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Am Jenseits oder Die große Scheidung


Als 'Spätwerke' Mays gelten in der Sekundärliteratur die NACH der Orientreise (1899/1900) des Dichters entstandenen Schriften. Die von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger herausgegebene 'historisch-kritische Ausgabe' des Mayschen Gesamtwerks zählt jedoch schon Am Jenseits (1898/99) zur Alterspoesie.1 Mit Recht: Denn dieser Roman vermittelt nicht nur (wie die vorausgehenden Erzählungen) PUNKTUELL, sondern - wie es (neben formalen, für das Jenseits-Buch nur teilweise zutreffenden, Kriterien2) für die Spätwerke Mays ja bezeichnend ist - auf weiten Strecken, ja nahezu DURCHGÄNGIG, ethische Botschaften und theologische Aussagen.

   Diese allgemeinen, die codierte Selbstdarstellung des Autors weit überschreitenden, den Anspruch auf universale Gültigkeit erhebenden Botschaften sollen im folgenden untersucht und aus theologischer Sicht bewertet werden.3



1.1

Spiritistische Einflüsse?


Eine Klarstellung gleich im voraus: Die Behauptung, Am Jenseits stünde nicht "auf dem Boden des Christenthums" und lehre "Spiritismus und sonstigen Hokus-Pokus",4 ist purer Unsinn. Auch daß der Roman, wie immer wieder geschrieben wird, vom Spiritismus "beeinflußt"5 sei, ist irreführend. Denn zu Recht hob Wollschläger die im Jenseits-Band "vorwaltende Distanz" des Ich-Erzählers hervor, durch die Karl May der Gefahr entging, "sich ins spiritistische Spiel zu verlieren."6 Deutlicher noch betonte Roxin, daß gerade der Jenseits-Roman "alles etwa spiritistisch Deutbare mit größter Vorsicht" behandle.7 Ja noch schärfer müssen wir sagen: Mit dem Spiritismus (im Sinne eines mechanisch herbeigeführten oder 'medial' vermittelten Kontaktes mit den Toten) hat Mays Erzählung überhaupt nichts zu tun.8

   Am Jenseits ist literarisch und vor allem auch theologisch ernst zu nehmen. "Erkundigungen irdischer Neugier" bleiben hier "unbeantwortet", wie die Stimme Ben Nurs9 mit Nachdruck hervorhebt (S. 311).10 Der Münedschi ist "weder ein Geisterseher noch ein Prophet" (S. 173).11 Was der Blinde 'sieht', ist - im Gegensatz zu den "Evidenzen" und "Lichterlebnissen" des Theosophen Swedenborg (1688-1772)12 - nicht das Jenseits selbst, sondern das noch zum Diesseits gehörige Erlebnis der STERBENDEN (also nicht der GESTORBENEN). Ben Nur zu Münedschi:


"Du stehst hier am Jenseits, nicht in demselben; das ist der äußerste Punkt, wohin ich deine unsterbliche Seele führen durfte, weil sie noch das irdische Gewand zu tragen hat. Du siehst dich hier also zwischen Zeit und Ewigkeit, nicht vor dem Tode und nicht nach dem Tode, sondern mitten in demselben, und alles, was du hier erblickst, geschieht mit der Seele während der Zeit des Sterbens." (S. 314f.)


   Diese Unterscheidung Ben Nurs ist wichtig. Denn ohne diese Unterscheidung wäre alles verdorben. Wohl überflüssig zu sagen: Mays Roman in die Nähe zu aftermystischen 'Stimmen aus dem Jenseits'-Büchern zu rücken, wäre absurd. Um die Beschreibung der jenseitigen Qualen, um Angstmacherei in Verbindung mit äußerlichen Forderungen (bestimmte Gebete, rituelle Handlungen usw.) geht es dem Autor beileibe nicht.


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   Schon eher wäre Am Jenseits mit den heute sehr gefragten Sterbeerlebnissen von wiederbelebten klinisch 'Toten' zu vergleichen: Ähnlich wie heute Elisabeth Kübler-Ross u.a.13 sieht May - in herrlichen Bildern, in dichter Poesie - das Sterben als Lichterlebnis und die vollkommene Liebe (im Sinne der Bergpredigt Jesu) als allein beständig im Tod.

   Von Kübler-Ross und gleichgesinnten Autoren unterscheidet sich freilich der Jenseits-Roman in doppelter Hinsicht. Zum einen: Das Leben nach dem Tode soll durchaus nicht 'bewiesen' werden; denn Gottes Ewigkeit ist eine Glaubensüberzeugung und kein Objekt der 'Wissenschaft' (S. 306ff.). Zum andern: Die Lehre von der 'Wiedergeburt', von der Rückkehr zur Erde - all derer, die zu wenig geliebt haben und für die Ewigkeit noch nicht reif sind14 - ist Mays Roman (wie der Bibel und dem Koran) völlig fremd.

   Der Spiritismus welcher Spielart auch immer geht davon aus: Die Toten können zurückversetzt werden unter die Bedingungen von Raum und von Zeit. Davon kann bei May keine Rede sein.



1.2

Was im Leben gesät wird, wird im Tode geerntet


Karl May setzt voraus (S. 96): Der Tod ist in jedem Falle das ENDE der Zeit. Er gebiert die Ewigkeit, die Endgültigkeit des Lebens mit Gott, aus der es keine Rückkehr gibt ins irdische Sein.

   Nicht, daß es zwischen den 'Toten' und den Lebenden keine Verbindungen gäbe; May glaubte an solche Bande, weil er - theologisch korrekt - Zeit und Ewigkeit zwar unterschied, nicht aber trennte (die Zeit wird von der Ewigkeit ja UMGRIFFFN).15 Doch dieses 'Hereinwirken' der "Ahnen", der "Väter" und "Mütter", in die Welt der Irdischen ist im Jenseits-Band - im Unterschied zum folgenden Roman Et in terra pax (1901) - kein beherrschendes Thema.

