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Die große Verwandlung: Erschütternde Tragik und menschliches Reifen, visionäre Kraft und prophetische Dichtung


Das eigentlich wichtigste oder doch eines der wichtigsten Phänomene in der Vita Karl Mays ist die "Entwickelung": die schrittweise Verwandlung des Pseudologen in den klarsichtigen Dichter. Was May von jeher bewegte: die Kunst, die Liebe, die Sehnsucht nach dem 'anderen' Leben, das bricht jetzt durch in schmerzlichen Wehen.

   Siebenundfünfzig Jahre hat May nun gelebt. Er hatte den größten Erfolg, verknüpft mit wachsender Angst und perfekter Verdrängung seiner Vergangenheit, verknüpft aber auch mit heimlicher, im Erzählwerk durchscheinender Selbsterkenntnis und - trotz allem - gelassener Heiterkeit. Jetzt, um die Jahrhundertwende, kann er die Augen nicht mehr verschließen: Die Unhaltbarkeit seiner Lebensfiktion ist offenkundig geworden. Noch dreizehn Jahre liegen vor ihm, eine gespenstische Zeit mit peinlichsten Enthüllungen und endlosen Abwehrprozessen. Die gerichtlichen Auseinandersetzungen, die Pressekampagne, die zum Teil infamen Beschuldigungen gegen den Autor, nicht zuletzt auch das Scheitern seiner Ehe mit Emma drohen Mays Existenz, als Mensch und als Schriftsteller, zu vergiften und "zu verschlingen".1

   Der alte Mann hatte grausam zu leiden. Man hat ihn, wie er pathetisch in der Selbstbiographie2 und, schon früher, an Prinzessin Wiltrud von Bayern schrieb, "gestäubt, gegeißelt, geprangert und öffentlich an das Kreuz geschlagen" wo er "heut, nach Jahren, noch"3 hängt.

   Die eigenen Fehler erkannte er - menschlich, allzu menschlich - nur zögernd. Die Gebrochenheit, die Zerrissenheit, ja die Sündigkeit gerade auch des alten, der Vergebung, der Gnade, der Erlösung bedürftigen May dürfen nicht übersehen werden. Dennoch: Die letzten Jahre waren die dichtesten, die spannungsreichsten und wichtigsten Jahre seines Lebens. Sie brachten den Durchbruch zur 'Eigentlichkeit'. Trotz mancher unschöner, trotz (nach wie vor) krankhafter4 und dunkler Züge im Wesen des Schriftstellers5 führten diese Jahre zur inneren Reinigung, zur - größeren - ästhetischen Anstrengung und entscheidenden Leistung. Ja, "das Kreuzesholz ist das fruchtbarste aller Hölzer, und was am meinigen grünt und blüht, das wird die Zukunft zeigen."6

   Ein Wort Sören Kierkegaards über Martin Luther wandte Ernst Seybold auf unseren Dichter an: Karl May war Patient, aber er war "ein für die ganze Christenheit äußerst interessanter Patient Gottes."7

   Auch die Krankheit, die Neurose, den Narzißmus kann Gott in seinen Heilsplan miteinbeziehen. Aber was muß nicht alles zusammenbrechen und wieviel Plunder muß abfallen, bevor der Mensch erst begreift, was die Wahrheit seines Lebens ist! Über den alten May schrieb sehr schön und verständig Heinz Stolte:


Unter Schmerzen und Krämpfen erwacht der Träumer zur hellen Klarheit über sich selbst. Dahinschmelzen sieht man das ganze Brimborium seiner Illusionen, die künstlichen Kulissen seiner Abenteuerwelt stürzen zusammen, das Maskenspiel ist zu Ende, frierend steht sein eigentliches, sein wirkliches Ich [...] im kahlen, nüchternen Tageslicht, in seine eigene, echte Identität geworfen.8


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   Das Tageslicht zerstörte den Trug - die Old Shatterhand-Legende. Der (wie Carpio) verwirrte, der (wie Münedschi) blinde May wurde ein Seher, ein prophetischer Visionär. In der Rede des buddhistischen Priesters, im Friede-Roman (1904), meint der Dichter sich selbst: "Auch ich war Träumer - - träume vielleicht noch! Will es der Herr des Himmels, so werde ich erwachen [...] und seine Wahrheit, seine Klarheit sehen!"9

   Karl Mays persönliches Auftreten verlor die pseudologischen Merkmale im letzten Lebensjahrzehnt "immer mehr".10 Ein Träumer ist er dennoch geblieben, aber jetzt ein wachender Träumer, ein 'Real-Utopist' mit dem Blick in die Weite. Die Wirklichkeit seines Lebens und die Realität dieser Welt sah er wohl. Aber träumend und hoffend sah er - wie die Propheten der Bibel - noch mehr: Gottes Zukunft, die 'neue Erde' (Offb 21, 1), das Land der Verheißung.

   Der Weiterentwicklung des Menschen entsprach auch das literarische Schaffen. Die letzten Lebensjahre führten May "gesundheitlich und gesellschaftlich in den Ruin; seine persönliche und literarische Entwicklung aber erreichte erst jetzt die ihm mögliche Vollendung."11

   Die gewohnte Breitenwirkung - dies war die Kehrseite, der Preis für die Reife des Alters - blieb Mays Arbeit nach der Jahrhundertwende nun freilich versagt. Das Spätwerk 'zündete' nicht!

   Schon mancher Künstler begann als Genie und endete als Talent. Das könnte, nach der Auffassung eines May-Interpreten, auch gelten für den Schriftsteller in Radebeul:


Der Karl May des Alterswerkes war wahrscheinlich ein literarisches Hochtalent, da er seine sprachliche und inhaltliche Darstellung bis zur Virtuosität steigerte. Eine wirkliche Faszination breiter Leserschichten ging jedoch von diesen Büchern nicht aus. Karl May als Verfasser der Reiseromane, als der Schöpfer von Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand, von Hadschi Halef Omar und Winnetou, war noch kein erkennbares Hochtalent, aber er war ein Genie, das bis auf den heutigen Tag millionenfach begeistert.12


   Die Definition des Begriffes 'Genie' ist freilich ein eigenes Thema. Wird der Erfolg zum Maßstab genommen, dann war der alte May kein Genie. Aber ein Mensch von hoher schöpferischer Begabung, der Überkommenes transzendiert und "neue Bereiche des Schaffens erschließt",13 insofern also doch ein Genie, war der reife May ohne Zweifel.

   Mays Alterswerk gilt als schwierig. Die Spätschriften wurden nie populär. Sie werden nur "von Kennern und literarischen Feinschmeckern goutiert".14 Besonders Im Reiche des silbernen Löwen III/IV (1902/03) setzt beim Leser zu vieles voraus, um die Massen begeistern zu können. Die komplizierte Struktur, die Fülle der Bilder, die Länge der philosophischen Reflexionen gehen - so Walther Ilmer - "auf Kosten der Lesbarkeit und des Zaubers",15 der die früheren Reiseerzählungen so anziehend machte.

   Dennoch ist zu sagen: Mays Spätwerke verdienen noch mehr die Beachtung als etwa die Winnetou-Trilogie oder die anderen Erfolgsromane des Autors. Nach Claus Roxin kommt "unter dem Gesichtspunkt des literarischen Ranges in erster Linie und fast allein das Spätwerk Mays in Betracht."16 Denn diese Schriften sind - so Roxin -


die einzigen seiner Werke, die strengen literar-ästhetischen Maßstäben standhalten; der vielbödig-visionäre Symbolismus seines Alterswerks verdient auch in der deutschen Literatur [...] den Ehrenplatz, der den Arbeiten Mays trotz ihrer fortdauernden Lebenskraft bisher vorenthalten geblieben ist. Den Kunstwerkcharakter der Altersromane [...] überhaupt erst einmal sichtbar zu machen und dem Verständnis dieser abseitigen, literarisch ohne Vorbild und Nachfolge dastehenden Meisterwerke vorzuarbeiten, ist deshalb eine der wichtigsten Aufgaben, die sich die Karl-May-Gesellschaft gestellt hat.17


   Karl May gehörte zu jenen Menschen, die erst spät ihre Höchstform erreichen: "Als er endlich das Wort hatte und nicht länger das Wort ihn, als er zu schreiben begann und


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nicht länger zu kolportieren, war May ein alter Mann."18 Gewiß, diese Formulierung Wolf-Dieter Bachs ist insofern überspitzt, als auch die früheren Werke Mays, in ihrer Art, künstlerischen Rang ja durchaus besitzen. Aber erst zur Jahrhundertwende gelang dem Schriftsteller, was er vielleicht schon immer im Sinn hatte: anspruchsvolle religiöse Symboldichtung. Die gegnerische Kritik, beginnend mit Carl Muth, hatte - in ihrer Wirkung auf May - auch ihr Positives: Sie forderte sein Umdenken, das spätestens mit dem Jenseits-Band schon begonnen hatte; sie begünstigte die Überwindung des alten Genres, des Spannungsromans; sie schärfte Mays Kunstverstand und bekräftigte seinen Willen zur Form.

   Ohne sie zu verachten, hat May seine bisherigen Werke zu relativieren gelernt: als Etüden, als Proben für das spätere, das "eigentliche" Werk. Die früheren Schriften "waren weiter nichts als die Palette, auf der ich Farben sammelte und prüfte".19 Auch die JETZT entstehenden Bücher verstand er als Skizzen für noch Größeres, das zu schaffen ihm die Kraft (angesichts der Streitereien nach 1900) allerdings fehlte. Doch immerhin - in der literarischen Bedeutung und in der theologischen Relevanz übertreffen die neuen Bände die bisherigen Reiseromane erheblich.

   Was hat sich geändert im Schaffen des Autors? Die religiöse Tendenz kommt noch schärfer heraus als in den Erzählungen vor 1899; doch gewandelt hat sich, von Akzentverschiebungen abgesehen, weniger die Thematik - um den "Aufruf zu Liebe und Frieden"20 ging es, mehr oder weniger deutlich, schon immer - als vielmehr die Ausdrucksform: May schreibt jetzt bewußt in Symbolen und Allegorien, in Märchen und Gleichnissen, die in rhythmischer Sprache, in vielschichtiger Artistik mit dem äußeren Handlungsverlauf verwoben werden. Auf weiten Strecken muß man diese Bücher zur oberen Sphäre der Kunst rechnen. Formal wie inhaltlich hat May hier Großes geschaffen.

   Als 'Märchenerzähler' sucht er die neue (und alte) Identität. Sein Sendungsbewußtsein ist schon gewaltig. In der Selbstbiographie steht siegessicher geschrieben: "wie jedes echte Märchen doch endlich einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur Wahrheit werden, und was man mir heut nicht glaubt, das wird man morgen glauben lernen."21

   Im Silberlöwen IV gibt sich May, in der Gestalt des Ustad, freilich zu bedenken: "Du kannst nie wieder solche Bücher schreiben, wie du geschrieben hast! Du stirbst! Du mußt ein völlig andrer werden!" Und weiter: "Wenn du nicht mehr in dieser deiner bekannten Weise schreibst, wird man gar, gar nicht mehr von dir sprechen! Dann bist du tot, tot, tot!"22

   In der Tat - das Alterswerk Karl Mays wurde von den meisten Zeitgenossen verkannt oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Man wollte ihm seine Wandlung nicht abnehmen. Man hat ihm Großes nicht zugetraut, seine Parabeln nicht ernstgenommen, ihren Sinn nicht begriffen.

   Auch den Freunden des Autors blieben, aus unterschiedlichen Gründen, die Spätwerke fremd. Politisch und theologisch waren sie, im Gegensatz zu den früheren Reiseerzählungen, manchen Lesern suspekt. Anderen waren sie einfach 'zu hoch', zu moralisierend oder zu fromm. "Die Weltkinder schieden sich" von Karl May, vom Dichter der Altersromane, "der sich immer deutlicher bemühte, uns von seiner Gotteskindschaft zu überzeugen, auf daß auch wir die Pfade des Lichtes zu wandeln begönnen."23 So Karl-Hans Strobl im Jahre 1918. Und im Karl-May-Jahrbuch 1924 resümierte Fritz Barthel: "Viele seiner Leser werden ihm an dieser Wegstelle böse [...] und bedauern offen, daß der gute liebe Karl May alt und mystisch geworden sei."24


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   Auch der bekannte Philosoph und May-Leser Ernst Bloch (1885-1977) empfand, 1929, die Spätwerke des Dichters als Verirrung: "Erst in den späteren Büchern wurde Karl May verschroben und privat, die Naivität war hin und er symbolisierte [...] Die letzten Bücher sind also verloren, ungefähr vom 'Reich des Silbernen Löwen' ab".25

   Karl May wurde ein einsamer Wanderer. In einem Brief (24.1.1903) an den katholischen Publizisten Franz Weigl meinte er: "Ich habe leider meinen Weg allein zu gehen, in tiefster Einsamkeit."26

   Langweilig fand seinen Autor nun auch der Verleger Fehsenfeld. Er war - wie er betonte - ein "Tatsachenmensch" und hatte für den Surrealismus, die "eigenwillig verschnörkelten"27 Gedanken des alten May kein Verständnis.

   Der Großteil der Leser erwartete von May, nach wie vor, nur spannende Abenteuer. Fehsenfeld wollte, als Geschäftsmann, dieser Erwartung gerecht werden. Er legte dem Schriftsteller nahe, zum erfolgreichen Muster der alten Reiseromane zurückzukehren.28 Den bewährten Markenartikel 'Karl May' wollte Fehsenfeld, auch nach der Jahrhundertwende, in der gewohnten Weise verbreiten (eine Praxis, die der Karl-May-Verlag nach dem Tode des Dichters noch konsequenter verfolgte).

   Die "wenig innovationsfreudige, stark retrospektive Orientierung des Verlegers"29 stand im Widerspruch zu den Plänen des Schriftstellers. Die Entfremdung zwischen May und Fehsenfeld wurde zusehends größer, da der Verleger nicht in der Lage war, "die neuen Qualitäten seines Autors samt den damit veränderten Rezeptionsvoraussetzungen zu erkennen und in eine angemessene Marktstrategie umzusetzen".30

   Die Beziehung May-Fehsenfeld entwickelte sich für den Schriftsteller zum Dilemma. Denn am Verkaufserfolg seiner früheren Werke hatte auch May ein bleibendes Interesse. Zum einen war er vom inhaltlichen Wert dieser Bände ja überzeugt; und zum andern brauchte er, um seine Gerichtsprozesse und seine vermehrten kulturellen Aktivitäten (sehr häufige Theaterbesuche zum Beispiel) finanzieren zu können, relativ hohe Einkünfte. Der Aufgabe, Mays Gesamtwerk - die früheren Erzählungen UND die schwierigen Altersromane - "für disparate Rezeptionserwartungen adäquat zu präsentieren",31 war Fehsenfeld aber nicht gewachsen. Ein Verlagswechsel hätte also nahegelegen: Ein andrer Verleger hätte - so Ulrich Schmid wohl zu Recht -


einerseits die Reiseerzählungen mit dem gleichen Erfolg wie Fehsenfeld fortführen und andererseits für das Spätwerk ein ganz neues, literarisch eher an der Avantgarde orientiertes Publikum gewinnen müssen, wobei Aufmachung und Vertrieb der Bände im Hinblick auf den unterschiedlichen Adressatenkreis ein differenziertes Vorgehen erfordert hätten.32


   Vor der Jahrhundertwende war es May wiederholt gelungen, sich von Verlagsbindungen, über die er hinausgewachsen war, zu lösen. Doch jetzt, nach 1900, fand sich für May - der "klare ästhetische Vorstellungen von einer angemessenen Präsentation seines Spätwerks"33 hatte - kein neuer Verleger. Das Dilemma war durch einen Verlagswechsel nicht mehr zu lösen. Denn der Versuch, zumindest fürs Spätwerk einen andren, geeigneteren Verleger zu finden, war - so Schmid - "von vornherein durch Mays mehr und mehr angeschlagene Reputation in der öffentlichen Meinung zum Scheitern verurteilt und hätte zudem sicher große finanzielle Einbußen zur Folge gehabt."34

   In seinem Selbstvertrauen ließ sich der Dichter, trotz solcher Mißlichkeiten, aber nicht beirren. Er schrieb im Jahre 1910:


Den Weg, auf dem ich mich befinde, ist noch kein Anderer gegangen [...] Das Schicksal meiner bisherigen Arbeiten wird nur durch ihren Wert oder Unwert bestimmt, durch nichts Anderes. Taugen sie etwas, so werden sie bleiben, ganz gleich, ob man sie gegenwärtig lobt oder tadelt.35


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   Zu den wenigen Zeitgenossen, die den Rang des Mayschen Spätwerks erkannten, gehörte der - damals noch junge, seit 1907 mit May persönlich bekannte - Wiener Schauspieler und Schriftsteller Amand von Ozoróczy (1885-1977).36 Doch solche Stimmen - auch Bertha von Suttner, die berühmte Autorin und Trägerin des Friedensnobelpreises (1905) wäre zu nennen37 - waren die Ausnahme. Selbst der Maler und Kunst-Professor Sascha Schneider (1870-1927), seit 1903 einer der engsten Freunde Karl Mays, hatte zum Spätwerk des Dichters ein ambivalentes und keineswegs ungestörtes Verhältnis.38

   Unter den späten Romanen fand zu Lebzeiten Mays noch am ehesten Und Friede auf Erden! (1904) - teils zustimmende, teils ablehnende - Resonanz. Erst lange nach dem Tode des Autors setzte die Rezeption seiner Alterswerke im größeren Ausmaße ein. Vom rein ästhetischen Standpunkt aus zählte Arno Schmidt Im Reiche des silbernen Löwen III/IV, Ardistan und Dschinnistan und, mit Einschränkungen, auch Winnetou IV zur Hochliteratur.39 Hervorragende Kenner wie beispielsweise Hans Wollschläger schlossen sich dieser Beurteilung an.

   Unwidersprochen blieb, auch in neuerer Zeit, die Hochschätzung der Mayschen Spätromane allerdings nicht. Hubertus Schneider z.B. meinte, 1987, lakonisch: "Für Mays Symbolik vermögen wir uns nicht zu begeistern [...] Die 'dark and bloody grounds' [...] des Abenteuerromans bleiben das eigentliche Terrain dieses Schriftstellers."40 Der Germanist Michael Zeller gar nannte das Lob Arno Schmidts ein "horrendes Fehlurteil", das seit Jahren in der deutschen Literaturgeschichte herumwabere. Mays Spätwerk sei ein "sterbenslangweiliges" Seelenmelodram; was "diese sächsische Plaudertasche Karl May so kostbar machte in seinen Reiseerzählungen: das unzensiert selbstherrliche Dahinschwadronieren - hier ist es eingezuckert mit 'Bedeutung' und verkocht zu dem abgeschmacktesten Symbol-Kompott".41

   Am Spätwerk des Dichters scheiden sich, auch unter den Mitgliedern der heutigen Karl-May-Gesellschaft, die Geister. Daß die Alterswerke auch Schwachpunkte aufweisen, ist freilich nicht zu bestreiten. Aber die Stärken sind weitaus gewichtiger. Die Romane Und Friede auf Erden!, Im Reiche des silbernen Löwen III/IV, Ardistan und Dschinnistan und Winnetou IV, aber auch das Drama Babel und Bibel sowie die Novellen Das Geldmännle, Abdahn Effendi und Merhameh - das sind literarisch bedeutsame, äußerst vielschichtige, perspektivenreiche und hintersinnige Schriften.

   Diese Werke muß man, um ihren Sinn verstehen und ihre Botschaft deuten zu können, "lesen, lesen und nochmals lesen".42 Die letzten Romane sind zwar, nach der Auffassung von Christoph F. Lorenz und anderen Interpreten, Fragmente geblieben; aber grandios sind sie doch. "Getrieben von Prozeß zu Prozeß, mußte Karl May das Spätwerk Torso bleiben lassen, aber es ist ein GEWALTIGER Torso geworden."43

   Der Schriftsteller konnte seine letzten Pläne nicht mehr verwirklichen. Der Tod kam seinem literarischen - und persönlichen - Ziel: Dschinnistan, dem Land der Verheißung, zuvor.

   Seine Existenz verstand der Dichter als "Gleichnis".44 Gilt dies für den Bruchstück-Charakter seines Gesamtwerks nicht ebenso? Ist 'Dschinnistan', das Land des endgültigen Friedens und der vollkommenen Liebe, nicht gleichzusetzen mit dem 'Neuen Jerusalem' in der Bibel? Dann aber gilt: Das Werk des Menschen kann die 'Stadt auf dem Berge' nie sein! Sie wird nicht erschrieben und erkämpft im heroischen Aufstieg. Denn sie steigt - mit den Worten des neutestamentlichen Sehers gesprochen - herab "von Gott aus dem Himmel" (Offb 21, 2).


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Anmerkungen


1Heinz Stolte: Hiob May: In: JbKMG 1985, S. 63-84 (S. 67).
2Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 169.
3Aus Mays Brief vom 9.8.1902 an Prinzessin Wiltrud. In: Karl May: Briefe an das bayerische Königshaus. In: JbKMG 1983, S. 76-122 (S. 82).
4Vgl. Kurt Langer: Das helle und das dunkle Wesen. Untersuchung zur Spaltung des Innern von Karl May. In: MKMG 63 (1985), S. 8-13.
5Vgl. Walther Ilmer - Günter Scholdt: Über Karl-May-Forschung und -Gesellschaft. Ein Meinungsaustausch. In: MKMG 77 (1988), S. 22-30.
6May an Prinzessin Wiltrud, wie Anm. 3, S. 83.
7Ernst Seybold: Aspekte christlichen Glaubens bei Karl May. SKMG Nr. 55 (1985), S. 18.
8Heinz Stolte: Mein Name sei Wadenbach. Zum Identitätsproblem bei Karl May. In: JbKMG 1978, S. 37-59 (S. 56f.).
9Karl May: Und Friede auf Erden! Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXX. Freiburg 1904, S. 626 (Rede des Ho-Schang).
10Claus Roxin: Vorläufige Bemerkungen über die Straftaten Karl Mays. In: JbKMG 1971, S. 74-109 (S. 107, Anm. 79).
11Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123 (S. 106).
12Kurt Langer: Das "Genie-Problem" bei Karl May. In: MKMG 77 (1988), S. 3-7 (S. 6).
13Der Neue Brockhaus, Bd. 2. Wiesbaden 51974, S. 347f. (Art. Genie).
14Langer: "Genie-Problem", wie Anm. 12, S. 6.
15Ilmer: Meinungsaustausch, wie Anm. 5, S. 26.
16Claus Roxin: Ein Jahrbuch für Karl May. In: JbKMG 1970, S. 7-10 (S. 8).
17Ebd., S. 7f.
18Wolf-Dieter Bach: Fluchtlandschaften. In: JbKMG 1971, S. 39-73 (S. 68).
19Karl May: An meine lieben Gratulanten! (Gedruckter Brief vom 25.2.1906) Wiedergegeben bei Hansotto Hatzig: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Beiträge zur Karl-May-Forschung 2. Bamberg 1967, S. 232f. (S. 233).
20Martin Lowsky: Alterswerk und "Wilder Westen". Überlegungen zum Bruch in Mays Werk. In: MKMG 36 (1978), S. 3-16 (S. 5).
21May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 141.
22Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen IV. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXIX. Freiburg 1903, S. 69f.
23Karl-Hans Strobl: Das Tragische im "Karl-May-Problem". In: KMJB 1919. Breslau 1918, S. 222-239 (S. 227).
24Fritz Barthel: Der Wanderer. In: KMJB 1924. Radebeul 1924, S. 36-42 (S. 38f.); zit. nach Viktor Böhm: Karl May und das Geheimnis seines Erfolges. Gütersloh 21979, S. 222 (Anm. 77).
25Ernst Bloch: Die Silberbüchse Winnetous. In: Frankfurter Zeitung, 31.3.1929. Neufassung in: Ders.: Erbschaft dieser Zeit. Gesamtausgabe 4. Frankfurt/M. 1962, S. 169-173; hier zit. nach Ulrich Schmid: Das Werk Karl Mays 1895-1905. Erzählstrukturen und editorischer Befund Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 12. Ubstadt 1989, S. 195 - Vgl. Gert Ueding: Bloch liest Karl May. In: JbKMG 1991, S. 124-147.
26Zit. nach Hatzig, wie Anm. 19, S. 41.
27Zit. nach Thomas Ostwald: Karl May - Leben und Werk. Braunschweig 41977, S. 290.
28Die folgende Darstellung orientiert sich an Schmid, wie Anm. 25, S. 189-195.
29Ebd., S. 191.
30Ebd., S. 192.
31Ebd., S. 193.
32Ebd.
33Ebd., S. 191.
34Schmid, wie Anm. 25, S. 194.
35May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 313f.
36Vgl. unten, S. 543.


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37Vgl. unten, S. 547f.
38Vgl. unten, S. 481f.
39Vgl. Arno Schmidt: Abu Kital. Vom neuen Großmystiker. In: Ders.: Dya Na Sore. Gespräche in einer Bibliothek. Karlsruhe 1958, S. 150-193 - Ders.: Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays. Karlsruhe 1963.
40Hubertus Schneider: Ich, der ehrliche deutsche Karl May. In: FAZ-Magazin (27.3.1987), S. 56-64 (S. 64).
41Michael Zeller: Kärrner, Tintensäufer, Lohnschreiber. Fällige Erinnerung an einen der erfolgreichsten Schriftsteller. In: 'Die Zeit' Nr. 16 (10.4.1987), S. 45ff. (S. 47) - Vgl. auch oben, S. 266.
42Christoph F. Lorenz: "Das ist der Baum EI Dscharanil". Gleichnisse, Märchen und Träume in Karl Mays 'Im Reiche des silbernen Löwen III und IV'. In: JbKMG 1984, S. 139-166 (S. 164).
43Ebd.
44May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 30 u.ö.



