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MARAH DURIMEH:


Der Artikel ist in zwei Teile gegliedert: im ersten Teil werden personen- und handlungsbezogene Details nach Einzelwerken in Kurzform zusammengestellt; im zweiten Teil werden in einem Essay die äußere und innere Entwicklung der Figur und ihre Bedeutung im Werk und für die Person Karl Mays dargestellt.


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M. ist eine über einhundert Jahre alte Fürstin der Tijari-Kurden aus der Gegend von Hakkiari oder Rowandiz

- in GR 2: (al. RUH 'I KULYAN (GEIST DER HÖHLE)): M.s verstorbener Mann war ein berühmter König. M. und er konvertierten zum (katholischen) Christentum. Man erzählt sich, M. besäße immer noch große Reichtümer. KARA BEN NEMSI (KBN) lernt sie kennen, als er zu ihrer kranken Urenkelin (in GR 28 erfährt man, daß es SCHAKARA ist) gerufen wird. KBN lernt später den großen Einfluß M.s kennen, als er in die Auseinandersetzungen zwischen dem BEY VON GUMRI und den Nestorianern des MELEKs VON LIZAN gerät. In Lizan ist der geheimnisvollen RUH 'I KULYAN beheimatet, dessen Identität keiner kennt, an den sich die Menschen der Region jedoch wenden, wenn sie Rat und Hilfe brauchen. M. gibt sich KBN gegenüber als Ruh 'i kulyan zu erkennen.


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Sie beendet die Kämpfe zwischen den Kurden und den Nestorianern. Mit KBN führt sie ein langes Gespräch über Religionsphilosophie und die Geschichte Kurdistans. Zum Abschied schenkt sie ihm ein Amulett. (207, 218ff, 329ff, 568-71, 594-97, 615f, 629-38)

- in GR 3: In einer Notlage öffnet KBN das Amulett M.s; es enthält hohe englische Pfundnoten. (nur erwähnt) (352f)

- in GR 27: M. wird auf Anweisung des PASCHAs VON SULEIMANIA bei den Dawuhdijeh-Kurden, die sie als ES SAHIRA (DIE ZAUBERIN) verehren, aus ungenannten Gründen gefangengehalten. KBN befreit sie durch eine List. Er erhält von ihr erneut ein Amulett. (518, 526, 542ff, 606, 626ff)

- in GR 28/29: M. ist eine Tante ABD EL FADLs, Großtante des PEDEHR, eine gute Bekannte des USTAD; Schakara ist ihre Schülerin. Es wird erwähnt, daß M. Bücher geschrieben hat. Sie hat Schakara zu den Dschamikun geschickt, damit diese sie über die Ereignisse dort unterrichtet. Von M. stammt die Sage vom ›verzauberten Gebet‹. AHRIMAN MIRZA hält sie für seine Hauptgegnerin. (nur erwähnt) (GR 28: 287, 557 GR 29: 208ff, 219, 340, 563, 595f)

- in GR 30: M. wird erstmals als MENSCHHEITSSEELE bezeichnet. (nur erwähnt) (552)

- in BABEL: Als alte MENSCHHEITSSEELE bewirkt sie in Zusammenarbeit mit dem Märchenerzähler HAKAWATI und dem Edelmenschen BEN TESALAH, daß der Gewaltmensch ABU KITAL bereit ist, sich zum Edelmenschen zu wandeln. In der Maske der PHANTASIE entlarvt sie durch ein Schattenspiel die verbrecherischen Machenschaften des IMAM und des KADI, die Abu Kital durch eine Intrige veranlaßten, seine Frau BENT'ULLAH (die neue Menschheitsseele) und seinen Sohn (Ben Tesalah) zu verstoßen. M. erreicht, daß die Familie wieder zusammenkommt. Abu Kital hatte M. zu einen mit Menschenfiguren zu spielenden Schachspiel gefordert. Er will durch einen Sieg seine Feinde, die edlen Kiram (die abendländisch-christlichen Einfluß repräsentieren), vernichten und seinen Stamm, die An'allah (die islamisch-nationalistisch gesinnt sind), zu großer Macht führen. M. durchkreuzt diese Pläne; Abu Kital wird politisch und privat besiegt. (13f, 20, 34, 36f, 88, 96f, 110, 119, 126f, 136, 159, 163f, 191, 193)

