Detektiv Nobody's


Erlebnisse und Reiseabenteuer.


Nach seinen Tagebüchern bearbeitet


von


Robert Kraft.


2. Band.


1. Die Verjüngungskur

Die Wintersaison von Monte Carlo näherte sich ihrem Ende. Auf der Terrasse hinter dem Kasino fand Konzert statt, welches man schon als ein Abschiedskonzert betrachten konnte. Denn morgen ging der erste Nord-Expreßzug ab, für den sämtliche Plätze bereits belegt waren. Dann noch einige Wochen, und das Paradies der Spieler und der internationalen Lebewelt würde öde und verlassen sein, den langen Sommerschlaf halten, um erst im Spätherbst zn neuem Leben zu erwachen.

Dumpf hallte ein Kanonenschuß. Er konnte nur von der Seeseite herkommen, alle Augen richteten sich dorthin. Allein, außer einigen Segelbooten war nichts zu sehen.

Noch ein Kanonenschuß, und nun entdeckte man am Horizont neue Segel. Krimstecher und Taschenfernrohre wurden hervorgeholt, die Damen brachten die Lorgnetten vor die Augen.

»Eine Jacht!!«

Jetzt wurde es interessant, die ganze Terrasse kam in Aufregung.

Die meisten der bekannten Jachten, welche im Winter regelmäßig in der Bucht von Monaco vor Anker gehen, weil sich ihre Besitzer in Monte Carlo alljährlich ein Rendezvous geben, waren bereits heimwärts gedampft oder gesegelt.

In der Bucht, welche von der Landzunge, auf der das Kasino steht, und dem Felsen von Monaco mit Schloß und Kathedrale gebildet wird, schaukelten nur noch vier Dampfjachten: die von Vanderbilt, die von dem nicht minder bekannten amerikanischen Krösus Carnegie, die von Mr. Hobwell, dem Herausgeber von amerikanischen und englischen Zeitungen, und schließlich die von Lord Hannibal Roger, dem der vierte Teil des Grund und Bodens gehört, auf welchem London steht.

Diese vier wollten morgen auf Verabredung gleichzeitig in See stechen, um sich zurück ins Geschäft zu begeben - oder auch zu einem neuen Vergnügen, das sie vielleicht in einem anderen Weltteil suchten.

Jetzt wurde das Fahrzeug auch für das bloße Auge sichtbar. Die drei himmelhohen Masten, die sich unter der Last der schneeweißen Segel wie die Reitgerten bogen, der schlanke, elegante Bau des ganzen Schiffes - gewiß, es konnte nur eine Jacht sein.

Die Aufregung wuchs immer mehr, die Fragen schwirrten, und das war begreiflich. Die Ankunft einer Jacht ist in Monte Carlo überhaupt stets ein großes Ereignis. Man denke sich eine kleine Stadt, ein Separatzug mit eigenen Waggons wird gemeldet - diese Erwartung, wer da drin sitzen mag! Und solch eine Jacht ist noch ein ganz anderes Ding, ihr Kommen kann auch nicht so ohne Weiteres gemeldet werden. Nun waren dieser Lebewelt sämtliche Jachten und ihre Besitzer bekannt, und wer war am Ende der Saison noch in Monte Carlo zu erwarten? Man fand absolut keine Vermutung. Es konnte auch der Zar, der Sultan sein!

»Sie zeigt Flaggen!«

Da krachte es zweimal auf der Felsenfestung von Monaco, daß die Konzertmusik gleich vor Schreck verstummte. Die Jacht hatte durch Schüsse auf sich aufmerksam gemacht, auf der Seewarte konnten die Flaggensignale schon gelesen werden, wahrscheinlich bat die Jacht, in den Hafen laufen zu dürfen, die beiden Antwortschüsse gaben im Namen des Fürsten die Erlaubnis.

»Sie refft die Segel - sie dampft!«

»Ich kann ja gar keinen Schornstein sehen!«

»Sie hat auch wirklich keinen Schornstein, und doch fährt sie jetzt ohne Segel.«

»Dann hat sie eben einen Petroleummotor.«

Automobile gab es damals noch nicht, wohl aber schon Petroleummotore, bei einer großen Jacht statt der Kohlenheizung freilich ein kostspieliges Vergnügen.

Und wie dampfte diese Jacht! Wie ein Pfeil schoß sie heran - die Kundigen schätzten die Fahrt auf mindestens 20 Knoten - und dabei hatte das Fahrzeug für eine Jacht ganz gewaltige Dimensionen, sie mußte einen riesigen Motor im Bauche haben - und da war sie schon mitten in der Bucht, hinten schäumte es, die Schraube drehte rückwärts, augenblicklich stand die Jacht, die Ankerketten rasselten herab, gleichzeitig donnerten an Bord aus Feuerschlünden die sechs vorschriftsmäßigen Salutschüsse als Ehrenbezeugung für den Herrn dieses Landes, wenn auch der Fürst von Monaco zur Zeit abwesend war.

»Bravo! Bravo!« jubelte der sonst sehr phlegmatische Lord Hannibal Roger, denn in ihm war der Sportsmann erwacht. »Meine Herren, da können unsere Jachten nicht mit. Aber wer mag das nur sein?«

Niemand dachte daran, gleich jetzt an den Hafen hinabzugehen, es ist ein abschüssiger, ziemlich weiter Weg, und die Aufklärung mußte ja doch bald kommen.

»H-e-l-i-o-t-r-o-p,« buchstabierte ein Seemann, der die Flaggen im Kopfe hatte.

»Die Heliotrop!!« rief da der junge Lord in hellem Staunen. »Die kenne ich ja schon gut! Was? Kommt der alte Schrullenkerl auch nach hier? Dann soll es mich gar nicht wundern, wenn der auch in Monte Carlo wieder seinen Hiran Singh sucht.«

Der Sprecher wurde mit Fragen bestürmt, und das um so mehr, weil kein einziger schon von einer Jacht namens Heliotrop gehört hatte, und dann war auch noch ein anderer Grund vorhanden, daß Lord Hannibal plötzlich von allen Seiten von eleganten Herren und vielleicht noch mehr von juwelenblitzenden und fächerklappernden Damen umringt wurde.

Lord Hannibal Roger, welcher selbst nicht wußte, was er aus seinen Londoner Häusern für ein Einkommen bezog - solche Kleinigkeiten überließ er seinen Sekretären, er hatte überhaupt den ganzen Schwamm verpachtet - war im Gegensatz zu den anderen Milliardären, die alljährlich in Monte Carlo zusammentreffen, ein noch sehr junger Mann, noch nicht dreißig. Um seinen Charakter zu kennzeichnen, genügt eine Andeutung: Wenn er hier in Monte Carlo war, wo alle Welt dem Vergnügen nachjagt und den wildesten Leidenschaften frönt, lutschte Lord Hannibal den ganzen Tag an seiner Zigarre und gähnte dazwischen; spielen tat er nie, er war viel zu faul, deshalb die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Dann setzte er sich auf seine Jacht, fuhr nach Indien und schoß Tiger. In Indien erzählte ihm jemand von der Eisbärenjagd, wie die so ganz anders ist - rutsch, nach dem Nordpol gejagt und dort auf Eisbären gepürscht, um vier Wochen später wieder in Afrika Elefanten zu schießen. Und dann saß er wieder in Monte Carlo, lutschte an seiner Zigarre, gähnte und langweilte sich schrecklich, und wenn sich ihm einmal so eine schöne, diamantschimmernde Dame näherte, die schnauzte er an. Früher mochte das anders gewesen sein, denn umsonst hatte sich das Haar an den Schläfen des Lords nicht schon so stark gelichtet. Der junge Mann hatte sich eben bereits ausgelebt.

Bekanntlich übt nun gerade solch ein Charakter eine besondere Anziehungskraft aus, am allermeisten auf die Damen, und wenn sich Lord Hannibal nun einmal mitteilsam zeigte, so war das in Monte Carlo ein Ereignis, diese Gelegenheit mußte ausgenützt werden, und so wurde er von allen Seiten umdrängt.

Und Lord Hannibal täuschte die Hoffnung nicht, er blieb mitteilsam, er erzählte sogar mit lauter Stimme, daß ihn alle hören konnten.

»Das erstemal begegnete ich dem kuriosen Kauz vor drei Jahren. Ich liege mit meiner Jacht in Colombo, dem Haupthafen von Ceylon, logiere aber im Hotel. Eines Morgens stehe ich im Torweg, da kommt ein uniformierter Matrose angelaufen, ein ganz kurioses Kerlchen, mit fürchterlichen X-Beinen, mit einem stattlichen Schmerbauch und auf der Nase eine mächtige Hornbrille. Na, kurz und gut, ein Monstrum von einem Matrosen, wie ich einen solchen in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. - >Ist der Hiran Singh hier?< schreit der den Portier gleich an. >Sagt nicht nein - gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!< - Der Portier weiß natürlich gar nicht, was er davon denken soll. Endlich kommt es heraus, daß in Colombo eine Jacht eingetroffen ist, die Heliotrop, ihr Kapitän und Besitzer erwartet hier in diesem Hotel einen Indier namens Hiran Singh, wohl sogar Doktor, in Hyderabad Professor der unentdeckten Wissenschaften. Nein, der war nicht hier. Der kleine x-beinige Fettwanst schimpft darob wie ein Rohrsperling und rückt wieder ab. Ich segelte noch an demselben Tage ab, sah aber vorher zufällig noch einmal den Kapitän der Heliotrop, einen uralten Mann mit wachsgelbem Gesicht, krüppelig und gebrechlich und schwindsüchtig, ich konnte ihn mir unmöglich als Kapitän auf der Kommandobrücke vorstellen.

Na, ich reise ab, kutschiere nach England. Vor einem Jahre mache ich einen Abstecher nach der Ostküste von Südamerika. In Buenos Aires muß meine Jacht in Dock gehen, ich steige in einem Hotel ab. Wie ich es am anderen Morgen verlasse, sehe ich einen wunderlichen Knirps in einem Matrosenkostüm gelaufen kommen - Herrgott, denke ich, wo hast du denn nur schon diese X-Beine mit dem Fettwanst und diese Hornbrille gesehen - und wie ich noch so grübele, da ... >Ist der Hiran Singh hier?< schreit er den Portier an. >Sagt nicht nein - gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!< - Ich denke doch, der Schlag soll mich treffen. Meine Herrschaften, bedenken Sie nur - nach zwei Jahren, auf der anderen Hälfte der Erdkugel - ganz genau dieselbe Geschichte!« Alles lachte und wunderte sich über diesen Zufall.

»Ja, wer ist denn nun aber dieser Kapitän von der Heliotrop?«

»Einen Augenblick. - Jetzt fing ich natürlich auch an mich zu interessieren. Richtig, über Nacht war in Buenos Aires die Heliotrop angekommen, und diese Wiederbegegnung brauchte gar kein so großer Zufall zu sein, ich brauchte nur anzunehmen, daß der alte Kerl fortwährend in der Welt herumsegelte, um seinen Hiran Singh zu suchen. Wozu er den indischen Professor suchte? Das hahe ich nie erfahren können, seine Leute waren stumm wie die Fische. Und der alte Kapitän selbst? Den soll einmal jemand anzusprechen wagen! Habe ich mich geärgert über diesen schwindsüchtigen Krüppel! Er logierte nämlich dann in meinem Hotel, und das war Tag und Nacht ein Husten und ein Schimpfen mit den Kellnern - und ein Weinen und Fluchen und Jammern nach dem wieder nicht kommenden Hiran Singh - der Alte hat oben einen Spleen im Kopfe, und zwar keinen kleinen. - Ich bekam einmal einen Blick durch ein Fensterchen ins Innere seiner Jacht - alles pompös, großartig!! Es war noch dieselbe Heliotrop; aber in Colombo hatte sie noch Kesselfeuerung gehabt, jetzt war sie mit Petroleummotor eingerichtet. - Und, apropos,« wandte sich der Lord an Mr. Carnegie, »Sie interessieren sich doch für so etwas - einen Ring hatte der Alte am Finger - einen grünen Diamanten - so einen haben Sie nicht in Ihrer Sammlung. Ein grünes Feuermeer! Einfach unschätzbar!«

»Ja, wie heißt aber nun der Mann? Wer ist es?« erklang es.

Lord Hannibal begann wieder in sein altes Phlegma zurückzusinken.

»Weiß ich's?« meinte er achselzuckend. »Wie gesagt, ich konnte absolut nichts erfahren. Die Jacht hieß Heliotrop, und das dort ist dieselbe.«

»Die Jacht mußte auf dem Seemannsamt doch angemeldet werden.«

»Ist in Argentinien nicht nötig bei einer Privat-Jacht.«

»Gab er im Hotel nicht seinen Namen an?«

»Nein. Hatte er noch weniger nötig.«

Nun, hier würde man alles erfahren. Hier in Monaco, mußte er seine Jacht und sich selbst polizeilich anmelden.

Es wurde dunkel und kühl, man begab sich zum Tee in sein Hotel oder gleich direkt in die Spielsäle.



Es war sieben Uhr geworden, unaufhörlich rollten die Equipagen vor das Kasino, Mengen strömten ein und aus, manchmal setzte sich ein Herauskommender tiefsinnig auf eine Bank der Gartenanlagen, die schon im Februar im herrlichsten Blumenschmuck prangten - sein Tiefsinn ist leicht erklärlich -, als um die Ecke der Avenue de Monte Carlo ein Mensch bog und auf das Hotel de Paris zustrebte, welches dem Kasino am nächsten liegt.

Das Kerlchen mußte jedem sofort auffallen. Wenn er im Grunde genommen nicht sehr klein war, so wurde er doch durch die ganz außerordentlich nach innen geschweiften Beine dazu gemacht, der stattliche Schmerbauch ließ ihn noch kleiner erscheinen, und nun kam als Merkwürdigkeit noch hinzu, daß er auf der Nase eine gewaltige Hornbrille balancierte. Das Seltsame der ganzen Erscheinung lag aber darin, daß er einen Matrosenanzug mit bewimpelter Mütze trug, auf dessen Band der Name seines Schiffes mit Gold eingestickt war - Heliotrop -, während die ebenfalls goldenen Knöpfe eine erhabene Sonnenblume zeigten.

Ein Matrose mit solch einem Bauche, eine Brille auf der Nase - nein, das kann man sich so wenig vorstellen wie einen Schornsteinfeger mit einem weißen Strohhut, und wie der mit diesen X-Beinen die Wanten hinaufkam, das war auch ein Rätsel. Er mußte noch jung sein, hatte aber ein recht bärbeißiges Gesicht, das etwas an die Züge einer Bulldogge erinnerte.

In der erhöhten Glasveranda, welche den Eingang zum Hotel de Paris bildet, standen der Portier und nicht weniger als sechs unbeschäftigte Kellner. Im Hintergrunde hielten sich Lord Roger, der englische Zeitungsonkel und die beiden amerikanischen Yankee-Milliardäre, welche zusammen gespeist hatten.

»Da - da - da,« sagte Lord Hannibal, »da kommt wahrhaftig das kleine X-Bein wieder! Nun bin ich bloß begierig, ob der nicht gleich wieder vom Hiran Singh anfängt.«

Der dicke Matrose steuerte direkt auf den Portier los.

»Ist Hiran Singh hier? Sagt nicht nein - gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!« Also fuhr der krummbeinige Wicht den goldlivrierten Portier in barschem Tone an.

»Na, da haben Sie es,« flüsterte Lord Hannibal seinen Begleitern zu, »gerade wie vor drei Jahren in Colombo und dann in Buenos Aires, über Raum und Zeit erhaben! Und natürlich gerade wieder in dem Hotel, in dem auch ich abgestiegen bin!«

Der so angefahrene Portier machte zunächst nur den Mund vor Staunen auf. Aber die Ankunft seiner Jacht mit dem Namen Heliotrop war ihm natürlich bekannt, hier las er ihn an der Mütze des Matrosen, ja, er wußte auch noch etwas mehr, die Erzählung des Lords hatte schon durch ganz Monaco die Runde gemacht.

»Der indische Professor?« fragte er also.

»Jawohl, er ist hier?« rief der dicke Matrose erfreut.

»Nein.«

»Was, er ist nicht hier?!«

»Nein, in ganz Monaco nicht, sonst stände der Name schon in der am Abend herausgekommenen Fremdenliste.«

»Na, dann gnade Euch Gott,« schnob der x-beinige Bullenbeißer mit der Hornbrille den Portier wieder grimmig an, »dann werdet Ihr meinen Kapitän noch kennen lernen, der haut gleich alles kaput, wenn er kommt und Hiran Singh ist nicht hier. - Also,« fuhr er ruhiger fort, aber immer noch barsch und herrisch genug, »für den Herrn Kapitän der Heliotrop einen großen Salon, ein Schlafzimmer mit Badekabinett, ein Rauchzimmer - alles in der dritten Etage mit Aussicht nach dem Meere - und daran angrenzend zwei Zimmer für die Stewards, die er sich selbst mitbringt. Das allernächste Zimmer an der Schlafstube des Kapitäns ist für mich allein, nur mit einem Bett - fein, nobel, separiert, ungeniert - das ist für mich - ich bin nämlich die Ordonnanz von der Heliotrop!«

Und das kleine X-Bein reckte den Bauch noch weiter heraus und machte eine Handbewegung, welche in Worte übersetzt gelautet hätte: Herr, was bin ich, und was kann aus mir noch alles werden!!

Die sechs in einer Reihe stehenden Kellner hatten schon immer über das possierliche Kerlchen gelächelt, jetzt wurde ihr Kichern sogar hörbar.

Da aber stand der kleine Wicht mit einem einzigen Schritte plötzlich dicht vor ihnen, und jetzt war er ein ganz anderer.

»Worüber habt ihr Tellerschwenker denn so dreckig zu lachen?!«

Er hatte es im Gegensatz zu seiner sonstigen Ausdrucksweise sehr ruhig gefragt - aber in einem Tone, mit einem Blicke, dieses plötzliche Vortreten - das alles machte, daß das Lächeln augenblicklich nicht nur erstarb, sondern daß alle sechs befrackten Geister gleich spurlos verschwanden.

»Nun, wie ist's?« wandte sich jener wieder an den Portier. »Der Kapitän wird gleich kommen, und der kann keine Minute warten!«

»Bedaure, wir haben gar keine Zimmer frei, alles ist besetzt,« erklärte der Portier, aber man sah es ihm gleich an, daß er es nicht bedauerte, sondern sich darüber freute, diese Gäste, von deren Grobheit er schon etwas gehört und nun schon selbst eine Probe zu kosten bekommen hatte, nicht aufnehmen zu brauchen.

»Was, Ihr habt keine Zimmer mehr frei?! Na, aber da könnt Ihr meinen Kapitän kennen lernen! Das ist uns überhaupt ganz egal, da muß einfach ...«

»Der Herr kann meine Zimmerflucht bekommen,« ließ sich da der alte Vanderbilt vernehmen, »ich gehe sowieso schon heute abend an Bord.«

Jetzt gab es keine Ausrede mehr, ein Fremder, der mit seiner eigenen Jacht nach Monte Carlo kam, mußte unter allen Umständen von jedem Hotel aufgenommen werden, diese Hotels sind ja ganz von dem Kasino abhängig - und jetzt flogen die Zimmerkellner und Stubenmädchen.

Die Herren verließen die Veranda, um nach dem Souper etwas zu promenieren.

»Das war höllisch schneidig, wie das dicke Kerlchen plötzlich auf die grinsenden Kellner lostrat,« meinte Lord Hannibal, als er sich im Hinausgehen eine Zigarre ansteckte. »Kennen die Herren übrigens den Kapitän Flederwisch?«

»Ist das nicht der mit dem verrückten Torpedojäger?« fragte der Zeitungsverleger.

Er war aber auch der einzige der Herren, welcher von Kapitän Flederwisch schon etwas gehört hatte, und sonst auch nichts weiter. Denn damals war dessen Name noch gar nicht bekannt, auch die Londoner, die einst seine Torpedojacht bewundert, hatten ihn schon wieder vergessen.

»Wo steckt er denn jetzt?« setzte Mr. Hobwell noch hinzu. »Man hat gar nichts wieder von ihm gehört.«

»Ich weiß es auch nicht,« entgegnete der Lord. »Ich habe zufällig einmal seine vorübergehende Bekanntschaft gemacht. Ja, was ich sagen wollte: der hat auch so eine kuriose Ordonnanz, die ist das Pendant zu dieser. Aber seine Beine sind gerade nach der anderen Richtung geschweift, und was der hier im Bauche hat, hat jener in der Nase. Die beiden paßten zusammen.«

Noch zwei andere Matrosen von der Heliotrop waren in dem Hotel angekommen, die schon angemeldeten Stewards, und bald danach rollte eine geschlossene Equipage vor.

Schnell war es bekannt geworden, daß der Kapitän der Heliotrop im Hotel de Paris logieren und bald ankommen würde, und so hatte sich schon vor dem Hotel ein vornehmes oder richtiger ein elegantes Publikum angesammelt, die Damen drängten sich wie die Herren, um der Ankunft des neuen Ankömmlings beizuwohnen, so wie bei jeder Trauung vor der Kirche das müßige Volk steht.

Dieser unerbetene Empfang eines jeden Fremden ist hier so Mode, man hat ja nichts weiter zu tun, in den Modebädern an der Landungsbrücke geht es nicht anders zu, und Vornehmheit und Anstand sind zweierlei.

Die Ordonnanz öffnete den Schlag und half dem Kapitän heraus. Es war ein alter Mann mit weißem Vollbart und weißen Haarsträhnen, eine hohe, knochige Gestalt, aber von Altersschwäche gebeugt, die eingefallene Greisenhand, von deren einem Finger ein grüner Feuerbüschel ausging, auf einen Krückstock gestützt, das wachsgelbe Gesicht finster, mürrisch, verbissen, und nun noch ein vorsintflutlicher Zylinder und ein um die hagere Figur schlotternder, schwarzer Anzug, der ebenfalls aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen schien - das war der Kapitän der stolzen Jacht, die jetzt dort in der Bucht lag!

»Das ist ja kein anderer als Präsident Krüger!!« wurde erstaunt geflüstert, doch nur von denen, welche das Porträt des alten Burenführers nicht so genau kannten.

Nein, das war nicht der Ohm Paul, der hatte auch anderes zu tun, als in der Welt herumzukutschieren und einen indischen Professor der unentdeckten Wissenschaften zu suchen. Allerdings erinnerte dieser Mann an ihn, doch nur durch seine Gestalt und mehr noch durch die altmodische Kleidung. Und ein über alle Begriffe konservativer Holländer mochte es wohl sein.

»Hiran Singh ist nicht hier,« meldete die Ordonnanz, als sie dem Kapitän aus den Wagen herausgeholfen hatte, was nicht ohne Stöhnen abging.

»Was, er ist nicht hier?« bellte der Alte gleich wie ein wütender Kettenhund den erschrockenen Portier an.

»Nein, Euer Gnaden.«

»Caracho ...«

Der Portier suchte schleunigst das Weite, der Alte mit erhobenem Krückstock ihm nach, die Treppe hinauf, so schnell es seine wankenden Beine erlaubten, oben schlug er los - der Stock zerschmetterte aber nur eine kostbare Vase und eine Fensterscheibe. Dieser Gast führte sich ja nett ein!

Dann sah ihn das Publikum in dem Korridor verschwinden, vorher aber hörte man noch einmal seine Stimme, doch jetzt ganz anders, schmerzlich, klagend, fast weinend:

»O, Hiran Singh, o, Hiran Singh, wann endlich wirst du kommen und mich von meiner Qual erlösen!«

Die Zuschauer lachten, sprachen etwas über den wundervollen grünen Diamanten - so etwas ist hier immer die Hauptsache - und dann zerstreuten sie sich.

Unter dem Publikum hatte sich ein junger, stattlicher Herr mit sonnenverbranntem Gesicht befunden, den deutschen Offizier schon von weitem verratend.

Nicht seine eigene Neugier mochte ihn hierhergetrieben haben, dazu sah dieser Mann viel zu echt vornehm aus, sondern wohl die Evatochter war es, die er an seinem Arme führte, eine junge, zauberhaft schöne Dame in prachtvoller Toilette, die sie mit königlichem Anstande zu tragen wußte. Ein Stolz, eine Hoheit, eine Unnahbarkeit - wenn das nicht wahrhaftes Fürstenblut war, dann log hier in Monte Carlo alles!

»Heern Se, Herr Graf, ich gloowe, der hat'n Biebmatz im Gobbe,« fing da dieses wahrhafte Fürstenblut im schönsten Sächsisch zu singen an.

Und da sie keine Antwort bekam, der Offizier nur heimlich zur Seite schielte, ob niemand in der Nähe sei, der den schönen sächsischen Gesang seiner stolzen Begleiterin hören könne, fuhr sie gleich fort:

»Nu woll'n mir awwer erscht noch ä bißchen was essen, gelle he?«

Na, schadet nichts, es war niemand in der Nähe, ihr Kavalier war daran gewöhnt, und er drückte ihr zärtlich die Hand.

»Und dann?« flüsterte er schmachtend.

»Nu, dann gehen mir erscht noch ä bißchen in de Gandine.«

»Ins Kasino, meinen Sie. Und dann, Adele?«

»Nu, dann gehn mir erscht noch ä bißchen hin, wo's hibsch is, so ä bißchen ins Dingeldangel, wo ma Radau machen gann, was, gelle he?«

»Und dann?« flüsterte ihr Ritter immer liebeglühender.

»Nu, dann gehen mir nadierlich zusamm ins Bädde!«

Jetzt war es ein tödlicher Schreck, mit dem sich der Offizier schnell umblickte, ob es jemand gehört haben könnte.

Mit dem >wahrhaften Fürstenblute< schien es also nichts zu sein. Es war vielmehr die erste Balletteuse eines deutschen Hoftheaters, die mit ihrem Verehrer einen kleinen Abstecher nach Monte Carlo gemacht hatte.

Demnach also, da wir uns so geirrt haben, muß in Monte Carlo alles lügen! Na, es wird hier wenigstens sehr viel gelogen, bewußt und unbewußt. Wenn man so im Palmengarten sitzt, alle Bänke sind voll, es kommt noch so ein stolzes Pärchen, man wird in irgend einer Sprache angeredet, nach etwas gefragt, und man schüttelt den Kopf, man versteht nichts - und man versteht doch! - Ach, was man da manchmal zu hören bekommt!! - Never mind. -

So hatte der Kapitän der Heliotrop im Hotel de Paris seinen Einzug gehalten, Matrosen brachten noch eine Menge Gepäck, und bald bekam das Hotelpersonal einen Vorgeschmack von dem Gaste, den es für unbestimmte Zeit zu bedienen hatte.

Unaufhörlich ertönte in seinem Zimmer die elektrische Klingel, unaufhörlich mußten drei Kellner und ebensoviele Stubenmädchen hin- und herjagen, der Alte konnte nur wie ein wütender Kettenhund bellen. Das erste war, daß er einem Kellner die leere Wasserkaraffe an den Kopf warf, einem Stubenmädchen schlug er das Handtuch um die Ohren, weil es ihm nicht handbereit gelegen hatte, und nach einem andern Kellner schleuderte er das ihm nicht sauber genug geputzte Tischmesser, es sauste dem Manne dicht am Kopf vorbei und blieb mit zitterndem Schafte in der Tür stecken.

Mit schlotternden Knien und aschfahlem Gesicht brachte ihm der Zimmerkellner das Fremdenbuch. Da kam er gerade an den Rechten.

»Ich bin der Kapitän der Heliotrop. Genug - hinaus - packen Sie sich!«

»Aber - aber - Euer Gnaden ...«

»Ich will nicht! Verflucht, wenn ich's tue! Raus!! Raus!!«

Der Kellner floh vor dem erhobenen Krückstock. Er war froh, daß ihm der Alte nicht mit der Pistole nachschoß.

Der Direktor des Aktienhotels vernahm es. Da half alles nichts, der Pflicht mußte nachgekommen werden, selbst mit Lebensgefahr.

Schließlich hörte der Respekt auch vor einem Jachtbesitzer auf, und auch in Monte Carlo gibt es Polizei, sehr viel sogar, sonst wimmelte es ja dort von Taschendieben und Einbrechern, und eben deshalb wird es in Monaco-Monte Carlo mit Paß und Legitimation äußerst streng genommen, und da gibt es keinen Unterschied der Personen. Jetzt mußte sich der Alte zuerst ins Fremdenbuch eintragen, oder die Sache war der Polizei zu melden.

Der Zimmerkellner bat um seine sofortige Entlassung, wenn er noch einmal zu dem wütenden Kettenhund hinein müsse. So nahm der Direktor selbst das Fremdenbuch und die auszufüllenden Formulare, stärkte seinen Mut durch zwei Gläschen Kognak, spülte mit einem Glase Champagner nach, und so vorbereitet betrat er kühn den Raubtierzwinger.

»Herr Kapitän, ich bitte Sie höflichst ...«

»Was, sind Sie schon wieder da?« donnerte ihn der Alte sofort an. »Nein, ich nenne meinen Namen nicht!! Mensch, hinaus, oder ich schieße dich wie einen tollen Hund nieder ... da!!«

Entsetzt prallte der Hotelier zurück, der Alte hatte schnell in seine Brusttasche gegriffen, er riß etwas heraus - aber keinen Revolver, sondern es war nur ein Papier, welches er jenem entgegenhielt.

»Genügt das?«

Mit weit geöffneten Augen sah der Hotelier eine ihm wohlbekannte Handschrift, und er riß seine Augen immer weiter auf, als er las:

>Passe-Partout.
Der Inhaber dieses, der Kapitän der Motorjacht >Heliotrop< ist in meinem Fürstentume legitimiert.
Auf Befehl!
Albert III.
Fürst Grimaldi von Monaco.<

Von Anfang bis zu Ende des souveränen Fürsten und allmächtigen Landesherrn eigenhändige Schrift! Darunter das fürstliche Siegel! - Der Hotelier klappte gleich wie ein Taschenmesser zusammen, und in dieser gebückten Stellung kroch er rückwärts wie ein Krebs hinaus.

Eine Viertelstunde später wußte es ganz Monaco-Monte Carlo: der Kapitän der Heliotrop besitzt einen vom Fürsten eigenhändig ausgestellten Passepartout! Besonders das >eigenhändig< konnte gar nicht genug betont werden.

Nun fing das Kopfzerbrechen erst recht an. Wer ist er? Phantasievolle Köpfe kamen bis auf den Kaiser von China.

Einige, die ihn vorhin gesehen hatten, kalkulierten am richtigsten, wenn sie ihn für einen alten Holländer hielten, der in Indien vielleicht Fürstenrang bekleidete, denn solche Diamanten, wie dieser Mann an den welken Fingern trug, findet man in keiner europäischen Schatzkammer, solche Steine sind nur im Besitze von indischen Nabobs und Maharadschas.

Auf dem Boulevard de la Condamine, eine Promenade, welche sich längs der Hafenbucht hinzieht, staute sich die Bevölkerung von Monaco, die üppigen Frauen und die reizenden Wasch- und Plättmädchen mit ihren Männern und Liebhabern, welche alle ausschließlich von den Fremden leben - aber auch genug Fremde selbst, um das Wunder anzustaunen.

Dort lag die geheimnisvolle Jacht, elektrisch erleuchtet, man sah Matrosen an Deck arbeiten, sie hoben mit Winden aus dem Schiffsbauche Tonnen, welche in ein schon ausgesetztes Motorboot hinabgelassen wurden.

Das gefüllte Boot steuerte dem Ufer zu, auf einer Plattform wurden die Fässer ausgeladen, zwanzig Stück, gar nicht so groß, wie Sardinenfäßchen - aber nur ein einziger Mann, ein herkulischer Matrose, war imstande, solch ein kleines Fäßchen allein mit seinen beiden Armen aus dem Boote zu heben, und man sah es ihm an, was für eine Kraftanstrengung dazu nötig war.

Es wurden noch viele Matrosen ans Land gesetzt, etwa zwei Dutzend, und zwar waren es lauter ausgesuchte, große, schlankgewachsene, schöne Kerls, alle in schmucker Uniform, sie luden die Fäßchen auf einen mit vier Pferden bespannten Lastwagen, und eng umringt von den Matrosen, welche oftmals mitschieben mußten, ging es den steilen Weg nach Monte Carlo hinauf.

Von dem Platze vor dem Kasino zweigt die Hauptstraße >Galerie Charles II.< ab. In dieser befindet sich das Bankhaus Smith & Co. Hier hielt der Lastwagen. Auch der alte Kapitän hatte sich eingefunden.

Die Bank war zwar schon längst geschlossen, doch hält sich im Café Paris stets jemand auf, falls noch ein Geschäft zu machen ist.

Denn wer einmal in Monte Carlo gewesen ist und behauptet, die Spielsäle würden abends um elf Uhr geschlossen, der irrt sich! Dann geht es oben in den geheimen Zimmern weiter, bis unten wieder aufgemacht wird. Aber da hat nicht jeder Zutritt, da genügt der ehrliche Paß noch nicht.

Der Bankbeamte wurde geholt.

»Mr. Smith?«

»Eugen Gibbs in Firma Smith & Co,« stellte sich der Herr vor.

»Hier sind zwei Tonnen Gold, vierzig Zentner, geeicht im Schatzamte zu Washington, im Werte von fünf Millionen Francs. Kann ich sie bei Ihnen deponieren?«

So etwas war dem Bankier allerdings noch nicht passiert! Doch der Engländer verzog keine Miene.

»Gewiß, sehr gern. Mit wem habe ich die Ehre?«

Der alte Kapitän zeigte seinen Passepartout, das mußte genügen, dankend gab ihn der Bankier zurück, die Stahltüren des Ladens wurden auf irgend ein geheimes Zeichen von innen geöffnet, es befanden sich immer Wächter darin, die Fässer wurden von den Matrosen in das Kellergewölbe getragen, wo eine große Hebelwage und die Panzerschränke standen, inzwischen wurden die anderen Bankbeamten geholt, wo sie zu finden waren, und das ist in dem winzigen Fürstentume - anderthalb Quadratkilometer ist es groß - nicht schwer.

In Amerika, dem Lande der Praxis, des Geldes und des Schwindels, werden größere Zahlungen sehr häufig in Goldbarren geleistet. Das ist bequem und das allersicherste. Der glückliche Besitzer einer goldenen Barre, wie sie aus dem Schmelzofen kommt, schickt sie nach Washington an das Schatzamt, dort wird sie auf ihren Feingehalt untersucht und gewogen und enthält diesbezüglich zwei Stempel. Nun gilt sie als Geld, auch die Münze jedes anderen Landes wechselt sie ein. Und wenn von der Barre auch schon abgeschnitten ist, das schadet nichts, nach dem Stempel und dem jeweiligen Kurse kann man immer ihren genauen Wert berechnen, und da ist eine Fälschung sehr, sehr schwer.

Der Bankier also blieb ganz kaltblütig, aber die geholten Kommis glaubten ihren Augen nicht trauen zu dürfen, als sie in dem Keller das gleißende Gold in Zentnerblöcken aufgetürmt sahen.

Die Arbeit begann. Die Lupen wurden ins Auge geklemmt, jede Barre wurde auf die Wage gehoben, welche trotz ihrer Größe ganz fein spielte. Mr. Gibbs beobachtete die Zunge und rechnete in seinem Notizbuch.

In noch nicht einer halben Stunde war alles geschehen. Nun soll aber jemand fünf Millionen in Zwanzigfrancstücken abzählen! Gewiß, die kann man auch abwiegen, aber wieviele falsche können dann nicht darunter sein? Und fünftausend Tausendfrancscheine abzählen, jeden einzelnen anknipsen, gegen das Licht halten und sonst prüfen, das ist auch eine nette Arbeit, abgesehen davon, daß in vielen Fällen Zahlung in Papier verweigert wird.

»Die genaue Summe kann ich Ihnen erst morgen angeben,« sagte Mr. Gibbs.

»Sind es fünf Millionen Francs?«

»Gewiß, es sind sogar mindestens viertausend mehr, der Kurs steht gegenwärtig sehr hoch.«

»Unter Ihrer Garantie?«

»Ich garantiere dafür.«

»Dann, bitte, wollen Sie mir eine Quittung geben. Liegt das Gold hier auch sicher?«

»Hier? So sicher, wie jeden Menschen der Tod ereilt.«

Da plötzlich fuhr der alte Kapitän, der bisher dem Bankier gegenüber sehr höflich gewesen war, wütend auf.

»Sprechen Sie in meiner Gegenwart nicht vom Tod!!« donnerte er ihn an. »Ich will nicht sterben! Ich mag nicht sterben!! Ich werde nicht sterben!!«

Ja, er mußte doch wohl einen >Biebmatz< im Kopfe haben.

»Pardon,« sagte der englische Geschäftsmann phlegmatisch. »Ich meinte, daß hier ein Diebstahl nicht passieren kann, und übrigens würden Sie dadurch doch gar nicht geschädigt, die Firma Smith & Co. würde es Ihnen doch ersetzen.«

Die Quittung war ausgestellt, bald lag das Bankhaus wieder einsam da. Aber vier Matrosen von der Heliotrop umschritten es als Wächter.



Auch Wilm, wie der dicke Matrose mit den X-Beinen von seinem Herrn gerufen wurde, war dabei gewesen, und sofort, wie dieses Geschäft beendet, war er, ohne noch vom Kapitän eine Instruktion erhalten zu haben, nach der nahen Poststation von Monte Carlo geeilt.

Sie war schon geschlossen, doch ein Telegraphenschalter ist die ganze Nacht offen.

»Dieses Telegramm, mit Kollation.«

Der verschlafen aussehende Beamte nahm den Zettel und las:

Komm, Hiran Singh! Monte Carlo. Hotel de Paris. Heliotrop.

»Jawohl, es sind acht Worte. Aber die Adresse fehlt.«

»Ohne weitere Adresse, nur an sämtliche große und kleine Telegraphenstationen von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel.« Natürlich hatte der Beamte nicht richtig verstanden.

»Bitte, wohin?«

»An sämtliche Telegraphenstationen von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel,« wiederholte Wilm. »Mit Kollation.«

Jetzt glaubte der Beamte, er schlafe noch, und rieb sich die Augen.

»Von - von - Vorder - Vorder - von Vorderwas?«

Jetzt verlor aber auch der bebrillte Dickwanst seine Geduld.

»Von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel!!!« brüllte er in den Schalter hinein. »Es sind nur vierhundertundzweiundsiebzig Stationen! Es ist gar nicht so schlimm. Aber mit Kollation!«

Der Beamte mußte doch wohl noch schlafen.

»Mit Koll - Koll - Koll ...«

»Mit Kollatiooooon!« brüllte Wilm. »Jede Station in Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel, die so einen Klapperkasten hat, muß die Depesche wiederholen. Nun endlich kapiert?«

Ja, jetzt hatte der Telegraphenbeamte kapiert, jetzt wußte er, daß er nicht nur träume, aber dafür bekam er einen Hexenschuß in die Knie, er wollte sich setzen, verpaßte den Stuhl und legte sich gleich an den Boden hin.

Diese Depesche von hier aus über ganz Indien zu verbreiten, das wäre eine Kleinigkeit gewesen. Derartiges kommt im Geschäftsleben, wie z. B. bei der Korn- und Baumwollen-Spekulation, oft genug vor. Da war nur eine einzige Depesche nötig, die ging über Genua nach Wien, von hier aus südwärts nach Konstantinopel, nun durch Kleinasien, Persien und Beludschistan nach Bombay, von wo aus sie gespalten und in drei Richtungen verschickt wurde: nach Ceylon, nach Dungar im Himalajagebirge und über Kalkutta nach Singapore, und Singapore wieder sorgte für den malaiischen Archipel. Dann lasen die sämtlichen Zwischenstationen an den Eisenbahnstationen die Depesche mit, wozu sie vorher aufgefordert wurden.

Nun aber die Kollation! Die Wiederholung des Telegrammes von jeder der 472 Stationen! Wenn also in Bombay dreißig Telegraphenämter sind - es werden aber mehr sein - so mußten allein von Bombay hier dreißig Wiederholungen eintreffen, und waren sie nicht richtig, gingen sie wieder zurück und mußten von neuem wiederholt werden.

»Aber die Depesche hat doch gar keinen Zweck!« jammerte der Beamte. »Es fehlt doch die Adresse, wie kann denn dieser Hiran Singh ...«

»Was, die Depesche hätte keinen Zweck?! Na, gnade Euch Gott, sagt das mal meinem Kapitän! Nun vorwärts, vorwärts, die Depesche könnte schon in Hinterindien herumspazieren! Was kostet die Geschichte?«

Ja, da half alles nichts. Das war nicht nur ein böser Traum. Was dieser Spaß kostete? Das konnte noch gar nicht berechnet werden. Aber ein kleines Vermögen, von dessen Zinsen ein solider Mann leben kann, ging darauf.

Die Depesche ging ab. In fünf Minuten konnte die Kollation von Genua kommen, dann die von Wien, von Konstantinopel - und mit Bombay fing es erst richtig an, da konnte man wohl die ganze Nacht sitzen. Also sofort sämtliche Postbeamten geholt, wo man sie packte, aus der Kneipe, aus dem Bette, aus den Armen der Braut.

Die ganze Nacht hindurch? Vier Nächte und drei Tage saßen die Telegraphisten an ihren Apparaten, untätig, nur immer auf das Wiederbeginnen des Klapperns lauernd, bis irgend eine Station in Vorder- oder Hinterindien die Depesche kollationierte, und aus den Hauptstationen Genua, Wien, Konstantinopel, Bombay, Kalkutta usw. usw. wurde auf diesen Hiran Singh und auf den oder die oder das Heliotrop genau so mörderlich geflucht wie hier auf dem Postamte von Monte Carlo.

Und nun kam es doch oft genug vor, daß die Depesche auf dem langen Wege verstümmelt und daher falsch wiederholt wurde - es half alles nichts, sie mußte wieder zurück, so gut nach Bombay, wie nach Siam oder Borneo, der alte Nörgler im Hotel de Paris gab sich nicht eher zufrieden, als bis er seine 472 Kollationsdepeschen klipp und klar vor sich liegen hatte. Daß der alte Kapitän einen gewaltigen Knacks im Kopf hatte, das war ja ganz klar. Aber das Gold, das auf der Bank lag, das viele Gold! Die fünf Millionen!! Das war auch eine Tatsache!

Es werden in Monte Carlo alljährlich 60.000 Fremde gezählt, wobei die noch nicht mitgerechnet sind, welche nur auf der Durchreise schnell einmal ein Spielchen machen. Von diesen 60.000 Menschen kann kaum ein Prozent sagen: ich habe es nicht nötig. - Dreiviertel von den anderen kommen nach Monte Carlo doch nur in der Hoffnung, ein Vermögen zu gewinnen, womöglich gleich einige Millionen. Das eben ist ja das Merkwürdige: in Monte Carlo spielt das Geld gar keine Rolle, und dennoch ist alles auf der Jagd nach dem Gelde. Und so wurden alle diese Menschen über das viele Gold des Kapitäns halb wahnsinnig. Nun kam aber auch noch das Geheimnis dazu, welches mit dem alten Manne und seinem Hiran Singh verbunden war, auch der Passepartout hatte viel zu sagen. Kurz gesagt: ganz Monaco-Monte Carlo drohte über den Kapitän der Heliotrop den Verstand zu verlieren.

Der alte Mann kümmerte sich um nichts. Im Hotel bellte und schimpfte und schlug er weiter, sonst schlich er gebückt am Krückstock durch den Palmengarten, suchte die einsamsten Wege und Bänke aus, knurrte und hustete und stöhnte, und wenn er einem rauchenden Spaziergänger begegnete, so schnauzte er ihn an, was er mit seiner Zigarre die Lust zu verpesten habe. Ins Kasino kam er niemals.

Mit solch einem Menschen war natürlich schlecht anzuknüpfen. Diese Bärbeißigkeit hinderte aber doch nicht, daß man wenigstens eine Anknüpfung mit ihm suchte. Die Anziehungskraft des Goldes ist eben allmächtig. Im Hotel de Paris wurden für den Kapitän der Heliotrop täglich nicht nur einige Dutzend, sondern einige hundert Briefe abgegeben!

Was in den Briefen stand? Natürlich waren es Bittschriften von ruinierten Spielern, von wahnsinnigen Menschen, die das >untrügliche System< erfunden haben wollten, mit dem man die Bank von Monte Carlo sprengen kann, Bittschriften von wirklichen Erfindern, die aber auch schon dem Wahnsinne nahe waren - schon damals spukte die Flugmaschine in den Köpfen der Menschheit - von verkannten Genies, von unglücklichen Familienvätern und vor allen Dingen von noch unglücklicheren Frauen und Mädchen. Denn darin ist Monte Carlo groß.

Ob er die Briefe las? Ganz sicher nicht. Die wanderten ungelesen ins Feuer. Das wußte man ganz bestimmt, und dennoch wurde das Briefschreiben fortgesetzt.

Das Geheimnis, das mit dem alten Holländer verbunden war, hatte noch einen anderen, ganz merkwürdigen Erfolg.

»Ich denke, Sie wollten schon gestern abend abreisen?« fragte einer den andern.

»Und Sie wollten doch heute früh abfahren?«

»Eigentlich ja, aber ich möchte doch gern noch wissen, was aus dem Kapitän und aus seinem Gold noch wird, irgendwie muß die Geschichte doch einmal zu einem Ende kommen. Haben Sie es gehört? Heute hat er wieder nach seinem Hiran Singh gejammert. Ob der die Depesche irgendwo in Indien nur wirklich empfangen hat? Ob er wirklich kommt? Was will der Alte nur von ihm?«

So sprach ganz Monte Carlo. Einer lachte den andern aus, daß er wegen dieses verrückten Kerls seine Abreise aufschöbe und - alles blieb. Ja, sogar Carnegies und Lord Rogers Jachten lagen noch immer im Hafen, und dann die des englischen Zeitungsverlegers erst recht. Nur Vanderbilt hatte wegen dringender Geschäfte nach Amerika zurückgemußt.

Wenn nun diese tonangebenden Größen der Gesellschaft so offen ihre Neugier zeigten, dann brauchten sich die anderen auch nicht mehr gegenseitig auszulachen. Die Kasinoverwaltung mußte dem alten Kapitän mit seiner verrückten Idee sehr dankbar sein, denn infolgedessen blieben die Spielsäle nach wie vor gefüllt. Nur die Eisenbahndirektion schimpfte auf den Kerl, weil seinetwegen die angekündigten Expreßzüge ganz leer abgingen.



Fünf Tage waren seit der Ankunft des >Heliotrop< verstrichen.

Da, eines Vormittags in der elften Stunde, als das Leben vor dem Kasino beginnt, kommt den Weg, welcher von dem unten liegenden Bahnhof von Monte Carlo durch herrliche Blumenanlagen direkt vor das Kasino führt, eine höchst auffallende Gestalt herauf - ein junger Indier mit braunen, tiefernsten Zügen, in einen dunklen Kaftan gekleidet, um die Brust schlingt sich unterhalb der Arme eine schneeweiße Schärpe, um die Stirn ein goldenes Schuppenband, und als Kopfbedeckung trägt er eine hohe, spitze Mütze mit bunten Malereien.

Indier laufen in Monte Carlo genug herum, meist sind es Teppich- und Waffenhändler, sie tragen auch ihre orientalischen Kostüme, das gehört mit zum Geschäft - aber doch nicht solch ein Priestergewand. Das hier war ein Magier aus Tausendundeiner Nacht.

»Bitte, mein Herr, wo ist hier das Hotel de Paris?« wendet sich der exotische Fremdling mit tiefer Stimme und im reinsten Französisch an einen ihn bewundernden Stutzer.

Noch ehe dieser sein Staunen bemeistert hat, kommt über den Platz weg auf die beiden ein junges, kokettes Dämchen losgeschossen.

»Heißen Sie Hiran Singh? Wollen Sie zum Kapitän der Heliotrop?« fängt die gleich ganz unverfroren an.

»Das ist mein Name, Doktor Hiran Singh.«

»Ach, wie interessant! Kommen Sie, kommen Sie, ich führe Sie hin. Der Kapitän kann es ja schon gar nicht mehr erwarten.«

Mit diesen Worten eilt die Evatochter voraus, dem Hotel de Paris zu, der indische Adept mit dem Schmucke des Brahmanen folgt ihr mit stolzer Würde, und manch bewundernder Blick aus schönen Frauenaugen wird dem jungen, braunen Manne mit den ernsten, idealen Zügen nachgesandt.

Im Nu ging es durch ganz Monaco-Monte Carlo: Hiran Singh ist wirklich gekommen! - Und dann hörte man die Stimme des alten Kapitäns durch das ganze Hotel jauchzen: endlich, endlich, Hiran Singh!!

Aber die kecke Evastochter hatte sich getäuscht, wenn sie glaubte, durch ihr Entgegenkommen als Führerin das Geheimnis schneller zu erfahren als die anderen Sterblichen, die jetzt vor Spannung bald vergingen. Der alte Kapitän schnauzte die Aufdringliche mit bekannter Liebenswürdigkeit an und verschwand mit dem Indier in seinem Hotel.

Eine halbe Stunde später kamen die beiden wieder zum Vorschein, man sah sie nach Smiths Bankhaus gehen, und als sie sich nach dem Hotel zurückbegaben, wußte man es auch schon: der Kapitän hatte dem Indier die fünf Millionen Francs angewiesen!

Himmel, gab das eine Aufregung! Wofür hatte er dem Indier das Geld gegeben? Was würde nun noch kommen?

Es sollte noch etwas kommen, was niemand auch im kühnsten Traume zu ahnen gewagt hätte.

Im Hotel wurde sofort der Direktor beordert. Er mußte in des Kapitäns Schlafzimmer kommen, welches aber schon eher einem Prunksalon glich. Dem Direktor rutschte gleich von vornherein das Herz in die Kniekehlen, denn er sah da auf einem großen Tische, der in die Mitte des Zimmers gerückt worden war, ein ellenlanges, blitzendes Messer liegen. Sah das nicht fast gerade wie ein Operationstisch aus? Alle guten Geister!!

»Mein lieber Wirt,« begann der Kapitän mit einer geradezu unheimlich wirkenden Liebenswürdigkeit, »ich komme nach Monaco und speziell nach Monte Carlo, um mich einer Operation zu unterziehen, welche dieser indische Professor, Doktor Hiran Singh aus Hyderabad, an mir ausführen wird. In ein Hospital kann ich nicht gehen, es hängt alles von der Stellung der Sterne ab, und diese weisen gerade hierher, wo das Hotel de Paris steht. Danach müssen wir uns richten, davon hängt das Gelingen der Operation ab. Wenn nun aber die Operation hier vorgenommen wird, dann ist ein Mißlingen auch ganz ausgeschlossen. Was also auch passieren mag, wenn ich auch noch so schreie - Sie werden dafür sorgen, daß wir ganz ungestört bleiben. Haben Sie mich verstanden, mein lieber Wirt?«

»Sehr wohl, Herr Kapitän,« stimmte der Wirt bei, den Blick ängstlich auf das ellenlange Messer gerichtet, und im Innern verfluchte er die Sterne, die gerade auf sein Hotel gezeigt hatten und nicht auf irgend ein anderes.

»Gut. Heute nachmittag um fünf wird die Operation beendet sein. Dann wird mich der Professor verlassen, wird von draußen mein Zimmer verschließen und Ihnen den Türschlüssel zur Aufbewahrung übergeben. Dann schlafe ich. Niemand darf mein Zimmer betreten - niemand!! Heute haben wir Donnerstag - am Sonntag, also in drei Tagen, Punkt 5 Uhr, werden Sie in dieses Zimmer kommen und mich wecken, falls ich nicht vorher selbst gerufen habe! Wenn Sie jedoch,« fuhr der Greis mit erhobener Stimme fort, »dieses Zimmer eher betreten, oder ein anderer, so daß ich in meinem Schlafe zu frühzeitig gestört werde, dann - bin - ich - des - Todes!! Und Sie sind mein Mörder!!! Verstanden?«

»Sehr wohl, Herr Kapitän,« hauchte der Hotelier mit bleichen Lippen.

»Gut. Bedürfen Sie sonst noch etwas, Herr Professor?«

Der junge Indier sah sich in dem Zimmer um und schüttelte den Kopf.

»Dann, Herr Wirt, lassen Sie uns allein. Eine besondere Stille im Hotel ist nicht nötig, mein Schlaf wird sehr tief sein, überhaupt eigentlich mehr ein Todesschlaf denn ein natürlicher.«

Der Hotelier entfernte sich, selbst schon mehr tot, denn lebendig. Er hörte noch, wie drinnen der Schlüssel umgedreht wurde.

Eine Viertelstunde später gellte durch das Hotel ein entsetzlicher Schrei, der erste, welcher eine ganze Reihenfolge solcher fürchterlicher Schreie einleitete, und dazwischen heulte, wimmerte, ächzte und tobte es in allen Tonarten. Allen, die es hörten, sträubte sich vor Entsetzen das Haar auf dem Kopfe.

»Um Gottes willen, was ist denn nur das?« fragte der Direktor die Ordonnanz, die er aufgesucht hatte.

»Das ist nix, das Schreien gehört mit zur Operation,« meinte der Dickwanst phlegmatisch, die Hände in den Hosentaschen.

»Befindet er sich denn in Narkose?«

»Nar ... Nar ... wuat für 'ne Hose?«

»Ist er denn nicht chloroformiert? Betäubt, meine ich, daß er nichts von den Schmerzen fühlt?«

»Chloroformiert? Nee, dann kann er ja nicht schreien, und schreien muß er, sonst hilft ihm die ganze Operation nischt.«

Diese Gleichgültigkeit des Matrosen wirkte wenigstens etwas beruhigend. »Weshalb wird er denn operiert?«

»Weil er was hat, was weggeschnitten werden muß.«

»Ein Geschwür?«

»Jawohl, ein Geschwür im Kopfe, was man auch eine Schraube nennt. Die wird ihm herausgeschnitten. Nee, er kriegt gleich einen ganz neuen Kopf.«

Unten stand eine große Menschenmenge, starrte nach den verhangenen Fenstern hinauf und lauschte mit angehaltenem Atem den schrecklichen Tönen.

Nach einer halben Stunde ging das furchtbare Brüllen allmählich in ein Röcheln über, es wurde immer heiserer, aber noch auf der Straße hörbar, dazwischen ab und zu noch ein gellender Schmerzensschrei.

Dann wurde es ganz still, auch das lauschende Hotelpersonal hörte nichts mehr, und punkt fünf Uhr trat der Indier wieder heraus, schloß hinter sich die Tür ab und gab den Schlüssel dem draußen wartenden Hotelier.

»Es ist gelungen. Also Sonntag nachmittag um fünf Uhr wecken Sie ihn, nicht eher und nicht später, wenn er nicht vorher selbst ruft.«

»Ja, ja, und der Schlüssel kommt nicht aus meiner Tasche, darauf können Sie sich verlassen. Was haben Sie ihm denn nur herausgeschnitten?«

»Dasselbe, woran auch Sie sterben werden.«

Ach, du großer Schreck!! Der Hotelier mußte sich gleich setzen, das hätte ihm nicht passieren dürfen und ehe er sich nur etwas erholt hatte, um nähere Erkundigungen über seine Todesursache einziehen zu können, hatte sich der Indier schon entfernt, und dem armen Hotelier blieb als Trostmittel nur noch die Kognakflasche übrig.

Hiran Singh begab sich sofort nach Smith Bank, vor welcher bereits ein Lastwagen hielt, wieder von den Matrosen der Heliotrop begleitet, die deponierten Goldbarren, die auf den Indier übergegangen waren, wurden wieder in die Fässer gepackt und auf den Wagen geladen, sie wanderten zurück an Bord der Heliotrop, und die Jacht stach sofort in See. Auch der Indier fuhr mit.

Man wandte sich um Aufklärung an Wilm, welcher in seinem Zimmer mit den beiden Stewards Sechsundsechzig spielte.

»Jetzt bringt Hiran Singh sein Honorar in Sicherheit, wozu ihm mein Kapitän die Jacht zu Verfügung gestellt hat,« erklärte Wilm, sonst aber absolut nichts weiter, und als man ihn nach dem Woher und Wohin fragen wollte, wurde er saugrob.

Nur das gab er noch zu, daß diese fünf Millionen Francs in Goldbarren wirklich das ärztliche Honorar des Indiers für die an seinem Herrn vollzogene Operation seien.

Fünf Millionen Francs - Sapristi! -

Gegen neun Uhr abends erfüllte das Hotel de Paris ein neues Jammergeschrei.

Kellner und Stubenmädchen stürzten herbei. Das war ein Weib, welches um Hilfe rief - und richtig, auf dem Korridore in der zweiten Etage rannte eine alte Jungfer im Hemde herum und schrie Zeter und Mordio, und sie mochte Ursache dazu haben, denn ihr Hemd war über und über mit Blutflecken bedeckt.

Sie mußte mit Gewalt festgehalten werden, zu erfahren war von ihr nichts, doch schien sie gar nicht verletzt zu sein. Man schickte nach einem Arzt, drang in ihr Schlafzimmer, ihr Bett schwamm im Blut, ein Blick nach der Decke - und da klärte sich die rätselhafte Bluttat auf, allerdings ohne Beruhigung, vielmehr nur noch neue Sorgen bringend.

An der Decke befand sich ein großer Blutfleck, es tropfte davon auf das Bett herab, und gerade darüber lag das Zimmer des Kapitäns. Die Dame war früh schlafen gegangen und wachte auf, als ihr das Blut ins Gesicht tropfte.

Wilm spielte mit den beiden Stewards noch immer Sechsundsechzig zu dritt, als ihm das neue Schrecknis berichtet wurde.

Aber der dicke Matrose klatschte seine Karten ruhig weiter auf den Tisch.

»Schippenaß!! Jawohl, genau so hat es kommen müssen. Nur, daß das Blut gerade auf eine alte Jungfer im Hemd tropfte, das hat nicht in den Sternen gestanden. - Ich melde zwanzig!«

»Aber das müssen doch ein paar Eimer Blut sein, die der Kapitän verloren hat, wenn es schon durch die Decke kommt?!«

»Natürlich, mit Kleinigkeiten gibt sich unser Kapitän nie ab - und vierzig! - bei uns geht alles eimerweise - schwarz seid ihr, ihr Ludersch!«

Dieses phlegmatische Verhalten des vertrauten Dieners wirkte doch wieder sehr beruhigend, und so wurde auch die alte Dame beruhigt und ihr ein anderes Zimmer angewiesen. Auf die Rechnung des Kapitäns wurde natürlich eine neue Diele und Decke, und was da alles noch dran hing, gesetzt.

Die drei Tage vergingen, ohne daß ein neuer Zwischenfall passierte.

Nichts regte sich in dem Schlafzimmer. Unten auf der Straße war ständig ein zahlreiches Publikum versammelt, welches die verhangenen Fenster anstarrte. Jetzt hätten eigentlich schon sämtliche Wandervögel fort sein müssen, und sie alle waren noch in Monte Carlo. Und was soll man in Monte Carlo anfangen, wenn nicht spielen? Das Kasino machte brillante Geschäfte.

Ein mutiger Kellnerstift und ein dreistes Stubenmädchen hatten es gewagt, durch das Schlüsselloch des geheimnisvollen Zimmers zu lugen, aber es war absolut nichts zu sehen gewesen, und aus den drei zurückgebliebenen Matrosen der Heliotrop, deren Aufenthalt man nicht kannte, war ebensowenig etwas herauszubringen.

Diese spielten am Sonntagnachmittage auf ihrer Stube wie gewöhnlich Karten, als der Hoteldirektor zu ihnen kam. Die kritische Stunde nahte.

»Es ist bald Zeit, den Herrn Kapitän zu wecken.«

»Welche Zeit ist es?« fragte Wilm, nach seiner Uhr sehend. »Erst um viere. Um fünfe wird er geweckt, keine Minute früher; und wacht er von alleine eher auf, so wird er schon klingeln.«

Und Wilm spielte gelassen seine Karten weiter aus.

Trotzdem stellte sich der Hotelier schon jetzt vor die Tür des unheimlichen Zimmers, zur Vorsicht den Sekretär und den Zimmerkellner als Zeugen mitnehmend; denn wer wußte denn, was man erleben konnte?

Wir haben noch gar nicht von den Zeitungreportern gesprochen, welche in Monte Carlo stets zahlreich vertreten sind. Aber es ist wohl ganz selbstverständlich, daß diese Neuigkeitshascher ganz Feuer und Flamme waren, dem Hotelier waren schon große Summen dafür geboten worden, wenn sie beim Öffnen des Zimmers dabeisein dürften, es waren noch andere Vorschläge gekommen, mit einer Leiter hinaufsteigen und eine Fensterscheibe herausnehmen wollten sie, und Mr. Hobwell persönlich hatte dem Direktor, wenn er ihm einmal den Eintritt ins Zimmer erlaube, eine Summe geboten, welche diesen in den Stand gesetzt hätte, ein eigenes Hotel zu kaufen oder als wohlbestallter Rentier zu leben. Allein der gewissenhafte Mann ließ sich auf nichts ein, er wollte nicht zum Mörder werden, und auch beim rechtmäßigen Öffnen der Tür durfte um keinen Preis ein Fremder dabeisein.

Die Uhr zeigte auf halb fünf. Noch eine halbe Stunde!

Da - bewegte sich drinnen nicht etwas? Gewiß ein Stuhl war gerückt worden. Und jetzt gähnte jemand, er räusperte sich!!

Und plötzlich begann da drinnen eine prachtvolle Baritonstimme zu singen, sie sang das komisch-traurige Liebesschmerzenslied des Mohren aus Mozarts Zauberflöte, aber es klang jauchzend:

»Alles kennt der Liebe Freuden,
Alles tändelt, tost und küßt,
Und ich muß die Liebe meiden,
Weil ein Schwarzer häßlich ist -
Weil ein Schwarzer häßlich ist.«

Noch wußten die drei nicht, was sie davon denken sollten, als drinnen geklingelt wurde - jetzt war alles erlaubt - der Hotelier hatte schon den Schlüssel in der Hand gehabt, schnell schloß er auf, öffnete die Tür, es waren noch Portieren vorhanden, diese wurden von innen zurückgeschlagen und ...

Von staunendem Schrecken gelähmt standen Hotelier, Sekretär und Zimmerkellner da!



Wir müssen uns jetzt zunächst mit einem seltsamen Manne beschäftigen, welcher in diese ganze Episode tief eingreift und an dem unser Nobody als Detektiv später noch eine Nuß zu knacken bekommen sollte.

Monsieur de Haas, ein Belgier, zweiter Direktor der Spielbank und zugleich Besitzer der meisten Aktien, befand sich in seinem im Kasino gelegenen Privatkontor.

Daß dieses keine gewöhnliche Schreibstube ist, läßt sich wohl denken. In dem offenen Kamin brannte ein Holzkohlenfeuer, welches man auch an der Riviera in den kühlen Zeiten nicht entbehren kann. Jetzt freilich wäre es nicht nötig gewesen, draußen wischten sich die Spaziergänger den Schweiß von der Stirn. Aber dieser Herr - der Teufel hat ihn schon längst geholt - wollte auch in der größten Julihitze immer Ofenfeuer haben, sonst rieb er sich fröstelnd die Hände.

Soeben hatte ihm ein Diener eine Karte gebracht. Auf dieser stand:

»Der Schreiber dieses, welcher dem Herrn Direktor vielleicht unter dem Namen >Eremit von La Turbie< bekannt ist, bittet um Erlaubnis, ohne Legitimation die Spielsäle betreten und dreimal setzen zu dürfen.«

Kopfschüttelnd ging Monsieur de Haas mehrmals im Zimmer hin und her.

»Ein komischer Zufall, daß der gerade heute kommt,« brummte er. Ja, er kannte diesen sogenannten Eremiten von La Turbie.

Vor sechs Jahren war der rätselhafte Fremdling nach Monaco gekommen, ein junger, einfacher Mann, bleich und hager, mit träumenden Angen, die aber manchmal recht glühend aufleuchten konnten.

Er war mit seinem Köfferchen in dem bescheidenen Hotel Des Quatre Saisons abgestiegen, in Condamine gelegen, das ist die untere Stadt von Monaco, und weil er auf einem Spiritusapparat sein Essen selbst kochte, wenn er nicht nur von Brot und Früchten lebte - er war Vegetarianer - mußte er für sein Zimmerchen etwas mehr bezahlen.

>Emil Schmidt aus Düsseldorf, Privatier.< So hatte er sich in das Fremdenbuch eingeschrieben.

Den ganzen Tag strich er im Gebirge umher, und als er dann das Hotel verließ, gab er trotz seiner sonstigen Sparsamkeit allen dienstbaren Geistern, die ihn nicht einmal bedient hatten, ein sehr reichliches Trinkgeld und ging mit seinem Köfferchen so still und bescheiden von dannen, wie er in dem Hotel gewohnt hatte, und das französische Zimmermädchen hatte vergebens die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, den unschuldigen Jüngling mit ihren Reizen zu umstricken, und so konnte Madame Gueit, die ehrbare Wirtin - Gott habe die brave Frau selig! - vielleicht mit Recht behaupten, daß Monsieur Schmidt der einzige anständige Mensch gewesen ist, den sie bisher in Monaco-Monte Carlo und Umgegend kennen gelernt habe.

Doch erfolgte sein Abschied vom Hotel unter ganz besonderen Umständen.

Noch ehe die sieben Tage verstrichen waren, innerhalb deren man auf dem Meldebureau seinen Reisepaß präsentieren muß, erschien im Hotel Des Quatre Saisons ein fürstlicher Diener, welcher nach Monsieur Emil Schmidt fragte und ihn zum Schlosse hinaufgeleitete, wo ihn der Fürst in Audienz empfing.

Erregte schon dies berechtigtes Aufsehen, so wurde es noch größer, als der junge Mann das Palais in Begleitung des persönlichen Adjutanten des Fürsten wieder verließ.

Wer steckte denn hinter diesem einfachen, bescheidenen Manne? Der sah doch gar nicht nach etwas >Hohem< aus?

Das Rätsel sollte sich bald auf eine ganz einfache Weise lösen, es war wirklich ein >ganz gewöhnlicher Mensch<, wenn auch die Sache noch sensationell genug blieb.

Die beiden, Emil Schmidt und der Adjutant, begaben sich nach Monte Carlo auf den Bahnhof der Zahnradbahn, welche nach dem Städtchen La Turbie hinaufklettert, doch stiegen sie schon unterhalb in La Bordina aus, schlugen sich links durch unwegsame Felsenmassen, immer höher ging es hinauf - und wäre der Adjutant nicht ein noch junger Mann und ein gewandter Fußgänger gewesen, er hätte dem rüstigen Bergsteiger kaum folgen können, so halsbrecherisch war der Weg - bis Emil Schmidt an einer tiefen Schlucht stehen blieb, auf das jenseitige Felsplateau deutete und sagte:

»Dies ist das Fleckchen Erde, welches ich mir von der Gnade des Fürsten erbitte.«

Da dieses >Fleckchen Erde< noch heute existiert und einer Besichtigung sehr wert ist, soll Lage und Aussehen desselben genauer beschrieben werden.

Es liegt zwischen La Bordina und La Turbie, dem letzteren näher, nicht weit entfernt von einem alten Steinbruch. Es ist nichts weiter als ein nackter, ebener Felsvorsprung. Hier oben sieht es überhaupt recht öde aus. Links wird das kleine Plateau von einer Schlucht begrenzt, in die sich ein Bach ergießt, derselbe, welcher dann in die Gaumates-Schlucht, die Monte Carlo von Condamine trennt, hinabfällt; rechts von dem Plateau gähnt erst recht eine fürchterliche Tiefe, und nach hinten wird dieses reizende >Fleckchen Erde<, auf dem damals so wenig etwas von Erde zu bemerken war, wie jetzt, von einer himmelhohen Felswand abgeschlossen.

So sah und sieht das Fleckchen Erde aus, etwa 20 Meter lang und 10 Meter breit, ein nackter Felsvorsprung, nach dem sich das Herz des jungen Mannes sehnte - ein richtiger Horst, auf den ein Adler sein Nest kleben kann. Die Geschmäcker der Menschen sind eben verschieden - und das ist sehr weise eingerichtet von der Vorsehung. Freilich, umsonst hatte der junge Mann auch nicht solch träumerische Augen.

Nun reicht aber das schmale Fürstentum Monaco nur bis an den Fuß der Berge, hier war schon das französische Departement der Seealpen, hier oben hatte die >Gnade< des Fürsten von Monaco also gar nichts zu verschenken. Doch da dieser zugleich auch französischer Herzog ist, so konnte er schon etwas machen. Sehr bald erhielt denn auch sein Schützling aus Paris eine Schenkungsurkunde - ja, der moderne Eremit ist niemals von einem Steuereintreiber, von keinem Beamten belästigt worden.

Vorläufig aber konnte er seine zukünftige Heimat noch gar nicht betreten. Zuerst kaufte er sich in La Turbie einige sehr lange Bretter, schleppte sie einzeln herbei und schlug über die Schlucht eine Brücke.

Dann erstand er einen Spaten, eine Hacke, Hammer, mehrere Meißel, ein Pack der gröbsten Leinwand und andere Utensilien, welche der Mensch braucht, will er nicht in der Einsamkeit zum nackten Wilden herabsinken.

Mit hohlen Bambusstäben wollte er sich jedenfalls eine Wasserleitung bauen, wozu er ja nur in den Wasserfall eine Röhre zu stecken brauchte.

Schließlich machte er noch mit dem Viktualien-Händler Manuelo Moretti in La Turbie einen Kontrakt aus, nach welchem dieser an gewissen Tagen an einer bestimmten Stelle der Wildnis gegen Barzahlung Lebensmittel niederzulegen hatte, fast nichts weiter als Mehl, Hülsenfrüchte, Salz, Olivenöl und Petroleum - und der moderne Einsiedler war aus der Welt verschwunden.

Anfangs natürlich hatten die sensationslüsternen Stammgäste von Monte Carlo lebhaftes Interesse für den romantischen Sonderling. Es machten sich genug auf den Weg, auch Damen, und wenn sie nicht schon auf der Hälfte vor der schrecklichen Klettertour zurückgeschreckt waren, so konnten sie sehen, wie Herr Emil Schmidt jenseits der Schlucht eine Höhle in die Felswand meißelte und den Boden des Plateaus zu Pulver zertrümmerte, um ihn nach und nach in fruchtbares Land zu verwandeln. Ein Hinüberkommen gab es nicht, er ließ sich nicht interviewen, und dann langten die vornehmen Herrschaften mit zerfetzten Schuhen oder gleich ganz barfuß im Hotel wieder an - um eine Erfahrung reicher und um ein Paar Stiefel ärmer.

Da erlahmte das Interesse sehr schnell. Es war ja absolut nichts zu sehen. Niemand suchte ihn mehr auf, man vergaß ihn, Fremdenführer und Hotelpersonal machten nicht mehr auf ihn als auf eine Merkwürdigkeit aufmerksam.

Wenn man aber ein gutes Fernrohr nach dort oben richtete und den Adlerhorst wirklich fand, so konnte man beobachten, wie sich die erst so nackte Felsenklippe im Laufe der Jahre immer mehr mit frischem Grün bekleidete.

Aber auch solch ein Weltentsager braucht, wenn es in der Wüste keine Heuschrecken gibt, entweder die Zinsen eines Vermögens oder einen Verdienst - er muß arbeiten, und wenn er Rosenkränze oder geweihte Zahnstocher schnitzt. Dieser Eremit hier schliff für das physikalische Institut von Maurice Orchard in Paris optische Gläser, deren Hin- und Herbeförderung ebenfalls jener Moretti besorgte. Er fristete auf der Klippe sein Leben also genau so, wie einst der berühmte Philosoph Spinoza das seinige in der Dachkammer.

Das Schleifen von optischen Gläsern ist eine Arbeit, welche außer physikalischen Kenntnissen eine unsägliche Geduld erfordert, sie kann noch immer nur mit der Hand gemacht werden, und der Eremit schliff noch dazu sehr, sehr langsam, er verdiente im Durchschnitt wöchentlich acht Francs, das sind noch keine sieben Mark.

Ebenso genau konnte berechnet werden, was er ausgab; in der Woche zwei Francs. Und das ist möglich! So billig kann der Mensch leben, wenn er kein Leckermaul ist und keine Miete zu bezahlen braucht. Täglich ein halbes Pfund Erbsen, ein Stück in Öl getauchtes Brot - da führt er seinem Körper genügend Nahrungsstoffe zu.

Und fürwahr, dieser Mann hatte sich nicht das schlechteste Teil erwählt! Er war ein reicher Mann, er verdiente ja viermal so viel, wie er verbrauchte. Er war ein freier Mann, ein wahrer Freiherr, kein Fürst der Erde kam ihm darin gleich. Und nun in dieser Höhe, wenn die Sonne aufging und am Horizont wieder ins Meer hinabtauchte, diese Szenerien, diese blaue See, die er bis nach Korsika überschauen konnte - und welche Gedanken mochten durch dieses freien Mannes Kopf kreuzen, wenn er so hoch oben in seiner Einsamkeit stand und herabblickte auf das zu seinen Füßen liegende Monte Carlo, wie die winzigen Menschlein dort unten nach dem roten Golde jagten, nach einem Phantom, blind und taub und wahnsinnig, geplagt von Lastern und Begierden und Gebrechen ...

Und nun kam dieser selbe Mann und bat um Eintritt ins Kasino, er wollte spielen!

»Wo befindet sich der Eremit?« fragte Monsieur de Haas den Diener, welcher die Karte gebracht hatte und noch im Zimmer stand.

»Er wartet im Vestibül.«

»Wie sieht er aus? Wie ist er gekleidet?«

»Wie ein Anachoret,« lautete die Antwort des gebildeten Dieners. »Er trägt eine Kutte, nur Sandalen, keine Strümpfe, und wahrscheinlich hat er auch kein Hemd an. Aber sonst scheint er ganz reinlich zu sein.«

»So, sonst scheint er ganz reinlich zu sein,« wiederholte der Direktor amüsiert. »Dann will ich ihn auch sprechen. Führe ihn hier herein.«

Der Eremit trat ein.

Was war in den sechs Jahren aus dem jungen, hübschen, so anständig auftretenden Manne geworden!

Er sah aus, als wäre er in einer Kaffeetrommel geröstet worden, ein braunes Skelett, um das eine Kutte aus Sackleinwand schlotterte, dazu ein Totenschädel, in dem die Augen das einzig Lebendige an der ganzen Gestalt waren, und zwar glühten diese Augen in fanatischem Feuer.

Außer der Kutte gehörten zu der Kleidung nur noch ein Paar aus Stroh geflochtene Sandalen, welche mit Stricken an den Füßen festgebunden waren.

Sehr merkwürdig war es, daß er schon beim Eintritt den linken Arm hoch in die Höhe gehalten hatte und auch noch im Zimmer in dieser Stellung verharrte. Dabei fiel der weite Kuttenärmel bis an den Ellenbogen herab, und der nackte Arm sah aus, als ob er aus Baumwurzeln zusammengeflochten wäre.

Monsieur de Haas putzte seinen Klemmer, setzte ihn auf und betrachtete interessiert den ausgedörrten Asketen des neunzehnten Jahrhunderts.

Es tauchen ja in Monte Carlo genug seltsame Figuren und Charaktere auf, aber so etwas war denn doch ganz neu.

»Sie wünschen die Spielsäle zu betreten?«

»Ich bitte dich darum. Entschuldige, wenn ich dich mit du anrede.«

Es war eine tiefe, ruhige Stimme, welche keiner Leidenschaft, keines Wechsels fähig zu sein schien, erhaben über Lust und Leid.

»N'importe. Zum Eintritt in das Kasino ist aber eine Legitimation nötig.«

»Ich besitze keine. Eben deshalb bitte ich persönlich um deine Erlaubnis.«

Der Eremit war der Schützling des allmächtigen Fürsten, von dem die Spielbank doch ganz abhängig ist, und der Direktor des Kasinos hat für das Amüsement der Fremden zu sorgen.

Monsieur de Haas füllte ein Formular aus und drückte den Stempel darauf.

»Geben Sie diese Quittung unten im Sekretariat ab, links im Vestibül, Sie erhalten dafür ohne Legitimation eine Eintrittskarte.«

Der Eremit nahm das Papier mit der rechten Hand, die linke hielt er unausgesetzt hoch.

»Ich danke dir. Aber ich darf auch spielen?«

»Gewiß, wer eingelassen wird, kann auch spielen, so lange er will. Sie können auch die Einlaßkarte, die Sie nun einmal haben, täglich ohne weitere Förmlichkeiten gegen eine andere auswechseln.«

»Das beabsichtige ich nicht, ich werde nur dreimal setzen.«

Er hatte doch schon auf der Karte geschrieben, daß er nur dreimal am Spieltisch zu setzen wünsche, jetzt fiel das dem Direktor auf.

»Warum nur dreimal?«

Der Eremit steckte das Papier in einen Schlitz seiner Kutte und brachte dafür ein Zwanzigfrancstück zum Vorschein.

»Mit diesem Goldstück werde ich durch dreimaliges Setzen eine Tischkasse sprengen.«

Aha, wieder einmal einer! Jetzt war also sogar dieser Eremit in seiner Einsamkeit von dem hier grassierenden Wahnsinn angesteckt worden. Das mußte geradezu in der Luft liegen.

Ach, was erleben diese Beamten der Spielbank nicht alles! Das System, das System! Nämlich das untrügliche System, wie man fortwährend gewinnen muß, und die Narren bieten ihr System der Direktion gleich zum Kauf an, natürlich höchst vorsichtig, mit der Drohung, sonst die Bank sprengen zu wollen, eine Million ist immer das Mindeste, was sie gleich verlangen - und einige Tage später wird wieder ein Unglücklicher ins Irrenhaus gesperrt, wenn man ihn nicht auf dem Friedhof der Selbstmörder begräbt.

»Durch dreimaliges Setzen wollen Sie eine Tischbank sprengen?« lächelte Monsieur de Haas. »Bitte, tun Sie es.«

»Ich werde es tun.«

»Sie können auch gleich die ganze Bank sprengen,« lächelte der Direktor weiter.

»Ich könnte es tun, will aber nicht.«

»O, legen Sie sich nur keinen Zwang auf.«

»Ich werde nur an einem einzigen Tische beweisen, daß ich es wirklich könnte, wenn ich wollte.«

»Nun, wenn dem so ist, wenn sich Ihr System wirklich als untrüglich erweist, so werden wir es Ihnen abkaufen.«

»Ich bedarf keines Geldes. Auch das, was ich jetzt gewinnen werde, gebe ich der Bank zurück.«

»O nein, das nehmen wir nicht an.«

»Du nimmst das Geld nicht an?«

»Niemals, das geht gegen unsere Prinzipien. Schenken Sie es doch den Armen.«

»Nein, denn das Geld, welches in solch unwürdigen Händen ist, kann jedem Menschen nur Verderben bringen.«

Der Direktor ignorierte diese Beleidigung gänzlich. Nicht etwa deshalb, weil er an solche Vorwürfe gewöhnt war - gerade er war der Mann dazu, solch einen Hieb mit doppelter Schärfe zurückzugeben - sondern er hatte Lebensweisheit genug, um sich zu sagen, daß man solch einem Einsiedler gegenüber einen Pflock zurückstecken müsse.

Hätte ein anderer ihm so etwas gesagt, hier in seinem Bureau, den hätte dieser Monsieur de Haas mit den feinsten Redensarten auf den Sand gesetzt, daß jenem die Entrüstung schnell vergangen wäre.

»So tun Sie mit dem gewonnenen Gelde, was Sie belieben.«

»Dann gestattest du, daß ich das Geld verbrenne?«

»Ja, wenn es Ihnen Spaß macht, warum nicht?«

»Ich meine, ob ich das Geld im Saale verbrennen darf?«

»Na, eigentlich ist in den Sälen kein Feuerwerk gestattet,« lächelte der Direktor belustigt, »aber mit Ihnen will ich einmal eine Ausnahme machen - vorausgesetzt, daß Sie die ganze Tischbank gesprengt haben, sonst nicht.«

»Ich danke dir für diese Erlaubnis, und ich werde von ihr Gebrauch machen. Kannst du mir nicht ein Streichholz geben?«

»Bitte, hier!« lachte jetzt Monsieur de Haas laut auf, dem kuriosen Kauze eine ganze Schachtel Schweden überreichend. »Langen die? Sonst können Sie auch noch mehr bekommen. Lassen Sie sich nur immer Papiergeld geben, damit es auch brennt.«

Der Eremit hatte auch die Schachtel eingesteckt und wandte sich zum Gehen.

»Noch einen Augenblick! Gestatten Sie mir noch eine Frage,« sagte der Direktor, und jener drehte sich an der Tür noch einmal um.

»Frage!« erklang es kurz.

»Hängt Ihr untrügliches System davon ab, daß Sie immer Ihren linken Arm emporhalten müssen?«

»Allerdings, es hängt wenigstens damit zusammen,« entgegnete der Eremit.

»Ich habe gehört, daß indische Fakire zum Beispiel ihren Arm so lange über den Kopf gelegt tragen, bis dieser Arm völlig abgestorben ist, abgedorrt. Erfüllen auch Sie solch eine Bußübung, um dadurch das Glück zu zwingen?«

»Nein, derartiges beabsichtige ich nicht. Ich habe den Arm kurz vorher in die Höhe gehoben, ehe ich zu dir kam, und ich werde ihn wieder herabnehmen, sobald ich mit dem dritten Spiele die Tischbank gesprengt habe.«

»So bereitet Ihnen das Emporhalten des Armes Unannehmlichkeiten?«

»Noch nicht, aber sehr bald wird es mir nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern sehr große Schmerzen bereiten.«

»Nun, dann will ich Sie auch nicht länger aufhalten. Die Spielsäle stehen Ihnen offen, ich wünsche Ihnen viel Glück.«

Der Direktor hatte höflich lächelnd gesprochen, zuletzt eine leichte Verbeugung machend. Der Eremit aber verließ aufrecht, wie er gekommen, den Arm steif emporhaltend, das Bureau, und nicht nur dadurch, daß er auf die Verbeugung des Direktors hin nicht einmal ein leises Kopfneigen gehabt hatte, lag etwas von einem ungemein beleidigenden Stolze in dieser armseligen Erscheinung, auch noch verstärkt dadurch, daß er jeden Menschen mit du anredete, der maßlose Stolz lag überhaupt in seinem ganzen Wesen ausgedrückt.



Das Kasino erstrahlte schon in elektrischem Lichte.

Im Sekretariat hatten ein Dutzend Schreiber zu tun, neue Eintrittskarten auszustellen und die abgelaufenen umzuwechseln. Hinter einem erhöhten Pulte thronte der erste Sekretär, welcher die Pässe der neuen Ankömmlinge visiert.

Das unnötige Verweilen in dem immer überfüllten Sekretariat ist nicht gestattet. Eine Ausnahme macht die Verwaltung mit den ständigen weiblichen Besuchern des Kasinos, mit den schönen Damen in tiefdekolletierten Seidenroben, überladen mit Juwelen und Perlen; sie gehören ja auch mit zum Beamtenstab, wenigstens indirekt. Diese Hyänen, in schöner Frauengestalt, in zarterer Sprache Kokotten genannt, sind vom Kasino dazu angestellt, die Spielunlustigen zu animieren - das Weib gehört nun einmal zum Spiel so gut wie der Wein - ohne diese sinnverwirrenden Damen der Halbwelt wäre Monte Carlo eben kein Monte Carlo.

Jede dieser Kokotten hat ihren Spitznamen, den eigentlichen kennt man gar nicht, und Namen wie Bella Cobra, Madame Pompadour, die Duchesse, die grüne Eva, Lila Nachtschatten und Mademoiselle Phöbe werden unvergeßlich sein allen denen, welche zu jener Zeit Monte Carlo besuchten. Sie existieren sogar zum Teil heute noch, wenn die Zeit auch diesen schönen Schlangen die Giftzähne ausgebrochen hat.

Vor dem Pulte des gerade unbeschäftigten Sekretärs hatten sich vier solcher berückender Weiber zusammengefunden, das Gespräch drehte sich natürlich um den rätselhaften Kapitän, welcher heute aus seinem Todesschlafe erweckt werden sollte, und dazu klapperten die Fächer in den mit Diamanten gepanzerten Fingern in wahrhaft nervenzerstörender Weise.

»Der Eremit von La Turbie!« rief da plötzlich der Sekretär in grenzenlosem Staunen. »Wahrhaftig, er ist es!«

Schnell wurden alle Fächer herumgedreht, an deren langem Griff sich die Lorgnetten befanden. Das Schwirren und Summen in dem Sekretariat verstummte mit einem Zauberschlage, aller Augen richteten sich nach dem Eingange.

Barfüßig und barhäuptig trat der Eremit ein und schritt direkt auf das einzelne Pult zu, ohne jemandem einen Blick zu schenken, den linken Arm noch immer hoch über dem Kopf erhoben.

Die vier Kokotten wichen nicht von ihrem Platze, sie musterten das Wundertier aus allernächster Nähe durch das Vergrößerungsglas, während der Kuttenträger sie gar nicht beachtete.

Der Sekretär hatte sich von seinem ersten Staunen erholt.

»Sie wünschen, mein Herr?« fragte er ganz geschäftsmäßig.

»Ich bitte um eine Eintrittskarte in die Spielsäle, hier die Erlaubnis des Direktors,« entgegnete der Eremit mit metallharter Stimme und legte das Papier jenem aus das Pult.

Der Sekretär erkannte die Vollmacht und hatte kein Wort weiter zu verlieren, er tat seine Pflicht, füllte die für jeden Tag der Woche anders gefärbte Eintrittskarte aus.

Die Damen dagegen brauchten ihrer Neugier keine Zügel anzulegen.

»Sie sind der Eremit van La Turbie?« fragte da schon die kleine, zierliche, tiefbrünette Bella Cobra.

»Ist das ein Gelübde, daß Sie Ihren Arm immer in die Höhe halten?« erklang es gleichzeitig von der großen, üppigen, rothaarigen Pompadour verführerischen Kirschlippen.

»Kommen Sie zum ersten Male wieder unter Menschen?« fragte die grüne Eva, ein kindliches Lockenköpfchen, wie die Unschuld selbst aussehend, und gerade sie die Verworfenste von allen.

»Werden Sie spielen?« ließ sich die diabolische Lila Nachtschatten, deren Augen von dunklen Ringen umrändert waren, ebenso schnell vernehmen.

Seltsamerweise stand der sonst so stolz auftretende Eremit willig Rede und Antwort.

»Ich bin der Eremit von La Turbie und werde mit drei Einsätzen eine Tischbank sprengen, um zu beweisen, daß mir stets bekannt ist, auf welche Nummer die Kugel in der Roulette fällt,« erwiderte er, die lodernden Augen fest auf die schönen Frauengestalten gerichtet; aber es war ein kaltes Feuer.

»Ach, wie interessant!«

»Sie haben wirklich ein untrügliches System?«

»Bitte, verraten Sie mir, wie Sie das machen!«

»Gehört das dazu, daß Sie immer den Arm in die Höhe halten?«

Das waren aber nur vier Fragen und Ausrufe von hundert anderen. Die Aufmerksamkeit sollte von dem Kuttenträger abgelenkt werden.

»Eine Maske! Eine Maske!« erscholl es in dem wirren Durcheinander.

»Wahrhaftig, er hat eine schwarze Maske vor seinem Gesicht!«

»Wer mag das sein?«

»Diese herrliche Gestalt, dieser stolze Gang!« wurde schon von schönen Frauenlippen geflüstert.

»Ist es denn erlaubt, hier Masken zu tragen?« fragten Neulinge.

»Nun brate mir jemand einen Storch, ist denn heute hier Karneval?« murmelte der Sekretär mit unsicherem Blick nach der Tür.

Der sonst so kaltblütige Mann verlor bald gänzlich seine Fassung.

Erst kommt ein Bettelmönch und will am grünen Tisch sein Glück probieren - dort steht er noch - und jetzt ... jetzt kommt da ganz unverfroren ein Mann mit einer schwarzen Maske herein!!

Nein, so etwas war im Kasino wirklich noch nicht dagewesen!

Im Jahre zuvor war in Paris ein Gassenhauer entstanden mit dem immer wiederkehrenden Refrain: jetzt kommt der Prinz von Monte Carlo!

Ein junger Franzose sollte die Spielbank von Monte Carlo gesprengt haben und nun in Paris das Geld mit vollen Händen ausstreuen, weswegen man ihn den Prinzen von Monte Carlo nannte. Mit dem regierenden Fürsten hat das nichts zu tun, dessen Sohn ist der Prinz von Monaco.

Also, wohlverstanden: das ist der Inhalt des erfundenen Liedes!! Die Spielbank von Monte Carlo ist nämlich noch niemals gesprengt worden, auch nicht vom Prinzen von Wales, wie es einmal durch alle Zeitungen ging. Es ist auch ganz ausgeschlossen, daß die Bank gesprengt werden kann, dafür ist durch Beschränkung der Einsätze gesorgt.

Der Gassenhauer hatte mit seiner hübschen, faszinierenden Melodie überall Glück gemacht, soeben wurden er draußen im Garten von der Kapelle gespielt, in der plötzlich eintretenden Stille drang die Musik ganz deutlich herein, und unter diesen faszinierenden Tönen hielt der maskierte Fremdling seinen Einzug.

Es war ein hochgewachsener Mann, ohne jeden Zweifel noch jung. Nicht einmal der elegante Straßenanzug vom modernsten Schnitt konnte das schönste Ebenmaß der athletisch gebauten Gestalt verbergen. Dazu nun noch ein schneller, stolzer, elastischer Schritt. Alles Kraft und Feuer und Grazie.

Den Hut mußte er schon in der Garderobe abgegeben haben, man sah kurze, schwarze Locken, aber das ganze Gesicht war von den Stirnhaaren bis hinab zum Kinn von einer schwarzen Seidenmaske bedeckt, welche nur für Mund und Augen kleine Öffnungen hatte.

Also man hörte die Klänge jenes bekannten Liedes.

»Achtung, meine Damen und Herren!« rief da die Pompadour plötzlich mitten in das stumme Staunen hinein, und, einem Einfalle nachgebend, sang das zügellose Weib mit schallender Stimme zu der Musik den Endtext.

»Achtung, jetzt kommt er, -
Nicht nur ein Millionär -
Jetzt kommt der Prinz von Monte Carlo!!«

Nun darf man nicht glauben, daß es in Monte Carlo besonders fein zugeht. Ja, es geht schon alles vornehm zu, sogar furchtbar vornehm - aber das ist eine so leichte Tünche, daß der freche Untergrund mit schamloser Nacktheit bei jeder Gelegenheit sichtbar wird.

Der Gassenhauer war von der Kapelle noch nicht ganz beendet, die letzte Strophe wiederholte sich mehrmals, die Musik spielte also noch, und da fiel auch schon eine ganze Bande solcher juwelenblitzender Weiber jauchzend mit ein in den Chor:

»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz, der Prinz von Monte Caaaarlo!«

»Aber, meine Damen!!« ließ sich da der in der Tür stehende Monsieur de Haas, welcher dem Eremiten bald gefolgt war, entrüstet vernehmen.

Ach was! Jetzt waren sie einmal drin. Und das Kasino braucht die Kokotten ebenso, wie die Kokotten vom Kasino abhängig sind!

Also noch einmal zur letzten Musik, und dazu mit Fächer und Stiefelchen den Takt geklopft:

»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz, der Prinz von Monte Caaaarlo!«

Als ob er den Inhalt des Liedes wirklich auf sich bezöge, so hatte sich der Maskierte verbeugt, mitten im Gehen, wozu eine große Gewandtheit nötig ist, soll es graziös geschehen, und er hatte es mit vollendeter Grazie getan, und es war fast selbstverständlich, hier, wo ja alles nur Spiel ist, daß die meisten der Damen, wenigstens alle, welche genügend schnelle Auffassungskraft besaßen, sich sofort ebenfalls mit zwei Schritten nach rückwärts bis an die Erde verneigten, respektive die Knie so tief beugten.

Der Maskierte hatte das Pult erreicht, die Musik war verstummt, und jetzt drängte sich alles nach diesem Pulte, um etwas zu erlauschen, wenn sich der verlarvte Fremdling legitimieren mußte.

»Ich bitte um eine Eintrittskarte für die Spielsäle,« erklang es hinter der Maske mit sonorer, voller Bruststimme.

»Ja aber - aber - aber - mein Herr,« stotterte der verblüffte Beamte, »eine Maske zu tragen ist hier nicht gestattet.«

»Weshalb nicht?«

»Ja aber - aber - aber - das geht hier eben nicht, das ist nicht erlaubt.«

»Es könnte doch sein, daß ich eine Wunde im Gesicht habe und einen Verband trage.«

»Ach so, es ist nur ein Verband ...«

»Nein, ich nahm nur diesen Fall an. Es ist eine richtige Maske, welche ich trage, um mein Gesicht nicht sehen zu lassen.«

Der Sekretär raffte sich von seiner Bestürzung auf. Er gehörte mit zu dem Spionagesystem, ganz Monaco ist ja mit Geheimpolizisten übersät.

»Sie wünschen eine Eintrittskarte in die Spielsäle?« fragte er kurz.

»Ich ersuche Sie darum.«

»Dann muß ich um Ihren Paß bitten.«

»Bedauere, ich besitze keinen vorschriftsmäßigen Reisepaß, habe auch in diesem Lande keine Legitimation nötig ... ich bin der Kapitän der Heliotrop!«

Und gelassen streifte der Maskierte den linken Glacéhandschuh ab, man sah den nun schon berühmt gewordenen, grünen Diamanten ein Feuermeer ausstrahlen, gelassen griff er in die Brusttasche, zeigte ein auseinandergefaltetes Papier vor - und da war es: des Fürsten eigenhändig ausgestellter Passepartout für den Kapitän der Heliotrop.

»Genügt das?«

Jetzt war es mit des Sekretärs eben wiedergewonnenen Fassung gänzlich vorbei, er stierte den maskierten Herrn wie ein Gespenst an.

»Ach - ach - ach - ach nee! Ach neeeee!!«

Da sah er im Hintergrunde den Direktor vom Hotel de Paris auftauchen, dieser nickte immer, zugleich den ganzen Oberkörper bewegend, und ein zweiter Herr näherte sich dem Pulte, trat gleich dahinter, ein Mann mit einem langen, schwarzen Vollbarte, der Polizeidirektor von Monaco.

Er zeigte dem Sekretär eine Depesche.

»Es stimmt,« flüsterte er. »Ich habe sofort, als ich den Vorfall vernahm, an das fürstliche Sekretariat nach Paris telegraphiert, soeben kam die Antwort - hier ist sie: Der Kapitän der Heliotrop darf in Meinem Fürstentum eine Maske tragen und ist überhaupt unbehelligt zu lassen, wie ihm Meine Beamten in jeder Weise entgegenzukommen haben. Auf Befehl! Albert Grimaldi.«

Jetzt machte der Sekretär einfach den Mund zu und schrieb die Karte aus.

Sie sind ja alle willenlose Sklaven des Goldes, und die Besitzer der Spielhölle kriechen wiederum dem Fürsten zu Füßen.

Der Eremit hatte sich bereits entfernt, jetzt folgte ihm der Maskierte nach, da sah man draußen ja auch seine Ordonnanz, den dickwanstigen Matrosen mit der Hornbrille, er hatte eine große Ledertasche umgehängt ... und nun begann im Sekretariat ein unbeschreibliches Durcheinander von Stimmen, alle sprachen gleichzeitig, der Hotelier und der Polizeidirektor wurden bald zerrissen, ohne daß man etwas von ihnen erfuhr ... und dann stürmte alles den beiden nach in die schon überfüllten Spielsäle.

Den Eremiten und seinen erhobenen Arm hatte man vorläufig vergessen, aller Augen suchten den Maskierten - den Prinzen von Monte Carlo, wie er sofort getauft worden war.

Dieser hatte unterdessen schon an einem Roulettetisch einen Stuhl gefunden. Zuerst beobachtete er das Spiel, während seine Ordonnanz wartend hinter ihm stand, und man hatte genügend Zeit, ihn zu betrachten.

Wie, das sollte derselbe alte, gebückte, hustende, schwindsüchtige, bellende Kapitän sein? Ganz und gar unmöglich!!

Das war ein noch sehr junger Mann! Es war gar nicht nötig, daß man sein Gesicht sah - man hatte doch oft genug des alten Kapitäns Hand gesehen, die verwelkte, zusammengeschrumpfte Greisenhand - und das hier war eine jugendkräftige Hand, sogar äußerst muskulös, dabei aber dennoch schlank und fein gepflegt.

Man hatte doch auch diesen schnellen, elastischen Schritt gesehen, und nun >beguckten< ihn - ganz besonders die Damen - von hinten und von vorn, sie spähten ihm in den Hals hinein - nein, nein, das war doch kein Greis, das war ein noch junger Mann!

Ja, das half aber alles nichts, jetzt wurde auch laut, was der Hotelier und seine beiden Zeugen erlebt hatten, als sie die Tür öffneten - dieser Maskierte hier mußte eben doch derselbe Kapitän der Heliotrop sein! Hier war eben ein Wunder geschehen! Der indische Professor hatte den alten Mann durch eine Operation oder durch sonst etwas wieder jung gemacht!

»Na, glauben Sie denn an solche Gespenster?!« wurde ärgerlich gefragt.

»Ja, geben Sie mir doch eine andere Erklärung,« lautete die Erwiderung, »ich warte nur darauf, denn ich für meinen Teil finde keine.«

Wenn man die Sache genau und mit nüchternem Verstande betrachtete, fand man auch wirklich keine andere Erklärung, als daß sich ein Greis plötzlich wieder in einen jugendfrischen Mann verwandelt hatte. Denn daß da in dem Zimmer ein Austausch von zwei Personen stattgefunden habe, das war viel leichter gesagt als bewiesen.

Als der Hotelier die Tür geöffnet hatte, war ihm dieser maskierte, junge Mann entgegengekommen, war sehr heiter gewesen, hatte aber vor allen Dingen einen ganz enormen Appetit entwickelt. Der Zimmerinhaber war mit einem Male auch sehr leutselig geworden, er hatte dem Hotelier erzählt, wie die Verjüngungskur des indischen Professors an ihm geglückt sei, allerdings sonst hatte er nichts weiter gesagt - auffallend aber war es auch, wie der Kapitän von den drei Matrosen so freudig begrüßt wurde, sie gratulierten ihm zu der erfolgreichen Kur. Doch sonst waren diese nicht überrascht gewesen, sie hatten eben schon gewußt, wie alles kommen würde, und auch der Kapitän war der Sache so sicher gewesen, daß er schon für sein neues Jugendleben eine vollständige Garderobe im Koffer gehabt hatte.

Dann war er sofort ins Kasino gegangen, immer scherzend hatte er die Tasche seiner Ordonnanz mit Gold und Papiergeld gefüllt - er wolle der armen Bank auch etwas zuwenden, hatte er gesagt - man war gleich an die Reinigung seines Zimmers gegangen, jetzt konnten die Kellner und andere Neugierige alles durchsuchen, und da gab es keinen großen Koffer, in dem sich ein zweiter Mensch hätte verstecken können, und das Zimmer lag in der dritten Etage, und daß während der drei Tage niemand dasselbe verlassen hatte, darauf war der Hotelier einen Schwur abzulegen bereit.

Nun blieb noch die Vermutung übrig, daß dieser Mann zuerst nur einen Greis markiert hatte.

Na, wer den alten Kapitän gesehen hatte, nur von weitem, der hielt so etwas für ganz ausgeschlossen, und damit basta! Solch eine welke, ausgetrocknete Hand kann man sich nicht anschminken oder auf eine andere Weise künstlich herstellen!

Den langen, weißen Bart hatte er sich selbst gleich nach dem Erwachen aus dem todesähnlichen Schlafe abgeschnitten, im Zimmer lagen noch die Haarsträhne - bevor er die schwarze Maske vorband.

Wozu nun diese Maske?

Es blieb nichts anderes übrig, als zu warten und auf eine Erklärung aller dieser Rätsel zu hoffen, vorläufig konnte man den Maskierten nur anstaunen.

Nachdem dieser also sich längere Zeit durch Zusehen über die Art und Weise des Spieles orientiert, auch einen neben ihm sitzenden Herrn mit äußerster Liebenswürdigkeit um einige Auskünfte gebeten hatte, ließ er sich von seiner Ordonnanz Gold und Papiergeld reichen, ordnete es wie die anderen vor sich auf dem Tische und begann zu setzen.

Er gewann, er verlor, gewann wieder - bis sich das Glück ganz entschieden gegen ihn wandte, und je mehr er den Tisch mit Gold pflasterte, desto mehr verlor er. Schon nach einer halben Stunde schätzten die Kundigen seine Verluste auf mindestens 20.000 Francs, und ferner konstatierten sie, daß er nicht nur gar keine Leidenschaft für das Hasardspiel besaß, daß er nur noch hier und da einen Hundertfrancsschein, später auch einen Tausendfrancsschein hinlegte, um nicht untätig am Tische zu sitzen, sondern daß seine Aufmerksamkeit auch von etwas anderem gefesselt wurde, was ihn mehr interessierte als dieses Spiel.

Es war ein junges Mädchen, welches ihn so fesselte. Hier konnte man zwischen den >Damen< endlich einmal das schöne Wort >Mädchen< anwenden. Freilich saß hier auch manches unschuldig aussehende Täubchen, und es war dennoch ganz vom Spielteufel besessen. Besonders die Engländerinnen, die können etwas in aller Unschuld leisten, wenn sie erst einmal hinter den Geschmack am Hasardspiel gekommen sind!

Aber das hier war ein blondes Gretchen, so zart und so traurig, sie spielte auch nicht selbst, sie saß nur neben einem alten, würdigen Herrn mit weißem Vollbart und goldener Brille, der Ähnlichkeit nach mußte es ihr Vater sein, sie hatte ihn jedenfalls als Schutzengel in die Spielhölle begleitet, er mochte auch mit der Brille nicht ordentlich sehen können, sie mußte immer die herausgekommene Nummer aufschreiben, wie es fast jeder Spieler tut.

Doch wir wollen nicht nur mit den hinter der Maske hervorblitzenden Augen beobachten, wir wollen uns von einem der von der Bank angestellten Spione und Sicherheitsbeamten über die beiden erzählen lassen, und diese Spione wissen gewöhnlich mehr, als was die Fremden von sich angeben, wenigstens wenn diese sich längere Zeit in Monte Carlo aufhalten.

Felix Richter, Privatier aus Berlin, mit seiner Tochter Johanna.

So hatte sich der alte Herr auf der Polizei angemeldet.

Aber das stimmte nicht, das hatten die Sicherheitsbeamten schon herausgebracht, das heißt, ohne deswegen den Herrn etwa zur Rechenschaft zu ziehen. Eigentlich hieß er Ernst von Marbach und war Gutsbesitzer in Pommern. Gesagt hatte er dies niemand, aber, ach, das hat man hier so schnell heraus! Doch wenn sonst nichts vorliegt, so gibt man hier auch nichts weiter darauf, wenn man mit einem anderen Passe reist. Es ist doch manchem nicht angenehm, daß sein richtiger Name in die öffentlichen Fremdenlisten von Monte Carlo kommt. Wenn er nur Geld mitbringt und es sitzen läßt, das ist hier die Hauptsache. Und ist es ein durchgebrannter Kassierer, so nimmt ihm der größere Räuber erst noch so viel als möglich ab, ehe der kleinere anstandshalber gepackt und zur Bestrafung ausgeliefert werden muß.

Vor etwa einem Monat waren sie gekommen, Vater und Tochter, hatten erst in einem Hotel gewohnt und waren dann in eine Pension gegangen.

Sie wurden permanente Besucher des Kasinos, bekamen eine Dauerkarte, waren immer mit unter den ersten, wenn die Spielsäle mittags geöffnet wurden, um einen Sitzplatz zu bekommen. Wie jeder neue Ankömmling, der zum ersten Male sein Glück probiert, hatte auch der Alte zuerst stark gewonnen, er wurde kühner, verlor das Gewonnene schnell wieder, wollte es durch Verdoppeln der Einsätze zurückgewinnen, verlor noch mehr, und seit einigen Tagen spielte er nur noch ganz, ganz vorsichtig mit den kleinsten Einsätzen.

Es ging mit ihm zu Ende. Das sah man ihm deutlich an. Sein Blick hing immer starrer und starrer an dem von ihm gesetzten Fünffrancsstück. Und die zarte Tochter wurde immer trauriger und ängstlicher. Doch wahrte er noch stets den Kavalier, blieb kalt im Unglück, und die Tochter suchte ihn nicht vom Spieltisch wegzubringen. Was es zu Hause für Szenen gab, wußte man nicht.

Nach Ansicht eines geheimen Beobachters hatte Herr Felix Richter während dieses einen Monats ungefähr 15.000 Francs verspielt. Das heißt, sonst werden weiter keine Recherchen angestellt, etwa, was der Mann noch zu Hause hat. Das ist nur, damit dann niemand kommt und verlangt, die Bank solle ihn erster Kajüte nach Amerika schicken, er habe hunderttausend Francs verspielt - und dabei hat er überhaupt nur zehn Francs in der Tasche gehabt. Das ist nämlich alles schon vorgekommen, aber so vertrauensselig ist die Bank natürlich nicht.

Jetzt holte der Alte einen Hundertfrancsschein aus der Tasche, und schon daraus, wie er das tat, wußte der Kundige sofort, daß es sein letzter war. Ein Zögern, ein kurzes Ringen, und mit einer hastigen Bewegung hatte er ihn auf die Null gesetzt. Einen so hohen Einsatz hatte er überhaupt noch nie gemacht.

»Papa!« erklang es da weinerlich zwischen dem Rollen der Elfenbeinkugel.

»Rien ne va plus!« rief der Croupier.

Der Alte hatte auf den klagenden Ruf seiner Tochter eine Bewegung gemacht, als wolle er den Hundertfrancsschein schnell wieder zurücknehmen - zu spät, der Croupier hatte schon angekündigt, daß nichts mehr gesetzt und nun natürlich auch nichts mehr zurückgezogen werden durfte.

Klapp, ging es - die rotierende Kugel war in eines der 37 Fächer gefallen. -

»Dixsept ... noir passe impair!«

Der Hundertfrancsschein war mit den anderen Einsätzen, welche verloren hatten, von den Croupiers mit ihren eleganten Harken eingezogen worden.

Der alte Herr erhob sich. Er lächelte, es sollte ein verächtliches Lächeln sein, aber es sah ganz anders aus. So etwas kennt man hier.

»Komm, Hannchen, wir wollen nach der Post gehen, jetzt muß das Geld schon dasein, dann reisen wir gleich ab,« hörten die, welche Deutsch verstanden, ihn mit heiterer Miene zu dem jungen Mädchen sagen.

Na, wenn er noch Geld zu erwarten hatte, dann ging es ja. Wenn er dann nur auch wirklich gleich abreiste!

Der Maskierte sandte den Fortgehenden einen langen Blick nach und wandte sich zerstreut wieder dem Spiele zu.

»Mit diesem Zwanzigfrancsstücke sprenge ich in drei Spielen die Bank!« rief da schallend eine metallene Stimme.

Das Interesse der Zuschauer hatte sich unterdessen auch wieder dem Eremiten zugewendet, dessen Vorhaben nun schon durch die vier Kokotten bekannt geworden war, und das Spiel und alles, was damit zusammenhängt, ist hier doch immer die Hauptsache. Wie, der wollte die Bank sprengen oder doch den baren Bestand eines einzelnen Tisches? Da mußte man dabeisein.

Der Eremit hatte sich zufällig an denselben Tisch begeben, an welchem auch der geheimnisvolle Maskierte saß. Mit außergewöhnlicher Zuvorkommenheit hatte man dem Kuttenträger Platz gemacht, wenigstens bis zu den Stuhllehnen, und hier hatte er eine halbe Stunde gestanden, das Spiel beobachtend, immer den Arm steif erhoben, und das ist doch eine ganz außerordentliche Kraftleistung.

Jetzt, als er jene Worte rief, hob er auch noch die rechte Hand, um das Goldstück zu zeigen, mit welchem er also durch dreimaliges Setzen die Bank zu sprengen versprach.

Man hatte hier schon viel Renommisterei gehört, wenn wieder einmal jemand ein unfehlbares System erfunden haben wollte - eine solche Großsprecherei aber war denn doch noch nicht dagewesen! Man lächelte spöttelnd und lachte sogar höhnisch. Hatte dieser armselige Kuttenträger von dem Roulettespiel eine Ahnung!

Und dennoch! Es war kein gewöhnlicher Mensch. Es war ein Eremit, der sechs Jahre lang in strengster Askese gelebt hatte. Und auch Fortuna liebt alles Sensationelle. Und warum tragen denn hier so viele Reliquien bei sich, tauchen heimlich Geld ins Weihbecken, pflücken um Mitternacht gewisse Blumen, suchen in einem Hause, in dem ein Toter liegt, etwas zu stehlen, reißen sich um den Strick eines Gehängten - warum tun sie das?

Hier ist ja alles vom gröbsten Aberglauben durchseucht, und alle die, welche jetzt so spöttisch lächelten über den Kuttenmann mit seinem erhobenen Arm, sie hätten sofort sonst etwas getan, wenn sie hoffen konnten, dadurch das Glück auf ihre Seite zwingen zu können.

»Auf Nummer 22.«

Mit diesen Worten beugte sich der Eremit über die Köpfe der Sitzenden und legte sein Goldstück auf die angesagte Nummer.

»Auf diese Weise, wenn man es gleich sagt, geht es nie, denn dann hört das Glück es ja,« hieß es höhnisch, ohne daß man sich dabei seines eigenen Aberglaubens bewußt wurde.

Die Kugel klapperte, sie fiel.

» ... va plus! - Vingt-deux!«

Gewonnen! Es entstand eine Unruhe.

Die einzelne Nummer wird 35fach ausgezahlt, also wurden auf des Eremiten Goldstück sieben Hundertfrancsscheine gelegt.

»Das war aber ein Zufall!!!« hieß es, und dabei bemächtigte sich schon aller die größte Erregung.

»Bitte, alles auf Nummer 7,« sagte der Eremit zu einem Croupier.

Dieser schob mit seiner Harke die 720 Francs auf die gewünschte Nummer. Das neue Spiel begann, wieder klapperte der kleine elfenbeinerne Teufel in dem Apparat, mit hoch erhobenem Arm stand der Eremit da.

» ... va plus! - Sept!«

Wiederum gewonnen!

»Mon dieu! - Diavolo! - Santa Madonna! - God damn't!! - Sapristi! - Himmeldonnerwetter!!!«

So hauchte und flüsterte es mit vor Erregung bebenden Lippen, und jetzt drehten auch alle Croupiers die Köpfe nach dem Eremiten, um ihn noch mit anderen Augen zu betrachten.

Aber immerhin, solch ein Glücksfall, daß jemand zweimal hintereinander auf die richtige Nummer gesetzt hat, ist auch schon häufig vorgekommen. Es ist nur ein großes Ereignis, welches in die Chronik der Spieler eingetragen wird.

720 Francs standen, 25.200 Francs wurden hinzugelegt. Der Croupier wollte sie mit der Harke dem Gewinner zuschieben.

»Bitte, ich lasse sie stehen,« wehrte der Eremit ab.

»Auf Nummer sieben?«

»Auf Nummer sieben.«

Das war ja einfach Tollheit! Wie selten kommt eine von den 37 Zahlen zweimal hintereinander heraus! Und nun gar noch die Sieben, welche heute schon sehr oft gefallen war!

Nein, da verlangte der Eremit mit seinem erhobenen Arm von der launischen Glücksgöttin doch etwas gar zu viel, diesmal würde sich der gute Mann irren!

Der Croupier machte ihn gar nicht erst aufmerksam, daß als höchster Einsatz nur 6.000 Francs zulässig sind, er schob eben das sämtliche Geld auf die Sieben. Es war doch sowieso verloren.

Das heißt, wenn die Nummer verlor, dann durften auch nur 6.000 Francs weggenommen werden, nicht etwa alles! So etwas gibt's hier nicht! Der Wahrheit muß man die Ehre geben: es geht an den Spieltischen von Monte Carlo nicht nur durchaus ehrlich, sondern höchst nobel zu. Wenn zwei sich um einen Gewinn streiten, jeder beansprucht ihn für sich, und sie können sich nicht schnell einigen, der >Maitre de table< kann nach bestem Gewissen ebenfalls nicht entscheiden, wessen Geld es gewesen ist, so wird der Gewinn anstandslos allen beiden ausgezahlt, also zum Schaden der Bank. Natürlich sieht man sich seine Leute an. Gaunern gelingt der Trick nicht so leicht.

Dieser Fall war eben jetzt einmal eingetreten.

Zwei Herren beanspruchten ein und denselben Gewinn für sich. Für die Bank muß das ganz besonders deswegen unangenehm sein, weil bei ihr Zeit direktes Geld ist, denn in jeder Minute wird ein Spiel gemacht, und solange der Streit nicht entschieden ist, darf nicht gespielt werden.

Auch schon aus diesem Grunde sucht der Maitre de table, welcher von einem erhöhten Stuhle aus den ganzen Tisch übersieht und das Spiel leitet, die Sache möglichst abzukürzen, so tat er auch jetzt, drei Minuten vergingen aber doch, ehe er die Summe einem der beiden Herren zusprach, den andern überzeugend, daß er das Geld nicht gesetzt haben könne, und drei Minuten sind für alle, welche das neue Spiel nicht erwarten können, eine lange Zeit.

Diejenigen aber, welche am Spiele selbst nicht interessiert waren, sondern den Eremiten beobachteten, machten an diesem eine eigentümliche Wahrnehmung.

Es war nicht anders, als wenn dieser von einer furchtbaren Qual heimgesucht werde, aber nicht von einer seelischen, weil er die Fortsetzung des Spiels nicht abwarten konnte, sondern von einer körperlichen. Denn jetzt konnte man deutlich sehen, daß ihm das Emporhalten des linken Armes nicht zur Gewohnheit geworden war, was auch gar nicht zu begreifen gewesen wäre. Man sah vielmehr, wie der Arm immer herabsinken wollte und wie er doch noch steif in die Höhe gehalten wurde, und was dies seinem Besitzer für entsetzliche Schmerzen bereiten mußte, das war in seinen eingefallenen Zügen ausgedrückt, sie verzerrten sich vor Pein, er wankte sogar und mußte sich mit der rechten Hand an eine Stuhllehne klammern - und trotzdem immer noch den Arm hoch und steifgehalten!

»Messieurs, faites votre jeu!« lud der Croupier wieder zum Spielen ein.

Es wurde gesetzt, die Kugel rollte, man glaubte, der Eremit werde im nächsten Moment zusammenbrechen. Starr hatte er die Augen zur Decke gerichtet. Klapp, ging es - die Kugel war gefallen.

» ... va plus! - Sept!«

Die Sieben hatte zum zweiten Male gewonnen!

Ein Tumult entstand, eine Rebellion brach aus.

»Die Bank ist gesprengt!! Die Kasse vom zweiten Tisch ist gesprengt!! Der Eremit von La Turnie hat sie mit drei Spielen gesprengt!!!«

So schallte es durch die weiten Säle, der Ruf pflanzte sich in zahllosen Wiederholungen von Mund zu Mund fort.

Denn die Stammgäste dieses Tisches wußten bereits, daß die Kasse den höchsten Gewinn, 210.000 Francs, nicht auszahlen konnte, es war nicht so viel in der Bank.

Und jetzt erst kam es zur allgemeinen Erkenntnis, daß der Eremit ja nicht nur den höchstzulässigen Einsatz, also 6.000 Francs, auf der gewonnenen Nummer stehen hatte, sondern im ganzen 25.920 Francs!!

Wäre die Höhe der Einsätze nicht beschränkt gewesen, so hätte er bald eine Million oder ganz genau 907.200 Francs ausbezahlt bekommen müssen!!

Geschah dies nun auch nicht, so war dies doch nicht seine Schuld - man sah die Million vor seinen Augen - und er hatte sein prahlerisches Wort wirklich eingelöst - die Tischkasse konnte nicht sofort bezahlen, sie war also gesprengt, - und wenn mehr darin gewesen wäre, so hätte er eben noch einmal gesetzt - denn der kannte das Geheimnis, das hatte er bewiesen - der hatte den Stein der Weisen gefunden - der Eremit in der härenen Kutte war der Herr von Monte Carlo!!

Für die Bank selbst machte das freilich nichts aus. Das heißt, in Zahlungsschwierigkeiten kam sie deshalb noch lange nicht. Es kommt fast jedes Jahr einmal vor, daß ein Tisch den Gewinn nicht auszahlen kann, freilich sind das dann immer mehrere Einsätze, die gewonnen haben, es haben also viele Spieler auf ein und dieselbe Chance gesetzt, die gewonnen hat, und das vor allen Dingen ein einziger Spieler durch dreimaliges Setzen hintereinander die Bankkasse erschöpft hat, wobei er das auch noch vorher ansagt, so etwas stand freilich in der Spielchronik einzig da.

Doch, wie gesagt, auf so etwas ist die Bank stets vorbereitet.

Der erste Croupier dieses Tisches hatte geschellt, und drei Minuten später brachte ihm aus der Administration ein einfacher Diener ein dickes Paket von Tausendfrancsscheinen, der Croupier ließ sie wie ein Kartenspiel durch die Finger schnellen und legte, ohne eine Miene zu verziehen, etwa die Hälfte davon auf die Sieben - und diese Croupiers verzählen sich nie.

»Zweihundertundzehntausend Francs, voilà - Messieurs faites votre jeu!«

Allein jetzt sollte etwas geschehen, was den Spielern ihr eigenes Interesse am grünen Tische vergessen ließ.

Sofort, wie angekündigt worden war, daß die Sieben abermals gewonnen, hatte der Eremit den linken Ann sinken lassen, ein Stöhnen war über seine blutleeren Lippen gekommen, und es sah aus, als ob der Mann im nächsten Augenblick zusammenbrechen müsse. Er taumelte einmal - aber mit Gewalt raffte er sich wieder empor, hielt sich aufrecht.

Dann nahm er den großen Haufen Papier, der ihm jetzt zugeschoben worden war, nur sein eigenes Goldstück, mit dem er begonnen, ließ er in der Kutte verschwinden, er trat von dem Tische zurück, in seiner Hand stammte ein Streichholz auf - und die andere Hand hielt ein brennendes Papierbündel!

Es war kein Ruf des Staunens, sondern es war ein gellender Schmerzensschrei, der aus Hunderten von Kehlen durch den Saal hallte.

So viel Geld in Flammen aufgehen zu sehen - eine Viertelmillion - diesen Anblick konnten sie nicht ertragen, sie fühlten das Feuer am eigenen Leibe brennen.

Auch Monsieur de Haas war in den Spielsaal gekommen, um den Eremiten und den Maskierten zu beobachten, er hatte der Szene beigewohnt, wie ersterer am Spieltisch sein prahlerisches Wort einlöste, der Direktor hatte bleich wie der Tod ausgesehen, und jetzt stürzte er auf den Eremiten zu.

»Wahnsinniger, was tun Sie da!!!« schrie er kreischend.

»Was ich sagte, führe ich aus,« entgegnete der Eremit gelassen, das brennende Paket hin- und herschwingend.

Aber 235 Tausendfrancsscheme, festes Papier in einem festen Paket, brennen schlecht, es wollte zu keiner lodernden Flamme kommen.

»Das dürfen Sie hier nicht!!!« schrie der Direktor außer sich. Denn er hatte die Erlaubnis doch nur im Scherz gegeben. Wer hätte denn gedacht, daß es so kommen würde!

»Nicht? - Da - freßt, ihr Bestien!!«

Mit diesen Worten hatte der Eremit das glimmende Paket zu Boden geschleudert, die Scheine flatterten auseinander, und jetzt gingen sie in hellen Flammen auf.

Und die Bestien fraßen! Wie die hungrigen Wölfe stürzten sie sich auf die brennenden Banknoten, diese noblen, stolzen Kavaliere und diese nach Wohlgerüchen duftenden Damen in dekolletierten Balltoiletten, sie heulten auch dabei wie die Wölfe, sie balgten sich am Boden um das brennende Geld, sie traten das Feuer nicht erst aus, gleich mit den Händen griffen sie hinein in die Flammen, der Brandwunden nicht achtend, um wenigstens einen einzigen Tausendfrancsschein zu erbeuten, dessen Nummer noch erhalten war, dann wurde er ja noch eingewechselt!

Viele der Zuschauer, und gerade die, welche nicht lachten, sondern welche sich mit Abscheu von dieser widerwärtigen Szene abwandten, bedauerten dann, daß keine der Damenroben Feuer gefangen hatte, daß keine Verbrannten hinausgetragen worden waren - denn fürwahr, hier hätte eine furchtbare Katastrophe einmal nichts geschadet, das wäre dann die gerechte Strafe des Himmels gewesen ...

Sofort, als der Eremit die brennenden Tausendfrancsscheine den >Bestien< vor die Füße geschleudert hatte, drehte er sich um und schritt mit stolz erhobenem Haupte dem Ausgang des Saales zu.

Monsieur de Haas war ihm nachgeeilt. Im Vestibül hielt er ihn fest. Der Direktor sah noch immer ganz entgeistert aus.

»Was willst du von mir?« fragte der Eremit schroff.

»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Bitte folgen Sie mir.«

Der Eremit folgte ihm denn auch in dasselbe Privatkontor zurück.

Auf dem Wege dorthin hatte der Direktor seine Ruhe wiedererlangt. Wie schon gesagt, er war Besitzer von sehr vielen Aktien der Spielbank, er hatte diese auch mit gründen helfen, und so warfen seine ersten Aktien, die er noch in den Händen hatte, fast 500 Prozent Dividende ab. Denn das ganze Aktienkapital besteht nur aus 6 Millionen Francs, die Unterhaltung des Kasinos und des ganzen Fürstentums kostet 40 Millionen Francs und an die Aktionäre werden jedes Jahr immer noch 30 Millionen Francs Dividende verteilt. Dadurch also hatte Monsieur de Haas bei einem gar nicht so sehr großen Vermögen ein ungeheures Einkommen. Aber Monsieur de Haas verbrauchte auch sehr viel und hatte es schon immer getan. Und gesetzt den Fall, die Spielbank von Monte Carlo wird einmal aufgehoben, so können alle Aktien ins Feuer geworfen werden. Es kann aber auch noch ein anderer Fall eintreten als nur ein internationales Verbot gegen die Existenz dieser öffentlichen Spielhölle, dieser Pestbeule und Schande der Zivilisation. Wie nun, wenn doch einmal jemand ein wirklich unfehlbares System ausgrübelte, wie man immer gewinnen kann? Allerdings scheint die Möglichkeit solch eines untrüglichen Systems ausgeschlossen, so wird allgemein behauptet - aber die Zahlenanordnung in der Roulette ist eine willkürliche, sie ist im Gehirn eines sterblichen Menschen ausgedacht worden, beruht also auf keiner mathematischen Formel, und eben deswegen kann auch kein Mathematiker beweisen, daß solch ein System unmöglich sei. Und was noch nicht geschehen ist, das kann ja noch geschehen! Und wenn nun jetzt dieses Problem gelöst war? Was waren dann die Aktien noch wert? Dann konnte man sie ebenfalls nur gleich ins Feuer werfen.

Diese Erwägung der Zukunft seiner Aktien, die Furcht war es, welche dem Geschäftsmann seine Kaltblütigkeit wiedergab.

Sie hatten das Kontor erreicht.

»Bitte, wollen Sie Platz nehmen.«

»Ich stehe.«

»Wie Sie belieben. - Herr, Sie haben vorhin nicht nur renommiert. Mein Staunen ist grenzenlos. Sie haben das unfehlbare System entdeckt.«

Das heißt, jetzt, bei nüchternem Verstande, dachte der Direktor vielleicht auch nicht ganz so, vielleicht schmeichelte dieser geriebene Geschäftsmann nur, um auf diese Weise mehr zu erfahren.

»Woher wußten Sie die drei Nummern, die herauskommen würden?«

»Wie ich sagte, ich weiß stets vorher, welche Zahl fallen wird.«

»Ja, aber woher ist das Ihnen immer bekannt? Liegt dem eine mathematische Berechnung zugrunde?«

»Ja, eine mathematische Berechnung.«

Der Eremit hatte das in einem Ton gesagt, aus dem der Spott deutlich hervorklang. Der Direktor wurde hierdurch nur noch düpierter, was aber sollte es sonst sein, als eine mathematische Berechnung? Doch nicht etwa gar der erhobene Arm, daß durch diesen das Glück ...

Unsinn! Über derartigen Aberglauben war Monsieur de Haas erhaben.

Er tat, als ob er den Hohn nicht gehört, als ob der Eremit also die Wahrheit gesprochen habe, und er wußte auch nichts anderes als eine mathematische Berechnung, auf welcher ein untrügliches System basieren konnte, so unbegreiflich ihm das auch war.

»Dann ist die Spielbank ruiniert!« sagte er, und er brauchte das Beben seiner Stimme nicht zu erkünsteln. »Bitte, ehe wir noch weiter darüber sprechen, wollen Sie mir noch einige Proben Ihrer Berechnung geben?« Er hatte aus einem Schrank einen Roulette-Apparat genommen und ihn auf den Tisch gesetzt.

»Es ist genau dieselbe Roulette wie im Saal. Wieviele Spiele haben Sie nötig, um Ihre Berechnung aufzustellen?«

»Ich tue es nicht.«

»Sie haben nicht die Güte, das Experiment hier noch einmal zu wiederholen?«

»Nein,« war die schroffe Antwort.

»Ach, bitte, nur dieses einzige Mal. Sie haben im Spielsaal erst eine halbe Stunde beobachtet, ehe Sie die Zahl ansagten, das wären 30 Spiele gewesen, ich werde jetzt 30 regelrechte Spiele ...«

»Gib dir keine Mühe, ich spiele nicht mehr, auch nicht zum Versuch. Dreimal wollte ich setzen, um zu beweisen, daß mir stets bekannt ist, wohin die Kugel fallen wird, ich habe es getan - nie wieder!«

»Auch nicht wieder im Spielsaal selbst?« fragte der Direktor lebhaft.

»Ich werde auch nie wieder den Spielsaal betreten.«

»Ja aber, was ist dann der Zweck Ihres Beweises gewesen? Was beabsichtigen Sie eigentlich? Werden Sie Ihr System veröffentlichen?«

»Du sagst es.«

Der Direktor schrak zusammen.

»Sie wollen ein Buch herausgeben?«

»Nein.«

»Wie wollen Sie aber Ihre mathematische Berechnung sonst veröffentlichen?«

»Die Schüler müssen zu mir kommen.«

Aha, jetzt begann der erfahrene alte Herr etwas zu ahnen, und er wurde ganz bedeutend ruhiger.

»Und Sie werden ihre Schüler in den Stand setzen, daß diese ebenfalls immer wissen, wohin die Kugel fallen muß?«

»Ganz sicher, wenn die Schüler genau meinen Anweisungen folgen.«

»Sie meinen, Ihre ... Lebensregeln.«

»Du sagst es.«

Richtig, der scharfsinnige Monsieur de Haas hatte sich nicht geirrt. Hier handelte es sich nicht um ein mathematisches System, sondern der Eremit glaubte, sich durch asketische Übungen so weit gebracht zu haben, daß er das Glück zwingen, daß er bestimmen könne, wohin die Kugel zu fallen habe, er lenkte sie durch seine Willenskraft. Nun fürchtete Monsieur de Haas aber nur eine mathematische Berechnung, so etwas durchaus nicht, das war für ihn nur fauler Hokuspokus.

Aber hatte der Eremit nicht wirklich dreimal hintereinander die herauskommende Nummer gewußt, oder, nach seiner Ansicht, die Kugel nach seinem Willen gelenkt?

Nein, das war Einbildung! Das war eben ein außerordentlicher Zufall gewesen, wie ein solcher wohl im Bereich der Möglichkeit liegt.

Jetzt war es Berechnung, als sich Monsieur de Haas erschrocken stellte.

»Oh, oh, oh,« sagte er in kläglichem Ton, »da ist es allerdings das beste, wenn wir uns schnell einigen. Eine Woche freilich wird immer vorübergehen, da sind noch viele andere Aktionäre zu befragen, und dann sehen Sie wohl ein, da wir doch eine Garantie in den Händen haben müssen, daß das Geheimnis, für welches wir bezahlen, auch wirklich gewahrt wird, daß wir also in solch einem Falle nur einen Anteil am Gewinn der Spielbank gewähren können. Wie hoch würden sich Ihre Ansprüche belaufen, wenn ich fragen darf?«

Der Totenschädel des Eremiten lächelte - es war ein Lächeln des grausamen Hohnes, es war ein entsetzliches Lächeln.

»Wieviel meinst du?«

»Nun, würde eine Million genügen?« fragte der Direktor mit hinterlistigem Spott.

Der Eremit richtete seine skelettartige Gestalt empor.

»Eine Million? Pah! Ich verlange den ganzen Gewinn, die sämtlichen Aktien, das ganze Kasino verlange ich. Und den Gehalt der Angestellten, auch den deinen werde ich bestimmen! Denn sobald ich will, von jetzt an, haben die Aktien für euch keinen Pfifferling Wert mehr, ihr könnt bloß noch jeden Tag Millionen zusetzen - wenn ihr sie hättet.«

Der Direktor wunderte sich im Augenblick nur darüber, daß der Eremit nicht gesagt hatte: ich verlange, daß das Kasino, in welchem bisher dem Teufel gehuldigt wurde, geschlossen und in ein Kloster oder Hospital umgewandelt wird! Das hätte solch einem frommen Weltentsager doch viel ähnlicher gesehen.

»Oh, auf solche Bedingungen können wir freilich unmöglich eingehen,« lächelte der Direktor jetzt wieder höflich, aber doch etwas ironisch.

»Du lachst!« fuhr da der Eremit fast drohend auf. »Du glaubst es nicht, daß ich die Bank in diesem Augenblicke ruinieren kann? Die Bank, euch ganzes Gelichter? Und was schwatzt du da immer von einem mathematischen System? Wohlan, dann noch einmal! Drehe die Roulette!«

Schnell kam der Direktor der Aufforderung nach, er drehte die Scheibe nach rechts herum, die kleine Kugel schnellte er nach links, daß sie auf dem vorspringenden Simse rotierte, so, wie es auch im Saale gehandhabt wird.

Der Eremit hatte sich emporgerichtet und die Augen geschlossen, aber den Arm hielt er jetzt nicht wieder in die Höhe.

»Fünfzehn,« sagte er fast sofort. »Sie soll in die Fünfzehn fallen!« Es hatte befehlerisch geklungen.

Vorläufig rollte die Kugel noch auf dem Simse, vorläufig lächelte der Direktor noch ironisch. Nein, an so etwas konnte er niemals glauben, dann wäre ja ...

Da fiel die Kugel klappernd herab, sie hatte sich in einem der Fächer gefangen, der Direktor beugte sich vor ...

»Fünfzehn!« erklang es gellend aus seinem Munde. »Bei Gott, sie ist in die Fünfzehn gefallen! Mann, wer seid Ihr, daß Ihr die Kugel nach Eurem Willen lenken könnt?!«

Stier hingen des Direktors weit hervorquellende Augen an der Stelle, auf welcher der Eremit soeben noch gestanden hatte. Er hatte das Zimmer bereits verlassen, und Monsieur de Haas war nicht fähig, ihm zu folgen, ächzend brach er auf einem Stuhle zusammen.



Gestern abend war es geschehen, und heute morgen hatte sich Monsieur Girard, der Herausgeber und Chefredakteur von >Le Monte Carlo<, welche Zeitung jeden Nachmittag die offizielle Fremdenliste herausgibt, eben hingesetzt, um über die gestrigen Vorfälle im Kasino und mehr noch über den geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop einen längeren Artikel zu schreiben, wobei der französischen Phantasie freier Spielraum blieb, als in die Redaktionsstube ein kleiner Matrose mit einer sehr großen Brille und einem noch größeren Bauche trat.

Da das Manuskript der Fremdenliste für diese Zeitung von der Polizei gleich druckfertig geliefert wird, und der übrige Inhalt des Blattes nur aus >Klatsch< besteht, so setzt sich der ganze Redaktionsstab dieser einzigen Zeitung des Fürstentums Monaco nur aus dem Herausgeber, der sich >Chefredakteur< nennt, und aus einem Schreiberjungen zusammen, welcher zugleich für den Herrn Chefredakteur aller halben Stunden aus der nächsten Budike einen Schoppen Wein holt.

Wilm konnte also nicht fehl gehen, wenn er sich direkt an Monsieur Girard wendete.

»Seid Ihr der Mann, der die Zeitung >Le Monte Carlo< zusammenschmiert?« erklang es kurz und bündig.

»Ja, der bin ich, Girard ist mein Name, Alphons Napoleon Bonaparte Girard,« entgegnete der Angeredete nicht nur völlig ungekränkt, sondern sogar äußerst höflich, denn es war doch die Ordonnanz des Unbekannten, welcher einen eigenhändig geschriebenen Passepartout des Fürsten besaß - wenn das hier auch nur ein gewöhnlicher Matrose war, der ihn, den Monsieur Alphons Napoleon Bonaparte Girard, auf diese Weise mehr anschnauzte, denn fragte.

