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Das Gauklerschiff.
Die Irrfahrten der Argonauten
Lieferungs-Roman
von
Robert Kraft.

   

Druck und Verlag: Dresdner Roman-Verlag, Dresden, Maxastraße 6. 1912.

Nachdruck verboten - Uebersetzungsrecht vorbehalten. Das Werk darf in Leihbibliotheken und Lesezirkeln nicht geführt werden.

Copyright in U.S.A. 1912 by Dresdner Roman-Verlag. Dresden, Germany.

 

Inhaltsverzeichnis


132. KAPITEL. DER DAJAK.
133. KAPITEL. GIFT UND GEGENGIFT.
134. KAPITEL. DER SCHIFFBRUCH DER »SEENIXE«.
135. KAPITEL. VERWEIGERTE HILFE.
136. KAPITEL. KAPITÄN MARTINS BERICHT.
137. KAPITEL. DER KAMPF MIT DEN PIRATEN.
138. KAPITEL. DER FLIEGENDE HOLLÄNDER.
139. KAPITEL. DER SCHWARZE TOD.
140. KAPITEL. HERZBLUT!
141. KAPITEL. SANKT GEORG.
142. KAPITEL. AUS DEM ZUCHTHAUS ENTLASSEN!
143. KAPITEL. DER VERRÄTER WIDER WILLEN.
144. KAPITEL. DER ROTE SCHAL UND DIE SCHWARZE BINDE.
145. KAPITEL. »GUTEN MORGEN, HERR FISCHER.«
146. KAPITEL. RACHE IST SÜSS.
147. KAPITEL. GEHEIMNISSE
148. KAPITEL. DAS ZUCHTHAUS IM FEUERLAND.
149. KAPITEL. EIN ZWISCHENSPIEL.
150. KAPITEL. DER TAG DES ZORNS.
151. KAPITEL. IMMER ORIGINELL!
152. KAPITEL. AUF DER HOCHZEITSREISE
153. KAPITEL. EIN TRAGISCHER SCHLUß

Achter Teil

132. KAPITEL.
DER DAJAK.

Fast ein Vierteljahr war verstrichen.

»Was soll aus uns werden?«

Noch niemand hatte diese Frage gestellt, sie würde auch sicher niemals gestellt werden, vielleicht nicht einmal in Gedanken.

Sie hatten sich in den natürlichen Hohlen einer Felsformation und in der luftigen Hohe von benachbarten Bäumen wohnlich eingerichtet, gingen der Jagd und der weiteren Ausarbeitung eines möglichst komfortablen Lebens nach. Die Munition, von der jeder für sein Jagdgewehr zwei Patronentaschen voll mitgenommen hatte, die Schiffsjungen und selbst Ilse nicht ausgeschlossen, wurde möglichst geschont, auf der Jagd nur im Falle der Notwehr gebrauchst, sonst wurde diese nur mit selbstgefertigten Bogen und Pfeilen, Lanzen und dergleichen Waffen betrieben, was überhaupt viel ritterlicher ist, und dasselbe, betreffs der Schonung, galt für die Kleider, die schon langst durch geeignete Felle ersetzt worden waren.

Die Ruinenstadt hatte man untersucht, nichts Bemerkenswertes darin gefunden, und sie hatte ihnen betreffs der Wohnungsfrage auch keine Vorteile gewahrt. Das Betreten des Buddhatempels war strikte verboten. Sie hatten weder Riesen, noch Zwerge, noch normale Chinesen zu sehen bekommen, absolut nichts, was von Anwesenheit anderer Menschen gezeugt hatte. Einige Elefanten hatten sie gefangen und gezähmt, aber jener weiße mit den geschnitzten Stoßzähnen war spurlos verschwunden.

Auf den Jagden hatte es ja einige unausbleibliche Unglücksfalle gegeben, aber keinen tödlichen, und jede Fleischwunde und jeder Knochenbruch war schon wieder glücklich geheilt oder würde es noch tun. Einige Tauben fehlten, sie hatten das Weite gesucht — sonst fehlte an der ganzen Menagerie nicht einmal Huckebein, hatte noch nicht das Zeitliche gesegnet. Obgleich der nach Ansicht aller Rabensachverständigen schon seine hundert Jahre hinter sich haben mußte.

Doch mit Jagd und Fang und Dressur und häuslichen Arbeiten und Sportbelustigungen aller Art war es noch nicht abgetan.

Es galt das Hauptproblem zu lösen.

Wie von hier wieder fortkommen?!

Einen Weg durch den umgrenzenden Wald finden, und dieser Aufgabe mußte ständig die Hälfte der ganzen Mannschaft nachgehen, wenn auch vielleicht noch gar niemand wünschte, diese, idyllische Gegend so bald wieder zu verlassen. Der Pflicht wurde deshalb dennoch aufs Gewissenhafteste nachgekommen. Man brauchte den gefundenen Weg ja vorläufig auch noch gar nicht zu benutzen.

Aber im Laufe des Vierteljahres war dieser Weg noch nicht gefunden worden, keine andere Möglichkeit, die Waldgrenzen passieren zu können.

Dieses Prärieterrain hier mochte vier geographische Quadratmeilen umfassen. Die kleinen Wälder innerhalb desselben waren völlig rotangfrei. Eingeschlossen wurde es rings von dichtem Urwald. Einige hundert Meter konnte man in diesen noch dringen, dann machte sich hier und da der stachelbewehrte Rotang bemerkbar, bis der so dicht zusammenstand, daß es kein Durchkommen mehr gab. Und da hätten auch zehnmal soviel Messer, als zur Verfügung standen, nichts genützt, in Bälde wären sie sämtlich unbrauchbar geworden.

Weshalb der Rotang gerade hier gedieh, nicht dort in den Wäldern der Prärie? Nun, eine Grenze ist überhaupt jeder Pflanzenart gezogen. Und der schreckliche Rotang, als spanisches Rohr auch manchmal für uns in der Kinderzeit schrecklich gewesen, gedeiht überhaupt nur auf sumpfigem Boden. Allerdings nicht direkt im Sumpfe. Der Boden muß nur ständig feucht sein. Und dies ist auch der Grund, weshalb sich der Urwald, in dem diese zu den Palmen gehörende Lianenart — nur die gefiederten Blätter sind mit so furchtbaren Stacheln bewehrt — wuchert, nicht ausbrennen läßt.

Und zweitens war dies der Grund, weshalb sich auch die Wasserwege nicht benutzen ließen, denn solche gab es zur Genüge. Von Norden her kamen mehrere ganz stattliche Flüsse in die Prärie herein und verschwanden südwärts wieder im Urwald, nach beiden Richtungen hätten sie ganz ansehnliche Fahrzeuge getragen, aber immer nur auf eine kurze Strecke, wie schon untersucht worden war, dann verloren sie sich regelmäßig in einen unpassierbaren Sumpf.


So war die Sachlage nach einem Vierteljahre, als eines Mittags Georg in den luftigen Zweigen eines Affenbrotbaumes auf einer gezimmerten Plattform seine Siesta hielt, nicht schlafend, sondern behaglich blinzelnd den blauen Wölkchen seiner Pfeife nachblickend, gestopft mit selbstgezogenen Tabaksblättern.

So gab sich das ganze Lager dem süßen Nichtstun hin, als eine Bewegung entstand.

Es war der Matrose Hans — noch immer Hans Leichtfuß — der angesprengt kam, auf einem ganz absonderlichen Reittiere, auf einem Strauße, der vierte von vielen Gefangenen, den Juba Riata zum Reiten zugerichtet hatte. Solch eine Figur wie Hans Leichtfuß trug der starke Vogel im schnellsten Laufe mit Leichtigkeit, bei einem Manne wie August dem Starken horte es natürlich auf.

Der rasende Ritt bis ins Lager hinein und das ganze Aussehen des Reiters muthe gleich alles stutzig machen.

»Wo ist der Waffenmeister?!«

»Der liegt auf seinem Baume! Was ist passiert?«

Hans, nur wenig zügelnd, war abgesprungen, hatte fast einen Saltomortale geschlagen.

»Waffenmeister, der Weg ist gefunden!«

»Wo?« fragte der ganz gemächlich, auch den Kopf hebend.

»Dort im Südosten! Seine Entdeckung hat vorher dem Sam das Leben gekostet!«

»Was?!« schnellte jetzt freilich Georg empor.

»Sam ist mit abgeschnittenem Kopfe gefunden worden! Das kann nur ein Dajak gewesen sein. Die Spur ist schon mit Hunden verfolgt worden, sie geht durch einen hohlen Drachenbaum in den Wald hinein. Es ist ein rotangfreier Weg.«

Nun war es vorbei mit der Siesta!

Doch mit kaltblütiger Ruhe gab der Waffenmeister erst seine Anordnungen.

Einige Leute abgeteilt, die ihn auf schnellen Reittieren begleiteten, die anderen sollten alles nur gleich einpacken, was man mitzunehmen gedachte, selbst wenn noch nicht gleich aufgebrochen wurde.

Die Kavalkade brauste davon, auf Pferden, Kulans und Tarpangs, die man aus Sibirien mitgenommen hatte, während hier noch einige Pferde und Zebras hinzugekommen waren. An der Spitze jagte wieder Hans auf seinem Strauße als Führer. Daß er sonst nichts weiter zu berichten habe, hatte er schon vorher gesagt.

Eine Meile wurde in einer Viertelstunde durchjagt. Nicht weit entfernt von der Grenze des Urwaldes umstanden einige Argonauten den Kameraden, der einem Mörder zum Opfer gefallen.

Es war der englische Matrose Sam, der Keulenschwinger. Er hatte von hinten durch den Rücken einen Stich ins Herz erhalten, von einer breiten Klinge herrührend, dann hatte ihm der Mörder glatt den Kopf abgeschnitten. Bemerkenswert war, daß der Dajak, um den es sich nur handeln konnte, ihm nur das Messer und einige Kleinigkeiten abgenommen hatte, nicht das Gewehr und die Patronen, nicht den Revolver. Der Mann hatte mit diesen Feuerwaffen nichts anzufangen gewußt, er kannte sie nicht.

Sam hatte mit einigen Kameraden das Lager noch vor Tagesanbruch verlassen, sie hatten jagen wollen, zugleich wie gewöhnlich die Waldgrenze nach einem Wege untersuchend, früh um acht war er noch gesehen worden, dann wurde er vermißt, gegen Mittag hatte man seine Leiche gefunden.

Der Waffenmeister sprach nicht viel vom guten Kameraden und von Rache.

»Begrabt ihn hier auf der Stelle. Wo ist nun der hohle Drachenbaum?«

Keine hundert Schritt von hier, ganz dicht am Rande des Urwaldes.

Dieser war hier im Süden und speziell gerade in dieser Gegend anders beschaffen als sonst, wie wir es schon beschrieben hatten; nämlich insofern, als nicht erst ein rotangfreier Waldgürtel kam, sondern die lianenartigen Stechpalmen schlangen sich sofort an den ersten Bäumen empor, welche die Prärie scharf begrenzten, also gleich im Anfange gar kein Betreten der Waldregion zulassend.

Das kam daher, weil der Waldboden bis dicht an das Präriegebiet sumpfig oder doch sehr feucht war, dann aber gleich ein felsiges Gebiet begann. Noch dicht an der Urwaldsgrenze erhoben sich aus dem ebenen Graslande ganz stattliche Felsformationen.

In einer solchen hatte ein gewaltiger Drachenbaum festen Fuß gefaßt. Die Drachenbäume, welche das höchste Alter erreichen, das bei Pflanzen vorkommt, sind ja regelmäßig hohl.

Bis hierher hatten die herbeigeholten Hunde die Spur des Mörders verfolgt, hatten dann zu diesem Baume hinaufgebellt.

Auch Juba Riata war zur Stelle gewesen, er hatte als erster entdeckt, daß dieser hohle Baumstamm den Eingang zu einem unterirdischen Tunnel bildete, der nach dem Walde führte, eine gute Strecke darunter hinwegführte und dann auf einem rotangfreien Wege wieder zum Vorschein kam.

Juba Riata hatte sich mit einigen anderen sofort zur weiteren Verfolgung des Mörders aufgemacht. Wo diese jetzt waren, das wußte man hier nicht.

Georg schnallte den Gürtel enger, an dem der Degenstock befestigt war, dessen Scheide aus der schotenähnlichen Wurzel solch eines Drachenbaumes gefertigt, im übrigen ja mehr ein Schwert zu nennen als ein Degen, das Schwert des Cid — er griff in die tief herabhängenden Zweige des Baumes und schwang sich empor.

Der Weg war, wie er wußte, sehr finster, und die Argonauten besaßen wohl noch ihre Taschenlampen, aber kein Benzin und kein Petroleum mehr; dagegen hatten sie sich bereits Talgkerzen angefertigt, Hans hatte einige mit aus dem Lager gebracht.

Georg hatte den Gipfel des zwanzig Meter hohen Baumes erreicht, das heißt das Ende des Stammes. Wären die Drachenbäume nicht regelmäßig hohl, so würde der Stamm immer in einer Plattform enden; die Aste wachsen nur seitwärts heraus.

Eine finstere Öffnung gähnte ihm entgegen, ungefähr von einem Meter Durchmesser. Er wußte ja schon, was hier vorlag, wohin man durch diesen natürlichen Schacht gelangte, und er selbst sah oben am Anfange die tiefen Einschnitte, die im Innern der Höhlung an dem Holze in regelmäßigen Abständen angebracht waren.

Kurz entschlossen stieg Georg hinab, nach Art der Schornsteigfeger, wenigstens in früheren Zeiten, sich auf beiden Seiten mit Knien und Händen feststemmend, und durch die Einschnitte fanden ja die Füße selbst Stützpunkte.

»O Jammer, o Jammer, o Jammer!« horte man nach einiger Zeit unten in der Tiefe dumpf erklingen.

Auch Doktor Isidor war anwesend, saß bereits in den Zweigen, er sah dort unten das Lichtchen flackern.

»Was gibt’s da zu jammern, Waffenmeister?!« rief der hinab.

»Diesen Weg können wir unmöglich benutzen, um von hier fortzukommen!« erklang es zurück.

»Weshalb denn nicht?«

»Na, hier geht doch nicht einmal unser Lulu durch, unser Elefantenbaby, noch viel weniger unsere Mama Bombe!«

Ja, es war ein höchst enger Weg. Dort, wo der Baumstamm im Boden wurzeln mußte, war von solchen Wurzeln gar nichts zu bemerken. Die natürliche Höhlung setzte sich noch ein gutes Stück in einem senkrechten Schachte fort, der durch Felsen ging, dann kam rechtwinklig daran ein horizontaler Tunnel, der noch etwas abwärts führte, so niedrig, daß man nur auf Händen und Füßen kriechen konnte, manchmal sogar fast auf dem Bauche rutschen mußte.

Jedenfalls war es ein von der Natur geschaffener Gang, eine Auswaschung des Regenwassers durch Jahrtausende, wenn auch schon vorher eine Felsenspalte vorhanden gewesen sein mochte, über deren Ausgang der Drachenbaum gerade Wurzel gefaßt hatte. Dann mochten auch noch Menschenhände nachgeholfen, mindestens Hindernisse beseitigt haben.

Das brennende Talglicht vor sich haltend, kroch Georg vorwärts. Wie weit, das konnte er nicht taxieren; später wurde die Länge dieses Ganges auf hundertachtzig Meter konstatiert.

Da aber kamen regelrechte Stufen, Georg zählte zweiundvierzig, was ungefähr zwölf Meter Hohe bedeutete, und dann, nachdem ihm schon vorher das Tageslicht entgegengeschimmert war, befand er sich im Freien.

Auch auf dieser Seite endete der Gang in einer bizarren Felsformation, aber gleich direkt, nicht erst in einem hohlen Baumstamme, sie lag ebenfalls dicht am Rande des scharfbegrenzten Urwaldes, dessen Bäume mit stachelbewehrtem Rotang umschlungen waren, und nach der anderen Seite hin blickte Georg, der einen Felsen erklettert hatte, in ein grünes Prärieland, in dem sich nur hier und da wie Inseln kleine Hügel und in der Ferne auch größere Berge erhoben.

Es gab hier im Süden also noch ein zweites solches offenes Prärieland, es wurde von jenem nur durch einen Waldgürtel von etwa hundertfünfzig Meter Breite getrennt, der einmal gleich an den Rändern mit Rotang überwuchert, also unpassierbar war. So hatte man wenigstens glauben müssen. Durch solch einen Waldgürtel aber konnte man sich natürlich einen Weg hauen, wenn auch einige Messer dabei draufgingen.

Vor allen Dingen aber sah Georg dort, von stöbernden Hunden umringt, Juba Riata und den Eskimo mit einem halben Dutzend Matrosen durch die Prärie angerückt kommen, und sie führten zwischen sich einen gefesselten Mann von brauner Hautfarbe, nackt bis auf den Schurz, dem sie die Waffen abgenommen hatten, die später beschrieben werden sollen. Erwähnt sei nur gleich, daß ein Matrose eine Lanze von reichlich vier Meter Länge trug, die sich dann aber als etwas ganz anderes als eine gewöhnliche Lanze erweisen sollte.

Georg war ihnen nicht entgegen gegangen, hatte sie hier erwartet.

»Waffenmeister,« begann Juba Riata, »unser Fortkommen von der eingeschlossenen Waldinsel ist gesichert. Hier schließt sich daran eine zweite solche Waldinsel, fast ganz der unsrigen gleichend, die aber von Dajaks bewohnt ist, und die werden doch wohl Verbindung wieder mit der Nachbarschaft haben, wenn auch nur zu dem Zwecke, um sich gegenseitig die Kopfe abzuschneiden.

Wir haben hier einen Mann gefangen; ob er der Mörder von unserem Sam ist, weiß ich nicht, wir können uns nicht mit ihm verständigen, aber ich bezweifle es, sonst müßte er doch wohl den Kopf bei sich haben. Ich bezweifle es auch aus anderen Gründen. Der braune Bursche saß ganz gemütlich unter einem Baume und verzierte ein Stück Holz kunstvoll mit einer Schnitzerei. Wir haben ihn gefangen genommen und wollten ihn erst einmal zurückbringen, vielleicht kann sich Doktor Cohn mit ihm verständigen. Auch sonst wollte ich nicht eigenmächtig vorgehen, sondern erst Ihre Instruktionen abwarten, denn auf Kämpfe mit Dajaks müssen wir uns hier gefaßt machen. Kopfe stehen bei ihnen gar zu hoch im Werte. Wir haben schon einen großen Trupp gesehen, sie aber nicht uns.«

So hatte Juba Riata in Kürze berichtet.

Georg wandte seine Aufmerksamkeit dem Gefangenen zu, der seine Rasse repräsentierte, und es sei hier gleich erledigt, was über die Dajaks zu sagen ist.

Diese Ureinwohner Borneos, welche jeder Kultur bis heute gänzlich unzugänglich geblieben sind, mit keinem Fremden etwas zu tun haben wollen, sind ein mittelgroßer, schlanker, sehr kräftiger Menschenschlag von gelber bis dunkelbrauner Hautfarbe, großen, schonen, schwarzen Augen, mit langen, seidenweichen Haaren. Unter den Frauen, welche nur einen Hüftenrock tragen, findet man viele Schönheiten.

Von allen Reisenden, denen es gelungen ist, mit ihnen in nähere Berührung zu kommen, werden die Dajaks als durchaus ehrlich, treu und zuverlässig geschildert, ihr einmal gegebenes Wort wird unverbrüchlich gehalten, überhaupt vom ritterlichsten Charakter. Daß sie ausgesprochene Jäger sind, ist selbstverständlich.

Der beste Kenner der Dajaks ist der Engländer Georges Richardson, der aber auch die nordamerikanischen Indianer studiert, jahrelang in den wildesten Indianerterritorien gelebt hat, und der sagt, daß man die ritterliche Romantik, mit der man nun einmal die amerikanischen Rothäute umgibt, viel lieber auf diese Dajaks übertragen sollte. Die seien es viel mehr und überhaupt wirklich wert, daß sie als solche Helden der Wildnis verherrlicht werden! Die müßten ihren Fenimore Cooper bekommen! Es sind aber nun einmal nach unseren Begriffen die jämmerlichen Menschen, die wie die wilden Tiere verborgen in ihren undurchdringlichen Urwäldern leben.

Diese »wilden Tiere« sollen die höchste Intelligenz besitzen und Künste ausüben, die einen Vergleich mit den unsrigen gar nicht zu scheuen brauchen. Die meisten Berge Borneos enthalten Eisenerz, aus diesem wissen sie das Eisen zu gewinnen, es in Stahl zu verwandeln, sie fertigen ihre ausgezeichneten Schwerter und Dolche selbst, deren hölzerne Griffe sie ebenso wie hölzernes Hausgerät mit Ornamenten beschnitzen, auch wissen sie Tonwaren zu brennen, die sie gleichfalls mit Ornamenten schmücken, auch färben, und diese verschiedenen Ornamente muss man gesehen haben, wenigstens in bildlicher Wiedergabe, um von dem hohen Kunstgeschmack dieser »wilden Tiere« überzeugt zu sein.

Man nimmt an — oder es ist jetzt auch Zweifellos nachgewiesen — daß diese Dajaks einst auf hoher Kulturstufe gestanden haben. Die alten, kolossalen, architektonisch herrlichen Bauwerke, die nicht von den Muhamedanern und noch vorher von buddhistischen Indern stammen, die sind von den Dajaks aufgeführt worden! Das ist jetzt durch verschiedene Figuren erwiesen worden. Außerdem besitzen die Dajaks eine ganz ausgebildete Literatur, wenn diese auch nur von Mund zu Mund geht, sie haben eine Poesie, deren Schönheit jetzt erst erkannt wird, und in solchen Gesängen werden jener Zeiten der Macht und des Glanzes gedacht, da auf dieser Insel, jetzt mit Urwald bedeckt, eine prächtige Stadt durch Landstraßen mit der anderen verbunden war.

Diese Dajaks sind einfach wieder in den Urzustand zurückgesunken, wie es schließlich jeder Rasse und jedem Volke einmal gehen wird. Es hat eben alles seine Zeit, sagt Salomo der Weise. Von ihrer ehemaligen Kultur ist ihnen nur die Kenntnis übrig geblieben, wie man Eisen und Stahl gewinnt, Ton brennt und lasiert, ein großer Kunstgeschmack für Zierliche Ornamente, eine Gewisse poetische Gabe — und schließlich mochte man auch noch an chemische Kenntnisse denken, indem sie ein Pfeilgift und ein Gegenmittel dafür zu brauen wissen, welche beide noch allen Analysen unserer Chemiker gespottet haben. Wer die Zusammensetzung dieses Gegenmittels ausfindig macht, kann sich von der niederländischen Regierung eine Prämie von einer Million Gulden abholen, denn dieses innerlich einzunehmende Mittel hebt auch die Wirkung des Pfeilgiftes der Atschinesen auf, mit denen die Holländer auf Sumatra unaufhörlich zu kämpfen haben, obgleich deren Pfeilgift ein ganz anderes ist als das der Dajaks und die Atschinesen selbst gar kein Gegenmittel kennen.

»Der Bursch hier hat auch vergiftete Pfeile bei sich!« sagte Juba Riata. »Ich habe mit einem einen großen Vogel geschossen, ihn nur leicht verletzt, aber innerhalb einer halben Minute war das Tier verendet!«

Georg hatte den bezeichneten Lederkocher genommen, zog vorsichtig einen der Pfeile heraus. Sie waren auffallend kurz, kaum Zwanzig Zentimeter lang, hinten auch nicht mit Federn besetzt, sondern trugen einen Büschel Haare.

»Wie kann man denn mit solch kurzen Pfeilen schießen? Was hat der denn für einen Bogen dazu?«

»Sie werden auch gar nicht mit einem Bogen abgeschossen. Es sind mehr Stechbolzen, hier ist das Blaserohr dazu.«

Die vier Meter lange vermeintliche Lanze erwies sich als ein Blaserohr. Sie bestand aus einer besonderen Art von Bambusrohr — Hatjang genannt — das wohl äußerlich Knoten hat, innen aber ganz glatt ist. Dieses lange Blaserohr, Sipet genannt, haben die Dajaks mit einigen südamerikanischen Indianerstämmen gemeinsam, nur daß sie es auch noch als Lanze verwenden, indem sie vorn eine Stahlspitze befestigen, aber so, daß sie den Flug des Pfeiles nicht aufhalten kann. Also Gewissermaßen ein Bajonett. Die kurzen Pfeile werden bis auf hundertfünfzig Schritt mit außerordentlicher Treffsicherheit gepustet.

Sonst bestand die dem Gefangenen abgenommene Bewaffnung aus dem Kris und dem Mandau. Ersterer ist ein Messer, ein Dolch, die lange Klinge aber mehrmals gewunden — man sprichst von Flammendolchen — letzteres ist ein Schwert von ganz eigentümlicher Form, nur bei den Dajaks zu finden. Die Klinge ist am Griffe viel schmäler als vorn, und dann steht der Holz- oder Horngriff zu der Klinge in einem Winkel von ungefähr dreißig Grad. Beide Griffe waren schon geschnitzt und mit Büscheln von langen Menschenhaaren verziert.

Es war ein noch junger Mann, ein Jüngling, herrlich gewachsen, schlank und vom vollendetsten Ebenmaß und dennoch muskulös. Ein hübsches Gesicht, sogar sanfte Züge. Von Furcht gar keine Spur. Mit fast heiterer Neugier betrachtete er die fremden Männer, nur etwas staunend die ihm jedenfalls noch fremderen Hunde. Als Georg gar so vorsichtig den vergifteten Pfeil aus dem Kocher gezogen und ihn mißtrauisch betrachtete, hatte er sogar laut gelacht, jetzt freilich auch etwas spöttisch, dazu sagte er etwas mit wohltönender Stimme.

»Als wir ihn überraschten, ich ihn plötzlich beim Genick hatte, war er wohl sehr erschrocken, aber nur im Augenblick, dann tat er, als mache er sich gar nichts daraus, als seien wir schon gute Bekannte.«

»Sie können sich nicht mit ihm verständigen?«

»Nein. Wie soll ich? Englisch und Französisch kann er nicht. Auch nicht Holländisch. Das käme hier doch auch nur in Betracht. Mit Indianerdialekten will ich doch nicht erst anfangen. Der Bursche selbst wollte schon immer gern eine Unterhaltung anfangen. Wir verstehen ihn nicht.«

Da kam der Schiffsarzt an, der dem Waffenmeister gefolgt war.

»Hier, Doktor Isidor, ist etwas für Sie. Unterhalten Sie sich mal mit dem hier auf Dajakisch.«

»Auf Dajakisch? Hat sich was! Wir wissen von diesen Eingeborenen nichts weiter, als daß es unter ihnen eine ganze Masse Sprachen gibt — besonders Sprachen, nicht nur Dialekte, manchmal versteht ein Dorf schon das benachbarte nicht, und nur von dem Stamme der Olo Ngadju, die an der Ostküste hausen, hat A. Hardeland ein ganz dürftiges Wörterbuch verfaßt.«

Immerhin, auch jetzt wieder hatte dieser jüdische Universalgelehrte seine erstaunlichen Kenntnisse bewiesen und außerdem sprach er jetzt auch noch den Dajak an, und dieser antwortete sofort.

»Na, dann ist es ja gut! Er spricht Malaiisch. Dann werden wir auch fertig miteinander«

Wieder einmal staunten die Umstehenden dieses versoffene Krummbein an! Trifft im Herzen Borneos einen Dajak an und kann sich gleich mit ihm unterhalten!

Das Malaiische ist es aber auch wert, studiert zu werden. Es ist eine der ausgebildetsten Sprachen, die wir kennen. Das geht eben alles bis auf das Sanskrit zurück. Dabei kennt es nur wenige, voneinander kaum abweichende Dialekte. Während bei uns ein richtiger Oberbayer einen Plattdeutschen doch gar nicht mehr versteht.

Doktor Cohn verdolmetschte alles Wichtige, was wir nicht wiederzugeben brauchen.

»Wer bist Du?«

Die gutmütigen, heiteren Züge veränderten sich einmal, stolz richtete sich der gefesselte Jüngling empor.

»Ich bin Oglondu, der Sohn des Häuptlings der Njamanas.«

»Die Njamanas hausen hier?«

»Ja.«

»Wie stark seid Ihr?«

»Wir stellen Zweihundert Krieger ins Feld,« lautete die stolze Antwort, und noch stolzer wurde hinzugesetzt: »und in unseren Triumphhütten sind mehr als Zehntausend Menschenköpfe aufgebaut!«,

Er hatte Ajaubinos gesagt. Das läßt sich nicht anders als mit »Triumphhütten« übersetzen. Die Sitte des Kopfabschneidens, die ganze Kopfjägerei, worin der Lebenszweck der Dajaks ausschließlich besteht, heißt »ajau«, und das ist »Triumph«. Ihre eigentümlichen Hütten, die später beschrieben werden sollen, heißen »binos«. Sie selbst nennen sich darnach »Ajaunas«, und dieses Wort »ajau« haben auch sämtliche Dajaks, womit sie eben die Kopfjagd bezeichnen, das Kopfabschneiden, ihr höchster Triumph.

Übrigens hatten die Umstehenden nun schon gemerkt, daß man sich mit diesem Jünglinge, der noch niemals einen fremden Menschen gesehen, gar nichts von einer anderen Welt wußte, nicht aus diesem Walde herausgekommen war, wie mit einem gebildeten Europäer unterhalten konnte, wenn man ihn nur nicht gerade das fragte, was er unmöglich wissen konnte.

»Kennst Du uns denn?«

»Ich habe Euch noch nie gesehen.«

»Mich wundert, daß Du so wenig Aufhebens von uns machst.«

»Ich weiß, wo Ihr wohnt.«

»W0 denn?«

»Im Reiche der Hantus.«

»Hantus, Hantus? Das sind doch Geister!«

»Du sagst es. Dort kommt Ihr her.«

Des weiteren stellte es sich heraus, daß dieser Jüngling den Mister Elias Osborne kannte. Dabei war nichts Wunderbares. Die Karawane mit der großen Menagerie war damals, von jenem Zauberer geführt, hier durchgekommen.

Oglondu hatte sie Zwar nicht selbst zu sehen bekommen, denn obgleich damals ein achtjähriger Knabe noch, war er schon auf einem Kriegszuge gewesen; aber erfahren hatte er natürlich alles.

Und nun war die Sache die, wie sich Doktor Cohn schnell vergewisserte, daß dieser Jüngling glaubte, er habe Leute von dieser amerikanischen Expedition vor sich! Daß die schon längst, gleich nach ihrer Ankunft, dort drüben von den Chinesen ermordet worden waren, davon wußte man hier gar nichts!

Gut, mochte der das nur glauben.

Durch geschickte Fragen, ohne sich eine Blöße zu geben, brachte Doktor Isidor dann weiter aus ihm heraus, daß damals durch den Dornengürtel ein Weg gehauen worden war; denn durch den Tunnel hätte Osborne seine zum Teil sehr großen Tiere natürlich nicht bringen können.

»Dieser Weg ist, im Laufe der Zeit wieder verwachsen?«

»Selbstverständlich.«

»Weshalb hat ihn Mister Osborne nicht offen gehalten?«

»Weil er nie wieder von hier fort wollte. Das mußt Du doch aber alles selbst wissen!« wurde der Jüngling jetzt doch etwas mißtrauisch.

»Mister Osborne ist schon längst tot und er hat uns nie in seine Geheimnisse eingeweiht. Du bist in unser Reich eingedrungen und hast einen unserer Männer getötet.«

Es war eine geschickte Ablenkung. Darüber mußte der Jüngling doch gleich alles andere vergessen.

Aber in seinen offenen Zügen malte sich jetzt solch ein Staunen aus, daß man sofort bestimmt erkannte, wie er unschuldig daran sei, noch gar nichts davon wußte

»Du bist doch vor kurzem drüben in unserem Gebiete gewesen«

»Im Reiche der Hantus? Wie soll ich das?«

»Kennst Du denn diesen unterirdischen Weg nicht, der hier mündet?«

»Ich kenne ihn.«

»Du hast ihn benutzt.«

»Wie soll ich das wagen können?« erklang es wiederum.

»Warum kannst Du das nicht wagen?«

»Die Hantus würden mich doch sofort erwürgen.«

»Und auch jeden anderen von Euch?«

»Jeden!«

»Wie ist denn Osborne mit seiner Gesellschaft hineingelangt?«

»Er wurde von Konjamu geführt, dem mächtigsten Zauberer, und der Mond war ihm damals besonders günstig, er verbarg dazu vollkommen sein Gesicht.«

Doktor Isidor wußte es: die Dajaks verehren hauptsächlich den Mond als gute Gottheit, mehr als die glühende Sonne, und eine vollkommene Mondfinsternis hat ja bei solchen Naturvölkern immer etwas ganz Gewaltiges zu bedeuten.

»Einer unserer Männer ist vorhin drüben ermordet aufgefunden worden, der Kopf war ihm abgeschnitten, und der Mörder hat den Weg hier durch diesen Tunnel genommen. Kann das ein fremder Dajak gewesen sein, ein fremder Ajauna, der nicht zu Euch gehört?«

»Ein fremder Ajauna, hier auf unserem Gebiet, der nicht zu uns gehört?« wiederholte er sinnend.

Dann zuckte er empor, die Erklärung für eine Möglichkeit war ihm bereits gekommen.

»Ha, wenn Du die Wahrheit sprichst — — dann kann das nur Letanje gewesen sein!«

»Wer ist das, Letanje?«

»Er rühmt sich, obgleich er kein Zauberer ist, mit den Hantunaks in Verbindung zu stehen.«

»Mit weiblichen Geistern?«

»Ja, und er hat uns schon immer aufgefordert, wir sollen hinüberdringen und den weisen Fremden die Köpfe nehmen, die Hantunaks wären stärker als die Hantus selbst, er hat uns verhöhnt, daß wir es nicht glaubten.«

Also ein Freigeist unter den Dajaks, wenn er dabei auch selbst Geister zu Hilfe nahm, um die anderen zu einer großen Tat zu verleiten.

»Fragen Sie ihn,« sagte jetzt Georg, »wie seine Stammesbrüder uns aufnehmen werden, wenn wir jetzt ihr Gebiet durchziehen. Wir wollten auswandern, nach der Wüste zurück.«

Doktor Cohn verdolmetschte es.

Die Augen des Jünglings leuchteten auf.

»Die Njamanas freuen sich darauf, sie werden Euch alle die Köpfe abschneiden!« lautete dann sein ungeschminkter Bescheid.

»Weshalb habt Ihr denn das nicht gleich bei unserem ersten Durchzug getan?«

»Ihr standet unter dem Schutze des mächtigen Konjamu.«

»Der ist tot?«

»Schon längst. Wir hatten ihm nur für einen Mondwechsel versprochen, Euch zu schonen, und dann habt Ihr Euch ja hinter der Hecke der Hantus verkrochen.«

Doktor Cohn, der über die Dajaks mehr wußte als alle anderen, konnte gleich eine Erklärung einschalten.

Bei den Dajaks gilt jedes Versprechen nur von einem Mondwechsel zum anderen, also immer höchstens vier Wochen, ein anderes gehen sie gar nicht ein, und wenn sie das einem Fremden gegenüber nicht betonen, dieser davon nichts weiß, so können sie doch nichts dafür. Nach dem übernächsten Mondwechsel erlischt jedes Versprechen und jede Abmachung

Darin sind die Dajaks vielleicht ehrlicher als zum Beispiel die Engländer, die bekanntlich jeden Frieden und jedes Bündnis und alles andere immer »für ewige Zeiten« abschließen — bis eben etwas dazwischen kommt.

»Wie heißt Dein Vater?« muthe Doktor Cohn auf des Waffenmeisters Wunsch fragen.

»Er ist der Häuptling der Njamanas.«

»Als Häuptling führt er keinen besonderen Namen?«

»Nein.«

»Gut, ich wußte es. Was weiter, Waffenmeister? Können wir uns mit dem Häuptling in Verbindung setzen?«

»Ja.«

»Wir werden freundlich aufgenommen?«

»Nein.«

»Sondern?«

»Unsere Krieger schneiden Euch die Köpfe ab!« lautete wiederum die bündige Erklärung.

»Ihr wartet wohl schon immer darauf, das wir einmal hinter der Dornenhecke hervorkommen?«

»Ja, gewünscht haben wir es immer, wenn auch nicht daran geglaubt.«

Dieses Glück wäre gar zu groß gewesen, um daran glauben zu können.

»Ihr schießt mit vergifteten Pfeilen?«

»Natürlich.«

»Ihr werdet auch uns mit vergifteten Pfeilen beschießen?«

»Euch? Weshalb denn? Was hätte denn das für einen Zweck?«

Wenn es die anderen nicht verstanden, was hier vorlag, so erfaßte es doch sofort dieser geniale Schachspieler.

Die an der Küste und in der Nähe der Ansiedlungen Lebenden Dajaks mochten wissen, was für eine furchtbare Waffe sie in ihren vergifteten Pfeilen besaßen, gegen welche sich die Weisen sich nicht schützen konnten.

Diese Dajaks hier aber, nie mit Weisen in Berührung gekommen, hielten es für ganz selbstverständlich, das dieses Gegenmittel jeder Mensch besaß. Sie benützten ihre Giftpfeile nur zur Jagd auf große Raubtiere, überhaupt zur Jagd, nicht zum Töten anderer Dajaks, die eben durch das Gegenmittel geschützt waren.

Es war von Wichtigkeit, dies zu wissen — nun mußte man aber auch sehr, sehr vorsichtig sein, um sich ja keine Blöße zu geben.

»Wenn die Sache so steht,« entschied Georg jetzt, »wir gar nicht hoffen dürfen, mit dem Häuptling in friedliche Unterhandlung treten zu können, dann hat es auch gar keinen Zweck, uns hier länger aufzuhalten. Also wieder zurück! Drüben beraten wir uns weiter; den Burschen nehmen wir natürlich mit.«

Der Rückweg wurde angetreten. Der Gefangene folgte ganz willig, es blieb ihm auch nichts anderes übrig, sonst wäre er einfach durch den Tunnel am Boden geschleift worden.

Auf dem feindlichen Gebiete wurde keine Wache gelassen, das mit den vergifteten Pfeilen war doch eine gar zu kitzlige Sache, aber natürlich jenseits der Eingang durch den Drachenbaum nicht mehr ohne Aufsicht gelassen, und überhaupt sollte das Hauptquartier gleich hierher verlegt werden, von wo aus man den stachelgepanzerten Waldgürtel in Angriff nehmen wollte.


133. KAPITEL.
GIFT UND GEGENGIFT.

Seit einigen Tagen schon arbeiteten unablässig alle vorhandenen Messer und Entersäbel, um durch den Rotangwald einen Weg zu bahnen.

Eine Axt gab es nicht. Auch der Schiffszimmermann hatte seine nicht mitzunehmen brauchen, an Bord des »Elektron« war ja alles Handwerkszeug vorhanden gewesen. Aber man hatte ja keinen einzigen fremden Gegenstand an Land bringen, hier zurückbehalten dürfen? Der in dieser Hinsicht so halsstarrige Waffenmeister hätte es niemals geduldet, hätte den Sünder aus der Gemeinschaft der Argonauten ausgestoßen — oder aber er selbst wäre gegangen, hätte sich fernerhin abseits gehalten. Soweit war es gegangen, das die Patronin ein prächtiges Umschlagetuch wahrscheinlich eine Art Glasgespinst, das sie von Viviana geschenkt erhalten und beim Verlassen des »Elektron« getragen hatte, auf Georgs Wunsch in einen Fluß geworfen hatte, mindestens hatte er es nicht mehr an ihr sehen wollen. Das Klothilde ihren goldenen Hirschkäfer vergessen hatte, das war ja nun wieder ganz selbstverständlich gewesen.

Aber ihre Entersäbel hatten diese wehrhaften Fechtbrüder bei der Übersiedlung von der »Argos« auf das im Wasser liegende Luftschiff nicht vergessen, und die hatten sie dann natürlich auch nicht zurückgelassen, und das war gut. Diese gewichtigen Klingen schafften doch ganz anders als die Schiffs- und Jagdmesser

Das allergrößte Glück aber war wohl, das der erste Ingenieur, der, ein ehemaliger Grobschmied, jetzt die feinste Goldschmiedekunst aus Passion betrieb, seinen Handwerkskasten mitgenommen hatte. In diesem befand sich außer anderen Präzisionswerkzeugen auch ein Diamantfeilchen. Ein winziges Dingelchen. Ein Stückchen Uhrfederband, in das einige Diamantsplitterchen unverrückbar eingelassen waren. Nichts weiter, aber das genügte. Mit diesem winzigen Feilchen war eine geschickte Hand, von einem ingeniösen Kopfe gelenkt, imstande, eine mächtige Dampfmaschine aus gewöhnlichen Eisenklumpen zu fertigen. Nämlich wenn man aus einem Werkzeuge immer das nächste, das gebraucht wird, hervorgehen Läßt.

zuerst eine größere Feile! Dazu wurde das Stück eines Entersäbels genommen, der schon vorher in die Brüche gegangen war. Eine Feile wird gehauen. Aber das ist nicht so einfach getan, wie gesagt, besonders nicht, wenn man nichts zum Hauen hat, und dann ist das doch auch nicht so, das man mit dem Meißel Einschnitte und so Zähne hervorbringt, sondern diese Zähne müssen auch wirklich scharf werden.

Aber mit diesem Diamantfeilchen war es wirklich eine Leichtigkeit, aus einem Stück ausgeglühtem Stahl eine große, wunderbar scharfe Feile herzustellen, die nur noch gehärtet zu werden brauchte.

Solcher Feilen wurden mehrere gefertigt, und dann konnte die Arbeit erst richtig beginnen; denn jetzt merkten die Argonauten erst, was es heißt, sich durch einen Rotangwald einen Weg bahnen zu wollen. Nach Zehn Minuten war jedes Messer und jeder Entersäbel vollständig stumpf und, wenn der Stahl zu hart angelassen, auch noch schartig, ganz gezackt. Nur Georgs Damaszenerklinge vermochte die glasharte Rinde ohne Beschädigung zu durchschlagen, er wollte es aber lieber nicht zu sehr riskieren.

An ein Schleifen der unbrauchbar gewordenen Klingen wäre gar nicht zu denken gewesen, vorausgesetzt, das sie überhaupt einen drehbaren Schleifstein besessen hätten, dann wäre bald am Griffe kein Stahl mehr vorhanden gewesen; sondern er wurde geglüht, ausgehämmert, gedengelt, scharf gefeilt und wieder gehärtet.

Auf diese Weise gelang es mehr als hundert Paar starken, geschickten und emsigen Menschenarmen die hundertfünfzig Meter Rotangwald in zwei Wochen zu durchbrechen.

Es ist dies so ausführlich behandelt worden, um eben einmal zu zeigen, was es heißt, ins Innere Borneos eindringen zu wollen.

Fürwahr, jener Engländer hat ganz recht, wenn er so schön sagt, das es viel einfacher ist, sich durch eine kilometerdicke Käsemauer durchzufressen, als sich mit Messer und Axt einen Kilometer weit durch einen Rotangwald zu hauen.

Und da sieht man auch, was man von solchen »paradiesischen Eilanden« als Kolonien meist zu halten hat.

Ein einziger Maler wie Rembrandt hat durch späteren Verkauf seiner Bilder ins Ausland mehr Geld in sein Vaterland gebracht, als alle holländischen Kolonien zusammengenommen! Das ist genau berechnet worden. Unterdessen beschäftigten sich die Hauptpersonen und am meisten Doktor Isidor mit dem Gefangenen.

Man hatte ihm einen von Bäumen begrenzten Platz angewiesen, auf dem er sich frei bewegen durfte. Er wurde von einigen scharfen Hunden bewacht, das war sicherer als jede Kette. Sobald er die nur gedachten Grenzlinien mit einem Fuße überschritt, hatte er die scharfen Zähne im Beine und an der Kehle.

Oglondu hatte die gezähmten Tiere angestaunt, besonders den Löwen und den Königstiger und den Bison, die er ja noch nie gesehen, aber fürchten tat er sich nicht.

Er erschrak gewaltig, als ein Gewehr abgefeuert wurde, aber Furcht hatte er nicht hinterher.

Ja, wie er dann das Gewehr untersuchte, wobei er auch wiederholt auf die Eisenteile bis — so wie der Engländer Gold— und Silbermünzen, denen er nicht recht traut, Zwischen die Zähne nimmt, weil man dadurch bei einiger Übung echtes Gold und Silber sehr wohl von falschem unterscheiden kann, die Zähne sind im Gefühl überaus empfindlich — da erklärte er diesen besten englischen Stahl verächtlich als einen ganz schlechten Stoff, so wie er auch schon über die Messer und Entersäbel gespottet hatte. Und tatsächlich konnte deren Stahl auch keinen Vergleiche mit seinem Dolche und Schwert aushalten, wenn diese auch wieder nicht an Georgs wunderbare Damaszenerklinge heranreichte.

Ebenso staunte er wohl auch, als man ihm die Wirkung des Schusses zeigte, wie die Kugel ein Baumstämmchen glatt durchschlagen und ein zweites noch Zersplittert hatte, aber über die Frage der Weisen, wie seine Landsleute sich denn gegen solche Feuerwaffen schützen wollten, lachte er wiederum verächtlich oder sogar wirklich belustigt.

»Was wollt Ihr denn mit diesen Dingern im Walde? Oder könnt Ihr etwa durch Zehn dicke Bäume schießen?«

Er hatte recht. Auf diesem rotangfreien Gebiete gab es Wälder auch ohne Unterholz, parkähnlich, aber nirgends konnte man weiter als Zehn Schritte schießen, dann blieb die Kugel in einem Baume stecken.

Und dann machte der braune Bursche stolz noch eine andere Bemerkung.

»Wenn wir solche Dinger gebrauchen könnten, dann hätten wir sie uns schon längst selbst gefertigt, viel bessere als Eure.«

Eine ganz gefährliche Bemerkung! Ein ganz, ganz gefährlicher Charakter!

Wenn solche Wilde alle »Segnungen der Kultur« stolz verschmähen, sogar den edlen Schnaps, wie es die Dajaks tun, dann freilich sind sie nicht so leicht unterzukriegen und auszurotten, wie es mit den armen nordamerikanischen Rothäuten geschehen ist. Das »Unterkriegen« in doppeltem Sinne gemeint.

Die Hauptsache aber, um die es sich handelte, war die Frage des Gegengiftes

Dieses Gegenmittel wird von den Dajaks täglich eingenommen, es gehört bei ihnen zum täglichen Brot, damit sie, da es erst nach einigen Stunden wirkt, nachdem es durch die Verdauung ins Blut übergegangen ist, immer geschützt sind gegen die tödliche Vergiftung durch einen Pfeilschuß. Dies weiß man.

Also mußte der Jüngling dieses Gegenmittel auch bei sich führen.

Aber wo? Er war nackt bis auf den Schurz gewesen, an dem Lianengürtel hing kein Beutelchen und kein Büchschen.

Nun, er Zeigte den Fremden selbst, wo er seinen Schatz, sein Lebenselexier, berge.

Noch an demselben Tage, da er gefangen worden, hatte er »Momasse« begehrt.

Der Schiffsarzt war zur Stelle, er hatte genug über die Dajaks gelesen, und was der einmal gelesen hatte, behielt er auch für immer im Kopfe.

»Wozu brauchst Du Momasse? Du bist hier vor jeder Vergiftung geschützt.«

»Aber ich kann das Ugli bekommen.«

»Das Fieber? Diese Gegend ist völlig fieberfrei.«

»Gib mir meine Momasse.«

Doktor Cohn wußte es: Diese rätselhafte »Momasse« ist auch das trefflichste Mittel gegen Fieber.

»Wo hast Du Deine Momasse?«

Der Jüngling ahnte nicht, welches Geheimnis ihm abgelockt wurde. Dieser Dajak hielt es für ganz selbstverständlich, das jeder Mensch in der Welt, die für ihn freilich nur im borneoschen Urwald bestand, seine »Momasse« einnehme.

»Wo soll ich sie haben? Natürlich im Griffe meines Mandaus.«

Erst jetzt dachte man daran, diesen Schwertgriff aus Horn näher zu untersuchen, und da entdeckte man, das der Stift hinten nicht nur ein Zierrat war, er konnte herausgeschraubt werden, hatte ein ganz regelrechtes Schraubengewinde, wenn auch nur mit dem Messer geschnitzt — der Griff war hohl, zur Hälfte mit linsenartigen, weisen Körnern gefüllt, die deshalb nicht geklappert hatten, weil die leere Höhlung mit Baumwolle ausgestopft war.

Diese weisen Linsen sind bekannt genug. Sie sind auf ganz Borneo bei allen Dajaks genau dieselben, so das man fast an die Samenkörner einer Pflanze glauben könnte. Aber das ist nicht der Fall. Sie bestehen hauptsächlich aus Stärkemehl und Milchzucker, jedes Eiweiß fehlt, wie überhaupt alle Samenstruktur. Es ist ein künstliches Präparat.

Worauf es ankommt, das haben unsere gelehrten Forscher, die sich hiermit beschäftigen, allerdings ergründet, und Doktor Isidor bewies durch seine Experimente, wie bewandert er in dieser Sache war.

Er ließ eines der kleinen Wildschweine, die es hier massenhaft gab und von denen man einige gezähmt hatte, eine Linse verschlucken, ritzte es nach einigen Stunden mit einem vergifteten Pfeil — dem Tiere war gar nichts anzumerken.

Und vergiftet war der Pfeil gewesen! Denn mit demselben Pfeile wurde ein zweites Wildschwein blutig geritzt, fast sofort bekam es Krämpfe und schon nach einer Minute war es tot.

Diesem verendeten Tiere öffnete Doktor Cohn den Schädel, nahm das Gehirn heraus, ließ es einem andern Wildschwein fressen. Nun wurde dieses nach einigen Stunden mit einem Giftpfeil geritzt und es blieb gesund!

Wie war das möglich? Das Tier hatte ja gar nicht das Gegenmittel einbekommen!

Nun, das Pfeilgift lieferte eben erst dieses Gegenmittel, durch Umwandlung im tierischen Körper. So werden ja auch alle unsere sogenannten Lymphen und Heilserums dargestellt. Eine gesunde Kuh wird künstlich pockenkrank gemacht, ihre Lymphe, das eigentliche Pockengift, wird einem gesunden Menschen eingeimpft, dadurch wird er immun, unempfindlich gegen die Pocken. Professor Pasteur impft den tollwutkranken Menschen mit einem Serum, das er aus dem Rückenmark eines an Tollwut verendeten Hundes herstellt.

Woher diese Aufhebung des Giftes durch sich selbst, nur aus einem Körper in den anderen übertragen, da stehen wir ja nun freilich vor einem wohl niemals zu ergründenden Rätsel. Wir kennen nur die Tatsache, den Erfolg. Und so war es auch hier. Dieses Pfeilgift der Dajaks lähmt sofort das Gehirn und führt innerhalb einer Minute den Tod herbei. Über diese Schnelligkeit braucht man sich nicht zu wundern. Wer nicht ein gewohnheitsmäßiger Zigarettenraucher ist, braucht nur einen tiefen Zug aus einer Zigarette zu inhalieren, und schon fünf Sekunden später fühlt er die Betäubung im Kopfe. Das gasige Nikotin wird von der Lunge absorbiert, geht ins Blut über, und innerhalb Zweier Minuten pumpt das Herz das Blut bis in die entferntesten Äderchen, zu allererst aber nach dem Gehirn.

Solch ein von dem Pfeilgift der Dajaks infiziertes Gehirn, in das Blut eines anderen Tieres oder eines Menschen überführt, hebt die Wirkung dieses selben Giftes wieder auf, entweder sofort, indem ein alkoholischer Extrakt dieses Gehirns direkt ins Blut gespritzt wird, oder nachdem dieses Gehirn selbst verdaut worden ist.

Das ist unseren Forschern und allen Holländern, die damit zu tun haben, sehr wohl bekannt.

Aber wer hat denn immer gleich so ein Gehirn bei der Hand. Dann muß man auch erst solches Pfeilgift haben. Und außerdem muß das betreffende Gehirn ganz frisch infiziert sein, sonst wirkt es nicht mehr.

Den wirksamen Bestandteil solch eines infizierten Gehirns nun fest an eine Substanz zu binden, die sich hält, vielleicht sogar für immer, das eben ist das Geheimnis der Dajaks, für dessen Ergründung die niederländische Regierung eine Prämie von einer Million Gulden ausgesetzt hat.


Auch das Pfeilgift wurde gefunden, das der edle Jüngling zur Reserve bei sich führte. Es war in dem hohlen Griffe seines Dolches enthalten. Eine braune, sirupähnliche Masse.

Doch hier handelte es sich hauptsächlich um das Gegenmittel, um die Linsentabletten.

»Wie stellt Ihr die her?«

Jetzt allerdings wurde Oglondu doch etwas mißtrauisch. Der Gedanke mochte in ihm aufdämmern, das doch vielleicht nicht alle Menschen dieses Gegenmittel kannten.

Aber dieser jüdische Schiffsarzt war nicht so unvorsichtig gewesen, sich eine Blöße zugeben, er war von vornherein gewappnet gewesen.

»Wir haben nämlich unser eigenes Verfahren zur Herstellung dieser Momasse,« setzte er also schnell hinzu, »und mir scheint, unsere ist bedeutend wirksamer als das Eure. Wie also stellt Ihr die Momasse her?«

»Wie kannst Du mich fragen!« lautete jetzt die merkwürdige Antwort. »Würdest Du mir etwa sagen, wie Du die Momasse machst?«

»Gewiß, wenn Du mir Dein Rezept gibst!« log Doktor Isidor mit dreistem Munde, und es war verzeihlich, im Kriege ist alles erlaubt.

»Du lügst!« wurde ihm jetzt aber gleich ins Gesicht geschleudert.

»Weshalb soll ich Dich denn belügen? Mir scheint aber, Du kennst das Rezept selbst nicht, die Momasse wird nur von Euren Zauberern bereitet.«

»Jeder kann sie selbst herstellen.«

»So tauschen wir unsere Rezepte.«

»Ich verstehe Dich nicht, Fremder. Sobald man das Geheimnis verrät, nur darüber spricht, verliert die Momasse doch ihre Kraft, jeder andere Ajauna könnte mich mit einem Pfeilschuß töten, alle Momasse würde mir nichts mehr nützen, und außerdem hätte ich alle Köpfe umsonst erbeutet!«

O weh! Da lag der Hase im Pfeffer!

Wie soll man solch einen tief in der Seele des Volkes eingewurzelten Aberglauben plötzlich ausrotten?!

Eine Beratung fand statt, aber niemand wußte ein Mittel, wie man diesem Dajak sein Geheimnis entlocken könnte. Mit dem Vorschlage, den Jüngling martern zu wollen, brauchte sich niemand erst zu beschmutzen. Wieviele Dajaks mögen deshalb schon Folterqualen ausgesetzt worden sein, um ihnen das Geheimnis zu erpressen. Doktor Cohn wollte es einmal mit Hypnose versuchen, versicherte aber gleich, das es keinen Zweck haben würde. Die Macht der Hypnotik wird ja gewöhnlich weit überschätzt. Die Kraft des festen Vorsatzes und der Verweigerung wird in diesem künstlichen Schlafe nie gebrochen, niemals! Sonst brauchten wir ja gar keine Untersuchungsrichter mehr.

Aber man sollte auch nicht lange der Sorge wegen dieses Pfeilgiftes und der Erlangung des Gegenmittels nachhängen.

Am andern Morgen schon kläffte wütend der Spitz, der oben in den Zweigen des Drachenbaumes Zwei Matrosen in der Bewachung des Zuganges unterstützte.

Unten in der Tiefe war jemand, machte sich auch schon durch Worte bemerkbar. Doktor Isidor wurde geholt.

»Wer ist dort unten?« rief er auf Malaiisch hinab, nachdem er das erste nicht verstanden hatte.

»Ich komme im Frieden der Njamanas,« erklang es zurück.

»Was willst Du?«

»Ich will die Leiche des Sohnes unseres Häuptlings holen, wenn die Hantus sie noch nicht verschlungen haben.«

»Oglondu lebt.«

»Das ist nicht wahr!«

»Kein Njamana und kein anderer Ajauna kann das Reich der Hantus lebendig betreten.«

Das war den Menschen dort unten nicht auszureden, und man wollte doch lieber nicht so per Distanz mit ihm verhandeln, wenigstens erst alles versuchen, ihn heraufzulocken.

Oglondu wurde vorgenommen.

»Schwöre mir, das Du mit dem Abgesandten nur Malaiisch sprichst.«

Der Jüngling leistete einen zeremoniellen Eid, dessen Inhalt Doktor Cohn zwar nicht verstand, aber er glaubte ihm, und schließlich war es auch nicht von so großer Bedeutung.

Oglondu mußte den Baum ersteigen, unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln, das er nicht etwa plötzlich nach unten entwischen konnte·

»Bist Du es, Balia Sadja? Antworte in der Sprache der Malajas.«

»Ich sehe Deinen Kopf, Oglondu, aber ich kann nicht glauben, das Du im Reiche der Hantus noch lebst,« erklang es dort unten schon recht freudig.

»Ich lebe noch, und auch Du wirst leben bleiben. Diese Fremden wissen uns vor den Hantus zu schützen. Komme herauf, Balia Sadja, und Du kannst sofort, wenn Du willst, zurückkehren.«

Der Widerstand war gebrochen, und zur Überraschung aller tauchte aus der Stammöffnung statt des erwarteten Dajakkriegers ein junges Weib auf, ein Mädchen, sogar eine ganz auffallende Schönheit.

Die weiche, für einen Mann etwas hohe Stimme hatte man ja schon gehört, aber sie war nicht aufgefallen, weil auch Oglondu eine solche hatte.

Dann allerdings folgten noch zwei Männer, aber dieses junge Weib, durch besonderen Schmuck ausgezeichnet, war doch die Hauptperson.

Doktor Cohn hatte schon einen besonderen Namen gehört und konnte gleich eine Erklärung geben.

Es war eine Balia, eine »Geleiterin«, eine Zauberpriesterin.

Wohl kein anderes Volk auf der Erde hat einen so ausgebildeten Seelenkultus für ein Jenseits als wie die Dajaks, diese »wilden Tiere«.

Man bedenke doch: Die Dajaks schneiden sich nur deshalb gegenseitig die Köpfe ab, um im »Seelenlande« möglichst viele Sklaven zu haben. zuletzt wird aber auch diesem Dajak einmal der Kopf abgeschnitten, nun wird er selbst wieder samt seinem ganzen Totengefolge der Sklave, der Untertan dessen, der ihm den »Triumph« genommen hat, und seine Sklaven haben doch auch wieder Köpfe abgeschnitten, sich Seelen dienstbar gemacht.

Und da gibt es nun im Seelenlande der Dajaks ist kein wildes Durcheinander, sondern dort ist nach Rangstufen alles ganz genau geordnet. Es ist gerade umgekehrt wie bei uns. Wir haben bei Lebzeiten eine Hofordnung und Beamtenordnung und andere Rangordnungen oben und unten und links und rechts und kreuz und quer — erst im Himmel werden wir alle gleich. Bei den Dajaks ist es gerade umgekehrt. Die sind im Leben alle gleich, erst nach dem Tode fangen die Rangordnungen an.

Das ist bei den Dajaks nun eine förmliche Wissenschaft geworden, die von den Balias gepflegt wird. Also »Geleiterinnen«. Sie geleiten die Seelen der Toten ins Jenseits hinüber, reihen sie dort ein. Ganz den altgermanischen Walküren entsprechend. Nur das die Balias bei dem Geleiten noch leben und auf der Erde bleiben. Oder doch nicht so ganz: Sie versetzen sich durch Tanz in Verzückung, ihre Seele geht mit. Dann nach dem Erwachen berichten sie von den zuständen, die im Jenseits herrschen.

Sie dürfen nicht heiraten, werden aber für diese Entsagung reichlich entschädigt. Die Balias werden heilig gehalten, sind aber trotzdem prostituierte Tänzerinnen. Ganz genau wie die braminischen Bajaderen.

»Mit wem habe ich zu verhandeln?« fragte der Schiffsarzt, nachdem er zur Vorsicht den Oglondu hatte entfernen lassen, da er nun unterdessen einen ganz anderen Plan gefast hatte, um die hier vorliegende Schwäche zu verdecken.

»Mit mir, der Balia Sadim,« entgegnete diese.

»Wir haben Oglondu gefangen, Was gebt Ihr uns, wenn wir ihn Euch wieder ausliefern?«

»Weshalb seid Ihr in unser Gebiet eingebrochen und habt ihn gefangen?«

»Einer der Eurigen ist gestern hier zuerst eingedrungen und hat einen Mann von uns ermordet, ihm den Kopf abgeschnitten.«

»Hier in das Reich der Hantus eingedrungen? Das ist nicht wahr!« erklang es auch hier sofort im Chor.

»Oglondu bezweifelt es nicht. Er meint, das es wahrscheinlich Letanja gewesen ist.«

Gleich beim Hören dieses Namens wurden die drei unsicher.

»Ja, bei dem wäre es möglich. Dann aber ist Letanja nach unseren Gesetzen des Todes! Er hat ein strenges Verbot übertreten. Wir liefern ihn Euch auch zur Bestrafung aus.«

»Gut, angenommen. Das ist aber eigentlich ganz selbstverständlich, dadurch bekommt Ihr den Sohn Eures Häuptlings noch nicht frei.«

»Was forderst Du sonst noch?«

»Höre mich an, edle Balia! Wir wollen dieses Reich der mächtigen Hantus, unter deren Schutze wir stehen, endlich wieder verlassen, unsere Heimat wieder aufsuchen. Der Weg nach der Küste führt durch viele Dajakdörfer, mit denen wir nicht immer im Guten auskommen werden, sie werden uns mit vergifteten Pfeilen beschießen. Nun können wir uns ja Momasse in beliebiger Menge bereiten, haben auch massenhaft in Vorrat. Aber die Hantus haben uns verboten, auch nur ein einziges Korn mitzunehmen, dürfen uns auch unterwegs keine andere Momasse herstellen. Weshalb nicht, das sagen die Hantus nicht. Wir kommen nicht eher von hier fort, als bis wir das letzte Korn Momasse, das wir hier bereitet, vernichtet haben. Liefert uns Momasse.«

Einen klügeren Zug hätte dieser Schachspieler nicht tun können. Er hatte seinen Plan den anderen schon vorher klargelegt, so brauchte er jetzt nicht viel zu verdolmetschen.

Den drei Dajaks schien es ganz selbstverständlich zu sein, was sie da zu hören bekamen.

»Wieviel Momasse brauchst Du?« fragte die Balia ganz einfach.

Ehe jener zu rechnen begann, fuhr sie selbst schon fort: »Wir können Dir nicht mehr als einen Bodu liefern, denn wir müssen doch für uns selbst behalten, und wir müssen noch vier Monde vergehen lassen, ehe wir wieder Momasse machen dürfen.«

Religiöser Aberglaube — dagegen war nichts zu machen.

»Wieviel ist das, ein Bodu?«

»So viel.«

Sie machte mit beiden Händen eine Bewegung, wonach es ein recht ansehnlicher Haufen sein mußte.

»Eine ganze Hirschhaut voll,« erklärte sie noch näher, »genug für hundertmal hundert Menschen, das sie hundertmal hundert Tage gegen jeden giftigen Pfeilschuß gesichert sind.«

Na, dann war es ja gut. Dieses rätselhafte Zeug schien hier äußerst wohlfeil zu sein.

»Ist diese Momasse aber auch gut. Ihr bekommt den Gefangenen nicht eher frei, als bis ich mich durch verschiedene Proben überzeugt habe, das die Momasse auch wirklich gegen Gift schützt.«

»Weshalb soll sie nicht gut und wirksam sein? Ich verstehe Dich nicht. Wie soll ich denn täuschen können? Ja, Du kannst Dich davon erst überzeugen, ehe Du Oglondu freigibst.«

»Schön. Aber hiermit ist es noch nicht abgetan. »Dieses Zeug hat für Euch ja gar keinen Wert.«

»Was forderst Du sonst noch?«

»Schwerter.«

»Wozu? Ich sehe doch, das Ihr selbst welche habt.«

»Um uns durch den Rotangwald zu hauen, und Eure Schwerter sind besser, wir erkennen es an.«

»Um Euch durch den Rotangwald zu hauen? Dazu dürfen wir Euch keine Schwerter und nichts anderes liefern. Dieser Wald, der das Reich der Hantus umgibt, ist uns heilig. Bitte, stelle nicht diese Forderung, bitte nicht!«

Es war so flehentlich gesprochen, das Georg aufmerksam wurde und es sich verdolmetschen ließ.

»Da wollen wir auf die Schwerter verzichten!« entschied er dann. »Diese Leute gefallen mir, sie scheinen grundehrlich zu sein, und die Menschenköpfe sammeln die eben wie wir die Briefmarken. Kommen Sie zu den Freundschaftsbedingungen, wegen der Führung und so weiter. Aber feilschen Sie nicht so wie ein polnischer Jude. Sie essen doch Schinken und schmieren auch noch Schweineschmalz darauf.«

Auch der Freundschaftsvertrag wurde abgeschlossen.

Man wollte einander hüben wie drüben als Gäste willkommen heißen.

»Bis wie lange gilt dieser Vertrag?«

»Nun, bis zum übernächsten Mondwechsel.«

Länger war er nicht auszudehnen. Auf längere Zeit verpflichten sich die Dajaks, wie schon gesagt, eben zu nichts. Dagegen war nichts zu machen.

»Dann werden wir diesen Freundschaftsvertrag erneuern.«

»Das kann ich jetzt nicht versprechen, darf es nicht.«

»Bis dahin bleibt aber Oglondu unser Gefangener.«

»Wenn es sein muß!« war die tiefbetrübte Antwort des jungen Weibes.

»Was war nun wieder das?!« mischte sich da Georg ein, und es mußte ihm verdolmetscht werden.

»Nein!« entschied er dann. »Sobald uns die versprochene Momasse geliefert worden ist, soll Oglondu frei sein! Mensch, feilschen Sie doch nur nicht so! Nun fragen Sie bloß noch wegen der Führung.«

Die konnten ihnen die Njamanas nicht geben. Sie selbst kannten durch den Rotangwald ja keinen anderen Weg als den, der zum nächsten benachbarten Dorfe führte, einem anderen Dajakstamme mit dem sie in ständiger Fehde lagen. Es ging immer um die Köpfe.

Diesen Weg wollten sie Zeigen, mehr konnten sie nicht tun. Wann wieder einmal solch ein Wanderpriester kam, dem sämtliche Schleichwege bekannt waren, das wußte niemand zu sagen.

Es genügte. Die Gesandtschaft wurde entlassen.

Schon eine Stunde später kamen einige Dajaks wieder, die einen Sack aus der ganzen Haut eines stattlichen Hirsches trugen, gefüllt mit jenen weisen Linsenkörnern, und Zwischen sich führten sie einen Gefangenen.

Es war Letanje, der auf seinem Rücken auch noch Sams Kopf hängen hatte.

Die Momasse erwies sich als wirksam, Oglondu wurde freigegeben, nachdem er zuvor noch gesehen hatte, wie der Mörder eines dieser weisen Männer einfach am nächsten Baume aufgeknüpft worden war.


134. KAPITEL.
DER SCHIFFBRUCH DER »SEENIXE«.

In der Straße von Makassar, welche Borneo von Celebes trennt, segelte eine Brigg, die Zwei vorhandenen Masten voll mit Rahen getakelt.

Noch vor fünfzig Jahren hätte die »Seenixe« aus Bremerhafen als ein sehr stattliches Schiff gegolten, heute war sie mit ihren vierhundert Tonnen unter den Überseeschiffen ein verschwindendes Fahrzeug, werden jetzt doch Segelschiffe von Zehntausend Tonnen gebaut, und besonders Nordamerika will sich hiermit immer noch nicht zufrieden geben. Der Vorteil von solchen riesenhaften Segelschiffen gegenüber den Frachtdampfern, die mit ihren Kohlen dreiviertel vom ganzen Verdienst auffressen, ist gar zu groß. Das schon einmal zu Grabe getragene Segelschiffswesen blüht gerade jetzt mächtig wieder auf, zumal die berühmten Werften von Baltimore bauen jetzt mehr Segler als Dampfer, und der Yankee weiß schon, was er tut.

Die »Seenixe« hatte ihren eisernen Bauch bis zum Platzen mit Kopra gefüllt. Das ist das von den Eingeborenen in Streifen geschnittene Fleisch der Kokosnus, an der Sonne getrocknet, wohl auch über Feuer gedörrt, woraus man in den europäischen Raffinerien das Öl preßt, aus dem man hauptsächlich Seife macht, jetzt auch Margarine.

Es muß sich wohl lohnen, wegen solchen Zeuges innerhalb eines bis zwei Jahren eine Segelfahrt um die ganze Erde zu machen. Freilich dazwischen auch andere Frachten. Um Kap Horn nach Valparaiso, dort die mitgebrachte Kohle zum vierfachen Preise verkauft, mit Mais nach Sidney, mit Stückgut aller Art die kleinen gesammelt — nun aber ging es um das Südkap Afrikas herum direkt nach Bremerhaven, in zwei bis sechs Monaten zu erreichen. Da ist bei einem Segelschiffe natürlich gar nichts zu sagen.

Eine glänzende »Reise« war es gewiesen bisher! Jeder Mann der aus elf Köpfen bestehenden Besatzung hatte schon mindestens tausend Mark Guthaben und das war die Hauptsache! Dagegen hatte es gar nichts zu bedeuten, das niemand mehr Hände besaß, sondern nur noch dickes, verbeultes Sohlenleder mit fünf Zinken — das hier und da solch ein Zinken, auch Finger genannt, abgequetscht worden war — das Kapitän Biester dem einen Matrosen das ganze Bein mit der Säge des Schiffszimmermanns abgenommen hatte — nein, das hatte alles nichts zu sagen, auch der nunmehr einbeinige Matrose, der nicht etwa von Bord gekommen war, als das Schiff den nächsten Hafen anlief, hopste er schon lustig wieder an Deck herum, der Stumpf war ja auch fein in siedenden Teer getaucht worden — auch der schwamm in Seligkeit, wenn er sich ausmalte, wie er etliche Monate später im »Freudensaal« zu »Bremerhooven« den geschminkten Frauenzimmern für seine tausend Mark Champagner in den Rachen gießen würde.

Und Kapitän Biester hatte sich erst gestern berechnet, das seine Dividende nunmehr fast achtzehntausend Mark betrug. Abgesehen von den jährlich dreitausend Mark festen Gehalt. Und daran konnte sich nun nichts mehr ändern, auch wenn heute Schiff und Ladung verloren ging. Das war ja alles versichert. Diese Dividende hatte er sich bereits durch die bisherige schnelle Fahrt verdient, für jeden ersparten Tag von Hafen zu Hafen so und so viel. Da kann ein Dampferkapitän ja nun freilich nicht mit, wenn er auch Zehntausend Tonnen fährt; der bekommt nichts weiter als seinen fixen Gehalt.

Jetzt also segelte die schmucke Brigg, auch bei allen Strapazen, die sie auszustehen hatte, immer schmuck gehalten, mit günstigstem Nordwind durch die Straße von Makassar.

Ja, es ist nur eine Wasserstraße. Aber auch an der schmalsten Stelle noch fünfundzwanzig geographische Meilen breit! Da war von den Ufern der beiden großen Inseln, Borneo und celebes, natürlich nichts zu sehen.

Der Bootsmann nahm seinen Nachmittagskaffee mit im Matrosenlogis ein; denn er war so gut wie allwissend und fühlte sich verpflichtet, andere beständig zu belehren.

»Die Straße von Makassar,« erklärte er jetzt, indem er aus seinem Schiffszwieback die Würmer herausklopfte und dann ein Stück blau angelaufenen Salzspeck darauf legte, »hat ihren Namen daher, weil die Mannschaft von jedem Schiffe, das hier strandet, makasseriert wird. Drüben auf Celebes von den Malaien, hüben auf Borneo von den Dajaks. Jede gestrandete Mannschaft ist rettungslos verloren, wird makasseriert. Daher der Name Straße von Makassar.«

»Wat, makasseriert?« wurde gelacht. »Ihr meint wohl massakriert, Bootsen?«

»Makasseriert heißt es. Das hängt wieder mit Kasserol zusammen, worunter man einen Topf versteht, in dem die Ungarn ihren Goulasch kochen, und wenn nun dieser Goulasch frisiert wird, das heißt ganz fein gehackt und gewiegt, so entsteht daraus das sogenannte Frissikassee —«

Das Kochrezept wurde unterbrochen.

»Reeeehhh!!« leitete der Kapitän das Kommando zu einem Segelmanöver ein.

Was dieses internationale »reeehhh« zu bedeuten hat, woher es stammt, das wußte nicht einmal dieser gelehrte Bootsmann, jedenfalls aber muß man dann rennen, und wer sich gerade umzieht, kann nicht erst seine Toilette beenden, und wenn der Matrose auch nur mit Schlips und Stehkragen bekleidet ist — er muß rennen.

Der Wind begann sich nach Westen zu drehen, die Rahen wurden herumgeholt.

Dann flaute der Ostwind immer mehr ab, am Abend wurden alle Segel festgemacht, es herrschte völlige Windstille.

Die Nacht brach an, eine stockfinstere Nacht. Und dann begann es in der Takelage zu pfeifen. Und dann kam eine Böe nach der anderen angesaust, aus allen Himmelsrichtungen zugleich, bis die aus Osten die Oberhand behielten, sich zu einem Sturme zusammentaten.

Wohl flog die »Seenixe« mit gerefften Sturmsegeln noch nach Süden, aber ein gewaltiges Abtreiben nach Westen war bei solch einer furchtbaren Blaserei doch nicht zu vermeiden.

Und gegen Mitternacht ein schrecklicher Ruck, ein Krachen, Splittern und Bersten, und die Brigg saß fest.

»Meine Seenixe — meine Seenixe wrack für immer!« heulte der alte Kapitän jammernd auf.

Wir wollen es auch sonst nicht weiter beschreiben. Die deutschen Matrosen taten, was sie tun konnten und tun mußten. Dazu gehört nicht ein Abschiednehmen von diesem Leben. Dafür bezahlt die Reederei nicht. Beten ist erlaubt, aber nur, wenn man dabei nicht die Hände faltet, sondern mit diesen immer tüchtig zupackt.

Der Sturm ließ schnell, wie er gekommen, wieder nach, das Schiff saß in normaler Lage wie angenagelt fest, zu sehen war in der Finsternis absolut nichts, die Brandung war eine mäßige.

»Steigt das Lenzwasser nicht mehr? Gut. Vorläufig sind wir gesichert. Nun, Kinners, füllt mal alle Töpfe mit Salzwater und macht es heiß, desgleichen haltet auf siedenden Teer. Ihr, Bootsmann, holt die Gewehre hervor. Wer von Euch hat in der Marine gedient? Instruiert die anderen. Modell 71X84. Also acht Patronen ins Magazin, die neunte auf den Löffel; aber wer vorher knallt, den soll der Dunnersslag rühren! Und keine Lichter Zeigen! Nicht das Feuer in der Kombüse! Backbord geht zur Koje!«

So sprach Kapitän Biester, legte sich aufs Sofa und schlief sanft den Schlaf des Gerechten.

Die letzten Nachtstunden vergingen. Als es nach Ortszeit, wie die spätere Berechnung ergab, fast genau sechs Uhr war, flammte es urplötzlich im Osten auf, mit einem Male war der helle Tag angebrochen.

Die Brigg lag Zwischen Riffen eingebettet. Es war nur ein schmaler Klippensaum, der das freie Wasser begrenzte, das sich überraschend schnell beruhigt hatte, dann kam eine Strecke Sand, der in das eigentliche Ufer überging.

Die emporrollende Sonne vergoldete eine herrliche Szenerie! Bis dicht an diese Sandbank standen die Kokospalmen, dahinter begann eigentlicher Urwald.

Ja, herrlich war diese tropische Uferlandschaft! Aber weniger herrlich war, was man sonst erblickte.

Gerade dem Wrack gegenüber trat der Palmenwald im Halbkreis zurück, und auf dieser Lichtung standen Hütten von eigentümlicher Form; sämtlich auf drei bis vier Meter hohen Pfählen errichtet, zu denen abnehmbare Leitern hinaufführten.

Das sind die »Binos«, die Pfahlhütten der Dajaks, wie sie solche ausschließlich benutzen, obgleich sie sich gar nicht wie andere Tropenbewohner so vor Raubtieren und Giftschlangen zu schützen haben. Sie kennen aber nun einmal keine andere Bauart als solche hohe Pfahlhütten.

Und vor diesen Hütten nun, die kaum einen Kilometer weit von dem Wrack entfernt standen, so das man alles auch mit bloßem Auge schon deutlich erkennen konnte, waren alle Einwohner versammelt, Männer und Frauen und Kinder, und in dem Augenblicke, als plötzlich der neue Tag wie durch Zauberei aufflammte, stießen sie ein jauchzendes Triumphgeschrei aus.

Sie hatten die Beute erblickt, die ihnen nicht entgehen konnte.

Schon nach wenigen Minuten des Beobachtung aber mußten die Schiffbrüchigen anders urteilen.

Es war gar zu eigentümlich, das die Bande dort plötzlich so gebrüllt hatte, sonst aber nichts weiter tat.

Die Männer, alle bewaffnet und mit bunten Federn geschmückt, wie auch die Frauen und Kinder, hätten jetzt doch gleich nach den Kanus und Prauen laufen müssen, die dort an der Sandbank lagen, hätten doch überhaupt etwas anderes tun müssen, als nur so dastehen und nach dem Wrack winken.

Der alte Kapitän Biester war schon einmal mit Dajaks in Berührung gekommen, er konnte alsbald eine Erklärung geben.

»Natürlich freuen die sich, das sie uns hier Zwischen den Riffen festsitzen sehen. Aber erwartet haben sie diesen Anblick nicht. Die stehen schon die halbe Nacht hier so festlich geschmückt, ohne etwas von dem Wrack gewußt zu haben. Die feiern heute ihr heiliges Sonnenfest, wobei alle anderen Beschäftigungen ruhen müssen.«

Und so war es auch, wie man bald beobachten konnte.

Schon wurden gefesselte Männer, Frauen und Kinder herbeigeführt, der eine Gefangene mußte eine Art Plattform besteigen, ein Priester und Zauberer trieb seinen Hokospokus, phantastisch geschmückte Balias tanzten singend um die Plattform herum, und dann, als es so weit war, wurde dem Gefangenen der Kopf abgeschlagen, dieser an einer Lanze im Kreise herumgetragen, begleitet von tanzenden und singenden Dajaks, und der Körper des Toten an anderer Stelle ebenso feierlich verbrannt.

Der Stamm dieser hier an der Küste hausenden Dajaks war im benachbarten Dorfe eingebrochen und hatte gute Beute an Gefangenen gemacht. Diesen wurden nicht einmal sofort die Köpfe abgeschnitten sondern man brachte sie lebendig ins Heimatdorf, damit man sie hier der Sonne opferte.

Zwar ist der Mond den Dajaks heiliger, aber die Sonne will doch auch ab und zu ihr Opfer haben. Und dann hat man hiervon noch den Vorteil, das die Seelen derer, denen man zu Ehren der Sonne nachträglich den Kopf abschneidet und den Körper verbrennt, die Sklaven des ganzen Dorfes, seine Schutzgeister werden. Andere Beschäftigungen dürfen bei dieser Zeremonie nicht vorgenommen werden, sonst hat man den Gefangenen die Köpfe vergebens abgeschnitten.

Es konnte eine gute Zeit dauern, ehe man hiermit fertig wurde, denn jede Hinrichtung wurde mit allen umständlichen Zeremonien einzeln vorgenommen, jede dauerte wohl eine halbe Stunde, und drei Dutzend Gefangene hatten die Dajaks mindestens vorrätig.

So konnten die Schiffbrüchigen in Ruhe beraten, was nun zu machen sei.

Sehr trostreich sah ihre Lage nicht aus.

Die Brigg würde hier festsitzen für immer, bis einmal ein Sturm sie in ihre einzelnen Eisenplanken Zerlegte, oder der Zahn der Zeit sie Zernagt hatte.

Die kleine Jolle war bei dem Aufschlägen über Bord geschleudert worden und unten in Trümmer gegangen, und den großen Kutter, das letzte Boot, über die noch breiten Riffe ins freie Wasser bringen zu können, daran durften die elf oder Zwölf Mann gar nicht denken.

Wohl aber wäre ihnen das nach der anderen Seite gelungen, über die Sandbank weg, die auf der einen Seite von freiem Wasser begrenzt wurde, und die Dünung war dort gar nicht so stark.

»Das ist ebenfalls ganz ausgeschlossen!« sagte aber der erfahrene Kapitän Biester gleich. »Die Dajaks lassen uns natürlich nicht aus den Augen, und wenn sie unsere Absicht merken, das wir das Schiff im Boote verlassen wollen, dann geben sie natürlich gleich ihre Gefangenen auf, um lieber uns tot oder lebendig zu bekommen, pusten uns mit ihren vergifteten Pfeilen an. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als hier auf dem Wrack auszuhalten, was wir ja auch recht gut können, jeden Angriff werden wir schon abschlagen können, und auf ein größeres Schiff zu warten, das wir um Hilfe rufen und dessen Boot uns über die Klippen abholt. Ihr wißt, Kinners, der Kapitän Biester ist kein Bangbüchs, aber hier gibt es kein anderes Mittel.«


135. KAPITEL.
VERWEIGERTE HILFE.

Es war bald Mittag geworden, und die Dajaks setzten ihre blutige Feierlichkeit ununterbrochen fort.

»Ein Schiff!« erklang da der Ruf.

Im Süden waren drei Mastspitzen aufgetaucht, schnell wuchsen sie empor, bis sich der ganze Rumpf über den Horizont erhob.

»Gelobt sei Gott, wir sind gerettet!« sagte Kapitän Biester aus tiefstem Herzen.

Denn in einer ganz gefährlichen Lage hatten sich die Schiffbrüchigen hier ja doch befunden. Durch eigene Kraft hätten sie sich nicht von hier forthelfen können, und diesen noch nicht nivellierten Küsten, von denen man nur die groben Umrisse kennt, nähert sich nicht so leicht freiwillig ein Schiff.

Jetzt waren sie schon so gut wie gerettet. Das Schiff dort musterte doch natürlich sorgfältig durch mehrere Fernrohre diese Küste, hatte unter allen Umständen auch bereits die wracke Brigg entdeckt, und die lebenden Menschen wollten sich schon bemerkbar machen. Geborgen wurde die Koprafracht ja nicht etwa, aber auf jeden Fall mußten die Schiffbrüchigen abgeholt werden.

Hierzu sind noch einige Erwägungen zu machen, die später für uns wichtig werden.

Gesetzt nun den Fall, jenes Schiff war ein Kriegsschiff, welches die strikte Order hatte, schnellstens nach einem bestimmten Ziele zu fahren? Von seiner Schnelligkeit hing vielleicht Krieg und Frieden zweier Nationen ab, oder das Leben von vielen hundert Menschen, das alles war verloren, wenn sich das Kriegsschiff hier nur eine Viertelstunde aufhielt. Was dann?

Dann hatte der Kommandant die Pflicht, wenigstens ein Beiboot, etwa die Dampfpinasse, auszusetzen und den Schiffbrüchigen zu Hilfe zu schicken. Allerdings war das nur eine moralische Pflicht; sonst wäre es mindestens die öffentliche Meinung gewesen, die über ihn gerichtet hätte, und damit muß gerade der Schiffskapitän sehr wohl rechnen.

Kurzum, die Schiffbrüchigen durften sich als gerettet betrachten. Gingen die Dajaks unterdessen zum Angriff über, so wollte man sie mit den Zwölf Magazingewehren schon in Schach halten, die Bollaugen geben hinter den eisernen Planken die vorzüglichsten Schießscharten ab, und die Rettungsmannschaft würde ebenfalls bewaffnet kommen, dafür wollte man schon durch Signale sorgen.

Das Schiff war höher gekommen, wenn auch noch nicht in Signalnähe.

Zunächst wurde es von kundigen Seemannsaugen beurteilt.

»Das ist ein Vollriger mit einer Hilfsmaschine.«

»Sieht bald aus wie ein Manofwar, wie eine Kreuzerfregatte.«

»Zeigt er keine Flagge?«

»Noch nichts davon zu sehen.«

Da war es wieder der alte Kapitän, der einen jubelnden Ruf der Überraschung ausstieß.

»Bei allem was lebt — ich will nicht Kapitän Franz Biester aus Geestemünde sein, wenn das nicht die Hamburger Argos ist! Natürlich, das ist das Gauklerschiff! Mit meinem alten Freunde Kapitän Martin, der unter mir als erster Steuermann auf der »Thekla« gefahren ist.«

Jetzt war das Schiff soweit gekommen, ganz erregt knüpfte Kapitän Biester selbst die ersten Flaggen zur Vorstellung an die Leine und hißte sie hoch.

»Seenixe, Bremerhaven, Kapitän Biester.«

Alsbald kletterten auch dort drüben die bunten Fähnchen in die Höhe, das Schiffsregister und das internationale Signalbuch war zur Stelle.

»Argos, Hamburg, Kapitän Martin.«

Jetzt jubelte jeder, der vielleicht noch gezweifelt hatte, hier wirklich von diesem berühmten Schiffe gerettet zu werden.

Kennen taten sie es ja alle, hatten sich im Mannschaftslogis und an einsamer Wache oft genug über das Gauklerschiff unterhalten.

Wie man bestimmt wußte, war es zuletzt den Jenissei hinaufgefahren, ins Innere von Sibirien gedrungen. Jetzt also kreuzte es schon wieder hier Zwischen den Sundainseln.

Es wurde weiter signalisiert.

»Heute nacht auf Klippen gerannt. Schiff verloren. Elf Mann Besatzung wohl. Bitte abholen.«

Einige Zeit verging, ehe die Antwort kam, und dann war es erst eine Frage.

»Was für Fracht?«

Ja, bei diesem unversicherten Gauklerschiff war das etwas ganz anderes, das konnte eine Fracht bergen, wenn es sich lohnte. Das war diesen Seeleuten ja wohlbekannt.

»350 Tonnen Kopra.«

»Sonst nichts weiter?«

»Nein.«

»Bedauern.«

Die Schiffbrüchigen trauten doch ihren Augen nicht, als sie diese beiden bekannten Flaggen sahen, welche das sich entschuldigende »Nein!« ausdrücken.

Dann wußten die nicht, in was für einer gefährlichen Lage sich die Schiffbrüchigen befanden, man mußte eine nähere Erklärung geben.

»Können großes Boot nicht über Klippen bringen, an Land feindliche Dajaks.«

Die beiden Flaggen wurden etwas gesenkt und wieder gehißt.

»Bedauern!« hieß es also zum Zweiten Male.

»Wir sind verloren!«

»Bedauern.«

In staunender Ratlosigkeit blickten sich die Zwölf Männer an.

Das Schiff dort setzte unbekümmert seinen Weg nach Norden fort, hatte seitlich die Stelle schon passiert, allerdings in noch weiter Entfernung.

Durch das beste Fernrohr konnte man eben noch die Flaggen deutlich voneinander unterscheiden, also sah man auch nichts weiter als Menschen an Deck und auf der Kommandobrücke stehen, die Gesichter waren nicht weiter zu erkennen.

»Unerhört!« stieß der alte Kapitän fast keuchend hervor. »Dann ist das entweder Kapitän Martin nicht oder —«

Er hißte nochmals Flaggen.

»Kapitän Franz Biester aus Geestemünde, früher Viermastschoner Thekla.«

»Kapitän Gustav Martin.«

»Kennen Sie mich nicht?«

»Ja.«

»In höchster Not!«

»Bedaure.«

»Wir fallen den Dajaks rettungslos zum Opfer! Vergiftete Pfeile.«

»Bedaure.«

Und unaufhaltsam rauschte das majestätische Schiff weiter dem Norden zu.

Und der alte Kapitän fragte nicht weiter nach dem Grunde dieser Weigerung, er brach fast zusammen.

Da aber trat etwas anderes ein, und diese rätselhafte, unerhörte Hilfsverweigerung sollte auch bald ihre Erklärung finden.


136. KAPITEL.
KAPITÄN MARTINS BERICHT.

Die Dajaks waren unterdessen nach wie vor ihren blutigen Zeremonien nachgegangen.

Ein Gefangener nach dem anderen wurde enthauptet, Mann oder Weib oder Kind, die Köpfe wurden an Lanzen gespießt und herumgetragen, die Körper wurden verbrannt, immer jeder einzeln umständlich für sich, immer unter Tanz und Gesang und Brüllen.

Sie wußten, das sie dort das Wrack nicht ohne kolossale Verluste an Menschenleben angreifen konnten. Als das große Schiff aufgetaucht war, wußten sie Zwar auch, das ihnen jetzt diese Schiffbrüchigen entgehen würden, aber daran war nun nichts mehr zu ändern. Und eine große Beute würde diesen Strandräubern ja doch noch bleiben.

Plötzlich knatterten Gewehrschüsse, krachte eine ganze Salve.

Es mochten mehr als fünfzig männliche Dajaks sein, und mehr als die Hälfte davon stürzte zu Boden, anscheinend von tödlichen Kugeln getroffen. Nur wenige wälzten sich noch in Zuckungen.

Die anderen starrten fassungslos einige Augenblicke, dann flohen sie dem Walde zu, mit ihnen die Weiber und Kinder, an den Gebrauch ihrer Waffen gegen den noch unsichtbaren Feind, wenigstens den Schiffbrüchigen noch unsichtbar, nicht denkend, natürlich auch nicht an die Mitnahme der noch lebenden Gefangenen.

Aber sie flohen nicht dem nächsten Waldessaum zu; denn gerade dort brachen jetzt die fremden Männer hervor, die auf sie geschossen, die meisten zu Fuß; schon aber Zeigten sich auch einige Reiter, und Zwar meist ganz merkwürdig beritten, auf Tieren, die es hier gar nicht gab, auf Zebras und Kulans und Trapangs, und der eine saß gar auf einem mächtigen amerikanischen Büffel.

Teils schossen sie noch auf die Fliehenden, aber immer nur auf die erwachsenen Männer, teils machten sie sich sofort daran, die Gefangenen zu befreien oder doch in ihre Obhut zu nehmen, vor allen Dingen die Frauen und Kinder, die ja schwer in ihren Fesseln leiden mochten.

Einige stürmten aber auch gleich über die Sandbank, allen voran ein Mann auf einem starken Zebra, auf das Wrack zu.

Abgesprungen, den Zügel einem anderen zugeworfen, und der in Felle gehüllte Jäger setzte leichtfüßig, mit der Sicherheit eines akrobatischen Seiltänzers, über die Klippen hinweg, welche die Sandbank noch von dem Wrack trennten.

So schwang er sich über die Bordwand, und von den Schiffbrüchigen dachte natürlich niemand daran, den weisen Jäger, so rotbraun er auch verbrannt sein mochte, als Feind zu empfangen.

»Georg Stevenbrock, Waffenmeister der Argos — Himmel und Hölle, weshalb verweigert dort unsere Argos diesem Wrack die Hilfe?!«

Das Staunen der Schiffbrüchigen läßt sich denken.

Zumal sie jetzt dort aus dem Walde einen ganzen Zug von Menschen und Tieren der seltsamsten Art hervorkommen sahen, mehrere Elefanten, schwer bepackt, desgleichen Kamele, Strauße — eine ganze Menagerie, geleitet von mehr als hundert Menschen.

Einfach die Argonauten!

Aber nicht dort an Bord ihres Schiffes, sondern hier auf Borneo.

Doch jetzt war keine Zeit zur Erklärung, oder der Waffenmeister der Argonauten verlangte doch eine ganz andere. Er hatte den Flaggenwechsel des Wracks mit dem Schiffe mitgelesen; aber Kapitän Biester konnte ja selbst keine Erklärung geben.

»Das ist unsere Argos, das wissen wir doch, auch wenn jetzt nicht ihr Name und Heimathafen am Heck zu lesen wäre, aber das kann doch unmöglich unser Kapitän Martin sein?! Was in aller Welt ist denn dort nur passiert?!«

Die Erklärung sollte alsbald kommen, von der Argos selbst.

Auch dort mußte diese ganze Szene beobachtet worden sein, und die Folge war, das das Schiff seine schnelle Fahrt stoppte, auch wieder etwas rückwärts ging.

Und da ward auch schon ein Boot ausgesetzt, das kleinste, das Dhingy, ein einzelner Mann saß darin, ergriff die Riemen, hielt, vorwärts rudernd, auf die Küste zu. Er war auch ohne Fernrohr schon zu erkennen, da sich unterdessen das Schiff dem Lande bedeutend genähert hatte, und vor allen Dingen fiel sein langer Vollbart auf.

»Kapitän Martin — kein anderer als Kapitän Martin!«

Er war es. Nach einer Viertelstunde hatte er die Sandbank erreicht, landete dort, wo sie frei von Riffen war.

»Die fremde Mannschaft hat gemeutert, die Argos ist in ihren Händen!«

So hatte Georg schon vorher gesagt, und Kapitän Martin konnte es nur bestätigen, wenn es auch etwas anders war, als man hier zuerst geglaubt hatte.

Er berichtete.

Wir machen es so kurz wie möglich, wie es auch der Erzähler tat. Das Luftschiff war nach jenem sibirischen Thale zurückgekehrt.

Die Argos wurde mit den siebenundzwanzig Matrosen und Heizern bemannt, die von jenem englischen Dampfer flammten, sollte sofort aufbrechen, um wieder den Jenissei hinaufzugehen, die Gäste der Argos wurden natürlich mitgenommen, ebenso die sechsundneunzig Indianer.

Vorher aber hatte Kapitän Martin mit Merlin noch eine Unterredung.

»Wie steht es denn nun mit dem Flibustierschatz, den uns der Kapitän Satan doch ganz einfach gestohlen hat?

»Er gehört Euch, er steht zu Eurer Verfügung«

»Well, dann mal her damit.«

Georg hätte diese Frage niemals gestellt, hätte den Schatz nicht angenommen, niemand hätte ihm widersprochen — aber Kapitän Martin war da nicht so.

»Well, wenn Sie und die Patronin ihn nicht haben wollen, dann nehme ich ihn!« flocht er jetzt einmal ein, als Georg ein gar finsteres Gesicht machte.

»Weiter!« gebot dieser.

Der Schatz wurde gebracht. zuerst Goldbarren. Die Patronin hatte einst von Zwanzig Tonnen gesprochen — es waren Zweiundzwanzig Tonnen, welche der Flibustierkapitän auf seiner letzten Raubfahrt zusammengebracht hatte. 440 Zentner — die wollen durch Menschenhände geschleppt sein!

Und dann noch viele große Blechkisten voll Geschmeide und Juwelen, zusammengebeulte Kirchengefäße und dergleichen mehr.

Alles wurde an Bord genommen, die Argos ward von dem Samojeden, der sie schon hierher geführt, nach Krestowsk zurückgebracht.

Es war Mitte August, hier Hochsaison für die Fischerei, der lebhafteste Betrieb herrschte, in dem sonst so einsamen Hafen lagen große Dampfer aller Nationen.

Die sechsundneunzig Indianer wurden auf einen amerikanischen Dampfer gebracht, der nach Neuyork zurück fuhr. Kapitän Martin bezahlte das Passagiergeld aus seiner Tasche, gab ihnen sonst noch Geld, damit sie nach ihrer Heimat zurück konnten, oder wohin sie sonst wollten — nur fort mit dieser roten Bande!

Desgleichen wußte Klapitän Martin den anderen Gästen plausibel zu machen, das es das Beste sei, wenn sie die Argos jetzt verließen. Er wolle mit seinem Schiffe durch die Behringsstraße zu kommen suchen, das könne sehr, sehr gefährlich werden — aber ob dies nun wirklich der Fall war oder nicht, kurz und gut, er wußte sich der sämtlichen Gäste zu entledigen.

Denn dem Kapitän hatte diese gewährte Gastfreundschaft niemals gefallen, er hatte sich niemals diesen Gästen angeschlossen. Weshalb nicht? Er war eben ein Sonderling. Er hätte auch niemals einen Passagierdampfer gefahren, nicht für alles Geld der Welt — so gern der doch auch sonst Geld verdiente.

Die Gäste hatten gefühlt, wie unliebsam sie diesem Manne waren — sie waren von Bord gegangen, sämtlich, um eine andere Gelegenheit zur Rückreise in ihre Heimat zu finden.

»Well, jetzt hatte ich endlich einmal klar Schiff gemacht, unsere Argos war wieder gereinigt!« mußte er jetzt einmal einfügen.

»Weiter!«

Also nach Pontianak sollte es gehen, dem Haupthafen Borneos, um zu sehen, was unterdessen aus den Argonauten geworden war.

Da war es ja nun freilich durch die Behringsstraße ganz bedeutend näher. Dieser Weg war im Gegensatz zu jenem um ganz Asien und Europa und womöglich noch Afrika herum, nur ein Katzensprung zu nennen. Und die Fahrt durch die Behringsstraße ist heute, wo man die Verhältnisse so ganz genau kennt, kein Kunststück mehr. Die Zweite russische Kriegsflotte, die nach Japan geschickt wurde, hat es schwer bereut, nicht ihren Weg durch das Eismeer genommen zu haben. Natürlich muß die Jahreszeit darnach sein. Vom Herbst bis Frühling ist Schluß der Vorstellung, aber jetzt war Mitte August, das war die denkbar günstigste Zeit.

Die siebenundzwanzig Matrosen und Heizer, darunter aber auch Zwei Steuerleute — Kapitän Arnold war der achtundzwanzigste — genügten zur Bedienung vollkommen, sie hatten sich in dieses Schiff bereits eingearbeitet, und vor allen Dingen waren sie auch bereit, die Fahrt mitzumachen — noch einmal Kohlen, Petroleum und Proviant eingenommen — es ging rechts herum um Asien durch die Behringsstraße.

Da, als man diese schon hinter sich hatte, ein Maschinendefekt, dessen Beseitigung fast Zwei Wochen aufhielt, und das genügte, um die Argos doch noch in fürchterliches Treibeis kommen zu lassen.

Man kam wieder heraus, aber es hatte durch Eisrammen eine enorme Menge von Kohlen und Petroleum gekostet, oder man hätte überwintern müssen.

Außerdem ging das Trinkwasser zur Neige. Das in den Ballasttanks mitgenommene erwies sich als total verdorben.

Nun, nach Pontianak würde man schon ohne Aufenthalt noch kommen. Ein Mangel an Trinkwasser konnte überhaupt nicht eintreten, so lange die Kessel noch mit Kohlen oder Petroleum geheizt werden konnten, dafür sorgte der Destillierapparat.

Da wurde auf der Höhe der Haddak-Inseln, aber von diesen noch weit entfernt, ein großer Dampfer gesichtet, die »Orleans« von Marseille, die das Notsignal Zeigte. Sogar höchste Seenot!

Leck und sinkend! Eine Zylinderexplosion hatte die Planken des Kielraums durchschlagen, die Dampfpumpen konnten das einströmende Wasser nicht mehr bewältigen.

Ein Passagierdampfer, fünfzig Mann Besatzung, vierhundert Passagiere nur Männer, Auswanderer nach Australien.

Ja, da war nichts zu machen; die mußte man mitnehmen.

Sie kamen in ihren Booten angerudert, wie sie eben pulen konnten. Recht verwegene Gestalten, recht wilde Gesichter. Na, was soll man denn von solchen abenteuerlustigen Auswanderern, die in die australische Wildnis gehen wollen, auch anderes verlangen.

Sie kamen an Bord. Und wie sie alle hübsch beisammen waren, da Revolver und Messer heraus auf die ahnungslose Mannschaft der Argos losgeschossen und losgestochen! Vierhundert französische Verbrecher, zur Deportation nach Neukaledonien bestimmt!

Oder es waren schon Sträflinge gewesen, man hatte die französischen Zuchthäuser mal ein bisschen leer machen wollen.

Hatten sich auf dem Transportdampfer zu befreien gewußt, schon dort Mannschaft und Wache überwältigt, einfach alles niedergemacht.

Unter den Sträflingen befanden sich auch viele Marinesoldaten, Matrosen und Heizer, auch drei, welche die nautische Führung übernehmen konnten, also ehemalige Offiziere, sogar gleich Zwei Kapitäne mit verbrecherischem Charakter.

Sie waren weiter gedampft. Um die Zukunft kümmern sich ja solche Individuen nicht viel. Eben an irgend einer unbekannten Küste landen und dort ein freies Leben führen, das war ihr Ziel.

Da explodierte der eine Zylinder der unvorschriftsmäßig behandelten Maschine. Und dort kam gerade ein stattliches Kriegsschiff. Das mußte genommen werden. Und die Verbrecher verließen den Passagierdampfer um so lieber, als es darauf nur ein ganz miserables Futter gab. Außerdem winkten ihnen auf dem Kriegsschiffe ganz andere Waffen, die man sich nur erst einmal aneignen mußte.

Es war Zwar kein eigentliches Kriegsschiff, sondern die »Argos«, das berühmte Gauklerschiff, von dem alle die berichten konnten, welche der Freiheit nicht schon zu lange entbehrt hatten. Na, das war vielleicht erst recht gut, dieses Schiff war doch sicher tüchtig verproviantiert, auch mit Waffen wahrscheinlich auch mit Geschützen versehen.

»Werden wir aber mit diesen Argonauten, von denen man so Wunderbares erzählt, auch fertig werden?«

Na, solche Menschen riskieren doch alles. Man mußte die dort drüben nur ganz ahnungslos halten.

Der Handstreich war gelungen.

»Ich will ja nicht gerade behaupten,« sagte Kapitän Martin, »das er auch gelungen wäre, wenn die »Argos« ihre eigentliche Besatzung an Bord gehabt hätte, unsere Argonauten — aber wir konnten jedenfalls gar nichts machen. Im Handumdrehen war alles totgeschossen und totgestochen.«

»Alle?!«

»Alle Sie haben keinen einzigen verschont. Auch in die Heizräume sind sie gleich gedrungen, noch ehe die unten eine Ahnung davon hatten. Es sind ja viele Seeleute dabei, ehemalige Heizer, die wissen doch Bescheid.«

»Haben sie nicht zum Übertritt aufgefordert?« fragte der Waffenmeister.

»Damit haben sie sich nicht erst aufgehalten. Alles wurde gleich abgemurkst.«

»Aber Sie sind doch diesem Schicksal entgangen.«

»Well, ich habe aber auch gleich die Hände aus den Hosentaschen genommen, nämlich nur, um zu Zeigen, das ich keine Waffen drin habe; um mir die Hände fesseln zu lassen.«

Das sah dem Kapitän Martin ja nun auch ganz ähnlich!

Aber was hätte er denn auch anderes tun sollen? Sich etwa allein mit den vierhundert Verbrechern herumprügeln!

»Und auch ich wäre gleich ins Jenseits befördert worden, wenn der Rädelsführer der Bande nicht mein guter Freund gewesen wäre, der schützte mich gleich.«

»Was, Ihr guter Freund?«

Kapitän Martin nahm erst ein neues Stück Kautabak, mit dem er reichlich versehen war.

»Well, Kapitän Baslare. Hat mir einmal in Neuorleans einen großen Dienst erwiesen, hast für mich gebürgt. Ich habe mich zu revanchieren gewußt; eigentlich ein ganz famoser Kerl. Ist aber auf Abwege gekommen. Wollte gar zu fix reich werden, hat ein altes Schiff gekauft, es mit falscher Ladung zu hoch versichert und es auf den Grund gesenkt. Ein Dutzend Menschenleben gingen dabei flöten. ’s kam heraus. Lebenslängliches Zuchthaus, dann begnadigt zur Deportation nach Neukaledonien, wo er doch die Möglichkeit hat, sich noch einmal als so halbfreier Kolonist zu etablieren. Der nahm gleich Partei für mich, sonst stände ich nicht mehr hier. Immer noch ein famoser Bursche. Ich bin wohl eingesperrt worden, hab’s aber ganz fein gehabt.«

Man mußte diesen alten Seebären sprechen hören, wie der dies alles hervorbrachte, natürlich die Hände in den Hosentaschen und manchmal mit den Beinen schlenkernd.

»Und was nun weiter?«

»Well, wir sind ungefähr eine Woche herumgegondelt. Um die Philippinen und um Borneo herum. Diese Piraten waren nicht schlecht enttäuscht; nämlich so wenig Kohlen und Petroleum und besonders Trinkwasser vorzufinden. Die suchen schon seit diesen acht Tagen nach Trinkwasser. Aber wo so eine stattliche Flußmündung ist, in die sie einlaufen können, da ist auch immer sicher ein stattliches Fort. Und aus einem kleinen Bächlein genügend Trinkwasser für vierhundert Menschen zu schöpfen, für lange Fahrt, das ist in Märchenbüchern leichter erzählt als ausgeführt. Übrigens bin ich da nicht eingeweiht worden, soweit geht Kapitän Baslares Vertraulichkeit mit mir denn doch nicht. Also ich weiß nicht, was die Piraten eigentlich wollen. Jedenfalls aber weiß ich, das jetzt auch noch der Destillierapparat nicht mehr funktioniert, es muß etwas gebrochen sein, was sie nicht reparieren können. Da wurde ich einmal geholt. Ich kann’s auch nicht, sonst hätte ich’s getan. Und überhaupt, sie haben ja kaum noch so viel Kohlen und Petroleum, um noch gegen den Wind zu kommen. Da können sie doch auch nicht mehr viel destillieren. Kurzum, jetzt sind sie mit ihren letzten Kohlen hauptsächlich auf der Suche nach Trinkwasser.«

»Und man hat Sie nun in Freiheit gesetzt?«

»Well, ich komme als Parlamentär. Natürlich gehe ich nicht wieder zurück. Ich bin freigelassen worden.«

»Was sollen Sie ausrichten?«

»Die Piraten sehen ein, das sie einen großen Fehler begangen haben, was ich Ihnen freilich nicht sagen soll. Sie sahen hier das Wrack liegen, erfuhren, das es mit Kopra befrachtet sei. Da dachten sie sich noch nichts dabei, fuhren ruhig weiter. Was sollten die mit diesem wertlosen Zeuge! Gleich hinterher aber fiel ihnen ein, das Kopra in ihrer Lage doch nicht so ein wertloses Zeug sei; solch ausgedörrtes Koskosnusfleisch, fast fünfzig Prozent Öl enthaltend, brennt ganz famos. Und mit 350 Tonnen kann man lange heizen und auch viel Wasser destillieren.

Gerade aber nun, wie sie diese geniale Idee gefaßt hatten, krachten die Schüsse. Die Dajaks wurden angegriffen. Sapristi, das waren ja keine anderen als die eigentlichen Argonauten, die dort aus dem Walde herauskamen! Ein wundersamer Zufall, dieses zusammentreffen hier! Nun aber stand es freilich auch faul mit dem Abholen der Kopra. Well, und nun begangen diese Dummköpfe den Zweiten Fehler, den allergrößten, den sie wohl je in ihrem Leben begangen haben und begehen werden.«

»Inwiefern?«

»Na, das sie gerade mich als Parlamentär abschickten.«

»Was ist da für ein Fehler dabei?«

»Die hätten mich als Geisel behalten sollen. Oder hätten Sie nicht das Abholen der Kopra und noch viel mehr erlaubt, wenn die mit meinem Tode gedroht hätten?«

Natürlich, jetzt sah das Georg ein.

