//67//

VII. Eros


Breiten Raum nehmen Mays Beschreibungen von Emmas Sexualität, immer auch gekoppelt mit ihren hypnotisch-suggestiven Fähigkeiten, ein. Ein Dämoninnen-Porträt also.

   Soweit er auf Emmas lesbische Beziehungen eingeht, fällt auf, daß sich der Dämon regelmäßig sogleich mit der Furie vermählt, die für gehässigen Kampf gegen den Mann steht. Emmas erste Freundin, Pauline Münchmeyer, sitzt da mit Emma auf dem Sofa, wo man Kaffee trank und sich Mühe gab, die Männer, die natürlich alle nichts taugten, abzuschlachten (Studie, S. 840). Emma gerät unter den Einfluß von Pauline, die, so May, eine furchtbare Ehe führt, in der die Eheleute wie Hund und Katze leben, einander nicht anrühren, sich gegenseitig hassen und verachten. Er versucht, Emma von dieser Frau zu trennen, aber Emma sagte, sie liebe Frau Münchmeyer und wenn ich ihr verbiete, mit ihr zu verkehren, so werde sie dies heimlich thun (Studie, S. 842).

   Die nächste Freundin, die bereits 1883, als Mays noch in Blasewitz wohnen, auftaucht, allerdings permanent erst in Erscheinung tritt, als Mays im Frühjahr 1887 in die Schnorrstraße ins Amerikanische Viertel nach Dresden gezogen sind, ist die Turnlehrersgattin Louise Dietrich - die May stets Dittrich nennt -, eine Mutter von fünf Kindern. Explizite Mitteilungen Mays über die Art der Freundschaft zwischen Emma und Louise Dietrich fehlen; ein einziger indirekter Hinweis, daß auch zu Louise Dietrich eine lesbische Beziehung bestanden haben soll, findet sich in Mays Satz: Das war der Anfang ihrer [Emmas] Rache dafür, daß ich es gewagt hatte, sie von der Seite des Karnickels, der Dittrich und aller  a n d e r n  masculin und feminin Geliebten zu reißen! (Hervorhebung durch die Verfasserin, Studie, S. 893) Daneben gibt es dann noch allgemeine Bemerkungen über Emma wie: da wollte sie geliebt sein und wieder lieben, gleichviel ob männlich oder weiblich, denn sie fand sich in beiden Satteln zurecht. (Studie, S. 852) Oder: Sie aber hat mir nur alte, geifernde Weiber, alte, giftige Jungfern und liebestolle Personen dritten Geschlechtes in das Haus gezogen. (Studie, S. 854) In welche dieser Kategorien Louise Dietrich einzuordnen wäre, die im Jahr 1887 fünfunddreißig159 und damit nur vier Jahre älter als Emma war, läßt sich präzise nicht feststellen: aber daß sie zu der Anti-Männer-Kampftruppe gehört, die für May mit lesbischer Beziehung geradezu gekoppelt ist, wird überdeutlich.

   An Gefühlsaufwand hat er in der ›Studie‹ auffällig bei der Beschreibung derjenigen Damen gespart, die seine Emma in ihren emanzipatorisch-män-


//68//

nerfeindlichen Verhaltensweisen unterstützt haben, und so beschreibt er mit bitterem Humor Louise Dietrich, die natürlich einen braven, pflichttreuen Mann hat, der nichts mehr von ihr wissen will und für sich allein ißt und schläft, wie folgt:


Sie brüstete sich damit, die Männer zu hassen, weil sie alle nichts taugen, und hatte die Eigenheit, sich in die Ehen Anderer zu drängen, um den guten Engel zu spielen und so lange zu hetzen und zu doziren, bis es dort ebenso wild aussah wie in ihrer eigenen Ehe. Diese Vertreterin der Kraft- und Faust-Weiberei hatte sich schon in Blasewitz an meine Frau gedrängt, um sie zu sich mit hinüber zu ziehen ... (Studie, S. 845f.)


Auch der Umzug nach Kötzschenbroda am 12. Oktober 1888 nützt nichts, Frau Dietrich stellt sich mitsamt Anhang wieder ein, und während May aufpaßt, daß die Turnlehrers-Kinder seinen geliebten Garten nicht komplett verwüsten,


saß ihre männerhassende, kampfgeübte Mutter mit meiner Frau im trauten Plauderstübchen und gab ihr Unterricht im eheweiblichen Dschiu-Dschitsu, das heißt, in der Kunst, den Willen des Mannes derart niederzukränken und niederzuärgern, daß es ihm unmöglich ist, wieder aufzukommen. (Studie, S. 850)


Sie überredet Emma, sich heimliche Ersparnisse anzulegen, und verwaltet ihr Sparbuch in Höhe von 800 Mark. Mit dieser Beziehung, die er verboten habe, sei erst Schluß gewesen, als die Dietrich sich auch noch bei den Plöhns habe einnisten wollen: Seitdem haßt sie mich noch glühender als zuvor und meine jetzige Frau dazu. (Studie, S. 846)

   Die äußeren Fakten dieser Darstellung nebst der Zusatzmitteilung, daß Emma sie zu spiritistischen Sitzungen animiert habe, an denen auch Klara Plöhn teilgenommen habe, werden von Louise Dietrich bestätigt; ihr habe Klara Plöhn mißfallen, die May ihre Kenntnis von dem heimlichen Sparbuch zugetragen habe, woraufhin May eine Szene gemacht habe.160 Der boshafte Ton in Louise Dietrichs eidesstattlicher Versicherung, wonach die glückliche Ehe durch Mays verschwenderische Art getrübt wurde und Emma ihr mitgeteilt habe, ihr Mann arbeite nur, wenn das Geld zur Neige gehe - eine Aussage, die mit der Realität nicht das geringste zu tun hatte! -, spricht für die von May wahrgenommene Aufhetzung, die die egoistische ›Furie‹ in Emma angestachelt und bestärkt habe. Der Hinweis von Louise Dietrich auf durch Emma angeregte spiritistische Sitzungen ergänzt wiederum Mays allgemeine Anmerkungen über Emmas weibliche sexuelle Eroberungen: Es giebt wohl keine einzige Bekannte von ihr, die nicht verführt worden ist, mit ihr spiritistisch zu sitzen und, nach einem Hinweis auf die zur Zeit der Niederschrift aktuelle Freundin Emmas in Weimar, die Opernsängerin Selma vom Scheidt, deren Anstandsdame Emma sei:


//69//

Solche Anstandssitzungen pflegen bei ihr auf dem offenen Nachtstuhle zu beginnen, vor dem offenen Spiegel, um sich entzückt betrachten zu können, und mit der warmen Milchtasse in der Hand. Dann folgt das Mit-einander-in-der-Wanne-baden, woran sich nachher das Mit-einander-nackt-zu-Bette-gehen-schließt. (Studie, S. 878)


Die nächste Kurzzeit-Freundin, die sich wiederum bei Mays einnistet, ist eine Berliner Courtisane (Studie, S. 851), von der May in seiner Eingabe an das Landgericht aus dem Jahr 1911 - in der er lediglich Emmas Vorliebe für Freundinnen ganz besonderer Art hervorhebt - zusätzlich zu berichten weiß, daß Emma sie auf Grund einer von ihr aufgegebenen Annonce kennengelernt habe.161 Sie soll von einem Dresdner »Onkel« ausgehalten worden sein und in Mays Haus einem verliebten Maler aufgeschwatzt werden; diese Frau und ihr Anhang hätten ihm seine liebgewonnene Wohnung zum Ekel, zum Tribaden- und Hurenhaus gemacht.


Es entstand ein erbitterter Kampf zwischen mir und meiner Frau, der damit endete, daß ich dem Maler, als er sich bei meinem »Gaste« einstellte, die Augen öffnete und die Kreatur samt ihren sogenannten »Onkel« zur Thür hinauswarf. Er hat sie dann selbst heirathen müssen, ist aber schleunigst wieder geschieden worden. (Studie, S. 851f.)


Die Berliner Courtisane wäre demnach in Mays Kategorie nicht nur, aber auch, eine der liebestolle(n) Personen dritten Geschlechtes.

   Danach tritt das ›Kaninchen‹ in Erscheinung, eine der furchteinflößendsten und zugleich langjährigsten von Emmas Freundinnen, deren Name über die Jahre häufig wechselte und den May in seiner Eingabe an das Landgericht dankenswerterweise komplett angegeben hat: Louise Achilles, verw. Häußler, verw. Langenberg, verw. Hübner, geborene Schmidt.162

   Eine Frau, die Emma später während Mays Abwesenheit aufgrund der Orientreise 1899 eingeladen und die dann wochenlang bei ihr gewohnt habe, um Spiritismus, Liebesbrunst und andere Dinge zu treiben (Studie, S. 883).

   May beschreibt sie satirisch wie folgt:


... eine Phryne [= griechische Hetäre] sondergleichen. Ich kannte ihren ersten Mann, einen Baumeister, der, schon hoch bei Jahren, die Dummheit beging, diese üppige und viel verlangende Weißwaarenmamsell zu heirathen. Er gab ihr wegen der Ausgeprägtheit ihres Begattungstriebes den Kosenamen Kaninchen. ... Er starb vor Liebe, war aber noch lange nicht todt, so verkehrte sie hinter seinem Rücken schon mit Andern. Dann heirathete sie wieder. Auch der zweite Mann starb vor Liebe. Der dritte, den sie jetzt hat, [Häußler] kann nicht an dieser Ursache zu Grunde gehen, weil sie inzwischen arg verfettet ist und also dem bekannten Karnikel nicht mehr gleicht. Ich hatte viele, viele Monate lang die Verpflichtung, sie des Abends aus der Kneipe nach Hause zu führen, denn sie kam allein. Auf diesen stillen Wegen öffnete ihr der Alkohol den Mund. Ich aber that, als hörte ich


//70//

es nicht und als fühlte ich die leberthranigen Reize nicht, die sich mir in die Arme drängten. Ich habe sie nie berührt, obgleich sie später offen, sogar schriftlich gestand: »Ich liebte meinen Karl glühend und habe gegen diese Liebe wie eine Löwin gekämpft!« ... Und dieses liebestolle, verfettete Karnikel, welches mit den üppigen Beinen unter dem Tische mit andern Männern Poussade trieb, sogar in der öffentlichen Kneipe, hat mich bei der Staatsanwaltschaft denunzirt! (Studie, S. 854f.)


Das letztere stimmt, und es sollte noch viel schlimmer kommen; May konnte bei der Niederschrift der ›Studie‹ natürlich nicht wissen, daß Frau Achilles (so hieß sie jedenfalls im Jahr 1909) diese alte Anzeige gegen Karl und Klara May wegen Betruges im Rahmen des Scheidungsverfahrens vom 9. Oktober 1903 am 8. Mai 1909 wieder aufnehmen und die widerstrebende Emma zur Zeugenaussage bewegen würde. Diese bestritt zunächst pauschal den Wahrheitsgehalt sämtlicher von Klara im Scheidungsverfahren gemachter Angaben, um dann allerdings vor dem Richter zu erklären, daß, wenn sich die Untersuchung gegen ihren Mann richten sollte, sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch mache. Dann aber trat offensichtlich unter dem Einfluß des ›Kaninchens‹ wieder ein Stimmungswandel ein, so daß sowohl Emma als auch die - von dem Vorwurf der betrügerischen Ehescheidung gar nicht betroffene und damit nicht beschwerdebefugte - Louise Achilles Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens einlegten und Emma tatsächlich am 27. August 1909 eine Aussage machte. Ihre offenbar konfusen Darlegungen hat selbst Lebius nicht abgedruckt. Die Qualität der Aussage ergibt sich aber aus dem Einstellungsvermerk von Staatsanwalt Dr. Erich Wulffen vom 24. September 1909, in dem er ausführt, daß die Zeugin Selma vom Scheidt nur Zeugin vom Hörensagen sei, wodurch die Anzeigenerstatterin nicht glaubwürdiger werde: deren Aussagen seien mit Vorsicht aufzunehmen, weil ihre Gemütsverfassung keine normale zu sein scheine. Personen, die als spiritistische Medien tätig seien, litten erfahrungsgemäß nicht selten unter allerlei Einbildungserscheinungen.163

   Im Jahr 1910 sollte die Freundschaft zwischen Emma und Louise Achilles gar noch giftigere Früchte tragen, denn Emma trug ihrer Freundin auf, ihre immer mehr der Realität entgleitenden Ehe-Reminiszenzen an Mays Erzfeind Lebius weiterzuleiten, wie sich aus ihren entsprechenden Briefen an die »liebe Lotte« bzw. »Mein liebes Kaninchen!« aus dem Jahr 1910 ergibt.164

   Zu welcher Boshaftigkeit dieses ›Kaninchen‹ tatsächlich in der Lage war, kann man der eidesstattlichen Versicherung von Louise Achilles vom 9. November 1909 entnehmen, die von tiefster, eindeutig von Eifersucht gespeister, Abneigung gegen Karl und Klara May durchdrungen ist: May sei seinerzeit, 1889 bis 1892, trunksüchtig und verschwenderisch gewesen und wäre ohne die einen Notgroschen sparende Emma im Rinnstein gelegen. Später habe Emma wiederum Klara Plöhn verschwenderisch unterstützt; nach 1892 - zu dieser Zeit endete der regelmäßige Kontakt mit Louise, da sie


//71//

nach Berlin verzog - hätten sich die Mays, angeregt durch Plöhn, dem Spiritismus ergeben, wobei Klara durch »Geisterbefehl« Emma veranlaßt habe, 20.000 Mark ihrer Ersparnisse an Herrn Plöhn abzugeben. In den letzten beiden Ehejahren habe Klara, die raffinierte Schwindlerin, die Eheleute gegeneinander aufgehetzt und ihnen durch »Briefe der Lieben« den Geschlechtsverkehr untersagt; ganz abgesehen davon, daß Karl 1889 oder 1890 mit einem seiner Dienstmädchen ein Kind gehabt und Alimente bezahlt habe.165

   Dieser rachsüchtige, zum überwiegenden Teil auf Hörensagen beruhende Klatsch, der hier unkommentiert bleiben soll, ist Beweis genug für die von May 1907 beobachtete Eifersucht des Kaninchens auf Klara Plöhn, die ihr nicht nur Emma wegnahm, sondern später auch noch Karl. Sein Eindruck, daß alle diese ›perversen‹ Frauen sich gegen ihn, den Mann, verschworen haben, hat also durchaus eine reale Grundlage, die geeignet ist, sein ohnehin vorhandenes Bild der Bedrohlichkeit weiblicher Sexualität zu unterfüttern.