   Im Jenseits-Buch geht es nicht um das Jenseits selbst, erst recht nicht um die Schilderung des Lebens nach dem Tode, nicht um Spekulationen über das genaue 'Wie' der Ewigkeit. Aber es geht um den Ernst, die Unwiderruflichkeit der - im Tode endgültig gewordenen - Lebensentscheidung des Menschen für oder gegen Gott, der die Liebe ist.

   Dies ist, kurz zusammengefaßt, die Einleitung der nächtlichen Rede Ben Nurs am Bir Hilu16 und der Erzählung des 'scheintot' gewesenen Persers: Das ganze vergangene Leben, auch das längst Vergessene und Verdrängte, steht im Tod in absoluter Klarheit und Helligkeit vor den Augen des Sterbenden (S. 509ff.). Dieser ist der "Gewogene" und der "Wägende", der "Ankläger" und der "Richter" zugleich (S. 511).17 Das Resultat des Gerichts, die Ewigkeit, wird im zeitlichen Leben schon vorbereitet (S. 303), wird AUS der Zeit geboren. Die Erde ist also, wie J.G. Herder (dessen Schriften May vielleicht gekannt hat) sagte, "ein Übungsplatz, eine Vorbereitungsstätte"18 des Ewigen. Und das irdische Leben - von dem nichts verlorengeht19 - ist das Material, aus dem die Ewigkeit sich erbaut. Dort wird geerntet, was hier gesät wurde (S. 303). 'Lohn' und 'Strafe' werden also nicht von außen zudiktiert. Denn alles Tun, jedes Wort, jeder Gedanke trägt seine "guten oder bösen Folgen schon in sich" (S. 458)!

   Im Sterben schlafen wir nicht ein, sondern wachen wir auf (S. 96). Was sich da enthüllt, was da endgültig wird, ist die Essenz, der Ertrag all dessen, was wir waren und wurden. Daß die Ewigkeit selbst nur das Ergebnis, nur die 'Frucht' des irdischen Lebens sei - und nicht, darüber hinaus, die Tat GOTTES, die verzeiht und erlöst, die verwandelt und heilt -, dies wird in Mays Roman allerdings nicht behauptet. Denn über die Ewigkeit


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selbst, über 'Himmel' und 'Hölle' gibt Ben Nur keine Auskunft, sondern - lediglich -über die Sterbestunde.

   Mays Gedanken stehen, der Sache nach, in der Bibel und werden in der heutigen Theologie genauso vertreten. Ein Vergleich zentraler Stellen des Jenseits-Romans mit Aussagen der modernen christlichen Theologie wird diese These belegen.

   Nach May sehen sich die Toten "jenseits der großen Grenze, über welche sie nicht zuruckkönnen, um das Versäumte nachzuholen." (S. 96) Das entspricht zunächst einmal der traditionellen, in den Konzilien von Lyon (1245) und Florenz (1439-1445) definierten Lehre vom Tod als dem Ende des 'Pilgerstandes' (status viae),20 über das hinaus es keine - zeitliche - Fortsetzung mehr gibt: "Der Mensch kann seine im Leben eingenommene Stellung zu Gott nicht mehr ändem."21

   Auf protestantischer Seite hat z.B. Karl Barth diese Auffassung bekräftigt und weitergelührt: Der Tod legt uns fest auf den Inhalt unseres Lebens. Wir werden dann - ganz im Sinne des Jenseits-Romans - unseren Ort bezogen oder verfehlt, unsere Gelegenheit ergriffen oder verpaßt haben. Für Korrekturen wird es zu spät sein: "Das geschriebene und gedruckte Buch ist dann nicht mehr in unseren Händen [...] Gott liest es dann so, wie es endgültig vorliegt."22 Barth setzt voraus: Unsere Zeit ist "als solche begrenzt";23 die Ewigkeit ist nicht die nach vorne und hinten ins Unendliche verlängerte Zeit,24 sondern die AUS der Zeit gewordene Bergung des Menschen in Gott, der uns "als die, die wir jetzt in unserer Zeit sind", bei sich wohl bewahrt.25 Errettung aus dem Tode durch Gott meint dann nichts anderes als die Verewigung des JETZIGEN Lebens "in seiner Einheit und Ganzheit"!26

   Trotz aller Verschiedenheit im philosophischen Ansatz kommen andere evangelische Theologen wie Bultmann, Althaus, Thielicke, Jüngel, Moltmann und Pannenberg - was die obigen Ausführungen betrifft - zu ähnlichen Resultaten.27

   Im Anschluß an die herkömmliche Lehre, zum Teil aber auch an die Existentialphilosophie Martin Heideggers findet sich derselbe Grundgedanke auf katholischer Seite bei Romano Guardini, Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar, Ladislaus Boros, Johann Baptist Metz, Joseph Ratzinger, Hans Küng u.a.: Der Tod ist das Ende unserer unabgeschlossenen, sich fortzeugenden Geschichte, und 'hinter' diesem Tod passiert ZEITLICH nichts Neues. Karl Rahner: "Der tiefste Wille der Freiheit geht auf den Tod, weit er das Ende des bloß sich Weiterzeitigenden wollen muß, um Vollendung zu werden [...] wir würden uns im selben Augenblick wie Verdammte vorkommen, wenn man uns sagte, es ginge so wie bisher ewig weiter"; denn die Würde unsrer vergänglichen Augenblicke besteht ja gerade darin, "daß sie die einmalige Möglichkeit der Entscheidung sind, die nicht wiederkehrt, weil diese Tat der Freiheit das Bleibende gebiert."28

   Zwei verschiedene, in ihrer Sinnlosigkeit jedoch übereinkommende Begriffe von "schlechter Ewigkeit"29 werden damit negiert: die lineare Vorstellung eines unerlösten Immer-so-weiter-gehens (als ob, wie Ludwig Feuerbach spottete, im Tode nur die Pferde gewechselt würden und es dann im selben Galopp wieder weiterginge) und die zyklische Vorstellung von immer neuen Geburten: der 'seelenwanderischen' Wiederholung immer desselben.