10.1

Die Pilgerreise in das Morgenland (1899/1900): Konfrontation mit der Wirklichkeit und neues Erwachen


Bunte Erzählungen und fesselnde Abenteuergeschichten hat Karl May, in seinen Romanen vor 1899, über den Orient geschrieben - ohne ihn wirklich gesehen zu haben. Viele Jahre hat er sich nach dem Land seiner Träume gesehnt. Jetzt, im März 1899, nach Beendigung des Jenseits-Buches, trat er seine einzige - vor längerer Zeit schon geplante und wiederholt verschobene - reale Orientreise an. Finanziell gab es keine Probleme: Rund 50.000 Mark standen zur Verfügung.

   Zusammen mit den gleichzeitig einsetzenden Presseangriffen sind die Eindrücke dieser Fahrt ein wesentlicher Faktor für den (literarisch, besonders im Jenseits-Band, schon antizipierten) "Wesensumbruch"1 des Dichters. Die Mammutreise, von der Karl May, nach sechzehn Monaten, im Sommer 1900 "als ein Verwandelter zurückkehrte",2 ist bestens dokumentiert.3 Sie soll im folgenden dargestellt und behutsam interpretiert werden.


10.1.1

Der Aufbruch: Von Radebeul nach Kairo


Um "Hadschi Halef" zu besuchen und "dann durch Persien und Indien nach China, Japan und Amerika zu meinen Apatschen"4 zu fahren, brach 'Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi' mit seiner Frau und dem Ehepaar Plöhn am 26. März 1899, gegen neun Uhr, von Radebeul auf: den Schauplätzen seines - literarischen - Heldentums entgegen.


Ursprünglich war dieser gigantische Ausflug wohl vor allem als Legitimationsreise gedacht, die besser noch als exotische Kostümfotos die Mär vom Globetrotter würde beglaubigen können [...] Seine Verehrer witterten neue Abenteuer. Doch der Verehrte erlebte Abenteuer ganz anderer Art. Was als Legitimationsfahrt begonnen hatte, verwandelte sich zusehends zu einer langen, großen Reise ins Innere [...] Ein komplizierter und widerspruchsvoller Prozeß, der am Ende als Zusammenbruch und Wiedergeburt seines Ichs zu erkennen war, kam in Bewegung: Von nun an sollte er andere Bücher schreiben.5


   Über Frankfurt a.M. (27./28.3) und Freiburg i.B. (verbunden mit einem Besuch bei Fehsenfelds am 29./30.3.) ging die Reise nach Süden. Nach einer Zwischenstation in Lugano (31.3. bis 2.4.) verabschiedete sich May in Genua, am 4. April, von den Plöhns und von Emma (die aus gesundheitlichen Gründen - erste Symptome einer Unterleibserkrankung zeigten sich an - auf die Teilnahme an der Reise verzichtete).6


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   Mit der 'Preußen' vom Norddeutschen Lloyd begann nun die Seefahrt. Auf dem Schiff entdeckte den Schriftsteller ein Professor aus Berlin. Da "war es aus mit meiner Freiheit. Alle wollten mit Kara Ben Nemsi Afrika betreten."7

   Am 9. April setzte May, in Port Said, seinen Fuß zum ersten Mal auf nichteuropäischen Boden. Von Port Said aus reiste er am 12./13.4. nach Ismaila. Einen Tag später traf er in Kairo ein: jener Stadt, die er, mit Hilfe von Quellen, im Erzählwerk so packend geschildert hatte. Er konnte sich, wie er Fehsenfeld schrieb, vor Bewunderern nicht retten: "Jeder gebildete Deutsche, der sich hier in Kairo befindet, kennt leider May."8

   Auf einer Postkarte, einer seiner zahllosen an fast alle Bekannte, teilte der Schriftsteller - wie zuvor schon im Brief an Fehsenfeld - auch Johann Dederle, dem Chefredakteur der Dortmunder 'Tremonia', seine Pläne mit: "Sudan; dann über Mekka nach Arabien zu Hadschi Halef, Persien, Indien ..."9 Die Presse sollte die Fans auf dem laufenden halten! Doch die Illusion wird bald schon zerbrechen. Aus dem - scheinbar - Glücklichen und Zufriedenen wird, nun deutlich erkennbar, der geschlagene Hiob.

   Zehn Tage vor der Abreise Mays, am 16. März 1899, hatte Pauline Münchmeyer den Kolportageverlag an Adalbert Fischer verkauft: Mays Romane - ohne Einverständnis des Autors - mit eingeschlossen. Karl May erfuhr es im April 1899 in Kairo. Er schrieb sofort, am 30.4., an den neuen Verlagsbesitzer. Dessen Retourkutsche war deutlich: Er werde "meine Sachen so ausbeuten, wie es nur möglich sei [...] Dieser Ton fiel mir auf. In dieser Weise pflegt man nur mit sehr minderwertigen Menschen zu sprechen."10


10.1.2

Die 'Neugeburt' Karl Mays: Zusammenbruch des 'Helden' und lyrische Himmelsgedanken


Ob May im Frühjahr 1899 die Gefahr schon wirklich erkannte und seine Glücksträume jetzt schon erschüttert wurden, ist ungewiß. Aber anzunehmen ist dies: Karl May war, fern vom Trubel der Heimat, zumindest innerlich sehr verlassen. Daß man, wie der Dichter (im Brief vom 2.5.1899 an seine Frau) behauptete, "überall [...] den 'berühmten' Karl May sehen" wollte und daß es Blumen regnete in Ägypten,11 entsprach dem Renommierton früherer Jahre, aber wohl kaum der Realität in Kairo.

   May wartete mit Sehnsucht auf Briefe seiner, noch immer geliebten, Frau Emma. Von Kairo aus schrieb er an seine Gattin: "Heut vor 4 Wochen sind wir von einander geschieden. Ich habe Dir so häufig geschrieben, Du mir aber noch kein einziges Mal! [...] Ich kann natürlich nicht von hier fort ohne eine Nachricht von Dir [...].[", I-R]12

   Der Schriftsteller blieb, bis zum 24. Mai, notgedrungen in Kairo, im Hotel 'Bavaria'.


Kleinere Ausflüge [...] führen in die nähere Umgebung der ägyptischen Hauptstadt. Pyramiden werden besichtigt, aber nicht bestiegen, der erste Ritt auf einem Kamel dauert genau zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten. Dann treiben ihn Hitze und der heiße trockene Wind in die Geborgenheit des Hotels und an einen Tisch mit Schreibutensilien zurück.13


   Schon am 20. April hatte May "Eine Pilgerreise in das Morgenland" auf das Titelblatt einer Manuskriptmappe geschrieben. Was in den folgenden Monaten entstand, "erinnert überhaupt nicht mehr an die vieltausendseitig geschilderte bunte Welt. Es sind religiöse, zumeist elegische, weltabgewandte Gedichte",14 die im Jahre 1900, als Himmelsgedanken (so der endgültige Titel), bei Fehsenfeld erschienen.

   Am 17. Mai teilte der Schriftsteller seiner Ehefrau mit:


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Grad weil das Leben des Orientes so inhaltslos, so oberflächlich, schmutzig und lärmvoll ist, wirkt es auf die besser veranlagten Menschen vertiefend, bereichernd, reinigend, beruhigend und befestigend. Man wendet sich unbefriedigt und bedauernd ab und geht nach innen.15


   Wenig später pries May - für seine schwankende Gemütsverfassung bezeichnend - die "gigantischen Eindrücke"16 des Morgenlands. Doch der Blick "nach innen" erschloß ihm, wie immer schon, die tieferen Dimensionen der Wirklichkeit! Er sah nun den Orient so, wie er war. Und er hatte jetzt Zeit zur Besinnung. Daß seine Romane, genauer: die Abenteuer des Ich-Ideals, vor der Realität nicht bestehen können, diese Einsicht drängte sich auf. May steht, so kommentierte Hans Wollschläger, "mitten im Getriebe eines Weltlaufs [...], der über ihn hinweggeht wie über einen Anachronismus".17

   Ist also alles, was er bisher geschrieben hat, völlig nichtig und wertlos? Sind Durch die Wüste, Im Lande des Mahdi usw. nur Makulatur? So wird sich der Autor, mehr und mehr, jetzt gefragt haben. "Nein, so sinnlos kann sein Leben und Wirken nicht gewesen sein."18 Er hatte ja schon VOR der Orientreise begonnen, seine Schriften neu zu verstehen: als Bilder und Gleichnisse, als Entwürfe des künftigen Schaffens. Im Herbst 1900 klärte er - wie schon im März 1899, bei der Fertigstellung des Jenseits-Romans - seinen Verleger auf: "Alle meine bisherigen Bände sind NUR Einleitung, nur Vorbereitung [...] Ich trete erst jetzt an meine EIGENTLICHE Aufgabe."19

   Am 23. Mai 1899 engagierte der Schriftsteller den arabischen Diener Sejd Hassan, der ihn über ein Jahr lang begleiten und - als Sejjid Omar - in den Roman Et in terra pax (1901) eingehen sollte. Der Dichter verließ nun Kairo, um nilaufwärts Siut (25.-28.5.), Luxor (29.5.-4.6.) und Assuan (6.-12.6.) zu besuchen. Der alte Renommiergeist, die bekannte Flunkerei, meldete sich - auch bei dieser Gelegenheit - wieder zu Wort. In der 'Pfälzer Zeitung' informierte May, mit Datum vom 6. Juni 1899, die begeisterten Leser: Er reite "als Kara Ben Nemsi" seine früheren "Karawanenwege" und wolle mit dem Scheik der Haddedihn "durch Persien nach Indien".20

   In Wirklichkeit kehrte May, am 18. Juni, zunächst nach Kairo zurück. Über Port Said (23.-25.6.) reiste er per Schiff dann nach Beirut, wo er am 26. Juni eintraf. Bis zum 8. Juli mußte er, aufgrund der in Beirut grassierenden Pest, in Quarantäne leben. Neun Tage später verließ er die Stadt und erreichte am 18. Juli Haifa. Am 20. Juli besuchte er Nazareth, am folgenden Tage Tiberias am See Genesareth, dann wieder Nazareth und Haifa, dann Sarona, Jaffa und Ramle. Drei Wochen, vom 30. Juli bis zum 20. August, verbrachte er in Jerusalem, mit Streifzügen in die Umgebung.

   Die Schauplätze seiner Romane suchte er nicht. Er nächtigte nicht in der Wüste, sondern als Tourist in Hotels oder Gasthöfen. Er begab sich nicht in Gefahr, beschlich keine Feinde und belauschte keine Verbrecher. Er suchte, den Spuren des 'Baedeker' folgend, die heiligen Stätten auf - und griff wieder zur Feder. Es entstanden, wie zuvor in Kairo, Gedichte und Aphorismen: in der Form meist schlichte, im Gehalt tief-fromme Himmelsgedanken, deren (biographischer, zum Teil auch poetischer) Wert von der Kritik unterschätzt wurde.21

   In Jerusalem traf den Dichter, wie ein Schlag mit der Keule, ein böses Ereignis: Die von Fedor Mamroth verfaßten Artikel der 'Frankfurter Zeitung' mit heftigen Angriffen auf die Reiseerzählungen Mays22 erreichten - mit der Post aus der Heimat - den Pilger im Heiligen Land. "Was lange fällig war, ist eingetroffen":23 Daß der Autor seine Abenteuer persönlich erlebt habe, wird in diesen Artikeln bezweifelt.

   Die beginnende Auflösung der Abenteuer-Struktur und die (noch gut überspielten) Risse in der Seele des Dichters und seines - am Vater orientierten - Ich-Ideals sind in den


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Reiseerzählungen, spätestens seit 1896, schon deutlich erkennbar. Doch gerade jetzt, da er sich anschickt, neue Wege zu gehen, und "er selbst die Krise nur zu deutlich spürt, der seine ganze innere Existenz sich ausgesetzt hat",24 will May die Schelte von außen nicht akzeptieren. "Er reagiert", so Wollschläger, "als sei die Kritik, die ihn so lange verschont hat, jetzt ein wahrer Mordanschlag".25 Im August, noch in Jerusalem, verfaßte er eine lange Erwiderung, die Ende September (unter dem Namen Richard Plöhns) in der Dortmunder 'Tremonia' erschien.26

   Innere Einsicht und äußere Abwehr lagen, auch in den folgenden Jahren, im Widerstreit. Die eigentliche Pressekampagne gegen May hatte 1899 noch gar nicht begonnen. Aber schon jetzt kam sich der Schriftsteller vor "wie Simson mitten unter den Philistern: Von allen Seiten Feinde [...] Ich habe nur immer, immer um mich zu schlagen"!27

   Von wachsenden Krisensymptomen und inneren Kämpfen war der weitere Reiseverlauf nun begleitet. Vom 21. August bis zum 2. September wohnte May in Jaffa und sehnte sich nach seiner Frau: "Heut, meine liebe Emma, sind es 52 Tage, [...] seit Du mir das letzte Mal geschrieben hast. Und das war so wenig! [...] In dieser Beziehung bin ich wirklich so arm, so bitter arm, wie fast kein anderer Mensch!!!"28 Am 24. August beklagte er im Tagebuch seine "höchst elegische Stimmung".29 Und der übernächste Tag war der bisher "schrecklichste" für ihn; im Hotel hörte er "5 Rufe Mausels" (Klara Plöhns!) und verlangte ein anderes Zimmer.30

   Von Jaffa aus fuhr May zurück nach Ägypten: über Port Said nach Suez, wo er eine Woche lang blieb (4.-11.9.). Am 5. September entsagte der frühere Kettenraucher dem Nikotin, nachdem er schon Ende April auf den Fleischgenuß zu verzichten begonnen hatte.31 Karl May wurde, auch im äußeren Lebensstil, 'neu geboren'.

   Am 11. September führte den Dichter eine Schiffsreise durchs Rote Meer zur Südwestküste der arabischen Halbinsel: zur Hafenstadt Aden, die er am 15.9. erreichte. Unterwegs, auf dem Passagierdampfer 'Gera', hatte er eine Begegnung:


Habe auf dem Schiff einen meiner Gegner kennengelernt, Herzfelder, Freund der Neuen Freien Presse und der Frankfurter Zeitung [...] Kennt mich nur als "Dr. Friedrich". Hat mich unendlich lieb gewonnen, sogar geküßt, ohne die Wahrheit zu ahnen. Es wird noch interessant.32


   Horace Herzfelder wandte sich später, in einem Brief, an Karl May: Seit der Begegnung auf der 'Gera' sei, so schrieb er dem Dichter,


kein Tag vergangen, ohne daß ich Ihrer in Liebe und Verehrung gedacht [...] hätte. Sie erschienen mir wie eine mir von Gott gesandte Erscheinung, verklärt, magisch, fascinierend. Ich wagte es nicht, in Colombo Sie aufzusuchen. Ich erfuhr, daß Sie Tag und Nacht schrieben, nicht einmal zu den Mahlzeiten kamen. Ich war oft bei Ihrer Tür, aber anzuklopfen getraute ich mich nicht. Mit Dr. Friedrich durfte ich sprechen, aber Dr. May durfte ich nicht kennen ...33


   Im Hotel de l'Europe in Aden, am 16.9.1899, schrieb May an das Ehepaar Plöhn über den "früheren Karl", den Romancier im Gewande Old Shatterhands: "Der ist mit großer Ceremonie von mir in das rothe Meer versenkt worden, mit Schiffssteinkohlen, die ihn auf den Grund gezogen haben [...]"34.

   May hat begriffen: Sein altes Ego, die Shatterhand-Legende, die Geltungssucht müssen sterben; sie müssen hinunter, ins ewige Meer. Die Heldenpose, das Imponiergehabe, fiel - nicht ganz, aber weitgehend - von Karl May ab. Was blieb, war das religiöse Verlangen. Und was hinzukam, war: die große Vision, die Kraft des Symboldichters.

   Am Sonntag, dem 17. September, verfaßte er in Aden die folgenden Verse:35


Ich bin so müd, so herbstesschwer
 Und möcht am liebsten scheiden gehn.
Die Blätter fallen rings umher;


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 Wie lange, Herr, soll ich noch stehn?
Ich bin nur ein bescheiden Gras,
 Doch eine Aehre trag auch ich,
Und ob die Sonne mich vergaß,
 Ich wuchs in Dankbarkeit für dich.
Ich bin so müd, so herbstesschwer
 Und möcht am liebsten scheiden gehn,
Doch, brauche ich der Reife mehr,
 So laß mich, Herr, noch länger stehn.
Ich will, wenn sich der Schnitter naht
 Und sammelt Menschengarben ein,
Nicht unreif zu der Weitersaat
 Für dich und deinen Himmel sein.


   Nicht nur "Resignation und Depression", nicht nur "physische wie psychische Erschöpfung"36 bringen diese Zeilen zum Ausdruck. Nein, hier schreibt ein Mann, der - als Mensch, als Christ und als Künstler - der weiteren Reife bedarf und dies nun erkennt. Daß der Preis der Reife das Leid, der Bruch mit der ganzen Vergangenheit sein werde, sieht er nun klar. Auf der Rückseite des Gedichtmanuskripts hält er fest: "Habe hierbei bitterlich [...] geweint."37

   Nach fünf Tagen Aufenthalt in Aden setzte May seine Schiffsreise fort nach Massaua. Dort, in Ostafrika (italienische Provinz Eritrea), schrieb er am 23.9., mit Bezug auf die feindlichen Presseartikel, an Fehsenfeld: "Lassen Sie doch die Lügner schwatzen! Mich stört das nicht im Mindesten."38 Mit dieser Äußerung und ähnlichen - späteren - Bemerkungen wollte May, nach außen, gelassen erscheinen. In Wirklichkeit störten ihn die Artikel sehr wohl. Sie kränkten und verletzten ihn tief.

   Am 25. September fuhr May mit der 'Palestina' (im für den Prinzen von Genua, der seine Reise storniert hatte, bestimmten "Extra-Salon" - wo der Dichter "mit größter Auszeichnung behandelt"39 wurde) zurück nach Aden. Dort schiffte er sich, am 29.9., auf der 'Bayern' ein. Das neue Reiseziel war Ceylon (heute Sri Lanka). Am 6. Oktober erreichte er, über Indien, die Hauptstadt Colombo. Hier wohnte er, mit einem Zwischenaufenthalt in Point de Galle (19./20. 10.), bis zum 28. Oktober.

   Hinter den "Fassaden des ceylonesischen Kolonialparadieses"40 sah May die Realität des Imperialismus. Auf einer Ansichtskarte 'Mount Lavinia Hotel, Colombo' schrieb er an Klara Plöhn: "Dieses Hotel ist das schönste, was ich auf Erden gesehen habe, leider aber nur zur gründlichen Ausbeutung der Menschen errichtet. Die Segnungen des Christenthums!"41 Im Pax- bzw. Friede-Roman von 1901/04 wird May diesen Gedanken entfalten - poetisch geglückt, politisch brisant und theologisch subtil.

   Doch der Reifungsprozeß des Menschen Karl May war noch lange nicht abgeschlossen. In Colombo wurde der Schriftsteller "Momente lang wieder 'rückfällig'".42 Der "frühere Karl" tauchte wieder auf. Am 10. Oktober sandte er dem 'Prager Tagblatt' und zwei Tage später der Dortmunder 'Tremonia' Postkarten-Serien im pseudologischen, den Spott der Gegner herausfordernden Stil der Renommierjahre: Er habe "am rechten Oberschenkel eine Wunde erhalten" die seiner "Elefantennatur" aber "keine Sorge macht [...] Ich war hinter Menschenjägern her, welche nach Zwangsarbeitern für die Outlander Gesellschaften in Transvaal jagten."43 Bei dieser Gelegenheit habe er ein ausgedehntes Goldfeld, ein orientalisches "Klondyke", entdeckt; aber die Sache lasse ihn "sehr kalt";44 "für den Götzen Mammon zu arbeiten", sei ja nicht sein Beruf.45 Ähnliches teilte er Fehsenfeld und anderen Bekannten mit.


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   Auch an die Plöhns und an Emma wandte sich May, von Colombo aus, per Depesche:46 Sie sollten nach Port Said in Ägypten kommen; er werde sie dort erwarten. Aber erst später, Ende 1899, konnte er seine Frau und das Ehepaar Plöhn wiedersehen.

   In Colombo fühlte sich May "so jünglingsfrisch und wohl", als ob er "erst 25 Jahre zählte".47 In seinen, etwa gleichzeitig verfaßten, Gedichten aber "ist vom Sterben und von abzulegender Rechenschaft die Rede [...] Tagebuchnotizen, Briefe und Gedichte vermitteln den Eindruck, daß die Krise einem Höhepunkt zustrebt."48

   Am 3. November brachte die 'Vindobona' unseren Pilger nach Penang, einer Insel vor der Küste Malaccas. Vom 4.-10.11. reiste er, auf der 'Coen', über Ulehleh und Kota Radjah nach Padang auf Sumatra, wo er - im Adjeh-Hotel - bis zum 24. November sich aufhielt.

   In Padang scheint May einen Schock, einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten zu haben, der - nach Wollschläger - nur mit einem einzigen Ereignis der Geistesgeschichte vergleichbar ist: dem Zusammenbruch Nietzsches in Turin am 3. Januar 1889. Nur daß Karl May nicht wahnsinnig wurde, sondern sich selbst, ganz neu, wiederfand.

   "Die Katastrophe traf ihn jäh und mit einem Schlag. An einem einzigen Tag, einem Novembertag des Jahres 1899 [...] unter fernöstlichem Himmel, brach das gesamte Innengefüge seiner Existenz in sich zusammen."49 Über Einzelheiten des Aufenthalts in Padang sind von May allerdings keine Notizen erhalten. Manche Zeugnisse wurden von Klara May verw. Plöhn später vernichtet.50 Einer Mitteilung Klaras (die sich stützt auf einen Bericht Sejd Hassans) zufolge51 verweigerte May in Padang die Nahrung; er benahm sich wie ein Kind und wie ein Verrückter. Doch was innerlich, nach der Überwindung des Schocks, in ihm vorging, setzt die Spötter ins Unrecht. Die jetzt entstandenen Gedichte und Aphorismen können, unabhängig vom ästhetischen Wert (der ziemlich gering ist), als Dokumente des inneren Aufbruchs nicht hoch genug eingeschätzt werden.

   In den Himmelsgedanken - "Liebes-Psalmen" sollten sie, einem früheren Plane nach, heißen52 - finden sich z.B. die Verse: "Es ward vom Herrn ein großes Wort geschrieben, / Wie größer es kein andres, zweites giebt: / Wer Liebe finden will, muß selbst auch lieben, / [...] / Nur der versteht es, recht und wahr zu lieben, / Der die empfangne Liebe weiterliebt. / [...]53 Dazu Wollschläger: "um solcher und ungezählter ähnlicher Bekenntnisse willen haben wir den Gedichten Mays eine Aufmerksamkeit zu schenken, die das künstlerische Urteil ihnen größtenteils mit allem Grund verweigert."54

   Wollschlägers - den Zusammenbruch des Narzißmus und des, vom Vater-Bild geprägten, Ich-Ideals voraussetzende - Deutung der Mayschen Erlebnisse in Padang mag Spekulatives enthalten.55 Aber nicht zu bestreiten ist die seelische Erschütterung des Dichters und, in der Folge, die religiöse Vertiefung seiner Schriften: Was sich in den Reiseerzählungen immer dranghafter zu Wort meldete - das Liebesmotiv -, wird fortan zum großen, Mensch und Welt umspannenden Thema der Werke Karl Mays.

   Zurück zum Reiseverlauf. Noch in Padang, am 22. November, schrieb May, nachdem er sein psychisches Gleichgewicht wiedergefunden hatte, ein weiteres Mal nach Radebeul: Seine Frau und das Ehepaar Plöhn sollten "sofort nach [...] Egypten kommen". Er wolle sie in Port Said abholen und ihnen "dieses Paradies" auf Sumatra zeigen.56 Die Plöhns lud der Schriftsteller mit ein, weil sich die unterleibskranke Emma die Fahrt alleine nicht zutraute.57

   Am 24. 11. reiste May, auf der 'Bromo', zurück nach Port Said, wo er am 11. Dezember ankam und - wegen Krankheit und Pestverdachts - ein zweites Mal in Quarantäne mußte.58 Auf seine Frau und die Plöhns wartete er vergeblich. Da Richard Plöhn an einer


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schweren Nierenerkrankung litt, mußten er und die beiden Frauen in Arenzano (bei Genua) Station machen. Mit Sejd Hassan fuhr May deshalb am 18.12. nach Marseille und, über Nizza, nach Arenzano, wo er mit Emma und dem Ehepaar Plöhn zusammentraf.

   Aufgrund des kritischen Zustandes von Richard Plöhn konnten die beiden Paare erst am 15. März 1900 die Reise fortsetzen. Bis zum 14.3. blieben sie in Arenzano.