   Alle diese Frauen, deren emanzipatorische Bestrebungen aus heutiger Sicht wenig Feministisches an sich haben, sind froh und glücklich, wenn ihre Männer, einsam, abgeschoben in die Fremde oder in ein Krankenhaus, sterben, denn dann sind sie in der Regel versorgt und dennoch so frei, wie sie es sich wünschen: O-Ton der nunmehrigen Oberturnlehrerwitwe Dietrich laut May: »Der Todestag meines Mannes war mir ein Freudentag.« (Studie, S. 856)

   Und diese Frauen klatschen natürlich auch noch, besonders über Männer und über sexuelle Dinge, ungeniert, hämisch und lügenhaft, so May:


Sie [Emma] bedauerte nicht etwa, mich geheirathet zu haben, o nein; sie war ganz im Gegentheile sehr stolz darauf; aber es ergrimmte sie, daß dies nicht hatte geschehen können, ohne daß sie ihre Mädchen-»Freiheit« dabei eingebüßt hatte. Sie verstand hierunter den ungestörten und unbeschränkten Genuß alles dessen, was ihr gefiel, besonders den geschlechtlichen, den sexuellen Verkehr mit allen seinen besonderen Finessen und Delikatessen. Es empörte sie, daß ich genau so, wie bei Tische, auch in dieser Beziehung nur für die einfache, gesunde Hausmannskost zu haben war und alle Farcen, Saucen, Ragouts und ähnliche Dinge haßte. Leider aber wurde Jeder, der solche Natürlichkeit und Anspruchslosigkeit übte, von diesen Weibern, besonders aber von der lieben Meinigen, sehr einfach als »Scheißkerl« bezeichnet. Ausrufe wie: »Wenn ich den nur loswerden könnte!« waren mehr als oft zu hören. (Studie, S. 910f.)


Um ein Beispiel von der Art und Weise dieses Herabziehens zu bringen, sei gesagt, daß sie sich in ihrer lüsternen Phantasie die raffinirtesten Beischlafsstellungen schuf und ihre Weiber dadurch in die beabsichtigte erotische Aufregung versetzte, daß sie ihnen haarklein und ausführlich schilderte, in welcher Weise diese Stellungen von mir an ihr ausgeführt würden. Bald erzählte sie, daß ich die Vertiefung zwischen ihren Brüsten als Mutterscheide behandelt habe, und bald, daß sie der Mann und ich die Frau gewesen sei. Ich habe nie im Leben an so etwas scheußlich Un-


//72//

natürliches gedacht und noch viel weniger es ausgeführt und konnte mir also erst dann, als ich von diesen geilen Lügen erfuhr, die sonderbaren Augen erklären, mit denen mich diese Weiber betrachteten ... (Studie, S. 873)


Stolte bezeichnete diese letzte Stelle als »die vielleicht peinlichste Enthüllung intimer Fakten«;166 tatsächlich werden hier keine intimen Fakten des Sexuallebens von Karl und Emma wiedergegeben - in der ganzen ›Studie‹ erfährt man unmittelbare Einzelheiten des Sexuallebens Karl Mays mit Emma überhaupt nicht, sieht man von just diesen beiden Passagen ab. Eine oberflächliche Lektüre dieser Sätze erfaßt allerdings lediglich die Information, daß May in seiner ex-post Betrachtung von 1907 erklärt, ausgefallenere Stellungen und Praktiken abzulehnen und Natürlichkeit und Anspruchslosigkeit auf diesem Gebiet vorzuziehen, was nicht nur aus heutigem weiblichen Blickwinkel ja eher beklagenswert erscheint. Er sagt dies auch nicht direkt, sondern über den Umweg der Mitteilung und Bewertung sexualbezogener Stellungnahmen und erotischer Phantasien seiner Frau und deren Funktion im Rahmen von Emmas intimen Frauenbeziehungen. Daß May - wie auch Stolte - die nach patriarchalischen Standards unmännliche Rolle, die ihm in diesen Phantasien zugewiesen wird, selbstverständlich störte, ja, geradezu verstörte, wird ebenfalls bereits bei der ersten Lektüre deutlich.

   Beide Aspekte - nämlich Mays an dieser Stelle zutage tretende eigene Einstellung zur Sexualität und seine Abwehr von Emmas Phantasie - sollen aber näher untersucht werden; denn geht man über die bloße Bewertung als ›peinlich‹ hinaus, geben sie einen ungeahnten Aufschluß über grundlegende persönliche und gesellschaftliche Konflikte.

   Es verwundert nicht, daß May, der »Kenner der Erotik« (Krauss), wie selbstverständlich die Parallele zwischen Essen einerseits und Sexualität andererseits zieht. Schon der Volksmund kannte die später wissenschaftlich bestätigte Nähe beider Lustzentren im Gehirn, wie sich den geflügelten Worten von der Liebe, die durch den Magen geht, und dem Wort des Von-Luft-und-Liebe-Lebens entnehmen läßt, das eine ziemlich exakte Darstellung des das Eßbedürfnis überflutenden anderen Hungers in der ersten Phase einer Beziehung liefert. Auch das Wort ›Fleischeslust‹ weist diese Verschränkung beider Bedeutungen auf. Die Kenntnis des Zusammenhangs zwischen Eßgewohnheiten und -vorlieben und Sexualverhalten dürfte Allgemeingut darstellen: wer Mahlzeiten ohne Genuß in kürzester Zeit verschlingt oder Nahrung nur unter askeseähnlichen Gesundheitsaspekten auswählt, ohne Rücksicht auf Geschmack und ästhetischen Reiz, fungiert in jedem einschlägigen Ratgeber unter der Rubrik: Vorsicht! Zweifelhafte Liebhaberqualitäten! Denn zum Genuß beider sinnlicher Vorgänge gehören Zeit und das Ausblenden rationaler Bedenken, schlicht: unvernünftigste Hingabe.

   May hat seine Pekala nicht ohne Grund als Köchin in Szene gesetzt. Essen wie auch Sexualität gehörten für ihn zusammen, in den Bereich der


//73//

stofflichen Materie, zur Sinnlichkeit, zum Genuß, den es zu überwinden galt, genau wie das Rauchen - jedenfalls für den Karl May ab 1899/1900. Vorher allerdings: war er ein Mann, der nicht nur mit Genuß aß, trank und rauchte, sondern auch erstaunliches Interesse und Kenntnisse auf diesen Gebieten aufwies.

   Daß er ein starker Zigarrenraucher war, der in honorarmageren Zeiten auch schon einmal Rechnungen des Zigarrenlieferanten Julius Balder (vom 21. Oktober 1889 bis zum 24. Februar 1890 125 Mark) auflaufen ließ, ist durch eine entsprechende Rechnung vom 13. Juli 1890, Gegenstand eines zivilrechtlichen Klageverfahrens, aktenkundig geworden.167 Auch Max Welte faßte seine Beobachtung anläßlich eines Besuches im Hause May zu Ostern 1897 in die Worte, »daß Karl May nur ein Zündholz am Tag brauche, weil er Kettenraucher sei.«168 Ich rauche gern, durfte May in den ›Freuden und Leiden eines Vielgelesenen‹ im Jahr 1896 noch frank und frei bekennen.169 Daß May über Zigarren und deren Herstellung alles wußte, was man wissen kann, ergab sich zwangsläufig aus seiner Zeit des Strafvollzugs im Zuchthaus Waldheim, denn dort war er in der Zigarrenproduktion tätig. Und er beschreibt die Tätigkeit im Zuchthaus Waldheim in seiner Biographie als hochinteressant, immer ein Schlüsselwort bei May, das auf für das Privatleben des Autors bedeutsame Dinge hinweist. Auch die Arbeit wurde mir lieb. ... Ich lernte alle Arten von Tabak kennen und alle Sorten von Zigarren fertigen, von der billigsten bis zur teuersten.170 Seine Werke durchzieht ebenfalls der Duft von Tabak.171

   Genußtrübende Erinnerungen an die harte Zeit im Zuchthaus Waldheim stellten sich bei May jedenfalls nicht ein ...

   Und das Essen?

   Max Welte berichtete nach seinem ersten Besuch in der Villa Shatterhand am 5. Januar 1897: »May ist nämlich Feinschmecker und genießt manche Speisen nur dann, wenn sie von seiner Gattin eigenhändig zubereitet sind. Doch gönnt er seiner Gemahlin wöchentlich einigemale Ruhe, indem er im Hotel speist.«172

   Emmas Murren über die Belastung durch den großen Haushalt des gastfreundlichen Karl, und das bei diesen Dienstmädchen heutzutage, das in den Briefen an Agnes Seyler ertönt, dürfte der eigentliche Grund für aushäusiges Speisen gewesen sein. Emmas nachvollziehbare Unlust an der Haushaltsfront wurde von May allerdings mit ironisch formulierter Kritik bedacht: als Emma am 19. Mai 1898 ihrer ›lieben Agnes‹ mitteilt, wie sehr sie sich über einen Gegenbesuch von Familie Seyler in Dresden freuen würde (»Wäre das aber eine echte, wahre Herzensfreude für uns, Euch, lieben Menschenkinder, auf den weisen [!] Hirsch zu wissen (...)«), vermerkt Karl: siehe beifolgende Bemerkung!, die, laut Maschke im Jahr 1973, angeblich nicht erhalten sei.173 Tatsächlich ist sie doch erhalten, wie von Amand von Ozoróczy überliefert, aber sie paßte wohl nicht ganz ins Bild von der glücklichen Ehe und der guten Hausfrau Emma:


//74//

Diese pfiffige Emma freut sich also, ihre lieben Deidesheimer auf dem weißen Hirsch zu wissen, aber nicht bei sich! Gewaltige Gastfreundschaft! Auch Grüße hat sie nicht mitgeschickt. Ich verbessere das aus reiner Dankbarkeit für sie, weil sie täglich auch an mir herumbessert, leider ohne Erfolg!174


Aber die Beobachtung Weltes, daß der »Feinschmecker« May Wert auf Emmas Kochkünste legte, beweist ein weiteres Mal die doppelte sinnliche Faszination, die Emma für May hatte: und daß er später, als ihm Emma und überhaupt die Zustände in der Villa Shatterhand nach Reiserückkehr ekelhaft waren, keine von ihrer Hand zubereiteten Speisen mehr zu sich nehmen konnte, erscheint logisch und konsequent. Damals aber schwelgte er geradezu in den von ihr repräsentierten leiblichen Genüssen. ... und dem Geruche von Gänsebraten, der mit Emma hereingekommen ist, kann ich auch nicht gut widerstehen, schreibt er in einem Brief an Emil Seyler am 15. Oktober 1897.175 Überhaupt entfaltet sich in den Briefen Mays an Seylers und deren Kinder, die ›Orgelpfeifen‹, der ganze Charme, zu dem der bürgerlich-großzügige Gourmet May fähig ist: da gibt es Dankgedichte für die Übersendung von Mays Lieblingskäse,176 dann dichtet er:


Es dringt der Duft von dem Diner / Zu mir ins Zimmer in die Höh, / Und da bin ich zuweilen sterblich, / Denn Essen ist niemals verwerflich, / Zumal wenn es, wie Karl es liebt, / Ein Sauerkraut mit Eisbein giebt ...177


Ein putziges Weihnachtsgedicht für die Kinder, wohl von 1896, bereitet Familie Seyler auf einen möglichen Besuch von Onkel Karl vor:


... Zwar soll man nicht vom Magen reden, / Denn dies beleidigt manchmal Jeden, / Doch ist - vielleicht klingt das viel besser - / Der Onkel ein gewaltger Esser. / Drum, wirds mit dem Besuche richtig, / So backt und kocht und bratet tüchtig ...178


Nachdem Seylers einen Besuch für August 1898 in Aussicht gestellt haben, beweist May in einem launigen Brief vom 27. Juli 1898 an Emil eine Kennerschaft der Küche, die über schlichten Eintopf und Hausmannskost weit hinausgeht: in einer scherzhaften Speisekarte droht er Emil folgende zweifelhafte Kombinationen an:


Punschtorte mit Pfeffergurken, / Kartoffelmus mit Syrup. / Milchreis mit Matjeshering, / Rheinlachs mit Liptauer Käse. / Junge Tauben mit Plumpudding / Apfelgelee in Paprika / Sahnetorte mit Perlzwiebeln usw. usw.179


Und in dem weiteren Käsedankgedicht in diesem Brief wird wiederum deutlich, welch emotionalen Stellenwert er Lieblingsspeisen einräumt, wenn er sie denn mit dem Spender und Urheber der Gaumenfreude identifizieren kann: »Der Käse ist hier arrivé; / Drum, wo ich geh und wo ich steh, / Bin, jeder andern Sorte feind, / Ich immerdar mit Euch vereint.«180


//75//

   Diese rundum positive, kindlich-begeisterte Einstellung ändert sich, wie so vieles, während der Orientreise: und es ist bezeichnenderweise die erste der vielen Veränderungen, die danach noch eintreten werden. Möglicherweise hat die intuitiv alles erfassende Emma diese seine Mitteilung als Warnsignal verstanden, als symbolische Absetzbewegung des Mannes in die Askese, in der ihre Wirkungsmacht versagen muß. Am 25. April 1899 schreibt er ihr aus Kairo: Ich esse ganz wenig Fleisch. Will es mir abgewöhnen.181

   Im ›Silberlöwen III‹ ist dieser aufkommende Ekel vor dem Verzehr von Fleisch eindrucksvoll geschildert: Halef, bereits von der Typhus-Erkrankung gezeichnet, rafft sich mit letzter Kraft auf, um mit dem Scheik der angeblichen Dinarun zu verhandeln:


Mir wurde himmelangst um den kleinen Freund. Typhus - - - und gebratener Hammel, vielleicht sogar der fürchterlich fette Schwanz desselben, welcher den Gästen stets geboten wird, weil er als das beste Stück des Bratens gilt! Das konnte sein Tod sein! ... Der Scheik legte ihm wirklich das dickste, vom Fette triefende Schwanzstück vor, und Halef nahm es an. Ich wollte ihn daran hindern ...182


Als Kara Ben Nemsi sich dann wirklich krank fühlt:


Wie kam es doch, daß ich grad jetzt an das Hammelfleisch denken mußte, welches wir im Lager der sogenannten Dinarun gegessen hatten? Ich fühlte, daß es mir unmöglich sein würde, gegenwärtig auch nur einen einzigen Bissen davon zu genießen. Schon bloß der Gedanke daran schüttelte mich! War das ein Wink von innen heraus? Wer vermag die dort wohnenden Geheimnisse zu ergründen! (Silberlöwe III, S. 243)


Eine feindliche Atmosphäre, die den Verzehr von Fleisch zum ekelerregenden Vorgang, ja, unmöglich macht: das sind privateste zeitgleich durchlebte Erfahrungen des Autors. Später dann, genesend, in der köstlichen Pflaumenbaum-Szene, verwandelt sich das Roman-Ich in das Autoren-Ich und räsoniert über Funktion und die Wirkung von Ernährung genau so wie in der fünf Jahre später geschriebenen Studie:


Es war eine frühe, eigroße, köstlich blaurot gefärbte Pflaume! Ja, köstlich!!!

