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Die Kindheit: Bitterste Armut und finstere Nacht, verklärende Traumwelt und religiöses Verlangen


In die Armut, in äußeres Elend, in seelische Niederungen wurde Karl hineingeboren. "Es waren damals schlimme Zeiten, zumal für die armen Bewohner jener Gegend, in der meine Heimat liegt [...] Arbeitslosigkeit, Mißwachs, Teuerung und Revolution, diese vier Worte erklären alles." (S. 39)1

   Die von May sehr packend und - im wesentlichen - zutreffend geschilderte Not war groß:


Es mangelte uns an fast Allem, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Wir baten uns von unserm Nachbarn, dem Gastwirt "Zur Stadt Glauchau", des Mittags die Kartoffelschalen aus, um die wenigen Brocken, die vielleicht noch daran hingen, zu einer Hungersuppe zu verwenden [...] Wir pflückten von den Schutthaufen Melde, von den Rainen Otterzungen und von den Zäunen wilden Lattich, um das zu kochen und mit ihm den Magen zu füllen. (S. 39f.)


   Kurz nach der Geburt ist Karl erblindet,2 vielleicht infolge der schlechten Ernährung, vielleicht nach einer Erkältung, nach einer - durch die hygienischen Verhältnisse bedingten - Infektion3 oder nach falscher medizinischer Behandlung: Unfähige Ärzte pfuschten, so May in Mein Leben und Streben (S. 16), an dem Kinde herum. Über vier Jahre siechte es hin, war kränklich und schwach.

   Das Kind mußte lernen, mit anderen Augen zu sehen, den Augen des Inneren, der Seele, der Einbildungskraft. Mays sicher angeborene Phantasie wird durch die Blindheit verstärkt worden sein:


Ich sah nichts [...] Wie ein Mensch, ein Hund, ein Tisch aussieht, das wußte ich nicht; ich konnte mir nur innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war seelisch [...] Es gab für mich nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben, auch als ich sehen gelernt hatte [...] Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern. (S. 31)


   Mays Dasein begann schon als Wachtraum. Das förderte, so Otto Forst-Battaglia, "dichterische Möglichkeiten";4 aber es warf "den Werdenden von vornherein aus einer nüchternen Alltagsbahn."

   Einbildung und Realität, Wunschbilder und äußere Fakten waren bei May, so wird oft gesagt, nie deutlich geschieden. Daß seine - durch Blindheit geprägte - Phantasie, daß seine "so mächtige Innenwelt [...] für lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte" (S. 3 1), erkannte der Dichter auch selbst:


Als ich sehen lernte, war mein Seelenleben schon derart entwickelt und in seinen späteren Grundzügen festgelegt, daß selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor meinen Augen öffnete, nicht die Macht besaß, den Schwerpunkt, der in meinem Innern lag, zu sich hinauszuziehen." (S. 32)


   Die Blindheit war eine entscheidende und folgenreiche Phase im Leben des Dichters.5 Der besondere Hang zum Imaginären, die außerordentliche Kraft der Autosuggestion, ist in Mays Kindheit schon grundgelegt. Sein Wahrheitsbegriff blieb geregelt "durch die Herrschaft der inneren Vorstellungswelt, die die Widerstände der äußeren Realität zu ignorieren versucht".6

   Ein Defizit an Realitätssinn auf der einen Seite, die Anlage zur tieferen Wahrheitserfassung auf der anderen Seite - beides gehörte zum Wesen unseres Poeten. An dieser Ambivalenz kommen wir nicht vorbei, wenn wir uns auf Karl May einmal einlassen.


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   Im Elternhaus, in der frühesten Kindheit, wird die Zukunft nicht determiniert; aber Weichen werden gestellt, Charakterzüge werden beeinflußt, und Entwicklungen werden gesteuert. Was wissen wir über die Kindheit des Schriftstellers? Die Selbstbiographie umhüllt sie mit Poesie und Legenden. Doch die Fakten scheinen auch so noch deutlich hindurch.

   Das vielleicht Schlimmste: Karls Mutter, Frau Christiane Wilhelmine May geb. Weise (1817-1885), war wohl arg überfordert. Mein Leben und Streben verdeckt es in verklärender Liebe: Die Mutter war "eine Heilige". Geduldig hat sie alles ertragen, und nie hat sie ein "ungutes Wort" gesagt. Sie hat gebetet zum Herrn. "Sie war ein Segen für jeden, mit dem sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre Kinder." (S. 9) Sie hat gehorcht und geweint. Sie war "eine Märtyrerin" sie hat viel gelitten, und viele Kinder hat sie zur Welt gebracht.