- GR 31/32: Als Sultanin von Sitara, die in einem Palast in Ikbal residiert, sendet sie KBN, den sie wie einen Sohn behandelt, zum MIR VON ARDISTAN, der dem unter dem ganz besonderen Schutz von M. stehenden MIR VON DSCHINNISTAN den Krieg erklärt hat. KBN soll in ihrem Namen den Krieg verhindern und Frieden stiften. Am Schluß läßt sie die Schleusen des Flusses Ssul öffnen, der Ardistan den Frieden wiederbringt. (GR 31: 1, 3, 5ff, 9ff, 14ff, 22, 24, 40f GR 32: 631ff, 636f, 644ff)

- in GR 33: M. hat große Ähnlichkeit mit TATELLAH-SATAH. (nur erwähnt) (24, 276-282, 402, 504, 566)


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»Aus der Tiefe zur Höhe, aus Ardistan nach Dschinnistan, vom niedern Sinnenmenschen zum Edelmenschen empor. Wie das geschehen müsse, wollte ich an zwei Beispielen zeigen, an einem orientalischen und an einem amerikanischen ... In Amerika sollte eine männliche und in Asien eine weibliche Gestalt das Ideal bilden, an dem meine Leser ihr ethisches Wollen emporzuranken hätten. Die eine ist mein WINNETOU, die andere Marah Durimeh geworden.«1 - Karl Mays verklärender Rückblick auf sein Leben und Werk, den er wenige Jahre vor seinem Tod in der Selbstbiographie ›Mein Leben und Streben‹ aufzeichnete, legt noch einmal mit Nachdruck und in programmatischer Form den symbolisch-allegorischen Anspruch seines literarischen Oeuvres dar. Als ein bewußtes Anliegen finden wir das gleichnishafte, verschlüsselnde Erzählen aber bekanntlich erst seit den um die Jahrhundertwende entstandenen Werken.

Mit dem omnipotenten Ich-Helden OLD SHATTERHAND resp. KARA BEN NEMSI (KBN) und dem edlen Apachenhäuptling Winnetou werden schon die berühmten Reiseerzählungen, die May vor der vieles verändernden Orientreise 1899/1900 schrieb, von Idealfiguren bestimmt. Im Spätwerk prägt sich diese Idealisierung der literarischen Figuren weiter aus, nun aber verstärkt in eine Allegorisierung menschheitlicher Phänomene übergehend; die auftretenden Personen werden zu Beispiel- oder Anschauungsfiguren geistig-seelischer Zustände.

Daß May in dem einleitenden Zitat neben seinen legendären Winnetou gleichrangig die greise Kurdin Marah Durimeh stellt, die erstmals in der Orienterzählung ›Durchs wilde Kurdistan‹ (GR 2; Zeitschriften-Fassung 1881) auftritt, die bei der breiten Leserschaft bis heute jedoch nie die Popularität des Apachen erreichen konnte, überrascht nicht, wenn man weiß, daß May die Hundertjährige zur hehren Leitfigur seines Spätwerkes erkoren hatte. Der verschlungene, unebene Weg zu dieser Idealgestalt ist für Mays Entwicklung - von den Abenteuererzählungen zum symbolischen Alterswerk - und für das Verständnis seines gesamten Werkes bedeutsam.

Hans Wollschläger hat die psychische Wandlung Mays, die Abkehr vom väterlichen Ich-Ideal und die Fixierung auf das Mütterliche, als die Ursache für die literarische Neuorientierung eindrücklich erklärt.2 Mit Mays Abwendung von den bunten Abenteuerfabeln und der Hinwendung zu philosophisch-religiösen Menschheitsfragen veränderte sich - bezeichnenderweise - gleichzeitig auch das Bild Marah Durimehs, die als ein Porträt seiner Großmutter zu verstehen sei, wie May im Alter betonte.3 Vergleicht man die Beschreibungen Marah Durimehs aus verschiedenen literarischen Phasen Karl Mays, so zeigt sich die Wandlung in einer überraschenden Deutlichkeit; die Frage nach den Gründen für die brüchige, divergente Figurenzeichnung stellt sich dabei unweigerlich.

»Ich ... erblickte eine alte Frau, deren Äußeres mich schaudern macte. Sie schien über hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes, aber von ihrem Haupte hingen schwere weiße Haarzöpfe fast bis auf den Boden herab.« (GR 2: 207) - So schauerlich begegnet uns Marah Durimeh in der Zeitschriften-Fassung und in der Erstauflage der Buchausgabe ›Durchs wilde Kurdistan‹ (1892); in der


