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Geleitwort


Die Karl-May-Gesellschaft hatte sich, wie schon ihr Vorläufer, die "Arbeitsgemeinschaft Karl-May-Biographie", bei ihrer Gründung zum Ziel gesetzt, die "große", umfassende Lebensdarstellung Karl Mays zu schaffen. Es ist ihren Mitgliedern dann zwar gelungen, Vita und Werk ihres Autors allseitig zu erforschen und einige bemerkenswerte Biographien vorzulegen, aber das erwartete "Großwerk" war nicht darunter. Diese Lücke in der bisherigen May-Literatur füllt Dr. Hermann Wohlgschafts Buch, das bei normalem Satzspiegel 1.500 Seiten umfassen würde und dessen Umfang damit alle bisherigen Darstellungen vom "Leben und Werk" Karl Mays um ein Mehrfaches übertrifft. Das Buch enthält alles, was an irgend Bedeutsamem über Leben und Werk Karl Mays bisher bekannt geworden ist. Es verdient daher, neben dem Karl-May-Handbuch (hgg. von Ueding, Kröner-Verlag) und dem "Großen Karl-May-Figurenlexikon" (hgg. von Kosciuszko, Igel-Verlag) als drittes aus der Arbeit der Karl-May-Gesellschaft erwachsenes Grundlagenwerk in die Bibliothek jedes ernsthaften May-Interessenten eingestellt zu werden!

   Freilich: Eine abschließende Gesamtdarstellung ist auch dieses Buch nicht. Es kann sie niemals geben, weil Erforschung und Deutung eines so exemplarischen Lebens und Werkes immer weitergehen und neue Einsichten eröffnen werden. Aber auch abgesehen von seinem Umfang ist Wohlgschafts Buch etwas Besonderes. Es wertet die gesamte, fast schon unübersehbare Sekundärliteratur mit einer noch nie erreichten Vollständigkeit aus, so daß es geradezu ein Resümee der bisherigen Karl-May-Forschung darstellt. Es ist gleichwohl keine Kompilation, sondern schmilzt den Stoff in eine teils epische, teils reflektierende Schilderung ein, die den Leser festhält und das Riesenwerk mit Spannung lesen läßt. Es ist auch die objektivste Karl-May-Darstellung, die ich kenne: Nichts wird beschönigt, aber auch nichts übertrieben. Wohlgschaft verzichtet ganz auf ungesicherte Hypothesen. Wo etwas unklar oder strittig ist, wägt er sorgsam ab und verzichtet auf eine definitive Entscheidung, wenn der Forschungsstand sie nicht zuläßt.

   Schließlich unterscheidet sich das Werk von allen anderen über Karl May dadurch, daß es dem theologischen Aspekt in Leben und Werk Mays besondere Beachtung schenkt. "Karl May ist ein Inbild des Menschen und seiner Suche nach besseren Daseinsentwürfen" (S. 24). Dem hätte May sicher zugestimmt. In der Werkdeutung führt dieser Ansatz bei aller Einbeziehung literarischer, biographischer, psychologischer und soziologischer Gesichtspunkte zu einer Rehabilitierung des Theologen, der Karl May - vor allem im Spätwerk - auch war. Ich meine, daß damit ein lange vernachlässigtes und dennoch zentrales Forschungsthema endlich durch einen kompetenten Interpreten aufgearbeitet wird. Denn man darf nicht vergessen (das gilt auch und gerade für den, der theologisch unkundig ist), daß Karl May sich als Christ verstand und daß seine Spätwerke als reine Kunstgebilde oder als Psychobiographie unter Absehung von ihrem religionsphilosophischen Gehalt nicht vollständig verstanden werden können. Daß May in der vorliegenden Darstellung als ein seiner Zeit vorauseilender, theologisch progressiver Dichter erscheint, verleiht dieser Deutungsschicht einen zusätzlichen Aktualitätsreiz.

   Unbeschadet dessen ist das Buch nicht etwa ausschließlich oder auch nur in erster Linie für Karl-May-Experten oder Theologen geschrieben. Es kann vielmehr allen, die sich für


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das dramatische, an Aufschwüngen und Abstürzen reiche Leben Karl Mays und für sein umfangreiches und wirkungsmächtiges Werk interessieren, jede erwünschte Auskunft geben und ihnen zum Leseerlebnis werden.

   Wohlgschafts Buch, das ich in den langen Jahren seiner Entstehung mit meinem Rat begleitet habe, hat mir viel gegeben. Ich hoffe, daß seine übrigen Leser über ihre Erfahrung mit dem Werk auch so urteilen werden.


Claus Roxin

Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft





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Sekundärliteratur


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