10.1.3

Die zweite Reise-Etappe: Ruinen und Tempel, klassische Kunst und Entfremdung von Emma


Karl und Emma waren nun zwanzig Jahre verheiratet und während der Orientreise (Anfang April bis Ende Dezember 1899) zum erstenmal für längere Zeit voneinander getrennt. Mays Gefühle für Emma scheinen, den Briefen nach zu schließen, in diesen Monaten neu belebt worden zu sein.

   In die zweite, gemeinsame, Reise-Etappe setzte May, was Emma betrifft, sehr hohe Erwartungen: "Ich erhoffte von der Luft und dem Lichte des Orientes [...] einen so tiefen und so nachhaltigen Einfluß auf sie, daß es Gott möglich wurde, dann auch an ihr ein Wunder zu thun."59

   Nachdem sich Plöhn etwas besser fühlte - ein knappes Jahr hatte er noch zu leben -, ging die Reise über Pisa (15.3.1900), Rom (Ankunft am 19.3.) und Neapel (29.3.-4.4.) nach Port Said und Kairo (9.-30.4.). Nach Ausflügen in die nähere Umgebung von Kairo und einer Fahrt zu den Pyramiden von Gizeh (22.-26.4.) ging es, für May nun zum zweitenmal, weiter nach Palästina, zu den heiligen Stätten der Christen, der Juden und Moslems. Die beiden Ehepaare blieben, mit Sejd Hassan, vier Wochen in Palästina. Sie besuchten u.a. Jaffa (1.-6.5), Jerusalem (8.-13.5., mit Ausflug nach Hebron), Jericho (14.-17.5.), Tiberias (22.-24.5.), Kapernaum (wo sie am 23.5. mit Pater Biever, dem Direktor der Deutschen Palästinagesellschaft, zusammentrafen), Nazareth (25.5.) und Haifa (26.-28.5.).

   Am 12.5. schrieb May an Johann Dederle: "Ich habe außer dem Äußerlichen auch so viel, so sehr viel Innerliches erlebt, und Palästina ist in geistiger Beziehung noch heut das Land, darinnen Milch und Honig fließt. Ich bringe davon mit!"60 In der Tat: May hat Palästina nicht vergessen. In der, wohl Ende 1906 oder Anfang 1907 entstandenen, Novelle Schamah61 hat er die realen Reise-Erlebnisse in Palästina (1900) literarisch gestaltet und poetisch verdichtet.

   Ende Mai brachte der Lloyd-Dampfer 'Hungaria' die Reisenden zur libanesischen Küste. Nach einem Ausflug in den Libanon (29.5.-1.6.) besuchten sie Beirut (2./3.6.), wo May den Berliner Theologen Dr. Bruno Violet kennenlernte.62

   Zur Landschaft schrieb May am 3. Juni, auf dem Wege nach Baalbek, ins Tagebuch: "Diese Berge alle sind steinerne Gebete zu Gott um Wasser. Sie wollen geben, spenden, fruchtbar sein [...]".63 Später hat der Dichter, in der Bildsymbolik des Romans Ardistan und Dschinnistan (1907/09), diese Landschaftseindrücke in faszinierende und literarisch wohl beispiellose Erlösungsvisionen verwandelt.64

   In Baalbek (3.-5.6.) sah May die Tempelruinen, die er - in der Phantasie, als Kara Ben Nemsi - schon früher, im 3. Band des Orientzyklus, betreten hatte.

   Baalbek, am Fuße des Antilibanon, ist das antike Heliopolis - der obersten Gottheit geweiht. In Mays Poesie sind solche Ruinen ein Symbol der menschlichen Hybris. Unter


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dem Eindruck Baalbeks notierte der Dichter am 17. Juni in Beirut: Zur Suche nach weltlicher Macht kam "das Streben nach geistlicher Gewalt"! May reflektiert:


Diese beiden Bestrebungen [...] kämpften oft genug gegen einander, gingen ebenso oft auch Hand in Hand, in beiden Fällen war weltliche und geistliche Unterdrückung die Folge. Der Hochmuth [...] trachtete nach falscher Verewigung; er setzte sich Zeichen und Denkmäler. Es entstanden jene Bauten, welche der Nachwelt einen Begriff der Macht zu geben hatten [...] Die Machthaber starben; [...] ihre Bauten fielen in Trümmer. Aber selbst in diesen Trümmern blieb Jahrtausende lang das Eine, Ewige erhalten: Der Himmelsschein des göttlichen Waltens, dessen Zerrbild das menschliche Streben gewesen war und heut noch ist - die Rückahnung zum Paradiese, welche die Seele dieser Bauten geworden war. Und nach dieser Seele habe ich zu suchen [...]65


   Auch diese - theologisch wichtigen - Ideen finden sich, literarisch geformt, im Mayschen Spätwerk, besonders im Friede-Roman (1901/04) und, großartiger noch, im Silberlöwen III/IV (1902/03).66

   Die Woche vom 5. bis 12. Juni verbrachte May in Damaskus. Die Moscheen interessierten ihn sehr. An Dederle schrieb er am 12. Juni: "Bin mit Sujets so reich versehen, daß ich bei meinen 60 Jahren nur eilen, eilen, eilen muß, um auch meinen Lesern das zu geben, was mein Herz erfüllt."67

   Nach dem Besuch von Damaskus kehrten die Reisenden nach Beirut zurück. Am 17. Juni wurde, unter Schmerzen, Abschied von Sejd Hassan genommen. Einen Tag später begann, auf dem russischen Dampfer 'Alexander II', die Rückreise: Über Tripolis, Zypern, Rhodos, Samos, Chios und Lesbos nach Konstantinopel. "Für mich herrliche Fahrt, die Andern leider alle seekrank. Sogar Tripolis lockt sie nicht."68

   Der Aufenthalt in Konstantinopel währte 14 Tage (24.6.-7.7.). Noch auf dem Schiff, am 23. Juni, schrieb May:


Wie viel schöner ist Stambul als Kairo! [...] Hier giebt es auch Ruinen [...] [Sie haben] nur dann ein Recht zu bleiben, wenn sie der Menschheit [...] zu Bildungszwecken dienen, als Fingerzeige, wo geistige Schätze zu heben sind. Dann sind sie nicht mehr Trümmer, sondern Gottesmahnungen, die wir [...] erhalten müssen, um [...] so zu handeln und zu arbeiten, daß wir nicht einst auch nur Trümmer hinterlassen, sondern für die Ewigkeit schaffen. Der Bau eines Triumph- oder Siegesbogens wird einst zerfallen; die Etagen eines Kranken-, Witwen- oder Waisenhauses aber ragen in den Himmel hinein!69


   Die - durch die Eindrücke der Orientreise verstärkte - sozialkritische Komponente im Denken Karl Mays schloß die Freude am Kunstwerk freilich nicht aus. Zur Hagia Sophia meinte der Schriftsteller im Tagebuch (am 27. Juni):


Sie hat Wort gehalten. Was schien mir schöner, die Peterskirche, der Lateran oder sie? Ich kann's nicht entscheiden, setze sie aber diesen beiden keinesfalls nach. Mir ist der Kuppelbau sympathisch [...] Damit gebe ich meine laienhafte Vorliebe für die Gotik auf [...]70


   Zum eigentlichen Sinn, zur Notwendigkeit der Gotteshäuser bemerkte der Dichter:


Für die Einzelandacht ist das "Kämmerlein", der Tempel aber hat der vereinten Erbauung der Gemeinde zu dienen. Dazu, nur dazu sind die Kirchen etc. da! Die zugemauerte Pforte in der Sophia interessirte mich sehr. Durch sie verschwand der Priester, und durch sie soll er einst wiederkommen. Es ist mir, als wär's ein Sujet für mich. Ich meine, [...] es hat jede Kirche solch eine Pforte, durch welche die wahre Religion verschwand und durch welche sie einst wieder erscheinen soll und wird. Diese Pforte der Sophia ist symbolisch [...]; der Brudersinn wird ihr die Pforte wieder öffnen.71


   Diese Gedanken ließen den Schriftsteller nicht wieder los. In seinen Altersromanen, in Ardistan und Dschinnistan vor allem, hat er sie - grandios - gestaltet!72

   Die Orientreise war eine entscheidende Station auf dem Weg Karl Mays zur persönlichen Reife. Unterwegs freilich noch, Anfang Juli in Istanbul,73 erlitt der Pilger einen zweiten Zusammenbruch. Er geriet, wie im November 1899 in Padang, "in Zustände, die


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nach dem späteren Bericht seiner Frau Klara befürchten ließen, man müsse ihn einer Irrenanstalt zuführen".74 Aber auch diesen Schock hat der Dichter, innerlich gefestigt und körperlich wiederhergestellt, nach wenigen Tagen überstanden.

   Mit dem Zusammenbruch in Konstantinopel war, nach Heermanns (was die zeitliche Festlegung betrifft, aber wohl überpointierter) Deutung, die 'Verwandlung' Karl Mays vollzogen und "die Old Shatterhand-Legende für immer gestorben. May wird sich fortan nicht mehr mit seinen literarischen Helden und ihren Taten identifizieren.75 Verschwunden ist damit aber auch die letzte unbekümmerte Frische des Fabulierens."76

   Mit dem 7. Juli war die eigentliche Orientreise beendet. Die 'Aurora' (Österreichischer Lloyd) brachte die beiden Ehepaare nach Griechenland. Am 9. Juli erreichten sie Athen, wo sie bis zum 14. Juli verweilten.

   "Griechenland ist", so notierte May, "ein herrliches Land; ich liebe es und möchte es wiedersehen."77 Mays tiefstes Empfinden war - der Dank an den Schöpfer: "Der Dank soll das Fundament jedes Tempels sein [...] Der Dank ist das einzige Verdienst, welches sich der Mensch vor Gott erwerben kann."78

   Die Denkmäler Griechenlands, besonders Athens, fand May überwältigend. Doch sein Kunstverstand war, wie er meinte, allzu gering. Schon in Baalbek hatte er geschrieben: "ich kann nichts groß, gewaltig und schön genug bekommen und habe doch kein ausgebildetes Kunstverständnis für das Schöne. Goethe würde ganz anders sehen, denken und empfinden als ich. Das ist nun leider hier im Leben nicht mehr nachzuholen."79

   Hans Wollschläger freilich hielt dem entgegen: "angesichts der durchaus grandiosen Bilderfluchten, in die sich ihm die Reise hernach dann umsetzte, ist dies Bekenntnis doch und doch um Grade zu bescheiden [...]"80

   Bei der Besichtigung des 1835/36 rekonstruierten Nike-Tempels in Athen machte Klara den Vorschlag, in Radebeul für beide Ehepaare ein gemeinsames Grabmal nach diesem Vorbild erbauen zu lassen. Diese - kurze Zeit später, nach dem Tode Richard Plöhns, durch den Oberlößnitzer Architekten Paul Friedrich Ziller und den Dresdner Bildhauer Selmar Werner realisierte - Idee "bezeugt, daß beide Paare noch an eine einträchtige Zukunft glaubten."81

   Mays Hoffnung, seine Ehe mit Emma würde im 'Lichte des Orients' auf wunderbare Weise geheilt und gerettet werden, erwies sich freilich als trügerisch. Die Veränderung seiner Persönlichkeit, seine wachsende Neigung zur Innerlichkeit, vertiefte noch eher die Kluft. Seine "Veredelungsbestrebungen"82 fand Emma wohl übertrieben. Sie "kann ihm, der sich immer weiter von seiner und ihrer alten Lebensweise entfernt, nicht mehr folgen."83

   Weitere, physische wie psychische, Faktoren kamen hinzu: Emma klagt - so Christian Heermann -


über Mattigkeit, ist reizbar, nörgelt wegen zu hoher Ausgaben, auf Fahrten zu interessanten historischen Stätten nickt sie ein. Dem Ehemann erscheint das unbegreiflich, weil er die Ursachen nicht kennt [...] Bleibt Emma abweisend, so zeigt die fast acht Jahre jüngere Klara Plöhn nimmermüdes Interesse [...] May drängen sich tagtäglich solche Vergleiche auf - die mürrische, müde Emma hier, die begeisterungsfähige Klara da. Diese Erkenntnis muß zu einer Zeit, da er innerlich zum Neubeginn entschlossen ist, unweigerlich Folgen für die persönliche Beziehung zu den zwei Frauen haben.84


   Christian Heermann und Walther Ilmer können wir kaum widersprechen: Noch während der Orientreise wurde Emma "im Herzen Karl Mays entthront und Klara dort unverrückbar verankert."85 Ein weiteres Indiz für diese These: Am 30. Juli 1900, dem Tag vor


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der Heimkehr in Radebeul, gab es einen verräterischen Eintrag im Tagebuch Karl Mays: "Mutters Geburtstag."86 Gemeint war Wilhelmine Beibler, die Mutter Klara Plöhns!

   Über Korinth (15.7.), Patras (16./17.7.) und Korfu (18.7.) ging die Reise nun ihrem Ende zu. Das nächste Ziel war Italien. Nach Bologna (20.7.) wurde Venedig (21.-24.7.) besichtigt. Dort besuchte May die Wohnung Richard Wagners. "Ich stand auf der Stelle, wo er starb. Tiefbewegt. Künstlerwallen."87

   Die Markuskirche beeindruckte May nicht, wohl aber der Dogenpalast:


Nicht seiner Kunstwerke wegen, sondern als Denkmal, und zwar als ein [...] warnendes. Diesen Menschen war eine große Aufgabe anvertraut, doch sie lösten sie nicht. Sie beherrschten ihre Welt und wollten sie richten. Sie herrschten ohne Liebe und richteten ohne Gerechtigkeit. Nun sind sie selbst gerichtet.88


   Über Verona erreichten die Mays und die Plöhns am 25. Juli dann Bozen. Nach einer Wagenfahrt zum Mendelpaß "führte der Schienenweg empor zur Alpenherrlichkeit".89 Schließlich trafen die beiden Paare, über München (29./30.7.), in Radebeul wieder ein - am 31. Juli 1900.


10.1.4

Das Resultat der Orientreise: Beträchtliche Horizonterweiterung


Sechzehn Monate hat die Reise gedauert. 'Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand' ist versunken. Das "gerade Gegentheil" des "früheren Karl"90 - des narzißtischen Imponiergehabes - ist der jetzige May, entgegen seiner Beteuerung, zwar kaum. Gleichwohl ist richtig: Der literarischen Hochleistung, die bald schon einsetzen wird, entspricht eine menschliche Umkehr, die - nach dem Jenseits-Band - allerdings nicht mehr verwundert. Daß May, bei aller Wandlung, dennoch geblieben ist, was er war: 'simul iustus et peccator' (Luther), muß dem nicht widersprechen. Das Fragwürdige, Krankhafte, Sündige im Leben selbst der 'Erwählten' - der 'Heiligen'91 - können nur plumpe Hagiographen nicht zulassen.

   Mays persönliche 'Heilsgeschichte' kennt viele Stationen: die Märchen der Großmutter, die Heilung des erblindeten Kindes, die Weihnachtsprophetie in der Ernstthaler Kirche, die Orgelklänge in Waldheim, die Begegnung mit dem katholischen Katecheten, die Selbsttherapie des literarischen Schaffens. Und immer wieder gab es auch Rückschläge. Doch sie bestätigen, laut Roxin, gerade "die Glaubwürdigkeit der inneren Läuterung Karl Mays, die sich nicht nach Art eines plötzlichen Bekehrungserlebnisses, sondern psychologisch verstehbarer in einer längeren Entwicklung und unter mancherlei Anfechtungen vollzogen hat."92

   Auch jetzt, in Aden, in Padang, in Istanbul, ist der Weg zur Reife noch immer nicht abgeschlossen. Dennoch kann, was in Fernost und im Orient sich ereignete, als (weiterer) Sieg der göttlichen Gnade verstanden werden. In seinen Himmelsgedanken schrieb May: "Einst wird das Kind so, wie der Vater lieben, / Die Kreatur so, wie der Schöpfer liebt. / O Gott, o Liebe, nimm mich ganz zu eigen; / Ich gebe mich dir durch dich selber hin. / Führ mich in dich und laß zu dir mich steigen, / Bis einst ich auch nur Liebe, Liebe bin!"93

   Mays Lyrik erhellt: Sein 'Panzer' ist aufgebrochen; der Weg zur Heilung, zum (endgültigen) Sieg der Liebe über die Selbstverliebtheit, scheint frei. Dieser Weg aber wird - zum 'Kreuzweg'. Denn vor 'Dschinnistan' liegt 'Märdistan',94 vor dem Gottesreich das Erdenleid.


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Abb. 15: Klara Plöhn, Karl May und Emma May (unten) bei den Pyramiden von Gizeh, April 1900.


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Abb. 16: Karl May und Klara May verw. Plöhn geb. Beibler, 1904.


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   Das Resultat der 'Pilgerreise in das Morgenland' ist die vertiefte Hinwendung des Dichters zu Gott. Die Frucht der Orientreise ist, zugleich, die beträchtliche Horizonterweiterung des Literaten, des Mystagogen, des Geseltschaftskritikers Karl May.

   Der Autor hat in diesen Monaten vieles gelernt. Erstens: Im Orient und im fernen Osten kam May zum erstenmal mit nichtchristlichen Kulturen in unmittelbare Berührung. Dachte May in früheren Jahren noch an den Übertritt zur römisch-katholischen Kirche,95 so bekennt er sich fortan - deutlicher als in früheren Schriften (die solche Tendenzen aber auch schon enthalten) - zu einem nicht-doktrinären, ökumenischen Christentum, das, ohne die christliche Identität preiszugeben, dem Gedankengut auch anderer Religionen und Kulturen sich grundsätzlich öffnet. Die theologischen Gegner griffen May deshalb an.96 Heute aber könnte sich der Dichter auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen: auf die - bemerkenswert positive - Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen.97

   Zweitens: Die Erscheinungsformen des Kolonialismus hat May, in persönlicher Anschauung, auf der Reise kennengelernt.98 Die Würde der Unterdrückten, der Verzicht auf Gewalt, die Versöhnung der Rassen und Völker, diese Ideen werden - pointierter als früher - zum Thema der neu entstehenden Werke. Finden sich in den Reiseerzählungen noch manche Vorurteile und Überlegenheitsgefühle gegenüber den Nichteuropäern, so tritt der umfassende (religiöse und politische) Friedensgedanke im Spätwerk um so mehr in den Vordergrund.

   Drittens: Was den Heldenkult und das männliche Ich-Ideal betrifft, gab es schon in den Reiseerzählungen, ab 1896, deutliche Auflösungserscheinungen. Mays Zusammenbrüche in Padang und Istanbul dürften diesen Trend noch erheblich gefordert haben. Im Alterswerk jedenfalls ist nicht der männliche Held, sondern Marah Durimeh - die gütige, mildreiche Frau, die uralte "Menschheitsseele" - die entscheidende Kraft.

   Viertens: Seine tatsächlichen Bildungsmängel wurden 'Dr. Karl May' auf der Reise bewußt. Die antike und die moderne Kunst, aber auch die bedeutendsten Werke der Literatur hatte May ja nur wenig oder gar nicht gekannt.99 Seit 1902 jedoch wurde May zum regelmäßigen Konzert- und Theaterbesucher,100 interessierte sich für zeitgenössische Kunst, besuchte Ausstellungen und förderte junge Künstler.101 Seine Bibliothek baute er aus: Zu länder-, völker- und sprachkundlichen Werken traten "zunehmend [...] literarische, literatur- und kunsttheoretische und sogar philosophische Texte [...] wie etwa zu Nietzsche oder zur Dramentheorie."102 Auch theologische Schriften, zum 'Babel- und Bibel-Streit' insbesondere,103 hat May erworben und fleißig studiert.

   Fünftens: Der Shatterhand-Nimbus trat, auch im persönlichen Lebensstil des Autors, weitgehend zurück. Die abenteuerlichen Schmuckstücke der 'Villa Shatterhand' wurden verlegt in den Flur und den Gartenschuppen; Gemälde und Plastiken von modernen Künstlern - solchen vor allem, die (wie Sascha Schneider, der mit May befreundete Jugendstil-Maler104) die symbolistische Richtung vertraten - ersetzten die alten Requisiten.105 Und auf Photos zeigte sich der Dichter nicht mehr im Trapper- und Beduinenkostüm, sondern in bürgerlicher Kleidung. Die Negativplatten der Shatterhand- und Kara Ben Nemsi-Photos soll May in die Donau geworfen haben.106



Anmerkungen


1Claus Roxin: Karl May, das Strafrecht und die Literatur. In: JbKMG 1978, S. 9-36 (S. 14f.).
2Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123 (S. 106).


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3Vgl. Hans Wollschläger - Ekkehard Bartsch: Karl Mays Orientreise 1899/1900. Dokumentation. In: JbKMG 1971, S. 165-215.
4Aus Mays Brief vom 13.3.1899 an Fehsenfeld; zit. nach Ulrich Schmid: Das Werk Karl Mays 1895-1905. Erzählstrukturen und editorischer Befund. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 12. Ubstadt 1989, S. 161.
5Gerhard Klußmeier - Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern. Hildesheim, New York 1978, S. 161.
6Zum ganzen Kapitel vgl. die - in manchen Details freilich sehr hypothetische - Darstellung bei Walther Ilmer: Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph. Husum 1992, S. 148-167.
7Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 168 (May am 22.4.1899 an Fehsenfeld).
8Ebd., S. 169 (Im selben Brief behauptet May, Ben Nil - eine Romanfigur in Mahdi - sitze neben ihm auf dem Diwan; am unteren Rand des Briefes ist ein arabisches Signum 'Ben Nil' beigefügt).
9Ebd. (May am 22.4.1899 an Johann Dederle).
10Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 242. - Fischer ließ seine Kenntnis von Mays Vorstrafen durchblicken! -Vgl. Ilmer: Karl May, wie Anm. 6, S. 149.
11Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 170.
12Ebd.
13Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 262.
14Ebd.
15Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 171.
16Ebd., S. 173 (May in einem Manuskript-Fragment vom 5.6.1899).
17Hans Wollschläger: "Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt". Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: JbKMG 1972/73, S. 11-92 (S. 55).
18Heinz Stolte: Mein Name sei Wadenbach. Zum Identitätsproblem bei Karl May. In: JbKMG 1978, S. 37-59 (S. 57).
19May im Brief vom 10.9.1900 an Fehsenfeld; wiedergegeben bei Konrad Guenther: Karl May und sein Verleger. In: Karl May: Freiburger Erstausgaben, Bd. XX. Hrsg. von Roland Schmid, Bamberg 1983, A 2-35 (19).
20Zit. nach Heermann, wie Anm. 13, S. 264.
21Eine wesentlich günstigere Bewertung gibt Christoph F. Lorenz: "Als lyrischen Dichter müssen wir uns Herrn May verbitten"? Anmerkungen zur Lyrik Karl Mays. In: JbKMG 1982, S. 131-157. - Vgl. auch Walter Schönthal: Karl May als Lyriker. Plädoyer gegen eine Verdrängung. SKMG Nr. 76 (1988).
22Vgl. unten, S. 391f.
23Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 98.
24Ebd., S. 99.
25Ebd., S. 100.
26Vgl. unten, S. 392.
27Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 180 (May am 13.8.1899 an Emma und das Ehepaar Plöhn).
28Ebd., S. 180 (May am 23.8.1899 an Emma).
29Ebd. (Tagebuch-Eintrag vom 24.8.1899).
30Ebd. (Tagebuch-Eintrag vom 26.8.1899).
31Ebd., S. 181 (Tagebuch-Eintrag vom 5.9.1899) - Nach einem Bericht Max Weltes war May noch im Frühjahr 1897 Zigarren-Kettenraucher (nach Fritz Maschke: Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe. Beiträge zur Karl-May-Forschung 3. Bamberg 1973, S. 78); nach Maschke: Ebd., S. 97, entsagte May dem Nikotin (und auch dem Wein) endgültig wohl erst im Frühjahr 1901. - Zum Fleischverzicht vgl. Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 170 (May am 25.4.1899 an Emma).
32Ebd., S. 181 (May im Brief vom 16.9.1899 an die Plöhns).
33Ebd. (Herzfelder am 30.12.1900 an May).
34Ebd., S. 181.