»Ich kann nicht begreifen, wie sogar dieser sonst so gerissene Kapitän Baslare plötzlich so borniert sein konnte, mich laufen zu lassen. Na, die ganze Gesellschaft hat eben völlig den Kopf verloren. Und nun soll ich fragen, zu welchen Bedingungen Sie gestatten, das jene das Wrack ausnehmen, ohne das Sie ihnen irgendwie ein Hindernis in den Weg legen.«

»Ich glaube, jede Antwort meinerseits ist überflüssig!« entgegnete Georg.

»Ich muß mich erst meiner Pflicht entledigen, die ich nun einmal übernommen. Die haben doch den Flibustierschatz natürlich gefunden. Na, die mögen ja nicht schlecht gejubelt haben. Aber gleichzeitig mag ihnen wohl auch das Bewußtsein gekommen sein, wie wenig sie jetzt damit anfangen können. Kurz, und gut: Diese neuen Flibustier sind nobel, sie bieten Ihnen gleich die ganze Hälfte dieses Schatzes an, wenn Sie ihnen erlauben, das sie hier ungestört die 350 Tonnen Kopra ausnehmen können. Und dann gestatten Sie wohl, das sie auch gleich ein bisschen Wasser an Bord nehmen. Denn wo hier Dajaks wohnen, muß es doch auch Trinkwasser geben. Und dort an Bord scheint das Wasser jetzt schon höllisch knapp zu sein. Also wie steht’s? Die Hälfte des Schatzes?!«

Georg mußte herzlich lachen, es war auch nichts Gekünsteltes dabei, und die umstehenden Argonauten stimmten mit ein.

»Unser Schiff wollen wir wieder haben!«

»Well, sagen Sie ihnen das selbst. Ich habe mich meines Auftrags entledigt, aber die Antwort bringe ich natürlich nicht persönlich hinüber. Ich bleibe jetzt lieber hier.«

Es wurde denn auch sofort signalisiert, an Bord des Wracks wurde dazu das Einleitungszeichen gegeben.

»Bescheid erhalten?« wurde drüben zunächst angefragt.

»Ja. Unser Schiff wollen wir haben.«

»Wer spricht?«

»Stevenbrock, Zweiter Kapitän der Argos.«

»Wieviel fordern Sie für Kopra?«

»Unser Schiff.«

»Unmöglich. Die Hälfte des Schatzes.«

»Gehört uns.«

»Nicht mehr. Überlegen Sie! Wir gehen und kommen nicht zurück. Beraten Sie.«

Da gab es gar nichts zu beraten.

»Unser Schiff zurück!«

Die Argos machte Dampf auf und fuhr nach Norden davon.

Die Piraten glaubten wohl eine andere Gelegenheit zu wissen, um Heizmaterial und Trinkwasser baldigst zu finden.


137. KAPITEL.
DER KAMPF MIT DEN PIRATEN.

Die »Argos« war verschwunden, man hatte sie nicht zurückgerufen.

Was hätte man solchen Verbrechern und Mordbuben gegenüber auch für Bedingungen stellen sollen?

Da gab es gar kein Entweder — Oder.

Bedingungslose Unterwerfung!

Man hätte sich doch Zeit seines Lebens vor aller Welt und vor sich selbst geschämt, da irgend welche Zubilligungen gemacht zu haben.

Diese Burschen mußten hängen — da gab es nun gar nichts weiter!

Welche niedergeschlagene Stimmung unter den Argonauten herrschte, Läßt sich natürlich denken.

Aber jetzt vor allen Dingen mußte erst einmal Rast gehalten werden, um sich von den Strapazen der letzten Wochen zu erholen; denn Strapazen hatte der Marsch von mehr als sechzig geographischen Meilen durch den Urwald ja gekostet, wenn man mit feindselig gesinnten Dajaks auch immer leicht fertig geworden war.

Dann später konnte beraten werden, was nun weiter werden sollte, wie man von hier fortkommen konnte, wie man auch womöglich das Schiff wieder erlangte.

So verging der Nachmittag in stiller Ruhe. Einige, auch Georg, wie überhaupt die Hauptpersonen, hatten sich auf dem Wrack einquartiert, das ganz sicher Zwischen den Riffen gebettet lag, die meisten lagerten an dem Bache, der sich an dem Urwaldsaum entlang schlängelte.

So verging auch die mond- und sternenlose Nacht in stillster Ruhe. Die befreiten Dajaks hatte man laufen lassen, wohin sie wollten, die anderen brauchte man nicht zu fürchten. Die Hunde waren ja die besten Wächter.

Zwei Stunden vor Tagesanbruch umhüllte sich alles mit dichtem Nebel. Es war nicht anders, als ob geradezu die Wolken vom Himmel herabkämen. Solche Nebel sind selten in diesen Breiten, wenn sie sich aber einmal einstellen, gewöhnlich am Morgen, dann spotten sie jeder Beschreibung. Nur die Londoner Nebel können sich mit ihnen messen.

Kurz nach sechs Uhr betrat Georg, der unter Deck geschlafen hatte, das Oberdeck, mußte sich hinauftasten. Wohl war es hell, aber nicht die Hand vor den Augen zu erkennen. Alles war wie in Milch getaucht.

So verging eine halbe Stunde, während der man sich nur immer forttasten konnte, wenn man nur einige Schritte tun wollte, und dabei wurde auch das Gehör vollkommen getäuscht. Man glaubte einen Menschen weit, weit entfernt reden zu hören, und plötzlich prallte man mit ihm zusammen.

Mit einem Male aber ward dieser Nebel von der Kraft der hochgekommenen Sonne in die Höhe gezogen, nicht anders, als wie man einen Theatervorhang in die Höhe Zieht.

Urplötzlich hatte man den weitesten Fernblick, die weise Suppe hing oben am Himmel als Wolke.

Und was für einen Blick hatte Georg da!

Er traute seinen Augen nicht, er rieb sie erst ein paarmal, ehe er es glauben konnte.

Da liegt keine fünfhundert Meter von ihm entfernt dort auf dem sandigen Ufer, wo dieses klippenfrei ist, die Argos! Sie liegt mitten drin im Sande gebettet, hat auch hinten die Schraube noch aus dem Wasser herausgereckt, auch noch über dem Sande!

Liegt genau so das, wie sie schon einmal auf einer Sandbank gelegen hat, damals im Urwald von Brasilien!

Wie die hier so auf dem Sand gelaufen war?

Nun, das Schiff war eben immer noch einmal umgedreht. Unschlüssig, wie solch eine Verbrecherbande, die sich schnell zusammengefunden hat, noch kein richtiges Oberhaupt hat, eben immer ist.

Ob sie nun noch einmal das Wrack hatten aufsuchen wollen, oder zu welchem Zwecke sie sonst umgekehrt waren, das war ja ganz gleichgültig dabei.

Sie waren Volldampf gefahren, glaubten auch im dichtesten Nebel ihres Weges ganz sicher zu sein, waren es eben nicht gewesen, waren mit voller Kraft hier auf diese Sandbank gelaufen.

Oder auch schon die halbe Kraft hatte genügt, um das Schiff dermaßen in den Sand hineinschusseln zu lassen!

Doch solche Erwägungen stellte Georg jetzt nicht an. Der erkannte in diesem Augenblick nur ein Einziges. Die konnten nicht wieder von hier fort! Die brachten das Schiff nicht wieder frei!

Wenigstens nicht so ohne weiteres, nicht durch Dampfkraft, und hätten sie auch noch so viel Heizmaterial gehabt.

Es hatte ja gar keinen Zweck, die Schraube sich drehen zu lassen, die lag ja frei in der Luft.

Und das Wasser stieg auch nicht weiter, gerade jetzt war höchste Flut.

Nur ein einziges Mittel gab es, um das Schiff wieder ins Wasser zu bringen: es auszugraben!

Ringsum den Sand wegschaufeln, so tief als möglich, natürlich so, das dabei nicht von der See her das Wasser eindrang, das Schiff wurde dabei abgestützt, und wenn es soweit war, wurde der Schutzdamm durchbrochen, dann konnte die Schraube wieder arbeiten, das Schiff kam wieder in die freie See hinaus.

Aber das bedurfte Ziemlicher Zeit!

Und an diesen Arbeiten konnte man sie mit Büchsenkugeln hindern.

Und dann vor allen Dingen: der Mensch bedarf doch seiner täglichen Ration Trinkwasser.

Und das Trinkwasser sollte bei ihnen schon äußerst knapp sein!

Und wie Georg alle diese Gedanken blitzschnell zusammengefaßt hatte, da sprang er auch schon die Kajütentreppe hinab, hatte seine Büchse und sein Stockschwert ergriffen, stand mit einem Satze wieder auf Deck und da jagte er schon wie ein geflügelter Achill über die Sandbank dahin, dem Walde zu, an dessen Saume neben dem Bache die meisten Argonauten lagerten.

»Jungens, Jungens, wir haben sie, wir haben sie!« jauchzte er während dieses rasenden Laufens. »Wir haben unser Schiff wieder, nur den Bach müssen wir halten, das sie kein Trinkwasser bekommen!«

Nun, wer nicht gerade noch schlief, der hatte es ja schon selbst gesehen, das Wunder, ihr im Sand so hübsch eingebettetes Schiff, und die Schläfer wurden natürlich schnellstens geweckt, und dann konnte ihnen Georg weiter erklären, wie sie jetzt ihr Schiff unbedingt wieder in die Gewalt bekommen müßten.

Es ist nur noch eine Erklärung hinzuzufügen.

Die Entfernung der Argos von dem Wrack betrug also ungefähr fünfhundert Meter, die nach jenem Waldsaume fast das Doppelte.

Die fünfhundert Meter genügten schon, um von der Katastrophe gar nichts hören zu lassen. Es war ja auch ohne alles Lärmen abgegangen, das Schiff war ganz sanft auf den weichen Sand hinaufgeschusselt. Kanonen- und andere Schüsse hatten die Piraten nicht gelöst, wozu auch, und sich überhaupt gehütet, unnötigen Lärm zu machen. Und nun außerdem die Kampfkraft dieses Milchnebels, der jeden Laut förmlich erstickte!

Und dann sei noch nachträglich etwas bemerkt. Es geschieht erst jetzt, weil es eben erst jetzt von ganz besonderer Bedeutung war.

»Die haben ja jetzt nur noch ein einziges Boot, nur noch die Zweite Jolle!«

Das Fehlen von vier oder doch drei Booten war schon gestern bemerkt worden, aber man hatte sich doch nichts weiter dabei gedacht.

Die »Argos« besaß sechs Boote: die große Barkasse mit Motor, Zwei Kutter, Zwei Jollen und das kleine Dinghy.

Kapitän Martin hatte bereits berichtet — obschon dies ebenfalls erst jetzt erwähnt wird — wie er bei seinem Kampfe mit dem Treibeis in der Behringsstraße die Barkasse und eine Jolle verloren hatte.

Während der achttägigen Fahrt der Piraten hatten diese einen Kutter verloren, wahrscheinlich als sie einmal an der Küste nach Trinkwasser gesucht hatten, solch ein hölzernes Boot ist ja schnell futsch.

Als die Argonauten ihr Schiff wieder erblickten, hatte dieses also nur noch drei Boote in den Davits hängen gehabt. Von diesen war Kapitän Martin mit dem Dinghy abgegangen.

Also die »Argos« hatte sich nur noch mit Zwei Booten entfernt, einem Kutter und einer Jolle. Und jetzt waren auch noch diejenigen Davits leer, in denen der Zweite Kutter gehangen hatte.

Wo der über Nacht geblieben war, wußte man nicht, erfuhren die Argonauten auch nicht so bald, und das war ja auch ganz Nebensache.

Jedenfalls verfügten die Piraten jetzt nur noch über eine einzige Jolle, und in die gingen höchstens zwanzig Menschen hinein!

Und was nun?

Der Waffenmeister der Argonauten hatte sofort seinen Kriegsplan entworfen.

Die »Argos« lag also auf einer Sandbank, die nach der Seeseite völlig klippenfrei war.

Auf der Südseite, also nach der Richtung hin, wo die wracke Brigg lag, näherte sich die Klippenformation jener Sandbank bis auf höchstens hundert Meter, von der Nordseite her die Fortsetzung dieser Klippenformation vielleicht bis auf hundertzwanzig Meter.

Es war, als ob es so hätte sein müssen, das die »Argos« im dichten Nebel gerade Zwischen diesen Riffen hindurchgelaufen war, um so weich wie möglich im Sande gebettet zu werden.

Denn Zwischen den Riffen selbst wäre sie ein hoffnungsloses Wrack geworden, genau so wie die Brigg.

Und diese beiden Rifformationen bildeten den herrlichsten Schleichweg, den man sich denken konnte, um sich in sicherer Deckung dem festgenagelten Schiffe nähern zu können, um es zu beschießen.

Und schon rückten die beiden Trupps ab, welche Georg für diese Aufgabe abgeteilt hatte. Und das er hierfür die geeignetsten Leute zusammenstellte, das war eben die Sache des Waffenmeisters.

Denn ganz so einfach war die Sache nicht, es gehörten die geübtesten Jäger sowohl, wie die gewandtesten Akrobaten dazu, um diese Schleichwege auch benutzen zu können, ohne von einer feindlichen Kugel getroffen zu werden. Man mußte manchmal weite Sprünge von Klippe zu Klippe ausführen, wenn ein Waten oder Schwimmen ganz ausgeschlossen war, es war ein ganz halsbrecherischer Weg!

Aber die abgeschickten Leute würden ihre Ausgabe schon lösen, der Waffenmeister der Argonauten, der sie erst zu Akrobaten und Athleten ausgebildet, hatte sie ausgesucht.

Und dann natürlich blieb noch eine starke Schützenkette längst des Waldsaumes liegen, durch Büsche und Kokospalmen geschützt, um den Bach für die Piraten unantastbar zu machen.

An Patronen fehlte es nicht.

Es waren fast hundert Männer, die Schiffsjungen mit eingeschlossen, jeder mit einer Doppelbüchse bewaffnet, und zusammen verfügten sie über mehr als dreitausend Patronen.

Ein Glück, das sie während des Jagdlebens in dem Prärielande so sparsam mit der Munition gewesen waren, und auf dem Durchmarsch durch den Urwald hatten sie noch viel weniger verbraucht.


Die Piraten mochten sich auch nicht schlecht die Augen reiben, wie der Nebel so plötzlich in die Höhe gerollt war.

Nicht, weil sie sich hier auf einer Sandbank sitzen sahen; das hatten sie natürlich auch im dichtesten Nebel gemerkt, mit verbundenen Augen, was ihnen da passiert war.

Aber das sie da fünfhundert Meter von sich entfernt wieder die Koprabrigg liegen sahen, das hatten sie sicher nicht erwartet!

Durch die Fernrohre, teils eigene, teils von der Brigg stammend, sah man, was für verdutzte Gesichter die an Deck stehenden Verbrecher machten, wie sich viele tatsächlich die Augen rieben, und nicht nur vor Schlaftrunkenheit.

Dann mußten sie es wohl glauben. Gleich darauf sahen sie den Waffenmeister der Argonauten über die Sandbank rennen, aber was er rief, hörten sie nicht, dazu war die Entfernung denn doch zu groß.

Und dann sahen sie auch nicht etwa, wie die abgeteilten Trupps nach den Klippenformationen rückten! Das geschah auf großen Umwegen, auch hinter Sandwellen gedeckt, und ebenso verließen diejenigen, welche die Nacht auf dem Wrack kampiert hatten, dieses, wie die Patronin, Ilse und Klothilde, die zogen sich ungesehen über die Klippen und dann auf jenen Schleichwegen über die Sandbank nach dem Waldessaum zurück.

Denn an Bord der Argos befanden sich ja Revolverkanonen und Schnellfeuergeschütze, das Wrack konnte leicht in Trümmer geschossen werden, dort in dem Urwald dagegen, der wie gewöhnlich am Rande ganz rotangfrei, war man gegen jedes Bombardement gesichert.

Es war gerade ein Sonntag, und in sonntäglicher Morgenstille lag alles da. Ein herrlicher Sonntagsmorgen! Auch der Himmel leuchtete wieder in wunderbarem Blau.

Von den Argonauten war absolut nichts mehr zu sehen. Nur einmal war beobachtet worden, wie dort am fernen Waldessaum ein Mann mit affenartiger Behendigkeit eine hohe Koskospalme erklettert und sich oben in den Ästen etwas zu schaffen gemacht hatte; dann war er wieder herabgeglitten und verschwunden.

Kapitän Baslare selbst erstieg, wie es schon andere getan hatten, die Wanten bis zur Royalrahe hinauf, um Umschau zu halten — kein Mensch war zu sehen, auch keines jener Tiere, deren Einzug auf die Sandbank sie gestern mit beobachtet hatten.

Nun, die Piraten, ob nun Seeleute oder nicht, wußten, was sie zu tun hatten, was möglich war und was nicht.

Wort, wo sich die Pfahlhütten der Dajaks erhoben, gab es ja unbedingt Trinkwasser, welches die Piraten so sehr, sehr nötig hatten. Aber es von dort in Eimern zu holen, daran durfte man gar nicht denken; beim Wege über die Sandbank wurde doch jeder aus dem Hinterhalte weggeschossen.

Also nur so schnell als möglich wieder von hier wegkommen! Das Schiff mußte einfach ausgegraben werden, genau so, wie es sich Georg sofort vorgestellt hatte.

Zunächst holten sie Schaufeln hervor, an Bord der »Argos« im Überflusse vorhanden, vor allen Dingen aber Balken und Bretter; denn ehe man an ein Ausschaufeln ringsum denken konnte, mußte das ganze Schiff abgestützt werden. Das sind Arbeiten, deren Plan der Seemann, wenn nicht im Kopfe, dann in den Händen haben muß, sonst eignet er sich eben nicht zum Seemanne, mindestens kann er niemals als Seemann fahren; denn ein solcher muß sich in jeder Lage zu helfen wissen, in jeder! Auf der Steuermannsschule wird solch eine Möglichkeit, das ein Schiff auf eine Sandbank läuft, vollständig aufs trockene hinauf, sehr wohl erwogen, und noch ganz andere Möglichkeiten dazu, und der Steuermannsschulen der solch ein vom Lehrer theoretisch aufgestelltes Problem nicht geschickt zu lösen weiß auf dem Papiere, der kann seine Bücher nur gleich wieder einpacken, der wird nicht zum Examen zugelassen. Die Reedereien wollen ihre befrachteten Schiffe, Millionenwerte repräsentierend, doch keinem unpraktischen Menschen anvertrauen! Und hier kann Mutterwitz und praktische Hand durch keine Universitätsbildung ersetzt werden. Dafür aber gibt es im Seemannswesen auch noch die einzige Möglichkeit, als ganz ordinärer Mensch Offizier zu werden, Offizier in der kaiserlichen Marine! Noch heute! Wer sein Steuermannsexamen besteht, der dient in der Marine überhaupt als Einjähriger, er braucht vorher gar keine Schule besucht zu haben, und in der Marine gibt es überhaupt gar keine Selbstverpflegung, und jeder Einjährige kann Offiziersaspirant werden; dann, wenn er zugelassen wird, werden die weiteren Kosten für diese Laufbahn von einer Reedereigenossenschaft getragen, denn das sind dann natürlich Kerls, die später wie Gold gesucht werden, und dann freilich fängt es mit höherer Mathematik und höherer Astronomie an.

Es schadet wohl gar nichts, wenn dies hier einmal erklärt wird. Nur noch im Seemannswesen gilt das Wort wirklich, das jeder Matrose den Admiralsstab im Zeugsack hat. Nur hier noch geht Mutterwitz und praktische Hand über jede andere Bildung, kann durch nichts ersetzt werden; denn das mit dem Generalfeldmarschallsstab, den jeder Soldat im Tornister tragen soll, das ist doch ein Märchen geworden, das endlich einmal ausgemerzt werden sollte. Nur in der Marine ist es noch heute kein Märchen. Wir haben noch heute Zwei Admirale, die gewöhnliche Handelsmatrosen gewesen sind.


Wohl die Hälfte aller Piraten war auf beiden Seiten des Schiffes auf die Sandbank gesprungen, bereit, die Balken und Bretter zu empfangen, die aber erst unten aus dem Holzraum an Deck gewunden werden mußten.

Da fiel ein Schuß.

Der Schall kam aus der Richtung des Waldsaumes her. Wollten die dort natürlich versteckt Liegenden etwa die hier Arbeitenden beschießen?

Die Entfernung betrug noch etwas mehr als einen Kilometer.

Ja, die modernen Infanteriegewehre schießen noch viel, viel weiter als tausend Meter. Das Schiebevisier der alten Marinebüchse, Model 71/84, ist auf 1600 einzustellen.

Aber schießen und Treffen ist zweierlei. Bei solch großen Entfernungen ist an ein treffsicheres Zielen ja gar nicht zu denken.

Es konnte überhaupt nur ein Signalschuß gewesen sein, um aufmerksam zu machen.

Denn jetzt kletterten an jener Palme, die vorhin von einem Manne erstiegen worden war, bunte Lappen in die Höhe und bildeten eine Reihe.

Kapitän Baslare hatte das internationale Signalbuch schon zur Hand.

»Alles zurück an Bord! Unter Deck!« übersetzte er.

Es kam zu keinem Hohngelächter. Dieser Befehl war für die Piraten ganz unverständlich.

»Warum?!« ließ Baslare durch zwei Flaggen zurückfragen, nur aus Neugier.

Durch zwei nacheinander gehißte Flaggenreihen wurde ausführlich geantwortet.

»In einer Minute werdet Ihr beschossen. Unter Deck!«

Noch immer verständnislos blickten die Piraten nach dem Waldessaum.

Von dort aus beschießen? Hatten die Argonauten etwa Geschütze bekommen?

Was die ursprünglich bei sich gehabt, wußten die Piraten ja; Kapitän Martin war befragt worden und er hatte berichtet. Warum sollte er nicht?

Nur Jagdbüchsen, die auf dreihundert Meter mit Sicherheit schossen, aber schon bei fünfhundert Metern hörte es auf. Eine Jagdbüchse mit großem Kaliber ist doch kein Infanteriegewehr, dessen kleine Stahlspitzkugel einen Knochen nur glatt durchschneiden soll, um den Gegner unschädlich zu machen. Von solch einem kleinen Stahlgeschoß stürzt aber noch nicht einmal ein Reh, wenn es nicht absolut tödlich getroffen wird. Solch ein Infanteriegewehr ist für Hochwildjagd gar nicht zu gebrauchen, von Büffeln und dergleichen erst gar nicht zu sprechen.

Die Piraten plapperten noch zusammen, was die dort denn eigentlich gegen sie unternehmen wollten, als dort wieder eine Flaggenreihe aufstieg.

»Die Minute ist vergangen!«

Ja, und was nun? Na, da schießt doch einmal. Zeigt, was Ihr könnt, was Ihr eigentlich vorhabt.

Ein Matrose erkletterte die Großwante, um noch einmal Umschau zu halten.

Er war erst bis zur Großrahe gekommen, der untersten des Mittelmastes, als wieder ein Schuß fiel, diesmal wirklich krachte, nämlich in viel größerer Nähe, nicht dort am fernen Waldessaume.

Und da warf der Matrose dort oben beide Arme hoch, sauste herab und schmetterte an Deck.

Und da krachten noch sechs andere Schüsse, zusammen oder kurz hintereinander, und noch sechs andere Menschen brachen zusammen, immer durch den Kopf geschossen, die auf dem Sande neben dem Schiffe gestanden hatten, aber nicht alle sechs auf derselben Seite, sondern drei auf Backbord und drei auf Steuerbord.

Hei, da freilich hörte das untätige Herumstehen auf und aus dem französischen Plappern wurden wilde Schreie.

»Sie liegen ganz nahe hinter den Riffen!! Sauve qui peut — es rette sich, wer kann!!«

In verzweifelter Hast ging es wieder auf Deck hinauf. Das hatte aber seine Schwierigkeiten.

Wohl war hüben und drüben die Falltreppe herabgelassen worden, auch ein Fallreep, aber das hatten die wenigsten zum Abstieg benutzt, das war ihnen zu langsam gegangen, sie waren einfach die wenigen Meter in den feinen, weichen Sand hinabgesprungen. Die meisten dieser Verbrecher waren aus ihrer ehemaliger Praxis ja noch ganz andere Sprünge gewöhnt.

Ja, herabspringen hatten sie können, aber nicht wieder hinauf.

Um die beiden Falltreppen hüben und drüben und um die vorn herabhängende Strickleiter entstand ein wilder Kampf, sogar Messer wurden gezogen, es floß schon Blut. Und wer niedergetreten wurde, auf den wurde weiter herumgetrampelt

Ein förmliches Wunder war es, das niemand liegen blieb. Jeder konnte sich noch hinaufschleppen, mit Stichwunden oder mit einem gebrochenen Knochen oder mit einem Unterleibsbruch.

Die Argonauten waren edel. Auf ihres Waffenmeisters Befehl! Sie hätten ja Zwischen die Fliehenden schießen können, vielleicht alle wegputzen können, aber sie taten es nicht. Sie hatten auf die unten stehenden Piraten nur sechs Schüsse abgeben dürfen, auf jeder Seite sollten drei Tote sein. Und dann freilich durfte auch niemand mehr die Wante erklettern, sich überhaupt nicht mehr an Deck zeigen.

»Wir wollen der Hand der irdischen Gerechtigkeit nicht vorgreifen, wollen sie also möglichst lebendig haben.«

So hatte der Waffenmeister gesagt.

Aber er hatte den abrückenden Riffschützen auch noch andere Instruktionen gegeben.

Die meisten Piraten waren ja auch gleich unter Deck gestürzt, aber einige hielten sich doch noch oben auf, um erst einmal näher zu sehen, woher die tödlichen Geschosse kamen, ob man sich nicht revanchieren könne.

»Jetzt darfst Du mal schießen, Kuno!« sagte auf den Nordriffen der Segelmacher Oskar, der Führer dieser nördlichen Schützenkompagnie »Nimm den mit der roten Kappe aufs Korn, der blickt am frechsten hierher, hat auch schon ein Gewehr in der Hand; aber ein bisschen fix, Kuno, wenn ich bitten darf! «

Der Matrose Kuno, wie alle anderen auf dem Bauche hinter einer Felsenklippe liegend, nicht gerade sehr bequem, aber in sicherer Deckung, lugte, richtete sein Gewehr, zielte und schoß.

Der Mann mit der roten Kappe ließ das Gewehr fallen, griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und sackte zusammen.

Aber ganz merkwürdig war es, was Kuno jetzt für scheue Blicke um sich warf.

War es vielleicht das erste Menschenleben, das er vernichtet hatte?

Nein, seine scheuen Blicke hatten einen ganz anderen Grund, und er sprach es aus.

»Verflucht noch einmal! Wenn das der Waffenmeister erfährt! Ich bin zu tief abgekommen, habe den Kerl nur durch die Backen geschossen, oder vielleicht auch ins Maul nein. Wenn das der Waffenmeister erfährt!«

Also das war des Matrosen einziger Kummer gewesen. Es schildert die Stimmung, die hier überhaupt herrschte; wie sie den Feind belagerten. Es fehlte nur noch, das sie wie die Buren im Kriege auch Sonnenschirme aufspannten.

Fast gleichzeitig war auch auf den Südriffen ein Schuß gefallen, ein Zweiter Pirat, der ganz frei an Deck stand, machte gleich einen Bocksprung, und da freilich zeigte sich über der Bordwand auch keine Mütze mehr.

Doch jetzt fiel auch ein Schuß auf Steuerbordseite aus einem Bollauge heraus, und wieder war der Matrose Kuno der Unglückswurm, auf den die Kugel nicht ganz umsonst abgefeuert worden war.

Die Spitzkugel des englischen Infanteriegewehres diese hatten die Argonauten damals nicht auf den Elektron mitgenommen — hatte ihm das linke seiner Ziemlich weit abstehenden Ohren durchlöchert.

Ja durchaus keine gefährliche Verwundung gar nichts von Bedeutung, aber —.

»Kuno, Du bist und bleibst ein ausgemachter Döskopp!« schimpfte der Segelmacher, als er das durchlöcherte und blutende Ohr des neben ihm liegenden Matrosen sah. »Wenn Du die Kugel durchs Auge bekommen hättest, ich würde Dir das andere nicht zudrücken. Was zum Henker hast Du Deinen Elefantenohrlappen da hinter der Klippe herauszuhängen? Na, das Loch zum Ohrring hast Du bekommen, nun nimm Dein Eselshirn aus dem Kopfe und hänge es dran. Aber das sage ich Euch, Jungens, das geht nicht so weiter, sonst lege ich sofort meine Führerstelle nieder! Ihr schimpfiert ja die ganze deutsche Seemannschaft. Der Kerl dort drüben hat geschossen, hat seine Fratze am Bollauge ganz deutlich gezeigt, und niemand hat ihm ein Stück Blei in die Visage gesetzt! Ich selbst konnte es nicht, ich visierte gerade nach achtern. Aber das kommt mir nicht wieder vor! Verteilt Euch hübsch, macht es untereinander aus, welches Bollauge jeder beobachtet! Und das mir nicht etwa auf einen Kerl gleich doppelt und dreifach geschossen wird! Ich kann die Patronen doch nicht —«

Das letzte Wort, das Oskar gebrauchte, wollen wir lieber nicht wiedergeben.

Aber Erfolg hatte seine Standrede, und das war die Hauptsache.

Gleich darauf zeigten sich an Zwei nebeneinander liegenden Bollaugen Gesichter, an jedem eines, es sollten Gewehrläufe herausgeschoben werden, aber weit kamen die Betreffenden damit nicht, gleichzeitig krachten zwischen den Riffen zwei Schüsse, und gleichzeitig verschwanden die beiden Köpfe.

Und es war auch ganz, ganz deutlich zu bemerken gewesen, wie alle beide Schüsse gesessen hatten, bei jedem Kopfe einer, das läßt sich auf solch eine Entfernung von hundert Metern, zumal wenn man so auf dem Bauche auf der Lauer liegt, der ganze Körper nur noch ein einziges Auge ist, ganz genau kontrollieren.

»Zentrum,« sagte der eine Matrose, der geschossen hatte, »ich garantiere für Zentrum.

Nasenspitze abgekommen!« meldete der andere, »Schuß Zwischen die Augen.«

Am besten konnten diese Behauptungen als Tatsache die Piraten konstatieren, und da freilich verzichteten sie lieber darauf, ihren Kopf noch an einem Bollauge oder über der Bordwand oder sonstwo zu Zeigen, zumal von der anderen Seite ebenso akkurat geschossen wurde, und es hat doch gar keinen Zweck, einen Gewehrlauf durch ein Guckloch zu schieben, wenn man durch dieses Loch nicht auch gucken darf.

Beobachtet wurde natürlich doch, und jetzt sah man vor allen Dingen, das dort an der Palme wieder Flaggenreihen in die Höhe kletterten.

Kapitän Baslare, der hinter der Bordwand kauerte, hatte das Signalbuch noch bei sich.

»Zwei Mann an Deck, um mit uns zu signalisieren!« lautete der Bescheid.

Der Kapitän richtete sich auf, fand auch sofort einen Genossen, der ihm beim Signalisieren behilflich sein wollte. Sie glaubten auch ohne weitere Versicherung, das sie nicht beschossen würden; ihr Risiko bestand höchstens darin, das die Riffschützen von dieser Schonung nichts wußten. Aber die waren bereits durch andere Zeichen darüber verständigt worden. Wenn noch ab und zu ein Schuß zwischen den Riffen hervor fiel, immer mit tödlicher Sicherheit abgegeben, so galt er doch niemals diesen beiden Männern.

»Lebt Kapitän Baslare noch?« wurde drüben angefragt.

»Ja.«

»Unverwundet?«

»Ja. Signalisiert selbst.«

»Kommen Sie hierher zur Verhandlung. Allein. Sicherheit auf Ehrenwort.«

Wir versetzen uns nach der Signalstation der Argonauten. Die Flaggen stammten natürlich von der Brigg.

Das man jetzt nicht gleich eine Antwort bekam, war begreiflich. Die Piraten berieten sich erst.

»Können auch einige andere mitkommen?« wurde dann gefragt.

»Zwecklos. Kapitän Baslare allein.«

Wieder verging einige Zeit.

»Ihr Ehrenwort auch daraufhin, das Sie Baslare wieder zurückliefern?«

»Aha, ahaaa!« lachte Georg.

Weshalb diese Forderung, das war ja leicht begreiflich.

Die Piraten hatten doch gemerkt, das ihr Anführer, ein ehemaliger Kapitän, mit Kapitän Martin früher einmal befreundet gewesen war. Nun hegte man Mißtrauen, die Argonauten könnten nur mit diesem Anführer Nachsicht üben, ihn durchschlüpfen lassen.

»Auf Ehrenwort! Kapitän Baslare geht zurück, eventuell schicken wir ihn gefesselt.«

Jetzt dauerte es nicht mehr lange, so kam der gewünschte Parlamentär über die Sandbank geschritten.

Es war gar kein unsympathischer Mann, dieser Kapitän Baslare. Jedenfalls sah man ihm seinen verbrecherischen Charakter nicht an.

So erreichte er die Signalstation, wurde vom Waffenmeister der Argonauten empfangen, alle Hauptpersonen waren zur Stelle, wenn auch niemand einsprach.

»Ergeben Sie sich mit Ihren Leuten!« begann Georg ohne weiteres.

»Auf Gnade oder Ungnade?«

»Gnade oder Ungnade kann für uns gar nicht in Frage kommen. Ihr alle seid schon verurteilte Sträflinge, die sich befreit haben. Es ist ganz einfach unsere Pflicht, Euch dingfest zu machen und Euch im nächsten Hafen den Behörden auszuliefern.«

»Wenn Sie so sprechen, dann ist es ja auch ganz Zwecklos gewesen, das Sie mich persönlich hierher bestellt haben. Und was wollen Sie überhaupt eigentlich, schon morgen früh sind wir wieder frei.«

»Wie wollen Sie denn das anfangen?«

»Wir schaufeln uns aus.«

»Wie wir Sie daran hindern werden, haben Sie doch wohl schon gemerkt.«

»Sie werden aber morgen früh gemerkt haben, das Sie uns nicht daran hindern konnten.«

»Sie haben keine Kohlen und kein Petroleum mehr.«

»Kohlen massenhaft.«

»Woher denn plötzlich?«

»Wir haben gestern nachmittag ein Kohlenschiff angehalten und fast tausend Tonnen Kohlen übergenommen; mit vierhundert Menschen ging das fix, haben sie bar bezahlt oder doch in Goldbarren, auch viel Trinkwasser, und außerdem ist der Destillierapparat jetzt repariert worden, er funktioniert wieder.«

Georg, den Franzosen immer fest in die Augen blickend, lächelte.

»Weshalb haben Sie denn nicht schon früher ein Schiff angehalten und sich auf diese Weise mit Kohlen und Wasser versehen, entweder gegen Bezahlung oder durch Waffengewalt?«

Kapitän Baslare gab eine ganz glaubhaft klingende Erklärung hierfür, welche die Argonauten aber schon selbst gewußt hatten.

Es waren ja gar keine eigentlichen Piraten. Wir nennen sie nur so, weil sie nach den Seegesetzen jetzt unter Piraterie standen, wie schon einmal ausführlich erklärt wurde.

Wohl hatten viele diesen Vorschlag gemacht, richtige Seeräuber zu werden, ein fremdes Schiff anzuhalten und ihm das zu nehmen, was sie brauchten, aber die meisten, mindestens dreihundert von den vierhundert, hatten hiervon nichts wissen wollen.

Sie hatten an Bord den Flibustierschatz gefunden, den sie auf mindestens sechzig Millionen Franken taxierten, sich dabei ganz bedeutend zu ihrem Nachteil irrend.

Dann kam auf jeden 150 000 Franken — nun fühlte sich ein jeder gleich als wohlbestallter Rentier, der in glücklicher Ruhe sein ferneres Leben bis ans sanfte Ende genießen konnte.

Es handelte sich nur darum, wie den Anfang dieses behaglichen Lebens finden.

Irgendwo an Land gehen, an eine einsame Küste und sich von dort aus unter die anderen Menschen zu versickern, das ist gar nicht so einfach, zumal nicht bei vierhundert Personen.

Das beste war, wenn sie erst einmal für einige Jahre in einer einsamen Gegend verschwanden, etwa in Australien, dort die Kolonisten spielten. Dann, wenn ihr samt und sonders ganz kurz geschorenes Haar — was doch alles zu bedenken ist — wieder gewachsen war und überhaupt Gras über diese ganze Geschichte mit der blutigen Befreiung, dann konnten sie sich so nach und nach wieder in die Zivilisierte Welt hinauswagen.

So war beschlossen worden, und es war auch wirklich das Klügste gewesen.

Nun aber trat der Mangel an Heizmaterial und Trinkwasser ein. Doch deshalb hatten sie noch nicht Seeraub treiben wollen, eine große Majorität war immer dagegen gewesen.

Sie hatten immer gehofft, doch noch hier im Sunda-Archipel eine günstige Landungsstelle zu finden, wo sie sich mit Trinkwasser versehen konnten. Kohlen kamen erst in Zweiter Linie in Betracht.

Dann ging es mit Segeln weiter nach Australien, wenn man nicht gleich hier blieb. Allerdings war auch hierin die Uneinigkeit sehr groß, daher kam es, das das Schiff so oft hin und her gefahren war; denn Kapitän Baslare war ja nur der nautische Leiter des Schiffes, nichts weiter.

So hatte der Franzose ganz offen berichtet.

Georg hatte ihm dabei immer fest in die Augen gesehen.

»Und nun also haben Sie wieder Kohlen?«

»Ja, fast tausend Tonnen.«

»Was war denn das für ein Dampfer?«

»Ein japanischen. Die fragen den Teufel darnach, wem sie ihre Kohlen verkaufen.«

»Und auch Trinkwasser hat Ihnen dieser japanische Dampfer abgegeben?«

»Ja, Zehn große Fässer.«

»Und außerdem funktioniert der Destillierapparat jetzt wieder?«

»Tadellos.«

»Sie lügen.«

»Herr —!!« wollte dieser Verbrecher aufbrausen.

»Nananananana!« beschwichtigte Georg. »Jawohl, Sie lügen. Und nun will ich Ihnen sagen, weshalb ich persönlich mit Ihnen sprechen wollte. Um Ihnen in die Augen sehen zu können. Ich kann nämlich jedem Menschen in den Augen lesen, ob er lügt oder die Wahrheit spricht. Sie haben keine Kohlen übergenommen, auch kein Trinkwasser, auch Ihr Destillierapparat funktioniert nicht — nicht wahr, so ist es?!«

»Herr, wenn ich Ihnen versichere —«

»Da da da — sehen Sie? Jetzt habe ich wieder in Ihren Augen gelesen, das ich ganz genau das Richtige getroffen habe. Sie haben weder Kohlen, noch Petroleum mehr, um die Kessel zu heizen; Ihr Destillierapparat ist hoffnungslos beschädigt, und auch sonst könnten Sie ihn ja überhaupt gar nicht mehr benutzen, Sie können ihn ja nicht heizen. So, das habe ich nur wissen wollen, aus Ihren Augen lesen. Ich danke Ihnen. Nun können Sie wieder zurückgehen.«

Der Franzose kniff die Lippen zusammen.

»Sie werden sehen, das wir morgen früh nicht mehr hier —«

»Gut, dann werde ich es ja sehen. Jetzt keine Unterhandlung mehr! Oder wollen Sie sich mit allen Ihren Leuten bedingungslos ergeben?«

Statt aller Antwort hohnlachte der Franzose nur grimmig auf.

»Dann also begeben Sie sich an Bord zurück. Marsch! Nach fünf Minuten sind Sie vogelfrei, werden beschossen. Und das gilt sofort, falls Sie einen anderen Weg einschlagen, als nach dem Schiffe zurück.«

Der Kapitän wandte sich und ging zurück.

Der Tag verstrich.

Ab und zu knallte Zwischen den Riffen ein Schuß, immer mit tödlicher Sicherheit ein Opfer fordernd. Sobald sich ein Kopf über der Bordwand oder an einem Bollauge oder sonstwo Zeigte, kam der Todesbote geflogen.

Dann auch einmal ein Salvenfeuer. Nämlich als die Piraten eine große Seitenluke geöffnet hatten und durch diese Balken und Bretter herauswerfen wollten. Schnell gaben sie diesen Versuch wieder auf, draußen eine Barrikade zu bauen, einfach aufzuhäufen, er kostete gar zu viele Opfer.

Die Nacht brach an, stockfinster. Das erste Viertel des Mondes war schon längst wieder untergegangen, der Himmel bedeckt, obgleich es sicher keinen Regen erwarten ließ. Hier regnet es zu ganz bestimmten Zeiten, jetzt war diese Zeit nicht.

Nun freilich hatten die Piraten eine Chance, die sie sich natürlich auch nicht entgehen ließen.

Kaum war diese stockfinstere Nacht angebrochen, als die Argonauten hörten, wie dort jetzt krampfhaft gearbeitet wurde. Balken krachten, Bretter klappten zusammen.

Vierhundert Menschen — oder sollten es jetzt noch dreihundertfünfzig sein — die können ja etwas schaffen, zumal wenn solche Verzweiflung dahintersitzt. Bis morgen früh konnten sie das Schiff recht gut ausgeschaufelt haben, mit ihrem letzten Kohlen- oder Petroleumvorrat wieder unter Dampf in die freie See gegangen sein.

Und was wollten denn die Argonauten dagegen tun?

Ja, sie konnten sie beschießen, Salvenfeuer abgeben.

Die Richtung wußten sie ja. Aber es hat sich doch etwas, so in die finstere Nacht hineinzuschießen. schießen kann man wohl, aber mit dem Treffen hat es dann seine Schwierigkeit. Wenn jeder vielleicht noch über dreißig Patronen verfügte, die waren dann gar bald verplatzt, und der Erfolg war ein ganz minimaler; denn das die Piraten auch nicht das geringste Licht zeigten, das braucht wohl nicht erst betont zu werden.

Oder im Sturme angreifen!

»Wegen dieser Verbrecher setze ich auch nicht das Leben unseres Telleraufwäschers aufs Spiel!« hatte der Waffenmeister gesagt.

Doch dieses Klappern von Balken und Brettern hatte überhaupt erst angefangen eine Viertelstunde nach Anbruch der Nacht, jetzt wurde dieses Material erst an Deck geschafft, als es sich schon zeigte, wie die Argonauten die Sache zu handhaben gedachten.

Da kam von den Südriffen her etwas Weises, intensiv Leuchtendes, mit einem schwachen Knalle durch die Luft gesaust. Die Seeleute unter den Piraten wußten sofort, was es war.

Eine der Magnesiumraketen, von denen die Brigg bei Abfahrt von jedem Hafen ein voll Dutzend vorschriftsmäßig an Bord gehabt haben mußte.

Wie hatte Kapitän Baslare nur an diese Magnesiumraketen nicht denken können? Nun, man vergißt manches so leicht.

Und der Waffenmeister der Argonauten hatte es nicht für nötig befunden, ihn darauf aufmerksam zu machen, wie auch die nächtliche Arbeit gestört werden konnte.

Solch eine Magnesiumrakete brennt dort, wo sie aufschlägt, etwa fünf Minuten lang, auch auf dem Wasser, einen Umkreis von wenigstens hundert Metern intensiv beleuchtend. Schlägt sie auf einen festen Gegenstand zu heftig auf, so Zerplatzt die eigentliche Leuchtkugel, der Feuerwerkssatz spritzt umher, macht dadurch den Beleuchtungseffekt nur noch wirksamer.

So war es auch hier. Der Glühstoff war gerade gegen den Schiffsrumpf geschlagen, ein Funkenregen, dann brannten die einzelnen Teile im Sande weiter, Tageshelligkeit verbreitend.

Und dort an dem Schiffsrumpfe wimmelte es von Menschen, die erst einmal die Schaufeln in Bereitschaft setzten, die Balken und Bretter waren noch nicht herabgeworfen worden, befanden sich noch an Deck.

»Schnellfeuer!«

Die Salven krachten.

Und dasselbe geschah auch auf die Steuerbordseite, von den Nordriffen her; nur das sich hier die Rakete noch vor dem Schiffe im Sande gebettet hatte, aber ebenfalls ihren Zweck vollkommen erfüllend.

Heulend suchten die Piraten wieder das Deck zu gewinnen. Nur wenige besaßen die Geistesgegenwart und Klugheit, sich lieber flach in den Sand zu werfen.

Die verzweifelte Hast der einen und die Klugheit der anderen war ganz unnötig gewesen. Wieder hatten sich die Argonauten mit dieser einen Lektion begnügt, mit einer einzigen Salve. Sie hatten ja gar nichts davon, diese Verbrecher hier wegzuschießen, lebendig wollten sie sie haben, um sie dort auszuliefern, wohin sie gehörten.

Jedenfalls aber hatte diese Lektion genügt. Die Piraten machten während der ganzen Nacht keinen Versuch mehr, das Schiff ausgraben zu wollen. zumal sie bald merkten, das die Feinde nicht nur über das eine Dutzend Magnesiumraketen verfügten, das die Brigg laut Vorschrift an Bord haben mußte und noch nicht angerissen hatte.

In ganz unregelmäßigen Pausen, so das man die Zeit nie bestimmen konnte, jedenfalls aber mindestens aller zehn Minuten kam von hüben, wie von drüben solch eine Leuchtkugel geflogen, Tageshelligkeit verbreitend.

Woher die Brigg über so viel Leuchtraketen verfügte? Nun, sie war doch für ihre Fahrt nach dem Sunda-Archipel mit sogenanntem Stückgut befrachtet gewesen, das man aber in diesem Falle lieber Tauschgut nennen sollte. Sie war von einer kleinen Koralleninsel zur anderen gefahren, um von den Eingeborenen die während des ganzen Jahres aufgehäufte Kopra aufzukaufen, das heißt einzutauschen, gegen als das, was diese Insulaner bedürfen und was ihr Herz sonst erfreut. Dazu gehört auch Feuerwerk aller Art. Aber auch bei solchen Eingeborenen kann sich der Geschmack einmal schnell ändern. Die diesmalige Nachfrage nach Raketen, Fröschen, bengalischen Zündhölzern und dergleichen war nur gering gewesen, am stärksten waren kleine automatische Figuren begehrt worden, mit denen Kapitän Biester Zwar ebenfalls hatte dienen können, aber mit zehn Kisten Magnesiumraketen, jede zu Zwölf Dutzend, war er doch hängen geblieben. Also da brauchte man jetzt nicht mit solchen Leuchtraketen zu sparen, man würde auch noch für die nächsten Nächte genug haben.


Es war nachts gegen Zwei Uhr.

Auf der Hauptstation am Waldesrand brannten einige Feuer, natürlich so geschützt, das ihr Lichtschein den Piraten nicht etwa als Zielobjekt dienen konnte. Zwar hatten sie noch keine Revolverkanone und kein Schnellfeuergeschütz abgeschossen, aber das konnte doch noch geschehen. Da schlugen draußen in der Finsternis wütend einige Hunde an.

»Das war Pollux, er hat jemanden gefaßt und gestellt,« konnte Juba Riata sofort erklären, »und auch Pluto hat in solcher Weise angeschlagen.«

Die dazu abgeteilten Leute waren schon draußen auf der Sandbank, bald kehrten sie zurück, Zwei Männer zwischen sich führend.

Verwilderte Gestalten, beide wohl noch ziemlich jung, ihre braunschwarz verbrannten Gesichter aber ganz ausgemergelt, von zahllosen Falten durchzogen.

»Hallo, das sind doch Deutsche!« rief der Waffenmeister sofort, als er die beiden im Scheine des Feuers sah.

»Landsleute, rettet uns, wir sind unschuldig!« erklang es zurück.

Diese Beteuerung kam nicht unerwartet.

Ja, es war schon über solch eine Möglichkeit ausführlich beraten worden.

Konnten sich unter den vierhundert Sträflingen nicht welche befinden, die ganz unschuldig verurteilt worden waren? Bei denen es angebracht war, sie in Schutz zu nehmen, sie in Freiheit zu setzen? Auch wenn man dadurch mit der französischen Regierung in Konflikt kam?

Mit dieser letzteren Möglichkeit hätten sich die Argonauten schon abzufinden gewußt.

Aber die Sache hatte einen anderen bösen Haken.

Wenn man gefragt hätte: »Ist einer von Euch unschuldig zur Deportation nach Neukaledonien verurteilt worden?« — Na, sie wären natürlich alle unschuldig gewesen! Und wie sollte man denn ihre Behauptungen widerlegen, sie ihrer Schuld überführen?!

Nein, auf diese Weise ging die Sache nicht.

Man mußte abwarten, ob vielleicht Überläufer kamen, die von selbst ihre Unschuld behaupteten. Die Möglichkeit in solch einer finsteren Nacht war zum heimlichen Überlaufen vorhanden; dann wollte man weiter sehen. Anders war es nicht zu machen.

Und nun also waren die ersten beiden Überläufer gekommen, um ihre Unschuld zu beteuern; Zwei Deutsche.

»Wir sind zwei —«

»Still!« gebot Georg sofort. »Ihr habt kein einziges Wort zu sagen, nur zu antworten, wenn Ihr gefragt werdet!«

Er musterte die beiden eingehender.

Einen sympathischen Eindruck konnten diese verwilderten Gestalten mit den ausgemergelten, verlebten Gesichtern unmöglich machen.

Wenn sie etwa glaubten, sofort Entgegenkommen zu finden, weil sie deutsche Landsleute waren, so sollten sie sich geirrt haben. Ein Verbrecher ist ein Verbrecher.

Ob das scharfe Auge des Waffenmeisters, der ja in der Seele lesen können wollte, sonst etwas an ihnen entdeckte, das sei dahingestellt

»Wie heißt Du?« wandte er sich dann an den einen. »Nichts weiter als den Namen!«

»Sörop — Chrischen Sörop.«

Schon seine Aussprache verriet den Norddeutschen, auch der Familienname Christian Sörop — also Christian Sirup. Das ganz oben in Norddeutschland Familiennamen sehr häufig sind, die sich aufs Essen und Trinken beziehen, ist ja schon einmal erklärt worden, für diejenigen, die es nicht selbst kennen. Auch Sörop ist gar kein seltener Name, dort oben gar nicht auffallend. Ein Professor Doktor Sörop hat in Deutschland zuerst die Zahnpraxis in das Gebiet der wissenschaftlichen Ärzte aufgenommen.

»Wohl aus Rostock?« fragte Georg, diese norddeutsche Aussprache des Namens gleich noch besser heraushörend.

»Jawohl, Herr·«

»Was von Beruf?«

»Gärtner.«

»Und wie heißt Du?« wandte sich Georg jetzt erst an den anderen.

»Bowiedel — Nepomuk Bowiedel.«

»Bowiedel?!« wiederholte Georg mit ganz besonderem Gesicht.

Und dann brach er erst einmal in ein herzliches Lachen aus, für die anderen ganz unverständlich. »Du bist wohl ein Böhmake?«

»Jawohl, Herr, Deutsch-Böhme. Aus Bodenbach.«

»Dacht ich mir’s doch!« lachte Georg noch immer. »Das der da Sirup heißt, das kann mich ja wenig irritieren — aber nun der andere Bowiedel — Sirup und Pflaumenmus — nee, das ist doch ein starkes Stückchen!«

Er gab den anderen eine Erklärung. Es war ein Zufall, das er es konnte. Weil er einmal mit einem Deutschböhmen zusammengefahren war, der sich bei Gelegenheit dieses Wortes bedient hatte; denn mancher Sachse wohnt dicht an der böhmischen Grenze und weiß nicht, das dort drüben unser Pflaumenmus Bowiedel genannt wird. Das ist also nicht etwa tschechisch, sondern gut deutsch. Woher dieses Wort Bowiedel kommt — ja, weshalb nennen wir denn die bei der Zuckerfabrikation übrig bleibende Masse Sirup?

»Also Sirup und Pflaumenmus? Na da erzählt mal. zuerst Du, Chrischen Sörop. Weshalb bist Du von Frankreich aus nach Neukaledonien geschickt worden?«

»Wir haben alle beide unseren Korporal totgeschlagen.«

»Was?!« stutzte Georg. »Den Korporal totgeschlagen? Alle beide?«

»Ja, Herr. Bowiedel hat ihm mit dem Gewehrkolben den Schädel eingeschlagen und ich habe in demselben Augenblick dem Hund das Bajonett zwischen die Kaldaunen gerannt.«

»Wo denn?!«

»Bei der Oase Sirping.«

»Wohl in der Fremdenlegion?«

»Ja, Herr.«

»Aha! Wohl beim Strafexerzieren?«

»Ja, Herr.«

»Aha! Hab ich mir nun doch gleich denken können. Ja, Kinder, da seid Ihr aber doch nicht unschuldig verurteilt worden.«

»Wir sind unschuldig.«

»Na wie denn nur?«

»Herr, haben Sie einmal drei Stunden Strafexerzieren in der französischen Fremdenlegion, oder auch nur eine einzige, unter dem Korporal Lablanc vom zweiten Bataillon, und die Gelegenheit ist gerade günstig, Sie sind allein mit ihm, niemand sieht’s — ob Sie den Hund nicht auch totschlagen und sich dann ganz unschuldig fühlen!«

Es war ein großes Wort gewesen, was da ausgesprochen worden war.

Die meisten der Umstehenden wußten es zu würdigen.

Denn gerade Seeleute kommen ja so oft mit französischen Fremdenlegionären zusammen, mit entlassenen, aktiven oder desertierten, bekommen zu hören, was es heißt, in der französischen Fremdenlegion zu dienen, und so etwas muß man sich eben persönlich erzählen lassen. Das geschriebene Wort ist ja tot.

»Was habt Ihr ausgefressen, das Ihr erst in die Fremdenlegion eingetreten seid?«

»Wir haben gar nichts ausgefressen.«

»Weshalb seid Ihr denn eingetreten? Erzähle erst Du einmal, Sörop.«

Der konnte auch gleich für den anderen sprechen; denn die beiden waren immer zusammen gewesen.

Vor ungefähr zwei Jahren hatten sie sich kennen gelernt, in Straßburg, auf der Walze, also als reisende Handwerksburschen, der Gärtner Christian Sörop aus Rostock und der Tischlergeselle Nepomuk Bowiedel aus Bodenbach waren weiter zusammen durch Elsas gewandert, der Arbeit vorläufig noch aus dem Wege gehend, weil sie eben noch Geld bei sich hatten, trotz alledem natürlich fechtend, Klinken putzend.

Eines Abends waren sie in ein Grenzstädtchen gekommen, noch auf deutscher Seite liegend, und da war es ihnen gegangen, wie es schon manchem Deutschen ergangen ist und noch manchem Deutschen ergehen wird.

Ein jovialer Herr, der den deutschen Patrioten markierte, dem auch nicht der geringste französische Dialekt anzumerken war, hatte sie in einer Wirtschaft traktiert, hatte ihnen die Spirituosen, vor allen Dingen den Absinth, immer nur so eingepumpt — und wie sie am anderen Tage erwachten, aber noch immer halb betäubt, da waren die beiden mit noch einigen anderen schon auf französischem Boden gewesen, die Papiere wurden ihnen vorgelegt, laut deren sie sich durch eigenhändige Unterschrift zum fünfjährigen Dienst für die Fremdenlegion in Algerien verpflichtet hatten.

Keine Ahnung von dieser Unterschrift! Nee, da machen wir nicht mit.

Nicht? Schon war Gendarmerie zur Stelle. Mit Gewalt nach Nancy abgeführt, weiter nach Marseille, per Schiff nach Algier hinüber.

Eingekleidet, und nun ging es los. Die beiden Freunde waren in ein und dasselbe Bataillon, in ein und dieselbe Korporalschaft gekommen.

Sie konnten erzählen von den fürchterlichen Strapazen der Rekruten, wie sie bis aufs Blut kujoniert und maltraitiert würden, von dem Strafexerzieren, von stundenlangem Laufschritt im glühendsten Sonnenbrande, von den Arrestzellen unter der Erde, und all diese Strafen für Vergehen, die absolut nicht zu vermeiden sind, für die man gar nichts kann.

Ein ganzes Jahr hatten es die beiden ertragen, hatten es ertragen müssen. Da hatten sie einen neuen Korporal bekommen, der es besonders auf die Deutschen noch ganz anders abgesehen hatte.

Weil dem Bowiedel die Halsbinde gestohlen worden war, hatte er drei Stunden Strafexerzieren erhalten, und Sörop erhielt dieselbe Strafe, weil er für seinen Freund ein entschuldigendes Wort eingelegt hatte.

»Wartet, Ihr deutschen Kanaillen, ich will Euch zeigen, was es heißt, in der französischen Armee zu dienen!«

Und der Korporal hatte es ihnen gezeigt, dort in der einsamen Wüste neben der Oase, in der größten Mittagshitze.

Eine halbe Stunde lang hatte er es ihnen gezeigt. Dann war er von den beiden vom Leben zum Tode befördert worden.

»Und wir hatten uns nicht etwa verabredet, mit keinem Wörtchen! In demselben Augenblick, da Bowiedel ihm mit dem Gewehrkolben den Hirnkasten einschlug, rannte ich ihm das Bajonett in den Leib. Ich wußte gar nicht, das Bowiedel schon das Gewehr herumgedreht hatte.«

»Nun und was weiter?«

Niemand hatte es gesehen. Sie verscharrten die Leiche im Sande und machten sich auf und davon. Über die nicht weit entfernte marokkanische Grenze wollten sie kommen. Was sie während Zweier Tage ohne Wasser und Proviant in der Wüste durchgemacht hatten, dabei hielt sich der Erzähler jetzt nicht auf. Sie kamen denn auch über die Grenze, die Halbverschmachteten wurden von marokkanischen Arabern gefunden. Die verpflegten sie gut und lieferten sie der nächsten französischen Garnison aus, um sich die hundert Franken zu verdienen; denn auf jeden kurzgeschorenen Kopf eines desertierten Fremdenlegionärs ist eine Prämie von fünfzig Franken ausgesetzt. In Algier und Umgegend wird kein Europäer kurzgeschorenes Haar tragen; man kommt zu leicht in den Verdacht, ein desertierter Soldat zu sein.

Natürlich kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt! Die Leiche des Korporals war doch bald gefunden worden.

Da wechselten in Frankreichs gerade die Präsidenten, und wie immer begnadigte der Neugewählte alle Todeskandidaten, an denen das Urteil noch nicht vollstreckt worden.

Deportation nach Guinea, nach der Teufelsinsel, für Lebenszeit.

Die Teufelsinsel aber war schon überfüllt, ausnahmsweise wurden auch vom Kriegsgericht Verurteilte einmal nach dem australischen Neukaledonien geschickt.

»Erst nachdem das Urteil rechtskräftig geworden war, hörte unsere Leidenszeit auf!« schloß Sörop seinen Bericht. »Denn was wir während der langen, langen Untersuchung durchgemacht haben, wie wir maltraitiert worden sind, das kann ich Ihnen gar nicht erzählen. Sie würden’s gar nicht glauben. Gottlob, nun sind wir gerettet!«

»So, inwiefern denn?« fragte der Waffenmeister kaltblütig zurück. »Habt Ihr Euren Korporal nicht tatsächlich ermordet? Ihr seid nach Gesetz und Recht zum Tode verurteilt worden, was auf dem Wege der Gnade in lebenslängliche Deportation umgewandelt worden ist. Unsere Pflicht ist es, Euch wieder den französischen Behörden auszuliefern.«

So sprach Georg.

Es war ja auch tatsächlich ein ganz merkwürdiger Fall, der hier vorlag.

Ja, die Argonauten hatten schon mit der Möglichkeit gerechnet, das unter jenen Sträflingen auch ganz Unschuldige sein könnten, darüber war bereits beraten worden. Nun aber stellten sich hier Zwei Mann, welche ganz offen zugaben, einen Mord begangen zu haben, wofür sie doch wirklich den Tod oder eine entsprechende Strafe verdient hatten.

Aber nun freilich — was jetzt diese letzten Worte des Waffenmeisters auf die beiden für einen Eindruck machten! Dieses ungläubige Starren, diese plötzlich ganz verzweifelten Gesichter!

Und ganz ähnliche Gesichter machten auch die umstehenden Argonauten, die starrten ebenso ihren Waffenmeister an.

Unter den Umstehenden, die den Bericht mit angehört, befand sich auch der Segelmacher, der als Führer der einen Schützenkette einmal abgelöst worden war, und der war wie gewöhnlich der erste, der seiner Meinung Luft machen mußte.

»Bei Gottes Tod, Waffenmeister,« rief er, »wenn Ihr diese beiden wieder ausliefern wolltet —«

Er kam nicht weiter.

»Ruhe da!« donnerte ihn der Waffenmeister an, auch die anderen mit seinen blauen Augen anblitzend. »Du wärst der letzte, der hier zu entscheiden hätte!«

Ganz gelassen wandte er sich gleich wieder an die beiden.

»Weil Ihr den Korporal totgeschlagen habt, deshalb liefern wir Euch natürlich nicht wieder aus. Das hätte ich an Eurer Stelle wahrscheinlich ebenfalls getan, jeder von uns, da hattet Ihr ganz recht, als Ihr dies sagtet. Aber es kommt nur darauf an, ob Ihr uns auch die Wahrheit erzählt habt —«

»Herr, wir schwören es —«

»Das mit dem Korporal glaube ich schon; aber Ihr könnt ja auch noch etwas ganz anderes ausgefressen haben.«

»Gar nichts, gar nichts!!«

»Na, so ganz unschuldige Engel werdet Ihr doch nicht sein, schon vorher nicht, ehe Ihr in die Fremdenlegion kamt. Seid Ihr in Eurer Heimat schon einmal bestraft worden?«

»Nein.«

»Noch gar nicht?«

»Nein.«

»Besinnt Euch! Strengt Euer Gedächtnis an, darauf wird später alles ankommen!«

Da gab Bowiedel zu, schon einmal mit drei Tagen Haft wegen Bettelns bestraft worden zu sein, und das konnte er in diesem Falle allerdings wirklich vergessen haben.

»Das ist nichts weiter!« entschied Georg denn auch gleich. »Und wie ist es denn mit Eurer Dienstpflicht in Deutschland, respektive in Osterreich? Ihr müßt damals doch schon dienstpflichtig gewesen sein!«

»Wir haben ja auch alle beide gedient!«

»Sooo? Wo denn?«

Nun, sie hatten eben alle beide ihre drei Jahre schon abgerissen, der eine in Deutschland, der andere in Osterreich, und Sörop war als Unteroffizier der Reserve entlassen worden.

»Sooo!! Das ändert nun freilich die ganze Sache! Das hättet Ihr gleich sagen sollen. Denn jeden desertierten Fremdenlegionär drückte ich nicht etwa an mein Herz, weil es ein Landsmann von mir ist, und wenn es auch an ein eigener Bruder wäre. Etwas faul im Staate Dänemark ist’s doch gewöhnlich. Aber wenn Ihr erst Eurer Dienstpflicht in der Heimat genügt habt — das ist schon etwas ganz anderes, dann glaube ich auch, das Ihr so ganz unfreiwillig zur Fremdenlegion gepreßt worden seid. Na, wir werden die Sache näher untersuchen, ob Eure Angaben stimmen. zu den Piraten zurückschicken tun wir Euch natürlich nicht. Ihr bleibt vorläufig hier und werdet bewacht. Fehlt Euch etwas?«

»Wasser! Wir haben Durst.«

Sie bekamen zu trinken, konnten gleich am Bache niederknien.

»Ist das Wasser auf dem Schiffe schon so knapp?

Sie berichteten.

Gestern abend hatte jeder die letzte Wasserration erhalten, auch schon keine volle mehr.

Kein Tropfen trinkbares Wasser war mehr vorhanden, auch kein Wein und dergleichen, woran man den Durst hätte löschen können.

Der Weinvorrat der »Argos« war während des langen Aufenthalts in dem sibirischen Thale doch stark angegriffen worden, und mit den letzten Flaschen hatten die vierhundert Sträflinge zuerst natürlich nicht gespart.

Spirituosen aller Art hingegen waren noch in Menge vorhanden gewesen, aber mit Rum und dergleichen kann man einmal doch nicht den Durst löschen, und dann war gleich in den ersten Tagen, als einmal seine große Ausschreitung vorgekommen, dieser ganze Vorrat von Spirituosen mit so ziemlich allgemeiner Übereinstimmung vernichtet worden.

An Kohlen und Petroleum mochte noch so viel vorhanden sein, das man vielleicht Zweihundert Seemeilen dampfen konnte. Der Destillierapparat war unheilbar kaput. Und sich einen anderen zu konstruieren, auf irgend welche Weise Seewasser zu destillieren, das ist leichter gesagt als getan. Wäre das so einfach, dann würden doch nicht auch heute noch die Mannschaft von Segelschiffen in die Gefahr des Verschmachtens kommen. Sind auch die Kohlen für die Kombüse verbraucht, Holz wird es doch noch immer an Bord geben, man könnte die letzte Bank verfeuern, den letzten Holzeimer, mit Beilage von Holzspeck — aber es ist eben nicht so einfach, Wasser zu kochen und den Dampf wieder zu kondensieren.

So hatten die beiden berichtet, von dem Waffenmeister befragt.

Morgen oder vielmehr heute schon mußte sich das Schicksal der Piraten entscheiden.

»Was wollen sie nun anfangen? Schmieden sie nicht irgendwelche Pläne?«

Nein, bis vorhin hatte noch keine Beratung stattgefunden.

»Wo ist der letzte Kutter geblieben?«

In der vorigen Nacht hatten sich mit ihm ein Dutzend Sträflinge heimlich entfernt. Das jetzt so etwas auch noch mit der letzten Jolle geschah, überhaupt mit dem letzten Boote, das war völlig ausgeschlossen.

»Gibt es unter den Sträflingen welche, die Ihr für unschuldig haltet, die beteuern, das sie unschuldig verurteilt worden wären?«

Die beiden wußten nichts davon. Die Nacht verging.

Immer ab und zu eine Magnesiumrakete, welche das Schiff und die ganze Umgebung mit blendendem Lichte übergoß und immer einmal wurden die Piraten mit tödlichen Schüssen belehrt, das es von hier kein Entrinnen gab.

Der Tag brach an, und noch war die Sonne nicht hoch gestiegen, als die Piraten eine weiße Flagge hißten. Sie wollten nicht die Qualen des langsamen Verschmachtungstodes erst kosten, sie ergaben sich auf Gnade und Ungnade.

Einiges Parlamentieren hin und her, dann schritten immer zehn Mann über die Sandbank dem Waldessaume zu, wurden in Empfang genommen und gebunden.

Aber die Argonauten sollten auch von dieser langwierigen Arbeit verschont bleiben.

Erst der dritte Trupp war unschädlich gemacht worden, als ein Dampfer gesichtet wurde, den man bald als ein großes Kriegsschiff erkannte, und als man sich durch Flaggensignale verständlich machen konnte, stellte er sich als eine französische Panzerkorvette vor.

Dieses Kriegsschiff kam wie gerufen. Es wurde kurz benachrichtigt, eine genügende Anzahl Matrosen landete in Booten und nahm den Argonauten die letzte Arbeit ab.

Sörop und Bowiedel wurden natürlich nicht ausgeliefert. Sie brauchten auch nur unsichtbar zu bleiben, dann wurden sie nicht einmal vermißt. Sie konnten sich ja unter den siebenundsechzig Toten befinden, welche diese einzige Nacht gekostet hatte, und diese Leichen waren nicht so leicht mehr zu rekognoszieren.

Das französische Kriegsschiff fuhr mit den dingfest gemachten Sträflingen wieder ab, es hatte genügend Kohlenvorrat abgegeben, und am nächsten Tage konnte auch die »Argos« die Sandbank wieder verlassen.

Es ging nach Pontiniak, wo man sich neu ausrüstete und die Schiffbrüchigen, wie auch die beiden Deserteure an Land setzte, und auch letztere beide durften, mit genügend Mitteln versehen, sich in Sicherheit fühlen.


138. KAPITEL.
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER.

Seit Wochen schon kreuzte die »Argos« im Indischen Ozean, ohne ein Ziel zu haben.

Die Argonauten gaben sich ganz dem Genusse hin, ihr Schiff wieder zu haben, sie turnten und spielten, lebten ganz wie in ihrer ersten, schönsten Zeit, dieses köstliche Leben zur See war vollkommener Selbstzweck, niemand dachte daran, das sie hieran einmal die Lust verlieren könnten.

Eine Sturmnacht stand bevor.

Das war nach ständig schönem Wetter ja nun allerdings einmal eine angenehme Abwechslung, weil so etwas nun einmal zum Seeleben gehört, wenn es einen ganzen Mann erfordern soll.

Und dieses Vergnügen sollten sie denn auch haben. Der Sturm pfiff aus Osten, wie man es sich besser gar nicht wünschen konnte. Mit gerefften Sturmsegeln flog die »Argos« in dem inselfreien Wasser dahin, und wenn das so bis morgen mittag anhielt, konnte sie dann schon das Kap der guten Hoffnung passiert haben, sich zur Abwechslung im Atlantischen Ozean befinden.

Und um das »Vergnügen« vollzumachen, kam man jetzt auch noch in ein Gewitter. Ohne das es einen Regenguß gab, wurden die schwarzen Wolken unaufhörlich von Blitzen Zerrissen, manchmal stand das ganze Firmament in Flammen, unaufhörlich krachte der Donner.

In seinen Ölmantel gehüllt, stand Georg neben Kapitän Martin auf der Kommandobrücke, gab sich ganz diesem elementaren Genusse und dem seiner kurzen Pfeife hin.

Doch jetzt war diese gerade erloschen, gab keinen Rauch mehr. Feuer oder Tabak waren ausgegangen.

Georg trat in das Kartenhaus und stopfte frisch.

»Schiff voraus Zwei Strich steuerbord!!« sang da langgedehnt der Mann auf dem Ausguck, dessen Stimme man in einer Donnerpause eben noch vernehmen konnte.

Schnell sprang Georg wieder hinaus, blickte in die bezeichnete Richtung.

Nichts als pechfinstere Nacht, und gerade jetzt wollte sie kein Blitz mehr erhellen.

»Was war’s?«

»Haben Sie es nicht gesehen?« fragte Kapitän Martin.

»Nein. Ich war gerade im Kartenhaus«

»Schade. ’s war ein bannig feiner Anblick. Ein vollgetakelter Fünfmaster, der sich uns da plötzlich präsentierte.«

Aller Augen, die es selbst nicht gesehen, wandten sich der bezeichneten Richtung zu, um im Blitzschein den Anblick des vollgetakelten Fünfmasters, sicher ein amerikanischer Chinafahrer, zu bekommen.

Aber es blieb dabei: es war, als ob es der letzte Blitz gewesen, kein Zweiter wollte die Nacht erhellen.

Nur am südlichen Horizont, jener Richtung gerade entgegengesetzt, wetterleuchtete es noch manchmal. Doch die dortige Erleuchtung kam für die Steuerbordseite nicht mehr in Betracht. Auch die Feuer des gesichteten Seglers waren nicht zu sehen, das war bei diesem Seegange nicht zu verlangen, und wer wußte, wie weit der Fünfmaster entfernt gewesen. In solch einem Blitzlicht, so deutlich es auch alles erscheinen Läßt, das ein einziger Moment wie mehrere Sekunden wirkt, ist ja gar keine Entfernung zu taxieren.

»Ja, diese Yankees,« nahm Kapitän Martin wieder das Wort, »vor fünfzig Jahren wurde in der Phantasie dem letzten Segler schon die Totenglocke geläutet, heute bauen die Yankees bereits Siebenmaster — was ist denn los?!«

Er war plötzlich von dem Waffenmeister mit eisernem Griff am Arme gepackt worden.

»Da — da — haben Sie ihn gesehen?!« stieß Georg in größter Erregung hervor, dabei nach Süden deutend.

»Wen denn?«

»Den fliegenden Holländer!«

»Ach machen Sie keinen Schnack!«

»Bei allem, was lebt — es war eine alte holländische Kogge, die ich dort ganz deutlich stehen sah, im Scheine zweier dicht aufeinander folgender Wetterblitze.«

»Einen alten holländischen Segelkasten? Das kann schon möglich sein.«

»Eine holländische Kogge aus dem 17. Jahrhundert, mit ungeheuer hohem Vorder- und Hinterkastell, wie es solch einen Schiffstyp heute im entferntesten nicht mehr gilbt.«

»Ach, machen Sie keinen Schnack!« wiederholte Kapitän Martin. »Sie haben nur eine Vision gehabt. Weil wir hier in den Gewässern sind, wo der fliegende Holländer spuken soll; daran haben Sie im Moment gedacht und da haben Sie die Erscheinung vor Ihren geistigen Augen gehabt.«

»Es tut mir leid, das ich vom fliegenden Holländer gesprochen habe!« entgegnete Georg ruhig, wieder ganz gefaßt. »An diesen glaube ich nicht, aber das ich eine holländische Kogge vom Typ des 17. Jahrhunderts dort im Süden ganz deutlich erblickt habe, das ist eine Tatsache, die ich mir nicht ausreden lasse.«

Mit diesen Worten verließ Georg die Kommandodrücke, gerade als die Schiffsglocke acht Glasen schlug. Mitternacht.

»He, Jungens,« wandte er sich unten an die abziehende Wache, »hat jemand auf Backbordseite, genau im Süden, noch ein anderes Schiff erblickt?«

Nein, niemand. Sie alle hatten ja nach Norden gesehen, um noch einmal den Fünfmaster zu erblicken.

Die abgelöste Wache begab sich ins Logis, bald gesellte sich auch der Mann vom Ruder bei, der also auf der Kommandobrücke gestanden.

»Hört, Jungens,« war dessen erstes Wort, »der Waffenmeister hat den fliegenden Holländer gesehen!«

Ja, man befand sich gerade in den Gewässern, in denen der fliegende Holländer kreuzen sollte.

Die gangbarste Sage über dieses Seegespenst, die aber nichts mit der Behandlung durch Richard Wagner zu tun hat, ist folgende:

In der Mitte des 17. Jahrhunderts lebte ein holländischer Kapitän Peter van Straten, ein tüchtiger Seebär, ein ganz guter Mensch, der aber an nichts glaubte, ein Freigeist, was er auch dadurch bewies, das er seinem Dreimaster den ganz unchristlichen Namen »Hekuba« gegeben hatte — das war die Gattin des trojanischen Königs Priamus — und das er mit Vorliebe an einem Freitag den Hafen verließ.

Jahrelang war alles gut gegangen. Da, bei seiner letzten Fahrt ließ sich van Straten verleiden, sogar an einem Karfreitag von Amsterdam abzusegeln.

Die Fahrt sollte nach Ostindien gehen.

Wieder wurde er bis zum Kap der guten Hoffnung vom besten Wetter begünstigt.

Da aber setzten widrige Ostwinde ein, die »Hekuba« kam nicht um das Kap herum.

Alle anderen Schiffe suchten den nächsten Hafen auf, nur van Straten wollte von so etwas nichts wissen, seinen starrköpfigen Willen durchsetzen.

Wohl Zwei Wochen vergingen und Kapitän van Straten kreuzte noch immer vergebens gegen den Wind an. Bis er einen furchtbaren Schwur tat, seine Seele dem Teufel verschrieb, obgleich er doch gar nicht an ihn glaubte, oder er brauchte den Teufel ja auch gar nicht anzurufen.

»Und wenn ich auch bis in alle Ewigkeit hier kreuzen sollte, ich gebe nicht nach, als bis ich das Kap umsegelt habe!«

So rief er — da rutschte er sofort glatt um das Kap herum in den Indischen Ozean hinein; nun aber kam er erst recht nicht weiter — nun muß er hier für alle Ewigkeit kreuzen.

Das Schiff, das den fliegenden Holländer erblickt, immer in der Nacht, besonders in einer stürmischen Gewitternacht, ist rettungslos verloren. Es braucht Zwar nicht mit Mann und Maus unterzugehen, aber das Schiff selbst erreicht niemals wieder seinen Heimathafen.

Das ist die gangbarste Lesart dieser Sage, wie sie noch heute unter den Seeleuten Zirkuliert, die auch den Namen des Bootsmannes und jedes einzelnen Matrosen kennen.

Ob man noch heutzutage an so etwas wirklich glaubt?

Ja und nein.

Die Sache ist nämlich gar nicht so einfach.

Diese ganze Sage ist von Richard Wagner Zwar viel romantischer behandelt worden, aber den tiefen Sinn, der dieser Sage zugrunde liegt, hat er nicht gekannt.

Denn ein wirklich tiefer, symbolischer Sinn liegt ihr zugrunde.

Es kommt dabei das in Betracht, worüber schon einmal gesprochen worden ist, und was man am besten in die guten, deutschen Worte kleiden möchte: Halt’s Maul! Wenn Du ein Geheimnis weist — sprich nicht darüber!

Nach der allgemeinen Ansicht aller sachverständigen Seeleute wird dieses Gespensterschiff nämlich niemals von allen oder von mehreren oder nur von zweien, sondern immer nur von einem einzigen Manne gesehen.

Kann dieser seinen Mund halten, dann hat die Begegnung, der gehabte Anblick gar nichts auf sich.

Sobald er aber anfängt zu »babeln« — ich habe den fliegenden Holländer gesehen! Habt Ihr ihn nicht gesehen? Dann ist das Schicksal seines Schiffes besiegelt.

Der fliegende Holländer spukt noch immer dort unten.

Die heutigen Seeleute wissen noch nichts von seiner Erlösung durch eine Senta oder durch sonst etwas.

Seine Erlösung soll noch einmal kommen, aber bisher ist es noch nicht geschehen.

Denn noch jeder, der ihn erblickt, hat »gebabelt«.

Es ist die Kraft der Wahrung eines Geheimnisses in innerster Brust, welche die Erlösung bewirken soll. Ein Gegenstück vom ersten Sündenfall im Paradiese.

Ja, sie glauben noch heute daran, die Seeleute; wenn auch nur in dem Sinne, wie hier geschildert, auch wenn sie es nicht weiter mit Worten definieren können. Es ist nur etwas Imaginäres, das dort unten sein Wesen treibt, der Betreffende hat nur eine Vision gehabt — aber auch hierüber muß er sein Maul halten können!

So wird noch heute jeder Schiffsjunge und jeder Mann, der seine erste Reise um das afrikanische Kap macht, von Erfahrenern belehrt. Passagiere können das Seegespenst überhaupt nicht sehen. -

»Hört, Jungens, der Waffenmeister hat den fliegenden Holländer gesehen!«

Das war das erste Wort gewesen, das Paul, der Matrose, der vom Ruder abgelöst worden, gerufen hatte, als er ins Mannschaftslogis gekommen war.

Georg saß in seiner Kabine.

Er wußte nicht, was er von alledem denken sollte. Er kannte doch die ganze Sage und alles, was damit zusammenhängt.

Und er hatte dieses alte holländische Schiff, als er zufällig einmal nach Süden geblickt, wirklich gesehen!

Ganz deutlich!

Daran war gar kein Zweifel.

Zwei Blitze hatten kurz hintereinander am fernen Horizonte gezuckt, und ganz, ganz deutlich hatte er das merkwürdige Schiff mit dem holländischen Typ des 17. Jahrhunderts erblickt, mit drei rahenlosen Masten, mit außerordentlich hohem Vorder- und Hinterkastell, mit Stückpforten — eben das ganze Schiff der echte holländische Typ aus dem 17. Jahrhundert.

Man braucht gar nicht viel solche Bilder gesehen zu haben, um das doch gleich erkennen zu können; wenigstens gilt das für den Seemann. Was der in den alten Hafenstädten für Schiffsmodelle zu sehen bekommt, als Wappen überall an Haustüren und über Geschäftsläden!

Eine Vision?

Ganz ausgeschlossen!

Georg konnte daran schwören, dieses Schiff wirklich gesehen zu haben.

Oder man müßte erst einmal erklären, was das überhaupt ist, eine Vision.

Und natürlich hatte er sofort an die Sage vom fliegenden Holländer gedacht.

Und er hatte es gegen Kapitän Martin ausgesprochen.

»Ich habe den fliegenden Holländer gesehen!«

Und der Matrose Paul hatte am Ruder gestanden.

Und der hatte es gehört, und das der es nun gleich im Mannschaftslogis erzählte, das war ja ganz selbstverständlich.

Er, der Waffenmeister der Argonauten, hatte »gebabelt«.

Natürlich war ja gar nichts dran an der ganzen Geschichte, aber . . . es war zu ärgerlich!

Ja, hatte er denn aber dieses alte holländische Schiff nicht wirklich gesehen?

Georg wußte gar nicht mehr, was er davon denken sollte, und da machte er es kurz, legte sich zur Koje und Zog die Decke über die Ohren.

Seine glückliche Natur sorgte denn auch dafür, das er schnell in tiefen Schlaf fiel, ohne das ihm der fliegende Holländer im Traume erschienen wäre.

Als er erwachte, war seine Kabine schon von dem durch das Bollauge dringende Tageslicht erfüllt. Allerdings ein recht trübes Licht. Der Sturm hatte sich ausgetobt, es herrschte Windstille, dafür lagerte ein dicker Nebel über der nur mäßig rollenden See.

»Was war das nun heute nacht mit der holländischen Kogge?« war natürlich des Erwachten erster Gedanke. »Ach zum Teufel — meinetwegen kanns wirklich der fliegende Holländer gewesen sein — ich will nicht mehr daran denken.«

Mit diesem Vorsatze begab sich unser Held, dessen glücklichen Charakter wir ja schon zur Genüge kennen gelernt haben, an Deck.

So neblig war es nicht gerade, das man wie damals nicht die Hand vor den Augen sehen konnte, jedenfalls aber doch ein ganz tüchtiger Nebel. Man befand sich im September, das hatte hier auf der südlichen Hälfte der Erdkugel Ende Winter zu bedeuten, da kommen in dieser Gegend solche Nebel häufig vor.

Aus dem weisen Dunste tauchten ein Paar krumme Beine auf, erst dann, als die Säbelbeine näher marschierten, war auch der mit einem Zylinder gekrönte Oberleib zu unterscheiden. Hieraus erkannte der Sachverständige, das der Nebel durch die Kraft der höher kommenden Sonne schon zu steigen begann.

»Ausgeschlafen, Herr Waffenmeister?« erklang es aus der Wolke.

»Das geht Sie gar nichts an, Doktor, mindestens wäre als erste Frage viel angebrachter, ob ich schon gefrühstückt habe.«

»Sagen Sie mal, Waffenmeister — Sie wollen heute nacht den fliegenden Holländer gesehen haben?«

»Wer hat denn das gesagt?«

»Das ganze Schiff spricht davon.«

»Das ganze Schiff soll der Teufel holen!« rief Georg, ärgerlich, das er sich jetzt von Doktor Isidor aufziehen lassen mußte, und der hörte auch nicht so bald auf.

»Ja, da haben Sie recht, jetzt werden wir auch vom Teufel geholt. Es ist ja möglich, das Sie den fliegenden Holländer gesehen haben, an Ihrer Glaubwürdigkeit Zweifle ich ja gar nicht, aber Sie hätten Ihre Entdeckung für sich behalten sollen . . . «

»Da steht er!« rief da der Verspottete mit ausgestreckter Hand.

Ja, da stand er!

Auf Backbordseite der »Argos« tauchten in dem Nebel die Umrisse eines unförmlichen Schiffes mit drei Masten auf — unförmlich nach unseren heutigen Begriffen mit außerordentlich hohem Vorder- und Hinterteil, überhaupt von ganz plumpen Formen.

Und mit einem Male wurde der Nebel von einem frischen Winde weggefegt, und plötzlich lag es da in goldenem Sonnenlichte, was man soeben erst nur in verschleierten Umrissen gesehen hatte.

Eine alte holländische Kogge, wie der Ausdrucks nun einmal lautet, vom Typ des 17. Jahrhunderts! Er ist zu charakteristisch, als das er verkannt werden könnte.

Das Staunen der an Deckt befindlichen Argonauten und aller derer, die jetzt hervorgestürzt kamen, läßt sich denken.

Also ihr Waffenmeister hatte nicht nur eine Vision gehabt oder hatte die anderen nicht nur »veralbern« wollen, mit seiner Behauptung heute nacht, er habe den fliegenden Holländer oder doch ein entsprechendes Schiff aus alter Zeit gesehen.

Da lag es in Wirklichkeit vor den Augen aller!

Im Scheine der fernen Blitze wollte er es am südlichen Horizonte gesehen haben, die »Argos« hatte bei dem eintretenden Nebel einen mehr südlichen Kurs eingehalten, der Sturm hatte schnell nachgelassen, man hatte aber keine Segel gesetzt, war nicht gedampft — so lag man jetzt der vermeintlichen Vision des Waffenmeisters als einer Tatsache gegenüber, kaum eine viertel Seemeile, einen Kilometer von ihr entfernt. Ja, was sollte man nun von diesem rätselhaften Schiffe denken?

Vor allen Dingen muß betont werden, das niemand vom fliegenden Holländer sprach. An diesen denken mochte ja wohl jeder, aber aussprechen tat es niemand, jeder hätte sich geschämt, und das war dann auch nur so eine Ideenverbindung, im Grunde seines Herzens glaubte doch niemand an solch einen Teufelsspuk, der hier auch noch den goldenen Strahlen der Morgensonne stand halten sollte.

»Well,« nahm Kapitän Martin als erster das Wort, »das ist so ein alter Kasten, der nach einem anderen Hafen überführt werden sollte, der Bugsierdampfer hat ihn heute nacht aus dem Schlepptau verloren.«

Er sprach die Meinung aller aus, wenn auch niemand gleich daran gedacht hatte, das hier so etwas vorliegen könnte. Auch Georg hatte nicht sofort diese Erklärung gefunden, eben weil er gar nicht nach einer solchen gesucht hatte.

Es sind ja noch einige Schiffe aus früheren Jahrhunderten erhalten geblieben, besonders auch Hansakoggen. Leider haben wir Deutschen diese historischen Andenken nicht zu würdigen gewußt. Ehe wir ihren schier unschätzbaren Wert erkannten, sind sie schon von anderer Seite aufgekauft worden, zumal von sammeleifrigen Engländern. Diese Hansakoggen liegen jetzt zum Teil im Londoner St. Katherinen—Dock, in einem kleinen, ummauerten Bassin, einem Wassermuseum, teils sind sie in englischem Privatbesitz, bedürfen ja ab und zu einer Reparatur, aber im allgemeinen hat doch das ausgezeichnete Holz allen Jahrhunderten getrotzt.

Ja, sogar die »Pinta« existiert noch heute, eine der drei Karawellen, mit denen Kolumbus seine erste Fahrt nach dem unbekannten Westen antrat. Bis zum Jahre 1892 lag sie als spanisches Nationalheiligtum im Hafen von Valencia. Als aber nun die Amerikaner das fünfhundertjährige Jubiläum der Entdeckung ihres Landes feiern wollten, da machten die Yankees ein Angebot, dem die armen Spanier nicht widerstehen konnten, und so wanderte diese einzige Rarität nach Neuyork hinüber.

Und bei der Fahrt über den Atlantik geschah es ebenfalls, das der Bugsierdampfer die »Pinta« in einer stürmischen Nacht vom Schlepptau verlor.

Sie wurde am anderen Morgen gleich wieder gefunden, hatte außerdem eine starke Besatzung an Bord.

Wenn dies aber nun nicht der Fall gewesen wäre? Irgend ein Dampfer, auf dem nichts von diesem Vorgange bekannt war, sah da auf dem Meere ein uraltes Schiff treiben? Was hätte man denn da denken sollen? Und nun vielleicht konnte sich der Dampfer ihm nicht nähern, mußte seine Fahrt fortsetzen, oder man hatte das rätselhafte Schiff nur im Nebel erblickt, verlor es bald wieder aus den Augen.

Fürwahr, durch solche Fälle können Sagen wie vom fliegenden Holländer und ähnliche Seegespenstergeschichten immer neue Nahrung finden.

Dies als war an Bord der »Argos« bekannt oder wurde doch, von denen, die darum wußten, erörtert, während man den alten Segelkasten betrachtete.

»Da ist keine Mannschaft drauf!« hieß es dann zunächst.

Nein, das konnte nicht der Fall sein. Abgesehen davon, das sich ja niemand blicken ließ. Vor allen Dingen aber rollte das Schiff ganz mächtig und auch ganz planlos, man sah, wenn es sich hinten hob, wie die Steuerpinne herumschlug Also das Steuer wurde nicht gehalten und war nicht befestigt.

Wie kam das? Wenn solch ein als historische Rarität überaus kostbares Schiff geschleppt wird, so sind doch auch immer einige Seeleute darauf.

Nun, diese hatten den alten Kasten eben im Boote verlassen. Denn wer wußte denn, wie lange der, doch nichts anderes als ein hülfloses Wrack, schon auf hoher See trieb.

»Hei, das gibt einen Bergelohn!« erklang es dann jauchzend als Zweiter Ruf.

Denn wenn die Argonauten jetzt auch den großen Flibustierschatz an Bord hatten, es also gar nicht mehr nötig hatten — solch ein einträgliches Abenteuer war doch einmal nach ihrem Geschmack!

»Ja, wenn es keine Imitation ist!« meinte Kapitän Martin.

Freilich, damit mußte man auch rechnen. Solch alte Schiffe sind ja schon oft imitiert worden, nicht um Liebhaber solcher Raritäten zu täuschen — das ist ja gar nicht möglich, das ergibt doch sofort die Untersuchung des Holzes — sondern um ein derartiges Schiff, anscheinend aus früheren Jahrhunderten stammend, in Hafenstädten gegen Geld als Schauobjekt zu Zeigen.

So wurde anfangs der neunziger Jahre ein sogenanntes Convict—Schiff gezeigt, auch in deutschen Hafenstädten, es fuhr sogar ein gutes Stück den Rhein und die Elbe hinauf. Vielleicht hat es einer oder der andere Leser besichtigt.

Ein Convict—Schiff wäre also ein Verbrecherschiff. Im Speziellen aber nannten die Engländer diejenigen Schiffe so, auf denen im 18. und auch noch im Beginne des 19. Jahrhunderts Sträflinge von England aus nach Australien deportiert wurden.

Jenes Schiff war also nur eine künstliche Nachahmung, seine Anziehungskraft auf das schaulustige Publikum bestand hauptsächlich darin, das man in den verschiedenen Räumen Wachsfiguren aufgestellt hatte, welche die Szenen wiedergaben, die sich auf solch einem Verbrecherschiff einst abgespielt haben mögen, vor allen Dingen auch, wie die Deportierten während der Seefahrt für Vergehen bestraft wurden, wie man sie durchpeitschte, Folterszenen und dergleichen mehr. Höchst grausig anzusehen, aber trotzdem sehr interessant.

Es muß dies alles erwähnt werden, weil dieses Convict-Schiff damals gerade in Liverpool gelegen hatte, als die »Argos« dort selbst angemustert hatte, und auch diese Sehenswürdigkeit hatte die Patronin mit ihrem Volke, ihren Argonauten, besichtigt.

Daher eben kam es, das jetzt die ganze Mannschaft über solche alte Schiffe und ihre Imitationen orientiert war, und es wird auch noch in anderer Hinsicht von größter Bedeutung werden.

Vorläufig war auch mit dem besten Fernrohr nicht zu unterscheiden, ob eine Imitation vorlag oder nicht. Einen sehr, sehr alten Eindruck machte der hölzerne Kasten ja, aber den macht auch das modernste Segelschiff, wenn es nur ein Vierteljahr unterwegs ist, ohne das beständig seine schmucke Farbe erneuert wird. Auch das sich die Takelage in Ordnung befand, war ganz selbstverständlich.

Die »Argos« hatte Dampf aufgemacht, hielt darauf zu. Erst wurde das Wrack einmal umfahren, vorsichtig in weitem Bogen, falls das Schlepptau noch nachschleifte. Wenn sich dieses in die Schraube des Dampfers verwickelte, konnte der sich nur selbst gleich als ein Wrack betrachten, bis ihn Taucher nach stundenlanger Arbeit wieder befreit hatten.

Hinten am Heck stand kein Name, auch nicht anderswo. Natürlich nicht. Dann ging man von Süden her mit dem Seegange noch mehr heran.

Das der Dampfer direkt beilegte, das war bei diesem Seegange vollkommen ausgeschlossen, zumal es sich um ein steuerloses Wrack handelte, dessen Drehungen ganz unberechenbar waren. Nur in Booten konnte man sich an Bord begeben. Die fehlenden Boote waren in Pontianak, das wegen seiner vorzüglichen Teakholzboote sogar einen berühmten Namen hat, natürlich sofort ersetzt worden.

Eine Jolle wurde ausgesetzt. Georg teilte die sechs Matrosen als Rudermannschaft ab, zur Begleitung gingen Doktor Cohn, Juba Riata und Mister Tabak mit, und nicht etwa nur als Neugierige.

Denn da wäre ja gern noch manch anderer mitgegangen, vor allen Dingen auch die Patronin und Ilse, die doch auch danach brannten, dieses merkwürdige Schiff zu betreten.

Aber mit solch einem Wrack, auf dem sich kein Mensch mehr bemerkbar macht, ist es doch immer eine eigentümliche Sache. Sein Betreten kann sogar höchst gefährlich werden. Wenn man nun auf solch einem Wrack lauter Leichen findet? Etwa mit Pestbeulen bedeckt? Was dann? Dann müssen sich diejenigen, die an Bord gewesen sind, der umständlichsten Desinfektion unterwerfen. Sie dürfen aber auch gar nicht so einfach zurückkehren, das geschieht auf ganz umständliche Weise, sie werden sofort in Isolierhaft genommen. Es ist ganz grauenhaft, wenn solch ein Fall einmal eintritt, was die internationalen Seegesetze da alles vorschreiben, um die andere Welt vor einer Ansteckungsgefahr zu schützen.

Auch hierüber war zuletzt noch gesprochen worden. Natürlich ohne jede Besorgnis, ohne an solch eine Möglichkeit in Wirklichkeit zu denken. Nur weil der Schiffsarzt schon seine Anordnung wegen einer eventuellen Desinfektion der zurückkehrenden getroffen hatte, wie es seine ihm vorgeschriebene Pflicht war, was auch vom Kapitän ins Logbuch eingetragen werden mußte. Das geschieht aber in jedem Falle, wenn auf hoher See eine Mannschaft von Bord zu Bord geht, das ist eben Vorschrift.

»Georg, bleibe da, gehe nicht hinüber!« hörte es dieser flüstern.

Erstaunt blickte er in das bleiche Antlitz der Patronin, welche die günstigste Gelegenheit, als es niemand anderes hören konnte, wahrgenommen hatte, um ihm dies zuzuflüstern.

»Weshalb denn nicht?«

Das junge Weib war plötzlich ganz fassungslos.

»Weil — weil ich habe so eine Ahnung, als lauere dort drüben der Tod auf Dich — auf uns alle — es ist der fliegende Holländer . . . «

»Der fliegende Holländer? Las Dich doch nicht auslachen!« lachte Georg denn auch wirklich belustigt. »Und wenn ers wäre — nun gut, so werden wir ihn jetzt von seiner ewigen Verdammnis erlösen.«

»Nein, — nein — ich denke nur an eine Seuche, die dort drüben ausgebrochen sein kann . . . «

Schnell wurde Georg wieder ernst.

»Dich haben wohl die Vorkehrungen beunruhigt, die Doktor Cohn getroffen hat. Das geschieht aber in solch einem Falle stets, das weist Du doch selbst, Dir fällt es nur besonders auf, weil Du durch dieses alte Schiff in besondere Gemütsstimmung gekommen bist. Nun gut, Dir als Patronin steht es ja frei, uns direkt zu verbieten, das Wrack dort zu betreten . . . «

»Daran denke ich nicht.«

»Dann darfst Du aber auch nicht daran denken, mich zurückhalten zu wollen. Der erste Kapitän hat die Pflicht, an Bord seines Schiffes zu bleiben, aber als Zweiter Kapitän ist es ebenso meine unbedingte Pflicht, mich als erster hinüberzubegeben. Oder glaubst Du etwa, ich werde meine Jungen in irgend eine Gefahr schicken, ohne mich selbst an die Spitze zu stellen? Na, Helene, da mußt Du mich unterdessen doch besser kennen gelernt haben.«

Die Patronin raffte sich auf, ihre Farbe kehrte zurück.

»Du hast recht,« lächelte sie jetzt selbst, »ich weiß selbst nicht, wie ich dazu gekommen bin, es war eine Schwäche von mir.«

Die Jolle ging ab, Georg am Steuer. In gehöriger Entfernung wurde abgestoppt. Furchtbar rollte der steuerlose, backtrogähnliche Kasten auf der hohlgehenden See. Der Eskimo schleuderte den am Seil befestigten Enterhaken, er saß sofort fest.

Georg übergab das Steuer einem Matrosen, arbeitete sich als erster an dem Seile durchs Wasser hinüber, kletterte hinüber, was einem gewandten Manne keine Gefahr bietet, während das Boot natürlich sofort Zerschellt wäre. Als Zweiter folgte der Eskimo, dann Juba Riata, dann wurde Doktor Isidor in der Schlinge hinübergeholt.

Ein nacktes Deck Zeigte sich. Alles, was vorhanden gewesen, war abgewaschen worden. Die Bordwand sehr verschrammt, desgleichen wohl auch das Deck, aber dessen Bretter, wie beim Parkett kreuzweiß zusammengelegt, Zeigten doch noch die außerordentlich sorgfältige Fügung.

Georg schnipselte hier und da mit einem Messer.

»Keine Imitation! Das ist uraltes Teakholz, das im Salzwasser nur immer fester wird. Das kann ich schon jetzt erklären, noch ehe eine gelehrte Kommission mit Mikroskopen und anderen Instrumenten kommt. Das sehe ich sogar schon an dem Deck. So können wir die Decksplanken heute gar nicht mehr fügen, das haben wir über unsere Fabrikarbeit verlernt.«

»Und das Tauwerk?«

Auch dieses untersuchte Georg an einzelnen Stellen mit kundigem Blick und tastender Hand.

»Das ist freilich neu. Natürlich. Der alte Kasten ist neu aufgetakelt worden. Aber die Masten sind noch aus demselben alten Holze. Und ganz neu ist das Tauwerk auch nicht mehr. Ich kann es schon auf etliche Jahre schätzen. Nach ganz neuer Takelung müssen wir erst noch suchen, um ein Urteil zu gewinnen, wann die letzte Mannschaft das Schiff verlassen hat. Wenn wir unten nichts Schriftliches finden.«

Sie begaben sich nach dem Kajüteneingang, der sich nur an dem hohen Achterkastell befinden konnte. Die erhöhte Back diente schon damals wie noch heute der Mannschaft als Aufenthalt.

Die schwere Tür, mit schönen Schnitzereien verziert, war verschlossen. Das heißt, die merkwürdige Klinke ließ sich nicht bewegen.

Schon beriet man, wie man die Tür aufsprengen könnte, sah sich nach einem dazu passenden Instrument um, als es Juba Riata einfiel, noch einmal kräftig an der Klinke zu rütteln. Da Zeigte es sich, das es eine Art von Vexierschlos war, die Klinke konnte bedeutend gehoben werden, dann ließ sie sich niederdrücken, und durch einen kräftigen Druck wich die Tür zurück.

Erst kam ein kleiner, ganz nackter Vorraum. Wenn noch irgend etwas vorhanden gewesen wäre, nur ein Lappen an der Wand gehangen hätte, so hätte man höchstens von »leer« sprechen können. Aber er war ganz nackt. Das war geradezu auffallend.

Die nächste Tür, die sich leicht öffnen ließ, führte in einen größeren Raum, in dem es schon ganz anders aussah.

Auch er war leer, doch noch genug vorhanden, um erkennen zu lassen, was darin einst alles vorhanden gewesen, ohne das es fortgeräumt worden war.

Alles, was hier einst drin gewesen, war einfach dem Zahne der Zeit und vielleicht auch denen der Motten und anderer Insekten zum Opfer gefallen. Der Boden war mit einer Schicht Staub bedeckt, noch waren Holzteile von Möbeln zu unterscheiden, die man freilich nicht derb anfassen durfte, sonst Zerfielen sie in Holzmehl, und dann auch noch hier und da bunte Stoffetzen, besonders solche, welche einst mit echten Gold— und Silberfäden durchwirkt gewesen waren, welches Edelmetall eben unverwüstlich ist.

Dies alles ließ sich noch in dem Tageslichte erkennen, das durch die beiden offenen Türen fiel; denn die Fenster und Zwar hier in diesem altertümlichen Schiffe richtige, rechteckige Fenster, wenn auch nur sehr klein — waren mit Metallplatten verschlossen — natürlich, sonst wäre ja die See hereingedammt.

»Das finde ich sehr, sehr merkwürdig!« meinte Georg.

»Was finden Sie so merkwürdig?!« fragte Doktor Isidor.

»Das hier alles noch so unangetastet ist.«

»Nun, man hat eben alles so gelassen, wie man das Schiff gefunden hat.«

»Wo denn gefunden?«

»Ja, das fragen Sie mich einmal!«

»Nun gut, davon abgesehen — sonst fällt hier wirklich nichts auf?«

»Nein, was denn nur?«

»Da sieht man, das das Schachspiel doch nicht den Scharfsinn erzeugt, der für jeden einzelnen Fall nötig ist. Fragen Sie mal Juba Riata und den Eskimo, ob denen nichts auffällt. Von mir selbst will ich gar nicht sprechen.«

In der Tat, diese beiden blickten mit ganz besonderen Augen um sich, und vor allen Dingen musterten sie mißtrauisch den staubbedeckten Boden.

»Wo sind denn hier die Fußspuren?« kam es dann gleichzeitig aus ihrem Munde.

»Dieser Raum ist eben von der Besatzung nicht betreten worden!« hatte der Arzt gleich eine Erklärung.

»Nicht betreten worden? Niemals?« fragte Georg spöttisch. »Später nicht mehr; wer hier zu befehlen hatte, der wollte möglichst die Ursprünglichkeit wahren, er hat die Fußspuren wieder verharkt.«

»Verharkt? Hier ist doch nicht geharkt worden.«

»Na, dann sind die erzeugten Fußspuren sonstwie wieder verwischt worden.«

»Nein, meiner Ansicht nach liegt dieser Staub so da, wie er sich im Laufe der Zeit hier angehäuft hat. Habt Ihr nicht dasselbe Gefühl?«

Ja, die beiden Naturmenschen, als welche der ehemalige Cowboy und der Eskimo doch zu bezeichnen waren, hatten ganz genau dieses selbe Gefühl; denn um ein Gefühl konnte es sich dabei doch nur handeln.

Sie hatten das Gefühl, das hier alles, alles ganz unberührt war, wie es einst gewesen, das noch niemand vor ihnen wieder diesen Raum betreten hatte.

Woher dieses ganz bestimmte Gefühl, das freilich konnte niemand definieren. Daher eben das Wort »Gefühl«, wobei man doch gar nichts mit dem Tastsinn fühlt. Es lag schon Gewissermaßen in der Luft, die ja auch stickig genug war.

»Na, wollen wir erst mal weiter sehen, was uns der nächste Raum Zeigt.«

Man hatte die Taschenlampen mitgenommen, sie wurden angezündet.

Wie aber ward den Vieren zumute, als sie die nächste Tür geöffnet hatten und ihre Lampen helles Licht verbreiteten!

Es war eine altertümliche Kajüteneinrichtung, höchst kostbar, an goldenen und silbernen Gerätschaften war kein Mangel, und man erkannte gleich, das all diese Sachen von überall her zusammengetragen worden waren, aus aller Herren Ländern, nicht zum mindesten hatten sowohl indische Tempel, wie christliche Klöster oder Kirchen ihre Heiligtümer lassen müssen, also offenbar Piratenraub, der hier zur Ausschmückung dieser Kajüte hatte dienen müssen, und nun diese Einrichtung hier vollkommen erhalten, der persische Teppich sowohl, wie auch das Zarteste Spitzengewebe

Doch dies alles sahen die vier jetzt gar nicht. Sie sahen nur die menschliche Gestalt, die dort auf dem Diwan lag.

Ein grauenvoller Anblick!

Doch zunächst muß das Allgemeine beschrieben werden.

Es war ein Mann, gekleidet in mittelalterlicher, phantastischer Tracht, mit weiten Pumphosen vom feinsten, blauen Tuche, das spitzenbesetzte Wams von gelber Farbe, die halblangen Stiefeln von rotem Leder. Um den Leib eine schwarze, gold- und silberdurchwirkte Schärpe, in der mehrere Dolche und Pistolen steckten.

Ein ungemein kräftiger, herkulisch gebauter Mann mittleren Alters, das schöne, tiefgebräunte Gesicht von blonden, halblangen Locken umrahmt, dieses schöne Gesicht aber entstellt ebensowohl von wilden Leidenschaften, wie von Todesschmerz, wozu er auch allen Grund hatte, denn — sein Kopf war bis zur Stirn in zwei Hälften gespalten!

Und aus dieser fürchterlichen Todeswunde floß noch das rote, frische Blut herab, auf dem Diwan und auf dem Teppich große Lachen bildend.

Und daneben am Boden lag noch die mächtige Axt, ein Kriegsbeil, mit dem ihm diese Todeswunde beigebracht worden war. So lag der Mann da, halb auf der Seite, die Fäuste im letzten Todeskrampfe geballt, das schöne Gesicht verzerrt, der Mund mit den blendenden Zähnen halb geöffnet, mit furchtbarem Blicke der weit aufgerissenen Augen zur Decke emporstierend.

Ein schrecklicher Anblick! Ein Sterbender, noch nicht tot, sondern eben im letzten Todeskampfe für immer erstarrend.

Entsetzt standen die vier Männer da.

Oder vielleicht nur Doktor Cohn nicht. Oder der war doch derjenige, der zuerst Worte und auch gleich eine natürliche Erklärung fand. »

»Ein Pendant zu dem Convict-Schiff, das wir damals in Liverpool gesehen haben!

Da hat jemand so eine alte holländische Kogge irgendwo aufgetrieben, hat sie mit Wachsfiguren ausgestattet, um mit ihr als Schauobjekt von Hafen zu Hafen zu fahren, hat sie im Sturme vom Schlepptau verloren.

Offenbar wollte der geniale Unternehmer die Szene einer Meuterei darstellen. Das hier ist der Kapitän, selbst ein Pirat, wie die ganze Einrichtung erkennen läßt, dem hier in seiner Kajüte von den Matrosen im Schlafe der Kopf gespalten worden ist. Voraussichtlich werden wir noch viele andere solcher Wachsfiguren in den verschiedensten Stellungen finden; hoffen wir es wenigstens, damit unser Fund noch wertvoller wird.

So erklärte Doktor Isidor, als wenn er dozierend an dem Katheder stände, und seine Hörer hatten nichts mehr hinzuzusetzen. Natürlich, so war es! Georg hatte Zwar jenes Convict-Schiff nicht gesehen, nichts Ähnliches, aber es war ihm genug davon erzählt worden.