»Dann ist's gut,« fuhr der kleine Dickwanst zufrieden fort. »Ihr sollt gleich mit mir zum Kapitän der Heliotrop kommen, er will sich von Euch interviewen lassen. Wißt Ihr, was das ist, interviewen? Ihr sollt alles fragen, was Ihr wissen wollt - und was Ihr nicht zu wissen braucht, das sagt er Euch nicht! Bei uns ist's nämlich nicht mehr zum Aushalten. Unten in der Restauration hocken so an die drei Dutzend Zeitungsschreiber und lauern wie die Affen, und Briefe haben wir heute früh bekommen - Herr, du meine Güte! - bis gerade tausend habe ich gezählt, dann habe ich gefrühstückt, und da waren's noch nicht einmal die Hälfte, und weil ich dann nicht mehr wußte, welche Hälfte ich schon gezählt hatte, habe ich sie gleich alle ins Feuer gesteckt. Nur die, die auf recht weiches Papier geschrieben waren, habe ich aufgehoben, denn das Papier ist hier in Frankreich überhaupt rar. - Ja, was ich sagen wollte, wir sind doch nicht hier, um uns ausfragen zu lassen. Mein Kapitän ist wieder jung geworden, der will sich jetzt amüsieren, dem gefällt's hier, und da will er etwas erleben, aber doch nicht nur Liebesbriefe lesen. - Also, ihr sollt gleich mitkommen.«

So sprach Wilm, und dem Zeitungsmanne war nicht anders zumute, als wenn er das große Los gewonnen hätte.

Monsieur Girard war Journalist von Beruf, und er wußte, um was es sich hier handelte und was ihm für ein Auftrag winkte.

Wenn der namenlose Kapitän nicht selbst auf den Gedanken gekommen war, sich von dem Vertreter einer Zeitung, irgendeiner, interviewen zu lassen, so war ihm dazu jedenfalls von erfahrenerer Seite aus geraten worden.

Denn sonst würde der maskierte Kapitän hier keinen Augenblick Ruhe finden, überall würde man ihm nachschleichen, ihn belästigen, ihm jeden Bissen in den Mund zählen, und das wörtlich genommen, denn das Publikum muß doch wissen, wieviel und was ein >berühmter< Mann ißt und trinkt, ob des Morgens Kaffee oder Tee usw., und wenn der Verfolgte auch nur die kleinste Schwäche zeigte, daß er zu einer intimen Auskunft bereit sei, so würde man ihn einfach tot machen.

So ist es aber nicht nur in Monte Carlo, so geht es überall jeder berühmten oder sich durch irgendetwas Besonderes bemerkbar machenden Persönlichkeit, wie etwa einem bekannten Künstler, einem Klaviervirtuosen, noch mehr gilt das von einer gefeierten Konzertsängerin - und eben deshalb läßt sich diese Person überall, wo sie sich aufhält, gleich interviewen, macht diese Zeitung gleichzeitig zu ihrem Sprachrohr, dann hat sie Ruhe - und diese erwählte Zeitung hat dann natürlich das Fett abgeschöpft.

Und Monsieur Girard war der Mann, um zu interviewen. Er war kein englischer oder amerikanischer Reporter, aber verband dennoch mit journalistischem Scharfsinn eine gute Portion unverschämter Dreistigkeit, und er hatte diese kleine Zeitung nur gekauft, weil er alt wurde und ein bequemes Leben liebte. Denn in einem aufregenden, journalistischen Federkrieg wurde er durch den >Le Monte Carlo< ja nicht verwickelt.

Aber wenn er jetzt aufpaßte, da konnte er vielleicht einen >Schnitt< machen.

Er folgte der Ordonnanz die wenigen Schritte nach dem Hotel de Paris, und doch schon unterwegs an den einfachen Matrosen mit französischer Geschwätzigkeit Fragen über seinen Herrn stellend, was der Vertreter einer Weltzeitung nun freilich nicht getan hätte.

Der sonst so grobe Wilm zeigte sich denn auch ziemlich mitteilsam. Die Wiedergabe der Jugend seines Herrn durch einen indischen Professor, welcher auch die Grobheit des alten Kapitäns weggeschnitten zu haben schien, mochte sich auch rückwirkend auf den Diener äußern.

In den Briefen würde hauptsächlich immer angefragt, ob der Kapitän drei Tage zuvor wirklich ein ganz altersschwacher Greis gewesen und ob er jetzt wirklich wieder jung sei, und wie das Hiran Singh gemacht habe, und wo der >Herr Inder< jetzt sei, und ob er es nicht auch etwas billiger als für fünf Millionen Francs täte, und ob die Operation recht schmerze ... so erklärte Wilm, und dann hatten beide das Hotel erreicht.

Gestern im Spielsaal war das Interesse an dem geheimnisvollen Maskierten zuletzt von dem Eremiten verdrängt worden. Das konnte aber nicht lange währen. Warum nicht, das läßt sich mit drei Worten erklären: der Eremit ging wieder in seine Einsamkeit zurück; der Maskierte blieb, wenn nicht im Spielsaal, so doch in seinem Hotel, er blieb unter Menschen. Hierin liegt ein großer Unterschied; denn ... »Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach, der ist bald allein ...«

Und wem half es denn etwas, daß der sonderbare Einsiedler mit seinem erhobenen Arme eine Tischkasse gesprengt hatte? Kurz und gut, das Hauptinteresse hatte sich wieder dem Prinzen von Monte Carlo, wie der Kapitän in seiner neuen Lebensauflage schon allgemein genannt wurde, zugelenkt.

Wirklich, die Hotelrestauration saß voller >Zeitungsmenschen<. Jede große Zeitung hat in Monte Carlo während der Saison ihre Berichterstatter, und wenn diese hier auch nicht annähernd solche kolossalen Summen ausgeben dürfen, wie z. B. die Kriegsberichterstatter, oder überhaupt, wenn Politik in Betracht kommt, so gibt es doch immerhin auch hier, wo sich die Geldfürsten aus aller Welt und andere Größen alljährlich ein Rendevouz geben, interessante Neuigkeiten zu erhaschen, für welche auch bezahlt werden kann - und dann kommt manchmal noch die Ehre mit ins Spiel, eine Zeitung sucht die andere mit sensationellen Berichten zu überbieten.

Die Ankunft von Monsieur Girard verursachte ein allgemeines >Stuhlaufstehen<. Denn es war bekannt, daß er von dem rätselhaften Kapitän bestellt worden war, um sich interviewen zu lassen, jetzt versuchte jeder der Journalisten den Bevorzugten heimlich beiseite zu ziehen, dadurch ward es natürlich aber eher ein wildes Getümmel, schon mehr eine Art Handgemenge, und schließlich entstand daraus eine Art von Auktion.

»Monsieur Girard, wir sind doch gute Freunde,« begann der Pariser Figaro, den Glücklichen gleich bei drei Rockknöpfen packend, »ich zahle Ihnen ...«

»Und fünfzig mehr,« schaltete da gleich der Daily Telegraph ein.

» ... fünfhundert Francs,« ergänzte Figaro schreiend seinen begonnenen Satz.

»Und fünfzig mehr,« sagte abermals der Londoner Daily Telegraph, die Hände in den Hosentaschen.

Jetzt kam der New York Herald angestürzt und riß den Monsieur Girard von dem Figaro los, daß diesem von den Rockknöpfen zwei in der Hand blieben.

»Achthundert Francs!«

»Und fünfzig mehr,« echote der Telegraph.

»Tausend Francs,« warf jetzt die Times nachlässig ein.

»Und fünfzig,« beharrte der eigensinnige Telegraph.

Die vornehme Times zog sich nach ihrem einmaligen Angebot gleich stolz zurück. Auf solche Neuigkeitshascherei läßt die sich nicht ein.

Ja, auf was boten die Herren eigentlich?

Darauf, daß ihnen Monsieur Girard dann sofort, wenn er wieder von dem Kapitän herunterkam, alles mitteilte, was er erfahren hatte, noch ehe er es in seiner eigenen Zeitung veröffentlichte. Das telegraphierte der Journalist, welcher den Sieg davongetragen, dann schleunigst seiner Zeitung zu, und wenn das Telegramm auch 1000 Francs kostete, das schadete nichts, und wer die Zeitungsverhältnisse kennt, der weiß, wie sich so etwas rentiert.

»Monsieur Girard,« fängt da der Pariser Figaro wieder zu schreien an, »wissen sie noch, vor zwanzig Jahren, als Sie kein Hemd auf dem Leibe hatten, wie ich Ihnen da zehn Francs pumpte, damit Sie sich eine neue Hose kaufen konnten?«

Nützt alles nichts ...

»Und fünfzig,« sagt der Daily Telegraph phlegmatisch, denn der weiß ganz genau, daß fünfzig Francs in den Augen des Herrn Alfons Napoleon Bonaparte Girard mehr Wert haben als eine vor zwanzig Jahren geschenkte Hose.

»Na, dann zweitausend Francs!«

»Und fünfzig.«

»Dreitausend Francs!« ruft jetzt der New York Herald.

»Und fünfzig,« echot der stierköpfige Telegraph.

»Dreitausendfünfhundert Francs!«

»Und fünfzig.«

»Gehen Sie zum Teufel!«

»Und fünfzig.«

»Herr, Sie wollen mich foppen!«

»Und fünfzig.«

»Hängen Sie sich fünfzigmal!«

»Und fünfzig.«

»Zehntausend Francs!« erklingt es da, gleich mit einem gewaltigen Sprung, und jetzt kommt das >und fünfzig< nicht mehr, alles zieht sich sofort vom Kampfplatz zurück.

Denn es ist Mr. Dixon, der das gesagt hat, von seinen Kollegen wird er Dixi genannt, Berichterstatter der in London erscheinenden >Daily Mail<.

Das hätte an sich nichts zu sagen, die Daily Mail kann dem Daily Telegraph nicht das Wasser reichen, noch weniger dem New York Herald, aber die Mail ist nur eine der 78 großen Zeitungen, welche die Brüder Hobwell verlegen und Mr. George Hobwell befindet sich selbst in der Restauration, und da freilich wäre alles vergeblich, dieser Zeitungskrösus läßt doch seinen Berichterstatter nicht im Stich, dieser handelt doch erst in seinem Auftrag und hier geht es um die Ehre.

»Also zehntausend Francs,« sagte Monseur Girard mit erhobenem Zeigefinger, und als der Engländer genickt hatte, war das Geschäft abgeschlossen, Monsieur Girard konnte seinen Weg fortsetzen - drei Rockknöpfe ärmer und um 10.000 Francs reicher.

Ja - das war einmal ein Geschäftchen gewesen - 10.000 Francs so am frühen Morgen in der zehnten Stunde, - wenn es keine verrückten Engländer und Yankees gäbe!

Das Allerheiligste wurde vom Zimmerkellner ohne weiteres geöffnet und Monsieur Girard eingelassen.

Der maskierte Prinz von Monte Carlo trug denselben eleganten Straßenanzug wie gestern, er mochte als alter Mann doch nicht für weitere Garderobe zum neuen Leben gesorgt haben, traf aber schon Vorbereitungen, diese zu ergänzen, denn er prüfte soeben eine Musterkollektion von Stoffen, die er sich aus einem Magazin bereits hatte kommen lassen. Zu dieser Beschäftigung hatte er sich des Rockes entledigt, auch noch etwas die Hemdärmel aufgestreift, und Monsieur Girard konnte die von Muskeln strotzenden Arme anstaunen, die er da zu sehen bekam.

Der Kapitän erhob sich.

»Monsieur Girard von der hier erscheinenden Zeitung?« begann er in jovialem Ton. »Sehr angenehm. Verzeihen Sie, wenn ich Sie in Hemdärmel empfange, aber ich kann es beim besten Willen nicht hindern. Mein einziger Rock befindet sich unter der Kleiderbürste meines Dieners, und meine früheren Sachen passen mir nicht mehr, ich bin wieder voll geworden wie in meinen jungen Jahren.«

Dieses Thema kurz abbrechend deutete er auf den ungeheueren Stapel von Briefen, der sich auf dem Tische auftürmte.

»Da sehen Sie mal die Briefe, mit denen man mich überflutet. Und das ist erst die erste Post, ich erwarte noch mehr. Die meisten enthalten, soweit ich sie studiert habe, Fragen; anstandshalber müßte ich sie doch beantworten, und da ich dies nicht mag, überhaupt nicht kann, auch keinen fremdem Sekretär in die Geheimnisse einweihen will, die mir ganz unbekannte Personen, besonders Damen, mit wunderbarer Offenheit anvertrauen, so muß dieser einseitigen Korrespondenz ein Ende gemacht werden. Deshalb habe ich den Redakteur der hiesigen Zeitung zu mir bitten lassen.«

Wie ganz anders sprach dieser Mann jetzt. Der war ja die Liebenswürdigkeit selbst geworden!

»Herr Kapitän, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Nein, vielmehr ich stehe zu Ihrer Verfügung. Bedienen Sie sich aus den Zigarrenkisten. Notieren Sie ungeniert. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich setze überhaupt voraus, daß Sie meine Antworten in Ihrer wertgeschätzten Zeitung möglichst wortgetreu wiedergeben.«

Monsieur Girard nahm Platz und zog gewohnheitsmäßig sein Notizbuch. Der Maskierte hatte sich ihm gegenüber niedergelassen.

»Wer sind Sie, mein Herr?« begann also der Interviewer mit möglichster Ungeniertheit.

»Der Kapitän der Heliotrop,« war die prompte Antwort.

»Ja, aber wie ist Ihr eigentlicher Name, wenn ich bitten darf?«

»Das ist mein Geheimnis. Darauf waren Sie doch schon gefaßt, daß ich Ihnen nicht alle Fragen beantworten würde. Ich habe mir doch nicht umsonst vom Fürsten dieses Landes ein Passepartout ausgewirkt, trage doch nicht umsonst eine mir sehr unbequeme Maske. - Bitte, fahren Sie zu fragen fort!«

»Ja, wenn Sie aber immer sagen: das ist mein Geheimnis - dann werde ich nicht viel von Ihnen erfahren.«

»Herr Redakteur,« erklang es in etwas scharfem Tone, und der Kapitän zeigte, daß er auch als junger Mann unduldsam werden konnte und ans Befehlen gewöhnt war, »wenn Sie als Journalist die Flinte so schnell ins Korn werfen, so scheine ich in Ihnen nicht den richtigen Interviewer gefunden zu haben, da muß ich mich nach einem anderen umsehen, der mich besser zu nehmen versteht - und unten sind noch genug Journalisten.«

Monsieur Girard verwünschte seine dumme Bemerkung und nahm sich vor, nicht wieder so vorlaut zu sein.

»Verzeihen Sie - so war das nicht gemeint. - Wann sind Sie geboren?«

»Das ist und bleibt wiederum mein Geheimnis, obgleich ich kein junges Mädchen bin, vielmehr ein sehr alter Knabe - ich habe nämlich bereits die Achtzig überschritten, und in solch einem Alter verleugnet doch nicht einmal mehr eine fortgeschrittene Jungfrau ihr Geburtsjahr. - Doch nun lassen Sie mich erst einmal fragen: wie spricht man hier über mich und den ganzen Fall?«

Was Monsieur Girard auch im Augenblick über die achtzig Jahre denken mochte - jedenfalls erinnerte er sich jetzt gerade der angebotenen Zigarren, und er war nicht der Mann, sich so etwas entgehen zu lassen. In Monaco sind gute Zigarren ebenso rar wie in ganz Frankreich, es ist ein sehr hoher Zoll darauf, und die vier auf dem Tisch stehenden Kistchen verrieten schon durch ihr Äußeres, daß sie direkt in Havanna gepackt worden waren - Monsieur suchte sich also die ihm am besten gefallende Farbe aus, brannte die Zigarre bedächtig an, und während dieser langen Prozedur hielt er immer die Schultern bis an die Ohrläppchen gezogen, bis endlich aus dieser stummen Geste Worte wurden.

»Das ist alles noch zu jung - der Knalleffekt ereignete sich doch erst gestern nachmittag - bis jetzt ist alles noch ... ist alles noch ... einfach paff! Die fragenden Gedanken müssen erst noch geordnet werden. Man könnte ja annehmen, daß Sie ein Fürst sind oder ein Fürstensohn, der sich unbekannt hinter einer Maske einmal tüchtig amüsieren will, da wäre der Passepartout unseres Landesherrn gleich geklärt - aber nun der Indier - die ganzen Vorbereitungen - ich bin mit allen anderen einfach paff, und ich hoffe nur, jetzt von Ihnen Aufklärungen zu erhalten.«

»Nun,« erwiderte der Kapitän, »einiges über mich kann ich Ihnen mitteilen, und ich tue es, um mich eben vor weiterer Neugier zu schützen. Meinen Namen und meine Nationalität verrate ich also nicht. Und warum ich eine Maske trage? Dazu habe ich einen triftigen Grund. Ich habe einst eine wichtige Rolle gespielt, man könnte mich, wie ich jetzt wieder aussehe, leicht erkennen, und das wäre mir sehr unangenehm.«

Aha, jetzt kam es! Jetzt hieß es für Monsieur Girard, den ganzen journalistischen Scharfsinn zusammennehmen, um geschickte Fragen zu stellen.

»Was für eine Rolle spielten Sie in der Achtundvierziger-Revolution?«

Alle Hochachtung vor Monsieur Alphons Napoleon Bonaparte Girards journalistischem Talent! Nein, da kann man nur von Genialität sprechen!

Mit einem einzigen Schlage hatte er drei Fliegen geklatscht, drei Fragen gestellt: Zeit seines Wirkens, Nationalität und ... hatte der Maskierte denn überhaupt schon etwas von einer politischen Rolle gesagt? Das geborene Genie ahnt stets die Wahrheit, also auch der Chefredakteur des >Le Monte Carlo<. Er hatte den Nagel mit unfehlbarer Sicherheit auf den Kopf getroffen.

Denn kaum war die Frage erklungen, so hatte ihn hinter der Maske hervor ein Blick getroffen, dem man die Erschrockenheit gleich ansah, der Kapitän stand schnell auf, machte einige Gänge durchs Zimmer und räusperte sich mit offener Verlegenheit.

»Mein Herr, darüber lasse ich mich natürlich nicht aus, sonst könnte ich mich gleich direkt zu erkennen geben. Ich war damals noch jung, erst dreißig Jahre alt, die französische Julirevolution spielte sich vor gerade zweiunddreißig Jahren ab, und ich habe, wie ich Ihnen schon sagte, die Achtzig bereits überschritten. Wie reimte sich dies also zusammen? Nein, die Julirevolution war es nicht, in welcher ich in der Weltgeschichte eine bekannte Rolle spielte.«

Nützte alles nichts, es war doch so, er hatte sich verraten, und Monsieur Girards Scharfsinn hatte das Richtige erraten. Er rieb sich vergnügt innerlich sozusagen die seelischen Hände. Wie alt konnte der Kapitän dann in Wirklichkeit sein? Wenn also nicht achtzig, dann doch mindestens siebzig. - Dann sah Monsieur Girard die muskulöse und zwar gebräunte, aber dennoch tadellos gepflegte Hand, er sah den herkulischen Arm, er sah, wie sich unter dem Hemd die Brust wölbte - es war an diesem Mann eben alles Jugendkraft und Jugendfrische - und da plötzlich klappte Monsieur Girard das Notizbuch zu und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, um sich nämlich zu empfehlen, er ließe sich nicht veralbern - doch ebenso schnell hatte er sich anders besonnen, blieb sitzen, klappte den Mund wieder zu und das Notizbuch wieder auf.

»Sie sind in einem Alter von dreißig Jahren aus der Welt verschwunden?«

»Habe ich denn schon gesagt, daß ich aus der Welt verschwunden bin? Meine Hochachtung, Monsieur Girard, Sie haben es erraten. Ja, in einem Alter von 34 Jahren.«

»In einem Alter von 34 Jahren aus der Welt verschwunden,« notierte der Journalist. »Sind Sie gestorben? Auf dem Schlachtfeld gefallen? Oder im Barrikadenkampf? Oder - sind Sie - vielleicht guillotiniert worden?«

Hinter der Maske lachte es heiter auf, und das war berechtigt.

»Nein, meines Lebens hat man mich nicht beraubt, nicht einmal meines Kopfes. Und doch, Sie haben in gewissem Sinne Recht. Ich galt für tot, und man glaubte, die Beweise meines Todes in den Händen zu haben. Genug hiervon!«

»Wo haben Sie sich unterdessen aufgehalten?« examinierte der Journalist weiter, immer eifrig notierend.

»Hierüber kann und will ich Ihnen nähere Auskünfte geben,« entgegnete der Kapitän, und nachdem er sich wieder gesetzt hatte, fuhr er fort:

»Ich abenteuerte einige Jahre in der Welt herum, immer auf der Flucht, das heißt, auf der Flucht vor der Gefahr, erkannt zu werden, daß man überhaupt erführe, wie ich noch am Leben sei. Einst erlitt ich in der Südsee Schiffbruch. Nur acht Menschen kamen mit dem Leben davon. Wir retteten uns auf eine Insel - und blieben darauf. Ich wurde der König. Ich bin es noch jetzt. Mein Volk besteht aus neunundsiebzig Untertanen. So viel waren es wenigstens, als ich die Insel zuletzt verließ. Vielleicht sind inzwischen noch einige hinzugekommen. Und die Insel kann sie ernähren, sie ist groß genug. Nun?«

»Wo liegt denn diese Insel?« fragte Monsieur Girard.

»In der Südsee. Mehr verrate ich nicht. Oder Sie glauben wohl auch, heute kann kein Robinson mehr existieren? Ha, lieber Mann, kommen Sie nur einmal nach der Südsee! Oder besehen Sie sich nur eine große Seefahrtskarte. Oder erkundigen Sie sich doch ganz einfach bei einem Seemanne, er braucht noch gar nicht dort unten gewesen zu sen.«

Aber Monsieur Girard wies den Verdacht, daß er so etwas nicht glauben könne, energisch zurück, und daran tat er sehr recht. Die Ansicht, daß es heutzutage keine von der Jagd lebenden Indianer mehr gäbe und daß heutzutage kein Robinson mehr auf einer einsamen Insel existieren könne, spukt nur in den Köpfen von jenen Leuten, die keine Ahnung haben, wie es draußen in der Welt aussieht.

»Meine Insel,« fuhr der geheimnisvolle Kapitän fort, »ist so entlegen und so mit Korallenriffen verbarrikadiert, daß unsere Entdeckung fast ganz ausgeschlossen ist. Mehr spreche ich hierüber nicht. Dagegen wäre Ihre Frage berechtigt, wie ich nach und nach zu den neunundsiebzig Untertanen gekommen bin, da wir doch nur neun Schiffbrüchige waren. Sehr einfach ...«

»Die Insel war von Eingeborenen bevölkert, mit deren Frauen haben Sie und die anderen sich vermischt,« ergänzte Girard.

»Auch, ja. Es waren einige Eingeborene mit ihren Weibern da. Aber unter uns Schiffbrüchigen befanden sich auch drei weiße Frauen.«

»Aha. Sind die Matrosen, welche Sie auf der Heliotrop haben, auf der Insel geboren worden?«

»Sämtlich. Fällt Ihnen vielleicht auf, daß sie ein so europäisches Gepräge tragen? Ja, ich habe mein Volk in zwei Rassen geteilt und meine Europäer durch strenge Gesetze sehr rasserein zu halten gewußt. Es waren einige Skandinavier darunter, die Frauen waren sämtlich Schwedinnen.«

»Sie sind doch reich, Herr Kapitän. Wie kommen Sie zu den Goldbarren im Wert von fünf Millionen Francs?«

»Und wie komme ich zu diesen Diamanten?« ergänzte der Maskierte, seine Hand ausstreckend, an welcher außer dem grünen Diamanten noch andere kostbare Edelsteine funkelten.

»Ja, wie kommen Sie dazu?«

»Das alles liefert mir meine Insel.«

»Gold und Diamanten?« staunte der Journalist und das Herz blieb ihm gleich stehen. »Sind denn dort unten nicht nur reine Koralleninseln?«

»Ja, auch die meine ist eine Koralleninsel, und Ihr Zweifel, den ich aus Ihren Worten herauszuhören glaube, ist gerechtfertigt. Die Natur hat diese Schätze dort auch nicht in den Boden gelegt. Aber können sie nicht auf eine andere Weise hingekommen sein?«

Monsieur Girard wurde von einem richtigen Fieber befallen.

»Sie haben auf der Insel richtige Schätze gefunden?«

»Ich sage nichts, ich mache nur eine Andeutung.«

»Das Wrack eines Goldschiffs ...?«

»Ich sage nichts.«

»Oder ... die heimliche Schatzkammer von ... Seeräubern?«

War das Staunen oder Schreck, was jetzt die Maske verbarg, als der Kapitän sich plötzlich mit einer so hastigen Bewegung von dem Sprecher abwandte.

»Mann, wie kommen Sie auf solch eine ... Sie irren sich vollkommen ... ich sage nichts! Aber, Herr Redakteur, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie in Ihrem Bericht alles vermeiden, was einen unsinnigen Verdacht aufkommen lassen könnte, daß ich Seeräuberei triebe. Seepiraten - Unsinn! Die gibt's ja heute gar nicht mehr. Lächerlich! Und doch spuken sie noch immer im Kopf des Volkes. - Daß Sie nicht etwa eine solche Andeutung über mich machen! Dann wären wir fertig miteinander!«

Der Kapitän, der ganz unwirsch geworden war, hatte sich erhoben, um wieder einige aufgeregte Gänge durchs Zimmer zu machen.

Monsieur Girard aber saß wie vom Donner gerührt da. Er hatte zufällig auf den Busch geklopft und ... der Fuchs war herausgesprungen! Er glaubte seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, und nun wußte er ganz bestimmt, das Richtige getroffen zu haben. Also ein Seeräuber!

Jetzt wußte er sich zu beherrschen.

»Selbstverständlich nicht. Seeräuber sind ja unter unseren heutigen Verhältnissen gar nicht mehr möglich,« lächelte er.

»Wie nun ist das Gold auf dem Schatzamt zu Washington geeicht worden?«

»Einfach dadurch, daß ich es selbst dorthin gebracht habe.«

Der Kapitän hatte sich wieder gesetzt.

»Wo ist die Heliotrop gebaut worden?«

»Das ist wieder mein Geheimnis. Außerdem haben wir Insulaner uns auch industriell recht hübsch entwickelt, wir sind imstande, alles, was wir brauchen, selbst anzufertigen.«

»Also auch die Heliotrop ist auf der Insel gebaut worden?«

»Nein, nein, das können wir allerdings nicht! Was meinen Sie wohl, was dazu gehört, um solch ein stählernes Schiff von Grund auf zu bauen! Wohl aber können wir die fix und fertig gelieferten Teile auf der Insel montieren, und das haben wir denn auch getan.«

»Die verschiedenen Teile sind von verschiedenen Werften und Fabriken geliefert worden, nicht wahr?«

»Sie haben das Richtige erraten.«

»Was hat es denn nun mit Hiran Singh und mit Ihrer Verjüngung für eine Bewandtnis?« fragte Monsieur Girard direkt.

»Hierüber will ich Ihnen nähere Auskunft geben, und das ist doch die Hauptsache unserer Unterredung, mit dieser Erklärung hoffe ich, auch dem Briefschreiben ein für allemal ein Ende zu machen. Schreiben Sie nach?«

»Ich stenografiere alles wörtlich.«

»Es sind gerade elf Jahre her,« begann der Kapitän, »als in der Nähe meiner Insel ein Schiffbrüchiger halb verschmachtet im offenen Boote aufgefischt wurde. Es war ein Indier, ein alter Mann, der sich Hiran Singh nannte ...«

»Derselbe indische Professor?« unterbrach Girard den Erzähler.

»Gleich, gleich. Ich nahm den Indier gastfreundlich auf, wir fanden aneinander Gefallen, und eines Tages vertraute mir der Alte sein Geheimnis an. Er nannte sich keinen Adepten, keinen Magier, aber er war doch ein grundgescheiter Mann, der noch etwas mehr konnte als Brotessen. Er wollte einem Verjüngungselixier auf der Spur sein. Ich, selbst schon ein alter Mann, lachte über diese wahnsinnige Idee damals gerade so, wie Sie jetzt darüber lachen ...«

»Oh nein, Herr Kapitän, ganz und gar nicht, und wir haben doch sichtbare Beweise dafür bekommen, daß wirklich etwas daran sein muß.<

»Kurz und gut, ich glaubte ihm nicht, was er mir da vorschwatzte, ich verstand ihn auch gar nicht. Als er wiederhergestellt war, brachte ich ihn auf seinen Wunsch nach Singapore, er wollte seine Entdeckung, die aber noch in der Kinderwiege läge, weiterverfolgen, und wenn er so weit sei und sich selbst verjüngt habe, wolle er aus Dankbarkeit die Kur an mir vornehmen. Wir müssen, wenn wir komfortabel leben wollen, mit der Außenwelt in Verbindung bleiben, so kam ich öfters nach Singapore und nach anderen Häfen, wo man mich, der ich nun einmal als Verschollener gelten wollte, nicht belästigte - und eines Tages, zwei Jahre später, nachdem Hiran Singh mich verlassen hatte, stellt sich mir in Singapore ein blutjunger Indier vor, nennt sich Hiran Singh und weiß mich zu überzeugen, daß er derselbe Hiran Singh ist, jetzt aber so um vierzig Jahre verjüngt!«

»Wunderbar!« staunte der Journalist, ob nun gekünstelt oder nicht.

»Na, ich wurde eben geradezu gezwungen, es zu glauben, und ich war natürlich außer mir, und das umso mehr, weil ich gerade damals recht alt zu werden begann, es kommt doch so eine Zeit, da man seine Kräfte merklich schwinden fühlt, aber mein Geist war noch frisch, und ich hatte noch große Pläne vor. >Hiran Singh, verjünge mich, und fordere dafür, was du haben willst!< So rief ich ...«

»Das hätte ich auch gerufen,« bemerkte der Stenografierende. »Und Ihr einstiger Gastfreund, dem Sie das Leben gerettet, war natürlich auch bereit dazu.«

»Nicht sogleich. Mit der Verjüngung scheint der Mensch auch wieder ganz andere, wieder die früheren Gedanken und Neigungen zu bekommen, das merke ich ja auch ganz deutlich an mir selbst, und dieser Hiran Singh muß früher nicht viel auf Dankbarkeit und auf das gegebene Wort gehalten haben, denn jetzt sprach er fortwährend von den furchtbaren Kosten, die er dabei hätte - na, kurz und gut, ich merkte ja gleich, wo er hinaus wollte, er solle nur offen sprechen, und zuletzt verlangte er hunderttausend Rupein, so viel koste das Herbeischaffen der Ingredienzien zu seiner geheimen Medizin, und vielleicht mag das auch sein, denn ich merkte dann auch etwas Eigentümliches ...«

»Was merkten Sie Eigentümliches, wenn ich fragen darf?«

»Davon nachher! - Hunderttausend Rupien! Was war denn das für mich, der der ich über - kurz, ich versprach ihm nach hiesigem Gelde fünf Millionen Francs, wenn er mich von der Last des Alters befreien würde. Doch das ging nicht so schnell. Sechs ganze Jahre lang mußte ich erst jeden Tag früh ein Gläschen Medizin nehmen, um meine Körpersäfte zu renovieren und mich sonst zur Hauptkur tauglich zu machen - er hatte dafür wunderliche Ausdrücke, die ich nicht verstand - und als diese sechs Jahre endlich mit dem Medizineinnehmen vergangen waren, dann sollte das Gelingen der Kur auch noch von der Stellung der Sterne abhängig sein! Was ich alles durchgemacht habe, nämlich vor Erwartung und Ungeduld - ich will gar nicht mehr daran denken! Daß mir eine schmerzhafte Operation bevorstand, ohne zu wissen, was er denn eigentlich operieren wolle - das war mir alles ganz gleichgültig geworden. Ich wollte nur Gewißheit haben, ob ich nicht einem Schwindler in die Hände gefallen sei, der immer und immer wieder große Summen als Vorschuß von mir forderte, um jenes höllische Elixier brauen zu können. Aber ich wurde immer älter und hoffte und hoffte, ich hatte mich eben in eine fixe Idee verrannt - und wenn mich Hiran Singh nach Shanghai bestellte, dorthin wiesen die Sterne, so segelte ich schnellstens nach Shanghai - und dann war dort die Stellung der Sterne zu der Operation noch nicht günstig, die Operation müsse in Quito geschehen - und ich also schleunigst nach Quito auf der anderen Seite der Erdhalbkugel gejagt - und dort war es immer noch nicht richtig - und so ging das Jahr und Jahre fort, und ich war schon ganz wahnsinnig geworden, ich wußte ganz genau, daß ich das Opfer eines Gauners war, der über mich Narren lachte, und ich mußte dennoch an ihn glauben, weil ich die überzeugendsten Beweise in Händen hatte, daß er wirklich der alte Hiran Singh in neuer Ausgabe sei. Natürlich versuchte ich, mich seiner Person zu bemächtigen, ich hätte ihn einfach als Gefangenen behandelt, aber das gelang mir nicht, er bestellte mich hierhin und dorthin, und er würde schon zur rechten Zeit dort sein, und wiederum war ich doch nicht sein Narr, denn Hiran Singh gab mir noch andere Proben, daß er im Besitze von außerordentlichen Geheimnissen ist ...«

»Was für Proben gab er Ihnen? Was für Geheimnisse meinen Sie?«

»Hierüber darf ich unter keinen Umständen sprechen, der Indier hat mir mein Wort abgenommen. - Sonst noch etwas, ehe ich fortfahre?«

»Vor drei Jahren hat Hiran Singh Sie nach Colombo bestellt?«

»Woher wissen Sie das?«

»Der junge Lord Hannibal hat Sie dort mit der Heliotrop gesehen.«

»Ach so. Ja, warum soll er nicht? Ja, nach Colombo hatte mich Hiran Singh auch einmal bestellt, und das kann wohl gerade vor drei Jahren gewesen sein, denn ich weiß, daß meine Jacht, als ich in Colombo lag, noch Kesselfeuerung hatte, gleich hinterher ließ ich sie umbauen.«

»Stimmt, stimmt,« nickte Monsieur Girard. »Und wohin waren Sie voriges Jahr bestellt worden? Entschuldigen Sie, ich habe einen besonderen Grund, so zu fragen, es ist nicht nur Neugier, auch kein Zweifel ...«

»Bitte sehr, fragen Sie, wenn Sie sich dadurch überzeugen können. - Voriges Jahr? Da war ich in Kapstadt.«

»Sonst noch wo anders?«

»Dann bestellte mich Hiran Singh nach Buenos Aires.«

»Stimmt. Dort hat Sie nämlich der Lord Roger abermals getroffen.«

»Nun,« fuhr der Kapitän nach diesen Zwischenfragen fort, »zuletzt bestellte mich Hiran Singh nach Monte Carlo, gerade hierher wiesen die Sterne, und zwar sprach er jetzt mit einer solchen Überzeugung, daß ich ihm wieder mehr Vertrauen schenkte. Bisher hatte er ja noch, gestand er ganz offen, sehr viel im Dunkeln getastet, habe viel von Zufällen abgehangen, sich selbst habe er ja sein ganzes Leben lang studiert, mich kenne er ja erst seit zwölf Jahren, deshalb müsse ich ihm seine Irrtümer in dieser großen Sache verzeihen. Jetzt aber sei ihm vieles, was bisher auch ihm ein Rätsel gewesen, zur Erkenntnis gekommen, jetzt könne er die Zahl der glücklichen Operationen mit unfehlbarer Sicherheit bestimmen ...«

»Wie verkehrten Sie denn mit dem Indier, wenn er nicht auf der Insel war?«

»Brieflich, einfach immer brieflich.«

»Sind Sie denn auf Ihrer Insel mit der Post verbunden?«

Der Maskierte hob mehrmals die Schultern, als wolle er nicht recht mit der Sprache heraus.

»Mein Herr, hier liegt eben etwas vor, worüber ich dem Indier Schweigen gelobt habe. Er ist nicht etwa ein Zauberer, ist nicht mit überirdischen Kräften ausgestattet, aber ...« sehen Sie, das ist genau dasselbe, wie ich von hier aus an alle indischen Stationen telegraphierte, daß ich hier sei und auf ihn warte. Und acht Tage später traf er hier ein. Und ich habe doch gar nicht seine Adresse gewußt. Und wie kann er überhaupt in acht Tagen von Indien schon hier sein? Und daß er durch die Luft geflogen ist, das glaube ich auch nicht. Ich glaube nicht einmal, daß er in Indien gewesen ist. Aber nun versuchen Sie einmal herauszubekommen, wo er war und wie er hierhergekommen ist, ob hier in Monte Carlo oder sonstwo ein Eisenbahnbeamter ihn hat den Zug verlassen sehen? - Doch genug von diesem Rätsel. Ich will von mir selbst sprechen. Ich bin gleich zu Ende. - Hiran Singh war natürlich wieder nicht da. Ich gab jene Depesche auf. Die fünf Millionen Francs in Goldbarren hatte ich stets an Bord meines Schiffes. Diesmal hatte Hiran Singh gefordert, daß ich sie vorher bei einem Bankhaus deponieren sollte. Das wunderte mich schon sehr, das gab mir wieder etwas Hoffnung. Und richtig - diesmal kam er! Nun, die Operation wurde an mir vollzogen, ich schlief drei Tage - und als ich erwachte, war ich ein junger Mann - ein Jüngling - fühle mich jetzt noch so!«

Es hatte zuletzt jauchzend hinter der Maske geklungen, der Kapitän hatte wie in überschäumender Lust beide Arme ausgebreitet.

»Ja, aber - bitte, erklären Sie mir die Operation doch etwas näher.«

»Das kann ich nicht.«

»Weshalb nicht? Hat Ihnen der Indier hierüber Stillschweigen auferlegt?«

»Durchaus nicht. Aber ich weiß nichts davon zu erzählen, und Hiran Singh sprach sich nicht darüber aus. Ich mußte mich seinen Anforderungen fügen, und damit basta, und für mich gab es nur eins: sterben oder wieder jung werden. Ich gehorchte einfach.«

»Aber bitte, wie wurde die Operation denn eingeleitet? Mußten Sie sich auf den Operationstisch legen, oder was mußten Sie sonst tun?«

»Ach so. Das kann ich Ihnen sagen. Ja, hier in diesem Zimmer mußte ich mich entkleiden, hier in der Mitte stand dieser Tisch, aber ohne Decke, ich mußte mich darauflegen. Festgeschnallt wurde ich nicht, Hiran Singh deckte nur ein Tuch über mein Gesicht, das weiß ich noch, dann fühlte ich einen heftigen Stich in der Herzgegend - und da war ich weg.«

»Sie waren bewußtlos?«

»Sofort.«

»Sie haben doch eine halbe Stunde in einer furchtbaren Weise geschrien, ich selbst habe es gehört.«

»Ja, das hat man mir hinterher erzählt. Aber ich selbst weiß nichts davon.«

»Sie haben keine Schmerzen gefühlt?«

»Absolut nicht.«

»Ich denke, Sie bekamen einen heftigen Stich ins Herz?«

»Nun, haben Sie nicht einmal Herzstechen gehabt? So war es, nicht anders, und nur ein einziger Stich, schließlich gar nicht von Bedeutung.«

»Haben Sie denn eine Wunde in der Herzgegend?«

»Nein, am ganzen Körper nicht ... « halt, zur Ader scheint er mich allerdings gelassen zu haben; als ich erwachte, fühlte ich meinen linken Arm abgeschnürt, und den Matrosen, die mit ihm das Gold abholten, sagte er, ich könnte den Verband gleich nach dem Erwachen wieder abnehmen. Das habe ich denn auch getan.«

Der Kapitän streifte den linken Hemdärmel weit zurück. Monsieur Girard sah an dem von Muskeln und Sehnen starrenden Oberarm einen leichten schon verharschten Schnitt.

»Er mag das Blut in einem Gefäß aufgefangen und und dieses dann versehentlich umgestoßen haben,« setzte der Kapitän noch hinzu, als er den Ärmel wieder herabschob. »Als ich erwachte, sah ich dort den Porzellankrug am Boden liegen, er hatte Blut enthalten, doch war alles schon getrocknet. Daß das Blut durch die Decke gedrungen ist und solch eine Aufregung verursacht hat, ist mir sehr unangenehm. Der Indier hätte das Blut auch aufwischen können. Oder aber, ich habe mich im Schlafe bewegt und habe selbst das Gefäß auf irgendeine Weise umgestoßen.«

»Merkwürdig!« konnte Monsieur Girard nur sagen. »Wie fühlten Sie sich nach dem Erwachen?«

»So jung wie jetzt. Ich sprang aus dem Bett und fing gleich wie eine Lerche zu singen an.«

»Sie trugen einen Vollbart?«

»Den habe ich mir gleich von meiner Ordonnanz abnehmen lassen.«

»Der Vollbart war weiß.«

»Und nach meinem Erwachen war er schwarz geworden.«

Oho, jetzt aber stimmte etwas nicht.

»Man hat doch weiße Haarsträhnen in Ihrem Zimmer gefunden,« behauptete der Journalist unverzagt, denn jetzt kam es darauf an.

»Ja, das kann sein. Denn ich hatte mir kurz vorher, ehe der Indier kam, den weißen Bart von meiner Ordonnanz ganz bedeutend stutzen lassen. Dieses weiße Haar lag noch im Zimmer. Aber das, was von dem weißen Barte übrig geblieben, war nach dem Erwachen ebenso schwarz geworden wie mein Kopfhaar, es hatte sich sogar wie in meiner Jugend wieder zu Locken gewellt. - Ordonnanz!«

Die Nebentür war geöffnet gewesen. Aus dem anderen Zimmer kam Wilm herein, der also auch der ganzen Unterhaltung beigewohnt hatte.

»Gib mir das schwarze Kästchen mit den Haaren!«

Die Ordonnanz brachte das Verlangte. Der Kapitän entnahm der Schatulle aus Ebenholz weiße, noch zusammenhängende Haarbüschel, denen man es ansah, daß sie von einem Vollbart abgeschnitten worden waren, sowie andere Büschel von tiefschwarzem Haare, und gab von jedem dem Journalisten eine gute Probe.

»Nehmen Sie, stecken Sie es ein, lassen Sie von Sachverständigen untersuchen, ob es nicht ein und dasselbe Haar ist. Mehr brauche ich nicht zu sagen, und wenn sich die Haare verändert haben, so kann ich nichts dafür. Beide Haarproben sind von meinem Barte abgeschnitten, der Unterschied der Zeit beträgt drei Tage.«

Monsieur Girard nahm denn auch beide Proben und steckte sie ein. Allerdings würde er sie auf ihre Übereinstimmung untersuchen lassen, und fernerhin auch die Haarsträhnen, welche von dem Hotelpersonal in diesem Zimmer gefunden worden waren, nachdem der Kapitän es verlassen hatte.

»Ordonnanz, bringe auch die Medizinflasche!«

Wilm holte sie aus dem Nebenzimmer, eine große Flasche, zur Hälfte gefüllt mit einer hellgelben, klaren Flüssigkeit.

Mit andachtsvoller Feierlichkeit nahm der Kapitän sie ihm ab.

»Das ist die Medizin, welche ich zwölf Jahre lang nehmen mußte, und ihr schreibe ich den Haupterfolg zu. Ich sprach doch schon davon, daß mir etwas Eigentümliches aufgefallen ist. Damit meine ich diese Medizin. Wissen Sie, woran ich immer lebhaft erinnert werde, wenn ich diese Medizin nehme?«

»Nun?«

»An Schlangen.«

»An Schlangen?« wiederholte Monsieur Girard und ein gelindes Grauen überkam ihn.

»Ja, an Schlangen. Alle Schlangen und Eidechsen haben doch einen ganz eigentümlichen Geruch, und dieses Zeug schmeckt gerade so, wie Schlangen und Eidechsen riechen. Anders kann ich mich nicht ausdrücken. Dann kommt vielleicht noch der Geschmack von faulen Fischen und verwesten Krebsen hinzu. Wollen Sie mal kosten, Monsier Girard?«

Der Kapitän nahm den Kork ab und hielt die Bulle dem Franzosen hin, dieser aber fuhr mit ausgestreckten Händen zurück.

»Ach nein - ach nein - ich danke - ich danke wirklich - ich bin gar nicht durstig - ich, ich bin gar nicht so sehr alt, wollte ich sagen - ich möchte Sie nicht berauben.«

Hinter der Maske mochte ein sehr heiteres Gesicht gemacht werden, äußerlich war dem Kapitän nichts davon anzumerken; er drängte dem Entsetzten auch nicht weiter diese köstliche Medizin auf, sondern behielt die Flasche in der Hand, ohne den Kork wieder aufzusetzen.

»Und da erinnerte ich mich,« fuhr er in demselben feierlichen Tone fort, »daß der Indier auch schon auf meiner Insel Jagd auf Schlangen und Eidechsen und Seekrebse gemacht hatte. Also, das könnte stimmen. Und wissen sie, Monsieur Girard, was es mit Eidechsen und Krebsen für eine besondere Bewandtnis hat?«

»Mit Schlangen, Eidechsen und Krebsen? Nun, sie - kriechen alle auf dem Boden herum - ich bedaure, meine zoologischen Kenntnisse sind leider höchst mangelhaft. Bitte, wollen Sie mich belehren?«

»Alle drei Tiergattungen häuten sich ...«

»Ah, ah, ah,« machte Monsieur Girard geheimnisvoll, »ich beginne zu verstehen! Häuten, jawohl, häuten! Sie meinen, Sie haben sich gehäutet?«

»So ungefähr. Das ist aber noch nicht alles. Speziell die Eidechsen und die Krebse haben nämlich die wunderbare Eigenschaft, abgebrochene Gliedmaßen wieder ersetzen zu können.«

»Abgebrochene Gliedmaßen wieder ersetzen zu können!« echote Monsieur Girard. »Jawohl, jawohl, jetzt entsinne ich mich!!«

»Ja, das ist mir aufgefallen. Gar kein Zweifel, das steht in einem innigen Zusammenhang mit der menschlichen Verjüngung. Dieser Indier ist hinter ein großes Geheimnis gekommen. Daß ich zwölf jahre lang dieses Elixier nehmen mußte, das ist die Hauptsache gewesen, da hat sich bei mir innerlich eine Umwandlung vollzogen, die Säfte haben sich vielleicht erneuert - und dann war nur noch ein Trick nötig und die Umwandlung trat auch äußerlich zu Tage. - Ordonnanz, ein kleines, reines Fläschchen oder eine alte Eau de Cologne-Flasche, das wird nichts schaden. Es ist nämlich auch eine alkoholische Lösung.«

Der Kapitän füllte in das gebrachte Fläschchen etwas von der gelben Flüssigkeit aus der großen Flasche, schloß es mit einem Kork.

»So, das können Sie ebenfalls mitnehmen, lassen Sie es untersuchen. Ich bin selbst gespannt, was da eigentlich drinsteckt!«

Auch Monsieur Girard ward von einer andachtsvollen Feierlichkeit ergriffen, als er das dargereichte Fläschchen nahm und es in seiner Rocktasche versenkte.

»Hat Ihnen denn Monsieur Hiran Singh eine Untersuchung gestattet?«

»Er hat es mir wenigstens niemals verboten. Nun ist aber auch noch etwas anderes dabei. Hiran Singh behauptet, jetzt noch ein ganz anderes Elixier hergestellt zu haben oder doch ein viel kräftigeres, mit welchem nur eine Vorkur von einem einzigen Jahr nötig ist.«

»Und dann noch die Operation?«

»Die ist unter allen Umständen nötig. Aber was tut das? Sie ist ja völlig schmerzlos.«

»Oh, was für einen Segen kann dieser Indier über die Menschheit bringen!« rief der Franzose in Extase, obgleich ihm immer noch ... « recht seltsam zumute war. Kurz gesagt, er traute dem Braten noch nicht recht.

»Wo ist denn der Indier jetzt?« setzte er dann hinzu.

»Er bat mich, zum Fortschaffen seines Goldes meine Jacht benutzen zu dürfen. Selbstverständlich gestattete ich es ihm. Aber wohin er das Gold bringt oder wo er die Jacht verläßt, das allerdings darf ich unter keinen Umständen verraten, darauf habe ich ihm mein Ehrenwort geben müssen.«

»Dabei ist ein Geheimnis?«

»Allerdings.«

»Ist er nicht schriftlich zu erreichen?«

»Ich weiß gar nichts - gar nichts weiß ich,« entgegnete der Kapitän etwas schroff. »Haben Sie sonst noch eine Frage, mit deren Beantwortung ich die allgemeine Neugier befriedigen kann? Aber nun bitte, schnell, ich möchte dann mit Ihnen noch etwas anderes besprechen.«

Nein, wenn der wieder jung gewordene Kapitän nichts weiter über den braunen Wundermann sagen wollte oder konnte, so würde er auch nicht so leicht vor dem Publikum Ruhe bekommen. Aber jetzt dachte Monsier Girard an sein eigenes Interesse, an seinen Zeitungsartikel, er hatte noch mehr Fragen zu stellen, der Kapitän wurde ungeduldig, und so nahm er all seinen Scharfsinn zusammen.

»Wie sind Herr Kapitän zu dem vom Fürsten ausgestellten Passepartout gekommen?«

»Ich habe mich dem Fürsten anvertraut und ihn um seinen Schutz gebeten.«

»So weiß der Fürst, wer Sie sind?«

»Natürlich. Aber er ist auch der einzige Mensch, der darum weiß.«

»Er gestattete Ihnen in seinem Reich das Tragen einer Maske?«

»Ja. Der Fürst von Monaco ist ein edler Mann, er hatte Mitleid mit mir.«

»Weshalb Mitleid?«

»Weil ich ... « darüber spreche ich nicht. Ich hatte die Maske schon bereit liegen, denn Hiran Singh hatte mir gesagt, daß ich ganz mein früheres Aussehen wiederbekommen würde, und hätte ich die Maske nicht tragen dürfen, so hätte ich nur gleich nach meiner einsamen Insel fliehen können.«

»Weshalb?«

»Nun, eben weil ich mein Gesicht nicht sehen lassen darf.«

»Weshalb dürfen Sie Ihr Gesicht nicht sehen lassen?« fragte der jetzt dreister werdende Journalist beharrlich.

»Warum, warum?« meinte aber der Kapitän ungeduldig. »Den Grund habe ich Ihnen doch schon gesagt!«

»Verzeihung, aber diesen Grund haben der Herr Kapitän mir nicht gesagt. Gestatten Sie, daß ich frage. Würden Sie, wenn man Sie erkennt oder nur weiß, wer Sie sind, auch jetzt noch verhaftet werden?«

»Nein, das auf keinen Fall, ich trage überhaupt keine Schuld auf meinem Gewissen, aber ... « ich sage hierüber nichts mehr.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Monsieur Girard kopfschüttelnd.

»Das tut mir sehr leid - nein, das freut mich vielmehr sehr.«

»Und ohne Maske würde man Sie sofort wiedererkennen?«

»Sofort.«

»Jene Leute, welche damals mit Ihnen eine Rolle gespielt haben?«

»Nein, sogar junge Leute, welche damals noch gar nicht gelebt haben. Denn mein Gesicht fällt durch etwas Besonderes auf, und das genügt, um mich sofort zu verraten.«

Da kam dem Journalisten eine sonderbare Idee.

»Haben Sie vielleicht keine Nase?« fragte er naiv.

»Nun hören Sie aber endlich auf!« lachte es belustigt und ärgerlich zugleich hinter der Maske. »Jetzt will ich Ihnen sagen, was ich von Ihnen verlange. Sie sollen mir behilflich sein.«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vierzig Jahre lang bin ich in der Einsamkeit vergraben gewesen, und wenn ich auch einmal in die weite Welt hinauskam - an Bord meines Schiffes und unter meinen Leuten war ich trotz alledem immer allein, einen anderen Anschluß suchte ich alter Mann nicht mehr, ich brauchte keine Gesellschaft. So ist mir die Welt ganz fremd geworden, ich muß erst wieder wie ein schüchterner Jüngling eingeführt werden. Das fühlte ich recht deutlich gestern, als ich das Kasino betrat. Da sah ich einige pompöse Damen. Besonders die eine machte großen Eindruck auf mich ...«

»Wenn der Herr Kapitän die Dame nur einigermaßen beschreiben können - ich kenne sie alle,« lächelte Monsieur Girard selbstgefällig, und er hatte recht, denn der Herausgeber des >Le Monte Carlo< war zugleich auch das lebendige Adreßbuch von ganz Monaco.

»Eine große, volle Figur mit blendend weißer Haut und roten Haaren ...«

»Madame Pompadour,« sagte der Redakteur sofort.

»Madame Pompadour?« wiederholte der Kapitän verwundert. »Ist sie verwandt mit jener berühmten Maitresse?«

»Oh nein - in gewissem Sinne allerdings verwandt - denn es ist eine Kokotte, und hier muß jede Kokotte einen Spitznamen haben.«

»Eine Kokotte?« erklang es wiederum verwundert. »Was ist das nun wieder?«

Jetzt staunte Monsieur Girard. Wußte der nicht einmal, was eine Kokotte ist? O holde Unschuld! Der mußte der Welt wirklich sehr entfremdet worden sein!

Das lebendige Auskunftsbuch von Monte Carlo gab eine zarte, aber doch deutliche Erklärung, was man unter einer Kokotte versteht.

»Ach so. Nun ja, das hätte ich mir eigentlich auch denken können. Dann bewunderte ich eine andere Dame, das kann aber unmöglich eine solche Kokotte gewesen sein, es war ein junges Mädchen, sie saß neben einem alten Herren ...«

» ... mit weißem Vollbart und goldener Brille; als er auf der Null einen Hundertfrancsschein verlor, verließ er mit der jungen Dame den Saal.«

»Es ist erstaunlich, wie Sie alles beobachten. Ja, die meine ich.«

Das war aber gar nicht erstaunlich, denn man hatte doch gestern bemerkt, wie der Maskierte die beiden am Spieltisch beobachtet hatte, und das machte nun schon in dem kleinen Klatschnest die Runde.

Es war aber auch noch ein anderer Grund vorhanden, daß man sich mit jenen beiden beschäftigte, wie gleich gezeigt werden soll.

»Nun, wer waren jene beiden?« fragte der Kapitän.

»Herr Emil Richter aus Berlin nebst Fräulein Tochter.«

Der Kapitän saß unbeweglich da, es war fast, als ob er eine Fortsetzung der Auskunft erwartete, und wirklich, diese kam auch.

»In Wirklichkeit aber heißt er Ernst von Marbach und ist Gutsbesitzer in Pommern. Der Name seiner Tochter Johanna ist der richtige.«

Der Kapitän machte eine Bewegung. »Wo logieren die beiden?«

Jetzt machte Monsieur Girard ein ganz merkwürdiges Gesicht - ein Physiognomiker würde es das >Gesicht eines Geheimniskrämers< genannt haben.

»Auf der Teufelsinsel.«

»Wo?«

»Seit heute früh logieren die beiden auf der Teufelsinsel.«

»Wo ist denn das?«

Die Physiognomie der Geheimniskrämerei verstärkte sich noch.

»Das ist ein Friedhof von Monte Carlo.«

Der Kapitän beugte sich vor.

»Was?« erklang es leise hinter der Maske.

»Die Begräbnisstätte der Selbstmörder.«

»Was?« erklang es jetzt heiser.

Und nun konnte der Geheimniskrämer nicht mehr an sich halten, er mußte herausplatzen, oder das Herz brach ihm.

»Die beiden sind heute nacht tot in ihrer Pension aufgefunden worden, beide haben sich mit Blausäure vergiftet. Es war übrigens vorauszusehen gewesen, der Alte hatte sein Geld verspielt.«

Langsam, mit den ruckmäßigen Bewegungen eines Automaten erhob sich der Kapitän. Plötzlich machte er einen hastigen Griff mit der Hand nach der Maske.

»Ver - ver - verzeihen Sie, ich habe Nasenbluten bekommen!«

Mit diesen Worten eilte er in das Nebenzimmer, und es war keine Verstellung gewesen, der Redakteur hatte wirklich unter der Maske plötzlich Blut hervorquellen sehen. Nur hätte der Kapitän deswegen jene Worte nicht mit so heiserer Stimme hervorzustoßen brauchen.

2. Auf der Teufelsinsel

Wieder einmal!

Und diesmal war es dazu noch eine furchtbare Tragödie, deren Spuren schleunigst beseitigt werden mußten, um Monte Carlos >guten Ruf< nicht ganz und gar zu schänden. In die Zeitungen kam es allerdings doch.

Wir wollen etwas erzählen, was den Beamten, welche für die Aufklärung solcher Fälle zu sorgen haben, nicht vollständig zu Ohren kam.

Wer hätte noch vor zwei Monaten zu glauben gewagt, daß der Gutsbesiter Ernst von Marbach, Hauptmann der Reserve, solch einer entsetzlichen Tat, dem Leichtsinn entsprungen, fähig sei! Das aber eben ist das Werk des Spielteufels! Wen er einmal gepackt hat, den läßt er nicht mehr los, und den kann er im Nu verwandeln.

Er war ein vermögender Mann gewesen. Das kleine Gut bewirtschaftete er nur zu seinem Vergnügen, und er hatte sich dort ein recht schönes Leben zu zimmern verstanden. Er war zum zweiten Male Witwer. Alle Kinder aus seiner ersten Ehe hatte er verloren - darüber war er nun schon hinaus - und aus seiner zweiten Ehe hatte er nur eine Tochter.

Johanna war auf dem einsamen Gut von Hauslehrern erzogen worden. Der alt werdende Vater mochte sich weder von seinem Heim noch von seinem einzigen Kinde trennen. Und auch als Hannchen zur Jungfrau erblüht war, sehnte sie sich nicht nach dem geräuschvollen Leben, sie war glücklich auf dem idyllischen Gütchen und vermißte nichts. Einmal gab es doch auch hier gesellige Freuden, die Nachbarn kamen manchmal zusammen, und dann machte der Vater jedes Jahr, wenn die Ernte geborgen war, mit ihr eine große Reise, sie bekam die Welt zu sehen, und drittens war das Mädchen überhaupt eine anspruchslose sinnige Natur.

Vor vier Jahren hatten Vater und Tochter die Riviera besucht. In Monte Carlo gingen sie natürlich auch einmal ins Kasino. Sie setzten auch einmal, verloren einige Goldstücke und freuten sich darüber.

Dann beobachtete der Vater einige Stunden das Spiel, notierte, rechnete zu Hause, und dann sagte der Artilleriehauptmann, der ein gar kluger mathematischer Kopf war, im überzeugendsten Ton:

»Da muß man ja immer gewinnen! Paß auf, Hannchen, ich werde es dir beweisen!« Und er spielte zwei Tage, er verdoppelte immer den Einsatz, allerdings nicht bei jedem Verlust - das machen nur die Narren, und der Artilleriehauptmann war, wie schon gesagt, ein gar kluger Kopf - nein, er wartete gewisse Serien ab, er hatte sich sein eigenes System ausgeklügelt - und in diesen Tagen hatte er richtig 3.000 Francs gewonnen! Dann aber hörte er auf, er hatte ja nur die Richtigkeit seines Systems beweisen wollen, und die gewonnenen 3.000 Francs zahlte er in die Armenkasse. So skrupulös in Gewissensfragen war dieser Mann.

»Es ist mir unbegreiflich, warum nicht alle Leute so spielen, dann ist die Bank des Verderbens doch in einer Woche bankrott! Die Leute sind eben blind!»

So sagte er verächtlich, und dann reiste er ab und zeigte seiner Tochter andere herrliche Gegenden, und Hannchen war so stolz auf ihren klugen Papa.

Im nächsten Jahr besahen sie sich England und Schottland, im zweiten Böhmen, im dritten gingen sie bis in die Pyrenäen - und dann kam das Jahr, das vergangene, welches dem Mann noch im späten Alter soviel Sorge brachte - und zuletzt seinen völligen Ruin.

Zuerst nahte sich die Sorge in Gestalt eines jungen Mannes, welcher um die Hand der Tochter bat. Hannchen liebte ihn mit aller Kraft der ersten Liebe, und er war ein angehender Klaviervirtuose, der nichts sein eigen nannte, als seine gelenkigen Finger. Ach, du lieber Gott! Wenn er wenigstens ein angehender Dichter gewesen wäre! Der hätte noch die Landwirtschaft erlernen und sich nebenbei einen berühmten Namen machen können. Aber der Klaviervirtuose hier wollte mit seiner Frau in der Welt herumgondeln! Nein, nein, nein! Nein, daraus durfte nichts werden. Dazu war des Vaters Liebe zu seinem einzigen Kinde zu eogistisch.

Es gab viele bittere Stunden mit vielen Tränen - bis die gehorsame Tochter den Worten der Vernunft Gehör schenkte und ihrer ersten Liebe entsagte.

Wehe dieser egoistischen Vernunft! Es rächt sich alles schon auf Erden!

Daß das Mädchen beschloß, nun gar nicht zu heiraten, das war bei Hannchens Charakter eigentlich ganz selbstverständlich. Der Vater dachte hierüber zwar ganz anders, wäre aber in seiner egoistischen Liebe damit zufrieden gewesen, wenn sie nicht heiratete.

Da machte das Bankhaus, in welchem Ernst von Marbach sein Vermögen angelegt hatte, vollständig bankrott. Keinen Pfennig bekam er heraus, hatte vielmehr noch einige Verpflichtungen zu erfüllen. Auch der eben eingezahlte Erlös der Ernte ging mit drauf. Er hatte gebaut, hatte Zahlungen zu leisten - er mußte die erste Hypothek aufnehmen.

Noch immer konnte er recht behaglich von dem Ertrage des Gutes leben, die Zinsen der Hypothek waren mit Leichtigkeit aufzubringen, aber die richtige Freude fehlte jetzt, es war nicht mehr >Sein Gut<, die Hypothek wurmte ihn.

Ja, sie >wurmte< ihn. Das heißt, sie fraß ihm wie ein Wurm am Herzen.

Was ist denn da weiter dabei, eine Hypothek auf seinem Gut zu haben? Aber der alte Mann glaubte immer, die ganze Welt deute mit dem Finger auf ihn und sage: der da hat eine Hypothek aufgenommen. - So geht's im Leben.

Wie konnte er sie tilgen? Gar keine Aussicht dazu vorhanden!

Da will es ein böser Geist, daß sich der alte Mann erinnert, wie er vor vier Jahren in Monte Carlo 3.000 Francs gewonnen hat. Er fängt an zu rechnen, rechnet Tag und Nacht - ja, sein System ist richtig! Wenn er ganz vorsichtig spielt, so muß er bei einem Kapital von 10.000 Francs jeden Tag mindestens 1.000 Francs gewinnen, die schlägt er zum Spielkapital, und auf diese Weise muß er in einem Jahr mindestens 70.000 Francs gewonnen haben.

Zuerst aber braucht er die 10.000 Francs. Soviel bekommt er auf sein Gütchen nicht mehr geliehen, und da schlägt er es für 15.000 Mark los.

Wenn man diese Handlungsweise mit unparteiischen Augen von der richtigen Seite betrachtet, so ist hierbei von einem Leichtsinn gar keine Rede. Denn der kluge Mathematiker war von der Unfehlbarkeit seines Systems vollkommen überzeugt.

Nun reist er mit seiner Tochter nach Monaco. Wie es ihm erging, wurde schon geschildert, wir brauchen uns dabei nicht länger aufzuhalten.

Wenn Johanna auch schon viel von der Welt gesehen hatte, so war sie doch noch, und trotz ihrer einundzwanzig Jahre, unerfahren wie ein Kind. Und das Vertrauen zu ihrem Vater kannte keine Grenzen. Wenn ihr guter Papa hier spielte, so war das für sie vollständig gerechtfertigt. Sie wußte, daß den Vater ein großer Vermögensverlust betroffen hatte, aber nicht, daß es das letzte war, mit dem er spielte. Als der Vater zuerst wieder so gewann, freute sie sich, und dann, als er immer und immer verlor, war sie nur deshalb traurig, weil sie den Vater über sein Unglück so niedergeschlagen sah.

Vielleicht aber ging ihr auch schon eine Ahnung auf, wie es mit dem Vater stand, eine Ahnung ohne Erkenntnis, gerade darum, weil sie noch ein unschuldiges Kind war. Der erkünstelte Gleichmut gegen das fortwährende Verlieren konnte sie nicht mehr täuschen, und sie wagte nicht, ihre fürchterliche Ahnung in Worte zu kleiden, hatte überhaupt keine dafür.

»Gehen wir bald wieder nach Hause, Papa?« fragte sie höchstens einmal. »Ich sehne mich wieder so nach unserem Gütchen.«

Wie dem Vater bei solchen Fragen zumute gewesen sein mag!

Gestern hatte er auf einmal einen Hundertfrancsschein auf die Null gesetzt und - »Papa!« hatte sie mit ängstlichem Schreck gerufen. Denn so hatte er noch niemals gespielt, gleich so viel planlos auf eine Nummer zu setzen! Und er hatte auch gar kein Geld mehr vor sich liegen!

»Komm, Hannchen, wir wollen nach der Post gehen, dann reisen wir gleich ab,« hatte er also beim Aufstehen gesagt, was auch noch von anderen gehört worden war.

»Wieder ein Todeskandidat,« ließ sich ein erfahrener Stammgast von Monte Carlo vernehmen. So dachten auch noch andere, welche nur mit scheinbarem Interesse dem Spiele zuschauten, welche vielmehr die Spieler beobachten müssen, wofür sie bezahlt werden, und einer von diesen heftete sich denn auch gleich den Hinausgehenden unbemerkt an die Fersen.

»Hast du denn kein Geld mehr, um die Fahrt zu bezahlen, Papa?« hörte der Spion draußen die junge Dame verwundert fragen.

»Oh doch, natürlich - aber Kind, wo denkst du hin!« lachte der Vater. »Ich muß nur erst das Geld abwarten, welches ich telegraphisch hierherbestellt habe, sonst könnte es verloren gehen, verstehst du?«

Die Tochter mußte vor der Post warten, der Vater ging allein hinein, der Spion folgte und ... der alte Herr fragte überhaupt gar nicht, ob Geld für ihn angekommen sei, sondern er kaufte nur eine Briefmarke, ohne sie zu benutzen, verweilte einige Zeit in dem Gebäude, und als er dann wieder herauskam, sagte er zu seiner Tochter:

»Ja, Hannchen, ich habe das Geld bekommen, morgen früh reisen wir.«

So weit war er also innerhalb von vier Wochen schon gesunken, nur durch das Spiel! Er belog grundlos die eigene Tochter!

Der Spion aber wußte nun alles. Der alte Herr war eben fertig. Der hatte aus seiner Heimat keinen Pfennig mehr zu erwarten. So etwas kennt man doch hier.

Ja, was sollte man dann aber mit ihm tun? Man konnte ihn doch nicht in die Gummizelle sperren. Der Mensch ist frei, auch in Monte Carlo. Und nun etwa gleich zu sagen: hier hast du 500 Francs, mach daß du fortkommst, erschieße dich anderswo - so schnell ist man hier nicht.

Der Mann brauchte sich ja auch durchaus nicht zu töten. Vielleicht offenbarte er sich heute bei Anbruch der melancholischen Nacht seiner Tochter, und dann wurde ein neuer Lebensplan gefaßt, und die beiden mußten doch schon gehört haben, daß sich die Bankverwaltung gegen unglückliche Spieler stets nobel gezeigt hat.

Sie wurden also beobachtet, daß man, falls etwas passieren sollte, sofort zur Stelle war, um alles schnell zu vertuschen.

Die beiden wohnten in der Pension Blond, gleich neben dem Hotel London. Die Wirtin erfuhr auch nichts, obgleich diese, wie ja alle Zimmervermieter, auch so halb und halb mit zur Polizei gehörte.

Gegen sieben Uhr betraten Vater und Tochter das Haus. Letztere machte erst Toilette, das wußte man, dann wurde das Abendessen auf das Zimmer des alten Herrn bestellt. Diesem war nichts anzusehen, die Tochter sah sogar heiter aus.

Gegen halb neun hatte das gerufene Mädchen abräumen müssen. Die beiden schienen noch zusammen sitzen bleiben zu wollen. Eine halbe Stunde später wurde die Milchglasscheibe der Zimmertür der Mademoiselle hell, gegen zehn Uhr verlöschte das Licht wieder. Beide mußten schlafen gegangen sein.

Kurz darauf hörte man im ganzen Hause einen schweren Fall, dem wenige Sekunden später ein gellender Schrei aus weiblichem Munde folgte.

Im Hause war alles noch wach. Auf dem Korridore hielt sich gerade ein Dienstmädchen auf, es bezeichnete mit Gewißheit Monsieur Richters Zimmer als dasjenige, aus welchem der Schrei gekommen war.

Beide Türen waren von innen verschlossen. Auf das Klopfen öffnete niemand, nichts war zu hören. Gerade diese Tür besaß keine Glasscheibe, und ehe man die an der Zimmertür des Fräuleins einschlug, schickte man nach der Polizei.

Die Dienstboten wurden unterdessen von Madame Blond in Schach gehalten, die übrigen Pensionäre, welche etwas gehört hatten, bekamen eine harmlose Erklärung.

Unten stand schon ein geheimer Polizist in Zivil, der nur darauf wartete, gerufen zu werden. Also doch! Noch ehe das Schloß aufgesprengt worden war, erschien auch schon einer der in Diensten des Kasinos stehenden Ärzte, als hätte er ebenfalls nur darauf gewartet, in dieses Haus geholt zu werden. Die Tür war aufgesprengt, drinnen brannte eine Lampe, und - da war es eben geschehen, auf dem Boden lagen gleich alle beide.

»Vorsicht, Blausäure!« flüsterte der Arzt, die Luft durch die Nase ziehend, sprang schnell nach den Fenstern und stieß sie auf. Tot! Wo Blausäure, der wirksamste Bestandteil des Zyankalis, angewendet wird, da gibt es keine Rettung mehr.

Sie waren alle beide nicht zum Schlafen gegangen. Beide waren noch so angezogen, wie man sie zuletzt gesehen hatte, die Betten waren unberührt, die Verbindungstüre zwischen den Schlafzimmern stand offen.

Der alte Herr hatte das Gift aus einem Fläschchen im Sitzen eingenommen, war mit dem Stuhl umgefallen; die Tochter lag neben ihm, das Fläschchen noch in der starren Hand, der letzte Rest hatte sich über ihr Kleid ergossen.

Was die beiden vorher ausgemacht hatten, ob das Mädchen das Gift freiwillig genommen oder ob es ihr beigebracht worden - das war hier der Polizei alles ganz gleichgültig. Und wenn auch der Verdacht vorgelegen hätte, der Selbstmörder hätte an der Tochter erst noch einen Mord begangen - hier wurde einfach ein Doppelselbstmord angenommen.

Nur fort damit, fort damit, daß diese garstige Geschichte aus der Welt kam. Und nun wurde auch noch ein niederträchtiger Trick ausgeführt.

»Aah, der heißt ja gar nicht Felix Richter, der hat sich ja unter einem falschen Namen angemeldet!«

So erklang es, als man aus der Tasche des Toten Papiere zog. Als ob die Polizei dies nicht schon längst gewußt hätte! Und in den Papieren, die man in der Hand hatte, stand vielleicht gar nichts davon, daß dieser Mann eigentlich anders hieß. Es war eben nur ein Vorwand gewesen. Denn jetzt hatte die Polizei augenblicklich das Recht, auch Schlösser zu erbrechen. Aber nicht nach Papieren wurde gesucht - ja auch - nämlich nach Papiergeld, daß die beiden nicht auf Kosten des Kasinos begraben werden mußten.

Man fand, alles zusammen, eine Kleinigkeit von 20 Francs, und die würde morgen in geheimer Sitzung die Wirtin beanspruchen, desgleichen die Wertsachen und die Garderobe, denn die Pension für diesen Monat war noch nicht bezahlt.

Daß der Tote gar kein Vermögen mehr zu Hause hatte, das wurde hier auch noch mit einigen Worten erörtert. Einen Brief hatte er nicht zurückgelassen.

Selbstmörder dürfen auf dem Friedhof von Monte Carlo nicht beigesetzt werden. Ja, wenn genügend Geld vorhanden ist, und wenn der Betreffende still aus dem Leben gegangen ist, dann kann man die Todesursache mit einem Schlaganfall bemänteln, und wenn die Leiche nicht nach der Heimat transportiert werden soll, was schweres Geld kostet, so findet sie dennoch ein ehrliches Begräbnis.

Aber hier? Gleich zwei Personen am Schlagfuß gestorben? Das ging natürlich nicht! Und nicht einmal Geld vorhanden? Fort damit, fort damit, wohin sie gehörten!

Und so schnell als möglich mußten sie unter die Erde kommen, denn die Todesursache, welche die Blausäure erzeugt, ist die sofortige Zersetzung des Blutes, das äußert sich sehr schnell auf den ganzen Körper, und hier im Süden war es schon recht warm.



Heute wird dem Fremdem, der in Monte Carlo nach dem Friedhof der Selbstmörder und der Namenlosen fragt, im Gebirge ein sonnenverbranntes Stückchen Land gezeigt, auf dem sich die schmucklosen Erdhäuschen mit Holzkreuzen erheben. Dieser Begräbnisplatz existierte damals noch nicht, da wurde den Selbstmördern ein idyllischeres Fleckchen angewiesen.

Die Küste des kleinen Fürstentums bildet zwei Buchten, welche von dem mächtigen Felsvorsprung, auf dem die alte Stadt Monaco mit Schloß und Kathedrale liegt, voneinander getrennt werden. Links ist die Hauptbucht, in die größere Schiffe einlaufen können, auf der anderen Seite von den vorspringenden Terrassen des Kasinos begrenzt. Die kleinere, rechte Bucht wird im Westen ebenfalls von einem ins Meer hineinragenden Felsen eingeschlossen, auf welchem das übelberüchtigte Gasthaus >Arche Noah< liegt. Dieses befindet sich aber schon auf französischem Gebiet. Unten am Felsen ist die Grenze gezogen.

In dieser westlichen Bucht nun, noch etwas weiter draußen am Meere, 3-400 Meter von der Küste entfernt, sieht man heute eine Menge wilder Felsblöcke aus dem Wasser emporragen - eine Klippenformation. Damals aber war das noch eine Insel, bewaldet mit Zypressen und anderen Bäumen, ein alter Turm aus der Sarazenenzeit erhob sich darauf, und hier wurden die Selbstmörder und Namenlosen begraben, die das große Erdbeben, welches die Riviera heimsuchte, die ganze Insel mit allem, was sich darauf befand, vernichtete, nur diese enggedrängten Felsklippen stehen lassend.

Das heißt, diese Veränderung war eigentlich keine Neubildung, sondern das Fundament der Insel hatte schon immer so ausgesehen, schon längst war alles durch und durch ausgewaschen gewesen, auf den durchhöhlten Felsenriffen lag nur noch eine hohe Schicht von losen Steinen und Erde, von den Baumwurzeln zusammengehalten, und diese lockere Schicht nun wurde von der hohen Meeresflut, welche das Erdbeben begleitete, einfach weggespült.

Einmal hatte das doch kommen müssen, das hatte man schon immer gewußt, niemand wollte sich auf der dem Untergange geweihten Insel ansiedeln, deshalb hatte man das sonst so reizende Eiland bereitwillig jenen Toten überlassen, deren Gräber von keinem Leidtragenden besucht werden.

Ile de Castelle hieß die Insel nach der alten Turmruine.

Man hatte auf der Insel noch keinen Geist beobachtet, zur mitternächtigen Stunde noch keine weiße Gestalt bemerkt, kein schauerliches Seufzen und Klagen gehört, es gingen keine grausigen Erzählungen über sie, aber ... es niemand darauf wohnen mögen, wenn sie auch auf soliderem Untergrunde geruht hätte, und diesen Wunsch würde wohl auch kein nervenstarker Freigeist gehabt haben.

Es war fast ganz selbstverständlich, daß sie im Volksmunde nur die Teufelsinsel genannt wurde, Toteninsel genügte noch nicht, und da hatte ja auch wirklich der Teufel seine Opfer liegen.

Es wohnte aber doch jemand darauf, der alte Totengräber und Wächter, und wenn der gestorben wäre, so hätte es schwer gehalten, einen anderen für dieses Amt wiederzufinden. Er führte den schönen Namen Hydrian, ein alter, schwachsinniger, halb tauber Mann. Die Insel war eben seine Heimat geworden, er verließ sie nie, schlief in der ersten Etage des Turmes, und sein Essen wurde ihm täglich von dem Manne gebracht, welcher drüben am Strande Boote verleiht und ein paar Badehütten unterhält - Guiseppe Cigalgi heißt er, der Sohn eines verarmten Edelmannes, er lebt noch heute dort unten am Strande von Monaco.



Es war früher Nachmittag.

Die x-beinige Ordonnanz hinter sich, verließ der Maskierte die Blumengärten des Boulevard de l'Ouest, ging an der Villa Bellando vorbei, bog um die Gasanstalt und schritt nun angesichts der Teufelsinsel noch fünf Minuten auf dem öden, sandigen Meeresstrande hin, bis er den Felsen der Arche Noah erreichte, wo einige Badehütten standen und Boote angekettet lagen.

Zwei große, prachtvolle Neufundländer schlugen an, ein halbes Dutzend winziger Köter ahmte das Bellen der Eltern piepsend nach, wollten dem Fremden entgegeneilen, fielen aber beim Gehen noch um.

Aus einem der Boote stieg ein junger Mann, der das Fahrzeug gesteuert hatte, gebot den Hunden Ruhe und erwartete auf dem Strande die Ankunft des Besuches.

Es war ein höchstens siebzehnjähriger Jüngling, als ursprünglicher Neapolitaner aber schon weit gereift, schon mit einem schwarzen Flaum auf der Oberlippe, ein kleines, zierliches Kerlchen, aber sehnig und mit runden Muskeln, alles wie von Künstlerhand aus Aronzo gegossen, und der Anzug verbarg nicht viel von seinen Gliedern, denn die blauen Hosen waren bis an die Oberschenkel aufgekrempelt, das weiße Baumwollhemd stand weit offen und zeigte die braune, hochgewölbte Brust, dazu auf den schwarzen Locken eine bunte Zipfelmütze - ein neapolitanischer Fischer, wie ihn nur ein idealistischer Maler darstellen kann.

»Bist du der Mann, welcher nach der Ile de Castelle übersetzt?« redete ihn der Maskierte an.

»Si, si, Signore.«

»Ich möchte mir die Insel ansehen.«

»Nicht heute, Signore, morgen.«

»Warum nicht heute?«

»Heute ist das Betreten der Insel nicht erlaubt.«

»Ja, aber warum denn gerade heute nicht?«

»Die Polizei, welche mich hier als Fährmann angestellt, hat es mir verboten, heute einen Fremden überzusetzen, und ich habe zu gehorchen, ohne nach dem Grunde zu fragen.«

»Hm,« brummte der Maskierte. »Weißt du, wer ich bin?«

Bei diesen Worten zog er ein goldenes und auch noch reich mit Juwelen besetztes Etui aus der Tasche, entnahm ihm für sich eine Zigarette und hielt eine zweite dem barfüßigen Fischerjüngling hin.

Es war ganz eigentümlich. Dieser arme, halbnackte Junge konnte seine adlige Geburt nicht verleugnen, schon wie er so unbefangen dastand, und selbst dadurch, wie er angesichts des maskierten Mannes nicht das geringste Staunen, noch viel weniger Neugier zeigte, schon das verriet seinen Stolz, denn er war sich seines gräflichen Standes wohl bewußt - hinwiederum war er dem vornehmen Fremden gegenüber sehr höflich, keine Spur davon, daß er sich beleidigt fühlte, weil er von oben herab mit >du< angeredet wurde, und jetzt nahm er dankbar und sogar mit einer kleinen Verbeugung, wie sie so graziös eben nur ein Italiener fertig bringt, die ihm in der Hand angebotene Zigarette an.

Das war eben kein falscher Stolz, der Graf war sich auch bewußt, jetzt der arme Ruderknecht zu sein, und beides wußte er zu vereinen.

»Grazia, Signore. Ja, ich weiß, Sie sind der Kapitän von der Heliotrop. Eine wunderschöne Jacht, habe noch nie ein Schiff mit edleren Linien gesehen, noch nie etwas Herrlicheres. Bitte, hier ist Feuer.«

Die Augen hinter den Löchern waren mit einem Ausdruck auf den Jüngling gerichtet, welcher verriet, daß die Maske jetzt ein sehr überraschtes Gesicht verdeckte. Doch der Kapitän verbarg seine Verwunderung, von einem halbnackten Fischerknecht hier mit solchen Worten und solchem Benehmen empfangen zu werden, er behielt seinen einmal angeschlagenen Ton bei.

»Danke, mein Lieber. Dann ist dir vielleicht auch bekannt, daß ich einen Passepartout vom Fürsten von Monaco besitze, und daß sämtliche Behörden den Befehl haben, mir auf meine Bitten zu Diensten zu sein. Ich komme doch nach der Insel hinüber. Ich müßte nur erst noch einmal nach Monaco hinauf, und diesen Weg könntest du mir ersparen.«

Der Jüngling überlegte einen Augenblick.

»Sie haben recht,« sagte er dann, immer mit seiner stolzen Zuvorkommenheit, »Sie würden die Erlaubnis doch erhalten. Wollen Signor entschuldigen, ich bin hier vom Magistrat angestellt und habe die mir gegebenen Anweisungen zu befolgen, wofür ich bezahlt werde. Bei Ihnen kann ich eine Ausnahme machen. Einen Augenblick, das Boot ist gleich fertig.«

Er schritt dem kleinen Hafen zu, in dem die Boote schaukelten. Der Maskierte blickte der jugendlichen Gestalt sinnend nach.

Als er gerufen wurde, begab er sich schnell hin und stieg ein, Wilm ihm nach. Die Sitze der kleinen Jolle waren mit Polstern belegt worden, und vorwärts, im Stehen rudernd, daß er keinen Steuermann brauchte, lenkte Giuseppe das Boot zwischen den Klippen, welche den kleinen Hafen bildeten, hinaus und trieb es dann mit kräftigen Schlagen der Insel zu.

»Warum darf denn die Insel gerade heute ausnahmsweise nicht betreten werden?« fragte der Kapitän einmal unterwegs.

»Weil sich zwei unbeerdigte Leichen darauf befinden,« lautete jetzt die offene Antwort.

»Ah so. Selbstmörder?«

»Ja, ein alter Mann und ein junges Mädchen.«

»Wann sind sie herübergebracht worden?«

»Heute bei Sonnenaufgang.«

»Wann werden sie begraben?«

»Morgen früh, noch bei Dämmerung, das ist so Vorschrift, da ist es auch am stillsten.«

»Wo liegen die Leichen jetzt?«

»Unten im Turm.«

»Ist der Turm offen?«

»Er hat gar keine Tür. Kannten Sie die beiden Toten?«

»Ich? Ganz und gar nicht. Ich fragte nur so. Ich wollte nur die Insel selbst als eine Sehenswürdigkeit besichtigen.«

»Es findet sich selten einmal jemand, der an dieser Sehenswürdigkeit Geschmack findet.«

Das Boot hatte die felsige Insel, an deren Vorsprüngen es tüchtig schäumte, bald erreicht.

»Dort sitzt der alte Hydrian und angelt wie gewöhnlich,« sagte Giuseppe. »Gehen Sie nur auf der Insel umher, wie es Ihnen beliebt, ich spreche schon mit dem Alten, er würde Sie auch gar nicht verstehen, er ist fast taub.«

Er lenkte die Jolle in eine kleine Bucht, in der das Wasser ruhiger war, befestigte sie und ging stracks nach dem alten Manne, welcher mit einer Angelrute auf dem vorspringenden Felsen saß und das Boot gar nicht bemerkt hatte.

Der Kapitän stieg aus und brauchte nur wenige Schritte zu machen, so befand er sich in einer vollkommenen Wildnis.

Ja, hier war es schön! Man wurde sehr an die Machchia, den korsikanischen Buschwald erinnert, und das ist ja auch die eigentliche Vegetation der ganzen Riviera, die Palmen und alle die anderen tropischen Gewächse, das ist alles nur künstliche Kultur, allerdings zum Teil schon von den alten Römern hier eingeführt, und diese Gegend ist ja durch ihre wunderbar geschützte Lage ein offenes Treibhaus. Myrten, Mastixsträucher, immergrüner Kreuzdorn, Ligusterbüsche, Erdbeerbäume, Johannesbrot, alles durchschlungen von Lianen - das ist der Charakter der Machchia auf Korsika, und hier kam noch der angeflogene Same aller jener prachtvollen tropischen Pflanzen hinzu, welche drüben am Strande in Gärten und Anlagen gezogen wurden, und zu dieser Zeit blühte und duftete alles - wie im Paradiese!

Von einem Wege war nichts zu sehen. Man mußte sich durchwinden, ohne daß dies Schwierigkeiten hatte. Was heute niedergetreten wurde, war morgen schon wieder mit neuer Kraft entstanden. Es wurde hier ja auch gut gedüngt - mit den Leichen der Selbstmörder.

Von ihren Gräbern war nichts zu sehen. Man konnte sie nur da vermuten, wo die Spitzen der Gräser und die Blumen kleine Wellenlinien beschrieben, und die am Boden wuchernden Schlingpflanzen nahmen auch öfters eine so regelmäßige Gruppierung an - da hatten sie die kleinen Holzkreuze überzogen.

Von dem Matrosen gefolgt, strebte der Kapitän der Richtung des Turmes zu, der hier in der Mitte der Wildnis aber nicht mehr zu sehen war.

Plötzlich wurzelte sein Fuß am Boden. Er hatte vielleicht inmitten dieses Frühlings vergessen, daß er sich auf einer Insel befand, auf welcher der Tod regierte, und nun trat ihm dieser sichtbar vor Augen - in Gestalt zweier zur Aufnahme frisch bereiteten Gräber.

Lange Zeit stand der Kapitän stumm vor ihnen, in Gedanken versunken, und dann ließ sich ein schluchzender Laut vernehmen, und der geheimnisvolle Mann nahm die schwarze Seidenmaske ab, um sich mit dem Taschentuche die Augen trocknen zu können, und das Schluchzen wiederholte sich.

»Kapitän!!« warnte der Matrose erschrocken. »Wenn wir beobachtet werden!!«

Es dauerte nur einen Augenblick, so hatte sein Herr die Maske schon wieder vorgebunden oder vielmehr nur vorgelegt, aber sie mußte recht festsitzen, es hatte dabei geknackt, als wenn eine starke Feder einschnappe.

»Es ist eines jeden Menschen Los, und ich wünschte nicht, anderswo begraben zu werden als hier,« murmelte er, als er seinen Weg fortsetzte.

Der dicke Turm, in der zweiten Etage abgebrochen, war erreicht. Der weite Eingang wurde von keiner Tür verschlossen. Nachdem der Maskierte einmal tief Atem geholt hatte, trat er ein. Wilm blieb in der Tür stehen, blickte ab und zu auch zurück, ob sie beobachtet wurden, aber das war nicht der Fall.

Der völlig nackte Raum enthielt nichts weiter als eine breite, hölzerne Pritsche, gleich zur Aufnahme von mehreren Toten bestimmt, bedeckt mit einer dünnen Seegrasmatratze, und auf dieser, dicht an der Wand, lag im Leichenhemd der unglückliche Mann, der noch im spätesten Alter nach einem makellosen, ehrenhaften Leben als Spieler ein jämmerliches Ende genommen hatte, auch noch das unschuldige, jugendfrohe Kind mit sich in den selbsterwählten Tod nehmend. Ein böser Dämon mußte ihn betört haben, eine andere Erklärung war gar nicht möglich.

Der Kapitän hatte den breitrandigen Filzhut abgenommen, aber nicht wieder die Maske. Beim Anblick des Toten selbst schien er weniger erschüttert zu sein als bei dessen frischem Grabe.

»Ich habe ihn ja kaum gekannt,« erklang es nach einer Weile leise hinter der Maske. »Aber ... Wilm, warum konnten wir denn nicht einen einzigen Tag eher kommen? Es wäre alles nicht geschehen!«

Der bebrillte Matrose hob mit einem tief-philosophischen Gesicht die Schultern.

Wolle der geneigte Leser nun einmal auf die Antwort und auf die Ausdrucksweise dieses dickbäuchigen Matrosen mit den krummen Beinen achten, daß er sich derselben bei Gelegenheit erinnern kann.

Umsonst wird dieser Rat natürlich nicht gegeben, der Grund hierzu wird später einleuchten, und dem Leser dürfte eine große Überraschung bereitet werden.

Vorausgeschickt sei nur, daß die beiden dennoch einen heimlichen Beobachter in der Nähe hatten, welcher die Worte des maskierten Kapitäns sowohl, wie auch die nachfolgende Antwort des Matrosen erlauschte.

»Das ist Schicksal, Kapitän,« entgegnete also der kleine Dickwanst mit einem philosophischen Gesicht. »Wer sterben soll, der muß sterben, und es gibt Menschen, welche zum Hängen geboren sind. Kapitän, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht - ich war mal auf 'nem spanischen Segelkasten - wir hatten kein Trinkwasser mehr - und da habe ich ein halbes Dutzend brave Jungens des Durstes sterben sehen - und, Kapitän, da auf einmal stellt sich's heraus - es springt einer aus Verzweiflung über Bord, um sich lieber abzusaufen, ehe er vor Durst verreckt - >Wasser, Wasser!!< schreit er unten in einem fort, und wir sehen ihn trinken - und da stellt sich's heraus, daß wir mitten auf süßem Wasser sind - wir sind schon zwei Tage auf dem Amazonenstrome! - und wir wissens nicht! - Wir sterben vor Durst! - Und das ist ein Faktum, Kapitän! - Und diese Jungens waren eben zum Verdursten geboren - auf dem größten Strome der Welt hat sich ihr Schicksal erfüllt!! Schicksal, Kapitän, Schicksal!«

Der Kapitän bewegte sinnend das Haupt auf und nieder.

»Ja - ja, Wilm, du hast recht!« erklang es in dem Tone der tiefsten Überzeugung. »Jeder Mensch hat sein Schicksal, das sich an ihm erfüllen muß!«

Und dieser Wahlspruch, dieser Glaube an ein unumstößliches Kismet - das ist die Quelle, aus welcher alle Abenteurer ihre unverwüstliche Sorglosigkeit und ihren tollkühnen Wagemut schöpfen!

Der Kapitän blickte auf.

»Wo ist denn nun aber Hannchen? Ihretwegen komme ich ja herüber, sie möchte ich noch einmal sehen, um Abschied für immer von ihr ...«

Da kam von Wilms Lippen ein zischender Laut, und mit einem Satze, den man den X-Beinen nimmermehr zugetraut hätte, war er ins Gebüsch gesprungen und stand plötzlich vor einem Manne, der sich hinter einem Baume versteckt gehalten hatte.

Es war ein noch junger Mann, in einen einfachen Straßellanzug gekleidet.

»Hallo, wer seid Ihr denn? Wie kommt Ihr hierher?«

Auch der Kapitän war herbeigeeilt, alle beide standen in drohender Stellung vor dem fremden Manne, welcher aus dem handgreiflichen Grunde ziemlich verlegen wurde, weil er wirklich gelauscht hatte und das Spionieren sonst nicht in seinem Charakter lag.

»Wie kommen Sie hierher?« stieß jetzt auch der Maskierte hervor. »Haben Sie gehört, was ich soeben sagte?«

»Seid Ihr nicht Steuermann auf Mr. Carnegies Jacht?« setzte der Matrose hinzu.

Der junge Mann hielt es für das beste, ganz bei der Wahrheit zu bleiben, und wiederum lag es in seinem Charakter, gleich zu bekennen, daß er wirklich den heimlichen Beobachter und Lauscher gespielt hatte, wodurch der üble Beigeschmack abgeschwächt wurde, und überhaupt handelte es sich um einen Zufall, da hätte auch jeder andere Mensch die Gelegenheit benutzt, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Er stellte sich vor, sein Name war Starke, und der Matrose hatte sich nicht geirrt, er war seit einem halben Jahre zweiter Steuermann auf Carnegies Jacht.

Heute hatte er Urlaub genommen, um sich Monaco und Umgebung anzusehen, war gegen Mittag an Bord zurückgewesen, hatte Lust zu einer Segelpartie gehabt, hatte von seiner Jacht ein kleines Boot genommen und war allein hinausgefahren. Angesichts dieser Insel hatte er den Gedanken gehabt, ihr einen Besuch abzustatten. Daß hier die Selbstmörder bestattet wurden, wußte er wohl, aber nicht, daß man eine Erlaubnis brauchte, um das Eiland betreten zu dürfen, und ebensowenig hatte er schon von dem Doppelselbstmorde gehört, und daß sich zwei unbegrabene Leichen darauf befänden.

Nun, er näherte sich also der kleinen Insel von der offenen Seeseite, suchte einen günstigen Landungsplatz, legte bei - dort unten lag sein Boot - und drang in die Wildnis.

Wie er sich dem Turme genähert hatte und einmal stehen blieb, um die Szenerie zu genießen, sah er plötzlich den maskierten Kapitän kommen, der sich gestern verjüngt hatte, und der schon seit acht Tagen in aller Munde war, in Begleitung seiner Ordonnanz.

Man konnte es dem jungen Mann wahrhaftig nicht verdenken, wenn er nicht gleich vortrat und mit einer Vorbeugung seine Anwesenheit meldete, sondern wenn er sich hinter einem Baumstamm, hinter dem er gerade stand, regungslos verhielt, um zu beobachten, was die beiden eigentlich hier auf der Toteninsel wollten.

So hatte Starke ganz offen erzählt.

»Sie haben auch gehört, was ich sagte?«

»Ja.«

»Fatal, mir sehr fatal. - Ja, Herr, ich habe aber gar kein Recht, Ihnen etwa Vorwürfe zu machen - mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht - vielmehr könnten Sie Rechenschaft von mir fordern, wie ich dazu komme, an Sie solche Fragen zu stellen. Doch gestatten Sie mir - wissen Sie, wer ich bin?«

»Der Kapitän der Motorjacht Heliotrop.«

»Na ja, aber ... Sie wissen doch, was ich meine?«

Man sah es den Augen an, daß hinter der Maske gelächelt wurde, und der junge Steuermann lächelte ebenfalls, als er die Schultern hob.

»Keine Ahnung.«

»Nicht? Und doch könnten Sie nicht nur eine Ahnung haben, sondern es genau wissen, wer sich hinter dieser schwarzen Maske versteckt.«

»Ich?!« erklang es jetzt in leichtbegreiflichem Staunen.

»Ja, weil Sie Steuermann auf Carnegies Jacht sind.«

Der junge Mann war nicht so auf den Kopf gefallen, um diese Andeutung nicht sofort zu verstehen.

»Was, Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Mr. Carnegie in dieser ... Komödie ebenfalls eine Rolle spielt?«

»Sssssst!« warnte der Maskierte. »Ich habe nichts gesagt. Ja und nein. Er ist nur Zuschauer, hat aber das Theaterstück schon vorher im Manuskript gelesen. - Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Mr. Starke: bleiben Sie jetzt bei uns, wir verlassen zusammen die Insel, dann sprechen wir weiter darüber. Ich will Ihnen einen Blick hinter die Kulissen verschaffen.«

Der Kapitän wandte den Kopf nach dem Turm und setzte mit noch leiserer Stimme, als er bisher gesprochen, hinzu, und diese Stimme zitterte etwas:

»Ja, ich habe die beiden Toten gekannt. Kommen Sie!«

Sie gingen zurück zum Eingange des Turmes, der Kapitän trat wieder in die Tür. Starke blickte nur hinein.

»Ja, wo ist aber ... die andere Leiche?!« ließ sich der Kapitän nach einer Weile vernehmen.

»Vielleicht oben,« meinte Wilm.

»Die Leichen sollen doch hier unten liegen.«

»Das sagte der Ruderknecht. Der weiß es nicht anders. Geht doch mal hinauf, Kapitän.«

Der Maskierte stieg denn auch die steinerne Wendeltreppe hinauf, Wilm folgte, und der Steuermann schloß sich ihnen an.

In der ersten Etage glaubte man sich in einer schmutzigen Lumpenkammer zu befinden. Nur gewisse Anzeichen verrieten, daß hier das >Schlafboudoir< des alten Hydrian war, die aufgehäuften Lumpen stellten sein Bett vor. Monsieur Hydrian konnte sich aber auch anderswo hinlegen, sein Bett war überall.

Die nächste Treppe endete in einem deckenlosen Raume, in welchem eine blühende Vegetation wucherte.

Die ungemein dicke Mauer, deren Durchmesser mehr betrug, als der innere Raum, besaß auch Schießscharten, und durch eine solche sah der Kapitän den Totengräber. Er saß angelnd noch an derselben Stelle, Giuseppe war bei ihm und legte manchmal die Hände trichterförmig vor den Mund, um dem Schwerhörigen etwas ins Ohr zu schreien.

Das Geräusch der Brandung war ziemlich stark, auch wehte ein kräftiger Wind von hier gerade nach jener Richtung, deshalb gingen die geschrienen Worte trotz der nur kleinen Entfernung ganz verloren.

Die drei stiegen wieder hinab.

»Hier im Turm befindet sie sich nicht.«

»Vielleicht ist sie schon begraben.«

»Das soll doch erst morgen früh geschehen.«

»Ja, das alles sagt nur immer der Fischer, der sonst gar nichts auf der Insel zu suchen hat. Wir müssen einmal den Totengräber selbst fragen.«

»Gut,« entgegnete der Kapitän auf diesen Vorschlag des Matrosen, »besorge du das! - Mr. Starke, würden Sie nicht den Matrosen begleiten und Ihre Anwesenheit auf der Insel gleich anmelden?«

Der Steuermann fühlte sofort heraus, daß der Kapitän allein zu sein wünsche, und folgte dem Vorausgegangenen, konnte ihn aber nicht mehr einholen.

Wilm hatte sich schnell seitwärts in die Büsche geschlagen. Es waren ja auf der kleinen Insel nur wenige Schritte, so hatte er sein Ziel erreicht, mußte aber erst noch, um zu dem Angelnden zu gelangen, über eine vegetationslose Klippenformation klettern, eine ganz gefährliche Klettertour, und der folgende Steuermann amüsierte sich, wie sich der x-beinige Matrose derselben unterzog - wie diese Beinchen von Stein zu Stein zirkelten - es sah großartig aus - gerade wie ein Taschenkrebs, der Cancan tanzt.

Der Steuermann war also zurückgeblieben, betrat auch die nackten Klippen nicht sofort, ward daher nicht gleich entdeckt und so Zeuge einer köstlichen Szene.

»Nun will ich mal euch besuchen,« fing Wilm an, und er sprach ein recht gutes Französisch. »Vom Fischen verstehe ich nämlich auch etwas. Der Kapitän läuft noch herum. Den Toten habe ich mir besehen, den alten Mann mit dem weißen Barte. Ich habe schon viele Leichen gesehen. Wo ist denn nun aber das Mädel? Die soll doch recht hübsch gewesen sein. Ist die schon in der Erde?«

»Nein,« entgegnete Giuseppe, »die liegt noch im Turme aufgebahrt.«

»Nee, die ist nicht drin.«

»Gewiß, sie liegt auf der Pritsche.«

»I wo, gar keine Spur davon.«

»Ich habe sie doch heute früh dort liegen sehen.«

»Mann, und ich bin doch nicht blind!! Heute früh mag sie dort gelegen haben, aber jetzt liegt sie nicht mehr dort. Auf der Pritsche liegt nur der Alte.«

Giuseppe wandte sich dem Totengräber zu, der eben seine Angelgerätschaften zusammenpackte.

»Liegen die beiden Toten unten im Turm?« brüllte er ihm ins Ohr.

Der Alte nickte nur.

»Der Signor sagt, auf der Pritsche läge nur ein Toter, der Mann!!« fuhr Giuseppe im Brüllen fort.

Der Alte streckte zwei Finger aus, ohne ein Wort zu sagen.

»Neee!« fing aber Wilm jetzt zu schreien an, dem Alten einen einzigen Finger vorhaltend. »Es ist nur einer!!«

Der Alte sagte noch immer nichts, er zog die Hand zurück und zeigte wiederum zwei Finger, und da sagte auch der dicke Wilm nichts mehr, er holte mit dem ganzen Arme aus, als wolle er einen Zentnerblock fortschleudern, und zeigte einen Finger, und jetzt wurde der Alte ärgerlich und wies mit Wucht seine zwei Finger vor, und jetzt holte der dicke Matrose aus, als wolle er einen Zweizentnerblock fortschleudern, und hielt dem Alten den einen Finger unter die Nase, nun fing aber auch der erboste Totengräber an auszuholen, und es schien ganz, als wolle er dem Gegner mit Vehemenz die Augen ausstechen ...

Der zusehende Giuseppe brach in ein schallendes Gelächter aus, Wilm ward sich der Situation bewußt und stimmte mit ein, und aus dem Gebüsch echote das Lachen.

Da verstummte Giuseppe plötzlich, er hatte den Fremden bemerkt.

»Wer ist denn das?!«

Der dicke Matrose, der schon einige Proben von einer großen Energie gegeben hatte, wußte die Vorstellung auf ein Minimum abzukürzen.

»Der ist in einem Boote nach der Insel gekommen - auf Wunsch des Herrn Kapitäns - gehört mit zu uns - basta! Himmelbombenelement noch einmal!« fuhr er dann ärgerlich fort. »Wenn wir so dabeibleiben, dann haben wir uns morgen früh endlich die Augen ausgestochen! Nein, auf der Pritsche liegt nur eine Leiche, und das ist der Alte!«

Der Totengräber packte seine Sachen vollends zusammen und trat den Rückweg an. Er kletterte über die schwierigen Felsen schneller, als er dann durch den Busch humpelte.

Der Maskierte stand seitwärts vom Turm und schnitt mit dem Taschenmesser in die Rinde eines Baumes, der Kommenden nicht sonderlich achtend, bis ein gellender Schrei erklang.

Hydrian war es, der ihn ausgestoßen hatte. Wie vom Donner gerührt stand der Alte in der offenen Turmtür und stierte mit weit hervorgequollenen Augen nach dem Toten, und dann stieß er jenen Schrei aus, drehte sich um und stürzte auf den schnell herbeikommenden Kapitän zu.

»Wo habt Ihr die Leiche hingetan? Macht mich nicht unglücklich! Wo habt Ihr das Mädchen versteckt?!« rief er im jammerndsten Tone, gebärdete sich überhaupt von vornherein wie ein Wahnsinniger, packte zuletzt sogar den Kapitän an und schüttelte ihn.

Er mochte bereits daran denken, daß er durch diesen nichtswürdigen Streich, den ihm jemand spielen wollte, seinen Posten und damit auch seine Heimat verlieren könne.

Des Kapitäns Schreck ob dieser Anschuldigung war ersichtlich und begreiflich, er ließ sich geduldig abschütteln. Er brauchte auch einige Zeit, ehe er überhaupt verstand, um was es sich hier handelte.

»Bei Gott,« rief er dann, die Hand beteuernd aufs Herz legend, »wenn die Leiche des jungen Mädchens verschwunden ist - ich weiß nichts davon!«

Der Alte aber, der wirklich wahnsinnig geworden zu sein schien, fuhr fort, ihn mit Anschuldigungen zu überhäufen und ihn abzuschütteln - bis sich wiederum Wilm einmischte, seinem fassungslosen Herrn zu Hilfe kam.

Mit einem Griff hatte er den Alten von jenem losgerissen und hielt ihn nun seinerseits wie mit eisernen Zangen gepackt.

»Ruhe nun!!« donnerte er ihn an. »Wenn die Leiche des Mädchens nicht hier ist, so muß sie eben anderswo sein - helft mit suchen, dazu seid Ihr hier angestellt. Verstanden?!«

Das wirkte. Das war sogar ein schlauer Einfall des Matrosen gewesen, in solch drohendem Tone den Wahnwitzigen an seine Pflicht zu erinnern.

Der Totengräber ließ ab von dem Kapitän, er suchte mit, blickte unter die Matratze und wühlte oben zwischen seinen Lumpen ... aber wo sollte man denn allen Ernstes die Leiche suchen, von welcher jene behaupteten, sie hätte hier gelegen?!

»Mr. Starke, wissen Sie etwas von dem Verbleib der Leiche?« wandte sich der Kapitän an den Steuermann.

Nein, dieser wurde vielmehr, als er den ganzen Sachverhalt nun erfuhr, daß also die Leiche des jungen Mädchens verschwunden war, nur noch perplexer als die anderen.

»Zuletzt nimmt man jetzt an, weil ich die Insel heimlich und ohne Erlaubnis betreten habe, ich hätte einen Leichenraub begangen,« meinte er in Vorahnung böser Verwicklungen.

Die Gegend, die ganze Insel wurde abgesucht, am sorgfältigsten spähte der dicke Matrose den Boden ab, begab sich auch an die Küste, wo des Steuermanns kleines Boot lag und traf dort mit diesem zusammen.

»Hört,« flüsterte Starke vertraulich, »zu eurer Komödie gehört doch nicht etwa, daß ihr die Leiche des Mädchens beseitigt habt?«

Dieser Verdacht lag gar nicht so fern, der Kapitän hatte doch verraten, daß er das Mädchen gekannt hatte. Auf diese Verdächtigung hin aber wurde der kleine Dickwanst wieder einmal saugrob, wenigstens anfangs, dann wußte er den Steuermann durch wenige Worte zu überzeugen, wie grundlos solch eine Annahme sei.

»Laßt nichts von dieser Eurer sinnlosen Vermutung merken,« warnte er, »sonst drehen wir den Spieß herum, und dabei dürftet Ihr den kürzern ziehen. Ihr versteht doch! - Nein,« setzte er dann ruhig hinzu, »wir sind ebenso unschuldig wie Ihr, hier liegt ein Rätsel vor. Werden's aber schon lösen.«

Sie begaben sich wieder nach dem Turme zurück.

»Ich muß gleich die Polizei benachrichtigen,« sagte Giuseppe, dessen große Augen noch größer geworden waren, und er machte, daß er fortkam.

Dieser Jüngling hatte schon einige Bravourstückchen in Sachen des Mutes geleistet, so war er im offenen Boot bis hinüber nach Afrika gesegelt, und an Gespenster glaubte er natürlich auch nicht - aber mit verschwundenen Toten wollte er lieber nichts zu tun haben, diese Sache war ihm zu neu.

Schon nach einer Viertelstunde kehrte er zurück, begleitet vom Polizeidirektor selbst und noch von einer ganzen Menge Herren, auch in Uniform.

Die Anwesenheit des maskierten Kapitäns und des Steuermanns war mit einigen Worten erledigt.

Man sah es den Herren an, daß keiner ernstlich auf den Verdacht kam, einer der fremden Besucher der Insel könne das Verschwinden der Leiche verschuldet haben. Für den jungen Steuermann bot schon der Name >Carnegie< die weitestgehende Garantie, und dann befanden sich gar tüchtige Detektivs darunter, welche in den Augen der Menschen zu lesen wußten, und wenn ein Unschuldiger bei einer verfänglichen Frage errötet und verlegen wird, das hat für einen tüchtigen Detektiven eben nichts zu sagen, der kennt schon seine Leute, so wie die Zollbeamten die ihren.

»Die Herren können sich wohl vorstellen,« sagte der maskierte Kapitän, »wie furchtbar unangenehm es mir ist, daß gerade ich diese Entdeckung herbeiführen mußte. Wenn hier kein Irrtum vorliegt, wenn die Leiche des Mädchens wirklich hier gelegen hat, dann - könnte es sich nicht vielleicht um einen Scheintod gehandelt haben? Das Mädchen ist wieder zu sich gekommen, hat den Turm und die ganze Insel verlassen.«

»Monsieur Hydrian, wann haben Sie die Leiche des Weibes zuletzt hier liegen sehen?« examinierte der Polizeidirektor. »Und wann Sie, Monsieur de Cigalgi?«

Zuerst gab der letztere an, daß es heute früh um acht Uhr gewesen sei, als er dem Totengräber das Essen gebracht hatte. Da habe er einmal in den Turm geblickt, dort neben dem alten Manne habe sie gelegen, vorn auf der Pritsche.

Nachdem man dem Totengräber lange genug ins Ohr geschrien hatte, brachte man aus ihm heraus, daß auch er die Leichen seit dieser Zeit nicht wiedergesehen hatte. Er hatte heute früh die Gräber ausgeworfen und seine Polenta dort auf der Klippe verzehrt.

»Monsieur Doktor Torre, sind Sie überzeugt, daß die junge Dame wirklich tot gewesen ist?« fragte der Polizeidirektor.

Der ebenfalls anwesende Arzt, welcher den Tod der beiden Selbstmörder konstatiert hatte, war ein cholerischer Charakter, und seitdem hier das erstemal das Wort >Scheintod< gefallen war, gebärdete er sich vollends ganz unwirsch.

»Ja, natürlich war sie tot!!« rief er jetzt aufs heftigste.

»Sie kann doch nur scheintot gewesen sein.«

»Scheintot - scheintot,« echote der Arzt in seiner nervösen Weise höhnisch nach, »bei Blausäure!! Wissen Sie denn überhaupt, mein Herr, was Scheintod ist? Wissen Sie denn überhaupt, was Cyanwasserstoff ist?«

Der Arzt brauchte sich hier auch gar nicht viel sagen zu lassen, und es war in Monaco gar nicht so leicht, seine Autorität anzufechten, da brauchte er seinen anderen Kollegen, die vielleicht auch noch mit ihm verschwägert waren, die Paten seiner Kinder usw., nur ein Frühstück zu geben.

Das sind ja eben die Mißstände, welche solch ein winziges souveränes Fürstentum mit sich bringt.

»Haben Sie denn eine Probe gemacht, daß der Tod wirklich von Blausäure herrührte, Monsieur Doktor?« wagte der Polizeidirektor noch einmal schüchtern zu fragen, welcher, ein Junggeselle, im Hotel Des Quatre Saisons speiste, dem allerbilligsten, weil er eben nicht glänzend gestellt war, während der Kasinoarzt, der auch seine Privatpraxis hatte, in einem der vornehmsten Hotels gleich ganz wohnte.

»Probe - Probe!« höhnte der nervöse Arzt denn auch wieder. »Wissen Sie denn überhaupt etwas, wie man auf Cyanwasserstoff prüft? Lackmuspapier und der spezifische Geruch genügten mir. In die Retorte konnte ich die Leichen natürlich nicht erst stecken, wenn sie gleich beseitigt werden sollten! Dafür machen Sie, wenn Sie etwas dagegen einzuwenden haben, gefälligst die Direktion des Kasinos verantwortlich, aber nicht mich! Es war Blausäure! Da, der Alte geht ja schon in Verwesung über!«

Allerdings, es roch hier bereits recht unangenehm. Die Leiche des alten Mannes war schon in Zersetzung begriffen.

Und nun kam auch noch unaufgefordert der Totengräber dem Arzte zu Hilfe. Er behauptete, die Leichen hätten bereits heute früh starke Spuren der Verwesung gezeigt, also auch die des jungen Mädchens, deshalb eben habe er sich nicht mehr um die Toten gekümmert.

Denn deswegen mußte der Alte ja hier auf der Insel ganz wohnen, er hatte die aufgebahrten Toten zu beobachten, falls doch einmal etwas passierte. Wenn aber erst die Zersetzung beginnt, dann kann von einem Scheintode nicht mehr die Rede sein, und der Alte hatte Erfahrung, und er war Beamter, er hatte auch einen Diensteid ablegen müssen, seine Aussage war kompetent!

Dann war die Leiche also gestohlen worden. Der Totengräber konnte darüber nichts angeben.

»Ich kann nicht hören, schon damals nicht, als ich hier als Wächter angestellt wurde, ich hab's gleich gesagt,« knurrte der alte Hydrian.

Der Alte war eigentlich gar nicht so dumm. Natürlich, das war jetzt auch noch die Schuld der vorgesetzten Behörde; warum hatte sie als Leichenwächter einen tauben Menschen angestellt?

Wie und warum die Leiche gestohlen worden war, das zu erforschen, war jetzt Sache der Kriminalabteilung und ihrer Detektivs.

Vor allen Dingen mußte sofort das Protokoll aufgenommen und nach Paris an das fürstliche Sekretariat geschickt werden.

Schon der damalige Fürst von Monaco, der Vater des jetzigen, hatte nämlich sein Sekretariat oder sein Ministerium, das alle Regierungsgeschäfte erledigt, in Paris, wo es auch noch heute ist.

Alles, was in Monaco passiert, muß nach Paris berichtet werden, und bittet jemand um die Schankkonzession, so wird dies im fürstlichen Sekretariat zu Paris entschieden.

Warum dies so ist, das ist ein Geheimnis. Ob da vielleicht auch die französische Regierung etwas mitzureden hat? Niemand weiß es. Die Monacas-cogner lachen darüber, wenn man solch eine Vermutung ausspricht. Der Fürst von Monaco ist vollkommen unabhängig, er will es eben so haben - fertig!

Und dennoch ... ganz merkwürdig ist es auch, daß dieser Minister niemals, niemals nach Monaco kommt; man kennt wohl seinen Namen, in Wirklichkeit aber ist er eine unsichtbare, mysteriöse Persönlichkeit.

Dieser geheimnisvolle Herr, der im Namen des Fürsten von Paris aus regiert, versteht von seinen Beamten keinen Spaß! Mit dem Protokoll war keine Minute zu verlieren, mit dem nächsten Zuge mußte es fort, und der kam in zehn Minuten, und wurde er verpaßt, so konnte der Polizeidirektor glücklich sein, wenn er mit einem tüchtigen Rüffel wegkam.

Bereits in fünf Minuten war das Protokoll aufgesetzt und von den Beamten unterschrieben fort nach dem Bahnhofe! Nach diesem Bericht war die Leiche der jungen Selbstmörderin, von der man schon gestern nacht nach Paris gemeldet hatte, von der Ile de Castelle entwendet worden. >Die Leiche hat sich schon im Zustande der Verwesung befunden< - die Recherchen über ihren Verbleib sind eingeleitet.

Ja, wo nun aber mit den Recherchen beginnen? Die Herren spazierten an den felsigen Küsten entlang, suchten nach Spuren, besonders ob irgendwo ein Boot gelandet sein könnte, debattierten viel und ergingen sich in den verschiedensten Vermutungen, welche, wenn sie der Wahrheit nahekommen sollten, sowieso abenteuerlich sein mußten, denn die ganze Sache war doch absonderlich genug.

Man sprach hauptsächlich von einem heimlichen Liebhaber, der sich wenigstens noch die Leiche des geliebten Mädchens gesichert habe, man redete auch von einem fremden Arzte, der die Tote zu Sezierzwecken gestohlen hatte. Nur davon sprach man nicht, daß der geheimnisvolle Kapitän seine Hand im Spiele haben konnte, und bei klarer Überlegung verwarf man auch den auftauchenden Verdacht, der Steuermann von Carnegies Jacht könnte an dem Vorfall beteiligt sein. Denn beide hatten die Entdeckung des Leichnams doch erst herbeigeführt, und - überhaupt, die ganze Sache lag so, daß auch der mißtrauischste Kopf gar nicht auf solch einen Verdacht kam, der ja auch in Wirklichkeit völlig unbegründet gewesen wäre.

Die Herren hielten sich beim Absuchen der Insel immer zusammen, wenigstens in großen Gruppen, der maskierte Kapitän und seine Ordonnanz bildeten ein besonderes Paar, während Steuermann Starke für sich allein die Insel abstrich.

Als dieser sich mitten in dem Gebüsch befand, gesellte sich plötzlich Wilm zu ihm, den er am andern Ende der Insel vermutet hatte.

»Pst, Steuermann,« begann der dicke Matrose in flüsterndem Tone, »ich habe etwas entdeckt, möchte aber nicht gern, daß es gerade von mir ausgeht, es paßt nicht gut zu meiner Brille, versteht Ihr?«

Des jungen Mannes Überraschung bei dieser geheimnisvollen Anrede war natürlich sehr groß; aber sein Denken war während der letzten halben Stunde nicht weniger mit dem rätselhaften Verschwinden der weiblichen Leiche als mit dem Geheimnis beschäftigt gewesen, welches mit dem maskierten Kapitän verknüpft war.

Von der sensationellen Verjüngungskur und allem anderen, was mit der Maske zusammenhing, hatte Starke ja schon gestern abend und heute früh genug zu hören bekommen, aber für ihn selbst ward die Sache erst von besonderem Interesse, als ihm vorhin gesagt worden war, auch Carnegie habe hierbei seine Hand im Spiele, der Steuermann würde von diesem selbst eingeweiht werden, und da schien es dem jungen Manne, als spiele dieser krummbeinige Dickwanst in Wirklichkeit eine ganz andere Rolle als die eines einfachen Matrosen.

Als er nun von der Ordonnanz so angeredet wurde, hatte er wiederum dieses eigentümliche Gefühl, über das er sich jetzt noch gar keine Rechenschaft geben konnte.

»Was für eine Entdeckung habt Ihr gemacht?« fragte er.

»Ich zeige es Euch. Ihr sollt diese blinden Maulwürfe von italienischen Detektivs darauf aufmerksam machen, weil sie sonst darüber stolpern. Aber habt Ihr mich vor allen Dingen verstanden? Die brauchen nicht zu wissen, daß ich eine ganz besonders geschliffene Brille trage.«

»Ich glaube eher, mein Freund, Ihr hättet sie gar nicht nötig.«

»Vielleicht habt Ihr recht. Wißt Ihr also, um was es sich handelt?«

»Ja, ich beginne wenigstens zu verstehen, und ich werde noch erfahren, was es mit Eurer Brille und mit der Maske Eures Kapitäns für eine Bewandtnis hat?«

»Heute abend sollt Ihr alles wissen. Mr. Carnegie selbst wird Euch reinen Wein einschenken. Jetzt seid mir behilflich, die Sache unauffällig ins klare zu bringen. Kommt, folgt mir!«

Wilm trat in die Büsche zurück, der Steuermann folgte ihm.

Die Unterhaltung hatte in flüsterndem Tone stattgefunden, und Starkes Erwartung war aufs höchste gestiegen.

Nur wenige Schritte waren nötig, da blieb Wilm stehen und deutete auf einen Ligusterstrauch.

»Was ist das?« fragte er in leisestem Tone.

Der Steuermann konnte nichts sehen.

»Mann, seid doch nicht blind! Hier, seht Ihr das nicht?«

Wahrhaftig, jetzt, da Wilm mit dem Finger zwischen zwei Zweigen einen Strich beschrieb, erblickte Starke den feinen, goldblonden Haarfaden, der sich von Ast zu Ast zog.

»Ihr meint doch nicht etwa, daß dieses Haar ...«

»Ganz sicher,« fiel ihm Wilm flüsternd ins Wort, »es gehörte jenem Mädchen an; aber ich habe noch viel mehr entdeckt, Fußspuren und vieles andere - ich weiß sogar schon, wo sich das Mädchen jetzt befindet ...«

»Was, Ihr wißt, wohin die Leiche gebracht wurde?« stieß der Steuermann bestürzt hervor.

»Ssst,« warnte wieder der Matrose. »Das ist nicht meine Sache, sondern die jener Beamten, und, wie gesagt, Ihr werdet später mehr erfahren. Jetzt tut, was ich Euch sage!«

Er gab dem Überraschten noch einige Instruktionen, dann entfernte er sich schnell, und als der Steuermann allein war, stieß er der Verabredung gemäß einige Minuten später einen lauten Ruf der Überraschung aus.

Zufälligerweise hatte sich von den übrigen Herren ein junger Beamter abgesondert, ein Detektiv, welcher als solcher noch gar nicht so lange im fürstlichen Regierungsdienst von Monaco angestellt war; eben deswegen führte er die Untersuchung mit besonderem Eifer. Dieser Mann hatte den Ruf Starkes gehört und eilte sofort herbei. Der Steuermann machte ihn auf das an dem Busche hängende Haar aufmerksam.

Es war nicht gerade sehr nett von dem italienischen Beamten, daß er die angedeutete Entdeckung sofort zu seiner eigenen machte, sich also mit fremden Federn schmückte. Ohne dem Steuermanne gegenüber ein Wort zu verlieren, eilte er sofort zu den andern Herren zurück, denen sich gerade auch wieder der maskierte Kapitän angeschlossen hatte.

»Was für Haar hat die Mademoiselle gehabt?« wandte sich der Detektiv kurz und direkt an diesen.

Wenn die Frage vielleicht eine Falle sein sollte, auf der Vermutung basierend, daß der Kapitän doch in irgend einer Beziehung zu der Leiche stehen könnte, so war sie überaus geschickt gestellt worden. Der Kapitän aber, der ja wirklich jenes Mädchen gekannt hatte, ging nicht auf den Leim.

»Was weiß denn ich!« rief er sofort. »Ich habe die junge Dame gestern zum ersten Male im Spielcasino gesehen.«

»Blond - hellblond - ein ganz auffallendes Goldblond!« erklang es von andern Seiten.

»Bitte, Messieurs, folgen Sie mir, ich habe etwas gefunden.«

Sie drangen ihm in das Gestrüpp nach, und selbst, daß der Steuermann noch neben dem Ligusterstrauch stand, hinderte den strebsamen Beamten nicht, sich nach wie vor im fremden Federschmuck zu zeigen.

Mit Wichtigkeit machte er die Herren auf >seinen Fund< aufmerksam.

»Ja, ein Haar,« sagte der Polizeidirektor unruhig. »Aber das braucht doch nicht gerade der Toten angehört zu haben.«

»Vielleicht dem alten Hydrian!« spottete ein höherer Beamter.

»Unter den Leichenräubern befand sich eben auch eine Frau.«

»Das ist das auffallende Aschblond der jungen Deutschen.«

»Ah so! Die Bahre mit der Toten ist einfach hier vorbeigetragen worden, dabei ist das Haar an diesem dornigen Strauche hängen geblieben.«

»Nein,« erklärte aber der Beamte, der wie immer auch heute nacht die Leichenträger nach der Teufelsinsel begleitet hatte, »hier kommen wir niemals durch, hier kann sich ja auch niemand mit einer Bahre durchzwängen.«

Herrgott, waren diese Menschen dumm, daß sie dem Polizeidirektor immer widersprachen! Sie schnitten sich ja nur in das eigene Fleisch!

»Dann ist es eben hierhergeweht worden!! Was soll es denn nun eigentlich mit diesem Haare?«

Da ertönte ein langer Ruf des jungen, strebsamen Detektivs; diesmal hatte er wirklich eine selbständige Entdeckung gemacht, wozu freilich auch jeder andere befähigt gewesen wäre, er hätte nur zufällig dieselbe Richtung einschlagen müssen. Das ganze Verdienst bestand darin, daß er sich von den anderen Herren wieder getrennt hatte ... doch der Erfolg ließ nichts zu wünschen übrig, diesmal standen die Herren, als sie dem Rufe Folge geleistet hatten, von Entsetzen gefaßt da und blickten sich scheu um, als ob sie Gespenster witterten.

In dem noch etwas feuchten, vom letzten Regenguß angeschwemmten und noch nicht von Vegetation bedeckten Schlammboden war scharf und deutlich ein kleiner, nackter Menschenfuß abgedrückt!

»Das ist - das ist - die Fußspur von einem Kinde,« flüsterte der Polizeidirektor, brachte es aber kaum noch hervor.

»Bitte, von welchem Kinde denn?« ließ sich der Detektiv in spöttischer Überlegenheit vernehmen. »Nein, das ist vielmehr der kleine Fuß eines erwachsenen Weibes!«

»Wie gesagt, dann war unter den Leichenräubern eben auch ein ...«

Der Polizeidirektor brach ab. Er gab seine Bemühungen auf, die Sache auf eine andere Weise zu erklären, als er selbst sie sich dachte. Etwas anderes fiel ihm mit Schrecken ein, hastig zog er seine Uhr.

»Ob das Protokoll schon ...«

Da kam bereits Giuseppe wieder, welcher es nach dem Bahnhofe gebracht hatte. Er konnte nur melden, daß er den Zug noch habe abfahren sehen, der jetzt das Protokoll unwiderruflich nach Paris an das fürstliche Sekretariat brachte.

Das war schlimm!! In dem Bericht war ein Leichenraub gemeldet; man hatte sogar versichert, die Leiche sei schon in Verwesung begriffen gewesen, und jetzt drängte sich allen die felsenfeste Gewißheit auf, daß das junge Mädchen gar nicht tot gewesen, sondern sich wieder erholt hatte und auf der Insel umhergelaufen war.

»Hunde her!« ließ sich ein höherer Kriminalbeamter vernehmen. »Monsieur Cigalgi, schaffen Sie Ihre Hunde herbei!«

Giuseppe verließ die Insel zum zweiten Male, aber während er die Hunde holte, wollte keiner der Herren die Insel weiter durchstöbern. In stummem Schreck blickte man sich an.

»Sie war nur scheintot. Sie muß hier irgendwo liegen, oder sie hat sich später noch ins Meer gestürzt.«

So wurde schon geflüstert, und noch scheuer spähten die Blicke umher, ob nicht eine Gestalt im Leichenhemd aus dem Gebüsche auftauche.

»Nein, sie war tot, denn sie hatte Blausäure genommen!!« rief da aber der Arzt mit einer Wut, die schon mehr an Tobsucht grenzte. »Das ist die Fußspur von einer anderen Person! Das Mädchen war tot!!«

Was sollte man dazu sagen? Es gibt eben Menschen, welche durchaus recht behalten müssen. Wenn sie auf einem Vulkan stehen, von dem sie behaupten, er könne niemals wieder Flammen speien, und sie fliegen mit dem Vulkane in die Höhe, so behaupten sie noch in der Luft: Und er ist dennoch erloschen! Hoffentlich hatte der Arzt mit seiner hartnäckigen Behauptung diesmal recht.

Giuseppe brachte seine beiden großen Neufundländer, deren ausgezeichnete Nasen bekannt waren. Aber die Hunde waren kaum zu bewegen, die Insel zu betreten. Sie fingen derartig zu heulen an und gebärdeten sich überhaupt auf eine solche Weise, daß den Herren erst recht die Haare zu Berge standen, und kaum hatte Giuseppe die Tiere losgelassen, als sich beide schon ins Meer stürzten und der Küste zuschwammen.

Da holte Giuseppe auch noch seinen Mops, ein sehr gelehriges und kluges Tier. Er fühlte sich auf der Toteninsel ganz behaglich und zeigte durchaus keine Scheu - aber der verstand wieder die Spur nicht zu verfolgen, dazu war die Mopsnase nicht fein genug. Das ist in eben das Merkwürdige bei den Hunden, und daß ein guter Hund heult - oder heulen kann - wenn im Hause ein Kranker bald stirbt, das ist durch zu viele Beispiele bewiesen, als daß man dies noch ins Reich der Ammenmärchen verweisen könnte. Das Tier ahnt nicht, sondern seine feine Nase riecht etwas - vielleicht das, was man den Todesschweiß nennt.

Wenn auch alle diese Männer nicht an Geister glaubten und sich sonst nicht vor Toten fürchten mochten - sie befanden sich auf einer Toteninsel, und wer sich auf einem Friedhof völlig frei von gewissen Gedanken fühlt, der ist nicht nur ein gefühlloser, sondern auch ein geistig beschränkter Mensch.

Hier aber lag noch etwas anderes vor. Das Benehmen der Hunde war auch nicht gerade ermutigend gewesen - und jetzt wurde es noch dazu dunkel.

Doch es half alles nichts, erst mußte die Insel schnell noch einmal abgesucht werden. Die Herren redeten einander vor, daß dies ihre Pflicht sei. Sie bildeten aber nur zwei Gruppen, deren eine wiederum aus dem Kapitän, seiner Ordonnanz und dem jungen Steuermann bestand.

Nach zehn Minuten trafen alle schon wieder zusammen. Die Nacht brach an und hätte jetzt auch ein Suchen mit Lichtern unmöglich gemacht.

Es mußte angenommen werden, daß die zum Leben Wiedererwachte den Tod im Meere gesucht und gefunden hatte. Wenn der Leichnam morgen nicht hier zwischen den Felsen eingekeilt gefunden wurde, so konnten die Fischer ganz genau bestimmen, wo er dann in den nächsten Tagen an der Küste angeschwemmt werden würde. So lange mußte man warten.

»Es ist nötig,« begann der Polizeidirektor, »daß wenigstens heute nacht außer dem Totengräber noch jemand von uns hier ...«

»Ich bleibe, nicht auf der Insel, nicht heute nacht und niemals mehr!« fiel sofort der alte Hydrian ein, der plötzlich das Gras wachsen hören konnte.

»Warum denn nicht?«

»Ich tu's eben nicht, und wenn mir auch alle Schätze ...«

»Dafür werden Ihnen gar keine Schätze geboten, sondern das ist ganz einfach Ihre Pflicht, und tun Sie's nicht, dann sind Sie entlassen!«

»Mir ganz egal. Ich bleibe nicht mehr auf der Insel. Vor toten Leichen fürchte ich mich nicht, aber wenn sie wieder lebendig werden ...«

»Elende Memme!!« rief der Direktor verächtlich und wandte sich dann, ohne sich weiter um dm Totengräber zu kümmern, an die andern Beamten: »Ich bin heute nacht leider verhindert, sonst würde ich selbst gern hierbleiben und die Wache übernehmen, Monsieur Chevalier, Sie haben wohl die Güte ...«

»Bedaure sehr, Herr Direktor,« rief der Angeredete schnell, »ich habe heute nacht Dienst im Kasino, und das geht vor.«

»Dann Sie, Herr Trombetti, Sie sind heute nacht frei, wollen Sie ...«

»Mit dem größten Vergnügen, Monsieur Direktor, aber meine Frau ist krank ...«

So wäre es wohl noch eine Weile weitergegangen. Auch den sonst so strebsamen Detektiv schien der Diensteifer völlig verlassen zu haben, als es sich darum handelte, unter den jetzigen Umständen auf der Teufelsinsel eine einsame Nachtwache zu halten, wenn nicht von anderer, unerwarteter Seite ein freiwilliges Angebot gemacht worden wäre.

»Bitte, Herr Polizeidirektor, lassen Sie mich diese Nacht hier wachen,« ließ sich plötzlich der maskierte Kapitän vernehmen.

»Sie? Aber wie können wir denn das von Ihnen verlangen?!« erklang es halb erstaunt, halb freudig und auch etwas mißtrauisch.

»Ganz einfach, es liegt in dieser einsamen Nachtwache auf der Toteninsel für mich ein großer Reiz. Es ist schauerlich, ich gestehe es, aber so etwas liebe ich gerade, es reizt mich.«

»Ich verstehe Sie ganz,« beeilte sich der Direktor zu erwidern, »denn ich huldige ganz denselben romantischen Schwärmereien. Ich bedaure aufs lebhafteste, unglücklicherweise gerade verhindert zu sein. Jammerschade! Vielleicht bleibt aber doch einer der Herren zu Ihrer Gesellschaft ...«

»Nein, nein, dann hätte es für mich gar keinen Reiz mehr. Entweder ganz allein oder gar nicht. Also auch weder Giuseppe noch meine Ordonnanz bleiben - ganz allein muß ich mich der schaurigen Einsamkeit hingeben können.«

»Wie Sie wünschen. Ihr Wunsch hat uns ja überhaupt Befehl zu sein,« entgegnete der Direktor höflich, und mit einem Male zeigten alle diese Herren eine außerordentliche Neigung für das Romantische und Grausige und verliehen ihrem Bedauern Ausdruck, nicht ebenfalls solch eine einsame Totenwacht auf der Teufelsinsel halten zu dürfen.

Der Kapitän wollte gleich hier in der Nähe des Turmes bleiben, und nachdem er seiner Ordonnanz Instruktionen gegeben hatte, was sie ihm sofort aus dem Hotel hierherzubesorgen habe, verabschiedeten sich die Herren von ihm mit einigen der Situation entsprechenden Worten.

»Und Sie, Monsieur Starke?«

Selbstverständlich mußte der Steuermann sich zur Rückfahrt seines Bootes bedienen, und so kam es, daß er erst noch einige Zeit, wenigstens einige Minuten mit dem Kapitän allein auf der Insel blieb. Dann fuhr auch er ab und begab sich direkt an Bord seiner Jacht zurück.

Was der junge Steuermann während der wenigen Minuten mit dem maskierten Kapitän gesprochen hat und was er an demselben Abend von Mr. Carnegie, in dessen Diensten er stand, erfuhr, das braucht der geneigte Leser nicht zu wissen - darf es nicht, denn das würde alle Illusionen zerstören.

Er spielt in unserer Erzählung auch weiter keine bedeutsame Rolle, wir lassen ihn sogar absichtlich weg, wir brauchten ihn nur einmal, um ihn ein Gespräch zwischen dem maskierten Kapitän und dessen Ordonnanz belauschen zu lassen, welches Gespräch in der Erinnerung zu behalten, wir den freundlichen Leser schon baten, und später soll noch einmal ein interessantes Gespräch angeführt werden, das bei einer anderen Gelegenheit zwischen diesem Steuermann und Nobody stattfand, wovon aber nichts in den Tagebüchern des letzteren steht, eben deswegen mußte der junge Steuermann einmal handelnd auftreten.

Im übrigen wird der Leser später selbst herausfinden, wie dies alles gemeint ist, und wer sich speziell dafür interessiert, dem sei nur noch eine Andeutung gemacht: diesem Steuermann Starke übergab der amerikanische Detektiv Nobody später seine Tagebücher. Er konnte auf Grund von mündlichen Mitteilungen die trocknen Notizen zu einem erzählenden Ganzen vereinen.

Hiermit sei diese Angelegenheit erledigt, und wenn man das ganze Leben als ein Theaterstück betrachten kann, so wollen wir in demselben wie der die Zuschauer sein, und als solche dürfen und wollen wir doch auch gar nicht wissen, was hinter den Kulissen vor sich geht.



Eiligst hatten die Herren dem Landungsplatze ihres Bootes zugestrebt, um nicht länger im Finstern hier herumtappen zu müssen.

Auch Monsieur Hydrian hatte sich ihnen angeschlossen, er verließ die Insel für immer.

»Die Leiche des Alten hätte aber wenigstens erst begraben werden müssen,« meinte Wilm, als sie ins Boot stiegen.

