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III. Inspirationen


Die genaue Entstehungsgeschichte der ›Studie‹ nach Motiv und Datum ist unbekannt.

   Hans Wollschläger geht davon aus, daß sie unter dem Eindruck des gegen May gerichteten Ermittlungsverfahrens geschrieben wurde und erst nach der May zutiefst erschütternden Hausdurchsuchung vom 9. November 1907 begonnen wurde, denn ansonsten wäre sie unbedingt mit zum Beweismaterial gekommen.38

   Diese Hypothese ist bestechend, und mir erschien sie zunächst auch sehr plausibel. Zwingend ist sie aber nicht.

   Je nach Fortschritt der ›Studie‹ zum Zeitpunkt der Durchsuchung wäre sie als Beweismittel gar nicht erkannt worden; denn erst ab S. 830 wird die ›Studie‹ auch juristisch interessant insoweit, als zum erstenmal der Name Münchmeyer im Zusammenhang mit den relevanten vertraglichen Verein-


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barungen über die Veröffentlichung der Mayschen Kolportageromane fällt; wegen angeblichen Meineids in dem seit dem 12. März 1902 anhängigen Zivilverfahren gegen Pauline Münchmeyer um die Rechte an den frühen Kolportageromanen hatte Pauline Münchmeyer May und andere am 15. April 1907 angezeigt.

   Erstmals erwähnt May die entscheidende Begegnung mit Münchmeyer im Jahr 1882 auf S. 830f. der ›Studie‹, also nach 30 Seiten, indem er, konkret bezugnehmend auf den Zivilprozeß, schreibt:


Unser Wiedersehen vollzog sich genau so, wie ich es während des Prozesses wiederholt und ausführlich beschrieben habe. Meine bisherigen Ausführungen über dieses Zusammentreffen sind vollständig wahrheitstreu, aber rein geschäftlich gehalten. Hier, an dieser Stelle, kann ich auch auf das eigentliche bewegende Moment eingehen, nämlich meine Frau. (Studie, S. 831)


Bis zum Schluß der ›Studie‹ unterbrechen unmittelbar juristisch relevante Darlegungen sowie Reflexionen über das Justizsystem das eigentliche Thema, nämlich die Charakterstudie seiner Frau. Die ›Studie‹ wäre von den übereifrigen Vertretern der sächsischen Staatsgewalt sicherlich mitgenommen worden, wenn diese Sätze darin bereits enthalten gewesen wären. Was aber, wenn sie noch nicht so weit fortgeschritten war?

   Hans Wollschläger stellt noch eine weitere Hypothese vor, die von Hermann Wiedenroth stammt; danach soll May durch die Bekanntschaft mit dem Psychoanalytiker und Anthropologen Friedrich Salomon Krauss aus Wien angeregt worden sein, der ihn - und Wollschläger datiert dieses Ereignis mit Mai 1907 -, beeindruckt von Mays Erfahrungspsychologie, zur Mitarbeit an seinem Jahrbuch ›Anthropophyteia‹ aufgefordert hatte, was May allerdings ablehnte.39

   Bei den ›Anthropophyteia‹ handelt es sich um ›Jahrbücher für Folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral‹, die in Leipzig als Privatdruck erschienen und nur für Gelehrte bestimmt waren, nicht für den Buchhandel.40 Insgesamt erschienen in der Zeit zwischen 1904 und 1913 im Ethnologischen Verlag Leipzig zehn Bände, in denen auf sexuelle Dinge bezogene Volksreime, Erzählungen, Sprichworte und ähnliches gesammelt wurden und in denen Beiträge von wichtigen Volkskundlern, Juristen und Medizinern erschienen; Mitarbeiter der Jahrbücher waren u. a. Sigmund Freud, Bernd Obst, früherer Direktor des Museums für Völkerkunde in Leipzig (auch Mitbegründer der Jahrbücher), Carl Felix von Schlichtegroll, Paul Näcke u. a. Der 1910 erschienene Bd. VII soll zu den meistkonfiszierten der 10 Bände gehören.41

