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Die Katzenfarm. Eine amerikanische Reiseerinnerung von
Robert Kraft.

   

 

 

Buch für Alle, 1899
Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart


 

 

(Nachdruck verboten)

Auf einer Reise durch Texas mußte ich, um die Eisenbahnlinie zu wechseln, die post benutzen. Auf dem sehr schlechten Wege zwischen Henderson und Athens brach die Wagenachse, und nun standen wir beide, der Kutscher und ich als der einzige Passagier, bei einbrechender Nacht hilflos in einer menschenverlassenen Wildnis da. So glaubte ich für mein Teil wenigstens, denn seit dem Mittag hatte ich noch nichts anderes gesehen, als links und rechts vom Wege Urwald oder undurchdringlichen Busch, keine Ansiedlung, keine Hütte, keinen Menschen. So war es auch noch jetzt, und der Postillon, der sich verdrießlich in den Haaren kratzte und den Wagen betrachtete, machte ganz den Eindruck, als wüste er auch keinen Rat. Bis zur Nachtstation, wo die Postpferde gewechselt wurden, waren es noch zwei Stunden.

»ja, Sir, die Achse ist gebrochen, das ist ein Faktum,« sagte der Mann endlich nachdenklich. »Ich kann die Post nicht im Stich lassen. Es hilft nichts, da müssen Sie wohl nach der Katzenfarm hinüberlaufen - 's ist nur zehn Minuten. Erzählen Sie dort, was passiert ist, die auf der Farm haben alles Nötige. Zu Bill, dem Postillon, sollen sie kommen, und wenn die Nigger in einer halben Stunde nicht hier sind, dann sollen sie . . .«

Ein wenig frommer Wunsch schloß den Satz.

Also nur zehn Minuten entfernt war eine Farm. Ich sah im Mondschein den schmalen Fußpfad, der sich von der Straße abzweigte. Von der stundenlangen Fahrt in dem elenden, federlosen Wagen durchschüttelt und gemartert, war mir die Aussicht, die Reise unterbrechen und die Gastfreundschaft des Farmers für diese Nacht beanspruchen zu können, gar nicht unangenehm. Bill wollte als ich das aussprach, mein Gepäck auf der nächsten Poststation abgeben; auch das Billet blieb dort, und ich konnte dann morgen früh mit der nächsten Post weiterfahren.

»Ist nicht nötig, daß Sie etwas mitnehmen,« fügte er hinzu, als ich aus meinem Koffer einige Wäsche auspacken wollte, »kriegen alles dort, die machen sich sogar ihre Kleider selber. Der Katzenfarmer ist auch ein Deutscher wie Sie. Er ist gerade da, kalkuliere ich, wird sich freuen einen Landsmann zu treffen.«

Ich machte mich auf den Weg, und als ich nach einigen Minuten aus dem Buschwerk auf eine Blöße trat, sah ich einen Mann gebückt stehen, der anscheinend eine Falle aufstellte. Auf meinen Anruf blickte er empor, und ich erkannte einen Neger.

»Nein, gar nicht mehr weit«, entgegnete er auf meine Frage nach der Farm, »nur noch einige hundert Schritte, dann sehen Sie die Lichter schon schimmern. Mein Herr wird sich ungemein freuen, wenn Sie ihm die Ehre zu teil werden lassen, Sie beherbergen zu dürfen.«

Der Neger sprach ein so reines und gewähltes Englisch, wie man es kaum bei einem Amerikaner findet, am allerwenigsten aber bei dieser Rasse, die sich eines ganz besonderen Jargons bedient.

»Sie sind von der Katzenfarm?«

»Zu dienen mein Herr.«

Ich setzte ihm auseinander, daß der Postillon Hilfe gebrauche.

»Gehen Sie nur voraus, Sie können sich nicht verirren. Ich bin gleich hier fertig und schlage dann einen bedeutend kürzeren Weg ein, denn ich aber dem Gentleman nicht zumuten möchte, weil er durch einen Bach führt. Ich bin vor Ihnen auf der Farm und werde dafür sorgen, daß dem Postillon sofort Hilfe zu teil wird, wie ich auch Ihre Ankunft zu melden mir erlauben werde.«

Fürwahr, wenn alle auf der Katzenfarm solch eine Sprache führten, mußte es dort sehr gewählt zugehen.