   Der Tod ist das Ende der Zeit. Daraus folgt der unbedingte Ernst unsrer Lebensentscheidung. In Mays Erzählung berichtet Khutab Agha, der Perser: Vor der "Wage der Gerechtigkeit" herrsche eine Klarheit,


"für weiche der Ausdruck 'zum Erschrecken' viel, ja viel zu wenig sagt. Ich kannte jedes [...] Wort, weiches ich in meinem Leben gesprochen habe, mochte es nun nützlich, schädlich oder


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gleichgültig sein. Aber [...] vor der Wage der Gerechtigkeit giebt es nichts Gleichgültiges [...]" (S.510).


   Helmut Thielicke verweist auf das Faust-Drama Goethes: Die Schlußszene wirft in Thielickes Deutung -


die Frage auf, wer die tiefere Ahnung von der Ewigkeit habe: Faust, der sie in der zyklischen Unsterblichkeit seines Überpersönlichen zu sehen meint, oder Mephistopheles, der zum mindesten den Schatten einer Ewigkeit erkennt, wenn er den Zeiger fallen sieht [...] (auch wenn er Teufel genug ist, um [...] auch hier - im Augenblick seiner höchsten Wahrheit - im Geiste der 'bloßen Negation' verharren zu müssen).30


   Auch hier wird deutlich: Als 'Ende des Pilgerstandes' macht der Tod unsere Lebensgeschichte irreversibel. Die Endlichkeit des Menschen und die Endgültigkeit seiner Entscheidungen hängen zusammen und bedingen einander: WEIL unser Leben begrenzt ist, hat der vergängliche Augenblick seine letzte Würde und letzte Gefahr.31 In einer Welt der zeitlichen Unbegrenztheit hingegen müßte - so der Philosoph Max Müller - "keine Liebe sich JETZT ereignen": als freie Antwort auf die Frage Gottes an uns. Es wäre genug,


wenn man überhaupt einmal und irgendwie die Liebe nachholen würde; alles Versagen wäre reparierbar, jede Entscheidung aufschiebbar, jede Begegnung nachholbar [...] d.h. der 'Augenblick' selbst als Grundkategorie des Menschlichen [...] wäre aufgehoben.32


   Freilich - solange wir leben, bleibt die Möglichkeit der 'Umkehr', der Wiedergutmachung, des 'Reparierens'. Die Biographie Karl Mays ist ein bewegendes Beispiel dafür! In der Reue und in der Vergebung durch Gott bleibt das Ganze unseres Lebens - bis zum Tode - verwandelbar. Ein neuer Anfang kann sogar noch überbieten, was - an ursprünglichen Möglichkeiten der Liebe - versäumt worden ist.

   Menschliches Leben ist nur selten, vielleicht nie vor dem Tode, gänzlich versammelt in einem EINZIGEN Augenblick der Entscheidung. Es ist zersplittert in die vielen - korrigierbaren - Augenblicke des Alltags und ermöglicht so bis zuletzt eine innere Neuorientierung. Aber die vielen Einzelentscheidungen sind vor-läufig in einem doppelten Sinn: Sie sind grundsätzlich überholbar und sie 'laufen vor', sie spitzen sich zu in eine letzte Entscheidung hinein. Wäre es anders, dann könnte der Mensch der Gegenwart Gottes entlaufen, und dies wäre "die Festung der absoluten Willkür gegen Gott";33 in der FREIHEIT des Menschen aber wird bejaht, daß es diese Willkür nicht gibt.

   Denn 'Freiheit' meint - nach Rahner - die Fähigkeit, zu werden, was man IST vor jenem Geheimnis, das den Menschen umgreift und das wir 'Gott' nennen. Nicht das Vermögen, immer wieder anders zu können, ist mit 'Freiheit' gemeint, nicht die Willkür, stets von vorne beginnen und die gewordene 'Biographie' (Max Frisch)34 wieder abstreifen zu können. Nein, die Freiheit ist das Vermögen, "sich selbst ein für alle Mal"35 zu realisieren. Freiheit ist, so J.B. Metz: "das Vermögen zur Verendgültigung des Menschen im Horizont unendlicher Möglichkeiten. In ihr gibt der Mensch sich Stand und Halt, Antlitz und Profil, in ihr [...] stiftet [er] seine 'Ewigkeit'."36

   In der so verstandenen Freiheit verfügt der Mensch über sich selbst. In aller Vorläufigkeit seiner Akte im einzelnen schafft er sich hinein - immer mehr - in seine eigene Unwiderruflichkeit. Und der Tod bringt jene Vollendung, die unsere Grundentscheidung zur irreversiblen erhebt.

   Daß der Mensch sich selbst auch verfehlen kann, ist die unheimliche Möglichkeit seiner Freiheit. Es hieße, den Ernst dieser Freiheit verachten, wollte man eine Selbstverschließung und damit Gott-losigkeit des Daseins von vomeherein als unmöglich betrachten. Der Mensch hat zu leben "im Angesicht der REALEN Möglichkeit ewigen Scheiterns"!37


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   Der 'Richter' ist - in Mays Roman - gar nicht Gott, sondern der Sterbende selbst (S. 511). Eben diese Auffassung ist in der neueren Theologie zu belegen: Was Jesus dem Sünder androht, ist - nach Guardini, Rahner, Ratzinger und anderen Autoren - kein von außen treffender Fluch, kein Eingriff einer äußeren Strafinstanz, sondern die Möglichkeit einer bleibenden Verhärtung des Geschöpfs gegen seinen Schöpfer, deren Konsequenz die (selbstgewollte) Einsamkeit wäre, in die kein Wort der Liebe mehr zu dringen vermag.38 Eine Richtungsänderung nach dem Tode wird also nicht von außen verhindert; Gottes 'Gericht' ist - so Guardini - "nicht äußere Verfügung", sondern Enthüllung des "innersten Wesenssinnes"39 des Menschen.