   Karl May selbst zitiert in seiner im Dezember 1911 verfaßten Eingabe an das Landgericht Berlin aus dem im September 1911 in Leipzig erschienenen Bd. VIII der ›Anthropophyteia‹ einen Aufsatz von Krauss, dort S. 501, in dem dieser eine Rezension von Mays Selbstbiographie liefert und zu May ausführt:


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Vor drei Jahren suchte ich May auf, weil ich aus einigen seiner Erzählungen den großen Kenner der Erotik herausfühlte und ihn zum Mitarbeiter zu gewinnen hoffte. In seinem Buche, da deutet er sehr viel vom Schmutz und Sumpfe seines Heimatsortes Ernsttal [sic!] an, und darüber hätte ich gern von ihm genaue Angaben gewünscht. Er versagte, weil ihm die Erinnerung daran wehe tat, doch munterte er mich zum Ausharren in meinen Studien auf. Er bewährte sich zu mir als ein feiner Psycholog und wir sind seither in freundschaftlichem Verkehr.42


Danach, geht man vom Erscheinungsjahr des Bandes VIII der ›Anthropophyteia‹, nämlich 1911, aus, hätte die Begegnung mit May erst im Jahr 1908 stattgefunden, wie andere Forscher, nämlich Hansotto Hatzig43 und Hainer Plaul44 auch annehmen, ohne daß eine Quelle für die jeweiligen Annahmen bekannt wäre. Auch Klaus Hoffmann datiert in einem Brief an mich die Begegnung zwischen May und Krauss auf den 1. April 1908, wobei er auf einen entsprechenden Tagebucheintrag von Klara May Bezug nimmt. Dieser Eintrag soll, wie von Udo Kittler zitiert, lauten: »Dann kam Dr. Krauß, von Geheimrat Näcke liebe Grüße bringend.«45 Das klingt eher wie die Beschreibung des Besuches eines alten Bekannten und nicht wie die Notierung einer für May ja wichtigen ersten Begegnung mit dem Wiener Sexualforscher. Auskunft darüber, ob es sich bei jenem Besuch um die erste Begegnung zwischen Krauss und May handelte, gibt dieser Satz jedenfalls nicht.

   Die Datierung von Wollschläger, mithin Mai 1907, kann jetzt als Zeitpunkt einer frühen und entscheidenden Kontaktaufnahme zwischen Krauss und May bestätigt werden. Ein Brief von Dr. Friedrich S. Krauss an May vom 21. Mai 1907, freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch das Karl-May-Archiv, Bamberg, muß insoweit als eindeutiger Beweis gelten. Unter dem eindrucksvollen Briefkopf ›Bibliothek Ausgewählter Serbischer Meisterwerke ... Romanische Meistererzähler ... Der Volksmund‹ sowie: ›Anthropophyteia Jahrbücher für folkloristische ... Erhebungen und Forschungen Herausgegeben von Dr. Friedrich S. Krauss, Wien VII/2, Neustiftsgasse 12‹ und unter Hinweis auf den ›VERLAG der Deutschen Verlagsactiengesellschaft Leipzig, Hospitalstrasse 21‹ schrieb Krauss:


Hochgeehrter Herr!

Mit Ihrem lieben Kartenbild erfreuten Sie mich ausserordentlich und ich weiss Abels grössten Dank dafür, dass er Ihnen meine Empfehlung zugemittelt. Sie sind mir als Meister der Darstellung längst wohlvertraut, seitdem ich aber weiss, dass Sie auch mein Leidensgefährte als Verfolgter und Gehetzter waren, noch umso lieber (...)