   Wenn ich hier erst ein und dann sogar drei Ausrufezeichen mache, so hat das seinen guten Grund. Obst geht mir über jede andere Speise. Ich esse da gewiß so viel, wie sogar meine vier Ausrufezeichen schwerlich vermuten lassen. Und Pflaumen? Gar von dieser geradezu zum Stehlen einladenden Sorte? Man würde staunen, wenn ich sagen wollte, wieviel ich da essen und aber auch vertragen kann. Ich sage es also lieber nicht. Das alles gilt aber nur vom Obste. In Beziehung auf andere Speisen sind die sogenannten Tafelfreuden für mich nichts als Tafelarbeiten. Ich weiß, und ich schmecke, was gut ist oder nicht; ich kann sogar auch tadeln; aber ich esse nicht, um zu essen, sondern weil ich leben bleiben will. Gekünsteltes oder Complicirtes schiebe ich zurück. Ich will einfach essen, womöglich nur eine einzige Speise, aber gut. Das Zusammengesetzte ist keineswegs so zuträglich wie man


//76//

denkt. Ich habe das an mir und tausend Andern erfahren. Wenn die Menschen doch wüßten, was die Art und Zubereitung der Nahrung für einen Einfluß, für eine Wirkung hat! Doch, hierüber könnte man Bücher schreiben, und es würde doch vergeblich sein. Aber, daß ich jetzt als Sechzigjähriger mich körperlich und geistig noch genau so jung und arbeitsfreudig wie ein Zwanzigjähriger fühle, das habe ich wohl vorzugsweise dem Umstande zu verdanken, daß ich so einfach und so wenig wie nur möglich esse. Obst aber, so viel ich immer kann, das ganze Jahr hindurch. Nach dem Preise soll man da nicht fragen. Und Pflaumen! Solche, wie grad hier - - - ! (Silberlöwe III, S. 345f.)


Ob May bei dieser Szene und diesen Ausführungen die erotische Symbolik von Pflaumen tatsächlich entgangen ist?

Auch eine sonderbare Privatmythologie um Sinn und Zweck eines reduzierten und bewußten Fleischverzehrs findet sich im ›Silberlöwen III‹, nämlich in einem Gespräch zwischen dem Pedehr und dem Ich über dessen Vorliebe für Obst, wobei das Ich des Autors wiederum deutlich an den Leser herantritt:


»Ich esse es [Obst] sehr gern, und zwar ungewöhnlich viel.«

   »Thue das, so lange du lebst! Die reine, keusche Lebenskraft ist nicht im Fleische des ausgewachsenen Tieres vorhanden. Genießt man welches, so soll es nur ganz junges sein. Das reife Tier giebt auch dem Menschen, der es genießt, tierische Reife. In der Frucht des Baumes aber ist das reinste Leben aufgespeichert, weil Wurzeln, Stamm und Zweige das Unreine zurückbehalten haben. ...«

   Hatte der Pedehr Recht? Ich habe mich später an seine Weisung gehalten und befinde mich sehr wohl dabei. (Silberlöwe III, S. 355)


›Später‹ hat May sich an die Weisung des Pedehr gehalten. Die ›Studie‹ reflektiert Mays Einstellung zum Essen nach 1900. Vorher war alles anders, da war er das von Pekala symbiotisch abhängige geliebt-genährte Kind Tifl. Folgt man Mays eigener Assoziationskette von Eßverhalten und Sexualität, wird klar, daß die von ihm in der ›Studie‹ eingeräumte sexuelle Hörigkeit gegenüber Emma tatsächlich bestanden haben muß: Emma war ja ganz genau wie jene Konkubine ihres Großvaters, die ihn mit ihren körperlichen Reizen gefangen nahm, nur um ihn auszubeuten (Studie, S. 872). Und diese Haushälterin (hatte) ihrem Herrn zwar geschlechtlich jederzeit mit Wonne zu Diensten gestanden, ihn aber dafür beherrscht, regirt, geschimpft, gequält und herzlos ausgebeutet ... (Studie, S. 816) Emma ist ihm [dem Großvater] ohne Scheu und Scham und Gewissensbiß davongelaufen und nach Dresden gekommen, um bei mir genau dieselbe Rolle zu spielen wie die Konkubine bei ihrem Großvater (Studie, S. 817).

   Genügsamkeit und Enthaltsamkeit kennzeichnen Mays Sexualität mit Emma, solange er ihr verfallen war, demnach gerade nicht. Ohne die ›Studie‹ zu zitieren, möglicherweise, ohne sie zu kennen, kam bereits Otto Forst-Battaglia im Jahr 1966 zu demselben lebenserfahrenen Schluß:


//77//

Sie [Emma] besaß nämlich, außer den mannigfachsten übeln Eigenschaften auch andere, die jene übertönen mußten, wenn sie auf einen sinnlich erregbaren Partner trafen. Sie war schön, anmutig, kokett; sie hatte im hohen Grade das, was man später sex appeal nannte.183


Wir sind aber weit davon entfernt, aus seiner Wirksamkeit in der Schundromanfabrik Münchmeyer May einen pharisäischen Vorwurf zu machen. Er wollte leben, gut leben, und seine ihn beherrschende Gattin, der er mit seinen Sinnen hörig war, begehrte  s e h r  gut zu leben (...).184


Welche Rolle Emmas von May bestrittene Darstellung des ehelichen Verkehrs spielt, ist damit aber noch nicht geklärt. Zunächst wäre zu untersuchen, welche Gesichtspunkte dafür oder dagegen sprechen, daß Emma sich tatsächlich, wie behauptet, gegenüber ihren Freundinnen über bestimmte, von May ausgeführte Stellungen geäußert hat. May ist, wie immer in der ›Studie‹, sehr genau. Er teilt mit, woher er sein Wissen hat; diese Sätze Emmas hat er weder zufällig mitbekommen noch hat er sie durch bewußtes Lauschen wahrgenommen. Er erfuhr die geilen Lügen vielmehr später (Studie, S. 873). Eine glaubhafte Darstellung, denn er teilt gleichzeitig eine persönliche Schlußfolgerung, seine private Verifizierung der ihm zugetragenen Bemerkungen, mit, die ihm dazu noch äußerst peinlich ist. Denn nach dieser Erkenntnis erst konnte er sich die sonderbaren Augen erklären, mit denen mich diese Weiber betrachteten, wenn ich einmal gezwungen war, mich unter ihnen zu zeigen. Seine Erkenntnisquelle teilt er demgegenüber nicht mit. Andererseits kommen nur Emma selbst oder Klara für eine entsprechende Mitteilung in Betracht. Da zu Klara das für eine solche Information notwendige Vertrauensverhältnis aber frühestens ab 1900/1901 bestand und er bei einer so späten Unterrichtung über die auf Mitte bis Ende der neunziger Jahre zu datierenden Gespräche sicherlich anders formuliert hätte, nämlich eher: ›die sonderbaren Augen, mit denen mich diese Weiber betrachtet hatten‹, dürfte Emma die Informantin gewesen sein, möglicherweise in der Absicht, ihn in Wuth und Gluth (Studie, S. 883) zu versetzen. May hat Emmas schonungslos-verletzende Offenheit deutlich genug beschrieben, etwa, wenn er zu dem Verhältnis Emma-Pauline Münchmeyer ausführt: ... und daß dann später, als ich diesem Verkehr der beiden Lesbierinnen ein Ende gemacht hatte, meine Frau in aufgeregten Augenblicken mit Reminiscenzen aus jenen köstlichen Zeiten um sich warf. (Studie, S. 848) Er hat seiner Informantin jedenfalls geglaubt, so viel steht fest. Denn diese Passage befindet sich in einem Abschnitt, der in Durchbrechung jeglicher Chronologie Emmas dämonische Eigenschaften schildert, zu denen laut May ihre lüsterne Phantasie und ihre Lügen gehören. Aus welchen Gründen sollte Karl May von ihm als scheußlich Unnatürliches (Studie, S. 873) gegeißeltes und ihn daher bloßstellendes und verletzendes Gerede erfunden haben? Es gehört mehr als pure Phantasie dazu, dieses in sich stimmige komplexe setting von Sachverhalt, Art der Wahrnehmung, Nachprüfen des


//78//

Wahrheitsgehaltes, begleitender Gefühlsproduktion und Wertung zu konstruieren. Abgesehen davon setzt die Annahme einer bewußten, Emma diskriminierenden Falschdarstellung voraus, daß May bei Verfassen der ›Studie‹ mit einem Leser rechnete - eine problematische Unterstellung, die später noch untersucht wird.

   Im übrigen haben sowohl die Emma zugeschriebenen Äußerungen als auch die von May bewertete Funktion ihrer Phantasie eine innere Logik, die unbedingt für ihre Wahrheit spricht.

   Denn warum erzählt Emma von aufregenden, weil von der Hausmannskost abweichenden Stellungen? Nach Mays Schilderungen ihrer Freundinnen waren alle, wie Emma selbst, verheiratet, hatten sich aber von ihren Männern abgewandt. Unschwer ist zu erraten, daß neben dem objektiv rechtlosen, abhängigen Status der Frau im 19. Jahrhundert ohne Zugangsmöglichkeit zu anspruchsvolleren Berufen auch sexuelle Frustration Grund für die Verbannung der Ehemänner in getrennte Schlafzimmer und Hinwendung zu den Frauen (ohne Angst vor - weiteren - Schwangerschaften) gewesen sein dürfte. Es wäre daran zu erinnern, daß die Erkenntnis von der Existenz weiblicher erotischer Wünsche verdrängt und erst durch Freud wieder in das Bewußtsein gehoben worden war - obwohl selbst Freud in Übererfüllung alter männlicher Klischees vom unbegreiflichen Weib noch 1932 schrieb, daß »auch die Psychologie das Rätsel der Weiblichkeit nicht lösen« werde.185 Gerade wegen des Ignorierens starken weiblichen Trieblebens kam es zu zahlreichen ärztlichen Fehldiagnosen wie Frigidität und Hysterie bei Frauen; ein Werk wie die 1904 in 1. Auflage erschienene Abhandlung von Otto Adler über die ›Mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes‹, in der behauptet wird, daß der Geschlechtstrieb des Weibes wesentlich geringer sei als derjenige des Mannes, mag einen Eindruck von der die Männer beruhigenden zeitgeistigen Wertung vermitteln. Die Annahme von natürlicher Kälte der Frau hat die Funktion, die Ängste des Mannes vor der Erfüllung der ihn erwartenden ehelichen Pflichten zu mindern: denn ein geistig normal entwickeltes und wohlerzogenes Weib, so Richard Freiherr von Krafft-Ebing noch in der 9. Auflage (1894) seines Klassikers ›Psychopathia Sexualis‹, habe ein geringes sinnliches Verlangen. »Wäre dem nicht so, so müßte die ganze Welt ein Bordell und Ehe und Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, welcher das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuß nachgeht, abnorme Erscheinungen.«186

   Folge solcher Fehleinschätzung ist natürlich, daß der Vollzug des Geschlechtsverkehrs vorwiegend männlicher Lustverschaffung dient und ebenso ›natürlich‹ zu einer Verweigerungshaltung der ›frigiden‹ Frauen führen muß, deren Rate von Otto Adler mit »sicherlich nicht unter 10 %«, höchstwahrscheinlich jedoch bedeutend höher: »20, 30 ja vielleicht gar bis 40 %!«187 eingeschätzt wurde. In der 2. Auflage seines Werkes (1911) geht Adler auf die barsche Kritik gegen seine Schätzung durch die »bekannte Agitatorin Dr. phil. Helene Stöcker« ein, die für Freiheit und Anerkennung


//79//

der weiblichen Sexualität kämpfe;188 in ihrem Aufsatz ›Die sexuelle Abstinenz und die Stützen der Gesellschaft‹ von Januar 1909 erkläre »sie die Tatsache einer ca. 25 %igen weiblichen Frigidität« für baren Unsinn und versteigt sich in ihrem Sexualitätsbewußtsein zu der wenig abstinenten Bemerkung, daß ein derartig versierter Arzt als ein »in Sachen Liebe ungebildeter und roher Mensch einfach auszulachen«189 sei. Und er verteidigt sich damit, daß er nur von mangelhafter Geschlechtsempfindung gesprochen habe, »ohne Kritik ihrer Ursachen«,190 was ihn allerdings nicht davon abhält, später auszuführen:


Das Geschlechtsb e d ü r f n i s  ist sicherlich, mit absoluter Gewißheit (wovon noch später) beim weiblichen Geschlecht in vielen Fällen ein  u n v e r h ä l t n i s m ä ß i g  g e r i n g e r e s  u n d  v e r s c h w i n d e t  n i c h t  s e l t e n  b i s  z u r  e i s i g s t e n ,  k a l t e n ,  t o t a l e n  E m p f i n d u n g s l o s i g k e i t .  B e i  s t a r k e m,  a u s g e p r ä g t e n  T r i e b e  j e d o c h  e r r e i c h t  d e r  O r g a s m u s  e i n e  i n  Q u a n t i t ä t  u n d  Q u a l i t ä t  d e m  M a n n  ü b e r l e g e n e  (p a t h o l o g i s c h e)  H ö h e .  Da das ganze Weib vielgestaltiger, variabler ist, so liegt auch sein Geschlechtsempfinden innerhalb der weitesten Grenzen.191