So ging man jetzt an eine nähere Untersuchung dieser Wachsfigur. Die Imitation war eine überaus naturgetreue. Das Blut konnte selbstverständlich kein frisches sein, wie man zuerst geglaubt hatte. Offenbar war dabei roter Siegellack verwendet worden, den man in heißflüssigem zustande aufgetragen hatte, daher die Bildung der Tropfen, daher klebte auch die rote Masse ganz fest auf dem Diwan, wie auf dem Teppich, wie in den Haaren, das sie sich ohne Verletzung des Untergrundes nicht ablösen ließen.

Diese Haare des Mannes selbst waren echt, wunderbar in die Kopfhaut eingelassen, wie es wohl nur chinesische Geduld und Geschicklichkeit fertig bringt, denn die Chinesen statten ja auch ihre kostbaren Porzellangötter mit echten Menschenhaaren aus, wissen jedes einzelne Haar für sich in das Porzellan einzulassen, ebenso den Bart und die Augenwimpern, und dasselbe war auch hier der Fall. Also nicht etwa, das man die Haare nur so an das Wachs drangeklebt hätte.

An das Wachs?

Die vier Männer, die schon eine ganz natürliche Erklärung gefunden zu haben meinten, indem sie einfach vor einer Wachsfigur standen, daher ihr erstes Grausen schon überwunden hatten, begannen von neuem ganz scheu auf die Gestalt zu blicken.

»Ist denn das wirklich nur eine Wachsfigur?«

»Der hat doch eine ganz richtige Haut!«

»Und das ist überhaupt kein Wachs!«

»Das ist ein richtiger Mensch, der sich nur im Starrkrampf befindet!«

So und ähnlich klang es flüsternd durcheinander, und diesmal schloß sich Doktor Isidor nicht aus, auch er war ganz bestürzt.

Nun sei gleich etwas erwähnt.

Die Argonauten hatten ja schon einmal einen Menschen gefunden, von dem sie lange, lange Zeit nicht gewußt hatten, ob er tot oder lebendig sei, nur im Scheintode liege.

Damals die junge Inderin in dem chinesischen Piratenneste, in der Kiste verpackt, die sich dann später als Merlins Tochter Viviana entpuppt hatte.

Nein, da hatten sie auch nicht gewußt, ob wirklich tot oder nur scheintot, sich in einem Starrkrampfe befindend.

Aber das war doch etwas ganz, ganz anderes gewesen als der hier vorliegende Fall!

Bei jener Inderin hatte man gar nicht an eine künstliche Figur gedacht, niemand war auf solch einen seltsamen Gedanken gekommen. Die Glieder waren ja auch noch beweglich gewesen, nur das jeder Finger immer wieder in seine ursprüngliche Lage zurückschnellte. Man hatte in das Fleisch schneiden können, Doktor Isidor hatte eine Ader am Arm geöffnet, es war Zwar kein Blut geflossen, wohl aber hatte sich solches herausdrücken lassen, dunkel und sehr dick, wie geronnen.

Also das war ein richtiger Mensch gewesen, von dem nur der Instinkt der Hunde behauptet hatte, das er nicht tot, das noch erstarrtes Leben in ihm sei.

Ganz, ganz anders hier!

Dieser Mann hier war vollkommen starr. Kein Finger konnte bewegt werden, nicht das Ohrläppchen. Die steinharte Masse konnte aber auch nicht, wie Doktor Isidor bereits probierte, mit dem Messer geritzt werden.

Nun, dann war die Figur eben aus einem harten Stein oder Erz!

Nein, das war sie nicht. Weshalb nicht, weshalb es richtiges Fleisch sein mußte, das so hart präpariert worden, das freilich war schwer zu sagen.

Zunächst waren alle die Hautporen deutlich zu sehen, schon mit bloßen Augen, noch deutlicher unter dem Vergrößerungsglas, das Doktor Isidor aus der Westentasche gezogen, und er erklärte, das es eine vollständig natürliche Hautkonstruktion sei.

Aber das war es nicht, weshalb man den so ganz bestimmten Eindruck bekam, das es ein wirklicher Mensch sei, der hier lag, nur durch irgend ein Mittel wunderbar gehärtet.

Auch diese Hautporen, die ganze Hautstruktur hätte man doch schließlich nachahmen können, auch unter der Kleidung. Ebenso wie man jedes einzelne Haar mit chinesischer Geduld einsetzen konnte, nicht nur auf dem Kopfe, als Schnurrbart und Augenwimpern, sondern überall waren die üblichen Härchen auf der Haut sichtbar.

Nein, dies alles war künstlich nicht zu erreichen.

Vor allen Dingen lag es in den Augen! So starr diese auch gegen die Decke stierten — so kann nur ein lebendiger Mensch im letzten Todeskampfe blicken!

»Bei Gott, Jungens — das ist ein lebendiger Mensch!« flüsterte Georg scheuer denn zuvor.

»Nee Waffenmeister,« entgegnete Doktor Isidor, wohl ebenfalls noch recht fassungslos, aber doch nicht mehr entsetzt, noch sein Taschenmesser probierend, »wer solch einen furchtbaren Beilhieb über den Kopf bekommen hat, der ist mausetot.«

»Aber das ist doch ein wirklicher Mensch, der einst gelebt hat!«

»Ja, das ist etwas anderes, das muß man allerdings als Tatsache annehmen. Nur jetzt tut er nicht mehr leben. Der ist gleich nach seinem Tode irgendwie einbalsamiert oder sonstwie imprägniert worden, das sein Fleisch und alles an ihm steinhart geworden ist. Läßt sich denn nur gar nichts schneiden?«

Die Untersuchung ging weiter, die wir hier kürzer zusammenfassen.

Gewiß, es ließ sich an der Figur verschiedenes schneiden. So die Haare, auch die Fingernägel. Der Schiffsarzt, ganz Gewissenhaft in seinen Untersuchungen vorgehend, verbrannte einige abgeschnittene Haare und Nägelschnipsel, beide entwickelten den spezifischen Horngeruch. Unmöglich dagegen war es, diejenige Masse zu verbrennen, durch Hitze zu Zerstören, welche das eigentliche Fleisch darstellte. Sie wurde wohl angeräuchert, aber durch die Flamme sonst nicht im geringsten angegriffen.

Von dem Versuche, die Flamme der Taschenlampe auch gegen das Auge zu richten, wurde der Schiffsarzt von dem Waffenmeister in begreiflicher Scheu abgehalten.

Das man von dem Kleiderstoffe nach Belieben abschneiden konnte, das fand man ja ganz selbstverständlich.

Eine ganz merkwürdige oder sogar unheimliche, mindestens unerklärliche Entdeckung machte man hingegen, als man den Körper umwenden wollte, um einmal mehr den Rücken zu besichtigen.

War es nicht schon sehr merkwürdig, das dieser Körper so fest auf dem Diwan lag, obwohl das Schiff so mächtig von einer Seite auf die andere rollte? Der Mann hätte doch von dem Diwan herabfallen müssen.

Da, wie man Hand anlegte, bemerkte man, das dieser Körper überhaupt gar nicht zu bewegen war! Er war auf dem Diwan wie angenagelt, wie festgeleimt.

Nein, er wurde wie von einer gewaltigen magnetischen Kraft festgehalten!

Das war es!

Es gelang den vier starken Männern wohl, ihn mit vereinten Kräften in die Höhe zu heben, aber dabei riß der Bezug von dem Diwan, der selbst mit den Füßen am Boden festgeschraubt war, in Fetzen ab. Und wie man nun den Körper wieder senkte, um ihm eine andere Lage zu geben, rollte er sofort wieder in seine ursprüngliche Lage zurück, klebte von neuem an, so das man ihn auch von neuem wieder unter größter Kraftanstrengung hätte hochheben müssen.

Man ließ es bei diesem einen Versuche bewenden, den Körper herabheben oder auch nur eine andere Lage geben zu wollen; denn ein neues Grausen erfaßte die vier Männer, zumal sie dabei noch andere Beobachtungen machten.

Also von dem Diwan hatte sich der kostbare Samtbezug stückweise abgelöst, die Fetzen waren an dem menschlichen Körper kleben geblieben, obgleich man diesen doch eigentlich entkleiden konnte. Der Magnetismus schien eben nur dort zu bestehen, wo der Körper auf der Unterlage ruhte oder geruht hatte. Und als der Körper nun wieder in seine alte Lage zurückrollte, zurückgezogen wurde, da wurden von derselben geheimnisvollen Kraft auch die Diwanfetzen angezogen, sie legten sich wieder an ihre alte Stelle, preßten sich fest, in einer Weise, das dann auch nicht der geringste Riß mehr zu erkennen war.

Und dieser rätselhafte Magnetismus machte sich überall bemerkbar.

So war es kaum möglich, aus der Tuchschärpe einen Dolch oder eine Pistole zu Ziehen. Die Waffe wurde von einer geheimnisvollen Kraft festgehalten. Erst durch eine größere Kraftanstrengung gelang es, dabei konnte die Schärpe auch Zerreißen, aber kaum hatte man die Waffe, die sich sonst als ganz normal erwies, wieder der Schärpe genähert, als sie auch gleich von selbst an ihre alte Stelle zurückfuhr und auch die Schärpe selbst ordnete sich wieder, keiner der Risse war mehr zu erkennen.

Und ganz ebenso war es mit allen anderen Dingen in dieser Kajüte.

Die Blutlachen, also starre Massen, klebten ganz fest auf dem Diwan, wie auf dem Teppich. Sie konnten nur unter Kraftanstrengung abgenommen werden, indem auch der Diwanüberzug oder der Teppich in Stücke riß. Dasselbe galt auch von dem blutigen Beil. Nur mit der größten Kraftanstrengung konnte es aufgehoben werden, bis es dann in gewisser Höhe plötzlich seine normale Schwere annahm. Das heißt, der Zug nach unten hörte auf. Kaum aber wurde es der Stelle, wo es ursprünglich gelegen, genähert, so wurde es plötzlich förmlich zu Boden gerissen und nahm ganz genau seine alte Lage wieder an, aus der es so ohne weiteres auch nicht verrückt werden konnte.

»Hier ist Magnetismus im Spiele.«

So sprachen Georg und der Schiffsarzt. Aber wohl nur, um sich selbst zu beruhigen, um eine natürliche Erklärung zu haben, um nicht an etwas Übernatürliches, an Zauberei glauben zu müssen.

Die beiden anderen, Juba Riata und der Eskimo, waren als Naturmenschen viel scheuer, suchten nach gar keiner Erklärung und handelten hierdurch viel korrekter.

Denn eine Erklärung durch Magnetismus für diese seltsame Anziehungskraft genügte hier durchaus nicht.

Im übrigen sollten die vier Männer nicht lange solche Untersuchungen anstellen können.


139. KAPITEL.
DER SCHWARZE TOD.

»Das Schiff sinkt, Waffenmeister, das Schiff sinkt!«

Noch waren die vier Männer keine zehn Minuten in der Kajüte oder überhaupt an Bord gewesen, als dieser Ruf der Matrosen gedämpft an ihr Ohr drang.

Sie stürzten hinaus. Und was die Matrosen im Boot erst so spät bemerkten, weil sie das rollende Schiff immer vor Augen gehabt hatten, daher das langsame Sinken, wie sich die neigende Bordwand immer mehr den Wellenbergen näherte, nicht so konstatieren konnten, das erkannten die vier jetzt sofort.

Ja, das Schiff mußte schon wenigstens einen Meter tiefer tauchen, für sie, welche den Unterschied mit einem Male erkannten, sah die Sache schon ganz gefährlich aus, und jetzt wurde diese Gefahr auch an Bord der »Argos« erkannt. Ein Kanonenschuß fiel, das Notzeichen wurde gehißt, alles schrie und winkte und semaphorierte.

Da gab es kein Zögern mehr. Das Sinken ging natürlich immer schneller und schneller, und wenn das Schiff vollends wegsackt, dann kommt das Allergefährlichste von der ganzen Sache: Der letzte Strudel, dem kein Schwimmer widerstehen kann, der auch jedes in der Nähe befindliche Boot mit in die Tiefe reist.

Also schleunigst wieder an der Verbindungslinie durchs Wasser ins Boot geentert und mit vollen Riemen zurückgegangen! Und es war auch tatsächlich die höchste Zeit gewesen. Sie hatten kaum ein Dutzend Ruderschläge gemacht, als die Kogge abging, als verschwände sie in einer Theaterversenkung, nur das man im Theater die wütenden Wasserberge nicht so nachmachen kann — ein tiefes Tal, in dem auch die Masten verschwanden, das Boot hatte Lust, ihnen zu folgen — —. »Jungens, pult für unser Leben!!« heulte der Waffenmeister — — da kam das Wasser wieder angerollt, nicht von den Seiten, sondern von unten, wie von einer ungeheuren Quelle ausgespien, die Nußschalle von Jolle wurde weit abgeschleudert — und war in Sicherheit.

Sie tanzte nach der »Argos« zurück, die Zehn Insassen gingen noch einmal durchs Wasser, dann gelang es, das Boot unversehrt wieder an Bord zu bringen.

Die zurückgekehrten berichteten.

»Das ist ja kaum glaublich!«

Eine gebräuchliche Redensart.

»Was soll man davon denken?«

»Ich wüste eine Erklärung!« meinte Georg.

»Nun?«

»Jene geheime Bande hat uns noch einmal eine Überraschung bereiten wollen und hat sich noch rechtzeitig überlegt, das sie das ja nicht mehr dürfe, oder so ähnlich, da hat man die Kogge wieder verschwinden lassen. Es wäre wenigstens eine Erklärung.«

Gut, sie wurde als richtig angenommen — und man sprach nicht mehr darüber, mit keinem Wort, ohne vorherige Ausmachung.

Der zurückgekehrte Schiffsarzt bekam gleicht etwas zu tun. Nachdem der Matrose Franz vorhin noch beim Aussetzen des Bootes geholfen, hatte er seinem besten Freunde endlich gestanden, das er sich seit gestern abend recht »mies« fühle, er habe schon die ganze Nacht nicht geschlafen, und jetzt könne er sich vor Schwäche kaum noch auf den Beinen halten.

Und als er dies gesagt, gestanden, da war er ohnmächtig zusammengebrochen Jetzt lag er in seiner Koje, war schon wieder zu sich gekommen, erklärte, sich wieder ganz wohl zu fühlen, nur sehr schwach.

Doktor Isidor konstatierte etwas Fieber, nichts weiter. Na, so ein Krankheitsfall kann bei hundert Menschen doch einmal vorkommen. Franz würde schon bald wieder hergestellt sein.

Wohin nun?

Das war schon längst beschlossen gewesen.

Nach Kapstadt.

Wo die Argonauten ihre ersten Triumphe gefeiert hatten.

Ach, wie sie sich freuten, wieder nach Kapstadt zu kommen!

Ach, was jetzt überhaupt wieder für ein Leben an Bord herrschte.

Was sie unterdessen alles ausgeheckt und sich eingeübt hatten!

Was sie den staunenden Kapstädtern alles vormachen wollten! Und nun unabhängiger denn je zuvor, mit dem Flibustierschatz an Bord, wenn man den nun auch in bessere Sicherheit bringen würde.

Jedenfalls aber konnten sich die verschiedenen Armenkassen freuen. Und was ist es doch für ein Unterschied, ob man seine Kräfte und sein Können zum Ringen um die eigene Existenz verwendet oder sie in die Dienste der Wohltätigkeit stellt.

Ja, noch nie hatte den Argonauten der Himmel so voller Geigen gehangen, wie während dieser Fahrt nach Kapstadt.

In Zwei Tagen konnte man es erreicht haben.

Wenn es nur mit dem Matrosen Franz nicht immer schlimmer geworden wäre. Es war doch nicht nur ein vorübergehendes Unwohlsein gewesen.

»Jungens,« hatte schon am Abend desselben Tages der Segelmacher im Vertrauen zu einigen anderen gesagt, »ich glaube fast, der alberne Kerl spielt uns einen bösen Streich und macht ein Sterbchen. Der bekommt eine so lange Nase, das ist immer ein böses Zeichen, da habe ich meine Erfahrungen.«

Franz bekam immer heftigere Fieberanfälle und klagte, abgesehen von größter Schwäche, über Schmerzen in den Leistengegenden. Doktor Isidor hielt es entweder für einen inneren Bruch, der noch nicht nach außen trat oder für eine Darmverschlingung, behandelte ihn darnach, wenn es da überhaupt eine besondere Behandlung gibt. Klistiere neben warmen Umschlägen. Von der trüben Sorge des Segelmachers erfuhr der Schiffsarzt nichts.

Dann aber bekam dieser noch etwas anderes zu tun.

»Was fehlt nur meinem Hörnchen?« klagte die Patronin.

Sie hatte aus Sibirien ein Eichhörnchen mitgenommen und es gezähmt. Das reizende Tierchen wollte nichts mehr fressen, sperrte auch manchmal so lange das Maul auf.

Es kamen ja manchmal Krankheiten in der großen Menagerie vor, und Doktor Isidor hatte sich immer auch als ein ausgezeichneter Tierarzt bewiesen, freilich wohl viel mehr noch Juba Riata. Eine Seuche war noch nie ausgebrochen.

»Es wird eine bittere Mandel gefressen haben!« meinte Doktor Isidor jetzt, nachdem er das Tierchen untersucht hatte. »Da müssen Sie überhaupt vorsichtig sein, schon drei bittere Mandeln genügen, um jedes Eichhörnchen unfehlbar sterben zu lassen, obgleich es sie gern frißt. Aber dort, wo die Mandeln reifen, gibt es auch keine Eichhörnchen.«

Am Zweiten Tage in früher Morgenstunde wurde der Tafelberg gesichtet, gegen Mittag steuerte man dem Hafen von Kapstadt zu, passierte schon die Reede.

Der Waffenmeister suchte in seinem Schreibtische nach dem Polizeischein, der damals die öffentliche Vorstellung der Argonauten im Theater erlaubt hatte, als Meister Kännchen eintrat, der chinesische Koch, ganz verstört.

»Ich habe Zwei Latten gefunden!«

»Zwei Latten? Was denn für Latten?«

»Zwei tote Latten.«

»Tote Latten? Was sind denn das für Dinger?« lachte Georg, ganz in sein Suchen vertieft und daher das verstörte Gesicht des Chinesen nicht bemerkend.

Da trat auch Doktor Isidor hastig ein.

»Waffenmeister, ich habe Ihnen etwas Schreckliches mitzuteilen!«

»Was ist los?!«

»Ohne Umschweife — Franz hat die Bubonenpest!«

Ein Blick und der starke Mann stützte sich schwer auf den Schreibtisch.

»Allmächtiger Gott!« stöhnte er.

Er brauchte nicht erst zu fragen, ob da kein Irrtum vorliegen könne, ob der Arzt seiner Sache ganz sicher sei.

Jetzt wußte er, was der Koch vorhin hatte sagen wollen. Als Chinese konnte er das R nicht aussprechen, schob dafür immer ein L ein.

Zwei tote Ratten hatte er gefunden!

Und das Eichhörnchen lag im Sterben, hatte die chronische Maulsperre!

Die tierischen Träger des Pestbazillus sind die Nagetiere, vor allen Dingen die Ratten.

Wenn unter den Ratten ein großes Sterben beginnt, dann bricht ganz sicher die Pest aus!

Bei den Nagetieren, die einzigen, bei denen diese Seuche auftritt, zeigt sich die Krankheit zuerst durch Anschwellen der Lymphdrüsen der Kiefer, was aber nicht immer mit Maulsperre verbunden zu sein braucht.

Von anderen Lebewesen wird nur noch der Mensch angesteckt; denn die sogenannte Rinderpest ist wieder etwas ganz anderes. Beim Menschen schwellen zuerst die Lymphdrüsen der Leistengegend an, also am Unterleib.

»Sie sind über Nacht plötzlich faustgroß geworden, und schon Zeigen sich auch Beulen hinter den Ohren und im Nacken — es ist die echte Pest!«

»Allmächtiger Gott!« stöhnte Georg nochmals. »weiß es schon der Kapitän?«

»Sie sind der erste, dem ich es mitteile, weil ich gerade an Ihrer Kabine vorbeikam und Sie darin wußte.«

Sie erfuhren es sofort alle, und Zwischen den Hauptpersonen fand augenblicklich eine Beratung statt, während das Schiff schon seine Fahrt stoppte.

Ob Kapstadt anlaufen oder nicht, das heißt, ob sich in Quarantäne begeben oder nicht.

Für die Pest, wie für jede andere ansteckende Krankheit, die epidemisch als Seuche um sich greifen kann, Cholera, Pocken, Aussatz, Genickstarre und dergleichen, hat jeder Hafen seine eigene Quarantänezeit.

Bei der echten Bobonenpest, wie sie hier vorlag, ist sie nach internationalen Bestimmungen nirgends unter zwei Wochen, in den englisch-indischen und chinesischen Häfen wird sie auf vier Wochen ausgedehnt, in Kapstadt beträgt sie drei Wochen.

Das Schiff, auf dem ein einziger Pestfall vorgekommen ist, wird an einer einsamen Küstenstelle isoliert, hier steht es unter ständiger Aufsicht der Sanitätsbehörde, bis der erkrankte Mann entweder gestorben ist oder für geheilt erklärt wird. Dann wird das ganze Schiff gründlich desinfiziert, und dann erst beginnt die eigentliche Quarantäne, die für die englische Kolonie also drei Wochen währt. Erkrankt während dieser Zeit kein Mann an der Pest, dann ist die Sache eben allright, nach nochmaliger Desinfektion ist das Schiff wieder koscher und kann fahren, wohin es will. Erkrankt aber während dieser Zeit wieder ein Mann an der Pest, dann fängt die Geschichte eben wieder von vorne an, entweder wieder Tod oder Heilung, und dann immer wieder drei Wochen Quarantäne, jedenfalls nicht unter Zwei Wochen.

Das ist die Pest!

Das ist Quarantäne!

Was daraus unter Umständen werden kann, vermag sich wohl jeder selbst vorzustellen.

Unter solchen Umständen kann es passieren, das ein Schiff gar nicht wieder den Quarantieplatz verlassen darf, natürlich auch niemand von der Mannschaft oder den Passagieren, bis der letzte Mensch alt wie Methusalem an der Pest gestorben ist, das Schiff verbrannt oder versenkt worden ist.

Solche Fälle sind tatsächlich schon vorgekommen, wenn auch hierbei der liebe Gott dafür sorgt, das die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Einmal erlischt die Seuche ja doch, die Menschen in ihrer Atmosphäre sind ganz immun gegen jede Ansteckungsgefahr geworden. Aber Jahre dauert so etwas oft.

Aber nun braucht sich ein Schiff j a überhaupt gar nicht in Quarantäne zu begeben, das heißt, es braucht ja keinen Hafen anzulaufen. Das Erlöschen der Pest kann auf hoher See abgewartet werden. Wann dies geschehen ist, kann jeder darin erfahrene Mensch beurteilen. Die erfolgte Ansteckung äußert sich innerhalb von Zwei bis spätestens sieben Tagen durch Schwäche und Fieber, und hat dann niemand mehr Schmerzen in der Leistengegend, so darf die Pest als erloschen betrachtet werden. Dann freilich hat das Schiff in irgend einem Hafen immer noch eine Zwei— bis vierwöchentliche Quarantäne durchzumachen, eben eine Garantie zu bieten, das kein Pestfall mehr vorkommt, aber hiermit ist dann die Sache doch auch abgetan.

Und den Hafenbehörden ist es natürlich äußerst angenehm, wenn ein Pestschiff lieber drausen auf hoher See bleibt; denn diese Quarantänebeamten, die dazu kommandiert sind oder wohl immer freiwillig sich gemeldet haben, haben doch nichts zu lachen, die stehen doch natürlich selbst unter Quarantäne, im Pestverdachte, wenn sie nicht selbst mit Beulen bedeckt elend sterben. Die kommen doch mit der anderen Welt gar nicht mehr in Berührung. Und auf welche komplizierte Weise nun die Nahrungsmittel und alle anderen Sachen herbeigeschafft werden müssen — ach, es ist ein Elend, diese ganze Pestgeschichte, ihre Handhabung so verwickelt, das es unmöglich auch nur einigermaßen hier wiedergegeben werden kann!

Dieses Erlöschen der Pest auf hoher See abzuwarten, wenn es der Proviant und alles andere gestattet, das kann natürlich nur ein freies Schiff, mit dem Eigentümer an Bord. Eine Reederei will doch ihr Schiff nicht so planlos draußen herumgondeln lassen.

Die »Argos« war solch ein freies Schiff.

Es war keine Beratung, die stattfand, sondern nur eine Beschlußfassung; denn jeder einzelne Matrose mußte befragt werden, ob er nicht lieber an Land in Quarantäne gehen wolle.

Nein, dazu hatte niemand Lust.

So wendete die »Argos«, um wieder in offene See zu gehen.

Gleichzeitig aber mußte eine Pflicht erfüllt werden eine schwarze Flagge mit rotem Kreuze wurde gehißt, die Pestflagge — »hütet Euch vor uns, wir haben den schwarzen Tod an Bord!«

Wir kennen noch kein Mittel gegen die Pest.

Es ist gelungen, Pferde, sonst gegen Pest ganz unempfindlich, künstlich an der Pest erkranken zu lassen, wieder immun zu machen — aber das aus der Lymphe dieser Tiere hergestellte Serum hat sich als wirkungslos erwiesen, und so sind alle anderen Versuche bisher gescheitert.

Der Kampf gegen die Pest besteht nur darin, das man die Erkrankten und alle, die mit ihnen in Berührung gekommen sind oder sein können, möglichst isoliert, das auf peinlichste Sauberkeit gehalten wird.

Aber eine ganz, ganz merkwürdige Beobachtung hat man gemacht; nämlich das alle Leute, die viel mit Öl und Fett zu tun haben, gegen die Pest vollständig gefeit zu sein scheinen: Arbeiter in Ölpressereien, in Schweineschlächtereien, in Talgsiedereien, besonders auch die Besatzungen von Walfischjägern, welche den Tran gleich an Bord oder Land auskochen.

Wohl kommen unter solchen Leuten bei Epidemien auch Pesterkrankungen vor, aber es bleibt immer nur beim ersten Stadium, nur die Drüsen der Leistengegend schwellen an, brechen auf und heilen wieder — der Pestfall ist überwunden.

Da glaubte man ein Mittel gegen die Pest gefunden zu haben. Man setzte die Erkrankten oder Pestverdächtigen in Öl- und Fettbäder, auch alle anderen, die es sich leisten konnten, nahmen täglich solche, rieben sich ständig mit Fett oder Öl ein.

Es hat alles nichts genützt. Und wer auch wochenlang bis an den Hals in Öl oder Fett saß, bei dem konnte doch plötzlich die Pest ausbrechen, er starb daran.

Da glaubte man, das es ganz frisch ausgepreßtes Öl, respektive ausgekochtes Fett sein müsse, welches diese Eigenschaft besitze.

Es war wieder eine falsche Kalkulation. Die Menschen starben auch in den frischen Ölbädern nach wie vor. Dies alles ist schon im 14. Jahrhundert erkannt und erprobt worden, als zum Beispiel in den Jahren 1348 bis 1350, also innerhalb von drei Jahren, allein in Europa, wie genau berechnet werden kann, mindestens 25 Millionen Menschen von der Pest dahingerafft worden sind, ums Jahr 1860 wurden diese Versuche noch einmal ganz intensiv wiederholt, man fängt auch jetzt immer noch einmal damit an und muß doch immer wieder zu der Überzeugung kommen, das Öle und Fette, äußerlich oder innerlich verwendet, keine Heilkraft gegen die Bubonenpest besitzen.

Dabei aber bleibt die Tatsache bestehen, das alle Menschen, die viel mit Ol und Fett zu tun haben, gegen die Pest geschützt sind. Die Krankheit kann bei ihnen wohl auch ausbrechen, aber sie sterben niemals daran.

Wie kommt das? Was liegt hier für ein Rätsel vor?!

Nun, es läßt sich schon erklären.

Es genügt eben nicht, sich zu Zeiten der Gefahr in ein Öl- oder Fettbad zu setzen. Es handelt sich dabei um eine ganze Fettatmosphäre, denen sich der Mensch schon vorher lange, lange Zeit ausgesetzt hat, sie ständig eingeatmet hat. Solch ein Arbeiter stinkt doch schon einige Knoten weit nach Öl und Fett, er kann sich waschen wie er will, er wird diesen Duft nicht los, er ist eben durch und durch von Fett imprägniert.

Und darauf kommt es Zweifellos an. Und außerdem muß es ganz frisches Öl und Fett sein, aus Pflanzen und Tieren direkt hergestellt, mit dem man seinen Körper vollsaugen läßt, sonst hat es auch keinen Zweck; denn es gibt ja viele wilde Völkerschaften, die ihren Körper ständig mit Fett einsalben. Es bildet kein Schutzmittel gegen die Pest. Nur Menschen, die ständig in Ölpressereien und Fettsiedereien arbeiten, die Fettatmosphäre gleich einatmen, sind gefeit.

Also ein Mittel gibt es doch, um sich gegen den schwarzen Tod zu schützen. Befindet man sich in solch einem reizenden Lande und die Pest meldet sich an, so etabliert man schnellstens eine Ölpresserei oder Talgsiederei, im großen oder im Kleinen; oder man geht als Arbeiter in solch eine Fabrik.

Ironisch gesprochen!

Das ist doch gar nicht durchführbar.

Abgesehen davon, das es erst längere Zeit bedarf, um seinen ganzen Körper durch Lungeninhalation so voll Fett zu pumpen.

Also es gibt noch kein Heilmittel und kein Schutzmittel gegen die Rattenpest. »Wir gehen auf die Walfischjagd, werden Trankocher!«

Nicht nur einer hatte diesen Vorschlag gemacht.

Die anderen aber, die nicht selbst gleich daran gedacht, wußten doch, weshalb dieser Vorschlag gemacht worden, sie alle waren welterfahrene Seeleute, und er wurde einstimmig angenommen.

Es ging nach Südosten, nach den Kergueleninseln zu. Dort gibt es noch Walfische genug, Potwale; weil diese so wenig gejagt werden, weil ihre Jagd so außerordentlich gefährlich ist, wie schon früher einmal ausführlich geschildert wurde.

Diese Gefahr fürchteten die Argonauten nicht. In jenem sibirischen Thale waren Zwei vortreffliche Walfischboote gebaut worden, Proviant war noch für ein halbes Jahr vorhanden, das Heizmaterial wurde möglichst gespart.


140. KAPITEL.
HERZBLUT!

Vierzehn Tage später.

Wieder saß der Waffenmeister der Argonauten in seiner Kabine am Schreibtisch, diesmal aber untätig, hatte den Kopf in die Hände gestützt und brütete vor sich hin.

Durch das runde Fensterchen hätte er einen herrlichen Anblick gehabt.

Es war eine mondlose Nacht, aber fast taghell erleuchtet durch ein prachtvolles Polarlicht, das in allen Farben im mächtigen Bogen am südlichen Horizonte zuckte.

Es beleuchtete Zwei gewaltige Eisberge von den bizarrsten Formen, und zwischen diesen tummelte sich eine große Herde Walfische, überall spritzten die Wasserstrahlen wie Fontänen empor.

Es waren die ersten Wale, die man erblickte. Aber die »Argos« setzte kein Boot zur Jagd aus.

Viel, viel hatte sich in diesen vierzehn Tagen an Bord geändert!

Der Matrose Franz war gestorben.

Dann war der schwarze Simson darangekommen.

Dann die Mama Bombe.

Und heute hatte man die irdischen Reste des Kapitän Martin dem Meere überliefert!

Der Waffenmeister der Argonauten war jetzt erster Kapitän des Schiffes.

Aber er verfügte kaum noch über ein Drittel der vorhandenen Hände.

Die beiden anderen Drittel rangen mit dem schwarzen Tode.

Nein, es hatte keinen Zweck mehr, Walfische zu jagen, um an Bord des Schiffes eine Tranatmosphäre zu verbreiten. Der schwarze Tod war schneller gewesen.

Georg beobachtete gar nicht die wunderbare Szenerie dort draußen.

»Mein Gott, mein Gott, was soll daraus noch werden?!« stöhnte er jetzt. »Herr, mach ein Ende mit diesem Jammer.«

Das Tischtelephon klingelte. Mechanisch griff er darnach.

»Hier Waffenmeister. Wer dort?«

»Hier Doktor Cohn. Herr Kapitän, ich habe Ihnen eine böse Meldung zu machen.«

»Wer ist wieder gestorben?«

»Niemand. Ilse ist ergriffen worden.«

Georg ließ das Telephon einfach fallen.

Auch das noch!

Er ging nicht hin, wollte nicht Zeuge des Jammerns von Helene werden.

Ja, wenn er das Kind durch sein Herzblut hätte retten können!

Er hätte es auch tropfenweise für jeden der Schiffsjungen hingegeben, die jetzt mit dem schwarzen Tode rangen, für jeden anderen.

»Ilse, meine kleine Ilse!« weinte der starke Mann leise in seine Hände hinein.

Wieder schrillte das Telephon, diesmal aber das an der Wand hängende.

Sofort erhob sich Georg. Er war der Kapitän des Schiffes, der nur weinen durfte, wenn er Zeit dazu hatte.

Da, wie er aufstand, bekam er plötzlich wie einen Schlag in die Kniekehlen, das er wieder auf den Stuhl sank, eine furchtbare Schwäche bemächtigte sich seiner.

»Das ist die Pest, auch ich bin infiziert!« flüsterte er. »Wohl mir, so werde ich nicht der letzte sein, der diese Tragödie überleben muß.«

Er überwand diese erste Schwäche, stand auf und ging festen Schrittes nach dem Telephon.

»Hier Waffenmeister. Wer dort?«

»Schwester Anna.«

Jäh zuckte Georg zusammen. Er dachte an seinen Schwur — und dachte auch nicht daran. Jetzt hätte er sofort den Hörer anhängen und zurücktreten sollen — und tat es nicht.

»Was willst Du?«

»Euch von der Pest befreien.«

»Tue es.«

»Wir dürfen uns nicht in das Schicksal der Menschen einmischen, sonst gebe es ja keine Pest und manch anderes auf dieser Erde nicht mehr.«

»Uns aber kannst Du erretten?«

»Ja, durch Dich.«

»Tue es.«

»Du brichst Deinen Schwur.«

»Wie Du Dein mir durch Merlin gegebenes Ehrenwort.«

»Es gibt noch Heiligeres als ein Ehrenwort.«

»Und als einen Schwur. Ich weiß es. In den letzten Tagen ist es mir zum Bewußtsein gekommen.«

»Ich kann Euch retten. Keiner der Erkrankten soll sterben, sie alle sollen wieder gesunden.«

»Ich glaube es.«

»Hältst Du uns für fähig, das wir Euch die Pest erst geschickt haben, um Dich uns gefügig zu machen?«

»Nein, dazu halte ich Euch nicht für fähig.«

»Trotzdem stellen wir jetzt Bedingungen.«

»Nenne sie.«

»Wir fordern Dein Herzblut von Dir!«

»Nimm es.«

»Du bist jetzt Kapitän dieses Schiffes?«

»Ja.«

»Nur allein Dein Befehl gilt?«

»Nur er allein.«

»Auch die Patronin ordnet sich Deinem Willen unter?«

»Bedingungslos.«

»Und Du sollst Deinen Willen fernerhin dem unseren unterordnen.«

Wieder zuckte Georg zusammen.

»Das ist die Bedingung, zu welcher Du uns von der Pest befreien willst?«

»Ja. Du bist dazu bestimmt, einer der unserigen zu werden, und jetzt ist die Zeit gekommen, da sich Dein Schicksal erfüllt. Glaube es mir und zögere nicht.«

»Ich zögere nicht.«

»Wir fordern von Dir bedingungslosen Gehorsam.«

»Auf wie lange Zeit?«

»Für immer.«

»Ich gelobe ihn.«

»Unser Kommando ist sanft und unsere Befehle sind leicht —«

»Ich gelobe unbedingten Gehorsam für alle Zeit!«

»Gut. So bekräftige das Versprechen Deines unbedingten Gehorsams durch Dein Herzblut. Nimm ein Stück Papier und eine neue Feder, ritze Deinen Arm blutig und schreibe mit dem Blute Deinen Namen auf das Papier. Nichts weiter. Dann wirf das Papier durch das Bollauge ins Meer. Es ist nur eine Formalität, aber sie muß sein, ist uns vorgeschrieben. Tue das, das Weitere wirst Du dann erfahren.«


In der Kajüte saß die Patronin mit gefalteten Händen und sah mit starren Augen zu, wie sich Doktor Isidor mit der kleinen Ilse beschäftigte, die vor Zehn Minuten plötzlich kraftlos zusammengebrochen war.

zu jammern und die Hände zu ringen, dazu war Helene nicht mehr fähig.

Da trat Georg ein, festen Schrittes, und so aschfarben auch sein sonst so gesundes, gebräuntes Gesicht war, leuchtete darin wie auch in den Augen doch etwas Wunderbares.

Den linken Ärmel hatte er samt Hemd hochgestreifelt und die rechte Hand auf den Arm gepreßt, etwas oberhalb der Pulsader, und unter dieser Hand rieselte es rot hervor, sein ganzer Weg war mit Blutstropfen gezeichnet.

Kaum sah die Patronin ihn und das Blut, als sie emporsprang, einen gellenden Schrei ausstieß und schwer zu Boden schlug.

Doktor Isidor, sich über die bewußtlos auf dem Sofa liegende Ilse beugend, wußte wohl, das der Waffenmeister eingetreten war, hatte aber noch nicht nach ihm gesehen, warf jetzt nur einen Blick nach der zu Boden Gestürzten.

»Bums — wieder eine — jetzt fängt die auch noch an. Waffenmeister und Kapitän, stellen Sie mich lieber vor den Feuern an — was ich hier als Arzt zu leisten habe, das geht über meine Kraft.«

Jetzt erst blickte er ihn an.

»Mensch, wie sehen Sie denn aus?! Jetzt sind Sie auch schon — —. Sie bluten ja? Was haben Sie gemacht?«

Georg nahm die rechte Hand vom Arm, aus dem Ziemlich tiefen Schnitt sprang das helle Arterienblut im Takte des Pulsschlags Ziemlich hoch empor.

»Schnell ein Glas her — oder irgend ein anderes reines Gefäß — fangen Sie mein Blut auf! «

Verständnislos blickte der Arzt den Sprecher an, der wieder die Blutung durch Aufpressen der Hand zu hemmen suchte, bis er sich aufraffte.

»Sie haben sich eine Arterie verletzt! Schnell Ihren Arm unterbinden — —«

»Nein, nichts wird unterbunden! Ein Glas her, fangen Sie mein Blut auf! Und dann nehmen Sie eine kleine Spritze, so eine Morphiumspritze, Sie spritzen mein Blut jedem Erkrankten in die Adern — irgend wohin — und er ist gerettet, wird gesunden —«

Wieder blickte der Arzt den hastig Sprechenden ganz unsicher an.

»Weshalb denn das? Sie denken doch nicht etwa, Sie wären immun gegen die Pest, Ihr Blut wirke als Heilserum —?«

»Jawohl, das ist es, das ist es, jetzt haben Sie’s erfaßt!« jubelte da plötzlich Georg mit lachendem Munde auf. »Mein Herzblut, das ist das Allheilmittel für meine Jungen, für die Argonauten! Aber nun schnell doch — Mensch, wollen Sie gleich gehorchen?! Soll ich mich hier umsonst verbluten?! Oder denken Sie etwa, ich bin wahnsinnig, das Sie auch gegen mich als Kapitän die Leute hetzen können? Soll ich Ihnen beweisen, das ich nicht wahnsinnig bin? Soll ich Sie beim Kragen nehmen und mit Ihrem Kopfe dort durch die Wand fahren? Schnell, mein Blut aufgefangen und dann losgespritzt, immer wieder mit frischem Blute!«

Ja, Doktor Isidor war vollkommen davon überzeugt, das der Waffenmeister plötzlich übergeschnappt war. Aber auf jene eigentümliche Beweisführung für ganz gesunde Vernunft wollte er es doch lieber nicht ankommen lassen. Er gehorchte. Das sonst so dreiste Männlein war plötzlich ganz eingeschüchtert. Denn so hatte er den Waffenmeister noch nie gesehen. Das Furchtbare, das in ihm lag, war gar nicht zu definieren, zumal er ja dabei doch so jubelnd lachte.

Also Doktor Isidor nahm gehorsam das Weinglas, das auf dem Tische stand.

»Ist das auch rein?«

»Ganz rein.«

»Das riecht doch nach Schnaps — genau so wie Sie selber!«

»Da war ganz reiner französischer Kognak drin.«

»Ein reines Glas, ein wirklich reines Glas!« lachte Georg noch immer. »Das Blut darf nicht direkt entnommen werden, es muß erst in einem reinen Gefäße aufgefangen werden, so lautete der Befehl.«

»Was für ein Befehl? Wer hat ihn gegeben?«

»Mensch, wollen Sie nun gleich gehorchen?!« donnerte ihn der Waffenmeister jetzt noch in ganz anderer Weise an. »Noch solch eine Frage und meine Faust schmettert Sie zu Boden!«

Zum Zweiten oder gar dritten Male ließ sich Doktor Isidor nicht ermahnen. Ein Wandschrank enthielt Gläser genug, es wurde ausgewischt, Georg ließ es aus dem roten Lebensquell halb voll laufen, dann wieder die Hand auf den Schnitt pressend.

»So, nun wollen wir sehen, wie weit wir damit kommen, sonst gibt’s neues. Wenn es auch etwas gerinnt, das schadet nichts, wenn es sich nur eben noch spritzen läßt. Nur unterbinden darf ich die Quelle nicht, sie muß fließen, immer fließen. Na, wo haben Sie nun Ihre Klistierspritze?!«

Der Schiffsarzt rannte nach seiner Kabine, Georg ihm gleich nach, betrachtete mißtrauisch die gewaltige Spritze, die Doktor Isidor von der Wand genommen hatte und ihm präsentierte.

»Was ist denn das?«

»Eine Klysopompe.«

»Bombe?«

»Auch Klistierspritze genannt.«

»Kann man denn mit der eine Flüssigkeit unter die Haut spritzen?«

»Nee, unter de Haut nich —«

»Mensch, verstehen Sie mich denn nur gar nicht? So eine kleine Morphiumspritze meine ich!«

Doktor Isidor brachte ein Spritzchen zum Vorschein, mit dem sich Georg zufrieden erklärte.

»Wer von den Erkrankten hat es nun am nötigsten?«

»Auch die Patronin ist infiziert —«

»Ach, die ist ja eben erst umgefallen! Auch Ilse nicht! Wer ist dem Tode am nächsten? Wo ist er untergebracht?«

»Jimmy lag vorhin schon im Sterben, als mich die Patronin rief —«

»Zu ihm, zu ihm!!«

Sie eilten nach dem Lazarett, Georg den Arzt immer vor sich lassend, ihm auf die Hacken tretend, damit er ihm nicht etwa entwischte.

Und da hatte er auch ganz recht, Doktor Isidor wäre dem irrsinnig gewordenen Waffenmeister und Kapitän nur gar zu gern entwischt.

In dem kleinen Lazarett war nur ein Sechstel der definitiv Erkrankten, bei denen die Pest schon vollkommen ausgebrochen, untergebracht, darunter auch Jimmy, der schwarze Küchenjunge, wenn auch nunmehr schon ein Jüngling.

Wir wollen das Aussehen solch eines Menschen, bei dem sich die Bubonenpest voll und ganz bemerkbar macht, nicht beschreiben. Und nun diese Atmosphäre! Und da hilft keine Saugluft und keine Desinfektion, kein Parfüm.

»Nun los, spritzen Sie, irgend wohin, nur eine gute Dosis! Nehmen Sie die Spritze ganz voll. Ich habe noch Blut genug im Leibe.«

»Der ist schon tot.«

»Spritzen Sie!«

»Bei dem hilft nichts mehr, der ist tot wie eine gebratene Ratte.«

»Spritzen Sie, Mensch, spritzen Sie!«

Doktor Isidor spritzte gehorsam.

»Da, haben Sie gesehen, wie er zuckte, als Sie die Spitze einschoben?!« frohlockte Georg, »Und wenn auch seine Seele schon entflohen wäre, sie müßte zurückkehren, kraft meines Herzblutes, das ich ihm zum Opfer bringe!«

Von einem zusammenzucken hatte Doktor Isidor absolut nichts gemerkt, wohl aber, das der Waffenmeister wirklich übergeschnappt war. Wie hätte er sonst so sprechen können.

Im Laufe von ungefähr Zwei Stunden bekamen sämtliche Erkrankte ihre Einspritzung. Wenn das Glas mit Blut leer war oder dieses zu dick wurde, ließ Georg aus seiner Wunde frisches hineinlaufen, diese dann immer nur durch einfaches Aufpressen der Hand verschließend, so weit es möglich war. Etwas sickerte ja immer hervor.

Erst ganz zuletzt waren Ilse und dann die Patronin daran gekommen.

»Sind alle Erkrankten geimpft? Dann die anderen zusammentreten!«

Napoleon, der erste Bootsmann, ließ seine Pfeife trillern.

Eigentlich hätte jetzt August der Starke Wache haben müssen, aber der konnte nicht mehr pfeifen, oder es war doch das letzte Loch, auf dem er pfiff. Der arme Kerl gehörte mit zu den bevorzugtesten Todeskandidaten.

Die Wache trat an, so weit sie noch wachfähig war. Kaum noch dreißig Mann und Jungen.

Jeder bekam seine Einspritzung mit dem Herzblute seines Waffenmeisters.

Es wurden dabei recht eigentümliche Gesichter gemacht, sie blinzelten hinter Georgs Rücken einander zu, besonders Oskar tat sich hierin hervor, tippte sich vor die Stirn und machte dann wieder beruhigende Bewegungen, und dann fehlte es natürlich auch nicht an humoristischen Bemerkungen, an blutigen Witzen.

Denn ohne das — es muß immer wieder bemerkt werden — geht es bei Seeleuten, bei deutschen Seeleuten nun einmal nicht ab, und wenn auch das ganze Schiff voll Pulver gefüllt ist und der plötzlich irrsinnig gewordene Kapitän steht im Begriff, mit der Pistole hineinzuschießen — well, dann fliegt man noch mit Hohn und Spott in die Luft.

»Mir bitte eine doppelte Portion, vorausgesetzt, das sie nischt kostet!« war die letzte solcher Bemerkungen, die Klothilde machte, als sie ihren vollen, kräftigen Schokaladenarm hinstreckte. »Von der Pest merke ich Zwar nichts, aber eine kleine Blutauffrischung kann mir nichts schaden, sonst degeneriere ich immer mehr.«

»Sind alle Gesunden angetreten? Fehlt noch jemand?«

Nach einem gewissen System konnte das leicht konstatiert werden, ohne das jeder einzelne ausgerufen wurde.

»Mister Tabak fehlt.«

»Wo ist er?«

»In seiner Kabine, wird schlafen.«

Georg ließ ihn nicht holen, sondern begab sich gleich selbst hin, den Arzt mitnehmend.

Ja, in seiner Kabine befand sich der Eskimo, aber nicht schlafend, sondern er saß unter der elektrischen Lampe am Tischchen und säbelte von einer mächtigen Speckseite lange Streifen ab, sie verschlingend, früh um Zwei zum ersten Frühstück.

»Lassen Sie sich impfen.«

»Wat?«

»Sie sollen eine Einspritzung mit einem Heilserum bekommen.«

»Wozu denn?«

»Gegen die Pest.«

»Ich habe keine Pest.«

»Aber können sie bekommen.«

»Ich? Lassen Sie sich doch nicht auslachen, Waffenmeister! Ich bin doch keine Memme, die so eine Kinderkrankheit bekommt.«

»Er hat recht,« nahm Doktor Isidor selbst für den Eskimo Partei, »das ständiger Trangenus gegen die Pest immun macht, ist erwiesen, und darnach könnte eine Trantonne ebenso gut die Pest bekommen wie Mister Tabak.«

»Lassen Sie sich impfen!« bestand Georg auf seinem Willen.

»Nee.«

»Ich werde Sie dazu Zwingen!«

»Mich? Probieren Sie’s mal.«

Und der Eskimo setzte sich schon in Positur.

»Was? Sie wollen sich wohl zur Wehr setzen?«

»Dachten Sie etwa nicht?«

»Ich bin der Kapitän!«

»Aber meiner nicht. Sie haben mir gar nichts zu be . . . «

Da stand der Waffenmeister mit Gedankenschnelle schon vor ihm, hatte das Handgelenk mit dem berühmten langen Messer gepackt, mit der anderen Faust die Brust so hob er ihn vom Stuhle, warf ihn zu Boden und kniete auf ihm, des in Strömen fließenden Blutes nicht achtend.

»Schiffsarzt, impfen Sie ihn.«

Doktor Isidor gehorchte, gab dem Eskimo eine Einspritzung ins Handgelenk.

Der hielt ganz still, hatte sein Froschmaul weit aufgerissen, in dem er noch eine gute Portion ungekauten Speck Zeigte. So starrte er den aus ihm Knienden an.

»Fertig.«

Georg erhob sich und trat zurück, wieder die Hand auf die blutende Wunde pressend.

»Stehen Sie auf! Erkennen Sie an, das ich als Kapitän dieses Schiffes das Recht habe, Sie vom Schiffsarzte impfen zu lassen?«

Langsam erhob sich der Eskimo, klappte sein Maul zu, schluckte den letzten Speck hinter und dann war er klar zur Antwort.

»Ja, Käpten, ja — haben recht, ganz recht — der Käpten kann impfen, wen er will — und wenn’s auch die Königin von England ist — ob se will oder nich. I bog your pardon.«

Sprach’s gelassen, hob sein Messer auf, setzte sich wieder und frühstückte weiter.

Und auch sonst konnte Georg ruhig gehen. Dieser Eskimo hätte ihm sofort das Messer in den Leib rennen können — später tat er es nicht mehr. Nachträglich war der nicht.

»Das war also der letzte gewesen!« sagte draußen auf dem Korridore Georg zu dem Arzte.

»Ja, ich glaube.«

»Ach so — Sie selbst noch.«

»Ich? Hm.«

Da legte ihm der Waffenmeister die Hand auf die Schulter.

»Wissen Sie, Doktor — Sie sind von Alkohol so durchseucht, das Ihnen doch keine Seuche mehr etwas anhaben kann — die Pestbazillen würden in Ihrem Blute doch nur besoffen — und überhaupt, um Sie wäre es nicht schade, wenn —«

Weiter kam der Sprecher nicht. Er taumelte und schlug schwer zu Boden.

Zehn Liter Blut ungefähr hat der normale Mensch in seinen Adern, Zwei Liter soll er davon verlieren können, ehe er umfällt, und Georgs Experiment hatte sicher ganz bedeutend mehr gekostet.


141. KAPITEL.
SANKT GEORG.

Jetzt unterband Doktor Isidor schnellstens den Arm, aus dessen Handgelenk, wenn auch nicht gerade aus der Pulsader, das warme Lebensblut noch immer ungehindert rieselte; der Eskimo, der den schweren Fall vor seiner Tür gehört hatte, war schon herausgekommen und war ihm dabei mit kundiger Hand behilflich.

»Was ist eigentlich mit dem Käpten los?« fragte letzterer, als er den Knebel andrehte.

»Ja, mein lieber Kabat, das ist ein böser Fall! Wenn hier unser Freund wieder zur Besinnung kommt, dürfen wir diese vielleicht nicht anerkennen, das heißt, wir müssen ihn vielleicht für unzurechnungsfähig erklären —«

Doktor Isidor brach etwas erschrocken ab. Denn in diesem Augenblick, da gerade der Knebel unter dem Oberarm befestigt worden und die Blutung gestillt war, sprang der Patient, den man in tiefster Bewußtlosigkeit liegen glaubte, leichtfüßig empor. Also nicht, das er sich nur so aufrichtete, sondern er schnellte unter den Händen der beiden plötzlich wie eine Sprungfeder in die Höhe.

»Mich für unzurechnungsfähig erklären?!«

Wirkte schon dieses plötzliche Emporschnellen des vermeintlichen Bewußtlosen ganz überraschend, so vielleicht noch mehr dieser sein Ausruf.

Denn mit lachendem Munde hatte er ihn getan, richtig jubelnd, jauchzend, dabei aber mit einem Gesicht so vergeistert und trotzdem so furchtbar energisch — diese tiefe Falte, die der plötzlich Zwischen den Augen bekommen hatte, und überhaupt, wie diese Augen plötzlich sprühten — solch ein Gesicht hatten die beiden bei ihrem Waffenmeister noch nicht gesehen.

Sie hatten nicht lange Zeit, über diese plötzliche Umwandlung zu staunen.

»Alle Mann an Deck!«

Mit diesem Rufe eilte Georg hinaus, die beiden folgten.

Alle in Betracht Kommenden, d. h. alle Gesunden, befanden sich überhaupt noch an Deck, die Prozedur mit dem Eskimo und das Verbinden hatte ja nur wenige Minuten in Anspruch genommen.

»Leute! Ich habe soeben an Euch allen und an den Pestkranken eine Operation vollzogen, die Ihr Euch nicht erklären könnt und für die ich Euch auch keine Erklärung geben werde, jetzt nicht und niemals. Haltet Ihr mich deshalb für unzurechnungsfähig?«

Stumm standen die wetterharten Männer da, nur den Sprecher anblickend. Sie alle erkannten die kolossale Umwandlung, die plötzlich mit ihrem Waffenmeister geschehen war, wie er mit einem Male ein so ganz anderes Gesicht bekommen hatte, ohne es irgendwie definieren zu können. So heiter verklärt und dennoch diese furchtbare Energie — das sagt noch gar nichts. Sie konnten nur staunen, und darüber vergasen sie die Antwort — wenn sie auf solch eine Frage überhaupt eine gehabt hätten. Aber sie sollten noch dazu gezwungen werden.

»Leute!« fuhr Georg fort, als alles schwieg. »Ich will und muß eine Antwort von Euch haben! Ich werde Euch eine Viertelstunde allein lassen. Ihr sollt Euch beraten, ob Ihr mich für unzurechnungsfähig, für irrsinnig erklärt oder nicht. Was das zu bedeuten hat, wißt Ihr doch alle. Zeigt ein Kapitän deutliche Spuren von geistiger Umnachtung, so kann er durch gemeinsamen Beschluß der gesamten Mannschaft seiner Kommandostelle enthoben werden, bei offen hervorbrechendem Wahnsinn oder vollkommener Trunkenheit, muß dies überhaupt geschehen, und wehrt er sich, so wird er überwältigt und in Eisen gelegt.

So urteilt jetzt auch über mich.

Und ich will Euch noch etwas anderes dazu sagen.

Ja, mit mir ist plötzlich eine kolossale Umwandlung vor sich gegangen.

Wodurch und inwiefern, das werdet Ihr nie von mir erfahren.

Aber die Folgen dieser meiner Umwandlung werdet Ihr sehr bald erleben.

Ich werde Euch von jetzt an die seltsamsten Befehle geben, ganz, ganz unbegreiflich für Euch.

Ich werde oftmals die widersinnigsten Anordnungen treffen.

Ich werde vielleicht manchmal für lange, lange Zeit Euch verlassen, spurlos verschwinden.

Ich werde von Euch manchmal vielleicht die unerhörtesten Anstrengungen fordern, Euch ganz planlos in die furchtbarsten Gefahren schicken, ohne das dabei irgend ein Grund oder ein Zweck oder ein Ziel zu sehen ist, und haben wir dabei doch etwas Wertvolles erreicht oder gewonnen, so werfe ich dies vielleicht achtlos wieder fort.

Kurz, Ihr werdet mich oftmals die sinnlosesten Handlungen begehen sehen. Und nun, nachdem ich Euch dies gesagt habe — und seid versichert, das es so kommen wird — beratet Euch, ob Ihr mich als Kapitän behalten wollt oder nicht.«

Georg wandte sich und ging nach der Kajüte.

Es dauerte einige Zeit, bis die Leute Worte fanden, und dann war es erst etwas ganz anderes, was sie besprachen. »Was ist denn nur mit unserem Waffenmeister los?!«

»Wie sah denn der aus?!«

»Gerade wie der Heiland.«

»Wie der Heiland? Du träumst! Der hatte doch nicht so ein fürchterliches Gesicht.«

»Es war doch auch ganz heiter, wie verklärt.«

»Nein, ganz grimmig war’s!«

»Wie der Heiland, als er den Feigenbaum verfluchte, so sah er aus.«

»Ja, als er die Händler und Wechsler zum Tempel hinauspeitschte, so grimmig, und doch immer noch der Heiland.«

So und ähnlich, klang es durcheinander.

Und das sind durchaus keine ungewöhnlichen Matrosenäußerungen — von deutschen Matrosen getan!

Ach, was man im Mannschaftslogis von deutschen Schiffen zu hören bekommen kann! Jedenfalls mehr Geist als in mancher Studentenkneipe, in welcher der Blödsinn vergöttert wird.

»Nein, akkurat wie der Sankt Georg sah er aus,« sagte jetzt der Matrose Wilm, »im Palazzo rosso zu Genua ganz akkurat dasselbe Gesicht!«

Er hatte viel gesehen, der Matrose Wilm.

Der rote Palast in Genua ist heute ein öffentliches Museum für Skulpturen und Gemälde.

Da hängt im kleinen Tafelzimmer ein mittelgroßes Bild, den heiligen Georg darstellend, in silberner Rüstung auf weisem Rosse sitzend, wie er mit der Lanze den Drachen bekämpft.

Man weiß nicht, wer der Schöpfer ist. Jedenfalls ein Meister allererster Güte. Wer das Bild Raffael zuschreibt, mag recht haben, ebenso wie der, der Michel Angelo für den Schöpfer hält.

Überwältigend!!

Ist die Sixtinische Madonna die unübertreffliche Verschmelzung von Mutterliebe und keuscher Jungfräulichkeit, von Glück und Wehmut, im Antlitz offenbart, so gilt dasselbe für diesen Sankt Georg in männlicher Übertragung. Wie sich in diesem Jünglingsgesicht die heitere, sonnige Begeisterung mit wildem, trotzigem Wagemut paart — unbeschreiblich herrlich! Man braucht kein besonderer Kunstkenner zu sein, um diese Wirkung zu empfinden. Überhaupt besser, man steht da als ein ganz ordinärer Laie. Selbst die unbesiegbare Kraft, die in dem schlanken, erzgepanzerten Körper steckt, hat der Künstler in den Zügen wiederzugeben gewußt.

»Jungens,« nahm da Oskar, der Segelmacher, das Wort, der doch überhaupt immer das große Wort führte, »wenn Ihr damit fertig seid, ob unser Waffenmeister und nunmehriger erster Käpten wie der Heiland Jesus Christus oder wie der Apostel Petrus oder wie der Sankt Georg oder wie der Erzengel Michael ausgesehen hat, dann will ich Euch mal wat seggen.

Wir müssen uns jetzt beraten, ob wir den Käpten in die Gummitobzelle einsperren oder ihn auch fernerhin frei ohne Maulkorb und Kette herumlaufen lassen wollen. Und da ist meine Meinung nun folgende:

Etwas gepiept hat’s ja bei uns allen schon immer im Kopfe, und zu uns allen hat auch unser Waffenmeister gehört.

Und wenn unser Waffenmeister und Käpten nun noch vollständig überschnappen sollte — na, da schnappen wir alle eefach ooch mit. Wat?«

So sprach der verlorene Großindustriellensohn aus Köln am Rhein.

Und niemand hatte eine Einwendung dagegen zu machen.

Es brauchte gar nicht erst abgestimmt zu werden.

Gleich ging eine Deputation nach der Kajüte ab, um dem Kapitän mitzuteilen, das, wenn er geneigt sei, vollständig überzuschnappen, sie alle ebenfalls mit überschnappen wollten. Wenn der Sprecher dies auch in etwas andere Worte kleiden würde.

Während Georg die Erkrankten geimpft hatte, war die kleine Ilse von Klothilde zu Bett gebracht worden, unterdessen hatte sich die Patronin von ihrem Ohnmachtsanfalle, den sie ja nur durch den Anblick des blutenden Armes des geliebten Mannes gehabt zu haben brauchte — ein schlimmes Zeichen freilich war es immer — wieder erholt, auch sie hatte sich zu Bett begeben. Die Einspritzung hatte sie ruhig geduldet, ohne irgendwie nach einem Grunde zu fragen.

Georg begab sich in die Patronatskajüte, betrat durch die Nebentür das Schlafzimmer.

Dasselbe enthielt Zwei freistehende Schwebebetten, die durch besondere Kugellagerungen alle Bewegungen de Schiffes aufhoben, diese also nicht mitmachten, bis auf das Auf— und Niedergehen immer in gleicher Lage blieben.

In dem einen lag Ilse, in dem anderen die Patronin. Es müssen ja kistenähnliche Betten sein, denn mögen sie auch noch so gut ausbalanciert sein, die Gefahr, herausgeschleudert zu werden, besteht doch immer, und außerdem hatte Klothilde über beide noch fürsorglich die Gurte befestigt.

Eine Ampel verbreitete gedämpftes, rosafarbenes Licht.

Beide schliefen, Ilse ruhig, die Patronin warf sich hin und her, sprach im Traume.

Und was sprach sie?

»Blut — rotes Blut — wohin ich blicke, überall rotes Blut — Hilfe, ich versinke — uuuh, der schreckliche Lindwurm, der dort schwimmt — Hilfe, Hilfe, er will mich fressen schon verbrennt mich sein Feuer — — Georg, Georg, rette mich vor dem Drachen — töte ihn, töte ihn — sei Du mein Sankt Georg —«

Und so schwatzte sie weiter im fieberwirren Traume vom Sankt Georg, der sie von dem im Blute schwimmenden Drachen erretten solle, von ihrem Sankt Georg.

Unser Held wußte nicht, wohl aber wissen wir es. Nämlich, wie jetzt gleichzeitig draußen an Deck der Matrose Wilm meinte, das der Waffenmeister ganz genau wie der Sankt Georg im Palazzo rosso zu Genua aussehe.

Lag hier eine wunderbare Ideenübertragung zugrunde?

Nein, es brauchte durchaus nicht der Fall zu sein.

Ein merkwürdiges zusammentreffen war allerdings vorhanden, wie so etwas aber häufig passiert; aber nichts anderes, als wenn Zwei Personen in der Unterhaltung gleichzeitig dasselbe Wort aussprechen.

Ilse hatte bis kurz vor ihrem Unwohlseinsunfall der Tante vorgelesen, aus einem Legendenbuche, die Geschichte vom Sankt Georg, wie er den Lindwurm tötete.

Kurz darauf war auch die Patronin über den Anblick des blutenden Geliebten in Ohnmacht gefallen.

Was war da Wunder dabei, das sie jetzt von Blut träumte, von einem ganzen Blutmeere, in dem sie schwamm, und von einem feuerspeienden Drachen, der sie bedrohte, und das sie nun den Sankt Georg zu Hilfe rief, der für sie ganz natürlich ihr Georg, der Waffenmeister sein mußte.

Das war also die ganz natürliche Erklärung.

Auf den Eingetretenen schien es keinen Eindruck weiter zu machen, was er da von der Fiebernden zu hören bekam.

Sein Gesicht strahlte noch immer wie von verklärter Heiterkeit, und dennoch darin die trotzige Entschlossenheit.

So stand er in der Mitte des Zimmers, die Arme über der Brust verschränkt, blickte auf die Träumende herab.

Dann nahm er von dem Schwebetisch ein Glas Limonade, von Klothilde schon bereit gesetzt, führte es an die Lippen der Fiebernden, oder wollte es doch tun, es gelang ihm nicht, sie wehrte sich, stieß das Glas zurück, und er hielt sich nicht lange mit seinen Bemühungen auf, stellte das Glas wieder hin, strich die Haare der Geliebten sanft zurück, trocknete ihr mit einem Tuche die feuchte Stirn, küßte sie leise, ging hin an Ilses Bett, küßte auch das Kind, noch vorsichtiger, um es nicht im Schlafe zu stören, aber vielleicht noch Zärtlicher, und er verließ das Schlafzimmer wieder.

Da meldete Siddy schon die Deputation der Mannschaft an.

Aus wem sie bestand, ist gleichgültig. Man hatte schon einen geeigneten Sprecher gewählt, in diesem Falle aber lieber nicht den schnodderigen Segelmacher

»Euer Kommando gilt nach wie vor, Kapitän?«

»Ist das gemeinsamer Beschluß?«

»Ja.«

»Niemand erhebt Einspruch?«

»Von den Wachehabenden kein einziger, die Erkrankten scheiden jetzt aus.«

»Habt Ihr es Euch auch reiflich überlegt?«

»Ja, Kapitän.«

»Es ist sehr schnell gegangen.«

»Nicht für uns, Kapitän.«

»Also Ihr führt jedes Kommando aus, das ich gebe, jedes, auch wenn es noch so sinnlos ist und ich Euch keine Erklärung dafür gebe?«

Es war eigentlich eine ganz überflüssige Frage, aber bei dem Manne brach jetzt doch einmal die Begeisterung hervor.

»Und wenn sich vor uns die Hölle mit allen Teufeln und Scheusalen öffnete, und Ihr gebt Befehl, gegen sie vorzugehen — wir gehen mit vollen Segeln und unter Volldampf mit Hurra hinein!«

Es machte auf den Kapitän keinen Eindruck. Insofern nicht, als sein Gesicht immer noch das fest entschlossene und dennoch so heiter strahlende war und blieb.

»Gut! Nehmt gleich Zwei Kommandos mit: Loten! Und beide Wachen zum Arbeitsdienst!«

Die Deputation entfernte sich, gleich darauf pfiff die Bootsmannspfeife »Loten«. Georg begab sich noch einmal in seine Kabine, kam gleich wieder an Deck. Die Lotgäste der Steuerbordwache waren bei der Arbeit. Auch das Loten ist eine Kunst, die gelernt sein will. Benutzt wurde das Brookesche Patentlot, mit dem man Tiefen bis zu 1500 Meter sicher messen kann. Mit dem gewöhnlichen Handlot sind nur Tiefen bis zu dreihundert Meter zu erreichen, das heißt, dann weiß man nicht mehr, ob das Bleigewicht Grund gefunden hat oder noch fällt, weil die Leine doch selbst hinabzieht, und dabei muß das eigentliche Lot schon dreißig Kilogramm schwer sein, das Wiederaufziehen ist eine furchtbare Arbeit. Bei dem Brookeschen Patentlot wird dies alles vermieden. Nebenbei bemerkt: es ist dies die Erfindung eines fünfzehnjährigen amerikanischen Schiffsjungen. Wenn man jetzt im Konversationslexikon liest, er sei Midshipman gewesen, also Seekadett in der Kriegsmarine, so ist das falsch. Edward Brooke war im Jahre 1854, als er seine Erfindung der Marinebehörde verlegte, gewöhnlicher Schiffsjunge auf einem Küstensegler Erst dann wurde er als Seekadett in die Kriegsmarine eingestellt. Diese seine Erfindung ist unterdessen wohl verbessert worden, aber im Prinzip übertroffen konnte sie nicht werden.

Die Leine, mit Knoten und Lappen markiert, glitt durch die schwieligen Hände, der betreffende Matrose meldete die Anzahl von je Zehn Metern, sang sie aus

»70 — 80 — 90 — 300 — 10 — 20 — 30 . . . «

»Stopp!« kommandierte Georg. »Das genügt für meine Zwecke.«

Die dreihundert Meter Leine wurden wieder eingeholt, dabei löst sich das Blei- oder Eisengewicht von selbst ab, worin eben das Patent besteht. Es geht dabei Zwar verloren, muß immer durch ein anderes Gewicht ersetzt werden, aber das schadet nichts; andernfalls geht bei solcher Tiefe gewöhnlich die ganze Leine verloren, sie reist beim Aufziehen.

»Die Backbordwache geht mit mir!«

Es war ein Dutzend Männer und Jungen, die sich ihm anschlossen. Der Kapitän führte sie unter das Zweite Deck und sie wußten, was sich hinter der Tür befand, in die er jetzt den Schlüssel steckte.

Da lagen die gleißenden Goldbarren fest aufgeschichtet, goldene Gerätschaften, meist zusammengeschlagen, in hohen Haufen, da standen Kisten und Kasten gefüllt mit Diamanten und anderen Edelsteinen aller Art, teils ausgebrochen, teils noch in goldener Fassung.

Der Flibustierschatz.

Kapitän Martin hatte ihn einmal einer eingehenderen Prüfung unterzogen und ihn auf hundert Millionen Mark mindestens taxiert.

»An Deck mit dem Zeuge!«

Die Männer und Jungen beluden sich. Schweigend Jetzt wußten sie sofort alle, was der Kapitän vorhatte, aber niemand hatte eine Einwendung zu machen. Hätte es auch einer wagen sollen!

Aber sie flüsterten nicht einmal unter sich — sie gehorchten.

Und so war es dann auch bei den anderen, die sich dann ebenfalls daran beteiligen mußten, die fast fünfzig Tonnen schwere Last heraufzutragen oder sie doch erst bis unter die Winde zu bringen.

Noch immer leuchtete prachtvoll das Polarlicht, noch immer spielten und schnaubten die Walfische zwischen den beiden Eisbergen, da hob Kapitän Georg Stevenbrock den ersten Zwei Zentner schweren Goldbarren empor und schleuderte ihn über die Bordwand in das Meer hinein, und als Zweites ließ er eine ganze Kiste mit Diamanten nachfolgen, sie Zerplatzte dabei, ein in allen Regenbogenfarben schillernder Tropfenregen vermählte sich mit dem Salzwasser des Indischen Ozeans.

Und so folgte ein Goldbarren und eine Edelsteinkiste nach der anderen über die Bordwand hinab, verschwand in einer Tiefe von mehr als 330 Metern, aus der es also kein Herausholen mehr gab, ganz abgesehen davon, das man ja gar nicht wußte, wo man sich befand, man auch gar keine geographische Ortsbestimmung machen konnte, da der nächtliche Himmel vollständig bedeckt war.

Der Flibustierschatz! Dem im Grunde genommen doch die ganze Fahrt dieser modernen Argonauten gegolten hatte.

Weshalb versenkte ihn der Waffenmeister der Argonauten jetzt im Meere an unbekannter Stelle?

Dieser Schatz stammte doch nicht von jener geheimen Gesellschaft, mit der er nichts mehr zu tun haben wollte, und er hätte sich seiner doch schon viel früher entledigen können.

Nein, erst heute nacht mußte ihm plötzlich dieser Entschluß gekommen sein.

Aber weshalb tat er es?

Niemand fragte darnach, sie sprachen nicht untereinander darüber, auch jeden aufsteigenden Gedanken an solch eine Frage wußte jeder sofort auszulöschen

Sie gehorchten einfach, wie sie ihm versprochen hatten.

Niemand dachte auch daran, das doch eigentlich jeder einzelne auch einen Gewissen Anspruch an diese Schätze hatte, sogar einen gesetzlich begründeten.

Hatte der Waffenmeister erst mit der Patronin darüber gesprochen? Geschah es mit ihrer Einwilligung?

Sie dachten nicht an so etwas. Es war ihnen ganz gleichgültig.

Ihr Waffenmeister und Kapitän befahl und sie gehorchten, waren mit allen Kräften bemüht, das gleißende Zeug herbeizuschleppen und über Bord zu werfen.

Einige Stunden nahm diese Arbeit doch in Anspruch. Das Polarlicht war schon längst erloschen, der Himmel hatte sich wieder aufgeklärt, und eben tauchte über dem östlichen Horizonte die Sonne empor, als der Kapitän mit eigener Hand den letzten Goldbarren über Bord warf.

»Der rote Drache ist besiegt!« rief er dabei feierlich.

Einige waren doch dabei, die ihn verstanden.

Der Drache, mit dem Sankt Georg kämpft, ein in der christlichen Kirche so oft wiederkehrendes Bild, ist ja nur allegorisch zu verstehen: es ist die Sünde.

Und für die anderen setzte er es gleich noch deutlicher hinzu:

»Wir sind befreit von dem Fluche, der an diesem Golde haftet!«

Ja, allerdings, es war Piratenbeute gewesen, das Schiff, welches van Horn führte, war von denen, die er beständig bedrohte, »la Consolation« genannt worden, die Verzweiflung, wieviel Tränen und Wimmern und Todesseufzer mochten an diesem Golde geklebt haben.

Danach wird freilich heute nicht mehr gefragt. Geld stinkt nicht, braucht nicht geputzt zu werden. Kann man nicht auch mit gestohlenem Gelde Kirchen und Waisenhäuser stiften?

Ja und nein. Es gibt Menschen genug, die hierüber doch etwas anders denken. Sie gehören zum Sauerteige der Menschheit, sind das Salz der Erde. Und gibt es nicht auch Klöster und Waisenhäuser und ähnliche Anstalten genug, von denen es besser gewesen, sie wären nicht gestiftet worden? Weil ihre Insassen schon auf Erden in der Hölle leben?

Die modernen Argonauten stellten nicht solche Fragen. Gehorsam und sogar freudig hatten sie den gleißenden Plunder über Bord geworfen, obgleich sie wußten, das sie nun wieder vor dem großen Nichts standen. Doch vielleicht gerade deshalb hatten sie es so freudig getan.

Da, wie Georg den letzten Goldbarren unter jenen Worten im Meere versenkt hatte, im ersten Scheine der Morgensonne, kam Doktor Isidor.

Es mußte etwas mit ihm vor sich gegangen sein, er war so scheu, machte ein ganz merkwürdiges Gesicht, wie er sich dem Kapitän näherte.

»Herr Kapitän — fast muß ich es ein Wunder nennen ich bitte um Entschuldigung — Sie haben recht behalten — Jimmy war noch nicht tot — oder Sie haben ihn wieder lebendig gemacht —«

Immer mehr geriet das kleine Krummbein ganz außer Atem.

»Und?« fragte Georg lächelnden Mundes und seine blauen Augen strahlten mehr denn zuvor.

»Und dieses Wiederlebendigwerden Zeigt sich allüberall — eine allgemeine Wendung zum Besseren — plötzlich brechen bei allen die Leistendrüsen auf, was sonst durch kein Mittel künstlich zu erzielen ist — hiermit aber ist die Krise der Pest zugunsten des Erkrankten überstanden ich möchte sie alle schon für gerettet erklären —«

Da ging ein seltsames Zittern durch das ganze Schiff, es wurde zum Surren, dieses zum gewaltigen Ton, und dann rauschte mit mächtigen Klängen ein Tedeum über das Meer und zum Himmel empor.

So herrlich konnte nur ein einziger die Orgel spielen, ihr Erbauer und Meister, das kleine bucklige Männlein.

Hämmerlein hatte sich vor zwei Tagen legen müssen, soeben war er nach einem ausnahmsweise ruhigen Schlafe erwacht, hatte sich erheben können, und sein erster Gang, wenn er sich auch nur schleppen konnte, war nach seiner Orgel gewesen.

Und die Umstehenden hatten es gehört, was der Schiffsarzt soeben gesagt.

Mit scheuem Staunen blickten sie alle auf ihren Kapitän und Waffenmeister.

Und während die Orgel im Tedeum erbrauste, wußten sie mit einem Male alle, das der Mann mit dem strahlenden, schier verklärten Antlitz nicht umsonst sein Herzblut ihnen in die Adern gespritzt hatte.

Sankt Georg hatte den Drachen besiegt!


142. KAPITEL.
AUS DEM ZUCHTHAUS ENTLASSEN!

Wir lassen nun die persönliche Erzählung eines neuen Mannes folgen.

Ich, Ewald Ebert, hatte das Polytechnikum in Hannover absolviert. Als Sohn eines alten Artillerieoffiziers hatte ich mich ganz auf Geschützkonstruktion geworfen.

Das Resultat von jahrelangen Privatstudien war eine neue Rücklaufbremse.

Dabei hatte ich Zwar mein ererbtes, kleines Vermögen vollständig aufgezehrt, nun aber konnte ich mich auch gleich als reichen Mann betrachten.

So glaubte ich!

Mir erging es, wie es schon manchem deutschen Erfinder ergangen ist.

Vergebens legte ich meine Zeichnungen den Militärbehörden vor, vergebens wandte ich mich von einer Geschützfabrik an die andere.

Meine Erfindung war neu und sicher gut, aber man wollte es nicht anerkennen.

So kann man es mir nicht verdenken, wenn ich meine Erfindung zuletzt dem englischen Kriegsministerium anbot, zumal schon der Hunger an die Tür pochte.

Bemerken will ich noch, das man solch eine Erfindung, die im Heerwesen, im Kriege eine Rolle spielen wird, ja gar nicht patentieren lassen kann. Durch das Patentieren wird sie doch veröffentlicht, dann nimmt sie kein Staat mehr ab, denn dann kann sie doch jeder nachmachen. Da kann man sein Geheimnis nur der Ehre anvertrauen.

Meine schriftliche Versicherung, eine neue Rücklaufbremse von umwälzender Bedeutung erfunden zu haben, genügte — das englische Kriegsministerium überwies mir sofort das Geld, um nach London fahren zu können.

Die Sache leitete sich vorzüglich ein. Anfangs!

Ich will nicht ausführlich schildern, wie ich schließlich um meine Erfindung betrogen worden bin. Dabei will ich der englischen Regierung keinerlei Schuld beimessen, die Schurkerei geschah Zweifellos von privater Seite.

Mister Snatcher hieß der edle Herr, der mir eines Tages, als wir in dem Separatzimmer eines Hotels der Unterhandlung pflogen, kalt hohnlächelnd sagte, das ich ja selbst erst diese Erfindung einem Engländer, mit dem ich in Hannover studiert, gestohlen habe.

Darauf konnte es nur eine einzige Antwort geben: Ich schlug dem Manne ins Gesicht, das er Zwischen die Stühle flog.

Dabei mag ich — ich weiß es nicht — nicht nur mit der flachen Hand, sondern mit der geballten Faust geschlagen haben, ihn an der Schläfe treffend, und ich bin kein Schwächling

Der Mann stand nicht wieder auf.

Tot!

Ich stellte mich selbst.

Natürlich kein vorsätzlicher Mord, aber auch nicht nur leichtfertiger Totschlag.

Das Urteil lautete auf acht Jahr schwere Arbeit, hard labor.

Das ist dem deutschen Zuchthause entsprechend, nur insofern ganz anders, als diese Strafe nicht entehrend ist, was es in England überhaupt nicht gibt. Nach Verbüßung der Freiheitsstrafe ist die Tat eben auch gesühnt. Ich will nicht kritisieren, ob das Urteil gerecht war oder nicht. Ich habe die Richter für parteilos gehalten, und mein mir gestellter Verteidiger hat alles getan, um mich zu entlasten.

Ich kam, meiner Körperkonstitution entsprechend, nach Portland in die Steinbrüche.

Sieben Jahre lang habe ich am Tage Steine gebrochen und des Nachts in der Isolierzelle geschlafen.

Ich habe mich über nichts zu beklagen gehabt.

Das heißt als Sträfling nicht!

Mein einziger Trost war der, das es niemand in der Welt gab, der sich meiner schämte, der mich beklagte.

Genug!

Das letzte Jahr wurde mir wegen guter Führung geschenkt. Nur einmal hatte ich eine kleine Insubordination begangen, um aus dem Bureau, in das mich ein mir wohlwollender Beamter gebracht, wieder hinaus in den Steinbruch zu kommen, um mich in Sonnenglut und Winterkälte wieder mit den Blöcken herumbalgen zu können.

»Nummer Zweihundertdreiundzwanzig!« erklang es dann zum letzten Male.

Ich wurde in ein Zimmer geführt und hörte zum ersten Male wieder meinen Namen.

Fast wunderte ich mich, das ich ihn noch kannte.

Wäsche und ein neuer Anzug lagen für mich bereit. Den Kragen knöpfte ich verkehrt an, mit dem Schlipse wußte ich gar nichts anzufangen.

»Hier ist ein Herr, der sich Ihrer annehmen will!« hieß es dann.

Ich kannte ihn nicht. Ein noch junger Mann, im schwarzen Gehrock, mit so einem weichen, breitrandigen Filzhute — jedenfalls ein Geistlicher oder so ein Missionar, der sich entlassener Sträflinge annimmt.

»Kommen Sie, Herr Ebert,« sagte er zu mir auf deutsch.

Er führte mich in ein Hotel. Ob wir unterwegs was gesprochen haben, weiß ich nicht, bezweifle es. Ich befand mich ja in einer ganz fremden Welt, eckte überall an, vor einem Automobil fürchtete ich mich fast.

In einem Separatzimmer gab er mir die Speisekarte. Ich wußte nichts damit anzufangen. Er bestellte. Eine ganze Kalbskeule kam auf den Tisch.

Als ich auf dem ersten Bissen kaute, fing ich zu weinen an. Der Herr selbst rührte nichts an, schaute mir nur zu und trank Rotwein.

»Weshalb weinen Sie denn?«( fragte er nach; einiger Zeit, als meine Tränen nicht zu fließen aufhörten.

»Weil es mir so, gut schmeckt!« schluchzte ich.

Da lächelte er.

Leise weinend aß ich die ganze Kalbskeule auf. Kalbsbraten mit Spargel und Champignons hatte es im Zuchthaus nicht gegeben.

»Wissen Sie eigentliche wer ich bin?« fragte mich der Herr dazwischen einmal.

Nein. wußte noch nicht einmal, ob er mir schon seinen Namen genannt hatte, der mich auch wenig interessierte. Für mich hatten alle Menschen nur Nummern.

»Für wen oder was halten Sie mich?«

Jetzt blickte ich ihn einmal aufmerksamer an.

Ein schönes Männergesicht, freundlich und überaus gutmütig und energisch zugleich, so braunrot gebrannt wie meines, mehr noch als die breiten Schultern verrieten die sonst wohlgepflegten Hände die diesem schlanken Körper innewohnende Muskelkraft, dazu nun der schwarze Anzug und der Missionarhut —.

»Für einen Geistlichen, für einen Landpfarrer, der viel im Garten arbeitet!« lautete mein Urteil.

Da plötzlich brach der Herr in ein schallendes Gelächter aus.

Eine Erklärung für diesen Heiterkeitsausbruchs erhielt ich nicht, verlangte sie auch nicht — ich vertiefte mich wieder mit nassen Augen in meine Kalbskeule.

Der Kellner oder Geschäftsführer kam, fragte, ob wir gestatteten, das zwei Gentleman in diesem Zimmer dinierten.

Gewiß!

Zwei ältere Herren nahmen, ohne uns zu beachten, an einem Nebentische Platz, dinierten, sprachen nur von Hausse und Baisse. Börsenjobber

Dann vertieften sie sich in Zeitungen, bis der eine eine Bemerkung machte und die Unterhaltung wieder in Gang brachte.

»Sapristi! Die Vorstellung gestern abend in der Alhambra hat den Argonauten wieder einen Reingewinn von Zweitausend Pfund Sterling eingebracht, die sofort dem Seemannsasyl überwiesen wurden!«

»Die hätten doch nicht nötig, solche Vorstellungen zu geben, wenn sie wohltätig sein wollen!« meinte der andere.

»Allerdings nicht. Es macht ihnen eben Spas, so öffentlich zu mimen. Ja, diese Bande! Die Firma Harrison hat wieder fast tausend Pfund Ambra von ihnen gekauft, beste Qualität, hat 150 000 Pfund Sterling dafür gezahlt.«

»Wird denn nur so viel von dem Zeuge gebraucht?«

»Besonders der Orient kommt gar nicht ohne Ambra aus. Der Verbrauch und daher die Nachfrage dort ist enorm. Einmal freilich wird der Preis ja sinken, wenn solche Massen auf den Markt geworfen werfen, vorläufig aber ist noch nichts davon zu merken. Wie steht der Ambra heute an der Börse? Erste Sorte 4775 Franken, Zweite 4350, dritte 3800. Das ist immer noch beste Hausse; obgleich dieser Kapitän Stevenbrock im Laufe eines Jahres für wenigstens Zehn Millionen Franken Ambra auf den Markt geworfen hat.«

»Wo bekommt der nur das Zeug her?«

»Ja, wenn man das wüste! Der weiß eben irgendwo eine Ablagerungsstelle, wo Potwale und Moleschots vielleicht schon seit undenklichen Zeiten ihren Blasenstein absetzen.«

»Ob denn nicht so ein Mann von der »Argos« zu ködern ist, das er einmal plaudert?«

»Wird wohl nicht zu machen sein. Die haben doch sicher alle Anteil am Gewinn, und Sie haben doch selbst das Antrittslied gehört, das sie immer zuerst beim Keulenschwingen singen — festgenietet sind wir, hei, festgeschmiedet sind wir, hei!«

»Na, so viel ich weiß, sind diese Argonauten keine Abstinenzler, und Whisky hat schon manche Zunge gelöst.«

»Hm,« brummte der andere, uns einen schnellen Seitenblick zuwerfend, »wenn die Kerls nur nicht so wie Kitt zusammenklebten.«

»Es geht mancher als Ordonnanz allein an Land. Neulich hat einer auf der Hauptpost neben mir am Schalter gestanden, er war allein, ich sah ihn dann auch auf der Straße gehen. Oder einmal einen instruierten Mann an Bord schmuggeln, einen scharfen, auch nautisch gebildeten Detektiv, so einen wie den Sparrow, der gut aufpaßt, wo die Argonauten ihr Ambra herholen.«

»Na — dieser Kapitän Stevenbrock ist doch mit allen Hunden gehetzt.«

»Und Sie scheinen solch eine Spürnase wie den Sparrow nicht zu kennen.«

»Die Argonauten nehmen gar keinen Fremden mehr unter sich auf.«

»O, das ließe sich schon arrangieren!« meinte der andere, gedankenvoll mit seinem Weinglase spielend.

Hierbei bemerke ich gleich, das die beiden ja gar nicht an die Ausführung solch eines Vorhabens dachten, sonst hätten sie doch nicht so laut davon gesprochen, das es andere hören konnten.

Allerdings — erst kommt der Gedanke, dann die Tat.

Ein dritter alter Herr kam.

»Gentleman, wissen Sie schon das Neueste?«

»Was?«

»Endlich ist es heraus, wo Mister Dikil die wunderbaren Diamanten, Rubine, Smaragde und Saphire her hat, die er seit einigen Tagen an der Edelsteinbörse haufenweise anbietet.«

»Nun?«

»Vom Kapitän der Argonauten. Die müssen irgendwo ein Edelsteinlager entdeckt haben, das sie heimlich ausbeuten.«

Von meiner Kalbskeule war nur noch der Knochen übrig, und mein Begleiter fragte mich, ob ich zum Aufbruch bereit sei. Ich war es.

Von jener Unterhaltung war mir kein Wort entgangen, aber interessiert hatte es mich durchaus nicht. Die Argonautensage kannte ich natürlich, aber was das für Argonauten waren, von denen jene sprachen, das war mir ganz gleichgültig, obgleich ich sonst nicht so ein Nevermindman bin. Aber wenn man sieben Jahre lang als Nummer im Steinbruch von Portland gearbeitet hat, und man wird dann als freier Mensch vor einem großen Kalbsbraten gesetzt, dann kümmert man sich nicht um Ambra und unverdauliche Edelsteine und Argonauten.

Wir fuhren direkt nach dem Bahnhof, mein Begleiter sprach am Schalter, wir wurden von einem Beamten nach dem zugegeleitet, ein anderer trug einen kleinen Koffer nach, sein Kupee erster Klasse wurde geöffnet und hinter uns wieder geschlossen.

Kurz vor Abgang des Zuges kam noch eine größere Gesellschaft von sehr eleganten Herren und Damen, ein allgemeiner Ansturm auf die Kupees erster Klasse erfolgte, man rüttelte auch an unserer Tür und schimpfte.

Da merkte ich, das sich mein Begleiter ein separiertes Kupee geleistet hatte. Ein Landpfarrer?

Wir rollten; er setzte sich behaglich in den Polstern zurecht und präsentierte mir zum Zweiten Male sein gefülltes Zigarrenetui. Ach, dieser Genus, so eine Havanna.

»Was beabsichtigen Sie nun zu tun, Herr Ebert?«

Ich wußte es nicht, hatte noch keinen Plan gefaßt.

»Ihre Rücklaufbremse ist von der englischen Regierung verwertet worden.«

Das glaubte ich schon.

»Als Hockwardsche Bremse. Sie sind um Ihre Erfindung betrogen worden. Werden Sie in dieser Sache noch einmal vorgehen?«

»Vorläufig denke ich nicht daran, und am liebsten möchte ich überhaupt niemals wieder daran denken.«

»Recht so. Haben Sie schon von den Argonauten gehört?«

»Vorhin zum ersten Male. Als sich die beiden Herren über sie unterhielten. Es scheint ein Schiff zu sein, das »Argos« heißt, und darnach werden die Leute darauf Argonauten genannt.«

»So ist es. Und wie hieß der Kapitän dieser neuen Argonauten?«

»Stevenbrock.«

Lächelnd schnipste er die Asche seiner Zigarre zum Fenster hinaus.

»Dieser Kapitän Stevenbrock bin ich.«

Himmel noch einmal! War ich denn nur blind gewesen?! Ja natürlich, war das doch ein Seemann, wie er im Buche steht! Freilich der schwarze Gehrockanzug und der Missionarshut. Und überhaupt, jetzt konnte ich das gut sagen — niemand hätte in ihm gleich den Seemann erkannt.

»Herr Ebert, glauben Sie an eine Bestimmung im Schicksale des einzelnen Menschen?«

»Das das Schicksal eines jeden Menschen von vorn herein bestimmt ist? Das man diesem Schicksal nicht entgehen kann? Nein, daran kann ich nicht glauben.«

»Recht so!« erklang es wiederum in ganz eigentümlichem Tonfall. »Glauben Sie so lange nicht daran, als bis Sie davon überzeugt worden sind. Wollen Sie in meine Dienste treten?«

»Als was?«

»Als mein — Sekretär, will ich sagen.«

»Als Schreiber?«

»Ja.«

»Ich bin des Schreibens sehr ungewohnt geworden, und Bureauarbeit ist auch nicht gerade meine Liebhaberei.«

»Sie werden auch bei mir verdammt wenig zu schreiben haben!« lächelte er wieder, und man hatte nichts von einem Fluchworte gehört, er hätte es in der besten Damengesellschaft sagen können. »Ich werde Sie schon Ihrem Geschmack entsprechend zu beschäftigen wissen. An Bord meines Schiffe, denn an Bord müssen Sie kommen. Vertrauen Sie mir? Wollen Sie in meine Dienste treten?«

Er sah mich fest an, ich blickte ihm in die Augen.

Und da erlebte ich etwas. Es war ein trüber, naskalter Herbsttag.

Und da plötzlich drang aus diesen blauen Augen ein goldener Sonnenstrahl in mein Herz, es bis in alle Fasern erwärmend.

»Ja, ich will, Herr Kapitän.«

Er reichte mir die Hand hin, drückte meine.

»Gut, abgemacht! Sie sind ein Argonaute. Sie gehören mit zu uns. Sie —«

»Herr Kapitän, wie komme ich nur dazu? Ich kenne Sie doch gar —«

»Halt, nicht solche Fragen, keine einzige!« unterbrach er mich, nicht etwa unfreundlich, ganz im Gegenteil, aber auch aufs allerbestimmteste. »Sie haben eingewilligt, jetzt bin ich Ihr Kapitän. Was das zu bedeuten hat, das werden Sie später merken, »wenn Sie erst wissen, was Bordroutine ist. Jetzt kann ich das noch nicht verlangen, weil Sie kein Seemann sind. Aber Sie werden es werden, und dann werden Sie verstehen, weshalb man den Kapitän nichts fragen darf, was nicht zur Sicherheit des Schiffes gehört.

Oder fällt Ihnen etwa ein, den lieben Gott einmal zu fragen: Höre mal, weshalb läßt Du eigentlich aus dem Ei erst eine Raupe kriechen, die sich mühsam wieder in einen Schmetterling verwandeln muß? Weshalb läßt Du nicht gleich aus dem Ei den fertigen Schmetterling schlüpfen?

Ich bin nicht der liebe Gott. Aber Sie werden später noch einmal merken, wenn Sie erst die Bordroutine im Leibe haben, das jeder Kapitän an Bord seines Schiffes doch so ein bisschen Ähnlichkeit mit dem lieben Gott hat. In jener Hinsicht, worauf es hierbei ankommt. Wie es so etwas sonst nirgends wieder auf der Erde gibt. Jede Zeitung kann die Worte und Handlungen des Landesherrschers öffentlich kritisieren, aber im Reiche des Kapitäns gibt es so etwas nicht oder es erfolgt sofort eine Katastrophe mit Blitz und Donnerschlag.

Aber freiwillig will ich Ihnen gleich eine Offenbarung machen.

Sie sind vom Schicksale dazu bestimmt, mein Begleiter zu werden, mein Vasall, mein treuer Leibknappe.

Das es so kommen muß, das werden Sie später einsehen, wenn es sich eben erfüllt hat.

Deshalb habe ich Sie von Portland abgeholt.

Ich hätte Sie auch schon früher herausholen können, mit List oder Gewalt.

Ich tat es nicht.

Nicht unseretwegen nicht, damit wir uns nicht in Unannehmlichkeiten brächten, sondern Ihretwegen taten wir es nicht.

Sie mußten erst Ihre Strafe abbrummen. Es ist geschehen, und nun stehen Sie wieder unschuldig da wie ein frisch aus dem Seifenbad gekommener Engel.

Und nun werde ich ein Stündchen schlummern.

Hier, mein lieber Ebert, haben Sie mein Zigarrenetui und hier den Schlüssel zu meinem Koffer, da finden Sie etwas Trink- und Eßbares darin, falls Sie Bedürfnis darnach haben. Oder Sie können auch schlafen, brauchen nicht etwa für mich zu wachen. Wenn Sie einmal für mich wachen sollen, dann werde ich es Ihnen schon sagen.

Und wenn Sie sich etwa genieren, in meinem Koffer zu wühlen, nachdem ich Ihnen die Erlaubnis dazu gegeben habe, dann müßte ich Sie erst in die Vorschule zur eigentlichen Bordroutine stecken, was mir sehr leid täte. Gute Nacht.«

Sprach’s und streckte sich, die Hände in den Hosentaschen, der Länge nach aus auf dem Polster.

Ich hatte Zeit zum Grübeln; tat es aber nicht viel, sondern gab mich ganz dem behaglichen Gefühle hin, das sich immer mehr meiner bemächtigte. Ich hätte nicht aus dem Zuchthause zu kommen brauchen; auch so hätte ich mich plötzlich wie in eine ganz neue Welt versetzt gefühlt.

Nach einer halben Stunde hielt der Schnellzug zum ersten Male in Yeovil.

Hier wollten einige Passagiere einsteigen, die gar nicht das Recht dazu hatten.

Es war eine irländische Familie, bestehend aus Vater und Mutter, jedes auf dem Arme einen Säugling tragend, am Rocke hingen noch einige andere Sprößlinge, alle mit brennend roten Haaren, starrend vor Dreck, an der Nase lange, ungefrorene Eiszapfen, was man auf gut deutsch Rotznasen nennt.

Sie wollten nach Salisbury, natürlich dritter Klasse, dieser Zug hier führte nur erste und Zweite, sie mußten eben den Personenzug benützen, der eine Stunde später ging, und das war den guten Leutchen nicht begreiflich zu machen; die Frau bestand auf ihr vermeintliches Recht, machte einen Heidenskandal, ging dem Stationsvorsteher direkt zu Leibe. Und nun so eine echte Irische, was die für gewählte Ausdrücke hat, mit ihrem merkwürdigen Englisch!

»Ist sich eine Schweinebande vermistigte! Hat sich wohl Trichinen im Schädel stinkiges! Soll sich blutig was schämen, pft, pft, pft.«

Der Stationsvorsteher flüchtete vor dem feuchten Bombardement. Aber einsteigen konnte die siegreiche Familie doch nicht, alle Passagiere hielten natürlich von innen die Türen zu, und in der nächsten halben Minute mußte sich der Schnellzug wieder in Bewegung setzen.

Kapitän Stevenbrock, der sanft geschlummert hatte, war von dem Skandal erwacht, trat ans Fenster, hörte einige Augenblicke zu, dann öffnete er schnell die Tür.

»Hier herein mit Euch!«

Das ließen die sich nicht zum Zweiten Male sagen. Und die Zugbeamten durften sie nicht hindern, in unser Kupee zu steigen, das war bezahlt, gehörte uns, wir konnten mitnehmen, wen wir wollten, sogar ohne Fahrkarte.

Sie stiegen ein, machten es sich auf den Samtpolsterin bequem, ohne viel zu denken. Oder überhaupt gar nicht. Es war doch ihr gutes Recht, hier mitzufahren, sie hatten doch bezahlt.

zuerst einmal den Futtersack aufgemacht. Entweder war von vornherein nicht viel drin gewesen oder man hatte ihn schon stark in Anspruch genommen. Einige Stücke Hartbrot und eine Käserinde, das war alles. Es wurde verteilt und heißhungrig verschlungen. Den beiden Säuglingen, übrigens keine Zwillinge, sondern Zehn Monate auseinander, kaute die Mutter die Bissen vor, stopfte ihnen den Brei mit dem Finger in den Schlund. Friß, Vogel, oder stirb.

Kapitän Stevenbrock erhob sich alsbald, entfernte sich durch die Durchgangstür, kam gleich wieder, beladen mit einem ganzen Korbe voll belegten Brötchen, Schokoladentafeln, Konfekt und dergleichen. Er mußte im Speisewagen das ganze Büfett abgeräumt haben.

»Hier, eßt — aber seht Euch etwas vor, Ihr kleinen Säue, schmiert die Polster nicht so voll — das ich die dann nicht auch noch zu bezahlen habe.«

Nun ging das Futtern erst richtig los. Was nicht bewältigt werden konnte, verschwand im leeren Proviantsack.

Dann wurden die Säuglinge trocken gelegt. Im Luxuszug erster Klasse. Die Affenliebe dieser irischen Mutter war wirklich rührend. Nur durfte man nicht sehr eklig sein. Statt Schwamm und Wasser benutzte sie einfach ihre Zunge, leckte einfach ihre Lieblinge dort, wo sie es nötig hatten, ab. Tatsächlich! Ich glaube überhaupt, solche Szenen kann man gar nicht erfinden.

Einmal setzte sie mir das eine nackte Baby nolens volens auf den Schoß, nahm es mir bald wieder ab — da aber hatte es schon auf meiner neuen Hose ein nasses Andenken hinterlassen. Dabei rauchte die Frau aus einem Kalkstummel einen Tabak, der, glaube ich, auch einen preußischen Grenadierwachtmeister zur Strecke gebracht hätte.

Unterdessen unterhielt sich der Kapitän in der anderen Ecke mit dem ihm gegenübersitzenden Vater dieser lieblichen Bande. Verstehen konnte ich nichts, hörte auch gar nicht hin, hatte anderes zu tun.

Endlich, endlich war Salisbury erreicht. Wenn es auch wieder nur eine halbe Stunde gedauert hatte.

Eine Minute Aufenthalt, die Familie mußte sich mit dem Aussteigen beeilen.

Aber ich hatte ihnen Unrecht getan, wenn ich geglaubt, so etwas wie Dank kennten die gar nicht.

Auf dem Perron winkte das rote Teufelsweib.

»Wird sich nie vergessen, soll sich Frau Deiniges Kinderchen kriegen wie die Läus!!«

»Danke, danke!« winkte der Kapitän zurück und legte sich mit einem tiefen Seufzer wieder zum Schlafen hin.

Ich dachte mein Bestes. Ach Du schöne Zuchthauszeit! Ich möchte Dich faktisch nicht in meinem Leben vermissen. Das heißt: solch ein Austritt und Eintritt in eine ganz neue Welt gehört dazu.

»Was haben Sie denn da für einen großen nassen Fleck auf Ihrer Hose?« fragte der Kapitän, nach mir blinzelnd. »So ein Säugling hat Sie beglückt? Na, bis nach London wird’s schon wieder trocknen, sonst warten Sie, bis wir in die Passatwinde kommen, da trocknet sogar das Schweißtüchlein eines griechischen Maurers. Haben Sie so einen mal mauern sehen?! Sehen Sie lieber nicht zu. Bis der Zehn Steine zusammengeklebt hat, sind dem Zuschauer Schwämmchen auf’m Buckel gewachsen.«

Und dann nach einer Pause:

»Wissen Sie, wovon mir der rote Paddy immer erzählt hat? Egal von seinen Reichtümern. Hat zu Hause einen echt strohgedeckten Palast mit Zwei Kammern, die er mit seiner Familie und nicht weniger als sechzehn schlachtreifen Schweinen teilt. Und dieser Krösus fährt dritter und speist kalte Käserinde!«

Ach, und da muß man nun ernst bleiben!

Ich glaubte, es bleiben zu müssen, weil der dies alles so ernst und trocken hervorbrachte.

Oder aber — man hat nicht umsonst sieben lange Jahre in Portland Steine gebrochen und des Nachts in der Isolierzelle gelegen, nicht immer schlafend, lange, lange, ewig lange Nächte!

Da muß man das Lachen erst so nach und nach wieder lernen.

Basingstoke, eine Minute Aufenthalt!

Der Stationsvorsteher öffnete mit seinem Schlüssel unsere geheiligte Tür.

»Verzeihen die Herren — alle Plätze sind besetzt — vielleicht gestatten Sie gütigst, das ein Gentleman —«

Er wurde zur Seite gedrängt; von einem finofeinen Herrn, der Zylinder so glänzend wie die ausgeschnittenen Lackschuhe, die noch die bunten, gestickten Seidenstrümpfe Zeigten, duftend nach allen Wohlgerüchen des Orients.

»Ach was, da braucht gar nichts gestattet zu werden! Der Zug ist voll und hier ist noch Platz und damit basta! Ich bin der Marquis Jodella du Balay, Attaché der französischen Gesandtschaft!«

Mit diesen Worten sprang er in unser Kupee und warf sich in eine Ecke.

Donnerwetter noch einmal, Attaché der französische Gesandtschaft, Marquis dazu, ja dann freilich!

Ich rutschte andachtsvoll zur Seite.

Auf dem anderen Polster lag nach wie vor lang ausgestreckt Kapitän Stevenbrock, die Hände in den Hosentaschen, blinzelte gemütlich, und ebenso gemütlich erklang es jetzt:

»Ebert, schmeißen Se mal den Fatzken naus!«

Wohl, das war etwas anderes — also ich packte den Herrn Marquis und französischen Gesandtschaftsattache beim Samtkragen, hob ihn zur Tür hinaus, setzte ihn fein säuberlich auf den Perron nieder, schlug die Tür zu — und da setzte sich der Zug auch schon wieder in Bewegung.

»Gut gemacht, mein lieber Ebert!« erklang es gemütlich weiter. »Sehen Sie, wenn der Kerl höflich gebeten oder auch nur ganz einfach gefragt hätte, ob er hier Platz nehmen könne, selbstverständlich hätte ich es ihm erlaubt. Da bin ich doch nicht so. Aber so, wie der denkt, geht es nicht. Der mag sich uff de Puffer setzen, da gehört er hin.

Und dann nach einer kleinen Weile:

»Ja, mein lieber Ebert, das Hinaussetzen hatten Sie ganz hübsch gemacht. Aber ganz das Richtige war es doch noch nicht, es fehlte dabei — sozusagen die elegante Fixigkeit. Ich werde es Ihnen bei Gelegenheit einmal vormachen, Ihnen dabei so ein paar geheime Griffe und Kniffe zeigen, wodurch die Sache erst den richtigen Schwung bekommt. Oder Sie können auch gleich beim langen Heinrich in die Lehre gehen. Das ist nämlich unser Trainingmaster im Hinausschmeißen. Der eigentliche Waffenmeister bin ich, aber der lange Heinrich hat sich ganz aufs Hinausschmeißen gelegt. Und da hat dieser Kerl — natürlich durch viel Übung — dadrin etwas losbekommen — was der für eine kraftvolle Höflichkeit mit ruhiger Grazie zu verbinden weiß — dieser elegante Schwung, den der zuletzt noch gibt — — na, Sie müssen es selbst einmal sehen, wenn der jemanden hinauspfeffert. Dieser lange Heinrich, obgleich nur gewöhnlicher Matrose, ist überhaupt sozusagen unser Anstandslehrer Und die Kunst des Hinausschmeißens gehört heutzutage mit zur allgemeinen Bildung, sonst kommt man nicht durch die Welt, bleibt überall stecken. Nun geben Sie mir mal aus dem Koffer die Buttel her, vorausgesetzt, das Sie noch etwas drin gelassen haben.«


Gegen 7 Uhr trafen wir in London ein, Liverpoolstreet-Station.

»Sind Sie müde?«

»Gar nicht, Herr Kapitän!«

»Hungrig?«

»Auch nicht.«

Wir nahmen ein geschlossenes Cab. Das Ziel, das der Kapitän dem Kutscher angab, hörte ich nicht.

»Wir fahren nach dem Alhambra—Theater. Dort geben meine Jungens eine Vorstellung. Verläuft alles programmäßig, so hat sie schon angefangen, wir kommen eine halbe Stunde zu spät, ich muß Ihnen daher eine Erklärung geben, sonst geht Ihnen der tiefe Sinn des Ganzen verloren.

Es handelt sich um ein Drama. Der Verfasser dieses Dramas bin ich. Es ist das einzige Drama, das ich geschrieben habe und je schreiben werde, aber es genügt, um mir unsterblichen Ruhm für alle Ewigkeit zu sichern. Sein Titel ist: Kling Klang Klung, der Schrecken des gelben Meeres, oder der blutige Popanz in der Kleiderkiste. Der Inhalt ist kurz folgender«

Er begann ihn mir zu schildern, so weit ich ihn wissen mußte, weil ich den Anfang versäumte.

Ich hätte beim besten Willen nicht einmal lächeln können, aufrichtig lächeln. Was ich da zu hören bekam, war der horrendeste Blödsinn, der je mein Ohr getroffen. Ich konnte den Kapitän faktisch gar nicht begreifen, wurde fast etwas mißtrauisch ob seiner gesunden Vernunft. Das er es wagte, mir so etwas zu erzählen, wahrscheinlich doch in der Meinung, es sei etwas sehr Witziges.

Wir erreichten das Theater und auf Seitenwegen eine reservierte Loge.

Das Alhambra—Theater fast 6000 Zuschauer, die riesige Bühne ist besonders für große Balletts bestimmt, ungeheure Spektakelstücke und dergleichen, bei denen manchmal mehr als tausend Personen mitwirken.

Das Theater war bis auf den letzten Platz besetzt, förmlich vollgepfropft, und auf der Bühne wurde schon feste gemimt.

Ich weiß, was dem Leser schon bekannt ist, und werde es nicht wiederholen. Bemerken will ich nur, das die Menagerie, die sich auch besonders um seltene, exotische Tiere vermehrt hatte, noch viel mehr bei der Posse mitwirken mußte, das auch ganz neue Szenen hinzugekommen waren, die ich aber nicht schildern will.

Betonen dagegen muß ich, das ich bisher nur von einem Schiffe »Argos« gehört hatte, deren Besatzung sich die Argonauten nannte, ja aber noch gar keine Ahnung von einem »Gauklerschiffe« hatte!

Nun Läßt sich denken, wie mir zumute war, als ich auf der Bühne den Blödsinn mit der Unmenge von Tieren beobachtete.