Nach sehr persönlich gehaltenen Mitteilungen über eigene Verfolgung (»dass ja auch ich fast 20 Jahre lang unter dem Verdachte des Irrsinns und ärgster Schuftigkeiten mein Dasein kümmerlich fristete (...)«) schloß Krauss sein Schreiben mit den Worten:


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Gestatten Sie mir, Sie zur Mitarbeit an der Anthropophyteia einzuladen. Wer soviel im Leben gesehen und erlebt hat, dem entging auch das Geschlechtleben nicht. Wenn es auch nur kurze, kleine Beobachtungen sein sollten, uns werden Sie aus Ihrer Feder stets willkommen sein.

Es grüßt Sie Ihr bisher stiller, nun lauter Verehrer aufs herzlichste!

Friedrich S. Krauss46


Bei jenem Abels, der die Bekanntschaft zwischen Krauss und May vermittelt hat, dürfte es sich um August Abels handeln, Redakteur der ›Münchner Neuesten Nachrichten‹, der spätestens seit 1906 als entschiedener Verteidiger Mays agierte. Für ihn schrieb May am 1. Oktober 1906 eine Skizze zu ›Babel und Bibel‹, die Abels zu einer positiven Rezension vom 18. November 1906 nutzte. Am 12. Mai 1907 erschien in der progressiven Zeitschrift ›Das Zwanzigste Jahrhundert‹, 7. Jahrgang, S. 160, eine Besprechung des ›Silberlöwen‹ aus der Feder von Abels, in der die Bilderwelten dieses Romans als »Offenbarungen aus dem menschlichen und menschheitlichen Innenleben« charakterisiert wurden; ihre Diktion soll Mays Wortwahl und Stil jener Zeit widerspiegeln.47

   Dieser Brief von Krauss, der May zutiefst geschmeichelt und bestätigt haben wird, könnte mithin durchaus Initialzündung für den Beginn der ›Studie‹ gewesen sein.

   Zwar mag ihm die Thematik ›wehgetan‹ haben, wie Krauss später ausführte, aber May in der Zeit von Mai bis Juni/Anfang Juli 1907 konnte sich stark genug fühlen, sich jedenfalls vor dem inneren Gericht offen und aufrichtig seiner Vergangenheit zu stellen:

   Die schlimmsten Pressefehden hatte er überstanden, auch die von Rudolf Lebius in der Sachsenstimme in den Jahren 1904/1905 geführte, die ihm eine teilweise Aufdeckung seiner lange zurückliegenden Vorstrafen beschert hatte. Die ›Sachsenstimme‹ war im August 1905 eingegangen,48 und einem weiteren üblen Lebius-Artikel vom 30. Juni 1906, in dem er May einen »atavistischen Verbrecher« genannt hatte, waren weitere nicht gefolgt.49

   Im Münchmeyer-Prozeß hatte er, nach Siegen in drei Instanzen bis hin zum Reichsgericht am 9. Januar 1907, einen vorläufigen Erfolg errungen, denn, nachdem er keinen Beweis über die behaupteten Vereinbarungen einer Rechteübertragung nur bis zu einer Auflagenhöhe von 20.000 Exemplaren hatte führen können, wurde das schwächste Beweismittel zugelassen, das die Zivilprozeßordnung kennt: der Parteieid. Am 11. Februar 1907 leistete er den Eid, so daß Pauline Münchmeyer gezwungen werden konnte, Auskunft über die verkaufte Auflage zu erteilen und Rechnung zu legen.50

   Am 7. April 1907 war auch Adalbert Fischer gestorben, der den Münchmeyer-Verlag mitsamt den alten May-Romanen am 16. März 1899 von Pauline Münchmeyer gekauft hatte. Auch gegen den Erwerber hatte May prozessiert, bis am 11. Februar 1903 ein ziemlich fauler Vergleich mit dem ge-


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schäftstüchtig druckenden Fischer geschlossen worden war; den Vergleich hatte May aber 1905 wieder angefochten und den Prozeß fortgeführt. Mit den Erben von Adalbert Fischer schien ein neuer, befriedigenderer Vergleich möglich, der auch tatsächlich am 8. Oktober 1907 abgeschlossen wurde.51

