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II. Annäherung


Die ›Studie‹ ist im Jahr 1982 als ›Prozeß-Schrift‹ zum volkstümlichen Preis von 98 DM veröffentlicht worden.18a Hans Wollschläger, der in seiner May-Biographie die Erkenntnisse aus dieser Schrift behutsam benutzt hatte, hat im Jahr 1987 eine erste Bewertung und auch Erläuterungen zu der Entstehung der ›Studie‹ gegeben, in der die hier zitierten Kommentatoren ebenfalls kritisch gewürdigt und deren Behauptungen zum Teil als falsch zurückgewiesen werden.19 Danach hat eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem auch von Wollschläger als ›befremdend‹ und von extremer »Verbalität, die auch das intimste Detail beim Namen nennt«, empfundenen May-Text, soweit ersichtlich, nicht mehr stattgefunden;20 Meinungsäußerungen zur ›Studie‹ existieren gleichwohl, die aber überwiegend nur den Rang von emotionalen Stellungnahmen beanspruchen dürfen.

   Als eines jener oberflächlichen Urteile sei stellvertretend für andere das Verdikt von Johannes Zeilinger vorgestellt, der, obwohl sich seine Arbeit, aus welchen Gründen auch immer, unter anderem um eine korrekte Einordnung von Mays vielschichtigem Seelenleben in einen aktuellen Definitionskatalog der WHO für seelische Erkrankungen bemüht, die ›Studie‹ als Erkenntnisquelle nicht genutzt hat. Dennoch ist er zu folgender Bewertung gelangt: »Und doch lieferte May ein Jahr später« (nach seinem ›Glaubensbekenntnis‹ zur Nächstenliebe und Völkerversöhnung vom 21. Dezember 1906) »in dem Manuskript ›Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹, einer gnadenlosen Abrechnung mit seiner ersten Frau Emma, den unfreiwilligen Beweis, zu welcher Herzlosigkeit er auch fähig war, wie sehr er immer wieder die Schuld auch für eigenes Versagen anderen gab, und dies hier in höchst rachsüchtiger Manier«.21

   Die ›Studie‹ ist aber auch ein starkes Stück; ein Welt- und Lebenserklärungstext, in dem May den roten Faden in seinem Leben, die Ursache für alle seine persönlichen, geschäftlichen und juristischen Fehlentscheidungen und Niederlagen mit der Frau verknüpft, an die er mehr als 22 Ehejahre


mein Leben und mein ganzes Wollen und Streben gekettet hatte, eine für die geistige Menschheit Verlorene ..., die wie die Kanonenkugel des Bagnosträflings an meinen Füßen hing und mich bei jedem Versuch, emporzusteigen, immer wieder auf das Gemeine niederzog,


wie er in der ›Studie‹ schreibt (Studie, S. 849).


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   Die ›Studie‹ besteht aus 146 handschriftlich beschriebenen Seiten von »vollendeter Kalligraphie«, nur wenige Schreibfehler und Korrekturen enthaltend (was aber an Mays wahnhaftem Zustand während der Niederschrift nichts ändern soll),22 ist mit den Seitenzahlen 801 bis 946 paginiert und in der Wortwahl wie in der Monokausalität der Weltsicht konsequent und böse: auch wenn germanistische Kleinkrämerei oftmals keinen Erkenntnisgewinn bringt, sei hier, nur um den ersten Eindruck bei Lektüre des Textes zu erklären, mitgeteilt, daß in diesem kurzen Text 38mal die Worte pervers, Perversitäten, 34mal der Begriff dämonisch mit allen seinen Abwandlungen, 18mal die Bezeichnung Bestie, 14mal die Adjektive hypnotisch, neunmal in der Variante suggestiv benutzt werden; 7mal taucht die Furie auf und jeweils viermal die Bezeichnung Vampyr (auch in der nicht unoriginellen Formulierung des ehelichen Vampyrismus) sowie Diabolin / diabolisch. Darüber hinaus gelingen ihm so seltene Wortschöpfungen wie psychologisch-pathologische Burleske (Studie, S. 827) für die Beschreibung einer ersten, von Emma beherrschten spiritistischen Sitzung in Hohenstein, wenige Wochen nach der Eheschließung, eine Zeit, in der May sich bereits mit Trennungsgedanken trug. Sehr drastisch und Mays insbesondere auf Gerüche bezogene Sinnlichkeit belegend ist auch die Formulierung von den leberthranigen Reize(n) jenes bereits bezeichneten ›Kaninchens‹, die sich ihm in die Arme drängten (Studie, S. 855). Um eine originäre May-Schöpfung dürfte es sich auch bei der vaginelle(n) Kurzsichtigkeit (Studie, S. 859) handeln, die seine in den jungen Max Welte verliebte Emma derartig unvorsichtig werden ließ, daß sie einen Brief des jungen Verehrers so aufbewahrte, daß May ihn finden und lesen konnte.

