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WOLFGANG HAMMER

›Der Schatz im Silbersee‹ – eine Strukturanalyse



I. Die Forschungslage

In dem ungeheuer arbeitsreichen Jahr 1889, obwohl in finanziell angespannter Lage, schrieb Karl May von September bis Dezember für die Zeitschrift ›Der gute Kamerad‹ seine fünfte Jugenderzählung ›Der Schatz im Silbersee‹.(1) Zwischendurch verfaßte er im September und Oktober mehrere kleine Erzählungen, nämlich ›Im Mistake-Cannon‹, ›Die Rache des Mormonen‹, ›Am Kai-p'a‹(2) und vielleicht auch ›Sklavenrache‹,(3) was sich zwar bisher nicht belegen läßt, aber thematisch naheliegt; dann bis Mitte Dezember die letzten vierzig Seiten des ›Sendador‹, ehe er die noch fehlenden fünfzig Seiten für den ›Silbersee‹ vollendete; am 21. 12. wurde ihr Eingang vom Verlag bestätigt.(4) 1894 erschien die Buchausgabe(5) beim Verlag der Union Deutsche Verlagsgesellschaft, die bis 1910 sieben Auflagen (21 000 Exemplare) erlebte;(6) nach der Übernahme in den Karl-May-Verlag stand der Roman Ende 1929 mit 170 000 Stück nach ›Durch Wüste und Harem‹, ›Durchs wilde Kurdistan‹, ›Der Schut‹ und der ›Winnetou‹-Trilogie an 8. Stelle, wie es scheint,(7) und bis 1938 kam er auf 244 000 Stück – die größte Zunahme nach ›Winnetou I‹ mit 263 000. Bis 1948 stieg die Gesamtauflage sogar auf 485 000, womit auch ›Winnetou I‹ mit 370 000 weit übertroffen war,(8) aber wohl doch nur zeitweise: als derzeitige Zahlen wurden mir vom Karl-May-Verlag Bamberg telephonisch etwa 3,8 Millionen für ›Winnetou I‹, 3,2 Millionen für den ›Silbersee‹ genannt.

   Angesichts dieser Tatsachen ist es befremdlich, daß bisher außer dem Werkartikel von Erich Heinemann im Karl-May-Handbuch(9) und der Einführung zum Reprint von Christoph F. Lorenz,(10) die sich naturgemäß in engen Grenzen halten, keine Untersuchung zu diesem Werk erschienen ist. Zwar geht Emanuel Kainz in seiner Dissertation,(11) seinem Thema zufolge, mehrfach darauf ein, aber zu einer eingehenden Behandlung kommt es nicht. Dabei wäre Anlaß genug dazu gegeben, allein schon durch die Tatsache, daß hier – wie in allen Jugenderzählungen Mays – die oft für den Erfolg seiner Bücher verantwortlich gemachte Ich-Form fehlt(12) und man ja überhaupt annimmt, daß »die Reiseerzählungen viel beliebter sind als die eigentlichen Jugendschriften Mays«,(13) hier aber auch die für deren Akzeptanz wichtigen jugendlichen Identifikationsfiguren zwar nicht völlig mangeln, jedoch außer in den


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ersten drei Kapiteln kaum eine Rolle spielen: Wie kommt es da zu einem derartigen Erfolg? Genügt es, den Wildwest-Schauplatz und den vielversprechenden Titel(14) als Gründe dafür zu nennen? Oder vielleicht den Umstand, daß hier einmal Eduard Engels Vorwurf nicht zutrifft: »Karl May ermangelt der künstlerischen Grausamkeit gegen seine (...) Bösewichter«,(15) ebensowenig wie der von Werner Mahrholz: » (...) überall, selbst im wildesten Kampf, wo normalerweise jeder vernünftige Mensch allein an die Unschädlichmachung des Gegners denkt, hat May moralische Anwandlungen und predigt christliche Persönlichkeit; dadurch verfälscht er die Szene (...)«(16)? Fiele diese Erzählung also in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen, und wäre sie etwa gerade deshalb so erfolgreich gewesen? Dann böte sie ja die seltsame Möglichkeit, May von May her zu kritisieren!

   Denn erstaunlicherweise fehlt es trotz des überwältigenden Verkaufserfolgs nicht an Kritik, die freilich meist nur so hingeworfen, nicht näher begründet wird. Einem Franz Werfel, der von den Indianerromanen Mays als Lieblingslektüre nur den ›Schatz im Silbersee‹ nennt,(17) stehen nicht nur Waldemar Bonsels' böswilliger Verriß gegenüber: »Einer literarischen Arbeit von Ewers etwa, oder von Karl May, hieße sie nun ›Alraune‹ oder ›Der Schatz im Silbersee‹, wird mit Recht so ziemlich alles abgesprochen, was ästhetische oder moralische Werte, künstlerische Form oder ethisches Niveau betrifft«,(18) sondern auch Urteile so besonnener Forscher wie Christoph F. Lorenz oder Hermann Wohlgschaft, der ›Silbersee‹ sei zwar »in vielen Dingen der ambitionierteste ›Kamerad‹-Beitrag Mays«, vermöge aber »nicht ganz zu überzeugen«;(19) May habe damit »seinen erfolgreichsten (aber keineswegs besten) Jugendroman« geschrieben(20) – um nur diese zu nennen. Vor allem vermißt Lorenz »das große, übergreifende Thema, welches die kleinen Einzelabenteuer zusammenhält«.(21)

   Wie erklärt sich dann aber der überragende Erfolg des Buches?(22)

   Daß es trotz solcher und anderer Fragen bisher zu keiner eingehenden Untersuchung gekommen ist, liegt wohl wesentlich mit daran, daß in der Forschung zumeist eine Arbeitsweise bevorzugt wurde, die aus Mays Werken das Gemeinsame zusammenstellte und analysierte, statt sich dem speziellen Charakter des einzelnen Werkes zuzuwenden;(23) abgesehen von den Studienbänden zum ›Großen Orientroman‹, zur ›Winnetou‹- und ›Old-Surehand‹-Trilogie(24) hat sich zumeist nur das Spätwerk solcher Sonderbetrachtung erfreut. Daher hat man auch kaum die Frage gestellt, warum May zu einer bestimmten Zeit etwas Bestimmtes geschrieben haben könnte, ja, ob es überhaupt wesentliche Unterschiede zwischen den Werken derselben Gattung bei ihm gebe; und wo man solche hätte feststellen können, fielen sie nur allzu leicht der vorherrschenden Einstellung zum Opfer.

   Einzig Kainz bemüht sich in seiner durchaus positiven Beurteilung


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des ›Silbersee‹ darum, einzelne Gründe für dessen Erfolg aufzuführen; neben der äußeren Konzentration in einem abgeschlossenen Band (gegenüber der ›Winnetou‹-Trilogie) und dem anerkannten Schatzmotiv nennt er als im Werk Mays einzigartige Szenen die Zweikämpfe bei den Utahs, die Indianerschlacht, die Gefangennahme der Tramps im Eisenbahntunnel, den Kampf um Butlers Farm, überhaupt die Tötung der Feinde – also fast ausschließlich Kampfhandlungen! Daneben würdigt er aber auch Mays Humor, vor allem »die Macht seiner Darstellung«, deren »letztes und entscheidendes Geheimnis das Traumerleben im Inneren des Autors« sei, so »daß er eben zum wirklichen Dichter wurde«.(25) Wie sticht dies Urteil von dem üblichen ab!

   Angesichts derart divergierender Meinungen rechtfertigt sich wohl das Anliegen, durch eine eingehende Untersuchung zu einem begründeten Ergebnis zu gelangen.


II. Gliederung

Bei dem Versuch, uns zuerst über die Gliederung klarzuwerden, stoßen wir gleich anfangs auf die Tatsache, daß May seit spätestens einem Jahr begonnen hatte, seine Werke in zwei Teile aufzuteilen.(26) Vor dem ›Silbersee‹ betraf das bereits den ›Sendador‹ und ›Die Sklavenkarawane‹ , die beide auch mit einer längeren Unterbrechung nach der ersten Hälfte geschrieben wurden. Dies trifft zwar für den ›Silbersee‹ nicht zu, aber die Zweiteiligkeit wird durch den völligen Neueinsatz mit dem 6. Kapitel, in dem die Gruppe um Old Shatterhand als Handelnde und die Utahs als Gegenspieler erstmalig auftauchen, deutlich genug markiert. Danach wird ›Der Mahdi‹ (ohne die erst 1896 hinzugefügten Kapitel natürlich) genauso konzipiert, und sogar der dreibändige Roman ›Satan und Ischariot‹ kann so aufgefaßt werden;(27) ja selbst ›Winnetou‹ war ursprünglich zweiteilig gedacht.(28) Dasselbe dürfte für den dreibändigen ›Old Surehand‹ zutreffen, da der 2. Band die Handlung unterbricht und diese erst vom Ende des 2. Bandes an wieder ununterbrochen fortschreitet; die Radebeuler Bearbeitung hat dann ohnehin nur zwei Bände mit unterschiedlicher Handlung und Schauplatz übriggelassen. Bedenkt man, daß May ja eigentlich auch für ›Am Jenseits‹ (und zuletzt sogar für ›Winnetou IV‹ und ›Mein Leben und Streben‹) eine Fortsetzung vorgesehen hatte, so ergibt sich für die in Frage kommende Zeit ein deutliches Vorherrschen der Zweiteiligkeit, die sich dann noch in ›Babel und Bibel‹ mit seinen zwei Akten zeigt.

   Diese Feststellung wird im ›Silbersee‹ dadurch unterstrichen, daß May beide Teile trotz der unterschiedlichen Anzahl der Kapitel symmetrisch aufgebaut hat – ein Verfahren, das er im 1. Band des ›Mahdi‹ sogar auf die drei ursprünglichen Kapitel (in der Buchausgabe sechs)


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ausdehnen wird. Hier eine Gegenüberstellung (dabei weisen die Buchstaben A – N bereits auf die später zu besprechende Einteilung in verschiedene ›Handlungen‹ hin):


1. Teil

A. Einführung der Hauptpersonen anläßlich eines Drinks
Thema: Rache an Brinkley
Der Kapitän ist gleichgültig gegenüber dem Leben anderer.
Brinkley wird niedergeschlagen.
Rettung: Kampf mit dem Panther
Old Firehand zerschießt Brinkleys rechte Hand.

B. Brinkley spricht von Reichtümern am Silbersee.
Old Firehand beweist Droll seine Kraft.
Frau Butler dankt dem Retter.

C. Überfall auf angriffsbereite Tramps, mehrere Tote
Brinkley wird gefangen, entkommt durch Versehen der Helden.
Fred erkennt ihn als Mörder.
Old Firehand spricht von seiner Mine.
Freds Vater hatte den Plan für den Schatz.

D. Die Tramps überfallen die Osagen,
der entkommene Häuptling befreit sie; dabei werden mehrere Tramps getötet.
Brinkley spricht von einem anderen Coup.

E. Kampf mit den Tramps um die Farm; andere Indianer treten neu auf.

F. Der Empfehlungsbrief geht verloren bei der Ermordung Hallers.
Winnetou tritt auf: Ideal.
Er hilft, den Verrat des angeblichen Schreibers zu vereiteln; den hatte man absichtlich unterrichtet.

G. Durch Winnetous Rat werden die Tramps im Tunnel getötet/gefangen, dann zur Übergabe veranlaßt.
Bericht über den Verlust des Plans durch einen Raubmord Brinkleys

2. Teil

H. Einführung neuer Hauptpersonen anläßlich einer Jagd
Thema: Rache der Utahs
Der Leutnant ist gleichgültig angesichts der Ungerechtigkeiten gegenüber den Indianern.

I. Beide Tramps werden niedergeschlagen.

J. Rettung: Kämpfe mit den Utahs
Old Shatterhand verwundet den Großen Wolf an der rechten Hand.

I. Die Tramps sprechen von goldenen Bergen Brinkleys.

H. Old Shatterhand beweist dem Leutnant seine Kraft.

J. Indianerfrau dankt Davy.


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K. Überfall auf angriffsbereite Utahs, mehrere Tote
Großer Wolf wird gefangen, entkommt durch den Großmut der Helden.
Droll und Frank erkennen einander als Verwandte.
Old Firehand spricht von seiner Mine.
Old Shatterhand hat Kenntnis vom Schatz.

L. Die Utahs überfallen die Helden, Frank und Droll befreien sie;
vorher wurden mehrere Utahs getötet.
Der Silbersee wird als Ziel genannt.

M. Kampf zwischen Utahs und Navajos, die neu auftreten
Der Plan für den Schatz geht verloren bei der Tötung der Tramps.

N. Langes Ohr tritt auf: Zerrbild.
Winnetou hilft die Folgen seines Verrats vereiteln; er hatte Wichtiges zufällig erlauscht.
Durch Winnetous Tat werden die Utahs im Tunnel getötet, die übrigen zum Frieden veranlaßt.
Verlust des Schatzes durch Zerstörung des Tunnels

Haben wir hier gelegentlich einiges gefunden, was sich nicht sofort anschließt, sondern erst etwas später nachgetragen wird, so gibt es darüber hinaus einige Sujets, die von vornherein nicht symmetrisch angeordnet sind, z. B.:


1. Teil

C. Blenter spricht für die Indianer (85).

C. Ein junger Tramp läuft über (136).

E. Ellen wird von Tramps gefangen (217).

F. Haller, von einem Redakteur beleidigt, tötet ihn im Duell (248).

G. Droll droht Lachern mit Duell (324).


2. Teil

H. Old Shatterhand: Indianer müßten Zeit bekommen (365).

M. Ein angeblicher Utah ist Navajo (571).

N. Ellen wird von Timbabatschen gefangen (586).

L. Winnetou, von einem Utah beleidigt, tötet ihn trotz Fesselung, nachdem er ihn gewarnt hat (522).

Diese Aufstellung erweist einen zuweilen bis in Einzelheiten gehenden Plan Mays, der die wesentlichen Punkte umfaßt. Er folgt also auch hier »einem genau durchdachten Konzept«, wie Christoph F. Lorenz es bereits für ›Auf der See gefangen‹ und ›Die Juweleninsel‹ festgestellt hat.(29) Das wirft ein sonderbares Licht auf sein angebliches Schreiben in Trance; läßt sich beides so weitgehend miteinander verbinden, wie wir es hier sehen? –(30)


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   Bei der Frage nach genauerer Gliederung wollen wir von der doppelten Kapiteleinteilung ausgehen:

ZeitschriftenausgabeSeiteBuchausgabe
A1. Auf dem Arkansas River91. Der schwarze Panther
B2. Die Tramps412. Die Tramps
C3. Bei den Rafters81 3. Nächtliche Kämpfe
1144. Der Vergeltung entronnen
D4. Auf Butlers Farm140 5. Indianisches Meisterstück
E1766. Ein Parforceritt im Finstern
2017. Im Kampf um Butlers Farm
F5. Am Eagle-tail2458. Ein Drama auf der Prairie
G2759. List und Gegenlist
30410. Am Eagle-tail
H,I6. Bei den Utahindianern35011. In der Klemme
J40512. Auf Tod und Leben
K7. Eine Indianerschlacht47013. Edelmut Old Shatterhands
L50114. Gefangen und befreit
M54115. Eine Indianerschlacht
N8. Am Silbersee57616. Am Silbersee

Da die für die Buchausgabe neu geprägten Überschriften nicht den Eindruck erwecken, von May zu stammen,(31) werden wir uns zuerst an die der Zeitschriftenausgabe zu halten haben, auch wenn die neuen Einschnitte durchaus sinngemäß sind. Berücksichtigt man nun, daß May mit Vorliebe seine Werke in vier Kapitel einteilt und dabei gewöhnlich das Schema eines fünfaktigen Dramas(32) zugrunde legt, wobei der 1. Akt durch Binnenerzählungen ersetzt wird, so könnten seine 8 Kapitel zusammen mit dem symmetrischen Aufbau auf den Gedanken führen, er habe hier gewissermaßen zwei Dramen hintereinandergeschaltet, die je vier Kapitel umfaßten. Damit stimmt jedoch nicht überein, daß das neue Thema erst mit dem 6. Kapitel auftaucht und so der 2. Teil auf drei Kapitel beschränkt ist. Dort bleibt also die einleuchtende Gliederung zu suchen, während sie für den ersten Teil auf der Hand liegt:

I. Exposition: Die Rache herrscht zwischen Helden und Tramps
II. Anstoß: Der Schatz/die Mine wird als Buchthema eingeführt
III. Vorläufiges Ergebnis: Brinkley wird identifiziert, gefangen, entkommt
IV. Retardierendes Moment: Die Tramps werden im Kampf um die Farm dezimiert
V. Endgültiges Ergebnis: Vernichtung der Tramps bis auf einen kleinen Rest.

