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I. Abwehr


Karl Mays Text: ›Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹ ist das von der Forschung wohl am häufigsten gelesene, gleichwohl am meisten verdrängte, ja, geradezu bekämpfte und manchmal sogar bewußt ausgeblendete Stück aus seiner Feder: unerläßlich ist seine Kenntnis und Wertung aber für denjenigen, der sich mit Mays Ehe und seinem Blick auf Frauen beschäftigt. Wenn es dennoch einen Autor wie Fritz Maschke gab, der 1973 eine Forschungsarbeit über die Ehe von Karl May und Emma Pollmer veröffentlichte, die Existenz der Studie aber lediglich mit einigen belanglosen Sätzen erwähnte, sie als bloße Prozeßverteidigungsschrift abqualifizierte2 und ihren Inhalt im übrigen schlicht ignorierte, dann kann daraus nur ein Schluß gezogen werden: dieses seltsame Stück Prosa löst Widerstände aus.

   Diese Widerstände sind offenbar so erheblich, daß manchmal die intellektuelle Redlichkeit auf der Strecke bleibt und, für einen May-Freund völlig unbegreiflich, das Stück sogar gegen seinen Autor gewendet wird: May habe seine geschiedene Frau so dargestellt, wie der Untersuchungsrichter, der gegen May, aber auch gegen Emma wegen Meineids ermittelte, sie sehen sollte ...3

   Dieser Satz heißt im Klartext nichts anderes als: Ein Beschuldigter darf schweigen; er darf sich aber auch verteidigen, er darf die Wahrheit verzerren, ja, er darf sogar lügen. Sein Verteidigungsrecht endet erst da, wo er wider besseres Wissen einen anderen einer Straftat bezichtigt. Karl May hat seine ›Studie‹ dem Untersuchungsrichter »privatim«4 zur Lektüre überlassen, also wollte er nur seinen eigenen Kopf aus der Schlinge ziehen, und dazu war ihm jedes Mittel recht. Die ›Studie‹ soll also nichts weiter sein als ein nicht einmal subtiles Verteidigungsmanöver, das darin besteht, eine als Mittäterin Beschuldigte bewußt zu disqualifizieren. Und dies alles vorsorglich nur für den objektiv ja eher unwahrscheinlichen Fall, daß Emma, die Mitbeschuldigte, sowohl sich selbst als auch ihren früheren Mann belasten werde.

   Andere Kommentatoren stempeln den Verfasser der ›Studie‹ schlicht als vorübergehend unzurechnungsfähig ab; und was man dem May-Verleger


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(»nachgerade krankhafte Verzerrung in der Darstellung von Karl Mays erster Frau«)5 noch gerade so eben durchgehen lassen kann - der beliebte Volksschriftsteller als misogyner Pantoffelheld paßt eben nicht so ganz ins kommerziell abgerundete Bild -, stimmt einen bedenklich, wenn ein Germanistikprofessor in dieselbe Kerbe von »Ausbruch von Panik« und »Trübung seines klaren Bewußtseins«6 haut. Ja, es wird noch schlimmer, Karl May bleibt die postume Ferndiagnose eines psychiatrischen Laien nicht erspart, der ihm für die Zeit der Niederschrift der ›Studie‹ im Jahr 1907 Paranoia sowie eine Angstpsychose attestiert.7

   Genau so von Abwehrtendenz gegen die Wucht des Mayschen Textes geprägt ist der Versuch desselben Autors, Heinz Stolte, den keiner Gattung zuzuordnenden Text zur Fiktion eines nun mal bekannterweise phantasiebegabten Autors zu erklären: wir hätten es mithin mit einer Prosa zu tun, die »auf seltsamste Art ein Zwitter zwischen Wahrheit und Dichtung« sei,8 in der der männliche Held auf ein Strohmännle reduziert und Gegenspielerin Emma zur Dämonin aufgebläht wird, während man mit genreüblichen Methoden den Feind bekämpft (Lauschen), um die Erlösung von dem Kampf schließlich durch ein Happy-End mit Klara, Mays zweiter Frau, zu krönen.9

   Das ist alles ganz falsch.

