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HANS WOLLSCHLÄGER

Das fünfundzwanzigste Jahrbuch



bildet, nach der Regel der ›runden Zahlen‹, mit denen man langfristige Unternehmungen zu gliedern und übersichtlich zu halten pflegt, noch einmal ein großes Jubiläum, nachdem 1994 das fünfundzwanzigjährige Bestehen der Karl-May-Gesellschaft zu feiern war, und es gilt auf einen wahrlich reichen Ertrag zurückzublicken. Was damals, 1970, durchaus als Wagnis gegen viele feindliche Widerstände durchgesetzt werden mußte und auf Zukunft und Erfolg nur hoffen, nicht rechnen konnte, hat sich erfüllt und bewährt: Anlaß genug, einen herzlichen Dank an all die vielen Mitarbeiter zu richten, die durch ein Vierteljahrhundert hin zum Gelingen beigetragen haben. Es waren zahlreiche, nicht nur die Autoren der Aufsätze und Dokumentationen, und wer ermessen kann, wieviel geistige wie technische Arbeit zusammenkommen muß, damit ein Buch entsteht, der mag vielleicht auch, nicht zuletzt, daran denken, daß diese Arbeit stets ohne materiellen Ertrag geleistet werden mußte und sich einzig durch die Freude belohnt wissen konnte, die höher ist als Ehrgeiz und egoistisches Streben, – heutzutage gewiß eine seltene Erscheinung. Tatsächlich war ›Freude‹ immer das einigende Band zwischen den vielen nötigen Kräften, und diese Freude ist zuletzt ja eine Form der Dankbarkeit, die nie ganz abgestattet ist: – jeder, der ›dabei‹ war, kommt denn auf die nüchterne Welt-Frage ›Warum?‹ zuletzt auf das, was er ganz persönlich dem Namensgeber dieser Jahrbücher schuldet.

   Das erste Jahrbuch hat im wesentlichen bereits die Perspektiven eröffnet, in deren Richtung die Forschung sich bewegen sollte: Er- schließung von Werk und Leben Karl Mays durch Material und Interpretation. Der fünfundzwanzigste Band nun beginnt mit einem Thema, das ebenfalls damals, in meinen ›Anmerkungen‹ (S. 152 ff.) schon angestimmt, seither aber kaum wieder aufgegriffen wurde: Hans-Dieter Steinmetz legt das Ergebnis langjährig gründlicher Recherchen vor, und nur auf seinen Beitrag möchte ich diesmal einleitend vorbereiten.

   Er gilt dem Grabmal auf dem Radebeuler Friedhof. Es war ein Geschenk Karl Mays an die Witwe seines Freundes Richard Plöhn, seine kurz darauf zweite Frau, und mit ihr und ihrer Eigenart ist seine Geschichte vor allem verbunden geblieben: sie ist viel mehr die ihre als die


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Karl Mays selbst. Er hatte sich von ihr zu dem ebenso schönen wie pompösen Bauwerk – der sicher prunkvollsten Grabstätte der deutschen Literaturgeschichte – begeistern lassen, an jenem Mondscheinabend des 14. Juli 1900 auf der Athener Akropolis, und erhoffte sich dann, als Plöhn starb, für sie von der Planungsbeschäftigung Ablenkung und Trost; es sollte ein Familienbegräbnis und Freundschaftsdenkmal werden und ihrer aller Glauben an die einstige Wiedervereinigung zum Ausdruck bringen. Aber als es fertig war, hatte sich sein auf der Orientreise längst erschüttertes Selbstverständnis weiter gewandelt, und die Vorstellung, dereinst in einem Tempel begraben zu liegen, wurde ihm völlig fremd: er wünschte sich ein schlichtes Grab in seinem Garten. Vielleicht hat ihn auch – wie die ästhetische Erkenntnis, daß sich ein Nike-Tempel nicht einfach in Sachsen nachbauen ließ – der gewaltige Aufwand im Nachhinein erschreckt, den der Bau, und nicht nur technisch, erforderte. Selmar Werner erhielt für das Bildwerk vom Privatmann Karl May ein Honorar, wie es sonst nur Staatsaufträge einbringen, nämlich 20 000 Mark; der Architekt Paul Ziller empfing, für eine freilich großartige Leistung, 12 000 Mark; und daß sich die Materialkosten, einschließlich der aus Siena bezogenen Marmorblöcke, sowie die Lohnkosten auf ebenfalls etwa 12 000 Mark begrenzen ließen, war nur möglich in einer Zeit, in der ein Arbeiter für die Stunde 35 Pfennig bekam: insgesamt hat das Grabmal nach heutigem Geldwert eine halbe Million gekostet, weit mehr als die Villa ›Shatterhand‹ mit ihrem Doppelgrundstück zusammen. Wer vor solchem Aufwand ratlos wird, wäre jedenfalls mit Karl May einig; nicht einig allerdings wäre er mit der Frau, von der die ›Idee‹ ausging – und die in der Folge auf noch ganz andere Ideen kam. Das Thema ›Grabmal‹ ist das Thema ›Klara May‹.