   Daß sie "kein ungutes Wort" gesagt habe, bestritt Hans Wollschläger entschieden.7 Das böse, das verstoßende, das nachhaltig entfremdende Wort sei sehr wohl gefallen: Ihr krankes, erblindetes Kind habe die Mutter "fort, fort, fort!" (S. 166)8 gewünscht. Die Liebesversagung der Mutter habe "das frühe, alles entscheidende Trauma in Mays so schadenreichem Leben"9 bewirkt. Mit bestechender Akribie hat Wollschläger seine Theorie untermauert, und jahrelang hat sie die May-Forschung übernommen. Das Katastrophenerlebnis des kleinen Karl, die von Wollschläger angenommene "Urszene",10 ist jedoch - trotz der Anhaltspunkte und trotz der vielen Symptome (in Mays Leben und Werk), die Wollschläger entdeckt und sorgfältig analysiert hat - nicht endgültig bewiesen.

   Auch daß, wie Wolf-Dieter Bach schrieb, das "arme Wurm" den Hautkontakt mit der Mutter entbehren mußte,11 ist keineswegs sicher. Hainer Plaul vermutet das Gegenteil: Das Kind sei von der Mutter (und von der Großmutter) verzärtelt worden - in übertriebener, exzessiver und entwicklungshemmender Weise allerdings.12

   Positiv wertet Roxin die Verdienste der Mutter, die - seit 1846 - als Hebamme tätig war:


Wenn eine Frau, die fortwährend mit Schwangerschaften und der Pflege kleiner Kinder beschäftigt ist, die es äußerst schwer hat, ihre größer werdende Familie ausreichend zu ernähren und die durch Näharbeit hinzuverdienen muß, auch noch die Kraft findet, eine relativ anspruchsvolle Ausbildung mit hervorragendem Ergebnis abzuschließen und den erlernten Beruf jahrzehntelang ohne Fehl und Tadel auszuüben, so ist das eine Lebensleistung, die Respekt verdient [...] Freilich wird sie sich um ihren Sohn Karl nicht so viel haben kümmern können, wie es dessen Bedürfnissen entsprochen hätte.13


   In jedem Fall gilt: Die Kindheit hatte traumatische Fixierungen in Mays Seele schon vorbereitet. Sie schuf die Voraussetzung, die Disposition für das kommende Unheil. Die Liebesversagung der Mutter bleibt eine Hypothese, die entsetzliche Armut der Familie May aber war Tatsache. Daß eine psychische Fehlentwicklung in den Kindheitsjahren des Dichters begünstigt wurde, ist durchaus wahrscheinlich. Die Erblindung des kränkelnden Kindes, das soziale Milieu insgesamt, hatte ernste Schäden zur Folge.

   In seiner Diagnose setzt Plaul die neuere medizinische Neurosenforschung voraus, die - anders als die Psychoanalyse - mehr die gesamte Erziehungsatmosphäre beachtet und weniger die unterstellten oder auch wirklichen, aber eben kaum nachweisbaren frühesten Schockerlebnisse. Im ERGEBNIS kommen Wollschläger, Roxin und andere May-Kenner jedoch überein: Eine narzißtisch strukturierte Neurose14 stellen sie fest, eine Neigung Karl Mays zu krankhafter Ich-Bezogenheit, verbunden - in seiner Straftäterzeit - mit erloschener (oder stark reduzierter) Liebesfähigkeit, zeitweise auch mit Gehemmtheiten, Kontaktschwierigkeiten und Anpassungskonflikten.


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   Nach diesem Befund ist zu sagen: Mays ständige Suche nach der 'Mutter' und ihrer Liebe,15 wahrscheinlich auch narzißtische Züge seines Charakters werden in der Kindheit und in der Jugend ihre Ursprünge haben. Die bei May so ausgeprägten Abwehr-Mechanismen (Verdrängen, Kompensieren, Sublimieren usw.), seine Rückzugsbereitschaft ins Innere, sein so verschlungen gestörter Entwicklungsprozeß, die Spaltung zwischen Ich und Ich-Ideal (Old Shatterhand), die Flucht in immer wechselnde Schein-Identitäten,16 die lange verzögerte Selbstfindung sind ebenfalls - freilich nicht ausschließlich - vor diesem Hintergrund zu betrachten.