Bei dieser Auffassung käme im 3., 4. und 5. Akt je eine Rache zum Ziel, und es wäre gut einzusehen, daß der 4. als retardierendes Moment keine Angaben über Schatz und Mine machte.

   Hier gibt nun das große Tramp-meeting gewisse Rätsel auf. Es wäre


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ein gewichtiges Thema für den 3. Akt gewesen und hätte gut der Vernichtung der Tramps im 5. Akt entsprochen; auch hätte im 2. Teil die Versammlung der Utahstämme ein ausgezeichnetes Gegenstück dazu gegeben. May aber behandelt es nur nebenbei; einzig die anfangs befremdende Einführung des Lords und seiner Begleiter sowie die eher notwendige des Osagenhäuptlings (wegen seiner Mitwirkung bei der Verteidigung der Farm) lassen es überhaupt zu einem Bericht über das Meeting kommen. Wie soll man sich das erklären?

   Der wahrscheinlichste Grund liegt wohl darin, daß May, wie wir sehen werden, seinen Roman ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹(33) als Quelle benützt hat: weder darin noch in dem sonst verwendeten Gartenlaube-Artikel über die Tramps(34) gibt es etwas Einschlägiges, was er für die Schilderung des Meetings hätte verwenden können. Da er bekanntlich in jenem Jahr eine ungeheure Arbeitsleistung vollbrachte, war die für Vorarbeiten verfügbare Zeit recht begrenzt. Er hätte also frei erfinden müssen, und zwar vor allem Negatives: kein Wunder, daß er sich dazu nicht entschließen mochte.

   Führen so unsere Überlegungen zu dem Ergebnis, daß May im 1. Teil Kapitel und Akte zusammenfallen läßt, so kann man nun mit Hilfe der festgestellten Symmetrie beider Teile den Aufbau des 2. Teils so bestimmen, daß das 6. und 7. Zeitschriftenkapitel je zwei Akte enthalten bzw. die Buchkapitel den Akten entsprechen, wenn man das 14. mit dem 15. zusammenfaßt. Es ergibt sich dann folgendes Schema:

I. Exposition: Die Rache der Utahs betrifft alle Weißen
II. Anstoß: Durch siegreiche Zweikämpfe befreien sich die Helden
III. Vorläufiges Ergebnis: Der Große Wolf wird zum Frieden gezwungen
IV. Retardierendes Moment: Sein Verrat; Eingreifen der Navajos, Geiselnahme
V. Endgültiges Ergebnis: Der Friede wird erzwungen, der Schatz geht verloren, die Mine wird erworben.

Wird aber dadurch nicht der Vorwurf bestätigt, weite Teile des Buches hätten mit seinem Thema kaum etwas zu tun? – Nein; denn es erweist sich so, daß wenigstens fünf Themen nebeneinander hergehen:

1. das Hauptthema: die dem Titel entsprechende Suche nach dem Schatz
2. das diesen ersetzende Vorhaben, die Mine auszubeuten (um nicht wieder, wie im ›Sendador‹, zu einem negativen, enttäuschenden Ausgang der Handlung zu kommen)
3. die Jagd auf den roten Cornel, die nur indirekt zum Ziele führt
4. die Verfolgung und Ausschaltung der Tramps (meist im 1. Teil)
5. die Beilegung der von ihnen ausgelösten Rache der Utahs (2. Teil).

Daneben gibt es kleinere Anliegen, wie das von Lord Castlepool, der Amerika kennenlernen will, und von Hartley, dessen Medizinschwindel auffliegt; sie haben wenig Bedeutung für das Gesamtgeschehen. Die fünf Hauptthemen aber sind einleuchtend miteinander verbunden, so


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daß sich das eine jeweils aus dem andern ergibt: Brinkley muß wegen des Plans für den Schatz verfolgt werden, den er geraubt hat, die Tramps, weil er sich ihrer bedient, die Utahs, weil sie den Weg zum Silbersee sperren. Mit wenigstens einem dieser verschiedenen Handlungsstränge hat dann jedes Kapitel zu tun. Nur weil dies nicht erkannt wurde, war es möglich, »das große, übergreifende Thema« zu vermissen, wie wir anfangs sahen. Ist es nicht Mays Anliegen, zu zeigen, daß zwar uralte, religiös bedeutsame Indianerschätze infolge der unverantwortlichen Einstellung der Weißen den Erben gegenüber unrettbar verloren gehen, statt dessen aber andere Reichtümer erworben werden können, wenn man sich um Recht und Ordnung einerseits, Frieden unter den Indianern und mit ihnen anderseits bemüht? Welcher Teil des Buches hätte mit dem so verstandenen Thema nichts zu tun?

   Um grundsätzlichen Einwendungen gegen ein fünffaches Thema vorzubeugen, sollte man vielleicht auf Worte aus Heinz Stoltes Dissertation zurückgreifen: »Es handelt sich hierbei um einen Vorgang, der sich zu gleicher Zeit auf fünf verschiedenen Ebenen abspielt: (...) So erscheint hier dasselbe Bild gleichsam in fünffacher Spiegelung, alles aber miteinander zu einem großen Gebilde von phantastischer Buntheit vereinigt (...)« schreibt er über – ›Ardistan und Dschinnistan‹!(35) Auch aus den dann folgenden Seiten läßt sich manches auf den ›Silbersee‹ übertragen. Was aber für das Spätwerk recht ist, sollte das – sinngemäß angewandt – für eine Jugenderzählung nicht billig sein? –

   Trotzdem drängt sich uns eine Frage auf: Wenn es den Utahs – im Gegensatz zu den Tramps – gar nicht um den Schatz geht, warum dann ihre Feindschaft gegen die Helden, die ja den ganzen 2. Teil bestimmt? Bringt sie nicht doch etwas Fremdes in den Themenkomplex hinein?

   Die Frage löst sich, sobald wir uns erinnern, daß Mays Werken oft ein persönliches Problem zugrunde liegt, das er sich von der Seele schreiben will; darin besteht sozusagen das eigentliche Thema. Hier braucht man nicht lange danach zu suchen: daß die bedrängte Finanzlage in jenem Jahr den Gedanken an einen Schatz nahelegen mußte, ist so einleuchtend, daß man leicht weiterzufragen vergißt. Aber woher kam denn die Notlage, nachdem May sich zuletzt bei Münchmeyer recht gut gestanden hatte? Doch vom Bruch mit ihm, dessen Geschichte sich in den mehrfach auftretenden Beleidigungen widerspiegeln könnte. Und warum ging es danach nicht wieder vorwärts? Stellen die Utahs nicht vielleicht die nur kärglich zahlenden Verleger dar, darüber hinaus die Gesellschaft, die sich noch immer an May ›rächen‹ wollte? Sieht man es so, dann verbirgt sich hinter dem eher vordergründigen Schatzthema das andere, existentielle und immer wieder hervortretende: die Rache.

Das läßt sich auch am Text belegen. Taucht nämlich die erste Erwähnung des Schatzes erst S. 56 auf, also im 2. Kapitel, so wird die Rache bereits auf S. 16 ausgelöst, und zwar durch eine Beleidigung! Von da aus


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wird auch vieles an dem merkwürdigen Aufbau verständlicher: vom 2. bis 5. Kapitel tritt immer noch eine neue Person auf, die Grund zur Rache hat; und ebenso kommt vom 3. bis zum 5. Kapitel jedesmal eine Rache zum Ziel: sie ist also weder sofort zu befriedigen noch einzudämmen.

   Dem entspricht im 2. Teil, daß sich der durch die Tramps gebrochene Friede nicht mehr wahren und erst nach gewaltigen Verlusten erzwingen läßt: alle Tramps und viele Indianer gehen zugrunde, bis es in für sie aussichtsloser Lage zur Einigung kommt.

   Sieht man von diesen Gesichtspunkten aus den Gang der Handlung an, so muß man zugeben, daß sich eins folgerichtig aus dem andern entwickelt und zu einem gewaltigen Finale führt, das ja auch seinen Eindruck auf den Leser nicht verfehlt. –


III. Gesamtanalyse

Hatten wir oben festgestellt, daß May in hohem Maße planmäßig komponiert hat, so läßt das freilich noch nicht den Schluß zu, er habe gleich anfangs einen solchen Plan entworfen; es könnte ja sein, daß er erst den 2. Teil nach dem Vorbild des 1. symmetrisch gestaltet hätte. Doch wird ein planmäßiges Vorgehen um so wahrscheinlicher, je mehr es sich zeigen läßt, daß May sich weitgehend von Quellen hat leiten lassen, auch wenn er die Reihenfolge der verwendeten Sujets nicht immer genau beibehalten hat. Überraschenderweise liegt aber hier kein fremdes, sondern ein eigenes Werk zugrunde, dem er vor allem weithin gefolgt ist!

   Mit Recht hat Christoph F. Lorenz in seiner Einführung zum Reprint(36) auf die enge Verbindung mit einem Teil des nur etwa vier Jahre früher geschriebenen Romans ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ hingewiesen. (Ich habe die Parallelen in beiden Werken in einer tabellarischen Gegenüberstellung erfaßt, die in den Anmerkungen wiedergegeben wird.)(37)

   Da May im ›Silbersee‹ – zumal im 1. Teil – den Ablauf des Geschehens immer wieder durch das Auftreten neuer Personen auf neuen Schauplätzen unterbricht, wollen wir nach dem für den ›Sendador‹ von Claus Roxin eingeführten Schema(38) eine Einteilung in verschiedene ›Handlungen‹ vornehmen, um so auch die jeweiligen Motive unter Einbeziehung der Quellenverwendung besser untersuchen zu können.


A. Die Panther-Handlung (S. 9 – 40): Kapitel 1

May führt hier in dreifacher Abstufung einige (längst nicht alle, wie die Kritik will!(39)) der Hauptpersonen auf einem Flußdampfer zusammen, die auch im nächsten und übernächsten Kapitel auftreten: die Tramps


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und Old Firehand sind bereits an Bord, Tom und die Tonkawas kommen beim ersten Halt hinzu, Droll und Fred steigen vom Floß über; alle sind irgendwie an der Handlung beteiligt. Das Hauptthema klingt noch nicht an, da es offenbar für den 2. Akt als erregendes Moment vorgesehen ist, wohl aber die Rache der Indianer an Brinkley; daß auch sonst mit ihm und seinen Tramps etwas nicht stimmt, wird mehrfach angedeutet (z. B. S. 10ff.). Sogar das Thema des 2. Teils leuchtet bereits in seiner verächtlichen Behandlung der Indianer auf. Die Erzählung beginnt mit Motiven aus ›Ein Oelbrand‹:(40) Dem roten Olbers dort entspricht hier der rote Brinkley; beide haben früher Raubmorde begangen und planen einen Raubüberfall; beide wollen die Teilnahme an einem Drink erzwingen. Was aber früher nur angedeutet und auch in ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ am roten Burkers nicht weitergeführt worden war, wird hier zur negativen Hauptperson des 1. Teils ausgeformt. Man kann fragen, ob die Mehrzahl der Vorläufer nicht vielleicht daran schuld ist, daß May sich bezüglich des Haars in Widersprüche verwickelt (s. u.).

   Denn obendrein verwendet er ja hier bekanntlich noch die alte Erzählung ›Inn-nu-woh‹/›Winnetou‹,(41) deren Kontrahenten er aber in mehrere Personen zerlegt. So wird der Colonel, Vater des geretteten Mädchens,

– als Vater zum Ingenieur Butler (das ist das Ehrenwerte an ihm);

– als Beleidiger zum ›Cornel‹ Brinkley (das ist das Böse an ihm). Insofern dieser für seine Unverschämtheit bestraft wird, übernimmt er gleichzeitig die Rolle des Kutschers in der Vorlage, und genau wie jener trotzdem sofort wieder kutschieren kann, vermag er hier mit der zerschossenen Hand Löcher in die Bordwand zu bohren.

Der Name des Mädchens, Ellen, ist jetzt aus der alten Erzählung ›Old Firehand‹(42) hinzugefügt. Auch deren Titelheld erscheint erneut als einer der Kontrahenten, hat aber von seinem Vorgänger nur den Namen, nicht das Alter, sondern gleicht vielmehr Steinbach in ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ und wird wie dieser mehrfach verkannt. Er übernimmt die vorläufige Ahndung der Beleidigung des Häuptlings, die jener in der Vorlage selbst vorgenommen hatte.

   Denn Winnetou darf hier noch nicht auftreten, da er sich zweifellos nicht so einfach hätte schlagen lassen und hier einer ganzen Bande und nicht, wie in der Vorlage, einem einzelnen gegenübergestanden hätte; außerdem wird er für die Hartley-Handlung zurückgestellt. Für ihn treten ein:

– der Große Bär, da nur er beherrscht genug sein konnte, die Ohrfeige zunächst ungestraft hinzunehmen;

– der Kleine Bär, da nur er altersgemäß in Frage kam, später wie der Flinke Hirsch in ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ der Begleiter


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Ellens zu werden. Beide verlassen dann das Schiff mit einem Boot wie der Titelheld in ›Inn-nu-woh‹/›Winnetou‹.

Es ergibt sich also folgendes Schema:

›Inn-nu-woh‹/›Winnetou‹›Silbersee‹
Colonel: als Vater des Mädchens
als Beleidiger, zusammen mit dem Kutscher
Ingenieur Butler

roter Cornel
Winnetou: als Beleidigter
als Retter
als Strafender
Großer Bär
Kleiner Bär
Old Firehand.

Von Old Firehands Vorbild Oskar Steinbach wird der schwarze Tom abgespalten als Rafter und Träger eines mit einem Beil verbundenen Gewehrs. Dadurch kommt May auf sein beliebtes Dreierschema in der Behandlung der Einladung zum Drink durch Brinkley:

– S. 14: Der schwarze Tom nimmt an, zeigt sich aber überlegen.

– S. 16: Der Große Bär lehnt ab, wird geohrfeigt und dankt.

– S. 21: Old Firehand läßt Brinkley abfahren, ohrfeigt ihn, tritt ihm in

den Magen und zerschießt ihm die Hand, um ihn wegen seines

Verhaltens gegen den Indianer zu strafen (25).

Bei dieser Gelegenheit werden auch Old Firehands Kriegsname und die Namen der andern Personen bekannt. Man sieht, wie spannend May die Träger der Handlung einzuführen weiß!