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Ausgabe aus dem Jahre 1904 (46.-50. Tausend) dagegen heißt es: »Ich ... erblickte eine alte Frau, an der mein Auge mit Bewunderung hängen blieb. Sie war gewiß hundert Jahre alt, doch ihre Gestalt stand gerade und hoch aufgerichtet; ihre Augen hatten jugendlichen Glanz; ihre Züge waren seltsam schön und weich ...« (207). - Und noch vollendeter war die Zeichnung in der späteren ›Illustrierten Ausgabe‹ von 1907: »Ich ... sah eine ganz eigenartige schöne Frau, deren Alter so hoch war, daß es, wie ich später erfuhr, gar nicht mehr bestimmt werden konnte. Dennoch trug sie ihre imposante Gestalt hoch, gerad und aufrecht, und in ihrem hochedel geformten Gesicht war fast keine Spur einer Falte zu sehen ...« (172)

Man sieht: Eine erstaunliche Wandlung. - Was war geschehen? Zunächst mag man geneigt sein, von zwei ganz unterschiedlichen Figuren zu sprechen, bei denen nur noch Name, Alter und Haarzöpfe identisch sind - die Forschungsliteratur hat auf die Divergenz der Marah-Durimeh-Figur in den Reiseerzählungen und im Spätwerk mit Nachdruck hingewiesen.4 Berücksichtigt und betrachtet man Mays psychische und literarische Neuorientierung, so werden die Ursachen für die unterschiedlichen Marah-Durimeh-Bilder jedoch offenbar, die in Wahrheit, im Tiefsten, zwei Seiten einer einzigen Gestalt darstellen: der ›Großen Mutter‹. Wir müssen uns dabei vergegenwärtigen, daß May in frühester Kindheit eine entscheidende Störung in der Beziehung zu seiner Mutter (CHRISTIANE WILHELMINE MAY) erfuhr, an der er zeitlebens litt. Obgleich der Liebesentzug der Mutter - von ihm ist wohl auszugehen - durch übertriebene Zuwendung der Großmutter (Johanne Christiane Kretzschmar) weitgehend ersetzt wurde, konnte May diese Abkehr nie überwinden. Nicht die Mutter sah er jedoch als Schuldige an, sondern er suchte die Gründe für ihren Liebesentzug in sich selbst; sein Versuch, die Mutterliebe wiederzuerlangen, scheiterte in katastrophaler Weise mit dem Sturz in die Kriminalität. Der frühe Liebesverlust führte bei May zu einer starken Fixierung auf die Großmutter. In seiner Selbstbiographie schreibt er über seine (blinden) Kindheitsjahre: »Ich war die ganze Zeit des Tages nicht bei den Eltern, sondern bei Großmutter. Sie war mein alles. Sie war mein Vater, meine Mutter, meine Erzieherin, mein Licht, mein Sonnenschein, der meinen Augen fehlte.«5

Obwohl die Unstimmigkeiten einiger biographischer Angaben vor der Annahme einer allzu realistischen Porträtzeichnung der Großmutter warnen, hatte May es ihr ohne Frage zu verdanken, daß er schon früh mit Literatur (Märchen !) vertraut wurde und in ihm der Wunsch entstand, selbst zu dichten. Hinter aller Glorifizierung und Idealisierung der Großmutter aber stand letztlich immer das quälende, nicht auszulöschende Bewußtsein, oder vermutlich eher das Gefühl, daß sie doch nur Mutter-Ersatz sein konnte. Bei ihr erfuhr er die Liebe und Wärme, den Halt und die Geborgenheit, die er von der Mutter erwartet hatte. May hat diese Qual, dieses ›Mutter-Geheimnis‹, in einem wahren Kraftakt über Jahrzehnte hin verdrängt, das Mütterliche durch den vom Vater-Ideal bestimmten Ich-Helden der Reiseerzählungen vor der Jahrhundertwende abgewehrt. Der Zusammenbruch der seelischen Schutzpanzerung - in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre bereits deutlich vorgezeichnet - vollzog sich schließlich auf der Orientreise und verwandelte einen Dichter, der nun an die Aufgabe ging, sein »eigentliches Werk« zu schreiben: May


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überwand das Mutter-Trauma, indem er die verlorene Mutterliebe in der Menschheitsliebe überreich wiederfand.