»Ihr Herr ist ein Deutscher?« Ich hatte mich unbeabsichtigt des Deutschen bedient.

Wie eine Feder schnellte der Neger auf. »Ah, du sein auch Deutschländer?« rief er mit strahlendem Gesicht. »Ich gleichfaltigst Deutschland sprechen thun, sehr gut Deutschland ich. mein Herr freuen meist, du wenn sieht sich.«

So ungefähr lautete das Kauderwelsch, das von den dicken Lippen sprudelte, es klang so komisch, daß ich mich nicht halten konnte und laut lachen mußte.

»Woher hast du denn dieses vorzügliche Deutsch gelernt?«

»Alleinigst ganz aus selbst Buch. Auf wiedersehen auf Mausefarm.«

»Mausefarm? Ich denke, sie heißt Katzenfarm.«

»Katzenfarm, Katzenfarm, werden aber dort auch viel gemaust.«

»Auf der Farm wird viel gemaust?«

»Viel, noch vieler mein Herr, mausen, ich mausen, alle, alle mausen, hahaha!«

»Na, auf Wiedersehen.« Lachend setzte ich meinen Weg fort nach der Farm, auf der alle mausen. Bald sah ich Lichter; langgestreckte, niedrige Häuser tauchten vor mir auf. Aber kein Feld, keine Wiese — nichts als Heide, eingerahmt von wildem Gehölz. Was war das für eine merkwürdige Farm? Zum Ackerbau gehören Felder, zur Viehzucht Triften. Keines von beiden war zu sehen, und ich konnte im Mondschein die ganze Gegend überblicken. Und wozu diese vielen, langgestreckten Gebäude mit den Wenigen Fensterchen? Sie sahen wie Pulvermagazine aus.

Ich schritt auf den Eingang des größten Gebäudes zu, das ich für das Wohnhaus hielt, und hatte mich nicht getäuscht.

In dem Hausflur bewillkommnete mich eine pechschwarze Negerin und führte mich unter vielen Komplimenten eine Treppe hinauf. Der Fallensteller hatte meine Ankunft in der That schon gemeldet. Sonst bemerkte ich keinen Menschen, keinen Hund und keine Katze, Alles wie ausgestorben in dem hübsch gebauten noch neuen Häuschen.

Zunächst öffnete sich mir ein Toilettenzimmer, das nichts zu wünschen übrig ließ.

»Bedienen Sie sich,« sagte die Frau, »Massa ist nicht zu Hause, stellt fallen. Massa wird vor Freude sterben, Sam sagt Sie wären auch Deutscher. Hier ist Wasser, dort in dem Schranke stehen Schuhe, nehmen Sie was Sie brauchen, sonst wird Massa böse und schilt mich. Ich klopfe dann. Nach dem Postwagen sind schon Leute fort.«

Sie ließ mich allein. Wahrhaftig gastfreundlich war man hier, mehr noch als sonst auf amerikanischen Farmen im Hinterwald. Der Farmer mußte früher deutscher Student gewesen sein, denn an den Wänden hingen bunte und durchstochene Mützen, gekreuzte Rapiere und lange Pfeifen. Also hier sollte »gemaust« werden? Ich mußte lachen. Alles verriet Wohlhabenheit, wenn nicht Reichtum, aber es fiel mir etwas dabei auf. Ich mußte nicht gleich, was mir bei der ganzen Einrichtung so sonderbar vorkam; es war etwas dabei, was man anderswo nicht findet. Ehe ich mir jedoch klar darüber wurde, geleitete mich die Negerin in ein anderes Zimmer, wo meiner ein gedeckter Tisch mit kaltem Braten und Bier harrte. Massa sei noch nicht zu Hause, er müsse gleich kommen, doch solle ich nicht auf ihn warten.

Während ich aß, wurde mir klar, was mir schon beim ersten Zimmer aufgefallen war: auch hier waren alle Möbel mit einem feinen Fell überzogen, ja fast jeder Gegenstand, zum Beispiel die Messer- und Gabelgriffe, die Fensterriege, ich sah sogar ein darin eingebundenes Buch. Teils war das Fell einfarbig, teils buntscheckig; Stühle und Sofa waren schneeweiß überzogen die Tischdecke war glänzend schwarz, im Teppich herrschte neben Grau das Rot vor.