   Der Mensch baut seine Ewigkeit, die dennoch - als dem Menschen eingestiftete, von diesem 'gewonnene' oder 'verlorene' - Gottes Geschenk ist. Bei May ist zu lesen:


DER MENSCH WARD EIN PILGER AUF ERDEN, UM EIN BÜRGER DES HIMMELS ZU WERDEN. Er hat hier zu saen, um dort ernten zu können [...] Nach seiner Arbeit hier richtet sich dort sein Lohn, denn seine Werke folgen ihm ins Jenseits nach, die guten sowohl wie auch die bösen (S. 303).


   Theologen sagen es so: Des Menschen irdische Geschichte und ihre Vollendung stehen sich nicht beziehungslos gegenüber. Nicht die 'Jenseitigkeit' unseres Daseins ist die Ewigkeit, sondern die (von Gottes Gnade verwandelte) 'Inseitigkeit' unsrer Freiheitsgeschichte, "die wir jetzt leben, und die, im Tode ganz geboren, sich nicht mehr verlieren kann".40 Oder wie es v. Balthasar formuliert hat: Kein bloßes Diesseits ist unsere Gegenwart, dem das Jenseits "wie ein zweites Dasein nachfolgt, vielmehr sind beide eins, [...] die Zeit verhüllte Ewigkeit, die Ewigkeit enthüllte Zeit. Die verklärte, paradiesische Welt ist keine andere als die, in der wir gegenwärtig leben, sie wird nur mit anderen Augen betrachtet."41

   Terminologisch und manchmal auch sachlich gibt es zwischen den hier zitierten Autoren zum Teil nicht unerhebliche, den Leser bisweilen verwirrende Differenzen. Doch unbestritten ist dies: Unsere 'Pilgerzeit', unser vorläufiges Leben mit seinen Korrekturen und Revisionen geht im Tode zu Ende; aber nicht ohne Hoffnung ist dieses Ende, nicht ohne Perspektive auf Gottes Erbarmen. Denn dies ist der Trost unserer Zeit, daß sie von Gott nicht vergessen wird, daß sie nicht untergeht in den Flüssen der Lethe (von denen Pindar, Platon und Plutarch berichten),42 daß sie - im Gegenteil - in ihrem endgültig gewordenen Ertrag im Tode 'geerntet' wird.

   Eine naheliegende Frage muß in diesem Zusammenhang noch bedacht werden: Wird - auf Erden - von der Mehrzahl der Menschen die Grundentscheidung für Gottes Liebe schon radikal genug vollzogen? Wohl kaum. Deshalb kennt May im Jenseits-Buch noch eine Phase "zwischen" Leben und Tod (aus der man - unter Umständen - wieder zurückkehren kann ins irdische Sein). Der Mensch steht hier an der "Schwelle" des Jenseits. Gerade dort, in der 'Zwischenzeit' zwischen Zeit und Ewigkeit, wird er "gewogen": auf der "Wage der Gerechtigkeit". Auch dort kann er, wenn er nicht gänzlich verstockt ist, noch geläutert werden - wie es May an Khutab Agha demonstriert.43

   Auch dieser Gedanke ist theologisch nicht von der Hand zu weisen. Ladislaus Boros vertritt ihn - noch erweitert um die Idee einer (in den irdischen Entscheidungen schon vorbereiteten) "Endentscheidung" im Tode - in seinem berühmt gewordenen Buch Mysteriun mortis.44 In der traditionellen katholischen Theologie wird diese 'postmortale'45 Läuterung als 'Fegefeuer', als 'Purgatorium' bezeichnet. Am Jenseits könnte partienweise als eine - von populären Vergröberungen befreite - bildhafte Darstellung dieser Fegefeuerlehre verstanden werden.46


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1.3

Das Recht der Gnade


Soll May nun zum 'großen Theologen' hochstitisiert werden? Solcher Spott würde verkennen: Karl May ist kein Leichtgewicht. Spätestens seit Am Jenseits ist dieser Schriftsteller kein 'Trivialliterat' mehr. In seiner Art ist er ein Wissender. Wer seine Biographie, seine Irrwege und (Selbst-)Täuschungen, seine Kämpfe und Befreiungen studiert hat, wer zudem seine Werke - die Altersromane besonders - verständig gelesen hat, der wird ihm menschliche und künstlerische, aber auch theologische Größe nicht absprechen können.

   Wenn May immer wieder versichert, daß er kein Theologe sei,47 so stimmt das natürlich insofern, als er kein akademischer Fachtheologe war. Aber ein Glaubender, ein Hoffender ist er gewesen. Und nicht nur das! Über den Glauben - seinen Vollzug und seinen Inhalt - hat er auch NACHGEDACHT. Seine späten Romane bringen, auf poetische Weise, theologische Themen zur Sprache, deren Brisanz noch zu wenig erkannt wurde.

   "Ihr Buch vom Jenseits kam mir in die Hände. Habe darin gelesen. Diese Gedanken! Wo kommen die Ihnen nur her?" So - in Pax/Friede - der Governor zu May!48 Selbstgefällige Eitelkeit eines narzißtischen Autors? Nicht nur! Man muß Am Jenseits tatsächlich bewundern. Abstrakt theologische Aussagen in leuchtende Bilder und flüssige Erzählung umzugestalten, ist die eigentliche Leistung dieses Romans.