Wenn der erste Auftritt der großen Mutterfigur Marah Durimeh in GR 2 Dämonie und Todesschauer evoziert, und sie dem ›Ich‹ (KBN) als ein unlösbares Rätsel erscheint, sind die Gründe dafür unschwer zu erkennen: Die gestorbene Mutterliebe vergegenwärtigend, spiegelt sich hier die (Todes-)Angst vor dem (verdrängten) Mütterlichen, die May zu einer Zeit überfällt, als sein Ich-Held immer stärkere Konturen gewinnt und seine Omnipotenz in einem unaufhörlichen Demonstrationsdrang unter Beweis stellt. Mit der Gestalt Marah Durimehs schuf May zweifellos ein Porträt seiner Großmutter (zugleich ein mütterliches Idealbild überhaupt). Dafür spricht etwa ihre enge Bindung zu ihrer durch Tollkirschen vergifteten, von KBN geretteten Urenkelin, bei der es sich um ein verfremdetes Selbstbildnis Mays handeln dürfte.6 Auch ihre Güte und ihre phantastische Märchengestalt, selbst ihr Alter stimmen mit dem realen Vorbild überein: 1780 geboren, wäre die Großmutter 1881, als Marah Durimeh zum erstenmal auftritt, in der Tat um hundert Jahre alt gewesen. Und vielleicht verweist das Totenantlitz der alten Kurdin nicht nur auf den Tod der Großmutter (1865), sondern auch auf deren Scheintod.7 Unterschwellig aber drängte sich bei der Gestaltung Marah Durimehs das leidvolle, mit der Großmutter untrennbar verbundene Mutter-Trauma mit Macht in das bewußte, kontrollierte Schreiben Mays.

Obgleich Marah Durimeh mit dunklen, schauerlichen Zügen gezeichnet ist, wirkt sie in GR 2 aber auch als ›guter Geist‹, als heimliche Wohltäterin. Sie ist der sagenumwobene RUH 'I KULYAN‹, der den Schwachen und Hilfsbedürftigen beisteht und dem ›Ich‹ nach der Rettung ihrer Urenkelin Schutz verspricht. Verschlüsselt sind ihre Güte und Barmherzigkeit bereits in ihrem Namen: Werner Poppe deutet ihn aufgrund philologischer, geographischer und ethnographischer Quellenforschung als »die Heilige aus Duri«.8 Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, daß die Gestaltung der Figur von der ›Mutter Gottes‹ beeinflußt worden ist (Marah = Maria). Über ihre geheimnisvolle Lebensgeschichte erfahren wir, daß sie einem adeligen Geschlecht entstammt, früher eine Königin der Tijari-Kurden war und dann zum Christentum übertrat. Vor allem der religionsphilosophische Schlußdialog in GR 2 zwischen Marah Durimeh und KBN deutet unverkennbar bereits auf die große Friedensfürstin des Spätwerks hin.

Die Idealisierung der greisen Kurdin findet ihre Parallele in Mays Beschreibung seiner Mutter und Großmutter, die ihm im Alter Halt, Geborgenheit, Heimat, Liebe und Seele bedeuten. In ›Am Jenseits‹ (GR 25) schreibt May über die Großmutter: »Sie war, grad wie auch meine Mutter, so reich an Liebe, daß ich noch heute von und in diesem Reichtume lebe; es ist das der größte Reichtum, den es giebt ...« (GR 25: 83) Auch in der Selbstbiographie ist die Mutter der so innig geliebten Großmutter (die Realität verklärend) angeglichen: »Meine Mutter war eine Märtyrerin, eine Heilige [!], immer still, unendlich fleißig, trotz unserer eigenen Armut stets opferbereit für andere, vielleicht noch ärmere Leute. Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem Mund gehört. Sie war ein Segen für jeden, mit dem sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre Kinder.«9 Mit der ›Heiligsprechung‹ der Mutter hatte May ein neues, ideales Verhältnis zu ihr gefunden. In GR 2 war er allerdings noch auf der Suche nach dem Mütterlichen,