Und auch das Adlersche Ergebnis der Ursachenforschung, nämlich daß die »Masturbation eine der häufigsten Ursachen der weiblichen Unempfindlichkeit beim normalen Geschlechtsverkehr«192 sei, liegt auf einer konservativen Linie; Adler bringt eine Fülle von Fallbeispielen, in denen Patientinnen, oftmals angeleitet durch ältere Frauen, und, nach empfindungslos vorübergegangenem Geschlechtsakt mit einem oder verschiedenen Männern, auch wieder zu Frauen zurückkehrend, »volle Befriedigung« bei Masturbation oder »wechselseitiger Onanie« erlangten. Die Patientin


strebt den geschlechtlichen Verkehr an und betrachtet die wechselseitige Onanie nur als notgedrungenen Ersatz der mangelnden, geschlechtlichen Empfindung beim Geschlechtsakte. Auch wollüstige Träume haben stets Männer zum Inhalte, während das Gegenteil sehr charakteristisch für das Vorhandensein einer verkehrten Geschlechtsempfindung ist.193


Und Adler zieht den kühnen Schluß, daß die klitorale Fixierung bei der weiblichen Masturbation Wurzel allen Übels sei, denn:


Es tritt dadurch leicht eine Gewöhnung ein an: 1. bestimmte Stellen, die beim normalen Akte vom männlichen Glied nicht genügend getroffen, erreicht, resp. gereizt werden, oder an 2. ein bestimmtes Tempo, an Rhythmus und Kraft der bisherigen manuellen Ausübung, mit welcher die spätere Aktivität des Mannes nicht korrespondiert. [Im Original Sperrdruck]


Woraufhin er postuliert, den Bereich der Wissenschaft ebenso leichtfüßig überschreitend wie seine Patientinnen ignorierend: »Die Klitoris des Weibes ist als wollusterregendes Organ (ähnlich wie die glandulae vestibulares


//80//

majores als Lockmittel) in entwicklungsgeschichtlichem Rückgang begriffen.«194 (Im Original wiederum Sperrdruck)

   Die Frauen um Emma trieb demnach wohl kaum originäre homosexuelle Orientierung, sondern die Unerfülltheit sexueller, grundsätzlich aber auf den Mann bezogener, Wünsche zueinander, wie ja auch die von May mitgeteilten erotischen Annäherungsversuche des ›Kaninchens‹ belegen. Nur diese Hypothese ist geeignet, Mays Wertung zu erklären, daß Emma Phantasien über ihre eheliche Sexualität vortrug, um die Frauen in die beabsichtigte erotische Aufregung zu versetzen (Studie, S. 873). Im Vergleich zu real erlebter öder Pflichterfüllung dürften Emmas Erzählungen tatsächlich animierend gewirkt haben, jedenfalls dann, wenn die Libido der Zuhörerinnen eigentlich auf den Mann gerichtet war. Diese Zusammenhänge waren May klar: denn aus den sonderbaren Augen der Weiber traf ihn der Blick des - Emma um diesen einfallsreichen Liebhaber beneidenden - Begehrens.

   Die erste von May berichtete Variante, die Behandlung der Vertiefung zwischen ihren Brüsten als Mutterscheide (Studie, S. 873) in Mays sowohl diskreter wie auch enthüllender, jedenfalls vollendeter Formulierung, beschreibt das Tabu des ödipalen Inzestwunsches und erklärt nebenbei die Obsession des 19. Jahrhunderts an der üppigen Büste der Frau, der auch May huldigte: denn Emma war stolz, wenn Augen nur immer entzückt und lüstern an ihrem schönen, vollen Busen gehangen hatten (Studie, S. 878). May war da keine Ausnahme. Das Tabu des Inzestwunsches war aber seinerzeit so überragend, daß nicht einmal in der Pornographie jener Zeit eine unverstellte Darstellung dieser oftmals nicht bewältigten Wünsche möglich war: In den zeitgenössischen Darstellungen soll es vielmehr regelmäßig die Mutter sein, die den Sohn verführt und damit freispricht, die Mutter in Gestalt einer lüsternen, erfahrenen, reifen Hauswirtin etwa; oder der Wunsch maskierte sich in der Erniedrigung der Sexualpartnerin, weil »die brutale infantile Spaltung der Mutter in die reinste und die verworfenste aller Frauen« - nach Entdeckung, daß die Mutter ein Sexualleben hat - bei manchen Söhnen niemals verwunden wurde.195

   In einem tieferen Sinne noch als zuvor verschmelzen in der Mayschen Formulierung von der Vertiefung zwischen den Brüsten als Mutterscheide - Emma wird dies konkreter, drastischer, formuliert haben - die früheste Lustquelle von Ernährung und die spätere der Sexualität miteinander. Diese weitere für May bedeutsame Assoziation wird auch aus einem Satz deutlich, der an anderer Stelle in der ›Studie‹ steht: Sie [Emma] lernte die Männer verachten und verspotten, die für den Anblick zweier Milchdrüsen auf Gesundheit, Geld und Ehre verzichten. (Studie, S. 816) Magermilch ist Mays liebstes Getränk, wie er in den ›Freuden und Leiden eines Vielgelesenen‹ verkündet.196 Ich genoß viel Milch, mein Lieblingsgetränk, schreibt er, die langsame, durch Schakara, die sehr oft bei mir kniete und mir wie einem Kinde mit einem Löffel dünne Speise gab, geförderte Genesung von der Krank-


//81//

heit zum Tode beschreibend, auch im ›Silberlöwen III‹ (Silberlöwe III, S. 282 und 279). Emma, mit der warmen Milchtasse in der Hand, die sich auf dem offenen Nachtstuhle vor dem offenen Spiegel entzückt betrachtet (Studie, S. 878), als negativstes Bild dieser Assoziationskette. Dieses Thema berührte ihn, zweifellos.

   Der Frau verschafft die von Emma beschriebene Sexualpraktik die Befriedigung, mütterliche Dominanz auszuüben - im Gegensatz zur Degradierung zum passiven Objekt männlicher Lust eine positiv-machtvolle Erfahrung; dem Mann weist sie dagegen die Rolle desjenigen zu, der kindliche Wünsche nicht gesellschaftskonform sublimiert hat, eine gerade für May unerträgliche Vorstellung. Denn er hatte ja seine Mutter, nach schmerzvoll erlittener Liebesversagung, zur unsinnlich-starren Heiligen, ja Märtyrerin verklärt.197 Die Heftigkeit seiner Abwehrreaktion gegenüber Emmas Phantasie ist damit verständlich und unwiderlegbar ›wahr‹.

   War Emmas erste Phantasie ein Angriff auf Mays Verdrängungsmechanismen, mit denen er seine gestörte Mutterbindung bearbeitet hatte, zielt die zweite auf das väterliche männliche Ich-Ideal, zweiter Fixpunkt in Mays psychischer Entwicklung. ... daß sie der Mann und ich die Frau gewesen sei, bereits diese Formulierung benennt das Zentrum der Empörung über dieses scheußlich Unnatürliche: die Entwertung des Mannes und die Übernahme der Kontrolle durch die Frau. Die Überlegenheit des Mannes ist in Gefahr, und da weiß May sich einig sogar mit den fortschrittlicheren Zeitgenossen wie dem französischen Arzt Dr. Auguste Debay. Dessen Werk ›Hygiène et physiologie du mariage‹, erschien 1848 erstmals, durfte sich 1881 der 125. (!) Auflage erfreuen und fand auch danach noch Verbreitung und Zuspruch. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der deutschen und englischen Ärzte konstatierte Debay, daß die Frau sehr wohl ein erotisches Wesen aus eigenem Recht sei, ja, über ein »ausgedehnteres Sexualsystem« verfüge, über lebhaftere Phantasie, größere Sensibilität und permanente Potenz im Vergleich zu der beschränkten des Mannes, der nach dem Akt auch erschöpfter sei als die Frau. Ihr wollüstiger Hochgenuß werde aber erst durch einen längeren, auf ihre Physis eingehenden Geschlechtsverkehr hervorgerufen; sei der Geschlechtsverkehr kurz, zeige sich die Frau beim Akt passiv. Trotz dieser fortschrittlichen Anschauung hielt aber auch Debay die ›Missionarsposition‹ für die einzig ›normale‹. Die Rittlingsposition der Frau auf dem Mann möge zwar ein wollüstiges Erlebnis verschaffen, sie stelle aber eine Umkehrung der natürlichen Ordnung dar.198

   Von nüchterner Klarheit dagegen - sowohl hinsichtlich der Bedeutung der von Emma beschriebenen Stellung für das sexuelle Empfinden der Frau wie auch für die Wertung der Praktik als einen Angriff auf das Patriarchat - ist ein Aufsatz in Bd. VII der von Krauss herausgegebenen ›Anthropophyteia‹, in dem Karl Amrain unter der Überschrift ›Bi jastambhana‹ u. a. die indischen Verfahren zur Verhütung allzu schneller Ejakulation beschreibt.199


//82//

   Zu der »im Volk sowohl bei den Deutschen als Franzosen weitverbreiteten Meinung, daß Frauen von kühlem Temperamente schwach ausgebildete Wollustorgane hätten«, führt Amrain in der Nüchternheit des Wissenschaftlers aus: »Wenn viele Frauen den Coitus mit einem Individuum lustlos an sich vorübergehen lassen, dagegen Ceteris paribus mit einem anderen Individuum den höchsten Grad wollüstigen Empfindens erreichen, so mag das mit der Größe und dem Umfang des penis und dem Ansatz der Clitoris inniger zusammenhängen als mit sonstigen Beziehungen.« Er beruft sich dabei auf eine Veröffentlichung des Arztes Albert Moll im XIII. Band der Encyclopädischen Jahrbücher der gesamten Medizin, der bereits 1906 die Ansicht vertreten habe, daß beim Koitus zweifellos sehr oft die Klitoris, die zuweilen sehr hoch sitze, vom Membrum nicht erreicht werde; hierdurch fehle der Reiz, so daß es möglich sei, daß dieses anatomische Mißverhältnis eine häufige Ursache der Anaesthesia sexualis beim Weibe sei. »Der allzeit tätige Volkssinn«, so Amrain weiter, habe aber Mittel und Wege erdacht, um dem abzuhelfen. Das einfachste und natürliche Verfahren dabei sei die empirische »Aussuche von Stellungen, welche zum mindesten der Frau ein graduell differenziertes Lustgefühl zuteil werden ließen. Dieses scheint dem Weibe am ehesten durch den coitus inversus,« (an anderer Stelle auch, an Mays Wortwahl erinnernd, als »Die Frau spielt dabei die Rolle des Mannes« erklärt) »weiter durch mögliche Hinauszögerung der Lustauslösung beim Manne vermittelt werden zu können. Beim Coitus inversus findet das Weib einen umso größeren physischen und psychischen Anreiz als die Aktivität hierbei in erster Linie der Frau überlassen ist (...)«

   Nach einer genauen Beschreibung der Ausführung dieser Stellung geht Amrain dann auf die gesellschaftliche Bedeutung dieser Praktik ein:


Wir sind weit davon entfernt jener Meinung beizupflichten, welche die Ausbreitung des Coitus inversus in englischen und französischen Volkskreisen mit der Ausdehnung der Frauenbewegung in Zusammenhang bringen, dazu sind beide Bewegungen denn doch vielzusehr verschieden, aber die Möglichkeit geben wir zu, daß auch der Koitus der Mode und Anschauung unterliegt und daß bei femininen Strömungen in der Männerwelt die  p s y c h i s c h e  G e w a l t n e h m u n g  d e r  F r a u  einen Reiz eigener Art gewähren kann. Nicht Lustermöglichung allein, sondern möglichst langwährendes Lustgefühl, sich steigernde Lust sucht die Frau. Die moderne Frau bewußt, die Frau von ehedem vielleicht meistens unbewußt der Art, wie sie ihr Ziel erreichen könne.


Emma und ihre Freundinnen dürften entsprechende Erfahrungen mit oder auch nur Vorstellungen von der luststeigernden weiblichen Kontrolle über den Geschlechtsakt gehabt, und May wird dies geahnt oder gar gewußt haben. In die beabsichtigte erotische Aufregung konnten Emmas Phantasien über das eheliche Geschlechtsleben ja nur versetzen, wenn den frustrierten Geschlechtsgenossinnen ein verlockendes Gegenbild zu ihren eigenen Erfahrungen geliefert wurde. Wenn May Emmas Beschreibung als Herabzie-


//83//

hung und Produkt von Emmas lüsterner Phantasie bezeichnet, nimmt er in Kauf, als ein Mann dazustehen, der seine Frau nicht befriedigt. Er schont sich also nicht, wenn er ausführt, nie im Leben an so etwas scheußlich Unnatürliches gedacht und noch viel weniger es ausgeführt (Studie, S. 873) zu haben, was wiederum dafür spricht, daß er auch hier die Wahrheit sagt.

   Offenbar war es für ihn leichter, Emmas Ansprüche als ›abnorm‹ zu werten, was sein Ungenügen erträglicher gestaltet. Unerträglich wird ihm dagegen, wenn er schon seine duldende Passivität als Ehemann und seine Abhängigkeit von Emmas Körper einräumen muß, die Erfahrung der »psychische(n) Gewaltnehmung der Frau« auch noch im Bett gewesen sein. Wenigstens hier wollte und mußte er der Mann sein, dessen Ideal bis 1898 seine Heldenfiguren symbolisierten. Aus der Falle des Mann-Sein-Wollens, das dann aber gerade zu seinem erotischen Versagen und Emmas Ausweichen in Phantasien und lesbische Beziehungen führte, kam er aber nicht mehr heraus.

   Man versteht, daß die komplizierte und mit der Möglichkeit des Scheiterns verbundene Geschlechtsliebe kein literarisches Thema für ihn sein konnte. Mit der glühenden, aber verbotenen Liebe, die keine Realität wird, mußte es sein Bewenden haben.


*


Zu Emmas während der Ehe unterhaltenen Beziehungen zu anderen Männern faßt May sich eher kurz; sie scheinen auch erst nach 1896, als Emma vierzig und er selbst vierundfünfzig Jahre alt war, stattgefunden zu haben. Vielleicht ist insoweit von Bedeutung, daß der kinderliebe Karl May jedenfalls im Dezember 1896, verstellt von mühsam aufgebrachtem Humor, seinem Freund Emil Seyler in Deidesheim schrieb: <>Ich beneide Sie um Ihre Christbescheerung, Herr Commerzienrath! Am Christbaum müssen frohe Kinderaugen strahlen, und leider wird Ihr ferner Hausfreund niemals Großvater sein! Howgh!200

   Weibliche Freiheit wächst, wenn die Gefahr einer Schwangerschaft gebannt ist ...

