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ANDREAS GRAF

Abenteuer und Sinnlichkeit(1) - Ein Versuch


Die Leidenschaft ist ein treuer Diener, aber kein guter Herr.
Sprichwort



I

Das 19. Jahrhundert hat, wie kaum ein Säkulum zuvor, eine charakteristische und eigenständige Abenteuerliteratur hervorgebracht, die, will man heute den Typus dieser Romane beschreiben, geradezu als paradigmatisch für das Genre gelten kann. Für Deutschland markiert Karl May mit seinem Gesamtwerk zweifellos einen Höhepunkt der Gattungsentwicklung, die von Autoren wie Postl/Sealsfield, Gerstäcker, Möllhausen, Strubberg/Armand, Ruppius, Wörishöffer oder Goedsche/Retcliffe vorbereitet und mitgetragen wurde. Für Frankreich wären Autoren wie Sue, Dumas, Aimard, Ferry oder Verne, für den angelsächsischen Raum Scott, Cooper, Marryat, W. Irving, Mayne Reid, Stevenson u.a., für Polen Sienkiewicz, Kraszewski oder Fiedler, für Flandern Conscience und für Italien Salgari zu nennen. Es handelt sich also um ein europaweites Phänomen, dessen massive und anhaltende Präsenz mit dem notorischen Hinweis auf die stattgehabten technischen Verbesserungen in Buchherstellung und -vertrieb - etwa Entwicklung von Rotationsmaschinen oder Durchsetzung der Eisenbahn - nur unzureichend erklärt werden kann. Sicher spielt für den Leseboom des Jahrhunderts auch die Entwicklung der Lesefähigkeit und das Zurückdrängen des Analphabetismus eine große Rolle; man geht, mangels sicherer Zahlen, für Deutschland nach einer bekannten Faustformel (Ziffern des Jahrzehnts = Prozentsatz der Lesefähigen; z.B. 1820: 20%, 1890: 90%) davon aus, daß gegen Ende des Jahrhunderts etwa der Stand der heutigen Alphabetisierung erreicht wurde. Doch mit diesen kurzen Hinweisen ist natürlich die spezielle Durchsetzungskraft des Abenteuerromans noch in keiner Weise erklärt. Vielmehr muß eine gewisse Kongruenz von literarischer Struktur und zeitgenössischer Lesererwartung angenommen werden, eine besondere Qualität dieser Romane muß also zusammengetroffen sein mit einer bestimmten, wenigstens zeitweise vorherrschenden gesellschaftlichen Disposition. Eine Klärung dieses Sachverhaltes könnte Aufschlüsse liefern zur Mentalitätsgeschichte einer ganzen Epoche. Das 19. Jahrhundert wird, aus vielen Gründen und zu Recht, das bürgerliche genannt - obwohl


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das Bürgertum in Deutschland zu jener Zeit nur eine kleine Minderheit war: »je nach Abgrenzung zwischen 5 und 15 Prozent«.(2) Wie es zu dieser ganz besonderen, vor allem auch kulturellen Durchsetzungskraft einer Minderheit kommen konnte, gerät bei Betrachtung des Abenteuerromans zwangsläufig in die Überlegung.

Einen ersten Hinweis auf die Erfolgsgründe könnte e x n e g a t i v o die Beobachtung liefern, daß die gesamte Gattung im Laufe des 19. Jahrhunderts die verschiedenen Wandlungen eines Marginalisierungsprozesses durchläuft, in dessen Verlauf die Lektüre Coopers und Scotts, vereinfacht gesprochen, von einer Erwachsenen- zu einer Heranwachsendenbeschäftigung mutiert. Die zu Beginn des Jahrhunderts entstandenen, viele hundert Seiten starken Werke dieser Autoren waren am Ende des Jahrhunderts oft nur noch in dünnen, zuweilen kaum noch zehn Prozent der Originalromane ausmachenden Bearbeitungen >für die Jugend< auf dem Buchmarkt vertreten. Für Karl May gilt, mit der entsprechenden zeitlichen Verzögerung, ähnliches.(3) Es hat mithin offenbar eine massive Verschiebung des Publikums stattgefunden: aus dem - müssen wir annehmen - im Leben stehenden, Verantwortung für Familie, Gesellschaft und Staat tragenden bürgerlichen Leser wurde ein unerwachsener, mit sich und den meisten übergeordneten Systemen noch in Identitätskonflikten liegender Jugendlicher. Damit fand sich eine ganze Gattung marginalisiert und in den Rezeptionsraum des Pubertätsalters abgedrängt.

Doch schon vorher und in anderen Bereichen sind im Bürgertum Tendenzen beobachtbar, den Abenteuerroman an den Rand der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu drängen bzw. zu ignorieren. Es ist beispielsweise dem gesamten 19. Jahrhundert nicht gelungen, eine Theorie des Abenteuerromans auszubilden. Die Zeit weiß nicht, daß sie Abenteuerromane produziert, geschweige denn, welche dies sind und warum dies geschieht. Die Rezensenten gehen an den meisten Produkten dieser Art achtlos vorüber, bestenfalls werden einzelne Romane mit folgenlos bleibenden Überlegungen bedacht. Es entsteht kein Gespräch, keine kritische Öffentlichkeit und kein Disput über Möglichkeiten, Grenzen oder Funktion von Abenteuerliteratur, obgleich diese Art Romane vermutlich zur vorwiegenden Lektüre auch des Bürgertums gehörten. Damit ist, anders als etwa in den Fällen von Bildungs- und Entwicklungsroman, von historischem, Gesellschafts-, Sozial-, Berlin- oder Heimatroman, die bürgerliche Epoche für den gesamten Bereich einer Gattung ohne Bild von sich selbst geblieben. Diese Beobachtung kann man in solcher Deutlichkeit sonst nur noch für den erotischen resp. pornographischen Roman machen - eine


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zunächst überraschende Parallele, die aber keinesfalls zufällig ist und bei näherer Betrachtung bezeichnende Konturen gewinnt. Überlegt man etwa aus heutiger Sicht, welche Bestimmungen als Hauptimplikationen des Begriffs >Abenteuer< überhaupt in Frage kommen, drängen sich zwei dominante Bereiche in den Vordergrund: das erotische und das Reiseabenteuer. Beide Begriffe beschreiben gewissermaßen räumliche Veränderungen des Subjekts, das Reiseabenteuer die geographische, das erotische Abenteuer die soziale Bewegung.(4)

Am Ende des Jahrhunderts, im sogenannten Schundkampf - in dessen Verlauf ja auch Karl May zwischen die Mühlsteine religiöser und nationalistischer Fundamentalisten geriet - wurden mit dem Begriffspaar >Schmutz und Schund<(5) nicht zufällig beide Aspekte des Abenteuers, Erotisches (= Schmutz) und Aktionsreiches (= Schund), in einer spießbürgerlichen Abwehrhaltung zusammengebunden. Eine trotz allem unzureichend zivilisierte, in politischen und ästhetischen Konventionen erstarrte Gesellschaft von Zylinder-, Säbel- und Korsettträgern machte mobil gegen einige Reste von Wildnis in ihrem Innern, zu deren Abwehr apokalyptische Chiffren von Chaos und Untergang des Abendlandes beschworen wurden. Die gesamte, massenhaft verbreitete nationalistische und kriegverherrlichende Literatur des Wilhelminismus blieb dabei bezeichnenderweise von jeder neuen Indizierungswelle aufgeregter Pädagogen stets unangetastet.(6) Mit Angstdemagogie, die angeblich bevorstehendes Chaos beschwor, ließ sich damals am leichtesten Krieg und reales Chaos inszenieren-, eine mit entsprechenden Parolen desensibilisierte Gesellschaft schickte ihre Halberwachsenen gewissenlos in die Schützengräben des Ersten Weltkrieges. Mit Lesern aus dem Geist von >Winnetou< oder auch nur den >Memoiren einer Sängerin< wäre ihr das, die Herren von Avenarius bis Wolgast ahnten es wohl, nicht so ohne weiteres gelungen.