   Durch diese tiefgreifende Umgestaltung der Vorlage ist nun aber ein wichtiges Motiv verlorengegangen, das May bei der Bearbeitung des ›Inn-nu-woh‹ am Schluß eingefügt hatte: die Bemerkung über Winnetous Edelmut, mit welchem er dem Colonel Böses mit Gutem vergolten hatte. Das ist zwar schon durch die Aufteilung des Colonels in zwei Personen bedingt, da ja Butler dem Indianer nichts Böses getan hatte, dem roten Cornel aber nichts Gutes vergolten werden konnte; doch findet sich auch weiterhin nichts derartiges im ›Silbersee‹, abgesehen von Winnetous Worten nach dem Friedensschluß mit dem Großen Wolf: »... es ist besser, Gutes thun anstatt Böses« (500).


B. Die Dogfish-Handlung (S. 41 – 80): Kapitel 2

Sie läßt (neben K, s. u.) als einzige im ganzen Buch keine neuen Personen hinzukommen, führt aber den erst am Ende des 1. Kapitels aufgetretenen Droll ausführlich ein, nennt dann als erregendes Moment anläßlich der durch einen Neger ausspionierten Pläne der Weißen sowohl


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den Schatz (56f.), der Brinkley bekannt ist, als auch die Mine als Ziel Old Firehands (58ff.) und die weiteren Pläne der Tramps für die übrigen Kapitel des 1. Teils. Dabei wird auch das erregende Moment des 2. Teils, der Überfall auf ein Indianerlager, wenigstens angedeutet (65). Ebenfalls auf diesen verweist der ehrenvolle Dank an den Kleinen Bären als Ausdruck der rechten Einstellung gegenüber den Indianern. Durch den Diebstahl an Butler und das Entkommen der Tramps schreitet das Geschehen fort.

   Im 2. Kapitel begegnet uns zuerst eine ausgiebige Benützung des bereits erwähnten Gartenlaubeartikels von L-n über die Tramps; dann finden sich Motive aus ›Der Scout‹(43) wieder, freilich mit dem wesentlichen Unterschied, daß dort die Zeit kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg vorausgesetzt ist, hier aber nur eine gewisse Zeit (41), die nicht genauer bestimmt wird. Daher haben wir dort Kukluxer, hier Tramps; dort Spione von Juarez, hier einen Polizeispion (43); dort wird man handgreiflich, hier hält man sich lieber zurück (44); dort setzt der Kapitän das Schiff scheinbar auf Grund, um die Randalierer loszuwerden, hier bohren sie es an, so daß es anlegen muß (77), und die Tramps verschwinden freiwillig. Dort wird ein Neger gepeitscht und soll gehängt werden, hier wird ein anderer vom Kapitän geschlagen (30) und von den Tramps als Spion benützt. Der Kapitän – dort ein Deutscher, hier ein Yankee – kann dort mit den paar Mann vom Steamer nichts gegen die Übermacht tun, wagt es aber, die Halunken durch ein Bad abzukühlen, und wird mit Rache und Aufhängen bedroht; hier dagegen sind die Tramps in der Minderzahl (11), doch warnt Old Firehand den Kapitän, der etwas gegen die Halunken unternehmen will, vor ihrer Rache. Die Lage hat sich also gegenüber damals normalisiert, was der im Gartenlaube-Artikel angegebenen Zeit »seit 1873« entspricht.

   So scheinen die alten Motive trotz aller Abwandlung unverkennbar durch, auch wenn die Handlung nun um viele neue bereichert wird: der Diebstahl an dem Ingenieur liefert den Weißen – so wie vorher die Ohrfeige des Cornels den Indianern – einen triftigen Grund, den Tramp zu verfolgen; die Richtung ist dadurch gegeben, daß er von Toms Geld für die Rafter gehört hatte und sich gewiß dorthin wenden würde, um es gleichfalls zu rauben. Wenn dabei der Ingenieur lieber das Gestohlene verloren geben als Menschen gefährden will, so antwortet ihm Old Firehand, auch bei dem neuen Verbrechen könne es sich um Menschenleben handeln (80). Es scheint also, als werde May seiner gewohnten Einstellung folgen, mit Menschenblut möglichst sparsam umzugehen. Aber ...

   Schon die Panther-Handlung hatte das erste Leben gekostet: das Raubtier hatte dem Bändiger den Kopf zerkracht (32), während die Tigerin in ›Inn-nu-woh‹ ihm den Arm halb aus der Schulter gerissen, in ›Winnetou‹ ihn sogar nur durch einen Stoß weit fortgeschleudert hatte!


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Die Entwicklung dieses Motivs verläuft also im negativen Sinne: zweifellos ein Gewinn an Realitätsnähe, aber zugleich ein Verlust an Humanität. Wir werden das noch öfter als typisch für den ›Silbersee‹ festzustellen haben. Muß man es etwa als eine für ihn allgemein geltende Tendenz bezeichnen? –


C. Die Rafter-Handlung (S. 81 – 139): Kapitel 3

Die neu auftretenden Rafters werden als Mannschaft Old Firehands für die weiteren Ereignisse benötigt. Blenters Binnenerzählung trägt noch ein Motiv zur Rache an Brinkley bei; der Große Bär vollzieht die seine an ihm, Fred erkennt ihn als Mörder seines Vaters, aber gerade diese Häufung von Gründen für seine Bestrafung ermöglicht sein Entkommen. Old Firehand erklärt den Rafters sein Minen-Vorhaben (134f.), ein junger Tramp berichtet, daß Brinkley von Freds Vater den Plan für den Schatz erbeutet hat (134f.): die vagen Angaben von B nehmen Gestalt an.

   Die Rafter-Handlung verläuft so bemerkenswert vielfältig. Zwar stammt die Beschreibung der Rafters mittelbar aus Gerstäcker,(44) und die Binnenerzählung Blenters erinnert etwas an die Sans-ears in ›Deadly Dust‹;(45) aber May scheint doch bei weitem das meiste neu konzipiert zu haben. Das dürfte mit dem soeben erwähnten Verlust an Humanität zusammenhängen; in Anlehnung an Sam Barths anschließend noch näher erklärtes Wort in ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹: »Eine Kugel vor den Kopf, und zwar sofort, das ist die beste Medizin gegen diese Seuche«,(46) das ihm den Vorwurf einbringt, ein Unmensch zu sein, liefert Blenters Erzählung die Formel dafür: einen Schurken niederzuschießen ist nicht nur Recht, sondern Pflicht; Schonung gibt ihm nur die Gelegenheit zu weiteren Verbrechen: er wird zur Bestie (88f.). Die Einstellung, nie ... ohne Not ein Menschenkind zu töten (88), scheitert an der Unmöglichkeit, die Notwendigkeit immer richtig zu erkennen, und wird zur Schuld, u. U. dem Allernächsten gegenüber. Übrig bleibt dann nur die Blutrache, der aber, wie schon in ›Deadly Dust‹, leicht gerade der Schlimmste entgeht (92). Kein Zweifel: das ist die Lehre, die May hier weitergeben will! Denn auch in der zwischendurch geschriebenen ›Rache des Mormonen‹ wäre ohne die humane Freilassung des zweiten Mormonen die Vernichtung des ganzen Indianerdorfes unterblieben.

   Im Blick auf das Hauptthema kann man diese Feststellung sogar noch weiter belegen: der nur wenige Monate vorher eingenommene pragmatische Gesichtspunkt des Ich-Helden im ›Sendador‹,(47) den der Rache Verfallenen um eines Schatzes willen wenigstens vorläufig zu verschonen, ist aufgegeben und wird später sogar ausdrücklich verworfen (547). Außerdem wird er durch zwei Umstände abgeschwächt: Obwohl


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der Cornel den Plan geraubt hat, besteht trotzdem Hoffnung, den Schatz zu finden (574), und die Ausbeutung der (neu eingeführten) Mine ist davon völlig unabhängig. Also keine Schonung für die Tramps!

   Als Gegenbeispiel werden zum zweitenmal die Indianer angeführt: Obwohl zuerst einmal Tante Droll Blenter das Leben gerettet hatte, als er bei den Sioux gefangen gewesen war (84), ist es dann Winnetou, der ihn aus den Händen weißer Mörder befreit hatte (90). Voraus geht ein Plädoyer für die Rechte der roten Rasse mit dem Ergebnis: »... ich habe bei ihnen ebensoviel gute Menschen getroffen wie bei den Weißen, ja noch viel mehr.« (85). Wir haben also eine doppelte Tendenz festzustellen: rücksichtslose Vernichtung der weißen Schurken, möglichste Schonung der verfolgten Indianer – aber nicht um jeden Preis: ohne daß sie ein-lenken, wird sich nichts machen lassen! –

   Auch hier triumphiert die Dreierregel: Nacheinander treffen Tonkawas, Tramps (zunächst durch zwei Kundschafter vertreten) und Old Firehands Gruppe auf dem Schauplatz ein, wobei zweimal der Große Bär die Verbindung darstellt. Einer der Tramps wird erstochen; aus Rache dafür wollen sie Blenter ertränken, und um ihn zu retten, bricht Old Firehand mit seinen drei Begleitern über sie herein: nur drei entkommen (133), alle andern werden niedergemacht oder gefangen. Ein dreifaches Verfahren folgt:


1. S. 115ff.: Der Große Bär, nach den Gesetzen der Prärie durch Blenters ältere Rache verhindert, den mitgefangenen Cornel zu erstechen, rächt sich dadurch, daß er ihm die Ohren abschneidet. War es May bekannt, daß diese ebenso wie die Skalps als reduzierte Kopftrophäe galten und bei den Mexikanern den Apachen und Navajos gegenüber beliebt waren?(48) Das Motiv findet sich nicht selten bei ihm: im schon als Vorbild erwähnten ›Deadly Dust‹ waren Sans-ear von den Navajos (!) die Ohren abgeschnitten worden, und er machte dafür allen seither von ihm getöteten Indianern an den Ohren einen leichten Ringelschnitt mit dem Messer. Im ›Waldröschen‹ skalpiert Büffelstirn einen französischen Sergeanten lebendig und trennt ihm dabei auch die Ohren ab.(49) Folgt May unserer Stelle, wenn er später in der Bearbeitung von ›Deadly Dust‹ für ›Winnetou III‹ Sans-ear die Ohren wirklich abschneiden läßt? Hier ist so der Rache Genüge getan. Brinkleys plötzlicher Appell an ›christliches‹ Verhalten gegenüber dem roten Heiden verhallt ungehört, während später Old Shatterhand sich von dem vom Martertod bedrohten Tramp Hilton zur Fürbitte bewegen lassen wird (421) – doch wohl ein gewollter Unterschied zwischen ihm und Old Firehand.


2. S. 118: Das Verfahren gegen die gewöhnlichen Tramps erkennt die empfangenen Wunden und den Verlust ihrer Pferde und Waffen als


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genügende Strafe für das an, was sie beabsichtigt hatten; da sonst keinem von ihnen etwas nachzuweisen ist, sollen sie am folgenden Morgen entlassen werden.


3. S. 118ff.: Brinkley wird von Fred als der gesuchte Mörder bezeichnet, und auch Blenter hatte ihn schon vorher wiedererkannt. Nun aber verwickelt sich May in Widersprüche. Zwar ist es denkbar, daß ein Verbrecher, der eigentlich dunkles Haar hat (119), um sich vor Verfolgung zu schützen, zuerst eine rote Perücke trägt (310), später aber Haar und Bart rot färbt (124); weniger schon, daß seit der Flußfahrt aus dem kurzgeschorenen Haar (10) inzwischen ein Schopf geworden ist, bei dem ihn der Indianer packen kann (117), obwohl die Zwischenzeit nicht genau angegeben wird; aber daß nur zwei Seiten später sein Haar wieder kurz ist und daß er Narben von einem Stich in die Wade haben soll, den Fred ihm seinerzeit zugefügt hätte, der dann nach dem Bericht (333) mit dem Mörder gar nicht handgemein geworden war, sondern besinnungslos im Hof gelegen hatte, zeigt doch, daß May hier einem Gedächtnisfehler erlegen ist – vielleicht, weil Brinkley schon in andern Werken mehrere Vorgänger gehabt hatte, wie oben besprochen.


Dies zweite Indiz hätte den Vorteil gehabt, eine sofortige Verurteilung zu ermöglichen, während die genaue Untersuchung der Haare erst am Morgen hätte erfolgen können (124); es erleichtert jedoch zuerst dem Tramp die Flucht im Dunkeln, da Fred ihm die Füße losbinden muß, um die Hose aufstreifen zu können:(50) durch Droll vor Old Firehands Schuß gedeckt, verschwindet er im Wald.(51) Seiner abgeschnittenen Ohren wird später nicht mehr gedacht. So sind wieder drei Personen auf verschiedene Weise an seinem Entkommen schuld: Blenter hatte den nur betäubten Tramp für tot gehalten und nicht einmal sein Messer gefunden, so daß er Brinkley losschneiden konnte; Fred hatte ihm die Füße losgebunden, und Droll hatte die Verfolgung behindert. Dies öfter wiederholte Zusammenwirken verschiedener Personen und Faktoren trägt wirkungsvoll zur Spannung bei.

   Dreifach ist auch der Ausgang der Rafter-Handlung: die entkommenen Tramps rächen sich durch Plündern und Anzünden der Hütte; einer der gefangenen Tramps erlebt eine Art profaner Bekehrung, da er nur durch seinen jetzt getöteten Bruder zu den Tramps gekommen war, und wird von Old Firehand teils aus Menschlichkeit, teils aus Klugheit in seinen Trupp aufgenommen (136). Durch ihn erfährt man die weiteren Ziele des Cornels, wieder dreifach: das Trampmeeting, den Anschlag auf die Bahn und den Schatz im Silbersee. Damit sind die nächsten Stationen vorgeschrieben, aber eben nur den Namen nach: was sich dort ereignen werde, kann der Leser nicht ahnen.


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D. Die Lord Castlepool-Osagen-Handlung (S. 140 – 176):
Kapitel 4 halb = Kapitel 5 der Buchausgabe


Dieser Handlungsstrang stellt durch die neu hinzukommenden Westmänner und Osagen die Verbindung zu den – zumeist gleichfalls neu auftretenden – Tramps wieder her, die ein Meeting durchführen. Der Osage wird für die Farm-Handlung gebraucht, die Westmänner sind nötig, um ihm zu helfen, und auch zur Unterstützung von Old Firehand; aber wozu dient der Lord? – Er verhilft dazu, das Auftreten der beiden Westmänner in Handlung zu verwandeln und später ab und an eine humoristische Note einzubringen; er ist gewissermaßen der Zuschauer par excellence. – Hinsichtlich des Hauptthemas macht der Cornel gegenüber den neu hinzukommenden Tramps Andeutungen über Schatz und Mine, die aber ganz vage bleiben. Seine Rede kennzeichnet sie als Umstürzler; ihr Verhalten gegen die Osagen nimmt das Thema des 2. Teils vorweg. Deren Rache gegen die Tramps erfolgt sogleich im nächsten Kapitel.

   Die Lord Castlepool-Osagen-Handlung lehnt sich an mehrere, aber unzusammenhängende Sujets aus ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ an, von denen die meisten für das Geschehen unerheblich sind. Dagegen findet sich die Schießprobe auf Vögel ähnlich schon ›Im wilden Westen Nordamerika's‹,(52) ist hier aber weit mehr ausgestaltet, schon durch das Hinzutreten einer dritten Person.

   Da an der Stelle des bis auf weiteres aus dem Geschehen ausgeschiedenen Tonkawahäuptlings in Menaka Schecha ein neuer Indianer als handelnde Person eintritt, ehe Winnetou dann endgültig diesen Platz besetzen wird, ist nach dem Grunde dafür zu fragen. Er ist nicht schwer zu finden: ganz davon abgesehen, daß Apachen in jener Gegend keine Gräber der Ihren haben konnten, wie dies im Roman möglich war, muß der den Tramps entkommene Osagenhäuptling bei der Befreiung seiner Gefährten Blut vergießen und später der Rache nachgehen; offenbar soll Winnetou davon entlastet werden, zumal er bereits in Blenters Binnenerzählung in dem einzigen biblischen Bezug des ganzen Buches (von einigen nur wörtlichen Anklängen abgesehen) mit dem barmherzigen Samariter verglichen worden war (91). Da er in dieser Rolle dann auch selbst auftreten sollte, mußte er bis dahin ferngehalten werden.