   May erspart sich bei der Schilderung konventioneller Eskapaden zunächst ebenfalls größeren Gefühlsaufwand, indem er lapidar ausführt: Von männlichen Personen will ich nur drei Stück erwähnen. (Studie, S. 857) In der Jägersprache, die peinlich sorgsam verstörende Bilder von Töten und Metzgerhandwerk zu vermeiden sucht, wird jede potentielle Beute übrigens ebenfalls als ›Stück‹ bezeichnet. ›Ein Stück ansprechen‹, heißt es da beispielsweise: und wer hat bei diesen Worten die Imagination feuchtdunkler Bambiaugen und eines Gewehres, durch dessen Visier der Jäger gerade die Jagdbarkeit des Wildes prüft, bevor er es tötet?

   Er habe die liebesaufgeregte Emma einschließen respektive mit Gewalt am Ausgehen verhindern müssen, um sie davon abzuhalten, weiter mit einem jungen, unverheirateten Schulmann bis Mitternacht auszugehen.


//84//

»Dem kann Keine widerstehen! Was der verlangt, thut Jede!«, charakterisirte sie ihn. (Studie, S. 857) Ein Satz Emmas, der eine erotische Beziehung zu diesem Mann nahelegt, vielleicht aber auch gegenüber ihrem Ehemann nur nahelegen soll, um ihn eifersüchtig zu machen. Insbesondere die Beschreibung dieses Rivalen als überwältigend maskulin, willensstark und selbstbewußt war geeignet, Mays ohnehin fragile, mehr behauptete als gelebte, Männlichkeit zu erschüttern. May zeigt hier seine Verletztheit vor, ohne einen Seitensprung Emmas konkret zu behaupten. Zurückhaltung in der Darstellung also auch hier.

   Dazu gesellt sich eine - ausdrücklich als platonisch, aber als für May peinlich dargestellte - Schwärmerei von Emma für einen schönen, geistreichen Magyaren, den Theologieprofessor Szekrényi, Übersetzer von Mays Werken, der darum gebeten haben soll, beim nächstenmal vorsichtshalber seine Frau mitbringen zu dürfen (Studie, S. 857). Dieser Besuch dürfte, folgt man Emmas Brief an Agnes Seyler vom 19. Juni 1898, am 20. Juni 1898 stattgefunden haben.201

   Dann die, von May ernst genommene, Beziehung zu dem jungen Max Welte:


Es gehört ja zur Perversität alter, unterleibskranker Frauen, sich an jungen, männlichen Tolpatschereien an- und aufzuregen. ... Er himmelte sie an. Es war ihm eine Wonne, von ihr gequält und zu den niedrigsten Handreichungen verwendet zu werden. Ich duldete es, weil ich dadurch entlastet wurde und Ruhe bekam. (Studie, S. 857f.)


Auch hier soll Emma den jungen Mann zu spiritistischen Sitzungen verleitet haben, so daß er ganz in ihre Fesseln geriet:


Er hatte sich in das spiritistische Netz meiner Kreuzspinne verwickelt und besaß nicht mehr die Eigenkraft, sich dagegen zu wehren, von der occulten, hypnotischen und suggerirenden Schwindlerin geschlechtlich und moralisch entmannt und aufgefressen zu werden. (Studie, S. 859)


Die ›Beweismittel‹, die May seiner ›Studie‹ beifügt, belegen hinreichend eine heimlich unterhaltene Beziehung Emmas zu Max Welte, die auch ohne Nachweis vollzogenen Geschlechtsverkehrs genug an Kränkungspotential aufweist, um Mays Bitterkeit zu erklären. Sie machen sowohl die verräterische Heimlichkeit einer über Jahre geführten Korrespondenz als auch eine spiritistische Komponente dieser Beziehung deutlich: auf einer Karte an »Frau Dr May« vom 28. Dezember 1897 schreibt Max Welte: »Unsere liebe ›Nscho-tschi‹ zu besuchen, wird auch der ›dritte‹ mit ›allerhöchster Erlaubnis‹ (also fast Befehl) eines Abends späte durch Vermittlung der ›Lieben‹ eintreffen.« (Studie, S. 948, ›Anlagen‹) Das Beweisfoto zeigt, hinter dem Rücken von May, einen durchaus schwärmerischen Blick des jungen Mannes auf Emma.202


//85//

   Die spiritistische Komponente, deren Funktion im Rahmen von Emmas Liebesbeziehungen hier besonders deutlich angesprochen ist, verdient nähere Beobachtung. Eines der Argumente von Heinz Stolte nämlich, May an dieser Stelle wiederum eine widersprüchliche Belastungstendenz zum Nachteil Emma vorzuwerfen, besteht darin, daß Emma nicht gleichzeitig gläubige Anhängerin des Spiritismus als auch eine hypnotische Schwindlerin gewesen sein könne.203

   In allen Passagen, in denen sich May mit dem von ihm tatsächlich gründlich studierten Spiritismus beschäftigt, insbesondere aber in der Beschreibung der spiritistischen Experimente mit dem Ehepaar Pfefferkorn aus Amerika, Emma und dem Ehepaar Plöhn, die auf das Jahr 1895 zu datieren wären (Studie, S. 867-870), gibt es ein eindeutiges Studienergebnis. Hier schildert May seinen Freund Richard Plöhn und sich selbst als kühle Beobachter der Szene, während er dem Ehepaar Pfefferkorn und Emma volle Begeisterung attestiert und sie als gläubige Anhänger des Spiritismus bezeichnet. Klara Plöhn, seine spätere Frau, wird als Gänschen, nicht ganz so groß wie meine eigene Gans, doch geistig unbedeutend charakterisiert (Studie, S. 868). Und dann spricht er wieder von Emmas dämonischer (d. h. suggestiver) Veranlagung, denn es erscheinen nur Geister von Pollmers Gnaden (Studie, S. 869), nämlich ihre eigenen Verwandten aus dem Himmelreich, dann Mays Vater, der natürlich in der Hölle wohnt, für den ungläubigen Plöhn gar überhaupt niemand und für Klara schließlich ein lustiger Kerl namens Gottlieb oder Gottfried, der mit dem Tische die tollsten Sprünge macht: in der ganzen Zeit sei es den Amerikanern, die sich für kräftige Medien hielten, nicht ein einziges Mal gelungen, einen amerikanischen Geist auf das Tapet zu bringen ... (Studie, S. 870) Er, May, habe wiederholt in der Folgezeit Medien, so auch Anna Rothe, entlarvt - nicht sie, sondern der betrügerische, buckelige Unternehmer, der sie dirigierte, sei das eigentliche Medium gewesen.


... sie aber war sein Opfer! Ihn hat man laufen lassen; sie aber wurde bestraft und ist daran gestorben! Das ist die jetzt so viel und öffentlich besprochene »Weltfremdheit« der Criminalisten, welche glauben, über Dinge aburtheilen zu können, die ihrer juridischen Atmosphäre noch fremder sind als der Sirius dem Monde! (Studie, S. 870)


Hier wird deutlich, was May Emma vorwirft, wenn er sie eine occulte ... Schwindlerin nennt, obwohl sie andererseits durchaus an den Spiritismus glaubt: nämlich die suggestive Beeinflussung des Mediums, das bei diesen Sitzungen (was May an dieser Stelle nicht erwähnt) regelmäßig Klara Plöhn war. Zum Verständnis dieses Schwindel- und Betrugsvorwurfs aus spiritistischer Sicht ist es allerdings erforderlich, sich Mays Kenntnisstand zu diesem Thema anzueignen.

   Das einzige der vielen Bücher in seiner Bibliothek zum Thema Spiritismus, das er - wie später gezeigt werden wird - für die Arbeit an der ›Studie‹


//86//

heranzog, trägt den Titel: ›Ehre und Spiritismus vor Gericht‹, Berlin 1897, verfaßt von einem Freiherrn L. von Erhardt, der Betroffener eines Skandals im Zusammenhang mit spiritistischen Experimenten der Düsseldorfer Psychologischen Gesellschaft war. Untertitel des Werkes, dessen Einsicht mir durch freundliche Genehmigung des Karl-May-Museums in Radebeul gestattet wurde: ›Eine Kampfesschrift für Wahrheit, sittliches Recht und Justizreform‹.

   Die Düsseldorfer Psychologische Gesellschaft, gegründet 1895,204 der Juristen, Ärzte, Künstler, Offiziere und Kaufleute angehörten, veranstaltete auch wissenschaftliche Experimente zur Erforschung des Spiritismus, wobei die Séancen unter dem ehrenwörtlichen Vorbehalt stattzufinden hatten, daß die objektive Wissenschaftlichkeit beachtet werden müsse. Nun, einer hielt sich nicht daran, ein Rechtsreferendar Dr. Ewers nämlich, der die Teilnehmer - sagen wir es drastisch - schlicht verarschte. So täuschte er sogenannte ›Apporte‹ vor, indem er taschenspielermäßig geschickt aus dem Hause des Freiherrn von Erhardt stammende Gegenstände auf den Tisch praktizierte und behauptete, die Geister hätten Visitenkarte, Gummi und Bleistift apportiert. Noch gravierender freilich als solche groben Regelverletzungen erschienen dem Verfasser der Streitschrift die subtileren - und von Dr. Ewers sogar eingestandenen - Sabotagemethoden hinsichtlich der sogenannten ›Kommunikation‹ mit den Geistern: nämlich suggestive Einflußnahme auf das Medium oder auch Autosuggestion, die zur bloßen Nachahmung eines Trancezustandes bei Dr. Ewers geführt habe.205

   Denn es verläuft eine scharfe Trennlinie zwischen Spiritismus einerseits und den seinerzeit ebenso populären Experimenten der Magnetiseure und Hypnotiseure, mit einem Wort: der Suggestions- und Suggestibilitätsbeweise, andererseits.

   Während der Verkehr mit den Geistern auf Einflußnahme äußerer Mächte auf das Unbewußte des für solche Strömungen besonders empfänglichen Mediums beruhen sollte, setzten die Magnetiseure und Hypnotiseure den eigenen bewußten Willen zu manipulativen Zwecken gegenüber ›normalen‹ Menschen ein. Dieser bewußte Wille verfälscht selbstverständlich das wissenschaftliche Experiment eines Verkehrs mit den Geistern, weshalb von Erhardt jene Manöver des Dr. Ewers auch schlicht als Betrug bezeichnet. Ein Rattenschwanz von Prozessen resultierte aus dieser Diskreditierung der Psychologischen Gesellschaft Düsseldorf, die insgesamt für den Verfasser übel endeten - eben weil die Justiz, wie May schreibt, ›weltfremd‹ war. Von Erhardt, der sich im Zusammenhang mit dieser Affäre zu einer beleidigenden Äußerung hatte hinreißen lassen, wurde wegen Beleidigung bestraft und ging sogar noch seiner Offiziersehre verlustig. Das wegen Meineids gegen Dr. Ewers angestrengte Ermittlungsverfahren, der vor Gericht sowohl die Abgabe des Ehrenwortes als auch einen Bruch desselben bestritten hatte, wurde von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf am 8. August 1896 eingestellt. Und das, obwohl Dr. Ewers sowohl suggestive


//87//

Einflußnahme auf das Medium als auch autosuggestive Mittel zur Herbeiführung der eigenen Trance eingeräumt hatte. Das, so die ›weltfremde‹ Staatsanwaltschaft Düsseldorf in ihrem Einstellungsbescheid, sei zulässig. Die nach Beschwerdeeinlegung zuständige Oberstaatsanwaltschaft in Köln hielt im Ergebnis am 27. August 1896 die Verfahrenseinstellung aufrecht, wenn sie auch einräumte, daß der Begründung des Bescheides nicht in allen Teilen beizupflichten sei.206

   Wenn Emma also eine spiritistische Séance dazu mißbraucht, um willensgelenkte Wunschergebnisse zu produzieren; oder sie gar die ›zufällige‹ Anwesenheit des jungen Max Welte in öffentlichen Restaurants, in denen das Ehepaar May zu speisen gedachte, damit zu erklären versucht, ›Geister‹ hätten den jungen Mannes zugeführt - nachdem sie ihm allerdings ihren persönlichen Wunsch als spiritistischen Befehl suggeriert hatte - (Studie, S. 858), lassen sich diese Verhaltensweisen aus spiritistischer Sicht nur als Schwindel und Betrug werten. Nicht mehr und nicht weniger hat May, dem diese Sicht nachweisbar bekannt war, sagen wollen.

   Stoltes Anmerkungen hatten leider die fatale Folge, daß sie in der Tendenz unüberprüft übernommen und Mays Text schon gar nicht mehr richtig gelesen wurde. Andreas Barth hat im Februar/März 1990 im Karl-May-Haus in Hohenstein-Ernstthal eine verdienstvolle Ausstellung mit May-Autographen und eine ebenso verdienstvolle Dokumentation dieser Ausstellung im Dezemberheft 1990 der ›Information‹ Nr. 4 des Karl-May-Hauses erstellt, darunter Korrespondenz zwischen Karl May und Max Welte. In diesem Zusammenhang wird auf Stoltes Anmerkungen zur ›Studie‹ verwiesen und werden Einladungen Mays an Welte zum Essen am 8. April 1897 und 10. Dezember 1897 als Beweis für die »Haltlosigkeit dieser Mayschen Phantasiegebilde« eines Verhältnisses zwischen Emma und Max gewertet. Diese Einladungen widersprächen der Behauptung Mays, Ehefrau Emma allein habe dafür gesorgt, daß Welte an Mahlzeiten teilnahm.207

   Beweise sind das natürlich nicht, zumal bereits die Behauptung, die widerlegt werden soll, unrichtig wiedergegeben ist. Die arrangierten quasi-zufälligen  ö f f e n t l i c h e n  Begegnungen mit Max Welte sind in der ›Studie‹ Stein des Anstoßes, nicht etwa private Kontakte im eigenen Heim, die ja die Anfangsphase der Beziehung Karl Mays zu Welte seit Januar 1897 prägten und dort ausdrücklich erwähnt werden: Sie verkehrte viel mit ihm und erzog ihn so, daß er mir seine Schwärmerei entzog, um sie ihr hinüber zu tragen. (Studie, S. 857) Und wenn Barth die inhaltliche Harmlosigkeit einer Postkarte von Emma an Max Welte vom 2. Oktober 1901 (Rigi-Kulm) als Beleg für ein ebenso harmloses Verhältnis Emma-Max anführt und Mays Beweisführung für das Gegenteil nicht zu verstehen vermag,208 liegt das daran, daß er seinen May nicht gründlich gelesen hat. Zu diesem Beweisstück g.), und May kommentiert jedes einzelne durchaus konsequent, bemerkt May nämlich: Sie grüßt ihn ohne mein Wissen von Rigi-Kulm aus, wo wir 3 Wochen


//88//

wohnten, und sendet ihm tausend Grüße und Dank für Etwas, wovon ich nicht die geringste Ahnung habe. (Studie, S. 941)

   Nicht der Inhalt jener Karte, sondern der Umstand, daß May in Unkenntnis von Korrespondenz und den Gründen von Emmas Dank geblieben war, ist Ursache für sein Mißtrauen. Da Emma freiwillig selten schrieb und ihre Korrespondenz dann auch noch von May, erkennbar an seinen Nachsätzen auf ihren wenigen Briefen, regelmäßig kontrolliert und redigiert wurde, läßt sich dieses Mißtrauen Mays nachempfinden.