   Von Emma war seit der am 4. März 1903 rechtskräftig gewordenen Scheidung und der Einstellung vom 30. Dezember 1903 des mehr von ihrer Freundin Louise, dem ›Kaninchen‹, betriebenen Ermittlungsverfahrens gegen Karl und Klara May wegen Betruges im Zusammenhang mit der Scheidung nichts Negatives mehr zu hören.52 Ja, sie hatte sogar - vermutlich schon im Jahr 1903 - trotz Scheidungsgrolls offensichtlich als Zeugin vom Hörensagen in dem Münchmeyer-Verfahren günstig für May ausgesagt.53

   Damit fällt auch Stoltes These von der Wirrnis von vier Streitkomplexen, die zu der Krankheitserscheinung bei May im November/Dezember 1907 geführt hätte, in sich zusammen; zutreffend ist vielmehr, wie Wollschläger schreibt: »1907 noch hätte May, zumal nach dem Scheinsieg in der Münchmeyer-Sache, genügend öffentliche Macht gehabt, um schadlos jede gegnerische Attacke durch schlichtes Schweigen zu erledigen.«54 Eine Wertung, die offensichtlich auch Krauss, insoweit unterrichtet durch Abels, im Mai 1907 teilte: »(...) dass Sie auch mein Leidensgefährte als Verfolgter und Gehetzter waren (...)«,55 schrieb er, die vergangene Verfolgung als Vergangenheit behandelnd.

   Daß Pauline Münchmeyer nach dem verlorenen Zivilprozeß Strafanzeige wegen Meineides gegen ihn und auch Emma Pollmer, ihre Freundin, erstattet hatte, erfuhr May erst nach Eröffnung der Voruntersuchung vom 12. Juli 1907, nachdem er eine Ladung zur Beschuldigtenvernehmung bekommen hatte. Klara sagte den Termin am 18. Juli 1907 ab, indem sie ihren Mann wegen eines Hämorrhoidenleidens entschuldigte.56

   In der Zeit vom 22. Mai 1907 bis zum 2. Juli 1907 hielt May sich zur Kur in Bad Salzbrunn auf.57 Ist es nicht vorstellbar, daß May in dieser Regenerationsphase, in der neue bedrohliche Wolken noch nicht am Horizont auftauchten, mit der Niederschrift der ›Studie‹ begann? Bereits zehn Tage nach Ankunft in dem Kurort hatte er sich immerhin soweit erholt, daß er ab dem 2. Juni 1907 zahlreiche Theateraufführungen besuchen konnte. May sah neben mittelklassigen Lustspielen Stücke von Oscar Wilde und Conan Doyle, aber auch naturalistische Stücke von Hermann Sudermann wie ›Johannisfeuer‹ (1900) und ›Heimat‹ (1893), die seinerzeit umstritten gewesen sein sollen.58

   In dem Stück ›Heimat‹ jedenfalls, einem zeitgenössischen Drama um Sitte und Konvention, Frauenemanzipation, verlogene Doppelmoral und Zerfall alter Werte, steht eine Frauenfigur im Mittelpunkt, die Karl May aufs höchste inspiriert haben dürfte: Magda, die verlorene Tochter und nun gefeierte Sängerin, kehrt heim in die Provinzenge ihres Geburtsortes und zu ihrem gebrochenen, aber sich halsstarrig an alten Werten festklammernden


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Vater, dem Oberstlieutenant a. D. Schwartze. Mit siebzehn Jahren (also ca. 1882) war Magda, der drohenden Ehe mit Pfarrer Heffterdingk entfliehend, nach Berlin gegangen; und jetzt, 11 Jahre später mit verhängnisvollen Folgen für alle Beteiligte heimgekehrt, erfährt sie von dem Pfarrer, wie es ihrem Vater nach ihrer Flucht ergangen war. Eine Schlüsselszene:


Magda (schmerzvoll). Ich bin hier niemandem mehr etwas schuldig.