   Vielleicht läßt sich aus dem Namen Menaka Schecha, der ›gute Sonne‹ oder ›große Sonne‹ bedeuten soll (155), darauf schließen, daß May sich der Verbindung zwischen ihm und Winnetou auch später noch bewußt war: in ›Winnetou I‹ gibt er dem dort erstmals namentlich erscheinenden Vater Winnetous, Intschu tschuna, den fast gleichbedeutenden Namen ›Gute Sonne‹. So ist aus der zeitlichen Aufeinanderfolge der beiden sonst nicht verbundenen Häuptlinge hier, die einander ja auch


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nicht begegnen, sozusagen eine Abstammung des einen vom andern geworden. –

   Das Auftauchen des entflohenen Osagen bringt nun die Handlung zurück auf die Tramps, die ihn und die Seinen bei einem Gedächtnistanz für von Weißen Ermordete überfallen, acht getötet und vier gefangen hatten, um sie am Abend totzumartern (157). Zuerst erscheinen fünf Tramps als Verfolger Menaka Schechas. Die Bemerkung des Lords: »Nicht töten!« (161) veranlaßt Humpley-Bill zu einer ersten Erörterung dieses Themas: Schonung ist unmöglich, da man sie weder mitnehmen noch freilassen kann. Dadurch, daß einer von ihnen als erster schießt, wird alles klar: die fünf werden erschossen und liegengelassen, gerade wie in ›Deadly Dust‹ in derselben Gegend die vier indianischen Verfolger Sans-ears. May hält aber noch ein Nachwort für erforderlich: »Darum wollen wir uns ja nicht über den Tod dieser Menschen grämen. Wer weiß, wie viele Schandthaten wir dadurch ... verhütet haben.« (164): Ein auch sonst mehrfach verwendetes Argument, das freilich weit von Old Shatterhands üblicher Haltung entfernt ist, jedem müsse noch Gelegenheit zur Buße gegeben werden. Aber offenbar ist der Argumentationswechsel ein Privileg Old Shatterhands und erfahrungsgemäß nicht auf andere zu übertragen.

   Das Beschleichen der jetzt auf vierhundert angewachsenen Tramps bringt zunächst Aufschluß über die nächsten Pläne Brinkleys,(53) der vor der Bahnstation noch Butlers Farm überfallen will, und dann die Befreiung der gefangenen Osagen durch ihren Häuptling, dessen Rache dadurch aber nicht gestillt ist (176): Er will Krieger holen und sich an die Fersen der übrigen Tramps heften, was aber durch die folgenden Ereignisse auf andere Weise erledigt wird.


E. Die Farm-Handlung (S. 176 – 244): Rest von Kapitel 4 = 6. und
7. Kapitel der Buchausgabe

Sie vereint alle bisher unterwegs aufgetretenen wesentlichen Personen und dezimiert die Tramps. Neu stoßen die Farmbewohner und zwei weitere Indianerstämme als Helfer hinzu. Daß das Hauptthema hier nicht zur Sprache kommt, ist für das retardierende Moment nicht unnatürlich; die Indianer, zur Unterdrückung weißer Verbrecher mit den Westmännern verbündet, stellen das Gegenstück zum Verhalten der Utahs im 2. Teil dar: so hätte es auch dort werden sollen! D und E bilden zusammen den 4. Akt als Auslösung und Durchführung einer weiteren Rache – das erste Mal, daß sich ein Akt so zusammensetzt; doch wiederholt es sich sofort im nächsten Kapitel.

   Die Farm-Handlung, die sich enger als jede andere an ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ anlehnt, ist daher auch unter dem Gesichtspunkt


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der Rache der Indianer an den Tramps zu betrachten. Das Argument des Apachenhäuptlings dort: »Die Scalpe der Todten gehören meinen Leuten ... wenn ich den Apachen verbieten wollte, sich die Zeichen des Sieges zu nehmen, so würden sie mir niemals wieder gehorchen«,(54) bekäme hier doppeltes Gewicht, da der Osagenhäuptling nicht seine eigenen Krieger, sondern Cheyennen und Arapahoes befehligt; demgemäß versucht auch niemand, sie zurückzuhalten oder wenigstens die verwundeten Tramps zu retten, zumal man ja für jeden getöteten Tramp einen Preis ausgesetzt hatte (204). Wenn dann beim Zählen der Toten auf jeden Sieger zwei Besiegte kamen (243), müßte bei allein schon zweihundert Indianern bei weitem die Mehrzahl der Tramps gefallen sein. Daher waren dann später nur noch über zweihundert auf Eagle-tail im Anzuge, obwohl inzwischen neue Scharen ... angekommen waren (278, 244). So kann man wohl annehmen, daß die Rache der Indianer gestillt war. Man hat den Eindruck, May wolle – genau wie in den gleichzeitigen Bilderzählungen – diesen Gesichtspunkt hier durchexerzieren.

   Das ist um so auffälliger, als sich in diesem wichtigen Punkte die Darstellung von ihrem Vorbild in ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ unterscheidet. Obwohl dort die Maricopas als Räuber und Diebe gekommen sind und obendrein ebenfalls Gräber schänden wollen, wird nicht auf ihre Vernichtung hingearbeitet, wie hier auf die der Tramps, sondern (wie hier erst im letzten Kapitel, den Utahs gegenüber) auf einen Friedensschluß; Steinbach gibt z. B. nicht zu, daß die Verwundeten niedergeschossen werden. Auch darin zeigt sich, welchen Unterschied May zwischen weißen Verbrechern und (auch in ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ wieder) von Weißen verführten Indianern macht. Übrigens finden erneut drei Angriffe der Tramps statt.

   Ein Punkt verdient noch hervorgehoben zu werden: Drolls Aufzählung der Ämter seines Vaters (199), die sich S. 325 wörtlich, wenn auch in veränderter Reihenfolge, wiederholt, und die Feststellung: »er war ein braver Mann« (200), »ein blutarmer Teufel ..., (der) aber trotzdem in Ehren stand und die Achtung seiner Mitbürger genossen hat« (325). Da bei der ersten Erwähnung hinzugesetzt wird, er sei schon längst tot, dürfen wir hier wohl Mays eigenen Vater wiederfinden,(55) dem damit ein Jahr nach seinem Tode ein kleines Denkmal gesetzt wird. Aus der – wohl unabsichtlichen – Wiederholung läßt sich schließen, daß dies Anliegen May gewiß länger beschäftigt hat.


F. Die Hartley-Handlung (S. 245 – 275):
Kapitel 5 halb = 8. Kapitel der Buchausgabe

Sie liefert den durch Neuzugänge wieder verstärkten Tramps durch den Haller geraubten Empfehlungsbrief die Gelegenheit, ihren Schlag ge-


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gen die Bahn vorzubereiten, und führt Winnetou ein, der den Plan dagegen entwerfen soll. Da er mit Old Shatterhand am Silbersee verabredet ist, wird das Hauptthema wieder berührt (274). Die beiden Teilthemen werden an Einzelpersonen durchgespielt, wobei der Yankee Hartley in die Nähe der Tramps rückt und gegen Winnetou als Vertreter idealen Indianertums ganz abfällt. Mit Haller tritt unauffällig das Thema ›Beleidigung mit tödlichem Ausgang‹ auf, das im 2. Teil sich überraschend entfalten soll.

   Besonders für die Hartley-Handlung, die keine einzige deutliche Berührung mit ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ aufweist, sind biographische Beziehungen zu vermuten; an eigenen Quellen scheint May nur die Beschreibung Winnetous, an fremden etwas über den Wunderdoktor Hartley verwendet zu haben, der ja eine damals auf der Höhe des Ruhmes stehende historische Person war.(56) Trifft in der Begegnung Haller-Hartley nicht Mays eigenes ehrliches Ich mit seinem hochstaplerischen zusammen? Die gleiche Versuchung wie hier hatte er schon im ›Sendador‹ in der Jordan-Handlung gestaltet; dort hatte der Ich-Held es zwar abgelehnt, einen Posten auszufüllen, in dem er betrügen müßte, hatte sich dann aber doch nur durch gröbste Täuschungen aus einer lebensgefährlichen Lage retten können.(57) Hier weigert sich Haller ebenso, eine gute Stellung bei dem falschen Doktor anzunehmen, dessen selbstverliehener Titel (250) wie Selbstironie Mays anmutet; aber ihm geht es dann ans Leben, während der gerissene Yankee sich durchschlägt. Das heißt doch wohl, das ehrliche Ich müsse umkommen, nur der Hochstapler könne sich retten! War May damals so niedergedrückt, daß sich ihm dieser bittere Schluß aufdrängte? Freilich traut Old Firehand Hartley später nicht, nennt ihn Arzneischwindler und sagt: »Mit solchen Menschen mag ich nichts zu thun haben« (281); aber schon vorher heißt es am Grabe Hallers: Ob er [Hartley] dabei wirklich betete, war zu bezweifeln. Der Apache ... war ein Heide, aber er betete ganz gewiß (273). Mit andern Worten: Eine Rettung um solchen Preis erfolgt auf Kosten der Gnade bei Gott und den Menschen – ein Gedanke, den der Ich-Held im ›Mahdi II‹ gegenüber Ibn Asl geltend machen wird!(58)

   Bemerkenswert ist ferner der Grund für Hallers Unglück: Streit mit einem Redakteur, in dem er so beleidigt wird, daß ein Duell folgt, in dem er ganz gegen seinen Willen den Gegner tötet (248). Dies Motiv erhält dadurch zusätzliches Gewicht, daß Winnetou im 2. Teil, aber nicht an paralleler Stelle, ebenfalls eine schwere und wiederholte Beleidigung durch Tötung rächen wird: offenbar eine Rechtfertigung der unbeabsichtigten Tat Hallers. Diese Doppelung läßt uns vermuten, daß sich dahinter etwas für May Schwerwiegendes verbergen muß, das er trotz seiner nachteiligen Folgen immer noch für unvermeidbar ansah; sonst hätte er es nicht auch noch Winnetou zugeschrieben. Ist der end-


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gültige Bruch mit Münchmeyer möglicherweise auf solch eine Beleidigung hin erfolgt? –


G. Die Eagle-tail-Handlung (S. 275 – 349):
Rest von Kapitel 5 = 9. und 10. Kapitel der Buchausgabe

Sie führt vor allem Watson neu ein, der über den Schatz Auskunft geben kann (305ff.); auch Tramps sprechen davon (314), und Droll berichtet den Raub des Plans (325ff.); man folgert, daß die übrigen Tramps zum Silbersee wollen. So spielt der Schatz (nicht aber die Mine) hier in der genauen Mitte des Buches die wichtigste Rolle: der Leser wird über die Vorgeschichte des Plans umfassend orientiert. Das Thema des 1. Unterteils wird abgeschlossen durch Übergabe der Tramps an die Behörden, so daß die Strafe an die Stelle der Rache tritt. Nur wenige, darunter Brinkley, entkommen und stellen so die Verbindung zum 2. Teil her.

   Überblickt man den 1. Teil, so ergibt sich deutlich, daß das Hauptthema, der Schatz, im 2. Akt angesprochen, im 3. in Angriff genommen und im 5. rückblickend erörtert wird; es läßt sich keineswegs belegen, daß der Leser zuviel darüber erfahre.(59) Das Thema des 1. Teils, die Tramps, wurde planmäßig abgehandelt gemäß ihren anfangs angegebenen verschiedenen Vorhaben; deren Scheitern im 3., 4. und 5. Akt macht freilich ein Hinzuströmen immer neuer Tramps notwendig, dessen Möglichkeit durch einen Zeitungsartikel belegt (185)(60) und das auch im 2. Teil zu Beginn noch einmal vorausgesetzt wird. Die Vorwärtsbewegung beider Gruppen, der Tramps und ihrer Verfolger, auf den Silbersee zu läßt einerseits natürlich unterwegs immer neue Personen dazustoßen; im Falle Winnetous andererseits (was sich bei Old Shatterhand und seiner Gruppe im 2. Teil wiederholen wird) liegt eine Verabredung mit demselben Ziele vor. Einzig das Auftreten des Lords wird durch die Ereignisse nicht unbedingt gefordert; aber wenn man May sonst den Vorwurf macht, er lasse durch Zufall immer die gerade benötigten Personen zusammentreffen,(61) dann darf man ihm wohl auch zubilligen, einmal jemand eher überflüssigen mit einzubringen.

   Was die Form betrifft, so fallen nur der 4. und 5. Akt nicht mit ›Handlungen‹ zusammen, sondern umfassen je zwei; das mag darauf zurückzuführen sein, daß beide Male ein neues Verbrechen begangen (bzw. berichtet) wird, das im gleichen Akt sich auf die Bekämpfung der Tramps auswirkt. Beide Kapitel werden dadurch mit je 105 Seiten wesentlich länger als die andern in diesem Teil. –

   Die Eagle-tail-Handlung benützt als letzte vor dem Schlußkapitel noch einmal wichtige Sujets aus ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹, vor allem für die Belauschung des Spions und die Rettung der Tramps vor der Vernichtung. Diesmal gibt Winnetou das Motto, nach dem sich


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das Geschehen richtet: »Diese Geschöpfe [die Tramps] sind keine Krieger, ... sondern räudige Hunde, welche man mit Stöcken erschlagen muß. Warum soll ich warten, bis so ein Hund mich beißt, wenn ich ihn vorher mit einem Hiebe töten oder in einer Falle erwürgen kann!« (281) Dabei ist zweierlei bemerkenswert:


1. May läßt Winnetou die im ›Scout‹, der letzten Erzählung, in der er auftrat, gemachten Erfahrungen verwerten. Dort war sein Stamm im Frieden überfallen worden und hatte schwere Verluste hinnehmen müssen; daraufhin hatte er die Feinde in eine Falle gelockt und, als sie auf seine Friedensbedingungen nicht eingehen wollten, der Rache geopfert.(62) Jetzt aber handelt es sich nicht mehr um das, was nach erfolgtem Verbrechen zu tun wäre, sondern um seine Verhütung! Demgemäß plant Winnetou so, daß die Tramps gar nichts anderes mehr unternehmen können und daher auch leichter aufgeben, als wenn sie für inzwischen noch begangene Verbrechen Strafe erwarten müßten: ein durch die veränderten Umstände ermöglichter, wohl absichtlich mit Winnetous Person verbundener Fortschritt gegenüber der Farm-Handlung. Da May ja den ›Scout‹ auch sonst hier herangezogen hat, sieht man deutlich, daß sein Winnetou von einer Erzählung zur andern eine Entwicklung durchmacht.(63) Das aber bedeutet, daß May sich mit einem einmal gestellten Problem weiter zu beschäftigen pflegte, um es einer besseren und möglichst endgültigen Lösung zuzuführen. Der Fortschritt ist unverkennbar.


2. Wie steht es jedoch mit der Begründung, die Tramps seien räudige Hunde? Der Plan Winnetous führt dazu, daß sie, im Tunnel gefangen, beim Versuch auszubrechen einander fast umbringen: »Die Bestien reiben einander selber auf«, sagt ein Arbeiter (344). Da widersetzt sich Old Firehand: »Aber sie sind Menschen, und wir müssen sie schonen«, entgegnet er und wagt sich unter Einsatz seines Lebens allein in den Tunnel, genau wie Old Death zu den eingeschlossenen Comanchen. Was hat es damit auf sich?

