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Pubertätszeit und Ausbildung zum Lehrerberuf: Schlimme Erlebnisse und ernste Glaubensprobleme


Am Palmsonntag, dem 16. März 1856, wurde Karl May konfirmiert. Die Volksschülerzeit ging zu Ende. Im Abschlußzeugnis hatte May in den "Wissenschaften" die Note II und im "sittlichen Verhalten" die Note I bekommen. Einen Grund zu Beanstandungen gab es damals also noch nicht.

   Wie sollte es weitergehen? Fürs Gymnasium fehlten die Mittel, an ein Hochschulstudium - der Beruf des Arztes schwebte May vor - war nicht zu denken. "Ich mußte mit meinen Wünschen weit herunter und kam zuletzt beim Volksschullehrer an." (S. 77)1

   Das Geld für Karls Ausbildung mußte von den Seinen erhungert werden. Die finanzielle Unterstützung (aufgrund eines Gesuchs des Ernstthaler Pfarrers) durch den zuständigen Feudalherrn, den Grafen Heinrich von Schönburg-Glauchau, war nur geringfügig (laut May: 15 Taler pro Jahr).2 Ein Hilfegesuch beim Ernstthaler Kaufmann Friedrich Wilhelm Layritz schlug fehl: Dieser "war ein sehr reicher und sehr frommer Mann. Man hatte ihm zwar noch keine Wohltat nachweisen können, aber er versäumte keinen Kirchgang, sprach gern von Humanität und Nächstenliebe und war unser Gevatter." (S. 78) Der Gottesfürchtige empfahl das Gebet, aber sein Herz blieb verschlossen und sein Beutel blieb zu.

   Erlebnisse dieser Art, das fortwirkende Kindheitstrauma, die materiellen Schwierigkeiten, vielleicht auch die Räuberlektüre, mit Sicherheit aber die Verständnislosigkeit seiner Vorgesetzten waren der Grund und der Nährboden des kommenden Unheils.



4.1

Karls Romantik


Die Armut der Familie kränkte den Jungen, und die Hartherzigkeit der besser Situierten empörte ihn sehr. Beim Eintritt ins Pubertätsalter, kurz vor dem Ende der Volksschülerzeit, hatte er seinen Angehörigen einen Zettel geschrieben: "Ihr sollt euch nicht die Hände blutig arbeiten; ich geh nach Spanien; ich hole Hilfe!" (S. 79) Er dachte an die Sierra Morena und die Engel der Bedrängten, an Rinaldo und dessen Edelmut. Er machte sich auf den Weg, ins Land seiner Sehnsucht.

   Zum ersten Mal "überwuchert die Phantasie sichtlich den Realitätsbezug, antwortet May auf die wirkliche Misere mit dem ernsthaften Versuch, zu ihrer Lösung den Trost der Fiktion heranzuziehen"!3 Der greise Dichter gibt zu: "Der Fehler lag daran, daß ich infolge des verschlungenen Leseschundes den Roman für das Leben hielt und darum das Leben nun einfach als Roman behandelte. Die überreiche Phantasie, mit der mich die Natur begabte, machte die Möglichkeit dieser Verwechslung zur Wirklichkeit. " (S. 92)

   Karls Spanientrip - vielleicht zur Jahreswende 1855/564 - war nach einem Tag schon beendet. Der Vater suchte den Sohn, fand ihn bei Verwandten in der Nähe von Zwickau (S. 92) und brachte ihn wieder nach Hause.


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4.2

Die Waldenburger Verhältnisse


Wenig später bestand Karl May am Fürstlich-Schönburgischen Lehrerseminar zu Waldenburg, zwei Fußstunden von Ernstthal entfernt, die Aufnahmeprüfung. Zu Michaelis, am 29. September 1856, wurde er Proseminarist. Der Gewalt des Vaters und den Sümpfen des Kegelschubs im Hohensteiner Lokal ist Karl nun endlich entkommen; in neue Zwänge geriet er hinein. Die Realität dort in Waldenburg paßte zu seiner romantischen Innenwelt wie die Faust auf das Auge.

   Im Seminar herrschte nach dem Scheitern der Revolution ein selbstgerechter und liebloser Geist. Die 1857 erlassene "Ordnung der evangelischen Schullehrerseminare im Königreich Sachsen"5 war reaktionär. Sie entsprach dem preußischen Reglement "für den Unterricht in den evangelischen Schullehrerseminarien der Monarchie" vom Oktober 1854: Das allgemeine Bildungsniveau sollte möglichst niedrig gehalten,6 "eine bessere Bildung und eine soziale und politische Mobilisierung des Volkes"7 sollten verhindert, demokratische Umtriebe und liberale Ideen sollten erstickt werden.