Bald wandte ich meine Aufmerksamkeit unten dem Publikum zu, und das konnte ich um so eher tun, als auch neben mir der Kapitän, die Arme auf die Brüstung gelegt, unausgesetzt hinabspähte, nicht nur mit einem heiteren, sondern mit einem von Seligkeit wahrhaft verklärten Gesicht.

Ja, worüber lachten denn nur eigentlich die Menschen dort unten und auch oben auf den Galerien und in den anderen Logen so fürchterlich?

Fürchterlich sage ich mit Absicht.

Ich will nicht beschreiben, wie sie sich alle vor Lachen schier wälzten.

Es war aber überhaupt ein ganz merkwürdiges ein schreckliches Lachen.

Was die alle dabei für Grimassen und Fratzen schnitten!

Und dieses Kreischen, diese gellenden Töne dazwischen! Das war gar nichts Menschliches mehr.

Und weshalb trugen sie reihenweise die gleichen Uniformen oder doch ganz gleiche Anzüge?

Der Kapitän bemerkte, das auch ich hinab ins Publikum sah, und er näherte seinen Mund meinem Ohr, mußte schreien, brüllen, um sich mir verständlich machen zu können.

»Das sind lauter Taubstumme! Alle Taubstummenanstalten Londons und Umgegend haben heute abend ihren Inhalt hier ausgeschüttet. Natürlich Gratisvorstellung. Auch die eventuelle Fahrt bezahlen wir. Das Letztere sage ich, weil es meine eigene Freude ist. Diese armen Menschen werden in ihren Anstalten wohl nicht viel zu lachen haben. Und morgen abend kommen die Kinderkrüppelheime dran. Da müssen einige Szenen gestrichen werden. Dafür aber wird mehr musiziert. Auch unser Albert wird singen, was heute abend wenig angebracht wäre. Nun aber passen Sie auf! Jetzt kommt August der Starke, unser Zweiter Bootsmann, als Kaiserin-Mutter von China, produziert sich als Ballettöööööse!!!«

So hatte mir der Kapitän aus Leibeskräften ins Ohr gebrüllt.

Ich gehorchte, und plötzlich hatte ich ein so eigentümliches, warmes Gefühl in der Brust, als ich meine Blicke wieder der Bühne zuwandte. Und fünf Minuten später war es geschehen.

Erst hatte es einen Knacks gegeben, und dann hatte ich etwas wie ein Rutschen gefühlt.

Und da plötzlich wußte ich, weshalb die dort unten und die dort oben so furchtbar lachten.

Und da plötzlich machte ich mit.

Ich lachte unter Tränen und weinte unter Lachen.

Und da plötzlich waren alle die ungeheuren Steinmassen, die ich während sieben Jahre in Portland gebrochen, von meinem Herzen heruntergerutscht!


143. KAPITEL.
DER VERRÄTER WIDER WILLEN.

Die Vorstellung war aus.

Wir versetzen uns in ein dem Alhambra—Theater nahes Hotel.

Es hat keinen guten Ruf, dieses Hotel.

In einem Hinterzimmer saßen drei Herren. zu beschreiben brauchen wir sie nicht, es hätte auch keinen Zweck. Der schlimmste von ihnen sah am harmlosesten aus, der wirklich gutmütigste schielte auf beiden Augen und fletschte die Zähne, und der Geldmann unter ihnen war schäbig gekleidet.

Schweigend rauchten sie und tranken Soda mit Whisky, und der Geldmann griff gern nach einem fremden Glase und den Zigarrenstummel steckte er in die Westentasche.

Manchmal hörte man Weiberkreischen.

Jetzt ein ganz besonderes Quieken.

»Das war die Arabella.«

»Nee, das war die saure Sally, so kann nur die quietschen.«

»Lord, war die Geheimrätin vorhin schon wieder besoffen!«

»Wissen Sie schon? Die Madonna ist in Berlin geklappt worden, hat drei Jahre Zuchthaus aufgeschmettert bekommen.«

»Viel zu wenig. Die hätte schon dreimal gehangen werden sollen.«

Wieder längeres Schweigen.

»Ob es der Phöbe gelingt?«

»Müssens abwarten.«

»Es wird wieder nichts.«

»Diese Kerls können alle wie die Löcher saufen.«

»Sie müssen ein Mittel haben, das die Wirkung des Alkohols aufhebt.«

»Gibt es nicht.«

»Das sagen Sie, Mister Cratch?! Dann glauben auch wir nicht an Ihr Mittel.«

»Sie werdens erleben, das es wirkt.«

»Ja, Hypnose erzeugen. Aber auch im tiefsten hypnotischen Schlafe ist es nicht möglich, einem willensstarken Menschen ein Geheimnis zu entlocken, das er wahren will.«

»Ich werde beweisen, das es dennoch möglich ist.«

»Diesen Beweis verlange ich auch, eher bekommen Sie nicht meine tausend Pfund!« sagte Mister Fischer, der Geldmann, der sich aber hier in England nur mit sh schrieb.

Da wurde die Tür aufgerissen, heftig trat eine Dame ein, ein blendend schönes Weib.

Nur durfte man es sich nicht gar so genau ansehen.

Es war gar zu viel Farbe aufgetragen.

Und unter einer Flechte sah man, das ihr prächtiges aschblondes Haar eigentlich fuchsbraun war, auch schon stark zu ergrauen begann.

Immerhin, ein wirklich berückend schönes Weib!

Und reich!

Ihre mit Diamanten förmlich gepanzerten Finger konnte man auf mindestens Zweimalhunderttausend Mark taxieren.

Vorausgesetzt, das es wirklich Diamanten gewesen wären.

Der eine Goldreif, von dem zwei zehnkarätige Diamanten, drei Rubinen und vier erbsengroße Perlen ausgebrochen waren, färbte sogar ab.

Immerhin das Kostüm, das sie trug, mehr für Ball als Gesellschaft berechnet, war noch vor zwei Monaten in der Regentstreet mit hundert Guinees ausgezeichnet gewesen, 2100 Mark. Freilich hatte es inzwischen viermal die Besitzerin gewechselt, und schon die Zweite hatte mit dem großen Rotweinfleck, eingerahmt von Mayonnaisensauce, herumlaufen müssen, und bei der dritten war noch ein Zartes Ornamentmußter von hellgrüner Oliventunke dazugekommen.

»Ick haabe eenen jekitscht!« jubelte der schöne Mund mit den wunderbar roten Lippen, natürlich zum Küssen wie geschaffen, nur das sie etwas aufgeplatzt, waren, und wie sie dabei die Federboa zurückwarf hatte sie oben so ziemlich gar nichts mehr an, es begann erst wieder unter den Achseln.

»Sprechen Sie englisch, Madame Phöbe! Einen Matrosen?!«

Gros war die Aufregung.

»Den ersten Steuermann.«

Noch größer wurde die Aufregung.

»Ist nicht möglich!«

»Was krieg ich, wenn ers ist?«

»Von der »Argos«?«

»Sicher.«

»Wie heißt er?«

»Ernst Scholz!«

»Stimmt! Der erste Steuermann von der »Argos«! Haben Sie ihm das Pulver schon beigebracht?«

»In einer Tasse Kaffee.«

»Er schläft?«

»Wie eine chloroformierte Ratte.«

»Einen Whisky sollen Sie für diese Botschaft haben!« sagte Mister Cratch, der so harmlos Aussehende, im übrigen der eleganteste Gentleman, nach der Flasche greifend.

»Ja, Lude, jieb mich erst eenen Whisky!« fiel Madame Phöbe noch einmal in ihre Muttersprache zurück.

Mister Cratch alias Lude schenkte ein Wasserglas halb voll Whisky und wie er es dem Weibe reichte, beim zugreifen mit der Hand darüberfahrend, war es schon geschehen, ohne das auch der schärfste Aufpasser etwas davon bemerkt hätte.

Es war ein ausgezeichneter Taschenspieler, der in die gelbe Flüssigkeit etwas hatte gleiten lassen, was sich sofort auflöste

Madame Phöbe nahm das Glas, goß die große Portion Whisky hinter, als wäre es Wasser.

Mit einem Male ging ein Ruck durch ihren Körper, sie verdrehte die Augen ganz nach oben, das man nur noch das Weise sah, dann begannen die Lider zu Zittern, senkten sich, und so stand sie da, wie sie in der letzten Bewegung gestanden, das Glas mit einem kleinen Rest Whiskys noch an den Lippen, regungslos, wie erstarrt.

Der elegante Gentleman machte gegen die anderen beiden Männer eine Verbeugung mit entsprechender Handbewegung nach dem Weibe.

»Da ist der Beweis, das mein Mittel wirksam ist. Ich habe ihr in dem Trank das Pulver beigebracht.«

»Beweis?« meinte Mister Fischer. »Vorläufig sehe ich noch gar keinen Beweis. Das es auch innerliche Mittel gibt, um hypnotischen Schlaf zu erzeugen, sofort, weiß ich selber.«

»Aber sie sollen den vollgültigsten Beweis sofort erhalten, das durch mein Mittel jedes Geheimnis entlockt werden kann. Madame Phöbe, hören Sie mich jetzt sprechen?«

Leise, wie jetzt immer gesprochen wurde, aber mit scharfer Stimme hatte es Mister Cratch zu der Erstarrten gesagt. Ein Seufzen und Zittern ging durch den ganzen Körper.

»Ich . . . höre!« erklang es dann lallend aus dem etwas geöffneten Munde.

»Sie werden mir unbedingt gehorchen!«

»Ich . . . gehorche.«

»Sie können ganz fließend sprechen! Ich befehle es Ihnen! Was können Sie?«

»Ich kann ganz fließend sprechen!« erklang es jetzt ganz anders.

»Madame Phöbe! Was ist die letzte Tat, die Sie begangen haben, die jetzt schwer Ihr Gewissen beunruhigt, weil Sie eine Entdeckung befürchten. Na? Antwort!«

Er definierte näher, was er meinte, wenn sie sich sträubte, befahl eindringlicher, zu beichten, und schließlich kam es heraus, wobei sie sich in dieser seelischen Verfassung wieder ihrer geliebten Muttersprache bediente:

»Ick haab ihm zwee Sovereigns un enne halbe Krone un enne Fünfpfundnote jeklaut.«

»Wem?«

»Meinem Jeliebten.«

»Dem Mister Key, der ist doch jetzt Ihr Geliebter!«

»Ja.«

»Und dem haben Sie dieses Geld gestohlen?«

»Nee.«

»Wem denn nur sonst?«

»Ihm.«

»Wer ist dieser »Ihm«. Erklären Sie es näher, ich befehle es Ihnen!«

»Dem Steuermann!«

Ahaaa!

Sie gestand es ausführlicher.

Sie hatte den Herrn, den sie auf der Straße aufgelesen, freilich nicht etwa so zufällig, und mit in dieses Hotel gebracht, durch ein Tränklein im Kaffee betäubt, und wie er so schlafend im Lehnstuhl gesessen, hatte sie es nicht über sich gebracht, hatte erst einmal seine Taschen untersuchen müssen.

In der Hosentasche mehr Gold als Silber, in der Brusttasche ein ganzes Bündel Fünfpfundnoten, und da hatte sie es noch weniger über sich gebracht, sie hatte eine halbe Krone, Zwei Goldstücke und eine Fünfpfundnote entwenden müssen.

Es gehörte mit zu dem Metier dieses Frauenzimmers.

»Haben Sie dieses Geld bei sich?«

»Ja.«

»Wo?«

Nicht etwa in der Tasche. Sie nannte ein ganz intimes Versteck an ihrem Körper.

Weshalb hatte sie das gestohlene Geld nicht einfach in der Tasche? Es Zeigte sich dann, das sie tatsächlich viel Geld einstecken hatte, in der Taschenbörse und auf dem Busen, was bei solch einem Weibe doch nicht auffällig war.

Aber ganz folgerichtig war es, das sie dieses zuletzt gestohlene Geld äußerst sorgfältig versteckt hatte. So versteckt auch der Rabe das Meiste, ohne es nötig zu haben.

Und das wußten diese drei Männer, sie wunderten sich nicht im geringsten. Die kannten solche verkommene Frauencharaktere besser als der geschickteste Psychiater.

»Bitte, untersuchen Sie sie selbst, meine Herren, ob es stimmt, ich will meine Hände ganz davon lassen!« sagte Mister Cratch.

Ganz skrupellos gingen die beiden anderen Männer an die intime Leibesvisitation. Das genannte Geld wurde richtig an der bezeichneten Stelle gefunden, dort natürlich auch gelassen.

Wieder machte der Hypnotiseur eine tiefe Verbeugung. Er hatte ganz sicher schon auf der Bühne gestanden.

»Nun, Mister Fischer, genügt Ihnen dieser Beweis, das in diesem hypnotischem zustande, durch das von mir erfundene Mittel, auch der stärkste Eigenwille vollständig gebrochen wird?«

Der Gefragte rieb sich das glattrasierte Kinn.

»Ja dann allerdings — — oder nee, noch nicht — da könnte doch — da weiß ich noch etwas anderes — — fragen Sie sie doch einmal — — oder kann ich sie nicht einmal etwas fragen?«

»Gewiß. Ich muß nur erst die Willensgewalt auf Sie übertragen.«

»Tun Sie es.«

Es geschah durch entsprechende Befehle.

»Madame Phöbe, hören Sie mich sprechen?« fragte jetzt Mister Fischer, der jedenfalls in solchen hypnotischen Experimenten mit allem ihrem Unfug auch schon sehr bewandert war.

»Ich höre Sie.«

»Sie werden mir bedingungslos gehorchen!«

»Ich gehorche bedingungslos«

»Mir die absolute Wahrheit sagen.«

»Die absolute Wahrheit.«

»Wie alt sind Sie, Madame Phöbe?«

Ein Zögern, ein Ringen mit sich selbst, dann aber kam es auch ohne weitere Aufforderung heraus:

»Achtunddreißig Jahre.«

»So, det jeniegt mir als Beweis, das Ihr Mittel wirkt,« sagte Mister Fischer einfach, den Klemmer, den er einmal auf seine etwas Zerfressene Nase gepflanzt hat, wieder in die Westentasche steckend, »wecken Se se uff.«

Mister Balin, wie er genannt wurde, der dritte dieser Ehrenmänner, schielte nach beiden Wänden und fletschte die Zähne.

»Was, 38 Jahre?! Sie sagt immer, sie wäre erst 24, das gibt sie auch vor Gericht an. Aber erst gestern hat sie in Crispis Blair beim Haupte ihres Kindes, das zugegen war und an dem sie mit wahrer Affenliebe hängt, geschworen, das sie 29 Jahre alt wäre, nicht älter. Oder ihre Nelly solle auf der Stelle sterben. Und nun gesteht sie, das sie schon 38 ist.«

»Ja, eben deswegen genügt es mir. Mister Cratch, wenn Sie jetzt auch aus dem Steuermann das herausholen, was wir wissen wollen, dann haben Sie sich die tausend Pfund verdient. Werken Se se uff.«

Es geschah mit einigen Vorbereitungen. Natürlich mußte es ein erinnerungsloses Wachen sein.

»Wachen Sie auf!«

Ein Ruck durch den ganzen Körper, die Augen öffneten sich, die Pupillen kehrten zurück, der letzte Rest des Whiskys wurde ausgetrunken — und das Weib wußte nichts anderes, als das es soeben das Glas erhalten und geleert habe.

Ein Zeitunterschied kam nicht in Betracht. Dies alles hätte sich ja viel, viel schneller abgespielt, als es erzählt und gelesen werden kann, es war alles Schlag auf Schlag gegangen.

»Na dann vorwärts, wir dürfen den Schläfer nicht lange allein lassen!«

Alle vier traten hinaus, durchschritten den Korridor. Ob sie gesehen würden oder nicht, war ihnen gleichgültig. In diesem Hotel geschah noch etwas ganz anderes als solch eine Massenwanderung aus einem Zimmer ins andere.

»Sie kann ihn doch nicht etwa schon ausgefragt, ihm das Geheimnis schon entlockt haben?« flüsterte Mister Fischer dem Hypnotiseur auf diesem Wege nur einmal zu.

I Gott bewahre! Darüber konnte Mister Cratch den ängstlichen Geldmann mit einigen wenigen Worten beruhigen.

Er hatte dem Weibe doch natürlich nur ein Tränklein gegeben, um den geköderten Mann von der »Argos« einfach zu betäuben. Jenes andere Mittel gab er nicht aus der Hand, das war sein ureigenstes Geheimnis, das er der Hölle entwendet hatte.

Vor einer der nummerierten Zimmertüren zog Madame Phöbe einen Schlüssel hervor und schloß sie auf.

In einem Lehnstuhle schlummerte sanft ein Herr, den wir zur Genüge kennen — unser Freund Ernst, ehemals der Zweite, jetzt also der erste Steuermann der »Argos«. Sein Vorgänger hatte schon vor einem halben Jahre die große Reise angetreten, von der es keine Rückkehr gibt eine brechende Trosse hatte ihn ins Jenseits befördert.

Ernst trug natürlich keinen blauen Anzug nach Seemannsschnitt, mit trichterförmigen Hosen. Sonst wäre er doch ein Matrose gewesen. Er trug ganz einfach, wie jeder andere Mensch, der es sich leisten kann und kein Geck ist, einen modernen, sehr gediegenem aber ganz unauffälligen Straßenanzug.

Aber jedes Kind in irgend einem größeren Hafen der Welt, wenn es diesen schneeweißen Umlegekragen Stehkragen vollständig ausgeschlossen — und darüber das kupferbraune Gesicht sah, konnte sofort sagen: das ist ein Offizier, ein Steuermann von einem deutschen Handelsschiffe!

»Sie schlafen! — — Sie werden mir gehorchen, bedingungslos gehorchen! — — Sie können ganz fließend sprechen! — — Sie werden mir immer die Wahrheit sagen, ich befehle es Ihnen!«

So und ähnlich traf der Hypnotiseur wieder seine ersten Vorbereitungen, diesmal noch viel umständlichen viel vorsichtiger.

»Wie heißen Sie?«

»Ernst Scholz.«

»Was sind Sie?«

»Seemann!«

»Welche Stellung bekleiden Sie jetzt?«

»Ich bin erster Offizier auf der »Argos«.«

»Wie heißt der Kapitän dieses Schiffes?«

»Georg Stevenbrock.«

»Wissen Sie, wo der die Ambra und die Edelsteine herbekommt, die er schon wiederholt in den verschiedensten Hafenplätzen der Welt auf den Markt gebracht hat?«

Der Schläfer wurde unruhig, bejahte aber auf nochmaligen Befehl, gehorsam zu sein und immer die Wahrheit zu sagen.

»Sie wissen es?«

»Ja.«

»Wo haben Sie die Ambra her?«

Es erfolgte keine Antwort, wie der Hypnotiseur auch fragte und befahl.

»Sie wollen es mir nicht sagen?«

»Nein.«

Wir haben schon öfters über die Hypnotik und die Grenzen ihrer Macht gesprochen, brauchen es nicht zu wiederholen. Im Kriminaldienst versagt sie vollkommen. Das heißt jene Hypnotik, die wir heute kennen.

Mister Cratch zog aus seiner Tasche eine rohe Kartoffel hervor, mit der er sich für Gewisse Zwecke verstehen hatte.

Man wollte sich hier doch nicht etwa mit hypnotischen Experimenten belustigen. Dieser Mann wußte schon, was er tat.

»Öffnen Sie die Augen!«

Zitternd hoben sich die Lider, nur das Weise vom Auge war zu sehen.

»Sehen Sie mich an.«

Die Pupillen wanderten nach unten, die gläsernen Augen starrten.

»Sehen Sie mich?«

»Ja.«

»Was habe ich hier in meiner Hand?«

»Eine Kartoffel.«

»Sie irren.«

»Nein.«

»Das ist doch ein Pfirsich!«

»Nein, es ist eine Kartoffel.«

»Ich sage Ihnen aber, das es ein Pfirsich ist!«

»Ja, es ist ein Pfirsich!« gab der Hypnotisierte jetzt kleinlaut zu.

So etwas ist in der Hypnose möglich, das ist auch wieder etwas ganz anderes.

»Nein, es ist ein Apfel!«

»Es ist ein Apfel!« wurde jetzt auch gleich wieder zugegeben

»Nehmen und essen Sie den Apfel!«

Der Hypnotisierte griff zu, bis in die rohe Kartoffel hinein.

»Schmeckt der Apfel gut?«

»Ja.«

»Der schmeckt doch ganz sauer!«

Der Hypnotisierte hörte auf zu kauen, verzog den Mund und das ganze Gesicht.

»Ja, ganz sauer.«

»Nein, er schmeckt süß und lieblich!«

»Ja, ja.«

Mit Wohlbehagen verspeiste der Hypnotisierte weiter die rohe Kartoffel.

Mister Cratch suchte etwas in dem Innenfutter seines Gehrockes.

»Ich hatte doch Madame Phöbe, haben Sie nicht eine Nadel bei sich?«

Ja, eine lange Hutnadel hatte sie in der Frisur.

»Was wollen Sie tun?« flüsterte Mister Fischer. »Ihn doch nicht etwa stechen?«

»Ja, ich muß ihn auch noch dieser Probe unterziehen. Oder vielmehr ihn vorbereiten. Ich bin noch nicht ganz zufrieden mit ihm. Er hat noch zu viel Eigenwillen. Dann, wenn ich ihm das andere Mittel gebe, ist das nicht mehr möglich, das wirkt wieder ganz anders. Ich muß ihn einmal stechen . . . «

»Aber wenn er erwacht!«

»Ganz ausgeschlossen. Das wissen Sie doch selbst, Mister Fischer, Sie haben doch selbst oft genug hypnotisiert.

»Ich meine nachher beim Erwachen, da merkt er doch die Stichwunde, hat Schmerzen.«

»Nun, da hat ihn Madame Phöbe einfach versehentlich mit ihrem Haarspieß in den Arm gestochen, sie nimmt eine entsprechende Stellung ein, der suggerierte Schmerz ist zugleich das Signal zum Erwachen. Darüber instruiere ich Sie nachher noch, Madame Phöbe.«

Der Hypnotisierte hatte die rohe Kartoffel mit Wohlbehagen ganz aufgegessen.

»Sehen Sie hier die lange Nadel in meiner Hand?«

»Ja.«

»Ich werde Sie jetzt ziemlich tief in den linken Arm stechen.«

Sofort verzog der mit offenen Augen Schlafende schmerzhaft das Gesicht und streckte abwehrend beide Hände vor.

»Nein, nein!«

»Sie werden nicht den geringsten Schmerz dabei empfinden.«

»Doch, doch . . . «

»Nein, sage ich! Sie werden nicht den geringsten Schmerz dabei empfinden, wenn ich Sie jetzt in den Arm steche!«

»Nicht den geringsten Schmerz!« murmelte der Hypnotisierte jetzt gehorsam.

Mister Cratch stach ihn mit der Nadel in den rechten Oberarm, Ziemlich tief. Einen Zentimeter tief mußte die Nadel mindestens ins Fleisch gedrungen sein. Bluten tat die Wunde natürlich, aber es waren ja Hemd und Jacke darüber.

Der Hypnotisierte hatte mit keiner Wimper gezuckt.

»Hat es weh getan?«

»Gar nicht.«

»Haben Sie überhaupt gemerkt, das ich Sie gestochen habe?«

»Ja — nein — ja — ich weiß nicht . . . «

Jedenfalls hatte er nicht den geringsten Schmerz dabei gehabt.

Das ist möglich, in der Hypnose vollkommene Schmerzlosigkeit zu suggerieren! Jede Operation läßt sich schmerzlos ausführen. Aber aus Gewissen Gründen, die hier nicht erörtert werden können — es sind psychische oder sogar ethische — ist eine betäubende Narkose irgend welcher Art immer vorzuziehen. Das Hypnotisieren sollte ganz verboten werden. Wer etwa sein Kind hypnotisiert, begeht einen viel größeren Frevel, als wenn er ihm Schnaps zu trinken gibt, um sich an den im berauschten zustande begangenen Torheiten zu ergötzen.

»So, jetzt ist er präpariert. Madame Phöbe, verlassen Sie das Zimmer, warten Sie, bis wir Sie wieder rufen.«

Das Weib entfernte sich, hinter ihr wurde wieder die Tür geschlossen.

Diese dunklen Ehrenmänner hatten dieses Weib natürlich ganz in der Hand, die durfte nichts verraten, aber zu hören brauchte sie doch nicht alles.

Jetzt füllte Mister Cratch aus der Wasserkaraffe ein Glas, hatte wieder etwas hineingemischt, ohne das es jemand gemerkt.

»Trinken Sie dieses Wasser.«

Der Hypnotisierte leerte das Glas. Eine Veränderung an ihm war nicht zu beobachten.

»Sie werden mir bedingungslos gehorchen!«

»Ich gehorche.«

»Mir auf jede Frage nur die reine Wahrheit antworten!«

»Nur die reine Wahrheit.«

»Wie heißen Sie?«

»Ernst Scholz.«

»Das ist nicht wahr!«

»Doch.«

»Nein! Sie heißen Fred Bendmann! Wie heißen Sie?«

»Ich heiße Ernst Scholz.«

Jetzt mußte es also wohl eine ganz andere Art von Hypnose sein.

»Woher bekommen Sie die viele Ambra?«

Da fing der Hypnotisierte doch wieder zu zögern an.

»Antwort! Ich befehle es Ihnen! Wo bekommen Sie die viele Ambra her?«

Da war der Widerstand besiegt.

»Wir finden sie.«

»Wo?«

»An einer Küste.«

»An welcher Küste?«

»Bei der Wollastoneinsel!«

»Wo liegt die?«

»Südlich vom Feuerland.«

Der Zähnefletschende Mister Balin, der den Eindruck eines Seemanns machte, hatte unterm Arm eine große Ledermappe mitgebracht, entnahm ihr jetzt sofort einige Land— und Seekarten, hatte die des südlichsten Teils Amerikas schnell gefunden, breitete sie auf dem Tische aus.

»Gibt es dort eine Wollastoneinsel?«

»Wollastoneinsel, stimmt.«

»Am Fundort ist doch Gewiß eine geographische Ortsbestimmung gemacht worden?« wurde der Hypnotisierte weiter bearbeitet.

»Ja.«

»Ist sie Ihnen bekannt?«

»Ja.«

»Haben Sie sie im Kopfe?«

»Ja.«

»Nun, wie lautet sie?«

Wieder einmal ein Zögern, das aber schnell besiegt wurde.

»51 Grad 2 Minuten 42 Sekunden südliche Breite, 67 Grad 34 Minuten 18 Sekunden westliche Länge!« kam es dann fließend heraus.

Solche bemerkenswerte Bestimmungen behält jeder Seemann im Kopfe, wenn es nicht ein ausgesprochener Blechkopf ist; das gehört zu seinem Berufe, so wie jeder andere Mensch eine Unmenge von Hausnummern, Geburtstagsdaten und dergleichen im Kopfe hat, ganz abgesehen von Geschichtszahlen.

Schon wurden die angegebenen Zahlen, die noch Zweimal wiederholt werden mußten, von drei Bleistiften notiert, und Zwei davon Zitterten vor Aufregung.

»Es ist gar nicht nötig, meine Herren, das Sie sich das mitschreiben, das besorge ich schon,« meinte Mister Fischer, dessen Hand allein nicht vor Aufregung Zitterte.

»Besser ist besser.«

»Das Sie die Notiz nur nicht in fremde Hände kommen lassen.«

»Ohne Sorge, so wenig wie Sie.«

Die Karte wurde noch einmal befragt. Ja. Diese geographische Bestimmung bezog sich gerade auf die Wollustoneinsel.

Der Hypnotisierte wurde wieder vorgenommen. Er offenbarte weiter, durch geeignete Fragen unterstützt, das sich dort in einer riesigen Wassergrotte die Ambra in ungeheuren Massen aufgespeichert hatte.

Dort in dieser unwirtlichen Inselregion des Feuerlandes gibt es eben noch Zahllose Pottwale, deren abgesetzter Blasenstein durch die Meeresströmung wahrscheinlich gerade in diese Grotte getrieben wurde, und das war nun schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden geschehen.

Die Menge der dort aufgehäuften Ambra hatte noch gar nicht taxiert werden können.

Die Felsengrotte lag in einer Bucht, die Einfahrt war auch für das größte Schiff bei einigermaßen gutem Wetter und nicht gar zu hohem Seegange, gar nicht schwierig.

Die angegebene Ortsbestimmung genügte vollkommen, um diese Bucht zu finden, dann sah man den Eingang zu der Grotte sofort, und auch schon vorher war alles Wasser mit schwimmender Ambra bedeckt

Das war aus dem Hypnotisierten nach und nach herausgebracht worden. Ein geläufiges Berichten gibt es in diesem zustande ja nicht.

»Woher hat Kapitän Stevenbrock von diesem Ambralager erfahren?«

»Das weiß ich nicht.«

Es wurde zum Zweiten Teile übergegangen.

»Wo bekommen Sie die Diamanten und anderen Edelsteine her?«

»Wir finden sie.«

»Wo?«

Diesmal zögerte der Hypnotisierte nicht im geringsten mehr, den Verrat zu begehen.

An der brasilianischen Küste, dort, wo das Gebirge von Parahyba bis ans Meer tritt, in der Mündung eines Flusses, der zu denen gehörte, die in dem Riesenreiche noch nicht einmal einen Namen besitzen, obgleich breit und tief genug, um das größte Schiff einzulassen. Aber es ist von dort nichts zu holen, oder anderswo hat man es doch viel bequemer, man kennt schon das Fahrwasser.

Nun, der erste Steuermann der »Argos« konnte Kurs und Peilung ganz genau angeben, und Mister Balin notierte.

Etwa acht Meilen stromauf, Seemeilen, dann vor einer großen Insel rechts in einen kleineren Fluß abbiegen, der aber immer noch ein Schiff von 5000 Tonnen wie die »Argos« auch zur wasserärmsten Zeit bequem trug, dieser Fluß kam aus einem kleinen See heraus, oder richtiger einem Bassin, denn es war von hohen Felswänden eingefaßt, ein mächtiger Wasserfall stürzte herab, und auf der anderen Seite des Bassins, diesem Wasserfalle genau gegenüber, da lagen in einer Tiefe von sechs bis acht Metern, je nach dem Wasserstande, die Diamanten und Rubine und Smaragde und Saphire massenhaft auf dem kiesigen Grunde.

Es waren sogenannte Waschedelsteine. Sie wurden durch einen unterirdischen Fluß aus ihrer Lagerungsstelle herausgewaschen, die natürlichen Kristallfläschen waren schon tüchtig abgeschliffen.

Unermeßlich waren die Schätze, die hier lagerten.

Auch für diese Fundstelle wurde die geographische Ortsbestimmung gegeben, und jetzt Zitterte auch Mister Fischers Hand vor Aufregung, als er sie notierte.

Mag auch die Ambra dem Gewichte nach den doppelten und dreifachen Wert des Goldes haben — solche Edelsteine bedeuten doch noch etwas ganz, ganz anderes! zumal Rubine! Der Rubin ist bekanntlich noch weit kostbarer als der Diamant, übertrifft ihn um das fünf— bis Zehnfache, und sein Karatwert wächst auch noch ganz anders. Kostet ein Karat Rubin 1000 Mark — und unter dem ist es heute kaum noch zu haben — so würde einer von derselben Schönheit, aber von fünf Karat, schon 80 000 Mark kosten!

Und dort auf dem kiesigen Grunde lagen die Rubine wie die reifen Kirschen herum, wenn der Sturm den Baum tüchtig geschüttelt hat oder ein Schwarm Amseln eingefallen ist.

Und dasselbe galt von all den anderen Edelsteinarten.

Man mußte Maß halten, sonst konnte der ganze Edelsteinmarkt entwertet werden.

Die »Argos« war erst ein einziges Mal dort gewesen, was die Taucher aufgesammelt hatten, kam gegen die ungeheure Menge gar nicht in Betracht, und obgleich man schon an verschiedenen Handelsplätzen hunderte der schönsten Steine verkauft hatte, immer heimlich unter der Hand, befand sich an Bord noch ein großer Korb voll der glitzernden Dinger.

Woher dem Kapitän oder einem anderen diese Fundstelle unter Wasser bekannt geworden, wußte der Steuermann auch in diesem Falle nicht. Er war der erste Offizier, aber kein Vertrauter des Kapitäns und der Patronin, wurde in die Geheimnisse nicht eingeweiht.

So, das war erledigt, nun mußte man sich nur noch über eines vergewissern, und Mister Fischer übernahm das Fragen selbst.

»Haben Sie dort eine Wache zurückgelassen?«

»Nein.«

»Oder sonstige Sicherheitsmaßregeln getroffen?«

»Welche?«

»Etwa Minen gelegt?«

»Wozu?«

»Um ein anderes Schiff, welches dorthin kommt, in die Luft zu sprengen.«

»Nein.«

»Gar nichts dergleichen?«

»Gar nichts.«

»Kann das Edelsteinlager nicht von anderen durch Zufall gefunden werden?«

»Nein.«

»Sollte das Wasser nicht in solch einem Felsenbassin ganz rein und klar sein?«

»Das ist es.«

»Sieht man da die Edelsteine in solch geringer Tiefe nicht auf dem Grunde liegen?«

»Nein.«

»Weshalb nicht?«(

»Weil der Wasserfall die ganze Oberfläche des Bassins kräuselt.«

Dann allerdings ist die Durchsichtigkeit auch des klarsten Wassers aufgehoben. Oder es bedarf erst eines besonderen Mittels, um die Wirkung der Wellen oder nur Kräuselung aufzuheben, wie später gezeigt werden soll.

»Wann fahren Sie wieder an diese Fundstelle?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wohin fahren Sie von hier aus?«

»Nach Rangoon.«

»Was wollen Sie dort?«

»Wir nehmen 3000 Tonnen Weizen oder Mehl mit.«

Wozu diese Fracht, danach braucht nicht gefragt zu werden, das wußte man dann von selbst sofort. In Hinterindien war infolge der diesjährigen Mißernte eine Hungersnot ausgebrochen.

»Ist sonst noch etwas zu befragen?«

Man wußte nichts.

Madame Phöbe wurde wieder herbeigeklingelt, sie erhielt ihre Instruktion, der Hypnotisierte seine Suggestion wegen des erinnerungslosen Erwachens.

Die drei Männer entfernten sich.

Das Weib setzte sich dem Schläfer auf den Schoß, umschlang ihn.

»Erwache!«

Der Steuermann zuckte zusammen, verzog schmerzhaft das Gesicht, griff mit der rechten Hand nach dem linken Oberarm.

»Auuu — verdammt, Mädel, was war denn das?!«

»O, entschuldige, ich habe Dich wohl mit meiner Hutnadel etwas gestochen.«

»Na, ich danke, etwas! Das war ja gerade, als ob — nevermind, ich bin nicht so empfindlich. Ich habe wohl geschlafen? Ja, ich war schon vorhin hundemüde. Nun ist vorbei. Na da komm her, Du Zuckerschnutchen . . . «


144. KAPITEL.
DER ROTE SCHAL UND DIE SCHWARZE BINDE.

Die »Argos« lag im East—Indiadock und hatte 3000 Tonnen russischen Weizen eingenommen, in England Zollfrei, dazu noch fast 1000 Tonnen Fleisch und Konserven und andere Nahrungsmittel aller Art.

Diese Fracht nahmen die Argonauten selbst über, kein fremder Arbeiter durfte das Schiff betreten. Sie verfügten ja auch über mehr als hundert Paar starke Arme. Und das meiste besorgten ja die Krahne, nur die Fässer und Kisten mußten verstaut werden, der Weizen floß, durch Ex— oder hier vielmehr Inhaustoren, eingepumpt von ganz allein in den unergründlichen Schiffsbauch.

Sonst brauchten nur noch einige nicht eben sehr rücksichtsvolle Matrosen als Posten auf der Laufbrücke zu stehen, um den Ansturm des neugierigen Publikums abzuwehren, eine Flut von Briefen, wie damals in Gibraltar ausführlich geschildert wurde, gab es nicht mehr.

Es wurde einfach kein einziger Brief mehr angenommen. Mit Ausnahme, wenn das Kuvert den aufgedruckten Vermerk trug: In Service of His Majesty Also amtliche Schreiben. Von denen der König natürlich nichts zu wissen braucht.

Wer nun dem Kapitän oder sonst jemandem an Bord dieses Schiffes etwas ganz, ganz Wichtiges mitzuteilen hatte, der hatte hierzu immer noch eine Möglichkeit. Er ging zur nächsten Polizeibehörde oder zu einer sonstigen königlichen Behörde, trug sein Anliegen vor, und wurde dieses für wichtig genug befunden, so wurde das Protokoll darüber oder sein eigenes Schreiben im amtlichen Kuvert weiterbefördert.

Es ist dies eine höchst praktische Einrichtung in England. Eine wahre Wohltat besonders für reiche und berühmte Leute, die sonst mit Briefen erstickt würden, und gelesen müssen sie doch schließlich alle werden, denn es kann doch einmal etwas Wichtiges darunter sein.

So einfach ist es nun freilich nicht, einen Privatbrief durch eine königliche Behörde an die gewünschte Adresse vermitteln zu lassen. Liebesbriefe und Angebote von wahnsinnigen Erfindern werden natürlich nicht befördert. Da ist schon mancher schwärmerische Backfisch mit einem Donnerwetter an die frische Luft gesetzt worden. Außerdem kann solch ein Antrag auch bestraft werden, ebenso als wenn man unnötiger Weise eine Feuerglocke gezogen hätte.

Ebenso schwer ist es, solch ein amtliches Kuvert nachzuahmen. Die Aufschrift muß gedruckt sein, es ist schon ein ganz besonderes Papier, und auf Fälschung des Stempels steht hard labor, Zuchthaus.

Dasselbe gilt auch für Postpakete.

Ab und zu lief ja ein privates Schreiben in solch einem amtlichen Kuvert auf der »Argos« ein, aber doch nur ganz spärlich und auch diese Briefe waren bisher ohne jede Bedeutung gewesen.

Wohin Angehörige ihre Briefe zu richten hatten, das wußten diese, und von dort wurden sie abgeholt.

Wieder einmal war solch ein Brief »Im Dienste Seiner Majestät« gebracht worden. Wie immer von einem einfachen Briefträger.

Kapitän Stevenbrock befand sich gerade an Deck, nahm ihn ab, erbrach ihn.

»Ich beschwöre Sie, mich heute nacht zwischen Zehn und elf an Bord zu empfangen. Eine furchtbare Gefahr bedroht Sie und Ihr ganzes Schiff. Wenn Sie mich empfangen wollen, so lassen Sie einen Wächter auf dem Laufbrett einen roten Schal um den Hals tragen. Ich selbst werde über dem rechten Auge eine schwarze Binde haben. Verlassen Sie sich darauf: Ihr Schiff und die ganze Mannschaft ist rettungslos verloren, wenn Sie mich nicht hören.

»Ein Verbrecher,
der gern wieder ein ehrlicher Mensch
werden möchte.«

Stevenbrock steckte den Brief in die Brusttasche.

»Was geht heute letzte Wache?« fragte er den nächsten Matrosen.

»Steuerbord.«

»Ist der Zweite an Bord?«

»Dort achtern steht er.«

»Hole ihn.«

Er kam, der jetzt den Rang des zweiten Steuermanns einnahm, einer, der einmal neu hinzugekommen war, Olas Folkenstorm, ein junger, riesenhafter Norweger, ganz aus Erz gegossen.

»Heute in der letzten Wache legt einer der Brückenläufer ein grellrotes Schaltuch um den Hals. Wenn ein Mann mit einer schwarzen Augenbinde kommt — er wird mir vorgelassen. Verstanden?«

»Ay, ay, Kapten.«

»Gut.«

Wie Stevenbrock dem Kommenden entgegengeblickt, so blickte er jetzt dem Davongehenden nach.

»Ich bewundere keine nordische Heldengestalt aus Erz mehr,« murmelte er, »ich habe eine lebendig an Bord·«

Er begab sich in die Kajüte.

Das war am späten Nachmittage gewesen, und dieser verging vollends.

Die Nacht brach an und mit ihr der Temperaturwechsel.

Während es in dem ganzen Inselreiche jetzt immer feuchtkalt gewesen war, hatte drüben in Frankreich eine außergewöhnliche Wärme geherrscht, jetzt im September. Und jetzt trug der neu eingesetzte Südwind diese Hitzewelle, aus Afrika kommend, über den Kanal herüber, ohne eine Abkühlung zu finden.

Es herrschte plötzlich, besonders im Gegensatz zu früher, eine Temperatur wie in einem Backofen.

Kurz vor acht erschien der Kapitän wieder an Deck.

»Steuermann der Wache!«

Der erste Offizier meldete sich, unser Ernst.

»Der letzten Wache übergeben: Laufbrettwache würd heute nacht verdoppelt, unter Bootsmann.«

»Laufbrettwache wird heute nacht verdoppelt, unter Bootsmann!« wiederholte der Offizier.

»Sonst ist nichts belegt.«

»Sonst nichts belegt.«

»Recht so.«

Der Kapitän begab sich wieder in die Kajüte.

Um acht zog die neue Wache auf, die beiden Offiziere tauschten aus, der erste übergab den letzten Befehl, wodurch aber an den früheren Anordnungen nichts belegt, nichts aufgehoben wurde.

»Bootsmann!«

Der neue Unteroffizier kam, August der Starke, nur in Hemd und Hosen, das Hemd vorn auf der Zottigen Brust weit offen, und obgleich er bisher an einer kühlen Stelle ruhig gelegen hatte, war der kolossale Dickwanst wie gebadet in Schweiß. In den Tropen schwitzte er nicht so. Es brachte der plötzliche Umschlag mit sich.

»Die Laufbrettwache wird verdoppelt.«

»Wohl.«

»Ihr selbst geht mit.«

»Wozu denn das?« durfte der Bootsmann, der doch noch etwas anderes ist als ein militärischer Unteroffizier oder Feldwebel, den Steuermann wohl einmal fragen.

»Befehl des Kapitäns.«

»Wohl.«

»Wenn ein Mann mit einer schwarzen Augenbinde kommt — er wird zum Kapitän geführt.«

»Very well.«

»Und Ihr bindet hier diesen Schal um.«

Und der riesenhafte Steuermann zog aus der Hosentasche, die seinen Körperverhältnissen entsprach, einen knallroten Schal aus gestrickter Wolle hervor, so einen norwegischen, viermal um den Hals zu wickeln, für 30 bis 40 Grad Kälte bestimmt.

»Den soll ich umbinden? Wozu denn das?!« durfte der Bootsmann jetzt mit Recht erschrocken staunen.

»Als Erkennungszeichen für den mit der schwarzen Augenbinde.«

»Dann kann ihn doch ein Matrose . . . «

»Geht nicht, Ihr seid als Bootsmann mit bei der Laufwache, dann könnt auch nur Ihr diese Auszeichnung tragen.«

»Mus es denn nur gerade so ein Schal . . . «

»Einen roten Schal, hat der Käpten gesagt, und das ist einer.«

»Vielleicht um den Bauch . . . «

»Um den Hals, hat der Käpten gesagt. Na, nun vorwärts!«

Der Bootsmann mußte sich fügen — da half nun alles nichts, der Offizier selbst wickelte ihm das Monstrum viermal um den Hals und steckte hinten mit einer Sicherheitsnadel zu.

So gesellte sich der schwitzende Bootsmann der verdoppelten Laufbrettwache bei.

Ach, wie dieser Fleischkoloß aussah, der für seinen ungeheuren Körper einen sehr kleinen Kopf hatte, nur in Hemd und Hosen, und nun unter diesem kleinen Kopfe der umgewürgte rote Schal, dicker als der Kopf!

»He jüh, Bootsen, Ihr habt wohl Halsschmerzen?!«

»Ja, Mandelentzündung!« knurrte der Unglückliche.

»Und da geht Ihr so mit offenem Hemd . . . «

»Das mache ich, wie ich will, und Du hältst Dien Mul.«

So mußte der Unglückliche drei geschlagene Stunden auf dem Laufbrett ausharren, der dicke Körper umspült von einer feuchten Backofenatmosphäre, der Hals noch extra in dieser warmen Verpackung, nicht anders wissend, als das er nun auch noch die letzte Stunde seiner Wache so schwitzen müsse.

Denn der Mann mit der schwarzen Augenbinde kam nicht.

Die Schiffsglocke schlug sechs Glasen — elf Uhr — der Kapitän betrat das Deck, näherte sich dem Laufbrett.

»Noch nichts von seiner schwarzen Binde gesehen?«

»Nein, Herr Kapitän.«

»Ja, Bootsmann, was habt Ihr denn da um den Hals gewürgt?!« fing da Stevenbrock zu staunen an, das rote Monstrum erst jetzt bemerkend.

»Der Zweite sagte, ich sollte als Erkennungszeichen einen roten Schal . . . «

»Mein Gott, das brauchte doch nur ein ganz dünnes Tüchlein zu sein, nur ein Gewebe!«

Da kam über den Kai, von vielen Laternen erleuchtet, eine Gestalt geschritten, in einen dunklen Staubmantel gehüllt, unter dem Schlapphut sah man schon von weitem die schwarze Binde, die das rechte Auge bedeckte.

Der Mann überschritt das Laufbrett.

»Kommen Sie mit.«

Der Kapitän geleitete ihn nach der Kajüte.

Hinter ihnen ballte der dampfende August seine ungeheuren fünfzinkigen Schaufeln zu ansehnlichen Kegelkugeln zusammen.

Aber es war kein Racheschwur, der von seinen Lippen kam, dazu war dieser ehemalige Bäckergeselle viel zu gutmütig, etwas ganz anderes war es, was er wehmütig flüsterte, ehe er den Schal von seinem Halse löste.

»Unser Käpten ist doch so gut wie allwissend geworden.

Konnte er da nicht wissen, das der Kerl mit der schwarzen Binde erst um elf kommt?

Konnte er nicht wissen, das der Zweite mir statt seines Tüchleins solch einen Teppich um den Hals gewürgt hat?

Freilich — mit Kleinigkeiten wird sich seine Allwissenheit wohl nicht befassen.

Aber diese drei Stunden waren für mich durchaus keine Kleinigkeit.«


»Setzen Sie sich. Wer sind Sie. Was wollen Sie? Welche Gefahr droht uns? Machten Sie es kurz.«

Der Mann nahm Schlapphut und schwarze Binde ab, und es war gar kein so unsympathisches Gesicht, das sich mit Zwei ganz gesunden Augen Zeigte.

Wer solch einen eleganten Staubmantel, den er nicht ablegte, trägt, muß auch darunter gut gekleidet sein, der verhungert noch nicht.

»Einer kleinen Einleitung bedarf es doch, Herr Kapitän.«

»Los!«

»Ich heiße Dan Russell. Ich bin geboren worden . . . «

»Das merke, ich die näheren Einzelheiten Ihrer Geburt brauche ich nicht zu erfahren.«

»Bitte, Herr Kapitän, lassen Sie mich sprechen! Sie haben mich ganz in der Hand.«

»Wieso?«

»Glauben Sie, das eine internationale Verbrechergesellschaft existiert, welche die ganze Welt beherrscht?«

»Mir ganz egal, ob die existiert oder nicht. Meine Welt, in der ich lebe, die ich mir selbst geschaffen habe, beherrscht sie nicht.«

»Doch. Sie werden ihre Macht bald furchtbar fühlen.«

»Sie wollen mich also warnen. Los!«

»Ich brauche eine Sicherheit«

»Sie meinen, ich könnte Sie jetzt festnehmen und ausliefern? Ich denke nicht daran.«

»Dieses Versprechen genügt noch nicht. Ich begehe einen Verrat. Das werden die, deren Sklave mit Leib und Seele ich geworden bin, schon morgen erfahren. Und sie werden mich zu finden wissen, wo in der Welt ich mich auch verberge. Und schrecklich ist das Los, das dann meiner wartet.«

»Hm. Sie wollen wohl hier an Bord bleiben?«

»Das ist es! Nur bei Ihnen bin ich geschützt.«

»Hm. Ich verstehe Sie schon. Wenn Sie mir tatsächlich eine große Gefahr offenbaren, in der wir schweben, vor der sie uns schützen können, so will ich Sie recht gern an Bord behalten.«

»Ich danke Ihnen, Herr Kapitän! Ich brauche nicht erst Ihr spezielles Ehrenwort mit Handschlag . . . «

»Bekommen Sie auch nicht. Mein einfaches Wort genügt. Na?«

Der Mann holte etwas aus.

»Ich bin von Beruf Kupferstecher. Ich will mich nicht entschuldigen. Es war keine Not, die mich dazu trieb, Banknoten zu fälschen. Ich habe gespielt.

Schließlich wurde ich gefaßt. Fünf Jahre Tretmühle. Ich habe sie ausgehalten.

Als ich entlassen wurde, holte mich mein alter Kompagnon ab, den man nicht gefast hatte. Weil ich ihn nicht verraten hatte.

Er nahm sich meiner an. Erzählte mir. Er gehörte einer internationalen Verbrechergesellschaft an.

Ich unterlag der Versuchung. Wurde ebenfalls Mitglied. Solch einen geschickten Kupferstecher konnte man gerade gebrauchen. Denn vielleicht wissen Sie, was dazu gehört, englische Banknoten nachzuahmen.

Doch Papiergeld brauchte ich im Dienste jener Gesellschaft nicht zu fälschen. Hauptsächlich mußte ich Stempel nachmachen. Auch das Kuvert stammt von mir, in dem Sie meinen Brief erhielten.

Im übrigen kann ich Ihnen von dieser internationalen Verbrechergesellschaft so gut wie gar nichts sagen. Nur Zwei Herren habe ich kennen gelernt, die mich ab und zu in meiner Werkstatt besuchen . . . «

»Mann, kommen Sie zur Sache!« wurde der Erzähler von dem Kapitän unterbrochen. »Ich will nur hören, was den Anschlag gegen mein Schiff betrifft, nichts weiter.«

»Sehr wohl, Herr Kapitän. Gestern wurde ich wieder von einem der Herren in meiner Werkstatt besucht. Er legte verschiedene Schriftstücke auf den Tisch die ich auf die Kupferplatte übertragen sollte. Als er sich wieder entfernt hatte, fand ich unter den Papieren eines, das absolut nichts mit meinem Auftrage zu tun haben konnte. Es war nur versehentlich dazwischen gekommen. Der Herr kehrte denn auch sehr bald zurück und nahm es wieder mit. Ich aber hatte es schon gelesen. Es war ein vollständig ausgearbeiteter Plan, wie man sich Ihres Schiffes bemächtigen wolle, mit dem aktenmäßigen Vermerk eines anderen, das die einleitende Hauptsache schon ausgeführt worden und geglückt sei.«

»Nun, was war das für ein Plan?« fragte Stevenbrock, als Jener wieder eine Kunstpause machte

»Haben Sie nicht gestern von dem Speditionsgeschäft Gebrüder Miller in der Cablestreet eine einzelne große Kiste erhalten, gezeichnet M. O. ¹48?«

»Allerdings.«

»Was befindet sich in dieser Kiste? Gestatten Sie, das ich diese Fragen stelle.«

»Meißner Porzellan, das ich mir aus Deutschland hierher habe schicken lassen, es ist ein Geschenk.«

»Diese Kiste ist vertauscht worden. In dieser Kiste, die Sie bekommen haben, befindet sich kein Porzellan.«

»Sondern?«

»Da ist ein Mann drin. Mit Nahrungsmitteln und Getränk versehen. Und außerdem mit einem Fläschchen, das genug Gift enthält, um eine ganze Kompanie ins Jenseits zu befördern. Dieser Mann soll, wenn sich die »Argos« auf hoher See befindet, als blinder Passagier zum Vorschein kommen. Bis zum nächsten Hafen müssen Sie ihn doch an Bord behalten. Da aber ist es schon geschehen. Das Gift wird in das gemeinschaftliche Kaffee— oder Teewasser geschüttet werden. Was es für ein Gift ist, weiß ich nicht, wohl aber, das seine furchtbare Wirkung erst nach ungefähr einer Stunde ganz plötzlich eintritt. Es wird an Bord Ihres Schiffes nur noch Tote geben. Und dann wird ein anderes Schiff, das sich immer in Ihrer Nähe aufgehalten hat, heranfahren und Ihre »Argos« ausplündern. Wie dies alles arrangiert wird, weiß ich nicht, ich bin auch kein Seemann, aber so, wie ich es hier schildere, stand es in jenem Schriftstücke. Und nun, Herr Kapitän, sehen Sie nach ob in der Porzellankiste nicht ein Mann mit einem Fläschchen Gift steckt. Nach jenem Vermerk ist diese erste Einleitung zu dem teuflischen Anschlage schon glücklich ausgeführt worden.«

Der Sprecher schwieg.

Immer starrer hatte ihn der Kapitän angesehen.

Dann erhob er sich.

»Warten Sie hier, bis ich wiederkomme.«

Er verließ die Kajüte.

Wir brauchen nicht dabei zu sein, wenn er die große Kiste öffnen Läßt und alle Angaben dieses Dan Russells bestätigt findet. Anstatt des Porzellans befand sich in der Kiste ein Mann, gut verproviantiert, das Fläschchen wurde bei ihm gefunden, seinen Inhalt bekam Doktor Isidor zur chemischen Untersuchung, obschon der gleich erklären konnte, das es eine wässerige Lösung von Blausäure sei, das furchstbarste Gift, das wir kennen.

Der Mann, der verstockt noch jede Auskunft verweigerte, wurde vorläufig in die Arrestelle gesperrt. Unterdessen saß Dan Russell in der Kajüte, ganz gelassen, hatte die Hände gefaltet und drehte die Daumen. Kein heimlicher Beobachter hätte etwas Besonderes an ihm bemerken können.

Nach einer Viertelstunde kehrte Kapitän Stevenbrock zurück. Es wäre geradezu unnatürlich gewesen, hätte dieser eiserne Mann eine besondere Aufregung gezeigt.

»Ihre Angaben haben sich bestätigt!« sagte er ganz ruhig. »Anzeigen tue ich die Sache natürlich nicht, das ist nicht mein Fall.

Der Mann bleibt an Bord, ich werde ihn mir später vorknöpfen.

Ich bin Ihnen, Mister Russell, zum größten Danke verpflichtet.

Selbstverständlich bleiben Sie bei mir an Bord. Haben Sie noch etwas an Land zu besorgen?«

»Ich darf gar nicht wagen, das Land auch nur mit einem Schritte wieder zu betreten, jetzt muß es schon hieraus sein, das ich . . . «

»Well, dann bleiben Sie eben gleich hier. Wir gehen morgen früh die Themse hinauf und in See.

Da fällt mir gerade etwas ein.

Sie sind also Kupferstecher.

Ich verstehe von dieser Profession gar nichts.

Aber können Sie da nicht sehr gut zeichnen?«

»Zeichnen? Kunstzeichnen? Malen?«

»Nein, nur nachzeichnen, Land— und Seekarten, mit Zirkel und Lineal.«

»O Gewiß, das ist ja gerade mein Beruf!«

In dieser Kajüte stand der bekannte, ungeheure Panzerschrank, der Kapitän öffnete mit seinem Schlüsselbund drei Schlösser und dann immer noch Zwei Fächer, ehe er das Gesuchte zum Vorschein brachte.

Es war eine Weltkarte in Mercatorsprojektion, Handzeichnung, überaus sauber und akkurat mit schwarzer Tusche ausgeführt, nur hier und da war ein roter Punkt eingetragen, mit einer Zahl versehen.

Am freien Papierrande standen einige geographische Ortsbestimmungen, die sich jedenfalls auf diese nummerierten Punkte bezogen.

»Können Sie so etwas kopieren?«

»Ei Gewiß, tadellos!«

»Vortrefflich. Da kommen Sie mir wie gerufen. Ich habe nämlich schon immer eine Kopie von dieser Karte, die ich nur geliehen erhalten, haben wollen, aber auch noch von vielen anderen, und von meinen Leuten kann das niemand, so wenig wie ich, wir haben alle viel zu schwere Hände bekommen. Und an Land kann ich die Karten nicht geben, nicht in fremde Hände. Denn die Sache muß geheim gehalten werden, verstehen Sie? Ganz geheim!«

»O, Herr Kapitän, da können Sie mir . . . «

»Ich weiß, ich weiß. Nach diesem Beweis, den Sie mir soeben geliefert haben.

Nun, wir sprechen über diese Zeichnerei noch ausführlich. Jetzt wird Ihnen der Steward Ihre Kabine anweisen, und was Sie sonst brauchen, verlangen Sie einfach. Sie gehören fortan zu uns.

Gute Nacht, Mister Russell.«


145. KAPITEL.
»GUTEN MORGEN, HERR FISCHER.«

An der Küste von Parahyba kroch ein kleiner Dampfer unter englischer Flagge hin.

Wir kennen die drei Herren schon, die an Deck unter einem Sonnensegel sitzen, und wollen uns nun etwas näher mit ihnen befassen.

Mister Abraham Fischer war Diamantenhändler gewesen, ein marktbeherrschender

Bis ihm wegen unsauberer Manipulationen der Besuch der Diamantenbörse, die ganz international ist, verboten wurde.

Und da ist dann nichts mehr zu machen.

Na ja, man kann noch ein paar Diamanten kaufen und weiter verschachern, aber damit sind doch keine Millionen zu verdienen, wie es bei Mister Fischer der Fall gewesen war.

Nun, er setzte sich mit rund 150 000 Pfund, drei Millionen Mark, einfach zur Ruhe.

Aber diese Ruhe hielt der jüdische Spekulant nicht lange aus. Auch genügten ihm die normalen Zinsen nicht.

Wodurch kann man sein Kapital wohl am besten verzinsen?

Mister Abraham Fischer wußte es, daher stammte auch schon die eine Million, die ihm sein braver Vater hinterlassen hatte.

Er lieh Geld zu Wucherzinsen aus.

Aber er hatte Pech, der gute Vater Abraham, so vorsichtig er auch war, sich nur mit festangestellte Beamte befaßte und Zehnfache Sicherheit verlangte.

Alle seine Klienten gingen ihm durch die Lappen, entweder durch Selbstmord oder per Schiff und Eisenbahn, und mit der Sicherheit war es auch immer nichts.

Nach vier Jahren dieser segensreichen Tätigkeit hatte Mister Abraham Fischer nur noch die Hälfte seiner drei Millionen.

Jetzt fing er in Häusern zu spekulieren an.

Und ein Jahr später war wieder eine Million futsch.

»Wie haist, der Gott meiner Väter hat mich geschlagen mit Dalles!« jammerte er.

Er war ein Engländer, aber bei großer seelischer Erregung mauschelte er Deutsch.

Er wandte sich der Spekulation in Börsenpapieren zu, hauptsächlich Schiffspapiere und Seehandel.

Und wieder ein Jahr später hatte er nur noch rund 10 000 Pfund auf der Bank.

Das ist ja noch ein nettes Kapital, von dessen Zinsen ein einzelner Mann recht gut leben kann — aber doch wenig, wenn man einmal dreifacher Millionär gewesen ist.

Mister Fischer privatisierte, fest entschlossen, nun nicht wieder so etwas anzufangen.

Da kam die »Argos« nach London, ihr Kapitän brachte die beste Ambra und die herrlichsten Edelsteine haufenweise auf den Markt. Und da dachte Vater Abraham mit Sehnsucht an seinen Diamantenhandel zurück.

»Wo mögen diese Kerls nur diese prachtvollen Edelsteine her bekommen?«

So sprach er zu seinem alten Freunde Balin.

Das war einmal ein begüterter Kapitän gewesen, der sein eigenes Schiff gefahren. Dieser hatte aber ebenfalls großes Pech gehabt.

Erst sein Kapitänspatent verloren und dann in Spekulationen sein ganzes Vermögen.

Jetzt machte er noch den Winkelagenten beim Lloyd, an der Schiffsbörse schlug sich gerade so durch. An den Verlusten seines Freundes hatte er keine Schuld. Ja, wenn der nur jene Frage hätte beantworten können!

»Ob das nicht herauszubringen ist? Wenn man so einen Matrosen, der doch auch etwas davon wissen muß, einmal bezecht macht?«

Es wurde probiert. Man kam aber nicht über die Einleitung hinaus. Der alte Seekapitän konnte eine gute Nummer vertragen, aber der Matrose sowohl wie der Heizer, die man nacheinander im Hinterzimmer einer Bar vorgenommen, hatten ihn jedesmal untern Tisch getrunken, und Vater Abraham, der sehr, sehr sparsam geworden war, jammerte wieder über die Zwecklose Geldausgabe.

Doch den einmal gefaßten Gedanken brachte er nicht wieder aus dem Kopfe.

»Ob man so einen Kerl nicht einmal hypnotisieren kann?«

»Hypnotisieren?!« stutzte Balin. »Du, da habe ich neulich wieder den Mister Cratch getroffen. Du kennst ihn nicht? Er gab früher hypnotische Vorstellungen hat jemanden dabei einmal an seiner Gesundheit geschädigt, oder so was ähnliches, mußte dafür ein halbes Jahr Tau zupfen, und — und . . . «

Das auch Mister Balin im Gefängnis einmal Tau gezupft hatte, und das daher dieser Bekanntschaft stammte, davon sprach er nicht gern.

In jenem Hotel, in dem solche Winkelagenten verkehrten und in dem der ehemalige Hypnotiseur noch ganz besonders tätig war, fand schon die erste Zusammenkunft statt

»Nein, meine Herren, so wie Sie sich das denken, geht es nicht. Sie überschätzen die Macht der Hypnose. Da ist kein Geheimnis herauszubringen. Und trotzdem — hm ich wüste ein Mittel . . . «

Er verlangte tausend Pfund Sterling, wenn er es anwendete.

Vater Abraham fiel vor Schreck fast auf den Rücken.

Aber Mister Cratch blieb fest.

schließlich gab der Geldmann nach.

Und es war keine Zeit zu verlieren, jede Minute konnte das Gauklerschiff wieder abdampfen.

Bis zum Abend mußte doch gewartet werden.

Nach jener Vorstellung in der Alhambra gelang es einem der Weiber, die so halb und halb in den Diensten dieses Gauners standen, den ersten Steuermann der »Argos« in dieses Hotel zu verschleppen.

Was dann weiter geschah, wissen wir.

So, das Geheimnis war entlockt worden.

Nun brauchte man nur hinzufahren und die Ambra und die Diamanten und Rubine und Smaragde und Saphire abzuholen.

Auf welche Weise?

Nun einfach indem man eben mit einem Passagierdampfer nach dem Hafen fährt, der jener Stelle am nächsten ist, dort mietet man sich ein kleines Fahrzeug oder kauft es, nur ein Boot, fährt die Küste entlang, den bezeichneten Strom und Fluß hinauf und fischt die Edelsteine heraus. Eventuell nimmt man noch einen Tauscher mit, der sich am Gewinn beteiligt.

Nein, so einfach war die Sache nicht!

Ganz abgesehen von wilden Indianerstämmen und dergleichen.

Mister Fischer war Diamantenhändler gewiesen und hatte genug von den brasilianischen Verhältnissen gehört. Mister Balin hatte genug Welterfahrung und Mister Cratch war selbst in Brasilien gewesen.

Alles, was in Brasilien irgendwie mit Diamanten und anderen Edelsteinen zu tun hat, das Suchen, Finden, Graben, Waschen und Verkaufen, ist Monopol der Regierung.

Ja sogar das Anfassen, kann man sagen.

Wer in Brasilien irgendwo einen Diamanten am Boden liegen sieht, hat ihn ruhig liegen zu lassen. Fast er ihn an, hebt er ihn auf, so muß er ihn der nächsten Behörde abliefern.

Er muß aber schnell machen, denn kommt er in den Verdacht, einen Diamanten gefunden zu haben, und man findet ihn noch in seinem Besitz, so hilft kein Eid, das er ihn habe abliefern wollen, auf dem Wege dazu sei — er wird hart bestraft.

Liefert er den Diamanten ab, so bekommt er einen Finderlohn, noch nicht 10 Prozent des niedrigsten Taxwertes.

Wer aber einen anderen anzeigt, das er sich einen herrenlosen Diamanten angeeignet hat, bekommt den dreifachen Finderlohn.

Ja noch mehr: Sträflinge und solche, die es werden wollen oder können, die etwas auf dem Kerbholz haben, sind frei, die Strafe ist ihnen erlassen, wenn sie jemanden anzeigen, der unrechtmäßiger Weise einen Diamanten besitzt.

Nun allerdings nicht gerade, das jemand einen Menschen totschlägt, dann steckt sein Freund einen rohen Diamanten in die Tasche — »der da hat einen Diamanten gefunden und ihn nicht abgeliefert, ich kann für den Mord nicht bestraft werden« — so wird die Sache ja nun nicht gehandhabt, aber im Grunde genommen sichert doch solch eine Denunziation Straffreiheit.

Es sind dies schier unglaubliche Verhältnisse.

Und das ist der Grund, weshalb heute in Brasilien das Diamantengraben ganz brach liegt.

Werden noch heute an Zwei ganz verschieden gelegenen Gebirgsgegenden Brasiliens die schönsten Diamanten sehr Zahlreich gefunden — alle nach Europa kommenden Diamanten sind brasilianische, die südafrikanischen gehen nur nach Amerika — so wird es in dem ungeheuren Reiche wohl noch andere Diamantenlager geben.

Aber niemand sucht danach

Es ist gar zu gefährlich und lohnt sich nicht.

Einer traut dem anderen nicht.

Diamanten sind dort wie bei uns die Dynamitpatronen, die man doch auch nicht gern anfaßt.

Dies alles wußten diese drei Männer.

Es gab hier nur eines:

Gleich hier in England einen Dampfer kaufen oder doch chartern, mieten.

Das in einem brasilianischen Hafen machen zu wollen, daran war gar nicht zu denken. Dann hätte man sein Diamantengeheimnis nur gleich öffentlich in den Zeitungen annoncieren können.

Wurde ein kleiner Dampfer gechartert, so mußte der Kapitän natürlich zugleich Eigentümer des Schiffes sein.

Eine Reederei Läßt doch nicht ihr Schiff in irgend einem unbekannten Küstengewässer herumgondeln.

Der Kapitän durfte auch keine Schulden auf sein Schiff haben.

Immer wieder ist es die Versicherung, die alle solche Abenteurerei illusorisch macht.

Leicht erdacht und erzählt, aber in der Wirklichkeit ganz ausgeschlossen.

Also gleich hier einen kleinen Dampfer chartern, dessen Kapitän zugleich sein schuldenfreier Besitzer war.

Mister Fischer kannte die Verhältnisse und war bereit, deshalb auch noch sein letztes Kapital zu opfern. Er sah keinen anderen Ausweg.

Man möchte meinen, die drei Verbündeten hätten doch mit solch einem Kapitän Kompanie machen können. Sie offenbarten ihm ihr Geheimnis, unter der Bedingung, das er die ganze Fahrt auf seine Kosten übernahm, wofür er dann natürlich auch seinen Anteil von dem Diamantenschatze bekam.

Wer gab denn aber eine Garantie, das dieser Kapitän dann, wenn er das Geheimnis kannte, die drei nicht zum Teufel jagte, nach Brasilien fuhr und die Steine für sich selbst aufsammelte? Oder das konnte er auch erst drüben an Ort und Stelle tun.

Gewiß, es wäre eine Schurkerei gewesen — aber diese drei Männer waren selbst Schurken, trauten deshalb so etwas auch jedem anderen Menschen zu.

Nein, es mußte ein eigenes Schiff entweder gekauft oder gechartert werden, ganz regelrecht auf gesetzlichem Wege, dann war der Kapitän ihnen verpflichtet, einen Anteil von dem gehobenen Schatze erhielt er nur als Geschenk, dasselbe galt von der ganzen Mannschaft.

Herrlich wäre es ja gewesen, wenn Balin das Schiff selbst geführt hätte, und der war ja Kapitän. Aber er durfte es nicht, er hatte wegen eines strafwürdigen Vergehens in Sachen der Seemannschaft sein Patent verloren.

Im übrigen wollen wir alle die Erwägungen und Zweifel übergehen, mit denen sich die drei Dunkelmänner herumquälten, immer auf der Suche nach solch einem geeigneten Schiffe und Kapitän.

Man war ja nicht nur auf England angewiesen, auch Deutschland, Frankreich, Holland kamen in Betracht, aber da konnte man doch nur die Schiffslisten studieren, das konnte dann brieflich und telegraphisch abgemacht werden, aber immerhin, solche Kapitäne, die ihr eigenes schuldenfreies Schiff fahren, sind doch gezählt, und sie befinden sich doch mehr auf See oder im Auslande, als das sie gerade im Hafen des nördlichen Europas liegen. Da gibt es schon mehr Jachtbesitzer, aber die kamen nicht in Betracht. Wer sich eine Dampfjacht leisten kann, der vermietet sie nicht so leicht.

Als diese Woche vergangen war, war der sehr behäbige Mister Fischer schon ganz zusammengeklappert, vor Sorge und Aufregung.

»Jetzt haben wir den richtigen Mann gefunden!« jubelte da eines Nachmittags Balin, Lloyds Schiffsliste schwingend. »Heute früh ist in Liverpool Kapitän Kettel mit seiner »Recovery« eingetroffen, von Algier kommend. Das ist unser Mann!«

Er berichtete ausführlicher. Kapitän Kettel war schuldenfreier Besitzer eines Dampfers von tausend Tonnen. Der tüchtigste Seemann. Um Fracht auf eigene Rechnung zu nehmen, dazu langte wohl sein Kapital nicht, oder er tat es überhaupt prinzipiell nicht. Am liebsten vercharterte er sein Schiff, war dann zu jeder abenteuerlichen Fahrt bereit, wenn er nur viel Geld dabei verdiente. Das er auch Schmuggel triebe, besonders Salzschmuggel nach Afrika, das war ein Gerücht, das man nicht laut verbreiten durfte. Solch ein Schwätzer hatte schon einmal schwer bluten müssen.

»Dieser Kapitän Kerker ist tatsächlich ein tadelloser Ehrenmann, für den ich garantiere, dem können wir uns anvertrauen.«

Sie fuhren sofort nach Liverpool, natürlich immer auf Mister Fischers Kosten.

Während der Fahrt wurden sie sich einig, dem Kapitän Kettel gleich so Ziemlich ganz reinen Wein einzuschenken. Sie wußten an der Küste von Parahyba in einem Stromgebiet einen immensen Diamantenschatz liegen, leicht zu heben. Woher sie das wußten, das brauchte der Kapitän natürlich nicht zu erfahren, nichts von der Hypnotisiererei. Am besten war es, sie boten ihm gleich den vierten Teil des Schatzes an, womit er aber auch seine Leute ablohnen mußte.

Kapitän Kettel, ein kleiner, dürrer Mann, wie in der Kaffeetrommel geröstet, hörte sie mit unerschütterlicher Ruhe an.

»Well, ich bin bereit dazu. Pro Tag und Tonne Zwei Schilling, und das für hundert Tage. Also Zehntausend Pfund Sterling. Natürlich im voraus Zahlbar.«

»Sie bekommen aber doch . . . «

»Jedes Handeln ist Zwecklos.«

»Wir bieten Ihnen die Hälfte des Schatzes an!« sagte Fischer.

»Well, das nehme ich an. Aber bei den 10 000 Pfund bleibt es.«

Vergebens wand sich Vater Abraham wie ein Wurm, Kapitän Kettel gab keinen Penny nach.

»Denken Sie denn etwa, ich begebe mich mit meinem Schiffe in ein unausgepeiltes Küstenwasser, fahre ganz unbekannte Flüsse hinauf? Der Diamantenschatz liegt totsicher dort, sagen Sie? Wohl, dann können Sie auch ruhig die 10 000 Pfund riskieren. Oder wenn Sie die nicht haben, dann müssen Sie die Finger von solchen gewagten Sachen lassen. Mir ist der Sperling in der Hand immer lieber als die Taube auf dem Dache gewesen, ich lasse mich prinzipiell in nichts ein, wenn ich nicht vollständige Sicherheit für mein Schiff habe.«

Es blieb nichts anderes übrig, als nachzugeben, die verlangte Summe im voraus zu Zahlen. Aber 10 000 Pfund besaß Fischer gar nicht mehr, nachdem er schon 1000 Pfund dem Hypnotiseur für seine Bemühungen hatte Zahlen müssen.

Doch hatte Mister Cratch sein Geld bei sich und war bereit, das noch Fehlende hinzuzufügen, ungefähr 600 Pfund Mehr besaß der auch nicht.

Es ging sofort auf das Seemannsamt, und eine Viertelstunde später war es geschehen, für 10 000 Pfund war Mister Abraham Fischer so gut wie der Besitzer der »Recovery«, Kapitän Kettel stand in seinen Diensten, freilich nur für hundert Tage, von der Abfahrt an gerechnet.

»Für 10 000 Pfund Sterling hätten Sie eigentlich auch so ein Schiff wie die »Recovery« kaufen können, mehr ist der Dampfer gar nicht wert!« meinte Mister Balin, sobald Fischer seinen Namen unter den Chartervertrag gesetzt hatte.

Dieser erstarrte. Wie Schuppen fiel es ihm plötzlich von den Augen.

»Mensch, und das sagen Sie mir erst jetzt?!« schrie er seinen alten Freund an.

Er hätte es selbst wissen können. Er war vor Erregung ganz blind gewesen.

Die »Recovery« löschte ihre Ladung algerischen Wein, drei Tage später ging sie wieder in See, mit allem ausgerüstet, was für diese Expedition nötig war, was nun natürlich alles auch Kapitän Kettel stellen mußte.

Und er war tatsächlich ein Ehrenmann, das mußte mit ihm lassen. So zum Beispiel war die Verpflegung, die er den drei Herren zuteil werden ließ, ganz ausgezeichnet, fast wie auf einem Salondampfer in erster Kajüte, obgleich man bei der großen Schnelligkeit, mit der das Geschäft abgeschlossen worden war, über so etwas gar nicht gesprochen hatte.

Fünf Wochen dauerte es, ehe man die Küste von Parahyba in Sicht bekam. Der kleine Dampfer machte nur acht Knoten, kroch wie eine Schnecke, und bei jeder Gelegenheit, wenn es nur ein bisschen neblig war, ließ ihn der vorsichtige Kapitän Kettel halbe Kraft gehen.

Trotz der ausgezeichneten Kost, die ihm täglich in fünf Mahlzeiten vorgesetzt wurde, wollte Mister Fischer sein früheres Gewicht nicht wieder annehmen, er magerte nur immer mehr ab, man erkannte ihn schon gar nicht mehr wieder. Auch bei Mister Cratch wollte diese Mastkur nicht anschlagen, nur Mister Balin bekam in diesen fünf Wochen einen stattlichen Schmerbauch und ein Vollmondgesicht.

Die von dem hypnotisierten Steuermann genau bezeichnete Flußmündung wurde wirklich gefunden, alle Einzelheiten stimmten genau. zum ersten Male begann Mister Fischer frei zu atmen.

Fürchterlich war es nur, wie langsam der Dampfer jetzt den Fluß stromauf ging, so wie er sich schon der Küste genähert hatte. Ununterbrochen ließ Kapitän Kettel loten, schickte dazu sogar ein Boot voraus.

Endlich kam die große Insel, quer über den Strom gelagert, und da war rechterhand auch der Nebenfluß.

Die »Recovery« fuhr ihn hinauf, immer noch langsamer als zuvor.

Da aber war das Ziel erreicht!

Ein herrlicher Anblick, eine köstliche Szenerie!

Ein fast kreisrundes Wasserbassin von etwa 200 Meter Durchmesser, eingerahmt von pittoresken Felsmassen, linkerhand brach aus dem Gestein der Strom hervor, nicht gerade als Wasserfall, sondern mehr als Kaskade, so das er nicht eben sehr viel Geräusch machte.

Und auf der gegenüberliegenden Seite, dort sollte noch ein anderer Fluß aus dem Felsen hervorbrechen, aber vollständig unterirdisch, also auch gleich unter Wasser mündend, und dort sollte der Grund ganz mit Edelsteinen bedeckt sein, durch jenen unterirdischen Fluß hervorgewaschen.

Alles stimmte, dort war der Felsen, der ungefähr wie ein ungeheurer Menschenkopf aussah, so genau hatte der hypnotisierte Steuermann alles angegeben, und dorthin steuerte jetzt der Dampfer.

Der Anker rasselte herab, fand bei sechs Meter Grund.

Das mit Talg eingeschmierte Lot hatte, als der Ankergrund untersucht wurde, weisen Kies mit heraufgebracht, aber kein einziger Edelstein hatte daran geklebt, auch kein noch so kleiner.

Nun, deshalb ließ sich Mister Fischer noch nicht entmutigen, dort, wo das Lot den Grund berührt, hatten eben gerade keine Edelsteine gelegen, und man brauchte auch nicht erst an anderen Stellen das Lot auszuwerfen, da gab es ein einfacheres Mittel, um den Grund zu erforschen, noch ehe man einen Taucher hinabschickte.

Das Wasser war Zweifellos ganz klar, aber es wurde von der Kaskade gekräuselt, und da hört die Durchsichtigkeit auf.

Doch da gibt es ein Mittel, um diese Wirkung des Kräuselns aufzuheben. Wir haben es wohl zuerst von den orientalischen Schwammfischern gelernt. Die nehmen, wenn sie den Meeresboden vom Boot aus nach Beute erforschen wollen, einfach einen Eimer, von dem der Boden ausgeschlagen ist, stecken ihn zur Hälfte ins Wasser und blicken von oben hinein. Durch die Wände des Eimers wird die Ursache der Wellenbewegung doch abgehalten, also ist das Wasser innerhalb des Eimers ganz ruhig, also kann man durch den Eimer auch durchs Wasser blicken, unter Umständen, je nach Wasserklarheit und Sonnenstand, bis zu einer Tiefe von 25 Meter.

Jeder ist wohl imstande, diesen Versuch im Kleinen auszuführen, eine Waschboje genügt, die Wirkung solch eines Schutzmittels ist ganz überraschend.

Oder man kann auch, zumal gleich von Bord des Schiffes aus, ein langes Gasrohr von größerem Durchmesser nehmen. Die Wirkung ist dieselbe. Das durch Wellenbewegung undurchsichtige Wasser wird plötzlich durchsichtig. Noch besser ist ein weites Glasrohr, weil das eben selbst schon das Tageslicht durchläßt.

Merkwürdig ist es, das dieser denkbar einfachste Apparat noch nicht weiter vervollkommnet worden ist. Da muß sich durch Anordnung von konkaven und konkaven Spiegeln doch irgendwie eine Art von unterseeischem Fernrohr schaffen lassen. Es hat einmal ein derartiges amerikanisches Patent gegeben, man hat nichts wieder davon gehört.

Die »Recovery« hatte Taucherkostüme und Zwei als Taucher ausgebildete Mann an Bord, schon waren auch einige lange, weite Glasröhren zur Stelle. Kapitän Kettel hatte in solchen Dingen eben schon seine Erfahrung.

Mister Fischer war der erste, der mit Zitternder Hand nach solch einer Glasröhre griff, sie über die Bordwand hinabsenkte, bis sie ins Wasser tauchte, und dann legte er oben an das andere Ende sein Auge.

Jetzt war ganz deutlich der Grund zu sehen.

Aber alles nur weiser Kies von meist erbsengroßen Steinen. Von glitzernden Diamanten und roten Rubinen und grünen Smaragden und blauen Saphiren gar keine Spur

Schon fühlte Mister Fischer, wie ihm plötzlich sein Herz still stand.

Schon wollte ihm eine fürchterliche Ahnung aufgehen.

Doch was war das dort?

Da stand dort unten auf dem schneeweißen Boden eine große schwarze Kiste.

Auch die anderen beiden Kompagnons hatten sich schon mit solchen Glasröhren bewaffnet, nichts von glitzernden und farbigen Edelsteinen bemerkt, nur diese große schwarze Kiste.

»Die Argonauten haben schon alle Edelsteine zusammengelesen und in dieser Kiste verpackt, sie hier zurücklassend!« sagte Mister Balin mit Ziemlicher Ruhe.

»Hoffen wir, das es so ist!« entgegnete Mister Cratch, und es klang wie ein Ächzen.

»Unbedingt ist es so!« schrie Mister Fischer wie ein Wilder auf.

Unterdessen hatte Kapitän Kettel, der ganz kalt blieb, schon die Vorbereitungen getroffen, ein Taucher hatte sich bereits kostümiert, er stieg hinab, um zuerst einmal diese Kiste heraufzuholen. Weiter war ja auch von dort unten nichts zu holen, höchstens noch weiser Kies.

Durch die Glasröhren sah man, wie schwer die Kiste sein mußte, obgleich jedes Gewicht im Wasser doch stark verliert, wie sich der Taucher mit ihr abmühte. Gut war es, das sie Zwei Handhaben hatte, so konnte das Seil leichter befestigt werden.

»Die muß ganz, ganz voll von Edelsteinen sein!« flüsterte Mister Fischer.

Er wiederholte es, als die Kiste aus dem Wasser kam und jetzt das Seil fast zu reißen drohte, weshalb noch ein Zweites befestigt wurde.

So wurde die Kiste an Deck gewunden.

Sie war von Eisenplatten gefertigt, hatte ungefähr einen halben Meter im Kubik. Oben Zeigten sich Schrauben.

Diese wurden gelöst, was ohne Mühe geschehen konnte, und als der Deckel abgehoben worden war, zeigte es sich, das diese Kiste eine zweite enthielt, nur etwas kleiner, so das sie gerade hineinging, wieder aus Eisen, oben mit Zwei Handhaben versehen, an denen sie herausgehoben wurde, wieder mit der Winde, Menschenkraft reichte dazu nicht aus. Das heißt, weil nicht so viel Hände zugreifen konnten.

Die folgende Szene läßt sich kaum beschreiben.

Diese Zweite Kiste barg nämlich eine dritte, und diese eine vierte — und so ging das immer weiter, bis zuletzt schon elf Eisenkisten an Deck standen, natürlich immer viel kleiner werdend.

Jetzt kam die Zwölfte aus der elften, nur noch eine eiserne Schatulle.

Die konnte Mister Fischer bequem selbst herausheben, sie war unverschlossen, er schlug den Deckel zurück ein zusammengefaltetes Pergamentpapier lag darin.

Wir wollen nicht versuchen, Mister Fischers Gesicht zu schildern, wie so eine Kiste nach der anderen herausgeholt worden war, immer kleiner werdend.

Und wie er jetzt in dieser letzten Schatulle dieses zusammengefaltete Pergament sah, nichts weiter.

Noch weniger können wir seine Gedanken wiedergeben.

Er faltete mit Zitternden Händen das Pergament auseinander.

Vielleicht doch noch ein kolossal wichtiges Geheimnis, das sicher unermeßliche Schätze einbrachte?

Na doch ganz, ganz sicher!

Also er hatte das Pergament auseinander gefaltet.

Und da war mit großen Schriftzügen zu lesen:

»Guten Morgen, Herr Fischer!«


146. KAPITEL.
RACHE IST SÜSS.

Wie gesagt, diese ganze Szene ließ und läßt sich nicht beschreiben.

Auch nicht, wie jetzt der Herr Abraham Fischer zusammenknickte.

»Waih geschrien, ich bin betrogen, ich bin ein ruinierter Mann!«

Dieser Jammerruf fand alsbald ein Echo. Allerdings kein wörtliches.

Plötzlich brach ein schallendes Gelächter los.

Aber nicht etwa an Bord dieses Schiffes.

Das Schiff lag ganz nahe an dem hohen, felsigen Ufer, durch einen tüchtigen Sprung zu erreichen, und plötzlich tauchten dort auf den Vorsprüngen und in Spalten und Höhlen überall menschliche Gestalten auf, Männer, offenbar Seeleute.

»Guten Morgen, Herr Fischer! — Guten Morgen, Herr Fischer! — Guten Morgen, Herr Fischer!«

So erklang es dort immer wieder, fröhlich wurde dabei gewinkt, Tücher und Mützen wurden geschwenkt, und dazwischen immer wieder schallendes Gelächter.

Wer waren diese fremden Männer? Nun, wenn man sie nicht gleich erkannte, so lag eine Ahnung doch sehr, sehr nahe.

Aber der eine wurde auch gleich erkannt, wenigstens von unseren drei Kompagnons, und diese Erkennung genügte.

Dieser junge Mann stand ganz vorn auf einem Felsvorsprung, zog wiederholt seine Mütze und machte Verbeugungen.

»Guten Morgen, Herr Fischer! Guten Morgen, Herr Balin! Guten Morgen, Herr Cratch! Besonders Sie wiederzusehen, Mister Cratch, das macht mir ungeheures Vergnügen.«

Da plötzlich machte Mister Cratch einen Satz nach der nahen Kajütentür und war darin verschwunden.

Und dann folgte Mister Balin mit einem ebensolchen Satze nach, und dann auch Mister Fischer, um in der Kajüte Schutz zu suchen, vor dem Manne, der dort oben so isoliert stand.

Denn das war der erste Steuermann von der »Argos«, jetzt ganz unhypnotisiert. Den hatten sie gleich wiedererkannt. Und da zogen sie es vor, hinter sich die Kajütentür gleich ganz abzuschließen.

»Wer sind denn die?!« wunderte sich jetzt auch Kapitän Kettel, obgleich der sich nicht so leicht über etwas wunderte.

Das Nichtvorhandensein von Edelsteinen und das Auspacken der vielen Kisten mit dem letzten Inhalte hatte ihn vollkommen kalt gelassen. Er hatte ja seine 10 000 Pfund in der Tasche, hatte auf alle Fälle ein feines Geschäft gemacht.

»Hallo, ist das nicht der Kapitän Stevenbrock von der »Argos«, der Waffenmeister von den Argonauten?!«

Die beiden hatten sich einmal in irgend einem Hafen der Welt kennen gelernt, hatten sogar eine sehr angenehme Bekanntschaft gemacht, an einem feuchten Kneipabend, wenn die Bekanntschaft auch nicht weiter gegangen war.

»Kann ich zu Ihnen an Bord kommen, Mister Kapitän Kettel?«

»Na sicher, warum denn nicht? Ich werde . . . «

Er dachte wohl an ein Boot oder Laufbrett, da aber war Stevenbrock schon von seinem erhöhten Standpunkt leichtfüßig an Deck gesprungen, wozu allerdings ein Paar ganz besondere Sprungbeine gehört hatten.

Dann saßen die beiden in der Kapitänskajüte bei einer Flasche Portwein, Stevenbrock berichtete, ganz offen, so weit er es sein konnte. Die letzten Geheimnisse durfte er ja nicht preisgeben.

»Das ist ja unerhört!« sagte Kapitän Kettel, als jener seinen Bericht beendet hatte. »Hätte ich das gewußt, dann hätte ich mein Schiff natürlich nicht an diesen Schuft verchartert. zu solchen Schurkereien gebe ich meine Hand nicht her.«

»Das glaube ich Ihnen, Kapitän, das brauchen Sie mir nicht erst zu versichern.«

»Also Ihr erster Steuermann hat sich nur so gestellt, als ob er hypnotisiert gewesen wäre?«

»Wie ich Ihnen ausführlich erzählt habe.«

»Er hatte ein Gegenmittel eingenommen?«

»Ja.«

»Er hatte sich mit Absicht von dem Frauenzimmer nach dem Hotel verschleppen lassen?«

»Gewiß.«

»Da wußten Sie schon von dem Plane dieser Schufte?«

»Ich kannte ihn, und ich wollte sie nur bestrafen.«

»Woher war Ihnen denn dieser Plan bekannt?«

»Herr Kapitän — verzeihen Sie — es kommen dabei Sachen in Betracht, über die ich nicht sprechen darf . . . «

»Nevermind, nevermind! Ich bin der letzte der in fremde Geheimnisse zu dringen sucht.«

»Danke. Ja, wie ist es aber nun weiter mit diesen Ehrenmännern? Werden Sie sie mir ausliefern? Wenigstens den einen. Den Mister Fischer will ich laufen lassen, der ist schon bestraft genug. Auch der Mister Balin mag hinlaufen. Aber den Mister Cratch möchte ich mir doch erst einmal vorknöpfen. Das bin ich meinem ersten Steuermanne schuldig, wenn ich ihm den Kerl nicht zur eigenmächtigen Bestrafung ausliefere. Natürlich nicht, das er ihn foltert. Nicht einmal durchpeitschen soll er ihn, so sehr es der Kerl auch verdient hat. Also wollen Sie mir diesen Mister Cratch ausliefern?«

Bedächtig hob Kapitän Kettel die Schultern.

»Nein, mein lieber Stevenbrock, das kann ich beim besten Willen nicht. Ich will Ihnen ganz offen sagen, wie es mit mir steht. Ihnen gegenüber kann man doch ganz offen sein, da braucht man nicht erst ein Versprechen abzufordern.

Ich bin ein verwegener Bruder, der sich in jedes Abenteuer einläßt, wenn es dabei etwas zu verdienen gibt. Und wenn es nicht gegen mein Gewissen, gegen meine Ehre geht.

Ja, ich habe gepascht genug. Ihnen kann ichs sagen. Nach Neuyork Oberhemden und Spirituosen, nach Chile eine ganze Schiffsladung Streichhölzer und nach Afrika Salz massenhaft.

Darin sehe ich nichts weiter. Die Harmlosigkeit solcher Schmuggelei liegt ja auch schon darin ausgedrückt, das man nur bestraft wird, wenn man sich dabei erwischen Läßt. Eine Bestrafung hinterher gibt es nicht. Und es erfüllt mich sogar mit Genugtuung, den armen Negern billiges Zollfreies Salz und den Nordamerikanern billige Oberhemden und den Chilenen billige Streichhölzer zu liefern.

Ich habe auch noch andere Schiebungen ausgeführt, die mich schwer mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gebracht hätten.

Aber nie habe ich etwas getan, was gegen meine Gewissen und meine Ehre geht. Dieser Mister Abraham Fischer offenbarte mir, das er in der Provinz Parahyba ein Diamantenlager wisse, das er ausbeuten wolle.

Das ist an sich ja schon gar nicht erlaubt. Erwischt mich hier die brasilianische Regierung, so werde ich ja schwer bestraft, man nimmt mir mein Schiff weg.

Aber das Kapitänspatent kann man mir nicht nehmen! Und bin ich glücklich wieder heraus, kann man mir auch hinterher nichts wollen.

Also ich ging darauf ein, ließ mein Schiff chartern, Mister Fischer hat mir die geforderten 10 000 Pfund bar bezahlt.

Hätte ich gewußt, durch was für eine Schurkerei er in den Besitz dieses Geheimnisses gekommen, so hätte ich mich nie mit ihm eingelassen.

Aber ich wußte es nicht, so ist es geschehen.

Somit stehe ich für 100 Tage, von denen erst 34 verflossen sind, in den Diensten dieses Mister Fischers, als meines Charterpatrons, ich habe ihm bis zu einem Gewissen Grade bedingungslos zu gehorchen — wie weit, das wissen Sie als Schiffskapitän selbst ganz genau und jedenfalls habe ich ihn an Bord meines Schiffes unter englischer Flagge aus besten Kräften zu schützen, ihn mit aller meiner Mannschaft zu verteidigen.

Und dasselbe gilt für die anderen beiden Männer, welche die Gäste meines Patrons sind unter meinem Schutze.

Nein, Herr Kapitän Stevenbrock, ich kann Ihnen keinen dieser drei Herren ausliefern.

Und wenn Sie versuchen, sie mit Gewalt von Bord meines Schiffes zu holen, so werden wir, ich und alle meine Leute, sie bis zu unserem letzten Blutstropfen mit Waffengewalt verteidigen.«

Kapitän Kettel schwieg. Ein Ehrenmann hatte gesprochen.

»Wenn sie aber nun einmal das Land betreten, und ich fange sie von dort weg?« fragte Stevenbrock.

»Das geht mich nichts an!« durfte Kapitän Kettel mit Recht erwidern. »Mein Schutz, den ich ihnen angedeihen lassen muß, bezieht sich nur unter der Flagge an Bord meines Schiffes.«

»Sie würden sie auch nicht zurückfordern?«

»zurückfordern, ja, das wohl. Aber deswegen nicht mit Gewalt gegen Sie vorgehen. Ob das nun Zweck hätte oder nicht.«

»Und wenn ich sie durch eine List von Bord zu locken weiß?«

»Dann ist eben geschehen zurückholen tue ich sie nicht. Durchschaue ich aber Ihre beabsichtigte List, so ist es auch meine Pflicht, die Bedrohten davon in Kenntnis zu setzen, sie zu warnen.«

Es war offenbar ein großer Fehler gewesen, das sich die Argonauten, die mit ihrem Schiffe in der Nähe versteckt lagen, gleich gezeigt hatten. Jetzt hatten sie wenig Aussicht noch, sich dieser Gentleman oder auch nur eines einzigen zu bemächtigen. Die verließen doch die Kajüte nicht mehr. Aber diese Begrüßung des Herrn Fischer hatten sie sich doch wieder unmöglich entgehen lassen können.

»Wie lange bleiben Sie hier liegen?«

»So lange mein Charterpatron will. Das heißt, bis zu drei Wochen. Länger nicht. Denn ungefähr am hundertsten Tage will ich wieder in Liverpool oder London sein. So ist im Charterkontrakt ausgemacht worden.«

»Wenn er nun jetzt sofort wieder abfahren will?«

»Dann muß ich eben gehorchen. Und mir scheint, jetzt kommt schon diese Aufforderung.«

Der Steward hatte die Kajüte betreten.

»Mister Fischer wünscht den Herrn Kapitän Kettel zu sprechen.«

Dieser erhob sich sofort.

»Vielleicht warten Sie noch, mein lieber Stevenbrock, wir sprechen dann weiter. Wenn ich Ihnen auch keine Hoffnungen machen kann.«

Er verließ die Kajüte, noch vor dem Steward.

Es war nur eine improvisierte Kapitänskajüte, die er während dieser Fahrt benutzte, seine eigene, den besten Raum des Schiffes, hatte er dem Charterpatron und dessen Gästen überlassen.

Der für seine Größe oder vielmehr Kleinheit sehr breit gebaute Dampfer hatte ein erhöhtes Achterdeck, in diesem lag die Kajüte. Vorher hatte man noch einen kurzen Gang zu durchschreiten, auf dem hüben und drüben noch Kabinen lagen, deren größte jetzt also Kapitän Kettel als seine Kajüte, als seinen Arbeitsraum benutzte. Demnach brauchte er, wenn er jetzt diesen Raum verließ, nur noch einige Schritte nach hinten zu gehen, so stand er vor der Tür der eigentlichen Kajüte.

Er fand sie verschlossen.

»Was ist denn das?«

»Sind Sies, Herr Kapitän?« erklang es drinnen recht kläglich.

»Jawohl, ich bins. Weshalb haben Sie sich denn eingeschlossen?«

»Herr Kapitän Kettel, bürgen Sie für unsere Sicherheit?«

»Na selbstverständlich stehen Sie unter meinem Schutze!«

»Fahren Sie jetzt sofort zurück?«

»Sofort, wenn Mister Fischer befiehlt. Nun aber machen Sie auf, ich bin nicht gewohnt, durch verschlossene Türen zu sprechen!«

Die Türe ward denn auch gleich aufgeschlossen.

Die drei Hasenfüße hatten ja unterdessen Zeit zur Beratung gehabt, und sie waren zur Überzeugung gekommen, das man diesem Kapitän unbedingt trauen durfte.

Mister Cratch war es, der die Schiebetür zurückzog.

In demselben Augenblick prallte er auch schon zurück.

Und nicht minder erschrocken oder doch erstaunt war Kapitän Kettel.

Nämlich weil plötzlich neben ihm Stevenbrock stand, den er drüben in der kleinen Kajüte wähnte.

Er hatte zwar die Schiebetür in den Rollen laufen hören, war aber der Meinung gewesen, das dies natürlich der Steward sei, der die Kajüte wieder verließ.

Stevenbrock aber blieb nicht so neben ihm stehen, sondern er sprang mit ausgestreckten Händen vor, hatte den Mister Cratch gepackt und war im Nu auch schon wieder zurückgesprungen, an Kettel vorbei.

»Steh oder ich schieße!« schrie dieser.

Aber ehe er auch nur nach seinem Revolver greifen konnte, war Stevenbrock mit seiner Beute schon zum Korridore hinaus, und wie Kettel ihm nachsetzte, stand jener schon auf der Bordwand und sprang.

Nicht nach der Felswand hinüber. Erstens gab es in dieser Höhe gar keinen geeigneten Absatz, und dann war die Entfernung denn doch zu weit, um mit solch einem erwachsenen Menschen in den Armen hinüberspringen zu können.

Stevenbrock sprang direkt ins Wasser hinab.

Als er wieder auftauchte, hatte er den Mister Cratch vor sich, so regelrecht, wie es eben sein muß, wenn man einen Menschen, ob er nun schwimmen kann oder nicht, vor sich über Wasser halten will, was nicht weiter beschrieben werden kann.

So schwamm er, nur mit den Füßen ausstoßend, einer Felsenspalte zu, die sich bis hinab zum Wasser erstreckte, nur eine kurze Entfernung, und dort erwarteten ihn schon einige Argonauten.

»He da, Sie da, Kapitän Stevenbrock,« schrie oben Kettel, »geben Sie mir mal den Gentleman wieder her! Was wollen Sie denn mit dem da unten anfangen?«

»Ay ay, Käpten!« lachte Stevenbrock zurück, das Wasser von sich blasend.

Er wußte, das er keinen Schuß und nichts zu fürchten brauchte.

Kapitän Kettel hatte ihm ja deutlich genug gesagt, wie er sich in solch oder einem ähnlichen Falle verhalten würde.

Gewiß, seine Absicht war es nicht gewesen, diesen Mann durch List oder Gewalt entführen zu lassen. Er hätte zugepackt, vielleicht sogar geschossen.

Aber er hatte eben keine Zeit dazu gehabt. Stevenbrock war mit seiner Entführung gar zu fix gewesen.

Und da er sich mit seiner Beute nun schon außerhalb der Schiffswände befand, kümmerte sich Kapitän Kettel auch nicht viel um seinen Schützling.

Das hatte er ja auch schon in seine Worte zu legen gewußt.

Und es sollte noch besser kommen.

Mister Cratch war vor Schreck ganz betäubt gewesen, war es auch noch, als er wieder auftauchte.

Erst nach einigen Sekunden kehrte ihm die Besinnung zurück.

»Hilfe, Hilfe,« Zeterte er aus Leibeskräften, »Hilfe, ich bin wasserscheu!«

Ein brüllendes Gelächter antwortete an Bord der »Recovery«.

Der Mister Cratch hatte ganz unbewußt einen famosen Witz vom Stapel gelassen, wenn er in seiner Wirkung oder vielmehr Ursache auch nicht so leicht wiederzugeben ist.

Das dieser Mister Cratch sehr wasserscheu war, hatten sie alle während der Reise schon gemerkt. Waschen tat er sich, ja, auch einmal ein Bad nehmen, das war etwas ganz anderes — aber sonst ging er auch dem feinsten überdammenden Sprühregen ängstlich wie eine Katze aus dem Wege. Er fürchtete sich überhaupt tatsächlich vor dem Regen, wollte eben nicht naß werden.

Und nun jetzt dieser Ruf!

Hätte er geschrien: »Hilfe, Hilfe, ich ertrinke, ich kann nicht schwimmen!« — das wäre ganz begreiflich gewesen, darüber hätte niemand gelacht.

Aber nun so, wie der Kerl nach einigen Sekunden wieder an der Oberfläche des Wassers zu sich kommt, und plötzlich fängt er zu schreien an: »Hilfe, Hilfe, ich bin wasserscheu!« — es wirkte urkomisch!

Die englischen Matrosen und Heizer brüllten vor Lachen. Sie wären gar nicht fähig gewesen, jetzt einen Befehl auszuführen, um der beiden wieder habhaft zu werden.

Und da hatte Stevenbrock auch schon jene Felsspalte erreicht, ein halbes Dutzend Arme Zogen ihn und seine Beute hinauf, sie waren verschwunden.


»Nun, mein geehrter Mister Cratch, wollen wir uns ein bisschen unterhalten.«

Mit diesen Worten setzte sich Ernst, der erste Steuermann der »Argos«, in seiner Kabine jenem gegenüber. zuerst hatte man den unfreiwilligen Besuch, nachdem man ihm einen Revolver und ein Dolchmesser abgenommen, in den Aschenlift gesperrt.

Das ist ein Raum, der sich über den Heizanlagen befindet, der Aschenauszug geht durch. Hier hängen die Leute ihre nassen Sachen auf, die in wenigen Minuten trocknen, weil hier immer ein starker, heißer Luftzug herrscht.

So war auch Mister Cratch bald wieder getrocknet. Dann wurde er vom ersten Steuermann abgeholt, in seine Kabine geleitet und höflich zum Sitzen eingeladen.

»Nun, mein geehrter Mister Cratch, wollen wir uns ein bisschen unterhalten.«

Es war kein besonderer Held, dieser Mister Cratch. Er Zitterte an allen Gliedern, was nicht von Kälte herrühren konnte.

Schon in dem Aschenraum hatte er erwogen, ob es nicht besser sei, lieber gleich freiwillig aus dieser Welt zu scheiden.

Haken waren genug vorhanden, und Hosenträger hatte er an.

Aber mit dem Selbstmord ist es auch so eine dumme Geschichte.

Es könnte doch vielleicht weh tun.

Und nun gerade hängen — da kriegt man keine Luft!

Also Mister Cratch verzichtete lieber aufs freiwillige Sterben.

Er fing lieber zu beten an.

Wir würden so etwas hier nicht sagen, es wäre Frevel, wenn wirs nicht erlebt hätten. Als sich bei einer Schiffskatastrophe solche miserable Zweibeinige Geschöpfe, die sonst an nichts glaubten, auch das Heiligste verhöhnten und verspotteten, öffentlich auf die Knie warfen und winselnd zu beten anfingen.

»Ach — ach — a — a — a — a . . . « konnte Mister Cratch jetzt nur noch stammeln.

»Wenn Ihnen das Sprechen schwer fällt, geben Sie sich keine Mühe weiter, ich . . . «

»Ach, mein geehrtester Herr Steuermann!«

»Was wollen Sie?«

»Sie sind doch ein Christ, nicht wahr?«

»Ein Christ? Hm. Ja. Das bin ich. Sie wohl ooch?«

»Wenn Sie ein Christ sind, dann wissen Sie doch, das wir vergeben sollen und unsere Feinde lieben und . . . «

»Pschschscht!« machte Ernst mit erhobenem Finger. »Halten Sie mal die Luft an. Jetzt werde ich erst mal sprechen, dann später, wenn ich fertig bin, können Sie mir eine Katechismusstunde geben.

Sehen Sie, Mister Cratch, ich hatte früher noch gar nichts von der ganzen Hypnotisiererei gewußt.

Gehört hatte ich wohl schon davon, aber niemals geglaubt, das so etwas möglich sei.

Sie haben mirs erst als Tatsache bewiesen und gezeigt, wies gemacht werden muß.

Nun werde ich mal probieren, ob ich das auch kann. Also passen Sie auf, ich werde Sie hypnotisieren.

Schlafen Sie ein! Ich befehle Ihnen, das Sie schlafen! Schließen Sie Ihre Augen! Na, wollen Sie gleich schlafen?«

Dabei fuchtelte Ernst ihm mit gespreizten Fingern vor dem Gesicht herum, und da machte Mister Cratch gute Miene zum bösen Spiel, er schloß die Augen.

Natürlich gar keine Ahnung, das er etwa wirklich in Hypnose gefallen wäre.

»Sind Sie hypnotisiert?«

»Ja.«

»Hören Sie mich sprechen?«

»Ja.«

»Sie werden mir bedingungslos gehorchen.«

»Ich gehorche bedingungslos.«

»Ich befehle Ihnen, das Sie mich lieb haben. Haben Sie mich lieb?«

»Ja, ich habe Sie lieb.«

»Dann machen Sie mal Ihre holden Guckäugeleins auf.«

Mister Cratch öffnete die Augen, versuchte ihnen einen starren Ausdruck zu geben.

»Was habe ich hier in meiner Hand?«

Und Ernst hatte aus seiner Hosentasche eine rohe Kartoffel geholt.

»Eine — eine — Pfirsich!«

»Was, ein Pfirsich wäre das?!« stellte sich Ernst erstaunt. »Was ist das?«

Der Hypnotisierte war gar zu entgegenkommend gewesen.

»Eine Kartoffel!« verbesserte er sich.

»Ja, eine Kartoffel. Doch nein, Sie irren, das ist eine Aprikose.«

»Ja, eine Aprikose.«

»Nein, das ist ein Apfel!«

»Ja, es ist ein Apfel!«

»Ein schöner, rotwangiger Apfel!«

»Ein schöner, rotwangiger Apfel!« wurde gehorsam wiederholt.

»Nehmen Sie diesen Apfel, essen Sie ihn auf!«

Mister Cratch nahm ihn, bis herzhaft hinein, aß weiter.

»Schmeckt er Ihnen?«

»Sehr gut.«

»Wirklich?«

»Sehr, sehr gut!« versicherte Mister Cratch eifrig beißend und kauend und zungenschnalzend dabei ein ganz verzücktes Gesicht machend.

Der Steuermann hatte sich in seinem Stuhle zurückgelehnt, die Hände über dem Leibe gefaltet, so betrachtete er den Kauenden, und so schüttelte er jetzt nachdenklich den Kopf.

»Merkwürdig, ganz merkwürdig! Frist der Kerl ne rohe Kartoffel und denkt, ’s ist ’n Appel! Also es ist doch wirklich etwas dran an der Hypnotik. Habs niemals für möglich gehalten!«

Es war wirklich schade, das diese Szene kein Publikum hatte.

Die rohe Kartoffel war verspeist.

»Nun will ich mal sehen, ob man in der Hypnose jemandem auch befehlen kann, das er keinen Schmerz fühlt.«

Mit diesen Worten zog Ernst aus dem Innenfutter seiner Jacke eine lange Nadel hervor.

Da war es mit der markierten Hypnose vorbei, da fiel Mister Cratch aus der Rolle.

»Ach bitte, mein liebster, bester Herr, bitte, bitte nicht!« fing er mit gerungenen Händen zu winseln an.

»Ruhig! Wollen Sie gleich schlafen? Ich befehle es Ihnen! Ich werde Sie jetzt in den linken Oberarm stechen, Ziemlich tief. Aber Sie werden nicht den geringsten Schmerz fühlen. Verstanden?«

»Ach, mein allerbester Herr, seien Sie doch barmherzig, denken Sie an unsern Herrn und Heiland . . . «

»Mensch, wenn Du noch einmal diesen Namen in Deinen Mund nimmst, noch ein einziges Mal mit so etwas anfängst, dann schlage ich Dir alle Zähne ein!«

Und der plötzlich ganz umgewandelte Steuermann hob seine braune, knochige, haarige Faust zum Schlage empor.

Da verstummte der Bösewicht.

Weil er vor Schreck erstarrte.

Da erkannte er, das es doch weit, weit besser gewesen wäre, wenn er sich vorhin aufgehängt hätte.

Er war diesem Steuermanne, an dem er die Macht der Hypnose erprobt hatte, zur Bestrafung ausgeliefert worden, zur Rache, zur Vergeltung, und der war auch entschlossen, dieses Recht der Vergeltung an ihm auszuüben!

Mister Cratch sah sich verloren.

Die rohe Kartoffel war nur ein unschuldiges Vorspiel gewesen.