Erst war ich in der Meinung befangen, daß es kein Tier gäbe, das so grundverschieden gezeichnet sein könne, bis ich den Irrtum einsah: es waren einfach Katzenfelle, vorzüglich zugerichtet und zusammengenäht. Nun war der Name »Katzenfarm« erklärt. Der Farmer mochte eine eigene Liebhaberei für Katzenfelle haben. Oder für Katzen? Ich sah aber keine, mir sprang keine gemütlich schnurrend auf den Schoß, auch nicht von Schrank unvermutet auf die Schulter, wie sie es so gern thun. Und wer Katzen besonders lieb hat, von dem nimmt man doch auch nicht an, daß er sie schlachtet und die Felle zu Polstern benutzt.

Als die Negerin wieder eintrat, um abzuräumen, bemerkte ich jetzt erst zu meinem Erstaunen» daß auch sie vollständig in Katzenfelle gekleidet war. Es stand ihrer Figur sogar vorzüglich, dieses weiche, sich anschmiegende Fell. Die Taille war von grauem Fell, mit roten Tupfen ganz regelmäßig besetzt, zum Rock hatten Zibetkatzen ihre Haut lassen müssen, und der schneeweiße Besatz am Hals und den runden Armen stach prächtig gegen die rabenschwarze Haut ab. In der jetzt herrschenden rauhen Jahreszeit mochte solch eine Kleidung auch ganz behaglich sein. Auf Katzenfellsohlen ging sie auch, und nun sah ich, daß auch ich keine Filz, sondern Katzenfellschuhe trug.

Ehe ich noch fragen konnte, ob hier so viele Katzen gehalten wurden, ertönte draußen ein gewichtiger Schritt, und die Negerin eilte davon, ihrem heimgekommenen Herrn aufzuwarten. Dann trat der Farmer herein, ein hochgewachsener, blonder Germane, stellte sich mir als Oskar Freytag vor und hieß mich herzlich willkommen.

Wir tranken und rauchten, sprachen von diesem und jenem, von Deutschland und Amerika, doch von der Herkunft der Katzenfelle erfuhr ich nichts. Er fing nicht davon an, und ich wußte nicht, wie ich das Gespräch darauf bringen sollte. Manchmal war es mir, als ob er lächelnd einen Blick über mich gleiten ließ. Wartete er nur auf eine neugierige Frage?

Plötzlich hörte ich erst ein leises Pfeifen, dann wurde es lauter und lauter, immer schriller, und dabei doch so fein und so durchdringend, daß es mir noch heute in den Ohren singt, wenn ich nur daran denke. Allmählich, wie es eingesetzt hatte, Verklang es wieder.

»Was war das? Eine Dampfpfeife?«

»Nein - Mäuse,« lächelte mein Wirt.

»Mäuse? So Viele?«

»Ja, ich habe hier sehr viele Mäuse.«

»Da müssen Sie sich wohl auch recht viel Katzen halten?« fragte ich, die Gelegenheit beim Schopfe fassend.

»Jetzt ungefähr 25,000 Stück,« war die gleichmütige Antwort.

»Wie viele?« rief ich verblüfft.

»25,000 Stück.«

»Fünf — und — zwanzig — tausend Katzen?«

»Nun ja,« lachte der Farmer, »und um diese zu erhalten brauche ich auch viele Mäuse. Ich schätze sie gegenwärtig auf 200,000, es sind ihrer schon zu viele. Wissen Sie denn nicht, daß Sie auf der Katzenfarm sind?«

»Aus Liebhaberei halten Sie so viele Katzen?« platzte ich unüberlegt heraus.

Jetzt lachte Freytag aus vollem Halse. »Nein, ich bin Katzenzüchter, habe eine Katzenzucht, der Felle wegen, sende sie überall hin.«

Nun erst ging mir ein Licht auf. Aber von einer Katzenzüchterei hatte ich noch nie etwas gehört. Ich glaubte bisher, Vagabunden fingen die Katzen nur so bei Gelegenheit von der Straße weg, mehr noch des Bratens wegen als des Felles.