Natürlich ist die Abenteuerliteratur - nicht zuletzt gegenüber den Salonromanen der gleichen Zeit, in denen gepflegt Konversation gemacht wird und alle Leidenschaften unter der Decke bleiben - eine zutiefst sinnliche, allen Sinnlichkeiten ergebene und alle sie bedienende ästhetische Angelegenheit, und es verwundert zunächst, daß jene zeitgenössischen Rezensenten, die sich überhaupt mit dem Komplex Abenteuer auseinandersetzten, diesen Aspekt nicht überhaupt viel deutlicher hervorgehoben haben. Die Verwunderung hält sich freilich in engen Grenzen, denn immerhin haben wir es mit dem viktorianischen Zeitalter zu tun, dessen Verdrängungen sich selbstverständlich auch in diesem Bereich und selbstverständlich auch in seiner borussischen bzw. saxonischen Spielart manifestieren. Denn das ist der Aben-


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teuerroman: Körper und Rassen krachen aufeinander,(7) Säfte und Sprachen vermischen sich,(8) Höhepunkt reiht sich an Höhepunkt, Retardationen sind nur Vorspiele zu neuerlichen Spasmen einer überdrehten Handlung, und Vernunft wird allein bemüht, um Emotionen um so effektvoller in Szene setzen zu können. Wenn Old Shatterhand gegen Blitzmesser zum gefährlichen Kampf antritt, wenn er mit Winnetou den Bruderkuß tauscht und wenn er seinem Rappen Hatatitla zärtlich über die Nüstern streicht, dann ist die schiere Körperlichkeit solcher literarischen Bildwelten Ausdruck tiefer realer Sehnsüchte bei Autor wie Leserschaft. Mit der sinnlichen Wortprägung Früchtehunger hat May selbst diese Sehnsucht gelegentlich bezeichnet.(9) Eine Gesellschaft, die sich selbst als rational und aufgeklärt verstand, kapselte ihre Reste von Wildheit, Exotik und Sinnlichkeit ein: in Menagerien, Zoos, Bordelle - und Abenteuerromane.(10) Auf diese Weise abgespalten, führten sie ein quasi nebengesellschaftliches Eigenleben, das im kollektiven Diskurs nicht mehr reflektiert wurde. Eine Kultur des Unsinnlichen hatte obsiegt, und die Natur selbst war zur Peinlichkeit degradiert. Jeder wußte darum, doch niemand sprach darüber.

Wie es um Karl May als Person bezüglich seiner Sinnlichkeit bestellt war, ist eine offene Frage. Hieran hat auch die emsige Forschergemeinde der vergangenen zwanzig Jahre - einem stillschweigenden Abkommen folgend und in schöner Nachfolge prüder Gepflogenheiten des vorigen Jahrhunderts - bislang nicht gerührt, obwohl doch spätestens seit der Veröffentlichung von Mays >Studie< über seine erste Frau Emma einiges an auswertbarem Material vorhanden ist. In diesem Punkt ist eine merkwürdige geistige Kontinuität heutiger Apologeten Mays mit dessen seinerzeitigen Gegnern zu beobachten, denn immerhin sind eine Reihe von Affären Mays mit verheirateten und unverheirateten Damen lange bekannt, sogar eines oder mehrere uneheliche Kinder scheinen möglich. Das scheuklappige Verhalten der Forschung mag bis zu einem gewissen Grad eine Nachwirkung der amüsanten und in vielen Bereichen erhellenden, i n t o t o aber leider schief gewickelten Hypothesen Arno Schmidts sein. Jedenfalls könnte man nach Kenntnisnahme des derzeitigen Forschungsstandes annehmen, daß May offenbar eine sexuelle Identität nicht gehabt hat. Manches, das sich mit einigem guten Willen zum Nutzen der Forschung klären ließe, bleibt deshalb weiter Vermutung; etwa der für die Einschätzung der weiteren psychischen Entwicklung des Autors vielleicht nicht unwichtige Tatbestand, daß der siebzehnjährige May im Lehrerseminar in Plauen offenbar beim Masturbieren ertappt worden war.(11) Oder die von Roland Schmid immer wieder vorgetragene, durch parallele Fälle rela-


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tiv leicht zu stützende Gegebenheit, daß Häftlingen in sächsischen Strafanstalten sinnlichkeitsdämpfende Sedativa mit dem Essen verabreicht worden sein sollen. Gleichwohl soll hier nicht auf jenen Zug aufgesprungen werden, der, anstatt neue Trassen des Verständnisses durch das Werk zu schlagen, lieber auf eingefahrenen Gleisen über die Biographie dampft. Mays Lebenslauf ist, sowohl in seinen prototypischen wie in seinen einzigartigen Bereichen, wichtig, jedoch nicht unumgänglich.

Deshalb nur noch eine kurze, auf die folgende Beschäftigung mit der Löwenjagd-Szene aus der >Sklavenkarawane< hinleitende Überlegung. May will in den ersten Lebensjahren blind gewesen sein, seines Hauptgesichtssinnes beraubt. Alle anderen Sinne, also Gehör, Tastsinn, Geruch, Geschmack, sind - so will es wenigstens die populäre Krüppelmythologie - aus diesem frühkindlichen Purgatorium geschärft hervorgegangen. Sinnesverlust zeugt sich selbst Ersatz; die Restsinne treiben Angsttriebe aus dem durch Krankheit Beschnittenen. Später, während der Gefängnisjahre und vor allem in der Zelle des Zuchthauses Waldheim, wiederholt sich in gewisser Weise diese Situation: Der Körper ist auf engsten Raum gefesselt, Dunkelheit und Düsternis herrschen vor; die Sinne werden zum puren Lebensrettungsinstrument. Ich bat, isoliert zu werden; man gestattete es mir. Ich habe vier Jahre lang dieselbe Zelle bewohnt und denke noch heut mit jener eigenartigen, dankbaren Rührung an sie zurück, welche man stillen, nicht grausamen Leidensstätten schuldet.(12) Vorausgegangen war dem ein Zustand innerlicher Versteinerung,(13) eine entsinnlichte Abschottung also, mit der auf vermeintlich ungerechtfertigte Anschuldigungen und eine erste sechswöchige Haft reagiert wurde; Abtauchen in einen Zustand reduzierter Außen- und Selbstwahrnehmung, Solipsismus pur: »I am a rock«.(14) In Waldheim dann erneut der gefesselte Körper, die Verdinglichung des Leibes. Der Gefangene hat während seiner Detention auf alle seine leiblichen Sonderrechte zu verzichten,(15) beschreibt May dies noch vierzig Jahre später, zu keiner Distanz fähig, ganz im Ton königlich-sächsischer Zuchthausverordnungen. In leiblicher Beziehung ist er nicht mehr Person, sondern nur noch Sache ... Der Leib ist gezwungen, sich in die Gefängniskleidung und Gefängniskost zufügen.(16) Aus diesem Zustand der Reduktion, in dem das Funktionieren der Sinne wenigstens den Flug der Phantasie garantierte, der wiederum ein geistiges Überleben in diesen Kerkern der Klassenjustiz nicht wenig erleichterte, trat er seit 1874 der Gesellschaft dann mit Literatur entgegen: Es war ein schöner, warmer Sonnentag, als ich die Anstalt verließ, zum Kampfe gegen des Lebens Widerstand mit meinen Manuskripten bewaffnet.(17) Und was er