   Der Lehrerstand hatte engagierte Demokraten hervorgebracht. "Vom Staat wurden die Seminare darum als Brutstätten revolutionärer Gesinnung diffamiert, die es unbedingt zu reformieren galt."8 Restaurative Einstellung, systemtreue Frömmigkeit und staatserhaltende Anpassung wurden folglich goutiert und gefordert.

   In seinem Karl-May-Roman Swallow, mein wackerer Mustang (1980) charakterisiert der Schriftsteller Erich Loest den Auftrag der damaligen Lehrerbildung: Schulmeister "säen Glauben an Gott und das Herrscherhaus in Dresden, Lehrer bilden einen Damm gegen Gottlosigkeit und Sozialdemokratie."9

   Reformerisches Gedankengut, eine am konkreten Menschen orientierte, auf Verstehen und Liebe bauende Pädagogik, wie sie Johann Pestalozzi (1746-1827) und in dessen Geiste dann Friedrich Fröbel (1782-1852) und Friedrich Diesterweg (1790-1866) vertraten, war verpönt:


Von Tendenzen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, auch die Volksschulen als Stätten humanistischer Menschenbildung zu gestalten und an den Seminaren entsprechende Voraussetzungen zu schaffen, [...] ist nichts mehr zu spüren. Die Ausbildung zielt auf "christliche Volkssehullehrer", womit nach damaligem Obrigkeitsverständnis gehorsame, demütige, untertänigste Staatsdiener gemeint sind.10


   Positiv ist immerhin zu bewerten: Karl May lernte jetzt "das Lernen" (S. 98). Seine Ausbildung hatte nun eine Struktur. Bibelkunde und Katechetik, Kirchengeschichte und Kirchengesang, Violin- und Orgelspiel, Deutsche Sprache (allerdings keine Fremdsprachen), Pädagogik, Naturkunde und Geometrie wurden gelehrt - zwar trocken, aber solide (S. 97f.).

   Die haltlose "Qualle" bekam jetzt "Knochen" genug; nur fand sie "kein gesundes Fleisch" in sich vor: "Alles, was ich zusammenfügte und was ich mir innerlich aufzubauen versuchte, wurde formlos, wurde häßlich, wurde unwahr und ungesetzlich. Ich begann, Angst vor mir zu bekommen." (S. 98) Daß May sich schon damals als sittlich gefährdet ansah und "unausgesetzt" an sich arbeitete, um sich "innerlich zu säubern, [...] zu ordnen und zu heben" (ebd.), ist nun freilich doch etwas unwahrscheinlich.11 Solche Sätze entsprechen der Ethik des Schriftstellers May und wohl kaum der Gemütsverfassung des Seminaristen in Waldenburg.

   May wollte, in narzißtischer Übersteigerung vielleicht, geschätzt und beachtet werden. Doch seine Mitschüler belächelten ihn (S. 97) und nahmen ihn nicht für voll. Er "verein-


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samte auch hier, und zwar mehr, viel mehr als daheim. Und ich wurde hier noch klassenfremder, als ich es dort gewesen war." (S. 96f.) May blieb allein und gefangen im eigenen Ich: "Ich hätte mich wohl gern einem unserer Lehrer anvertraut, aber die waren ja alle so erhaben, so kalt, so unnahbar, und vor allen Dingen, das fühlte ich heraus, keiner von ihnen hätte mich verstanden; sie waren keine Psychologen." (S. 98f.)

   Inwiefern auch die (durchaus zwiespältige) politische Einstellung Mays im monarchistischen und anti-revolutionären Waldenburg geprägt oder beeinflußt wurde, ist eine schwierige Frage.12 Aber eindeutig war seine Reaktion auf die Glaubensvermittlung, auf die religiöse Belehrung im Fürstlichen Seminar.

   Sein diesbezügliches Resümee in der Selbstbiographie klingt zunächst eher vorsichtig: Die täglichen Andachten morgens und abends waren "ganz richtig", die biblische Unterweisung war ebenso richtig.