   Gewiß, auch im Alter war May neurotisch belastet und narzißtisch gekränkt. Aber das muß den Rang seiner Dichtung und den Wert seiner Theologie ja nicht mindern. Denn die Neurose "bringt oft nur in gesteigerter Form zum Ausdruck, was alle betrifft."49 Mays Schriften sind, dieser Aspekt ist wichtig, ein "Resonanzraum kollektiver Not"!50 Im eigenen Glanz und im eigenen Elend erkannte der Dichter den Glanz und das Elend des Menschen überhaupt: "Das Karl May-Problem ist das Menschheitsproblem, aus dem großen, alles umfassenden Plural in den Singular, in die einzelne Individualität transponiert."51

   Mays Leben war ein, oft verzweifelter, Kampf gegen sich selbst und gegen den Narzißmus so vieler. Der Schriftsteller jagte - so Claus Roxin - "immer neuen und immer verbesserten Entwürfen vom richtigen Leben" nach und kann "geradezu als ein Inbild der irrenden und suchenden, leidenden, aber doch auch zu erlösenden Menschenseele" erscheinen.52

   Am Jenseits hat, nicht zuletzt, auch eine therapeutische Bedeutung: für den Autor selbst und, wie er hofft, für seine Leser.53 Dies gilt für alle Schriften Mays, für diesen Roman aber besonders. Am Jenseits läßt, am Wendepunkt des Menschen und des Schriftstellers Karl May, den Sieg der göttlichen Gnade erahnen: den Sieg über Blindheit und Schuld, über Täuschung und Wahn.

   Die Hauptperson des Romans, der blinde Münedschi, ist - wie May - ein 'Kranker'. Doch seine 'innere Stimme', die Rede Ben Nurs, ist keine Täuschung, kein Wahn. Es sei denn, man hielte den Gottesgedanken als solchen für illusionär. Zu fragen, ob es ein Phänomen wie Münedschi-Ben Nur in der Realität so geben könne, wäre allerdings abwegig: Die Auftritte Münedschis, seine - im Trance-Zustand - ins Unglaubliche gesteigerten Fähigkeiten sind nicht 'real', sondern ein (geglücktes!) literarisches Darstellungsmittel.

   Der Orientale, aber auch unser Dichter hat "die Gewohnheit", sich "bildlich auszudrücken! [...] Sogar die christliche Bibel hat man von diesem Gesichtspunkte aus zu lesen und zu beurteilen, weil die Verfasser der in ihr enthaltenen Bücher auch Orientalen waren." (S. 113f.) Eine - zur Zeit Mays, für katholische und pietistische Leser zumal - sehr mutige und äußerst provozierende Bemerkung! Für die Interpretation des Jenseits-


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Romans folgt jedenfalls dies: Nicht die phantastische Handlungsebene, sondern die Bildworte Ben Nurs (bzw. Khutab Aghas) und die Reflexionen des Erzählers sind - theologisch gesehen - belangvoll.

   Die Rede Ben Nurs am Bir Hilu rühmte schon Droop als "gewaltig".54 Die ironische, manchmal sarkastische Sprache, die psychologische Feinheit der (dem Autor unbewußten?) Selbstkritik, die Radikalität in der Ethik, die Nähe zur Verkündigung Jesu: zur großen Gerichtsrede (Mt 25), zu den Kampfreden gegen Pharisäer und Schriftgelehrte (Mt 23) - das ist echte und natürlich christliche Literatur.

   Ben Nur zeigt dem Münedschi die Scharen der Sterbenden (S. 317-328): Wohlgemut und mit vorangetragenem Panier schreiten sie stolz - dem Abgrund entgegen. Sie alle werden am "Ort der Sichtung" gewogen und zu leicht befunden: sie alle, welche "fromm die Hände falten und still ergeben ihre Köpfe senken"; sie alle, die ständig nur von Liebe reden - aber nichts dergleichen tun; sie alle, die betend "ihre Lippen bewegen" - wenn man sie sieht und bewundert; sie alle, auf deren Gesichtern "das Lächeln der Sanftmut, der Milde, der Güte" erstrahlt - und die doch nur 'Vampyre' sind; sie alle, die "Reinen, die Unbefleckten", deren Füße den Schmutz nie berühren und die - "um sich die sittlich trockenen Stellen auszusuchen" - die "lächerlichsten Schritte und Sprünge" tun; sie alle, die das Gesetz nie übertreten - aber ihre Arbeiter zwingen, sich abzuschinden. Sie alle stürzen hinab von Es Ssiret, der Brücke des Todes.

   Warum? Weil sie - wie die Verdammten in C.S. Lewis' Roman Die große Scheidung (London 1946)55 - zu wenig geliebt haben. Weil sie stets nur sich selbst oder nur ihre Gatten, nur ihre Kinder, nur ihre Freunde geliebt haben!

   Wer kann dann überhaupt noch gerettet werden? Gerettet werden die Weinenden, die dennoch ihr Leben bejahen und annehmen. Gerettet werden die wirklich Barmherzigen: die Priester, die "nicht bloß Lehrer des Wortes, sondern [...] wirkliche Prediger der Liebe waren" (S. 335); die Richter, die selbst im "ärgsten Verbrecher noch den Menschen suchten" (S. 336); die Fürsten und Untemehmer,56 die ihren Besitz mit den Ärmsten geteilt haben; die Feldherren, die nicht dem Krieg, sondern dem Frieden gedient haben; die Straftäter, die bereut und gebüßt haben; die wahrhaft Gütigen, die Traurige getröstet und Kranke, Witwen und Waisen besucht haben.

