnachten in Karl Mays ›»Weihnacht!«‹ III
Eine Spurenlese auf der Suche nach Fährten118




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Bevor wir uns diesen andern Existenzen zuwenden, wollen wir, da Old Shatterhands Bemerkung an Carpio gerichtet ist, zunächst noch ein wenig bei diesem verweilen und auch seinen Verwandten, den alten Lachner, der Carpio den Weg ins Verderben bereitet, etwas näher betrachten. Die Verformungen, in denen reales Geschehen sich dabei spiegelt, sind bemerkenswert.

   Karl May läßt Carpio über dessen ›Berufstätigkeit‹ sprechen - und die Formulierungen, die der auf dem besten Wege zur inneren Gesundung befindliche Autor dabei findet und dem kranken Ich in den Mund legt, sind konsequent in der Verklausulierung der Wahrheit und der Ent-Schuldigung. Vorweg kommt Carpio nicht ohne Grund auf das famose Sicherheitsschloß zu sprechen (W 386f.; siehe hierzu W 25 und den Schluß von Abschnitt 10 dieses Beitrages):119 Der Kranke lastet dem Gesunden an, damals das Versagen des Schlosses verschuldet zu haben. Ein subtiles Vorgehen - - denn wäre Karl May damals in Waldenburg so gewitzt gewesen, wie er sein wollte, hätte er zumindest seinen Koffer mit den gestohlenen Kerzen sicherheitshalber mittels Schloß versperrt. Fast unmerklich innerhalb der Ausführungen Carpios wird die Unachtsamkeit in Sachen Sicherheitsschloß zum Anfangsglied in der Kette seiner Mißerfolge. Danach - nach der ersten Fehlhandlung des kranken Ich - ging es mit Carpio bergab.

   »Als ich dich nicht mehr hatte, wurde mir das Lernen doppeltschwer. Latein und Griechisch waren mir ein Greuel; ich kam auch in andern Fächern nicht vorwärts und blieb infolgedessen sitzen.« (W 387) Eine sehr beschönigende Schilderung der Auflehnung Karl Mays gegen die übertriebene Strenge des Seminarbetriebs und des Nachlassens seines Fleißes. »Ich bat den Vater oft unter Thränen, dieser Qual ein Ende zu machen; er aber bestand auf seinem Willen, bis er sich schließlich durch die ernsten Vorstellungen meiner Lehrer gezwungen sah, mich vom Gymnasium wegzunehmen...« (W 387) Oh gewiß wird Karl May daheim


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über die Lebens- und Lernbedingungen in Waldenburg geklagt haben. Aber hätte der Vater alle Opfer, die die Familie mit Karls Ausbildung auf sich nahm, abschreiben sollen? Unbeugsam, mit Recht, schickte er Karl jedes Mal ins Seminar zurück - bis der Kerzendiebstahl ihm keine Wahl mehr ließ, als den Sohn vom Gymnasium wegzunehmen. Karl wurde gezwungen, Schreiber (W 387) zu werden: Er mußte sein ›untertänigstes Reueschreiben‹ verfassen und seine Lehrerausbildung fortsetzen und beenden.

   Nach zweiwöchiger Lehrertätigkeit in Glauchau im Oktober 1861 wurde Karl May Fabrikschullehrer in Altchemnitz, in einem »städtische(n) Amt, wo ich es wegen der unbegreiflichen Zerstreutheiten meiner Vorgesetzten nicht länger als zwei Monate aushalten konnte.« (W 387) Es waren freilich kaum zwei Monate - Glauchau abgerechnet -, denn zu Weihnachten 1861 war für Karl May ja schon alles zu Ende. Gleichwohl ist Carpios nächste Lebensstation, das Bureau eines Advokaten mit einem »Bureauchef, welcher überhaupt kein zuverlässiger Mensch war« (W 387), in Wahrheit noch Teil jener zweimonatigen Lehrertätigkeit Karl Mays, denn jener Bureauchef, sprich Buchhalter, »hatte ... einmal die Nummern und Aufschriften zweier sehr wichtiger Aktenstücke verwechselt; er schob aber die Schuld auf mich, und ich wurde entlassen.« (W 387) Diese sehr wichtige(n) Aktenstücke waren nichts anderes als die Klärung der Frage, ob Karl May die Uhr des Buchhalters mit Vorbedacht gestohlen hatte - also schuldig war - oder sie aus Fahrlässigkeit mitgenommen hatte - also eine verfolgungswürdige Tat nicht vorlag. Wir wissen, wie der Buchhalter ›die Akte beschriftete‹...120 Billigen wir dem Autor außerdem einen Zeitsprung in der Gedankenwelt zu, so verbinden sich mit dem »Bureau eines Advokaten, . . . wo ich von früh bis abends zu kopieren und zu mundieren [d.i. ins Reine zu schreiben] hatte« (W 387), sogleich die diversen Schriftstücke, die Karl May - gewiß erst nach vielerlei mühsamen Versuchen und Entwürfen - im Jahre 1869 fälschte und bei sich führte und die ihn als Beauftragten eines Advokaten erweisen sollten121

   Carpio fährt fort: »Dann kam ich als Schreiber an den Bahnhof, dessen Vorstand von Adel und ein Freund meines Vaters war, später zu einem Kaufmanne, einem Baumeister, in eine Buchhandlung, eine Schokoladenfabrik -- kurz, ich wurde von einem Menschen nach Hause und von da aus wieder einem andern zugeschoben, bis die unausbleiblichen Folgen eintreten mußten: ich hielt es nirgends mehr aus! Nun sagte sich Vater von mir los. Ich versuchte alles, was man versuchen kann, wenn man nichts gelernt hat und nichts ist, und brachte es schließlich bis


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zum Kolporteur. Als solcher fristete ich mich durch mehrere Jahre hin, obgleich es gewiß kein glücklicher Beruf ist...« (W 387f.)

   So obskur wie transparent. An den ›Schreiber am Bahnhof‹ wie an die Anstellung bei einem Baumeister und bei einem Kaufmanne lassen sich Vermutungen knüpfen, ohne jede Indizkraft: Vater Heinrich May mag in den Jahren 1862 bis 1864 wirklich bei den verschiedensten Stellen versucht haben, eine ehrenwerte Beschäftigung für seinen Sohn Karl zu finden - möglicherweise sogar mit Hilfe der Verwandten bei Zwickau, die Karl auf seiner Reise nach Spanien besucht hatte, und mag dabei überall gescheitert sein.122 Die Buchhandlung freilich zeigt auf die ersten Beziehungen zu Heinrich Münchmeyer, der ja auch Buchhändler war und mit dem Karl May schon lange vor 1875 zusammengekommen war;123 und der Euphemismus Schokoladenfabrik ist die lautliche Beschönigung sowohl der ›Kolportage-Fabrik‹ Münchmeyers als auch der harten Fron der ›Zigarren-Fabrikation‹ im Zuchthaus Waldheim, die zwischen den einzelnen Phasen der Tätigkeit für Münchmeyer stand.

   »Nun sagte sich Vater von mir los.« (W 387) Allerdings - wenngleich nur in dem Sinne, daß Heinrich May den nunmehr über dreißigjährigen Sohn, der mit der Redakteurstelle bei Münchmeyer endlich eine gesicherte Position mit eigenem Einkommen gefunden hatte, nicht länger ernähren und kleiden und durchschleppen mußte, und daß er die finanziellen Zuwendungen an Karl einstellte.124 »Ich versuchte alles, was man versuchen kann, wenn man nichts gelernt hat...« (W 387f.) Nun ja, das waren die harten Zeiten als Redakteur und freier Schriftsteller, nach dem ersten Weggang von Münchmeyer -- »und brachte es schließlich bis zum Kolporteur...durch mehrere Jahre hin...« (W 388) Sehr richtig. Fünf dicke Romane schrieb er in jener Zeit. Und ist noch jetzt, 1897, in sich gespalten bei der Rückschau auf jene Tätigkeit, die unter anderem Schatten auf die Weihnacht 1894 warf. Hierauf müssen wir noch zurückkommen.



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Handlungstechnisch folgt Carpios ›Flucht nach Amerika‹ mit Bindung an den Onkel nach der Zeit als Kolporteur. In der Biographie des Autors (der ja während seiner Straftäterzeit auch in dem Dörfchen namens Amerika - bei Penig in Sachsen - weilte) geht sie freilich voran.

   Wir haben weiter oben (Abschnitt 25) den Verwandten Carpios als literarische Umsetzung der Stimmen und ›Dämonen‹ gesehen, die sich


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im jungen Karl May als spaltungsfördernd einnisteten und ihn auf die schiefe Bahn drängten. Die vielgesichtige Darstellungsart Karl Mays läßt es dabei nicht bewenden. Er gibt dem Dämon einen Namen - und greift auf exakte, peinliche Ereignisse zurück. Die Kaschierung und Überdeckung, durch die er vor sich selbst und vor der Welt das Bekenntnis - und die nach sechsunddreißig Jahren noch immer glimmende Schmach - ins beinahe Unkenntliche zu entrücken weiß, kongruiert mit der Formulierung »der Onkel, der eigentlich nur ein weitläufiger Vetter aber nicht Onkel ist« (W 388f.): Es handelt sich um eine sehr distanzierte Beziehung; von enger verwandtschaftlicher Bindung kann keine Rede sein; der Karl May des Jahres 1897 ist der bösen Vergangenheit entschlüpft.

   Carpios böser Geist wird uns wie folgt beschrieben: ...ein alter, hagerer, runzeliger Mann, dessen kräftiger Knochenbau aber noch Kraft und Ausdauer verriet. Er besaß ein sehr kräftiges Gebiß, welches ebenso wie das breite, massige, unten weit vorgebogene Kinn auf weniger hohe Instinkte schließen ließ. Die Lippen waren außerordentlich schmal und hatten kein Pigment, wie man es bei ausgesprochen geizigen Leuten zu beobachten pflegt. Die scharfgebogene Habichtsnase hätte einem armenischen Wucherer alle Ehre gemacht. Unter der von einem spärlichen, ergrauten Haarwachse weit eingeengten Stirn blickte ein Paar kleiner, fast wimperloser Augen in steter Unruhe hin und her, und der höchst ärmlich gewachsene, ungepflegte Vollbart bemühte sich vergeblich, dem häßlichen, ganz und gar nicht Vertrauen erweckenden Gesichte ein ehrwürdiges Aussehen zu verleihen. (W 334)

   Und von Carpio heißt es: ...älter, als er eigentlich jetzt nach seinen Jahren war. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen; die Wangen waren eingefallen, und seine Haltung war eine so müde, als ob er mehrere Tage lang nicht aus dem Sattel gekommen wäre. (W 359f.) Warum nur kommt uns das so bekannt vor? Wo nur haben wir schon Ähnliches gelesen? War da nicht kurz vor dem Schott el Dscherid - - - Sehen wir nach!

   Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen, blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. ...


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Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen zu ihm haben.

   So steht es bei Karl May in ›Durch Wüste und Harem‹.125 Wir alle kennen die Stelle. Wie sich die Bilder gleichen...

   In einem früheren Beitrag126 habe ich den Armenier Hamd el Amasat als Spiegelung des Buchhalters in Altchemnitz bezeichnet, der Karl May wegen Diebstahls der Taschenuhr anzeigte und ihn dadurch zur Weihnacht 1861 aus der Lehrerlaufbahn riß, und Amasats jungen Begleiter als Karl May selber. Ich war auch überzeugt, der Name des Schurken könne nicht zufällig gewählt worden sein, vermochte aber, da der Name des Buchhalters nicht überliefert war, nur die Assoziation durch Alliteration herzustellen.127 Dank der Recherchen Klaus Hoffmanns, die in mühevollster Kleinarbeit vieles bisher Unbekannte zutage gefördert haben128 und deren Ergebnisse er mir selbstlos zur Verfügung gestellt hat, kann jetzt erheblich mehr gesagt werden. So mag, da es Einfluß hat auf unsere Betrachtung von ›»Weihnacht!«‹, der nachfolgende Exkurs entschuldbar sein.



E x k u r s


1) Eine der Schwestern Karl Mays - so ermittelte Klaus Hoffmann - hatte lebenslang den Namen des Buchhalters vage als »Scheinpflug« in Erinnerung. De facto - so ermittelte er weiter - hieß der Mann Julius Hermann Scheunpflug.129 Versuchen wir, dies in Beziehung zu setzen zu dem Namen ›Hamd el Amasat‹.

   Ungeachtet der Ausführungen von Franz Sättler über Karl Mays »ausgedehnte Kenntnisse des Türkischen«130 dürfte Karl May ohne fleißigen Gebrauch der in seiner Bücherei befindlichen einschlägigen Wörterbücher, Grammatiken u. dgl.131 nicht ausgekommen sein. Das darin enthaltene türkische Sprachgut hat, beginnend mit der Herrschaft Kemal Atatürks, in unserem Jahrhundert Wandlungen erfahren durch die Ausmerzung der vom höfischen Leben und Treiben bestimmten Formeln, Formen und Wendungen wie auch durch die natürliche Aufnahme neuer Wörter, die sich aus der Technisierung unserer Welt ergeben haben, doch blieben die Vokabeln des Alltags und der Umgangssprache erhalten. Nenzeitliche Wörterbücher können insofern hinsichtlich des von mir hier verfolgten Zwecks als zuverlässig gelten.