   Seitdem in der Antike Aristoteles den Sklaven als »beseeltes Werkzeug« bezeichnet und ihm damit das Menschsein abgesprochen hatte, war zur Rechtfertigung unmenschlichen Verhaltens gegenüber Unterlegenen immer wieder behauptet worden, sie seien keine Menschen. May legt dies Argument gleichfalls zuweilen seinen Personen in den Mund, so dem Colonel im ›Winnetou‹ von 1878: »Sie [die Indianer] sind keine Menschen.«(64) In ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ sagt Sam Barth vom Maricopa-Häuptling: »Solches Ungeziefer muß man ausrotten«, aber Steinbach widerspricht: »Sie sind auch Menschen!«,(65) und bald darauf hält er Wilkins entgegen: »Auch die Rothen sind Menschen, und man soll nicht ohne die größte Noth Menschenblut vergießen«.(66)


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Zwar sagt er später einmal: » ... selbst der Verbrecher ist noch das Ebenbild Gottes, welches man nicht schänden soll. Diese beiden Kreaturen hier aber sind aller Menschlichkeit bar«;(67) ihr verbrecherisches Handeln – Einschließen Unschuldiger im Quecksilberbergwerk – hat sie des Menschseins beraubt. Das ist zweifellos ein extremer Ausnahmefall; im ›Lopez Jordan‹ versucht der Ich-Held den Major Cadera dadurch zu beeinflussen, daß er ihm erklärt, er halte ihn »nicht für ein wildes Tier, sondern für einen Menschen.«(68) Wenige Monate später heißt es in der ›Sklavenkarawane‹: »Christ oder Heide; er ist Mensch, und es soll ihm geholfen werden.«(69)

   Damit ist diese Frage noch nicht erledigt; ihr immer neues Auftauchen unter verschiedenen Gesichtspunkten zeigt, daß May nach der gültigen Antwort sucht; wir werden sie im ›Old Surehand‹ finden.(70) An unserer Stelle sichert sich Old Firehand die Zustimmung des Lesers dadurch, daß er allein den wütenden Menschen gegenübertritt (344): Er ist kein Weichling, der nichts als schonen möchte, sondern ein Mann voller Verwegenheit und Selbstgefühl; auch will er nicht alles vergeben sein lassen, sondern die Tramps zur Ergebung auffordern als einzigem Ausweg aus dem Erstickungstod. Ihr weiteres Schicksal ist Sache der Obrigkeit, deren Soldaten sie übernehmen; Old Firehand und seine Leute, denen sie ja nichts getan hatten, brauchen sich nicht mehr um sie zu kümmern. So ist die ganze Eagle-tail-Handlung ein Beispiel dafür, wie man sich Verbrechern gegen das Gemeinwohl von sich aus, aber unter Ausnützung behördlicher Hilfe, vorausschauend entgegenzustellen hat, so daß an die Stelle der Rache die Strafe tritt: auch dies ein Fortschritt gegenüber der Farm-Handlung.

   Anläßlich von Drolls Zusammentreffen mit Watson stoßen wir auf eine Berührung mit dem Roman, die nähere Beachtung lohnt: Droll ruft aus: »Welch ein Zufall! Doch nein, es gibt ja keinen Zufall! Es ist Gottes Schickung!« (326) – ein beliebtes Thema Mays. Schon im ›Brodnik‹(71) hatte er 1880, also nach der letzten Haftstrafe, der ich einen entscheidenden Einfluß auf seine innere Entwicklung zuschreibe,(72) grundlegende Ausführungen über die Erkenntnis des Waltens Gottes gemacht, das alles verbindet, und dabei vor allem auf die darin hervortretende Gerechtigkeit hingewiesen, dem Inhalt jener Erzählung entsprechend. Weit häufiger aber führt er ein unvermutetes Zusammentreffen seiner Personen auf Gottes Walten zurück, oft unter ausdrücklicher Verneinung des Zufalls wie hier, dem freilich Old Firehand das nächtliche Zusammentreffen mit dem Großen Bären (215), Winnetou das Auffinden eines verborgenen Weges zuschreibt (553): Old Firehand ist eben auch in anderer Hinsicht kein Old Shatterhand, und Winnetou wurde ja bereits als Heide bezeichnet – auch die Helden müssen also nicht unbedingt die Meinung des Autors vertreten!

   Da nun aber doch May es ist, der das Geschehen regiert, erhebt sich


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die wichtige Frage, ob dadurch nicht seine Behauptungen ihre Bedeutung verlören, da sie ja als Dichtung keinen Beweis für Gottes Walten darstellten. Zwar besteht er bekanntlich darauf, nur Selbsterlebtes zu schreiben; aber auch bei großzügigster Auslegung dieser These, an der bekanntlich mehr ist, als es zuerst scheint, bleiben die äußeren Umstände davon ausgeschlossen; gerade um die geht es aber an Stellen wie der unsern! Das kann ihm nicht verborgen geblieben sein; läßt sich ein Grund erkennen, der es ihm erlaubte, trotzdem derartiges zu schreiben?

   Er ist wohl in seiner bekannten Aussage zu finden, das Leben sei der beste Romanschreiber.(73) Da nun zweifellos zuweilen die unglaublichsten Dinge geschehen, die kein Schriftsteller erfinden dürfte, brauchen sie auch im Roman nicht vermieden zu werden. Sobald also ein Mann wie May von Gottes Führung in seinem Leben überzeugt war, war es nur folgerichtig, wenn er auch bei erstaunlichen Ereignissen seiner Werke darauf hinwies. Sie besagen also nicht: Daß so etwas geschehen ist, beweist das Wirken Gottes, sondern umgekehrt: Was ich hier schreibe, geht darauf zurück, daß Gott auch im Leben so handelt. –


H. Die Militär-Handlung (S. 350 – 368):
Kapitel 6, Anfang (in der Buchausgabe nicht abgeteilt)

Hier beginnt der 2. Teil, was schon daraus ersichtlich ist, daß mit der Gruppe um Old Shatterhand und der Patrouille lauter neue Personen eingeführt werden, von denen die Soldaten nur hier auftreten und so ein Gegenstück zu den Leuten im 1. Kapitel bilden, die einzig an Bord des Dampfers notwendig waren. Hier vor allem findet sich die Exposition für den 2. Teil mit dem Bericht über den Überfall der Tramps auf die Utahs und die Zurückweisung von deren Forderungen, ja der Aufwiegelung der Navajos gegen sie:(74) damit ist das neue Thema gegeben, das sich freilich immer wieder im 1. Teil angekündigt hatte. Da hier ebensowenig wie im 1. Kapitel das Hauptthema genannt wird, weiß der Leser nur aus Winnetous Verabredung mit Old Shatterhand, daß dieser mit den Seinen auf dem Wege zum Silbersee ist.

   Ihr Zusammentreffen mit einer Patrouille greift auf ein ähnliches im ›Scout‹ zurück; schon die Frage, ob das, was sich da bewegte, Büffel oder Reiter seien (357), ist gleich.(75) Dort werden die Soldaten durch Old Deaths drohende Haltung, hier durch Old Shatterhands Zupacken eingeschüchtert, aber durch das Nennen seines Namens zum Einlenken gebracht. Sie berichten, die Indianer hätten das Kriegsbeil ausgegraben: dort der Franzosen wegen die Comanchen gegen die Apachen, hier weißer Goldsucher wegen die Utahs gegen die Weißen, und die Navajos, vom Militär aufgehetzt, gegen die Utahs. In beiden Fällen ist die


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Haltung der Behörden mitschuldig an der Ausweitung des Konflikts, wenn auch nicht in demselben Maße wie in der andern hier herangezogen Quelle, ›Ein Oelbrand‹, wo das Militär selbst die Indianer überfallen hatte. Old Shatterhand verwendet zur Rechtfertigung der Roten dasselbe Argument wie Blenter (S. 85), man könne mit demselben Recht einen Schulknaben umbringen, weil er noch nicht Professor sei: eine ähnlich auffallende Wiederholung wie die der Berufe von Drolls Vater.


I. Die Vereinbarungs-Handlung (S. 368 – 405):
Mitte des 6. Kapitels = Rest des 11. Kapitels der Buchausgabe
(über den Kapiteleinschnitt kann man streiten)

Hier treffen die beiden letzten am Überfall beteiligten Tramps, dann – als Gegenspieler im 2. Teil – die sie verfolgenden Utahs auf Old Shatterhand und seine Leute. Jene erwähnen das Hauptthema, goldene Berge, die ihnen Brinkley vorgemalt habe (369). Old Shatterhand schlägt sie nieder und kann mit Hilfe des abergläubisch gefürchteten Henrystutzens dem Häuptling Großer Wolf die Vereinbarung abgewinnen, ungefesselt mit ins Dorf der Utahs zu reiten und sich dem Spruch des Rats zu unterwerfen. Das Thema des 1. Teils wird in einem Bericht über das seitherige Schicksal der Tramps noch einmal aufgenommen.

   Aber auch die Rechtfertigung der Indianer wird hier vom Stand-punkt der Utahs aus fortgesetzt und vertieft. Sie hatten geschworen, »daß, bis unsre Rache vollendet ist, jeder Weiße, welcher in unsre Hände fällt, getötet werden soll« (386). Hier aber ergibt sich eine Unklarheit: war denn ihre Rache nicht damit befriedigt, daß alle am Überfall auf sie Beteiligten inzwischen getötet worden waren bis auf Knox und Hilton, die sie jetzt auch gefangen hatten und an den Marterpfahl bringen konnten? Hätten sie nun nicht Frieden schließen sollen, wenigstens mit Old Shatterhand und den Seinen? Soviel ich sehe, wird dies Problem nirgends behandelt. Man muß also wohl annehmen, daß sich die Rache verselbständigt und zu einem allgemeinen Kampf ausgeweitet hatte, der aber nur zur Vernichtung führen konnte, wie die Dinge lagen.

   Erstaunlicherweise ist das dem Großen Wolf durchaus bewußt. In seinem langen Gespräch mit Old Shatterhand sagt er: »... die Bleichgesichter drängen von allen Seiten auf uns ein; sie überschwemmen uns, und der rote Mann ist verurteilt, eines langsamen und qualvollen Erstickungstodes zu sterben. Ist es da nicht besser für ihn, den Kampf so zu führen, daß er rascher stirbt und rascher vernichtet wird?« (389) Also ein Verzweiflungskampf, wie er schon längst befürchtet worden war und später fast von Winnetou heraufbeschworen worden wäre!(76) Hier freilich scheitert er schon daran, daß ja nur die Stämme der Utahs zusammen-


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stehen und sich nicht nur der Helden, sondern auch der Navajos und später der Timbabatschen erwehren müssen.

   Übrigens erscheint unter den Gründen, die der Große Wolf für die unterschiedslose Ausweitung der Rache auf alle Weißen nennt, einschließlich derer, die wie Old Shatterhand bewährte Freunde der Indianer sind, ein gewissermaßen pädagogischer Gedanke: »Wenn die ungerechten Bleichgesichter, welche unsre Klagen nicht berücksichtigen [d. h. die Militärbehörden, an die sich die Utahs um Wiedergutmachung gewandt hatten], erfahren, daß sie durch ihr Verhalten den Tod vieler Gerechter ... verschuldet haben, so werden sie sich dies zur Lehre dienen lassen und in Zukunft klüger und einsichtsvoller handeln« (386). May setzt hinzu: ... die Folgerung, welche er zog, war gar nicht unlogisch entstanden. Nicht nur das: Ein derartiger Gedankengang lag in etwa allen historischen Vergeltungstaten der Indianer zugrunde, als müßten so die Weißen endlich doch einmal einsehen, daß sie, d. h. vor allem die betrügerischen Indianeragenten, durch ihre Schurkerei auch über ihresgleichen Unglück brächten.

   Wo der Fehler dieser Logik liegt, hat May schon S. 364 in den Worten des Leutnants gezeigt: »Es fällt den Weißen gar nicht ein, den Roten die Berechtigung zu irgend einer Forderung zuzusprechen« – und das trotz aller Verträge! Sie sind also rechtlos; jede ihrer Reaktionen wird nur als neue Schandtat ihrerseits angesehen, ohne daß es jemandem einfiele, nach den Ursachen zu fragen. Eben darum drohen Mays Helden zuweilen örtlichen Behörden mit einem Bericht nach Washington, damit man sich dort nicht länger wundere, wenn die Indianer sich erhöben; so in der in H verwandten Quelle ›Ein Oelbrand‹.(77) In Anbetracht der dort verfolgten Bevölkerungspolitik, die bis heute fortgesetzt wird und die sich unglücklicherweise Hitler zum Vorbild genommen hat,(78) hätte das wenig genützt. Um nicht das an den Ureinwohnern begangene Unrecht eingestehen oder gar wiedergutmachen zu müssen, wurden ihnen selbst so primitive Rechte wie hier der Schutz gegen räuberische Banden verwehrt. Sie sind also genauso einer Unrechts-Obrigkeit ausgeliefert, wie der Ich-Held im ›Lopez Jordan‹,(79) nur daß seine individuellen Auskunftsmittel sich als untauglich für eine ganze Rasse erweisen. Man muß anerkennen, daß May diese thematischen Ausführungen sorgfältig unterbaut hat, da sie ja das Geschehen des 2. Teils tragen sollen.

   Der Leser steht dabei genau wie Old Shatterhand, der sich auch später nur gedrungen der beiden Tramps fürbittend annimmt, zuerst auf der Seite der Utahs; doch versteht es May glänzend, diese durch ihren ehrgeizigen Häuptling, der seine Niederlage nicht verschmerzen kann, ins Unrecht zu setzen; ich möchte doch meinen, daß ihm hier einmal die Darstellung einer Charakterentwicklung innerhalb weniger Kapitel gelungen ist – weit besser, als dies in seiner hier durchschlagenden Quelle,


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›Freikugel‹ von Gustave Aimard, bezüglich des indianischen Helden Natah-Otann der Fall ist.(80)


J. Die Zweikampf-Handlung (S. 405 – 469):
Rest von Kapitel 6 = 12. Kapitel der Buchausgabe

Sie zielt darauf ab, die in I gegebenen Voraussetzungen zu einem solchen Ergebnis zu führen, daß nunmehr Friede eintreten könnte. Die Abrechnung mit den Tramps wird durch den Martertod von Knox und Hilton fortgesetzt, das Hauptthema aber nirgends erwähnt. Neue Personen erscheinen nur insofern, als aus der Schar der Utahs einzelne zum Zweikampf hervortreten und die im Lager ja gleichfalls anwesenden Frauen und Kinder sich bemerkbar machen. –

   Haben wir es nun in diesem mit Abstand längsten Kapitel (120 Seiten der historisch-kritischen Ausgabe) mit drei verschiedenen Akten zu tun, so daß jede der Handlungen einen Akt darstellte, von denen der erste freilich ungewöhnlich kurz wäre? Die oben festgestellte Symmetrie und der Umstand, daß so der 4. Akt gleich drei Handlungen umfassen müßte, widersprechen dem. Dann aber liegt hier in H und I eine doppelte Exposition vor, deren erste die Lage der Utahs darstellt, die zweite die Helden damit in Beziehung bringt, und J ermöglicht es den Utahs durch den unerwarteten Ausgang der Zweikämpfe, entgegen ihrem ursprünglichen Schwur die Helden von der Rache auszunehmen: ein einzigartiger Anstoß für das weitere Geschehen! –

   May baut nun, wie es scheint ganz aus Eigenem, eine geradezu klassisch zu nennende Folge von vier Zweikämpfen auf, in denen jeweils der für sicher gehaltene Erfolg des auf Tötung des Gegners sinnenden Indianers durch die List der Helden zunichte gemacht wird, vor allem durch die Schläue des Hobble-Frank; bereits 1924 hat Fritz Prüfer darüber eine einleuchtende Betrachtung geschrieben.(81) Dies ist einer der unbestreitbaren Höhepunkte des Buches, dem sich bei May kaum etwas Gleichartiges zur Seite stellen läßt, auch im Blick auf die Unabhängigkeit Franks von Old Shatterhand!

