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X. Klara


Klara nun: wenn Emma die dämonische sinnliche Frau war, mit der ein Zusammenleben nur als Kampf zwischen Mann und Frau um die Vorherrschaft möglich war - entsprach dann wenigstens Klara Karl Mays angedeutetem Frauenideal einer stillen, fügsamen, schönen Seelengefährtin, der klassischen Künstlergattin: Für den Dichter soll die Seele seiner Frau eine Quelle sein, aus der er täglich neue Gedanken, neue Kraft, neue Begeisterung, neues Glück und neuen Adel schöpft ... (Studie, S. 815f.)? Und ließ sich dieses eher vergeistigte Ideal auch noch mit körperlicher Anziehung vereinbaren: denn auf eine ansprechende Physis legte Karl May schon Wert, wollte er eine Frau als Frau wahrnehmen?

   Mays Angaben zu Klara in der ›Studie‹ sind von diskreter Zurückhaltung geprägt. Wahr sein, das wollte er schon, und zwischen den Zeilen kann man auch lesen, wie er Klara gesehen hat in der relevanten Zeit von 1891/1892 bis 1902/1901. Aber der ganzen Wahrheit wollte er sich ersichtlich nicht aussetzen, nur soweit, als es zur Charakterisierung seiner ersten Frau Emma erforderlich erschien. Dennoch sind seine Bemerkungen zu Klara so kritisch, wie man es eigentlich nicht erwarten kann von einem Verfasser, der zur Zeit der Niederschrift mit der beschriebenen Frau, und zwar keineswegs unglücklich, verheiratet ist. Mit einer Frau überdies, die die ›Studie‹ nicht nur


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gelesen hat, sondern sogar noch eine Abschrift gefertigt haben soll, bevor May das Manuskript aus der Hand gab.269

   Heinz Stolte kommentierte Mays Satz: Auch ihre [Emmas] Freundschaft ging stets sinnliche Wege (Studie, S. 829) mit den Worten: »Daß zehn Jahre lang Klara Plöhn ihre liebste Freundin gewesen war, bedachte der Schreibende bei dieser Formulierung wohl nicht.«270

   Das Gegenteil ist richtig. Genau diese Konstellation hat er ›bedacht‹: Wenn May stets sagt, dann meint er auch stets. Er wiederholt dieses stets sogar an anderer Stelle, unmittelbar bezogen auf Klaras Rolle als das Opfer der Dämonin. Hierin, nämlich in Klaras langjähriger Position als von Emma beherrschter Geliebter, wurzeln gerade die widerstreitenden Gefühle Mays, die der schonungslosen Benennung im Wege standen: einerseits die Ablehnung und die Kritik an dieser im falschen Sinne ›fügsamen‹ Frau, andererseits seine brüderlich-schwesterliche Nähe zu ihr, genährt durch seine Identifizierung mit Klara, dem willenlosen Opfer von Emmas expansiver Suggestion, die er schon mit Max Welte gefühlt hat: Der Mensch dauerte mich. Er war das Opfer der Pollmerschen Dämonen, grad so wie ich. (Studie, S. 859) Er war der Verführte, der ihrer Kraft gehorchen mußte. (Studie, S. 883) Diese letzte Einschätzung ist konkret auf den Zeitraum von Mays Reise-Abwesenheit bezogen, als Emma Max Welte am 2. November 1899 um den Kauf von Theaterkarten bat und ihn am 1. Dezember 1899 zu sich nach Hause einlud: »Ich würde mich unendlich freuen, Sie heute Abend 7 Uhr bei mir zu sehen.« (Beweisstücke N° 6; vgl. N° 5, Studie, S. 951f.)

   Andeutungen über die Art von Klaras Freundschaft mit Emma aber mußte er machen, schon um Emmas zerstörerische Wirkungsmacht bis zum Tag der Niederschrift deutlich zu machen. Und deutlich genug wird er.

   Bereits in der Beschreibung der ersten Begegnung zwischen Emma und Klara, die wahrscheinlich 1891 stattgefunden hat271 und die wie beiläufig erst nach der ersten Erwähnung des Ehepaars Plöhn eingefügt ist, setzt er eindeutige Akzente: die ohnehin schon durch juristische Einschübe gestörte Chronologie wird ab S. 872 der ›Studie‹, nach der Erörterung von spiritistischen Sitzungen mit dem Ehepaar Pfefferkorn im Jahr 1895 - dort die erste Erwähnung und Beschreibung des Ehepaars Plöhn - sowie weiteren Séancen mit Emma, Klara Plöhn und deren Mutter, nun gänzlich unterbrochen. Es folgt der den Rückblick auf seine Ehe bildende Satz, daß Emma Geist nie gehabt habe, er, May, ihre Seele ... nie besessen und daß er schließlich auch noch auf ihren Körper verzichtet habe, um sich von ihrem verhängnisvollen Einfluß frei zu machen. Emma sei ein höchst gefährlicher Dämon, den er unausgesetzt unter Aufsicht habe halten müssen, damit er mich und  A n d e r e  nicht durch seine suggestive Kraft noch mehr herunterziehe, als es bereits geschehen war. (Hervorhebung durch die Verfasserin; Studie, S. 872f.) Zur Illustration führt er dann, chronologisch ungeordnete, Beispiele für ihr ›Herunterziehen‹ an: zunächst die erörterte Passage, die Emmas Sexualphantasien über ihr Eheleben beschreibt (Studie, S. 873). Danach


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handelt er Emmas niederträchtige Erfindung von der ablehnenden Haltung ihres Großvaters zu einer Heirat mit ihm auf Grund seiner Vorstrafen ab (Studie, S. 873). Sodann folgt eine Szene, die die Dämonalität des Großvaters in Hohenstein beleuchten soll und sich jedenfalls vor Mai 1880 ereignet haben muß: Pollmer habe, um Rache an seinen Hauswirten zu üben, Raupen auf die Rosen und Blumen in deren Vorgarten geworfen, wobei Emma entzückt zugesehen habe. Mays Entrüstung, nachdem er Kenntnis von diesem Vorfall erhalten habe, habe sie nicht verstanden (Studie, S. 874).

   Nach diesen wie retardierend vorgezogenen Erörterungen, die bislang noch keine Szenen gezeigt haben, in denen  A n d e r e  heruntergezogen worden wären, folgt als einzige Szene, in der  A n d e r e  als May selbst betroffen sind, endlich die Begegnungsszene von Emma und Klara, eingeleitet durch folgenden Satz:


Wie groß die Macht dieser Dämonen und wie stark ihr Wille ist, davon ein eclatantes Beispiel hier: Meine erste Frau sah in der Bahn eine Dame, die sehr lebhaft mit einer andern sprach und ihr derart gefiel, daß sie, nach Hause gekommen, sie ausführlich beschrieb und mir sagte: »Die muß meine Freundin werden! Ganz unbedingt!« (Studie, S. 875)


Zwei Tage später habe man ein Konzert besucht und an einem Tisch gesessen, dessen einziger freier Stuhl mit Garderobe belegt gewesen sei; der Nachbartisch dagegen sei erst halb besetzt gewesen. Ein Ehepaar sei hereingekommen. Emma habe die Frau wiedererkannt: »Dort kommt die Dame, die ich haben will! Die muß hierher; paß auf!« (Studie, S. 875) Obwohl das Ehepaar sich bereits am Nachbartisch habe niedersetzen wollen,


... drehte sich die Dame langsam und wie gezwungen nach uns um, kam ebenso langsam und gezwungen auf uns zu und sah meine Frau mit großen Augen an, ohne ein Wort zu sagen. Diese stand auf und machte den sechsten Stuhl von der Garderobe frei ... (Studie, S. 875)


Das Ehepaar setzte sich an Mays Tisch, obwohl die Plätze unbequem waren, worüber sich der Tischnachbar, Hofrath P., sehr wunderte.


Wenn er gewußt hätte, was für eine Macht der Wille meiner Frau besaß, so hätte er es begriffen. Diese Dame war - - - Frau Plöhn! In dieser Weise lernte sie ihre Dämonin kennen; sie war die Hypnotisirte, und das ist sie  s t e t s  u n d  i m m e r  gewesen, so lange sie mit ihr verkehrte! (Hervorhebung durch die Verfasserin, Studie, S. 876)


Deutlicher geht es kaum. Die will ich haben! Und, wie gezwungen, dreht sich Klara um, die stets und immer Hypnotisierte der Dämonin ... Heinz Stolte hat die Implikation durchaus erkannt, weshalb er konsequenterweise diese Passage für besonders unglaubhaft hielt und sie als »wohl eine jener


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Textstellen« bezeichnete, »in denen der phantasierende Erzähler mit dem Autobiographen durchgegangen ist«.272

   Dies ist eine unverbindliche Meinungsäußerung, gewiß. Aber es fällt schwer, die geschilderte Passage zu verifizieren und schon dadurch die Meinungsäußerung zu widerlegen, da sie, soweit ersichtlich, die einzige Dokumentation des Kennenlernens des Ehepaares Plöhn darstellt. Zumindest die Begegnung in der Bahn und im Konzert, wohl in Dresden, erscheint glaubhaft; das Ehepaar Plöhn wohnte 1891/1892, als Mays in Oberlößnitz in der Nizzastraße, Villa Agnes wohnten, in Radebeul in der Schulstraße.273 Eine Begegnung außerhalb der jeweiligen Wohnorte, in der Bahn nach Dresden oder in Dresden selbst, dürfte daher tatsächlich stattgefunden haben.

   Mays ängstliche Faszination gegenüber der Macht des Blickes und seine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema sind jedenfalls real. Phantasie brauchte er nicht, um jene Begegnungsszene Emma-Klara zu schreiben. Er selbst war ja von Emmas Augenaufschlag verzaubert und gebannt, und das machte ihm zu schaffen. Er, wie Watte in der Hand des Hypnotiseurs Hofrichter, suggestibel, weich, war an eine Frau geraten, die sich derselben Macht entzog, ja, ihre eigene Macht triumphierend gegen diesen Mann einsetzte, bis er große Tropfen schwitzte (Studie, S. 843).

   Welch sinnliche Bedeutung er Blicken zuschreiben konnte, belegt seine Interpretation eines auf den ersten Blick harmlos anmutenden Gedichtes von Marie Hannes, dem May, Spurenleser des Eros, im Januar 1903 auf den Grund ging. Ein Spaziergang eines schüchternen Pärchens im Mondenschein wird da geschildert in diesem: ›Eine Frage‹ betitelten Gedicht aus dem Jahr 1902, dessen erste Strophe lautet: »In dem Park bei Mondenscheine, / Still versunken, wandeln zwei - / Endlich ließ man sie alleine, / Und die Blicke walten frei! - -«274

   Zur Interpretation der letzten Gedichtzeilen der dritten Strophe, die jene die erwartungsvolle Jungfer mit den »[p]urpurn« glühenden Wangen arg enttäuschende Titelfrage ihres Angebeteten liefert: »›Haben Sie‹, so fragt er leise / ›Nicht den kleinen Cohn gesehn?‹«,275 beruft May sich auf die Nebenbedeutung dieses schamlosen Bildes, nämlich die seinerzeit wohl übliche, jedenfalls May bekannte, Bezeichnung des Penis als ›Kleiner Cohn‹. Und er interpretiert die erste Strophe folgerichtig ebenfalls im Licht einer verborgenen sexuellen Bedeutung:


Und in der vierten Zeile dieses Gedichtes spricht sie zwar nur von den Blicken, doch jeder lüsterne Leser wird behaupten, daß sie es besser gemeint habe, nämlich so: ... Endlich ließ man sie alleine, / und die Hände walten frei!276


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Blicke wie Berührungen also, wenn sie im erotischen Kontext stattfinden.

   Auch Mays Werke zeugen davon, daß dies ein wichtiges Thema in seinem Leben war. Im 3. Band des ›Silbernen Löwen‹, einem Buch, in dem der Formwille Mays zu Allegorie und Symbolik immer wieder durch machtvoll durchbrechende Lebenserschütterungen durchkreuzt wird, beschäftigt er sich geradezu selbstverständlich ebenfalls mit Emmas unheimlichem Potential und dem Rätsel des Auges. Das nimmt nicht Wunder, die Götterdämmerung seiner Ehe war ein hochrangiges Psychodrama, das sich nicht so einfach durch Schreib-Arbeit verdrängen ließ. Und so findet man im ›Silberlöwen III‹ zahlreiche Fundstellen über die Macht und Ohnmacht des Blickes:

   Halef spricht über die beiden Wesen in sich, nämlich den guten Halef und den schlimmen Hadschi, den er aber leider nicht besiegen könne; es gebe nur einen, nämlich Kara Ben Nemsi, vor dem dieser Hadschi sich fürchte.


»Das bist du. Ja, du! Vor dir scheint er einen ungeheuren Respekt zu haben, aber weniger vor deiner Gestalt, als vielmehr vor deinen Augen. Erst seitdem ich dies bemerkt habe, weiß ich, daß es Augen giebt, welche der Warnung, und wieder andere, welche der Verführung dienen.« (Silberlöwe III, S. 112)


Dieses Phänomen erklärt Kara Ben Nemsi wie folgt:


»... und wenn die Liebe mein Auge auf dich richtet, ruft sie ihn [Halef] wach und steht ihm bei, den andern zu besiegen. Das ist ein Rätsel des menschlichen Seelenlebens, welches du nicht lösen kannst. Versuche also nicht, ihm nachzuforschen!« (Silberlöwe III, S. 113)


Und dann, noch deutlicher:


Sonderbar! Liegt wirklich eine befehlende Kraft im Blicke des menschlichen Auges? Zwei Personen: die eine schläft; die andere schaut ihr in das Angesicht und denkt dabei, ob sie wohl erwachen werde. Der Schläfer sieht das nicht. Seine Augen sind geschlossen. Wer in ihm ist es, der aber doch den Blick bemerkt und auch den Gedanken versteht? Denn gar nicht lange, so beginnt der Schläfer, sich zu regen. Besitzen alle Menschen diesen Einfluß? Oder nur einige? (Silberlöwe III, S. 429)


In konsequentem Gegensatz zu dieser Macht des Blickes bedeutet das Nicht-Sehen-Können sowohl Krankheit zum Tode als auch Regression auf die früheste Kindheitsstufe. Halef beschreibt seinen seelischen Zustand, geschwächt durch die Typhus-Krankheit, so: »Ich bin wie ein Kind, welches gern den Vater sagen hört, daß er es liebt!« und: »Und ich bin so weich. Woher das wohl kommen mag?« (Silberlöwe III, S. 118) Die ersten Anzeichen der Krankheit des Ich äußern sich in dem Phänomen, daß es Mühe kostete, die Augen zu öffnen (Silberlöwe III, S. 206), und selbst das Bad im See bringt wenig Erquickung, denn: Ein Luftzug kräuselte die Oberfläche des Wassers, und dieses Kribbeln und Krabbeln und Flimmern und Funkeln ging mir durch das Auge ins Gehirn. Ich fühlte mich unsicher. (Silberlöwe III, S. 208) Halef liegt da wie tot, und die eigene Krankheit wird stärker: Die Augenlider wollten nicht geöffnet bleiben. Es stellt sich die Empfindung ein: du hast


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dich gesträubt, so lange du mußtest; jetzt aber sind alle Gefahren vorbei; nun bist du mein! (Silberlöwe III, S. 259)

   Das Ich bricht zusammen, der Peder (hier noch ohne h geschrieben), die gütige Vaterfigur, ist da, ihn zu halten.