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   Zu Rate gezogen wurden die jeweils zweibändigen Werke ›Türkisch Deutsches Wörterbuch‹ / ›Deutsch-Türkisches Wörterbuch‹ von Heuser-[,S];evket, 51962; von Herbert Jansky, 1961; und von Kurt Steuerwald, 1974; alle Wiesbaden. Als belangreich erweisen sich, nach langwierigem Filterprozeß, folgende Vokabeln (Kommentar von mir in Klammern):

-âmâ = Blindheit, blind (Der Buchhalter handelte in blindem Eifer, blindem Haß. Hamd el Amasat, von Omar Ben Sadek geblendet, endet in Blindheit.)
-amansiz/aman zamasa = unbarmherzig, ohne Gnade, mitleidslos (So ging der Buchhalter gegen Karl May vor.)
-ambar = Scheune, Schuppen (›Scheun-‹ im Namen des Buchhalters)
-ham = ungepflügt, unbestellter Boden; auch: unreif, roh (also Boden, dem auch jeder Schein einer Behandlung durch den Pflug fehlt; rohes Verhalten - im übertragenen Sinne)
-hamaset = Tapferkeit (Siehe unten bei ›saati‹.)
-haraset = Ackerbau (indirekter Hinweis auf ›Pflug‹)
-saati = Taschenuhr (Als Bestandteil ›-sat‹ des Namens Wortspiel mit bitterer Note: Ein ›Schein-Pflug‹ bereitet den Boden für eine ›Saat‹, die sich als bösartig erweist. Der Buchhalter stürmte blind - haltlos vorwärts - und kalkulierte dennoch alle Folgen seiner ›Tapferkeit‹ wohl ein.)

Die ›dichterische‹ Namensform ›Hamd el Amasat‹ bietet sich zweifelsohne als eine Umsetzung des Namens des realen Widersachers an.

   In diesem Lichte gewinnt das türkische Wort für ›Pflug‹, nämlich ›saban‹, eine Bedeutung, die während der Niederschrift des Beitrags »Das Märchen als Wahrheit - Die Wahrheit als Märchen.«132 nicht relevant erschien: Im Bettler Saban, der Kara Ben Nemsi in eine wohlberechnete Falle lockt, spiegelt sich, unabhängig von anderen Zusammenhängen, auch der Buchhalter von Altchemnitz.

   2) Daß Karl Mays Verurteilung 1862 nach Artikel 330, Absatz 3, »Entwendung unschätzbarer Gegenstände, widerrechtliche Benutzung fremder Sachen etc. ... Gefängniß bis zu sechs Wochen ...«132a des seinerzeit geltenden Strafgesetzbuches für das Königreich Sachsen (1855) erfolgte, haben Claus Roxin,133 Hans Wollschläger134 und Hainer Plaul135 hinlänglich belegt. Die Berechtigung des Urteils ist umstritten. Offenbar aber blieb damals den Justizbehörden, selbst wenn sie zur Milde gegenüber Karl May geneigt gewesen sein sollten, keine Wahl als die Verurteilung. Scheunpflug hatte May angezeigt - und Absatz 5 des besagten Artikels 330 hebt hervor: »Ein Strafverfahren


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findet wegen der in diesem Artikel erwähnten Vergehen [sic!] nur auf Antrag statt.«135a Scheunpflug hätte diesen Antrag noch während der Verhandlung zurückziehen können; das Verfahren wäre allsogleich eingestellt worden; Karl May hätte Freispruch erzielt - und damit die Lehrberechtigung behalten.135a Aber der Buchhalter blieb bei seiner gewissenlosen Handlungsweise. Da gegen  i h n  nichts vorlag, nahm Justitia buchstabengetreu ihren Lauf. Kein Wunder, daß Karl May ein Leben lang einen Akt der Bosheit und niederträchtig-kleinlicher Gesinnung in Scheunpflugs Vorgehen erblickte - und es literarisch immer wieder umsetzte.



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Am Schott el Dscherid hat der Schurke Hamd el Amasat einen jungen Begleiter bei sich, den er bedenkenlos dem Verderben preisgibt. Und der diesem Hamd el Amasat so erschreckend ähnliche Gurgelabschneider (W 303, 348, 370) Lachner führt auch einen jungen Menschen sehenden Auges und bewußt geradewegs ins Verderben. Und so wie sich die Spur Hamd el Amasats nach seiner Blendung ins Unbekannte verliert, so in Mays Selbstbiographie die Spur des Buchhalters - und so in ›»Weihnacht!«‹ am Ende die Spur des alten Lachner (W 619), nachdem er Carpio überlebt hat.136 Der Name Lachner freilich hat mit dem Namen Scheunpflug nichts gemein - und wegen seines Anklangs an ›lachen‹, das auf den alten Widerling ebenso wenig zutrifft wie auf Carpio, wirkt er sogar störend.137 Warum also ›Lachner‹?

   Bei der Suche nach einer Erklärung kommt uns der merkwürdige Umstand zustatten, daß Lachner als Familienname nicht während des einleitenden ersten Kapitels genannt wird, als dauernd von Carpio die Rede ist, sondern erst im späteren Verlauf der Erzählung (W 302, 328, auf W 332 vom Autor kommentiert), als das Auftreten des Alten und seine exakte Beschreibung unmittelbar bevorstehen. Und da Karl May mit dieser Beschreibung zurückkehrt zur Schlüsselfigur der furchtbaren Weihnacht 1861, ohne daß ›Lachner‹ identisch sein kann mit ›Scheunpflug‹, fragt es sich, ob in Karl Mays damaliger unmittelbarer Umgebung, gleichzeitig mit dem Buchhalter, vielleicht ein ›zweiter Scheunpflug‹, sprich übelwollender Mitmensch, zu finden ist, dessen Verhalten dem Scheunpflugs ähnelte und dessen Name dem Autor ›passend‹ erschien - als ein im Verlaufe des Schreibprozesses nachträglich aufblitzender Einfall.

Tatsächlich stand Karl Mays kurze Lehrertätigkeit in Altchemnitz


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unter keinem guten Stern. Zuzuschreiben hatte er es sich selbst. Er war als Hilfslehrer in Glauchau schon nach zwei Wochen unter für ihn sehr mißlichen Umständen entlassen worden, nachdem er seiner Quartierwirtin Henriette Meinhold näher getreten war, als deren Ehemann Ernst Theodor Meinhold einzuräumen bereit war.138 Die Wahrheit über seine Entlassung aber verschwieg Karl May, als er in Altchemnitz vorstellig wurde - und die Stelle wegen der bedrohlichen Lehrersituation bei gleichzeitigem Mangel an geeigneten Bewerbern erhielt. Leider drang sein unmittelbarer Vorgesetzter, der Lokalschulinspektor, auf eine Erklärung wegen Glauchau - und zwar noch am Tage des Dienstantritts Karl Mays in Altchemnitz, am 6. November 1861...139

   Also nicht nur Seminardirektor Schütze taucht in jener Szene auf, die wir in Abschnitt 10 beleuchtet haben, sondern auch Schulinspektor Pfützner: Es war am sechsten November, nach der letzten Vormittagsstunde, als ich zum ›Alten‹ gerufen wurde. (W 6) Und Rede und Antwort stehen mußte wegen der Vorkommnisse in Glauchau. Und unvorsichtig-ungeschickt tischte er Schulinspektor Pfützner die Lüge auf, er, Karl May, habe Meinhold ob dessen schändlicher Trunksucht unverhohlen die Meinung gesagt und sei von diesem dann bei der Schulbehörde verunglimpft worden. Der Schulinspektor ließ es dabei nicht bewenden. Er prüfte die Angaben nach. Mays Verdrehen der Tatsachen kam ans Tageslicht.140 Des Vorgesetzten grimmige Reaktion »Sie - - sind - - ja - - ein - - ganz - - -« (W 7) wird verständlich. Nur der akute Lehrermangel an der Fabrikschule Solbrig/Claus bewahrte den lügenhaften Schulamtskandidaten vor einer abermaligen sofortigen Entlassung. Pfützner verwarnte ihn in ungewöhnlich scharfer Form - und war für Karl May alles andere als eine moralische Stütze, als der ›Uhrendiebstahl‹ zu Weihnachten 1861 alles zu bestätigen schien, was der junge Mann an bösen Reden und vorgefaßten Meinungen über sich heraufbeschworen hatte: in keiner Weise setzte Pfützner sich für ihn ein.

   Kein Zweifel, daß Schulinspektor Pfützner, wie Seminardirektor Schütze und wie Buchhalter Scheunpflug, in Mays Leben durchgängig eine negative Figur blieb, mit der es ›abzurechnen‹ galt. Und er, der also Karl Mays Sturz aus dem erträumten Lehrerhimmel ebenso vorantrieb wie Scheunpflug - und wie vor diesem Schütze es geplant hatte -, erfuhr, sorgfältig überdeckt auch dies, die Wandlung seines Namens von Pfütz-ner zu Lach-ner. Nicht der positive Begriff ›lachen‹ steckt im Namen Lachner, sondern der eher negative Begriff ›Lache‹ (langes a) im Sinne von ›Pfütze‹; auch dieser haftet ja eher etwas Schmutziges an als etwas Reines, Schönes.


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   Der bigotte Schulmann Pfützner ein Gesinnungsgenosse des bigotten Schulmanns Schütze - wie der gottlose Lachner ein Weggefährte des gottlosen Sheppard. Damit ist Karl May, neben dem Schatten des Kerzendiebstahls und des Seminardirektors, auch den Schatten des Schulinspektors los. Gleichwohl ist es der Buchhalter Scheunpflug, der in dem alten Lachner dominiert: So wie Hamd el Amasat im Schott el Dscherid Kara Ben Nemsi einen Hinterhalt legt und heimtückisch auf ihn schießt, so feuert auch der alte Lachner aus dem Hinterhalt auf Old Shatterhand (W 371). Scheunpflug ist der unmittelbare persönliche Urheber des Unglücks; Pfützner duldet es und unternimmt nichts dagegen. Die Abhängigkeit Karl Mays von der Autoritätsperson Pfützner findet ihre Parallele in der Abhängigkeit Carpios von Lachner - und seiner Hilflosigkeit.



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Die Ereignisse rund um Weihnachten 1861 sind wichtig genug, um ihnen hier noch etwas weiter nachzuspüren. Man sollte meinen, der Schock über die ungerechte Verurteilung sei längst einer gelasseneren Haltung gewichen - nicht nur wegen des natürlichen Zeitablaufes, auch wegen der vielfachen, vielgesichtigen Spiegelungen des Vorfalls im Werk, wodurch die Last immer geringer wurde. Die Verbesserung der sozialen Lage kam hinzu: Mochte Karl May im Herbst 1880, als er die aufwühlenden Szenen der Begegnung Kara Ben Nemsis mit Hamd el Amasat niederschrieb und sich in keineswegs rosigen Lebensumständen befand, es noch schmerzlich empfunden haben, so sein Leben fristen zu müssen und die gesicherte Existenz eines Schullehrers dank übler Machenschaften verloren zu haben (»Hier, nimm ... die Uhr«, sagt der Schurke tückisch zum Helden, ›Durch Wüste und Harem‹, S. 27), so kann der arrivierte und wohlhabende Autor im Jahre 1897 dem peinlichen Delikt des ›Uhrendiebstahls‹ eigentlich distanziert gegenüberstehen. So berühmt, so populär, so reich wäre er als Volksschullehrer nie geworden! Ob jemals Kara Ben Nemsi, Halef und der edle Winnetou geschaffen worden wären von einem geduckten, pflichttreu nach Lehrplan dahinlebenden und ansonsten nur zum Träumen verdammten Karl May? Gewiß - der Traum beherrscht auch sein schriftstellerisches Leben, aber er hat keinen Herrn auf Erden als sich selber. Er hat es, paradoxerweise dank der Bosheit eines Schütze und eines Scheunpflug und der Unnachsichtigkeit eines Pfützner, weiter im Leben gebracht als jeder dieser drei! Die Verurteilung von 1862 müßte


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längst ins Dunkel entrückt sein - - Gleichwohl: ihm ist damals Unrecht geschehen; darin liegt der Kern der immer noch glimmenden Schmach. Der Kerzendiebstahl von Waldenburg war eine vorbedachte Tat; wurde sie entdeckt, mußte er die Buße auf sich nehmen. Die Mitnahme der Uhr in die Weihnachtsferien war lediglich leichtfertig, nicht strafwürdig. Die Strafe dafür ereilte ihn wegen seiner Dummheit, den Besitz der Uhr zu leugnen, und wegen der Bosheit des Buchhalters: Das wird in den tiefsten Schichten seiner viel zu empfindsamen Seele immer lebendig bleiben.