»Und die Mause?«

»Werden von den Katzen gefressen. Ich habe eben das Perpetum mobile erfunden,« erklärte mein Wirt, abermals von Herzen lachend.

Ich mußt wohl ein sehr verdutztes Gesicht gemacht haben, denn er setzte gleich hinzu: »Es ist das beste, wenn ich Ihnen von vorn an erzähle, wie ich zu meiner Katzenzüchterei kam. Zugleich zeige ich Ihnen damit, daß pfiffige Gedanken und praktische Ausführung nicht immer von einem Yankee auszugehen brauchen, sondern daß auch einmal ein Deutscher in dieser Hinsicht etwas leisten kann.

Vor acht Jahren ging ich mit meinem Erbteil nach Amerika. Ich war praktischer Landwirt, hatte sogar Agrikultur studiert, somit — dachte ich — mußte es mir unfehlbar glücken. Es fehlte mir auch nichts — als eben das Glück. Gleich im ersten Jahre hatte ich eine Mäuseplage auszustehen. Sie fraßen mir das Korn auf dem Feld und in den Scheuern völlig auf, keinen Scheffel behielt ich. Von maßgebender Seite wurde begutachtet, daß die Mäuse auf Jahre hinaus nicht zu vertilgen seien, mein ganzes Land war einfach wertlos, und ich wurde dadurch so entmutigt, daß ich der Landwirtschaft den Rücken kehrte. Ich legte eine Viehzucht in großen Maßstabe an; meine Herden konnten mir die Mäuse, vor denen ich in diesem Lande allen Respekt bekommen hatte, doch nicht auffressen. Ich steckte mein ganzes Geld hinein, und im nächsten Winter vernichtete ein Schneesturm meine Herden bis auf den letzten Schwanz. Ein erfahrener Freund riet mir, mich mit der Taubenzucht zu befassen. Das Geschäft war neu, der Nutzen gut. Schön dachte ich, die werden nicht von den Mäusen gefressen und beim Schneesturm sitzen sie in ihren warmen Schlägen. Unglücklicherweise hatte ich jedoch eine Gegend ausgesucht, in der es von wilden Katzen wimmelte, was ich natürlich nicht gewusst hatte. Sie holten mir die Tauben vom Feld weg wie aus den Schlägen. Ich stellte Fallen, schoß, legte Gift, hielt Hunde — nutzte alles nichts. Was die Katzen nicht wegfingen, das verscheuchten sie für immer, und ehe ich umsiedeln konnte, war die letzte Taube weg.

Jetzt war ich bettelarm, nicht einen Cent besaß ich mehr, hatte sogar noch Schulden. Gewiß, ich hätte von meinem Bruder genug bekommen können, um neu zu beginnen, aber dagegen bäumte sich mein Stolz auf, und dann bemächtigte sich meiner ein wilder Trotz gegen das Schicksal. Nun gerade wollte ich mir allein durchhelfen.

Auf einer Farm in einem entlegenen Fleckchen Erde wurde ich Verwalter. Gegen Mäuse und Katzen führte ich einen wahren Vernichtungskrieg, ihrer in grimmigem Haß gedenkend, obgleich ich seither jedes Tier lieb gehabt hatte.

Eines Tages fällt mir eine amerikanische Handelszeitung in die Hände. Da wird bedauert, daß die schönen Katzenfelle immer seltener werden, für die man einen Dollar das Stück roh zahlt, und daß der amerikanische Bedarf fast ausschließlich vom Ausland gedeckt wird.

Katzen? Das war ja mein Fall! Und einen Dollar für das Fell? Ich gedachte zuerst Katzenjäger zu werden. Dann aber kam mir ein wirklich ingeniöser Gedanke. Nein, Katzenzüchter wollte ich werden! Wie schnell sich das Viehzeug vermehrt, ist ja bekannt. Wenn ich mit 1000 Katzen anfange, sagte ich mir, so kann ich bald im Jahre vielleicht 2500 Felle verwerten und dabei noch immer meinen Bestand vergrößern — das machte 2500 Dollars, gewiß ein ganz hübsches Einkommen. Und das Fressen für die Katzen? nun sehr einfach, ich züchte nebenbei Mäuse, die sich fünfmal so schnell vermehren. Die Katzen fressen die Mäuse, die Mäuse wieder die Katzen, nachdem ich diesen das Fell über die Ohren gezogen habe. Unkosten waren dabei gar nicht vorhanden.

