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[Seite aus "Im Familienkreise" Nr.9, 1889, mit Karl-May-Porträt-Zeichnung (167-Kb-Jpg)]


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ANDREAS GRAF

Der Verlag von Heinrich Theissing
Karl May und die katholische Publizistik

Er hatte noch niemals einem Gegner den Rücken gewandt, aber er war fern jedem Blutdurste, und Gerechtigkeit leitete alle seine Handlungen.(1)



Bismarcks ›Kulturkampf‹ der Jahre 1871 bis 1891, der einer systematischen Isolierung der katholischen Bevölkerung und Ausgrenzung ihrer kirchlichen Belange aus dem preußischen Staat nahe kam, führte in der katholischen Publizistik zu verstärkten Anstrengungen um die Stammklientel. Es entstanden zahlreiche neue Zeitungen, Zeitschriften und Kalender, die für die katholische Leserschaft identitätsstiftende bzw. -bewahrende Funktionen einnehmen und gleichzeitig das kulturelle Vakuum auffüllen sollten, das beim Katholizismus durch die Ablehnung aller Organe des publizistischen Liberalismus – von der ›Gartenlaube‹ (Wochenschrift) über die ›Kölnische Zeitung‹ (Tageszeitung) bis zum ›Lahrer Hinkenden Boten‹ (Kalender) – entstand. Die Gesamtzahl aller katholischen Zeitungen und Zeitschriften verdoppelte sich in den beiden Jahrzehnten von 1880 bis 1900.(2) Auch die Blätter aus dem Kölner Verlag von Heinrich Theissing, um die es im folgenden gehen soll, bedienten dieses gesteigerte Bedürfnis nach kollektiv-katholischer Affirmation.


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Der einflußreiche Münsteraner Publizist Franz Hülskamp (1833-1911),(3) Konviktspräsident, Päpstlicher Geheimkämmerer und Hausprälat, hatte 1871 im ›Literarischen Handweiser‹, dem maßgeblichen katholischen Rezensionsorgan, dessen langjähriger Herausgeber er war, die Gründung eines katholischen Volkskalenders »etwa nach Art des Auerbach'schen, nur noch gediegener, und vor Allem viel positiver, gläubiger, correcter«(4) gefordert. Diese Forderung wurde von der Verlagshandlung Friedrich Pustet in Regensburg modifiziert aufgegriffen, und es erschien 1873 erstmals die Wochenschrift ›Deutscher Haus-


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schatz in Wort und Bild‹. Als im selben Jahr dessen Redakteur Wörner starb, bot Pustet die weitere Herausgabe Hülskamp an; dieser übernahm die Betreuung des Jahrgangs 1874 und versuchte darin zu erfüllen, was er als Programm ähnlich schon früher formuliert hatte: »Für die gebildeten Christen u. Katholiken deutscher Zunge ein belletristisches, unterhaltend-belehrendes Jahrbuch herzustellen, welches nach Form u. Inhalt hohen Ansprüchen genügen« solle. Von diesem Jahrgang der ersten wirklichen katholischen Familienzeitschrift, die auf deutschem Boden erschien, wurden 7500 Exemplare gedruckt.(5) Im Verlauf der folgenden Jahre entwickelte sich der ›Deutsche Hausschatz‹ zu einer ernsthaften Konkurrenz für die seit 1866 im schweizerischen Einsiedeln im Verlag Benziger erscheinende katholische Zeitschrift ›Alte und neue Welt‹, deren neunter Jahrgang 1874 von 80 000 Abonnenten bezogen wurde.(6) Als direkte Reaktion auf die Regensburger Neugründung paßte auch Benziger die Physiognomie seiner Zeitschrift den neuen Verhältnissen an: ›Alte und neue Welt‹ wurde von einer Monats- ebenfalls in eine Wochenschrift umgewandelt, Umfang und Preis wurden erhöht, und die besondere Rücksichtnahme auf jugendliche Interessen – bislang eine wichtige Zielgruppe – wurde aufgegeben. Hülskamp hatte ursprünglich geplant, das Schweizer Blatt solle für »die breiten Schichten des Volkes« sein, die Regensburger Schrift dagegen »für die höher gebildeten Kreise«.(7) Deshalb beklagte er im folgenden Jahr die Angleichung im Profil beider Zeitschriften: »So reflectiren beide gegenwärtig genau auf das nämliche Publicum, und neben den volksthümlichsten u. mitunter auch trivialsten Dingen figuriren in beiden wiederum superfeine u. nur für die wahrhaft Gebildeten vollkommen verständliche, ja mitunter nur Diesen interessante Dinge.«(8)

   Als ein besonderes Problem aller dieser auf ein breiteres Publikum hin angelegten katholischen Publikationen – als zu übertrumpfende Vorbilder wurden neben der ›Gartenlaube‹ auch ›Daheim‹ und ›Illustrirte Welt‹ genannt(9) –, erwies sich die Beschaffung geeigneter Texte, zumal belletristischer Natur. Denn mit den beinahe schon sprichwörtlich generösen Honoraren der großen liberalen Familienblätter konnte keine einzige katholische Zeitschrift konkurrieren.(10) Diese Misere wurde um so schwerwiegender empfunden, als man sich gerade von der Unterhaltungsliteratur ganz besondere Wirkungsmöglichkeiten versprach. Heinrich Keiter hegte zum Beispiel die Überzeugung, daß die Ursache der antikatholischen Verbissenheit, die er auf protestantischer Seite sah, »zum weitaus größten Teil in der Unterhaltungslitteratur zu suchen«(11) war! Keiter nahm damit, nicht im konkreten Ergebnis, aber in der methodischen Struktur, wichtige Erkenntnisse vorweg, die die Mas-


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senkommunikationsforschung erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten genauer ausgeleuchtet hat. Hülskamp schrieb zwar anerkennend, die katholischen Autoren seien dankenswert opferwillig und bescheiden. Doch: »Allein da kommt auch wieder die Erfahrung in Betracht, daß wir mit den specifisch katholischen Erzählern u. Schilderern allein nicht ausreichen, und daß wir uns deshalb bestreben müssen, auch von den Indifferenten, die sich in ihren Schriften zu unseren Glaubens- und Sittengeboten wenigstens nicht feindlich stellen, die tüchtigsten für unsre Blätter zu gewinnen; da tritt dann sofort die Concurrenz, um nicht zu sagen das Meistgebot, wieder in sein Herrscherrecht.«(12)

   An dieser ›Konkurrenz der Indifferenten‹ auf dem katholischen Literaturmarkt beteiligte sich in den nächsten Jahren auch ein junger Literat aus Dresden, der, als Hülskamp die zitierten Sätze schrieb, soeben eine vierjährige Zuchthausstrafe abgesessen hatte und sich anschickte, zum gelesensten deutschen Autor zu werden: Karl May. In den ersten Jahren nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Waldheim im Mai 1874 veröffentlichte Karl May seine Erzählungen, Humoresken, Abenteuergeschichten etc. fast ausschließlich in Verlagen, die in seiner näheren Umgebung, also in Dresden, Pirna, Glauchau u. a. ansässig waren (allerdings mit der bemerkenswerten Ausnahme des Stuttgarter Verlages von Hermann Schönlein). Erst am Beginn der achtziger Jahre konnte May diese relative lokale Isolierung allmählich überwinden. Bereits 1879 hatte May zwei Erzählungen für den fünften Jahrgang des ›Deutschen Hausschatz‹ aus Regensburg beigesteuert.(13) Diese katholische Zeitschrift, für die der Autor in den folgenden fünfzehn Jahren zahlreiche Romane und Erzählungen verfaßte, machte Karl May in ganz Deutschland bekannt. Beide Seiten profitierten von der nicht immer störungsfreien Partnerschaft: Mays spannende Erzählungen hielten das Publikum des ›Hausschatz‹ bei der Stange (Auflage 1893: 30 000), und die sich allmählich steigernden Honorare waren für May eine wichtige finanzielle Grundlage. Der sächsische Lutheraner May galt sehr bald als Autor katholischer Provenienz und fand als solcher wie selbstverständlich Aufnahme in den seit 1891 erscheinenden ›Katholischen Literatur-Kalender‹ von Heinrich Keiter. Als Reaktion darauf wurde er dann seit 1894 auch in ›Kürschner's Litteratur-Kalender‹ als katholischer Autor geführt, was dort seit 1897 mit dem ominösen ›k.‹ hinter seinem Namen gekennzeichnet wurde. Ob May dies selbst veranlaßt hat, ist fraglich; vermutlich hat die Redaktion des ›Kürschner‹ schlicht beim ›Keiter‹ abgeschrieben.

   Das Verhältnis Karl Mays zur katholischen Presse – beziehungsweise deren Umgang mit dem Autor – läßt sich in drei Phasen einteilen, die je-


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weils etwa ein Jahrzehnt umfassen. Das erste Jahrzehnt (1878-90) war bestimmt von einem relativ unverkrampften Umgang beider Seiten miteinander; man wußte, was man aneinander hatte. Die neunziger Jahre sahen ein verstärktes ›Katholisieren‹ Mays, dessen charakteristischster Ausdruck die zahlreichen ›Marienkalendergeschichten‹ des Autors sind;(14) die Ursachen dieser verstärkten Marientümelei Mays sind bis heute nicht überzeugend geklärt. In der dritten Phase (seit 1898) begann sich die katholische Publizistik dann vehement von Karl May zu distanzieren; einige ihrer führenden Vertreter, wie Karl Muth, Hermann Cardauns oder später Ansgar Pöllmann, entdeckten plötzlich literarische Unzulänglichkeiten und stießen sich an den Fiktionen der ›Old Shatterhand-Legende‹ – die ursprünglich von den katholischen Blättern selbst aufgebaut worden war. Es wurde entdeckt, daß May, während er für den ›Hausschatz‹ geschrieben hatte, gleichzeitig auch umfangreiche Kolportageromane verfaßt hatte; der religiöse Hausautor war als ›Pornograph‹ entlarvt, und die katholische Publizistik versuchte den eigenen Ruf zu retten. Die liberale ›Frankfurter Zeitung‹ kommentierte: »Die Klerikalen schütteln Herrn Karl May von ihren Rockschößen ab.«(15) Der Dresdener Hofkaplan Paul Rentschka etwa warf May vor, er habe »für den Indifferentismus [!] und Modernismus die allergefährlichste Propaganda gemacht«.(16) Daß man May ursprünglich einmal als literarisches Zugpferd für genau jene ›Indifferenten‹ aufgebaut hatte, wollte man nun nicht mehr wahrhaben. May wurde am Ende des Jahrhunderts das prominenteste Opfer eines Paradigmenwechsels innerhalb der katholischen Literaturkritik. War in den Jahrzehnten zuvor beinahe jedes erzählerische Mittel recht gewesen, wenn's nur fromm war, so glaubte man nun, auch in Religionsfragen auf eine gewisse Qualität nicht mehr verzichten zu können; durch dieses neu gewonnene Raster ließ man den Dresdener Autor fallen. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan.