Da sanken auch die Lider herab und waren nicht wieder in die Höhe zu bringen.... Ich fühlte mich gehoben und getragen. Ich war so leicht; ich hatte keinen Körper. Ich bestand aus nichts als nur aus froher Zuversicht und glücklichem Vertrauen, und diese gänzliche Hingebung lag wie auf Engelsflügeln ausgebreitet. (Silberlöwe III, S. 261f.)


Das Wunder einer als Erlösung von Kampf erlebten Ich-Auflösung und einer liebevollen, von idealen Vater- und Mutterfiguren beschützten Säuglings- und Kleinkindzeit beginnt in einer Welt, die nur aus Geräuschen, Gerüchen und Berührungen besteht, denn: Ich hatte keine Macht über meine Augen. Besaß ich überhaupt jetzt welche? War ich jetzt vielleicht nur Geist, nur Seele? Wo war mein Körper geblieben? Ich fühlte ihn nicht! (Silberlöwe III, S. 263) Ganz selten einmal dringt ein Bild in diese imaginierte Menschwerdung, in der das Sprechen, das Essen, alles erlernt werden muß, in der das Ich Mühe hat, den Kopf auch nur auf die andere Seite zu drehen und mit offenem Mund daliegt wie ein sabbernder Säugling: Ich hatte den Mund offen, und sonderbarerweise war es mir, als ob dies so sein müsse; es fiel mir gar nicht ein, ihn zu schließen. (Silberlöwe III, S. 266)


Aber ich fühlte, daß meine Augen sich öffneten; das war so eigenartig, so ganz als ob es nicht meine leiblichen, sondern die seelischen seien. Da sah ich in ein liebes, ernstes, reines Frauengesicht. Es war von einer so frommen, edlen Schönheit, wie man Heilige abzubilden pflegt. Die Augen waren dunkel und trotzdem doch so hell, so licht, so klar. Es ging von ihnen eine Wärme aus, welche auf mich überfloß. Mir war, als ob ich dieses Antlitz schon einmal gesehen habe, nicht gleichgültig und vorübergehend, sondern sorgsam und mit derselben Herzenswärme, welche ich jetzt zurückempfing. (Silberlöwe III, S. 264)


Während Sehen und Blicke also als machtvoller Zugriff auf die Welt und auf andere Personen beschrieben werden, bedeutet das ›Nicht-die-Augen-öffnen-können‹ früheste, kindliche Schwäche, Auflösung, die Sehnsucht nach idealer wärmender Mutterliebe. Sehnsucht wird hier beschrieben, nicht Erfüllung; denn während das Ich, früher einmal, dieses heilige Frauengesicht tatsächlich sorgsam und mit Herzenswärme angesehen hat, wie es dunkel ahnt, ›empfängt‹ es diese Herzenswärme nur durch ein Bild ›zurück‹, das nur mit seelischen Augen betrachtet wird. Augen, die sich eigenartig, wie von selbst, ohne bewußte Willensanstrengung und ohne aktiven Zugriff von außen, öffnen: Kindheitsträume.

   Auch in der ›Studie‹ benutzt er, in einer ungewöhnlichen Formulierung, dieses Bild von den Augen, die zu öffnen seien: Da aber geschah während


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unsers Aufenthalts in Damaskus Etwas, was mir doch nach den Augen griff, um sie mir wenigstens halb und halb zu öffnen. (Studie, S. 900) Und gleich darauf brüllt Emma ihn an, daß er wie ein dummer Junge dastehe ... (Studie, S. 901) Diese Krankheits- und Genesungspassagen im ›Silberlöwen III‹ als dichterische Wahrheit über eine frühkindliche - zumindest eine zeitweise, mit der Unmöglichkeit, die Augen zu öffnen, verbundene - ›Blindheit‹ Mays läßt die aktuelle, rein medizinisch orientierte Diskussion obsolet erscheinen; dies insbesondere deshalb, weil für eine seriöse ärztliche Diagnose ohnehin keine ausreichenden tatsächlichen Anknüpfungspunkte zur Verfügung stehen.277

   Emmas bezwingender Blick auf Klara gehört damit zu einem für May biographisch bedeutsamen Topos, der eine von eigener Realität völlig abgekoppelte Phantasieleistung unnötig macht.

   Auch die übersinnliche Rätselhaftigkeit ihrer Intuition wird im ›Silberlöwen III‹, im Romangefüge selbst wenig zwingend begründet, behandelt; das Ich und der Pedehr beraten gerade, auf welche Weise sie mit den gefangengenommenen angeblichen Offizieren des Schah-in-Schah umgehen sollen, da eilt Pekala herbei und beweist mit unübertrefflicher Küchenlogik, daß ihre Kerbelsuppe und deren pünktlicher Verzehr weitaus wichtiger sei als die Beschäftigung mit diesen Offizieren, denen sie einen, ihrer Ansicht nach vollständig vernichtenden Blick zuschickt (Silberlöwe III, S. 456f.; vgl. S. 454-457). Eine köstlich humoristische Szene, die May in der alten Meisterschaft seiner Reiseerzählungen bewältigt. Aber er wird der routinierten Kunstfertigkeit nicht froh:


Vorhin hatte der Pedehr über Pekala gelächelt; jetzt aber war sein Gesicht sehr ernst geworden. Hatte er etwa das gleiche Gefühl mit mir?

   ... Da wurde diese geistig einfache und bescheidene »Festjungfrau« von der Sorge um ihren gefährdeten Frenk maidanosu herbeigeführt, um uns in ihrer drastischen Weise die »Herren Offiziere« derart wahrheitsgetreu zu zeichnen, daß wir uns der Wirkung ihrer Strafrede nicht entziehen konnten. (Silberlöwe III, S. 457)


Und statt der beabsichtigten Freilassung werden diese falschen Offiziere genau so festgesetzt wie ihre Untergebenen ...


»Ihr werdet sie [Pekala] schon noch kennen lernen,« scherzte der Pedehr. »Sie greift zuweilen derart in die Zügel der Regierung ein, als hätte sich jedermann, vom Ustad an bis zum kleinsten Pferdehüter herab, als ihren ›Tifl‹ zu betrachten. Wir aber sind damit gern einverstanden. Sie hat ein eigenes Gefühl für den rechten Augenblick.« (Silberlöwe III, S. 458f.)


Dieser letzte Satz stürzt May, der nun wiederum deutlich als Ich des Autors erkennbar wird, in den privaten Abgrund ratloser Fragen um Pekalas Intuition, eingeleitet durch einen Satz mit dem Schlüsselwort schlechthin: Diese seine letzteren Worte interessierten mich. Und dann folgen Fragen


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über Fragen, ob es denn Instinkt sei oder Naturtrieb oder Ahnung, was Pekala angetrieben haben könne, ob sie etwa unwillkürlich, mit Takt und Zartgefühl oder Scharfsichtigkeit gehandelt habe: alle diese Fragen werden letztendlich verneint (Silberlöwe III, S. 459f.). Es sei vielmehr ein Antrieb von außerhalb, eines noch unbekannten Wesens namens »Seele«, einer Seele, die sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Körpers tätig sei, und die


da draußen unendlich mehr überschaut, als unser schwacher, blöder Blick erfassen kann. Das sind nicht etwa metaphysiche [!] Schlüsse, sondern sie gründen sich auf täglich sich wiederholende Vorkommnisse in Innern meiner vor aller Augen existierenden Persönlichkeit. Wer nicht gelernt hat, die Vorgänge seines innern Lebens ebenso unausgesetzt wie scharf und unbefangen zu beobachten und zu vergleichen, dem wird es allerdings bequemlich sein, sehr vieles, was er nicht zu begreifen versteht, ganz einfach postlagernd nach dem Reiche des Uebersinnlichen zu adressieren, damit er, der physisch gern Bequeme, hinter seinem eigenen Schalter ruhig schlafen könne. - (Silberlöwe III, S. 460f.)


Der Gedankenstrich nach diesen sich hektisch überstürzenden, überaus persönlichen Ausführungen war erforderlich, um wieder in den Erzählfluß zurückzufinden. Mit einem Scherz ist diese Pekala eben nicht abzuhandeln; sie provoziert vielmehr tiefsinnigste Überlegungen, die darauf hinauslaufen, den Spiritismus - Emmas Reich des Übersinnlichen - zugunsten des von May bevorzugten Bereiches des Spiritualismus zu verwerfen. Auch diese Verknüpfung von Emma mit einer geheimnisvollen Macht, Antrieb für eine zunächst Ratlosigkeit hervorrufende, aber dann doch als richtig und wichtig erkannte Einflußnahme, war für May schon im Jahr 1902, vor seiner offiziellen Trennung von ihr, einiges an gedanklichem Aufwand wert. Und ihr Einfluß auf Klara in dieser Begegnungsszene war ja tatsächlich ein schicksalhaftes und letztlich ›richtiges‹ Ereignis.

   Logisch und konsequent jedenfalls erscheint Emmas in der Begegnungs-Episode ersichtlicher Wunsch, eine neue Freundin kennenzulernen, die sie üblicherweise beim Spazierengehen, wie die Ehefrau von Prof. Hofrichter (vgl. Studie, S. 842) oder auch, wie erwähnt, gezielt per Annonce kennenlernte.

   Klara, die 1864 geborene (und damit acht Jahre jünger als Emma), war eine wesentlich attraktivere Frau als Emmas ältere Freundinnen Dietrich, die resolut-walkürenhafte, sechzehn Jahre ältere Pauline Münchmeyer278 und das ›verfettete Kaninchen‹. Schlank, groß, mit seelenvollen Augen und herb-melancholischen Gesichtszügen, weichem Mund und weicher Kinnlinie, vollem, nahezu schwarzen Haar und einer immer mädchenhaft wirkenden Anmut - auf allen Fotos, die von ihr veröffentlicht sind, hält sie den Kopf geneigt; ein sicheres Zeichen für das Fehlen von Absichten der Konfrontation und Aggression sowie, im erotischen Kontext, Signal für Vertrauen, das nicht ausgenutzt werden will.279


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   Emma dagegen: immer eine stolze, gerade Haltung des üppigen Körpers und des Kopfes, slawischer Gesichtsschnitt mit hohen Wangenknochen, energisches Kinn, schmale, manchmal wissend lächelnde Lippen, meist aber ein ernster und strenger Ausdruck, und immer ein direkter, vollkommen angstfreier Blick aus tiefliegenden, schmalen Augen, die so dunkel sind, daß die Qualität der zeitgenössischen Schwarz-Weiß-Fotografie die Pupille nicht von der Iris abzusetzen vermag. Nicht eigentlich schön, aber eindrucksvoll. Sie gehörte wohl zu den Personen, die vorrangig durch ihr Temperament und ihre Ausstrahlung wirken, dagegen eher selten fotogen sind.280

   Ein Foto existiert von ihr, das eine Ahnung davon vermittelt, wie angstauslösend ihr Blick empfunden werden konnte. Mit skeptisch-fixierendem und kalkulierendem Blick scheint sie den Fotografen abzutasten, als müsse sie sich zwischen Lächeln und Zorn gegen die Zumutung des Abgebildet-Werdens entscheiden; beide Gefühlsregungen zeigt ihre dumpf-brütende Miene: das Bild entstand, noch bevor sie die Entscheidung getroffen hatte. Auf diesem Foto wirkt sie wie kurz vor der Eruption und tatsächlich furchteinflößend. Es ist wohl kein Zufall, daß die Herausgeber des Karl-May-Bildbandes dieses Foto von Emma im Zusammenhang mit dem gegen May gerichteten Ermittlungsverfahren wegen Meineids, zugleich auch Zeitpunkt der Niederschrift der ›Studie‹, plazierten und sie als die wegen Meineids angezeigte Zeugin ›Emma Pollmer‹ bezeichneten, obwohl das undatierte Foto aus einer früheren Zeit stammt, als Emma noch Emma May war und auch die Anzeige gegen ›Emma May‹ gerichtet war.281

   Bedeutsam auch das Foto, das May als erstes Beweisstück A seiner ›Studie‹ (Studie, S. 946) beigefügt hat: Emma im Jahr 1896, vierzig Jahre alt, verkleidet als Mann mit Anzug, Hemd, Schlips und Weste, Monokel und einem Hut, der die krausen Haare von unbestimmbarer Farbe verdeckt, die Beine lässig übereinandergeschlagen, selbstzufrieden lächelnd. »Ich« hat Emma ohne weiteren Zusatz auf der Rückseite des Fotos vermerkt (vgl. Studie, S. 940), was von Klara später mit den Worten: »Emma als Mann« (Studie, S. 54, ›Anlagen‹) ergänzt wurde. Tatsächlich ist sie als Emma auch nicht zu erkennen, und legt man das Foto heute kommentarlos Menschen vor, die nicht das geringste Wissen über die dargestellte Person haben, identifizieren sie Emma als einen jungen, leicht arrogant wirkenden Mann des 19. Jahrhunderts.