Gedacht, getan. Ich gab meinen Posten auf und reiste mit etwas inzwischen Gespartem wieder dahin, wo die Katzen meine Tauben gefressen hatten. Ich hätte ja Geld auftreiben können, aber nein, ich wollte mit nichts etwas schaffen. Zugleich nahm ich fürchterliche Rache an denen, welche mir mein Kapital aufgefressen hatten. Jetzt sollten sie es mit Haut und Haaren wieder ersetzen und sich gegenseitig ausfressen.

Dort war es schwieriger, Mäuse zu bekommen, als Katzen; ich ließ mir die Mäuse daher Kistenweise von da schicken, wo sie mein Korn vertilgt hatten, sperrte sie in einen Stall aus Ziegelsteinen, und das Viehzeug vermehrte sich zusehends. Ich fütterte sie mit Katzenfleisch, und da sie nichts anderes bekamen, nagten sie es mit Appetit. Die Leute in der Umgegend hielten mich natürlich für verrückt.

Dann ging es ans Katzenfangen. Ich versprach ein paar Cents für das Stück, und in einigen Wochen hatte ich 200 zusammen. Die übrigen rochen Lunte und verschwanden aus der ihnen unheimlich gewordenen Gegend. Wahrhaftig sie mußten mein Vorhaben gerochen haben, denn vorher war es mir doch nicht gelungen, sie zu vertreiben. Dieser Bestand genügte auch schon. Ich fand einen Kompagnon, einen alten Neger, der mit ein paar Dollars in das Geschäft eintrat. Wir siedelten mit Katzen und Mäusen hierher über, wo ich noch jetzt sitze, und hatten zuerst nichts weiter zu thun, als nur immer neue Ställe zu bauen. Die Steine formten und brannten wir selbst, Wasser war in der Nähe, jagdbares Wild gab es in Menge, ebenso Holz zur Feuerung — so hatten mir überhaupt gar keine Unkosten und konnten ruhig abwarten, bis sich das Schlachten verlohnte.

Nach einem Jahre fingen wir damit an und schlachteten 1000 Stück Katzen, ich reiste mit den Fellen fort und wurde sie sofort los. Der Bestand mehrte sich, wir schonten ihn auch, trafen vorsichtige Auswahl, gewannen Erfahrung und hielten auf Sauberkeit, Zucht und Rasse. Wir lernten allmählich, durch Kreuzung willkürlich die Farbe des Fells zu bestimmen, ich orientierte mich über die Marktverhältnisse, über die Nachfrage der I künftigen Saison, und nach drei Jahren erschien ich mit 5000 der schönsten Felle. Man staunte, begriff nicht, wo ich sie her hatte, man riß sich um sie, noch mehr wunderte man sich, als ich gleiche und größere Lieferungen für die Folge versprach. Ich schloß Geschäfte für Jahrzehnte ab, und nun begannen wir mit der Sache im großen, so, wie es jetzt noch ist. morgen werde ich Ihnen die ganze Einrichtung und den Betrieb zeigen.

Nun, hatte ich nicht recht,das ein Perpetum mobile zu nennen? Die Katzen fressen die Mäuse, die Mäuse die Katzen. So war es wenigstens im Anfang. Allein die Gelehrten haben mit der Versicherung ganz recht, daß es unmöglich sei, eine Maschinerie, die sich ohne Zufluß lebendiger Kraft von außen fort und fort bewegt, herzustellen. Auch mein l'perpetum mobile versagte schließlich, indem die Katzen mit der Mäusekost allein nicht mehr zufrieden waren. Wir mußten deswegen dazu übergehen, ihnen auch Fleisch von Pferden und anderen gefallenen Tieren zu geben. Außerdem erhalten sie Fische, doch darf man diese nur in kleineren Quantitäten verabfolgen, da ein zuviel von schlechtem Einfluß auf den Pelz ist.