   Mays Arbeit für den Kölner Theissing-Verlag fällt in die ›Hausschatz‹-Zeit, also in die erste Phase. Auffallend ist für die ersten beiden Phasen der Gegensatz zwischen der tatsächlichen, zeitweise geradezu übermächtigen Bedeutung des Autors Karl May für die Publikumsbindung der katholischen Blätter und der gleichzeitig fast methodisch betriebenen Ignorierung dieser Tatsache in der katholischen publizistischen Öffentlichkeit. May galt offenbar, trotz nicht weniger weltanschaulicher Kniefälle vor Redakteuren und Publikum, den maßgeblichen Meinungsführern des Katholizismus als ein unsicherer Kantonist. May schrieb zwar anderthalb Dutzend Erzählungen und Romane für den ›Deutschen Hausschatz‹, er verfaßte zwischen 1891 und 1899 für


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den ebenfalls bei Pustet erscheinenden ›Regensburger Marienkalender‹ (Auflage 1895: über 600 000!) acht Erzählungen, er bestückte daneben ›Benziger's Marienkalender‹, den ›Eichsfelder Marienkalender‹ (Auflage 1909: 60 000),(17) den ›Einsiedler Marienkalender‹ (Auflage 1909: 25 000) und den ›Fuldaer Bonifatius-Kalender‹ (Auflage 1909: 14 000) mit Geschichten, und er versorgte, wie zu zeigen ist, mindestens sechs Jahrgänge der katholischen Zeitschriften des Kölner Verlages Theissing mit Beiträgen. In der Werbung für die jeweiligen Periodika wurde Mays Mitarbeiterschaft denn auch stets gebührend betont.(18) Bei der katholischen Kritik ist von May jedoch in diesem Zusammenhang nie die Rede, er wurde offenbar systematisch übergangen bzw. verschämt verschwiegen. Franz Hülskamp ging beispielsweise in seinem ›Literarischen Handweiser‹ immer wieder auf die gerade aktuellen Jahrgänge des ›Deutschen Hausschatzes‹, von ›Alte und neue Welt‹ und auch der Zeitschriften des Verlages Heinrich Theissing ein, Karl May wird dabei aber nie erwähnt.(19) Das gilt auch für Hülskamps Überblicksartikel ›Unsere illustrirten katholischen Unterhaltungsblätter‹ des Jahres 1886.(20) Ursache hierfür ist vermutlich die schlichte Tatsache, daß May für den Kritiker per Saldo eher auf dem Negativkonto zu verbuchen gewesen wäre – und dieses wurde nicht belastet. Negativkritik an katholischen Blättern unterblieb nämlich, um der eigenen Sache willen, aus Prinzip. Zwar hatte Hülskamp 1880 vorsichtig angemahnt, die beiden großen katholischen Familienblätter ließen »die volle literarische und artistische Ebenbürtigkeit mit den gleichartigen antikatholischen Organen ( . . . ) vermissen«,(21) doch auch 1886 hatten sie »noch immer nicht zu solcher Höhe sich erheben können, daß wir Alles an und in ihnen mit Beifall begleiten und rühmend anerkennen könnten.«(22) Auf eine Besprechung von Details wurde aus diesen Gründen verzichtet. Mit bemerkenswerter Offenheit schrieb Hülskamp: »Die Motivierung [eines Urteils] müßte neben dem Lobe auch hin und wieder das Gegentheil von Lob enthalten, und das könnte den Blättern, denen wir ja nützen wollen, nur zum Schaden gereichen. ( . . . ) Die Hauptsache ist überhaupt nicht, daß unsere Blätter kritisiert, sondern daß sie gekauft werden.«(23) Hülskamp erinnert dann an die »prächtigen Erzählungen von Trautmann und Seeburg« und übergeht May erneut, obwohl im Jahr zuvor aus Anlaß eben einer solchen Buchedition in einem katholischen Verlag der Name Mays erstmals Eingang in die Spalten des ›Literarischen Handweisers‹ gefunden hatte. Dort hatte Heinrich Keiter, der – Ironie des Schicksals! – vier Jahre später Redakteur des ›Deutschen Hausschatz‹ wurde und als solcher einige Auseinandersetzungen mit dessen Hausautor May zu bestehen hatte, über die May-Erzählung


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›Die Wüstenräuber‹, die 1885 im Kölner Verlag von Joseph Bachem erschienen war, kurz und bündig geschrieben: »Karl May, der schon mehrfach ethnographische Romane geliefert, führt uns in dem oben genannten in die Wüste Sahara. Was er erzählt, ist Alles interessant, wenngleich für den, der mehrfach Romane von May gelesen, leicht der Eindruck von Manieriertheit hervorgerufen wird. Einen künstlerischen Maßstab darf man an dergleichen Reiseromane nicht legen; genug, wenn sie, wie der vorliegende, angenehm unterhalten. Nicht wenig amüsiren wird es May's Leser, wie rasch er mit den Wüstenräubern fertig wird, sie fallen wie die Fliegen; in Wirklichkeit würde es wohl etwas weniger gemüthlich hergehen.«(24)

   Wenn es also einmal zu einer Besprechung kam, dann wurden künstlerische Vorbehalte ins Feld geführt. Erst am Ende des Jahrhunderts, als May seine Tätigkeit für katholische Verlage notgedrungen einstellte, wurde man deutlicher. Bei einer Rezension der Broschüre ›Steht die katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit?‹ von Veremundus (d. i. Carl Muth), in der einmal mehr der Mangel an ernstzunehmenden katholischen Erzählern beklagt wurde, schrieb Hülskamp abfällig: »Karl May wollen wir ihm freilich gern schenken.«(25) Und 1901, als Hermann Cardauns, der Chefredakteur der ›Kölnischen Volkszeitung‹, May in einer Vortragsreihe bloßgestellt und damit eine sich über Jahre hinziehende Pressekampagne ausgelöst hatte, schrieb er: »Unsrerseits können wir mit Genugtuung darauf hinweisen, daß der Handweiser in den Jubelhymnus auf den ›Einzigen‹ und ›Unvergleichlichen‹ niemals eingestimmt, sondern sich bei gegebenem Anlasse stets abfällig über seine Schreiberei geäußert hat.«(26)

   Zu diesem Zeitpunkt begann der öffentliche Wind May ins Gesicht zu blasen. Sein mit leichter Hand für eine leichtgläubige Öffentlichkeit errichtetes Kartenhaus – die Legende von der Identität des Dr. Carl May mit seinem Helden Old Shatterhand – fiel mit den ersten Böen im Blätterwald in sich zusammen. Die Kampagne, die von May-Verehrern häufig als ›Hetze‹ bezeichnet wird, war, zumindest was Hermann Cardauns und die ›Kölnische Volkszeitung‹ angeht, zu einem guten Teil ein absolut legitimer Vorgang. Die Presse entlarvte einen literarischen Pseudologen, dem die Abgleichung seiner Phantasiegebilde mit der Wirklichkeit zunehmend weniger gelingen wollte. Daß man dabei gelegentlich übers Ziel hinausschoß, lag sowohl an der Eigendynamik solcher – originär demokratischen – Prozesse wie an der psychischen Struktur Mays. Daß Cardauns freilich die harmlosen Nuditäten in Mays Kolportageromanen zum Skandal machte, war ein weiterer – unfreiwilliger – Beweis für die spitzlippige Prüderie und Provinzialität katholi-


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scher Kreise, die Carl Muth in seiner ›Veremundus‹-Broschüre eben noch so heftig kritisiert hatte.(27)

   Doch diese Vorgänge sind weitgehend bekannt.(28) Bislang unbekannt aber war, daß beinahe zwanzig Jahre zuvor ausgerechnet im Feuilleton der ›Kölnischen Volkszeitung‹, als Cardauns bereits deren verantwortlicher Redakteur war, eine Erzählung Karl Mays abgedruckt worden war! Cardauns verschwieg dies später wohlweislich, und May erinnerte sich dieser Tatsache nicht mehr, sonst hätte er sie als kurioses Streiflicht in seinem Zwist mit dem Redakteur sicher eingesetzt. Es handelte sich dabei um die Dessauer-Erzählung ›Die drei Feldmarschalls‹, die, ähnlich den bereits erwähnten ›Wüstenräubern‹, später (1888) als Buch in ›Bachem's Novellen-Sammlung‹ aufgenommen wurde:


Die drei Feldmarschalls. Bisher noch unbekannte Episode aus dem Leben des ›alten Dessauer‹ von Karl May.
In: Kölnische Volkszeitung. Druck und Verlag von J. P. Bachem in Köln. Verantwortlicher Redacteur: Dr. H. Cardauns in Köln.
25. Jahrgang (1884)
Nr. 296 (Samstag, 25. Oktober) Drittes Blatt
Nr. 302 (Freitag, 31. Oktober) Drittes Blatt
Nr. 309 (Samstag, 8. November) Drittes Blatt
Nr. 316 (Samstag, 15. November) Drittes Blatt
Nr. 323 (Samstag, 22. November) Drittes Blatt
Nr. 330 (Samstag, 29. November) Drittes Blatt(29)

Diese Humoreske ist eine von zehn, die Karl May in den Jahren 1875 bis 1883 über die Figur des Fürsten Leopold I. von Anhalt-Dessau (1676-1747) veröffentlicht hat.(30) Die Erzählung war erstmals 1878 unter dem Pseudonym Emma Pollmer erschienen und 1880 noch einmal, mit dem Titel ›Dreifach gefangen‹, unter dem Pseudonym Karl Hohenthal. Die Veröffentlichung von 1884 in der ›Kölnischen Volkszeitung‹ ist also die erste unter dem wirklichen Namen des Autors. Ein über die reine Unterhaltungsfunktion hinausgehendes Interesse der Redaktion – der damals immerhin bedeutendsten katholischen Tageszeitung Nordwestdeutschlands – an dieser eher belanglosen, im Siebenjährigen Krieg spielenden historischen Erzählung ist aus dem Text zunächst nicht zu erkennen – will man nicht gerade die darin zum Ausdruck kommende propreußische Haltung als borussenfreundliches Gutwettersignal des Ultramontanismus ›unter dem Strich‹ werten. Auf jeden Fall macht diese Veröffentlichung, berücksichtigt man daneben Mays seit 1878 andauernde Kontakte zum ›Deutschen Hausschatz‹, verstärkt deutlich,


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daß dem sächsisch-lutherischen Autor ökonomisch das Hemd näher war als die Hose: Wenn sich also dem Autor eine Verwertungsmöglichkeit für einen Text bot, dann nutzte er sie, gleich welcher weltanschaulichen Couleur das Blatt war.