   Als harmloser »Mummenschanz«, dem »keine böse Bedeutung im Sinne der über ein Jahrzehnt später entstandenen ›Studie‹« beizumessen sei, soll dieses »Maskeradebild« in einer der abwehrenden Wertungen laut Roland Schmid (Studie, S. 54, ›Anlagen‹) zu qualifizieren sein; May selbst schreibt zu diesem Foto:


Die Frau Pollmer in männlicher Kleidung, in der sich ihre Perversität, wie man sieht, außerordentlich behaglich fühlt. Die Meisten, welche gefragt wurden, was sie von diesem Menschen hielten, riethen auf das Verbrecheralbum; ein Hochstabler


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[!] ersten Ranges. Frau Pollmer war auf dieses Ergebniß ganz besonders stolz und zeigte dann die Rückseite des Couvertes, auf welche sie mit Bleistift eigenhändig ihr »Ich« geschrieben hatte. (Studie, S. 940)


Das Foto wurde im Jahr 1896 in dem Studio des Fotografen Franz Nunwarz in Urfahr/Linz entwickelt und vergrößert, fotografiert von Alois Schießer zu demselben Zeitpunkt, als May in der Kostümierung von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi posierte.282 Weder das eine noch die anderen Fotos sind harmlos: in beiden Fällen wurde das Wagnis eines öffentlich kenntlich gemachten Identitätswechsels unternommen; warum May in die Rollen schlüpfte, in denen er schreibend schon längst glücklicher lebte als in der Wirklichkeit, hat Claus Roxin in allen Nuancen ausgeleuchtet. Die tiefste und letzte seiner fundierten Interpretationen dieses Bildes ›Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen‹ lautet, daß die durch die Fotos beglaubigte Old-Shatterhand-Legende letztes Mittel gewesen sei, sein altes männliches Ich-Ideal gegen den Einbruch des Mütterlich-Weiblichen, gegen die Auflösung des Ich-Panzers, zu verteidigen.283 Daß Emma zur selben Zeit die Rolle des europäischen Mannes wählte - und daß May sie zu der Pose gezwungen haben könnte, ist so abwegig, daß diese Spekulation keiner Erörterung bedarf -, hätte demgegenüber nichts mit sehnlicher Wunscherfüllung, nichts mit Flucht aus der verhaßten abhängigen Frauenrolle zu tun? »Ich«, ohne Zusatz, betitelt Emma dieses Bild: sie hat sich darin wiedererkannt. Ihre Wahl erscheint geradezu wie ein logischer Reflex auf Mays, des Hühnelchens, immer ›unmännlicher‹ werdenden, nachgiebigen, weichen Fluchtbewegungen vor ihr. »(...) weichliche Güte, zu der er stets vor seinem jähzornigen Temperament Zuflucht genommen hatte«, nennt Hans Wollschläger diese Unfähigkeit Mays, mit Wuth und Gluth zu reagieren, wie Emma es vorgezogen hätte.284 Zuflucht: war diese Güte ab Mitte der neunziger Jahre wohl nicht mehr. May war zum Ausagieren der früher durchaus bis hin zu der eingestandenen Ohrfeige gezeigten zornigen Reaktionen schlicht nicht mehr in der Lage. Wenn die Wut hochkam, lief er weg. Oder aber er rettete sich in die machtverleihende beobachtende Analyse jener Frau, der er nicht mehr gewachsen war.

   Wenn man die ›Beweisführung‹ Mays durch Fotos, die Blicke wie die von Max Welte auf Emma festhalten, fortsetzt, fallen zwei Fotos von Klara und Emma ins Auge, in denen die besondere Beziehung und zugleich das Machtverhältnis zwischen ihnen eingefangen ist: jedenfalls für jeden, der sehen will.

   Das eine ist ein Gruppenfoto mit 18 Personen, aufgenommen im Garten der Villa Shatterhand, wohl in den neunziger Jahren, auf dem May vorne in der ersten Reihe und Richard Plöhn links in der dritten Reihe plaziert sind.285 Emma sitzt in der zweiten Reihe, links vom Zentrum des Bildes, neben ihr der Mann, der genau die Mitte des Fotos markiert, rechts neben diesem Klara. Alle Personen auf diesem Foto sind der Kamera zugewandt und


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blicken nach vorne. Aber hinter Mays Rücken, wie auf dem ›Beweisfoto‹ Max-Emma, findet das eigentliche Ereignis statt: nur Emma und Klara schauen nicht in die Kamera, sondern sehen sich an, Emma offen, gerade, lächelnd, Klara, zwar leicht erhöht sitzend, aber mit gesenktem Kopf und daher trotzdem einen Blick von unten nach oben produzierend, ebenfalls lächelnd. Diese Blicke der beiden Frauen, den zentralen Punkt des Fotos querend, bilden ein eigenartiges Kraftfeld, das die gestellte Pose des konventionellen Bildes im übrigen als künstlich demaskiert.

   Das weitere Foto zeigt Emma und Klara, vermutlich im Garten der Villa Shatterhand, vor einem weinumrankten Spalier; auch diese Aufnahme stammt wohl aus den neunziger Jahren.286 Links steht Emma, massiv, eine wuchtige Samtpelerine verdeckt ihren Oberkörper, das hervorquellende Jabot ihrer weißen Bluse läßt ihre üppigen Formen nur erahnen. Ihre Linke umfaßt Klaras schlanke Taille, die sie zu sich heranzuziehen scheint, Klaras Rechte liegt auf Emmas rechten Schulter. Obwohl Klara größer ist als sie, hält Emma den Kopf gerade und wendet nur den Blick nach oben in Klaras Augen, direkt, offen und mit zufrieden lächelndem Gesichtsausdruck. Die größere und auf diesem Foto auffällig jüngere Klara, in ebenso unvorteilhafter steifer Kleidung, die aber durch Schößchen an dem Oberteil der Kombination und durch einen Gürtel mit Schürze die Taille kenntlich macht, hält Kopf und Lider gesenkt, lächelnd, als ob sie, schamvoll, den Blick Emmas nicht aushielte.

   Eine ähnliche Konstellation läßt sich übrigens auch auf jenem konventionellen Ehefoto der Mays Anfang der neunziger Jahre im spießbürgerlichsten Rahmen entdecken:287 ein lächerliches weißes Hündchen auf rundem zierlichen Tisch zwischen den Eheleuten Emma und Karl, sie schaut ihn unbeirrbar fest und selbstsicher-freundlich an, er blickt mit mühsam gewahrter Autorität, in der Linken einen Zigarrenstumpen als Attribut der Männlichkeit haltend, auf sie herab, hat jedoch die Augen hinter dem Zwicker halb geschlossen (was wenig wundert bei der umständlich-langsamen Aufnahmetechnik damaliger Porträt-Fotografie und bei May auch auf dem weiteren offiziellen, schon wesentlich kälteren Ehefoto von 1894 festzustellen ist); aber Emma hatte damit keine Probleme. Sie konnte offenbar einen Blick lange halten und aushalten. Ein anhaltender Blick freilich enthält Drohung und Warnung, er ist ein Kräftemessen, Signal, ob ein Territorialkampf stattfinden wird oder nicht. Bei jeder Kommunikation wird der Blick daher abschweifen, um keine Konfrontation aufkommen zu lassen ... Alle weiteren Informationen, die sich über Klara in der ›Studie‹ finden lassen, bestärken und verfestigen das beschriebene Anfangs-Szenario stringent und in der Binnenwahrheit des Textes widerspruchsfrei.

   Klaras Mutter zeigt Interesse, mit Hilfe des Spiritismus mit den verstorbenen Eltern und Geschwistern reden zu können, Emma sagt zu, und Frau Plöhn mußte die Dritte machen ... (Studie, S. 870) Das Tischwackeln wird in Buchstaben, Laute und Worte verwandelt, plötzlich tritt neben den Poll-


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merschen Geistern auch der »alte Dessauer« auf, weil May über ihn geschrieben hat und Frau Plöhn aus Dessau stammt; sich auch hier nicht bei einem Widerspruch ertappen lassend, fügt May gleich hinzu, woher Emma von seinem Werk weiß, obwohl sie seine Bücher ja nicht liest: ... was meine Frau sehr wohl wußte, weil ihr die Gelder dafür zugegangen waren ... Der alte Dessauer verlangt nun auch, daß man schreiben solle, und so wird Klara Plöhn zum Schreibmedium, weil meine Frau sich als Medium wohl stark, im Schreiben aber schwächlich fühlte ... In die unsinnigen Mitteilungen, die daraufhin entstehen, wird mit viel Mühe ein Sinn hineingelegt. Die Herren Geister sprachen am liebsten von Mays Fehlern, und: Es kam nach und nach zu einem förmlichen Sport mit dieser meiner Besserung. (Studie, S. 871) May erklärt auch, wie es zu diesen Ergebnissen kam: Vor der Sitzung habe Emma ausführlich mit den Frauen über Mays Charakterfehler geredet und sie entsprechend vorbereitet; naturgemäß habe diese Beeinflussung zu den gewünschten Ergebnissen geführt, die Emma ihm, der an diesen Sitzungen nicht teilgenommen habe, hinterher nachts, ihn in seinem Arbeitszimmer störend, überbracht habe. Diese Ermahnungen hätten stets nur schlau verborgene Wünsche enthalten, die er seiner Frau entweder schon abgeschlagen hatte oder aber sicher abgeschlagen hätte. Fazit: Sie war die Haupt- und Animirgans; die beiden anderen Gänse schnatterten nur mit! (Studie, S. 872)

   Was er hier ausführt, reiht Klara nahtlos in die Schar der zuvor beschriebenen intimen Freundinnen ein, die Emma sämtlich zu spiritistischen Sitzungen verführt habe. Zugleich wird eine spiritistisch begleitete Beeinflussung von Klara gegen ihn als Mann geschildert, die auf diese wenig subtile Art auf die Seite von Emma gezogen, genauer: ›heruntergezogen‹ wird. Das gleiche Szenario auch wie bei dem von Emma suggestiv-spiritistisch umgarnten Max Welte und wie bei May selbst. Die Übereinstimmung in den drei Opferdarstellungen führt zu dem Schluß, daß May bei der Beschreibung von Emmas Verhältnis zu Klara lediglich einen Aspekt bewußt nicht erwähnt: nämlich den einer auch körperlichen Beziehung zwischen den Frauen.

   Die Achse Emma-Klara steht jedenfalls fest, genau so wie die von Karl May und Richard Plöhn, denn dieser konnte Emma nicht ausstehen, Emma,


die er nur meinetwegen bei sich duldete und von der er stets behauptete, daß es gefährlich und erniedrigend sei, mit ihr zu verkehren. Wir beiden Familien lebten zusammen, als ob es nur eine einzige sei. Wir sagten du und du. Wir nannten uns Bruder und Schwester. Andere Leute wußten es gar nicht anders, als daß die beiden Frauen wirkliche Schwestern seien. ... Aber in dieser Harmonie gab es einen Ton, einen einzigen, der nicht mit stimmte, und das war der, daß Herr Plöhn niemals und durch keine Bitte dazu zu bringen war, sich mit meiner Frau zu duzen. Er verachtete sie, oder vielmehr, es graute ihm vor ihr. Er verkehrte mit ihr, wie seine Frau es wünschte, aber nahe kommen durfte sie ihm nicht, weder innerlich noch äußerlich. Hierbei mag es sich bewenden! (Studie, S. 880f.)


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Eine logische Beschreibung der Viererkonstellation unter dem Vorzeichen der ersten Begegnung Emma-Klara und ihrer nicht ausgesprochenen Implikationen; eine starke Bindung von Emma und Klara, die sich in der Tendenz gegen May richtet, eine ebenso starke zwischen Karl und Richard. Richard verkehrt mit Emma nur, weil sie Karls Frau ist und weil Klara es so wünscht. Eifersucht auf Emma wäre ein naheliegendes Motiv seiner Ablehnung - weshalb May, diskret, es sich hierbei bewenden läßt; mit diesem kleinen Satz macht er kenntlich, daß er etwas verschweigt: was das ist, läßt sich der Begegnungsszene entnehmen. Aber Richard Plöhn hatte einen weiteren Grund, starke Abneigung gegen Emma zu empfinden. Er hinterging, vermittelt durch Klara, seinen Freund Karl: denn er war es ja, der die von Emma im Laufe der Jahre beiseite geschafften Gelder verwaltete. Diese Heimlichkeit dürfte ihm Konflikte und Gewissensbisse bereitet haben, die nur mit der kühlen Überlegung zu bewältigen waren, daß das Geld bei ihm, Mays wirklichem Freund, besser aufgehoben sei als bei irgendeinem Dritten, der möglicherweise gegenüber May weniger solidarisch hätte handeln können. Aber als erniedrigend wird er die durch die Frauen ihm aufgezwungene Rolle durchaus empfunden haben: denn obwohl er über längere Zeit krank war, hat er sich, wohl aus Schuldgefühl und Scham, zu keinem Zeitpunkt, nicht einmal kurz vor dem vorhersehbaren Ende, gegenüber May offenbart. Und Mays milde Einschätzung von Klara als bloßer ›mitschnatternder Gans‹, obwohl sie


eine höhere Bildung genossen (hatte), ... außer dem Haushalte auch noch die ganze, bedeutende Fabrik (dirigirte), ... arbeitsam im allergrößten Grade und eine außerordentlich pflichttreue, menschenfreundliche und wohltätige Frau (war) (Studie, S. 868),


läßt sich ebenfalls durch das komplizierte setting erklären: Als Frau war sie ihm gleichgültig, da mit seinem besten Freund verheiratet. In dieser Hinsicht war May absolut konservativ. Als Emmas intime Freundin trug sie zwar den - strafmildernd von ihm selbst geteilten - Makel der emotionalen und physischen Abhängigkeit von Emma, war aber im Vergleich zu den ›Kampf- und Faustweibern‹, die Klara alsbald effizient dem Haushalt May fernhielt, immerhin noch die freundlichere Alternative. Denn Klara war ja nicht, wie die anderen Damen, eine von Emmas dominanten Verführerinnen, etwa wie Pauline Münchmeyer:


Seine [Münchmeyers] Frau nahm die meinige vollständig gefangen; sie liebkosete sie; sie wich nicht von ihrer Seite; sie umfing und umhüllte sie ganz und gar, wie eine Spinne die Fliege umspinnt, um sie sich für später zum Fraße aufzuheben. (Studie, S. 836f.)


Sie [Emma] hat das Beispiel und die Lehren der Frau Münchmeyer befolgt. Sie hat, ohne sich dessen bewußt zu sein, die Rache in die Hand genommen, die Frau Münchmeyer mir schwor, als ich es wagte die Hand ihrer Schwester auszuschlagen (Studie, S. 908),


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oder gar wie die ... äußerst korpulente Frau Luise Achilles ... Sie war in Beziehung auf Liebesbedürfnis und Redegewandtheit die hervorragendste Freundin der Pollmer, wie May sie in seiner Eingabe an das Landgericht Berlin unter dem Stichwort »Verführung« behandelt, wobei er bei diesem Wort an Lebius und an die Klatschgevatterinnen der Pollmer denke. Luise, die »Löwin«, wie er sie dort fortan unter Anspielung auf ihren Brief an Klara aus dem Jahr 1903 nennt, in dem sie beteuert, daß sie, ganz im Gegensatz zu Klara, »Du Scheusal!«, gegen ihre Liebe zu Karl wie eine »Löwin« gekämpft habe.288

   Klara dagegen war, möglicherweise sogar die erste, von Emma Verführte, die ›Mausel‹-Beute der Jägerin ›Miez‹. Sie unterscheidet sich nämlich in ihrer Persönlichkeit gravierend von Emmas übrigen Freundinnen, sie ist willenlos und führt eine glückliche, wenn auch möglicherweise wenig aufregende Ehe ... Eine schärfere Verurteilung, ja Ablehnung, von Klara wäre May zudem gar nicht möglich gewesen, ohne seinen Freund Richard Plöhn, ein wissenschaftlich hochgebildeter, scharfblickender und kühl erwägender Kopf, ... Gründer und alleiniger Besitzer der weltbekannten, Radebeuler Verbandstofffabrik, der sich dem Spiritismus gleich von vorn herein als Zweifler gegenüber stellte (Studie, S. 865), mit Sicherheit zu verlieren. Denn Plöhn war von liberal anmutender Toleranz und im übrigen auch ein Mann mit Kultur, Lebensart und Humor:289


Er verbot seiner Frau zwar nicht, an den Sitzungen theilzunehmen, lachte sie aber aus und bewirkte dadurch, daß sie sich dieser sogenannten »Wissenschaft« nicht blind ergab, sondern reiflich prüfte. (Studie, S. 867f.)