   Damit aber ist ein Gesichtspunkt verbunden, der für die ganze zweite Hälfte des Buches, d. h. seit dem Auftreten Old Shatterhands, wesentliche Bedeutung gewinnen soll: die Berufung der Helden auf ihr Christsein. Sie ist nicht ganz neu: in ›Durch das Land der Skipetaren‹,(82) dann mehrfach in der ›Sklavenkarawane‹(83) kam sie bereits vor; jetzt aber erhält sie eine unverkennbare Betonung. Doch nicht sofort: Dies ernste Thema wird alles andere als ernst eingeführt, nämlich durch Hobble-Franks Weigerung, als guter Christ ... mit dem alten römischen Elysium etwas zu tun haben zu wollen (406)! Auch die zweite Stelle geht wieder auf einen Streit mit Jemmy zurück: »... ich bin christlich ge-


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boren ... und will es dir verzeihen« (417). Erst dann, vor allem im Munde Old Shatterhands (ab S. 419), beginnt die ernsthafte Verwendung des Arguments, so daß man fast fragen möchte, ob May wirklich ursprünglich vorgesehen hatte, damit das Problem der Rache zu einer Lösung zu führen. Bemerkenswert, daß dies wieder in einer Jugenderzählung geschieht! So zeigt sich nun ein deutlicher Unterschied zu den beiden Tramps, denen der Große Wolf ja vorgeworfen hatte, sie hätten sich nicht nach ihrer Religion gerichtet. Übrigens sind sie die einzigen im Buch, denen – wiederum von Old Shatterhand – geraten wird: »Bereut lieber eure Thaten, damit ihr jenseits Vergebung findet«, nachdem er ihnen vorher vorgehalten hatte: »Wer den Mut zu sündigen hat, der muß auch den Mut besitzen, die Strafe auf sich zu nehmen« (420): der bereits im ›Sendador‹ wichtige Gedanke der Sühne, der aber natürlich bei Hilton nicht verfängt. Man kann also diese Betonung des Christseins wie in der ›Sklavenkarawane‹ mit dem Gegensatz zu verbrecherischen Moslems, so hier mit dem zu ebensolchen Namens-›Christen‹ verbinden, ohne darum sofort annehmen zu müssen, daß sich Mays Einstellung seit dem Schreiben des 1. Teils gewandelt hätte. Dafür braucht es noch weitere Anzeichen.


K. Die Schlucht-Handlung (S. 470 – 501),
Kapitel 7 halb = 13. Kapitel der Buchausgabe

Sie vereinigt zunächst die Gruppe um Old Shatterhand mit der um Old Firehand und Winnetou aus dem 1. Teil, ohne neue Personen hinzuzufügen, und zwar so, daß letztere einen Teil des Zweikampf-Geschehens noch beobachten kann. Hier wird (S. 473) erneut der Silbersee als Treffpunkt genannt, S. 478 als gemeinsames Ziel aller; S. 479 erklärt Old Firehand seine Mine, S. 480 erwähnt Old Shatterhand den weitaus reicheren Schatz, ohne daß man aber jetzt oder, wie er Old Firehand verspricht, später erführe, woher er davon weiß; offenbar hat May das auszuführen vergessen. Großer Wolf kommt als Verfolger nach, wird mit seinen Kriegern umzingelt und zum Abschluß einer Freundschaft gezwungen; er reitet fort. Die Tramps spielen hier und in der folgenden Handlung keine Rolle mehr.

   Bei der Frage, wie der Große Wolf zu behandeln sei, der ja diesmal bei einem Verstoß gegen die Abmachungen (auch wenn er dies abstritt) in die Hände der vereinigten Helden gefallen war, entwickelt May die Motive früherer Werke weiter; denn nun muß entschieden werden, ob und wie er zu bestrafen sei, da er ja seine Absicht zu töten nicht hatte ausführen können. Bereits in ›Deadly Dust‹ und im ›Scout‹ war dieselbe Frage aufgetaucht (daher auch im ›Winnetou‹),(84) aber bezüglich weißer Verbrecher, nämlich Pfahlmänner und Kukluxer; man hatte ent-


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schieden, daß eine nicht zur Ausführung gelangte Absicht letztlich nicht bestraft werden könne. Hier wendet nun der Lord mit Recht ein: »Je nachsichtiger Ihr mit diesen Leuten seid, desto undankbarer werden sie« (494),(85) was sich wie eine Folgerung aus dem späteren Verhalten der begnadigten Pfahlmänner ausnimmt; aber wie noch in ›Am Jenseits‹ die Gefährten Khutab Aghas hat er als nicht unmittelbar Betroffener nicht mitzustimmen.(86)

   Da sich keine praktikable Art der Bestrafung finden läßt, soll ein Friedensabkommen erzwungen werden; daß dies unter Berufung auf christliche Vergebungsbereitschaft geschieht (497), mutet in diesem Zusammenhang eher wie eine willkommene Verlegenheitsauskunft an. Der Große Wolf, anfangs sichtlich beeindruckt, beschwört das Bündnis durch Rauchen der Friedenspfeife Old Shatterhands, was ihm später als Vorwand dient, sich nicht gebunden zu fühlen. Der Deutsche droht ihm im Falle erneuter Untreue mit dem Tode, was S. 525 und 539 wiederholt wird. Dadurch ergibt sich beim folgenden Wortbruch, daß für eine friedliche Lösung jede Grundlage fehlt und der Kampf ausgefochten werden muß, wie es Winnetou schon am Anfang dieses Kapitels festgestellt hatte: »Der Utah ist nicht treu und aufrichtig« (473). Hier liegt der Grund für die May oft vorgeworfene Blutrünstigkeit gerade dieses Buches. Wie aber hätte er nun das Problem anders lösen sollen, ohne in die gröbsten Unwahrscheinlichkeiten zu verfallen?


L. Die Treuebruch-Handlung (S. 501 – 541),
Mitte von Kapitel 7 = 14. Kapitel der Buchausgabe

Hier steht das Sonderthema des 2. Teils, die Rache der Utahs, so eindeutig im Mittelpunkt, daß nur S. 539 der Silbersee als Ziel erwähnt wird. Denn genau wie im 1. Teil immer neue Tramps hinzukamen, so werden jetzt weitere Utahs mit ihren Häuptlingen neu eingeführt. Mit ihrer Hilfe gelingt dem Großen Wolf die nächtliche Gefangennahme der Helden (abgesehen von Frank und Droll, die sich als Vettern gefunden haben). Daß die andern Häuptlinge sie unbedingt am Marterpfahl sehen wollen, rettet den Weißen das Leben; der Große Wolf, vorsichtig geworden, hätte sie auf der Stelle töten lassen. Diese Schonung müssen zuerst über zwanzig Krieger mit Wunden oder gar dem Leben bezahlen (511), dann Nanap neav, der älteste Häuptling, an dem Winnetou die ihm zugefügten Schmähungen rächt, und schließlich kündet Old Shatterhand dem Großen Wolf für den folgenden Tag den Tod an (524). Mit Hilfe von Frank und Droll gelingt die Befreiung; die abergläubische Angst vor der ›Zauberbüchse‹ ist nach der Schonung der sich blutig zur Wehr setzenden Helden eine weitere thematische Berührung mit Aimards ›Freikugel‹.(87) Durch die Festnahme der Utah-Häuptlinge als


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Geiseln kann ein neues Abkommen geschlossen und diesmal mit der Friedenspfeife eines der Ihren beschworen werden (540). Dabei wird die Bestrafung des Großen Wolfes zwar beschlossen, aber nicht sogleich ausgeführt und dann, wie es scheint, einfach vergessen (539).

   Auch diesmal wieder ist ein Treuebruch beabsichtigt, und zwar im Blick auf weitere Utahs, auf die die Helden unterwegs stoßen müßten. Doch sind sie darauf vorbereitet, da sie die Rauchsignale der Utahs verstanden haben, und können sich so schützen. Es fällt auf, daß sowohl Winnetou als auch Old Shatterhand die Todesstrafe für je einen feindlichen Häuptling für richtig halten: Winnetou für unerträgliche Schmähungen, also der Ehre halber, Old Shatterhand für wiederholten Wortbruch, um die Ansicht zu verhindern, »daß man den Weißen überhaupt nicht Wort zu halten brauche« (539). Diese Parallelität bestärkt noch einmal den Eindruck, daß ursprünglich der Große Wolf wirklich hätte sterben sollen. Übrigens wird später auch der leitende Häuptling der letzten Gruppe der Utahs, Nanap varrenton, beim Handstreich auf die Insel umkommen, so daß sich das Dreierschema deutlich zeigt. –

   Diese letzten drei Handlungen – J, K und L – nehmen in veränderter Reihenfolge eine ganze Anzahl von Motiven wieder auf, die May in ›Der Sohn des Bärenjägers‹ verwandt hatte: siegreiche Zweikämpfe, ein Cañon als Falle, Beleidigung Winnetous z. T. mit denselben Worten wie hier: »Wer bist du ... ? Hast du einen Namen?«(88) Sogar die Berufung auf das Christsein findet sich dort wiederholt! Anders aber ist die Ursache der Feindschaft: Upsarocas waren durch diebische Sioux um ihre Medizinen gekommen, so daß sie nur dadurch aller Welt Feind geworden waren; der Bruder ihres Anführers war sogar ein Freund Old Shatterhands! Daher kommt es trotz aller verbalen Ausfälle zuletzt zur Versöhnung, die durch das Kalumet des Friedens bekräftigt werden soll. Hier aber hat May dieselben Motive in einem völlig anderem Sinne verwendet: Sie erfüllen ihren Zweck nicht, weil auf der Gegenseite die Grundvoraussetzung fehlt, die ehrliche Gesinnung. Was wir oben über das eigentliche Thema gesagt hatten, bestätigt sich hier. –


M. Die Schlacht-Handlung (S. 541 – 575),
Rest von Kapitel 7 = 15. Kapitel der Buchausgabe.

Sie ist noch zum retardierenden Moment zu rechnen, so umfaßt sie – wie im 1. Teil der 4. Akt – zwei Handlungen; aber anders als dort führt sie betont auf das Hauptthema zurück: die Helden stoßen auf die Fährte Brinkleys, der den Plan für den Schatz hat, und der Seinen! Old Firehand möchte sie erreichen (547); da das nicht möglich ist, gibt er den Plan verloren (558), was sich S. 573f. bestätigt; doch faßt er gleich da-


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nach neue Hoffnung, da die Tonkawas um den Schatz wissen. Von der Mine aber ist keine Rede.

   Die Tramps, die selbst nicht mehr auftreten, erleiden gewissermaßen stellvertretend für die Helden den Martertod: man findet nur noch ihre Leichen (557). Damit hat den roten Cornel endlich die verdiente Strafe erreicht; aber durch andere als die eigentlichen Rächer! So ist nun das Thema des 1. Teils endgültig zum Ziel geführt.

   Zugleich werden die Helden hier auf dreifache Weise vor der Bedrohung durch die verfolgenden Utahs gerettet: Unter Ausnützung der Fährte der Tramps kann man sie ablenken, durch den endlich (90 Seiten nach der ihn ankündigenden Kapitelüberschrift!) erfolgenden Angriff der Navajos werden sie anderweitig gebunden, und Winnetou kennt ein Versteck sowie unbetretene Wege, die sicher zum Silbersee führen (575). Vorher werden noch einige Utah-Häuptlinge gefangen, die aber unter erneuter Berufung auf das Christentum nicht gequält werden sollen (572). Sonderbarerweise schreiben die Utahs das Eingreifen der Navajos einem Racheakt der drei Haupthelden zu (560): auf sie hat sich die Feindschaft verlagert, obwohl sie ursprünglich nichts damit zu tun gehabt hatten! May will offenbar so darlegen, wie die Verwerfung des Friedens den Konflikt notwendigerweise immer mehr verschärft. –

   Auffälligerweise gibt seit Old Shatterhands Eintritt in das Geschehen Winnetou Old Firehand immer wieder unrecht: schon bei seinem Verlangen, in die Zweikämpfe einzugreifen (473, ebenso wieder S. 476), so daß Old Firehand sich darüber äußert. Später will er den Tramps nachreiten und muß sich von Old Shatterhand überzeugen lassen, daß dies zeitlich nicht mehr möglich ist (546f.). Bald darauf erhebt er vergeblich Einspruch gegen Winnetous Anordnungen, schließt sich aber Old Shatterhands Vorschlag an, zwei Häuptlinge niederzuschlagen (556); von ihm muß er sich auch sagen lassen, wo man sich vor den Yampa-Utahs verstecken könne (559). Von Watson wird er darauf gebracht, daß die Tonkawa-Bären am See sein würden, und ruft: »Alle Wetter! Wie konnte mir das entgehen!« (574). Im letzten Kapitel wird er gar in die von Old Shatterhand geführte Verhandlung eingreifen und sie durch seine Ungeduld scheitern lassen, wofür Winnetou ihn dann rügt (616). Der Unterschied zwischen den beiden Westmännern ist deutlich: Nur Old Shatterhand denkt genau wie Winnetou, was freilich nicht besonders betont wird; zumeist fällt einem von ihnen die Führung zu – aber auf andere Weise als sonst!

   Denn ein drolliges Gegenstück hierzu bildet Frank, der schon bei den Wettkämpfen große Unabhängigkeit bewiesen hatte; auf Old Shatterhands Rüge, wer ihm die Erlaubnis gegeben habe, das Versteck zu verlassen, antwortet er: »Mir hat keen Mensch was zu erlauben. Ich bin mein eegner Herr ...« (563). Die Frage des Oberbefehls, die in andern Werken Mays eine beträchtliche Rolle spielen kann, stellt sich hier erst


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gar nicht; die Tüchtigkeit eines jeden läßt ihn genau den Platz einnehmen, den er auszufüllen vermag. Auch im letzten Kapitel wird Frank sich durchsetzen, diesmal gegen Droll, mit seinem ›Durchhaltebefehl‹ für die weichenden Navajos (599).


N. Die Silbersee-Handlung (S. 576 – 644),
Kapitel 8 = 16. Kapitel der Buchausgabe

Neu sind hier die Timbabatschen, deren Häuptling Langes Ohr durch Verrat den Verlust des Schatzes und den Tod vieler Utahs verschuldet. Zuerst wird die Mine gefunden und geprüft (578ff.), S. 605 der Ort des Schatzes von Old Shatterhand erraten, S. 620 von Langes Ohr verraten, S. 624 von den Utahs betreten. Der Große Bär verweigert den Weißen den Schatz (631), sagt aber Hilfe für die Ausbeutung der Mine zu. S. 637 ist der Schatz endgültig verloren, S. 638 berichtet Langes Ohr noch einmal davon; S. 644 beginnt die Ausbeutung der Mine. Die Indianer können endlich zum Frieden gezwungen werden; so kommen das Hauptthema und das des 2. Teils gemeinsam zum Ziel.

