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ANDREAS GRAF

Karl Mays Gedicht ›Des Buches Seele‹



Das Gedicht ›Des Buches Seele‹, das der Forschung bislang völlig unbekannt war, ist hier – fünfundneunzig Jahre nach seiner Entstehung – erstmals korrekt veröffentlicht.(1) Auf der letzten Seite des vierseitigen Originalmanuskriptes findet sich, im Anschluß an Karl Mays Unterschrift, der Vermerk »Im Januar 1902 z. 45. Stiftungsfest d. Bastei 2. II. 02 / zu spät eingetroffen!«.(2)

   Die Dresdener Buchhändlervereinigung ›Bastei‹ war gegen Ende des Jahres 1857 als ›Buchhandlungs-Gehilfen-Verein Dresden‹ nach dem Vorbild Leipzigs, wo es einen solchen Verein schon länger gab, gegründet worden. (3) Zweck des Vereins war es, »sich gegenseitig näher zu treten und über geschäftliche Angelegenheiten zu unterhalten und zu besprechen«. (4) Die zunächst 21 Mitglieder trafen sich in Götzes Restauration auf der großen Brüderstraße. 1877 änderte der mittlerweile stark angewachsene Verein seine Statuten und benannte sich um in ›Verein jüngerer Buchhändler‹; fünf Jahre später, also 1882, erhält die Vereinigung den Namen ›Bastei‹. Die jährlichen Feiern des Stiftungsfestes sind häufig mit theatralisch-musikalischen Aufführungen sowie Ausflügen in Lokale der Umgebung Dresdens verbunden, 1883 etwa zum Albertschlößchen in der Lößnitz. 1884 wird der obligatorische ›Katerbummel‹ am letzten Tag der Feierlichkeiten nach Kötzschenbroda unternommen. Stets wird bei diesen geselligen Touren Geld gesammelt, etwa für eine ›Unterstützungskasse reisender Kollegen‹ oder für die ›Witwen- und Waisenkasse des Verbandes‹; immer wieder werden Schiller- und Körner-Feiern abgehalten. 1895 überreichen »vier Basteischwestern« dem Verein »ein doppeltes, in Goldstickerei ausgeführtes Fahnenband in deutschen Farben«,(5) zwei Jahre später wird die Gründung eines Unterstützungsfonds beschlossen, »dessen Zinsen den Basteimitgliedern und alten Basteiern in Fällen äußerster Not zur Verfügung stehen sollen«.(6)

   Im Jahre 1902 konnte der Verein sein 45. Stiftungsjubiläum feiern, zugleich war es der 20. Jahrestag seiner Umbenennung in ›Bastei‹. Am 2. Februar des Jahres fand die obligatorische Feier mit Konzert, Festessen und Ball im Dresdener Hotel Bristol statt. Allen Teilnehmern wurde eine gedruckte Festgabe überreicht, die u. a. literarische Beiträge von Ferdinand Avenarius und Peter Rosegger enthielt. Karl Mays Gedicht war offenbar als Teil dieser Festgabe vorgesehen gewesen. (7) Die Festgabe enthielt außerdem Illustrationen des Grafikers E. Liebermann, wo-


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mit sie »etwas ganz Hervorragendes geworden« sei, wie es hieß. (8) Der Vorsitzende des Vereins war 1902 F. Schäder, sein Stellvertreter Adolf Beschoren, Schriftführer waren A. Beschoren und A. Sickert, der Kassierer hieß P. Wagner und die Bücherwarte A. Sickert und K. Herold. (9)

   Auch zum 50. Stiftungsfest des Vereins im Jahre 1907 konnte erneut eine Festschrift erscheinen, (10) nachdem der Verein »in den Jahren 1903-1905 einen sehr bedauerlichen Tiefstand zu verzeichnen« hatte, »der teils durch Interesselosigkeit, teils durch Mangel einer tatkräftigen führenden Persönlichkeit veranlaßt wurde.« (11)

   Welche Rolle Karl May für den Verein ›Bastei‹ oder dieser für ihn gespielt hat, ist unbekannt. Karl Mays Rolle als prominentes Aushängeschild der verschiedensten Vereine, Schulen, Stiftungen Dresdens in den Jahren vor und nach 1900 ist bislang noch wenig erforscht. Man weiß allerdings, daß der bekannte und mittlerweile auch begüterte Autor oft durch (meist stille) Geldspenden für öffentliche Einrichtungen eingetreten ist. (12)