Sonst ging alles gut. Mein bereits bejahrter Kompagnon starb bald, und ich setzte dann das Unternehmen allein fort. Meine Familie lebt in San Francisco, wo ich sie von Zeit zu Zeit besuche. Meine Frau machte nämlich das Katzenkonzert, das jeden Abend stattzufinden pflegt, nervös, während ich mich längst daran gewöhnt habe ... Da geht es gerade los.

Einige Katzen begannen zu Miauen und zu heulen, das konnte man noch deutlich unterscheiden, dann aber fing ein furchtbares, ohrenzerreißendes Konzert an, für das es keinen Ausdruck gibt. Endlich verstummte der infernalische Lärm, und wir konnten unser Gespräch fortsetzen, das mich lebhaft interessierte. Ich erinnerte mich jetzt, schon früher gehört zu haben, das schöne, tadellose Katzenfelle von Kürschnern gut bezahlt werden, und daß in verschiedenen Gegenden eine Art Industrie damit betrieben wird. Im Schwarzwald halten die Bauern beispielsweise ganze Zuchten von Katzen, vornehmlich ganz schwarze und blaugraue, die dann im Winter getötet werden. Zu dieser Zeit durchziehen besondere Händler, sogenannte Katzenmänner, die Ortschaften, um die Felle aufzukaufen. In Belgien pflegen vielfach sich die Dienstboten auszubedingen, eine bestimmte Anzahl Katzen halten zu dürfen, die sie von Zeit zu Zeit verkaufen. Von einer veritablen Katzenfarm zum Zweck einer gewerbsmäßigen Züchtung dieser Pelzlieferanten aber hatte ich noch nie etwas gehört, und der Gedanke schon erschien mir so originell, daß ich geradezu mit Spannung auf meines Wirtes Schilderung des ganzen Betriebes lauschte.

Bis spät in die Nacht erzählten wir uns von Katzen, dann legte ich mich auf ein Bett von Katzenfellen, deckte mich mit Katzenfellen zu und träumte die ganze Nacht von Katzen und Mäusen, die sich gegenseitig auf- und mich anfraßen.

Als ich am Morgen aufwachte, wollte ich die ganze Katzenfarm zuerst für einen sinnlosen Traum halten, bis mein Blick wiederum überall auf Katzenfelle fiel, und ich wußte, wo ich mich befand.«

Beim Frühstücke regten sich mir Bedenken, ob das gebratene Fleisch nicht auch »Dachhase« sei; ich wurde aber darüber beruhigt.

»Viele meiner Leute essen Katzenfleisch übrigens sehr gern,« erklärte mein Wirt »Mit Katzenfett wird auch ein besonderer Handel getrieben, zumal Negerinnen salben sich gern damit ein.«

Dann besichtigte ich die Zucht- und Brutstätten, die Ställe und Schuppen, kurz alle Anlagen, die der Farmer sonst noch dafür hatte.

nach dem, was ich schon mitgeteilt habe, bleibt nicht mehr viel zu erzählen übrig. Die Katzen bewohnten niedere, halbdunkle Ställe, welche sie bis an ihren Tod nicht mehr verließen, doch standen jeder Sektion verschiedene Abteilungen zur Verfügung, in die sie nach Belieben gehen konnten oder, wenn nötig, getrieben wurden. So gab es Räume, in denen sie sich so gut wie im Freien befanden, nur durch ein Gitter von der Außenwelt getrennt, Bäume zu Kletterübungen standen darin, besondere Holzblöcke zum Schärfen der Krallen, und anderes. Die Sauberkeit war eine überaus peinliche, mittels eines Dampfpumpwerkes konnten die leergemachten Ställe unter Wasser gesetzt werden, doch war dann wieder auf sorgfältiges Trocknen zu sehen. Überhaupt nahm ich nicht den geringsten üblen Geruch wahr. Um Krankheiten zu vermeiden, besonderes die ansteckende Katzenseuche, wobei die Tiere tiefsinnig werden, die Nahrung verweigern und abmagern, bis der Tod eintritt, hielt der Farmer auf Beschäftigung. Den Katzen wurden die lebenden Mäuse, die noch immer einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung bildeten, nicht vorgeworfen, daß sie sie ohne Mühe haschen und abwürgen konnten, sondern sie mußten sich die Mäuse mit List und Geduld erst fangen, ganz wie in der Freiheit. Solch einer Fütterung wohnte ich bei. Ein besonders konstruierter Wagen brachte die Mäuse, durch eine einfache Vorrichtung wurden sie alle gleichzeitig in einen Käfig befördert, dessen Boden aus durchlöchertem Lehm bestand, mitten unter die Katzen. Wohl erhaschten die meisten schon eine der Mäuse, die übrigen aber waren verschwunden, und nun mußten die Katzen geduldig vor den Löchern auf die Beute lauern. Durch diese interessante Beschäftigung wird die Schwermut ferngehalten.

