Balduin Möllhausen.


Der Meerkönig.





Eine Erzählung in drei Abtheilungen.











Jena,
Hermann Costenoble,
1867.1

Erste Abtheilung: Dorf und Stadt.

1. Im Walde.

Früher als sonst senkte der Abend sich auf Wald und Flur. Es hatte den ganzen Tag geschneit; aber noch immer trübten und verschleierten große, daunenartig zusammengeballte Flocken die Fernsicht.
Auf den freien Flächen kämpfte der Schein der ebenen, weißen Schneelage zwar noch mit Erfolg gegen die Dämmerung. Wo aber Baum und Strauch sich zu Gruppen und umfangreichen Gehölzen vereinigten, da verdichtete sich die Dunkelheit durch das Zusammenwirken der Schatten und des melancholisch eintönigen grauen Himmels schneller, während in den wohlbestandenen Forsten sogar um die Mittagszeit die Helligkeit sich kaum über ein geheimnißvolles Zwielicht erhoben hatte.
Und dennoch war es so schön in dem düstern Tannenwalde, so schön contrastirten die im üppigen, schwarzgrünen Nadelschmucke prangenden Zweige gegen die blendend weiße Last, die ihnen bei der herrschenden Windstille allmählich aufgebürdet worden war und sie tiefer und tiefer hinabbeugte. Zahllose Flocken umspielten sie unablässig, und die stattlichen Baumkronen waren, wie um sich gegenseitig zu erwärmen, so in einander verwachsen und verschlungen, daß jenen nur dürftige Oeffnungen blieben, durch welche sie ihren Weg niederwärts auf das zum Theil noch grau schimmernde, harzig duftende Erdreich fanden.
Auf den Lichtungen und den breiten Holzstraßen, über welche das immergrüne Dach nicht fortreichte, lag der Schnee dafür um so höher, so hoch in der That, daß weder Wagengeleise noch Gräben mehr zu erkennen waren, und die zerstreuten Reihen der Holzklafter entfernt an riesenhafte weiße Grabhügel erinnerten. Spuren waren nirgends zu erblicken, weder von Menschen, noch von Thieren; scheuten sich doch selbst die um die Abendzeit sonst so regsamen Hasen, nachdem sie sich hatten verschütten lassen, die ungewohnte Decke, unter der sie mit einem so seltenen Sicherheitsgefühl träumten, von sich abzuschütteln und ihre nächtlichen Streifereien zu beginnen.
Ja, die Hasen träumten ohne allen Zweifel; sie träumten gewiß von einem ewigen Weltfrieden, wie die Bäume vielleicht im Traume der drohenden Axt und des über ihr Leben entscheidenden Försters gedachten; und Ueberlegung und Denkvermögen hätte man ihnen zuschreiben mögen, wenn man sie beobachtete, wie sie so ernst und selbstbewußt emporragten und geduldig die ihnen aufgebürdete Last trugen.
Glitt aber hier oder dort die bis zum Uebermaße angewachsene Schneeanhäufung von einem tief herabgebogenen Zweige, um stäubend zur Erde zu sinken, und schnellte der Zweig in Folge der plötzlichen Erleichterung wieder in seine gewohnte Lage empor, dann sah es aus, als ob der Baum aus seinem Schlafe aufgeschreckt worden sei, doch, von unbesiegbarer Müdigkeit befallen, im Begriffe stehe, wieder einzunicken.
So schlief der Wald, so schliefen die Thiere, die ihn zu anderen Zeiten reich belebten. Nur ein einsamer Fuchs, von der Noth getrieben, watete bedächtig durch den tiefen Schnee, bald spähend nach dürftiger Beute, bald aufmerksam horchend in die Ferne, von woher seine eigenen Feinde sich ihm geräuschlos nähern konnten.
Er war eben aus dem Holze auf den breiten Fahrweg getreten, als das Schnauben eines Pferdes ihn erschreckte.
Den einen Vorderfuß emporgehoben, blieb er stehen, mit gespitzten Ohren argwöhnisch nach der unwillkommenen Störung hinüberlauschend.
Der fallende Schnee und die Dämmerung hinderten ihn, den Gegenstand seiner Besorgniß zu entdecken, dagegen unterschied er mit scharfem Organ um so deutlicher das Rasseln von Ketten und das gedämpfte Poltern eines sich nähernden Wagens.