   Vom letzten Kapitel abgesehen, geht es im 2. Teil weit mehr um den Weg zum Silbersee als um den Schatz, nach dem ja die Utahs nicht trachten (wie im 1. Teil die Tramps); selbst angesichts seiner bleiben sie kalt (624). Hier herrscht also das Thema des 2. Teils unbedingt vor; kann man May daraus einen Vorwurf machen? – Nein; denn nicht nur steht jede einzelne Handlung unter dem Aspekt, den Weg erzwingen zu müssen, um das Leben zu retten, sondern der Schatz gerät auch nie ganz in Vergessenheit. Berücksichtigt man, daß bei May nicht nur hier Weg und Ziel thematisch aufs engste zusammenhängen, so muß man anerkennen, welch hohen Wert er darauf gelegt hat, seine Helden mit den zu Recht empörten Indianern zum Ausgleich zu bringen und denen nicht etwa ihre kultischen Schätze zu rauben, sondern eine Mine ausbeuten zu lassen, deren Gelände legal erworben wurde. Dem Vorwurf, der Leser erfahre vorher schon zu viel über den Schatz, könnte man entgegenhalten, er bekäme zu wenig gesagt: woher nämlich Old Shatterhands Kenntnis (480) kam! Das aber scheint May vergessen zu haben, wenn Old Shatterhand S. 605 sagt, er wisse nichts davon.

   Die Silbersee-Handlung bringt außer dem oben bereits besprochenen Geschehen um Mine und Schatz auch noch Kämpfe: Die fast aufgeriebenen Navajos werden aufgenommen, die anstürmenden Utahs blutig zurückgewiesen und ihnen der Friede angeboten (608ff.). Noch aber bauen sie auf die bisher errungenen Vorteile, so daß sie diesen Vorschlag entschieden ablehnen. May muß also einen triftigen Grund einführen, sie von dieser Haltung abzubringen.


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Zu diesem Zwecke greift er ein drittes Mal auf Aimards ›Freikugel‹ zurück, obwohl ja für diesen Teil ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ genug Material bot. Bei Aimard spielt der Häuptling Roter Wolf eine wichtige Rolle: Verbittert darüber, daß ihm Natah-Otann den ersten Platz im Stamme geraubt hat, haßt er ihn dafür und beschließt, mit seinen Leuten die Seite zu wechseln. Schon vorher hatte er sich – zunächst unerkannt – bei einer Unterredung Natah-Otanns mit seinem alten Lehrer Weißer Bison als Lauscher betätigt.(89) Es liegt nahe anzunehmen, daß May deshalb seinem Timbabatschen-Häuptling den Namen ›Langes Ohr‹ gegeben habe, zumal er ihn dann auch noch als Langfinger entlarven läßt: auch er fühlt sich zurückgesetzt und fällt dann freilich bei dem Versuch, sich durch eine hervorragende Leistung auszuzeichnen, in die Hände der Utahs. Er geht zu ihnen über (618) und verrät ihnen das Geheimnis der Insel und des dorthin führenden Tunnels, das er einmal zufällig bei einem Gespräch der beiden Tonkawa (Vater und Sohn, wie es dem Namen nach auch Weißer Bison und Natah-Otann sind) erlauscht hat. Sein Verrat wird freilich den Utahs zum Verderben, während bei Aimard der Rote Wolf den Feinden mit zum Erfolg verhilft, dann aber im Kampf mit seinem Rivalen fällt; dagegen wird Langes Ohr dank Old Firehands Eingreifen zuletzt doch von Großer Bär verschont, der ihn anfangs mit den Utahs hatte ertrinken lassen wollen.

   Damit ist nun auch die Lösung der Schwierigkeiten gegeben, die den Friedensschluß verhindert hatten: bei dem Versuch, die Insel durch Handstreich zu nehmen, verlieren die Utahs etwa die Hälfte ihrer Leute beim Fluten des Tunnels (636f.). Zugleich treffen neue Navajos ein, die die Niederlage der Ihrigen an den Utahs rächen wollen (641), so daß die Lage nahezu ausgeglichen ist.

   Hatten wir im 2. Teil bisher nur gelegentlich, aber außer in diesem Kapitel kaum je zusammenhängend ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ benutzt gefunden, so ändert sich das jetzt: um den Friedensschluß recht zu verstehen, müssen wir auf sein Vorbild dort zurückgreifen, wo die wesentlichen Punkte viel klarer als hier ausgeführt werden. Hat May jetzt der Platz oder die Zeit dafür gefehlt? Der Vergleich macht es wahrscheinlich, daß ihm die dort behandelten Fragen noch vorschwebten.

   Einleitung: Steinbach überzeugt durch einen schweren Kampf seinen Freund, den Apachenhäuptling, von der Notwendigkeit eines Friedensschlusses mit den Maricopas, und dieser geht, seine Apachen auf die von ihnen ungeahnte Wendung der Verhältnisse vorzubereiten;(90) im ›Silbersee‹ hatte es ebenso mehr als die gewöhnliche Ueberredungsgabe erfordert, sie [die Navajos] dem Frieden geneigt zu machen (641).

   1. Runde der Verhandlung: Schaffung der Vertrauensbasis. Steinbach gewinnt den Maricopa-Häuptling durch edelmütige Behandlung: Rückgabe der Freiheit innerhalb des Hauses, Freigabe beider Söhne(91)


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und gegenseitige Anerkennung, die zur Frage des Helden führt; Ob wohl eine innere Wandlung mit ihm vorging?(92) Beim Großen Wolf dagegen hatte aller Edelmut nichts genützt; daran war bisher alles gescheitert. Jetzt aber waren alle Utah-Häuptlinge ausgefallen, dagegen hatte Old Shatterhand das Vertrauen der Krieger dadurch gewonnen, daß er ihnen erlaubt hatte, ihre Toten und Verwundeten zu holen (609f.); daher wagte sich auch ihr Anführer zur Beratung mit den gefangenen Häuptlingen. Die Voraussetzungen sind gegenüber dem Vorbild also spürbar eingeschränkt.

   2. Runde: Neue Erörterung der bereits vorher gestellten Bedingungen; die erste, Freigabe des Mädchens, ist durch ihre Befreiung hinfällig geworden; von der zweiten, Herausgabe des Verführers, sieht Steinbach ab, da sie nur durch Wortbruch zu erfüllen wäre: die Vertrauensbasis bewährt sich!(93) Im ›Silbersee‹ hatten zwar die Utahs Gefangene gemacht, dafür aber mehrere Häuptlinge an die Westmänner verloren; daß sich das mehr als aufhob, war schon in der vorangegangenen Besprechung festgestellt worden (615), so daß es hier nicht mehr erwähnt zu werden brauchte.

   3. Runde: Sühne. Die Forderung der Maricopas auf Ersatz für die gefallenen Krieger wird durch das Gegenangebot befriedigt, ihnen die gefangenen Verbrecher auszuliefern.(94) Im ›Silbersee‹ sind die jenen entsprechenden Tramps bereits von den Utahs totgemartert worden; ihre Rache könnte insofern befriedigt sein. Da nach den letzten Verlusten die Zahl der Gefallenen sich ausgleichen mochte, war Sühne von keiner Seite zu leisten (642). Hier also liegt der Grund dafür, daß zuletzt noch so viele Utahs umkommen mußten, was man May ja oft vorgeworfen hat: die traditionellen Voraussetzungen der Indianer verlangten einen Ausgleich der Verluste. Daß er hier durch einen Verrat ausgelöst wurde, haben wir auf Mays Quelle zurückgeführt.

   Ergebnis in beiden Fällen: ein ewiger Friede, der mit dem Rauchen der Friedenspfeife bekräftigt wird. In ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹ folgt die Auslieferung der Bushheaders und die Aufnahme der Verfolgung des entflohenen Verführers, denn da geht die Geschichte weiter; im ›Silbersee‹ nimmt sie mit einer großen Jagd samt anschließendem Festschmaus und der Eröffnung der Arbeit an der Mine ihr natürliches Ende. Vergleicht man beide Fassungen, dann fällt einem die Kargheit der späteren auf. Offenbar hätte May nach der Unterbrechung durch den Abschluß des ›Sendador‹ noch weit mehr als fünfzig Seiten füllen können, wenn er seinen Stoff nur annähernd so ausführlich behandelt hätte wie im Kolportageroman; vermutlich aber wollte er noch vor Weihnachten fertig werden, und sicher machte sich nun doch immer mehr die Ermüdung bei ihm bemerkbar. Man kann aber nur bedauern, daß so ein gewisses Ungleichgewicht in seine Erzählweise gekommen ist, die im übrigen Text des Buches doch einen, auch in den an-


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dern großen Jugenderzählungen zu beobachtenden, angenehm ausgeglichenen Eindruck macht, frei von überflüssigen Längen und Kürzen. –


IV. Schluß

Wir stehen am Ende unserer Analyse. Gewiß ließe sich manches noch genauer untersuchen, als es geschehen konnte, wie z. B. die Benutzung weiterer Quellen, die Rolle Winnetous, die Unehrlichkeit der Utah-Häuptlinge, die u. U. das Verhalten Münchmeyers widerspiegelt, das fast völlige Fehlen des Zigarrenrauchens (nur auf S. 318 rauchen Old Firehand und der Ingenieur) – man erinnert sich, daß May damals seine Zigarrenrechnung nicht bezahlen konnte. Doch sollen diese Hinweise genügen, um den Rahmen eines Jahrbuchaufsatzes nicht allzusehr zu überschreiten. Nach allem scheint mir erwiesen zu sein, daß ›Der Schatz im Silbersee‹ seine Beliebtheit vollauf verdient hat: der sorgfältige Aufbau, die Bemühung um Gerechtigkeit den Unterdrückten gegenüber, verbunden mit strengem Vorgehen gegen Verbrecher, nicht zuletzt die Bewältigung einer einschneidenden Krise, die May damals Not machte, – all dies wird nur selten seinen Eindruck auf den Leser verfehlen!



1 Hermann Wiedenroth/Hans Wollschläger: Editionsbericht. In: Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. III Bd. 4: Der Schatz im Silbersee. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1987, S. 647f. – Künftig wird aus dem ›Schatz im Silbersee‹ durch Seitenangaben in Klammern nach dieser Ausgabe zitiert.

2 Karl May: Im Mistake-Cannon. In: Illustrirte Welt. 38. Jg. (1890); Reprint in: Karl May: Der Krumir. Seltene Originaltexte Bd. 1. Hrsg. von Herbert Meier. Hamburg/Gelsenkirchen 1985;

Karl May: Die Rache des Mormonen. In: Illustrirte Romane aller Nationen. 11. Jg. (1891); Reprint in May: Krumir, a. a. O.;

Karl May: Am Kai-p'a. In: Illustrirte Welt. 38. Jg. (1890); Reprint in May: Krumir, a. a. O.

3 Karl May: Sklavenrache. In: Der Gute Kamerad. 4. Jg. (1889/90)

4 Wiedenroth/Wollschläger, wie Anm. 1, S. 648

5 Ebd., S. 649f.

6 25 Jahre Karl-May-Verlag. Radebeul 1938, S. 25

7 Otto Eicke: Der verschüttete Quell. In: Karl-May-Jahrbuch (KMJB) 1930. Radebeul 1930, S. 71f.; die Angaben sind unvollständig.

8 Emanuel Kainz: Zum Problem der Massenwirkung Karl Mays. Dissertation Wien 1949, S. 40 – falls kein Druckfehler vorliegt!

9 Erich Heinemann: Werkartikel ›Der Schatz im Silbersee‹. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 342

10 Christoph F. Lorenz: Einführung. »Der lange Marsch zum Silbersee«. In: Karl May: Der Schatz im Silbersee. In: Der Gute Kamerad. 5. Jg. (1890/91); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1987

11 Kainz, wie Anm. 8, besonders S. 97, 103ff., 118, 131ff.


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12 Eduard Engel zählt sie freilich unter »die zwei Kunstgebrechen Karl Mays, die der künstlerischen Spannung Eintrag tun« (Eduard Engel: Spannung. In: KMJB 1925. Radebeul 1925, S. 344)

13 Otto Rudert: Was meine Jungens 1923 lasen. In: KMJB 1925. Radebeul 1925, S. 171

14 »Zuletzt hat, aller Nüchternheit zum Trotz, unserer Tage das altbewährte Schatzmotiv, im Titel in der Verbindung mit dem Silbersee schon glücklich angedeutet, allen anderen Bänden den Rang abgelaufen.« (Kainz, wie Anm. 8, S. 133)

15 Engel: Spannung, wie Anm. 12, S. 346; das Urteil wird in: Eduard Engel: Der grausame Dichter. In: KMJB 1931, Radebeul 1931, S. 145, teilweise zurückgenommen, jedenfalls qualifiziert! Auch Christoph F. Lorenz stellt fest, daß »gerade hier gewisse Standard- und Urmotive (...) in Reinkultur vertreten« seien (Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 4).

16 Werner Mahrholz: Karl May. In: Das literarische Echo. Jg. 21 (1918/19); Reprint in: Bernhard Kosciuszko: Das Literarische Echo und Karl May. Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft (S-KMG) Nr.7/1977, S. 38

17 Vgl. Max Baumann: Karl May und die Jugend. In: KMJB 1930. Radebeul 1930, S. 347.

18 Zitiert nach: Fritz Prüfer: Wettlauf. In: KMJB 1924. Radebeul 1924, S. 246

19 Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 4

20 Hermann Wohlgschaft: Große Karl-May-Biographie. Paderborn 1994, S. 759

21 Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 4

22 Ein Beispiel für positive Resonnanz: Bernhard Maurer berichtet (In: Das gab mir Karl May: Mitglieder berichten über Leseerfahrungen. S-KMG Nr.66/1986, S. 21), er habe mit 19 oder 20 Jahren dies Buch gelesen: »Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich war wie vom Fieber gepackt und erst nachts um 24 Uhr (...) war ich (...) fertig. Das Buch war ausgelesen.« Das klingt doch etwas anders!

23 So auch Christoph F. Lorenz zu einer Untersuchung von Hans-Otto Hügel (Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 5). Als besonders typisches Beispiel vgl. Gertrud Oel-Willenborg: Von deutschen Helden. Weinheim/Basel 1975.

24 Vgl. Karl Mays ›Winnetou‹. Studien zu einem Mythos. Hrsg. von Dieter Sudhoff/Hartmut Vollmer. Frankfurt a. M. 1989; Karl Mays Orientzyklus. Hrsg. von Dieter Sudhoff/Hartmut Vollmer. Paderborn 1991, und Karl Mays ›Old Surehand‹. Hrsg. von Dieter Sudhoff/Hartmut Vollmer. Paderborn 1995.

25 Kainz, wie Anm. 8, S. 132f.

26 Christoph F. Lorenz stellt bereits für ›Die Juweleninsel‹ (erschienen 1880/82) »eine deutliche Handlungszäsur in der Romanmitte« fest, ja auch schon für ›Auf der See gefangen‹ (erschienen 1878) (Christoph F. Lorenz: Die wiederholte Geschichte. Der Frühroman ›Auf der See gefangen‹ und seine Bedeutung im Werk Karl Mays. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Jb-KMG) 1994. Husum 1994, S. 160-87 (161, 163, 175)). Vorbilder dafür gab es seit langem; man denke nur an das Doppelwerk des Lukas im Neuen Testament oder an das Nibelungenlied.

27 Roland Schmid: Nachwort (zu ›Satan und Ischariot III‹). In: Karl May: Freiburger Erstausgaben. Band XXII. Hrsg. von Roland Schmid: Bamberg 1983, N6: Die Kapiteleinteilung zeigt deutlich die Zweiteiligkeit an, und der Herausgeber bestätigt sie ausdrücklich.

28 Brief May an Fehsenfeld vom 12. 3. 1892. In: Roland Schmid. Nachwort (zu ›Winnetou I‹). In: Karl May: Freiburger Erstausgaben. Band VII. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1983, unpag. [1. Seite]

29 Lorenz: Frühroman, wie Anm. 26, S. 164f.

30 Vgl. hierzu Ulrich Schmid: Das Werk Karl Mays 1895 – 1905. Materialien zur Karl-May-Forschung Bd. 12. Ubstadt 1989, z. B. S. 6ff.