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nach der Lösung des geheinmisvollen Rätsels. Marah Durimeh ist dort zwar das mütterliche Ideal, sie ist die ›Große Mutter‹, die Mutter und Großmutter vereint, ihre schauerlichen Totenzüge verliert sie jedoch nicht. So begegnet sie dem ›Ich‹ auch am Schluß der Erzählung noch »eingehüllt in einen weiten Mantel, aus dem ihr hageres Gesicht wie dasjenige eines Totenkopfs mir entgegengrinste ... Es war, als hätte ich den Tod neben mir sitzen ...« (GR 2: 594/596). Das Ende des Buches bleibt offen, die Lebensgeschichte der alten Kurdin verliert sich im Geheimnisvollen. Erst über ein Jahrzehnt nach der letzten Marah-Durimeh-Erwähnung, am Schluß der ›Mahdi‹-Trilogie (GR 16-18; 1896), erwähnt May überraschenderweise ein geplantes Werk ›Marah Durimeh‹. Und in einem Brief an seinen Verleger Fehsenfeld vom Oktober 1896 spricht er plötzlich von einem »Hauptwerk« »Marah Durimeh«, das seine »ganze Lebens- und Sterbensphilosophie enthalten« solle.10 Dieses große Marah-Durimeh-Werk blieb ungeschrieben, neben zeitlichen wohl vor allem aus psychischen Gründen. Roland Schmid vermutet, daß das Schlußkapitel von ›Im Reiche des silbernen Löwen II‹ (GR 27 - 1898), das bezeichnenderweise ›Ein Rätsel‹ überschrieben ist und einen zweiten großen Auftritt der Hundertjährigen schildert, als Anfangskapitel des angekündigten ›Marah-Durimeh‹-Romans geplant war.11 Wiederum verharrt in dieser Erzählung die Geschichte um die hehre Greisin, die, von Dawuhdijeh-Kurden in einem Wachturm gefangengehalten, von KBN später befreit wird, im Geheimnisvollen: »Nur über das Eine schwieg sie, was ich doch so gern erfahren hätte. Warum hatte man sie festgenommen und nach dem Kulluk geschafft? Warum hatte sie jetzt noch weiter gebracht werden sollen, ›in eine Ferne, wo der Tod und nicht das Leben ist‹?« (GR 27: 627) Erneut offenbart sich Marah Durimeh als Schreckens- und Heiligen-Figur zugleich: »Sie war wie damals eingehüllt in einen weiten dunklen Mantel, aus welchem mir ihr hageres Gesicht wie dasjenige eines Totenkopfes entgegengrinste« (GR 27: 606f), beschreibt KBN sie beim Wiedersehen. An anderer Stelle begegnet uns wiederum das idealisierte Bild: »Sie war eine in menschlicher Gestalt wirkende Hand Gottes, welche sich in überquellender, erbarmender Liebe ausstreckt, die Irrenden zurechtzuweisen und die Abgefallenen zurückzuführen zum Heile, welches allen Menschen und nicht etwa nur wenigen Auserwählten beschieden ist. Indem sie nicht mehr der Erde angehörte, gehörte sie in ihrer reichen Liebe der ganzen Menschheit an!« (GR 27: 546). Damit ist Marah Durimehs allegorische Darstellung der MENSCHHEITSSEELE - der Begriff fällt erst nach der entscheidenden Orientreise - implizit genannt. So löst auch das Totenantlitz der Greisin nun »eine tiefe, fast heilige Verehrung anstatt Grauen« (GR 27: 607) bei KBN aus, der - wie schon in GR 2 - der ›Großen Mutter‹ als ihr »Kind«, ihr »Sohn« entgegentritt. (GR 27: 612f)

Die Idealisierung der realen Mutter/Großmutter Mays zur überirdische Züge annehmenden Heiligen, die über das Schicksal nicht nur einzelner Menschen, sondern der »ganzen Menschheit« bestimmt, entgrenzte das persönliche Mutter-Trauma Mays in überindividuelle Existenzfragen. Indem May seinen ›Fall‹ nun als »Menschheitsproblem« verstand, hatte er den befreienden Weg aus seiner ›Schuld‹ gefunden. Im Idealbild Marah Durimehs lebte die 1885 gestorbene Mutter fort, wie zugleich die Großmutter, die 1865 starb (ihre Tode zeichneten das Totenantlitz der Greisin): als Leitfigur, die nun nicht mehr schmerzhafte Erinnerungen trug, sondern schützend und behütend dem ›verlorenen


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Sohn‹ nahestand. Mays ›Muttergedichte‹ aus der 1900 erschienenen Sammlung ›Himmelsgedanken‹ sind eindringliche Zeugnisse dieses Erlösungsprozesses: »Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen / Zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist./ Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen; / O komm, o komm, und sag, daß du verzeihst!« (›An die Mutter‹) Und wegweisend ist die »Antwort« der Mutter: »Ich bin nicht tot; ich hab dich nicht verlassen, / Wenn ihr auch sagt, daß ich gestorben sei, / Und kann noch heut wie früher dich umfassen, / Damit du fühlst, daß ich dir gern verzeih.«12

Es erscheint geradezu folgerichtig, daß die ehrwürdige Greisin Marah Durimeh, die schon vor der Jahrhundertwende das mütterliche Ideal darstellte und philosophisch-religiöse Menschheitsdeutungen verkündete, nach Mays Abkehr vom bisherigen Abenteuerschreiben zur zentralen Orientierung für den literarischen Neubeginn werden mußte. In den Folgebänden III und IV der ›Silberlöwe‹-Tetralogie (GR 28/29 - 1902/03), die den schriftstellerischen Bruch und die Wandlung unmittelbar reflektieren, wirkt ihr Geist, ihre Macht überall, wenngleich sie in diesen Werken nicht persönlich auftritt.