»Die muß bis morgen früh liegen, so ist es Vorschrift,« wurde ihm kurz geantwortet.

Als er den Strand erreicht hatte, trollte Wilm sich sofort nach dem Hotel de Paris und häufte in einem großen Korbe alles zusammen, was zu holen er beauftragt war, und schlecht wollte sein Kapitän während der Leichenwacht nicht leben, Küche und Keller hatten das Beste hergeben müssen.

Auf dem Rückweg nach der Bootsstation belauschte der Matrose ein interessantes Gespräch, dem wir einige Worte vorausschicken müssen.

Wie erwähnt, wird in Monaco ein Selbstmord aufs peinlichste verheimlicht, schon aus Geschäftsrücksichten, und eben deswegen spricht auch nicht der darum wissende Einheimische über so etwas, weil seine Existenz auf die eine oder andere Weise doch ganz von dem Kasino und dem Fremdenverkehr abhängig ist.

Der Vorfall auf der Teufelsinsel aber konnte nicht totgeschwiegen werden. Der war gar zu ungeheuerlich und auch dem Monacascogner zu neu, da mußte er im Café und vor der Haustür darüber schwatzen, und den Anfang darin hatte der entlassene Totengräber gemacht. Da konnte es natürlich nicht bei nüchternen Tatsachen bleiben.

Auf dem Boulevard de la Condamine gingen zwei junge Monacascognerinnen, zwischen sich einen Wäschekorb tragend. Sie ahnten nicht, daß ihre Unterhaltung belauscht würde.

»Jede Nacht muß er ein junges Mädchen auffressen, sonst wird er gleich wieder alt,« hörte der Lauscher die eine sagen.

»Nur das Blut saugt er ihr aus, denn er ist ein Vampir,« korrigierte die andere die Kollegin.

»Ja, aber dann frißt er sie auch noch vollständig auf, damit man gar nichts merkt,« verteidigte die erste ihre Ansicht, die selbstverständlich den geheimnisvollen Kapitän mit der Maske betraf.

»Juliette meinte doch, die Tote wäre wieder lebendig geworden.«

»Ach, was weiß denn Juliette!« erklang es verächtlich zurück. »Na ja, es mag schon sein, er versteht eben mit seinen Hexenkünsten die Mädchen, die schon tot sind, wieder lebendig zu machen, denn das müssen seine Opfer sein, wenn er ihnen das Blut aussaugt.«

»Wo mag denn aber die Tote jetzt liegen?« fragte die andere wieder.

»Die hat er einstweilen auf der Insel vergraben. Der taube Hydrian hat nur nichts davon gemerkt, und heute nacht holt der Kapitän sie wieder heraus und macht sie durch seine Höllenkunst wieder lebendig - siehst du, heute ist auch gerade Vollmond, den brauchen die Vampire immer.«

»Daß man ihn da nur auf der Teufelsinsel läßt!« schauerte das andere Waschmädel zusammen.

»Ja, wer weiß, wer das ist! Der hat hier eben zu befehlen.«

»Da ist man ja seines Lebens nicht mehr sicher!« flüsterte wieder die Ängstliche, scheu nach der eben auftauchenden Insel blickend.

»Ach, wir brauchen keine Angst zu haben,« tröstete die andere, »es muß allemal ein unschuldiges Mädchen sein.«

»Na, dann ist's wenigstens gut!« seufzte die Ängstliche erleichtert auf, wurde aber gleich von einem neuen Zweifel gequält: »Ja, woher soll er denn das aber wissen, das kann man einer doch nicht ansehen?«

»Das weiß der schon, dafür ist er ein Vampir, das ist doch kein gewöhnlicher Mensch, der hat sich dem Teufel verschrieben.«

»Daß aber so etwas erlaubt ist!« fing die andere wieder an.

»Na, wir werden noch etwas erleben! Wie die Mädchen hier verschwinden werden!«

»Wenn's aber nur unschuldige Mädchen sein sollen, wo will er die denn hier in Monaco herkriegen?« fragte die Ängstliche in gerechtem Zweifel.

»Nun ... nun ...«

Da die kluge Freundin keine Lösung dieser verwickelten Frage wußte, umging sie dieselbe ganz und gab der Sache eine andere Wendung, allerdings eine unklare.

»Zuerst holt er sie sich immer vom Friedhof,« sagte sie also. »Er gräbt sie aus. Wirklich lebendige sind ihm freilich lieber. Und weißt du, wer jetzt bei ihm zuerst darankommt?«

»Na? Doch nicht die Demoiselle Blanche, die aus dem Tabaksgeschäft?«

»Ah, die!« erklang es mit namenloser Verachtung. »Die ist ja schon Amme gewesen - und falsche Zähne hat sie auch. Nein, die Turandot, weißt du, die russische Prinzessin. Paß auf, was ich gesagt habe: das ist die erste, die lebendig verschwindet. Der saugt er erst das Blut aus - und dann frißt er sie natürlich, wie immer, ganz auf.«

So weit waren die beiden in ihrer Unterhaltung gekommen, als neben ihnen plötzlich eine dritte Person auftauchte, die ebenfalls einen Korb trug. Aber ein Waschmädchen war das nicht, vielmehr ein Matrose.

»He, ihr Jungfern, kommt ihr ein bißchen mit auf die Teufelsinsel?«

Die Matrosenmütze und die große Hornbrille sehen und aufkreischend davonjagen, das war eins. Denn diese X-Beine kannte man schon, sie brauchten gar nicht in Uniform zu stecken. Ein Wunder war es, daß die beiden Mädchen vor Schreck nicht gleich ihren Korb hatten fallen lassen. Da hatte man es ja! Da fing es schon an! Auch seine Matrosen mußten die Mädchen zu ihm locken, und das Schlimmste war dabei, daß der Vampir gar nicht so wählerisch zu sein schien, nämlich in Sachen der jungfräulichen Unschuld, wie die beiden Monacascognerinnen sich vorhin getröstet hatten.

Wilm kicherte leise vor sich hin und wanderte mit seinem Korbe am Ufer entlang, bis er wieder am Felsen der Arche Noah die Bootstation erreicht hatte, wo Giuseppe schon eine kleine Jolle bereithielt. Es ging sofort ab.

»Euer Kapitän ist ein mutiger Mann, daß er die ganze Nacht allein auf der Teufelsinsel bleiben will, noch dazu, wo gerade im Turm ein Leichnam liegt,« sagte Giuseppe unterwegs, »ein sehr mutiger Mann ist er.«

»Das wollte ich meinen!« entgegnete Wilm. »Gegen den sind wir alle zusammen Waschlappen, und wir - wir von der Heliotrop - wir sind doch lauter Jungens, welche sagen, daß sie mit ihrem Genick machen können, was sie wollen - und ein guter Kerl ist er dazu, unser Kapitän. - Oder, hm, glaubst du auch, daß unser Kapitän Leichen frißt?«

Der Jüngling ruderte im Stehen der Insel zu. Eben tauchte der Vollmond hinter den Bergkämmen der Seealpen auf; er beleuchtete ein lächelndes Gesicht.

Die Ordonnanz hatte zum Besorgen des Proviantes eine halbe Stunde gebraucht, und unterdessen mochte auch Giuseppe schon die abenteuerlichen Gerüchte über den mädchenfressenden Vampir zu hören bekommen haben.

»Ich weiß, was du meinst,« lächelte er. »Die Leute hier glauben an Vampire - weil nämlich unser Bischof selbst daran glaubt. Der hat sogar einmal von der Kanzel herab davon gesprochen und vor den Vampiren gewarnt. Es soll manchmal ganz gut sein, wenn das Volk seinen Popanz hat, wenigstens hier bei uns tut es oft sehr not, aber zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Ich glaube auch nicht daran, daß ein alter Mann wieder jung werden kann.«

»Neeee??« sagte der dicke Matrose, nichts weiter. Desto länger aber kratzte er sich dann, nachdem er die bewimpelte Mütze abgenommen hatte, hinter den Ohren.

Die Insel war erreicht. Wilm hatte bereits eine Blendlaterne angesteckt.

»Ich bleibe nicht lange, gebe nur den Korb ab,« sagte er, sprang ans Ufer und suchte sich seinen Weg durch die Büsche.

Er kam denn auch so bald wieder zurück, daß er mit seinem Kapitän nichts Besonderes hätte besprechen können, und wir lassen die beiden nun nach dem Strande zurückfahren, ohne uns weiter mit der dicken Ordonnanz zu beschäftigen, was wir später um so mehr tun müssen, und gesellen uns dem maskierten Kapitän bei.

Hatte dieser die einsame Totenwache auf der Teufelsinsel wirklich nur deshalb übernommen, um, wie es im Märchen heißt, das Gruseln zu lernen? Oder hatte er einen anderen Grund?

Nur das eine sei betont, daß er bei dem Verschwinden des Mädchens seine Hand nicht mit im Spiele hatte, daß ihm vielmehr das Ganze selbst ein geheimnisvolles Rätsel war - was er freilich diese Nacht zu ergründen gedachte.

Vorläufig allerdings ließ er sich von diesem Vorhaben noch nichts anmerken.

Als ihn der Matrose nach einigen gewechselten Worten wieder verlassen hatte, leuchtete der Kapitän einmal mit der Blendlaterne, die ihm Wilm gebracht, in den Korb, welcher neben dem Turme niedergesetzt worden war, wühlte darin, stopfte sich eine kurze Pfeife, brannte sie an, ging in das Gemäuer und setzte hier die Lampe so hin, daß ihr Schein dem Toten direkt in das weißbärtige Antlitz fiel. Sinnend blieb der Einsame einige Zeit vor der Leiche stehen, dann begab er sich wieder hinaus und begann vor dem Eingänge auf- und abzugehen - mit der Regelmäßigkeit eines Seemannes, dessen Spuren zuletzt in den Deckplanken zu sehen sind, so gleichmäßig setzt er die Füße und dreht immer auf demselben Punkte um.

So also tat auch der maskierte Kapitän, stopfte, wenn es nötig war, eine frische Pfeife, und jedesmal, wenn er bei seiner kurzen Wanderung an dem offenen Eingange vorüberkam, warf er einen Blick auf den Toten - alles ganz automatisch.

Trotz der duftenden Blüten war es keine von Leuchtkäfern erfüllte Sommernacht. Im Gegensatze zu dem warmen, sogar heißen Tage war es jetzt ganz empfindlich kalt, wenigstens hier auf der Insel. Daß drüben auf dem Festlande auch die zartesten Pflanzen - mit Ausnahme der äquatorialen - selbst im Winter Blüten treiben, das machen nur die dunklen Kalkwände des steilen Gebirges, welche am Tage die Sonnenwärme aufsaugen und in der Nacht wieder ausstrahlen. Das wirkt aber nicht bis hierher.

Als im Hafen von Monaco die Schiffsglocken der Jachten die zehnte Stunde glasten, unterbrach der Kapitän seinen Spaziergang. Zuerst musterte er den Himmel.

Der Vollmond erstrahlte noch in vollem Glanze, aber von dort, wo der leise Wind herkam, stiegen am Himmel dunkle Wolken auf, und das schien dem einsamen Totenwächter gar nicht recht zu passen.

»O weh,« murmelte er, »mit Wolken hatten wir für diese Nacht freilich nicht gerechnet!«

Doch sie schienen ihm sonst keine Sorgen weiter zu machen. Er holte aus dem Turme die Lampe, nur zu dem Zwecke, um wieder in den Korb hineinzuleuchten. Er packte aus, setzte sich auf einen Stein und hielt sein Nachtmahl, wobei es ab und zu auch anhaltend >gulkerte<.

Zum Essen und Trinken mußte er wohl die Maske abgenommen haben, aber dennoch saß er dicht neben der Blendlaterne mit ihrem einzigen Strahle in vollkommener Finsternis.

Als er nach beendeter Mahlzeit wieder in den Mondschein trat, hatte er die schwarze Maske wieder vor dem Gesicht. Er setzte die Laterne in den Turm zurück und nahm seinen alten Spaziergang wieder auf, nur daß er jetzt dem Himmel mehr Beobachtung schenkte als zuvor.

Dieser bewölkte sich immer mehr, und um so besorgter schien der Kapitän zu werden, bis seine Gedanken in Worten laut wurden.

»Teufel, in einer Viertelstunde steht vor dem Monde eine schwarze Wolkenwand, und die geht bis morgen früh nicht wieder weg. Was soll ich da tun? Soll ich dann die Lampe als Leuchtfeuer aufstellen, daß der Schwimmende den Weg im Wasser nach der Insel nicht verfehlt? Das könnte Verdacht erregen.«

Hiermit hatte sich der einsame Totenwächter ein klein wenig verraten. Er wollte also nicht die ganze Nacht allein auf der Insel bleiben, er erwartete einen Besuch, und zwar einen Mann, welcher schwimmend die Insel erreichen würde.

Plötzlich schlug sich der Kapitän vor die Stirn.

»Ach, ich Narr!« lachte er ärgerlich. »Er will ja erst um eins kommen, weil da der Mond schon wieder untergegangen ist, er will ja also gerade völlige Dunkelheit haben. Überhaupt, was braucht denn ein Nobody Licht, um sich schwimmeud hierherzufinden!«

Also kein anderer als Nobody war es, dessen nächtlichen Besuch der maskierte Kapitän hier erwartete, und zwar schwimmend würde er kommen!

Seit der Mahlzeit waren zwei Stunden vergangen, die tiefste Finsternis herrschte. Der Kapitän wanderte noch immer vor dem Turme auf und ab. Die Jachten glasten mit vier Schlägen Mitternacht; der einsame Nachtwandler blieb stehen.

»Die Geisterstunde hat begonnen,« flüsterte er. »Wenn es nur wirklich Geister gäbe, welche mich hier ...«

Erschrocken brach er ab, und auch jeder andere Mensch wäre von einem tödlichen Schrecken befallen worden, oder es wäre kein Mensch gewesen.

Ein unheimlicher Ton durchdrang die Nacht. Es war ein quiekendes Kreischen, durch Mark und Bein gehend, und hier in seiner dichtesten Nähe war es erschollen, förmlich an seiner Seite.

»Nobody, macht keinen ...«

Der Kapitän der Heliotrop mußte einen triftigen Grund haben, nicht glauben zu können, daß ihn der Erwartete mit Geisterspuk foppen würde, er schien den Gedanken an so etwas sofort aufzugeben.

Da noch einmal dieses entsetzliche Kreischen, das gar nichts Menschliches an sich hatte, und jetzt hatte es der Kapitän ganz deutlich gehört, es konnte nur aus dem Turme selbst kommen - und gespensterfrei war der Kapitän der Heliotrop, das zeigte sich schon daraus, daß in seiner Hand plötzlich der Lauf eines Revolvers blitzte, als er nach dem Eingange des Turmes sprang, um die Ursache des Geräusches zu erfahren.

»Wer da?«

Nichts! Still lag der Tote da. Die Lampe flackerte nicht, um den eingefallenen Zügen Leben zu verleihen, und der schauerliche Ton wollte sich nicht zum dritten Male wiederholen, wie der Maskierte auch wartete.

Aber hier drin mußte es gewesen sein, er hätte darauf schwören mögen.

Da ... diesmal ein Seufzer ... ganz vernehmlich ... und wiederum in diesem Raume!

Der alte Mann freilich regte sich nicht, der war tot!

»Wer da?«

Keine Antwort. Nur die Turmmauer gab dröhnend den Ruf wieder.

Der Maskierte nahm die Blendlaterne, leuchtete umher, auch unter die Pritsche - nichts war zu entdecken.

Doch da, gerade als er sich wieder aufrichtete, erscholl noch einmal in seiner dichtesten Nähe derselbe Seufzer!

Der Kapitän hatte sich gerade vor dem Toten befunden, ihn angeblickt - nein, von diesem konnte der ächzende Seufzer nicht kommen - hinter dem Kapitän war er erklungen. Blitzschnell wandte er sich um - wieder nichts zu sehen!

»Hier ist jemand!! Wer du auch seist, zeige dich!!!«

Vergebens, es erschien nichts, und jetzt wollte sich auch der Seufzer nicht wiederholen.

Courage hatte der Kapitän von der Heliotrop!

Im Turme selbst war der geisterhafte Laut auf alle Fälle erklungen, denn der schwache Seufzer hatte sogar ein leises Echo gehabt. Aber er konnte auch oben im Turme ausgestoßen worden sein; infolge der Akustik war er nur scheinbar hier unten erklungen. Der Kapitän stieg also die Wendeltreppe hinauf, in der linken Hand die Laterne, in der rechten für alle Fälle den schußbereiten Revolver.

Es sah hier oben gerade noch so aus, wie heute mittag. Der Totengräber hatte alle seine Habseligkeiten im Stich gelassen.

Schon wollte der Kapitän die zweite Treppe betreten, um auch in der unbenutzbaren Etage Umschau zu halten, als sein Fuß förmlich am Boden wurzelte.

Da erklang abermals der Seufzer, jetzt aber unten, lauter denn zuvor - jetzt mußte unbedingt etwas unten sein! - und da war auch schon wieder das entsetzliche schrille Kreischen - das Echo gellte nach ...

Zu allem entschlossen, eilte der Maskierte wieder die Treppe hinab. Jetzt mußte er etwas zu sehen bekommen, oder es war ein Trugspiel der Hölle - und er bekam es zu sehen ... und die Laterne entfiel seiner Hand!



Die Nacht rang noch mit dem grauenden Tage um die Herrschaft, als einige in Mäntel gehüllte Männer den Strand entlangschritten, gefolgt von vier Arbeitern, welche zwischen sich zwei große, lange Gegenstände trugen, und mochten diese auch noch so sorgfältig verhüllt sein, so erkannte man doch gleich, daß es nur zwei Särge sein konnten.

Neben Giuseppe wartete in der Felsenecke schon Wilm auf die Kommenden.

»Waren Sie schon drüben?« wurde er von dem Polizeidirektor gefragt.

»Nein. Warum? Der Kapitän könnte schlafen, und was soll ich ihn da stören.«

Die Särge, zur Aufnahme der beiden Leichen bestimmt, wenn auch die eine fehlte, wurden verladen. Die Beamten nebst Wilm bestiegen ein besonderes Boot und ließen sich schon vorher hinüberrudern.

Auf der spiegelglatten Meeresfläche sah man die Schatten der Nacht mit Blitzesschnelle zurückfliehen, ebenso schnell von dem Tageslicht verfolgt. Man kann dieses wundersame Schauspiel jeden Morgen ganz deutlich beobachten, und dann mit einem Male lag die taufrische Insel im Sonnenlichte da.

Sie stiegen an Land. Es war ein nasser Weg bis zum Turm. Dort stand der Korb mit geöffnetem Deckel, der Kapitän war nicht zu sehen.

»Monsieur Kapitän?!«

Keine Antwort.

»Er wird im Turme schlafen,« hieß es.

»Bei der verwesenden Leiche?«

»Er wird unten am Meere sein,« meinte Wilm.

»Ganz gewiß badet er sich, das liebt er bei Sonnenaufgang, und wenn er sich auch erst das Eis aufhacken muß.«

Der Polizeidirektor schritt schnell dem Turmeingange zu, hoffend, daß sich über Nacht die weibliche Leiche wieder eingestellt haben wurde.

Er kam nicht ganz hinein, nur einen halben Schritt, dann stand er wie eine Bildsäule da, nur daß seine Augen immer weiter herausquollen, bis sie die Höhlen verlassen wollten, und dann drehte er sich mit einem gellenden Schrei um, rannte einen Herrn gleich über den Haufen, stürzte selbst und brüllte, am Boden liegend, immer weiter.

Wer weiß, was geschehen wäre, wahrscheinlich wäre es zu einer allgemeinen, panikartigen Flucht gekommen, wenn nicht auch Wilm gleich in die Tür gesprungen wäre. Da aber nun der Matrose ruhig in dem Eingange stehen blieb, so konnte sich im Innern wohl kein wildes Tier oder etwas anderes Entsetzliches aufhalten, und so traten auch die übrigen Herren, freilich mit klopfendem Herzen, näher, um zu erforschen, wovor sich denn Monsieur le Directeur so entsetzt habe, denn der brüllte noch immer wie ein gefällter Stier aus Leibeskräften.

Da aber begannen auch den anderen Herren die Augen herauszuquellen; nur wenige waren noch fähig, vor ihrer Brust ein Kreuz zu schlagen, und dem Matrosen erging es nämlich nicht anders; auch Wilm stand wie vom Donner gerührt da.

»Heilige Jungfrau, stehe uns bei!!« ächzten die Franzosen und Italiener.

»Heiliger Klüverbaum und Bramsteng, kratzt mich denn nur der Affe?!« machte der dicke Matrose seinen Empfindungen Luft.

Auf der Pritsche lagen jetzt zwei Tote im Leichenhemd.

Aber nicht etwa, daß die verschwundene Leiche des Mädchens wiedergekommen wäre, sondern die zweite Gestalt, welche lang ausgestreckt neben dem alten Manne lag - das war ebenfalls ein Mann, mit einem mit einem langen Leichenhemd angetan, und auf diesem sah man einen großen, schwarzen Stempel, den Stempel des Polizeihospitals, welches die Leichenhemden für die Selbstmörder liefert.

Und was war denn das? - das schwarze Gesicht - und unter dem weißen Hemd blickten Stiefel hervor ...

»Kapitän - herrjeh nochmal! - konntet Ihr Euch denn gar keinen anderen Platz zum Schlafen aus ...«

Dem dicken Matrosen blieb das letzte Wort in der Kehle stecken.

Ja, warum aber hatte denn der Kapitän ein Leichenhemd angezogen? Und wie kam er denn überhaupt zu diesem Hemde? Und seltsam, wie er dalag! So starr! Selbst die Finger so steif ausgestreckt! Überhaupt eine ganz auffallende, unnatürliche Lage! Wie ein vom Starrkrampf Befallener!

»Kapitän - um Gottes willen! - was ist denn nur mit Euch los?!« hauchte Wilm mit bleichen Lippen.

Auf den Fußspitzen schlich er sich näher und beugte sich über den Regungslosen.

»Kapitän, schlaft Ihr denn nur so fest?« erklang es immer ängstlicher.

Da sah Wilm in den Löchern der Maske die Augen stier ins Leere gerichtet.

»Der Kapitän ist tot!!!«

Mit diesem gellenden Schrei prallte der Matrose zurück und blieb mit zitternden Gliedern an der Wand lehnen.

Jetzt war es der Arzt, welcher couragiert an die Pritsche trat, und auch er sah die starren Augen, er nahm die so seltsam ausgestreckte Hand ...

Das heißt, er wollte sie nehmen, er berührte sie nur - und in demselben Augenblicke, da seine Fingerspitzen die Hand berührten, schnellte der Kapitän, wie von einer Sprungfeder abgeschleudert, empor und stürzte im Leichenhemd hinaus, vor dem Turme wie ein Wahnsinniger auf- und abrennend, stöhnend, ächzend, brüllend, unzusammenhängende Worte ausstoßend.

»Das Leichenhemd ... das Leichenhemd ... so reißt mir doch nur das Leichenhemd ab!! ... Wo ist der Fürst ... ich muß gleich den Fürsten sprechen ... ich habe etwas Furchtbares zu berichten ... ich habe etwas Fürchterliches erlebt ... fort, fort von hier!!! ... So reißt mir doch das Leichenhemd ab, ich kann es ja nicht selbst!!!«

»Na, wenn der Kapitän nur wenigstens lebt, dann geht ja noch nichts schief!« jauchzte da plötzlich Wilm auf, sprang hinzu, packte das Hemd, es riß und blieb in seinen Händen zurück, gleichzeitig stürzte aber der Kapitän, wie von Furien gepeitscht, davon.

Wie die Herren plötzlich an den Landungsplatz der Boote gekommen waren, das wußte dann keiner mehr zu erzählen, und da sahen sie schon den maskierten Kapitän in jenem Boote, welches die Särge gebracht hatte, mit aller Macht dem Ufer zurudern, und als er dieses erreicht hatte, sprang er ebenso hastig heraus und stürzte davon, der Richtung nach Monte Carlo zu, ohne sich noch einmal umgeblickt zu haben.

3. Der Kosak

Die eine der beiden Monacascognerinnen, deren Gespräch wir belauschten, hatte gemeint, die russische Prinzessin Turandot würde die erste sein, welche den blutdürstigen Gelüsten des mädchenfressenden Kapitäns zum Opfer fiele.

Wir müssen uns jetzt mit dieser russischen Prinzessin beschäftigen, welcher ein solch brillantes Sittenzeugnis ausgestellt worden ist, denn jene Monacascognerin hatte doch tröstend versichert, der Vampir könne zu seinen Zwecken nur unschuldige Mägdlein gebrauchen, und da sie nun auch noch hinzugesetzt, wie schwer solche Unschuldige in Monaco zu erlangen seien, auf dem Kirchhof unter der Erde müsse man sie suchen - gibt es denn da ein besseres Sittenzeugnis, als daß Prinzessin Turandot die erste sein würde, welcher der Vampir das Blut aussauge?

Ihr Vater war und ist noch heute ein russischer Fürst, dessen Name gerade jetzt in der Politik oft genannt wird. Wir aber möchten ihn an dieser Stelle lieber verschweigen, und wenn das Kind nun einmal einen Namen haben muß, so wollen wir ihn ... Alexjeff nennen!

Fürst Alexjeff, damals Statthalter einer asiatischen Provinz, war ein kinderloser Witwer. Die Kinderlosigkeit hatte aber nicht an ihm gelegen, denn seinem Verhältnis mit einer Tscherkessin, die wohl nichts anderes als eine Sklavin gewesen sein mag, war ein Mädchen entsprungen.

Wer Turandot nun in ihren jungfräulichen Jahren gesehen hat, der hält es für möglich, daß der alte Fürst schon in das kleine Kind seiner späten Liebe vernarrt war, daß er es zu adoptieren beschloß und diese Adoption auch durchsetzte.

Er mag dabei auf keine großen Schwierigkeiten gestoßen sein. Als der Zar die kleine Turandot sah, bestätigte er sofort die Adoption vollständig, und wer die Verhältnisse kennt, der weiß wohl, was das heißen will!! Denn durch diesen Ukas des Zaren wurde das uneheliche Kind einer tscherkessischen Sklavin eine tadellose Prinzessin, welche an jedem europäischen Fürstenhofe willkommen war und bei der Polonäse gleich hinter dem Herrscherpaar rangierte!

Hiernach mußte ihre Erziehung eingerichtet werden. Diese erhielt Prinzeß Turandot erst in Petersburg, den letzten Schliff sollte sie in einer Pariser Pension bekommen, welche nur Fürstentöchter aufnimmt.

Wie sich Prinzeß Turandot in Petersburg und in der Pariser Pension für Fürstentöchter betragen hat, hierüber ... schweigt des Sängers Höflichkeit. Der Sänger weiß es auch gar nicht, hat nichts davon gehört. Aber er ahnt es. Denn der Sänger hat sie gesehen, wie sie in Monte Carlo ankam, durchgebrannt aus der Pariser Pension für Fürstentöchter, mit nichts anderem, als was sie auf dem Leibe trug ...

O Turandot, o Turandot!!

Kehre wieder, holde Erinnerung, zaubere mich zurück nach Monte Carlo und zaubere sie mir noch einmal vor!

Hier sitze ich im kalten Norden, der Schneesturm rüttelt an den Fenstern meines Stübchens ... und plötzlich stehst du inmitten von Blumen und Palmen vor mir in deiner herrlichen Jugendpracht. Wild flattern die schwarzen Locken um dein Antlitz wie Milch und Blut, lachend blitzen mich deine Heidelbeeraugen an, und sehnsüchtig strecke ich die Arme nach dir aus ...

O Turandot, o Turandot, du Rose des Kaukasus!! So stolz und so frei, so zart und so kraftvoll, so wild und so sanft, so schön und so edel, so brav und so gut, so sittsam und so rein, so liederlich und so schmutzig ...

Ja, so liederlich und so schmutzig!!

Ja, du Rose des Kaukasus, Prinzeß Turandot - du warst ein Rüpel erster Klasse! Du warst ein - ein - na, ich weiß ja, du kannst nichts übelnehmen, deshalb frei herausgesagt: du warst ein richtiges kleines Ferkel!

Wenn nicht dein Kleid irgendwo aufgeplatzt war, dann hattest du wenigstens von einem Stiefel den Absatz verloren. Und wenn du nicht im Gesicht einen Rußstrich hattest, dann trugst du auf dem Rücken gleich eine ganze Wand mit dir herum. Und wenn es in Monte Carlo einmal Regenpfützen gab, dann kamst du mir immer wie eine junge Ente vor!

Doch genug, genug! Jetzt braucht wohl niemand mehr besondere Phantasie dazu, sich von dieser hoffähigen Prinzessin ein Bild zu machen, was die Feder nicht fertig bringt. -

Sie war also durchgebrannt und tauchte plötzlich in Monte Carlo auf. Weshalb? Na, es hatte ihr eben in der Pension zwischen den anderen Fürstentöchtern nicht mehr gefallen, in Monte Carlo sollte es doch so schön sein - juchhei, nach Monte Carlo gefahren!! Um sich das nötige Reisegeld zu verschaffen, hatte sie in Paris den Schmuck verkauft, den sie für gewöhnlich trug, und als sie in Monte Carlo ankam, hatte sie keinen Sou mehr und kein zweites Hemd, und statt eines Taschentuches hatte sie einen Fetzen blaue Gardine, den sie vom Coupéfenster abgerissen haben mochte.

Es sei hier gleich im voraus erledigt, wie man gegen den Flüchtling vorging. Sie machte aus ihrer Flucht durchaus kein Hehl; sie schrieb sofort aus Monte Carlo einen Brief - oder sie hatte wohl sogar in dem Pensionat einen zurückgelassen, in welchem sie >höflichst< mitteilte, daß ihr alle Gouvernanten mit sämtlichen Pensionaten den Buckel hinunterrutschen könnten, sie sei nun alt genug, um selbständig im Leben aufzutreten, und es sollte nur um Gottes willen niemand versuchen, sie wiederzuholen, der könne seine Augen in acht nehmen. Nur ihr Papa dürfe sie abholen, aber auch nur unter der Bedingung, daß er sie in ihre asiatischen Steppen zurückbrächte, wohin sie gehöre, und so lange bliebe sie in Monte Carlo - punktum!!

Es dauerte natürlich nicht lange, so waren die Gouvernanten aus Paris da, es kamen auch direkt aus Petersburg Haushofmeister, Kammerherren und Kammerdamen, um die Widerspenstige zu zähmen - allein, bei der Prinzessin Turandot war alles vergebens, die lachte alle aus und beharrte bei ihrem Entschluß. Es war mit dem widerspenstigen Mädchen absolut nichts anzufangen, und man hätte einmal versuchen sollen, sie mit Gewalt zurückzuschleppen! Sie hatte den Spitznamen >Kosak< nicht umsonst bekommen.

Dann mußte der fürstliche Vater andern Sinnes geworden sein, oder gegen den wilden Flüchtling wurde irgend eine wohlausgesonnene Intrige ins Werk gesetzt - kurz und gut, die Gouvernanten, Kammerherren und Kammerdamen reisten plötzlich sämtlich wieder ab, man ließ die durchgebrannte Prinzessin, die in einem Hotel feste Unterkunft gefunden hatte, vollständig in Ruhe.

Wie nun war das Verhältnis zu ihrem Vater?

Der Schreiber dieser Zeilen war dabei, als sie sich einmal hierüber äußerte.

Auf der Terrasse hinter dem Kasino saßen einige amerikanische Millionäre, Lord Hannibal Roger und andere Geldfürsten, da kam Prinzeß Turandot im aufgeplatzten Reitkleide angefledert, um wie gewöhnlich die Herren um ein paar tausend Francs anzupumpen, welche dann schleunigst verspielt wurden, und einer von ihnen stellte an sie die vorwurfsvolle Frage, was nun ihr Papa sagen würde, wenn er jetzt käme.

Da antwortete das tolle Ding wörtlich mit der größten Seelenvergnügtheit:

»Ach, der gibt mir bloß ein paar Ohrfeigen, dann kratze ich ihm mal ins Gesicht, und dann sind wir wieder gut zusammen.«

Diese Äußerung charakterisiert wohl am besten das Verhältnis, welches zwischen der hoffähigen Tochter und ihrem erlauchten Vater obwaltete. -

Zuerst aber hatte die durchgebrannte Pensionstochter in Monte Carlo gar keinen so leichten Stand gehabt. Nur der jugendliche Leichtsinn ließ sie die schwere Lage nicht empfinden, in die sie gekommen.

Bei ihrer Ankunft hatte sie sich frisch und froh in das erste beste Hotel begeben. Prinzeß Turandot, Tochter eines russischen Fürsten, der selbst nicht wußte, wie reich er war - wer zum Teufel sollte wagen, der die Tür zu weisen?!

Nun aber hat man gerade in Monte Carlo ganz eigentümliche Ansichten über Namen und Titel. Da sind schon gar zu viele Prinzen und Prinzessinnen gekommen, die sich hinterher als Schwindler entpuppt haben. Klingendes Geld, das ist hier immer die Hauptsache, und die durchgebrannte Pensionstochter sah einer Zigeunerin viel ähnlicher als einer russischen Prinzessin.

Kurz und gut, schon am Abend des zweiten Tages wurde die hoffähige Prinzessin, weil sie nicht gutwillig das Hotel verlassen wollte, vom Hausknecht mit gar nicht so sanfter Gewalt an die frische Luft gesetzt, und da in der Fremdenliste, die äußerst streng geführt werden muß, ihr Name während dieser Zeit nirgends zu finden ist, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die hoffähige Prinzessin diese Nacht in irgend einem offengelassenen Hausflur oder auf einer ungewaschenen Bank zugebracht hat.

Außerdem meldet der Polizeibericht von dieser Nacht, daß in jenem Hotel von bübischen Händen einige Fensterscheiben eingeworfen worden waren, und man darf wohl mit Sicherheit annehmen, daß diese bübischen Hände einer hoffähigen Prinzessin angehört haben. Rache ist eben süß.

Am anderen Tage fand sie in einem zweiten Hotel Unterkunft. Der Hotelier war gerade nicht anwesend, und dann behielt man sie auf Kredit, weil jetzt nach und nach die Gouvernanten, Haushofmeister und Kammerdamen angerückt kamen. In diesem Hotel spielte sich also der Kampf ab.

Dann rückten die Gouvernanten, Haushofmeister und Kammerdamen wieder ab, gleichzeitig aber wurden alle Bankiers instruiert, der Prinzeß keinen Kredit zu gewähren, ja, der alte Fürst erließ sogar eine öffentliche Bekanntmachung, in welcher er warnte, seiner hoffähigen Tochter etwas zu pumpen, er käme für gar nichts auf.

Das fuhr dem Hotelier in die Nase, und als sich das kleine Dämchen nicht mit höflichen Redensarten hinauskomplimentieren ließ, kam es zwischen der hoffähigen Prinzessin und einigen Hausknechten abermals zum offenen Kampf, der sich noch auf der Straße fortsetzte, und als sie auch hier von ihren Widersachern nicht abließ, immer wacker kratzte und biß, wurde sogar schon nach der Polizei gepfiffen, und aller Wahrscheinlichkeit nach hätte Prinzeß Turandots Abenteuerfahrt in der Kerkerzelle geendet, wenn da nicht ihr rettender Engel aufgetaucht wäre.

Dieser Engel hieß August Bierling und war Direktor des Riviera-Palast-Hotels.

Das neuerbaute Riviera-Palast-Hotel, auf der Höhe von Monte Carlo Supérieur stehend, mit eigener Haltestation der Zahnradbahn, war soeben erst dem Verkehr übergeben worden.

Ein amerikanisches Aktien-Unternehmen, 300 Zimmer, keins ohne eigenes Badekabinett, das billigste täglich 25 Francs, ohne Licht und Bedienung, und dieses billigste für täglich 25 Francs ist ein Dachzimmer hintenheraus - diese Angaben kennzeichnen das Riviera-Palast-Hotel wohl zur Genüge.

Damals sagten auch die kühnsten Spekulanten im Hotelfache: diese Yankees sind ja verrückt! Und man schien recht zu behalten. Das Hotel ging nicht. Aber heute geht's. Und wie geht's! Immer knallvoll! Das Geld scheint eben, wenn es sich um Luxus handelt, gar keine Rolle mehr zu spielen. Und nur der Ruf ist's, der Ruf allein!

Die amerikanischen Aktienunternehmer hatten sich freilich auch nach einem tüchtigen Direktor umgesehen, und ihre Wahl war auf Herrn August Bierling gefallen, der schon manches faule Hotel in die Höhe gebracht hatte. Er war eigentlich kein Deutscher, sondern ein Schweizer und ist später an Herzverfettung gestorben.

Daß dieser Hotelier aus einem ganz andern Holze geschnitzt war als seine Kollegen, zeigte er schon, als er zufällig Zeuge des Straßenkampfes zwischen der beißenden Zigeunerin und den drei Hausknechten wurde.

Er mischte sich als rettender Engel ein.

»Wollen Hoheit nicht im Riviera-Palast-Hotel logieren?«

Das Mädchen hörte die Stimme vom Himmel und ließ ab vom Kampfe.

»O ja, recht gern, aber das sage ich Ihnen gleich: mein Papa bezahlt nicht.«

»Bitte, davon wollen wir gar nicht sprechen, ich bin der Direktor des Palast-Hotels, und es ehrt mich sehr, wenn gnädigste Prinzeß bei mir logieren wollen.«

Na, die Zigeunerin ging natürlich mit und wurde eben wie eine richtige Prinzessin aufgenommen, die ihren ganzen Hofstaat mitbringt, obgleich diese hier nicht einmal ganze Strümpfe mitbrachte. Gleich vier Zimmer, lauter Prunksalons, daneben ein eigenes Dampfbad und ein kleines Schwimmbassin mit kaltem und heißem Wasser bekam sie, alles, was sie nur haben wollte, sie brauchte die Kleiderkünstlerinnen und Konfektioneusen nur zu bestellen, das nahm alles die Hoteldirektion auf sich, ohne ihr jemals eine Rechnung vorzulegen, und weil sie ein paarmal einen Kellner um das Fahrgeld anpumpte, wurde ihr für die Zahnradbahn gleich ein Abonnement erster Klasse gegeben.

Die Rechnung war ja auch eine ganz einfache. Wurde nicht bezahlt - na, was machte das diesem Riesenhotel aus! Die Zimmer standen doch sowieso leer. Ging das Hotel pleite - dieser blinde Pensionär war nicht daran schuld, und der fürstliche Vater würde schon für seinen geliebten Ruppsack bezahlen - und dann freilich sollte er eine gepfefferte Rechnung zu sehen bekommen! Außerdem gehörte das junge Mädchen zu jenen seltenen Menschen, welche ihre Hotelschulden auch noch nach späten Jahren bezahlen, wenn sie es gar nicht mehr nötig haben - eben deshalb, weil sie gleich sagte, daß nichts bezahlt würde.

Es war also eine ganz sichere Spekulation, die Monsieur Bierling da gemacht hatte. Ja, so hätten sich aber auch alle anderen Hoteliers sagen können, und sie hatten's eben nicht getan! Und nun wollen wir die Sache auch noch von einer andern Seite aus betrachten: dieser August Bierling war der gerissenste Geschäftsmann, der je die Riviera als Hotelier unsicher gemacht hat, und trotzdem war sein verfettetes Herz so gut und brav, wie nur je in eines Menschen Brust geschlagen hat, und er hatte eben an dem tollen Mädchen einen Narren gefressen, so wie ihn noch mancher andere an der Prinzeß Turandot gefressen hat, und wäre seine Spekulation schief gegangen, so hätte er, der einen Gehalt bezog, wie ihn kein Minister bekommt, die ganze Rechnung einfach aus seiner eigenen Tasche beglichen.

Andrerseits muß man der Prinzeß das Zeugnis ausstellen, daß sie den ihr gegebenen Kredit nicht mißbrauchte. Ganz im Gegenteil. Hierbei trat ihr Charakter wieder in ein schönes Licht. Vergebens versuchten ihr die Konfektioneusen die teuersten Toiletten aufzuschwatzen, während der Hotelier, lächelnd daneben stand, selbst sie zum Kaufen auffordernd - nein, das könne sie nicht, und wenn sie auch wisse, daß alles bezahlt würde, so oder so, das könne sie eben nicht, da geniere sie sich, denn Schulden seien es doch - und wenn sie hungrig war und nicht erst nach ihrem Hotel hinauffahren wollte, so ging sie in den ersten besten Bäckerladen, kaufte sich eine Semmel und verzehrte dieselbe wohlgemut gleich auf der Straße.

Freilich, wie ihr ganzes Wesen Exzentrizität war, so offenbarte sich das auch in Geldsachen. An Geld hatte sie niemals Mangel. Als sie einmal am Spieltisch zuschaute, bot ihr jemand sein Portefeuille an, unverzagt griff sie hinein, die andern Damen machten es ja auch so, und von nun an pumpte sie Gott und alle Welt an. Doch sie hätte sich nur auf einen kleinen Kreis zu beschränken brauchen. Durch Lord Roger ward sie in die Gesellschaft der Geldfürsten gebracht, und obgleich diese eigentlich gar nicht so fürs Geben sind, dauerte es nicht lange, so zupfte sie diesen die Tausendfrancsscheine nur immer so aus der Tasche, und ein amerikanischer Eisenbahnkönig, der sonst für gewöhnlich ein recht griesgrämiger Geselle ist, wäre vor Lachen über Prinzeß Turandot bald einmal mit dem Stuhle umgefallen. Na, und wenn sich solche Leute einmal richtig amüsieren können, dann lassen die sich's auch etwas kosten.

Nun dachte sie, das müsse so sein, das ginge hier eben so zu, und bettelte jeden an, der ihr in den Weg lief, immer gleich sagend, daß er sein Geld natürlich nicht wiederbekäme.

Was hier für ein Unterschied vorliegt, daß ist wohl klar. Im Hotel mußte bezahlt werden, das wußte sie, und da wollte sie möglichst wenig Schulden machen. Hiermit hängt auch zusammen, daß sie niemals daran dachte, ihre Hotelschulden mit dem geborgten Gelde zu bezahlen, das borgte sie überhaupt nicht, sondern das ließ sie sich schenken, und deshalb war es auch nur dazu da, um es zu verspielen oder es irgend einer fadenscheinigen Person heimlich in die Hand zu drücken.

Über ihren sittlichen Charakter haben wir aus dem Munde jener Monacascognerin das unparteiischste und schönste Urteil gehört.

Das schon zur Jungfrau erblühte Mädchen war noch das unschuldigste Kind.

Es war eine glückliche Natur. Wohl machte sie alles mit, es konnte ihr nie toll genug zugehen, aber wenn der Abend nahte, wurde sie müde. In der neunten Stunde schlummerte sie mitten im lautesten Lärm regelmäßig ein, gleich auf ihrem Stuhle, weg war sie mit einem Male, mußte wie ein Kind nach Hause und zu Bett gebracht worden, um dann wieder beim ersten Morgensonnenstrahl mit lachenden Augen zu erwachen.

Ja, es war wirklich merkwürdig. So etwas war in Monte Carlo noch nicht vorgekommen. Die philosophischen Beobachter fanden es unerklärlich: mitten in der tiefsten Sünde die reinste Unschuld, welche an dieser Sünde mit voller Lebensfreudigkeit teilnahm, ohne im geringsten von der Sünde befleckt zu werden. So war es. Anders läßt es sich nicht ausdrücken. Philosophen von Monte Carlo sprachen von einem >Genie der Unschuld<.

Allerdings hatte diese Unschuld, die durch nichts zu beflecken war, auch ihren Beschützer gegen die brutale Gewalt. Und wiederum war es ganz merkwürdig, wer sich dazu aufgeworfen hatte: der größte aller Sünder, der schon mit jungen Jahren in der Sünde ergraut war - kein anderer als Lord Hannibal Roger.

Er sorgte dafür, daß die auf dem Stuhle Eingeschlafene in ihr Hotel gebracht und von den Zimmermädchen in Empfang genommen wurde, und er sorgte dafür, daß das jungfräuliche Mädchen in Monte Carlo doch nicht alles zu sehen bekam, weil selbst ein Kind darüber erschrocken wäre.

Was hatte er vor? Hatte der abgelebte Lebemann diese aufknospende Rose des Kaukasus für sich bestimmt? Wollte er nur das Erwachen des Weibes abwarten, um diese köstliche Rose dann zu pflücken?

Jeder Mensch mochte hierüber denken, wie er wollte - keiner wagte eine laute Äußerung.

Denn Lord Hannibal Roger gehörte zu jenen seltenen englischen Ausnahmen, welche das Duell für erlaubt halten, und der Besitzer des vierten Teils von London kümmerte sich im Auslande verdammt wenig um die Gesetze seiner Heimat, und die Sünde hatte noch nicht seine elegante Hand zitternd gemacht und sein kaltes Auge geschwächt. Lord Hannibals langgezogenes Pistolenpaar war überall bekannt in der Welt, wo man um der Ehre willen Pistolenhähne knacken läßt, und er trug in sein Jagdbuch den durch das Herz geschossenen Gegner ebenso kaltblütig ein wie den in den indischen Dschungeln erlegten Königstiger.

Die Zeit würde lehren, was Lord Hannibal Roger mit dem Kosaken für Absichten hatte.

Ja, der Kosak!

Gleich, als sie in Monte Carlo aufgetaucht war, hatte sie diesen Spitznamen wegbekommen.

Aber die von Monte Carlo, welche denselben aufgebracht hatten, durften das nicht als ihre Erfindung patentieren lassen. Da war auch wieder so etwas Eigentümliches dabei. >Kosak< war das unbändige Mädchen schon in Petersburger Kreisen genannt worden, in der Pariser Pension war sie der Kosak geblieben, und dann später stellte sich heraus, daß auch der fürstliche Vater von ihr seit ihrer frühesten Kindheit nur als von >Seinem Kosaken< gesprochen hatte.

Wie kam diese Übereinstimmung, welche, wenn man der Sache nachging, immer ganz selbständig entstanden war? Weil sie die Tochter einer Tscherkessin war?

Nein, nicht nur das. Das wilde, übermütige Mädchen war und blieb eben immer ein richtiger Kosak!



»Wünsche Eurer Hoheit untertänigst einen guten Morgen. Wie haben gnädige Prinzeß zu ruhen geruht?«

Frisch wie eine aufgebrochene Mairose war sie soeben aus dem Hotelportal getreten, an welchem zufällig auch Monsieur Bierling stand - vielleicht auch nicht so ganz zufällig, denn hier und auf diese Weise begrüßte er seinen zahlungsunfähigen Gast jeden Morgen.

Der joviale Hotelier hatte eben einen Narren an diesem seinem Gast gefressen, keine Gelegenheit ließ er sich entgehen, wenn er sich mit der kleinen Prinzessin herumnecken konnte, wobei er scheinbar immer die größte Ehrfurcht wahrte.

Der Kosak hatte keine Zeit, den Morgengruß zu erwidern, noch viel weniger, Rechenschaft, darüber zu geben, wie sie >zu ruhen geruht< habe.

»Monsieur Bierling, haben Sie es denn schon gehört?!« platzte sie sofort wie mit einer Kanone losgeschossen heraus.

Der Hotelier hatte ja keine Ahnung, was sie eigentlich meinte, aber er hatte das Mädchen doch nun schon kennen gelernt, und danach richtete er seine Antwort ein.

»Nein, gnädige Prinzeß, das ist mir ganz neu, und das ist ja äußerst interessant!« stellte er sich also erstaunt.

»Der Eremit von La Turbie hat gestern nachmittag die Spielbank gesprengt!«

Jetzt wußte der Hotelier, was sie eigentlich meinte, und hiervon hatte er natürlich schon gehört, kannte alle Einzelheiten, jetzt aber mußte er seine Taktik ändern, denn das Mädchen wollte ihm doch nun selbstverständlich alles als das Allerneueste erzählen, und er hörte es ja auch so gern noch einmal aus ihrem liebreizenden Plaudermäulchen.

»Was Sie nicht sagen!! Der Eremit von La Turbie? Die Spielbank hat er gesprengt? I, das ist ja gar nicht möglich!!«

»Sie glauben's nicht? Nun weiß Gott! Ich will auf der Stelle tot umfallen und nie wieder aufstehen, wenn's nicht wahr ist!«

Mit diesen Worten fing die hoffähige Prinzessin ihre ausführliche Erzählung an, bei welcher die kleinste Aufschneiderei die war, daß sie aus der Viertelmillion, welche der Eremit gewonnen und verbrannt hatte, vier Millionen machte, und jeder Zweifel, wie jeder Ruf des Staunens seitens des Zuhörers ermunterte sie zu neuer Aufschneiderei, bis sie endlich nichts mehr aufzuschneiden hatte und ihren Bericht mit den Worten schloß:

»Und denken Sie sich nur: kaum war er hinaus, da hoben eine ganze Menge Herren und Damen auch ihren linken Arm in die Höhe! Als ob sich das Glück dadurch zwingen ließe! So eine Dummheit hält man doch nicht für möglich!«

»Ja, der Aberglaube, der liebe Aberglaube!« beseufzte Monsieur August Bierling diese blinde Welt, die Hände über dem Bauche gefaltet. Aber er wußte schon ganz genau, was jetzt kommen wurde, und richtig ...

»Ich hab's natürlich auch getan,« setzte der Kosak eilfertig hinzu. »So lange, wie ich's aushalten konnte, hielt ich den linken Arm hoch, fast ganze fünf Minuten lang, es war eine entsetzliche Qual, ich wollte immer gern in Ohnmacht fallen, aber es war kein Platz da, wo ich hinfallen konnte - und wahrhaftig, es ist doch etwas dabei ...«

»An dem Armhochhalten?« fragte der Hotelier jetzt interessiert, als sie, wie gewöhnlich, wenn es spannend wurde, eine Pause machte, um deswegen gefragt zu werden.

»An dem Armhochhalten.«

»Gnädige Prinzeß haben am Spieltisch Glück gehabt?«

»Ein furcht-furcht-furchtbares Glück!«

»Sie haben viel gewonnen?« fragte der Hotelier jetzt mit wirklichem Interesse.

»Gewonnen? Nee, das nicht. Aber ich habe dadurch gestern auch bloß 2.000 Francs verloren. Wie ich mich freilich auch angestrengt habe!! Der Arm tut mir jetzt noch ganz riesig weh. Mir ist immer, als wäre er eingeschlafen. Ich muß ihn egal schlenkern ...«

»Auuutsch!!« machte Monsieur August Bierling, knickte etwas zusammen und legte schnell beide Hände auf sein Bäuchlein.

Denn die Prinzeß hatte wirklich den eingeschlafenen Arm geschlenkert und hatte ihn gerade gegen Monsieur August Bierlings Bäuchlein geschlenkert, daß es knallte.

Ach, war das arme Kind tödlich erschrocken!

»O, ich konnte wahrhaftig nichts dafür, ich tat's weiß Gott nicht mit Absicht,« bedauerte sie und begann, ehe es der Hotelier hindern konnte, sanft dessen malträtierten Bauch zu streicheln, »kommen Sie, ich will einen Kuß drauf geben, dann tut's nicht mehr weh ...«

Aber zum Küssen seines Bauches ließ es Herr August Bierling denn doch nicht kommen. »Da - da - da - da ist ja der Eremit von La Turbie!«

»Wo?!«

»Ach so, es ist der Bäckerjunge, der die Semmeln bringt, ich dachte, es wäre der Eremit von La Turbie.«

Gleich war alles andre vergessen, schnell drehte sich die Prinzeß dem Gebirge zu.

»Ja, man soll doch seine Höhle von hier unten aus sehen können? Ach, mein lieber Bierling, holen Sie mir doch einmal das Fernrohr heraus, aber bitte, recht schnell, ich kann's gar nicht erwarten.«

Und der über das furcht-furcht-furchtbare Glück seiner zahlungsunfähigen Pensionärin enttäuschte Hotelier erwies der, die ihm soeben in den Bauch geboxt hatte, auch noch diese Gefälligkeit, holte das große Fernrohr, schraubte es am Stativ fest und richtete es auf den menschlichen Felsenhorst. Auch in diesem guten Fernrohr war nichts weiter zu erkennen als an der nackten Felswand ein grüner Fleck, obgleich man doch sogar die Pflanzen bestimmen und unterscheiden konnte. Es blieb immer noch bei dem grünen Fleck.

Das Treiben des Einsiedlers war schon seit langer Zeit nicht mehr beobachtet worden, und jetzt sah man nur noch das Resultat seiner sechsjährigen Arbeit. Offenbar hatte er das Felsplateau mit einer hohen Mauer umzogen, und von dieser herab hingen grüne Schlingpflanzen. Außerdem sah man noch auf dieser grünen Mauer eine große Stange emporragen.

Von dem Eremiten hatte die Prinzessin gestern abend schon zur Genüge zu hören bekommen, jetzt tauchte ein andrer Wunsch in ihr auf.

»Da muß ich hinauf, da muß ich hinauf!! Wie weit ist das von hier?«

»So kleine acht bis zwölf Stunden,« entgegnete Herr Bierling, aber es zuckte dabei um seine Mundwinkel. »Am besten ist es, Euere prinzliche Hoheit brechen morgens beizeiten auf, übernachten in einer Schneehütte ...«

»Hören Sie, Monsieur Bierling,« wurde er entrüstet unterbrochen, »wenn Sie jetzt nicht endlich aufhören, mich zu veralbern, dann bezahle ich augenblicklich meine Rechnung und verlasse Ihr Hotel! Das ist doch kaum eine Stunde!«

Auf diese fürchterliche Drohung hin gestand der Hotelier, daß sie recht habe. Weiter als eine Stunde war es auch nicht.

Sie hatte nicht einmal nötig, erst die Zahnradbahn zu benutzen, denn der alte Steinbruch wurde jetzt wieder ausgebeutet, und wenn sie den neuangelegten Weg nach diesem verfolgte, konnte sie ihr Ziel gar nicht verfehlen, das war schon von hier aus zu beurteilen. Nur mußte sie dann erst nach Condamine hinab.

»Aber haben Prinzeß auch einen Bergstock und eine lange Rettungsleine?«

»Meinen Sie, daß man das braucht?« fragte das Mädchen harmlos.

»Ganz gewiß! Auch Schneeisen sind für alle Fälle gut. Warten Sie einen Augenblick, ich werde alles zu Ihrer Zufriedenheit besorgen!«

Monsieur Bierling entfernte sich, und richtig, bald brachte er einen Bergstock, eine zusammengerollte Waschleine und außerdem auch noch ein paar Bergschuhe angeschleppt, für einen Riesen berechnet, unten mit einigen Pfund Nägeln beschlagen. Schlittschuhe hatte er im Hotel leider nicht auftreiben können, sonst hätte er die für Schneeeisen ausgegeben.

Bergstock und Waschleine nahm die Prinzeß, die Schuhe wies sie zurück. Wären sie noch etwas größer gewesen, so hätte sie einen gleich als transportable Unterkunftshütte mitnehmen können.

Hätte aber Herr Bierling geahnt, was der Kosak vorgehabt, er hätte das Mädchen nicht so zum Spaß mit Bergstock und Rettungsleine ausgerüstet!

Ja, nach La Turbie hinauf ist es allerdings nur ein Spaziergang, ganz ungefährlich, aber wenn man den gebahnten Weg verläßt und Kletterabenteuer sucht, so hat man zahlreiche Gelegenheiten, sich den Hals zu brechen, und Prinzeß Turandot hatte denn auch nichts anderes vor, als einmal ihr schlankes Hälschen zu riskieren.

Dann nahm Monsieur Bierling noch aus der Hand eines pfiffig grinsenden Kellners ein kleines Paket und ein größeres Kistchen.

»Ich würde Eurer Hoheit sehr raten, doch auch eine Reiseapotheke mitzunehmen. Hier ist eine Korbflasche mit Rotwein und Wasser, hier ist ein sogenanntes gebratenes Huhn - gallina rostica in der Apothekersprache - beide Medikamente nehmen gnädige Prinzeß innerlich ein, wenn oben die Luft zu dünn wird, wenn Sie sich flau fühlen - so hier in der Magengegend herum - Prinzeß wissen schon - und hier ist echt persisches Insektenpulver, das nehmen Prinzeß ein, wenn Sie einmal ...«

Der Kosak hob den Bergstock und stach damit den unverbesserlichen Spötter in den Bauch - tat wenigstens so, als wollte sie es tun - dann hing sie sich die Feldflasche über die Schulter, die Waschleine über den Rücken, band das eingewickelte Brathuhn oben an den langen Stock, schulterte diesen, und so marschierte sie ab.

Monsieur August Bierling blickte ihr nach, so lange er ihr mit den Augen folgen konnte: die Kellner glaubten, ihr Chef sei verrückt geworden, weil er plötzlich gar so unbändig zu lachen begann - und dann ging er frühstücken. In den letzten Jahren hatte der Mann mit dem verfetteten Herzen an chronischer Appetitlosigkeit gelitten. Was hatte er nicht schon an sich herumgedoktert! Was hatte er nicht schon für Summen für Ärzte, Pillen und Tränklein ausgegeben - hatte alles nichts genutzt - seit er diese zahlungsunfähige Pensionärin in seinem Hotel hatte, konnte er wieder essen! -

Wir begleiten die Prinzeß.

Vorläufig also ging es nicht hinauf, sondern mit der Zahnradbahn hinab und dann mit der Pferdebahn, die jetzt natürlich von der Elektrischen verdrängt ist, die fünf Minuten hinunter nach dem Marktplatz von Condamine, wo die Fußtour begann.

Das Mädchen mit dem Bergstock und der Rettungsleine erregte überall die größte Sensation. Nicht etwa, daß man ihre Ausrüstung lächerlich gefunden hätte - ganz im Gegenteil! Die beabsichtigte doch jedenfalls, die höchsten Gipfel zu erklettern, die man von hier unten aus sieht, fast immer in Wolken gehüllt, und dazu gehören allerdings Bergeisen - und eben deswegen, weil man dieses Vorhaben bei ihr vermutete, von ihrer verwogenen Ausrüstung irregeführt, deshalb staunte man sie an.

Daß sie nicht einmal beabsichtigte, nur bis nach La Turbie hinaufzuklettern, das durfte sie freilich niemandem verraten, sonst hätte man sie mit ihrer Waschleine gehörig ausgelacht.

In Condamine, das ist also die untere Stadt von Monaco, fragte sie nach dem Wege von La Turbie, und gleich, als sie die hohe Eisenbahnbrücke überschritten hatte, ging es steil bergauf, zuerst immer zwischen Villen; aber von einem Fahren gibt es hier schon nichts mehr. Der asphaltierte Weg ist eine Rampe, unterbrochen auch schon von steilen Treppen. Dann kommen Bauernhäuser mit der Kultur der Rebe, der Olive und des Feigenbaumes. Die Häuser und Hütten hören auf, der wilde Oliven- und Feigenbaum tritt in sein Recht. Aber noch prangt alles in üppigster Fruchtbarkeit, und wo der Mensch den Boden bearbeitet, da schafft er in einem halben Jahre ein Paradies.

Hinter der einsamen Restauration >Bellevue< begann die richtige Klettertour. Es ist ein abscheulicher Weg, wie mit großen Kanonenkugeln gepflastert, die nicht einmal zur Hälfte in der Erde liegen, und obwohl dieser Weg schon mächtige Zickzacklinien beschreibt, um die Steigung zu überwinden, geht doch das Maultier auf diesem Wege auch noch immer im Zickzack, so steil ist er. Für eine kletterlustige Person liegt die Versuchung sehr nahe, diese langweiligen Krümmungen durch direktes Emporklimmen abzukürzen.

Unser Kosak tat es selbstverständlich. Abstürzen kann man hier nicht, das ist ganz unmöglich; aber den Fuß und auch das Nasenbein kann man sich jeden Augenblick brechen. Der ganze Abhang ist nämlich mit mannshohen Felsblöcken bedeckt, über welche man mühsam klettern muß, und jeden einzelnen kann man mit einem kleinen Miniaturgebirge vergleichen, mit Schluchten, Kämmen und spitzen Zacken.

In dieser Gegend hier wuchert die Wolfsmilch, hier fühlt sich auch der Johannesbrotbaum wohl, mit dessen langen, schwarzen Schoten hierzulande besonders die Pferde gefüttert werden, und wo sich Erde angesetzt hat, da gedeiht auch die dunkelgrüne Olive und die wilde Feige.

Im übrigen ist es eine trostlose Gegend, und dennoch verlangen auch hier noch die Besitzer des Grund und Bodens für den Quadratmeter 20 bis 50 Francs. Und es brauchen auch nur Terrassen angelegt zu werden, dann gedeiht mit Hilfe der Wasserleitung, die von obenher überall zugeführt wird, hier alles in üppigster Fruchtbarkeit. Selbst die in den Boden gesteckte Kokosnuß treibt in vier Wochen einen armlangen und armdicken, etwas gebogenen Keim, gerade wie ein grüner Elefantenzahn aussehend, der wie die zarteste Zuckerschote schmeckt.

Und nun, wenn man sich umblickt! Es läßt sich nicht beschreiben. Dieses Monte Carlo, diese Küste, dieses Meer! Dort in südöstlicher Ferne der Nebelstreifen - das ist Korsika. Dort im Westen die Inselgruppe, aber greifbar deutlich - das sind die Lerinischen Inseln, darunter St. Marguérite, mit einem Turme, in welchem zwölf Jahre lang der Mann mit der eisernen Maske gefangen gehalten wurde, wohl nicht ein Sohn Ludwig des Vierzehnten, wie oft behauptet wird, sondern wahrscheinlich der Minister Mattioli.

Die Szenerie der oberitalienischen Seen, des Lago Maggiore und des Como, ist ohne Zweifel viel lieblicher; aber eine abwechslungsreichere Romantik als hier an der Riviera di Ponente gibt es auf der ganzen Erde nicht. Und steigt man aus dieser wilden Felseneinsamkeit, in der man jedoch überall mit leichter Mühe sein eigenes kleines Paradies schaffen kann, die wenigen Minuten hinab, so ist man in Monte Carlo, im Zentrum des glänzenden Gesellschaftslebens. Und nun schließlich noch dieses Klima hier! Im Winter kein Schnee, den Sommer durch die Seebrisen ganz erträglich, im ganzen Jahre nur 50 Regentage, sonst ein ewig blauer Himmel, und dennoch eine fabelhaft wuchernde Vegetation, weil jede Nacht reichlichen Taufall bringt.

Es gibt eben nur ein einziges Monaco-Monte Carlo, es ist die von der Natur gesegnetste Gegend auf der ganzen Erde, und das wußte der alte Seeräuberkapitän Grimaldi, als er für seine Dienste, die er mit seiner Piratenflotte den Genuesen geleistet hatte, dort den schroffen Meeresfelsen mit dem umgebenden Lande verlangte.

Seeräuber!!

Es ist nämlich ganz merkwürdig! Hier muß etwas in der Luft liegen. Vielleicht sind es Bazillen - Seeräuber-Bazillen.

Seit uralten Zeiten haben hier Seeräuber geherrscht. Die Ligurer, die ersten Bewohner, von der uns die Geschichte meldet, nährten sich schlecht und recht vom Seeraub. Dann siedelten sich hier Sarazenen und Mauren an, bei denen Seeräuberei etwas ganz Selbstverständliches ist. Die alten Grimaldis waren sämtlich Piratenanführer, das darf man ruhig sagen, denn das steht auch in der Chronik, die man in Monaco zu kaufen bekommt, und da ist ja auch gar nichts weiter dabei, diese Ritter plünderten eben nicht die Kaufleute auf der Landstraße, sondern sie spähten von ihren Seefesten nach Kauffahrteischiffen aus, und später boten sie ihre Piratendienste seefahrenden Nationen an, sie kaperten unter Konzession. Na, und wie ist es denn heute? Hier wird noch immer lustig weiter geräubert, mit voller internationaler Konzession, nur modern! Und auch der jetzige Fürst von Monaco lebt ganz auf dem Wasser.



Linkerhand war der Steinbruch und dort oben an der nahen Felsenwand der grüne Fleck, von dem jetzt aber schon mehr zu unterscheiden war.

Um da hinaufzukommen, mußte der Weg sowieso verlassen werden, und daß die Prinzessin bloß noch auf den Brandsohlen lief, das hatte für sie als den Kosaken nichts zu sagen.

Noch zwanzig Minuten eines hier wirklich halsbrecherischen Kletterns, und sie stand auf derselben Stelle, auf welcher vor sechs Jahren der zukünftige Eremit zu dem Adjutanten gesagt hatte: >Das ist das Fleckchen Erde, welches ich mir von der Gnade des Fürsten erbitte.< Die Lage des durch Schluchten isolierten Berges, nur rückseitig mit dem Gebirge zusammenhängend, ist schon genau beschrieben worden. Das Mädchen stand auf der rechten Seite, durch die acht Meter breite Schlucht davon getrennt.

Zu überspringen ist solch eine Weite nicht, und man hätte auch gar nicht gewußt, wohin man hätte springen sollen. Von dem Plateau war nämlich nichts mehr zu sehen, der Eremit hatte richtig ringsherum eine drei Meter hohe Mauer aus Bruchsteinen aufgeführt, dicht am Rande, und von oben hing Mauerpfeffer und andres Felsengewächs herab.

Aber einen Zugang gab es, gerade auf dieser Seite. Durch das Fernrohr hatte man doch auf der grünen Mauer eine hohe Stange emporragen sehen. Hier in der Nähe gewahrte man den Irrtum. In die Mauer war ein breites Brett eingelassen, diese noch um Meter überragend. Solch eines langen Brettes hatte der Eremit ja auch schon bedurft, um die Schlucht zum ersten Male überschreiten zu können - demnach handelte es sich hier auf jeden Fall um eine Art Zugbrücke. Weil man aber von Monte Carlo aus nur die schmale Kante des Brettes sah, glaubte man, es sei eine Flaggenstange.

Da nun diese Brücke aufgezogen war, mußte der Einsiedler wohl zu Hause sein, und wenn er ging, mußte er sie unten lassen, denn es war schwer erklärlich, wie er das Brett von hier draußen wieder herunterbekommen wollte.

»Eremit!! - Monsieur Schmidt!! - Hol über!!«

So und mit andern Worten rief der Kosak lange Zeit, und dann erinnerte sie sich eines besonders schönen Ausdruckes; den sie erst jüngst von italienischen Fischern vernommen hatte, um jemanden aufmerksam zu machen, den wir aber hier nicht wiedergeben können, doch die kindliche Prinzessin wußte ja trotz all ihrer Hoffähigkeit gar nicht, was dieses Wort bedeutete, sie gebrauchte es eben, und dann lachte sie, daß die Felswände sich lachend mit ihr freuten.

Aber die Fallbrücke senkte sich nicht herab, kein menschlicher Kopf erschien über der Mauer. Oder konnte der Eremit das Brett von hier aus herunterholen? Dazu gehörte eine mindestens acht Meter lange Stange. Das Mädchen blickte sich suchend um. Nein, hierherum war nichts zu verstecken. Der Eremit mußte die Hakenstange geradezu immer mitnehmen, wenn er einmal ausging. Aber ein echter Eremit darf eigentlich gar nicht spazierengehen, er war ja auch in den sechs Jahren noch niemals wieder gesehen worden - gestern zum ersten Male.

Vielleicht schlief er. Mit Rufen hielt sich die ungeduldige Prinzeß nicht mehr lange auf, sie griff zu Steinen, deren es hier genug gab, und warf sie donnernd gegen das Brett.

Da - bei jedem Steinwurfe bewegte sich die Tür! Das Brett drehte sich unten in Angeln, wie es ja auch bei einer Zugbrücke sein muß. Aber dann wackelte es auch noch immer lange hin und her, ehe es wieder zur Ruhe kam. Also brauchte man wirklich nur eine genügend lange Stange, um die Brücke ...

Halt! Eine geniale Idee! Wozu hatte sie denn die Waschleine mitgenommen? Die Tscherkessen kennen zwar keinen Lasso, aber die in der Pension für Fürstentochter erzogene Turandot hatte schon genug Indianerschmöker gelesen, um wenigstens die Theorie des Lassos zu kennen.

Also die Leine auseinandergerollt, in das eine Ende eine Schleife geknüpft, das andere durchgezogen, und der Lasso wurde kunstgerecht geschleudert.

Gleich der erste Wurf glückte, das Brett war gefangen, und schon bei einem leisen Anziehen senkte es sich willig herab.

Der Lasso hatte nur eine Ecke gefaßt, und als die Brücke eine gewisse Neigung überschritten hatte, glitt die Leine wieder ab, aber jetzt legte sich das Brett vollends über die Schlucht, und ohne Zögern betrat der Kosak die schmale, ganz bedenklich schwankende Brücke, schwindelfrei in den unter sich gähnenden Abgrund blickend.

Sie merkte nicht, wie sich das Brett, als sie auf der andern Seite heruntertrat, sofort von selbst wieder hob. Erstaunt stand sie da. Sie hatte nicht erwartet, hier oben solch einen reizenden Garten zu finden.

In sechs Jahren kann hier selbst auf dem nacktesten Felsen etwas wachsen, wenn man nur den Boden zu bearbeiten und zu behandeln versteht. Gepulvertes Urgestein, mit Sägespänen vermischt, liefert in einem Jahre einen Boden von unerschöpflicher Fruchtbarkeit. So ist ganz Malta urbar gemacht worden. Malta war eine sterile Felseninsel, dort wird noch heute der Felsboden gepulvert.

Üppig wuchernde Büsche mit duftenden Blüten bildeten schon ganze Lauben, die Gemüsebeete ernährten einen Menschen, dazwischen Blumen, und die einst Schatten spendenden Bäume erreichten bereits bald die Mauerhöhe, und wenn das Plateau auch nur von einer dünnen Schicht Erde bedeckt war, für die Bäume brauchte nur ein geräumiges Loch eingemeißelt und mit Erde gefüllt zu werden, dann schafften sich die Wurzeln später schon allein Platz, die zerbrachen dann den härtesten Felsen.

»O, ist es hier schön! Hier möchte ich wohnen!« jubelte das Mädchen in heller Freude, an den Besitzer gar nicht denkend.

Am allermeisten aber staunte sie den Springbrunnen an, der in der Mitte des Gartens plätscherte, das Bassin aus dem Steine herausgehauen. Das Wasser ergoß sich durch eine schmale Rinne erst noch einmal in ein bedeutend größeres und tieferes Bassin, sicherlich zum Baden dienend, und verließ dann das Plateau auf der andern Seite durch ein Loch in der Mauer.

Woher kam denn das Wasser? Die Mauer hatte in Brusthöhe einige Löcher. Das Mädchen spähte hinaus und sah den Bach, dessen Rauschen sie auch schon gehört hatte, sich von oben herab in die jenseitige Schlucht stürzen, und da war aus Bambusrohren eine komplizierte und schließlich doch ganz einfache Vorrichtung angebracht. Ein Teil des Bachwassers wurde mit einem primitiven Trichter aufgefangen und erst hier nach dem Plateau und durch den Springbrunnen geleitet. Die an Stricken hängende Hauptröhre brauchte nur etwas zurückgezogen zu werden, so hörte der Springbrunnen zu fließen auf.

Nachdem sich Turandot mit dem Ein- und Ausschalten der Fontäne einige Zeit amüsiert hatte, spähte sie weiter um sich.

In der hinteren Felswand befanden sich auch Fenster, doch zu hoch für die Augen der kleinen Person. Aber da war ja auch eine Tür, das heißt, ein viereckiges Loch. Unverzagt trat der Kosak ein, am Bergstock immer noch das gebratene Huhn, die wieder aufgerollte Waschleine in der Hand. Wenn der Eremit dennoch hier war, oder wenn er plötzlich kam, so wollte sie wegen des Hausfriedensbruchs schon mit ihm fertig werden.

Es war eine kleine Felsenkammer. Außer einigem Hausgerät war hier alles von Stein. Die wenigen Bücher standen auf einem steinernen Sims, und der offene Kleiderschrank war ebenfalls in den Felsen hineingehauen.

Eine Öffnung führte in eine zweite solche Kammer. Hier schliff der Eremit die optischen Gläser. Tisch und Sitz waren stehen gebliebene Felsen. Hier konnte man nichts beiseite rücken. Von Bequemlichkeit keine Spur, kein Bett, kein Polster, kein Kissen, keine Decke.

Von da aus ging es in eine dritte Kammer, dann in eine vierte. Durch die kleinen Fensterchen sah Turandot den Wasserfall, also war sie schon außerhalb des Plateaus, und jetzt kam gar ein großer Saal.

Himmelherrgottsapperment!! Der Kosak konnte noch ganz anders fluchen, aber das klingt nicht schön aus dem Munde eines Mädchens - oder man mußte es selbst von der Prinzessin frischen Kinderlippen hören, dann verlor der Fluch seine Bedeutung - hatte der Eremit hier gearbeitet!!

Eine Kammer folgte der andern, es wurden Säle daraus, aber alle ganz leer, und da gab es überall auch Türen, welche seitwärts ins Finstere führten, und es blieb nicht nur bei den Türen, da kamen auch immer mehr Treppen, die führten hinauf und hinab ...

Der ganze Berg war ja ausgehöhlt! Die Prinzeß hatte keine der finsteren Türen geöffnet, keine der steilen Treppen betreten, sie hatte sich immer da gehalten, wo durch die Löcher in den dicken Felswänden Licht drang, aber hinausblicken konnte sie nicht, und sie wußte schon jetzt nicht mehr, wo aus und ein, wo sie sich befand, es wurde ihr unheimlich zumute, sie dachte an das Labyrinth des Minotaurus, aus welchem niemand den Rückweg findet.

Nein, das konnte doch unmöglich das Werk eines einzigen Menschen sein, und hätte er auch ein ganzes Leben lang daran gearbeitet! Plötzlich erschrak sie furchtbar. Wie sie um eine Ecke bog, standen mit einem Male vor ihr zwei gepanzerte Riesen.

Lange währte ihr Schreck nicht, dann aber staunte sie um so mehr. So viel hatte sie in den Pensionen gelernt, um gleich zu erkennen, daß diese Steinfiguren gewappnete Sarazenen darstellten, vielleicht aus dem Anfange des Mittelalters. Des Mädchens Blick glitt zwischen den beiden Wächtern hindurch, es sah eine weite Halle, von den sonderbarsten Gestalten gefüllt, und diese steinernen Krieger konnten ihr doch nichts tun, sie trat einen Schritt vorwärts, ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf - hier hatte sie ein Werk der alten Mauren vor sich, ein andres Alhambra, nur mitten in einem Berge angelegt, der Eremit hatte es zufällig entdeckt - oder schon vorher darum gewußt und sein Geheimnis für sich bewahrt - und in demselben Moment, da sie dies dachte und den Schritt tat, um zwischen den beiden Steinwächtern hindurchzugehen, da wich plötzlich unter ihren Füßen der Boden, sie stürzte in die Tiefe - und über ihr schloß sich die Steinplatte wieder.

Die Steinfiguren hatten getreulich Wacht vor dem ihnen anvertrauten Heiligtume gehalten!



Seit der Kosak die schwankende Brücke überschritten hatte, war noch keine halbe Stunde vergangen, als auf derselben Seite gegenüber dem ummauerten Plateau ein älterer Herr erschien, höchst elegant gekleidet bis auf die Lackstiefel - nur schade, daß diese bloß noch aus Fetzen bestanden, wie sich unten auch schon die Hosen, vornehmer >Pantalons< genannt, ausfransten.

Erst mußte er sich auskeuchen, dann trocknete er den Schweiß von der Stirn, blickte sich um und setzte die Hände trichterförmig an den Mund.

»Monsieur Eremiiit!« Es war eine sehr schwache Stimme, mit der er das piepste. Doch es war gehört worden. Fast augenblicklich senkte sich das Brett herab, und in der Mauerspalte stand der Eremit.

»Willst du mich sprechen? Komm herüber!« sagte die metallharte Stimme.

Ach, du lieber Gott! Der alte Geck mit den zerfetzten Lackschuhchen und den ausgefransten Pantalons blieb schon fünf Schritte von dem Rande entfernt, hinter welchem er ganz richtig etwas Tiefes vermutete.

Es hätte aber auch ein kühner und schwindelfreier Durchschnittsmensch sein können, er hätte es sich doch erst sehr überlegt, ehe er die Brücke betrat.

Bei der russischen Prinzessin paarte sich jugendlicher Leichtsinn mit angeborener Verwegenheit, sie war einfach, ihr Ziel im Auge habend, hinübergegangen, deshalb ist vorhin gar nichts von der Gefährlichkeit der Passage gesagt worden.

Eigentlich war diese ja auch nicht gefährlich. Das Brett war doch fest und einen halben Meter breit, wie kann man da fehltreten, und ob sich das Brett nun einen Meter oder hundert Meter über dem Erdboden befindet, das ist doch ganz egal ...

Na, kurz und gut, das ist eben nicht so ganz >egal<, sonst könnte wohl jeder Mensch das Turmseil besteigen, und auch auf solch einem Brette balanciert nicht so leicht ein gewöhnlicher Europäer über eine acht Meter breite Spalte, besonders wenn der Grund unten von der Seite her tageshell erleuchtet ist, so daß man ihre gewaltige Tiefe ganz deutlich erkennen kann.

Dieser elegante Europäer hier machte lieber gleich noch einige Schritte rückwärts anstatt vorwärts.

»Aber - aber - aber Monsieur Eremit - aber ...,« stotterte er.

»Komm herüber, wenn du mich sprechen willst!« erklang es zurück.

»Ach - ach - ach nein - ich möchte Sie wirklich nicht in Ihrer Häuslichkeit stören - bitte, kommen Sie doch lieber zu mir herüber - ich bitte Sie sehr - ich möchte Sie wirklich nicht stören. Rau - rauchen - rauchen Sie vielleicht eine gute Zigarre? Havanna Deckblatt mit Felix Brasil Einla ...«

Der Eremit drehte sich um, und der Kavalier, das Zigarrenetui in der Hand und es schon hinhaltend, als könne jener mit seinem Arm über die ganze Schlucht langen, sah ihn verschwinden.

»Monsieur Eremit, ich bitte, ich bin ein alter Mann -,« erklang es nach einer Weile im kläglichsten Tone.

Vergebens. Das Brett blieb unten - der Eremit verschwunden.

Nachdem der alte Stutzer mit seinen zerrissenen Lackschuhchen und seinen aufgefransten Höschen noch eine Zeitlang unruhig herumgetrippelt war, aber immer in respektvoller Entfernung von der verfl ... Schlucht, zündete er sich selbst eins Zigarre an, und es sah schon ganz aus, als wolle er den Rückweg von der fruchtlosen Expedition antreten, als er plötzlich stutzte. Schnell klemmte er das Monokel ins Auge, und als er erkannt hatte, was da den Berg heraufgekrabbelt kam, legte er sich schnell unter einen großen Wolfsmilchstrauch, der hier sein einsames Dasein fristete, blies den Rauch vor sich hin, spielte den Gleichgültigen.

Jetzt erschien auf der Bildfläche eine elegante Dame, untenherum auch schon etwas zerlumpt, Stammgast von Monte Carlo.

»Ah, bon jour, Mademoiselle!« näselte der alte Kavalier, erstaunt tuend, als bemerke er die Kommende erst jetzt, stand auf und lüftete den Hut.

»Ah, der Herr Baron!«

Wegen ihrer Kleidung untenherum brauchten die beiden einander keine Entschuldigungen zu machen, und es wäre auch komisch gewesen, hätten sie etwa mit schön gedrechselten Redensarten ihrer Freude Ausdruck gegeben, sich so ganz zufällig hier oben zu treffen.

»Ist der Eremit zu sprechen, Herr Baron?«

»Gewiß - ohne weiteres - er wartet immer nur auf Besuch. Bitte, wollen Sie sich hinüberbemühen, Mademoiselle?« Er machte eine einladende Handbewegung nach der Brücke.

Die Dame warf dem Brette einen mehr als mißtrauischen Blick zu.

»Waren Sie denn schon drüben, Herr Baron?«

»Ich? Gewiß - nu gewiß doch - ich war schon drüben. Zweifeln Sie daran? Das war doch natürlich gleich mein erstes, deshalb kam ich doch hier herauf.«

»Was sagte er denn?« flüsterte die Dame erregt, während der Herr Baron seine Stimme nicht erst zu dämpfen brauchte, denn sein Piepsen hörte man überhaupt nur in allernächster Nähe.

»Was er sagte? Ja, das ist eben - ich weiß auch noch nichts - es müssen nämlich immer zwei auf einmal kommen - mindestens zwei, jedem einzelnen will er das Geheimnis nicht erzählen - das macht zu viel Umstände, wissen Sie - und da hat er mich einstweilen wieder herübergeschickt, ich sollte hier auf die zweite Person warten. Nun, bitte ...«

Wieder die einladende Handbewegung nach dem Brette, begleitet von einem höflichen Lächeln - jetzt aber traf der mehr als mißtrauische Blick der Dame den Herrn Baron, der so zum Betreten der gefährlichen Brücke einlud.

»Gut, gehen Sie voraus, Herr Baron!«

»Nein, nein, niemals,« wehrte aber der Herr Baron energisch ab, »die Damen haben stets den Vortritt.«

»Schwindlig bin ich gerade nicht,« meinte Mademoiselle, sinnend das ekelhafte Brett betrachtend, »aber ... Herr Baron, gehen Sie lieber zuerst hinüber.«

»Nein, niemals, niemals,« wurde der galante Baron wegen solch eines Ansinnens jetzt förmlich entrüstet, »da verlangen Sie wirklich zu viel von mir, ich kann einer Dame nicht den Vortritt wegnehmen, das ist mir eine Unmöglichkeit, das geht gegen meinen Charakter - besonders, wenn die Dame so jung und so schön ist, wie Sie, Mademoiselle,« setzte er mit einer Verbeugung hinzu.

Allein auch diese Schmeichelei wollte den Zweck nicht erreichen.

»Herr Baron, ich - ich glaube gar nicht recht, daß Sie wirklich dahinüber balanciert sind,« stiegen denn jetzt auch der Dame gerechte Zweifel auf.

»Wie?! Was höre ich?! Ich nicht?!« rief der süße Baron so empört, wie es sein Charakter einer Dame gegenüber erlaubte. »Meine Gnädige wissen doch, ich habe die Jungfrau bestiegen!! Und Sie brauchten nur zu winken, so würde ich auch ein Turmseil besteigen!!«

»Die Jungfrau - hm - aber ein Turmseil? Na, da machen Sie es mir doch erst einmal hier bei dem Brette vor! Ich winke also, ich bitte Sie darum.«

Der Baron hatte sich eine starke Blöße gegeben und war arg in die Klemme gekommen, aber in solchen Gesprächen war er sattelfest, da konnte er stundenlang quasseln und sich drehen und wenden, um Ausflüchte war er nie verlegen - und so wäre das zwischen den beiden noch eine Schraube ohne Ende geworden, wenn nicht noch zwei andere Personen erschienen wären, ein Herr und eine Dame, welche gleichfalls von dem Eremiten den Stein des Weisen zu erlangen wünschten, nämlich das unfehlbare System. Es kamen immer mehr hinzu, es bildete sich eine ganze Gesellschaft von Herren und Damen, alle mehr oder weniger untenherum zerlumpt, und so konnte sich der Baron unlädiert aus dem Haupttreffen zurückziehen.

Um das System zu erfahren, hätten sich wohl alle dem Teufel verschrieben, aber über das schmale Brett da hinüberbalancieren - das war doch eine andere Sache, da konnte sie der Teufel am Ende ganz umsonst bekommen.

»Ssst, Miß Fidderly kommt,« hieß es da flüsternd. »Passen Sie auf, die geht gleich hinüber, die riskiert alles.«

Auf der Schaubühne erschien in schwerer, schwarzer Seide eine ältere, hagere Dame, noch nicht so sehr alt, noch nicht vierzig, aber eben eine alte Jungfer, das konnte man ihr schon von weitem ansehen.

Miß Fidderly hätte herrlich und in Freuden leben können, ihr Bruder war Großkaufmann und sie Teilhaberin am Geschäft, aber - sie war eben vom Spielteufel besessen. Nur wegen des Spielens hatte sie nicht geheiratet, sie hatte keine Zeit dazu gehabt. Ein Glück war es, daß ihr großes Vermögen im Geschäft festgelegt war und nicht belastet werden konnte, sonst wäre es schon längst mit ihr alle gewesen.

Weil Miß Fidderly einmal einen unverschämten Droschkenkutscher mit dem Regenschirm geschlagen hatte, mußte sie nach Ansicht dieser Herrschaften großen Mut besitzen - >Die riskiert alles!< - dann mußte sie auch über die gefährliche Brücke hinüberbalancieren, und energisch war die alte Jungfer jedenfalls, die ließ sich im Spielsaale ihren Stuhl nicht wegnehmen, wenn sie einmal aufstand und hinausging.

»Ist der Eremit drüben?«

»Jawohl, gnädige Miß. Sie können ohne weiteres hinübergehen.«

Das Brett wurde durch die Lorgnette am ellenlangen Stiele beäugelt, und bald war der Entschluß gefaßt. Eine ganz einfache Idee, und alle die andern mußten sehr beschränkt sein, daß sie nicht darauf gekommen waren.

»Ich bitte die Gentlemen, sich umzudrehen!« erklang es befehlerisch.

Erst erstaunte Gesichter, man vorstand ja gar nicht, was die da verlangte, nach und nach folgten die Herren der wiederholten Aufforderung, sie drehten sich um, wendeten aber natürlich bald die Gesichter nach der alten Richtung zurück, um zu sehen, was hinter ihrem Rücken vorging.

Ganz einfach - so einfach, wie Kolumbus das Ei stehen ließ.

Aufrecht hinüberzugehen, dazu hatte Miß Fidderly auch nicht ganz den Mut. Aber das wurde auch gar nicht verlangt, und da gab es noch etwas Mindergefährliches.

Sie blickte sich einmal nach den Herren um, da das aber die steife Engländerin sehr langsam tat, so hatten diese noch Zeit, durch Drehen ihrer Köpfe schnell wieder Diskretion zu heucheln, und als sich die alte Jungfer vor lüsternen Männeraugen gesichert sah, raffte sie, vor den Mitschwestern sich nicht genierend, ihr seidenes Kleid hoch - noch etwas höher - immer noch ein bißchen höher - kniete nieder, setzte sich rittlings auf das Brett, und so rutschte sie hinüber. Drüben kroch sie ans sichere Ufer und verschwand, ohne sich noch einmal umgeblickt zu haben, mit wieder züchtig herabgelassenen Kleidern hinter der Mauer.

Es war alles beobachtet worden, und nicht nur von den Damen.

Naaah! Das war wahrhaftig das Ei des Kolumbus! Das nachzuahmen, dazu hatten die meisten den Mut.

Das Brett blieb unten, und wenn nur immer eine einzelne Person hinüberkommen sollte, um Belehrung zu empfangen, wie man die herauskommende Nummer stets im voraus weiß, so hätte der Eremit die Brücke doch wieder hochziehen können - also rutschte immer ein Herr nach dem andern in vorgemachter Weise hinüber, natürlich, daß immer nur einer auf dem sich doch etwas biegenden Brette war, sonst hätte es knacken können.

Eine Dame machte vorläufig den Versuch noch nicht. Einmal befanden sich an dieser Seite der Schlucht noch immer einige Herren, und diese drehten sich ja doch um, und man hatte vorhin bei der alten Jungfer doch etwas gar zu viel gesehen - wenn auch mehr Knochen als Fleisch - und wenn man sich auch in Monte Carlo befand, in der Öffentlichkeit waren es doch schließlich alle anständige Damen, mußten es sein - und außerdem konnte man ja erst abwarten, was die Zurückkommenden erzählen würden. Unterdessen wurde viel gelacht, und einstweilen gesellten sich wieder neue Ankömmlinge hinzu, vom Wissensdurst, von der Neugier und ... vom Wahnsinn heraufgeführt, darunter auch ein vornehmes Pärchen, welches wir zu kennen bereits die Ehre haben.

Soeben erschien jenseits der Schlucht Miß Fidderly wieder, und die trotz ihrer Freiheit so keusche Engländerin schien jetzt keine Zeit zu haben, die Herren erst zum Umdrehen aufzufordern, sehr eilig traf sie ihre Vorbereitungen zum Rückritt.

»Was macht denn die da driem eegentlich?« sang die schöne Sächsin an des Offiziers Arm. »Nu, hat die denn gar keene Schämichte?! Nee awwer so was!«

Die hagere Dame saß rittlings auf dem Brette und begann die Rutschpartie.

»Nee, nu gucken Se mal bloß, Herr Graf, was die for därre Beene hat!!!«

Ob die Zuschauer dieses Deutsch nun verstanden oder nicht - jedenfalls kollerten sich alle vor Lachen.

»Was sagte er? - Verrät er es? - Wie macht man es?«

Mit diesen und mit andern Fragen wurde die zurückgekehrte Engländerin von allen Seiten bestürmt.

Aber Miß Fidderly würdigte die ganze Gesellschaft keiner Antwort, gar keines Wortes, sie hatte nichts gehört, ordnete ihr Kleid und trat die Klettertour nach unten an. Sie schien gar nicht recht zufrieden zu sein.

In der Mauerspalte erschien der erste Herr und rutschte wieder herüber, ein zweiter stand schon bereit, ihm zu folgen.

»Ja, er hat sein System erklärt, und ich glaube wohl, daß es geht. Es bedarf allerdings einiger persönlicher Vorbereitungen, es ist mystisch; verstehen Sie, meine Damen, um was es sich im Grunde genommen handelt? Die erste Hauptbedingung zum Gelingen ist die, daß man nichts davon verraten darf, sonst verliert das Geheimnis sofort seine Kraft. Es ist okkult, verstehen Sie, meine Damen? Er nimmt jeden persönlich vor. Bitte, meine Damen, rutschen Sie nur hinüber, Sie werden es erfahren. Es ist nämlich geradezu wunderbar! Es streift wirklich ans Übersinnliche. So etwas ist mir auch in meinen kühnsten Träumen nicht eingefallen. Nicht wahr, Monsieur Vendom? Rutschen Sie nur hinüber, Mademoiselle, es ist ja gar keine Gefahr dabei.«

So erklärte der erste Herr, und fast ganz genau so sprachen alle die andern Herren, welche nacheinander wieder herüberkamen.

So groß die Neugier und selbst die Erregung auch war, vorläufig fand sich noch keine der Damen dazu bereit, die Rutschpartie anzutreten; die Geschichte war ihnen doch etwas zu >genierlich<, es würde sich schon eine passendere Gelegenheit dazu finden, und einer der Herren würde schon schwatzen, man kannte doch die Herren der Schöpfung, man konnte vielleicht auch einmal die Delila spielen, die nur Simsons Kopf in den Schoß zu nehmen brauchte, um alles von ihm zu erfahren, und dann würde es sich ja zeigen, ob sich die Rutschpartie auch wirklich lohnte.

Nur einige der Herren, die bisher noch gezögert hatten, sich dem schwankenden Brette anzuvertrauen, riskierten es jetzt doch - natürlich immer rittlings.

»Nee, das mache ich nich, so gemeene bin ich nich, ich will ja ooch gar nich wissen, wie man beim Schpiehln egal gewinnt, das hawe ich ooch gar nich neetj, ich will mir nur emmal den seine Wohnung ahnguhken. Gomm Se, mei liewer Graf, awwer mir gehn glei uffrecht niewer.«

Die Balletteuse war also in dem Wahne befangen, um das Geheimnis zu erfahren, dazu dürfe man über das Brett nicht gehen, sondern man müsse unbedingt rutschen, das gehöre mit dazu - und da stand die elegante Ballerine auch schon mitten auf der schwankenden Brücke, dort drehte sie sich noch einmal gelassen um, wedelte sich mit dem Fächer Kühlung zu und sagte mit bezauberndem Lächeln:

»Was meenen Se denn nu, mei liewer Graf, wenn der jetzt mit eenem Male das Bräht wegziehn tähte, wo ich grade druffstehe. Wirden Se mir glei nachhubben?«

Und fächerwedelnd, mit gelassenem Schritte, setzte die schöne Balletteuse ihre Promenade fort. Die fühlte sich auf dem schwankenden Brette zu Hause.

Der sonnenverbrannte Offizier blickte einmal in die Schlucht, und dann war er mit acht meterlangen Schritten ebenfalls drüben.

»Awwer dahier isses scheene!«

Die beiden wurden eben noch Ohrenzeugen, wie der Eremit den Rutschreitern das große Geheimnis preisgab, aber nicht jedem einzeln, sondern er verfuhr summarisch.

»Wenn ihr imstande seid, aufrecht zu mir zu kommen, dann seid ihr fähig, die erste Lektion zu hören.«

So sprach der Eremit - und die Herren konnten wieder zurückrutschen.

Jene ersten hatten also ein Komplott gemacht. Sie wollten mit ihren geheimnisvollen Andeutungen die Damen veranlassen, über das Brett zu rutschen, das wäre ja nun für die Herren so ein Gaudium gewesen, dann hätten sie die Kletterpartie doch nicht gänzlich umsonst gemacht. Und die Herren, welche jetzt den Rückzug antraten, waren nun auch ohne weitere Verständigung gleich eingeweiht, was sie drüben zu sagen hatten, vielleicht gelang es dennoch, eine neugierige Evastochter aufs Brettl zu locken.

Aber fort mußten die Rutschkünstler jetzt, das half alles nichts.

Der letzte, welcher über das Brett zurückritt, war der alte Geck, der Baron. Auch er hatte schließlich zum Hinweg den Mut gefunden, und nun, da er sah, daß die Sache doch gar nicht so gefährlich sei, schwoll ihm der Kamm, und das Renommieren lag nun einmal in seiner Natur.

Wie er also in der Mitte des Brettes angekommen war, blieb er sitzen, klammerte sich mit den Händen an den Kanten fest und schlenkerte kühn mit den Beinen.

»Nirgends ist mir wohler als zwischen Himmel und Erde. Sehen Sie, meine Damen, so sitze ich immer zu Pferde.«

»Sie sitzen wohl auf dem Pegasus?« wurde gelacht. »Sie fangen ja sogar schon an zu dichten.«

Der Baron baumelte weiter mit den Beinen, bis sich mit einem Male das Lachen der Herren in ein Brüllen verwandelte, während die Damen plötzlich laut aufkreischten und sich meistenteils schnell wegwandten und auch noch das Gesicht mit Händen und Taschentüchern bedeckten, um das gräßliche Unglück nicht sehen zu müssen.

Es war nämlich etwas gebrochen - aber nicht das Brett, es erfolgte auch kein Sturz in die Tiefe.

»So sitzen Sie immer zu Pferde, Herr Baron?« brachte einer unter Lachen mühsam hervor.

»Jawohl, immer, immer. Na, was haben Sie denn eigentlich zu lachen? Nehme ich mich nicht sehr gut aus?«

»Sehr gut, sehr gut!!!« erklang es jetzt einstimmig, immer brüllend vor Lachen. »Photographieren! Wer hat einen Apparat da?!«

Eine kurzsichtige Französin wagte sich etwas näher an die Schlucht, bog sich vor, brachte die Lorgnette vor Augen, um zu erkunden, weswegen denn eigentlich so gelacht wurde, was es da zu sehen gäbe, und eine ebenfalls kurzsichtige Engländerin nahm gleich das Opernglas zu Hilfe.

»Iiiiiiiihh, fi donc!« quiekte die Französin.

»Shocking!« bellte die Tochter Albions.

Beide flohen entsetzt zurück und gesellten sich ihren weitsichtigeren Schwestern bei, die aber jetzt ganz hörbar zu kichern anfingen, während die Herren vor Lachen zu ersticken drohten.

Da mit einem Male ging dem alten Baron eine furchtbare Ahnung auf, es wurde ihm plötzlich so kühl am Leibe, er bekam einen unerlaubten Luftzug - und ein Glück war es nur, daß er das feste Land gewann, ehe ihn vor Schreck und Scham das Bewußtsein verließ ...

Die Hose war ihm an der Stelle, die beim Reiten am straffsten angespannt ist, total aufgeplatzt! -

Sofort, als der Baron von der Brücke herunter war, ging diese von ganz allein in die Höhe. Der Eremit schien wenigstens nichts zu tun, denn er stand ganz ruhig da. Aber ein großes Geheimnis brauchte nicht dahinterzustecken. Das Brett drehte sich am unteren Ende in Achsen, auch waren Seile daran befestigt, diese verschwanden am Boden in einem Loche, jedenfalls hingen Gegengewichte daran, alles war ausbalanciert, und da gehörte wahrscheinlich nur ein unmerklicher Griff dazu, um die Brücke zu heben.

»Du willst wissen, woher mir bekannt war, in welches Fach die Kugel immer fallen würde?« wandte sich der Eremit sofort an den Herrn. »Die Sache ist ganz anders. Die Kugel fiel stets dahin, wohin ich sie fallen lassen wollte. Die Kugel gehorchte meinem Willen! Auch du kannst ihr befehlen. Höre, Mensch: Besiege dich selbst, und die Naturkräfte müssen dir gehorchen!«

Der deutsche Offizier war ganz und gar nicht überrascht, hier so etwas zu hören. Ja, er war, als er einiges über den Einsiedler vernommen hatte, von vornherein fest überzeugt gewesen, daß der Eremit diese Worte oder solche mit ganz demselben Inhalte sprechen würde, er wäre jede Wette eingegangen.

Sei vollkommen Herr über dich selbst, und du bist Herr der ganzen Natur, die Elemente müssen dir gehorchen, du kannst Tote wieder lebendig machen, es ist dir eben gar nichts unmöglich.

Es ist die uralte Lehre, in sämtlichen Hauptreligionen enthalten, am intensivsten ausgesprochen im Buddhaismus: die Abtötung des Fleisches.

Der Eremit behauptete, es darin schon so weit gebracht zu haben, daß die kleine Elfenbeinkugel seinem Willen gehorchte. Das ist bereits ein recht ansehnlicher Erfolg.

Der philosophisch gebildete Offizier wunderte sich also nicht, und ebensowenig verlangte er von dem Weltüberwinder einen Beweis seiner Wunderkraft. Der wäre ihm natürlich versagt worden, und das Warum wäre ihm bewiesen worden.

Es ist ja ganz einfach. Wer es so weit in der Abtötung des Fleisches gebracht hat, der ist auch in der Erkenntnis Gottes - Gott ist ein persisches Wort und bedeutet >das Unfaßbare< - so weit gekommen, daß er sich in die Gesetze der Natur nicht einmischt, er gehorcht ihnen freiwillig. Würde solch ein Mensch seine Kraft zu irgend einem egoistischen Zwecks benützen, indem er etwa eine geliebte Person vom Tode erweckt - in diesem Augenblicke hat er seine Kraft auch wieder verloren. Er wird es aber überhaupt gar nicht tun. Indem er das Walten des Schicksals in seiner Weisheit erkennt, greift er diesem nicht vor, um die ewige Harmonie nicht zu stören, und wenn der Mensch die Macht hat, alle Schätze der Erde zu erlangen, so haben diese Schätze keinen Wert mehr für ihn; wenn er also so weit ist, sie zu erreichen, dann wird er sie nicht mehr erstreben. Eins hängt immer vom andern ab. -

Doch genug hiervon! Es gibt hierüber eine Menge Bücher; von den theosophischen Vereinen bekommt man sie geschenkt.

Der Eremit allerdings sprach zu dem deutschen Offizier, in dem er einen Kopf erkannte, der ihn verstand, was ihm wohl selten passierte, noch länger davon - wir aber halten es mit der schönen Ballerina, welche diese Unterhaltung wenig interessant fand und sich lieber die Wohnung des Eremiten >ahnguhkte<.

Sie sah nicht mehr als Prinzeß Turandot - aber viel weniger!

»Erlaum Se giedigst,« sagte sie und betrat die erste Felsenkammer, blickte sich darin um, das war die Wohnung des Eremiten, dieser bestätigte auch ganz zuvorkommend auf ihre Frage, daß er dort auf der nackten Steinbank schlafe.

»Nu awwer uff so'n nackjen Schteene wird 'ch nich schlafen,« meinte sie und betrat den zweiten Raum.

Hier schliff er also die optischen Gläser, der dritte war seine Vorratskammer - und dann mußte die Dame wieder umkehren, mehr Zimmer hatte der Einsiedler in den Felsen nicht eingemeißelt, es war weiter keine Tür vorhanden - und das war das Merkwürdige an der Sache!

Die Prinzeß, welche die Behausung in des Eremiten Abwesenheit betreten, war stracks durch eine Öffnung in eine vierte Kammer und immer weiter gegangen - und von dieser Öffnung war jetzt nichts mehr zu bemerken!

Als die Neugier der Balletteuse befriedigt war und sie zurückkehrte, hörte sie gerade, wie ihr Galan den Eremiten fragte, was die erste Bedingung sei, welche er von seinen Schülern fordere.

Die Antwort des Eremiten lautete:

»Gib alles, was du hast, den Armen - dann komme wieder zu mir, dann will ich weiter mit dir sprechen.«

Die Entgegnung auf diese Forderung kam nicht aus dem bärtigen Munde des Offiziers, sondern von den schönen Lippen seiner Begleiterin:

»Nee, heern Se, das tun mir nich. Mir mehrschtenteels nich. Nu, so dumm! For was bezahln mir denn Armschteiern? Adje, läm Se wohlriechend!«

Der Offizier fand höflichere Worte, machte sich aber auch schleunigst davon, und als sich beide noch auf dem wieder herabgesenkten Brette befanden, sagte die Ballerina nach rückwärts zu ihrem Begleiter:

»Heern Se, Herr Graf, der hat ooch ennen Biebmatz in Gobbe. Ich gloowe iewerhaubt, hier in Mondegarlo ham se alle Biebmätze. Mir gehn liewer wo andersch hin, sonstens kriegen mir ooch noch een!« -

Nach und nach kamen noch mehr Herren und auch Damen, welche aufrecht über die gefährliche Brücke gehen konnten. Sie alle hörten dasselbe, das A und das O aller seligmachenden Religionen, die erste Hauptbedingung, um sich freizumachen von seelischen Sklavenketten:

»Gib alles, was du besitzt, den Armen, wirf alles von dir - dann erst bist du überhaupt reif, den Geist meiner Lehre zu verstehen!«

Auch Monsieur de Haas erfuhr es, er hätte gar nicht nötig gehabt, deshalb einen besonderen Abgesandten zu dem Eremiten zu schicken, und er war beruhigt. Er lächelte mitleidig.

Mein braver Eremit, da hast du dich sehr geirrt, da kennst du das Publikum von Monte Carlo noch lange nicht!

Und daß er dreimal hintereinander die Nummer wußte, in welche die Kugel fiel? Einfach Zufall. Und wenn er sie ein dutzendmal hintereinander riet, so ... hatte er eben immer richtig geraten. Zufall, nichts weiter! Denn wenn in einer Staatslotterie, in welcher es so viele Tausende von Losen gibt, ein Mann, wie es schon vorgekommen ist, zweimal hintereinander den Haupttreffer zieht, so kann jemand in der Roulette mit nur 37 Nummern viel leichter ein dutzendmal hintereinander richtig raten.

Nein, von dieser Seite aus hatte die Spielbank von Monte Carlo nichts zu fürchten. Aber in einer andern Sache irrte sich Monsieur de Haas trotz aller seiner Welt- und Menschenkenntnis.

Höre, Leser: Stecke die wahnwitzigste Idee heraus, die du ersinnen kannst, und kleide sie in eine Lehre, behaupte etwa, du seist Adam, der Stammvater aller Menschen, der vor sechstausend und einigen Jahren gelebt hat - und wenn du nicht gläubige Jünger findest, welche dich als den wirklichen Adam anerkennen und dir Weihrauch streuen, dann will der Schreiber dieser Zeilen -... dein zweiter Jünger werden und dich anbeten! Dein erster wird er freilich nicht, das überläßt er einem andern, und dann ist er von seiner Verpflichtung frei, und vorausgesetzt wird auch, daß du ein geschickter Geschäftsmann bist, der Reklame zu machen versteht.

Denn die Gläubigen werden nicht alle, und der Dummen werden immer mehr. Das beweist täglich der Annoncenteil jeder Zeitung.



Ein stattlicher, alter Herr verließ die vor dem Riviera-Palast haltende Zahnradbahn und begab sich direkt in das Hotel.

»Ist der Hotelier zu sprechen?« wandte er sich an den Portier.

»Ich glaube. Wen darf ich melden?«

Der alte Herr zog schweigend eine Karte hervor - es war der Papa, der seine Kosakentochter holen wollte - wir nennen ihn also Fürst Alexjeff.

Er wurde sofort in ein für solch hohen Besuch bereitgehaltenes Zimmer geführt. Nach zwei Minuten trat unter mehreren Bücklingen Monsieur Bierling ein.

»Sie kennen mich! Ist meine Tochter hier?« hub ohne weiteres der Fürst in gereiztem Tone an.

»Prinzeß können jede Minute von einem Ausfluge zurück sein, den sie in die Berge zu machen beliebte,« entgegnete der Hotelier devot.

Der alte Papa war sehr erregt, sprang plötzlich vom Stuhle auf und deutete mit einer wilden Gebärde vor sich auf den Boden.

»Hier auf den Knien wird sie mir Abbitte leisten!!« rief er.

Da erwiderte Monsieur Bierling, zwar noch immer sehr devot, aber doch mit einer Dreistigkeit, die zuerst ganz unerklärlich war:

»Bitte, Durchlaucht, wollen Sie Ihrer Tochter nicht in andrer Weise wiederbegegnen?«

Der alte Fürst war denn auch zuerst ob dieser Ermahnung ganz starr, dann fuhr er empor und musterte den Sprecher von oben bis unten.

»Herr, wer sind Sie, daß Sie mir so etwas zu sagen wagen?! Sind Sie nicht der Hotelier?« fragte er in schneidendem Tone.

Da aber richtete sich auch der Gastwirt hoch empor, er war plötzlich ein ganz andrer.

»Ja. Und nicht einmal das, ich bin nicht einmal der Besitzer, sondern nur der angestellte Direktor von diesem Hotel. Aber ich habe Ihre Tochter auch nur als meinen persönlichen Gast aufgenommen, weil ich nicht sehen konnte, wie das junge Mädchen auf der Straße hätte schlafen müssen; denn nachdem sie aus zwei Hotels ausgewiesen worden war, hätte sie hier kein Obdach mehr gefunden - nur noch auf der Polizeiwache!«

Wenn wir von einem guten Herzen, verbunden mit echter Manneswürde, die hier wirklich vorlag, absehen, wenn wir diese Worte vom rein geschäftlichen Standpunkte aus betrachten, so war das eine überaus feine Spekulation des Hoteliers, daß er plötzlich so auftrat.

Er kannte den alten Fürsten nicht, aber die Tochter hatte ihm genug erzählt vom guten Papa, und er sah es dem alten Manne ja auch gleich an, daß diese Barschheit nur Verstellung war, der >gute Papa< konnte es ja gar nicht erwarten, seinen geliebten Kosaken wieder in die Arme zu schließen.

Doch es war keine Geschäftsspekulation, sondern es war Herrn Bierlings Charakter gewesen, der so gesprochen hatte!

Der Fürst wischte sich denn auch gleich die Augen, und dann reichte er jenem, der ihm so unverblümt die Wahrheit gesagt hatte, gerührt die Hand.

»Sie sind ein edler Mann, ich danke Ihnen. Ja, ich hatte schon gehört, daß man sie aus einigen Hotels hinausgewiesen hat, ich wollte sie auch strafen, zog meine Hand zurück, aber so - das habe ich nicht gewollt, das habe ich wirklich nicht gewollt! Na, wenn Sie sich ihrer angenommen haben, dann ist ja alles gut, verdient hat sie das gar nicht, die Karbatsche sollte sie eigentlich doch bekommen - jawohl, die Karbatsche! Na, was will man denn dagegen machen, sie ist nun einmal so, wie sie ist, 's ist eben ein wilder Kosak. Aber natürlich die Rechnung, die Rechnung, die bitte ich mir aus. Ach, und kann ich mir inzwischen nicht einmal ihr Zimmer ansehen?«

»Gewiß, Durchlaucht,« bejahte der Hotelier ebenso den Wunsch nach Besichtigung des Zimmers, wie den nach der Rechnung. Denn wenn der Fürst diese verlangte, dann konnte er sie natürlich auch für seine Tochter bezahlen, so übrig hatte es Monsieur Bierling denn doch nicht, und dann vor allen Dingen mußte er die Interessen derer wahren, in deren Brot und Lohn er stand.

»Werden Durchlaucht hier logieren?« fragte er noch auf dem Fahrstuhl.

Na, wer solch ein Ansinnen vorher an den alten Fürsten gestellt hätte, in dem Hotel zu wohnen, wo sich seine durchgebrannte Tochter aufgehalten hatte, der hätte aber eine Grobheit zu hören bekommen!

»Sicherlich, sicherlich,« beeilte er sich jetzt zu sagen. »Ich habe meine Sachen einstweilen im Hotel Metropole unterstellen lassen, die können dann gleich herbesorgt werden.«

In Wirklichkeit also hatte er schon ein Hotel, sein Diener war auch bereits dort. Aber der alte Diplomat hatte hier in diesem Hotelier einen Rivalen gefunden, der ihm in gewisser Hinsicht über war.

Himmel, sah es in den Zimmern aus, in denen der Kosak hauste!

Sie waren noch nicht in Ordnung gebracht worden, und ... es sah eben gräßlich liederlich darin aus! Ein Zimmer genügte ihr noch nicht, sie brauchte vier, um ihre Siebensachen überall am Boden ausstreuen zu können.

»Ja, hier wohnt meine Tochter,« erklärte der Papa mit gerührter Zufriedenheit, woraus man erkannte, daß er diese Unordnung mit ganz andern Augen betrachtete, vielleicht mit russischen Augen. »Das sehe ich gleich daran, weil auf der Wasserflasche ein Hut hängt und auf dem Sofa schmutzige Stiefeln liegen. Das macht meine Tochter immer so. Sie ist überhaupt sehr ordnungsliebend, weiß ihre Sachen immer gleich zu finden.«

Monsieur Bierling mußte sich bei dieser Äußerung väterlichen Stolzes krampfhaft auf die Lippen beißen, um nicht laut herauszulachen.

»Na, was hat sie denn nun eigentlich hier die ganze Zeit getrieben?«

Etwas hatte der Alte ja schon erfahren, sogar von der Polizei, aber dieser Hotelier konnte ihm doch die beste Auskunft geben, und Monsieur Bierling, welcher den >guten Papa< nun schon zur Genüge erkannt hatte, hielt nicht hinterm Zaun zurück, er schenkte ihm gänzlich reinen Wein ein, so beschrieb er unter anderm ganz ausführlich die Prügelszenen mit den Hausknechten, und der russische Papa freute sich wie ein Schneekönig über seinen ungeratenen Kosaken.

»Wirklich, gekratzt und gebissen hat sie - wirklich gebissen hat sie den Hausknecht?« schmunzelte er händereibend. »So ein Blitzmädel - ja, so war sie immer, im Kratzen und Beißen hatte sie was los.«

Etwas Übles war über den Wildfang ja in Wirklichkeit nicht zu berichten.

Dann schlug der Papa einen noch vertraulicheren Ton an, wurde zugleich aber auch etwas ängstlich, er kam so langsam von hintenherum, Turandot wäre doch kein Kind mehr, und hier in dem verführerischen Monte Carlo ...

I, Gott bewahre. Nicht nur er, der Hotelier, hätte alle Hände über sie gehalten, auch noch andere, vor allen Dingen Lord Hannibal Roger, für dessen Ehrenhaftigkeit er, August Bierling, die Garantie übernehmen wolle.

»Überhaupt,« setzte Monsieur Bierling noch hinzu, »die Prinzeß ist trotz ihrer kindlichen Naivität schon so selbständig, daß man sie getrost ihre eignen Wege gehen lassen könnte.«

Das war wieder etwas, was dem alten Herrn gar nicht recht zu gefallen schien.

»Ja, sie kann sehr selbständig sein, sehr selbständig,« seufzte der Minister, der aber in Familienangelegenheiten auch nur ein Mensch war. »Na da geben Sie mir einmal die Rechnung, daß die Vergangenheit gleich gestrichen wird.«

Die Rechnung war schon fertig, der Oberkellner brachte sie.

Die Prinzeß war noch gar nicht so lange hier, die Rechnung war auch gar nicht so lang - zwei Wochen volle Pension mit vier Zimmern und was dazu gehört - 2448 Francs 60 Centimes - - Riviera-Palast-Hotel - dankend quittiert.

Der Papa blickte sich nur noch einmal in den Zimmern um, dann steckte er die Rechnung ein, ohne eine Miene zu verziehen, sie war angenommen, er würde sie für seine Tochter Prinzeß Turandot bezahlen. Eine lächerliche Kleinigkeit für ihn, und so logiert eben eine Tochter des Fürsten Alexjeff!

Aber noch vor einigen Minuten, als er das Hotel betreten hatte, um seine ungeratene Tochter zu holen - da hätte ihm diese Rechnung nicht präsentiert werden dürfen, da hätte der Hotelier Gelegenheit gehabt, einen groben Russen kennen zu lernen.

»Gut, mein lieber Wirt, ich bezahle dann gleich. Wenn mein Kosak solche Schulden hat, da muß ich aber doch erst einmal zum Bankier. Mich freut es nur, daß sie hier bei Ihnen so gut aufgehoben war, nehmen Sie noch einmal meinen besten Dank entgegen, ich ...« der russische Fürst griff wie zufällig an das oberste Knopfloch seines Rockes - » ... werde Ihnen demnächst auch eine Freude bereiten. - Ja, was ich noch sagen wollte - könnte man gegen die beiden Hoteliers, welche meine Tochter, von der sie doch wußten, wer sie war, so rücksichtslos hinausgewiesen haben, nicht klagbar werden? Die verdienten doch eine exemplarische Strafe.«

Nein, das ging nicht. Klagen konnte man wohl, aber dann würde der Papa noch mehr als nur den Spott obendrein haben. Das brachte Monsieur Bierling dem alten Herrn mit gewandten Andeutungen bei, und der Fürst sah das auch schnell genug ein.

»Na, wenn die in Rußland wären, ich wollte sie ... bei uns in Rußland herrscht nämlich Gerechtigkeit,« meinte er nur noch, und dann fiel ihm etwas andres ein, die Hauptsache: »Ja, wo steckt sie denn eigentlich?«

Seit ihrem Abmarsch nach der Behausung des Eremiten waren nun schon vier Stunden vergangen, sie hätte wieder zurück sein können.

Doch zu Sorgen war vorläufig noch kein Anlaß. Der Leibdiener, welcher seinen Herrn auf der weiten Reise von Petersburg begleitet hatte, kam mit dem Gepäck. Der Fürst ward einquartiert, die erste Rechnung wurde bezahlt, ein halbes Stündchen geschlummert - und der Kosak war immer noch nicht da.

Vielleicht war sie schon im Kasino? Die gab nichts auf Toilette, und bei einer echten Prinzessin sieht auch der Anstandsmeister nicht so streng aufs Äußere, sonst wäre der Kosak niemals in die Spielsäle gekommen.

Der Vater wollte gleich selbst hinab, um seine Tochter zu suchen; er konnte es nicht erwarten, sie wiederzusehen, und Monsieur Bierling begleitete ihn, weil er am schnellsten Erkundigungen einziehen konnte, die Prinzeß brauchte sich ja auch nicht gerade im Kasino aufzuhalten.

Nein, Prinzeß Turandot war in ganz Monte Carlo nirgends gesehen worden.

Die Zeit verging. Der Fürst wurde dem Lord Roger und andern Herren vorgestellt, von denen er schon wußte, daß seine leichtsinnige Tochter bei ihnen tief in Schulden stecke - ach wo, Schulden!! Man war doch hier in Monte Carlo! Wenn hier nur jeder wirkliche Spaß so billig zu haben wäre!

Dann bekam der Fürst in Gesellschaft dieser Herren auch gleich die interessante Neuigkeit von dem maskierten Kapitän und dem Eremiten zu hören - aber dies alles brachte seine Tochter nlcht zur Stelle - und es wurde schon dunkel, die Nacht brach an!

Es waren heute also schon viele Personen oben an der Klausnerwohnung gewesen, sie wurden befragt - niemand hatte Prinzeß Turandot im Gebirge gesehen, und wenn man die Zeit nachrechnete, so mußte sie die erste gewesen sein, welche dem Eremiten einen Besuch abgestattet hatte.

Ein Monacascogner, welcher den Weg nach dem alten Steinbruch auch im Finstern fand, wurde hinaufgeschickt. Sehr bald kam er zurück.

Auf sein Rufen war der Eremit in der Mauerspalte erschienen und hatte willig Rede und Antwort gestanden. Die Erscheinung des Mädchens war leicht zu beschreiben, sie war auffallend, dazu der Bergstock, die Leine, die Korbflasche - in Condamine hatte sie nach dem Wege von La Turbie gefragt, man hatte sie am Gasthaus >Bellevue< vorbeigehen sehen, aber der Eremit wollte nichts von solch einem Mädchen wissen.

So war es zehn Uhr geworden. Es wurde Mitternacht, und die Prinzessin war noch immer nicht zurück!

Heute war nichts mehr zu machen. Warten! Die Gefühle des alten Vaters sind nicht zu schildern. Immer wieder mußte man ihm versichern, es sei ja gar kein Gedanke daran, daß sich die Prinzeß vor der Rückkehr des Vaters so gefürchtet habe, um Selbstmord begehen zu können. In dieser Nacht merkte der alte Mann, daß auch ein Fürst die Freundschaft des geringsten Hausknechts suchen kann, nur um ein tröstendes Wort von ihm zu hören.

Am andern Morgen wurden in Monaco möglichst viele ortskundige Leute geworben, sie durchstrichen das Gebirge nach allen Richtungen, ohne eine Spur von der Vermißten zu finden.

Jetzt mußte mit Bestimmtheit angenommen werden, daß das junge Mädchen verunglückt war. Ja, dann mußte es aber immer noch gefunden werden, und wenn es nur die Leiche war!

Am zweiten Tage wurden die Nachforschungen in noch größerem Maße eingeleitet. Der Kommandeur des französischen Forts Tête de Chien, welches auf hohem Felsen über Monaco wacht, stellte eine Kompagnie terrainkundiger Artilleristen zur Verfügung, auf den Generalstabskarten der führenden Offiziere war jeder Winkel verzeichnet, die meilenweite Umgebung wurde wie ein Schachbrett in Felder eingeteilt und so abgesucht, eine sehr hohe Prämie brachte die männliche Bevölkerung von ganz Monaco auf die Beine, jede Spalte wurde sondiert - nein, auch nicht verunglückt konnte sie im Gebirge sein.

Weiter konnte aber auch auf das bestimmteste konstatiert werden, daß sie keine Fahrgelegenheit benutzt hatte, um das kleine Fürstentum zu verlassen.

Jetzt wurde das Verschwinden der Prinzeß Turandot rätselhaft!



Der unglückliche Vater saß in einem Hotelzimmer, teilnahmlos, nur noch auf die Botschaft wartend, daß man die Leiche seines einzigen Kindes endlich gefunden habe - dann hatte er wenigstens Gewißheit.

Im Zimmer befand sich auch sein Diener, ein schon älterer Mann, trotz seines glattrasierten Gesichtes gleich den Stockrussen verratend, wenn es ihm auch lieber war, wegen seines guten Französisch und seiner Weltgewandtheit für einen Franzosen gehalten zu werden.

Er machte sich immer noch im Zimmer zu schaffen, ohne etwas darin zu tun zu haben, aber sein Herr wollte nicht aufmerksam werden.

Endlich war der Entschluß des Mannes gefaßt, offen trat er hervor.

»Durchlaucht!«

»Was willst du, Paul?« fragte der Fürst mit müder Stimme, ohne den Kopf aus der Hand zu nehmen und jenen anzublicken.

»Die hiesigen Leute sind gar nicht recht für das Suchen nach der gnädigen Prinzessin interessiert.«

Es lag hauptsächlich im Tone, welcher etwas Geheimnisvolles erst einzuleiten schien, daß jetzt der Fürst aufmerksam den Kopf nach dem Diener wendete.

»Was soll das heißen? Sind die dreitausend Francs Prämie nicht genug? Sie mögen verzehnfacht werden, wenn es nur Erfolg hat!«

»Durchlaucht verzeihen mir - ich glaube, daß auch das Hundertfache nicht den Eifer der Leute am Suchen beleben würde.«

»Weshalb nicht? Jetzt sprich offen, Paul, halte mich nicht hin!«

»Es geht hier ein Gerücht um - ein Gerücht - es ist die reine Torheit ...«

»Was für ein Gerücht? Nun heraus mit der Sprache, was es auch sei!«

Der Fürst hatte sich vor Spannung erhoben, er war auf alles gefaßt.

»Es fällt mir schwer ... glauben Durchlaucht an ... an ... Vampire?«

»An ... Vampire!« echote der Fürst mit bleichen Lippen nach.

Die Russen sind noch weit zurück. Der Glaube, daß sich böse Menschen zeitweilig in reißende Tiere verwandeln können, besonders die Sage vom Werwolf, ist in Rußland ungemein stark verbreitet, und nicht nur in den unteren Schichten des Volkes. Wie es in den oberen aussteht, das bemerkt man am meisten bei den heiligen Festen, am Neujahrstage, bei Kindtaufen usw., da huldigen in Rußland auch die gebildetsten Kreise dem gröbsten Aberglauben, und wenn man den Hokuspokus auch lachend vornimmt, weil man daran ja gar nicht glaubt - es wird eben doch getan, und das genügt schon, mehr verlangt ja der Aberglaube gar nicht.

Paul war von der Existenz des menschlichen Werwolfes, der es ebenfalls hauptsächlich auf unschuldige Mädchen abgesehen hat, fest überzeugt. Er hatte nämlich einmal >Etwas erlebt<, worüber er allerdings niemals sprach, nur immer schauerliche Andeutungen machte. Die Sage von Vampiren kennt man in Rußland gar nicht, dort mag es den menschlichen Blutsaugern zu kalt sein, die verwandeln sich dort lieber in Wölfe mit zottigem Fell. Aber Paul war gebildet genug, um davon zu wissen, und wenn es Menschen gibt, die sich in Wölfe verwandeln können, warum sollen sie in andern Gegenden nicht auch andre Gestalten annehmen?

Der alte Fürst glaubte im Grunde genommen weder an den Vampir noch an seinen einheimischen Werwolf noch an sonst etwas dergleichen; aber er hatte als Kind doch so viel davon hören müssen, daß dies jetzt, in Verbindung mit seiner verschwundenen Tochter gebracht, einen gewaltigen Eindruck auf ihn machte. Dazu kamen nun noch die schlaflosen Nächte, die seine Nerven beeinflußten.

»Nein, ich glaube nicht an dieses Märchen von blutsaugenden Vampiren in Menschengestalt. Doch was ist's, Paul, sprich offen, ich befehle es dir!«

»Die Leute behaupten, es triebe hier ein Vampir sein Wesen ...«

»Unsinn! Aberglaube!«

»Durchlaucht befahlen mir, ganz offen zu sprechen.«

»Du hast recht. Fahre fort!«

»Man sollte doch lieber alles in Betracht ziehen.«

»Das werde ich auch tun. Was also sagen die Leute hier? Erzähle!«

»Durchlaucht haben schon den schwarzmaskierten Herrn gesehen? Es soll ein Vampir sein, und nach dem, was sich auf der sogenannten Teufelsinsel abgespielt hat, auf welcher hier die Selbstmörder begraben werden, kann man das auch annehmen. Selbst einer seiner Matrosen hat schon junge Mädchen zu ihm zu locken versucht, und zwar unter ganz erschwerenden Umständen. Nun ist hier von vornherein gesagt worden - woher das die Leute wissen wollen, das ist mir freilich unbegreiflich - und es fällt mir schwer, Eurer gütigen Durchlaucht noch mehr Sorge zu bereiten ...«

»Er hätte es auf meine Tochter abgesehen?« kam der Fürst dem Stockenden zu Hilfe, und er war ganz gefaßt dabei, was freilich sehr unnatürlich erschien.

»Durchlaucht sagen es. Das erste Mädchen, welches aus Monte Carlo verschwände, würde die Prinzeß sein - sein erstes Opfer - so hat es allgemein in ganz Monaco geheißen - die Leute hier sind gar nicht verwundert, daß die Prinzeß plötzlich verschwunden ist - und gerade unter solchen Umständen - denn der Maskierte ist gesehen worden, wie er bei nächtlicher Weile im Gebirge umherstrich - und es war Vollmond ...«

Wir wollen nicht weiter zuhören, was der Diener erzählte.

Auf dem Tische lag eine kleine Zeitung, >Die Maske<, in Monte Carlo ganz neu erschienen. Sie berichtete einzig und allein, wie schon ihr Name anzeigte, über den maskierten Kapitän und was mit diesem zusammenhing.

Monsieur Girard hatte für gut befunden, deswegen täglich eine besondere Zeitung herauszugeben. Dafür aber kostete die winzige Nummer auch einen ganzen Franc, den Preis der offiziellen Fremdenzeitung hätte er nicht erhöhen dürfen, und es war eine glückliche Spekulation gewesen, die Nummern gingen ab wie die warmen Semmeln und fanden ihre Verbreitung noch weit außerhalb der Grenzen des >Reiches<.

Zur Herausgabe der Zeitung brauchte er die polizeiliche Erlaubnis, die hatte er erlangt, und man wunderte sich nur, was in der >Maske< alles erzählt wurde, ohne daß die Polizei jemals eine Nummer konfiszierte.

Es konnte nur sein, daß die >Regierung< selbst wünschte, das >Volk< würde über die mysteriösen Vorfälle aufgeklärt. Das tat diese Zeitung nun freilich nicht, sie verdunkelte durch geheimnisvolle Andeutungen nur noch mehr.

Die erste Nummer hatte die Unterhaltung zwischen dem Kapitän und dem Journalisten wörtlich wiedergegeben, und wenn der Maskierte einmal während des Gespräches ein Papiermesser vom Tisch genommen hatte, so stand das auch mit drin. Das war also nichts weiter, dagegen hatte die hohe Polizei nichts einwenden können.

Dann war auch schon das Elixier untersucht worden, und jetzt wurde die Sache etwas interessanter.

Es war, wie der vereidigte Chemiker mit Bestimmtheit konstatieren konnte, der Hauptsache nach eine konzentrierte Lösung von Ambra in Alkohol. Dann waren noch andere Zersetzungsprodukte organischer Substanzen darin, gerade solche Zersetzungsprodukte kann man aber sehr schwer bestimmen, so weit ist die organische Chemie noch nicht; der Chemiker glaubte, dem Geruch nach nur behaupten zu dürfen, daß es sich um Reptilien und Krustentiere handle.

Also doch! Wirklich Schlangen, Eidechsen und Krebse! Der vereidigte Chemiker von Monaco hatte es gesagt!

Für die Sensationslust des Publikums waren die Schlangen und Eidechsen natürlich die Hauptsache, da schauerte man so schön zusammen.

Aber die Zeitung verfehlte nicht, auch auf eitle andre Tatsache hinzuweisen.

Ambra löst sich in Alkohol so leicht und in derselben Menge wie Zucker in Wasser. Es war aber eine konzentrierte Ambralösung, und das Gramm Ambra kostete in der Apotheke fünf Francs.

Wenn der Kapitän jeden Tag nur einen Teelöffel voll von dem Elixier eingenommen hatte, so hatte er täglich für mindestens 20 Francs Ambra verschluckt! Sapristi, das war eine teure Medizin, und die zwölf Jahre lang täglich genommen!! Ja, dann freilich war der Indier auch gar nicht so teuer gewesen, als er für seine Kur 100.000 Rupien verlangt hatte. Fast die Hälfte davon hatte ja der Kapitän allein an Ambra verschluckt!

Dann weiter in derselben Nummer: Das weiße und das schwarze Haar stammte von ein- und derselben Person, die verschiedene Farbe hatte dabei nichts zu sagen, die Struktur und alle Eigenschaften waren dieselben, an diesem Gutachten eines Sachverständigen war nicht zu rütteln!

Nun konnte jeder über die Verjüngungskur denken, was er wollte. Die >Maske< stellte nur die Tatsachen fest.

Schon die nächste Nummer aber beschäftigte sich mit dem Doppelselbstmord in der Pension Blond, mit dem rätselhaften Verschwinden der Leiche des jungen Mädchens und mit den Vorgängen auf der Teufelsinsel.

Doch konnte die Zeitung nur das erzählen, was die Augen der Beamten dort gesehen hatten. Monsieur Girard hatte täglich Zutritt zu dem Kapitän, aber was dieser in jener Nacht erlebt hatte, darüber wollte er sich mit keinem Worte auslassen, daß müsse er erst nach andrer Stelle berichten.

Übrigens werden wir Monsieur Girard selbst begleiten, wenn er sich nach jener Schreckensnacht auf der Teufelsinsel zu dem maskierten Kapitän begibt, jetzt wollen wir bei den Zeitungen bleiben, welche vor dem Fürsten Alexjeff aus dem Tische lagen.

Als einzige Tatsache konnte die >Maske< nur angeben, daß jenes Leichenhemd, welches der jedenfalls vom Starrkrampf befallene Kapitän angehabt hatte, wirklich das des jungen Mädchens gewesen war, daran war kein Zweifel, also ...

Und nun konnte Monsieur Alfons Napoleon Bonaparte Girard in seiner kühnsten Phantasie allein weiterschwelgen, und das gesamte Publikum schwelgte mit ihm.

Ach, was ließen sich da nicht für Hypothesen aufstellen!!

Daß das kein Starrkrampf gewesen war, das war ja ganz klar! Der maskierte Kapitän war einfach schon tot gewesen, also er hatte schon in der Todesstarre gelegen, aber es hatte nur die Berührung einer warmen Hand bedurft - die des Arztes - um ihn wieder dem Leben zurückzugeben, und gar kein Zweifel, jede Nacht fiel dieser Vampir, der sich mit Leib und Seele dem Teufel verschrieben hatte, in solch einen >unnatürlichen Todesschlaf<, und dann ...

Doch genug! Wir haben uns schon von den >Tatsachen<, welche Monsieur Girard berichtete, zu den Gerüchten verirrt, die unter dem Publikum zirkulierten, und wenn wir erst hiermit anfangen wollten, da würden wir überhaupt niemals fertig. Weil wir nun aber einmal dabei sind, so wollen wir uns mit eigenen Augen ansehen, was der Prinz von Monte Carlo treibt.

In sinnloser Furcht hatte er die Teufelsinsel verlassen. Doch konnte das ebensogut eine sehr große Erregung gewesen sein, die er schon ziemlich wieder bemeistert hatte, als er in Condamine die Pferdebahn bestieg. Auch das Hotelpersonal merkte dann dem Kommenden nichts weiter als nur eine große Hast an.

Zwei Stunden hielt er sich in seinem Zimmer auf. Unterdessen war auch seine Ordonnanz zurückgekommen, diese konnte durch das eigene Zimmer zum Herrn Kapitän gelangen, und nach den zwei Stunden sollte sie Monsieur Girard holen. Der quälte schon seit langer Zeit die Kellner mit neugierigen Fragen, und ob es denn gar nicht möglich sei, vorgelassen zu werden.

Er wurde vom Kapitän empfangen.

»Fragen Sie mich nichts, ich antworte nicht!« rief ihm der Maskierte gleich entgegen. »Ich habe in diesem Fürstentums etwas erlebt, worüber ich nicht sprechen darf, so lange ich nicht die Erlaubnis dazu habe. Verstehen Sie mich?«

Es blieb dem Redakteur wohl nichts andres übrig, als zu bejahen.

»Können Sie mir die genaue Adresse des Fürsten geben?« fuhr der Kapitän fort.

Ja, das konnte Monsieur Girard. Der Fürst von Monaco hielt sich zur Zeit mit seiner Jacht in Christiania auf, mit Beginn des Sommers wollte er noch höher nach Norden hinauf. Man munkelte sogar etwas von einer kleinen Nordpolexpedition - woraus dann freilich nichts geworden ist.

Auf dem Tische lag ein versiegeltes, umfangreiches Kuvert, der Kapitän setzte sofort die angegebene Adresse darauf. Er hatte unterdessen also wirklich an den Herrn dieses Landes über den Vorfall berichtet, und das ging nicht erst nach Paris. Auch hatte er schon Toilette gemacht.

»Hängt es vielleicht mit der Familiengeschichte des Fürsten zusammen?« fragte der Journalist, so ungefähr an eine weiße Frau denkend.

»Monsieur Girard, wenn Sie diese Sache noch einmal mit einer einzigen Frage berühren, dann sind wir für immer geschieden. Ich brauche Ihnen ferner wohl nicht erst zu sagen, wie unangenehm es den Fürsten berühren würde, wenn Sie solch einen Verdacht, wie Sie ihn eben andeuteten, veröffentlichten, und was das vielleicht für Folgen für Sie haben könnte ...«

Nein, das würde der Redakteur auch nicht tun, so klug war er allein. Von den Familienangelegenheiten des Fürsten steht in ausländischen Zeitungen mehr, als man in Monaco davon weiß.

»Kann ich dem Herrn Kapitän sonst mit etwas dienen?«

»Ja, ich hatte Sie hauptsächlich auch wegen etwas ganz andern zu mir bitten lassen, des Fürsten Adresse hätte ich auf der Post ja auch erfahren. - Ich fühle mich im Hotel nicht wohl. Ich will mir so schnell als möglich eine eigene Wohnung anschaffen. Können Sie mir behilflich sein, ein Haus zu kaufen?«

Ja, das konnte Monsieur Girard. Gelegenheit dazu war genug vorhanden: denn in Monte Carlo und Umgegend sind immer von drei Häusern zwei zu verkaufen, meist vollständig möbliert, darunter auch Schlösser und Paläste, das >à vendre< hängt überall im Fenster.