31 Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 6: »stammt vermutlich von den Verlagslektoren«. Die entgegengesetzte Meinung vertritt Karl Guntermann unter Hinweis darauf, »wie intensiv sich Karl May gerade in dieser Zeit um seine Texte kümmerte.« (Karl Guntermann: Bibliographische Notizen II. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft (M-KMG) 19/1974, S. 21)

32 Vgl. dazu die Feststellung, daß »die ganze Welt der ›Silbersee‹-Erzählung (...) tatsächlich eine Bühne« sei (Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 5).


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33 Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden. Dresden 1885-87; Reprint Bamberg 1976

34 Die Tramps. Eine neue Landplage der Vereinigten Staaten. In: Die Gartenlaube. Jg. 1878 (Nr. 48), S. 790ff.; nachgedruckt in: Karl May: Leben – Werk – Wirkung. Eine Archiv-Edition. Hrsg. von Ekkehard Bartsch.. Abt. II: Werk, Gruppe c: Quellenmaterial Karl Mays; H. 2 (Bad Segeberg)

35 Heinz Stolte: Der Volksschriftsteller Karl May. Radebeul 1936. S. 101f.

36 Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 3

37 Vergleich Silbersee – Deutsche Herzen, deutsche Helden (Seitenzahlen über 800 sind aus Deutsche Herzen, deutsche Helden):

A. 12/825 Der rote Brinkley entspricht dem roten Burkers.
12/1084 Kombination von Axt und Gewehr: befremdet hier, ist aber nötig, damit Tom nicht schießen kann (S. 33).
21/841 Old Firehand/Walker trägt Zivil auf dem Schiff/Kanu.
25/1067 Händedruck mit Old Firehand/Apachenhäuptling
37/828 Droll ist in einen Sack, Sam in ein Bärenfell gekleidet.

B. 51/1084
1033f.
1054 Kraftprobe als Erkennungszeichen
53/901 Neger spricht gutes Englisch.
67/1059 Junger Indianer als Held ausgezeichnet, schützt Mädchen.

C. 82/1042 Beschreibung der Rafters
88/932 Pflicht, Verbrecher sofort zu erschießen
128/843 Fliehender versteckt sich in der Nähe (häufiges Motiv).

D. 143/1081 Vergleich mit Schulknaben (Lord/Steinbach)
144/1132 Lord/Indianer bietet Wette an.
147/1040 Das Pferd läuft dem Lord/Steinbach wie ein Hund nach.
151/1076 Richtiger Schluß/Meisterschuß für Zufall gehalten
152/1157 Der Lord/Leflor wirbt zwei Führer an.
153/1077 Den Lord/Steinbach mitzunehmen verdürbe alles.
157/1075 Tramps schänden Gräber/Maricopas planen das.

E. 177 u.ö.
/1075 Für Indianer u. a. ist die Nacht wie der Tag.
189/1085 Vor genauer Bekanntschaft soll man nicht vorschnell urteilen.
192/1080 Old Firehand/Steinbach reitet wie der Teufel/Tod.
193/1023 Am Eingangstor wird die Glocke geläutet.
195/1364 Ein Westmann hat Muskeln wie Eisen, Flechsen wie Stahl.
197/1038 Droll/Steinbach ist nicht von der Stelle zu bringen.
201/1023 Das Haus hat hohe Fenster, zu eng zum Durchkriechen.
203/1109 Indianer kommen zu Fuß zu Hilfe: 100 bleiben.
204/1049ff. Kundschafter kommen, bitten um Imbiß/Obdach.
209/1113 wütendes Geheul der unter Feuer genommenen Feinde
212/1113 Die Verwundeten werden geschont.
216/1113 Beobachtung vom platten Dach aus; Überraschung
221/1114 Parlamentäre kommen mit Tüchern/weißem Fell.
222/1116 Sie müssen sich Räuber und Diebe nennen lassen.
223/1115 Sie werden fortgejagt, nur der Anführer darf kommen.
225/1116 Besprechung im Schußbereich der Freunde
225/1122 Der Feind droht, die Gefangenen zu hängen/das gefangene Mädchen zu martern.
227/1116 Beim Gespräch wird Brinkley/Roulin genau betrachtet (dies ist jetzt nicht mehr begründet; man kannte Brinkley schon).
229/1110 Für die Nacht wird Brennmaterial bereitgestellt.
233/1123 Befreiung der Gefangenen mit Hilfe eines Tunnels
242/1113 Die Indianer skalpieren die liegengebliebenen Feinde.

G. 278/1118 Der Apachenhäuptling spricht durch die Tat.


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289/1060 Old Firehand/Steinbach belauscht Gespräch mit Spion.
294/1063 Er wird bei der Rückkehr leise gefragt.
302/1067 Der Spion wird überführt und gefesselt.
305/1074 Man spricht über die Schätze im Silbersee.
308/985 Abneigung gegen Rothaarige (Binnenerzählung)
310/1257 Perücke löst sich, ihr Träger stößt zu/entflieht.
326/1072 Welch ein Zufall! Es ist kein/es gibt keinen Zufall.
344/1129 Der Held tritt allein wütenden Tramps/Maricopas entgegen.


2. Teil
I. 378/1153 Tramps/Verbrecher werden ausgeliefert.
381/1130 Der Held soll sich den Namen selbst zugelegt haben.
384/974 Dicke Bemalung verbirgt die Gesichtszüge.

J. 400/1469 Knox/Juanito wird zur Strafe lebendig skalpiert.
420/1532 Der Skalpierte wird vom Wundfieber ergriffen.
425/1411 Abwehr eines Kampfhundes/tollen Coyoten

K. 489/1006 Frank und Droll/Sam und Auguste reiten voran, plaudern.
496/1126 Dem Häuptling wird Wortbruch/Friedensbruch vorgeworfen.
498/1151 Zunge und Herz stimmen überein (Old Shatterhand/Steinbach).

L. 522/823 Frank und Droll/Jim und Tim klettern auf Bäume.
523/1127 Verhöhnung wird mit Tod/Verlust der Skalplocke bestraft.
536/1127 Rauchzeichen/Pantomimen als Zeichensprache der Roten

M. 559/1088 Die Haupthelden klettern auf Bäume.

N. 581/1570 Reiches Silberlager am/im See
589/1023 Silbersee mit Insel, darauf kleines Gebäude
591/1059 Junger Indianer als Beg1eiter eines Mädchens
593/1094 Der Häuptling wird als Dieb entlarvt/gilt als Dieb.
605/1005 Früher hier Ansässige haben Schätze vergraben.
611/1117 Utah-/Maricopa-Häuptling redet als erster.
611/1130 Indianer beruft sich auf sein höheres Alter.
612/1136 Die Utahs/Maricopas sind nicht zum Frieden bereit.
614/1133 Blut gegen Blut
621/1057 Ein Gang führt unter Wasser zur Insel.

38 Claus Roxin: Einführung. In: Karl May: El Sendador. In: Deutscher Hausschatz. XVI/XVII Jg. (1889/91); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1979, S. 3

39 Vgl. z. B. Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 4.

40 Karl May: Ein Oelbrand. In: Das Neue Universum. 4. Bd. (1882/83); Reprint in: Jb-KMG 1970. Hamburg 1970, S. 221-57 (231 pass.)

41 Karl May: Aus der Mappe eines Vielgereisten. Nr. 1. Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling. In: Deutsches Familienblatt. 1. Jg. (1875/76); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1975. Neufassung: Karl May: Winnetou. In: Omnibus., 17. Jg. (1878); Reprint in: Karl May: Der Krumir, wie Anm. 2

42 Karl May: Aus der Mappe eines Vielgereisten. Nr. 2. Old Firehand. In: Deutsches Familienblatt, wie Anm. 41

43 Karl May: Der Scout. In: Deutscher Hausschatz. XV. Jg. (1888/89); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1977

44 »Karl May benutzte (...) Friedrich Gerstäckers Schilderung aus der gleichnamigen Erzählung ›Rafters‹, zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift ›Das Ausland‹ im Jahre 1846, später aufgenommen in den Band ›Mississippi-Bilder‹.« (Josef Höck/Thomas Ostwald: Karl May und Fr. Gerstäcker. In: KMJB 1979. Braunschweig/Bamberg 1979, S. 179; vgl. auch: Andreas Graf: Von Öl- und anderen Quellen. Texte Friedrich Gerstäckers als Vorbilder für Karl Mays ›Old Firehand‹, ›Schatz im Silbersee‹ und ›Inn-nu-woh‹. In: Jb-KMG 1997. Husum 1997, S. 331-360.

45 Karl May: Deadly dust. In: Deutscher Hausschatz. VI. Jg. (1879/80); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1977, S. 438; auch in: Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. IX: Winnetou der Rote Gentleman III. Freiburg 1893, S. 20


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46 May: Deutsche Herzen, wie Anm. 33, S. 931

47 May: El Sendador, wie Anm. 38; vgl. Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. XII: Am Rio de la Plata. Freiburg 1894, S. 658.

48 Wilhelm Pferdekamp: Die Indianerstory. München 1963, S. 276; bei Gerstäcker schneiden kalifornische Indianer einem weißen Mörder die Ohren ab, statt ihn zu töten (Friedrich Gerstäcker: Gold. München 1974, S. 324).

49 Karl May: Das Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde. Dresden 1882/84; Reprint Leipzig 1988ff., S. 1650

50 Diese Umstände ähneln denen bei der geplanten Flucht des Sendadors. Vgl. Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. XIII: In den Cordilleren. Freiburg 1894, S. 91.

51 Hat Franz Adam Beyerlein dieses Motiv in seinem Roman ›Jena oder Sedan‹ (25.-30. Tausend, Berlin o. J., S. 658), für Wolfs Flucht benutzt?

52 Karl May: Im »wilden Westen« Nordamerika's. In: Feierstunden im häuslichen Kreise. 9. Jg. (1883); Reprint in: Winnetou's Tod. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1976, S. 60; vgl. May: Winnetou III, wie Anm. 45, S. 378. Das Motiv hat schon J. F. Cooper in: Der Wildtöter. München 1977, S. 500 (Insel-Taschenbuch 179).

53 Die kommunistisch wirkenden Thesen seiner Rede berühren sonderbar angesichts des Verdachts, daß der von May benutzte Gartenlaube-Artikel über die Tramps wohl auf Sozialdemokraten gemünzt ist; vgl. Jens Kiecksee: ›Die Tramps‹ – oder Was einem Seltsames bei Quellenuntersuchungen widerfahren kann. In: M-KMG 88/1991, S. 50f.

54 May: Deutsche Herzen, wie Anm. 33, S. 1113

55 So auch Heinemann, wie Anm. 9, S. 346.

56 Euchar Albrecht Schmid: Empor ins Reich der Edelmenschen! Anhang: Karl Mays Tod und Nachlaß. 7. Wahrheit und Dichtung. In: Karl May's Gesammelte Werke Bd. 34: »Ich«. Radebeul 1940, 71.-75. Tausend, S. 499f.

57 May: Am Rio de la Plata, wie Anm. 47, S. 161, und das 4. Kapitel

58 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. XVII: Im Lande des Mahdi II. Freiburg 1896, S. 192

59 Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 3

60 Dessen Quelle hat sich inzwischen gefunden: in der in Lawrence/Kansas erschienenen deutsch-amerikanischen Zeitung ›Germania‹ vom 11. 2. 1881, wie Wilhelm Brauneder (»Ist das wahr, ist das möglich?«. Zu Mays Quellen ein Beispiel. In: M-KMG 107/1996 S. 34ff.), mitteilt!

61 Lorenz: Einführung, wie Anm. 10, S. 4

62 May: Der Scout, wie Anm. 43, S. 681; Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. VIII: Winnetou der Rote Gentleman II. Freiburg 1893, S. 354

63 Bereits Emanuel Kainz stellt von Mays Personen fest, daß »sich ihre Entwicklung über mehrere Bände (erstreckt), die miteinander an sich nichts zu tun haben, wodurch die Verfolgung dieser Charakterbildung erschwert wird.« (Kainz, wie Anm. 8, S. 117)

64 May: Winnetou, wie Anm. 41

65 May: Deutsche Herzen, wie Anm. 33, S. 1094

66 Ebd., S. 1110

67 Ebd., S. 1454

68 May: Am Rio de la Plata, wie Anm. 47, S. 436

69 Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. III Bd.3: Die Sklavenkarawane. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1987, S. 201

70 Wolfgang Hammer: Die Rache und ihre Überwindung als Zentralmotiv bei Karl May. In: Jb-KMG 1994. Husum 1994, S. 77

71 Karl May: Der Brodnik. In: Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. XI: Am Stillen Ocean. Freiburg 1894, S. 321ff.

72 Vgl. meine Wiesbadener Predigt in: Ernst Seybold: Karl-May-Gratulationen IV. Ergersheim 1991, S. 133.

73 May: Deutsche Helden, wie Anm. 33, S. 1655, und öfter im Werk

74 Es ist erstaunlich, wie unbefangen May dies in ›Winnetou I‹ auf Sam Hawkens und die Kiowas überträgt!

75 May: Der Scout, wie Anm. 43, S. 439; May: Winnetou II, wie Anm. 62, S. 180; vgl. May: Deutsche Herzen, wie Anm. 33, S. 2232.


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76 Vgl. Eduard von Hartmann: Philosophie des Unbewußten. Berlin 1876. 1. Band, S. 331f.: »Keine Macht der Erde ist im Stande, die Ausrottung der inferioren Menschenracen (...) aufzuhalten (...) Der wahre Philanthrop kann, wenn er das Naturgesetz der anthropologischen Entwicklung erst einmal begriffen hat, nicht umhin, die Beschleunigung dieser letzten Zuckungen zu wünschen und auf dieselbe hinzuwirken.« Hat May das gekannt?

77 May: Ein Oelbrand, wie Anm. 40, S. 233

78 Ausführlich dargestellt in einem Schulungsbrief der NSDAP, der mir spätestens zu Beginn des Krieges in die Hände kam, den ich leider aber nicht näher bestimmen kann. Doch erinnere ich mich genau an die Gefühle äußersten Befremdens, die er in mir auslöste!

79 May: Am Rio de la Plata, wie Anm. 47

80 Gustave Aimard: Freikugel. Zitiert nach der Ausgabe des Verlags Lothar Borowsky. München o.J.; vgl. dazu: Wolfgang Hammer: Gustave Aimards Roman ›Freikugel‹ als Inspirationsquelle Karl Mays. In Jb-KMG 1995. Husum 1995, S. 141-64.

81 Prüfer, wie Anm. 18, S. 228ff.

82 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. V: Durch das Land der Skipetaren. Freiburg 1892, S. 384

83 May: Die Sklavenkarawane, wie Anm. 69, S. 351, 537, 545, 554, also im zweiten Teil

84 May: Winnetou III, wie Anm. 45, S. 112; desgleichen May: Winnetou II, wie Anm. 62, S. 156 und 164ff.; hier bezeichnet übrigens der Anwalt der Kukluxer die Richter als friedfertige Christen (165).

85 May: Schatz im Silbersee, wie Anm. 1, S. 572, sagt ein Navajokrieger fast genau dasselbe!

86 Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XXV: Am Jenseits. Freiburg 1899, S. 532

87 Aimard, wie Anm. 80, S. 45

88 Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. III Bd.1: Der Sohn des Bärenjägers. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Zürich 1992, S. 264

89 Aimard, wie Anm. 80, S. 143

90 May: Deutsche Herzen, wie Anm. 33, S. 1150

91 Dies Sujet findet sich bereits in: Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. II Bd. 2: Die Juweleninsel. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1987, S. 421; zu einer erneuten Verwendung im ›Silbersee‹ bestand kein Anlaß.

92 May: Deutsche Herzen, wie Anm. 33, S. 1151

93 Ebd., S. 1152

94 Ebd., S. 1153


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