Wesentlich schärfer sind Mays Formulierungen in der später entstandenen Eingabe an das Landgericht Berlin, tendenziell zwar übereinstimmend, aber in ihrer verkürzenden Glätte auch weniger glaubhaft:


Sonderbarer Weise aber war Herr Plöhn absolut nicht dazu zu bringen, sich auch mit der Pollmer du zu nennen; er lehnte dies entschieden, einige Male sogar zornig ab. Es war dies nicht etwa Feindseligkeit, sondern die reine Vorsicht. Er durchschaute sie; er traute ihr nicht. Er wußte nur zu gut, wie leicht seine Frau zu beeinflussen sei, und hat ihr später auch den Vorwurf nicht erspart: »Du bist durch sie sehr weit herunter gekommen und beinahe schlecht geworden! Mich dauert ihr armer Mann. Was muß der leiden! Und wie er es trägt! Behandelte sie mich nur ein einziges Mal so wie ihn, ich glaube, ich schlüge sie tot!«290


Das soll Richard Plöhn, mein Freund, ein lieber, guter Mensch,291 zu seiner Frau gesagt haben? Es sind wohl eher Mays Gedanken und Überlegungen, die hier in die Bewertung von Plöhns Ablehnung eingeflossen sind; die Eingabe, die zur Veröffentlichung vorgesehen war, verlangte knappe, jeweils schlüssig ›erklärte‹ Einzelheiten des Privatlebens, soweit sie zur Abwehr des von Emma Pollmer munitionierten Angriffs von Lebius erforderlich waren, wie May dort selbst ausführt:


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Ich gebe hier rein psychologische Züge, nur um anzudeuten, nicht um ausführlich zu sein. Wollte ich in eingehender Weise erzählen, was ich in dieser qualvollen Ehe erduldete, erlitt, verzieh und immer wieder verzieh, so hätte ich das an anderer Stelle zu tun, nicht aber hier.292


Die ›andere Stelle‹: das wäre schon eher die ›Studie‹, in der er Richard Plöhns Motiv für seine tiefsitzende Ablehnung gegenüber Emma allerdings bewußt verschweigt, weil das, was May zu enthüllen hätte, über die schlichte Identifikation Plöhns mit dem gequälten Ehemann May weit hinausgehen würde. Er hätte hier, eingedenk seines Wahrheitsgebotes, eigentlich, erzählend und nicht erklärend, die Andeutung ausfüllen sollen, daß Klara durch Emma sehr weit herunter gekommen und beinahe schlecht geworden sei. Wahrheit? Ja, aber nicht die ganze; auch noch die Analyse des Wesens der aktuellen Ehefrau zu leisten, das ging offenbar über seine Kräfte und war auch nicht Thema seiner Arbeit.

   Ein Ergebnis läßt sich immerhin festhalten: ein fragiler Viererbund ist da entstanden; schon kleine Verschiebungen in der Binnenbeziehung oder auch in den problematischen Beziehungen der offiziellen Paare - denn wie ging Richard Plöhn mit der besonderen Freundschaft seiner Frau zu Emma, die er ja ablehnte, wirklich & tief im Innern um? - konnte eine Dynamik in Gang setzen, die nicht mehr zu kontrollieren sein würde. May, als Folge des ›Herabziehens durch die Dämonin‹, reagiert zunächst mit Lähmung; bloß keine Bewegung wagen, bloß keine Katastrophe auslösen:


In dieser Dämonin waren die stärksten spiritistischen, hypnotischen und suggestiven Kräfte zu einer Persönlichkeit vereinigt, von der ich mich innerlich und äußerlich zurückzuziehen hatte, wenn ich das grausame Schicksal vermeiden wollte, in die dunkle Tiefe vergangener Zeiten zurückzufallen (Studie, S. 876)


- so erklärt er gleich im Anschluß an die Schilderung des Kennenlernens des Ehepaars Plöhn, ein psycho-logischer Anschlußsatz. Ein beobachtender Rückzug schien angebracht, denn das Risiko schätzt er so hoch ein, daß es ihn sofort an die vergangene(n) Zeiten erinnert, den Absturz in die Kriminalität mithin. In seiner Selbstbiographie stilisiert er diese gefühlsmäßige Gleichsetzung von Emma mit Stimmen, die ihn in Straftaten treiben, in eine Warnung des Anstaltskatecheten im Zuchthaus Waldheim, der ihm aus dem fiktiven Werk: ›Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt‹, folgende Stelle vorliest:


»Wer an diesen schweren Anfechtungen leidet, der hüte sich vor der Stelle, an der er geboren wurde. Er wohne niemals längere Zeit dort. Und vor allen Dingen, wenn er einmal heiratet, so hole er sich seine Frau ja nicht von diesem Orte!«


Weder May noch der Katechet verstehen diese Warnung, aber May solle darüber nachdenken:


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Dieses Nachdenken, welches er mir riet, führte mich zu keinem Resultate. Es handelte sich um eine rein psychologische Frage. Da ist die Erfahrung die einzige wissende Lehrerin, und diese Erfahrung mußte ich machen, ehe ich es begriff, leider, leider!293


Es folgen drei Gedankenstriche ... Die verhängnisvolle Rückkehr von Sudermanns Magda in die Heimat, die Tod und Selbstzerstörung bringt: Parallelität von Ängsten.

   Mays angstgeborene Passivität ist aber, darauf legt er Wert, nur eine äußerliche:


Ich durfte sie nur noch rein objectiv betrachten, als schriftstellerisches Sujet, als hochinteressantes, aber unendlich abstoßendes psychologisches Problem, dessen stilles, unbeobachtetes Studium mich befähigen sollte, dem Klopfgeisterspiritismus und ähnlichem Schwindel auf den Leib zu rücken ...,


mit der Folge:


... was noch viel schwerer wiegt, ich gewann durch dieses Stillsein und niemals aufgeregte Lauschen nicht nur bei meiner Frau und ihren Hetären, sondern auch bei andern Leuten den Anschein eines schwachen Characters, mit dem sie machen könne, was ihr beliebe, und wurde von ihr und dem jüngsten ihrer Bewunderer in Wirklichkeit für jenes »Strohmännle« gehalten, als welches er mich in seinem Briefe bezeichnete. (Studie, S. 876)


Aus dieser Phase der Beobachtung, die immerhin die Aufrechterhaltung der Viererbeziehung sichert, tritt er spätestens während der Orientreise heraus; Heimweh-Verschiebungen in der Wahrnehmung Emmas und dann auch von Klara und ihrer Mutter, nachdem Emma längere Zeit wortlos blieb:


23. April 1899. Kairo. Diese Felachin [auf einer Postkarte] ist die größte Schönheit, welche ich bisher hier gefunden habe. Es braucht also selbst keine Freundin nicht auf Niemanden hier keineswegs ohne nirgendwelche Eifersucht zu sein! (an Klara Plöhn) ... Dr. Weigl hat nämlich schon geantwortet, und von meiner Frau habe ich noch kein Lebenszeichen! (an Emma) - Aus all dieser Herrlichkeit heraus sehne ich mich doch so herzlich nach Euch allen, Ihr Lieben ... (an W. Beibler)

   24. April 1899. Kairo. ... An Emma und Klara je einen Bildband »Souvenir of Egypt« mit den Widmungsstrophen [für Klara Plöhn]: ... 2. Ein Mausel, das man herzlich liebt / Und ihm nichts aus Kairo giebt, / Das kann sich leicht von Einem wenden, / Drum will ich ihm dies Album senden, / Und einen treuen Gruß noch mit, / Das giebt der Liebe neuen Kitt. / Karl, der Chawadschi.

   25. April 1899. Kairo. Für Emma und Klara Stoff für Kleider: Für Dich eins und für das Mausel eins. Das ist etwas, was dort noch kein Mensch hat. ... Es giebt diesen Stoff in ganz Europa nicht. Laßt ihn aber ja erst eingehen! ... Er ist großartig. Sehr leicht und unverwüstlich. Laßt die Anzüge gleich machen, und tragt sie mir zur Erinnerung! ... Ihr sollt als Schwestern gleich gehen. (an Emma und an Klara


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Plöhn) - Bitte, lieber Freund, erlaube, daß Klara den Stoff von mir annehmen darf! Ich möchte, daß sie und Emma sich ganz gleich kleiden, wenn sie auf den Marienstein steigen. (an Richard Plöhn) ... Ich esse ganz wenig Fleisch. Will es mir abgewöhnen. (an Emma)294


Aus der Distanz funktioniert seine sichernde Beobachtung nicht mehr, irgend etwas gerät in Bewegung: seine Abwehr gegenüber Emma schwindet. Er erlaubt sich eine idealisierende Gesamtbetrachtung, die ihre beste Freundin einbezieht: die neckische Widmung und die scherzhafte Postkarte reduzieren Klara, das Mausel, zu einem Neutrum, denn so ›neutral‹ wünscht er sich die Beziehung zwischen Emma und Klara. Und so kann er dann auch, Emma als ferne Wunsch-Vorstellung einer liebevollen Ehefrau und ganz ›normaler‹ besten Freundin vor Augen, den nächsten Schritt wagen: gleich sollen die Frauen aussehen, wie Schwestern, und beide sollen sie an ihn denken. Daß er hiermit eine unsichtbare Grenze überschreitet, die das austarierte Gleichgewicht in Gefahr bringt, ist ihm bewußt. Sein Brief an Richard Plöhn beweist es. Ob Klara sensibel auf diese neue Wahrnehmung reagierte oder nur einen ›harmlosen‹ Scherz bezweckte: Anfang Juni 1899 jedenfalls erhielt er ein von Emma und Klara aus Deidesheim versandtes stark unterbelichtetes Foto, das die beiden Frauen mit Agnes Seyler in orientalischer Verkleidung, vermutlich mittels Bettüchern bewerkstelligt, zeigt. Klaras Kommentar zu diesem Bild: »Dein Harem in Gedanken bei Dir.«295

   Und noch vor den bereits erörterten Reisetagebuch-Eintragungen aus Jaffa von August 1899, die als Absetzbewegung von Emma hin zu ›Mausel‹ zu deuten sind, gibt es zwei mysteriöse Eintragungen, die sich mit Klara beschäftigen:


21. Juni 1899. Kairo. Erfahren von Biographie, Leipzig. Wahrscheinlich Klara Angst.

22. Juni 1899. Kairo. Beim Briefeschreiben fürchterl. Aufregung, Klara auch?296


Da unbekannt ist, welcher tatsächliche Sachverhalt bei der Erwähnung der Biographie, Leipzig angesprochen ist, hat die nachfolgende Deutung spekulativen Charakter. Falls May erfahren haben sollte, daß in Leipzig, Ort seiner Verurteilung vom 8. Juni 1865, Gerüchte über seine Biographie mitsamt den bislang öffentlich nicht bekannten Vorstrafen kursieren sollten, und er sich gleichzeitig fragt, ob Klara wohl Angst und eine seinem eigenen Gefühl vergleichbare Aufregung empfinde: dann wäre das ein Beleg für eine geistig-seelische Annäherung zwischen ihm und Klara, die dann in der ›Studie‹ jedenfalls näher ausgeführt wird.

   Denn noch etwas geschieht, was in das Koordinatensystem der beiden Paare eingreift; Richard Plöhn erkrankt, so daß May ihm den brieflichen Vorschlag macht, zur Linderung seines Leidens mit unsern beiden Frauen nach Egypten zu kommen ... (Studie, S. 888) Zwei Gründe für diesen seinen


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Wunsch teilt er zunächst in der ›Studie‹ mit, unter Voranstellung seines Wahrheitsgebotes:


Ich habe nicht nur überhaupt, sondern vor allen Dingen auch hier in dieser Studie wahr zu sein und muß daher zu meiner Beschämung gestehen, daß der Wunsch, Herr Plöhn möge mit den Frauen nach Egypten kommen, mir nicht nur von meiner Freundschaft für ihn eingegeben war, sondern auch noch einen anderen Grund hatte, der sich auf meine Frau bezog. (Studie, S. 890)


Später, bei Erörterung der juristischen Details, benennt er dann noch unter Hinweis auf den Presseaufruhr gegen ihn einen dritten Grund: Hierüber Aufschluß zu erhalten, war auch mit einer der Gründe gewesen, die mich bestimmt hatten, meine Frau mit Plöhns nach Egypten kommen zu lassen. (Studie, S. 898)

   Es folgt eine Beschreibung von Klara, wie sie erstmals, jedenfalls in ihrer Beziehung zu ihrem Mann, Mays Frauenideal entspricht und der er sich daher öffnet, was ein verräterischer Satzanschluß beweist:


Es ist wahr, daß Plöhns einander treu und innig liebten, daß sie außerordentlich glücklich mit einander lebten und daß besonders die Frau in einer so ganz und gar aufgehenden Weise an ihrem Manne hing, daß, falls ihr Mann zu sterben hatte, gewiß auch ihr baldiger Tod zu befürchten stand.  D a r u m  wünschte ich, er möge nach dem Oriente kommen und unter der Pflege seiner aufopferungsvollen Frau recht bald gesunden. (Hervorhebung durch die Verfasserin, Studie, S. 890)


Darum also: damit Klara nicht auch noch stirbt! Daß sie für ihn positiv besetzt ist, sobald sie die erwünschte aufopfernde, im Mann aufgehende, Frauenrolle - hier als Pflegerin - übernimmt, bedeutet gleichzeitig, daß May sich von der charakterlich andersartigen Emma entfernt.

   Der zweite Grund aber ist Emma, die er noch nicht aufgibt: denn May


bezweckte zu gleicher Zeit damit auch eine seelische resp. moralische Gesundung und Erhebung meiner Frau. ... Ich erhoffte von der Luft und dem Lichte des Orientes, von seinen Bauwerken und all seinen tausend andern Wundern einen so tiefen und so nachhaltigen Einfluß auf sie, daß es Gott möglich wurde, dann auch an ihr ein Wunder zu thun. Ich freute mich darauf, dieses Wunder still und heimlich zu beobachten und nach besten Kräften zu unterstützen. Blieb sie aber auch dann noch der Dämon, der sie bisher gewesen war; wies sie auch dann noch alles Hohe, Edle, Reine und Schöne in der Weise von sich ab, wie sie es bis dahin abgewiesen hatte, so mußte ich sie für immer verloren geben ... (Studie, S. 890f.)