Aber es gab bei alledem Eines nicht, nämlich grad das, was in allen religiösen Dingen die Hauptsache ist; nämlich es gab keine Liebe, keine Milde, keine Demut, keine Versöhnlichkeit. Der Unterricht war kalt, streng, hart. Es fehlte ihm jede Spur von Poesie. Anstatt zu beglücken, zu begeistern, stieß er ab. Die Religionsstunden waren diejenigen Stunden, für welche man sich am allerwenigsten zu erwärmen vermochte. Man war immer froh, wenn der Zeiger die Zwölf erreichte. (S. 95f.)


   Der Unterricht, der keinen jungen Menschen bewegte, "aus freien Stücken einmal die Hände zu falten, um zu beten" (S. 96), schockierte May bis ins Alter hinein. Noch fünfzig Jahre nach seinem Eintritt ins Seminar, in seinem Erlösungsdrama Babel und Bibel (1906), läßt er den Gewaltmenschen Abu Kital das vorgeschriebene Gebet seinen Untertanen im Takt des Peitschenschlags einbleuen: "Das schnappt und klappt! [...] Das bricht sich Bahn!"13

   Es mag Seminaristen gegeben haben, die das alles in Ordnung fanden oder denen das alles egal war; doch für Karl May war es psychischer Terror. Für ihn war Waldenburg eine Qual, ein Gefängnis. Sein religiöses Verlangen fand eine bittere, ihn verstörende, von ihm als verheerend empfundene Antwort. Die salbungsvolle Art, die innere Verlogenheit, die sterile Rechtgläubigkeit dieses Christentums kam May "ebenso seelenlos wie streitbar vor. Es befriedigte nicht und behauptete trotzdem, die einzige reine, wahre Lehre zu sein. Wie arm und wie gottverlassen man sich da fühlte!" (S. 96)

   Mays Urteil über die Jahre in Waldenburg ist rundweg vernichtend. Zweifel am Kinderglauben und am Christentum überhaupt, die dann - allerdings nur zeitweilig - zur Ablehnung des biblischen Gottesbildes führten,14 werden im Seminar schon entstanden sein.



4.3

Vergebliche Liebe - erniedrigter Stolz


Karl war froh, wenn die Ferien kamen; in der Ernstthaler Heimat war es immer noch besser auszuhalten als hinter den Mauern der Anstalt.

   Zuhause hatte der Jugendliche ein für ihn sehr bedeutsames Erlebnis, das die Selbstbiographie übergeht, Karl May aber noch lange beschäftigt hat: seine "erste Liebe".15 In Ernstthal verliebte er sich in die gleichaltrige Anna Preßler. Er besuchte sie stets in den Ferien und verehrte sie innigst. Er schrieb ihr Gedichte und komponierte Melodien zu diesen Versen.


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   Aber seine Müh' war vergebens und seine Lieder waren umsonst. Schon im Juli 1858, mit sechzehn Jahren, heiratete Anna einen Krämer: Carl Hermann Zacharias, von dem sie ein Kind erwartete.16

   Karle war wieder verlassen und zurückgeworfen auf sich selbst. Die traumatische Szene, die Versagung des Liebesverlangens, die Zurückweisung durch eine Frau, die Wollschläger in die früheste Kindheit des Schriftstellers verlegt, könnte auch hier, im Verlust dieses Mädchens, (erneut oder erstmalig) zu finden sein. Denn Annas 'Untreue' spiegelt sich "in vielerlei Verwandlungen in den Werken des Dichters",17 und der Name Anna wurde zum "Symbol für unzulänglich-leidvolle Liebesbeziehungen"18 in den Mayschen Erzählungen.

   Karls erste Liebe ist in ihrer biographischen Relevanz unbedingt ernst zu nehmen. Seine Neigung zu Anna muß ungewöhnlich stark und idealistisch gewesen sein. Sein romantischer Sinn, sein verträumtes Wesen und natürlich die Werks-Spiegelungen machen diese Annahme wahrscheinlich. Mays Dürsten nach 'reiner' Frauenminne - verkörpert in den zahlreichen Beatrice-Gestalten seines Erzählwerks - dürfte auf das Anna-Erlebnis (das er später auf verschiedene Frauen und dann auf seine Verlobte Emma Pollmer projizierte)19 ursprünglich zurückgehen. Wenn von Mays Fixierungen, seinen inneren Verletzungen und poetischen Energien zu sprechen ist, darf die Begegnung mit Anna Preßler nicht übersehen werden.