   Es umfassend zu behandeln, ist nach wie vor erschwert, weil ihre schriftliche Hinterlassenschaft sich im Karl-May-Verlag befindet ; es ist darüberhinaus aber auch schwierig überhaupt. Wie beschreibt man einen Charakter, der eben dies, ›Charakter‹, nicht ist, wie ein Etwas, das Nichts ist? Klara Mays Individualität war leer: sie war der Echo-Raum aller, die jeweils in sie hineinsprachen und -wirkten, und wie diese wechselten, so wechselte auch ihre Identität: ihr Handeln, ihre Überzeugung, ja ihr Gefühl. So konnte sie in der Ehe mit Richard Plöhn die nichtssagende Hausfrau sein, das bloße Gänschen, wie Karl May schrieb; so in der Zeit der Ehescheidung (und noch lange später) die treusorgende Helferin Mays und im nächsten Augenblick die völlig hörige Bettfreundin Emmas; so trat generell, so oft Denken und Entschluß von ihr gefordert war, an die Stelle ihrer Ich-Stimme jenes spiritistische Sprechen, als dessen Medium sie sich begriff. Intellektuell besaß sie eine durchaus


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lebendige Auffassungs-, aber ersichtlich keinerlei Verarbeitungsgabe; sie brauchte auch hier die Autorität, der sie nachsprechen konnte. Solange sie Karl Mays Frau war, waren ihre Gedanken identisch mit den seinen: er war sich ihrer Konstitution voll bewußt, lenkte sie mit Strenge und hatte so in ihr eine hingebungsvolle, blind ergebene Gefährtin. Nach seinem Tode aber fiel sie in ihr Nichts zurück, und ihr Schicksal in den Folgejahren ist nicht ohne Mitgefühl zu betrachten. Aber dem Verständnis müssen unüberlagert die Tatsachen zurseite bleiben, die eines Tages in Dokumenten darzustellen sein werden: ihr im tiefsten Grund gestörtes Verhältnis zur Wahrheit – und, damit zusammenhängend, ein unter der Ohnmacht nur verstecktes, unheimlich machtwilliges Selbst-Bewußtsein, das sie schließlich glauben ließ, sogar Geschichte und Schicksal korrigieren zu können. So versuchte sie denn, durch Akten- und Manuskripte-Vernichtung größten Stils Karl Mays Vergangenheit nach ihrem Bilde umzuformen – und schließlich sogar sein Werk; ich habe, was da zu dokumentieren ist, in den erwähnten ›Anmerkungen‹ seinerzeit schon angedeutet. Das geschah zu einer Zeit, als längst eine andere Identität in ihre Leere eingedrungen war, und diese Identität hat auch ihre letzte schlimme Tat bestimmt.

   Hans-Dieter Steinmetz ist bei seiner Schilderung über diese Voraussetzungen vollendet objektiv mit Nil-nisi-bene-Worten weggegangen; es muß aber davon gesprochen werden. Klara May war das, was man im Bewältigungsjargon eine »überzeugte Nationalsozialistin« nennt – nicht weiter erläutert, was »überzeugt« bei ihr und ihresgleichen alles heißt. Sie hat ihre Begegnung mit Hitler selber in einem, glücklicherweise unveröffentlicht gebliebenen, Aufsatz geschildert, und wer die Vorgänge um das Grabmal verstehen will, muß diese ihre Bekenntnisse mit zur Kenntnis nehmen – »zu dem Manne, der mich schon seit Jahren mit geheimen Banden anzog . . . dem Größten der uns jetzt lebenden Großen . . . dem Führer, dem Erlöser . . .«: »Heilrufe verkünden sein Nahen. Der größte jetzt lebende deutsche Mann steht vor mir. Ich halte seine Hand, sehe in seine gütigen strahlenden Augen . . . Es waren heilige Minuten. Ein Gottgesandter hatte meinen Lebenskreis berührt. Bis ins Innerste erschüttert war ich.« Und dann folgt, es steht nicht zu ändern, ein Satz, dessen Aberwitz jeden weiteren Kommentar beendet: »Meine Gedanken gingen zurück zu Karl May, der sein ganzes Leben wie ein Wegbereiter für diese Hitlerzeit war . . .«

   Als Karl May beigesetzt wurde, am 3. April 1912, ruhten in der Gruft schon zwei Särge, der Richard Plöhns und der Wilhelmine Beiblers, und an den Seitenwänden des Grabmals standen Inschriften: links »Familie Plöhn« und rechts »Familie May«. Heute lauten diese Inschriften an-