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schreibt, scheint ihm konform, denn es wird gekauft. Humoresken, Kolportage, Abenteuerromane, sogar Symbolwerke. Doch, Vorsicht: Ein Musterschriftsteller, der Mustergeschichten für Musterleser schreibt, bin ich nicht und mag es auch niemals sein und niemals werden.(18) Was also hat er geschrieben? Eine Literatur der Sinnessensationen, wie sie nicht leicht ihresgleichen findet.

II

Im ersten Kapitel der >Sklavenkarawane<, einem der ambitioniertesten und bekanntesten, wenn auch nicht unbedingt in allen Partien gelungensten Werke Karl Mays, geschieht folgendes: Eine kleine Karawane, bestehend aus einem deutschen Wissenschaftler und einigen diesem relativ feindlich gesinnten Arabern, trifft in der sudanesischen Wüste auf eine Dschelaba, eine Handelskarawane, die von zwei kuriosen Anführern geleitet wird. Da man das gleiche Ziel hat, beschließt der Deutsche, daß man ein Stück des Wegs bis zur nächsten Rast am Bir Aslan, dem Brunnen des Löwen, zusammenbleibt. Die arabischen Begleiter des Deutschen wehren sich zunächst dagegen, weil sie, wie der Leser schon weiß, beabsichtigen, diesen dort auszurauben. Doch der Deutsche hat zuvor Proben seines umfassenden Wissens und seiner phänomenalen Schießkünste geliefert, und so kann der Leser darauf vertrauen, daß der Held den Intrigen seiner treulosen Genossen gewachsen sein wird. Am Bir Aslan kommt es zum Kampf mit einem Löwenpaar, in dessen Verlauf sich die großsprecherischen Araber als Feiglinge, die kuriosen Dschelabi dagegen als furchtlose Helfer des Helden herausstellen. Schwarz, der Deutsche, kann eine Gum, eine Raubkarawane, belauschen und erfährt nun, daß diese ihn gemeinschaftlich mit seinen arabischen Begleitern überfallen will. Unter tapferer Mithilfe von Hadschi Ali und Stefan Pudel, den beiden Dschelabi, gelingt es ihm, seine Gegner unschädlich zu machen bzw. zu vertreiben. Das verwaiste Junge der beiden Löwen kann eingefangen werden, man reist nach Faschoda, wo der gerechte Mudir die Schuldigen mit Stockhieben bestraft, und Schwarz beschließt, mit seinen beiden neugewonnenen Gefährten die Reise fortzusetzen.

Dieses Eingangskapitel umfaßt in der historisch-kritischen Ausgabe 132 Seiten, wovon 25 auf die Löwenjagd und Aufteilung der Beute entfallen, den dramatischen Kern des Erzählten.(19) Die Jagd scheidet erstmals die Guten von den Bösen und die Tapferen von den Feigen, ihr Ergebnis enthält Aussagen über den Wahrheitsgehalt verschiedenster


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großsprecherischer Verlautbarungen, sie enthüllt zudem die vornehme Zurückhaltung des Helden als ebenso geschickte wie souveräne Camouflage eines eigentlich Überlegenen, und sie schmiedet für den Rest des Romans aus denkbar unterschiedlichen Charakteren ein Abenteuerteam zusammen. Die Szene schiebt zwei Momente, nämlich das Erscheinen des Löwen und die eigentliche Jagd, ineinander. Im Verlauf des Erzählten gewinnt der Löwe, der ganz zu Beginn - sozusagen nur geistig - als Gerücht und Berühmtheit der Gegend anwesend ist und dem Erzähler Anlaß zu ausführlichen Reflexionen über den Umgang der Araber mit diesen wilden Tieren bietet (S. 12-15), eine massive sinnliche Präsenz, die, nachdem das männliche Tier getötet wurde, sich mit dem erzählerisch variierten Angriff des weiblichen Tieres sogar unversehens verdoppelt sieht (S. 48-73). Das Einfangen des Jungtieres schließlich (S. 105-109) bietet zu diesem gedoppelten Drama das Satyrspiel, ein humoristisches Postludium, das mit der gleichen Personenverteilung wie die vorherige Jagd aufwartet, jedoch deren pathetische Beschreibungshöhe schon durch die verwendeten >Waffen< - zwei Decken - auflösend konterkariert.

Die Epiphanie des Löwen beginnt mit dem ersten von sieben Appellen an das Gehör, als dem allgemeinsten Gesichtssinn, die im folgenden einer steten Steigerung unterliegen.

1. In der Ferne war ein Ton erklungen, welcher sofort die Aufmerksamkeit aller in Anspruch nahm. (S. 48) Zu diesem Zeitpunkt ist das Tier noch eine dreiviertel Stunde (S. 50) vom Lager der Karawanen entfernt, und die Beteiligten reagieren, je nach Temperament, mit unterschiedlichen Lautstärkegraden auf diese erste, wie ferner Donner klingende Anmeldung. Fragen und Antworten waren mit lauter, vernehmlicher Stimme gegeben worden. Da kam der Schech vom andern Feuer herbeigeeilt und sagte mit leiser Stimme und in ängstlichem Tone: »Um Allahs willen, sprecht nicht so laut, sonst hört er es und kommt herbei. Dann sind wir alle verloren.« (S. 49)

2. Es erscholl derselbe Laut wieder. Er klang dem Rollen eines schweren Wagens, welcher über eine hölzerne Brücke fährt, sehr ähnlich. Die Kamele zitterten und die Esel drängten sich zusammen. (S. 49) Bei dieser zweiten Nennung fehlt eine zeitliche Entfernungsangabe, dafür flicht der Erzähler aber eine Passage ein, aus der einesteils hervorgeht, daß der sich nähernde Löwe ein besonders mutiges Exemplar seiner Gattung sein muß, und andernteils, daß das dem ganzen zugrundeliegende Steigerungsprinzip in ebendiesem Charakter des Tieres verborgen liegt und damit also naturgegeben ist: »Ein kühner Löwe ... tritt gleich laut aus seinem Lager. Es sagt es aufrichtig, daß er Hunger hat und