   Nun hat er mit dieser Erzählung ›»Weihnacht!«‹ das bis dahin unverarbeitete Ursächliche seiner frühen Miseren, den Kerzendiebstahl - Weihnachten 1859 - von sich geworfen, und hat dabei zwangsläufig auch die Weihnacht 1861 wieder zum Leben erweckt. Und so spukt auch Hamd el Amasat unter anderem Namen noch einmal durch die Seiten. Aber Karl May wäre nicht Karl May, der vielseitige, von immer neuen, immer wechselnden und dabei immer adäquaten Impulsen geleitete Schreibkünstler, würde er nicht auch der Rolle gerecht, die er sechsunddreißig Jahre nach der Tat einnehmen dürfte: So wie er das Debakel von Waldenburg in mehrfacher Weise verarbeitet, so weiß er auch in Sachen Uhr den eigentlich längst über den Dingen Stehenden hervorzukehren. Er tut es, indem er das furchtbare Geschehen fast spielerisch in eine für die Handlung überflüssige Beimengung einbringt - und doch dabei dieser überflüssigen Beimengung das Fatale überstülpt und, ebenso konsequent, ›das andere Ich‹ belastet. Lassen wir den Text sprechen:

   Indem ich mich so, mit dem Gesichte dem Boden nahe, fortbewegte, war es mir, als ob ich ein leises, fast unbemerkbares metallisches Blinken im Moose gesehen hätte. Ich griff hin und fand - - - zwei Reitsporen, ein Fund, welcher mich in Staunen versetzen mußte.... Man kann zwar unter Umständen Veranlassung haben, die Sporen abzunehmen; aber sie nicht einzustecken, sondern in das Gras oder Moos zu legen und dann liegen zu lassen, das ist eine ... unerhörte Unvorsichtigkeit ... So eine große, unverzeihliche Nachlässigkeit ist geeignet, die Sicherheit, ja, unter Umständen sogar das Leben aller Beteiligten in Frage zu stellen! Wer sie sich zu schulden kommen ließ, hatte noch mehr, viel mehr verdient, als bloß, daß man ihn Old Jumble [d. i. Wirrkopf] nannte!. . . Ich steckte die Sporen ein und kroch schnell weiter. (W 331f.) - -

   [Carpio:] »Ich dachte an meine Sporen ... Sie sind weg! ... Ich muß sie heruntergemacht und dir gegeben haben, um sie aufzuheben ..., lieber Onkel. Greif nur einmal in deine Taschen; da werden sie sich gleich finden!« (W 342f.) - -


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   [Eggly:] »Schweigt, Old Jumble! Ich will Euch jetzt nur das Eine sagen, daß die Sporen, welche Ihr heut verloren habt, uns in die heilloseste Verlegenheit bringen können.... Ihr könnt nicht reiten, könnt nicht schießen, könnt überhaupt gar nichts von allem, was man hier können, wissen und verstehen muß, und wenn Ihr nun gar noch solche Unsinnigkeiten treibt, wie heut mit den Sporen, so werdet Ihr uns gradezu gefährlich, während Ihr uns bisher bloß lästig gewesen seid ...« (W 345)

   [Carpio:] »Mr. Eggly, ich habe Euch ruhig angehört, muß aber bitten, daß nun auch Ihr mit derselben Gelassenheit - - -« (W 346)

   [Eggly unterbricht zornig:] »Schweigt! ... Wir wissen, was Ihr wart, und Ihr wißt nun, woran Ihr mit uns seid; weiter braucht kein Wort gesagt zu werden!« (W 346) - -

   [Carpio zu Old Shatterhand:] »... Das hier sind seine Sporen. [d. i. die des Onkels.] ... Ich werde doch meine Sporen von denen meines Onkels unterscheiden können! . . . Ich gab sie dem Onkel; er sollte sie aufhewahren...« (W 375) - -

   [Carpio zu Old Shatterhand:] »... Nimm dich zusammen! ... Erinnere dich zum Beispiel an meine Sporen, die du in deine statt in meine Tasche gesteckt hattest. So eine Konfusion kann einem beim Duell das Leben kosten!« (W 483)

   Dies alles, angefangen vom Laut- und Klangbild ›Sporen/Uhr(en)‹, spricht für sich. Wir brauchen nur wenige erläuternde Hinweise anzufügen - wobei wir uns auch das von Heinz Stolte, in seinen grundlegenden Arbeiten über die Behandlung autobiographischen Materials bei Karl May,141 hervorgehobene ›Umkehrprinzip‹ vor Augen halten: Der Erzähler nimmt nämlich zwei Haltungen zugleich ein - die des Zerstreuten, ›mit der Nase am Boden‹, mit eingeengtem Gesichtskreis, der von der Schule weg zum Bahnhof stürmte, ohne erst ins Quartier zurückzukehren; und die des nüchtern denkenden ›Gesunden‹:

   Er wird auf die ›herrenlose‹ Uhr aufmerksam - und steckt sie ein. Sie später in der eigenen Tasche zu finden, war für den Entwender natürlich keine Überraschung - er tat nur so. Er hätte Veranlassung gehabt, die Uhr erst wieder an den Haken in der Stube zu hängen oder sie dort sichtbar auf den Tisch zu legen, aber er hatte - Umkehrprinzip - das Gegenteil getan und durch diese unerhörte Unvorsichtigkeit und unverzeihliche Nachlässigkeit wahrhaft seine Sicherheit ... in Frage gestellt! Zumal er den Besitz der Uhr ableugnete. Eben die Behauptung, er habe die Uhr  n i c h t  in Besitz, sprach damals gegen ihn; sie wurde ja sofort bei ihm gefunden. Wie ein Wirrkopf hatte er gehandelt.

   Es nützt nichts, daß er bereitwillig die Eigentumsrechte des anderen anerkennt. Warum hätte er stehlen sollen? Scheunpflug selbst hatte


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ihm von sich aus die Uhr zur Verfügung gestellt, wußte, daß sie, wie sonst, auch nach den Ferien wieder an ihren Platz zurückkehren würde. Nein - der einmal begangene Fehler führt dazu, daß er für die Umwelt lästig und gefährlich wird; es hilft nichts, daß er zu erklären versucht, um Verständnis wirbt. In den Augen der anderen ist er unerwünscht und unbrauchbar - und er macht es ihnen leicht, ihn als untauglich hinzustellen.

   Es paßt dabei ins Bild, daß es der Schuft Eggly ist, der sich anmaßt, Carpio herunterzuputzen, und nicht der alte Lachner. Wir brauchen ihn nicht als eine etwa dritte, Karl May feindlich gesinnte Person aus seiner Seminar- und Lehrerzeit zu identifizieren. Wie sein eigenes Ich, so spaltet Karl May ja auch die Identität einer anderen Person oft genug auf in mehrere Figuren und nutzt anderseits ein und dieselbe Figur, um mehrere Personen aus seiner Biographie zu porträtieren (vgl. den Schluß von Abschnitt 21). In Eggly steckt ›Egge‹ - ein Ackergerät wie ein Pflug. Eggly ist eine Abspaltung des Buchhalters Scheunpflug.

   So muß das kranke Ich, das das bessere Ich sozusagen überlistet hatte, alle Folgen der unvorsichtigen Handlung tragen. Beim Duell um die Uhr ging es böse aus für den Erzähler.

   Jetzt kann er das mit spielerischen Gesten abtun. Jetzt siegt er allenthalben.



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In dieser Erzählung fließt alles ineinander, bindet ein Handlungsfaden sich in den anderen. Daß auch Carpio den Namen Lachner trägt (W 332) - was ja nicht sein müßte -, ist einer der vielen versteckten Hinweise Karl Mays auf die ›Familienangelegenheit‹, die ihn bewegt und die er durch die Wahl des Vornamens Hermann für Carpio (W 341) wie für den Kellner und Arzt Rost (W 135), der ja erkennbar ebenfalls zu den andern Existenzen zählt, anklingen läßt.

   Karl-Hermann war der Vorname eines Bruders Karl Mays, der zwölf Jahre jünger war als er und nur drei Monate lang lebte (5. 5. 1854 bis 15. 8. 1854).142 Wir wissen nicht, ob Karl diesem kleinen Bruder vielleicht mehr Zuneigung entgegenbrachte als einem der vielen anderen früh verstorbenen Geschwister; es ist aber nicht abwegig, bei ihm - der ja einen echten Jugendfreund schmerzlich vermißte143 - den Gedankengang zu vermuten, die Existenz eines älteren Bruders, der ihn diszipliniert hätte, oder eines jüngeren Bruders, dem er Vorbild und Mentor hätte sein können, wäre nicht ohne günstigen Einfluß auf sein


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Leben geblieben, hätte ihn vielleicht vor kriminellen Handlungen bewahrt. Das Bruder-Imago hat im Gesamtwerk Karl Mays viele traumatische Spuren hinterlassen;144 und in ›»Weihnacht!«‹ nähert er die Identifizierung der Wahrheit insofern an, als er den ›Hermann‹-Teil von ›Karl-Hermann‹ (das kranke Ich) jung sterben läßt, wie der Bruder starb, und den ›Karl‹-Teil von ›Karl-Hermann‹ auf die Person des zähen, fleißigen, Mühen nicht scheuenden und zum Erfolg gelangenden Rost überträgt.145 Zwangsläufig schließt Carpio sich in der Erzählung eng an Rost an und bringt ihm ebensoviel Vertrauen entgegen wie seinem ›Sappho‹.

   Als Begleiter des erzählenden Helden ist Rost eine jener unentbehrlichen ›Watson‹-Figuren,146 deren minderes Können unaufhörlich die Überlegenheit des Helden aufscheinen läßt, und autobiographisch ist er das Abbild des Karl May, der erst auf allerlei Umwegen zum ersehnten Ziel vorstößt. Der wortreiche Rost, der sich ›hinauswagt ins feindliche Leben‹ und Strapazen auf sich nimmt, bildet das Gegenstück zu dem stillen Stephan Hiller - einer weiteren der andern Existenzen -, der sein weitgespanntes Wissen dem Studium von Büchern verdankt.

   Rost ist klein und schmächtig (W 126), hartnäckig im Durchsetzen seiner Entschlüsse, emsig und lernbereit. Gern beruft er sich auf eine innere Stimme (W 129, 305, 352, passim), wie Karl May selbst das häufig tut.147 Und ohne seinen ernsten Glauben an solche heimlich warnenden Einflüsse zu beeinträchtigen, gelingt dem Autor damit in ›»Weihnacht!«‹ zugleich auf lockere, fast persiflierende Weise die Distanzierung von den ihn früher bedrängenden bösartigen Stimmen.

   Rosts Alter, vielleicht achtundzwanzig Jahre (W 126), birgt eine ganze Skala auffälliger autobiographischer Bezüge:

   Achtundzwanzig Jahre beträgt der Abstand zwischen Karl Mays Geburt, 1842, und seiner Einlieferung ins Zuchthaus Waldheim,1870, wo er endlich zu sich selber fand; zwischen der Heilung von der Blindheit, 1846, und der Entlassung aus Waldheim, 1874; zwischen dem ersten Abgleiten vom rechten Wege, dem Kerzendiebstahl, 1859, und der Loslösung vom ›Kolportage-Sumpf‹ bei Münchmeyer, 1887; zwischen den Betrügereien von 1864 und dem Durchbruch zur finanziellen Sicherheit, 1892; zwischen dem letzten Delikt, 1869, und der Niederschrift des erlösenden Werkes ›»Weihnacht!«‹, 1897. Immer steht am Ende der 28 Jahre eine Station des Neubeginns für Karl May.

   Und so führt er zu Weihnachten den kleinen Rost zum Finding-hole und beschert ihm dort eine Menge Nuggets, wie er selber sie 1892 und 1893 und fortan erhielt, und macht ihn zu einem der angesehensten Naturärzte (W 619) - und damit ist die Selbst-Identifizierung komplett:


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Mays Hinneigung zur Medizin, sein Verständnis für Krankheitsvorgänge und deren Behandlung, sein medizinisches Wissen sind hinlänglich bekannt;148 er wäre gern Arzt geworden - wie er es Hermann Rost unter Mühen und Plagen werden läßt. Aber da die materiellen Verhältnisse daheim ein Medizinstudium ausschlossen und da auch die Tür zum Lehrerberuf eines Tages endgültig zufiel und da die Begabung zum Trick-Betrüger nicht zu Ehren führte, folgte Karl May dem Talent, das er von  N a t u r  aus in besonders hohem Maße besaß: er wurde Schriftsteller, Märchenerzähler, wurde zugleich sein eigener Therapeut. Ein ›Natur-Arzt‹.



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Generationen von Lesern haben sich amüsiert über Rosts Marotte, seine fundierten Kenntnisse der Anatomie durch immer wiederkehrendes Erwähnen eines der Mehrzahl der Menschen nicht sonderlich vertrauten Muskels zu demonstrieren; namentlich der Kaputzenmuskel (W 131, 310, 351, passim; W 619 ohne t geschrieben) und der rautenförmige Muskel (W 310, 314, 425, passim) haben es ihm angetan. Ulkige Eigenarten solcher Art finden sich bei mancher Karl-May-Figur: Sam Hawkens führt »wenn ich mich nicht irre« als ständige Redensart; Dick Hammerdull behauptet bei jeder Gelegenheit, »ob ... oder nicht ... das bleibt sich gleich«; der lange Selim schnarrt immer wieder »Richtig, sehr richtig!«; und der Hobble-Frank glänzt durch eine fulminante Drei-Achtel-Bildung, die zu hinreißenden sprachlichen Fehlleistungen führt. Wenn wir annehmen, die dem kleinen Begleiter des großen Old Shatterhand beigegebene Eigentümlichkeit sei nichts weiter als ein lustiger Einfall des Autors ohne weitere Bedeutung, so läßt sich das nicht schlüssig widerlegen. Wenn wir aber - was bei Karl May so häufig angebracht ist - mißtrauisch sind gegen vordergründig-oberflächliche Betrachtung, wenn wir uns fragen, ob irgendwelche unbewußten (oder gar durchschauten?) Einflüsse die Feder des Autors lenkten, so will sich eine Erklärung anbieten. Beweiskraft ist ihr nicht eigen; und ich stelle sie, wie das bei derartigen Deutungen geboten ist, unter allen Vorbehalt. Aber da es sich um Karl May handelt, ist Kühnheit nicht verwerflich.