   May selbst hat in der ›Studie‹ geschrieben, daß er die psychologische Charakterstudie für seine Selbstbiographie verwenden wolle, wobei sie, mit Weglassung alles Beschreibenden, zu einer gedrängten, sprechend ähnlichen Figur zusammenzuschmelzen ist. Sollte ihn aber der Tod an dieser Arbeit hindern, bittet er seinen Biographen um


diejenige Objectivität der Auffassung und Charakterisirung, welche den Zwecken der Litteraturgeschichte gerecht zu werden weiß, ohne die Häßlichkeit der subjectiven Züge in den Vordergrund treten zu lassen. Gerecht und wahr, doch rein literarisch sein; das wünsche ich von meinem Biographen! (Studie, S. 939f.)


Gerecht und wahr: das fordert auf, mit dem Instrumentarium der juristischen Wahrheitsfindung die beschreibenden Passagen zu untersuchen, inwieweit andere Darstellungen des Autors sie bestätigen oder ihnen widersprechen. Das bedeutet Abgleich mit weiteren Dokumenten und Aussagen anderer beteiligter Personen, und es heißt auch, bei der Wertung dieser Aussagen aussagepsychologische Kriterien zu verwenden, von denen eine der wichtigsten die Entstehungsgeschichte einer Aussage ist.23 Erst wenn auf diese Art und Weise, wie unvollkommen auch immer, eine ›Wahrheit‹ isoliert worden ist, können die häßlichen subjectiven Züge, wie May seine


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›Studie‹ - ganz erstaunlich für einen wahnhaft-panischen Seelenzustand - klarsichtig analysiert, gewertet werden.

   Kurz: bevor man zu dem Diktum eines Verfolgungswahns kommt, muß erst einmal sicher ausgeschlossen werden können, daß der Betreffende wirklich verfolgt wird. Dies mag eine Selbstverständlichkeit sein. Im Umgang mit der ›Studie‹ ist aber in der Vergangenheit leider auch Selbstverständliches unbeachtet geblieben, so die germanistische Grundregel, einen Text zunächst beim Wort zu nehmen und nicht etwa eigene Interpretationen des Textes zu deuten. Als Beispiel für diese Art des fahrlässigen Umgangs mit dem Wort sei hier eine Anmerkung von Stolte angeführt:

   May schreibt zu dem Nachlaß des Großvaters Pollmer, daß letzterer ein Vermögen von 230 Mark hinterlassen habe,


welches meiner ersten Frau als seiner einzigen Erbin mit meiner ehemännlichen Genehmigung gegen besondere Quittung voll und ganz ausgezahlt worden ist. Zwar meldeten sich hierauf noch einige  w e i t e r e  uneheliche Kinder resp. Enkel, doch hat meine Frau, als sie mit ihren Forderungen kamen, die Universalerbschaft vertheidigt wie eine Löwin ihr Junges und keinen Pfennig davon hergegeben, nicht einmal mir! (Hervorhebung durch die Verfasserin, Studie, S. 803)


Hierzu merkte Stolte an, daß diese Darstellung im Gegensatz zu der Darstellung in Mays Selbstbiographie ›Mein Leben und Streben‹ stehe, wonach Emma das Geld, noch während ihr Großvater im Sterben lag, gesucht und bar im Haus gefunden habe. Außerdem könne von ehemännliche(r) Genehmigung »keine Rede« sein, weil May beim Tode von Emmas Großvater am 26. Mai 1880 noch nicht mit Emma verheiratet gewesen sei.24

   Die überschießende Innentendenz von Stoltes Arbeitshypothese verstellte ihm den Blick auf den Text; denn was May hier beschreibt, ist gerade nicht die Szene seiner Selbstbiographie, die im übrigen deckungsgleich, nur noch viel schärfer formuliert, selbstverständlich auch in der ›Studie‹ existiert (Studie, S. 821-823). In diesen übereinstimmenden Szenen wird lediglich beschrieben, wie Emma das Geld, noch während ihr Großvater im Sterben liegt, sucht und findet, nicht aber, daß sie das Geld auch ganz formlos einsteckt. In der von Stolte kommentierten Passage der ›Studie‹ wird dagegen eindeutig ein amtlicher Vorgang beschrieben: und das juristische Procedere des Ausstellens des Erbscheins, gerade wenn es mehrere Anspruchsteller gibt - später kamen weitere, also waren vorher auch schon prospektive Erben in Erscheinung getreten -, kann sich durchaus bis nach der Eheschließung am 17. August 1880 hingezogen haben. Erst dann konnte der Nachlaß tatsächlich in Besitz genommen werden - und man mag es ja schon vergessen haben, aber im 19. Jahrhundert durfte eine Ehefrau ohne ehemännliche Genehmigung nicht einmal über zweifelsfrei eigenes Vermögen verfügen. Es gibt mithin nicht die geringsten Anhaltspunkte, daß May hier etwas Unzutreffendes beschrieben haben könnte.


