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HANS WOLLSCHLÄGER


Das vierunddreißigste Jahrbuch





folgt nicht nur ein weiteresmal seinem gewohnten Auftrag, die Beiträge des jüngsten Kongresses zum Nachlesen bereitzustellen, es tritt mit ihnen auch in eine Diskussion ein, die nicht weniger als den Sinn unserer Unternehmungen insgesamt und den Fortbestand der Karl-May-Gesellschaft selber zum Gegenstand hat. Sie ist durchaus nicht neu; sie hat sich aber im abgelaufenen Jahr doch häufiger als früher in die Gespräche gemengt, und das mag nicht nur mit den allgemeinen Endzeitgefühlen zusammenhängen, von denen alle Kulturarbeiter heute unweigerlich beschlichen werden, mit der Regression der Bildung und den Bestrebungen der politischen Parteien, die Kultur und ihren ideellen Kanon aus dem Selbstverständnis der Gesellschaft zu vertreiben. Da die KMG dem Staat noch nie etwas zu verdanken hatte, braucht sie auch seinen Streichstift nicht zu fürchten und kann für den eigenen Bereich vollends die - sicher nicht müßige - allgemeine Frage, ob das traditionelle Kulturbedürfnis durch die aus dem Wilden Westen importierte Wirtschaftsgläubigkeit zu ersetzen sei, auf sich beruhen lassen. Selbst wer deren Herkunftsland, wie Karl-May-Leser es nun einmal tun, mehr Wohlwollen entgegenbringt, als es verdient, braucht auf die Gegenposition nicht zu verzichten und kann den Blick auf die europäischen Jahrhunderte durchaus mit einem Selbst-Bewußtsein verbinden, dem ihre Bewahrung selbstverständlich bleibt.

Es ist wahr, daß die Karl-May-Gesellschaft rückläufige Mitgliederzahlen zu verzeichnen hat; dies Schicksal teilt sie aber mit anderen literarischen Gesellschaften in einer vergleichsweise noch gelinden Weise, und es ist mit der allgemeinen Lebensluftverknappung durch Steuerschraube und Währungsreform zureichend begründet. Ähnlich verhält es sich mit der ›Zahlungsmoral‹ bezüglich der Mitgliedsbeiträge: sie ist, zum Leidwesen des Schatzmeisters, nicht ideal zu nennen, doch steht ihr eine Spendenfreudig- und -freundlichkeit gegenüber, die nach wie vor als unbeirrte Zustimmung zur geleisteten Arbeit gedeutet werden darf. So bleibt, was die äußeren Ursachen betrifft, eigentlich nur zu konstatieren, daß der Aberglaube, in ökonomischen Blütezeiten blühe auch die Gesellschaft, kraft seiner Perspektivenverzerrung eben zurzeit besonders unsinnige Blüten treibt und ›die Zeiten‹ ein bißchen erschwert hat, Anlaß zur Sorge für uns aber wohl noch nicht sein muß. Die Begründung des Gedankens, Arbeit und Existenz der Karl-May-Gesellschaft in Frage zu stellen, kommt auch ganz anderswoher, und sie ist durchaus nicht schlecht. Sie geht nämlich gerade von der erbrachten Leistung der nun 35 Jahre bestehenden Institution aus und macht geltend, daß die wichtigsten Aufgaben, zu deren Bewältigung sie an-



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getreten war, inzwischen längst glanzvoll erfüllt wurden: eben dieses Gelingens wegen sei es angebracht, einen entsprechenden Abschluß zu setzen, um die geleistete Arbeit nicht durch ein Absinken in die Wiederholung, in die mechanische Doublettenfabrikation nachträglich wieder zu entwerten. Solche Überlegungen sind gewiß nicht von der Hand zu weisen, auch nicht mit dem Hinweis auf den gemeinschaftsbildenden und -bindenden sozialen Mehrwert, den literarische Vereine fraglos erbringen: die KMG ist vorab auf eine Sache hin definiert, und diese Sache bestimmt auch ihr Sein oder Nichtsein. Tatsächlich hat sie dieser Sache in einer Weise gedient, die in der Geschichte der literarischen Gesellschaften großartig dasteht, besonders wenn man die Ergebnisse mit denen der einschlägigen Forschung in den fast sechs Jahrzehnten vor ihrer Gründung vergleicht: Die Materialsicherung, sei es im Hinblick auf die Texte, sei es in dem auf die Biographie ihres Autors, ist so umgreifend geleistet worden, daß man Verständnis für die Auffassung haben kann, es sei nur noch Unwesentliches nachzutragen; das ›eigentliche Werk‹ der Gesellschaft sei getan. Auch die Interpretation habe zur Vielschichtigkeit von Mays Werk soviel Grundsätzliches aufgezeigt, daß man es getrost nun wieder sich selbst und seiner unmittelbaren Wirkung überlassen könne... Ist das so?