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35Karl May: Himmelsgedanken. Freiburg 1900, S. 117 ('Im Alter' heißt der Titel dieses Gedichts) - Zur Interpretation vgl. Lorenz, wie Anm. 21, S. 146ff.
36Christoph Blau: Karl May in Aden: "Ich bin so müd ...". In: MKMG 88 (1991), S. 15-19 (S. 18). - Auch Ilmer: Karl May, wie Anm. 6, S. 155, sieht in Mays Gedicht den Ausdruck einer "tiefen Depression" (die Ilmer auf Emmas Verhalten in Radebeul zurückführt).
37Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 182.
38Ebd.
39Zit. nach ebd., S. 183 (May im Brief vom 26.9.1899 an Plöhns) - Weiter schreibt May im selben Brief. "Und dabei habe ich mit keinem Worte verrathen, daß ich ein berühmter Schriftsteller bin, sondern es ist wirklich nur die Folge des persönlichen Eindrucks, den ich gemacht habe [...]"
40Schmid, wie Anm. 4, S. 165.
41Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 185 (May am 10. 10. 1899 an Klara Plöhn).
42Wollschläger: Karl May, wie Anm. 23, S. 101.
43Zit. nach Manfred Hecker: Die Entdeckung eines orientalischen Klondyke. In: JbKMG 1970, S. 173-176 (S. 175).
44Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 186 (May am 12.10.1899 an J. Dederle; abgedruckt am 8.11.1899 in der 'Tremonia').
45Zit. nach Hecker, wie Anm. 43, S. 176 (May am 10. 10. 1899 ans 'Prager Tagblatt').
46Vgl. Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 185.
47Zit. nach ebd., S. 186 (May am 12.10.1899 an Prof. Dr. Gustav Jäger, Stuttgart).
48Heermann, wie Anm. 13, S. 267.
49Wollschläger: Spaltung, wie Anm. 17, S. 54.
50Vgl. ebd., S. 55.
51Vgl. ebd., S. 55f. (mit Bezug auf einen Brief Karl Mays vom 17.11.1899 aus Padang). - Wollschläger (ebd., S. 58) vermutet auch eine Suizid-Neigung Mays zu jener Zeit.
52Vgl. Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 187 (May am 15.10.1899 an Fehsenfeld).
53May: Himmelsgedanken, wie Anm. 35, S. 9 (aus Mays Gedicht 'Liebe').
54Wollschläger: Spaltung, wie Anm. 17, S. 60.
55Vgl. Günter Scholdt: Vom armen alten May. Bemerkungen zu 'Winnetou IV' und der psychischen Verfassung seines Autors. In: JbKMG 1985, S. 102-151 (S. 133ff.).
56Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 191.
57Nach Roxin: Mays Leben, wie Anm. 2, S. 107 - Die näheren Umstände der Krankheit Emmas wurden "erst durch den ärztlichen Befund nach ihrem Tode bekannt." (Heermann, wie Anm. 13, S.265).
58Nach Wollschläger: Karl May, wie Anm. 23, S. 102 - Vgl. Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S, 192 oben.
59Karl May: Frau Pollmer - eine psychologische Studie (1907). Prozeßschriften, Bd. 1. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 890.
60Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 194.
61Vgl. unten, S. 493f.
62Vgl. Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 198 u. 200.
63Ebd., S. 198.
64Vgl. unten, S. 687ff.
65Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 203.
66Vgl. unten, S. 624ff. u. 634ff.
67Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 202.
68Ebd., S. 204 (Tagebuch-Eintrag vom 19.6.1900).
69Ebd., S. 205.
70Ebd., S. 206.
71Ebd.
72Vgl. unten, S. 510f.
73Am 5./6.7.1900 findet sich kein Eintrag in Mays Tagebuch; in dieser Zeit dürfte sich der Zusammenbruch ereignet haben.
74Roxin: Mays Leben, wie Anm. 2, S. 108. - Zum - möglichen - Hintergrund dieses zweiten Zusammenbruchs vgl. Ilmer: Karl May, wie Anm. 6, S. 166.


//390//

75Für Mays Privatleben trifft dies zweifellos zu -, literarisch hat er sich allerdings - vor allem in Winnetou IV (vgl. unten, S. 564) - doch wieder mit seinem Ich-Helden identifiziert.
76Heermann, wie Anm. 13, S. 270.
77Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 213 (May am 16.7.1900 auf der Schiffsreise nach Patras).
78Ebd., S. 212 (May am 11.7.1900 in Athen).
79Ebd., S. 199 (May am 4.6.1900 in Baalbek).
80Wollschläger: Karl May, wie Anm. 23, S. 104.
81Heermann, wie Anm. 13, S. 273.
82May: Frau Pollmer, wie Anm. 59, S. 892.
83Wollschläger: Karl May, wie Anm. 23, S. 102f.
84Heermann, wie Anm. 13, S. 270ff.
85Walther Ilmer: Karl Mays Weihnachten in Karl Mays '"Weihnacht!"' In: JbKMG 1987, S. 101-137 (S. 134, Anm. 19).
86Zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 215 - Schon am 10.10.1899 hatte May Klaras Mutter ein Gedicht gewidmet: "Ich kenn' ein Haus in weiter Ferne / da schlägt ein Mutterherz für mich [...]" (zit. nach Wollschläger - Bartsch, wie Anm. 3, S. 185).
87Zit. nach ebd., S. 214 (Tagebuch-Eintrag vom 21.7.1900).
88Ebd.
89Ebd., S. 215 (Tagebuch-Eintrag vorn 26.7.1900).
90Ebd., S. 181 (May am 16.9.1899 an Plöhns).
91Vgl. oben, S. 255f.
92Claus Roxin in einem Brief vom 7.12.1990 an den Verfasser.
93May: Himmelsgedanken, wie Anm. 35, S. 10 (aus Mays Gedicht 'Liebe').
94Vgl. unten, S. 488.
95Vgl. Roxin, Mays Leben, wie Anm. 2, S. 109. - Vgl. oben, S. 224ff.
96Vgl. unten, S. 524ff. u. 528f.; vgl. auch Hermann Wohlgschaft: Mays Friede-Roman und die Lehre der Kirche. In: MKMG 83 (1990), S. 18-24.
97Vgl. Karl Rahner - Herbert Vorgrimler: Kleines Konzilskompendium. Freiburg, Basel, Wien 1966, S. 355ff.
98Vgl. Schmid, wie Anm. 4, S. 164f.
99Vgl. ebd., S. 276 (Anm. 33).
100Vgl. Hansotto Hatzig: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Beiträge zur Karl-May-Forschung 2. Bamberg 1967, S. 233f. - Ekkehard Bartsch: "Die liebenswürdigste aller Musen". Karl May und das Theater. In: JbKMG 1985, S. 367-375.
101Nach Schmid, wie Anm., 4, S. 168; vgl. ebd., S. 276 (Anm. 40).
102Ebd., S. 169; vgl. ebd., S. 277 (Anm. 44).
103Dazu Hermann Wohlgschaft: Der Einfluß des Assyriologen Friedrich Delitzsch auf Karl Mays 'Babel und Bibel' und sein Spätwerk überhaupt. In: MKMG 89 (1991), S. 4-12.
104Vgl. unten, S. 408.
105Näheres bei Hans-Dieter Steinmetz: Die Villa "Shatterhand" in Radebeul. In: JbKMG 1981, S. 300-338 (S. 316ff.).
106Vgl. unten, S. 450.



10.2

Der Schundliterat' Karl May: Ein Denkmal stürzt ein


Die Läuterung Karl Mays wurde empfindlichst gestört und doch auch wieder gefördert durch das Kesseltreiben, dem der Dichter - bis zu seinem Tode - nun ausgesetzt war. Die Demontage seines Ansehens hatte im Frühsommer 1899, während der Orientreise, begonnen. Die öffentliche Kritik an seinen Büchern verschärfte sich rasch, wandte sich gegen seine Person und eskalierte zur Hetze, zum "Kreuzzug",1 wie Heinz Stolte die ganze Kampagne bezeichnete.


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   Fürs erste war die Auseinandersetzung beherrscht von literarischen Gesichtspunkten und persönlichen Attacken auf May. Doch in späteren Jahren erreichte die Fehde, der Bedeutung des Mayschen Alterswerkes entsprechend, eine politische Brisanz und eine theologische Dimension.

   Mays Widersacher, Kulturreformer und Kunstkritiker, Jugendbuchschützer und Antischundkämpfer, kamen aus verschiedensten politischen und weltanschaulichen Lagern, die sonst wenig miteinander zu schaffen hatten. Die eigentlichen Gegner waren - vorerst - nur Fedor Mamroth, Hermann Cardauns, Carl Muth und Ferdinand Avenarius. "Aber ihre Polemiken setzten viele andere Federn in Bewegung und verbreiteten sich in zahllosen Varianten durch die ganze deutsche Presse."2 Jede größere Zeitung nahm Stellung zum 'Karl-May-Problem',3 oft in dummer und gehässiger Weise.

   Die Pressekampagne war in wachsendem Maße verzahnt mit Gerichtsprozessen, auf die sich der Dichter - seit Ende 1901 - wohl einlassen mußte. Auf der Höhe seines literarischen Könnens und menschlichen Reifens verfing sich Karl May in einem Monsterprozeß, dessen Ende er nicht mehr erlebte. Wie eine Hydra mit immer neuen und immer größeren Köpfen zog jede Klage neue Verfahren nach sich, die den Schriftsteller schließlich zermürbten und seine Gesundheit zerstörten. Daß es ihm, mitten in diesen Jahren, dennoch gelang, literarisch Großes - ästhetisch Geglücktes, existentiell Bedeutsames und theologisch Wertvolles - zu schaffen, grenzt schon ans Wunderbare.


10.2.1

Die Pressefehde in den Jahren 1899-1903


Öffentlich kritisiert wurde May, 1898, zunächst von katholischer Seite.4 In der Folge war Dr. Fedor Mamroth (1851-1907), Feuilleton-Redakteur der 'Frankfurter Zeitung', des offiziösen Organs der liberalen 'Deutschen Volkspartei', der erste Kritiker Mays von nichtkirchlicher Seite.

   Vorausgegangen war die Meldung im 'Bayrischen Courier', daß - im Frühjahr 1899 - sämtliche May-Bände aus den Bibliotheken verschiedener Mittelschulen in Bayern entfernt worden seien. Die Begründung für diese Maßnahme: Mays Phantasie sei "für die Jugend zu gefährlich".5 Mamroth griff die Angelegenheit auf und kommentierte sie: May sei ein Fabulist "von Begabung", aber seine Werke glorifizierten das heldische 'Ich'; die Taten Old Shatterhands seien freie Erfindung; außerdem strotzten die Mayschen Erzählungen "von einer gesunden Roheit, [...] die durch ihre Verquickung mit einer tendenziösen Verherrlichung des bigotten Christentums nicht gerade angenehmer wirkt."6

   Mays Freunde reagierten "mit täppischem Ernst"7 in Leserbriefen an die 'Frankfurter Zeitung'. Fehsenfeld beispielsweise verteidigte den Realitätsgehalt der Reiseerzählungen. Er schrieb, zum Beleg dieser These, der Autor sei zur Zeit im Sudan und wolle dann nach Arabien zu den Haddedihn reiten.8

   In weiteren Artikeln wiederholte und verstärkte nun Mamroth seine Attacken. Was den Journalisten so störte, war - von der "süßlich-frömmelnden Propaganda für den wahren Glauben"9 abgesehen - aber weniger der Inhalt der Mayschen Bücher (er las sie noch im Sterbebett und empfand sie als wohltuend10); was ihn vor allem störte, war das Auftreten des Schriftstellers in der Öffentlichkeit: Da May - so Mamroth -


auch im bürgerlichen Leben die Fiktion festhält und bestärkt, er selber habe das, was er darstellt, erlebt und vollbracht, werden seine Phantasmen zu Unwahrheiten, werden seine Erzählungen UNMORALISCH im strengsten Sinne dieses vielmißbrauchten Wortes.11


//392//

   May war, 1899, eine Art "König",12 der - so mag es Mamroth gesehen haben - gestürzt werden mußte. Doch der Redakteur wählte, über die sachliche Kritik hinaus, auch äußerst fragwürdige Methoden: Die 'Pfälzische Presse', die Mamroths Artikel nachgedruckt hatte, brachte am 29. Juni 1899 das Gerücht, Karl May verweile überhaupt nicht im Orient, sondern - in Bad Tölz-Krankenheil, einem oberbayerischen Jodbad, das speziell von Geschlechtskranken aufgesucht wurde. Mamroth griff diese Meldung auf und ergänzte sie durch eigene Recherchen: May war, wie Mamroth ermittelte, als Kurgast im Fremdenbuch des Tölzer Hotels 'Bürgerbräu' eingetragen! Nur - Mays Unterschrift war, wie sein Anwalt Paul Brückner (im Auftrag Emma Mays und des Ehepaars Plöhn) später nachweisen konnte, eine Fälschung von fremder Hand!13

   Als "gezielte Kampagne gegen May"14 wird Mamroths Verhalten zwar nicht zu bewerten sein; von der Fälschung der Unterschrift wird er wohl nichts geahnt haben; und seine Angriffe setzte er später nicht fort. Dem, ansonsten ja achtbaren,15 Redakteur ist aber doch vorzuwerfen, daß er ehrenrührige Informationen über Mays vermeintlichen Aufenthalt in Bad Tölz nur allzu bereitwillig verbreitet hat.

   Karl May, den Mamroths - in einigen Punkten sehr leicht widerlegbaren, in anderen Punkten aber doch berechtigten - Artikel in Jerusalem überraschten, war zutiefst getroffen. Denn seine, von Mamroth angegriffene, Sendung als Erzieher nahm er außerordentlich ernst.

   Mays in Jerusalem verfaßte Replik erschien - unter dem Namen Richard Plöhns - Ende September 1899 in der Dortmunder 'Tremonia', einer katholischen Tageszeitung. Der 'Bayrische Courier' brachte den Artikel, wenig später, dann ebenfalls.

   Zu Recht hat der Autor seine literarische Intention verteidigt: "ich schreibe für die an Liebe Armen und Bedürftigen, für die, welche sich nach innerem Frieden sehnen [...] Das sind ungezählte Tausende, welche mich jetzt und nach meinem Tode lesen werden."16 In Mays Entgegnung finden sich - wie zu beachten ist - sehr schöne, biographisch bedeutsame Stellen.17 In anderen Passagen aber reagierte der Schriftsteller doch unangemessen, "mit übertriebener Aufgeregtheit".18

   Auf den Kernpunkt der Mamroth-Attacken ging er nicht ein. Die Frage nach der Identität seines Ich-Helden mit dem Autor hat May - zu einer Zeit des inneren Umbruchs, da er selbst die 'Shatterhand-Legende' schon fast überwunden hatte - als "geistige Pfennigfuchserei"19 abgetan. Doch die souveräne Überlegenheit, das rhetorische Geschick, die gewachsene Distanz zur eigenen Subjektivität, die in manchen späteren Streitschriften Mays zu bewundern sind, ließ der Verfasser des 'Tremonia'-Artikels vermissen.20 Stattdessen nahm er, in manchen Partien, Zuflucht zu Peinlichkeiten. So ließ er 'Plöhn' zum Beispiel behaupten: Karl May sei "der frömmste, gläubigste Christ, der edelste, beste Mensch, den es nur geben kann"!21

   Diese Art von Selbstverteidigung nützte May nichts. Ein Hauptfehler war, daß er nicht zu haltende Bastionen "stets um eine Spanne zu spät räumte".22 Daß er mit dem Edel-Ich seiner Reiseerzählungen nicht identisch war, hätte niemand ihm vorwerfen können - wenn er nicht selbst diese Fiktion, in den zurückliegenden Jahren, so dreist unterstrichen und wenn er sich jetzt, nach der Kritik Fedor Mamroths, expressis verbis (und nicht nur verschlüsselt in seinen Romanen) von den 'Weltläufer'-Auftritten distanziert hätte.23

   Andrerseits, so müssen wir May wieder zugestehen, hätte die Öffentlichkeit die komplizierten Motive,24 die Hinter-Gründe der 'Shatterhand-Legende' wohl nicht verstehen können. Die Ausweich-Manöver des Schriftstellers waren, insofern, nur konsequent und nicht schlechterdings unverzeihlich.


//393//

   Die 'Shatterhand-Legende' war freilich nicht der einzige und nicht der bedrohlichste Vorwurf, der gegen May erhoben wurde. Das literarische 'Ich' und die Auftritte Old Shatterhands resp. Kara Ben Nemsis in Deutschland und Österreich (und noch während der Orientreise) boten für Mamroth und andere Hüter der Moral nur Stoff zum Gelächter. Aber noch weitere und gefährlichere Munition lag bereit: für Dr. Hermann Cardauns (1847-1925), den Hauptredakteur der katholischen 'Kölnischen Volkszeitung'.

   In einem Artikel vom 5. Juli 1899 schloß sich Cardauns - zunächst noch eher sachlich und abwägend, dann zunehmend aggressiv - der May-Kritik Mamroths an.25 Noch im Jahre 1892 hatte Cardauns die Reiseerzählungen Mays gelobt und "mit wirklichem Vergnügen"26 gelesen. Jetzt aber, 1899, kritisierte er scharf den Realitätsanspruch dieser Romane, noch schärfer die Aufschneiderei, die Selbstreklame des Verfassers, am bissigsten aber die Predigtmanier Karl Mays: Als Jules Verne und Paulus gebe sich May "in einer Person"!27 Das Religiöse im Werk unseres Schriftstellers hielt der Redakteur (ähnlich wie 1898 schon Carl Muth, dessen Literaturbewegung Cardauns ja sehr nahestand28) für unecht und aufgesetzt.

   In den folgenden Jahren gehörte Cardauns zu den grimmigsten Gegnern Karl Mays. In diversen Artikeln und wiederholten öffentlichen Vorträgen über 'Literarische Curiosa (Leo Taxil, Robert Graßmann und Karl May)' - erstmals am 6.11.1901 in Dortmund, dann am 14.1.1902 in Elberfeld und am 20.3.1902 in Köln - griff er den Schriftsteller an.29 Inkognito reiste May, anläßlich des Vortrags in Elberfeld, eigens nach Düsseldorf, "um das Geschehen aus der Nähe zu betrachten".30

   Der zentrale, ständig wiederholte Vorwurf des Kölner Hauptredakteurs: Karl May habe "abgrundtief Unsittliches" geschrieben! Cardauns' Empörung bezog sich, seit 1901, primär auf die Münchmeyerromane. Doch wie kam es dazu?

   Von 1901 bis 1906 gab Adalbert Fischer, der neue Besitzer des Münchmeyerverlags, gegen den Willen des Autors31 und unter Bruch des Pseudonyms die fünf Kolportageromane Karl Mays - beginnend mit Die Liebe des Ulanen - in 25 (zum Teil von Paul Staberow, zum Teil von anderen Autoren bearbeiteten) dicken Bänden neu heraus: als 'Karl May's Illustrierte Werke'. Sie erschienen "mit derartigen Reklametrompetenstößen, daß alle Welt auf dieses Unternehmen aufmerksam werden mußte [...] Mir wurde himmelangst."32 Diese Angst war nur allzu begründet! Zwar war das Pseudonym schon 1883 von Münchmeyer gelüftet worden.33 Doch erst jetzt, durch die Propaganda Fischers und die Entrüstung Cardauns', wurde der breiten Öffentlichkeit Karl May als Verfasser von 'Schundromanen' bekannt. Seinem Ansehen fügte das erneute Erscheinen dieser früheren Werke den schwersten Schaden zu.

   Mays Kolportageromane enthalten gewisse erotische Freizügigkeiten, die - nach heutigem Maßstab - freilich sehr harmlos sind und zum Teil eher komisch wirken.34 Seit 1901 und bis zum Lebensende beteuerte May, daß diese Passagen von dritter Hand in seine Texte hineinredigiert worden seien. Die Münchmeyerromane "erscheinen erstens gegen meinen Willen und zweitens ganz anders, als ich sie nun vor über zwanzig Jahren geschrieben habe. Sie sind Fälschungen meiner Originale."35

   Ob und in welchem Ausmaße diese Fälschungstheorie zutrifft, ließ sich damals - und läßt sich auch heute - nicht mit Sicherheit klären (die Manuskripte hatte der Münchmeyerverlag ja verschwinden lassen!). Manche Anhaltspunkte sprechen für die Richtigkeit der Mayschen Version.36 Dennoch - trotz unklarer Beweislage und obwohl die Romane, auch nach damaliger Rechtsauffassung, keineswegs 'pornographisch' waren37 - wurde May von Cardauns wegen der 'unsittlichen Stellen' aufs gröbste diffamiert. Teilweise verständ-


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lich ist die 'Affäre' allerdings auf dem Hintergrund einer prüden Moral, die z. B. auch die Werke Zolas oder Dramen-Texte von Ibsen, Schnitzler und Hauptmann nicht akzeptieren konnte.38

   In den Jahren 1902-1904 und dann wieder 1907-1912 stand die 'Kölnische Volkszeitung' im Zentrum der May-Hetze.39 Cardauns sprach "nur immer von seinen 'Akten', 'Dokumenten' und 'Beweisen' und erweckte dadurch den Anschein, als ob er sich im Besitze meiner geschriebenen Originale befinde."40 Eine moralische Doppelgleisigkeit in den Schriften Mays - für Pustet fromm und für Münchmeyer obszön - glaubte der Kirchenmann nun entdeckt zu haben. Er verdächtigte May der religiösen Heuchelei: "Das Allerschlimmste" sei, daß die 'Hintertreppenromane' in denselben Jahren erschienen, in welchen May auch Texte verfaßte, "die in sexueller Hinsicht einwandfrei und zuweilen katholisch gefärbt sind."41

   Der Anti-Schund-Bewegung fiel May nun zum Opfer. Der Schriftsteller wurde verfemt, als Verderber der Jugend.42 Der allzu naiven Verehrung in den neunziger Jahren folgte das Scherbengericht. Denn zur selben Zeit, da der Dichter - mit dem Pax-Roman und dem Silberlöwen III/IV - literarisch Bedeutendes schuf, wurden mit überkritischen Augen seine ästhetisch anspruchslosesten Werke, die Kolportageromane, unter die Lupe genommen!

   Auch Carl Muth (1867-1944), ab 1903 der Leiter des 'Hochland', einer zu Recht sehr angesehenen katholischen Monatsschrift, wandte sich - im Artikel Ein entlarvter Jugendschriftsteller (1902)43 - gegen Mays Kolportageromane: Sie seien "einfach scheußlich" in moralischer wie literarischer Hinsicht!

   Als Ironie des Schicksals ist die Kontroverse Muth-May zu bezeichnen. Einer tragischen Komponente entbehrt sie gewiß nicht. Als Reformkatholik kämpfte Muth (wie Cardauns) engagiert für die christliche Literatur, für die Hebung ihres Niveaus, und gegen die Sonderkultur, die Getto-Mentalität der katholischen Kirche in der damaligen Zeit. Daß der christliche Glaube sich den Kunstformen der Gegenwart öffnen müsse, war sein besonderes Anliegen. Er stand insofern dem Modernismus nahe und wurde - in römischen Kreisen - entsprechend befehdet.44 Was Muths Position im allgemeinen betrifft, so kann man nur sagen: Er hatte recht. Auch May hatte seinen Kritiker "offenbar geschätzt"45 und dessen literarische Ziele, im Prinzip, nur gebilligt!

   May liebte es, seine Gegner "persönlich zu sehen und zu sprechen. So bin ich auch zu Muth [...] gegangen."46 Im Sommer 1902 oder im Herbst 1907 könnte diese Begegnung erfolgt sein47 - ohne positives Ergebnis. Im Frühjahr 1907 bezeichnete May, in einem Brief an den Schriftsteller Leopold Gheri, Muth als "katholischen Kunstpapst";48 im April 1908 beklagte er "zweideutige Drohungen" im 'Hochland';49 und auch später noch zählte er Muth zu seinen Gegnern.50 Dennoch hat May die Schriften des 'Hochland'-Kreises in höchsten Tönen gepriesen: als "junge, heilig strebende Literatur, welche tiefer steigen und höher fliegen und Größeres erreichen wird, als sie selbst wohl ahnt."51

   Muth war persönlich ein Ehrenmann und die Regeln des menschlichen Anstands verletzte er nicht - im Gegensatz zu manchen anderen Kritikern Mays. Sachliche Polemik verband sich bei der Mehrzahl der Gegner mit zunehmender Feindschaft und persönlichem Haß. Das Neid-Motiv - Karl May hatte, anders als die meisten seiner Gegner, literarischen Erfolg - spielte wohl auch eine Rolle. Der oldenburgische Heimatdichter Georg Ruseler z.B. erklärte in seinem Aufsatz Karl May, eine Gefahr für die Jugend (1901): "Ich will keinem Menschen Böses wünschen, aber ich gönne ihm [May] nicht weitere 10 Jahre seines arbeitsreichen Lebens".52


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   May wehrte sich, auch seinerseits nicht frei von bedenklichen Untertönen. Er merkte es selbst: Seine "immer noch nicht ganz überwundene Anima" habe ihn, so heißt es in der Selbstbiographie, bisweilen überlistet. "So lange sich der Mensch im Niedrigen bewegt, und das mußte ich [...] doch mehr als reichlich tun, hat das Niedrige Macht über ihn."53

   Mays beste und gültigste Antwort auf die Pressekampagne sind seine literarischen Werke, seine symbolistischen Romane nach 1900. Doch gleichzeitig ließ sich der Schriftsteller auf andere, teilweise dubiose, Methoden der Auseinandersetzung ein.

   Fehsenfeld publizierte im Januar 1902 die anonyme, von May im Herbst 1901 verfaßte Broschüre "Karl May als Erzieher" und "Die Wahrheit aber Karl May " oder Die Gegner Karl Mays in ihrem eigenen Lichte von einem dankbaren May-Leser.54 Dieser - auf die biblische Parabel vom Sämann (Lk 8, 4ff.) verweisende55 - Text, vertrieben in einer Auflage von 100.000 Exemplaren für 10 Pfennig je Stück, enthielt neben Bedenkenswertem und Richtigem auch unzutreffende Behauptungen über den Bachem-Verlag (in welchem auch die 'Kölnische Volkszeitung' erschien).56 Der Kölner Verleger - Julius Bachem - und Hermann Cardauns konnten May "sogleich widerlegen und damit seine Glaubwürdigkeit insgesamt erschüttern".57

   Für den Anhang seiner Verteidigungsschrift hatte May, in ungenauer Zitierweise, 178 Verehrerbriefe zusammengestellt. Überhaupt taktierte Mays Broschüre mit ungenauen Daten "sowie vielen anderen Verwirrungen, die [...] eher den Ausflucht- als Aufklärungscharakter belegen".58 Durch Auftrumpfen und Rechthaberei vergrößerte May noch den Schaden, entfachte neue Probleme und verschärfte so den Konflikt.