   Die Psychologie kann nicht alles erklären, aber sie kann vieles verstehbarer machen: Die Versagung frühkindlicher Wünsche, verstärkt durch schwerste Demütigungen im Jugend- und Mannesalter, führte bei Karl May zum extremen, an die ganze Menschheit appellierenden Liebesverlangen und zu maßloser Geltungssucht.17 Seine Old-Shatterhand-Manier, das hochneurotische Verhalten in den neunziger Jahren zumal, wird so erhellt und ein wenig verständlicher.

   Die äußere Not ist, in späteren Jahren, verschwunden; doch Unsicherheit und Angst sind geblieben. Daß Mays Leben "eine einzige Recherche nach der verlorenen Liebe"18 wurde, ist wohl der Mutter, aber gewiß auch dem Vater, der Strenge und Härte seiner Erziehung, zuzuschreiben. Vom Vater sagt Mein Leben und Streben weit mehr und Konkreteres als von der Mutter. Mays Leben und Werk prägte der Vater - bis zur Wende um 1900 - entscheidend.

   Mays Vater, der Webergeselle - ab 1856 Webermeister - Heinrich August May (1810-1888), war wohl ein uneheliches Kind der Märchengroßmutter May; laut Eintragung im Kirchenbuch der Sohn eines unbekannten "Schwängerers",19 eines mit den Rheinbundtruppen vorbeiziehenden französischen oder bayerischen Soldaten20 oder eines höheren schönburgischen Forstbeamten21 vielleicht. Sichere Beweise gibt es für keine dieser Versionen.

   Heinrich May war intelligent, aber nicht lebensklug. Dem Milieu vermochte er nicht zu entfliehen. Er hatte "zwei Seelen", eine tyrannische und eine zärtliche (S. 9). Er war überreizt, launisch, strebsam und unzufrieden. Sein Leben war Arbeit, verhaßte und stumpfsinnige Arbeit. In der Erinnerung der Ernstthaler war er ein "streitsüchtiger Trunkenbold":22 in einer Umgebung, die - so Forst-Battaglia - "im Grunde nur zwei Freuden: Sexualgenuß und Alkohol"23 kannte. Seine höheren Ziele: Bildung, Erfolg, bessere Stellung, verlegte er - nach Karls Genesung von Blindheit und Siechtum - in die Zukunft des Sohnes. Dieser sollte das werden, was ihm selber versagt blieb. Man könnte fast sagen: Der 'Hochstapler' May war vorprogrammiert.

   Karl May wollte 'empor': als Mensch, als Künstler, als Christ. "Berge müssen wir haben, Ideale, hochgelegene Haltepunkte und Ziele." (S. 227) Sein Sehnen, den Liebeshunger nach der 'Barmherzigen Mutter'24 und dem 'Allmächtigen Vater', konnten die Eltern nicht stillen, sondern nur eher noch steigern. Viel Projektion, viel Überhöhung kommt da ins Spiel, unbestreitbar. Und doch ist - von Anfang an - jene Kraft, jene Gnade am Werk, die sich, wie Paulus sagt, "in der Schwachheit vollendet" (2 Kor 12, 9).

   Wenn Karls Verlangen letztlich doch GOTT meint: den Gott des Glaubens und der Liebe (und nicht das Produkt unsrer Ängste und Sehnsüchte),25 so könnte das der 'Märchengroßmutter' mit zu verdanken sein.

   Kommt Karl May auf Frau Vogel geb. Kretzschmar zu sprechen, jene Frau, die "in seelischer Beziehung den tiefsten und größten Einfluß" (S. 20) auf seine Entwicklung gehabt hatte, so wird er emphatisch:


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Ich hatte eine Großmutter, die konnte so lieb, so lieb von ihrem Herrgott, vom Himmel, von den Engeln, vom Glauben, von der Liebe und der Seligkeit dort über den Sternen sprechen. Ich war ihr Lieblingsenkel und - ich habe das von ihr geerbt. Sie ist jetzt droben bei dem, an den sie glaubte; ich aber spreche an ihrer Stelle weiter.26


   Die Großmutter war "Seele, nichts als Seele" (S. 20). Ihr geheimnisvolles Wesen, ihre Märchen und Bibelgeschichten waren für den kleinen Karl von größter Bedeutung. Seine Phantasie, seine Erzählkunst, sein religiöses Fühlen, seine Leidens- und Liebestheologie, seinen Erwählungs- und Aufstiegsgedanken führt er später auf diese Frau zurück. Mag dies auch übertrieben sein und mag die Großmutter-Darstellung Mays in Einzelheiten auch unstimmig sein,27 so ist doch nicht zu bestreiten: Eine Schlüsselfunktion kommt der Märchengroßmutter in Mays Biographie wirklich zu.