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jetzt auf Raub ausgehen will. Er nähert sich dem Orte, dem er seinen Besuch zugedacht hat, nur langsam und brüllt dabei von Zeit zu Zeit, damit man sich genau berechnen könne, wann er erscheinen[!] wird. Einen Löwen, der das thut, hält keine Gefahr ab, den Ueberfall auszuführen.« (S. 49) Nunmehr wird die repetitive Beschreibungssprache sogar biblisch-archaisch eingefärbt - >Und abermals krähte der Hahn< um das geradezu Verhängnisvolle des Ganzen auszuspielen:

3. Zum drittenmal erklang die Stimme des Raubtieres, halb knurrend und halb heulend. Man hörte deutlich, daß sie aus größerer Nähe kam. (S. 50) Das Tier ist nun nur noch eine halbe Stunde entfernt, und erstmals wird neben dem Gehör nun auch das Sehen angesprochen - da außerhalb der Lichtzone des Feuers Finsternis herrscht, zunächst nur als Möglichkeit: »Wären wir nicht in der Dunkelheit gekommen, so hätten wir wohl die Spuren seiner Tatzen gesehen.« (S. 50) Die Bedrohung wird deutlicher, und es scheiden sich die ängstlichen Homr-Araber von den mutigen Dschelabi. Jene haben Angst um die Körper der Kamele und Esel und um die eigenen - »Er kann auch gar mich selbst zerreißen!« (S. 50) -, womit eine mögliche Auslöschung aller Sinne und Sinnlichkeit überhaupt angesprochen ist.

4. Jetzt erhob der Löwe seine Stimme wieder. Es war kein Grollen oder Knurren mehr, sondern ein wenn auch nur kurzer, aber doch fürchterlicher Ton, welcher auf die Hörer ganz den Eindruck machte, als ob er ihnen die Kopfhaut emporziehen wolle. (S. 51) Damit ist die tönende Naturgewalt (Donner!) wieder näher herangekommen - »In einer Viertelstunde ist er da« - und provoziert mit dem sprichwörtlichen Gedanken an den eigenen Skalp eine direkte körperliche Reaktion, die neben dem Hören und dem Nicht-Sehen erstmals den Tast- bzw. Fühlsinn ins Spiel bringt. Der Held Schwarz, der mit seinem Namen vor dem Dunkel der umgebenden Nacht gleichsam natürlich getarnt scheint, trifft nun letzte Anordnungen, unter anderem das Verlöschen eines Feuers betreffend, reflektiert also auf den Sehsinn des wilden Ereignisses. Dieses ist nunmehr, indem erneut der Vergleich mit Donner und sogar einem Erdbeben, unter dem die Erde zittert, bemüht wird, endlich auch direkt für den Fühl- bzw. Tastsinn der Beteiligten wahrnehmbar:

5. Eben, als sie damit fertig waren, ließ sich der Löwe wieder hören, aber dieses Mal in ganz andrer Weise als bisher. Ja, das war ein wirkliches Gebrüll, erst dumpf rollend wie ein unter den Füßen hingehendes Erdbeben, dann anschwellend bis zum mächtigen, in der stillen Nacht wohl meilenweit hörbaren Brusttone, welcher in einen durch Mark und Bein schneidenden, wahrhaft satanischen Kehllaut überging, um in einem langgezogenen und nach und nach ersterbenden Donner, unter


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welchem die Erde zu erzittern schien, wie in weiter Ferne zu verhallen.(S. 52) Das geradezu über-sinnlich Gewaltige dieser Naturerscheinung wird betont durch eine Bezeichnung für den sich Nähernden - Vater des Donners -, die sich liest wie eine Umschreibung Thors, des germanischen Donnergottes. Es handelt sich also tatsächlich um eine Art Erscheinung, und konsequenterweise beginnen die Araber zu beten: Das war der wirkliche Macht- und Kampfesruf des Königs der Tiere gewesen, und Schwarz erkannte nun, warum die Araber ihm so oft den Namen Abu Rad, Vater des Donners, geben. »Er ist höchstens nur noch tausend Schritte entfernt,« hörte man den Schech sagen. »Allah il Allah we Muhammed rassuhl Allah! Betet leise die heilige Fatha und dann laut die Sure der >Zerreißung<, welche die vierundachtzigste des Korans ist! Das Verderben wird nur noch fünf oder sechs Minuten lang das Lager umschleichen und dann über uns hereinbrechen.« (S. 52) Damit ist auch in den Entfernungsangaben ein erster Höhepunkt erreicht, der zunächst ein Umschalten von zeitlichen auf geographische Maße und ein Rückschalten von Viertelstunden auf Minuten mit sich bringt. Die Annäherung des Ereignisses ist beendet, die eigentliche Jagd setzt ein.

Mit sich überstürzender, beinahe orgiastischer Wucht finden nun auch die restlichen Sinne zu einem rasenden Ensemble, nachdem die Entfernung immer mehr geschrumpft ist (hundert Schritte, zwanzig Schritte, Sprung) und eine geschickte Choreographie die menschlichen Körper in ein überwältigendes Verhältnis zu dem tierischen postiert hat. Die leitende Funktion des Gehörs wird, als das wilde Tier in den Gesichtskreis eintritt, von Augen und Arm abgelöst.

6. Schwarz wollte antworten, wurde jedoch durch ein abermaliges Brüllen des Raubtieres daran verhindert. Es klang jetzt fast noch schrecklicher als vorher, und ganz nahe. Der Löwe war gewiß nicht mehr hundert Schritte von ihnen entfernt. Da mußte selbst den Kühnsten ein Grauen überlaufen, doch die Nähe der Entscheidung macht das Auge und den Arm des Mutigen sicher und läßt sein Herz noch ruhiger als vorher schlagen. (S. 54) Was die Augenwahrnehmung des Helden etwa noch behindern könnte, wird nunmehr abgenommen, denn das Gehör ist geradezu nutzlos geworden:

7. Schwarz hatte seine Schutzbrille abgenommen und hielt das vor ihm liegende Terrain scharf im Auge. Da - sie schraken wirklich zusammen - ertönte das Brüllen jenseits des Wassers, hart am Rande desselben, nicht zwanzig Schritte von ihnen entfernt. »Jetzt aufgepaßt!« flüsterte der Slowak. Die Gefahr verdoppelte die Schärfe ihrer Augen. Das Gehör war ihnen nichts mehr nütze, denn infolge des letzten Gebrülles fing der


