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Die Herkunft: von unten


Der Sohn des Webers stammte - wie der Sohn des Zimmermanns - aus Ardistan, dem 'Tiefland' der Not und der Erdenqual. Seine Herkunft ist proletarisch: von ganz 'unten', weit unterhalb des Kleinbürgertums.1

   Doch die Legende, die in diesem Fall von der Forschung bestätigt wird, wußte 'Bethlehem'2 zu erhöhen: "Es ging die Sage, daß es in der Familie, als sie noch wohlhabend war, Geistliche, Gelehrte und weitgereiste Herren gegeben habe" (S. 21).3

   Unter den Vorfahren Karl Mays, genauer der 'Märchengroßmutter' Mays, ermittelte Hainer Plaul4 eine Reihe von Theologen, von evangelisch-lutherischen Geistlichen: den Freiberger Amtsprediger Johann Niederstetter (1526-1574), der noch die Vorlesungen Martin Luthers in Wittenberg gehört hatte; Johann Niederstetters Sohn, den Dresdener Hofprediger Michael Niederstetter (1562-1613), der mehrere Erbauungsschriften verfaßte; schließlich den Diakon, den Hilfsgeistlichen Gottfried Dexelius (1658-1707), der ein Enkel des Pfarrers Gottfried Dexel und der Bruder einer vierten Urgroßmutter Karl Mays war und ebenfalls literarisch hervortrat: als theologischer Schriftsteller, als christgläubiger und unterhaltsam erzählender Interpret des 'theatrum mundi'.

   Nach ihren gedruckten Werken5 zu schließen, waren diese Ahnen nicht die Geringsten unter den Gottesverkündern. Hat May sie 'beerbt'? Es ist "gut möglich, daß die erzählerischen, religiösen und didaktischen Neigungen Mays ihm aus diesem Zweig der Familie überkommen sind."6

   Ein fernes Geschlecht von Priestern und Weisen! Ihr Nachkomme wurde hinuntergeschleudert ins 'Ernstthal' der Tränen. Mays Voreltern sind Handwerker und kleine Bauern gewesen. Die Urgroßväter und Großväter waren, wie der Vater, verachtete Heimweber.

   Am 25. Februar 1842, um 22 Uhr, erblickte Karl Friedrich May in Ernstthal, einem seit 1898 mit dem benachbarten Hohenstein - Hohenstein-Ernstthal von jetzt an - vereinigten Städtchen am Rande des Erzgebirges (zwischen Chemnitz und Zwickau), das Dunkel der Welt. Durch die Taufe wurde er Christ und Lutheraner, was er trotz - oder wegen - seiner späteren Nähe zur kritischen und offenen Katholizität immer geblieben ist.

   Ernstthal wurde im Anschluß an eine Pestseuche des Jahres 1679 gegründet und hatte um 1840 ca. 2700 Bewohner. Bis 1878 gehörte es zu den 'Schönburgischen Lehns- und Rezeßherrschaften', einem halbsouveränen Gebiet des sächsischen Staatswesens. Nicht zuletzt wegen der Unterdrückung durch die Feudalherren war die wirtschaftliche Lage seit dem 18. Jahrhundert als katastrophal zu bezeichnen.7

   Der Großteil der Bevölkerung hatte vom Textilgewerbe zu leben. Die von Napoleon im Jahre 1806 verhängte Kontinentalsperre verschloß den englischen Textilwaren den Weg nach Deutschland und bewirkte eine vorübergehende Verbesserung der Lebensverhältnisse der Ernstthaler Heimweber. Doch die Aufhebung der Blockade in den Jahren 1812/13 warf die Manufakturen der Weber in die Existenznot zurück. Die neue Importflut englischer Tuche, der Beginn der Industrialisierung und die Ausbeutung der Ärmsten durch gewissenlose Unternehmer führten zum Elend der Massen.

   Vier von fünf Erwerbstätigen verdienten "etwa ein Drittel von dem, was als Existenzminimum gilt."8 Ein rebellisches Klima entstand, das auch die Ernstthaler erfaßte. Nach


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Abb. 1: Karl Mays Geburtshaus in Ernstthal, um 1910.


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Abb. 2:Neumarkt in Ernstthal, 1842; von links. Wohnhaus der Familie May nach 1845 (nur teilweise sichtbar), Gasthaus "Stadt Glauchau", Wohnhaus von Johanne Christiane Fechner (später im Besitz von Karl Mays Schwager Selbmann), Kantorat, Pfarrhaus, rechts die Kirche St. Trinitatis.


Abb. 3:Altmarkt in Hohenstein, dahinter Kirche St. Christophori, links das Pollmer-Haus.


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der Revolution (1848) wurde im Februar 1849 ein linksdemokratischer Vaterlandsverein gegründet, dem auch Mays Vater sich anschloß.

   Des Schriftstellers Kindheit ist von bitterster Armut gezeichnet. Seine Geburtsstätte war "ein Modellpunkt des sozialen Elends der Zeit"9, wie er selbst es im Roman Der verlorene Sohn (1883-85) und wie es Gerhart Hauptmann im Drama Die Weber (1892) so drastisch geschildert haben.