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Ein weiteres Beispiel für sorglosen Umgang mit dem Text: May schreibt:


Zurückgekehrt von einer längeren Studienreise stieg ich in Hohenstein-Ernstthal aus, um mich zu meinen Eltern zu begeben, da kam ein Bahnassistent, ein Cousin von mir, auf mich zugesprungen und sagte: »Du kommst grad recht von Deiner Reise zurück. Der alte Pollmer ist heut Nacht gestorben ...« (Studie, S. 821)


Woraufhin sich herausstellt, daß Pollmer, halbseitig gelähmt, im Sterben liegt, aber erst einen Tag oder einige Tage später stirbt, nämlich am 26. Mai 1880.

   Diese Stelle kommentierte Stolte - und das läßt sich eben nur noch mit unbewußtem Widerstand gegen die erniedrigende Selbstdarstellung eines nahezu gleichaltrigen Mannes erklären -, daß May keineswegs von einer längeren Studienreise zurückgekehrt sei, vielmehr in der Zeit von 1. bis 21. September 1879 eine (letzte) Gefängnisstrafe in Hohenstein-Ernstthal verbüßt habe. Zuvor, nämlich ca. Juli 1878, habe er in Hohenstein bei Emmas Großvater gewohnt, wohin ihm auch amtliche Schriftstücke zugestellt worden seien, wie Fritz Maschke anhand der Gerichtsakten dokumentiert habe.25

   Inwieweit durch diese zutreffenden Feststellungen eine Studienreise Mays und der Wohnsitz Mays bei seinen Eltern in Ernstthal (und nicht etwa bei Familie Pollmer) im Mai 1880, also acht Monate nach der letzten Haftentlassung, widerlegt werden sollen, erschließt sich nicht.

   Ein Blick in die Dokumentation der Stollberg-Akte beweist überdies, daß May bereits ab dem 30. November 1878 sämtliche Zustellungen in Ernstthal entgegennahm, mithin ab diesem Zeitpunkt nicht mehr bei Familie Pollmer in Hohenstein wohnte.26 Auch in seiner Selbstbiographie erklärt May, daß er Emma - die mit ihm wohl von Januar bis Juni 1878 unverheiratet in Dresden-Strießen zusammengelebt hatte - nach Hohenstein begleitet habe, er selbst habe aber Wohnung bei seinen Eltern in Ernstthal genommen.27

   Die Anmerkung Stoltes mag unwichtig erscheinen; sie ist es aber nicht. Denn den Bruch, die Trennung von Emma Pollmer nach dem Zusammenleben in Strießen, begründet May in seiner ›Studie‹ wenige Sätze vorher damit, daß Emma ihn mit mindestens drei Männern betrogen habe, mit einem Bahnbeamten und einem Viehhändler aus Chemnitz sowie einem Kaufmann in Hohenstein, der als Erfolgsbeweis ein Busentuch von Emma vorlegte, das sie nachts in seinem Zimmer liegen gelassen habe. Emma leugnete die Untreue, aber May, Confrontation vermeidend, verzichtete auf die Frau (Studie, S. 821). Wenn aber schon die Angaben über eine räumliche Trennung von Emma und die Rückkehr von einer Studienreise falsch wären: dann verweisen diese faktischen Unkorrektheiten Mays Behauptungen über Emmas Untreue erst recht ins Reich der Phantasie ...

   Die ›Studie‹ darf nicht oberflächlich gelesen werden, und auch ein vorschnelles Urteil verbietet sich. So konstruierte Stolte Widersprüche28 zwi-


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schen Mays Angaben, Emma habe nicht einmal richtig schreiben und lesen gelernt, das habe sie erst später bei ihm gelernt (Studie, S. 806), sowie, daß Emma sich im Schreiben aber schwächlich fühlte (Studie, S. 871), mit Mays weiteren Darstellungen, daß Emma bei der ersten Begegnung klug und belesen gewirkt habe, ja, daß sie seine ›Geographischen Predigten‹ vorher eifrig durchgenommen und ihm Briefe nach Dresden geschrieben habe, die das Echo der seinigen gewesen seien (Studie, S. 812f.).