   Nein, es gibt nichts, was Mays Darstellung des Verhältnisses von Emma zu Max Welte widerlegen könnte.

   In der ›Studie‹ wird aber auch, erkennbar an der emotionalen Würdigung von Welte als des geschlechtlich und moralisch entmannt(en) und aufgefressen(en) Opfers (Studie, S. 859f.) der Verführerin Emma, eine Identifizierung zwischen May und dem jungen Mann ersichtlich, dem es ja nicht anders ergeht, als es Karl selbst im Jahr 1876 ergangen war. Mays gleichzeitig empfundene tiefe Gekränktheit über diese Beziehung, die ja vor allen Dingen in Zeiten von Mays Abwesenheit gepflegt wurde, bricht bei den bereits erörterten Passagen durch, in denen May sich mit dem Namen Nscho-tschi befaßt, mit dem Emma einen Kartengruß an Max Welte unterschrieben hatte. Und daß ihn Welte in einer Zuschrift an Emma als das Strohmännle bezeichnete, das aber nichts wissen dürfe (Studie, S. 859), hat ihn tief getroffen. Dies wird durch die fortlaufenden Zitate dieses Ausdrucks in der ›Studie‹ mehr als deutlich belegt.

   Beide Gefühlsanteile, nämlich sowohl die Identifikation mit dem jungen Mann als auch die tiefe, sich nach Rache und Bestrafung des Übeltäters sehnende Kränkung, darüber hinaus auch das letztliche Verzeihen spiegeln sich im ›Silberlöwen IV‹ in der Figur des Aschyk, Pekalas heimlichen Geliebten: zunächst wird der Aschyk für seine Spionagetätigkeit unter dem Deckmantel der Liebschaft - und Max Welte ließ sich von Emma heimlich Mays Gedichte abschreiben! - grausam bestraft, indem er zunächst gefesselt zurückgelassen und sodann für zwei Tage auf einem Felsplateau im Höhlenbassin, in einsamer Gesellschaft mit einem Skelett, ausgesetzt wird, was Schakara-Klara mit den Worten: »Wie streng du sein kannst, Effendi, wie unerbittlich kalt und streng! Das wußte ich noch nicht« und »Entsetzlich, entsetzlich! Effendi, bist du ein Mensch?« kommentiert (Silberlöwe IV, S. 363f.). Nachdem der Aschyk, der schon durch seine Biographie als wegen schwerer und sehr pfiffiger Diebstähle Verurteilter Ähnlichkeiten mit May aufweist (Silberlöwe IV, S. 285), nach diesen zwei Höllentagen zum Gebet und zur Reue gefunden hat, gewährt ihm das Ich Verzeihung (jedenfalls für das, was er der Ich-Figur noch antun wollte!) (Silberlöwe IV, S. 427f.), bis dem geläuterten Aschyk am Ende gar eine offizielle Begnadigung durch den Schah-in-Schah zuteil wird (Silberlöwe IV, S. 640).209

   Alles, was May vorlegt, sind keine Beweise, die eine juristisch relevante Beziehung zwischen Emma und dem Studenten belegen könnten, weshalb


//89//

dieses Verhältnis im Scheidungsverfahren keine Rolle spielte - wenn auch May vorsorglich die Hotelwirtin im Hotel Penegal auf der Mendel, wo Emma das Scheidungsverfahren abwarten sollte, bei Abreise am 30. August 1902 auf den »jungen Manne« hinwies und sie bat, ihn sofort zu informieren, falls er dort auftauchen sollte.210 Letztlich wird er selbst Zweifel daran gehabt haben, ob es in der heimlichen Beziehung zwischen Max und Emma bis zum Äußersten gekommen war. Hierauf deuten seine Erklärungen hin, aus welchen Gründen er habe verhindern müssen, daß Emma vor der Scheidung nach Dresden zurückkehre:


... und vor allen Dingen hatte ich, sogar zu ihrem eigenen Besten, zu verhüten, daß sie sich von dem jungen Menschen, der mich als »das Strohmännle« bezeichnete, zu noch schlimmeren Thorheiten, als die bisherigen waren, verleiten ließ. (Studie, S. 927)


Die eigentliche Schmach, die er im Zusammenhang mit allen drei Männer-Episoden empfindet, ist die der öffentlichen Bloßstellung als Mann, der seine Frau weder an sich zu binden noch zu beherrschen vermag; und das öffentliche Bild einer intakten Ehe bedeutete ihm viel:


Als ich alle meine Versuche, sie mit zu heben, scheitern sah, gab ich es auf, sie aus dem Schmutz zu ziehen, und ließ sie ihre eigenen Wege gehen. Hiermit meine ich natürlich nur die innern, nicht auch die äußeren Wege. In Beziehung auf die letzteren war sie nach wie vor verpflichtet, doch wenigstens alles Das zu vermeiden, was im Stande war, ihre äußere Ehre und ihren Ruf zu schädigen. Niemand sollte ahnen, daß Karl May, der Idealist des Erden- und des Lebensglückes, für sich persönlich auf dieses Glück verzichtet hatte. (Studie, S. 849f.)


Während intime Freundschaften zu Frauen, die in der Geschlossenheit der eigenen Wohnung stattfinden, als klassisch-weibliche Vertraulichkeiten maskiert und damit weniger ernst genommen werden können (nicht grundlos wurde und wird weibliche Homosexualität in kaum einer Gesellschaftsordnung kriminalisiert), verstoßen Emmas offensichtliche Schwärmereien für Männer, ihr unbegleitetes Ausgehen mit einem unverheirateten Mann und ihre Liaison mit dem jungen Max Welte gegen den comment: ihre Verhaltensweisen machen May, in aller Öffentlichkeit, zur Witzfigur des betrogenen Ehemannes, ohne daß er deshalb im wahrsten Sinne des Wortes betrogen worden sein müßte.


*


Dann gibt es da noch die dunkle, autoerotische Seite von Emma, der Regisseurin des ›nackten Zimmers‹ in der Villa Shatterhand, die Mays seit 1896 bewohnten, dieses bereits erwähnte Zimmer mit dem offenen Nachtstuhle und dem offenen Spiegel, das der Betrachtung des eigenen Körpers diente und Ausgangspunkt lesbischer Aktivitäten gewesen sein soll (Studie, S. 878).


//90//

Ich hörte, wie sie es während meiner Abwesenheit daheim getrieben hatte. Ueberall stieß ich auf Erinnerungen daran. Das sogenannte »nackte Zimmer« strotzte hiervon. Sie selbst hatte der Stube diesen Namen gegeben, weil sie da morgends und abends vollständig entkleidet auf dem Nachtstuhle vor dem Spiegel saß, um in perversester Weise ihre Nothdurft zu verrichten und dabei ihren nackten Körper nach allen Richtungen hin zu bewundern und anzubeten. (Studie, S. 903f.)


Und was die Thaten betrifft, so ist festzustellen, daß sie fast jeden Abend abwesend war und erst spät nach Hause kam. Da hatte sie regelmäßig Kampfeslaune und kam zu mir, um sie an mir auszulassen. Dann ging sie in ihre »nackte Stube«, zog sich aus, setzte sich vor dem Spiegel auf den Nachtstuhl und betastete und bewunderte sich stundenlang, bis der Schlaf sie endlich zwang, sich niederzulegen. (Studie, S. 912)


In ihrer »nackten Stube« mehrten sich die Flaschen und Fläschchen so, daß sie ganz unmöglich alle nur Bauch- und Brusteinreibungen und andere kosmetische Mittel enthalten konnten. (Studie, S. 913)


Sie nahm sie [Klara Plöhn] mit in ihre »nackte Stube«, die an meine Bibliothek stieß. (Studie, S. 914)


Diese Passagen, die den intimsten Bereich überhaupt zur Sprache bringen, lassen sich naturgemäß nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Es dürfte kein weiteres Dokument geben, das über die beschriebenen, sehr speziellen autoerotischen Akte Auskunft gibt.

   Heinz Stolte hat - keineswegs zufällig - hinsichtlich der zuletzt zitierten Passage eine indirekte Widerlegung versucht, nachdem er die vorangegangenen Schilderungen der »nackten Stube« unkommentiert gelassen hatte. May schildert an dieser Stelle ein Gespräch zwischen Klara Plöhn und Emma von Februar/März 1901 in der »nackten Stube«, das Karl May von seiner angrenzenden Bibliothek aus zufällig belauscht haben will. Nach Stoltes Eindruck von den Räumlichkeiten des ersten Obergeschosses in der Villa Shatterhand soll May das besagte Gespräch aber nicht belauscht haben können, jedenfalls nicht, wenn er, wie behauptet, lesend in der Bibliothek gesessen habe. Hinter der Bibliothek habe sich lediglich ein breiter, in Raumlänge identischer Flur mit Treppenhaus und Nebenräumen befunden. Rechts von der Bibliothek habe sich das Arbeitszimmer befunden, das sowohl die Bibliothek als auch den Flur begrenzte und über eine dritte Tür nach hinten verfügt habe, die in das Schlafzimmer führte. Von diesem Schlafzimmer habe eine weitere Tür nach links in ein Bad bzw. einen Ankleideraum geführt, der als einziger für das ›nackte Zimmer‹ in Betracht komme. Ein Lauschen von der Bibliothek aus in dieses Zimmer sei nicht möglich gewesen, weil der breite hintere Flur dazwischen gelegen habe. May habe also entweder bewußt vom Flur aus gelauscht, worauf der letzte Satz von S. 914: Ich ging leise fort schließen lasse, oder aber Klara habe ihm hinterher den Gesprächsinhalt übermittelt.211


//91//

   Natürlich soll der Versuch der Widerlegung des zufälligen Lauschens unterschwellig auch Zweifel an der Existenz der in der »nackten Stube« stattfindenden Vorgänge säen. Aber die Widerlegung funktioniert schon auf der Oberfläche der Argumentation nicht. Warum sollte May die Unwahrheit sagen, wenn er behauptet, daß das besagte Zimmer an die Bibliothek stieß? Warum sollte er betonen, daß die Frauen laut sprachen, weil sie an seine Anwesenheit im Arbeitszimmer glaubten, das dann logischerweise von der »nackten Stube« weiter entfernt gewesen sein muß als sein Aufenthaltsort in der Bibliothek? Warum sollte May gerade bei dieser Passage bemänteln, daß er bewußt gelauscht habe, wie er es ja jahrelang in seinem eigenen Haus getan hatte? Denn seine Kenntnis von den losen Reden der Weiber hatte er ja nur zum Teil durch zufälliges Mithören, durch nachträgliche Unterrichtung oder durch direkte Ansprache Emmas erhalten: Zunächst hatte er den Weiberklatsch mitbekommen, indem er still in einem Nebenzimmer saß. Dann hörte er, offenbar bewußt, mit, wenn er sich oben auf dem Balkon befand und sich die Frauen unten in der offenen Veranda unterhielten, Szenen also, die in der Villa Shatterhand gespielt haben müßten. Dann jedoch - und das ist die traurigste Stelle in der ›Studie‹, weil May dort eine masochistisch anmutende Passivität mühsam in eine positive Energieleistung umwandelt -:


Die Erfahrungen, die ich da machte [nämlich beim Zuhören vom Balkon], trieben mich schließlich zur List. Ich that, als ob ich ausgehe, ging aber nicht, sondern blieb daheim. Später that ich dann, als ob ich wiederkäme. Was ich da hörte, war mehr als genug. (Studie, S. 910)


Es folgt die Wiedergabe von Sätzen, die alle von Emma stammen und, in wohlgeordneter Chronologie, ihre aggressiven Reaktionen auf die Entwicklungen der letzten Ehejahre spiegeln, bis hin zur Kommentierung von Mays Nahrungsverweigerung und seinem Auszug aus dem gemeinsamen Schlafzimmer, was erst im Februar/März 1901 der Fall war.212

   In denselben Zeitraum fällt aber auch das ›zufällig‹ belauschte, im übrigen wegen der Plazierung der Szene in der »nackten Stube« für May eigentlich erschütternde Gespräch zwischen Klara und Emma, in dem sie Klara rät, Mays Angebot einer bezahlten Stellung als Sekretärin bei ihm anzunehmen, denn: »Zwei gegen ihn, sind besser, als ich nur allein! ...«. Ich ging leise fort; es war genug für mich! (Studie, S. 914)

   Zweifel an der Lokalisierung der Szene wie auch dem zufälligen Lauschen ergeben sich aus dem in sich stimmigen Text nicht, der sich gegen eine Grundrißinterpretation bereits grundsätzlich qualitativ durchsetzen muß. Auch Hans Wollschläger geht wie Stolte davon aus, daß das ›nackte Zimmer‹, nach Eheschließung Mays mit Klara Plöhn im März 1903 umfunktioniert als ›Rumpelkammer‹ für die abgelegten Kara-Ben-Nemsi- und Old-Shatterhand-Dekorationen von Arbeitszimmer und Bibliothek, neben dem Schlafzimmer im 1. Stock gelegen habe.213 Damit müßte es sich um das im Grundriß der Villa als ›Cabinet‹ bezeichnete Zimmer handeln, dessen


//92//

Tür zum Flur der Bibliothekstür zum Flur schräg gegenüber liegt: und dieser Flur ist lediglich zwei Meter breit ...214

   Auch wenn man den im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft von 1981 wiedergegebenen - und wohl auch von Stolte zu Grunde gelegten - Grundriß der Villa Shatterhand heranzieht, lassen sich ernsthafte Zweifel an Mays Darstellung also nicht begründen. Das einzige Unbehagen, was dennoch bleibt, ist Mays genaue Formulierung, daß die im rückwärtigen Teil der Villa gelegene »nackte Stube« an die Bibliothek stieß. Weiß er nicht, was dieses Wort bedeutet? Oder kennt er seine eigene Wohnung nicht? Hans Grunert verdanke ich den Hinweis, daß sich die Bibliothek von Karl May während der Zeit seiner Ehe mit Emma im hinten gelegenen späteren Schlafzimmer befunden hat, mithin seinerzeit tatsächlich an die »nackte Stube« stieß.215 Und so schreibt May auch in dem im Jahr 1896 im ›Deutschen Hausschatz‹ erschienenen Aufsatz: ›Freuden und Leiden eines Vielgelesenen‹, in dem ein fiktiv-normaler Arbeitstag des Jahres 1896 beschrieben wird: Ich trete aus dem nach der Straße gelegenen Studierzimmer in die Bibliothek, aus welcher ein zweiter Balkon nach dem Garten geht ...,216 nämlich nach dem an der Rückfront des Hauses gelegenen Garten.