Ein Vorsatz, der durch das bereits erwähnte Damaskus-Gedicht als wahr beglaubigt wird. Und auch ein weiteres, bereits am 6. Juni 1899 aus Schellal in Nubien an Emma gerichtetes hoffnungsvolles Gedicht Mays beschwört die Macht des Himmels, doch wenigstens ein schönes Abendroth des Lebens, ein gemeinsames mit Emma, zu bewirken, obwohl bereits des Lebens


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Thaugift fiel und die Zeit der Melancholie schon erlebt und erlitten worden war: Oft glüht das Morgenroth vergebens; / Der Tag wird kalt, die Sonne bleich ...297

   Ein ultimativ letzter Versuch der ›Hebung‹ also. Die Vorzeichen stehen aber schlecht für solche Versuche, May ist bereits aufgebracht, da er eine Woche in Port Said auf Plöhns und Emma warten muß, ohne daß er Nachricht erhält, warum die Erwarteten nicht eintreffen und wo sie sich aufhalten. Selbst entkräftet nach den Reiseanstrengungen (und dem Zusammenbruch in Padang), fährt er mit Sejjid Omar nach Marseille; Emma, die sich mit Plöhns in Arenzano aufhält, wie May mit Mühe herausbekommen hat, soll sich in Nizza mit ihm treffen. Auch hier erscheint sie nicht. Endlich kommt er in Arenzano an; sein arabischer Diener Sejjid Omar und er steigen aus dem Zug, Emma steht auf dem Perron: was folgt, ist eine narzißtische Kränkung des zwischen erlittener Frustration und höchster Hoffnung schwankenden, jedenfalls eindeutig instabilen May, der sich weder seiner selbst noch seiner Gefühle gegenüber den Frauen gewiß ist. Ein Schlag ins männliche Kontor sozusagen:


Der Empfang, den ich fand, war keines Wiedersehens werth, und das einzige Interesse, welches sie für die beiden Neuangekommenen besaß, richtete sich anstatt auf mich, auf das hoch interessante arabische Spielzeug, als welches sie den Diener betrachtete, der aber in seiner unendlichen Treue für mich und seinem schönen, orientalischen Stolze diesem Weibe nicht die geringste Spur der gewünschten Beachtung schenkte. (Studie, S. 889f.)


Er will, er muß immer quälend genau wissen, warum etwas geschieht: Um dies herauszubekommen, beobachtete ich sie doppelt scharf und gab ihr, ohne daß es ihr auffiel, so oft wie möglich Gelegenheit, sich hierüber auszusprechen. Er erfährt, daß Emma nur mit größtem Widerstreben in die Reise eingewilligt hat, denn sie lebte in Mays Abwesenheit


wie eine freie Frau, die sich nichts zu versagen hatte. Alle Lüste und Vergnügungen standen ihr offen. ... Und da kam ich mit meinem albernen, verrückten Vorschlag an Herrn Plöhn und riß sie mitten aus dieser Freiheit und aus all diesem Glück heraus, um sie nach Egypten schleppen zu lassen und mit meinen gräßlichen Veredelungsbestrebungen von Neuem zu peinigen! (Studie, S. 891f.)


Tatsächlich hat Emma seine Abwesenheit genossen,298 zunächst während der auf fünf Wochen ausgedehnten Heimreise von Genua, beginnend am 6. April 1899 über Monte Carlo, Marseille, Lyon, Paris - der Aufenthalt dort wurde durch eine ›Bettlägerigkeit‹ Emmas auf 14 Tage ausgedehnt, wie Klara am 24. April 1899 an Agnes Seyler ›unbekannterweise‹ schrieb - und Straßburg, wo sich auch endlich Richard Plöhn von ihr und Klara trennt. Die Gründe für diese Trennung sind unbekannt; falsch ist jedenfalls die durch von Ozoróczy angegebene Begründung, Richard Plöhn habe sich En-


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de April 1899 nach Hause begeben, um die »publizistische Verteidigung Mays zu übernehmen«. Die Offensive der ›Frankfurter Zeitung‹ gegen May begann erst am 3. Juni 1899, so daß es entweder private oder geschäftliche Motive gewesen sein müssen, die der Heimfahrt Richard Plöhns zugrunde lagen. Jedenfalls wird es Emma sehr recht gewesen sein (und bei böswilliger Betrachtung könnte man ihre Bettlägerigkeit in Paris als taktisches Manöver qualifizieren, Richard Plöhn loszuwerden), konnte sie doch mit Klara nun allein weiter reisen. Danach besuchten sie in der Zeit vom 8. Mai 1899 bis zum 19. Mai 1899 Familie Seyler in Deidesheim, wo in offenbar ausgelassenster Stimmung jenes besagte ›Haremsfoto‹ aufgenommen wurde, das May um den 6. Juni 1899 erhielt. Nachdem Emma am 20. Mai 1899 wieder zu Hause war, begaben sich die beiden offensichtlich nach Weimar - von dort jedenfalls erreichten May in der üblichen Zeitversetzung durch die Postlaufzeiten am 29. Mai 1899 eine Karte von Emma und Klara sowie am 3. Juni 1899 ein Brief der beiden über eine in Weimar abgehaltene, die Beziehung sicherlich stabilisierende ›Sitzung‹. Dann ging es bereits am 2. Juli 1899 wiederum auf Reisen mit dem Ehepaar Plöhn, legitimiert durch die allerdings nach einem Tag bereits erledigte Aufgabe, in Bad Tölz Ermittlungen durchzuführen. Von dort schickten »Miez & Mausel« erst am 13. Juli 1899 eine Karte an Agnes Seyler: »Du wirst gelesen haben und Dir denken können, was uns hierher führt.« Nämlich ein Artikel in der ›Frankfurter Zeitung‹ vom 1. Juli 1899299 unter der Überschrift: ›Bei den bayerischen Haddedihn‹, in dem behauptet worden war, May halte sich nicht, wie von seinem Verleger Fehsenfeld peinlicherweise öffentlich mitgeteilt, im Sudan auf, »von wo er nach Arabien zu dem ihm befreundeten Stamme der Haddedihn-Araber zu reiten beabsichtigt« (›Frankfurter Zeitung‹ vom 9. 6. 1899), sondern in Bad Tölz; das dortige Hotel Bürgerbrau habe bestätigt, daß Karl May, dort persönlich unbekannt, im Fremdenbuch eingetragen sei. Die Inspektion des Gästebuchs ergab erwartungsgemäß eine plumpe, leicht erkennbare Fälschung, die ein Unbekannter als »Karl May, alias ›Old Shatterhand‹«, fälschlicherweise wohnhaft in »Oberlösnitz b. Dresden«, Stand: »allbekannt« und Datum: »31. 3. 99« zwischen Eintragungen vom 23. 6. 1899 und 24. 6. 1899 hergestellt hatte,300 was May, nachdem er von Plöhn hiervon erfuhr, zu überzeugender Widerlegung und eleganter Polemik gegen die liebenswürdige, pflichteifrige ›Frankfurter Zeitung‹ und ihre grottenschlechte Recherche zu nutzen wußte.301 Merkwürdig berührt nur, wie distanziert Emma - oder war es gar die von Emma nach ›Sitzung‹ in Weimar beeinflußte Klara? - über einen Monat später aus Dresden, am 16. August 1899, Agnes Seyler hierüber berichtete: Weshalb wir in Tölz waren, wird Dir die Frankf. Ztg. sagen, die schreibt, der Dr. sei in Tölz und da auch wir lange nichts von ihm gehört hatten und uns die Sehnsucht trieb, fuhren wir dorthin, fanden aber nur eine gefälschte ! Fremdenbuchliste, die zwar seinen Namen trug, aber nicht von seiner Hand stammte, zum Andenken nahmen wir jenes hochinteressante Blatt mit, welches uns die liebenswürdige Wirthin


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überließ. Fortsetzung dieses Romans folgt durch unseren Rechtsanwalt, der z. Z. in lebhaftem Briefwechsel mit der F. Z. steht ... Vom Dr. haben wir über 2 Monate nichts gehört und sind also nicht glücklicher als Du. Es grüßen die »Deiner stets in Liebe gedenkenden Radebeulerinnen«.302 Aus Sehnsucht ›nach dem Dr.‹ fahren sie nach Bad Tölz? Als hätten sie erwartet, dort Karl May anzutreffen, von dem sie jederzeit genau wußten, wo er steckte? Wenn das Ironie sein sollte, ist sie jedenfalls mißglückt: denn natürlich stimmt es auch nicht, daß beide Frauen lange Zeit oder gar zwei Monate nichts von dem dauerschreibenden May, der selbst aus der Quarantäne in Beirut vom 27. Juni bis zum 7. Juli 1899 an Emma und Plöhns schrieb, gehört hatten. Der schlichte Stil und die mißratene Ironie dieses Briefes sprechen nach meiner Einschätzung jedenfalls eher für Emma als Verfasserin. Fritz Maschkes Exkulpationsversuch, der auf eine durch die »schockierende Notiz« in der Frankfurter Zeitung vom 1. Juli 1899 ausgelöste »Unsicherheit« bei Richard Plöhn und den deshalb mitreisenden Frauen hinauslief,303 geht daher fehl. Ziel der Recherche war die Aufklärung über die Umstände der kolportierten, ersichtlich unzutreffenden, Gästebucheintragung, und »Unsicherheit« über Mays Aufenthaltsort konnte es nicht geben, schon gar nicht mehr am 16. August 1899, als jener befremdliche Brief entstand.

   Der nächste Kurztrip mit den Plöhns führte am 14. Oktober 1899 wiederum nach Weimar, und dann nahm das Ehepaar Plöhn Emma auch noch in Klaras Heimatstadt Dessau mit: »Miez ist selbstverständlich bei uns«,304 teilte Klara Agnes Seyler brieflich mit. Verabredungen mit Max Welte und Einladungen an die von May verabscheuten Freundinnen, die Oberturnlehrerwitwe und das ›Kaninchen‹ - warum sollte Emma dieses abwechslungsreiche und selbstbestimmte Leben nicht gefallen haben?

   Emmas mithin schlüssig motivierte Taktik, die von May geplante gemeinsame Orientreise zu verhindern, will May ebenfalls herausgefunden haben: Als die drei in Genua das Schiff nach Port Said besteigen wollten, sei Richard Plöhn von einem Unwohlsein ergriffen worden, welches Emma


außerordentlich gelegen kam. Sie wußte, was für einen großen Einfluß sie auf Plöhns Frau besaß, und setzte ihn sofort derartig in Bewegung, daß der Letzteren himmelangst um das Wohl und um das Leben ihres Mannes wurde. (Studie, S. 892)


Man blieb daher in Arenzano, wobei Plöhns davon ausgingen, Emma werde ihren Mann hierüber unterrichten, was sie aber nicht tat, sondern mit heimlicher Wonne unterließ,


während ich wochenlang in vollster Ungewißheit im schmutzigen aber theuren Port Saïd saß und dann im Seesturme über das mittelländische Meer hinüberfuhr, ohne zu wissen, wo das Weib steckte, dem ich all diese großen, fast beispiellosen Opfer brachte. ... und (als) ich ihr telegraphirte, kam sie mir nicht einmal die anderthalbe Stunde Fahrt bis Nizza entgegen, obwohl sie wußte, daß ich schwer


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krank war, ihr aber gar nichts fehlte! Das war der Anfang ihrer Rache dafür, daß ich es gewagt hatte, sie von der Seite des Karnickels, der Dittrich und aller andern masculin und feminin Geliebten zu reißen! (Studie, S. 892f.)


Was hier sichtbar wird, ist die tiefsitzende Verletzung durch Emmas Begrüßung auf dem Bahnhof nach einer Trennung von mehr als acht Monaten, der Schock der Realität, nachdem er Emma, aus tiefem Bedürfnis nach der Nähe eines zumindest vertrauten, wenn auch änderungsbedürftigen Menschen, vermißt und verklärt hatte. Und so weicht er zumindest in drei Punkten nachweisbar von den Tatsachen ab: nicht wochenlang saß er in vollster Ungewißheit in Port Saïd, sondern lediglich vom 11. Dezember (Ankunft) bis zum 18. Dezember 1899 (Abfahrt) - mag ihm auch die Zeit - teuer war sie jedenfalls, da er im Grand Hotel Continental logierte - wesentlich länger vorgekommen sein. Und mit der unendlichen Treue seines Dieners zu ihm war es auch nicht weit her: Hassan will betrügen, notierte er bereits am 26. Mai 1899 in Siut, drei Tage nach Abschluß des Dienstvertrages, in seinem Reisetagebuch.305


8. September 1899. Suez. Hassan 40 Frank gegeben, will seinem Vater Geld schicken. Noch 10 Piaster. (RT)306

11. November 1899. Padang. Hassan will fort (RT) Abrechnung Hassan: 18,5 Wochen = 647,50 Mark.307


Abgesehen davon: der arabische Diener, der echte, hieß Sejd Hassan: ›Sejjid Omar‹ war der Name, den May dem Porträt des Hassan in ›Und Friede auf Erden‹ gegeben hatte, der dann schon eher die Charakterisierung als unendlich treu verdiente.

   Nicht widerlegbar ist die Darstellung, daß Emma, aus eigennützigen Motiven (ihr dürfte die Reise außerdem zu teuer gewesen sein!), das anfängliche Unwohlsein von Richard Plöhn gegenüber der leicht beeinflußbaren Klara übertrieben haben soll - auch wenn seine Erkrankung, die Brightsche Nierenkrankheit, sich im weiteren Verlauf als so schwerwiegend erwies, daß Klara erstmals am 18. Januar 1900 schrieb, »daß sich mein armer Mann wieder besser befindet, aber noch nicht gut (...)«, und man erst am 14. März 1900 gemeinsam Arenzano in Richtung Port Said verlassen konnte.308

   In seiner Eingabe an das Landgericht Berlin im Jahr 1911 hat er die Darstellung auf eine Weise verkürzt, daß Emma in weitaus höherem Maße belastet wird: Danach habe er von Padang aus der Pollmer telegrafiert, daß sie unverzüglich nach Ägypten kommen solle, um nämlich von ihr über die gegen ihn gerichteten Angriffe genügend unterrichtet zu werden und daraus ersehen zu können, ob er die Reise fortsetzen könne oder nicht. Dann folgt die entsprechende weitere Schilderung unter Auslassung der Nizza-Episode und der Ankunft in Arenzano. Sie hatte Plöhns bei sich, die aber gar nicht ahnten, daß sie mich ganz ohne alle Nachricht gelassen hatte. Plöhns Er-


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krankung wird in diesem Zusammenhang überhaupt nicht erwähnt, erst in den nächsten Sätzen:


Ich kehrte mit ihnen nach Ägypten zurück, weil ich glaubte, daß Plöhn dort Heilung finden könne. ... Es war keine gute, sondern eine schlimme Reise. Die Pollmer war nur gezwungenermaßen gekommen. Sie wäre lieber daheim geblieben, aus liebenswürdigen Gründen. Das ließ sie uns entgelten.309


Im Kern zwar derselbe Sachverhalt, aber wegen des Auswechselns der vorrangig privaten Reisemotive gegen das subjektiv nachrangige und wegen des Weglassens der Ursache für den Aufenthalt von Emma und den Plöhns in Arenzano, nämlich Richard Plöhns Erkrankung, gewinnt diese spätere Darstellung eine apodiktische Schärfe, die in der ›Studie‹ fehlt.