   Daß auch verständige Leute, wie Carl Muth, unseren Autor nicht verstehen konnten, wird durch Eigentore wie das Selbstlob des dankbaren Lesers ein Stück weit erklärlich. Die Warnung des Engels Ben Nur an Kara Ben Nemsi - "du bedrohst dich als dein eigener Feind"59 - hat May zu oft überhört oder wieder vergessen. Zum Teil also, zum geringeren Teil allerdings, war May an der eigenen Misere selbst schuld - was sein besseres Ich (man muß es immer wieder betonen) ja durchaus gewußt und, im Silberlöwen IV, mit Reue bekannt hat.60

   Mit dem dankbaren Leser förderte May die Feindschaft weiterer Gegner. Ferdinand Avenarius (1856-1923), ein konservativer, "für den literarischen Geschmack des wilhelminischen Bürgertums meinungsbildender Kritiker",61 spießte - in seinem Aufsatz Karl May als Erzieher - die Maysche Reklameschrift auf. Der Artikel erschien im März 1902: in der renommierten, von Avenarius (einem Neffen Richard Wagners) herausgegebenen Zeitschrift 'Der Kunstwart'.

   Avenarius, der "protestantische Kunstpapst", wie May ihn später genannt hat,62 bezeichnete - ähnlich aggressiv wie Hermann Cardauns und, wie sich 1910 herausstellen sollte, noch bedeutend bösartiger als dieser - den sächsischen Literaten als "Schundfabrikanten" und seine sämtlichen Werke als "eine Art von Volksgehirnerweichung".63

   May wurde zum "Sündenbock für den ganzen literarischen Mob".64 Alle Sünden der Vergangenheit (soweit sie damals bekannt waren) wurden nun aufgetischt: die Tatsache, daß May als katholisch galt, in Wirklichkeit aber Lutheraner war;65 das Erscheinen des Waldröschen und der anderen Kolportageromane; die 'Shatterhand-Legende' (als Dauerbrenner) und der falsche 'Doktor' natürlich.

   Auch der Ehrendoktortitel, den Klara Plöhn ihrem künftigen Gatten - über eine obskure 'Deutsch-amerikanische Universität' in Chikago - am 9.12.1902 besorgt hatte und den zu führen dem Dichter im Frühjahr 1903 zu Recht untersagt wurde,66 war eine Blamage für ihn. Dabei hatte May sein Renommiergehabe schon weitgehend abgelegt! Der Doktortitel


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sei "leere Prahlerei", gab er - im Brief vom 14.2.1902 an Fehsenfeld - zu verstehen: "Ich bin Karl May; nach weiterem trachte ich nicht!"67

   Doch May war nun abgestempelt: als Lügner, als Schundliterat, als unseriöse Persönlichkeit. Auch die Scheidung von Emma und die Wiederheirat mit Klara (1903)68 waren nicht gerade geeignet, Mays Feinde, die katholischen insbesondere, zu besänftigen. Zudem hatte der Dichter noch Grund zur Befürchtung, seine Straftaten, seine Delikte in den 1860er Jahren, könnten im Verlauf des Gerichtsprozesses (May gegen Münchmeyer) zitiert werden. Kein Wunder: Ins Irrenhaus - wie der Benediktiner Willibrord Beßler in der katholischen Zeitschrift 'Stern der Jugend' (Ende 1903) behauptete69 - mußte May zwar nicht; aber am 8. November 1903 erkrankte er schwer. Hohes Fieber mit Herzschwäche brachte ihn dem Tode schon nahe.70 Erst nach Monaten konnte er seine schriftstellerische Arbeit wiederaufnehmen: mit Und Friede auf Erden!, der erweiterten und verbesserten Neufassung des Pax-Romans (1901).


10.2.2

Die Zivilprozesse des Schriftstellers (1901-1903)


Um sich selbst zu schützen, hatte May, seit Dezember 1901, den Rechtsweg beschritten. Dies führte zu Streitigkeiten, aus denen der Kläger, bis zum Tode, nicht mehr herauskam. Eine "uferlose und in zahllosen Nebenrinnsalen und Sumpfgewässern sich verästelnde Prozeßflut"71 - deren Einzelheiten ganze "Bände füllen"72 würden - drohte Mays Psyche zu verdüstern und seine Schaffenskraft zu beeinträchtigen.

   Seine Hauptprozesse führte der Schriftsteller gegen die Verlegerswitwe Pauline Münchmeyer (mit der Frau Emma, des Dichters Ehefrau bis Januar 1903, verbündet war) und den neuen Verlagsbesitzer Adalbert Fischer sowie - seit Dezember 1904 - den Journalisten Rudolf Lebius. Der ursprüngliche Streitpunkt waren die Rechte des Autors an den, von Fischer neu publizierten, Münchmeyerromanen.

   Eine immer zentraler werdende Rolle spielten die 'unsittlichen' Stellen in diesen Werken. Der Dichter sah sich genötigt, seine Kraft mit Belanglosigkeiten zu vergeuden. Ob die 'üppigen Brüste', die 'durchsichtigen Negligés' usw., die in den Romanen (nach heutigen Maßstäben, wie gesagt, sehr dezent!) geschildert werden, Mays eigene 'Leistung' waren oder ob sie - wie der Autor versicherte - von anderen hineinredigiert oder ausgeschmückt wurden, hat für die Gesamtbewertung des Phänomens Karl May so gut wie keine Bedeutung.

   Daß Mays Prozessieren insgesamt völlig unnötig, ja "krankhaft falsch" gewesen sei, wie Oskar Gerlach, der gegnerische Anwalt - nach Mays Tode, in verspätetem Mitleid - geschrieben hat,73 folgt daraus allerdings nicht. May hatte keinen Verfolgungswahn. Die Bedrohung war Realität. Und die Firma Münchmeyer hatte den Autor, mit größter Wahrscheinlichkeit, tatsächlich betrogen. Daß der Dichter seine Rechte verteidigte und sein Ansehen, auf dem Rechtswege, zu retten versuchte, ist also verständlich.

   Ende 1901 suchte May, nach langem Zögern,74 beim Landgericht Dresden eine Entscheidung gegen den Münchmeyer-Nachfolger Fischer. Diesem hatte May schon in Kairo, Ende April 1899, mit Klage gedroht. Aber Fischer beeindruckte dies nicht. In einer persönlichen Begegnung mit May - im August 1900 - hatte der Verleger durchblicken lassen, daß er den Schriftsteller, aufgrund seiner Jugenddelikte, in der Hand habe. Fischers Angebot - gegen eine Zahlung von 70.000 Mark auf die Neupublikation der Münchmeyerromane zu verzichten - hatte May, verständlicherweise, zurückgewiesen.75


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   Für öffentliches Aufsehen hatte Fischer, trotz des Mayschen Protests, mittlerweile gesorgt: mit dem Beginn des Neudrucks der Kolportageromane. Einen anderen Weg zur Gegenwehr sah der Autor jetzt nicht mehr: Er klagte am 10. Dezember 1901 gegen Fischer - wegen unbefugten Nachdrucks seiner Werke. Und am 10. März 1902 folgte, ebenfalls beim Landgericht Dresden, Mays Klage gegen Pauline Münchmeyer. Die Interessen des Autors (gegen Fischer wie gegen Frau Münchmeyer) vertrat der Rechtsanwalt Rudolf Bernstein, "der 'liebe Rudi', der 'wahre Freund', [...] der Regisseur, [...] der seinen Klienten von Klage zu Klage"76 trieb und - was May zu spät erst erkannte - "in weit größerem Maße persönliche Interessen wahrte als die seines Mandanten".77

   Diese Kommentare (Hans Wollschlägers bzw. Roland Schmids) sind allerdings mißverständlich: Daß Bernstein überhöhte Honorare verlangte, dürfte wohl zutreffen; daß er Mays Prozesse nicht richtig geführt habe, kann man aber nicht sagen.78 Denn May hat, zuletzt, ja gewonnen.

   Die Auseinandersetzung mit der Verlegerswitwe lief, über Jahre hinweg, durch mehrere Instanzen. Es ging um die Rechnungslegung für (bis 1899) verkaufte Romanexemplare und um Entschädigung für unbefugte Auflagenüberschreitungen. Das Problem - im Streit mit Fischer wie mit Frau Münchmeyer - war die mißliche Tatsache: Für seine Rechte an den Romanen hatte May keine schriftlichen Beweise. Auch die von May, noch in der Selbstbiographie (1910) erwähnten Briefe79 Heinrich Münchmeyers, die die Rechtsposition des Schriftstellers bestätigen sollten, konnte dieser nicht vorlegen - weil sie nicht (oder nicht mehr) existierten. Später, in einem Protokoll vom 9. November 1907, soll May - nach der Darstellung Lebius' - selbst zugegeben haben, daß die Briefe nie in seinem Besitz gewesen seien und ihre Erwähnung im Schreiben an Fischer (vom 30. April 1899) "nur 'eine Diplomatie' von ihm gewesen sei".80

   Doch die Darstellung des Lebius ist von Widersprüchen nicht frei und könnte auf einem Mißverständnis beruhen.81 Daß May, was die Münchmeyer-Briefe betrifft, gegenüber Fischer geflunkert habe, ist keineswegs sicher. Und was den Kern des Streites - Mays Rechte an den Romanen - betrifft, war die Aussage des Schriftstellers zweifellos glaubwürdig. Daß, laut mündlicher Vereinbarung mit der Firma Münchmeyer, nach dem Verkauf von je 20.000 Exemplaren sämtliche Rechte an den Autor zurückfallen sollten,82 dürfte May wohl schwerlich erfunden (oder sich selbst nur eingeredet) haben. Nur - beweisen konnte May eben nichts.

   Auch im Blick auf die 'unsittlichen' Partien in den Romanen war er im Nachteil. Die Originalmanuskripte, der einzig in Frage kommende Beweis für die 'Unschuld' des Autors, waren, wie gesagt, nicht zu greifen - mit Ausnahme des 70-80 Seiten umfassenden Delilah-Beginns,83 den Fischer (den Spieß herumdrehend) als Beweismaterial für die 'freizügige' Schreibweise des Dichters ins Feld führte.84

   Das, heute ebenfalls verschollene, Delilah-Fragment könnte - nach zeitgenössischen Presseberichten85 - die Position Karl Mays ein wenig geschwächt haben. 'Wogende Busen' oder ähnliche 'Kühnheiten' mag der Text wohl enthalten haben. Mehr aber nicht! Fischer hätte sonst gegen May, in puncto 'Unsittlichkeit', sicher Recht bekommen.

   Vermutlich sollten nach Fischers Plan auch Teile des Buches der Liebe, die May (1875) für Münchmeyer geliefert hatte,86 die Glaubwürdigkeit des Schriftstellers vor dem Dresdner Gericht in Frage stellen: "Man hat mich aus prozessualen Gründen fälschlicher Weise beschuldigt, für Münchmeyer das 'Buch der Liebe' geschrieben zu haben."87

   Diese Formulierung (in Mein Leben und Streben) ist insofern korrekt, als May ja tatsächlich nur TEILE des Buches verfaßt hatte. May suggeriert in der Selbstbiographie nun


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freilich den Eindruck, mit dem Buch der Liebe habe er NICHTS zu schaffen gehabt. Dies aber trifft, wie wir wissen, nicht zu.

   Hatte der Dichter vor Gericht einen Grund, sich vom Buch der Liebe zu distanzieren? Vermutlich ja. Denn Fischer bzw. Frau Münchmeyer kämpften mit tückischen Waffen: Die Entstehung des Buches der Liebe hing ja zusammen mit dem Verbot des Venustempels durch die Behörden;88 allein schon dieser Zusammenhang war für May eine Gefahr, die Fischer wahrscheinlich zu nützen versuchte.

   Daß die von May stammenden Teile des Buches der Liebe, auch nach damaligen Maßstäben, nicht im entferntesten als 'unsittlich' zu bezeichnen waren, dürfte Fischer gewußt haben. Dies aber "läßt nur den Schluß zu, daß nicht der Text als solcher" den Vorwurf der Unmoral erhärten sollte,


sondern vielmehr die [...] Entstehungsgeschichte dieses Werks. Diese Entstehungsgeschichte dürfte seinerzeit der Verlegerwitwe Pauline Münchmeyer noch gut in Erinnerung gewesen sein. Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß sie Adalbert Fischer die entsprechenden Hinweise geliefert hat.89


   Zu beweisen war mit dem Buch der Liebe allerdings nichts - weder im Sinne Fischers noch Mays. Was die Originaltexte der Kolportageromane und die Urheberrechte des Autors betrifft, blieb alles offen. Doch immerhin erreichte May, im Jahre 1902, eine einstweilige Verfügung: Fischer durfte die Romane zwar weiterhin verkaufen, aber nicht mehr neu drucken.90

   Am 11. Februar 1903 kam es - im Fischer-Prozeß - zu einem Vergleich, der für May, wie sich zeigen sollte, nachteilig war. "Bei der Zustimmung Mays wird der Wunsch mitgespielt haben, für den [...] Prozeß gegen Pauline Münchmeyer größeren Spielraum zu erlangen [...] Auch Fischers Drohung, die Vorstrafen zu offenbaren, wird ihre Wirkung nicht verfehlt haben."91

   May erklärte öffentlich, daß sich Fischer beim Ankauf der Firma Münchmeyer im Glauben befunden habe, alle Rechte an Karl Mays "bei dieser Firma erschienenen Werken mit erworben zu haben."92 Und Fischer erklärte: Sofern in den Schriften Mays "etwas Unsittliches enthalten sein sollte", stamme dies seiner - Fischers - "Überzeugung nach nicht aus der Feder des Verfassers", sondern sei "von dritter Seite früher hinein getragen worden".93

   Der Vergleich enthielt, im Notariatsprotokoll vom 11.2.1903, noch weitere Vereinbarungen, die im Text der öffentlichen Erklärungen fehlten: Die einstweilige Verfügung aus dem Jahre 1902 war aufgehoben; und Fischer durfte, mit ausdrücklicher Erlaubnis des Schriftstellers, die fünf Kolportageromane neu drucken - "allerdings mit der Einschränkung, daß Fischer alle die seiner Überzeugung nach anstößigen Textpassagen auf seine Kosten tilgen sollte."94

   Der Streit schien damit beendet. Und May war, zunächst, anscheinend zufrieden. Sogar ein weiteres Buch, die Erzgebirgischen Dorfgeschichten (mit vier alten und zwei neuen Erzählungen Mays),95 durfte in Fischers Verlag - 1903 - erscheinen. Die Delilah- und Buch der Liebe-Fragmente sollte Fischer, wie vereinbart, freilich zurückgeben. Daß er den - später von Karl (oder Klara) May wohl vernichteten96 - Delilah-Text dem Autor zurückgab, ist "ziemlich sicher";97 und die Rückgabe des Buch der Liebe-Fragments, eines Druckbogens mit 16 Seiten, ist "definitiv bekannt".98

   Der Schriftsteller zog im Mai 1903 seine Klage gegen Fischer zurück. Die gerichtlichen Kosten wurden geteilt. Doch der Friede war trügerisch: Die juristische Auseinandersetzung mit Pauline Münchmeyer schleppte sich hin und drohte fatal zu werden - nachdem


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es Dr. Gerlach, dem Anwalt der Münchmeyer-Partei, im November 1903 (sehr trickreich) gelungen war, Mays Strafakte - bezüglich der Jugenddelikte - ins Spiel zu bringen, d.h. durchs Gericht herbeiziehen zu lassen.99

   Auch mit Fischer hatte May noch bedeutenden Ärger. Dubiose Passagen der Kolportageromane ließ der Geschäftsmann im Text. Fischers Erklärung, daß solche Partien - seiner "Überzeugung" nach - "von dritter Seite" manipuliert worden seien, hatte keine Beweiskraft und nützte May in der Öffentlichkeit überhaupt nichts: Ob 'etwa unsittliche Stellen' von May oder einem anderen stammten, konnte Fischer ja schließlich nicht wissen!

   Hermann Cardauns und seine Verbündeten sahen nicht den mindesten Grund, ihre Kampagne nun einzustellen. Für sie blieb Karl May, der Verfasser von 'Schundromanen', ein verächtlicher Schädling. Der Krieg ging, verschärft sogar, weiter. Den Frieden auf Erden konnte May nur erträumen.



Anmerkungen


1Heinz Stolte: Der Volksschriftsteller Karl May. Beitrag zur literarischen Volkskunde (Reprint der Erstausgabe von 1936). Bamberg 1979, S. 11 - Eine sehr ausführliche Darstellung bietet Hainer Plaul: Literatur und Politik. Karl May im Urteil der zeitgenössischen Publizistik. In: JbKMG 1978, S. 174-255.
2Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123 (S. 114).
3Vgl. Bernhard Kosciuszko: Im Zentrum der May-Hetze. Die Kölnische Volkszeitung. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 10. Ubstadt 1985 - Hermann Wiedenroth: Karl May in der zeitgenössischen Presse. Ein Bestandsverzeichnis. Langenhagen 1985.
4Vgl. oben, S. 351.
5Zuschrift an den 'Bayrischen Courier' vom 31.5.1899; zit. nach Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 414 (Anm. 219).
6In der 'Frankfurter Zeitung' vom 3.6.1899; zit. nach Hansotto Hatzig: Mamroth gegen May. Der Angriff der "Frankfurter Zeitung ". In: JbKMG 1974, S. 109-130 (S. 113f.).
7Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 277.
8Vgl. Hatzig: Mamroth gegen May, wie Anm. 6, S. 115f.
9Mamroths Artikel vom 17.6.1899; zit. nach Hatzig: Ebd., S. 122.
10Nach dem Bericht des Sohnes von Mamroth; wiedergegeben bei Hatzig: Ebd., S. 128f.
11Zit. nach Hatzig: Ebd., S. 122f. (Hervorhebung von mir).
12Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 93.
13Vgl. May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 5, S. 245; dazu Plaul: Karl May, wie Anm. 5, S. 440f. (Anm. 259).
14Heermann, wie Anm. 7, S. 279.
15Vgl. Claus Roxin: Das vierte Jahrbuch. In: JbKMG 1974, S. 7-14 (S. 13).
16Karl May: May gegen Mamroth. Antwort an die "Frankfurter Zeitung". In: JbKMG 1974, S. 131-152 (S. 132).
17Vgl. z.B. oben, S. 50.
18Roxin: Das vierte Jahrbuch, wie Anm. 15, S. 11.
19May: May gegen Mamroth, wie Anm. 16, S. 138.
20Vgl. Walther Ilmer: Karl May und seine Gegner. In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 2, S. 542f. (S. 543).
21May: May gegen Mamroth, wie Anm. 16, S. 145.
22Günter Scholdt: Vom armen alten May. Bemerkungen zu 'Winnetou IV' und der psychischen Verfassung seines Autors. In: JbKMG 1985, S. 102-151 (S. 140).
23Selbst im Alterswerk wird die Fiktion 'Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi = Karl May' gelegentlich noch beibehalten. - Vgl. Scholdt, wie Anm. 22, S. 139f. - Ulrich Schmid: Das Werk


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Karl Mays 1895-1905. Erzählstrukturen und editorischer Befund. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 12. Ubstadt 1989, S. 204.
24Vgl. oben, S. 329ff.
25Vgl. Hermann Cardauns: Ein ergötzlicher Streit (5.7.1899). Wiedergegeben bei Kosciuszko, wie Anm. 3, S. 2ff.
26Zit. nach Kosciuszko: Ebd., S. 1.
27Cardauns: Ein ergötzlicher Streit, wie Anm. 25, S. 4.
28Mehr über Cardauns bei Christoph F. Lorenz: Hermann Cardauns - ein Leben für den politischen Katholizismus. In: Kosciuszko, wie Anm. 3, S. III-IX - Christoph F. Lorenz: "Nachforscher in historischen Dingen". Hermann Cardauns (1847-1925). - Publizist, Gelehrter, May-Gegner. In: JbKMG 1987, S. 188-205.
29Vgl. Plaul: Karl May, wie Anm. 5, S. 413 (Anm. 218).
30Schmid: Das Werk Karl Mays, wie Anm. 23, S. 202 - Vgl. Horst Matthey: Karl May in Düsseldorf. In: MKMG 88 (1991), S. 20-25 (S. 20).
31Vgl. oben, S. 376.
32May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 5, S. 243.
33Vgl. oben, S. 184f.
34Vgl. oben, S. 192ff.
35Karl May in einem Prospekt des Fehsenfeld-Verlags ('Karl Mays Reise-Erzählungen') aus dem Jahre 1906; ähnlich schon in Briefen an die Wiener 'Reichspost' (15.4. und 12.5.1901); wiedergegeben bei Wilhelm Vinzenz: Karl Mays Reichspost-Briefe. Zur Beziehung Karl Mays zum 'Deutschen Hausschatz'. In: JbKMG 1982, S. 211-233 (S. 214 u. 217).
36Vgl. oben, S. 193f. u. unten, S. 472f.
37Vgl. Roxin: Mays Leben, wie Anm. 2, S. 115.
38Nach Heermann, wie Anm. 7, S. 283.
39Fast sämtliche Anti-May-Beiträge auch anderer Publikationsorgane griffen die (nicht immer von Cardauns verfaßten) Artikel der 'Kölnischen Volkszeitung' auf; vgl. Kosciuszko, wie Anm. 3, S. 6-67.
40Karl May: Briefe an Karl Pustet und Otto Denk. Mit einer Einführung von Hans Wollschläger. In: JbKMG 1985, S. 15-62 (S. 44 - Brief vom 11.1.1909 an Karl Pustet).
41Zit. nach Gerhard Klußmeier - Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern. Hildesheim, New York 1978, S. 196 - Zu den Angriffen Cardauns' vgl. bes. auch ders.: Herr Karl May von der anderen Seite. In: Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland 129 (1902), S. 517-540; neu abgedruckt in: JbKMG 1987, S. 206-224.
42Zum zeitgenössischen Vorwurf der 'Jugendgefährdung' durch die May-Bände vgl. Plaul: Karl May, wie Anm. 5, S. 415 (Anm. 220).
43In der Wiener Zeitschrift 'Die Zeit' vom 14.6.1902.
44Vgl. Ulrich Schmid: Ein Vortrag zwischen den Fronten. Karl May im Augsburger Schießgrabensaal, 8. Dezember 1909. In: JbKMG 1990, S. 71-98 (S. 86ff.).
45Franz Cornaro: Karl Muth, Karl May und dessen Schlüsselpolemik. In: JbKMG 1975, S. 200-219 (S. 213).
46May: Briefe, wie Anm. 40, S. 46.
47Vgl. Cornaro, wie Anm. 45, S. 211 f.
48Im Brief vom 27.3.1907 an Gheri; zit. nach Karl Serden: May-Briefe an Leopold Gheri. In: MKMG 85 (1990), S. 19-25 (S. 24).
49May: Briefe, wie Anm. 40, S. 22 (Brief vom 20.4.1908 an Otto Denk) - Tatsächlich gab es EINEN (nicht von Muth verfaßten) 'Hochland'-Artikel gegen May (im September 1907); wiedergegeben bei Kosciuszko, wie Anm. 3, S. 188f.
50Vgl. May: Briefe, wie Anm. 40, S. 62 (Brief vom 28.5.1909 an Otto Denk).
51Karl May am 17.4.1907 an Euchar A. Schmid; zit. nach Cornaro, wie Anm. 45, S. 213f.
52Zit. nach Klußmeier - Plaul, wie Anm. 41, S. 197.
53May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 5, S. 302.
54Als Reprint der Ausgabe von 1902 erschienen: Karl May: Der dankbare Leser. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 1. Ubstadt 21982 - Dazu Walther Ilmer: (Werkartikel zu) "Karl May als Erzieher". In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 2, S. 545f.
55Vgl. Schmid: Das Werk Karl Mays, wie Anm. 23, S. 199.
56Näheres bei Kosciuszko, wie Anm. 3, S. 96ff. u. 118.


