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HANS WOLLSCHLÄGER

Karl Mays Schätze im Silbersee
Ein hundertjähriges Jugendbuch(1)



Hundert Jahre alt ist das Buch inzwischen und immer noch zeitlos jung, geflügelt sein Titel, Begriff sein Personal: ›klassisch‹ nennt man, was so geworden ist, und es bleibt in der Welt der Vergänglichkeiten eine immer hochmerkwürdige Erscheinung. Karl May hat seine Magie für die Heranwachsenden offiziell sehr lange nicht gedankt bekommen, zu Lebzeiten nie, posthum nur zögernd, eigentlich bis in die Gegenwart, und es ist vielleicht nur menschlich: die Herangewachsenen brauchen viel Zeit, um sich ihres oft wirren Werdens und seiner Begeisterungen wiedererinnern zu können, ohne sich zu genieren, und die Literaturwissenschaft wartet gern das Ende überhaupt ab, bevor sie anfängt, sich zu äußern. Es ist noch nicht in Sicht. Der Silbersee liegt da wie eh und je, voll funkelnder Anziehung für die jung gebliebenen Sinne: weder grün noch blau oder überhaupt dunkel gefärbt, immer noch glänzend vielmehr, silbergrau: ... Wenn so etwas möglich wäre, hätte man meinen können, ein mit Quecksilber gefülltes Becken vor sich zu haben.(2) Man muß bei diesem Autor vieles ›symbolisch‹ nehmen, im Spätwerk alles, im Früheren mancherlei – und hier neben vielen anderen Bildern vielleicht auch das in strenge Form gefaßte hochagile Element, das chemisch das Beiwort vivus hat: es steht, nach hundert Jahren, immer noch – so einst Hermann Hesse – für einen »Typus von Dichtung, der unentbehrlich und ewig ist«,(3) und auf seine eigentümliche Art für jenes Lesen, das mit der Bücherwelt die Welt korrigiert und zuletzt ein bloßer Druckfehler für Leben ist.

   Die deutsche Gesellschaft hat, wie zu ihren Senioren, die oft so bedrohlich wieder Kind werden, zu ihrer Jugend nie sehr freundlich gestanden, und der offiziellen Pädagogik war die Opposition immer bitter nötig. Das Stichwort ›Jugendverderber‹ kam denn auch diesem inoffiziellen Pädagogen, der einmal als Lehrer angefangen hatte, von einem Oberlehrer an den Kopf geflogen, aus einer garstigen Broschüre 1910,(4) die alle gewohnten Maße von Ignoranz und Enge sprengt, und ganze Generationen von Drill-Erziehern, die den Höhen- und Weitenflug der Kinderphantasie schon immer als Gegensatz zum Klassenzimmer verdächtigten, haben es mit Strenge nachgesprochen. Es hat ihn natürlich verletzt, aber seine Sache nicht getroffen, zumal zu einer Zeit, in der er gewiß kein Jugendbuchautor mehr war. Tatsächlich ist sein Gesamtwerk nur schwer auf einen Nenner zu bringen; er hat einen langen Ent-


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wicklungsweg zurückgelegt. Am Anfang standen Heimaterzählungen, mit deren Stoffen er nur erst ganz langsam ins Exotische ausreiste; dann folgten, aus ökonomischer Not im Joch der Kolportage, riesige Fortsetzungsromane ›rund um die Erde‹; schließlich kamen die ›Reiseerzählungen‹, die ihn zu seinem eigentlichen, unverwechselbar eigenen Idiom gelangen ließen; und am Ende gelang ihm das Abheben ins Bedeutend-Allgemeine, das ihm immer schon als Zielbild vorgeschwebt hatte, in die Dichtung, in Große Kunst. All diese Gestalten hängen zusammen, so verschieden sie sind, auch in ihrem Rang: rein deutsche Begebenheiten in persischem Gewande,(5) genauer: Träume und Albträume eines, der eine immer wiederkehrende schlimme Lebensfrühzeit abarbeiten mußte und wie traumwandlerisch mit denen ins Bündnis kam, die eben dabei waren, die ihre zu bewältigen. Aber ›Jugend‹ ist ja auch noch etwas anderes als die bloße Kleinheit der Jahre, und als ihm das aufging, fand er sich mit dem ›Jugendschriftsteller‹ stillschweigend ab. Erklärtermaßen für die Jugend geschrieben hat er dabei nur acht Erzählungen: Beiträge für die von Joseph Kürschner gegründete, vom Verleger Wilhelm Spemann herausgegebene Knabenzeitschrift ›Der Gute Kamerad‹, die in den Jahren 1887-97 entstanden und seinen wie des Blattes Ruhm begründeten, und ihre bekannteste wurde ›Der Schatz im Silbersee‹, geschrieben 1889, heute in über drei Millionen Auflage verbreitet. Es sind einmal mehr Geschichten von böser Tat und turbulenter Büßung, von Fesselung und Befreiung, von Kampf und Sieg, und fesselnd wie befreiend sind sie durch eine Erzählstrategie, die solche eigentlich längst inflationären Wertelemente des Abenteuers so anzuordnen weiß, als finde es zum erstenmal statt, und im Unbewußten des jugendlichen Lesers in Korrespondenz zu jenem Abenteuer des Werdens tritt, das dort tatsächlich eben zum erstenmal stattfindet. Von den Reiseerzählungen unterscheiden sie sich vor allem durch das Erzählen in der dritten Person, die Abwesenheit des allumfassenden Ego-Zentrums, das noch Er-Sie-Es ist und ›Ich‹ erst werden soll; aber die ›Reise‹ ist schon da – mit jener inneren Pilgerschafts- wie Lebenslaufs-Symbolik, die das äußerliche Durchmessen der Geographien bei Karl May immer magisch grundiert und vom in die Unruhe der Evolution gestoßenen Jugendlichen unfehlbar erkannt wird.