   Im gar nicht so fernen Sachsen konnte der Autor, der sich selbst mehrfach als Redakteur betätigt hatte, wohl – wenigstens gelegentlich – auch Periodika der katholischen Welt einsehen. Es ist nicht auszuschließen, daß er dabei auf ein Preisausschreiben (›Feuilleton-Concurrenz‹) gestoßen ist, das der Verlag der ›Kölnischen Volkszeitung‹ im Dezember 1877 veranstaltete, um dem bereits erwähnten, katholischerseits bestehenden Mangel an belletristischen Texten abzuhelfen. Die Ausschreibung des Bachem-Verlages, die von christlicher, nicht von katholischer Weltanschauung sprach, war offenbar auch für die ›Indifferenten‹ unter der Autorenschaft formuliert: »Die unterzeichnete Verlagsbuchhandlung beehrt sich, zu einer Feuilleton-Concurrenz unter folgenden Bedingungen einzuladen. Nur Romane oder Novellen, die Original-Arbeiten und noch nicht gedruckt sind, werden bei der Concurrenz zugelassen. Die Erzählung muß streng auf dem Boden der christlichen Weltanschauung stehen. Die verehrlichen Autoren wollen dabei beachten, daß es sich um ein in kleinern Abschnitten erscheinendes Feuilleton handelt, bei welchem lebhafter Dialog und rascher Fortschritt der Handlung dringend erforderlich sind. Der Umfang soll etwa 300 bis 400 Druckseiten in Klein-Oktav-Format betragen ( . . . )«(31) Als Honorar waren 2500 Mark ausgesetzt, und für die Entscheidung ließ man sich, da Originalarbeiten gefordert waren, bis zum 31. März des übernächsten Jahres Zeit. Ob May sich an dieser Konkurrenz beteiligt hat, wissen wir nicht. Briefe o. ä. sind nicht überliefert, und auch der Bachem-Nachlaß im Historischen Archiv der Stadt Köln enthält keinerlei Unterlagen über das Feuilleton der ›Kölnischen Volkszeitung‹. Mays ›Wüstenräuber‹, von Bachem 1885 als Buch veröffentlicht, waren jedenfalls nicht zuvor im Feuilleton der ›Kölnischen Volkszeitung‹ abgedruckt worden; eine systematische Durchsicht der Jahre 1874-85 lieferte keine weiteren May-Funde. Als einzige ›exotische‹ Texte druckte das Blatt in diesem Zeitraum zwei Romane von Jules Verne ab.


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Dennoch konnte May auch neben dem ›Hausschatz‹ die Veröffentlichungsmöglichkeiten der katholischen Presse erfolgreich nutzen. Im neunten Jahrgang der Zeitschrift ›Feierstunden im häuslichen Kreise‹


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des Kölner Verlags von Heinrich Theissing erschien 1883 die May-Erzählung ›Im »wilden Westen« Nordamerika's‹, und im achten Jahrgang der Zeitschrift ›Im Familienkreise‹ des gleichen Verlags wurde 1885 dessen ›Old Firehand‹ abgedruckt. Beides ist bekannt; unbekannt war allerdings bislang, daß der tatsächliche Umfang von Mays Tätigkeit für diesen Verlag über die beiden genannten Texte deutlich hinausging.

   Der Verlag Heinrich Theissing wurde am 1. Januar 1875 gegründet und befand sich im Besitz von Friedrich Heinrich Theissing.(32) Heinrich Theissing wurde am 26. Mai 1849 – mit seinem Zwillingsbruder Hermann – als jüngster Sohn des Buchhändlers und Inhabers der ›Theissing'schen Verlagshandlung‹, Conrad Theissing (1798-1873), und seiner Ehefrau Christina Rinteln (1811-1887) in Münster/Westfalen geboren.(33) Die Theissingsche Buchhandlung war 1786 von Friedrich Christian Theissing (1759-1845) gegründet worden und 1826 in den Alleinbesitz von dessen Sohn Conrad übergegangen. In der dritten Generation wurde das Geschäft geführt von Conrads Söhnen Sigismund (1841-1923) und Bernhard (1843-1918),(34) zwei älteren Brüdern von insgesamt zehn Geschwistern Heinrich Theissings; in der vierten Generation führte den Familienbetrieb, der im letzten Krieg unterging, Sigismunds Sohn Ludwig (1872-1940). Heinrich Theissing blieb als jüngstem Sohn dieser alteingesessenen Buchhändler- und Verlegerfamilie, wenn er sich im gleichen Gewerbe betätigen wollte, wohl nichts weiter übrig als die Abwanderung nach Köln.


[Heinrich Theissing]
   Über die Ausbildung Heinrich Theissings ist wenig bekannt, offenbar hat er die väterlichen Betriebe durchlaufen.(35) Das Programm der Verlagsbuchhandlung, die der Fünfundzwanzigjährige dann 1875 in Köln eröffnete, war jedenfalls deutlich orientiert an dem mittlerweile in die Hände seiner Brüder übergegangenen Geschäft in Münster. Es bestand im wesentlichen aus katholischen Traktaten, Erzählungen, Broschüren, Schul- und Gesangbüchern, Kalendern, Bistumsblättern und Zeitschriften aller Art.(36) Auch Heinrich Theissing verstand ganz offensichtlich sein Geschäft,


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denn er hat es fast fünfundvierzig Jahre lang geführt. Für viele der sehr bald in seinem Verlag erscheinenden Zeitschriften zeichnete er selbst als Redakteur. Im Dezember 1877 erwarb Heinrich Theissing die alteingesessene Kölner Buchdruckerei der Witwe Franz Kellerhoven,(37) und es gelang ihm in den nächsten Jahren, den Umfang seines Geschäfts, das sich Unter Käster 8 befand, bedeutend auszuweiten. Aufgrund bewiesener, wie es hieß, ›kindlicher Verehrung‹ wurde ihm von Papst Leo XIII. (den auch Karl May besucht hat(38)) anläßlich seines fünfundzwanzigjährigen Firmenjubiläums der Titel eines ›Verlegers des Apostolischen Stuhles‹ verliehen.(39) Als er, unverheiratet und kinderlos, am 5. November 1919 in seinem 61. Lebensjahr in Köln starb, hinterließ er sein gesamtes Vermögen einer Nichte.(40) Über den Verbleib seiner Bibliothek, die im Testament ausdrücklich erwähnt wird, sowie der Verlagskorrespondenz ist leider nichts bekannt. Seinen Verlag hat er am 1. Juli 1919 an den St.-Josephs-Verein abgetreten. Einem Nachruf zufolge war Heinrich Theissing »eine echte Westfalennatur; grundsatztreu und gewissenhaft . . . Den Idealen des Katholizismus und der Zentrumspartei suchte er nach besten Kräften zu dienen.«(41)

   Zu einer wichtigen Stütze des Verlags wurden die Zeitschriften. Zunächst ging 1876 das ›Rheinische Sonntagsblatt‹ – unter dem ursprünglichen Titel ›Kölner Sonntagsblatt für Stadt und Land‹ – mit seinem 5. Jahrgang in den Verlag von Heinrich Theissing über. Die ersten drei Jahrgänge (1872-74) waren noch im Verlag von J. P. Bachem erschienen, der vierte bei F. Kellerhoven. Mit dem siebten Jahrgang 1878 wurde das Blatt dann in ›Rheinisches Sonntagsblatt für das katholische Volk‹ umbenannt, das im Jahr 1910 mit der zu dieser Zeit ebenfalls dem ›Rheinischen Merkur‹ beiliegenden ›Sonntagsruhe‹ vereinigt wurde. Das ›Rheinische Sonntagsblatt‹ (Auflage 1900: 15 500(42)) erschien bis zum 33. Jahrgang (1910) bei Theissing, danach im Herold-Verlag in Köln. Dann erschien seit 1877 dreimal wöchentlich der politisch orientierte ›Rheinische Merkur‹ (Auflage 1892: 11 600,(43) 1912: 36 000(44)), der am 1. Oktober 1881 in ein Tageblatt umgewandelt wurde. Der ›Rheinische Merkur‹ brachte im Laufe der Jahre wechselnde – und meist mehrere – Beilagen, die gesondert abonniert werden konnten. Als wöchentliche Beilagen zum ›Rheinischen Merkur‹ erschienen Anfang der achtziger Jahre das religiöse ›Rheinische Sonntagsblatt‹ und – offenbar nur kurze Zeit – die von Hermann Schönlein in Stuttgart für nahezu einhundert kleinere Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum produzierte Feuilleton-Beilage ›Illustrirtes Unterhaltungs-Blatt‹.(45) Seit 1878 erschien außerdem die Beilage ›Im Familienkreise‹. Im nächsten Jahr übernahm Heinrich Theissing mit dem fünften Jahrgang (1879) die illu-