   Ein weiteres, ebenfalls ins Jahr 1858 fallendes Ereignis ist in diesem Zusammenhang interessant: Nach eigenen Angaben (S. 99f.), dokumentarisch nicht gesichert, aber durchaus wahrscheinlich hat der Sechzehnjährige eine Indianergeschichte geschrieben und sie Ernst Keil, dem Herausgeber der 'Gartenlaube' geschickt. Dieser sandte sie, nach langem Schweigen, als zu unreif zurück.

   Der Stolz des jungen Autors wird gedämpft, sein Geltungsstreben wird noch verstärkt worden sein. Auch diese Niederlage "muß May wie ein Alptraum verfolgt haben; noch 1897 reflektiert er diese Situation und fabuliert im Buch "Weihnacht!", wie er es sich einst gewünscht hätte: Als Seminarist habe er durch ein langes Gedicht und eine Motette beträchtliches Aufsehen erregt, sich damit eine Menge Taler und dazu noch den Spitznamen Sappho verdient."20



4.4

Erstes Delikt und drakonische Strafe


Wie hat Karl May auf diese Erlebnisse, auf den Verlust der Geliebten, auf die Zurücksetzung durch den Herausgeber der 'Gartenlaube' und auf die poesielosen Verhältnisse im Lehrerseminar schließlich geantwortet? Zog er sich zurück in sich selbst, ins Reich seiner Phantasien und Träume? Oder muckte er auf, seiner vom Vater ererbten Neigung zum Zorne gehorchend? Beides wird zutreffen.

   May war "kein Musterknabe, sondern ein recht aufsässiger Schüler", der seinen beschränkten und verständnislosen Lehrern "größte Erziehungsschwierigkeiten bereitet hat".21 Nach Klaus Hoffmanns Ermittlungen22 war sein Verhalten in Waldenburg den Pädagogen sehr bald schon suspekt.

   Im März oder April 1859 versäumte er einen Nachmittagsgottesdienst; also war er, laut Protokoll der Lehrerkonferenz, von "schwachem religiösen Gefühl". Die Grenzen von Realität und Fiktion waren bei dem dichterisch veranlagten Karle von Kindheit an ziemlich verwischt; jetzt gar leugnete er, zur Rede gestellt, seine Absenz bei der Andacht; also


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rügte man im Seminar seine "arge Lügenhaftigkeit". Für die Vorgesetzten war er ein Rüpel; sein Gemüt war "verdorben" und sein Wesen war "rüde".

   Der Schüler May war - nach Wollschläger - "wohl gleich zu Anfang ein bißchen mehr Mensch, als er's nach Meinung der hohen Direktion hier sein sollte: etwas zu rasch vollzieht sich das Erwachen der lange geduckten, voller Mucken steckenden kleinen Person."23 Kurzum: er paßte nicht in das dortige Bild eines künftigen Erziehers, eines "würdigen Gliedes" des Lehrerstands.

   In der vorletzten Klasse des Hauptseminars, vor Weihnachten 1859, geschah dann das Unglück. Es sollte den Grund für "jenes Schicksal" legen, "aus welchem meine Gegner so übelklingendes Kapital geschlagen haben." (S. 100)

   Nach Walther Ilmer ist die Affäre Waldenburg der "Urgrund", der "Ausgangspunkt der Malaise"24 in Karl Mays Leben. Ihre literarische Aufarbeitung und damit ihre psychische Bewältigung gelang dem Dichter erst spät, in der Reiseerzählung "Weihnacht!" (1897): "Wahrscheinlich bedurfte es des Wegräumens und Beseitigens aller anderen Deckschichten, bevor er zum Urgrund vorstoßen konnte."25

   Was ist passiert im Fürstlichen Seminar? In Mays Elternhaus war man zu arm, um sich Kerzen für die Weihnachtsengel kaufen zu können. Wie Rinaldo Rinaldini und wie künftig Old Shatterhand in seinen eigenen Romanen wollte Karl als Retter in der Not erscheinen. Im November 1859 hatte er als "Lichtwochner" die Klassenzimmer mit Beleuchtung zu versorgen. Er entwendete, wie es in den Seminarakten heißt, "sechs ganze Lichte" im Gesamtgewicht von einem Pfund und versteckte sie in seinem Koffer in einer abgelegenen Kammer des Seminargebäudes. Zwei Mitschüler, Gustav Adolf Ilisch und Erwin Maximilian Illing,26 hatten es bemerkt. Sie verschwiegen zunächst ihre Entdeckung und zeigten Karl dann an: ohne vorherige Warnung (S. 102).