Die erste explizite Bezeichnung Marah Durimehs als »Menschheitsseele« findet sich im Roman ›Und Friede auf Erden!‹ (GR 30: 552 - 1904). Mit der folgenden Arbeit an seinem 1906 erschienenen Drama ›Babel und Bibel‹ (BABEL) hat May diese Allegorisierung zu einem Höhepunkt geführt. Als »Menschheitsseele«, die unwiderstehliche Macht ausübt, ist Marah Durimeh in der ›Arabischen Fantasia‹13 allgegenwärtig. Ihre schauerlichen Totenzüge hat sie endgültig verloren, ihr Idealbild ist vollendet: »... von fast noch jugendlicher Rüstigkeit. Hohe, grad und aufrecht getragene Figur. Höchste Würde, die umso mehr ergreift, als sie im Gegensatz zu diesem Alter der Anmut nicht entbehrt. Edle, leicht gebräunte Gesichtszüge, mit einigen Alterslinien, die aber keine Falten sind. Langes, sehr volles, schneeweißes Haar, welches in zwei starke Zöpfe geflochten ist, die nach vorn geleitet sind und fast die Erde berühren ... Ihr Anzug ist orientalisch, doch nicht nach irgend einem bekannten Schnitt. Faltenreich, doch ohne daß diese Falten der Schlankheit Eintracht tun.« (BABEL: 13) Daß die immer jugendlicher werdende Greisin bei den Lesern Befremden verursachte, verwundert nicht. Selbst Mays Künstlerfreund Sascha Schneider, der die ideale, symbolische Marah Durimeh für das Deckelbild zur Buchausgabe von ›Ardistan und Dschinnistan‹ malte, beklagte in einem Brief an May: »Es will mir nicht ein, daß die alte Marah Durimeh die Menschheitsseele sein soll; warum nehmen Sie da als Personification keine jugendliche Figur.«14 Mays Antwort war deutlich: »Weil ich bei der Wahrheit bleiben muß! Die Menschheitsseele ist weder ein Backfisch - noch überhaupt eine jungfräuliche Figur. Sie ist der Inbegriff aller menschlichen resp. seelischen Erfahrenheit, die hochstehende Leiterin des Innenlebens von 1500 Millionen Sterblichen. Der Dichter darf sie sich als Weib von jüngstens 50 Jahren denken, doch schön, wenn auch nicht jung. Und sie bleibt es nicht ewig.«15

Das ›Geheimnis‹ der Greisin beschäftigte, ja bedrängte May nach der Vollendung seines Dramas unaufhörlich weiter; und erneut verkündete er den Plan, das »große Werk« über die Hundertjährige endlich zu beginnen: »Das Buch ›Marah Durimeh‹ wird wahrscheinlich aus drei Bänden bestehen, in denen ich Alles erzähle, was die ›Menschheitsseele‹ bisher auf Erden erlebte. Das wird so interessant, wie noch keines meiner Bücher bisher gewesen ist«, schreibt er Prinzessin Wiltrud am 29.11.1906.16 In


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einem Brief vom 15.1.1907 an Felix Krais, den Inhaber und Leiter der Hoffmannschen Buchdruckerei, spricht er gar von »3-4 Bände(n) ›Marah Durimeh‹», die er »von jetzt an« schreiben werde.17 Seinem Verleger Fehsenfeld teilt er einen Monat später mit: »Vielleicht haben Sie die Güte, mir ... zu sagen, was und wie Sie über die beiden Bände ›Abu Kital‹ denken. Ich beeile mich mit ihnen, weil ich nach Amerika muß, wegen

Bd. IV ›Winnetou‹. Und dann nach Bagdad u.s.w. wegen der 3-4 Bände ›Marah Durimeh‹.«18 Konkrete Hinweise auf das Marah-Durimeh-Buch gibt lediglich der Umschlag einer Nachlaßmappe, der die Aufschrift »Ich suche! von Marah Durimeh« und auf der Rückseite die Worte »Im Jenseits« (der Titel eines weiteren geplanten, aber nicht entstandenen Großwerks Mays) trägt.19