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ders, und die linke Abteilung der Gruft ist leer. Dazwischen liegt die Geschichte, die Steinmetz erzählt, und sie ist, nur scheinbar klein inmitten der soviel größeren der Greuel jener Jahre, furchtbar genug. Es erscheint darin hinter Klara May ein Ensemble von Zeitgenossen, denen wahrhaftig als Bestes nachzurufen ist, daß sie nicht mehr leben: der Oberbürgermeister Severit, der es mit seiner »nationalsozialistischen Einstellung« und mit seiner »Stellung als Oberbürgermeister der Stadt Radebeul nicht vereinbaren« konnte, »eine Ehrung Karl May's an einer Grabstätte durchzuführen, in der sich gleichzeitig noch die Leiche eines Halbjuden befindet«; seine Beauftragten, der Stadtrat Forner und der Studienrat Meyer, die Klara May zu einem »Gespräch« aufsuchten, dessen Verlauf man nur ahnen kann, und ihr den Wortlaut ihres Gesuchs eigenhändig vorschrieben; der Pfarrer Straube auch, der »mit freundlichem Gruß Heil Hitler« einer Witwe gegenüber den verstorbenen Mann »J.[ude] Plöhn« nannte und sie beschied, daß »bei einem Nichtarier nur ein Reihengrab in Frage« komme; – sie alle verbunden durch jene deutsche Bürokratie, durch die dergleichen ›Überzeugung‹, ›Einstellung‹, allgemeines ›Heil Hitler‹ auch hier im Tatsächlichen funktioniert hat.

   Gab es wenigstens eine Spur von Tateinsicht, von Unrechtsbewußtsein? Es gab immerhin die Scheu vor dem Licht des Tages: Erst nach Einbruch der Dunkelheit am 27. April 1942 begannen Arbeiter mit der Installation der Flaschenzüge im Grabmal, um die beiden übereinander liegenden Marmorplatten, die den Gruftzugang verschließen, zu heben – ein Gesamtgewicht von fünf Tonnen; noch vor Morgengrauen wurden die Särge von Richard Plöhn und Wilhelmine Beibler nach Tolkewitz gebracht und verbrannt. Weniger als drei Jahre später wurde die Gruft noch einmal geöffnet, um nun die Täterin aufzunehmen –: was wäre ihr nachzurufen? Die Tat war sinnlos gewesen; ein Zweck wurde nicht erreicht. Hätte man von ihr erwarten dürfen, daß sie sich wenigstens nach erwiesener Zwecklosigkeit weigern würde, die Totenruhe ihrer doch einstmals Nächsten zu stören, und daß sie gar das Wesen einer Staatsherrschaft begriff, das solche Greuel in solcher Selbstverständlichkeit mit sich brachte? Den Krieg, das Werk ihres Erlösers und Gottgesandten, hatte sie offenbar zur Kenntnis genommen: im Brief an den Gauleiter Mutschmann beklagte sie den Mangel an Heizmaterial. Was meinte sie, wenn »der eigenartige Zwischenfall« schließlich »die über mich hereingebrochene, mir gänzlich unfaßbare Sache« wurde, »die mich so schwer getroffen hat, daß ich vollkommen zusammengebrochen bin« –: klang hier, durch wieviel fremdbestimmte Schichten hindurch auch immer, doch jene Ich-Stimme herauf, die einmal Karl Mays


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Seele hatte sein können? Sie meinte nicht ihre Tat; sie meinte die »Verdächtigungen« – und darunter jene des Stadtklatsches, daß sie selber Jüdin sei. Ihr Fazit am Ende, zweieinhalb Monate vor ihrem Tode, korrigiertes Schicksal noch einmal: »Die in der Gruft Einzug hielten, entfernte ein eisern Geschick . . .« Nein, es war Klara May, die sie entfernte.

   Die Geschichte der Radebeuler Gruft ist eine deutsche Geschichte – so sehr, daß man sie fast ›symbolisch‹ nennen möchte, von Anfang an bis heute: mit einigem Recht wird ihrer mitgedacht in einem Jahr, das der furchtbar anderen, die vor 50 Jahren zuende ging, gedenkt. Karl May hat eine Ruhestätte, die er nicht wollte; das mag, soll, muß wohl unabänderlich bleiben. Geschichte ist, anders als Klara May dachte, nicht widerruflich: – ist sie wiedergutzumachen? Die Urnen am Fuß einer Birke auf dem Tolkewitzer Friedhof sind ohne Namenstafeln. Vielleicht sollte es die Karl-May-Stiftung, vielleicht die Karl-May-Gesellschaft zu ihren Aufgaben rechnen, den beiden Nächsten Karl Mays, dem liebsten Freund und der herzlieben Mutter, einen Gedenkstein zu setzen – oder sie sogar an die Stätte zurückzubringen, an der er sie selber zur Ruhe setzte und der sie der Wahnsinn der Zeit und einiger Zeit-Genossen entriß.

   Dank an alle Beiträger und Helfer unserer ›langfristigen Unternehmung‹, die früheren wie die jetzigen, – und auf weitere fünfundzwanzig Jahre!


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