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57Ilmer: Werkartikel, wie Anm. 54, S. 545.
58Ebd., S. 546.
59Karl May: Am Jenseits. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXV. Freiburg 1899, S. 405 - Vgl. oben, S. 361.
60Vgl. unten, S. 447f.
61Claus Roxin: Ein 'geborener Verbrecher'. Karl May vor dem Königlichen Landgericht in Moabit. In: JbKMG 1989, S. 9-36 (S. 9).
62Wie Anm. 48.
63Zit. nach Kosciuszko, wie Anm. 3, S. 111 f. (Avenarius im März 1902).
64May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 5, S. 217.
65Dazu Cardauns: Herr Karl May, wie Anm. 41, S. 207 (im JbKMG 1987).
66Vgl. Roxin: Mays Leben, wie Anm. 2, S. 106.
67Zit. nach Roxin: Ebd.
68Vgl. unten, S. 419ff.
69Vgl. Klußmeier - Plaul, wie Anm. 41, S. 217.
70Vgl. Roxin: Mays Leben, wie Anm. 2, S. 115.
71Schmid: Ein Vortrag, wie Anm. 44, S. 75.
72Heermann, wie Anm. 7, S. 280 - Viele Einzelheiten des Prozeßgeschehens schildert May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 5, S. 235ff. (Kapitel 'Meine Prozesse'). - Vgl. Maximilian Jacta (Pseud. für Erich Schwinge): Zu Tode gehetzt - der Fall Karl May. Bamberg 1972 - Ders.: Berühmte Strafprozesse. Deutschland III. München 1972, S. 9-50.
73In seinem schönen, angesichts seines bisherigen Verhaltens aber höchst merkwürdigen Gedicht 'An den toten Karl May' (Karfreitag, 5.4.1912) schrieb Oskar Gerlach: "Stets rein aus PFLICHT war ich dein Widersach / - Denn krankhaft falsch war all dein Prozessieren -, / Doch schlug mein HERZ dir heimlich hundertfach: / Auf Wiedersehn in himmlischen Revieren!" (Zit. nach: Karl Mays Spuren in der Literatur. Vierte Sammlung. SKMG Nr. 85 (1990), S. 2.
74Vgl. oben, S. 349f. u. 376.
75Vgl. Walther Ilmer: Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph. Husum 1992, S. 169ff. - Ilmers Auffassung, daß May auf dieses Angebot hätte eingehen sollen, können wir uns freilich nicht anschließen!
76Wollschläger, wie Anm. 12, S. 113.
77Roland Schmid: Nachwort des Herausgebers. In: Karl May: Der Waldschwarze. Karl May's Gesammelte Werke, Bd. 44. Bamberg 139. Tsd., S. 461-479 (S. 479).
78So Claus Roxin in einer mündlichen Mitteilung an den Verfasser.
79Vgl. z.B. Karl May: Frau Pollmer - eine psychologische Studie (1907). Prozeßschriften, Bd. 1. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 847 - Ders.: Mein Leben und Streben, wie Anm. 5, S. 202.
80Zit. nach Rudolf Lebius: Die Zeugen Karl May und Klara May. Ein Beitrag zur Kriminalgeschichte unserer Zeit. Berlin-Charlottenburg 1910, S. 80 - Mays Behauptung, Frau Emma habe diese Briefe beseitigt, würde demnach nicht zutreffen; vgl. aber unten, Anm. 81.
81Claus Roxin schrieb in einem Brief vom 13.10.1991 an den Verfasser: "Eine bewußte Lüge Mays ist [...] wenig wahrscheinlich. Lebius könnte den Text manipuliert, die vernehmenden drei Polizisten könnten May aber (im Protokoll vom 9.11.1907) auch falsch interpretiert haben. Die Frage muß auch in den Münchmeyer-Prozessen eine Rolle gespielt haben, denn sie war entscheidungserheblich. Aus den Akten, die im Karl-May-Verlag liegen müssen, die aber leider nicht zugänglich sind, muß sich ergeben, ob May die Existenz dieser Briefe auch im Prozeß behauptet hat, ob Emma dazu vernommen worden ist (was anzunehmen wäre), was sie gesagt hat und wem das Gericht aus welchen Gründen geglaubt hat. Hier haben wir also einmal einen Fall, wo die Unzugänglichkeit der Quellen noch heute eine sichere Aussage unmöglich macht."
82Vgl. oben, S. 184.
83Vgl. oben, S. 192. - Der Delilah-Text spielte sogar noch im Moabiter Prozeß vom 18.12.1911 eine, freilich nebensächliche, Rolle; vgl. Rudolf Beissel: "Und ich halte Herrn May für einen Dichter ... ". Erinnerungen an Karl Mays letzten Prozeß in Berlin. In: JbKMG 1970, S. 11-46 (S. 36) - Gernot Kunze: Einführung. In: Karl May: Das Buch der Liebe. Dresden 1875/76. Reprint der KMG. Bd. II (Kommentarband). Hrsg. von Gernot Kunze. Regensburg 1988/89, S. 7-50 (S. 39, Anm. 13) - Vgl. unten, Anm. 96.


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84Vgl. Klaus Hoffmann: Nachwort zum Faksimile-Druck des Waldröschen. Hildesheim, New York 1971, S. 2619-2686 (S. 2664) - Kunze, wie Anm. 83, S. 8.
85Vgl. Kunze: Ebd., S. 39 (Anm. 13).
86Vgl. oben, S. 135f.
87May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 5, S. 220.
88Vgl. oben, S. 135.
89Kunze, wie Anm. 83, S. 9.
90Vgl. Wollschläger, wie Anm. 12, S. 113 - Plaul: Karl May, wie Anm. 5, S. 447 (Anm. 273).
91Heermann, wie Anm. 7, S. 284.
92Zit. nach Plaul: Karl May, wie Anm. 5, S. 450 (Anm. 284).
93Zit. nach ebd., S. 451 (Anm. 284).
94Zit. nach ebd., S. 451 (Anm. 286).
95Vgl. unten, S. 456ff.
96Vgl. Wollschläger, wie Anm. 12, S. 192 (Anm. 116) - Fritz Maschke: Zur Neuauflage von Hans Wollschlägers "Karl May ". In: MKMG 30 (1976), S. 32-36 (S. 35).
97Kunze, wie Anm. 83, S. 9.
98Ebd.
99Vgl. unten, S. 469.



10.3

Et in terra pax (1901) - Und Friede auf Erden! (1904): Eine heilsgeschichtliche 'Utopie'


Im April 1901, zur selben Zeit, da Adalbert Fischer den Mayschen Kolportageroman Deutsche Herzen, Deutsche Helden (1885/86) - zum Schaden des Autors - neu publizierte,1 begann Karl May mit der Niederschrift seiner Erzählung Et in terra pax:2 der Erstfassung des 1903/04 zu Band XXX der Fehsenfeld-Ausgabe ergänzten und umgearbeiteten Romans Und Friede auf Erden!3

   Mit Heldenkult und Abenteuerromantik hat dieses - religionspsychologische - Werk nicht das mindeste zu tun. Der Dichter zeigt sich hier, noch auffälliger als im Jenseits-Band (1899), von einer völlig anderen Seite. Es mußte so kommen: Et in terra pax/Und Friede auf Erden! hat dem Verfasser neue (martialisch gesinnte und nationalistisch denkende) Feinde gebracht; und viele Anhänger Mays, die Indianer- und Beduinengeschichten erwarteten, wurden enttäuscht.


10.3.1

Entstehung und Vorgeschichte


Et in terra pax ist der erste Roman, den der 'neugeborene' May nach der Orientreise (1899/1900) verfaßt hat. Sonderbar ist die Vorgeschichte des Werks: Der Literaturkalender (1899) Joseph Kürschners wies May als Kenner der chinesischen Sprache aus,4 und im Frühjahr 1901 fragte Kürschner (den May schon früher, in den 1880er und 1890er Jahren, beliefert hatte5) an, ob May zu einem Sammelband über China eine Erzählung beitragen wolle. Der Dichter sagte zu und schrieb, bis zum September 1901, für den dritten - unterhaltenden - Teil des von Kürschner herausgegebenen und von Hermann Zieger (Leipzig) verlegten China-Buchs seinen Beitrag Et in terra pax.

   Das große Gesamtwerk hatte den Titel China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Die Tendenz dieses Sammelbandes war wilhelminisch und imperialistisch: Vor der 'gelben Gefahr' sollte ge-


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warnt, und die europäische, vor allem die deutsche Intervention, die Niederschlagung des chinesischen 'Boxeraufstands' (im Sommer 1900) sollte gefeiert werden.6

   Welchem Geist dieses Buch verpflichtet war, zeigt - besonders frappant - der 'Kaiserliche Scheidegruß an das Expeditionskorps' (Wilhelmshaven, 27. Juli 1900), die berüchtigte 'Hunnenrede' Wilhelms II., die im zweiten Teil des Kürschner-Bandes zitiert wird:


Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegeben; Gefangene nicht gemacht. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, [...] so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen [...] Gebt, wo es auch sei, Beweise Eures Mutes, und der Segen Gottes wird sich an Eure Fahnen heften und es Euch geben, daß das Christentum in jenem Lande seinen Eingang finde.7


   Die Völker Europas wurden - besonders auch im Kürschner-Buch - ermahnt, ihre "heiligsten Güter" zu wahren.8 Die Religion, der Name Gottes wurden, wie so oft in der Weltgeschichte, für kriegerische Zwecke mißbraucht. Die Chinesen wurden als 'Heiden', als Freiwild für die deutschen Kanonen und die christliche Hybris betrachtet: "[...] Lasset sie die Rücken beugen / Und auch ehrfurchtsvoll bezeugen Achtung unserm Christengott. / [...] Auf darum zu frischen Thaten! / Drauf auf diese Asiaten! Zeiget, was der Deutsche kann."9

   So zu lesen in einem zeitgenössischen Gedicht! Die Melodie der Bestie bestimmte den Ton, und nicht wenige Literaten, Felix Dahn zum Beispiel, stimmten mit ein.10 Vor diesem Hintergrund kann der Beitrag Mays, "der sich inzwischen zum bewußten politischen Menschen entwickelt hatte",11 nicht hoch genug eingeschätzt werden.

   Kürschner erwartete einen Spannungsroman zur Stütze des Chauvinismus. Was er zu lesen bekam, war das Gegenteil: Et in terra pax schildert vornehme 'Heiden' und hochgebildete Chinesen; May wendet sich empört gegen den Kolonialismus und fordert, speziell von den Christen, Versöhnung und Toleranz! Durch die Wünsche seiner Auftraggeber ließ er sich nicht beeinflussen. Er widersprach dem Zeitgeist in grandioser Manier - "ein Streich, der manche Torheit seines Lebens aufwiegt."12

   Mit schneidender Ironie kommentiert May - im 1904 entstandenen Schlußkapitel des Romans in der Fehsenfeld-Fassung - seinen Fauxpas:


Ich hatte etwas geradezu Haarsträubendes geleistet, allerdings ganz ahnungslos: Das Werk war nämlich der "patriotischen" Verherrlichung des "Sieges" über China gewidmet, und während ganz Europa unter dem Donner der begeisterten Hipp, Hipp, Hurra und Vivat erzitterte, hatte ich mein armes, kleines, dünnes Stimmchen erhoben und voller Angst gebettelt: "Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein!" Das war lächerlich; ja, das war mehr als lächerlich, das war albern. Ich hatte mich und das ganze Buch blamiert und wurde bedeutet, einzulenken. Ich tat dies aber nicht, sondern ich schloß ab, und zwar sofort, mit vollstem Rechte. Mit dieser Art von Gong habe ich nichts zu tun! (S. 491)13


   In zwei Punkten ist Mays Erklärung allerdings nicht völlig exakt: Der Schriftsteller war, bezüglich der Zielsetzung des Sammelwerks, keineswegs "ahnungslos"; und er hat, nach Kürschners Kritik, seinen Beitrag nicht "sofort" beendet, sondern "sein Konzept gegen alle Widerstände bis zuletzt voll durchgezogen, und zwar in bezug auf den Umfang, in bezug auf den Inhalt und auch in bezug auf den Schluß."14

   Spätestens bei der persönlichen Begegnung mit Hermann Zieger, am 12.5.1901 in Radebeul, hat May über die Grundtendenz des geplanten Sammelbandes Genaueres erfahren.15 Mit den Ereignissen des Jahres 1900 in China, der Aufteilung des Landes in europäische Interessensphären und den offiziellen Verlautbarungen der abendländischen Mächte hat er sich, 1901, intensiv auseinandergesetzt: Seine Pax-Erzählung enthält provozierende "Bezüge zu Reden Wilhelms II. oder auch zu Parolen der deutschen Kolonial-


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propaganda, wie sie [...] mit großem publizistischen Aufwand in Deutschland vorgetragen wurden."16 Gegen die Erwartungen seiner Auftraggeber hat May also bewußt und gezielt seinen Beitrag vorangetrieben.

   Sein Manuskript hat der Autor in Raten geliefert. Schon gleich nach der ersten Sendung äußerte Zieger Bedenken wegen des Mayschen Konzepts. Mit dem wachsenden Manuskript wurden der Herausgeber und der Verleger - mehr und mehr - irritiert, und wiederholt wurde der Dichter zu Korrekturen und Kürzungen aufgefordert. Doch May blieb souverän. Im Gleichnis für Zieger, einer feinsinnigen Parabel,17 die der Autor dem Verleger zusandte, bekräftigte er seinen Widerspruch gegen Kürschner und Zieger.

   Seit der Jahrhundertwende war May, generell, sehr allergisch auch gegen geringfügigste Text-Eingriffe von seiten der Redaktion: "In meinen nunmehrigen Werken ist jedes Wort, jeder Buchstabe genau überlegt; es muß alles genau so gesetzt werden, wie ich schreibe [...] Die kleinste Aenderung kann schaden."18 Dieses neue Textbewußtsein des Schriftstellers bekamen - wie Fehsenfeld bei der Herausgabe der Mayschen Himmelsgedanken (1900) - nun auch Kürschner und Zieger zu spüren: May überwachte - so Ulrich Schmid -


mit größter Sorgfalt [...] den buchstabengetreuen Druck seines Textes (ein absolutes Novum in der Druckgeschichte seines Werks), er ließ sich stets für die Fahnenkorrektur sein Manuskript zurückschicken, um die Texttreue zu überprüfen, und er protestierte prompt und heftig bei tatsächlichen oder vermeintlichen Änderungen.19


   Neues Manuskript lieferte May immer erst dann, wenn die exakte Wiedergabe der vorausgegangenen Partien gesichert war. Verleger und Herausgeber mußten sich fügen. Kürschner blieb nur noch die Möglichkeit, sich im Vorwort des Sammelbandes vom Beitrag Mays zu distanzieren. Er tat dies in behutsamen Worten: Et in terra pax habe "einen etwas anderen Inhalt und Hintergrund erhalten, als ich geplant und erwartet hatte."20

   Karl May beendete seine Pax-Erzählung in den letzten Septembertagen des Jahres 1901 auf dem Rigi-Kulm in der Schweiz.21 Einen vorzeitigen Schluß hat es, wie gesagt, nicht gegeben.22 Doch im Herbst 1903 - nach der Scheidung von Emma, der Wiederheirat mit Klara, dem vorläufigen Ende der gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Adalbert Fischer und dem Abschluß des Silberlöwen IV - begann Karl May, den Pax-Roman für Fehsenfeld neu zu gestalten.23 Aufgrund einer schweren Erkrankung24 mußte er diese Arbeit schon bald unterbrechen. Erst Mitte August 1904 konnten die letzten Manuskriptseiten gedruckt werden.

   Im Herbst 1904 erschien Band XXX Und Friede auf Erden! bei Fehsenfeld. Das neue Buch enthält ein zusätzliches, fünftes, Kapitel 'Der Shen-Ta-Shi' (S. 490-660). Auch die Kapitel 1-4 der Friede-Fassung weichen vom Urtext ab: Die ältere Pax-Version hat May durch Einschübe und Streichungen, durch verschiedene Umstellungen und Text-Änderungen25 dem Konzept des Friede-Bandes angepaßt.


10.3.2

Die literarische Eigenart des Romans


Im Vergleich mit den früheren Reiseerzählungen weist der neue Roman "erstaunlich anmutende Innovationen"26 auf. Die noch frischen, den Dichter bewegenden Eindrücke seiner Orientreise gehören zum Fundament der Pax- wie der Friede-Erzählung. Da May dem Romangeschehen die geographischen Stationen und die wichtigsten Schlüssel-Erlebnisse seiner tatsächlichen Reise zugrundelegt, erhält der Roman - teilweise - den Charakter einer 'echten' Reiseerzählung mit zahlreichen Wirklichkeitselementen: Der Autor nähert


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sich "einer realistischen Schreibweise, in der folgerichtig auch die sozialen und politischen Probleme der bereisten Länder eine handlungsbestimmende Rolle spielen."27

   Und doch hat May, erst recht in der späteren Friede-Version, keinen Dokumentarbericht, keine Reise-Reportage, sondern ein poetisches, ja visionäres und prophetisches Werk geschaffen. Seine tatsächlichen Erlebnisse in Kairo, auf Ceylon und auf Sumatra werden um fiktive, 'phantastische', die Transzendenz beschwörende Ereignisse (u.a. in China) erweitert. Insofern setzt auch der Friede-Band, mit verfeinerten und sichtlich gesteigerten Ausdrucksmitteln, die Tradition der bisherigen Reiseerzählungen durchaus fort.

   Doch die Handlung wirkt an äußerer Spannung noch ärmer als der Jenseits-Roman. In keiner einzigen seiner früheren (oder auch späteren) Erzählungen hat der Autor so weitgehend aufs Abenteuer-Sujet verzichtet wie in Pax/Friede. Der Zusammenbruch des alten Ich-Ideals, die Distanz zur heldischen Attitüde sind offenkundig. Charley, das erzählende Ich, ist der Schriftsteller "Karl May" (S. 14); aber mit Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi - diese Namen werden überhaupt nicht erwähnt - hat er wenig gemein. Er verfaßt ein für die Heilung Wallers, des selbsternannten US-Missionars, entscheidendes Lehrgedicht. Ansonsten greift er ins Geschehen kaum ein. Er führt keine Waffen, vermeidet jede Gefahr und spielt eine beobachtende, rein kontemplative Rolle.28

   May schreibt, kalkuliert und bewußt, gegen die Lesererwartungen an! Vom Image des Jugendschriftstellers, des Verfassers von Spannungsromanen, rückt er - gezielter noch als im Jenseits-Buch - ab: Er kann, wie er selbst unterstreicht,


keine sogenannten "Reiseabenteuer" berichten, an welchen sich doch nur die Oberflächlichkeit ergötzt; wer aber einen Sinn für die unendlich gestalten- und ereignisreiche Seelenwelt des Menschen hat und ein Verständnis für die Tiefe besitzt, in welcher die äußeren Vorgänge des Menschen- und des Völkerlebens geboren werden, der wird nicht mißvergnügt, sondern ganz im Gegenteile mit mir einverstanden darüber sein, daß ich ihn in diese Tiefe führe, anstatt ihn für einen Leser zu halten, der nur nach der Kost der Unverständigen verlangt. (S. 451)


   Et in terra pax nimmt eine Zwischenstellung im Schaffen des Schriftstellers ein. Wie im Jenseits-Buch wechselt der Erzählfluß noch ab mit gedanklichen Reflexionen. Im Schlußkapitel der Fehsenfeld-Fassung freilich erreicht Karl May die fürs Spätwerk so typische "bildhafte Umsetzung von Überlegungen in Parabel und Handlung".29 Jetzt, in der Bildsymbolik der Friede-Version, faßt der Autor Heils- und Unheilsvisionen ins Wort, die mit den kunstvollen Märchen und Traumgesichten der anderen, ästhetisch noch höher stehenden, Spätromane vergleichbar sind.

   Jawohl: Der "neue Taucher" - Karl May - hat, wie es in Friede heißt,


"die Anima bereits gezwungen, ihm die Sprachwerkzeuge abzutreten. Ich glaube, der kümmert sich nicht um Algen und um Tang, sondern wir werden Höheres und Besseres zu sehen bekommen. Ich vermute die größten und die schönsten Perlen der Tiefe!" (S. 555)30


   Zwar liegt - so Claus Roxin - "eine künstlerische Schwäche des Werkes (etwa im Vergleich mit den Schlußbänden des Silberlöwen oder mit Ardistan und Dschinnistan) darin, daß es sich" - in der älteren Pax-Fassung besonders - "um eine Art 'Nummernoper' handelt, das heißt, daß die großen Gesichte mit weitläufigen 'Sprechpartien' wechseln, also mit eindimensionalem didaktisch-humanitärem Räsonnement".31 Doch dem Inhalt dieser Sprechpartien kommt ein Gewicht, eine psychologische Tiefe, eine theologische Relevanz zu, die aufhorchen lassen. "Wohl ließe sich eine höhere Gestaltung des Themas denken, als May sie gelang. Eine wahrere wohl aber nicht."32

   Insgesamt, auch kompositorisch und sprachlich-stilistisch, verdient Und Friede auf Erden! gegenüber der Erstfassung den Vorzug. Ulrich Schmid hat diese These in einer detaillierten Textanalyse der beiden Versionen erläutert:33 Wichtige Partien - wie das leit-


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motivische Gedicht 'Tragt Euer Evangelium hinaus' - sind in der Zweitfassung besser formuliert und schärfer akzentuiert. Im zentralen Gedicht wie im gesamten Friede-Roman wird die Kritik am europäischen Rassismus und Kolonialismus, verglichen mit den Pax-Varianten, noch präzisiert. Auch die innere Verbindung von psychischer Krankheit und imperialistischer Politik wird klarer herausgestellt. Das Personen-Ensemble erhält, nicht zuletzt durch diesen Zusammenhang, eine größere Tiefenschärfe. Wallers Krankheits- und Heilungsgeschichte z.B. wird wesentlich ausführlicher, politisch noch provozierender, psychologisch noch sehr viel eindringender und theologisch noch feiner geschildert als in der Pax-Version.

   Daß die schriftstellerischen Möglichkeiten des Autors "in der Zwischenzeit neue Dimensionen gewonnen hatten",34 beweist auch das neue Finale:


Die Polyphonie des Schlusses, in dem der - scheinbar - glückliche Ausgang des Geschehens buchstäblich und bildlich in Dunkelheit getaucht wird, zeigt gegenüber dem spielerischen 'Pax'-Schluß [...] eine Einbindung der Utopie in die Realität: von der Heiterkeit der Sejjid-Omar-Passagen zur blutig ernsten Ankündigung "Meine Brüder, es gibt - - - Krieg!", vorn großen Paradieses-Mythos zu Dilkes Höllensturz in die Turbine des Elektrizitätswerks zieht May in jähem Wechsel von Hell und Dunkel die unterschiedlichsten Bilder zusammen und erreicht damit eine weitaus größere ästhetische Vielfalt, als die ursprüngliche Fassung sie aufweist.35


   Die besondere Eigenart, die hochliterarische Bedeutung des Friede-Bandes sieht Ulrich Schmid, zudem, in folgenden Merkmalen begründet: Wie in "Weihnacht!" wird die fortschreitende Mitteilung eines Gedichtes ('Tragt Euer Evangelium hinaus') zum organisierenden Strukturelement der gesamten Erzählung - ihrer äußeren und inneren Handlungsentwicklung.36 Während in Weihnacht!" (1897) die äußere Handlung, das abenteuerliche Geschehen, aber doch noch im Vordergrund steht, wird die innere Befreiung des Menschengeschlechts, die humanitäre Botschaft, in Friede zum einzig beherrschenden Thema. Die religiös verbrämte Aggressivität des 'Missionars', dessen psychische Krankheit und ihre allmähliche Heilung, aber auch (analog zu diesem Ereignis) die innere Wandlung noch weiterer Romanfiguren - z.B. des englischen Lords und Globetrotters John Raffley37 - werden artifiziell, auf mehreren, einander durchdringenden und sich wechselseitig interpretierenden Bedeutungsebenen dargestellt: Die religiöse Sinnschicht, der biblische Impuls, der politische Imperativ ('Und Friede auf Erden!'), die individual-psychologische Schilderung der Entwicklungsgeschichte Wallers und anderer Protagonisten begründen, in strenger Einheit, die innere Dynamik des ganzen Romans.

   Die hohe literarische Formkraft des Friede-Bands hat, in einer grundlegenden Untersuchung,38 auch der Germanist und Sozialwissenschaftler Martin Schenkel gerühmt. Als "heilsgeschichtlichen Friedensmythos", als "christlich engagierten Agitationsroman",39 als "kontrafaktisch gültige, konkrete Utopie"40 interpretiert Schenkel die Maysche Erzählung.

   Die biblische Offenbarung, das verlorene Paradies, die Geburt des Erlösers, die österlichen Mysterien, die verheißene (und die Aktion des Menschen herausfordernde) Verwandlung der Erde ins neue Paradies strukturieren, wie Schenkel belegt, den Hintergrund des Romans - in literarisch sehr kunstvoller Weise.

   Nach dem ursprünglichen Plan Karl Mays sollte Und Friede auf Erden!, als Weihnachtsroman, sein Schluß-Tableau "auf der Flur von Bethlehem"41 finden. Tatsächlich aber endet die Erzählung in Shen-Kuo. Doch auch dieser, surrealistische, Ort ist 'heiliges Land'! Denn dort ist die christliche 'Utopie' - der göttliche Friede, die Versöhnung der Menschen mit Gott und untereinander - zur Realität geworden.42


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   Und Friede auf Erden! ist, auch in der endgültigen Form, eine verkappte - ebenso mystische wie politische - Weihnachtserzählung. "Der imperialistischen Gegenwartsgeschichte stellt May die Heilsgeschichte entgegen, verkünden doch die himmlischen Heerscharen am Weihnachtstag die Geburt Jesu, des Friedensfürsten."43 Der Weihnachtstag ist - der Shen-Ta-Shi, der Festtag der Liebe, auf den das ganze Romangeschehen (in der Friede-Version) immer schon zuläuft: An diesem Tag wird die Heilung Wallers - in einem surrealen Zweikampf mit Dilke, seinem finsteren Alter ego, der Verkörperung der Sünde und des Willens zum Krieg - vollendet.

   Als Weihnachtsgeschichte ist der Friede-Roman, in kunstvoller Überblendung der Chiffren und Bilder, zugleich eine Passions- und eine Ostergeschichte. Denn der Sündenfall und die Heilung des Missionars verweisen, der ersten Strophe des leitmotivischen Gedichtes entsprechend, auf den Tod und die Auferstehung Christi.