   Während die Frage, ob zuerst das Ei da war oder die Henne, tatsächlich nur mit Mühe zu beantworten ist, läßt sich die Frage, ob zuerst das Leben da ist und dann das Werk eines Autors, schon wesentlich leichter klären. May selbst hat zu dieser Frage im 4. Band seines Romans ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ eindeutig Position bezogen, als er das Ich sagen läßt:


»Denk noch so tief und schön, und sage es in Reimen, das, was du schreibst, ist dennoch kein Gedicht. Der wahre Dichter denkt und schreibt zwar auch, doch was er schreibt ist Wirklichkeit und Leben, ist niemals nur Erdachtes. Dem Einen fehlt das Selbsterleben des Andern. Der Eine ›hat‹ Geist, der Andere aber ›ist‹ Geist.«10


Und wenn in Mays Romanen viel gelauscht wird, dann hängt das eher damit zusammen, daß May in seinem Leben sehr oft die passive Beobachterrolle übernommen, diese vor sich selbst aber als aktives wissenschaftliches Studium der menschlichen Seele legitimiert hat. Hierfür ist die ›Studie‹ der beste Beweis.

   Abgesehen von dieser Selbstverständlichkeit: obwohl die ›Studie‹ Dramatik, Dialoge und eine, wenn auch arg zerstückelte, Chronologie aufweist, handelt es sich um keine gestaltete Fiktion, sondern um eine in jedem Zeitpunkt wertende Darstellung einer Frau und einer Ehe. Und ein Happy-End gibt es schon gar nicht: Die letzten Zeilen der ›Studie‹ lauten nämlich:


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Was will sie [nämlich Emma Pollmer] hier? Die alte Angst vor Schwefelsäure, Salzsäure, Gift u.s.w. taucht natürlich sofort von Neuem auf! Wahrscheinlich wohnt sie wieder bei Meyers, meinen erbitterten Feinden von Hohenstein-Ernstthal her? Also der alte Klatsch beginnt von Neuem! Da sind wir denn doch gezwungen, nachzuschauen! (Studie, S. 945f.)


So zynisch, den fiktionalen Charakter der ›Studie‹ nunmehr gerade durch diese letzten Zeilen zu belegen, die May bewußt als Cliffhanger gestaltet haben könnte, um die Neugier eines möglichen Lesers auf ein Fortsetzungskapitel zu steigern, mag ich nicht sein. Gegen diese These spricht auch bereits der Umstand, daß May diese Zeilen nach Forschung von Roland Schmid am 14. Dezember 1907 schrieb, bezugnehmend auf einen Konzertabend vom 13. Dezember 1907. Bei diesem realen Konzertabend war die sehr reale Emma anwesend, und es ist auch tatsächlich, wie beschrieben, zu dem Versuch eines Gespräches zwischen Klara und Emma gekommen, wie Schmid anhand eines entsprechenden Tagebucheintrags von Klara May belegen kann.11

   Belegbar ist auch, daß May zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis davon hatte, daß die in Weimar wohnende Emma Pollmer, was ihr als Daueraufenthalt im übrigen durch May nicht gestattet war, in Dresden logierte; in sieben Beschuldigtenvernehmungen, am 10., 11., 12., 13., 14., 16. und 17. Dezember 1907 stand sie dem Untersuchungsrichter Dr. Larrass Rede und Antwort, Aussagen, die sicherlich von höchstem Interesse sind und die 105 (vermutlich handschriftliche) Aktenseiten füllen. Verfügbar davon ist bedauerlicherweise nur eine tendenziöse, von Mays größtem und übelstem Feind Rudolf Lebius kompilierte, Auswahl von 15 gedruckten Seiten.12

   Klara May war für den 31. Dezember 1907 als Zeugin geladen,13 und offenbar hat sie den Richter erst anläßlich dieses Termins gefragt, ob Emma Pollmer bereits vernommen worden sei. Diese Frage Klara Mays hatte Dr. Larrass, über den noch zu reden sein wird, wahrheitswidrig verneint, was er später in Reaktion auf einen Befangenheitsantrag Mays vom 20. Mai 1908 in einer hochnotpeinlichen dienstlichen Erklärung gegenüber Kollegen am Landgericht Dresden einräumen und rechtfertigen mußte.14

   Mays Frage: Was will sie hier? dürfte daher tatsächlich seine aktuelle Unkenntnis von dem Verlauf des Ermittlungsverfahrens widerspiegeln. Seine ahnungsvollen Anmerkungen am Schluß der ›Studie‹ sind übrigens, dies nur am Rande, bittere Realität geworden, wenn auch erst im Jahr 1909, als Emma sich, nun von allen guten Geistern verlassen, von jenem Lebius und ihrer Freundin Louise, genannt ›das Kaninchen‹, aufhetzen ließ, ihr zunehmend verwirrtes Erinnerungsvermögen gegen Karl May in Stellung zu bringen. Dies bis hin zu der von Rudolf Lebius in seinem widerlichen Schriftsatz vom 30. August 1910 vorgetragenen Behauptung, Karl May habe seine 12jährige Nichte Clara, die von November 1891 bis August 1892 bei dem Ehepaar May wohnte, sexuell mißbraucht, was Emma Pollmer beobachtet habe und Louise Achilles bestätigen könne.15 Und auch die Meyers spielten