Ein strahlendes Denkmal gesetzt hat May seiner Marah Durimeh jedoch noch einmal in seinem literar-ästhetisch bedeutendsten Altersroman ›Ardistan und Dschinnistan‹ (GR 31/32 - 1907-09). Das ›Ich‹ (die MENSCHHEITSFRAGE/KBN) wird von Marah Durimeh (der Menschheitsseele) ausgesandt, den MIR VON ARDISTAN (den Gewaltmenschen) zum MIR VON DSCHINNISTAN (zum Edelmenschentum, zu Gott) zu führen. Von Marah Durimeh, der magna mater, geht das symbolisch-allegorische Geschehen des Romans, die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, aus, und es wird bei ihr enden. »Sie stand vor mir wie eine der berühmten Wahrsagerinnen aus der Zeit, in welcher die Menschen den Turm von Babel bauten«, beschreibt KBN in Bewunderung die überirdische Erscheinung der hohen Frau. »Ihre geisterhaften Züge waren wie aus leicht angedunkeltem Alabaster gemeißelt. Ihre Augen schienen im Glanze der Sterne von einer unergründlichen, nie auszuschöpfenden Tiefe zu sein. Die beiden langen, starken, silberweißen Zöpfe ihres Haares hingen rechts und links bis nahe zum Boden herab. Ihre Stimme klang wie nicht von dieser Welt. Und um ihre ganze Gestalt wehte ein leise duftender Hauch, eine ganz eigenartige, geheinmisvolle Atmosphäre, für welche in keiner der vielen Sprachen, die es gibt, das richtige, das bezeichnende Wort zu finden ist.« (GR 31: 14f) Daß dem ›Ich‹ in ihrer Gegenwart »wie einem unbefangenen, gläubigen Kinde« zumute ist (GR 31: 9), verweist erneut deutlich auf die fiktive Verarbeitung des Mutter-Traumas Mays.

Die Kriegserklärung Ardistans an Dschinnistan steht für den ewigen Krieg, für Haß und Gewalt der Menschheit. Sieben Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges läßt May seine ›Menschheitsseele‹, die große Friedensfürstin Marah Durimeh, bedeutungsschwere Worte sprechen: »Alle Rüstung der Erde und alle Rüstung der Völker war bisher auf den Krieg gerichtet. Als ob es unmöglich wäre, in eben derselben und noch viel nachdrücklicheren Weise auf den Frieden zu rüsten! ... Ihr habt Kriegswissenschaften, theoretische und praktische. Und ihr habt Friedenswissenschaften, theoretische, aber keine praktischen. Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch.« (GR 31, 17)

»Dürfte ich doch ein Pionier der Civilisation, des Christentums sein!« wünschte sich KBN noch in GR 2 (615); in ›Ardistan und Dschinnistan‹ ist das zur ›Menschheitsfrage‹ gewandelte ›Ich‹ zum Friedensboten Marah Durimehs erwählt, der über ein ganzes Menschheitsschicksal zu entscheiden hat. Am Ziel der Mission KBNs, im Schloß von El Hadd, finden die unheiligen Geschichten ihr Ende; der Friedensgesandte kehrt zurück


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zum Paradies, zu Marah Durimeh, die ihn sehnlichst erwartet, und sie verkündet die erlösenden Schlußworte: »Die Erde sehnt sich nach Ruhe, die Menschheit nach Frieden, und die Geschichte will nicht mehr Taten der Gewalt und des Hasses, sondern Taten der Liebe verzeichnen.« (GR 32: 633) Denn: »Es gibt nur einen einzigen Sieg, der wirklich Sieg bedeutet; das ist der Sieg der Liebe.« (GR 32: 646)

Nach ›Ardistan und Dschinnistan‹ gedachte May Marah Durimehs noch einmal in seinem letzten Roman ›Winnetou IV‹ (GR 33 - 1909). Der amerikanische Schauplatz machte einen Auftritt der Orientalin allerdings nur schwer möglich. So hat May in der Figur TATELLAH-SATAHs, des ›Bewahrers der großen Medizin‹, ein männliches Abbild Marah Durimehs nach Amerika übertragen: Tatellah-Satahs »Kopf war unbedeckt, und dennoch aber wohlbedeckt, und zwar von einem außerordentlich reichen, starken, silberglänzenden Haar, welches zu beiden Seiten in langen Zöpfen bis auf die Steigbügel niederfiel. ›Marah Durimeh!‹ flüsterte das HERZLE mir zu. Sie hatte recht. Genau so trug auch meine alte, herrliche, meinen Lesern wohlbekannte Marah Durimeh ihr Haar. Auch seine Gesichtszüge waren den ihren derart ähnlich, daß es mich beinahe erstaunte. Vor allem die Augen, diese großen, weit offenen, unerforschlichen, selbst aber alles erforschenden Augen, in denen der Ausdruck einer unerbittlichen Strenge und doch auch wieder einer heiligen Güte lag, die alles verstehen und alles verzeihen konnte. Und als er zu sprechen begann, erschrak ich fast. Es überlief mich kalt. Seine Stimme war unbedingt die Marah Durimehs, so voll, so tief, so wirkungsstark, ein klein wenig männlicher gefärbt, aber doch genau dieselbe!« (GR 33: 402f)