   Die Szenen des ›nackten Zimmers‹ erscheinen glaubhaft, denn sie korrespondieren mit einem May stark verletzenden Brief Emmas an ihn während seiner Orientreise: beide, in den späten Ehejahren unternommene, Aktivitäten Emmas deuten in ihrem Appellcharakter auf dasselbe Motiv hin. May beschreibt, wie er auf seiner Orientreise wochenlang keine Post von Emma erhalten habe; so habe er in Kairo sieben Wochen, in Jerusalem drei Wochen, in Colombo ebenso lang und auf Sumatra noch länger auf wichtige Post, betreffend die Karl May-Hetze, die seinerzeit anfing, gewartet (Studie, S. 881f.). Daß er überhaupt zuweilen ein Lebenszeichen aus der Heimat bekommen habe, habe er Frau Plöhn zu verdanken, die Emma ins Gewissen geredet und aber auch dann noch den Brief meist selbst geschrieben habe.


Wenn sie ja einmal mit eigener Hand an mich schrieb, so geschah es in der perversen, Pollmerschen Weise. So erhielt ich auf mehrere sehr ernste Briefe und Depeschen eines Tages den sogenannten »Krabbelbrief«, in dem sie mir mittheilte, daß der Geist Münchmeyers alltäglich des Nachts zu ihr in das Bett komme, um sie an den Geschlechtstheilen zu »krabbeln« und dann Begattung mit ihr zu treiben. Mündlich fügte sie dann später hinzu, daß sie von den vielen Ergüssen ganz schwach und matt geworden sei. Das war der Dämon, der ächt Pollmersche! ... Mich ärgern, mich eifersüchtig machen und sich dann über die Wirkung heimlich freuen! (Studie, S. 882f.)


Und er verweist auf ein ähnliches Vorgehen aus der ersten Ehezeit in Hohenstein, als sie sich Liebesbriefe an sie fälschen ließ, die ein Verhältnis in Chemnitz vortäuschen sollten, um sich dann über seine Wut mit ihren Freundinnen lustig zu machen. Er aber habe damals den Schwindel entdeckt und ihr die erste und letzte Ohrfeige seines Lebens gegeben. Und er


//93//

fährt fort: Auch Frau Plöhn und ihre Mutter wurden von ihr wiederholt aufgefordert, derartige Liebesbriefe zu fälschen, um mich in Wuth und Gluth zu bringen; sie lehnten aber ab! (Studie, S. 883)

   Nachweisen läßt sich anhand der Dokumentation der Orientreise, daß er nach Antritt der Reise am 4. April 1899 am 3. Mai 1899 an Klaras Mutter schrieb: Ich bin wüthend. Schon 4 Wochen warte ich vergeblich auf eine Zeile ... Konntest Du die Kinder nicht benachrichtigen, daß ich hier in Kairo, Hôtel Bavaria, bin und auf Antwort warte?217

   Die erste lange Entfernung von der Partnerin, allein in dem so fremden Land, dessen Realität ein für allemal der Lebensbewältigungsstrategie ›Reiseerzählung‹ den Todesstoß versetzt: das verführt zur Idealisierung der Frau, verbunden mit der Hoffnung, es möge alles noch einmal von vorne beginnen. May wird geglaubt haben, Emma ginge es genau so wie ihm. Um so enttäuschter ist er, als seine Hoffnungen ins Leere stoßen.

   Am 10. Mai schrieb er in sein Reisetagebuch: Emmas und Mausels [Klaras] ersten Briefe.218 Natürlich kommt die Post gemeinsam an. Emma brauchte ja immer jemanden, der sie zum Schreiben anhielt.

   Am 29. Juli 1899 in Jerusalem erreichten May die gegen ihn gerichteten Artikel aus der ›Frankfurter Zeitung‹ vom 3., 7. und 9. Juni 1899,219 wohingegen der weitere Artikel vom 17. Juni 1899 noch fehlte, wie er in Telegrammen an Richard Plöhn vom 7. und 8. August 1899 mitteilte.220

   Nachdem er die unter dem Namen Richard Plöhn später erscheinenden Gegenartikel zu den Angriffen verfaßt und in einem Brief an Emma und das Ehepaar Plöhn seine Trauer darüber ausgedrückt hatte, daß er nur immer, immer um mich zu schlagen habe, schrieb er am 23. August 1899 an Emma:


Heut, meine liebe Emma, sind es 52 Tage, also 7 1/2 Wochen, seit Du mir das letzte Mal geschrieben hast. Und das war so wenig! ... In dieser Beziehung bin ich wirklich so arm, so bitter arm, wie fast kein anderer Mensch!!!


Es folgen zwei kryptische Eintragungen in sein Reisetagebuch, die sich nach Zeitablauf, den bislang erlebten Erschütterungen und nach ihrem Inhalt als Reaktion auf den in der ›Studie‹ erwähnten »Krabbelbrief« deuten lassen:


24. August 1899. Jaffa. 11 Uhr V[ormittags] höchst elegische Stimmung! (...)

   26. August 1899. Jaffa. Schrecklichster Tag. 11 Uhr Vormittags. 5 Rufe Mausels. Anderes Zimmer.221


Und danach beginnt der bis dahin nur angedeutete Umbau seiner Persönlichkeit: von dem Verzicht auf Nikotin am 5. September 1899 und der Versenkung des früheren Karl in das Rote Meer bis hin zum Zusammenbruch in Padang im November 1899, den Hans Wollschläger eindringlich, überzeugend, als den totalen Zusammenbruch der narzißtischen Schutzpanze-


//94//

rung, als eine schockartige Regression gedeutet hat, die, wie immer bei May in seelischen Krisen, mit Verweigerung der Nahrungsaufnahme verbunden gewesen sei.222

   An der Existenz von Emmas Brief mit dem in der ›Studie‹ behaupteten Inhalt bestehen keine Zweifel, so stimmig ist dieses Detail eingebettet in die Erwähnung gleichgelagerter Vorkommnisse, so glaubhaft erzählt May von Emmas nachträglichen Ausschmückungen des Briefinhalts - und ein Gespräch hierüber wird May gesucht haben angesichts seiner Erschütterung -, so nachvollziehbar peinigend ist die eigene Betroffenheit geschildert, so schlüssig erscheinen Mays Erklärungsversuche für Emmas Verhalten, das er ja irgendwie einordnen muß. Der Brief gehörte für May in den Bereich der niedrigen, erdhaften, sinnlichen Materie, von der er sich zu befreien hatte, wollte er den Fesseln entkommen, die ihn immer wieder ›nach unten zogen.‹ Daß er zugleich an ›Mausel‹, also an Klara, dachte, die für ihn das andere Frauenbild repräsentierte - allerdings noch in zweifacher Weise, nämlich durch ihre Ehe, vor allem aber durch ihre Freundschaft zu Emma, negativ besetzt -, hat als Reaktion auf Emmas wenig subtilen Versuch, ihn wieder an sich zu binden, eine innere Logik. Emma reagierte offensichtlich instinktiv auf die Entfernung ihres Mannes, der sich, wie u. a. seine hinnehmende Reaktion auf ihr Verhältnis mit Welte zeigt, allmählich sexuell von ihr zurückgezogen hatte; ihre für May erlebbaren Akte der Selbstbefriedigung wie auch der »Krabbelbrief« sollten ganz offensichtlich die Distanz zwischen den beiden reduzieren. Emmas Aktivitäten lassen sich als Appell der sexuell unbefriedigten Ehefrau deuten, als schamlos-verzweifelte Versuche, diesen in ferne Welten abdriftenden Mann wieder zurückzuholen. Denn daß sie ihn auf ihre beschränkte Art auch liebte, konzediert - an anderer Stelle - selbst May. So läßt er Kara Ben Halef nach einem - natürlich belauschten - Gespräch zwischen Pekala und ihrem Tifl über den Ustad, eine May-Abspaltung, im ›Silberlöwen IV‹ sagen:


»Dann sprachen sie vom Ustad. Ich muß dir sagen, Effendi, was ich da hörte, hat mir fast wehe getan. Sie gaben vor, ihn zu lieben; sie lieben ihn wohl auch, jedoch in ihrer Weise. Beiden steht die Küche oder das Pferd des Ustad höher als er selbst. Sein Geist und seine Gedanken imponieren ihnen; von seiner Person aber sprachen sie in einer Weise, die mir nicht gefallen konnte. Das war Klatsch!« (Silberlöwe IV, S. 225f.)


Emmas Versuch, die sich vergrößernde Distanz, die auf ihrer schwindenden Attraktion als ›alte, unterleibskranke Frau‹ einerseits und dem Rückzug des Mannes andererseits beruhte, mit sexuellen Mitteln zu verringern, mußte fehlschlagen; aber sie kannte eben keine anderen. Wuth  u n d  Gluth konnte sie in ihm nicht mehr entfachen; nicht einmal mit der Wut, deren Erregung ja oftmals in Begehren umschlagen kann, wollte es in den späten Ehejahren klappen: May hatte resigniert:


//95//

Meine Frau ist mir, obgleich wir kirchlich und bürgerlich getraut waren, niemals wirklich Frau, sondern nur Haushälterin gewesen, ganz genau wie jene Konkubine ihres Großvaters, die ihn mit ihren körperlichen Reizen gefangen nahm, nur um ihn auszubeuten. Geist hat sie nie gehabt; ihre Seele habe ich nie besessen, und schließlich verzichtete ich auch noch auf ihren Körper, um mich von ihrem verhängnißvollen Einfluß frei zu machen und weil ich ja wußte, daß ich ihn überhaupt nicht mehr allein besaß. (Studie, S. 872f.)


Allenfalls zu einer gewissen Geduld mit Emma, die sich aber alsbald in Angst wandeln sollte, konnte er sich auf der Orientreise entschließen:


29. Mai - 1. Juni 1900. ... In Tikwêni lag eine junge Frau am Wege. Der Mann hatte sie geschlagen, bis sie liegen geblieben war, - - - er war Christ. Unterwegs kam mir der Gedanke, daß die Geduld der edlere Beweis der Liebe sei,


so Mays Eintragung in sein Reisetagebuch.223

   Audiatur et altera pars: wie stellt Emma sich und ihre Sexualität selbst dar?

   Vorab wäre zu ihren von May untergründig ja doch gefürchteten Aussagen in dem Meineidsverfahren festzustellen, daß Emma sich auf ihre Art um Wahrheit bemühte; von bemerkenswerter, ja seltener Präzision ist ihre Gedächtnisleistung immer dann, wenn es um die zeitliche Einordnung von sachlichen Fakten geht; mühelos gelingt es ihr, sämtliche Umzüge der Mays zutreffend anzugeben und zu datieren.224 Auch die Orte und Daten jener entscheidenden Reise vor dem Scheidungsverfahren und ihrer Aufenthalte nach Abreise von Karl und Klara im Jahr 1902 kann sie, noch fünf Jahre später, problemlos abrufen.225 Überdies zeigt sie keine übermäßige Belastungstendenz gegen Karl, den sie mit ihren eigentlich verfahrensrelevanten Angaben, nämlich dem Bestreiten eines eigenen Meineids (damit entfallen sämtliche Vorwürfe auch gegen Karl May wegen angeblicher Anstiftung zum Meineid) und der Bestätigung, daß Karl sich immer aufregte, wenn Münchmeyer seine Manuskripte geändert hatte, was May Münchmeyer auch vorgehalten habe, eindeutig unterstützt.226

   Ihre Aussagetüchtigkeit ist aber, entsprechend ihrem gering entwickelten Intellekt und ihrer mangelnder Bildung (acht Pflichtschuljahre in einer Dorfschule, danach kein originäres Bildungsinteresse mehr), eingeschränkt. Logik ist ihre Sache nicht, wie sie unfreiwillig in einem Brief an ›Lotte‹ Häußler vom 12. September 1910 verrät. Da hat sie die alte Hausschatznummer aus dem Jahr 1896 mit den ›Freuden und Leiden eines Vielgelesenen‹ ihres Ex-Mannes wieder entdeckt und zitiert Mays Sätze. »›Es gibt aber noch intimere Fragen, z. B., [ob] ich verheiratet bin, seit wann, ob glücklich oder unglücklich. Da kann ich denn aus vollem Herzen sagen: Ich bin noch nicht lange verheiratet,  a b e r  sehr glücklich.‹« Darauf fährt sie fort: »Als er dies geschrieben waren wir schon 16 Jahre verheiratet. Ich meine, da muß er doch gründlich gewußt haben, ob wir glücklich oder unglück 


//96//

lich waren.«227 Im Brief zuvor vom 20. August 1910 hatte sie ihrer Lotte geschrieben: »Gestern fand ich einen alten Hausschatz, wo Karl schreibt, er wäre sehr glücklich verheiratet! Na warte nur, ich will es ihm schon noch klar machen, daß er heute lügt.«228

   Obwohl ihr demnach bewußt ist, daß May bei Niederschrift dieser Sätze bereits 16 Jahre lang verheiratet war, fällt ihr die Aussage Mays, er sei noch nicht lange verheiratet, nicht als falsch auf. Wenn die Zeit der Ehedauer aber schon falsch angegeben wird, besteht Anlaß, die Charakterisierung der Ehe als sehr glücklich ebenfalls in Zweifel zu ziehen. Denn diese öffentliche Antwort Mays steht ja im Zusammenhang mit ›intimen Anfragen‹ von Verehrerinnen, die mit ihren unerwünschten Heiratsanträgen als genau so lästig wie die ansonsten in dem Artikel geschilderten Leserfans gelten müssen. Auch das merkwürdige aber fällt ihr nicht auf: kurze Ehedauer, aber glücklich? Emma sieht nur das, was sie sehen will. Und weil sie selbst im Jahr 1896 glücklich war - denn die materiellen Umstände ihres Lebens waren selten besser, wie sie in ihrem Brief an das ›Kaninchen‹ als Glücksquell angibt -, muß Karl recht haben mit dem damaligen Lobpreis seines Eheglücks. ›Jetzt‹ lügt er eben. Wie mag sie auf Klaras hämischen (undatiert wiedergegebenen) Brief reagiert haben, in dem ihr Klara kühl mitteilt, daß sie, Emma, Karl May seinerzeit gezwungen habe, sie in die Bücher hineinzubringen, der vielen Leserinnen willen, die ihm Liebesbriefe schrieben?229

   Ebenso eingeschränkt ist ihre Fähigkeit, Ironie zu verstehen. Völlig ratlos schreibt sie am 28. September 1910 an »Mein liebes Kaninchen!«


... Sag mal, habe ich denn wirklich zu Dir gesagt, Dr. Larras hätte May die Akten ins Haus gegeben bei der Meineidsanzeige in der Münchmeyersache? Ich kann mich momentan auf nichts besinnen, nur das ist mir gegenwärtig, daß May zu mir sagte, Dr. Larras sei sein bester Freund. Die Plöhn bestritt das jetzt in Dresden und meinte, er hätte das ironisch gesagt. Das ist aber nicht wahr, ich habe es schon richtig verstanden. Er will sich nur wieder herausreden.230


Dr. Larrass als Mays bester Freund: dann braucht er wirklich keine Feinde mehr.