Jetzt kam die Vergeltung mit der Nadel dran.

Und was dann, das war ganz dem Willen dieses Mannes überlassen, dessen dunkelgebranntes, sonst eigentlich sehr gutmütiges Gesicht plötzlich einen ganz anderen Ausdruck bekommen hatte, als seine Augen plötzlich so aufgeflammt waren, einen furchtbar wilden.

Von diesem Manne hatte er keine Schonung zu erwarten, sondern alle Folterqualen, die der nach Rache dürstende Mensch irgendwie ersinnen kann.

Plötzlich wußte dies Mister Cratch mit furchtbarer Deutlichkeit.

Und da plötzlich hatte er ein ganz merkwürdiges Gefühl.

Dieser Mann, obgleich ein echter Engländer, hatte ein südländisches Aussehen, wie man es ja überhaupt oft bei der englischen Rasse findet — romanisches Blut — er hatte kohlschwarze Haare, etwa zwei Zentimeter lang, die er glattanliegend trug — — und da plötzlich war es ihm, als ob sich diese Haare aufrichteten. Er fühlte es ganz deutlich. Obgleich es gar nicht der Fall war. Kein Härchen sträubte sich.

Es ist nicht umsonst, das wir dies so ausführlich beschreiben. Die Pointe wird später kommen.

Und es sollte überhaupt alles ganz anders kommen.

Der Steuermann hatte seine Faust wieder sinken lassen.

Sein wildes Gesicht hatte sich wieder geglättet, die dunkle Glut daraus war verschwunden, wenn es auch nicht ganz seinen ursprünglichen, so überaus gutmütigen Ausdruck annahm.

Jedenfalls war er wieder ganz ruhig geworden.

Und so begann er jetzt zu sprechen.

Und er sprach, wie ein Seemann, wie so ein von der Pike auf gedienter Steuermann spricht, der keine Glacehandschuhe kennt, wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil es für solche Pfoten wohl gar keine Nummer in Glacehandschuhen gibt.

Und dieser Seemann, der erste Offizier des Gauklerschiffes sprach also:

»Siehst Du, Du Schweinehund!

Du hast mich damals eine rohe Kartoffel fressen lassen.

Du hast mich mit einer langen Nadel tief in den Arm gestochen, tief, tief in die Muskel hinein, das ich vierzehn Tage lang meinen Arm nicht gebrauchen konnte und unser Doktor schon an eine lebenslängliche Muskellähmung glaubte.

Du Schweinehund Du!

Jetzt bist Du mir von unserem Kapitän zur Bestrafung ausgeliefert worden.

Jetzt kann ich Wiedervergeltung üben.

Auch ich habe Dich eine rohe Kartoffel auffressen lassen. Mehr kann ich nicht.

Ich kann Dich nicht stechen, ich kann Dich nicht durchpeitschen und ich kann Dir nicht wehe tun.

Weshalb nicht, das weiß ich nicht.

Nicht etwa, weil ich dazu zu edel bin. Ich bin nicht edel. Ich bin ein Dammichbruder und ein blutiger Raufbold. Aber ich bin ein Mensch, Du aber bist kein Mensch.

Weshalb Du eigentlich geschaffen worden bist, das verstehe ich nicht.

Ich grübele manchmal darüber nach, weshalb eigentlich der liebe Gott Giftschlangen und Wanzen und ähnliches Viehzeug geschaffen hat, das allen anderen Geschöpfen doch nur schädlich ist.

Du bist eine Giftschlange, Du bist eine Wanze!

Deshalb kann ich Dich nicht schlagen.

Ich könnte Dich nur Zertreten.

Aber Du hast durch ein Versehen der Schöpfungskraft eine menschliche Gestalt bekommen.

Deshalb kann ich Dich auch nicht Zertreten.

Geh, Du menschenähnliche Wanze, geh, verkriech Dich in Deiner Ritze. Geh!«

Der Steuermann war ausgestanden, öffnete die Tür, trat zurück.

Stumm, den Kopf gesenkt, schritt Mister Cratch an ihm vorüber.

Ein Wink des Steuermanns, und ein draußen stehender Matrose übernahm die Führung.

Auch die »Argos« lag in einem von Felswänden eingeschlossenen Wasserbassin, war mit dem Lande durch ein Laufbrett verbunden. Mister Cratch bekam seinen Revolver und das Dolchmesser wieder, der Matrose führte ihn weiter, immer vorangehend, ohne sich umzusehen.

Der andere folgte gehorsam, den sonst aufrecht getragenen Kopf etwas gesenkt.

Es ging durch einige kurze Schluchten hindurch, dann durch eine Höhle oder einen Tunnel, und da lag die »Recovery«, von diesem Höhlentunnel aus führte jetzt ein Laufbrett hinüber.

An Deck stand Kapitän Kettel.

Als er den Mister Cratch kommen sah, wunderte er sich. Vorausgesetzt, das sich dieser eiserne Mann überhaupt über etwas wundern konnte.

Plötzlich aber fing er wirklich zu staunen an, schon sein Gesicht drückte es aus.

»Nanu! Was ist denn mit Ihnen los?! Haben Sie denn Ihr Haar gefärbt?!«

Das kohlschwarze Haar jenes Mannes war plötzlich schneeweiß geworden!

Und wer es nicht glaubt, das schwarzes, braunes, blondes Haar nicht nur in einer Nacht, sondern in einer einzigen Minute schneeweiß erbleichen kann, der muß es einmal erleben.

Hoffentlich nicht an sich selbst.

Wie es möglich ist — darüber freilich schweigt sich unsere Wissenschaft aus.

Aber als ob der Natur mit ihren unerschöpflichen Hilfsmitteln nicht das möglich wäre, was wir Menschlein fertig bringen!

Wir schmieren eine Photographenplatte mit einem Chemikal ein — ein Lichtdruck in finsterer Nacht, und die weise Platte hat sich schwarz gefärbt.


147. KAPITEL.
GEHEIMNISSE

Wir lassen nun wieder jenen Ewald Ebert persönlich erzählen.

Ich war als dritter Maschinist regelrecht angemußtert worden.

Obgleich ich von der Schiffsmaschine nur theoretisch etwas verstand, von ihrer Bedienung als Maschinist absolut gar nichts.

Ich sagte es dem Kapitän.

»Das lassen Sie meine Sache sein!« war seine Antwort.

Eine Antwort, die ich noch gar oft zu hören bekommen sollte, bis mir endlich voll und ganz zum Bewußtsein kam, wie unnötig ich oftmals schwatzte. Da war ich von dieser Schwäche kuriert, da erst wurde ich ein richtiger Argonaute.

Zunächst merkte ich, das meine Registrierung als dritter Maschinist überhaupt nur eine Form gewesen war.

Ich kam gar nicht an die Maschine, sah sie nur manchmal durch das Skylight, das Lichtfenster.

Aber das hinderte den Kapitän nicht, mich gleich am Zweiten Tage, als wir auf hoher See waren und der Zweite Maschinist sich wegen heftiger Kopfschmerzen krank meldete, auf Wache an die Maschine zu schicken, ohne weiteres, ohne mir ein Wort der Instruktion zuteil werden zu lassen.

Und es ging ganz famos!

Obgleich eine furchtbare See war, die Schraube ständig aus dem Wasser schlug, das dann alle Planken Zitterten, als ob sie aus den Nieten gehen wollten, so das ich die Hände nicht vom Ventil nehmen konnte.

Denn ein automatischer Regulator, der schneller funktioniert als das Gehirn und die Hand des Menschen, ist noch nicht erfunden.

»So gut hat noch niemand die Schraube reguliert, das muß ich sagen, und wenns auch die anderen Maschinisten übel nehmen würden, was es aber bei uns nicht gibt!« sagte dann der erste Offizier zu mir.

Aber so weit sind wir noch nicht.

Vorläufig lagen wir noch im Londoner Eastindia—Dock.

Was ich eigentlich für eine Rolle an Bord spielte, darüber war ich mir lange im unklaren. Bis ich zur Überzeugung kam, das ich doch der Stellvertreter des Waffenmeisters und sogar des Kapitäns sein müsse.

»Hier schreiben Sie immer die Meldungen auf, die Ihnen gemacht werden,« sagte Kapitän Stevenbrock gleich in der ersten Stunde in der Batterie zu mir, wie hoch oder weit einer gesprungen ist, wieviel er gehoben hat, und so weiter. Jeder Matrose wird Ihnen sagen, wies gemacht wird, Sie sehens ja überhaupt gleich selbst.«

So war ich also der registrierende Turnwart und Sporttrainer der Argonauten geworden.

So hatte ich also doch eine schriftliche Beschäftigung bekommen, die ich durchaus nicht liebte.

Und was hatte ich zu schreiben!

Ich bekam den Bleistift und Federhalter gar nicht aus der Hand, und war in unausgesetzter Tätigkeit.

Und wenn ich nach sechzehnstündiger ununterbrochener Arbeit, selbst das Essen nur so nebenbei verschluckend, einmal nicht schlafen konnte, und ich betrat um Mitternacht die Batterie, da konnte ich meine schriftliche Arbeit gleich wieder aufnehmen.

Ich will das Treiben in dieser Turn— und Sporthalle, Batterie genannt, nicht schildern, nicht die erstaunlichen Leistungen, die ich da zu sehen bekam.

Aber das eine will ich sagen: das hier war eine schriftliche Arbeit, die mir nicht zuwider war, die ich nicht überdrüssig bekam!

Schon am Zweiten Tage verlegte ich meinen Schlafplatz aus meiner Kabine und Koje in die Batterie auf eine Springmatratze, und wenn ich nicht geweckt wurde, um eine besonders gute Leistung selbst registrieren zu können, dann wurde ich angehalten. Das sagt wohl genug.

Wie es sonst da drin zuging, darüber möchte ich sagen, das die ganze Batterie bei Tag und Nacht ein einziger guter Witz war. Wenn ich mich so ausdrücken darf. Es wird schon verstanden werden. Ich mußte mir erst das Lachen abgewöhnen. So wie die anderen, die dabei immer ganz ernst und trocken blieben. Bis dann plötzlich aus irgend einem Grunde, den ich anfangs meist gar nicht verstand, ein Gejohle anfing, als ob es sich auch hierbei um ein Meisterschaftsjohlen handele. Rot gegen Grün. Ein Gejohle, wie ich es gar nicht für möglich gehalten hätte, das hundert Menschen solch einen Höllenspektakel fertig bringen. Oftmals mitten in der Nacht. Anfangs wunderte ich mich, das sich die neben uns liegenden Schiffe nicht über nächtliche Ruhestörung beschwerten. zum Glück gibts so etwas nicht im See— und Hafenleben. Die Dampfpfeifen und Dampfsirenen machen auch Spektakel genug. Und dann lag ich selbst wohl schlafend auf meiner Matratze, hörte das Toben und Johlen Zwar, aber stören tat es mich durchaus nicht.

Aber auch zu seinen persönlichen Diensten zog mich der Kapitän oftmals heran.

Jedoch in einer Weise, die ich unmöglich schildern kann.

Ich sah niemals einen Zweck dabei.

Weshalb mußte ich ihn manchmal an Land begleiten, um eine ganz belanglose Geschäftsunterredung mit anzuhören?

»Hier lesen Sie diesen Brief«

So sagte der Kapitän zu mir am letzten Abend, den wir im Hafen verbrachten.

Es war das Schreiben jenes Verbrechers, der gern wieder ein ehrlicher Mensch werden wollte.

Da fiel mir wieder einmal etwas ein.

An jene Unterhaltung der drei Börsenjobber dachte ich, was die für Pläne besprochen hatten, wenn auch sicher nicht mit dem Vorsatze, sie ausführen zu wollen.

Ich hatte noch nie zum Kapitän darüber gesprochen, er hatte es ja selbst mit angehört.

Jetzt aber mußte ich ihn doch einmal warnen, ich hielt es für meine Pflicht.

Weit kam ich mit meiner Warnung nicht.

»Das lassen Sie nur meine Sache sein!« wurde ich alsbald unterbrochen.

Nicht etwa unfreundlich! Lächelnd hatte er mir dabei die Hand auf die Schulter gelegt.

»Seien Sie heute abend fünf Minuten vor elf in meiner Kajüte!« setzte er noch hinzu.

Der Mann mit der schwarzen Binde wollte Zwischen Zehn und elf kommen — und kam nicht. Indem man da doch so an halb elf denkt, dann noch eine Viertelstunde zugebend.

Ich aber betrat fünf Minuten vor elf mit dem Pünktchen die Kapitänskajüte.

Wenn ich vielleicht noch nicht pünktlich gewesen wäre — an Bord lernt man Pünktlichkeit! Auf jedem Handelsschiffe. Mehr noch als bei den Soldaten. Der Chronometer Zeigt Zehntelsekunden.

Der Kapitän empfing mich.

»Setzen Sie sich hier hinter den Vorhang und verhalten Sie sich still, Sie sollen eine Unterredung belauschen.«

Die Kajüte hatte noch einen anderen Ausgang, nur durch eine Portiere abgeschlossen, dahinter kam erst eine kleine Kammer, in diese also mußte ich mich setzen, konnte auch Zwischen einer Spalte des Vorhangs in die Kajüte spähen.

Der Kapitän ging wieder hinaus, kam schon nach einer Minute zurück, und in seiner Begleitung befand sich der Mann mit der schwarzen Binde.

Nun zunächst eine Frage: hatte denn der Kapitän gewußt, das dieser Mann gerade um elf kommen würde? Ich selbst konnte diese Frage nicht lösen und will mich auch nicht weiter damit beschäftigen.

Also ich wurde Zeuge der Unterhaltung.

Der Mann hatte das Geständnis abgelegt.

Der Kapitän ging, kam bald wieder zurück und teilte mit, das man den blinden Passagier mit einem Giftfläschchen tatsächlich in der Porzellankiste gefunden habe.

Dann Zeigte der Kapitän dem Kupferstecher die Kartenzeichnung, ob er die kopieren könne.

Nun freilich ging mir hinter meiner Portiere schon eine kleine Ahnung auf.

Ich hätte doch ein sehr beschränkter Kopf sein müssen, wenn das nicht der Fall gewesen wäre.

Deshalb will ich auch dem Leser weiter keine Erklärung geben, als höchstens: Wenn hier von einer Verbrechergesellschaft uns etwa eine Schlinge gestellt wurde, so baute unser Kapitän bereits eine Gegenfalle auf.

Dan Russell wurde entlassen, dem Steward übergeben.

»Kommen Sie mit, Ebert.«

Wir stiegen hinab zur Arrestzelle. Es war ein kleiner, gedrungener Mann, den man in der Kiste gefunden hatte, vielleicht dreißig Jahre, höchstens.

Er war, verstockt, verweigerte jede Auskunft, machte durchaus kein ängstliches Gesicht.

Zwei handfeste Matrosen — was aber ein Pleonasmus ist, andere als »handfeste« gab es hier nicht — waren bei ihm, sie hatten ihn völlig entkleidet, der Schiffsarzt Doktor Cohn untersuchte ihn, behorchte ihm soeben Brust und Rücken mit dem Stethoskop, dem ärztlichen Hörrohr.

»Er hat Lungenspitzenkatarrh und offenbar Neigung zur Schwindsucht.«

»Gut. Er bleibt in Ihrer Behandlung, wird aufs beste verpflegt.«

So sprach der Kapitän.

Fertig!

Ich bekam keine Erklärung, jetzt nicht und niemals.

Wir dampften ab, mit dreitausend Tonnen Weizen und eintausend Tonnen Salzfleisch, Konserven und anderen Nahrungsmitteln an Bord.

Also es ging nach Rangoon, um den in Hinterindien Hungernden beizuspringen.

Woher wußte ich denn eigentlich, das es nach Rangoon ging? Wenn ich es mir recht überlegt, wußte ich gar nicht, woher mir das bekannt war.

Ich mußte es wohl irgendwo gehört haben.

Sicher aber nicht an Bord dieses Schiffes.

Immer mehr erfuhr ich, was das Wort »Bordroutine« zu bedeuten hat.

Ein Wort, das man aber unmöglich erklären kann.

»Wir fahren nach Rangoon?« fragte ich einmal den ersten Steuermann.

Der sah mich nur groß an, nichts weiter — aber, weiß der Teufel, plötzlich wurde ich ganz rot vor Scham.

Eine ganz, ganz merkwürdige Geschichte mit dieser Bordroutine, die keine Frage gestattet, die sich nicht gehört, wofür es aber keine Vorschrift gibt, das muß man herausfühlen, was gestattet ist und was nicht, und zuletzt fühlt man es auch mit absoluter Sicherheit heraus, da gibt es dann gar keinen Irrtum mehr.

Immer mehr lebte ich mich ein, machte meine Erfahrungen und Beobachtungen, sie ganz allein durch eigene Kraft verdauen müssend.

Erst auf hoher See bekam ich die Patronin zu sehen, die Freifrau von der See, Helene Neubert, Capitanea et Valvasora, Honorable.

Diesen Titel hatte ich auf einem Briefe gelesen, den ich dem Briefträger abgenommen hatte, »In Service of His Majesty«.

Was war denn das für ein merkwürdiger Titel? Was für ein merkwürdiges Latein?

Nun, ich brauchte nur im englischen Titularlexikon der Schiffsbibliothek nachzuschlagen. Da stand es. Mehr freilich, wie sie zu diesem ausgestorbenen Titel gekommen, erfuhr ich jetzt noch nicht.

Also erst auf hoher See bekam ich sie zu sehen. Ich wurde zur Tafel in die Patronatskajüte geladen. Zweifellos mußte sie ja krank gewesen, sein, hatte das Bett gehütet, das war nun aber vorbei, es konnte überhaupt nicht schlimm gewesen sein. Vielleicht hatte sie sich auch nur krank gestellt, um nicht einer Einladung an den königlichen Hof folgen zu müssen.

Eine schlanke und doch volle Gestalt, mit einem schönen Antlitz wie Milch und Blut, bei lebhafter Unterhaltung erst recht blühend wie eine Rose.

Sie war die Liebenswürdigkeit selbst. Aber sie sprach nur über das Sportleben an Bord, über die Übungen ihrer Argonauten, ihrer Jungen, ihrer Kinder, und ich hatte ja auch nichts weiter im Kopfe.

Aber da plötzlich ging etwas Seltsames vor sich.

Mitten in der lebhaftesten Unterhaltung verstummte sie, ein schwerer Seufzer Zitterte von ihren Lippen.

Dann war sie gleich wieder aufgeräumt wie zuvor, hatte sich auch nicht etwa verändert.

Ich aber hatte in einem einzigen Momente etwas gesehen!

Statt dieses blühenden Weibes einen verklärten, vergeistigten Engel!

Im übrigen kann ich es nicht schildern.

Am anderen Tage war schönes Wetter, ruhige See. Da kam sie an Deck.

Wurde auf einem Rollstuhl gefahren!

Ein weher Schmerz zuckte mir durch die Brust.

Wie gelähmt!

Richtig, ich hatte sie ja gestern auch nur sitzen sehen, nie war sie aufgestanden.

Aber im nächsten Augenblick wurde meine Spekulation wieder einmal zuschanden gemacht.

Plötzlich stand sie auf, ging leichten, graziösen Schrittes nach der Bordwand, hob dort etwas von Deck auf und ging nach ihrem Stuhle zurück.

Nein, die war doch nicht gelähmt!

Die war ja wie ein junges Mädchen gehüpft!

Und weshalb wurde sie da im Rollstuhl gefahren?

Ich hatte gerade Gelegenheit, sie unauffällig zu beobachten, mußte es sogar tun, konnte gar nicht an ihr vorbeiblicken.

Und wieder machte ich seltsame Beobachtungen.

Es war ein Vögelchen, das sie von Deck aufgehoben hatte.

Ein Vögelchen, das die herbstliche Reise nach dem Süden angetreten, sich vom Schwarme verloren und auf unserem Schiffe Schutz gesucht hatte. Wie es häufig vorkommt, mitten im Ozean.

Und nun, ehe sie es zu füttern versuchte, betrachtete sie es.

Und da, wie sie das kleine Vögelchen Zwischen ihren feinen Fingern hatte, überkam es mich plötzlich wiederum wie eine Vision.

Es war und blieb das schöne Antlitz wie Milch und Blut, mit den Rosen der Gesundheit.

Es war nach wie vor das holdselige Lächeln, mit dem sie das Vögelchen betrachtete.

Ich glaube nicht, das sie wirklich schmerzlich gelächelt hat.

Plötzlich aber sah ich ganz deutlich das von unsäglichem Weh verklärte, nicht verzogene Antlitz der Madonna, der Jungfrau Maria, wie sie zu ihrem Sohne am Kreuz aufblickt.

»Ist denn die Patronin krank? Was fehlt ihr?«

Mit dieser Frage wandte ich mich an den nächsten Matrosen! Und ich wußte, das diese Frage erlaubt war!

Gesetzt den Fall, der Patronin hätte ein Finger an der Hand gefehlt — ich hätte niemals fragen dürfen, wie und wo sie den Finger eingebüßt. Das wäre gegen die Bordroutine gegangen. Mindestens gegen die dieses Schiffes.

Denn dieser Finger fehlte ihr und war ihr weder durch meine Neugier, noch durch mein Mitleid wieder zu ersetzen.

Es ist dies wenigstens eine Erklärung, die ich einmal zu geben versucht habe, inwiefern Bordroutine mit gesellschaftlichem Anstand übereinstimmt.

Aber wenn mich mein Mitleid dazu trieb, zu fragen, ob die Dame krank sei, was ihr fehle — das war erlaubt!

Das wußte ich ganz bestimmt, so weit hatte ich die Bordroutine nun schon im Leibe.

Der vermeintliche Matrose, an den ich diese Frage gestellt, hatte mir den Rücken zugedreht, wendete sich um und — vor mir stand der erste Steuermann im gewöhnlichen Arbeitsanzuge.

Derselbe, der mir dadurch eine harte Lektion gegeben, das er mich auf meine Frage, ob wir nach Rangoon führen, nur groß und schweigend angesehen hatte.

Diese Frage jetzt aber beantwortete er sofort.

»Ja, herzkrank. Sie hat wohl schon immer einen Herzfehler gehabt, es ist nur nicht bemerkt worden. Vor einem halben Jahre aber trat’s ganz deutlich zum Vorschein. Die fährt mal ganz plötzlich ab. Sie soll sich so wenig als möglich bewegen, sonst könnte noch Wassersucht hinzukommen. Aber wir können sie doch nicht festbinden. Ja, die geht uns mal ganz plötzlich durch die Binsen.«

Und mit einem tiefen, tiefen Seufzer wandte sich der Steuermann wieder von mir ab. Ich machte weitere Erfahrungen und Beobachtungen.

Einmal war ich nach der Kapitänskajüte beordert worden, mußte warten, betrachtete unterdessen die Bilder an der Wand.

Ich hatte das schon mehrmals getan.

Aber die kleine Photographie hatte ich noch nicht gesehen, die war mir bisher entgangen.

Ein reizendes, vielleicht dreijähriges Kind, ein Holzpferdchen am Bändel, die Peitsche in der Hand.

Waren das mir nicht bekannte Züge?

»Erkennen Sie diese Züge in dem Kindergesichtchen wieder?« fragte da Kapitän Stevenbrock, der plötzlich neben mir stand.

Ich merkte gar nicht, das er doch meine Gedanken erraten haben mußte. Wozu allerdings auch nicht viel gehörte.

»Ist das nicht eine Ähnlichkeit mit Fräulein Ilse? Oder gar mit der Patronin selbst?«

»Ja. Ihr Kind. Mein Kind. Wir sind verheiratet. Vor Gott. Es war unser Kind. Es ist gestorben.«

Ich bekam eigentlich nichts Neues zu hören.

Ich hatte es schon immer wie geahnt.

Und ich bekam noch mehr solcher Ahnungen.

Der Mann, der die Patronin im Rollstuhl fuhr, sie überhaupt, wenn sie sich an Deck aufhielt, bediente, war ein Matrose.

Der Matrose Hans, unser bester Hochspringer

Ein wahrer Apollo von Gestalt und Antlitz. Nur mit einem Bärtchen.

Also er bediente die Patronin, fuhr sie herum, geleitete sie die Treppen hinab, holte, was sie wünschte, hüllte sie, wenn es kühl wurde, in ein Umschlagtuch und dergleichen mehr.

Aber nur an Deck!

Nicht etwa, das er den Kammerdiener spielte!

Da gab’s gerade bei dem nichts!

Der fühlte sich als Seemann vom Scheitel bis zur Sohle und in jedem Nerv. Noch mehr als Argonaute. Er machte seine Schiffsarbeit mit, ging Wache, und sonst absolvierte er seine vorschriftsmäßigen Leibesübungen, die nötig waren, das eine Farbe gegen die andere in jeder Leistung wetteifern konnte, oder er schwebte mit angezogenen Füßen in der Luft. Springen, immer springen, mit gewaltigen Bleigewichten an den Sohlen.

Nur wenn die Patronin an Deck kam, stellte er sich ihr zur Verfügung.

Und mit einem Male wußte ich, das dieser Matrose Hans die Patronin liebte, und das diese um seine Liebe wußte, und das auch dem Kapitän dieses Verhältnis bekannt war und das er es duldete!

Aber ganz ausdrücklich muß ich betonen: auch nicht das geringste äußerliche Kennzeichen war vorhanden, es konnte nicht vom schärfsten Auge entdeckt werden, das hier solch ein Verhältnis vorlag!

Dieser Matrose Hans war alles andere als ein schwärmerischer Jüngling.

Keine Spur von Schwermut oder so etwas Ähnlichem.

Ein ganz lustiger Geselle.

Und die Dienste die er der kranken Patronin leistete, führte er nur mit jener ritterlichen Höflichkeit aus, die jedem dieser Argonauten in Fleisch und Blut übergegangen war.

Kein Zärtlicher Blick, keine wie zufällig herbeigeführte Berührung.

Ganz ausgeschlossen!

Als Hans einmal Ruderwache ging und die Patronin kam an Deck, wurde sie vom Matrosen Jochen bedient. Der war noch weit, weit aufmerksamer und Zärtlicher gegen die kranke Herrin als Hans, sah ihr alles an den Augen ab, was es eigentlich bei Hans nicht gab. Der machte nicht mehr, als was nötig war.

Und dennoch wußte ich es plötzlich ganz, ganz bestimmt: dieser Matrose Hans ist zu unserer Patronin in Liebe entbrannt! Sie weiß es, sie erwidert diese Liebe Zwar nicht, aber sie duldet sie, erfüllt mit unendlichem Mitleide für den armen Jungen. Und dasselbe gilt für den Kapitän. Er weiß um uns und er duldet es gern. Er hat diesen jungen Matrosen ebenso lieb wie seine sterbenskranke Frau.

Nur eine Ahnung war es, die mir dies alles sagte, aber auch gleich mit absoluter Beweiskraft der Wahrheit!

Und solche Ahnungen hatte ich jetzt gar häufig.

Während ich bisher so etwas noch gar nicht gekannt hatte.

Jetzt war mir manchmal, als ob es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiele, als ob ich im Zimmer alle Dinge lesen könne, nicht nur in den Herzen der Menschen ihre geheimsten Gedanken erkennend.

Wie kam das nur?

Ich habe später einmal ein englisches Buch gelesen.

»The power of silence« — die Macht des Schweigens von dem Amerikaner Ralph Waldo Trine. Dieser war bis zu seinem Zweiundzwanzigsten Jahre Waldarbeiter, Holzfäller, hat sich dann nachträglich ausgebildet und studiert, ist heute wohl der gelesenste Moralschriftsteller Amerikas und Englands.

Es gibt Übersetzungen seiner Bücher ins Deutsche, aber gerade von diesem erwähnten noch nicht.

Da steht unter anderem drin, wie man in sich systematisch die Gabe der Prophetie entwickeln kann.

Sammle möglichst viel Geheimnisse an und — sprich nicht darüber!

Deshalb braucht man seine Nase nicht fortwährend in fremde Sachen zu stecken.

Jeder Tag bringt schier Zahllose Neuigkeiten und Geheimnisse, und nichts Zwingt mich, darüber zu anderen zu schwatzen.

»An jedem Tee— und Biertisch wird täglich so viel Kraft vergeudet, mit der man, richtig benutzt, Berge versetzen könnte!«

Dann, wenn Du solche Geheimnisse genügend in Deinem Busen aufgestapelt hast, kommt Dir plötzlich eine Kraft, von der die Welt nichts weiß.

Genug hiervon!

Ich machte noch andere Entdeckungen, immer nur ahnungsvoll, und doch mit felsenfester Gewißheit.

Da war Fräulein Ilse, die Nichte der Patronin, Zwölf Jahre alt. Nicht eben groß und stark für dieses Alter, ein bildhübsches Mädel, ein heiteres, naives Kind.

Als ich ihr vorgestellt wurde, hielt sie mir treuherzig die Hand hin.

Eine kleine, wohlgepflegte Hand.

Oben!

Als ich sie nahm, fühlte ich unten hartes Sohlenleder.

Und dann bekam ich einen Druck, das ich fast aufgeschrien hätte, mindestens schmerzhaft das Gesicht verzog.

»Ooooh, ich habe Ihnen doch nicht weh getan?!« rief sie erschrocken.

Ja, das hatte sie. Ich dachte erst, sie hätte mir die Knochen Zermalmt.

Und ich kam aus Portland, wo ich sieben Jahre lang Steine gebrochen hatte, immer bei der schwersten Arbeit angestellt worden war.

»Kommen Sie, ich Zeige Ihnen etwas Schönes, was Sie noch nicht in Ihrem Leben gesehen haben.«

Sie führte mich in eine größere Kabine, mehr eine kleine Kajüte, ihre eigene, und da allerdings bekam ich auch eine Art von Weltwunder zu schauen.

Es war ein mittelgroßer Schrank mit Glastür. Schon dieser Schrank war ein Meisterwerk der Holzschnitzerei. Über und über mit Sternchen und Arabesken und Seeschlangen und Schiffchen bedeckt, mit Stiftchen angenagelt, deren goldene Köpfe wiederum Arabesken und andere Figuren bildeten.

Und hinter der Glastür nun, auf Regalen in Reih und Glied stehend, nicht weniger als achtundzwanzig Paar Kinderstiefelchen. Von den denkbar verschiedensten Formen. Wunderbar fein gearbeitete Phantasieware und dann wieder auch ganz unheimliche Gurken von Stiefeln. Immer für ein etwa sechsjähriges Kind berechnet.

Nun, der Leser weiß. Der Glanzpunkt von Ilses erstem Geburtstag, den sie an Bord dieses Schiffes gefeiert hatte.

Sie zeigte mir noch vieles, vieles andere, diese Kabine war tatsächlich eine Schatzkammer von untaxierbarem Werte, obwohl sie nur Arbeiten enthielt, von den Matrosen und dem anderen Schiffspersonal bei besonderen Gelegenheiten für ihre kleine Ilse angefertigt, lauter Bastelarbeit, ich erwähne nur einen umfangreichen Blumenstrauß, bis auf die feinsten Staubfädchen aus Elfenbein geschnitzt, und zwar aus einem einzigen Zahne, dem kolossalen Backzahne eines Mammuts, den man in Sibirien gefunden, und dann wieder ein gewöhnlicher Kirschkern, wenn man den unter ein starkes Vergrößerungsglas nahm, so konnte man mehr als hundert eingeschnitzte Namen lesen, die der ganzen Besatzung, er konnte wie eine Büchse aufgeschraubt werden, enthielt etwas Weises, das konnte man auseinanderfalten, es war chinesisches Papier oder irgend ein mir unbekanntes Gewebe von märchenhafter Feinheit, dann war’s ein Bogen von fast einem Meter im Quadrat, der in dem kleinen Kirschkern gelegen, und auf diesem Papierbogen nun die sämtlichen Argonauten im Bilde wiedergegeben, ihrer kleinen Ilse gewidmet und so bekam ich noch Hunderterlei zu sehen, eines immer kurioser und kostbarer als das andere — aber ihr Prunkstück war und blieb der Glasschrank mit den achtundzwanzig Paar Kinderstiefelchen!

Doch ich schweife ab. Ich wollte ja etwas ganz anderes erzählen.

Wieder einmal saß die Patronin bei herrlichem Wetter in ihrem Rollstuhl an Deck, wie immer von Hunden und allen möglichen und — ich möchte fast sagen unmöglichen Tieren umlagert.

Auch Ilse befand sich bei ihr, saß auf einem gewaltigen Grislybären, der doch eigentlich für unzähmbar gilt, das Tier lag platt auf dem Bauche und dennoch saß das Kind wie auf einem Tische.

So saßen die beiden da, die Patronin hatte eine Hand des Kindes in der ihren, sie träumten, freuten sich am goldenen Sonnenschein und am glitzernden Kräuselspiel des unendlichen Meeres.

Da kam auch der Kapitän. Sagte etwas, die Patronin lächelte, und dann fingen sie wieder zu träumen an, jetzt zu dritt.

Der Kapitän stand an der anderen Seite des Stuhles, sich halb daran lehnend, einen Fuß auf eine Dogge gestemmt, und auch seine eine Hand war von der der Patronin ergriffen werden. Ein ganz, ganz seltsames Bild!

Weshalb so seltsam, was mich plötzlich so furchtbar packte — ich vermag es nicht zu sagen.

Aber da plötzlich hatte ich wiederum etwas wie eine Vision.

Plötzlich sah ich dort in dem Rollstuhl nicht mehr ein irdisches Weib sitzen, sondern einen verklärten Engel.

Und nicht genug hiermit, sondern plötzlich öffneten sich auch meine Ohren.

Wenn es die Ohren waren, mit denen ich hörte.

Es war ein geistiges Hören.

Sie sprachen ja auch gar nichts.

Und dennoch hörte ich diesen Engel ganz, ganz deutlich sagen:

»Bald muß ich Euch verlassen, Ihr meine Lieben. Und das ist gut. Ich war nicht für Dich bestimmt, mein Georg. Aber ich lasse Dir meine Ilse zurück, und sie wird Dir dereinst sein, was ich Dir niemals sein konnte.«

So hörte ich den Engel ganz, ganz deutlich sprechen.

Dann war es vorbei.

In dem Rollstuhl saß wieder die Patronin.

Es war nur eine Vision gewesen.

Aber die Erinnerung daran blieb mir.

Und es sollte sich noch bewahrheiten.

Obwohl damals doch niemand, niemand auch nur den kleinsten Gedanken daran hatte, das der jetzt schon in den dreißiger Jahren stehende Mann noch einmal dieses jetzt Zwölfjährige Kind an den Altar führen würde.

Da darf man wohl wirklich von einem prophetischen Ahnungsvermögen sprechen, das plötzlich über mich gekommen war. Wir fuhren nicht nach Rangoon, nicht nach Indien. Da hätten wir einen ganz anderen Kurs halten müssen, ob es nun durch den Suez—Kanal oder um das Kap der guten Hoffnung oder um Kap Horn gehen sollte.

Wir fuhren immer südwestlich, bis in den Golf von Mexiko hinein — und hier blieben wir liegen.

Und nicht etwa, das es nur einmal eine Zwischenstation war, das wir dann unseren Weg nach Rangoon fortgesetzt hätten.

Wir haben die dreitausend Tonnen Weizen gar nicht nach Indien gebracht.

Wir sind untätig im Golfe von Mexiko liegen geblieben, viele Tage lang.

Das heißt: das Schiff war untätig, lag still, weit außerhalb des Golfstromes.

Bei der Mannschaft gab es keine Untätigkeit.

Es wurde gesprungen und geschwungen und gesungen und musiziert, und gerade in der Nacht — herrliche Nächte — ließ Meister Hämmerlein am häufigsten seine Orgel erbrausen.

Und wir hatten selten einmal ein zuhörendes Publikum auf einem vorüberfahrenden Schiffe, der Golf von Mexiko ist groß genug, und der Schiffsverkehr ist dort sehr, sehr spärlich. Welcher Hafen kommt denn außer Neuorleans groß in Betracht? Wenn erst einmal der Panama—Kanal fertig ist, dann freilich wird das dort anders werden.

Am Zweiten Tage unseres Zwecklosen Hierliegens, nachdem durch mehrtägige Windstille die See glatt wie ein Spiegel geworden war, wurde eine geographische Ortsbestimmung bis zur Zehntel Sekunde gemacht, was auf diesem Breitengrade einem Rechteck von etwa drei Meter Länge und zwei Meter Breite entspricht. Oder richtiger gesagt: drei Meter breit und Zwei Meter lang.

Ich will nicht schildern, wie dieses Kunststück gemacht wird, kann es überhaupt gar nicht. Ausführen kann das nur der wirkliche Astronom. Es ist dies ein Wunder der astronomischen Berechnungskunst. Die Formeln werden mit fünfzehnstelligen Logarithmen berechnet, selbst die Schwankungen der Erdachse müssen dabei in Betracht gezogen werden.

Nur noch eines möchte ich dazu anführen: Jedes Jahr tritt ein englisches Kriegsschiff eine Reise um die Erde an, die mindestens drei Jahre währen muß, so das mindestens immer drei solcher »Chronometerschiffe« unterwegs sind. Von den Seekadetten werden sie aber »Zitterrochen« genannt. Weil die Herrchen, die darauf kommandiert sind, drei Jahre lang Zittern. Nachdem das Schiff den Heimathafen verlassen hat, öffnet der Kapitän auf einem Gewissen Grade oder zu einem bestimmten Termine eine versiegelte Order.

Da steht drin, wohin er zu fahren hat. Es ist immer eine Küstengegend, oder eine Bank, jedenfalls eine Untiefe, über der keine Strömung herrscht.

Aber wo die sich nun befindet, das weiß vorher niemand als die gelehrte Kommission, welche diese Order ausgesetzt hat. Die ganze Welt kommt dabei in Betracht. Es kann dicht am Heimathafen sein oder sonstwo an der britischen Küste, oder bei Afrika, oder bei Australien oder mitten im Meere, oder sonstwo.

Dorthin fährt das Kriegsschiff, wartet ganz stilles Wetter ab, lotet eine Untiefe aus, und jetzt müssen die Seekadetten unter Leitung eines Astronomen eine Ortsbestimmung bis zur Zehntel Sekunde machen.

An der berechneten Stelle wird eine Kanonenkugel frei versenkt.

Dann erst macht das Kriegsschiff seine eigentliche Reise um die Erde, absolviert alle vorgeschriebenen Stationen.

Nach drei Jahren kehrt es nach jener Stelle zurück. Wieder müssen die Seekadetten eine Berechnung bis zur Zehntel Sekunde machen, diesmal ganz allein, jeder für sich — die Formeln muß allerdings der Astronom geben und dann wird ein großer Magnet über Bord gelassen.

Dieser Magnet muß die Kanonenkugel wieder heraufziehen, die vor drei Jahren hier versenkt worden ist.

Es handelt sich dabei um eine Prüfung des mitgenommenen Chronometers, nach den Resultaten innerhalb von Jahrzehnten werden die Schwankungen der Erdachse berechnet, deshalb dieses Experiment immer an den verschiedensten Punkten der Erde.

Und für die Seekadetten handelt es sich dabei darum, ob sie dann zum letzten Examen zugelassen werden oder nicht. Deshalb der »Zitterrochen«, auf dem sie drei Jahre lang Zittern. Wenn’s auch nicht gar so schlimm sein mag. Sie können’s nämlich überhaupt alle nicht! Wir lagen über einer Untiefe von ungefähr hundertzwanzig Metern, die natürlich schon ausgesucht worden war, wozu aber nur eine ganz einfache Berechnung nötig gewesen war, die jeder Steuermann ausführen kann.

Hier wurde eine Boje verankert. Eine Strömung gab es nicht. Nun wurde die Lage dieser Boje berechnet bis zur Zehntel Sekunde, was aber nur Doktor Isidor, wie auch ich ihn gleich nennen will, ausführen konnte.

Von Zeit zu Zeit wurde die Lage dieser Boje verändert.

Nach ungefähr fünf Stunden unausgesetzten Rechnens war es geschehen.

Jetzt wurde dicht neben der Boje ein großer, starker Elektromagnet hinabgelassen.

Wenn die Sache stimmte, dann ging unser bester Schiffschronometer Zwei und vierzehntel Sekunden nach. Denn natürlich muß bei so etwas auch erst die Ortszeit astronomisch berechnet werden! Das ist ja eben das Kunststück dabei!

»Ich kann’s nicht glauben!« meinte Kapitän Stevenbrock, der sich in einer Aufregung befand, wie ich eine solche selten bei ihm gesehen, mir um so unbegreiflicher, wie ich selbst von dieser ganzen Sache ja gar nichts verstand.

»Sie werden’s ja gleich sehen,« entgegnete Doktor Isidor, »und wenn’s nicht stimmt, dann will ich nie wieder einen Kognak trinken.«

»Dann trinken Sie eben Rum oder anderen Schnaps.«

»Auch nicht. Dann werde ich Abstinenzler. Freilich ist das so gut wie mein Tod, aber — da, da, da — meine Herrschaften, ich werde dem Leben erhalten bleiben.«

Der heraufgezogene Magnet tauchte wieder auf, noch etwas höher, und man sah daran etwas Großes, Schwarzes von viereckiger Form hängen.

Jetzt geriet Kapitän Stevenbrock erst recht in Aufregung. Aber einen Witz oder irgend etwas Drastisches mußte es doch dabei geben, ohne das ging es hier nun einmal nicht.

»O Wunder über Wunder!! Doktor Isidor, Doktor Isidor!! Mensch, wenn Sie doch nur nicht so saufen täten!!«

»Tja, dann könnte ich’s aber ooch nich!« versetzte das kleine Krummbein, den Zylinder im Nacken, den Klemmer auf der krummen Nas’ dabei mit beiden Händen eine Bewegung genau wie ein polnischer Schacherjude machend.

Nun muß ich erst noch etwas erwähnen. Die Berechnungen hatte Doktor Isidor wohl allein gemacht, aber nicht mit eigener Hand.

Das konnte er nicht.

Er konnte wohl Zahlen schreiben, konnte sie aber dann selber nicht lesen.

Dermaßen hatte er den Tadderich, und zwar den permanenten.

Bezecht konnte der überhaupt nicht mehr werden, sogar schon das Delirium hatte er als eine Kinderkrankheit hinter sich. Früher sollte er Ziemlich behäbig gewesen sein, jetzt war er schon längst zur Mumie ausgetrocknet. Der Alkohol, der sich ja gierig mit Wasser verbindet, hatte ihm alle Feuchtigkeit aus dem Leibe gesaugt. Der hatte sich Gewissermaßen von innen heraus in Spiritus eingesetzt.

Aber der böse Tadderich! Den konnte er nicht bemeistern. Auch nicht mehr durch neuen Alkohol. Der Tadderich ging ihm schon bis in die Knie hinab und noch weiter. Nur der Kopf Zitterte noch nicht. Bis auf die Ohren, die fingen auch schon an.

Also schreiben konnte der nicht mehr. Wenn er eine kleine Eins hinmalen wollte, wozu doch nur ein einziger Strich nötig ist, so wurde eine ganze Landkarte daraus, die hundertarmige Nilmündung.

Also er hatte seine Berechnungen nur diktieren können. Die Offiziere hatten Nebenrechnungen auszuführen, und alle anderen schienen nicht sehr fürs Rechnen oder auch nur fürs Zahlenschreiben eingenommen zu sein. Freiwillig meldete sich niemand. Oder doch — der Matrose Moritz trat keck hervor. Aber der konnte nicht einmal das kleine Einmaleins, und ein bisschen Rechenkunst ist denn doch nötig, auch wenn einem alles diktiert wird.

»Weist Du, was ein Komma ist, Moritz?«

»Ja.«

»Na, was denn?«

»Was so am Himmel herumfährt, mit einem langen Schwanze.«

»Du meinst wohl einen Kometen?«

»Ja.«

Moritz wurde als unbrauchbar zurückgestellt.

Und andere wollten sich nicht freiwillig melden.

Da mußte wohl kommandiert werden.

Infolgedessen hatten sich bereits einige Geister unsichtbar gemacht.

»Diese Hasenfüße!«

Oskar, der Segelmacher, hatte plötzlich die schrecklichsten Bauchkneipen bekommen, hatte willig ein großes Glas Rhizinusöl geschluckt, saß schon seit zwei Stunden auf jenem Örtchen, das sich an Bord des Schiffes immer unter der Gallion befindet.

Da aber meldete sich doch noch jemand freiwillig. Mister Russell, der den ganzen Tag in seiner eigenen schönen Kabine Landkarten kopierte, ohne irgendwie getrieben zu werden.

Er sei Zwar kein besonderer Mathematiker, aber für das, was da verlangt würde, reichten seine Rechenkünste wohl aus.

Gut, er war es, dem der Astronom die endlosen Zahlenreihen in den Bleistift diktierte.

Und nun also hatte der Elektromagnet den gesuchten Gegenstand wirklich zum Vorschein gebracht, vom Meeresgrund heraufgeholt.

Es war ein Kasten von etwa einem Meter im Quadrat, das heißt von oben gesehen, doch sicher aus Eisen, sonst hätte ihn der Magnet nicht angezogen und festgehalten, von schwarzer Farbe.

Das war alles, was ich zu sehen bekam, und das auch nur zur Hälfte, denn weiter sollte der Kasten gar nicht aus dem Wasser kommen.

Ebenso erfuhr ich auch nicht, was er enthielt, nur eine Andeutung bekam ich vom Kapitän zu hören.

»Sieh, Helene,« wandte er sich an die Patronin, die dicht an der Bordwand saß, »das ist der Eisenkoffer, der jenes Geheimnis birgt, das mehr wert ist als alle Schätze der Erde. Mag er dort unten weiter ruhen, bis die Zeit gekommen ist, da wir dieses Geheimnis ausbeuten werden. Dort unten ist er sicherer aufgehoben als in der Stahlkammer der Bank von England.«

Der elektrische Strom wurde unterbrochen, der Eisenkoffer löste sich ab von dem wirkungslos gewordenen Magneten, senkte sich neben der Bojenleine wieder hinab auf den Meeresgrund.

Und ich sah den gierigen Blick, den Mister Russell ihm nachsandte, wie er wieder unter Wasser verschwand.

Aber den Kapitän warnte ich nicht mehr. Also wir hatten doch nicht Zwei Tage so Zwecklos hier gelegen, sondern ganz stille See abgewartet, um diesen Kasten einmal aus hundertzwanzig Meter Tiefe ans Tageslicht zu befördern, oder doch um einmal auf hoher See auf beweglichem Schiffe solch eine geographische Ortsbestimmung bis zur Zehntel Sekunde auszuführen.

Nun aber vergingen wiederum drei Tage, und wir lagen noch immer Zwecklos auf derselben Stelle, wenn auch nicht so ganz genau auf derselben, denn wenn die Strömung auch gar nicht bemerkbar war, so wurden wir doch etwas nach Norden getrieben.

Doch was heißt Zwecklos?

Im menschlichen Leben wird manche Beschäftigung höchst wichtig genommen, mit tiefstem Ernste betrieben, die tatsächlich ganz Zwecklos ist.

Wir aber freuten uns des Lebens, dabei versuchte sich jeder in seiner Weise möglichst zu vervollkommnen, und das ist durchaus nicht zwecklos.

Am fünften Tage gegen Mittag tauchte am nördlichen Horizonte wieder einmal ein Dampfer auf, der sich uns schnell näherte, anscheinend direkt auf uns zuhielt, und das war sehr merkwürdig.

Denn alle Dampfer fahren doch die genau bekannten Kurslinien, von denen sie möglichst wenig abzuweichen suchen, und wir lagen außerhalb aller solchen Dampferlinien. Die Schiffe, die bisher in unsere Nähe gekommen, waren ausschließlich Segler gewesen, spärlich genug, nur ab und zu hatten wir einen Dampfer von weitem gesehen, und der hatte sich eben auf seinem Kurse verirrt, war gezwungen worden, ihn zu verlassen, was am häufigsten durch Maschinendefekte passiert, wenn der Dampfer durch Strömungen abgetrieben wird.

Dieser Dampfer hier hielt nun direkt auf uns zu, das war sehr merkwürdig, so viel wußte nun auch ich schon.

Am merkwürdigsten aber fand ich, das unsere Mannschaft diesem Dampfer so wenig Beachtung schenkten. Wohl blickten sie beim Gang über Deck darnach, aber kleine Segler, die sich uns genähert, hatten sie ganz anders beobachtet, hatten über sie geurteilt, während ich hier keine einzige Bemerkung zu hören bekam.

Unterdessen war er in gute Augensicht gekommen, wollte westlich an uns vorüber.

Es war ein stattlicher Frachtdampfer, den ich nun schon auf sechstausend Tonnen taxieren konnte — so etwas lernt man schnell — der entweder ganz neu gebaut sein oder eben erst das Dock verlassen haben mußte, denn er war ganz frisch gemalt, sah wie geleckt aus, wie aus dem Ei geschält.

Auffallend war auch, wie hoch er ging. Der schwarze Strich der Ladelinie ragte mehr als einen Meter über das Wasser. Er mußte wohl nur eine ganz kurze Reise von Hafen zu Hafen vorhaben und ganz bestimmt mit bestem Wetter rechnen, das er sich nicht mehr mit Ballast beschwert hatte, denn sonst kann solch ein hoher Gang doch sehr gefährlich werden.

Am Heck flatterte das Sternenbanner der Vereinigten Staaten, einen Namen konnte ich auch durchs Fernrohr noch nicht erkennen. Denn der steht ja nebst dem des Heimathafens außer hinten am Heck nur auf den Rettungsgürteln, auf Holzeimern und dergleichen, und solch einen Gegenstand bekam ich nicht gleich in mein Fernglas.

»Die »Germania« von Neuorleans!« sagte da Kapitän Stevenbrock neben mir. »Gefällt Ihnen der Kasten?«

»Ein sehr schönes Schiff.«

»Es gehört Ihnen.«

»Mir?«

Ich wußte gar nicht, was der Kapitän jetzt wieder für einen Witz herausstecken wollte. Oder schenkte er mir diesen Dampfer etwa so, wie man einem Kinde den Mond oder einen vorbeifliegenden Sperling schenkt. »Der gehört Dir, mit dem kannst Du machen was Du willst.«

»Gewiß. Wenigstens sind Sie Mitbesitzer von diesem Schiffe. Es ist als erstes aus der Germania-Werft zu Neuorleans hervorgegangen. Limited, also Aktiengesellschaft, und auch Sie sind von dieser Gesellschaft Aktionär.«

Der Kapitän ging wieder.

Ich hatte genug gehört.

Oder ich wäre sehr beschränkt gewesen, wenn ich mir nicht selbst gleich weitere Erklärungen hätte geben können.

Also die modernen Argonauten begnügten sich nicht nur damit, abenteuernd in der Welt herumzufahren, nur hin und wieder einmal eine Fracht zu nehmen, so wie jetzt, sondern sie befaßten sich jetzt auch schon mit Schiffsbau und Reederei im großen, und Zwar nach kommunistischem Prinzip.

Das diese Germania—Werft in Neuorleans den Argonauten gehörte, das konnte der anderen Welt noch nicht bekannt sein, sonst hätte ich in London sicher schon davon gehört.

Nun wunderte ich mich aber auch nicht, als jetzt der Dampfer direkt auf uns zuhielt, und eine Viertelstunde später lag er Bord an Bord neben uns.

»Hallo, Fritz, wie geht’s?«

Mit diesen Worten sprang Kapitän Stevenbrock hinüber und schüttelte einem jungen Manne, der nur der Kapitän sein konnte, die Hand.

Es war die einzige Begrüßung, die stattfand. Sofort wurden hüben wie drüben die Lukendeckel geöffnet und Rohre gelegt, und wenn es kein spezielles Getreideschiff war, so hatte der Dampfer doch einen gewaltigen Exhaustor an Bord, der mit mehreren Röhren in der Stunde dreihundert Tonnen Getreide saugte, in der Sekunde fast hundert Liter.

So war es innerhalb von Zehn Stunden geschehen: Unsere dreitausend Tonnen russischer Weizen waren hinüber in den anderen Schiffsbauch gewandert, und unsere Anker hatten sich zum Teil mit Wasserballast gefüllt.

Und in derselben Zeit auch wurde von den tausend Tonnen anderer Nahrungsmittel, hauptsächlich Salzfleisch und Konserven, die Hälfte mit Winden hinübergehoben. Die andere Hälfte behielten wir selbst.

Punkt elf Uhr in der Nacht schlossen sich die Luken wieder. Es war eine ungeheure Arbeit gewesen, die wir in diesen Zehn Stunden geleistet hatten. Wir, sage ich, denn auch alle Offiziere hatten mit zugreifen müssen, ich nicht ausgenommen, nicht nur die übergehenden Ladungen notierend.

Trotz dieser ungeheuren Arbeitsleistung gab es dann keine Ruhe. Sofort fand ein Fest statt. Die sechsundvierzig Mann Besatzung der »Germania« kamen zu uns herüber, und ihr Schiff führte seinen Namen mit Recht, lauter germanische Männer dem Gesicht, wie der Gestalt nach, erst wurde getafelt, und dann gaben ihnen die Argonauten in der Batterie eine Vorstellung, die bis früh um vier dauerte!

Ich konnte nur staunen. Das diese Kerls nach solcher Arbeit noch so turnen und so auf der Bühne herumspringen konnten, mit dem fröhlichsten Humor! Es schien eine Art von Mobilmachung zu sein, die Kapitän Stevenbrock einmal arrangierte, um die Leistungsfähigkeit seiner Leute für den Ernstfall zu prüfen, und ich kann nur sagen, das es eine glänzende Leistung war.

Dann noch einmal große Tafel, wobei diesmal auch ganz tüchtig pokuliert wurde, und dann ging es immer noch nicht zur Ruhe, dann fand immer noch ein Austausch von Bord zu Bord statt.

Eine Unmasse von Turngerätschaften aller Art, von deren Vorhandensein ich gar nichts gewußt hatte, wurden ausgepackt und wanderten nach der »Germania« hinüber, wurden zum Teil gleich montiert, und dann gingen auch noch Zwei von unseren Matrosen hinüber, um drüben zu bleiben: Der riesenhafte Advokatenschreiber Häckel und der Schriftsetzer Starke, Zwei von jenen acht Meisterschaftsturnern

Letzterer war übrigens schon Steuermann, hatte schon vor Zwei Jahren in einem australischen Hafen sein Examen bestanden und war vom deutschen Konsul beglaubigt worden. Ging aber an Bord der »Argos« immer noch als Matrose. Wie es neunzig Prozent von allen Steuerleuten tun.

Die letzte gemeinschaftliche Mahlzeit war zugleich eine Abschiedsfeier gewesen. Obgleich deswegen kein Trinkspruch ausgebracht worden, kein einziges Wort gefallen war. So etwas schien es an Bord der »Argos« gar nicht zu geben.

Was die beiden dort drüben sollten, brauche ich wohl nicht erst besonders zu erwähnen, nachdem ich gesagt, das auch Turngerätschaften aller Art hinübergekommen waren.

Diese beiden neuen Argonauten wurden die Turnlehrer und Trainingsmeister der neuen Germanen.

Erst nachdem diese beiden selbst wieder Schüler und vollwertige Meister herangebildet, jenes ganze Schiff nach unserem Muster eingerichtet hatten, sollten sie sich wieder mit uns vereinigen.

Zwar erfuhr ich von alledem nichts, es wurde Spektakel genug gemacht, über alles mögliche gesprochen, nur nicht über so etwas — aber es lag ja nur zu klar auf der Hand, da brauchte man keine besondere Ahnungen zu haben.

Ich aber hatte dennoch wieder einmal eine Ahnung.

Ich ahnte, was unser Kapitän da Gewaltiges vorhatte. Auf diese Weise ein neues Germanengeschlecht heranzuzüchten, seebeherrschende Wikinger, die nur nicht von der alten Welt, sondern von einer neuen aus, von Nordamerika aus, wie es eben der Lauf der Zeit mit sich bringt, hinausziehen sollten, um alle Meere zu erobern, wohl im friedlichen Wettkampfe, aber auch geübt und gestählt für jeden Ernstfall.

Und herrschte nicht auch in jedem hundertriemigen Wikingerschiffe vollkommene Gleichberechtigung? Wurde die Beute nicht gleichmäßig verteilt?

Genug davon!

Und noch ein anderer Mann verließ uns, wanderte hinüber auf die »Germania«.

Der Mann aus der Porzellankiste.

Ich habe über ihn nichts weiter zu sagen, als das er während der ganzen Reise unter ärztlicher Behandlung gestanden hatte. Er bekam ein besonderes Essen, ausgesuchte, leichtverdauliche Speisen, mußte sich an Deck bewegen, ohne irgendwelche Arbeit zu leisten, wurde wie ein fürstlicher Patient in einer Privatklinik verpflegt.

Er blieb verstockt, wollte nichts über seine Personalien angeben. Aber er wurde auch gar nicht mehr darnach gefragt. Und doch, es ging eine starke Umwandlung in seinem Innern vor sich. Manchmal, wenn er so der Batterie oder an Deck dem Turnen und den Spielen der Argonauten zusah, gewahrte ich in seinen Augen ein sehnsüchtiges Leuchten. Ach, wie gern hätte er mit daran teilgenommen! Er wurde nicht dazu aufgefordert, und er selbst wendete nach einiger Zeit dem Treiben verächtlich den Rücken, um dann doch wieder sehnsüchtig zuzuschauen.

»Der Mann ist von seinem Lungenspitzenkatarrh geheilt, meine erste Ansicht, er neige zu Lungenschwindsucht, war übereilt. Gar keine Spur davon.«

So meldete Doktor Isidor dem Kapitän, als wir am dritten Tage hier gelegen hatten.

Die Mannschaft war gerade mit Deckwaschen beschäftigt.

»Dann kann ich ja auch mit arbeiten!« sagte der Mann sofort, nach einem Eimer greifend.

Nein, er durfte auch fernerhin keinen Handgriff tun, also sich natürlich auch nicht an den Übungen und Spielen beteiligen.

Und jetzt, zwei Tage später, wurde er hinüber an Bord der »Germania« gebracht.

Ich hörte keine Erklärung.

Aber ich brauchte eine solche auch gar nicht. Ich wußte es von allein, was man mit diesem versteckten Sünder vorhatte, auf welche Weise man ihn in die Dressur nahm.

Der Kupferstecher sah ihm mit recht unsicheren Blicken nach.

Als sich die Sonne über dem Horizonte erhob, löste sich Bord von Bord, die »Germania« rauschte unter Volldampf nach Südosten davon.

»Vergiß nicht, unseren alten Freund Hermann in Rangoon aufzusuchen!« rief Stevenbrock noch einmal dem Kapitän zu.

Jetzt erst erfuhr ich es. Vorher war auch nicht das geringste Wort darüber gefallen.

Also die dreitausend Tonnen russischer Weizen und wenigstens die Hälfte der anderen Nahrungsmittel gingen doch noch nach Rangoon für die Hungernden.

Wozu da dieser Umweg? Weshalb der Austausch auf hoher See? Ist in Nordamerika der Weizen nicht ebenso billig zu haben wie in England?

Ganz zwecklose Fragen?

Unser Kapitän hatte es so gewollt, und der wußte schon, was er wollte, weshalb er so etwas tat.

Auch wir gaben Dampf, durch Ölfeuerung, und fuhren nach Norden davon.

Doch gar nicht weit, so blieben wir schon wieder liegen, immer noch auf spiegelglattem Wasser.

»Loten!«

Hallo, nur sechsundzwanzig Meter Tiefe!

Und die Seekarte gab hier überall eine Tiefe von achthundert Metern und noch mehr an.

Wir mußten uns über einem unterseeischen Gebirge befinden, über seinem Kamme, was schon bei jenen hundertzwanzig Metern der Fall gewesen war, und von diesem Gebirge war der anderen Welt noch nichts bekannt.

Teilte Kapitän Stevenbrock diese seine Kenntnis gleichgültig woher er sie hatte — nun den Seewarten mit, auf das darnach die Seekarten berichtigt wurden?

Er hatte hierzu durchaus keine Verpflichtung, weder als Seemann noch als moralischer Mensch. Denn eine Tiefe von sechsundzwanzig Metern bedeutet für kein Schiff irgendwelche Gefahr. Ganz gleichgültig, ob man tausend Meter oder sechsundzwanzig unter sich hat. Also konnte er, wenn er aus irgend einem Grunde wollte, diese seine Kenntnis ganz ruhig für sich behalten.

Wieder wurde der Elektromagnet am ausgesteckten Stagbaum aufgehängt, das Schiff wurde noch ein klein wenig dirigiert, dann mußte er schnell fassen.

»Hoch!« kommandierte der Kapitän, als die Leine den 25. Meterknoten Zeigte.

Als der Magnet wieder heraufkam, da hing etwas daran.

Es war ein Gestell von eisernen Stäben, wie ein Gitterkäfig, nur die Stäbe sehr weit voneinander abstehend, und unten auf den Gitterstäben lag eine ungeheure Muschel, wohl dreißig Zentimeter lang und Zwanzig breit.

Ich hatte wohl schon größere Muscheln in Museen gesehen, aber das hier schien, meiner Ansicht nach, eine gewöhnliche Pfahlmuschel zu sein, doch auch wieder etwas an eine Auster erinnernd, und von solchen riesigen Pfahlmuscheln oder Austern hatte ich noch nichts gehört.

Sie hatte sich mit ihrem Barte an die Gitterstäbe geklammert, war geschlossen. Der ganze Käfig kam in ein größeres Gefäß mit Glaswänden, das mit Salzwasser gefüllt wurde. Doktor Isidor goß aus einem Fläschchen eine wasserhelle Flüssigkeit hinein, und gar nicht lange dauerte es, so öffnete sich die Muschel, weit, so weit sie konnte.

Und da sahen wir es.

Zwischen den Weichteilen und der Schale lag sicher gebettet eine runde Perle.

Eine weise Perle vom schönsten Glanze, so groß wie eine welsche Nuß, wie eine große Kastanie.

»Die ist schon wieder ganz hübsch gewachsen!« meinte der Kapitän.

Nichts weiter.

Ich bekam nichts anderes zu hören.

Das Gittergestell wurde wieder aus dem Gefäß gehoben, über Bord geschwungen, es kehrte samt der Muschel wieder auf den Meeresgrund zurück.

Ich staunte und staunte.

Weniger darüber, das hier auf dem Meeresgrunde an bekannter Stelle in einer mächtigen Perlenmuschel eine Perle zur Riesengröße gezüchtet wurde.

Nein, hier lag noch ein ganz anderes, ein unergründliches Rätsel vor.

Auch jener Eisenkasten war an einer ganz bestimmten Stelle gehoben worden, nachdem man diese mit Zehntel Sekunde berechnet hatte.

Das war ein astronomisches Kunststück gewesen, aber doch begreiflich.

Der Kapitän selbst hatte darüber gestaunt, wie unser Doktor Isidor das fertig gebracht, trotz unseres falschgehenden Chronometers, dessen Fehler er nicht gekannt hatte.

Und jetzt ließ der Kapitän hier ohne jede weitere Berechnung den Elektromagneten ganz einfach hinab und holte sofort den Gitterkasten herauf!

Denn eine Berechnung war nicht etwa vorhergegangen, das wußte ich bestimmt.

Der Leser versteht, worüber ich so staunte.

Hier gab es für mich nur eine einzige Erklärung, die aber an sich wieder selbst etwas Märchenhaftes hatte: entweder war dieser Kapitän Stevenbrock selbst ein Gott oder doch Halbgott, mit Allwissenheit begabt, oder er stand mit solchen Geistern in Verbindung.

Von hier aus gingen wir direkt nach Havanna.

Wozu, weiß ich nicht.

Doch nicht nur darum, das wir ein paar hundert Kisten »Echte« an Bord nahmen.

Wohl nur, damit sich die Leute wieder einmal ein paar Tage amüsieren konnten.

Eine Vorstellung gaben wir nicht, sondern wir ließen uns eine von der Bevölkerung geben.

In Havanna wurde gerade das Fest der glücklichen Tabaksernte gefeiert. Wozu aber nicht nur gehört, das die Blätter glücklich vom Felde hereingebracht worden sind, sondern sie müssen auch schon glücklich die Gärung durchgemacht haben. Daher das Dankfest erst so spät im Herbst, Anfang Winter.

Eigentlich kamen wir etwas zu spät. Das große Volksfest, einige Tage während, mit Tanz und den unvermeidlichen Stiergefechten, war schon vorüber. Immerhin, es herrschte noch immer Festzeit, jetzt kamen die Feuerwerke daran.

Aber mit Feuerwerk war den Argonauten nicht gedient. Wir mieteten den großen Stierkampfzirkus, machten Propaganda, und schon am anderen Tage tanzten vor uns in der Arena rund fünftausend junge Zigarrenarbeiterinnen, führten ihre Nationaltänze auf, den Fandano und die Tarantella und wie sie alle heißen, den Bauchtanz nicht zu vergessen.

Nur vor uns hundert Argonauten!

Anderes Publikum hatte keinen zutritt.

Wofür jedes der fünftausend bildhübschen Mädels drei spanische Dollars erhielt, Zwölf Mark.

Wie es dabei zuging, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

Toller als toll!

Doch hätte dieses »Amüsement« für uns auch übel ablaufen können.

Diese fünftausend bildhübschen Zigarrenarbeiterinnen hatten den angebotenen drei Dollars nicht widerstehen können, obgleich viele schon verheiratet waren, die anderen hatten doch schon ihre Verlobten oder Geliebten oder doch Brüder und dergleichen.

Und diese waren nicht zufrieden damit, das uns ihre Weiber und Bräute und Schwestern da drin hinter verschlossenen Türen den Bauchtanz vormachten.

Caracho di bognetti!

Nieder mit den deutschen Hunden!

So erklang es draußen.

Aber wir brauchten nichts zu fürchten, es kam auch zu keinem Kampfe.

Unser Kapitän und sein Generalstab hatte schon für alles gesorgt.

Ehe die wütenden Männer die Tore stürmten und die Bretterwände einrissen, wurde sie freiwillig eingelassen, und da kam gleich der Zweite Teil daran.

Die Argonauten gaben doch noch eine Vorstellung. Nur nicht eine solche, wie es sonst der Fall war.

Es waren in der Stadt noch gegen Zwei Dutzend beste Kampfstiere vorhanden gewesen, die standen bereits in den Ställen, waren schon genügend wild gemacht worden, und die wurden jetzt in die Arena zum Kampfspiel getrieben.

Na, und wer den Spaniolen ein Stiergefecht gibt, der hat sie doch schon überhaupt gewonnen, kann mit ihnen machen, was er will.

Aber nicht genug hiermit, nicht das wir fremde Kämpfer engagiert hätten, sondern die Hälfte der Argonauten selbst ließ sich gleichzeitig mit den wilden Biesters ein.

Ich will die Szenen nicht schildern, keine einzige.

Jedenfalls großartig!

Und wie die Stiere auch gereizt wurden, so gab es doch gar keine Picadores, welche die Tiere nur necken und dann schleunigst über die Bretterwand retirieren, sondern jeder einzelne der fast fünfzig Mann war ein Toreador, der sich mit solch einem Ungetüm Auge in Auge in einen Kampf einließ, ihm ausweichend, über ihn wegspringend und dann von neuem ihn wieder reizend, bis er ihm, ohne vorhergehende Quälereien, den Todesstos gab.

Bei den spanischen Stiergefechten geht es ja eigentlich ganz anders zu, da wird der Stier erst ganz schauderhaft gequält, aber jedenfalls hatten die Kubaner solch eine großartige Bravour noch nie gesehen!

Und nun muß man nur wissen, was bei diesen Spaniolen ein nur einigermaßen guter Toreador oder Torero oder Matador zu bedeuten hat! Berühmt braucht er gar nicht zu sein, er kann ja vielleicht das erste Mal auftreten. Was der im gesellschaftlichen Leben für eine Rolle spielt, was der für Vorrechte geniest!

Es kann nicht weiter beschrieben werden, denn wir haben für so etwas gar kein Verständnis.

Nur das eine kann gesagt werden: Solch ein Toreador gilt nicht mehr als ein Mensch, sondern als ein Gott. Im buchstäblichen Sinne des Wortes!

Zum Beispiel insofern, als es sich auch die vornehmste und moralischste Familie zur höchsten Ehre anrechnet, wenn solch ein Toreador als Hausfreund ein und aus geht. Als Hausfreund in jenem bekannten Sinne. Also ganz einfach, wenn er der Galan der Hausfrau oder der Tochter ist!

Das von ihm erzeugte Kind gilt als Hidalgo, resp. als Hidalga, und wenn es auch von der ärmsten Fabrikarbeiterin stammt.

Und das wird sogar gesetzlich anerkannt!

Das sind eben spanische Verhältnisse, für die wir germanischen Völker gar kein Verständnis haben.

Aber wir haben so etwas schon einmal im alten Griechenland gehabt, mit den siegreichen Athleten in den olympischen Spielen.

Und diese Zeit kann auch für uns noch einmal kommen. In England hat man bereits angefangen, den berühmten Fußball- und mehr noch Kricketspielern Denkmäler zu setzen, sie in Erz und Stein zu verewigen.

Kurz, wir brauchten nichts zu fürchten.

Alle diese Spaniolen, die uns erst hatten massakrieren wollen, sie tobten vor Begeisterung, und ungeheuerlich war erst recht dann der Enthusiasmus, mit dem sie uns an Bord begleiteten.

Sonst will ich nur noch eines erwähnen: Zwanzigtausend »Echte« hatten wir ehrlich gekauft. dreißigtausend bekamen wir dazu geschenkt. Sie wurden uns bündel- und kistenweise in die Taschen gesteckt. Natürlich lauter gemauste Zigarren. Und ebenso natürlich hatten diese Zigarrenarbeiter und ihre Weiber und Bräute und Schwestern nichts Schlechtes gemaust. Die besten Zigarren werden in Kuba noch heute selbst verkonsumiert, kommen gar nicht zum Export. Ob diese gefährliche Spielerei sonst gut abgelaufen war?

»Wem etwas passiert, den lasse ich kielholen, auch noch als toten Leichnam!«

So hatte Kapitän Stevenbrock die sich zum Kampfspiel Meldenden gewarnt.

Dem Heizer Franz war die linke Wade etwas aufgeschlitzt und dem Matrosen Hahn Zwei Vorderzähne eingeschlagen worden, das war alles.

Von Havanna ging es nach der Küste von Parahyba, einen ansehnlichen Strom hinauf, der aber auch auf den genauesten Landkarten nur problematisch angedeutet war, vor einer großen Insel wieder einen Nebenfluß hinauf, wir gelangten in ein weites Wasserbassin, in das sich der Zufluß als Katarakt ergoß. Diesem gegenüber wurde nahe den Felswänden ein großer, sehr schwerer Eisenkoffer versenkt.

Wieder glaubte ich, über den Zweck nicht eingeweiht zu werden. Die Leute machten dabei keine einzige Bemerkung. Da aber nahm mich der Kapitän vor, berichtete mir. Der Leser weiß, was er mir erzählte. Wenn ich auch nichts weiter hinzufügen kann, nicht, in welcher Weise der erste Steuermann dem Komplott entgegengekommen war und sich vor dem hypnotischen Mittel zu schützen verstanden hatte.

Das Wasserbassin hatte noch einen anderen Zufluß, den fuhren wir hinauf, durch eine enge Felsenschlucht, kamen in ein kleineres Bassin, und hier blieben wir liegen.

Aus alledem mußte ich annehmen, das die »Argos« nicht zum ersten Male hier war. Die Fahrt auf dem doch sehr gefährlichen Wasser wurde gar zu sicher ausgeführt.

Hier blieben wir bis zum anderen Tage liegen, dann ein Befehl, und die meisten, darunter auch ich, begaben sich über Land, durch Schluchten und Felsentunnel hindurch, nach dem großen Wasserbassin zurück, wo sich jeder ein geeignetes Versteck suchte.

Nicht lange, so kam ein kleiner Dampfer in das Bassin gefahren, die Glasröhren wurden gebraucht, Rufe der Enttäuschung, das keine Edelsteine auf dem weisen Grunde zu sehen waren, die einzige Hoffnung klammerte sich an die große Kiste, ein Taucher ging hinab, sie wurde heraufbefördert, wie eine Zwiebel auseinander geschält.

Ein leises Zeichen und wir verließen unsere Verstecke.

»Guten Morgen, Herr Fischer! Guten Morgen, Herr Fischer!«

Der Leser weiß alles.

Auch wie Kapitän Stevenbrock den Hypnotiseur von Bord holte, wie dieser vom ersten Steuermann vorgenommen wurde. Was ich selbst erst später aus seinem eigenen Munde erfuhr.

Nun aber muß, ich etwas ganz, ganz Merkwürdiges erwähnen.

Russell war dabei, wie die große, schwere Eisenkiste in dem Bassin versenkt wurde, und der mochte sein Gehirn ja nicht schlecht anstrengen, was wohl da drin sein möge.

Aber von all den anderen Szenen erfuhr er nichts, merkte er nichts.

Hatte keine Ahnung, das da noch ein anderer Dampfer gekommen war, der kaum Zehn Minuten weit von uns entfernt lag.

Nicht etwa, das er während dieser Zeit in seine Kabine eingesperrt wurde.

So etwas gab es gar nicht.

Er konnte sich auch frei an Land bewegen.

Als wir abgerückt waren, hatte er freiwillig in seiner Kabine bei der Arbeit gesessen, und als er dann wieder zum Vorschein kam, zum Nachmittagskaffee, war alles schon geschehen, die »Recovery« war sogar schon wieder davongefahren. Die Entfernung war doch zu weit, als das er das Lachen und Johlen der Matrosen hätte hören können, auch waren Felswände dazwischen.

Und natürlich wurde ihm auch nichts davon berichtet. Immerhin, ich empfand es als etwas ganz, ganz Merkwürdiges, wie dieser Mann in so vollkommener Ahnungslosigkeit bleiben konnte, über alle diese Szenen, die sich in solcher Nähe abgespielt hatten.

Und ich selbst hatte nicht etwa Instruktion erhalten, ihm nichts davon zu erzählen. Es fiel mir ja auch gar nicht ein, aber immerhin, ich glaubte und glaube noch heute, das so etwas nur an Bord eines Schiffes — nein, nur an Bord dieses Gauklerschiffes möglich ist und war. Einen Menschen so in vollkommener Ahnungslosigkeit darüber zu lassen, was in seiner dichten Nähe passiert, ohne ihn in seiner Freiheit zu beschränken.

Es war trotz aller Lebensfröhlichkeit seiner Besatzung das Schiff des Schweigens und daher der Geheimnisse. Aber wir waren nicht nur deshalb hierher gekommen, um denen, die es auf unsere Geheimnisse abgesehen hatten, solch einen Streich zu spielen und uns an ihrer Enttäuschung zu ergötzen.

Es ging weiter den Fluß hinauf, ein Labyrinth von Inselchen kam, in dem ich nicht wußte, wie sich der Kapitän zurecht fand, und dann ein sandiger Küstensaum, an dem wir beilegten.

Die Matrosen begaben sich mit Spaten an Land und begannen zu schaufeln.

Und wo sie auch gruben, da brachten sie aus geringer Tiefe gelbe Steine und ganze Blöcke zum Vorschein.

Bernstein!

Den schönsten Bernstein, matt geadert, den ich je gesehen. In Blöcken bis zu Zentnerschwere, und der Bernstein ist ja fast so leicht wie Wasser. Also was für große Blöcke!

Bernstein in Brasilien?

Nun warum denn nicht?

Der Bernstein ist das Harz einer Konifere, eines Nadelbaumes, der jetzt nicht mehr existiert, der wahrscheinlich kurz nach der Eiszeit wieder die neue Vegetation einleitete — oder aber durch die Eiszeit vernichtet wurde.

Nun, und auch ganz Amerika hat seine Eiszeit gehabt, und was für eine!

Und es ist überhaupt gar nicht richtig, glauben zu wollen, das der Bernstein nur in der Ostsee vorkommt. Das wäre doch eine große Anmaßung.

Von der Ostsee brachten zuerst die Philister den Bernstein nach dem Orient, auf dem Landwege, um 1500 vor Christi.

Wie das die Bewohner so genau ausgerechnet haben wollen, weiß ich nicht, aber ich will es glauben.

Erst 200 Jahre später drangen die Sidonier auf dem Seewege nach der Ostsee vor, um ganz Europa herum, nur wegen dieses Elektrons, des Bernsteins.

Nun aber hat man schon in ägyptischen Pharaonengräbern Bernsteinschmuck gefunden, und man weiß bestimmt, das diese Gräber aus der Zeit 4000 vor Christi stammen.

Woher hatten die denn ihren Bernstein?

Nun, noch heute wird auch im Libanon Bernstein gefunden, und in China an gar vielen Stellen. Er ist den Chinesen unentbehrlich. Jeder Chinese trägt wenigstens ein kleines Stückchen Bernstein bei sich, als vermeintlichen Talisman gegen Krankheiten. Allerdings ist er nicht so schön wie der von der Ostsee. Also auch hier in Brasilien gab es Bernstein, und Zwar massenhaft und dem der Ostsee nicht im geringsten an Schönheit nachstehend. Auch hier hatten einmal jene Koniferen gestanden. Übrigens mußte hier einmal das Meer gespült haben. Es war Seesand, vermischt mit echten Seemuscheln.

Woher dem Kapitän diese Lagerstätte bekannt war, erfuhr ich nicht, und auch erst später, das er schon einmal die kostbare Substanz von hier abgeholt hatte.

Zwei Tage lang wurde Bernstein gegraben und an Bord geborgen.

Russell schaute zu, beteiligte sich daran, und auf seine Frage, ob er ein durchsichtiges Stückchen, in das eine Mücke eingeschlossen war, behalten dürfe, erhielt er vom ersten Steuermann die Antwort:

»So viel Sie wollen.«

Der Kupferstecher war bescheiden, aber noch eine andere Frage hatte er.

»Wie sind Sie zur Kenntnis dieses Bernsteinlagers gekommen?«

»Fragen Sie den Kapitän darnach.«

Russell fragte ihn aber lieber nicht.


148. KAPITEL.
DAS ZUCHTHAUS IM FEUERLAND.

Wir hatten den Fluß wieder verlassen und segelten langsam nach Süden hinab.

Es ging die gewöhnliche Lebensweise, die man nie überdrüssig bekommen konnte, oder man paßte eben nicht zu diesem Schiffe, bei Windstille blieben wir liegen, wo wir lagen, dann wurde eifrig der Schwimm- und Rudersport betrieben. Auch solche Wasserspiele wie das sogenannte Fischerstechen und dergleichen waren dann an der Tagesordnung, und alles war eine lachende Lust.

Ein tüchtiger Sturm, den wir auf der Höhe von Kap Martin, schon Patagonien, durchzumachen hatten, war nur eine angenehme Abwechslung. Ebenso angenehm wurde es aber auch empfunden, das wir dafür dann das Kap Horn bei schönstem Sommerwetter umsegeln konnten, ein Ereignis, das in dieser Region der ewigen Stürme selten vorkommt.

So konnten wir uns weit der Gruppe der Hermite-Inseln nähern, deren südlichste die Insel Horn ist, richtiger Hoorn, und deren südlichster Punkt das eigentliche Kap Horn ist.

Wer hat, und wenn er auch schon ein dutzendmal um Kap Horn gefahren ist, dieses eigentliche Kap, den südlichsten Punkt des amerikanischen Kontinents, schon gesehen?

Es müßte ein Zufall gewesen sein, eine Fahrlässigkeit des Kapitäns oder ein Walten höherer Mächte, wenn dieses Kap in Sichtweite gekommen ist.

Vorsicht! Vorsicht! So weit wie möglich abhalten von diesen Inseln!

Ach, wie es dort unten aussieht!

Desolation — das Land der Verzweiflung! Das sagt schon genug.

Und doch, es ist etwas großes, diesen äußersten Punkt des amerikanischen Kontinents zu sehen, der sich auf der anderen Seite der Erdkugel bis hinauf zum Nordpol erstreckt. Wenn das Kap Horn auch nicht auf dem Festlande selbst, sondern auf einer Insel liegt.

Genau so aber ist es ja auch mit dem nördlichsten Punkte Europas. Dieses Nordkap liegt ebenfalls auf einer Insel, auf Magerö. Der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes ist Kap Nordkyn. Aber wer kennt das. Nicht einmal dem Namen nach. Nur das eigentliche Nordkap auf der Insel Magerö kommt in Betracht.

Und so ist es auch hier. Kap Horn auf der Insel Horn ist der südlichste Punkt von Amerika.

Wir hatten einmal das Glück schönen Wetters und Ziemlich ruhiger See, so durften wir uns ihm in bequeme Sichtweite nähern.

Es ist eine schwarze, 416 Meter hohe Felsenmasse, die nach Süden glatt wie eine Mauer ins Meer hinabfällt. Von Norden her ist ein Aufstieg möglich.

Zum letzten Male ist das Kap im Jahre 1892 von einem englischen Vermessungsschiffe besucht, der Felsenberg von einer Expedition bestiegen worden. Der Dampfer hätte schließlich doch noch beinahe Schiffbruch erlitten, obgleich damals spiegelglatte See gewesen war. Zwischen den Inseln aber tobt eben ständig eine fürchterliche Brandung.

Ich stand an Deck und ließ den Eindruck auf mich wirken, den südlichsten Punkt des amerikanischen Kontinents in einer Entfernung von kaum Zwei Seemeilen vor mir zu haben.

»So, mein lieber Ebert,« sagte da Kapitän Stevenbrock neben mir, »der scheidende Längengrad ist überschritten, wir befinden uns bereits im Stillen Ozean, den wir aber hier lieber Südsee nennen wollen, somit gehören Sie mit zu den wenigen Menschen, die Kap Horn umschifft haben, und nun wollen wir dieses noch etwas näher besichtigen.«

Und schon wendete die »Argos«, die jetzt mit Ölfeuerung Dampf gab, nach Steuerbord. Wir drangen ein in das Insel-Labyrinth. Lauter hohe Felsenmassen, Zwischen denen es trotz der stillen See dort draußen fürchterlich brandete.

Aber immer wußte unser wackeres Schiff, vom Kapitän selbst gesteuert, einen sicheren Weg zu finden.

So vergingen ungefähr zwei Stunden.

Wieder türmte sich vor uns eine große, nackte Felsenmasse auf, und auf diese ging es jetzt direkt zu.

Und da sah ich etwas wie ein Wunder, mir wenigstens völlig unerklärlich.

Links und rechts eine tobende Brandung, Zwischen den Klippen und Riffen spritzte der weise Gischt haushoch empor, und in der Mitte ein ganz ruhiges Wasser, die schmale Einfahrt zu einer Bucht. Ich bekam keine Erklärung für dieses Phänomen, jetzt noch nicht.

Wir benutzten die stille Einfahrt, kamen in eine kesselförmige Bucht, eingeschlossen von glatten Felswänden, mindestens vierhundert Meter hoch.

Ja, glatt waren diese Felswände, aber doch von Zahlreichen Löchern, von Höhlen unterbrochen, besonders in der Nähe des Wasserspiegels

An einer solchen Höhle legte die »Argos« bei, wurde an starken Eisenringen befestigt, die in die schwarze Felswand eingelassen waren, und sowohl mit dem Vorder-, wie mit dem Hinterteil erreichte das Schiff auch noch je eine andere Höhle.

»Kommen Sie mit, Ebert!« sagte der Kapitän zu mir. »Sie betreten eine Insel, welche in der Geographie noch keinen Namen hat, weil sie eben der Welt noch ganz unbekannt ist. Wir nennen sie die Zuchthausinsel. Aber es ist ein falscher Name. Die Insel der Liebe sollte sie richtiger heißen, der Nächstenliebe. Sie werden einigen Personen vorgestellt. Aber Sie brauchen keine Komplimente zu sagen, kein einziges Wort, und wenn Sie sich vielleicht linkisch benehmen sollten, so wird dies hier nur als ein günstiges Zeichen für Ihren Charakter aufgefaßt. Eine Erklärung erhalten Sie später.«

Wir betraten die mittlere Höhle. Noch von Tageslicht erfüllt, Zeigte sie sich ganz nackt.

Hinten hatte sie eine rechtwinklige Fortsetzung, hier hätte es schon ganz finster sein müssen, aber noch immer herrschte volles Tageslicht, und ich sah doch keine Quelle, woher dieses kommen könne, staunte auch schon, das ich von mir und meinem Begleiter keinen Schatten bemerkte.

»Sie werden später die Erklärung bekommen, was das für ein Licht ist. Vorläufig lassen Sie sich gesagt sein, das Sie sich in einem Reiche befinden, dessen Bewohner oder doch Gründer der anderen Welt an Erfindungen um hunderte von Jahren voraus sind. Wenn Sie davon auch nicht viel anderes als dieses Licht bemerken werden, denn solch einen elektrischen Fahrstuhl hier kennt doch auch schon die andere Welt.«

Wir traten in eine Nische, deren Boden mit einem Teppich belegt war, und alsbald ging es in die Höhe, jetzt in einem geschlossenen Raume.

Die eine Seite öffnete sich wieder und wir befanden uns in einem Korridor, teppichbelegt, die Wände mit schöner Mosaik verziert. Vielleicht gab es noch anderes, aber mehr sah ich nicht. Höchstens noch die Türen. Denn mein Staunen läßt sich denken, hier in diesem Felsen am Feuerlande solch eine ganze Wohnungseinrichtung zu finden.

Der Kapitän klinkte eine Tür auf.

In dem Zimmer, in das ich geführt wurde, sah ich wieder nur die Gestalt, die uns stehend empfing.

Es war eine Matrone mit schneeweißem Haar, in ein dunkles Gewand nonnenhaft gekleidet — und von dieser Matrone sah ich wiederum nur das Gesicht.

Es war von einer überirdischen Güte verklärt.

Mehr vermag ich nicht zu sagen.

Der Kapitän war auf sie zugegangen, küßte ehrerbietig die seine Hand, die ihm lächelnd entgegengehalten wurde.

Ich glaube, sie sprachen auch etwas zusammen, aber ich verstand es nicht, obgleich es deutsche Worte waren, denn ich befand mich wie im Traume.

So war ich in den Anblick dieses Antlitzes versenkt.

»Mutter Anna — das ist unser Freund Ewald Ebert!« hörte ich dann den Kapitän sagen.

»Friede sei mit Dir, mein lieber Sohn!« erklang dann eine wunderbare Stimme wie Glockengeläute, und auch mir wurde die Hand entgegengehalten.

Ich glaube, auch ich habe sie geküßt.

Ich weiß es nicht.

Dann befand ich mich schon wieder draußen, aber auch nicht mehr auf dem Korridor, sondern bereits auf einer Galerie, blickte hinab in einen weiten Saal, in dem viele Stühle und Tische standen, auf denen Werkzeuge, und gelbe Steine lagen. Menschen waren nicht zu sehen.

»Nun, mein lieber Ebert, erfahren Sie, wo Sie sich befinden.

In einem Zuchthause.

Hier in diesem Saale werden zweiundvierzig Sträflinge, mit Bernsteinarbeiten beschäftigt.

Sie sind gerade beim Mittagsessen, aber wir würden doch zu spät kommen, um sie dort zu beobachten, so wollen wir sie hier erwarten.

Es sind zweiundvierzig der schwersten Verbrecher, die Sie gleich zu sehen bekommen werden.

Raubmörder, unverbesserliche Einbrecher und nicht zum wenigsten solche, welche die schwersten Sittlichkeitsdelikte begangen haben, an wehrlosen Frauen und Kindern.

Ich habe sie der Bestrafung durch die irdische Gerechtigkeit entrückt.

Jener irdischen Gerechtigkeit, welche die Menschheit kennt.

Ich habe sie in mein eigenes Zuchthaus genommen.

In ein Zuchthaus, welches ich nach den Plänen jener Mutter Anna hier mit ihrer Unterstützung angelegt habe, worüber sie selbst die Kontrolle führt.

Ich selbst sammle mit meinen Argonauten nur solche Verbrecher und auch entlassene Sträflinge in aller Welt auf und bringe sie hierher.

Wozu?

Mein lieber Ebert, Sie selbst sind sieben Jahre im Zuchthause gewesen, nicht unschuldig — aber Sie haben Ihre Schuld gesühnt.

Sie sagen, Sie hätten dort in den Steinbrüchen von Portland nicht eben zu klagen gehabt.

Wohl, aber indem Sie dies sagen, erklären Sie zugleich, zu wissen, das es auch andere Zuchthäuser gibt.

Zuchthaus.

Was ist das?

Ein Haus, in dem man einem Menschen Zucht beibringen will. Und Zucht ist doch eigentlich nichts anderes als eine Erziehung, wenn uns diese ureigentliche Bedeutung auch schon fast gänzlich verloren gegangen ist.

Nur in Sprichwörtern und dergleichen findet man sie noch wieder.

Wen Gott lieb hat, den Züchtigt er.

Nun wollen wir einmal sehen, wie es mit unseren Zuchthäusern beschaffen ist und was für Resultate diese Erziehung zum Guten zeitigt.«

Und Kapitän Stevenbrock sprach weiter.

Es war eigentlich nichts Neues, was ich zu hören bekam.

Wie oft, ach wie oft hatte ich schon selbst solche Gedanken gehabt und habe sie noch heute!

Ich spreche nicht gern darüber.

Der Menschheit ganzer Jammer packt mich an, wenn ich nur daran denke.

Der Leser weiß genau, was ich meine.

Welcher Reform bedarf doch unsere Justiz, auf deutsch Gerechtigkeit, und vor allen Dingen unser ganzes Strafwesen, um das zu sein, was es sein sollte und eigentlich auch sein will.

Es ist eben ein Strafwesen.

Es ist nichts weiter als Rache!

Ist denn aber der Menschheit irgendwie gedient, wenn man sich an einen Menschen für irgendwelche Untat rächt?

Da hat ein Mann ein Verbrechen begangen, einen Totschlag oder ein schweres Sittlichkeitsdelikt.

Wir wollen dabei nicht unterscheiden, ob er ein geborener Verbrecher ist, der es aus einem inneren, doch Zweifellos krankhaften Triebe begangen hat, oder — sonst ein ganz harmloser Mensch — im Alkoholrausche

Obgleich dabei doch ein gewaltiger Unterschied ist.

Er wird einige Jahre ins Zuchthaus gesteckt.

Zuchthaus!

Erhält er denn da drin irgendwelche Erziehung zum Besseren?

Glaubt man wirklich, das ein geborener Verbrecher das Zuchthaus als besserer Mensch verläßt?

Man hat ihn doch nur für einige wenige Jahre unschädlich gemacht.

Wird er entlassen, mit noch einigen Jahren Ehrverlust, der es fast ganz ausschließt, das er irgendwo Arbeit bekommt, so hetzt man ihn als Raubtier und Scheusal doch nur von neuem auf die Menschheit los!

Genug davon!

Eine weite Tür öffnete sich, sie kamen herein — Zweiundvierzig Männer strömten herein — die eine Hälfte in blauen, die andere in grauen Arbeitsgewändern. Alle sahen gesund und wohlgenährt aus, auch heiter, so wurde geplaudert und gelacht.

»Nur in den ersten Tagen sind sie nicht so lustig,« erklärte der Kapitän, »da lassen sie die Köpfe hängen mit finsteren oder verstockten Gesichtern, aber das legt sich bald.«

Sie nahmen an den Arbeitstischen Platz, trotz der verschiedenen Kleidung bunt durcheinander, das Gesicht alle nach einer Richtung, wo auf einer erhöhten Stelle ein Tisch und Pult stand.

Ein Geistlicher betrat den Raum.

Wenn jemand einen schwarzen Talar trägt und ein sogenanntes Pfaffengesicht hat, muß es doch wohl ein Geistlicher sein.

Er setzte sich auf den erhöhten Stuhl, legte ein dickes Buch auf das Pult und begann mit volltönender Stimme vorzulesen.

Und was las er vor?

Na, das dicke Buch war doch natürlich die Bibel.

Oder irgend ein anderes Erbauungsbuch.

Nein, eben nicht!

Nur einige Minuten brauchte ich zuzuhören, und ich wußte, was diesen Verbrechern vorgelesen wurde.

Es war Jules Vernes phantastische Erzählung »Reise nach dem Mittelpunkt der Erde«, in englischer Übersetzung.

Das wurde diesen Verbrechern und Sträflingen vorgelesen, und sie lauschten und spalteten und schnitzten und schmirgelten dabei ihren Bernstein, emsig, jedes unnütze Geräusch vermeidend.

Ich will hierzu etwas anderes erwähnen.

Wir kamen von Kuba.

Gerade auf Kuba findet man es sehr häufig, unter den Zigarrenarbeitern, Strohhutflechtern und dergleichen, die bei ihrer Arbeit kein besonderes Geräusch machen. Auch in Spanien ist es nicht selten, gerade aber auf Kuba ist es fast überall verbreitet.

Nämlich das sich die Arbeiter — und auch die Arbeiterinnen, wenn diese gesondert beschäftigt sind — in ihrem gemeinschaftlichen Arbeitssaale vorlesen lassen. Entweder von einem professionellen Vorleser, oder der beste Sprecher und Vorleser wird aus ihrer Mitte gewählt. Sie bezahlen ihn aus eigener Tasche, er erhält seinen gewöhnlichen Tagelohn. Sind es also hundert Zuhörer, so hat jeder täglich etwa fünf Pfennige zu geben. Es wird Unterhaltungslektüre vorgelesen, Romane und Novellen, besonders auch die beliebten spanischen Ritterballaden.

Mir ist in Deutschland und in ganz Europa nichts Ähnliches bekannt.

Wir sind nur zu sehr geneigt, die spanischen Kubaner auf einen noch sehr tiefen Grad der Kultur und Bildung stehend zu halten. Sind sie aber in dieser Hinsicht uns nicht weit überlegen, das sie sich während ihrer Arbeit ständig vorlesen lassen?

Überall läßt sich das ja nicht durchführen, nicht bei Hämmern und schnarrenden Maschinen — aber wo es möglich ist, und wieviele solcher stillen Arbeitssäle gibt es nicht, da sollte dieses Beispiel der Kubaner doch nachgeahmt werden.

Und könnte man so etwas nicht auch in den Strafanstalten einführen?

Ich sehe einige Leser lächeln.

Solchen Sträflingen, solchen Zuchthäuslern, solchen Verbrechern auch noch Romane vorlesen, aus den »Fliegenden Blättern«, weiter fehlte doch nichts!

Nun wohl — also ist es besser, diese Menschen während der Arbeit mit ihren Gedanken allein zu lassen?

Glaubt man etwa, das dabei etwas Gutes herauskommt?

Aus Witzblättern soll auch nicht vorgelesen werden.

Ebenso verkehrt aber wäre es, diesen Menschen Erbauungsschriften vorzulesen.

Wir haben in der Weltliteratur Sachen genug, die mit sittlichem Ernst und Belehrung zugleich die höchste Spannung verbinden. Im Anhören solcher Lektüre kann sich der Sträfling vertiefen, während er seine Düten klebt oder ähnliche Arbeiten verrichtet, da bleiben ihm andere, schwarze Gedanken fern, da denkt er auch noch hinterher daran, und er freut sich schon wieder auf die Fortsetzung am folgenden Tage.

Und dann natürlich überhaupt ein ganz, ganz anderes Erziehungs- oder meinetwegen Zuchtsystem! »Es sind dies die englisch sprechenden Männer der Anstalt, und Zwar fast ausschließlich Seeleute!« erklärte der Kapitän.

»Wieviel sind im ganzen hier?« fragte ich, und ich wußte, das ich es durfte.

»Im ganzen 283.«

»Nur Männer?«

»Nur Männer. Wir haben auch Frauen und Mädchen untergebracht, in die Erziehung genommen, aber die sind anderswo, mit denen habe ich nichts zu tun. Das Ganze geht von der Schwester oder Mutter Anna aus, die Sie noch näher kennen lernen werden, und ich habe nur germanische Seeleute unter mich bekommen. Das heißt nur insofern, das ich sie hier abliefere und später wieder abhole, sie dann weiter beschäftige«

»Nach welcher Zeit?«

»Bis die hiesigen Leiter überzeugt sind, das aus diesen notorischen Verbrechern moralische Menschen geworden sind. Das kann ein halbes Jahr oder auch viele Jahre lang dauern. Wie dies zu erkennen ist, dafür haben diese Leiter schon ihre Mittel.«

»Und wo kommen sie dann hin, wenn sie von hier entlassen werden?«

»Entweder als Arbeiter auf unsere Germania—Werft in Neuorleans oder als Seeleute auf die Schiffe, die wir von dort aus in alle Welt schicken werden. Sehen Sie, das ist der Grund, weshalb ich dieses Unternehmen nicht nach Deutschland und nirgends anderswohin auf den europäischen Kontinent verlegen konnte. Weil dort der Mensch überall Papiere braucht, eine Vergangenheit hat. Nur in England und im freien Amerika ist das nicht der Fall. Da wird nicht nach Papieren, nicht nach einer Vergangenheit gefragt.«

»Werden sie hier nur mit Bernsteinindustrie beschäftigt?«

»Nein. Auch noch mit dem Schleifen von Diamanten und anderen Edelsteinen, und ferner befindet sich auch hier eine Werft, wenn auch nur für den Bau von kleineren Booten.«

»Weshalb sind die einen grau, die anderen blau gekleidet?«

»zum Unterschied der Parteien. Es ist dasselbe wie bei uns, was Sie ja nun schon zur Genüge kennen gelernt haben. Auch hier herrscht ein ewiger Wettkampf Zwischen den beiden Farben, in der Arbeit sowohl, wie in Spiel und Sport. Grau gegen Blau, wobei jeder persönliche Ehrgeiz ganz ausgeschlossen ist, da es immer nur um die Ehre der Partei geht.« Ich bekam auch die anderen zu sehen, bei ihrer Arbeit in der Edelsteinschleiferei und auf der Bootswerft, und dann später in weiten Hallen, mit allen möglichen Turngeräten versehen, bei Spiel und Sport.

Acht Stunden Arbeit, Zwei Stunden für Mahlzeiten und häusliche Beschäftigungen, sechs Stunden körperliche Übungen — wenn sich diese »Sträflinge« des Abends zur achtstündigen Ruhe niederlegten, fielen sie augenblicklich in tiefen Schlaf. Die hingen keinen schwarzen Gedanken mehr nach, dazu hatten sie gar keine Zeit, keinen einzigen Augenblick.

Es war eine Lust, hier zu leben. Und darnach bildet sich der Charakter, der ja nur ein Resultat der Macht der Gewohnheit ist.

»Kennen Sie den hier?«

Stevenbrock ließ mich durch die Klappe einer Tür blicken.

In einer Zelle saß kein anderer als Mister Dan Russell, trübselig die Arme auf den Tisch gestemmt und den Kopf in die Hände. Dieser einfache Tisch, ein Stuhl und ein hartes Lager war das ganze Meublement.

»Er hat seine Rolle ausgespielt.

Ich brauche Ihnen nur noch wenige Erklärungen zu geben.

Es existiert tatsächlich eine internationale Verbrechergesellschaft, die hauptsächlich zur See arbeitet, ihre eigenen Schiffe fahren läßt.

Auch auf unsere »Argos« hatten sie es abgesehen.

Aber sich einfach unseres Schiffes zu bemächtigen, damit allein wäre ihnen wenig gedient gewesen.

Unsere Geheimnisse wollten sie erfahren, woher wir die Ambra und die Edelsteine bekämen.

Da wurde jenes Ihnen bekannte Komplott in Szene gesetzt, ganz raffiniert ausgedacht

Eine für mich bestimmte Kiste mit Porzellan wurde mit einer leeren vertauscht, ein Mann kam hinein. — Decloir heißt er, es ist ein Franzose — ein anderer, dieser Russell, mußte ihn denunzieren, um sich so in mein Vertrauen zu schmeicheln, um an Bord meines Schiffes bleiben zu können.

Fragen Sie nicht, woher mir dies alles von vornherein bekannt war.

Sie werden vertrauter mit unseren Verhältnissen, mit unserer Vergangenheit werden, Sie werden die führenden Personen, die hier als Aufseher und Leiter hausen, näher kennen lernen, und dann wird Ihnen alles klar werden, was ich Ihnen jetzt unmöglich mit Worten schildern kann.

Also ich ging natürlich auf alles ein, ließ mich scheinbar übertölpeln.

Dieser Dan Russell, wie er sich jetzt nennt, ist ein geschulter Astronom, der einst auf einem nordamerikanischen Vermessungsschiff angestellt war, ein ganz genialer Mensch, der auch die Karten, die er entwarf, selbst in Kupfer stach. Wegen Verrats militärischer Geheimnisse bekam er Sing—Sing, fiel dann unter die Räuber, reihte sich jener internationalen Verbrechergesellschaft ein. Der frühere Vermessungsoffizier ist heute nicht mehr zu erkennen.

Also ich gab ihm Landkarten zu kopieren, in denen geheimnisvolle Punkte mit geographischen Ortsbestimmungen eingetragen waren.

Wozu?

Nun weil der doch eben unsere Geheimnisse ergründen sollte, die er dann doch natürlich an jene Verbrechergesellschaft verriet.

Und das ist denn auch bereits geschehen.

Russell hat doppelte Kopien angefertigt, hat diese in Havanna einem Agenten der Verbrecher ausgeliefert.

Die eingetragenen Punkte sind natürlich ohne jede Bedeutung. Es handelt sich nur darum, die einzelnen Verbrecherschiffe nach abgelegenen Orten zu locken, wo sie festgenommen werden. Teils besorgen wir das selbst, teils sind auch schon andere Schiffe unterwegs, mit uns im Bunde stehend, um diese modernen Piraten abzufangen und für immer unschädlich zu machen, sie in unsere liebevolle Erziehung zu nehmen.

In den nächsten Tagen wird auch hier solch ein Schiff erscheinen, in der Hoffnung, ein Lager von Ambra zu finden. Wenn es nicht von selbst festrennt, so nehmen wir es mit eigenen Händen fest. Sie werden dabei sein, wenn es geschieht.

Solch ein Schiff verschwindet dann mit der gesamten Mannschaft aus der Welt, es ist einfach mit Mann und Maus untergegangen

Mehr habe ich vorläufig nicht zu sagen.

Jener Mann in der Porzellankiste war übrigens in gewisser Hinsicht ein Held, denn er mußte darauf gefaßt sein, das wir ihn, wenn er nichts gestehen wollte, in die Tortur nahmen, ihn mindestens in den Kohlenbunkern beschäftigten.

Wie ich ihn behandeln ließ, haben Sie gesehen. Bei uns gibt es keine Rache, nicht einmal eine Bestrafung, sondern nur eine Erziehung zum Besseren.

Da er ein Franzose ist, ein Romane, kommt er in eine andere Besserungsanstalt, die sich im indischen Archipel befindet, mit der ich nichts zu tun habe, die aber jedenfalls ebenso eingerichtet ist wie diese hier.

Wir beschäftigen uns hier nur mit Männern germanischer Rasse. Russell ist ein Engländer, deshalb wird er hier bleiben.

Jetzt muß er erst ein paar Tage seinen Gedanken in der Einsamkeit nachhängen, dann wird er in liebevolle Behandlung genommen.

Nun wollen wir einmal die Bäckerei und die Küche besichtigen.«


149. KAPITEL.
EIN ZWISCHENSPIEL.

Schon seit vier Tagen lagen wir hier.

Ich schaute mich noch immer in diesem »Zuchthause« um, will aber nichts weiter beschreiben.

Also es war am vierten Tage, ich befand mich in einem weiten Saale, in dem soeben ein Fußballmatch stattgefunden hatte, gerade rückten die Kämpfer zum Abendessen ab, als Kapitän Stevenbrock zu mir trat.

zum ersten Male sah ich ihn wieder.

»Nun, mein lieber Ebert, wie gefällt’s Ihnen hier?«

»Immer besser.«

»Werden Sie sich auch nicht langweilen?«

»Ich wüste nicht, wie das zugehen sollte.«

»Na, na! Wenn Sie immer nur zusehen —«

»Wenn es gestattet ist, werde ich mich bald auch an den Spielen beteiligen.«

»Hier ist alles gestattet. Nun muß ich Sie aber erst einmal vornehmen, der Termin dazu ist gekommen. Denn das wir hier stark in Terminen arbeiten, haben Sie wohl schon gemerkt.

Sie wissen, das unsere biedere »Argos« auch das Gauklerschiff genannt wird.

Die Ursache für diesen Namen ist ja klar genug; weil wir eben alle samt- und sonders Gaukler sind, Seiltänzer, Akrobaten und dergleichen mehr.

Aber für diesen Namen ist auch noch ein anderer Grund vorhanden.

Wir haben früher wirklich einmal stark gegaukelt, getaschenspielert, gehext, gezaubert.

Wir haben einmal einen arabischen Derwisch an Bord gehabt, der uns die ungeheuerlichsten Illusionen vormachte, und durch jene geheime Gesellschaft, die hier herrscht, wovon Sie doch nun wenigstens schon eine Ahnung bekommen haben müssen, gerieten wir immer tiefer in diese Gaukelei hinein.

Bis zuletzt uns und speziell mir diese ganze Gaukelei zum Ekel wurde, ich deswegen mit dieser geheimen Gesellschaft brach — ganz ungerechtfertigter Weise, muß ich offen gestehen.

Wir sind wieder zusammengekommen durch das gemeinschaftliche Bestreben, uns solcher verlorener Menschen anzunehmen.

Das ist jetzt unser Lebenszweck, der uns voll und ganz beschäftigt, der uns beglückt, und dabei führen wir ja noch immer das alte Leben.

Nur gegaukelt darf nicht mehr werden.

Und doch, wollen Sie ganz einer der Unsrigen werden, so ist es aus Gewissen Gründen unbedingt nötig, das Sie jetzt das noch nachholen, was wir einst durchgemacht haben.

Kommen Sie mit. Erst sollen Sie praktisch erleben, dann hinterher erhalten Sie die theoretische Erklärung.«

Wir verließen den Saal, betraten nach einem kurzen Gange einen runden Raum, in dem sich nichts weiter als eine große Glaskugel befand, ungefähr drei Meter im Durchmesser, von Stangen durchkreuzt, in der Mitte eine Art von Sitz mit Pedalen und anderen Vorrichtungen.

»Was meinen Sie, was das ist?«

»Ein Verloksches Kugelveloziped!« rief ich erstaunt.

»Wie, Sie kennen schon das Ding?!«

Ja, ich hatte es schon gesehen, damals, als ich mich in London noch als freier Mann bewegt hatte, mich als zukünftigen Millionär fühlend. Auf der Radrennbahn des Hippodroms wurde sie vorgeführt, die neue Erfindung eines Gewissen Verlok, das neue Veloziped, welches die Zukunft beherrschen sollte.

Hierzu noch eine Bemerkung, damit man nicht glaubt, diese Erfindung entspränge nur meiner Phantasie. Es hat einmal eine deutsche illustrierte Zeitschrift gegeben, »Vom Fels zum Meer«, sie erschien in Stuttgart, existiert aber heute nicht mehr. In einer Nummer, ungefähr der Jahrgänge 1880 bis 1885 ist dieses gläserne Kugelveloziped ausführlich beschrieben.

Ich selbst habe es also im Londoner Hippodrom vorführen sehen, mit einigen neuen Verbesserungen.