   Der handlungstechnisch nicht erforderliche Hinweis auf die Muskelgruppe des Schlüsselbeins (W 314) liefert m. E. den Hinweis, daß hier ein ›Schlüssel‹ angesprochen wird. Und diesen Schlüssel finden wir, wie in so vielen anderen Fällen bei Karl May, in Wort-Zusammenhängen.


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   Aus vielerlei Rautengewächsen in freier Natur lassen sich seit alter Zeit belebende Gewürze und heilkräftige Arzneimittel gewinnen. Der aus ›ruta‹ hergeleitete Begriff Rautenpflanzen (Rutaceen) gründet sich auf ›ryomai‹ (›-mai!‹), zu deutsch ›retten‹. Zahlreiche in den Jahren 1895 und 1896 bei Fehsenfeld erschienene May-Bände tragen - aus welchen Gründen auch immer - auf dem Titelblatt ein kleines, floralähnliches Dekor, das als stilisierte Wiedergabe beinahe jedes beliebigen Rautengewächses angesehen werden kann.149

   Die Herausgabe der ›Gesammelten Reiseerzählungen‹ in Buchform durch Fehsenfeld hatte sich längst als ›rettende Tat‹ für Karl May erwiesen. Und daß Fehsenfeld die durch Influenza und Augenleiden bei Karl May verursachte schleppende Produktion in den Jahren 1894 bis 1896150 ebenso geduldig hinnahm wie Mays ständiges Abweichen von ursprünglichen Plänen und Ankündigungen,151 daß der Geldzustrom nicht stockte, ›rettete‹ Karl May über vieles hinweg.

   Gehen wir davon aus, daß Karl May das (wahrscheinlich ja wohl rein zufällig vom Verlag gewählte) ›Rauten‹-Dekor wahrgenommen hatte, so liegen die in ihm hervorgerufenen Assoziationen auf der Hand. Und als er dann mit ›»Weihnacht!«‹ seine endgültige innere Errettung machtvoll vorantrieb, lag es nahe, daß er das aus einem Rautengewächs hergeleitete, mit seinem eigenen Namen verknüpfte ›Rettungs‹-Motiv regelrecht in den kleinen Rost - den ›Ableger‹ seines Ich - ›einpflanzte‹ ... und ihn davon reden ließ. Rost führt also den rautenförmigen Muskel ›sinnbildlich‹ im Munde.152 Und Karl May spricht damit von seinen erfolgreichen Reiseerzählungen.

   Das ausschlaggebende Moment dabei aber ist die Differenzierung des rautenförmigen Muskels vom Kapuzenmuskel. Kapuze deutet auf Verhüllung - und damit sind wir beim Kern der Erklärung. Wird mit dem rautenförmigen Muskel ein Teil des schriftstellerischen Werkes ›sinnbildlich‹ angesprochen, so umfaßt der Kapuzenmuskel einen anderen Teil. Und im Gesamtwerk Karl Mays trifft Kapuze = Verhüllung, vorsätzlich und in voller Absicht vorgenommene Verhüllung, exakt auf das Verbergen seiner Autorschaft bei den pseudonym publizierten Münchmeyer-Romanen zu. Hier hatte er den Namen Karl May mit einer ›Kapuze‹ zugedeckt. Und gerade zur Zeit der Niederschrift von ›»Weihnacht!«‹,1897, als dieser Name Karl May schon legendären Ruf genoß, ragte der Schatten der Münchmeyer-Romane groß und drohend auf. Karl May sah sich zu einer inneren Auseinandersetzung mit ihnen genötigt.


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Zum einen neigte er dazu, sich von diesen Musenkindern zu distanzieren; er rechnete sie nicht zu seinen Perlen - denn er läßt das kranke Ich Carpio, wie weiter oben dargelegt, abwertend davon sprechen. Zum anderen möchte er sich doch mit großen Teilen des umstrittenen Geistesgutes identifizieren - so wie er sich ja auch, und gerade, kühn bekennt zu seiner Autorschaft des in der Haftzeit in Osterstein entstandenen Leitmotiv-Gedichtes ›Weihnachtsabend‹. Teile dieses Gedichtes hat er in zweien seiner pseudonym-anonym gedruckten Romane, in ›Das Waldröschen‹ und ›Der verlorene Sohn‹, veröffentlicht, hat damit mutig vor sich selbst Sträflings-Dasein und Schriftsteller-Dasein verquickt. Dieses Gedicht zählt er zu den gelungensten seiner zahlreichen literarischen Schöpfungen - und wenn es würdig war, in ›Waldröschen‹ und in ›Der verlorene Sohn‹ zu erscheinen, können weite Teile dieser Romane gar nicht schlecht sein. In einer regelrechten ›Flucht nach vorn‹ hatte er ja schon über hundert Seiten aus ›Waldröschen‹ Ende 1894 in den hastig zusammengestellten Band ›Old Surehand II‹ als reine Abenteuergeschichte ›Der Königsschatz‹ übernommen,153 allerdings nicht nach dem Manuskript, denn das besaß er nicht mehr, sondern nach der von Pauline Münchmeyer veranlaßten, besonders eingebundenen gedruckten Ausgabe, die er - wie die der anderen Romane - 1894 als eine Art Besänftigungsgeste im schwelenden Streit um die mangelhafte Honorarabrechnung erhalten hatte.154 Und was er damals feststellte, brachte er im Jahre 1905 so zu Papier:

   Damals, als ich einige Abschnitte aus dem »Waldröschen« nahm, um sie für »Old Surehand« in Druck zu geben, fiel es mir auf, dass ich so viel herauszustreichen oder zu ändern hatte. Jetzt habe ich einen Zeugen gefunden, der ein Freund der Frau Münchmeyer ist und mir trotzdem bezeugen wird, dass Heinrich Münchmeyer damals grad in diesen Abschnitten sehr arg herumgeändert hat.... Ich stosse auf Fäden, die ich nicht kenne, auf Spuren, die nicht von meiner Psyche, sondern von anderen Seelen stammen. Ich entdecke Münchmeyers wohlbekannte Stapfen ... Die satte Deutlicheit in der Beschreibung weiblicher Reize. Redewendungen, die nur ihm allein eigen waren. Dann plötzlich ein logischer Barbarismus von solcher Ungeheuerlichkeit, dass man laut aufschreien möchte. Das ist ... Walter, der ... die Manuskripte der Münchmeyerschen Mitarbeiter auf das »Irdisch-Weibliche« hin durchzusehen hatte. ... und wer mich nun liest, der hält ihn für May und findet mich »abgrundtief unsittlich«155


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   ›Anstößig‹ und ›abgrundtief unsittlich‹ jedenfalls in der Diktion all der Kritiker und Neider, die schon in den neunziger Jahren nur nach einer Gelegenheit suchten, den Namen des gefeierten Karl May zu verunglimpfen. Heinrich Keiter, dem Redakteur der Zeitschrift ›Deutscher Hausschatz‹, war eine entsprechende Nachricht ins Haus geflattert. Besorgt um die Reputation seines Blattes hatte er unter dem 17. Juli 1897 in einem Brief an Karl May expressis verbis »Das Waldröschen - Der verlorene Sohn - Deutsche Herzen - Der Weg zum Glück - Deutsche Wanderer« als diejenigen Titel genannt, die »mit Ihrem Namen nicht in Verbindung gebracht werden dürfen«.156

   Wenige Wochen vor Beginn der Niederschrift von ›»Weihnacht!«‹ sah Karl May sich also einem gravierenden Problem gegenüber, das er nicht zu lösen vermochte. Über die ihn bedrohenden Unannehmlichkeiten war er sich gewiß klar, doch scheute er offenbar zu jener Zeit vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung zurück - die er angeblich führen wollte157 - und glaubte sich vielleicht auch dank seiner Position bei Fehsenfeld stark genug, um es auf eine Konfrontation mit Keiter ankommen lassen zu können. Was er im Jahre 1905 als Erklärung für seine Haltung ab 1900 schrieb, dürfte im ganzen auch seine Einstellung im Jahre 1897 wiedergeben:

   Ich weiss, dass die meisten meiner Freunde mich begreifen; es gibt aber doch welche, die sich darüber wundern, dass ich nicht alles andere im Stich gelassen habe, um nur schleunigst meine Rechte gegen Münchmeyer-Fischer zu verteidigen. Diesen guten Leuten habe ich zu sagen, dass es für mich denn doch noch andere und bedeutend höhere Interessen gibt, als sie da meinen. Die Arbeit an meiner Lebensaufgabe ist die Hauptsache für mich. Was ich noch zu schreiben habe, muss unbedingt geschrieben werden. Kommt eine Störung darein, und sei sie noch so gross und noch so schädlich für den Augenblick, so kann sie doch nur nebenbei beseitigt, nicht aber zur Hauptsache werden. Wir haben Gesetze und wir haben Richter. Ich brauche also weder überhaupt Angst zu haben, noch mich einiger Menschen wegen zu überstürzen, die mir zwar alles nehmen wollen, aber doch nichts nehmen können.158

   ›»Weihnacht!«‹ war ihm wichtiger als die Beruhigung Heinrich Keiters. Aber seine unterschwelligen Besorgnisse nahm er mit hinein in den Schreibprozeß - und das Thema Münchmeyer zieht sich, in unterschiedlicher Gewandung, hier und da mit dem bei May gewohnten Identitäts-Wechsel, hier und da auch gleichsam als ›Nebenprodukt‹ innerhalb anderer Spiegel-Szenen, durch die ganze Erzählung.


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Gleich zu Beginn ist es verwoben in die Motette - die Grundlage für des Ich-Erzählers plötzliche Geldeinnahme. Das opus operatum sollte freilich tiefes Geheimnis bleiben (W 3), und »Auf dem Originale hat mein Name nicht gestanden.« (W 12) Sehr richtig. Die Ereignisse in Wald-enburg, zur Weihnacht 1859, vermengen sich mit den Ereignissen um ›Wald-röschen‹, das nicht Mays Namen trug, aber zur Weihnacht 1882 willkommenes Geld bescherte. Dann stellt sich heraus, daß in der Motette radiert worden ist (W 13), daß sie Fehler enthält (ebd. ), daß ein Mitschüler namens Krüger sich dabei durch seine Handschrift verrät (W 12) - ein Clown und Zirkusmusikant und einer von den »... Leuten, mit denen ich nichts zu thun haben mag!« (W 386): Karl May hat in gedruckten Ausgaben seiner Münchmeyer-Romane Änderungen und Entstellungen entdeckt (»eine Schlechtigkeit, eine Gemeinheit, ...«; W 13), die seinem ›Mit-Verschworenen‹ Heinrich Münchmeyer anzulasten sind159 - Münchmeyer, der, ehe er Verleger wurde, als Musikant durchs Land gezogen war und der im Familienkreis nicht unbedingt den Respekt genoß, auf den er Anspruch erhob. Er hatte gegen die Abmachung gehandelt: Es muss bemerkt werden, dass ich weder eine Korrektur noch eine Revision zu lesen bekam. Es war also unmöglich festzustellen, ob oder dass meine Werke genau so gedruckt wurden, wie ich sie geschrieben hatte. Es wurde mir einmal gesagt, dass Münchmeyer riesig ändere. Da ging ich hinein, liess mir den letzten Druck und das letzte Manuskript geben und schaute nach. Da entdeckte ich nun freilich derartige Veränderungen, dass ich drohte, sofort mit Schreiben aufzuhören, falls das nur noch ein einziges Mal vorkomme. Er versprach hoch und teuer, es nicht wieder zu tun, weder selbst, noch von anderen tun zu lassen.160

   »lch habe ihn vorgehabt, und er hat es eingestehen müssen; die Sache wird noch vor die Konferenz kommen.« (W 13) Karl May, durch Erfahrung gereift - wie der Kantor, den er die Worte sprechen läßt -, erwog also in der Tat gerichtliche Schritte; aber das ewige Kind in ihm schreckte davor zurück: »Bringen Sie Krüger nicht vor die Konferenz! Ich bin heute so glücklich und würde die ganze Freude an diesem Glück verlieren, wenn er in Strafe käme.... Er ist ja die eigentliche Ursache« (W 14), daß die Motette gedruckt wurde!161 - daß Karl May Geld dafür bekam. Der Gedanke, den Mann, den er Freund genannt hatte, fünf Jahre nach seinem Tode (Münchmeyer starb im April 1892 in Davos) anzuschwärzen, ihn als Schuft hinzustellen, widerstrebte einem Karl May, der selbst einiges zu verbergen hatte und darauf hoffte, es


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werde nie ans Licht kommen ... Und im übrigen: »Inzwischen habe ich eine Abschrift, natürlich ohne die hineingemachten Fehler, genommen und die Motette dann dem Buchhändler eingeschickt, Ihnen zuliebe und diesem Krüger zum Aerger.« (W 13) Die Episode ›Der Königsschatz‹ ist in Karl Mays Gesammelte Reiseerzählungen aufgenommen worden!