   Hier belegen die kleinen faktischen Ungenauigkeiten lediglich Mays Kränkung und die damit zusammenhängenden, noch während der Niederschrift acht Jahre später ausagierten, Gefühle, die nun doch zu entschlossenem Handeln hätten führen müssen. Eigentlich sieht er das auch so, und deshalb fährt er schlüssig fort: Fast schäme ich mich, zu gestehen, daß ich dennoch den Muth nicht verlor: nämlich, Emma ›erheben‹ zu wollen (Studie, S. 893).

   Tatsächlich hat er den Mut nicht verloren; In seinem Band ›Himmelsgedanken‹ (1900), der Gedichte und Aphorismen aus jener Reisezeit versammelt, existieren vier Gedichte, die sich allesamt wie verzweifelte Appelle an Emma lesen lassen, sich endlich zu ändern, nicht mehr zu sündigen, wieder lieb zu sein, sich vor dem sie in den Sumpf niederziehenden Verderben zu retten: ›Läuterung‹, ›Dein Auge‹, ›Das Gewissen‹ und ›Oberflächlichkeit‹ hat er sie betitelt, und wenn sie auch keinen poetischen Rang beanspruchen dürfen, erschüttern sie doch durch die Erfahrung, die sie hervorbrachte. Das persönlichste (und daher auch das schwächste) dieser vier Gedichte ist - natürlich - das bereits während des ersten Teils der Orientreise am 20. Oktober 1899 in Point de Galle geschriebene Gedicht ›Dein Auge‹, ein Leitmotiv für May: Hüte dein Auge; bewache es immer, / Denn deine Seele, sie zeigt sich darin, beginnt es. Die letzte Strophe lautet:


Hüte dein Auge; bewache es immer,
  Halte es stetig in sorgender Hut.
Fühlst du im Blick einen glühenden Flimmer,
  Warte und schweig, denn - - du bist jetzt nicht gut.
Warte und schweig, bis ein besseres Regen,
  Welches die sündige Wallung vertrieb,
Zeit gewann, sich in dein Auge zu legen;
  Dann rede frei, denn - - du bist wieder lieb.
310


Zunächst einmal verführt ihn sein Groll aber zu einem Vergleich von Emma und Klara, und da schneidet Emma schlecht ab; denn während Klara sich rührend um ihren Richard kümmert, wie pflegt Emma ihn?


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Ich hatte mich erst zu erholen. Die strengste Schonung war geboten. Ich fand sie bei Plöhns, bei meinem rührend treuen Araber, bei diesem Weibe aber nicht! Es ist nicht meine Absicht, ganze Reihen von Ehescenen zu schildern, um nachzuweisen, wie man es anzufangen hat, einen kranken, fast widerstandslosen Mann zu Tode zu quälen, ohne daß andere Leute Etwas davon merken. (Studie, S. 893)


Wieder ist eine Verschiebung eingetreten: Es formiert sich vorsichtig das Dreieck Klara-Richard-Karl, bestehend aus zwei zu pflegenden Männern, einer Frau, die diesen Ansprüchen gerecht wird und daher weniger Zeit für ihre Freundin hat, und eben der außenstehenden Emma, deren Aggressionen daraufhin wachsen müssen. Sollte May - was kritisch einschätzen ist - in seiner Eingabe an das Landgericht Berlin zutreffend ausgeführt haben, daß Emma ihm gegenüber in Arenzano in Anwesenheit der Plöhns wahrheitswidrig beteuert habe, daß die Münchmeyer-Dokumente gut aufgehoben seien (Sie hörten diese Lüge, fürchteten sich aber, mir die Wahrheit mitzuteilen311), dann würde sich ein weiteres Distanzierungsmoment zwischen beiden Plöhns und Emma ergeben. Denn das Miterleben einer Lüge, die man gegenüber dem belogenen Freund nicht zu enthüllen vermag, wäre eine peinliche, konfliktträchtige Situation, die Schuldgefühle und Ablehnung gegenüber der dafür Verantwortlichen mobilisiert. In der wesentlich genaueren ›Studie‹ fehlt bei der entsprechenden Stelle allerdings jeglicher Hinweis auf eine Anwesenheit der Plöhns bei Emmas Lüge ... (vgl. Studie, S. 899)

   May, zunächst geflüchtet in Schreiben und Dichten, sammelt neue Kräfte und nimmt dann wahr, daß Emma Terrain zurückerobern will, folgerichtig über spiritistisch verkleidete Beeinflussung von Klara:


... dachte ich auch von Neuem über den Spiritismus nach, mit dem meine Frau hier derart zu manipuliren begann, daß ich auf ganz besondere Abwehr denken mußte: Sie zwang Frau Plöhn mit ihr zu sitzen. Man schrieb dabei. Was mir dann vorgelesen wurde, enthielt die tollsten, aber ächt weiblichen Phantastereien und Widersprüche und lief mit tödtlicher Sicherheit stets darauf hinaus, Herrn und Frau Plöhn ganz unbemerkt zu entzweien und ihnen den Geschmack an der Orientreise zu benehmen. (Studie, S. 893f.)


Er schweigt wie üblich, sinnt aber auf ebenso stille wie wirksame Gegenwehr und findet sie in dem


taktischen Bestreben, dieses gefährliche Weib spiritistisch zu isoliren und dadurch ihre Gifte zu neutralisiren, ohne daß sie fühlte und bemerkte, daß ihre suggestive und hypnotische Macht dadurch gebrochen werde. (Studie, S. 894)


Der Plan: die Sitzungen durften nicht verboten werden, das wäre kontraproduktiv gewesen, sie sollten vielmehr ersetzt werden durch getrennt voneinander stattfindendes Aufschreiben von ›Geisterantworten‹ auf zuvor gemeinsam ausgedachte Fragen, wobei May davon ausgeht, daß Emma alsbald die Lust daran verlieren werde: Ich rechnete dabei auf ihre außeror-


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dentliche Schreibfaulheit und auf ihren unüberwindlichen Widerwillen gegen Alles, was mit einer rein geistigen Anstrengung verbunden ist. (Studie, S. 894) Taktisch klug gewinnt er Richard Plöhn als Verbündeten für diese Ablenkungsstrategie, die Klara Emmas Einfluß entziehen soll (was Richard Plöhn ja nur mehr als recht sein kann).


Herr Plöhn, den ich in das Vertrauen zog, freute sich hierüber. Er war der Meinung, daß sich dabei aus dem spiritistischen Schwindel reine Denkübungen und Selbstbetrachtungen entwickeln würden, aus denen die beiden Frauen nur Nutzen schöpfen könnten. (Studie, S. 894)


So wird es ausgeführt:


Frau Plöhn war es überhaupt gewöhnt, keinen eigenen Willen zu haben; sie sagte sofort ja. Und was meine Frau betrifft, so war auch sie auffällig schnell einverstanden, als sie hörte, daß auch ich mich mit betheiligen werde. Ich hatte mich stets von den Sitzungen ferngehalten; nun aber war sie überzeugt, wieder Einfluß, nämlich spiritistischen, auf mich zu gewinnen und mich derart zu beherrschen, wie sie Frau Plöhn beherrschte. (Studie, S. 895)


Eine liebevollere, aber im Tenor identische Beschreibung von Klara Plöhn liefert May in seiner 1911 entstandenen Eingabe an das Landgericht Berlin:


Seine [Richard Plöhns] Frau, eine seelisch hochstehende und auch geistig sehr begabte Dame, gehörte zu den weiblichen Charakteren, welche von ungewöhnlicher Weichheit sind und darum leicht beeinflußt werden. Man hat sie darum und weil ihr Wert ein hoher ist, sorgfältig zu behüten.312


Niemals also verläßt May den Grundton seines Eingangsszenarios: Emmas spiritistisch maskierte, tatsächlich suggestive Beherrschung von Klara, die ohnehin keinen eigenen Willen hat und deren Schicksal zugleich Mays eigenem ähnelt. Während also alle Personen jeweils einen einsamen Ort aufsuchen, um über die gestellten Fragen nachzudenken und Antworten aufzuschreiben, die angeblich von Geistern stammen, entwickelt sich plötzlich ein Veredelungsverkehr (Studie, S. 896), der sogar Emma erfaßt, während die Männer sich zuzwinkern:


Wer da glaubte, daß ihm diese Antworten von Geistern gegeben seien, der wurde in dieser Annahme nicht gestört. Wir beiden Männer aber wußten sehr wohl, daß es nur die Gedanken des eigenen Innern waren ... (Studie, S. 895)


Das Ergebnis ist jedenfalls das gewünschte, wenn auch der direkte Vergleich wieder zugunsten Klaras ausfällt:


Die Reise durch den Orient wurde jetzt mit andern Augen betrachtet; man hielt sie für sehr nöthig. Es sind damals von den beiden Frauen, besonders aber von Frau Plöhn, eine Menge sehr guter Gedanken zu Tage gefördert worden, und es ge-


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schah sogar das große, fast himmelblaue Wunder, daß meine Frau sich ein Buch anlegte, um sie niederzuschreiben und sich aufzubewahren. (Studie, S. 896)


Bei Emma hält die Faszination des Dialoges mit dem eigenen Geist und der eigenen Seele nur so lange vor, bis sie erkennt, daß es sich hierbei in Wirklichkeit nicht um Kommunikation mit den Geistern handelt. Und jetzt, als Plöhn im Orient gesundet, fällt May der Kontrast zwischen Klara und Emma erst richtig auf:


... seine Frau fühlte sich unendlich glücklich darüber und beschäftigte sich mit sorgenfreierem Gemüth mit den Schätzen, die der Orient vor ihrem staunenden Auge entfaltete. Sie war in künstlerischen Anschauungen erzogen und hatte einen sehr guten, offenen Blick für Alles, was sich Köstliches ihr bot. Ich begann, zu erkennen, daß sie doch vielleicht nicht das »Gänschen« sei, für das ich sie bisher gehalten hatte. Meine Frau aber sah von all diesen Herrlichkeiten nichts. Sie hatte keinen Sinn hierfür. Sie sah nur Steine, nur Sand, nur Dattelpalmen, nur Pferde und Esel und Menschen und weiter nichts. Und sie sah die Hôtelrechnungen! ... Sie verletzte Herrn Plöhn, der außerordentlich feinfühlig war, so oft und so tief, daß in Folge des immerwährenden Aergers seine Krankheit sich wieder verschlimmerte. Den wiederholt gefaßten Gedanken, sich mit seiner Frau von uns zu trennen und direct nach Hause zu reisen, führte er nur aus Rücksicht für mich nicht aus. (Studie, S. 897f.)


Die Dynamik steigert sich. Das Dreieck Richard-Klara-Karl schottet sich ab, Emma steht draußen. Und alles spielt sich in einem schicklichen Bereich ab: es sind lediglich eigene innere Vorgänge, die May beschreibt, die zu einer Verschiebung der Schwesterbeziehung Emma-Klara zu einer Bruder-Schwester-Beziehung Karl und Klara führt, in die sich gegebenenfalls auch noch Emma integrieren läßt - je nach der gerade Emma beherrschenden Laune. Klaras Reaktionen auf die vermutlich äußerlich kaum erkennbare Hinwendung Karls werden nicht mitgeteilt; vielleicht hat sie davon, im Gegensatz zu Emmas intuitiver ex-post-Wahrnehmung, nicht einmal etwas bemerkt. Die Darstellung in der ›Studie‹ über die Entwicklung von Mays Ehe und Mays langsam erwachender Wahrnehmung von Klara, die, unter anderen Umständen, seinem geistigen Frauenideal entsprechen könnte, fügt sich paßgenau in seine persönlichen zeitnah produzierten Selbstzeugnisse. Denn am Ende der langen Reise, an Klaras Geburtstag am 4. Juli 1900 in Istanbul, notiert er in seinem Reisetagebuch: Heute Klaras Geburtstag. Leider hat Konstantinopel keine Blumen für so Etwas. Gott segne sie mit der Fülle seines Segens! ›So Etwas‹: nicht einmal in der Privatheit eigener Notizen will ihm ein passender Ausdruck für Klara und was sie nun für ihn darstellt, einfallen; der doppelte Segen, eine für einen wortgewaltigen Schriftsteller hilflos anmutende Formulierung, verrät ebenfalls seine Gefühlsverwirrung, vor der er in sichernde Religiosität flüchtet. Ein für sie geschriebenes Gedicht trägt die Widmung: Unserer Herzensschwester Klara am 4. Juli 1900 in Konstantinopel. ... Deine Geschwister Emma und Karl.313 In der Ent-


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äußerung hat er dann eine Formel gefunden, die tragfähig erscheint und seine Freundschaft zu Richard Plöhn nicht gefährdet.