   Wenn in der Ebene unten der Arkansas zu fließen beginnt, setzt sich ein Formprozeß in Bewegung, und er kommt erst zur Ruhe, wenn das Silbergrau des Sees hoch oben in den Rocky Mountains erreicht ist: ein Stück Gelobtes Land, der utopische Horizont, auf den sich alles Reisen richtet – und dessen Schätze selber, wie es sich gehört, zwar erschaubar werden, aber erreichbar denn doch nicht. Dazwischen liegen 2000 Kilometer und die abenteuerlichen Kapriolen der ›Geschichte‹: ein kunterbuntes Durcheinander von Gut und Böse, von Heroismus und Humor, von Helden und Narren, Groß und Klein und Rot und Weiß. Märchen-


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haft wirkt das alles, ein Scharadenspiel eher als ein Realitäten-Kabinettstück; Märchenerzähler wollte der Autor ja auch, als er im Alter sein Selbstverständnis überdachte, mit aller Konsequenz sein. Aber mit dem ›Wirklichen‹ ist das so eine Sache: sein Eigentliches muß nicht immer auf dem geographischen und historischen Atlas nachweisbar sein. Er war, der gegen Grausamkeit so hochempfindliche Mann, in diesem Buch sogar ungewöhnlich realistisch und wußte, daß er auf einer Bühne handeln ließ, deren geschichtlicher Hintergrund ein Genozid war. Er wußte aber auch: daß Kunst mit Ästhetik zu tun hat, mit Überformung des Realen durch surreale Form, und die eigentliche Wirklichkeit liegt wie bei den Mythen und Märchen allgemein auch in den seinen unter dem Text. Wie er sie dort ausbreitet, wie er nicht nur sein Personal, sondern auch seine Landschaften, Atmosphären und Tempi disponiert, um sie für den Jugendlichen zu Schau-Plätzen der Ich-Identität zu machen –: das alles ist gar nicht schlecht, ist nicht einmal nur gut nur im ›Trivialen‹, in das ihn die Literaturwissenschaft abgestellt hat, um ihn beachtbar finden zu können: es ist ein Meisterstück psychologisch-dramaturgischer Kunst, handwerklich hoch über den damaligen Künsten des Genres und haushoch über den heutigen. Kinder wären vielleicht die dafür zuständigen Literaturwissenschaftler; die Bewertungswörter der Erwachsenen haben es gar nicht so leicht.

   Karl May ist ein Autor des neunzehnten Jahrhunderts, und seine Texte lassen das sicht- und hörbar werden. Dem wundersamen Säkulum den Garaus zu machen, ist viel getan worden; in den Zimmern der Jugendlichen hängen heute als Vorbild-Poster eher Rambo und Terminator als der sanfte Winnetou. Aber wenn der Qualm der rohen Gewalt sich verzogen hat, stellt man verdutzt fest, es ist immer noch da, und der Fortschritt, der auch für die Leserbindung die Fadenheftung durch Lumbeck ersetzen wollte, hat das verdiente Nachsehen. Es glänzt noch immer, lebendig, silbergrau. Wie wird ein Buch klassisch? Indem es, kurzab gesagt, von jenem inneren Leben und Streben handelt, das sich mit den Zeiten weit weniger wandelt, als die Soziologen glauben. Der ›Schatz im Silbersee‹ ist ein klassisches Buch für Kinder; er wird noch lange mithalten können bei den schönen Unterhaltungen, die ›die Literatur‹ sind.



1 Der Text erschien als Beilage zu Gert Westphals Lesung des Romans auf Audiocassetten bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft; er wurde um die Anmerkungen erweitert.

2 Karl May: Der Schatz im Silbersee. Stuttgart (1894), S. 476

3 Hermann Hesse: Karl May. In: Hermann Hesse: Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen. Hrsg. von Volker Michels. Frankfurt a. M. 1970, S. 356 (Suhrkamp Taschenbuch 252 – der Text erschien erstmals 1919)

4 Vgl. F. W. Kahl-Basel: Karl May, ein Verderber der deutschen Jugend. Berlin 1908.

5 Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg o. J. (1910), S. 211; Reprint Hildesheim-New York 1975. Hrsg. von Hainer Plaul


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