Also eine hohle Glaskugel, aus einzelnen Stücken zusammengesetzt, von ungefähr drei Meter Durchmesser, in der Mitte durch Stangen ein Sitz angebracht, auf dem der Fahrer sich immer im Gleichgewicht befindet, wie sich die Kugel auch bewegt, er hat die Füße immer nach unten.

Bei dem ersten Modell, in jener Zeitschrift beschrieben, mußte der Fahrer noch mit den Füßen gegen die Innenwände selbst treten, so die Kugel bewegend, ich sah schon eine große Verbesserung, da wurden Pedale getreten, welche die rotierende Bewegung in anderer Weise auf die Kugel übertrugen.

Natürlich haben sich die Hoffnungen des Erfinders nicht erfüllt. Auf der Landstraße wird die Glaskugel durch sich anheftenden Schmutz und Staub doch schnell undurchsichtig. Auf dem Wasser, wofür das Vehikel auch hauptsächlich geplant, hat es sich ebensowenig bewährt. Es fehlt die richtige Reibung, und dann müssen doch auch Luftlöcher vorhanden sein, und nur eine kleine falsche Bewegung, dann läuft da das Wasser herein. Bliebe nur noch der Sport auf künstlicher Bahn. Aber wozu da solch eine Kugel aus Zerbrechlichem Glas?! Die Erfindung ist im Orkus der Vergessenheit verschwunden. Im Kensington—Museum sind noch Zwei solcher Kugeln zusehen, die eine stark Zerbrochen.

So hatte ich dem Kapitän berichtet.

»Richtig. Auf demselben Prinzip beruht auch dieses Vehikel hier. Es hat aber doch noch ganz andere Eigenschaften. Vor allen Dingen ist das kein Glas, sondern eine ganz andere Masse, unzerbrechlich, Sie können mit voller Wucht gegen seine Mauer fahren, es passiert nichts, und ebensowenig kann sich auch nur ein einziges Körnchen Staub anheften.«

»Was ist denn das für eine wunderbare Masse?«

»Das weiß ich selber nicht, bin auch gar nicht neugierig. Ferner besitzt diese Masse die Eigenschaft, das sie die Luft durchläßt. Also Sie brauchen keine Klappe zu öffnen, Sie ersticken nicht und können dennoch über Wasser fahren. Wasser geht nicht durch.

Wollen Sie aber heraus, so können Sie es. Alle die einzelnen eingefaßten Abteilungen sind Klappen, die sich von innen durch einen Federdruck öffnen lassen. Von außen nur mittels dieses Schlüssels, den ich Ihnen hiermit überreiche. Verlieren Sie ihn nicht. Hier ist an jedem Abteil ein kleines Loch, in das der Schlüssel paßt. Schließen Sie einmal eine auf.«

Ich tat es, die Klappe konnte geöffnet werden, wollte aber wie durch Federzug von selbst wieder zurückgehen.

»Ja, das tut sie. Sie müssen sie also beim Hineinkriechen halten. Feststellen läßt sie sich nicht, deshalb eben dürfen Sie den Schlüssel nicht verlieren. Bevor Sie nun hineinkriechen und mir hier in diesem Raume etwas vorfahren, will ich Ihnen noch eine andere Eigenschaft dieser glasähnlichen Masse Zeigen.«

Stevenbrock griff hinein, berührte etwas — was, hatte ich nicht sehen können, es ging zu schnell — und mit einem Male hatte sich die Glaskugel tiefschwarz gefärbt, war undurchsichtig geworden.

»Das ist aber nur von außen. Nur von außen ist sie schwarz und undurchsichtig. Wer drin sitzt, der sieht immer noch wie durch farbloses Glas —«

»Wie ist das möglich?!«

»Na, darüber Zerbrechen Sie sich lieber nicht den Kopf. Nehmen Sie nur alles, wie es Ihnen gegeben wird. So, jetzt kriechen Sie einmal hinein und fahren erst hier ein bisschen im Kreise herum. zu erklären brauche ich Ihnen nichts, Sie werden mit den paar Hebeln und Rädern schon allein fertig.«

Ich kroch hinein, hinter mir schnappte die Klappe zu, ich befand mich in einer durchsichtigen Glaskugel, bestieg den Sitz.

Es war nur eine Art von Reitsattel, aber sehr bequem, hinten eine gepolsterte Rückenlehne.

Die Füße fanden von selbst die Pedale, nur ein leichtes Treten, sofort begann die Kugel zu rollen, so leicht, das ich als erstes sofort gegen die Wand krachte.

Das heißt mit der Kugel. Der hatte es nichts geschadet, mir auch nichts. Der Sitz war nach allen Seiten wunderbar gefedert; trotz der Vehemenz, mit der die Kugel gegen die Wand geschmettert war, hatte ich selbst nur einen ganz kleinen Ruck bekommen.

»O, Sie können noch ganz anders gegen die Wand sausen. Das Sie einmal aus dem Sattel geschleudert werden, ist ganz ausgeschlossen.«

zunächst wunderte ich mich — ich war doch Ingenieur — den Kapitän so ganz deutlich sprechen zu hören, als wäre ich durch keine dicke Glaswand von ihm getrennt.

»Wie kommt das, das ich Sie so deutlich sprechen höre?«

»Weil diese Masse ein vorzüglicher Schalleiter ist. Nun fahren Sie weiter herum, probieren Sie die einzelnen Hebel und Räder.«

Ich tat es, und in wenigen Minuten wußte ich genau Bescheid. Es war auch einfach genug. Die Pedale hatten Freilauf, durch Rückwärtstreten wurde gebremst, doch konnte durch eine Hebelstellung auch zum Rückwärtsfahren eingestellt werden, zum Lenken genügte schon eine Neigung des Körpers, obschon auch eine Lenkstange vorhanden war. Dann entdeckte ich noch, das auch verschiedene Geschwindigkeiten eingestellt werden konnten, was ja besonders bei unebenem Terrain, wenn es einmal bergauf geht, von größtem Vorteil ist.

»Fertig? Nun muß ich Ihnen doch noch einige Erklärungen oder Instruktionen geben. Aber Sie können gleich drin sitzen bleiben.

Es ist ein Wunderland, in das ich Sie schicken werde; ein Zauberland.

Sie werden Wunderbares, Märchenhaftes genug erleben, oftmals auch in die größten Gefahren geraten.

Aber Sie brauchen sich nicht zu fürchten.

Es geht Ihnen niemals ans Leben und an die Gesundheit.

Eine Erklärung, wie das scheinbar Unmögliche zustande kommt, werden Sie nachträglich erhalten.

Jetzt zunächst nur eine Andeutung.

Schon bevor Sie nach Portland kamen, gab es Kinematographie, Sie haben, wie Sie mir einst sagten, solche Theater besucht, wenn die Sache damals auch noch sehr mangelhaft war; dann, als wir noch in London lagen, habe ich Sie einmal mit in ein gutes Kino genommen.

Die Kinematographie und ihre Wiedergabe scheint heute kaum noch vervollkommnet werden zu können, wenn man mit solchen Behauptungen auch sehr vorsichtig sein muß.

Sie sahen in jener Vorstellung auch einige sogenannte Trickfilms. Märchenhafte Sachen, Verwandlungen und dergleichen Unmöglichkeiten. Da kam zum Beispiel ein Mädchen mit einem Körbchen voll Eiern, es schlug die Eier auf, und aus jedem Ei kam eine kleine Tänzerin zum Vorschein, die auf dem Tische wirklich tanzte, also doch lebendig sein mußte. Dann braute die junge Dame eine Bowle, steckte die kleinen Tänzerinnen hinein, sie verschwanden, die Dame schöpfte aus der Bowle Weingläser voll, und plötzlich waren die kleinen Tänzerinnen wieder in den Gläsern, tanzten auch in diesen.

Erstaunt fragten Sie mich, da es zu Ihrer Zeit solche Trickfilms noch nicht gegeben hatte, wie man denn so etwas nur zustande brächte; denn schließlich müsse das alles doch erst in Natura photographiert werden.

Ich gab Ihnen eine Erklärung, so weit ich konnte. Sie genügte Ihnen. Gewiß, vor den Photographenapparat muß dies alles erst in Natura kommen, sonst ist die kinematographische Wiedergabe unmöglich. Es handelt sich dabei um ein Photographieren mit Unterbrechungen, während der Zwischenpausen werden die Verschiebungen vorgenommen, das Ganze beruht nur auf perspektivischer Täuschung des Beschauers.

Also meine Erklärung genügte Ihnen. Sie verstanden mich sofort.

Und nun, mein lieber Ebert, diese Menschen, die hier als Leiter hausen, eine geheime, man möchte sagen wissenschaftliche Gesellschaft bildend, haben noch eine andere Art von Kinematographie erfunden. Man möchte sie eine plastische Kinematographie nennen, und auch ihre Wiedergabe ist eine plastische. Einst wird die ganze Menschheit diese Erfindung besitzen und sich daran ergötzen, vorläufig aber wird sie hier geheim gehalten. Verstehen Sie, was ich mit dieser plastischen Kinematographie sagen will?«

»Ja, so ungefähr verstehe ich Sie!« entgegnete ich.

»Gut. Also Sie werden vor Staunen oder vor Schreck nicht den Verstand verlieren?«

»Fällt mir gar nicht ein!« lachte ich. »Kann ich denn auch die Kugel einmal verlassen?«

»So oft Sie wollen.«

»Und was sehe ich dann? Wo bin ich dann?«

»Das werden Sie schon selbst erleben!« lachte auch der Kapitän jetzt. »Also Sie versprechen mir, sich über das, was Sie schauen werden, nicht Ihren Kopf zu Zerbrechen?«

»Ich verspreche es Ihnen.«

»Dieses Ihr Versprechen ist mir sehr wichtig. Drum wiederhole ich es: Sie versprechen mir, niemals außer sich zu geraten, niemals in grübelnden Tiefsinn zu verfallen?«

»Ich verspreche es Ihnen!« konnte auch ich nur wiederholen.

»Dann fahren Sie los!«

Mit diesen Worten hatte der Kapitän eine Zweite, weite Tür geöffnet, die sich in dem runden Raume befand, gleich Zwei Türflügel zurückstoßend, eine Handbewegung, das ich durch diese Tür fahren sollte, und ich gehorchte, trat sofort kräftig in die Pedale, sauste mit Vehemenz direkt durch die offene Tür.

Im nächsten Augenblick vergaß ich schon mein gegebenes Versprechen.

Ich riß vor Staunen die Augen und vielleicht auch den Mund auf.

Ob ich eigentlich schon etwas durch die offene Tür gesehen hatte, als ich mich noch in dem runden Raume befand, weiß ich gar nicht mehr. Ich war gar zu schnell losgefahren.

Jetzt aber befand ich mich plötzlich auf einer Landstraße, mit Kirschbäumen besetzt, hüben und drüben wogende Getreidefelder mit noch grünen Halmen, und dies alles übergossen vom goldenen Sonnenschein; schon gewahrte ich summende Bienen und gaukelnde Schmetterlinge, und hoch in den Lüften jubilierten die Lerchen!

Na, mein Staunen Läßt sich denken!

Hier im Feuerlande gab es solch eine Landschaft natürlich nicht!

Wäre ich zur Winterzeit am Nordpol gewesen, ich wäre aus einer Schneehütte herausgetreten, und plötzlich befand ich mich in einer tropisch—indischen Landschaft es wäre nichts anderes gewesen.

Doch nach wenigen Sekunden dieses ersten Staunens erinnerte ich mich meines Versprechens und der vom Kapitän gegebenen Erklärung.

Also alles nur Kinematographie! Oder doch deren Wiedergabe. Bleiben wir aber nur beim Ausdruck Kinematographie, was jeder versteht.

Was man sonst in den Theatern an einer ebenen Wand zu sehen bekommt, das wurde hier gegen die runden Wände der Glaskugel gezaubert.

Das war doch ganz einfach; um mir das gleich sagen zu können, brauchte ich nicht gerade Ingenieur zu sein.

Plastische Kinematographie?!

Gewiß, das war ein ganz richtiger Ausdruck.

Auch an den ebenen Wänden unserer Kinos bekommt man ja manchmal Landschaften und andere Bilder von vorzüglicher plastischer Naturtreue zu sehen, aber das konnte sich mit dieser Wiedergabe hier nicht im entferntesten vergleichen.

Eine wunderbare Naturtreue!

Diese Perspektive der ganzen Landschaft!

Diese Plastik der Bäume!

Ja, ich staunte. Aber dieses Staunen war erlaubt.

Was war eigentlich hinter mir?

Meine Kugel rollte noch immer langsam dahin, ohne das ich noch trat, weil eben Freilauf, ich wandte mich im Sattel.

Hinter mir eine hohe Felswand, schon in beträchtlicher Entfernung aber ich sah noch das Tor, aus dem ich gekommen, jetzt freilich schon wieder geschlossen.

Hm, merkwürdig, sehr merkwürdig!

In welchen anderen Raum war ich denn da hineingerollt?

Hopsa!!

Schnell brachte ich mein Gesicht wieder nach vorn.

Meine Kugel war gegen einen Kirschbaum gerannt, ein klein wenig zurückgeprallt.

Hallo! Gegen einen Baum gerannt?

Nein, ein Kirschbaum mit reifen Früchten konnte das in Wirklichkeit wohl nicht sein, einen solchen gab es hier im Feuerlande doch nicht.

Der existierte nur als Lichtbild in den Glaswänden meiner Kugel.

Aber gegen irgend etwas mußte ich doch in Wirklichkeit gerannt sein.

Nun, ich machte es kurz, es war mir ja erlaubt worden — ich öffnete eine seitliche Klappe, ein Druck auf eine sichtbare Feder genügte, dann konnte ich die eingefaßte Rundscheibe weiter herausdrücken.

Da aber, wie ich nur durch die Öffnung sah, erfasste mich neues grenzenloses Staunen.

Kaum wagte ich durchzukriechen.

schließlich tat ich es doch.

Und nun stand ich in sommerlicher Mittagssonne auf staubiger Landstraße unter einem Kirschbaum Zwischen wogenden Feldern!

Ich pflückte einige Gräser und Blumen und betrachtete sie!

Ich pflückte einige rote Kirschen, verspeiste sie und spuckte die Kerne aus!

Ich fing eine Biene und wurde ganz empfindlich gestochen!

Ja, da soll man nun nicht staunen, nicht in tiefsinniges Grübeln fallen!

Kinematographie? Plastische?

Das war doch ganz einfach volle Wirklichkeit!

Wie war das zu erklären?

Befand sich in dem Felsenberge am Kap Horn vielleicht ein Gewächshaus, ein Wintergarten, in den man mich geschickt hatte?

Aber ein künstlicher Wintergarten von solch endloser Ausdehnung?

Oder war diese endlose Ausdehnung der Szenerie nur eine perspektivische Täuschung, künstlich hervorgerufen?

»Bitte, Herr Ebert, erinnern Sie sich Ihres Versprechens: Nicht grübeln, nicht grübeln, nach keiner Erklärung suchen! Sie werden die Erklärung schon später bekommen. Jetzt nehmen Sie nur alles, wie es ist, essen Sie Früchte, legen Sie sich ins Gras, tun Sie, was Sie wollen, aber nur nicht tiefsinnig werden!«

So war es erklungen — mit Kapitän Stevenbrocks Stimme — in meiner dichten Nähe. Aber zu sehen war er nicht.

Stand er hinter der schwarzen Kugel? Denn von dort her war die Stimme gekommen.

»Wo sind Sie, Herr, Kapitän?«

Keine Antwort kam, was ich auch für weitere Fragen stellte.

Ich ging um die Kugel herum, zuletzt rennend — ich sah den Kapitän nicht.

Ich benutzte den Schlüssel, schloß eine Klappe auf, blickte hinein — in der Kugel war er auch nicht.

Na, jedenfalls hatte die nochmalige Ermahnung des unsichtbaren Kapitäns genützt.

Ich gab alles unnötige Grübeln auf, pflückte eine gute Portion Kirschen, legte mich in das Gras neben dem Straßengraben und begann sie zu verspeisen.

Solche ausgezeichnete Glaskirschen im November am Kap Horn — das läßt man sich gefallen, da soll man nicht lange fragen, woher sie kommen, wie so etwas möglich ist.

Dann erhob ich mich, steckte einige Kirschkerne in die Tasche, schloß eine Klappe auf, kroch hinein, und die schwarze, undurchsichtige Kugel hatte sich von innen wieder in eine mit hellen, durchsichtigen Glasscheiben verwandelt. Im Gegensatz zu der sommerlichen Mittagshitze dort draußen war es hier drin recht angenehm kühl, die Masse mußte ein sehr schlechter Wärmeleiter sein, das Innere behielt die ursprüngliche kühle Temperatur, durch das häufige Öffnen einer Klappe wurde daran nicht viel geändert.

Weiter ging es in mäßigem Tempo, vielleicht Zwei Meilen in der Stunde, das ist die normale Schnelligkeit eines Radfahrers, einer elektrischen Straßenbahn.

Es blieb bei der Kirschbaumallee mit den grünenden Kornfeldern zu beiden Seiten. Eine deutsche oder überhaupt mitteleuropäische Landschaft mit intensivem Ackerbau.

Menschen waren nicht zu sehen, kein Dorf, kein Kirchturm, kein einzelnes Haus, keine Hütte, kein aufsteigender Rauch, auch kein Pferd, kein Rind. Sonst aber ein reges Tierleben. Mitteleuropäische Insekten aller Art, Vögelchen, hoch in den Lüften zog ein Habicht seine Kreise, die Lerchen verstummten und suchten Deckung, da huschte eine Eidechse, jetzt lief ein Hase über den Weg, verschwand wieder im jungen Getreide.

Das ging so wohl eine Viertelstunde, es änderte sich nichts. Das kann man auf jeder Landpartie finden, noch viel länger ohne Szeneriewechsel, auch im schnellsten Automobil.

Ich war das monotone Treten nicht gewohnt, der Freilauf entschädigte mich wenig, bald empfand ich den Wunsch, wieder etwas zu Fuß zu gehen.

Weshalb nicht? Ich bremste, verließ die Kugel wieder.

Ja, es war herrlich hier draußen, die Sonnenwärme genierte mich nicht. Schade, das ich nur so ein wenig hin und her gehen konnte, lieber hätte ich die Kugel wie ein Fahrrad neben mir her geführt.

Das war bei solch einer großen Kugel nicht möglich. Aber konnte ich sie nicht vor mir her stoßen? Wie schwer war das Ding eigentlich? zum ersten Male befaßte ich mich mit solchen Eigenschaften meines Vehikels.

Schwer war sie, ungemein schwer! Wie ich mich auch stemmte und anstrengte, ich brachte die schwarze Kugel keinen Zoll vom Fleck, sie rührte sich nicht.

Darüber mußte ich mich wundern. Sie war so leicht zu treten. Ich brauchte nur ein Pedal herunterzudrücken, ohne jede Anstrengung, dann lief sie fort, federleicht. Und von hier draußen konnte ich sie trotz aller Kraftanstrengung nicht vom Flecke bringen?

Da machte ich eine noch seltsamere Entdeckung.

Auf der Landstraße lag eine gutes Schicht Staub. Ein Glück, das es ganz windstill war.

Dort, wo die schwarze Kugel lag, hatte sie sich tief in den grauen Staub eingebettet. Wie hätte es auch anders sein sollen.

Ja, wo war denn aber nun die Spur, die sie in einer Breite von etwa einem Viertelmeter in dem Staube hinter sich lassen mußte?

Keine Andeutung von solch einer Spur! Meine Füße hinterließen Abdrücke, von denen der Kugel war nichts zu bemerken.

Wie war das zu erklären? Diese Frage war doch wohl erlaubt.

Dazu mußte ich mich wieder in die Kugel begeben und in die Pedale treten. Federleicht ließ sich die sonst so schwere Kugel in Bewegung setzen. Jetzt blickte ich einmal direkt unter mich, konnte meine Beobachtungen um so leichter anstellen, da sich der Schwebesitz in jeder Lage immer etwas nach hinten befand.

Ja, die Kugel drückte sich immer in den Staub ein, das war deutlich zu beobachten, ebenso aber auch, das sie absolut keine Spur hinterließ. Es war nicht anders, als ob der Staub Wasser sei, das hinter ihr sofort wieder zusammenfloß, nur eben, das der Staub diese Eigenschaft sonst nicht zeigte, nicht unter meinen Füßen, nicht unter meinen Händen, da blieb er so vertieft oder so angehäuft, wie ich ihn formte.

Noch einmal heraus und vor der Kugel einen tüchtigen Wall von Staub angehäuft, wieder hinein und in die Pedale getreten — ich sah deutlich, wie die Kugel in dem Staubdamme eine tiefe Furche schnitt, ihn auf einen Viertelmeter Breite ganz niederdrückte, aber sobald sie darüber hinweg war, stand hinter mir der Damm wieder da, obgleich ich nicht erkennen konnte, in welcher Weise er sich wieder aufrichtete.

Nochmals verließ ich die Kugel, oder wollte es erst tun, diesmal in besonderer Weise. Ich wollte in flotter Fahrt zu der geöffneten Klappe herausspringen.

Es sollte mir nicht gelingen. Sobald ich nur eine Feder drückte, welche solch eine Klappe öffnete, irgend eine, alsbald stand die Kugel wie festgenagelt! Solch ein Druck auf irgend eine Feder wirkte wie die schärfste Bremse, noch besser als die Rücktrittsbremse.

So verließ ich die Kugel in ihrem Ruhestande. Die Arme über der Brust verschränkt, einige Schritte von ihr entfernt stehend, betrachtete ich das rätselhafte Vehikel.

Da hatte ich so einen Einfall, und ich wußte nicht, wie ich dazu kam.

»Bist Du etwa ein lebendiges Wesen oder wohnt Dir doch eine selbständige lebendige Kraft inne? Dann komm mal hierher!«

So sprach ich·

Hallo!!

Doch fast entsetzt sprang ich zurück!

Denn kaum hatte ich jene Worte gesagt, als sich die Kugel in Bewegung setzte und auf mich zu rollte!

Und da ich nun zurück sprang, rollte sie mir weiter nach.

Aber als ich stand, blieb auch sie stehen, dicht vor mir.

Was sollte ich hiervon denken?

Das Denken war nicht erlaubt.

Ich ging einige Schritte weiter, drehte mich wieder um. Die Kugel stand noch da, wo sie gestanden hatte, so wie früher.

»Komme hierher!«

Da kam die Kugel angerollt, blieb vor mir stehen.

»Rolle zurück!«

Sie rollte zurück.

»Schneller!«

Sie rollte schneller·

»Halt!« kommandierte ich, schon etwas von Angst erfaßt, sie könnte mir für immer entweichen.

Mit seinem Ruck blieb sie stehen.

»Komme wieder hierher!«

Sie kam wieder zurückgerollt.

»Rolle neben mir her!«

Sie rollte neben mir her, langsam und schnell, je nachdem ich ging oder rannte, immer in meiner dichten Nähe.

»Sei nicht so aufdringlich, bleib etwas weiter von meiner Seite!«

Sofort entfernte sie sich etwas weiter von mir ab. Ich blieb stehen, sie auch.

Was wollte ich mehr? Nun hatte ich ja, was ich gewünscht: Ich konnte zu Fuß, gehen, die Kugel trollte wie ein Hund neben mir her, ich brauchte sie nicht zu führen.

Ja, du soll man nun nicht staunen und grübeln!

Meine geistige Energie brachte es fertig, so etwas zu unterdrücken. Aber weitere Experimente machen, das durfte ich wohl.

Ich schloß wieder eine Klappe auf, aber ohne hineinzukriechen, nur hineinblickend und dazu mußte man also die Klappe überhaupt halten, sonst schloß sie sich von selbst wieder.

»Komme mit mir!«

Da aber verweigerte die Kugel den Gehorsam, sie rührte sich nicht.

Ich sah mich um, hob einen für meine Absicht gerade passenden Ast auf, klemmte ihn Zwischen Klappenrand und Kugel, trat zurück.

»Komme hierher!«

Es nützte nichts. Die Klappe mußte geschlossen sein, sonst gehorchte die Kugel nicht, wurde nicht lebendig.

Auf der einen Seite der Chaussee Zog sich ein Graben hin, etwa ein Meter breit und ebenso tief. Es war mir nicht eingefallen, einmal meine Kugel während des Fahrens in diesen Graben zu lenken, ich hätte mich schön gehütet.

Jetzt sprang ich über den Graben.

»Komme hierher!«

Sofort setzte sich die Kugel in Bewegung, auf den Graben zu, sprang hinüber. Wie ein Gummiball. Nur das sie, als sie jenseits des Grabens wieder den Boden berührte, nicht weiter hüpfte, sondern plötzlich wie festgenagelt stand.

Ich sprang zurück, ein Befehl, und auch die Kugel sprang sozusagen aus freier Hand, das heißt ohne jeden Anlauf, mit wahrer Eleganz wieder über den Graben, folgte mir weiter nach, wie ich wollte.

Ich wieder hinein.

»Fahre vorwärts!«

Kein Befehl nützte. Wenn ich mich innerhalb der Kugel befand, hörte die eigene Lebendigkeit der Kugel auf, da mußte ich treten.

Ich fuhr gegen den Graben los, in der sicheren Erwartung, hineinzufallen.

Aber nein, mit einem eleganten Sprunge war die Kugel von selbst darüber gesetzt, und da ich dann nicht bremste, fuhr sie auch noch weiter, in das Getreidefeld hinein.

Und da bemerkte ich wiederum das Seltsame!

Unter mir legte die Kugel die meterhohen Halme nieder, drückte sie platt an den Boden, aber sobald sie darüber hinweg war, richteten sich die Halme wieder kerzengerade auf!

Ich wieder heraus, mitten im Getreidefeld, ließ die Kugel rollen, nur auf mein Kommando. Es blieb dasselbe. Mein Fuß Zerknickte die Halme, das sie liegen blieben; die Kugel aber drückte sie nur nieder, ohne sie zu Zerknicken, und sofort richteten sich die Halme wieder auf. Wieder nach der Landstraße zurück, zu Fuß, die Kugel auf meinen Befehl mir nach. Als sie über den Graben sprang, wollte ich sie mitten im Sprunge aufhalten, streckte ihr beide Hände entgegen, wurde aber von unwiderstehlicher Kraft zurück geschleudert. Dieses Experiment machte ich lieber nicht wieder, das konnte gefährlich werden!

Und ebensowenig gelang es mir, ihren Lauf, als ich sie langsam rollen ließ, durch einen kräftigen Stoß von hinten zu beschleunigen. Es war nicht anders, als ob ich mit den Händen gegen eine Mauer gestoßen wäre.

Rätselhaft, ganz rätselhaft!

»Stoße dort gegen den Baum!«

Sie stieß dagegen, prallte nur wenig zurück.

»Stoß heftiger dagegen!«

Sie rollte von selbst schneller, stieß mit Wucht gegen den Baum, das er bis in die Krone erzitterte, alle Kirschen herabfielen.

»Noch heftiger, Zersplittere ihn, brich ihn ab!«

Die Kugel nahm, etwas weiter zurückgehend, von selbst einen Anlauf, schoß plötzlich vorwärts, ein Krach und Zersplittert lag der Baum, dessen Stamm wenigstens Zwanzig Zentimeter Durchmesser hatte, am Boden! Und ruhig und unbeschädigt stand die Kugel da.

Etwas wie Grausen erfaßte mich.

Träumte ich denn nur?

Keine Ahnung davon. Eben stach mich eine Mücke in den Hals, ich klatschte sie tot, sie hatte schon längere Zeit gesaugt, mein Blut spritzte aus ihrem Zerquetschten Leibe.

Na, dann noch weiter experimentiert.

Ich packte den gestürzten Baumstamm, mit aller Kraftanstrengung gelang es mir, ihn quer über die Straße zu schleifen.

»Springe über den Baumstamm!«

Die Kugel sprang hinüber, sprang zurück, wie ich befahl.

»Jetzt springe über die Zweige!«

Dieses Laubgeäst bildete einen Hügel von etwa Zwei Meter Höhe, und auch darüber setzte die wunderbare Kugel gehorsam hinweg, aber doch in ganz besonderer Weise. Es war eigentlich kein Springen, sondern sie rollte oder glitt mehr das Geäst hinauf, ohne es besonders niederzudrücken, und so glitt sie auf der anderen Seite wieder hinab. Also sie machte es sich möglichst bequem, und zu einem freien Sprunge über dieses Geäst war sie durch keinen Befehl zu bewegen.

Ich setzte mich wieder hinein, fuhr gegen den Stamm los. Auch ohne Befehl sprang die Kugel darüber hinweg, ebenso dann über das Geäst, das nun aber wieder mehr ein Gleiten war.

Ich wieder heraus.

»Springe auf der Stelle frei in die Höhe! Springe im Laufen in die Höhe!«

Beides wurde nicht befolgt. Sie rollte, aber sprang nicht ohne Grund. Es mußte ein zu überwindendes Hindernis vorhanden sein.

Dann natürlich gelang es mir auch nicht, sie frei in der Luft schweben zu lassen, wovon ich schon geträumt hatte. Aus der Kugel einen mir gehorsamen Luftballon zu machen, in dem ich dann auch nach Belieben fliegen konnte.

Könnte die Kugel aber nicht sonst noch etwas leisten? Ich mußte nur nachsinnen.

»Stoße oder schiebe den Baumstamm in den Straßengraben hinein!«

Sofort machte sich die lebendige Kugel ans Werk, stieß hier und stieß da gegen den Stamm, ihn schiebend, und innerhalb drei Minuten lag der ganze Baum im Straßengraben!

Nicht grübeln, Ewald, nicht grübeln! Lieber denke darüber nach, wie Du selbständig etwas erforschen kannst! Ich dachte an den klopfenden Tisch der Spiritisten.

»Hörst Du mich sprechen? Wenn ja, so rolle etwas vorwärts, wenn nein, so rolle etwas zurück.«

Aber hierauf ging sie nicht ein, wie plausibel ich es ihr auch machte, wie schlau ich meine Fragen auch stellte.

Wohl rollte sie noch immer vorwärts und rückwärts, wie ich befahl, aber nicht, wenn sie dadurch eine Bejahung oder Verneinung ausdrücken sollte.

Schade, das ich sie so nicht zum Sprechen bewegen konnte. Wieder ein neuer Einfall!

Ich nahm ein Stück Ast, schleuderte ihn weit weg.

»Apport, hol den Stock!«

Richtig, die Kugel setzte sich in Bewegung, rollte über den Ast, und mit einem Male war dieser an der schwarzen Kugelschale, an der sonst kein Stäubchen haftete, kleben geblieben, eine seitliche Drehung und jetzt klebte der Ast eben auf der Seite, und so kam die Kugel zu mir zurückgerollt, blieb vor mir stehen, ein rutschender Ruck und sie präsentierte mir den Ast.

Es war nicht anders, als ob er daran klebe, ließ sich aber ganz leicht ablösen.

Als ich ihn jedoch wieder daran heften wollte, ging das nicht. Doch ich brauchte nur zu befehlen

»Halte den Ast fest!«

Sofort blieb der Ast wieder kleben.

»Er wird von einer magnetischen Kraft nach Belieben festgehalten und wieder losgelassen.«

So sagte ich mir, um nur irgendwie eine Erklärung zu haben, die der denkende Mensch nun einmal haben muß, um nicht tiefsinnig zu werden.

Da rannte in einiger Entfernung wiederum ein Hase über den Weg.

»Jage dem Hasen nach, fang ihn, schnellt.«

Sofort setzte sich die Kugel in Bewegung, schneller und immer schneller, ich hätte nicht drin sitzen mögen.

So sprang sie über den Graben, schoß in das grüne Getreide hinein, machte weite Sätze, über die Halme hinweg, sprang wie ein fliegender Gummiball, beschrieb einen großen Bogen, blieb einen Moment stehen und kehrte langsamer zurück.

Ein jämmerliches Schreien erscholl.

Der große Hase stieß es aus, der seitwärts an der Kugel klebte, natürlich immer um seine eigene Achse rotierend, und so wie ein kleines Kind schreit der Hase in Todesängsten.

Noch war ich fähig, ihn abzulösen, er wußte sich aus meinen Händen gleich wieder zu befreien und suchte das Weite — dann setzte ich mich auf den Rand des Straßengrabens und ließ den Kopf hängen.

Jetzt ging’s mir über die Hutschnur!

»Nicht träumen, Ebert, nicht grübeln denken Sie an Ihr Versprechen!« erklang da eine Stimme. »Sie bekommen später eine vollkommene Erklärung, jetzt seien Sie doch froh, das Sie eine so gut dressierte Hundekugel haben!«

Wieder die Stimme des Kapitäns!

zu sehen war er wieder nicht, und von der Kugel her kam die Stimme auch nicht, eher war es hinter mir erklungen, aber vergebens blickte ich mich um.

»Herr Kapitän, wo sind Sie?«

Keine Antwort.

»Geben Sie mir gleich jetzt eine Erklärung, ich flehe Sie an!«

Keine Antwort

Und doch, sie kam. Nur in ganz anderer Weise, als ich sie erwartet hatte.

Noch immer stand die strahlende Sonne im Zenit. Mit meinen Experimenten war ja kaum eine Viertelstunde vergangen.

Und da plötzlich rutschte diese strahlende Sonne über den blauen Himmel hin und stand dicht über dem Horizont!

Erst war mein staunender Schreck über dieses Naturphänomen ja groß, dann aber mußte ich herzlich lachen.

Ja, das war auch eine Antwort gewesen, in gewisser Hinsicht sogar eine Erklärung.

Also hier handelte es sich nicht um Wirklichkeit, sondern nur um eine künstliche Theaterdekoration!

Plastische Kinematographie! In der ich selbst mitwirkte!

Wie das zu verstehen, wie das möglich war, darüber sollte ich eben später völlig aufgeklärt werden. Jetzt hätte es wahrscheinlich nur gestört.

Also ich war beruhigt, wollte meine Fahrt fortsetzen. Der plötzliche Tiefstand der Sonne sollte doch offenbar andeuten, das es nun bald Abend würde, da durfte ich doch sicher auf neue Überraschungen gefaßt sein.

Ehe ich den Schlüssel gebrauchte, um eine Klappe zu öffnen, fiel mir etwas ein.

»Öffne eine Klappe! Diese hier! Oder irgend eine andere. Sie soll sich von selbst öffnen! Ich befehle es!«

Ich befahl vergebens. In diesem Falle verweigerte mir die Kugel den Gehorsam. Ich mußte meinen Schlüssel benutzen, vor dessen Verlust mich der Kapitän wohl nicht umsonst gewarnt hatte.

Ich trat kräftig in die Pedale. Da tauchte in der Ferne an der Landstraße ein Haus auf, das erste, das ich erblickte.

Beim Näherkommen erkannte ich ein einstöckiges Bauernhaus, mit roten Schindeln gedeckt.

Noch war ich einen halben Kilometer davon entfernt, als die letzte Sonnenscheibe unter dem Horizont verschwand, und mit einer Plötzlichkeit wurde es finstere Nacht, als ob ich mich unter dem Äquator befände.

»Hören Sie, geehrter Herr Kapitän, Sie müssen Ihre plastische Kinematographie doch etwas mehr den wirklichen Verhältnissen anpassen!« lächelte ich.

Dann aber hatte ich mich zu orientieren. Doch es war nicht gar so finster, besonders die weise Landstraße leuchtete noch deutlich vor mir.

Und jetzt flammten dort auch Lichter auf, alle Fenster des Hauses wurden erleuchtet, und gleichzeitig hörte ich Musik, ein nicht gerade künstlerisches Konzert von Klarinetten und Geigen und Brummbas.

Außerdem gewahrte ich jetzt an den erleuchteten Fenstern die Köpfe von menschlichen Gestalten, sah sie sogar noch deutlicher, Männer in langschößigen Bauernröcken, Frauen mit mächtigen Puffärmeln, sogenannte Kuken auf den Köpfen.

Sie standen herum, ich sah auch, wie sie sich nach den Klängen der Musik im Kreise drehten.

»Ein bäuerliches Fest. Vielleicht Hochzeit. Ich soll mitmachen. Und wenn ich eintrete, dann finde ich nur Knochenskelette in altertümlicher Tracht oder gar in Leichenhemden.«

So sagte ich mir mit lächelnder Ruhe.

Also ich war schon gewappnet. Jetzt in der Nacht kam wahrscheinlich das Gruseln daran.

Aber ich will keine solche Bemerkung mehr im voraus machen, denn wenn ich in gewisser Hinsicht auch recht hatte, sonst kam es immer ganz anders, als ich gedacht hatte.

Ich hatte das Haus erreicht, fuhr durch das weitgeöffnete Hoftor.

zuerst hatte ich an einer hohen Mauer entlang fahren müssen, während dieser Zeit war plötzlich die Musik verstummt, die Fenster, das ganze Haus hatte ich überhaupt nicht mehr sehen können, und wie ich nun um die Ecke bog, in den Hof fuhr, waren alle Fenster dunkel!

Nur eine Stallaterne brannte, die neben der geschlossenen Haustür am Boden stand.

Gut, sie sollte mir genügen. Ich hielt, stieg aus, nahm die große Laterne oben beim Henkel.

Die Tür ließ sich aufklinken.

Ich muß gestehen, das es mich ganz gehörig gruselte, als die Türe quietschend und ächzend zurückging.

Sollte es mich auch nicht gruseln!

Sonst wäre ich kein fühlender Mensch gewesen.

Ein wirkliches Fürchten, das ist wieder etwas ganz anderes. Nein, das tat ich nicht. Dieses grusliche, schauerliche Gefühl war mir sogar sehr angenehm. Ich lachte still in mich hinein. Aber mein Herz schlug mir doch wie ein Lämmerschwanz.

Die Hausflur war leer. Nur überall Spinneweben. Ebenso war es mit allen anderen Zimmern beschaffen, die ich mit der Laterne durchschritt. Alle leer, nackt, nur reichlich mit Spinneweben dekoriert.

Nein, hier hatte nicht soeben eine Hochzeitsfeier stattgefunden. Ebensowenig aber sah ich auch Gerippe oder dergleichen.

Halt, da kam doch einmal etwas anderes!

In diesem Zimmer hier, reinlich gehalten, stand an der Wand ein mächtiges Himmelbett, die Federkissen mit schneeweißen Linnen überzogen, in einer Ecke ein bäuerlicher Waschtisch, rot und grün angemalt, mit allem versehen, was zum Waschtisch gehört, so weit man das in einem einfachen Bauernhause verlangen kann, in der Mitte ein richtiger einfacher Tisch und ein ebensolcher Stuhl.

Ich machte es kurz, setzte die Laterne auf den Tisch, zog die Jacke aus, krempelte die Hemdsärmel hoch und benutzte die Waschgelegenheit. Hatte es auch sehr nötig. Diese plastische Kinematographie färbte sogar ab, ganz echt. Besonders der Kirschbaum, den ich angepackt, hatte es getan.

Es passierte nichts dabei, das Wasser spielte mir keinen Streich, die Seife schäumte wie jede andere gute Kernseife, das grobe, aber saubere, neue Handtuch färbte mich nicht nachträglich schwarz.

So, ich Zog meine Jacke wieder an, hing die Laterne an einen Deckenhaken, der sich gerade über dem Tische befand, setzte mich auf den Stuhl, der kommenden Dinge harrend. Was ich erwartete?

Nun ganz natürlich war das doch ein Tischlein-deckdich. Ich brauchte nur zu wünschen, dann standen die ausgesuchtesten Speisen darauf; oder die ganze plastische Kinematographie hat gar keinen Zweck. So weit war ich bereits gekommen.

Aber das Tischlein wollte sich nicht decken.

Ach so, ich mußte erst wünschen, kommandieren!

»Tischlein deck Dich! Erst eine Suppe a la reine, dann ein Beefsteak a la Chateaubriand, dann getrüffelten Schweinskopf, zum Nachtisch eine Käseplatte und dergleichen mehr. Das nötige Getränk natürlich nicht zu vergessen.«

Aber ich wünschte und kommandierte vergeblich, das Tischlein wollte sich nicht deckten. Das war sehr fatal.

Als ich diese Reise ins Märchenland angetreten hatte, war es gleich Zeit zum Abendessen gewesen, das ich also versäumt hatte, und ich war überhaupt schon hungrig gewesen.

Übrigens, fiel mir jetzt erst ein, stimmte ja da die ganze Zeit nicht. Wie war denn plötzlich die Sonne in den Zenit gekommen?

Doch daran dachte ich jetzt nicht weiter, es hatte sich ja überhaupt schon aufgeklärt, durch die rutschende Sonne, und jetzt war ich vor allen Dingen hungrig.

Also mein Wünschen und Kommandieren nützte nichts, das Tischlein wollte sich nicht decken. Da aber geschah etwas, worüber ich doch sehr erschrak.

Kommt da plötzlich seitwärts unter dem Tische, dicht unter der Tischplatte, eine menschliche Hand hervor!

Na, da muß man wohl erschrecken.

Das nächste war, nachdem ich einige Momente das Phänomen angestarrt hatte, das ich mit den Beinen aufstorchte, mit den Füßen unter den Tisch trat und dann erst darunter blickte.

Höflicher wäre es gewesen, wenn ich erst darunter geblickt hätte, dann hätte ich ja noch immer nach dem Besitzer dieser Hand treten können — ich machte es aber in meinem ersten Schreck gerade umgekehrt.

Beides hatte keinen Zweck. Weder fanden meine Füße einen Widerstand, noch war unter dem Tische etwas zu erblicken. Das Licht der Laterne hätte dazu vollkommen ausgereicht.

Aber die Hand blieb. Nun betrachtete ich sie mir auch näher. Eine schöne, feine, schneeweiße Frauenhand. Auch der Unterarm war noch zu sehen, ebenso fein und weiß, wie aus Marmor gemeißelt, mit blauen Äderchen fein durchzogen, und dann noch ein Stück hellblauer Spitze daran, gerade noch unter der Tischplatte hervorlugend. Die Finger bewegten sich etwas, sonst aber wurde die Hand offen hingehalten.

Mein Schreck und Staunen waren überwunden.

»Wer bist Du, Besitzerin dieser Hand?« begann ich mein Examen.

Keine Antwort, aber die Hand kehrte sich mir noch mehr zu.

»Du willst mir wohl die Hand geben?«

Unter dem Tische erscholl ein leises, dreimaliges Händeklatschen.

»Soll das ein Ja sein?«(

Ein wiederholtes leises Klatschen.

Ich nahm die Hand in die meine. Eine weiche, lebenswarme Frauenhand!

Ich drückte sie etwas, meine wurde wiedergedrückt.

»Darf ich auch Deinen Arm anfassen?«

Unter dem Tische wurde nur einmal leise in die Hände geklatscht.

»Soll das ein Nein sein?«

»Ja.«

»Ich darf Deinen Arm nicht anfassen?«

»Nein.«

»Weshalb nicht?«

Keine Antwort.

Ich tat es dennoch und es wurde geduldet.

Auch der Arm war ganz lebenswarm, ich fühlte am Handgelenk den Pulsschlag.

Plötzlich aber, wie ich immer weiter griff, wurde der Arm immer heißer, ich näherte mich wie einer intensiven Hitzequelle und zog meine Hand schleunigst zurück, sonst hätte ich mich tüchtig verbrannt.

Dasselbe geschah, als ich den Arm unter dem Tische von hinten ergreifen wollte. Auch hier kam ich wie einer sehr heißen Flamme zu nahe, obgleich von einer solchen nichts zu sehen war, so wenig wie von der Hand, wenn ich unter dem Tisch durchblickte.

Ich machte diesen Versuch nicht wieder, ließ es überhaupt bei der harmlosen Hand bewenden.

»Kannst Du nicht sprechen?«

Nein wurde unter dem Tische einmal geklatscht, oder es konnte ja vielleicht auch durch Zungenschnalzen hervorgebracht werden.

»Oder Dich durch Zeichen verständlich machen?«(

»Nein.«

»Ich buchstabiere das Alphabet, wenn der betreffende Buchstabe kommt, klatscht Du —«

»Nein!!« wurde ganz energisch geklatscht.

Also ich sollte keine Möglichkeit haben, auf diese Weise schon jetzt eine Aufklärung zu erhalten.

»Bist Du vielleicht eine verwunschene Prinzessin?«

»Ja.«

Aha! Die berühmte verwunschene Prinzessin! Diese Frage war mir nur so in den Sinn gekommen. Und sie wurde denn auch gleich prompt bejaht.

»Du hast wohl hier in diesem Hause einmal etwas Fürchterliches ausgefressen?«

»Ja.«

»Ein Kind ermordet?«

»Nein.«

»Deinen Geliebten, Vater oder Mutter?«

»Nein.«

»Sonst irgend einen Mord begangen?«

»Ja.«

»Doch natürlich an irgend einen Menschen?«

»Nein.«

»Nanu! Ein Tier?«

»Ja.«

»Vielleicht einen Frosch?«

»Ja.«

»Doch nicht etwa den Froschkönig?«

»Ja.«

Siehe da! Was war ich doch für ein Rateluder!

Ich mußte herzlich lachen.

Die Besitzerin dieser Hand hatte wenigstens Humor! Dann würden wir auch schon zusammen auskommen.

»Du warst mit diesem Froschkönig wohl verlobt?«

»Ja.«

»Natürlich wider Deinen Willen?«

»Ja.«

»Und hast ihn getötet?«

»Ja.«

»Recht so! Und dafür mußt Du nun hier spuken?«

»Ja.«

»Kannst Du mir weiter nichts Zeigen als Deine Hand?«

»Nein.«

»Sonst ist von Dir nichts weiter übrig geblieben?«

»Nein.«

»Alles andere an Dir ist wesenlos?«

»Ja.«

»Kannst Du mir mit dieser Deiner Hand sonst noch etwas vormachen?«

»Ja.«

»Bitte, dann mal los.«

Sofort Zog sich die Hand zurück, kam gleich wieder zum Vorschein und präsentierte mir ein großes, weises Paket.

Ich nahm es, es war feine Leinwand, zusammengelegt, ich faltete sie auseinander, immer weiter — —.

Ahaaaa, ein Tischtuch!

Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen!

Tischlein deck Dich!

Wie sollte es sich denn decken?

Ich hatte als erstes eine Suppe verlangt.

Sollte die etwa plötzlich auf der hölzernen Tischplatte als Pfütze schwimmen?

Wie das in jenem bekannten Märchen gehalten wird, weiß ich nicht mehr so genau, aber so einfach wie in einem Märchen geht die Geschichte jedenfalls nicht, das hier war plastische Kinematographie, da verlangt man logische Handlungen —!

Na, also ich deckte den Tisch, vorläufig mit dem Linnen.

Da war die Hand schon wieder da, präsentierte mir einen Porzellanteller.

Dann reichte mir die Hand Messer, Gabel und Löffel, dann kam die sogenannte Menage daran, dann zwei Weingläser, dann eine Flasche Weißwein, dann eine Flasche Rotwein, ohne Etikette, aber schon entkorkt, dann ein Körbchen mit Schwarz— und Weißbrot, und dann endlich kam die Hauptsache, die — — die bestellte Suppe?!

Nein. Es sollte überhaupt immer alles anders kommen, als ich mir gedacht hatte.

Plötzlich kam unter dem Tisch hervor ein wunderlieblicher Duft.

Und da hielt die auftauchende Hand auch schon eine Schüssel, in der ein wunderliebliches Rebhuhn lag, regelrecht mit Speckseiten umwickelt, in mit saurer Sahne angerührter Tunke. Und dann noch eine gute Schüssel Rotkraut.

Ahhh! Über Rebhuhn kann ich schwach werden! Im Zuchthause von Portland hatte es niemals eins gegeben. Dann aber auch nicht in London, die Saison war noch nicht gewesen. Auf dem Meere waren auch keine Rebhühner herumgeflogen, in Brasilien auch nicht, bei Kap Horn auch nicht.

O Du wunderbare plastische Kinematographie!

Wenn Dich die Menschheit erst allgemein besitzt!

Aber der Humor verging mir doch etwas, als ich zu speisen begann, ich wurde doch wieder etwas tiefsinnig, so vorzüglich mir das Rebhuhn auch schmeckte.

Wie war dies alles nur möglich?

Plastische Kinematographie, was soll man denn hierunter verstehen?

Ich träumte doch nicht etwa?

Dieses Rebhuhn in saurer Sohne war ganz reell, auch die Knochen so reell, das ich mir ein Stückchen Backzahn abbrach.

Nein, ein hartes Schrotkorn war es gewesen, auf das ich gebissen.

Ja, was sollte man denn hiervon denken?

Ich erinnerte mich meines Versprechens, löschte solche grübelnde Gedanken in meinem Gehirn aus.

Das Rebhuhn war bis auf die Knöchelchen verschwunden.

»Holdselige Prinzessin, sind Sie noch da?«

Ein dreimaliges Händeklatschen unter dem Tische bejahte.

»Darf ich noch um etwas Nachtisch bitten?«

»Ja.«

»Dann bitte als Nachtisch noch ein Zweites solches Rebhuhn.«

Fast sofort tauchte die Hand auf, hielt schon eine Schüssel — da lag ein Zweites solches Rebhuhn darauf!

Na gut. Ich hatte es ja bestellt.

Aber die Unterhaltung mit dem Geisterwesen wollte sich doch nicht wieder so versäumen.

»Ist es Ihnen angenehm, gnädige Prinzessin, das sich Sie noch einiges frage?«

»Ja.«

»Fühlen Sie sich glücklich in Ihrem jetzigen Spukzustande?«

»Nein.«

»Möchten Sie erlöst werden?«

»Ja.«

»Bin ich vielleicht derjenige, welcher?«

»Ja.«

»Doch Gewiß durch einen Kuß?«

»Ja.«

»Genügt ein Kuß, auf Ihre schöne Hand?«

»Nein.«

»Auf Ihr Mündchen?«

»Ja.«

»Können Sie sich denn in ganzer Figura sichtbar machen?«(

»Ja.«

»Bitte, so tun Sie es doch.«

»Nein.«

»Weshalb nicht? Ach so, direkt antworten können Sie ja nicht. Würde ich mich vielleicht fürchten, wenn Sie mir in ganzer Gestalt erschienen?«

»Ja.«

»Mich entsetzen?«

»Ja.«

»Sind Sie etwa gar so häßlich?«

»Ja.«

»Eine häßliche alte Hexe?«

»Nein.«

»Was denn sonst? Können wir uns sonst nicht auf irgend eine Art und Weise unterhalten?«

Es kam keine Antwort, dafür aber sehr bald die Hand wieder unter dem Tische hervor, sie hielt ein Blatt Papier.

Ich nahm es, sah eine Bleistiftzeichnung daraus, und plötzlich fiel es mir wiederum wie Schuppen von den Augen.

Ilse! Fräulein Ilse! Unsere kleine Ilse!

Sie war es, die sich hier einmischte!

Ich muß nachträglich etwas erwähnen, wovon der Leser bisher noch nichts erfahren hat.

Die kleine Ilse war nämlich ein Wunderkind. Hatte ein wunderbares Zeichentalent. Konnte alles, was sie sah, mit wenigen Strichen naturgetreu skizzieren, leistete auch im Porträtieren Vortreffliches, Erstaunliches. Das war ihr angeboren, sie hatte es schon als kleines Kind gekonnt, es entwickelte sich immer mehr. Eine besondere Schule hatte sie deshalb noch nicht bekommen, das sollte erst später werden.

Und dabei besaß das jetzt Zwölfjährige Mädel einen großen Mutterwitz, einen köstlichen Humor, der sich besonders in solchen Skizzen offenbarte. Ganz genial. Eine gottbegnadete Karikaturenzeichnerin.

»Kommen Sie her, Mister Tabak, ich will Sie mal abmalen.«

Ein Stück Papier hergenommen, einen Bleistift — eins, Zwei, drei — man glaubte wirklich, sie mache nur drei Striche — und da war der Eskimo fix und fertig.

Aber als Seehund, einen Fisch verschlingend, mit einer Flosse seine Tabakspfeife gegen die Brust drückend.

Ja, es war ein vollkommenes Seehundsgesicht, aber doch zugleich hatte sie vollkommen die Physiognomie des Eskimos hineinzulegen gewußt. Mister Tabak, wie er leibte und lebte, nur als Seehund.

Ganz wunderbar, wie sie das machte!

Oder sie wollte den Doktor Isidor porträtieren. Dann hing der an einem Baume, der mit Kognakflaschen dekoriert war, Doktor Isidor, wie er leibte und lebte, aber mit einem Schafskopf, auf dem er den Zylinder balanzierte, sonst die Hände in den Taschen seiner krummen Hosen, und dieser echte, gehörnte Schafskopf doch ganz deutlich das Gesicht des jüdischen Schiffsarztes — zum Totschießen!

Jetzt also hatte ich aus der Hand das Blatt Papier genommen.

Auch solch eine Karikaturenzeichnung!

Das Ganze stellte unverkennbar hier dieses Zimmer dar. Dort stand das große Himmelbett, mit nur wenigen Strichen markiert, aber doch von wunderbarer Ähnlichkeit, in der Mitte der Tisch, an diesem saß ich, in hohen Stiefeln und meinem Wams, aber ich hatte einen langohrigen Eselskopf aus, und dennoch waren es ganz genau meine Züge, wie sie mir aus dem Spiegel bekannt waren, ich hatte eine Gabel in der Hand und an ihr eine große Distel gespießt, die ich mir eben in das geöffnete, zungenleckende Maul schieben wollte.

Wenn ich nicht so grenzenlos überrascht gewesen wäre, allein über diese Zeichnung, weil ich aus der ganzen Stilart gleich den Urheber erkannte, so hätte ich jetzt eine Erklärung für alle diese Wunder finden können. Mir wurde mit diesem distelfressenden Esel, der ich selbst war, doch Zweifellos eine starke Andeutung gegeben. Der Leser versteht.

Ich aber verstand nicht, weil ich eben aus einem anderen Grunde so überrascht war.

»Fräulein Ilse, Sie also sind das?!«

Nein, wurde unter dem Tische geklatscht, während die Hand noch hervorsah.

Diese Hand war allerdings nicht die unserer Ilse, es war die Hand eines reifen Weibes, einer erwachsenen Dame, aber dadurch wurde ich nicht irre.

»Gewiß, das sind doch Sie, Fräulein Ilse, das ist doch eine Ihrer Karikaturenzeichnungen!«

»Nein.«

Nun gut, ich wollte darauf eingehen.

»Dann können Sie aber doch auch schreiben?«

»Nein.«

Man wollte durchaus keine Möglichkeit schaffen, um sich mit mir direkt zu verständigen.

»So Zeichnen Sie mir einmal Ihre eigene Gestalt.«

»Nein.«

»Weshalb nicht? Sie können es doch. Haben Sie kein Papier mehr?«

»Nein.«

Ich hatte meine Brieftasche bei mir, zog sie.

»So werde ich Ihnen ein Stück Papier geben, oder Sie können ja die Rückseite dieses Blattes benutzen.«

»Nein.«

»Sie wollen nicht mehr Zeichnen?«

»Nein.«

»Wollen Sie mir etwas anderes vormachen?«

»Ja.«

»Dann bitte sehr.«

Da sah ich, wie die Hand das Tischtuch faste, ein Ruck, und mit großer Schnelligkeit wurde das ganze Tuch unter den Tisch gezogen, mit allem, was sich darauf befand.

Die beiden Teller, die Menage mit Salz, Pfeffer, Senf, Essig und Ol, die beiden Weinflaschen — alles war unter dem Tische verschwunden. Es war alles wie auf dem Tischtuche kleben geblieben. Auch die Knöchelchen waren dabei nicht von den Tellern gefallen, kein Salz hatte sich verschüttet. Es war auch alles ohne Klappern und sonstiges Geräusch abgegangen.

Das war ja schon erstaunlich genug gewesen. Das unter dem Tische nichts zu erblicken war, brauchte ich wohl nicht erst zu sagen.

Aber es war auch noch etwas anderes Erstaunliches dabei

Das alles mit dem Tischtuch herabgezogen worden war, darf ich nicht sagen.

Ich hatte sowohl ein Glas Weißwein, wie Rotwein getrunken. Das Rotweinglas war noch halb gefüllt gewesen, es hatte Ziemlich in der Mitte des Tisches gestanden, und da stand es auch noch jetzt, auf der hölzernen Tischplatte. Nur dieses halbgefüllte Rotweinglas hatte den Weg unter den Tisch auf dem Tuche nicht mitgemacht.

Wie war das möglich? Auch als Taschenspielerkunststück gar nicht zu erklären. Nun, ich suchte nach gar keiner Erklärung, erwartete das Weitere.

Alsbald begann sich der dunkle Rotwein in dem Glase zu bewegen, die Oberfläche kräuselte sich, stieg, der Wein begann zu kochen, floß über den Glasrand.

Als ich das Glas einmal anfassen wollte, konnte ich es nicht, ich hätte mir die Finger verbrannt. So begnügte ich mich, weiter zu beobachten.

Der Wein floß und floß aus dem Glase, ergoß sich über den Tisch, nach allen Seiten hin. Aber nicht weiter als bis zum Tischrand. Dort staute sich die Flüssigkeit bildete einen Wall. Eigentlich eine ganz natürliche Erscheinung. So rückt ja jede Flüssigkeit, die eine Quelle hat, auf ebener Fläche vor, sie bildet immer eine scharf begrenzte Erhöhung, eine Folge der Adhäsion. Unnatürlich war nur, wie der Wein hier so gerade bis zum Tischrand vorrückte, dort nicht hierüber und herunter floß, sondern die überschüssige Menge dann nach den Tischecken, die von dem Glaße doch weiter entfernt waren, vorschickte.

So hatte sich in wenigen Minuten die ganze Tischplatte, ungefähr ein Meter im Quadrat groß, mit Rotwein überzogen, in einer Höhe von vielleicht einem Zentimeter.

Da hörte das rätselhafte Glas zu fließen auf. Und gleichzeitig bemerkte ich, wie sich die Flüssigkeit auf dem Tische zu verändern begann. Sie wurde heller und heller, färbte sich ganz weiß, und da merkte ich, das es plötzlich kein roter, flüssiger Wein mehr war, sondern massives Eis.

Die ganze Tischplatte war mit einer weisen Eisfläche bedeckt, fühlte sich wie solches an, war ganz kalt, strömte die Kälte aus.

Was sollte das?

Ein wiederholtes Händeklatschen veranlaßte mich, seitwärts zu blicken, wo die Hand immer erschien.

Sie war denn auch wieder aufgetaucht und hielt Zwei kleine Figuren, menschliche Figuren.

Ich nahm sie der Hand ab, betrachtete sie. Es waren ein Männlein und ein Weiblein, ein Herr und eine Dame, spannenlang, oder nicht einmal, ungefähr Zehn Zentimeter, beide in eleganten Pelzjacken, auf den Köpfchen Pelzmützen, der Herr in Kniehosen, die Dame mit einem fußfreien Röckchen, unten an den Sohlen der hohen Stiefelchen blitzende Eisenschienen, mit Lederriemchen befestigt.

Also Schlittschuhe — Schlittschuhläufer!

Wenn ich wagen wollte, daran zu glauben, so mußte ich ja nun schon wissen, was jetzt kommen würde.

Erst aber sollte ich noch eine andere Überraschung erleben, eine sehr angenehme.

»Herr Ebert!« erklang da Kapitän Stevenbrocks Stimme.

Sie konnte unter dem Tische hervor, aber auch anders woher kommen.

»Herr Kapitän?!«

»Ich will mein Schweigen brechen, auch fernerhin noch öfters zu Ihrer Verfügung stehen.

In der Voraussetzung, das Sie mich niemals nach einer Erklärung fragen.

Sie werden eine solche später bekommen, jetzt würde sie Ihnen nur alles Zerstören. Sind Sie sich bewußt, das Sie dies alles nicht nur träumen?«

»Kein Gedanke daran, das ich mich nur in einem Traumzustande befände!« durfte ich sofort erwidern, mit ehrlichster Überzeugung, brauchte mich nicht erst an Ohr und Nase zu zupfen, ich hatte mir schon die Finger genug verbrannt, wenn es auch nicht nachträglich schmerzte.

»Recht so! Eine Gaukelei ist es ja nur, das kann ich Ihnen gleich sagen, das wissen Sie doch selbst.

Sie befinden sich eben auf einem Gauklerschiffe, sind von diesem aus in dieses Märchenland geschickt worden.

Nun betrachten und untersuchen Sie erst einmal die beiden Puppen genauer, Sie brauchen auch der Dame gegenüber nicht penibel zu sein, es sind nur Wergpuppen, made in Germany.«

Ich tat es. Ja, die Dame hatte unter dem Sportkostüm nur Gliedmaßen aus Leinwand, ein mit Werg oder Sägespäne ausgestopfter Puppenbalg. Keine innere Befestigung, die Beine und Arme schlenkerten hin und her, alles war ganz biegsam. Sie konnten nicht etwa stehen, sie lagen da, wie ich sie hinlegte, in ganz unnatürlichen Stellungen. Die weisen Handschuhe waren angeklebt.

Bemerkenswert aber waren die Köpfe. Aus hartem Wachs, die Gesichter vortrefflich modelliert, die Haare, die unter den Pelzmützen hervorsahen, schienen echt zu sein, die Wimpern, sogar der Schnurrbart des Herrn. Zwischen den roten Lippen blitzten die weisen Zähnchen. Die gläsernen Augen natürlich starr, aber doch aufs genaueste nachgeahmt.

»Legen Sie die Püppchen auf das Eis. Es steht Ihnen dann frei, sie immer wieder zu ergreifen.«

Ich legte die Püppchen hin. Alsbald erscholl unter dem Tische ein Glöckchenspiel, wahrscheinlich eine Spieldose, ein faszinierender Marsch, und sofort erhoben sich die beiden Figuren, begannen Schlittschuh zu laufen und produzierten sich als Kunstläufer.

Mehr habe ich kaum zu sagen. Es waren perfekte Menschen geworden, lebendige Menschen, nur in winziger Miniaturausgabe Sie produzierten sich als die geschicktesten Kunstläufer, gefielen sich in den graziösesten und geschicktesten Evolutionen, erst einzeln, einer schaute dem anderen zu, dann gleichzeitig, dann im Paar, fuhren im großen Bogen auf einander zu, reichten sich die Händchen, schleuderten sich gegenseitig ab, tanzten zusammen, undsoweiter, undsoweiter.

Und dabei lachten sie, das die Zähnchen noch mehr blitzten, und nicht nur, das sie dabei überhaupt lachende Gesichter machten, sondern ich hörte dieses Lachen sogar, ein dünnes, silbernes Lachen, ihrer Größe entsprechend.

Mein Staunen läßt sich denken. Ich geriet außer mir. Bis ich mich jener Erlaubnis entsann.

Mitten im Laufe erhaschte ich das Männlein.

Sofort hatte es sich in meiner Hand in eine tote Puppe verwandelt, schlaff hingen Beine und Arme herab. Gleichzeitig aber war auch das Dämchen leblos auf dem Eise zusammengesunken.

Doch kaum hatte ich das Männlein wieder auf das Eis gelegt, meine Hand zurückgezogen, als beide wieder aufsprangen und ihr Spiel fortsetzten.

Die Musik verstummte, die Püppchen sanken von selbst zusammen.

»Nun,« hat es Ihnen gefallen, Herr Ebert?«

»Herr Kapitän, Herr Kapitän, geben Sie mir eine Erklärung für dieses Wunder!«

»Morgen. Jetzt gehen Sie schlafen. Benutzen Sie dort das Himmelbett.«

»Kann ich nicht gleich an Bord des Schiffes oder doch in den Felsen zurückkommen?«

»Nein. Sie sollen hier noch andere Überraschungen erleben. Aber nicht mehr in der Nacht. Ich will Sie auch während der Nacht mit Spuk und dergleichen verschonen. Sie sollen ruhig schlafen können. Sind Sie nicht recht müde?«

In der Tat, ich fühlte mich mit einem Male recht schläfrig. Vielleicht hatte der Wein eine besondere Wirkung ausgeübt.

»Also gute Nacht, mein lieber Ebert. Morgen sprechen wir weiter.«

Ich ließ die Püppchen liegen, zog mich aus, wenigstens Stiefeln und Oberkleider, versenkte mich in die hochgebauschten Federkissen.

Fast im Nu war ich entschlummert, kein Traum störte mich.

Als ich erwachte, graute der Tag.

Verwirrt rieb ich mir die Augen.

Das ich noch in demselben Bett lag, war das einzige, was mich an meine gestrige Umgebung erinnerte, und an diesem Bett fehlte jetzt auch der »Himmel«, das Gestell, an dem ich übrigens die Vorhänge nicht zugezogen hatte, und auch alles andere hatte sich total geändert.

Nicht mehr die gestrige Bauernstube, sondern ein ganz anderer Raum, viel höher, mindestens vier Meter hoch. Mein Bett stand nicht mehr an der Wand, sondern in der Mitte dieses Raumes. Gestern waren Zwei Fenster vorhanden gewesen, jetzt Zwei an jeder Wand, also zusammen acht, mit durchsichtigen, das heißt sorgsam geputzten Fensterscheiben versehen. Dort an der Wand eine Badewanne aus Marmor, daneben in Leibeshöhe ein kleineres Bassin, also ein Waschbecken, über beiden je ein Wasserhahn. Dann noch ein Tisch und ein Stuhl, aber andere als gestern; auf dem Stuhle lagen meine Kleider.

Wie war ich denn hierher gekommen? Ich stellte diese Frage laut an den Kapitän.

Keine Antwort.

Ich sprang aus dem Bett. Erst so im Stehen konnte ich richtig durch die Fenster blicken, trat an ein solches heran.

Was ich da erblickte, daraus wurde ich lange Zeit nicht klug.

Grüne Wiesen, ganz dicht abgemäht, oder wohl eher Moos als Gras, mit bunten Pünktchen dazwischen, und dann hier und da ein Stückchen niedriger Busch, wie Heidekraut oder wie niedriger Buchsbaum, will ich lieber sagen, es kam mir vor, als wenn es winzige Laub- und Nadelbäume wären.

Und dann ab und zu ein ebenso winziges Häuschen, ein Puppenhäuschen, das größte kaum zwanzig Zentimeter hoch, meistenteils mit einem Gitterchen umgeben, und hinter diesen Gittern sah ich kleine winzige Tierchen sich bewegen.

Da freilich, besonders durch die niedlichen Häuschen, ging mir eine Ahnung auf, ich dachte an die beiden Püppchen von gestern abend, und meine Ahnung sollte auch gleich bestätigt werden.

»Guten Morgen, Herr Quinbus Flenstrin!« erklang da wieder des unsichtbaren Kapitäns Stimme aus einem unbekannten Jenseits, das mir aber doch ganz nahe war.

»Wie nennen Sie mich?« rief ich erstaunt.

»Quinbus Flenstrin. Das ist in deutscher Übersetzung so viel wie Menschberg. Na, Herr Menschberg, wo befinden Sie sich?«

Ja, nun wußte ich es, falls ich etwa noch einen Zweifel gehabt hätte.

Ich hatte mich erst vor kurzem mit der Patronin und dem Kapitän bei Tisch darüber unterhalten, nämlich über Jonathan Swifts Werk »Gullivers Reisen«, wohl sicher jedem Leser bekannt.

Mir war nämlich in der Schiffsbibliothek dieses Buch in die Hände gefallen, eine Prachtausgabe mit zahlreichen Illustrationen, eine höchst selten gewordene Ausgabe.

Da hatten wir uns bei Tisch darüber unterhalten. Über dieses Buch im besonderen und über Phantastisches im allgemeinen. Und wir waren zu der gemeinsamen Überzeugung gekommen, das in der Literatur hauptsächlich alles rein Phantastische ewigen Bestand zu haben scheint. Mit welcher kleinen Andeutung ich mich hierbei begnügen will. Denke der geneigte Leser nur selbst einmal darüber nach was in der Literatur dauernden Bestand hat, was schon unsere Großeltern mit Vergnügen gelesen haben und was wir heute noch gern lesen, unseren Kindern wieder zu lesen geben, und wie schnell alle realistischen und naturalistischen Romane, wie sie auch einmal verschlungen worden sind, doch wieder in die Nacht der Vergessenheit versinken. Und ist nicht zum Beispiel auch ein Drama wie Goethes »Faust« aus lauter Unmöglichkeiten aufgebaut? Sein Roman »Werthers Leiden« hingegen beruht auf lauter Realistik.

Wer aber liest diesen Roman heute noch?

Genug hiervon!

»Ich bin im Lande der Liliputaner!« rief ich.

»Erraten. Sie sind auf der Insel Liliput. Fragen Sie nicht, wie Sie hierher gekommen sind. Aber eine Einleitung sollen Sie erhalten.

Sie sind nicht etwa der erste riesenhafte Bergmensch oder richtiger Menschberg, der von den winzigen Zwergen hier gefangen gehalten wird.

Schon vor zehn Jahren erreichte ein Schiffbrüchiger den Strand dieser Insel, er legte sich zum Schlafen hin, und wie er erwachte, war er mit Stricken umwunden und angepflöckt.

Wir wollen diesem Schiffbrüchigen, der ein Mensch wie Sie war, den nicht ungewöhnlichen Namen Friedrich Wilhelm Schulze geben.

Also Herr Schulze hat hier alles durchgemacht, was einst Gulliver unter den Liliputanern erlebte, welche Geschichte Sie ja genau kennen.

Nachdem er sich lange Zeit mit sehr engen Wohnungsverhältnissen hatte begnügen müssen, konnte er hier dieses Haus beziehen, das die Liliputaner im Laufe von drei Jahren für ihn gebaut hatten. Gegen fünftausend Liliputaner haben drei ganze Jahre lang unablässig daran gearbeitet, der Menschberg mit seiner Riesenkraft hat selbst dabei wacker mit helfen müssen, und wenn Sie etwa denken, dieses Haus, das nur Zwei Räume enthält, hätte vielleicht nur fünftausend Mark gekostet — nein, fünf Millionen hat es den Liliputanern gekostet; weil es eben Liliputaner sind.

Dieses ungeheure Haus liegt im Nationalpark, der allerhand Sehenswürdigkeiten und Vergnügungsstätten enthält.

Auf der einen Seite sehen Sie den Zoologischen Garten, auf der anderen die Rad— und Pferderennbahn, nach Süden liegen hauptsächlich Restaurationen, Gartenlokale mit Karussels Schaubuden und dergleichen, eine ständige Vogelwiese und nach Norden erblicken Sie die Hauptstadt Mildendo. Dazwischen liegt ein sehr großer See, für Sie natürlich nur eine Pfütze, auf dem jeden Sonntag und noch öfter eine internationale Ruder— und Segelregatta stattfindet.

Acht Jahre hat Herr Friedrich Wilhelm Schulze hier gelebt, bis er starb. Er hatte mit seiner Gabel einen ganzen Ochsen in den Mund gesteckt, natürlich einen gebratenen, den er, ohne ihn erst zu kauen, versehentlich verschluckte, und das war doch etwas zu viel für ihn, er erstickte an diesem Bissen. Er wurde in einem Kanal begraben, an dem man schon viele Jahre gearbeitet hatte, den man dann aber nicht gebrauchte, die Liliputaner mußten über die Leiche nur wieder Sand schaufeln.

Da Herr Schulze ein sehr gutmütiger Charakter war, durfte er sich frei im Lande ergehen. Natürlich unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln, nur auf den breitesten Landstraßen, nur zu Gewissen Tageszeiten, das er mit seinen ungeheuren Füßen, für die Liliputaner Zwei Meter lang, nicht etwa Schaden anrichtete.

Trotzdem hatte man diese feine Wohnung gleich so eingerichtet, das man ihn hier auch als Gefangenen einsperren konnte.

So kommt es, das Sie hier alles gleich vollständig eingerichtet finden. Die Fenster gehen nicht zu öffnen, die Scheiben bestehen aus einer besonderen Glasmasse, auch für unsere Kraft durch nichts zu Zertrümmern. Rund um das Haus Zieht sich, wie Sie dann sehen werden, ein Gitter herum, auch oben geschlossen. Sie befinden sich in einem vollständigen Käfig.

Also, mein lieber Ebert, gestern sind auch Sie als Schiffbrüchiger vom Meere hier ans Land gespült worden, sind gleich in Schlaf gefallen, man hat Sie gefunden, tausende von Zwerglein haben Sie auf komplizierten Maschinen hierher befördert, in der Nacht, während Sie schliefen. Wahrscheinlich haben Sie auch noch einen Schlaftrunk oder eine betäubende Einspritzung bekommen.

Haben Sie mich verstanden? Akzeptieren Sie diese Voraussetzung?«

»Ich akzeptiere sie!« entgegnete ich lachend.

»Gut. Dann brauche ich Ihnen weiter keine Instruktionen zu geben. Alles Weitere wird sich schon finden. Seien auch Sie nur recht sanftmütig, stecken Sie nicht gleich Ihre Hand durch das Gitter, um solch ein Menschlein zu haschen, dann werden auch Sie später größere Freiheit genießen.

Als Zweiter Menschberg, der hier strandet, haben Sie den großen Vorteil, das Sie für Ihre Unterbringung und Bequemlichkeit alles schon fix und fertig eingerichtet finden. Bedenken Sie nur, wie es dem armen Gulliver zuerst ergangen ist. Was der sich für Untersuchungen und Verhöre gefallen lassen mußte. Und dasselbe war natürlich auch bei Herrn Schulze der Fall. Bei Ihnen ist das alles nicht mehr nötig. Herr Schulze ist erst seit einem Jahre tot, die Erinnerung an ihn ist noch ganz frisch im Gedächtnis. Natürlich freut man sich ungemein, wieder solch einen Menschberg erwischt zu haben, das ganze Land, über Nacht telegraphisch verständigt, befindet sich in ungeheurer Aufregung; um sechs Uhr, wenn der Zoologische Garten geöffnet wird, werden die Scharen angezogen kommen, um das neue Wunder anzustaunen.

Übrigens können Sie sich mit den Leutchen nicht durch Worte verständigen. Auch Herr Schulze hat trotz seines neunjährigen Aufenthaltes hier ihre Sprache nicht erlernt. Einfach deshalb nicht, weil selbst das lauteste Schreien dieser winzigen Zwerglein für unser Ohr nur ein durchdringendes Mäusepiepen ist, unsere Sprache für sie ein furchtbares Donnern. Also bitte, mäßigen Sie Ihre Stimme, sprechen Sie womöglich gar nicht, bedienen Sie sich nur der Gesten.

Wenn wir uns hier unterhalten, das hören sie überhaupt nicht, weshalb nicht, das geht Sie gar nichts an.

Sonst noch etwas? Ja. Man ist so höflich gewesen, Ihnen alle Ihre Sachen zu lassen, Ihre Uhr und alles andere, was Sie in den Taschen hatten. Eben weil das den Liliputanern nichts Neues mehr ist, weil sie schon ihren ersten Menschberg gehabt haben, der noch viel besser ausgerüstet war als Sie.

Unter anderem hatte er auch einen sehr guten Feldstecher bei sich, von Ihnen Opernglas oder noch lieber Operngucker genannt. Ferner in der Westentasche ein Vergrößerungsglas. Man ließ ihm diese beiden Instrumente, die er gerade in diesem Lande so gut gebrauchen konnte. Sie blieben dann in diesem Hause, das als ein Museum zum Andenken an den Menschberg diente. Sie finden diese beiden Instrumente und alles andere, was dem Herrn Schulze gehörte, was er sich zum Teil selbst angefertigt hatte oder geliefert bekam, im Nebenzimmer.

Dann nur noch eines: Sie können das Haus jederzeit verlassen, vorausgesetzt, wenn Sie die Türen öffnen können. Befinden Sie sich aber draußen, und eine auf dem Hause angebrachte Klingel ertönt, für die Liliputaner eine ungeheure Glocke, so müssen Sie sofort wieder ins Haus gehen, die Türen werden hinter Ihnen wieder geschlossen.

Herrn Schulze ist dieser Dressurakt erst mit großer Mühe beigebracht worden, das ist bei Ihnen nicht nötig, indem ich es Ihnen hiermit sage. Die Liliputaner werden über Ihre schnelle Auffassungskraft und Willfährigkeit staunen.

Sonst habe ich Ihnen nichts weiter zu sagen. Also Schluß! Müssen Sie noch etwas erfahren, werde ich mich schon wieder melden.«

Mein Mentor war verstummt.

Ich hätte ihn auch nichts weiter zu fragen brauchen, er war ausführlich genug gewesen.

Also ins Märchenland der Liliputaner war ich versetzt worden.

Wohl, ich wollte es nehmen, wie es mir gegeben wurde, eine vollständige Erklärung sollte ich ja später bekommen. Das Grübeln hatte ich mir nun schon abgewöhnt. Wundern und Staunen war etwas anderes, das durfte ich.

Ich begab mich von einem Fenster zum anderen.

Ja, jetzt erst bemerkte ich, das sich rings um das Haus ein Gitter Zog, in einem Abstande von etwa zehn Metern, oben geschlossen, es mußte also auch noch über das ganze Haus weggehen. Recht starke Eisenstäbe, durch die ich höchstens gerade die Hand Zwängen konnte.

Auf der einen Seite sah ich also einen Miniaturpark, in dem die Tierzwinger lagen, was ich sonst erblickte, das will ich jetzt nicht schildern, da ich es dann viel deutlicher sehen sollte, auf der anderen Seite ebenfalls solch ein Park mit Wald und Wiese, als Hauptsache darin ein runder Kreis und ein größerer, mehr ovaler, worin ich nun die Rad— und die Pferderennbahn erkannte, auf der dritten Seite viele Häuserchen und Zelte, nach der vierten Seite hin erblickte ich einen kleinen Teich, mehr eine Wasserlache zu nennen, und weiter dahinter eine Puppenstadt.

Weiter will ich jetzt also nichts beschreiben.

Wo war denn nun der andere Raum, von dem der Kapitän gesprochen? Zwei Türen gab es. Die eine war geschlossen, die andere konnte ich öffnen.

Richtig, das Haus hatte noch einen kleinen Anbau, Zwischen Zwei Fenstern gelegen. Es war die Toilette meines Vorgängers gewesen, als Museum erhalten geblieben, auch wieder durch Zwei Fenster erleuchtet.

Es war alles vorhanden, was der Mensch braucht, um nicht zum Tier herabzusinken. Wozu schon der Kamm gehört, den ich bereits gestern in dem Bauernhause schwer vermißt hatte.

Ich brauchte nur zu suchen, ich fand alles, in einer Kommode und in einem Kleiderschranke und auf Regalen, und immer mehr mußte ich über die wunderbare Kunstfertigkeit staunen, mit der hier alles hergestellt worden war.

Es waren eben Zwerghafte Handwerker gewesen, die dies alles nach den Angaben meines Vorgängers oder auch nach seinen rohen Modellen angefertigt hatten.

Der Schrank und die Kommode aus lauter kleinen Holztäfelchen zusammengesetzt. Die Anzüge und Hemden aus einem wunderbaren feinen Gewebe oder Gespinst, obgleich nicht etwa gerade so dünn, wohl wie aus Spinnweben, aber doch für uns von normaler Stärke. Man mußte nur näher hinsehen, um dieses Wunder zu erkennen.

Im übrigen will ich mich hierbei nicht weiter aufhalten, es würde gar zu weit führen.

Vor allen Dingen sah ich auf einem Regal das Vergrößerungsglas und den Krimstecher liegen. Das letzterer Zweifellos derselbe war, der mir an Bord der »Argos« zur Verfügung gestellt worden, darüber wunderte ich mich jetzt durchaus nicht mehr. Auch der Leser versteht schon; denn auch die Liliputaner durften sich doch nicht wundern, wenn ich plötzlich ein Doppelfernglas hatte. Das ganze Märchenspiel war aufs beste arrangiert, ich mußte nur willig auf alles eingehen, und wenn ich dann hinter die Kulissen des Theaters blickte, wurde ich doch nur enttäuscht.

Mit diesen beiden Instrumenten begab ich mich in den großen Raum zurück. Eben erhob sich die Sonne über dem Horizont, hoffentlich regelrecht im Osten, oder, wenn es Sommer war, nur mit einer kleinen Abweichung nach Norden.

Jetzt richtete ich erst einmal meinen Feldstecher nach dem Zoologischen Garten. Das ausgezeichnete Instrument vergrößerte Zehnmal. Oder nein — es zog Zehnmal heran, verkürzte die Entfernung scheinbar auf den Zehnten Teil, so muß es heißen! Ein Fernglas darf ja nie vergrößern. Tut es das, besonders bei geringer Entfernung, erscheint der Gegenstand dann größer, als er in Wirklichkeit ist, so ist es fehlerhaft konstruiert, es wird dann auf größere Entfernungen versagen, die Bilder meist verzerren.

Also wenn das nächste Häuschen von mir dreißig Meter entfernt war, so hatte ich es, wenn ich durch das Doppelglas blickte, scheinbar nur noch drei Meter vor meinen Augen, und da Läßt sich ja nun schon etwas erkennen.

Wunderbar war es, was ich da erblickte.

Es war der Elefantenzwinger, und der Insasse machte den ersten Morgenspaziergang in seinem freien Gehege.

Ein perfekter Elefant, aber nicht größer als ein Karnickel. Es ist ein etwas unpassender Vergleich, aber mir fällt nicht gleich ein anderer ein. Oder meinetwegen wie ein Mops, wie ein kleiner Mops, noch nicht ganz ausgewachsen. Natürlich vorne den Rüssel und hinten den Schwanz, und auch die Stoßzähne fehlten nicht.

Und was für ein stattlicher Elefant war das! Das konnte ich nämlich daraus beurteilen, weil jetzt der Wärter das Gehege betrat, und das war, kann ich gleich versichern, ein vollständig ausgewachsener Mann, obgleich nur wie gestern die Püppchen ungefähr zehn Zentimeter hoch, hatte einen großen Vollbart.

Er beschäftigte sich mit dem dickhäutigen Riesen aus Liliputs Reiche, wie es auch sonst in dem Zoologischen Garten überall lebendig wurde.

Überall kamen aus den Häuserchen Tiere zum Vorschein, um sich im Freien zu ergehen, so weit es ihnen das Gehege oder ein solideres Gitter erlaubte, Kamele und Giraffen und Zebras und Strauße und Büffel und Hirsche und Rehe, dort in den erhöhten Käfigen dehnten sich Löwen und Tiger und Panther und Hyänen und andere Raubtiere, und ich will nur nochmals sagen, das hier die Höhe eines erwachsenen Menschen Zehn Zentimeter betrug, so kann sich jeder ein Bild von der Größe oder vielmehr Winzigkeit dieser Tiere machen, die mir mein Doppelglas dicht vors Auge Zauberte.

Ein entsetzlicher Anblick!

Doch da sah ich etwas, was mich noch mehr fesselte.

Plötzlich standen da vor dem Glasfenster, durch das ich blickte, eine ganze Menge solcher winziger Männlein und Weiblein.

Wie ich jetzt erst bemerkte, befanden sich vor allen Fenstern, also draußen, Galerien, Fenstersimse hätte man ja auch sagen können, aber es waren Galerien, für die Zuschauer bestimmt, die den Menschberg hier drin beobachten wollten, mit Brüstungen versehen. Diese Galerien liefen draußen um das ganze Haus herum, ab und zu führte ein Treppchen herauf.

Diese Galerien, von denen aus man mich in meiner Wohnung selbst beobachten konnte, war nur für ein erlesenes und geladenes Publikum bestimmt, oder, wie ich alles später erfuhr oder merkte, nur gegen hohes Entree zugänglich, das große Volk konnte mich nur sehen, wenn ich mich draußen im vergitterten Hofraum erging.

Trotz der frühen Morgenstunde, es war erst etwas nach vier Uhr, und obgleich die Tore des Zoologischen Gartens noch geschlossen waren, hatten sich schon einige Honoratioren aus der Hauptstadt Mildendo eingefunden, um den neu eingefangenen und über Nacht hierher transportierten Menschberg zu bewundern.

Es waren sieben Herren, die dort draußen standen, junge und alte, sogar solche mit weisen Vollbärten, und vier Damen, die mich staunend betrachteten, und ich konnte sie ebenso betrachten, ohne meine Augen besonders anstrengen zu müssen, wenn es auch noch nicht einmal spannenlange Püppchen waren.

Jonathan Swift ist in seinem berühmten Buche auch betreffs der Daten äußerst Gewissenhaft. Er läßt seinen Helden Gulliver am 4. Mai 1699 seine abenteuerliche Fahrt von Bristol aus antreten.

Das war damals der Anfang der sogenannten Rokokozeit, und infolgedessen tragen auch die kleinen Liliputaner Rokokotracht. In den besseren Ausgaben des Buches wird das bildlich sehr genau wiedergegeben.

Wir lebten jetzt nicht mehr in der Rokokozeit. schließlich hätten diese modernen Liliputaner hier ja ihre Kostüme nach eigenem Geschmack tragen können, aber das war eben nicht der Fall, sie hatten sich dem Weltgeist angepaßt, der über die ganze Erde weht und alle Originalität in der Kleidung auslöscht, so das sich heute ein moderner Türke genau so kleidet wie ein Pariser oder ein Neuyorker.

Schon vorhin der Elefantenwärter mit aufgekrempelten Hemdsärmeln hatte nicht anders ausgesehen als ein Elefantenwärter im Zoologischen Garten von Berlin oder Amsterdam, und das war hier auch bei diesen winzigen Gestalten vor meinem Fenster der Fall.

Die jüngeren Herren schienen ihre Garderobe aus London zu beziehen, die Damen durchweg aus Paris, so elegant und schick nach neuester Mode waren sie gekleidet. Die älteren Herren nahmen es wohl nicht so genau, die ließen sich ihre Röcke und Hosen wohl von einem ganz ordinären Liliputaner—Schneidermeister machen, aber modern waren doch auch sie gekleidet.

So modern waren sie hier, das sie sogar alle kurzsichtig zu sein schienen. Die Damen musterten mich durch Lorgnetten, die meisten der Herren hatten Klemmer auf der Nase, einer kokettierte mit einem Monokel, nur die älteren Herren bevorzugten solide Brillen, und es fehlte auch nicht an Tüchlein, die gezogen würden, um die Gläser erst einmal zu putzen.

Dazu nun eine lebhafte Unterhaltung, es fehlte nicht an dem nötigen Staunen, mit dem ich ungeschlachter Menschenberg betrachtet wurde, und der alte Herr mit dem weisen Vollbart war sicher ein Professor, der machte schon seine gelehrten Bemerkungen.

Ein entzückendes Bild! Diese winzigen Figürchen! Die Schlittschuhläufer gestern waren nichts dagegen gewesen. Hier kam noch vielerlei anderes dazu. Soeben zog ein Herr den Handschuh aus, ich sah an den winzigen Fingerchen einige Goldreife blitzten. Ich sah, wie eine Dame ein Riechfläschchen an das Näschen brachte. Ach, was ich alles sah!

Und um das entzückende Bild fertig zu machen, kam jetzt hinter den Röcken der einen Dame ein kleines Mädchen hervor, nicht größer als fünf Zentimeter, das sich bisher hinter der Mama versteckt gehalten hatte.

Gerade die Furcht dieses kleinen Mädchens aber brachte mich auf einen besonderen Gedanken.

Kapitän Stevenbrock hätte mir gar nicht zu raten brauchen, mich einer besonderen Höflichkeit zu befleißigen, ich sah sofort selbst ein, das es das Beste war, diesen kleinen Leutchen ein recht gutes Urteil über mich beizubringen.

Und ich hatte bereits gesehen, wie der eine junge Herr, der etwas später gekommen sein mochte, vor den anderen zur Begrüßung tief das Strohhütchen gezogen hatte, und dieser Gruß war ebenso erwidert worden, die Damen hatten sich leicht verneigt, hatten ihm wohl auch die Hand gereicht, die Hand der einen Dame war über dem Handschuh ehrerbietig geküßt worden.

Also alles genau wie bei uns.

Gut, da sollten die merken, das es bei uns ungeschlachten Riesen zu Hause auch solch höflichen Anstand gab.

Also ich nahm schnell meine Mütze, die ich gerade auf dem Tische vor mir liegen sah, setzte sie auf, aber nur, um sie gleich wieder abzureisen, sie wiederholt schwenkend, dazu vor den Zwerglein meine schönsten Komplimente machend, sogar mit dem Fuße auskratzend.

Meine Höflichkeit wurde gewürdigt. Seitens der Zwerglein ebenfalls allgemeines Hutziehen und Verbeugen gegen mich, die Damen verneigten sich und winkten mir mit den Händchen, wenn es dabei auch nicht ohne Lachen abging.

Jedenfalls aber machte es mir den Eindruck, als hätte man von dem neuen Menschberg gar nicht solch eine Höflichkeit erwartet. Mein Vorgänger, Herr Schulze, hatte wahrscheinlich ein ganz anderes, plumpes Benehmen zur Schau getragen. Ich wurde denn auch gleich ganz stolz auf mich.

»Bravo, bravo!« lobte mich da auch schon die Stimme des unsichtbaren Kapitäns. »Herr Ebert, das haben Sie sehr schön gemacht! Jetzt haben Sie die Herzen dieser Liliputaner bereits bezwungen, und das wird heute abend schon in sämtlichen Tageszeitungen des Landes stehen.

Ihre außerordentliche Höflichkeit, verbunden mit so gewandtem Auftreten. Das Sie sich dabei barfuß in Hemd und Unterhosen befinden, hat gar nichts —«

Himmelbombenelement noch einmal!

War ich denn nur ganz von Sinnen?

Wie konnte mir denn nur so etwas passieren?

Nun, ich hatte diese Zwerglein eben bisher nicht für richtige Menschen gehalten. Ich mochte an die beiden gestrigen Schlittschuhläufer gedacht haben, die doch nur Wergpuppen gewiesen waren, durch irgend eine Gaukelei Leben erhalten hatten. Vor diesen hätte ich mich ja durchaus nicht geniert, mich auch nur in Badehosen an den Tisch zu setzen und sie in die Hand zu nehmen, sie wurden darin doch wieder sofort nur leblose Puppenbälge.

Das hier war aber doch etwas ganz anderes! Das hier waren wirkliche Menschen, nur in winziger Miniaturausgabe! Ich hatte ja allerdings gar keine Garantie dafür, es konnten ja ebenfalls nur Puppenbälge sein, nur durch eine Gaukelei scheinbar lebendig gemacht, aber — —.

Nein, nein, das waren wirkliche Menschen, nur eben winzig klein!

Plötzlich wußte ich das ganz bestimmt!

Und ich hier vor diesen jungen eleganten Damen barfuß in Hemd und Unterhosen!

Entsetzt machte ich einen Sprung vom Fenster weg nach der nächsten Ecke, wo ich von dort aus nicht mehr gesehen werden konnte. — 41 10 Da bemerkte ich, das auch an allen den anderen sieben Fenstern solche Gruppen von eleganten Herren und Damen standen, die mich mit Interesse beobachteten!

Himmel, wo sollte ich nun hin?!

Hier gab es kein Versteck, nicht einmal unters Bett konnte ich kriechen, es war zu niedrig.

In die Kammer hinüber?

Da war genau dasselbe wie hier.

Ich wollte vor Scham vergehen.

»Nein, nein, mein lieber Ebert,« erklang da lachend die Stimme des Kapitäns, »Sie brauchen sich durchaus nicht zu genieren! Denken Sie nicht etwa, das Sie hier als Mensch betrachtet werden. Sie sind für die Liliputaner nichts weiter als ein menschenähnlicher Affe von riesenhafter Größe, so menschenähnlich sind diese ungeheuren Affen aus einem unbekannten Weltteil, das sie sogar Kleidung tragen. Aber ein wirklicher Mensch sind Sie durchaus nicht. Sie können sich ganz ruhig entkleiden und ein Wannenbad nehmen. Es wird sogar gehofft, das Sie dies bald tun. Die Liliputanerin aus besserer Familie ist Zwar prüder als die prüdeste Engländerin, aber hierbei wird sie durchaus nichts finden. Es ist für sie nichts weiter, als wenn ein nackter Elefant ein Bad nimmt —«

Der Kapitän führte seine Erklärung noch etwas weiter aus.

Es hatte schon genügt.

Es war mir nicht anders, als hätte ich plötzlich eine kalte Dusche bekommen. Sehr schmeichelhaft war das ja gerade nicht für mich, was ich da zu hören bekam, wie man hier über mich dachte, aber jedenfalls war ich dadurch doch schnell von meiner Verlegenheit und Scham kuriert.

Ich kleidete mich an, ließ Wasser in das Becken, unten darunter lag ein Stück Seife, für die Liliputaner wahrscheinlich Zentnerschwer, drüben in der Kammer fand ich Handtücher und alles, was ich sonst brauchte, sogar ein Rasiermesser, das ich denn auch gleich benutzte, und nie hatte ich ein schärferes in der Hand gehabt. Auch ein großer Rasierspiegel mit Konkavschliff war vorhanden, alles.

Ein Glöckchen ertönte. Das vornehme Publikum, das sich vor den Fenstern immer mehr angehäuft hatte, verließ die Galerien. Ich sah die Figürchen die Treppchen hinabsteigen, aber sie schritten nun nicht über den freien Platz, sondern verschwanden im Boden in einem Mauseloch. Also hatten diese Galerien jedenfalls einen unterirdischen Zugang. Überhaupt mußte, wie ich später merkte, mein ganzes Haus untertunnelt sein.

Noch einmal ertönte das Glöckchen. An einem Fenster erschien wieder ein Mann, einfacher gekleidet, der mir eifrigst winkte. Kapitän Stevenbrock brauchte mir keine Erklärungen zu geben, ich verstand schon die Gesten des kleinen Mannes.

Richtig, ich konnte die Klinke jener anderen Tür, die ins Freie führen mußte und die vorhin geschlossen war, jetzt niederdrücken, die Tür öffnen.

Ich trat ins Freie. Sobald ich die Tür, die einigen Zug ausübte, losließ, schloß sie sich wieder von selbst und zwar vollständig, ich konnte sie dann nicht wieder öffnen.

Den Krimstecher und das Vergrößerungsglas hatte ich eingesteckt, indem ich das Weitere schon ahnte.

Ich erging mich in dem umgitterten Raume, der das ganze Haus umgab. Merkwürdig war es, das ich von außen nicht durch die Fenster sehen konnt. Die waren jetzt wie schwarz angestrichen. Nun, das war eben auch so eine besondere Glasmasse wie die meiner Kugel.

Was mochte aus der geworden sein?

Würde ich sie noch einmal benutzen können?

Nevermind.

Ich nahm alles, wie man mir es bot, hatte durch das Fernglas meine Freude an der Umgebung, benutzte jetzt auch manchmal das Vergrößerungsglas

Um das Gitter herum lief ein breiter Weg, breit für die Liliputaner, mein Fuß hätte darauf kaum Platz gehabt. Ab und zu kam aber die Vegetation doch bis dicht an das Gitter heran, und die Stäbe waren weit genug auseinander, das ich gerade meine Hand durchzwängen konnte.

So gelang es mir, einige der winzigen Gräser und Blätter und Blumen abzupflücken Winzig! Für das Auge kaum sichtbar. Unter dem Vergrößerungsglas erkannte ich unsere Grasarten, Wiesenblumen und eine Rose mit allen Staubfäden.

Ich erhaschte eine Fliege im Fluge. Unter dem Vergrößerungsglase erkannte ich eine Taube.

Ich geriet noch immer aus einem Staunen ins andere. Stundenlang oder wahrscheinlich auch tagelang hätte ich — 41 13 solche Untersuchungen anstellen können, ohne einmal Langeweile zu empfinden.

Außerdem stellten sich nun auch noch Zuschauer vor dem Gitter ein, und es konnten nicht dieselben sein wie die vorhin vor den Fenstern. Sie kamen von allen Seiten aus dem Parke, zum Teil mit Geschirr, in Jagdwägelchen, in Equipagen, auch beritten zu Pferde.

Reizende, entzückende Bilder, die ich da zu sehen bekam! Ich konnte mich nicht sattsehen.

Aber es mußte immer noch ein geladenes, vornehmes Publikum sein. Das sah man gleich an den Kleidern und Manieren, auch bei denen, die zu Fuß kamen. Für den großen Plebs war der Zoologische Garten noch immer nicht geöffnet, die würden dann noch in ganz anderen Scharen angewandert kommen. Dort hinter jenem Walde sah ich durch mein Fernglas auch schon eine ungeheure Menge »kriebeln und wiebeln«.

Übrigens bemerkte ich bald, das die meisten Fußgänger alle nur von einer Seite hier kamen. Als ich mich nach dieser begab, der ich bisher noch keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, um das Haus herum, hatte ich wiederum solch einen entzückenden Anblick.

Hier war der Nationalpark hügelig, oder für die Liliputaner vielleicht sogar gebirgig, für mich waren es nur etwas unregelmäßig gestaltete Termitenhaufen von einem bis Zwei Meter Höhe, und soeben kam aus solch einem »Gebirge«, d. h. aus einem Tunnel, unter Volldampf eine Lokomotive heraus, ein Dutzend Wagen nachziehend, das allerliebste Kinderspielzeug passierte einen Wald, — 41 14 dann eine Hängebrücke, die einen wenigstens meterbreiten »Strom« überspannte, der zuvor einen Niagarafall bildete; der niedliche Eisenbahnzug verschwand wieder im Tunnel seines »Gebirges« oder doch Berges, kam auf der anderen Seite wieder zum Vorschein, erreichte eine Station, einen offenen Bahnhof, die Püppchen stiegen aus, nur elegante Passagiere, eilten nach dem Riesenaffenhaus, um die neueste Attraktion des Zoologischen Gartens zu bewundern.

Nun, ich ließ mich denn auch gern bewundern, kam dem hochverehrlichen Publikum in jeder Weise entgegen. Nachdem ich eine Weile gesprungen und gerannt war, den Parademarsch und Freiübungen gemacht hatte, legte ich mich hier und da platt auf den Boden hin, den Kopf auf dem Arm, dicht am Gitter. Auf diese Weise konnte ein erwachsener Mann mit ausgestreckter Hand gerade meinen Mund erreichen.

Und das wurde denn auch getan. Wenn auch nicht immer sogleich. Jedenfalls aber gab es doch weniger Furcht oder gar Entsetzen, als man hätte erwarten sollen. Die Liliputaner waren eben schon an meinen Vorgänger gewöhnt gewesen, und das auch ich ein ganz harmloses Ungeheuer war, das mußte man wohl bald heraus haben.

Bald wurde von den Zierlichen, winzigen Händchen mein Mund, mein Kinn, meine Nase betastet, wozu ich freilich das gebeugte Gesicht ganz dicht ans Gitter drücken mußte, und gar nicht lange dauerte es, so stach mich ein liebreizendes Dämchen mit seinem Sonnenschirmchen ins rechte Nasenloch. Die Folge dieser Kitzelei war, das ich einmal herzhaft niesen mußte.

Hei, darauf war man freilich nicht gefaßt gewesen!

Wie Streu vor dem Wirbelsturme stob alles auseinander, ich hörte die dünnen Stimmchen vor Entsetzen quieken.

Aber gar nicht so lange, so sahen sie ein, das sie gar keinen Grund zur Furcht hatten, sie kehrten zurück, und als ich herzlich lachte, hörte auch ich ihr piepsendes Lachen, sah es noch mehr ihren Gesichtern an.

In dieser Lage hatte ich noch den Vorteil, auch meine Zuschauer näher betrachten zu können. Auch das Vergrößerungsglas muß man doch dem zu besichtigenden Gegenstande Ziemlich nahe bringen.

Vorhin in dem Zimmer, als die Zwerge auf der hohen Fenstergalerie gestanden, hatte ich nicht daran gedacht, jetzt tat ich es ungeniert, und man ließ mich ruhig gewähren, das ich das runde Glas, für sie doch ein Wagenrad, Ziemlich dicht über ihre Köpfe brachte.

Es war ein ausgezeichnetes Vergrößerungsglas, hatte überhaupt etwas merkwürdige optische Eigenschaften, die nicht ganz den physikalischen Gesetzen entsprachen, man brauchte gar nicht so genau nach dem Brennpunkt zu suchen.

Doch wie dem auch sei, es tat seine Pflicht vorzüglich. Jetzt erschienen mir die winzigen Köpfchen in normaler menschlicher Größe, ich sah die Gesichter, die beweglichen Mienen, ich sah, wie die eine Dame recht geschminkt war, ich sah die unbekleideten Hände — nein, das hier waren keine solche Wergpüppchen wie gestern abend die Schlittschuhläufer, nur durch irgend eine Gaukelei scheinbares Leben erhaltend, das hier waren ganz richtige Menschen aus Fleisch und Blut, die Knochen nicht zu vergessen, nur in winziger Miniaturausgabe.

Ja, wie war das nur möglich, das hier — —.

Hallo, Ewald, Du sollst doch nicht grübeln! Das könntest Du Dir doch nun endlich abgewöhnt haben!

Da erscholl wieder das oben auf dem Hausdache angebrachte Glöckchen.

Ich erhob mich, zumal das Publikum alsbald davoneilte, in Häuserchen verschwand, die hier und da standen. Jedenfalls Eingänge zu den unterirdischen Tunnels, die wieder nach den Fenstersimsen hinauf führten.

Aber ich konnte die Tür nicht öffnen, sie war geschlossen.

Doch da, wie ich noch probierte, erklang wieder das Glöckchen, und nun vermochte ich die Tür zu öffnen.

Also das Signal für mich war immer das Zweite Klingeln.

Ein ebenso überraschender, wie lieblicher Anblick erwartete mich in dem Hauptzimmer.

Zunächst erwähne ich, das das Bett unterdessen nicht gemacht worden war, ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, wie das diese Zwerge hätten fertig bringen sollen.

Ebenso fast unbegreiflich war mir aber, wie sie das alles hatten da auf den für sie turmhohen Tisch bringen können. Sie mußten dazu doch wohl eine Maschinerie haben, Winden und dergleichen, die ich nur nicht sah.

Schüsseln und Teller, Messer und Gabel, alles war vorhanden, für solch einen normalen Menschenberg berechnet — vor allen Dingen aber auf den Schüsseln die verschiedensten Braten und Speisen.

Da lagen zunächst drei gebratene Meerschweinchen, alle viere von sich streckend. In Wirklichkeit aber waren es stattliche Ochsen, im ganzen gebraten, am Spieß oder sonstwie.

Dann ein halbes Dutzend gebratene Mäuse oder eigentlich ausgewachsene Schafe, wie ich gleich verraten will. Und dann noch eine Menge kleineres Zeug, für mich ein Ragout bildend, für die Liliputaner zusammengehäufte Hühner, Gänse, Enten und dergleichen mehr.

Die eigenartigen weisen Bohnen, die ich als Gemüse aß, waren Eier, was ich aber erst später erfahren sollte. Ich hatte sie für weise Bohnen gegessen, auf eine mir unbekannte Art zubereitet.

Als Getränk waren Zwei Hektoliter Wein aufgefahren worden, die für mich Zwei gute Gläser bedeuteten. Des Effektes wegen hatte man den Wein gleich in den Fässern gelassen, nur den Boden herausgeschlagen

Ich ließ mich nicht lange nötigen, und wenn das erste Frühstück morgens um sechs Uhr hier immer so war, dann ließ ich es mir wohl gefallen.

An den Fenstern drängte sich jetzt eine vielhundertköpfige Menge, und ich Zeigte ihr, wie solch ein Menschberg speist. Aus Rücksicht für die, die einen schlechten Platz bekommen hatten, hinter mir standen, schob ich manchmal meinen Stuhl um den Tisch herum, trank den Zuschauern aus den Fässern zu, und reichliches Händeklatschen Zollte mir Beifall.

Wenn mein Vorgänger solch einen ganzen Ochsen in den Mund hatte stecken können, so mußte er allerdings ein sehr großes Maul besessen haben, ich konnte das nicht, vier Bissen brauchte ich doch dazu, um solch einen Meerschweinchen—Ochsen verschwinden zu lassen, auch die Knöchelchen verschluckte ich lieber nicht mit, aber die Schöpse verschwanden spurlos mit einem Bissen, und alles andere war eben nur Ragout für mich, das ich mit der Gabel oder auch gleich mit dem Löffel aß.

Nach absolvierter Vorstellung durfte ich mich wieder ins Freie begeben.

Ich fasse die anderen Vormittagsstunden kurz zusammen.

Es schien im Liliputanerlande Sitte zu sein, das die Sport- und Festspiele schon am Vormittag stattfanden.

Zuschauer hatten sie allerdings nicht viele, die drängten sich alle um meinen Riesenaffenkäfig herum, aber sie mußten wohl programmäßig abgehalten werden, und ein desto aufmerksamerer Beobachter war ich.

Ich sah durch mein Fernglas, obschon auch die bloßen Augen genügt hätten, wie dort auf der Kurvenbahn die winzigen Radfahrer im Kreise herumjagten, dort auf der ovalen grünen Bahn die Pferdchen mit Jockeis in bunter Seide, wie sie stürzten, sich überschlagen, Knochen brachen und wohl auch das Genick — ich sah, wie dort auf der mächtigen See-Pfütze um die Preise gerudert wurde, in allen möglichen Booten, wie die Jachten segelten, solche kleine Dinger, wie sie unsere Kinder auf dem Goldfischteich, oder gar in der Badewanne schwimmen lassen — ich sah dort auf dem grünen Plan ein Regiment Soldaten exerzieren, Kavallerie machte Reiterattacken nach den Klängen einer Musikkapelle, deren Klänge ich gerade noch vernahm, obgleich nur fünfundzwanzig Meter von mir entfernt — ich sah — —.

Ich sah noch Hunderterlei und konnte mich nicht sattsehen.

Mich wunderte nur, das es schon zwölf Uhr geworden war, als mich das Glöckchen wieder ins Haus lockte.

Ah, das war mir ebenfalls sehr angenehm.

Die zweite Fütterung war schon vorbereitet, noch ausgiebiger als das Frühstück, diesmal ließ ich fünf gebratene Ochsen und ein ganzes Dutzend Schafe verschwinden, und von den erbsengroßen Semmelchen soll ich nach liliputanischem Gewichte an die vier Zentner verschlungen haben.

Nach dieser reichlichen Mahlzeit, gewürzt mit drei Fässern Wein, fühlte ich mich müde, ich hatte ja den ganzen Vormittag seit Sonnenaufgang schon genug getan ich legte mich, angekleidet wie ich war und unbekümmert um die Zuschauer, auf das Bett und war bald eingeschlafen.


Als ich erwachte, blickte ich in das gelbe Licht einer elektrischen Glühlampe, die in Kopfeshöhe an der Wand befestigt war, an der auch die grünumsponnenen Drähte hinliefen, die dann in einer Ecke verschwanden.

Ich erwähne nachträglich, das diese Wände mit Holz bekleidet waren, oder wohl richtiger mit einer Holzmasse, vielleicht als flüssiger Holzbrei aufgetragen, die dann erstarrte, trocknete, denn nirgends war eine Fuge zu sehen.

Jetzt aber waren die acht Fenster verschwunden. Auch sie waren mit Holz verkleidet. Obgleich früher nicht etwa Läden vorhanden gewesen. Und ich konnte auch nichts von den Fugen solcher Läden bemerken. Der ganze Raum war innen eine einzige, zusammenhängende Holzverkleidung. Die Liliputaner mußten da eine ganz besondere Holztechnik besitzen.

Sonst war es noch derselbe Raum. In der Mitte stand noch mein Bett, auf dem ich angekleidet lag, dort der Tisch und Stuhl, dort war die Marmorwanne, daneben das Becken.