   Alles in allem: ein Tugendkatalog im Sinne der Seligpreisungen Jesu (Mt 5, 3ff.). Daß der Schriftsteller dabei, gelegentlich, ins Klischeehafte abgleitet, hat schon Wollschläger zu Recht bemängelt.57

   Wie ist Mays Ethik zu werten? Als Rigorismus? Als 'Werkgerechtigkeit'? Es könnte fürs erste so scheinen. Doch sehen wir genauer hin: Die 'Verlorenen' stürzen nur deshalb hinunter, weil sie "Fahnen" vor sich hertragen, weil sie - vor Gott - auf ihre 'Rechte' setzen, weil sie sich ihres Heiles so sicher sind, weil sie glauben, einen Anspruch auf den Himmel zu haben, weil sie meinen, sich die Seligkeit 'verdienen' zu können, weil sie - egoistisch - nur auf IHRE Rettung bedacht sind. "Wer auf seine vermeintlichen Verdienste pocht und dafür den verdienten Lohn, aber keine Gnade fordert, der wird auch keine finden." (S. 328)

   Im Grunde steht hinter der Rede Ben Nurs die - konfessionell heute nicht mehr umstrittene - 'Rechtfertigungslehre' des Paulus und der Reformatoren:58 Nicht die eigene 'Gerechtigkeit', sondern die in Demut geglaubte Gnade Gottes rettet den Sünder: Da "giebt es keine andere Hilfe als den [...] Schrei nach Gnade, Gnade, Gnade!" (S. 512)

   May hofft auf die Rettung des Sünders, auf SEINE Rettung, auf die seiner Leser, auf die Rettung aller Menschen. Er hofft das ewige, das jenseitige Heil. Er sieht aber auch die


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diesseitige Verantwortung des Menschen, seine Verantwortung für den "Fortschritt" (S. 304) zur umfassenden Liebe, zum Frieden auf ERDEN! Dieser Gedanke wird in späteren Werken entfaltet; im Jenseits-Buch wird er immerhin angedeutet.

   Am Jenseits wirkt vordergründig nicht optimistisch: nach Britta Berg ein schwermütiges, "sehr düsteres Buch"! Die Waage der Gerechtigkeit "schwebt drohend über allem",59 und es gibt Tote in blutigen Massen. Am Ende fühlt der Erzähler "nichts als eine tiefe, tiefe Traurigkeit" (S. 594). Dennoch: der Grundtenor auch dieses Romans ist die Hoffnung, das Wissen um den unendlichen Wert, die unersetzliche Kostbarkeit jedes einzelnen Menschen, ja aller Kreatur. Jeder ist mit jedem, alles ist mit allem verbunden: Die Schöpfung wäre "nicht vollständig", würde auch nur EINE Seele noch fehlen. Das Ganze des Seins kann "auf dich und deinen Einfluß, mag er auch noch so winzig und unbedeutend sein, nicht verzichten" (S. 455)!

   Das sind kühne Gedanken. Wie steht es dann mit der 'Hölle'? Werden - im Sinne des griechischen Kirchenschriftstellers Origenes - zuletzt doch alle gerettet? Dies als Gewißheit zu behaupten, widerspräche dem von May so betonten Ernst der menschlichen Freiheit. Es widerspräche auch dem (noch vorreformatorischen) Dogma des christlichen Glaubens. Aber die Erlösung Aller als Möglichkeit zu ERHOFFEN, kann gewiß nicht verboten sein. Diese Hoffnung ist Pflicht; sie steht dem Christen gut an.60

   Ist der Absturz von der "Brücke des Todes", um bei diesem islamischen Bilde zu bleiben, gleichzusetzen mit der 'Hölle' als ewiger Verdammnis? Dies wird von May nicht gesagt. Diese Frage bleibt offen.

   Der Absturz ist ein Motiv, das sich bei May fast manisch wiederholt: zur eigenen Warnung! Wie die Drohworte Jesu wollen auch die Reden Ben Nurs die Leser (und den Autor) erwähnen. Sie sollen sich ÄNDERN, sollen 'umkehren' von der Angst zur Liebe, vom Stolz zum - nicht leichtfertigen, aber demütigen - Vertrauen auf Gott. In Halef, im Ich-Erzähler, in Khutab Agha u.a. wird diese Umkehr vollzogen. Am Jenseits ist, wie viele May-Bücher, eine Bekehrungsgeschichte!

   Am Jenseits predigt - paulinisch - die "Gerechtigkeit", zugleich aber die Gnade Gottes, die alles "richten", also 'recht' machen kann. Eine einzige Sekunde der Reue und des Gebetes kann genügen, "eine verlorene Seele dem Himmel zurückzugewinnen" (S. 334). Die Sterbenden können noch immer bereuen und so das Ganze ihrer Vergangenheit mit einem neuen, einem rettenden Vorzeichen versehen.

   Nur die Toten können nichts mehr für sich tun: "Der Herrgott hält Gericht; zu seinen Seiten sitzen die Gerechtigkeit und die Gnade [...] Wer wird nun das entscheidende Wort sprechen, die Gnade oder die Gerechtigkeit?" (S. 552) Münedschis Meinung: "Wenn die Gnade spricht, ist die Gerechtigkeit erfüllt!" (S. 531) Die Liebe wird siegen, weil das Dunkel "sich in Licht verwandeln wird und muß [...] Streu Liebe aus! Je mehr die Zahl der Menschen wächst, die dieses thun, [...] desto eher erreicht das Geschlecht der Sterblichen das Ziel - - die Seligkeit!" (S. 515f.)