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strierte katholische Monatsschrift ›Feierstunden im häuslichen Kreise‹, die zuvor in Paderborn erschienen war.(46) Zusätzlich brachte Theissing seit 1882 zwei Kalender heraus: ›Der Kölner Bote. Illustrirter Familien-Kalender‹ und ›Der kleine Kölner hinkende Bote‹. Von ersterem wußte ein katholischer Rezensent 1888 triumphierend zu berichten: »Dieser kleine, aber allerliebste ›Bote‹, der in 40 000 Expl. gedruckt wird, hat das große Verdienst, den nichtsnutzigen ›Lahrer Hinkenden Boten‹ [Auflage 1899: 1 Million!] aus den Rheinlanden großentheils vertrieben zu haben.«(47) Im Jahr 1885 erschien bei Theissing der erste Jahrgang der Tageszeitung ›Sieg-Bote‹, die bis 1915 nachweisbar ist.(48) Außerdem hat Theissing 1894 mit dem 41. Jahrgang auch die ursprünglich von Adolph Kolping gegründeten (1854) ›Rheinischen Volksblätter‹ übernommen (Auflage 1912: 38 000);(49) sie blieben bis Nr. 26 des 66. Jahrgangs (1919) in seinem Verlag und gingen danach in den Verlag der St. Josephs-Vereine GmbH über. Dieser Verlag gibt als Adresse ebenfalls Unter Käster 8 an. Möglicherweise ist also der Theissing-Verlag nach dem Tod Heinrich Theissings in jenen übergegangen. Als Wochenbeilage zu den ›Rheinischen Volksblättern‹ erschien bei Theissing seit 1894 außerdem ›Der Gesellenfreund‹; diese Zeitschrift läßt sich bis 1916 nachweisen. Im Jahr 1909 wurde bei Theissing zudem der ›St. Maternusbote. Volksblatt für das katholische Deutschland‹ herausgegeben.(50)

   Von diesen Periodika aus dem Verlag von Heinrich Theissing enthielten nur die ›Feierstunden‹(51) und ›Im Familienkreise‹ in nennenswertem Umfang erzählerische Texte. In beiden Zeitschriften erschienen Texte von Karl May. Im neunten Jahrgang der ›Feierstunden‹, deren verantwortlicher Redakteur seit 1879 Heinrich Theissing selbst war, wurde in sieben Fortsetzungen von Januar bis Juli 1883 die May-Erzählung ›Im »wilden Westen« Nordamerika's‹ abgedruckt.(52) Der ›Feierstunden‹-Text ist der früheste bis heute bekannt gewordene Abdruck dieser May-Erzählung.(53) Der erklärende Untertitel der Zeitschrift lautete in dieser Zeit ›Zur Unterhaltung, Belehrung und Erheiterung / herausgegeben / unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller‹, nachdem die Jahrgänge 5-7 (1879-81) vorübergehend ausdrücklich das Bekenntnis im Untertitel geführt hatten: ›Illustrirte  k a t h o l i s c h e  Monatsschrift / zur / Unterhaltung und Belehrung‹. Warum der religiöse Bezug wieder fortgelassen wurde, kann nur vermutet werden. Möglicherweise wollte man auch vom Markt der ›Indifferenten‹ profitieren; jedenfalls ist auch im Inhaltlichen bei diesem (letzten?(54)) Jahrgang ein vorsichtiges Zurückdrängen des rein Religiösen zu beobachten. Von der Zeitschrift erschien monatlich ein Heft von vier illustrierten Quartbogen zum Preis von 30 Pfennigen. Die ›Feierstunden‹ waren damit, an-


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ders als ›Alte und neue Welt‹ und ›Deutscher Hausschatz‹, für die weniger vermögenden Publikumsschichten konzipiert. Hülskamp schrieb: »Sie werden insbesondere dort an ihrer Stelle sein, wo die beiden größeren Blätter immer noch als zu theuer erscheinen.«(55) Ob der neunte Jahrgang der ›Feierstunden‹ der einzige mit einem May-Text war, ließ sich aufgrund von Bestandslücken nicht klären.(56) Möglicherweise enthielt der verschollene Jahrgang 4 (1878) schon May-Texte – wahrscheinlich ist dies aber nicht. Denn die Tatsache, daß zeitgleich und weitgehend parallel dieselbe May-Erzählung in einer weiteren Publikation des Theissing-Verlages erschien, könnte darauf hindeuten, daß dies der erste May-Text für den Verlag gewesen ist. Die Monatsschrift ›Feierstunden‹ wurde nämlich 1883 offenbar aufgegeben bzw. ging auf in der Wochenschrift ›Im Familienkreise‹ (was durch die wortgleiche Übernahme des Untertitels der ›Feierstunden‹ für ›Im Familienkreise‹ betont wurde) – und eben auch in dieser Theissing-Zeitschrift erschien dann dieselbe May-Erzählung von Februar bis Mai des Jahres 1883.(57)


Im »wilden Westen« Nordamerika's. Reiseerlebnisse von Carl May.
In: Im Familienkreise. Zur Unterhaltung, Belehrung und Erheiterung herausgegeben unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller. Gratisbeilage zum ›Rheinischen Merkur‹. Redigiert, gedruckt und herausgegeben von Heinrich Theissing in Köln, Unter Kästen [!] 8.
6. Jg. 1883. 52 Nummern (Januar – Dezember)
[Nr. 8; vermutlicher Beginn]
[Nr. 9]
[Nr. 10]
[Nr. 11]
[Nr. 12]
[Nr. 13]
[Nr. 14]
[Nr. 15]
Nr. 16, S. 121-126
[Nr. 17]
[Nr. 18]
[Nr. 19]
Nr. 20, S. 153-156
Nr. 21, S. 161-163
Erschienen: etwa Ende Februar bis Ende Mai (Turnus: wöchentlich)

Dieser sechste (?(58)) Jahrgang von ›Im Familienkreise‹ ist nur in Rudimenten erhalten, von der May-Erzählung liegen nur die Nummern 16,


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20 und 21 vor; deshalb kann der Beginn des Abdrucks bloß geschätzt werden.(59) Zudem sind die ersten fünf Jahrgänge der Zeitschrift (1878-82) verschollen; ob dort ebenfalls May-Texte zum Abdruck kamen, konnte mithin nicht festgestellt werden. Einiges deutet allerdings darauf hin, daß diese May-Erzählung überhaupt die erste für den Verlag Theissing gewesen ist. Denn erstens ist sie unter den fünf entdeckten Texten für Theissing die einzige, von der kein früherer Abdruck bekannt ist, und zweitens ist es zugleich der einzige dieser Texte, in dem May forciert christliche und sogar katholische Register zieht. Es handelt sich nämlich um die früheste Erzählung jener berühmten Szene von Winnetous Tod, die May später in den letzten Band seiner Winnetou-Trilogie eingebaut hat. In der letzten Folge der Theissing-Fortsetzung haucht Winnetou, zum Christentum bekehrt, seine berühmten letzten Worte »Schar-lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!«,(60) und die letzten Zeilen der Erzählung gehören einer Strophe aus Mays ›Ave Maria‹: »Madonna, ach, in Deine Hände / Leg ich mein letztes, heißes Flehn: / Erbitte mir ein gläubig Ende / Und dann ein selig Auferstehn! / Ave, ave Maria!«(61) Offenbar wollte Karl May sich mit seiner ersten Erzählung für den katholischen Verlag Theissing mit aller Macht auch als Autor weiterer Texte für dieses Haus empfehlen. Dies ist ihm nachdrücklich gelungen.

   Ob auch der folgende siebte Jahrgang (1884) von ›Im Familienkreise‹ May-Texte enthielt, war nicht festzustellen. Die einzig erhaltenen Hefte 13 bis 17 bringen nichts von Karl May; die restlichen 47 Hefte sind wiederum verschollen. Der achte Jahrgang (1885) dann enthielt ›Old Firehand‹.(62) Diese Erzählung ist bis heute eine der frischesten und charakteristischsten des sächsischen Abenteuerschriftstellers.(63) Bemerkenswerterweise hat May diese Erzählung, die ursprünglich bereits aus dem Jahr 1875 stammt und damit zu den frühesten bekannten May-Texten überhaupt zählt, für den Abdruck in dem Kölner Blatt in der ursprünglichen Fassung belassen und nicht etwa die Fassung der Buchausgabe von 1879 zugrunde gelegt. Die ursprüngliche Fassung bestand – neben der eigentlichen Abenteuerhandlung – in einer rührenden Liebesgeschichte des Ich-Erzählers (der noch nicht Old Shatterhand heißt!) mit Old Firehands Tochter Ellen; für eine frühe Buchausgabe hatte May dann aus der Tochter einen Sohn Harry gemacht.(64) Die Gründe für diese erotische Entschärfung sind ungeklärt; jedenfalls wurde sie ausgerechnet für das katholische Blatt aus dem Hause Theissing wieder zurückgenommen. Ähnlich wie schon in der ersten May-Erzählung für Theissing, muß mit der Titelgestalt auch hier am Schluß ein Hauptheld sein Leben lassen: Neben Abenteuer- und Geheimnisspannung gehör-


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te von Anfang an auch das Konzept ›Rührung‹ zu Mays Wirkungskalkül. Für die Familienzeitschriften, die, ob katholisch oder liberal, genau darauf abgestellt waren, bot er sich damit gleichsam natürlicherweise als Autor an.