   Nur zwei gedruckte Quellen über die ›Bastei‹ stehen zur Verfügung, die Festgabe des Jahres 1907(13) sowie die Bastei-Chronik aus dem selben Jahr. (14) Die letztgenannte Schrift enthält in ihrem Hauptteil eine umfangreiche Dokumentation aus den Texten der Festgaben (?) der vergangenen fünfzig Jahre. Bekanntere Namen sind unter diesen lyrischen Ergüssen, die meist das durchschnittliche Niveau von Gelegenheitsgedichten kaum überschreiten, nicht zu verzeichnen. Das fünfundvierzigste Stiftungsfest im Jahr 1902 war offenbar im Bewußtsein der Beteiligten von besonderer Bedeutung. Dies läßt sich jedenfalls aus dem Umfang der nachträglichen Berichterstattung darüber schließen, denn sowohl in der eigentlichen Chronik (S. 23/24) als auch in der Dokumentation (S. 76-82) wird diesem Jahr besonders viel Platz eingeräumt. Karl May ist dabei allerdings nirgends erwähnt. (15)

   Vor dem dargestellten Hintergrund stellt Karl Mays Gedicht ›Des Buches Seele‹ zweifellos eine Besonderheit dar, sowohl was den Bekanntheitsgrad seines Autors angeht als auch die Ernsthaftigkeit seiner literarischen Bemühungen. Denn ›Des Buches Seele‹ ist sicher ein für Mays Alterslyrik – über die insgesamt viel zu wenig bekannt ist – typisches Gedicht, das sich allerdings durch seinen besonderen Gegenstand, eine Reflexion über die Bedeutung der Bücher, deutlich von den bekannten Gedichten etwa der Sammlung ›Himmelsgedanken‹ (1900) unterscheidet.

   Die acht Strophen des Gedichtes sind inhaltlich und formal durch eine deutliche Zäsur nach der vierten Strophe gekennzeichnet. Die ersten vier Strophen (I bis IV) enthalten das (Selbst-)Gespräch eines ›Erzählers‹, der als lyrisches Ich nicht wirklich in Erscheinung tritt. Darin geht es um die Funktion der Bücher und des Bücherwissens (Die Geister ... gebunden in den Bänden) bei der Suche nach Wahrheit. Dieser Art


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Suche wird kein hoher Wert zugeschrieben, da in Büchern nur mit dem fragenden Verstande gesucht werde und von den so gefundenen Geistern wahre Weisheit nicht zu erwarten sei.

   Die Strophen V bis VIII zeichnen dazu ein Gegenbild. Der Erzähler tritt nun aus den bücherstarrenden Wänden seiner Bibliothek und aus dem Lampenlicht hinaus auf die blühenden Terrassen, wo ihm mit dem Sonnenschein und dem Duft der Rosen eine Vision begegnet, die zu ihm spricht. Die Strophen VI und VII sowie die ersten vier Verse von VIII werden von ›ihm‹ – vermutlich ›Gott‹ – gesprochen (V, 4: Er schaut sich um bei dir), müßten damit eigentlich zur Kennzeichnung der wörtlichen Rede in doppelter Anführung stehen. Hier nun wird dem Geist der Bücher und dem Verstand, aus dem nichts als die Verneinung spricht (II, 6), das Gefühl entgegengestellt: Mit einem offn(en) Herz (VI, 4) überwindet man den stolzen Geist (VII, 5), der doch nur dein Herz besticht (VII, 6). Die Geister sollen zwar als des Buches reine Seele gesucht und auch geliebt werden, doch sind Geist und Verstand kein Ersatz für Gott, der nur mit einem offenen Herz zu finden ist. Als Zeichen dieses göttlichen Wirkens wird dem Erzähler, der offenbar mit einem der Bände aus seiner Bibliothek auf den Balkon getreten ist, ein Rosenblatt ins Buch hinein gelegt.

   Die letzten vier Verse redet erneut der Erzähler. Er verspricht, nachdem die Vision im Sonnenlicht ihn verlassen hat, dieses Rosenblatt sicher aufzubewahren und damit bei seiner Wahrheitsuche das göttliche Wirken stets mit zu bedenken. Ich werde es mit meinen Blättern küssen heißt: die Blätter des Buches, zwischen die das Rosenblatt sozusagen als göttliches Lesezeichen geraten ist, werden dieses aufbewahren für alle Ewigkeit. Auch in der letzten Phase seines Lebens (Winter) wird der Erzähler, so verspricht und hofft er, unter diesem Zeichen leben.