Während meines Nachmittagsschläfchens, das wahrscheinlich durch ein narkotisches Mittel in dem Wein mit Absicht vertieft worden war, hatten die Zwerge den Tisch abgeräumt, hatten die Fenster geschlossen und dort die elektrische Glühbirne angebracht, die Drähte dahin gelegt.

Wozu dies?

Nun, ich würde es schon noch erleben.

Meine Uhr wies auf um drei. Freilich konnte ich wenn ich an einen Schlaftrunk dachte, ebenso gut vierzehn Stunden wie nur Zwei geschlafen haben, dann war es jetzt draußen noch Nacht.

Dies alles beobachtete und bedachte ich, während ich noch auf dem Bette lag.

Aufgestanden! Da, wie ich mich dabei mit der einen Hand abstützte, ergriff ich mit dieser Hand etwas, was neben mir auf dem Bett lag.

Ein Degen! In Scheide. Ein ganz merkwürdiger, prachtvoller Degen! Wie ihn ein türkischer Pascha tragen mag, wenn er einen geraden Degen dem krummen Säbel vorzieht.

Die Scheide aus Goldblech und Zwar mußte ich es für echt halten, was auch von den bunten Edelsteinen galt, mit denen die Scheide besetzt war. Golden und edelsteinbesetzt, auch der Griff, während die Kette, um die Waffe an den Gürtel zu hängen, wohl aus härterem Silber war.

Ich Zog die Klinge. Ein vorzüglicher Stahl, so weit ich das beurteilen konnte, jedenfalls haarscharf und spitz geschliffen. Ziseliert oder damasziert war er nicht, was bei solch einer wertvollen Waffe eigentlich auffallend war.

Weshalb hatte man diesen Degen neben mich gelegt?

Sollte ich etwa eine Fechtvorstellung geben?

Hatte dies schon mein Vorgänger tun müssen, war deshalb dieser Degen für ihn angefertigt worden? Weshalb da so überaus kostbar? Wenn das echtes Gold und echte Edelsteine waren, dann repräsentierte die Waffe für die Liliputaner ja einen ungeheuren Wert, der war für sie ja zehn Meter lang, die Steine müßten für sie die Größe von Kokosnüssen haben. Oder die Verhältnisse stimmten nicht mehr. Oder aber Gold und Edelsteine spielten hier keine Rolle.

Diese Untersuchung des Degens hatte ich schon im Stehen erledigt. Da man ihn mir doch gegeben hatte, das ich ihn für irgend einen Zweck benutzen sollte, hing ich ihn mit den Karabinerhaken der Kette gleich an meinen Gürtel, der die Hosenträger ersetzte, alles paßte ganz famos.

zunächst begab ich mich in die Kammer hinüber, da vielleicht die Fenster noch — Nein, auch hier hatten die beiden Fenster eine Holzverkleidung erhalten, auch hier brannte an der Wand eine elektrische Glühbirne. Sonst war alles beim Alten.

Zurück und die andere Tür probiert. Ich war schon überrascht, das sie sich wirklich öffnen ließ, mehr noch aber über das, was ich dann weiter sah.

Nämlich nicht mehr den umgitterten Hofraum, weder bei Tag noch bei Nacht.

Eine Tischlerei! Eine Hobelbank! Hobel und Sägen und anderes Werkzeug, dazu ein stattlicher Brettervorrat das nennt man doch wohl eine Tischlerei.

Dann aber dachte ich auch wieder an eine Schlosserei. Denn dort an einem anderen Werktisch ein Schraubstock, dort eine Bohrmaschine, dort eine kleine Hobelmaschine, beide mit elektrischem Antrieb, wie ich gleich erkannte, wie hier auch drei Glühbirnen leuchteten, und es gab noch andere, man brauchte sie nur anzudrehen.

Was war denn das?

Wie kam denn dieser geschlossene Raum mit Tischlerei und Schlosserei plötzlich hierher?

Plötzlich?

Hatte ich etwa tagelang oder gar wochenlang geschlafen, die Zwerge hatten unterdessen hier noch einen anderen Raum an das Haus geklebt, für mich darin eine Tischlerei und Schlosserei eingerichtet, in der ich mich praktisch betätigen sollte?

Ich fühlte keinen Hunger. Fühlte mich durchaus nicht entkräftet. Wenn ich nicht irrte, hatte ich Zwischen den Zähnen noch etwas von dem gebratenen Ochsen.

Nicht grübeln, Ewald! Weiter forschen!

Auch dieser Raum hatte auf der anderen Seite noch eine Zweite Tür.

Sie ließ sich öffnen, aber finster gähnte es mir entgegen. Nur schwach sah ich vor mir wieder eine Wand, die rund zu sein schien, weiter reichte das Licht der hinter mir befindlichen Glühbirnen nicht aus.

Doch dort auf einer großen Blechkiste, auf einem Holzgestell ruhend, stand eine Lampe. Nicht wieder solch eine Stallaterne, sondern eine recht handliche Lampe, die man sich mit einem Haken auch am Gürtel befestigen konnte.

Sie roch etwas nach Petroleum, oder auch der ganze große Blechkasten, der unten einen Hahn hatte, oben an der Seite einen Stöpsel, und als ich den entfernte, sah ich einen Spiegel schimmern, es war ein Petroleumtank. Doch der Behälter der Lampe selbst war noch mit Petroleum gefüllt.

Ein Taschenfeuerzeug hatte ich bei mir, ich entzündete sie.

Es war ein Tunnel mit runden Wänden, den die Lampe beleuchtete, und Zwar bestanden die Wände Zweifellos aus Zink.

Eine Zinkröhre von etwas mehr als Zwei Meter Durchmesser. Was in aller Welt wollten denn die Liliputaner mit der? Für sie mußte das ja ein Rohr von etwa Zwanzig Metern Durchmesser bedeuten!

Wir untertunneln jetzt ja besonders Flüsse und Ströme auch mit solchen enormen Röhren, aber Zwanzig Meter Durchmesser gibt es da nicht! Höchstens vier bis fünf.

Ich ging die Röhre entlang, vielleicht dreißig Schritte, da wurde sie durch eine eingelassene Wand versperrt. Sie war offenbar aus Holz, aber mit Blech benagelt, auch mit Eisenbändern belegt. Und dann besaß sie eine kleine Tür, mit zwei starken Riegeln aus Eisen versehen.

Ich zog sie ohne Schwierigkeit zurück, das Türchen drehte sich in Angeln — Licht schimmerte mir entgegen, allerdings ein sehr gedämpftes

Ich kroch durch das Türchen. Kaum einen Meter hoch, und kam einfach in die Fortsetzung der Zinkröhre hinein, hatte jetzt aber nur noch wenige Schritte zu tun, so hatte ich ihr Ende erreicht.

Ja, ins Freie mündete sie allerdings. Wenn man das eine »Freiheit« nennen durfte.

Schwer wird es mir ja, das zu schildern, was ich da alles sah und erlebte, was mir Kapitän Stevenbrock da - -

Doch ich will nicht vorgreifen. Vorausgesetzt, das es bei dem scharfsinnigen Leser nötig wäre.

Ich hatte über mir eine ebene Decke, noch etwa einen halben Meter von meinem Kopfe entfernt, und die ganze Decke war vielleicht fünfundzwanzig Meter lang und fünfzehn breit.

Anders kann ich es vorläufig nicht beschreiben, eben deshalb muß ich jetzt solche Maße in Zahlen angeben. Es wird bald schon noch deutlicher kommen.

Diese mächtige Decke war von Holz, von gewaltigen Brettern zusammengefügt, hier und da hing Bindfaden herab, recht schmutzig, als hätte er im rußigen Schornstein gehangen.

Der hölzerne Boden dagegen, auf dem ich stand, war ganz sauber.

Diese gewaltige Decke ruhte auf gewaltigen Pfeilern. Wenn Pfeiler da das richtige Wort ist. Es waren mehr viereckige Klötze, Holzquader, fast ebenso breit wie hoch, also mehr als Zwei Meter. An jeder Ecke stand einer, auf diesen ruhte die gewaltige Holzdecke. Ich als Ingenieur staunte ganz besonders über diese ungeheure Spannweite der Bretter oder Balken über mir. Mir ganz unbegreiflich.

Es herrschte also Dämmerlicht, das alles noch erkennen ließ, dort jenseits der Decke aber war es viel heller.

Ich schritt unter der Decke hin nach dem Rande.

Vorläufig sah ich nichts weiter als einige sehr dicke, meterdicke Pfeiler, die sich hier und da erhoben, deren Ende ich also unter der Decke hervor noch nicht absehen konnte.

Aber wie ward mir nun, als ich unter der Decke hervortrat!

Im Augenblick sah ich nur ein einziges, unerklärliches Etwas.

In einer ungeheuren Halle, gegen welche das Innere der größten Kirche oder eines Doms verschwindet, dort oben in mittlerer Höhe ein ungeheures Bild, dreißig Meter hoch und Zwanzig Meter breit, ein farbiges Gemälde, das Brustbild einer schönen Dame mit ausgeschnittener Büste, der Kopf allein so an die fünf Meter im Durchmesser, die Schulterbreite fünfzehn Meter, mit Augen wie die Wagenräder, jedes der Fingerchen, die einen Fächer hielten, anderthalb Meter lang.

Mehr sah ich nicht.

»Warte, da habe ich so’n Luder erwischt!«

So hatte eine menschliche Stimme gebrüllt. Gebrüllt wie der Kanonendonner einer ganzen Batterie. Aber als ob diese Batterie noch oben an einem Berge abgefeuert würde. Auch mit grollendem Gewitterdonner zu vergleichen. Also das Ohr nicht gerade beleidigend, die Trommelfelle nicht Zersprengend.

Und dabei war ich von hinten gepackt worden, gar nicht so sanft, gelbliche Riesengürtel umspannten meinen Leib, ich sauste durch die Luft, ich sah so etwas Ähnliches wie dort oben das Bild in Natura vor mir, und dann Ich kann es nicht beschreiben, mir war der Atem ausgegangen, ich war so halb und halb bewußtlos.

»Ei, da wird sich die allergnädigste Prinzessin aber freuen!«

Das hörte ich noch mit Donnerstimme rufen. Ich sah wohl auch noch das menschliche Ungetüm davonlaufen, durch ein Tor, das sich öffnete und wieder schloß, verschwinden, aber einen richtigen Eindruck hatte ich davon nicht bekommen.

Erst so nach und nach kam ich wieder zu mir.

Da saß ich mit gespreizten Beinen unter — ich will es gleich kurz machen — unter einem Wasserglase, das der Kerl einstweilen über mich gestülpt hatte. Innen anderthalb Meter weit und drei Meter hoch, die Glaswand entsprechend dick, vielleicht drei Zentimeter.

Oben darauf hatte er, falls meine Kraft doch ausreichte, das Riesenglas umzuwerfen, ein Buch gelegt, fünf Meter lang, vier Meter breit und einen Meter dick. Das mußte viele, viele Zentner wiegen, die konnte ich nicht liften, da mußte ich wohl unter meinem Wasserglase stecken bleiben.

Solcher Bücher lagen auf dem Tische noch mehrere herum. Denn auf einem Tische befand ich mich doch natürlich. Natürlich, sage ich. Das menschliche Ungeheuer hatte das Wasserglas doch nicht am Boden über mich gestülpt, hatte mich doch erst noch durch die Luft sausen lassen.

Also solcher Riesenbücher lagen noch mehrere auf dem Tisch, lauter Prachtexemplare, Salonausgaben mit Goldschnitt. Ich hätte die ungeheuren Buchstaben, die zum Teil auch außen ausgedrückt waren, die Titel, vielleicht auch entziffern können, aber für diese Bücher hatte ich jetzt kein Interesse.

Mehr für das mächtige Wasserbassin, was da in der Mitte der runden Scheibe stand, mindestens dreißig Meter im Durchmesser haltend, runder Salontisch genannt.

Dieses Wasserbassin hatte die Form eines Weißbierglases, aber eines solchen, das an einem schlanken Stiele ruht. Es war ein Goldfischglas, will ich gleich sagen. Aber was für eins! Und dementsprechend waren auch die drei Goldfische. Goldene Walfische. Doch nein, ich will nicht übertreiben — sie waren höchstens Zwei Meter lang. Und das genügt ja auch schon. Ich hätte in diesem Bassin kein Bad nehmen mögen. Soeben sperrte der eine den Rachen auf und verschluckte ein Ameisenei. Ich dachte aber erst, es wäre ein gelbes Hühnerei gewesen, ein Solei. Und diese Goldfischchen konnten noch etwas ganz anderes verschlucken. Ein Straußenei, eine große Kokosnuß, hätten mir also mit Bequemlichkeit auch beide Beine abknipsen können.

Dort unter jenem Schranke war ich hervorgekommen.

Denn ein Schrank war das gewesen, das wußte ich nun.

Ein fünfzig Meter hoher und entsprechend breiter Schrank mit Glastüren, und hinter diesen standen auf Regalen Nippfiguren, meist aus Porzellan.

Porzellanene Männchen, die größer als ich waren, und nun sonst die verschiedensten Figuren und Sachen, Tiere, die weit alles Irdische, für uns normale Körpermaßen übertreffen. Ein kleiner Mops so groß wie ein Ochse, und so alles dementsprechend.

Nebenbei will ich noch bemerken, das die schmutzigen Bindfaden und Stricke, die von jener Decke herabgehangen hatten, nichts anderes als Spinnweben gewesen waren. Der Boden konnte auch unter dem Schranke reinlich gehalten werden, nicht der untere Teil des Schrankbodens.

Diese Tischdecke, auf der auch ich saß, bestand aus einem überaus groben Gewebe, aus förmlichen Stricken, die quadratische Löcher bildeten, aber weich waren sie doch.

Zunächst wurde meine Aufmerksamkeit jetzt von einer Fliege gefesselt, die über die Tischdecke auf mich zugekrochen kam. Ja, es war eine Fliege, die da auf mein Glas zugekrochen kam, eine gewöhnliche Stubenfliege.

Wie groß ist eine Stubenfliege, was für Dimensionen hat sie? Ich habe noch keine mit dem Zollstock ausgemessen.

Na, sie mag fünf Millimeter hoch sein, will ich sagen, wenn sie aufgerichtet mit ihren sechs Beinen den Parademarsch macht.

Diese hier war beim Parademarsch mindestens Zehn Zentimeter hoch! Diese behaarten Beine! Und dieser Rüssel! Wie der sich in eine halbe Semmel versenkte, die dort als Krümelchen auf der Decke lag! Ich sah ganz deutlich den Tropfen, den sie aus dem Rüssel absonderte, um die harte Speise erst zu erweichen. Es war ein ganz ansehnlicher Wassertropfen.

Und dann kam ein anderes Insekt unter hörbarem Rauschen angeschwirrt, vor dem ich mich zu fürchten begann!

Unverkennbar eine Wespe. Aber was für eine! Wenn bei uns eine stattliche Wespe fünfundzwanzig Millimeter lang ist, so diese hier einen halben Meter! Diese Flügel! Diese Augen! Und dieser Stachel, den sie einmal zum Vorschein brachte! Den hätte ich ja nicht in meinen Bauch gebohrt haben mögen!

Als sie sich an mein Glas heftete, sprang ich erschrocken auf, dachte im Augenblick nicht an dieses uns trennende Glas, das außerordentlich fein geschliffen und daher durchsichtig war, ich dachte nur, die wollte mir etwas tun, Zog zur Verteidigung gleich mein Schwert.

Da erschrak wohl auch sie, das Biest schwirrte wieder davon.

»Nun, mein lieber Ebert, was sagen Sie denn nun zu dieser neuen Situation?« erklang da die mir wohlbekannte Stimme des Kapitäns.

zu sehen war er natürlich wiederum nicht.

Ich war von meinem ersten Schreck noch etwas atemlos.

»Kapitän, Herr Kapitän, machen Sie diesem Gaukelspiel ein Ende!«

»Wie, sprechen Sie im Ernst?«

»Ich bin wahrhaftig über diese schreckliche Wespe erschrocken!«

»Die kann Ihnen doch nichts tun, Sie stecken doch unter einem Glase.«

»Ja, aber werde ich auch immer unter diesem Glase stecken bleiben? Und denken Sie überhaupt, es ist mir sehr angenehm, hier unter solch einem Wasserglase zu stecken?«

»Sie werden schon bald aus Ihrem gläsernen Käfige befreit werden!« lachte der unsichtbare Kapitän.

»Und dann bin ich erst recht den Angriffen solcher Wespen und ähnlicher Ungeheuer ausgesetzt!«

»Da brauchen Sie keine Sorge zu haben, niemals wird Ihnen etwas Ernstliches passieren.«

»Sie können diese Gaukelei nach Belieben lenken?«

»Gaukelei?«

»Na dann meinetwegen. Ihre plastische Kinematographie. Sie ist ganz verdammt plastisch. Die können Sie nach Belieben arrangieren?«

»Ja, das kann ich. Also Sie wollen wirklich aufhören?«

»Nein, wenn’s so ist, dann nicht, dann mag das Spiel meinetwegen noch weiter gehen.«

»Wissen Sie, wo Sie sich jetzt befinden?«

»Als Gulliver im Lande der Riesen.«

»Erraten.«

»Dazu ist auch sehr wenig Scharfsinn nötig. Wollen Sie mir nicht auch für diese meine neue Situation eine kleine Einleitung geben?«

»Wohl, die können Sie haben. Sie sind wiederum nicht der erste Mäusemensch der nach Brobdingnag, dem Lande der Riesen, kommt, Sie haben sogar einige Vorgänger gehabt.

Vor einigen Jahren machten ein Dutzend deutscher Monteure von Hamburg aus, wo sie gemeinsam beschäftigt waren, eine gesellige Vergnügungsfahrt nach Helgoland, dort nahmen sie ein Segelboot zu einer kleinen Partie, wurden von Sturm und Strömung verschlagen, endlich erblickten sie eine Insel, wurden auf einen sandigen Strand getrieben, da kam ein menschlicher Riese von an die vierzig Meter Länge geschritten, und ehe die vollständig erschöpften Menschlein an eine Flucht denken konnten, waren sie sämtlich gehascht worden,

Der biedere Fischer brachte die Zwerglein in seiner Mütze nach dem Heimatdorfe, von dort kamen sie nach den mannigfaltigsten Abenteuern nach der nächsten Stadt, von dort nach der Residenz der König sah sie und kaufte sie dem letzten Besitzer ab, als lebendiges Spielzeug für seine Tochter Kunigunde.

Dadurch entgingen die Mäusemenschen, wie sie genannt wurden, dem traurigen Schicksale, Zeit ihres Lebens als Schauobjekte dienen zu müssen, wenn sie nicht schon vorher von ärztlichen Forschern tot oder gar lebendig seziert wurden.

Bei Ihrer Königlichen Hoheit, der Prinzessin Kunigunde, hatten sie es sehr gut. zu Spielereien wurden sie ja freilich auch benutzt, aber sie waren doch wenigstens vor Mißhandlungen geschützt.

Immerhin, die deutscher Monteure sannen ständig auf ihre Befreiung. Einer nach dem anderen entwischte bei der ersten besten Gelegenheit. Verstecke gab es ja in diesem Palaste genug, wo sie sich häuslich einrichten konnten, ohne entdeckt zu werden. Vor einem Vierteljahre gelang es dem letzten, seinem Puppenhause zu entfliehen.

Die kleine Prinzessin Kunigunde war untröstlich auch über diesen letzten Verlust, hat sich aber eben fügen müssen. Vergebens hat man die genialsten Mäuse— und Rattenfallen aufgestellt, keiner der Mäusemenschen ist hineingegangen. Nun wird sie hocherfreut sein, das ein Lakai solch einen kleinen Flüchtling wieder gefangen hat. Der Diener sah ihn unter jenem Schranke dort vortreten, griff schnell zu und erwischte ihn gerade bei den Rockfittigen.

Sie sind Zwar ein anderer, ein ganz neuer Mäusemensch, aber so genau kommt es hier nicht darauf an, so genau ist keiner unter das Vergrößerungsglas genommen worden. Sie sind einer von denen, die zuerst entflohen waren, und das ist nun schon drei Jahre her. So, ich glaube, diese Einleitung dürfte Ihnen genügen.«

»Ich hätte doch noch einiges zu fragen?« meinte ich.

»Bitte sehr.«

»Was waren denn das vorhin für Wohnräume und Werkstätten, in denen ich mich zuerst befand.

»Das waren ursprünglich Löcher, welche ein Rattenehepaar in den Balken hineingefressen hatte. Die Monteure, die sich nach und nach zusammenfanden, vertrieben die vierbeinigen Hausbesitzer, ebneten die Wände, richteten sich darin wohnlich ein.«

»Und die Werkstätten?«

»Es waren Monteure, geschickte Menschen, die in Holz und Eisen zu arbeiten verstehen, ich habe es Ihnen doch schon gesagt.«

»Ja, aber die Hobelmaschine, die Bohrmaschine?«

»Haben Sie noch nicht solche Maschinen als niedliches Kinderspielzeug gesehen? Von einem kleinen Motor getrieben? Prinzeß Kunigunde hatte einen Bruder. Er ist gestorben. Dieser Knabe interessierte sich für solche mechanische Spielereien. Die Monteure fanden diese Sachen in der Kinderspielstube, haben die Maschinen, die sie brauchbar fanden, auseinandergenommen und in ihren Werkstätten wieder aufgebaut.«

»Aha, ahaaa!« machte ich, denn ich mußte diese erklärende Phantasie wirklich bewundern. »Aus dieser Kinderspielstube stammen wohl auch die elektrischen Glühbirnen?«

»Ganz Gewiß. Für diese Riesen sind sie ja nur erbsengroß. Aber haben Sie nicht auch in Ihrer Heimat solche winzige Dingerchen gesehen? Für Kinderpuppenstuben und dergleichen. Natürlich nur für bessere Puppenstuben. Sie sind hier aber doch im Palaste des Königs, Ihre Königliche Hoheit, die Erbprinzessin Kunigunde hat doch keine ordinären Puppenstuben. Alles elektrisch erleuchtet.«

»Ahaaa! Und diese Mäusemenschen haben in dem ehemaligen Rattenloche einen Anschluß an die elektrische Leitung gefunden!«

»Na selbstverständlich, das ist doch ganz einfach. Es ist nur die Klingelleitung gewesen, die sie in der Nähe fanden, aber diese elektrische Kraft genügte schon vollkommen, um auch ihre Maschinen zu treiben. Was sie sonst dazu brauchten, fertigten sie sich selbst, es waren doch Monteure.«

»So haben sie sich auch diesen kostbaren Degen gefertigt?«

»O nein. Das war ursprünglich ein Zigarrenspitzenabschneider, den seine Majestät der König als Anhänger an der Uhrkette trug. Prinzeß Kunigunde bettelte das Dingelchen dem Papa ab, benutzte es als Nagelputzinstrument. Bis sie dann einen Mäusemenschen mit dieser Waffe umgürtete. Der ist ihr dann mit dem Zigarrenabschneider durch die Lappen gegangen.«

»Ahaaaa!« lachte ich, immer mehr amüsiert. »Und was war denn das für eine Zinkröhre, die ich zuletzt passierte?«

»Keine Zinkröhre, sondern ein Eisenblechrohr, nur innen und außen verzinkt. Das ist eine der Röhren von der ehemaligen Ventilationsanlage, mit der dieser ganze Palast durchzogen ist. Sie hat sich als unbrauchbar erwiesen. Aber entfernt können die Rohre nicht wieder werden. Oder man müßte den ganzen Palast einreisen. So haben die Mäusemenschen die schönste Gelegenheit gehabt, sich ungesehen in allen Räumen zu verbreiten. Die Rohre münden meistenteils unter Möbeln, viele auch ins Freie, dicht über dem Boden, so das sich die Flüchtlinge auch draußen im Freien ergehen konnten.«

»Weshalb hatten sie die mit Blech benagelte Holzwand in der Röhre angebracht?«

»Sie können wirklich noch fragen?«

»Um sich vor dem Eindringen von Mäusen und Ratten und anderer gefährlicher Raubtiere zu schützen.«

»Ahem, o scharfsinniger Mann!« bestätigte der Kapitän.

»Und wo sind denn meine Vorgänger geblieben?«

»Ja, Du lieber Gott, die haben sich so nach und nach verkrümelt, sind verloren gegangen. Der eine wurde von einer Katze gefressen, der andere fiel im heldenmütigen Kampfe mit einer bissigen Ratte, ein dritter fand ein weniger rühmliches Ende, eine Kohlenschaufel fiel um und Zerschmetterte ihn, ein vierter wurde von einem der Riesen Zertreten, ohne das der etwas davon gemerkt hatte, ein fünfter kletterte auf eine Fußbank, stürzte herab und brach das Genick, der sechste wurde, als er sich draußen im Garten erging, von einer Ente verschluckt — und so sind sie eben alle nach und nach verschwunden.«

»Sooso! Und solch ein Schicksal wird hier auch mein Los werden.«

»Nein, Herr Ebert, seien Sie versichert, Sie werden immer beschützt — —«

»Ich glaube es schon, ich glaube schon!« durfte ich hier den Kapitän einmal unterbrechen, was es ja an Bord seines Schiffes und auch sonst ja nun freilich nicht gab.

»Ja und doch, möchten Sie nicht einmal in gefährliche Lagen kommen, um ein bisschen das Gruseln zu erlernen?«

»Na, wenn es nicht gar zu schlimm wird — —«

»Ich werde Ihnen ein Mittel in die Hand geben, mit dem Sie jederzeit dieser plastischen Kinomatographie, diesem ganzen Spiele ein Ende machen können.«

»Was für ein Mittel ist das?«

»Nicht in die Hand, sondern in den Mund will ich Ihnen geben, noch mehr ins Gehirn. Sobald Sie entschlossen sagen: aufhören! — dann ist das Spiel aus. Also nicht, wenn Sie dieses Wort »aufhören« zufällig einmal aussprechen. Sie müssen es mit Nachdruck sagen, um sich aus einer Gefahr zu befreien. Oder wenn Sie sonst genug von der Geschichte haben. Aufhören! Dann ist’s vorbei.«

»Ich verstehe schon. Und was ist dann? Wo bin ich dann?«

»Das werden Sie dann schon sehen. Dann erhalten Sie auch für alles eine vollständige Erklärung. Sobald können Sie dann freilich nicht wieder in dieses Wunderland geschickt werden. Also seien Sie vorsichtig mit Ihrem Zauberwort.«

»Gut, ich werde es sein. Sind jetzt noch einige Fragen gestattet?«

»Gewiß.«

»Hier ist wohl alles in Zwanzigfacher Vergrößerung vorhanden.«

»Ja, so ungefähr. Nehmen Sie diesen Maßstab nur an, alles Zwanzigmal vergrößert. Wollen Sie vielleicht auch noch Ihr Vergrößerungsglas haben?«(

»Nein, das habe ich hier nicht nötig!« lachte ich. »Und diese Riesen sprechen Deutsch?«

»Jawohl ja, ei freilich und Gewiß doch — Deutsch ist hier die Landessprache. Da haben Sie den Vorteil, das Sie diese Riesen auch verstehen können. An ihr Donnern werden Sie sich schon nach und nach gewöhnen. Und die Erbprinzessin Kunigunde ist ein reizendes Mädchen von Zwölf Jahren mit nur dreißig Meter Länge, auch sonst ein sehr gutmütiges, artiges Kind, reist keiner Fliege ein Bein aus, also auch Ihnen nicht.«

»Ich werde auch hier nicht als richtiger Mensch betrachtet?«

»Na, Sie wollen doch nicht etwa sagen, das Sie mit Ihren Zehn Zentimetern ein richtiger Mensch sind! Sie sind eine menschenähnliche Maus, die aufrecht auf den Hinterpfoten geht. Und diese fremde Mäuseart bekleidet sich auch. Nichts weiter. Oder meinetwegen sind Sie auch ein winziger Zwergaffe. Aber sicher kein richtiger Mensch, das schlagen Sie sich nur ganz aus dem Kopfe.«

»Und die Riesen verstehen auch mich?«

»Nein! Da verlangen Sie zu viel! Ihr fistliges Mäusegepiepse ist für diese Riesen unverständlich. Man hat es bei Ihren Vorgängern mit Hörrohren und dergleichen versucht, aber alles war vergeblich. Doch da fällt mir noch etwas ein, Herr Ebert. Man wird versuchen, sich mit Ihnen in anderer Weise in sprachliche Unterhaltung zu setzen. Bei Ihren Vorgängern hat man nicht daran gedacht, erst hinterher fiel es einem genialen Manne ein. In welcher Weise? Nun genau so, wie es die Spiritisten machen, wenn sie den Tisch klopfen lassen. Wie Sie ja auch Ihre Kugel zum sprechen bringen wollten. Einmaliges Klopfen ist ein Nein, dreimaliges ein Ja. So kann man auch das ganze Alphabet klopfen, noch einfacher ist das Morsen, die Telegraphensprache Nun aber versprechen Sie mir eines: ja und nein sollen Sie antworten dürfen. Aber niemals eine richtige Frage oder Antwort klopfen.«

»Weshalb nicht?«

»Das lassen Sie nur meine Sache sein. Oder ich will es Ihnen sagen, weshalb nicht: Weil Sie mit solch einer Unterhaltung sonst niemals fertig werden, und dann werden Sie vor eine gelehrte Kommission gezogen, und Sie werden erklären und erklären müssen, und für diese Riesen ist es doch nur ganz unverständliches Zeug. Verstehen Sie?«

»Ich verstehe.«

»Also nur Ja oder Nein antworten.«

»Ich gehorche.«

»Sonst noch eine Frage?«

»Nicht das ich gleich wüste.«

»Dann verlasse ich Sie jetzt wieder. Ich schwebe als unsichtbarer Schutzengel um Sie herum, und wenn es notwendig ist, werde ich mich auch wieder melden. Mooin, Herr Ebert. Amüsieren Sie sich gut.«

Ich stand unter meinem Wasserglase. An Luft mangelte es mir nicht, durch die großen Quadratlöcher der Tischdecke, so fein diese auch gewebt der gewirkt sein mochte, kam unter den Glasrändern genug durch.

So hielt ich weitere Umschau, will aber nicht etwa die Einrichtung dieses Zimmers beschreiben. Ein feiner Salon, alles wie bei uns, nur eben alles in Zwanzigfacher Vergrößerung.

Die Goldfische interessierten mich noch immer, desgleichen andere Fliegen, die ich beobachtete, eine Mücke, von der ich nicht gestochen sein mochte, die hätte mir gleich einen Liter Blut abgezapft und eine faustgroße Beule hinterlassen, und dort am Boden kroch eine Ameise, die wohl auch einmal in einem königlichen Residenzschlosse vorkommen kann. Das Vieh war mindestens Zehn Zentimeter lang und gehörte auch noch zur kleinsten Sorte, schleppte zwischen seinen Zangen etwas davon, das ich für einen normalen Ziegenkäse zu halten geneigt war.

Schmetternde Glockentöne erschreckten mich. Eine gewaltige Kirchturmglocke mußte es sein, welche loslegte. Erst dreimal, dann in einem etwas helleren Klange viermal.

Aha, das war dort die Wanduhr gewesen! Mit drei und vier Metern langen Zeigern. Also dreiviertel vier! Das heißt, dieses Schlagwerk gefiel mir gar nicht! Und mit Grausen dachte ich schon daran, wenn hier einmal die elektrische Klingel schrillte, und der Gerufene wollte nicht gleich kommen, und es würde immer wieder geklingelt — na, das konnte ja ein schöner Spektakel werden!

Ich sollte es denn auch erleben, mich aber auch sehr bald daran gewöhnen. Als ich selbst zu brüllen anfing, dabei glaubend, ganz normal zu sprechen.

Und jetzt begannen solche Stimmen zu donnern, wohl in einem Nebenzimmer, dessen Tür offen stand.

»Also die Ursula, die Zofe, hat doch recht gehabt, als sie neulich erzählte sie hätte wieder eine Menschenmaus am Boden huschen sehen.«

»Ja natürlich, mir hat ja so’n Luder erst gestern wieder ein großes Loch in den Käse gefressen!«

Oho! Wenn alle meine Vorgänger schon längst tot waren, dann hätte doch nur ich dieses »Luder« sein können. Und ich hatte kein Loch in einen Käse gefressen.

»weiß es denn schon Majestät, das Johann so ein kleines Vieh gefangen hat?«

»Na, die Prinzeß wird sich ja nicht schlecht freuen.«

»Ach Gott, ach Gott, nun fängt der Trödel mit der Menschenmaus schon wieder an, egal aufpassen und egal aufpassen!«

»Na, ich trete das Vieh bei der ersten Gelegenheit tot.«

»Jawohl, wagts nur!«

»Na natürlich nicht so offen. Da hat man schon einmal eine Gelegenheit — ein schneller Griff, ich stecke das Tierchen in die Tasche — und dann schmeiß ich’s in den Abtritt.«

Oho, oho! Da mußte ich aber aufpassen, um rechtzeitig rufen zu können: aufhören!

»Still, sie kommen!«

Ja, da kamen sie.

Vorneweg ein liebreizendes Mädchen in weisem Spitzenkleidchen mit Wadenstrümpfchen. Natürlich Ihre Königliche Hoheit, die Erbprinzessin Kunigunde. Sie war nicht eben sehr groß für ihre Zwölf Jahre, kaum dreißig Meter. Ebenso Zierlich war alles an ihr. Der Mittelfinger ihres Händchens war höchstens einen Meter lang. Dafür war sie Ziemlich dick. Den Umfang ihrer Wade taxierte ich auf Zwei Meter.

»Ach Du allerliebstes Mäuschen, habe ich Dich endlich wieder!«

So brüllte sie mich unter meinem Wasserglase donnernd an.

Natürlich jubelnd.

Aber ich jubelte nicht mit.

Mir ward recht ängstlich zumute.

Besonders da sich nun auch erwachsene Herren und Damen um den Tisch gruppierten, ihre Riesenköpfe dem Glase näherten und mich unter Klemmer und Brillen und Lorgnetten nahmen.

»Das ist der mit meinem Zigarrenabschneider.«

»Nein, Papa, das ist ein anderer. Die Menschenmaus, die den Degen trug, hatte einen Vollbart und schwarze Augen. Ich glaube, das hier ist Dolling. Die hatte so ein reizendes Mäulchen.«

»Na, ich bin nur froh, das ich meinen Zigarrenabschneider wieder habe!« sagte der vorige Sprecher, der also doch sicher Seine Majestät der König war. Er trug, wenn ich mich nicht irrte, eine Husarenuniform. Er stieß bei seiner Tochter wiederum auf Widerspruch.

»Deinen Zigarrenabschneider, Papa? Das ist doch mein Nagelmesserchen, Papa!«

»Aber Kind, liebe Kunigunde, ich sage Dir — —«

»Du hast gar nichts zu sagen, Papa.«

Na, dann war’s ja gut. Wenn die meine Herrin wurde, dann stand ich hier auch noch über’n König.

»Aber das Mäuschen kann doch nicht unter dem Glase bleiben, das erstickt ja!« begann dann die kleine Prinzeß zu jammern. »Wo ist der Vogelbauer! Das Puppenhaus meine ich! Das letzte, das schönste, das mit den automatischen Futternäpfchen! Schnell her!«

Schon wurde es von einem Diener gebracht. Es war ein recht stattliches Puppenhaus. Acht Meter lang, sechs Meter breit und wieder acht Meter hoch.

In der Hand dieses Dieners, der es oben an einem Henkel trug, war es aber doch nichts weiter als ein mittlerer Vogelbauer, vierzig Zentimeter lang, dreißig breit und vierzig hoch.

Ich will meine zukünftige Wohnung gleich etwas näher beschreiben, wenn auch nur vorläufig, was ich so beim ersten Hinsehen erblickte.

Alle Wände bestanden aus Glas, auch die inneren.

Es gab eine untere und eine obere Etage. Die untere hatte drei Abteilungen, und Zwar ein Schlafzimmer, ein Badezimmer und eine Toilette, oben war der Salon und ein Speisezimmer. Alles mit Puppenmöbeln behaglich und sogar prachtvoll ausgestattet. Das heißt mit Puppenmöbeln in den Augen dieser vierzig Meter langen Riesen. Für mich waren es ganz richtige Möbeln. Sehr geschickte Puppenmöbelarbeiter und Feinmechaniker und andere Bastelbrüder mußten dies alles angefertigt haben. Aber das es meine Vorgänger nicht selbst getan, das war doch gleich zu merken. Einiges war doch viel zu grob ausgefallen. So zum Beispiel waren Vergoldungen viel zu stark gemacht worden, aufgetragene Bronze bildete unförmliche, rauhe Schichten.

Die fünfzehn Zentimeter starken Glasplatten hatte ich auch mit einem Hammer nicht einbauen können, von einem Aufbeben gar keine Rede. Innen die Zwischenwände waren etwas dünner, in der Mitte waren Türen aus Holz eingelassen. Erste und Zweite Etage waren durch eine Treppe verbunden, sogar teppichbelegt.

Ehe ich aber diese meine Wohnung beziehen konnte, mußte ich unter dem Wasserglase hervorgeholt werden, und dazu war große Vorsicht nötig.

»Das er nur nicht wieder auskneift! Wehe, wenn Ihr ihn entwischen last!«

So sagte die kleine Prinzessin, die hier unbedingt das Kommando führte, und auch der königliche Papa war behilflich, mit seinen Händen um mich herum eine Zwei Meter hohe Mauer zu bilden, so wie alle die anderen Herren und Damen, die den Tisch umstanden.

Die Prinzessin selbst hob vorsichtig mit der einen Hand das Wasserglas, erst nur an einer Seite, mit der anderen Hand nahm sie Gewissermaßen, nachdem sie die Finger etwas angeleckt hatte, einen Anlauf, griff schnell zu schwupp, hatte sie mich erwischt! Sie griff nicht gerade derb zu, aber doch ganz sicher.

»Ach, Du allerliebstes kleines Viehchen! Na nun komm wieder in Dein Häuschen! Und Du reist mir nicht wieder aus, gelt? Nein, diesmal will ich schon aufpassen.«

Mit diesen Worten hatte sie oben an meinem Hause eine Klappe aufgemacht, setzte mich hinein in die gute Stube, und Zwar so, das ich dabei auf allen Vieren zu liegen kam.

Aber ich blieb nicht lange so liegen, sondern Zeigte, das ich ein Zweibeiniges Wesen war, und da ich nun schon meinen Schreck überwunden hatte, Zog ich gleich meinen Hut, schwenkte ihn nach allen Seiten und machte meine Bücklinge.

»Es war allerdings etwas Galgenhumor dabei, der aber nicht seinen Zweck verfehlte.

»Ach, das ist ja allerliebst!« donnerten gleich Zwei Damen und ein Herr los. »So possierlich waren diese Mäuschen doch früher nicht?«

Aber die kleine Prinzessin gönnte diesen Anblick den anderen nicht lange, sie wollte mich ganz allein haben, faste oben den Henkel meines Hauses und eilte mit ihm hinaus.

Da dieser Henkel beweglich war, sie nur einen Finger hindurchgesteckt hatte, so blieb mein Haus ja Ziemlich in der Balance, aber doch nicht ganz, es schaukelte doch etwas hin und her, und die Folge war, das ein großer Kleiderschrank umfiel, der, wahrscheinlich gefüllt, sehr schwer sein mußte, es gab einen mächtigen Krach, wäre ich nicht schnell zur Seite gesprungen, so hätte er mich Zerschmettern können, und Zwei Lehnstühle und ein runder Tisch, deren Füße mit Rollen versehen waren, bekamen den Veitstanz.

Doch da ward mein Puppenhaus schon wieder auf einen Tisch gesetzt. Es war ein privates Zimmer der kleinen Prinzeß, in dem ich mich jetzt befand.

»Ach Du allerliebstes kleines Mäuschen, das ich Dich endlich wieder habe!« ging es dann wieder los.

Ich fasse die folgenden vier Tage summarisch zusammen.

Die kleine Riesenprinzessin, die nichts weiter zu tun zu haben schien oder in ihrer Erziehung jetzt Ferien hatte oder die einfach machte, was sie wollte, spielte mit mir wie mit einer kleinen Puppe, die auch noch den Vorzug hatte, ganz richtig lebendig zu sein.

In meine Glaswohnung kam ich gar nicht mehr hinein. Täglich kleidete sie mich einige Dutzend Male aus und an, Anzüge und phantastische Kostüme waren von meinen Vorgängern, die sicher ebenso behandelt werden, noch massenhaft vorhanden, von Puppenschneiderinnen gefertigt, oder sie schneiderte selbst für mich, was freilich auch danach ausfiel, badete mich aller drei Stunden als Nackfrosch, dann steckte sie mich in ein Wickelbett, trug mich auf dem Arme herum und sang Wiegenlieder, oder ich kam auch in eine wirkliche Wiege hinein, oder sie fuhr mich in einem Kinderwägelchen herum, dann wurde ich von ihr gefüttert, wozu sie mit Vorliebe selbst auf einem Spiritusofen kochte und briet, und so ähnlich weiter und weiter.

Und des Nachts? Da kam ich noch immer nicht in mein Puppenhaus hinein. Da nahm die kleine Prinzessin mich mit zu sich ins Bett. Aber mit der nötigen Vorsicht. Da schnallte sie mir erst einen Stahlgürtel um den Leib, wohl schmiegsam, weil aus Schuppen bestehend, aber für mich unzerbrechlich, an diesen kam eine für mich ganz gewaltige Stahlkette und diese befestigte sie an ein silbernes, unabstreifbares Armband. So mußte ich neben ihr schlafen, oft in die Gefahr kommend, zu ersticken oder erdrückt zu werden. Und am frühen Morgen ging gleich wieder die Baderei los. Wenn sie mich nicht mit in ihre eigene Badewanne nahm. Wobei zu bedenken ist, das dieses »Kind« eine Höhe von 30 Metern hatte. Das ist dann für uns kein Mensch mehr.

Am ersten Tage amüsierte ich mich köstlich, am Zweiten Tage wurde ich die Sache gewohnt, am dritten fing ich mich an zu langweilen, diese Spielerei bereitete mir schon Unbehagen, und am vierten Tage dachte ich ernstlich daran, ob ich nicht das Wort »Aufhören!« aussprechen solle.

Aber ich zog es vor, an eine Flucht zu denken.

Denn jetzt begriff ich, weshalb alle meine Vorgänger geflohen waren. Trotz dieser ausgezeichneten Behandlung, die eben doch ihren Haken hatte. Wenn sie mich wenigstens richtig hätte essen lassen, von eigenen Tellern, mit eigenem Messer und eigener Gabel, was ja alles vorhanden war. Aber ich war eine Puppe, oder ein Baby, das gefüttert werden mußte. Und so ähnlich hatte sie es doch wahrscheinlich mit allen meinen Vorgängern gehalten, und als einer nach dem anderen ausgekniffen war, hatte sie die letzten doch nur immer sorgsamer behütet.

Zu der vom Kapitän angesagten Unterhaltung durch Klopfen oder andere Zeichen kam es nicht. Dieser Plan mochte von anderen ausgegangen sein, die kleine Prinzessin dachte nicht an so etwas, mir auch nur ein Ja oder Nein abzufordern. Ich war für sie ein Püppchen, ein Zwerghaftes Baby, und das hat nicht mit Ja und Nein zu antworten, das hat sein Mäulchen zu halten, wenn es artig sein will, hat sich alle Liebkosungen gefallen zu lassen.

Wohl kam manchmal der königliche Papa — die Mama schien nicht mehr zu leben — auch andere Herren und Damen fanden sich ein, aber selten, und die stellten auch keine Fragen an mich, und die kleine Prinzessin, die hier allein das Szepter führte, wußte sie immer schnell genug wieder hinaus zu expedieren, den Herrn Papa nicht ausgeschlossen.

Einer der Besucher schien einmal deswegen mit mir anfangen zu wollen.

Es war ein alter Herr mit weisem Vollbart und goldener Brille, durch die er mich angelegentlich betrachtete.

»Ich glaube doch, das ist ein richtiges menschliches Wesen, mit dem man sich unterhalten kann, man muß es nur irgendwie zum Sprechen bringen.«

»Wie soll denn so ein winziges Baby schon sprechen können!« sagte die Prinzessin gekränkt.

»Nun, nicht ein sprachliches Sprechen, wir müssen Zeichen ausmachen, ich glaube, diese Menschenmaus versteht uns —«

»Machen Sie, das Sie hinauskommen, Herr Geheimrat, Sie wollen mein Püppchen doch nur schlachten wie Ihre Kaninchen und Meerschweinchen!«

So rief die Prinzessin und schob den alten Herrn einfach hinaus, entließ auch gleich alle anderen.

Aber auch sonst hatte das zwölfjährige Mädchen sehr wenig Phantasie. Sie hätte doch unter eine größere Glasglocke Fliegen und andere Insekten sperren können, auch kleine Vögelchen und Mäuse, auf die ich eine Jagd veranstalten mußte mit Schwert und Spieß, einen Bogen und Pfeile hätte ich mir selbst anfertigen können.

Nun, dazu mochte das Kind zu gutherzig sein, um an solcher blutigen Jägerei und Schlächterei Gefallen zu finden, oder es war zu besorgt um mich, aber da gab es doch schließlich noch anderes, was auch mich ergötzt hätte, wenigstens anfangs.

So zum Beispiel fertigte sich Gulliver ein Boot, oder es wurde ihm eins gefertigt, es wurde auf eine große Schüssel mit Wasser gesetzt, da mußte er rudern und segeln, Diener bliesen dazu den Wind, mit vollen Backen Sturm, und was gab es da noch alles zu erfinden!

Aber Prinzeß Kunigunde erfand nichts. Nicht einmal, das sie, wenn sie in der Badewanne saß, auf den Gedanken kam, eine Wallnusschale oder ein Näpfchen schwimmen zu lassen und mich hineinzusetzen. Wenn sie mich in der Badewanne einmal aus der Hand geben mußte, so schlang sie vorher meine Kette um den Wasserhahn oder befestigte sie sonstwo sorgfältig. Sie war in steter Sorge, das auch ich entwischen könnte, und sonst also war ich das Püppchen, das sie bemutterte.

Am vierten Tage, als sie mir wieder mit dem Löffel einen selbstgekochten Schlangenfraß in den Mund stopfte, dann hinterher mächtige Stücke von einem selbstgebackenen Kuchen, außen verbrannt und innen noch ganz schliffig, entstand in mir der feste Entschluß, entweder das magische Erlösungswort auszusprechen oder von hier zu entfliehen.

Nach kurzer Überlegung zog ich das Letztere vor. Mir selbst kam es wie Feigheit vor, das Zauberwort zu benutzen, weil es mir nicht mehr gefiel, mich als Püppchen im Wickelbett füttern und als Nackfrosch baden zu lassen, der Kapitän hätte mich doch nur ausgelacht, ich hörte alle die anderen lachen, die doch sicher darum wußten.

Also durch eigene Kraft wollte ich mich befreien.

Aber eine Flucht von hier war gar nicht so einfach.

Die Prinzessin hatte meinetwegen neben ihren Gemächern ein besonderes Zimmer einräumen oder vielmehr ausräumen lassen. Es war bis auf einen großen Tisch vollkommen leer. Kein Mauseloch war vorhanden, darum handelte es sich ja eben. Aber ich konnte ja schon von der Tischplatte, die für gewöhnlich mein ständiger Aufenthalt war, gar nicht herunter kommen. Wenn bei uns ein normaler Tisch ungefähr eine Höhe von 75 Zentimeter hat, so war dieser bei Zwanzigfacher Vergrößerung 15 Meter hoch. Da kann man doch nicht herabspringen, ohne alle Knochen zu brechen. Eines der Tischbeine war nicht zu erreichen, und es hätte mir auch nichts genützt, ich konnte nicht daran hinabgleiten, konnte es ja nicht einmal mit ausgebreiteten Armen umspannen.

Und wenn es mir nun einmal gelang, den Boden zu erreichen, vielleicht indem ich an dem Kleide oder an einem langen Bande meiner Herrin herabglitt, was dann? Es gab kein Löchelchen in dem nackten Raume. Das Fenster war immer geschlossen, und da eine Gardine fehlte, konnte ich doch überhaupt gar nicht hinaus auf das Fensterbrett. Die einzige Tür war immer geschlossen. Also ich wäre einfach am Boden wieder gehascht worden. Und außerdem: wenn die Prinzessin mich einmal auf dem Tische allein lassen mußte, dann setzte sie regelmäßig über mich wieder eine schwere Glasglocke die ich überhaupt gar nicht liften konnte, sorgte unten nur für etwas Luftzufuhr. Und des Nachts in ihrem Bett lag ich wie gesagt an der Kette.

Der fünfte Tag war angebrochen.

Meine erste Toilette war beendet, ich war auf den Tisch gekommen, auf dem es bunt genug aussah, aber alles nichts für mich d. h. nichts, was mir zur Flucht hätte dienen können. Die Prinzessin, immer im Stehen, hoste mich schon wieder aus, Zog mir eine Husarenuniform an. Die paßte ja nicht gerade für einen Säugling, der noch nicht sprechen kann, andererseits aber war ich doch wieder ein Püppchen, das solche Uniformen schon verträgt. zu dieser gehörte auch der Zigarrenabschneiderdegen

»So, mein Püppchen, nun will ich Dir erst Dein Morgensüppchen kochen, nicht wahr?«

Und sie begann, mit dem höllischen Spiritusofen zu hantieren, für sie winzige Kesselchen mit Wasser aufsetzend, Mehl und Hirse und Salz und Zucker einem Puppenkolonialwarenladen entnehmend, auch auf einer Puppenwage abwiegend, wie es eben Kinder tun. Für mich war das alles natürlich in richtiger Größe vorhanden. Doch das brauche ich wohl nicht immer wieder zu erwähnen.

Mit verbissenem Gesicht schaute ich ihr zu.

Was die da zusammenbraute, angebrannt und total versalzen und verzuckert, das wurde mir schwertumgürtetem Husarenoffizier dann mit dem Löffel in den Mund gepfropft, und wenn ich nicht schnell genug schluckte, dann stopfte sie mit ihrem Kinderfingerchen von einem Meter Länge und 20 Zentimeter Dicke nach. Mir immer in den Rachen hinein. Aus lauter Liebe. Weil sie dachte, so könnte ich besser schlucken. Weil man es so eben mit kleinen Kindern macht. Ich wartete schon immer darauf, das sie es auch einmal mit einer regelrechten Amme versuchte.

»Ach, da ist ja schon wieder der Zucker alle! Kindchen, Kindchen, was brauchst Du kleines Leckermäulchen doch für viel Zucker!«

Ehe sie mit der leeren Kommodenschublade hinausging, um den gottverdammten Zucker von irgendwo selbst zu holen, deckte sie natürlich die bewußte Käseglocke über mich, nicht vergessend, durch Unterlagen einiger Kissen für Ventilation zu sorgen, ebensowenig dann aber vergessend, draußen die Tür zuzuschließen. Den ungeheuren Schlüssel hatte sie immer an einer Ochsenkette um den Hals hängen.

Wie denn nur von hier fortkommen?

Gar nichts zu machen.

Ja, dort lag Zwirn und Garn, für mich Bindfaden und Stricke, ich wollte schon solch einen langen Strick irgendwo befestigen und mich dann herablassen, wenn sie dann die Tür öffnete, wischte ich durch, drüben gab es genug Möbel, unter denen ich mich verstecken konnte ja, wenn ich nur erst unter der Käseglocke hervor gewesen wäre!

Nein, es war keine gewöhnliches Käseglocke. Sondern das Glasgehäuse für eine Standuhr. Um so schlimmer für mich. Innen sechs Meter im Durchmesser, Zehn Meter hoch, das Glas zwölf Zentimeter dick, oben noch eine mächtige Glaskugel als Griff darauf — gar kein Gedanke daran, das ich diese Last hätte heben oder auch nur verrücken können, auch mit einem Hebebaum nicht! Das wußte sogar dieses unerfahrene Kind. Sonst hätte sie die Glasglocke doch noch irgendwie beschwert.

Mit dem Kissen hatte meine Herrin zufällig auch einen Dolch unter die Glocke geschoben. Solches Zeug lag genug auf dem Tische herum, das 25 Zentimeter lange Messer hatte für sie ja noch nicht einmal eine kleine Stecknadel zu bedeuten. Für mich aber auch nichts. Nur so in Gedanken hob ich das Ding auf und betrachtete es.

Also es war ein Dolch, die Klinge 20 Zentimeter lang, mit einem Elfenbeingriff in einer blechgefütterten Lederscheide steckend.

Für diese Riesen eine wunderbar feine Präzisionsarbeit. Aber wir haben ja auch winzige Instrumente für Chirurgen, oder man betrachte die Werkzeuge eines Uhrmachers, diese kaum sichtbaren Schräubchen müssen doch erst geschnitten werden!

Da, wie ich diesen Dolch noch so betrachte, ganz achtlos, rasselte im Türschloß schon wieder der Schlüssel.

Die Tür öffnete sich, herein kam — nicht die Prinzessin!

Übrigens war mir gleich aufgefallen, das der Schlüssel recht behutsam ins Schloß gesteckt und umgedreht worden war, aber bei solchen Dimensionen geht es doch nicht ohne Rasselei ab.

Der weißbärtige Herr Geheimrat mit der goldenen Brille war es, der eintrat!

Recht auffallend, recht scheu.

Lange konnte ich ihm auch nicht beobachten.

Ein großer Schritt nach dem Tische hin, mit der linken Hand ein Griff nach dem Knopfe der Glasglocke, sie hochgehoben, mit der rechten Hand nach mir selbst gegriffen, ich war gepackt, sauste durch die Luft, Finsternis umgab mich.

Dann hörte ich wieder das vorsichtige Schlüsselrasseln, und dann ging die Schaukelei los, wie immer, wenn ich getragen wurde.

Wenn ich es mir richtig überlegte, so mußte mich der Herr Geheimrat in die rechte Seitentasche seiner Jacke gesteckt haben. In dieser befand sich außer mir noch eine große Kiste, so ungefähr anderthalb Meter lang und einen breit — die silberne Schnupftabaksdose des Herrn Geheimrats

Ich lag nicht direkt auf ihr, denn seine Finger hielten mich noch immer umklammert, nicht gerade schmerzhaft, aber doch sicher.

Das Schaukeln wie auf dem Rücken eines Dromedars ging weiter, ich in der Schwebe, das Gesicht nach unten, mit den Händen die Tabakskiste berührend.

Diese Entführung gefiel mir durchaus nicht, das nannte ich eine Abwechslung, aber keine Befreiung.

Und hatte nicht die Prinzessin gesagt, der Geheimrat wolle mich wohl ebenso schlachten wie seine Karnickel und Meerschweinchen?

Hatte nicht auch der Kapitän eine starke Andeutung gemacht, das die ärztlichen Forscher dieses Landes so einen Mäusemenschen gern einmal lebendig seziert hätten?

Da war es vielleicht angebracht, bald mein Erlösungswort

»Wünsche untertänigsten guten Morgen, Exzellenz,« donnerte da eine Stimme, und der ganze Riesenleib, an dem ich lag, erzitterte mit.

»Guten Morgen, Herr Geheimrat. Ach, ich hätte ein Wort mit Ihnen zu sprechen.«

»Bitte sehr, Exzellenz.«

Und das Schaukeln hörte auf, mein Riesenkamel blieb stehen, und gleichzeitig gaben mich auch die Riesenfinger frei.

Natürlich, mit der Hand in der Rocktasche konnte der Geheimrat mit einem Höherstehenden doch nicht sprechen.

War das ein Fingerzeig des Schicksals?

Schnell richtete ich mich auf.

Über mir schimmerte es hell; aber obgleich ich doch auf der Tabakskiste stand, konnte ich den Rand der Jackentasche mit ausgestreckten Händen noch immer nicht erreichen, nicht im Sprunge.

Da erst eigentlich bemerkte ich, das ich noch immer den Dolch in der Hand hatte.

Und ich benutzte diesen Wink einer gütigen Vorsehung.

Zwar war ich ja auch mit dem Zigarrenabschneiderdegen umgürtet, aber den hätte ich nicht gut gebrauchen können, dazu war es aber drin doch zu eng.

Das Messer gezogen und losgeschnitten. Der Stoff war Zwei Zentimeter dick, aber der Stahl schnitt wie Gift.

Ich hätte ja nur Zwei lange Schnitte zu machen brauchen, um ein Dreieck mit meterlangen Seiten herausklappen zu können, ich machte noch einen hinzu, klappte ein Viereck heraus, in banger Erwartung, was ich zu sehen bekommen würde. Denn gerettet war ich ja durchaus noch nicht, ich mußte mich ja noch in einer Höhe von etwa 20 Metern befinden.

O Glück! Mein Geheimrat stand mit seiner rechten Jackentasche ganz dicht an einem Fensterbrett, ich brauchte nur einen großen Schritt zu tun, dann war ich drüben.

Und ein weiteres Glück war, das das Fenster offen stand und ich auch schon eine Fortsetzung des Fenstersimses sah, der sich als Verzierung weiter um das Haus herumzog.

Meine Flucht konnte nicht bemerkt worden sein, sonst hätten die beiden Herren schon etwas von sich gegeben.

Also ich mich schnell um die Ecke gedrückt!

Dieser Sims, der am Hause entlang lief, mochte für diese Riesen nur 7 Zentimeter breit sein, also ein von unten kaum bemerkbarer Vorsprung. Für mich Menschenmaus aber bedeutete das fast anderthalb Meter.

Also ich hatte mich um die Ecke gedrückt, lief ein Stück hin auf dem ganz ebenen Saumpfade, ehe es mir einfiel, einmal näher an den Rand zu treten und darüber hinauf und hinab zu sehen.

O Himmel, wie ward mir da zumute!

Ich hatte ja schon gewußt, das ich mich in der Zweiten Etage befand, hatte es mehrmals zu hören bekommen, hatte aber aus dem Fenster meines Zimmers höchstens auf dem niedrig gehaltenen Arme meiner kleinen Herrin sitzend, noch nie direkt hinabblicken können.

Jetzt geschah es zum ersten Male, und Zwar auf einem Simse von anderthalb Meter Breite stehend, dicht am Rande!

Blicke ich da in eine Tiefe von mindestens 250 Meter hinab!

Naja, jedes Stockwerk 5 Meter hoch, oder 4, dazu aber noch Hochparterre und dann noch extra die Höhe des Fensterbrettes — da kommen schon 12 bis 13 Meter heraus, und das hatte hier das Zwanzigfache zu bedeuten, 250 Meter!

Ich bin kein Gemsenjäger, kein Kraxler, nicht im Gebirge aufgewachsen.

Obgleich sonst nicht gerade von Schwindelanfällen geplagt, fühlte ich doch plötzlich eine unwiderstehliche Sehnsucht, dort hinabzufallen und auf den Steinfliesen zu Zerschmettern, wie eine magnetische Kraft Zog es mich hinunter.

Mit einer letzten Willensanstrengung gelang es mir, mich noch zurückzuwerfen, gleich auf den Boden hin.

Na, es wurde überstanden. Ich erhob mich wieder, drückte mich gegen die Mauer, blickte gar nicht mehr nach dem Rande.

So setzte ich meinen Weg auf dem himmelhohen Gebirgspfade fort. Und merkwürdig! Kaum hatte ich hundert Schritte getan, so konnte ich schon ganz frei gehen, wenn ich auch noch nicht wagte, wieder in jene fürchterliche Tiefe zu blicken.

Ich kam an Zwei Fenstern vorüber, die beide geschlossen waren, und ich zog es vor, auf Händen und Füßen an ihnen vorbei zu kriechen, hinter der Erhöhung, die doch unten das Fensterkreuz bildet, Deckung suchend.

Da versperrte mir ein riesiger Felsenblock den Pfad. Er hatte bizarre Formen, ich glaubte etwas zu erkennen, wenn ich mir auch nicht ganz klar wurde — ich will es gleich sagen: es war einer der phantastischen Drachenköpfe, die hier und da die Fassade des Hauses verzierten, jeder einen halben Meter hoch, sonst hat solch ein Schmuck doch keinen Zweck, man sieht ihn gar nicht, was hier aber Zehn Meter zu bedeuten hatte!

Nein, dieser Drachenkopf sollte für mich nicht ein unüberwindliches Hindernis bedeuten. Er hatte auf der Seite ein Loch, nur wenig über dem Sims erhaben, ich konnte es auf Händen und Füßen bequem passieren, und es war ein Tunnel, der durch den ganzen Drachenkopf ging. Die Durchbohrung war wahrscheinlich für den Bildhauer nötig gewesen, um das Werkstück bearbeiten, es aufhängen und hin und her drehen zu können.

Schon sah ich durch diese Röhre auf der anderen Seite wieder das Tageslicht schimmern. Erst aber erweiterte sich die Röhre ganz bedeutend, ich kam in einen großen Hohlraum, in dem ich mich aufrichten konnte.

Was das war? Das war der aufgesperrte Rachen dieses Drachenkopfes. Oder nein, das war nur der Schlund. Vorn der Rachen war noch viel weiter geöffnet, dann kam erst wieder eine Verengerung, der eigentliche Schlund, hinter diesem befand ich mich jetzt, so Gewissermaßen zwischen Schlund und Speiseröhre, oder wie das nun ist. Ich bin nicht so anatomisch gebildet und will nicht erst Anatomie zu studieren anfangen.

Nenne ich es also einfach den Schlund des steinernen Drachenkopfes, in dem ich mich befand.

Wenn ich mich aber etwa in diesem Drachenschlunde einmieten wollte, so kam ich zu spät.

Hier hatte sich schon jemand anders häuslich eingerichtet.

In der Mitte am Boden befand sich ein rundes Ding, anderthalb Meter im Durchmesser, ganz merkwürdig aus Ästen und Bambusrohr und Stricken und anderen undefinierbaren Sachen zusammengebaut, innen mit grauen und braunen Straußenfedern ausgepolstert, und da lagen denn auch drei Straußeneier.

Doch nein, solche riesige Straußeneier gibt es gar nicht. Ich kann ihr Maß ganz genau angeben, ich habe sie dann gemessen. Genau 45 Zentimeter lang und 30 Zentimeter dick. Wenn es dabei auch auf einen Zentimeter nicht ankommt. Bräunlich oder rötlich und mit aschgrauen Spritzern bedeckt.

Noch bewunderte ich diese drei Rieseneier, als sich der verengerte Schlundeingang verdunkelte, es schlüpfte etwas herein, und ich erkannte einen gewaltigen Adler, vor dem ich mich respektvoll in den Hintergrund des Schlundes zurückzog, schon den blanken Degen in der Hand.

Doch nein, es war kein Adler, sondern ein Spatz. Nun erkannte ich ihn. Und nun nehme man ein Sperlingsei her und messe es, oder orientiere sich in einem Zoologischen Buche, ob das nicht stimmt: im Durchschnitt 23 Millimeter lang und 16 dick. Hier aber war alles ins Zwanzigfache übersetzt. Und das sehr liederlich zusammengestoppelte Nest bestand aus Ästlein, Heu, Stroh, Werg, Borsten, Wolle, Haaren, Papierschnitzel und dergleichen Lumpereien mehr, war aber äußerst sorgfältig mit den weichsten Brustfedern dick ausgefüttert.

Nein, es war auch kein Spatz, sondern eine Spätzin. Sie setzte sich auf das Nest, flatterte mächtig mit den gewaltigen Fittichen und machte einen Heidenspektakel dazu, und nicht lange dauerte es, so schlüpfte hinten etwas großes heraus, und in dem Nest lag ein viertes Ei.

Sie mußte es äußerst eilig gehabt haben, sich dieser Last zu entledigen, denn sie beachtete mich gar nicht, obgleich sie mich doch sicher schon bemerkt hatte, denn solch einem Vogelauge entgeht doch nicht so leicht etwas, zumal in der Nähe des Nestes.

Und als sie fertig war mit ihrer Eierlegerei, ging Frau Spatz denn auch gleich auf mich los, mit einem Mordsspektakel und mit ihren Fittichen einen wahren Wirbelwind erzeugend.

Ich aber stand schon in Fechterparade, fiel aus und brachte ihr mit meiner Degenklinge über dem Schnabel eine tüchtige Wunde bei, das das Blut nur so spritzte und floß.

Ja, du lieber Gott, ich mußte mich doch meiner Haut wehren, und mit solch einem Sperling aus Brobdingnag ist nicht zu spaßen!

Da hatte die Frau Spätzin auch gleich genug, wandte sich und verschwand aus dem Schlund.

Jetzt war ich Besitzer dieser Drachenkopfwohnung, des Restes und dieser vier Sperlingseier. Wenn die Frau Spätzin wiederkam mit ihrem Herrn Gemahl, mit einer ganzen Legion von Kameraden — ich war bereit, meine Eroberung zu verteidigen.

Die vier Eier interessierten mich sehr. Ich hatte doch noch nicht gefrühstückt und schon eine tüchtige Arbeitsleistung hinter mir. Außerdem hier diese frische Gebirgsluft!

Das letzte Ei war noch ganz warm, das verschmähte ich. Frischgelegt waren ja alle. So bohrte ich mit Messer und Schwert ein nicht zu weites Loch durch die Kalkmauer, natürlich an einer Spitze, hob das Ei mit beiden Händen empor, ich war doch ein starker Kerl, hatte doch in Portland sieben Jahre lang Steine gebrochen, allzuschwer war es ja auch nicht, und so fing ich an zu nutschen.

Ausnutschen konnte ich es natürlich nicht, das wäre zu viel verlangt gewesen. Ich kann Sperlingsei nur empfehlen. Eiweiß wie Dotter schmeckten delikat. Und nicht etwa, das dieser Inhalt nun etwa auch eine zwanzigfache Verdickung gehabt hätte. Er war ganz normal.

Dann kroch ich einmal durch den verengten Schlund in den eigentlichen Drachenrachen, natürlich mit der nötigen Vorsicht. Sie war nicht nötig. Der Gaumen war ganz eben in horizontaler Lage. Trotzdem kroch ich lieber auf Händen und Füßen und rutschte zuletzt ganz auf dem Bauche, um über den Rand hinabzuspähen. Ich war Kavallerieoffizier, der hat im Hochgebirge nichts zu suchen, zumal wenn er kein Pferd Zwischen den Beinen hat. Den Degen behielt ich immer in der Faust, in der Hosentasche den Dolch.

Wunderbar war es, was ich da erblickte!

Zunächst direkt unter mir eine Fahrstraße, an die 200 Meter breit, und dann hüben und drüben noch extra ein sogenannter Bürgersteig, vornehmer ausgedrückt Trottoir, auch wieder so 50 Meter breit, wobei ich natürlich nicht die perspektivische Täuschung aus meiner schwindelnden Höhe in Betracht ziehen darf. Ich selbst schwindele übrigens nicht, wenn ich auch noch nicht ganz schwindelfrei war. Aber so auf dem Bauche liegend fühlte ich doch nicht so die magnetische Anziehungskraft, da war zu viel Adhäsion vorhanden.

Diese Straße war ja nun eigentlich nichts so besonders Bewundernswertes, aber ich hatte eben noch gar keinen solchen Ausblick ins freie Riesenland gehabt, und nun kamen doch auch noch Straßenpassanten und Fuhrwerke und Reiter in Betracht.

Was ich da für Dimensionen erblickte, will ich nicht weiter beschreiben, man braucht ja nur immer unsere Verhältnisse Zwanzigfach zu vergrößern. Da war zum Beispiel ein Damenhut, dessen Durchmesser ich auf 15 Meter taxierte. Mag das genügen.

An diese Straße grenzte ein Park mit Blumenbeeten und Waldbestand. Das war nun erst recht etwas ganz Neues für mich. Doch will ich diesen Anblick auch nicht weiter schildern, weil ich noch selbst dort unten an Blumenstengeln in die Höhe klettern sollte.

Froh war ich nur, das ich hier ein Sperlingsnest und nicht ein Storchnest gefunden hatte. Denn dort unten an einem Weiher spazierte ein Storch, so an die 20 Meter groß. Der hätte mit mir Husarenleutnant ja nun wenig Federlesens gemacht. Die Eidechse, die er soeben verschlang, war sicher bedeutend länger als ich.

Nachdem ich mich an alledem genügend geweidet, Zog ich mich zurück.

Das Letzte, was ich unter mir erblickt, war eine Bauernfrau gewesen, einen Wagen Ziehend, der mit fünfzölligen Kanonenkugeln beladen war. Doch nein, es waren Heidelbeeren.

Schließlich will ich auch noch einer anderen Frau gedenken, die dort in einem stillen Straßenwinkel saß und Krebse verkaufte. Oder sollten es vielleicht Hummern sein, die sie im Korbe hatte? Auf vier Meter Länge schätzte ich sie im Durchschnitt, es waren aber auch noch ganz andere Exemplare dabei. Da waren es doch wohl eher Hummern als Krebse.

Und jetzt kam ein Hundeköter angelaufen, eine Dogge von Tischhöhe, also ungefähr 15 Meter hoch, er hob erst einmal an einem Laternenpfahl das Bein und dann beschnoberte er in dem Korbe die Hummern.

Na, na, Tyras und der Hummer werden doch nicht etwa

Mir stand das Herz vor Erwartung still.

weiß der geneigte Leser, woran ich denke? Kennt er nicht die Geschichte von Tyras und dem Hummer?

Ein Herr kommt mit seinem großen Hunde am Markt vorüber. Da sitzt eine Frau, hat Hummern in ihrem Korbe. Der Hund beschnüffelt die Hummern, plötzlich kneift einer zu und sitzt fest an der Nase. Der Hund natürlich den Schwanz Zwischen die Beine genommen und das Weite gesucht, vorn an der Nase den großen Hummer.

Die Marktfrau ist außer sich.

»Pfeifen Sie doch Ihrem Hunde, pfeifen Sie doch nur Ihrem Hunde!«

Der Herr aber entgegnet ganz kaltblütig:

»Was geht Sie denn mein Tyras an, pfeifen Sie doch Ihrem Hummer.« Nein, dieses Geschichtchen sollte sich hier im Lande Brobdingnag nicht wiederholen.

Tyras ging noch einmal an seinen Laternenpfahl zurück. Und ich zog mich in den Drachenschlund und in mein Sperlingsnest zurück.

Ja, ich wollte es benutzen. Ich fühlte mich nach all den heutigen Abenteuern äußerst erschöpft, zumal ich die letzten Nächte am Busen Ihrer königlichen Hoheit der Erbprinzessin Kunigunde nur sehr unruhig geschlafen hatte, immer in Gefahr des Erstickens und Erdrückens.

Also ich hob die Eier heraus, legte sie neben das Nest und mich selbst in dieses, brauchte, wenn ich mich nicht etwas zusammenrollen wollte, nur die Füße auf den Rand zu legen. Die Brustfedern dieser Riesenspatzen waren durchaus nicht borstig, sondern weich wie Wolle, und so lange noch unbebrütete Eier im Neste sind, halten alle Vögel auf äußerste Sauberkeit desselben, eben weil sie hierzu später nicht mehr so viel Gelegenheit haben, sogar der Wiedehopf

Sorglos überließ ich mich dem Schlaf. Die Spatzen sollten nur kommen! Sie würden in dem Husarenleutnant einen furchtbaren Gegner finden! Na, und wenn mir der Kampf doch zu ungleich wurde, dann sagte ich einfach: aufhören!

Ein Höllenlärm von Glockengetöse weckte mich.

An Glocken aller Art hatte ich mich ja nun schon gewöhnt, mich konnten weder Kirchturmglocken noch elektrisches Klingelgeschmetter stören, oder es schreckte mich doch nicht mehr, wenn ich den Radau auch nicht angenehm empfand.

Aber diese Bimmelei hier war mir ganz neu. Ja, eine Bimmelei war es nur, im Gegensatz zu anderen Glockentönen, wenn auch noch gräßlich schmetternd genug.

Da mußte ich einmal nachsehen, was das war, zumal die schreckliche Bimmelei immer näher kam.

Was war’s? Ganz einfach die Feuerwehr. Übrigens nur Zwei Leiterwagen, die mit galoppierenden Rossen durch die Straßen sausten, natürlich dann am meisten bimmelnd, wenn es am wenigsten nötig war.

Ja, das war ganz einfach — die Feuerwehr. Es brannte irgendwo, das waren die Rettungsleitern. Die Spritze ging mich nichts an.

Aber einfach fand ich die Sache nicht mehr, als die beiden Wagen gerade hier unter mir hielten, die Leitern abgepackt und hochgeschraubt wurden, als alles zu mir emporblickte.

Hallo! Mein Schlupfwinkel war doch nicht etwa entdeckt worden, ich sollte doch nicht etwa aus dem Neste genommen werden?

Oder brannte es vielleicht über mir? Das wäre mir auch nicht gerade angenehm gewesen.

Zuerst wurde eine Leiter in einiger Entfernung angelegt, aber auch dort, wo sich solch ein Drachenkopf befand. Ein Feuerwehrmann stieg hinauf, steckte den ganzen Arm in das Drachenmaul, wirtschaftete darin herum.

»Sechs Eier!« hörte ich ihn brüllen, und wie er eine Hand wieder hervorzog, lief von ihr eine weise und gelbe Sauce herab.

Aha, nun wußte ich es! Diese Leute hier im Riesenlande waren auch so klug wie mein Vater.

Der königliche Palast sollte von Sperlingen gesäubert werden, die doch alles beschmutzen. Aber es ist gar nicht so einfach, die dreisten Spatzen zu vertreiben, und mögen sie sonst noch so harmlos sein, sie werden manchmal doch eine rechte Last. Wenn sie über einem Balkon nisten, kann man diesen kaum noch benutzen, und da nützt es nichts, ihre Nester zu Zerstören, nichts, ihre Jungen wegzunehmen, sie kommen immer wieder, bauen sich neu an.

Aber wenn ihre Eier im Neste zerdrückt werden, das können sie nicht leiden. Dann kommen sie nicht wieder, bis die ganze Generation ausgestorben ist.

Dasselbe besorgte hier also die Feuerwehr, auch dieser Drachenschlund würde von einer tastenden Hand untersucht werden.

Nun, verloren war ich ja deshalb nicht etwa. Ich brauchte mich doch nur in einen der seitlichen Tunnel zurückzuziehen, da war ich sicher geborgen.

Aber ich war nicht geneigt, mir meine Eier Zerquetschen zu lassen. Denn ich beabsichtigte, mich hier für längere Zeit niederzulassen, und die vier Sperlingseier sorgten noch für viele Tage für meine Nahrung. Nicht aber mehr, wenn sie so ein Feuerwehrmann Zerdrückt hatte.

Also ich wälzte die vier Eier, davon eines »angerissen«, nach dem linken Tunnel, hob sie hinein, rollte sie noch weiter nach hinten, um sie auch vor einem nachgreifenden Finger zu sichern. Den rechten Tunnel reservierte ich für mich selbst. Natürlich mußte ich ein Ei nach dem anderen vornehmen, die Dinger hatten doch Ziemliches Gewicht.

Eben hatte ich das letzte in den Tunnel hineingehoben, dachte darüber nach, ob ich nicht auch irgendwie das schöne Nest vor einer Zerstörenden Hand sichern könnte, als sich plötzlich der Raum verdunkelte und da kam auch schon in den Drachenschlund etwas Mächtiges, Fünfzinkiges hereingefahren.

Ach du großer Schreck! Ich hatte die Zeit verpaßt; die Feuerwehrleute waren schneller gewesen, als ich gedacht hatte.

Ich war verloren!

Dieser Tunnel hier war mir durch die Eier verstopft, den anderen konnte ich nicht mehr erreichen, die Hand war schon zu weit vorgekommen, und sie füllte den Raum fast gänzlich aus, ich konnte nicht daran vorbeikommen!

Nur nach hinten konnte ich mich noch retirieren. Und das tat ich natürlich.

Vergebliche Hoffnung, der Arm könnte nicht weiter nachgreifen. Über das Nest hatte die Hand bereits hinausgegriffen, aber die Grenze der Greifbarkeit hatte sie noch nicht erreicht.

Und was für eine Hand war das, die sich mir immer mehr näherte, was waren das für Finger! Ich war bisher nur die wohlgepflegten, Zarten Hände von vornehmen Damen und Herren gewöhnt gewesen, auch die Hände des Schloßpersonals hatten immer reinlich sein müssen und nichts von schwerer Arbeit gezeigt, das hier aber war eine Feuerwehrmannspfote! Schon allein der Dreck unter den Nägeln war staunenswert, in jeder Abteilung konnte man einen kleinen Gemüsegarten anlegen!

Und diese schwarzen, riesenhaften, kolbigen Finger rückten mir immer näher und näher auf den Leib!

Kaltes Entsetzen packte mich.

Merkwürdig! Weshalb schrie ich jetzt nicht einfach: aufhören!

Weil ich eben ganz kopflos vor Schreck und Angst geworden war.

Da aber plötzlich verwandelte sich die Angst in kühnen Mannesmut — nein, ich will ehrlich sein: der wilde Mut der Verzweiflung packte mich, den Degen konnte ich schon nicht mehr Ziehen, aber den Dolch riß ich aus Hosentasche und Scheide und Zog über die Spitze des Zeigefingers einen Kreuzschnitt, das sofort das Blut spritzte, obgleich dieser Finger mit einem außergewöhnlich dicken Leder bekleidet war.

Es half. Blitzschnell zog sich die Hand zurück, verschwand aus meiner Wohnung.

Wie dann der behelmte Riesenkopf des abwärtssteigenden Mannes an der Öffnung vorbeikam, sah ich, das er den verwundeten Finger im Munde hatte.

»Hier ist kein Sperlingsnest drin,« schrie er dann hinunter auf die Frage des Vorgesetzten, ob er etwas gefunden hätte, »aber eine Ratte ist drin, sie hat mich in den Finger gebissen!«

Der Kerl hatte in Zwanzigfacher Vergrößerung gelogen. Nun war ich in Sicherheit.

Aber für die Dauer war das nichts.

Ich hatte mich einige Tage hier aufhalten wollen, nach den Strapazen der Ruhe pflegend, das Leben unten auf der Straße und im Parke beobachtend, aber noch in derselben Nacht faste ich den Entschluß, mit Morgengrauen die Weiterreise anzutreten.

Rohe Sperlingseier eignen sich auf die Dauer doch nicht als einziges Nahrungsmittel für den Menschen. Wenigstens nicht für mich, ich wurde schon von den grausamsten Verdauungsstörungen geplagt. Ich hätte meinen diamantenbesetzten Säbel im Werte von einer halben Million für ein paar Choleratropfen hingegeben. Noch nie hatte ich so große Lust gehabt, und noch nie wäre es auch so angebracht gewesen als jetzt das große Wort auszusprechen: Aufhören!

Die Nacht brachte ich noch mannhaft hin, beim ersten Morgengrauen trat ich den Weitermarsch an. Natürlich zum anderen Loche hinaus. Wenn man mal einmal auf Reisen geht, will man doch auch etwas Neues sehen.

Ein Fenster war vom anderen immer ungefähr 50 Meter entfernt. Ich kam an mehreren vorüber, aber alle waren geschlossen, und einbrechen, diese Glasscheiben einschlagen, hätte ich beim besten Willen nicht vermocht.

Da war der Sims zu Ende! Das heißt, ich war an die Hausecke gekommen, brauchte nur herumzubiegen.

Das tat ich denn auch, erkannte aber gleich, das ich nun tatsächlich die Wanderung nach dieser Richtung aufgeben mußte.

Die Fassade des Palastes nach dieser Seite, auch wieder mit Aussicht auf den Park, war vom Architekten ganz anders ausgestattet worden.

Der Sims machte nur noch einen ganz kurzen Vorsprung, dann war hier die bisher glatte Hauswand mit Schnörkeln und Ornamenten und Rautenkränzen und dergleichen bedeckt, für mich ein unentwirrbares Durcheinander von dicken Vorsprüngen.

Ja, ein Gemsenjäger hätte ganz bequem an dieser Wand herumklettern können, jeder Kraxler wäre sofort leidenschaftlich drauf los gegangen — ich aber war Schiffsingenieur und gegenwärtig Husarenleutnant, ich wollte mit solcher Kraxelei an schnörkelhafter Ornamentik nichts zu tun haben.

Also ich mußte wieder zurück, es blieb nichts anderes übrig. Ich würde schon irgendwo anders noch ein offenes Fenster finden und durch dieses den Weg zu einer Speisekammer.

Und richtig, kaum hatte ich mich umgedreht, da ward auch schon das letzte Fenster, mir also das nächste, geöffnet, keine 20 Meter entfernt.

Aber das Öffnen dieses Fensters entsprach nicht meinen Wünschen.

Es war jedenfalls ein Doppelfenster, ging nach draußen auf, eine Riesenhand kam einmal zum Vorschein und befestigte es mit einem Haken.

Das hätte ja an sich nichts zu sagen gehabt.

Nur schade, das dieses Fenster so tief ging, mit dem unteren Ende gerade über den Sims hinstrich und so stehen blieb, nur eine Spalte lassend, durch die ich meinen Leib unmöglich quetschen konnte.

Ich war gefangen! Hier die Fensterbarriere und dort die Ornamentik!

Ich will es kurz machen.

Das heißt, ich will die Zwei Stunden überspringen, während welcher ich darauf wartete, das dieses vermaledeite Fenster wieder geschlossen würde.

Dann faste ich einen heldenhaften Entschluß.

So ging das nicht weiter.

Es hatte gar keinen Zweck, hier zu stehen oder zu sitzen und darauf zu lauern, ob es denen gefiel, das Fenster wieder zu schließen.

Außerdem stand ich ja immer in Gefahr, gesehen zu werden, es brauchte ja jemand nur zum Fenster nach rechts zu blicken.

Ich mußte die Klettertour an der Skulpturenrautenkranzornamentik wagen. Irgendwo mußte ich doch ein Loch finden, das mich durchließ, wenn kein Fenster, dann eine kaputte Dachrinne.

Ja, und sollte ich 500 Meter hoch hinauf bis aufs Dach klettern, ich war entschlossen dazu, mutig allen Schrecken des Todes zu trotzen.

Diese meine todestrotzende Courage hatte freilich seine guten Beweggründe.

Ich hatte mir bereits überlegt, das ich gestern in dem Drachenrachen doch ein rechter Narr gewesen war, mich vor der Feuerwehrmannspfote so furchtbar zu entsetzen, das ich gleich die Cholerine davon bekommen hatte, woran sicher nicht nur die Sperlingseier schuld gewesen waren.

Wenn er mich wirklich gepackt hätte — na, ich hätte doch nur »aufhören!« zu sagen brauchen.

Und so machte ich’s auch jetzt, und diesmal wollte ich das nicht wieder vergessen, sondern immer das erlösende Zauberwort im Gedächtnis haben. Am besten war es, ich nahm die erste Silbe, das »Auf« von vornherein gleich auf die Zunge, dann hatte ich später, wenn’s nötig war, nicht mehr so viel zu sprechen, das »hören« brachte ich dann schon noch heraus, und wenn ich auch schon durch die Luft sauste, nach unten.

»Also, Ewald,« sagte ich mir, »Du unternimmst kühn die Klettertour, bis Du irgendwo ein genügend weites Loch findest, das Dich ins Innere des Palastes führt, am liebsten in eine Speisekammer. Und solltest Du in die Tiefe stürzen, oder nur erst abgleiten, nur noch an einer Hand irgendwo hängen, ohne mit den Füßen irgendwo noch zu stehen, dann brüllst Du aus Leibeskräften: »Aufhören!« oder auch nur »hören!« Das »Auf« steckst Du Dir zur Vorsicht schon vorher in die Kehle hinein. Ja, Ewald, das machst Du, das vergißt Du nicht, so wahr Du ein ganzer Mann vom Scheitel bis zur Sohle bist, noch dazu in einer Husarenleutnantsuniform mit einem diamantenbesetzten Zigarrenabschneidedegen«

Also ich hing mir diesen Degen an meinen Gürtel mehr nach hinten, damit er mir beim Klettern nicht so Zwischen den Beinen herumquirlte, legte mir das Wörtchen »Auf« auf der Zunge zurecht und trat die Skulpturenrautenkranzornamentikkraxelei an.

Es ging ganz vortrefflich. Ich habe es mir auch schon immer gedacht: zu der ganzen Kraxelei gehört außer der nötigen Gewandtheit nichts weiter als ein bisschen Mut. Da feilen sich die Kraxler, diese Feiglinge, immer gegenseitig an, während ich hier ganz frei »Auf! « brüllte ich aus Leibeskräften.

Denn mein Fuß war abgerutscht.

Glücklicherweise hatte er gleich wieder festen Halt gefaßt, ich war nicht über das »Auf« hinausgekommen. Diese erste Silbe wirkte noch nicht als Zauberwort, und nun war’s ja gut, nun konnte ich mir die beiden anderen Silben auch aufsparen.

Wer wagt, gewinnt — dem Mutigen gehört die Welt! Diese goldenen Sprüche sollten sich bei mir wieder einmal bewahrheiten.

Ich war noch gar nicht lange geklettert, als ich einen normalen Sims erreichte, und da war auch schon ein Fenster, und Zwar ein offenes!

Mit der nötigen Vorsicht, die stets eine Tugend auch des kühnsten Helden ist, lugte ich vorsichtig erst etwas über dem unteren Fensterkreuz hervor.

Es war eine Kammer, die nichts weiter enthielt, als Zwei Eimer und einen Besen.

Dieser Besen lehnte am Fenster, in meiner erreichbaren Nähe und der Stiel war auch höchstens einen halben Meter dick, den konnte ich schon noch umklammern, um mich daran hinabzulassen.

Das ich dies beabsichtigte, daran war vor allen Dingen die Tür schuld, die nur angelehnt war, der Spalt ließ mich noch durch.

Also ich nahm Abschied von der freien Gebirgswelt und ihrer schönen Umgebung.

Unterwegs, bemerke ich nachträglich, hatte ich öfters daran gedacht, wie es gewesen wäre, wenn dort unten Leute hier oben einen Husarenleutnant an der Häuserwand herumklettern gesehen hätten. Die hätten am Ende gar die Gartenspritze geholt, um mich herunterzuspritzen, so wie man einen entflohenen Kanarienvogel einfängt.

Aber es hatte nicht sein sollen.

Also ich umklammerte mit Armen und Beinen den Besenstiel und rutschte vom Fensterbrett hinab, fünfzehn Meter tief.

Dann lugte ich vorsichtig durch die Spalte der angelehnten Tür, ehe ich meinen Körper nachfolgen ließ.

Und was für ein Anblick erwartete mich da, der sofort meinen niederträchtig knurrenden Magen vor Freude hüpfen ließ!

Ich war richtig in eine Speisekammer geraten! Und die ist in solch einem königlichen Residenzschlosse doch nicht klein.

Das erste, was mein staunendes Auge fesselte, war eine Zervelatwurst von ungefähr 20 Meter Länge und einem Meter Dicke. Und die hatte noch gar viele, viele Geschwister und Schinken und Speckseiten und dergleichen mehr — freilich für mich in nicht erreichbarer Nähe — lauter Trauben, die mir zu sauer waren — sie hingen oben an der 80 Meter hohen Decke.

Aber da gab es noch genug anderes, was ich recht wohl erreichen konnte.

Da lag zum Beispiel am Boden eine Blutwurstschale, ganz frisch, mit noch so viel Blutwurst dran — die Schale ließ sich wohl schlecht ablösen — das sich ein hungriger Mann sättigen konnte — ein Zwerg wie ich — meine ich. Und gleich daneben lag eine Käserinde, die auch noch genug abgab, ich hätte es nicht auf einen Sitz aufessen können. Und dort hinten am Tischbein lag eine halbe Semmel, 1 Meter 20 Zentimeter im Durchmesser.

Ehe ich mich aber an diese vom Tisch gefallenen Brosamen machte, wollte ich mich einmal auf diesen Tisch selbst machen, der sich an der ganzen Wand entlang zog, jedenfalls ein sogenannter Anrichte— oder Aufschneidetisch und wenn ich Zwerg ihn nicht überblicken konnte, so mußte ich doch mit Sicherheit annehmen, das da noch verschiedenes Eßbare darauflag, weil ich wenigstens eine dicht an der Kante liegende Zungenwurst erblickte, eine ungeheuerliche Bombe von vier Meter Durchmesser, angeschnitten, mit Speckgriefen darin von 25 Zentimeter im Quadrat, von den eigentlichen Zungenstücken gar nicht zu sprechen.

Die Hauptsache war natürlich, das sich niemand in der Speisekammer befand und ich die Möglichkeit hatte, auf diesen Tisch auch hinaufzukommen.

Diese Möglichkeit war vorhanden.

An dieser Riesenzungenwurstbombe war nämlich noch der Strick befestigt, an dem sie einst an der Decke gehangen hatte, er hing von der Tischplatte herab, war reichlich lang, so das er fast den Boden berührte, für mich gab er gerade ein gutes Klettertau ab, und das diese gewaltige Zungenwurst mein Gewicht trug, das war ganz selbstverständlich.

Also ich ging hin, spuckte in die Hände und Zeigte meine Kletterkunst. Ich hatte in der Batterie der »Argos« nicht nur immer registriert, hatte mich auch praktisch mit an der Turnerei betätigt — die zu überwindenden 15 Meter waren eine Kleinigkeit für mich. Nur an einer Stelle, wo das Tau recht fettig war, hatte ich mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Glücklicherweise klebte auch etwas Sirup daran, mit dessen Hilfe wurde diese schwierige und schmierige Stelle glücklich überwunden.

Kaum hatte ich mich über die Tischkante geschwungen, als ich sofort meinen Degen Zog und mich in Fechtpositur setzte.

Denn da saß Ziemlich dicht vor mir ein gewaltiges Raubtier, halb dunkelbehaarter Löwe, halb Elefant, halb Bär, saß aufrecht auf den Hinterpfoten, hielt zwischen den Vordertatzen einen großen holländischen Käse und bis davon ab, schlug seine fürchterlichen Zähne hungrig hinein. Die erste Maus, die ich erblickte! 60 Zentimeter hoch, so auf den Hinterbeinen sitzend aber noch viel höher.

Sie war ebenso erschrocken wie ich, aber nicht so mutig wie ich. Freilich hatte sie auch nicht so einen Säbel wie ich.

Sie ließ den kürbisgroßen holländischen Käse fallen und suchte das Weite, sprang mit einem Satze einfach vom Tische herunter und verschwand unter einem Schranke.

Nachdem ich so die naschhafte Maus in die Flucht geschlagen hatte, sah ich mich weiter um.

Richtig, meine Ahnung hatte mich nicht betrogen!

Auf dem Tische lagen Würste aller Art, schon angeschnitten, ich brauchte nur noch weiterzuschneiden, und nun sonst noch alles, was ins Reich der sogenannten Fressalien gehört.

Da lag ein halber Schweizerkäse, die Schnittfläche 8 Meter lang und 6 Meter hoch. Es gibt Schweizerkäsebrote von noch ganz anderen Dimensionen — bei uns in Zwanzigfacher Verkleinerung. Ein ganz vorzüglicher Schweizerkäse, mit großen Löchern, in denen das Wasser perlte. Ich liebe Schweizerkäse, besonders auf nüchternen Magen. Also ich Zog meinen Dolch und stieß ihn dem Schweizerkäse in den Bauch. Und fuhr auch gleich mit dem ganzen Arm und sogar mit dem Kopfe in den Schweizerkäse hinein. Wenn ich hatte gerade in solch ein großes Loch gestochen, vor dem sich nur ein dünnes Häutchen Käse befunden hatte, da war ich durchgebrochen, und dieses Loch hatte 40 Zentimeter im Durchmesser und war 80 Zentimeter tief. Dieser Schweizerkäse eignete sich für Restaurationen, mit dem konnte man sparen.

Der Leser kennt doch das Geschichtchen mit der Schweizerkäsesemmel.

Ein Gast bestellt eine Schweizerkäsesemmel.

»Aber der Schweizerkäse muß auch gut sein! Mus ganz große Löcher haben!«

»Er hat ganz große Löcher,« versicherte der Kellner·

Er bringt die halbe Semmel, sie ist nur mit Butter gestrichen.

»Ich hatte doch eine Schweizerkäsesemmel bestellt!«

»Das ist eine Schweizerkäsesemmel.«

»Da ist doch gar kein Schweizerkäse drauf!«

»Nicht? Da haben Sie jedenfalls gerade ein großes Loch erwischt.«

Ich zog mich aus der Schweizerkäsehöhle wieder zurück, schnitt ein gutes Stück ab und warf es vom Tisch herab.

Denn hier oben durfte ich nicht frühstücken, nicht lange verweilen. Wenn nun jemand kam und die Zungenwurst verrückte, mein Klettertau einzog? Dann war mir der Rückweg abgeschnitten, es gab keinen anderen. Ich mußte mich beeilen.

Also ich ließ dem Stück Schweizerkäse ein Knackwürstchen nachfolgen, etwas größer und dicker als ich, dann wollte ich mit Schwert und Dolch einen rosenroten Schinken in Angriff nehmen. -

Da erzitterte der Boden, eine mir schon bekannte Erscheinung, die Erschütterung kam immer näher, mit genialem Feldherrnblick hielt ich Umschau und war mit einem Satze unter einem Teesieb verschwunden, das etwas hochgekippt war, so das ich bequem darunterkriechen konnte und das mir als geeignetstes Versteck gedünkt hatte.

Richtig, die andere Tür wurde geöffnet. Was da auf Filzschuhen hereinkam, war unverkennbar eine Köchin. Ein mächtiges Stücke!

»Da sind wieder Mäuse auf dem Tische gewesen!« war ihr erstes Wort.

Ja, das stimmte. Ich hatte selbst eine gesehen und verjagt.

»Solche naschhafte Ludersch!«

Ja, die Mäuse!

Sie begann Wurstscheiben aufzuschneiden und auf einem Teller zu arrangieren.

Einen Zentner schnitt sie auf, einen halben Zentner fraß sie dabei selber. Wie es alle Köchinnen machen. Alle Köchinnen im Riesenland Brobdingnag meine ich natürlich.

Dann holte sie aus einem Schranke Zwei Kannen, Zweifellos Milchkannen, leer. Auf dem Tische stand eine große Schale mit Milch, die über Nacht eine dicke Schicht Sahne gebildet hatte. Diese Sahne schöpfte sie mit einem Löffel ab, diesen zunächst mehrmals in ihren eigenen Mund führend. Dann füllte sie mit der Sahne die eine Kanne, in die andere goß sie entrahmte Blaumilch.

»Die hier ist für Johann, die hier für Seine Majestät das ich’s nicht etwa wieder verwechsele.«

So sprach sie, als sie den Teller mit Aufschnitt und die beiden Kannen auf ein Servierbrett stellte.

Also die Sahne war für Johann bestimmt, der natürlich ihr Herzallerliebster war, vielleicht nur ein Hausbursche oder sonst ein Diener, die Blaumilch bekam der König.

Ein Glück, das so etwas nur im Riesenreiche Brobdingnag passieren kann.

Da sind unsere Köchinnen doch anders! Wenn die einmal naschen, so begnügen sie sich mit Wurstschalen, Käserinden und anderen unbrauchbaren Abfällen.

Sie schob mit ihrem Servierbrett ab.

Ich verließ mein schützendes Sieb, durch dessen Löcher ich doch alles hatte beobachten können, gestehe erst jetzt, das ich etwas Angst geschwitzt und immer die erste Silbe »Auf« auf der Zunge gehabt hatte, von wegen des prophezeiten Tottretens, sobald ich erwischt würde, und sah mich nach weiterem Proviant um, den ich an den Boden und dann weiter unter den Schrank zu befördern gedachte, um dann unter diesem in aller Gemütsruhe zu frühstücken.

Vor allen Dingen aber hatte ich Durst, jetzt merkte ich’s. Die Milchschale war noch mehr als halbgefüllt. Ich hätte darin noch baden, schwimmen und mit einem Boote rudern können, auch konnte ich ihren Rand erreichen, aber Milch ist nicht mein Fall, zumal wenn sie schon abgerahmt ist. Meine kleine Herrin hatte mich weidlich mit solcher abgerahmter Milch geplagt.

Aber da standen auch noch einige andere Töpfe. Nur schade, das sie alle zu hoch waren, ich nicht hineinsehen, bei mehreren nicht einmal den Rand im Sprunge erreichen konnte.

Nun, die Menschenmaus wußte sich schon zu helfen.

Die sehr rissige Rinde eines Schwarzbrotlaibes bot Händen und Füßen genügend Anhaltungspunkte, und gleich daneben, so das ich bequem hineinblicken konnte, stand ein Topf.

Ich führte die Klettertour aus, erreichte den Gipfel, blickte in den Topf hinein.

Richtig, er war fast bis zum Rande mit schwarzem Kaffee gefüllt!

Wie nun den hierausbekommen? Wie schöpfen? Vielleicht dort mit dem Wurstzipfel, den ich nur auszuhöhlen brauchte, um einen Eimer zu haben, das Seil war auch gleich dran.

Wie ich noch so überlegte, rutschte ich plötzlich aus, verlor die Balance und stürzte herab.

zu meinem Glück gerade in den Topf mit schwarzem Kaffee hinein.

Aber es war gar kein schwarzer Kaffee.

Es war Sirup.

Ein wirkliches Glück war es, das ich nicht mit dem Kopfe voran abgestürzt war. Sonst wäre es mir ja traurig ergangen. Wenn man mit dem Kopfe voran in ein großes Sirupbassin fällt, dann ist nicht mehr viel zu wollen. Da kann man Meisterschwimmer sein, da ist sogar ein Seehund rettungslos verloren.

Ich war von dem Brotlaib abgerutscht, war nur geschusselt, so war ich glücklich mit den Füßen zuerst hineingekommen

Aber gefährlich war die Sache für mich immer noch sehr. Nie hätte ich geglaubt, das man in dickflüssigem Sirup so schnell untersinken könnte.

Ehe es mir noch richtig zum Bewußtsein kam, das das kein schwarzer Kaffee, sondern Sirup war, ging mir dieser auch schon bis zur goldgestickten Halsbinde meiner Husarenleutnantsuniform.

Da aber hatte ich noch rechtzeitig mit beiden Händen den Topfrand erwischt. Was sonst passiert wäre, das wagt sich meine Phantasie nicht auszumalen.

So war ich gerettet. Vorläufig. Nun handelte es sich nur noch darum, das jetzt nicht die Köchin kam und mich hier im Sirup fand, und Zweitens, wie nun wieder aus dem Sirup herauskommen.

Ich kann ja den Klimmzug machen, Zehnmal hintereinander, Flüssigkeiten vermindern doch das Gewicht eines jeden Körpers, Sirup muß es eigentlich noch viel mehr tun als Wasser, aber Sirup ist in gewisser Hinsicht eine höllische Flüssigkeit, klebt bekanntlich wie Fliegenleim.

Na, kurz und gut — es gelang mir schließlich doch, mich auf den Topfrand hinaufzuschwingen. Wenn auch unter unsäglichen Schwierigkeiten. So schwer hatte ich noch nie gearbeitet, auch nicht im Steinbruch von Portland.

Endlich saß ich auf dem Topfrande. Das ich jetzt noch eine Husarenleutnantsuniform trug, das durfte ich nicht mehr behaupten. Niemand hätte es mir geglaubt.

Na, ich sprang von meinem Topfrande herab.

Und sprang gerade in eine Schüssel mit Paniermehl hinein.

Stürzte auch noch hin und umkugelte mich einmal.

So, nun fehlte nur noch die Bratpfanne mit Butter. Dann konnte der Herr Husarenleutnant schön braun gebacken werden.

Ich wußte, was ich zu tun hatte. Es half alles nichts, nun mußte ich doch einmal meine Scheu vor Milch überwinden.

Ein Brett mit Querleisten — wozu es diente, weiß ich nicht — kam wie gerufen. Ich legte es an den Rand der Schüssel und erklomm es, machte einen Hechtsprung in die Milch hinein.

Bald aber kam ich zur Überzeugung, das die Sache doch nicht so ging, wie ich sie mir gedacht hatte. Paniermehl und Sirup ließen sich doch nicht so einfach abspülen, sondern jetzt wurde ich in eine Art Pfannkuchenteig eingewickelt, der sich erst recht nicht ablösen ließ.

Da schälte ich mich doch lieber gleich ganz aus meinen Kleidern. Und ich tat es, Zog des Königs Rock aus, Hosen und Stiefel dazu, überhaupt alles.

Aber das Richtige war es noch längst nicht. Ich war nun einmal sirupig geworden, die Milch dazu, und jetzt verrieb ich mir den Sirup mit Paniermehl nur direkt auf der Hand.

Ich entstieg dem Milchbade, so wie mich Gott geschaffen hat. Ich ließ alles in der Milch gleich liegen. Ob es nun auf dem Meeresboden lag oder oben schwamm — mir ganz egal.

Doch nein, ganz nackt war ich nicht. Ich hatte meinen Degen umgeschnallt. Den Dolch hatte ich auf dem Tische liegen lassen.

Was nun? Wie sollte ich diesen Kleister los werden?

Ich mußte Umschau halten, ob in einem der Töpfe nicht doch irgend eine Flüssigkeit war, die man als richtiges Badewasser benutzen konnte. Wenn ich dann nur auch noch War das nicht Seife? Gewiß, es war Seife. Ich hatte den riesigen Block erst für einen Limburger Käse gehalten.

Ich schnitt mir hocherfreut ein gutes Stück davon ab, und nun brauchte ich eben nur noch eine geeignete Badeflüssigkeit.

Mit Hilfe der Bretterstiege konnte ich leicht jeden Topf erklettern.

In dem ersten, in den ich blickte, war Quark·

In Quark kann man sich nicht abwaschen. Oder das soll mir erst einmal jemand vormachen.

Im zweiten Topfe war Bouillon. Das ging schon eher. Wenn nur nicht so große Fettaugen darauf geschwommen hätten.

Ehe ich diese Bouillon benutzte, wollte ich doch die anderen Töpfe untersuchen, vielleicht schon im nächsten, aller guten Tage sind doch drei Nein, da war wieder Sirup drin.

Oder halt! Ich stach erst einmal mit dem Degen hinein. Das stach sich ganz anders als Sirup. Ich leckte am Degen.

Richtig, diesmal war’s nun kein Sirup, sondern gerade schwarzer Kaffee.

Den wollte ich benutzen. Ich habe einmal gehört, das es sehr gesund für die Augen sein soll, sie manchmal mit kaltem Kaffee auszuwaschen. Dann muß es doch auch gesund für den ganzen Körper sein.

Ich Zog das Brett herüber und versenkte es in den Topf, wie eine Laubfroschleiter. An dieser stieg ich hinab. Der Kaffee ging mir bis zur Brust. Die Höhe war also ganz geeignet zum Baden, sonst konnte ich mich ja auch auf das Brett setzen.

Ehe ich mit der Seife loslegte, trank ich mich satt, hatte dabei freilich schon die Beine drin. Aber als ob man so etwas nicht oft genug im Wasser machte! Wenigstens unsereins. Und sonst freilich auch nicht in der Badewanne.

Nach einer Viertelstunde war es geschehen. Rein wie ein Engel entstieg ich dem Kaffeebade. Nur etwas angebrannt. Der Kaffee dagegen hatte seine schwarze Farbe kaum verändert, es war ja ein Bassin von drei Meter Durchmesser, da kann man schon tüchtig mit der Seife schäumen, ehe in Zehn Kubikmetern Kaffee etwas davon zu merken ist.

So. Jetzt konnte ich den Tisch verlassen und unter dem Schranke frühstücken.

Aber so im Adamskostüm nur mit dem Schwerte umgürtet, fühlte ich mich doch nicht recht behaglich.

Nun, da lag ein geeignetes Stück Bratwurstschale, noch unaufgeschnitten, wie starkes Pergament, Ziemlich reinlich — mit diesem schürzte ich meine Lenden.

Ich ließ mich an dem Klettertau wieder herab, schaffte den herabgeworfenen Proviant, auch Schwarz- und Weißbrot, unter den Schrank, unter dem ich schon vorher die Öffnung einer Ventilationsröhre erblickt hatte, so das mein Fortkommen von hier wohl gesichert war.

Ich hatte meine lukullische Mahlzeit Ziemlich beendet, als sich wieder das bekannte Zittern bemerkbar machte, die auf Filzschuhen gehende Köchin betrat wieder die Speisekammer.

Nachdem sie einige Zeit herumhantiert hatte, griff sie nach meinem Kaffeetopfe, führte ihn an die Lippen. Die von mir angerichtete Schweinerei schien sie noch nicht bemerkt zu haben.

Einige Schlucke, dann setzte sie ihn bedächtig ab.

»Hm. Schmeckt der Kaffee nicht nach Seefe? Da hat die Guste wieder einmal den Kaffee nicht ordentlich nachgespült. Hat aber auch sonst einen komischen Beigeschmack, wie nach Sirup.«

Und wie nach Husarenleutnant, setzte ich in Gedanken hinzu.

Um diesen Beigeschmack ihres kalten Kaffees, den sie sonst wohl schwarz trank, wegzubringen, goß sie Milch zu aus jener Schüssel.

Dann jedoch trank sie erst einmal direkt aus der Milchschüssel.

Einige Schlucke, mit einem Male machte sie ein überraschtes Gesicht, schnitt eine Grimasse, setzte die Schale hin, griff sich in den Mund, brachte einen Husarenstiefel zum Vorschein.

»Was ist denn das? Wie kommt denn der Puppenschuh in die Milch? Und war da nicht noch etwas drin?«

Eine Gabel hergenommen, in der Milch herumgestochert, und da hing an der Gabel eine Husarenleutnantshose.

Mehr beobachtete ich nicht, mein Frühstück war beendet, ich schlug mich seitwärts in das Ventilationsrohr hinein.

Nun aber sollte meine Reise auch sehr bald ein Ende finden. Der Leser wird staunen.

Gerade jetzt dachte ich am allerwenigsten daran, das magische Erlösungswort auszusprechen, und doch lag es nur acht Meter von mir entfernt.

Acht Meter dick war nämlich die Mauer, die ich in dem Ventilationsrohr zu passieren hatte.

Und kaum trat ich auf der anderen Seite aus dieser heraus, ohne weitere Umschau gehalten zu haben, weil ich wegen des Dämmerlichtes bestimmt vermutete, mich wieder unter einem Schranke oder anderem Möbel zu befinden, da sausten plötzlich Zwei glühende Augen auf mich los, so groß wie Suppenteller. Ich konnte eben noch die Umrisse einer riesenhaften Katze erkennen, und da befand ich mich auch schon Zwischen den Klauen und sogar Zwischen den Zähnen des Ungeheuers

Es war nur eine gewöhnliche Hauskatze, aber eben in Zwanzigfacher Vergrößerung.

Merkwürdig, das ich diesmal daran dachte, obgleich ich schon meine Knochen krachen hörte.

»Aufhören!« brüllte ich aus Leibeskräften.

Was mit mir geschah, weiß ich nicht.

Aber jedenfalls saß ich plötzlich in meiner alten Glaskugel, saß auf dem Reitsattel, an das Rückenpolster angelehnt, ringsherum eine runde Felsenwand, und dort stand der Kapitän Stevenbrock.

»Also Sie wollen aufhören, Herr Ebert?«

Einige Sekunden brauchte ich, um zur Besinnung zu kommen.

»Ich habe das alles wohl nur geträumt?«

Der Kapitän bestätigte es.