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alsbald die Rolle, die May ihnen schon 1907 zugetraut hatte: im Dezember 1909 legten sie eidesstattliche Versicherungen vor, die von durch Emma zugetragenem Klatsch und Tratsch über May als aktiven Spiritisten, der seine Bücher in Trance schreibe, nur so strotzten. Sie schreckten nicht einmal vor der durch keinerlei Tatsachengrundlage gestützten Behauptung zurück, May habe im Scheidungsverfahren Emmas Großvater der Blutschande mit ihr beschuldigt.16 Im Februar 1910 trugen sie als Zeugen in dem Privatklageverfahren May gegen Pollmer ihren Klatsch dann jedoch erheblich gemäßigter vor und konnten sich plötzlich nicht mehr erinnern, ob Karl May aktiv an spiritistischen Sitzungen teilgenommen habe, und auch die Totenruhe des im Jahr 1880 verstorbenen Großvaters von Emma wurde nicht mehr gestört.17

   Ist das keine Schwefelsäure, keine Salzsäure, kein Gift im übertragenen Sinne?

   Schon diese kurzen Anmerkungen zu der faktischen Grundlage nur weniger Sätze in der ›Studie‹ zeigen, daß diese durchaus realen Gehalt hat. Interpretierte Wirklichkeit des Autors mithin, aber eine Wirklichkeit, die weitaus abenteuerlicher und gefährlicher war, als seine kühnsten Romanideen für den Helden vorsahen.

   Eine Auseinandersetzung mit der ›Studie‹ muß daher zweierlei leisten: die Herausarbeitung der faktischen Grundlage des Textes und die Deutung von Mays radikal subjektiver Sicht der Dinge.

   Denn zwischen Klara Mays Tagebucheintragung zu jenem 13. Dezember 1907 und Mays Beschreibung desselben Ereignisses am 14. Dezember 1907 liegen Welten: Klara, ganz praktisch, ganz nüchtern-prosaisch, schreibt mit der ihr manchmal eigenen, auf verletzten Gefühlen beruhenden Gehässigkeit, daß Emma, der höheren Kultur abhold, ganz offensichtlich nur deshalb das Konzert besucht habe, um mit »uns zu sprechen«. Emma habe sie beide mit keinem Blick verlassen und geweint. Klara habe mit ihr sprechen wollen, Karl sei aber böse geworden und habe »›hinaus‹« gesagt. »Was mag sie hier wollen?« fragt auch Klara.18 Während Karl, aus derselben Verunsicherung heraus, was Emma denn im Schilde führe, beschreibt, wie Klara plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, zu weinen beginnt, dies könne nur an dem hypnotischen Blick von Emma gelegen haben, die von der kurzsichtigen Klara noch nicht erkannt worden sei. Nur unter dem suggestiven Eindruck der Pollmer habe Klara mit ihr sprechen wollen, was er aber untersagt habe.

   Während also Klara, wie überhaupt bis Ende 1910, zwischen der Gehässigkeit der siegreichen Rivalin und dem schlechten Gewissen der besten Freundin, ja Geliebten, die der Freundin den Mann weggenommen hat, schwankt, bezieht May Stellung: er sieht die Tränen seiner Frau Klara, nicht aber die der geschiedenen Frau Emma. Der unausgesetzte Blick von Emma auf das Paar ist für ihn hypnotische Kraft, die allein für Klaras Wunsch, mit Emma sprechen zu wollen, verantwortlich sein kann. Die Wertungswidersprüche in den Darstellungen belegen weniger, daß May seiner ersten Frau


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Emma zu Unrecht gegen den äußeren Anschein Suggestivkräfte zuschrieb; sie deuten eher darauf hin, daß Klara vor ihm, was ihre Gefühle für Emma betraf, so ihre Geheimnisse hatte und daß er Klara - dies allerdings möglicherweise wirklich zu Unrecht - idealisierend ausschließlich als unschuldiges Opfer von Emma sah.




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