   Am 22. Dezember wurde May von Herrn Direktor Friedrich Wilhelm Schütze, dem Leiter der Anstalt, und vom Lehrerkollegium auf strengste verhört. Auch noch andere Vergehen, der Diebstahl von zwei Talern zum Beispiel, wurden ihm vorgehalten - ohne Beweis. Trotzdem: wegen der Kerzen mußte der Delinquent mit der Ausweisung rechnen! Der Direktor sprach es in deutlichen Worten aus.

   Nach Mays eigener Darstellung in der Selbstbiographie hatte er nutzlose Talgreste, "nicht drei Pfennige wert" (S. 101f.), für sich behalten. Diese Version entspringt einer schützenden, einer verdeckenden Halb-Erinnerung; sie verformt und verkürzt das Geschehen.27 Im Kern ist Mays Erinnerung aber doch wahr: Ein Verbrechen, ein schweres Delikt war sein Vergehen, angesichts seiner Notlage, nicht.

   Die Absicht des Diebstahls stritt Karl May ab: "Ich dachte wahrhaftig nichts Arges." (S. 102) Es half ihm nichts; die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf. Der Gerechteste, Herr Direktor Schütze - in "Weihnacht!" tritt er auf als der Prayer-man, als frommer Traktätchenhändler, als tückischer Dieb, als Mord-Schütze Frank Shappard28 -, berichtete dem 'Gesammt-Consistorium Glauchau', und dieses (auf Betreiben Schützes) dem Kultusministerium in Dresden. Das Ende: von fünf möglichen Sanktionen die Höchststrafe, die "gänzliche Entfernung aus dem Seminare" durch ministerielle Verfügung vom 17.1.1860.

   Tatsächlich wurde May am 28. Januar 1860 aus der Anstalt relegiert: als "infernalischer Charakter" (S. 102), "wegen sittlicher Unwürdigkeit für seinen Beruf"!29

   Eine Vergeltungsmaßnahme, die an ein Unrecht erinnert, das Gottfried Keller widerfuhr und von diesem, im Grünen Heinrich, bitter beklagt wurde.30 Eine Überreaktion der strafenden Macht, die "heutigen rechtlichen Maßstäben nicht standhalten würde"!31


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Abb. 4: Das 1844 eröffnete Fürstlich Schönburgische Lehrerseminar in Waldenburg.


Abb. 5: Das Lehrerseminar in Plauen im Vogtland.


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Abb. 6: Das Arbeitshaus Schloß Osterstein in Zwickau, nach einer 1864 veröffentlichten Abbildung.


Abb. 7: Das Innere der Strafanstaltskirche des Zuchthauses Waldheim.


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   Die Härte der Strafe war unangemessen, war töricht und pädagogisch verantwortungslos. Claus Roxin gibt zu bedenken: "Normverstöße vergleichbarer und schlimmerer Art kommen bei den meisten Heranwachsenden vor und werden in aller Regel [...] so erledigt, daß dem jungen Mann keine schweren und dauernden Nachteile daraus entstehen."32

   Das Durchgreifen der Seminardirektion im Falle Mays und zuvor schon in anderen Fällen33 war herzlos, ohne menschliches Mitgefühl, von christlicher Liebe ganz zu schweigen. Für Karl May war dieses Erlebnis ein Schock, ein innerer Bruch, der die nächsten und schlimmeren Debakel rasch zeitigen sollte. "An diesen Weihnachtstagen löschten heilige Flammen in mir aus, Lichter, die mir wert gewesen waren. Ich lernte zwischen dem Christentum und seinen Bekennern unterscheiden." (S. 102)

   Auch das Christentum selbst, die Substanz seines Gottvertrauens, der Kern seiner Frömmigkeit wurden im Herzen des jungen May wohl jetzt schon erschüttert. Die Theologie der naiven, in der Kindheit gelesenen Traktate lernte May nun in Frage zu stellen.