Pfarrer. Nein? Wirklich nicht ... Ja, da muß ich Ihnen von einer Stunde erzählen ... Das sind nun elf Jahre her ... Da wurde ich eines Tages eilig in dieses Haus gerufen, denn der Herr Oberstlieutenant wäre im Sterben. Als ich kam, da lag er ganz steif und starr - und das Gesicht blau und verzerrt - ein Auge war ihm schon gebrochen - in dem anderen flackerte noch ein bißchen Leben. Er wollte reden - aber seine Lippen, die klatschten bloß noch aufeinander und lallten.

Magda. Gott im Himmel, was war geschehen?

Pfarrer. Ja, was geschehen war? ... Das werd' ich Ihnen sagen: Er hatte eben einen Brief bekommen, in dem seine älteste Tochter sich loslöste von ihm. (...) Es hat lange gedauert, bis sein Körper sich von dem Schlaganfall erholte. Nur ein Zittern im rechten Arm, das Sie vielleicht bemerkt haben, blieb davon zurück.

Magda. Also meine Schuld.59


In Berlin hatte Magda mit ihren Freundinnen Käthe und Emmy (der Köchin im Bunde!) ein elendes, aber freies Leben geführt, ein nichteheliches Kind geboren und hartnäckig an einem eigenen Selbst gearbeitet. Schlüsselsätze von Magda:


(...) Ich mich ducken! Das bin ich nicht gewohnt. Denn in mir steckt ein Hang zum Morden - zum Niedersingen. - Ich singe so, oder ich lebe so, denn beides ist ein und dasselbe - daß jeder Mensch wollen muß wie ich. Ich zwing' ihn, ich kneble ihn, daß er liebt und leidet und jauchzt und schluchzt wie ich. Und wehe dem, der sich da wehren will. Niedersingen - in Grund und Boden singen, bis er ein Sklave, ein Spielzeug wird in meiner Hand. (...)

Pfarrer. Das Aufprägen der eigenen Persönlichkeit, das meinen Sie - nicht wahr?

Magda. Si, si, si, si! Ach, Ihnen möchte' ich alles sagen. (...) Die Männer da draußen sind Bestien, gleichviel, ob man sie liebt oder haßt. Aber Sie sind ein Mensch. Und man fühlt sich als Mensch in ihrer Nähe. (...)60


Magda. Ihr werft mir vor, daß ich mich verschenkte nach meiner Art, ohne euch und die ganze Familie um Erlaubnis zu fragen? (...) Ich war eine freie Katze (...) Vor uns liegt nichts wie Verwelken und Verbittern, und wir sollen nicht einmal wagen dürfen, das, was wir noch haben an Jugend und überquellender Kraft, dem Manne hinzugeben, nach dem unser Wesen schreit? - - - Knebelt uns meinetwegen, verdummt uns, sperrt uns in Harems und in Nonnenklöster - und das wäre vielleicht noch das beste! - Aber wenn ihr uns die Freiheit gebt, so wundert euch nicht, wenn wir uns ihrer bedienen.61


Das kann nicht gut enden, und es endet auch nicht gut. Am Schluß greift ihr Vater zur Pistole, um die ungebärdige Tochter zu erschießen, aber dann rafft


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ihn der - nun tödliche - zweite Schlaganfall dahin. »Ich hab' ihn in den Tod getrieben«, sagt Magda da, nun endlich schuldig geworden (auch wenn die Schlußszene wie ein mühsam abgerungenes Zugeständnis des Autors an den Zeitgeist wirkt). Das wenig tröstliche Happy-End besteht im letzten Satz des Pfarrers: »Es wird Ihnen niemand verwehren, an seinem Sarge zu beten.«

   Eine dominierende, kraftvolle, gebrochene Frauenfigur also, die von Sudermann in ihrem verzweifelten Aufbegehren gegen die Verhältnisse durchaus mit Sympathie gezeichnet wird. Aber ihrer Heimat, die alle ins Verderben stürzt, entkommt auch sie nicht. Ein Frauentypus und eine Geschichte, die Erinnerungen in May wachgerufen haben dürfte, verstärkt noch durch kleine Schlüsselreize wie Magdas Anrede: »Meine Mieze!« für die kleine, brave Schwester Marie oder Magdas Satz über ihren zunehmend verwirrten Vater, der sich für sie duellieren will: »Ich glaube, ich werde diese grellen, blutunterlaufenen Augen jetzt immer vor mir sehn, wo ich geh' und steh' (...)«62