   Manches ließe sich zu diesem May-Gedicht noch anmerken, etwa die deutliche Spiegelung der Wohn- und Arbeitssituation des Schriftstellers in Radebeul mit dem pflanzenumrankten Balkon unmittelbar vor seinem Arbeitszimmer, die mehrfachen Anspielungen auf Goethes ›Faust‹ (I, 7; II, 6; III, 5) und dessen ›Zauberlehrling‹-Gedicht (IV, 3/4), die pantheistische Tendenz des Ganzen oder die Tatsache, daß es sich auch um eine lyrische Reflexion über das Lesen handelt, darüber, wie nach Mays Dafürhalten zu lesen ist. Doch solche tiefergehenden Betrachtungen können an dieser Stelle nicht erfolgen. Philosophisch mag an dieser Spätlyrik Karl Mays so einiges auszusetzen sein – philologisch sowieso –, doch die Sätze folgen ihm leicht, mühelos fallen die Verse im rhythmischen Fluß. May beherrscht spielend, auch hier, sein Handwerk. Mag simpel die Botschaft selbst einigen scheinen: Humanistisch und philanthropisch ist sie allemal.


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1 Das Gedicht wurde im Frühjahr 1997 im Katalog 666 (S. 105 und 106f., Katalognummer 271) des Berliner Auktionshauses Stargardt angeboten. Die Veröffentlichung wurde der Karl-May-Gesellschaft durch die freundliche Hilfe eines Sponsors ermöglicht. Der Karl-May-Verlag, Bamberg, veröffentlichte dieses Gedicht im Juli 1997 in: Karl May's Gesammelte Werke. Bd. 79: Old Shatterhand in der Heimat. Bamberg 1997 im Vorwort.

2 Dieser Vermerk wurde, anders als das tintengeschriebene Gedichtmanuskript, mit Bleistift offenbar nachträglich angefügt. Ob es sich dabei wirklich, wie es im Stargardt-Katalog heißt, um einen Vermerk »von fremder Hand« handelt, scheint mir unsicher. Ich tendiere dazu, den Vermerk ebenfalls für die Handschrift Karl Mays zu halten.

3 Das Hauptstaatsarchiv Dresden bewahrt eine ›Acta, Vereine und Versammlungen betr.‹ (B. 622. Vol. 6., 1850-1856, Kreishauptmannschaft Dresden) auf, worin ein ›Verein hiesiger Buchhändler‹ nachgewiesen ist. Möglicherweise handelte es sich also beim Gehilfenverein, der sich später ›Bastei‹ nannte, um eine Gründung im Anschluß an diese Standesvereinigung ihrer Prinzipale. Deren Zweck ist in der Akte wie folgt beschrieben: »Besprechungen über geschäftl. Angelegenheiten und dem unbefugten Buchhandel und Colporteurswesen zu steuern«.

4 Bastei-Chronik 1857-1907. Aus dem Archive der ›Bastei‹ Verein jüngerer Buchhändler zu Dresden. Gelegentlich des 36. Stiftungsfestes herausgegeben von L. [udwig] Hamann. Fortgeführt und neu herausgegeben zur Feier des 50. Stiftungsfestes 1907, von Adolf Beschoren. Dresden 1907 (Sächsische Landesbibliothek), S. 10. Alle weiteren Angaben zur Geschichte des Vereins nach dieser Chronik.

5 Bastei-Chronik, wie Anm. 4, S. 21

6 Ebd., S. 22

7 Diese Festgabe des Jahres 1902 konnte ich nicht auffinden. Die Vereinsprotokolle der Jahre 1901/02 waren schon 1907 »nicht mehr aufzufinden« (Bastei-Chronik, wie Anm. 4, S. 7).

8 Bastei-Chronik, wie Anm.4, S. 24

9 Ebd., S. 30

10 Festgabe, den Teilnehmern des 50. Stiftungsfestes gewidmet von der ›Bastei‹, Verein jüngerer Buchhändler zu Dresden, am 3. Februar 1907. Druckerei Meinhold, Dresden (Sächsische Landesbibhothek, Dresden). – Diese Festgabe (15 Seiten) enthält Texte von J. Trojan, J. Renatus, L. Lenz, H. Focken, A. Beschoren, G. Dufayel und C. Thiergen.

11 Bastei-Chronik, wie Amn. 4, S. 7

12 Vgl. dazu Klaus Hoffmann: Karl Mays Beziehungen zur Lößnitzstadt Radebeul. Biographisches, Lokalhistorisches und Zeitgenössisches. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1994. Husum 1994, S. 11-29.

13 Vgl. Anm. 10.

14 Vgl. Anm. 4.

15 Vielleicht läßt sich doch noch die eigentliche Festgabe des Jahres 1902 auftreiben, von der es in der Bastei-Chronik heißt, sie habe die »Gestalt eines ›Jungbrunnen‹-Bändchens« gehabt (wie Anm. 4, S. 23).


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