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KARL MAY

Des Buches Seele (1902)

[May-Manuskript (25 KB)]


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[May-Manuskript (27 KB)]

Der Karl-May-Verleger Lothar Schmidt teilte mit, daß es im Nachlaß Karl Mays von dem Gedicht eine Arbeitsfassung gibt. Den Beginn des Gedichts in dieser Fassung hat er für den Abdruck im Jahrbuch freigegeben, so daß ein kleiner Einblick in die Arbeitsweise Mays möglich wird. Wir danken ihm dafür.

   In die nachfolgende Transkription des Gedichtes werden die von May verworfenen Varianten in eckigen Klammern eingefügt.


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Des Buches Seele.

[Für die HTML-Version wurde im Manuskript DURCHgestrichener Text UNTERstrichen dargestellt; R.S.]

Ein stiller Raum – – Es starren an den Wänden
   Die Geister, denen du dich anvertraut,
Gefesselt und gebunden in den Bänden,
   An denen stolz empor dein Auge schaut.
Du dünkst dich Herrscher hier in diesem Reiche,
    [deinem Reiche]
   Ein großer Mann beim kleinen Lampenlicht.
Ein Andrer dachte einst von sich das Gleiche,
   Und wie du weißt, war er es dennoch nicht.

Du suchst nach Wahrheit schon seit vielen Jahren;
   Du frugst nach ihr beständig Geist um Geist
Und konntest doch das Eine nur erfahren,
   Daß du von ihr selbst heute noch nichts weißt.
Wie kamst du wohl dazu, grad die zu fragen,
[Wie durftest du dich Jenen anvertrauen,]
   Aus denen nichts als die Verneinung spricht?
[Aus deren Mund nur die Verneinung spricht
   Wie kamst du wohl doch dazu, grad Die zu fragen,
Aus denen deren Mund nur nichts als die Verneinung spricht?
   Nur ich allein kann dir die Wahrheit sagen,
Doch diese eine Wahrheit – – glaubst du nicht!
   Alles was ich sage
]
Die Wahrheit nur kann dir die Wahrheit sagen,
   Und diese liegt in der Verneinung nicht.

Du suchtest mit dem fragenden Verstande,
   Der aus dir selbst und nicht von oben stammt,
Und darum fühltest du nach jedem Bande
   Zu immer neuen Fragen dich verdammt.
Du hast, wie Faust, dem Geiste dich verschrieben,
   Der mit dem Fluß der Rede dich besticht,
Und wirst auf diesem Flusse fortgetrieben,
   Wozu, wohin, das sagt die Rede nicht.

Du wolltest herrschen als der Herr und Meister
   Und bist jetzt nur noch im Gehorchen groß.
Du wurdest Schüler, Famulus der Geister
   Und wirst als Lehrling sie nicht wieder los.
Sie treiben Mummenschanz mit dem Scholaren
   Und thun, als sei das ihre ernste Pflicht.
Von ihrer Weisheit kannst du nichts erfahren,
   Denn wahre Weisheit giebts bei ihnen nicht. – – –

Ein stiller Raum – – Auf blühenden Terrassen
   Naht sich als lieber Gast der Sonnenschein.
Nun ist er da. Die offnen Fenster lassen
   Ihn mit dem Duft der Rosen willig ein.


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Er schaut sich um bei dir, tritt an die Wände
   Und breitet über sie sein frohes Licht.
Was liest er dort? Die Titel deiner Bände?
   O nein; für ihn giebt es ja Titel nicht.

Wohl auch für dich hat es sie einst gegeben,
   Als du den Menschengeist nach Wahrheit frugst.
Dann aber sahst du mich herniederschweben,
   Der du dein offnes Herz entgegentrugst.
Da schwanden vor dir alle irdschen Namen;
   Nur ich allein bins, die noch zu dir spricht.
Und selbst die Geister sagen Ja und Amen,
   Denn mich verneinen, dürfen sie ja nicht.

Ich bringe Buch um Buch dir zugetragen,
   Um dir zu zeigen, wer es für dich schrieb.
Nicht Menschennamen hab ich dir zu sagen,
   Und doch gewinnst du grad die Menschen lieb.
Ich laß vor dir den stolzen Geist verschwinden,
   Weil er dein Urtheil und dein Herz besticht.
Du sollst des Buches reine Seele finden
   Und sie zwar lieben, doch – – vergöttern nicht.

Und trittst du dann mit einem deiner Bände
   Zum Rosenstrauch im lieben Sonnenschein,
So denk, ich öffnete dir meine Hände,
   Und leg ein Rosenblatt ins Buch hinein.
Ich werde es mit meinen Blättern küssen
   Aus Liebe und geschwisterlicher Pflicht,
Und wenn sonst alle Blätter welken müssen,
   Dies Blatt von dir nimmt mir der Winter nicht.

Karl May.


Dem Manuskript wurde handschriftlich eine Notiz hinzugefügt:

Im Januar 1902

z. 45. Stiftungsfest d. Bastei 2. II. 02 / zu spät eingetroffen!


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