   Sodann ist der ›Indianerbrief‹, der Hillers Gefangenschaft und die Bedingungen seiner Freilassung schildert (W 206-211), eine Umschreibung der Situation, in der Karl May sich gegenüber dem Verlag Münchmeyer befand. Der Name des den Brief absendenden Häuptlings, Yakonpi-Topa, ›Vier Cowboys‹ (W 206), spielt an auf die vier pseudonym-anonym verbreiteten Romane, ebenso die vier Schoschonen (Schlangenindianer; W 206), die zusammen mit Hiller in Gefangenschaft geraten und namenlos bleiben, während Hiller identifiziert wird: einer der Münchmeyer-Romane, ›Die Liebe des Ulanen‹, war ja unter Mays Namen erschienen. Hiller und die Schoschonen sollen sechs Krähenindianer erschossen haben (W 207) - was nicht stimmt (W 465) -, die Anspielung darauf, daß Karl May die Autorschaft der fünf Romane und des begonnenen und Fragment gebliebenen sechsten, ›Delilah‹ (1887), ableugnen würde, wenn er könnte; er muß jedoch die Wahrheit eingestehen. Der identifizierte Gefangene, Hiller, soll Lösegeld bezahlen: Karl May sollte 1894 abermals einen Roman für den Münchmeyer-Verlag schreiben;162 dieser kam nicht zustande, da May sich zu Recht übervorteilt sah - - und Old Shatterhand zahlt auch das Lösegeld für Hiller nicht. Bei den Beteiligten handelt es sich ausgerechnet um ›Krähen‹, die im Volksmund als Unglücksbringer verschrieen sind, und um ›Schlangen‹! Old Shatterhand aber weiß im weiteren Verlauf der Erzählung bravourös mit ihnen umzugehen: Die Schlangenindianer bleiben seine Freunde, wie sie es vordem waren, und die Krähenindianer weiß er auf seine Seite zu bringen - - Ausdruck der neben der inneren Unsicherheit immer auch durchschimmernden Auffassung, es werde schon alles gut gehen.

   Rein vorsorglich hat Stephan Hiller sich mit den einschlägigen Gesetze(n) seines Vaterlandes beschäftigt (W 198), um die Ehre wieder herzustellen (ebd.) und um sich zu vergewissern, wie man in den Wiederbesitz alter Rechte gelangt (ebd.).163 Ohne Zweifel wußte Karl May schon 1897, daß der Mangel an schriftlichen Abmachungen mit Münchmeyer ihm keine Handhabe bot, wegen Bruchs des Pseudonyms zu klagen, daß er aber notfalls wenigstens den §1142 des Bürgerlichen Gesetzbuches vom 2ten Januar 1863 ... : ›Der Verlagsvertrag berechtigt blos zu einer Auflage ... ohne jedoch die Zahl von 1000 überschreiten zu


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dürfen!« ...164 beiziehen werde. Das eigentliche Problem wurde damit freilich nicht gelöst - und in der Erzählung bleibt auch offen, inwieweit Hiller sich auf einschlägige Gesetze berufen kann und wird.

   Als Old Shatterhand in die Gefangenschaft der Krähenindianer (auch Upsarokas genannt) geraten ist und sich mit gefesselten Händen in kühnem Handstreich davonmacht (W 437), läßt er es bewußt auf einen Tumult ankommen. Er eilt gleich darauf in das Indianerlager zurück, um in Ruhe den Schiedsspruch zu erwarten (W 439f.) »Old Shatterhand hat bewiesen, daß er frei sein kann, wenn er will. ... Er hätte sich retten können, ist aber freiwillig zurückgekehrt, weil er weiß, daß die Söhne der Upsaroka's mutige Thaten anerkennen und einen ehrlichen Feind von einem tückischen zu unterscheiden wissen.« (W 440f.)165 Flucht vor den Münchmeyer-Romanen - Aufruhr um den Namen Karl May - trotzige Kehrtwendung: Man soll nur das Beste hoffen!

   Die Zwiespältigkeit seiner eigenen Haltung bringt Karl May vorzüglich zum Ausdruck, als sein Teil-Ich Old Shatterhand mit den beiden anderen Existenzen Rost und Hiller die Frage der Urheberschaft des Weihnachtsgedichtes erörtert (W 524). Rost wird ganz plötzlich zu einem Schwätzer und steht im Begriffe, Dinge zu verraten, welche jetzt noch Geheimnis bleiben mußten (ebd. ), und für Hiller, den Unnachgiebigen, ist der Dichter »ein unreifer Knabe, der noch voller Ammenmärchen steckte.« (ebd.) Außerhalb der Funktion Hillers als des zeitweiligen Gotteszweiflers Karl May und doch eng mit dieser Funktion verknüpft, wird hier der Schmerz des Autors sichtbar: ist er nur in kindlicher Einfalt der Auffassung erlegen, das in enger Gefängniszelle mit Herzblut geschriebene Gedicht müsse läuternde Kraft auf alle ausüben? Schützt dieses Gedicht, das doch ›Waldröschen‹ und ›Der verlorene Sohn‹ innerlich veredelt hat, ihn nicht vor Nachstellungen? Waren Münchmeyers treuherzige Bekräftigungen aller Versprechen nur Ammenmärchen? Anscheinend war das kindliche Vertrauen eines Karl May in die Redlichkeit des Verlegers - und jetzt dessen Witwe - eine unverzeihliche Torheit. Die Romane wurden als ›abgrundtief unsittlich‹ angeprangert. Es war ihnen [d. i. Karl May und diesen Romanen] ein großes Unrecht geschehen, dem sie wehrlos gegenüber gestanden hatten. Man hatte eine, wie es schien, sehr schwere Schuld auf sie geworfen, deren Folgen, also der Bestrafung, zu entgehen, sie geflüchtet waren. Die Ehre der Familie war verloren gegangen ... (W 198) Die Flucht ins Pseudonym hatte letztendlich nichts genützt. Es galt jetzt, Beweise ihrer Unschuld zu erbringen (ebd.) - - aber es wäre ganz und gar unangebracht, wenn der unvorsichtige frühere Oberkellner (W 524), Dr. Rost, sprich: der frühere Redakteur und vorgebliche ›Herr Doktor


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May‹, voreilig und unnötig an unrechter Stelle mit der ganzen oder der halben Wahrheit herausrücken würde. Und in dieser heiklen Situation läßt Old Shatterhand sich auch nicht wankend machen in seiner Überzeugung: »Die höchste Vernunft ist Gott, und nur allein deshalb, weil ich Gott fürchte, habe ich den Teufel nicht zu fürchten!« (W 525)

   Der Teufel - das ist die dunkle Ungewißheit, wer Keiter unterrichtet hat, wer Karl May mit den Münchmeyer-Romanen droht, welche Schrecken ihm bevorstehen. Mag aber der Weg auch gefahrvoll sein - das Weihnachtsgedicht, das so beziehungsvoll die verleumdeten Geschichten vom ›Waldröschen‹ und vom ›Verlorenen Sohn‹ mit der so wohlkomponierten und dabei so eilig entstehenden Erzählung ›»Weihnacht!«‹ verbindet, soll ja Erlösung bringen. Es erscheint im Grunde undenkbar, daß Gott seine reumütige Kreatur Karl May jetzt etwa fallenläßt und den Gegnern die Oberhand gewährt.



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Der Teufel - das unbekannte Wesen. Er kann jede Maske tragen. Sogar die eines Gottesmannes... Gottesmann? Da ist doch gerade in ›»Weihnacht!«‹ der falsche Prayer-man, der sich als Prediger ausgibt und in Wahrheit nur Böses im Schilde führt - einer, mit dem Old Shatterhand arg aneinandergerät und dessen verzerrtes Gesicht ... wie eine Teufelsfratze wirkt (W 598). Steckt mehr in ihm als der fromme Seminardirektor (LuS 163) Schütze? Ein Drohgespenst aus jüngerer Zeit, das sich neben den Schatten des so furchtbar lebendig gebliebenen Direktors stellt?

   »Seht ihn doch einmal an!« sagt der Prayer-man über den als Mr. Meier getarnten Helden. »Er ist seines Zeichens Schriftsteller, ein Papierfresser und Tintentrinker... Solche Prahlhänse bekommen eine wahre Todesangst, wenn es sich um Thaten handelt!« (W 247f.) Und er wirft die Frage auf, ob dieser Schriftsteller vielleicht kein Geld habe (W 248). Das anschließende Wettschießen entscheidet ›Mr. Meier‹ für sich, aber: Mein Gegner wollte nach dem Gelde greifen; da schob ich meinen Arm vor und sagte: »Ich habe Ihnen schon einmal eine Lehre gegeben; versuchen Sie es ja nicht, eine zweite herauszufordern ...« (W 253) »Was soll das heißen? Was meinen Sie? Soll das etwa eine Drohung sein?!« fuhr er mich zornig an. »Sie sind nicht der Mann, der auch nur einem Floh in meinem Rocke Angst einjagen könnte!« »Ich habe es weniger auf die Flöhe in Ihren Kleidern als vielmehr auf das Ungeziefer in Ihrem Gewissen abgesehen!« (W 254)


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   Ist die überraschende Verwendung der Vokabel ›Floh‹ darauf zurückzuführen, daß Karl May sich ausmalte, wie der Leitung vom ›Deutschen Hausschatz‹ ›ein Floh ins Ohr gesetzt‹ wurde? Und sah er eine Intrige dahinter - ›Ungeziefer‹?

   Zu meinem Mißbehagen sehe ich mich außerstande, die hier verborgene zweite Identität des Prayer-man aufzudecken.166 Möglicherweise war sie Karl May selbst unbekannt geblieben, hatte Heinrich Keiter eisern geschwiegen. Notwendigerweise aber muß Karl May an der Person des von Keiter im Brief vom 17. Juli 1897 erwähnten »geistliche(n) Herrn«, der ja offenbar der Informant über Mays Münchmeyer-Romane gewesen war, interessiert gewesen sein. Vielleicht vermutete er gar ein Täuschungsmanöver - gegebenenfalls insofern, als der »geistliche Herr« nur vorgeschoben worden war vom eigentlichen Informanten und dieser eigentliche Informant sich Keiter gegenüber nicht zu erkennen gab, weil es sich um einen - Kollegen handelte? Ein Redakteur, ein Schriftsteller, der wegen Anschwärzung eines anderen Redakteurs und Schriftstellers - eben Karl May - scheel angesehen worden wäre und sich dem Verdacht ausgesetzt hätte, nicht uneigennützig zu handeln? Und führte eine etwaige solche Annahme Karl May weiter?

   Falls - es ist zu betonen: falls - Karl May einen Verdacht gehegt hat, so mag - auch dieses ›mag‹ ist zu betonen - der hier nachfolgend skizzierte Gedankengang am Platz sein. Die darin enthaltenen Fakten sind von den hieraus abgeleiteten Überlegungen mühelos zu trennen.167



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Aus der Zeit seiner Tätigkeit als Redakteur bei Münchmeyer (März 1875 bis März 1877) kannte Karl May den Münchmeyer-Konkurrenten Moritz Lilie.168 Dieser wohnte jahrelang in Mays Nähe - in Kötzschenbroda wie auch in Niederlößnitz - und trat 1892 auch als Beiträger im ›Deutschen Hausschatz‹ hervor.169 Nach den Feststellungen Klaus Hoffmanns170 wußte Lilie um Mays Autorschaft der vier Kolportage-Romane; er ließ sich von May mit Geld aushelfen und erwartete von ihm - offenbar im Jahre 1892 - auch die Rettung wegen einer Ehrenschuld, die er (Lilie) zu begleichen hatte.171 May weigerte sich, diese Schulden Lilies zu bezahlen, und ließ es - als dieser mit einer Drohgebärde reagierte - darauf ankommen, von Lilie der Verleumdung bezichtigt zu werden - was ihm noch im Jahre 1909 von seinen Prozeßgegnern angelastet wurde.172 Seit jenem Zwist wegen der Ehrenschuld


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herrschte Gegnerschaft. Karl May sah in Moritz Lilie einen Neider. Nach den Ermittlungen von Klaus Hoffmann bezog sich Karl May noch im Jahre 1905 - nach Lilies Tode - im wesentlichen auf diesen, als er schrieb: Hier, in der Lössnitz, begann die Herausgabe meiner Spemannschen und Fehsenfeldschen Bände, welche den Zweck haben, die Vorstudien zu meinen eigentlichen, späteren Arbeiten unter den deutschen Lesern zu verbreiten und diesen eigentlichen Arbeiten den Boden vorzubereiten. Der fast beispiellose Erfolg dieser Bücher ist bekannt; ihm steht ein fast ebenso beispielloser, feindseliger Neid meiner Herren »Kollegen« zur Seite. Jeder, der da irgend etwas geschrieben hat, was keine Leser findet, hält es für seine Pflicht, mich glühend zu hassen und unversöhnlich zu verfolgen. Ich sehe mich gezwungen, diesen Umstand zu erwähnen, weil er in Beziehung auf die Münchmeyerschen Machinationen von hervorragender Bedeutung ist.173 Und alles spricht dafür, daß es Moritz Lilie war, der jene so merkwürdig harmlos klingende Anfrage nach dem Verfasser des Romans ›Deutsche Herzen - deutsche Helden‹ im Januar 1894 in den Leserbriefkasten ausgerechnet des ›Deutschen Hausschatz‹ einbrachte:

   »Frage- und Antwortkasten. 11) Ist einem von den geehrten Lesern bekannt, von wem der Roman ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ geschrieben ist? Von demselben Verfasser soll auch ›Waldröschen‹ und ›Der Fürst des Elends‹ stammen. H. M.«174 Die Leser des ›Deutschen Hausschatz‹ im Geiste mit denen der Münchmeyer-Produktion gleichzusetzen, war eine Dreistigkeit; gerade bei ihnen ein präzises Wissen über den Autor dieser Romane zu unterstellen, setzte entweder große Naivität oder Abgefeimtheit voraus. Es sieht so aus, als habe Lilie, ohne sich zu erkennen zu geben, Heinrich Keiter einen sehr deutlichen Wink über den ›Starautor‹ des ›Deutschen Hausschatz‹, Karl May, geben wollen: Nachforschungen Keiters hätten ziemlich bald zu May als ›Waldröschen‹-Verfasser führen können. Keiter war aber seinerzeit erkrankt175 und bekam jene ›Leseranfrage‹ möglicherweise gar nicht zu Gesicht; eine Reaktion seinerseits ist nicht bekannt geworden. Er wurde erst aktiv, als ihm - offenbar im Sommer 1897 - »der geistliche Herr« und/oder andere Informanten (von Moritz Lilie angestiftet?) die Nachricht zutrug(en), »dass Carl May  i n  d e n  J a h r e n  1 8 8 3  b i s  1 8 8 7  bei einer den Verlag von Colportage-Romanen pflegenden Dresdener Firma (H. G. Münchmeyer) Hintertreppen-Romane der allerbedenklichsten Sorte herausgegeben habe.«176 Die Verlagsleitung erklärte dazu, unter Bezugnahme auf die Ereignisse im Sommer 1897, am 29. April 1901: »Nachdem wir uns durch Autopsie von dem über alle Maßen unsittlichen Inhalt jener theils anonym, theils pseudonym


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erschienenen Romane, von denen jeder an 2600 Seiten 8° zählt, überzeugt und uns die  w i e d e r h o l t e  Erklärung des Verlegers gesichert hatten,  › d a ß  d e r  V e r f a s s e r  d e r  R o m a n e  i d e n t i s c h  s e i  m i t  D r .  K a r l  M a y ,  d e r  f ü r  F e h s e n f e l d  i n  F r e i b u r g  s c h r e i b e ,  und die Romane selbst thatsächlich in den 80er Jahren erschienen seien,‹ wurde May von uns befragt, ob die Angaben Münchmeyer's der Wahrheit entsprächen. May antwortete am 16. Juli 1897 hierauf: ›Ich werde die Münchmeyer'sche Verlagshandlung [sic]  g e r i c h t l i c h  b e l a n g e n  und Ihnen das Resultat mittheilen.‹ Dr. Karl May hat aber weder den Rechtsweg beschritten, noch auch sonst den allermindesten Versuch gemacht, sich von der schweren Anschuldigung zu entlasten. Damit war für uns die Sache entschieden.«177

   Die Klage, wir wissen es, ließ noch lange auf sich warten. Inzwischen war, im März 1899, der Verlag in die Hände von Adalbert Fischer übergegangen, der nie verhehlte, vor allem an Karl Mays Romanen und an deren Neuherausgabe interessiert gewesen zu sein. Und dieser Adalbert Fischer war im März 1897, zwei Jahre zuvor, in Niederlößnitz zufällig Nachbar von Moritz Lilie geworden: Informant und Interessent sozusagen Tür an Tür.178 Welche Rückschlüsse bieten sich da an.

   Von einem Wissen Karl Mays über eine etwaige Rolle Lilies als Urheber der ›Leseranfrage‹ vom Januar 1894 und/oder als Urheber der für den ›Deutschen Hausschatz‹ so bestürzenden Nachricht im Sommer 1897, May habe »Hintertreppen-Romane der allerbedenklichsten Sorte herausgegeben«, kann hier keine Rede sein. Aber ein Verdacht mag für ihn sehr wohl nahegelegen haben. Und die Umformung eines solchen Verdachts findet sich dann in ›»Weihnacht!«‹ in dem Prayerman, der über ›Mr. Meier‹ spottet, und in des Prayer-man's Spießgesellen Eggly, der über Carpio herzieht ...



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Der »geistliche Herr« - als der von Lilie Vorgeschobene dabei mit Lilie gleichgesetzt - gießt seinen Hohn aus über den Schriftsteller und bezichtigt ihn der Todesangst, wenn es sich um Thaten handelt (W 248) - in diesem Falle also um entweder ein mannhaftes Bekenntnis, der Autor jener Romane zu sein, oder einen mutigen Feldzug unter der Überschrift ›Verleumdung‹! Er provoziert den Kontrahenten, sein Geld zu zeigen - wie Lilie einst May bewogen hatte, ihm Geld zu geben. Und als er nach verlorener Wette (einer Ehrenschuld!) nicht für


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seinen Verlust einstehen will, schob ich meinen Arm vor (W 253), d. h. verweigerte das Geld, und es kommt zum Eklat.

   Außerdem gibt es da einen Wechsel auf Sicht auf fünftausend Dollars, ausgestellt von Frank Sheppard und angenommen von Emil Reiter (W 291f.) und ein Geständnis (W 292). Dieser Emil Reiter erweist sich uns als eine der andern Existenzen allein schon durch seine Vorliebe für das Weihnachtsgedicht, das er auswendig kann (W 600). Als ein ›verlorener Sohn‹ und nicht etwa das Muster eines vorzüglichen Menschen (W 600) ist er durch das Gedicht zum Nachdenken gekommen und nicht tiefer gesunken (ebd.) In seinem Wechsel auf Sicht haben wir, wie es aussieht, noch ein weiteres Mal die Reminiszenz daran, daß Lilie Geld von May erhielt (waren es vielleicht fünf-hundert Mark?). Und in Reiters Geständnis heißt es: »Ich ... verspreche, dem Untersuchungsrichter auf Vorzeigung dieses Zugeständnisses den Mord sofort und ohne Weigerung einzugestehen.« (W 292) Da zeigt der Begriff Untersuchungsrichter nun deutlich auf deutsche Rechtsinstitutionen; der Westen Amerikas kannte den Untersuchungsrichter nicht. Und auch das Wort ›Zugeständnis‹ ist innerhalb dieses famosen Geständnisses evident fehl am Platze; es rutschte dem Autor aber erklärlicherweise in die Feder, wenn ein Teil seines Ich beim Schreiben insgeheim bestimmten Verdachtsüberlegungen folgte: In diesem Geständnis läßt sich - immer unter der uns gebotenen Prämisse - die Spiegelung jenes Zugeständnisses sehen, zu dem May sich bequemte, wenn er zugab, »verleumderische Beleidigungen ›wider besseres Wissen‹ getan zu haben.«172 Verleumderische Beleidigungen - also Ruf-›mord‹ - die Emil Reiter zur Last gelegte böse Tat. Und das in der Realität so heikle ›wider besseres Wissen‹ paßt genau zu dem in der Erzählung so wichtigen Umstand, daß es eben nicht Emil Reiter war, der den Mord beging, sondern Sheppard selber - der seinerseits Emil Reiter in der Hand hatte wie Moritz Lilie den Kollegen May wegen dessen Kolportageromane. May nahm damals die »verleumderische(n) Beleidigungen« wohl nach außen hin zurück, um nicht vor Gericht erscheinen zu müssen und seine Ruhe zu haben, hielt ihren Inhalt aber für sich im stillen aufrecht. War er aber seinerzeit wirklich rufschädigend gegen Lilie aufgetreten, so beging nun dieser seinerseits als Denunziant bei Keiter Ruf-›mord‹ gegen May (den Verdacht als Tatsache angenommen).

   Eng verbunden mit dem ränkevollen Prayer-man ist dessen Kumpan Eggly. Der zweite Teil seines Namens - ly - deutet stark auf ›Lilie‹. Damit gewinnt die Beschimpfung Carpios durch Eggly, zusätzlich zu der in Abschnitt 35 beschriebenen Interpretation, eine unmittelbar auf 1897 bezogene Aktualität: Durch seine Denunziation Karl Mays beim


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›Deutschen Hausschatz‹ konnte Moritz Lilie diesen Konkurrenten für endgültig erledigt halten, nachdem May ihm so lange Zeit schon lästig gewesen war. »Die Sporen heruntermachen und verlieren!« (W 346) d. h. hier, der unrechtmäßigen Lüftung des Pseudonyms, das den Absatz der auf ›Waldröschen‹ folgenden Romane («vom Verfasser des ›Waldröschen‹«) kräftig ›angespornt‹ hatte, nicht vorbeugen und nun hilflos dastehen!179

   Moritz Lilie lebte 1897 noch; sein mutmaßliches ›Teil-Spiegelbild‹ Eggly findet wie der Prayer-man einen gräßlichen Tod - anders als der alte Lachner, den Karl May laufen läßt (wie er den Lebensweg Scheunpflugs und Pfützners offenbar nie verfolgt hat). Die Erklärung für diesen Tod findet sich - auch dies mit Vorbehalt gesagt - womöglich in Moritz Lilies Pseudonym ›Woldemar Berndt‹:180 Es ist ein B-a-e-r, der Eggly dessen e-n-d(e) bereitet (W 595f.). Insgeheim Ausdruck eines grimmigen Wunsches, der ›Neider‹ möge eines Tages an seinen eigenen Lügen ersticken? (Ein Pseudonym ist ja - ganz streng genommen - eine ›Lüge‹.)

   Und eben in der Szenerie um den Tod Eggly's liegt ein Fingerzeig, daß ein Verdacht Karl Mays in Richtung Moritz Lilie alias Woldemar Berndt geführt hat: Carpio, der gläubige Tor, den die Schurken kaltblütig opfern wollten, das kranke Ich, hat bei geschlossenen Augen visionär die Wahrheit über die Vorgänge bei der Gegenseite erkannt (W 594) und bewirkt noch vor seinem Dahinscheiden die Aktion, die Hiller, den anderen Thor (W 610), vor dem Zugriff des Bären (›Berndt‹) bewahrt. So wird Hiller - die am wenigsten befriedigende der etlichen andern Existenzen - gerettet, nachdem er sich gemeinsam mit Eggly in höchster Gefahr befunden hat und nachdem böse Zweifel an seinem Davonkommen ihn ebenso heimgesucht hatten wie die Reue (W 596). Karl May war sich anscheinend sicher, im richtigen Moment wieder einmal einen Geistesblitz zu haben - diesmal in Sachen Bedrohung durch die Münchmeyer-Romane -, der ihn vor Schmach bewahren sollte. Die Kraft dazu sollte ihm aus der Gewißheit erwachsen, alles Schwache in sich überwunden zu haben und weder Last noch Schuld mehr zu tragen.

   Aber Carpio ist kein Halef, der Kara Ben Nemsi rettet - wie der kleine wagemutige Halef in Karl May zweimal die Loslösung von Münchmeyer bewerkstelligte; und die Selbst-Identifizierung des Autors mit Hiller ist so aufdringlich dargeboten, dabei Hillers Verhalten so widersprüchlich in sich selbst,181 daß er uns innerlich fremd bleibt und seine Erlösung von allem Übel uns denn doch gekünstelt vorkommen will.182 Gekünstelt wie Mays Zuversicht, von Mißhelligkeiten


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wegen der Münchmeyer-Romane verschont zu bleiben. Die Überwindung der Schrecken der Vor-Waldheim-Zeit (Carpio) bietet keine Garantie, per Gnadenerlaß nun auch für später begangene Torheiten nicht zahlen zu müssen.183



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Karl May ist indes von der Wirksamkeit, von der Güte, vom bleibenden Erfolg seines schriftstellerischen Werks überzeugt. Und so sagt er über Rost am Schluß: Seine innere Stimme wird ihm inzwischen gesagt haben, daß der Kapuzenmuskel und der rautenförmige nicht die einzigen Muskeln derMenschen sind, welche Erwähnung verdienen. (W 619) Er hat ja tatsächlich den kleinen Rost einigemale auch den großen (,) vorder(e)n, gekerbten (W 314, 425) nennen lassen, den breiten Halsmuskel (W 515) sowie den Aufheber, ... den kleinen, vorderen und gekerbten und den musculus subclavens (alle W 314). Er will also - wenn wir die in Abschnitt 37 vorgeschlagene Erläuterung akzeptieren - alles in allem sagen: Karl May hat nicht nur spannende Romane, unter Pseudonym, für Münchmeyer und großartige Reiseerzählungen für den ›Deutschen Hausschatz‹ und für Fehsenfeld geschrieben, sondern auch Jugenderzählungen bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft herausgebracht, und er hat Dorfgeschichten, Humoresken, Geographische Predigten und manches andere verfaßt (die Reihenfolge ist willkürlich; eine Zuordnung zu den einzelnen Muskeln wollen wir uns versagen).184 Auch das sind Produkte, welche Erwähnung verdienen. Keine einzige unsittliche Stelle in all dem - wie sollen ihm da die Münchmeyer-Romane, die doch  e r  nicht verdorben hat, den Hals brechen!?