   Tatsächlich lassen sich Mays Angaben problemlos miteinander vereinbaren. May erklärt den nur scheinbaren Widerspruch kurze Zeit später: Während des Zusammenlebens in Strießen sei ihm klar geworden, daß Emma sich nicht die geringste Mühe gebe, geistig fortzuschreiten; Interesse für sein Werk habe sie nicht. Seine Schlußfolgerung: ...ihre Briefe waren also nur Blendwerk oder nicht von ihr selbst verfaßt gewesen. (Studie, S. 815)29

   Die ungenaue Lektüre der ›Studie‹ führt zu unhaltbaren Schlußfolgerungen: Stolte hat sein Verdikt, May müsse die Niederschrift in einem »chaotischen psychischen Zustand«30 bzw. in einem »Zustand seelischer Verstörtheit«31 verfaßt haben, maßgeblich auf ein einziges, allerdings spektakuläres, Argument gestützt: May habe den Namen von Winnetous Schwester Nscho-tschi in der ›Studie‹ permanent falsch, nämlich Nscho-Nschi geschrieben: er habe es eben nicht mehr besser gewußt.32

   May erwähnt den Namen Nscho-tschis erstmals auf S. 859 der ›Studie‹, als er von Emmas heimlicher, gleichwohl von ihm später erkannter und geduldeter Liebesbeziehung zu Max Welte berichtet, einem jungen Studenten und May-Fan, der das Ehepaar May erstmals am 5. Januar 1897 aufgesucht hatte.33 Als ›Beweismittel‹ für Emmas Untreue hat er der ›Studie‹ ein Foto und ›heimliche‹, das heißt May zunächst unbekannt gebliebene, Korrespondenz zwischen Emma und Max beigefügt, die er sich zu einem späteren Zeitpunkt von Welte hatte aushändigen lassen. Als ›Beweisstück N. 2‹ wählte er eine Karte aus, die Emma am 20. Februar 1898 aus Wien an Max Welte geschrieben hatte: »Aus der alten Kaiserstadt Wien die herzlichsten Grüße. Nscho Nschi«, mithin falsch geschrieben (Studie, S. 950, ›Anlagen‹). May ist erbost über den Mißbrauch dieses Namens durch seine Frau. In der von May redigierten gemeinsamen Korrespondenz mit dem Ehepaar Agnes und Emil Seyler fungiert nämlich May als Old Shatterhand und Emma als Nscho-tschi - so auf einer Karte von Karl May an Emil Seyler vom 31. Mai 1897 aus Wiesbaden mit dem Zusatz: Nscho-tschi II34 und in einem Brief Mays vom 18. Mai 1898 an Emil Seyler35 -, während die tatsächlich schreibschwache Emma ihren Mann Karl als Old Shatterhand (permanent mit Sch geschrieben) und sich selbst als »seine rothe Frau« bezeichnet, wie in dem Brief vom 16. Oktober 1897 an Agnes und dem weiteren ohne Mithilfe von May am 1. März 1898 aus Wien geschriebenen Brief an Agnes Seyler.36 Auf einer weiteren Karte aus Wien (Mozartdenkmal) am 10. März 1898 an Agnes unterschreibt sie im übrigen gar noch unzutreffender als »Nscho-schi.«37


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   Für May liegt mit Emmas Unterschrift »Nscho Nschi« auf der Karte an Max Welte damit ein doppelter Verrat an seiner Romanfigur vor: einmal die Entweihung der entsagungsvollen Liebe zwischen Old Shatterhand und Winnetous Schwester, deren Name zum Sinnbild der heimlichen, verbotenen, aber unwiderstehlichen, glühenden Liebe geworden sei (Studie, S. 859); und dann der Verrat von Emma, die sich von Max Welte Nscho-tschi nennen ließ und sogar mit diesem Namen, wenn auch falsch geschrieben, unterschrieb, obwohl sie bereits die »rothe Frau« des Old Shatterhand alias Dr. Karl May war! Er wiederholt, wenn er den Namen Nscho-tschi benutzt, immer die von Emma benutzte Schreibweise, denn er meint immer nur Emma: Ganz deutlich wird dies, wenn er später in der ›Studie‹ wiederum ›Nscho Nschi‹ in der falschen Schreibweise gebraucht, und zwar, völlig korrekt, jeweils als Zitat und in Anführungszeichen: Ich glaube, er [Max Welte] betet seine »Nscho Nschi« noch heute heimlich an! (Studie, S. 883) Bei der Auswertung eines ›Beweisfotos‹: Ich habe mich so gesetzt, daß Welte sich unbeobachtet wähnt und darum so unvorsichtig ist, die ganze Gluth seiner Liebe zu seiner »Nscho-Nschi« hinüber zu blitzen. (Studie, S. 940f.) Zur Postkarte aus Wien, ›Beweisstück N. 2‹, schreibt er: N 2 beleuchtet das Herzensbündniß und Liebesverhältniß hinter meinem Rücken, welches bereits zu dem Kosenamen »Nscho Nschi« gediehen ist. (Studie, S. 942)