   Gottes Gerechtigkeit, der letzte Ernst unsrer Freiheitsgeschichte und Gottes Erbarmen -wie kann das alles zugleich, ohne inneren Widerspruch, geglaubt werden? Diese Frage wird im Jenseits-Band zwar berührt, aber nicht ausdrücklich gestellt. Diese Frage glatt zu beantworten, wäre wohl auch vermessen. Immerhin, ein Versuch wäre möglich. Etwa - mit Franz-Josef Nocke - folgendermaßen:


In Tod und Auferstehung werde ich Christus begegnen. Vor seinem alles wissenden Blick wird mir ganz klar worden, wer ich bin. (Das ist das Gericht.) Aber er wird mich nicht nur prüfend und feststellend anschauen. Es wird ein liebender, erlösender Blick sein; er wird mich verwandeln, mich 'auftauen' und von meinen Verkrampfungen befreien. Wie aber die Zimmerwärme in den


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draußen in der Kälte starr gewordenen Fingern zunächst Schmerz hervorruft, [...] so wird der verwandelnde Bück Christi mich schmerzen (um so mehr, je mehr 'Kälte' in mir ist) und mir doch schließlich wohltun. (Das ist die Läuterung.)61


   May schreibt in anderen Bildern. Doch in der Sache meint er dasselbe.


Anmerkungen


1Aus dem Editionsplan der Herausgeber geht dies hervor.
2Vgl. oben, S. 358f.
3Die folgenden Ausführungen entsprechen, mit kleinen Änderungen, Hermann Wohlgschaft: "Das ist die Wage der Gerechtigkeit". Bemerkungen zu Karl Mays 'Jenseits'-Roman. In: JbKMG 1988, S. 184-208 (S. 193-203).
4Aus einem Artikel vom 23.8.1899 in 'Der Wanderer' (St. Paul/USA); zit. nach Bernhard Kosciuszko: Im Zentrum der May-Hetze. Die Kölnische Volkszeitung. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 10. Ubstadt 1985, S. 78.
5Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 88 - Ähnlich Gernot Grumbach: Das Allerswerk Karl Mays. Ausdruck einer persönlichen Krise. SKMG Nr. 32 (1981), S. 31 - Hartmut Vollmer: Karl Mays 'Am Jenseits'. Exemplarische Untersuchung zum 'Bruch' im Werk. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 7. Ubstadt 1983, S. 88f. - Martin Lowsky: Karl May. Stuttgart 1987, S. 100f.
6Hans Wollschläger: Der "Besitzer von vielen Beuteln". Lese-Notizen zu Karl Mays 'Am Jenseits' (MaterWien zu einer Charakteranalyse II). In: JbKMG 1974, S. 153-171 (S. 157).
7Claus Roxin in einem Brief vom 4.11.1991 an den Verfasser.
8Unhaltbar in der Tendenz H.B. van Kleef: Das Übersinnliche in Carl Mays Werken. In: Zeitschrift für Spiritismus, Somnambulismus, Magnetismus, Spiritualismus und verwandte Gebiete (1900), S. 69-132; vgl. dazu Axel Mittelstaedt: Karl May und der Spiritismus. In: KMJB 1978. Bamberg, Braunschweig 1978, S. 135-171.
9Zu Ben Nur vgl. oben, S. 364f.
10Seitenangaben in () beziehen sich auf Karl May: Am Jenseits. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXV. Freiburg 1899.
11Das Wort "Prophet" ist hier im umgangssprachlichen Sinne von 'Hellseher' und nicht im biblisehen Sinne von 'Mund Gottes' zu verstehen.
12Nach Britta Berg: Religiöses Gedankengut bei Karl May. SKMG Nr. 47 (1984), S. 14f., besteht zwischen Mays Am Jenseits und Emanuel Swedenborgs Himmel und Hölle: beschrieben nach Gehörtem und Gesehenem eine enge Verwandtschaft. Nach Wolfgang Wagner: Der Eklektizismus in Karl Mays Spätwerk. SKMG Nr. 16 (1979), S. 13, dürfte May Swedenborgs Von der Verbindung der Seele mit dem Körper (1776) und wohl auch andere Werke Swedenborgs, wenigstens teilweise, gelesen haben. - Nur: die Tendenz in Mays Am Jenseits ist ja gerade entgegengesetzt zu Swedenborgs - mit dem Anspruch auf wörtliche Richtigkeit vorgetragenen - Geistervisionen! Nach Am Jenseits kann der Sterbliche 'Himmel' und 'Hölle' NICHT schauen!
13Vgl. z.B. Elisabeth Kübler-Ross: Über den Tod und das Leben danach. Melsbach-Neuwied 31985; dazu, im Blick auf May, weiterführend Eckard Etzold: Karl May: Am Ort der Sichtung. Ein literarisches Todesnahe-Erlebnis. SKMG Nr. 81 (1989).
14Diese Vorstellung setzt z.B. Kübler-Ross, wie Anm. 13, S. 78ff., voraus.
15Vgl. z.B. Karl May: Und Friede auf Erden! Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXX. Freiburg 1904, S. 475.
16Daß der Reiz dieser Visionen nicht auch "in ihnen selbst" liege (Lowsky, wie Anm. 5, S. 100f.), ist eine unbegründete Herabsetzung ihres Inhalts.
17Auch diese Aussagen Mays decken sich mit den Sterbeerlebnissen bei Kübler-Ross u.a. Autoren wie Moody, E. Wiesenhütter oder J. Chr. Hampe.
18Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Band 1. Berlin, Weimar 1965, S. 186; zit. nach Ekkehard Koch: "Jedes irdische Geschöpf hat eine Berechtigung zu sein und zu leben". Zum Verhältnis von Karl May und Johann Gottfried Herder. In: JbKMG 1981, S. 166-206 (S. 195).
19Vgl. z.B. Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen III. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXVIII. Freiburg 1902, S. 484f.