   Es ist zwar festzustellen, daß sich Emma Pollmers geistige Fähigkeiten in der Zeit von 1907 bis 1910 verringerten und erste Anzeichen einer psychischen Verwirrung und Bewußtseinstrübung, möglicherweise Vorboten der ab 1914 manifesten psychischen Erkrankung, bei ihr festzustellen sind: aber einen Eindruck von ihrer allgemein begrenzten analytischen Begabung geben diese Briefe durchaus.

   Es kommt hinzu, daß Emmas hohe Emotionalität ihre Fähigkeit, komplexe Sachverhalte wiederzugeben, erheblich beeinträchtigt. Ihre Wahrnehmung ist instinktiv, wobei ihre Intuition ausgesprochen gut funktioniert. Aber Emma kann nicht anders als Wertung mit Sachverhalt unauflösbar zu vermischen. Und dies so heftig, daß auch schon im Jahr 1907 die Realität zu-


//97//

gunsten der Deutung zurücktritt. Die Vernehmung dürfte sowohl sie selbst als auch den mit wenig Lebenserfahrung ausgestatteten Richter Dr. Larrass heillos überfordert haben.

   Absolut deckungsgleich mit Mays fast zeitgleich geschriebener ›Studie‹ ist jedenfalls Emmas Aussage, aus welchen Gründen Karl May beschlossen habe, nicht mehr mit ihr geschlechtlich zu verkehren: »Den Geschlechtsverkehr mit mir hatte mein Mann damals schon seit ungefähr einem Jahre aufgegeben, und zwar, weil er, wie er mir sagte, höheren Zielen zustrebe und sich von der Materie frei machen wollte.«231

   Diese Aussage als bloße Gedächtnisleistung referiert nicht nur präzise Mays Wortwahl, sie transportiert auch Emmas Unverständnis angesichts dieser Erklärung Mays. Entsprechend muß es auch einen strengen Vorhalt des ob dieser Begründung gleichermaßen erstaunten Richters gegeben haben (für so etwas muß es doch eine ganz ›normale‹ Erklärung geben, wie etwa die übliche Frigidität der Frau!), denn es folgt ein eindeutiger Satz von Emma, deren Entrüstung sogar noch das glättende richterliche Protokoll durchbricht: »Ich muß ganz entschieden bestreiten, jemals meinem Manne den Geschlechtsverkehr verweigert zu haben.«232 Das hatte, abgesehen von dem Urheber des nicht protokollierten Vorhalts, nun auch wirklich niemand behauptet. Mays Problem waren ja gerade ihre ihn überfordernden sexuellen Ansprüche, ihr in Abhängigkeit führendes Begehren, ihre Sexualität als ausschließliches Ausdrucksmittel ihrer Verbundenheit mit ihm.

   Genau so präzise, fast wörtlich Mays Angaben in der ›Studie‹ zitierend, gibt Emma auch einen Satz von Karl May wieder, den er auf der Reisestation in München zu ihr gesagt haben soll: »›Deinen Körper habe ich besessen, nicht Deine Seele, die muß ich haben, die lasse ich nicht.‹«233

   Diesen Satz wird er ihr tatsächlich irgendwann, zu einem früheren Zeitpunkt, vielleicht noch während der Orientreise gesagt haben - aber nicht mehr in München im August 1902, als die Trennung für May entschieden war.

   Weitere Auskunft gibt Emma über ihr Sexualleben mit Karl nicht; aber alles, was sie über die Annäherung zwischen Klara und Karl aussagt, die für sie während der Orientreise begann (und diese intuitive Wahrnehmung trifft zu, wie später gezeigt werden wird), kann sie nur mit eindeutiger Schuldzuweisung an Klara und immer nur verbunden mit der Unterstellung materieller und sexueller Motive Klaras verbinden. Eine andere Sichtweise ist ihr bei ihrem reduzierten Horizont nicht möglich: und so bestätigt sie auf merkwürdige Weise Mays Wertung in seiner ›Studie‹.

   Zitate Emmas zu der Entwicklung während der Orientreise und im Juli/August 1902, während der Reise nach Berlin, Hamburg, Leipzig, München, Bozen auf die Mendel, die zu Scheidung und zweiter Ehe Mays mit Klara Plöhn führte:


//98//

(...) bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Plöhn schon auf unserer gemeinsamen Egypten-Reise ein Auge auf meinen Mann geworfen hatte (...).234


Schon in Berlin fing die Plöhn an, mich gegen meinen Mann aufzuhetzen. Ich mußte auf ihre Veranlassung bald das, bald jenes an ihm tadeln, sodaß er böse auf mich wurde und wenig mit mir sprach.235


In Leipzig passierte es auch, daß ich die Plöhn eines Abends in dem Zimmer meines Mannes in der Nachtjacke antraf. Ich vermute, daß es, wenn nicht schon früher, so doch in Leipzig zum Geschlechtsverkehr zwischen meinem Manne und der Plöhn auf ihre Veranlassung gekommen ist. Ich vermute, daß die Plöhn meinen Mann nur des Geldes wegen zu erobern suchte (...).236


Nach dem - mit Sicherheit unzutreffenden - Bericht einer Versöhnung mit May in München, die sich für sie natürlich in einem Kuß symbolisiert:


Als ich ihr dann erzählte, daß ich mich mit meinem Manne versöhnt habe und sehr glücklich sei, machte sie ein geradezu teuflisches Gesicht, küßte mich aber auf mein Verlangen.237


Nachdem sie in München zwei Stunden Klaras Zimmer belauscht hat (Lauschen schien im Hause May geradezu epidemisch zu sein), weil Karl dort mit Klara flüstert, glaubt sie sofort an Geschlechtsverkehr zwischen den beiden. Der Beweis? Neben die Chaiselongue in Mays Zimmer vor der Verbindungstür zu Klaras Zimmer will sie ein Stück Papier gelegt und sich das Teppichmuster gemerkt haben.


Am nächsten Morgen, noch ehe das Hotelpersonal Ordnung gemacht hatte, stand die Chaiselongue an einer anderen Stelle, auch das Stück Papier war fort. Daraus schloß ich auch, daß die Beiden nachts zusammen kamen.238


Am nächsten Tag in München hört sie gar, als sie morgens an der Tür von Karls Zimmer klinkt, wie die Verbindungstür zugeschlagen und die Chaiselongue gerückt wird.


Dann öffnete mein Mann seine Tür. Seine Haare waren ganz verwirrt. (...) Die Plöhn fand ich darauf in ihrem Zimmer in der Nachtjacke vor. Am nächsten Tage bat ich meinen Mann auf seinem Zimmer um einen Kuss. Er aber erklärte: ›Die Toten küssen nicht.‹ Damit hat er meiner Ansicht nach im spiritistischen Sinne sagen wollen, daß er für mich tot sei.239


Auf der Mendel im Hotel Penegal dann: »Nachts hörte ich wieder, daß die Plöhn und mein Mann zusammen waren.« Am nächsten Tag dann:


Ich saß schlaflos in meinem Zimmer, weinte und grübelte. In dieser Nacht hörte ich, wie die Plöhn »unter Einfluß« schrieb. Ich hörte deutlich, wie sie die Blätter wendete. Weiter hörte ich, wie dann mein Mann zu ihr ins Zimmer kam. Ich hör-


//99//

te wieder Blätter wenden. Wahrscheinlich hat er das, was die Plöhn »unter Einfluß« geschrieben hatte, gelesen. Schließlich hörte ich, wie mein Mann ins Bett der Plöhn stieg und zweimal »Hurra!« rief. Das Bett der Plöhn stand direkt an der Verbindungstür zu jenem Zimmer.240


Daß kein Mensch Vorgänge des Lesens und des Schreibens, und dann auch noch unter dem Einfluß spiritistischer Geister, durch die Wand des Nachbarzimmers hören kann, versteht sich von selbst. Die Unglaubhaftigkeit von Emmas Aussagen insgesamt wird hinreichend durch die ständige Schuldzuweisung an Klara, die in den übrigen Aussageteilen noch deutlicher wird, belegt. Da ist Klara schuld, daß Emma sich später von Karl als ›luxuriös‹ gerügte Seidenblusen kauft, weil Klara Emma zum Einkaufen schickt, nur um mit May allein sein zu können ...

   Interessant ist Emmas Perspektive dennoch, weil Emma nicht nur in einem Punkt zutreffend die Machtverhältnisse in dieser seit dem Tod von Richard Plöhn am 14. Februar 1901 bestehenden ménage à trois zwischen Miez (Emma), Mausel (Klara) und Hühnelchen (Karl) - Emmas allseits akzeptierte Namensgebung ist ja aufschlußreich genug241 - beschreibt, nämlich den Kampf zwischen den beiden Frauen, sondern weil sie auch unbewußt mitteilt, um welche zentralen Felder ihre Gedanken ausschließlich kreisen: die materielle Triebfeder des Strebens nach sozialer Sicherheit, die körperliche Vereinigung und zwar ›auf Veranlassung der Frau‹ und suggestive Machtausübung mittels Spiritismus. Nur daß sie Klara die Täter- und sich selbst die Opferrolle zuschreibt, ein Gegenbild zu dem Szenario, das May in seiner ›Studie‹ entwirft.

   Eine schönere, weil trotz unüberbrückbarer inhaltlicher Gegensätze paßgenaue, Bestätigung der ›Studie‹ hätte sie nicht liefern können.

   Emmas Anziehung auf Männer und ihr Bedürfnis nach männlichem Begehren wie auch der Umgang mit ihren Freundinnen setzten sich im übrigen auch nach der Scheidung von May fort; in Weimar hatte sie einen - wesentlich jüngeren - Freund, den Klara May in einem Brief an Selma vom Scheidt vom 10. November 1909 als den von Emma »angebeteten, blumengeschmückten ›Häuslichen‹« bezeichnet; nur diese - nach Klaras Auffassung verirrte - Liebe habe sie dazu gebracht, sich Lebius wie eine Prostituierte hinzuwerfen und sich nach Belieben von ihm benützen zu lassen.242

   In einem Brief vom 7. Dezember 1910 an Fehsenfeld zieht Klara dann richtig über die unwürdige Alte her:


Frau Emma ist wieder von Lebius gewonnen. Die Unglückliche kann nicht anders als gemein und böse sein. In Weimar hat sie die Mutter ihres Geliebten in's Irrenhaus gemartert. Die Polizei hat ihren Geliebten aus ihrer Wohnung entfernt. Er hat seiner Schwester gestanden, daß er trotzdem mit ihr im Bette liegt.243


1909 hat sich die 53jährige Emma jedenfalls in den erst 19jährigen Musiker und Dichter Fritz Appunn verliebt, der, ebenso wie der junge Max Welte,


//100//

May-Fan ist und offenbar genau wie dieser unter Emmas spiritistischen Einfluß gerät: denn in dem »Zirkel ihrer spiritistischen Freunde«244 hat sie ihn kennengelernt. Hartnäckig hält Emma an dieser Liaison mit dem Minderjährigen - »ihr ›kleiner Freund‹«,245 so Emma an Klara in einem Brief vom 4. März 1914 - fest, den seine Familie begreiflicherweise von ihr trennen will. Aber à la longue setzt sich Emma, nach wie vor wirkmächtig, durch, fest entschlossen, sich ihr »Liebstes auf der Welt nicht durch Vorurteile rauben« zu lassen,246 wie sie ihrem Fritz am 31. Dezember 1909 schreibt.

   Nachdem Appunn im Juli 1914 eine Musiklehrerin geheiratet hatte, mit der er ein Institut führte, kam es tatsächlich, nach einem ersten Aufenthalt der unter Pflegschaft stehenden Emma in einer Nervenheilanstalt, in der Zeit vom 24. Dezember 1914 bis zum 21. Februar 1916 zu einer ›Ehe zu dritt‹ in Berlin mit Appunn und seiner Frau, bis dieser seine Wohnung in Berlin kündigte. Kurz darauf begann ihre Odyssee durch mehrere Heilanstalten, bis sie als ›Geisteskranke‹, unter richterlicher Vormundschaft stehend, am 22. Juni 1916 in die Königliche Landesanstalt zu Arnsdorf in Sachsen gebracht wurde. Eine Diagnose ihrer seelischen Erkrankung - Hans Wollschläger nimmt Paranoia an - ist nicht belegt. Sie starb am 13. Dezember 1917 an einer Bauchfelltuberkulose bei Uterusmyom.247




Inhaltsverzeichnis Wolff-Aufsatz


Inhaltsverzeichnis


Sekundärliteratur


Übersicht Veröffentlichungen


Titelseite KMG