   Überall also Emma, die alles andere ist als Winnetous Schwester, und nur so ist es zu erklären, daß May tatsächlich zwei handwerkliche Fehler unterlaufen, zu sehr hat sich Emmas Bild bereits vor die Romanfigur geschoben: So schreibt er einleitend: In meinen Werken kommt der Name einer jungen, schönen Indianerin vor, Nscho-Nschi geheißen. Hier hätte er den nachfolgenden Sätzen und Gedanken nicht vorgreifen dürfen, sondern den Namen korrekt schreiben müssen. Wenn er dann fortfährt,


Der junge Mensch stand schließlich so zu meiner Frau, daß er sie unter vier Augen bei diesem Namen nannte und daß sie es sogar wagte, sich in ihren Zuschriften an ihn als Nscho-Nschi, also als willfährige Geliebte, zu unterschreiben. Man denke, welch ein Wagniß für eine verheirathete Frau! (Studie, S. 859),


dann zitiert er den falsch geschriebenen Namen korrekt: denn so hat Emma ja tatsächlich unterschrieben. Diese Unterschrift stand ihm so klar vor Augen, daß er sogar aus der Satzkonstruktion schleudert: Emma wagte, sich ... als ... zu unterschreiben. ›Sich zu bezeichnen‹ hätte der Satz natürlich lauten sollen, bis sich diese so doppelt falsche Unterschrift der Ansichtskarte vom 20. Februar 1898, die er vermutlich bei der Niederschrift dieser Passage vor sich liegen hatte, dazwischenschob.

   Fehlerhaft oder auch nur mißverständlich formuliert ist auch das Wort ›also‹ nach ›Nscho-Nschi‹ und vor ›willfährige Geliebte‹: Nscho-Nschi, also als willfährige Geliebte ... Natürlich ist Emma die willfährige Geliebte und nicht Nscho-tschi. Daß sie sich selbst so nennt, Max Weltes Wunsch ohne zu zögern entsprechend, obwohl der Name anderweitig besetzt ist, das macht


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Emma zur willfährigen Geliebten ihres jungen Studenten: so kann, ja, so muß man diesen Satz lesen.

   Mays Logik war intakt: wenn Nscho-tschi zum Sinnbild der verbotenen Liebe geworden ist - und man beachte die feinsinnig-genaue Formulierung, die die vom Autor letztlich akzeptierte Rezeption der Figur durch Dritte beschreibt -, dann kann dieselbe Figur nicht zugleich willfährige Geliebte sein.

   Beweist diese Passage etwa einen krankhaften seelischen Zustand Mays?

   Keineswegs. Sie verrät eine heftige Gemütsbeteiligung, die normalpsychologisch mehr als nachvollziehbar ist: selbstverständlich war May wegen dieses Verhältnisses, wie weit es auch immer gegangen sein mag, gekränkt und eifersüchtig:


... daß mir ein Brief in die Hände fiel, in dem er sich zu der Äußerung verstieg »Das Strohmännle darf aber nichts wissen!« Also, ich war nur noch das Strohmännle, welches nur hier oder da einmal während einer Pause zugelassen wird; der ächte, richtige, wirkliche Mann aber war er! (Studie, S. 859)


Das Reizwort Strohmännle greift May in der Folge immer wieder auf, so tief ist er in seiner Männlichkeit getroffen. Das nimmt man ihm ja noch eher ab als den resignierten Satz Ich duldete es, weil ich dadurch entlastet wurde und Ruhe bekam (Studie, S. 858), oder gar: Ich habe ihm verziehen und wünsche nicht, daß ihm ein Leid geschehe. (Studie, S. 883) Die Gemütsbeteiligung beim Schreiben der ›Studie‹ war vielleicht um so heftiger, je mehr Karl May im wirklichen Leben negativen Gefühlsaufwand vermieden hatte. Aber May wollte ja wahr sein, vor allen Dingen auch hier in dieser Studie (Studie, S. 890).

   Man muß ihn schon beim Wort nehmen.




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