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20Vgl. Heinrich Denzinger - Adolf Schünmetzer: Enchiridion Symbolorum. Ed. XXXIV. Freiburg 1965, Num. 838f. u. 1304ff.
21Hermann Volk: Tod. In: Handbuch theologischer Grundbegriffe II. Hrsg. von Heinrich Fries. München 1963, S. 677.
22Karl Barth: Kirchliche Dogmatik III/4. Zollikon, Zürich 1951, S. 676.
23Karl Barth: Die Auferstehung der Toten. Eine akademische Vorlesung über I. Kor. 15. Zollikon, Zürich 41953, S. 60.
24Karl Barth: Kirchliche Dogmatik II/1. Zollikon, Zürich 1940, S. 686.
25Karl Barth: Kirchliche Dogmatik III/4, wie Anni. 22, S. 653.
26Karl Barth: Unsterblichkeit. In: Quellen zur Geschichte des deutschen Protestantismus von 1945 bis Zur Gegenwart. 2. Teil. Hrsg. von Karl Kupisch. Hamburg 1971, S. 133.
27Dazu ausführlich Hermann Wohlgschaft: Hoffnung angesichts des Todes. Das Todesproblem bei Karl Barth und in der zeitgenössischen Theologie des deutschen Sprachraums. Beiträge zur ökumenischen Theologie, Bd. 14. Hrsg. von Heinrich Fries. München, Paderborn, Wien 1977, S. 104-199.
28Karl Rahner: Über das christliche Sterben. In: Ders.: Schriften zur Theologie VII. Einsiedeln, Zürich, Köln 1966, S. 273-280 (S. 275).
29Karl Rahner: Zur Theologie des Todes. Quaestiones disputatae 2. Freiburg 51965, S. 28.
30Helmut Thielicke: Tod und Leben. Studien zur christlichen Anthrepologie. Tübingen 21946, S.58.
31Vgl. Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 61949, S. 250ff.
32Max Müller: Existenzphilosophie im geistigen Leben der Gegenwart. Heidelberg 31964, S. 187.
33Karl Rahner: Das Leben der Toten. In: Ders.: Schriften zur Theologie IV. Einsiedeln, Zürich, Köln 31964, S. 429-437 (S. 433).
34Der Versuch des Menschen, seine Vergangenheit und damit sich selbst zu verleugnen, zugleich aber die Unmöglichkeit dieses Versuchs ist ein großes Thema Max Frischs.
35Karl Rahner: Theologie der Freiheit. In: Ders.: Schriften zur Theologie VI. Einsiedeln, Zürich, Köln 1965, S. 215-237 (S. 221).
36Johannes B. Metz: Freiheit, theol. In: Handbuch theologischer Grundbegriffe, Bd. 1. Hrsg. von Heinrich Fries. München 1962, S. 403-414 (S. 411 f.).
37Joseph Ratzinger: Hölle. In: Lexikon für Theologie und Kirche V. Hrsg. von Josef Höfer und Karl Rahner. Freiburg 21960, Sp. 446-449 (Sp. 448).
38Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. Vorlesungen aber das Apostolische Glaubensbekenntnis. München 1968, S. 247.
39Romano Guardini: Landschaft der Ewigkeit. München 1958, S. 120.
40Karl Rahner: Zu einer Theologie des Todes. In: Ders.: Schriften zur Theologie X. Zürich, Einsiedeln, Köln 1972, S. 181-199 (S. 187).
41Hans Urs von Balthasar: Das Weizenkorn. Aphorismen. Einsiedeln 21953, S. 111.
42Vgl. Albrecht Dieterich: Nekyia. Beiträge zur Erklärung der neuentdeckten Petrusapokalypse. Leipzig 1893, S. 93.
43Mehr bei Etzold, wie Anm. 13, bes. S. 15ff.
44Ladislaus Boros: Mysterium mortis. Der Mensch in der letzten Entscheidung. Olten, Freiburg 41964.
45Ein mißverständliches Wort, weil es 'nach' dem Tod ja keine Zeit im physikalischen Sinne mehr gibt!
46Vgl. Wiltrud Ohlig: Karl May hat das 'Fegefeuer'aufgewertet. Eine Betrachtung. In: MKMG 67 (1986), S. 17f.
47Vgl. z.B. May: Und Friede aufErden!, wie Anm. 15, S. 409.
48Ebd., S. 449.
49Claus Roxin in einem Brief vom 24.5.1987 an den Verfasser.
50Hans Wollschläger: "Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspahung überhaupt". Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: JbKMG 1972/73, S. 11-92 (S. 84).
51Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 12.
52Roxin, wie Anm. 49.


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53Die Heilung Wallers im Friede-Band wird wesentlich unterstützt durch die Lektüre des Missionars im Jenseits-Roman!
54Adolf Droop: Karl May. Eine Analyse seiner Reise-Erzählungen. Cöln-Weiden 1909, S. 185.
55Vgl. C.S. Lewis: Die große Scheidung oder Zwischen Himmel und Hölle. Einsiedeln 1978 (ins Deutsche übertragen von Helmut Kuhn). - Vgl. oben, S. 359.
56Mays Beziehungen zu diversen Hoheiten spiegeln sich hier; autobiographische Züge weist natürlich die ganze Rede auf.
57Wollschläger: Besitzer, wie Anm. 6, S. 153.
58So auch Ernst Seybold: Aspekte christlichen Glaubens bei Karl May. SKMG Nr. 55 (1985), S. 15 (Anm. 72 u. 74).
59Berg, wie Anm. 12, S. 19.
60So Karl Rahner: Theologische Prinzipien der Henneneutik eschatologischer Aussagen. In: Ders.: Schriften zur Theologie IV, wie Anm. 33, S. 401-428 (S. 421). Diese Auffassung wird bei Rahner, überzeugend, anthropologisch UND dogmatisch begründet.
61Franz-Josef Nocke: Eschatologie. Düsseldorf 1982, S. 133.




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Sekundärliteratur


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