   Seit wann seine Zweifel ins Grundsätzliche gingen, ist nicht genau zu datieren. In der Gefängniszelle, in seinem Textfragment Ange et Diable (1870?) jedenfalls meinte der Straftäter:


Ich finde zwischen Gott und Teufel keinen Unterschied. Wer ist wohl schlimmer - ein Gott, welcher wegen EINES EINZIGEN Fehlers EINES EINZIGEN Menschenpaares, an dessen Fehlerhaftigkeit er noch dazu als Schöpfer die Schuld trug, Millionen und aber Millionen unschuldige Menschen ins Unglück stürzt [...] oder ein Teufel, welcher dann und wann eine ungehorsame Menschenseele als Fricassée verspeist?34


   Daß die - von May schon bald revidierte - Denkweise von Ange et Diable der christlichen Erbsündenlehre nicht gerecht wird, ist für den Fachtheologen klar.35 Bei der theologischen und autobiographischen Beurteilung dieses Fragments kann es jedoch nur sekundär um Dogmen und Lehren gehen; in erster Linie sind die Gefühle, die menschlichen Erlebnisse zu berücksichtigen, die dem Texte zugrundeliegen: Von Christen fühlte May sich verstoßen, von Christen fühlte er sich ins Verderben gestürzt!



4.5

Zwei Gnadengesuche und die Fortsetzung der Ausbildung in Plauen


Noch 1903, im Silbernen Löwen IV, reflektiert Karl May: "Warum gibt es so viele Verlorene? Sie müssen verloren gehen, weil man ihnen schon den ersten, kleinen Fehltritt nicht verzeiht. "36

   Und doch wurde May sein erster Fehltritt verziehen. Überdies war es ein Christ, ein Mann der Kirche, der Verständnis bewies und zu helfen vermochte. Der recht(s)gläubige, von Karl May in der Selbstbiographie nicht sehr gerühmte Ernstthaler Pfarrer Carl Hermann Schmidt unterstützte, als "Beichtvater" Karls, ein Gnadengesuch des Sünders an das sächsische Kultusministerium.

   Am 6. März 1860 richtete May ein demütiges Reueschreiben ans Hohe Ministerium. Er schloß mit der "unterthänigste[n] Bitte", das Ministerium möge ihm vergeben und die Fortsetzung seiner Ausbildung gestatten, "damit ich als gehorsamer Schüler und einst als treuer Lehrer im Weinberge des Herrn die That vergessen machen könne, deren Folgen so schwer auf mir und meinen Aeltern ruhen!"37

   Seine Strafe bezeichnete May, im selben Brief, "als ganz gerecht und dem Vergehen gemäß" zugleich aber schränkte er ein, daß "in Betreff der Lichte keineswegs der Wille zu


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einer Veruntreuung vorlag, sondern daß es nachlässige Säumigkeit von mir war, sie nicht rechtzeitig an den gehörigen Platz zu legen."38

   Es wäre denkbar, daß der Stil dieses Schreibens von Pfarrer Schmidt beeinflußt wurde. Doch selbst in diesem Fall kann man - mit Ilmer - wohl sagen: Schon der achtzehnjährige May erwies sich als "Psycholog".39 Er bekannte "unterthänigst", was man hören wollte bei Hofe. Und er brachte dennoch - implicite - zum Ausdruck, daß er die Strafe für übertrieben, ja für maßlos und ungerecht hielt: Ausschluß und Zerstörung der Zukunft wegen einer "nachlässige[n] Säumigkeit"!

   Mays Schreiben folgte die umfängliche, wohl überlegte, in der Form diplomatische und in der Sache engagierte Eingabe des Pfarrers vom 10. März an das Ministerium:


Als vormaliger Lehrer und nachheriger Beichtvater Mays kann ich aus früherer Zeit bezeugen, daß er als stiller, sittsamer Knabe ebenso treuen Fleiß für die Schule, als bei Kindern seines Alters nicht gewöhnlichen Eifer für Gottes Wort [...] bethätigte und sich für allerlei Mahnungen stets zugänglich und empfänglich bewies [...] Nach seiner Aufnahme auf das Proseminar zu Waldenburg [...] machte er lobenswerthe Fortschritte in den Kenntnissen und wandelte in Sitten untadelig [...] Die fraglichen Verirrungen Mays stehen hiernach in seinem Leben vereinzelt da, tragen weder das Gepräge überlegter Bosheit, noch eines tiefer gewurzelten Leichtsinns und dürften ihm bei der kundgegebenen ernsten Reue umso eher verziehen werden können, als sie gerade in die Periode seiner Jugend fallen, in welcher der Jüngling für allerlei Versuchungen am meisten zugänglich ist.40