Das Klingen des Eisens mußte dem listigen Räuber besonders widerwärtig sein, denn nachdem er einen kurzen Blick um sich geworfen, krümmte er sich zusammen, und demnächst emporschnellend, gelangte er mit einem mächtigen Satze aus dem Wege in das gegenüberliegende lichte Stangenholz hinein.
Fünf- oder sechsmal noch wiederholte er die weiten Sprünge, deren Spuren sich in der Entfernung von jedes Mal etwa sechs Ellen nur als kleine, unregelmäßige Höhlungen in dem lockern Schnee auszeichneten, und dann eilte er in weniger anstrengendem Laufe durch das hohe Holz einer niedrigen Schonung zu, die sich weiter abwärts fast parallel mit der Landstraße hinzog.
Er hätte unbesorgt am Wege sitzen bleiben können, denn diejenigen, welche so plötzlich seine Furcht wachriefen, beabsichtigten nichts weniger, als einem armen, halb verhungerten Fuchse nachzustellen, und wenn er auch zehnmal in ihren Hühnerstall eingebrochen wäre und unter dem Schutze der Dunkelheit ihren stolzesten Hahn gewürgt hätte. Da er aber alle Dörfer und Gehöfte, selbst in der weiteren Umgebung, ziemlich genau kannte, so ließ sich voraussetzen, daß die späten Reisenden ebenfalls nicht von seinen Räubereien verschont geblieben waren, indem sie, nach dem Leiterwagen, den Pferden und Geschirren und nach der eigenen winterlichen Umhüllung zu schließen, dem Bauernstande angehörten und daher in der Nachbarschaft zu Hause sein mußten.
Sie kamen aus der Richtung, in welcher die Stadt lag; nur die dringendste Nothwendigkeit konnte sie gezwungen haben, eine mehrere Meilen weite Reise durch das dichte Schneegestöber zu unternehmen. Doch mochten ihre Geschäfte noch so dringender Art gewesen sein, ihr heimatliches Dorf wer weiß wie nahe oder weit entfernt von ihnen liegen, die Pferde schritten so langsam und bedächtig einher, als ob die Fahrt durch die winterliche Landschaft und der mit dem Einbruche der Nacht sich wieder verstärkende Schneefall ein ersehnter Genuß für sie gewesen wären.
Eintönig klapperten die dicken hölzernen Achsen gegen die eisenbeschlagenen Räder; eintönig klirrten die Deichselketten; unhörbar fielen die scharfen Hufe auf das weich überdeckte Erdreich, und nur gelegentlich leise knirschend, drängten sich die Räder durch die steifgefrorenen, mit lockerer Masse angefüllten Geleise.
Die Peitsche lehnte an den festgestopften Strohsack, welcher den Sitz der beiden schweigsamen Reisenden bildete. Schnee bedeckte auch sie theilweise, ein Zeichen, daß sie seit dem Aufbruche nicht zum Antreiben der Pferde und noch weniger zum zwecklosen Knallen benutzt worden war. Schlaff und nachlässig hing die Leine von der durch einen mächtigen Fausthandschuh geschützten lenkenden Hand nieder. Auch den Handschuh beschwerte eine Schneeschicht, ebenso die tief in die Augen gedrückte Pelzmütze des Bauers, wie auch seinen breiten Mantelkragen und die wollene Pferdedecke, welche seine neben ihm sitzende Gattin zum Schutze gegen Kälte und Schnee um Haupt und Schultern geschlungen hatte.
So fuhren die beiden Leute ihres Weges. Einer schien die Anwesenheit des Andern vergessen zu haben, und so tief neigten sie die Häupter auf die Brust und so starr blickten sie auf die unter den Hufen der Pferde entstehenden unregelmäßigen Spuren, als ob die Flocken auf ihren Schultern eine Last von vielen, vielen Centnern, die Last einer Welt gewesen wären. Und dennoch lagen die Flocken so leicht und locker, daß es nur eines mäßigen Luftzuges bedurft hatte, um sie von Neuem davonstäuben zu machen.
Was die beiden Gatten so schwer bedrückte, begriff man, sobald man nur einen Blick hinter sie in den Wagen warf, wo auf weichem, federndem Stroh ein kleiner, schwarzer Sarg stand, der für ein etwa zehnjähriges Kind berechnet zu sein schien.
Ja, ein kleiner Sarg, dem das Loos zugefallen war, eine ganze Lebenshoffnung, eine ganze Lebensfreude in sich aufzunehmen, die letzte Wohnung für ein im Tode erkaltetes Kinderherzchen zu werden!