Alles war getrennt: junge und alte, gelbe und graue, schwarze und weiße, große und kleine, Katzen aus Holland und solche aus der Mongolei, aus Algier und aus Tibet. Auch ein Hospital war vorhanden, in dem eine Negerin als »barmherzige Schwester« waltete, bald einem heißblütigen Kater den Verband über der Wunde erneuernd, die er im Liebeskampfe davongetragen, bald einer melancholischen Mieze mit trübem Blick Arznei einflößend.

Und dann diese Kinderstuben, in denen sich die liebe Jugend austobte! Weder der Kletterbaum, noch die Kugeln, noch die an Fäden hängenden Bälle fehlten darin, und das war ein Balgen, Spielen und Fauchen! In den älteren Katzengesellschaften ging es natürlich gesitteter zu. Da wurde geleckt und geputzt, vor den Löchern gelauert, sich in der Sonne gedehnt und gestreckt, schnauzbärtige Philosophen verbrachten in ernster Ruhe mit untergeschlagenen Pfoten die Morgenstunden, über den Zweck des Daseins nachgrübelnd. Es gab da reizende Familienbilder, besonders in den Wohnräumen der jungen Mütter. Nur die Dazwischenkunft der Mäuse lockerte etwas die zärtlichen Familienbande, da wurden links und rechts Backpfeifen ausgeteilt, man fauchte sich an und lag sich plötzlich in den Haaren; aber dass gehörte eben dazu, um die Tiere bei munterer Laune zu erhalten. Und was für prächtige Exemplare waren darunter!

Freilich — all diese Sorgfalt der Behandlung hatte nur den egoistischen Zweck, recht gute Felle zu erzielen, damit man recht viel dafür bekam. Zuletzt der Tod. Dennoch kam mir kein Mitleid auf, als ich die Vorrichtung gesehen, durch welche die Tiere getötet werden. Sie verleben eine glückliche Kindheit, dann noch sorglos zwei Jahre, lieben und freien und erziehen ihre Jungen. Eines Tages läßt man sie dann in einen sehr niedrigen, völlig geschlossenen Raum spazieren, sie haben keine Ahnung, um was es sich handelt, plötzlich ein Luftzug, und in einigen Augenblicken haben sie ihre irdische Laufbahn beendet, ganz schmerzlos. Durch den Raum streicht aus einem Apparat ein äußerst giftiges Gas, welches jedoch das Fleisch für die Mäuse nicht schädlich macht.

Der erfinderische Deutsche hat, wie er mir erzählte, an allen Plätzen der Welt seine Agenten, welche ihm ausgezeichnet schöne Exemplare stets zuschicken. Auf einer besonderen Station machte er Zuchtversuche und konnte, wie schon gesagt, die Farbe der nächsten Generation bestimmen. Er wußte, welche Farbe in der nächsten Saison vorzugsweise begehrt werden würde, und danach richtete er sich. Dieses Jahr ist sie weiß, nächstes Jahr schwarz, das dritte will man Zibetfelle haben, und das gewünschte brachte er stets auf den Markt. Aber nicht nur, daß er sich nach dem Geschmack des Publikums richtete, er war es meist selbst, welcher durch gewisse Spekulationen die Farbe für die nächste Saison bestimmte. Jedes Jahr, zur Winterszeit wurden etwa 50,000 Katzenfelle fertig, also ein nettes Jahreseinkommen. Zur Bedienung waren ein Dutzend Leute nötig, von denen jeder in der Schlachtzeit täglich 300 Katzen das Fell abziehen und zum Trocknen aufpflöcken konnte. So kamen sie auf den Markt, in die Zurichterei und von dort zum Kürschner, der sie zu Stiefel, Mützen, Satteldecken, Muffen u.s.w. verarbeitete.