   Pfarrer Schmidt hätte ein freundliches Wort in Mein Leben und Streben verdient! Seine Schützen-Hilfe war klug und führte zum Erfolg. Das Ministerium entschied im Sinne Karl Mays. Am 24.5.1860 erhielt er die Nachricht, daß er seine Ausbildung fortsetzen könne: im Lehrerseminar zu Plauen im Vogtland. Auch Direktor Schütze in Waldenburg, zu seiner Ehre sei es vermerkt, hatte sich besonnen. Er befürwortete, im nachhinein, des Missetäters Gesuch.41

   Ob May das jemals erfahren hat, ist unsicher und zweifelhaft. Schützes 'Bußfertigkeit' blieb ihm entweder unbekannt oder er hielt sie für Heuchelei. Denn noch 1910, in der Selbstbiographie, hat Karl May dem "fromme[n] Seminardirektor" (S. 163) gegrollt.42

   Am 2. Juni 1860 bestand er die Aufnahmeprüfung in Plauen. Am 4. Juni trat er in die vorletzte Klasse ein; er hatte also keinen Zeitverlust zu beklagen. Einige Monate wohnte er in einer Dachkammer der Freimaurerloge 'Zur Pyramide',43 dann erst im Internatsgebäude des Seminars.

   Ganz trostlos scheint diese Zeit nicht gewesen zu sein. Es gab einige Gaststätten, die von den Seminaristen besucht werden durften. Der Spiegelung in Mays Jugenderzählung Der schwarze Mustang (1896/97) nach zu schließen hatte das Leben in Plauen, mit dem Hunger und der Enge des Elternhauses verglichen, einen Hauch von Highlife:


Plauen is mir nämlich sehr ans Herz gewachsen, denn dort habe ich bei Anders im Glassalon mein schönstes Bier getrunken und meine besten Schweinsknöcheln à la Omelette gegessen; voigtländische Klöße, so grüngeknüffte, waren, gloobe ich, ooch dabei."44


   Für erneute Verfehlungen gibt es keine Anhaltspunkte. Im September 1861 absolvierte May die Kandidatenprüfung mit der Gesamtnote "Gut". Die Eignung als Hilfslehrer hatte er jetzt erworben.



Anmerkungen


1Seitenangaben in () beziehen sich auf Karl May: Mein Leben und Streben (1910). Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982. - Zum geringen sozialen Ansehen des Schulmeisters in der damaligen Zeit vgl. unten, S. 73.