Das steht in enger Beziehung mit der Spielbank. Ein reicher Mann kommt zum ersten Male nach Monaco, er ist von dieser Szenerie entzückt - >hier bleibe ich oder hierher komme ich doch jedes Jahr, hier muß ich ein Haus haben!< - entweder kauft er sich eins, die Auswahl hat er, oder er läßt sich gleich eins nach seinem Geschmack hinbauen - eines Tages hat er von der Geschichte die Nase voll bekommen - >nee, nee, hier bleibe ich lieber nicht!< - à vendre, zu verkaufen.

Der Herausgeber des >Le Monte Carlo< schien sich auch mit Häuservermittlung abzugeben, er hatte sämtliche Kaufobjekte von Monaco im Kopfe und wußte auch ihren Preis, auf dem Tische hatte schon eine große Karte von Monaco ausgebreitet gelegen, so konnte er immer gleich die Lage des betreffenden Hauses bezeichnen.

Die Preise schwankten zwischen 50.000 und einer Million Francs. Es gibt aber auch noch teurere, denn schon zu einer Villa gehört doch ein größerer Garten, man will doch hier Palmen und Orangen haben, und in der besseren Lage Monte Carlos ist das Quadratmeter nicht unter 800 Francs zu haben. Sogar am öden Strande von Monaco, wo die Sonne alles verbrennt, kostet er noch 200 Francs.

Aber dem maskierten Kapitän schien keines der Angebote zu behagen.

»Ich habe schon von der Gaumates-Schlucht gehört. Wie sieht es dort aus?«

Die Gaumates-Schlucht trennt also die Neustadt Condamine von Monte Carlo. In der Nähe des Strandes ist hiervon nichts zu bemerken, aber besonders auf dem Boulevard du Nord, wo die beiden Städtchen zusammengrenzen, jedoch durch eine 45 Meter hohe Brücke voneinander getrennt, dort gewinnt man einen großartigen Blick in diese dicht mit Häusern besetzte Schlucht.

»O, das ist nichts für Sie, Herr Kapitän.«

»Warum nicht?«

»Einmal sind dort nicht Pferd und Wagen unterzubringen, welche Sie sich doch, wie Sie vorhin sagten, anschaffen wollen ...«

»Das hätte nichts zu sagen, die könnten anderswo eingestellt werden.«

»Und in der Gaumates-Schlucht sind keine Häuser zu verkaufen,« ergänzte der Redakteur seinen begonnenen Satz.

»In der Welt ist alles zu verkaufen.«

»Doch nicht, Herr Kapitän. Entschuldigen Sie, wenn ich hierin zu widersprechen wage. Sämtliche Häuser in der Gaumates-Schlucht gehören Herrschaften, welche es nicht nötig haben, zu verkaufen. Vielleicht wohnen sie niemals drin, aber sie werden auch niemals vermieten. Hier handelt es sich eben um eine Kuriosität, wie es eine solche sonst nirgends in der Welt gibt.«

Der erfahrene Redakteur sprach die Wahrheit, aber der Kapitän war eigensinnig oder glaubte, mit seinem Golde alles durchsetzen zu können.

»Ich will doch zuerst in der Gaumates-Schlucht Umschau halten,« beharrte er, »jetzt machen Sie mich gerade lüstern. - Ordonnanz, einen Wagen!«

Er wollte auf der Stelle hinfahren, Monsieur Girard möchte ihn begleiten, und es war einmal eine große Ausnahme, daß die Ordonnanz nicht mitkam.

Sie hätten auch die Pferdebahn benutzen können. Man steigt auf der belebten Hauptstraße aus, geht nur hinüber auf die andre Seite und betritt vom Trottoir aus die Gaumates-Schlucht, welche ja von Monte Carlo, respektive von Condamine rings eingeschlossen ist.

Das ist nun wieder so etwas, was sich nicht beschreiben läßt, und wenn es ein Maler bildlich wiedergibt, wie es in dieser Schlucht aussieht, so würden die meisten Menschen sein Bild für die Ausgeburt einer wahnsinnigen Phantasie halten; denn so etwas kann es ja gar nicht in der Welt geben.

Links vom Eingange zur Schlucht - also immer mitten in der Stadt! - ist die Restauration Terminus mit der feinsten Austern-Bar, rechts hält der Gambrinus Wache, ein Lokal mit fidelem Tingeltangel. Noch einige Schritte - nur vier große Schritte - und man befindet sich in der wildromantischen Schlucht und steht vor einer reizenden Kapelle, von durchgegangenen Liebespärchen, denen aber zur ehelichen Vereinigung sonst nichts im Wege liegt, stark zu Trauungen benutzt. Hinter dieser Kapelle aber fängt gleich die richtige Wildnis an, eine wilde Schlucht, wie sie im Buche steht, wie sie nur ein phantasiebegabter Knabe in seinen Indianerträumen sich ausmalen kann, ein Paradies für Rinaldo Rinaldini. Im Hintergrunde stürzt der schon erwähnte Bach, dem auch der Eremit Wasser entnahm, 70 Meter hoch herab; er durchfließt in noch mehreren Fällen und Kaskaden die vielleicht 12 Meter breite Schlucht, und da gibt es Höhlen und Felsklippen und alles mögliche, überwuchert mit Büschen und Schlingpflanzen, und wenn man nur an den Bach will, da stürzt man ganz sicher ab und bleibt tot liegen - und niemand verbietet dieses Vergnügen!

Und das ist keine künstliche Dekoration à la Weltausstellung. Natürlich ist die Schlucht in der Mitte der Stadt mit Absicht so wild gelassen worden. So etwas ist eben nirgends anders möglich als nur in dem einzigen Monte Carlo! Denn Monte Carlo hat keine Einwohner, Monte Carlo hat nur Fremde, die in Hotels wohnen. Hier gibt es keine Straßenjugend, die von Monaco und Condamine darf nicht nach Monte Carlo herein, und so ist hier kein Verbot angeschlagen, man kann tagelang in den Höhlen zubringen, sich ein Feuer anzünden, wie ein Wilder leben - niemand kümmert sich darum - und abends geht man nebenan ins Tingeltangel.

Nur kann man, wenn man so in der wilden Einsamkeit träumend daliegt, eine kalte Dusche oder aber auch etwas andres auf den Kopf bekommen. Oben in einer Höhe von 45 Metern führt nämlich über die Schlucht hinweg eine Brücke, und zwar ist das eine belebte Hauptstraße, jetzt fährt dort oben auch die Elektrische. Das Pflaster wird immer gesprengt, da verirrt sich manchmal ein Wasserstrahl über das Geländer hinaus, dort oben sitzen Streichholz- und Orangenverkäuferinnen, dort oben flanieren die vornehmen Herren und Damen und - spucken der romantischen Wildnis da unten einmal auf den Kopf. O, es ist herrlich hier unten, wenn einem auch manchmal auf den Kopf gespuckt wird!

Nun ist aber diese wildromantische Schlucht, in der man sich in einer richtigen, jungfräulichen Wildnis fühlt, auch dicht mit Häusern besetzt.

Kann der geneigte Leser sich dies zusammenreimen? Wohl schwerlich. Und doch ist es so. Nur zu beschreiben ist das nicht, das muß man selbst sehen, um es glaubhaft zu finden, also kann es nur beim Versuch bleiben, dieses seltsame Bild der Widersprüche beschreiben zu wollen.

Die Häuser ziehen sich nämlich zu beiden Seiten dicht nebeneinander die steilen Felswände hinauf. Aber nun wie sie das tun!! Es gibt wohl Felsvorsprünge, doch als Fundament für ein Haus ist keiner zu benutzen. Alles ist nur so drangeklebt. Solch ein Haus ist mit 15 bis 20 Stockwerken an die 50 Meter hoch, ragt also noch weit über die Brücke hinaus, ein New Yorker Wolkenkratzer, und dabei hat es nur 5 Meter Front und die noch nicht einmal. Es ist alles in den Felsen hineingemeißelt. Da hängen überall in der Luft kleine Gärtchen mit herrlichem Blumenflor, oben im Himmel wachsen riesige Palmen, da ragt aus der nackten Felswand ein horizontaler Block in der Größe eines Quadratmeters hervor, auf dem steht ein Mann und begießt sein Gemüsegärtchen, das er auf diesem im Himmel schwebenden Quadratmeter Land angelegt hat, und wohl sieht man überall halsbrecherische Treppchen, aber man sieht keinen Ein- und Ausgang, und da kann man stundenlang liegen und mit den Augen suchen, man entdeckt immer wieder etwas Neues, etwas Wunderbares, und man weiß gar nicht, wie die Bewohner der Häuser eigentlich in diese hineinkommen können! Hier geht eben alles von hintenherum, die Felsen sind mit Tunnels durchsetzt wie die Ameisenhaufen, und das hängt alles so hoch oben, daß man die Gitter gar nicht sieht.

Die Bewohner dieser Häuser können in einer Minute am Meere sein, die betreffenden Türen sind natürlich unten, aber sie worden selten oder überhaupt gar nicht benutzt, denn auf diesem kurzen Wege durch die Schlucht kann man erst einigemal wie in den Alpen abstürzen. Deshalb klettern die Bewohner lieber zum Dache hinaus, ihre Häuser reichen ja aus der jungfräulichen Wildnis bis in das lärmende Treiben von Monte Carlo Supérieur hinauf, haben also den Haupteingang mit Portal und mit Räumen für Pferde und Wagen oben auf dem Dache, die Bodenkammer unten im Keller ...

Die ganze Geschichte ist so kompliziert, daß hiermit der Versuch aufgegeben wird, sie zu beschreiben. Das muß man sich selbst ansehen.

Aber die Tatsache bleibt bestehen: wenn man dort unten träumend in der einsamsten Wildnis liegt, sieht man direkt über sich im Himmel eine ganze Stadt hängen.



Die Equipage hielt neben der Kapelle, weiter konnte sie nicht fahren.

»Ah, hier ist es herrlich!« rief der Kapitän entzückt, nachdem er wenige Schritte getan hatte. »Solch ein Haus muß ich haben!«

Der Franzose schwatzte noch lange davon, daß hier leider nichts zu verkaufen sei, sich immer entschuldigend, als könne er etwas dafür, während der Kapitän schon Umschau hielt, welches der gefährlichen Felsennester am meisten seinem Geschmack entspräche, um es dann zu kaufen, ob der Besitzer damit einverstanden war oder nicht. Solch einen Eindruck machte diese Häuserschau wenigstens, im übrigen war sie ja ganz zwecklos.

Die linke Seite schien dem Kapitän nicht zu gefallen, mit der war er schnell fertig. Desto länger verweilte er bei der rechten Felswand. Er hatte einen Krimstecher umgehängt, den nahm er, setzte sich auf einen Stein und begann eins der Häuser nach dem andern zu mustern.

Aber wie er das tat! Jedes Fenster einzeln! Was der Mann für eine beispiellose Geduld hatte! Der lebhafte Franzose verzweifelte bald, und er wagte trotzdem nicht zu gehen, etwas zu sagen, es hätte ja doch auch keinen Zweck gehabt, der seltsame Kapitän wäre doch nicht aus seiner Ruhe zu bringen gewesen, Monsieur Girard kam sogar dem Hungertode nahe ...

Es sei kurz erklärt, warum Monsieur Alfons Napoleon Bonaparte Girard bald verzweifelte und sogar dem Hungertode nahe kam.

Um elf Uhr hatten die beiden die Schlucht betreten - und nachmittags um fünf Uhr, also sechs Stunden später, saß der Kapitän immer noch auf demselben Steine, den Krimstecher vor der Maske und musterte jedes einzelne der zahllosen Fenster aufs genaueste, und während dieser sechs Stunden hatte er kein einziges Wort gesprochen, sein Begleiter existierte nicht für ihn.

Sechs Stunden auf demselben Flecke sitzen, ohne sich zu rühren, immer den Krimstecher vor den Augen!! Findet man Worte? Nein, Monsieur Girard hatte von phlegmatischen Engländern schon manches erlebt, aber so etwas wie bei diesem internationalen Kapitän, der sich einen über neunundsiebzig Untertanen herrschenden König nannte, denn doch noch nicht! So etwas war ihm ganz neu! Das war keine Ausdauer mehr, das war - etwas anderes. Denn das war auch nicht mehr ein harmloser Spleen, wenn man einen andern Menschen dabei bald des Hungers sterben läßt. Der höfliche Franzose, der heute früh zum Kaffee erst ein Brötchen genossen hatte, wagte sich ja nicht zu entfernen, dieses maskierte Ungeheuer hatte doch einen vom Fürsten eigenhändig geschriebenen Passepartout und hörte ja überhaupt gar keine Frage!

Doch endlich, endlich nach diesen sechs Stunden, die Dämmerung des Februartages brach schon an, setzte der Kapitän den Krimstecher ab und sagte in ruhigem Tone, auf einen bestimmten Wolkenkratzer deutend:

»Dieses Haus gefällt mir am besten.«

Ja, das war ihm zu glauben! Das bizarrste hatte er wenigstens endlich herausgefunden. Dieses Haus, nicht einmal 5 Meter breit, stieg sogar im Zickzack zum Himmel hinauf, und in den zahllosen Winkeln überall Gärtchen und Treppchen und verdeckte Brückchen - eben ein Wunder der Phantasie.

Aber hatte der Kapitän denn nur wirklich sechs Stunden dazu brauchen müssen, um endlich herauszufinden, daß dieses Haus, welches hier nicht seinesgleichen hatte, seinem Geschmacke am meisten entspräche? O, dem Manne mit dem schönen Namen Alfons Napoleon Bonaparte standen die Augen schon längst voll Tränen, er weinte über seinen knurrenden Magen.

Dabei hatte das lange Suchen dieses Ungeheuers nicht einmal Zweck gehabt!

»O, Monsieur Kapitän, die Mäander-Burg ist gerade am wenigsten verkäuflich!« hatte der Journalist sofort gerufen.

»Mäander-Burg? Dieser Name paßt ausgezeichnet. Wem gehört sie?«

»Seiner Herrlichkeit dem Lord Roger, und der ...«

»Dem Lord Hannibal Roger?!« wurde er hastig unterbrochen, und mit einer schnellen Bewegung hatte sich der Kapitän ihm zugewandt. »Logiert der nicht im Hotel de Paris?«

»Ja, aber wenn er dieses Haus auch nicht mehr bewohnt, weil er sich an dem Spielzeug übersättigt hat - verkaufen wird er es niemals, denn er hat dieses phantastische Ding selbst entworfen, hat den Bau selbst geleitet, sogar selbst mit daran gearbeitet, mit Meißel und Kelle, und Lord Hannibal Roger ist vielleicht der reichste Mann von England, und ...«

»Schon gut, schon gut,« unterbrach der Kapitän mit nachlässiger Handbewegung den Redefluß des Franzosen. »Und ich bin der Mann, welcher hier nicht so lange vergebens seine Auswahl getroffen haben will. - Nun, mein lieber Monsieur Girard,« fuhr es dann hinter der Maske in heiterem Tone fort, »Sie haben wohl inzwischen etwas Appetit bekommen?«

Appetit? Jetzt wurde der Malefizkerl auch noch ironisch. Aber der Chefredakteur des >Le Monte Carlo< war ein höflicher Franzose.

»O, so schlimm ist es gerade nicht,« lächelte er, während sich schon seine Tränen der Verzweiflung in solche der Freude verwandelten, weil er endlich von seiner Qual erlöst werden sollte. »Es hat ein wenig lange gedauert, es ist unterdessen dunkel geworden, aber wenn man ein Haus kaufen ...«

»Dunkel? Nennen Sie das wirklich dunkel? Ich finde das noch ganz hell. Sehen Sie dort am Rande des Baches die drei einzelnen Blumen?«

Plötzlich hatte der Kapitän etwas Blitzendes in der Hand, und ehe der Redakteur noch ahnte, was das sein könne, donnerten in der engen Schlucht drei Revolverschüsse, ein hundertfältiges Echo gebend.

»Weg sind sie! Da kann es doch noch nicht dunkel sein. Nun will ich gleich diesen Lord Roger aufsuchen. Diese Mäander-Burg muß ich haben.«

Ob er die drei Blumen wirklich weggeschossen hatte, das wußte Monsieur Girard nicht - er wußte überhaupt nur eins: sein Begleiter hatte dreimal mit dem Revolver geschossen! - hatte in Monte Carlo geschossen!! - in Monte Carlo war geschossen worden, ohne daß es einen Selbstmord gab!! Himmel, stürz ein! - Monsieur Alfons Napoleon Bonaparte war schon eingestürzt! Wie er dann nach dem Wagen gekommen war, wußte er später nicht mehr zu sagen.

Der Leser wundert sich, er fragt, was für ein ungeheuerlicher Fall hier denn eigentlich vorläge, daß so lange dabei verweilt wird?

Man nehme doch nur an, jemand besieht sich das Kaiserliche Residenzschloß, und wie er ins Allerheiligste geführt wird, zieht er aus der Tasche einen Revolver und fängt an, aus dem Fenster nach Spatzen zu schießen!

Ungefähr derselbe Fall lag hier vor. In dieser Schlucht ist alles, alles erlaubt - aber nur nicht schießen! Das beleidigt in Monte Carlo die Ohren gar zu sehr! Eine Ausnahme bilden nur die Tage, an welchen das große Taubenschießen abgehalten wird.

Dieses maskierte Ungeheuer aber hatte geschossen, sogar dreimal hintereinander! Es kam denn gleich ein pompös uniformierter Wächter der Ordnung, und der Mann war ganz verstört, obgleich er an der Brust zwei Orden für Tapferkeit im Nachtdienst baumeln hatte.

»Monsieur Girard, um Gottes willen, haben Sie nicht drei Schüsse fallen hören?« brachte der Dekorierte nur mühsam heraus, als er den Redakteur erkannte, und er zitterte dabei an allen Gliedern.

Der Kapitän hatte hinter dem Wagen gestanden, er trat schnell hervor.

»Die werde wohl ich fallen gelassen haben nur zu meinem Privatvergnügen, ich entlud meinen Revolver.«

Der Anblick der mit dem fürstlichen Passepartout konzessionierten Maske bewirkte Wunder. Der Polizist klappte die Hacken zusammen, daß es knallte, und legte salutierend die Hand an die Tressenmütze.

»Pardon, Monsieur Kapitän, Ihre Schüsse waren mir sehr angenehm - wirklich sehr angenehm,« sagte er und war wieder verschwunden.

Das herzliche Lachen des Kapitäns folgte ihm nach.

Es ging nach dem Hotel de Paris zurück. Lord Roger war anwesend. Der namenlose Maskierte ließ sich als Kapitän der Heliotrop anmelden, wurde sofort empfangen und verschwand in des Lords Salon.

Monsieur Girard bedauerte nicht, daß er nicht dabeisein durfte, denn der arme Mann starb bald vor >Appetit<. Er stürzte in die Restauration.

Den Ausgang der Unterredung wußte er sowieso. Keine Ahnung, daß der Lord sein niedliches Spielzeug, das er sich in den Himmel gebaut hatte, verkaufen würde, und so etwas wie vermieten gibt es bei solchen Leuten auch nicht.

Der Mensch denkt, und ... diesmal hatte der geheimnisvolle Kapitän gelenkt, nämlich das Herz des Lord Roger.

Schon nach einer Viertelstunde erschien der Kapitän wieder, begleitet vom Lord. Dieser schickte einen Mann mit einem Auftrage nach dem Elektrizitätswerke und ließ eine Taschenlampe mit Benzin füllen. Wieder erhielt ein Wagenlenker als Ziel die Kapelle in der Schlucht angegeben, die beiden fuhren davon, nur daß diesmal der Kapitän von seiner Ordonnanz begleitet wurde.

Das sah aus, als wollte der auf sein Spielzeug stolze Lord dasselbe dem geheimnisvollen Kapitän heute abend noch zeigen, wie es ja auch die Kinder machen, sie müssen noch einmal aus dem Bett, um den Besuch ihre Puppe bewundern zu lassen, sonst können sie nicht schlafen.

Der Lord wollte den Kapitän von unten in das romantische Haus einführen, denn dieser Eingang war auch wieder so romantisch, daß man es nicht für möglich hält, wenn man es nicht gesehen hat.

Ein Monteur vom Elektrizitätswerk erwartete die Herren schon und meldete, daß die betreffende Leitung eingeschaltet sei. Er hatte außer einigem Handwerkszeug auch eine große Laterne mit, und die konnte man hier besser gebrauchen als die kleine des Lords.

Zuerst mußte nämlich der wild rauschende Bach passiert werden, auf einem ungehobelten Brette, und dann ging es in eine stockfinstere Höhle, in der sich Fledermäuse amüsierten - das war der Eingang zu dem Hause, dessen innere Pracht der Kapitän gleich sehen sollte, und das war keine künstliche Höhle, die war so echt, wie die in ihr hausenden Fledermäuse, es war auch gar nichts zu ihrer Verschönerung getan, von ihren Wänden tropfte das Wasser. -

Nur immer so bizarr und verrückt wie möglich! Dieser Wahlspruch wird immer beliebter. Bei London hat sich ein englischer Krösus einen ganzen Palast aus Glas unter Wasser bauen lassen, die zum Atmen nötige Luft muß hineingepumpt werden, die Ventilationsrohre laufen oben in Wasserlilien aus. Ein anderer Engländer hat in der Nähe von Leytenstone einen Raubtiergarten angelegt, ein ungeheurer Käfig, gefüllt mit Bestien aller Art, welche sich bei geeigneter Vegetation in der Freiheit zu befinden glauben, überall sind Türme mit Sicherungen angebracht, durch unterirdische Gänge miteinander verbunden, da setzt sich der Mann hinein, raucht gemütlich seine Zigarre und sieht zu, wie der Tiger die Antilope beschleicht und sie niederreißt, wie die verschiedenen Bestien sich gegenseitig befehden.

Das sind zwei Engländer. Wenn aber erst der Yankee an so etwas Geschmack findet, der kann in der Verrücktheit noch etwas ganz anderes leisten! -

Im Hintergrunde dieser Höhle befand sich eine ganz kleine Eisentüre. Der Lord hatte dazu den Schlüssel in der Tasche gehabt, man mußte gebückt hindurchkriechen. Der Monteur hatte hier das elektrische Licht gelegt, unter seiner kundigen Hand flammte es auf - und der Kapitän sah sich in einem luxuriös eingerichteten Raume, obgleich dies nur das Entree mit dem kleinen Fahrstuhle war, dessen elektrischer Antrieb jetzt von dem Monteur probeweise in Tätigkeit gesetzt wurde. Alles war in Ordnung, der Elektriker wurde entlassen. Der Lord schloß hinter ihm die Höhlentür ab, er war mit dem Kapitän und dessen Ordonnanz allein - und wir wollen die drei auch allein lassen.



Eine Stunde später war alles bekannt.

Lord Hannibal Roger hatte sein niedliches Spielzeug dem geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop für zehn Millionen Francs verkauft, mit allem, wie es stand und ... hing. So muß es wohl in diesem Falle heißen.

Es hieß, ein Diener jener vornehmen Herren hatte etwas davon verlauten lassen - der Kapitän hätte das Geheimnis der Teufelsinsel mit in den Kaufpreis geben müssen, was er gestern nacht da erlebt habe; aber die Hauptsache waren doch jetzt die zehn Millionen Francs. Wieder wurde ganz Monaco-Monte Carlo darüber halb wahnsinnig.

Wer mag es nur sein, dieser Maskierte? So fragten zehn Prozent, und die andern neunzig Prozent sagten: Wenn ich nur wüßte, wie auch ich mich dem Teufel verschreiben könnte!

Der Kapitän trat sein Besitztum sofort an. Er bezahlte im Hotel de Paris seine Rechnung, verteilte Trinkgelder wie ein echter Märchenprinz, dann mußten die drei Matrosen das Gepäck nach Monte Carlo Supérieur hinaufbringen, jetzt wurde der andre Eingang oben im Boulevard du Nord benutzt, wo auch der Lord wieder herausgekommen war, und die vier Mann verschwanden in der Mäander-Burg, um für längere Zeit ein recht zurückgezogenes Leben zu führen.

Dann sah man von der Brücke aus einige Fenster in dem seltsamen Gebäude erleuchtet. Ein Steward machte bei einem Weinhändler, beim Fleischer, Bäcker, Gemüsehändler und in andern Geschäften der Nahrungsmittelbranche Einkäufe, und nicht nur, daß er laufende Bestellungen aufgab, sondern Leute mit schwerbepackten Körben mußten ihm direkt an die Mäander-Burg folgen, kamen natürlich nicht weiter als bis ins Portal.

Auch darüber waren die Neugierigen orientiert, daß der Kapitän seit heute morgen noch nichts gegessen hatte, und ein Koch war nicht mit hineingenommen worden, also würde einer der Stewards, vielleicht ein gelernter Koch, die Küche führen, und dabei würde es wohl bleiben. Er wollte eben keinen fremden Menschen mit in sein Haus nehmen, geradeso wie niemand vom Hotelpersonal sein Schlafzimmer hatte betreten dürfen, nur in jener ersten Stunde, als der alte Kapitän es als junger Mann mit einer Maske wieder verlassen hatte, war einmal eine Gelegenheit dazu gewesen, dann wurde es wieder verschlossen und von den Matrosen in Ordnung gehalten.

Natürlich, wenn man sich dem Teufel verschrieben hat, da hat man seine Geheimnisse, und warum trug der Mann denn sonst eine Maske? -

Dies alles hatten die Nummern der >Maske< berichtet, welche vor dem russischen Fürsten auf dem Tische lagen. Nun hatte der Diener doch gesagt, der maskierte Kapitän, der beim Volke im Verdachte eines Vampirs stand, sei nächtlicherweile im Vollmondscheine im Gebirge gesehen worden. Auch hiervon erzählte die Zeitung, aber nur, daß der Kapitän bei einer Mondscheinpromenade in den Bergen beobachtet worden sei; er mochte solche nächtliche Spaziergänge lieben - sonst waren weiter keine Andeutungen gemacht worden, so wenig wie Monsieur Girard sich mit den blutsaugenden Eigenschaften des Kapitäns beschäftigt hatte. Dazu war er zu klug; derartiges konnte er auch getrost der Phantasie des Publikums überlassen.

Wir selbst wollen den Kapitän auf diesem nächtlichen Spaziergang begleiten und etwas beobachten und erlauschen, was sonst kein andrer Mensch erfuhr. Die Erklärung des geheimnisvollen Vorganges erfolgt später.

Es war noch an demselben Abend, da der Kapitän die Mäander-Burg bezogen hatte, um die elfte Stunde, als oben aus der Türe des Hauses eine in einen langen Mantel gehüllte Gestalt heraustrat, den breitkrempigen Filzhut tief in die Augen gedrückt, vor dem Gesicht ein Taschentuch, und das Heraustreten war mit einer Wendung so schnell geschehen, daß es niemand gemerkt hätte, der nicht gerade hinblickte. Hier oben war auch die beste Gelegenheit für einen Mann, der die Mäander-Burg unbemerkt verlassen wollte. Denn obgleich die Februarnacht kühl war, promenierten unten auf dem Boulevard de la Condamine doch noch sehr viele Menschen, meist Einheimische, Frauen und Mädchen mit ihren Männern und mehr noch mit ihren Liebhabern, während hier oben der vornehme Boulevard du Nord schon wie ausgestorben war.

Der Vermummte brauchte nur einige Treppen zwischen Häusern hinaufzusteigen, so befand er sich schon auf dem einsamen Wege nach La Turbie. Aber das war ein anderer Weg als der, welchen Prinzeß Turandot benutzt hatte, das hier war der von Monte Carlo hinaufführende, einen dritten gibt es nicht.

Die Nacht war durch den Vollmond fast tageshell, selbst ein Unkundiger konnte den Weg nicht verfehlen. Rüstig stieg der Vermummte bergauf, und die Rauheit des Weges konnte die Elastizität seines Schrittes nicht mindern.

Auf dieser Seite kommt man an zwei Osterien vorüber, kleine Wirtschaften, in denen Weinhüter und Steinbrucharbeiter verkehren, und hier war es, wo der Kapitän der Heliotrop erkannt wurde.

In der einen Wirtschaft waren noch Gäste, und wenn der Vermummte auch seinen Schritt beschleunigte, wieder das Taschentuch vor das Gesicht preßte und nach der andern Seite blickte - die scharfen Augen der Bergbewohner, die auch oft genug nach Monaco hinunterkamen, hatten genug gesehen.

»Wer war denn das?« hieß es erstaunt.

»Der hatte doch etwas Schwarzes vorm Gesicht!«

»Ja, es war eine Maske, wie sie sie beim Karneval in Nizza tragen.«

»Dann war es auch kein andrer als der Kapitän von der Heliotrop.«

»Natürlich war er es, ich habe ihn schon einmal gesehen und ihn gleich an seinem Schritte wiedererkannt.«

»Was hat denn der um diese Zeit noch im Gebirge zu suchen?«

»Na, habt ihrs denn noch nicht gehört von der Teufelsinsel ...«

Und nun gingen die Schauergeschichten los über den Vampir, der jetzt im Vollmondschein nach neuen Opfern suchte, und dazu wurden Kreuze geschlagen. Wir wollen die Schauergeschichten nicht hören, wir begleiten den Kapitän. Auch dieser Weg stößt hinter dem Steinbruche mit jenem andern zusammen, die letzte Klettertour begann, und der Kapitän stand im Vollmondschein vor der Schlucht des Eremiten.

Die tiefste Stille herrschte, kein Lichtschein drang über die Mauer.

»Eremit!« rief der Kapitän mit unterdrückter Stimme, nachdem er vorsichtig um sich gespäht und sich überzeugt hatte, daß kein Beobachter in der Nähe war.

Er wiederholte mehrmals den Ruf, immer lauter - es kam keine Antwort, nichts regte sich, der Einsiedler mochte schlafen.

Zuletzt bückte sich der Kapitän und hob einen Stein auf, um, wie der Kosak, durch Werfen gegen die Tür den Bewohner des Felsenhorstes aufmerksam zu machen.

Er richtete sich wieder auf und ... warf den Stein nicht! Hoch oben auf der Mauer neben dem aufgezogenen Brette stand plötzlich, vom Mondlicht umflossen, die hagere Gestalt des Kuttenträgers.

»Was willst du, Betrüger?« fragte die metallharte Stimme.

Mit solch einem beleidigenden Titel gleich empfangen zu werden, das hatte der Besuch wohl nicht erwartet. Der Kapitän fuhr erschrocken zusammen und sah sich schnell um, als ob er dächte, jemand könne dieses Wort gehört haben.

»Wie wagst du mich zu nennen?« fragte er dann gereizt, aber mit vorsichtig gedämpfter Stimme zurück.

»Einen Betrüger,« wurde drüben gleichmütig wiederholt.

Der Kapitän hob die Hand, welche noch den aufgenommenen Stein hielt.

»Ich hätte Lust, dir einen Denkzettel zu geben, ich habe ihn in der Hand.«

»Recht so, füge deinen verbrecherischen Lügen auch noch Tätlichkeiten hin zu!«

Die zum Wurfe erhobene Hand mit dem Steine sank wieder herab.

»Mein lieber Heiliger,« erklang es jetzt spöttisch hinter der Maske hervor, »mir kannst du mit deiner Allwissenheit gar nicht imponieren. Du hast etwas läuten hören, weißt aber nicht, woher der Ton kommt. Ich dagegen kenne die Quelle deines Wissens. Verstanden? Ich wollte dir eine höfliche Visite machen, aber du zwingst mich, anders gegen dich aufzutreten. - Laß das Brett herab!!«

Soweit im Mondlicht zu erkennen war, blieben die eingefallenen Züge des Eremiten ebenso unbeweglich wie die ganze Gestalt.

»Du willst mir drohen? Womit?« erklang es verächtlich auf der Mauer.

»Verlange lieber nicht, daß ich es laut sage, es könnte dir wenig angenehm sein, und auch der tote Felsen hat manchmal Ohren. Lasse das Brett herab, ich will dich drüben sprechen. Das Brett herab, ich befehle es dir!!!«

»Dich plagt der Wahnsinn!« hohnlachte es auf der andern Seite. »Was willst du eigentlich von mir? Ich mag mit Lügnern und Betrügern nichts zu tun haben, und du gehörst zu ihnen!«

Wieder blickte sich der Maskierte, ehe er eine Antwort gab, schnell und vorsichtig um, dann trat er bis an den äußersten Rand der Schlucht, beugte auch noch den Oberkörper weit vor - er, der Seemann, kannte nichts von Schwindel.

»Gut denn!« kam es jetzt in zischendem Tone über seine Lippen. »Wenn du mich einen Lügner und Betrüger nennst, der ich nicht bin, so will auch ich dir einen Namen geben, dessen Nichtigkeit ich aber beweisen könnte und unter Umständen auch beweisen werde - Leichenräuber!!!«

Die Wirkung dieses Wortes zeigte sich sofort, es mußte getroffen haben.

So plötzlich, wie der Eremit aufgetaucht war, so schnell war er wieder von der Mauer verschwunden, und gleich darauf senkte sich das schmale Brett herab. Mit festem Fuße überschritt es der maskierte Kapitän.



Wir kehren zurück zu dem alten Fürsten und seinem Diener.

Ja, er hatte genug schon von dieser mysteriösen Persönlichkeit des Kapitäns der Heliotrop gehört, hatte auch alles gelesen, und jetzt stand er erregt auf, mit einer Bewegung, welche zeigte, daß sein Entschluß gefaßt war.

»Paul, meinen Hut! Jetzt gehe ich erst zur Polizei und frage, wer dieser maskierte Mann eigentlich ist, und wenn man mir dort die genügende Erklärung vorenthält, so spreche ich erst einmal selbst mit dem geheimnisvollen Herrn. Und wenn ich mit dessen Erklärung nicht zufrieden bin, dann werden einmal Wir, Fürst Peter Alexjeff, die Frage auswerfen, wie weit diese geheiligte Majestät von Monaco eigentlich ...«

Der alte Herr vollendete den Satz nicht, den er mit der größten Energie in Worten und im Tone begonnen hatte.

Es hatte an der Tür geklopft, der Zimmerkellner brachte eine Karte.

Seine Herrlichkeit der Lord Hannibal Roger ließ sich melden. Fürst Alexjeff hatte ihn also schon kennen gelernt und empfing den Besuch natürlich sofort, hoffte er doch noch immer auf eine Nachricht über seine Tochter.

Seine zaghafte Hoffnung sollte wirklich in Erfüllung gehen.

»Durchlaucht, Prinzeß Turandot ist gefunden worden,« rief der Lord noch auf der Türschwelle. »Sie ist wohlbehalten.«

Der gebeugte Vater hob beide Hände empor, Tränen entstürzten plötzlich seinen Augen; das hatte ihn überwältigt, weil er es nicht mehr zu hoffen gewagt.

»Gelobt sei Gott, der Allmächtige und Allgütige!!«

Er bekam aber seine Tochter noch nicht gleich zu sehen. Sie war von allein aus dem Gebirge zurückgekehrt, hatte sich, von dem Hiersein des Vaters nichts wissend, zuerst zu Lord Roger begeben, mit dem sie immer die beste Kameradschaft gehalten, und jetzt bat dieser den Vater erst um eine Unterredung unter vier Augen, bevor er ihm die Tochter zuführte.

Und der Vater bekam etwas zu hören, was er sich auch nicht hatte träumen lassen. Er hatte sein einziges Kind wiedergefunden, um es für immer zu verlieren.



Wir betrachten alles wieder mit eigenen Augen, um einen Überblick zu gewinnen, gewissermaßen aus der Vogelperspektive.

Der Kosak war nach dreitägiger Abwesenheit wieder da.

Aus den Bergen mußte die Prinzeß gekommen sein, woher denn sonst! Und plötzlich befand sie sich mitten in Monte Carlo.

Sie sah danach aus, als wenn sie in den drei Tagen etwas in den Bergen erlebt hätte! Ihr Kleid bestand nur noch aus zusammenhängenden Fetzen, desgleichen die Schuhe, gewaschen konnte sie sich in den drei Tagen auch nicht haben.

Natürlich, wenn man in eine Gletscherspalte oder sonst in eine Schlucht stürzt, da hört die Toilette auf, und solche Gebirgsabenteuer kann man, wie schon erwähnt, in der dichtesten Nähe von Monte Carlo erleben, man braucht nur die gebahnten Wege zu verlassen.

Merkwürdig aber, daß sie gar nicht von der Sonne gebräunt war. Sie sah sogar bleich aus, etwas leidend, angegriffen.

Doch warum sollte das merkwürdig sein? Sie hatte eben die drei Tage in einer Spalte gesessen, in welche die Sonne nicht hineinkam, war trotz allen Suchens nicht gefunden worden, hatte sich selbst wieder daraus befreit, den Alpenstock und die lange Leine brachte sie wieder mit, und es war nur ein Glück gewesen, daß sie diese Gebirgsausrüstung und etwas Proviant bei sich gehabt.

So wurde einstweilen gesprochen, bis man das Weitere erfahren würde, was sie denn eigentlich in Wirklichkeit erlebt hätte.

Sie hatte sich sofort ins Hotel de Paris begeben und Lord Roger zu sprechen begehrt, welcher anwesend war. Durch diesen also erfuhr sie jedenfalls erst von der Ankunft des Vaters. Mit dem Lord war sie eine halbe Stunde zusammengewesen, dann hatten sich die beiden mit der Zahnradbahn nach dem Palast-Hotel begeben. Hier aber verlangte der Lord den Vater erst allein zu sprechen, die Tochter blieb einstweilen in einem ihrer Zimmer, und sie hatte mindestens eine Stunde warten müssen, ehe sie vor den Vater kommen durfte.

Was sollte man zu alledem sagen?

Daß der Vater der schon totgeglaubten und so inniggeliebten Tochter nicht gleich entgegengestürzt war, um sie an sein Herz zu drücken, das war doch ganz, ganz merkwürdig! Denn von einer Erbitterung, weil sie aus der Pariser Pension durchgebrannt war, konnte jetzt ja keine Rede mehr sein. Nein, hier mußte ein ganz besonderer Fall vorliegen, natürlich mit ihrem dreitägigen Verschwinden zusammenhängend.

Was war nun die einfachste Erklärung? Der maskierte Kapitän hat als Vampir sie zwischen seinen Klauen gehabt; sie ist nur eben mit dem Leben davongekommen. Er ist doch auch im Gebirge bei Vollmondschein gesehen worden.

Das heißt, so wurde mehr unter den Einwohnern von Monaco gesprochen als in dem gebildeten Monte Carlo, hier glaubten die meisten denn doch nicht an diese Vampirerei, obschon ... es mußte mit dem zurückgekehrten jungen Mädchen doch eine eigne Bewandtnis haben.

Der, welcher die erste nähere Auskunft geben konnte, war Monsieur Bierling. Er mußte seinen Gästen Rede und Antwort stehen, er hatte auch Freunde, trank sein Glas Wein doch nicht nur im eignen Hotel, und da wurde das so weitergebracht und machte die Runde.

Viel war es freilich auch nicht, was der Hotelier erzählen konnte, wie das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter stattgefunden hatte.

»Es war wohl Freude, die Tochter unversehrt wiederzusehen, aber es war auch offenbar Kummer dabei. Eine ganze Stunde hat die Prinzeß warten müssen, ehe sie zum Vater kommen durfte. Da hat der Lord ihn doch offenbar auf etwas vorbereitet, hat irgend etwas gutmachen müssen, und ich habe den alten Fürsten weinen sehen. Ich habe ihn aber auch mehrmals lachen hören! Das ist das Seltsame dabei! Wie reimt sich das zusammen? Und das junge, fröhliche Mädchen ist plötzlich eine ganz andere geworden. So ruhig, so ernst, so - so - so würdevoll! Denn traurig oder ängstlich war sie nicht etwa! Aber jedenfalls war sie gar nicht wiederzuerkennen. Die muß etwas ganz Besonderes erlebt haben. Ich glaube, sie reisen ab. Bezahlt ist schon alles.«

So erzählte der Hotelier. Mehr wußte auch er nicht.

Aber sie reisten nicht ab. Sie fuhren nur mit der Zahnradbahn die drei weiteren Minuten bis La Bordina hinauf, nicht ein Dörfchen mit einer Station, sondern eine Station mit einem Dörfchen, und in der Umgebung viele Villen.

Die Prinzeß war wieder in Toilette, aber - wie schon gesagt, es war eine ganz andere geworden. Das war kein toller Kosak mehr, immer zu übermütigen Streichen aufgelegt, übersprudelnd vor Lebenslust. Würdevoll - das war der richtigste Ausdruck für ihr jetziges Auftreten. Außerdem war es wirklich auffallend, wie bleich und angegriffen sie aussah. Die mußte in den drei Tagen wirklich etwas durchgemacht haben!

In La Bordina verließen der ernste Vater und die noch ernstere Tochter bald die gebahnten Wege und schlugen sich seitwärts in die Feigenbüsche. Hier aber braucht man nicht den Hals zu riskieren, hier ist das Terrain eben, strotzend von einer südlichen Vegetation.

Bald erschienen sie wieder, der Vater kehrte einmal in einem kleinen Gasthause des Dörfchens ein, und als er wieder herauskam, begleitete ihn ein Arbeitsmann mit einem großen Schlüssel, sie drangen abermals in den Busch, und dann fuhren Vater und Tochter in das Hotel zurück.

Jetzt wurde Monsieur Bierling ins Vertrauen gezogen. Dieser empfahl einen ehrenwerten Vermittler für dergleichen Geschäfte, und nun erfuhr man es: Fürst Alexjeff hatte bei La Bordina zirka tausend Quadratmeter Bauland gekauft, der Agent hatte die geforderten 75.000 Francs gleich auf 50.000 herabgedrückt. Das hätte der russische Fürst freilich nicht fertig gebracht, auch nicht Monsieur Bierling. Dazu muß man ein die Verhältnisse kennender Italiener sein - oder ein Chinese, welcher bekanntlich zehn Armenier betrügt, obschon ein Armenier wieder zehn Juden übers Ohr hauen kann.

Dieses Bauland war eigentlich ein Garten mit einer Hütte und gehörte einem Tagelöhner. Der hatte vielleicht schon seit zwanzig Jahren auf einen >Dummen< gelauert. In dem Garten wucherten die Orangen und Feigen nur so, aber was bringt denn das hier ein? Keine zehn Francs im Jahre. Der Mann ließ das wachsen und faulen und wartete eben auf einen >Dummen<. Jetzt war ein solcher endlich gekommen, jetzt war der arme Tagelöhner plötzlich ein wohlbestellter Rentier, welcher den ganzen Tag im Café liegen und Domino spielen konnte.

Alle Sachverständigen sagten trotzdem, daß der Fürst einen ausgezeichneten Kauf gemacht habe. Das Terrain brauchte nicht erst geebnet zu werden, und der größte Vorteil war, daß das Grundstück eine eigne Quelle hatte. Wenn der Fürst, der sich also hier ansiedeln wollte, etwas Hübsches vorbaute, so konnte er das jederzeit wieder verkaufen und noch ein gutes Geschäft dabei machen, ohne einen >Dummen< suchen zu müssen.

Ja, wie aber hing dieser Grundstückskauf mit der dreitägigen Abwesenheit der Tochter und dem ernsten Verhalten des Vaters zusammen?

Hierüber unterhielten sich noch Eigentümer und Geschäftspersonal eines italienischen Ladens, so ein Bachchal, in dem alles mögliche zu haben ist, als plötzlich die Prinzessin Alexjeff in eigner Person eintrat - und auch wieder so ernst, so hoheitsvoll und doch so demütig.

»Ach, bitte, haben Sie Samen?« wandte sie sich mit niedergeschlagenen Augen an den herbeispringenden Prinzipal.

Das ganze Personal kam außer Rand und Band.

»Wünschen durchlauchtigste Prinzessin Vogelsamen? Vielleicht Kanarienfutter? Oder Ameiseneier? Auch Mehlwürmer kann ich Ihnen empfehlen.«

»Ach nein, ich meine solchen Samen, den man in die Erde steckt, dann wächst's, und wenn's reif ist, dann esse ich's auf.«

Ein Glück war es, daß die Italiener, wenn es sich darum handelt, etwas zu verdienen, von gutem Verstehstdumich sind.

Aha!! Jetzt wurde schon für den Garten gesorgt! Das war auch sehr vernünftig. Wenigstens ein Teil des zukünftigen Villagartens konnte vor den Stiefeln der Maurer geschützt werden, und wenn man jetzt etwas säte, hatte man im Sommer schon etwas im Garten.

Von den Samensorten >welche man in die Erde steckt, und wenn's reif ist, kann man's aufessen< waren vorhanden und wurden empfohlen: Tomaten, Melonen, Gurken, verschiedenes Gemüse ...

»Ach nein,« wehrte die prinzliche Pensionstochter ab, »bitte, haben Sie nicht Hafergrütze?«

»Hafergrütze?« wiederholte der Italiener etwas perplex, weil er sich nicht recht vorstellen konnte, wie es im Köpfchen von solch einer Pensionstochter aussieht, ob diese nun durchgebrannt ist oder nicht.

»Jawohl, Hafergrütze. Sie muß also noch keimkräftig sein. Wieviel Hafergrütze brauche ich etwa, um so ein Stück Land zu bestellen, ungefähr von hier bis dorthin?«

Aha! Jetzt kapierte der italienische Geschäftsmann, und er verzog keine Miene. Wieviel Hafergrütze sie brauchte, um solch ein Stück Land zu bestellen? Nun, vielleicht drei Pfund. Und die drei Pfund Hafergrütze wurden ihr eingepackt - Quakers Oat.

Das ist nicht etwa ein Witz! Daß die höhere und allerhöchste Pensionstochter glaubte, wenn sie Hafergrütze säte, dann ginge Hafergrütze auf, das ist verzeihlich. Wie viele gebildete Menschen mag es nicht geben, welche nicht wissen, was Graupen sind, was Hirse, was Sago. Es ist sogar schon vorgekommen, daß italienische Makkaroni als Senker in die Erde gesteckt worden sind!

Aber daß der italienische Geschäftsmann die drei Pfund Hafergrütze wirklich einpackte, ohne eine Miene zu verziehen, das ist unverzeihlich, und das charakterisiert das ganze italienische Geschäftsprinzip, wie es auch in Griechenland herrscht, im ganzen Orient.

Man will etwa Rosinen kaufen, man macht den Leuten klar, daß man Kuchen backen will, das wird ganz genau verstanden, aber man verwechselt die fremden Worte und fordert aus Versehen Hosenknöpfe - und der Kaufmann hat keine Rosinen, wohl aber Hosenknöpfe - dann packt der unter der Ladentafel ganz kaltblütig die Hosenknöpfe ein und sagt, es wären Rosinen zum Kuchen backen.

Und genau so ist es im Großhandel. Man frage nur einen Importeur, etwa einen Weinhändler, der mit Italien und der Levante arbeitet.

»Nun gewiß auch noch Blumensamen?« fragte der Prinzipal.

»Nein, von Blumen will ich nichts wissen, aber - Seife. Haben Sie Seife? Bitte geben Sie mir welche, aber ganz gewöhnliche.«

Der Verdacht, daß sie die Seife in die Erde stecken wollte, ist wohl ausgeschlossen - sogar bei einer höheren Pensionstochter.

Merkwürdig war es nur, daß sie keine Toilettenseife, sondern ordinäre Waschseife haben wollte. Jetzt brauchte der Italiener doch einige Zeit, ehe er das kapierte.

Endlich hatte Turandot die Seife, welche sie haben wollte.

»Wieviel wiegt solch ein Stück?«

»Ein halbes Pfund.«

»Dann gleich einen Zentner - also 200 Stück, wenn ich bitten darf.«

Oho, was hatte denn die vor?! Und nun kaufte sie auch noch eine Waschleine, Klammern, Zwirn und was sonst noch zur Wäsche und zum Hausstande gehört, ferner einen Spaten, eine Hacke und noch vieles andre mehr, was alles in diesem Laden zu haben war - aber andres, was man vermutet hätte, kaufte sie wiederum nicht. Zum Beispiel wollte sie von Kochgeschirr nichts wissen.

Was wollte sie denn nur mit dem Zeug? Sie mußte in den drei Tagen wirklich etwas ganz Merkwürdiges erlebt haben!

»Bitte, schicken Sie alles ins Gasthaus von La Bordina hinauf, die Rechnung in das Riviera-Palast-Hotel an meinen Papa.«

Als sie gegangen war, klopfte sich der höfliche Geschäftsmann in Gegenwart des Ladenpersonals ganz ungeniert vor die Stirn.

»Die muß etwas wegbekommen haben!«

Hierauf betrat die Prinzeß das teuerste Kleidermagazin. Kredit hatte sie jetzt überall, die Konfektioneuse war wie ein Ohrwürmchen.

»Bitte, ich möchte ein Kostüm haben, nach Maß, so ein - so ein - so eine Kutte, Sie wissen, wie die Nonnen sie tragen, so ein Kostüm für die Einsamkeit, wenn man von der ganzen Welt nichts mehr wissen will. Ganz, ganz einfach, furchtbar einfach - aber natürlich auch ein bißchen elegant - man muß sich darin auch vor den Leuten sehen lassen können.«

Schön, konnte sie haben. Nächstens war in Nizza Karneval, und wenn das auch nicht der Fall gewesen wäre - ganz egal, immer nur bestellen, was man wünscht.

Also auch die französische Kleiderkünstlerin verzog keine Miene, sie legte der gnädigen Prinzeß Stoffproben für eine elegante Nonnenkutte vor.

»Nein, ach nein, so etwas nicht,« wehrte aber der Kosak ab, sogar in etwas entrüstetem Tone, »ich will so etwas - so - so ...«

In dem Laden lag gerade ein großer Ballen, in Sackleinwand eingenäht, darauf stand mit drei Zoll großen Buchstaben: Monaco via Lyon.

»Da, solche echte Packleinwand, die meine ich, daraus machen Sie mir ein Eremitenkostüm, so ein echtes, wie der von La Turbie eins hat.«

Auch gut. Nur immer frisch herausgesagt, was man haben will.

»Wünschen Hoheit den Frachtstempel auch mit auf das Kostüm?«

Der Kosak wurde nachdenklich. Wer die Wahl hat, hat die Qual.

»Hm. Monaco via Lyon. Glauben Sie, daß mir das gut stehen würde?«

»Gewiß, Hoheit, ganz vorzüglich, und das ist auch originell.«

Aber der Kosak hatte immer seinen eignen Kopf, und mit der Wahl war auch die Qual beendet.

»Nein, doch lieber nicht. Es braucht ja auch nicht gerade dieses Stück zu sein, nehmen Sie andre Pack- oder Sackleinwand - aber es muß auch wirklich echte sein, sie kann kosten, was sie will, wenn es nur echte Sackleinwand ist.«

Schön, wurde alles besorgt. Gleich drei solcher Nonnenkostüme aus echter Sackleinwand wurden bestellt, das erste würde schon morgen fertig sein.

Billig wurde solch eine echte Nonnenkutte aus echter Sackleinwand, angefertigt in diesem vornehmen Kleidermagazin natürlich nicht! Solche Schrullen müssen bezahlt werden! Für das Geld hätte sich manch arme Ladenmamsell eine pompöse Balltoilette taufen können.

Mit diesen Einkäufen hatte die Prinzessin ihr Vorhaben schon etwas verraten. Sie wollte es ja auch gar nicht verheimlichen, denn die Ausführung folgte auf dem Fuße nach, doch als es geschah, da wollte man es nicht für möglich halten - und es war ja doch schon zur greifbaren Wirklichkeit geworden!

Das Grundstück, welches der Fürst gekauft hatte, war mit einer drei Meter hohen Mauer aus Bruchsteinen umgeben. In diesen Gegenden wird nämlich alles mit solchen Mauern umfriedet, auch ganze Felder. Das charakterisiert die südfranzösische und italienische Landkultur. Es geschieht zum Schutze der Pflanzen gegen den bösen Mistral, einen kalten Westwind, und ebenso zum Schütze gegen die Hunde, welche in diesen Gegenden allerlei Feldfrüchte fressen, besonders auch, wie die Füchse, Weintrauben; ein paar Hunde weiden in einer Herbstnacht einen ganzen Weinberg ab.

In der Mitte des Grundstücks stand eine zweiräumige Hütte, abermals umschlossen von einer hohen Umfassungsmauer, und dies alles war wohl von den Steinen einer kleinen Ruine ausgeführt worden, vielleicht einer ehemaligen Kapelle, deren letzte Reste gleichfalls noch in dem innern Ringe lagen, jetzt also abgetragen bis auf die Grundmauern.

Hier wimmelt ja alles von Ruinen aus der Römer- und Sarazenenzeit, man sieht sie nur nicht immer, es ist alles zu überwuchert. Mancher Villenbesitzer hat eine Burgruine in seinem Garten und weiß gar nichts davon, bis der Gärtner einmal ein Gebüsch in Ordnung bringen will, und er findet alte Grundmauern.

Es soll dies keine Belehrung sein, sondern der geneigte Leser wird später noch erkennen, wie eng dieser Hinweis auf die zerstörten Bauten von alten Völkern, welche einst in dieser Gegend gehaust haben, mit unsrer Erzählung zusammenhängt - wie es nötig ist, dies zu wissen.

Die Mauern und die Hütte mußte der Fürst natürlich erst abtragen lassen ...

Nein, es geschah eben nicht!! Die leere Hütte wurde bezogen, und zwar augenblicklich - und das allein von der Tochter, von Prinzeß Turandot!

Man vernahm das Abkommen, welches mit dem Wirte des Gasthofes von La Bordina getroffen worden war, und nun wußte man alles, und man konnte nicht mehr an das Unmögliche zweifeln, weil es schon geschehen war.

Prinzessin Turandot zog sich mit Einverständnis des Vaters in die Einsamkeit zurück - für immer! Eine moderne Anachoretin, eine Weltentsagerin, eine Weltüberwinderin! Und der Eremit von La Turbie konnte an die Strenge ihrer klösterlichen Observanz nicht >tippen<. Der hatte in seiner Einsiedelei doch wenigstens einen Petroleumofen, auf dem er sich seine vegetabilischen Gerichte kochte, und er hatte auch Auswahl in seinen Speisen! Aber die weltentsagende Prinzessin wollte von solchem Luxus nichts wissen.

Die elende Hütte war >unmöbliert< gewesen, einfach zwei nackte Räume. Zufällig hatte sich ein alter Tisch darin befunden, der konnte gleich darin bleiben, und dann nahm sie nur noch einen einzigen Stuhl mit hinein, auf den sie sich setzen konnte, wenn sie die Beine nicht mehr trugen und sie sich nicht gleich an den Boden legen wollte. Sie wollte in dieser Hütte ganz wohnen, auch schlafen, aber von einem Bett war keine Rede. Auf der nackten Erde wollte sie jede Nacht liegen, und der einzige Luxus bestand in einem großen Steine als Kopfkissen.

Wovon fristete sie ihr Leben? Bis sie sich dereinst von der Körnerfrucht ernähren konnte, bis sie im Schweiße ihres Angesichts selbst baute - (zunächst also geschrotete Hafergrütze) - mußte ihr jener Gastwirt täglich ein Pfund Brot über die Mauer werfen. Das sollte ihre einzige Speise sein.

Als persönlichen Schutz waren für das einsam lebende Mädchen zwei große, billige Köter angeschafft worden; die nahm sie hinter die Mauer und legte sie zunächst an die Kette. Die Tiere brauchten aber doch Futter. Das mußte der Gastwirt gleichfalls täglich über die Mauer werfen lassen.

Nun noch die Schaufel und die Hacke zum Bearbeiten des Gartens, den Zentner Seife zum eigenhändigen Waschen der Garderobe, ein Nähzeug, wenn etwas zu flicken war - so konnte das Einsiedlerleben losgehen!

Wie war die Prinzeß denn nur auf solch eine verrückte Idee gekommen? Hing dies vielleicht mit ihrem dreitägigen Verschwinden zusammen?

Ganz gewiß. Soweit es die fürstliche Atmosphäre des Vaters, welcher vorläufig im Palast-Hotel wohnen blieb, gestattete, wurde dieser mit Fragen bestürmt. Eine bequemere Quelle war Lord Roger, der doch darum gewußt hatte, als er die Wiedergekommene dem Vater zuführte, und wenn es sich um seinen Schützling handelte, wurde der sonst so zurückhaltende Lord stets mitteilsam, und so erfuhr man nach und nach alles.

Turandot hatte im Gebirge ein Abenteuer erlebt. Sie war in eine Schlucht gestürzt, war lange bewußtlos gewesen. Da hatte sie eine Vision gehabt, hatte ein menschliches Skelett gesehen, behangen mit seidenen Gewändern und mit Flittertand, geschmückt mit Ringen und mit Juwelen, der grinsende Totenschädel schön frisiert und sogar gepudert und geschminkt, und dieses geputzte Damengerippe hatte dem Mädchen eine Geschichte erzählt von der Nichtigkeit des Daseins - memento mori, es ist alles eitel!

(Hier dürfte der geneigte Leser fragen: wo bleibt denn aber die Erzählung von dem Abenteuer in der Wohnung des Eremiten, wie der Kosak sich in dem Labyrinth verirrte, die beiden Steinriesen sah und plötzlich im Boden verschwand? Ja, davon erzählte die Prinzeß eben nichts, das verschwieg sie, und der geneigte Leser wird noch sehen, wie überhaupt alles ganz anders kommt und was das alles zu bedeuten hat. Wir wollen jetzt nur das wissen, was damals ganz Monaco erfuhr - und glaubte.)

Die Prinzessin war also nach ihrer eigenen Aussage in eine Schlucht gestürzt und hatte in ihrer Bewußtlosigkeit jene Vision gehabt.

So sehr originell war diese gerade nicht. Die Hauptsache aber war, daß Turandot diesen Traum für Wirklichkeit nahm. Sie behauptete, sich mit dem Skelett ganz vernünftig unterhalten zu haben.

Als die Erscheinung wieder verschwunden war, gelang es ihr, sich mit Hilfe der Waschleine aus ihrer Lage zu befreien. Wie alle solche Geister, suchte sie, ehe der Entschluß gereift ist, die Einsamkeit auf, sie wußte, daß sie gesucht würde, aber sie versteckte sich absichtlich, wich den Suchenden aus, irrte im wilden Gehege umher, sich nur von Wurzeln nährend - bis die Vision verdaut und ihr der felsenfeste Entschluß entstanden war.

Vanitas, vanitatum vanitas.

Es ist alles eitel. Das Leben hat nur einen einzigen Zweck: ihm zu entsagen. Also entsage ich!

Das mußte sie wohl erst ihrem Vater schreiben; aber ob der nun damit einverstanden war oder nicht - gemacht wurde es doch!

Auf dem Rückweg nach Monte Carlo kam sie an einem ummauerten Gehöft vorüber. Daß es zu verkaufen war, stand an einer Tafel, und es mußte wohl eine höhere Eingabe gewesen sein, welche den Kosaken veranlaßt hatte, auf einen Johannesbrotbaum zu klettern und über die Mauer zu blicken.

»Ja, das wäre gerade für eine Einsiedelei geschaffen, vielleicht kauft mir's Papa, und wenn nicht, dann werde ich auch ohne ihn fertig.«

Sie kletterte wieder herunter von dem Baum, welcher den Namen dessen führt, den sie sich zum Vorbild genommen hatte - daher jedenfalls auch die >höhere Eingabe< - und setzte ihren Weg fort.

In Monte Carlo begab sie sich gleich zu ihrem besten Freund, dem jungen Lord Roger - >das ist gerade so ein verrückter Knopp wie ich, der wird mir schon helfen< - um erst mit diesem die geschäftlichen Angelegenheiten in der Weltüberwindung zu besprechen.

Da erfuhr sie, daß ihr Vater angekommen war! An ihrem Entschluß änderte das nichts. Nun mußte erst Lord Roger hin, um den Vermittler ihres bizarren Wunsches zu machen. Sie wartete den Erfolg ab.

»Und der Vater hat es erlaubt?« fragten erstaunt die Zuhörer.

Der erzählende Lord Roger zog die Schultern bis an die Ohrläppchen und behielt sie eine ganze Weile dort oben, ehe er sie wieder herunterließ.

Vor allen Dingen waren besondere Verhältnisse zu bedenken, mit denen man hier zu rechnen hatte - nationale und religiöse Charakterverhältnisse.

Der Fürst war ein griechisch-katholischer Russe. Wenn seine Tochter, sein einziges Kind, den Wunsch geäußert hätte, einen Nonnenorden zu stiften, vielleicht verbunden mit einer Erziehungsanstalt, mit Krankenpflege, - solch ein nützlicher Zweck dabei war aber auch gar nicht nötig - und sie selbst wollte sich als Priorin für immer in dieses Kloster zurückziehen - der Vater wäre sofort mit Freuden darauf eingegangen, er hätte sein halbes, vielleicht auch sein ganzes Vermögen diesem Zweck geopfert, und dabei brauchte er durchaus nicht fromm zu sein, konnte der größte Freidenker sein. Aber seine Tochter als Stifterin eines sanktionierten Klosters zu sehen, diesem als Priorin selbst vorstehend - das hätte dem russischen Edelmann zur höchsten Ehre gereicht, das wäre das Glück seines Lebensabends gewesen.

Das sind eben besondere nationale Ansichten. Angedeutet sei nur noch, daß dies damit eng zusammenhängt, daß der Zar in Rußland zugleich auch das Kirchenoberhaupt, der Papst ist.

Im übrigen hat jedes Land und jedes Volk seine eigenen Ansichten in gewissen Sachen, man muß sich nur danach umschauen.

Zum Beispiel: ein großer englischer Kaufmann hat nur einen Sohn, den er für sein Geschäft erzogen hat. Derselbe berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, nebenbei ist er ein ausgezeichneter Kricketspieler, unüberwindbar im Ballschlagen, und eines Tages sagt er: Papa, was meinst du, ich ergreife das Kricketspiel als Profession.

Ist der Vater ein echter Engländer, so gibt er alle Geschäftsprojekte auf und läßt seinen Sohn gehen, damit dieser als Ballschläger in aller Welt die Ehre Old-Englands verteidigt - wobei allerdings zu bedenken ist, daß man in England für die besten Kricket, Lawn-Tennis und Fußballspieler Nationalsubskriptionen ausschreibt und ihnen sogar öffentliche Denkmäler setzt.

In Deutschland ist so etwas nicht möglich, aber lächerlich darf man das durchaus nicht finden. Wir wollen uns erinnern, daß die herrlichen Statuen des Altertums Athleten darstellten, also geschaffen zu einer Zeit, als Griechenland auf der höchsten Stufe der Kunst stand, und auch bei diesen Griechen, von denen einst dreihundert Mann die Thermopylen gegen die ungeheure, persische Heeresmacht verteidigten, waren die Sieger in olympischen Spielen frei von allen Staatssteuern!

Der Engländer, noch mehr der Yankee, begreift wiederum nicht, warum in Deutschland der Offizier und der Beamte vor anderen Menschen einen Vorzug genießen. Das ist ihm völlig unverständlich. -

Daß seine Tochter sich also in die Einsamkeit vergraben wollte, auf der nackten Erde schlafen und trocken Brot essen - das gefiel dem fürstlichen Vater ganz und gar nicht, das war einfach eine Verrücktheit. Über diese Schrulle seiner Tochter hatte er gelacht, geschimpft und endlich auch geweint.

Und dennoch, es ist schon angedeutet worden, daß so etwas gar nicht so gänzlich außerhalb des Ideenkreises eines russischen Orthodoxen liegt.

Ja, was sollte er denn auch dagegen machen? Der alte Mann konnte seine Tochter ebenso wenig in die Pension zurückbringen, wie sie ihrem neuen Entschluß abtrünnig machen. Er erntete, was er gesät hatte. Er hatte eine Tscherkessin geliebt - hier hatte er die Frucht dieser wilden Ehe, auch noch gemischt mit russischer Halsstarrigkeit. Hier hörte die Macht der Erde auf. Gewaltmittel? Der Kosak lachte ja über so etwas. Die sprang aus dem Coupéfenster des Schnellzuges, die sprang mitten im Meere über Bord, um an Land zu schwimmen, und im Hungerturm hätte sie das heimlich zugesteckte Brot dem Wärter geschenkt.

Der junge, kühl denkende englische Lord hatte die Sachlage gleich ganz richtig erkannt und dem Vater so lange zugeredet, bis auch dieser die Richtigkeit des Vorschlages einsah.

Einfach nachgeben! Auf alles eingehen! Hier hast du deine Einsiedelei, und nun mach, was du willst. Ich bin in aller Liebe damit zufrieden.

Wie lange würde es denn dauern? Ihr ganzes Leben lang nicht; aber vielleicht vierzehn Tage. Dem romantisch angehauchten Backfisch war nun einmal durch die Geschichte mit dem Eremiten das kleine Köpfchen verdreht worden, die Vision war erst nachträglich hinzugekommen - wenn sie überhaupt eine gehabt hatte und nicht nur mit so etwas ihr phantastisches Vorhaben rechtfertigen wollte, zugleich der ganzen Sache ein hübsches Mäntelchen umhängend. Auch wegen der kärglichen Nahrung brauchte man sich keine Sorgen machen. Eben weil die Prinzeß so kerngesund war, würde sie es bei Wasser und Brot nicht lange aushalten. Sie bekam schon wieder einmal Appetit nach einem gebratenen Beefsteak, und noch eher würde sich das Verlangen nach Schokolade einstellen. Das kannte man doch. Dann würde sie grimmig alles gegen die Wand werfen und sich selbst verschämt lachend in die Arme des Väterchens. Man kannte doch den Kosaken!

Schließlich gab es auch noch etwas anderes, um die überspannte Phantasie wieder zur Räson zu bringen. Der alte Vater hatte dabei pfiffig mit den Augen geblinzelt, als er einmal hierüber eine Andeutung gemacht hatte - nur eine Andeutung, nichts weiter. Aber da braucht man wohl nicht lange zu raten. Der Kosak kam jetzt gerade in die Jahre. Die Liebe, die Liebe! Die mußte erst einmal kommen, und da konnte man vielleicht auch ein bißchen nachhelfen - natürlich in allen Ehren. Das war alles zu arrangieren.

Jedenfalls - das hatte der Vater nun auch schon eingesehen - war es viel, viel besser, die phantastische und eigensinnige Prinzessin sehnte sich nach trocken Brot und einem Nachtlager auf der Erde, als wenn sie plötzlich gesagt hätte: Papa, ich liebe den schönen Johann im Pferdestall, ich will meinen Johann mit dem gewichsten Schnurrbart heiraten! - Da war dies doch tausendmal besser, jetzt konnte man in dieser Beziehung ihre Zukunft lenken.

Der russische Diplomat hatte ein halbes Jahr Erholungszeit, er blieb im Palasthotel wohnen - Lord Roger führte ihn in die exklusiven Millionärskreise ein, der alte Herr fühlte sich darin recht behaglich, traf Landsleute und sogar alte Freunde, spielte seinen Whist und L'Hombre, machte auch einmal ein Jeuchen am grünen Tisch, und sonst beobachtete er das Treiben seiner weltüberwindenden Tochter, die dem Papa gütigst erlaubt hatte, sie täglich zu einer gewissen Stunde in ihrer beschaulichen und erbaulichen Einsamkeit zu besuchen.

Vorläufig aber war und blieb es Tatsache! Ihre Hoheit, die hoffähige Prinzeß Turandot putzte die Fenster, scheuerte die Hütte, bearbeitete mit Spaten und hacke den Garten - von der Hafergrütze war sie doch abgekommen, jetzt steckte sie lieber Erbsen und Bohnen, nur hatte sie zuerst gelbe Erbsen genommen - sie wusch ihre Wäsche selbst und hing sie zum Trocknen auf, flickte Risse und Löcher, schlief auf dem kalten Estrich, unter ihrem Kopfe wie weiland Vater Erzvater Jakob einen Stein, und aß täglich nur ein einziges Pfund Brot.

In Monte Carlo war die Sensation groß. Die eleganten Damen und Herren fuhren nach La Bordina hinauf, um sich das Wunder anzusehen.

Vergebliches Bemühen - Eintritt verboten!

Ein breiter Streifen außerhalb der Umfassungsmauer gehörte mit zu dem Terrain, auf diesem Streifen hatten Bäume gestanden, wie einen solchen ja auch die Heimkehrende benutzte, um ihre zukünftige Eremitage zu besichtigen, aber die hatte sie aus Vorsicht gleich umhauen lassen. Sie wollte in ihrer Einsamkeit nicht beobachtet werden, und das konnte man ihr nicht verdenken. Von den weiter entfernt stehenden Bäumen aus war die hohe Mauer nicht zu überblicken. Ein Schlüsselloch gab es wohl, aber das war von innen verhängt. Zu hören war auch nichts anderes als ununterbrochen ein wütendes Hundegebell, solange ein Mensch in der Nähe war.

So konnten die Neugierigen nur die rebenumsponnene Mauer von außen bewundern, das erzählten sie unten, und trotzdem kamen immer mehr Menschen herauf.

Ein dreister Zeitungsschreiber erschien einmal mit einer Leiter, legte sie an und kletterte hinauf. Er sah nur den äußeren Garten, das Allerheiligste wurde von einer noch höheren Mauer umschlossen, und zwischen dieser und jener tobten die entfesselten Hundeköter, nur darauf wartend, daß der jedenfalls delikat schmeckende Zeitungsmensch zu ihnen herabkäme - und wie dieser noch so über die Mauer lugte, bekam er plötzlich eine Ladung Seifenwasser mit Soda ins Gesicht, daß ihm vollends Hören und Sehen verging und er nicht erst wieder langsam die Leiter hinabzusteigen brauchte, er war von ganz alleine heruntergekommen, nur durch die Anziehungskraft der Erde.

Der Vater durfte sie also täglich besuchen, doch auch nur für eine Viertelstunde, zu einer ganz bestimmten Zeit. Am dritten Tage nun nahm er einen alten Russen mit hinein, den die Prinzeß kannte und zu dessen Besuch die Weltüberwinderin ihre hohe Erlaubnis gegeben hatte. Am folgenden Tag wurde der Vater von Lord Roger hinter die Mauer begleitet, und so sah man, daß der Eintritt wohl gestattet sei, aber immer nur in Gesellschaft des Vaters, und jetzt wurde dieser mit Anträgen bestürmt, bis es denn auch dem Berichterstatter einer großen Zeitung gelang, die Erlaubnis zu erhalten.

Es war aber im Heiligtum nichts anderes zu sehen, als was man schon wußte. Still und mit gesenkten Blicken begrüßte die junge Einsiedlerin in härener Kutte den fremden Herrn, sie zeigte, wie sie schon im Garten gearbeitet hatte, sie war gerade beim Wäscheaufhängen, und sie zeigte, wo sie des Nachts schlief - dort auf dem nackten Estrich, jener große Stein diente ihr als Kopfkissen.

Dem Herrn wurde ganz feierlich zumute. So jung, so schön, so hold, so reich - und ... schlief hier auf der nackten Erde!

Dieser Zeitungsmensch hatte eigentlich gar kein so gefühlvolles Herz, aber er war noch ziemlich jung, und er konnte sich nicht helfen - der Menschheit ganzer Jammer packte ihn einmal an, und zwar dermaßen, daß er sich die Nase schneuzen mußte.

Und bei der Weltentsagerin kam nicht einmal die Religion in Betracht! Turandot war in dem Glauben des Vaters erzogen worden, und sie mochte auch einen frommen Kindesglauben bewahrt haben - aber sonst hatte diese Weltentsagung mit trocken Brot und aller Wäscheflickerei absolut nichts mit Frömmelei zu tun. Sie betete sich nicht die Knie wund, geißelte sich nicht, man sah nichts von Erbauungsschriften - nicht einmal mit dem sonst unumgänglichen Totenschädel war die Höhle dieser modernen büßenden Magdalene dekoriert.

Freilich hätte man auch vergebens darüber nachgegrübelt, wegen welcher Schuld denn diese kindliche Magdalene, genannt Kosak, hätte büßen sollen. Es war einfach die Erkenntnis, ihr in einer überirdischen Vision beigebracht, daß in dieser Welt alles, alles eitel sei! Man soll sich mit dem zum Leben Unumgänglichsten zufrieden geben, und wenn man wirklich damit zufrieden ist - das ist das höchste Glück, welches das Leben gewähren kann, und diese Zufriedenheit muß eine dauernde sein, weil man überhaupt nichts mehr verlieren oder beweinen kann.

»Und glauben Sie nicht, daß man seinen Mitmenschen eine nutzbringende Arbeit schuldig ist?« examinierte der Interviewer weiter.

Das Mädchen deutete hoheitsvoll auf die umgegrabenen Beete.

»Das ist meine Antwort auf Ihre Frage. Es gibt nichts Nützlicheres auf der Erde, als das, was man ißt, im Schweiße seines Angesichts selbst zu bauen. Das ist nützlicher, als Kanonen zu gießen oder Schokolade zu fabrizieren oder das Publikum mit Geschichten zu unterhalten. Führen Sie nicht an, daß man Besseres tun könnte, wenn man mehr gelernt hat. Das kann man alles noch nebenbei betreiben, und wenn mich diese Arbeit nicht mehr vollauf beschäftigt, so werde ich auch noch eine andere nützliche aufnehmen.«

Der gebildete Mann konnte vor solchen Ansichten der kleinen Philosophin nur den Hut ziehen. Zu bestreiten geht freilich mit Wort und Feder alles.

»Und Sie sind wirklich glücklich?«

»O, Sie ahnen nicht die beseligenden Gedanken, welche mich erfassen, wenn ich mich des Abends, ermüdet von harter Arbeit, dorthin auf die Erde lege! O, Sie können nicht wissen, wie reich ich mich fühle, dadurch, daß ich gar nichts mehr habe, gar nichts mehr brauche. - Ja, ich bin wahrhaft glücklich!«

Und doch, und doch, der Zeitungsmensch mußte sich wieder die Nase schneuzen, noch kräftiger als das erste mal, so gerührt war er.

Über die Mauer kamen Kotelettenknochen, abgenagte Hammelrippchen, Hühnerbeine und andere Delikatessen geflogen. Die während des Besuchs angeketteten Hunde heulten vor freudiger Erwartung. Dann nahm denselben Weg durch die Lüfte auch noch ein Paket - ehe es den Boden berührte, hatte es sich auch schon aus dem Papier gewickelt, und zwischen dem Hundefutter lag ein kleiner Brotlaib.

»Wenn dies der Mensch täglich hat, dann soll er zufrieden sein,« sagte die Prinzessin demutsvoll, hob das Brot auf, verwischte das daran hängengebliebene Hundefutter mit der Gartenerde zu einer Schmiere und legte es auf den Tisch. Das war ihr Futter ... pardon, ihre Speise.

Armes Kind! Zum dritten Mal wurde der Zeitungsschreiber von der Menschheit ganzem Jammer angefaßt, zum dritten Mal mußte er sich die Nase schneuzen, und diesmal pustete er dabei, um seiner Rührung Herr zu werden, wie ein den Fluten entsteigendes Nilpferd.

Ja, hierbei war aber ein Geheimnis - das heißt, nicht mit dem Naseschneuzen, sondern mit dem Brotlaib, mit der Speise der Weltentsagerin.

Die Prinzeß hätte bei einer Nahrung von täglich nur einem Pfund Brot jetzt schon ganz abgemagert sein müssen - und statt dessen blühte sie nicht nur wie eine Rose, sondern sie war in letzter Zeit merklich dicker geworden

»Sie kennen doch die Geschichte von Daniel in der Löwengrube,« entgegnete sie jetzt wie stets, wenn sie über dieses Wunder befragt wurde. »Die anderen Jünglinge magerten bei den köstlichen Gerichten ab, welche sie von der Hoftafel erhielten; Daniel dagegen gedieh bei der kärglichsten Kost. Sehen Sie, gerade so ist es auch bei mir. Es kommt eben nicht darauf an, was der Mensch ißt, sondern was für Gedanken er dabei hat. Die Menschen, welche glauben, sie müssen bei so wenig Brot verhungern, weil sie es in Büchern gelesen haben, die werden auch dabei verhungern. Ich aber denke anders - und ich werde dick und fett dabei.«

Hatte das die Prinzeß gelesen oder stammte diese Weisheit wirklich aus ihrem eigenen kleinen Köpfchen? Denn eine tiefe Weisheit steckte wirklich dahinter, welche das Gros der >aufgeklärten< Menschen vergebens totzulachen sucht.

Es fehlte nicht an bösen Zungen, welche behaupteten, der Vater brächte der Tochter heimlich bessere Nahrungsmittel, hier wolle sich jemand nur mit dem Nimbus der Heiligkeit schmücken. Für solch eine Behauptung war auch schon einmal eine kräftige Ohrfeige gefallen. Und dann mußte dieser Verdacht bald wieder verschwinden. Der Vater nahm doch stets eine andere Person mit hinein zur Tochter, oftmals eine ihm ganz fremde. Dann machte der Fürst auch einmal einen Ausflug von mehreren Tagen. Wer versorgte denn da die Hungerkünstlerin mit anderer Nahrung? Die Umgebung der Mauern konnte nicht nur Tag und Nacht beobachtet werden, sondern es gab auch Menschen, welche dies wirklich taten, und deren unparteiisches Urteil ging dahin, daß der Einsiedlerin nichts zugesteckt würde.

Oder teilte die hoffähige Prinzessin vielleicht mit ihren Kötern das Futter? Nein, auf solch einen Verdacht kam nicht einmal der gemeinste Charakter, und überhaupt, wer auf der nackten Erde schläft, als Kopfkissen einen Stein, der gibt auch nicht nur vor, trocken Brot zu essen - die Prinzeß lebte wirklich nur von trocken Brot und Wasser.

Schließlich gab es ja auch für dieses körperliche Wohlbefinden bei solcher Kost eine Erklärung, ohne an ein Wunder glauben zu müssen. Jeder kann es an sich selbst probieren. Das zierliche Mädchen brauchte eben täglich nicht mehr als ein Pfund Brot. Das bekam ihr nach der bisherigen Lebensweise, die nicht schlecht gewesen war, sogar ganz ausgezeichnet. Dabei konnte sie noch >dick und fett< werden. Einmal tritt dann freilich die Reaktion ein. Die Folgen dieser ungenügenden Nahrung würden sich schon noch bemerkbar machen. -

Lord Roger war es gewesen, der ihr oder dem Vater den Vorschlag gemacht hatte, sie solle für die Besuche doch Eintrittsgeld erheben, zehn Francs, hundert Francs, tausend Francs! Die Eintrittskarten wurden verauktioniert! Man war doch hier in Monte Carlo! Das Geld konnte sie dann zu mildtätigen Zwecken verwenden.

Nein, das sähe aus, als wenn sie bewundert werden wolle, und das wünschte sie durchaus nicht! Aber eine andere Absicht hatte sie, durch welche sie dasselbe erreichte, sogar in noch viel großartigerem Maßstab.

Eines Tages erschien sie zum ersten Mal wieder in der Außenwelt. Das schwarze Lockenköpfchen in frommer Betrachtung tief gesenkt, durchwandelte sie in ihrer sauberen, mit roter Borte eingefaßten Kutte die Straßen von Monte Carlo, jetzt trug sie auch keine Stiefel oder Schuhe mehr, sondern an den nackten Füßen elegante Badesandalen - denn einfachere waren hier nicht zu haben gewesen - zierlich mit roten Riemen befestigt, und das alles paßte so zusammen, und die unverschleierte Nonne war überhaupt eine so liebreizende Erscheinung, daß der erste Fremdenjüngling, der ihr begegnete, sofort wie ein Besessener nach Hause rannte und gleich zu dichten anfing.

Sie betrat das Bosamentiergeschäft und verlangte Wolle und Stricknadeln. Waren ihre Strümpfe durchgelaufen, das sie jetzt keine mehr trug?

Nein, diesen Luxus der Kultur verachtete sie, aber für andere wollte sie diese angenehmen Bekleidungsstücke verfertigen, in der Pension hatte sie Handarbeitsunterricht genossen, und überhaupt trat ihr Eremitenleben jetzt in ein ganz anderes Stadium ein. Sie hätte gar nicht mehr nötig gehabt, daß der Papa für sie Brot und Hundefutter bezahlte - ja, sie hätte ihm die 50.000 Francs zurückerstatten können, mit einer Hand.

Mit der Wolle und den Stricknadeln verschwand sie wieder hinter ihren Mauern, und bald war es bekannt: der Kosak strickt Strümpfe! Der Papa soll den Verkauf übernehmen. Der Erlös gehört den Armen und Kranken. Der Kosak strickt Strümpfe! Himmel, hast du keine Flinte!

Aber es war Tatsache! Und sie war überaus fleißig gewesen. Schon am nächsten Tage gingen aus der Einsiedelei ein paar Kinderstrümpfchen hervor - das heißt, es konnte auch etwas anderes sein. Es waren kleine Säckchen, oben mit einem Loch drin. Man behauptete aber, daß es Kinderstrümpfchen seien.

Der alte Fürst fühlte sich nicht als Auktionator berufen. Von den Herren, welche die Sache in die Hand genommen hatten, wurde ein Pariser Schokoladenfabrikant vorgeschoben, der größte der Welt, dessen bekannter Name hier aber nicht genannt werden soll, sehr reich, sehr gutmütig und sehr ... und im übrigen zu denen gehörend, derer das Himmelreich ist.

Der bewaffnete sich mit einem großen Fleischhammer; in einem Hotelgarten fand die Auktion statt.

Der Schokoladenonkel war auf einen Stuhl geklettert, er betrachtete die gestrickten Dinger und legte los:

»Ein paar Waschlappen, selbstge ...«

»Kinderstrümpfchen!« wurde er entrüstet unterbrochen.

Der Schokoladenonkel war nicht vollständig eingeweiht worden, er wußte nur, daß er diese Dinger hier verauktionieren sollte, er hatte sie für Waschlappen gehalten, und jetzt merkte er nur, daß er wieder einmal irgendeine Dummheit begangen hatte, er hatte aber auch nicht richtig verstanden, was man ihm zugerufen - und so setzte er bedächtig seinen Klemmer auf und betrachtete aufmerksam die Dinger.

Richtig, wie sich der Mensch doch irren kann, das waren doch ...

»Ein Paar Fausthandschuhe, selbstgestrickt von ...«

»Kinderstrümpfchen, Kinderstrümpfchen!« erklang es jubelnd im Chor.

Der Schokoladenonkel setzte nochmals den Klemmer auf und betrachtete nochmals kopfschüttelnd die Dinger von allen Seiten. Was sollte das sein? Na, wenn es alle sagten, dann mußten es wohl wirklich Strümpfe sein, und der Schokoladenonkel fügte sich.

»Ein Paar Kinderstrümpfchen, selbstgestrickt von der heiligen Prinzessin von La Bordina. Wer sie trägt, darf die Eremitin jeden Tag besuchen ...«

»Tausend Francs!« rief Lord Roger.

»Tausend Francs zum ersten ...«

»Zweitausend Francs!« erklang es, aber es war kein andrer als wiederum Lord Roger, der sich selbst überbot, und alles lachte.

»Zweitausend Francs zum ersten ...«

»Dreitausend Francs!« erscholl es von einer anderen Seite.

»Viertausend Francs!« überbot jetzt der Lord den anderen.

»Fünftausend Francs!«

Es ging noch weiter. Die Summe soll nicht genannt werden, für welche die Kinderstrümpfchen schließlich losgeschlagen wurden. Im Rahmen einer Erzählung würde es doch nicht geglaubt. Da muß es erfunden sein - und natürlich furchtbar übertrieben - so etwas glaubt doch kein Mensch!

Deshalb soll hier einmal außerhalb unserer Erzählung ein Geschichtchen berichtet werden, welches zeigt, wie es dort unten manchmal zugeht, was dort für ein Geist herrscht, und wer an der Wahrheit der Erzählung verzweifelt, der kann sich durch Nachfragen an Ort und Stelle leicht von der Wahrheit überzeugen.

Im Februar des Jahres 1901 lag Gordon Bennett, der bekannte Besitzer des >New-York-Herald< mit seiner Dampfjacht im Hafen von Nizza. Solch eine Dampfjacht ist ein großes Ozeanschiff, 50 Mann Besatzung drauf.

Mr. Bennett ist ein schon älterer Herr, aber immer noch galant - er hat eine französische Schauspielerin zu sich an Bord eingeladen. Die beiden machen auf der Jacht eine Spazierfahrt, die Küste entlang, nach Monte Carlo zu.

Es war am Kap St. Boron, in der Nähe der Villa Smith, wo sich das Nachfolgende ereignete. Die Küste ist hier mit wildromantischen Felsen eingefaßt. Das mit Geröll bedeckte Ufer steigt sanft an, dicht am Meer ist eine Kirschenplantage, gleich dahinter die Landstraße.

Die beiden stehen an Deck und betrachten diese schöne Szenerie.

»Haben Sie schon einmal einen Schiffbruch erlitten, Mr. Bennett?« fällt es da der Dame bei Anblick der wilden Felsen, denen sie sehr nahe sind, zu fragen ein.

»Jawohl, meine Gnädige.«

»Ach,« flötet da die Schauspielerin, »ich möchte auch einmal einen Schiffbruch erleben.«

»Sofort, meine Gnädige.«

Und Gordon Bennett schiebt den Matrosen vom Steuerrad, dreht es um - >Volldampf!< - und der große Dampfer schießt in voller Fahrt zwischen die Felsen, schusselt über das Geröll weg, kommt vollkommen aufs Trockene und kippt in der Kirschenplantage um. Das Vorderteil lag noch halb auf der Landstraße.

»Da haben Sie einen Schiffbruch, meine Gnädige,« sagte Gordon Bennett, der auf einem Kirschbaum saß.

Der Dampfer war natürlich wrack. Was sonst noch alles passiert war, das erfuhr man nicht, das wurde alles mit Geld vertuscht; aber das Wrack konnte nicht dort oben liegen bleiben, das mußte wieder ins Wasser geschafft werden, und das allein schon soll gegen 150.000 Francs gekostet haben, und das ist zu glauben. Alle in Nizza liegenden Dampfer spannten sich mit Stahltrossen vor, und als ihre Kraft noch nicht reichte, kamen aus Marseille noch vier Dampfer, und das kostet schweres Geld! Schließlich ist das alles nur Reklame, alles für die Zeitung, das kommt alles wieder ein, aber im Übrigen

Wenn man nun einen Romanhelden aus Galanterie zu seiner Angebeteten solch einen Streich ausführen lassen wollte, würde ein Leser glauben, daß so etwas in Wirklichkeit geschehen könne? Nein und abermals nein! Da ist die Phantasie des Romanciers durchgegangen. Und doch ist's passiert, Gordon Bennett hat es gemacht!

Eine wirkliche Unwahrscheinlichkeit aber wäre es, wenn man jetzt behaupten wollte, jene Schauspielerin wäre noch einmal mit Gordon Bennett spazieren gefahren.



Das Bieten auf die merkwürdigen Kinderstrümpfchen ging also weiter.

Lord Roger schien sie durchaus haben zu wollen, hatte aber einen schweren Stand gegen die Bella Cobra, eine Kokotte, deren Name schon erwähnt worden ist. Diese hatte nämlich am Arm einen neuen Liebhaber, einen blutjungen Menschen, einen amerikanischen Dandy, zwischen dessen Zähnen man beim Sprechen immer die eingesetzten Diamanten blitzen sah - damals die allerneuste Errungenschaft des amerikanischen Dandytums.

»George, ich muß die Kinderstrümpfchen haben, ich muß, sonst bin ich unglücklich,« schmachtete an seinem Arme die Kokotte, eine ehemalige Schlangendame, mit liebeverheißendem Blick, und der amerikanische Jüngling schien gewillt zu sein, sich wegen der Kinderstrümpfchen zu ruinieren.

Das mußte wohl auch auf alle Fälle geschehen, wenn er den Bitten der Sirene Gehör schenkte, und Lord Roger gab nicht nach, und mit Geld war der Besitzer des vierten Teiles von London nicht totzumachen.

»Hören Sie auf, mich zu überbieten, Mr. Kock, diese ersten Strümpfe müssen mir gehören, ich habe sie gerade sehr nötig, ich habe schon seit acht Jahren keine mehr an, ich lasse mich nicht überbieten - hören Sie lieber auf!« warnte er mit leiser Stimme, die fast drohend klang, und machte dann in seinem letzten Angebot gleich einen gewaltigen Sprung.

»George - und tausend - sage doch, mein George - und tausend Francs mehr!« flüsterte die schöne Schlange an seinem Arm mit heißem Atem.

»Und dann könnte ich vielleicht aufhören, vielleicht!« setzte Lord Roger lächelnd hinzu, aber mit seinen kalten Augen den Gegner ansehend.

Und unter diesem kalten Blicke ernüchterte sich der Yankee plötzlich, er kam zur Besinnung, und er tat wahrscheinlich das Beste, was er überhaupt hätte tun können - er riß sich nicht nur von dem Arme seiner Begleiterin los, sondern er nahm gleich ganz Reißaus, ging im Galopp davon, rannte um eine Ecke - und man sah ihn niemals wieder. Der nächste Zug hatte ihn für immer aus Monte Carlo entführt.

Wohl dem, der wenigstens noch im letzten Augenblick eine solche Kraft besitzt! Dann forderte dieses Höllenparadies manches Opfer weniger.

» ... zum dritten und zum letzten!« rief der Schokoladenonkel und ließ den hölzernen Fleischhammer dröhnend auf den Tisch fallen.

Die sehr, sehr kostbar gewordenen Kinderstrümpfchen wurden also dem Lord Roger zugesprochen, er nahm sie in Empfang.

War das eine sinnlose Geldverschwendung? Es handelte sich ja um einen wohltätigen Zweck. Da gibt es noch ganz andere Geldverschwendung.

»Gott sei Dank, nun habe ich endlich wieder Strümpfe anzuziehen,« sagte der Lord trocken, als er sein Scheckbuch hervorholte, und das Gelächter über diese Worte vermischte sich mit dem über den davon galoppierenden Jüngling, und nicht minder lachte man darüber, mit was für einem Gesicht die Kokotte dastand, wie vom Donner gerührt, und dann begriff sie, daß sie nicht nur träumte, daß ihr der Galan wirklich durchgebrannt war, auf solch eine unerhörte Weise, richtig durch die Lappen gegangen, sie war unsterblich blamiert, und nun machte sich die Wut der ehemaligen Schlangendame in Worten Luft - in Worten, welche schließlich hier nicht allzu selten sind - es bedarf nur einmal eines leichten Regenschauers, und die leichte Tünche ist abgewaschen.

Plötzlich verstummte Lachen und Schimpfen. Mit einem Mal gewahrte man den maskierten Kapitän, der mitten unter den Anwesenden stand. Infolge der durch die tolle Auktion erzeugten Spannung hatte man ihn übersehen.

»Wissen Sie schon, Herr Kapitän?« wandte sich Lord Roger sofort an ihn, durch den Verkauf der Mäander-Burg ja mit ihm bekannt geworden, und triumphierend hielt er die Strümpfchen in die Höhe. »Selbstgestrickt von der Prinzeß ...«

»Ich kam leider im letzten Augenblick, der Hammer war schon gefallen, sonst hätte auch ich mich an dieser Auktion beteiligt, und ich hatte bereits große Pläne mit dieser Seltenheit vor,« erklang es lachend hinter der Seidenmaske.

Der Lord blickte prüfend auf seine Stiefel hinab und dann an der hohen Gestalt des Kapitäns hinauf.

»Ich bemerke eben,« sagte er dann, »daß mir die Strümpfchen eine Nummer zu klein sein dürften, Ihnen paßten Sie eher. Darf ich Ihnen die Kleinigkeit als Präsent überreichen, Herr Kapitän?«

Ohne Zaudern wurde das Geschenk angenommen.

»Danke bestens, ich werde mich bei Gelegenheit revanchieren.«

Jetzt hatte der maskierten Mann die Kinderstrümpfchen in der Hand, und im Augenblick ging durch die Menge eine Ahnung, daß an diesem Kinderstrümpfchen der Fluch der Lächerlichkeit klebe, wenigstens jetzt hier unter dem Publikum; der Lord war ganz ersichtlich froh, daß er sie schnell wieder losgeworden war, denn schließlich hatten sie ja auch gar keinen Wert.

Was sollte denn nun der Kapitän mit den Kinderstrümpfchen anfangen? Nämlich jetzt hier auf der Stelle! So einfach in die Tasche stecken?

Mit Spannung sah alles nach ihm hin, wie er sich aus der Patsche helfen würde, und keiner hätte in seiner Haut stecken mögen. Die mit zartem Empfinden fühlten schon die fremde Schamesröte in den eigenen Wangen.

Es sollte ganz anders kommen, als jemand erwartet hatte.

»Danke bestens, Mylord,« wiederholte der Maskierte, »ich weiß ein solches Geschenk zu würdigen.«

Sprach's, riß den verbindenden Faden durch, befestigte das eine Strümpfchen an seiner Uhrkette, hatte eine Nadel in der Hand, trat plötzlich auf die Bella Cobra zu, steckte ohne weiteres und ohne ein Wort zu verlieren das andre Strümpfchen an ihrem Busen fest, lüftete artig den Hut und ging schnellen Schrittes davon.

Und sprachlos stand das Publikum da und staunte ihm nach. Worüber es staunte? Das läßt sich nicht mit Worten wiedergeben. Es staunte ein Genie an. Ganz gewiß, hier handelte es sich auch um eine Art von Genie, welches gleich kann, was selbst das Talent niemals lernt.

»God damn't,« ließ sich da ein alter Engländer vernehmen, »wenn der Prinz von Wales der erste Gentleman von der Welt ist, dann ist der Prinz von Monte Carlo der zweite!«



Aus der Einsiedelei kamen noch mehr Strümpfe hervor, auch andere als nur Kinderstrümpfchen, jeden Tag ein Paar, und dazu gehörte etwas, die kleine Eremitin war erstaunlich fleißig, sie mußte Tag und Nacht stricken, und die Strümpfe wurden immer länger und immer vollkommener, und jeden Tag wiederholte sich die Auktion.

Wenn man auch nicht mehr solch ungeheure Preise erzielte, wurden sie doch noch immer mit Summen bezahlt, die man sonst nicht für Strümpfe ausgibt, auch wenn sie von der kostbarsten Seide und mit Blumen gestickt sind, und man riß sich noch immer um sie - und die Herren hingen sich den erstandenen Strumpf an die Uhrkette, die Damen befestigten ihn sich an der Brust, und wer keinen Strumpf aufweisen konnte, den die heilige Prinzessin selbst gestrickt hatte, der galt nicht für fashionabel, und je länger der Strumpf, umso fashionabler war man, oder für desto origineller hielt man sich, und an den Uhrketten und an den Busen baumelten schon ellenlange Strümpfe.

Verrückt, nicht wahr?

Nun wollen wir einmal den Fall bei einem anderen Lichte betrachten.

Der Prinz von Wales hatte einmal seine Schlipsnadel falsch angesteckt - und ein halbes Jahr später hatte die ganze Männerwelt - nein, die ganze Herrenwelt die Nadel schief im Schlipse sitzen.

Der Prinz von Wales ließ sich seine Hosen oben eng und unten weit machen - und gehorsam trug die ganze Herrenwelt die Hosen oben eng und unten weit.

Der Prinz von Wales kommandierte: Hosen oben weit und unten eng! - Und die ganze Welt gehorchte.

Weiß man denn, daß in den englischen Clubs Wetten abgeschlossen werden, wie lange es dauert, bis auf der Berliner Friedrichstraße alles in dem hohen Stehkragen herumläuft, der in London diktiert wird?

Ja freilich, nach der darwinschen Theorie stammt der Mensch vom Affen.

O, es ist eine Schmach! Und der Deutsche, welcher bei seinem schlichten Umschlagekragen und seinem einfachen Krawattchen bleibt, nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern aus einsichtsvollem Stolz, weil er dem englischen Pfiff nicht gehorchen will, der wird womöglich auch noch ausgelacht.

Und liest man die Zeitung, da wird gegen Engländer geschimpft und gewettert und gehöhnt, da wird von deutschem Stolze geschwärmt - und nun sieht man die Verfasser dieses Artikels - und da läuft dieser Kerl, der den patriotischen Deutschen herausstecken will, genau so wie ein lackierter Affe, gekleidet, wie es die Londoner Mode vorschreibt ... o, es ist eine Schmach!

Vorläufig aber ist es so. Der Prinz von Wales, der jetzige König von England, wird von seinem Volke ganz mit Recht >the first gentleman of the world< genannt, denn er schreibt die Mode vor, und bedingungslos gehorcht ihm die ganze Welt.

Jener alte Engländer hatte den Prinzen von Monte Carlo, wie der maskierte Kapitän nun einmal genannt wurde, als den zweiten tonangebenden Gentleman bezeichnet, und er hatte Recht.

Der Prinz von Monte Carlo hatte sich den Strumpf an die Uhrkette gehängt, den anderen dem Weibe an den Busen gesteckt, und wer das jetzt nicht mitmachte, der war in Monte Carlo nicht fashionable, nicht gesellschaftsfähig. -

Mit dem >Kosak< war es für immer vorbei. Es war daraus eine heilige Prinzessin geworden. Es gab auch Leute genug, welche wirklich Grund hatten, sie als ihre Schutzpatronin zu verehren. Der Vater hatte viel zu tun, die einkommenden Gelder mit weiser Hand zu verteilen. Es gab aber auch Leute, welche keinen pekuniären Vorteil davon hatten, und welche dennoch zu ihr wie zu einer Heiligen aufblickten, trotz einer verschiedenen Religion.

Eine alte Frau, eine vornehme, war die erste gewesen, welche die heilige Prinzessin beim Rockzipfel erwischt und einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf gedrückt hatte, und immer mehr wurde die echte Sackleinwand geküsst, verstohlen und offen, wenn die kleine Heilige sittsam mit gesenktem Köpfchen durch die Straßen nach dem Bosamentierladen pilgerte, und sie mußte die Ehrfurchtsbezeugungen dulden, sie konnte es ja beim besten Willen nicht verhindern, und außer beim Gange nach Wolle zeigte sie sich ja auch niemals in der Öffentlichkeit, sie wollte nicht bewundert werden.

So hatte sie auch immer nur eine kurze, ganz bestimmte Zeit, zu welcher man sie in ihrer Einsamkeit aufsuchen durfte. Da zeigte sie sich nach wie vor mit stiller Bescheidenheit, wie sie im Garten arbeitete, wo sie in der Nacht auf der nackten Erde schlief, sie zeigte das kleine Brot, mit dem sie ihr tägliches Leben fristete, und sie zeigte die klare Quelle, zu der sie sich zum Trinken niederbeugte, und auf dem Tische lag immer der Strickstrumpf.

»Alles, alles, ist eitel, nur in der Entsagung liegt das höchste Glück.« Und dabei blieb sie.

Das war nun ganz besonders etwas für die Damen! In der Hütte von La Bordina ward geseufzt und geschwärmt und bemitleidet und so manche schmerzliche Träne vergossen - nämlich von den weiblichen Besuchern, die in Scharen herbeiströmten. So jung, so schön, so reich - und hier in der Einsamkeit lebt sie bei trocken Brot und Wasser und schläft auf der nackten Erde, das Köpfchen, das auf seidenen Pfühlen zu ruhen gewohnt, auf einen harten Stein gebettet!

Armes, armes Kind! Ja, ja, sie hatte ganz recht - 's ist alles nischt!!

So stimmten die Damen immer wieder und immer mehr bei, und dabei seufzten sie sehnsuchtsvoll.

Und merkwürdig, gerade die Kokotten und die anderen zweifelhaften Damen, darunter solche von sehr hohem Range und in bester Lebensstellung, welche sich aber am wenigsten eines tugendsamen Lebenswandels befleißigten - gerade diese fühlten sich von der jungen Weltentsagerin am meisten angezogen, wie von einer geheimnisvollen, magnetischen Kraft.

In der Gesellschaft spotteten sie wohl darüber, machten schlechte Witze über die Einsiedlerin - und dennoch pilgerten sie immer wieder hinauf, um in der Hütte von La Bordina unter den ehrlichsten Tränen über die Nichtigkeit des Daseins zu jammern.

Das heißt, für den, der die Welt und die besonderen Verhältnisse kennt, ist das ganz und gar nicht merkwürdig. Es ist vielmehr selbstverständlich, daß sich gerade diese Damen am allermeisten von der weltentsagenden Prinzessin angezogen fühlten.

»Paßt auf,« flüsterten die sachverständigen Philosophen von Monte Carlo, »wir erleben noch etwas. Das wird noch interessant.«

Nun, wir werden später sehen, was daraus noch wurde - wir werden mit dem ehemaligen Kosaken und der jetzigen heiligen Prinzessin noch etwas ganz Seltsames erleben.

4. Die Rätsel mehren sich

»Da - da - da ist es wieder - fort ist es - jetzt ist's am Ufer - jetzt schwebt es zurück ...«

»Jetzt ist sie gerade dort, wo ihr Vater begraben liegt,« erklärte der alte Hydrian, welcher die Ortsverhältnisse auf der Teufelsinsel am besten kannte und sie auch von weitem beurteilen konnte.

An dem Strand der westlichen Bucht drängte es sich Kopf an Kopf, der Garten der Arche Noah war dicht besetzt, desgleichen links der Felsen von Monaco, und wenn es noch nicht heute Nacht geschehen war, weil man noch nicht sicher gewesen, ob der Spuk sich wiederholen werde, so würden morgen Abend die Fenster aller Häuser gegen schweres Geld vermietet sein, von denen man die Teufelsinsel aus erblicken konnte.

Denn auf der Teufelsinsel spukte es!

Gestern Nacht gegen ein halb ein Uhr hatte zuerst die Schildwache oben auf Monaco das Lichtchen auf der Teufelsinsel hin und her huschen sehen, dann sahen es noch mehrere von selbst, andere erfuhren es, und als die Restaurationen geschlossen wurden, beobachteten es einige hundert Menschen.

Es war ja nicht durchaus gesagt, daß es eine leuchtende Seele sein mußte, welche im Grabe keine Ruhe fand, es konnte ja auch ein lebendiger Mensch sein, der auf der Teufelsinsel um Mitternacht mit der Laterne spazieren ging - aber viel näher lag für das abergläubische Volk doch die Vermutung, daß das flackernde Lichtchen mit der jungen Selbstmörderin zusammenhing, deren spurloses Verschwinden, tot oder lebendig, immer noch ein unaufgeklärtes Geheimnis war und bleiben zu wollen schien.

Die Teufelsinsel hatte keinen Hüter mehr. Jetzt sollte wirklich der Teufel darauf wohnen. Der alte Selbstmörder war an jenem Tage begraben worden, Polizisten und Kriminalbeamte statteten der Insel noch mehrere Besuche ab, aber immer nur am hellen Tage - man mußte ja nach der verschwundenen Leiche suchen - doch alle Bemühungen waren vergebens, sie wurde nicht auf der Insel gefunden, war nicht zwischen den Klippen eingekeilt, wurde weder hier noch am Festland angetrieben.

Inzwischen war noch kein Selbstmord wieder passiert, also war auch niemand zu begraben gewesen. Trotzdem brauchte die Insel einen Wächter, das forderten die Gesetze. Man verzieh dem alten Hydrian - allein der war nicht zu bewegen, die Insel wieder zu betreten.

Die Stelle wurde öffentlich ausgeschrieben, man suchte unter der Hand, man verdoppelte den Gehalt und stellte die günstigsten Bedingungen - alles vergeblich, es wurde kein neuer Totengräber gefunden, der zugleich auf der Insel wohnen sollte, wie sein Amt es unbedingt verlangte.

Die Schuld hieran trug hauptsächlich der alte Hydrian. Dieser hatte sofort, als er wegen Pflichtversäumnis entlassen worden war, die grausigsten Geschichten von der Teufelsinsel erzählt, was er da schon früher Entsetzliches erlebt, was für ein Seufzen und Stöhnen er da schon früher bei nächtlicher Weile gehört habe, und er verstand die Spukgeschichten ganz hübsch auszuschmücken.

Wie er sich widersprach, das lag ja ganz klar auf der Hand. Hätte er schon früher etwas Unheimliches auf der Insel erlebt, so hätte er doch auch schon früher das Hasenpanier ergriffen, das bewies er ja eben jetzt, und daß er behauptete, vor Toten und deren Seelen fürchte er sich nicht, aber wenn Tote wieder lebendig würden und als verweste Leichname auf der Insel herumliefen, mit so etwas wolle er nichts zu tun haben, so war das doch erst recht Unsinn. Nein, der Mann wollte sich nur für seine Entlassung rächen, und das war ihm denn auch gründlich geglückt. Er brachte die Regierung dadurch, daß sie infolge seiner Spukgeschichten keinen Nachfolger für ihn fand, in die schwerste Verlegenheit.

Zu erzählen, was für Gerüchte über das Verschwinden der Leichen zirkulierten, das wollen wir uns ersparen. Erwähnt sei nur, daß der Fall dadurch wirklich ganz mysteriös wurde, daß jener Arzt und Leichenbeschauer hartnäckig bei seiner Behauptung blieb, es habe eine absolut tödliche Blausäurevergiftung vorgelegen. Hydrian versicherte überdies, die Leiche des jungen Mädchens hätte schon starke Spuren der Verwesung gezeigt, und doch hatte man Merkmale gefunden, die darauf hinwiesen, daß die Selbstmörderin später noch auf der Insel herumgelaufen war.

Wenn sie dann aber ihren Tod im Wasser gesucht und gefunden, so hätte ihr Körper angeschwemmt werden müssen, so etwas wissen die hiesigen Fischer, die oft genug Leichen bergen, ganz genau, und da dies aber nicht geschah, so konnte es sich nur um einen nachträglichen Raub handeln, begangen an einer Leiche oder an einer Wiedererwachten.

Kurz und gut, man kam zu keiner Erklärung, bei diesen Versuchen drehte man sich immer nur im Kreis herum, und das Volk wollte ja überhaupt den Fall nicht auf natürliche Weise erklärt haben. So entstanden immer ungeheuerlichere Spukgeschichten ... aber sie hingen eng mit dem geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop zusammen.

Dieser ließ, seit er die Mäander-Burg bezogen hatte, wenig mehr von sich hören. Er war nur einmal im Kasino gewesen und hatte viel verloren. Pferd und Wagen waren immer noch nicht angeschafft worden, wie er zu Monsieur Girard gesagt hatte. Er schien durchaus keine fremden Leute in sein Haus nehmen zu wollen, vielleicht hatte er Pferdekundige auf seiner Jacht, deren Rückkunft er abwartete, und es mochte auch sein, daß ihm das lange Ausbleiben der Jacht große Sorge bereitete.

So hielt er sich immer in seiner Felsenburg auf, suchte keine Gesellschaft und führte mit seinen drei Matrosen ein richtiges Junggesellendasein. Niemand wußte, was er eigentlich in seiner Behausung trieb.

Zehrte er immer noch an der Leiche der jungen Selbstmörderin? Viele meinten, daß es mit dieser eine ganz andere Bewandtnis habe, da hätte sich der Vampir vielleicht einmal in dem erspähten Opfer geirrt. Er war doch selbst so furchtbar entsetzt gewesen, und wo hatte er denn das Leichenhemd des jungen Mädchens herbekommen? Warum hatte er es angehabt? Weshalb hatte er es selbst nicht wieder ausziehen können, so daß es ihm abgerissen werden mußte? Was war damals überhaupt geschehen? Was hatte er an den Fürsten von Monaco berichtet?

Mit der Prinzeß schien man ihm damals doch Unrecht getan zu haben. Oder auch nicht! Wo war die denn die drei Tage gewesen? Sah das nicht gerade so aus, als ob sie jetzt Buße tue für das, was sie gesündigt hatte? Wenn auch gesündigt wider ihren Willen! Sie war ganz einfach dem Vampir begegnet und und hatte zu ihrer Errettung aus seinen Klauen ein Gelübde getan.

Das heißt, so sprachen die Monacasgogner hin und her, welche nicht gerade auf einer sehr hohen Stufe der geistigen Aufklärung stehen. Das gebildete Publikum von Monte Carlo dachte über den Fall auch gebildeter. Aber jedenfalls war dies alles doch so interessant, daß Ostende und die anderen Sommerfrischen ganz vergessen wurden, und selbst Geschäftsleute noch blieben, deren Zeit hier schon längst abgelaufen war. Jeder Tag konnte ja die Lösung aller dieser geheimnisvollen Rätsel bringen, die Berichterstatter der großen Zeitungen waren jetzt doch sicherlich mit Volldampf dahinterher, wenn sie vorläufig auch noch nicht davon sprachen, sie wollten ein Resultat bringen, und das mußte man denn hier an Ort und Stelle abwarten.

Nun kam noch der Mitternachtsspuk auf der Teufelsinsel hinzu! Würde er sich heute Nacht wiederholen? Alles war auf den Beinen.

Richtig, punkt zwölf tauchte dort drüben ein Lichtchen auf und begann auf der Insel hin und her zu schweben!

Unter den Fremden gab es natürlich genug, auch Damen, welche einem Gespenst sofort auf den Leib gegangen wären, wenn sie nur einmal eins zu sehen bekommen hätten. Dagegen ganz allein eine Nacht an solch einem Ort wie dieser Selbstmörderinsel zuzubringen, dazu gehörte schon etwas anderes, da liegt etwas Geheimnisvolles im menschlichen Herzen, und wer darüber spottet, der beweist von vorneherein, daß er ein Renommist ist. Aber sich vor Gespenstern fürchten - Furcht vor ihnen haben! - das ist wiederum etwas ganz anderes. Ein >Ausreißen< gibt es eben nicht - wenigstens nicht bei dem Menschen, welcher sich wirklich als Mensch und als Herrn der Erde fühlt.

»Da macht sich jemand einen Witz.«

»Ich fahre hin. Wer kommt mit?«

Lord Rogers Boot war zuerst klar, obgleich es von seiner Jacht aus noch mit Fackeln und anderen Leuchtkörpern ausgerüstet wurde. Er hatte sich in einer >besseren< Gesellschaft von Herren und Damen befunden, sie alle gingen in das große Boot mit vier Ruderern, niemand schloß sich aus, und andere Bootsführer wurden von verschiedenen Seiten angetrieben, sich zu beeilen. Diese Boote lagen alle in der eigentlichen Bucht von Monaco, auf der anderen Seite hob Graf Cigalgi nur die Fahrzeuge von wohlhabenden oder doch sportliebenden Bürgern auf, und von diesen hatte kein einziger Lust, das tanzende Licht näher zu untersuchen.

So mußte von hier aus erst der weit vorspringende Felsen von Monaco umrundet werden, und zwanzig Minuten waren doch vergangen, ehe Lord Rogers Boot die Teufelsinsel in Sicht bekam.

Die See war spiegelglatt, der Himmel bewölkt, nur ab und zu erhellte das letzte Viertel des Mondes die stille Nacht, so still, daß man trotz der weiten Entfernung das Murmeln der am Strande versammelten Menge hören konnte - und dort auf der Insel huschte das Lichtchen herum!

»Ich halte auf die Seeseite der Insel zu,« flüsterte Lord Roger, welcher am Steuer saß. »Nach dem Lande kann kein Boot entkommen, ohne gesehen zu werden, und wir beobachten die Seeseite.«

»Sie denken, es ist jemand mit einem Boot auf der Insel gelandet?«

»Ja, irgendein Mensch muß doch darauf sein, die Laterne, oder was es sonst ist, geht doch da nicht allein spazieren, und wie soll er denn sonst hinübergekommen sein, wenn nicht in einem Boote?«

»Er ist hinübergeschwommen.«

»Au,« sagte ein Herr, der die Hand ins Wasser getaucht hatte, »das ist verflucht kalt - pardon, meine Damen!«

»Mister Arnold badet den ganzen Winter hindurch.«

»Das tue ich auch.«

»Sie, Mr. Janken?« wurde besonders von den Damen spöttisch gelacht. »Sie wären gerade der rechte!«

»Ich meine natürlich in der geheizten Badewanne.«

So flogen die Scherzreden hin und her. Man sieht also, von Gespensterfurcht wurde diese Gesellschaft nicht geplagt, und das war auch kein Galgenhumor, mit dem sie einander Mut machen wollten, sondern grundechter.

»Ja, was mag das aber nur sein?« hieß es dann wieder.

»Wir werden dieses >Das< schon fassen,« versicherte Lord Roger.

»Weg ist es wieder - und jetzt scheint das Lichtchen für immer verschwunden zu sein.«

Das Boot war noch hundert Meter von der Insel entfernt; in einer halben Minute mußte es diese Strecke durcheilt haben.

Es war gerade wieder finster geworden und von dem flackernden Lichtchen schon seit einiger Zeit nichts mehr zu sehen.

Der steuernde Lord Roger bat die Gesellschaft um Ruhe, die Riemen arbeiteten geräuschlos in den Gabeln, nur am Bug plätscherte das Wasser etwas. Noch immer war das Murmeln der Menge ganz deutlich zu vernehmen. Und mit einem Male verwandelte sich dieses unbestimmte Murren in deutliche Worte:

»Da - da - eine weiße Gestalt! - das ist sie! - Jesus, Maria und Joseph, dort steht sie wirklich!«

So erscholl es vom Ufer her. Aber vom Boot aus war nichts Auffallendes zu bemerken, es näherte sich ja auch der Insel von der Seeseite.

»Wo - wo?« erklang es aufgeregt im Boot.

Da plötzlich zerriß die Wolkenhülle, der Mond übergoß mit schwachem Licht die Insel, und in diesem sah man auf einem Felsenvorsprung eine weiße Gestalt stehen, die Arme ausgebreitet - sie bewegte dieselben, schien abwehrende Zeichen zu machen, und gleichzeitig hörte man klagende Töne.

Dieser unvermutete Anblick bewirkte, daß allen der Herzschlag stockte.

Doch kaum drei Sekunden hatte man den Anblick der weißen Gestalt, da erscholl ein furchtbarer Donnerschlag, und verschwunden war die Erscheinung.

»Was war das?« hauchten Lippen, welche vor Erregung bleich geworden waren.

Die Matrosen hatten die Ruder aus dem Wasser genommen, aber das Boot befand sich noch in voller Fahrt. Lord Roger, der Einzige, der keinen Augenblick die Besinnung verlor, hatte sich aufgerichtet, und es war ein Bravourstückchen der Geistesgegenwart, welches er im nächsten Augenblick ausführte. Die Felsenwände gaben noch das Echo des rätselhaften Donnerschlags wider, der das Verschwinden der weißen Gestalt begleitet hatte, als der Hand des Lords ein Feuerstrahl entfuhr, er zeichnete in der Luft einen glühenden Streifen, das Ende blieb in der Höhe stehen, ein schwacher Knall - und ein blendend weißer Lichtregen übergoß die kleine Insel mit Tageshelle.

Es war eine Magnesiumrakete gewesen, aber Zweck hatte sie nicht gehabt. Man sah ganz deutlich jeden Baum auf der Insel, nur die weiße Gestalt nicht mehr, und sie hatte hoch auf einer nackten Klippe gestanden, und selbst wenn sie schnell zurück zwischen die Büsche gesprungen wäre, man hätte sie doch sehen müssen, so schnell war der Lord mit seiner Rakete zur Hand gewesen.

Wenn man nicht an ein Gespenst glauben wollte, das sich unsichtbar machen konnte, so hatte sich die Gestalt geradezu ins Meer stürzen müssen.

»Nichts,« sagte Lord Roger phlegmatisch, sich wieder setzend. »Aber, meine Herschaften, deswegen brauchen Sie noch immer nicht an Geistererscheinungen zu glauben, dort in der See ist ein rotes und ein grünes Licht, das ist ein Dampfer, er will in den Hafen von Monaco, hat einen Kanonenschuß gelöst - und gleichzeitig trat der Mond hinter eine Wolke - deshalb sahen wir den Geist plötzlich verschwinden - und meine Rakete kam eben doch noch etwas zu spät. Da ist gar nichts Unerklärliches dabei.«

Er hatte Recht. Dort fuhr wirklich ein Dampfer, jetzt nahm man auch den Pulvergeruch wahr. Nur das Zusammentrffen aller dieser Ereignisse war merkwürdig - schließlich eben ein Zufall.

Ja, was für eine Bewandtnis aber hatte es nun mit der weißen Gestalt?

»Es war ein Weib!«

»Jawohl, und sie hatte blonde Haare, ich konnte es deutlich erkennen.«

»Das sah gerade aus, als ob sie ein weißes langen Hemd anhabe.«

»Gewiß, es war ein Leichenhemd.»

»Na, es kann auch ein Nachthemd gewesen sein.«

»Und sie wimmerte und stöhnte.«

»Das waren gar keine menschenähnlichen Töne.«

So flüsterte es durcheinander, bis das Boot an der Insel landete.

Bei dieser glatten See konnte es überall anlegen, und unter den Aussteigenden war wohl keiner, der nicht eine kleine Gänsehaut hatte und immer ängstlich darauf wartete, daß plötzlich irgend etwas Weißes auftauchte, obgleich Lord Roger durch Fackeln modernster Konstruktion sofort ein tageshelles Licht verbreiten ließ. Gleich darauf kamen in Zwischenpausen noch mehr Boote, deren Insassen ebenfalls die weiße Frau gesehen hatten, eine geschlossene Bootsflotille brachte auch viele Uniformen.

»Die ganze Armee von Monaco ist mobil gemacht worden, zwölf Soldaten und vierundzwanzig Generale,« konnte der Herr doch noch scherzen.

Es sind zwar etwas mehr Soldaten und etwas weniger Offiziere, aber die Gesamtsumme stimmt, das ist die Armee von Monaco - ach so, noch eine große Musikkapelle kommt hinzu - und das beste ist, daß diese Krieger immer über sich selbst schlechte Witze machen!

»Wenn es mal zum Völkerkrieg kommt, wenn wir uns da einmischen! Ihr denkt wohl, wir können mit unseren Gewehren nicht schießen? Oho! Wenn wir nur Patronen hätten, wir wollten schon schießen ...«

Endlich bekamen die fetten Zierpuppen einmal etwas zu tun. Auch die hatten Beleuchtungskörper mitgebracht, sollten die Insel absuchen und bis auf weiteres Wache stehen, bis sich der mysteriöse Fall aufgeklärt hatte.

Wie man aber auch suchte, es wurde nichts gefunden, diesmal auch nicht der Abdruck eines nackten Fußes im weichen Boden.

Der Mensch braucht nun einmal für alles eine Erklärung.

Mochten sich nun auch hier auf der Insel Leute befinden, welche die natürliche Erklärung der Erscheinung in der Annahme von etwas Übernatürlichem sehen - (das ist wohl ganz richtig ausgedrückt) - so wagten sie als gebildete oder doch als gebildet gelten wollende Menschen in Gegenwart von anderen dieses doch nicht auszusprechen, sie stimmten der Ansicht jener >Aufgeklärten< bei.

Danach mußte die junge Selbstmörderin doch nur scheintot gewesen sein; es war sehr die Frage, ob sie überhaupt Blausäure genommen hatte, es konnte auch nur von dem Inhalt des Giftfläschchens sich etwas über ihr Kleid gegossen haben, wodurch sie so charakteristisch gerochen hatte, und der vermeintliche Tod war nur eine vorübergehende Herzlähmung gewesen, hervorgerufen durch den Schrecken beim Anblick des vom Stuhle gestürzten Vaters - wie dem auch sei, jedenfalls war sie auf der Insel wieder zu sich gekommen, hielt sich jetzt dort auf, verbarg sich aber vor den Menschen.

Freilich, wo sie sich verborgen hielt, daß sie nicht zu finden war, und wie sie sich ernährte, das war vorläufig noch ein unergründliches Rätsel. Aber es war doch wenigstens eine Erklärung auf natürliche Weise.

Außerdem mußte man mit Sicherheit annehmen, daß es eine Wahnsinnige war, die sich vor den Menschen versteckte. Das konnte man schon aus den Tönen vernehmen, wie sie auch abwehrende Bewegungen gemacht hatte, man solle sich ihr nicht nähern. Der Schreck, das Erwachen im Leichenhemd neben dem Vater, hatte eben ihren Verstand umnachtet, und gerade Wahnsinnige zeigen in gewissen Fällen eine außerordentliche Schlauheit, und zwar ganz besonders, wenn sie sich verbergen wollen.

»Ich bitte die Herren,« ließ sich da ein junger Herr von der Monaco-Armee vernehmen. »Die Gestalt hat doch ein Leichenhemd angehabt.«

»Jawohl, es war ein Leichenhemd!« wurde ihm sofort beigestimmt.

»Nun, jenes Leichenhemd hat aber damals bei der geheimnisvollen Affäre der maskierte Kapitän über seinem Anzug getragen, und dieses Leichenhemd liegt jetzt auf dem Polizeiamt unter Siegel und Riegel, und es ist dasselbe Leichenhemd, welches das Hospital für die Selbstmörderin geliefert hat, daran kann kein Zweifel aufkommen, es ist gestempelt und mit laufender Nummer versehen. - Bitte, wie ist nun dies zu erklären?«

»Es braucht ja kein Leichenhemd gewesen zu sein, was wir gesehen haben, es war eben ein anderes langes, weißes Hemd oder Gewand,« wurde dem Frager jetzt von anderer Seite geantwortet.

»Woher soll sie dieses andere Hemd oder Gewand bekommen haben?«

»Na, einfach aus der Garderobe des Totengräbers, der hat doch all seine Sachen auf der Insel im Turm zurückgelassen.«

»Bitte,« nahm der junge Offizier wiederum ebenso höflich wie bestimmt das Wort, »ich gehe jede Wette mit ein, daß der alte Totengräber unter seinen Lumpen kein solches langes, weißes Gewand gehabt hat. Wir brauchen den Mann deswegen ja nur zu fragen.«

»Dann hat sie es eben woanders her,« wurde dem Zweifler jetzt ungeduldig entgegnet. »Oder Sie glauben doch nicht etwa, daß es wirklich ihr Geist gewesen ist, bekleidet mit einem Astralhemd?«

»Nein - das glaube ich nicht - ich dachte nur, die Herren wüßten hierfür eine Erklärung, die ich nicht finden kann.«

Der junge Offizier war jedenfalls der gescheiteste von allen und hatte, mochte er nun glauben, was er wollte, mit seinem Spott, der bei aller Höflichkeit durchklang, durchaus Recht.

Wenn der Mensch etwas scheinbar Übernatürliches auf natürliche Weise erklären will, was geradezu zu einer Sucht ausarten kann, so kommt er in seinem Eifer oftmals auf Sachen, die erst recht >übernatürlich< sind, da wäre es gewöhnlich viel einfacher, gleich an ein Wunder zu glauben. Der hier vorliegende Fall war noch ein ganz harmloser. Aber zum Beispiel die Gegner des Spiritismus, die haben sich manchmal >eklig verrasselt<. Denn ehe man die Behauptungen glaubt, die sie aufstellen, um die Phänomene auf natürliche Weise zu erklären, da glaubt man doch lieber ganz einfach an Gespenster.

Außer den Soldaten blieben heute Nacht noch andere Personen als freiwillige Wache zurück, sogar Damen, welche ein grausiges Gefühl genießen wollten, auch wenn sie nicht an Geister glaubten. Die meisten der tapferen Krieger der einheimischen Armee dachten allerdings ebenso wie ihre am Strand versammelten Brüder und Schwestern von Monaco.

Diese wollten von einer lebendigen Wahnsinnigen nichts wissen. Für sie war das sehr klar, diese Leute brauchten sich deshalb auch nicht den Kopf zu zerbrechen, woher das weiße Gewand stammen könnte. Für sie spukte >ganz einfach< auf der Teufelsinsel die Seele der unbegrabenen Selbstmörderin, und daß sie spuken mußte, das hing wiederum >ganz einfach< mit dem geheimnisvollen Kapitän zusammen, der sich >ganz einfach< dem Teufel verschrieben hatte.

Die Leute am Strand hatten auch noch etwas anderes beobachtet, was denen auf der Insel zunächst entging, weil ihnen der Überblick fehlte, weshalb sie es erst nachträglich erfuhren.

Ja, in gewisser Beziehung war sogar das abergläubische Volk am Strand viel vorurteilsfreier als die Freidenker auf der Insel.

Man hatte auch von hier aus die weiße Gestalt auf dem Felsvorsprung stehen sehen, nicht so deutlich, wie es die in den Booten beobachten konnten, aber immer noch deutlich genug, um ein Weib mit hellblonden Haaren unterscheiden zu können.

Trotz der furchtbaren Erregung, die jeden befiel, hatten sich sofort einige, einer inneren Eingabe folgend, umgewandt. Von hier aus konnte man nämlich gerade in die Gaumates-Schlucht blicken, man sah auch die Mäander-Burg, welche oben mit einem kleinen Türmchen gekrönt war - und richtig, dort oben in diesem Türmchen erglühten abwechselnd farbige Lichter!

In demselben Augenblick, da man zur Erkenntnis kam, daß der geheimnisvolle Kapitän aus seiner neuen Wohnung mit dem Geisterlichte korrespondierte - denn was anders konnte es denn sein! - ertönte der Donnerschlag, welcher das Gespenst sofort zum Verschwinden brachte.

Diese kundigen Küstenbewohner aber hörten sofort den Kanonenschuß heraus, mit dem ein kommendes Schiff sich anmeldete, unwillkürlich schweiften die Augen über das Meer - richtig, da war das rote und das grüne Seitenlicht, sowie die Toplaterne eines Dampfers. Jetzt signalisierte dieser ebenfalls mit farbigen Feuern, und dort oben auf der Mäander-Burg in dem Turm, welchen Lord Roger extra wegen seiner Jacht als Signalstation eingerichtet hatte, ging das Farbenspiel weiter - also konnte es nur die endlich zurückkehrende Heliotrop sein - und das alles hing natürlich dort mit dem Inselgeist zusammen, es war ja alles fast auf ein und denselben Moment gefallen.

Von der Insel kamen schon wieder Personen zurück, welche nur erzählen konnten, daß dort drüben weder von einem Geist zu bemerken wäre, noch von einem lebendigen Menschen, der den Spuk inszeniert hätte, und so zog die vor Spannung zitternde Menge jetzt vor, schnell nach der anderen Bucht zu strömen, in welche die Heliotrop einlaufen mußte. Dabei konnte noch immer die Wohnung des Kapitäns im Auge behalten werden.

Die Motorjacht, welche elektrisch erleuchtet war, damals noch eine große Seltenheit, steuerte langsam in den Hafen ein, und noch ehe die Anker fielen, wurde ein kleines Motorboot ausgesetzt. Das alles konnte man im schwachen Mondlicht erkennen, nur nicht die Einzelheiten.

Auf dem Quai stand an der Anlegestelle, welche für die Boote der Heliotrop reserviert war, der x-beinige Matrose, er sollte also den Kapitän vertreten, und Wilm streckte denn auch seinen Bauch noch etwas weiter heraus als sonst.

Daß der Kapitän nicht selbst kam, das war freilich sehr auffällig; ja, das war nach Seemannsbegriffen sogar ... unanständig! So etwas gehört mit zu der sogenannten Schiffsroutine. Wenn ein Schiff nach vierzehntägiger Fahrt wieder in den Heimathafen zurückkehrt, so geht auch der stolzeste Reeder sogleich an Bord, schüttelt dem Kapitän die Hand, gratuliert ihm und dankt ihm, daß er ihm sein Schiff wieder zurückgebracht hat, das ist im Seewesen eine selbstverständliche Höflichkeit, und da entschuldigt kein Zipperlein und keine Hochzeit, der Kapitän ist kein Lokomotivführer, wie ein Schiff auch keine Lokomotive ist, deren Weg durch Schienen vorgeschrieben wird, und ein Jachtbesitzer hat ebenfalls diese Anstandspflicht oder er muß zum Empfang eine andere Person schicken, die ihn wirklich vertreten kann, aber doch nicht einen Matrosen, so wie eine große Aktien-Reederei zu diesem Zweck einen besonderen, hoch bezahlten Repräsentanten hält, welcher den zurückkommenden Kapitän begrüßen und ... mit ihm zechen muß.

Da nun der Kapitän der Heliotop nicht selbst kam, so mußte man geradezu annehmen, daß er sterbenskrank sei; denn in der Mäander-Burg befand er sich, sie wurde ja von den Neugierigen nicht aus den Augen gelassen, und was sich schickt, das wußte der ebenfalls, markierte er doch den Seemann in jeder Weise, hatte sich z. B. die blauen Anzüge alle nach Seemannschnitt fertigen lassen. War er aber nicht krank, dann ... hatte er eben etwas mit dem Teufel zu tun.

Das Motorboot kam heran. Außer einem Offizier und einigen Matrosen sah man darin am Boden einen langen, dunklen Gegenstand liegen.

Es landete. Der erste Offizier von der Heliotrop sprang an Land.

»Alles wohl an Bord! Der Kapitän wohnt jetzt dort, von wo aus uns zusignalisiert wurde, in den Hafen einzulaufen?«

»Zu Befehl!« entgegnete Wilm, eine militärische Haltung einnehmend, was bei seiner Figur freilich sehr possierlich aussah, ein >Hacken zusammen< gab es bei diesen X-Beinen natürlich nicht.

»Wo ist der Kapitän?« fuhr der erste Steuermann fort.

»Er ist krank.«

»Schlimm?«

»Weiß nicht. Er liegt im Bett. Jedenfalls kann er beim besten Willen nicht kommen, sonst wäre er doch hier, euch zu begrüßen. - Hm! Habt ihr es mit? Der Kapitän lauert nämlich darauf. Kann's gar nicht erwarten.«

»Wir haben es mit. Ist die Wohnung des Kapitäns weit von hier?«

»Gleich in der Nähe, drei Minuten!«

»Ladet aus,« wandte sich der Steuermann zurück, »aber vorsichtig!«

Vier Matrosen hoben den langen, mit einem schwarzen Tuche verhüllten Gegenstand aus dem Boot - ganz unverkennbar ein Sarg!

Durch die Reihen der Umstehenden ging ein Murmeln der schauerlichen Genugtuung.

Da hatte man es ja! Also daher kam es, daß in Monaco und Umgegend kein junges Mädchen mehr verschwand. Der Vampir bezog einfach seine Opfer, die er zur Erhaltung seiner künstlichen Jugend brauchte, von auswärts, seine Jacht mußte zu diesem Zweck weite Seereisen machen.

Wie so etwas nur erlaubt sein konnte! Wie nur, auch der Fürst von ... doch nein, was der tut, das ist wohl getan!

Es trat aber doch jemand auf, der solche Heimlichkeit nicht guthieß.

Ein Herr näherte sich der einstweilen an den Boden gesetzten Kiste, in deren Seiten die Matrosen eben Tragstangen einschoben. Das zeigte also, daß es kein leerer Sarg war, er war schwer zu heben, und was anderes als eine Leiche kann denn in einem Sarge sein?

»Wollen Sie diese Kiste an Land bringen?« fragte jener Herr.

»Gewiß,« entgegnete der Steuermann. »Sie ist ja schon an Land.«

»Ich meine, die Kiste soll im Fürstentum Monaco bleiben?«

»Jawohl, sie wird in die Wohnung des Kapitäns der Heliotrop gebracht, und dort wird sie auch bleiben. Sonst noch etwas gefällig?«

»Bitte, wollen Sie die Kiste öffnen!« erklang es jetzt kurz.

Der Steuermann blieb bei diesem Befehl ganz gelassen, er setzte jedoch den Fuß auf die Kiste, als wolle er verhindern, daß auch nur das schwarze Tuch gelüftet werden könnte.

»Wer sind Sie denn eigentlich?« fragte er ruhig, den fremden Herrn fixierend. »Mit welchem Recht stellen Sie Ihre Forderung?«

»Ich bin der Steuerinspektor von Monaco, und daß ich in Zivil bin, hat nichts zu sagen, ich befinde mich dennoch im Dienst.«

»Der Steuerinspektor von Monaco - so, so! Sie wissen doch, daß dem Kapitän der Heliotrop von Seiten der Behörden in jeder Weise entgegenzukommen ist.«

»Das gilt aber nicht für die Steuerbehörde. Öffenen Sie die Kiste oder bringen Sie dieselbe an Bord zurück. In das Fürstentum kommt sie nicht!«

»Oho, das wollen wir gleich sehen. Faßt die Kiste an, Jungens!«

»Hierher zu mir, Leute!« kommandierte hinwiederum der Beamte, und neben ihn traten ein halbes Dutzend Männer, die sich bisher im dunklen Hintergrund gehalten hatten, in der Uniform des Steueramts von Monaco.

Die umstehenden Bürger dieses Ländchens wurden plötzlich von einer fieberhaften Erregung befallen, welche einer Erklärung bedarf.

Es wird durchaus behauptet, das Fürstentum Monaco habe mit Frankreich zwar Zollanschluß, stehe aber sonst auch in dieser Beziehung vollkommen unter eigener Verwaltung. Dem äußeren Anschein nach ist das auch so, die Steuerbehörde von Monaco hat eigenes Siegel, eigene Uniformen usw. und untersteht dem Fürsten. Die Küste muß scharf bewacht werden, hauptsächlich wegen des Tabaks, der bekanntlich in Frankreich Monopol der Regierung und sehr hoch besteuert ist. Hier aber zeigte es sich einmal, daß sich eine Behörde von Monaco doch nicht an den Ukas des sonst allmächtigen Fürsten kehrte. Freilich, wenn diese Kiste vielleicht voll Tabak war, dann hätte dieser, einmal an Land, auch nach Frankreich unverzollt seinen Weg gefunden.

Dennoch, der Herr dieses Landes hatte seinen Beamten befohlen, seinem maskierten Schützling in jeder Weise zu gehorchen, hier widersetzte sich ein Beamter diesem Befehl. Die Sache wurde kritisch. Wer würde Sieger bleiben? Daher die fieberhafte Spannung der umstehenden Bürger, welche ihr Heiligstes, die Selbständigkeit ihres Landes, in Gefahr sahen.