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Schech jetzt an, mit lauter Stimme die vorhin von ihm bezeichnete Sure zu beten ... Seine laute Stimme machte die leisen Schritte des Löwen unhörbar. (S. 54f.) Schließlich und endlich versammelt sich auch noch der Geruch zu diesem Rendezvous der Sinne: Nun mußten die Augen doppelt angestrengt werden. Aber nicht sie waren es, welche den mächtigen Feind zuerst bemerkten, sondern der Geruch überzeugte die peinlich Wartenden, daß der Augenblick der Entscheidung gekommen sei. Jene scharfe, penetrante Ausdünstung, welche den Raubtieren eigen ist und in jeder Menagerie beobachtet werden kann, erfüllte plötzlich die Luft, und da - - da trat er um das dichte Gestrüpp, nicht schleichend nach Tiger- oder Pantherart, sondern stolz aufgerichtet, langsamen und sichern Schrittes wie ein Herrscher, der sich in seinem Reiche weiß und es verschmäht, das, was er durch offenen Befehl erlangen kann und muß, durch niedrige Heimlichkeit zu erreichen. Seine weitgeöffneten Augen durchforschten den Rand des dichten Buschwerkes nach einem Durchweg zu der gesuchten Beute. Da fiel sein Blick auf die drei bewegungslosen Gestalten. Er zuckte und warf sich schnell auf die Erde nieder, um den Feinden nicht die leicht verletzliche Brust zu bieten. Dann musterte er sie mit einem großen, mächtigen Blicke. (S. 55) Das Gefühl, also die Gesamtheit der Sinne, kommt kurz zur Sprache, und das Aufscheinen von Literatur in den Gedanken des Helden bildet einen blitzartigen Rekurs auf die Dimension des Geistigen, damit auf die Realität jenes Lesenden, der gerade eben diese Stelle im Buch vor sich hat und mit seiner eigenen Sinnlichkeit dem literarischen Geschehen unterworfen ist: Schwarz empfand ein Gefühl, als ob man ihm mit einem Eiszapfen über das Rückgrat streiche, doch gelang es seiner Willenskraft, dasselbe zu überwinden. Er hatte die Berichte berühmter Löwenjäger gelesen, und er kannte daher das Benehmen des Tieres in einer Situation wie die gegenwärtige [!]. (S. 55) Schließlich kommt es, mit und nach dem Höhepunkt, auch zur körperlichen Berührung und damit zum Einsatz des letzten, noch ungenutzten Sinnes. Zunächst prospektiv (In demselben Augenblicke muß sich der Jäger weit zur Seite werfen, um nicht von den Tatzen des verendenden Tieres noch ergriffen und verwundet zu werden. (S. 56)), dann symbolisch bzw. mit um die Waffen verlängerten Gliedmaßen (zwei Schüsse, ein Lanzenstich) - wobei der Einsatz einer altmodischen Büchse mit heftigem Rückschlag bereits für Körperkontakt sorgt (der Kolben der hochbejahrten Donnerbüchse schlug dem Kleinen mit solcher Gewalt gegen den Kopf, daß der Getroffene das Gewehrfallen ließ (S. 57)) - und endlich, nachdem auch die unmittelbar nachfolgende Löwin einbezogen ist, direkt: Wie von einem kräftigen Stoße getroffen, flog die Löwin zur Seite, fiel zur Erde, raffte sich wieder


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auf und wendete den Kopf gegen den neuen Feind. Dieser hatte sein schweres Gewehr schnell umgekehrt und arbeitete, es beim Laufe haltend, nun mit dem eisenbeschlagenen Kolben auf den Schädel des Tieres los. (S. 62) Nachdem alles gelungen ist, werden schließlich den Tieren die Häute abgezogen (S. 68) und aufgeteilt. Die beiden subalternen Jagdbeteiligten schneiden eine Haut in zwei Teile, würfeln [!] um ihr Stück und bekleiden sich damit, schützen also ihre Körper als zu bewahrende Sinnesensembles mit den entlebendigten Resten des feindlichen Naturereignisses.

Analog zu dieser Großszene funktionieren die meisten Mayschen Abenteuer, auch im kleinen. Als etwa kurz nach dieser Jagd Schwarz die feindliche Karawane entdeckt, geschieht dies so: Es dringt ein leises Klirren an sein Ohr, dann tauchte es in unbestimmten Konturen wie graue Schatten vor ihm auf, und es wehte ihm die bekannte Ausdünstung von Kamelen entgegen, schließlich legte er sich nieder und kroch auf den Händen und Füßen weiter (S. 81). Viele Fertig- und Tätigkeiten des Helden, wie Anschleichen, Belauschen, sein Scharfsinn (!), Verkleiden und Verstellen, beziehen sich auf seine oder seiner Gegner sinnliche Verfaßtheit, desgleichen auch alle Spielarten von Tarnung, Flüstern, Bemalen, Verkleiden oder die häufigen Geruchstäuschungen - im vorliegenden Fall täuscht Schwarz mit Salmiakgeist die Ausdünstung von Kamelen vor (S. 82). Was am Schluß der Jagd fehlt, ist eigentlich nur das Verzehren und also endgültige Vereinnahmen des Tieres, das aber in vielen ähnlichen Szenen Mays (Bärenjagd, Bisonjagd) dafür um so ausführlicher geschildert wird.

III

Überhaupt ist das genießerische Essen, das in den Texten des sächsischen Vielschreibers ja ebenfalls eine gewichtige Rolle spielt, neben dem Sexualakt wohl das deutlichste Futter für die menschliche Sinnen-Maschine, deren s i n nreiches Zusammenwirken erst einen genußvollen Höhepunkt garantiert. Die Nähe einer solchen Beschreibung freilich zum Erotischen, in Literatur wie Leben, ist evident. Keine menschliche Betätigung versammelt in gleicher Vollständigkeit erwünschte Sinneseindrücke wie der Geschlechtsakt. Die Worte des Partners, sein Stöhnen, sein Geruch, sein Aussehen, sein Geschmack, das Anfühlen von Haut und Körper bieten den Ohren und dem Geruchsinn, den Augen, Mund und Tastsinn gleichermaßen einander abwechselnde, sich unterstützende, endlich im Orgasmus zusammen-


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fließende Sinnessensationen. Diese Verwandtschaft von Abenteuer und Erotik im Zeichen der Sinnlichkeit ist paradoxerweise auch der Grund dafür, daß Karl May, diesem Tausendsassa abenteuerlicher Aktion, eigentlich nie eine überzeugende Liebesgeschichte -- weder hetero- noch homoerotischer Färbung - gelungen ist. May betont später immer wieder, er habe volle dreißig Bände Erzählungen geschrieben ..., ohne die geschlechtliche Liebe auch nur ein einziges Mal zu Worte kommen zu lassen.(20) Zum perfekten Wirkungsbereich seiner sinnlichen Ambitionen hatte sich May nach Waldheim das aktionsreiche Abenteuer gemodelt; erotische Abenteuer pulsen aber nach einem anderen Rhythmus, den mit der Action zu einer überzeugenden Komposition zu verweben es entwickelter Menschenkenntnis und avancierter Umsetzung bedurft hätte. Dies Versagen trifft aber nicht May allein. Kaum ein Abenteuerroman und nur wenige Filme des Genres besitzen gleichzeitig Oualitäten als echte Liebesgeschichten. Die Frauen des Filmhelden Indiana Jones etwa sind bestenfalls Stichwortgeber; Sexualität ist bei Spielberg, wie schon bei den meisten Mantel- und Degenfilmen, reduziert auf eine Funktion als Belohnung des Siegers.(21) John Hustons >African Oueen< (1951) oder der großartige Streifen >Les Aventuriers< (1967) mit Alain Delon und Lino Ventura sind seltene Ausnahmen, die nur deswegen funktionieren, weil die Autoren ihre Filmhelden auch psychologisch ernst genommen haben.(22)