   Der neunte Jahrgang der Familienzeitschrift aus dem Kölner Verlag von Heinrich Theissing enthielt gleich zwei Erzählungen von Karl May, deren erste zur Abwechslung nicht im ›Wilden Westen‹, sondern in Nordafrika spielte:


Die Rose von Sokna. Ein Abenteuer aus der Sahara von Karl May.
In: Im Familienkreise. Zur Unterhaltung, Belehrung und Erheiterung herausgegeben unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller. Gratisbeilage zum Rheinischen Merkur. Redigiert, gedruckt und herausgegeben von Heinrich Theissing in Köln, Unter Kästen [!] 8.
9. Jg. 1886. 52 Nummern (Januar-Dezember)
Nr. 5, S. 33-35
Nr. 6, S. 41-44
Erschienen: etwa Ende Januar/Anfang Februar (Turnus: wöchentlich)


Wie schon bei ›Old Firehand‹ handelte es sich auch bei dieser Erzählung um einen Text aus der Frühzeit Karl Mays. Er war unter gleichem Titel bereits 1878 in der ›Deutschen Gewerbeschau‹(65) und als ›Ein Wüstenraub‹ 1881(66) in einer anderen Zeitschrift erschienen. Teile der Handlung waren zudem eingegangen in die Erzählung ›Unter Würgern‹, die erstmals 1879 im ›Deutschen Hausschatz‹ erschienen und 1885 im Kölner Bachem-Verlag als ›Die Wüstenräuber‹ in Buchform herausgekommen war.(67) Neben der anspruchslosen Abenteuerhandlung um eine Mädchenentführung thematisiert die Erzählung das Verhältnis des christlichen Ich-Erzählers (»Und ich schwöre Dir bei Isa Ben Marryam, den wir Jesus, den Sohn Mariens nennen, daß ich Dir die Hand zerschmettere«(68)) zu den beiden anderen monotheistischen Religionen: Der Held befreit Rahel, die Tochter des jüdischen Handelsherrn Manasse Ben Arahab (»Ich wollte Dank sagen Jehova Elohim«(69)), aus der Hand des muslimischen Kofla-Aga (»Beim Barte des Propheten, Giaur«(70)). Der Bösewicht wird gefangen, die Familienehre des jüdischen Handelsherrn ist gerettet, und der christliche Held reitet, vom Glanz des Abenteuers in seinen Haltungen bestärkt, triumphierend in der Stadt ein. Nicht zuletzt diese ideologische Konstruktion wird Redakteur und Publikum des katholischen Blattes angesprochen haben – da konnte man offenbar auch die Drohung des Bösewichts, Rahel von seinen Männern vergewaltigen zu lassen, hinnehmen.


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   Doch auch an der Person des Autors zeigte sich die katholische Leserschaft der Theissingschen Zeitschrift, nachdem nunmehr bereits mindestens drei Erzählungen von May in deren Spalten erschienen waren, zunehmend interessiert. Am 11. März 1886 sagte May einem Redakteur sein gedrucktes Porträt zu, welches die Leser einer Kölner Zeitung verlangt haben.(71) Mit der ›Zeitung‹ kann nur ›Im Familienkreise‹ gemeint sein. Das avisierte May-Porträt erschien dort jedoch erst drei Jahre später.


Der Pfahlmann. Ein Abenteuer aus den Vereinigten Staaten von Dr. Karl May.
In: Im Familienkreise. Zur Unterhaltung, Belehrung und Erheiterung herausgegeben unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller. Gratisbeilage zum Rheinischen Merkur. Redigiert, gedruckt und herausgegeben von Heinrich Theissing in Köln, Unter Kästen [!] 8
9. Jg. 1886. 52 Nummern (Januar-Dezember)
Nr. 40, S. 313-316
Nr. 41, S. 321-324
Nr. 42, S. 329-332
Nr. 43, S. 337-340
Nr. 44, S. 345-347
Nr. 45, S. 353-354
Nr. 46, S. 361-363
Nr. 47, S. 369-372
Nr. 48, S. 377-380
Nr. 49, S. 385-388
Nr. 50, S. 394-396
Nr. 51, S. 401-404
Erschienen: etwa Anfang Oktober bis Ende Dezember (Turnus: wöchentlich)


Diese Erzählung stammt ursprünglich ebenfalls aus Mays Frühzeit. Sie war erstmals 1879 mit dem Titel ›Ein Dichter‹ unter Pseudonym erschienen;(72) spätere Zeitschriftenabdrucke und solche unter Mays Namen waren bislang unbekannt. Im Jahr 1894 hatte May die Erzählung zusammen mit zwei anderen zu seinem Buch ›Die Rose von Kaïrwan‹ zusammengestellt(73) und ihr dort ebenfalls den Titel ›Der Pfahlmann‹ gegeben. Mit der Theissing-Veröffentlichung liegt nun der Nachweis vor, daß dieser Titel auch schon für eine Zeitschriftenveröffentlichung verwendet wurde. ›Der Pfahlmann‹ wurde von Karl May nicht in seine in den neunziger Jahren veranstalteten ›Gesammelten Reiseerzählun-


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gen‹ aufgenommen; der Anfang jedoch – die Rettung zweier Wüstenreisender durch Trinken von Coyotenblut – fand über die Umarbeitung von ›Deadly dust‹ (1880)(74) Eingang in den Beginn des dritten Bandes der Winnetou-Trilogie.

   In den Jahrgängen 10 (1887) und 11 (1888) von ›Im Familienkreise‹ war Karl May nicht vertreten. Erst 1889 erschien wieder – zum letzten Mal – eine lange, für Theissing die längste Erzählung des Autors, der sich unterdessen, durch seine Arbeiten für Pustet in Regensburg und Spemann in Stuttgart, auch überregional einen guten Ruf erschrieben hatte:


Der Krumir. Eine Erzählung aus der afrikanischen Wüste von Karl May.
In: Im Familienkreise. Zur Unterhaltung, Belehrung und Erheiterung herausgegeben unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller. Gratisbeilage zum ›Rheinischen Merkur‹. Gedruckt, redigiert und herausgegeben von Heinrich Theissing, Köln, Unter Kästen [!] 8
12. Jg. 1889. 52 Nummern (Januar-Dezember)
Nr. 1, S. 1-3
Nr. 2, S. 9-11
Nr. 3, S. 17-19
Nr. 4, S. 25-27
Nr. 5, S. 33-35
Nr. 6, S. 41-43
Nr. 7, S. 49-52
Nr. 8, S. 57-59
Nr. 9, S. 65-67 (Porträt Mays S. 65)
Nr. 10, S. 73-75
Nr. 11, S. 81-83
Nr. 12, S. 89-91
Nr. 13, S. 97-99
Nr. 14, S. 105-107
Nr. 15, S. 113-115
Nr. 16, S. 121-123
Erschienen: Anfang Januar bis Ende April (Turnus: wöchentlich)


Mit diesem zwölften Jahrgang veränderte die Zeitschrift ihr Erscheinungsbild; die Texte erschienen nicht mehr zweispaltig, sondern bei verkleinerter Type in drei Spalten; das machte einen Platzgewinn von etwa fünfzig Prozent aus. ›Der Krumir‹, dessen Ich-Held allen Angaben zufolge mit Mays Afrikaheld Kara Ben Nemsi identisch sein muß (ohne


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daß er aber diesen Namen führt), wurde von dem Autor später in seinen Sammelband ›Orangen und Datteln‹ (1893) übernommen. Von der Erzählung waren bislang vier Abdrucke bekannt, die alle aus dem Jahr 1882 stammen.(75) Es handelt sich um eine abenteuerliche Verfolgungsjagd durch Algerien und Tunesien, die mit einem ›Todesritt‹ im südtunesischen Hochland des Schott endet; größere Nebenhandlungen sind mehrere Liebesgeschichten sowie eine Löwen- und Pantherjagd. Im Februar brachte die Redaktion mit dem Beginn der neunten Fortsetzung – an jener exponierten Stelle, die sonst für Abbildungen von Kardinälen, hohen Militärs oder Mitgliedern von Herrscherfamilien reserviert war – ein Bild Karl Mays, das bis heute die früheste bekannte Veröffentlichung eines Porträts des Autors ist. In dem redaktionellen Text dazu heißt es: »Viele Leser des Familienkreises sind begierig, den Mann kennen zu lernen, welcher so spannende Abenteuer erlebt, wie sie im ›Krumir‹ geschildert werden. Diesem Wunsche nachkommend, haben wir sein Bild in die heutige Nummer (Seite 65) gesetzt und theilen über seine Person das Wenige, was wir in Erfahrung bringen konnten, mit.«(76) Die darauf folgenden Biographika dort sind weitgehend den Angaben in ›Kürschner's Litteratur-Kalender‹ verpflichtet, beziehungsweise aus den Charakteristika der Ich-Helden Mays extrapoliert. Die Redaktion setzte also, obwohl Zweifel an der absoluten Identität von Autor und Erzähler deutlich spürbar sind, bewußt auf die Werbewirksamkeit des Mayschen Tricks! Sie strickte damit bewußt weiter an der sogenannten ›Old-Shatterhand-Legende‹, die schon mehrere Jahre zuvor in den Leserbriefspalten des ›Hausschatz‹ entwickelt worden war. May habe, hieß es, Philologie studiert und sich den Doktortitel erworben, und er sei ein großer Kenner der orientalischen Sprachen. »Diese Sprachkenntnisse, welche er sich auf großen Reisen erworben hatte, verbunden mit einer lebhaften Phantasie [!], ermöglichten es ihm, die beliebten Reise-Erlebnisse und Abenteuer aller Herren Länder, besonders aber in Afrika und Amerika zu schreiben, welche ihm einen großen dankbaren Leserkreis verschafften.«(77) Der parallel zum ›Krumir‹ im ›Deutschen Hausschatz‹ veröffentlichte Abenteuerroman ›Unter Würgern‹, hieß es weiter, sei »geradezu von klassischer Schönheit ( . . . ) immer und überall weiß er das Interesse des Lesers bis zur letzten Zeile wachzuhalten.«(78)

   Trotz dieses Lobes fand in den neunziger Jahren kein May-Text mehr Eingang in die Spalten des Kölner katholischen Familienblattes. Dies dürfte eher mit der gestiegenen Populariät des Autors und entsprechenden höheren Honorarforderungen zu tun haben als mit einem Desinteresse der Redaktion. Spezifische ›May-Themen‹ versuchte die Re-


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daktion auch in der Folgezeit immer wieder zu bedienen, etwa 1891 mit Berichten über Buffalo Bills Wild-West-Show, über ›Das Ende der amerikanischen Büffel‹(79) oder 1897 mit ›Auf dem Kriegspfad‹, einer Erzählung der letzten Indianeraufstände.(80)

   Für die neunziger Jahre sind mehrere Parallelausgaben von ›Im Familienkreise‹ belegt. Die Zeitschrift erschien in dieser Zeit auch als Gratisbeilage zum ›Kölner Land-Bote‹ sowie, bei absolut identischem Inhalt – allerdings mit dem alten Titel ›Feierstunden im häuslichen Kreise‹ (!) –, auch als Beilage zum ›Sieg-Bote‹ (Auflage 1892: 5000). Ob diese Ausgaben auch schon in früheren Jahren bestanden, ist ungewiß; man müßte dann auch für die May-Texte dieser Jahre entsprechende Parallelausgaben annehmen. Unsicher ist auch, wie lange ›Im Familienkreise‹ erschien; für das Jahr 1912 ist die Zeitschrift noch als Beilage zum ›Rheinischen Merkur‹ belegt.(81)