»Hebt die Kiste auf, tragt sie mir nach!« befahl der Steuermann.

»Bemächtigt euch der Kiste!« kommandierte der Beamte.

Im nächsten Augenblick mußte es zum Zusammenstoß kommen. Schon wurden die Hände geballt, der eine Steuerbeamte lockerte sogar schon sein Seitengewehr in der Scheide.

»Was geht hier vor?« fragte da eine sonore Stimme, und scheu wich die Menge vor dem maskierten Manne zurück, der plötzlich aufgetaucht war.

Seine Krankheit konnte also doch nicht so schlimm sein - oder aber das brennende Verlangen, baldigst in den Besitz des Sarginhalts zu kommen, hatte ihn aus dem Bett getrieben. Vielleicht brauchte er ihn, um wieder gesund zu werden - natürlich, so war es, der Sarg enthielt die schauerliche Medizin.

»Steuermann, warum bringt Ihr die Kiste nicht nach meiner Wohnung?« wurde ungeduldig hinzugesetzt.

»Dieser Beamte hier läßt es nicht zu, ich soll die Kiste erst öffnen.«

»Was, öffnen?« fuhr der Kapitän empor.

»Jawohl, wenn diese Kiste an Land gebracht wird, muß sie erst geöffnet werden, daß ich ihren Inhalt untersuche,« entgegnete der Beamte energisch.

Der Kapitän wurde gleich wieder ganz ruhig, und war sogar sehr höflich, als er sich an jenen wandte.

»Es ist dem Herrn doch bekannt, daß ich für das Fürstentum Monaco ein Passepartout besitze, vom Fürsten selbst ausgestellt?«

»Das ist mir allerdings bekannt.«

»Dieser Passepartout, welcher mich im Fürstentum Monaco ohne Legitimation überall durchläßt - das drückt nämlich das Wort Passepartout aus - bezieht sich natürlich auch auf meine Leute und auf mein Gepäck.«

»Ich habe leider keine Anweisung erhalten, daß Ihr Gepäck keiner Zolluntersuchung bedarf,« entgegnete der Beamte.

»Es ist so, ich versichere es Ihnen.«

»Ich bedaure sehr, aber ich muß meiner Pflicht nachkommen.«

»Mein Gepäck ist auch nicht untersucht worden, als ich dieses Fürstentum zum ersten Mal betrat und mich im Hotel de Paris einlogierte.«

»Da war ich zufällig nicht anwesend, sonst wäre das geschehen.«

»Ich erkläre auf mein Ehrenwort, daß sich in dieser Kiste nichts Verzollbares befindet.«

»Ihr Wort in Ehren, Monsieur Kapitän, aber ich bin an meine Dienstvorschriften gebunden, bis ich davon entlastet bin. Was befindet sich denn in der Kiste?«

»Das geht Sie gar nichts an!« entgegnete der Kapitän jetzt schroff. »Morgen werden Sie erfahren, daß Sie kein Recht haben, mein Gepäck zu untersuchen.«

»Wohl, Monsieur Kapitän, so warten wir bis dahin!«

»So lange habe ich keine Geduld, ich brauche die Kiste sofort!«

»Es wird Ihnen trotzdem nichts anderes übrig bleiben, als zu warten.«

»So? Was wollen Sie denn dagegen tun, wenn ich die Kiste von meinen Matrosen dennoch in mein Haus bringen lassen?«

»Ich wüßte nicht, wie Sie das ohne meine Erlaubnis bewerkstelligen lassen wollten.«

»Nicht? Sehen Sie sich einmal diese sechs Burschen an, was die für Fäuste haben. Und ich habe noch drei Dutzend solcher Burschen an Bord.«

»Sie drohen?« fuhr jetzt der Steuerinspektor auf.

»Gerade wie Sie mir. Ich bin nur neugierig, was Sie in diesem Fall tun würden, und das Recht wäre schließlich doch auf meiner Seite.«

»Ich unterliege nur der Gewalt.«

»Schön: Wie ist Ihr Name, wenn ich fragen darf?«

»Steuerinspektor Laboli,« entgegnete der Gefragte.

»Sie werden morgen das Resultat Ihrer Weigerung erfahren.«

»Ich warte darauf.«

»Die Kiste wieder ins Boot, zurück an Bord!« befahl der Kapitän seinen Leuten, es geschah - und der Kapitän stieg selbst mit ins Boot.

Der Steuerbeamte hatte gesiegt - wenigstens vorläufig.

Der Kapitän aber konnte die Zeit nicht erwarten, mit der Leiche allein zu sein. Jetzt fraß er sie gleich an Bord, saugte ihr erst das Blut aus - oder er machte sie vorher wieder lebendig - oder trieb andere unheimliche Dinge mit ihr.



Die nächtliche Wache auf der Teufelsinsel hatte den mutigen Geisterbannern nichts weiter eingebracht als Schnupfen, Husten und Zahnschmerzen. Diejenigen, welche bis zuletzt gewartet hatten, ob nicht noch irgendetwas Weißes käme, sah man beim Morgengrauen müde und mit vom Tau derangierter, aufgeweichter Toilette nach ihrem Hotel zurückschleichen. Dann wurde auch die Armee zurückkommandiert, und wenn jetzt ein Krieg ausgebrochen wäre, so wäre das Vaterland verloren gewesen. Nicht einmal die vorsündflutlichen Kanonen oben in der Festung hätten zur Drohung abgeschossen werden können - die ganze Armee von Monaco lag nämlich im Bett und schwitzte bei Fliedertee.

Nein, wenn der Geist nicht kommen will, dann macht so etwas keinen Spaß! Jetzt hatten die furchtlosen Menschen zum Schaden auch noch den Spott. So bald würde niemand wieder auf das Lichtchen >huppen<, vorausgesetzt, daß es überhaupt wieder erschien.

Das heißt, so hieß es im allgemeinen:

»Laßt dieser Sache die nachforschen, deren Amt das ist, mir ist meine Gesundheit lieber, und die Aufklärung erfahre ich dann doch noch.« In der Stille aber wurden schon wieder Vorbereitungen getroffen, um dem Rätsel auf den Grund zu kommen. Das mußte ja auch geschehen. Die weiße Gestalt war gesehen worden, man hatte es ja auch nicht mit einem Gespenst, sondern mit einer jungen Dame zu tun, welche sich noch lebendig auf der Insel befand, jedenfalls in umnachtetem Geisteszustand, wodurch sogar zu erklären war, daß man ihr Versteck auf dem Inselchen nicht finden konnte. Denn ein Wahnsinniger hat manchmal schlaue Ideen, auf die ein normaler Mensch gar nicht kommt. Er ist auch zu manchem fähig, wovor ein Geistesgesunder zurückschaudern würde. Nur um einen Geisterspuk zu machen, deswegen legt sich niemand so leicht bei nächtlicher Weile auf dem Kirchhof in ein offenes Grab, in einen Sarg. Der Wahnsinnige dagegen hält das Grab für seine Wohnung. Er legt sich auf eine verweste Leiche und liebkost sie.

Lord Hannibal Roger machte wiederum den Anfang, diesmal jedoch in aller Heimlichkeit. Noch bevor er am Morgen sein Hotel aufsuchte, begab er sich unauffällig in die Wohnung des Polizeidirektors. Dieser war schon auf, weil er den Bericht der Beamten erwartete, welche mit bei der Expedition gewesen waren.

Jetzt konnte er die Erfolglosigkeit der Wacht und der Untersuchung gleich von dem Lord erfahren, und dieser machte den Polizeigewaltigen von Monaco Vorschläge, wie man am ehesten Licht in die dunkle Sache bringen könne. Vor allen Dingen mußte sofort das Betreten der Insel verboten werden. Das war ja überhaupt gar nicht erlaubt. Das Lichtchen hatte nur zu viele die Schranken überspringen lassen.

Zunächst wurde durch öffentliche Anschläge nachdrücklich auf dieses bestehende Verbot hingewiesen, Bootsverleiher, Bootsbesitzer und Jachtkapitäne bekamen mündlich oder schriftlich besondere Anweisung, sich der Insel auf eine große Distanz fernzuhalten, und denen, welchen man in Monaco Rücksicht schuldig ist, konnte man ja gleich sagen, wozu diese Anordnung? Die nächste Nachtwache auf der Teufelsinsel mußte in aller Heimlichkeit gehalten werden, und wenn außer den Beteiligten kein anderer Mensch etwas davon erfuhr, so war es desto besser. Lord Roger wollte selbstverständlich dabeisein, sonst hätte er diesen Vorschlag nicht erst gemacht.

Nun stand zu erwarten, daß trotz des Verbots auch andere die Teufelsinsel nochmals besuchen würden, um das Rätsel auf eigene Faust lösen zu wollen. Es gibt eben auch andersgeartete Menschen, Ausnahmen, die sich nicht vor kalten Füßen und Schnupfen fürchten, wenn ein interessantes Abenteuer in Aussicht steht, und zu ihnen gehörte Lord Hannibal Roger.

Dann hatte man vor allem mit der Energie der Zeitungsberichterstatter zu rechnen. Deshalb sei es besser, meinte der Lord, die Vertreter der größten Journale gleich direkt zu einem intimen Besuch auf der Teufelsinsel einzuladen, und wenn man herausbekäme, daß dieser oder jener ebenfalls mit einem solchen Beschluß umginge, den könnte man ja auch gleich ins Vertrauen ziehen, und die anderen wären dann mit leichter Mühe von der Polizei, die ebenfalls leichte Boote besaß, sogar ein kleines Dampffahrzeug, von einem heimlichen Betreten der Insel abzuhalten.

Der Direktor sah das Vernünftige dieses Vorschlags ein. Es mußte nämlich immer daran gedacht werden, daß es sich auch um einen Spaßvogel handeln könne, der einen Geisterspuk inszenierte, und eben deshalb durfte von der geplanten Expedition durchaus nichts an die Öffentlichkeit kommen.

»Es muß aber auch ein hiesiger Beamter zugegen sein, dessen Aussage nicht anzufechten ist,« meinte der Lord zuletzt, »und da halte ich es für das beste, wenn Sie gleich selbst mitkommen, Herr Direktor. Dann brauchen nicht erst andere Beamte ins Vertrauen gezogen werden, die vielleicht doch plaudern, und wenn es nur ihrer Frau gegenüber ist - das ist in den meisten Fällen schon genug, und bei Ihnen, Herr Direktor, ist eine solche Gefahr doch ganz ausgeschlossen,« setzte der Lord lächelnd noch hinzu.

Wohl oder über mußte der Polizeidirektor, welcher trotz seines martialischen Bartes nicht ganz gespensterfest war, in den sauren Apfel zu beißen, sogar mit zuvorkommendem Lächeln. Zum ersten Male in seinem Leben verwünschte er, ein Junggeselle zu sein. Aber eine Frau hätte ihm jetzt gar nichts genützt, und wenn er auch noch heute früh deswegen schnell geheiratet hätte, um nur nicht mit auf die Teufelsinsel gehen zu müssen.

Wenn Lord Hannibal Roger dies wünschte, so hatte der Polizeidirektor von Monaco ganz einfach zu gehorchen. Selbst die höchsten Beamten der Staatsverwaltung müssen ja ganz nach der Pfeife aller dieser Jachtbesitzer und Geldfürsten tanzen, welche jeden Winter in Monte Carlo zubringen, sie werden von der Bank gar zu jämmerlich bezahlt, diese rechnet ja direkt mit den Trinkgeldern, welche den Beamten vom untersten bis zum obersten zugesteckt werden, das ganze Fürstentum ist eben, soweit es unter der Besoldung der Spielbank steht, einfach eine Hotelwirtschaft.

Lord Roger entfernte sich, um noch einige Stunden zu schlafen.

Als er erwachte, war schon >Le Monte Carlo< erschienen, welcher die amtliche Bekanntmachung veröffentlichte, daß das Betreten der Ile de Castelle aufs strengste verboten sei, und daß auf 200 Meter, durch Ortsbestimmungen an der Küste und durch Bojen im Meere noch näher bestimmt, sich der Insel kein Fahrzeug nähern dürfe, und dieselbe Bekanntmachung prangte an allen Ecken und Palastsäulen des Fürstentums.

Man konnte hierüber denken, was man wollte. Das abergläubische Volk, dessen Stimme Gottes Stimme sein soll, hatte natürlich seine eigenen Gedanken, in denen es sich nicht irremachen ließ.

Schon mit Anbruch des Abends drängte sich alles wieder am Strande der westlichen Bucht zusammen.

Wenn es der Ordnung nach gehen sollte, durfte das Lichtchen erst um Mitternacht erscheinen, früher haben echte Geister überhaupt nichts in unserer sichtbaren Welt zu suchen, bis dahin waren es noch vier Stunden, aber man hatte sich auch über das, was sich heute mit dem maskierten Kapitän ereignet hatte, so viel zu erzählen, daß darüber schnell die Zeit verging.

»Da - da - da ist es wieder!« erklang es abermals um Mitternacht.

Dort auf der Insel taumelte und schwebte wieder das mysteriöse Lichtchen herum. Heute fuhren keine Boote hin, es war ja untersagt. Aber niemand - wenigstens niemand von den Leuten, die hier wartend auf dem nackten Strande standen - wußte, daß auf der Insel heimliche Beobachter verborgen lagen.



Es waren acht Personen, welche das gleiche Ziel zusammengeführt hatte, darunter auch eine Dame, die Berichterstatterin eines Pariser Frauenblattes.

Eine halbe Stunde westlich von Monaco entfernt liegt an der französischen Meeresküste das prachtvolle Eden-Hotel, umgeben von großen Gärten und Waldungen mit Kaskaden und Wasserstätten - ein sehr vornehmes Hotel für Erholungsreisende, eine Pension für Millionäre, und wenn dereinst, was doch noch einmal passiert, die Spielbank eingeht, alle die vielen Hotels in Monaco ruinierend - das Eden-Hotel wird hierdurch nur gewinnen.

Hier waren die Mitglieder der heimlichen Expedition unauffällig zusammengekommen, meist Journalisten. Warum sollten sich denn Journalisten nicht auch einmal vertragen können? Es war ein Journalistentag.

Das Hotel hat Boote aller Art zu vermieten, und bald wurde eine Segelpartie beschlossen. Man wollte draußen auf hoher See um die Wette segeln, vielleicht gab es auch einen Thunfisch zu harpunieren.

Gedacht, getan. Da war auch ein gedeckter Kutter vorhanden, dessen Beiboot allein schon für die acht Menschen genügt hätte, aber es sollte keine einfache Spazierfahrt sein, hier an der Riviera muß eben immer gespielt werden - heute wollte man einmal >Matrosen< spielen.

Der junge Lord Hannibal hatte sich selbst auf seiner Jacht zu einem tüchtigen Kapitän ausgebildet. Er nahm die eleganten Matrosen unter seine Fuchtel und fing gleich auf eine haarsträubende Weise zu wettern und zu fluchen an, denn das gehörte mit zum Spiel. Alles tat mit, auch die junge Journalistin als >Schiffsmädchen<, und so ging es unter Scherzen und Lachen hinaus, bei dem flauen Winde freilich im Schneckengang.

Draußen auf hoher See, als die Küste nur noch als ein Nebelstreifen zu erkennen war, wurde das Schiff von Piraten gekapert.

Da saßen in einem Boot sechs Männer, die sich aus Leidenschaft zum Angelsport so weit hinausgewagt hatten, sie ließen sich in der Nußschale schaukeln und angelten harmlos, als sie mit einem Male zu den Rudern griffen und auf den Kutter losschossen. Wie die Katzen erklommen sie die Bordwand. Unglücklicherweise hing auch noch ein Tau herab, ein anderes Schiff war nicht in Sicht, die Zeitungsmatrosen samt ihrem Kapitän ergaben sich ohne jeden Widerstand - nur schnauzte Lord Roger den einen Seeräuber, welcher der Anführer zu sein schien, grimmig an, warum er und seine verwegene Bande weiße Hemden anstatt blaue angezogen habe.

Es waren nämlich Matrosen von seiner eigenen Jacht, die er unauffälig hier harausbestellt hatte. Denn zu dem Landungsmanöver am Abend gehörten kundige Seeleute, und es war überhaupt sehr die Frage, ob die Herren jemals wieder die Küste erreicht hätten.

Bei diesem Winde wurde es auch unter geschickter Führung der Segel Abend, ehe man das Ufer wieder richtig erkennen konnte, und dann brach die mondlose, finstere Nacht an, ohne daß auf dem Kutter Lichter ausgesteckt wurden.

Es war zehn Uhr geworden, ehe das von Matrosen geruderte Beiboot die acht Personen an der Seeseite der Insel absetzte. Alles ging fast ohne Geräusch vor sich. Die Matrosen begaben sich nach dem Kutter zurück und dirigierten ihn wieder nach dem Eden-Hotel. Ehe sie dort eintrafen, war Mitternacht vorbei, dann mußte der Geisterspuk sich hier schon entschieden haben, dann konnte das Publikum alles erfahren, und wenn man sich inzwischen im Hotel über das lange Ausbleiben der Seefahrer gewundert hatte, so schadete das nichts.

Wir bleiben bei den acht Personen auf der Teufelsinsel.

Die Instruktionen waren für alle vorherzusehenden Fälle erteilt worden. Geschossen und gestochen durfte natürlich unter keinen Umständen werden, sonst konnte man eine Wahnsinnige töten, und >lebendig< wollte man das Gespenst fangen. Eigentlich wäre es besser gewesen, wenn sich die Herren auf der Insel verteilt hätten, aber die meisten wußten allerhand Gründe anzuführen, ohne sich eine Blöße wegen Geisterfurcht zu geben, daß ein Zusammenbleiben doch viel vorteilhafter sei, und so geschah es denn auch.

In der Nähe des Turmes unter einem Gebüsche lagen alle auf einem Haufen - oder doch alle dicht nebeneinander, der Polizeidirektor in der Mitte. Es durfte nicht geraucht, nicht gesprochen werden, höchstens, wenn es unumgänglich nötig war, im allerleisesten Ton geflüstert.

So verging in dem taunassen Grase eine Stunde, dann noch einige Minuten, die Schiffsglocken verkündeten die Mitternachtsstunde, und - da ging der Spuk auch schon los!

»Da - da - hören Sie es?« flüsterte der Polizeidirektor lauter, als nach der Verabredung erlaubt war.

»Machen Sie's Maul zu!« hauchte irgendein grober Patron, der angesichts der kommenden Ereignisse keine Rücksucht kannte.

Erst erscholl ein Quietschen, dann ein leises Winseln, dann folgten anhaltende Seufzertöne nach. Woher sie kamen, das konnte nicht beurteilt werden. Jedenfalls aber mußte es in der größten Nähe sein.

Vielleicht zehn Minuten währten diese unheimlichen Klagelaute, dann endeten sie mit einem Röcheln und waren verstummt.

»Das ist das Lichtchen!« hieß es jetzt.

In einiger Entfernung zwischen den Bäumen war es aufgetaucht, und dort blieb es, wenn es auch hin- und herschwebte, bald dicht am Boden, bald etwa in Haupteshöhe, es strich auch über die ganze Insel hinweg, nur in die Nähe des Turmes kam es nicht. Über den Ursprung des Lichts konnte man sich nicht klar werden. Eine Laterne oder ein Kerzenlicht war es keinesfalls. Es war eine weißgelbe Flamme, unten breit, aber abgerundet, und oben spitz zulaufend, etwa so groß wie eine Hand, man wurde an ein Irrlicht erinnert, denn unruhig wie ein solches hüpfte es flackernd herum, und es konnte ja auch wirklich aus Gasen entstanden sein.

»Da ist sie!«

Jetzt begannen die Nerven vor Aufregung zu zittern.

Wieder hoben die klagenden Laute an, und unter diesen Tönen erschien zwischen den Bäumen eine weiße Gestalt, und so stockfinster die Nacht auch war, so konnte man doch deutlich die weibliche Statur unterscheiden.

Sie schwebte direkt auf den Platz zu, wo die Beobachter versteckt lagen, und mit ihr kam auch das Stöhnen und Seufzen näher.

Jetzt trat sie zwischen den Bäumen hervor, blieb stehen, vielleicht zwanzig Schritte von dem Versteck entfernt, breitete lamgsam die Arme aus. Das Stöhnen, aus ihrem Munde kommend, ward noch schauerlicher, und dann geschah etwas, was sich die Beobachter nicht erklären konnten, wenn sie auch ihre Kaltblütigkeit vollkommen behalten hätten.

Es war eine menschliche Gestalt mit Gliedmaßen zu erkennen, weiter aber auch nichts, dazu war die Nacht zu finster, und daß es ein Weib sei, konnte man auch nur aus den sanften Rundungen der ganzen Erscheinung beurteilen.

Plötzlich jedoch machte die Gestalt eine Bewegung, als ob sie sich umdrehen wolle, und mit einem Mal sah man nach und nach in dem weißen Gesicht Züge zum Vorschein kommen, immer deutlicher wurden sie, man glaubte, eine Nase, einen Mund entstehen zu sehen, auf jeden Fall waren ganz deutlich zwei Augen vorhanden, welche ausdruckslos ins Leere stierten - und so stand sie da und machte mit den Armen winkende Bewegungen, als solle man ihr folgen, es konnte aber auch ein Abwehren sein, dabei immer winkend und stöhnend.

»Jetzt!!«

Lord Roger war es, der es gezischt hatte, und nach der Verabredung schnellten alle anderen hoch und stürzten auf die weiße Gestalt zu.

Sie glaubten, sie zu haben, aber sie griffen ins Leere, die Gestalt war plötzlich verschwunden, wie eben nur ein Geist verschwinden kann.

Jetzt sollte dem Plane nach eine Rakete helles Licht verbreiten, aber sie kam nicht, sie hatte in der Hand des Lords versagt.

Erst nach einer Viertelminute flammte ein weißes Feuer auf, Tageshelligkeit verbreitend. Lord Roger hatte einen kleinen Apparat mit Magnesiumlicht in Tätigkeit gesetzt - doch von der Gestalt war nichts mehr zu erblicken.

Unterdessen versicherten die Herren einander, ganz der Situation entsprechend, daß sie den Geist >beinahe< gehabt hätten, und wie er so plötzlich verschwunden sein könne, das war ganz unbegreiflich.

Nämlich so gleich zwischen die Büsche hineinzuspringen, dazu hatte niemand Lust gehabt, und das wäre auch sehr gefährlich gewesen, man hätte sich an einem Baume den Kopf einrennen können.

»Aber Mr. Dixon muß die Gestalt doch schon in seinen Händen gehabt haben, das sah ich ganz deutlich.«

»Ich auch. Mr.Dixon, Sie hatten das Frauenzimmer doch schon mit Ihren Armen umschlungen, warum haben Sie denn - zum Henker, Dixon, wo sind Sie denn nur eigentlich?«

Mr. Dixon, der Champion-Berichterstatter von 78 englischen und amerikanischen Zeitungen, darunter die >Daily Mail<, derselbe, welcher damals dem Monsieur Girard den höchsten Preis für die Wiedergabe des Interviews gegeben hatte, antwortete nicht.

Da stieß die Französin einen leisen Schrei aus.

»Wer liegt denn hier am Boden?«

Lord Roger kam mit der Laterne. Am Boden, gerade dort, wo man die weiße Gestalt stehen gesehen hatte, lag zu den Füßen der Journalistin ein großer, stark gebauter Mann, eben der vermißte Mr. Dixon, und er lag so unbequem, so auffallend da, daß von vorneherein gleich alle von einem furchtbaren Schrecken befallen wurden.

»Mr. Dixon, um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen los? Stehen Sie doch auf! Machen Sie uns keine Witze vor!«

Aber der Mann antwortete nicht, rührte sich nicht, blieb in seiner verdrehten Stellung liegen, und er machte keine Witze.

Einer rüttelte ihn, hob seine Hand - schlaff fiel diese wieder zurück.

»Tot!!!«

Den größten Eindruck schien dieses Wort auf Lord Roger zu machen.

»Unsinn!!« schrie er mit heiserer Stimme. »Wer glaubt denn hier an Gespenster!«

Er selbst wendete den am Boden Liegenden herum, und als das Magnesiumlicht in dessen Gesicht fiel, hätte der sonst so phlegmatische Lord vor Schreck bald die Laterne fallen lassen, er schien sie nicht mehr halten zu können, so zitterten plötzlich seine Hände.

Denn das war wirklich das Gesicht eines Toten, nicht das eines Ohnmächtigen - die Augen weit geöffnet, aber leblos, starr, und am Schrecklichsten war anzusehen, wie der Unterkiefer so weit herunterklappte.

Hier konnte von einer scherzhaften Verstellung nicht mehr die Rede sein. Jetzt sträubten sich allen denen, welche sich nicht vor Geistern fürchteten, noch nachträglich die Haare auf dem Kopf.

Lord Roger war also am allermeisten entsetzt gewesen, was allerdings einfach daher kommen konnte, daß er die schnellste Auffassungskraft besaß, und ebenso hatte er jetzt auch am schnellsten seine Besinnung wieder und damit auch die handelnde Tatkraft. Er riß dem Manne Rock, Weste und Hemd auf und legte ihm die Hand aufs Herz.

»Tot!« hauchte da auch er, und plötzlich warf er sich über den Regungslosen, riß ihm vollends alle hinderlicher Kleider vom Körper und begann wie ein Wahnsinniger ihn zu frottieren und zu massieren.

Die meisten der hier anwesenden Journalisten waren schon auf Schlachtfeldern gewesen, sogar die Berichterstatterin der Frauenzeitung, sie hatten auch sonst schon manches erlebt - diese englischen und amerikanischen Reporter müssen sich ja zur Befriedigung des sensationslüsternen Publikums oft genug in haarsträubende Abenteuer einlassen - hier handelte es sich jedoch um etwas anderes: es war der völlig unerwartete Ausgang der Spukgeschichte, welcher solches Entsetzen hervorrief.

Während der Lord fortgesetzt mit der größten Anstrengung den Toten rieb und knetete, berieten sich die anderen, was jetzt zu tun sei.

Gleich an Land rudern? Den Toten hier lassen und einen Arzt holen? Oder ihn lieber sofort mitnehmen? Sie alle hatten die Besinnung verloren. Der Polizeidirektor, welcher jetzt den besten Rat hätte erteilen können, war dessen nicht fähig. Der bärtige Mann war vor Angst ganz stupid.

»Nun geben Sie sich doch keine Mühe mehr, Mylord,« sagte jemand etwas gefühllos, »durch das Reiben wird Dixon auch nicht wieder lebendig.«

»Doch - doch - ich habe schon zwei vermeintlich Tote durch Massieren wieder ins Leben zurückgerufen,« keuchte der Lord, immer in seinem Kneten und Reiben fortfahrend, daß ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht lief - und plötzlich stieß er einen Freudenschrei aus.

»Er lebt! Ich verspüre einen leisen Herzschlag! Wahrhaftig, er lebt!«

Das Auge des Totgeglaubten wurde wieder lebendiger, die Kinnlade kehrte in ihre natürliche Lage zurück, über die Lippen zitterte ein leiser Seufzer.

Freilich, so weit, daß Dixon wieder aufstehen konnte, war er noch lange nicht. Erst jetzt, noch nachträglich, wurde der robuste Mann wirklich ohnmächtig, wobei die Herztätigkeit aber doch immer noch etwas bemerkbar ist, und nun unterzog sich einer der Herren nach dem anderen mit Eifer dem Kneten und Massieren, was so gute Wirkung gezeigt hatte.

Nach und nach erholte sich Dixon wieder, bis er wenigstens als Lebendiger nach dem Boote getragen werden konnte, gehen konnte er noch nicht, und als man das Land erreicht hatte, vermochte er zwar wieder aufrecht zu gehen, mußte aber noch immer kräftig gestützt werden. Gefragt wurde er noch nicht. Der sonst so kaltblütige Mann war ganz und gar verstört und konnte auch nur lallen.

Der Strand war noch mit Menschen belebt, man staunte, als man von der Teufelsinsel ein Boot kommen sah, man kannte die meisten der Insassen, man sah den zusammengebrochenen Mann, wie er in eine Droschke gepackt wurde, man sah auch die verstörten Gesichter der anderen, wie sie miteinander flüsterten - und nun war ja alles klar! Die hatten auf der Teufelsinsel das Gespenst nicht gesehen, sondern auch im Bösen etwas mit ihm zu tun bekommen, ihr Frevelmut hatte sich gerächt, und auf welche Weise, das würde man schon noch zu sehen bekommen. Unter so vielen kann auf die Dauer kein Geheimnis bewahrt werden.



Mr. Dixon erholte sich noch am selben Tage vollständig wieder, auch seelisch, aber er war dennoch ein ganz anderer geworden, und auch, als er wieder sprechen konnte, war er doch kaum dazu zu bringen.

»Ja, ich hatte etwas in der Hand. Was, weiß ich nicht. In demselben Augenblick bekam ich einen Stich durch den Kopf, ein Feuerstrom schoß mir aus den Augen, einen Schmerz empfand ich gerade nicht, aber - ich war plötzlich tot - und dabei lebte ich. Es war wie ein Starrkrampf - nein, es war noch etwas anderes! Ich war nicht etwa bewußtlos. Während Sie sich mit mir beschäftigten, hörte ich jedes Wort, ich wußte, daß mein Unterkiefer heruntergeklappt war, ich machte die furchtbarsten Anstrengungen, zu schreien, mich nur einmal zu bewegen - es ging nicht - ich konnte nicht - du bist tot, jetzt wirst du begraben - es war ... adieu, meine Herren, ich reise ab!«

Der sonst so phlegmatische und wegen seiner Couragiertheit bekannte Engländer wischte sich in Gegenwart der anderen noch einmal den kalten Angstschweiß von der Stirn und reiste Hals über Kopf ab.

Es kam in die Öffentlichkeit. Da hatte man es ja! Ganz genau derselbe Fall wie mit dem namenlosen Kapitän! Und wären die Freunde nicht bei ihm gewesen, dann hätte auch Dixon bis zum anderen Morgen so liegen müssen, bis ihn eine warme Hand wieder vom Scheintod erweckte. Bis dahin aber hätte ihn jener Spukgeist in seiner Gewalt gehabt, und Gott und der Teufel wußte, was der Geist der Selbstmörderin bis dahin alles mit ihm aufgestellt hätte - und der Kapitän wußte es auch, der hatte es in jener Nacht durchgemacht, und eben deshalb sprach er auch darüber. -

So sagten die Monacascogner und die Geistergläubigen. Jetzt wurden aber auch alle anderen nachdenklich, und das mit Recht.

Es gab ja Hunderte und Aberhunderte, welche nicht daran glaubten, weder an seine Verjüngungskur noch an sein schauerliches Erlebnis auf der Teufelsinsel noch an sonst etwas. Der veralberte ja nur das leichtgläubige, sensationslüsterne Publikum. Interessant war es nur, zuzusehen, wie er das tat, deshalb blieb man immer noch hier, man wollte den Schluß der Komödie abwarten, einmal mußte doch die Erklärung kommen, wer eigentlich hinter der Maske steckte, und von wem das alles ausging. Das alles kostete ja ein Heidengeld. Solche Summen waren hier noch gar nicht ausgegeben worden.

Die Goldbarren im Wert von fünf Millionen Francs waren nämlich echt gewesen, und Lord Roger hatte zehn Millionen Francs auf der Bank von England richtig angewiesen erhalten! Für einen Scherz war das alles ja unerhört!

Nun aber kam der Fall mit dem englischen Journalisten dazwischen. Auch Mr. Dixon konnte nicht nur Spaß gemacht haben, etwa mit Einverständnis seiner Begleiter. Das hatte man dem Manne angesehen, seinen Freunden aber auch! Es waren verschiedene Ärzte bei ihm gewesen, und nicht nur solche von Monaco, und sie alle konnten etwas erzählen ... wie dem sonst so nervenstarken Manne zuerst immer noch manchmal der Kiefer willenlos heruntergeklappt war - wie er sich überhaupt benahm - da war von einer Simulation keine Rede gewesen - und die Französin, welche der Szene beigewohnt, hatte plötzlich Weinkrämpfe bekommen.

Ja, was sollte man von alledem denken?

Es konnte darüber jeder denken, wie er wollte - die Teufelsinsel wurde jedenfalls von keinem mehr betreten, denn jetzt hörte der Spaß auf, jetzt wurde es darauf lebensgefährlich.



Es war gesagt worden, daß das neugierige Publikum, welches am Strand vier Stunden warten mußte, ehe es das Wiedererscheinen des mysteriösen Lichtchens erhoffen durfte, für diese Zeit Stoff genug zum Plaudern hatte, nämlich über das, was heute wieder mit dem geheimnisvollen Kapitän passiert war.

Jeder auf sein Vaterland stolze Monacascogner senkte betrübt den Kopf und wagte eine Zeitlang keinem Franzosen mehr ins Auge zu blicken; denn der Sieg des Steuerinspektors war ein dauernder gewesen.

Man wußte nicht recht, an welche Behörde sich der maskierte Kapitän mit seiner Beschwerde gewendet hatte, daß sein Passepartout nicht respektiert worden wäre - aber beschwert hatte er sich und ... war abgewiesen worden.

Mochten dabei auch noch so viele entschuldigende Worte gefallen sein - jedenfalls hatte er sich trotz seines Passepartouts fernerhin den Bestimmungen der Steuerinspektion von Monaco zu unterwerfen.

Das ist auch ganz selbstverständlich. Die braven Monacascogner hätten sich deswegen gar nicht zu schämen brauchen. Wenn zwei Länder Zollanschluß haben, dann hört in Zollangelegenheiten eben die Gemütlichkeit auf, und deswegen brauchte dieser Zollbeamte in monacascognischer Uniform noch lange nicht unter französischer Oberherrschaft zu stehen.

Wer aber noch immer nicht glauben wollte, daß der Wille des einfachen Beamten in diesem Falle über den des regierenden Fürsten ging, der konnte es heute morgen mit eigenen Augen erkennen.

Das Motorboot der Heliotrop setzte ein Dutzend Matrosen an Land. Jeder hatte einen großen schweren Zeugsack bei sich. Begleitet wurden sie vom ersten Steuermann, dessen Kleiderkiste von zwei Leuten an Land gehoben wurde.

»Was ist in diesem Sack?« fragte ein herzugekommener Steuerbeamter, nicht der Inspektor selbst, der war gar nicht anwesend.

»Meine Kleider, meine Wäsche und was ich sonst brauche,« entgegnete unwirsch der Matrose, welchem der betreffende Sack gehörte.

»Spirituosen, Tabak, sonst etwas Verzollbares?«

»Wir haben gar nichts Verzollbares bei uns,« erklärte der erste Offizier.

»Bitte öffnen Sie das Gepäck - alles!«

Und es geschah! Auch der erste Steuermann, also derselbe, welcher bei der Ausladung des Sarges so auf das Recht seines Kapitäns gepocht hatte, zog sofort den Schlüssel aus der Tasche und schloß seinen Schiffskoffer auf. Demnach also war es erwiesen: sie hatten eben dem Zollbeamten zu gehorchen.

Dieser griff nur einmal in den ersten Kleidersack, hob einige blaue Hemden empor, dann dankte er und malte ohne weitere Untersuchung mit Kreide das erlösende Kreuz auf den Sack.

Kujoniert wurde die Mannschaft wegen jenes gestrigen Vorfalls also nicht.

Die Matrosen schulterten die schweren Säcke, nahmen die große Kiste zwischen sich, marschierten unter der Führung des Offiziers nach der Gaumates-Schlucht und verschwanden in der Höhle, welche den seltsamen Eingang zur Mäander-Burg bildete.

Jetzt sollte diese belebter werden. Die Leute blieben doch jedenfalls darin wohnen, denn sie nahme ihre Kleider mit hinein. Auch hatte man schon erfahren, daß der Kapitän in Nizza Pferde zur Auswahl bestellt hatte.

Das Motorboot war leer nach der Jacht zurückgefahren. Die angewachsene Menschenmenge hoffte, daß jetzt wieder der Sarg an Land gebracht würde, woselbst sein Inhalt geprüft werden mußte.

Es war ja eigentlich wenig Aussicht dazu vorhanden. Der maskierte Vampir würde doch sein schauerliches Geheimnis nicht fremden Blicken preisgeben; wahrscheinlich war seine Tat doch auch strafbar, aber ... man hoffte eben. Und in einem der Säcke konnte die Leiche nicht gewesen sein, auch nicht in der Kiste, dazu war sie viel zu klein.

Doch man hoffte vergebens, der Sarg wurde nicht an Land gebracht.

Etwas anderes sollte kommen, etwas noch viel Überraschenderes.

Das Motorboot blieb an der Jacht liegen, dafür wurde ein kleineres Boot ausgesetzt, von hier aus winzig aussehend, denn die Jacht lag noch sehr weit draußen im Hafen - und unter den vier Männern, welche in das kleine Boot stiegen, wollte man auch den Kapitän erkennen.

Die Entfernung war also eine zu große, als daß man unterscheiden konnte, ob einer eine schwarze Maske vorhabe. Einige behaupteten es, andere bestritten es. Nun, man brauchte ja nur zu warten.

»Aber der eine ist so klein, das ist doch ein Junge,« hieß es.

»Das ist seine Ordonnanz, der Matrose mit der großen Brille.«

»Nein, der ist viel dicker und breitschultriger. Das dort ist ein Knabe.«

»Der hat doch ein ganz schwarzes Gesicht!«

»Dann ist's ein Negerjunge.«

»Er geht mit ins Boot. Da werden wir es ja gleich sehen.«

Das kleine, elegante Boot, ein sogenanntes Dingi, schoß wie ein Pfeil heran. Der eine der beiden rudernden Matrose war der dicke Wilm, das konnte man gleich von hinten sehen, und weder sein Schmerbauch noch seine X-Beine, noch seine Kurzsichtigkeit hinderten ihn, das Ruder zu führen, das war ein exakt geschulter Matrose.

Der maskierte Kapitän hatte das Steuer in der Hand. Wer aber war der Knabe, der ihm gegenübersaß? Wo kam der her? Natürlich von der Heliotrop, aber von wo sonst?

Man hatte nicht lange Zeit, erst Betrachtungen anzustellen und Fragen aufzuwerfen, das neue Wunder war schon in dichtester Nähe.

Einige Ruderkommandos - schneller und exakter hätten nicht die gedrilltesten Kriegsschiffmatrosen dieses Landungsmanöver ausführen können, bei dem es in solchem Falle auf Eleganz und Schnelligkeit ankommt - mit einem Ruck aus voller Fahrt lag das federleichte Dingi regunslos an der Landungstreppe; wie die Statuen saßen die beiden Matrosen mit hochgerichteten Riemen auf den Duchten, der Kapitän sprang ans Ufer und reichte die Hand zurück, um dem Knaben an Land zu helfen.

Ja, es war ein Knabe, vielleicht zwölf bis vierzehn Jahre alt, gekleidet in einen blauen, etwas zu reichlich verzierten Seemannsanzug, so ein Phantasiekostüm, es war ein strammer Junge ... und ebenfalls maskiert! Aber er trug nicht so wie der Kapitän nur eine einfache Maske, so geschlossen diese auch war, sondern der Knabe hatte gleich eine ganze Kappe aus schwarzem Wachstuch über dem Kopf, nur mit kleinen Öffnungen für die Augen und zum Atmen, und die Kappe schien am Halse sehr sorgfältig befestigt zu sein.

»Siehst du, Raoul,« hörte man den Kapitän sagen, als er den Knaben noch bei der Hand hielt, und es klang sehr zärtlich, »jetzt stehst du auf dem Boden von Monaco, und dort rechts, das ist das berühmte Monte Carlo. Nun, ich will dir schon noch alles zeigen. Jetzt sollst du nach der langen Seereise dich erst einmal in einem richtigen Bette ausruhen. Komm, mein Raoul!«

Der Knabe hatte sich neugierig umgeblickt, und dann schritt er neben dem Kapitän her, der Gaumates-Schlucht zu. Der kleine Mann machte sehr große Schritte, es fiel gleich auf, dabei schaukelte er den Körper so hin und her, wie es neugebackene Schiffsjungen immer tun, wenn sie den schon weitgefahrenen Seemann markieren wollen.

Aber mit einem Schiffsjungen hatte man es hier nicht zu tun, den Nächststehenden waren sofort die feinen, zarten Hände des Knaben aufgefallen.

Um nun das Geheimnis der ganzen Sache noch vollzumachen, ging hinter den beiden der dicke Matrose einher, aber nicht so unschuldig wie sonst, höchstens mit der Ordonnanztasche bewaffnet, sondern jetzt mit einem gewaltigen Entensäbel, und außerdem hingen noch an dem Gürtel, der sich um seinen Schmerbauch spannte, zwei mächtige Revolverfutturale, aus denen die Kolben hervorsahen, und es war ganz offenbar, daß sein bewaffneter Schutz nur dem maskierten Knaben galt.

Daß der Begleiter des Kapitäns in Monaco offen Waffen tragen durfte, mußte ihm wohl erlaubt sein, damit hatte die Steuerbehörde nichts zu tun, nur die Polizei, und die hatte ihre Willfährigkeit gegen den unbekannten Kapitän ja schon oft genug bewiesen.

Was hatte es nun wieder mit dem maskierten Knaben für eine Bewandtnis? Es hat keinen Zweck, alles mitanzuhören, was die Menge wieder hinausspekulierte.

Sie waren in die Mäander-Burg gegangen, und der kleine Raoul - ein französischer Vorname - kam so bald nicht wieder zum Vorschein.

Der Kapitän hatte ja gesagt, daß sich der Knabe erst wieder einmal in ein ordentliches Bett legen sollte. Der schlief jetzt also.

Dann kamen aus der Richtung von Nizza her zwei schöne Reitpferde, eine zweispännige Equipage und ein leichter Jagdwagen und wurden oben vor der Mäander-Burg im Boulevard du Nord von den Begleitleuten vorgeführt.

Ein Matrose eilte nach dem Hotel de Paris und kehrte schnellstens mit Lord Roger zurück. Es hieß ja, dieser sei beim Verkauf der Mäander-Burg vom Kapitän in das Geheimnis eingeweiht worden, das habe mit zum Preis gehört, und der junge, sportkundige Engländer war auch auf Bitten des Kapitäns in Nizza gewesen und hatte dort für diesen Pferde Pferde und Wagen ausgesucht und gekauft.

Warum der Kapitän nicht selbst die halbe Stunde nach Nizza gefahren war? O, das spekulierende Publikum war ja gar nicht so dumm!

Ganz einfach deshalb nicht, weil dort der erste Schutzmann den maskierten Mann mit nach der Wache genommen hätte, und da wäre es mit dem Incognito vorbei gewesen. Auf französischem Gebiet wurde der Paß des Fürsten von Monaco nicht mehr respektiert.

Vor der Mäander-Burg fand auf der Straße das übliche Hin- und Herführen der Pferde statt. Es hatten sich wieder genug Neugierige herbeigedrängt, auch Monsieur Girard, welcher mehr Berechtigung als andere zu haben glaubte.

»Monsieur Kapitän, wer ist dieser maskierte Knabe?« fragte er direkt.

Es war ein mehr erstaunter denn abweisender Blick, der den Aufdringlichen hinter der Maske hervor traf.

»Verschonen Sie mich jetzt mit allen Fragen,« entgegnete der Kapitän kurz, setzte aber für den Redakteur auch noch etwas sehr angenehm Klingendes hinzu: »Ich werde Sie nächstens bitten, zu mir zu kommen, und Ihnen alles ausführlich sagen. Aber nicht jetzt!«

Er wandte sich den Pferden zu.

Auch der Kapitän stieg einmal in den Sattel. Er konnte reiten, das sah man schon daraus, wie er die Zügel ordnete, aber so leicht kam er doch nicht in den Sattel, er hatte Mühe damit.

»Es ist schon lange her, daß ich kein Pferd mehr zwischen den Beinen gehabt habe,« sagte er beim Absteigen, »schon fast vierzig Jahre, und unterdessen hat sich mit Sattel und Zäumung manches geändert. Nun, daran werde ich mich bald wieder gewöhnt haben.«

Drei Matrosen, wenigstens Leute in Matrosenuniform - sie waren auch im Boot von der Heliotriop gekommen - brachten Pferde und Wagen in den oben befindlichen Stallungen unter.

Der Lord begab sich mit in das Innere seines ehemaligen Hauses; Monsieur Girard aber hatte vergebens gehofft, er erhielt keine Einladung.

Als dann der Lord wieder in der Gesellschaft erschien, wußte er auch nichts von dem maskierten Knaben zu erzählen.

»Gesehen habe ich ihn nicht, und da der Kapitän seiner mit keinem Wort erwähnte, habe ich auch nicht nach ihm gefragt. Ich bin doch kein neugieriges Weib. Ja, wer der Kapitän ist, das weiß ich, das mußte er mir sagen, denn dem ersten besten hätte ich meine Mäander-Burg nicht abgetreten.«

»Wer ist es denn nur?« wurde der Lord zum hundertsten Male gefragt.

»Ich darf es nicht sagen, denn darauf habe ich ihm mein Wort gegeben,« erwiderte der Gefragte ebenso zum hundertsten Male, und aus diesem jungen Engländer war nichts herauszubringen, das war ein Stockfisch erster Güte, das wußten am besten die Damen von Momte Carlo.

Ja, Tigerjagden, Luftballonfahrten und dergleichen - für so etwas hatte er noch Interesse, dann konnte er auch gesprächig werden - aber das ewig Weibliche hatte für den jungen Mann schon keinen Reiz mehr.

Heute war er doch einmal etwas mitteilsam, vielleicht daher, weil ihm der Kapitän ein ausgezeichnetes Glas Wein vorgesetzt hatte, es mochte ein etwas großes Glas gewesen sein.

»Es ist ein sehr bekannter Mann, eine weltbekannte Persönlichkeit - das heißt gewesen,« begann er von allein.

»Aus der Revolutionszeit?«

»Ich sage gar nichts, ich darf nicht,« fing es da schon wieder an.

»Haben Sie sein Gesicht gesehen?«

»Ja, auch die Maske mußte er lüften, ehe ich ihm mein Haus verkaufte.«

»Kannten Sie ihn?«

»Ja, sehr gut sogar, und ich war grenzenlos überrascht.«

»Oho!« wurde zweifelnd gerufen. »Dann ist es aber auch mit der Verjüngungskur nichts!«

»Wieso nicht?«

»Er will doch schon seit vierzig Jahren aus der Welt verschwunden sein.«

»Jawohl, das stimmt.«

»Und da wollen Sie ihn kennen?«

»Weltbekannte Männer kennt man doch von Bildern her.«

»Ach so!« erklang es jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen.

»War er noch jung?«

»Ja, jung und ... das wäre etwas für Sie, meine Damen.«

»Ein schöner Mann, nicht wahr?« kam es denn auch prompt und schnellstens von den geschminkten Lippen derselben.

Der Lord aber blieb die Antwort schuldig und wurde dennoch einmal außerordentlich gesprächig.

»Na, nun will ich Ihnen noch etwas sagen, dann aber nichts mehr. An die Verjüngungskur glaube ich nicht. Das heißt, so etwas geht gegen meinen gesunden Menschenverstand. Und trotzdem! Ich stehe eben vor einem unfaßbaren Rätsel. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als daran glauben zu müssen - zu müssen! Dieser junge Mann, den ich nach Abnehmen der Maske vor mir sah, sagte, er wäre jene Person, von welcher in den vierziger Jahren alle Welt gesprochen hat - alle Welt - von dem ich als Kind mit Heißhunger gelesen habe. Unsinn! Ja, da hat er mir aber Beweise gegeben, daß er's wirklich ist - Beweise, die man nicht fälschen kann - Beweise an seinem eigenen Leibe - und er ist's wahrhaftig! Adieu!«

So hatte Lord Roger gesprochen und sich schnell verabschiedet.

Nun konnte man raten, wer dieser geheimnisvolle Maskierte sei. Als Kind hatte der Lord mit Heißhunger von ihm gelesen? Durch diese Andeutung kam man der Lösung des Rätsels auch nicht näher.

»Und wer ist denn nun der maskierte Knabe, den seine Jacht jetzt mitgebracht hat?« hieß es dann weiter.

Man konnte nur beobachten, und man tat es. Allerdings hatte man dazu nicht viel Gelegenheit; denn wenn auch der Knabe jeden Tag im Freien gesehen wurde, so doch jedesmal nur für kurze Zeit, dann verschwand er wieder in der Mäander-Burg. Mitleidige Seelen sagten schon, daß der arme Junge ja viel zu wenig an die frische Luft käme, und außerdem ging er am häufigsten des Abends, sogar erst in später Nacht spazieren, und das ist für ein Kind doch keine passende Zeit.

Zuerst hatte er an der Hand des Kapitäns den Spielsaal betreten. Dieser hatte ihn etwas zusehen lassen, hatte ihm das Spiel erklärt, so viel, wie sich ein Kind für die bunte Scheibe mit der rollenden Kugel interessieren kann, hatte ihm das Wandgemälde und anderes mehr im Kasino gezweigt.

Das war der erste Tag gewesen. Man beobachtete an dem doch höchsten zwölfjährigen Knaben einen unnatürlich großen Schritt, ein auffälliges Schlenkern der Arme beim Gehen, trotz der sonstigen Strammheit eine kleine und sehr feine Hand und hörte eine helle Kinderstimme, die hinter der vollkommen geschlossenen Maske, richtiger einer Kapuze, natürlich gedämpft klang. Sie bedienten sich bei der Unterhaltung der französischen Sprache, welche aber der Kleine nicht vollkommen zu beherrschen schien, vor allen Dingen hatte er auch einen ganz fremden, eigenartigen Aktzent. Der Knabe wurde von seinem Begleiter Raoul angeredet, er sagte einfach >Kapitän<. Es kam aber manchmal auch ein >Capitano< dazwischen.

Einige Beobachter behaupteten, daß trotz der sonstigen Vetraulichkeit der Kapitän dem Knaben einen großen Respekt entgegenbrächte, was besonders zu bemerken sei, wenn beide sich unbeobachtet wähnten, wie z. B. vorhin in der Gemäldegalerie. In der Öffentlichkeit suche der Kapitän diese respektvolle Ehrfurcht gegen den Kleinen zu verbergen.

Am anderen Tage zeigte sich der vermummte Knabe zu Pferde an der Seite des Kapitäns. Der Junge konnte sehr gut reiten, das sah jeder. Kenner aber sahen noch mehr, und sie sprachen viel von Schenkel und Hand, sie sagten, das sei ein geborener Reiter, mindestens müsse er im Sattel groß geworden sein. Nur einige konnten schon erzählen, mit welch wunderbarer Leichtigkeit und Grazie sich der kleine Wicht auf das hohe Pferd geschwungen habe - wie ein Kunstreiter. Nein, sagten wiederum die Kenner, Kunstreiter kann jeder werden, der die Gelenkigkeit dazu hat - hier handelt es sich vielmehr um einen gottbegnadeten Schulreiter, welcher gleich fertig mitbringt, was niemand erlernen kann, der nicht das Zeug dazu hat.

Einige Tage darauf kam ein anderer, sehr großer Transport Pferde zur Auswahl vor die Mäander-Burg, es hieß, der Knabe sei mit keinem der beiden bisherigen Reitpferde zufrieden gewesen, und jetzt sollte man noch etwas ganz anderes zu sehen bekommen.

Der kleine Raoul bestieg einen jungen, feurigen und dabei mächtigen Rappen, den zwei Reitknechte kaum am Zügel halten konnten, und jetzt sahen auch die Nichtkenner, daß dieser Knabe vom Reiten noch etwas mehr verstand als andere Sterbliche. Eine Viertelstunde lang balgte er sich mit dem unbändigen Rosse herum. Alle Kunststücke des Cowboys, der in der Prärie den wild eingefangenen Mustang bändigt, bekam man hier auf einem freien Platz von Monte Carlo zu sehen. Dann hatte der Junge den mächtigen Rappen in seiner Gewalt, das Tier gehorchte dem Knaben wie ein Lamm.

Von einer Kraft der Faust und der Schenkel konnte hier freilich nicht die Rede sein, ein Pferd ist ja überhaupt viel stärker als der stärkste Mann, hier handelte es sich um Gewandtheit, Kenntnis des Pferdes und um gewisse Tricks, wie es ja auch in der Prärie nicht anders ist - jedenfalls hatte das Roß die Hand seines Meisters erkannt, dieser gehorchte erst jetzt, und wenn sie auch nur einem Kinde angehörte.

Man konnte es dem Jungen nicht verübeln, wenn er sein Licht nicht unter den Scheffel stellte, sondern sich zu seinen Kunststückchen den Platz neben dem Kasino ausgesucht hatte, wo er am meisten angestaunt wurde. Er wollte bewundert werden, und er war es auch wert.

Zuletzt zwang er das scheue Tier neben dem Segelklubhaus in das Meer hinein, immer wieder, bis der Rappe ohne Widerstreben in die salzige Flut ging, schwamm weit hinaus in die See, und zum Schluß sprang er sogar in voller Karriere von dem sehr hohen Steindamm hinab ins Meer.

Das Publikum sperrte, mit Respekt zu sagen, Mund und Nase auf. So etwas hatte man hier und anderswo noch nicht gesehen.

Daneben hielt der maskierte Kapitän hoch zu Roß und schaute unbesorgt den verwegenen Reiterstückchen seines Schützlings zu, klatschte nur bei dem letzten tollkühnen Sprung ebenfalls Beifall. Dann sprang der Knabe ab, übergab das zitternde Tier einem Diener und benutzte den unteren Eingang der Mäander-Burg. So wurde der maskierte Knabe jeden Tag gesehen, zu Pferd, zu Wagen, oder zu Fuß, aber allerhöchstens eine Stunde lang, dann verschwand er wieder in jener Felsenwohnung, und immer war er von Begleitern umringt, die keinen Blick von dem Knaben wandten und sogar offen Waffen zur Schau trugen, und dann wurde auch kein Fuß über die Grenzen des Fürstentums gesetzt, denn außerhalb desselben hatte ja der Passepartout seine Macht verloren.

Wie sehr der Kapitän Recht hatte, wenn er fürchtete, daß es gewisse Personen gab, welche es auf die Lüftung der Maske und des ganzen Geheimnisses abgesehen hatten, welche so ziemlich vor gar nichts zurückschreckten, wenn es galt zum Ziele zu kommen, das sollte sich bald zeigen.

Eines Abends sah man den maskierten Knaben aus der Gaumates-Schlucht herauskommen und dem Hafen zuschreiten, begleitet von zwei bewaffneten Matrosen, unter denen sich aber Wilm nicht befand.

Da man wußte, daß der Kapitän zur Zeit an Bord seiner Jacht war, kannte man auch alles weitere. Jetzt holte Raoul ihn ab, die beiden machten im Mondschein eine einsame Segelpartie, ohne weitere Begleitung. Das liebten sie, dann blieb der Knabe, welcher gern die Segel bediente, auch länger im Freien, bis Mitternacht und noch länger.

Am Quai lagen jetzt immer einige Boote von der Heliotrop. Die drei stiegen in ein kleineres, Raoul setzte sich ans Steuer, gab mit heller Stimme die Ruderkommandos zum Absetzen mit der Sicherheit eines alten Seemanns; das Boot erreichte die Jacht. Dort wurde schon ein anderes aufgetakelt. Der Kapitän befand sich bereits darin, der Knabe sprang hinüber, und beide segelten hinaus in die mondhelle Nacht.

Ein starker Ostwind wehte, wenigstens hier an der Küste. Als aber das Boot weiter draußen aus dem Schutz der hohen Gebirgskette rauskam, wurden die Segel mehr von nordöstlicher Richtung her gebläht.

Es kann ja hier am Südabhange der Seealpen vorkommen, daß man zehn Kilometer weit draußen auf dem Meere einen Nordsturm toben sieht, während am Strande selbst völlige Windstille herrscht, so daß auch die See an der Küste spiegelglatt ist. Später freilich macht sich der Wellenschlag doch noch bemerkbar.

Das Boot flog mit dem Winde dahin, und so würden die beiden beim Rückweg Schwierigkeiten haben, da mußten sie immer gegen den Wind ankreuzen. Aber gerade das gewährt ja beim Segeln das größte Vergnügen, die Elemente durch Berechnung zu überlisten.

Da plötzlich sah man, wie hinter dem Felsen von Monaco ein großes Boot hervorschoß. Es brauchte nicht gerade dort den Strand verlassen zu haben, es konnte auch von der französischen Küste kommen, denn es war schon weit draußen, es tauchte nur für den östlich stehenden Beobachter erst hinter diesem Felsen auf. Ein, zwei, drei, vier ... zehn Riemen wurden gezählt - ein zehhnriemiger Kutter! Also ein Boot, welches von zehn Mann gerudert wurde. Die schaffen etwas! Ein elfter Mann saß am Steuer. Der Kutter strebte nach Südosten - plötzlich beschrieb er einen großen Bogen und steuerte in die entgegengesetzte Richtung.

Wer dieses Manöver beobachtet hatte, und nur eine kleine Ahnung vom Segel- und Rudersport besaß, der konnte nicht im Unklaren sein, was dort beabsichtigt wurde: der große Kutter hatte es auf das kleine Segelboot abgesehen, er schnitt ihm den Wind ab.

Im Moment richteten sich aller Augen nach der Heliotrop. Ohne Zweifel, dort leuchtete das elektrische Licht heller auf, da sah man auch schon die Matrosen über Deck rennen, sie stürzten Hals über Kopf in das im Wasser liegende Motorboot, aber dieses schien nicht gleich betriebsfähig zu sein, einige Zeit verstrich, die Matrosen sprangen wieder heraus, die Bootsmannspfeife gellte, das größte Boot wurde aus den Davits geschwungen ...

Da wurde die Aufmerksamkeit von der Jacht auf etwas anderes hingelenkt.

Aus der Gaumates-Schlucht kam Wilm gerannt, sein Ziel war die Bootsstation. Trotz seines Schmerbauches und trotz der X-Beine rannte er wie ein Hase, ihm folgten mit ebensolchen Sprüngen acht andere Matrosen von der Heliotrop, die jetzt in der Mäander-Burg hausten, vollständig bekleidet war keiner, keiner hatte eine Mütze auf, einer hatte eine weiße Küchenschürze vorgebunden, ein zweiter hatte noch die Schippe in der Hand, mit der er Kohlen geschaufelt, ein dritter hatte wohl zu Bett gehen wollen, war in Unterhosen und hatte nur an einem Fuße einen Strumpf, und der letzte war gar nur im Hemd; der war aus dem Bett gesprungen.

Sie hatten die Landungstreppe erreicht, sie saßen im Boot, Wilm am Steuer, sie warfen die Riemen in die Gabeln und holten durch.

Erst aber mußten sie in Takt kommen.

»Pult, Jungens, pult für euren Kapitän!!!« heulte Wilm mehr, denn daß er schrie, und dann fing er zu singen oder vielmehr zu brüllen an, eines jener sinnlosen Shandys mit fürchterlichem Inhalt, welche die Matrosen beim Segelreffen und zum Rudertakt singen.

»Un häst du dee Hamborger Anna nich sehn ...«

Und brüllend fielen die anderen acht Matrosen mit ein:

»Sing vallera hoh hoh hoh hoh!«

Schon die zweite Strophe dieses Liedes läßt sich nicht wiedergeben.

Die Hauptsache aber ist, daß es wirkt. Und hier war dies der Fall. Der steuernde Wilm steckte die Finger der freien Hand in den Mund und pfiff zu dem Gebrüll den Takt, und die Jungens holten durch, daß ihre Oberkörper jedesmal unter den Duchten verschwanden, und daß sich die riesigen Ruderstangen aus Eichenholz wie die Reitgerten bogen, und ehe noch das von der Heliotrop ausgesetzte Boot das Wasser berührte, schoß dieses hier schon wie ein Pfeil an der Jacht vorbei.

Dann freilich hatte es auch gleich den zweiten Kutter auf den Hacken, und nun ging zwischen den beiden Booten erst recht das Wettrudern los, jede Mannschaft wollte zuerst bei ihrem Kapitän sein, um ihn von seinen Verfolgern zu befreien.

O - dort draußen im Mondlicht der fremde Kutter, der das kleine Segelboot kapern wollte, hier die beiden wettrudernden, zum Entsatz herbeieilenden Boote mit den brüllenden Mannschaften, und diese zauberhafte Schnelligkeit, mit der sich das alles entwickelt hatte - das war ein Schauspiel, wie Monte Carlo es noch nicht gesehen hatte. Was war dagegen die alljährliche Segelregatta! Gar nichts!

Doch es läßt sich nicht beschreiben, was hier eigentlich vorlag, daß unter dem zuschauenden Publikum plötzlich ein Fieber ausbrach, von dem auch der befallen wurde, der sonst für Sport gar kein Interesse hat, während dieses Fieber bei den Empfänglicheren schon mehr in eine Art von Wahnsinn überging.

Und nun besonders die Engländer! Bist du, geneigter Leser, schon einmal in London gewesen, wenn auf der Themse die Studenten von Cambridge gegen die von Oxford rudern? Geh um diese Zeit lieber nicht hin! Dann ist es dort lebensgefährlich. Dann ist ganz London, ganz England, von lauter Wahnsinnigen erfüllt. Auch das Derbyrennen ist nichts gegen dieses Wettrudern.

Auch Lord Hannibal Roger taute auf. Phlegmatisch wie immer, nahm er den blanken Zylinder vom Kopfe, legte ihn fein säuberlich auf den Boden, und dann - trampelte er plötzlich mit beiden Füßen auf dem unschuldigen Hute herum.

»Er läßt sich nicht fangen - und er läßt sich nicht fangen - er darf's nicht, und er tut's nicht, god damn't! Tausend Pfund, daß sie den Kapitän nicht fangen! Wer hält dagegen?«

Also schrie der plötzlich ganz aus dem Häuschen geratene Lord, während er auf seinem schönen Zylinder herumtrampelte.

Nun, an solchen, welche gegen ihn hielten, fehlte es nicht. Die Herren tauschten Visitenkarten, das genügte, es waren Gentlemen, da gab es keinen Streit wegen Kleinigkeiten. Die Hauptsache, weswegen die Wette ging, kannte ein jeder.

Man mußte sich mit dem Kartenwechsel beeilen, jeder Augenblick konnte den Schluß herbeiführen, welcher den Lord voraussichtlich 11.000 Pfund Sterling kosten würde, denn er hatte bereits 11 Visitenkarten in der Hand, konnte aber auch noch mehr bekommen, die später einzulösen waren. Denn die beiden, ihrem Kapitän zu Hilfe eilenden Boote würden trotz aller Schnelligkeit zu spät kömmen! Dort in der Ferne hatte der Kutter das kleine Segelboot schon erreicht, und die Boote hatten mindestens eine Viertelstunde zu rudern, ehe sie hinkamen.

Allerdings strich der Kapitän das Segel nicht sogleich, er suchte noch zu entwischen. Bald sah man die kleine Nußschale und die größere dicht zusammen, dann waren beide wieder weit auseinander, und dabei ging es immer wieder weit nach Südwesten, hinaus ins offene Meer.

Mit dem zehnriemigen Kutter konnte das kleine Segelboot natürlich nicht an Schnelligkeit wetteifern; aber es gehorchte dem Steuer besser, sein Lenker hatte es mehr in der Gewalt. Es drehte scharf gegen den Wind bei und war gleich wieder in voller Fahrt, während der geruderte Kutter jedesmal darüber hinausschoß und dann einiger Zeit bedurfte, ehe er die neue Richtung wieder in voller Fahrt aufnehmen konnte.

Lang konnte dieses Spiel mit dem Hakenschlagen trotzdem nicht dauern, der Windhund bekam den Haken doch nicht! Auch in dem Kutter saßen Seeleute, welche den Wind ebenfalls zu berechnen verstanden, auch die Ruderer gewöhnten sich schnell an diese Manöver, und man sah selbst von hier aus, wie die Hakenstrecken immer kürzer und kürzer wurden.

Was wollte die Besatzung jenes Kutters? Natürlich die beiden maskierten Personen gefangen nehmen. Von wem ging das aus? Jedenfalls von dem Berichterstatter einer großen Zeitung. Der brachte die beiden dann irgendwo hin, hielt sie fest, nahm ihnen die Masken ab - hier, nun einmal heraus mit der Sprache! Wer bist du?

Solche Zeitungsreporter sind ja zu allem fähig, wenn es eine Prämie zu verdienen gibt, und dann, wenn die beiden Unbekannten auf französisches Gebiet kamen, fand der Betreffende sogar Unterstützung durch die französische Polizei.

Doch das war jetzt alles ganz gleichgültig. Hier hieß es: wird der Kapitän gefangen oder entkommt er? Werden die beiden Hilfsboote ihn noch rechtzeitig erreichen oder nicht?

Diese Fragen waren es, welche unter dem Publikum jene kolossale Aufregung hervorriefen, und es waren viele Engländer und Yankees darunter, welche von der Regel, daß sich Extreme berühren, keine Ausnahme machten. Ihr sonstiges Phlegma verwandelte sich plötzlich in eine Art von Tobsucht.

»Sie haben ihn, sie haben ihn!«

»Nein, sie haben ihn noch nicht!«

»Die Boote kommen nicht mehr hin!«

»Sie kommen noch hin! Wetten?«

»Es sind nur acht Ruderer!«

»Aber wie die durchholen, wie die durchholen!«

»Jetzt, jetzt haben sie ihn!«

»Nein, er ist wieder frei!«

So und anders scholl es durcheinander, und dann ein einstimmiger Ruf:

»Sie haben ihn, sie haben ihn, er ergibt sich, er streicht die Segel!«

»Und es ist nicht wahr, und ich glaub's nicht! Verdammt, meine Augen!« schrie Lord Roger dagegen, und er hätte es wohl auch noch geschrien, wenn sie ihn schon gehabt hätten.

Vorläufig jedoch war das kleine Boot mit einem Hakenschlagen noch einmal frei gekommen. Aber das Hauptsegel war schon gerefft, der Kapitän gab das nutzlose Spiel auf, er wollte sich in das unvermeidliche Schicksal fügen. Das erste der beiden zu Hilfe eilenden Boote war noch weit entfernt. Das von der Heliotrop ausgesetzte Boot hatte den Vorsprung, den das von Wilm gesteuerte vor ihm gehabt, nicht wieder einholen können, im Gegenteil, der Abstand zwischen ihnen war immer größer geworden.

Daran brauchte nicht Schuld zu sein, daß das zweite Boot nur von sechs Mann gerudert wurde, während im ersten acht Matrosen die Riemen handhabten. Die Jacht hatte nur noch eine sechsriemige Jolle zur Verfügung gehabt, und an der Landungstreppe hatte ein sehr großer Kutter gelegen, für 14 Ruderer bestimmt, aber nur 8 Riemen konnten benutzt werden.

Eigentlich hätte die sechsriemige Jolle dem achtriemigen Kutter überlegen sein müssen, aber ein minderwertiges Pferd mit einem guten Jockei im Sattel wird oft genug eher durchs Ziel gehen als der beste Renner, welcher schlecht gesteuert wird, und dasselbe gilt beim Bootsrudern. Die Menge der Riemen macht es jedenfalls nicht, und außer auf die Muskeln und auf die Schulung der Mannschaft kommt es nicht zum Geringsten auf das Kommando an.

In dieser Hinsicht war der Kutter trotz seiner Schwerfälligkeit der leichteren Jolle sichtlich überlegen. Während man sein >Singvallera hoh hoh hoh hoh< noch immer über das Wasser schallen hörte, sah man, wie mächtig und gleichmäßig die Riemen zum Takte des Liedes durchgeholt wurden, während bei der Jolle oftmals Unregelmäßigkeiten vorkamen.

Aber warum stoppte denn der Kutter in der vollen Fahrt plötzlich ab? Warum warfen die Matrosen die Riemen ein? Sie schienen etwas aus dem Wasser zu fischen. Unsinn, daß sie sich jetzt mit so etwas aufhielten! Nun hatte der Kutter auch die Siegespalme im Wettstreit unwiderruflich verspielt, im Nu war er von der Jolle überholt worden.

Gleichgültig! Jetzt wurden nur das kleine Segelboot und der feindliche Kutter beobachtet.

Das Schicksal des Kapitäns war besiegelt. Er ergab sich freiwillig.

»Hat er denn keinen Revolver bei sich?« wurde gerufen. »Er sollte in den Kutter ein Loch schießen!«

»Unsinn! Unsinn!« schrie Lord Roger, weil so etwas besser in gewissen Büchern geht als in der Wirklichkeit, denn was macht sich solch ein Segelboot, das immer leer geschöpft werden muß, aus einem Kugelloch! »Jetzt - jetzt muß er wenden und ... Triumph! Triumph!« setzte der Lord jauchzend hinzu. »Jetzt hat er den Kutter gefangen!«

Die meisten der Zuschauer wußten gar nicht, was eigentlich plötzlich passiert war. Sie glaubten, sie sähen im Augenblick die beiden kleinen Nußschalen im unsicheren Mondlichte nur nicht mehr. Die Wahrheit mußte ihnen erst gesagt werden.

»Er hat den Kutter übersegelt! Er hat ihn mitten durchgerammt!«

So war es. Von den beiden Booten war nichts mehr zu sehen. Jetzt lag dort alles im Wasser, klammerte sich vielleicht nur noch an Trümmer an.

Das andere spielte sich schnell ab. Die Jolle war jetzt bald an der Schiffbruchstelle, man sah weiße Lichter aufleuchten, die Jolle war mit Magnesiumfackeln ausgerüstet, in deren Scheine fischten die Matrosen die Schwimmenden auf, das Boot fuhr mehrmals große Strecken ab, dann kam noch der von Wilm gesteuerte Kutter hinzu, und das große Fahrzeug konnte die Verunglückten erst recht aufnehmen.

Lange dauerte es nicht, so ging es mit voller Fahrt nach dem Hafen von Monaco zurück. Wer von den Zuschauern noch ein Boot bekommen konnte, sprang hinein, um den Zurückkommenden entgegenzurudern und sie im Triumph zu empfangen.

Und die Ahnung sollte sich bewahrheiten! Der maskierte Kapitän brachte in den beiden Booten die ganze Besatzung des Kutters mit, die ihn hatte fangen wollen. Er aber hatte sie gefangen, und zwar aus eigener Kraft. Die Matrosen hatten die Überwundenen nur noch aus dem Wasser zu holen brauchen. Die elf Männer, lauter italienische Gesichter, lagen, auf beide Boote verteilt, zur Vorsicht an Händen und Füßen gebunden, am Boden der Fahrzeuge, wie die Mehlsäcke übereinandergeschichtet, die rudernden Matrosen stemmten ihre Füße dagegen, und sie sahen sich nicht gerade vor, wohin sie traten.

»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz von Monte Caaaaarlo!« sang Lord Hannibal Roger in übermütiger Laune. »Nun, meine Herren, wenn sie kein bares Geld bei sich haben - bitte, das Scheckbuch heraus! Das war doch wohl fair gewonnen! Wieviel Visitenkarten sind's denn geworden? Vierzehn. 14.000 Pfund Sterling, gleich 350.000 Francs! Das läßt sich hören! Kapitän, diese Sache können sie bald noch einmal machen. Aber ich wußte es ja. Kapitän, meine Hochachtung - Sie haben den Teufel im Leibe! Wo ist denn eigentlich mein Hut, daß ich ihn abnehmen kann? Ach, da liegt er, ein Häufchen Unglück! Dann begnügen Sie sich mit meiner Hochachtung.«

Aus den beiden an der Heliotrop liegenden Booten, umringt von vielen anderen Fahrzeugen, stieg zuerst der Knabe das Fallreep empor. Ob er die Kapuze auch jetzt noch über dem Kopfe hatte, war nicht zu sehen; er war in Segeltuch eingewickelt. Dann wurden die gefangenen Kutterleute an Bord gehiewt, richtig wie Schlachtvieh mit der Winde, unbekümmert um ihr Schimpfen und mehr noch Winseln.

Es waren ausschließlich italienische und südfranzösische Physiognomien, die bunten Hemden über braunen, muskulösen Armen aufgekrempelt. Die Kundigen erkannten sofort, daß es Thunfischer vom Kap Martin waren, verwegene Gesellen; so etwas aber war ihnen sicher noch nicht passiert.

Während des Überhiewens erzählte der Kapitän, noch in seinem Boote befindlich, mit kurzen Worten sein Abenteuer. Die Sache war noch viel komplizierter gewesen, als es von Land ausgesehen hatte. Raoul hatte eine Hauptrolle gespielt oder doch ein unbeobachtetes Bravourstückchen geleistet.

Als der Kapitän das Manöver des Kutters gesehen, wußte er natürlich gleich, was es geschlagen hatte, was jene Mannschaft beabsichtigte.

Er entfloh nicht, sondern fuhr hin und her und deckte mit dem Hauptsegel die Gestalt des Knaben, damit dieser unbemerkt über Bord gleiten und dem Hafen von Monaco zuschwimmen konnte, aus welchem bereits die beiden Rettungsboote steuerten.

Es war also dem Kapitän ganz hauptsächlich auf die Wahrung des Incognitos dieses Knaben angekommen, welcher mit der Kapuze zu sehr der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt gewesen wäre, wenn der Kapitän das Ramm-Manöver ausführte, welches er von vornherein beschlossen hatte, weil er keine andere Möglichkeit des Entkommens vor dem schnellen Kutter sah.

Also der Knabe war unbemerkt über Bord gesprungen. Haifische gibt es hier zwar nicht - aber immerhin, es gehört doch eine tüchtige Portion Courage dazu, wenn ein halbwüchsiger Junge weit, weit draußen in die wogende, schäumende Flut springt, in der Nacht, und noch gar nicht wissend, ob er das entgegenkommende Hilfsboot auch nicht verfehlt.

Nun, Raoul hatte es eben riskiert, und der Kapitän mochte wissen, daß der Knabe zu seiner solchen Schwimmtour befähigt war, selbst wenn ihn die herbeieilenden Boote nicht bemerken sollten, wonach es dann freilich eine Schwimmfahrt von mindestens anderthalb Stunden geworden wäre. Bemerkt sei noch, daß der Knabe also ohne Maske ins Wasser gesprungen war. Wilms Kutter aber hatte den kleinen Schwimmer, der sich durch Rufen bemerkbar machte, gesehen und aufgenommen. Deshalb hatte das Fahrzeug gestoppt.

Jetzt führte der Kapitän aus, was er von vornherein beabsichtigt hatte.

Es lag ja eigentlich sehr nahe, daß er den feindlichen Kutter rammen würde, die Fischer rechneten auch selbst damit, aber eben, weil sie glaubten, er habe den Knaben bei sich, waren sie doch nicht so ganz darauf vorbereitet, sie glaubten, des Knaben wegen würde er es doch nicht riskieren, und dann überhaupt war das Manöver viel zu geschickt ausgeführt worden, sie hatten sich täuschen lassen.

Schließlich schien der Verfolgte die Hoffnung aufzugeben, durch schnelles Wenden dem Kutter entgehen zu können, endlich folgte er der wiederholten Aufforderung, er strich zunächst das Hauptsegel, der Kutter fuhr heran, um längsseits zu gehen, aber auch das kleine Boot befand sich noch in voller Fahrt, dann stand auch noch das Klüversegel ... und mit einem Male sauste das Boot herum und mit dem spitzen, scharfen, eisenbeschlagenen Bug dem Kutter krachend zwischen die Rippen!

Es brauchte kein Durchrammen stattzufinden, dieser Aufprall auf bewegter See genügte, das Leck war groß genug, der Kutter versank augenblicklich - das kleine Boot freilich auch.

Im Wasser dachten die Fischer nicht mehr an eine Arretierung, sondern nur ans Schwimmen, an Rettung. Diese Sache war ihnen denn doch etwas zu unerwartet gekommen. Da erschienen die beiden Hilfsboote. Sie fischten die Schwimmer von der erleuchteten Meeresfläche ab, und als das Dutzend gerade voll war, ging es zurück. -

Der Kapitän hatte viel kürzer erzählt, als hier wiedergegeben wurde.

»Es sind Fischer von Kap Martin. Der Bootsmann hat mir schon beichten müssen. Ein paar Hiebe machten ihn schnell gesprächig. Sie lauern schon lange auf eine passende Gelegenheit, mich bei einer nächtliche Segelpartie abfangen zu können. Auf Kap Martin steht die Villa Brown; wenn sie mich und womöglich auch den Knaben dort lebendig ablieferten, sollte jeder von ihnen hundert Francs bekommen ...«

»Von wem?« unterbrach ihn Lord Roger.

»Den Namen des Herrn kennen Sie nicht - ein Kavalier, groß, stark, blonder, spitzer Vollbart, auffallend kleine Nase ...«

»Mr. James Pin vom >Daily Telegraph »Ich möchte den Herrn sprechen, und das sofort!«

»Und ich möchte dabeisein, wenn Sie ihn sprechen.«

»Sofort hin zu ihm, wie ich bin! - Die Buschen bleiben, bis ich zurückkomme!« rief der Kapitän seinen Leuten zu, sprang in des Lords Boot, es ging aus dem Land, dem Hotel London zu.

»Dort kommt Mr. Pin!« erklang es in der Menge, welche sich hinter und neben dem Kapitän herwälzte. Sie alle wollten bei dem Schlusse dieser Komödie direkt zugegen sein.

Das Rencontre fand in unmittelbarer Nähe des Hotel London statt.

Schnellen Schrittes war ein Herr einhergekommen. Er sah die große Menschenmenge, blieb unter einer Straßenlaterne stehen und stutzte sichtlich beim Anblick des maskierten Kapitäns.

»Wünschen Sie etwas von mir?« fragte er trotzdem gleich in herausforderndem Tone, als der Kapitän direkt auf ihn zuschritt, und hatte dabei auch schon in einer ganz gefährlichen Weise die rechte Hand in die Hosentasche gesteckt.

Mr. Pin war ein großer breitschultriger Mann, man konnte ihn herkulisch gebaut nennen, und er war bekannt als ein Rowdy, der gleich drauflos schlug, und zwar war er ein ausgezeichneter Boxer.

Der maskierte Kapitän war dicht vor ihn getreten.

»Ja, Mr. Pin, ich dächte, wir hätten etwas zu besprechen. Wie kommen Sie dazu, Leute zu bezahlen, welche mich ... Wissen Sie, machen Sie es kurz! Gestehen Sie es?«

»Bitte, treten Sie erst einen Schritt zurück!« erklang es kalt. »Ich bin nicht gewöhnt, daß mir jemand ins Gesicht bläst, sonst begehe ich einen Akt der Notwehr.«

Sofort trat der Kapitän einen Schritt zurück.

»Nun, gestehen Sie es? Oder soll ich Ihnen erst einen Namen geben?«

»Das ist nicht nötig. Ja, ich bin's gewesen, und ist es diesmal nicht geglückt,dann glückt's ein andermal. Die Larve muß herunter, so oder so. Nun, was gibt's? Will you fight with me?«

»Jawohl, eben das will ich. Aber nicht etwa amerikanisch! Ausknobeln tu ich's nicht.«

»Ich bin Engländer. Nochmals: Will you fight with me?«

»Allright. Come on!«

»Gleich hier im Hotel London!« sagte Lord Roger. »Wir gehen in den Hochzeitssaal, da sind wir hübsch ungestört.«

Sehr viele der Zuhörer hatten noch gar nicht verstanden, daß zwischen den beiden der Zweikampf bereits ausgemacht worden war - mit der einzigen Waffe, welche dem Engänder zur Verteidigung seiner Ehre erlaubt ist: die Faust, mit welcher er das Antlitz seines Nächsten, das Ebenbild Gottes, in ein rohes Beefsteak zu verwandeln sucht.

Der Hotelier mußte den Herrschaften den Saal, welcher bei Hochzeiten bevorzugt wird, wohl oder über zur Verfügung stellen, und das sofort. Daß es sich um einen Boxgang handelte, das wurde ihm natürlich nicht gesagt, das brauchte er ja auch gar nicht zu wissen. Die Herren hatten da drin etwas zu verabreden, was keinen Aufschub duldete.

Das elektrische Licht flammte auf und beleuchtete den mit herrlichen Wandgemälden geschmückten Saal, idyllische Szenen aus dem antiken Braut- und Hochzeitsleben darstellend.

Hier konnte man wirklich sagen: die Bilder paßten zu dem Vorhaben dieser Gesellschaft, auf welche sie herabschauten, wie die Faust aufs Auge.

Die Türen wurden geschlossen. Es waren auch viele Personen eingedrungen, die mit der Sache gar nichts zu tun hatten, aber das schadete nichts. Wer einmal drin war, durfte bleiben.

»Musik!«

»Den Hochzeitsmarsch aus Lohengrin!«

»Ernsthaft, Gentlemen, keine Witze!«

Ein Schiedsgericht wurde gebildet. Bei den Engländern, die am meisten vertreten waren, handelte es sich um einen feierlichen Akt, jede Kleinigkeit wurde mit der größten Wichtigkeit genommen.

»Die Maske muß ab!« sagte Mr. Pin.

Der Schiedsrichter gestattete die dünne Seidenlarve und verwarf diese Forderung als unbillig, und seinem Spruche mußte man sich bedingungslos fügen.

»Aber wenn ihm der Arzt die Maske abnimmt, um ihm das Nasenbein zu schienen, will ich dabeisein.«

»Diese Erlaubnis gebe ich Ihnen,« sagte der Kapitän, was dem Engländer, obgleich er als der vorzügliche Boxer galt und ganz siegessicher war, sehr in die eigene Nase zu fahren schien.

Es konnte losgehen.

»Allright?«

»Allright.« -

»Very well - look out - one, two, three - go ahead!«



Wir sind keine Engländer, welche in Entzücken fallen, wenn das Blut knüppeldicke fließt, welche dann noch im >Sporting Life< mit Hochgenuß nachlesen, wie jeder Schlag gesessen hat, wie jetzt die Kinnlade zersplittert, jetzt die Nase spurlos verschwindet, jetzt das eine Auge heraushängt - und der Kerl steht immer noch und bringt dem anderen den >Knock-down-blow< bei, der ihn besiegt zu Boden wirft.

Die draußen harrende Menge wunderte sich, wie still es da drinnen zuging. Die konnten doch gar nicht boxen! Und schon nach zehn Minuten öffneten sich wieder die Flügeltüren des Hochzeitssaales. Harmlos plaudernd kamen die Herren heraus. Einer der ersten war der maskierte Kapitän. Mr. Pin sah man nicht, der wohnte ja auch in diesem Hotel.

»Die haben sich doch gar nicht geboxt,« sagte einer, der nicht mit hinein gekommen war, zu seinem glücklicheren Freunde.

»Nicht? Ach jeh, ach jeh - aber der hat den Engländer vertobakt! Der kann vier Wochen lang nicht mehr aus den Augen sehen.«

Der >Prinz von Monte Carlo< konnte nicht viel abbekommen haben. Er begab sich direkt an Bord seiner Jacht zurück.

Die elf Fischer lagen immer noch gebunden in der Segelkammer.

»Was soll ich nun mit euch Halunken machen?«

Beim Anblick des Kapitäns brach ein allgemeines Jammern um Erbarmen aus.

»Aufhängen darf ich euch nicht,« nahm der Kapitän als Richter das Wort, »ich will euch nicht einmal züchtigen. Daß ihr mich nicht fangen könnt, das habt ihr wohl gemerkt. Ihr werdet euch nicht wieder zu so etwas verleiten lassen, und das genügt mir. Ein Exempel aber soll doch statuiert werden, ich brauche nämlich auch gerade einen Menschen - zu einem wissenschaftlichen Experimente - einer von euch soll sich sogar hohen Ruhm erwerben.«

Er leuchtete mit der Laterne in die wieder hoffnungsfreudigen Gesichter.

»Hier,« wandte er sich an den einen, »du hast doch den Kutter gesteuert, du bist also der Rädelsführer. Du wirst als wissenschaftliches Versuchskaninchen dienen. Welche Zeit ist es? Noch nicht elf Uhr. Da ist noch plenty time. Du wirst diese Nacht auf der Teufelsinsel verbringen und mir morgen früh erzählen, was du gesehen und erlebt hast. Komm, mein Püppchen! Faßt ihn an, Jungens! Ins Boot mit ihm!«

Ach du großer Schreck!

»Gnade! Erbarmen, Signore! Ich habe Frau und Kinder zu Hause!« heulte der schon von Matrosenfäusten emporgehobene Mann, und alle anderen heulten mit ihm. Denn auf der Teufelsinsel spukte es noch immer. Die weiße Gestalt allerdings hatte man schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen, aber das mysteriöse Lichtchen huschte noch jede Nacht auf der Insel herum, und auch winselnde Laute wollte man noch immer hören.

Eine Nacht auf der Teufelsinsel? Nein, nein, dann lieber sterben, dann war man doch gleich richtig tot! Der Italiener war jetzt schon mehr tot als lebendig. Eine Weile ließ der Kapitän ihn noch zappeln. Dann sagte er:

»Diesmal will ich noch Gnade für Recht ergehen lassen; aber wen ich das nächste Mal erwische, der noch einmal so etwas gegen mich vor hat - der kommt auf die Teufelsinsel und muß eine Nacht der weißen Frau Gesellschaft leisten. - Marsch!«

Die Fischer wurden von ihren Banden befreit und entlassen.

Und zwischen Marseille und Genua gab es fortan keinen hier geborenen Mann mehr, den gelüstet hätte, diesen maskierten Kapitän von der Heliotrop auch nur anzurühren - nicht für alle Schätze der Welt! Von diesen hatte der Prinz von Monte Carlo schon einen anderen Namen bekommen: >Capitano Diavolo< nannten sie ihn fernerhin - den Teufelskapitän.



Und Mr. James Pin?

Der lag im Bett, hatte seine Nase in seinem Verbande, auf den Augen Eiskompressen, und im übrigen wurde er mit Jodoform eingepinselt.

5. Die Inselmütter

Endlich hatte Monsieur Girard die verheißene Aufforderung erhalten; zum ersten Male betrat er die heilige Mäander-Burg.

Der Kapitän empfing ihn in seinem Zimmer, welches sich der vielleicht reichste Mann Englands nach seinem Geschmacke eingerichtet hatte, und wenn hier im Hause alles so war, dann waren die zehn Millionen Francs als Kaufpreis für dasselbe noch gar nicht so viel. Was kostet den die armseligste Hütte, wenn drinnen einige Rembrandts hängen? Auf einem Tisch lag abermals ein großer Stapel Briefe, und das war wiederum nur eine einzige Post.

»Nun, Monsieur Girard,« begann der Kapitän, nachdem er jenen zum Sitzen eingeladen hatte, »was sagen die Leute über mich? Das möchte ich gern erst einmal hören. Was meint man, wer ich sei?«

»Zuerst,« kam der Redakteur der Aufforderung nach, »hielt man Sie allgemein für den König Theodor von Korsika. Sie wissen doch, jener deutsche Abenteurer, ein gewisser Freiherr von Neuhoff, welcher die damaligen internationalen Kriegswirren benutzte, um sich als König von Korsika aufzuwerfen, offen unterstützt von Holland, jedenfalls heimlich auch von England, wo er aber zuletzt in Schuldhaft kam, in welcher er gestorben sein soll - soll! - denn sein Tod ist nicht aufgeklärt - dieser Neuhoff ist einfach spurlos aus der Welt verschwunden. Dies alles paßte nun so ausgezeichnet auf Sie ...«

»Fällt das Auftreten dieses Abenteurers als König von Korsika nicht in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts?« unterbrach der Kapitän den langatmigen Sprecher.

»Allerdings, ich bewundere Ihre Geschichtskenntnis, und als man sich dessen bewußt wurde, gab man diese Vermutung auch sofort auf, da Sie Ihr erstes Debut in dieser Welt doch in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts beendet haben wollen. Nun sah man sich weiter unter den französischen Revolutionsmännern um und kam auf die Idee ...«

»Bitte,« wurde der Specher abermals unterbrochen, »so interessant das auch ist, so liegt mir doch nichts daran, die Spekulationen des Publikums über meine Vergangenheit zu vernehmen; das richtige trifft es ja doch nicht. Was sagen die Leute über meine jetzige Person?«

»Ich wäre auch sofort darauf gekommen,« lächelte Monsieur Girard, aber mit etwas Ironie. »In solchen Spekulationen erging man sich nämlich nur in den ersten Tagen, als man noch gar zu sehr betroffen war, wie in das Hotelzimmer ein weißhaariger Greis hineingeht und nach drei Tagen ein junger Mann wieder herauskommt. Wir müssen dabei zwischen dem Urteil der Einheimischen und der Fremdenwelt von Monaco unterscheiden, welch letztere sich doch fast nur aus gebildeten Leuten zusammensetzt ...«

»Für das abergläubische Volk bin ich ein Vampir, das weiß ich. Doch was sagt die aufgeklärte Welt von Monte Carlo über mich?«

»Ich darf ganz offen sein?« fragte der Redakteur erst vorsichtig.

»Das müssen Sie sogar, ich verlange es von Ihnen.«

»Man hält Sie für einen jungen, reichen Mann, für einen Jachtbesitzer mit nautischen Kenntnissen und für einen in allen ritterlichen Künsten bewanderten Kavalier, welcher sich in Monte Carlo amüsieren will und dieses Amüsement darin sucht oder noch dadurch verstärkt, daß er Komödie spielt, den Leuten einen Mummenschanz vormacht.«

»So,« sagte der Kapitän trocken, als dieses Geständnis heraus war. »So. Und was sonst noch, wenn ich fragen darf?«

»Es ist eben eine wohlvorbereitete Komödie. Zum Beispiel in dem Sarg, der neulich von der Heliotrop an Land gesetzt werden sollte, war keine Leiche drin, aber glauben sollte man es. Das gehört alles mit zu der Komödie.«

»So,« erklang es abermals. »Und die Verwandlung des Greises in einen alten Mann? Wie erklärt man sich das?«

»Da sagt man: Geschwindigkeit ist keine Hexerei. In Zaubervorstellungen sieht man noch ganz andere Dinge, und die Verwandlung wird sogar auf offener Bühne ausgeführt, nicht hinter verschlossener Tür.«

»So. Und die vierzig Zentner Goldbarren, welche ich dem Indier für seine Bemühungen zahlte? War dieses Gold auch nur eine Hallizunation?«

»Das nicht, aber man weiß doch gar nicht, ob der Indier sie auch wirklich erhalten hat. Die Goldbarren waren im Schatzamt zu Washington geeicht, und eben darum ist man jetzt zu der allgemeinen Ansicht gekommen, daß Sie ein amerikanischer Krösus sind.«

»Was für ein Krösus?«

»Das allerdings weiß man noch nicht, darüber grübelt man noch immer vergebens nach.«

»So,« sagte der Kapitän immer wieder im trockenen Tone. »Und wie denkt man denn über den Spuk auf der Teufelsinsel?«

»Immer dasselbe, alles von Ihnen arrangiert, gehört alles mit zu der Komödie.«

»So. Und jener Berichterstatter, der Mr. Dixon oder Dixi, der einen gehörigen Denkzettel wegbekam? Hat der das Herunterklappen der Kinnlade auch nur auf meinen Wunsch markiert?«

Selbst auf diese Frage war der Journalist nicht um eine Antwort verlegen.

»Nein, das scheint allerdings nicht der Fall zu sein. Man glaubt, auf der Insel hält sich jemand verborgen ...«

»Den sogar die ganze Armee von Monaco nicht finden kann?«

Monsieur Girard hob die Schultern und fuhr fort:

» ... der mit einer starken elektrischen Batterie ausgerüstet ist. Mr. Dixon hat einen starken elektrischen Schlag wegbekommen.«

»So, so! Na, na! Und wo ist die junge Selbstmörderin geblieben?«

»Das,« lächelte der Journalist, »werden Sie wohl am besten wissen.«

»Ich? Bitte erklären Sie sich näher, denn ich bin begierig zu erfahren, was ich wissen soll. Ich weiß nämlich gar nichts.«

»Die war tatsächlich nur scheintot. Gerade in jener Nacht, als Sie auf der Insel wachten, kam sie wieder zu sich, und - es war ein junges, schönes Mädchen - hm - im Leichenhemd - und - hm - man sagt, der Prinz würde wohl am besten wissen, wo sich das junge Mädchen befindet - hm.«

»So, so! Na, wartet, ihr guten Leutchen, ich werde euch bald andere Begriffe über mich beibringen. Das ist kostbar!«

Mit diesen Worten war der Kapitän aufgestanden, um einige Gänge durch das Zimmer zu machen.

»Das heißt ...« begann Monsieur Girard, kam aber nicht weiter, und es schien, als bereue er, wieder angefangen zu haben.

Der Kapitän war auf seinem Spaziergang stehen geblieben.

»Was heißt?«

»Herr Kapitän, ich bedaure - nein, ich möchte lieber nicht ...«

»Heraus mit der Sprache! Was wollen Sie sagen?«

»Andre sind wiederum der Ansicht, daß Sie doch nicht das junge Mädchen bei sich haben könnten.«

»Diese Leute sind auch ganz vernünftig.«

»Besonders die Damen.«

»Was ist ganz besonders mit den Damen?«

»Besonders die Damen können nicht glauben, daß Sie mit dem jungen Mädchen eine - hm - Liaison unterhalten können.«

»Und warum können das gerade die Damen nicht glauben?«

»Weil ... weil ...«

Man sah es dem biederen Franzosen an, wie es ihm das Herz abdrückte, die Wahrheit sagen zu dürfen. Jetzt blickte er nach dem Stapel Briefe.

»Sie erhalten noch immer sehr viele Briefe, Monsieur Kapitän.«

»Ja, meine Erklärungen haben gar nichts genützt, im Gegenteil. Was hat das nun aber mit den Damen zu tun? Ich will die Wahrheit hören!«

»Auch viel Liebesbriefe, nicht wahr?«

»Liebesanträge? Massenhaft! Könnte jeden Abend sechs Dutzend Schäferstündchen haben! Aber nun heraus mit der Sprache, Mann! Was wollen Sie mir sagen?«

»Nun ja ... eben diese Briefe von Damen, die Sie immer unbeachtet lassen ... Herr Kapitän, Sie haben von den Damen von Monte Carlo bereits einen anderen Namen bekommen.«

»Welchen?«

»Nein, Kapitän, das kann ich wirklich nicht sagen,« protestierte Monsieur Girard, auch die Hände mit zu Hilfe nehmend, »das würden Sie übelnehmen.«

»Unsinn! Ich will ihn hören.«

»Nein, Herr Kapitän, das können Sie nicht von mir verlangen ...«

»Ist es ein Schimpfwort?«

»Das gerade nicht, aber ... die Madame Pompadour hat den Namen zuerst aufgebracht - oder vielleicht die Bella Cobra - oder wahrscheinlich wird es die grüne Eva gewesen sein - aber - ich kann ihn beim besten Willen nicht sagen.«

»Zum Teufel, Monsieur! Nun schießen Sie endlich los, oder ich ... So eine Druckserei bin ich nicht gewöhnt! Na, wie nennen mich die Kokotten?«

Da neigte der überwundene Franzose das Haupt zur Seite und flüsterte mit einem verschämten Lächeln:

»Kislar Aghasi.«

Da die Übersetzung dieses türkischen Titels auch auf dem Theaterprogramm der Oper steht, so kann sie wohl auch hier ohne Scheu wiedergegeben werden: das ist im Harem des Sultans der Hauptmann der Verschnittenen, übrigens ein sehr hoher Würdenträger im Range eines Ministers, Excellenz - aber immerhin ein Eunuche.

Monsieur Girard glaubte vielleicht, der Kapitän verstände ihn nicht, weil dieser ihn gar so lange anblickte, unbeweglich auf einem Flecke stehend, und sein Gesicht war nicht zu sehen - da aber wandte sich der Kapitän langsam um, schlich, die Hände auf die Knie gestützt, gebückt durch das Zimmer, hinter der Maske sprudelte über die Lippen ein nicht wiederzugebender Ton, und dann, als er sich aufrichtete, dröhnte das kleine Zimmer von seinem Gelächter, daß die Fensterscheiben klirrten.

»Kislar Aghasi!«

Es dauerte lange, ehe er sich wieder beruhigt hatte. Monsieur Girard hatte aus Höflichkeit mitgelacht, und er war froh, daß es so ausgefallen war, er glaubte schon, er hätte doch etwas zu viel riskiert.

»Ja,« nahm der Kapitän dann wieder das Wort, ab und zu immer noch einmal von einem Lachen unterbrochen, »nun erst verstehe ich auch einige Andeutungen in den Briefen jener Damen, die mir bisher ganz unerklärlich waren. Kislar Aghasi. Hahaha! Also jetzt hat man mich auch noch zum Eunuchen gemacht! Sehr gut das! Aber ich werde den Damen bald das Gegenteil von ihrer Ansicht beweisen - übrigens,« fuhr er fort, wieder ganz ernsthaft werdend, »es ist seltsam - das hängt nämlich sogar in gewisser Beziehung gerade mit der Sache zusammen, über welche ich Sie hauptsächlich sprechen wollte. Jetzt erst beginnt unsere Unterredung, wegen welcher ich Sie zu mir bat.«

Es trat eine Pause ein. Der Hausherr drückte den Knopf einer elektrischen Klingel, ein Steward erschien, er mußte Zigarren, Wein und andere Erfrischungen bringen, wie sie im Süden dem Gaste vorgesetzt werden.

»Bitte, Monsieur Girard, bedienen Sie sich!« nahm der Kapitän wieder das Wort. »Machen Sie es sich bequem! Jetzt beginnt die Arbeit. Sie müssen dazu Bleistift und Notizbuch zur Hand nehmen. Ich möchte, daß die >Maske< über das Folgende einen Artikel bringt, in Form eines - eines Aufrufs - zur Reklame.«

»Einer Reklame?«

»Jawohl, in Form einer Reklame. Sie werden es gleich sehen, worum es sich handelt.«

Der Journalist hatte sich bedient, es sich bequem gemacht, Bleistift und Notizbuch harrten des Kommenden.

»Monsieur Girard,« hob der Kapitän an, »Sie fahren am sichersten, wenn Sie mich für einen wieder jung gewordenen Greis halten, welcher in der Südsee eine schwach bevölkerte Insel besitzt. Sie werden es natürlich nicht glauben, aber ich bitte Sie, es jetzt einmal als Tatsache ...«

»O, bitte, Herr Kapitän,« unterbrach der Journalist den Sprecher. »Was ich Ihnen vorhin mitteilte, war nur die Ansicht der großen Masse. Ich selbst habe niemals auch nur im Geringsten die Glaubwürdigkeit Ihrer Worte bezweifelt.«

»Ich danke Ihnen,« entgegnete der Kapitän, wenn er jenem auch nicht glaubte, hier log wahrscheinlich einer immer mehr als der andere. »Das erleichtert nämlich meine weiteren Ausführungen sehr. - Stellen Sie sich nun einmal vor, Sie hätten eine Erfahrung von siebzig, achtzig Jahren hinter sich, mit einem Male sind Sie wieder ein jugendkräftiger Mann, aber mit einem Kopfe, in dem die Erfahrungen eines Greises stecken. Können Sie sich das vorstellen? Nein, das können Sie nicht. Nun, in dieser Lage befinde ich mich jetzt. Ich vereinige in mir das Herz eines Jünglings und den Kopf eines Greises. Daraus entspringen die seltsamsten Empfindungen. Ich komme mir immer vor, wie der Esel zwischen zwei Heubündeln ...«

»Ah, Sie haben gewiß in Ihrem früheren Leben schlimme Erfahrungen mit Damen gemacht!« rief der geniale französische Journalist.

»In der Tat, sie waren mein Ruin,« lautete die Antwort. »Sogar ein paarmal! Aber das ist es nicht allein, wenn es auch aufs Engste mit meiner Zurückgezogenheit zusammenhängt. Ich wollte mich in das üppige Leben von Monte Carlo stürzen, es mit vollen Zügen schlürfen! So rief das feurige Herz des Jünglings - da hatte es den erfahrenen Kopf des alten Mannes vergessen. Aber dieser kam auch zu Worte, und nicht allein, daß der Alte sagte: höre, Jüngling mit dem feurigen Herzen, du weist doch, was du durch die Weiber schon alles erlitten hast, und die Damen des heurigen Jahrgangs scheinen auch nicht viel besser geraten zu sein als die damaligen, sieh dich vor - nein, es ist noch etwas ganz anderes dabei. Ich stehe nämlich unter einem Gesetz. Ich darf gar nicht. Es ist mir strikt verboten, mit einer weiblichen Person eine - eine - Liaison anzuknüpfen. Das hatte der neue Jüngling bei seiner Geburt ganz vergessen.«

»Das verbietet Ihnen ein Gesetz, welches auf ihrer Insel maßgebend ist?« ging der Journalist auf diese Eröffnung ein.

»So ist es. Ich selbst habe diese Gesetze geschaffen, deshalb muß ich auch der erste sein, der ihnen gehorcht, sonst würde in meinem Reiche Anarchie herrschen.«

»Kann ich nichts Näheres über diese Gesetze erfahren?«

»Das sollen Sie. Passen Sie auf! Bitte, notieren Sie! - Als ich mich mit einigen Leidensgefährten, darunter also auch Frauen, auf die einsame Koralleninsel rettete, hatte ich soeben auch in anderer Weise Schiffbruch erlitten, mein Lebensschifflein hatte sich an einer weiblichen Klippe leckgerammt.«

»Ich verstehe, ich verstehe,« lächelte der Franzose. »An einer weiblichen Klippe leckgerammt - sehr guter Ausdruck das!«

»Ich wurde Herr und Meister über meine Genossen, ich wurde ihr König. Ihre Vermehrung konnte ich natürlich nicht hindern. Daran dachte ich ja auch gar nicht. Ich bin ja auch überhaupt niemals ein so genannter Weiberfeind gewesen oder dann geworden. Gott bewahre! Aber Vorsicht, Vorsicht! Das ist durch bittere Erfahrung mein Wahlspruch in Bezug auf das Ewig-Weibliche geworden. Nun, wir mehrten uns - es waren auch Insulaner da - mit Frauen, wir vermischten uns mit ihnen, wir konnten uns als ein kleines Volk betrachten, wir trieben etwas Seehandel, kamen also auch mit der Außenwelt in Berührung, es gibt bei uns mancherlei geheimzuhalten, und auf alles das hatte ich, als ich die ersten Gesetze entwarf, schon Bedacht genommen. - Also außerhalb unserer Insel dürfen wir mit keinem Weibe verkehren - ich als der Gesetzgeber erst recht nicht.«

Der maskierte Kapitän hatte gesprochen, und mit einem Male wurde Monsieur Girard ganz tiefsinnig. Seltsam, daß ihm etwas bisher ganz entgangen war, und es war doch so sehr auffallend! Was waren das doch für Matrosen, die der Kapitän an Bord hatte? Erst hatte man ja nur drei beobachten können, die dicke Ordonnanz und die beiden Stewards. Jetzt konnte man das Treiben der ganzen Mannschaft beobachten, und es war ganz dasselbe, nur eben, daß es noch niemandem als ein besonderes Geheimnis aufgefallen war.

Wie sich Matrosen an Land betragen, das ist doch jedem bekannt. Und diese hier von der Heliotrop gingen wohl auch des Abends ins Tingeltangel, scherzten auch mit Mädchen, aber wenn es aus war, begaben sie sich in geschlossenem Trupp als solide Menschen an Bord zurück oder nach Hause, nämlich in die Mäander-Burg.

Einige wurden täglich bei Monsieur Martin in der rue Caroline gesehen, eine anständige Weinstube; dort tranken sie ruhig eine Flasche Wein und gingen wieder. Die meisten aber waren Teatotalers, genossen gar keine alkoholischen Getränke, sondern nur Kaffee, Selterswasser und Limonade, und das will bei Matrosen doch gewiß etwas heißen! Und trotzdem waren sie alle tüchtige Kerls.

Und nun fing der Kapitän auch noch so an! - Kurz, Monsieur Girard wurde mit einem Male ganz kopfscheu.

»Ich glaube,« fuhr der Kapitän fort, »ich habe bei Ihrem Interview eine Unwahrheit gesagt, freilich ganz unabsichtlich. Ich hielt es nicht für nötig, Sie über alles aufzuklären. Ich sagte Ihnen damals wohl, daß alle die weißen Leute, welche Sie an Bord sehen, auf der Insel geboren sind ...«

»Das haben Sie allerdings gesagt, Herr Kapitän.«

»Dem ist nicht so. Nur die älteren sind auf der Insel geboren, die jüngeren sind Neuwerbungen. Ich habe nicht verstanden, gleich von Anfang auf reine Rassen zu halten, und dann konnte ich nicht mehr hindern, daß die Mischlinge in einem bedeutend höheren Prozentsatze zunahmen als die unverfälschten Weißen. Nun habe ich mit diesen Mischlingen sehr, sehr schlechte Erfahrungen gemacht, und sie entarten immer mehr. Dadurch steht unserer Insel eine große Gefaht bevor. Wohl sind wir noch genug weiße Männer dort, aber - wir haben keine weißen Frauen mehr. Die sind gänzlich ausgestorben oder schon vermischt, schon entartet. So kann ich auch kein neues Geschlecht heranzüchten. Verstehen Sie Monsieur Girard? Und die Gesetze sind eisern, die lassen sich nicht umstoßen, oder alles bricht zusammen. Verstehen Sie, Monsieur Girard?«

Der zweimal in so ganz besonderem Tone gefragte Journalist lauschte wie ein Mäuschen, und er glaubte, daß die Augen hinter der Maske mit einem lauernden Ausdrucke auf ihm ruhten. Gedankenvoll kauerte er am Bleistift.

»Hm! Sie beabsichtigen wohl, das gemischte Element von der Insel zu beseitigen?« fragte er erst mit Vorbehalt einer anderen Frage.

»Das ist es! Sie haben es sofort erfaßt! Ich bewundere immer wieder Ihren Scharfsinn,« zollte der Kapitän ihm Beifall. »Ja, ich lasse die Farbigen aussterben. Das kann ich - ohne Mord und Totschlag! So etwas gibt es bei uns überhaupt nicht. Aber die Ehe steht bei uns seit einigen Jahren unter strengen Gesetzen, sie kann einfach verboten werden. Es gibt auch noch andere Mittel: Ausweisung, Auswanderung und dergleichen. - Aber dann ist das weiße Element noch nicht ersetzt.«

»Na, dann nehmen sie doch einfach weiße Frauen mit auf Ihre Insel!«

»Ja, das ist wohl leicht gesagt, aber schwer getan. Woher nehmen und nicht stehlen? Wie sollten sie zu bekommen sein? Sie müssen nur immer bedenken, daß es sich um eine einsame, unbekannte Insel in der Südsee handelt.«

»Ach, so viel Sie haben wollen - massenhaft!« lachte der Franzose. »Herr Kapitän, da kennen Sie die heutigen Weiber nicht, da müssen sie zu Ihrer Zeit ganz anders beschaffen gewesen sein! Zu annoncieren ginge die Sache allerdings nicht gut, das wünschen Sie wohl auch nicht. Nehmen Sie ein paar Agenten, die gehen in die Welt hinaus, und ich sage Ihnen, die bringen Ihnen die romantisch angehauchten Jungfrauen und Witwen und durchgegangenen Weiber schiffsladungsweise angeschleppt!«

»Wahrhaftig?« erklang es mit freudigem Staunen hinter der Maske hervor. »Na und wie! Soll ich die Sache in die Hand nehmen? Muster der edlen Weiblichkeit bekommen Sie natürlich nicht, auch keine Dienstmädchen, keine Fabrikmädchen. Ich denke mir aber, die wollen Sie auch gar nicht haben ...«

»Ganz egal, wenn sie nur gesund und kräftig sind.«

»Nein, solche Geister würden gar nicht mit Ihnen gehen. Die haben noch gar nichts von der Südsee gehört, und die fürchten sich vor Menschenfressern.«

»An wen denken sie sonst?«

»Alle die Frauen und Mädchen,« erklärte der Franzose, der jetzt ganz Feuer und Flamme wurde, »die ich Ihnen empfehlen oder besorgen könnte, an denen ist irgend etwas ...«

»Was soll an diesen sein?«

»Die haben enweder etwas zu viel oder zu wenig im Kopfe, im Charakter oder sonstwo. Ein in einem anderen Städtchen solid nach dem Katechismus erzogenes Mädchen geht natürlich nicht mit Ihnen, um in der Südsee eine Koralleninsel zu bevölkern. Emanzipiert müssen sie sein, romantisch angehaucht, etwas verrückt! Aber von wegen keine bekommen ...«

»Halt! Sie kennen ja die Verhältnisse noch gar nicht, und ich scheine mich etwas zu früh gefreut zu haben, weil Sie gleich so sicher sprachen. Das ist wohl nicht so einfach, wie Sie zu glauben scheinen.«

»Weshalb nicht?«

»Sie denken, wir suchen für die Insel Frauen, welche eben als unsere Frauen dort bleiben, und uns die Wirtschaft führen, und so weiter?«

»Ja, Monsieur Kapitän, das sagten Sie doch vorhin?« stutzte Girard.

»Nein, das sagte ich nicht - nicht so, wie Sie es annehmen. Das können wir nicht, das dürfen wir nicht. Wir haben Gesetze, und wenn diese auch etwas zu voreilig geschaffen sein mögen - umzustoßen sind sie nun nicht wieder.«

»Na, was denn für Gesetze? Bitte, Herr Kapitän, sprechen Sie sich doch ganz offen aus. Sie scheinen sich ... etwas zu genieren. Wir sind doch unter uns!«

»Gut, ich will es Ihnen sagen! Es dürfen als ständige Mitglieder der Insel nur Männer aufgenommen werden, keine Frau, kein Mädchen, kein Kind weiblichen Geschlechts, und dieses Gesetz ist eisern. Aber Gäste beherbergen, das dürfen wir, auch weibliche Gäste - bis auf ein Jahr lang. Das würde für unsere Zwecke genügen. Nach einem Jahr muß die Frau die Insel wieder verlassen, das Kind wird einer farbigen Insulanerin zur Pflege übergeben. Das ist der einzige Ausweg in dieser Sache.«

Aaahhh! Nun begann Monsieur Girard zu verstehen, und er sperrte vor Überraschung Mund und Nase auf.

»Das ist aber immer noch nicht alles,« fuhr der Kapitän sogleich fort, begann aber jetzt manchmal zu stocken, als fiele es ihm schwer, alles zu sagen. »Es gibt noch ein anderes großes Hindernis. Ich könnte ja ... für jedes Kind eine ... eine Prämie aussetzen ... hunderttausend Francs vielleicht ... ach, was spielt denn bei uns Geld für eine Rolle, das wäre ganz Nebensache ... aber, das geht eben nicht, das darf nicht sein!«

»Warum denn nicht?«

»Weil ... weil ... eben weil auf unserer Insel Schätze sind ...«

»Schätze?« wiederholte der Franzose und bekam gleich wieder große Augen.

»Ja, große Schätze, und ... da ist gleich damals durch Gesetz ein Riegel vorgeschoben worden, daß ein ... ein ... üppiges ... ein wollüstiges Leben zur Unmöglichkeit gemacht wird.«

»Was für ein Gestz ist das?«

»Nun, wir dürfen eben gar nichts von der Insel verschenken, vor allen Dingen nicht an Gäste. Verstehen Sie, Monsieur Girard? - Kurz, ich suche Frauen, welche mit mir kommen, ein Jahr auf der Insel als Gäste verweilen, ihr dort geborenes Kind auf der Insel lassen, und dies alles nur aus ... aus ... aus Liebe zur guten Sache ... ohne die geringste Entschädigung. Jetzt habe ich frei herausgesprochen. Nun, wer geht auf so etwas ein?«

Monsieur Girard kratzte sich hinter den Ohren und pfiff leise.

»Ja, dann freilich!« meinte er endlich. »Das wird verdammt schwer halten.«

»Sehen Sie, das heißt nicht etwa, daß ich daran zweifle, daß es Frauen gibt, welche sofort auf so etwas eingehen würden, nur der Romantik wegen. Es gibt noch mehr als eine Lady Stanhope, und diese Art von eigentümlich gearteten Frauen stirbt doch nie aus. Ich habe diese exzentrische Lady, die Sibylle des Libanon, nämlich persönlich gekannt. Ich durfte sie meine Freundin nennen. Ich war dabei, als die Königin der Drusen den Ibrahim Pascha zurückwarf. Doch lassen wir das jetzt! - Also ich behaupte, daß es solche romantischen Frauen immer in der Welt gibt. Ich brauche, um jedem weißen Insulaner zu einer Frau zu verhelfen, gerade sechsunddreißig - wir sind zufällig drei Dutzend - die gibt es in der Welt. Aber sie finden, sie finden!«

»Ja, sie finden, sie finden!« wiederholte der Journalist, der seit einiger Zeit vor sich hinstierte und seine Stirn rieb.

»Denn,« fuhr der Kapitän fort, »in Zeitungen veröffentlichen läßt sich so etwas doch nicht.«

»Nein, das geht nicht, das gäbe einen Skandal,« murmelte Monsieur Girard geistesabwesend, immer mit seiner Stirn beschäftigt.

»Ja, das würde einen Skandal geben, obgleich ich ... die Sache von der idealsten Seite aus betrachtet haben möchte, wie ich es tue. Es soll doch auch nicht dafür bezahlt werden.«

»Ja, das ist es eben!«

»Aber die hausbackne Welt würde so etwas gar nicht verstehen. - Oder, Monsieur Girard, was meinen Sie: ich lasse einen Aufruf an die Damen von Monte Carlo ergehen ...«

Wie von einer Natter gestochen fuhr der Jourbalist plötzlich empor.

»Gerade dasselbe wollte ich eben jetzt sagen!« rief er. »Weiß Gott, genau den selben Vorschlag wollte ich Ihnen eben machen, Sie haben mir das Wort von der Zunge genommen!«

Der Kapitän wußte ihn wieder zu beruhigen.

»Sie meinen Kokotten?«

»Jawohl, Kokotten und andere. Ja, wahrhaftig, Herr Kapitän, nirgends würden Sie solche Frauenzimmer besser finden als hier.«

»Aber keine Entschädigung, keine Belohnung, kein Minnesold, nichts!«

»Gar nichts! Nur des romantischen Abenteuers wegen! Solche verrückte Frauenzimmer finden Sie nur in Monte Carlo, wenigstens nirgends besser in solcher Auswahl, ich wüßte gleich drei - vier - fünf - die würden sofort mitmachen, mit Kußhänden ...«

»Womöglich drei Dutzend.«

»Spaß! Wenn nur erst einmal eine einzige angebissen hat - die andern kommen dann von selber gelaufen. Und hier haben Sie sie gleich so hübsch beisammen, Sie können sie nach Belieben aussuchen. Ach, da beißen ja gleich hundert - hunderte an! Was meinen Sie denn wohl, wieviel Kokotten hier sind? Und da sind welche darunter, denen sie es nimmermehr ansehen, daß sie zur Halbwelt gehören. Da sind sogar Herzoginnen dazwischen echte! - nicht ruiniert, sie haben noch Schlösser und Paläste, aber ... die Liebe, die Liebe! ... und dann vor allen Dingen die Lust an Abenteuern ... das wird zur Manie ... und da sind sie in die Welt geraten, welche man die halbe nennt, und nun können sie nicht wieder herausfinden. Und das sind ja gerade die, welche Sie brauchen. O, Herr Kapitän, ohne Sorge - die beißen alle an!«

Während der Franzose sich immer mehr in Eifer hineinredete, blieb der Kapitän sehr ruhig.

»Was meinen Sie denn eigentlich immer mit Ihrem ... Anbeißen?« erklang es jetzt in abweisendem Tone hinter der Maske. »Ich möchte diese Angelegenheit durchaus nicht mit ... sinnlichen Augen betrachtet haben. Mir liegt die Erhaltung und das Wohl meines Volkes am Herzen, für mich ist das eine tief ernste, sogar heilige Sache.«

»Gewiß, sicher, sicher, natürlich, ich verstehe Sie vollkommen, mein Herr,« pflichtete Monsieur Girard sofort unterwürfig bei, »und ich glaube, Sie werden hier gerade das finden, was Sie zu Ihrer heiligen Sache brauchen.«

»Der Meinung bin ich auch. Es sind doch alle schöne, kräftige, gesunde Frauen - und geistreich. Darauf kommt es mir nämlich auch sehr an. Geistreich! Es sollen schöne, gesunde, geistreiche Kinder werden. Nun aber notieren Sie das alles, dann machen Sie einen Artikel daraus, dessen Fassung ich Ihrer mir schon bekannten journalistischen Geschicklichkeit überlasse.«

Monsieur Girard notierte, und wenn es nach den Notizen ging, so mußte der Artikel mit den geistreichen Säuglingen anfangen. Ha, das sollte ein Artikel werden! Und das wurde ein Geschäft! Monsieur Girard bekam vor Aufregung einen Tatterich. Diese Nummer mußte mindestens drei Francs kosten! Verboten konnte sie nicht werden, es handelte sich ja darum, die Wünsche des allmächtigen Kapitäns zu erfüllen, und wie würde man sich um diese Nummer reißen! Ha, das sollte ein Geschäft werden!

»Wieviel Kinder wünschen Sie?«

»Kinder? Frauen will ich doch mitnehmen!«

»Na, ja, drei Dutzend Weibs ... Damen nehmen Sie mit. In der Hauptsache handelt es sich aber doch um die Kinder.«

»Eigentlich, ja.«

»Also drei Dutzend Kinder. Es dürfen nur Mädchen werden, nicht wahr?«

»Das muß wohl der Fügung überlassen bleiben,« erlang es diesmal etwas heiter hinter der Maske. »Natürlich sind uns Mädchen lieber. Denn dann haben wir Frauen auf der Insel.«

»Und was wird aus den eventuellen Jungen?«

»Die können sie wieder mitnehmen.«

»Wer kann die Jungen wieder mitnehmen?«

»Nun, die Mütter.«

»Wenn's ein Junge ist, kann ihn die Mutter selber mitnehmen,« notierte der Journalist, beim Schreiben halblaut sprechend.

Plötzlich hielt er inne und blickte fragend auf.

»Wenn die Mutter nun aber nicht will?«

»Was nicht will?«

»Den Jungen selber behalten?«

»O, eine Mutter wird doch gern ...«

»Na ... na,« meinte der Journalist zweifelnd, »es sind Damen von Monaco, die machen sich verdammt wenig ... pardon, die wollen von Kindern meistenteils nichts wissen.«

»Nun, dann kann der Junge natürlich auf der Insel bleiben, er wird aufs Beste erzogen. - Hören Sie, Monsieur Girard, Ihr >Anbeißen< vorhin hat mich doch etwas mißtrauisch gemacht. Ich möchte die Sache eben von der idealsten Seite aus betrachtet haben. Darum will ich den Damen, welche mit mir kommen, gar nichts verheimlichen, daß sie wissen, was sie zu erwarten haben, und daß sie sich hinterher über nichts beklagen können. Nämlich auch die Aufnahme von Gästen steht unter strengen Gesetzen, die Damen haben sich erst Prüfungen zu unterziehen, welche sie bestehen müssen, ehe sie die Geheimnisse userer Insel schauen dürfen.«

»Prüfungen? Was für Prüfungen sind das? Wozu?«

»Um Ihre Verschwiegenheit zu beweisen. Die Damen sind zwar nicht imstande, den Zugang der Insel zu verraten, seitdem aber einmal ein gastlich aufgenommener Seemann bald alles ausgeplaudert hätte, existieren hierüber scharfe Bestimmungen, und - es muß überhaupt über alles Schweigen beobachtet werden, und ob der Besuch hierzu fähig ist, daraufhin wird er eben erst geprüft, ehe er die Insel wirklich sehen darf.«

»Wissen Sie was, Herr Kapitän,« meinte der Journalist, »nehmen wir an, die drei Dutzend Damen wären schon zusammen, bereit, mit Ihnen zu gehen. Was geschieht nun? Ich glaube, so ist es am richtigsten.«

»Sehr gut,« stimmte der Kapitän diesem vernünftigen Vorschlage bei, »so kommen wir am schnellsten zum Ziel. Die Damen sind mit Garderobe und Wäsche auf ein Jahr versehen, sie gehen an Bord der Heliotrop, und an demselben Tage, in derselben Stunde stechen wir in See.«

»Die Damen dürfen ohne weiteres an Bord gehen?« fragte der Schreibende.

»Gewiß, ohne weiteres, dazu sind keine Zeremonien nötig.«

»Aber doch vorher ein Kontrakt?«

»Nichts, absolut gar nichts. Ich verlange, daß sich die Damen mir anvertrauen. Und was hätte denn auch eine vorherige Abmachung für einen Zweck, wenn sie mir nicht trauen? Ich gehe nach der Südsee zurück, komme wahrscheinlich nie, nie wieder hierher, und deponieren als Sicherheit tue ich auch nichts, ich darf es nicht, das ginge wiederum gegen gewisse Bestimmungen. Ich verspreche, daß es die Damen gut haben sollen, und daß sie nach einem Jahr wieder hierher gebracht werden - mehr verspreche ich nicht.«

»Hm,« brummte Monsieur Girard in einer Weise, als ob er jetzt sehr daran zweifle, daß die Damen auf solche ungewissen Bedingungen eingehen würden, denn - verkaufen lassen sich die nämlich nicht. »Nun sind die Damen also an Bord, es geht nach der Südsee. Wie ist es an Bord?«

»Selbstverständlich werden die Damen als erstklassige Passagiere behandelt, als angesehene Gäste. Auf meiner Jacht ist nämlich Komfort vorhanden. Allerdings ist sie nicht auf sechsunddreißig Gäste eingerichtet, es wird etwas zu eng zugehen, so zum Beispiel, daß nicht alle Damen zugleich die Mahlzeiten im Speisesalon einnehmen können, dazu ist er zu klein, aber es müssen nicht etwa zwei zusammen in einer Koje schlafen, und sonst ist jeglicher Komfort vorhanden.«

»O, Seereisen sind diese Damen gewöhnt. Wann erreichen sie die Insel?«

»In spätestens vier Wochen. Die Motorjacht läuft in der Stunde 20 Knoten.«

»Nun sind die Damen auf der Insel ...«

»Halt! So weit sind wir noch nicht! Die Landung findet in der Nacht statt. Den Damen werden die Augen verbunden, nachdem sie einen Schwur abgelegt haben, die Binde unter keinen Umständen zu lüften. So werden sie in die Boote gebracht. Nach einiger Zeit steigen sie aus. Sie fühlen wieder festen Boden unter ihren Füßen. Jede Dame wird von einer unsichtbaren Hand weitergeleitet. - Das ist eben, was mich besorgt macht. Auf so was werden sich die Damen wohl nicht einlassen, da werden sie sich fürchten, und ich mag ihnen doch nichts verheimlichen.«

»O, o, o, da kennen sie unsere Damen von Monte Carlo schlecht, das ist ja gerade etwas für die,« schmunzelte der schreibende Journalist. »Schon wenn ihnen die Augen verbunden werden - da sind sie ganz verrückt dahinter, so etwas lieben sie, das kitzelt die Nerven! Was nun weiter?«

»Die Binde wird ihnen abgenommen, jede Dame sieht sich in einem luxuriös eingerichteten Gemache. Nun aber kommt etwas: In diesem Zimmer muß jede Dame vier Wochen ausharren, ehe sie es verlassen und somit die ganze Insel sehen darf.«

»Wozu erst dieser Arrest?«

»In diesem Zimmer wird die Dame erst vier Wochen lang Prüfungen und allerhand Versuchungen ausgesetzt, welche sie bestehen muß.«

»Was für Prüfungen sind das?«

»Ja, mein Herr, hierüber darf ich freilich nichts verraten. Der Gast wird auf seine Schweigsamkeit geprüft, ob er würdig ist, die Insel mit ihren Geheimnissen schauen zu dürfen.«

»Anstrengende Prüfungen?«

»Gott bewahre! Wir haben schon viele Gäste gehabt, und noch jeder hat sie bestanden. Es ist viel Zeremonie dabei, aber es ist nun einmal Vorschrift.«

»Doch nicht fasten und dergleichen? Dafür sind unsere Damen gar nicht.«

»Unsinn! Ich erwähnte doch schon, daß den Damen das Leben so angenehm wie möglich gemacht wird.«

»Ah so, das sagt schon genug. So - angenehm - wie - möglich,« schrieb der Journalist.

»Freilich ... es gibt manchmal etwas zum Gruseln - doch nicht etwa wie auf der Teufelsinsel,« setzte der Kapitän schnell hinzu, als er einen mißtrauischen Blick auffing. »Es wird den Damen nur ein Spükchen vorgemacht. Das ist ihnen auch bekannt, darauf werden sie vorbereitet, und dann hat auch jede ihren Führer.«

Des Kapitäns Besorgnis war unbegründet gewesen.

»Spükchen vorgemacht,« wurde notiert. »O, o, o, das ist gerade etwas für unsere Damen, so etwas lieben sie, das kitzelt die Nerven!«

»Sie haben also Erscheinungen und dergleichen. Wir haben für diese Prüfungen einen besonderen Namen, sagen wir ... sagen wir: sie müssen durch Feuer und Wasser gehen, ohne mit einer Wimper zu zucken, immer an der Hand eines Führers - und selbstverständlich wird ihnen kein Haar gekrümmt.«

»Durch Feuer und Wasser? O, o, o, das ist etwas für unsere Damen, besonders wenn dabei ihre Frisur nicht in Unordnung kommt.«

»Ich will Ihnen noch ein Beispiel geben, was für harmlose Prüfungen des Schweigens und der Selbstbehrrschung es sind, daß sich die Damen nicht etwa ängstigen. So zum Beispiel bekommt jede Dame ein interessantes Geheimnis anvertraut, aber keine darf es der anderen verraten ...«

»O, o, o, das freilich wird unseren Damen sehr schwer fallen,« ließ sich der schreibende Bleistift wieder vernehmen.

» ... dann wird jeder Dame ein Kästchen ins Zimmer gebracht, mit dem Verbot, dieses Kästchen zu öffnen, erst am dritten Tage darf sie es aufmachen, und dann gehört das, was in dem Kästchen ist, ihr ...«

»Drei Tage lang das Kästchen nicht aufmachen? O, o, o, o, das ist freilich gar nichts für unsere Damen, das wird wohl keine aushalten. Was ist denn in dem Kästchen?«

»Das - ist ja überhaupt nur eine Annahme gewesen. Das sollte nur ein Beispiel sein, wie die Prüfungen gehandhabt werden.«

»Wie lange dauern diese?«

»Genau vier Wochen.«

»Und während dieser vier Wochen haben die Damen immer Zimmerarrest?«

»Ja. Doch können sie sich abwechselnd besuchen. Die Zimmer sind sehr luftig, auch an Beweguing ist kein Mangel. Es ist durchaus keine Qual, nicht etwa ein Gefängnis. O, die Damen werden so viel Überraschungen erleben, daß ihnen die Zeit wie im Fluge vergehen wird. Keine langweilige Stunde soll es für sie geben, und die Erlebnisse auf meiner Insel werden immer ihre angenehmsten Erinnerungen bleiben.«

»Und wenn eine Dame die Prüfung nicht besteht?«

»Es besteht jede.«

»Es könnte aber doch sein, daß ...«

»Nein, es kann nicht sein! Unter Garantie besteht jede die Prüfung. Danach wird diese eingerichtet. Das ist doch alles nur pro forma, weil es unsere Gesetze so verlangen. Was aber nicht mehr zu ändern ist, das geht doch noch immer zu drehen und zu wenden. Wir wollen die Damen doch nicht etwa ein ganzes Jahr lang im Zimmer gefangen halten, daß sie krank und lebensüberdrüssig werden. Im Gegenteil, lustig sollen sie sein! Ein fröhliches Jahr soll es werden! Und das hoffe ich doch nicht, daß sie unter den Sklaven eine Revolution anzetteln werden.«

»Unter - den - Sklaven?«

»Ja - warum soll ich's verheimlichen? Auf meiner Insel gibt es Sklaven und Sklavinnen.«

»Echte?«

»Ganz waschechte. Die sind aber zufriedener als Ihre europäischen Arbeiter. Von solchen werden die Damen auch bedient - ganz nach orientalischer Art.«

»Werden von Sklaven und Sklavinnen nach orientalischer Art bedient,« notierte der Bleistift. »Das ist nun auch wieder so etwas für unsere Damen, das wird ihnen imponieren. - Und wenn sie nun die Prüfungen bestanden haben?«

»Dann öffnet sich ihnen das Tor des Pa ... dann steht ihnen die ganze Insel zur Verfügung, sie dürfen sich frei darauf umherbewegen.«

»Das Tor des Paradieses steht ihnen offen, wollten der Herr Kapitän sagen.«

»Gar nichts wollte ich sagen. Da können die Damen die Insel mit allen ihren Geheimnissen besichtigen.«

»Was sind das für Geheimnisse?«

»Na, hören Sie mal, Verehrtester! Geheimnisse sind doch dazu da, daß man sie nicht verrät.«

»Die Damen sind anderer Ansicht,« wurde Monsieur Girard jetzt dreist. »Geheimnisse sind meistenteils dazu da, daß man sie erzählt.«

»Na, machen Sie mal keine schlechten Witze! Von mir erfahren Sie nichts. Aber das kann ich Ihnen sagen: die Damen werden auf der Insel etwas zu sehen bekommen!«

»Was werden sie zu sehen bekommen?«

»Was sie noch nicht gesehen haben und nicht wieder zu sehen bekommen. - Nun aber zur Hauptsache! Die Kinder, mit welchen uns die Damen beschenken, kommen also unter die Obhut von farbigen Frauen, das heißt, erst ...«

»Erlauben Sie noch einen Augenblick, Herr Kapitän. Wie ist denn nun das Verhältnis der Damen zum - zum Vater des betreffenden Kindes?«

»Ach so. Das hatte ich bald vergessen. Na, ein Standesamt gibt es auf der Insel nicht. Alles geht nach orientalischer Art zu. Doch das ist wiederum ein Punkt, worüber ich mich nicht auslasse.«

»Für die Damen ist das aber gerade die Hauptsache. Hierüber muß ich unbedingt Näheres erfahren.«

»Hm! Nun, die Damen können um die Männer ... müssen um die Männer ... na, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ...«

»Würfeln?«

»Würfeln? Sie meinen, die Männer werden ausgeknobelt, bis jede Dame einen hat? Nein. Es wird jeder ein Freund für dieses Jahr zugeteilt, wenn ihr der aber nicht gefällt, so kann sie ihn verweigern oder ihn noch nachträglich entlassen, dann muß ihr ein anderer Freund vorgestellt werden, und so immerfort. O, die Damen werden schon zufrieden sein.«

»Und - so - immer - fort,« notierte der Journalist und war ebenfalls mit dieser Erklärung zufrieden, wünschte nur, er könnte ebenfalls mit auf diese Insel und sich von Sklaven und mehr noch von Sklavinnen nach orientalischer Art bedienen zu lassen.

»Ich glaube, ich habe den Herrn Kapitän vorhin unterbrochen,« begann er dann wieder. »Was wollten Sie noch hinzusetzen?«

»Nicht, daß ich mich entsinnen kann. Bei welcher Gelegenheit?

»Als Sie sagten, die Kinder kämen dann unter die Obhut von farbigen Frauen, erst aber - da blieben Sie stehen.

»Ah so. Erst aber muß die Mutter ihr Kind einige Zeit selbst stillen.«

»Stillen?« wiederholte der Franzose in fragendem Tone.

»Jawohl, stillen. Wissen Sie denn nicht, was das ist?«

»Stillen?« wiederholte der Franzose nochmals. Dann kam ihm die höhere Erleuchtung.

»Ah so, wenn das Kind schreit, dann wird ihm die Kehle zugedrückt, daß es still wird, und das muß die Mutter selbst besorgen. Nicht wahr, das meinen Sie, Herr Kapitän?«

»Sind Sie verheiratet, Monsieur Girard?« erklang es heiter hinter der Maske.

»Ich? Nein, Gott sei Dank nicht!« kam es aus Monsieur Girards tiefernster Brust mit einem Seufzer der Erleichterung.

»Das heißt, die Mütter, die Damen, müssen ihre Kinder selbst nähren.«

»Nähren, ah, nähren. Mit Kinderzwieback?«

»Mit Milch, Herr, mit Milch!«

»Haben Sie auch Kühe auf Ihrer Insel?«

»Himmelbombenelement noch einmal! Herr, stellen Sie sich nur so ... unerfahren oder sind Sie's wirklich? Die Damen müssen ihre Kinder selbst an die Brust nehmen, vorausgesetzt, daß die Mutter auch Milch hat.«

»Aaahhh,« kam es langgedehnt aus des Franzosen Mund, »jetzt verstehe ich.«

Doch gleich hatte er ein anderes Bedenken.

»Gibt's denn heute überhaupt noch so etwas? Bei Menschen? So etwas ist doch bloß noch bei Tieren Mode. Herr Kapitän müssen allerdings verzeihen, gerade in der Zoologie sind meine Kenntnisse sehr schwach.«

Seltsamerweise kam diese Milchfrage gar nicht weiter in Betracht, eben deswegen, weil der Franzose absolut kein Verständnis dafür hatte, er schenkte der Sache keine Beachtung.

»Also fürchten werden sich die Damen doch nicht vor mir,« begann der Kapitän dann wieder, »weil über mich allerlei dumme und ganz falsche Gerüchte in Umlauf gekommen sind?«

Der Journalist zog die Augenbrauen hoch und blickte von untenauf den Maskierten an.

»Ja, Herr Kapitän, hätten Sie nur nicht wieder die Geschichte mit dem Sarge gemacht,« meinte er dann zögernd.

Monsieur Girard hoffte natürlich, auf diese Weise hierüber etwas Näheres zu erfahren. Der Maskierte war aber wohl etwas schlauer als er.

»Mit welchem Sarge?« fragte er unschuldig.