Dennoch wäre es verfehlt, von einer Identität Tatellah-Satahs mit Marah Durimeh zu sprechen. Vielmehr ist der ›Bewahrer der großen Medizin‹ ein Stellvertreter der alten Kurdin, die DER JUNGE ADLER in der Erzählung vom Gesetz Dschinnistans explizit als KÖNIGIN MARIMEH nennt. (GR 33, 276ff)

Der »Sieg der Liebe«, den Marah Durimeh am Schluß des Romans ›Ardistan und Dschinnistan‹ proklamierte, wurde von May im Alter beständig beschworen. Die verlorene Liebe hatte ihn in den Abgrund getrieben, die wiedergefundene Liebe führte ihn »empor ins Reich der Edelmenschen«20 - eine Liebe, die ihn mit seiner Mutter und Großmutter vereinte. Von der Last des frühen Verlustes mütterlicher Liebe hatte er sich im Spätwerk endlich (er)lösen können, unter dem Schutz und der Führung der ›Großen Mutter‹ Marah Durimeh.


1 Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg o.J. (1910), S. 143f; Reprint Hildesheim-New York 1975. Hrsg. von Hainer Plaul (künftig LEBEN UND STREBEN)

May-Zitate werden unter dem im Lexikon verwandten Sigel zitiert; die genaue bibliographische Angabe findet sich im Sigel-Verzeichnis.

2 Vgl. Hans Wollschläger: »Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«. Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Jb-KMG) 1972/73. Hamburg 1972, S. 11-92.

3 LEBEN UND STREBEN, S. 68 und 136.

4 Vgl. Werner Poppe: Marah Durimeh. Eine Quellenforschung zu Karl Mays Reiseerzählung »Durchs wilde Kurdistan«. Sonderheft Nr. 1 der Zeitschrift ›Graff-Anzeiger‹.


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Braunschweig 1975 - Otto Eicke: Die Frauengestalten Karl Mays. In: Karl-May-Jahrbuch (KMJB) 1922. Radebeul 1922, S. 75ff.

5 LEBEN UND STREBEN, S. 32

6 Vgl. ausführlich dazu: Hartmut Vollmer: Marah Durimeh oder Die Rückkehr zur ›großen Mutter‹. In: Karl May. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München 1987, S. 164ff (Sonderband text + kritik). Die vorliegende Marah-Durimeh-Betrachtung stützt sich im wesentlichen auf diesen Aufsatz.

7 Vgl. LEBEN UND STREBEN, S. 25ff.

8 Werner Poppe, wie Anm. 4, S. 19

9 LEBEN UND STREBEN, S. 9

10 Abgedruckt bei Konrad Guenther: Karl May und sein Verleger. o.O./o.J. (Radebeul 1933), S. 16

11 Vgl. Roland Schmid: Nachwort zu ›Am Jenseits‹. In: Karl May: Freiburger Erstausgaben. Bd. XXV. Bamberg 1984, N 51ff.

12 Beide Gedichte zitiert nach Jb-KMG 1970. Hamburg 1970, S. 110f.

13 ›Arabische Fantasia‹ nennt May sein Drama im Untertitel.

14 Abgedruckt bei: Hansotto Hatzig: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Bamberg 1967, S. 120

15 Ebd., S. 125 - In BABEL wird M. von der neuen Menschheitsseele BENT›ULLAH (BIBEL) abgelöst. Den Gedanken ließ May später jedoch offenbar wieder fallen.

16 Abgedruckt in Jb-KMG 1983. Husum 1983, S. 98

17 Abgedruckt im Anhang des Reprints der Erstfassung (Augsburger Postzeitung) von Karl May: Winnetou. Bd. IV. Hamburg/Gelsenkirchen 1984, S. 287

18 Ebd.

19 Vgl. Max Finke: Aus Karl Mays literarischem Nachlaß. In: KMJB 1920. Radebeul 1920, S. 82.

20 So der Titel von Mays kurz vor seinem Tod in Wien gehaltenen Vortrag.


Hartmut Vollmer


* * * * *


- MARAH DURIMEHs MANN: Er war ein berühmter König der Tijari-Kurden. Er trat zum Christentum über. (verstorben) (nur erwähnt) (GR 2: 218)


- MARAH DURIMEHs SOHN: Er blieb Moslem, verlor das Vermögen und die Königswürde. (nur erwähnt) (GR 2: 218)


Großes Karl May Figuren-Lexikon

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