   Karl war das fünfte von vierzehn Kindern. Infolge von Unterernährung und mangelnder Hygiene starben neun der Geschwister im Alter von wenigen Monaten. Mit den Eltern, den beiden Großmüttern, einer älteren und drei jüngeren Schwestern lebte Karl in primitivsten Verhältnissen: als "Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers." (S. 8)

   Die beiden Großväter sind tödlich verunglückt laut May. Nach dem Begräbnisbuch St. Christophori (Hohenstein-Ernstthal) verhielt es sich anders: Christian Friedrich May10 ist "des Nachts", am 4.2.1818, wegen "unordentlicher Lebensart" zugrundegegangen. Christian Friedrich Weise, der Großvater mütterlicherseits, hat sich am 20.6.1832 im Keller des Nachbarn erhängt. "Ursache der Selbstentleibung: Trunkenheit und Verzweiflung"!11

   Christiane Friederike Weise (1788-1851), eine der Großmütter, war Putzfrau. Johanne Christiane Vogel verw. May geb. Kretzschmar (1780-1865), die von Karl so geliebte, in Ernstthal geborene Großmutter väterlicherseits, empfing Almosen aus der städtischen Armenkasse.

   Die Mutter hatte im Jahre 1837 eine kleine Erbschaft gemacht: Karls Geburtshaus in der Niedergasse 111 - später Nr. 122, dann Bahnstraße 27, heute Karl-May-Straße 54 - und ein wenig Bargeld, das der Vater in sinnlosen Unternehmungen verschleuderte. Am 15. April 1845 mußten die Mays ihr Häuschen12 verkaufen. Sie zogen zur Miete in das Haus des Webermeisters Selbmann am Markt Nr. 185.

   Ein erstes Fazit: Karl May kam von 'unten'. Als Weber gehörten die Vorfahren zur niedrigsten Schicht der Gesellschaft. Nicht ausschließlich, aber vorwiegend schrieb May für die Leiden und Träume der Unterschicht,13 mit der er immer, auch noch im Aufstieg, verbunden blieb. Schon von daher ist vorgezeichnet: Vom Standpunkt des 'oberschichtlichen' Kunstverstandes kann man seine Schriften nur teilweise bewerten. Karl May ist mit den Augen der Armen zu lesen, die nach Befreiung und Würde, nach Anerkennung und Liebe, nach der 'Neuen Schöpfung' verlangen.

   Die Guten, die Sympathischen, sind bei May fast immer auch mächtig und stark. Und die Botschaft vom Kreuz? Die 'Ohnmacht' der Liebe? Die Katastrophe von Golgatha? Haben Old Shatterhand und die Superhelden des Mayschen Erzählwerks nur die 'Kraft' des Messias, nicht aber die 'Schwäche' des Gottesknechts imitiert und repräsentiert?14 Man täusche sich nicht: Mays 'eigentliches' Thema ist das Leiden der Ärmsten. Den "Schrei" seiner Märchen und Gleichnisse verstehen "nie die Mächtigen, die Reichen, die Sieger, sondern nur die Schwachen, die Armen, die Unterdrückten und Geknechteten, die händeringend und hilfeflehend in stiller Kammer beten, daß Gott der Herr sie von ihrem Leid, von ihrer Qual erlöse."15



Anmerkungen


1Näheres bei Hainer Plaul: Der Sohn des Webers. Über Karl Mays erste Kindheitsjahre 1842-1848. In: JbKMG 1979, S. 12-98.
2Zur psychologisch-theologischen Bedeutung Bethlehems vgl. Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese, Bd. 1. Die Wahrheit der Formen. Olten, Freiburg 41987, S. 518ff.


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3Seitenangaben in () beziehen sich auf Karl May: Mein Leben und Streben (1910). Hrsg. von H. Plaul. Hildesheim, New York 21982.
4Hainer Plaul: Ererbte Imagination. Über drei schriftstellernde Stammverwandte Karl Mays.In: JbKMG 1981, S. 227-261.
5Vgl. die Besprechungen bei Plaul: Imagination, wie Anm. 4, S. 229ff.
6Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123 (S. 65).
7Mehr bei H. Plaul: Sohn des Webers, wie Anm. 1. - Vgl. auch Heinrich Pleticha: Deutschland zwischen Vormärz und Erstem Weltkrieg. In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 6, S. 1-10.
8Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 30.
9Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 14.
10Christian Friedrich May (1779-1818) war wohl nicht der leibliche Großvater Mays; Heinrich May, Karls Vater, war sehr wahrscheinlich ein uneheliches Kind der 'Märchengroßmutter'. - Vgl. das folgende Kapitel.
11Zit. nach H. Plaul (Hrsg.): Karl May, wie Anm. 3, S. 325 (Anm. 1).
12Mays Geburtshaus steht noch heute und ist seit 1985 Museum.
13Vgl. Heinz Stolte: Der Volksschriftsteller Karl May. Bamberg 1979, S. Vff. (Vorwort zur 2. Auflage der Diss. 1936).
14Vgl. Gert Ueding: Die Rückkehr des Fremden. Spuren der anderen Welt in Karl Mays Werk. In: JbKMG 1982, S. 15-39 (S. 36f.).
15Karl May: Ardistan und Dschinnistan I. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXXI. Freiburg 1909, S. 216.




Inhaltsverzeichnis


Sekundärliteratur


Titelseite KMG