   Zu Emma dagegen notiert er am 27. Juli 1900: Wagenfahrt nach den Dolomiten. Abgestiegen im Karersee-Hotel. Gut! Gründlich verdorben! O dieses Weib!314

   Am 30. Juli 1900 vermerkt er folgerichtig in München: Morgen 8,42 geht es heim. Mutters Geburtstag, und er meint damit Klaras Mutter, nicht seine eigene.315

   Mit Richard Plöhns Tod am 14. Februar 1901 zerbricht diese Konstellation. Klara Plöhn ist untröstlich: Frau Plöhn aber nahm sich den Tod ihres Mannes tief zu Herzen. Sie aß nicht; sie trank nicht; sie wollte auch sterben, so sehr hatte sie ihn geliebt. (Studie, S. 914) Auf Fotos aus dieser Zeit wirkt sie, obwohl erst siebenunddreißig Jahre alt, matronenhaft und depressiv.316 Emma reagiert, folgt man der stringenten Logik der ›Studie‹, vorhersehbar: sie muß ja Klara aus dieser rückwärtsgewandten Starre herausholen und wieder für sich gewinnen:


Sie hatte keine Spur von Mitleid; ja, sie lachte. Als wir vom Grabe nach Hause kamen, sagte sie: »Wie man nur heulen kann, wenn so ein alter, dicker Ekel stirbt! Nun ist sie ihn doch los!« (Studie, S. 914)


Und meine eigene Frau wartete gar nicht erst, bis ich starb, sondern sie gab mir schon zu Lebzeiten wiederholt und mit sichtbarer Freude zu verstehen, daß es ihr gar nicht einfallen werde, auf den Kirchhof zu kommen, wenn ich gestorben sei. Als mein Freund Plöhn starb, der erste Mann meiner jetzigen Frau, tröstete sie die Wittwe mit den Worten: »Ich wollte, er lebte noch und Meiner wäre dafür gestorben (Studie, S. 856)


Wiederum in der verknappenden Zusammenfassung belastender erscheint Mays Formulierung in der Eingabe: Die Pollmer sagte zu seiner Witwe: »Wenn doch ich an Deiner Stelle wäre!« Ich hatte also ganz richtig beobachtet: Sie wünschte meinen Tod.317 Das ist kurz und bündig gesagt, trifft aber Emmas im übrigen ersichtliches Ziel nicht direkt: finanziell sorgenfreie Witwenschaft mit all der Freiheit, die diese Position mit sich bringt, das dürfte in ihrem Alter - und schon mit vierzig Jahren war eine Frau im 19. Jahrhundert alt - tatsächlich eine verlockende Perspektive im Vergleich zu einer asexuellen Beziehung mit einem älteren, schulmeisterlich-moralisierenden Mann dargestellt haben: der zur Erlangung dieses Ziels erforderliche Tod des Ehemannes tritt demgegenüber allerdings als bloßes ›Durchgangsziel‹ in den Hintergrund.318

   Emmas Reaktion auf Klaras Trauer gehört zu den hinreichend dokumentierten Ereignissen in Karl Mays Privatleben, spielte diese Szene doch in dem Scheidungsverfahren eine nicht unerhebliche Rolle. Obwohl May offenbar aus Scham zunächst davon abgesehen hatte, persönliche Kränkungen in den Prozeß einzubringen, ließ er dann mit weiterer Klagebe-


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gründung vom 7. November 1902 - nach Scheidungsklage vom 10. September 1902 - die entsprechenden Vorwürfe erheben, die das Gericht später wie folgt wertete:


Sie hat weiter durch die absichtlichen Kränkungen und gemeinen Beschimpfungen ihres Ehemannes die Ehre desselben auf's Tiefste verletzt, durch ihr ganzes Verhalten aber eine ehrlose und unsittliche Gesinnung an den Tag gelegt und dadurch eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses verschuldet, daß dem Kläger - wie des näheren Nachweises nicht bedarf - die Fortsetzung der Ehe mit ihr nicht zugemutet werden kann.319


Einer der - insoweit zur Begründung einer schuldhaften Zerrüttung juristisch erforderlichen - Vorwürfe aus der weiteren Klagebegründung lautete: »Wenn er nichts aß, hat sie erklärt, ob der Kerl ißt oder nicht ißt, ist mir ganz egal, es ist mir eine Wonne, den Kerl abzuärgern. Ich wollte, ich wäre Witwe.«320

   Klara, am 22. Dezember 1902 als Zeugin vernommen, hat diese Vorwürfe bestätigt:


Die Beklagte hat jahrelang in der gehässigsten Weise ihren Mann behandelt. Er war ihr lästig; sie wollte ihn los sein und auch nicht für ihn kochen. (...) Als vor etwa 2 Jahren mein Mann starb, äußerte sie zu mir: »Ich wünschte, ich wäre an Deiner Stelle, ich würde mich nicht abgrämen.«

   Als sie mich wiederholt auf den Friedhof gehen sah, äußerte sie zu mir: »Ich würde nicht auf den Friedhof gehen.«

   Wiederholt hat sie zu mir gesagt, sie wäre froh, wenn sie allein wäre, sie wolle das Leben genießen.321


Ihre Mutter hat diverse Beschimpfungen Emmas gegenüber Karl ebenfalls bestätigt und zu Emmas Reaktion auf Richard Plöhns Tod ausgeführt: »Als der Mann meiner Tochter gestorben war, äußerte sie: ›Ich wollte an Deiner Stelle sein, ich wollte nicht soviel auf den Gottesacker laufen.‹«322

   Das männlich besetzte Gericht referierte diese, eher harmlos-zurückhaltenden Aussagen, allerdings genau so wie Mays Anwalt in der Begründungsschrift und May in seiner ›Studie‹, ja gar ähnlich wie in seiner später verfaßten Eingabe, wie sich den mitfühlenden Entscheidungsgründen entnehmen läßt:


Er war ihr lästig, deshalb wollte sie ihn los sein und wollte für ihn nicht einmal mehr kochen. Sie ist geflissentlich darauf ausgegangen, den Kläger zu kränken und ihm wehzutun, hat ihn auch mit Schimpfworten gemeinster Art wie »Kerl, Saukerl, alter Ekel, verrücktes Luder« belegt und geäußert: »(...) sie wäre froh, wenn sie alleine wäre, sie wolle das Leben genießen; auf den Friedhof würde sie an sein Grab nicht gehen.«323


Letzteres hatten weder die Zeuginnen behauptet noch stand es in der Klagebegründungsschrift. Aber in diesem Sinne zwanglos auslegbar waren die


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kolportierten Äußerungen durchaus. Und daß sie tatsächlich sinngemäß gefallen sind, ist zweifellos wahr, denn Emma hat sie nicht bestritten; in ihrer Beschuldigtenvernehmung vom 13. Dezember 1907 in dem Meineidsverfahren nimmt sie die Gelegenheit wahr, nachdem sie an dem Scheidungsverfahren nicht beteiligt war, endlich einmal vor Gericht ausführlich zu dem ihr bekannten Vorwurf Stellung zu nehmen; ihre weit ausholenden Ausführungen haben den Charakter einer Rechtfertigung, und um diese zugleich mit einer Herabsetzung Klaras zu verbinden, der ihr eigentlicher Zorn als verlassene Geliebte gilt, nimmt sie die größten Widersprüche in Kauf:


Plöhns waren seit langer Zeit gute Bekannte und Freunde von uns. Wir verkehrten fast täglich zusammen, insbesondere war ich mit Frau Plöhn so häufig zusammen, daß man uns in Radebeul für Schwestern hielt. (...) Ich hatte Frau Plöhn so lieb gewonnen, daß ich ihr alles zuteil werden ließ, was mir zuteil wurde. Das habe ich später bitter bereuen müßen.

   (...) Als ich einmal drei oder vier Wochen vor dem Tode des Herrn Plöhn bei der Frau Plöhn war, um mich nach dem Befinden ihres Mannes zu erkundigen, erklärte sie mir - was sehr bezeichnend für sie ist, »der Kerl spielt jetzt seinen letzten Trumpf aus!«. Nach außen machte es mir den Eindruck, als hätten Plöhns glücklich zusammen gelebt. Er war ein sehr guter Mensch, der sich alles gefallen ließ und sehr unter dem Pantoffel seiner Frau und seiner Schwiegermutter stand. (...) Nach dem Tode ihres Mannes war sie äußerlich tief unglücklich. Sie besuchte fast täglich zweimal in der ersten Zeit das Grab ihres Ehemannes und trug frische Blumen hin. Einmal tat ich ihr deswegen Vorhalt und erklärte ihr, daß es doch eigentlich unserem spiritistischen Glauben nicht recht entspreche, daß sie so oft das Grab ihres Mannes besuche, da wir doch ganz genau wüßten, daß dort nur der Körper ruhe, während sein Geist bei uns sei. Ferner sagte ich ihr, daß ich, wenn mein Mann einmal stürbe, nur vielleicht alle 8 Tage nach dem Friedhofe hinaus gehen würde. Mein Mann, dem ich dies auch erzählt habe, war auch vollkommen damit einverstanden und erklärte mir, daß er es im Falle meines Todes selbst nicht anders machen würde.

   Diese meine harmlose Aeußerung, die ich als Freundin zur Freundin getan habe, ist mir dann in dem von meinem Mann auf Veranlassung der Frau Plöhn anhängig gemachten Ehescheidungsprozesse in ganz abscheulicher Weise ausgelegt worden, indem man aus ihr einen Ehescheidungsgrund konstruierte. Das Grab ihres Mannes hat die Plöhn nach meiner festen Ueberzeugung nur deshalb so häufig besucht, um nach außen hin ihrer tiefen Trauer Ausdruck zu verleihen, obgleich es in ihrem Innern nicht so aussah. Direkt nach dem Tode ihres Mannes habe ich die Plöhn im Einverständnis meines Ehemannes 14 Tage lang zu mir genommen, um ihr stets tröstend zur Seite stehen zu können.324


Es paßt nichts zusammen in dieser tendenziösen Anti-Klara-Aussage: seit Jahren engstens befreundet, tägliche Besuche, die beiden Frauen wie Schwestern - und dann  w e i ß  Emma nicht, ob Klara Plöhn ihren Mann wirklich liebt oder nur nach außen hin, sogar vor ihrer ›Schwester‹, so tut als ob? Denn die Art ihres mit Spiritismus-Vorstellungen begründeten ›Vor-


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halts‹, um Klara von der Sinnlosigkeit derartig vieler Friedhofbesuche zu überzeugen, setzt ja voraus, daß Emma glaubt, Klara liebe ihren Mann und habe Interesse daran, seinen Geist stets um sich zu haben. Da ist Richard Plöhn ein ›sehr guter Mensch‹ unter dem Pantoffel seiner Frau, die ob dieses idealen Ehemannes ja entzückt sein müßte: aus welchen Gründen dann spricht Klara gehässig über die Krankheit dieses ›Kerls‹ als ›seinem letzten Trumpf‹? Da verrät ihr Klara doch spätestens mit diesem Satz, daß sie ihren Mann, der sie zu zeitaufwendiger Pflege und damit zu einer unerwünscht zeitraubenden Zuwendung zwingt, als Last, wenn nicht gar als Ballast betrachtet. Sollte dieser Satz von Klara aber tatsächlich ausgesprochen worden sein, mußte Emma schon vor Plöhns Tod genau gewußt haben, daß Klara ihren Mann nicht ›wirklich‹ liebte, also des Spiritismus-Hinweises genau so wenig bedurfte wie Emmas trostreicher Mitteilungen zur ›normalen‹ Anzahl hypothetischer Besuche am Grabe ihres eigenen Mannes. Daß Klara also nach dem Tod ihres Mannes keinen Trost brauchte, steht damit auch fest. Und trotzdem nimmt Emma Klara bei sich (wohlgemerkt: bei sich!) auf, um sie zu trösten?

   Selbst wenn man davon ausgeht, daß Klara und ihre Mutter wegen ihrer persönlichen Nähe zu Karl May im Dezember 1902 ›natürlich‹ bestätigende Angaben machen würden, so fällt doch auf, daß ihre Aussagen, vorgetragen ohne erkennbare überschießende Belastungstendenzen, widerspruchsfrei sind und nicht nur von Karl May, sondern in ihrem wesentlichen Inhalt sogar von Emma bestätigt werden, die lediglich kleinere inhaltliche Korrekturen anbringt bzw. eine harmlose ›Auslegung‹ offeriert. Immerhin offenbart Emma unfreiwillig, daß sie sich durchaus Gedanken über das Ableben ihres Mannes und ihr eigenes Leben danach machte, daß sie Richard Plöhn trotz seiner ablehnenden Haltung ihr gegenüber für ›gut‹ und weich hielt - denn er gestattete ihre Freundschaft zu Klara - und daß ihr Ausdrücke wie ›Kerl‹ nicht fremd waren; vor allen Dingen aber, daß sie das Zusammenleben von Mann und Frau in Kategorien des Kampfes betrachtete: unter dem Pantoffel stehen, letzte Trümpfe ausspielen ... Daß es sich bei dieser Ausdrucksweise um Emmas eigene Formulierung handelt, die ihr geläufig war und die ihre grundsätzliche Einstellung zu der Binnenstruktur in allen Liebesverhältnissen widerspiegelt, ergibt sich aus einem ihrer überaus unverstellten Briefe an das ›Kaninchen‹ vom 12. September 1910:


Die Plöhn schreibt mir wieder einen fürchterlichen Wisch. Es wäre wieder sehr viel passiert, daß sie glaubte ich sei verrückt geworden, oder so schlecht, daß verrückt noch eine Gnade wäre. Denke Dir nur diese Schlange! - - Hoffentlich spielt sie jetzt ihren letzten Trumpf aus.


Sie haßte Klara tatsächlich abgrundtief nach ihrem Verrat: denn was Klara ihr durchaus zu Recht vorgeworfen hatte, war Emmas Gerede über eine ›Blutschande‹ Mays mit seiner Nichte Clara, was Emma nachfolgend wie folgt minimiert: »Du brauchtest schließlich L. [Lebius] nichts von dem Kin-


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de zu sagen, denn von Blutschande weiß ich nichts. Er hat sie nur abgeküßt und sich zu ihr ins Bett gelegt. Was sagst Du zu allem?«325

   Klara hat übrigens in einem Brief an Emma von Januar/Februar 1903, in dem sie ihr gegenüber heftig und glaubhaft bestritt, im Scheidungsverfahren einen Meineid geleistet zu haben, zumindest ein Detail von Emmas Aussage, die sie offensichtlich bereits kurz nach der Scheidung in Briefen kundgetan hat, bestätigt, nämlich Emmas Verweis auf den Spiritismus:


Es fällt mir gar nicht ein Dir in Abrede stellen zu wollen, daß Du auch im spiritistischen Sinne vom Friedhof gesprochen hast, aber mit dieser einen Auffassung kannst Du doch die tief eingeprägte Andere nicht verwischen.326


›Auch‹ im spiritistischen Sinne, nicht ›nur‹ also.

   Wahrheitsfindung im komplexen sozialen Nahbereich gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die die Rekonstruktion eines Lebenssachverhalts aus Akten abverlangt. Aber die Frage, ob Klara ihren Mann zutiefst, ihren eigenen Lebenswillen beeinträchtigend, betrauerte oder ob sie ihre Trauer nur vortäuschte: ob also Karl Mays stringente Darstellung in der ›Studie‹ zutreffend ist oder Emmas widersprüchliche Aussage, läßt sich durch die Gesamtschau aller verfügbarer Dokumente eindeutig beantworten. Klara hat im Rahmen ihrer Zeugenvernehmung vom 8. November 1909 in dem gegen Emma gerichteten Beleidigungsprozeß bestritten, daß sie täglich in dem »angegebenen Maße«327 für 10 oder 20 Mark Blumen auf das Grab ihres ersten Mannes gelegt habe, wie Lebius auf Grund von Emmas Informationen in seinem Artikel ›Ein spiritistisches Schreibmedium als Hauptzeuge der ›Vorwärts‹-Redaktion‹ behauptet hatte. Zu der weiteren in diesem Artikel erhobenen und mit der Beleidigungsklage als falsch zurückgewiesenen Behauptung, sie habe das zusammengerollte Sterbehemd des Gatten auf der bloßen Brust getragen,328 hat Klara in ihrer Aussage demgegenüber keinerlei Angaben gemacht.