»Den Sie neulich an Land schaffen lassen wollten und den der Steuerinsektor Laboli nicht ungeöffnet durchgehen ließ.«

»Ach so, das meinen Sie! Es ist doch merkwürdig! Alles, was lang und mit einem schwarzen Tuche verhanden ist, muß bei den Leuten unbedingt ein Sarg sein!«

»Es war kein Sarg?«

»Gott bewahre!«

»Was war es denn sonst?«

»Einfach eine Kiste.«

»Warum wollten Sie dieselbe durchaus nicht öffnen?«

»Weil sich etwas darin befand, was profane Augen nicht schauen durften.«

»Was war das?«

»Was auch Sie nicht zu wissen brauchen. Doch ich will Ihnen wenigstens eine Andeutung machen. In dieser Kiste war gerade das, was ich denjenigen Damen zeigen wollte, welche Lust haben, mit mir auf meine Insel zu kommen. Denn dieser Plan beschäftigt meinen Kopf schon lange.«

»Es waren wirklich Geschenke darin?«

»Ja.«

»Ich denke, Sie dürfen laut Gesetz keine Geschenke geben?«

»Alles mit Unterschied, lieber Freund. Es läßt sich eben alles umgehen. Nein, wir dürfen kein Geld, keine Geschenke geben, auch nicht versprechen, um Frauen auf unsere Insel zu locken, aber ... wir dürfen doch etwas zeigen ... und ... der Freund darf dem Freunde ein Angebinde geben ... auch der Freundin. Verstehen Sie, mein Herr?«

Aha! Jetzt fiel auf die Sache ein anderes Licht.

Der Kapitän hatte geklingelt. Wilm trat ein. »Herr Kapitän befehlen?«

»Bringe mir einmal das kleine Stahlkästchen, du weißt, mit dem Vexierschloß!«

»Zu Befehl. - Herr Kapitän, Raoul wünscht Sie zu sprechen.«

»Ich komme sofort.«

Wilm war gegangen, der Kapitän wollte etwas sagen, Monsieur Girard kam ihm mit Hast zuvor, er hatte ja etwas vergessen.

»Wer ist der maskierte Knabe?«

»Das ist und bleibt mein Geheimnis. Kein Wort mehr hierüber!«

»War er schon immer an Bord?« ließ sich der Journalist nicht entmutigen.

»Ja. Nun, Monsieur Gir ...«

»Ihr Sohn, Ihr Enkel?«

»Nein. Gar nicht mit mir verwandt. Es ist ein Kind, welches in der Politik - es wurde mir zur Erziehung übergeben, der Knabe wird dereinst auf der Insel mein Nachfolger. Genug davon!«

» ... welches in der Politik lästig wurde und welches aus der Welt verschwinden sollte,« ergänzte der Journalist kühn.

»Habe ich das etwa gesagt?« fuhr der Kapitän empor.

»Ist es ein Argentinier?«

»Wie kommt man darauf?«

»Weil er so ausgezeichnet reiten kann.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Oder ein ... geborener Brasilianer?«

»Brasilianer? Unsinn!« lachte es ärgerlich hinter der Maske, aber Monsieur Girard hatte eine Bestätigung herausgehört.

Volkes Stimme, Gottes Stimme! Die Vermutungen des Volkes irren sich selten.

»Ist er ein Zwillingssohn des Kaisers von Brasilien?«

»Hat der denn Zwillinge gehabt? Ich weiß nur von einem Sohne.«

»Es sollen Zwillinge gewesen sein, und man behauptet, daß man den einen habe verschwinden lassen. Das Alter von zwölf Jahren dürfte stimmen. Ist Raoul ein Sohn des Kaisers von Brasilien?«

»Möglich, aber auch nicht möglich.«

Und es war dennoch eine Bestätigung! Das Volk hatte richtig geraten!

»Nun aber wirklich genug davon! Hören Sie, Monsieur Girard? Denken Sie, was Sie belieben, aber verschonen Sie mich mit Ihren Vermutungen!«

Wilm erschien wieder und brachte eine stählerne Kassette.

»Sind Sie sonst noch über etwas im Unklaren?« fragte der Kapitän, die Schatulle uneröffnet in der Hand haltend. »Wohl nicht? Ich bin doch sehr ausführlich gewesen. Bitte, nun bringen Sie hierüber den gewünschten Artikel, den ich also im übrigen Ihrer journalistischen Geschicklichkeit überlasse. Alle Anfragen deswegen seitens der reflektierenden Damen sind direkt an mich zu richten, das erlaube ich jetzt wieder, und das Verbot hätte ja auch gar keinen Zweck, solange ich überhaupt die Annahme von Briefen nicht verweigerte. Die betreffenden Zuschriften sollen den Vermerk >Insel< tragen.«

»Sehr wohl, Herr Kapitän. - Insel.«

»Angenehm wäre es mir dann noch, und das kann ich wohl sogar verlangen, daß die reflektierenden Damen mir etwas von ihrem früheren Leben erzählen, auch, ob sie schon verheiratet gewesen sind, Kinder haben usw.«

»Ich werde dies ausdrücklich betonen.«

»Sonst noch etwas?«

»Wann würde denn die Abreise erfolgen?«

»Das kann ich noch nicht sagen. Einige Zeit würde darüber noch vergehen, die Motore der Jacht sind reparaturbedürftig. Unterdessen habe ich andres zu tun. Sobald genügend Damen zusammen sind, halten wir Versammlungen ab, sowohl öffentliche, als geheime unter uns. Nun ist wohl alles erledigt, ich muß das Gespräch abbrechen. Ich gestatte mir nur noch ...«

Der Journalist verstand es, während des Schreibens seine Augen auch anderswo zu haben, und er hatte schon immer nach dem Kästchen in des Kapitäns Hand geschielt, und jetzt sprang der Deckel desselben auf, ein Sonnenstrahl fiel hinein ... und geblendet mußte Monsieur Girard einige Sekunden die Augen schließen.

Es blitzte und glänzte und gleißte in unerträglichem Feuerschein. Monsieur Girard konnte nur glauben, daß es Ringe und Armspangen und andere Schmuckgegenstände seien - und wenn der Leser hinsieht, so erkennt er wirklich solche, und zwar jene, welch er schon einmal bei anderer Gelegenheit gesehen hat, altertümliche Schmucksachen, wie man sie jetzt nur noch bei Raritätenhändlern und in Sammlungen sieht.

»Wie gefällt Ihnen das? Den Damen wird es wohl noch mehr gefallen als Ihnen. Sehen Sie, solchen Kram gibt es auf unserer Insel haufenweise, es muß nur gesucht werden, es ist vergraben, dann schippen die Kinder drin herum. Oder ist das vielleicht auch nur Theaterschmuck, der zur Komödie gehört? Oder ist das auch nur eine tote Leiche?«

»O, ah, o,« stammelte der Geblendete, und da hatte er gleich wieder einen genialen Einfall. »Und mit solchen Juwelen war wohl der ganze große Kasten gefüllt, den Sie an Land bringen wollten?«

»Ich sage nichts mehr. Ich muß jetzt auch wirklich gehen. Hier, Monsieur Girard, bitte nehmen Sie - für Ihre Bemühungen!«

Es war ein Ring, den er jenem reichte, eine Schlange vorstellend, die Schuppen von Brillianten, die Augen rote Rubinen, ganz aus farbigen Edelsteinen zusammengesetzt, im geöffneten Rachen statt des Apfels, den das Sinnbild der Versuchung reicht, eine große prachtvolle Perle. - Monsieur Girard war entlassen.

Wenn auf der Insel solcher >Kram< haufenweise herumlag, daß die Kinder darin schippten, dann hätte der Kapitän ihm eigentlich auch gleich eine Schippe voll davon geben können.

Es war gut, daß an des Redakteurs Hand wenigstens dieser eine Ring funkelte, denn als er dann auf der Straße im hellen Sonnelichte stand, wieder unter anderen Menschen, und er hätte diesen Schlangenring nicht gesehen, den er beim Eintritt in die Mäander-Burg noch nicht an der Hand gehabt - er würde wahrscheinlich geglaubt haben, er hätte nur einen merkwürdigen Traum gehabt.

Nein, was er da zu hören bekommen hatte, das war doch etwas gar zu toll! Aber das war erst die Einleitung gewesen, es sollte noch viel toller kommen!



Die >Maske< hatte den gewünschten Artikel gebracht, einen Aufruf an unternehmungslustige Damen. Auf nach der Südsee!

Ach, war das ein Leben in Monte Carlo!

Der kleinste Teil des hier verkehrenden Publikums fand diese Sache ordinär und frivol, der größte Teil fand sie >furchtbar interessant<.

Es gibt hier ein Schlagwort: Wir sind doch in Monte Carlo!

Man schwatzte und lachte und spottete - und die Damen der Halbwelt, an welche diese Aufforderung direkt erging, die wurden alle ganz verrückt!

»Kommen Sie mit? Ich gehe mit.«

»Ach, ich lasse mich doch nicht veralbern, daran ist ja kein wahres Wort.«

Und dieselbe Dame, welche so sprach, schrieb dennoch einen Brief und setzte auf das Kuvert den Vermerk >Insel<. Sie bot sich an, die Koralleninsel bevölkern zu helfen - >aus Liebe zur heiligen Sache< - wollte nur erst noch mehr wissen.

Die Post von Monaco merkte den größeren Verkauf von Briefmarken, und die Briefträger, welche die Häuser der Gaumates-Schlucht zu bedienen hatten, wünschten den maskierten Kapitän zur Hölle oder ins Pfefferland oder auch auf seine einsame Koralleninsel zurück.

In Nizza erschien die Zeitung >Le petit Nicois< - mit dem Beinamen >Qui mal y pense<.

»Donnez moi >Le petit Nicois< qui mal y pense! - Geben Sie mir die kleine Zeitung, welche schlecht davon denkt!«

Das sagt im Café jeder Gast, wenn er diese Zeitung fordert. Es ist eben ein Hetzblatt, welches alles schlecht macht; aber es steckt Geist drin.

Diese Zeitung setzte einen Geldpreis aus für den besten Namen, welcher solch eine Dame am treffendsten charakterisierte.

Die ganze Riviera war bei der Arbeit, um sich die Prämie zu verdienen. Es wurden Worte gebracht wie >Einjährig-freiwillige Koralleninselmütter< und dieser Name bürgerte sich dann auch ein, er wurde nur abgekürzt zu >Koralleninselmütter< und dann noch einmal zu >Inselmütter<.

Nun sollten die reflektierenden Damen doch auch ihre näheren Verhältnisse mitteilen. Das hatte Monsieur Girard in seinem Artikel ganz besonders betont. Selbstverständlich würde die strengste Diskretion gewahrt.

Davon aber hatte der Kapitän kein Wort gesagt und ... er wahrte auch keine Diskretion, obgleich sich das doch von selbst gehört hätte.

Allerdings weihte er in den Inhalt der Briefe, in denen sich ihm die Kokotten offen anvertrauten, ihm alle Geheimnisse ihres vielbewegten Lebens offenbarten, nur einem kleinen Kreise von Vertrauten ein, aus dem nichts herauskam, und so konnte dies schließlich verziehen werden. Die Schreiberin selbst bekam niemals zu erfahren, daß ihre Beichte verraten worden war, weil man sie von keiner Seite mit ihren Geständnissen aufzog. Da bekam man freilich manchmal etwas zu hören von diesen Damen der Halbwelt!

Der Prinz hatte nämlich seit einiger Zeit Gesellschaft gefunden. Er war von Lord Roger in den exklusiven Kreis der Milliardäre und anderer Größen eingeführt worden, welche öfter in der Woche abends zum Kartenspiel zusammenkamen.

Versetzen wir uns einmal schnell in das abgesondert liegende und streng separierte Zimmer des Hotels, in welchem diese Herrschaften heute Abend sich ein Rendevouz gegeben haben. Es werden nicht einmal Kellner zugelassen. Die Herren bringen ihre eigene Bedienung mit, Stewards von ihren Jachten.

Es ist ein besonders konstruiertes Zimmer, wie es in Monte Carlo kein zweites gibt; die Wände sind doppelt und der Zwischenraum mit einer Masse gefüllt, man kann darin schreien, wie man will, auf dem Korridor, selbst in der dichtesten Nähe der Tür, ist kein Ton zu vernehmen, und die Herren haben wohl daran getan, dieses Zimmer zu ihrer Zusammenkunft zu wählen. Wer hier unvorbereitet eintritt, der muß denken, er habe sich in ein Narrenhaus verirrt, in eine Tobzelle, in welcher vom Lachkrampf befallene Wahnsinnige untergebracht sind.

Die Herren sind schon seit längerer Zeit zusammen, aber Karten werden nicht gespielt. Auf dem Tische liegen viele Briefe. Lord Roger liest einen nach dem anderen vor, der junge Engländer kann es, der verzieht keine Miene, aber alle die anderen, die wälzen sich in Lachkrämpfen, und das steckt an, es ist alles außer Rand und Band, hier gibt es keinen Respekt mehr.

Ein Diener hat schon seit zehn Minuten eine Weinflasche zwischen seine Beine geklemmt, der Korkzieher ist eingebohrt, aber es kommt nicht zum Ruck, der Diener kann nicht, er lacht mit den Herren um die Wette.

»Hören Sie auf, hören Sie auf!« stöhnt der amerikanische Petroleumkönig. »Ich glaube, ich habe mir schon einen Bruch geholt.«

Bereits seit längerer Zeit hat es an die Tür geklopft, immer stärker, bis aus dem Klopfen ein Donnern wird. Endlich hört es ein Steward, er öffnet.

Der maskierte Kapitän tritt ein, zieht aus der Tasche ein Bündel Briefe, die beiden obersten nimmt er ab und hält sie triumphierend in die Höhe.

»Jetzt hat auch die Pompadour gebeichtet,« ruft er, »und hier sogar die grüne Eva. Passen Sie auf, jetzt sollen Sie etwas zu hören bekommen!«

Er liest die Briefe vor, und neues brüllendes Gelächter erfüllt das kleine Zimmer.

»Kapitän, Sie sind ein Teufelskerl!!« -

Eigentlich war es doch eine Niederträchtigkeit! Die Briefschreiberinnen hatten den besten Willen, die einsame Koralleninsel mit einer neuen Generation zu bevölkern, sogar mit einer >geistreichen<, sie faßten die Sache so ernsthaft auf, wie es verlangt wurde - und hier lachte man sich Brüche über die armen Mädchen. Allerdings wurde dieses »Gehen Sie mit? Ich gehe mit!« nur von den allerwenigsten gleich so offen gesagt, aber die Hauptsache war doch, daß sie sich alle, alle meldeten, an die zweihundert!

Unter diesen traf der Kapitän seine Auswahl, es durften ja nur 36 sein, mehr hätten auf der Jacht auch gar nicht Platz gefunden. Natürlich hatte er sich die schönsten Weiber ausgesucht. Wie die andern die Zurückweisung, so höflich diese auch geschehen war, auffaßten, darum kümmerte er sich nicht.

So waren die 36 Damen zusammen. Sie waren bereit, mit nach der Koralleninsel zu kommen, aber die Sache wollte noch immer nicht richtig losgehen, es gab immer wieder ein Wenn und Aber.

Der Kapitän hatte die auserwählten Damen zu einer ernsten Versammlung einberufen, welche im großen Saale eines Hotels stattfand.

Fremde hatten keinen Zutritt. Außer dem Kapitän waren von Männern nur noch seine Ordonnanz anwesend.

Freilich besaß der Saal oben mit Portieren verhangene Logen, die hinaufführenden Treppen waren verschlossen, und es konnte recht wohl sein, daß sich dort oben heimliche Zuhörer verbargen. Doch das war den Damen gleichgültig.

Die Pompadour machte im Namen der andern Damen die Sprecherin. Das heißt, das darf man nicht wörtlich nehmen. Eigentlich führte jede Dame für sich selbst das Wort, manchmal sprachen sie alle zugleich, dann stand eine auf, gebot Ruhe und redete eine kilometerlange Rede, und wenn sie fertig war, so hatte sie noch etwas vergessen und redete immer noch ein paar hundert Meter ab, und dann stand eine andre auf und redete ganz genau denselben Kilometer wieder zurück. Reden konnten diese Damen nämlich fürchterlich.

»Wir sind bereit, mit nach der Kußinsel zu kommen ...«

»Wie nennen Sie meine Insel?« unterbrach der Kapitän die Sprecherin erstaunt.

»Die Kußinsel, die Kußinsel!!« erklang es lachend und jubelnd im Chor.

Das war eine Szene aus der ersten Versammlung gewesen, und solche Szenen kamen bei den nächsten Versammlungen ständig vor. Natürlich, die Hauptsache war doch, daß man sich dabei amüsierte.

Was die Damen auf der Insel sollten, wie sie dort empfangen und gehalten würden, darüber waren sie sich klar, und sie waren mit allem einverstanden. Somit hätten sie doch nun gleich die Koffer packen und sich an Bord begeben können! Allein - die Sache zog sich immer hin und her. So gern sie auch alle das Abenteuer mitmachen wollten - sie trauten dem Braten nicht recht. Wer steckte denn nur eigentlich hinter der Maske?! Und nun nach der Südsee! Das ist ein bißchen weit. Es war doch eine verfl ... riskante Geschichte.

»Wir sind bereit, mit nach der Kußinsel zu kommen,« sagte also die Pompadour, »wenn Sie eine ganz sichere Bürgschaft stellen.«

»Was für eine Bürgschaft verlangen Sie?«

Nun hielten wieder die Damen unter sich eine Versammlung ab, und dann hatten sie sich geeinigt, unter welchen Bedingungen sie wirklich mitkommen wollten - auf der Stelle: Es sollte eine Person mit ihnen reisen und das ganze Jahr mit ihnen auf der Insel bleiben - eine Person, welche in der Welt aber auch wirklich vermißt würde, wenn sie nicht wiederkäme. Es müßte wohl ein Mann sein - eine Dame würde sich auf so etwas doch nicht einlassen - aber nur nicht so einer wie etwa Baron Huigly! Wenn der in der Südsee spurlos verschwand, krähte kein Hahn nach ihm.

Gut! Der Kapitän wollte Umschau halten. Schon am andern Tage konnte er die fröhliche Nachricht bringen.

»Seine Herrlichkeit der Lord Hannibal Roger, Pear von England, erklärt sich bereit, die Damen zu begleiten.«

Der Lord selbst erschien auf der Bühne und ward von den Damen mit stürmischem Jubel begrüßt - um so mehr, als sich der kalte Lord sonst sehr wenig mit diesen Damen der Halbwelt einließ.

Jaaaa, wenn Lord Roger mitkam!!! Das war ein andrer als Baron Huigly! Wenn der Besitzer des vierten Teiles von London nicht zurückkehrte, dann wurden gleich Expeditionen nach der Südsee abgeschickt!

Diese Schwierigkeit war also beseitigt. Nun hätten sich die Koralleninselmütter doch gleich einschiffen können! Nein, nun ging dasselbe Lied von vorn los.

»Ja, wir sind gern bereit, mit Ihnen zu kommen, aber wir verlangen eine Bürgschaft.«

»Himmel - bomben - element!!« fing der Kapitän jetzt auf der Rednertribüne frischweg zu fluchen an. »Was wünschen Sie denn nur eigentlich, meine Damen? Sprechen Sie sich endlich doch einmal rein aus!«

»Es muß jemand von Ihnen hierbleiben, von Bord Ihres Schiffes.«

»Schön, das soll auch gemacht werden. Es werden einige Matrosen ...«

»Ach, die brennen uns doch gleich durch!« hieß es verächtlich.

»So werden sie einstweilen ins Gefängnis gesperrt!«

»Das dürfen wir nicht. Wer ist der maskierte Knabe, um den Sie immer so besorgt sind?«

»Das ist mein Geheimnis. - Aha, ich verstehe! Nein, meine Damen, da verlangen Sie zuviel, den Knaben kann ich unmöglich hier zurücklassen.«

Das aber wollten gerade die Damen. Und schließlich gab der Kapitän auch hierin nach, der Knabe mußte unter Obhut gegeben werden, es fragte sich nur noch, unter welche - und dann immer noch hundert andre Bedenken und Zwischrnfragen.

Von diesen Fragen wollte vor allen Dingen die eine den Damen schier das Herz abdrücken.

»Die Kiste! Die Kiste! Was ist in der Kiste?«

Jener Sarg war gemeint, welchen der Steuerinspektor damals nicht ungeöffnet an Land lassen wollte. Der Kapitän hatte doch zu Monsieur Girard gesagt, darin sei etwas, was er den Damen, welche ihn nach der Insel begleiten, hätte zeigen wollen, und seitdem konnten sämtliche Damen über diese Kiste nicht mehr schlafen. Aber nun wollte es ihnen der Kapitän gerade nicht zeigen, nicht eher, als bis sie sich reisefertig bei ihm an Bord befänden.

So wurde an einem Nachmittage wieder einmal debattiert, weniger über die Inselangelegenheit, als über den geheimnisvollen Inhalt der berühmten Kiste.

»Ist solcher alter Schmuck darin, wie Sie ihn Monsieur Girard zeigten, wovon Sie ihm einen Ring schenkten?«

»Liegt solcher Schmuck wirklich auf der Insel haufenweise herum?«

»Dürfen wir auch alles mitnehmen, was wir finden?«

»Mein süßer Kapitän - ach, zeigen Sie mir doch, was in der Kiste ist, dann komme ich ja auch sofort mit.«

So scholl es durcheinander, ohne daß der Kapitän eine Antwort zu geben brauchte.

»Kapitän, Ihre Jacht fährt ja fort!« rief da eine Dame dazwischen.

Von den Fenstern des Saales aus war der Hafen zu überblicken, und plötzlich wurde bemerkt, daß sich die Heliotrop draußen in See befand.

»Ja, sie macht eine Probefahrt,« entgegnete der Kapitän. »Ich fürchte nämlich, es ist etwas an der Maschinerie in Unordnung. Und anstatt daß ich selbst mich an Bord befinde, widme ich mich hier Ihrer Versammlung. Da sehen Sie, wie sehr mir Ihr definitiver Entschluß am Herzen liegt, und anstatt mir diesen zu geben, halten Sie mich bei Kleinigkeiten auf.«

Die Damen drängten sich an die Fenster und beobachteten, wie die Motorjacht langsam hin und her fuhr. Sie hätten stundenlang so zusehen können, weiter hatten sie ja nichts zu tun, und dabei konnte ja auch gesprochen werden.

»Wenn Sie sich reisefertig bei mir an Bord befinden, dann sollen Sie den Inhalt der Kiste sehen, und dann werden Sie auch erfahren, wer ich bin,« wiederholte der Kapitän, alle Fragen beantwortend.

»Dann werden Sie auch Ihre Maske abnehmen?«

»Jawohl, auch das, sobald Sie reisefertig auf der Heliotrop sind.«

Plötzlich sah man, wie auf der Heliotrop eine weiße Rauchwolke aufstieg, obgleich sie nicht mit Dampfkraft fuhr; schnell verringerte sich die Fahrt, bis sie ganz still lag, die Matrosen liefen an Deck hin und her.

»Da ist ein Unglück geschehen!« rief der Kapitän unruhig.

»Sie zeigt Flaggen! Sie setzt ein Boot aus!«

»Sie bittet eine andre Jacht, sie in den Hafen zu schleppen,« erklärte der Kapitän. Er wollte fort, besann sich aber, blieb am Fenster stehen. Ein Boot, in welchem man den zweiten Steuermann erkannte, schoß wie ein Pfeil dem Ufer zu, es mußte eher an Land sein als der besorgte Kapitän am Hafen, der Offizier mochte wissen, wo sich dieser jetzt befand, jedenfalls schien der Kapitän die Meldung hier erwarten zu wollen, und er zeigte männliche Fassung.

»Dachte ich's doch! Ob nicht der Steuerbord-Zylinder gesprungen ist,« hörten die ihm Zunächststehenden ihn nur murmeln.

»Lord Rogers Jacht fährt schon hin!«

Des Lords Jacht hatte zufällig Dampf aufgemacht gehabt und befand sich bereits unterwegs, der Kollegin zu Hilfe zu kommen. Die Entfernung war nur eine geringe, in einer Viertelstunde konnte die Heliotrop schon wieder im Hafen liegen.

Unterdessen hatte das Boot das Ufer erreicht, der zweite Steuermann sprang heraus und eilte, rannte direkten Weges auf dieses Hotel zu. Zwei Minuten später stürmte er durch die geöffnete Tür.

»Kapitän, der Steuerbord-Zylinder ist geplatzt, und die Schraubenwelle ist glatt abgebrochen.«

»Ist jemand verunglückt?« war des Kapitäns erste, besorgte Frage, was ihm dann später, als der Fall in Monte Carlo bekannt war, sehr hoch angerechnet wurde.

»Niemand.«

Nun erst stampfte der Kapitän etwas mit dem Fuße auf.

»Sofort nach Marseille telegraphieren,« sagte er dann, »an die Werft! - Na, meine Damen,« wandte er sich an diese, »nun haben Sie mindestens noch sechs Wochen Zeit, Ihren Entschluß zu überlegen, ob Sie mit mir kommen wollen oder nicht, und vielleicht muß gar ein Ingenieur aus Sydney kommen, dann aber vergeht ein halbes Jahr.«

Jetzt benahmen sich die Damen so, als hätten sie sich soeben an Bord begeben wollen, und durch dieses Unglück wäre nun in letzter Minute alles zu Wasser geworden. Der Saal hallte wider von ihrem Jammern.

»Vielleicht ist es aber gerade recht gut, daß wir die Abfahrt so lange hinausgeschoben haben,« tröstete endlich eine, »sonst säßen wir jetzt mit gebrochener Schraube auf offener See.«

»O, einmal draußen, wollten wir schon weiterkommen. Meine Jacht ist doch voll getakelt, sie segelt auch ganz ausgezeichnet.«

»So? Warum ist sie denn da jetzt nicht allein zurückgesegelt?«

»Sehr einfach,« lachte der Kapitän, »weil kein Sterbenshauch von Wind weht. Ohne Wind kann sie natürlich nicht segeln.«

»Könnten Sie nicht einen andern Dampfer ...«

»Halt!« ließ sich da der Pompadour durchdringende Stimme vernehmen. »Kapitän, Sie haben doch gesagt, wenn wir uns reisefertig an Bord der Heliotrop befänden, dann wollten Sie uns den Inhalt der Kiste zeigen.«

»Jawohl, das habe ich Ihnen sogar einige hundertmal gesagt.«

»Gut, wir nehmen Sie beim Wort!« rief die Pompadour mit leuchtenden Augen. »Wir sind reisefertig, wir wollen an Bord, jetzt gleich! Nicht wahr, meine Damen?«

Wohinaus die Pompadour wollte, erkannten die Damen sofort, das war ein schlauer Plan, und alles stimmte jubelnd in die Forderung der Führerin ein.

»Jawohl, wir sind reisefertig, wir wollen an Bord der Heliotrop! Kapitän, Sie müssen Ihr Wort halten - jetzt müssen Sie uns zeigen, was in der Kiste ist!«

Zu sehen war des Kapitäns Gesicht ja nicht, aber eine Bewegung drückte seine Bestürzung aus.

»Nein, o nein, meine Damen, auf solche Spitzfindigkeiten lasse ich mich nicht ...«

»Kapitän, sind Sie ein Kavalier? Geben Sie so wenig auf Ihr Manneswort? Bringen Sie uns an Bord, schnell, schnell, wir sind fix und fertig zur Abreise!«

»Aber Ihre Koffer ...«

»Ach was, Koffer! Jetzt macht man Reisen um die Erde nur mit dem Hemd, das man anhat! - Oder, wir holen schnell unser Gepäck. - Gut, können wir auch tun! - In einer halben Stunde sind wir wieder hier. - Aber der Kapitän muß einstweilen hierbleiben. - Ach, Kapitän, geben Sie sich doch gefangen! Zeigen Sie uns doch die Kiste gleich so. - Kapitän, Ihr Wort müssen Sie halten!!«

So scholl es durcheinander.

»Gut, Sie haben mich gefangen,« lachte er endlich ärgerlich hinter der Maske. »Meinetwegen denn, Sie sollen den Inhalt der Kiste schon jetzt zu sehen bekommen, in betreff meines Wortes bin ich sehr penibel. - Aber,« fuhr er mit erhobener Stimme ernst fort, »wenn Sie mich jetzt auf diese Weise beim Worte nehmen, auf Ihrem Willen bestehen, so werde ich mich dann später, wenn die Heliotrop wieder so weit ist, auch nach andern Begleiterinnen umsehen.«

Das war den Damen jetzt ganz gleichgültig, an die Zukunft dachten sie überhaupt niemals.

»Die Kiste, die Kiste!! Ach, Herr Kapitän, Sie sind ja gar kein so schlechter Mensch! Sie nehmen uns später doch mit! Aber jetzt wollen wir an Bord, jetzt müssen Sie Ihr Versprechen einlösen!«

»Gut, so kommen Sie gleich mit!«

Mit grenzenlosem Jubel folgten die Damen dem Vorausgehenden. Jetzt hatten sie ihn gefangen!

Noch keine hatte die Heliotrop betreten. Einmal wurden die Damen auch von einer gewissen Scheu abgehalten, an Bord seines Schiffes wäre man ja dem Kapitän, von dem man noch gar nicht wußte, wer er war, auf Gnade und Ungnade verfallen, eine einzelne Dame oder zwei oder auch drei hatten eine solche Einladung, die Jacht zu besichtigen, ganz sicher abgeschlagen, es war doch nicht recht geheuer - aber die Heliotrop durfte überhaupt von keinem fremden Menschen, betreten werden. Es war verboten. Es mochte ein ehernes Gesetz sein. Der Kapitän war von vielen Herren schon oft vergebens darum gebeten worden, aber nicht einmal Lord Roger war bisher darauf gekommen, mit dem er doch am freundschaftlichsten verkehrte.

Jetzt in solcher Menge, Arm in Arm, in geschlossener Reihe, da kannten die Damen keine Furcht.

Die Heliotrop war von Lord Rogers Jacht hereingeschleppt worden, sie lag, vom Schlepptau schon wieder befreit, in der Mitte der Bucht. Die Anker schien sie noch nicht ausgeworfen zu haben. Das hatte auch Zeit, nachdem sie einmal zur Ruhe gekommen war. Es herrschte völlige Windstille. Die Wasseroberfläche war glatt wie ein Spiegel, und Strömungen gibt es hier ebensowenig wie Ebbe und Flut. Wenigstens ist von den Gezeiten mit den Augen gar nichts zu bemerken.

Lord Roger hatte am Ufer gestanden, er sah die vielen Damen kommen, an der Spitze den Kapitän, er ging ihnen mit verwundertem Gesicht entgegen.

Der Kapitän gab ihm eine Erklärung, in was für eine Falle ihn die Damen gelockt hätten.

»Da brauchte ich mein Wort doch eigentlich nicht zu halten,« sagte er noch am Hafen.

»Jawohl, das müssen Sie - wir sind reisefertig, wir wollen an Bord, um nach der Südsee zu fahren,« erklang es einstimmig im Chor. »Wenn Ihr Schiff kaput ist, dafür können doch wir nichts.«

»Ach, Kapitän,« rief Lord Roger, »da gehe ich auch gleich einmal mit!«

»Mylord, Sie wissen doch - so leid es mir tut - es dürfen keine Fremden ...«

»Was, Sie wollen es mir abschlagen? Ich gehöre doch überhaupt mit zu der Partie.«

»Jawohl, Lord Roger muß auch mit!« stimmten gleich wieder die sehr ausgelassenen Damen ein, und die Begleitung des Lords war auch eine Sicherheit für jeden unvorhergesehnen Fall.

Der Kapitän gab sein Weigern auf. Er blickte nach seiner Jacht, hob wiederholt beide Arme hoch, um auf sich aufmerksam zu machen, der erste Steuermann trat auf die Back, hob ebenfalls beide Arme, so ein V machend, das Verstandenzeichen in dieser Sprache, und der Kapitän semaphorierte mit den Armen einige Befehle hin. Das geht noch schneller als das Telegraphieren.

Sofort wurden sämtliche Boote ins Wasser gelassen. Das kleine Motorfahrzeug war schon unterwegs. Sämtliche Damen konnten gleichzeitig an Bord gebracht werden, begleitet von Lord Roger.

In weihevoller Stimmung betraten sie das schneeweiße Deck, ein parkettierter Tanzboden, nur nicht gewachst. Es war immerhin ein Ereignis, dieser Besuch auf der Heliotrop.

Der Kapitän zeigte ihnen an Deck dies und jenes. Das war alles sehr interessant. Hier sah doch manches anders aus als auf einem Kauffahrer und selbst auf einem Kriegsschiff, alles so nett, so zierlich - aber ... die Kiste, die Kiste!!

»Sogleich, meine Damen! Wollen Sie sich in die Kajüte begeben?«

Als sich die Damen aber unter Deck befanden, vergaßen sie wirklich die geheimnisvolle Kiste. Sie hatten schon manche Jachteinrichtung gesehen, doch eine solche noch nicht.

Diese Geldfürsten, besonders die amerikanischen, verwenden auf ihr liebstes Spielzeug, ihre Jacht, einen fabelhaften Luxus. Da können die wirklichen Fürsten nicht mit. Nun ist allein auch schon die Zierlichkeit solch einer Jachteinrichtung so reizend. Da kann man immer und immer wieder untersuchen, man wird nie fertig. Immer wieder findet man etwas Staunenswertes. Solch ein Krösus bezahlt extra einen erfindungsreichen Kopf, der allein aushecken muß, wie der kleinste Gegenstand unterzubringen ist. Auf solch einer Jacht gibt es auch keinen solchen, der nicht noch irgend etwas in sich birgt. Alles ist hohl: alles läßt sich öffnen; überall kann man etwas herausnehmen! Volle Tisch- und Stuhlbeine wären hier ein unerlaubter Luxus. Tisch- und Stuhlbeine sind Futterale, um darin irgend etwas aufzuheben. Selbst die Messergriffe sind zu öffnen, sie enthalten etwa die kleinen Dessertlöffel.

Da hat ja ein phantasievoller Kopf freien Spielraum zum >tüfteln<.

Die Damen untersuchten denn auch alles, drückten und zogen an allem und freuten sich, wenn sie ein Geheimnis aus eigner Kraft entdeckt hatten.

In der großen, im hintern Teil gelegenen Kajüte trafen sie alle wieder zusammen.

»Wo sind denn nun die Kabinen, in denen wir schlafen sollten? Von so viel Räumen ist doch gar nichts zu bemerken?«

Nein, auf 36 Passagiere ist eine solche Jacht nicht eingerichtet, wenigstens nicht auf die gedachte Weise!

Der Kapitän griff an die Wand des Salons und zog Seitenwände hervor. Er griff noch einmal daran, und ein Bett kam zum Vorschein. Unter seinen Händen quollen Polster und Decken hervor, und so konnte der ganze große Salon in lauter kleine, kosige Schlafboudoirs verwandelt werden. Ein andrer Griff, und die Bordwand verschluckte alles wieder.

»Aber nun, Herr Kapitän, Sie wollten uns doch die Kiste zeigen!«

»Wohl, jetzt ist die Zeit dazu. Jetzt sollen Sie hier in der großen Kajüte etwas erleben und zu sehen bekommen, was Sie niemals erwartet haben. Wollen Sie sich etwas hier in den Hintergrund stellen, es muß in der richtigen Beleuchtung geschehen.«

Die Damen folgten der Aufforderung, stellten sich auf die bezeichnete Seite.

»Schließt die Bollaugen!« kommandierte der Kapitän.

Bollaugen heißen die runden Schiffsfensterchen, mit einem Deckel wasserdicht verschließbar. Im hintersten Teile, über dem Steuerruder und der Schraube, befanden sich zwei sehr große, weite Aussicht nach hinten gewahrend. Man blickte jetzt gerade auf das wie ein Amphitheater aufsteigende Monte Carlo, mit dem Prachtbau des Kasinos darunter.

Diese beiden großen Fenster wurden wie die kleinen von den im Salon anwesenden Stewards und Matrosen mit den eisernen Deckeln verschlossen, es ward stockfinster.

»Warum machen Sie es denn ganz dunkel?« wurde etwas ängstlich gefragt.

»Das muß sein, das erhöht den Effekt. Fürchten Sie sich? Das brauchen Sie an Bord meines Schiffes nicht, kein Haar wird Ihnen gekrümmt.«

Einige Minuten vergingen in dieser Stockfinsternis, verbunden mit Todesschweigen. Die Damen warteten auf den Anblick der Kiste, vielleicht erschien sie plötzlich unter Donnerschlag und bengalischer Beleuchtung, und den Damen wurde unheimlich zumute. Die Kiste hatte doch gerade wie ein Sarg aus gesehen ...

Es war also eine Nachmittagsstunde; auf der Kasino-Terrasse spielte die Kapelle, deutlich drangen die Töne der Musik hierherein.

»Kennen Sie dieses Lied?« ließ sich da des Kapitäns Stimme in der Nacht vernehmen.

Es war eine sehr hübsche Weise, sie wurde leiser und leiser.

»Nein. Was ist das für ein Stück?«

»Es ist ein deutsches Lied, und ich habe es extra für diese Minute bestellt, wenn sich die Damen bei mir an Bord befinden und wenn es so weit ist, daß ich die Kiste aufmache.«

Und des Kapitäns schöne Baritonstimme begann zu der immer mehr verklingenden Musik zu singen:

»Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus,
Städtle hinaus ...«

Neben der Pompadour hatte vorhin der dicke Wilm gestanden, auf die Befehle des Kapitäns achtend, die Pompadour wußte ganz genau, daß dieser Matrose noch jetzt neben ihr stand, und wie der Kapitän mit dem Singen so weit gekommen war, legte sich plötzlich sans façon ein kräftiger Männerarm um ihre Taille, drückte sie etwas herzhaft, und eine zweite Männerstimme sang leise mit, wie für sie bestimmt:

» ... Städtle hinaus,
Und du mein Schatz kommst mit ...«

Ehe die Pompadour noch wußte, was sie davon denken sollte, daß der häßliche Matrose die künstliche Finsternis dazu benutzte, um seinen Liebesgefühlen heimlichen Ausdruck zu geben - ehe sie noch wußte, wie sie sich dazu verhalten sollte, denn das ist an Bord eines Schiffes immer eine fatale Geschichte, man fühlt sich so in der Macht der Besatzung - ehe die Pompadour also einen Gedanken finden konnte, erscholl wieder des Kapitäns Stimme:

»Bollaugen auf!!«

Im Nu flogen die eisernen Deckel zurück, aber nur die von den beiden großen, hintersten Fenstern, und ...

»Meine Damen, da haben Sie die Kiste!«

»Siehst de, da ist die Kiste!« setzte Wilm noch erläuternd hinzu, allerdings den dreisten Arm zurückgezogen habend, aber dafür im ganzen Gesicht grinsend.

Ja, die Damen sahen allerdings etwas, was sie nicht erwartet hatten - die Häuser von Monte Carlo waren schon weit, weit zurückgetreten, es waren nur noch weiße Punkte.

Da ging den Damen eine fürchterliche Ahnung auf - deshalb also wurde die Musik immer leiser und leiser, und die meisten verstanden auch Deutsch - und ein einziger Schrei gellte von ihren Lippen.

»Wir fahren!!«

»Jawohl, meine Damen,« sagte der Kapitän gelassen, »wir sind bereits unterwegs nach der Südsee. Gepäck hat man ja, wie sie sagten, heutzutage nicht mehr nötig, das Hemd, welches man anhat, genügt. Ich danke Ihnen, meine Damen, daß Sie mich so willig begleitet haben und ...« er machte sich an seiner Maske zu schaffen, »und nun wollte ich Ihnen doch auch mein Gesicht zeigen und Ihnen meinen Namen nennen ...«

Die Maske fiel, die zu Statuen erstarrten Damen sahen ein schönes, etwas verwegenes Abenteurergesicht mit schwarzem Knebelbart. Es lächelte spöttisch, wie sich der Kapitän hoch aufrichtete und sagte:

»Ich bin Karabaß, der Schwarzkopf!!«



Karabaß, der Schwarzkopf!

Wohl jeder hat schon von den sogenannten Barbareskenstaaten gehört, umfassend Marokko, Algier, Tunis und Tripolis. Diese Staaten haben sich vom elften Jahrhundert bis in die Mitte des neunzehnten immer schlecht und recht von Seeräuberei ernährt. Das Schiff, welches im Mittelmeere von ihnen aufgebracht wurde und keinen von ihnen ausgestellten Schutzbrief besaß, wofür natürlich Steuern zu zahlen waren, das wurde als Beute genommen, die Besatzung kam in die Sklaverei - übrigens eine sehr milde Sklaverei.

Zuerst waren die europäischen Mächte ganz machtlos diesem Unwesen gegenüber, und bis zum Jahre 1830 haben sie trotz aller ihrer Kriegsschiffe und Kanonen ruhig zugesehen. Noch immer mußte jeder Kauffahrer entweder Tribut zahlen, oder er setzte sich der Gefahr aus, gekapert zu werden - noch im Jahre 1830!! Das machte nämlich, diese Barbareskenstaaten standen, wenigstens dem Namen nach, unter der Oberhoheit der Türkei, welche damals als Kriegsmacht sehr gefürchtet wurde. Nur die Türkei hatte das Recht, diesem Unwesen ein Ende zu machen, und das wollte sie nicht, weil sie in den Barbareskenstaaten die beste Marine hatte, deren Unterhaltung ihr gar nichts kostete. Denn im Kriegsfalle hätten sich die Piratenflotten für die Sache der Türkei zur Stelle gemeldet.

Im Jahre 1830 fing Frankreich endlich an, aufzuräumen, und nach der Einnahme von Algier 1836 war es mit der Macht der Barbareskenstaaten für immer vorbei. Nur noch versprengte Piratenanführer, die irgendwo Verstecke hatten, trieben nach wie vor ihr Unwesen, und so ist es ja noch heute. An der nordafrikanischen Küste kann man keine Segelpartie machen. Da wird man aufgegriffen und verschwindet, und wer in jenen Gegenden gewesen ist, der lacht über die Behauptung, daß es heutzutage keine Sklaverei mehr gäbe. Selbst große Segelschiffe werden noch heute oft genug von arabischen Piraten angegriffen, und sind Frauen darauf, so verschwinden diese womöglich in den Harems des europäischen Konstantinopel.

Der letzte maurische Piratenkapitän nun, welcher auf eigne Faust gegen Frankreich einen förmlichen Krieg führte, hieß Karabaß, ein türkisches Wort, welches >Schwarzkopf< bedeutet. Endlich bekam man ihn, er wurde im Jahre 1841 zu Marseille hingerichtet. So lange hatte er den französischen Kapitänen zu schaffen gemacht, und zwar tüchtig.

Wie nun die deutsche Volksliteratur ihren bayrischen Hiesel hat, den Schinderhannes, den Klaus Störtebeker und den italienischen Rinaldo Rinaldini, so die französische Literatur ihren Cartouche und den noch neueren Karabaß.

Er ist der stereotype Held von Jugendschriften und Volksromanen. Er braucht ja nicht hingerichtet worden zu sein, die Geliebte hat ihn gerettet, und wenn man diesen zahllosen Büchern, die natürlich nur wahre Geschichten erzählen, Glauben schenkt, so muß dieser Karabaß ein ganz mordsmäßiger Kerl gewesen sein, ein Held vom Scheitel bis zur Sohle, in einer andern Weise wieder ein ganz raffinierter Don Juan, und die französischen Jungen spielen >Karabaß< und nehmen sich vor, auch solch ein edler Seeräuber zu werden, der nur die Reichen plündert und die Armen beschenkt, und die französischen Dienst- und Fabrikmädchen weinen sich die holden Äuglein wund und schreiben an den Verlag, ob er ihnen nicht Karabassens Adresse mitteilen könne. Er soll kein Maure, sondern ein Franke gewesen sein, welcher selbstverständlich durch ein grausames Schicksal, in dem noch viel selbstverständlicher die Liebe die Hauptrolle spielt, auf die bluttriefende Bahn des Piratenhandwerks getrieben wurde. Aber existiert hat er, daran ist kein Zweifel, und jeder Franzose kennt ihn so gut, wie jeder Deutsche den Schinderhannes und den Rinaldo Rinaldini.

»Ich bin Karabaß, der Schwarzkopf!!«

Alles war vor Schrecken erstarrt. Dieses Gesicht paßte nämlich auch so gut. Gerade so sah er auch immer auf den Bildern aus, natürlich, so ein schwarzknebelbärtiges, brünettes, verwogenes Abenteurergesicht mit großen Augen - wirklich ein schöner Mann!

Und nun war ja auch noch nicht einmal der erste Schreck verdaut, nämlich daß sich die Heliotrop in voller Fahrt befand, daß man sich schon weit entfernt von Monte Carlo befand, und das war eine Tatsache, die man nicht für eine Vision halten durfte, die weißen Häuser waren ja kaum noch zu erkennen - und eben jetzt sauste man wie ein Pfeil an einem Segelschiff vorbei.

Die Länge solch einer Zeit, da man vom Schreck beherrscht wird, ist nicht zu messen. Die Damen glaubten dann, es sei eine Ewigkeit vergangen, ehe Lord Roger als der erste einer Handlung fähig war, und er hatte es doch im nächsten Augenblick getan. - Er hatte plötzlich einen Revolver in der Hand und schlug ihn auf den Kapitän an.

»Augenblicklich lassen Sie beidrehen, Kapitän!« donnerte er.

Da stand mit einem katzenartigen Sprunge schon Wilm neben ihm, schlug die Waffe hoch und packte gleichzeitig das Handgelenk, um ihm die Waffe zu entwinden - aber zu spät! Als sich der Revolverlauf noch in Visierlinie mit des Kapitäns Brust befand, war ihm schon ein krachender Feuerstrom entquollen.

»Faßt ihn!!«

Ein kurzes Handgemenge, und der von Matrosenfäusten gepackte Lord lag hilflos auf dem Diwan: im Nu war er an Händen und Füßen gebunden.

Allein der Kapitän stand - stand wie ein Mann! Er hatte nur eine schnelle Bewegung nach dem linken Oberarm gemacht.

Der krachende Schuß und überhaupt der ganze Vorgang hatte die Damen aus ihren Träumen gerissen. Ja, das war furchtbare Wirklichkeit!

»Gnade! Erbarmen!«

Viele Damen lagen gleich auf den Knien, andre erinnerten sich auch jetzt noch der Hauptwaffe des Weibes, sie gingen dem Manne lieber um den Bart.

»Ach, mein lieber Kapitän, was haben wir denn getan - seien Sie mit uns Arnen doch nicht so grausam - bringen Sie uns doch wieder zurück - ach, Sie machen doch überhaupt nur Spaß, nicht wahr?« So schmeichelte und bettelte es von allen Seiten, und eine und die andre zarte Hand ging ihm wohl auch wirklich um den Bart.

»Aber, meine Damen,« lachte der schöne Pirat jetzt heiter, »Sie waren, doch bereit, mit mir zu kommen, Sie gingen doch reisefertig an Bord! Wie oft haben Sie das nicht wiederholt, und Gepäck und Garderobe brauchten Sie nicht - was wollen Sie denn da jetzt eigentlich?«

»Aber wir dachten doch, die Heliotrop wäre kaput, sie könnte nicht fahren! Ach, Kapitän, Sie machen ja überhaupt nur Spaß!«

»Nein, meine Damen, ich mache wirklich keinen Spaß, jetzt begleiten Sie mich nach meiner Insel. Ich will Ihnen aber ein Geständnis ablegen. Die ganze Sache war von mir seit langer Hand vorbereitet. Ihrem Zögern mußte endlich ein Ende gemacht werden. Wenn Sie alle es sehen konnten, dann sollte die Heliotrop einmal hinausfahren und ein Unglück heucheln, sich wieder zurückschleppen lassen, dann sollte mir ein Offizier die Meldung bringen, die Jacht sei manövrierunfähig - also alles so, wie es denn auch geschehen ist. Dann wollte ich Sie alle zusammen unter irgend einem Vorwand an Bord locken, ich dachte auch sehr lebhaft an die Kiste. Nun, meine Damen, ich bin Ihnen sehr verbunden, Sie sind mir in jeder Weise entgegengekommen - entschuldigen Sie, ich muß erst ein Wort mit Seiner Herrlichkeit sprechen. Was ist denn mit dem los?!«

Der Kapitän hatte sich gebückt, wie er überhaupt schon immer mit den Augen am Boden gesucht hatte, die Damen sahen, wie er eine kleine, plattgedrückte Bleikugel aufhob, er zeigte sie den Damen auch noch.

»Hier, die war für mich bestimmt, und ich habe sie auch tüchtig zu fühlen bekommen. Ich hörte sie aufklatschen, wahrscheinlich dort gegen die Stahlplatte, und dann prallte sie gegen meinen Arm. - Aber, Mylord,« wandte er sich an den auf dem Diwan Liegenden, »was fällt Ihnen denn plötzlich ein, so ohne weiteres auf mich zu schießen?!«

»Kapitän, auf Ehrenwort, ich habe es nicht gewollt! Daß ich den Revolver hervorriß, das war nur eine Impulsbewegung, ich dachte im Augenblick an ein mir auf Sicilien passiertes Abenteuer, an einen Räuberüberfall - weiß Gott, ich wußte nicht, was ich tat - und ich habe auch gar nicht abgedrückt, die Hand wurde mir hochgeschlagen, der Revolver muß von selbst losgegangen sein. Kapitän, wahrhaftig, ich war blind ...«

»Schon gut, schon gut, Mylord!« lachte der Kapitän. »Ich nehme es Ihnen auch nicht mehr übel. Es ist noch gut abgegangen, ich habe nur einen Prellschuß an den linken Arm bekommen, es wird einen blauen Fleck gegeben haben. Ein Glück nur, daß gerade ich die Kugel aufgefangen habe. Ich wäre untröstlich, hätte eine der Damen an Bord meiner Jacht auch nur einen blauen Fleck davongetragen.«

Aaaah, das klang beruhigend!! Alle Damen atmeten hörbar auf. Auch als Karabaß war er ja noch immer ein Kavalier, besonders gegen Damen.

»Was Teufel, Sie sind wohl gebunden?!« rief der Kapitän bestürzt. »O, das wollte ich nicht! Ich bitte um Verzeihung, Mylord.«

Er hätte die Knoten auch lösen können, aber er zog es vor, in seiner Hand einen großen arabischen Dolch blitzen zu lassen, mit dem er die Stricke durchschnitt.

Der Lord stand phlegmatisch auf und reckte die Glieder.

»Kapitän, Sie sind ein Teufelskerl!«

»Wollen Mylord an Land gesetzt werden? Ich würde auf Nizza zuhalten, das Motorboot bringt Sie an Land.«

»Warten Sie! Sie treten jetzt wirklich die Reise nach Ihrer Insel an?«

»Haben Mylord gehört, was ich soeben zu den Damen sagte? Es ist mein völliger Ernst. Ich habe dem Zaudern der Damen ein Ende gemacht, zwar mit etwas Gewalt, aber ihr Wunsch war es ja doch, mich zu begleiten. Ich hinterlasse in Monte Carlo wohl verschiedenes, aber weder Schulden noch Leute von mir. Es war eben alles vorbereitet. Selbst an die zurückgebliebenen Pferde habe ich gedacht, daß sie nicht verhungern.«

»Well, dann komme ich auch gleich mit!« sagte der Lord.

»Aber mich bringen Sie wieder an Land!« flehte eine Dame händeringend. »Ach was, jetzt kommen wir auch gleich mit!« riefen dagegen die andern Damen, und schon konnten sie wieder lachen.

»Ich meine ja auch nur,« setzte jene hinzu, »damit ich noch meine Garderobe holen kann.«

Also keine einzige Dame faßte jetzt noch den Fall tragisch auf. Nein, das war ja ein reizendes Abenteuer! Gerade so recht nach ihrem Geschmacke! Sie hatten nur in das Wasser geworfen werden müssen, dann merkten sie, daß das Wasser ja gar nicht kalt war, jetzt fühlten sie sich wohl darin und plätscherten lustig herum.

Und nun gar noch der berühmte Karabaß!? Ach, das war eine herrliche Überraschung, die Damen bekamen eine wunderschöne Gänsehaut!

»Sind Sie wirklich Karabaß, der Schwarzkopf!? Ach das ist ja gar nicht möglich! Der ist doch in Marseille aufgeknüpft worden! Oder das müßte jetzt doch schon ein uralter Mann sein!«

»Jawohl, meine Damen, nun fangen Sie mal wieder so an! Ich stelle mich Ihnen vor, lüfte die Maske, alles, wie Sie verlangen - und nun glauben Sie es wieder nicht. I, da lassen Sie es doch bleiben! Mir tun Sie keinen Gefallen, wenn Sie es glauben. Nur hören Sie mit solchen Worten auf: ach, das ist ja gar nicht möglich!! Dann ist es eben nicht möglich! Mir ganz gleichgültig! Die Hauptsache ist für mich, daß ich Sie an Bord habe.«

Die Damen wurden nachdenklich. Wirklich, es hatte keinen Zweck, dieses ewige Zweifeln. Sie hatten doch schon Sachen erlebt, welche sie sich nicht erklären konnten.

»Und Sie haben sich jetzt nach einer Insel in der Südsee zurückgezogen?« hieß es dann.

»Nein. Da habe ich die Unwahrheit gesprochen. Ich habe gar keine Insel in der Südsee ...«

»Ooohh,« erklang es sofort bedauernd, » ... das wäre doch so schön gewesen!«

»Bitte. Lassen Sie mich aussprechen! Es erwartet sie dennoch dieselbe Romantik. Ich entkam aus dem Kerker in Marseille, ein andrer wurde für mich hingerichtet. Alle über mich geschriebenen Geschichten und Romane können nur rein erfunden sein, dennoch kommen sie in vielen Fällen der Wahrheit sehr nahe. Ich entkam also, sammelte einige meiner versprengten Gefährten wieder um mich und zog mich in ein nur mir bekanntes Versteck zurück. Dort hause ich noch jetzt. Das ist meine ganze Geschichte ...«

»Wo ist dieses Versteck?«

»An der marokkanischen Küste. Dorthin bringe ich Sie, und sonst bleibt es auch alles bei dem, wie ich Ihnen geschildert habe. Sonst ändert sich auch gar nichts daran. Nur daß wir schon in drei Tagen dort sind, und Sie werden Wunder erleben!«

Die Damen atmeten abermals hoffnungsfreudig auf. Gott sei Dank, es blieb alles beim alten!

»Es ist auch eine Insel?«

»Eine vollkommene Insel. Aber die Seefahrer halten sie für einen unzugänglichen Felsenberg, dessen gefährliche Nähe sie ängstlich meiden. Es ist jedoch nur ein hohes Randgebirge, welches ein fruchtbares, schönes Land ringsherum einfaßt, unübersteigbar, und nur ich kenne den Eingang - es gibt sogar eine Einfahrt, ich kann mit dieser Jacht hinein, freilich nur mit herabgeklappten Masten. Und niemand, niemand in der Welt hat eine Ahnung, was dieser mächtige Felsen für Geheimnisse in sich schließt. Sie werden jetzt alles zu schauen bekommen.«

Herrlich! Das wurde immer herrlicher! Das war doch noch viel schöner, als wenn sie erst nach der Südsee hätten fahren müssen. Hier wurde ihre Geduld nicht auf eine so lange Probe gestellt, abgesehen von der Annehmlichkeit der kürzeren Reise, die sie ohne jegliche Garderobe machten. Und der hohle Felsenberg war überhaupt noch viel romantischer als die einsame Koralleninsel.

»Wie ist denn nun aber das mit Hiran Singh?« wurde dann weiter gefragt.

»Es bleibt alles, alles beim alten. Nur die geographische Lage ändert sich. Der Indier kam eben nicht in der Südsee, sondern hier im Mittelmeer als Schiffbrüchiger zu mir. So in aller Welt herumgejagt hat er mich dann aber doch ...«

»Jawohl, Lord Roger hat Sie ja auch in Kolombo und in Buenos Aires gesehen.«

»Gewiß, wie ich sage,« bestätigte Karabaß, während sich der Lord an seinen Fingernägeln zu schaffen machte. »Zuletzt mußte ich nach Monte Carlo kommen. Das war für mich sehr nahe, aber etwas gefährlich. Ich vertraute mich dem Fürsten von Monaco an. Eigentlich war ja meine Schuld gesühnt. Karabaß ist tot. Well, der Fürst kam mir entgegen. Da aber mein Porträt sehr bekannt ist, und ich nach der Behauptung des Indiers gerade wieder so aussehen würde wie in meinen jungen Jahren, mußte ich doch vorsichtig sein, und der Fürst selbst schlug vor, ich solle doch lieber eine Maske tragen. Ich könne mich, wenn ich die neue Jugend genießen wolle, nach Belieben in seinem Fürstentume aufhalten. Nun war aber doch viel Fremdes an mir. Ich konnte ja nicht einmal einem Frager antworten, wo ich die Motorjacht habe bauen lassen. Und nun gar die Maske! Kurz, ich deutete ein Geheimnis an, um dadurch am sichersten von der richtigen Spur abzulenken. Hätte ich von einer Insel an der nordafrikanischen Küste gesprochen, so wäre man vielleicht gleich auf den Verdacht gekommen, es mit dem Piraten Karabaß zu tun zu haben. - Nun, meine Damen, ich hoffe, Sie lassen sich durch diese Vorstellung nicht beirren. Sie haben es nach wie vor mit einem Kavalier zu tun. Es tut mir nur sehr leid, daß die Vorstellung gleich mit solch einem Knalleffekt stattfand.«

»Das war ja meine Schuld, ich war von Sinnen,« brummte der Lord.

»Haben Sie sonst noch eine Frage? Wenn nicht, dann wollen wir uns an Deck begeben, damit hier einstweilen der Teetisch gedeckt werden kann, und Sie werden sehen, daß ich auch einen Pariser Konditor an Bord habe. Ich war meiner Sache, daß die Abreise heute doch noch stattfand, so sicher, daß ich ihm für diese Stunde gleich besondere Aufträge gegeben habe.«

»Sie sind doch kein Araber.«

»Nein. Auch hierin kommen die Erzählungen über mich der Wahrheit ziemlich nahe. Ich bin ein Franke. Nein, mein Vater war ein Deutscher. Aber meine Mutter war eine Araberin.«

»Wo ist denn jetzt Raoul?«

»Natürlich hier bei mir an Bord.«

»Wer ist dieser Knabe?«

»Das, meine Damen, darf ich wirklich nicht verraten. Ja, vielleicht, wenn Sie die Hauptprüfungen zur vollständigen Aufnahme bestehen würden, dann allerdings würden Sie auch dies erfahren.«

»Was für Hauptprüfungen?«

»Nun, Sie werden doch nur den Prüfungen unterworfen, nach deren Bestehen Sie als Gast aufgenommen sind und als Gast die Insel besehen dürfen. Alle meine Leute aber, welche dann mit Leib und Seele mir und meiner Insel gehören, werden noch ganz andern Prüfungen ausgesetzt, und wenn sie die bestanden haben, dann gibt es keine Rückkehr mehr.«

»Könnten wir denn gegebenenfalls für immer auf der Insel bleiben?«

»Gewiß, warum nicht?«

Aaahh! An eine solche Möglichkeit hatten die Damen nämlich noch gar nicht gedacht!

»Kapitän, ich bleibe für immer bei Ihnen!!« erklang es sofort einstimmig im Chor.

»Das können wir später besprechen,« lächelte der schöne Seeräuber. »Erst bestehen Sie einmal die einfachen Bedingungen zur Aufnahme als Gast. Die andern Prüfungen sind nämlich sehr schwer, da geht es wirklich durch Feuer und Wasser, und würde ich auf solche Weise eine weibliche Bevölkerung für meine Insel suchen, ich würde sie niemals bekommen. - Nun, meine Damen, wollen wir uns jetzt nicht an Deck begeben? Es ist herrliches Wetter.«

Da fiel gleichzeitig mehreren Damen der Hauptzweck ein, weshalb sie denn an Bord gekommen waren, das böse Lockmittel des Kapitäns.

»Die Kiste! Die Kiste!! Sie wollten uns doch zeigen, was in der Kiste ist!«

»Jawohl, oben an Deck, jetzt sofort!«

Es ging hinauf. Es war ein prachtvoller Tag - das spiegelglatte, blaue Meer, der blaue Himmel, hier und da ein Segel, das Rauchwölkchen eines Dampfers, - aber das alles kann man ja auch von der Küste aus sehen, und den Damen war es jetzt um die schwarze Kiste zu tun.

Sie mußten einen Kreis bilden. Es ging alles ohne weitere Zeremonie vor sich. Zwei Matrosen brachten die lange, schwarz angemalte Kiste, eine ganz einfache, mit Handgriffen versehen, und setzten sie nieder.

»Also, meine Damen, Sie wollen wirklich sehen, was diese Kiste enthält?«

»Jawohl!«

»Gut. Ich löse mein Wort ein. Öffnet die Kiste und nehmt heraus, was darin ist!«

Die Matrosen schoben zwei Haken zurück, schlugen den Deckel hoch, die Damen sahen erst nur etwas Rotes, die Matrosen hoben es an Handgriffen heraus - wieder eine Kiste, nur rot angestrichen, welche genau in die schwarze hineinpaßte!

»So, meine Damen, ich habe hiermit mein Wort eingelöst, da sehen Sie den Inhalt der schwarzen, sargähnlichen Kiste, die rote Kiste bildet ihn.«

»Ja, was ist denn nun aber in der roten Kiste? Machen Sie auf!« riefen die Damen, freilich schon von einer schrecklichen Ahnung erfaßt, denn dieser Karabaß schien es faustdick hinter den Ohren zu haben.

»Was nun in der roten Kiste ist? Das erfahren Sie erst, wenn Sie auf meiner Insel sind. So lange müssen Sie sich gedulden.«

Als die schreckliche Ahnung zur Gewißheit geworden war und man auch noch einige grinsende Matrosengesichter sah, da wurden die Damen sehr böse.

»Nein, aber so eine Gemeinheit!!« hieß es erst, und dann suchten alle sich mit vereinten Kräften der roten Kiste zu bemächtigen, was ihnen freilich nicht gelang.

»O, o, o, meine Damen!« bedauerte der Kapitän. »Merken Sie denn noch gar nichts?«

»Nein, was denn? Daß Sie ein Fuchs sind und uns veralbern, ja, das merken wir.«

»Daß mit dieser Kiste schon die Prüfungen begonnen haben.«

Aha! Jetzt wurde man stutzig, da mußte man vorsichtig sein, und ungehindert ließ man die ziemlich schwere Kiste, wieder in der andern geborgen, forttragen. Da hieß es eben die Neugierde bezähmen. Solchen Prüfungen sollte man ja auch ausgesetzt werden, der Kapitän hatte es doch gleich gesagt.

Der Teetisch war gedeckt, und der Koch war wirklich ein ausgezeichneter Konditor, es gab die verschiedensten Torten, welche nicht mitgenommen sein konnten, weil sie erst gekühlt werden mußten, und dann aus der Form einen Truthahn aus Schokoladeneis. Das war ja etwas für die Damen, dazu nun noch zahllose Fragen, die Erwägungen, wie man jetzt wohl in Monte Carlo die Entführung der Schönsten der Schönen besprechen möchte, ohne welche Monte Carlo kein Monte Carlo ist. So verging der Rest des Tages unter Schwatzen und Lachen und Essen und Trinken, und als die Damen dann ihre Kojen aufsuchten, waren sie alle bezecht wie die Haubitzen und konnten nicht mehr allein hineinkommen. Dafür hatte schon der umsichtige Karabaß gesorgt.

Fast genau so verging der ganze andre Tag, immer schwatzen und lachen und essen und trinken. Es war eine fidele Reise. Man sah Schiffe, einmal auch Land, welches für die Balearischen Inseln erklärt wurde. Das stimmte, in der Richtung nach Marokko mußte man in die Nähe dieser Inselgruppe kommen.

»Wo ist denn nur Raoul?« hieß es mehrmals.

Der befände sich an Bord, aber es sei ein Grund vorhanden, daß er unsichtbar bliebe. Die Damen mochten es kaum glauben, daß der maskierte Knabe auf dem Schiffe sei; doch es ging überhaupt an Bord manchmal etwas geheimnisvoll zu. So z. B. hatten die Damen ja nun alle Räumlichkeiten des Schiffes kennen gelernt, nur zwei Türen blieben ihnen verschlossen, was ihnen natürlich ihr Evaherz zu brechen drohte.

Am Morgen des dritten Tages tauchte in der Ferne abermals ein grauer Nebelstreifen auf - die Küste von Nordafrika, speziell die von Marokko.

»Wir haben aber bei dem schönen Wetter eine gar zu schnelle Reise gehabt,« erklärte der Kapitän. »Wie ich Ihnen sagte, kann die Landung nur des Nachts stattfinden. Das muß natürlich sehr geheim gehalten werden, daß kein Schiff auf meine Jacht aufmerksam wird, und so müssen wir eben heute noch etwas spazieren fahren.«

Gut, dagegen war nichts zu machen! Der heutige Tag verging aber doch unter andern Gesprächen als die vorigen. Die Damen wurden von erwartender Spannung gepackt, und je näher der Abend rückte, desto mehr steigerte sich diese.

Gegen neun Uhr wurde in der Kajüte und in andern Räumen das Nachtmahl aufgetragen, aber ohne Wein. Dann durften sich die Damen wieder an Deck begeben. Es war eine Neumondnacht, sehr finster. Dies hatte ebenfalls in der Berechnung des Kapitäns gelegen.

Die Küste hatte man schon im Laufe des Tages außer Sicht verloren und auch nicht wieder zu sehen bekommen. Jetzt war ebenfalls nichts weiter zu erblicken als Wasser und einige Lichtchen von Schiffen. Um Mitternacht sollte die Landung geschehen.

Der Kapitän befand sich auf der Kommandobrücke, welche die Damen nicht betreten durften.

»Da, sehen Sie?! Er hat uns doch die Wahrheit gesagt. Der maskierte Knabe ist bei ihm, er muß lernen, wie man den versteckten Eingang zur Insel bei Nacht findet. Aber warum hält er den Knaben sonst nur immer so verborgen?«

Richtig, auf der Brücke stand plötzlich der maskierte Knabe. Man hörte seine helle Stimme, seinen fremdartigen Akzent.

Alles dies steigerte die Neugier der Damen natürlich erst recht.

Dann wurden sie aufgefordert, sich wieder hinab in die Kajüte zu begeben, das elektrische Licht brannte, aber die Bollaugen waren geschlossen und konnten ohne Schlüssel nicht geöffnet werden. Auch blieben zwei Stewards bei den Damen. Jetzt näherte sich also die Jacht, deren Fahrt man bei ruhiger See überhaupt nicht merkte, der Küste.

So waren zwei Stunden vergangen, als sich die Schiebetür öffnete und der Kapitän eintrat, gefolgt von einigen Matrosen.

»Fertig, meine Damen! Nun lassen Sie sich die Augen verbinden, gleich hier unten! Jede wird von einer Hand geleitet. Fürchten Sie nichts! Daß ich kein Unhold bin, haben Sie doch schon bemerkt. Also bitte, wir haben keine Minute Zeit zu verlieren!«

Es waren nicht nur Binden, sondern ganze Kappen, welche die Matrosen den Damen über die Köpfe stülpten, solche wie sie der Knabe trug, am Halse zu befestigen, aber ohne Augenlöcher, nur eine kleine Öffnung zum Atmen. Angenehm war das nicht, aber es war auszuhalten. -

Wir gehen mit der Madame Pompadour.

Sie hatte noch gesehen, wie auch dem Lord Roger eine Kappe über den Kopf gestülpt wurde, und dann widerfuhr ihr das gleiche. Ihre Hand wurde ergriffen, es war eine arbeitsharte Hand, natürlich die eines Matrosen - wessen, daß wußte sie nicht. Sie hatte nicht darauf geachtet, wer ihr die Kappe umlegte - sie ward die steile Kajütentreppe hinaufgeleitet. Jetzt ging sie mit tastendem Fuß über das Deck, die Hand hielt sie zurück, sie hörte mehrmals Angstrufe, und sie wußte sich diese zu deuten, als sie selbst das noch steilere Fallreep hinab ins Boot mußte. Das ist mit verbundnen Augen eine gefährliche Geschichte. Aber die See war ganz ruhig, und der Matrose verstand seinen Schützling zu führen und zu stützen.

Sie saß in einem schaukelnden Boot, ein leises Kommando, die Riemen arbeiteten, das Wasser rauschte, das Boot befand sich unterwegs.

Es war eine ziemlich lange Fahrt. Zehn Minuten dauerte sie mindestens, und da legt ein Boot eine bedeutende Strecke zurück.

Wieder leise Kommandos - das Boot stieß an etwas - es knirschte - es hielt!

»Jetzt sind wir an Land,« wurde der Pompadour zugeflüstert. »Stehen Sie auf!«

Sie gewann festen Boden. Doch jetzt kam ein gefährlicher Weg, wohl über Klippen. Sie mußte immer festgehalten werden. Aber es waren auch nur wenige Schritte, dann wurde der Boden ganz eben, und gleich darauf kam es der Pompadour vor, als ob sie sich in einem geschlossnen Raum befände, sie hatte solch ein Gefühl, und dann mußten das unter ihren Füßen auch Steinfliesen sein.

Jetzt ging es direkt eine Treppe hinab, sehr tief, und obgleich sich eine solche auch im Freien befinden kann, wußte die Pompadour jetzt ganz bestimmt, daß sie in einem Raume war, sie hörte es gleich am Schalle der Schritte.

Wieder ging es eine Strecke geradeaus, und dann noch eine Treppe hinab, dann wieder eine lange Strecke geradeaus, jetzt eine Treppe hinauf, geradeaus und nun immer Treppen und immer Treppen hinauf.

Da merkte die Pompadour plötzlich, wie ihre Hand von der harten des Führers gedrückt wurde. Das war schon vorher mehrmals geschehen, aber die Pompadour hatte nicht darauf geachtet, es gar nicht bemerkt. Wenn man einen Blinden führt, und man greift einmal fester zu, so drückt man auch etwas.

Jetzt aber wurde die Pompadour stutzig. Drückte die rauhe Matrosenhand nicht immer, wenn es auch gar nicht nötig war, wie z. B. hier auf der Treppe? Waren daß nicht zärtliche Händedrücke?

Nun, der Pompadour kam es nicht darauf an, sie einmal zärtlich zu erwidern - versuchshalber! Richtig, die harte Hand drückte noch zärtlicher!

Das war ja schon ein nettes Abenteuer! Gleich hier in Marokko eine heimliche Liebschaft auf der Treppe!

Es kam aber nicht zum Abschluß. Der Führer blieb plötzlich stehen. Die Hand der Pompadour wurde losgelassen. Es wurde am Halse an ihrer Kappe geknüpft, und die Pompadour bemerkte einmal, als die Finger direkt mit ihrem Nacken in Berührung kämen, daß dies eine andre Hand sein mußte als die ihres Führers, dies waren weiche Finger.

»Nehmen Sie die Kappe ab - Gute Nacht!« klang es an ihr Ohr, sie glaubte noch eine Tür gehen zu hören und riß schnell die Kopfverhüllung ab.

Erst war sie geblendet. Elektrisches Licht! Das war der erste Eindruck, den sie empfing! Und als sie sich an das weiße Licht gewöhnt hatte, war sie nochmals geblendet - nämlich von der sie umgebenden Pracht.

Das Gemach war nur klein, aber pompös eingerichtet. Es gibt in Monte Carlo glänzende Hotelzimmer. Die Pompadour hatte das Innere des fürstlichen Schlosses gesehen und noch andres - aber so etwas noch nicht. Das läßt sich des Nähern schwer beschreiben. Wir wollen uns auch nicht weiter dabei aufhalten. Es war eben ein kleines, mit dem raffiniertesten Luxus eingerichtetes Boudoir, und zwar ein Schlafzimmer. Die Vorhänge des Himmelbettes, die Decken und alles von feinster chinesischer Seide. Sie hob einen auf einem Tischchen stehenden Leuchter - der Schwere nach massives Gold, nach dem Gewichte vielleicht dreitausend Francs in Gold, nun aber noch künstlerische Arbeit, und dort standen noch drei solche Leuchter. So etwas will freilich viel heißen.

Die Pompadour hatte nur davon gehört, daß die Vanderbilt in New York ein Haus besitzen, in welchem die gesamten Wasserleitungs-, Gas- und Dampfheizungsröhren aus purem Golde getrieben sind. Das ist eine Tatsache. So etwas gibt es in Europa nicht.

Sie glaubte hier in ein ähnliches Haus geraten zu sein.

Der Kapitän hatte ja immer gesagt, daß auf seiner Insel jeglicher Komfort zu finden sei, man hatte sich niemals ein rechtes Bild davon machen können, weil man auch immer die einsame Koralleninsel in der Südsee vor Augen gehabt. Nun war diese Insel der Zivilisation zwar bedeutend näher, und dennoch, die goldnen Leuchter machen den Komfort des Lebens ja nicht gerade aus, aber sonst alle Einrichtungen des modernsten Lebens zu finden, das hätte die Pompadour hier nicht erwartet.

Also elektrisches Licht in verschiedenen Lampen und Lämpchen, mit den modernsten Hebeln anzustellen, daß man z. B. ein am Bett befindliches, verstellbares Lesepult beleuchten konnte, ein Telephon, um gleich vom Bett aus hineinsprechen zu können - mehr kann man auf einer afrikanischen Insel doch beim besten Willen nicht verlangen!

Ein Fenster gab es nicht, wenigstens kein gewöhnliches. Die ganze Decke bestand aus Glas: doch war jetzt in der Nacht draußen nichts zu sehen.

Dann waren zwei Türen vorhanden. Die erste, welche die Pompadour öffnen wollte, war geschlossen. Aber die zweite, eine kleinere, konnte sie aufmachen. Sie blickte in einen dunklen Raum, hatte aber gleich einen Hebel gefunden, drehte ihn herum, es flammte auf, sie sah ein ebenso luxuriös eingerichtetes Kabinett mit marmornem Waschtisch, Hähne für kaltes und warmes Wasser, ein großes Badebassin aus mosaiziertem Marmor, ebenfalls kalt und warm - kurz, es war eben alles vorhanden, was der verwöhnteste Mensch sich nur wünschen kann. Sie brauchte nur daran zu denken, daß es hier etwas warm war und frische Luft nichts schaden könnte, bei diesem Gedanken blickte sie doch nach dem Fenster, also nach der Decke, und richtig, da hatte sie auch gleich den Flügelventilator entdeckt, der durch einen Zug an einer Schnur sich in Umdrehung setzte.

Eben dachte sie daran, einmal das Telephon zu untersuchen, als dieses schon klingelte.

»Wer ist dort?« fragte sie hinein.

»Ich,« lautete die sehr unbestimmte Antwort. »Ist dort Madame Pompadour?«

»Jawohl, ich bin hier.«

»Sie haben am Telephon Nummer 18, merken Sie sich das!«

»Nummer 18, schön!«

»Sie können sich mit allen andern Damen unterhalten, es macht Ihnen wohl Vergnügen, wenn Sie die Nummern selbst ausfindig machen, sonst können Sie diese aber auch morgen schriftlich bekommen ...«

»Nein, nein, ich danke Ihnen, ich werde mir meine Freundinnen selbst per Telephon aussuchen.«

»Aber nicht heute abend mehr, das Telephon ist für den Verkehr geschlossen. Sie werden jetzt wohl schlafen gehen wollen. Oder Sie können auch erst noch ein Bad nehmen. Wünschen Sie noch etwas zu speisen oder sonst etwas?«

»Danke, ich habe keinen Appetit, ich brauche nichts.«

»Wenn Sie etwas brauchen, so klingeln Sie und sagen Ihren Wunsch ins Telephon hinein, und dann ... sehen Sie in Ihrem Zimmer den kleinen, vollen Tisch?«

Die Pompadour, das Schallrohr am Ohr, blickte sich um. Sie hatte den Tisch schon gesehen. Er glich einem Altarsteine, darauf lag eine mit Verzierungen und Handgriffen versehene Holzplatte.

»Sobald das, was Sie wünschen, fertig ist, ertönt in dem stummen Diener ein Glockenzeichen, dann nehmen Sie die Holzplatte ab, das Gewünschte wird darunter liegen. Jetzt werden Sie Wäsche darunter finden. Sonst noch etwas?«

Die Pompadour wußte nichts, es drängte sie auch, diesen stummen Diener näher kennen zu lernen.

»Dann gute Nacht! Schluß!«

Im nächsten Augenblick hatte die Frau natürlich noch etwas zu sagen - da aber merkte sie, daß das Telephon bereits abgestellt war. Kujonieren ließen sie sich also nicht. Es war eine Männerstimme gewesen, sonst ihr unbekannt.

Es war, wie ihr gesagt worden. Der volle Tisch war hohl, man konnte die Platte aufklappen, jetzt lag, wie verheißen, in der Höhlung Leibwäsche.

Zuerst müßten sich die Damen mit solchen Kleidungsstücken behelfen, wie die Insulanerinnen sie trugen, war ihnen gesagt worden. Doch würde für andre Garderobe schnellstens gesorgt.

Die Pompadour nahm dann noch ein Bad und legte sich schlafen. Sie hatte in dem himmelblauen Himmelbett einen seltsamen Traum, aber das, was ihrer hier wartete, das träumte sie nicht.

Als sie erwachte, war es heller Tag, und zwar schien die Sonne durch das Oberlicht herein. Trotzdem konnte die Pompadour draußen nichts erkennen, es war sehr dickes Glas, und außerdem hätte sie sich auf Stuhl und Tisch stellen können, sie würde die sehr hohe Decke noch nicht erreicht haben.

Das Telephon hatte bereits mehrmals geklingelt, wovon sie erwacht war.

»Wer ist dort?«

»Ich bin's, die Phöbe! Und wer ist dort?«

»Ah, Madame Phöbe. Hier ist die Pompadour.«

»Aaaah, die Pompadour!! Gott sei Dank, endlich habe ich Sie! Ich habe schon siebenundzwanzig Damen angeklingelt, nur Sie konnte ich nicht finden. Jetzt habe ich nur noch neun Damen, dann weiß ich alle Nummern. Welche Nummer haben Sie, wenn ich fragen darf?«

»Nummer 18!«

»Ach, das ist ja reizend! Wie seltsam, wie merkwürdig! Ich habe nämlich gerade Nummer 8.«

»Nummer 8? Das ist ja himmlisch!«

»Schreiben Sie sich die Nummer auf! Haben Sie an Ihrem Bett nicht ein Lesepult?«

»Ja, das habe ich, meine liebe Phöbe.«

»Da hängt doch an der rechten Seite ein Bleistift, nicht wahr?«

»Ja, den habe ich gefunden.«

»Und hängt an der linken Seite nicht Papier?«

»Das stimmt auch.«

»Sehen Sie, Ihr Zimmer ist ganz genau so eingerichtet wie das meine. Alle unsre Zimmer sind ganz gleich, ich habe mich bei allen Damen schon erkundigt. - Apropos, meine liebe Pompadour, haben Sie schon mit der Klytämnestra durch das Telephon gesprochen?«

»Nein, meinte liebe Phöbe, überhaupt mit noch gar keiner Dame.«

»Tun Sie es auch lieber nicht, die stinkt heute morgen wieder fürchterlich aus dem Halse.« -

Hiermit wollen wir diese Telephonunterhaltung aber abschließen. Wenn man alle Bücher der Bibliothek im britischen Museum durchlesen wollte, so soll man bei täglich achtstündiger Arbeitszeit ungefähr 400 Jahre brauchen. Und hier waren es 36 Damen, welche sich auf der marokkanischen Insel nach und nach zusammenfanden, und das ist noch etwas andres als die Bibliothek des britischen Museums.

Mit der Zeit fand die Pompadour heraus, daß sie die telephonische Verbindung mit den andern Damen abstellen und dennoch mit ihrem unsichtbaren Diener sprechen konnte, und sie machte bald Gebrauch von dieser Entdeckung. Sie drückte an einen andern Knopf.

»Was wünschen Sie, Madame Pompadour?« fragte die Männerstimme von gestern.

»Ich bitte um Kaffee, um Frühstück.«

»Wenn ein Glockenzeichen ertönt, wird das Frühstück sich im Tische befinden. Wie geht es Ihnen, Madame? Wie haben Sie geschlafen?«

»Ich danke, ausgezeichnet! Wie ist es, kann man hier nicht etwas Puder bekommen?«

»Puder, Schminke und Paste, Sie werden alles in dem Toilettentisch finden.«

»Wann geht die Geschichte eigentlich los?«

»Bitte, welche Geschichte?«

»Nun, die Prüfungen.«

»Wir wollten die Damen heute noch in Ruhe lassen, wenn Sie aber wünschen, kann es sofort beginnen. Sie werden auf dem Kaffeebrett eine Dose finden, welche Sie nicht öffnen dürfen.«

»Ach so, die alte Geschichte mit der Maus, welche herausspringt?« lachte die Pompadour ins Telephon. »Wenn ich den Deckel aber nun doch abhebe?«

»Dann werden Sie etwas ganz andres darin finden als eine Maus.«

»Was denn?«

»Das werden Sie dann schon sehen - etwas ganz Überraschendes. Ich bitte Sie aber in Ihrem eignen Interesse, die Dose nicht zu öffnen, sonst haben Sie die erste Prüfung nicht bestanden, und es entgehen Ihnen Annehmlichkeiten, welche die andern Damen genießen.«

»Ach, bitte, sagen Sie mir es doch gleich, was drin ist!« schmeichelte die Pompadour ins Telephon.

»Madame, ich habe mich noch mit 35 andern Damen zu unterhalten. Wünschen Sie sonst noch etwas? Ich habe nur noch eine halbe Minute Zeit für Sie.«

»Kann ich den Kapitän nicht einmal sehen?«

»Bedaure, der ist schon wieder nach Monte Carlo zurückgereist.«

»Waaaas?« staunte die Pompadour ins Telephon hinein, in der Meinung, nicht recht gehört zu haben. »Nach Monte Carlo zurückgereist?«

»Jawohl, der Kapitän will sich noch etwas in Monte Carlo amüsieren, unsre Pläne hierüber sind jetzt einstimmig geändert worden. - Schluß.«

Die Pompadour war wie gebrochen. Solch eine Niederträchtigkeit! Der Kapitän schleppt sie hierher nach Afrika, sperrt sie wie die Gefangnen in ein Zimmer ein - und er selbst geht wieder nach dem schönen Monte Carlo zurück, um sich dort zu amüsieren! Nein, solch eine Niederträchtigkeit!! Die Pompadour fing vor Wut gleich zu weinen an.

Nun kam auch noch hinzu, daß sie den Kapitän doch für sich selbst erkoren. Davon hatte der Kapitän nichts zu ihr gesagt, und sie nichts zu ihm, aber das war für sie, für die Pompadour, doch ganz selbstverständlich!

Heftig klingelte sie am Telephon. Die vorherige Verbindung war abgestellt. Aber mit den andern Damen konnte sie sich noch unterhalten.

»Madame Pompadour? Haben Sie es schon gehört? Der Kapitän ist wieder nach Monte Carlo zurück.«

So fing gleich die Angerufene an. Es war also eine Tatsache.

Ein Glockenzeichen brachte die Pompadour auf andre Gedanken. Sie fühlte sich auch hungrig. Unter der Tischplatte stand ein Kaffeeservice, welches sie heraushob und auf einen andern Tisch setzte. Richtig, unter dem Geschirr befand sich eine Art Zuckerdose, silbern, darauf der Vermerk: Nicht öffnen.

Die Pompadour kannte also die Geschichte mit der Terrine und der Maus, welche in Hebels Schalzkästlein erzählt ist. Ein armes Ehepaar beklagt sich über das verlorne Paradies. Wenn sie im Paradiese wären, sie wollten nicht in den Apfel beißen, damit sie nicht zu arbeiten brauchten. Das hört ihr Herr, er nimmt die beiden zu sich ins Haus, sie können herrlich und in Freuden leben, nur eine zugedeckte Schüssel, welche bei jeder Mahlzeit auf dem Tische stehen wird, dürfen sie nicht öffnen. Natürlich öffnen sie dieselbe gleich beim ersten Male. Da springt aus der Schüssel eine Maus, und mit dieser Maus ist auch das Paradies unwiderruflich futsch, die beiden müssen nach wie vor auf dem Felde arbeiten, und die Frau sagt zum Manne: »Du hast den Deckel aufgehoben!« - und der Mann sagt: »Ja, aber du hast mich erst dazu verführt!« - und dieser Mann und diese Frau leben heute noch.

Nein, so neugierig war die Pompadour nicht. Aber warum sollte sie nicht einmal nachsehen, was drin sei? Es war ja überhaupt ganz gleichgültig, ob sie die Prüfung bestand oder nicht, nach vier Wochen bekam sie die Insel ja doch zu sehen! Diese Prüfungen waren nur pro forma, so hatte der Kapitän gesagt. Und überhaupt, seitdem sie wüßte, daß er die Insel schon wieder verlassen hatte, mochte sie gar nicht mehr mitspielen.

Na, kurz und gut, die Pompadour konnte es eben nicht über sich bringen, die Dose uneröffnet zu lassen, und hatte sie nicht diesen Grund gehabt, so hätte sie eben irgend einen andern gefunden.

Aber so dumm wie jenes Ehepaar war die Pompadour wirklich nicht! Bei ihr sollte die Maus nicht herausspringen.

Zuerst betrachtete sie die Zuckerdose von allen Seiten. Von außen war ihr nichts anzusehen, daß man etwa bemerke, ob sie geöffnet war oder nicht. Sie schüttelte die Dose. Gewiß, da war etwas darin, es raschelte gerade wie Papier.

Den Deckel etwas heben und hineinlugen, das konnte doch nichts schaden. Gewiß, es war Papier. Vielleicht ein Brief? Ja, es sah gerade aus wie ein Kuvert.

Nun hatte sie den Deckel schon einmal etwas gelüftet, nun konnte sie es auch vollends tun. Aber wenn nun doch etwas heraussprang? Es brauchte ja nicht gerade eine Maus zu sein, es konnte auch ein Floh sein.

Die Pompadour sah sich im Zimmer um. An der Decke hing ein leerer Vogelbauer, der wäre sehr gut für den Fall gewesen, daß es eine Maus war. Aber ein Floh wäre doch durch das Gitter gegangen.

Auf dem Frühstücksbrett stand auch Käse, darüber eine Glasglocke. Die Zuckerdose ging bequem darunter, und nun begann die Pompadour mit unendlicher Geduld so lange unter der Käseglocke zu experimentieren, bis sie den Deckel glücklich herab hatte. Wäre sie gleich auf den Gedanken gekommen, einfach die Glocke auf das Präsentierbrett zu setzen und das Ganze umzustülpen, so wäre sie sofort zum Ziele gekommen.

Richtig, es war ein Brief, wenigstens ein geschlossenes Kuvert. Nun war es doch einmal geschehen, und herausspringen tat nichts, nun nahm sie den Brief. Die Seite, welche nach unten gelegen hatte, war beschrieben.

»Dieses Kuvert enthält die Photographie des Mannes, den Sie sich durch Öffnen des Kuverts freiwillig und unwiderruflich wählen.«

»Oho!« sagte die Pompadour verächtlich. »So etwas gibt es nicht, ich will den Kapitän haben oder sonst gar keinen. Aber ich brauche das Kuvert ja auch nicht zu öffnen.«

Nein, das brauchte sie allerdings nicht.

Wer mochte das wohl sein? Ob es wohl ein schöner Mann war? Es konnte ja einer sein, der ihr noch besser gefiel als der Kapitän, und nun überhaupt das Geheimnis bei der Sache ...

Durch das Papier war absolut nichts zu sehen, was sie auch für Experimente anstellte. Höchstens in dem allerbesten Lichte glaubte sie ein Paar Beine zu erkennen, und aus diesen ist doch kein Schluß auf die Schönheit und den Charakter eines Mannes zu ziehen.

»Ach, schadet nichts! Zu nehmen brauche ich ihn deswegen doch nicht; will doch sehen, wer mich dazu zwingen könnte!«

Damit riß sie das Kuvert auf, richtig, eine Photographie - ein Blick, ein Schrei, und die Pompadour stürzte an das Telephon und klingelte stürmisch.

»Was wünschen Sie, Madame Pompadour?«

»Hören Sie,« brüllte diese außer sich in den Trichter, »dieses Scheusal nehme ich nicht, auf keinen Fall, daraus wird nichts!!«

»Welches Scheusal meinen Sie, Madame?« erklang es unschuldig zurück.

»Dessen Photographie Sie in die silberne Dose gesteckt haben, und ...«

»Aah, Madame haben also die Dose und das Kuvert geöffnet?«

»Allerdings, aber ...«

»Dann müssen Sie diesen Mann auch zu Ihrem Freunde nehmen.«

»Oho, das wollen wir einmal sehen! Und ich tu's eben nicht! Solch ein häßliches Scheusal!«

»Wie sieht denn dieses häßliche Scheusal eigentlich aus?«

»Das wissen Sie doch selber!«

»Nein, das weiß ich nicht, ich habe mit dieser Angelegenheit nichts zu tun, die Verteilung der Freunde geschieht mit Bildern und bleibt ganz dem Zufall überlassen, wird wie eine Lotterie gehandhabt. Na, wie sieht der Mann denn aus, daß Sie ihn so abscheulich finden?«

»Ich habe ihn überhaupt noch nicht in der Begleitung des Kapitäns gesehen, er kann auch nicht auf der Heliotrop gewesen sein. Er hat furchtbar krumme Beine ...«

»Also der Wilm, die Ordonnanz?«

»Nein, den kenne ich doch zur Genüge. Der hat X-Beine, seine sind grade nach der entgegengesetzten Seite gebogen, und wie - wie ein Faßreifen - und dann eine entsetzlich lange Nase - wie ein Elefantenrüssel - und sonst eine Visage wie ein verhungertes Schwein ...«

»Ach so, das ist ja der Jochen Puttfarken! Der ist hier auf der Insel so eine Art von Haushofmeister. Hören Sie, Madame, den schmähen Sie ja nicht, Sie sollten sich vielmehr zu Ihrem Glück gratulieren, der ist trotz seiner krummen Beine ein Mann vom Scheitel bis zur Sohle, ganz abgesehen davon, daß er hier auf der Insel die größte Rolle ...«

»Na, ich danke! Und ich mag mit diesem Zerrbilde von einem Affen eben nichts zu tun haben!!« rief die Pompadour aufs heftigste.

»Jetzt müssen Sie ihn aber nehmen! Ihre Wahl geschah ganz freiwillig.«

»Und wenn ich es nicht tue? Wie will man mich denn zwingen?«

»Wenn Sie so gegen unsre Gesetze verstoßen, denen Sie sich freiwillig unterworfen haben, eben jetzt durch Ihre Wahl, dann sind Sie des Lebens nicht wert, dann verlieren Sie dasselbe - Sie werden hingerichtet! Schluß.«

Ach, du großer Schreck! Gleich daraus aber lachte die Pompadour herzlich.

Das war ja nur ein Scherz, so weit ging der Spaß nicht.

»Madame Pompadour,« begann das Telephon noch einmal zu sprechen, »Sie brauchen nicht erschrocken zu sein. Ich muß nur so sprechen, wie es mir vorgeschrieben. Es ist Ihnen doch auch gesagt worden, daß Sie den Freund nicht anzunehmen brauchen, der Ihnen zugeteilt ist ...«

»Jawohl, das ist es eben! Und ich nehme diesen häßlichen Kerl nicht!«

»Nein, so, wie Sie es sich denken, ist es eben nicht! Hier liegt ein andrer Fall vor. Sie haben sich den Mann freiwillig gewählt, und das genügt. Ich will Ihnen aber einen guten Rat geben. Wir dürfen wohl Ihr Zimmer betreten, so wird z. B. dann jemand zu Ihnen kommen, aber nicht als Ihr Liebhaber. Das brauchen Sie nicht zu dulden. Wenn Jochen Puttfarken an Ihre Türe klopft, wobei er seinen Namen nennen muß, so lassen Sie ihn einfach nicht herein, dagegen kann er nichts machen und wir alle nicht, auch der Kapitän nicht, das sind strenge Inselgesetze. Haben Sie mich verstanden?«

»Jawohl, ich verstehe, ich lasse ihn nicht herein,« flüsterte die Pompadour ebenso leise ins Telephon, wie jetzt zu ihr gesprochen wurde, und sie atmete doch etwas leichter ans, denn sie befand sich immerhin auf einer einsamen Insel und willenlos in der Macht ihrer Bewohner.

»Haben Sie den Betreffenden aber einmal in Ihr Zimmer gelassen,« fuhr es mit lauter Stimme fort, »so haben Sie ihn ohne weiteres als Ihren Geliebten anzuerkennen. Unterwerfen Sie sich dieser Bedingung?«

»Jawohl, ich verstehe, zu mir kommt er nicht herein,« wiederholte die Pompadour.

»Ich frage Sie, ob Sie sich dieser Bedingung freiwillig unterwerfen?«

»Ja, dieser Bedingung unterwerfe ich mich. Doch seien Sie ohne Sorge, ich lasse diesen Kerl freiwillig nicht herein.«

»Gut. Hier sind Zeugen, welche gehört haben, daß Sie diese Bedingung freiwillig angenommen haben. - Wünschen Sie irgend etwas? Setzen Sie das Kaffeeservice wieder in den stummen Diener, es verschwindet sogleich. Wollen Sie Briefe schreiben? Heute nachmittag geht eine Postsendung nach Marokko. Um drei Uhr muß Ihr Brief in dem Tische liegen. Schreibgerät finden Sie in dem Pult. Sie brauchen in dem Briefe gar nichts zu verheimlichen. Schreiben Sie etwa an Ihren Hotelier, verfügen Sie über Ihre Sachen. Der Kapitän kommt bald wieder zurück. Wir haben auch eine große Bibliothek hier. Verlangen Sie irgend ein Buch, welches Sie wollen, es wird vorhanden sein.«

»Danke! Erst möchte ich einen Brief schreiben. Kann ich nicht Antwort zurückerhalten?«

»Gewiß. Sie können sich auch Sachen schicken lassen, wenn Sie wollen, meinetwegen Ihre ganze Garderobe. Natürlich vergehen acht Tage, ehe Sie Brief und Paket erhalten.«

»Ah, das ist ja vortrefflich! Dann werde ich an meine Zofe schreiben, ich möchte mir allerdings verschiedenes schicken lassen. Aber wie ist meine Adresse?«

»Ihr Name, und dann: Monsieur Jules Leblanc, Marokko. Das genügt, das ist unser Agent, allerdings so eingerichtet, daß wir niemals gefaßt werden können. Setzen Sie diese Adresse aber nicht als Absender auf das Kuvert, sonst kann der Brief nicht abgehen, weil er uns verraten könnte. Wir selbst machen ein geheimes Zeichen darauf.«

Die Pompadour war wieder in besserer Stimmung. Der Kapitän kam bald wieder zurück, diesen großnasigen, häßlichen Kerl brauchte sie nicht anzunehmen - und überhaupt, jetzt kam ihr das Romantische so recht wieder zum Bewußtsein, sich auf einer unbekannten Seeräuberinsel an der marokkanischen Küste zu befinden.

Und richtig, der Gast sollte ja allerlei Versuchungen ausgesetzt werden! Zu diesen gehörte jedenfalls auch die Mitteilung, daß sich der Kapitän wieder nach Monte Carlo begeben habe, das war gar nicht der Fall, und weiter ganz bestimmt dieser langarmige, krummbeinige Zwergnase mit den Schweinsaugen, der sich ihr auf der Photographie in seiner schönsten Attitüde präsentierte, so breitbeinig als möglich.

Jetzt konnte sie heiter darüber lachen, und in solch guter Stimmung schrieb sie einen Brief an ihre Zofe und einen an eine zurückgebliebene Freundin. Sie berichtete alles, die geheimnisvolle Landung, übertrieb stark, und sonst gefiel es ihr hier ausgezeichnet. - »Marokko, den 22. März, auf der Insel von Karabaß, dem Schwarzkopf.«

Dann wollte sie sich mit ihren Freundinnen wieder telephonisch unterhalten, fand aber keinen Anschluß, die Verbindung war abgestellt.

So machte sie Toilette, ohne irgend etwas hierzu Notwendiges zu vermissen. Unterdessen war es Mittag geworden, ein neues Glockenzeichen in dem geheimnisvollen Tisch, wirklich ein stummer Diener, ertönte, ihre beiden Briefe, die sie hineingelegt, fand sie verschwunden, dafür eine üppige Mittagsmahlzeit, und diesmal war keine verdeckte Schüssel dabei.

Nach dem Essen rief sie den unsichtbaren Sekretär an, oder was er sonst war, und bat um ein französisches Buch, irgend eins, womöglich ein recht altes, was sie vielleicht nicht kenne, wenn es nur interessant sei.

»Sie werden es sofort bekommen. Hören Sie, Madame Pompadour, eine Dame ist bereits entflohen!«

»Welche?« fragte die Pompadour mit vor Überraschung plötzlich brennenden Wangen.

»Das wird verschwiegen ...«

»Wie hat sie das gemacht?«

»Sie ist im stummen Diener mit dem Geschirr hinabgefahren und bis jetzt verschwunden, sie muß sich irgendwo verborgen halten. Es liegt ein Komplott vor, Lord Roger ist nämlich gleichfalls auf dieselbe Weise verschwunden.«

Ah, das wurde ja sehr interessant! Wenn sie nur gewußt hätte, welche Dame es gewesen! Und wie hübsch, daß man davon in Kenntnis gesetzt wurde!

Aber der hinkende Bote sollte noch nachkommen.

»Ich brauche Sie wohl nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß Sie den Fahrstuhl im Tisch nicht gleichfalls zu solch einem Fluchtversuch benutzen ...«

»Ich denke gar nicht daran.«

»Schon gut, schon gut! Es würde Ihnen auch nicht mehr glücken, wir haben jetzt Vorkehrungen getroffen. Nun muß ich Ihnen aber leider auch noch andre Mitteilungen machen. Wir, die wir zu Ihrer Bedienung angestellt sind, haften mit unserem Kopf dafür, daß keine der Damen entflieht, und wenn der Kapitän zurückkommt und die beiden sind noch nicht wieder in ihrem Zimmer, so sind unsere Köpfe verfallen. Wir müssen also sehr vorsichtig sein. Zunächst dürfen die Damen sich nicht mehr telefonisch sprechen, weil wir das leider nicht kontrollieren können. Weiter, falls sich vielleicht einer der Entflohenen zu Ihnen verirren sollte, und Sie melden das nicht sofort, Sie verbergen ihn bei sich, dann - sind - Sie - selbst - des Todes!!!! Verstanden? Schluß!«

Nach diesen zuletzt donnernd gesprochenen Worten sank die Pompadour schreckensbleich auf einen Stuhl. Das pfiff ja mit einem Male aus einer ganz anderen Tonart! Also Lord Roger bereits entflohen! Natürlich, der hielt es keine vier Wochen aus, bis er die Geheimnisse der Insel zu sehen bekam, der spionierte gleich auf eigene Faust herum, und er hatte den Ausweg schon gefunden. Aber außerdem noch eine Dame! Wer mochte das sein? Sicher die Mademoiselle Psyche, die war zu allem fähig.

»Dann - sind - Sie - des Todes!!!«

Und wieder kam es der Pompadour recht deutlich zum Bewußtsein, daß sie sich auf einer unbekannten Insel an der marokkanischen Küste befand, bewohnt von Piraten, oder doch unter dem Kommando eines ehemaligen Seeräubers stehend, dem das Leben eines Menschen nichts galt, mochte man sich auch noch so edle Züge seines sonstigen Charakters erzählen ... aber dieses Bewußtsein, daß es so war, erschien ihr jetzt in einem ganz anderen Lichte.

Es war doch ein furchtbar gewagtes Abenteuer gewesen, in das sie sich gestürzt hatte. Wenn die Abreise auch etwas gezwungen erfolgt war - gleichgültig, eigentlich war sie doch freiwillig darauf eingegangen, leichtsinnig, und nun war sie überhaupt hier - als eine Gefangene, denn weiter war sie doch nichts!

Sie hatte durch den stummen Diener ein paar französische Bücher erhalten, uralte Schmöker, welche sie noch nicht gelesen hatte, und die Lektüre war auch sehr interessant, aber sie war nur mit halber Seele dabei. Jene drohenden Worte gingen ihr immer durch den Kopf, und hätte sie jetzt die Briefe geschrieben, sie würden ganz anders ausgefallen sein.

Sie hatte noch nicht lange gelesen, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und drei vermummte Männer hereinstürmten, in arabische Gewänder gehüllt, vor dem Gesicht ein weißes Tuch, wie es die Beduinen tragen.

»Ist der Lord hier?«

Die tödlich Erschrockene fand keine Worte, sie sah nur die großen, blanken Schwerter und die vielen Dolche und Pistolen, mit denen die Leibbinden der Männer gespickt waren.

Diese warteten auch gar keine Antwort ab. Sie begannen die beiden Gemächer zu durchsuchen, hoben alles auf, blickten unter alle Möbel, stachen auch mit den langen Schwertern darunter, und dann stürmten sie, die Tür hinter sich zuschlagend, ebenso schnell wieder hinaus, wie sie hereingekommen waren.

Das hatte nun gerade noch gefehlt! Jetzt vergaß die Pompadour völlig das Lesen.

»Ach, die Kiste, die Kiste! Wäre ich doch nur nicht an Bord gegangen!« jammerte sie. »Dann säße ich jetzt in meinem schönen Monte Carlo auf der Kasino-Terrasse!«

Ihre Ansichten hatten sich also schon sehr geändert. Aber darin hatte der Kapitän Recht, an Überraschungen fehlte es hier nicht.

Es wurde dunkel, sie drehte das elektrische Licht an.

Da öffnete sich wieder die Tür, abermals kamen vermummte Araber herein, aber nur zwei, welche zwischen sich einen Kasten trugen. Schweigend setzten sie ihn in die Mitte des Zimmers, schweigend entfernten sie sich wieder.

Erst jetzt stand die Pompadour auf und schlich zu dem schwarzen Kasten hin. Er war ungefähr von der Größe eines kleinen Handkoffers, oder besser eines großen Hutkoffers.

Ah, eine neue Prüfung!

»Nicht öffnen!« stand nämlich in fetter Schrift wiederum darauf, und außerdem der Vermerk: »Wird in einer Stunde wieder abgeholt!«

Nein, diesmal ging die Pompadour nicht darauf ein. Sie hatte einen zu großen Schreck bekommen. Da war nicht zu spaßen.

Aber warum sollte sie die Kiste nicht wenigstens äußerlich einmal untersuchen? Sie tat es. Es war einfach ein Haken zurückzuschieben, dann wäre der Deckel zu öffnen gewesen. Doch das fiel ihr gar nicht im Träume ein. Lieber nicht! Sie war überhaupt über Neugier erhaben. Aber was in aller Welt mochte nur drin sein? Einmal rücken, das schadete doch nichts! Sie rückte die große Hutschachtel also - das heißt, sie wollte es tun, es gelang ihr nicht. Die Hutschachtel war schwer, sehr schwer, obgleich die beiden Männer sie beinahe ohne Anstrengung hereingetragen hatten.

Madame Pompadour war eben ein schwaches Weib. Stark war sie nur in der Besiegung ihrer Neugier. So wenigstens sagte sie sich. Was aber mochte nur darin stecken? Madame Pompadour hätte gleich ihr Leben dafür hingegeben, wenn sie es gewußt hätte. Ihr Leben dafür hingegeben? Das war doch eigentlich gar nicht nötig. Das war auch durchaus keine Neugier, sondern Wißbegier ...

Na, kurz und gut, es hatte ja auch nichts geschadet, daß sie heute früh die Zuckerdose aufgemacht hatte, und mit einem Fluchtversuche oder dem Verstecken eines Flüchtlings hatte diese weibliche >Wißbegier< doch nichts zu tun ... und es war von der Stunde, nach welcher die schöne Kiste wieder abgeholt worden wäre, noch kein Viertel vergangen, so schob die Pompadour erst den Riegel zurück, nur so prüfend, ob er sich auch wirklich zurückschieben ließe - alles nur der Wissensdurst des Forschers! - ja, er ließ sich wirklich zurückschieben! Weiter wollte sie nun aber auch nicht gehen, ganz bestimmt nicht - aber war das Geheimnis nun nicht schon zur Hälfte verletzt? - ach was, jetzt schlug sie auch noch den Deckel zurück und ...

Madame Pompadour prallte vor Schreck gleich gegen die Wand.

Es gibt ein Kinderspielzeug, es ist ein Kästchen, wenn man den Deckel öffnet, so springt ein Teufelchen oder sonst eine schreckliche Gestalt heraus.

Nicht anders war es hier. Die Pompadour glaubte eine Vision zu haben.

Kaum hatte sie den Deckel nur etwas gelüftet, als dieser von allein vollends zurückschlug, und wie von einer Sprungfeder emporgeschleudert, fuhr aus der Hutschachtel, in der man unmöglich einen Menschen vermutet haben konnte, dazu war sie viel zu klein, ein Mann heraus, nach türkischer Art gekleidet, in rote Pumphosen und in ein blaues Jäckchen, um den Kopf einen mächtigen Turban geschlungen - aber Madame Pompadour wußte schon, als die Gestalt noch in der Luft schwebte, ganz bestimmt, wen sie vor sich hatte, diese X-Beine und diese große Hornbrille konnten sie nicht täuschen - und mit einem gewaltigen Plauz lag die Ordonnanz des Kapitäns vor ihr auf den Knien.

»Dank dir, heißen Dank dir, du schönes Weib, daß du mich erkoren hast!«

Madame Pompadour war also gleich bis gegen die Wand getaumelt, dort blieb sie lehnen, an allen Gliedern zitternd, und wenn sie im Augenblicke etwas dachte, so war es nur das, daß sie glaubte, einen bösen Traum zu haben.

Eigentlich aber stammte ihr furchtbarer Schreck nur daher, weil es ihr absolut unerklärlich war, wie dieser dicke, sogar sehr dicke Kerl in diese kleine Hutschachtel hineingekommen war und darin so lange aushalten konnte; denn nicht einmal sein Schmerbauch fand doch in dem engen Raume Platz! Das war es, worüber ihr förmlich der Verstand stehen blieb.

Unser Wilm im Turkokostüm ließ ihr aber nicht lange Zeit für solch grübelnde Traumgedanken, er rutschte zu ihr hin und wollte inbrünstig ihre Knie umklammern.

»Ich liebe dich, du schönes Weib!«

Es kam aber nicht ganz bis zum Umklammern, aufkreischend war die Pompadour in eine andere Ecke des Zimmers geflohen.

»Augenblicklich machen Sie, daß Sie hinauskommen, Sie ekelhafter Mensch!« schrie die sehr ans Befehlen gewohnte Kokotte.

Jetzt richtete sich der Dickwanst auf, nahm eine Stellung ein, in welcher seine X-Beine trotz der faltigen Pumphosen zur schönsten Stellung kamen, rückte die Hornbrille zurecht und machte ein beleidigtes Gesicht.

»Wuat? Wie nennst de mir? Na, ick bin doch der, dem du gleich, als du auf die Insel kamst, immer so zärtlich die Hand gedrückt hast.«

Auch den Schreck noch!

»Und wenn ich dir nicht gefallen täte,« fuhr Wilm gekränkt fort, »dann hättest du mich doch auch nicht in dein Schlafzimmer zu lassen brauchen. Warum hast du denn die Kiste aufgemacht und mich herausgelassen?«

Von einer schrecklichen Ahnung erfaßt, stürzte Madame Pompadour an das Telephon und drückte den Klingelknopf. Der Apparat funktionierte wieder, fast sofort meldete sich ihr unsichtbarer Berater.

»Sie wünschen, Madame?«

»Entfernen Sie augenblicklich dieses Scheusal aus meinem Zimmer!« heulte die Pompadour in den Trichter.

»Was für ein Scheusal meinen denn Madame schon wieder?«

»Den Kerl, der in der Kiste gesteckt hat, es ist die häßliche Ordonnanz des Kapitäns.«

»Ah, Madame haben also den Koffer geöffnet? Das ist vortrefflich! Dann haben Sie auch die Wahl Ihres Freundes definitiv getroffen. Ich gratuliere!«

»Aber ich will nicht, und ich tu's nicht, ich hasse diesen Menschen! Alle anderen Matrosen, nur nicht diesen x-beinigen Kerl mit dem abscheulichen Wanste!«

»Hören Sie, Madame,« erscholl es jetzt sehr eindringlich aus dem Schalltrichter, »Sie haben sich unseren Inselgesetzen freiwillig unterworfen, es ist Ihnen gesagt worden, daß Sie nicht nötig hätten, einen Mann in Ihr Zimmer zu lassen, und wenn sie es täten, so sei das Ihr Freund, damit waren Sie einverstanden, das haben Sie uns zugesichert ...«

»Aber ich habe den Kerl gar nicht in mein Zimmer gelassen, er ist mir hereingebracht worden!« jammerte die Pompadour.

»Bitte sehr. Aber ein Koffer ist Ihnen ins Zimmer gesetzt worden. Sie hatten gar kein Recht, diesen Koffer zu öffnen, es war Ihnen sogar strikt verboten, das zu tun, es stand drauf ...«

»Das ist eine nichtswürdige Intrige!«

»Gut, ich gestehe ganz offen, daß Ihnen tatsächlich eine Falle gestellt worden ist. Ja, es war von vorneherein des Kapitäns feste Absicht, gerade Sie mit seiner Ordonnanz zu kopulieren. Denn Sie sind von allen anwesenden Damen die schönste und offenbar auch die geistreichste, und dieser Wilm ist ebenfalls ein gar gescheiter Kopf, und dabei ein ganzer Mann vom Scheitel bis zur Sohle ...«

»Na, ich danke! Mit solchen X-Beinen!«

»Das hat bei der Männlichkeit nichts zu sagen, und diese X-Beine werden bei Ihrem Töchterchen auch nicht wieder als erbliche Anlage zum Vorschein kommen, denn Wilm war ursprünglich schlank gewachsen wie eine Zeder, er ist nur einmal zwei Etagen hoch herabgestürzt, gerade auf die Beine, und hat sich dabei in jedem Bein einen tüchtigen Knacks weggeholt.

»Zweiundeinehalbe Etage waren's,« korrigierte Wilm mit gekränktem Ehrgeiz.

»Aber,« fuhr das Telephon fort, »es war eine ganz harmlose Falle, die man Ihnen gestellt hat, überhaupt nicht als solche zu bezeichnen, denn Sie brauchten den Koffer ja nicht zu öffnen, so wäre er in einer Stunde wieder abgeholt worden. Jetzt sind Sie an einen Freund gebunden, und ich kann Ihnen zu Ihrem zufälligen Glücke nur gratulieren. Wilm verdient wirklich die Liebe der schönsten und geistreichsten Dame. - Viel Amüsement! Schluß!«

»Halt, halt!« brüllte die Pompadour. »Und ich will den Kerl nicht haben, ich will den Kapitän!«

»Den Kapitän? Wozu?«

»Um ihn ... um ihn ... Sie wissen schon warum.«

»Ich weiß gar nichts.«

»Um ihn zu lieben. Den will ich zum Freunde haben und keinen anderen!«

»Den Kapitän? Bedaure, der ist doch ein Eunuch.«

Jetzt erntete die Pompadour, was sie gesät hatte.

»Halt!« schrie sie nochmals ins Telephon, ein glücklicher Gedanke war ihr gekommen. »Es ist uns doch gesagt worden, daß wir uns fort und fort einen neuen Liebhaber wählen können, wenn wir mit dem einen nicht zufrieden sind.«

»Allerdings, das war Ihnen für den Fall zugesagt worden, daß Sie dem Kapitän freiwillig folgten. Aber Sie taten dies nicht, Sie sind gewaltsam entführt worden. Trotzdem sollen die Damen noch dieses Vorrecht genießen, aber einen müssen sie doch als Ihren ersten Freund begrüßen, und das ist bei Ihnen die Ordonnanz des Kapitäns. Ich rate Ihnen sehr, Madame, sich einfach zu fügen, sonst werden wir andere Seiten aufziehen. - Schluß!«

Der Apparat war geschlossen.

Jetzt erst kam es der Pompadour voll und ganz zum Bewußtsein, in was für ein gefährliches Abenteuer sie sich eingelassen hatte.

Hegte sie wirklich gegen den x-beinigen Matrosen, der jetzt als Türke auftrat, solch einen grenzenlosen Abscheu, daß sie in heller Verzweiflung die Hände vor das Gesicht schlug?

Durchaus nicht! Diese Kokotte hatte schon einmal einen ganz anderen >Freund< gehabt, einen Neger aus Algier, dem sie sich mit glühender Liebe hingegeben, freilich hatte das Negerlein Geld gehabt, dafür aber auch noch ganz andere Beine und noch eine ganz andere Physiognomie als hier dieser Matrose und sie hatte also nichts von Abscheu gewußt.

Nein, weil sie merkte, daß es jetzt aus einem, ganz anderen Tone pfiff, weil sie felsenfest davon überzeugt gewesen war, daß nur ihr allein der schöne, geheimnisvolle Kapitän gehören konnte und jetzt erkannte, daß sie sich darin getäuscht hatte - und nun ein ganzes Jahr hier in der Einsamkeit aushalten zu müssen, auf einer afrikanischen Pirateninsel - dies alles machte also, daß sie sich jetzt einem Anfalle der Verzweiflung hingab.

»Ach, bin ich unglücklich!« schluchzte sie, das Gesicht in den Händen vergraben. »Warum bin ich mit dem Kapitän gegangen! Ach, wäre ich doch nur wieder in meinem schönen Monte Carlo!«

So jammerte die Kokotte in wirklich herzzerreißendem Tone.

Da ward ihr Arm leise berührt. Erschrocken auffahrend sah sie Wilm vor sich stehen, dessen Anwesenheit sie im Augenblick ganz vergessen hatte.

»Madam,« flüsterte er im leisesten Ton.

»Machen Sie, daß Sie hinauskommen,« schrie die Kokotte gleich wieder aufgebracht, »ich will mit Ihnen nichts zu tun haben!«

Da aber richtete sich Wilm zu seiner vollen Mannesgröße empor, so weit dies seine Beine zuließen.

»Madam, Sie verkennen mich ganz und gar. Sie lieben mich nicht?«

»Nein, nein, und abermals nein!«

»Schade, dann brauchen Sie aber auch keine Sorge zu tragen, daß ich mich Ihnen aufdrängen werde. Sie tun mir Leid, Madam.«

Es lag mehr etwas im Ton als in den Worten, weshalb die Pompadour stutzte.

»Was wollen Sie von mir?« begann auch sie zu flüstern.

»Ihre Liebe mir erst erringen,« war die ernste Antwort.

»Nie, niemals,« schrie das Weib gleich wieder. »Gehen Sie aus meinen Augen!«

»Hören Sie, Madam,« fuhr der türkische Matrose sehr eindringlich fort, »mit solchem Trotz kommen Sie hier nicht durch! Dadurch daß die Damen den Kapitän so lange hingehalten haben, ihm doch auch gar nicht freiwillig gefolgt sind, haben sich die Ansichtenn des Kapitäns gänzlich geändert. Es soll mit den unfreiwilligen Gästen jetzt sehr kurzer Prozeß gemacht werden. Das erste Beispiel, wie man jetzt sehr energisch vorgehen wird, hat der unglückliche Lord Roger geben müssen ...«

»Der unglückliche Lord Roger?« wiederholte die Pompadour, gleich von einer bösen Ahnung erfaßt. »Warum unglücklich?«

»Es dürfte Ihnen nicht bekannt sein, daß Lord Roger gleich am ersten Tage ...«

»Die Flucht ergriffen hat. Doch, doch, ich weiß es, er hat den versenkbaren Tisch als Fluchtweg genutzt.«

»Woher wissen Sie das?«

»Der Herr, welcher immer am Telephon ist, hat es mir gesagt, mich gewarnt, den Flüchtigen, falls er hierherkommen sollte, zu verbergen. Es waren auch schon Türken oder Araber hier, welche den Lord suchten.«

»Hat Ihnen der Sekretär auch gesagt, daß man den Lord bereits wieder gefangen hat?«

»Nein.«

»Und auch eine Dame ist geflohen.«

»Auch das weiß ich. Welche?«

»Sie heißt - wird von ihren Freundinnen Psyche genannt.«

»Dachte ich mir doch, daß es Mademoiselle Psyche gewesen ist! Nun?«

»Beide sind bald wieder gefangen worden; ohne genaue Ortskenntnis ist eine Flucht von der Insel auch ganz unmöglich.«

»Nun, und?«

»Der unglückliche Lord hat seinen Wagemut mit dem Leben büßen müssen.«

»Was?« hauchte die Pompadour mit plötzlich schneeweißen Lippen.

»Er ist sofort enthauptet worden.«

»Entsetzlich!« stöhnte das Weib, auf einen Sessel sinkend.

»Und vorher sind ihm auch noch die Augen ausgestochen worden, das forderten die eisernen Gesetze, denn er hat von den Geheimnissen der Insel schon zu viel gesehen.«

»Und Mademoiselle Psyche?«

»Die hat sich sehr bald in einem Fuchseisen gefangen.«

»In einem Fuchseisen!« wiederholte die Pompadour wimmernd.

»Ja, und das schwere Tellereisen hat ihr dabei das Bein kaputt geschlagen, sie liegt im Lazarett, und das schlimmste ist, daß die Unglückliche das quetschende Fuchseisen als Korpusdelikti so lange am Fuß behalten muß, bis der Kapitän zurück ist, um über sie zu Gericht zu sitzen. Bis dahin darf es ihr nicht abgenommen werden. Nun denken sie sich diese entsetzlichen Schmerzen! Sie brüllt in einem fort.«

Madame Pompadour fühlte das zermalmende Fuchseisen schon am eigenen Beine, sie war einer Ohnmacht nahe. Nur der Gedanke, daß auch ihr so etwas widerfahren könne, hielt sie noch aufrecht.

»Verlangen Sie von mir, was Sie wollen, nur befreien Sie mich aus diesem Gefängnis, bringen Sie mich von dieser Insel zurück nach meinem Monte Carlo!« rief sie händeringend.

Sie kam ihm in jeder Weise entgegen.

»Wie? Sie würden mit mir kommen?« fragte er, und sein sonst so bärbeißiges Gesicht nahm einen Ausdruck von hoffnungsfrohem Glück an.

Die eigentlich Glückliche aber war die Kokotte.

»O, wenn es Ihnen gelänge, mich zu befreien und zurückzubringen, dann ...«

Ihr Blick allein mußte ihm genug sagen.

Wir wollen die Sache kurz machen, wie es auch in Wirklichkeit vor sich ging. Während einer in flüsterndem Tone geführten Unterhaltung, wobei die beiden auf dem Diwan saßen, wurden sie miteinander einig.

Die bisher dem Kapitän so treu ergeben Ordonnanz war bereit dazu, einen groben Vertrauensbruch zu begehen, den Herrn zu verraten und zu verlassen. Dies war aber nicht nur so ein plötzlicher Einfall, diktiert von der Liebe, sondern auf der Insel herrschte überhaupt eine große Mißstimmung, auch Wilm gehörte mit zu den Unzufriedenen, bisher hatte er nur dem Kapitän gegenüber als Diener seine Pflicht getan. Jetzt wurde es anders, die ganze Verwandlung, die durch die Verjüngung des Kapitäns eingetreten war, wurde als Grund zur allgemeinen Revolution genommen.

Ja, Wilm liebte das schöne Weib, begehrte es.

Das gestand er ihr nochmals ganz offen hier auf dem Sofa. Aber er war nicht der Mann, die Macht, die ihm ein andrer über ein schwaches Weib gegeben hatte, zu mißbrauchen. Dieses Vorgehen des Kapitäns, wie er ganz einfach seine Leute an die Damen verteilte, ganz eigenmächtig auf Befehl, ob die eine Partei und die andere nun wollte oder nicht, hatte insbesondere dem Fasse den Boden ausgeschlagen.

Der jung gewordene Kapitän besaß eben immer noch den nüchternen Kopf eines Greises, seine Leute aber, soweit sie moralisch waren, fanden dies empörend.

»Doch ich werde mir ihre Liebe noch zu erringen wissen,« versicherte Wilm mit feierlichem Gesicht, beteuernd die Hand aufs Herz legend.

»Da ich deinen wahren Charakter nun erkannt habe, hat sich meine erste Abneigung gegen dich schon jetzt in Liebe verwandelt,« entgegnete hierauf die Pompadour.

Aber der dicke Matrose machte von dieser Erklärung keinen Gebrauch, er war überhaupt sehr zurückhaltend, was wiederum auf seinen Charakter ein schönes Licht warf.

»Nicht eher werde ich dich die Meine nennen, als bis ich dich glücklich wieder von dieser Räuberinsel gebracht habe.«

»Nach Monte Carlo zurück?«

»Nach Monte Carlo. Und dann?«

»Dann verlange von mir, was du willst!«

»Dann heiraten wir uns.«

»Dann heiraten wir uns,« bestätigte die Pompadour ohne Zögern, wenn sie innerlich hierüber auch anders dachte.

»Warum aber gerade heiraten?« setzte sie noch fragend hinzu.

»Ich möchte das schönste Weib der Erde auch öffentlich meine Frau nennen.«

»Wenn du willst, gewiß.«

»Versprichst du mir das bestimmt? Willst du mir, wenn ich dich in Sicherheit gebracht habe, am Altare die Hand reichen?«

Auch das versprach ihm die Kokotte ohne Zögern, gab ihm schon jetzt die Hand, nämlich zum Zeichen, daß sie ihr Wort halten würde, obgleich es Wilm gar nicht verlangt hatte.

Hätte er ihr aber einen Schwur abgefordert, so hätte sie auch diesen sofort geleistet. Auf solche Kleinigkeiten kam es der Kokotte nicht an. Ach, was für Schwüre der Liebe und der Treue hatte sie nicht schon abgelegt, an manchem Tage gleich mehrere!

Im Inneren freilich amüsierte sie sich köstlich über den Wicht. Na, das gäbe ein schönes Paar, das stattliche, imposante, blendend schöne Weib - und der Dickwanst! Nur weil sie vorläufig auf der afrikanischen Pirateninsel saß, das trübte den Spaß noch etwas.

Im Übrigen machte sie sich durchaus kein Kofzerbrechen darüber, daß sie vielleicht gezwungen werden könnte, ihr Versprechen halten zu müssen. Nur erst einmal wieder in Monte Carlo sein! Dort war sie die Herrin, dort mußte doch alles nach ihrer Pfeife tanzen. Na, dieser dicke Matrose sollte doch einmal wagen, sie an ihr Versprechen zu erinnern! Da konnte er etwas erleben!

Vorläufig aber war sie eben noch eine Gefangene, jenem auf Gnade und Ungnade überlassen, sie mußte die Willige spielen.

Wilm setzte ihr den Fluchtplan auseinander. Der war freilich nicht so einfach und gar nicht nach des Weibes Geschmack.

»Heute Nacht legt hier ein Dampfer an, welcher uns von Zeit zu Zeit mit Proviant versorgt. Es ist anscheinend ein harmloser Handelsdampfer, wir sind doch keine gewöhnlichen Seeräuber, sondern haben die weitesten und solidesten Verbindungen. Das vorige Mal hat uns dieser Dampfer auch viele Fässer mit gepökeltem Schweinefleisch gebracht, das sich dann als schon verdorben erwiesen hat. Diese Fässer, einige Dutzend, muß der Dampfer wieder mitnehmen. Mit dem verdorbenen Zeuge wird ein anderer Käufer angeschmiert. Der Heimathafen des Dampfers ist Nizza, dorthin fährt er von hier aus sofort wieder zurück, in drei Tagen ist er dort.

»In solch einem Fasse mußt du dich verbergen. Natürlich in einem leeren. Ich nehme das verdorbene Pökelschweinefleisch vorher heraus, scheuere das Faß auch gut aus. Das läßt sich alles ohne Aufsehen machen. Dann wirst du in Nizza ausgeladen, und daß dein Faß sofort geöffnet wird, dafür werde ich ebenfalls Sorge tragen.«

Daß es der Kokotte wenig behagte, die Reise als gepökeltes Schweinefleisch in einem Fasse zu machen, das konnte man ihr nicht verübeln. War es da nicht besser, sie hielte das eine Jahr hier aus?

Wilm aber wußte ihr durch eine Schilderung, was ihrer hier noch alles wartete, diesen letzteren Vorsatz zu verleiden, er trieb das arme Weib zu immer größerer Verzweiflung, bis sie überhaupt zu allem fähig gewesen wäre. Vielleicht hätte sie sich zuletzt noch aus einer Kanone von der afrikanischen Küste über das Mittelländische Meer nach Monte Carlo hinüberschießen lassen.

Wenn sie nun aber auch schon gewillt war, alles zu riskieren, um nur von hier fortzukommen, so hatte sie doch noch immer Hunderte von besorgten Fragen. Wenn nun ihre Flucht entdeckt wurde? Das war natürlich die Hauptsache. Aber Wilm wußte sie zu überzeugen oder verstand es doch, so überzeugend zu versichern, daß so etwas ganz und gar ausgeschlossen sei, bis sie es ihm wirklich glaubte und jeder Widerstand bei ihr besiegt war.

»Ich selbst kann dich natürlich nicht begleiten ...«

»Weshalb nicht?« schrak sie wiederum zusammen.

»Ich muß doch hierbleiben, falls du durch das Telephon angerufen wirst, da muß doch jemand hier sein, der für dich antwortet. Nur drei Stunden mußt du Vorsprung haben, dann bist du gesichert, und dann kann auch ich dir folgen, allerdings einen anderen Weg nehmend, und bei mir hat die Entfernung von der Insel auch gar keine Schwierigkeiten, ich nehme einfach ein Boot. Doch du brauchst keine Sorgen zu haben, ich habe Freunde genug, ich weihe sie ein, und die sind absolut zuverlässig, sie werden alles das tun, was ich tun würde, wenn ich dich selbst begleite.«

»Wenn du aber durch das Telephon anstatt meiner sprechen mußt, erkennt man dich doch sofort an deiner tiefen Simme.«

»O, was das anbelangt, so ...«

Er wurde unterbrochen. Das Telephon hatte geklingelt. Wilm sprang schnell hin und setzte den Schalltrichter an sein Ohr.

»Hier,« piepste er mit Fistelstimme, »wer ist dort?«

Es war aber nicht nur, daß er mit der Fistelstimme sprach. Madame Pompadour hätte glauben können, sich selbst sprechen zu hören, so genau ahmte er ihren Ton und alles nach, und die Täuschung ward nur immer größer.

»Madame Pompadour?«

»Ja, ich bin's; was wünschen Sie?« piepste das dicke X-Bein weiter.

»Ich störe doch nicht?«

»O nein, ganz im Gegenteil - das heißt, wenn's nicht zu lange dauert.«

»Haben Sie sich mit ihrem Erwählten geeinigt?«

»O ja, er gefällt mir jetzt ganz famos, es ist ein reizendes Kerlchen.«

»Na, sehen Sie!«

»Auch seine X-Beine stören mich jetzt gar nicht mehr, ganz im Gegenteil.«

»Na, sehen Sie!«

»Können Sie mich denn sehen? Ich bin nämlich im tiefsten Neglige.«

»Dann will ich nicht länger stören. Schluß!«

Wäre Madame Pompadour wegen der bevorstehenden Flucht nicht von solch bänglichen Gedanken beeinflußt worden, sie hätte sich köstlich amüsiert - dieser dicke Türke mit der Brille und den X-Beinen, wie der ihre Stimme nachzuahmen verstand! Das mußte ja ein Stimmenimitator sein!



Die Nacht war angebrochen. Das Tischchen-deck-dich hatte die beiden reichlich gespeist, durch dieselbe Fahrstuhleinrichtung hatte sich Wilm einmal entfernt, und als er nach einer halben Stunde wieder auftauchte, mußte laut Verabredung sofort Madame Pompadour die Höllenfahrt antreten, denn dann war unten schon alles bereit zu ihrer Aufnahme, also auch die Helfershelfer waren bereits angestellt.

Es war sehr wenig, was die Kokotte später von dieser abenteuerlichen Fahrt hätte erzählen können, wenn sie bei der Wahrheit hätte bleiben wollen.

Sie stieg auf den altarähnlichen Tisch, es ging schnell hinab, sie sah sich in einem erleuchteten Raume, dann einen andern Mann - aber ehe sie irgend einen richtigen Eindruck gewinnen konnte, befand sie sich schon in einem engen Gefängnis, über ihr klappte etwas zu, dumpfe Hammerschläge ertönten, die finsterste Nacht umgab sie. Sie mußte geradezu mit dem Fahrstuhl direkt in das Faß hineingerutscht sein.

Zum Glück war dasselbe, welches bisher gepökeltes Schweinefleisch enthalten hatte, groß. Aufrecht konnte sie darin zwar nicht stehen, wohl aber sich setzen, ohne mit den Knien anzustoßen, und es war denn auch ein Bänkchen vorhanden.

Lange Zeit konnte sie freilich nicht so bequem sitzen bleiben. Es hatte ja nicht anders kommen können, Wilm hatte sie auch darauf vorbereitet, aber die Kokotte hätte doch vor Schreck bald laut aufgeschrien, als sie plötzlich umgekippt und mit dem Fasse davongerollt wurde.

In was für einer Situation sich Madame Pompadour befand, in dem rollenden Fasse, von der Fußbank umpoltert, das kann man sich wohl besser ausmalen, als es sich beschreiben läßt.

Glücklicherweise dauerte diese Rollerei nicht allzulange, dann wurde das Faß wieder aufrecht hingestellt, und das allergrößte Glück war dabei, daß Madame Pompadour nicht auf den Kopf zu stehen kam. Dafür sorgte eben Wilm oder dessen Stellvertreter, der die Beschaffenheit dieses gepökelten Schweinefleisches kannte. Schritte liefen um sie herum, Männerstimmen, Kommandos ertönten, eine Dampfpfeife heulte - kein Zweifel, das Faß befand sich schon dicht an dem erwarteten Schiffe, zur Übernahme der Fracht bereit.

Madame Pompadour irrte sich denn auch nicht, und bald mußte sie als lebendiges Pökelschweinefleisch alle Situationen durchmachen, in welche jedes Faß kommt, wenn es an Bord gehievt und im Frachtraum verstaut wird - und hierbei kam Madame Pompadour denn richtig auch einmal auf den Kopf zu stehen.

Dann fand das Faß wieder Ruhe und die Kokotte wieder ihr Sitzbänkchen. Eine Stunde verstrich, eine fürchterliche Stunde, für die Gefangene eine Ewigkeit. Erst jetzt sah sie ein, in was sie sich da eingelassen hatte, und hätte sie Gift bei sich gehabt, sie würde es wahrscheinlich genommen haben, um diesen Qualen ein Ende zu machen.

Da hämmerte es leise über ihrem Kopfe, ein Lichtschein blinzelte in ihr enges Gefängnis herein, der Deckel wurde abgenommen.

»Pst. Wie geht's?«

Es klang wie Engelsmusik in ihren Ohren. Sie sah über sich einen Männerkopf, richtete sich auf, dehnte die lahm gewordnen Glieder.

»Entsetzlich, ich bin mehr tot als lebendig!« hauchte sie.

Aber in Wirklichkeit war mit einem Male all ihre Verzweiflung davongestohen, neuer Lebensmut kehrte bei ihr ein. Dazu trug auch viel mit bei, daß sie in dem stattlichen, jungen Manne, der mit einer Blendlaterne vor ihr stand, einen Matrosen der Heliotrop wiedererkannte, der schon in Monte Carlo von den Damen oft bewundert worden war. Er kam ihr wie ein alter Bekannter vor, sie hätte ihm gleich um den Hals fallen können.

Doch jetzt hatte sie an andres zu denken, als ihren Gefühlen Luft zu machen. Im Scheine der Blendlaterne sah sie, daß sie sich in einer kleinen, niedrigen Kammer befand, angefüllt mit Fässern, Kisten, Segeln und Taurollen.

»Wo bin ich hier?« war ihre erste Frage.

»An Bord der Kassandra, wir befinden uns bereits in Fahrt, in spätestens drei Tagen sind wir in Nizza.«

»Ich merke gar nichts, daß wir fahren.«

»Warum auch? Es ist spiegelglatte See, und dieser Storeraum befindet sich ganz vorn im Schiff, da merkt man nichts von dem Rütteln der Schraube. Sie brauchen übrigens gar nicht so leise zu sprechen, Madame, ich bin der Storekeeper, habe die Ladung zu verstauen, das ist mein Revier, und hierher kommt niemand. Nun klettern Sie aus dem Fasse, ich mache Ihnen ein Bett zurecht, wie Sie es nicht im feinsten Hotel finden.«

Gelobt sei Gott! Gerettet! Die Kokotte hätte wirklich einmal aufjauchzen mögen. Der Matrose half ihr aus dem Fasse, er hatte einen Korb mit Proviant mitgebracht, recht auserlesene Speisen, jetzt bereitete er noch aus mehreren Segeln ein Lager, und er hatte ganz recht gehabt, als er behauptete, ein solches Bett fände man im feinsten Hotel nicht. Für Madame Pompadour aber dünkte es nach den ausgestandenen Strapazen in Wirklichkeit herrlicher denn jedes Himmelbett.

Doch kam sie noch nicht gleich zur Nachtruhe. Fritz, wie sich der Matrose nannte, war fertig, schien gehen zu wollen, hatte noch einige beruhigende Worte gesagt, wie er von Zeit zu Zeit nach ihr sehen würde - aber er ging noch nicht, ließ den Blendstrahl an ihrer vollen Gestalt herabgleiten, zögerte.