   Die universale Heilsgeschichte, deren Ziel die endgültige Rettung des einzelnen wie der Menschheit als ganzer ist, wird am Exempel des Individuums - der Erlösung Wallers aus seiner inneren Gefangenschaft - vorgezeichnet. Martin Schenkel erklärt:


Wie Jonas, der drei Tage im Bauch des Fisches verbrachte, die dreitägige Grabesruhe des Erlösers präfiguriert, so postfiguriert Wallers Heilungsprozeß, der sich in drei nächtlichen Visionen vollzieht, das Leiden, den Tod und die Auferstehung Christi [...] Da Waller nicht nur seine individuelle Tat bereut, sondern auch die Heilsgeschichte vom Sündenfall bis zur Erlösung durchlebt, entspricht die Ontogenese der Phylogenese.44


   Die Entwicklung Wallers nimmt die, von May postulierte, Entwicklung der Menschheit vorweg. Das aber heißt: Und Friede auf Erden! ist, als Weihnachts-, Passions- und Ostergeschichte, zugleich ein 'Zukunftsroman', eine eschatologische Symboldichtung.

   Der letzte und eigentliche Schauplatz des Friede-Bands ist die andere, die göttliche Welt. Auf einer allegorischen Fahrt mit dem Traumschiff 'Yin' (die 'Güte') erlebt der Missionar seine endgültige Bekehrung. Die Yacht verläßt den empirischen Raum, um Shen-Kuo, das heilige Land, zu erreichen. Angesichts dieser metaphysischen Grundkonzeption des Romans hat die Frage nach der Authentizität des Mayschen 'China-Bildes' nur periphere, nur marginale Bedeutung.

   Der Schriftsteller hat, wie wir wissen, geographische, völkerkundliche und sinologische Quellen benützt.45 Seine China-Kenntnisse entsprachen diesen, zum Teil wohl unzureichenden, Quellen. Doch der literarische Wert des Friede-Romans ist nach anderen - künstlerischen - Kriterien zu bemessen.

   Die "eigentliche Quelle" des Dichters war, wie Schenkel bemerkt, die Bibel:46 ihre Botschaft vom Heil, das Gott all denen verheißen hat, die ihn lieben. Als heilsgeschichtliche Dichtung, als christliche, aufs Neue Testament zurückverweisende Poesie muß der Friede-Roman, über die rein ästhetische Wertung hinaus, also theologisch interpretiert und beurteilt werden.

   Der fiktionale, 'phantastische' Charakter dieser Erzählung muß in der Würdigung mit bedacht werden. Und Friede auf Erden! wird in der Sekundärliteratur ja durchwegs als 'Utopie' bezeichnet. Als Abwertung des Romans, als Heruntersetzung seiner Botschaft darf dieser - auf Thomas More's Insel Utopia (1516) zurückgehende - literarische Gattungsbegriff aber natürlich nicht verstanden werden.

   Das Wort 'Utopie' hat, wie nur wenig bekannt ist, einen biblischen Ursprung. In der Weihnachtsgeschichte des Lukas heißt es: Maria legte das Kind in eine Krippe, weil in der Herberge "kein Platz" für sie war (Lk 2, 7). Im griechischen Urtext aber steht für "kein Platz" - ou topos.


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   Der Evangelist will sagen: Für Gott ist kein Platz in einer selbstsüchtigen Welt. Doch gerade dieser 'Nicht-Platz' wird, in den Hoffnungs-Bildern der Bibel (und in der Symbolik des Mayschen Spätwerks), "zum Ort Gottes, zum Platz, wo Gott sein will [...] So geht Gott mit der von uns verfertigten 'Utopie' um, mit der Ortlosigkeit, die wir ihm zumuten!"47

   Die Utopie, das Heil, der Friede, die Erlösung werden zur Realität, wo Menschen Raum lassen - für Gott. Und Friede auf Erden! will, in geschauten Bildern, in traumhaften Visionen, diese Realität bezeugen.


10.3.3

Das Titelbild Sascha Schneiders


Der innere Schauplatz des Friede-Romans (wie des gesamten Spätwerks Karl Mays) ist die Seele des Menschen vor dem Angesicht Gottes. Als "Monograph der 'Menschheitsseele'"48 hat May sich selbst verstanden. Da liegt es nicht fern: Dem literarischen Selbstverständnis des Autors gemäß sollten auch die Titelbilder seiner Romane in eine transzendente, metaphysische Richtung verweisen - eine Tendenz, die der Dichter schon früher, in den 1890er Jahren, forciert hatte.49

   Am 11. März 1904 schrieb er an Fehsenfeld:


Der May und seine Bücher sollen ein höheres Aussehen bekommen, und zwar vor allen Dingen BILDLICH. Der sie geschrieben hat, war ja ein andrer, als man dachte, und nun man ihn wohl kennenlernen wird, will er auch endlich zeigen, was sie sind, und wünscht für sie ein andres Gewand, das unser würdiger ist als das bisherige.50


   In Sascha Schneider (1870-1927), einem damals bekannten, symbolistisch malenden Künstler, glaubte nun May, den richtigen Bild-Interpreten für seine Werke gefunden zu haben. Den gedanklichen Inhalt seiner Bücher sah May durch die Schneider-Bilder "in kongenialer Weise verkörpert".51

   Am 5. März 1902 hatte der Schriftsteller, mit Klara Plöhn und seiner Ehefrau Emma, in einer Dresdner Kunstausstellung Schneiders Wandbild 'Um die Wahrheit' gesehen.52 Ein gutes Jahr später, im Juni 1903, besuchte er den Jugendstil-Maler in dessen Atelier in Meißen. In der Folgezeit kam es zu mehreren persönlichen Begegnungen und einem - höchst interessanten - Briefverkehr des Dichters mit Sascha Schneider (der im Jahre 1904 einen Ruf an die Weimarer Kunstakademie als Professor für Aktmalerei erhielt). Eine tiefe, für beide Seiten sehr anregende Freundschaft entwickelte sich. Wir werden, im Babel und Bibel-Kapitel,53 auf diese - später nicht ungetrübte - Freundschaft zurückkommen.

   Am 8. März 1904, bei einem weiteren Atelierbesuch Mays, wurde die Idee geboren, Schneider solle "Karls Bücher mit anderen Titelbildern versehen, damit man Karl endlich verstehen lerne und der alberne Name 'Jugendschriftsteller' verschwinde."54

   Wenig später kündigte May seinem Verleger Fehsenfeld die neuen Einbände an, zunächst für das Friede-Buch und dann für die früheren, zur Neuauflage anstehenden Reiseerzählungen. Was die Akzeptanz dieser Bilder im (doch überwiegend dem Abenteuerklischee verhafteten) Leserkreis Karl Mays betraf, war Fehsenfeld allerdings skeptisch. Nur Teilauflagen der Freiburger Edition ließ er mit den Schneider-Bildern herauskommen.

   Die Deckelbilder zu den Mayschen Reiseerzählungen, die im November 1904 auch gesondert als Sammelmappe erschienen, gehören nicht zu den besten Arbeiten Schneiders.55 Auch kann man sich fragen, ob sie dem Inhalt der - vom Abenteuergeschehen noch weitgehend geprägten - May-Bände so ganz entsprechen. Zweifellos anders verhält es sich mit


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den Schneider-Bildern zum Alterswerk Karl Mays. Der mystischen Dimension dieser allegorischen Bücher entspricht die symbolistische Kunst des Malers durchaus.

   Als erster May-Band wurde Und Friede auf Erden! mit einem Schneider-Bild ausgestattet. Es zeigt, in einer kosmischen Vision, die verlorene, ins Dunkel getauchte Weltkugel und - größer als diese - eine strahlende Lichtgestalt: den Engel des Herrn, dessen Glanz die Erde erhellt und dessen Flügel die Erde beschirmen.


10.3.4

Die Selbstreflexion des Autors im Friede-Band


Zu viel verspricht das Titelbild keineswegs. Denn der Friede-Roman enthält sehr bedeutsame, universale, vom Einzelschicksal des Autors gelöste theologische Botschaften. Später, im zweiten Teil unseres Buches,56 sollen diese Botschaften interpretiert werden. Doch zunächst, in den folgenden Ausführungen, beschränken wir uns auf die autobiographische Leseebene: die Selbstreflexion des Dichters im Friede-Band.


10.3.4.1

Prophetisches Selbstverständnis und psychologische Selbstanalyse


Mays Erzählung ist die Geschichte einer Krankheit und ihrer Heilung. Ähnlich wie der - später zu besprechende - Silberlöwe III/IV läßt auch der Friede-Roman erkennen, wie sich der Dichter (durch die Kritik nun herausgefordert) mit seiner von Krankheit und Kränkung bedrohten Schaffenskraft auseinandersetzt. May zitiert das Buch eines Gelehrten: Der Künstler solle rechtzeitig, "auf dem Höhepunkte seines Schaffens sterben. Tut er das nicht, so geht es mit ihm bergab, und der Schatten seiner späteren Jahre verdunkelt seine Werke." (S. 176)

   Neigte der Autor, angesichts der Pressefehde seit 1899, zur Resignation? So hat er sie jetzt - in den Jahren 1901ff. - (vorläufig) überstanden: "Wenn sich der Dichter überanstrengt hat, so soll er nicht sterben, sondern [...] so lange wie möglich schlafen, um neue Kraft zu gewinnen. Tut er das, so wird er nach seinem Erwachen im neuen Vollgefühle seiner selbst frisch weiterschaffen können." (S. 177)

   Wie im Silberlöwen III/IV ist der Schlaf im Friede-Buch ein zentrales Motiv. Im Schlaf läßt sich der Mensch los. Er verläßt sich auf eine andere Kraft. Auch Waller, die Hauptperson des Romans, lernt im Schlafe das Lehrgedicht Charleys und wird so geheilt. Der Schlaf ist in der Tiefenpsychologie ein Ort der Gesundung;57 und der Schlaf (oder Traum) ist in der Bibel, oft auch in Märchen und Mythen, ein Ort des göttlichen Handelns, der göttlichen Nähe.58 Wie die Friede-Texte erhellen, hat May dies sicher gewußt.

   Der Dichter traut es sich zu im Vertrauen auf Gott: Er wird erwachen vom 'Schlaf', wird Neues und Besseres schreiben.59 "Nun ich sehend geworden bin, habe ich auch gelernt, mich auszudrücken" (S. 499), sagt Raffley - eines der Ich-Derivate im Friede-Roman - und deutet so an, wie May sich entwickelt hat: Der ehemalige Kolportageschriftsteller sieht seine Arbeiten als 'Vorstudien' und hofft - seit 1899 sagt er das so, und bis zu seinem Tode wird er es sagen -, "nun bald über die Zeit der Vorübungen und Studien hinaus zu sein" und das "eigentliche Werk" beginnen zu können (S. 597).

   Aber er mahnt sich selbst zur Bescheidenheit: "Bilde dir ja nie ein, daß du besser seist als andere Leute! Hinter jedem Menschen, mit dem du sprichst, steht sein Engel." (S. 204) Er weiß es sehr wohl: "Sobald ein Mensch sich überschätzt, sich für groß [...] hält, wird er [...] zu sinken beginnen." (S. 321) Genauer: wer NUR sich selbst und nicht auch die anderen hochschätzt, wird fallen. Der Offenbarungsglaube, daß der Mensch Gottes


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Ebenbild sei,60 führt May zur bemerkenswerten Auffassung: Keiner ist minderwertig, keiner steht über dem andern, doch "alle Welt" ist berufen zum "Aller-, Allerhöchsten!" (S. 322) DIESES Menschenbild muß - über die autobiographische Ebene hinaus - noch Konsequenzen haben!61

   Der Schriftsteller predigt die Liebe zu allen. Er liebt auch sich selbst und er achtet auch seine früheren Bücher. Er interpretiert sie jetzt neu: Sie seien "ganz anders" gemeint als allgemein angenommen; es gehe da nicht um äußere Dinge, um physische Körper und bloße Unterhaltung. Das eigentliche Thema - und darin liege die Wahrheit seiner Schriften - sei die "Seele", der "innere Mensch" (S. 364f.);62 man darf präzisieren: der 'innere' Karl May.

   So verteidigt der Autor auch seine Phantasie: "Lies nicht das dumme Zeug von diesem May! [...] Dieser Schriftsteller hat nichts als Phantasie", warnt Waller seine Tochter Mary, die er eine "Träumerin" nennt, die die Märchenwelt mit der Wirklichkeit verwechsle (S. 15). Doch Ma(r)y lächelt den Vater nur an und hält ihm entgegen: "Es gibt Leute, welche behaupten, daß die Phantasie hellere und schärfere Augen habe als der alterssichtig gewordene Verstand." (S. 16)

   Der Dichter sei, erklärt Charley, als Künstler ein "Seher", der die Dinge nicht einfach bloß nachbilde (wie ein Reisereporter), sondern ihr - verborgenes - Wesen durchschaue: "Schaut in die Heilige Schrift! Wie oft beginnen die Reden der Propheten: 'Und ich sah' oder 'Und ich hörte eine Stimme'. Sie waren Seher, und lest nun ihre Worte, so werdet Ihr erkennen, daß sie als Seher Dichter waren." (S. 397)

   Nun ist es heraus, nun wird es noch klarer als im Jenseits-Roman: May versteht sich als Prophet, als - wenn auch fehlbarer und persönlich sündiger (vgl. S. 321) - Vermittler des göttlichen Wortes. Wie das blinde Kind im Ernstthaler Elternhaus und wie der Münedschi im Jenseits-Buch sieht Karl May mit dem 'inneren' Blick. Er scheut sich nicht, an die biblischen Schriften zu erinnern, deren Verfasser ja ebenfalls, 'inspiriert' wie er selbst, in Gesichten und Träumen, in Bildern und Gleichnissen schrieben.

   Ein solches prophetisches Selbstverständnis des Dichters muß keine Blasphemie sein - sofern es keine 'Verbesserung', keine 'Überbietung' der (Christus-) Offenbarung, sondern ihre Vermittlung in einer neuen Sprache und in neuen Bildern intendiert.63 Immerhin: Mays Anspruch könnte größer nicht sein, und an diesem Anspruch wird man seine Bücher von jetzt an zu messen haben.

   Auch Propheten, auch die größten Propheten der Bibel, das sollte man nicht vergessen, sind Sünder vor Gott. Sie müssen selbst, am eigenen Leib, erst erfahren, was sie andern verkünden: Gottes Gnade und Gottes Gericht. Um 'Edles' und nicht nur 'Eitles' zu reden, müssen sie selbst immer wieder 'umkehren' zu Gott.64

   May wußte das wohl. Sein Roman ist die Geschichte einer Krankheit (sprich: Sünde) und ihrer Heilung (sprich: Umkehr). Geheilt wird Sejjid Omar, Charleys arabischer Diener; geheilt wird Sir Raffley, der spleenige Englishman;65 geheilt wird der Governor, der frühere Statthalter von Ceylon. Sie alle werden befreit: von innerer Blindheit, von den Fixierungen ihrer Denkweisen, von religiösen und rassistischen Blickverengungen.

   Geheilt wird vor allem auch Waller, der Missionar aus Amerika. Er leidet an Dysenterie; doch "die Katastrophe war [...] eine geistige." Es brach etwas zusammen, "was, wie ich hoffe, sich niemals wieder erheben wird." (Dr. Tsi, S. 350)

   Daß in Wallers "Wahn", in seiner Krankheit und Rettung der Zusammenbruch Karl Mays in Padang (im November 1899)66 analysiert und umschrieben werden, hat Wollschläger überzeugend dargelegt.67 Zu deutlich sind die Parallelen, als daß die Ähnlichkeit


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Wallers mit Mays bisherigem Vater-Ideal zu bezweifeln wäre. Freilich ist zu berücksichtigen: Die Ich-Derivate Mays öffnen dem Leser immer nur Teilbereiche der Seele des Dichters. Diese Selbstspiegelungen - von Halef und Hobble-Frank, von Old Wabble und Carpio, von Dozorca und Münedschi bis zu den Sander-Söhnen in Winnetou IV58 - sind verfremdet und auf May nie GANZ übertragbar.

   Das gilt auch für Waller. Der Missionar ist bis zur Heilung ein blinder Fanatiker. Er hält sein (mißverstandenes) Christentum für 'allein seligmachend'. Er glaubt allen Ernstes, daß jeder 'Heide' verdammt werde. Er haßt diese Heiden und will ihre Tempel verbrennen. Im wörtlichen Sinne traf das auf May so nie zu. So hat Karl May nie gedacht. Im Gegenteil: Schon der kleine Karl wurde zwar christlich, aber nicht in der 'strengen Richtung' erzogen.69 Die sterile, starre Orthodoxie war ihm immer suspekt. An Johannes Kochta, dem katholischen Katecheten im Zuchthaus zu Waldheim, liebte er das Humane, das 'Herzenschristentum'. Das Dogmatische hat ihm nie so gelegen.70 Nicht nur Ange et Diable, auch die Geographischen Predigten, das ganze Erzählwerk, auch die Kolportageromane weisen, wenn man genauer hinschaut, aufklärerische, allgemein ethische, konfessionell nicht festgelegte Tendenzen auf.71

   Und doch muß man sagen: In Waller geht May mit sich selbst, seinem 'Über-Ich' (dem allmächtigen Vater-Ideal), seiner Großmannssucht, seinem - verdeckten - Minderwertigkeitsgefühl und seiner in mancher Hinsicht problematischen Religiosität ins Gericht: psychologisch noch wesentlich feiner als in den früheren Selbst- (bzw. Vater-) Porträts. Die Beschäftigung mit Waller bringt, so verrät der Ich-Erzähler, "Alles, was in meinem Innern zu ihm in Beziehung stand", ins Bewußtsein (S. 217)!

   Sehen wir uns diesen 'Waller', diesen 'Wallfahrer', diesen 'Pilger' doch an: Er will sich vor Gott 'Verdienste' erwerben (S. 142). Er hält sich selbst für unfehlbar, "und mit solchen Leuten ist schwer umzugehen." (S. 13) Zwar ist er im Grunde ein "ganz guter Mensch"; doch wohnt "ein Dämon in ihm, der ihn selbst um den Frieden" bringt (S. 61). Er ist gespalten in mehrere Wesen (S. 377). Ein "ruheloses Haschen und Jagen" quält seine Seele; er ist "auf der Flucht" (S. 56) vor sich selbst: vor der Liebe, die in ihm "siegen will und doch nicht siegen kann." (S. 59) Der vom "Vater" (S. 342) geerbte Zorn, das Aggressive in ihm, ist zu mächtig.

   Was hat das mit May zu tun, der doch ständig, in allen Büchern, die Liebe verkündet? Sehr viel: denn das Aggressive ist da, nur verdrängt, nur abgespalten in die Verbrecher und Bösewichte! Das Harte, ja Grausame droht: im Ur-Winnetou, gelegentlich - inkonsequent, aber verräterisch - auch im literarischen 'Ich',72 in den Helden des Frühwerks, der Münchmeyerromane, der Reiseerzählungen und der Jugendromane. Und auch der Dichter des Friede-Bands (S. 492ff.) sieht Gründe, das Herrenwort Mt 5, 21-26 auf sich selbst zu beziehen: Niemand soll sich zum Gottesdienst wagen, der sich nicht versöhnt hat mit seinen Gegnern.

   May denkt nach über seine Feinde, vielleicht über Fedor Mamroth, Carl Muth und Hermann Cardauns, über seine geschiedene Frau Emma und die 'Münchmeyerei'. Er denkt nach und - geht nicht in die Kirche. Er darf es nicht tun, denn er nimmt die Schriftstelle wörtlich. Er bleibt zu Hause und sucht schreibend die Versöhnung mit Gott, mit sich selbst und den Menschen.

   Was in Waller sich durchsetzen will, ist die Überwindung von Zorn und Vernichtungswahn. Aber auch die Rechthaberei des OLD SAINT (S. 601),73 sein unfehlbarer "Hyperglaube"74 - der heimliche Schwäche ist, dem es um Dank und Bewunderung geht (S. 439) - soll ersetzt werden durch Liebe: durch echte Liebe zu Gott und den Menschen. Das


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selbst Konstruierte (S. 434), das "künstlich Gemachte", das ungesund Salbungsvolle (S. 95), kurz: das Scheinchristentum soll verschwinden. Waller soll "in Wirklichkeit sein, was er früher nur zum Schein gewesen ist." (S. 437) Er soll das WERDEN, was er früher nicht war: ein CHRIST (S. 401).

   Mit religiöser Brisanz ist Mays Alterswerk geradezu aufgeladen. Die "mitunter penetrante Religiosität der Erzählerfiguren"75 hat die May-Interpreten nicht selten gestört. Man sprach von "Deckungs-Metaphorik", von theologischen Überhöhungen, die psychische Prozesse nur dürftig verschleiern.76 Ist also mit Wallers Gesundung, mit seiner Suche nach Gott nicht eigentlich 'Gott' und nicht das geläuterte 'Christ-sein' gemeint, sondern etwas anderes: nur Psychisches, 'nur' Menschliches?

   An dieser Stelle ist eine grundsätzliche Bemerkung vonnöten.77 Ja, es ist richtig: Innere Verstörungen, nicht aufgearbeitete Seelenkonflikte, Schuldgefühle usw. dringen nach ihrer Abfuhr,78 nach ihrer Lösung. Diese 'Lösung' kann sich verhüllen und kann sich verkleiden - auch ins Sprachspiel der Religion! Wahr ist auch dies: Bestimmte Ängste und Phantasien können verwechselt werden mit 'Gott'. Eine DEFEKTE Religiosität, die den Namen Gottes verfälscht, die das Absolute verengt und verkleinert: zum Überbau über verdrängte Gefühle, zur Projektion von Ängsten und Wünschen - die gibt es und die gibt es nicht selten (bei 'hyperfrommen' Typen besonders). Aber DIESE 'Religion' muß eben geheilt, muß erlöst und gereinigt werden. Eben dies ist ja die eigentliche Thematik der Wallerschen Krise.

   May war Neurotiker. Ein Grund, ihm religiöses und menschliches Reifen nicht zuzutrauen? Was Romano Guardini von der Schwermut sagt, gilt für die Neurose wohl ebenso: Etwas "zu Schmerzliches", etwas "zu tief in die Wurzeln unseres menschlichen Daseins" Hinunterreichendes wird da berührt, als daß es den Psychiatern allein zu überlassen wäre.79 Das Problem Waller-Mays ist psychologisch UND theologisch zu deuten. Die Heilung des Missionars wird durch den Psychiater, den Chinesen Dr. Tsi, ja auch nur begünstigt, nicht aber letztlich bewirkt!

   Wer den Glauben an Gott, an die göttliche Liebe nicht generell - als 'Kollektiv-Neurose' - verwirft, wer in Gott zwar die 'kritische', über des Menschen (selbst konstruierte) Lebensentwürfe 'richtende' Macht, zugleich aber die befreiende ANTWORT auf die Suche nach Heil und Erlösung erkennt, der wird auch im Falle Mays die Rede von Gott, vom 'Vater im Himmel', nicht weginterpretieren.

   Waller soll werden, was er zum Scheine nur war: ein Christ. Kann May sich selbst denn da meinen? Vieles in seinem Leben war Schein: denken wir an 'Doktor Heilig', an 'Wadenbach' usw.; und denken wir an den Hypermenschen Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi! Dem Schein, dem Rollenspiel war May ja lange verfallen. Aber gilt das auch für den religiösen Bereich? War May denn wirklich bis Padang (1899) nur ein Scheinchrist und nach erfolgter 'Bekehrung' ein 'Heiliger'? So einfach liegen die Dinge natürlich nicht. Mays Zusammenbruch auf Sumatra ließ die Krise hervortreten; und die Heilung Wallers ist die Spiegelung dieser Krise im Lichte der Hoffnung.

   Die Mutter Ma(r)ys80 schrieb diese Zeilen: "Zwei Geister streiten sich um Dich, ein guter und ein böser, der eine nur angeblich, der andre wirklich fromm. Heut bist Du wie der eine und morgen wie der andere. Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat!" (S. 130)

   Das heißt aber doch: May bangte um den Sinn seines Lebens, präziser: um die Echtheit seines Glaubens81 und - damit zusammenhängend - die Glaubwürdigkeit seiner Dichtung. Wallers (und wie der Autor wohl fürchtet: der eigene) Glaube war bis zur Heilung nicht echt. Der fromme Dünkel hat ihn "irr gemacht" (S. 400). Er hielt sich selbst für einen


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Missionar und war doch nicht "berufen" (S. 145). Christi Lehre hat er nicht begriffen, und "Christi Geist und Christi Liebe fehlte" ihm (S. 434).


10.3.4.2

Das ewig Weibliche und das 'neue Leben' in Gott


Zwischen Leben und Tod hängend liest Waller Am Jenseits. Vor EI Mizan, der "Wage der Gerechtigkeit",82 sieht er sich stehen, und "grad ihr Anblick ist's gewesen", der vom Wahnsinn ihn befreite (S. 452). Er spricht - zwischen Diesseits und Jenseits83 - mit seiner verstorbenen Frau. An Marys MUTTER findet er Halt: "O, falte mir die Hände jetzt; ich will zum Vater treten. Ich habe sein Gebot verletzt und muß um Gnade beten." (S. 404)

   Der Kranke will zum 'Vater' treten, und eine 'Mutter' wird um Hilfe gerufen! Der autobiographische Hintergrund: Mays Elternbeziehung war wahrscheinlich neurotisch geprägt! Nun könnte man wieder von 'Deck-Sujets' sprechen: 'Gott' sei nur eine Chiffre für Mays zu erlösende Elternbeziehung oder (allgemeiner) für seine Sehnsucht nach Liebe, nach mitmenschlichen Beziehungen überhaupt. Richtig ist dies: Die Eltern sind immer schon mitgemeint, wenn der Dichter von Gottes Liebe spricht. Theologisch zu Recht: Gott IST ja die Liebe (1 Joh 4, 8) - der absolute Grund, der unendliche Horizont aller Liebe -, und die (vom Narzißmus geheilte, sich selbst verschenkende) Gottes- und Menschenliebe kann nicht geteilt und gespalten werden (vgl. Mt 22, 37ff.).