Ein Rezensent der >Kölnischen Zeitung< schrieb 1862, anläßlich eines neuen Romans von Friedrich August Strubberg alias Armand: »Armand, der ein entschiedenes Erzählertalent hat, wird wohl thun, wenn er dasselbe zu schulen sucht, statt es der Verwilderung zu überlassen.«(23) Die Begrifflichkeit des Rezensenten ist verräterisch und weist in eine eindeutige Richtung: er wendet sich im Wilden gegen das >Romantische< in der Literatur. >Ein verwilderter Roman< hieß beispielsweise Brentanos >Godwi< (1801) im Untertitel. Hier werden ein wenig die Ursachen für das weiter oben konstatierte Fehlen einer Theorie des Abenteuerromans im 19. Jahrhundert sichtbar. Die wilden, düsteren Seiten der Romantik wurden in Deutschland zurückgedrängt, Bildungs- und Gesellschaftsroman von der Kritik einseitig bevorzugt. Anders als in Frankreich, wo sich von de Sade und Laclos über Lautréamont, Huysmans und Baudelaire bis zu neueren Autoren, etwa Jean Vautrin, ein breiter Traditionsstrom düsterer und erotischer, auch die unkontrollierten und triebhaften Seiten des Seins geltenlassender Literatur entwickelt hat, wurde hierzulande im Gefolge Hegels und seiner Schüler die Romantik, zumal die schwarze, öffentlich geächtet. Damit war auch einer Auseinandersetzung mit dem Abenteuer die


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Luft abgeschnitten. Besonders deutlich kennzeichnen läßt sich dies anhand zweier theoretischer Texte von Rosenkranz und Simmel, deren Entstehung fünfzig Jahre auseinander liegt und die zeitlich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts umrahmen, also jene Epoche, die für den hier beschriebenen Sachverhalt zum eigentlichen Nährboden ebenso wurde wie für die Strukturentwicklung Karl Mays. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist im übrigen, versteht man die Frühromantik als Keimzelle der Moderne, im gesellschaftlichen wie im literarischen Bereich eine Art Inkubationszeit für viele Erscheinungen, die sich erst in unserem Jahrhundert voll entwickelt haben.

In seiner klugen und anregenden >Ästhetik des Häßlichen< (1853)(24) bietet der Hegel-Schüler Karl Rosenkranz - für Heinrich Heine »der geistreichste und tiefsinnigste Literaturhistoriker unserer Zeit«(25) -einen Katalog abzulehnender Darstellungsformen in Kunst und Literatur, dessen zahlreiche Beispiele aus der abenteuerlichen wie aus der erotischen Literatur seiner Zeit deutlich machen, wie nah beide Bereiche für den Bürger beieinander liegen. Unter den von Rosenkranz als häßlich abgelehnten, aber selbstverständlich auch noch für Karl May wesentlichen Erzählmitteln seien hier Komik, stehende Redensart (S. 67), Kontrasttechnik, Disharmonie, Sprachchaos (Sue und Sealsfield, S. 135f.) und Wiederholung angeführt. Unter dem Begriff >das Rohe< -übrigens mit vierzig Seiten das mit Abstand umfangreichste Kapitel der Darstellung - faßt Rosenkranz die Kategorien Sinnlichkeit, Notdurft, Obszönität, Zweideutigkeit, Brutalität und Frivolität zusammen. Das Ganze liest sich aus heutiger Sicht ein wenig wie eine Aufzählung alles dessen, was ein Leben lebenswert macht. Viele Belegstellen bietet Rosenkranz dazu aus Dumas, Dickens, Sue und Ritter- und Räuberromanen seiner Zeit. Über letztere kommt er allerdings nicht umhin, in einer Fußnote fast verschämt anzumerken: »Nur eins vergesse man nicht, daß sie eine gewisse wilde Poesie, eine grelle Abenteuerlichkeit besitzen, die den Ungebildeten und Halbgebildeten zu fesseln vermag.« (S. 370) Die heimliche Faszination am kritisierten Gegenstand schwingt in diesem Satz, wie in der gesamten Darstellung, immer mit.

Der Philosoph Georg Simmel, als Jude drangsaliert und von Kollegen aufgrund seiner populären Themen geächtet, verbietet sich mit der klaren, aber trockenen Sprache seines Aufsatzes >Das Abenteuer<(26) fünfzig Jahre später zwar immer noch das Faszinosum; doch bleibt die Tatsache bemerkenswert, daß der Gegenstand nunmehr einer eigenen Untersuchung für wertgehalten wird. Simmel betont immer wieder die »entschiedene Begrenztheit, mit der das Abenteuer sich aus dem Gesamtverlauf eines Schicksals heraushebt« (S. 9), er weist darauf hin,


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»daß unser Sprachgebrauch das Abenteuer schlechthin kaum anders denn als ein erotisches verstehen läßt« (S. 16), er sieht »Analogien und gemeinsame Formungen der Liebe und des Abenteuers« (S. 18), und er kommt in seinem Schlußsatz implizit zu dem Resümee, daß Abenteuer und Geschlechtsakt »jenen Formen zugehörig (sind), die ( ... ) die geheimnisvolle Kraft haben, für einen Augenblick die ganze Summe des Lebens als ihre Erfüllung ihren Träger, der nur zu ihrer Verwirklichung da wäre, fühlen zu lassen.« (S. 24)

Abenteuer und Erotik waren, das ist spätestens hiermit klar, auch für die Zeitgenossen Mays nur zwei Seiten derselben Medaille Sinnlichkeit. Der notorische, etwa bei Besprechungen der Werke Möllhausens immer zu findende Hinweis, sie könnten auch in jedem Töchterhaushalt unbedenklich auf den Gabentisch, gewinnt unter diesem Aspekt eine gewisse kuriose Schieflage. May jedenfalls wälzte seine sinnlichen Bedürfnisse aufs Papier und schrieb Romane, »wo der Körper alles und alles im Körper ist«.(27) Die Löwenjagdpassage seiner >Sklavenkarawane< entstand Anfang 1889, ein knappes halbes Jahr nach dem Tod des Vaters, der ihn in seiner Kindheit mit Papier statt mit Liebe gefüttert hatte. Entsprechend beschreibt May den eigenen, solche Defizite permanent ausgleichenden Schreibvorgang immer wieder als ein quasi natürliches, geradezu archaisches und unkorrigiertes Herausfließen: Auch befleißige ich mich keiner sogenannten künstlerischen Form. Mein schriftstellerisches Gewand wurde von keinem Schneider zugeschnitten, genäht und dann gar gebügelt. Es ist Naturtuch [sic!]. Ich werfe es über und drapiere es nach Bedarf oder nach der Stimmung, in der ich schreibe. Darum wirkt das, was ich schreibe, direkt ...(28) In diesen Zusammenhang gehört die Löwenjagdpassage in hervorragender Weise. Selbstverständlich ist May auch da, wie bei eigentlich allen seinen Motiven, von zeitgenössischen Darstellungen angeregt worden; etwa von >Der Löwenritt<, dem berühmtesten Gedicht eines seiner Lieblingspoeten, Ferdinand Freiligrath,(29) von einem der zahlreichen ähnlichen Gemälde Eugene Delacroix', etwa >Löwenjagd< (um 1860),(30) dem gleichnamigen Werk Horace Vernets,(31) dessen Bilder May in ähnlichem Zusammenhang einmal ausdrücklich erwähnt, oder - wie Herbert Meier nachweist - von den Schilderungen des französischen Löwenjägers Jules Gérard und den Illustrationen Gustave Dorés in dessen Werken.(32)