»Na, Madame,« fing er etwas unsicher an. »habe ich denn nun nicht einen Kuß verdient?«

Einen Kuß? Ach, zehne! Madame Pompadour lag bereits an seinem Halse und küßte ihren Retter, wie sie in ihrem ganzen Leben noch nicht geküßt hatte. An ihren x-beinigen Geliebten, dem sie ewige Treue geschworen hatte, dachte sie dabei mit keinem Gedanken.

Und bei der Küsserei blieb es nicht. Es wurde daraus ...

Doch blasen wir jetzt lieber die Lampe aus und decken wir über die beiden den Mantel der christlichen Nächstenliebe.

So vergingen zwei Tage unter Essen, Trinken und Küssen. Zu der letztern Beschäftigung brauchte Madame Pompadour eine zweite Person, und das war eben Fritz, der sie oft genug in ihrer Kammer besuchte.

In der Nacht des zweiten Tages kam er zum letzten Male, um ihr mitzuteilen, daß nun die Trennung stattfinden müsse. Die Kokotte mußte wieder in ihr Faß steigen, es wurde zugenagelt, wieder wurde sie gerollt, gehievt und auch einmal auf den Kopf gestellt, wieder Kommandos und Pfiffe, noch einmal wurde das Faß eine gute Strecke weit gerollt, und als es dann aufgerichtet wurde, war Madame Pompadour fest überzeugt, jetzt als gepökeltes Schweinefleisch auf einem Ladeplatz im Hafen von Nizza zu stehen.

Dem war aber nicht so, und sie mußte sich in ihrem engen Gefängnis noch einige Stunden gedulden, ehe sie die Wahrheit erfuhr. Hätte sie sich durch Rufen bemerkbar gemacht, so wäre sie auch eher entdeckt worden.

Wohl hatten schon einige Nachtschwärmer beim Morgengrauen das große Faß bemerkt, welches zwischen Monte Carlo und Condamine auf dem sandigen Strande lag oder vielmehr stand, aber ein Polizist war der erste, der sich näher mit dem Fasse beschäftigte, wie es auch seine Pflicht erforderte.

Oben auf den zugenagelten Deckel war ein gedruckter Zettel geklebt mit der Aufschrift: Gepökeltes Schweinefleisch - und darunter war mit Kreide geschrieben: Anrüchig!!!

Wie kam das Faß hierher? Angeschwemmt konnte es nicht sein. Der Polizist bemerkte auch, daß der obere Deckel vielfach angebohrt war. Er schnüffelte an den Löchern - es roch nicht gerade angenehm, aber es stank doch auch nicht direkt nach verdorbenem Schweinefleisch. Weit konnte der Verwesungsprozeß des Inhaltes jedenfalls noch nicht vorgeschritten sein.

Der Polizist rief einen vorübergehenden Kollegen heran, dieser holte noch mehr Beamte herbei, und nun gesellten sich auch Passanten hinzu, welche das Faß umstanden und hin- und herrieten, wie es wohl hierhergekommen sein möge.

Da plötzlich erscholl in dem mysteriösen Fasse ein Klopfen, es quiekte darin. Das gepökelte Schweinefleisch war lebendig geworden!

Doch nein, das war eine menschliche Stimme gewesen, der verwegenste der Beamten wagte sich ganz nahe heran.

»Steckt da jemand drin?«

»Ja - iiiiich!« piepste das lebendige Schweinefleisch.

Hammer und Meißel herbei, der Deckel hob sich, und ...

»Madame Pompadour!!!« erklang es unisono.

Sie war es, zurückgekehrt von der Räuberinsel, aber nicht in Nizza ausgesetzt, sondern auf Monte Carlos palmengeschmückten Strande!

Und nun konnte die Heldin des Tages erzählen von ihren haarsträubenden Abenteuern auf der Insel an der Küste von Marokko, wo sich der furchtbare Karabaß verborgen hielt, von ihrer Flucht usw., und entsetzt vernahm es ganz Monaco-Monte Carlo nebst weiterer Umgegend, daß Lord Hannibal Roger enthauptet worden war und Mademoiselle Psyche mit einem Beine noch immer in der Fuchsfalle steckte.

6. Die Mexikanerin

Bevor wir beginnen, hinter die Kulissen zu blicken, müssen wir erst noch einiger Episoden Erwähnung tun, welche der Komödie, die der sogenannte Prinz von Monte Carlo dem Publikum vorführte - denn der geneigte Leser hat doch schon längst erkannt, daß es sich um nichts andres als um eine Komödie handelte - einen sehr tragischen Ausgang gaben, wodurch das Einschreiten der Polizei nötig wurde und was vor allen Dingen auch unsern Haupthelden handelnd in seiner eigentlichen Gestalt auftreten ließ.

Kurz bevor der Kapitän der Heliotrop im Hotel de Paris als alter Mann seinen Einzug hielt, erschien in Monte Carlo ein schwarzgekleideter Herr, dem man den Pfaffen schon von weitem ansah, wenn er auch nicht direkt ein Pfaffenkostüm trug.

Man hatte sich denn auch nicht geirrt, er gab sich für einen Abbé aus.

Nachdem er in einem Hotel Quartier genommen hatte, begab er sich sofort zu einem Häuservermittler, und eine Stunde später hatte er den ganzen Palazzo Rosso gemietet.

Das Aufsehen war groß. Dieses Palais war von einem italienischen Grafen im obern Monte Carlo nach den Plänen des berühmten Palazzo Rosso in Genua - jetzt eine Gemäldegalerie - hingebaut worden, nur in bedeutend kleinerem Maßstabe, immerhin hatte der Bau noch Millionen verschlungen; der Besitzer kam in Geldschwierigkeiten, konnte das Ding nicht erhalten, fand keinen Käufer, auch keinen Mieter, der das Haus nur einigermaßen verzinst hätte, und so stand der rote Palast schon seit Jahren leer, wurde aber wenigstens noch wie der große Park in Ordnung gehalten.

Seine Hochehrwürden Abbé Boisier mietete diesen Palast auf ein Jahr für 50.000 Francs. Kam aber ein Käufer, so hatte er das Haus sofort ohne Entschädigung zu räumen, oder der Abbé selbst hatte als Käufer zwei Millionen Francs bar auf ein Brett zu zahlen. Wer war dieser Abbé, daß er eine Jahresmiete von 50.000 Francs geben und auf solche Bedingungen eingehen konnte? Man hatte es bald herausgebracht: der Abbé handelte nur im Auftrage der Chaide da la Fonserra. Ja, dann freilich - da brauchte man sich nicht mehr zu wundern!

Senora Chaide da la Fonserra war eine mexikanische Minenbesitzerin und galt als die reichste Frau der Erde, so weit selbständige Frauen in Betracht kommen. Ihr jährliches Einkommen wurde auf 25 Millionen Francs geschätzt. Um einen Vergleich zu ziehen, sei erwähnt, daß der alte Kornelius Vanderbilt zuletzt sein Einkommen auf rund 10 Millionen Dollars angab, und das wäre somit zufälligerweise gerade das Doppelte als was jene Mexikanerin jährlich zu verzehren hatte.

Vermöge ihres Geldes spielte sie auch eine große politische Rolle, hätte eine solche wenigstens spielen können, denn sie hatte der Regierung ihres Landes riesige Summen vorgeschossen, dafür Hypotheken erhalten, und wenn sie diese kündigte, so hätte der mexikanische Fiskus pleite gemacht. Eine Revolution und Staatsumwälzung hing nur von ihr ab, und da hätte kein Gewaltakt gegen sie etwas genutzt, denn die schlaue Mexikanerin hatte zum Verwalter ihrer Angelegenheiten wohlweislich die allmächtige Bank von England gewählt.

Die internationale Lebewelt, welche in der Chronique scandaleuse bewandert war, wußte sich noch mehr Interessantes von dieser Dame zu erzählen.

Erst achtundzwanzig Jahre alt, war sie vor einem halben Jahre zum vierten Male Witwe geworden. Sie war fromm, sehr fromm, konnte ohne ihren Beichtvater nicht leben, von dem sie sich täglich den Rücken blutig geißeln ließ, aber ...

Es sei nur ein einziger Ausspruch einer Person erwähnt, welche die Mexikanerin genau kannte - ein sehr kräftiger Ausspruch, der aber auch alles ausdrückt:

»Wenn sie nicht auf dem Betschemel liegt, dann liegt sie mit einem Stallburschen im Bett.«

Es wurden gräßliche Geschichten über sie erzählt.

Daß sie sehr fromm war, merkte man gleich, wie der Abbé ihre zukünftige Wohnung herrichtete. Renoviert wurde nichts, nur alles gescheuert, ein Nizzaer Möbelgeschäft bekam einen kolossalen Auftrag - aber die Hauptsache war die Umwandlung des größten Saales in eine Kapelle, in welcher nichts fehlen durfte, was zur katholischen Kirche gehört.

Als alles fertig war, wurde aus Paris ein Extrazug gemeldet, in welchem Senora da la Fonserra außer Dienerschaft ihre eigne Kirche mitbrachte: den Beichtvater, noch eine ganze Menge andrer Schwarzröcke, eigne Chorknaben, auch viele Weiber, alte und junge, aber lauter

»Abgezehrte, blasse Mienen,
Die den Tod zu rufen schienen.«

Dieser traurigen Gesellschaft voran schritt die Silberfürstin, eine mittelgroße Gestalt mit sehr vollen Formen, im Gegensatz dazu das gelbe Gesicht hager und eingefallen, abgeleckt und abgeschleckt, da half nicht einmal mehr Puder und Schminke, und man sah es gleich ihren Augen an, wie sich religiöse Bigotterie mit der gröbsten Sinnlichkeit paarte.

Sie besuchte zum ersten Male den europäischen Kontinent. Warum kam sie nach Monte Carlo? Um zu spielen? Sie wurde niemals im Spielsaale gesehen, da hätte sie doch auch ihr Seelenheil in Gefahr gebracht.

Die philosophischen Kenner von Monte Carlo wußten gleich, als sie mit ihrer Kircheneinrichtung ankam, was die hier wollte: der verdorbenen europäischen Welt ein leuchtendes Beispiel von Frömmigkeit geben, und dazu hatte sie sich gerade die verrufene Spielhölle ausgesucht, wollte sie durch die Kraft ihres Gebetes in einen Himmel verwandeln.

Nun, mochte sie in ihrer Behausung singen und beten, die Weihrauchampel schwingen und sich geißeln. Nachdem sie die Bettelbriefe unbeantwortet gelassen hatte, kümmerte sich überhaupt niemand mehr um sie.

Da vollzog der alte Kapitän der Heliotrop seine Verjüngung.

Ob sie schon vorher an ihn geschrieben hatte, wußte man nicht, aber jedenfalls suchte die Fonserra den mysteriösen Kapitän persönlich in seinem Hotel auf. Da sich nun die Mexikanerin keiner Verjüngungskur unterwarf, die Unterredung also resultatlos verlaufen war, so erkannte man hieraus auch sicher, wie zwecklos es war, den Kapitän deswegen anzufragen. Der geheimnisvolle Indier war eben nicht mehr auffindbar oder wollte überhaupt keinen Menschen mehr jung machen. Denn die Fonserra hätte es sich doch ein gutes Teil ihres Vermögens kosten lassen, hätte sie ihre abgelebte Physiognomie nur ein klein wenig wieder auffrischen können. Für die waren doch die 5 Millionen Francs, welche der Kapitän dem Indier als Honorar gegeben, nur eine geringfügige Kleinigkeit.

Dann eines Tages sah man die Mexikanerin den steilen Weg nach La Turbie zu dem Eremiten hinaufpilgern. Man erfuhr, daß sie erst einen Abgesandten hinaufgeschickt hatte, der Eremit möchte zu ihr herabkommen, aber da gab es nichts, sie selbst mußte sich hinaufbemühen und das Laufbrett überschreiten, was sie auch mit anerkennenswertem Mute tat.

Wer tiefer blickte, der fand freilich nichts dabei. Die war ja des Lebens schon längst überdrüssig! Sie kam mit sehr unzufriedenem Gesicht wieder zum Vorschein. Was hatte der entsagende Eremit diesem Weibe auch geben können? Keinen Trost, keine Abwechslung in ihrem langweiligen Leben, und noch weniger brauchte die zu erfahren, wie man die Spielbank von Monte Carlo sprengen könne.

Aber man sollte sich geirrt haben. Die Unterredung mit dem Weltentsager hatte dennoch einen großen Eindruck bei der Frau hinterlassen, welcher der Fanatismus aus den Augen blickte.

Hierauf suchte und fand die Mexikanerin die Bekanntschaft des Fürsten Alexjeff. Es war gerade zu der Zeit, als die Strümpfestrickerei der heiligen Prinzessin in vollster Blüte stand.

Senora da la Fonserra wurde vom Vater mit in die Hütte von La Bordina genommen. Die Wiedergabe der Unterredung ist nicht nötig. Die heilige Prinzessin zeigte ihre umgegrabenen Beete, den auf dem Tische liegenden angefangenen Strickstrumpf, zeigte auf der nackten Erde die Stelle, wo sie jede Nacht schlief und sprach so ziemlich dasselbe, was sie zu jedem Besuch sagte, wie wir es ausführlich hörten, als sie von dem Zeitungsmenschen interviewt wurde.

Aber wir wollen so indiskret sein, eine Handlung der heiligen Prinzessin zu verraten, als die Mexikanerin sich von ihr verabschiedete.

»Durchlaucht, Sie sind beneidenswert, solch eine erhabene Tochter zu besitzen, welche, noch unberührt von den Sünden dieser Welt, es schon so weit in der Überwindung derselben gebracht hat, so rein, so fromm, so keusch!«

Also sprach die Mexikanerin, als sie sich mit dem Fürsten schon zum Gehen gewendet hatte ... und da, wie die beiden ihr den Rücken zukehrten, da bog sich die >heilige Prinzessin< etwas vor und streckte ihnen die Zunge heraus!

Und dann, als die >heilige Prinzessin< allein war, da rannte sie in die Hütte, warf erst den Strickstrumpf gegen die Wand, dann warf sie den Brotlaib ebenfalls gegen die Wand, hierauf führte sie um den Tisch herum eine Art von Indianertanz auf, wobei sie mit den Beinen schlenkerte, wie es sich für eine Weltentsngerin durchaus nicht ziemt, eher für einen Kosaken, und hierauf ...

Doch halt! Was sie dann weiter tat, das darf vorläufig noch nicht verraten werden. Sie tat etwas, was sich niemand in Monaco-Monte Carlo träumen ließ. Wir werden es sehr bald mit den Augen eines andern beobachten.



Die Lage des Felsens, auf welchem die sogenannte Arche Noah steht, ist schon beschrieben worden. Erwähnt sei nur noch einmal, daß dies bereits französisches Gebiet ist, aber dicht an das Fürstentum Monaco grenzend. Unten am Felsen hatte Guiseppe Cigalgi seine Bootsstation und Badeanstalt, hat sie noch heute dort.

Jetzt besteht das Gasthaus zur Arche Noah aus zwei Bretterbuden, d. h. aus zwei Holzhäusern. In der einen Bude ist die Restauration mit >Zimmer zu vermieten<, in der andern wird am Sonntag nach einem Orchestrion getanzt. Wäre der Ruf dieses Gasthauses nicht ein so schlechter, ein bedürfnisloser Fremder würde es jedem andern vorziehen. Die Arche Noah hat auf dem isolierten Felsen die herrlichste Lage an der ganzen Riviera. Es könnte ja ein Hotel hingebaut werden, aber der jetzige Besitzer will es nicht verkaufen, er macht eben sein Geld in den Baracken, und dann ist auch noch etwas anders dabei. Wir müssen immer bedenken, daß wir in einer Stadt von Spielern sind. Da steht in der günstigsten Lage von Monte Carlo ein schöngebautes Hotel mit 74 Fremdenzimmern. Bis vor fünf Jahren war es eines der am besten arbeitenden Häuser, schon mancher Hotelier ist darin reich geworden. Da wird vor fünf Jahren das Haus etwas vergrößert, eine Mauer des Neubaues stürzt ein und erschlägt einen Maurer. Und seitdem ist dieses Haus wie verflucht. Seit diesen fünf Jahren steht es leer. Der Besitzer verlangt einen jährlichen Pachtzins von 3.000 Francs, das ist ja ein Spottgeld, welches ein einziges Zimmer einbringen kann - vergebens, es wagt sich kein Hotelier mehr dran. Und etwas Ähnliches ist jetzt mit der Arche Noah los, niemand will sie haben.

Damals aber erhob sich auf dem Felsen noch ein stattliches, massives Gebäude, sehr altertümlich, ganz umringt von einer hohen Mauer. Ursprünglich eine Seefeste zum Schutz gegen die maurischen Piraten, wurde es dann ein Kloster der Ursulinerinnen von der strengsten Observanz, gegründet von einer Frau Saint Beuve, und dann schließlich wurde es das Gasthaus zur Arche Noah. Es war noch immer ein von der Klausur umgebenes Kloster, das Refektorium war die Wirtsstube, die Nonnenzellen waren die Fremdenzimmer. Aber gebetet und gebüßt wurde nicht mehr drin. Am sehenswertesten waren die unterirdischen, in den Felsen gehauenen Gewölbe, in welche die ungehorsamen Nonnen kamen, und wie es da zugegangen sein soll, darüber zirkulieren unheimliche Geschichten, es wird auch noch mancherlei gezeigt. Jetzt lagern in den Kellern die Wein- und Bierfässer.

Die Arche Noah war für 300.000 Francs verkauft worden, sehr billig. Aber niemand hatte geahnt, daß die Fonserra die Käuferin gewesen sei, am allerwenigsten der Gastwirt, sonst hätte der einen ganz andern Preis dafür gefordert. So klug war die Fonserra aber auch, daß sie die Sache einem Agenten übergab und kein Sterbenswörtchen von ihrem Vorhaben verlauten ließ. Nun wußte man aber auch gleich ganz bestimmt, was sie beabsichtigte. Die ließ der Ruhm der heiligen Prinzessin nicht schlafen.

Wir sind in Monte Carlo, wo die Roulette in der Minute ein Spiel macht, wo jeder mit nur hundert Francs in einem Tage ein reicher Mann werden will. Fix, fix, fix - hier muß alles fix gehen.

Die hatte nicht Zeit, sich erst ein Kloster zu bauen, und außerdem mochte für sie auch ein Reiz darin liegen, die Stätte der Lust in eine solche der Frömmigkeit zu verwandeln. Also Bierfässer heraus. Tische und Stühle heraus, alles heraus, ein paar Dutzend Scheuerfrauen her - und jetzt befand sich die Fonserra auf dem Wege, ihr Eigentum zu besichtigen.

Begleitet wurde sie von zwei Damen, ihren beiden vertrautesten Kammerzofen. Alle beide waren jedenfalls Mestizen, wenn sie auch nichts von ihrem indianischen Blut wissen wollten. Die eine, Madame Orranda, war schon eine alte Frau, vielleicht noch gar nicht so alt an Jahren, aber eben eine früh alternde Mestize, ein abschreckendes Weib, eine gelbe Hexe, sie besaß die Gabe, mit beiden Augen nach zwei verschiedenen Richtungen zu sehen, aber kein Schielen, die Augen waren voneinander unabhängig, was nicht gerade zur Verbesserung ihrer Schönheit beitrug. Es war ein ungemein großes Weib, dürr wie ein Skelett, aber mit wahren Pferdeknochen, sie mußte Bärenkräfte besitzen. Da hier jeder sofort einen Spitznamen bekommt, war sie natürlich das >Skelett< geworden.

Ganz das Gegenteil davon war die zweite Zofe, das >Nixchen<. Es war ein noch junges Mädchen, klein, zierlich, winzig - ein braunes Nixchen, das man nicht anzublasen wagte.

Sie wurde selten außerhalb des Hotels gesehen, und dann war sie immer tief verschleiert, und wenn sie den Schleier einmal lüftete, so sah man ein gelbbraunes, sehr hübsches Gesichtchen, zart und durchsichtig, erschrak aber fast vor diesen übermäßig großen Augen, in denen ein ganz seltsames Feuer unruhig flackerte, und es war, als ob das zarte Nixchen eben dieses Feuer durch einen Schleier vor aller Welt verbergen wolle. Es konnte an dem sonst so unschuldig aussehenden Mädchen etwas nicht in Ordnung sein.

Sobald man in diese Augen geblickt hatte, war etwas Unheimliches an ihr.

Genau dieses flackernde Feuer aber konnte man manchmal auch in den Augen der Fonserra beobachten, und ebenso in den Augen des alten Skeletts. Bei der Herrin aber paarte sich dieser Ausdruck mit Sinnlichkeit, bei der alten Mestize hingegen war es die ausgeprägte Grausamkeit.

Es war überhaupt eine unheimliche Gesellschaft. Das hatte man in Monte Carlo schon längst erkannt. Da man von den Millionen der Mexikanerin nichts haben konnte, zog man sich von ihr am liebsten zurück.

»Die drei Weiber treiben etwas Unerlaubtes,« hieß es, »umsonst hat die nicht immer ihren Beichtvater bei sich.«

Die drei stiegen vor dem Tore der Arche Noah aus dem Wagen, der Agent war allein anwesend in dem großen Gebäude, so war befohlen worden, er empfing die Damen und führte sie herum.

So altertümlich das Haus auch gebaut, es war doch nichts weiter zu sehen. Die Fremdenzimmer waren sehr klein, eben Zellen, in denen einst die Nonnen hausten, schwere Türen, in jeder ein Fensterchen, was alles so gelassen worden war, die Öffnung konnte ja von innen verhangen werden.

»Sind die Schlösser in Ordnung?« fragte die alte Zofe, die überhaupt sich nach allem mehr erkundigte als die Herrin.

»Alles in Ordnung, Madam, kein Schlüssel fehlt, sie sind alle mit Nummern versehen und hängen unten in einer Reihe, ich habe jeden einzeln geprüft.«

»Dann wollen wir uns die Kellereien ansehen!«

Sie gingen hinab.

Der Hauptkeller, sehr tief unter der Oberfläche, war von eigentümlicher Bauart, ein kreisrunder Saal, das Licht fiel durch seitliche Öffnungen, durch welche man das Meer erblickte, und ringsherum waren in den Felsen kleine Kammern gemeißelt, mit schweren Türen versehen, jede mit einer Öffnung. Zuletzt waren die Zellen als Flaschenniederlagen benutzt worden, dazu waren sie ja wie geschaffen, früher mochten sie einem andern Zweck gedient haben. Überall waren eiserne Ringe eingelassen, in den Zellen sowohl, wie in dem Saale.

Es war alles ausgeräumt worden, alles. Die eisernen Ringe aber waren nicht verrostet, so alt sie auch sein mochten. Einmal waren sie immer benutzt worden, dann war das Gewölbe auch sehr luftig und trocken, es lag ja noch immer hoch über der Küste.

»Was ist das?«

Die Fragerin meinte einen Steinblock, der sich in dem Saale befand, eins mit dem Boden. Er sah ungefähr wie ein Sessel ohne Lehne aus, hatte einige Vertiefungen, auch vor ihm am Boden befanden sich Höhlungen.

»Das ist der sogenannte Disziplinstuhl,« erklärte der Agent, »er ist als Sehenswürdigkeit stehen gelassen worden. Auf diesen wurden die Nonnen gelegt und ausgepeitscht.«

»Wenn sie etwas begangen hatten.«

»Nein, das wohl nicht, es wird anders erzählt. Sie sehen doch an diesem Blocke gar keine Vorrichtung, um Stricke zu befestigen, mit welchen die Nonne festgeschnallt wurde. Es legte sich eine Schwester hin und ließ sich freiwillig geißeln, bis sie bewußtlos wurde. Das hielten damals die Menschen eben für ein gottwohlgefälliges Werk. In diesen Zellen ringsherum saßen nun die andern Nonnen und sahen der frommen Handlung zu, bis eine um die andre von der Begeisterung erfaßt wurde, heraussprang und sich ebenfalls freiwillig halbtot peitschen ließ. Wie fleißig der Disziplinstuhl benutzt wurde, das ersehen Sie aus diesen Vertiefungen. Die haben die Büßerinnen im Laufe der Zeit mit Ellenbogen und Knien in den harten Stein gegraben, hier sehen Sie sogar den Abdruck des Gesichts und der Zähne, die sie vor Schmerz in den Stein gruben - vorausgesetzt, daß etwas Wahres daran ist. Aber so verrückt, sich freiwillig peitschen zu lassen, waren die Leute zwar früher, doch heutzutage ist so etwas nicht mehr ...«

Der Mann brach mitten im Satze ab. Er bemerkte, wie sich die drei Frauen anblickten.

»Das alles wäre für unsre Zwecke gerade wie geschaffen,« flüsterte die Fonserra.

Die alte Mestize machte eine unwillige Bewegung, ein warnendes Zischen kam über ihre Lippen.

Aber nicht, daß dem Manne durch die Worte eine Ahnung aufging, was die drei beabsichtigten, weshalb er so erschrocken abbrach, sondern es war allein der verständnisvolle Blick, den die drei Frauen wechselten, es waren ihre Augen.

Der Mann erschrak allein über die furchtbare Grausamkeit, welche er plötzlich so deutlich in den Augen, in dem ganzen Gesicht des alten, dürren, häßlichen Weibes erkannte. Es war der wollüstige Blick des Raubtieres, wenn es seine Krallen in den Wunden seines Opfers spielen läßt, sich an dessen Zuckungen weidend.

Das zarte Mädchen, welches den Schleier zurückgeschlagen hatte, sah hingegen wie verklärt aus, aber auch wieder in solch schrecklicher, unbeschreiblicher Weise. Von einer himmlischen Verklärung war das weit entfernt!

Der Agent wurde kurz entlassen, die drei Damen wollten allein sein, er könnte gleich nach Hause gehen, und der Mann dankte seinem Schöpfer, als ihn draußen wieder die warme Sonne beschien. -

Senora Fonserra hatte ihre ganze Kirche aufgelöst, alles entlassen, bis auf diese beiden vertrautesten Kammerzofen. Die Entlassung des Personals war in aller Freundschaft erledigt worden. Ihr Beichtvater erhielt eine fürstliche Rente ausgesetzt, aber keine kontraktlich ausgemachte Leibrente, sie konnte jederzeit zurückgezogen werden, und hierzu mochte ein triftiger Grund vorhanden sein. Denn, wie schon gesagt, über die viermal verheiratet gewesene Mexikanerin zirkulierten böse Gerüchte.

Die Arche Noah wurde möbliert - auffallend einfach. Die Hauptrolle spielten Seegrasmatratzen. Das Skelett reiste einmal nach Marseille und brachte große Kisten mit; den Inhalt kannte man nicht; das Skelett vermittelte auch sonst den Verkehr mit der Außenwelt, die andre Zofe ward so wenig mehr gesehen wie die Herrin.

Nun, was die vorhatte, das wußte man ja ganz genau.

Die einen sagten gleich: Da muß schnell die Polizei einschreiten! Weshalb die Polizei?

Wenn der Bogen zu straff gespannt wird, dann knackt er einmal. Das bekannteste Beispiel für den Überdruß am Reichtum dürfte John Vanderbilt sein, ein Mitglied jener Geldfamilie, ebenfalls ein Multimillionär in Dollars, welcher schon seit vielen Jahren ganz allein auf einem pennsylvanischen Berge in einer selbstgebauten Hütte lebt, er nimmt nicht einmal Briefe an, er bestellt sein Feld, bäckt sein Brot selber, flickt seine Hose selber. Und Rockefeller, der allerreichste Krösus, dessen Vermögen auf Milliarden Mark geschätzt wird, der lebt nur von Brot und Äpfeln und schüttelt seinen Strohsack selber auf. Und gerade dieser Rockefeller ist nicht geizig, er bezahlt seine Angestellten sehr gut, pensioniert sie, sorgt für ihre Frauen und Kinder. Aber für sich selbst braucht der alte Mann gar nichts mehr.

Bei der Fonserra war der Bogen auch schon lange gar zu straff angespannt gewesen. Jetzt kam der Knacks.

Das war schon immer zwischen dem Betschemel und der Sünde hin und her gegangen. Man sah es ja in ihren Augen, wie sich bei der die Sinnlichkeit mit religiösem Fanatismus paarte. Außerdem wurde sie mit jedem Tage älter und nicht schöner, ihre spitze Nase hatte einen rötlichen Anflug bekommen, je mehr sie daran herumdokterte, desto spitzer und röter wurde die Nase - kurz, jetzt war gerade die beste Gelegenheit, daß sie dem Leben Valet sagte und Buße tat, und wenn die erst einmal mit so etwas ernstlich anfing, dann war sie überhaupt zu allem, zu allem fähig. Die verhungerte langsam und geißelte sich noch dabei unausgesetzt bis in den Himmel hinein, natürlich unter der Voraussetzung, daß sie dort mit hohen Ehren empfangen würde. Die wollte aber in der Einsamkeit nicht allein sein. Die wollte Gesellschaft um sich haben. Die wollte noch bei Lebzeiten als Märtyrerin bewundert und angebetet werden.

Was konnte die nun nicht alles anfangen, wenn sie wollte! Gesetzt den Fall, sie nahm vierzig Gesellschafterinnen zu sich und setzte jeder eine halbe Million Francs aus, wenn sie eine gewisse Zeit mit ihr asketische Übungen trieben, kurz gesagt: wenn sich die Frauen und Mädchen von ihr täglich prügeln ließen, wie sie sich selbst vor ihren Augen geißelte; über die halbe Million konnten sie nach dem Tode der Priorin verfügen oder testamentarisch sofort. Da hätten sich genug gemeldet. Solche Menschen finden sich immer.

Für die Fonserra wären das 20 Millionen Francs gewesen, noch nicht einmal ihr Einkommen eines einzigen Jahres, wofür sie vierzig Menschen ihr ganzes Leben lang martern wollte, und machte eine nicht mehr mit, dann brauchte sie die Prämie nicht einmal zu zahlen! Ein billiges Vergnügen!

Ob sich da nicht bald die Polizei einmischen würde? Weshalb denn? Mit welchem Rechte? Ein richtiges Kloster würde die Mexikanerin sicher nicht gründen, dazu war dieses Weib viel zu schlau, und so etwas wie ein ewiges Gelübde ablegen, und wer es nicht hält, der wird gezüchtigt und eingesperrt, womöglich eingemauert - das gibt es natürlich auch nicht. Hier bezogen nur einige Personen gemeinsam ein Haus, und was geht es die Polizei an, was jene darin zu ihrem Vergnügen treiben? Es durfte nur keine strafwürdige Handlung geschehen und keinen öffentlichen Anstoß geben. Daß man nicht hungern und sich selbst nicht geißeln darf, darüber existiert kein Verbot, und dann darf die Sache nicht politisch gefährlich werden, und das ist der Hauptgrund, warum so viele Klöster aufgehoben worden sind, denn sonst läßt sich dieser Gewaltakt gar nicht rechtfertigen. Nur das Allgemeinwohl darf nicht gefährdet werden. Und was ist denn ein öffentlicher Anstoß? Für einen Nichtraucher ist jeder Raucher ein öffentlicher Anstoß! Nein, so ohne weiteres kann sich heutzutage die Polizei und der Staatsanwalt nicht in einen Gesellschaftsvertrag einmischen, den einige Personen freiwillig unter sich abgeschlossen haben, da muß erst ein genügender Grund vorliegen. -

Das heißt, so sprach man in Monte Carlo hin und her, und die Fonserra hatte sich noch gar nichts davon merken lassen, daß sie überhaupt so etwas beabsichtige. Aber ... es lag einmal in der Luft ... jener Agent hatte erzählt, wie er die drei Damen hatte in den Keller führen müssen ... jene Äußerung beim Anblick des Foltersteines: >Das paßt ja gerade alles für unsre Zwecke< ... und überhaupt ... Sinnlichkeit, religiöser Fanatismus, Ehrsucht, Grausamkeit ... das paßt alles so zusammen!

Und richtig, da ergingen aus der Arche Noah auch schon die Einladungsbriefe: Kommen Sie herein in die gute Stube!

Als aber nun der Inhalt dieser Briefe allgemein bekannt wurde und man sah, auf welche Personen die Fonserra einzig und allein spekulierte, da schallte ganz Monte Carlo von einem unauslöschlichen Hohngelächter wider.

Der Prinz von Monte Carlo begann gerade zu jener Zeit unter den Kokotten für seine Koralleninsel zu werben, und an diese abenteuerlustigen Damen der Halbwelt waren die Briefe ergangen. An keine andern! Und was war der Inhalt der hektographierten Briefe? Es wurde etwas vorgewinselt von der gottlosen Welt und der Nichtigkeit dieses Daseins - und dann wurde die betreffende Dame eingeladen, doch mit der Fonserra in der Einsamkeit, d. h. in der Arche Noah, ein gottseliges Büßerleben zu führen.

Gut! Und was gab es für dieses gottselige Büßerleben? Welche Frage! Natürlich gar nichts! Ein gottseliges Leben kann man sich doch nicht bezahlen lassen! Das Unternehmen war gesichert, auch nach dem Tode der Priorin konnte die Geschichte ruhig weitergehen, wenn nicht hier, dann anderswo, zur Unterhaltung jeder Schwester waren jährlich 300 Francs ausgesetzt - dreihundert, nicht dreitausend - und damit basta!

Senora Chaide de la Fonserra betrieb also eine Agitation gegen den Kapitän. Anstatt eines lustigen, abenteuerreichen Jahres bot sie den Kokotten ein ganzes Leben der Entsagung in der Klosterzelle an, womöglich verbunden mit täglicher Prügel.

Ja, das wäre ja großartig gewesen, wenn ihr das gelungen wäre, da hätte sie als Bekehrerin der Sünde einen kolossalen Triumph gefeiert, aber ...

Ganz Monte Carlo hallte nochmals wider von einem einzigen Hohngelächter, und am herzlichsten stimmten die Kokotten selbst ein.

Was war denn mit dieser Mexikanerin los? War die mit einem Male verrückt geworden? Wenn sie wenigstens die schon gedachte halbe Million als Prämie ausgesetzt hätte, aber so ... es war nicht einmal wert, daß man darüber nur lachte.

Nein, da hatte sich die Fonserra verspekuliert. Allerdings hatten sich wiederum alle in der Fonserra verkalkuliert. Nein, für so dumm hätte man sie doch nicht gehalten! Das Sensationelle lag höchstens darin, wie sie nur eine solche Beschränkung herausstecken konnte! Diese Idee, den Kokotten so etwas anzubieten, die war wirklich sensationell!

»Ich gehe einmal hin, ich biete mich zum Spaß an,« lachte die grüne Eva. »Wer kommt mit?«

Gesagt, getan! Es waren gleich viele Damen dabei. Das gab einen Jux. Sie setzten eine Büßermiene auf und klopften an das Tor der Entsagung. Aber aus dem Jux wurde leider nichts. Das Skelett öffnete, und das alte Weib mochte gleich Unrat wittern, einige Damen konnten nicht einmal das Kichern unterdrücken.

Die Damen wurden gebeten, sich vorher anzumelden, sie würden dann auch noch eine besondere Einladung zu einer gewissen Stunde erhalten, jede könne nur einzeln gesprochen werden - und das Tor schloß sich wieder.

Auch noch so hochtrabend!

»Trotzdem, ich gehe einmal hin!« sagte die grüne Eva. »Ich muß wissen, was die eigentlich mit uns vorhat.«

Sie meldete sich schriftlich an, erhielt eine spezielle Einladung, fuhr hin, ging hinein und - kam nicht wieder zum Vorschein!

Ein Tag verging, noch ein Tag - die grüne Eva kam nicht wieder aus der Arche Noah heraus.

»Die ist da drinne abgemurkst!«

»Festgehalten wird sie sicher. Die ist in eine Zelle gesperrt worden, die Fonserra stellt mit ihr Experimente an.«

Als die Kokotte am dritten Tage immer noch nicht da war, wollte man gerade die Polizei veranlassen, Recherchen anzustellen - als die Vermißte wieder auftauchte.

Passiert war etwas mit ihr. Man sah es ihr gleich an. Sie sah so leidend aus, hatte dunkle Ringe um die Augen, welche so unstet flackerten, und ihr Äußeres war so unordentlich - man erkannte sie gar nicht wieder.

Natürlich wurde sie von allen Seiten mit Fragen bestürmt. Vergebens, sie antwortete nicht. Sie suchte nur ihre beste Freundin auf, mit dieser hatte sie eine lange, heimliche Unterredung, die Freundin begleitete sie in die Arche Noah und - blieb ebenfalls drei ganze Tage darin, ehe sie wieder zum Vorschein kam.

Und dann machte sie eben solch einen merkwürdigen, unruhigen Eindruck. Und nun nahm auch diese wieder eine Freundin mit hinter die Mauern, die grüne Eva ebenfalls wieder, und drei Tage später waren schon acht Kokotten hinter der Mauer der Arche Noah verschwunden. Dann kam noch eine hinzu, welche sich von selbst gemeldet hatte, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, lachend hatte sie es gesagt, sie käme ganz bestimmt sofort wieder heraus, sie ließe sich doch nicht da drin festhalten - und sie kam wohl auch wieder heraus, aber sogar erst nach fünf Tagen, und mit einem ganz andern Gesicht, mit einem ganz andern Wesen, besonders aber mit ganz andern Augen, und sie kam auch nur deshalb noch einmal heraus, um ihre Sachen zu holen, so wie es die andern schon getan hatten, die wollten alle für immer drinbleiben, und wenn sie erschienen, dann trieben sie nur Agitation, sie wollten immer mehr Damen in die Arche Noah locken, und nur auf die gefeiertesten Kokotten hatten sie es abgesehen, und jedesmal immer nur auf eine, und diese Agitation wurde ganz, ganz heimlich betrieben.

Und das schien gar kein Ende nehmen zu wollen!

»Sapristi!« hatte eines Tages der maskierte Kapitän gesagt, als er in einer Versammlung erfuhr, daß wiederum zwei Damen ihm untreu geworden, daß sie in der Arche Noah verschwunden seien, und dann blickte er in komischer Weise um sich und setzte auf deutsch hinzu: »Der blinde König dreht sich um - bin ich denn ganz allein?«

So weit war es noch nicht, aber ... die andern fanden die Sache nicht so komisch. Das Hohngelächter war schon längst verstummt. Die Fonserra hatte gesiegt.

Ja, was in aller Welt ging denn da eigentlich vor?! War es denn nur wirklich möglich? Alle diese lebenslustigen Kokotten, welche erst darüber so spotteten, blieben sofort darin, wenn sie nur einmal die Schwelle überschritten hatten! Was steckte denn da für ein Magnet in der Arche Noah? Das wurde unheimlich! Und wie sahen denn die nur immer so merkwürdig aus, wenn man sie wieder einmal zu Gesicht bekam? Was trieben denn die nur da drinnen?! -

Das Licht der Sonne sollte bald in die Arche Noah dringen und ein Bild enthüllen, welches niemand geahnt hatte.

7. Nobody und Kompanie

Es ist abermals ein sonderlicher Einsiedler, mit dem wir uns zu beschäftigen haben.

Wenn man die Zeit berechnet, so war es gerade an dem Tage, an welchem der Kapitän den maskierten Knaben an Land setzte, als Monsieur Bertran in Monte Carlo auftauchte.

Es war ein Mann mittleren Alters, gut bürgerlich gekleidet. Sonst ist über seine Alltagserscheinung nichts weiter zu bemerken.

Der Personendampfer aus Nizza hatte ihn mit einigen Koffern gebracht, welche bereits die Marke der französischen Steuerbehörde trugen, auch er nahm erst in einem einfachen Hotel Wohnung, auch er begab sich sofort auf die Suche nach einem Hause, und schon einige Stunden nach seiner Ankunft hatte er mit Hilfe eines Agenten ein kleines, möbliertes Häuschen gekauft, welches auf dem Gebirgsabhang westlich von La Bordina stand, umgeben von einem Gärtchen.

Der Kaufpreis betrug 15.000 Francs. Der so einfach aussehende Mann bezahlte ihn sofort mit französischem Papiergeld, welches er in seiner Brusttasche bei sich führte.

»Danke, hier ist die Quittung,« sagte der Agent. »Die Eintragung in das Grundbuch erfolgt morgen, ich besorge alles, der Herr braucht dann nur einmal Einblick zu nehmen, daß alles in Ordnung ist. Wünschen Monsieur, daß ich Dienerschaft besorge?«

»Nein, ich bringe meinen eignen Diener mit, der genügt. Er kommt noch heute. Essen werde ich auch in einem Hotel. Nur möchte ich früh Brot und Milch gebracht haben. Wie ist es damit?«

Der Agent konnte alles besorgen.

Hier, wo es nur Leute gibt, welche die große Welt kennen, fiel so etwas ja auch gar nicht auf, wir haben gar kein Recht, von einem sonderlichen Einsiedler zu sprechen. Emil Schmidt, der spätere Eremit von La Turbie, war ein solcher, aber dieser Monsieur Bertran durchaus nicht.

Besonders Gelehrte, Künstler und Schriftsteller lieben es, wenn sie es sich leisten können, auf solche Weise zu leben. In Krähwinkel freilich weiß man nichts davon. Das charakteristischste Beispiel hierfür war Emile Zola. Wenn dieser in einem Roman ein Kapitel schreiben wollte, welches am Meeresstrande spielt, so reiste seine Frau ihm voraus nach der Seeküste, mietete ein Haus oder eine Hütte, in welcher Zola nun das betreffende Kapitel schrieb. Spielte das nächste Kapitel zwischen den Arbeitern einer Maschinenfabrik, so reiste Madame Zola erst nach einer Industriestadt und mietete dicht neben einer Maschinenfabrik eine bescheidene Stube, in welcher der Schreibende das Dröhnen des Dampfhammers hören konnte. Wir haben auch genug deutsche Schriftsteller, welche ebenso produzieren, und wenn Gerhard Hauptmann nur beim Lichte von Altarkerzen arbeitet, so wird er schon wissen, warum er das tut.

Eine Ausnahme war freilich, daß dieser Monsieur Bertran das möblierte Häuschen gleich kaufte, ohne sich das Kaufobjekt erst näher betrachtet zu haben, und die 15.000 Francs so ohne weitres aus der Tasche hervorholte. Aber das war jedenfalls ein steinreicher Mann, der nichts auf Äußerlichkeiten gab und das Geld nur als ein Tauschmittel betrachtete, mit welchem er seine bescheidenen Bedürfnisse und seine kostspieligen Neigungen befriedigen konnte.

Als am andern Morgen zum ersten Male das Milchmädchen kam, war schon ein Diener da, der von seinem Herrn mit dem nicht ungewöhnlichen Namen Jean gerufen wurde.

Sonst ist von Monsieur Bertran nichts Besonderes zu melden. Im Kasino ward er nur ein einziges Mal erblickt, wo er das Spiel und das Publikum mit philosophischen Augen betrachtete, er ward überhaupt nur sehr selten gesehen. Die meiste Zeit war er in seinem Gartenhäuschen, dessen Fenster immer noch spät in der Nacht erleuchtet waren. Ging er einmal aus, so speiste er in einem Hotel, für gewöhnlich aber holte sein Diener aus dem Gasthof von La Bordina das Essen für zwei Personen. Ferner holte Jean auch mehrmals von der Post Briefe ab, welche dort unter einer Chiffre ankamen.

Nachdem Monsieur Bertran so drei Wochen in seiner Gartenwohnung gehaust hat, wollen wir ihm in einer Morgenstunde einmal einen Besuch abstatten. -

Es ist ein Zimmer des hochgelegenen Parterres, in das wir uns versetzen.

Mit behaglichem Komfort eingerichtet, enthält es unter anderm einen Schreibtisch, bemerkenswert ist auch noch ein in einer Ecke stehender, sehr großer Kleiderschrank mit Doppeltüren.

Ferner ist auffallend, daß auf dem Schreibtische ein Telephon liegt, dessen Drähte zwischen Tisch und Wand verschwinden - nämlich deshalb ist das auffallend, weil das Häuschen nicht mit einem Telephon versehen war.

Allerdings kann man solch ein Haustelephon für billiges Geld sehr leicht anlegen, es ist auch nur solch ein simpler Apparat, nur eine einzige Membrane, mit der man sowohl spricht, wie hört ... aber immerhin, wozu hatte denn Monsieur Bertran, der das Häuschen allein mit seinem Diener bewohnte, solch ein Telephon nötig? Jedenfalls fällt es auf.

Monsieur Bertran sitzt in einer bequemen Hausjoppe vor dem Schreibtische. Gewiß, er ist ein Mann der Feder. Vor ihm liegen in einer Reihe viele vollbeschriebene Seiten, und noch immer gleitet seine Goldfeder rastlos über das Papier.

Jetzt macht er einen Punkt, liest die letzte Seite durch, legt den Federhalter hin und greift nach dem Telephon.

Eine Klingel ist nicht vorhanden, er pfeift in eigentümlicher Weise hinein und legt das runde Holzstück mit der Membrane an sein Ohr.

Erst knackert es in dem Apparat, man vernimmt sogar ein Atmen.

»Sir?« fragt es dann.

Schnell bringt Monsieur Bertran wieder den Mund an die Membrane.

»Ist Jean unten?«

»Jawohl, Sir.«

»Er soll heraufkommen.«

»Sofort, Sir.«

Wieder ein Pfeifen, und das Telephongespräch des einsamen Mannes mit einer dritten Person, mit der man ihn noch nie hatte verkehren sehen, war beendet.

Monsieur Bertran stand auf und begab sich in das Nebenzimmer. Als er wieder hereinkam, hatte er seine Joppe mit einem schwarzen Gehrock vertauscht und einen Zylinder in der Hand. Zunächst trat er noch einmal an den Schreibtisch, ordnete die beschriebenen Blätter und packte sie zusammen.

Da plötzlich raschelte es hinter ihm in dem großen Kleiderschranke, die Türen öffneten sich von innen, und heraus trat Jean, hinter sich wieder die Türen schließend.

Der am Schreibtisch Stehende mußte das Geräusch gehört haben, mußte wissen, daß sich jetzt ein andrer im Zimmer befand, aber er wendete gar nicht den Kopf, fuhr in seiner Beschäftigung fort.

»Sind Sie fertig?« fragte der aus dem Kleiderschranke Gekrochene, welche Frage auch gar nicht recht für einen Diener passen wollte.

»Ja. Ich begebe mich sofort zu ihm.«

»Ich möchte dabeisein, was der für ein Gesicht macht, wenn er das Manuskript liest,« lächelte der Diener.

»Ich werde Ihnen dann alles getreulich schildern. Machen Sie jetzt gleich die Lohnliste fertig. Und wegen der Kohle ... was hat Hammond gefordert?«

»21 Francs die Tonne, beste englische Steinkohle.«

»21 Francs, das ist nicht viel. Dann bestellen Sie gleich 600 Tonnen, die können wir noch mitnehmen. Übrigens genügen 2.000 Revolvergranaten vollkommen, die andern bleiben einstweilen liegen.«

»Sehr wohl, Sir!«

Ohne weiteres ging er, der sonderbare Privatmann, welcher zur Heizung des Gartenhäuschens, das gar keinen Ofen besaß, soeben für 12.600 Francs Kohlen bestellt hatte, und welcher zur Verteidigung seines Lebens 2.000 Revolvergranaten brauchte. Und der Diener stieg jetzt vielleicht wieder in seinen Kleiderschrank, um da drin erst die Lohnliste aufzusetzen. Eine kuriose Gesellschaft!

Monsieur Bertran promenierte langsam den schmalen Fußpfad entlang, welcher nach La Bordina führt, summte ein Liedchen, blieb manchmal stehen, um an den Blüten eines Strauches zu riechen, steckte eine Blume ins Knopfloch - ein Mann, der mit sinnigem Behagen den herrlichen Frühlingsmorgen genoß, und dem man nimmermehr zutraute, daß in seinem Gehirn Raum für 2.000 Schnellfeuergranaten war.

In La Bordina wartete er auf die Zahnradbahn, bestieg den nach Monte Carlo hinabfahrenden Zug, verließ ihn aber schon nach drei Minuten, als er vor dem Riviera-Palast-Hotel hielt.

Dieses war sein Ziel, er betrat das Portal.

»Ist Seine Durchlaucht Fürst Alexjeff zu sprechen?« wandte er sich an den Portier.

»Wen darf ich melden?«

»Jules Bertran ist mein Name. Hier meine Karte.«

»In welcher Angelegenheit?«

»In einer dringenden Angelegenheit,« war die unbestimmte Antwort.

»Geschäftlich?«

»Privat.«

»Seine Durchlaucht ist wohl anwesend, aber ich glaube nicht, daß sie zu sprechen ist.«

»Warum nicht? Krank?«

»Seine Durchlaucht haben Besuch.«

»Melden Sie, daß ich ihn in dringenden Sachen seiner Tochter sprechen will.«

Der Portier sah stutzend den Sprecher an, der trotz seiner Einfachheit oder gerade deshalb einen sehr gediegenen Eindruck machte, und ließ die Meldung durch einen Zimmerkellner besorgen.

Abends zuvor waren im Palast-Hotel ein Herr und eine Dame angekommen, ein gräfliches Paar aus Rußland, mit Fürst Alexjeff verwandt, wie die Kellner bei der Begrüßung bemerkten.

Es handelte sich um eine Familienratsitzung wegen Prinzessin Turandot, die nicht wieder aus ihrer Einsiedelei herauswollte. Ein Briefwechsel war schon vorausgegangen, überhaupt war es eine bereits früher ausgemachte Sache, welche jetzt persönlich besprochen wurde.

Wir wollen es möglichst kurz fassen. Das Grafenpaar hatte einen Sohn, welcher gegenwärtig bei der russischen Gesandtschaft in Paris war. Maximilian und Turandot kannten sich sehr gut, das exzentrische Mädchen hatte schon als Kind für den schneidigen Kavalier geschwärmt, und im geheimen war es zwischen den Eltern von vornherein ausgemacht gewesen, daß die beiden dereinst ein Paar würden. Auf keiner Seite war ein Hindernis vorhanden. Auch Maximilian war schon eingeweiht und mit Vergnügen bereit, die liebreizende Prinzessin als seine Braut zu betrachten.

Freilich war die Ausführung des Projektes erst für später angesetzt gewesen, Turandot war noch zu jung; aber unter den jetzigen Verhältnissen hielt man es für das Beste, nun gleich die Verlobung in Szene zu setzen. Die Liebe würde in dem verdrehten Köpfchen der Weltentsagerin schnell genug andre Gedanken erzeugen.

Hierüber, wie das am besten einzuleiten sei, unterhielten sich die drei auch, als der Kellner die Visitenkarte mit der Meldung brachte.

»Was, in dringender Sache meiner Tochter?« wiederholte der alte Fürst erstaunt. »Was will der Mann?«

»Mehr hat er nicht gesagt.«

»Wer ist dieser Jules Bertran?«

Zufällig konnte der Zimmerkellner Auskunft geben. Der Name hatte in der Fremdenliste gestanden, ein Herr, welcher in jener Gegend eine Villa besaß, hatte im Hotel über seinen neuen Nachbar gesprochen.

»Es ist ein französischer Privatgelehrter, hat vor drei Wochen in der Nähe von La Bordina ein kleines Landhaus gekauft, in welchem er nur mit seinem Diener wohnt, er führt ein ganz zurückgezogenes Leben.«

»Ja, aber was hat dieser mir völlig unbekannte Privatgelehrte mir für Mitteilungen über meine Tochter zu machen?«

Der Fürst sah ein, daß solche Fragen dem Kellner gegenüber unangebracht waren.

»Ich lasse den Herrn bitten.«

Die beiden andern waren doch wegen der Prinzeß hierhergekommen, sie blieben also auch in dem Zimmer, in welchem der Fremde empfangen werden sollte.

Monsieur Bertran trat ein. Man sah es schon diesem Eintreten an, daß der sonst so einfache Mann sich auch auf dem glattesten Parkett bewegen konnte, mindestens ebenso sicher wie jene drei Hofleute.

Gerade sehr höflich wurde er nicht empfangen. Der Fürst stand in der Mitte des Zimmers, das Ehepaar blieb ruhig sitzen, alle drei betrachteten den simplen Gelehrten ebenso neugierig wie erwartungsvoll.

»Jules Bertran,« stellte dieser sich vor.

»Sehr angenehm.«

»Habe ich die Ehre, Seine Durchlaucht Fürst Alexjeff zu sprechen?«

Nur ein gnädiges Kopfnicken.

»Ich bitte, Eure Durchlaucht unter vier Augen sprechen zu dürfen.«

Oho!! Was sollte denn das heißen?!

»Unter vier Augen? Mich? Weshalb? Worüber?«

»Über Ihre Hoheit die Prinzeß Turandot,« war die gelassene Antwort.

Es lag etwas in dem ganzen Wesen dieses sonst so bescheidenen Mannes, was selbst den alten Fürsten förmlich verlegen machte. Er war durchaus nicht bereit, er, der Fürst Alexjeff, dem ersten besten Menschen so eine vertrauliche Unterredung zu gewähren, er gewährte nur Audienz, und um eine solche mußte in ganz andrer Weise nachgesucht werden, aber er warf dem gräflichen Ehepaar einen Blick zu, als erwarte er von dort eine Hilfe.

»Wozu aber nur unter vier Augen? Diese - äh - Graf Jarkenof und Gemahlin - äh - Verwandte von mir - äh - Onkel von meiner Tochter ...«

»Es wäre sehr bedauerlich, wenn Durchlaucht mir keine vertrauliche Unterredung gewährten, denn in Gegenwart einer dritten Person werde ich niemals über das sprechen, was mich herführt.«

Der Fürst machte seinem Zögern ein Ende, er schritt einer Tür zu.

»Bitte, kommen Sie!«

Der Gelehrte folgte ihm in das Nebenzimmer und sah sich dort um.

»Sind wir hier ungestört?«

»Völlig. Wollen Sie Platz nehmen!«

Beide setzten sich, der Gelehrte lehnte sich behaglich zurück.

»Ich komme als Brautwerber,« sagte er mit möglichstem Phlegma.

Im Gegensatz dazu wurde der Fürst gleich nervös, tat, als habe er nicht recht gehört, bog sich etwas vor.

»Als - Braut-werber?«

»Ja. Als Bevollmächtigter eines Mannes, eines jungen Freundes von mir, welcher um die Hand der Prinzeß Turandot bittet.«

Na, der Fürst war doch überzeugt, daß er richtig hörte, und jetzt wurde er zum kaltblütigen Diplomaten, der den andern ausholt.

»Ach was! Das überrascht mich sehr! Wie heißt denn der Herr?«

»Müller, Paul Müller.«

»Paul Müller? Unbekannt. Klingt deutsch.«

»Jawohl, ein Deutscher.«

»Was ist denn der Herr?«

»Seemann. Seemann von Beruf. Hat sich vom Schiffsjungen an hochgearbeitet. Jetzt ist er Kapitän.«

»In Diensten welcher Linie?«

»Selbständiger Kapitän. Fährt sein eignes Schiff. Aus sehr guter, achtbarer Familie und vermögend, sehr vermögend.«

»So. Wie hat denn dieser Herr - Müller, war sein Name, nicht wahr? - wie hat er denn die Bekanntschaft der Prinzeß gemacht?«

»In Paris. Bei einem Spaziergange des Pensionats. Die Prinzeß war einmal etwas zurückgeblieben, hatte ihr Taschentuch verloren, suchte es, ein Herr hatte es schon gefunden, gab es ihr. Dabei wurden einige Worte gewechselt. Das war Herr Paul Müller gewesen.«

»So, so. Und wann hat Herr Paul Müller meine Tochter wiedergesehen?«

»Niemals wieder.«

»Niemals wieder?«

»Nein.«

»Sie haben sich dann geschrieben?«

»Auch nicht.«

»Ist mir unverständlich. Was sind denn das für Worte gewesen, welche die beiden bei ihrer ersten Begegnung wechselten?«

»Worte der Höflichkeit. - >Ist das Ihr Taschentuch?< - >Ja.< - >Ich bin glücklich, es gefunden zu haben.< - >Danke sehr!< - >Bitte sehr!<«

»Nichts weiter?«

»Absolut nichts weiter.«

»Wird mir immer unverständlicher.«

»Wieso, wenn ich fragen darf?«

»Nun - ich denke, dieser Herr begehrt die Hand meiner Tochter?«

»Gewiß doch, deshalb bin ich hier, ich spreche in seinem Namen.«

»Aber er kennt die Prinzeß doch gar nicht!«

»Durchlaucht,« entgegnete der Gelehrte, und es klang recht herzlich, so wirklich recht von Herzen kommend, »für einen jungen Mann und für ein junges Mädchen, auch wenn es eine Prinzessin ist, genügt ein einziger Blick, vielleicht begleitet von einem leichten Erröten, genügt ein leises Zittern der Stimme, um einander zu verstehen. Sie haben es sich nicht mit Worten gesagt, und sie haben es sich dennoch gesagt: >Ich hab' dich lieb - ich bin dir gut!<«

Aber der Fürst blieb von dieser Herzlichkeit unberührt.

»Wann war das?«

»Vor zwei Monaten.«

»Aaaah!«

»Was meinen Durchlaucht mit diesem Ausruf?«

»Also deswegen hat die Prinzeß die Pension heimlich verlassen!«

»Durchlaucht irren. Allerdings mag diese Begegnung etwas mit der Entfernung aus dem Pensionat zu tun haben, aber das war dann nur weibliche Gefühlssache. Direkt hat jener junge Mann damit nichts zu tun gehabt, keine Verabredung, gar nichts. Er hat sie ja überhaupt nie wieder gesehen, ihr keine Zeile geschrieben.«

»Da möchte man aber doch glauben, daß ...«

»Durchlaucht, auf Ehrenwort nicht! Der junge Mann hat mir daraufhin sein Ehrenwort gegeben, und das seine ist auch das meine.«

»Gut, ich glaube Ihnen. Woher weiß er denn, daß die Prinzeß sich hier in Monte Carlo befindet?«

»Das steht doch in allen Zeitungen!«

O, das zu hören war dem alten Fürsten fatal! Freilich, es war so, das wußte der Fürst ja selbst, aber wenn man seiner Tochter auch durchaus nichts Übles nachreden konnte, ganz im Gegenteil, höchstens etwas Überspanntheit, so war es ihm doch jedesmal höchst fatal, daran erinnert zu werden, wie der Name seiner hoffähigen Tochter und damit auch sein eigner jetzt in aller Munde war.

»Herr Paul Müller liebt die Prinzeß,« fuhr der Gelehrte fort, »und er ist fest überzeugt, daß sie ihn liebt. Er hat mir versichert, daß er nur nötig hätte, sie in ihrer Einsamkeit aufzusuchen, und sofort würde sie ihm wieder ins heitre Leben folgen, und, Durchlaucht, hiermit wäre doch sicherlich auch Ihnen ein großer Dienst erwiesen, denn Sie können doch nicht wollen, daß sich Ihre Tochter schon mit so jungen Jahren lebendig begräbt, und, wie gesagt, der Kapitän ist ein tadelloser Ehrenmann aus sehr guter Familie.«

Ah, jetzt wußte der alte Diplomat, wo das Ganze hinaus sollte. Es lag eigentlich auch ganz klar auf der Hand; um das zu erkennen, dazu brauchte er gar kein scharfsinniger Diplomat zu sein.

Hier wurde ihm von fremder Seite genau dasselbe angeboten, was er selbst mit dem Grafen Maximilian vorhatte. Aber die Aufdringlichkeit dieser >rettenden Hand< empörte ihn natürlich aufs äußerste.

Doch er wußte sich zu beherrschen, er wollte dieser Sache so schnell als möglich ein Ende bereiten und hielt es für das Beste, zur Ironie zu greifen.

»So, so. Nun, lassen Sie uns sehen! Also dieser junge Mann ist aus guter Familie?«

»Aus einer hochachtbaren Bürgerfamilie.«

»Und er hat seinen Seemannsberuf als Schiffsjunge begonnen?«

»Jawohl, er hat von der Pike auf gedient, als Schiffsjunge, Leichtmatrose, Vollmatrose, Bootsmann und Steuermann, bis er Kapitän wurde.«

»So. Nun erlauben Sie mir noch eine Frage. Sie sind Gelehrter?«

»Privatgelehrter.«

»Welchem Studium haben Sie sich gewidmet?«

»Der Astronomie. Speziell beobachte ich den Saturn. Gegenwärtig habe ich eine theoretische Berechnung auszuführen und habe mich einstweilen, da eine Ortsveränderung meiner Gesundheit guttun wird, in Monte Carlo niedergelassen.«

Fürst Alexjeff stand langsam auf.

»Geehrter Herr,« sagte er mit schneidendem Spott, »ich bezweifle nicht, daß Sie ein tüchtiger Astronom sind, welcher unter den Sternen zu Hause ist, aber auf der Erde scheinen Sie sich gar nicht heimisch zu fühlen, und deshalb möchte ich Ihnen in Ihrem eignen Interesse den wohlgemeinten Rat geben, sich lieber nicht mit irdischen Angelegenheiten zu beschäftigen. - Bitte!«

Ein leichtes Kopfneigen, und Fürst Alexjeff machte eine einladende Handbewegung nach der Türe, welche zum Korridor hinausführte.

Auch Monsieur Bertran hatte sich erhoben, aber nicht um zu gehen.

»Ich verstehe, Durchlaucht, was Sie vorhin sagen wollten. Sie machen meinem jungen Freunde zum Vorwurfe, daß er einst ein gewöhnlicher Arbeiter gewesen ist, und mag er auch aus einer noch so achtbarten, bürgerlichen Familie stammen, so ist es doch nach den Ansichten, mit denen Sie unsre irdischen Angelegenheiten betrachten, ganz ausgeschlossen, daß solch ein Mann des Volkes eine Tochter des russischen Fürsten Alexjeff heiraten kann. Nun, Durchlaucht, lassen Sie sich von dem Manne, der in den Sternen zu lesen versteht, etwas andres sagen: die Mutter meines jungen Freundes war ein deutsches Edelfräulein, welches aus Liebe einen bürgerlichen Geistlichen heiratete; aber die Mutter der Prinzeß Turandot ist von Ihnen, dem Fürsten Alexjeff, auf dem Sklavenmarkte von Jakutsk für 14 Rubel, 8 Pfund Tabak und 10 Flaschen Schnaps gekauft worden.«

Himmeldonnerwetter!!! Das sonst so gesunde Gesicht des russischen Fürsten ward plötzlich weiß wie das einer Leiche, dann übergoß es sich mit einer dunklen Blutwelle, dann entfärbte es sich abermals, und seine Lippen bebten ebenso wie die Hand, mit welcher er nach der Tür deutete.

»Hinaus!!« keuchte er.

Aber der Gelehrte ging nicht. Gelassen griff er in seine Brusttasche, brachte ein Paket zum Vorschein, riß schnell die Papierumhüllung ab und hielt dem Fürsten einige beschriebene Seiten hin.

»Wollen Sie, bevor ich gehe, erst einmal dieses Manuskript lesen?«

Der Fürst sah es gar nicht, er zitterte noch am ganzen Leibe.

»Hinaus, Sie Unverschämter!!«

»Sie wollen das Manuskript nicht lesen? Das wäre sehr bedauerlich. Dann wird dieser von Ihnen und Ihrer heiligen Tochter handelnde Artikel in achtundsiebzig Zeitungen erscheinen.«

Der alte Mann stutzte, seine nach der Tür ausgestreckte Hand sank langsam herab und legte sich auf das Papier.

»Was - was - steht in dem Artikel?« brachte er nur mühsam hervor. »Lesen Sie ihn! Ich warte hier so lange.«

Der russische Fürst hatte ein reines Gewissen, und daß seine Tochter das Kind einer tscherkessischen Sklavin war, dadurch fiel auf seine Ehre kein Makel, das war schon längst abgetan.

Nein, hier lag etwas andres vor. Es ging von dem ganzen Wesen des einfachen Gelehrten etwas aus, was den alten Fürsten förmlich zwang, das dargebotene Manuskript zu nehmen und zu lesen.

Monsieur Bertran hatte sich wieder gesetzt, der Fürst tat desgleichen.

Wir wollen das Manuskript mit ihm lesen, wenigstens den Anfang, ohne uns vorläufig darum zu kümmern, was jener beim Lesen für Empfindungen hatte, denen er auch äußerlichen Ausdruck gab.



Der Prinz von Monte Carlo.

Spezial-Bericht von * * *

Der mich sehr ehrende Auftrag der Gebrüder Hobwell, im Interesse ihrer Zeitungsleser die mit dem sogenannten Prinzen von Monte Carlo verbundenen Rätsel zu lösen, erreichte mich in Rom.

Gerade über freie Zeit verfügend, war ich sofort bereit, der Aufforderung Folge zu leisten. Ich schicke voraus, daß ich mir die Lüftung des Geheimnisses, welches über dem Prinzen von Monte Carlo schwebte, überaus leicht vorstellte. Ich hatte der ganzen Sache überhaupt noch gar keine ernstliche Bedeutung geschenkt.

Schnell sammelte ich alle Zeitungen, welche sich mit diesem Falle beschäftigten, konnte mir auch alle Nummern der >Maske< verschaffen. Dieses Material studierte ich auf der Fahrt nach Monte Carlo. Es war mir ganz klar, daß der Geisterspuk auf der Teufelsinsel aufs engste mit dem mysteriösen Kapitän zusammenhing, und diesem Spuke wollte ich denn zunächst einmal auf den Leib rücken.

Das war der Grund, weshalb ich in Genua noch einmal Station machte. Hier verschaffte ich mir nämlich erst ein Trikotkostüm, wie es die Artisten tragen, und zwar ein solches aus dunkelblauem Stoff, firnißte und wachste es, was nur zwei Stunden in Anspruch nahm, fertigte mir aus demselben wasserdichten Stoffe Handschuhe und eine Kapuze, und nachdem ich so meine Garderobe vervollständigt hatte, setzte ich die unterbrochene Fahrt fort.

Als ich in Monte Carlo ankam, vernahm ich das allerneuste Ereignis dieses Tages oder der vergangenen Nacht: das mißglückte Unternehmen der Geisterbanner unter Lord Rogers Führung, wobei Mr. Dixon fast sein Leben eingebüßt hätte.

Alle diese Vorgänge sind so bekannt, daß ich sie nicht mehr zu schildern brauche. Ja, dem Leser, welcher die ganze Sensationsaffäre in Monte Carlo von Anfang an mit Interesse verfolgt hat, müssen die Details bekannter sein als mir, der ich, wie schon gesagt, erst in letzter Zeit gewissermaßen aus Geschäftsgründen dieser Sache Aufmerksamkeit widmete.

Mich für einen Arzt ausgebend, gelang es mir, Zutritt zu Mr. Dixons Krankenzimmer zu erhalten. Ich war sofort der Überzeugung, daß es sich nur um einen starken elektrischen Schlag handeln könne, den Dixon erhalten hatte - eine Ansicht, welche dann auch noch von einem tatsächlichen Arzte ausgesprochen wurde.

Jetzt hätte ich mich lieber mit einem isolierenden Gummianzuge ausgerüstet, doch ich wollte möglichst wenig Zeit verlieren und überzeugte mich auch, daß das mit Firnis und Wachs imprägnierte Trikotkostüm, welches ich ursprünglich nur zu dem Zwecke angefertigt hatte, um mich im Wasser unsichtbar zu machen und beim Betreten von trocknem Land keine Wasserspur zu hinterlassen, auch ganz vorzüglich gegen elektrische Entladungen schützte.

Im Laufe dieses Tages bekam ich weder den maskierten Kapitän noch den maskierten Knaben zu Gesicht. Dagegen sah ich einige Matrosen von der Heliotrop, darunter auch den eine größere Rolle spielenden Wilm, die dicke Ordonnanz, welche fast immer in der Begleitung des Kapitäns oder des Knaben ist.

Nebenbei erwähnen will ich auch noch, daß ich zufällig die Prinzeß Turandot sah, wie sie gerade auf dem Wege war, sich aus dem Bosamentierladen neue Wolle zu holen. Straßenpassanten drängten sich hinzu, besonders Damen, um ihr die Kutte aus Sackleinwand zu küssen, was sie mit demutsvoller Bescheidenheit duldete.

Ohne irgendwelche persönliche Nachfragen zu stellen, um mein Vorhaben nicht zu verraten, traf ich meine Vorbereitungen. Hauptsache war für mich, einen Ort auszukundschaften, von welchem aus ich unbemerkt den Strand verlassen konnte, um schwimmend die Ile de Castelle zu erreichen.

Ich fand einen solchen am Fuße des Felsens, auf welchem die sogenannte Arche Noah steht. Am Abend zog ich in meinem Hotel das gewachste Trikot an, einen langen Mantel darüber, verschaffte mir eine Angelrute, und so begab ich mich kurz vor Anbruch der Dunkelheit nach jener Stelle am Strande, um scheinbar einem nächtlichen Angelsport zu huldigen.

Ohne gefragt zu haben, hatte ich erfahren - denn ganz Monte Carlo sprach ja von nichts andrem - daß unmöglich fernerhin jemand die Teufelsinsel nächtlicherweile zu betreten wagen würde, am wenigsten heute nacht, nachdem gestern nacht erst die Katastrophe geschehen war.

Fernerhin war ich sicher, daß ich keinen angelnden Nachbar bekommen würde, denn es war eine gar gefährliche Kletterpartie, welche ich erst zu unternehmen hatte, ehe ich die vom Wasser ausgewaschene Grotte erreichte, in welche die See brandete.

Hier wartete ich den völligen Anbruch der Nacht ab, und daß diese mondlos war, kam meinem Unternehmen sehr zustatten.

Es war gegen neun Uhr, als ich Mantel, Hut und Stiefel ablegte, dafür die blauen Handschuhe anzog und die gleichfarbige Maske vorband und so ins Wasser glitt. Die Farbe meines Kostüms stimmte so genau mit der des Wassers überein, daß man mich auch in nächster Nähe nicht bemerkt hätte, zumal, da auch nicht Hände und Gesicht zum Verräter werden konnten.

Einen Beweis meiner Unsichtbarkeit sollte ich sehr bald bekommen, ich hatte auf dem Meere eine mich sehr überraschende Begegnung.

Etwa hundert Meter hatte ich mich vom Strande entfernt, als ich plötzlich hinter mir einen schwachen Lichtschein hervorhuschen sah, gleichzeitig hörte ich ein leises Plätschern, und wie ich mich schnell umdrehte, zum Untertauchen bereit, fuhr schon dicht an mir ein kleines Segelboot vorbei.

Die Toplaterne brannte, und in deren Scheine sah ich deutlich am Steuerruder einen großen, starkgebauten Mann, welcher eine schwarze Maske vor dem Gesicht hatte, während vorn im Boote ein Knabe stand, gleichfalls maskiert.

Ich hatte sie vor mir, die beiden Maskierten! Trotz ihres früheren Abenteuers, als sie von dem Kutter gefangen werden sollten, machten sie noch immer ihre nächtlichen Segelpartien, und sie durften es auch wagen, denn ich hatte ohne mein Zutun in Erfahrung gebracht, daß sich in dieser Gegend kein Mann mehr fand, der es riskiert hätte, an den mit dem Teufel im Bunde stehenden Prinzen von Monte Carlo auch nur eine Hand zu legen.

In dem Augenblicke, als das Boot an mir vorüberrauschte, hörte ich die tiefe Stimme des Mannes sagen:

»Das Licht muß unbedingt noch einige Nächte spuken, aber sei ohne Sorge, Heinz hat strengsten Befehl, sich vor jedem Menschen zurückzuziehen, falls wirklich noch jemand die Insel betreten sollte. So etwas wie gestern darf freilich nicht wieder vorkommen.«

Eine Antwort erfolgte nicht, dann war das schnelle Boot, dem der beste Schwimmer nicht folgen konnte, schon weit entfernt.

Ich konnte zufrieden sein mit dem Erfolge der ersten zehn Minuten. Allerdings wurde ja allgemein angenommen, daß der Spuk auf der Teufelsinsel von dem maskierten Kapitän herrührte, aber ich hatte soeben aus des Kapitäns eignem Munde die Bestätigung der Richtigkeit dieser Annahme vernommen.

Was nun meine Unsichtbarkeit anbetrifft, so wußte ich, daß der Kapitän gerade nach der Stelle der Wasseroberfläche geblickt hatte, wo ich mich befand, und auch die scharfen und geübten Augen des Seemannes hatten den blaugekleideten Schwimmer nicht von dem blauen Wasser des Mittelländischen Meeres zu unterscheiden vermocht.

Ich war gespannt, ob das Boot an der Insel landen würde. Allein dann wäre doch vor allen Dingen die Toplaterne verlöscht worden, und das geschah nicht. Das Boot segelte mit brennender Laterne an der Insel vorüber, und während meines weiteren Schwimmens sah ich dasselbe Licht, welches ich nicht aus den Augen gelassen hatte, noch weit draußen auf dem Meere.

Nach weiteren zehn Minuten hatte ich die Teufelsinsel erreicht; das Erklettern der Klippenformation bot bei der völlig ruhigen See gar keine Schwierigkeit, und da ich mich auf einem Plane, der überall zu haben ist, schon orientiert hatte, fand ich mich mit Leichtigkeit zurecht. Ich faßte dicht neben dem Eingange zum Turme Posto, verbarg mich unter einem Busch und wartete hier, glatt ausgestreckt liegend, fast drei Stunden, ohne das geringste Verdächtige zu vernehmen.

Da ich die Schiffsglocken glasen hörte, konnte ich berechnen, daß es bald Mitternacht sein mußte, als mich ein leises Geräusch aufschreckte, welches erst im Turme erscholl und dann sich daraus entfernte, bis ich auch Schritte im Gebüsch unterscheiden konnte.

Für mich war es selbstverständlich, daß das nur >Heinz< sein konnte, der jetzt den Spuk inszenierte. Gesehen hatte ich absolut nichts, obwohl der Mann nur wenige Schritte von mir entfernt vorübergegangen sein mußte,, und wenn es auch stockfinster war, so hätten meine sehr guten Augen doch wenigstens einen Schatten wahrnehmen müssen. Doch ich wunderte mich nicht besonders über diese Unsichtbarkeit des hörbaren Geistes, ich hatte schon meine Vermutung, wie diese möglich war, die sich dann auch bestätigen sollte.

Punkt zwölf Uhr, als die Schiffe Mitternacht glasten, flammte im Gebüsch ein weißes Licht auf, welches nun den schon zur Genüge beschriebenen >Meistertanz der ruhelosen Seele< über die ganze Insel hinweg aufführte, schwebend und springend, bald hoch, bald niedrig.

Aber wer da gesagt hatte, es gliche ganz einem Irrlichte, der hat noch nie eins gesehen. Die Form einer Hand besaß es wohl, aber das Feuer war nicht flackernd, sondern ganz ruhig, und ein Irrlicht bewegt sich überhaupt ganz anders.

Immer auf dem Boden lang ausgestreckt, schlich ich mich geräuschlos näher, und bald hatte ich erkannt, was für eine >ruhelose Seele< das war.

Es war einfach eine Lampe aus weißem Milchglas, die von einem Manne hin- und hergeschwenkt wurde, und dieser Mann - also Freund Heinz - hatte dieselbe Sicherheitsmaßregel getroffen wie ich, nur in schwarz, während meine blau war. Er war nämlich ganz schwarz gekleidet, auch Hände und Gesicht waren schwarz, und es gehörten gute Augen dazu, um seine Gestalt aus der stockfinstern Nacht hervortreten zu sehen, selbst in der Nähe seiner Laterne gewahrte ich noch immer nur schwache Umrisse.

Als er einmal in ein besonders gutes Licht kam, wobei er mir zufällig die Seite zuwendete, erkannte ich ferner, daß er auf dem Rücken eine Art von Ranzen trug, von dem Drähte herabhingen - also einfach ein Apparat von Akkumulatoren, welcher die elektrische Glühlampe speiste.

Wenn man nun annimmt, daß auch jene weiße Frauengestalt mit solch einer elektrischen Batterie ausgestattet gewesen war, so weiß man, warum Mr. Dixon die Gestalt nicht hatte fassen können. Nur war der elektrische Schlag etwas gar zu stark ausgefallen.

Eine Stunde lang arbeitete der schwarze Popanz so mit seiner Glühbirne, dann verlöschte das Licht plötzlich - die Geisterstunde war vorüber.

Er hatte sich zuletzt dem Turme zubewegt, und jetzt hieß es, ihm zuvorzukommen. Wie war der Mann eigentlich auf die Insel gelangt? Aus dem Turme war er vorhin herausgetreten, das wußte ich ganz bestimmt. Hielt er sich dort den ganzen Tag über verborgen, um nur in der Nacht auf der Insel herumzuspuken? Wohl schwerlich!

Mein Plan war von vornherein gefaßt gewesen. Die Hauptsache war, ihm auf den Hacken sitzen zu bleiben, ohne mich zu verraten, und im >Schleichen< habe ich es zu einer gewissen Virtuosität gebracht. (Meine Bescheidenheit gestattet mir nur in diesem Falle einmal die Bemerkung, daß mich die Gebrüder Hobwell doch nicht umsonst in aller Welt gesucht hatten, bis sie mich in Rom telegraphisch auffanden, um mir den Auftrag zu geben, diesem Prinzen von Monte Carlo einmal auf den Zahn zu fühlen).

Vor mir die leise knackenden Schritte, ich als geräuschlose Schlange auf dem Bauche hinterher! Richtig, es ging wieder in den Turm hinein!

Jetzt aber wurde die Sache faul für mich. Drin war der Mann, ich hörte längere Zeit ein Kratzen und Schaben, aber in der Stockfinsternis war absolut nichts zu sehen, und ich mußte doch unbedingt erfahren, was der Kerl da drin machte, wie er sich wieder entfernte usw.

Schon wollte ich zu meinem letzten Hilfsmittel Zuflucht nehmen: die >ruhelose Seele< dingfest machen und ihr ein Geständnis abnötigen, eventuell mit >sanfter Gewalt<, als mir ein Zufall zu Hilfe kam.

»Verflucht und zugenäht, nun habe ich die Geschichte aber satt!« hörte ich die ruhelose Seele brummen, und plötzlich flammte die weiße Glühbirne wieder auf, und zwar unter der Pritsche.

Der schwarze Mann lag gleichfalls darunter und machte sich dort am Boden etwas zu schaffen, und lange bedurfte er des Lichtes auch nicht, so hatte er erreicht, was ihm im Finstern mißlungen war: eine große, aber scheinbar leichte Steinplatte hob sich aus dem Boden wie eine Falltür empor; sofort verlöschte die Lampe wieder - und wenn ich es auch nicht sah, so wußte ich doch, daß der Mann in der Öffnung verschwunden war, und ich hörte auch, wie der Stein sich wieder schloß.

War das ein Gang? Wohin führte er?

Ich sollte es bald erfahren.

Sofort folgen durfte ich jenem nicht. Vielleicht eine halbe Stunde wartete ich, größtenteils das Ohr auf den Boden gepreßt. Als alles ruhig blieb, setzte ich meinen Schleichweg fort, auch ich kroch unter die Pritsche.

Ich habe vorhin nichts von meiner sonstigen Ausrüstung erwähnt. An meinem Gürtel hingen ein Nickfänger, ein kleiner, geladener Revolver, dessen Patronen durch Wasser nicht litten, eine zusammenklappbare Laterne mit zwei Wachskerzen und ferner in wassersicherer Büchse ein Feuerzeug.

Es war gar nicht nötig, daß ich erst Licht machte. Ich hatte vorhin während der wenigen Augenblicke gut Obacht gegeben, ich fand auch im Finstern den Mechanismus, welcher die Steinplatte hob und in Wirklichkeit viel einfacher war, als wie er zu beschreiben wäre.

Ich griff in das Loch hinein, aus dem es so schwarz herausgähnte, wie es um mich herum war, fühlte seitwärts Steinstufen, stieg hinab, ließ über meinem Kopfe wieder die Steinplatte herab.

Nichts regte sich, Todesnacht umgab mich.

Ich riskierte es, meine Lampe in Brand zu setzen. Das bedeutete für mich auch nur wenige Augenblicks der Gefahr, von einem Beobachter bemerkt zu worden; denn es war eine vorzügliche Blendlaterne, welche gestattete, das Licht gänzlich unsichtbar zu machen, ohne die Wachskerze zu verlöschen.

Während dieser wenigen Augenblicke, da mich ein Lichtschein umgab, hatte ich um mich gespäht und bemerkte links eine Steinwand, rechts eine Steinwand und zu meinen Füßen zahllose Steinstufen, deren Ende ich nicht absehen konnte.

Dieser Anblick hatte genügt. Das Licht wurde abgestellt, und auf geräuschlosen Sohlen ging es, mit der Hand an einer Wand tastend, hinab, immer tiefer und tiefer hinab, und - mich beschlich ein gelindes Grauen!

Während der Schwimmtour nach der Insel hatte ich mehrmals mit den Füßen Grund bekommen, ich hatte auch aus dem Plane gesehen, daß diese ganze Gegend des Meeres sehr flach war, - und so konnte es gar nicht anders sein, als daß ich mich nicht nur unter dem Meeresspiegel, sondern sogar schon unter dem Meeresgrunde befand! Denn man muß in Betracht ziehen, daß die Ile de Castelle nur von ganz geringem Umfange ist, und die Treppe, durchaus nicht steil, führte doch schräg hinab.

Also ich befand mich gar nicht mehr innerhalb des Fundamentes der Insel, sondern hatte diese schon hinter mir. Über meinem Kopfe tummelten sich die Fische im Mittelländischen Meere!

Endlich, endlich hörten die Stufen auf! Ich hatte 267 gezählt, und das dürfte eine Tiefe von mindestens 40 Meter sein.

Noch immer umgab mich das Schweigen der ewigen Todesnacht. Ich schickte einen Blendstrahl voraus und sah vor mir einen langen, ebnen Gang. Dort hinten aber kamen schon wieder Stufen, welche aufwärts führten.

Ich will mich kurz fassen. Es ging noch mehrmals hinauf und wieder hinab, immer in der Richtung auf das Festland zu, und meiner Berechnung nach mußte ich mich schon längst unter demselben befinden.

Da zweigte ein Tunnel seitwärts, nach rechts, ab, und wie ich noch überlegte, ob ich diesen neuen Gang verfolgen oder geradeaus gehen sollte, sah ich plötzlich in weiter Ferne ein Lichtchen flimmern.

Kein Zweifel, es kam näher. Die feuchte Luft täuschte auch sehr, es war gar nicht mehr so weit entfernt, schon sah ich eine Gestalt, eine zweite.

Da ich nicht wußte, ob jene geradeaus gehen oder rechts einbiegen würden, blieb mir, wenn ich eine Begegnung vermeiden wollte, nichts andres übrig, als schleunigst zu retirieren, dann wäre aber mein ganzes bisheriges Vordringen vergeblich gewesen, und das durfte sich noch mehrmals wiederholen.

Gab es kein Versteck? Wirklich, eine Steinnische! Ich preßte mich hinein, auf die Gefahr hin, trotz meines dunklen Anzugs gesehen zu werden. Übrigens hielt ich eine Entdeckung gar nicht für so lebensgefährlich.

Jetzt konnte ich die beiden Gestalten unterscheiden: ein Mann und ein Knabe! Zum Überfluß hatte der große Mann noch eine schwarze Maske in der Hand, desgleichen der Knabe. Der Kapitän der Heliotrop und Raoul! Und dieser Knabe - wo hatte ich dieses schöne, übermütige Antlitz, umrahmt von schwarzen Locken, denn heute schon einmal gesehen?

Ach, jetzt wußte ich es! Und ich war nicht wenig überrascht! Nein, ich war paff! Ja, da freilich war es erklärlich, daß der Prinz so zärtlich den Arm um den Knaben geschlungen hatte!

Jetzt begann der Knabe zu sprechen, er sagte 40 Meter unter der Erde etwas sehr Prosaisches!

»Du, ich habe einen ganz infamen Hunger, von der Küsserei wird man doch nicht satt.«

Und der Kapitän erwiderte, indem er den schönen Knaben an sich drückte, den ich heute schon in der Nonnenkutte gesehen hatte:

»Aber, meine süße Turandot, eine hoffähige Prinzessin darf doch nicht ...«



Weiter kam der Leser nicht. Mit einem heiseren Schrei sprang Fürst Alexieff auf und stierte mit wilden Augen nach dem Gelehrten, der sich ebenfalls erhob.

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr!!« stieß er hervor. »Wer hat diesen Artikel verfaßt?«

Er blickte noch einmal auf die erste Seite, unter dem Titel war der Verfasser nicht angegeben - Spezialbericht von * * * - der Gelehrte konnte es ihm sagen.

»Haben Sie schon von einem gewissen Nobody gehört?«

»Das ist ... das ist ...«

»Ein Privatdetektiv und bisheriger Berichterstatter der in New York erscheinenden Zeitschrift >Worlds Magazine<,« ergänzte Monsieur Bertran. »Aber dieser Artikel ist von ihm für die Gebrüder Hobwell geschrieben, welche 78 englische und amerikanische Zeitungen verlegen, und in diesen 78 Zeitungen wird dieser Spezialbericht veröffentlicht werden. Lesen Durchlaucht nur weiter, es kommt noch viel besser, das ist ja erst der Anfang.«

Der Fürst war seiner Sinne nicht mächtig, er ballte das Manuskript zusammen und machte eine Bewegung nach dem Kamin.

»Ins Feuer mit dem Wisch!!« schrie er.

»Ich erlaube mir Durchlaucht darauf aufmerksam zu machen, daß im Ofen gar kein Feuer brennt,« erklang es auf der andern Seite mit kaltem Spott.

»Ich vernichte das Geschreibsel!!«

»Schadet nichts, das Geschreibsel ist kopiert, in die 78 Zeitungen kommt es doch.«

Der Fürst, der schon die Hände angesetzt hatte, um das Manuskript zu zerreißen, stutzte und blickte nach dem kaltblütigen Gelehrten.

»Ja, Herr, wer sind Sie eigentlich? Wie kommen Sie dazu, mir Nobodys handschriftlichen Bericht zu bringen? Ich muß diesen Mann sofort selbst sprechen.«

»Wenn Sie Nobody selbst sprechen wollen, so haben Sie es nicht weit.«

Und Monsieur Bertran griff an seinen Bart, hatte ihn in seiner Hand, der Fürst sah ein völlig andres Gesicht, das schöne, energische Gesicht eines noch jungen Mannes - doch es war nur eine Vision, mit einem Knacks saß der Bart wieder fest, und da stand schon wieder der Gelehrte, der trotz aller Bescheidenheit so energisch auftreten konnte.

»Sie sind - Sie sind ...«

»Der Privatdetektiv Nobody in eigner Person, nur in der Maske eines französischen Gelehrten.«

»Und Sie ... Sie haben ... meine Tochter ...«

»Vierzig Meter unter der Erde in Begleitung des sogenannten Prinzen von Monte Carlo gesehen,« ergänzte Nobody. »Ich habe auch noch viel mehr gesehen.«

»Was?«

»Ich habe die beiden auch soupieren sehen.«

»Soup ...?«

» ... ieren.«

»Die Beiden allein?«

»Ganz solo.«

Der bescheidene Gelehrte sprach jetzt in einem etwas andern Tone, jetzt kam der spöttische Nobody zum Vorschein, der manchmal auch etwas zynisch sein konnte.

»Was aß meine Tochter?« würgte der alte Fürst mühsam heraus.

»Nicht den Brotlaib, welchen der Gastwirt ihr jeden Tag über die Mauer wirft, sondern erstens: Bouillonsuppe mit was drin, zweitens: einen gebratenen Fisch, den ich für Seehecht hielt, drittens: Beefsteak à la Chauteaubriand, viertens: Schnitzel à la Nelson. Dann folgte Torte und diverser Käse.«

Je mehr Schüsseln aufgezählt wurden, desto größre Augen machte der Papa.

»Und dazu trank sie Champagner,« ergänzte Nobody.

»Cham ...«

» ... pagner, zusammen mit ihrem Geliebten.«

»Ge ...«

» ... liebten. Hierauf gingen die beiden in ein andres Zimmer, in welches ich ihnen nicht folgen konnte und nicht durfte. Denn soviel ich durch die offene Tür sah, stand nur ein Himmelbett drin, nur ein einziges. In diesem - das heißt in diesem Zimmer - blieben die beiden zusammen, bis der Morgen anbrach, worauf der Knabe Raoul wieder die Nonnenkutte der weltentsagenden Prinzeß Turandot anzog und durch einen Tunnel in die Einsiedelei von La Bordina zurückkehrte. Das alles ist dort in dem Manuskript ausführlich beschrieben, wenn Durchlaucht es weiterlesen wollen.«

In diesem Augenblicke, da er vollständig niedergeschmettert sein sollte, verwandelte sich der russische Fürst wieder in den kaltblütigen Diplomaten. Mit plötzlich eisernem Gesicht wandte er sich um und wollte der zum Nebenzimmer führenden Tür zuschreiten.

Schnell vertrat ihm Nobody den Weg.

»Warten Sie mal 'nen Augenblick. Noch ist Polen nicht verloren, auch Rußland noch nicht. Daß die heilige Prinzessin in der Mäander-Burg zusammen mit dem Prinzen von Monte Carlo getrüffelten Truthahn ißt, das wissen nur der Kapitän der Heliotrop, seine Mannschaft und meine Wenigkeit, und von uns erfährt niemand etwas, und wenn wir uns in Güte einigen, so ist es durchaus nicht nötig, daß jener Bericht wirklich veröffentlicht wird ...«

»Und von mir wird erst recht niemand etwas erfahren,« fiel ihm der Fürst ins Wort. »Ich will meinem Cousin und seiner Gattin nur sagen, daß sie mich entschuldigen sollen, ich hätte ein unaufschiebbares Geschäft zu erledigen.«

»Aber sie wissen, daß ich wegen der Prinzeß gekommen bin.«

»Die Prinzeß hat bei Ihnen Schulden gemacht ... nein, hat in Paris einen wertvollen Familienschmuck verkauft. Sie bringen ihn mir wieder.«

»Dann ist es gut. Ich warte hier.«

Als Nobody allein war, brachte er aus der einen Westentasche ein Messerchen zum Vorschein, aus der andern eine Platte Tabak, von dieser schnitt er bedächtig ein Stückchen ab, schnippselte noch länger daran herum, und als der Kautabak mundgerecht war, trat schon wieder der Fürst ein.

Er war ganz ruhig, sah aber ernst, sehr ernst aus. Er mußte in den letzten Minuten doch etwas Furchtbares durchlebt haben, und es kostete ihn gewaltige Anstrengung, so gelassen zu erscheinen.

»Ich zweifle nicht an der Wahrheit Ihrer Worte, und jetzt weiß ich, warum meine Tochter bei ihrem Brotlaib so dick wird,« begann er, was im Gegensatze zu seinem sonstigen Ernste etwas komisch wirkte. »Nun sagen Sie aber, das können Sie doch nicht alles von einem Versteck aus beobachtet haben!«

»Nein, Ich gab mich zu erkennen, denn ich fand in dem Prinzen von Monte Carlo einen guten Bekannten wieder.«

»Eben jenen Paul Müller?«

»Ja. Und er erzählte mir alles.«

»Sie kamen von der Insel aus durch den Tunnel in die Mäander-Burg?«

»Ja. Aber das Seltsame dabei ist, daß Lord Roger, der bisherige Besitzer und sogar Erbauer der Mäander-Burg, gar nicht gewußt hat, daß von seinem Hause aus solch ein unterirdischer Tunnel abgeht. Allerdings hat er die Burg nicht von Grund auf gebaut, es war schon ein kleiner Anfang da, eine Art von Höhlenwohnung. Das Ganze ist eben ein Werk der alten Sarazenen oder der früheren Bewohner dieser Gegend, die zum Schutze gegen die Seepiraten alles unterminiert haben. Ein Gang endet auch in der Ruine, welche sich innerhalb der Umfassungsmauern der Einsiedelei Ihrer Tochter befindet. Die Prinzeß hat denn auch die Tunnels entdeckt.«

»Daß meine Tochter aus ihrer Behausung nur durch einen Tunnel in die Mäander-Burg gelangen konnte, war mir sofort klar, nachdem ich gelesen hatte, daß auch Sie solch einen Tunnel benutzten. Aber ich verstehe nur nicht recht ... Turandot entdeckte also zufällig, daß sich in ihrer kleinen Ruine der Eingang zu einem unterirdischen ...«

»Halt! Hier sind Sie im Irrtum. Die Geschichte leitet sich ganz anders ein. Darf ich erzählen?«

»Bitte, ausführlich.«

»Sie kennen doch alles, was mit dem Prinzen von Monte Carlo zusammenhängt, wenigstens soweit die >Maske< über ihn berichtet hat?«

»Alles.«

»Und Sie kennen doch auch den Eremiten von La Turbie?«

»Ich habe alles gehört, was hier über ihn erzählt wird.«

»Nun, an dem Tage, an welchem Sie hier eintrafen, hatte die Prinzeß doch gerade den Eremiten aufsuchen wollen. Sie ist auch tatsächlich oben gewesen, wußte die heraufgezogene Fallbrücke herabzulegen, ging hinüber, fand den Eremiten nicht zu Hause. Sie besah sich die Wohnung, kam aus einer Felsenkammer in die andre - mit einem Male wich unter ihren Füßen eine Steinplatte, sie tat einen Sturz in ziemliche Tiefe, verlor das Bewußtsein. Als sie wieder zu sich kam, umgab sie die schwärzeste Finsternis. Gebrochen hatte sie nichts, sich nicht verletzt. Was sie nun alles durchgemacht hat, davon will ich lieber schweigen, das kann man wohl auch gar nicht schildern. Nur das eine will ich sagen: Durchlaucht, Sie haben eine heroische Tochter! Jeder andre Mensch, auch der energischste und stärkste Mann, wäre darüber wahnsinnig geworden - meiner Ansicht nach. Ihre Tochter hat es durchgesetzt.«

Der Fürst vergaß hier einen Augenblick alles andre, die Erinnerung befiel ihn, er lächelte stolz und glücklich.

»Ja, ja, das ist auch mein Kosak. - Nun, was hat sie denn durchgesetzt?«

»Das spottet eben aller Beschreibung. Das kann man nur andeuten. Sie war fünf Meter tief in einen Schacht gestürzt, von dem nur ein Weg abführt, eine in die Tiefe gehende Treppe. Nun liegt aber der Felsen, auf dem der Eremit haust, von der Teufelsinsel, nur in der Luftlinie gerechnet, gute zwei Kilometer weit entfernt, und diese hat der Kosak - Pardon, die Prinzeß, in vollständiger Finsternis zurückgelegt, sich nur an der Wand entlangtastend, immer treppauf und treppab, volle fünfzehn Stunden hat sie gebraucht, ehe sie endlich einen Ausgang fand. Verstehen nun Durchlaucht meine Bewunderung? Ich möchte wissen, wieviel Menschen sich nicht schon in der ersten Stunde lieber verzweifelt hingeworfen hätten, um den Tod zu erwarten.«

»Ja, der Kosak!« sagte der Fürst in stolzer Vaterfreude. »Es ist kolossal!«

»Nein, es ist nicht kolossal, sondern es ist hahnebüchen!« verbesserte ihn Nobody.

»Also der Tunnel, welcher bis zur Teufelsinsel geht, sogar unter dem Meeresgrunde hinweg, beginnt schon bei dem Felsen des Eremiten?«

»Er geht noch viel weiter. Nun entsinnen sich Durchlaucht wohl, wie an demselben Tage, an welchem die Prinzeß verschwand, von dem maskierten Kapitän das Fehlen der weiblichen Leiche auf der Teufelsinsel bemerkt wurde.«

»Ja, ich entsinne mich. Hat er die Selbstmörderin beiseite gebracht?«

»Nein. Der Kapitän war hieran ganz unschuldig. Doch davon später! Der Kapitän wollte wirklich nur eine Leichenwache halten, um das Gruseln zu lernen, und dann allerdings, ich will es auch gleich erwähnen, war er mit dem alten Herrn von Marbach und seiner Tochter sehr gut bekannt und sogar nahe verwandt.«

»Was Sie nicht sagen. Sie sprechen doch von Paul Müller?«

»Gewiß, das ist der Kapitän von der Heliotrop, der maskierte Prinz von Monte Carlo. Ernst von Marbachs zweite Frau, die Mutter Johannas, war eine Schwester von Pauls Mutter. Deshalb also hatte er die Insel der Selbstmörder besucht, um die beiden noch einmal zu sehen, er war zu spät gekommen, um sie zu retten, und nun allerdings gedachte er, auf eigne Faust Untersuchungen anzustellen, wo die Leiche des jungen Mädchens geblieben sei. Während der Nacht konnte er nur vor dem Turme Wache stehen. Gegen Mitternacht hörte er ein Seufzen und Knarren. Es war Prinzeß Turandot, welche das letzte Ende der Treppe erreicht hatte und unter großen Kraftanstrengungen die Steinplatte, welche sie ganz richtig für eine Falltür hielt, aufzustoßen versuchte, bis ihr dies auch gelang. So befand sie sich jetzt dem Kapitän gegenüber. Hierbei will ich einschalten, daß, wenn man dann die Scherben seiner Laterne am Boden fand, er diese erst später mit Absicht zerbrochen hat. Er hat dann eben einen Geisterspuk markiert. Wohl war er beim Anblick der aus dem Boden steigenden Gestalt höchst bestürzt, aber so schreckhaft ist mein Freund nicht, daß er gleich alles fallen läßt, was er in der Hand hält.

»Die der Unterwelt Entstiegene gab eine Erklärung. Ein Glück war es gewesen, daß die Prinzeß bei ihrem Sturz in die Tiefe ein gebratenes Huhn und Rotwein mit Wasser mit hinabgenommen hatte. Sogar ihre Waschleine und den Bergstock hatte sie nicht fahren lassen ...«

»Bitte,« unterbrach der Fürst den Erzähler, »in diesem Tunnel ist es also auch gewesen, wo sie die Vision mit dem Skelett gehabt hat?«

»Vision? Ist nicht,« entgegnete Nobody in seiner trocknen Weise. »Gerippe liegen oder lagen dort unten genug herum, aber gesehen hat sie keins, es war zu duster. Sie ist immer tapfer gewandert. Irgendwo muß der Tunnel doch einmal ein Ende nehmen, hat sie sich ganz richtig gesagt. Sie ist wohl manchmal über ein Skelett gestolpert, aber eine Vision hat sie nicht gehabt. Erklärung folgt später - falls Durchlaucht eine solche noch brauchen.

»Also die Prinzeß aß noch etwas aus des Kapitäns Futterkorbe - Furagekorbe, wollte ich sagen, dann schlief sie im Stehen ein. Der Kapitän bettete sie sanft auf Meister Hydrians Lumpen und machte sich daran, den von der Prinzeß genommenen, abenteuerlichen Weg im Scheine seiner Laterne zu besehen. Er bog rechts in den Tunnel hinein, den ich vorhin erwähnte, eine Treppe hinauf, stieß mit dem Kopfe an eine Steinplatte, lüftete sie und befand sich in einem wohleingerichteten Hause. Freilich ging das nicht so schnell, da mußte er erst durch Kellergewölbe und noch einige Platten heben. In dem Hause war alles vorhanden, nur kein Mensch. Er fand die Haustür, konnte sie aber nicht öffnen, auch nicht sprengen. Gleichgültig! Doch warum sollte er die übermüdete Prinzeß auf den Lumpen schlafen lassen, da es in dem Turme schon gar nicht mehr appetitlich roch? Hier gab es die weichsten Betten, und der Weg war gar nicht weit.

»Gedacht, getan! Der Kapitän ging zurück und trug die Schlafende in seinen Armen in das Haus. Unterwegs erwachte die Prinzeß und war gleich wieder munter wie ein Fisch. Die beiden machten etwas aus. So ganz, wie sich dann alles entwickelte, war der Plan freilich noch nicht fix und fertig, aber die Idee, irgend einen Streich ins Werk zu setzen, war doch schon vorhanden. Die Hauptsache war, daß die beiden ihr Geheimnis, die Entdeckung dieses Tunnels, für sich behalten wollten.

»Das Haus befand sich in der Gaumates-Schlucht. Das konnten sie, indem sie zum Fenster hinausblickten, bestimmen, auf der rechten Seite, mehr nicht. Nun sollte die Prinzeß erst ausschlafen, der Kapitän ging nach der Teufelsinsel zurück, wollte sich morgen nach der Gaumates-Schlucht begeben, ein geheimes Zeichen wurde verabredet, welches die Prinzeß am Fenster machen sollte - dann war das Haus bestimmt, der Kapitän wollte es zu kaufen versuchen ...«

»Um weitere Allotria zu treiben,« ergänzte der Fürst mit finsterm Gesicht.

»Meinetwegen, ja. Der Kapitän ist jung und unverheiratet, er durfte es, kraft dieser Eigenschaften. Ja, er hatte noch mehr vor. Es ist ein bißchen stark, aber ... er hat es eben getan, und Dummheiten sind dazu da, daß sie gemacht werden. Ja, er hatte geradezu die Verpflichtung, es zu tun, denn es handelte sich um eine Wette, bei der viel auf dem Spiele stand.

»Außer Totenschädeln und etlichen andern Knochen hatte der Kapitän in dem Tunnel auch noch ein Leichenhemd gefunden. Es lag gleich unterhalb des Turmes, noch auf der Treppe. Wie das dahin kam, werde ich später erklären. Natürlich war es das Leichenhemd der Selbstmörderin. Das nahm er mit hinauf als erste Spur der Vermißten.

»Wie nun am andern Morgen die Beamten wiederkommen, und er sieht schon von weitem die gespensterbangen Gesichter der Herren, da fällt es dem Kapitän ein, den Toten zu markieren. Er zieht das Hemd an, legt sich neben den Alten auf die Pritsche und ... das andre wissen doch Durchlaucht.«

»Un-er-hört!!« ließ sich der Fürst entrüstet vernehmen.

»Ach was, unerhört,« meinte aber Nodody, der jetzt allen Respekt fallen ließ. »Die dummen Leute hielten ihn nun einmal für einen Vampir, und nicht nur die dummen, selbst sogenannte gebildete haben es geglaubt, daß der maskierte Kapitän jungen Mädchen das Blut aussauge, und denen mußte er nun doch eine Szene vormachen.«

Der alte Fürst biß sich auf die Lippen. Wußte dieser Mann, daß er, der Fürst, schon auf dem Wege gewesen war, von dem vermeintlichen Vampir seine Tochter zurückzufordern? Er fühlte den Hieb und schwieg.

Ja, und doch - war seine Tochter nicht in die Hände des maskierten Kapitäns gefallen?

»Was geschah nun weiter? Wo war die Prinzeß?«

»Die schlief in einem Bett der unbewohnten Mäander-Burg. Sie verschlief es. Sechs geschlagene Stunden mußte der Prinz in der Gaumates-Schlucht sitzen und alle Fenster im Auge behalten, ehe die Prinzessin das Zeichen gab, worauf wiederum der Prinz die drei verabredeten Revolverschüsse abknallte. Ein großer Zufall war es, daß dieses Haus gerade dem Lord Roger gehörte. Da hatte der Kapitän leichtes Spiel. Er holte den Lord und ...«

»Und hat ihn in alles eingeweiht?« fragte der Fürst hastig.

»War gar nicht erst nötig.«

»Wieso nicht erst nötig?«

»Von Lord Hannibal Roger geht ja die ganze Komödie mit dem maskierten Kapitän der Heliotrop erst aus.«

»Waaas?« fragte der Fürst mit großen Augen. »Von Lord Roger?«

»Gewiß, es handelte sich um eine Wette, oder auch um einen Auftrag ...«

Nobody ließ sich von einer Handbewegung unterbrechen.

»Schildern Sie erst weiter, was nun mit meiner Tochter geschah. Wo ist sie in den drei Tagen gewesen?«

»In der Mäander-Burg.«

»Zusammen - mit - dem Kapitän -?« kam es gedrückt heraus.

Nobody hob langsam die Schultern hoch und ließ sie dann mit einem energischen Ruck schnell wieder sinken.

»Durchlaucht, wir wollen ganz ungeniert sprechen. Ja, es ist geschehen. Es sind zwei junge Leutchen, sie verdienen Ihre Verzeihung. Und eine Heirat macht alles wieder gut.«

»Und das - nennen Sie - einen Ehrenmann?« hauchte der Vater.

»Na,« meinte Nobody unverfroren, »haben Sie denn Prinzeß Turandots Mutter geheiratet?«

Der alte Fürst fuhr nicht wieder entrüstet empor, er ließ vielmehr den Kopf tief auf die Brust sinken. Es half ja alles nichts, er mußte von diesem Manne Schlag für Schlag hinnehmen, und es waren Keulenschläge.

Es war auch noch ein andrer Gedanke, der ihn beherrschte, in diesem Augenblicke vielleicht noch mehr ans Herz greifend.

»Wußte sie denn - nicht - daß ich - schon hier war, um sie abzuholen, um sie wieder in meine Arme zu schliefen?« kam es stockend von seinen Lippen.

»Ja, sie wußte es.«

»Und sie - eilte nicht - sofort zu mir?«

Nobody hatte eine Antwort auf den Lippen, eine Antwort, die den Vater allerdings zu Boden geschmettert hätte. Er wollte sagen: >Alter Mann, hast du deine Tochter nicht hilflos auf der Straße gelassen, deine Hand von ihr gezogen? Und da verlangst du auch noch, daß sie den, den sie soeben in Liebe gefunden, sofort wieder verläßt, um dir entgegenzufliegen, weil es dir endlich gefallen hat, dich um deine Tochter zu kümmern?<

Aber er tat es nicht.

»Gott, versetzen Sie sich nur in die Lage solch eines Pärchens,« sagte er stattdessen. »Die Liebe, die Liebe! Natürlich wollte sie gleich zum Papa, aber - es ist eben ein dummes Ding mit der Liebe, sie sollte polizeilich gar nicht erlaubt sein - die drei Tage verflogen den beiden wie im Traum.«

Der Alte war doch sehr erschüttert, er legte die Hände vor die Augen.

»O, mein Kosak, mein Kosak!!« stöhnte er.

»Ja, daher der Name Kosak,« fing jetzt Nobody wieder in seiner trocknen Weise an. »Na, was denn? Als sie aus dem angenehmen Traume erwacht war, ist sie da nicht gleich zu ihrem guten Papa gegangen?«

»Um ihm ein Märchen zu erzählen, um ihn zu belügen.«

»Na, lassen wir das! Jugend hat eben keine Tugend. Der Kapitän hatte sie natürlich in die ganze Komödie, welche er der Welt vorführte, eingeweiht, und die Prinzeß war gleich Feuer und Flamme, da mitspielen zu können. Der Plan dazu entsprang ihrem erfinderischen Kopfe. Die beiden hatten während der Tage die unterirdischen Gänge noch näher untersucht und unter andern Entdeckungen auch die gemacht, daß der eine Seitentunnel in der Ruine eines leerstehenden Gehöftes endete. Nun war damals alles noch über den Eremiten erregt - die Prinzeß wollte eine weltentsagende Eremitin werden. Ich denke, die Komödie ist ganz vorzüglich geglückt.«

»Und während sie der Welt weismachte, sie nähre sich nur von Brot und Wasser, schwelgte sie in der Mäander-Burg.«

»Freilich, das eben gehörte mit zu der Posse. Und außerdem spielte sie noch die Rolle des maskierten Knaben, und ich denke, sie hat Talent zur Schauspielerin.«

»Unerhört! Aber dabei hat sie doch immer fleißig Strümpfe gestrickt!«

»I wo, dachte gar nicht daran. Die sind von Matrosen gestrickt worden. Daß die ersten Strümpfe so kläglich ausfielen, das war alles Berechnung.«

»Un-er-hört!!« echote der Fürst abermals.

»Daß Matrosen Strümpfe stricken?« tat Nobody harmlos. »Die meisten Matrosen können stricken, so gut wie sie zu schustern und zu schneidern verstehen.«

»Diese Komödie war eine Gotteslästerung!«

»Niemals!« sagte Nobody mit Entschiedenheit. »Von einer scheinheiligen Frömmigkeit war bei ihr niemals die Rede, und dann bedenken Sie, wieviel Gutes die Prinzeß dadurch gestiftet hat.«

»Was hat denn nun aber eigentlich die ganze Komödie mit dem Prinzen von Monte Carlo zu bedeuten?«

»Wozu ist denn überhaupt eine Komödie da? Um sich zu amüsieren! Das Ganze ist das Ergebnis einer feuchtfröhlichen Stunde. Haben Durchlaucht vom Kapitän Flederwisch gehört?«

Der Fürst verneinte.

»Es ist der Spitzname meines Freundes, den er als Seemann führt. Der Name Kapitän Flederwisch ist mir selbst geläufiger. Aber jetzt müssen mir Durchlaucht erst das Ehrenwort geben, nichts von dem zu verraten, was ich Ihnen nun erzähle, und ich versichere Ihnen, daß Sie mir Ihr Ehrenwort ruhig geben können, Sie werden dann auch gleich einsehen, warum ich es Ihnen abfordern muß. Es handelt sich nämlich um den Fürsten von Monaco.«

»Dann gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.« entgegnete jener ohne Zögern.

»Danke. Also Kapitän Flederwisch befindet sich in London, aus Geschäftsgründen. In einem Klub macht er die Bekanntschaft von Lord Hannibal Roger und andrer Herren, die sich immer langweilen, weil sie gar zu viel Geld haben. Nachdem sie sich ausgegähnt haben, fangen Sie von Monte Carlo an. Es wird darüber gesprochen, was die Kasinoverwaltung schon für verzweifelte Anstrengungen gemacht hat, die Wintergäste auch während des Sommers an Monte Carlo zu fesseln. Es ist noch niemals gelungen, da helfen keine Festlichkeiten - wenn die Schwalben nach Norden ziehen, fliehen alle menschlichen Wintergäste mit, ganz Monte Carlo stirbt aus. Da sagt Kapitän Flederwisch: ich weiß ein Mittel, sie festzuhalten. - Welches? - Irgend eins, es muß dort unten etwas Sensationelles herausgesteckt werden. - Es geht nicht. - Wetten, daß? Ich setze gleich eine Million Pfund Sterling ein ...«

»Wieviel?« stutzte Fürst Alexjeff.

«Eine Million Pfund Sterling.«

»Das wären 25 Millionen Francs,« staunte der Russe, der, obgleich selbst überreichlich mit Schätzen gesegnet, dennoch vor dem goldnen Kalbe hochachtungsvoll seinen Fürstenhut abnahm. Jedenfalls gehörte er zu jenen Durchschnittsmenschen, denen die Bekanntschaft mit einem dummen Krösus schmeichelhafter dünkt, als die mit einem geistvollen Kopf.

»Ist denn dieser ... dieser ... Paul Müller so reich, daß er gleich eine Million Pfund Sterling zum Verlieren einsetzen kann?«

»Ja, er hat es dazu. Ich will Ihnen später erzählen, wie er dazu gekommen ist. Kolumbus und Pizarro waren auch nur Abenteurer, und sie haben ihrem Vaterland unermeßliche Schätze und sogar ganze Weltteile geschenkt. - Das heißt, das war von Kapitän Flederwisch, wenn er auch eine Million Pfund Sterling verlieren konnte, eigentlich nur eine leichtsinnige Redensart, die Ausgeburt einer Champagnerlaune. So ernst wurde das auch nicht genommen. Eine eigentliche Wette wurde nicht daraus, die Herren arbeiteten zusammen. Lord Roger hatte sich auf einer australischen Werft eine Motorjacht bauen lassen, also die Heliotrop, ein prachtvolles Fahrzeug, aber der exzentrische Lord hatte sich wegen einer Kleinigkeit geärgert, wollte das Ding nicht mehr haben. Wenn es nun dem Kapitän Flederwisch gelang, einen gewissen Prozentsatz der ständigen Wintergäste in Monte Carlo durch seine Bemühungen festzuhalten, nur vier Wochen lang, so sollte die Heliotrop ihm gehören, Flederwisch setzte also gar nichts ein, und wie sehr dem Lord daran gelegen war, den Grund seines Ärgers los zu werden, das ersehen Durchlaucht daraus, wie kräftig der Lord selbst bei der Komödie mitgewirkt hat. Es handelte sich ja überhaupt nur um einen Jux, in dem Kapitän Flederwisch die Hauptrolle spielte, und so etwas läßt sich Lord Roger doch nicht entgehen.«

»Der Lord hat selbst mitgespielt, un-er-hört!« echoten Durchlaucht abermals. »Inwiefern?«

Der Fürst begann sich so dafür zu interessieren, daß er ganz die Hauptsache vergaß, seine Tochter.

»Nun, zunächst fing die Komödie doch damit an, daß der Lord von seiner Begegnung mit dem uralten Kapitän der Heliotrop erzählte, in Colombo usw. wie der überall seinen Hiran Singh suchte.«

»Und davon war gar nichts wahr?«

»I, Gott bewahre!« lachte Nobody jetzt. »Das war doch nur die Vorbereitung, alles aus der Luft gegriffen.«

»Un-er-hört!«

»Die vierzig Zentner Goldbarren gehörten Carnegie, der hatte in Alexandrien einen Geschäftsabschluß gemacht und dort 5 Millionen Francs in Gold zu zahlen, er vertraute es der Heliotrop an, natürlich versichert, das Geld nahm in Monte Carlo nur einmal eine Station auf Smiths Bank, dann wurde es weiter nach dem Orte seiner Bestimmung abgeführt.«

»Und Carnegie war auch mit an der Komödie beteiligt?«

»Gewiß doch.«

»Un-er-hört! Und jener Hiran Singh?«

»Das war ein vigilanter Armenier, der zum Adepten gestempelt wurde.«

»Und nun die Verjüngungskur. Dieser ursprüngliche Kapitän der Heliotrop, wie er sich zuerst präsentierte, soll doch wirklich ein alter Mann gewesen sein.«

»Ja, das war ein Meisterstück von Kapitän Flederwisch, und dennoch ist es überaus einfach. Eben ein geschickter Taschenspielerkniff. Jener alte Mann war gar nicht Flederwisch. Das war eben wirklich ein alter Mann. Und es gelang während der drei Tage, den alten Mann aus dem Hotel unbemerkt herauszubugsieren und den jungen Kapitän hineinzueskamotieren. Warum sollte denn das nicht gehen? Geschickt war es freilich gemacht worden, aber warum sollte denn das nur ganz unmöglich sein? Das Hotel und das Zimmer wurden doch gar nicht so streng bewacht? Mich wundert nur, daß das Publikum darüber so erstaunt war. Da werden doch unter den schwierigsten Verhältnissen noch ganz andre Tricks ausgeführt.«

»Und der Passepartout des Fürsten?«

»Das ist es, weswegen ich vorhin das Ehrenwort von Ihnen forderte. Wie Kapitän Flederwisch als Dramaturg seinen Plan ausarbeitete, hatte er gleich an eine geheimnisvolle Maske gedacht, mit der er das Publikum düpieren wollte. Ja, das wäre ja herrlich gewesen, aber - das geht doch am wenigsten in Monte Carlo zu machen, wo es mit der Legitimation so genau genommen wird. Hier wußte Lord Roger einen Rat. Der Fürst von Monaco ist diesem englischen Krösus zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet. Mit dem Fürsten hat es bis vor kurzer Zeit sehr faul gestanden. Viele Familienschulden. Und die Spielbank ist vom Landesvater ebenso abhängig wie der Landesvater von der Spielbank, von wegen, Sie wissen ...« Nobody machte mit den Fingern die Bewegung des Goldzählens, » ... und hier war die Möglichkeit vorhanden, die Wintergäste auch im Sommer festzuhalten, daß sie ihr Geld lassen ... na, kurz und gut, es wurde gemacht, der Passeportout ausgestellt!«

Fürst Alexjeff war aufgestanden, um einige Gänge durchs Zimmer zu machen, wobei er immer nur den Kopf schüttelte. Sein >un-er-hört!< sagte er jetzt nicht mehr - vielleicht, weil nun der Fürst von Monaco in Betracht kam.

»Eben aus diesem Grunde,« fuhr Nobody fort, »hätte niemand erfahren, wer eigentlich hinter diesem maskierten Prinzen von Monte Carlo steckte. Wozu auch? Diese englischen und amerikanischen Milliardäre belustigen sich nur, wie das Publikum Mund und Nase aufsperrt, und das genügt ja auch. Übrigens ist es ja jetzt noch ganz genau dasselbe. Der Kapitän wird jetzt noch einen Haupttrick ausführen, und dann wird er wieder spurlos von der Bühne verschwinden, so unbekannt, wie er zum ersten Male aufgetreten ist. Nur mit Ihnen, Durchlaucht, muß eine Ausnahme gemacht werden. Sie müssen jetzt in alles eingeweiht werden. Sehen Sie, Durchlaucht, das, was ich geschrieben habe, und was Sie vorhin gelesen haben, wie ich nach der Insel geschwommen und dem Manne mit der weißen Lampe nachgeschlichen bin, wie ich in den Tunnel drang und den Kapitän und den Knaben ohne Maske beobachtet usw. usw. - an alledem ist doch kein einziges, wahres Wort ...«

Mit einem Ruck blieb der Fürst in der Mitte des Zimmers stehen.

»Waaas? Das alles - ist - gar nicht - wahr?!«

»I, Gott bewahre, der ganze Bericht ist nur ein Erzeugnis meiner Phantasie,« entgegnete Nobody mit dem größten Gleichmut.

Der alte Fürst war stehen geblieben - jetzt blieb auch noch sein Verstand stehen. Er sah bald wie ein Irrsinniger aus, so stierte er den andern an.

»Das heißt,« fuhr Nobody unbeirrt fort, »nach der Insel bin ich wohl einmal geschwommen, um dem Spuk auf den Grund zu kommen, aber das ist von einem ganz andern Gesichtspunkte aus zu betrachten. Ich bin doch der Hauptmacher von der ganzen Sache. Der Spuk ging erst von mir aus. Als ich nach der Insel schwamm, wollte ich untersuchen, wo die Leiche ...«

»Sie sind - der Hauptmacher - von der ganzen Sache?« echote der Fürst.

»Jawohl. Sie kennen doch die Ordonnanz des Kapitäns, den dicken Wilm mit der Hornbrille und den X-Beinen?«

»Ich habe ihn oft genug gesehen.«

Nobody spuckte seinen Primtabak zum Fenster hinaus.

»Der bin ich selbst.«

Fürst Alexjeff war überhaupt keines Wortes mehr fähig.

»Ich bin mit Kapitän Flederwisch geschäftlich eng verbunden. Wir arbeiten in Kompanie. Er deckt mich. Davon aber darf die Welt nichts erfahren. - Wir müssen bei dieser ganzen Geschichte drei Parteien mit verschiedenen Interessen unterscheiden: für den Kapitän handelte es sich darum, sich die prachtvolle Motorjacht zu verdienen, die englischen und amerikanischen Herren wollten sich nur einmal amüsieren; und ich faßte diese Gelegenheit beim Schopfe, um eine journalistische Fehde siegreich zu Ende zu führen. - Seit langer Zeit schon greifen nämlich die Gebrüder Hobwell in ihren 78 Zeitungen das >Worlds Magazine< in schärfster Weise an, nennen es ein Schundblatt usw., mich nennen sie einen Hokuspokusmacher. Wohl! Mögen sie recht haben! Ich aber wollte ihnen nun einmal einen Hokuspokus vormachen, daß ihnen die Augen übergingen. Hierzu hatte ich jetzt die beste Gelegenheit. Ich ließ das Gerücht verbreiten, ich hätte mich von Mr. World in Unfrieden getrennt, seine Zeitung bestätigte es. Unterdessen wurde hier die Harlekinade mit dem maskierten Kapitän aufgeführt. Ich also bin der x-beinige Wilm, ich arrangiere alles, ich bin der Hauptmacher vom Ganzen, wenn auch nur hinter den Kulissen. - Es hält sich hier ein Mr. Hobwell auf. Er hat schon viel darangesetzt, die geheimnisvolle Maske des Kapitäns zu lüften, aber immer vergebens. Seit Mr. Dixon von der >ruhelosen Seele< den elektrischen Schlag wegbekommen hat, wobei diesmal Lord Roger als deus ex machina im Hintergrunde stand, findet sich nicht so leicht wieder ein Reporter, der solch ein Wagnis unternimmt. Nun nehmen Sie an, ich gehe zu Mr. Hobwell, stelle mich vor - ich bin Nobody, Sie wissen doch, daß ich mich von Mr. World getrennt habe, ich habe den Fall des Prinzen von Monte Carlo auf eigne Faust untersucht, habe bereits alle Geheimnisse enthüllt, hier ist schon mein Bericht - was geben Sie mir dafür? Dieser Hobwell hat mich zwar einen Hokuspokusmacher genannt, aber er weiß doch, wer ich bin, und was ich kann. Ich sage Ihnen: er würde mir vor Freude gleich um den Hals fallen und mich abküssen - und außerdem mir goldne Berge versprechen. Er liest also das Manuskript, und ich gewähre ihm, um ihn von der Wahrheit zu überzeugen, einen Blick hinter die Kulissen, wenn auch nur einen flüchtigen. Jetzt wird mein Spezialbericht in den 78 Zeitungen veröffentlicht. Unter anderm wird darin auch erzählt, wie ich, der Detektiv Nobody, mich 40 Meter tief unter der Erde mit dem x-beinigen Wilm herumprügle. Wir beide balgen uns, daß die Haare nur so in der Nachbarschaft herumfliegen. Und da mit einem Male veröffentlicht >Worlds Magazine< einen andern Artikel von mir, in dem ich die Wahrheit erzähle - wenn ich auch nicht sage, daß der maskierte Kapitän mein Freund und Kompagnon Flederwisch ist - aber ich selbst habe erst die ganze Komödie arrangiert, ich selbst bin dieser x-beinige Wilm, und ich liefere den Beweis dafür! Verstehen Durchlaucht? Die Gebrüder Hobwell samt ihren 78 Zeitungen sind unsterblich blamiert, die Lacher sind auf unsrer Seite, die Abonnentenzahl von >Worlds Magazine< schnellt gleich um einige Zehntausend in die Höhe, und das ist mein eigner pekuniärer Vorteil, und ich habe den Sieg in dieser journalistischen Fehde davongetragen. Ich gestehe ja ganz offen, das ist nicht eben fein gehandelt, aber ... das ist der Krieg.«

Und Nobody schnippselte gleichmütig ein neues Stückchen Kautabak zurecht.

Der alte Diplomat aber stand noch immer mitten in der Stube, und jetzt faltete er die Hände über dem Leibe, blickte zur Decke empor und schüttelte langsam den Kopf. Nein, auf solche Finessen war seine Diplomatie denn doch noch nicht gekommen!

»Die Geschichte mit der Prinzeß Turandot,« nahm Nobody wieder das Wort, »und daß Kapitän Flederwisch sein Herz in Liebe verlor, das war in meinem Programm nicht vorgesehen. Das ändert nun vieles, alles. - Durchlaucht!«

Nobody stand auf und trat einen Schritt auf den Fürsten zu, seine Stimme nahm einen ganz andern Klang an. »Ihnen, Ihrer Tochter und meinem Freunde zuliebe sehe ich von der ganzen Sache ab, ich gehe nicht zu Hobwell, nichts soll veröffentlicht werden, alles soll im Sande verlaufen, aber ... jetzt kommen Sie mit mir und segnen Sie den Bund Ihrer Tochter mit meinem jungen Freunde!«

In diesem Augenblicke kam es dem Fürsten voll und ganz zum Bewußtsein, wie er in die Gewalt dieses rätselhaften Mannes gekommen war, auf Gnade und Ungnade; wie mit Bärenpranken hielt derselbe ihn umklammert, und er wußte nicht, ob er staunen solle, wie dieser Mann das so geschickt fertig gebracht hatte, oder ob er sich vor ihm entsetzen solle.

Es blieb ihm ja kaum noch etwas andres übrig, als auf alles einzugehen, sein Kosak ließ sich ja überhaupt von ihm gar nichts sagen - er war eben mit dem Grafen Maximilian fünf Minuten zu spät gekommen - und wenn er doch noch zögerte, so geschah dies aus einem andern Grunde.

»Wenn ich nun gleich, als Sie als Brautwerber Ihres jungen Freundes kamen, nachdem ich mich über ihn näher erkundigt hätte und mit allem zufrieden gewesen wäre, mein Jawort gegeben hätte, was dann?«

»Ja, das wäre sehr schön gewesen,« entgegnete Nobody. »Da hätten Sie von dem ganzen Krempel überhaupt gar nichts erfahren. Ich wäre der Privatgelehrte Jules Bertran geblieben, hätte Ihnen sehr bald einen stattlichen Herrn als den Kapitän Paul Müller vorgestellt, er wäre mit Ihnen nach der Einsiedelei zu Ihrer Tochter gegangen, und alles wäre in Ordnung gewesen. Niemals hätten Sie erfahren, was die beiden schon für dumme Streiche gemacht haben, daß dieser Herr Paul Müller der maskierte Prinz von Monte Carlo ist usw. Wenigstens jetzt hätten Sie es nicht erfahren, vielleicht später einmal! Diese bittere Stunde wäre Ihnen jedenfalls erspart geblieben. Aber als Sie mir die Türe wiesen, mich quasi hinausschmissen - da freilich mußte ich frisch vom Leder ziehen.«

Der so schwer geprüfte alte Mann konnte doch noch lächeln.

»Und jetzt wird nichts mehr über diese Sache veröffentlicht?«

»Gar nichts. Prinzeß Turandot verläßt ihre Einsiedelei, sie ist des trocknen Brotes und Wassers und der ganzen Weltentsagung eben überdrüssig, und auch der Prinz von Monte Carlo wird wieder verschwinden, ohne daß die Welt erfährt, wer der maskierte Kapitän der Heliotrop eigentlich gewesen ist. Nur noch eine einzige Überraschung soll dem leichtgläubigen Publikum bereitet werden, dann fällt der Vorhang.«

»Was für eine Überraschung?«

»Kommen Sie mit mir, ich werde Sie schon vorher hinter die Kulissen blicken lassen! Erst aber beruhigen Sie Ihre Tochter, denn schwere Sorgen hat sie doch; sie liebt ihren Vater trotz alledem mit aller Kraft ihres jugendlichen Herzens; und dann heißen Sie den, welchen Ihre Tochter noch inniger liebt als den Vater, weil das eben die Natur so will, als Ihren Schwiegersohn willkommen, und wenn Ihnen meine Versicherung nicht genügt, daß es ein ehrenwerter Mann ist, so holen Sie über ihn Auskunft ein bei Lord Roger und Mr. Carnegie.«

Wie schon gesagt, auch dieser russische Fürst beugte sich vor dem roten Golde, und die Namen >Lord Roger< und >Carnegie< hatten für ihn noch einen besonderen Klang. Wenn diese für jenen Mann gutsagten, dann war auch wirklich alles gut, und daß diese beiden mit hinter den Kulissen steckten, das nahm dem frevelhaften Spiele auch schon die ganze Ungeheuerlichkeit.

»Wohin führen Sie mich?«

»In meine Wohnung, die ich als Monsieur Bertran innehabe.«

»Was soll ich dort?«

»Dort beginnt der Faden der Ariadne, den wir zu verfolgen haben, um uns aus dem Labyrinth herauszufinden.«

»Gut, ich folge Ihnen!«

Der Fürst ließ sich Stock und Hut bringen; der Diener hatte sich wieder entfernt, der alte Herr war schon auf dem Wege zur Tür, als er plötzlich stehen blieb, seinen Begleiter starr ansah und die Hand auf die Stirn legte.

»Ja, wie ist mir denn?« murmelte er. »Sie wollen mich zu Herrn Kapitän Müller führen?«

»Jawohl, auch Kapitän Flederwisch genannt.«

»Das ist doch aber ... der Maskierte, der Prinz von Monte Carlo?«

Nobody wunderte sich nicht, daß jener dieser Vermutung erst jetzt Ausdruck gab, er wußte schon, was dem alten Herrn jetzt plötzlich eingefallen war und ihn stutzig machte, und innerlich amüsierte er sich.

»Gewiß doch, das ist ein und dieselbe Person.«

»Ja, aber ... jetzt sofort soll ich ihn sehen?«

»Jetzt sofort. Und den Lord auch.«

»Den Lord Roger?«

»Auch den Lord Hannibal Roger.«

»Ja, aber ...,« fing der alte Herr immer wieder an, »ich denke ... die sind nach der Südsee ... nein, nach der marokkanischen Küste hinübergefahren ... und der Lord ist doch ...«

»Sogar enthauptet worden,« kam Nobody dem Fassungslosen zu Hilfe. »Freilich, die Madame Pompadour war doch selbst bei der Hinrichtung, hat mit eignen Augen gesehen, wie dem armen Lord das Haupt vom Rumpfe geschlagen wurde, und da muß es doch wahr sein.«

»Ja, ist es denn nicht ...«

»Na, kommen Sie nur mit, Durchlaucht,« lachte Nobody jetzt aus vollem Halse, »wir dampfen eben von meinem Häuschen aus direkt nach der Pirateninsel an der marokkanischen Küste, dort wird Ihnen der kopflose Lord nähere Erklärungen geben.«

Noch einen unsichern Blick nach dem lachenden Sprecher, dann stampfte der Fürst ärgerlich den Stock auf, aber er lachte selbst dabei.

»Zum Teufel, da werde der Kuckuck daraus klug! Ich kann's nicht. Ich glaube, das Einfachste ist es, ich gehe mit Ihnen.«

Und er folgte gehorsam dem Manne, dem er vor einer halben Stunde die Tür gewiesen hatte.



Hiermit ward auch einmal angedeutet, was die dem Pökelfleischfasse entstiegene Pompadour alles erzählt hatte. Natürlich flunkerte sie fürchterlich, vielleicht unbewußt, hielt ihre eigene Phantasie für Wirklichkeit, glaubte wahrscheinlich schon selbst, wie sie erzählte, dabeigewesen zu sein, wie der unglückliche Lord Roger seinen Fluchtversuch mit dem Kopfe büßen mußte, und solche Erzählungen wußte sie mit allen Details auszuschmücken.

Die Erregung war in Monaco-Monte Carlo natürlich ungeheuer gewesen. Ja, warum sollte man denn aber auch der Pompadour keinen Glauben schenken? Sie war doch mit der Heliotrop fortgefahren! Das hatte man gesehen. Und wie kam sie nun in dem zugenagelten Fasse nach dem Strande von Monaco?

Alles, was sie erzählte, beruhte eben auf buchstäblicher Wahrheit.

Auch der Brief, den sie an ihre Zofe geschrieben hatte, war angekommen und trug wirklich den Poststempel von Marokko. Freilich hatte er Monte Carlo zwei Tage später erreicht als die Schreiberin. Das kam eben daher, weil die Postverbindung zwischen der Pirateninsel und Marokko nicht so häufig war.

Auch die andern Damen hatten geschrieben, alle Briefe trugen den marokkanischen Stempel, und sie alle enthielten erst die sensationellsten und dann die schauderhaftesten Berichte, keiner widersprach dem andern.

Ja, was sollte man nun zu alledem sagen?

Man war empört, daß sich die Polizei dem gegenüber so gleichgültig verhielt. Wenn es nach den Heißblütigen gegangen wäre, so hätte gleich die französische Kriegsflotte abdampfen müssen, um die Pirateninsel zu suchen und diesen Karabaß zur Bestrafung heranzuziehen. Andre meinten, daß hierzu die Armee von Monaco vollkommen genüge.

Dies letztere mochte ein Witz sein, Tatsache aber war, daß sich schon ein Komitee bildete, um zu beraten, wie man die Damen befreien könne, ohne welche Monte Carlo kein Monte Carlo ist.

Wirklich schade, daß die Beschlüsse dieses Komitees nicht zur Ausführung kamen! Das hätte noch einen herrlichen Spaß gegeben!

8. Über und unter der Erde

»Bitte, treten Sie ein!«

Mit diesen Worten öffnete Nobody die Tür seines Arbeitszimmers, und der Fürst sah sich einem Manne gegenüber, welcher soeben von dem Schreibtische aufgestanden war. Er trug eine kurze Jacke mit silbernen Knöpfen.

»Seine Durchlaucht Fürst Alexjeff - mein Diener Jean,« stellte Nobody vor, den Hut lüftend. »Habe die Ehre.«

Der alte Fürst machte wieder einmal ein sehr verdutztes Gesicht. Einem livrierten Diener vorgestellt zu werden, das war er nicht gewöhnt.

»Nein, nein,« setzte aber Nobody lachend gleich hinzu. »Wohl spielt Mr. Hawsken jetzt die Rolle meines Dieners, in Wirklichkeit aber ist er mein erster Sekretär.«

Dann wandte Nobody das Gesicht nach der offenstehenden Tür, welche zum Nebenzimmer führte.

»Wilm!«

»Was denn?« erklang drüben eine bärbeißige Stimme, welche der Fürst schon mehrmals gehört hatte, so zum Beispiel damals in dem Kutter.

Wie? Hatte Nobody nicht gesagt, daß er selbst dieser Wilm sei? Nun, es konnte ja auch noch ein andrer den Namen Wilm führen, und dieser hatte eben auch so eine grobe Stimme.

»Was machst du?« fuhr Nobody fort.

»Nischt!« lautete drüben die prompte Antwort.

»Komm herüber und bringe die große Lampe mit!«

»Wozu denn?«

»Du sollst einem Herrn leuchten.«

»Wohin denn?«

»In den Tunnel.«

»Warum denn?«

Der russische Fürst staunte. Na, wenn das sein Diener gewesen wäre! Jetzt verlor aber auch Nobody die Geduld.

»Na, mach schnell, bringe die Lampe!«

»Ach, ich habe keene Zeit,« erklang jetzt drüben die grobe Stimme im phlegmatischsten Tone.

Noch immer ging Nobody nicht selbst hinüber.