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2Vgl. Walther Ilmer: Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph. Husum 1992, S. 19 u. 254 (Nachtrag).
3Helmut Schmiedt: Karl May. Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers. Königstein/Ts. 1979, S. 28; ähnlich Heinz Stolte: Der Volksschriftsteller Karl May. Beitrag zur literarischen Volkskunde. Bamberg 1979 (Reprint der Erstausgabe von 1936), S. 35f.
4Diesen Zeitpunkt vermutet Walther Ilmer: Karl Mays Weihnachten in Karl Mays 'Weihnacht!'. In: JbKMG 1987, S. 101-137 (S. 103).
5Einzelheiten bei Gerhard Klußmeier - Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern. Hildesheim, New York 1978, S. 25ff.
6Dieses Bestreben galt schon für die Zeit nach 1848; vgl. oben, S. 51.
7Ingmar Winter: "Der Unterricht war kalt, streng, hart". Das Abbild zeitgenössischer Pädagogik bei Karl May. In: JbKMG 1988, S. 292-321 (S. 301).
8Klußmeier - Plaul, wie Anm. 5, S. 25.
9Erich Loest: Swallow, mein wackerer Mustang. Karl-May-Roman. Frankfurt/M. 1983 (Fischer Taschenbuch Nr. 5330; Erstausgabe Hamburg 1980), S. 38; zit. auch bei Winter, wie Anm. 7, S.303.
10Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 62f.
11Vgl. Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 26.
12Vgl. die Bemerkungen zur Klekih-petra-Vorgeschichte in Karl Mays Winnetou I (S. 128ff. der Freiburger Erstausgabe von 1893) bei Winter, wie Anm. 7, S. 304f.
13Karl May: Babel und Bibel. Arabische Fantasia in zwei Akten. Freiburg 1906, S. 26. - Vgl. unten, S. 664ff.
14Vgl. Karl May: Ange et Diable. In: Ders.: Hinter den Mauern und andere Fragmente aus der Haftzeit. In: JbKMG 1971, S. 122-143 (S. 128-132). - Zu Ange et Diable vgl. unten, S. 118ff.
15Karl May: Repertorium C. May. Titelplan Nr. 41. In: Ders.: Hinter den Mauern, wie Anm. 14, S. 132-143 (S. 134). - Ermittlung und Darstellung der Begegnung Mays mit Anna Preßler bei Ludwig Patsch: Karl Mays erste Liebe. In: KMJB 1979. Bamberg, Braunschweig 1979, S. 189-193 (ergänzt und berichtigt von Roland Schmid).
16Nach Klaus Hoffmann: Karl May als "Räuberhauptmann" oder Die Verfolgung rund um die sächsische Erde. Karl Mays Straftaten und sein Aufenthalt 1868 bis 1870, 2. Teil. In: JbKMG 1975, S. 243-275 (S. 262).
17Patsch, wie Anm. 15, S. 192.
18Walther Ilmer: Karl Mays Weihnachten in Karl Mays 'Weihnacht!' II. Eine Spurenlese auf der Suche nach Fährten. In: JbKMG 1988, S. 209-247 (S. 228).
19Vgl. unten, S. 156f.
20Heermann, wie Anm. 10, S. 64.
21Claus Roxin: Vorläufige Bemerkungen über die Straftaten Karl Mays. In: JbKMG 1971, S. 74-109 (S. 96).
22Vgl. Klaus Hoffmann: Der "Lichtwochner" am Seminar Waldenburg. Eine Dokumentation über Karl Mays erstes Delikt (1859). In: JbKMG 1976, S. 92-104.
23Wollschläger: Karl May, wie Anm. 11, S. 25.
24Ilmer: Karl Mays Weihnachten, wie Anm. 4, S. 112 bzw. S. 119.
25Ebd., S. 112.
26Nach Ilmer, wie Anm. 24, S. 128, verweisen die Initialen dieser beiden Namen auf Romangestalten in Mays "Weihnacht!". - Ilmers Karl-May-Aufsätze liefern Lehrbeispiele für die autobiographische Entschlüsselung Mayscher Personen- und Ortsnamen (und sonstiger Assoziationen in Mays Erzählwerk).
27Heinz Stolte: Kerzen, Karl May und Voltaire. In: MKMG 80 (1989), S. 3, gibt zu bedenken, daß eine Kerze damals "einen beachtlichen Wertgegenstand" darstellte.
28Ilmer: Karl Mays Weihnachten, wie Anm. 4, S. 119ff., verweist auf die Spiegelung.
29Aus einem Schreiben des 'Gesammt-Consistoriums Glauchau' vom 24.1.1860 an Direktor Schütze; zit. nach Wollschläger: Karl May, wie Anm. 11, S. 27.
30Hinweis bei Thomas Ostwald: Karl May - Leben und Werk. Braunschweig 41977, S. 24f.
31Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123 (S. 75).
32Claus Roxin: Karl May, das Strafrecht und die Literatur. In: JbKMG 1978, S. 9-36 (S. 18).


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33Nach Hoffmann: Der "Lichtwochner", wie Anm. 22, S. 101, wurden im Jahre 1858 die Seminaristen Gustav Fiedler aus Chemnitz und Julius Louis Schmidt aus Glauchau - ebenfalls wegen geringfügiger Vergehen - aus der Anstalt entlassen.
34Karl May: Ange et Diable, wie Anm. 14, S. 130.
35Vgl. z.B. Karl Rahner: Erbsünde. In: Ders. (Hrsg.): Herders theologisches Taschenlexikon, Bd. 2. Freiburg, Basel, Wien 1972, S. 155-164.
36Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen IV. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXIX. Freiburg 1903, S. 433.
37Zit. nach Hoffmann: Der "Lichtwochner", wie Anm. 22, S. 102.
38Ebd., S. 101.
39Vgl. Ilmer: Karl Mays Weihnachten, wie Anm. 4, S. 116.
40Auszug aus dem Schreiben Carl Hermann Schmidts; der volle Wortlaut bei Hoffmann: Der "Lichtwochner", wie Anm. 22, S. 102f.
41Vgl. auch Hainer Plaul: Karl May, wie Anm. 1, S. 368f. (Anm. 101 u. 102).
42Vgl. Ilmer: Karl Mays Weihnachten, wie Anm. 4, S. 120; auch ebd., S. 136 (Anm. 34).
43Nach Klußmeier - Plaul, wie Anm. 5, S. 32.
44Zitat des Hobble-Frank aus Mays Jugenderzählung Der schwarze Mustang. Stuttgart o.J. (1898), S. 109; zit. nach Klußmeier - Plaul, wie Anm. 5, S. 32.




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Sekundärliteratur


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