   Er hat jetzt, in der inneren Rückschau während des Schreibprozesses, die zur Weihnacht 1894 wegen Pauline Münchmeyers undurchsichtiger Machenschaften aufgekommenen Besorgnisse neutralisiert durch den zur selben Weihnacht registrierten stillen Triumph infolge der Eingliederung von Teilen aus ›Waldröschen‹ in ›Old Surehand II‹; und ungeachtet der Probleme mit dem ›Deutschen Hausschatz‹ liefert ihm ›»Weihnacht!«‹ noch vor der Weihnacht 1897 so viel Entkrampfung, daß er - wie in Anlehnung an Franz Lachners berühmte Kantate - seine eigenen ›vier Menschenalter‹ in dieser Erzählung souverän personifizieren und unter dem Weihnachtsbaum vereinigen kann.

(Wird fortgesetzt)


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118 Der erste Teil dieses Beitrages, im Jahrbuch 1987, behandelte vornehmlich Karl Mays literarische Umsetzung des Kerzendiebstahls von Waldenburg, 1859; der zweite Teil, im Jahrbuch 1988, Mays Flucht durch Böhmen Ende 1869 und die Ich-Spaltung am Beispiel Carpios. Er leitete zum hier beginnenden dritten Teil über mit dem Ausspruch Old Shatterhands: »Ich bestehe ... noch aus einigen andern Existenzen.« (W 374)

119 Das Kürzel W verweist auf: Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XXIV: »Weihnacht!«. Freiburg 1897.

120 Untergründig mag in May bei der Wortwahl ›Advokat‹ mitgespielt haben, daß sich damit im Volksmund die Bezeichnung ›Rechtsverdreher‹ verband (und verbindet). Dabei flossen dann der Advokat und sein Bureauchef zu einer Person zusammen.

121 Siehe Klaus Hoffmann: Karl May als »Räuberhauptmann« oder Die Verfolgung rund um die sächsische Erde. Karl Mays Straftaten und sein Aufenthalt 1868 bis 1870. 1. Teil. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Jb KMG) 1972/73. Hamburg 1972, S. 215-247 (228-231).

122 Siehe Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg o.J. (1910); Reprint Hildesheim-New York 1975. Hrsg. von Hainer Plaul (künftig: LuS) S. 92.

Ein adliger Bekannter - und Bahnhofsvorstand -, den Heinrich May hätte aufsuchen können, ist nicht bekannt geworden. ›Bahnhof‹ mag wegen der an solchem Ort herrschenden vielerlei Betriebsamkeit eine verfremdende Vokabel für das Arbeitshaus Zwickau, Schloß Osterstein, sein, wo die Häftlinge in 70 verschiedenen Beschäftigungen eingesetzt wurden und wo Karl May reichlich Gelegenheit zum ›Schreiben‹ hatte. Siehe Hainer Plaul: »Besserung durch Individualisierung«. Über Karl Mays Aufenthalt im Arbeitshaus zu Zwickau von Juni 1865 bis November 1868. In: Jb-KMG 1975. Hamburg 1975, S. 127-199. - Der Anstaltsdirektor, Eugène d'Alinge,  w a r  von Adel. Natürlich ist jede Annahme, Heinrich May habe ihn - ggf. durch seine Verwandten - in irgendeiner Form gekannt, bloße Spekulation.

123 Vgl. ebd. S. 176- 187.

124 In LuS nehmen Karl Mays Eltern eine maßgebende Rolle nur ein bis zu dem Moment, als der Autor dem Verleger Münchmeyer den Handschlag gibt: Vater und Mutter nickten mir bittend zu; da gab ich ihm den Handschlag; ich war - - - Redakteur. (LuS 183) Danach ist von den Eltern, außer einer kurzen Erwähnung des Vaters auf S. 186, nicht mehr die Rede.

125 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. 1: Durch Wüste und Harem. Freiburg 1892, S. 20f.

126 Siehe Walther llmer: Durch die sächsische Wüste zum erzgebirgischen Balkan. Karl Mays erster großer Streifzug durch seine Verfehlungen. In: Jb-KMG 1982. Hamburg 1982, S. 97- 130.

127 Vgl. ebd., S. 129, Anm. 51 a.

128 Siehe Klaus Hoffmann: Karl Mays Seminar- und Lehrerzeit, Ostern 1856 bis Weihnachten 1861. Monographie. Unveröffentlichtes Manuskript - dem Verfasser des vorliegenden Beitrages auszugsweise großzügig zur Verfügung gestellt (ein herzliches Danke! diesem verdienstvollen Karl-May-Forscher).

129 Vgl. ebd.

130 Karl May's Gesammelte Werke Bd. 34: »Ich«. Bamberg, 21. Aufl., S. 344

131 Siehe Franz Kandolf, Adalbert Stütz, Max Baumann: Karl Mays Bücherei. In: Karl-May-Jahrbuch (KMJB) 1931. Radebeul o. J., S. 212-291 (241f.).

132 Walther Ilmer: Das Märchen als Wahrheit - die Wahrheit als Märchen. Aus Karl Mays ›Reise-Erinnerungen‹ an den erzgebirgischen Balkan. In: Jb KMG 1984. Husum 1984, S. 92-138

132a Hoffmann: Karl Mays Seminar und Lehrerzeit, wie Anm. 128

133 Siehe Claus Roxin: Karl May, das Strafrecht und die Literatur. In: Jb KMG 1978. Hamburg 1978, S. 9-36 (12).

134 Siehe Hans Wollschläger: Karl May in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1965, S.21 - Neufassung: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 30 (Diogenes Taschenbuch 112).

135 Siehe May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 122, S. 371, Anm. 108.


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135a Hoffmann: Karl Mays Seminar- und Lehrerzeit, wie Anm. 128

136 Der Selbstmord Lachners durch Erhängen findet sich nur in der Bamberger Ausgabe der Gesammelten Werke.

137 Wären Lachner und Carpio positive Figuren, könnte man vermuten, der in Kompositionslehre bewanderte Karl May habe den lebensfrohen zeitgenössischen Komponisten Franz Lachner (1803-1890) im Sinn gehabt, der nicht zuletzt durch zwei großartige Kantaten (!), ›Sturmmythe‹ und ›Die vier Menschenalter‹, hervorgetreten war. Die Erzählung ›»Weihnacht!«‹ zeigt den Ich-Erzähler Karl May als Schöpfer einer Motette und umreißt (wie später dargelegt wird) gewissermaßen seine eigenen ›vier Menschenalter‹. Eine Anknüpfung an Carpio ist durch ›Franz‹ (vgl. Abschnitt 16 dieses Beitrages) wie durch ›Motette‹ (Kantate) gegeben. Die Düsternis des Wesens des alten Lachner wie auch Carpios Lebensuntüchtigkeit schließen eine Assoziation mit Franz Lachner jedoch aus.

138 Siehe Klaus Hoffmann: »Nach 14 Tagen entlassen...«. Über Karl Mays zweites ›Delikt‹ (Oktober 1861). In: Jb-KMG 1979. Hamburg 1979, S. 338-354.

139 Siehe Hoffmann: Karl Mays Seminar und Lehrerzeit wie Anm. 128.

140 Vgl. ebd. - Abbildungen des Seminardirektors Schütze und des Schulinspektors Pfützner finden sich in: Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern. Der große Karl-May-Bildband. Hrsg. von Gerhard Klußmeier und Hainer Plaul. Hildesheim-New York 1978, S. 27 (Abb. 27) und S. 42 (Abb. 58).

141 Siehe Heinz Stolte: Die Reise ins Innere. Dichtung und Wahrheit in den Reiseerzählungen Karl Mays. In: Jb-KMG 1975. Hamburg 1975, S. 11-33 - ders.: Die Affäre Stollberg. Ein denkwürdiges Ereignis im Leben Karl Mays. In: Jb KMG 1976. Hamburg 1976, S. 171-190 - ders.: Mein Name sei Wadenbach. Zum Identitätsproblem bei Karl May. In: Jb-KMG 1978. Hamburg 1978, S. 37-59.

142 Siehe die genealogischeTafel ›May‹. In: May: Mein Leben und Streben, wie Anm.122.

143 Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund ist mir nie beschieden gewesen. (Ebd., S. 53)

144 Das Brüderpaar in ›Leilet‹ (1875, Vorform der Senitza-Erzählung in ›Durch Wüste und Harem‹), Harry und Thomas Melton in ›Satan und Ischariot‹ (1891 /92), die Brüder Schwarz in ›Die Sklavenkarawane‹ (1889), Old Surehand und Apanatschka in ›Old Surehand‹ (1894-96) sind einige der zahlreichen Beispiele - ein reiches Feld für die Forschung.

Der Wiener Karl-May-Forscher Ludwig Patsch sah Karl Mays Sehnsucht nach einem leiblichen Bruder in Winnetou verkörpert; siehe Viktor Böhm: Karl May und das Geheimnis seines Erfolges. Wien 1955, S. 124; Gütersloh 21979, S. 138. - Die von Böhm erwähnten Arbeiten Patschs von 1938 (›Spiegelungen‹, ›Dr. med. Heilig‹, ›Karl Mays Traumwelt‹, sämtlich unveröffentlichte Manuskripte) liegen meinen Beiträgen nicht zugrunde.

145 Ein Hermann Rost war Mitglied des Turnvereins Hohenstein Ernstthal - siehe Hoffmann: Karl May als »Räuberhauptmann«, wie Anm. 121 S. 236. - Eine Verbindung zu Hans Rost, dem nachmaligen Schriftleiter der ›Augsburger Postzeitung‹, die 1909 Karl Mays ›Winnetou IV‹ im Vorabdruck herausbrachte, erscheint nicht angebracht, da Hans Rost 1897 erst 20 Jahre alt war und Mays Bekanntschaft mit ihm zu diesem Zeitpunkt nicht nachweisbar ist. Zu Hans Rost siehe Dieter Sudhoff: Einführung (zu ›Winnetou IV‹). In: Karl May: Winnetou Bd. IV. In: Augsburger Postzeitung, Beilage Lueginsland Nr. 88 (1909) - Nr.36 (1910), Augsburg, S. 8, Anm. 17; Reprint der Karl-May Gesellschaft. Hamburg 1984.

Ob Karl May etwa seinen Zeitgenossen, den 1836 in Berlin geborenen, bereits 1867 zum Professor der Medizin ernannten und wegen seiner offenen Wundbehandlung rasch zu Renommee gelangten Edmund Rose im Sinn hatte, bleibt offen.

146 So genannt nach Dr. John Watson, dem loyalen, aber wenig scharfsinnigen Begleiter des von Arthur Conan Doyle geschaffenen Meisterdetektivs Sherlock Holmes. Im Werk Karl Mays sind zahlreiche solche Figuren vertreten.

147 Als ein Beispiel für viele siehe die zusammenhängenden Ausführungen in Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XIX: Old Surehand III. Freiburg 1896, S. 122 und 150.


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148 Siehe Gerd Asbach: Die Medizin in Karl Mays Amerika-Bänden. Düsseldorf 1972 - Hans Höss: Kara Ben Nemsi als Hekim. In: Vom Lederstrumpf zum Winnetou. Autoren und Werke der Volksliteratur. Hrsg. von Siegfried Augustin und Axel Mittelstaedt. München 1981, S. 81-94.

149 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. VII: Winnetou der Rote Gentleman I. Freiburg,11. -15. Tsd. - ders.: Gesammelte Reiseromane Bd. VIII: Winnetou der Rote Gentleman II. Freiburg, 11.-15. Tsd. - ders.: Gesammelte Reiseromane Bd. V: Durch das Land der Skipetaren. Freiburg,16. - 20. Tsd. - ders.: Gesammelte Reiseromane Bd. XVII: Im Lande des Mahdi II. Freiburg,11. - 15. Tsd. Von Exemplar zu Exemplar auch innerhalb ein und derselben Auflage sind Abweichungen möglich.

150 Siehe Fritz Maschke: Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe. Bamberg 1973, S. 58-60.

151 Siehe Roland Schmid: Nachwort (zu ›Old Surehand I‹). In: Karl May: Freiburger Erstausgaben Bd. XIV. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1983, N1 - N12 ders.: Anhang (zu ›Auf fremden Pfaden‹). In: Karl May: Freiburger Erstausgaben Bd. XXIII. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1984, A1 - A42.

152 In der deutschen Volkskunst taucht die Raute als Sinnbild häufig auf - wenngleich nicht als Pflanze, sondern in geometrischer Form. Im übrigen mag Karl May auch ›Die Rautenkrone‹, damals der höchste Königl. Sächsische Haus- und Verdienstorden, im Sinn gehabt haben: welche Sensation hätte es doch bedeutet, wäre ihm diese Auszeichnung verliehen worden.

153 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. XV: Old Surehand II. Freiburg 1895, S. 251-424, vom Autor übernommen aus: Karl May: Das Waldröschen oder Die Verfolgung rund um die Erde. Dresden 1882 (im Reprint einer späteren Ausgabe; Hildesheim-New York 1968ff., S. 376-483) - Vgl. hierzu Karl May: Ein Schundverlag. Ein Schundverlag und seine Helfershelfer. Prozeßschriften Bd. 2. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 364.

154 Siehe May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 122, S. 241 - May: Schundverlag, wie Anm. 153, S. 363.

155 May: Schundverlag, wie Anm. 153, S. 376f.

156 Wiedergegeben bei Wilhelm Vinzenz: Karl Mays Reichspost-Briefe. Zur Beziehung Karl Mays zum ›Deutschen Hausschatz‹. In: Jb-KMG 1982. Husum 1982 S. 211-233 (224) - Der von Heinrich Keiter in diesem Brief erwähnte »geistliche Herr« (ebd. ) ist offenbar bisher nie identifiziert worden.