   Und noch eine merkwürdige Parallele zwischen Sudermanns weiblicher Hauptfigur und einer Frauenfigur bei May läßt sich feststellen: auch May hatte eine Sängerin namens Magda, genauer: Magdalena Berghuber, ersonnen, die sich aus schlichten Anfängen als Sennerin zum Gesangsstar entwickelt; in ›Der Weg zum Glück‹ (1886/1887) nämlich, wo er seine Leni aber mit aller Gewalt vom Klischee der lasterhaften Künstlerin fortschrieb: Und sie war keine Sängerin, sondern Jungfrau - so rein, so keusch und züchtig. Dem Zahn der Sünde war es nicht gelungen, dieses Mädchen zu verwunden. Das sah man ihr an.63 Helmut Schmiedt hat zu dieser Textstelle erhellende Ausführungen über die Diskrepanz zwischen dem Aussageinhalt und der konterkarierenden bildlichen Umsetzung, die einen Deflorationsakt beschreibt, gemacht.64 Und auch diese Magda(lena) singt alle nieder und zwingt dem Auditorium ihre eigenen Gefühle höchster Ergriffenheit auf, bis zum Schluß ein kollektives Schluchzen ertönt, in das nicht nur Ludwig II., sondern auch Richard Wagner und Franz Liszt einstimmen. Nur der platonische Liebhaber, der Krikelanton, grollt, denn: ... sie zeigt ihren Busen und ihre Arme. Hol sie der Teufel!65

   In diese Maysche Vorstellungswelt der keuschen, aber gefährdeten Sängerin gehört auch Martha Vogel, von der jungen Herrenwelt angeschwärmt und angeschmachtet,66 für die Old Shatterhand alias der Dresdener Schriftsteller tiefste, liebesähnliche und durch Eifersucht beeinträchtigte Sympathien hegt: denn Martha heiratet den Falschen, den haltlosen Alkoholiker und Ölmillionär Konrad Werner. Auch Martha singt so wie Magdalena und wie Magda: bezwingend und zu Herzen gehend:


... und Martha begab sich in den Nebenraum, welcher, wie ich bald hörte, das Musikzimmer war. Es erklangen einfache, einleitende Akkorde auf dem Pianino, und dann erscholl die herrliche Stimme der einstigen Sängerin; sie sang ein deutsches


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Lied. Ich saß mit dem Rücken dem Eingange und mit dem Gesichte dem Musikzimmer zugekehrt. Winnetou saß mir gegenüber und lauschte mit angehaltenem Atem. Er verstand die deutschen Worte nicht, war aber ganz entzückt von dem Gesange.67


Woraufhin der Apatsche als ein solch ernsthafter Streiter für die Ehre und Unversehrtheit der von ihrem rüden, betrunkenen Ehemann attackierten Frau in Erscheinung tritt, daß er der Charakterisierung als ›Winnetou, der rote Gentleman‹ voll und ganz gerecht wird.

   Anstöße mithin in Hülle und Fülle; Energie und Zeit genug, die ›Studie‹ ›Frau Pollmer‹ zu beginnen, wird May gehabt haben; er fühlte sich, seine Kräfte allerdings überschätzend, sogar in der Lage, anschließend in der Zeit vom 3. Juli bis zum 7. Juli 1907 noch eine anstrengende Reise ins Riesengebirge zu unternehmen. Als er am 8. Juli 1907 zusammen mit Klara die Heimreise antrat, war der Kurerfolg jedenfalls wieder zunichte gemacht.





Inhaltsverzeichnis Wolff-Aufsatz


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Sekundärliteratur


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