   In der Einheit der Liebe zu Christus und einer Frau hat der Seher des Paradieses das 'Neue Leben' erkannt. Was für Dante Beatrice, ist für Waller die verstorbene Gattin. Die in Old Surehand III (auch in den frühen Dorfgeschichten, auch in den Kolportageromanen) schon spürbare Entwicklung erreicht einen Höhepunkt: Die 'Mutter', die 'Frau', das "ewig Weibliche" (S. 238) hat Mays lange vom Vater-Ideal beherrschtes Fühlen verändert.84 An sich selbst hat der Dichter erfahren, "welchen segensreichen Einfluß" das Feminine, "diese größte Macht der Erde, auf unsere sogenannten 'männlichen' Schwächen und Härten hat" (S. 238).

   Mays Roman ist die Geschichte einer Krankheit und ihrer Heilung. Die kranke, die "böse Macht" in Waller ist maskulin, ist "etwas Männliches, Tyrannisches und über alle Maßen Rücksichtsloses!" (S. 342) May ist jetzt Psychologe genug, um klarer als früher zu erkennen: Die Heldenpose, das übersteigert Männliche ist - ein Wahn! In Friede wird es sehr deutlich: Eine nur von Männern geführte Welt wäre tödlich. Das Heilende, das Rettende trägt immer auch weibliche Züge: Mary, deren Mutter und die Künstlerin Yin ('Güte')85 lösen die Verhärtungen ihrer Väter und die Verkrampfungen ihrer Männer.

   Auch in Ma(r)y gibt es den Konflikt zweier Mächte: Die eine will sie zwingen, den Vater "zu verurteilen, ihn für schuldig zu halten". Die andere versichert ihr, "daß er freizusprechen sei" (S. 344f.). Ganz klar - in der Gestalt Wallers sucht May auch die Lösung des alten Problems, mit dem er nie 'fertig' wird: der Vaterbeziehung. Heinrich May, der seine Kindheit verdorben, der Fehlentwicklungen mit-verschuldet hat, will er nicht hassen. "Rechtfertigung des Vaters! Freisprechung von seiner Schuld!" (S. 345) - ein unerschöpfliches Thema Karl Mays.86

   Als Vater macht Waller eine schlechte Figur. Die Tochter muß die Rolle der Mutter übernehmen. Warum? Wallers Rettung geht die 'Umkehr' zum KIND voraus (S. 408ff.). Auf das Schriftwort "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr Gottes Reich nicht erlangen" (Mk 10, 15) bezieht sich der Autor mit Nachdruck. Eine NUR psychologische Deutung der 'Kindwerdung' Wallers und Mays: als Regression, als infantile Neurose, als Flucht in den Schutz der Mutter usw.87 würde der Intention des Romans nicht gerecht


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werden. Das 'Kindsein' meint - theologisch - die Verwiesenheit des Menschen auf Gnade und die Anerkennung dieser Verwiesenheit auch durch den Erwachsenen. Der Selbstheilung, so nötig sie ist, muß eine Wirkung von 'außen', ein göttliches Handeln vorausgehen! So sieht es die Bibel. Und so sieht es May. Denn er denkt eben biblisch.

   Etwa gleichzeitig mit dem Bekanntwerden der Freudschen Theorien verstand er schon viel von der Tiefenpsychologie und ihren therapeutischen Möglichkeiten. Aber Karl May verband, im Gegensatz zu Freud, die Psychologie mit dem Daseinsverständnis der Religion: Der Glaube an Gott soll die Kräfte der Selbstheilung nicht ersetzen oder blockieren; doch ohne - vielleicht unbewußtes - Vertrauen auf Gott ist die Selbsttherapie gar nicht möglich. Denn Gottes Gnade und menschliches Tun konkurrieren nicht miteinander, sondern gehören zusammen. Die Leugnung Gottes, die diesen Zusammenhang ignoriert, vertraut nur dem Menschen; und der "Ueberglaube" will - umgekehrt - "Alles nur Gott, nichts aber der Arbeit an sich selbst verdanken" (S. 439)!

   Beides, Unglaube und 'Überglaube', ist in Mays Augen verkehrt. Er glaubte an Gottes Führung und arbeitete an sich selbst, solange er lebte. Nicht zuletzt darin liegt seine Bedeutung und seine Größe.

   Wallers Heilung beschreibt der Dichter als eine Art Neuschöpfung: Die alte "Rüstung", die frühere 'Anima', "ist repariert worden, und zwar von Grund aus" (S. 556); ein neuer, "vollständig anderer" Geist hat sie ergriffen (S. 423). Das hat nichts mit Spiritismus, auch nichts mit 'Seelenwanderung',88 mit 'Wiederverkörperung' nach dem Tode zu tun.89 Nein, 'wiedergeboren' wird Waller im Sinne der Verkündigung Jesu (Joh 3, 5): Der bisherige Scheinchrist ist umgekehrt zur gekreuzigten Liebe (S. 444). Deshalb ist Waller jetzt "gesünder" denn je (S. 557), und sein Leben ist "vollständig neugeschenkt" (S. 558). Denn "wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung" (2 Kor 5, 17).

   Die Identität Wallers vor und nach der Genesung wird nicht in Frage gestellt; der 'eigentliche' Waller wird ja geboren. In Waller spiegelt sich May - der Dichter, ganz neu und dennoch er selbst. Eine Wunsch-Projektion Karl Mays? Die Selbsttäuschung eines vermeintlich Geheilten? Wohl kaum. Denn Waller bleibt ja gefährdet: "Noch ist er nicht ganz frei" (S. 632) - bis sein 'alter Geist' in Dilke, den 'Anti-Waller',90 gefahren und damit, mit dessen Untergang, verschwunden ist.91

   Hielt sich May für "vollständig" geheilt im Sinne von Wallers Befreiung? Durchaus nicht! Die Rettung Wallers ist für May ein Hoffnungsbild, eine Vision, nicht weniger und nicht mehr. May kannte seine Bedrohtheit, er wußte um seine Abgründe: "Wir sind Sünder, wir Alle, Alle, ohne Ausnahme, und keines Ruhmes wert." (S. 321)

   In den Friede-Roman hat der Schriftsteller die, später ins 'Märchen von Sitara' umgeformte, 'Sage vom verlorenen Paradies' eingeflochten. "Satanas" spricht - in dieser Sage - zum "Menschengeist":


"Wohlan, du wirst nun unter Teufeln sein, denn meine Hölle und dein Menschenreich, das ist von heute an für dich dasselbe. Als Teufel werden diese Menschen an dir handeln, [...] und tausend Teufel sollen in deinem eigenen Innern wohnen, mit denen du zu kämpfen hast bei Tag und Nacht [...]" (S.583)


   Wir kennen dieses Motiv: EI Aschdar, der Drache!92 Der Verfasser denkt nach über die Sage. Er hat die Empfindung, als sei er selbst dieser 'Menschengeist' und auch selbst dazu verdammt, "die Erde nun für die Hölle und die Menschen für Teufel zu halten" (S. 585)!

   An seine Pressefeinde, an die Prozeßgegner wird May da gedacht haben. Daß der Dichter sich verletzt und verschmäht fühlte, muß man verstehen. Dennoch - kann 'erlöst' und


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'befreit' sein, wer seine Widersacher (literarisch) 'verteufeln muß? Kann sich selbst noch bejahen, wer "tausend Teufel" (S. 583) in sich spürt?

   Es erscheint, so Rudolf Beissel zu Recht,


wie eine bittere Ironie des Schicksals, daß der Autor nie das Bild seiner Wunschträume erreicht hat. Er war in seiner Jugend nie der kämpferische Abenteurer, und an seinem Lebensabend blieb ihm selber der Frieden auf Erden versagt. Aber vielleicht war gerade diese Schwäche seine Stärke und befähigte ihn aus unerfüllter Sehnsucht so zu schreiben, wie er schrieb.93


   May bewegte sich selbst noch "im Niedrigen".94 Der Kampf gegen den "alten Adam, den man ablegen soll, damit ein neuer, gerechterer und besserer an seine Stelle trete",95 war noch längst nicht beendet.

   Daß er ein Werdender war und kein Vollendeter, wußte May schon. Im März 1902 schrieb er an Sophie von Boynburg (Graz):


Ich bin keineswegs der große, edle Mann, der mir aus Ihrem Briefe ernst entgegenschaut. Ja, ich möchte so gern rein und edel sein. Ich gebe mir alle Mühe, es zu werden. Aber wie ist das doch so schwer, so schwer! Wer es wirklich ernst mit seiner irdischen Läuterung meint, der hat fast täglich, stündlich zu entdecken, daß er sich nur mit des Himmels Hülfe von dem Staub der Erde befreien kann. Wohl dann ihm, wenn er an diesen Himmel glaubt [...]96


   Solche und ähnliche Bekenntnisse - bis zum Tode des Dichters - sind realistisch. Sie ehren Karl May.


Anmerkungen


1Vgl. Hainer Plaul: Illustrierte Karl May Bibliographie. Unter Mitwirkung von Gerhard Klußmeier. München, London, New York, Paris 1989, S. 245ff.
2Karl May: Et in terra pax. In: China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. 3. Teil (l. Abschnitt). Hrsg. von Joseph Kürschner. Leipzig 1901; Reprint: Karl May: Et in terra pax und Und Friede auf Erden. Bamberg, Braunschweig 1976.
3Die folgenden Ausführungen entsprechen, erweitert und neu überarbeitet, Hermann Wohlgschaft: 'Und Friede auf Erden!' Eine theologische Interpretation. In: JbKMG 1989, S. 101-145 (S. 101-112).
4Vgl. Erich Heinemann: Ijar und Yussuf el Kürkdschü. Joseph Kürschner, Karl May und der Deutsche Literaturkalender. In: JbKMG 1976, S. 191-206 (S. 200). - Zu Mays - autodidaktischen - Chinesisch-Kenntnissen vgl. Walter Schinzel-Lang: Fundierte Kenntnisse oder phantasievolle Ahnungslosigkeit? Die Verwendung der chinesischen Sprache durch Karl May. In: JbKMG 1991, S. 287-323.
5Vgl. oben, S. 179 u. 206f.
6Näheres bei Ekkehard Bartsch: 'Und Friede auf Erden!' Entstehung und Geschichte. In: JbKMG 1972/73, S. 93-122 (S. 96ff.); vgl. auch Thomas Ostwald: Nachwort (zum Reprint Et in terra pax, wie Anm. 2). - Zum politischen Hintergrund vgl. auch Peter Krauskopf: Die Heldenrevision in Karl Mays Reiseerzählung 'Und Friede auf Erden' als Kritik am wilhelminischen Imperialismus II. In: MKMG 72 (1987), S. 6f. - Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 292-295 - Ulrich Schmid: Das Werk Karl Mays 1895-1905. Erzählstrukturen und editorischer Befund. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 12. Ubstadt 1989, S. 175ff.
7Sammelwerk China, wie Anm. 2, Sp. 196ff.; zit. nach U. Schmid, wie Anm. 6, S. 278 (Anm. 65).
8Dieser Mahnruf des Kaisers zierte das Frontispiz-Bild des Sammelwerkes China (wie Anm. 2)!
9Gotthelf Hoffmann-Kutschke: Der alte Kutschke an seine Kameraden in China; zit. nach Bartsch, wie Anm. 6, S. 103.
10Nach Bartsch: Ebd., S. 101.
11Verfasser (Hainer Plaul)-Zitat in: Hermann Zieger - Joseph Kürschner: Briefe über Karl Mays Roman 'Et in terra pax'. In: JbKMG 1983, S. 146-196 (S. 160).
12Claus Roxin: Karl May, das Strafrecht und die Literatur. In: JbKMG 1978, S. 9-36 (S. 31).


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13Alle Seitenangaben in () beziehen sich im folgenden auf Karl May: Und Friede auf Erden! Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXX. Freiburg 1904.
14Wie Anm. 11, S. 167.
15Vgl. ebd., S. 149f. - U. Schmid, wie Anm. 6, S. 174.
16U. Schmid: Ebd., S. 175.
17Vgl. unten, S. 525.
18Karl May im Brief vom 17.12.1900 an Fehsenfeld; zit. nach U. Schmid, wie Anm. 6, S. 171.
19U. Schmid: Ebd., S. 173.
20Zit. nach ebd.
21Daß der ganze Pax-Roman, wie Max Finke (KMJB 1923. Radebeul 1922, S. 19f.) glaubte, im Herbst 1901 auf dem Rigi entstanden sei, ist durch Bartsch, wie Anm. 6, S. 102ff., widerlegt. - Nach Plaul, wie Anm. 11, S. 180, und Roland Schmid: Nachwort (zu Und Friede auf Erden!). In: Karl May: Freiburger Erstausgaben, Bd. XXVIII. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1984, N 13-28 (14), wurden die letzten Seiten der Pax-Fassung allerdings doch im September 1901 auf dem Rigi geschrieben.
22Vgl. Plaul, wie Anm. 11, S. 167.
23Vgl. R. Schmid: Nachwort, wie Anm. 21, N 18.
24Vgl. oben, S. 396.
25Dazu Hansotto Hatzig: Et in terra pax - Und Friede auf Erden. Karl Mays Textvarianten. In: JbKMG 1972/73, S. 144-170.
26U. Schmid, wie Anm. 6, S. 174.
27Ebd.
28Vgl. Martin Lowsky: Karl May. Stuttgart 1987, S. 111.
29Gernot Grumbach: Das Alterswerk Karl Mays. Ausdruck einer persönlichen Krise. SKMG Nr. 32 (1981), S. 32.
30May bezieht sich auf seine Sage von der Taucherinsel Ti, die in der Pax-Fassung noch fehlt.
31Claus Roxin: Das dritte Jahrbuch. In: JbKMG 1972/73, S. 8.
32Hans Wollschläger: "Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt". Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: JbKMG 1972/73, S. 11-92 (S. 82).
33U. Schmid, wie Anm. 6, S. 180-188.
34Ebd., S. 180.
35Ebd., S. 187.
36Vgl. ebd., S. 174 - Martin Schenkel: (Werkartikel zu) Und Friede auf Erden! In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 301-308 (S. 302).
37Nach Wolf-Dieter Bach: Sich einen Namen machen. In: JbKMG 1975, S. 34-72 (S. 36f.), ist in John Raffley auch David Lindsay, der englische Lord früherer Erzählungen, sozusagen 'aufgehoben'. - Vgl. Schenkel: Werkartikel, wie Anm. 36, S. 306: "Die Fiktionsironie, [...] das Auftreten Sir John Raffleys, einer Romanfigur aus der frühen Erzählung 'Der Girl-Robber', und die zweifache Charakterisierung, die wörtliche Übernahme aus dem älteren Text im Kontrast zur neuen Darstellung dieser Figur, gehört zu den Passagen, die den Übergang zum Alterswerk poetisch vermitteln".
38Martin Schenkel: Ecce homo! Zum heilsgeschichtlichen Friedensmythos in Karl Mays Reiseerzählung "Und Friede auf Erden!". In: Karl May. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Sonderband Text + Kritik. München 1987, S. 191-221.
39Ebd., S. 201.
40Ebd., S. 219.
41Karl May in einem Brief vom 17.10.1903 an Fehsenfeld; zit. nach R. Schmid: Nachwort, wie Anm. 21, N 18.
42Nach Schenkel: Werkartikel, wie Anm. 36, S. 304.
43Ebd., S. 305.
44Schenkel: Ecce homo, wie Anm. 38, S. 215.
45Vgl. Erwin Koppen: Karl May in China. In: JbKMG 1986, S. 69-88 - Schenkel: Werkartikel, wie Anm. 36, S. 302 - Bernhard Kosciuszko: Illusion oder Information? China im Werk Karl Mays. In: JbKMG 1988, S. 322-340; Fortsetzung im JbKMG 1989, S. 146-177.
46Schenkel: Werkartikel, wie Anm. 36, S. 302.


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47Heribert Wahl: Heilige Nacht. In: Der Prediger und Katechet. Praktische katholische Zeitschrift für die Verkündigung des Glaubens. 129. Jg. München 1990, S. 41-44 (S. 42).
48Karl May: Meine Beichte (1908). In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 34 "Ich". Bamberg 361976, S. 15-20 (S. 18).
49Vgl. oben, S. 352f.
50Zit. nach Gerhard Klußmeier - Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern. Hildesheim, New York 1978, S. 231.
51Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 36, S. 62-123 (S. 115).
52Nach Hansotto Hatzig: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Beiträge zur Karl-May-Forschung 2. Bamberg 1967, S. 36.
53Vgl. unten, S. 479ff.
54Aus dem Tagebuch-Eintrag Klara Mays vom 8.3.1904; zit. nach U. Schmid, wie Anm. 6, S. 182.
55Vgl. Klußmeier - Plaul, wie Anm. 50, S. 231.
56Vgl. unten, S. 612ff.
57Zu Mays Einsicht in tiefenpsychologische Zusammenhänge vgl. Udo Kittler: Auf der Suche nach der Seele des Menschen. In: Beiträge pädagogischer Arbeit. 26. Jg. 1982, S. 67-95 (S. 79) - Ders.: Karl May auf der Couch? Die Suche nach der Seele des Menschen. Eine literaturpsychologische Studie zur Rezeption der "Lehre vom Unbewußten" im Spätwerk Karl Mays. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 9. Ubstadt 1985, S. 67-137.
58Vgl. Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese Bd. I. Die Wahrheit der Formen. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende. Olten, Freiburg 41987, S. 116ff.
59Vgl. auch Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen IV, Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXIX. Freiburg 1903, S. 70f.: "Da stieg in mir ein heißes Wallen auf Von heute an werde ich im 'hohen Hause' schreiben - - - ganz anders als bisher."
60Vgl. Karl May: Am Jenseits. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXV. Freiburg 1899, S. 303 (und viele andere Stellen im Gesamtwerk Karl Mays).
61Vgl. unten, S. 624ff. u. 635ff.
62Fehlt in der Pax-Fassung.
63Vgl. Karl Rahner: Priester und Dichter. In: Ders.: Schriften zur Theologie III. Einsiedeln, Zürich, Köln 61964, S. 349-375.
64Vgl. Rudolf Kilian: Ich bringe Leben in euch. Propheten sprechen uns an. Stuttgart 1975, S. 47ff.
65Wie Anm. 37.
66Vgl. oben, S. 380.
67Vgl. Wollschläger, wie Anm. 32, S. 62ff. - Grumbach, wie Anm. 29, S. 32ff.
68Vgl. - zu den Sander-Söhnen - unten, S. 568.
69Vgl. Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 64f.
70Dies schließt freilich nicht aus, daß Mays 'Botschaft' (auch im Alterswerk) in wesentlichen Punkten 'korrekt' ist im Sinne der christlichen Theologie. - Zum (theoretischen) Mißverhältnis Mays zum dogmatischen Denken vgl. Ernst Seybold: Aspekte christlichen Glaubens bei Karl May. SKMG Nr. 55 (1985), S. 31ff. - Ders: Anmerkungen zu Paul Rentschka: Karl Mays Selbstenthüllung. In: JbKMG 1987, S. 150-159 (S. 155f., Anm. 39).
71Vgl. Heinz Stolte: Auf den Spuren Nathans des Weisen. Zur Rezeption der Toleranzidee Lessings bei Karl May. In: JbKMG 1977, S. 17-57 - Ekkehard Koch: "Jedes irdische Geschöpf hat eine Berechtigung zu sein und zu leben". Zum Verhältnis von Karl May und Johann Gottfried Herder. In: JbKMG 1981, S. 166-206.
72Vgl. Viktor Böhm: Karl May und das Geheimnis seines Erfolges. Gütersloh 21979, S. 92.
73Nach Wollschläger, wie Anm. 32, S. 78, könnte "Old Saint" die geschrumpfte Phonemgruppe des Namens 'Old Shatterhand' sein.
74Gerade auch dieser (Freudsche) Terminus zeigt die Beeinflussung Mays durch die Tiefenpsychologie. - Vgl. Kittler: Auf der Suche, wie Anm. 57, S. 71.
75Gert Ueding: Der Traum des Gefangenen. Geschichte und Geschichten im Werk Karl Mays. In: JbKMG 1978, S. 60-86 (S. 74).
76Vgl. Wollschläger, wie Anm. 32, S. 65 u. 69 - Claus Roxin: "Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand". Zum Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen. In: JbKMG


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1974, S. 15-73 (S. 60, mit Bezug auf "Zermalmungsszenen" in den späten Reiseerzählungen und manchen 'Marienkalendergeschichten').
77Vgl. auch Seybold: Aspekte, wie Anm. 70, S. 21f.
78Vgl. Wollschläger, wie Anm. 32, S. 43.
79Romano Guardini: Vom Sinn der Schwermut. Zürich 1949, S. 7.
80MAYS Mutter ist gemeint! Wollschläger, wie Anm. 32, S. 63ff., hat dies plausibel begründet.
81Mays (spirituelle) Selbstkritik, sein Hinterfragen des eigenen Christseins, wird noch deutlicher im Silberlöwen IV, im Nachtgespräch des Ustad mit Kara Ben Nemsi, artikuliert. - Vgl. unten, S. 446ff.
82Vgl. unten, S. 602ff.
83Zur Eigenart dieses 'Zwischenzustandes' vgl. unten, S. 601f.
84Nach Günter Scholdt: Vom armen alten May. Bemerkungen zu 'Winnetou IV' und der psychischen Verfassung seines Autors. In: JbKMG 1985, S. 102-151 (S. 144), hat sich May "zum Weiblichen" gewandt, "weil vom männlichen Prinzip" - angesichts der Presseangriffe auf den Dichter - "nichts zu erwarten war, alles aber von Verständnis, Nachsicht und mütterlicher Milde". Diese Erklärung dürfte unzureichend sein, zumal die Hinwendung Mays zum 'mütterlichen Prinzip' längst VOR dem Verlust seines Renommees schon vorgezeichnet war.
85'Yin' ist in der altchinesischen Weltlehre das Prinzip des Weichen und des Weiblichen schlechthin. - Nach Walter Schönthal: Christliche Religion und Weltreligionen in Karl Mays Leben und Werk. SKMG Nr. 5 (1976), S. 19, hat May aus dem ursprünglich 'dunklen' und 'kalten' Prinzip das warme und edle Prinzip gemacht.
86Vgl. Scholdt, wie Anm. 84, S. 102-151.
87Vgl. Wolf-Dieter Bach: Fluchtlandschaften. In: JbKMG 1971, S. 39-73 (S. 48) - Wollschläger, wie Anm. 32, S. 70. - Zur 'Regression' vgl. auch unten, S. 715.
88Amand von Ozoróczy: Karl May und der Friede. In: KMJB 1928. Radebeul 1928, S. 29-114 (S. 86f.), meinte, der Friede-Roman liebäugle "ein bißchen mit dem Prinzip der Seelenwanderung"; Koch, wie Anm. 71, S. 167, übernimmt das ungeprüft.
89Die Sage von der Taucherinsel Ti (S. 424ff.; in der Pax-Fassung nicht enthalten) könnte - isoliert betrachtet - zwar so verstanden werden; der Kontext des Romans schließt eine solche Deutung jedoch aus. Denkbar wäre, daß May - fernöstlichen Religionen entstammende - Texte, die tatsächlich eine 'Seelenwanderung' voraussetzen (wie z.B. der 2. Gesang des heiligen Buches Bhagavadgita, wo die Seele "alte Leiber mit den neuen tauscht"), gekannt oder von ihnen gehört und sie dann umgeformt hat. - Nach Wollschläger, wie Anm. 32, S. 60f., nimmt die Parabel von der 'Taucherinsel' Wilhelm Reichs Lehre von der 'Charakter-Panzerung' in gewisser Weise vorweg; Kittler: Auf der Suche, wie Anm. 57, S. 71, sieht Freuds 'Instanzenlehre' in dieser Parabel.
90So hat es May im Grunde immer gemacht: Die negativen Züge seiner selbst (bzw. des Vaters) werden auf verschiedene Romanfiguren - die Bösewichte - übertragen. Doch die Variante Waller-Dilke ist literarisch besonders eindrucksvoll.
91Zur Deutung vgl. Wollschläger, wie Anm. 32, S. 79ff.; zum realen historischen Vorbild Dilkes vgl. Bach: Sich einen Namen machen, wie Anm. 37, S. 34f.
92Vgl. oben, S. 361f.
93Rudolf Beissel: Von Atala bis Winnetou. Bamberg, Braunschweig 1978, S. 270; zit. nach Friedhelm Munzel: Auf der Suche nach dem Frieden unter den Menschen. Karl Mays Sehnsucht nach dem Frieden als Stärkung für erzieherisches Bemühen um den Frieden heute. In: Beiträge pädagogischer Arbeit, wie Anm. 57, S. 48-66 (S. 49).
94May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 69, S. 302.
95Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen III. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXVIII. Freiburg 1902, S. 113.
96Karl May: "... daß ja diese Ewigkeit auch unsere Zeit umschließt" (Brief vom 21.3.1902 an Sophie von Boynburg, Graz). In: MKMG 56 (1983), S. 19f. (S. 19).




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Sekundärliteratur


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