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Maßgebend für Mays Verhältnis zu Theissing und anderen katholischen Verlagen waren in diesen achtziger Jahren zunächst wohl weitgehend finanzielle Erwägungen. In seiner Autobiographie betonte er später, der Grund für die Zusammenarbeit mit dem Katholizismus – er meint hier speziell den ›Deutschen Hausschatz‹ – sei kein konfessioneller, sondern ein rein geschäftlicher gewesen: die konfessionelle Zugehörigkeit war mir höchst gleichgültig.(82) Allerdings hatte May offenbar bereits als Zweiundzwanzigjähriger, in einem ausschließlich protestantischen Umfeld lebend, ein ›Ave Maria‹ gedichtet;(83) und während der Haft in Waldheim hatte der katholische Anstaltskatechet starken Einfluß auf den späteren Autor. In seinen allerersten Roman hatte er zudem 1876/77 nicht nur scharfe antipapistische Invektiven eingeflochten, sondern auch von einigen Landleuten ein ›Ave Maria‹ beten lassen.(84) Man kann also annehmen, daß sich gewisse katholische Affinitäten – zumal zum Marienkultus – bei dem Protestanten herausgebildet hatten, die dann in diesem Jahrzehnt der Auftragsschreiberei gezielt aktiviert werden konnten.(85)

   Die Erzählung ›Im »wilden Westen« Nordamerika's‹ (1883) kann geradezu exemplarisch für Mays – aus einer christlich-humanistischen Grundhaltung hervorgetriebene – katholisierende Tendenz stehen. Das Thema Religiosität bestimmt Struktur und Motivik des gesamten Textes; es ist deshalb unwahrscheinlich, daß der Autor diese Geschichte – ähnlich den späteren Erzählungen für Theissing – für eine andere


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als eine katholische Zeitschrift konzipiert hat. Man muß mithin davon ausgehen, daß es sich um eine Auftragsarbeit für Theissing (bzw. evtl. eine andere katholische Zeitschrift) gehandelt hat. Alle drei Kapitel (1. Die Railtroublers 2. Helldorf-Settlement 3. Am Hancockberg) der überzeugend gegliederten Erzählung weisen exponiert plazierte Passagen auf, in denen ausführlich über Religiosität und Christentum reflektiert wird. Am Anfang des ersten Kapitels wird die Naturszenerie des Yellowstone-Parks beschrieben: Man möchte sagen, hier habe nicht die Hand, sondern die Faust des Schöpfers gewaltet. . . . Hier hat der Schöpfer ein »Gedächtniß seiner Wunder« errichtet, welches nicht imposanter und ergreifender sein könnte.(86) An den Beginn des zweiten Kapitels hat May eine lange, lessingsch geprägte Auslassung über das Thema Toleranz gestellt. Darin wäscht May, durchaus entgegen eigenen früheren Verlautbarungen, das Christentum von einer Mitschuld an der Vernichtung der indianischen Rasse rein und flicht gleichzeitig einen (erzählerisch ganz abwegigen) Kratzfuß vor seinen katholischen Auftraggebern ein: Und doch ist die heilige Lehre des Erlösers so außerordentlich unschuldig an seinem [des Indianers] Untergange . . . Hunderte von, besonders katholischen [!], Missionen sind noch heut in Mittel- und Südamerika [!] in segensreicher Thätigkeit . . . (87) Am Ende des dritten Kapitels schließlich steht die bekannte Bekehrung Winnetous zum Christentum unter den Klängen des ›Ave Maria‹. In der Mitte desselben Kapitels fand sich schon das berühmte Religionsgespräch zwischen dem Ich-Erzähler und seinem indianischen Freund, das allerlei neutestamentarische Lesefrüchte präsentiert und eine Laienpredigt reinsten Wassers darstellt, deren Form und Funktion gleich mitreflektiert werden: Ich erzählte ihm von dem Glauben der Bleichgesichter, ich suchte ihm das Verhalten derselben gegen die Indianer in einem freundlichen Lichte darzustellen, und ich that dies nicht durch den Vortrag gelehrter Dogmen und spitzfindiger Sophismen, sondern ich sprach in einfachen, schmucklosen Worten, ich redete zu ihm in jenem milden, überzeugungsvollen Tone, welcher zum Herzen dringt, jedes Besserseinwollen vermeidet und den Hörer gefangen nimmt, obgleich er diesen denken läßt, daß er sich aus eigenem Willen und Entschließen ergeben habe.(88)

   Die gesamte Erzählung variiert den Themenkreis ›Gott und Tod‹ anhand markanter Beispiele; dabei dient als quasi leitmotivische Orientierung das ›Sterben‹ der roten Rasse, das im Tod ihres edelsten Vertreters personalisiert und gleichzeitig – bereits in diesem frühen Text – beispielhaft erhöht wird. May hat aus diesem Thema aber – und das unterscheidet ihn elementar von allen ähnlichen Skribenten nicht nur seiner Zeit – keinen öden, landläufige Bibelweisheiten bebildernden Traktat


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gemacht, sondern eine spannende, auch in ihren rührseligen Partien noch durchaus überzeugende Abenteuerstory. May war kein Frömmler. Er zeigte sich vielmehr, neben allem Opportunismus, persönlich dringend an religiösen Fragen interessiert. Natürlich erkannten auch die zeitgenössischen katholischen Redakteure, daß gerade in dieser psychosozialen Disposition des Autors ein Gutteil seiner erzählerischen Kraft ruhte. Es gelangen ihm immer wieder geradezu archetypische Bilder, die ihre Wirkung nicht nur auf jugendliche Gemüter bis heute nicht verfehlen.

   Es ist hier nicht der Ort, Mays Erzähl- und Wirkungsmechanismen in extenso nachzugehen. Auf einen Punkt sei aber hingewiesen. Auf den letzten Seiten der Erzählung verdichten sich, nicht nur durch den Vortrag von fünf Strophen des ›Ave Maria‹, die christlichen Motive. Winnetou blutet wie der von römischer Soldatenlanze gestochene Jesus aus der Brust; wie Maria ihren toten Sohn, so legt sich Old Shatterhand seinen sterbenden roten Freund in den Schoß: entstanden ist – wie die bisherige Forschung schon bemerkt hat(89) – eine Pietá, uraltes Motiv der bildenden Kunst. Es folgt die Bekehrung des Sterbenden, die Beschwörung einer friedvolleren Zukunft nach sinnlosem Tod und die Belohnung der ›Gläubigen‹ (die Settlers finden Gold). Winnetou wird, mit Pferd und Waffen, unter christlichen Gebeten in einem Quasi-Mausoleum beerdigt. Auf diesem Hügel wehen nicht die Scalpe erschlagener Feinde, wie man es auf dem Grabe eines Häuptlings zu sehen gewohnt ist, sondern es sind drei Kreuze darauf errichtet worden.(90) Warum allerdings auf Winnetous Grab, in dem dieser doch allein ruht, drei Kreuze aufgestellt sind, das erfährt – außer vielleicht durch Winnetous besondere Bedeutung als Häuptling – keine weitere erzählerische Begründung. Diese motivliche Besonderheit Mays, die gleichwohl wie selbstverständlich und en passant dargeboten wird, erklärt sich erst durch Berücksichtigung außertextlicher Bezüge. Mit den drei Kreuzen auf einem Hügel läßt Karl May nämlich vor den Augen der Leser einen Kalvarienberg erstehen, ein Bild also, das – wie schon die Pietá – in der Kunstgeschichte eine lange Tradition hat. Kunsthistoriker bezeichnen als Kalvarienberg eine »Anhöhe mit plastischer oder bildlicher Darstellung der Kreuzigungsgruppe als Abschluß eines Kreuzweges«!(91) In der Ikonographie dieser Szene fließen bei May renaissancehafte (drei Kreuze) und romantische (Naturumgebung) Kreuzdarstellungsmotive ineinander. Winnetous Tod wird durch diese Bildwahl dem Kreuzigungstod Jesu angenähert und zu einem Opfertod stilisiert; wie Jesus der christlichen Mythologie zufolge stellvertretend für die Menschheit starb, so muß Winnetou in der populären Mythologie stellvertretend


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für die rote Rasse sein Leben lassen. Sein Tod symbolisiert das Ende des Leidensweges der indianischen Völker, für ihn und sein Volk wird es, so die letzte Strophe von Mays ›Ave Maria‹, ein selig Auferstehn geben. Zudem hat May durch diese Bildwahl der Abschlußszene seiner Erzählung für den katholischen Verlag Theissing noch einmal eine deutlich katholische Färbung gegeben. Denn nur der katholische Kultus kennt die Kreuzwegandacht, in deren Verlauf Jesu Leidensweg in mehreren Stationen betend abgeschritten wird, die häufig eine Höhe hinauf zu einem Kalvarienberg führen.(92) May stilisiert Winnetous Beerdigungshügel mit den drei Kreuzen also ausdrücklich zu einem  k a t h o l i s c h e n  Andachtssymbol, an dessen Fuß die frommen Siedler ihre neue Kapelle errichten. Die Glocke, von Winnetou aus der niedergebrannten Kirche gerettet und zunächst vergraben, mahnt künftig unterhalb seines Grabhügels zum Gebet und macht die deutsche Siedlung im ›Wilden Westen‹ zu einem christlich-heidnischen Wallfahrtsort.

   May hat diesen Text 1893 fast unverändert in die Buchausgabe seines Romans ›Winnetou III‹ eingearbeitet. Hinzugefügt hat er dabei allerdings eine acht Seiten lange Passage, in der Winnetou mit geradezu existentialistischer Ergebung von seinen Todesahnungen erzählt.(93) Im Nachwort zur Buchausgabe verteidigt May, auf Lesereinwände eingehend, ausführlich die christlichen Passagen seines Werkes; dabei nimmt er nun selbst die Rede vom ›Indifferenten‹ auf und spricht den längst obsolet gewordenen Kulturkampf an: Ich bin nun einmal ein gläubiger Christ und habe den unwiderstehlichen Drang, dies in meinen Werken nicht zu verheimlichen . . . und bei den Strömungen grad der gegenwärtigen Zeit ist es gar nicht gleichgültig, ob der deutsche Hausvater den Seinigen ein Buch in die Hände giebt, welches einen gläubigen oder einen ungläubigen, oder, was vielleicht noch schlimmer ist, einen indifferenten Verfasser hat.(94)

   In diesen direkten Bezügen erschöpfte sich Mays Bedeutung für das katholische Publikum allerdings keineswegs. Man wird vielmehr ganz allgemein davon ausgehen müssen, daß May in den beiden Jahrzehnten (1. und 2. Phase, s. o.) heftiger katholischer Inferioritätsgefühle »durch seine heroische Pathetik, mit der er seine Helden ausstattete, den Widerstandswillen der vom Bismarckschen Obrigkeitsstaat hart bedrängten deutschen Katholiken objektiv gestärkt«(95) hat (vgl. z. B. das Eingangsmotto).