Wie mir Herr Freytag noch mitteilte, betrug damals die Zahl aller Katzenfelle, die auf den Weltmarkt kamen, anderthalb Millionen, und die Nachfrage war war mehr als doppelt so groß. Hiervon produzierte Europa allein 800,000, Sibirien 200,000 Stück, die anderen verteilten sich auf die übrigen Länder. Die holländischen Felle waren die besten, die russischen die schlechtesten, soweit Massenposten in Betracht kamen: die Schönheit hängt nämlich nicht nur vom Klima, sondern fast mehr noch von der Reinlichkeit der Häuser und der Behandlung ab. Aus ganz Amerika kamen damals nur 60.000 Felle, hiervon lieferte also Mr. Freytag 50,000 die anderen wurden zerstreut gefangen.

»Haben Sie denn keine Konkurrenz?« drängte sich mir schnell die Frage auf.

Mein Landsmann konnte zu jener Zeit, als ich ihn besuchte, die Frage verneinen. Es war eben die alte Geschichte vom Ei des Kolumbus, und die Existenz einer Katzenfarm noch fast gar nicht bekannt. Auf den Marktplätzen hielt man Freytag für einen aufkaufenden Agenten. Eine Konkurrenz würde allerdings in absehbarer Zeit nicht ausbleiben, sagte er mir, sie sei aber vorläufig nicht zu fürchten, die Nachfrage eine noch zu große, er könne zehnmal mehr Felle für Amerika produzieren und würde sie doch los. Dann hatte er auch die Erfahrung, überhaupt die erste Hand im Spiel[1].

Mir blieb nur nach übrig, die abgelegenen Mäuseställe zu besichtigen. Aber schon in der Nähe versetzte mir ein bestialischer Geruch den Atem, und ich machte, daß ich schleunigst diese Gegend wieder verließ.

Die Mäuse blieben sich ganz allein überlassen, bekamen außer Katzenfleisch noch einigen Getreide, für den Menschen nicht mehr genießbar, und Küchenabfälle zu fressen, was wenig mehr als den Transport kostete. Sie konnten in den Erdhaufen nach Herzenslust wühlen, bis sie einmal von einem Rechen erfaßt und in den Wagen geharkt wurden.

Nach dem Mittagessen brachte mich mein liebenswürdiger Landsmann in seinem federnden Jagdwagen nach der Poststation, wo wir herzlichen Abschied von einander nahmen. Er kehrte dann zu seinen Katzen zurück, um dafür zu sorgen, ein zweiter schlauer Jakob, daß die Generation in zwei Jahren durchweg ein schwarzen Fell hätte. Ob er gegenwärtig nach sein Geschäft betreibt, weiß ich nicht; wahrscheinlicher scheint es mir, daß er sich inzwischen als Millionär zur Ruhe gesetzt hat. Sollen doch schon verschiedene der später aufgetretenen Katzenzüchter in Amerika es zu ansehnlichem Reichtum gebracht haben. Zu verwundern ist nur, daß die sonst so praktischen Engländer noch nicht darauf verfallen sind, ihren mit jedem Jahre größer werdenden Bedarf an Zobelimitation durch eigene Züchtung zu decken, statt die Katzenfelle noch immer aus Amerika zu beziehen.

  [1] [Seitdem hat sich das geändert. Es gibt jetzt eine ganze Reihe von Katzenfarmen in Amerika. Eine der größten und gangbarsten ist auf einer Insel im Puget Sound an der Pazifikküste eingerichtet. Trotz dieser vermehrten Produktion finde tadellose Katzenfelle — namentlich ganz schwarze -— noch immer sehr gesucht. Durch die Indiskretion einer Londoner Kürschnerfirma ist es erst kürzlich bekannt geworden, daß viele Damen der höchsten Aristokratie. denen ein echter Zobelpelz zu kostspielig ist, ihre Zuflucht zum Katzenpelz nehmen, um doch standesgemäß in der Gesellschaft auftreten zu können. Richtig präparierte schwarze Katzenfelle liefern den besten Ersatz für das ungemein teure Fell des Zobels, und nur Kenner sind im Stande, sie voneinander zu unterscheiden.