Ich war nicht aus dieser Kugel, gar nicht aus diesem Raume herausgekommen.

Ja, nun wußte ich auch, das ich dies alles nur geträumt hatte. Aber im Traume selbst war mir hier nicht der leiseste Gedanke gekommen.

»Wie lange bin ich denn in der Kugel gewesen?«

»Wie lange der Traum gewährt hat, müssen Sie fragen. Im Grunde genommen nur einen einzigen Augenblick.

In dem Moment, da Sie sich in den Sattel setzten, trat die Membrane dieser Illusionskugel, wie wir den Apparat nennen, in Tätigkeit, der Traum wurde Ihnen suggeriert.

Sie sind nicht einmal hier im Kreise herumgefahren. Die Pedale lassen sich wohl treten, aber die Kugel wird dadurch nicht in Bewegung gesetzt, wie Sie sich jetzt überzeugen können.

Das ist diejenige Erklärung, die ich meinerseits Ihnen geben kann.

Wollen Sie eine ausführlichere, eine wissenschaftliche Erklärung haben, wie diese Illusionskugel wirkt, so müssen sie sich an Doktor Isidor wenden oder direkt an jenen Mann, der diesen Apparat ersonnen hat. Ich werde Sie mit ihm dann bekannt machen.

Nur fürchte ich, das Sie die wissenschaftliche Theorie ebensowenig verstehen werden wie ich. Den letzten Grund von alledem begreift nicht einmal unser scharfsinniger Doktor Isidor.

Die Männer, die zum Teil hier hausen, sind unserer Welt eben um Jahrhunderte, wenn nicht um Jahrtausende voraus.

Wohl wird diese Erfindung noch dereinst Gemeingut der ganzen Menschheit werden, heute ist sie uns noch so fremd wie — uns vor 25 Jahren die ganze Kinematographie war, vor 50 Jahren das Telephon, vor 75 Jahren die Telegraphie, vor 100 Jahren die Eisenbahn. Und nun frage ich Sie: wollen Sie eine Fortsetzung dieses Traumes haben?«

»Das ist möglich?«

»Sonst würde ich Sie nicht fragen. Aber hier muß es geschehen. An Bord meines Schiffes ist keine Gaukelei irgend welcher Art mehr erlaubt, kein solcher Apparat, der von jener geheimen Gesellschaft stammt, dessen Wesen wir uns nicht erklären können, darf an Bord meines Schiffes kommen.

Hier aber haben Sie Gelegenheit, sich solche Illusionen vorgaukeln zu lassen. Also wollen Sie die Fortsetzung Ihres Traumes haben?«(

»Oja, sehr gern, Nur hoffe ich, das ich der Todesgefahr glücklich entgehe.«

»Welcher Todesgefahr? Wo haben Sie den Traum unterbrochen?«

»Das ist Ihnen gar nicht bekannt?«

»Wie soll ich denn das wissen! Wenn der ganze Traum nur einen einzigen Moment währt.

Aber ich selbst habe dies alles erlebt, wir alle haben schon in dieser Kugel gesessen, immer denselben Traum gehabt, wenn auch mit den verschiedensten Variationen. Individuell bleibt der Traum immer. Also wo haben Sie den Traum unterbrochen?«

»Eine Katze überfiel mich.«

»Aha! Also Sie befanden sich als Pygmäe im Lande der Riesen. Ja, ja, ich weiß schon. Das habe ich nämlich auch alles durchgemacht. Sie waren in den Sirup gefallen, dann ins Paniermehl, hatten sich in schwarzem Kaffee abgeseift, die Köchin fischte aus der Milch Ihre Hose heraus, nachdem Sie schon beinahe Ihren Stiefel verschluckt hatte. Sie befanden sich unter dem Schrank, hatten gefrühstückt, passierten das Ventilationsrohr, da kam eine Katze gesprungen behandelte Sie als Maus nicht wahr?«

»Wunderbar, wunderbar!« fing ich statt einer Bestätigung noch einmal zu staunen an.

Nämlich weil der Kapitän und alle anderen, die in der Kugel gesessen, dies als ebenfalls erlebt hatten.

»Sie glaubten wohl, die Katze würde Sie verspeisen?«

»Ich hörte und fühlte schon, wie meine Knochen Zwischen ihren Zähnen krachten.«

»Das war nur Einbildung. Die Katze ritzt Ihnen nicht die Haut, nimmt Sie fein säuberlich beim Genick und bringt Sie ihren Jungen, lehrt diesen an Ihnen das Mäusefangen —«

»Na ich danke!«

»Bitte sehr. Kein Haar wird Ihnen gekrümmt. Sie entwischen der Katze, klettern in der Nacht die Treppen herab, kommen in den Park, bestehen als erstes einen Kampf mit einem Regenwurm — und so weiter. Wollen Sie diese Fortsetzung haben?«

»Hm. Könnte nicht vielleicht die Episode mit der Katze übersprungen werden?«

»Mein lieber Ebert, Sie sind kein besonderer Held!« lachte der Kapitän. »Na, ich verstehe schon. Wenn ich Ihnen von vornherein gesagt hätte, das alles nur ein Traum ist, würden Sie wohl auch nicht um Hilfe geschrien haben.

Ja, es ist möglich, eine und die andere Episode nach Belieben auszuschalten. Aber ich selbst kann das nicht, da müßte ich erst einen von jenen Eingeweihten holen. Lassen sie sich nur ruhig von der Katze im Maule davontragen. Sie werden sofort bemerken, das das Tier Sie ganz sorgsam, sogar Zärtlich behandelt, um die Menschenmaus seinen Jungen lebendig zu bringen. Es dauert auch gar nicht lange.«

Ich war bereit dazu.

»Dann steigen Sie einmal heraus aus Ihrer Kugel, steigen Sie wieder hinein und setzen Sie sich.«

Ich tat es, und kaum saß ich wieder im Sattel, als Ja, das kann ich nun unmöglich beschreiben.

Der Film, zu dessen Betrachten oder richtiger Erleben ich einige Tage gebraucht hatte, schnarrte jetzt in einem einzigen Augenblicke ab.

Anders kann ich mich nicht ausdrücken.

Ich war mir bewußt, alles noch einmal zu erleben und wußte es eigentlich dennoch nicht. Nämlich nicht, das ich es schon erlebt hatte und jetzt noch einmal erlebte.

Man sieht, so etwas kann man nicht schildern.

Kurz, ich befand mich plötzlich Zwischen den Klauen und Zähnen der Katze.

Weshalb ich jetzt nicht in fürchterlicher Todesangst das Zauberwort brüllte, ob ich mich dabei der letzten Unterhaltung mit dem Kapitän erinnerte oder nicht, vermag ich ebenfalls nicht zu sagen.

Ja und nein. Der Traum ist für uns noch ein vollkommenes Rätsel, die Wissenschaft muß sogar erst begründet werden, die sich mit ihm beschäftigt.

Also das Spiel ging weiter. Ich schildere es nicht.

Denn ich habe noch viele Tage lang im Riesenlande Brobdingnag zugebracht.

Bis ich dann meine Kugel wiederfand, sie aber erst nicht benutzen konnte, weil mir der Schlüssel dazu fehlte, endlich verstand ich die Klappe zu öffnen. Ich kroch hinein, nicht zu meinem Vorteil, denn Riesenkinder fanden die hübsche Kugel, spielten mit ihr Fangeball und Fußball, ich immer drin, bis ich nach ganz logisch aufeinanderfolgenden, wenn auch phantastischen Erlebnissen wieder auf der Kirschbaumallee rollte, in das Felsentor hinein und in dem runden Raume wieder aus der Kugel stieg.


150. KAPITEL.
DER TAG DES ZORNS.

Ich überspringe die Zeit, die wir noch in diesem Felsen zubrachten.

Auch schildere ich nicht, wie nicht weit von diesem Felsen entfernt ein Dampfer Zwischen den Riffen festfuhr, wie die Mannschaft von unseren Leuten in Booten abgeholt, gerettet wurde, aber nur, um sie in diesem Felsen verschwinden zu lassen, wie dann der Dampfer in die Luft gesprengt wurde.

Ich schildere es nicht, weil ich selbst nicht zugegen war, dies alles erst später erfuhr. Denn zu derselben Zeit unterhielt ich mich mit einem Herrn, der sich Beireis nannte und der seine Erklärungen durch wunderbare Experimente ergänzte.

Dann setzten wir unsere Fahrt nach Westen um das Feuerland fort, immer nur segelnd, langsam bei mäßigem Winde.

Es war ein schönes Wetter, wie man es selten hier unten trifft, und es war ein mir unvergeßlicher Abend, von dem ich jetzt berichten will, der ihn einleitete, den Tag des Zorns.

Der Tag des Zorns!

Kennst du ihn, lieber Leser, diesen Tag des Zorns?

Gehörst du der römisch—katholischen Kirche an, dann kennst du ihn selbstverständlich.

Aber man braucht auch kein Katholik zu sein, um ihn zu kennen.

Dies irae, dies illa —

Es war ein herrlicher Abend.

Diesmal war es die Schöpfung selbst, die uns eine Zaubervorstellung gab. Von der schon untergegangenen Sonne war der östliche Horizont noch blutrot gefärbt, ganz wunderbarer Weise aber lag der Himmel im Norden bereits im dunklen Schatten, dort funkelte bereits das mächtige Sternbild des Kreuzes, noch schwärzer war der Himmel im Osten, dort wetterleuchtete es, schon zuckten die Blitze, schon grollte der Donner und im Süden schließlich flammte ein Polarlicht auf.

Wir standen an Deck und staunten und staunten.

Weshalb nur behält sich der äußerste Süden der Erdkugel das Recht vor, solche Naturphänomen zustande zu bringen, hier unten, wo es gar keine Menschen gibt, um diese Zauberei der Schöpfung zu bewundern. Nur Feuerländer, die kaum den Namen von Menschen verdienen.

Ich habe Zahllose Male mitten in Deutschland, nicht von hohen Bergen aus, sondern im platten Lande, mitten in der Großstadt, in Berlin, Sonnenuntergänge beobachtet, mit Färbungen des Himmels und der Wolken, die ich als Maler nicht wiederzugeben wagen würde! Weil man mir nicht glauben würde, das es in Wirklichkeit so etwas gibt, wie ich da auf der Leinwand schildern will.

Wir standen an Deck und staunten und staunten.

Da plötzlich begannen leise Orgeltöne das Schiff zu durchziehen.

Die Töne schwollen und schwollen, und wir bekamen das Gewaltigste zu hören, was wir je von Hämmerleins Meisterhand gehört hatten.

Es war ein Oratorium. Er hatte es noch nie gespielt, auch sonst uns allen unbekannt.

Furchtbar mächtig, donnernd und brausend.

Herzerschütternd, seelenzerreißend, nervenzerschneidend und dennoch wahre Musik.

Unbeschreiblich!

Diese Posaunentöne, welche diese Orgel plötzlich von sich geben konnte — wir hörten etwas ganz anderes als unsere Orgel.

Mit einem verrollenden Donner war das Stück ausgeklungen.

»Was war das?«

Atemlos wurde es überall gefragt.

Ja, wir alle hatten kaum zu atmen gewagt.

Hämmerlein kam an Deck und gab die Erklärung.

Dies irae — Tag des Zorns.

So lautet, nach den Anfangsworten, der Titel einer lateinischen Hymne, das jüngste Gericht schildernd, nach dem Propheten Zephania 1. Kapitel, Vers 14 bis 18.

Mit Sicherheit wissen wir nur, das diese Hymne im 18. Jahrhundert entstanden sein muß, der Dichter ist unbekannt, man hat aber alle Ursache, für diesen den Franziskanermönch Thomas von Celsano zu halten.

Seit dem 16. Jahrhundert wurde diese Hymne in die römisch—katholische Kirchenmusik aufgenommen oder vielmehr in den Kirchendienst, sie folgt dem Requiem der Seelenmesse und des Totenamtes, in lateinischer Sprache.

Fast alle großen Komponisten haben sich an ihrer Vertonung versucht. Am bekanntesten sind die Kompositionen von Haydn und die von Mozart, obgleich mir die von Palestrina und von Winter fast besser gefällt.

»Von wem war diese Komposition der Hymne?«

Wie gewöhnlich wurde das bescheidene Männlein ganz rot vor Verlegenheit, als es gestehen mußte, es sei seine eigene Schöpfung.

»Georg, wenn ich begraben werde — das las mein Grablied sein.«

So flüsterte die Patronin.

»Helene, wie kannst Du —«

»Versprich es mir, Georg!«

»Ich verspreche es Dir.«

Hiermit war die Sache erledigt.

Keine Spur von Sentimentalität dabei. Lachend hatte sie es natürlich auch nicht gesagt.

Wir fuhren von Westen her in die Magalhaesstraße ein, jetzt unter Volldampf, am anderen Morgen näherten wir uns dem südlichen Ufer, passierten bei fast ganz stiller See eine schmale Wasserstraße, kamen in eine Bucht.

Der Leser kennt sie — die Argonautenbucht.

Die »Argos« machte an derselben Stelle fest, wo sie schon Zweimal gelegen hatte.

Laufbrett aus, die ganze Menagerie an Land! Das war immer das erste.

Der Kapitän hatte mich gebeten, ihm zu folgen. Ich weiß, nicht, was er mir Zeigen wollte, habe es auch nicht erfahren.

Auch die Patronin hatte sich gleich an Land begeben. Doktor Isidor hatte gegen einen kleinen Spaziergang nichts einzuwenden gehabt.

Die beiden, der Kapitän und die Patronin, waren mir einige schritte voraus.

»Weist Du noch, Georg,« hörte ich die Patronin sagen, als wir uns vielleicht erst 50 Schritt von dem schiffe entfernt hatten, uns etwas nach rechts haltend, dort wo der ganze Boden mit großen, abgerundeten Steinen bedeckt war, »weist Du noch, Georg, wie wir zum ersten Male hierher kamen, wie die Hunde und Willy und die Marchese unserem Boote nachschwammen, wie wir dann - ach, Georg!«

Sie hatte heiter mit lächelndem Munde gesprochen.

Nur das letzte Wort hatte anders geklungen, wie ein Seufzer.

Dabei war sie plötzlich stehen geblieben, wandte sich halb um, jetzt sah ich ihr Gesicht, blühend wie immer, mit einem Male ward es schneeweiß, es sah aus, als wolle sie dem Kapitän beide Hände auf die schultern legen, aber die Hände glitten an seinen Armen herab, so sank sie vor ihm zu Boden.

»Um Gott, Helene!«

Es war sein einziger Verzweiflungsschrei gewesen.

Am andern Morgen zu derselben Zeit ward sie an derselben Stelle begraben.

Ich sage das so kurz, weil es tatsächlich so einfach vor sich ging.

Nicht anders, als wie man einen toten Hund verscharrt, den man nicht einmal besonders geliebt hat.

Die Leiche hatte in der Patronatskajüte gelegen. Schon nach 20 Stunden stellten sich die Leichenflecke ein, wohl das einzige sichere Zeichen, durch das man Scheintod von wirklichem unterscheiden kann, da gab der Schiffsarzt den Körper zum Begräbnis frei, was im Logbuch vermerkt werden mußte.

Klothilde wusch die Leiche, zog sie an. Womit, weiß ich nicht. Viel mehr als ein Hemd wird es wohl nicht gewesen sein.

Unterdessen hatte der arabische Schiffszimmermann Hammid schon den Sarg gefertigt, wenn man den aus sechs zusammengenagelten Brettern bestehenden Kasten Sarg nennen durfte. Die bei der Arbeit abgefallenen Hobelspäne kamen hinein, auf diese die Patronin, und ich hörte das Nageln.

Nicht einmal angemalt wurde er!

Zwei Matrosen, die ersten besten, hoben den Kasten auf, trugen ihn davon, vier kommandierte Matrosen folgten mit sechs Schaufeln.

»He, Maschinist,« sagte der Kapitän so im Vorbeigehen zu mir, »nun können Sie auch noch das Eingraben überwachen.«

Ich hatte nämlich schon gestern mit einem Erdbohrer konstatieren müssen, das es dort weder Felsen noch Grundwasser gab, das die Stelle also geeignet war, um in einer Tiefe von nur einem Meter einen Sarg aufzunehmen.

Also ich überwachte die Arbeit, wozu eigentlich, weiß ich nicht. Schweigend gruben die sechs Matrosen das Loch, ließen den Sarg an Seilen hinab, schaufelten das Loch wieder zu, stampften die Erde mit den Füßen fest.

Fertig, abrücken!

Nun, der Leser wird wohl nicht glauben, das die Argonauten ihre Patronin wie einen toten Hund verscharrt hätten.

Aber so, wie sich es hier schildere ging es doch wirklich zu.

Dazwischen freilich wurden auch schon andere Vorbereitungen getroffen

Schon gestern hatten alle Leute bis zum späten Abend im nahen Walde Holz gefällt und gesägt, auch Exklusive wie Juba Riata und der Eskimo hatten sich eifrig daran beteiligt, und gerade bei letzterem wollte solch eine Arbeit doch etwas heißen, und heute wurde dieses Holz in acht mächtigen Haufen um den schmucklosen Grabhügel herum aufgestapelt, wozu dann noch massenhaft Zerkleinertes Bretterholz vom Schiff kam.

Gegen Mittag war diese Arbeit beendet. Es wurde gegessen, dann mußte alles zur Koje gehen. Und der Seemann muß auch auf Kommando schlafen können.

Um sechs Uhr wurde geweckt und Abendbrot gegessen, und dann begab sich alles an Land, alles. Mit Ausnahme von Meister Hämmerlein.

Hundertundvierzehn Männer waren es, welche den Grabhügel schweigend umstanden, dazu noch Ilse und Klothilde. Männer, sage ich — von Jungen durfte man nicht mehr sprechen.

Halb acht nach Ortszeit ging die Sonne unter.

Es war klarer Himmel, schönes Wetter, kleiner und kleiner wurde ihre Scheibe am westlichen Horizont.

»Fertig!« rief Kapitän Stevenbrock, als der letzte Streifen der roten Scheibe untergetaucht war.

Er beugte sich, legte die Hand, in der ein Flämmchen zu sehen war, unten an den Holzstoß, neben dem er stand, gleichzeitig taten dies sieben andere Männer, und gleichzeitig schlug das lodernde Feuer aus allen acht Holzstößen empor, die mit Petroleum übergossen und mit Pech imprägniert worden waren.

Und gleichzeitig begann im nahen Schiffe die Orgel zu brausen.

Dies irae, dies illa — Diese Hymne, das Weltgericht schildernd, nur Gottes Zorn, nichts von Güte und Gnade wissend, paßte ja durchaus nicht als Grablied, am wenigsten für diese Tote.

Denn dieser Tag ist ein Tag des Zorns, ein Tag der Trübsal und Angst ein Tag des Unwetters und Ungestüms, ein Tag der Finsternis und Dunkelheit, ein Tag der Wolken und Nebel, ein Tag der Posaunen und Trompeten.

Nein, es past nicht für ein Begräbnis, am wenigsten passte es für dieses hier.

Was hatte denn dieses arme Weib hier mit dem jüngsten Gerichte zu tun.

Wenn die ins Gericht kam, dann — ging ich gleich freiwillig in die Hölle.

Aber sie hatte dieses Lied gewollt, und das Versprechen wurde gehalten.

Es war ja auch nur Meister Hämmerleins Musik, die sie für ihr Begräbnis bestimmt hatte.

Und als nun die Feuer aufflammten und als die ersten Orgeltöne donnernd erbrausten, da ging Kapitän Stevenbrock als erster dorthin, wo die runden Steine, die rundgewaschenen Trümmer einer eingestürzten Felswand, massenhaft lagen, vielleicht zu Hunderttausenden, es war gar nicht weit, und er hob einen gewichtigen Stein auf, und trug ihn zurück, legte ihn als ersten mitten auf den Grabhügel.

Und Hundertfünfzehn andere Menschen folgten seinem Beispiele.

Und als neun Stunden später die ausgebrannten Holzstöße zusammenstürzten, als halb fünf auf der anderen Seite des Firmaments die Sonne wieder auftauchte, da erblickte sie eine gewaltige Steinpyramide von wenigstens fünfzehn Meter Höhe, die sich über den kleinen Grabhügel erhob.

Es war eine gewaltige Arbeit, die wir geleistet hatten!

Neun ganze Stunden haben wir unter Feuerschein und Orgelbrausen Steine getragen und aufgebaut, ununterbrochen, ohne Hast aber ohne Rast, ohne einen Bissen zu essen, ohne einen Trunk. Dabei wanderte kein Stein aus einer Hand in die andere, sondern immer holte jeder den seinen, trug ihn hin, legte ihn an eine ausgesuchte Stelle und immer höher und höher mußte geklettert werden. Und jeder suchte sich immer jenen schwersten Stein aus, wenn er ihn nur noch tragen konnte, August der Starke sowohl wie die kleine Ilse.

Neun ganze Stunden haben wir so ununterbrochen Steine getragen, sie zu einer symmetrischen Pyramide anhäufend, immer unter den brausenden Klängen der Orgel.

Auf mindestens Zwanzigtausend Steine schätzte ich sie, die wir so geschleppt und aufgetürmt haben, darunter Zweizentrige Blöcke.

Denn ich selbst habe meine gezählt, einhundertsechsundneunzig habe ich geschleppt, und einhundertsechzehn Personen waren wir, und ich war durchaus nicht der eifrigste gewesen — da müssen in neun Stunden, wohl Zwanzigtausend Steine herauskommen.

Wer hat schon solch ein Begräbnis bekommen, wem ist in einer Nacht aus Zwanzigtausend Steinen solch ein Denkmal gesetzt worden?

Ich kenne in der Welt kein anderes Beispiel.

So haben die Argonauten ihre Patronin bestattet.

Ganz prunklos, so einfach wie irgend möglich, so wie sie es gewünscht hatte, unter den von ihr gewünschten Orgelklängen. Nur noch eine Zugabe hatten die Argonauten gemacht, in neun Stunden, ohne einen Bissen, ohne einen Trunk, ohne ein einziges Wort dabei zu sprechen.

Und da stand sie nun, die Pyramide aus Zwanzigtausend mächtigen Steinen!

»An Bord!«

Der Kapitän hatte es gerufen.

Das erste Wort nach neun Stunden.

Wir hatten nichts mitzunehmen. Denn wir hatten nichts mitgebracht, nichts.

Und doch, etwas mußte zurückgetragen werden.

Doktor Isidor.

Das kleine, von Alkohol ausgelangte Krummbein hatte die neun Stunden Steine geschleppt wie jeder andere. Hatte getragen, was er tragen konnte.

Gerade, wie der erste Sonnenstrahl über dem östlichen Horizonte aufgezuckt war, war er ohnmächtig zusammengebrochen.

»Kapitän,« sagte da Oskar, der ihn mit trug, »ich glaube, der hat ein Sterbchen gemacht. Dem seine Nase ist ganz aus der Fasson gekommen.«

Ja, Doktor Isidor Cohn war tot!

Die Leiche wurde einstweilen im Lazarett untergebracht.

»Unser Doktor Isidor aber bekommt ein Seemanns-Begräbnis. Natürlich wird er in ein Kognakfaß ingespundt, richtig in Kognak eingesetzt.«

So hörte ich einige Matrosen sprechen, und ich sah, wie nasse Augen gewischt wurden.

Beim Tode der Patronin war so etwas nicht zu bemerken gewesen.

»Dampf auf! «

Unter den Kesseln hatte die ganze Nacht kleines Ölfeuer gebrannt, es wurde verstärkt, und schon Zehn Minuten später war volle Dampfspannung vorhanden.

Wir hatten allen Grund, die Bucht schnellstens zu verlassen.

Diese seit Tagen anhaltende Windstille war in dieser Gegend etwas ganz Phänomenales, das mußte sich rächen, und jede Minute konnte denn auch der Tanz losgehen.

Ja, die Sonne war in strahlender Pracht aufgegangen. Aber dort der helle Streifen am östlichen Horizont war auch das einzige, was man noch vom blauen Himmel sah. Sonst war er wie von einer Bleimasse verdeckt, die sich schwarzer und schwarzer färbte, man dachte unwillkürlich an Blei, denn etwas wie schweres Blei lag in der ganzen Atmosphäre.

Irgend etwas Fürchterliches stand in der Schöpfung bevor.

Wohl lagen wir in dieser Bucht gesichert, aber wenn es losbrach, konnten wir nicht mehr durch die enge Wasserstraße hinauf, dann mußten wir vielleicht wochen- und selbst monatelang untätig hier liegen, ehe wir eine Durchfahrt wieder wagen durften.

Hatten wir einmal das offene Wasser erreicht, dann mochte Sturm und See toben wie sie wollten; genügend von der Küste entfernt, hat ein wackeres Schiff wie das unsere doch nichts zu fürchten.

So dachten wir! Wir Menschlein!

Wir erreichten das freie Wasser, kamen außer Gesichtsweite der Küste.

Dann brach es los.

Aber nun wie!

Wenn man so etwas beobachten könnte, so würden wir ein höchst interessantes Naturphänomen beobachtet haben, das es übrigens auch im nördlichen Deutschland gibt.

Bist Du, lieber Leser an der Ostsee gewesen, wenn auch nur als Badegast, hast Dich aber noch für anderes interessiert als nur für die Arrangements der Badeverwaltung, für Toiletten, Flirt und dergleichen?

Dann hast Du vielleicht auch schon vom sogenannten »Seebär« gehört, einem Naturphänomen, das wohl auch anderswo an der Erde vorkommt, hauptsächlich aber in der Ostsee beobachtet, studiert worden ist, während man es in der benachbarten Nordsee gar nicht kennt.

Nach windstillen Tagen ist das Meer glatt wie ein Spiegel. Allerdings bereitet sich in der Atmosphäre etwas vor, man darf einen baldigen Sturm erwarten.

Da plötzlich steigt irgendwo im Meere ein gewaltiger Wasserberg empor, und Zwar unter einem furchtbaren Brüllen, die ganze Umgegend in eine tobende Flut verwandelnd, und gleichzeitig kommt ein orkanartiger Sturm einhergebraust, oder er kommt vielmehr wie von allen Seiten herangerast, schnell wieder aussetzend, also böenartig, dann sich nach einer Gewissen Richtung als Wirbelsturm fortsetzend und nun natürlich das ganze Meer in Aufruhr bringend.

Das ist der Seebär. Früher haben die Küstenbewohner und Schiffer geglaubt, im Meere hause ein bärenartiges Ungeheuer, das steige manchmal brüllend empor, daher der Name.

Sie sind selten, diese Seebären. Manchmal vergehen Jahrzehnte ehe einer beobachtet wird, wobei freilich zu bedenken ist, das doch nicht jeder gesehen wird. Das letzte mal wurde dieses Naturphänomen in der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1888 in der Ostsee beobachtet.

Unsere Vorväter an der Waterkant waren mit ihrer Erklärung, es sei ein riesenhaftes Meerungeheuer, das brüllend aufstiege, fix und fertig. Das zurückfallende Wasser mußte doch einen luftleeren Raum bilden, das heißt, die Luft mußte nachströmen, daher nach der Windstille der plötzliche Sturm, von allen Seiten kommend.

Das ist natürlich eine Fabel. Schade nur, das unsere Gelehrten bis heute noch keine andere Erklärung für dieses Phänomen gefunden haben.

Das heißt, das Heer der Wissenschaft ist in Zwei große Lager geteilt.

Die eine Partei behauptet es fände ein Erd- oder vielmehr Seebeben statt, die Ostsee habe vulkanischen Boden. Dann kommt also weiter die Theorie der nachströmenden Luft nach dort in Betracht, wo der Wasserberg wieder zusammengebrochen ist.

Hiervon will die andere Partei nichts wissen. Die Ostsee hat keinen vulkanischen Boden. Im Jahre 1888 besaß man schon ganz vortreffliche Seismometer — der erste dieser Apparate, welche Erdbeben anzeigen und die Schwingungen aufzeichnen, ist bereits von dem Italiener Salsano konstruiert worden — und in der Nacht vom 16. zum 17. Mai ist nirgends an den Küsten der Ostsee ein Erd- oder Seebeben gemeldet worden. Das erst der Wasserberg emporsteige und dann der Sturm einfalle, sei eine Täuschung. Erst entsteht der Wirbelsturm dadurch, das die heiße Luft, die bisher nicht in die Höhe kommen konnte, plötzlich emporsteigt, dort strömt alle Luft der Umgebung zusammen, mit so furchtbarer Gewalt, das das Wasser berghoch mit emporgerissen wird, und das das Wasser beim Emporsteigen brüllt, ist ebenfalls eine Täuschung, es brüllt beim zusammenstürzen! Das ist die ganz einfache Erklärung.

Jawohl, ganz einfach! Nun, meine Herren, warum kennt man denn dieses Phänomen nicht auf der benachbarten Nordsee? Einmal müßte es doch auch dort beobachtet worden sein!

Nein, meiner Überzeugung nach handelt es sich dabei um ein ganz regelrechtes Seebeben — ob die Ostsee nun vulkanischen Grund hat oder nicht.

Das ist eigentlich sogar schon bewiesen. Die Gegenpartei ignoriert nur immer diesen Beweis.

Der gewaltigste Seebär, dem viele Schiffe zum Opfer fielen, wurde am 1. November 1755 von Lübeck aus beobachtet. Die Lübecker Chronik erzählt ganz ausführlich davon, was dieser Seebär für Opfer gefordert und Schaden angerichtet hat, auch noch weit über die Küste ins Land hinein, alles überflutend und mit zurückreisend.

Und am 1. November 1755 wurde bekanntlich Lissabon von jenem fürchterlichen Erdbeben heimgesucht, wobei das Meer plötzlich meilenweit zurücktrat, überhaupt ganz verschwand, bis es plötzlich wieder als eine ungeheure Wassermauer angebrüllt kam und beim zurückgehen nahm es mehr als dreißigtausend Menschen für immer mit!

Na also!

Dieses zusammentreffen eines regelrechten Erdbebens in Portugal, das alles einstürzen ließ, das aber auch im Meere einen regelrechten Seebären erzeugte, und dieser fast gleichzeitige Seebär in der Ostsee, das ist doch nicht etwa nur ein Zufall gewesen!

Es war vormittags gegen elf.

Fast möchte ich es nicht schildern, denn Alles, was ich beschreiben kann, verblast gegen das, was wir in Wirklichkeit erlebten. Dafür gibt es keine Worte.

Der Tag hatte sich in finstere Nacht verwandelt.

Wir dampften volle Fahrt östlichen Kurs, wie auf einem Teiche.

Plötzlich hörte ich auf Steuerbordseite ein fürchterliches Brüllen — es war ein Brüllen, anders kann ich nicht sagen — und da plötzlich stand der ganze Himmel in Flammen, ich glaubte, der Donner habe einmal schon vor dem Blitze gebrüllt, sonst konnte ich mir dieses schreckliche Brüllen ja gar nicht erklären — — da aber sah ich in diesem Himmelsfeuer unter mir auf Steuerbordseite plötzlich das ruhige Wasser sich auftürmen, immer höher und höher. Ich starrte und starrte.

Über mir ein donnerndes Krachen, unter mir jenes furchtbare Brüllen.

Das unser Schiff bereits mit ungeheurer Schnelligkeit nach Norden davongewälzt wurde, mit der Breitseite, das merkte ich gar nicht.

Plötzlich aber fing es wie ein Kreisel sich um sich selbst zu drehen, und nun dazu noch ein anderer Ton, ein Heulen in der Atmosphäre, und nun noch dazu — —.

Nein, ich kann es nicht beschreiben.

Ich wußte nichts mehr von mir. Obgleich ich nicht etwa bewußtlos war.

weiß nicht, ob wir nur einige Minuten oder Stunden lang so seitwärts getrieben worden sind, uns dabei immer im Kreise drehend.

Die Zeit war plötzlich für mich stille gestanden.

Die Ewigkeit war angebrochen.

»Das ist der Welt Untergang!«

Weiter dachte ich nichts. Vielleicht nur einen Moment, für mich eine Ewigkeit.

Und wie ich das dachte — »das ist der Welt Untergang, das ist der Welt Ende!« — da plötzlich mischte sich in das Donnern und Krachen und Brüllen noch ein anderer Ton.

Da plötzlich fängt die Orgel zu spielen an.

Dies irae, dies illa —

O Tag des Zorns, o Tag des Grimms!

Und da plötzlich ein schmetternder Krach, meine linke Hand wurde gepackt und ich in die Nacht der Vergessenheit geschleudert.


151. KAPITEL.
IMMER ORIGINELL!

Als ich die Augen wieder aufschlug, lachte am blauen Himmel die Sonne.

Ich lag auf einem ebenen Steinboden, hier und da erhoben sich Felsen, und dort unten brandete das Meer, nicht eben so furchtbar.

Dort rechter Hand war ein niedriger Buchenwald.

Ach, und was ich nun sonst um mich herum erblickte!

Nur wenige Schritte von mir entfernt — das war das erste, was ich sah — lag ein Menschenknäuel.

Ich erkannte Klothilde, sie lag quer über der kleinen Ilse, hatte diese mit den Armen umklammert, und über diese beide wieder lag der Eskimo, hatte seinen linken Arm um Klothilde geschlungen, und daneben kniete Juba Riata und war beschäftigt mit einem langen Jagdmesser — seines Freundes rechten Arm abzuschneiden!

Dicht oben an der Achsel!

Hatte nur noch Fleisch und Sehnen zu durchschneiden.

Und dann, wie dies geschehen, wie das Blut in Strömen floß, sprang Juba Riata auf, nach dem Holzfeuerchen, das dort brannte, indem mit dem einen Ende ein kurzer Baumknüppel oder ein dicker Ast schwebte.

Diesen Feuerbrand herausgezogen, ihn mehrmals auf den Felsboden gestampft, das die Funken stoben, wieder hingesprungen und schnell das rotglühende Kohlenende gegen den blutenden Armstumpf gepreßt.

Der Eskimo bewegte sich etwas und stöhnte furchtbar.

Ich stöhnte mit ihm.

Ich fühlte seinen furchtbaren Schmerz mit ihm.

Nur merkwürdiger Weise in den Fingern meiner linken Hand.

Wie ich den Arm hob, die linke Hand, sah ich, das Mittel- und Zeigefinger als formlose Masse herabhingen.

»Was ist mit ihnen?«

Kapitän Stevenbrock hatte es gesagt, neben mir auftauchend.

Er nahm meine Hand beim Gelenk.

»Tja, da is nischt zu machen.«

»Fertig!« sagte Juba Riata und stand auf, kam auf uns zu.

Nur einen Blick auf meine Finger geworfen.

»Halten Sie ihn fest.«

Plötzlich umschlang mich der Kapitän von hinten, zugleich mein linkes Handgelenk mit eisernem Griff packend, es auf einen flachen Stein niederdrückend

»Um Gott, da ist ja Ilse!« flüsterte er.

Er sah das Kind erst jetzt unter Klothilde liegen, hatte also überhaupt noch gar nicht gewußt, ob es vom Meere ausgespien worden war, und wie konnte er jetzt wissen, ob Ilse noch lebe.

Aber er sprang nicht etwa sofort hin, er ließ mich nicht los.

Juba Riata ordnete meine beiden Zerquetschten Finger auf der Unterlage, setzte sein Messer an, nahm einen Stein, schlug kräftig auf die Klinge — das waren meine beiden Finger.

Ich brüllte auf und verlor das Bewußtsein.

Dann fühlte ich nochmals einen furchtbaren Schmerz, als die beiden Stummel ausgebrannt wurden, fühlte die Glut aber mehr im Gehirn als an der Hand, und es war auch nur ein Moment, dann fiel ich in noch tiefere Ohnmacht.

Man darf dies alles nicht gar zu schrecklich finden. Das Betäuben bei Operationen ist erst ums Jahr 1840 eingeführt worden, erst mit Äther, sieben Jahre später mit Chloroform. Vorher kannte man so etwas noch gar nicht. Und wie geht es denn noch heute in jedem Kriege zu! Auf und hinter dem Schlachtfelde sind nicht immer narkotische Mittel zur Stelle, da wird eben losgeschnitten, und das beste Antiseptikum ist noch immer Feuer. Und der Mensch hält nicht mehr aus, als wie er eben vertragen kann, dann sorgt die Natur schon dafür, das er nichts mehr fühlt. In anderer Hinsicht freilich ist es ja schrecklich genug.

Fünf Tage lag ich im Wundfieber, nur selten zur Besinnung kommend und hatte dann für meine Umgebung gar kein Interesse.

Als ich wieder richtig zu mir kam, mich auf als besinnen konnte, lag ich auf einem ungegerbten Guanakofelle, das auf dem Grase unter den dichten Zweigen einer niedrigen Buche ausgebreitet war.

Rings um mich herum lagen noch andere Patienten, denen zum Teil Gliedmaßen fehlten, sonst mit geschienten Beinen und Armen oder sonstigen Verbänden.

Ich will sie nicht namentlich anführen, die ich hier erblickte, nur wenn es so die Gelegenheit mit sich bringt.

Im Augenblick interessierte mich auch am meisten Mister Tabak, der gerade Zwischen den Bäumen anspaziert kam, auf der linken Schulter eine Lanze, ein junger Baumstamm, nur mit dem Messer zugespitzt und im Feuer angekohlt, an die er einen prächtigen fast meterlangen Lachs angespießt hatte, und es wäre doch nicht Mister Tabak gewesen, wenn er nicht gequalmt hätte. Freilich aus einer sehr primitiven Naturpfeife. Ein Stück Schilfrohr, daran ein kurzes Stück Holz, ein Ast, der im rechten Winkel doppelt durchbohrt war.

Hatte ich denn bei meinem Erwachen nur geträumt?

Nein. Nicht umsonst trug der Eskimo die Lanze auf der linken Schulter· Der rechte Arm fehlte ihm, dort hatte er an der Achsel nur eine dicke Kugel, einen wulstigen Verband.

»Armer Tabak!« sagte ich erschüttert.

Weil ich eben meine Umgebung noch nicht näher gemußtert hatte.

Der Eskimo hatte es gehört, blieb vor mir stehen.

Er hatte meine Worte falsch verstanden, bezog den Namen auf den Inhalt seiner Pfeife, und, des Deutschen doch nicht so völlig mächtig, nahm er das Wort »arm« wohl für »armselig«.

»Wat? Schlechter Tabak wäre das? Sie denken wohl, ich rauche getrocknetes Moos wie die anderen? Nee, da ist unsereins schlauer. Als ich merkte, das die Sache kladrig gehen würde, polsterte ich mich schnell noch hinten und vorn mit Tabak aus.«

Ich ließ ihn in seinem Irrtum, das ich das von ihm gerauchte Kraut schlecht gemacht hatte.

»Wann war das denn?«

»Als wir hier ausstiegen? Vor fünf Tagen.«

»Und Sie können schon wieder auf den Fischfang gehen?«

»Warum denn nicht? Der Stumpel heilt gerade so gut, wenn ich spazieren gehe als wenn ich immer liege. Sie meinen, ob mir der rechte Arm fehlt? Nee. Ich schmeiße mit dem linken genau so gut. Naja, fehlen tut er mir ja ein bisschen. Ich weiß immer nicht, wie ich die Schnupftabaksdose halten soll, wenn ich eine Prise nehmen will. Aber daran gewöhnt man sich schon mit der Zeit.«

»Glücklicher, beneidenswerter Mensch!«

»Was ist von unserem Schiffe übrig geblieben? Hat es Tote gegeben? Wo sind wir hier?«

»Hören Sie, das lassen Sie sich gefälligst von einem anderen erzählen. Ich habs schon dreimal getan, ich habe die Geschichte satt.«

Sprachs und ging davon.

Ich sollte es aus des Kapitäns eigenem Munde erfahren, ich war der einzige, dem er davon so ausführlich berichtete.

Aber nun wie er es tat, diese eigentümliche Einleitung! Ich hielt den Kapitän zuerst für irrsinnig.

Kaum war der Eskimo gegangen, als Kapitän Stevenbrock kam, gleich direkt auf mich zu.

»Na, Ebert, wie gehts, wie stehts? Was macht Ihre lädierte Pfote?«

Das war es nicht, weshalb ich ihn für etwas irrsinnig hielt. Solche Ausdrucksweise wird man an Bord des Schiffes schnell gewöhnt. Das auch alle anderen, ob sie nun jetzt Krüppel waren oder nicht, die ganze Geschichte so auf die leichte Achsel nahmen, sich deshalb um keine Linie verändert hatten, davon werde ich noch später berichten.

Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl in der verbundenen Hand, nichts weiter.

»Sagen Sie mal, mein lieber Ebert — —«

Der Kapitän streckte sich neben mir im Grase aus, holte eine halbe Platte Kautabak aus der Tasche, bis, ab, blinzelte behaglich mit den Augen.

»Sagen Sie mal, mein lieber Ebert — wie hat Ihnen damals die Geschichte im Lande der Zwerge und der Riesen gefallen?«

Ja, diese Frage freilich ließ mich ganz an dem gesunden Verstand des Kapitäns irre werden. Denn man bedenke nur die ganze Situation. Und jetzt, wie mich der Kapitän zum ersten Male bei vollem Bewußtsein findet, fängt der sofort von jener Illusionskomödie an!

Was sollte ich davon denken?

»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr er gleich von selbst fort, ohne meine Antwort abzuwarten, »diese ganze Geschichte, die Sie da scheinbar erlebt haben, ist nämlich auf besondere Weise entstanden. Denn entworfen muß so etwas doch erst werden. Die inneren Glaswände der Kugel werden Gewissermaßen oder auch wirklich besprochen, so wie doch erst die Walze oder Platte eines Grammophons besprochen werden muß. Es geschieht ja bei der Illusionskugel in ganz anderer Weise, die ich Ihnen jetzt nicht erklären kann, aber im Prinzip ist es doch dasselbe.

Diese ganze Komödie ist also erst entworfen und ausgearbeitet worden. Und Zwar von uns selbst, von uns Argonauten, von der ganzen Mannschaft. Oder doch von denen, die sich daran beteiligen wollten. Und Zwar in der Weise, das jeder seinen Senf dazu gab, ohne das die anderen davon wußten. Wie das gemacht wurde, kann ich Ihnen nicht weiter schildern. Sie verstehen mich schon.

Als Hauptthema war dabei aufgegeben worden, der Mann, der sich in die Kugel setzt, soll Abenteuer im Lande der Zwerge und der Riesen erleben, in Anlehnung von Swifts phantastischer Erzählung »Gullivers Reisen«.

Besonders ausführlich wurden die Abenteuer im Lande der Riesen behandelt.

Sie haben ja alles selbst erlebt.

Nun sagen Sie, Ebert, war das, was Ihnen da vorgemacht wurde, eine Wiederholung von Gullivers Abenteuern? Haben wir den Verfasser Swift bestohlen? War es eine direkte Nachahmung?«

»Durchaus nicht!« entgegnete ich. »Es war nur eine Anlehnung an jene bekannte Erzählung, aber durchaus keine Imitation. Alle Abenteuer, die ich erlebte, alle Situationen, in die ich versetzt wurde, es war als durchaus originell.«

»Aha, originell!« rief der Kapitän mit sichtbarer Befriedigung. »Sehen Sie, mein lieber Ebert, das ist, was ich von Ihnen hören wollte, zu hören hoffte. Originell!

Sie sind doch nun lange genug bei uns. Sie werden zugeben, das auch sonst bei modernen Argonauten alles originell ist. Wir haben niemals ein Vorbild gehabt, das wir zu imitieren suchten. Immer Original! Nun haben wir unser Schiff verloren. Sagen Sie, Ebert, wenn Sie auch noch selbst keinen Schiffbruch erlebt haben, Sie haben doch sicher schon Schiffbrüchige schildern hören, von Augenzeugen, haben Berichte gelesen, haben in Romanen und dergleichen erfundene Schiffbrüche gelesen, geschrieben von Stümpern oder von gottbegnadeten Dichtern — aber ist nicht auch dieser unser Schiffbruch, den wir Argonauten erlitten, durchaus Original?«

Aha, nun wußte ich, wohinaus der Kapitän wollte, wozu erst jene Einleitung.

In der Tat, er hatte recht, und selbst diese seine Einleitung war originell.

Dabei will ich gar nicht von dem Begräbnis der Patronin sprechen.

»Wir haben hier in der Magalhaesstraße einen Seebären erlebt!« fuhr der Kapitän fort.

»Sie wissen, was das ist, ein Seebär, wir haben uns einmal ausführlich darüber unterhalten.«

Man hat Seebären hauptsächlich in der Ostsee und sonst nur noch an der Westküste von Mexiko beobachtet.

Das auch hier unten so etwas schon einmal vorgekommen ist, davon ist mir nichts bekannt.

Nun, Seebären werden wohl überall vorkommen, wo der Meeresboden vulkanisch ist.

Aber wir haben die Ehre gehabt, einen Seebären hier in der Magalhaesstraße dicht neben unserem Schiffe entstehen zu sehen, wir haben ihn in nächster Nähe brüllen hören. Er hat uns sozusagen direkt ins Gesicht gebrüllt.

Dieser brüllende Seebär hat uns mit unheimlicher Schnelligkeit, von der wir uns vielleicht gar keinen Begriff machen können, nach Norden davongetragen.

Wenn ich mir überlege, so müssen wir in der Stunde mindestens vierzig Knoten gemacht haben, wahrscheinlich aber sogar fünfzig, und das ist eine Fahrt, die noch kein einziges Schiff in der Welt gemacht hat.

Unsere »Argos« hatte also die Ehre, die schnellste Fahrt gemacht zu haben, die je ein Schiff gemacht hat!

Und dabei hat es sich auch noch wie ein Kreisel um sich selbst gedreht!

Unsere »Argos« ist an der Felsenküste Patagoniens Zerschmettert.

Sie muß wie ein hohles Ei zerdrückt, nein sie muß in Atome Zersplittert sein. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Der Anprall war gar zu ungeheuerlich.

Sagen Sie mal, mein lieber Ebert, wo sind denn nun die Trümmer von unserem Schiffe?«

Ich blickte den Kapitän an, der gar so eigentümlich sprach, und dann blickte ich dorthin, wo ich das Meer in der Nachmittagssonne glänzen sah.

Die Küste war felsig und flach, also nicht gebirgig, meine ich, Riffe und Klippen schienen zu fehlen.

»Ja hat man denn keine Trümmer gefunden?!«

»Nichts, nichts, absolut gar nichts!«

»Ja, wie ist denn das möglich?!«

»Das frage ich eben Sie. Ich will Ihnen aber gleich die Erklärung geben, die wir uns zurecht gelegt haben.

Wir sind eben vor dem Seebär hergerollt, von der furchtbaren Flutwelle getragen.

Das Schiff Zerbarst mit einem schmetternden Krach in Atome.

Gewiß, es müssen Trümmer an Land geschleudert worden sein.

Aber die Flutwelle rollte nach, überflutete die ganze Küste und riß alles wieder mit ins Meer hinein.

Sicher sind auch die drei Masten sofort abgeknickt, aber sie hingen doch am Tauwerk, und auch sonst war alles gut befestigt, und so ist eben als an diesem Tauwerk wieder zurückgerissen worden. Wir haben bisher auch nicht eine einzige Pütze gefunden.

»Ja, wie sind wir Menschen denn da dem Tode entgangen?«

»Einfach dadurch, weil wir nicht angelascht waren. Hätten wir uns festgebunden, so wie es immer in Büchern beschrieben wird, wenn einmal ein Schiff so in Sturm und Not kommt, wenn sich die haushohen Wogen über das Deck ergießen, alle binden sich an den Mastbäumen und sonstwo fest, wies ja aber in Wirklichkeit niemals vorkommt — nun dann wären wir natürlich ebenfalls von der Flutwelle mit zurückgerissen werden.

Aber wir haben glücklicherweise solch einen Unsinn nicht gemacht, uns anzulaschen. Und so sind wir denn sämtlich in weitem Bogen durch die Luft geflogen.

Wir sind, alle an Deck stehend, von dem Schiffe abgeschleudert worden.

Ungefähr so, wie ein Reiter abgeschleudert wird, wenn ein Pferd über eine Hecke oder einen Graben springen will, im letzten Augenblicke, schon zum Sprunge ansetzend, besinnt es sich anders, es stoppt ab, vermag stehen zu bleiben, der nicht ganz sattelfeste Reiter aber muß kraft des Beharrungsvermögens über den Pferdekopf hinaus eine Reise durch die Luft machen.

So sind auch wir sämtlich von unserem Schiffe abgeschleudert worden. Und zwar so weit, das die nachstürzende Flutwelle uns nicht mehr erreichen konnte. Die weiteste Reise scheint der Matrose Franz gemacht zu haben, der fand sich dann 126 Meter von der Küste entfernt auf dem Boden liegen. Die Strecke ist genau ausgemessen worden. Und dabei hat der Kerl das unverschämte Glück gehabt, das er sich nicht einmal den kleinen Finger verstaucht hat. Ein Riß in der Backe, nichts weiter. Na, Ebert, ist das nicht ein origineller Schiffbruch gewesen?«

Ich schloß die Augen und stöhnte. Plötzlich fühlte ich meine mir abgehackten Finger wieder, sie schmerzten.

Aber ich stöhnte aus einem anderen Grund.

Auch ich fühlte mich wieder durch die Luft sausen, obgleich ich selbst damals doch gar nichts davon gemerkt hatte.

Die ganze Tragik dieser furchtbaren Katastrophe packte mich eben noch einmal an, oder eigentlich sogar zum ersten Male.

»Ja, mein lieber Ebert, wir haben ein fabelhaftes Schwein gehabt!« fuhr der Kapitän in seiner gemütlichen Weise fort. »Ein paar Arme und Beine hats gekostet, ein paar gebrochene Knochen, ein paar tüchtige Quetschungen. Kunos Nasenbein ist dabei flöten gegangen. Jakob kann sich nur gleich ein künstliches Gebiß machen lassen, am übelsten hats dem kleinen Fritz mitgespielt, der hat einen doppelten Schädelbruch davongetragen, aber ich glaube, wir bringen den Jungen doch noch durch, wir

leimen seinen Schädel wieder zusammen. — Ebert, halten Sie so etwas denn nur für möglich? Ist das nicht alles originell gewesen?«

»So hat also niemand dabei seinen Tod gefunden?!« begann ich jetzt wirklich zu staunen.

»Meister Hämmerlein war der einzige, der sich zur Zeit der Katastrophe noch unter Deck befand. Der ist natürlich hops gegangen. Fängt das Männchen noch einmal zu orgeln an! Na, er hat seine Orgel eben nicht in Stich gelassen, ruht jetzt Zwischen ihren Trümmern, Zwischen seinen Orgelpfeifen mit auf dem Meeresboden, und wir werden diesem Helden eine Pyramide in unserem Herzen setzen.

Sonst war nur noch Doktor Isidor unten im Raume. Na, der war ja so wie so schon eine tote Leiche.

Ja, und dann fehlt noch einer.

Wir haben ihn noch nicht finden können.

Brauchen auch nicht mehr nach ihm zu suchen.

Der ist für immer futsch!

Der ist nun auch drüben im großen Hafen.

Der ist bei seiner — —«

Immer unsicherer war des Kapitäns Stimme geworden, immer mehr Zitterte sie.

Und dann neigte er langsam den Kopf, legte langsam die Hände vors Gesicht.

»Hans — mein Hans — ach mein Hans!« erklang es schluchzend.

Und da, wie ich diesen Kapitän Stevenbrock neben mir in seine Hände weinen sah, wie ich diese Worte schluchzen hörte, wie er die hervorbrachte — »ach mein Hans!« — da habe ich in meinem Lebens die furchtbarste seelische Erschütterung gehabt. Da fühlte ich, wie mein Herz förmlich Zermalmt wurde.

Das Schicksal hat es gewollt, das ich später noch einmal an dem Sterbebett meines einzigen Kindes stehen mußte.

Es war mein ein und mein alles, und ich mußte es sterben sehen.

Da aber bin ich nicht so Zermalmt worden wie damals, als ich diesen eisernen Mann neben mir so um den Tod eines Matrosen weinen sah!


Elf Tage haben wir hier an Patagoniens Küste gelegen.

Wir entbehrten nichts. In dem Buchenwalde, dessen Ausdehnung wir nicht erforscht haben, wimmelte es von Vögeln, sogar von chilenischen Papageien, die hier brüteten, sie lieferten uns Fleisch und Eier in Überfluß, ein Bach mit kristallklarem Wasser versorgte uns mit Forellen und Lachsen, ab und zu wurde auch ein Hase oder gar ein Guanako erlegt, wir lebten geradezu lukullisch. Und es war Hochsommer, in dieser Zeit fällt hier kein Regen, wir hatten nicht einmal nötig, für die Schwerkranken ein Zelt zu errichten.

Am elften Tage wurde ein Dampfer gesichtet, der nach Westen steuerte.

Wir Schiffbrüchigen hatten es gar nicht so eilig, ihn um Hilfe zu rufen, das er uns abholte.

Da wurde der alte Kasten erst ganz eingehend betrachtet und beraten, ob oder ob nicht.

Nämlich ob er auch das genügend an Bord hatte, was uns fehlte.

Wir entbehrten nichts, hatte ich gesagt.

Ja, wir entbehrten doch etwas, und wie!

Dasjenige, ohne was sich ein Seemann heutzutage die ganze Seefahrerei gar nicht mehr vorstellen kann.

Den Tabak!

Fast jeder hatte ja etwas Tabak in der Tasche gehabt, aber länger als Zwei Tage reichte der Vorrat bei keinem, und dann waren noch die zu bedenken, die gar nichts bei sich gehabt hatten. Nur der Eskimo hatte sich, wie er selbst geschildert, reichlich verproviantiert, als er irgend eine Katastrophe schon kommen sah, hatte sich Zwischen Haut und Kleidung mit ungefähr fünf Pfund Tabak ausgepolstert.

Er stellte ja seinen Schatz gleich der Allgemeinheit zur Verfügung, aber gern tat ers nicht, das sah man ihm gleich an, und das konnte man ihm auch gar nicht verdenken. Tabak ist Tabak, er spielt im Leben des Seemanns eine Rolle, die nur der zu würdigen weiß, der schon selbst als Seemann gefahren ist. Wenn in einer Seemannserzählung nicht auch die Tabaksfrage behandelt wird, dann weiß man sofort, das sie von einem Skribifax hinterm Ofen erfunden worden ist. Dann könnte er aber auch gleich ein Schiff schildern, das beim Verlassen des Hafens aus Versehen Wasser und Proviant mitzunehmen vergessen hat. Bei einem Schriftsteller wie etwa Friedrich Gerstäcker hingegen, der selbst alles durchgemacht hat, wird man ständig den Tabak erwähnt finden, und wenn er einen Seemann schildert, oder etwa einen Mississippischiffer, so wird er auch ständig dessen Tabakkauen erwähnen, weil er sich den beim Schreiben in seiner Erinnerung so wenig ohne tabakkauenden Mund vorstellen kann, wie ein uniformschwärmender Backfisch einen Leutnant ohne Säbel.

Also der Eskimo stellte seinen Tabaksvorrat Zwar sofort der Allgemeinheit zur Verfügung, aber gern tat er es nicht, und nun wurde sein Angebot auch nicht gleich angenommen, so lüstern auch jeder nach dieser Leckerei oder vielmehr Würze des Lebens war, sie wollten sich mit trockenem Moos, Laubblättern und dergleichen feinen Sorten begnügen, bis es Kapitän Stevenbrock kurz machte, den Vorrat für Gemeingut erklärte und ihn in mehr als hundert gleiche Portionen teilte, auch Klothilde bekam ihren Teil, wofür sie auch bei dieser höchst umständlichen Aufteilung half.

Nun konnte jeder nach Gutdünken machen, was er wollte, seine 25 Gramm Tabak als sorgloser Verschwender entweder sofort verkonsumieren oder diese 25 Gramm mit einigem Pfund trockenem Moos, Buchenblättern oder Heu mischen. Wer aber zu den Verschwendern gehörte, der bekam später auch nichts von seinem besten Freunde, er mochte stehen und auf den Knien herumrutschen wie er wollte, das wurde gleich ausgemacht.

Jedoch wurde noch ein besserer Ersatz gefunden. Die Kartoffel stammt ja aus Chile, und sie kommt auch noch hier im südlichsten Patagonien wild vor. Die Knollen sind Zwar ungenießbar, die eigentliche Kartoffel ist eine Veredelung durch Kultur, aber die Blätter sind dieselben. Wir fanden solche Kartoffelpflanzen massenhaft, die Blätter wurden getrocknet und einem Schnellgährungsprozes unterworfen, und so wußten wir die Tabakskalamität einigermaßen zu beseitigen. Wenn auch der Sturm tobte und wir in mancher Nacht schauderhaft froren, dann wurde eine Schilfpfeife mit edlem Kartoffelkraut gestopft und losgedampft, und alles war allright.

Jetzt am elften Tage also wurde ein Dampfer gesichtet.

»Macht er noch eine weite Reise, die er unseretwegen nicht unterbricht und die Mannschaft ist nicht genügend mit Tabak versehen, dann verzichten wir und warten auf eine bessere Gelegenheit. Kartoffelkraut ist immer noch besser als zerzupftes Tauwerk.«

So wurde in der Beratung ausgemacht.

Nun handelte es sich aber erst darum, ob wir uns dem Dampfer, der sich doch sehr weit von der Küste entfernt hielt, auch bemerkbar machen konnten.

Ja, es gelang uns.

Der Dampfer Zeigte als erste Antwort seine Flagge, schon mit bloßem Auge erkenntlich.

O weh, ein Portugiese!

Höchstens Zweimal in der Woche Fleisch, nicht einmal täglich warmes Essen, meist nur Hartbrot mit getrockneten Feigen, Oliven und dergleichen Zeug, Knackmandeln und Rosinen nicht zu vergessen, was ein germanischer Magen in gesättigtem zustande eben nur als Nachtisch betrachtet.

Nun, die Beköstigung war das wenigste, wir brachten unseren eigenen Proviant gleich mit. Das wir nicht gerade auf einen Passagierdampfer kommen würden, damit hatten wir doch von vornherein gerechnet, und wir waren mehr als hundert Menschen, die brauchten täglich einige Zentner Nahrung, und nach langer Reise haben es Frachtdampfer manchmal nicht mehr so übrig.

Wir hatten uns die meiste Zeit mit Jagd und Fischfang vertrieben, hatten ein Räucherhaus gebaut, an Zahllosen Stangen hingen viele Hunderte von geräucherten Vögeln und getrockneten Fischen, die wollten wir dann mitnehmen.

Aber der Tabak!

Und diese Portugiesen und Spanier drehen sich doch nur ab und zu ein Zigarettchen, die Stummel werden sorgfältig gesammelt und wieder zu einer neuen Zigarette verwendet, und danach sind diese Kerls auch mit Tabak verproviantiert.

»Auf diesen Portugiesen gehen wir nicht, und wenn wir auch noch vier Wochen hier Kartoffelkraut qualmen sollen!«

»Wir können uns ja genug Kartoffelblätter mitnehmen!« meinte jemand.

»Dann können wir aber auch gleich hier bleiben.«

Natürlich, so wars!

Nun, erst mußte doch einmal signalisiert werden, so weit war der Dampfer unterdessen vorsichtig herangekommen, das er unsere Semaphorzeichen, die wir mit Fahnen gaben, aus Stöcken und Hemdstücken hergestellt, erkennen konnte.

Kapitän Stevenbrock meldete den Schiffbruch der Hamburger »Argos«.

»Wollt Ihr abgeholt sein?«

»Bitte Name.«

»Rondinella, Lissabon, Kapitän Cigogna.«

Merkwürdig! Der Dampfer hieß Schwalbe — rondinella — und wurde von — einem Storche geführt — cigogna.

»Wohin?«

»Valdivia.«

»Wir sind 113 Personen.«

»Allright.«

Na, nach Valdivia war es nicht weit, bis dahin gedachte uns dieser portugiesische Kapitän Storch schon durchzufüttern, natürlich alles gegen reichliche Bezahlung.

»Habt Ihr Tabak für uns?«

Auch diese Portugiesen waren Seeleute, auch ihnen konnte diese Frage nicht etwa merkwürdig vorkommen.

»Brasilianischen Tabak geladen.«

Haaah!

Aus des Eskimos’ Mundwinkeln lief gleich die Sauce heraus.

»Nehmt uns an Bord. Georg Stevenbrock, Hamburg und Neuorleans! Kapitän und Reeder, bin gut für alles.«

Noch einige Fragen wegen der Landungsverhältnisse, und dann stellte es sich heraus, das von den vier auf dem Dampfer vorhandenen Booten überhaupt nur eine einzige Jolle seetüchtig war, die anderen leckten wie die Siebe.

In der Brandung, so mäßig sie auch war, wäre beinahe auch noch diese Jolle in die Brüche gegangen, die fünf portugiesischen Matrosen durften sie gar nicht wieder zurückrudern, mußten einstweilen an Land bleiben, wir übernahmen jetzt die Fuhren, Zehnmal ging es hin und her, dann war alles geborgen, auch unser eigener Proviant — die portugiesische Bootsmannschaft nicht zu vergessen.

Sieben Tage später setzte uns der wie eine Seeschnecke kriechende Dampfer in Valdivia an Land.


152. KAPITEL.
AUF DER HOCHZEITSREISE

Und nun sieben ganze Jahre später!

Ich, Ewald Ebert, bin es noch immer, der das Folgende erzählt.

Den Hafen von Neuorleans verließ ein Dampfer von dreitausend Tonnen, die »Germania«, der Werft und Reederei Germania gehörend, eine eingetragene Gesellschaft, die aber keine Aktien ausgab, die schon achtzehn stattliche Dampfer und Segler nach allen Weltteilen gehen lies, und nur auf die Eröffnung des Panamakanals wartete, um sich dann zu verdoppeln und verdreifachen. Denn die Durchstechung der Landenge von Panama wird eine Veränderung der kommerziellen Weltkarte erzeugen, wird das südliche Nordamerika emporschnellen lassen, wie es wohl noch keine Zeitung geschildert hat!

Die »Germania« war doch etwas zu groß, um als Kampfjacht zu gelten. Sie sollte ja später auch arbeiten. Jetzt aber war das neuerbaute Schiff doch wirklich eine Vergnügungsjacht.

Mister Georg Stevenbrock, Bürger und Senatsmitglied von Neuorleans, Kapitän und Reeder, machte auf ihr seine Hochzeitsreise.

Mit wem? Nun eben mit seiner Frau, und die hieß Missis Ilse Stevenbrock.

Der Leser wird sich ja nicht besonders wundern.

Zeit und Gelegenheit genug um sich gegenseitig kennen zu lernen, hatten die beiden ja gehabt.

Wie es zuletzt gekommen, wie die beiden sich fürs Leben zusammengefunden hatten, bis vor dem Traualtar, weiß ich freilich nicht, ich bin nicht dabei gewesen, als es zum Treffen kam.

Aber sonst hatte ich ja gewußt, wie es kommen würde, ich hatte es ahnungsvoll im voraus gesehen, damals wie die Patronin an Deck saß, links von ihr stand ihre kleine Nichte und rechts der Kapitän, wie sie deren Hände in den ihren hielt.

Nur immer originell! zur Originalität gehört aber auch, das sie nicht gesucht werden darf; es muß sich alles von allein geben.

Die Argonauten existierten nicht mehr, sie hatten ja ihr Schiff verloren, und keine neue »Argos« wurde gebaut; kein anderes Schiff erhielt diesen Namen. Es hatte eben in der Welt nur eine einzige »Argos« gegeben, und die ruhte mit ihrer ganzen Menagerie auf dem Meeresgrunde in der Magalhaesstraße

Wir hatten uns von Valdivia sofort nach Neuorleans begeben, meist die Eisenbahn benutzend, und hier fing das neue Leben an, ein Leben, das nur ernster Arbeit gewidmet sein sollte.

Die Germaniagesellschaft verfügte bereits über vier große Dampfer und Zwei Segler, und auf diesen wurden die Argonauten, wie sie sich ja schließlich noch immer nannten, verteilt, die Schiffe bekamen aber auch noch andere Mannschaft, und sie gingen hinaus in die Welt, kehrten zurück und fuhren wieder davon, sieben ganze Jahre lang, und es kamen immer neue Schiffe hinzu, auf eigener Werft erbaut.

Und auch sonst traten große Veränderungen ein.

»Jungens, macht Euch hier ansässig!« sagte Stevenbrock. »Ich würde es gern sehen, wenn Ihr heiratet. Ihr kommt nun nach und nach ins Alter, wo der Junggeselle eine klägliche Rolle zu spielen beginnt. Ihr seid eben keine Jünglinge mehr, und Ihr habt Euch auch ausgetobt genug, wilden Hafer genug gesät. Es genügt nicht, das ich hier in Neuorleans für Euch ein Seemannsheim und ein Klubhaus geschaffen habe. Ihr müßt, wenn Ihr von der Reise zurückkommt, ein eigenes Häuschen vorfinden, und darin eine hübsche Frau und ein halbes Dutzend ungezogene Kinder. Die Dampfer bleiben doch selten länger als ein Vierteljahr aus! Und wer durchaus nicht heiraten will, na, der kann auf die Segler kommen, die machen Jahresreisen, und so eine Frau ist freilich nicht beneidenswert, die ihren Mann nur aller Jubeljahre einmal sieht.«

So hatte Stevenbrock gesprochen.

»Ay, ay, Käpten!« hatten die Argonauten geantwortet.

Und sie gehorchten, wie sie immer gehorcht hatten. Sie sahen sich um unter den Töchtern des Landes, wählten und heirateten. Alle freilich nicht. Brauchten es ja auch nicht, es war ihnen ja ganz freigestellt worden, wenn man da überhaupt kommandieren darf. Diese Unverheirateten kamen dann, wie ausgemacht, für weite Reisen auf die Segelschiffe.

So vergingen sieben ganze Jahre. Die Germaniaschiffe mehrten sich, immer mehr wurden die ehemaligen Argonauten verteilt, und auch die Gartenkolonie mit den reizenden Häuserchen wurden immer größer. Weil einer nach dem anderen noch eine Frau hinzubrachte und eine Familie gründete

Und in dieser Argonautenkolonie wechselten auch Geburt und Tod miteinander ab, wie hätte es anders sein sollen in dieser Welt, auch mancher Argonaute wurde auf den kleinen Friedhof hinausgebracht, oder sein Tod wurde uns aus einem fernen Hafen gemeldet, ein Seemannsbegräbnis auf hohem Meere. Sieben ganze Jahre — wie hätte da so etwas ausbleiben können!

Georg Stevenbrock aber hatte während dieser sieben Jahre Neuorleans niemals wieder verlassen. Er nannte sich nicht mehr Kapitän, er war nur noch Kaufmann und Reeder, sieben Jahre lang widmete er sich rastloser Arbeit in dieser Hinsicht, und ich war seine rechte Hand.

»Herr Ebert, arbeiten Sie mal aus, wie wir im Oktober dieses Jahres alle unsere alten Argonauten hier zusammenbekommen können. Ist es nicht anders möglich, so sollen sie hier zurückbehalten werden und auch als Passagiere herkommen. Aber der Schiffsbetrieb soll doch so wenig wie möglich darunter leiden, und das wir nicht gar zu viel fremde Leute einstweilen anstellen müssen. Na, Sie verstehen mich schon, machen Sie nur Ihre Sache.«

So hatte Mister Stevenbrock im April zu mir gesagt. Also ich hatte ein halbes Jahr Zeit, aber der Leser darf glauben, das es eine ganz kitzlige Aufgabe war, die mir da gestellt worden. Wir hatten schon sechzehn Schiffe fahren, sie waren über die ganze Erde Zerstreut, da wollten die darauf befindlichen Argonauten hier an einem bestimmten Termin zusammengezogen sein, ohne das in den Schiffslisten eine Revolution stattfand und ohne das Geld zum Fenster hinausgeworfen wurde. Und dabei ist zu bedenken, das fast alle die ehemaligen Matrosen jetzt diese unsere Schiffe als Kapitäne oder doch als Steuerleute führten, die ehemaligen Heizer waren alle Maschinisten. Das hatte sich in den sieben Jahren natürlich geändert. Als gewöhnlicher Arbeiter an Deck oder als Heizer und Kohlentrimmer fuhr von den ehemaligen Argonauten natürlich niemand mehr. Und auch schon viele von den Schiffsjungen hatten ihr Steuermannsexamen gemacht, wenn sie auch noch auf unseren Schiffen als Matrosen angestellt waren, bis eine Offiziersstelle für sie frei wurde. Auf unserer Werft befanden sich schon wieder vier neue Schiffe im Bau.

Von sonstigen Hauptpersonen erwähne ich nur noch, das sich Juba Riata und Mister Tabak fast ständig auf Reisen befanden, entweder eines unserer Schiffe benutzend oder auch ein anderes. Gegenwärtig waren die beiden Freunde unterwegs nach Norwegen, nach Lappland, um auf Bären und Renntiere zu pirschen. Klothilde hingegen war ganz häuslich geworden, sie führte die Wirtschaft in der Pension, in der Fräulein Ilse Hartung untergebracht worden war, um ihre doch etwas vernachlässigte Schulbildung nachzuholen vor allen Dingen aber akademischen Malunterricht nehmend.

Nun, es gelang mir, meine Aufgabe zu lösen. Am 16. Oktober traf das letzte Schiff von Adelaide ein, unser eigenes, von Kapitän Starke, dem ehemaligen Schriftsetzer, geführt, nun hatte ich alle die alten Argonauten zusammen, und keiner hatte länger als vierzehn Tage untätig in Neuorleans gelegen, und alle ihre Stellen waren auf sämtlichen Schiffen vorübergehend durch gute Hilfskräfte ersetzt. Auch Juba Riata und Mister Tabak waren zurückgekommen.

»Ich glaubte nicht, das Sie das fertig dringen würden!« sagte Stevenbrock zu mir.

Am ersten Abend war Versammlung in unserem großen Klubsaal, und Mister Stevenbrock nahm das Wort.

»Jungens, Leute, meine Herren Kapitäne und Offiziere! Ich habe Euch eine Mitteilung zu machen. Ich bin schon seit längerer Zeit verlobt — —«

»Hip hip hip hurra für Käpten Stevenbrock!« erklang es jubelnd aus fast hundert Kehlen.

»Danke! Die Dame, mit der ich mich verlobt habe, ist Euch nicht fremd. Ihr Name ist Fräulein Ilse Hartung — —«

»Hip hip hip hurra für Fräulein Ilse!«

»Na, Kinners nun haltet mal die Luft an, nachher könnt Ihr hippen so viel Ihr wollt, jetzt last mich erst einmal aussprechen.

Also übermorgen punkt sieben Uhr findet unsere Trauung in der Hafenkirche statt.

Ihr alle seid unsere Brautführer. Jeder bringt seine Frau mit als Brautjungfer — grinse nicht, Oskar und wer keine Frau hat, bringt irgend was anderes anständiges Weibliches mit. Das verheiratete Männer und Frauen die Rotte der Brautführer und Brautjungfern spielen, ist Zwar ungewöhnlich, aber Seine Hochwürden Reverend Pitch gestattet einmal diese Ausnahme. Weil es sich hierbei eben um etwas ganz Besonderes handelt.

Das nicht etwa so jemand mit Frack und Angströhre kommt! Einfacher Straßenanzug! Natürlich blau. Dementsprechend sind Eure Frauen und Mädels angezogen.

Ihr werdet mit Wagen abgeholt. Es soll sonst alles ganz regelrecht zugehen, nur in Frack und Angströhre mag ich Euch nicht sehen, und hiermit ist der vortreffliche Reverend Pitch auch ganz einverstanden.

Ordnen könnt Ihr Euch, wie Ihr wollt. Wie die Wagen eben vorfahren. Nur die erste Stelle hinter uns ist reserviert. Die wird von Mister Kabat eingenommen, er führt als Brautjungfer Mis Klothilde Gracco. Feixe nicht, Oskar! Mis Klothilde Gracco ist Zwar katholisch, deshalb hatte Seine Hochwürden Reverend Pitch einige Einwendungen zu machen, aber Mis Gracco ist bereit, sich umtaufen zu lassen — Himmeldunnerwetter noch einmal, Oskar, was hast Du denn nur egal zu feixen?! Das ist doch nicht etwa lächerlich zu nehmen, wenn jemand nach reiflichem Überlegen aus innigster Überzeugung seine Religion wechselt?!«

Der Redner führte sich ein frisches Stück Kautabak zu Gemüte. Ich benutze diese andachtsvolle Pause, um zu bemerken, das der ehemalige Segelmacher Oskar jetzt Kapitän Colly hieß. Er führte schon längst seinen Segler, unseren größten Viermaster Colly war nicht der Vatersname dieses geborenen Kölners. Er hatte einen anderen angenommen, aus Gründen, die schon wiederholt angedeutet worden sind. Im freien Nordamerika ist das ja erlaubt. Weshalb er gerade so einen Hundenamen gewählt hatte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil er selbst wußte, das er noch immer ein richtiger Witzbold war, auch noch als Kapitän. Auch er hatte auf den Wunsch Stevenbrocks beinahe geheiratet — beinahe — war drei Stunden vor der angesagten Trauung ausgekniffen, hatte sich einige Zeit unsichtbar gemacht, und als er wieder zum Vorschein gekommen, hatte Stevenbrock unterdessen alles geregelt, die verlassene Braut hatte sich abfinden lassen.

Trotz dieser nicht ganz einwandfreien Affäre gehörte Kapitän Oskar Colly zu den wenigen, die mit unserem Patron auf Du und Du standen.

Die Backentaschen waren gefüttert worden, was natürlich im weiten Saale allgemeine Nachahmung gefunden hatte.

»So, das wäre der erste Teil gewesen.

Nach der Trauung muß doch natürlich auch ein Hochzeitsfest stattfinden.

Natürlich? Nee, daraus wird bei uns nischt! Kein Mensch muß müssen.

Ich als Bürger, Senatsmitglied, Großkaufmann und Reeder habe hier in Neuorleans mancherlei gesellschaftliche Verpflichtungen, aber in diesem Falle habe ich mich davon zu befreien gewußt. Das seht Ihr ja schon daraus, das nur Ihr allein als meine Ehrengäste mit in die Kirche kommt. Andere haben höchstens als Zuschauer zutritt, und wenn es der Senatspräsident mit Gattin ist, eingeladen sind sie nicht. Ich habe mich da in anderer Weise abzufinden gewußt, das neue Ehepaar wird eine Stiftung machen. Aber auch für Euch findet hinterher keine Festlichkeit statt. Bildet Euch nicht etwa ein, das Ihr Euch hinterher vollfressen und das Tanzbein schwingen könnt.

Sofort, wenn Ihr aus der Kirche tretet, schiebt Ihr Eure Frauen und Mädchen ab! Sie können mit den Equipagen wieder nach Hause fahren. Dort allerdings wird jede etwas vorfinden, was sie für das ausgefallene Hochzeitsfest reichlich entschädigt, dafür ist bereits gesorgt.

Und Ihr selbst marschiert uns sofort nach, uns, dem Brautpaar, oder vielmehr uns Neuvermählten. Nur wenige Schritte, nur bis zum Kai.

Dort liegt die neuerbaute »Germania«, die erst neulich unsere Werft verlassen und ihre Probefahrt bestanden hat, wir begeben uns sofort an Bord, treten auf ihr sofort unsere Hochzeitsreise an, und alle meine Argonauten sollen uns begleiten. Ein Jahr setzen wir daran, um eine Reise um die Erde zu machen wir wollen noch einmal alle Gegenden und Orte aufsuchen, wo wir einst —«

Der Sprecher kam nicht weiter.

Ach, dieses Jubeln und Gejohle, das jetzt den weiten Saal erfüllte!

Und es war alles programmäßig verlaufen. Aus der Kirche gingen die Neuvermählten und sämtliche männliche Hochzeitsgäste direkt an Bord der »Germania«, die unter Volldampf am Kai lag.

Die ganzen Vorbereitungen der Argonauten hatten nur darin bestanden, das sie ihre Zeugsäcke und Kleiderkisten an Bord gebracht hatten. Sonst war alles schon vorhanden, was man während dieser Weltreise zu gebrauchen gedachte. Natürlich machten die Hochzeitsgäste diese Reise nicht etwa als Passagiere mit!

Das wäre doch nichts gewesen!

Nein, es waren wieder die alten Argonauten!

Kapitän Stevenbrock übernahm das Kommando, Kapitän Scholz war wieder der erste Offizier, Kapitän Falkenstorm der Zweite, als dritter, um mehr Freizeit zu schaffen, kam noch Kapitän Starke hinzu, aber Kapitän Colly war wieder Oskar der Segelmacher, und alle die anderen nunmehrigen Kapitäne und Steuerleute verrichteten wieder als einfache Matrosen die Arbeit an Deck, und die ehemaligen Heizer, jetzt alle Maschinisten, Ingenieure, sie gingen wieder vor die Kesselfeuer!

Ein Unterschied gegen früher freilich war dabei. Die »Germania« hatte wohl Zwei Masten, aber keine Takelage, und die Kessel wurden mit Ölfeuerung geheizt. Die Heizer hatten nur die Hähne zu regulieren. Und das war gut. Denn die meisten dieser ursprünglichen Argonauten gingen ja schon stark auf die vierzig los, da kann man nicht mehr viel Arbeit in der Takelage und vor Kesseln und Kohlenfeuerung verlangen, zumal wenn man dieser Arbeit schon entwöhnt worden ist.

Aber sonst war es wieder die alte Bordmannschaft, die nunmehrigen Kapitäne und Offiziere scheuerten wieder als Matrosen das Deck um die Wette, und auch sonst ging alles wieder um die Wette. Rot gegen Grün, auch das wurde wieder hergestellt.

Mit dem Turnen freilich war es ebenfalls vorbei. Wohl war im Zwischendeck eine vollkommene Turnhalle eingerichtet worden, es wurde auch noch geschwungen und gesprungen, nur kann man von solchen Herren, die in die Vierzig gehen, keine Weltrekords mehr verlangen, nicht, das sie die Riesenwelle machten.

Und trotzdem, es ging wieder Rot gegen Grün, jeder tat eben sein Bestes, um seiner Farbe die meisten Punkte zu sichern, wieder wurden Prämien verteilt, die hin und her wanderten, noch mehr wurde wieder gemeinschaftlich musiziert, und alles war wieder eine Lust und ein Lachen.

Wir fuhren aus dem Golf von Mexiko heraus und wandten uns südwärts.

Aber Para blieb rechts liegen. Das Eldoradogebirge Und zumal die Sandbank im brasilianischer Urwald, auf der einst die Argonauten so köstliche Zeiten verlebt hatten — jetzt kannte ich alles aus Erzählungen — sollten erst auf der Rückreise besucht werden, besonders auch weil diese Sandbank jetzt unter Wasser lag.

Auch Rio de Janeiro wurde nicht angelaufen, wo die Argonauten ihren ersten Sieg im Wettrudern über eine fast internationale Kriegsflotte davon getragen hatten, wo es auch sonst noch manche alte, schöne Erinnerungen zu durchkosten gab.

zuerst war ein anderes Ziel vorgenommen worden.

Die Argonautenbucht im Feuerlande.

Wo die »Argos« erst richtig zum abenteuerlichen Gauklerschiffe geworden war, die Mannschaft sich erst richtig in ritterliche Argonauten verwandelt hatten.

Und dann natürlich dort die Steinpyramide, welche die irdischen Reste der Patronin überdeckte, der Freifrau von der See, der Gebieterin der Argonauten!

Diese Pyramide wollte man erst besuchen, die Argonauten wollten ihrer unvergeßlichen Herrin erst ein Opfer bringen, dann erst sollte die eigentliche Erinnerungsreise angetreten werden.

Nebenbei bemerke ich, das noch keiner der Argonauten diese Steinpyramide wiedererblickt hatte. Obgleich schon so mancher unserer Dampfer die Magalhaesstraße passiert hatte. Aber diese ist gar breit, und den Dampfern ist der Weg in diesem gefährlicher Wasser genau vorgeschrieben, da darf nicht etwa ein Abstecher nach der Küste gemacht werden, nur immer so weit als möglich von den unbekannten Küsten entfernt! Die Segelschiffe gehen alle um Kap Horn.

Wir steuerten in die Magalhaesstraße ein, hatten natürlich wieder Argonautenwetter, wie es schon sprichwörtlich hieß.

zum dritten Male diese von ewigen Stürmen heimgesuchte Gegend ganz ruhig, die See nur etwas gekräuselt.

»Die Stelle, wo uns die »Argos« an Land gesetzt hat, wollen wir aber gleich besichtigen,« sagte Kapitän Stevenbrock, »denn auf der Rückfahrt gehen wir um Kap Horn herum.«

Also wir hielten uns mehr nach rechts, auf den nördlichen Seite der Straße.

Wir selbst hatten damals ja keine geographische Bestimmung der Schiffbruchsstelle machen können, aber das, war doch natürlich von dem portugiesischen Dampfer besorgt worden.

So wußten wir, wo wir hinzuhalten hatten.

Vorher, noch ehe wir diese Stelle in Sicht bekamen, wurden einige Felseninseln passiert. Wir befanden uns also Zwischen diesen und der eigentlichen Küste des Festlandes.

Und nun kommt es!

Der Kapitän und die beiden Offiziere stehen auf der Kommandobrücke und mustern teils diese Inseln, teils drüben die Küste durch das Fernrohr.

Da läßt Kapitän Stevenbrock sein Fernrohr sinken und streckt die Hand aus.

»Ilse, Kinders,« ruft er erschüttert, »dort liegt unsere Argos!«

Ja, da liegt sie!

Wer kein Fernglas bekam, konnte es bald mit bloßen Augen erkennen.

Eine schwarze formlose Masse, sie war nicht einmal als ein Schiffswrack zu erkennen.

Woher wollten wir denn da wissen, das es unsere Argos war?

Nun, weil es da groß und breit zu lesen war, mit weisen Buchstaben auf schwarzem Grunde.

»Argos, Hamburg.«

Diese Worte übereinander stehend waren nämlich nicht mit weiser Farbe angemalt gewesen — keine sich selbst überlassene Farbe hätte sieben Jahre lang allen Unbilden der Witterung getrotzt — sondern diese Buchstaben hatten aus stark verzinktem Kupfer bestanden, waren angenietet. Die halten etwas aus.

Wir fuhren hin, konnten in Booten landen.

Das Wrack lag fest eingekeilt Zwischen Felsen, so hoch, das es auch von der höchsten Sturmflut, von keiner Woge erreicht werden konnte.

Aber was es da hinaufgeschleudert hatte, das war eine Flutwelle gewesen, die von einem unterseeischen Erdbeben erzeugt worden war, und was solch eine Wassermauer alles fertig bringt, davon muß man einmal ein Resultat gesehen haben, um es glauben zu können. Wie beim Erdbeben von Lissabon und auf Ceylon, wo beide Male die größten Schiffe und die schwersten Strandgeschütze auf hohe Berge hinaufgesetzt worden sind.

Wohl mußte unser Schiff schon dort an der Küste des Festlandes, vielleicht anderthalb Kilometer von hier entfernt, total Zerschmettert sein, aber es wurde von der Flutwelle so schnell wieder zurückgerissen, das es gar nicht zum Sinken kam, die noch zusammenhängenden Trümmer wurden dort oben hinaufgeschleudert.

Es war gar kein Wrack zu nennen, was wir da erblickten. Ein fürchterlicher Anblick.

Ein unentwirrbares Durcheinander von Eisenplatten.

Nun aber dennoch das Schiff erkennbar, darin lag eben das Fürchterliche.

Es war ganz unbegreiflich, wie sich das alles durcheinander geschoben hatte.

Wohl war hinten das Heck mit dem Namen, in dieses aber hatte sich die Gallionsfigur hineingerammt, die doch vorn am Bug ist, und unten zum Kiel als eine Mastspitze heraus!

Alles verschoben und verdreht und durcheinander gezerrt, alles sich gegenseitig durchdrungen!

Wir kletterten Zwischen den Felsen um den Trümmerhaufen herum. Es konnte doch sein, das es noch hohl war, das wir Kabinen fanden; nur mußte man erst einen Zugang suchen. Denn Luken und Türen gab es nicht mehr, die waren alle verbarrikadiert oder ganz verschwunden, die Eisenplatten hatten sich zusammengeschoben. Da, wie ich mit Kapitän Stevenbrock und seiner Gattin gerade neben einer Schiffswand stehe, die sich aufrecht gehalten hat, hören wir plötzlich ein Geräusch; es kann nur aus dem Innern des Schiffes, das heißt des Trümmerhaufens kommen, wir alle drei blicken unwillkürlich nach dem nächsten Bollauge, das natürlich wie alle anderen damals, als das Unwetter nur drohte, sofort mit der inneren Eisenplatte wasserdicht geschlossen worden war — und da wird diese Eisenplatte hier nach innen zurückgezogen und an dem runden Bollauge erscheint ein menschlicher Kopf. Unser Schreck Läßt sich denken.

Doch währte er nur einen Augenblick, dann hatten wir das uns wohlbekannte Gesicht erkannt.

Es war der Maschinist oder vielmehr jetzige Heizer Peter, einst unser bester Weitspringer. Der kleine Kerl hatte einen Durchschlupf ins Innere des Trümmerhafens gefunden.

»Frau Stevenbrock, nu raten Se mal, was ich hier gefunden habe!«

Er ließ uns nicht lange raten, sondern er brachte es gleich zum Vorschein.

Und was wars, was er uns durch das Bollauge präsentierte?

Einer der prachtvollen Kinderstiefel aus Seehundsfell, von Mister Tabak gefertigt, der Zweite folgte gleich nach, und sie stanken noch genau so nach Tran und Tabaksschmant!

»’s is iewerhaubt noch als da. A bissel liederlich sieht’s ja hier drinne aus, awwer da is noch alles, alle die Schtiwweln un Schuhe, un hier is ooch der Schrank, wo se drinne schtanden.«

Und außer den dreißig Paar Kinderstiefelchen, alle ganz wohlerhalten, soweit sie die kleine Ilse seiner Zeit nicht selbst abgetragen hatte, wurde uns auch der Schrank zu dem Fensterchen herausgereicht. Allerdings nicht so wohlerhalten, er war in Trümmer gegangen, aber immerhin, die einzelnen Bretter brauchten nur wieder zusammengenagelt werden, neue Glastüren hinein dann war der ganze Schrank wieder fertig.

Ach, dieses Glück der Frau Ilse!

»Meine Schuhe, meine Kinderstiefelchen!«

Sie fing vor Freude zu weinen an.

Freilich mochten diese Tränen auch noch eine andere Ursache haben.

Fünf Tage haben wir hier gelegen, die Trümmer abräumend, so weit es möglich war.

Noch vierlei haben wir gefunden, teuere, heilige Andenken, welche die Argonauten mit unaussprechlicher Freude erfüllten.

Einer der ersten Gegenstände der unter den Trümmern zum Vorschein kam, war eine meterhohe Figur aus getriebenem Silber, einen englischen Infanteristen darstellend — die erste Siegestrophäe der Argonauten, damals beim Atlantik-India—Atlantik—Marsch in Kapstadt errungen — Zwar verbeult, aber sonst noch ganz wohl erhalten.

Ach, diese Freude der Argonauten, als sie diese Figur wieder erblickten!

Und so wurde eine Trophäe nach der anderen hervorgeholt, nur wenige wurden dann noch vermißt.

Merkwürdig war nur, das wir dies alles niemals dort fanden, wo wir es suchen zu müssen glaubten.

So war auch der Schrank mit den Stiefelchen Ilses an einer ganz anderen Stelle gefunden worden, dort hatte Ilses Salonkabine niemals gelegen! Und wir kannten deren Lage im Schiffe doch ganz genau.

Dermaßen war bei der Katastrophe das ganze Schiff durcheinander geschoben worden — einfach ganz unbegreiflich.

Ich habe später einmal den Herd eines Erdbebens besucht, das vor einigen Jahren dort stattgefunden hatte, bei Damaskus und die dort wohnenden Leute haben mir versichert, das sich die Felder durch dieses Erdbeben total verschoben haben. Dieselben Rosenkulturen, die jetzt im Norden liegen, lagen früher im Süden, die Hanffelder sind in entgegengesetzter Richtung gewandert, ein großer Palmenwald hat sich fast achtzig Meter verschoben, dabei einen Kreis beschreibend, und dies alles geschah, ohne das eigentlich die Felder Zerrissen wurden. Eben eine Verschiebung der Oberfläche der Erde.

Das muß man aber gesehen haben, um es glauben zu können. Und so ähnlich wer es auch hier mit unserem ehemaligen Schiffe. Wie sich das alles kreuz und quer durcheinander geschoben hatte, manchmal ohne jede Verletzung!

Dann vor allen Dingen fanden wir Knochen — Knochen die schwere Menge.

Die ganze Menagerie warja zur Zeit des Unwetters unter Deck eingeschlossen gewesen, und natürlich konnte nichts weiter noch vorhanden sein als nur Knochen.

»Das war mein treuer Pluto!« konnte Juba Riata sofort sagen, als er einen Hundeschädel in die Hand nahm.

Ich will nicht etwa aufzählen, was wir für Skelette zusammenbrachten, so weit sich das jetzt überhaupt unterscheiden ließ.

Was wir an Knochen fanden, nahmen mir mit, sie dann in Neuorleans mit Hilfe von erfahrenen Osteologen zu Gerippen zusammengesetzt worden, die Skelette stehen heute noch in unserem Klubsaal, schon mehr in unserem Museum, als Andenken an unsere einstige »Argos«, die nie wieder eine Nachfolgerin bekommen hat, weil es eben nur ein einziges Mal in der Welt eine »Argos« mit Argonauten gegeben hat.

Dabei wurde von einer willkürlichen Ergänzung der fehlenden Teile abgesehen. So kommt es, das unser Lulu keinen Rüssel, das mancher Hund und manches andere Tier unserer einstigen Menagerie nur ein ganz umvollkommenes Knochengerüst besitzt.

Und wie er dann einen großen Haufen Zertrümmerter Orgelpfeifen wegräumten, ebenfalls ganz unbegreiflich, wie die gerade hierher gekommen waren, da fanden wir auch ein menschliches Skelett, das heißt versteinerte menschliche Knochen.

Außer der Schädelbildung sagten uns die nicht ganz normalen Rippen und sonstige Teile des Brustkastens, wem diese Knochen einst gehört hatten.

Unserem Meister Hämmerlein. Die Orgelpfeifen wölbten sich als Grabhügel über ihn.

Wir haben wohl keine Pietätlosigkeit begangen, wenn wir diese letzten Reste weder dem Meere noch der Erde überlieferten, sondern wenn wir auch dieses menschliche Skelett in unserem Museum in einem Glasschranke aufgestellt haben.

Und am fünften Tage, als wir schon eiligst abfahren wollten, weil das schöne Wetter nicht mehr lange anhalten konnte, da wurden endlich auch die Reste des Zweiten Menschen gefunden, der sich damals während der Katastrophe unter Deck aufgehalten hatte, allerdings bereits als Leiche.

Doktor Isidor Cohn!

Und wie fanden wir ihn!

Wir konnten nur staunen!

Was dem auch ohne unsere Hilfe für ein vorläufiges Begräbnis zuteil geworden war.

Seine Knochen waren mit lauter Glasscherben zugedeckt.

Von zerbrochenen Flaschen herrührend.

Und zwar meistens Kognakflaschen, die damals noch voll gewesen.

Neben dem Lazarett, in dem die Leiche gelegen, hatte sich nämlich die Bottlerei befunden, die Flaschenniederlage, speziell die für Spirituosen, Zwar ohne Verbindungstür, aber die Wand war eingedrückt worden, Lazarett und Bottlerei hatten sich völlig durcheinander geschoben, der Inhalt der Zerbrochenen Kognakflaschen mußte sich über die Leiche ergossen haben.

»Na, na, wenn der nur nicht auch noch als tote Leiche — —« die bei dieser Gelegenheit gerissen wurden.

Doch ich will sie nicht wiedergeben, die Matrosenwitze.

Denn die gehörten nun einmal unbedingt mit dazu, oder es wären doch keine Argonauten, keine deutschen Seeleute gewesen, die vielen hier Flaschenscherben und Menschenknochen forträumten und sortierten.

Aber ihre Wiedergabe ist ganz unmöglich, sie würden nur ein total verzerrtes Bild zeitigen.

Auch unser Doktor Isidor steht jetzt mit seinen Säbelbeinen und seinem genialen Schafschädel als ein beinernes Denkmal in einem Glasschranke unseres Museums — nein, unseres Klubraums, des Spielsaales, er sieht und hört mit zu, wenn nach langer Reise die Argonauten im Heimathafen wieder einmal zusammentreffen und sich beim Becherklange erzählen, von ihren jetzigen Reisen und ganz besonders von der alten Argonautenherrlichkeit!

Am fünften Tage dampften wir ab, um nicht schlechtes Wetter zu erleben, das uns die Einfahrt in die Argonautenbucht hätte verwehren können.

Und nun will ich ihn berichten, den Schluß dieser ganzen Erzählung — einen Schluß, den sicher kein einziger Leser ahnt!


153. KAPITEL.
EIN TRAGISCHER SCHLUß

Wir steuerten südlich quer über die Straße, bis wir die jenseitige Küste erblickten, hatten direkten Kurs auf die Argonautenbucht genommen.

»Dort ist sie, die Pyramide!«

Wieder war es des Kapitäns Fernglas gewesen, das sie zuerst entdeckt hatte.

Ja, dort erhob es sich das Grabmonument unserer Patronin.

»Mir kommt sie viel, viel großer vor, als ich sie in meiner Erinnerung habe,« sagte Frau Stevenbrock.

»Das ist immer so, wenn ein längerer Zeitraum dazwischenliegt,« meinte ihr Gatte. »In der Erinnerung wird jeder Gegenstand, den man einmal mit Interesse betrachtet hat, dessen Größe einem imponierte, noch viel größer, und wenn man ihn dann zum Zweiten Male erblickt, so ist man enttäuscht. Ganz besonders ist das der Fall, wenn man beim ersten Beschauen noch ein Kind gewesen ist, dann legt man als Maßstab die eigene Größe an, man wächst mit den Jahren, aber der betreffende Gegenstand tut es nicht — —«

Des Kapitäns schulmeisterliche Erklärung wurde unterbrochen.

»Die Pyramide ist viel viel größer geworden, ohne jeden Zweifel!« erklang es von verschiedenen Seiten.

»Hm, mir kommt es jetzt auch so vor,« mußte da Kapitän Stevenbrock selbst kleinlaut zugeben.

Wir kamen näher, brauchten nicht mehr das Fernglas zu benutzen, und da mußte es als Tatsache konstatiert werden, die Pyramide hatte ihre Höhe und ihren Umfang mindestens verdreifacht.

Hatten wir hundert Menschen damals eine Pyramide von etwa Zwölf Meter Höhe und Zehn Meter Durchmesser an der Basis aufgeführt, so mußte sie jetzt auf mindestens dreißig Meter Höhe und ebensolchem Durchmesser an der Basis geschätzt werden!

Wer hatte da während unserer Abwesenheit diese Unmasse von Steinen zusammengetragen?

Welche Schiffsmannschaft hatte sich diesen Scherz geleistet, hatte davon nichts der Welt verkündet, was wir doch sonst wohl sicher erfahren hätten?

Hier lag ein Rätsel vor, das man nur richtig verstehen muß, um unser grenzenloses Staunen begreifen zu können.

Wir fuhren in die Bucht, legten bei, gingen an Land.

Die Tatsache blieb bestehen, wurde nur noch handgreiflicher.

Nach derselben Arbeitsweise, die wir damals eingehalten, war weiter ein Stein auf den anderen gelegt worden, bis die Pyramide, wie wir jetzt trigonometrisch schnell berechneten, eine Höhe von einunddreißig Meter erhalten hatte, das ist anderthalb mal so hoch wie ein normales vierstöckiges Haus, an der Basis war sie im Verhältnis noch etwas breiter geworden, fünfunddreißig Meter wurden gemessen, und, wie wir weiter schnell berechneten, wenn wir damals rund Zwanzigtausend Steine verbraucht hatten, so enthielt diese jetzige Pyramide mindestens dreihundertfünfzigtausend Steine von ebensolchem Kaliber!

Dort, wo einst der ganze Strand mit rundgewaschenen Steinen bedeckt gewesen war, die wir auf hunderttausende geschätzt hatten, deren Abnahme man nach unserer Arbeit gar nicht gemerkt, lagen jetzt gar nicht nicht so viel solcher Steine da, man konnte sie schon Zählen, Sie waren alle hier symmetrisch aufgehäuft worden.

Wir standen vor diesem gewaltigen Monument und staunten und staunten, bis ein Ruf Juba Riatas erklang.

Dieser war wohl der einzige von uns gewesen, der sich nicht lange mit Staunen und Berechnen und Grübeln über dieses Rätsel aufgehalten hatte, sondern gleich ausgegangen war, die Umgegend nach Spuren abzusuchen, welche unsere unbekannten Nachfolger bei diesem Werke hinterlassen haben mochten.

»Hier haust ein Mensch!«

Wir hingeeilt, wo Juba Riata stand und uns winkte.

Von der einst hier eingestürzten Felswand, welche diese im Laufe der Jahrtausende von Ebbe und Flut rundgespülten Steine geliefert hatte, stand noch ein kleiner Rest, er Zeigte hier und da Höhlenbildung und nach solch einer Höhle hatte Juba Riata eine Spur verfolgt.

Ja, hier in dieser Höhle hauste ein Mensch!

Hatte nicht früher einmal darin gehaust, nur vorübergehend, sondern er mußte noch jetzt darin wohnten, ganz primitiv eingerichtet.

Einige Guanakofelle, Federn und ganze Bälge von Möven und anderen Vögeln, die hier vorkommen, sehr viele Eierschalen, eine Wurfkeule, wie sie die Feuerländer benutzen, ein Steinmesser, und dann vor allen Dingen eine Feuerstelle, zwar erloschen, aber noch einen ganz frischen Eindruck machend, überhaupt das verkohlte Holz noch warm —ja, hier hauste noch jetzt ein Mensch!

Wer konnte das sein?

Ein Feuerländer?

Ich kann es nicht schildern, weshalb wir alle von vornherein den Gedanken abwiesen, es könnte ein hier allein wohnender Feuerländer sein. Man hat eben noch nie einen einsiedlerischen Pescherräh gesehen.

Ein Schiffbrüchiger?

Sollte er etwa zu dieser Pyramide in Beziehung stehen?

Wie wir noch so flüsterten — eine eigentümliche Scheu bewog uns, die Meinungen nur flüsternd auszusprechen — wurde mein Arm gepackt, ich weiß nicht von wem, eine Hand deutete, und da sahen wir ihn schon alle!

Einen Menschen!

Einen alten Mann, mit langen, schneeweißen Haaren, der Vollbart ebenfalls schneeweiß aber nur sehr dürftig gewachsen, eine magere, schon mehr skelettartige Gestalt, nur mit einem Schurz von Vögelbälgen bekleidet, sonst ganz nackt, die Haut wie braunes Pergament, aber doch ohne jeden Zweifel sofort als Europäer erkennbar.

Dieser alte Mann, einem sagenhaften Meergreis vergleichbar, war hinter der niedrigen Felswand hervorgetreten, er mußte den großen Menschenhaufen vor der Höhle doch unbedingt sehen, aber er sah ihn nicht, das heißt, er kümmerte sich gar nicht um uns, er ging dorthin, wo noch die letzten Steine von den hunderttausenden lagen, bückte sich, hob einen gewichtigen Block auf, schleppte ihn mühsam nach der Pyramide, legte ihn dorthin, wo eben ein neuer Wall angefangen worden war, ging zurück, um einen neuen Stein zu holen.

Da löste sich Kapitän Stevenbrock von uns los, und ging auf ihn zu.

Aber nun wie er es tat!

Es war kein Gehen, sondern ein Schleichen.

Etwas vorgebeugt, die Hände vor sich hinhaltend, so schlich der Kapitän auf den alten Mann zu, blieb vor ihm stehen, vertrat ihm den Weg.

Da endlich sah der alte Mann, das jemand vor ihm stand.

Und so standen sich die beiden gegenüber, der Kapitän noch immer halb gebückt, den Kopf weit vorgereckt.

O, Leser, wie soll ich es schildern!

Wie unser Kapitän da endlich die Sprache fand, wie wir ihn sprechen hörten.

»Hans — Hans — bist Du es denn wirklich, Hans?!«

Er war es wirklich der Matrose Hans, den wir jetzt hier als skelettartigen Greis mit schneeweißen Haaren sahen, zum nackten Wilden herabgesunken.

Niemand hätte ihn wiedererkannt, unseren Hans, der Kapitän konnte nur eine Ahnung, eine Offenbarung gehabt haben.

Und wir erfuhren es nicht etwa von ihm selbst, das es Hans war.

Ich muß vorgreifen.

Wir haben uns alles später nur so nach und nach zusammengereimt, obgleich wir dann auch einige Pescherrähs fanden, die uns über diesen Einsiedler, der Steine für die Pyramide zusammentrug, berichten konnten.

Als wir damals an der patagonischen Küste den schrecklichen Schiffbruch erlitten und Hans vermißt wurde, wir auch seine Leiche nicht fanden, mußten wir doch unbedingt annehmen, das er eben ein Opfer dieser Katastrophe geworden sei.

Oder höchstens, das er schon unterwegs, als wir von der Flutwelle des Seebären davongetragen wurden, über Bord gewaschen oder gestürzt oder sonst wie verunglückt sei.

Diese Annahme war ja noch möglich, machte aber keinen Unterschied aus.

Daran, das der Matrose Hans damals in der Argonautenbucht, das heißt an Land bei der Pyramide zurückgeblieben sein könnte, hatte ja während der sieben Jahre niemand von uns auch nur mit einer Ahnung gedacht.

Und doch konnte es nicht anders gewesen sein. Der Matrose Hans war damals zurückgeblieben.

Ganz Zweifellos mit voller Absicht.

Wenn wir auch sehr schnell aufgebrochen waren, die Bucht verlassen hatten — es hatte doch erst Dampf aufgemacht werden müssen, Zehn Minuten waren doch vergangen, und es Zwar eben ganz ausgeschlossen, das Hans die Abfahrt des Schiffes versehentlich hätte versäumen können.

Weshalb er sich versteckt hatte, wahrscheinlich drüben im Walde, Zwischen den Hügeln, im Gebirge, um nicht mit uns zu gehen, um hier zu bleiben — nun, der Leser weiß es!

Was in dem Jüngling vor sich gegangen, während wir innerhalb der neun Nachtstunden rastlos die Steine vor dem Grabe unserer Patronin aufgestapelt hatten — das wußten wir nicht, einerseits nicht, ob er vielleicht irrsinnig geworden war — andererseits wußten wir es ja ganz genau.

Kurz und gut, Hans hatte sich versteckt gehabt!

Wir waren ohne ihn abgefahren, sein Fehlen war in den ersten Stunden nicht bemerkt worden, was bei den mehr als hundert Köpfen der Schiffsbesatzung doch so leicht erklärlich war.

Und dann war ganz plötzlich das furchtbare Unwetter losgebrochen, wobei nicht erst alle Mann zur Kontrolle auf ihre Stationen gerufen werden konnten.

Und dann nach dem Schiffbruch hatte der Matrose Hans eben gefehlt.

So war es gekommen.

Und während der ganzen sieben Jahre hat der Unglückliche unser Werk fortgesetzt. Hat ununterbrochen vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl und auch noch manche Nacht bei Mondschein Steine getragen, um die Pyramide immer höher zu bauen, welche die irdischen Reste unserer Patronin deckte, seiner Patronin, seiner Herrin, die er mehr geliebt hatte alle wir alle zusammen, die ihm noch mehr gewesen als uns allen!

So haben uns dann die Pescharrähs berichtet.

Von dem einsamen Manne, der zu jeder Jahreszeit der glühendsten Sommerhitze wie dem eisigen Schneesturme trotzend, ununterbrochen von früh bis spät hier Steine zusammengetragen hat, sieben ganze Jahre lang!

Ein Stamm Pescharrähs war bald nach unserem Fortgange hierher gekommen, hatten den einsamen Mann gesehen, und da der Stamm hier in der Nähe wohnen blieb, sie ihn sieben ganze Jahre lang beobachtet, sich auch etwas um ihn kümmernd.

Nur in der allerersten Zeit hatte Hans selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen müssen, hatte sich hauptsächlich von Vögeln, Eiern und Muscheln ernährt, alles andere vernachlässigend

Dann hatten sich seiner die Pescherrähs angenommen.

Denn wie es gewöhnlich bei solchen wilden Völkern ist — das sie hier einen Irrsinnigen vor sich hatten, das hatten diese Feuerländer bald gemerkt, oder das Treiben dieses Menschen war ihnen doch ganz rätselhaft — und da hatten sie ihn als einen Heiligen verehrt.

Das heißt, sie hatten ihn wenigstens mit Nahrungsmitteln versehen, und was er sonst brauchte, im übrigen hatten sie sich ja ängstlich von ihm ferngehalten. Es war eben ein rätselhafter Heiliger, dem sie Gewissermaßen Opfer darbrachten.

Das er dabei zum nackten Wilden herabsank, das hatten diese Feuerländer natürlich nicht verhindern können.

Und so hatte Hans sieben ganze Jahre hingebracht, einen Stein nach dem anderen herbeischleppend und ihn zur Pyramide hinzufügend!

Auf mindestens dreihundertfünfzigtausend Steine mußten wir es berechnen, was er in diesen sieben Jahren geschleppt und aufgetürmt hatte.

Und nun fanden wir ihn wieder.

Das ist es, was ich alles im Voraus sagen mußte.

Damals konnten wir dies alles ja durchaus noch nicht begreifen, wir standen ganz einfach vor etwas Unfaßbarem.

»Hans — Hans — bist Du es denn wirklich, Hans?!

So hatten wir Kapitän Stevenbrock sagen hören.

Aber nun in welchem Tone, in welcher Stellung!

O, Leser, wie soll ich es überhaupt schildern!

Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich plötzlich mit dort stand, mit all den anderen zusammen, die beiden umringend.

»Hans!«

Mit blöden Augen blickte der alte Mann um sich. Da aber plötzlich kam Leben in diese erloschenen Augen, sie flammten auf.

Er öffnete den Mund, zuerst kamen nur unartikulierte Laute über die Lippen dieses Unglücklichen, der sieben ganze Jahre lang kein einziges Wort gesprochen hatte.

Dann aber wurden aus diesen unartikulierten Lauten verständliche Worte.

»Argonauten — meine — Ilse — mein — Kapitän — Helene — ich bin wieder bei Euch — Hans — alle zusammen — Gott — gnädig — —

So hörten wir ihn deutlich sprechen, wenn auch immer noch stammelnd und dabei ging es über das eingefallene Greisengesicht immer mehr wie eine selige Verklärung und plötzlich sahen wir alle unseren Hans vor uns.

Und da, wie er noch die letzten Worte stammelte, neigte er sich vorwärts, taumelte, es sah aus, als wolle er den vor ihn stehenden Kapitän und dessen junge Frau umklammern, fast genau so, wie es damals die Patronin getan hatte, auch er konnte mit den Händen nur eben noch ihre Kleider berühren, so brach er vor ihnen Füßen zusammen — Tot!

Und hiermit schließt dieser Liebesroman, der nie einen Anfang gehabt hat!