Die Kennzeichnung »Deutsche Wanderer« bezieht sich (offenbar aufgrund einer Verwechslung von Zeitschrift und Romantitel) auf die Zeitschrift ›Deutscher Wanderer‹, Münchmeyer, Dresden, in der Karl May 1883-85 seinen Roman ›Die Liebe des Ulanen‹ unter seinem Namen veröffentlichte. - Die Veröffentlichung der Romane ›Der verlorene Sohn oder Der Fürst des Elends‹ (1883-85), ›Deutsche Herzen-Deutsche Helden‹ (1885-87), ›Der Weg zum Glück‹ (1886-1887) erfolgte zunächst mit der Angabe »vom Verfasser des ›Waldröschen‹ ...«. Münchmeyer brach jedoch das Pseudonym schon 1888 als er eine Buchausgabe des Romans ›Der Weg zum Glück‹ mit der Verfasserangabe »von Karl May« auf den Markt brachte; alle früheren Hinweise auf den »Capitain Ramon Diaz...« waren damit gegenstandslos (vgl. Klaus Hoffmann: Werkartikel ›Der Weg zum Glück‹. In: Karl May Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 410-418; S. 410).

157 Keiters o. a. Brief vom 17. 7. 1897 ist die unmittelbare Erwiderung auf Mays Äußerung vom 16. 7. 1897: Ich werde die Münchmeyersche Verlagsbuchhandlung gerichtlich belangen und Ihnen das Resultat mittheilen (wiedergegeben bei Wollschläger, wie Anm. 134, S. 71/S. 89; leicht entstellt bei Vinzenz, wie Anm. 156, S. 216. Siehe hierzu auch Hermann Cardauns: Herr Karl May von der anderen Seite. In: Jb-KMG 1987. Husum 1987, S. 206-224; S. 215).

158 May: Schundverlag, wie Anm. 153, S. 371; ähnlich dort auch S. 351.

159 Die Namensänderung ist weniger entstellend als auf den ersten Blick zu vermuten. Neben dem wesentlichen ›ü‹ und ,-er‹ sind das ›ch‹ aus ›Heinrich‹ in Form des ›K‹ und das ›g‹ aus ›Gotthold‹ (Münchmeyers zweitem Vornamen) vorhanden.


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160 May: Schundverlag, wie Anm. 153, S. 352

161 ›Motette‹ ist hier zu sehen anstelle des mit ihr ja unmittelbar und ›leit-motivisch‹ verknüpften Weihnachtsgedichtes, das zuerst in ›Waldröschen‹ Aufnahme fand. - Wie Roland Schmid (Roland Schmid: Anhang (zu ›»Weihnacht!«‹). In: Karl May: Freiburger Erstausgaben Bd. XXIV. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1984), so verweist auch Hainer Plaul auf Dezember 1867 als die wahrscheinlichste Zeit der Entstehung des Weihnachtsgedichtes und führt dazu weiter aus: »Vielleicht waren [die Verse] gar als Textgrundlage für ein Lied, eine Motette oder Kantate gedacht, vielleicht . . . aber auch nur zum Vortrag bestimmt.« (Plaul, wie Anm. 122, S. 175). Die Erzählung ›»Weihnacht!«‹ zeigt, daß - und wie - Karl May dies nahezu verwirklicht hat.

162 Siehe May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 122, S. 240f. - May: Schundverlag, wie Anm. 153, S. 361-366.

163 Karl May schreibt ungeschminkte Autobiographie, als er an dieser Stelle (W 198) sagt: Das Studium des Knaben und die Hingabe an die Erreichung dieses einzigen, großen Lebenszweckes hatte natürlich Opfer gefordert, vor allen Dingen pekuniäre. Hiller hatte verdienen müssen und doch zu keinem erwerblichen Berufe Kenntnisse oder Geschick besessen ... Damit bezieht sich May auf seine Situation in der Jugend und die Ausbildung am Lehrerseminar, auf Heinrich Mays Versuche, aus den verschiedensten Nebenbeschäftigungen Geld zu ziehen, und auch auf Karls Ausweichen auf die Schriftstellerei als einzige ihm verbliebene Finanzquelle. Darüber hinaus reflektiert May hier, daß sein - zwar unvollkommenes, gleichwohl aber unerläßliches - Selbststudium als freier Schriftsteller ihn viel Zeit kostete, die ihm zur Produktion geldbringender Texte fehlte.

164 Wiedergegeben bei Klaus Hoffmann: Nachwort (zu ›Das Waldröschen‹). In: May: Das Waldröschen, wie Anm. 153, S. 2619-2686 (2631)

165 Der Ausbruch Old Shatterhands zu Pferde, mit gefesselten Händen, spiegelt gleichermaßen die Flucht mit Handschellen am 26. Juli 1869, als er u. a. wegen Pferdediebstahls in Haft war; die freiwillige Rückkehr deckt sich mit der auf die Jahreswende 1869/70 bezogenen Bemerkung in ›Mein Leben und Streben‹: Ich kehrte also nach fünf Monaten wieder heim, um mich dem Gericht zu stellen ... (S. 168) - eine Absicht, die er dann durch die Wadenbach-Mär selbst durchkreuzte.

166 Vgl. Anm. 156.

167 Die Richtigkeit der Überlegungen läßt sich nach den derzeitigen Erkenntnissen in der Karl-May-Forschung nicht erweisen. Dennoch wäre es, die Besonderheiten der Lebensumstände Karl Mays und seiner Darstellungsweise im Auge, nicht zutreffend, ausschließlich ›Spekulationen‹ zu konstatieren.

168 Siehe May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 122, S. 394f., Anm. 167 und Anm. 168.

169 Siehe Moritz Lilie: Eine bange Stunde. In: Deutscher Hausschatz. XVIII. Jg. (1891/ 92) Nr. 17, S. 260-263 (die letzte Seite findet sich in Karl May: Der Mahdi/Im Sudan. In: Deutscher Hausschatz. XVIII. Jg. (1891/92); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1980, S. 68).

170 Klaus Hoffmann: Nachwort (zu ›Das Waldröschen‹). Manuskript, S. 55-57; in der gedruckten Fassung (wie Anm.164) nicht enthalten. Das Manuskript verzeichnet eine Fülle May-biographisch relevanter Einzelheiten, die auch den Hintergrund der Verhältnisse bei Münchmeyer, seiner Witwe und dem nachmaligen Verlagsleiter Adalbert Fischer ausleuchten. Klaus Hoffmann hat es mir ebenso uneigennützig zur Verfügung gestellt wie die in Anm. 128 genannte Unterlage. Noch ein weiteres herzliches Danke! (Die in der Druckfassung ausgesparten Teile des Manuskriptes haben keinen unmittelbaren Bezug zu ›Das Waldröschen‹.)

171 Inwieweit hier etwa ein erpresserischer Hintergrund - ähnlich dem Vorgehen von Rudolf Lebius 1904 - vorlag, bleibt unklar.

172 In einem Schriftsatz vom 25. September 1909, wiedergegeben bei Rudolf Lebius: Die Zeugen Karl May und Klara May. Ein Beitrag zur Kriminalgeschichte unserer Zeit. Berlin 1910, S. 211, heißt es bei den Vorhaltungen gegen Karl May u. a.: »Ich verweise ferner auf eine vom Kläger [d. i. Karl May] ge- und unterschriebene Erklä-


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rung von 1892, inhalts deren er bekennt, gegen einen inzwischen verstorbenen Schriftsteller verleumderische Beleidigungen ›wider besseres Wissen‹ getan zu haben.« Mit dem »inzwischen verstorbenen Schriftsteller« ist Moritz Lilie gemeint. Siehe Hoffmann: Nachwort (zu ›Das Waldröschen‹) (unveröffentlicht), wie Anm. 170.

173 May: Schundverlag, wie Anm. 153, S. 357f. - Nach Hoffmann: Nachwort (zu ›Das Waldröschen‹) (unveröffentlicht), wie Anm. 170, hatte May hierbei auch Moritz Lilie im Sinn. - Die von May genannten »Spemannschen Bände« sind die Jugenderzählungen (›Der Sohn des Bärenjägers‹, ›Die Sklavenkarawane‹, ›Der Schatz im Silbersee‹ usw.), die - unterVerlagsleitung von Wilhelm Spemann - in der Jugendzeitschrift ›Der Gute Kamerad‹ (ab dem 1. Jahrgang,1887) erschienen und dann (ab 1890) in der von Wilhelm Spemann mitbegründeten ›Union Deutsche Verlagsgesellschaft‹ in Buchform herauskamen.

174 In Faksimile wiedergegeben bei Gerhard Klußmeier: Karl May und Deutscher Hausschatz IV. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft (M-KMG) 19/1974, S. 17. Der Titel ›Der Fürst des Elends‹ ist gleichbedeutend mit ›Der verlorene Sohn‹. Die Initialen »H. M.« können ein geschickter Hinweis auf den Verlag Heinrich Münchmeyer sein. Zur Frage der Urheberschaft der Anfrage siehe: Hoffmann: Nachwort (zu ›Das Waldröschen‹) (unveröffentlicht), wie Anm. 170.

175 Die entsprechende Redaktionsanzeige ist faksimiliert wiedergegeben bei Klußmeier, wie Anm. 174, S. 17. - Vgl. hierzu Walther Ilmer: Der Professor, Martha Vogel, Heinrich Keiter und Mays Ich. Zweiter Teil. In: M-KMG 48/1981, S. 3-10 (S. 3, S. 9 Anm. 34-38). Meiner damaligen Anspielung, Keiter selbst habe (aufgrund einer Anzeige des Verlags Münchmeyer in dem soeben in Voraus-Exemplaren verbreiteten ›Gesammt-Verlags-Katalog des Deutschen Buchhandels‹, worin May als Autor der vier Romane genannt wurde) auf Umwegen May scharf warnen wollen, hat Wilhelm Vinzenz - wie Anm. 156, S. 224, S. 233 Anm. 17 - nicht ohne Grund widersprochen. Die ›Täterschaft‹ Moritz Lilies ist wahrscheinlicher. - Bedauerlicherweise gibt es keinen Anhalt, wer jene mit »H. M.« gezeichnete Anfrage im Juli 1894 wie folgt beantwortet hat: »Frage 11 H. M. auf S. 256 betr. Der Verfasser von ›Waldröschen‹ und ›Der Fürst des Elends‹ ist: Kapitän Diaz de la Escosura. Es dürfte Ihnen also auch der Verfasser von ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ bekannt sein, vorausgesetzt, daß dieser Roman denselben Verfasser hat. W. A. R. in E.« (in Faksimile wiedergeben bei Klußmeier, wie Anm. 174, S. 18).

176 Vinzenz, wie Anm. 156, S. 216

177 Ebd. - Die ›Befragung‹ Mays fand zwischen dem 8. und 12. Juli 1897 statt, als der Autor für zwei Tage in Regensburg Station machte. (Ebd., S. 223)

178 Siehe Hoffmann: Nachwort (zu ›Das Waldröschen‹) (unveröffentlicht), wie Anm.

179 Da ›Egg‹ zu deutsch ›Ei‹ heißt, wäre eine noch weiterführende gedankliche Verbindung zu K-ei-ter nicht unbedingt von der Hand zu weisen: May mag in dem Brief vom 17. 7. 1897 eine Drohgebärde gesehen haben.

180 Die Kenntnis dieses Namens verdanke ich dem in Anm. 170 genannten Manuskript.

181 Man vergleiche einerseits Winnetous Schilderung Hillers als guten Samariter (W 296) und andererseits Hillers Rachsucht, deren Realisierung seiner weiteren Existenz als Pelzjäger in indianischen Regionen nur abträglich gewesen wäre (W 533). Der Ich Spaltung des Autors wird dies freilich gerecht.

182 Hillers hilfloses Warten auf den Zugriff des Bären erinnert lebhaft an den in der Kapelle der Toter gefesselten Ssali Ben Aqil, den die Bären belecken und der nach seiner Errettung durch Kara Ben Nemsi zum Gewandelten wird. Siehe: Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XV111: Im Lande des Mahdi 111. Freiburg 1896, 3. und 4. Kapitel. Karl May legt Ssali ähnliche ›Visionen‹ in den Mund wie Carpio (zu ›Vision‹ vergleiche Abschnitt 14 dieses Beitrages).

183 Die Disparität zeigt sich auch im Verhältnis des Erzählers zu den beiden Hiller: Der Kontakt zu dem jungen Stephan ist freundlich bis leutselig-souverän: May blickt gelassen auf die Turbulenzen der fern liegenden Vergangenheit zurück, das Verhältnis zu dem älteren Hiller ist gespannt - weil die Mißgriffe des über vierzigjährigen Karl


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May diesen noch sehr beschäftigen. War er doch förmlich nach Birnai an der Elbe geflüchtet, als könne er damit der Bestrafung ... entgehen. (W 198)

184 Nur zum großen, vorderen, gekerbten Muskel könnte ggf. bemerkt werden, daß er die Spemannschen Bände repräsentiert, die im Format größer waren als die bei Fehsenfeld und von denen ›Die Helden des Westens‹ (›Der Sohn des BärenJägers‹) zeitlich den Fehsenfeld-Bänden vorausging (sollte gekerbt - g-k - auf ›Guter Kamerad‹ hindeuten?).




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