   Der Dichter meint auch sich selbst, wenn er schreibt: Die Großmutter "war in der tiefsten Not geboren und im tiefsten Leide aufgewachsen; darum sah sie Alles mit hoffenden, sich nach Erlösung sehnenden Augen an." (S. 20f.)

   Was der tiefenpsychologisch orientierte Theologe Eugen Drewermann zu Grimms Märchen 'Marienkind' schrieb, scheint auch für Karl May zu gelten:


Tatsächlich formen sich unter den Entbehrungen bereits der ersten Lebensjahre gerade diejenigen Einstellungen, die ein späteres 'Marienkind' auch in seiner religiösen Haltung auszeichnen [...] Je aussichtsloser es sein kann, auf Erden Wertschätzung und Beachtung zu erringen, desto inniger mag ein solches Kind sich damit trösten, daß ihm wenigstens im Himmel [...] ein gerechter Ausgleich zuteil werde.28


   Die 'Karl-May-Frage' berührt hier die Menschheitsfrage. Über den Fall Karl May hinaus stellt sich die ernste und grundsätzliche Frage: Hat das Mißverhältnis von maßlosen menschlichen Wünschen und ihrer nur mäßigen Erfüllung auf Erden den Jenseitsglauben überhaupt erst hervorgebracht? Ist dieser Glaube also nur Flucht und Vertröstung, nur Täuschung und Wahn?

   Karl May war anderer Meinung. Seinen Himmelsgedanken (1900) stellte er das Motto voran: "Der Himmelsglaube ist nicht Wahn und bringt nicht Wahn, sondern er erlöst vom Wahn."29

   Das religiöse Denken kann sich - und tut es sehr oft - mit menschlichen, mit allzumenschlichen Vorstellungen vermischen; aber seine 'Traumkraft' muß ja nicht deshalb schon 'Wahn' sein. Wenn der Himmel dem GRUNDBEDÜRFNIS des Menschen, seiner Sehnsucht nach Heil und Erlösung, entspricht, so ist das 'Jenseits', das künftige Leben in der Ewigkeit Gottes, damit weder bewiesen noch widerlegt. Ob Glaubensinhalte wahr oder falsch sind, kann die Psychologie nicht entscheiden; aber ob sie helfen oder versklaven, dazu kann die Psychologie etwas sagen.

   'Opium' ist der Jenseitsglaube nur dort, wo er die Erde vernachlässigt. Nicht lähmend, sondern befreiend ist er dort, wo er "hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit" (Mt 5, 6) - hier schon, in dieser Welt. Bei Karl May ist das wirklich der Fall: Jenseits- und Diesseitshoffnung sind bei ihm nie getrennt. Seine Erlösungssymbole meinen stets auch die Erde und das jetzige Leben. Sein Gesamtwerk, seine - in den Gefängnisjahren vertiefte und nach 1899/1900 nochmals geläuterte30 - Glaubenserfahrung bezeugt ein Urvertrauen in den Sinn unseres Daseins: ein Vertrauen, das die Erde liebt und den Himmel ersehnt.

   Die Blindheit des kleinen Karl hatte, wie gesagt, bleibende und sehr weitreichende Folgen. Aber sein künftiger Glaube war dennoch kein blinder Glaube. Seine Blindheit wurde - in einem langen Heilungsprozeß - verwandelt in tieferes Sehen. Nach Mays Überzeugung braucht, um dies zu verstehen, auch der Interpret seines Lebens und seiner Schriften besondere Augen. die Augen des Glaubens, die von der 'Blindheit' geheilt wurden, die


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Augen des Glaubens, die Gottes Wunder, die Gottes 'Eingreifen' nicht übersehen. "Nur wer blind gewesen ist und wieder sehend wurde, [...] kann sich in alles hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich schrieb." (S. 31)