»Ich denke, du hast nichts zu tun?«

»O ja,« kam es faul aus dem Munde des unsichtbaren Geistes, »ich dressiere einen wilden Regenwurm.«

»Wart, ich will dich Regenwurm dressieren -!«

Mit einem Satze war Nobody durch die Tür und im Nebenzimmer verschwunden, und nun entspann sich drüben eine heiße Balgerei, anders konnte es wohl nicht sein, der Herr konnte nicht nur den frechen Diener prügeln, dieser mußte sich auch wehren. Tische rückten, Stühle stürzten polternd um, auch ein Glas zerbrach, und zwischen den knallenden Schlägen immer zwei Stimmen.

»Du - un-ver-schämter - Lümmel!« donnerte Nobody.

»Au - autsch - ich habe Ihnen doch gar nichts getan?!« heulte der Baß.

»Da - hast - du - noch einen!«

»Das waren vier.«

»Und da einen fünften als Zugabe!«

»Das war nur ein halber.«

»Soll ich dir die Knochen im Leibe zerbrechen?«

»Aaahoouuuh ... Master, Master, halten Sie um Gottes willen ein, Sie verlieren ja Ihre Blumen aus dem Knopploch!!«

»Hinüber mit dir!«

»Zertreten Sie nur meinen Regenwurm nicht!«

»Marsch!!!«

Der Fürst war sprachlos vor Staunen, wußte gar nicht, was er davon denken sollte, daß hier vor seinen durchlauchtigsten Augen oder vielmehr vor seinen durchlauchtigsten Ohren - denn sehen konnte er nichts - solch eine wüste Szene aufgeführt wurde.

Übrigens dauerte es nicht lange, nur wenige Sekunden, die Worte wechselten blitzschnell hin und her, und wie nun Nobody sein letztes >Marsch!!!< donnerte, da kam wie eine Granate durch die Tür eine hemdsärmlige Gestalt herein geschossen und stand plötzlich vor dem Fürsten - und dieser sah die große Hornbrille, den dicken Bauch, diese fürchterlichen X-Beine - es existierte also dennoch ein Wilm, hier stand er ja vor ihm! - und was ihm die Schwungkraft gegeben, das war schon daraus erklärlich, daß sich Wilm, den Bauch noch etwas weiter vorreckend als sonst, mit beiden Händen sein Hinterteil hielt, auf welchem sich Nobodys Stiefel verewigt hatte. So stand er einige Augenblicke vor dem fassungslosen Fürsten, da aber wuchs der kleine Mann mit einem Male in die Höhe, das kam daher, weil seine Beine plötzlich gerade wurden, er legte beide Hände auf den dicken Wanst, preßte darauf, ein pfeifender Laut, es war nicht anders, als wenn ein Luftkissen ausgepreßt würde - und das war es ja auch. Seine Durchlaucht bekam die aus dem Schmerbauch herauspfeifende Luft sogar direkt ins Gesicht - nun noch die Hornbrille abgenommen und ...

»Ernst ist das Leben, heiter die Kunst,« sagte Nobody nach seiner Hausjacke greifend. »Oder ist das nicht die wahre, heitere Kunst, die hiermit gemeint ist? Dann habe ich mich geirrt, und irren ist menschlich. Verzeihen Durchlaucht nur, daß ich mich in Hemdsärmeln präsentiert habe.«

Jetzt konnte der Sekretär sein Lachen nicht mehr verbeißen. Wahrscheinlich aber lachte er nur über das dumme Gesicht des Fürsten.

»Ach nee! Sind Sie's denn nur wirklich?«

»Wenn Durchlaucht Nobody meinen - ja, der bin ich.«

»Aber wo ist denn der Wilm?«

»Der bin ebenfalls ich.«

»Sie balgten sich doch drüben mit ihm herum?«

«Nein, ich rückte nur einen Tisch, klatschte darauf und warf zwei Stühle um, während ich schnell das Luftkissen aufpumpte, welches ich unter der Weste trage.«

Jetzt bemerkte der Fürst oder dachte daran, daß die Ordonnanz, so wie sie eben vor ihm gestanden, ja einen weißen Kragen und andre Kleidungsstücke angehabt hatte, wie sie der Matrose sonst nie trug, aber das war alles so schnell vor sich gegangen, daß das gar nicht aufgefallen war.

»Aber Sie sprachen doch mit einer Person, auch hier von diesem Zimmer aus.«

»Das besorgte alles ich allein.«

»Ah, Sie sind Bauchredner?«

»Das gehört mit zu meinem Beruf. Ich bitte Durchlaucht um Verzeihung, daß ich mir solch einen etwas groben Scherz erlaubt habe. Ich wollte Durchlaucht nur einen kleinen Beweis geben, daß ich wirklich der durch seine Verwandlungen bekannte Nobody bin. Und dann ... ich führte vorhin das Zitat nicht ohne Grund an. Das Leben ist manchmal sehr ernst, und wenn man sich nicht selbst Spaß macht - andre tun einem den Gefallen nicht.«

Jetzt kam es dem Fürsten zum Bewußtsein, was er soeben erlebt hatte, und auch er brach in ein schallendes Gelächter aus. Fürwahr, dieser Mann war eine gute Medizin für Melancholiker!

Unterdessen holte Nobody selbst aus dem Nebenzimmer die gewünschte Lampe, brannte sie an und ging auf den großen Kleiderschrank zu.

»Und laß dir raten, habe die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne - komm, folge mir ins Reich der Nacht!«

Mit diesem neuen Zitat hatte er die beiden Türen des Kleiderschrankes geöffnet. Garderobe sah man nicht, wohl aber ragte aus dem Boden der Anfang einer Leiter hervor.

»Diesen Tunnel oder vielmehr diesen Schacht haben meine Leute erst gegraben,« erklärte Nobody. »Hier unter uns führt ein Tunnel von der Mäander-Burg nach der Einsiedelei der Prinzeß und weiter bis zum Turm des Augustus in La Turbie, das älteste Bauwerk dieser Gegend, wie überhaupt dies alles noch aus den Zeiten der Römer und Mauren stammt. Wir berechneten den Gang des Tunnels an der Erdoberfläche, eine Projektionsarbeit, und fanden, daß dieses Häuschen ungefähr gerade daraufstand; sofort kaufte ich es und ließ durchbohren. Zeit, um Marmorstufen zu legen, hatten wir nicht, und eine gesunde Hühnerleiter ist sicherer als ein kranker Fahrstuhl. Bitte, folgen Sie mir, es ist ein ganz bequemer Weg!«

Es war zwar ein etwas starkes Verlangen, daß der schon sechzigjährige Fürst auf einer Leiter ins dunkle Ungewisse hinabklettern sollte, aber Nobody hatte ganz recht, die Leiter war solid, und wer nicht gerade am Delirium tremens litt, konnte auf ihr die Balance nicht verlieren.

Nobody war schon in der Tiefe verschwunden und schickte einen hellen Lichtstrahl herauf, der alte Herr riskierte es, er tat den ersten Schritt.

»Sie können auch fallen, wenn Durchlaucht das vorziehen, ich fange Sie ganz sicher und weich in meinen Armen aus,« fuhr unten Nobody in unverwüstlichem Humor fort. »Es gibt noch einen andern unsichtbaren Weg ins Heiligtum, aber der führt durchs Wasser, und dazu muß man auch noch zwei Minuten lang den Atem anhalten, und das ist nicht jedermanns Sache. Übrigens werde ich gleich das elektrische Licht andrehen.«

Der Fürst war schon unterwegs, er erreichte eine Plattform, von einem Brette hergestellt, welches von Balken gestützt wurde, noch eine lange Leiter hinab, und wie der Fürst festen Boden unter seinen Füßen fühlte, flammte auch schon elektrisches Licht auf, fast Tageshelligkeit verbreitend.

Der alte Herr sah einen langen, gewölbten Gang, alles mit Quadersteinen ausgemauert. An der Wand liefen grünumsponnene Drähte, hin und wieder hing von der Decke eine Glühlampe herab.

»Als wir diese Gänge entdeckten,« fuhr Nobody in seiner Erklärung fort, »sah es hier ganz anders aus. Nicht so reinlich, nicht so gemütlich. Überall Menschenknochen mit den dazugehörenden Schädeln, und zwar der Kopfform nach Mauren. Hier muß einmal ein ganzes Bataillon Sarazenen verhungert sein. Wahrscheinlich waren die Zugänge von einem Erdbeben verschüttet worden. - Aber damals war hier natürlich noch kein elektrisches Licht gelegt.«

»Das glaube ich wohl,« mußte der Fürst denn doch über diesen trocknen Zusatz nach der vorausgegangenen, grassen Beschreibung lachen. »Woher bekommen Sie die Elektrizität?«

»Von der Mäander-Burg. Das Elektrizitätswerk freut sich, daß der maskierte Kapitän so viel Kraft verbraucht. Das Volk in Monaco denkt natürlich, er frißt die Elektrizität - vielleicht zur besseren Verdauung, wenn er zu viel Mädchen verspeist hat. Das löst die Haare im Magen.«

Und in dieser Weise ging es weiter. Der alte Fürst achtete gar nicht seiner Umgebung, wußte gar nicht, wie viele Gänge und Treppen er schon hinter sich hatte, er lauschte nur dem Plaudern seines Begleiters, und dann war er grenzenlos erstaunt, als er sich plötzlich in einem höchst luxuriös ausgestatteten Zimmer sah.

»Papa!« ertönte da schon der jubelnde Ruf, und ein leichtes Persönchen hing an des alten Mannes Halse. »Wenn du selbst kommst, dann ist ja alles wieder gut, und ich habe dir auch wirklich einen Strumpf gestrickt, du kannst ihn auch wirklich anziehen, aber ich habe drin die Hacke vergessen, und nun gib mir eine recht tüchtige Ohrfeige und dann sei wieder gut mit mir!« -

Wir wollen nicht wissen, ob der Kosak die wohlverdiente Ohrfeige erhielt oder nicht, ob der Papa den hackenlosen Strumpf gleich anzog oder nicht - wir wollen auch nicht dabeisein, wenn sich zu den beiden Kapitän Flederwisch gesellt, welcher seinen frühern Vollbart etwas verändert und ihn wie die Kopfhaare schwarz gefärbt hat, um auch ohne Maske nicht erkannt zu werden.

Wir bleiben bei Nobody, welcher jetzt als bartloser, junger Mann erschien, bequem, aber immer noch elegant gekleidet.

Daß er sich im Innern der Mäander-Burg befand, dürfte der geneigte Leser erraten haben. Der Weg nun, welchen er jetzt in dem durch und durch winkligen und mit fast zahllosen Gängen erfüllten Hause nahm, das einem Ameisenbau ähnelte, läßt sich nicht beschreiben. Wenn er ein bestimmtes Ziel im Auge hatte, so sollte er dies nicht erreichen, d. h., er änderte seine Absicht.

Als er sich auf einem Korridore befand, schrillte ein gellendes Glockenzeichen, welches wohl im ganzen Hause und auch noch im tiefsten Keller gehört werden mußte, und als ob es für Nobody bestimmt wäre, so sprang dieser sofort mit drei großen Sätzen an zwei Türen vorbei, riß die dritte Tür auf und stand in einem kleinen Boudoir vor einem Telephon.

»Hier ich. Wer ist dort?«

»Die Seewarte. Wer ist am Telephon?«

»Ich.«

Daß Nobody nicht vergaß, seinen Namen zu nennen, darf wohl geglaubt werden. Er gebrauchte diese besonders bei dienstbaren Geistern beliebte Anmeldung - »Wer klopft? - Ich!« - weil es in diesem Hause am Telephon nur ein >Ich< gab, und das war eben Nobody.

»Was gibt es?« fragte er weiter.

»Von Cigalgi ist soeben ein Herr nach der Teufelsinsel übergesetzt worden.«

»Er wird das Grab eines ihm bekannten Selbstmörders besuchen wollen.«

»Sie haben den Befehl gegeben, daß alles, was auf der Insel vorgeht, Ihnen sofort gemeldet ...«

»Schon gut, ich danke Ihnen. Ist an dem Manne irgend etwas Besondres zu beobachten?«

»Nein. Er hat sich mit Cigalgi längere Zeit unterhalten, Cigalgi selbst begleitet ihn, will ihm jedenfalls ein gewisses Grab zeigen, das jener zu sehen wünscht, jetzt sind die beiden ... halt, einen Augenblick!«

Auf der Seewarte, die sich also auf der andern Seite gemeldet hatte, wurde das Gespräch plötzlich abgebrochen, Nobody wartete einige Sekunden, dann fing das Telephon sehr hastig wieder zu sprechen an:

»Ja, wir irren uns nicht, es ist Ernst von Marbachs Grab, welches er sich von Cigalgi zeigen läßt ... er besichtigt es mit ganz besonderem Interesse ... jetzt geht er an das leere Grab daneben, welches für die Tochter bestimmt war ... jetzt zieht er ein Taschentuch ... trocknet sich die Augen ...«

»Ich komme selbst hinauf. Schluß!«

Nobody klingelte ab, verließ schnell das Zimmer, sein Ziel war ein Fahrstuhl. Eine halbe Minute später befand er sich in dem obersten Türmchen der Mäander-Burg, welches von Lord Roger mit allen Apparaten eingerichtet worden war, die zu einer Seewarte gehören. Vor allen Dingen war auch ein sehr großes, drehbares Fernrohr vorhanden.

In dem Turmgemach waren zwei Herren anwesend; der eine stand vor dem großen Fernrohr, trat jetzt zur Seite, Nobody brachte sein Auge daran.

»Stimmt,« brummte er, »ein noch junger Mann, blaß, schwarze Locken - sieht gerade wie ein verhungerter Künstler aus. Was hat sich der Kerl die Augen zu wischen? Wer mag das sein? Halt, da fällt mir ein, das könnte ... Jetzt zieht ihn Giuseppe seitwärts auf einen freien Fleck. Was soll das? Giuseppe blickt und deutet offenbar gerade hierher nach der Mäander-Burg, und er weiß, daß die Insel immer von uns beobachtet wird, und der intelligente Bursche gibt sich die größte Mühe, daß wir ihn verstehen, deshalb auch hat er den Mann auf den freien Platz gezogen ...«

»Das sieht gerade aus, als ob Giuseppe ihn uns auf den Hals schicken wollte, er soll nach der Männder-Burg gehen und dort weitres wegen des leeren Grabes erfragen,« meinte der eine Herr, welcher ebenfalls durch ein Fernrohr nach der Insel spähte.

Mit einer hastigen Bewegung wandte Nobody sein Gesicht dem Sprecher zu, der ihn unterbrochen hatte.

»Sie sind wohl verrückt!?« fuhr er jenen nicht eben höflich an. »Oder halten Sie Giuseppe wirklich für so dumm, daß er einen Fremden in ein Haus schickt, von dem ganz Monaco weiß, daß es unbewohnt, daß kein einziger Mensch drin ist?«

So war es, so mußte es sein!

Als der maskierte Kapitän sich mit den 36 Damen an Bord der Heliotrop begeben hatte, um davonzufahren, waren, wie man dann später auskundschaftete, in der Mäander-Burg noch zwei Matrosen und ein Mann gewesen, welcher wohl der Hausmeister war. Noch an demselben Tage sah man diese drei Männer die Mäander-Burg verlassen, die sämtlichen Pferde mitnehmend. Sie schlugen die Richtung nach Nizza ein, dann erfuhr man, daß der Pferdehändler die Tiere bereits zurückgekauft hatte, und als man sich nun wieder das schlanke Riesenhaus betrachtete, fand man, daß die Läden sämtlicher Fenster geschlossen waren. Es war eben alles schon von langer Hand vorbereitet gewesen, der Prinz von Monte Carlo hatte englischen Abschied genommen.

Und niemand in Monaco hatte auch nur eine Ahnung, daß die Mäander-Burg dennoch bewohnt war, sogar von sehr vielen Menschen. Woher sollte man auch auf diese Vermutung kommen? Keine Tür, kein Fenster öffnete sich, kein Rauch entquoll den Schornsteinen. Das schrille Klingeln konnte man wohl überall innerhalb, aber nicht außerhalb der massiven Felsenmauern hören.

Ebensowenig konnte jemand gesehen werden, der am Tage in dem hohen Türmchen durch die Fernrohre die Umgegend abspähte, danach war hier alles eingerichtet.

Nobody hatte zwar vorhin zu dem Fürsten gesagt, das Elektrizitätswerk freue sich, daß die Männder-Burg jetzt so viel Kraft verbrauche, und die Monacascogner meinten, der Teufelskapitän fräße wohl die Elektrizität - aber das war nur ein Scherz im Laufe der Unterhaltung gewesen.

Das Elektrizitätswerk schickte den Strom nach der Gaumates-Schlucht, ohne zu wissen, wieviel ein jedes der dort stehenden Häuser davon entnahm. Das wurde nur vierteljährlich kontrolliert, und bis dahin war noch lange Zeit. Erst wenn dann das fragliche Haus nicht geöffnet wurde, schnitt man ihm die Leitung ab.

Nur ein einziger Mann schien in das Vertrauen gezogen worden zu sein, ohne daß er sonst etwas mit der Mäander-Burg zu tun hatte - Giuseppe Cigalgi, der Fährmann.

Der zurechtgewiesene Herr schwieg beschämt.

»Nein,« fuhr Nobody fort, wieder sein Auge an das Fernrohr bringend, »so dumm ist Giuseppe nicht. Mir kommt es eher vor, als wolle er, daß jemand nach der Insel komme - jawohl, jetzt winkt er sogar, allerdings ganz unauffällig, macht es sehr geschickt. Gut, ich komme. Aber auf die Insel gehe ich lieber nicht, ich will alles vermeiden, was Aufmerksamköit erregen kann - Mr. Andree, ist etwas Neues über die Arche Noah eingelaufen?«

«Ja, gestern abend um die neunte Stunde ist die Madame Orranda in Monte Carlo gesehen worden. Sie war in der Apotheke und hat Heftpflaster geholt, gleich für drei Francs. Dann ist sie von dem Beobachter eine Stunde später auf dem Wege von Monte Carlo gesehen worden, und da hat sie ein andres Weib bei sich gehabt, anscheinend jung, sie hat es mit sich in die Arche Noah genommen.«

»Wer ist die Zweite gewesen?« fragte Nobody, ohne das Auge vom Fernrohr zu nehmen.«

»Das konnte nicht festgestellt werden. Die unbekannte Frau war dicht verschleiert, oder sie hatte wohl eine Kapuze über dem Kopf. Mr. Row kann Ihnen alles genau berichten.«

»Das weiß ich, dafür bezahle ich den Row, aber ich habe jetzt keine Zeit, ich will nur das Notwendigste von Ihnen hören. - Mr. Fittmann, bitte holen Sie mir eine Badehose!«

Der zweite der Herren schien gar nicht erstaunt zu sein, daß sein Prinzipal am Fernrohr plötzlich das Verlangen nach einer Badehose hatte, er ging, sie zu holen.

»Nun?«

»Die junge Frau soll scheinbar gar nicht recht gewillt gewesen sein, der Orranda zu folgen,« fuhr Mr. Andree in seinem Berichte fort, »das Skelett hatte einen Arm um sie geschlungen und führte sie mit Anwendung von etwas Gewalt fort, dabei immer auf sie einredend, bis sich die Pforte der Arche Noah hinter ihnen schloß.«

»Was hat die Orranda auf sie eingeredet?«

»Row hat kein Wort vernehmen können. Die Straße war ganz einsam; unbemerkt heranschleichen konnte er sich nicht, und sobald er sich näherte, verstummte das Skelett, packte aber noch fester zu, er konnte hören, wie die junge Frau schluchzte.«

»Also halbe Gewalt! Wo hat das Skelett die Frau aufgefischt?«

»Das kann Mr. Row auch nicht angeben. Er hatte das Skelett nach dem Betreten der Apotheke aus den Augen verloren, und nach einer Stunde hatte sie eben die fremde Frau am Arm.«

»Ist sie aus der Arche Noah wieder herausgekommen?«

»Nein.«

»Hm,« brummte Nobody, noch immer durch das Fernrohr blickend, »diese meine Frage war eigentlich auch ganz überflüssig. Aus der Arche Noah ist noch keine wieder herausgekommen, wenigstens nicht wieder zurück in ihre alten Verhältnisse. Also mit halber Gewalt? Hm, da wird es die höchste Zeit, daß ich endlich - jetzt gehen sie wieder dem Ufer zu, ich muß eilen,« unterbrach er sein Selbstgespräch laut und hastig, von dem Fernrohr zurücktretend. »Teufel, wo bleibt denn nur Fittmann mit meiner Badehose, ich kann doch nicht im Adamskostüm ...«

Der Erwartete trat schon mit der Badehose ein, Nobody nahm sie ihm aus der Hand und eilte davon. Sein Weg führte ihn wieder tief unter die Erde, und obgleich kein Licht brannte und es immer treppauf und treppab ging, behielt er doch in der völligen Finsternis seinen schnellen, elastischen Schritt bei, ohne jemals zu zögern, ohne sich einmal zu stoßen. Aber wir wollen verraten, daß er dabei in Gedanken gewissenhaft zählte, seine Schritte sowohl, wie die Stufen, und nur selten einmal tastete er seitwärts nach der Wand, wo dann auch richtig stets eine Ecke war, an der sich ein andrer Gang abzweigte.

Vor ihm tauchten viele Lichter auf. Elektrische Lampen beleuchteten einige Männer, welche hier mit einer großen Bohrmaschine arbeiteten. Sie wollten die massive Wand durchbrechen. Der Gang war an dieser Stelle gefährlich. Für den Fußgänger blieb nur an einer Seite eine schmale Galerie frei, die andre Seite wurde von tiefem Wasser ausgefüllt.

Es war sehr leicht möglich, daß dies schon Meerwasser war, welches sich von der Seeseite aus bis hierherein durchgewühlt hatte, denn Nobody hatte bereits einen weiten Weg hinter sich, und es war derselbe Gang, welcher schließlich im Turm auf der Teufelsinsel endete. Also mußte er sich auch schon in der Nähe des Meeres befinden.

»Nun, wie weit seid ihr?« fragte Nobody, während er schnell seine Kleider abzustreifen begann.

»Bald anderthalb Meter tief,« lautete die Antwort eines Mannes, welcher der Vorarbeiter zu sein schien.

»Teufel, und immer noch nicht durch?«

»Der Bohrer langt bald nicht mehr.«

»Dann wird ein längerer genommen.«

»Das ist schon der längste, der hier würgt sich auch schon bald ab.«

»Dann wird gemeißelt,« sagte Nobody, sich der Stiefel entledigend.

»Wenn das nur überhaupt eine Wand ist und nicht etwa der massive Felsen,« erwiderte der Mann zweifelnd.

»Es ist eine Wand. Die alte Karte hat sich bisher in den kleinsten Details als richtig erwiesen, sie wird sich auch diesmal nicht irren. Ich war doch überhaupt schon selber drüben. Ich gehe jetzt wieder hinüber. Die Dicke kann ich freilich nicht abmessen, da irrt man sich im Wasser zu sehr, besonders wenn man dabei tauchen und schwimmen muß. Bohrt nur los! Dicker als zwei Meter kann es nicht sein, es muß schnellstens ein geheimer Zugang geschaffen werden.«

»Ja, wenn wir sprengen könnten!«

»Unsinn, wir dürfen die Jungfern dort oben nicht durch Kanonenschüsse erschrecken, zumal wenn sie im Gebete liegen.«

»Ich denke mir, die Weiber treiben etwas ganz andres, als daß sie beten.«

»Du magst recht haben, Bruno. Nun, wir wollen bald in der Arche Noah Umschau halten. - Meine Sachen bleiben hier liegen.«

Nobody war nackt bis auf die Badehose. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, trat er sofort an das Bassin, dessen Wasserspiegel nur einen Fuß tiefer stand, hob die Arme hoch, schöpfte tief Atem und - war mit einem Satze kopfüber in der Flut verschwunden. Er kam nicht wieder zum Vorschein.

Die Männer ließen die Arbeit ruhen, mit offenbarer Scheu blickten alle auf das dunkle, in seiner Ruhe gestörte Wasser, wie sich auf ihm Kreise zogen.

»Otto,« brach endlich einer das lange Schweigen, »du kannst doch auch wie ein Seehund schwimmen und tauchen, ich hab' dir oft genug zugesehen, wie du die Steine herausholtest - würdest du das nachmachen?«

»Nicht für drei Taler - nee, nicht für drei Millionen Taler,« antwortete der Gefragte, und er schüttelte sich vor Grauen. »Und wenn ich hier verhungern müßte und auf der andern Seite stände ein gedeckter Mittagstisch - nee, ich riskierte es nicht. Daß das Loch, in welches er erst kriechen muß, sich vier Meter unter der Wasseroberfläche befindet, das stimmt, das habe ich selber mit einer Stange sondiert. Nun tauche mal vier Meter tief! Hier oben ist das nichts, aber unterm Wasser! Was da schon für ein Druck herrscht! Das will einem gleich die Trommelfelle eindrücken. Und in diesem engen Loche, wo er gar nicht richtig mit den Armen und Beinen ausstreichen kann, muß er wenigstens eins halbe Minute schwimmen, ehe er drüben wieder herauskommt. Er hat's gesagt, er muß immer ungefähr hundert schnelle Stöße zählen, ehe er drüben ist. Ei, daß ist ein Kerl?!«

Eine größere Bewunderung, als dieser einfache Matrose sie in seine letzten Worte zu legen verstand, hätte dem Schwimmer niemand zollen können.

»Woher hat er denn gewußt, daß hier unterm Wasser so ein Loch ist, daß noch einen andern Ausgang hat?« fragte ein andrer.

»Im Keller der Mäander-Burg, von dem aber Lord Roger selbst gar nichts gewußt hat, ist eine alte Zeichnung gefunden worden,« erklärte der kundige Otto, »ein Plan von allen diesen unterirdischen Gängen, welche die alten Sarazenen oder gar die Römer hier gegraben haben, auf ein Stück Leder gemalt. Da ist auch dieses Loch angegeben, welches durch die Arche Noah hindurch ins offne Meer führt. Das heißt, das ist alles nur durch bunte Striche angedeutet. Maße und so etwas gibt's da nicht drauf.«

»Du warst dabei, wie er das Loch untersuchte?«

»Ja, und ich wollte, ihr verständet, um was es sich dabei handelte. Denkt nur einmal, da unten vier Meter tief ist ein Loch, das ist ein tiefer Tunnel, aber ob einen Meter lang oder hundert - keine Ahnung! Und nun taucht einmal dahinunter und wollt es ausmessen! Ich wollte ihn anseilen. Nee, gab's nicht. Das würde ihn nur hindern, und ersaufen täte er am Seile auch. Hier auf dieser Stelle habe ich vor ihm auf den Knien gelegen und ihn beschworen, dann solle er höchstens bis sechzig zählen und dann wieder umkehren, und ich Dummkopf dachte nicht einmal daran, daß es so enge Löcher gibt, wo man gar nicht umkehren kann!«

»Und er schwamm gleich drauflos?«

»Natürlich, der ließ sich nicht halten! Und die Minuten vergingen! Ei, was ich da ausgestanden habe! Aber richtig, in fünf Minuten kam er wieder. Ich dachte, es wäre eine Ewigkeit gewesen. Er war wirklich durchgekommen. Während er sich ein bißchen verschnaufte, mußten wir ihm Licht und Feuerzeug bringen, und dann ging es gleich wieder hinab ...«

»Brannte denn das Licht unten im Wasser?« fragte ein geistig nicht allzu begabter Matrose.

»Das nahm er wasserdicht eingepackt mit, Döskopp! Dieser Wassertunnel endet nämlich nicht etwa schon draußen im offnen Meere, noch lange nicht. Der mündet erst in einer großen Höhle in dem Felsen, auf dem die Arche Noah steht. Das ist ja hier alles ausgewaschen. Dazu aber muß auch früher einmal das Meer hierhereingeflutet haben, dann hat sich der vordere Teil der Höhlen gesenkt, und so sind die vom Wasser abgeschlossenen Zugänge entstanden. Das ist alles auf dem alten Leder verzeichnet. Und Nobody fand denn auch richtig den zweiten unterirdischen Tunnel, der aus der Höhle hinaus ins offne Meer führt.«

»Wozu wird denn nun hier der Felsen durchbrochen?«

»Damit man bequemer in die große Höhle hinüberkommen kann. In diese Höhle führt von der Arche Noah eine steinerne Treppe hinab, am Eingang nur durch eine einfache Falltür verschlossen. Nobody ist schon oben gewesen, die Falltür konnte er heben, er hätte ins Innere der Arche Noah eindringen und die verrückten Weiber beobachten können, hat es auch schon ein bißchen getan; aber er muß verdammt vorsichtig sein, daß er die Weiber nicht mißtrauisch macht. Da will er sich nächstens lieber als Frauenzimmer verkleiden und ordentlich zu der Fonserra hineingehen, da erfährt er doch alles. Wenn aber nun irgend etwas passiert, da muß er schnell Reißaus nehmen. Ich habe gehört, wie er zu seinem Sekretär sagte, solche verrückte Weibsbilder wären zu allem fähig, und dann wären sie schlimmer als die Hyänen. Wenn also nun etwas passiert, dann kann Nobody durch die Falltür in die Höhle und hierherein flüchten.«

»Dann brauchte er aber doch nur wieder durch den Tunnel zu schwimmen, wie er schon oft getan.«

»Und wenn er nun Sachen anhat? Sogar Frauensachen? Und die wütenden Weiber sind dicht hinter ihm her? Er kann sich die Kleider nicht erst vom Leibe reißen. Nee, da hört so ein Tauchen und Schwimmen auf. - Vorwärts, weiter gearbeitet! Nobody hat gesagt, wir kommen durch, und da kommen wir auch durch!«



Das Mittelmeer hat keine Ebbe und Flut, wenigstens sind die Gezeiten nicht mit bloßem Auge wahrnehmbar; aber früher muß das anders gewesen sein - früher, als die Wüste Sahara noch mit Wasser bedeckter Meeresgrund war, und als es noch keine Straße von Gibraltar gab. Da haben Ebbe und Flut hier an den felsigen Ufern tüchtig gearbeitet. Allerdings wäscht auch schon die Brandung aus, welche hier an manchen Tagen nichts zu wünschen übrig läßt; aber diese Höhlen haben alle in gewisser Höhe auch Galerien, und das kann nur das Werk von Ebbe und Flut sein.

Aus solch einer Galerie einer Höhle, welche das Meer in den Felsen der Arche Noah gewaschen hatte, saß eine Möwe und putzte ihr Gefieder. Plötzlich flog sie laut aufkreischend davon, denn aus dem glatten Wasserspiegel, welcher den Boden der Grotte bildete, war ein menschlicher Kopf aufgetaucht.

Es war ein Mann. Er schöpfte tief Atem, ruhte sich jedoch nicht aus, näherte sich, auf dem Rücken liegend und die Füße voran, der Klippenformation, hinter welcher das offne Meer leichte Wellen schlug, überkletterte sie, und nun ging es mit kräftigen Stößen um den Felsen herum.

Vor ihm lag die Teufelsinsel, und ehe dort noch das kleine Boot abstieß, in dem zwei Personen saßen, hatte der Schwimmer schon die Grenze von Monaco erreicht, wo Cigalgis Badehütten standen. Er watete ans Land, ging auf eine der Badehütten zu, welche verschlossen zu sein schien, wenigstens steckte kein Schlüssel daran - doch der Mann wußte die Tür zu öffnen, er drückte nur oben stark gegen eine Latte, und er trat ein in die Zelle, in der es aussah, als hatten mehrere Personen hier ihre Kleider abgelegt, nicht nur eine. Die Badehütte war mehr ein Garderobeschrank.

Das Boot hatte das Ufer noch nicht ganz erreicht, als unser Mann schon wieder angezogen heraustrat. Als gediegener Gentleman hatte sich Nobody entkleidet, auch noch im Wasser hatte er die vornehmen, aristokratischen Züge gehabt - jetzt machte er, ohne daß er irgendwelche Hilfsmittel benutzt hätte, ganz den Eindruck eines robusten Bauernjünglings, welcher weiß, daß er viel Geld hat, eines jungen, gebildeten Gutsbesitzers, welcher sich freut, daß er lebt.

Händereibend stand er am Ufer, das ankommende Boot erwartend.

Der im Stehen vorwärtsrudernde Giuseppe hatte alles beobachtet.

»Eine Kältehunde, ja?« lachte er.

»Kältehunde, hahaha!« lachte auch der Gutsbesitzer, sich somit als Deutscher legitimierend, und daß der junge Italiener gleich mit seinem aufgeschnappten Deutsch zu kauderwelschen anfing, schien ebenfalls einen Zweck zu haben.

»Landsmann, Landsmann,« setzte Giuseppe noch hinzu, eine Kopfbewegung nach dem Insassen seines Bootes machend.

Diese Angabe war auch nötig. Man hätte den Herrn, der jetzt an Land stieg, schwerlich für einen Deutschen gehalten. Das brünette Gesicht mit den schwarzen Augen war eher das eines echten Italieners. Trotzdem hatte es Nobody durch das Fernrohr als >blaß< bezeichnet, und man konnte ihm auch recht geben. Es war hager, eingefallen, leidend. Auffallend war auch, daß der Fremde die schwarzen Locken außergewöhnlich lang trug, sie fielen ihm bis auf die Schultern. Man sah dem noch jungen Manne sofort den Künstler an, aber sonderbar, obgleich er ganz anständig gekleidet war, machte er doch einen dürftigen Eindruck. Nobody wenigstens hatte diesen Eindruck sofort. - Geistiges Proletariat, Künstlerelend!

Heimatliche Laute im Auslande berühren stets wohltuend, die dunklen Augen leuchteten auf.

»Was, Sie sind auch ein Deutscher?« fing da schon der begüterte Gutsbesitzer an. »Das freut mich, freut mich, ich bin nämlich auch einer, Becker heiße ich, war früher auch einmal Bäcker, das heißt natürlich Mehl en gros, Mühlenbesitzer - Richard Becker - na, da geben Sie mir nur eine Hand!«

Der Herr lächelte flüchtig, als er seine Hand in die dargebotene legte.

»Sehr angenehm! Richter ist mein Name, und unsre Vornamen stimmen zufällig über ein.«

Nobody hatte nur diese Hand und besonders diese Finger näher betrachten und anfassen wollen, und er hatte sich nicht in seiner Kalkulation geirrt. Plötzlich stellte er sich erstaunt, blickte mit halbgeöffnetem Munde den andern steif an.

»Was? Wie ist mir denn? Sie muß ich doch schon einmal gesehen haben - in einem großen Saale - sind Sie nicht - in Berlin, nicht wahr?«

Er machte dabei mit Händen und Armen die Gebärde des Klavierspielens.

»Das ist ja seltsam!« staunte der andre denn auch sofort. »Der erste Mensch, mit dem ich hier in Unterhaltung komme, erkennt mich gleich.«

Dann wurde sein Blick wieder trübe.

»In Berlin nicht, aber vielleicht in ... Weimar?«

»Weimar, natürlich, in Weimar war's!« rief Herr Becker erfreut. »Ich mache mir eejentlich nischt aus dem Gedudel, sie hatten mich so mit ringeschleift, aber wie Sie da auf dem Klapperkasten rumfuhrwerkten - ei verflucht! Mir kam's immer vor, als hätten Sie an jeder Hand ein Dutzend Finger. Na, kommen Sie nur, wir essen wo was zusammen. Wo wohnen Sie denn hier in Monte Carlo? Wie lange sind Sie denn schon in Monte Carlo?«

Der Künstler warf noch einen wehmütigen Blick nach der Insel der Selbstmörder zurück, dann schritt er neben dem geschwätzigen Landsmann den Strand entlang.

»Seit gestern nachmittag,« entgegnete er auf die letzte Frage.

»Wo wohnen Sie denn hier?«

»Im Hotel Printemps.«

Diese Offenheit war lobenswert, denn er nannte eins der allerbilligsten Hotels, und Nobody wußte nun, was für einen Charakter er vor sich hatte.

»Da wollen Sie wohl jetzt hier in Monte Carlo wieder ein Konzert geben?«

Wieder trat das trübe Lächeln hervor.

»Wenn man im Hote! Printemps wohnt, so kann man wohl nicht nach Monte Carlo gekommen sein, um eine Konzertvorstellung zu geben.«

»Dann wollen Sie spielen? Hören Sie, da lassen Sie lieber Ihre Finger davon, das Kasino hat noch jeden mit Haut und Haaren gefressen.«

Der Künstler nahm weder die neugierige Fragerei, noch diesen unaufgeforderten Rat übel.

»Ich und spielen!« sagte er bitter. »Ich bin froh, noch das Rückreisegeld zu haben, um wieder den fluchwürdigen Ort verlassen zu können, den ich nur einmal sehen wollte, weil mir hier mein Lebensglück geraubt wurde, und der Räuber war eben die Spielbank!«

Nobody blickte sich um, es war kein Mensch in der Nähe, und er blieb plötzlich stellen, den andern durch seinen Blick zwingend, das gleiche zu tun, und jener gehorchte.

»Jetzt weiß ich, was ich von Ihnen wissen wollte. Es hat Sie nach Monte Carlo getrieben, um das Grab eines geliebten Mädchens zu besichtigen oder doch die Stelle, welche zur Aufbewahrung ihrer Leiche schon bereitet war.«

Das Stutzen und sogar der Schreck des jungen Mannes ist begreiflich, und dazu kam noch, daß er plötzlich einen ganz andern vor sich zu sehen glaubte. Das war nicht mehr der harmlose Bäckermeister oder für was er sich sonst ausgab, das waren ganz andre Züge geworden.

»Herr, wer sind Sie?« stieß er bestürzt hervor. »Wie kommen Sie dazu ...«

»Ich bin nicht der, als den ich mich Ihnen gegenüber zuerst vorstellte,« fiel ihm Nobody ins Wort. »Ich bin ein Detektiv.«

Detektiv ist ein unangenehmes Wort, auch für den, der ein reines Gewissen hat. »Ich weiß gar nicht, was ich ...«

»Bitte, antworten Sie mir auf meine Fragen, es ist das Beste für Sie,« fuhr Nobody im Beamtentone fort, obgleich er als Privatdetektiv gar keine Berechtigung dazu hatte. Aber es war der kürzeste Weg und für ihn gar keine Gefahr vorhanden, er hätte jeden Angenblick wieder spurlos verschwinden können, und auch Giuseppe wäre nicht kompromittiert worden.

»Fragen Sie! Ich bin mir keiner Schuld bewußt.«

»Haben Sie nicht einen Künstlernamen?«

»Ja, Riccardo.«

»Sie baten vor zwei Jahren den Herrn Ernst von Marbach, einen pommerschen Gutsbesitzer, um die Hand seiner Tochter Johanna.«

»Ich liebte sie und wußte, daß sie mich wiederliebte!«

Nobodys Vermutung war richtig gewesen, obgleich er den Mann nur in einer Entfernung von einem Kilometer durch das Fernrohr gesehen und nur einen sehr schwachen Anhaltepunkt gehabt hatte.

Kapitän Flederwisch war also ein Verwandter von Johanna gewesen, doch hatte er sie nur mehrmals als Kind gesehen, dann nie wieder, und vor ungefähr zwei Jahren hatte ihm einmal ein Bekannter, mit dem er noch in Briefwechsel stand, geschrieben, daß seine Cousine einen Heiratsantrag bekommen habe, von einem Klaviervirtuosen, der vom Vater abschlägig beschieden wurde, nichts weiter. Nicht einmal den Namen hatte Flederwisch nennen können, als er mit Nobody den Selbstmord der beiden erörterte.

»Wissen Sie, daß Vater und Tochter hier durch Selbstmord geendet haben?« fuhr Nobody fort, immer noch stehenbleibend.

»Ich weiß alles, alles!« rief Riccardo schmerzlich.

»Nicht so laut, es brauchen keine fremden Ohren zu hören, daß Sie an der Selbstmörderin, deren Leiche verschwunden ist, ein besonderes Interesse haben. Was wissen Sie davon? Es kommt mir darauf an, dies zu erfahren.«

»Sie haben beide Blausäure genommen.«

»Und wohin ist die Leiche Johannas verschwunden?«

«Sie war gar nicht tot, sie war nur scheintot, entweder eine Herzlähmung durch Schreck, oder die Dosis der verdünnten Blausäure hatte nicht genügt, jedenfalls ist sie auf der Insel wieder zu sich gekommen und hat dann noch nachträglich den Tod im Meere gesucht und gefunden.«

»Und ihre Leiche?«

»Die ist ins offne Meer hinausgetrieben worden, das kann bei Nordwind einmal vorkommen.«

Das war die amtliche Erklärung des rätselhaften Falles, und jeder gute Staatsbürger sprach sie gehorsam nach, wenn er auch nicht daran glaubte.

»Johanna ist tot,« sagte Nobody.

»Ich fahre noch heute wieder ab,« murmelte der andre gedrückt, »zurück in mein Elend.«

»Aber Sie können sie wieder lebendig machen.«

Riccardo blieb die Antwort schuldig, er starrte den Sprecher nur an.

»Ich will Sie nicht mit Redensarten hinhalten. Johanna lebt, ist nur für die Welt erstorben - sie befindet sich in einem Kloster.«

Da wurde Nobody an den Schultern gepackt und geschüttelt.

»Mann, Mann, was sprechen Sie da? Machen Sie mich nicht wahnsinnig!!« rief Riccardo mit heiserer Stimme.

Nobody hatte sich etwas abschütteln lassen, stand aber gleich wieder wie ein Eichbaum, der sich von keiner menschlichen Hand schütteln läßt.

»Ja, wenn Sie sich wie ein Wahnsinniger benehmen, dann erfahren Sie überhaupt gar nichts von mir, Sie können, wie Sie sagen, nur gleich wieder in Ihr Elend zurückfahren.«

Das wirkte, der Künstler ließ ab von ihm.

»In welchem Kloster befindet sie sich?«

»Kommen Sie, ich erzähle es Ihnen unterwegs.«

Sie schritten langsam den Strand entlang.

»Haben Sie schon von dem Eremiten von La Turbie gehört?« begann Nobody.

Riccardo verneinte und mußte sich erst eine kurze Schilderung dieser Persönlichkeit gefallen lassen.

»In jener Nacht,« fuhr der Erzähler dann fort, »als die beiden Leichen aufgebahrt lagen, stattete dieser Eremit der Teufelsinsel einen Besuch ab, zu welchem Zwecke, weiß ich nicht. Er fand das wieder zu sich gekommene und im Leichenhemd umherirrende Mädchen, nahm es mit sich in seine Behausung auf dem Felsen. Kein Mensch hat etwas davon gesehen. Ich aber bin Detektiv, ich widmete dem Verschwinden der Leiche meine Aufmerksamkeit, ich fand die Spur, welche zu dem Einsiedler von La Turbie hinaufführte. Auf Einzelheiten lasse ich mich jetzt nicht ein.

Ich begab mich hinauf, forderte Rechenschaft von dem Eremiten. Zuerst wollte er nichts davon wissen. Allein ich wußte ihn zu zwingen, daß er seine Tat eingestand. Ja, er hatte das Mädchen mitgenommen, hatte es bei sich, würde es auch fernerhin bei sich behalten. Wozu? Nicht allein als Wirtschafterin für seinen primitiven Hausstand. Hier liegt ein Fall vor, den kein Alltagsmensch versteht, das würde über seine Begriffe gehen. Sie sind Künstler, Sie werden auch ohne längere Erklärung verstehen, was hier vorliegt. Bedenken Sie, was ich Ihnen über den Eremiten erzählt habe, über seine Anschauungen, wie er ständig seine Willenskraft durch Entsagung zu stärken sucht, und handle er auch nur im Wahne einer Einbildung ...«

»Ich verstehe vollkommen,« unterbrach Riccardo den Sprecher. »In Rußland gibt es Klöster mit Bewohnern von beiderlei Geschlecht, Nonnen und Mönche schlafen sogar zusammen und üben dabei Enthaltsamkeit, indem sie glauben, dadurch ein gottwohlgefälliges Werk zu tun. Denn das Gelübde der Keuschheit zu halten ist sehr leicht, wenn kein Objekt der Versuchung vorhanden ist, und je größer die Versuchung, desto größer der Sieg.«

»Ganz richtig! Auch ich habe schon von diesen russischen Klöstern gehört. Muß sehr nett dort drin sein. Möchte einmal mitmachen - wenn's meine Frau erlaubte. So ist's auch mit unserem Eremiten. Johanna ist der Apfel, in den er nicht hineinbeißen darf. Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Und Johanna? Ich habe mit ihr gesprochen. Sie will nicht fort. Es gefällt ihr bei dem Eremiten. Und das ist begreiflich. Bedenken Sie nur, was das arme Mädchen Fürchterliches durchgemacht hat. Bisher immer unter dem sorgsamsten Schutze des Vaters gestanden, den sie für einen Gott hielt - und dann dieses Erwachen, im Leichenhemd, frierend auf der Insel! Der Eremit erschien ihr wie ein Engel, und er bleibt ihr Engel. Johanna wird das ihr angebotene Asyl nicht wieder verlassen.«

»Auch sie treibt asketische Übungen?«

»Nein, durchaus nicht. Danach ist ihr Charakter gar nicht beschaffen. Sie hilft dem Eremiten optische Gläser schleifen, und sonst dient sie ihm als Paradiesapfel der Versuchung.«

Riccardo machte ein sehr mißtrauisches Gesicht.

»Als einmal solch ein russisches Kloster abgerissen wurde, fand man im Keller lauter Skelette von neugeborenen Kindern.«

»Werden im Keller des Eremiten nicht gefunden,« entgegnete Nobody in seiner lakonischen und drastischen Weise. »Die Lebensanschauung des Eremiten hat nichts mit Frömmelei zu tun, hinter seiner Entsagung sitzt ein ganz andrer Sporn. Seien Sie ohne Sorge, ich weiß es bestimmt. Bei dem ist das Mädchen sichrer aufgehoben als in einer zugemauerten Nonnenzelle.«

»Und das ist gar nicht bekannt, daß sich Johanna bei ihm befindet?«

»Nur mir, sonst keinem andern Menschen. Dem Eremiten ist es ein leichtes, sein Geheimnis zu wahren. Niemand weiß, daß er das Mädchen bei sich hat, die Regierung ist unbewußt ihm sogar behilflich, indem sie den Tod des Mädchens amtlich veröffentlicht, für die ganze Sache eine Erklärung gefunden hat. Und Johanna, die nichts mehr auf der Welt zu verlieren hat, will nicht entdeckt sein. Bekommt der Eremit einmal einen Besuch, der von ihm wissen will, wie man die Kugel der Roulette nach seinem Willen lenken kann, so verbirgt er das Mädchen einstweilen in einer seiner Felsenkammern. Ich selbst aber habe einen Grund, das Geheimnis des Eremiten als das meine zu bewahren.«

»Was für ein Grund ist das?«

»Das, geehrter Herr, kann ich Ihnen nicht sagen, wenigstens jetzt nicht. Dazu müssen wir erst bekannter zusammen werden.«

Der Grund war einfach der, daß der Eremit, von dessen Höhlenwohnung ein Tunnel nach der Teufelsinsel führte, auch um das Geheimnis des Prinzen von Monte Carlo wußte. Wenigstens wußte er manches, und er konnte sich jeden Augenblick davon überzeugen, was dort unter der Erde vor sich ging, und es war ihm auch bekannt, daß sich jetzt in der Mäander-Burg noch Menschen aufhielten.

»Übrigens,« fuhr Nobody fort, »hätte ich das Geheimnis in meinem eignen Interesse nur noch einige Tage bewahrt. Dann würde ich Johanna auch gegen ihren Willen dem Kuttenträger mit List oder mit Gewalt aus den Fängen gerissen haben. Denn mag sich das Mädchen auch glücklich fühlen, wie es sagt - das ist ein Wahn, ein Selbstbetrug, so etwas empört mich. Das Weib ist zur Liebe geboren, ein junges Mädchen gehört ins Leben. - Nun ändert sich mein Entschluß. Kommen Sie, Signor Riccardo, wir begeben uns jetzt sofort zu dem Eremiten hinauf und fordern ihm seinen Paradiesapfel ab! Der ist für Sie bestimmt und für keinen andern.«

Nodody wußte, wie immer, in einer Art und Weise zu sprechen, daß in dem Herzen des jungen Künstlers gleich eine wunderbare Hofsnungsfreudigkeit eingezogen war. Nur sein Mund fand noch Worte des Zweifels.

»Sie meinen, der Eremit wird uns das Mädchen gleich herausgeben?«

»Wenn er nicht will, dann muß er.«

»Wir rufen die Polizei zu Hilfe?«

»Unsinn, Polizei! Ich bin selbst Polizei genug. Die Hauptsache ist, daß Johanna will.«

»Wenn sie aber nun nicht will?«

»Ja, geehrter Herr,« lachte Nobooy, »wenn Sie Ihrer Sache nicht sicher sind, wie soll ich's dann sein? Lieben Sie das Mädchen noch?«

»Johanna war stets mein einziger Gedanke,« beteuerte der Künstler, die Hand auf dem Herzen.

»Ich konnte es mir denken, sonst wären Sie nicht hierhergekommen, um das leere Grab der Selbstmörderin zu besichtigen, ich hätte auch gar nicht diesen Plan gefaßt, wenn dem Mädchen nur eine Enttäuschung bereitet worden wäre, und Johanna liebt Sie ebenfalls.«

»Woher wissen Sie das?«

»Zum Teufel, Herr! Soll ich Ihnen das erst sagen? Kommen Sie, ich kenne die Weiber ... den weiblichen Charakter, meine ich. Sie sollen sehen, wie Ihnen Johanna entgegenfliegt, und wie gern sie an Ihrer Seite die Höhlenwohnung verläßt!«

Sie erstiegen die hohe Steintreppe, welche vom Strande aus nach Monte Carlo hinausführt, durchschritten dieses und begannen den steilen Weg nach La Turbie zu erklimmen.

Unterwegs fand eine Unterhaltung statt, deren Inhalt wiedergegeben werden soll. Teils ist er in gewissem Sinne sehr interessant, teils wird unser Nobody hierdurch wieder einmal trefflich charakterisiert.

Nobody befragte den Künstler nicht mehr in so plumper Weise über seine Lebensverhältnisse, er war jetzt eine ganz andre Person, und Riccardo hatte allen Grund, sein Inneres einmal einem Manne zu offenbaren, welcher, wie dieser hier, solchen Anteil an ihm nahm.

Begann für ihn jetzt doch ein ganz neues Leben. Er hatte die totgeglaubte Geliebte, der er die Treue bewahrt, wiedergefunden. Denn als echter Künstler war er Optimist, bei ihm war alles schon fix und fertig, er brauchte, die Braut nur noch in seine Arme zu schließen, vergessen war alles Leid, vor ihm lag die Zukunft im rosigsten Lichte.

Trotzdem mischte sich seinem seligen Empfinden auch etwas Bitterkeit bei - die Bitterkeit des verkannten Genies.

Der vom prosaischen Vater abgewiesene Künstler hatte den Mut nicht verloren gehabt, sein Entschluß war gewesen, dereinst als berühmter Virtuose wiederzukommen, der nur die Finger auf die Tasten zu legen braucht, so fallen aus dem Klavier die Goldstücke - und dann würde der Vater ihm die Tochter nicht mehr verweigern.

Sein Ziel hatte er erreicht, nur in ganz andrer Weise, nicht durch eigne Kraft! Wenn er jetzt die Geliebte als seine Frau umarmen durfte, so hatte er dies einer Verkettung von Umständen zu verdanken, es war die Gunst eines grausamen Schicksals. Er selbst war trotz alles Ringens der unbekannte Klavierspieler geblieben, und die Geliebte würde seine Armut mit ihm teilen müssen.

Freilich, Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar. Aber ...

Künstlerelend! Es ist durchaus nicht nötig, daß sich ein Virtuose zum Biermusikanten herabwürdigt. O, wer da wüßte, wie es in der Seele solch eines gottbegnadeten Künstlers aussieht, der sich durch eisernen Fleiß zum Höchsten emporgerungen hat, er ist zur Soiree beim reichen Kommerzienrat eingeladen, scheinbar als Gast, in Wirklichkeit aber muß er >aufspielen< - und wenn er nun so am Klavier sitzt und seine Augen wandern über die geputzte Gesellschaft - und dann beim Abschied drückt ihm der Gastgeber heimlich ein Zwanzigmarkstück in die Hand - o, wer da wüßte, wie es in der Seele solch eines Mannes aussieht!!

»Viele sind erkoren, wenige auserlesen. Und das Auslesen besorgt das Glück, der reine Zufall, die Protektion, welche Bücklinge fordert. Das tiefste Verständnis und die fabelhafteste Technik sind heutzutage nicht mehr imstande, auch nur drei Menschen in den auf eignes Risiko gemieteten Saal zu locken. Das Wunderkind aber füllt den Konzertsaal, und sei sein Verständnis auch noch so mangelhaft. Blind muß man sein, eine skandalöse Vergangenheit hinter sich haben, das zieht, das ist immer interessant, das ist sensationell. Ich möchte einen Automaten konstruieren, hinten mit einer Kurbel, und wenn ich ihn an das Klavier setze, und ich drehe hinten an der Kurbel, so spielen seine Gelenkfinger geläufig die schwierigsten Stücke. Das wäre etwas! Wie da die Leute gelaufen kämen! Ich würde diesem Publikum das Gold abnehmen und würde es verachten. Das wäre meine Rache. Das Verachten wäre mein Genuß dabei. Ich weiß nicht, ob Sie mich vorstehen.«

»Ja, ich verstehe, Sie,« entgegnete Nobody. »Well, konstruieren Sie doch solch einen Automaten!«

»Können Sie mir das Rezept dazu geben?« lachte Riccardo.

Bemerkt sei, daß es damals noch keinen solchen Apparat gab, welcher ins Klavier eingeschaltet wird und es mechanisch ertönen läßt.

»Ja, das kann ich Ihnen geben. Ich will sogar Ihre drei Bedingungen miteinander verbinden: ein künstlerischer Automat, ein Wunderkind und - blind gerade nicht, aber einen Zopf soll der Kerl haben. Gehen Sie nach China. Suchen Sie sich ein einjähriges Kind aus der Gauklerklasse aus. Sie kaufen es. Schnallen Sie es vorm Klavier fest. Geben Sie ihm Unterricht. Wenns Luder nicht spielen will, bekommt's nischt zu fressen. Jeden Tag zwölf geschlagene Stunden georgelt. Das ist für einen Chinesen eine Kleinigkeit. Und ich sage Ihnen, wenn der Junge vier Jahre alt ist, spielt er schon die fürchterlichsten Rhapsodien. Musikalisches Gehör braucht er gar nicht zu haben. Er kann taub geboren sein. Vielleicht ist das sogar vorteilhaft. Nur die Finger sind's. Aber einen Zopf muß er haben, einen langen, schönen Zopf. Das ist die Hauptsache, dann gehen Sie mit dem kleinen Chinesen zuerst nach Amerika, führen ihn dem kunstverständigen Publikum vor, und das, was Ihnen jeden Abend an einer Einnahme von tausend Dollars fehlt, will ich Ihnen aus meiner eignen Tasche zulegen.«

Das war wieder einmal so echt >nobodysch<. Aber hatte er nicht recht? So muß es heutzutage gemacht werden! Ja, das war sogar eine geniale Idee; auf geniale Ideen kommen aber so leicht keine gewöhnlichen Menschen.

Und merkwürdig war es gar nicht, daß Riccardo gleich Feuer und Flamme für dieses abenteuerliche Projekt war. Er war eben ein phantastischer Künstler, der die Welt mit ganz besondern Augen betrachtete. Das beste vielleicht war dabei, daß Nobody wirklich Ernst machte.

»Ach, das kostet aber viel Geld, es gehört eben zu allem Geld,« seufzte der Künstler. »Da ist zunächst die Reise nach China ...«

»Das lassen Sie meine Sorge sein,« fiel ihm Nobody ins Wort. »Die Hauptsache ist, daß Sie gewillt sind, einem kleinen Chinesen Klavierunterricht zu geben. Sie begleiten mich nach China.«

»Wollen Sie denn nach China?« staunte der andre.

»Ich begebe mich wieder nach China, das ist sogar meine zweite Heimat, und Sie sollen mein Gast sein. Jetzt holen Sie sich aber erst einmal Ihre Braut! Wir sind am Ziel.«

Sie hatten die Schlucht erreicht, auf deren anderen Seite sich die grünbewachsene Mauer mit dem Brette erhob.

Nobody rief den Eremiten, und fast sofort erschien dieser oben auf der Mauer.

»Was willst du von mir?« erklang es in drohendem Tone.

»Dich sprechen. Lasse die Brücke herab!«

»Wer bist du, daß du das so befehlerisch sagst?«

»Ich bin der, welcher auch auf einem andern Wege zu dir gelangen könnte.«

Diese Andeutung genügte, der Eremit verschwand, das Brett senkte sich. Riccardo dachte daran, daß er jetzt seine Geliebte wiedersehen würde, und in Gedanken daran sah er nicht die fürchterliche Tiefe, über welche er seinem Führer folgte. Er erschrak erst nachträglich, aber nicht über die überstandene Gefahr, sondern über die vor ihm stehende Erscheinung. Der Eremit sah womöglich noch abgezehrter aus denn früher, die Augen in dem Totenschädel glühten jetzt wirklich wie feurige Kohlen.

Regungslos stand er da, die Kommenden erwartend.

»Ich bringe dir hier einen Bekannten von mir,« begann Nobody, »welcher unbedingt das Mädchen sprechen muß, welches du bei dir ...«

»Deine Worte sagen mir, daß du das Mädchen nicht in der Stadt gesehen hast,« unterbrach der Eremit den Sprecher.

»Was?!« fuhr Nobody empor. »Johanna ist ...«

»Fort! Gestern abend hat sie mich heimlich verlassen, um jenen Mann dort mit den schwarzen Locken, welcher Riccardo heißt, aufzusuchen und mit ihm zu gehen, denn sie ist ein schwaches Weib. Aber die Kraft meines Willens wird sie zu mir zurückzwingen.«

Mehr sprach der Eremit über Johannas heimliche Entfernung nicht, jetzt nicht und später nicht, und Nobody brauchte nicht zu fragen, sein scharfer Verstand konnte sich sofort alles erklären.

Von hier aus konnte man bis in die Straßen von Condamine und Monte Carlo hineinblicken, und der Eremit besaß ein gutes Fernrohr. Johanna hatte es benutzt, hatte zufällig den einstigen Geliebten gesehen. Sie brauchte nur den Namen >Richard< oder wahrscheinlicher >Riccardo< geflüstert zu haben, so mußte dies für den Eremiten, dem sie jedenfalls alles erzählt hatte, genügen. Wenn aber auch ihr Entschluß, zu dem Geliebten zu eilen, den sie dort unten durch die Straßen wandeln, vielleicht sogar in seinem Hotel aus- und eingehen sah, vermutlich sofort festgestanden haben mochte, so hatte sie dies doch ihrem Beschützer verheimlicht, hatte ihn zu täuschen gewußt. Der Eremit hatte ihr natürlich wieder etwas von der Nichtigkeit alles Irdischen im allgemeinen und von der Nichtigkeit der Liebe im besondern und voll der Kraft der Entsagung vorgepredigt. Aber Johanna ließ sich nicht beirren, das liebende Weib war wieder in ihr erwacht. Sie hatte eine günstige Gelegenheit dazu benutzt; wahrscheinlich während der Eremit in einer Felsenkammer seinen asketischen Übungen oblag, um sich ohne Abschied heimlich zu entfernen, um Riccardo aufzusuchen.

Dieser stand wie vom Donner gerührt da, nur von dem Gedanken beherrscht, daß er das Ziel seiner Sehnsucht hier nicht gefunden, vielleicht für immer verloren hatte, als er plötzlich jäh emporfuhr.

»Gestern abend!« stieß er hervor. »Mein Kellner sagte mir heute früh, daß gestern abend nach Beginn der Dunkelheit wiederholt eine Frau nach mir gefragt habe. Ich konnte mir absolut nicht erklären, wer das gewesen sein könne, einen Namen wollte sie nicht nennen, sie habe bald wie eine barmherzige Schwester oder gar wie eine Nonne ausgesehen, habe eine Kapuze über dem Kopfe getragen, die wenig von ihrem Gesicht erkennen ließ.«

»Das ist sie gewesen,« sagte Nobody, der seine Ruhe bewahrt hatte, »und ich weiß auch, wo die Obdachlose für die Nacht eine Unterkunft gefunden hat.«

»Sie wissen es?«

»An einem Orte, von dem es keine Rückkehr gibt.«

»Das ist nur der Tod!« schrie Riccardo entsetzt.

»Und die Arche Noah,« erwiderte Nobody, für den andern, der diese Bezeichnung für ein Gasthaus noch nicht kannte, ganz unverständlich.

»Die Kraft meines Willens wird sie zu mir zurückzwingen,« sagte der Eremit, der wahrscheinlich schon viele mystische Experimente deshalb gemacht hatte, ohne daß Johanna bisher zurückgekommen war.

»Nein, Freund Eremit,« meinte Nobody spöttisch, »so lange wollen wir lieber nicht warten. Ich selbst werde das Mädchen wieder herausholen.«

9. In der Arche Noah

Die Nacht war schon angebrochen, als an dem großen, eisenbeschlagenen Tore, welches das ehemalige Kloster der Ursulinerinnen von der Welt abschloß, von einer dunkelgekleideten Gestalt die Glocke gezogen wurde.

Die beiden aus Pfeilern ruhenden Torlaternen brannten nicht, und in dem unsicheren Sternenlichte erkannte man nur, daß die Person eine Frau war.

Das Läuten erscholl laut genug, doch nichts rührte sich. Die Frau schien das Warten nicht gewöhnt zu sein, sie klingelte nicht nur noch mehrmals hintereinander, sondern sie riß ganz gehörig an dem Klingelzug.

»Wer ist draußen?« fragte da hinter dem Tore eine grobe Stimme im barschesten Tone, und man mochte fast annehmen, daß sie einem Manne angehörte.

»Ich möchte Senora de la Fonserra sprechen,« lautete die recht befehlerisch klingende Antwort der draußen Stehenden.

»Wer ist das, der so fragt?«

»Eine Frau, welche der Welt den Rücken kehren möchte.«

»Und du begehrst auf solche Weise Einlaß in ein Haus, wo die Demut und die Bescheidenheit wohnt?«

»Demut und Bescheidenheit will erst gelernt sein, und eben ihr sollt mich darin unterrichten.«

»Wie ist dein Name?«

»Lady Isabel Roger.«

Die Pause, welche hinter der Tür entstand, ließ daraus schließen, daß dieser Name einen großen Eindruck machte.

»Sie sind die Herzogin von Exeter?« erklang es dann wieder und diesmal weit höflicher.

»Ich bin's. Bekannter dürfte ich Ihnen aber unter dem Namen der tollen Herzogin sein.«

Ja, es war ein bekannter Name, mit dem sich die Zeitungen und die Gesellschaft, welche die Skandalgeschichten liebt, viel beschäftigten.

Lady Isabel war die Schwester Lord Hannibal Rogers, und zwar eine dieses exzentrischen Gesellen würdige Schwester. Nach den englischen Feudalgesetzen ohne Vermögen, heiratete das schöne Mädchen den enorm reichen Herzog von Exeter. Die kinderlose Ehe währte nur ein Jahr, der junge Lord verunglückte tödlich. Nach den englischen Bestimmungen nahm die Witwe wieder den Namen und Titel an, den sie als Mädchen geführt hatte, wurde also wieder Lady Roger. Aber die Erbin ihres Mannes war sie. Doch das erste, wofür die Verwandten sorgten, war, daß sie unter Kuratel gestellt wurde. Das sagt wohl schon genug. Die hätte, sich selbst überlassen, ihre Millionen gleich im ersten Jahre durchgebracht. Danach war auch ihr Leben beschaffen. Ohne grade zur Dirne herabzusinken, war sie doch eine Anhängerin der freien Liebe und wußte damit auch Humor zu verbinden. Eine Spezialität von ihr war, Pantoffelhelden zu verführen, daß sie mit ihr durchbrannten. Dieses Kunststück führte sie so im Durchschnitt monatlich einmal aus, und das verteidigte sie allen Ernstes als eine ganz moralische, sogar edle Handlung. Sie wolle die bösen Weiber von ihrer Eifersucht heilen und aus den Waschlappen Männer machen.

Mögen diese Andeutungen über die tolle Herzogin genügen.

»Verzeihen Eure Herrlichkeit, wenn ich Sie einen Augenblick draußen warten lassen muß,« sagte es hinter dem Tore in ganz anderm Tone, »ich werde es meiner Herrin sofort melden.«

Es dauerte nicht lange, so rasselte im Schloß ein Schlüssel, das Tor wurde geöffnet. Es war das >Skelett<, die Orranda, welche mit einer großen Stalllaterne der Dame ins Gesicht leuchtete.

Sis sah schöne, edle Züge, und die noch junge Witwe unterschied sich besonders dadurch von ihrem blasierten Bruder, daß es jugendfrische Züge waren. Das abenteuerliche Liebesleben mußte ihr sehr gut bekommen, ihrer Gesundheit hatte es wenigstens nichts geschadet.

Es war eine übermittelgroße Gestalt, sonst nicht näher zu beurteilen, denn sie war in ein Gewoge von Spitzen eingehüllt.

»Bitte, wollen Eure Herrlichkeit mir folgen,« sagte das Skelett, verschloß die Tür wieder und schritt der Dame voran.

Nobodys Spekulation war, wie immer, eine richtige gewesen. Denn unter diesen Spitzen verbarg sich kein Weib, sondern ein Mann, und der hieß Nobody.

Mit Lord Roger, von dem der Leser wohl annehmen darf, daß er nicht enthauptet worden ist, war der Plan verabredet worden, und seine in London weilende Schwester, davon benachrichtigt, um was es sich handelte, hatte sofort zugesagt, ohne sich um die näheren Einzelheiten zu kümmern, da sie gerade wieder mit der Entführung eines besonders ängstlichen Pantoffelhelden beschäftigt war.

Bisher hatten in der Arche Noah nur Kokotten aus Monte Carlo Aufnahme gefunden. Das heißt, andre hatten sich noch nicht gemeldet. Nobody war überzeugt, daß er auch als irgend eine andre Dame aufgenommen worden wäre, aber so schnell wäre das sicher nicht gegangen, man hätte sich jedenfalls über sie erst erkundigt, da hätte man leicht auf einer Unwahrheit ertappt werden können, jedenfalls wäre ihr nicht sogleich bei Nacht das geheimnisvolle Tor geöffnet worden.

Aber bei der Lady Isabel Roger war das etwas andres. Welcher Triumph mußte das für die Fonserra sein, wenn es ihr gelang, diese vornehme, exzentrische Weltdame, welche schon halb und halb zu den Priesterinnen der Venus gehörte, zu einem entsagungsvollen Leben mit Gebet und Buße zu bekehren! Da wurde alles andre übersehen.

Allerdings war dabei, wie wir später sehen werden, ein besondrer Fall zu bedenken, welcher es nicht ausgeschlossen erscheinen ließ, daß die tolle Herzogin sofort zurückgewiesen wurde. Aber Nobody hatte an diesen Fall gedacht, hatte es riskiert. Vorläufig war er innerhalb der Klostermauern, und das war schon ein großer Erfolg.

Die vermeintliche englische Herzogin ward über den Hof geführt, eine Treppe hinaus, die Orranda öffnete in dem Korridor eine Tür, Nobody trat ein. Das bisherige Fremdenzimmer hatte sich wiederum in eine Nonnenzelle verwandelt, deren ganze Einrichtung in einem Tisch, einem Stuhl und einer hölzernen Pritsche bestand, welch letztere jetzt auch nicht mit einer der angeschafften Seegrasmatrazen belegt war.

Ferner befanden sich an den Wänden noch einige geschnitzte Heiligenbilder, darunter der Gekreuzigte fast in Lebensgröße, noch fleißiger schien der Betschemel vor dem Muttergottesbilde benutzt zu werden, nach den Eindrücken zu schließen, welche die Knie in dem Holz zurückgelassen hatten - wenn diese Spuren echt waren, oder die Mexikanerin mußte sehr spitze Knie haben.

Für Licht sorgte eine einfache, auf dem Tische stehende Petroleumlampe, daneben aber lag ein aufgeschlagenes Gebetbuch.

Hier stand die reichste Frau der Erde, wie die gleichfalls mit eingetretene Orranda in eine baumwollne Kutte gekleidet, welche an Einfachheit mit der des Eremiten von La Turbie wetteiferte, die der heiligen Prinzessin noch übertraf, denn da gab es nichts von roter Einfassungsborte. Am Gürtel hing zwar das Kreuz, aber nicht von Gold, sondern von Eisen, und der Rosenkranz.

Im übrigen war die Mexikanerin ganz dieselbe geblieben. Ihre Feierlichkeit, mit der sie die Herzogin empfing, paßte nicht zu der rohen Sinnlichkeit, die aus den unruhig flackernden Augen sprach.

»Sei mir gegrüßt, meine liebe Schwester,« hob sie an. »Was führt dich zu mir?«

»Der Überdruß an dieser Welt,« entgegnete Nobody, ganz naturwahr die reiche Aristokratin spielend, welche wohl respektvoll gegen die war, unter deren Obhut sie sich stellen wollte, aber ihr herrisches, selbständiges Auftreten doch nicht ganz verleugnen konnte. »Ich habe in englischen Zeitungen gelesen, wie Sie in Monte Carlo ein Kloster von der strengsten Observanz gegründet haben ...«

»Eine Genossenschaft von Schwestern mit gleichen Interessen,« verbesserte die Vorsteherin. »Und dann nenne mich du, vor Gott sind wir alle gleich, oder nenne mich Mutter! Ich bin die Mutter der Schwestern.«

»So laß mich deine Tochter werden!«

»Warum ist dies dein Wunsch? Ich habe dich vorhin unterbrochen, fahre fort!«

»Wie gesagt, ich bin des Lebens überdrüssig - wenigstens eines solchen Lebens, wie ich es bisher geführt habe. Die englischen Zeitungen spotteten über dein Unternehmen. Mich aber packte plötzlich etwas. Ich weiß nicht, was es war ...«

»Es war der heilige Geist, der über dich kam und dich erleuchtete.«

»Möglich,« klang es kurz zurück, ohne daß dies spöttisch wirkte. »Es kann auch sein, weil mich die Nachricht tief erschütterte, daß mein unglücklicher Bruder sein Leben verloren hat oder verloren haben soll. Hast du davon gehört?«

»Ja, zufällig. Wir kümmern uns sonst nicht mehr um das, was in der Welt passiert, sie ist für uns gestorben.«

Wenn's wahr ist, so ist das sehr günstig für mich, dachte Nobody, und laut fuhr er als Lady Roger fort:

»In Monte Carlo hat mein Bruder sein Haupt zwar nicht verloren, das war aber der Ausgangspunkt seines Unglücks - in Monte Carlo war das Kloster - das Haus, nach welchem es mich mit einer mir selbst ganz unbegreiflichen Sehnsucht unwiderstehlich hinzog. In Monte Carlo bin ich auch einst gewesen, vor wenigen Jahren, und ich gestehe, daß ich hier ein sehr ausschweifendes Leben geführt habe ...«

»Du wirst nur noch mehr gestehen müssen, du wirst mir alles bis ins kleinste beichten, wenn du eine der Unsrigen werden willst.«

»Ich bin mit Vergnügen bereit dazu. Schon als kleines Kind ...«

»Halt!« unterbrach abermals die Priorin oder Mutter die im legeren Tone Sprechende. »Noch will ich es nicht hören. Fahre erst in deiner Erklärung fort, warum und wie du nach Monte Carlo gekommen bist.«

»Das Warum habe ich wohl schon erklärt. Nun, ich bin gewöhnt, dem Zuge meines Herzens sofort zu folgen, alle meine Wünsche müssen augenblicklich befriedigt werden, soweit dies im Bereiche der Möglichkeit liegt. Ich setzte mich in den Zug, nahm ein Coupé für mich, und während dieser vierundzwanzigstündigen, ganz einsamen Eisenbahnfahrt nun kam ich zu einer Erkenntnis. Ich sagte: ich muß alle meine Wünsche augenblicklich befriedigen, soweit dies im Bereiche der Möglichkeit liegt. Nun aber erstrecken sich meine häufigsten und sehnlichsten Wünsche sehr oft auf etwas Unerreichbares ...«

»Auf was?«

»Ach, das ist ganz verschieden.«

»Nenne ein Beispiel!«

»Zum Beispiel ist es mein sehnlichster Wünsch, Mutter eines Kindes zu werden,« entgegnete unser Nobody mit der größten Unverfrorenheit.

Da aber sah er, wie die Fonserra hämisch den Mund verzog.

»Sonst nichts? Sonst hast du keine Sehnsucht weiter, die nicht gestillt werden kann?«

Teufel, dachte Nobody, gibt es denn einen unmöglicheren Wunsch, als daß ich Mutterfreuden genießen möchte? Ha, wenn die wüßte ...

»Es gibt noch andre Wünsche, die nicht zu befriedigen sind, obgleich sie gar nicht außerhalb der Grenzen der Möglichkeit liegen. Darf ich rückhaltlos sprechen?«

»Das sollst du sogar.«

»Es ist nichts für keusche Ohren.«

»Dem Reinen ist alles rein, wir sind mit dem Panzer der Gottseligkeit umgeben,« war die salbungsvolle Antwort.

»Ich bin wiederholt Männern begegnet,« fuhr die Herzogin fort, »die mich zu rasender Liebe entflammt haben, und gerade bei ihnen blieben alle meine Bemühungen erfolglos, sie an mich zu fesseln. Ist auch das keine Qual, welche einem dieses Leben verleiden kann?«

Der hämische Zug verschwand. Sie sagte es nicht, aber Nobody sah ihr an, daß sie hiermit schon eher einverstanden war, sie mochte Ähnliches durchgemacht haben.

»Peinigen dich sonst keine unerfüllbaren Wünsche?«

»Ja, ich denke manchmal daran, wie schön - nein, das kann ich wirklich nicht sagen, auch wenn wir Frauen unter uns sind.«

Und Nobody gehörte zu jenen seltenen Menschen, welche die Kunst verstehen, auf Kommando das Blut in die Wangen treten zu lassen.

Bemerkenswert fand er dabei, wie jetzt die Augen der Mexikanerin in noch sinnlicherer Glut aufflackerten. Aber sie sagte nicht, was sie dachte, sie beherrschte sich.

»Du wirst es mir und den andern Schwestern doch noch beichten müssen, wenn du bei uns bleiben willst.«

Aha, also aus diesem Loche pfeift hier der Wind, dachte Nobody, und daß es in diesem Augenblick hinter ihm laut gähnte, wobei das Skelett seinen Rachen wie ein Krokodil aufriß und die vier großen, gelben Eckzähne fletschte, das machte ihn nicht in seiner Ansicht irre.

»Wenn dies eine Pflicht ist, die hier gefordert wird, so werde ich es wohl noch über mich bringen, eine Generalbeichte abzulegen, die geheimsten Falten meines Herzens zu enthüllen.«

»Das ist auch unbedingt erforderlich. Doch nicht jetzt. Da du nun Wünsche hattest, welche du nicht zu befriedigen vermochtest, so kamst du endlich zu der Erkenntnis, daß es besser ist, überhaupt allen Wünschen zu entsagen. Nicht wahr?«

»So ist es. Es war ganz seltsam. Als ich hier ankam, dachte ich gar nicht daran, erst über meinen unglücklichen Bruder Erkundigungen einzuziehen, ich bin sofort hierhergeeilt, um mich dir zur Verfügung zu stellen.«

»Wann kamst du hier an?«

»Vor einer Stunde, vor einer halben Stunde.«

»In welchem Hotel wohnst du?«

»Ich bin gar nicht in einem Hotel abgestiegen, sondern direkt vom Bahnhof hierhergeeilt.«

»Wo befindet sich dein Gepäck?«

»Gepäck? Wir englischen Damen belasten uns wenig mit Gepäck, wenn wir reisen. Eine kleine Handtasche liegt beim Portier auf dem Bahnhofe.«

So, nun sollte man auf dem Bahnhofe sich erkundigen, ob da nicht vor einer halben Stunde eine Handtasche von einer Dame abgegeben worden war, welche mit dem letzten Schnellzuge in einem separaten Coupé erster Klasse ankam. Daß die Dame dieses Coupé erst in Nizza genommen hatte, das freilich war eine andre Sache. Aber um darüber bei der Bahnverwaltung Auskunft zu erhalten, das hätte doch einige Tage in Anspruch genommen, und Nobody gedachte in zwei Tagen alles zu erfahren, was er über die Arche Noah und seine Bewohner auskundschaften wollte. Überdies hätte er immer eine Ausrede gehabt.

»Mir fällt auf, daß du gar keinen Schmuck trägst.«

»Den habe ich unterwegs in die Handtasche gepackt. Sollte ich, wenn ich mich zum Aufnehmen in das Kloster meldete, mit Diamanten prahlen? Die Spitzen konnte ich freilich nicht herunterreißen.«

»Kannst du dich legitimieren, daß du wirklich Lady Isabel Roger, die verwitwete Herzogin von Exeter bist?«

Also ein Mißtrauen bestand doch. Oder man war doch sehr vorsichtig. Aber Nobody war auf alles vorbereitet. Gelassen griff er in den ausgestopften Busen und brachte eine elegante Brieftasche zum Vorschein, der er einen Reisepaß entnahm, vorgestern in London ausgestellt auf den Namen der Lady Isabel Roger.

Das Signalement stimmte. Und warum hätte es nicht stimmen sollen? Es ist überhaupt schwer, für eine Dame ein Signalement auszustellen, noch schwerer als für einen Mann - wenigstens so, wie die Polizei das jetzt handhabt. Es dürfte die Zeit kommen, daß für gewisse Fälle die Hand und die Länge andrer Gliedmaßen des betreffenden Paßinhabers gemessen werden.

Die Hauptsache war, daß Lady Roger keine besondern Kennzeichen besaß. Üppiges, schwarzes Haar - Nobody hatte für ein entsprechendes Toupet gesorgt, und die Perücke, welche als solche auch vom schärfsten und kundigsten Auge nicht zu erkennen war, saß fest genug, selbst wenn einmal der Fall eintreten sollte, daß sich die >Schwestern< einander in die Haare gerieten.

Und es wäre schwer gefallen, zu erfahren, daß sich die eigentliche Lady Roger doch noch in London aufhielt. Die exzentrische Witwe ging wieder einmal auf Abenteuer aus, wozu sie sich eines andern Namens bediente.

Die Prüfung des Passes war zur Zufriedenheit ausgefallen.

»Weißt du nun auch, meine Tochter,« nahm die Fonserra wieder das Wort, »was für ein Leben dich hier erwartet?«

»Ja, soweit ich in den Zeitungen davon gelesen habe, welche darüber berichten, daß zum Unterhalt jeder Schwester jährlich nur 300 Francs ausgesetzt sind, und daraus kann ich mir alles andre lebhaft vorstellen.«

»Es ist ein Leben der strengsten Entsagung.«

»Das ist es eben, was mich anzieht. Ich habe das andre Leben schon zu sehr genossen, daß mich davor ekelt.«

»Glaubst du, daß unser Heiland für unsre Sünden gestorben ist?«

Es war das erstemal, daß die Religion in dem Examen vorkam, und Nobody beging eine große Kühnheit, aber eine wohlberechnete, als er erwiderte:

»So wurde mir als Kind gelehrt, aber ich gestehe ganz offen, daß ich bisher alles andre als fromm gewesen bin, und auch jetzt noch fehlt mir das, was man wohl die Erkenntnis Gottes nennt.«

»Sie wird dir in unsrer Gemeinschaft schon noch kommen,« antwortete die Priorin, und hiermit war seltsamerweise dieses Thema ein für allemal erledigt. Es wurde nicht einmal gefragt, welchem Glauben die Dame angehöre, welche als Engländerin doch sicher protestantisch war, während sich die Mexikanerin zum strengsten Katholizismus bekannte.

Für Nobody freilich war das nicht seltsam. Das war kein Haus der Frömmigkeit, hier lag ein ganz andrer geheimnisvoller Grund vor, aus welchem die Kokotten, die doch auch nichts von der Frömmigkeit gewußt hatten, hier festgehalten wurden, nicht durch Gewalt, kehrten sie doch immer freiwillig hinter die Mauern der Arche Noah zurück, und dieses Geheimnis eben wollte Nobody auskundschaften.

Außerdem hatte es auch unter den Kokotten Protestantinnen gegeben.

»Du willst sofort bei uns bleiben?«

»Wenn es irgend angängig ist, jetzt sofort. Ich bin gewohnt, jeder Regung meines Herzens augenblicklich zu folgen, und ich bin vollkommen unabhängig, niemand vermißt mich, meine Angelegenheiten sind immer geregelt.«

»Ja, du gibst einer augenblicklichen Regung deines Herzens nach, und nach einigen Tagen, vielleicht schon morgen denkst du anders und wirst uns wieder verlassen.«

Diese Vermutung hatte Nobody gefürchtet, als er die Maske der Lady Roger gewählt hatte, und doch glaubte er, daß der fanatischen Mexikanerin gerade sehr viel daran gelegen sein mußte, die tolle Herzogin der Welt der Lust zu entziehen, das mußte ihr ein noch viel größerer Triumph sein, als wenn ihr dies bei der grünen Eva oder einer andern Kokotte gelang, und wir haben schon gesehen, daß sich Nobody in seiner Kalkulation nicht geirrt hatte.

»Ich glaube nicht,« entgegnete er auf den gemachten Vorwurf. »Mein Entschluß, der Welt zu entsagen, ist sehr ernst, und ich bin nicht die Person, welche gleich wieder aufgibt, was sie sich einmal vorgenommen hat. Außerdem bin ich bereit, mein Vermögen, soweit ich darüber verfügen kann, dir oder dieser Gesellschaft von Schwestern mit gemeinsamen Interessen zu vermachen.«

»Das nehmen wir nicht an.«

»Warum nicht?«

»Das geht gegen unsre Prinzipien, das ist auch gar nicht gestattet, dann kämen wir mit der Polizei in Konflikt,« war die offene Antwort.

Nobody hatte es gewußt, und er hätte auch ruhig unterschreiben können, es wäre mit Genehmigung der Lady Roger geschehen, und die Unterschrift dieser unter Kuratel stehenden Person war ungültig.

»So kann ich mich doch wenigstens verpflichten, hier ein Jahr aushalten zu wollen, wenn nicht, so muß ich ein Reugeld zahlen, dieses Recht steht mir doch zu. Nenne die Bedingungen!«

»Es gibt keine.«

»Keine Bedingungen, mit denen man sich einverstanden erklären muß, ehe man Aufnahme in eure Gemeinschaft findet?« stellte sich Nobody erstaunt.

»Gar nichts. Du kannst uns, wenn es dir bei uns nicht gefällt, jederzeit wieder verlassen.«

»Das finde ich sonderbar!«

»Wieso?«

»Ihr müßt doch Geheimnisse haben?«

»Geheimnisse? Was für Geheimnisse? Wir haben keine Geheimnisse!« sagte die Fonserra, lenkte aber schnell wieder ein, d. h., nahm wieder ihre hoheitsvolle Würde an, als sie fortfuhr: »Es gibt nur eine einzige Bedingung: wenn du mit uns unter einem Dache schlafen willst, nur diese eine Nacht, so hast du mir erst deinen ganzen Lebenslauf rückhaltlos zu beichten.«

»Ich bin bereit dazu.«

Hinter Nobodys Rücken ging die Tür, er blickte sich um und sah, daß die Orranda die Zelle verließ, aber statt ihrer trat, wie auf ein geheimes Zeichen, eine andre >Schwester< ein, eine kleine, zierliche Gestalt, ebenfalls eine solche einfache Kutte tragend, aber noch das Gesicht mit einem grünen Schleier aus dichter Gaze verhüllt.

Die Priorin winkte. Mit zögernden Schritten näherte sich die kleine Gestalt.

»Lady Isabel Roger,« stellte die Fonserra vor, »welche in London von unsern gottgefälligen Bestrebungen gehört hat und eine der Unsrigen zu werden wünscht - dies ist unsere Vorbeterin, welche du noch näher kennen lernen wirst, welche es schon weit gebracht in der Kasteiung ihres Leibes.«

Das war das erstemal, daß hier etwas von >Kasteiungen< gesprochen wurde. Den Namen dieser Schwester erfuhr Nobody nicht, er sollte heute auch nicht ihr Gesicht zu sehen bekommen. Aber er hatte schon früher in Begleitung ihrer Herrin jene Kammerzofe beobachtet, welche allgemein das Nixchen genannt wurde, und nur einige Bewegungen von ihr genügten dem scharfsichtigen Detektiv, um ganz bestimmt zu wissen, daß er diese vor sich habe.

»Setze dich, und nun bekenne rückhaltlos deinen sündhaften Lebenswandel!«

Die vorgebliche Lady Roger gehorchte, setzte sich auf die Pritsche, auf welche die Fonserra bei ihren Worten gedeutet hatte, diese selbst ließ sich auf dem Stuhle nieder, während die Verschleierte neben dem Tische stehen blieb.

Wohl, Nobody wußte ganz genau, was die beiden zu hören wünschten, und er legte los, die Phantasie zu Hilfe nehmend.

»Schon seit meiner frühesten Jugend ...«

So begann er abermals. Weiter wollen wir ihm nicht zuhören, dürfen es beim besten Willen nicht. Aber für jene beiden Frauenzimmer war das etwas! Die lauschten wie die Mäuschen! Die Fonserra hatte sich mehr in der Gewalt, die kannte das alles, was sie da zu hören bekam, wahrscheinlich schon aus eigner Praxis. Aber das verschleierte Nixchen fing nach und nach am ganzen Leibe zu zittern an, und der grüne Gazeschleier war doch nicht dicht genug, als daß des Detektivs scharfer Blick dahinter nicht die Augen gesehen hätte, wie diese in dem blassen Gesichtchen immer mehr in sinnlicher Glut auffunkelten. Also war es wohl ganz richtig gewesen, was man über das zierliche Kammerzofchen gemunkelt hatte. Aber das hinderte nicht, daß dabei immer der Rosenkranz durch die Finger glitt, und dann erklangen wohl auch hin und wieder Seufzer der Entrüstung über diese verdorbene Welt.

Was hätte die wirkliche Lady Roger gesagt, wenn sie gewußt, was sie hier für Sünden beichtete? Unserem Nobody war das ganz egal. Die beiden bekamen eben zu hören, was sie zu hören wünschten, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und diese beiden frommen Betschwestern hier hatten ihr besonderes Himmelreich. Nobody nahm sich kein Blatt vor den Mund, und er mochte wissen, daß es Lady Roger an seiner Stelle nicht anders gemacht hätte.

Endlich hielt er es für genug und machte Schluß. Aber den beiden Damen war es noch nicht genug. Gut, Nobody kramte in seiner Erinnerung und erzählte als Zugabe noch einige andre skandalöse Geschichtchen.

Schließlich waren die Damen zufrieden, wenigstens die Priorin.

»Du wirst das, was du uns jetzt erzählt hast, in Gegenwart aller Schwestern wiederholen.«

Aha, dachte Nobody, also das sind die Erbauungen, mit denen man sich hier die Zeit vertreibt!

»In Gegenwart aller Schwestern? Ach nein, das geht doch nicht gut!«

»Warum nicht?«

»Da - da - da - da schäme ich mich.«

»Die Scham ist eine Verblendung, welche der Teufel gegen den Menschen ins Werk setzt,« erklärte die Fonserra salbungsvoll. »Durch die Scham sind wir aus dem Paradiese vertrieben worden.«

Aha, dachte Nobody wiederum, jetzt rücken sie langsam mit der Sprache heraus. Die wollen hier wieder unschuldig wie im Paradiese leben.

»Wenn es so ist, dann werde ich es wohl auch noch über mich bringen, meine Sünden öffentlich zu beichten.«

»Daran tust du recht, und wenn du dich erst eingelebt hast in unsre Gesellschaft, so wird es dir leicht fallen. Jetzt folge der Schließerin, welche dich in deine Zelle führen wird! Morgen früh wirst du an unsrer frommen Übung teilnehmen, wonach es dir noch immer freisteht, uns wieder zu verlassen, wenn es dir bei uns nicht gefällt.«

Sie schlug nur ein Kreuz, und Nobody war entlassen. Die dürre Orranda war schon wieder zur Stelle, ein brennendes Licht in der Hand, Nobody folgte ihr auf den Korridor hinaus.

Es war derselbe, welcher die ehemaligen Nonnenzellen enthielt, die später zu Fremdenzimmern umgewandelt wurden, um jetzt wieder als Büßerzellen zu dienen. Die schweren Türen, jede mit einer Nummer versehen, enthielten also, wie schon erwähnt, in Kopfhöhe ein Fensterchen, und Nobody konstatierte, daß dieses unverhangen war, und daß in jeder Tür außen ein Schlüssel steckte.

Es war die Tür Nummer 14, welche das Skelett öffnete. Sie selbst folgte der Eingetretenen hinein.

Das Zimmer war genau so möbliert wie das vorige, mit Tisch, Stuhl und Pritsche, nur daß die Heiligenbilder fehlten, dafür aber lag - für weniger fromme Naturen viel wichtiger - auf der Pritsche eine Matratze, und war sie auch sehr dünn, so brauchte man doch nicht auf Holz zu schlafen.

»Dies ist dein Zimmer für diese Nacht, und es wird deine Zelle bleiben, wenn du uns nicht wieder verläßt,« sagte die Orranda, als sie das Licht auf den Tisch setzte.

Nobodys erster Blick hatte dem Schloß gegolten. Ein Riegel war nicht vorhanden, die Tür konnte nur verschlossen werden, wenn man den Schlüssel mit hereinnahm.

»Ich kann doch die Tür zuschließen?«

»Weshalb? Es wird dir hier nichts gestohlen.«

»Das glaube ich wohl, aber ich bin es nun einmal gewohnt, ich kann nicht schlafen, wenn ich die Tür unverschlossen weiß.«

»Es ist hier Sitte, daß der Schlüssel draußen stecken bleibt, falls einer Schwester einmal bei Nacht etwas passiert, aber wenn du abschließen willst, so tue es! Ein Verbot existiert nicht.«

Das war jedenfalls eine Garantie der persönlichen Sicherheit.

»Wo sind jetzt die andern Schwestern?«

»Alles schläft schon.«

»Wo sind die Schlafzimmer?«

»Hier auf diesem Korridor.«

»Wann wird früh aufgestanden?«

»Das ist ganz verschieden, je nach den Betübungen, welche täglich vorgenommen werden. Du wirst morgen früh geweckt werden. Nun,« die Orranda lüftete die Seegrasmatratze und brachte eine graue Kutte und Sandalen zum Vorschein, »da es dein fester Vorsatz ist, bei uns zu bleiben, so wirst du wohl auch gleich dieses Gewand anziehen.«

Die vorgebliche Herzogin hatte keinen Grund, dies abzuschlagen. Aber Nobody sah nichts weiter als die Nonnenkutte und die Sandalen.

»Behält man seine mitgebrachten Unterkleider an?«

»Nein, wir tragen keine.«

Und um die Wahrheit ihrer Worte zu beweisen, löste Madame Orranda mit einem Griff den Gürtel ihres Gewandes, welches sonst weder Knöpfe noch Heftel besaß, schlug es teilweise auseinander und ...

Es gehörten Nobodys starke Nerven dazu, um den Anblick dieses Knochenskeletts zu ertragen. Wenn er sich vor Grauen schüttelte, so tat er es nur innerlich.

>Nicht für drei Taler,< sagt Otto, dachte er dabei.

Zum Glück war er dem Anblick der schauderhaften Knochengestalt nicht lange ausgesetzt, Madame Orranda hüllte sich schnell wieder ein.

»Das ist unsre vorschriftsmäßige Tracht, und sie ist sehr gesund. Wenn du frieren solltest - hier unter der Matratze liegt noch eine dicke, wollne Decke.«

»Wenn das Vorschrift ist, so muß ich mich wohl fügen.«

»Dann ziehe dich um! Ich nehme deine Kleider gleich mit, sie werden dir aufgehoben. Soll ich dir behilflich sein?«

Jetzt wurde die Sache kitzlich für unsern Nobody.

»Nein, ich danke, ich kann mich allein entkleiden.«

»Eine Herzogin wird doch eine Kammerzofe gewöhnt sein!«

»Hatte ich bisher eine solche, so muß ich eben lernen, sie zu entbehren. Gute Nacht, ich bin sehr müde.«

Aber das Skelett mußte einen besonderen Grund haben, durchaus beim Entkleiden behilflich oder doch anwesend sein zu wollen.

»Es ist verboten, Licht in der Zelle zu behalten. Wenn ich gehe, muß ich es mitnehmen, dann bist du im Finstern.«

»Ich brauche kein Licht, ich kann mich im Finstern entkleiden.«

»Ach, geh doch! Ich glaube gar, du genierst dich vor mir, ich bin doch eine Frau! Komm nur, ich will dir helfen!«

Sie streckte schon die Arme aus, um der Dame die Heftel zu lösen. Ihre Hilfe aber war das einzige, was Nobody unmöglich dulden durfte, oder alles wäre verraten gewesen. Zwar war es auch gefährlich, was er jetzt tat, weil einer Dame nicht entsprechend, aber er wußte kein andres Mittel, und einer Lady Roger sah es schon ähnlich.

Mit einem schnellen Griffe hatte er die Orranda bei den ausgestreckten Armen gepackt und, obgleich das knochige Weib wahre Bärenkräfte besitzen mußte, es nach der Tür gedrängt, diese aufgerissen, das Weib hinausgestoßen und dabei schnell noch den draußensteckenden Schlüssel mit hereingenommen.

Ehe die Orranda noch klinken konnte, war schon abgeschlossen und im nächsten Augenblick das Licht ausgeblasen.

Als das Skelett die Tür schon verschlossen fand, grunzte es draußen etwas, dann aber hörte Nobody gleich schlurfende Schritte, die sich entfernten. Der neue Gast sollte nicht weiter eingeschüchtert werden. Auch die Kerze hatte man ihm gelassen, und auf dem Teller des Leuchters lagen Streichhölzer.

Nobody bedurfte ihrer nicht. Er selbst hatte eine Taschenlaterne und Feuerzeug bei sich, ferner einen kleinen, eleganten Revolver und einen Damendolch, was er alles unter seiner Kutte zu verbergen beschloß. Wurde das bei ihm durch irgend einen Zufall gefunden, so wäre das wohl bei jeder andern Dame sehr auffallend gewesen, aber nicht bei der tollen Herzogin, und dies alles hatte er in Betracht gezogen, als er diese Maske wählte.

Also er entkleidete sich vollständig, zog die Kutte an und befestigte die Sandalen an den Füßen. Wenn man morgen seine abgelegten Sachen untersuchte, würde man sehr intime Toilettenstücke darunter finden, denn der als Dame auftretende Mann hatte natürlich seiner Brust etwas nachhelfen müssen. Aber, das schadete nichts. Nobody wußte auch ohne Spiegel ganz genau, wie er in diesem sackartigen Gewand aussah, und daß er unter demselben seinen Trikotanzug trug, das verriet er natürlich den Weibern nicht.

Er legte sich auf die Seegrasmatratze, nicht um zu schlafen, sondern um nachzudenken. Doch wir wollen seinen Gedanken nicht folgen.

Das Skelett kam nicht wieder, alles war still im Hause. Etwa eine Stunde hatte Nobody gelegen, als er sich wieder erhob. Er war entschlossen, schon jetzt etwas zu spionieren. Er konnte dabei ertappt werden, konnte sich >verirren<, wohin er wollte - der in dem Hause fremde Gast hätte eine Entschuldigung gehabt.

Jetzt drang an sein Ohr ein leises Schnarchen, welches er in seiner Zelle nicht gehört hatte. Lauschend blieb er vor mehreren Türen stehen, hörte an der einen das Schnarchen deutlicher, an einer andern gar nichts, hinter einer dritten Tür schien sich eine Schwester sehr unruhig auf ihrem Lager herumzuwälzen.

Auch untersuchte Nobody an zwei Türen, hinter denen er nach den tiefen Atemzügen Festschlafende vermuten durfte, ob sie von außen verschlossen seien. Es war nicht der Fall, die Schlüssel waren nicht umgedreht, und so mußte man also annehmen, daß die Schwestern innerhalb der Klostermauern die größte Bewegungsfreiheit genossen.

Nobody hatte das Ende des Korridors erreicht, von wo eine Treppe hinabführte, welche durch keine Tür abgeschlossen war, wie überhaupt große Scheidetüren hier sehr selten waren. Ohne Zögern stieg er hinab. Er hatte ein bestimmtes Ziel im Auge, und da dieses Gebäude durchaus nicht winklig war, sondern mit den Plänen aller alten Klöster übereinstimmte, und da er wußte, daß er sich in der ersten Etage befand, so ward es ihm nicht schwer, dieses sein Ziel ohne langes Suchen zu erreichen.

Es war im Keller, in Wirklichkeit allerdings noch immer hoch über dem Meeresspiegel. Im Boden eines Gewölbes war eine große Eisenplatte eingelassen, an welcher ein Ring befestigt war.

Dies war die Falltür, welche Nobody bei nächtlicher Weile schon mehrmals gelüftet hatte, aber nicht von hier oben aus, sondern von untenher, denn hier war der Ausgang, der aus der Höhle führenden Treppe, von welcher wir jenen Matrosen schon haben erzählen hören.

Nobody lauschte, setzte das Licht hin und packte mit beiden Händen den Eisenring, und es bedurfte der ganzen Anstrengung des über außergewöhnliche Körperkräfte verfügenden Mannes, um die dicke Eisenplatte, die sich in Angeln drehte, aufzuklappen.

Als er steinerne Stufen sah, war er befriedigt, ließ die Falltür geräuschlos wieder hinab, und er hatte sich auch nur von etwas Besonderem überzeugen wollen - nämlich daß er die Angeln von unten her nicht umsonst mehrmals mit Öl geschmiert hatte.

Ohne sich weiter aufzuhalten, trat er den Rückweg an, nahm mit Absicht einen andern Weg als zuvor, der ihn durch andre Korridore führte. Das einst sehr stark bevölkert gewesene Kloster hatte äußerst zahlreiche Zellen, doch fehlten hier an den Türen die Schlüssel, und der lauschende Detektiv glaubte annehmen zu dürfen, daß sie unbewohnt seien.

Da, als er mit dem brennenden Lichte an einer olleinliegenden Tür vorüberstrich, ertönte plötzlich gegen diese von innen ein Klopfen, gleichzeitig ließ sich eine weibliche Stimme im jammerndstsn Tone vernehmen:

»Wenn ihr Menschen seid, die noch ein Herz haben, so laßt mich doch wieder heraus, ich will's euch ja bei allem, was mir heilig ist, zuschwören, nichts von dem zu verraten, was ich hier zu sehen bekommen habe!«

Nobody hatte Johannas Stimme noch nicht gehört, aber er wußte, daß es keine andre sein könne.

Was sollte er tun? Johanna wurde hier gegen ihren Willen festgehalten, sie war eingeschlossen, der Schlüssel steckte nicht in der Tür. Auch diese besaß ein Fensterchen, der Lichtschein war in die Zelle gedrungen, war von der Schlaflosen bemerkt worden, sie flehte ihren vermeintlichen Gefangenwärter um Erbarmen an.

Nobody hielt es für das Beste, ihr nicht einmal ein tröstendes Wort zuzuflüstern. Helfen konnte er ihr im Augenblick nicht, und wenn er jetzt von irgend einer Bewohnerin des Klosters an dieser Tür gesehen wurde, so war jedenfalls alles verloren.

Er huschte also schnell vorüber. Mochte die Unglückliche glauben, sie habe abermals umsonst gefleht. Die Hauptsache war ihm, jetzt bestimmt zu wissen, daß Johanna sich hier befand und nicht zu denen gehörte, welche, nachdem sie einmal hinter die Mauern der Arche Noah gelockt worden waren, freiwillig hier verweilten.

Ohne eine Begegnung zu haben und ohne noch etwas zu vernehmen, erreichte Nobody seine Zelle wieder, und nur um sich nicht inkonsequent zu werden, falls doch jemand an seiner Tür klinken sollte, schloß er diese wieder hinter sich zu.

Im Finstern konnte er seinen Gedanken nachhängen. Was konnte das sein, was Johanna hier gesehen haben wollte? Es mußte doch etwas Entsetzliches sein, daß sie schwören wollte, nichts davon zu verraten.

Nun, Nobody gedachte es schon morgen mit eignen Augen zu schauen, und mit diesem Gedanken schlief er ein.



Ein derbes Klopfen ertönte an seiner Tür.

Es kam für Nobody nicht unvermutet, denn schon das leichte Geräusch, verursacht durch den Versuch, das Schloß aufzuklinken, hatte genügt, den Schläfer zu wecken, so gesund sein Schlaf auch gewesen war, und er sah, daß durch das vergitterte Fensterchen bereits der helle Morgen hereindrang.

Mit Absicht ließ er das Klopfen sich mehrmals wiederholen, ehe er eine Antwort gab.

»Wer ist da?«

»Schwester Eva! Ich bringe dir Waschwasser,« lautete die Antwort, und Nobody sah an dem Fensterchen der Tür ein blasses Gesicht.

Er stand schnell auf und öffnete, sich aber noch schlaftrunken stellend. Es war keine andre als die grüne Eva, welche dem neuen Gaste eine Schüssel mit Wasser, Seife und Handtuch brachte, alles so primitiv wie möglich, und als Waschtisch mußte der Stuhl dienen.

Die ehemalige Kokotte sah noch leidender aus als vor einigen Tagen, da Nobody sie auf der Straße erblickt hatte, als sie, aber auch schon in der Nonnenkutte, eine Freundin besuchte, um diese mit sich hinter die Mauern der Arche Noah zu nehmen. Die tiefliegenden, unruhig flackernden Augen waren von dunklen Ringen umgeben, das Waschbecken zitterte in ihren Händen, an der ganzen Gestalt war etwas ungemein Nervöses.

Die treibt's höchstens noch acht Tage, dann hat ihr Lebenslämpchen sich selbst aufgezehrt, dachte Nobody.

»Gelobt sei Jesus Christus, unser Heiland, daß er uns diesen neuen Tag geschenkt!« sagte die grüne Eva, als sie das Waschbecken auf den Stuhl setzte, wobei sie einen tüchtigen Schwapp Wasser an den Boden goß, so sehr zitterten ihre Hände.

»Amen,« antwortete Nobody auf diese klösterliche Begrüßung wohl ganz richtig, und dann, als sich die Nonne aufgerichtet hatte und die neue Schwester fragend anblickte, fuhr er fort: »Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit. Nicht wahr, auch die Schwestern reden sich untereinander mit du an?«

»Selbstverständlich, und sind wir überhaupt vor Gott alle gleich, so erst recht in diesem Hause, in welchem die Demut wohnt.«

»Du nanntest dich Schwester Eva. Weißt du, wer ich bin?«

»Die Lady Isabel Roger, aber wenn du unsere Schwester werden ...«

»O, nicht das - ich meinte nur, ob schon die andern Schwestern erfahren haben, daß ich beute nacht gekommen bin.«

»Ja, die Mutter, wie wir die Priorin nennen, bereitete uns heute früh die freudige Überraschung. Willst du dich nun erst waschen?«

»Sogleich. Gestatte mir nur erst noch einige Fragen, wenn du mir dieselben beantworten darfst!«

»Bitte, frage! Hier gibt es keine Heimlichkeiten.«

»Es ist nur wegen der Hausordnung ...«

»Hier gibt es auch keine Hausordnung, jede Bewohnerin der Arche Noah ist vollkommen frei und unabhängig,« unterbrach ihn die Schwester.

Schon gestern abend hatte ihm die Mutter dasselbe gesagt, und es kam Nobody vor, als würde hierauf eine ängstliche Betonung gelegt. Dem aber widersprach Johannas Gefangenhaltung.

»Es scheint aber doch immer an einer Schwester die Reihe zu sein, der andern das Waschwasser zu bringen?«

»O nein, so etwas gibt es hier nicht. Alles geschieht freiwillig in Demut. Wir waschen uns gemeinschaftlich in einer Badeeinrichtung. In dieser aber konntest du doch nicht gut den dir noch fremden Schwestern vorgestellt werden, waschen mußtest du dich aber, eine mußte dir das Wasser bringen, und da erbot ich mich dazu.«

»Dann danke ich dir nochmals für diese deine Liebenswürdigkeit.«

»Gar keine Ursache dazu. Wir haben keine Dienstboten, und des Lebens Notwendigkeiten müssen doch erledigt werden, und so tun wir selbst alles in christlicher Nächstenliebe, unterziehen uns jeder Arbeit, ohne dazu erst aufgefordert zu werden.«

»Das ist allerdings sehr schön, und ich werde euch nachzueifern versuchen, daß ihr euch über mich nicht zu beklagen habt.«

»Wenn erst der Geist der Liebe über dich gekommen ist, so wirst du dies alles von ganz allein tun,« entgegnete die grüne Eva, und Nobody glaubte bei diesen Worten einen ganz besondern Ausdruck in ihren Augen zu lesen.

Doch er hatte erst noch andre Fragen an sie zu richten.

»Wann werde ich den Schwestern vorgestellt?«

»In einer Viertelstunde, wenn wir frühstücken.«

»Welch Zeit ist es jetzt eigentlich?«

»Ich klopfte um sechs Uhr an deine Tür.«

»Da fällt mir ein, daß ich doch noch etwas in der Welt zu erledigen habe, ehe ich sie für immer verlasse. Ich kann dann doch noch einmal hinausgehen?«

Ganz unverkennbar war, wie jetzt die Kokotte von einem ängstlichen Gedanken befallen wurde, oder wie unangenehm es ihr doch war, daß die Fremde jetzt noch diesen Wunsch äußerte.

»Gewiß,« bestätigte sie trotzdem, »das kannst du. Ich muß dir immer wiederholen, daß hier jede Schwester ganz frei ist und tun und lassen kann, was sie will. Aber du wirst doch nach dem Frühstück an dem gemeinsamen Gottesdienste teilnehmen? Er währt nur ganz kurze Zeit.«

Selbstverständlich erklärte sich Lady Isabel dazu bereit, was die grüne Eva wieder sehr zu befriedigen schien, und nachdem diese noch gesagt, daß jene dann zum Frühstück abgeholt würde, entfernte sie sich.

Nobody wusch sich, wobei er nur die weiten Kuttenärmel etwas zurückschlug. Daß er nicht gleich heute genötigt war, an der gemeinsamen Waschung teilzunehmen, aus der vielleicht ein allgemeines, gründliches Baden wurde, das war ihm sehr angenehm.

Im übrigen schien es ja hier höchst ehrbar und einträchtig herzugehen, alles in geschwisterlicher Nächstenliebe. Aber ... Nobody hatte schon genug andres zu hören bekommen oder herausgehört, er konnte kein rechtes Vertrauen zu dieser >christlichen Nächstenliebe< fassen.

Wiederum war es die grüne Eva, welche ihn dann abholte. Sie führte ihn in das ehemalige Refektorium, welches auch zum gemeinschaftlichen Speisesaal der Klostorbewohnerinnen geworden war.

An einer langen, ungedeckten Tafel saßen die Schwestern, deren Nobody achtundzwanzig zählte, und diese Zahl stimmte, so viel waren bisher hinter diesen Mauern verschwunden, und der nicht zum ersten Male in Monte Carlo weilende Weltbummler sah lauter bekannte Gesichter, lauter Kokotten, und sie alle zeigten denselben, schon oft erwähnten krankhaft erregten Ausdruck.

Aber eine Person vermißte er doch: Johanna war nicht unter ihnen.

Die Vorstellung war eine einseitige und wurde von der >Mutter< übernommen.

»Lady Isabel Roger, welche als unsere Schwester aufgenommen zu werden wünscht,« sagte sie, und damit war die Sache erledigt; die neue Schwester bekam einen Platz auf der Bank zwischen der Mutter und dem Skelett angewiesen.

Es ging ganz so zu, wie es in solch einer frommen Gesellschaft zugehen muß. Es wurde gebetet und heilige Lieder gesungen, und in den Zwischenpausen aß man Mehlsuppe, welche schon aufgetragen gewesen war, als Nobody eintrat.

Der Appetit der achtundzwanzig frommen Schwestern nach der schmalzlosen Mehlsuppe war ein sehr geringer, und schon nach den ersten zehn Minuten hatte der in aller Heimlichkeit scharf beobachtende Detektiv eine Ansicht ganz bestimmt gefaßt, ohne eigentlich einen sichtbaren Grund dafür zu haben:

»Dieses Frühstück mit Mehlsuppe findet sonst niemals statt, nur heute einmal, mir zu Ehren, ist gar nicht nach dem Geschmack der Damen, die können gar nicht erwarten, bis die Tafel wieder aufgehoben wird.«

Wie gesagt, es war dies aus gar nichts zu erkennen - aber Nobody hatte so etwas eben in seinem Gefühl, darin irrte er sich nie.

Übrigens währte das Frühstück nur eine Viertelstunde. Zuerst war das Skelett aufgestanden und hinausgegangen, kam aber schon nach zwei Minuten wieder zurück, und ihr Erscheinen war das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.

»Jetzt begeben wir uns zu dem eigentlichen Morgengottesdienst, welcher in der Kapelle stattfindet,« sagte die Fonserra zu der neuen Schwester.

Diese ward von der Priorin und dem Skelett in die Mitte genommen und unter einem gemeinsamen Gesange marschierte alles hinaus.

Nobody achtete vor allen Dingen auf den Weg. Der Zug kam auch an jenem Gewölbe vorüber, wo in den Boden die Falltür eingelassen war, und gleich darauf zog der singende Nonnenzug in einen weiten, kreisrunden Saal ein, an dessen Wänden nebeneinander lauter kleine Türen mit vergitterten Fensterchen angebracht waren, und in der Mitte erhob sich ein aus dem Felsen stehengelassener, altarähnlicher Stein. Nobody hatte diesen Raum noch nicht gesehen, auch nicht heute nacht, aber er hatte schon von ihm erzählen hören.

Das war der Saal im Keller, dem die Fonserra und ihre beiden Begleiterinnen damals bei Besichtigung der Arche Noah ihre größte Aufmerksamkeit gewidmet hatten - das war der sogenannte >Disziplin-Stuhl<, auf dem sich die Ursulinerinnen ehemals freiwillig geißeln ließen, was der Mexikanerin eine so seltsame Bemerkung entrissen hatte.

Noch bewegte sich der singende Zug rund um den Saal, als Nobody an der jenseitigen Wand, wohin die Nonnen noch gar nicht gekommen waren, an einem der vergitterten Fensterchen ein Gesicht entdeckte - ein Gesicht, welches er sehr gut kannte ...

Seinen Gedanken wurde vorläufig ein Ende gemacht. Der Gesang war verstummt, die ersten Nonnen öffneten schon die Türen, eine nach der andern verschwand in einer Zelle, und auch vor der vermeintlichen Lady Isabel wurde von der Orranda, aber außerhalb der Reihe, eine Zellentür aufgeklinkt.

»Das hier ist deine Zelle, in welcher du unserm Religionsdienste beiwohnen wirst,« sagte sie, und obgleich sich Nobody gar nicht sträubte, wurde er mit etwas Gewalt in das Innere gedrückt, die Tür fiel hinter ihm wieder ins Schloß.

Obgleich in dem kleinen Raume ein Halbdunkel herrschte, konnten die scharfen Augen des Detektivs sofort alles unterscheiden, und sein Staunen war nicht gering, denn das hatte er wirklich nicht erwartet.

Hier war nichts von der bisherigen Einfachheit zu bemerken. Es war ein kleines, kosiges Boudoir, alles mit dicken, weichen Polstern und Kissen belegt, nicht nur der breite Diwan, welcher die Hinterwand einnahm, auch die andern Wände waren gepolstert. Man wurde lebhaft, besonders durch die Enge, an das erstklassige Coupé eines Schlafwagens erinnert.

Eine weitere Musterung unterließ Nobody vorläufig. Er blickte zunächst durch das Fensterchen, dabei nach einer Klinke suchend, fand eine solche, probierte sie, und er wunderte sich eigentlich, daß die Tür seinem vorsichtigen Drucke gehorchte.

Dann war es etwas andres, worüber er sich noch mehr wunderte. Seine Zelle befand sich auf der Seite, auf welcher in der Wand die nach dem Meere hinausführenden Lichtfenster angebracht waren, durch dieselben drangen die Strahlen der noch niedrig stehenden Morgensonne, sie fielen gerade in einige Gitteröffnungen der gegenüberliegenden Türen, und so konnte Nobody deutlich sehen, daß alle diese andern Zellen ganz genau so behaglich gepolstert waren wie seine.

Woher hatte die Mexikanerin diese Polstereinrichtung bezogen, wie dieselbe in die Arche Noah hereinbekommen? In Monaco-Monte Carlo glaubte man doch genau zu wissen, was sie alles mit hereingenommen hatte, aber von solchen Polstern, welche doch einige große Kisten füllen mußten, war nichts bekannt.

Gleichgültig! Sie hatten eben verstanden, diese Polsterungen unbemerkt hereinzuschmuggeln. Und zu ihrer Anbringung war kein Tapezierer nötig gewesen.

Sämtliche Nonnen waren in den Zellen verschwunden, in jede stets eine. Nur die Orranda war draußen geblieben, ging von Tür zu Tür und sprach mit den sich an den Fenstern zeigenden Köpfen. Nobody hatte sich die Zellentür genau gemerkt, hinter welcher er das blasse, ängstliche Gesicht Johannas gesehen hatte, aber gerade diese blieb unsichtbar. Höchstens glaubte er, weil in ihre Zelle ein Sonnenstrahl fiel, ihre graugekleidete Gestalt hinten auf dem Diwan liegen zu sehen.

Jetzt kam das Skelett auch zu ihm, und Nobody konnte einmal recht deutlich bemerken, wie dieses abschreckend häßlichen Weibes eines Auge ihm forschend ins Gesicht blickte, während das andre beobachtend nach Johannas Zelle schielte.

»Nun, wie gefällt dir diese Betzelle?« begann sie ohne weiteres mit so recht höhnischem Grinsen, und auffallend war es, daß sie dies, wenn sie etwas im Hinterhalte hatte, gar nicht zu verbergen suchte.

Es war fast, als ob sie plötzlich mit Absicht eine Maske fallen lasse.

»Ich wundre mich sehr, daß diese Betzelle so luxuriös eingerichtet ist.«

»Du wirst dich bald noch über mehr wundern.«

»Über was denn?« fragte die vorgebliche Engländerin, und wenn sie dabei überrascht tat, so geschah dies mit guter Absicht.

»Über das, was du hier zu sehen bekommen wirst.«

»Ich denke, ihr wollt hier eine Andacht abhalten?«

»Ja, aber es ist ein ganz eigentümlicher Religionskultus, den wir ausüben.«

»Ich hoffe doch, es ist ein christlicher!« sagte die Lady Isabel mit großen Augen.

»Und wenn dies nun nicht der Fall wäre?« fragte das Skelett lauernd zurück. »Unter solchen Umständen würde ich dieses Haus sofort wieder verlassen.«

Nobody mußte immer die Maske der energischen, selbständigen Engländerin wahren, die wohl auf jedes Abenteuer einging, aber dabei immer frei bleiben wollte.

Obgleich er nun bei seinen Worten gar keine verdächtige Bewegung gemacht hatte, wurde doch draußen plötzlich ein Riegel vorgeschoben, wie er wenigstens hören konnte, und jetzt war auch sein Griff nötig, um sich von einer Freiheitsberaubung zu überzeugen.

»Wie? Sie wagen es, mich einzuschließen?«

»Nur in deinem eignen Interesse, daß du uns nicht eher verläßt, als bis du an dir selber erfahren hast, warum es von uns kein Fortkommen gibt, oder warum doch jeder, der einmal bei uns gewesen ist, wieder freiwillig zu uns zurückkommt, wie von einem Magnet angezogen. Und du willst wissen, was das für eine Religion ist, deren Kultus wir hier betreiben? Jede Religion hat den Zweck, seligzumachen, und die unsere ist in Wirklichkeit die alleinseligmachende. Paß auf, gleich geht der Tanz los, und wenn du in deiner Zelle mittanzt, dann lasse ich dich wieder heraus, damit du draußen weitertanzen kannst!«

Nach diesen zum Teil sehr rätselhaften Worten ging das alte Weib nach der Mitte des Saales, stieß ein schrilles Geschrei aus, das man aber eher mit einem gellenden Pfeifen vergleichen konnte, und wirklich war auch eine Melodie herauszuhören, streckte beide Arme aus und begann sich plötzlich schnell wie ein Kreisel um sich selbst zu drehen.

Was nun Nobody weiter beobachtete, das läßt sich in allen Einzelheiten schwer beschreiben, und zuletzt hörte auch die Beobachtung ganz auf, denn nach und nach entstand ein wahres Chaos von menschlichen Figuren, die aber gar keine Menschen mehr waren.

Das Skelett hatte sich unter solch gräßlichem Pfeifen oder Schreien noch nicht lange im Kreise gedreht, als sich eine der Zellentüren öffnete, und in der herausschlüpfenden, zierlichen Gestalt erkannte Nobody das Nixchen.

Auch sie streckte beide Arme aus, auch sie begann sich schnell im Kreise zu drehen, immer schneller und schneller auf derselben Stelle, bis diese blitzschnelle Umdrehung unmöglich auf natürliche Weise geschehen konnte, d. h., es mußte ein krankhafter Zustand sein, wie er z. B. auch beim Veitstanz vorkommt.

Ein dritter menschlicher Kreisel gesellte sich zu den beiden, dann ein vierter, ein fünfter - die neuen kamen schon sich drehend aus der Zelle heraus, andre tanzten bereits in der Zelle und konnten kaum noch die Tür öffnen, bis schließlich der ganze Saal von solchen wahnsinnigen Kreiseln angefüllt war, welche sich aber nicht mehr nur auf der Stelle drehten, sondern sich auch durcheinanderzubewegen begannen, alle jenes gellende Schreien ausstoßend, zu welchem das Skelett den Takt heulte.

Was lag hier vor? Etwas, von dem es besser ist, wenn man es gar nicht näher untersucht. Einige Andeutungen müssen aber doch gemacht werden.

Es ist ein krankhafter Zustand, ein Krampf, und Krampf steckt an.

Wenn in einem überfüllten Theater oder noch mehr in einer Kirche eine Person in Krämpfe fällt, so werden stets noch andre davon befallen, besonders Frauen. Wer das zu seinem Glücke noch nicht beobachtet hat, dem sei ein andres Beispiel gegeben, daß der Krampf durch bloßen Anblick ansteckend wirkt: Das Gähnen ist nichts weiter als ein Krampf der Atmungswerkzeuge und der Kinnladen, und es gibt zahllose Menschen, welche gähnen müssen, wenn sie einen andern Menschen gähnen sehen, sie können es sich auch mit aller Energie nicht verhalten.

Das fürchterlichste Beispiel aber, wie der Krampf ansteckend wirken kann, gab ungefähr um das Jahr 1840 in Amerika die sogenannte Shakerseuche.

Die Shaker, auf deutsch >Zitterer<, bilden eine besondere Religionssekte. Bei ihnen fährt der heilige Geist in die Glieder. Die Shakerpriester verstehen zu predigen, erst malen sie der Gemeinde die Schrecken der Hölle aus, dann schildern sie mit glühenden Farben die Glückseligkeiten des Paradieses. Die Zuhörer erhitzen sich immer mehr, erst wimmern sie, daraus wird ein Lachen, plötzlich fängt einer vor Freude an zu tanzen, alle tanzen mit, daraus wird ein Hüpfen, sie springen meterhoch, drehen sich mit ausgestreckten Armen wirbelnd im Kreise, bis sich zuletzt alles in konvulsivischen Zuckungen am Boden wälzt.

Es genügt aber noch nicht, von der Ansteckung des Krampfes zu sprechen. Hierbei treten nämlich auch die seltsamsten physikalischen Erscheinungen auf, mit denen sich die Gelehrten einmal ernstlich beschäftigen sollten. So ist es eine Tatsache, daß sich bei den im Kreise Drehenden die längsten Kopfhaare, anstatt daß sie eine horizontale Richtung einnehmen, senkrecht aufrichten, oder aber, daß sie wie Schlangen peitschen und knisternde Funken sprühen. Ganz offenbar handelt es sich also hierbei um eine durch heftige Muskelbewegungen erzeugte Elektrizität, und zwar um galvanische.

Um das Jahr 1840 nun trat dieses >Zittern< einmal in ganz Nordamerika epidemisch auf. Die Shaker hatten gerade um diese Zeit sehr viele Missionare ausgeschickt, und überall, wo sie im freien Felde predigten, fing das Hüpfen, Drehen und Krampfwälzen an: ganze Städte wurden davon ergriffen, jeder mußte mitmachen, wenn er auch gar nicht wollte, und das >Zittern< stellte sich später immer wieder ein. Die Shaker hielten dies für einen Beweis ihrer göttlichen Mission. Die aufgeklärten Ungläubigen spotteten darüber und sprachen von Einbildung, Nachäffung und Hysterie - und wenn sie einmal hingingen, so mußten sie selbst mit hüpfen und sich drehen, wie sie sich auch dagegen sträubten. Die Regierung ließ nichts unversucht. Die sämtlichen Distrikte, in denen der Veitstanz - denn nichts weiter ist es - epidemisch ausgebrochen war, wurden abgesperrt. Allein das hatte höchstens den Erfolg, daß die Krankheit auf ihren Herd beschränkt blieb, behoben wurde sie dadurch nicht.

Da kam man auf den Einfall, in die verseuchten Distrikte besonders nervenstärke Männer zu schicken, welche die Feuerprobe schon einmal ausgehalten hatten, diese mußten enggedrängt die Versammlungen der Shaker umstehen, und wenn der Unfug losbrechen wollte, mischten sie sich mit Hohn und Spott unter die Tanzenden - sie sollten sich doch nicht lächerlich machen, das wäre doch nur alles Schwindel - und wahrhaftig, ihre starken Nerven paralysierten den schädlichen Einfluß auf die Schwachen! - Das ist wiederum so etwas, wovon sich unsre Schulweisheit noch nichts träumen läßt. -

Hier nun in der Arche Noah lag wieder eine andre Art von künstlich erzeugtem und ansteckend wirkendem Veitstanz vor, und der weitgereiste Nobody, der in manche Verhältnisse Einblick genommen hatte, welche andern Menschen sonst verschlossen bleiben, wußte auch gleich, welchen Kultus die Mexikanerin hier eingeführt hatte, oder vielmehr, er hörte es, hörte es an der eintönigen und doch durch Mark und Bein gehenden Melodie, welche pfeifend oder schreiend den schrecklichen Tanz begleitete.

In ganz Mexiko ist eine Sekte von religiösen Schwärmern verbreitet. In den verschiedenen Gegenden werden sie Duskis oder Botas oder Kondas genannt, im allgemeinen aber werden sie als >Schlangenanbeter< bezeichnet. Der rohe Kultus soll aus Afrika stammen, von Negersklaven eingeführt worden sein, und auch in Mexiko hängen ihm noch heute meistenteils Neger und Mischlinge von diesen an, Mulatten, Sambos usw., obschon auch die stolzen Kreolen in dieser Sache gern mit den sonst maßlos verachteten Farbigen gemeinschaftliche Sache machen, eben weil die damit verbundenen Orgien den heißblütigen Menschen zusagen.

Der durch Mexiko reisende Fremde sieht häufig vor den Hütten der Eingebornen kleine, steinerne Näpfe stehen, mit Wasser und sogar mit Milch gefüllt; er freut sich, daß die Leute so für die Katzen und Hunde sorgen, wundert sich aber, wenn er sieht, daß diese durstigen Tiere von den Trinknäpfen weggejagt werden, und dann kann er wohl einmal mit Entsetzen beobachten, wie aus diesen Näpfen Schlangen saufen, sogar giftige, ohne daß sie von den Eingebornen dabei behindert oder gar getötet werden. Die Bewohner solcher Hütten bekennen sich eben offen als Mitglieder jener Sekte, die daher gar keine geheime genannt werden kann, und das Gesetz steht denn auch dem obskuren Treiben dieser Schlangenanbeter ganz machtlos gegenüber.

Diesen heidnischen Kultus also hatte die Mexikanerin eingeführt, nur der Orgien wegen. Schlangen, die bei den Duskis selbst eine Hauptrolle spielen, brauchten hier gar nicht dabeizusein, und während man draußen glaubte, in der Arche Noah wurde gebetet, wurden hier die größten Ausschweifungen begangen, für welche ein gesunder Mensch gar kein Verständnis hat, deren Zweck er überhaupt nicht begreift.

Bei den Kokotten von Monte Carlo freilich, die sowieso sämtlich an Hysterie leiden, hatte die Fonserra schnell treue Anhängerinnen gefunden, sie brauchte dieselben nur einmal von der neuen Speise kosten zu lassen. -

Schon als nur einige der tollen Weiber wie die Kreisel in dem Saal herumwirbelten, hatte die Orranda plötzlich ihr Drehen eingestellt und stand gleich ganz fest, ohne daß sich bei ihr ein Zeichen des Schwindels erkennen ließ.

Sie war den Weibern, welche, vom Wahnsinn der Hysterie angesteckt, sich schon in ihrer Zelle zu drehen begannen und daher den Ausgang nicht mehr allein fanden, behilflich, die Tür zu öffnen, bis alle in einem wilden Wirbel durch den Saal kreiselten, mit Ausnahme Johannas und der neuen Schwester, welche ja auch eingeschlossen war.

Dieses Drehen sollte aber erst die Einleitung zu der eigentlichen Orgie sein, bei deren Anblick einem normalen Menschen der Verstand stehen bleiben mußte, weil er sich hier vor einem entsetzlichen Rätsel sah. Das zierliche >Nixchen< war die erste, welche plötzlich mitten im schnellsten Kreiseln zusammenbrach, sie lag mit fliegendem Atem da.

In demselben Augenblick aber stürzte sich die Orranda, welche plötzlich unter ihrer Kutte eine lange Rute hervorgezogen hatte, auf sie, schleifte sie nach dem in der Mitte stehenden Stein, dem >Disziplinstuhl<, riß ihr die Kutte vom Rücken, drückte das Mädchen mit der Brust auf den Stein und begann es unbarmherzig zu peitschen. Schon nach wenigen Schlägen sah Nobody Blut fließen.

Und was tat die Gemarterte? Nobody konnte ihr gerade ins Gesicht blicken. Wohl wand sie unter der Faust des Bärenweibes den schlanken Leib auf dem blutigen Steine, wohl heulte sie dabei, aber das schien ein Heulen des Vergnügens zu sein, denn das drückte auch ihr Gesicht aus, so verzerrt dasselbe auch war.

Eine solche Verquickung von wahnsinnigstem Schmerz und seligstem Entzücken hatte Nobody noch nie beobachtet - auch nicht bei den Duskis in Mexiko, wo genau dieselben Szenen stattfinden, erst das Drehen und dann das Auspeitschen der Frauen, wie der Männer mit spitzen Ruten.

Endlich war die Kammerzofe unter den Schlägen ohnmächtig geworden, und jetzt war der Schmerz aus ihrem Gesicht gewichen, es war nur noch von der himmlischsten Seligkeit wie verklärt. Das Skelett hob den blutigen Leib auf die Arme und trug ihn in die Zelle zurück, wo sie sich mit der Ohnmächtigen zu schaffen machte. Doch die Orranda mußte sich beeilen, ihres hauptsächlichsten Amtes zu walten, denn schon war eine andre tanzende Kokotte zusammengebrochen und wartete darauf, mit der Rute ausgepeitscht zu werden - und so ging das fort, auch die Fonserra kam daran, auch sie heulte vor Lust, als die spitzen Ruten ihren Rücken zerfleischten, welcher ebenso wie der aller andern Weiber schon mit kaum verharschten Narben bedeckt gewesen war, und sie alle wanden sich auf dem bluttriefenden Steine und schrien vor Schmerz und kreischton vor Lust und ...

Doch genug, genug!! Was hier vorlag, daß sich diese Weiber freiwillig auspeitschen ließen und dabei in Seligkeit schwelgten, das läßt sich für den nicht erklären, der von solchen menschlichen Verirrungen gar nichts weiß.

Der berühmte Philosoph Rousseau hat in seinen >Bekenntnissen< diesem Phänomen des menschlichen Charakters ein besonderes Kapitel gewidmet, auf dieses sei hier hingewiesen.

Wir brauchen überhaupt gar nicht so weit zu gehen, um in der menschlichen Gesellschaft genau dasselbe zu finden. Man glaube doch nicht, wenn sich Mönche und Nonnen und andre >Heilige< mit Geißeln den Rücken zerfleischen lassen, daß sie dies tun, um ein gottwohlgefälliges Werk der Buße und Frömmigkeit zu üben. Wohl mögen sie dies selbst glauben, aber die Haupttriebfeder dazu ist doch immer die allergröbste, an Wahnsinn grenzende Sinnlichkeit - ist die Wollust. Der Isisklub in Paris, dessen Mitglieder den höchsten Gesellschaftskreisen angehören - ist genau dasselbe.

Es wurde schon einmal gesagt: wenn der Bogen zu straff gespannt wird, dann knackt er. Das gilt auch in bezug auf Sinnlichkeit und Wollust.

Immer toller und immer toller wurde inzwischen dieser Hexensabbat der >heiligen Schwestern<, an denen der Teufel seine Freude hatte.

Die Ohnmächtigen kamen wieder zu sich, von neuem begannen sie sich im wilden Tanze zu drehen - und von neuem stürzten sie hin, um von neuem ihre noch blutigen Leiber peitschen zu lassen. Dabei war ihr Benehmen ganz verschieden, nicht eine verhielt sich wie die andre. Nicht jede begann sich erst wieder zu drehen, sie wollte gleich wieder gepeitscht werden, und war die Orranda gerade beschäftigt, so erwies sie diesen >Liebesdienst< erst einer andern, um dann erst hinterher wie ein lebendiger Kreisel im Saale herumzutaumeln, immer unter jenem gräßlichen Pfeifen und Heulen.

Die Orranda hatte ein ganz besonderes Vergnügen. Sie selbst tanzte nicht und ließ sich auch nicht peitschen - sie peitschte nur andern den Rücken blutig, und was für ein Vergnügen ihr das gewährte, das war in ihren Zügen zu lesen. Es war die wollüstige Grausamkeit in eigener Person.

Auf der andern Seite war es die Fonserra und noch mehr das zierliche, so unschuldig aussehende Nixchen, welche sich nicht genug peitschen lassen konnten, und von den Kokotten war die grüne Eva diejenige, welche es jenen an fanatischem Eifer bald nachtun würde.

Nobody beobachtete an seinem Gitter kaltblütig die wüsten Szenen. Er hatte Interesse dafür, nichts weiter. Er gehörte zu jenen Männern, welche dahin geschickt werden müssen, wo bei Gelegenheit der Veitstanz oder überhaupt der religiöse Wahnsinn epidemisch aufzutreten droht, um den schädlichen Einfluß durch seine kalte Willenskraft zu paralysieren.

Und es genügt schon, daraufhin die Zeitungen zu lesen, um zu erkennen, daß es im Laufe der rollenden Zeit nicht einen einzigen Augenblick gibt, in dem nicht irgendwo an einem Punkte der Erde die Menschheit in fanatischer Schwärmerei fürchterliche Ausschweifungen begeht, ebenso, wie es keinen Augenblick gibt, in welchem sich nicht irgendwo die Erde selbst in vulkanischer Aufregung befindet.

Ja, erkennt man hierin nicht sogar einen gewissen Zusammenhang?

Und es würde wohl wenige Menschen gegeben haben, welche nicht bei diesen fürchterlichen Szenen wenigstens von einer gewaltigen Aufregung befallen worden wären, bis sie - vielleicht selbst mitgetanzt hätten, ohne daß sie es wollten, und dann brauchten sie nur einmal blutig gepeitscht worden zu sein, ohne ihren Willen, um zuletzt Geschmack daran zu finden, und sei es auch nur an der darauffolgenden wohltätigen Ohnmacht.

Spotte niemand über so etwas, halte niemand so etwas für ganz undenkbar! Suche jeder lieber in seiner eignen Erfahrung, ob er nicht etwas Ähnliches finde - und er wird es finden! Man denke nur an die Gewohnheit des Rauchens. So harmlos das auch ist - es ist doch ein großes Rätsel damit verbunden. Die ersten paar Züge machen übel, und es wird doch immer wieder probiert, bis das Rauchen, das Einatmen eines giftigen Gases schließlich zum Genusse geworden ist. Wirklich, auch hierbei ist ein Rätsel, schon in dem unwiderstehlichen Nachahmungstriebe, der den Knaben zum ersten Male zum Rauchen verleitet.

Und was in diesem Falle für ein Nachahmungstrieb vorlag, der wie ein mächtiger Magnet wirkte, das erkannte der beobachtende Nobody an seinem Gegenüber, an Johanna.

Noch hielt sie sich.

Die Kokotten mochten gleich dem ersten Anblicke dieser wüsten Szene, welche die Phantasie des Teufels erdacht hatte, unterlegen sein, denn ihre Nerven waren schon genug zerrüttet. Das auf dem Lande aufgewachsene Mädchen dagegen wußte nichts von so etwas, und hatten ihre Nerven in Monte Carlo, besonders nach den schrecklichen Erlebnissen auf der Teuselsinsel, gelitten, so hatte sie sich doch in der einsamen Ruhe ans dem Felsenhorste des Eremiten wieder erholt. Sie mußte, ihrem Hilfeschrei um Erbarmen heute nacht nach zu urteilen, diesen wüsten, blutigen Greuelszenen schon gestern beigewohnt haben, und sie hatte ihnen getrotzt. Jetzt aber war i