   Wenn etwas bezeichnend ist, dann jedenfalls dieses Detail. Denn die Lebius-Behauptung trifft im Kern, wenn auch wohl nicht hinsichtlich des konkreten Gegenstandes - und daher juristisch zu Recht bestritten -, offensichtlich zu:


Und als Frau Plöhn diesen ihren verstorbenen Mann so heilig hielt, daß sie dann aus Liebe zu ihm einen ihm bei seinem Tode sehr nahe gelegenen Gegenstand ununterbrochen auf dem Herzen trug, rief meine Furie höhnisch lachend aus: »Die ist verrückt! Die hat einen Klapps! So einen alten, ekelhaften, dicken, fetten Kerl noch so im Tode anzubeten! Aber diesen Wahnsinn treibe ich ihr aus!« Sie ruhte auch wirklich nicht eher und machte Frau Plöhn so lange lächerlich, bis diese das Andenken beseitigte. (Studie, S. 856f.)


Ein zusammengerolltes Sterbehemd war es wohl nicht, was Klara auf der bloßen Brust getragen hatte, eine solche Annahme erscheint auch wenig


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realistisch. Aber ein anderer, weniger auftragender Gegenstand, möglicherweise gar ein Stück Stoff aus seinem Sterbehemd, wird es schon gewesen sein, sonst hätte Emma eine derartige Grundinformation im Jahr 1909 nicht an Lebius weitergegeben. Erfinden konnte Lebius dieses, von May in der ›Studie‹ ja grundsätzlich bestätigte, Detail schlechterdings nicht. Dieses Detail bedeutet aber, daß Klara tatsächlich an ihrem elf Jahre älteren Mann, der sie wesentlich geformt hatte, hing und nach seinem Tod jeglichen Halt, den gesamten emotionalen wie auch sozialen Rahmen ihres Lebens, verloren hatte.329 Zur Abrundung des Bildes sei hier noch eine Notiz von Klara May nachgereicht, die sie am 6. August 1942, also lange nach Karls und Emmas Tod (1912 und 1917) über Emma und jene Zeit kurz nach Richards Tod fertigte: »›Emma richtete mich durch ihre heitere Art auf, ich unterlag ihrem Wesen. Sie war immer lieb zu mir in den Tagen der Leiden.‹«330 Alles, was May über diese Zeit in der ›Studie‹ schreibt, bestätigt sie mit diesen zwei kurzen Sätzen: daß sie um ihren Mann trauerte, daß Emma sie tröstend-liebend umwarb und daß sie selbst ihrer Freundin Emma ›unterlag‹. Die Notiz als rückblickende Bewertung ist deshalb so wertvoll, weil sie ohne Einflußnahme jener beiden Personen entstand, zwischen denen sie sich, solange beide lebten, hin- und hergerissen fühlte. Sie kam nie los von Emma ...

   Daß Emma ihre Freundin aus der über den Tod ihres Ehemannes hinausreichenden Verbindung zu ihm lösen mußte und wollte, ins Leben und zu sich zurückholen wollte, ist nach all dem und den eigenen Mitteilungen über ihre einstige Liebe zu Klara so zwingend wie die konsequente Studie von Karl May selbst.

   Sie schafft es auch; jetzt, wo das Korrektiv Richard Plöhn weggefallen und May viel zu schwach ist, um sich gegen die Frauen durchzusetzen, vereinnahmt sie Klara mit Haut und Haar. May trägt Klara eine Stelle als seine Sekretärin an, um


sie von dem schweren Verluste abzulenken. ... Das war Wasser auf die Mühle meiner Frau. Sie stimmte sofort ein. Sie nahm sie mit in ihre »nackte Stube«, die an meine Bibliothek stieß. ... »Mausel, nimm die Stelle an!« rieth meine Frau. »Zwei gegen ihn, sind besser, als ich nur allein! Ich mag keinen Schreiber ins Haus; Dich aber kann ich brauchen. Ich setze es durch, daß Du 2000 Mark Gehalt bekommst, vielleicht auch 3000; wie ich und Du uns stehen, ist das jedoch Alles gleich!« Ich ging leise fort; es war genug für mich! (Studie, S. 914)


Emma nimmt Klara mit in ihre »nackte Stube«: das ist die eigentliche Botschaft dieser diskreten Sätze. Die Villa Shatterhand war groß genug, um einen Ort zu finden, an dem die Frauen ungestört miteinander hätten reden können. Aber in der ›nackten Stube‹, gerade an diesem Ort, wird die Allianz der Frauen gegen den Mann geschmiedet, und das, weil Emma ihre Freundin brauchen kann ... Alle Elemente des Eingangsszenarios gruppieren sich hier in seltener Eindeutigkeit zu einem Bild, das keiner weiteren Erklärung bedarf: Klara wird in den Raum erotischer Ersatzbefriedigung


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gezogen, weil Emma sie braucht, ›gegen‹ den Mann braucht, der seit Februar/März 1901, kurz nach Richard Plöhns Tod, jeglichen Geschlechtsverkehr mit ihr aufgegeben hat.

   May geht nach dieser Szene im ›nackten Zimmer‹ fort, es war genug für ihn. Nicht der im Vergleich zu anderen berichteten Aussprüchen Emmas eher harmlose Gesprächsinhalt treibt ihn in die Flucht, als vielmehr die Vorstellung, was da sonst noch alles in der ›nackten Stube‹ zwischen den Frauen stattfinden könnte: das will er zum ersten Mal nicht genau wissen; aber dann zahlt er Klara das von Emma vorgeschlagene Gehalt von 3000 Mark tatsächlich, ja, er zahlt sogar 1500 Mark pränumerando:


Ich that dies, weil ich sie zwar immer noch unterschätzte, sie aber doch für unendlich ehrlicher hielt als meine eigene Frau und sie als, so zu sagen, Puffer zwischen dieser und mir verwenden konnte. Ich aß von jetzt an nur das, was ich von ihrer Hand bekam, nicht aber von meiner Frau. ... Ich beobachtete Frau Plöhn ganz selbstverständlich sehr scharf und bemerkte, daß sie ungemein ehrlich war. Das freute mich. Meine Frau aber brachte dies in Zorn. ... Es kam zu sehr scharfen, von ihrer Seite höchst giftigen Conflicten, die ich im Stillen beobachtete. Frau Plöhn ertrug das mit ungewöhnlicher Selbstbeherrschung. Nicht etwa wegen des Gehaltes, den sie bekam, sondern um mich nicht noch mehr leiden zu lassen, als ich so schon litt. Meine Bestie aber richtete all ihren Aerger schließlich doch immer nur auf mich und versäumte keine Gelegenheit, die sich ihr bot, mich zu kränken und zu verletzen. (Studie, S. 915f.)


Emma hat gewonnen, aber sie kann ihren Sieg nicht genießen; da gibt es eine leise, auf Mitleid und moralische Übereinstimmung gegründete Annäherung von Klara zu Karl, der selbstverständlich alles wieder einmal nur beobachtet und der dann auch noch profitiert von der Daueranwesenheit ihrer Geliebten, die sich als die sexuellen Bedürfnisse Emmas abfedernder und damit befriedender Puffer zwischen den Eheleuten bewährt.

   In seiner Eingabe hat Karl May diese Phase, die nach dem Tod von Richard Plöhn einsetzte und bis zur Reise der Entscheidung am 21. Juli 1902 andauerte, ähnlich beschrieben:


Sie [Emma] veranlaßte nach dem Begräbnisse die Frau Plöhn, einige Wochen bei uns zu wohnen, angeblich um besser über die erste Zeit der Einsamkeit hinwegzukommen, in Wirklichkeit aber, um mir mein Heim vollends zu verleiden und eine Verbündete gegen mich stets bei der Hand zu haben. Aber in diesen ihren Absichten scheiterte sie, denn sie war zu kurzsinnig und zu leichtfertig, als daß sie bemerkt hätte, daß Frau Plöhn, seit sie meine Korrespondenz besorgte, notwendigerweise ahnen gelernt hatte, wer den Vorwurf verdiente, ob der Mann oder die Frau, das Unglück unserer Ehe zu verschulden. ... Das Beisammenleben in denselben Räumen duldete kein Verbergen; es wurde alles offenbar. Frau Plöhn sah jetzt vor Augen, was ich so lange Jahre hindurch verheimlicht hatte. Der sogenannte Engel entpuppte sich als Satan, ja oft sogar als Bestie, und alle Verleumdung, daß ich ein Tyrann sei, kam nun an den Tag. Es war, als komme es zur Offenbarung, weshalb ich damals partout nach Bagdad geschickt werden sollte.331


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In der zielgerichteten Lebens-Interpretation der 1911 entstandenen Eingabe geht er, obwohl der Sachverhaltskern identisch ist, wieder einmal über die weitaus sensiblere Schilderung in der ›Studie‹ hinaus; auch zeitliche Einordnungen gelingen ihm dort, altersbedingt und zermürbt durch den gräßlichsten Prozeß, den er je durchzustehen hatte, nicht mehr; so verlegt er den Beginn der regelmäßigen und ausschließlichen Erledigung seiner Korrespondenz durch Klara in eine Zeit, in der Richard Plöhn noch lebte, und unterlegt diese ihre Tätigkeit mit einer von Richard Plöhn und ihm gemeinsam verfolgten Zweckbestimmung:


Ich habe gesagt, daß ich Frau Plöhn nicht unsympathisch gewesen sei; nun aber hatte sie mich infolge der Pollmerschen Schnattereien beinahe hassen gelernt. Sie hielt das Alles für wahr und bedauerte meine Frau auf das Herzlichste, einen solchen Mann zu haben. Ich bemerkte das wohl, war aber still dazu.332


Emma lehnt die Erledigung der umfangreichen Leserpost aufbrausend ab:


Als Plöhn das hörte, bat er mich allen Ernstes, diese Arbeit seiner Frau zu übergeben; er wünsche dies dringend, ihrer Aus- und Fortbildung wegen und außerdem aus rein persönlichen Gründen. Ich verstand ihn gar wohl und erfüllte seinen Wunsch. Das war der Weg, von dem ich soeben sprach, der schnellste und sicherste Weg, durch die Einsicht in mein Wirken und Wollen seine Frau von dem Einflusse der Pollmer frei zu machen. Die Erstere ist seit jener Zeit meine Sekretärin gewesen und geblieben bis auf den heutigen Tag.333


Das sind nachträgliche Erkenntnisse über die Auswirkungen von Klaras Arbeit für ihn, die er, weil sie den Wunsch nach Klaras Zuneigung offenbaren, als ein gemeinsames Ziel von Richard und ihm darstellen muß. Da er in der Eingabe nicht erzählt, sondern notwendigerweise vergröbernd einen Leser von seiner eigenen biographischen Deutung überzeugen will, verliert sie an jener Genauigkeit, die die ›Studie‹ in ihren beschreibenden Teilen auszeichnet.

   Der Kampf zwischen den beiden Frauen um Einfluß und Integrität scheint 1902 zugunsten von Klara auszugehen, die ihre (allerdings immer von anderen abgeleitete) Identität mit wachsendem Abstand zu Richard Plöhns Tod und gleichzeitiger Einfühlung in Karls Gedankenwelt wieder zu finden scheint; aber vielleicht träumt Karl May im Februar 1902, ziemlich am Ende mit seinen psychischen Kräften, auch nur einen Tagtraum: in seiner Nachlaßmappe ›Weib‹ finden sich vor einer Dramennotiz zu einem geplanten Vorspiel. Bei Marah Durimeh, folgende Sätze, die mit Vom 17-18ten Februar 1902 datiert sind: Drama: Immer dieselbe Erdenqual, dasselbe Elend, derselbe Jammer! Niemand steigt! Sie wissen nicht, daß niemand stirbt. Sag es Ihnen! W...334 Nach dem Vorspiel ist dann die Aufstellung zu einem Schachspiel zwischen Schetana und Fakira notiert, Frauenfiguren, die in den weiteren Nachlaßmappen ›Schetana‹ und ›Wüste‹ eine noch deutlichere Charakterisierung erfahren; links die schwarze Schetana, die am


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Schluß weiß wird, und rechts die weiße Fakira, die am Schluß schwarz wird, ein Entwurf, den Christoph F. Lorenz als Parabel einer Erlösung Schetanas durch Fakira deutet.

   In einer später gefertigten Skizze des Dramenschlusses sind die Ursprungsfarben, die Entwicklung der Figuren und der Gegenstand des Kampfes dann allerdings radikal verändert: Die Frauen tragen zunächst trügerische Gewänder, die ihre wahre Eigenschaft verleugnen:


S c h e i t a n a  (weiß, wird schwarz; zu ihm): So sei verflucht!
F a k i r a  (schwarz, wird weiß; zu ihm): Mir aber sei gesegnet


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Was ich bisher in deinem Aug' gelesen,
Es war so kalt, kein Glück, kein Sonnenschein.
Drum folgt dem Leid des Herzens kein Genesen,
Es stirbt das Leben hin und gehet ein.
Behüt' dich Gott, es wär so schön gewesen,
Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!
335


»Auch hier wird der Erlösungsgedanke angesprochen, nur in einer ganz anderen Weise als in der Aufstellungsskizze: nun ist es nicht Schetana, sondern der von ihr verführte Mann, der erlöst wird«, so Lorenz.336 Erlöst werden soll, wäre die genauere Interpretation, denn Fakira, resignierend, delegiert diese ihre Aufgabe an Gott. Max Finke, der im Karl-May-Jahrbuch 1922 eine erste Edition der Nachlaßmappen herausgegeben hat, hatte die Änderung der Schachfigurfarben für einen Irrtum des Autors gehalten und die erste Variante daher kurzerhand - stimmig mit der Schlußaufstellung - korrigiert, was in der Neuveröffentlichung der Nachlaßmappen durch den Karl-May-Verlag in ›Abdahn Effendi‹ wieder zurückgenommen worden ist.337

   Die Änderung der ursprünglichen Fassung erscheint nämlich höchst plausibel: May weiß mittlerweile, daß Klara-Fakira ihre Gegenspielerin Emma-Schetana weder besiegen noch erlösen kann. Und er will es auch nicht mehr. Das anfängliche Szenario war zu optimistisch, und seine Zielsetzung ist obsolet geworden. Ein neuer Kampf zwischen den Frauen beginnt, diesmal einer um den Mann (so jedenfalls die männliche Perspektive): und es ist zu vermuten, daß jener Entwurf der Schlußszene erst später, kurz vor oder während der Reise der Entscheidung im Juli/August 1902, entstanden ist ...

   Der Wendepunkt ist jedenfalls erreicht; May, der Konservative, denkt erstmals ernsthaft an Scheidung.




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