   Karl May kannte die Bibel sehr gut. Er kannte natürlich auch jenen Lukas-Text, der den Inhalt auch SEINES Lebens (und seines Erzählwerks) auf die kürzeste Formel bringt: Der Menschensohn - so steht es bei Lukas -


schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt: "Der Geist des Herrn ruht auf mir. Denn [...] er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Erlösung verkünde und den Blinden das Augenlicht [...]"31 Dann schloß er das Buch [...] und begann zu reden: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. (Lk 4, 18-21)


   Zu Beginn des fünften Lebensjahres wurden dem Kinde die Augen geöffnet: ein Verdienst auch der Mutter! Einen Teil des Erlöses aus dem Hausverkauf hatte sie - um 1845/46 - zum Besuch eines Hebammenkurses an der Chirurgisch-Medizinischen Akademie in Dresden benutzt. Für ein halbes Jahr mußte sie ihre Familie verlassen. Am 13.2.1846 bestand sie die Hebammenprüfung mit der besten Note "vorzüglich gut". Während ihres Aufenthaltes im Institut dürfte sie den Professoren Haase und Grenser von der Erblindung ihres Karl erzählt haben. Die Ärzte ließen das Kind - so heißt es in der Selbstbiographie (S. 20) - zur Behandlung nach Dresden bringen.

   Im März 1846 vermutlich gewann Karl May die Sehkraft zurück. Ein erstes Befreiungs-, ein erstes Heilungserlebnis! Mays Erzählungen spiegeln es in zahlreichen Variationen.

   Was seine Augen zu sehen bekamen, war zunächst "nichts als Arbeit und Arbeit, Sorge und Sorge, Leid und Leid" (S. 36): "Der Menschheitsjammer kam zu mir und weinte mir aus tiefen Augenhöhlen zu."32

   War es wirklich so triste? Ja, ohne Zweifel. Der Sinn für das Heitere, Skurrile und Komische (das den Erfolg seiner Bücher ja mitbegründete) ward dem Schriftsteller, als Gnadengeschenk, wohl in die Wiege gelegt. Aber zu lachen hatte er - in der Realität seines Lebens - sehr wenig.



Anmerkungen


1Seitenangaben in () beziehen sich auf Karl May: Mein Leben und Streben (1910). Hrsg. von H. Plaul. Hildesheim, New York 21982. - Dieses und das folgende Zitat beziehen sich auf die späten vierziger Jahre: Eine Mißernte (1846) und eine schwere Wirtschaftskrise (1847) führten zu Revolten in Ernstthal. Die wirtschaftliche Lage in den Jahren zuvor und in den Jahren danach war aber auch nicht viel besser. - Vgl. Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May, wie oben, S. 346, Anm. 42.
2Außer Mays Selbstzeugnis gibt es für diese Blindheit keine weiteren Belege; "die Familienangehörigen, die sie bestätigt haben, sind erst später geboren, konnten sich also nicht auf persönliche Kenntnis berufen. Doch besteht kein Grund, die Angaben Mays zu bezweifeln; sie werden durch psychologische Gründe, durch die Häufigkeit des Blindheitsmotivs im literarischen Werk und durch die Tatsache gestützt, daß die Erblindung von Säuglingen damals nicht selten war." (Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123, hier S. 68).
3Vgl. Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 35-37.
4Otto Forst-Battaglia: Karl May. Traum eines Lebens - Leben eines Träumers. Beiträge zur Karl-May-Forschung 1. Bamberg 1966, S. 34; dort auch das folgende Zitat.
5Zu Mays Blindheit und ihren Folgen vgl. Ralf Harder: Die Erblindung - eine entscheidende Phase im Leben Karl Mays. In: MKMG 68 (1986), S. 35-38.
6Helmut Schmiedt: Karl May. Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers. Frankfurt/M. 21987, S. 31.