Fragt man abschließend, warum das Bürgertum das Abenteuer verdrängt, dieses aber zugleich in seiner literarischen Ausformung auf einem Höhepunkt bürgerlicher Entwicklung zu eigener Gattungsblüte gelangt, muß man den Zivilisationsprozeß in Erwägung ziehen. Abenteuer und Sinnlichkeit sind direkte Natur, die gesamte bürgerliche Zivi-


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lisation aber verstand sich als ein Zurückdrängen der direkten Triebregungen des Menschen. Vor die unmittelbare Befriedigung der Triebe wurden Instanzen zwischengeschaltet, die zivilisatorisch wirken sollten und im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut und differenziert wurden: Zwischen Speise und sinnlichen Genuß wurde das Zivilisationsinstrument Gabel geschoben, zur Eindämmung des Sexualtriebes wurde zunächst die Ehre, später die Ehe erfunden. Wildnis wurde, als dem Zivilisationsprozeß hinderlich, auf allen Ebenen zurückgedrängt. Abenteuer und Sinnlichkeit jedoch sind Wildnis. Mit ihnen drängt, was abgespalten wurde, zurück in die Gesellschaft. Vor diesem Virus suchte sich der Bürger, längst der eigenen Natur unsicher geworden, abzuschirmen. Da aber, was längst Exklave ist, nicht mehr ausgebürgert werden kann, setzt Verdrängung ein. Eine Gesellschaft impfte sich mit Vergessen.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Entwicklung der Technik, dann fällt auf, daß erst mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Erfindungen einsetzen, die als Verlängerungen der menschlichen Sinne gelten können. Zuvor waren, vom Rad bis zur Eisenbahn, vom Pflug bis Webstuhl und Dampfmaschine, ausschließlich Erleichterungen für körperliche Verrichtungen erfunden worden. Alle früheren Erfindungen sollten Arbeit erleichtern. Erst jetzt, mit allmählicher Entwicklung der Freizeit, kamen die differenzierten Sinne, Augen und Ohren, zu ihrem Recht und wurden mit entsprechenden technischen Geräten bedient: die Daguerrotypie wurde erfunden (1839), Edison entwickelte den Phonographen (1877), Eastman meldete den Papierrollfilm (1885) und Berliner Schallplatte und Grammophon (1887) zum Patent an, Ernst Abbe stellte die Mikroskopherstellung auf eine wissenschaftliche Basis (1886), und Edison erfand den Kinematographen (1891).(33) Auf der Basis dieser und unzähliger ähnlicher Entdeckungen innerhalb des sehr kurzen Zeitraumes weniger Jahrzehnte entwickelte sich bald eine Foto-, Film- und Schallplattenindustrie, die erstmals in der Geschichte der Menschheit sinnliche und Unterhaltungsbedürfnisse in großem Umfang zu bedienen in der Lage war. Heute, im Zeitalter von Cyberspace, hat sich diese Verlängerung der menschlichen Sinne ins Hypertrophe entwickelt und droht, in ihre Kastration und schließliche Enteignung umzuschlagen. Wir sind mittlerweile in umfassender Weise angebunden an Geräte, von denen wir uns nur noch mit einem Spazierstock in der Hand oder einem Buch auf den Knien freimachen können.

Zu Karl Mays Zeiten war dies noch anders. Die bürgerliche Gesellschaft befand sich bei der Entdeckung der eigenen Sinnlichkeit in einer


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Übergangszeit vor dem industriellen Masseneinsatz dieser neuen Techniken. Ein letztes Mal konnte der bürgerliche Roman einen Universalitätsanspruch zur Aneignung von Welt behaupten, den, wie wir gesehen haben, in anderer Weise auch der Abenteuerroman ausfüllte. Daß aus heutiger Sicht die >wilden< Autoren der Abenteuerliteratur, jene also, die am disziplinlosesten den Dschungel ihrer Phantasie wuchern ließen (Armand, Retcliffe, May), zu den interessantesten und am ehesten zeitlosen zählen, gehört zur Dialektik einer solchen Epoche, die für ihre Wildnisse Reservate, Ghettos, Gefängnisse, Irrenanstalten, Zoos und Schulen erfand: wo das zeitgenössische Überich am wenigsten die Zensurschere ansetzen konnte, da blühen für den gegenwärtigen Leser nicht selten die aufregendsten Gewächse. Am Ende freilich soll auch der Junglöwe der >Sklavenkarawane< in einer deutschen Menagerie landen (S. 108)(34) und seinen getöteten Eltern werden die Zähne ausgebrochen, um dieselben als Trophäen mitzunehmen (S. 109). Bürgerlichkeit und Abenteuer sollten gleichwohl für May als Widerspruch nicht bestehen bleiben. Seine Romane sind, ganz anders als die Möllhausens und darin nur den Werken Retcliffes ähnlich, in einem ureigentlichen Sinn endlos. Sie greifen mit Handlung und Personal nicht nur ineinander über, sondern reichen bekanntermaßen bis in das Leben ihres Autors: Ich bin wirklich Old Shatterhand.(35) Hierin läge dann Mays eigentliche Lebensutopie: sich mit der Schriftstellerei eine bürgerliche Existenz zu erschreiben, ohne dafür den üblichen Preis zu zahlen und dem Abenteuer abzuschwören-, das Abenteuer zuzulassen, ohne es zur Episode zu entwerten oder zum Werkzeug zu degradieren. Einklang von Abenteuer und Bürgerlichkeit: dies wäre schließlich, als Forderung, die besondere Aktualität Karl Mays.(36)



1 Den Titel verdanke ich Harald Eggebrecht: Sinnlichkeit und Abenteuer. Die Entstehung des Abenteuerromans im 19. Jahrhundert. Berlin-Marburg 1985

2 Jürgen Kocka: Bürgertum und bürgerliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Europäische Entwicklungen und deutsche Eigenarten. In: Ders. (Hrsg.): Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich. Bd. 1. München 1988 (dtv 4482), S. 13

3 Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß damit noch nichts Generelles gegen literarische Bearbeitungen gesagt ist. Sie mögen von Fall zu Fall ihre Berechtigung haben. Ich selbst habe Cooper zunächst nur in Bearbeitungen kennengelernt und wäre - wohl möglich - von den dickleibigen Originalbänden seinerzeit eher abgeschreckt worden.