   Zu den Besonderheiten dieser Art von Literatur gehört dabei freilich, daß sie durchaus auch für das protestantische bzw. das liberale bis nationale Bürgertum zur willkommenen Affirmationsinstanz werden konnte. Dies belegt etwa das Vorwort zu einem in Deutschland 1873 er-


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schienenen (französischen!) Indianerroman, in dem explizit ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen der nationalen Einigung der deutschen Stämme 1870/71 und den Kämpfen der nordamerikanischen Indianer um Unabhängigkeit: »Wie es eine der erhebendsten Erscheinungen in der Geschichte zu nennen ist, wenn ein Volk nach langem Sehnen und Ringen durch den festen Zusammenschluß aller seiner einzelnen Stämme endlich zu der seinen Kräften und seinem Beruf unter den Völkerfamilien entsprechenden Machtfülle gelangt; so bietet andrerseits der hoffnungslose Kampf eines dem Untergange geweihten Geschlechts um seine Freiheit für den empfindenden Menschen einen tief ergreifenden Anblick.«(96)

   Überträgt man dies auch auf Karl May, dann entpuppt sich sein Überheld Old Shatterhand, der gemeinsam mit seinem Freund Winnetou antritt, die indianischen Stämme zu einigen und ihre Nation zu sichern, vor dem zeitgeschichtlichen Entstehungshintergrund als nur notdürftig getarnte literarische Inkarnation Bismarcks: wie Old Shatterhand unter seinen Feinden aufräumt, so springt auf mancher zeitgenössischen Karikatur Bismarck mit den Ultramontanen um.(97) Für diese Analogie freilich mußte der zeitgenössische katholische Leser blind bleiben. Ein Idol hat niemals zwei Seiten.

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Der vorliegende Aufsatz ist die überarbeitete Fassung eines 1992 in der Zeitschrift ›Geschichte in Köln‹ (Heft 32, S. 105-32) unter dem Titel ›»k«: Karl May, die katholische Publizistik und der Kölner Verlag von Heinrich Theissing‹ abgedruckten Beitrages.



1 Der kleine Kölner hinkende Bote für das Jahr 1912, S. 69

2 Vgl. Heinrich Keiter: Handbuch der Katholischen Presse Deutschlands. Essen 41909, S. IX.

3 Hülskamp war wie Karl May Sohn eines armen Webers. Zu seiner Bedeutung vgl. Georg Schreiber: Westfälische Wissenschaft, Politik, Publizistik im 19./20. Jahrhundert. Franz Hülskamp (1833-1911) und sein Kreis. In: Westfälische Forschungen. Mitteilungen des Provinzialinstituts für westfälische Landes- und Volkskunde. 8. Bd. (1955), S. 74-94.

4 Literarischer Handweiser, zunächst für das katholische Deutschland. Münster: Theissing'sche Buchhandlung 1873 (12. Jg.), Nr. 141, Sp. 385

5 Ebd., Sp. 387

6 Vgl. ebd., 1874, Nr. 157, Sp. 333.

7 Ebd. 1875, Nr. 176f., Sp 373

8 Ebd., Sp. 374

9 Vgl. ebd., Sp. 372.

10 Vgl. Hülskamps Besprechung ebd.

11 Heinrich Keiter: Konfessionelle Brunnenvergiftung. Die wahre Schmach des Jahrhunderts. Regensburg-Leipzig 1896, S. 5

12 Literarischer Handweiser, wie Anm. 7, Sp. 374


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13 Karl May: Three carde monte. In: Deutscher Hausschatz. V. Jg. (1878/79) ; Ders.: Unter Würgern. Ebd.

14 Vgl. das instruktive Vorwort von Herbert Meier zu: Karl May: Christus oder Muhammed. Marienkalendergeschichten. Hrsg. von Herbert Meier. Hamburg 1979.

15 Zit. nach: Hainer Plaul: Literatur und Politik. Karl May im Urteil der zeitgenössischen Publizistik. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Jb-KMG) 1978. Hamburg 1978, S. 174-255 (195)

16 Zit. nach ebd., S. 211

17 Angaben zur Auflagenhöhe nach Keiter, wie Anm 2, S. 108f.; dort auch die folgenden Angaben

18 Vgl. das Anzeigen-Faksimile bei Meier (wie Anm. 14), S. 18. – In einer anderen Anzeige für den 31. Jg. des ›Regensburger Marienkalenders‹ für 1896 heißt es: »Dr. Karl May, der allbeliebte Erzähler, liefert ein prächtiges Reiseerlebnis: Er Raml el Helakh, das sicher überall mit atemloser Spannung gelesen werden wird.« (Rheinisches Sonntagsblatt 1895, Nr. 52. 29. Dezember, S. 416).

19 Vgl. Literarischer Handweiser 1880, Nr. 256, Sp. 55; 1881, Nr. 297, Sp. 603f.; 1882, Nr. 321, Sp. 609f.; 1889, Nr. 473, Sp. 90; 1893, Nr. 582, Sp. 502. Trotzdem wurde Hülskamp vorgeworfen, er habe Karl May im ›Literarischen Handweiser‹ gefördert (vgl. Schreiber, wie Anm. 3, S. 85). Auch Heinrich Keiter hat in seinen zahlreichen literaturtheoretischen und -kritischen Büchern Karl May nie erwähnt.

20 Vgl. Literarischer Handweiser 1886 (25. Jg.), Nr. 401, Sp. 65-70.

21 Ebd., 1880, Nr. 256, Sp. 55

22 Ebd., 1886, Nr. 401, Sp. 67

23 Ebd., Sp. 68f.

24 Ebd., 1885, Nr. 387, Sp. 437

25 Ebd., 1898, Nr. 693, Sp. 382

26 Ebd., 1901f., Nr. 763, Sp. 372; zu Cardauns vgl. die materialreiche Dokumentation von Bernhard Kosciuszko: Im Zentrum der May-Hetze: Die Kölnische Volkszeitung. Materialien zur Karl-May-Forschung Bd. 10. Ubstadt 1985, S. 80ff., S. 89-101.

27 Cardauns’ Kampagne muß im Zusammenhang mit dem ›Schundkampf‹ gesehen werden. Vgl. Georg Jäger: Der Kampf gegen Schmutz und Schund. Die Reaktion der Gebildeten auf die Unterhaltungsindustrie. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens. Nr. 31 (1988), S. 163-91.

28 Vgl. Kosciuszko, wie Anm. 26, sowie die grundlegende Darstellung von Hainer Plaul (wie Anm. 15).

29 Die Bibliographierung erfolgt analog zu Hainer Plaul: Illustrierte Karl-May-Bibliographie. Unter Mitwirkung von Gerhard Klußmeier. Leipzig 1988. Dort auch alle nicht gesondert ausgewiesenen bibliographischen Angaben.

30 Vgl. Christian Heermann: Karl May, der Alte Dessauer und eine »alte Dessauerin«. Dessau 1990. Dort (S. 134f.) eine zusammenfassende Bibliographie der Mayschen Dessauer-Geschichten.

31 Kölnische Volkszeitung 1877, Nr. 344 (15. Dezember), 1. Blatt

32 Vgl. Gesammt-Verlags-Katalog des Deutschen Buchhandels. Bd. VI (1881), Sp. 595f. und Bd. XVI (1892), Sp. 1299-1302.

33 Folgende biographische Materialien wurden eingesehen: Geburtsurkunde Heinrich Theissing im Kirchenbuch der Katholischen Dompfarrei zu Münster (Sign.P7, Nr. 1235; Nordrhein-Westfälisches Personenstandsarchiv Westfalen-Lippe, Detmold); Sterbeurkunde Heinrich Theissing aus dem Kirchenbuch der Gemeinde Groß St. Martin in Köln (KB 258, Hist. Archiv des Erzbistums Köln); Todesanzeige im Rheinischen Merkur, Samstag 15. November 1919 (42. Jg.) Nr. 257, S. 3; Anzeige ›Eröffnung des Konkursverfahrens‹ im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 98, Leipzig 1920, Anzeigenteil S. 5202; Testamentsakte Heinrich Theissing (Amtsgericht Köln, Nachlässe Nr. 22 IV 522/31), darin zwei Testamente vom 10. Oktober 1917 und vom 3. November 1919; Hans Thiekötter: Verlag und Buchhandlung Theissing. In: Auf Roter Erde. Monatsblätter für Landeskunde und Volkstum Westfalens. Nr. 75 (August) 21. Jg. (1965), S. 1f.; Karteikarten aus der Theissingschen Personenkartei (Stadtarchiv Münster). – Außerdem danke ich Frau Elisabeth Busemeier geb. Theis-


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sing in Lage/Lippe, einer Tochter (geb. 1895) Sigismund Theissings, für Bereitstellung eines Fotos ihres Onkels Heinrich aus der Familienchronik, sowie Herrn Martin Kraß in Münster für freundliche Vermittlerdienste.

34 Vgl. Gesammt-Verlags-Katalog, wie Anm. 32, Bd. VIII (1881), Sp. 927f. und Bd. XVI.

35 Auskunft von Hainer Plaul

36 Vgl. z. B. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1875, S. 849; 1877, S. 3233; 1879, S. 2567, S. 4976; 1881, S. 3112.

37 Vgl. die Anzeige im Kölner Sonntagsblatt 1877 (6. Jg.) Nr. 52 (30. Dezember), S. 463.

38 Vgl. Hans-Joachim Kühn in den KMG-Nachrichten Nr. 102/1994, S. 16.

39 Vgl. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1899/137, S. 4405.

40 Sein Geschäft hatte er offenbar seit 1916 nicht mehr geführt (vgl. Börsenblatt Nr. 62, 15. März 1916, S. 280/red. Teil).