Fest steht, daß sich jede Publikation zu Karl May heute mit doppelter Strenge messen lassen muß: Ist sie immer noch notwendig? Oder stellt sie, nach soviel fast unüberschaubar gewordener sekundärer Literatur nur noch Müßiggang und Zeitvertreibung her? Ist sie für das Nachdenken über diesen Autor ein Ereignis - oder bloß ein alberner Event der Info-Industrie? Die Urteile darüber werden an Schärfe zunehmen, zweifellos, und die Existenz-Frage der KMG ist nicht vom Tisch. Was in diesem Jahrbuch versammelt steht, muß sich ihr stellen - und will ihr entgegentreten. Es schreit keine neuen Trouvaillen aus; es hat mit der vielbesungenen ›Aktualität‹ überhaupt nicht viel im Sinn. Es geht in Ruhe den beiden seit dreieinhalb Jahrzehnten gewohnten Aufgaben nach, zu ›Leben und Werk‹ Karl Mays Tatsachen und Gesichtspunkte vorzutragen, und dem Leser steht frei zu entscheiden, ob oder wieweit er einmal mehr dabei sein möchte. Hans-Dieter Steinmetz läßt noch einmal an Mays Ausbildungszeit am ›Vogtländischen Schul-Lehrer-Seminarium‹ in Plauen teilnehmen: Erweiterung eines Textes, der zum KMG-Kongreß in dieser Stadt bereits durch die Hohenstein-Ernstthaler ›Karl May Haus Information‹ (Nr. 17) mitgeteilt war, in der präzisen Faktenfülle, die wir von diesem Forscher dankbar gewohnt sind, aber fraglos auch einem größeren Leserkreis willkommen sein wird. Was Steinmetz ermittelt hat, zeigt erstaunlich, wieviel Gegenwärtigkeit die scheinbar so entrückten Lebens-Zeit-Räume Karl Mays noch gewinnen können, wenn ein geduldiger, in seiner Sorgfalt gegenüber dem Kleinsten gleichsam mikroskopierender Blick sich auf sie richtet. Karl Mays Aufenthalt in Plauen war kein ›glücklicher‹ Lebensabschnitt, wie wir spätestens seit Andreas Grafs Untersuchungen von 1998 wissen; er verdient nicht we-



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nig von der Aufmerksamkeit, mit der den Wurzeln einer enormen Lebensbewältigungsleistung nachzuspüren ist. Helmut Schmiedt widmet sich einem Thema, das dagegen auf den ersten Blick jedenfalls amüsanter wirkt, sich aber spätestens auf den zweiten auch wieder durchaus ernster Überlegungen würdig zeigt. Es geht nicht um den realen, sondern um den realistischen Schriftsteller Karl May und um seinen »Umgang mit einer anderen Seite des abenteuerlichen Lebens«, wie der Untertitel sagt, - um, anders gesagt, seine Strategien, in den phantasierten Reiseerzählungen Wirklichkeit herzustellen: nicht nur die Gründlichkeit seiner geo- und ethnographischen Materialstudien bezeugt seine diesbezüglichen Überlegungen; ›das Werk und die Wirklichkeit‹ bleibt auch hier ein ergiebiges Thema. Über den Obersten Cody, ›Buffalo Bill‹, den realen Antipoden des irrealen Old Shatterhand, und seine mögliche Verbindung zu Karl May, besaßen wir bisher in der Sekundärliteratur nur einen Bericht von Klara May. Er stammt allerdings aus einer Zeit, nämlich der kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in der auch vernünftigere Menschen wie Euchar A. Schmid die alte, von Karl May zuerst genährte, dann zerstörte Legende, den Reiseerzählungen lägen wirklich bestandene Reisen zugrunde, noch für fördernswert hielten, weil für ein Wertkriterium. Diese illiterarische Perspektive muß uns heute nicht mehr aufhalten, und die schöne Geschichte von Karl Mays Begegnung mit dem Wild-West-Showmaster und seiner Truppe (»Mit einigen dieser Indianer unterhielt sich Karl May längere Zeit in ihrer Muttersprache«) ist sicher weniger Klara Mays Gedächtnis als ihrer blühenden Phantasie zu danken. Trotzdem, so zeigt der Aufsatz von Karl Markus Kreis, gibt es auch über diese Figur aus der Wirklichkeit von Mays ›own country‹ allerlei mitzuteilen und zu bedenken - und sei es zuletzt das entschieden Gegensätzliche. Karl Mays Indianer-Territorium lag nur ganz früh, zum ardistanischen Beginn seiner Lebensreise-Erzählung, in Sichtweite des agilen Entertainers; ›in Wirklichkeit‹ war es dessen Gegenwelt, und insofern hat Klara May die Gegenrede ihres Mannes gut erfunden. Rudi Schweikert, an dessen Lektüre Karl Mays teilzunehmen immer schon ebenso spannend wie ertragreich war, zeigt auf seiner neuen Fährtensuche, wie fündig man auch beim Abenteuer der Literaturwissenschaft werden kann, wenn man sich an Kara Ben Nemsis Gewohnheit hält, in allen Lagen auch das Kleinste zu beobachten: eine kleine Komikalie des Hobble-Frank (die es allerdings in sich hat) läßt ihn zu einer »mikrologischen philologischen Reise« aufbrechen, an deren Ende eine neue Quelle von Mays Erzählstrom entdeckt ist und dessen funkelnder Lauf durch das »Reich der mehrfachen Wahrheiten« eindrucksvoll einmal mehr sichtbar wird. Daß Phantasiewelten nicht immer gegen die Wirklichkeit errichtet sind, so sehr sich ihre Botschaften auch gegen sie richten, daß sie sich vielmehr fest mit ihr im Verein am Zeitband der Geschichte fort-bilden und deren eisglatte Bahnen eigentlich im Paarlauf begleiten, zeigt Jürgen Hahns neue Arbeit. In seinen Überlegungen zum wirklichen, d. h. zum historischen Bild von Mays ›Dschinnistan‹ -