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7Hans Wollschläger: "Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt". Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: JbKMG 1972/73, S. 11-92 (S. 18ff.); Wollschläger setzt hier den psychologischen Ansatz Sigmund Freuds und Wilhelm Reichs voraus.
8In Karl May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 1, S. 166f. (Brandszene) sieht Wollschläger (wie Anm. 7) eine "Deckschilderung", die sich - in Wirklichkeit - auf die Kindheitsjahre beziehe.
9Hans Wollschläger: Spaltung, wie Anm. 7, S. 18.
10Wollschläger: Spaltung, wie Anm. 7, S. 26. - Claus Roxin: "Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand". Zum Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen. In. JbKMG 1974, S. 15-73 (S. 38ff.), schließt sich Wollschläger grundsätzlich an; dessen Theorie vom "Geliebten" der Mutter Mays (wie Anm. 7, S. 31ff.) läßt Roxin allerdings offen.
11Wolf-Dieter Bach: Fluchtlandschaften. In: JbKMG 1971, S. 39-73 (S. 39) sieht Mays "Triebunterdrückung und Triebsublimierung" in der körperlichen Liebesversagung der Mutter begründet.
12Hainer Plaul: Der Sohn des Webers. Über Karl Mays erste Kindheitsjahre 1842-1848. In: JbKMG 1979, S. 12-98 (S. 33ff.).
13Claus Roxin: Mays Leben, wie Anm. 2, S. 70.
14Ähnlich auch Günter Scholdt: Vom armen alten May. Bemerkungen zu 'Winnetou IV' und der psychischen Verfassung seines Autors. In: JbKMG 1985, S. 102-151 (S. 128ff.). - Zum Begriff des Narzißmus vgl. Hans Wollschläger: Spaltung, wie Anm. 7, S. 16ff.; zum Ganzen auch Axel Mittelstaedt: Zur Charakterentwicklung Karl Mays. Anhang zu Thomas Ostwald: Karl May - Leben und Werk. Braunschweig 41977, S. 309-330; ferner Kurt Langer: Der psychische Gesundheitszustand Karl Mays. Eine psychiatrisch-tiefenpsychologische Untersuchung. In: JbKMG 1978, S. 168-173.
15Dazu erhellend, wenn auch wohl überzogen (weil von der Ödipus-Theorie fasziniert) W.D. Bach: Fluchtlandschaften, wie Anm. 11.
16Vgl. Heinz Stolte: Mein Name sei Wadenbach. Zum Identitätsproblem bei Karl May. In: JbKMG 1978, S. 37-59.
17Vgl. auch Gabriele Wolff: Versuch über die Persönlichkeit Karl Mays. Sonderheft der KMG Nr. 45 (1983); die Verfasserin geht methodisch vom individualpsychologischen Ansatz Alfred Adlers aus.
18Hans Wollschläger: Spaltung, wie Anm. 7, S. 84.
19Vgl. Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May, wie Anm. 1, S. 328ff. (Anm. 6).
20Vgl. Hans Zesewitz: Alte Urkunden sprechen. In: Karl-May-Jahrbuch (künftig KMJB) 1932. Radebeul 1932, S. 33-44 (S. 39).
21Dazu H. Plaul: Der Sohn des Webers, wie Anm. 12, S. 41f.
22Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 20.
23Otto Forst-Battaglia, wie Anm. 4, S. 19 (zum allgemeinen sozialen Umfeld).
24W.D. Bach: Fluchtlandschaften, wie Anm. 11, bietet dazu - C.G. Jung, M. Eliade u.a. folgend - interessantes Material aus der Mythologie und der vergleichenden Religionswissenschaft.
25Zur Begründung des Gottesglaubens im Blick auf die Religionskritik vgl. Hermann Wohlgschaft: Heute an Gott glauben. Wege zur Gotteserfahrung. Aschaffenburg 1983, S. 11-40.
26Aus der Erwiderung Mays (pseud. Richard Plöhn) auf die Kritik der 'Frankfurter Zeitung'. In: Dortmunder 'Tremonia' (Ende September 1899). Neu abgedruckt: Karl May: May gegen Mamroth. In: JbKMG 1974, S. 131-152 (S. 132).
27Vgl. Wollschläger: Spaltung, wie Anm. 7, S. 31 C; ders.: Karl May, wie Anm. 22, S. 15f.
28Eugen Drewermann - Ingritt Neuhaus: Marienkind. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Olten, Freiburg 21985, S. 26.
29Karl May: Himmelsgedanken. Gedichte von Karl May. Freiburg 1900, S. 5 (11.-18. Tsd.); dazu Ernst Seybold: Karl-May-Gratulationen. Geistliche und andere Texte zu und von Karl May. Ergersheim 1987, S. 42.
30Vgl. unten, S. 369ff.
31Lukas zitiert hier Jesaia 61, 1f. und Jes 29, 18.
32Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen IV. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXIX. Freiburg 1903, S. 31.




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