41 Kölnische Volkszeitung. Nr. 866 vom 5. 11. 1919 – Der einzige mir bekannt gewordene Brief Heinrich Theissings ist eine kurze (offenbar nicht eigenhändig verfaßte) Notiz an Joseph Kürschner (Goethe-Schiller-Archiv Weimar, Nachlaß Kürschner 55/10239).

42 Vgl. Heinrich Keiter: Handbuch der Katholischen Presse. Essen 21900, S. 6f.

43 Vgl. Gesammt-Verlags-Katalog, wie Anm. 32, Bd. XVI, Sp. 1299f.

44 Vgl. die Anzeige in: Der kleine Kölner hinkende Bote, wie Anm. 1, nach Sp. 132.

45 Vgl. Literarischer Handweiser 1881, Nr. 297, Sp. 603f.

46 Die Jahrgänge 1 bis 3 im Verlag der Bonifacius-Druckerei, der 4. Jg. im Verlag B. Kleine

47 literarischer Handweiser 1888, Nr. 468f., Sp. 700

48 Verantwortlicher Redakteur: Th. Bohn in Siegburg, Druck und Verlag von H. Theissing in Siegburg-Köln. Die Universitätsbibliothek Köln bewahrt (mit Lücken) die Jahrgänge 1886-1915 auf.

49 Vgl. die Anzeige in: Der kleine Kölner hinkende Bote, wie Anm. 1, Sp. 131f.

50 Vgl. Keiter: Handbuch, wie Anm. 42, Sp. 76f.

51 Vgl. die Anzeigen im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1879, S. 419 und 1881, S. 5373.

52 Ein Faksimile von Titelblatt und Inhaltsverzeichnis dieses 9. Jahrgangs der ›Feierstunden‹ sowie ein vollständiger Nachdruck des May-Textes in: Karl May: Im »wilden Westen« Nordamerika's; Reprint in: Karl May: Winnetou's Tod. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1976; bibliographische Angaben siehe Plaul: Bibliographie, wie Anm. 29, S. 99.

53 Roland Schmid (ebd., S. 4) vermutet, daß es noch einen früheren Abdruck gegeben habe. Vgl. dazu weiter unten.

54 Vgl. Alfred Estermann: Die deutschen Literatur-Zeitschriften 1850-1880. München u. a. 1988, Bd. II, S. 152. – Allerdings erschien Theissings ›Sieg-Bote‹ (1. Jg. 1885) noch viele Jahre später mit dem Vermerk »Wöchentliche Gratisbeilage ›Feierstunden im häuslichen Kreise‹«. Wahrscheinlich handelte es sich dabei aber nicht um die ursprüngliche Zeitschrift dieses Titels, sondern um eine Parallelausgabe von ›Im Familienkreise‹.

55 Literarischer Handweiser 1880, Nr. 256, Sp. 55

56 Die Jahrgänge 1 bis 3 (1875-77) und 6 bis 8 (1882) werden in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin aufbewahrt, die Hefte 1 und 3 des 4. Jahrgangs (1878) und der 5. Jahrgang (1879) in der Universitätsbibliothek der Universität Eichstätt. Der Jahrgang 9 (1883) befindet sich in Privathand.

57 Die Monatsangaben sind unsicher; sie gelten nur für den Fall, daß ein Jahrgang von ›Im Familienkreise‹ nicht, wie damals allgemein üblich, bereits Anfang Oktober des Vorjahres zu erscheinen begann. Da es sich aber um eine Beilage zu einer Tageszeitung handelte, muß man wohl davon ausgehen, daß die Wochenhefte auch mit den tatsächlichen Kalenderwochen des Zähljahres identisch waren.

58 Zählung nach Plaul: Bibliographie, wie Anm. 29, S. 112

59 Ein Vergleich zeigt, daß ein Heft der ›Feierstunden‹ etwa doppelt soviel May-Text enthält wie eine Nummer von ›Im Familienkreise‹. Da der Textbeginn von Nr. 16 hier zufällig identisch ist mit dem Textbeginn des fünften Heftes dort, kann man den Beginn des Abdrucks etwa acht Nummern früher annehmen.


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60 May: Im »wilden Westen«, wie Anm. 52, S. 100

61 Ebd.; unter dem Titel ›Ave Maria‹ wurde die Erzählung im Jahr 1890 auch von der ebenfalls katholischen ›Fuldaer Zeitung‹ abgedruckt.

62 Vgl. Plaul: Bibliographie, wie Anm. 29, S. 112.

63 Der Text liegt im Original vor in: Karl May: Aus der Mappe eines Vielgereisten. Nr. 2. Old Firehand. In: Deutsches Familienblatt. 1. Jg. (1875/76); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1975.

64 Vgl. Karl May: Im fernen Westen. Stuttgart 1879; Reprint Bamberg 1975.

65 Karl May: Die Rose von Sokna. In: Deutsche Gewerbeschau. 1. Jg. (1878/79); Reprint in: Karl May: Der Krumir. Seltene Originaltexte Bd. 1. Hrsg. von Herbert Meier. Hamburg/Gelsenkirchen 1982 – Möglicherweise beruhte der Abdruck in ›Im Familienkreise‹ direkt auf dem der ›Gewerbeschau‹. Ein in dem Kölner Blatt (S. 46) eingefügter und mit drei Sternchen gekennzeichneter Absatz ist inhaltlich kaum gerechtfertigt, deckt sich jedoch genau mit dem Ende der zweiten Fortsetzung in der ›Gewerbeschau‹.

66 Karl May: Ein Wüstenraub. In: Die Heimat. 6. Jg. (1881)

67 Karl May: Unter Würgern. In: Deutscher Hausschatz. V. Jg. (1878/79); Reprint in: Karl May: Kleinere Hausschatz-Erzählungen. Hrsg. von Herbert Meier. Hamburg/ Regensburg 1982; Ders.: Die Wüstenräuber. Köln 1885

68 May: Rose von Sokna, wie Anm. 65, S. 62

69 Ebd., S. 14

70 Ebd., S. 62

71 Zit. nach: Andreas Graf: »Von einer monatelangen Reise zurückkehrend«. Neue Fragmente aus dem Briefwechsel Karl Mays mit Joseph Kürschner und Wilhelm Spemann (1882-1897). In: Jb-KMG 1992. Husum 1992, S. 109-61 (131)

72 Karl May: Ein Dichter. In: All-Deutschland! 3. Jg. (1879); Reprint in: Karl May: Der Waldkönig. Hrsg. von Herbert Meier. Hamburg 1980

73 Karl May: Die Rose von Kaïrwan. Osnabrück 1894; Reprint Hildesheim-New York 1974 und Reprint Bamberg 1974

74 Karl May: Deadly dust. In: Deutscher Hausschatz. VI. Jg. (1879/80); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1977

75 Karl May: Der Krumir. In: Belletristische Correspondenz. Jg. 1882, und in: Politik. 21. Jg. (1882) (vgl. Plaul: Bibliographie, wie Anm. 29, S. 86 und S. 90) sowie in: Didaskalia. Unterhaltungsblatt des Frankfurter Journals. 60. Jg. (1882) (vgl. Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft (M-KMG) 85/1990, S. 53-57), und in: Unterhaltende Beilage zu den Innsbrucker Nachrichten. Nr. 148 (1882) (vgl. M-KMG 94/1992, S. 28f.)

76 Im Familienkreise. 12. Jg. (1882), Nr. 9, S. 68 – das May-Porträt wird auf S. 92 wiedergegeben.

77 Ebd

78 Ebd

79 Vgl. Im Familienkreise. 14. Jg. (1891), S. 41f. und S. 111.

80 Vgl. Im Familienkreise. 20. Jg. (1897).

81 Vgl. die in Anm. 18 erwähnte Anzeige.

82 Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg o.J. (1910), S. 195; Reprint Hildesheim-New York 1975. Hrsg. von Hainer Plaul

83 Vgl. Fritz Maschke: Ave Maria Protectrix. In: M-KMG 34/1977, S. 4-8. May stand als Protestant mit seiner Marienverehrung durchaus nicht allein, sogar die liberale ›Gartenlaube‹ druckte 1877 ein ›Ave Maria‹ für ihre Leser ab (S. 160ff.).

84 Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. I Bd. 4: Der beiden Quitzows letzte Fahrten. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Zürich 1992, S. 51 und S. 96

85 Vgl. Gerhard Klußmeier: Das »katholische Mäntelchen«. In: M-KMG 25/1975, S. 15-18.

86 May: »Im wilden Westen«, wie Anm. 52, S. 54

87 Ebd., S. 71; es ist allerdings gut möglich, daß es sich bei dieser Stelle um eine Hinzufügung der katholischen Redaktion handelte.

88 Ebd., S. 85


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89 Siehe zuletzt Heinz Stolte: »Stirb und werde!« Existentielle Grenzsituation als episches Motiv bei May. In: Jb-KMG 1990. Husum 1990, S. 51-70 (insbes. S. 59).

90 May: Im »wilden Westen«, wie Anm. 52, S. 100

91 Der Neue Brockhaus. Bd. 3. Wiesbaden 1974, S. 64

92 Vgl. Stichwort ›Kalvarienberg‹ in: Herders Konversations-Lexikon. Bd. 4. Freiburg/Br. 31905.

93 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. IX: Winnetou der Rote Gentleman III. Freiburg 1893, S. 461-69; insofern ist das Karl-May-Handbuch (»nur Kleinigkeiten«) zu ergänzen (Helmut Schmiedt: Werkartikel ›Winnetou I-III‹. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 214).

94 May: Winnetou III, wie Anm. 93, S. 629

95 Plaul: Literatur und Politik, wie Anm. 15, S. 182

96 Gustave Aimard: Prärieblume oder Natah Otann, der Fürst der Steppe. Leipzig 1873, S. II (J. M. Gerharts Verlag)

97 Vgl. die Bismarck-Karikatur in: Des Lahrer Hinkenden Boten neuer historischer Kalender für das Jahr 1873, Lahr (1872), S. 32. – Auch bei der Modellierung Winnetous, des roten Häuptlings, haben zeitgenössische politische Personalmythen wirksam Pate gestanden.


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