4 Hellmuth Mielke, einer der meistgelesenen Literaturgeschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts, sieht beides für den älteren Abenteuerroman, »in welchem alle Ingredienzien, das Komische, Phantastische, Sentimentale und Lüsterne sich mischen«, sogar als identisch an. »Der Gesamtcharakter dieser Romane war schlüpfrig und sinnlich«. Vgl. Hellmuth Mielke: Der deutsche Roman. Dresden 41912, S. 56.


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5 Vgl. Georg Jäger: Der Kampf gegen Schmutz und Schund. Die Reaktion der Gebildeten auf die Unterhaltungsindustrie. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens. Bd. 31 (1988), S. 163-91.

6 Vgl. Rudolf Schenda: Schundliteratur und Kriegsliteratur. Ein kritischer Forschungsbericht zur Sozialgeschichte der Jugendlesestoffe im Wilhelminischen Zeitalter. In: Ders.: Die Lesestoffe der Kleinen Leute. Studien zur populären Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. München 1976, S. 78-104 u. 159-78.

7 Noch manche Verquastheit des späten May speist sich terminologisch aus diesen Quellen: Nur der Germane ist fähig, eine neue Rasse zu zeugen. Und nur der Indianer besitzt die vitale Kraft, ihm dabei zur Seite zu stehen. ... Nur der Germane hat Gemüth, und nur der Indianer hat Gemüth. Diese Beiden werden einander verstehen. (Brief Karl Mays an die bayerische Prinzessin Wiltrud vom 7. 3. 1908. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Jb-KMG) 1983. Husum 1983, S. 110)

8 Karl May an einen Leser zum Tod Winnetous: Ich habe ihn, da kein Wasser da war, mit seinem eigenen Blute getauft, ehe er starb. (Karl May: Antworten auf einem Brief Baron Hans von Laßbergs. 15. 4. 1897. In: Jb-KMG 1983, a. a. 0., S. 77)

9 Karl May: Die Schundliteratur und der Früchtehunger. In: Jb-KMG 1983, a. a. O., S.50-55

10 Weiterführend dazu: Karl Markus Michel: Schön sinnlich. Ober den Teufel und Seinesgleichen, das Fummeln, Schnüffeln und anderen Kitzel. In: Kursbuch 49 (Okt. 1977), S. 1-35

11 »Mir war das Glück beschieden, im Sommer 1963 in einem Aktenband den Nachweis zu entdecken, daß der Seminarzögling MAY Masturbation betrieben hat.« (Hainer Plaul: Anstelle einer Rezension. ARNO SCHMIDT: Sitara und der Weg dorthin. In: Anlage zu den Mitteilungen der AG Karl-May-Biographie. Nr. 6 / April 1964, S. 5) -Zum Thema bereitet Plaul eine Veröffentlichung vor (lt. tel. Auskunft vom 1.2.93).

12 Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg o.J. (1910), S. 170; Reprint Hildesheim-New York 1975. Hrsg. von Hainer Plaul

13 Ebd., S. 110

14 Simon & Garfunkel 1968

15 May: Leben und Streben, wie Anm. 12, S. 132

16 Ebd.

17 Ebd., S. 153

18 Ebd., S. 226

19 Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. III Bd. 3: Die Sklavenkarawane. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1987 - hiernach alle folgenden Seitenangaben im Text

20 Karl May: Zur Abwehr. In: Jb-KMG 1983, a. a. O., S. 70 - Ausführlicher auch in Karl May: Ein Schundverlag. Ein Schundverlag und seine Helfershelfer. Prozeß-Schriften Bd. 2. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 88 - Vor diesem Hintergrund wird auch deutlicher, was May mit seiner in der >Studie< leitmotivisch immer wieder auftauchenden Beteuerung meint, er habe sich die Riesenaufgabe gestellt, den Kampf mit den Pollmerschen Dämonen aufzunehmen, den Sumpf der Perversität auszutrocknen und in gutes, fruchtbares Land zu verwandeln (Karl May: Frau Pollmer. Eine psychologische Studie. Prozeß-Schriften Bd. 1. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 15): Hier sollte lebenswirkliche Sinnlichkeit in vorgeblich unsinnliche Literatur verwandelt werden.

21 Vgl. Mythologie des Abenteuer-Genres. In: Christoph Fritze/Georg Seeßlen/Claudius Weil: Der Abenteurer. Geschichte und Mythologie des Abenteuer-Films. Reinbek 1983 (rororo 7408), S. 11-52.

22 Vgl. Volker Klotz: Abenteuer-Romane. München-Wien 1979, S. 218-24.

23 Kölnische Zeitung vom 21. März 1862

24 Zitiert nach der Ausgabe: Karl Rosenkranz: Ästhetik des Häßlichen. Leipzig 1990 (Reclam 1341)

25 Zitiert nach: Michael Ansel: Zur Verwissenschaftlichung der Literaturgeschichtsschreibung bei Heine. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 17. Heft 2 (1992), S. 92


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26 Georg Simmel: Das Abenteuer. In: Ders.: Philosophische Kultur. Gesammelte Essays. Leipzig 1919, S. 7-24

27 Klotz, wie Anm. 22, S. 217

28 May: Leben und Streben, wie Anm. 12, S. 228

29 Von May erwähnt oder zitiert in >Das Vermächtnis des Inka<, >Der Ölprinz<, >Die Gum< und >Am Jenseits<. Vgl. Hedwig Pauler: Deutscher Herzen Liederkranz. Lieder und Gedichte im Werk Karl Mays. Teil II. Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 60/1985, S. 19 u. 80.

30 Kunsthalle Bremen

31 Wallace Collection, London

32 Vgl. Herbert Meier: Karl May und Jules Gérard, die >Löwentöter< in diesem Jahrbuch.

33 Vgl. Roland Gööck: Die großen Erfindungen. Schall, Bild, Optik. Künzelsau u.a. 1985

34 Vgl. dazu >Biographie eines Löwen und Offiziers in der franz. Fremdenlegion<. In: Gartenlaube 1855. Wiedergegeben im Anhang bei Meier, wie Anm. 32, S. 222-26

35 Brief Karl Mays an Hauptmann Freiherr von Laßberg vom 15. 4. 1897. In: Jb-KMG 1983, a. a. O., S. 76

36 Die Bereitschaft mancher zeitgenössischer Rezensenten, Mays Werke als - wenigstens zum Teil - selbsterlebt zu begreifen, zeigt, wie weit verbreitet schon damals das Bedürfnis war, Abenteuer und Bürgerlichkeit möchten sich nicht ausschließen. Über >Die Wüstenräuber< hieß es beispielsweise: »Wir verhehlen uns keinen Augenblick, daß wir hier keine freie Schöpfung der Phantasie, sondern einen wissenschaftlichen Reisebericht mit romanhaften Zuthaten vor uns haben, der allerdings infolge der Schönheit der Sprache, der Anschaulichkeit der Darstellung und des anerkennenswerthen Erzählertalents, das der Verfasser besitzt, eine theilnahmsvolle Spannung wachzurufen im Stande ist.« (Blätter für literarische Unterhaltung 1885. Nr. 51, S.808)


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