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und das bedeutet eben auch zu dem jenes ›Mount Winnetou‹, der im Wilden Westen nur noch metaphorisch stand - tritt die Utopie des Alterswerks aus ihrer Isolation und auf den ihr zustehenden geschichtlichen Platz. Über das »Empor!« des Idealisten Karl May, das sich für den heutigen Blick zwar wie seherisch beschwörend gegen das hereinbrechende Jahrhundert der Barbarei ausnimmt, aber aus diesem zugleich ja auch seine Vergeblichkeit bewiesen bekommen hat, ist oft ratlos gesprochen worden; nur zu befremdend wirkten seine messianischen Erlösungsparabeln in einem Kontext, der von den ungleich lauteren Stimmen von Krupp, von Skoda und Schneider-Creusot beherrscht wurde. Hahn zeigt May gerade als Zeitgenossen seiner Zeit und als einen der vielen Erben des 19. Jahrhunderts; er holt seine Visionen aus der so heikel esoterischen Absurdität ins Historische und stellt sie dort in gute Gemeinschaft. Die üppig formulierten Texte dieses Autors, in ihrem Gedankenflug nicht unbeschwerlich zu lesen, den Leser fordernd und auch herausfordernd, haben nicht nur Freunde in der KMG; die Erwartung, daß deren Kreis sich durch diesen hier vergrößert, darf aber zuversichtlich gehegt werden.

Die Literaturberichte - diesmal unter der Nötigung der Gegenstandsfülle von zwei Autoren erstattet, Helmut Schmiedt und Ruprecht Gammler - bezeugen der KMG wie der Medienbericht von Peter Krauskopf und Joachim Biermanns Bericht über die Tätigkeit im vergangenen Vereinsjahr eine eher wachsende als abnehmende Notwendigkeit, auch wenn - das mag sich gelegentlich als Eindruck aufdrängen - nicht alles unbedingt erscheinen müßte, was zu Karl May erscheint. Die Tradition der literarischen Gesellschaften ist von ungebrochener Kraft und mag sich weiter bewähren. Erst wenn außer dem ›Unterhaltungsauftrag für die Freizeitgesellschaft‹, den deren Politiker seit einiger Zeit im Munde führen und der gegenwärtig die Rundfunkanstalten in die Steinzeit zurückgeleitet, gar nichts mehr gilt, wenn die Zerstreuung die umgewerteten Werte restlos zerstreut hat und die Warenwerbung das restlos Wahre geworden ist, kurzum, wenn Tradition und Geschichte erfolgreich weggesperrt sind und vergessen, kann auch die Karl-May-Gesellschaft mit zureichenden Gründen zusperren. Nicht ausgeschlossen, daß dies irgendwann so ist. Einstweilen scheinen mir die Beiträge unseres Jahrbuchs aber noch zu zeigen, daß die gesellschaftliche Neanderthalfahrt nicht ohne Hindernisse auch von unserer Seite vonstatten geht. Ihre Vielfalt tut dar, wie unerschöpft unser Thema geblieben ist, auch wenn die zentralen Aufgaben, die es uns stellte, fraglos bewältigt und erledigt wurden. Es mag vielleicht so bleiben, auf jedenfalls weitere Zeit; es möge, wünsche ich mir, auf noch lange weitere Zeit so bleiben.

Dank allen Beiträgern, den Redakteuren, den Helfern!





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