Die schwarz überstrichenen Bretter mit den glänzenden zinnernen Beschlägen nahmen sich duster aus gegen den auf sie niederrieselnden blendend weißen Schnee; dabei aber tanzte das kleine Gebäude lustig auf dem losen Stroh, so oft nur die Wagenräder einen Stein oder sonstige verborgene Unebenheiten im Wege streiften. Der Schnee glitt dann zu beiden Seiten von dem abschüssigen Deckel, als habe der Sarg noch einmal, bevor er auf ewig dem Lichte entrückt wurde, so recht nach Herzenslust um sich schauen, noch einmal die schönen Bäume begrüßen wollen, in deren Gesellschaft vor nicht allzu langer Zeit vielleicht der lebensfrische Stamm grünte, aus dessen Mitte seine Bestandtheile geschnitten wurden. Viele, viele Bretter hatte der Stamm geliefert, gute und schlechte, Alles durcheinander. Manche derselben waren zu Wiegen verarbeitet worden, andere zu Speisetischen, die allein bei festlichen Gelegenheiten auseinander gezogen wurden, oder auch zu Bänken und Fußböden für Tanzsäle, und nur die schadhaften hatte man ausgesucht, um Särge daraus zu zimmern, Särge für arme Leute. Zu Särgen waren die schlechten Bretter gut genug; Kitt und Farbe verdeckten ja die mangelhaften Stellen, und ob festes oder morsches Holz, die Todten schlummern überall gleich ruhig, und gleich schön entfalten sich über ihnen die Blumen der Erinnerung, wenn sie, heißer Liebe entsprießend, mit treuer Sorgfalt gepflegt werden.
Hei, wie der kleine Sarg auf seinem Strohlager wackelte und tanzte, und wie bei einem erneuerten Stoße der lose angeschraubte Deckel so dumpf und hohl erklang! Schien es doch, als hohnlache er darüber, daß auch die nahen Bäume, die jetzt noch stolz und selbstbewußt emporragten, dereinst ihrem Richter nicht entrinnen würden.
Die Bäume dagegen schauten ernst und feierlich auf den kleinen Sarg, und wenn der Wagen zufällig einen winterlich geschmückten Zweig streifte, dann sendeten sie eine reiche Schneespende zu ihm nieder, aber leise, ganz leise, wie aus Ehrfurcht vor den Gestorbenen, leise, wie die Flocken, die sich melancholisch in der stillen Atmosphäre wiegten, leise, wie die Thränen, welche über die gebräunten Wangen des trauernden Elternpaares rannen.
Heftiger schwankte der Wagen, häufiger stolperten die Pferde über gefrorene Maulwurfshügel, hervortretender wurden die Unebenheiten des Bodens, gegen welche die Räder stießen, und lustiger wackelte und tanzte der Sarg in seinem Stroh.
Die beiden Reisenden achteten nicht auf die sich ihnen entgegenstellenden Hindernisse, sie waren zu bekümmert, zu traurig.
Einige Hundert Schritte mochten sie in dieser Weise zurückgelegt haben, da blieben die Pferde plötzlich stehen.
Der Bauersmann sah mechanisch empor, und kaum wußte er, wie ihm geschah, als er, statt der Fortsetzung der Landstraße, eine niedrige Schonung vor sich erblickte.
»Die armen Thiere sind vom Wege abgewichen,« sagte er ruhig, indem er um sich spähte. »Es ist freilich, kein Wunder,« fügte er wie entschuldigend hinzu, »Alles verschneit, und dabei wird es so dunkel, daß ich Mühe haben werde, die Straße wiederzufinden.«
»Laß nur,« entgegnete seine Gattin, ihre Augen kaum erhebend; »am liebsten legte ich mich in den Schnee, um zu sterben und mit unserem Lieschen begraben zu werden.«
»Und ich?« fragte der Mann vorwurfsvoll zurück, während er sich bemühte, seinen Wagen, ohne in die Schonung einzudringen, umzuwenden. »Was sollte ich wohl ganz allein auf der Welt anfangen?«
»Es ist wahr,« versetzte die Frau leise, »ich muß bei Dir bleiben, aber das Herz bricht mir, wenn ich an unser Lieschen denke. Lieber, lieber Gott, erst zehn Jahre alt, und schon sterben zu müssen! Das Kind war so gut und so schön!« fügte sie schluchzend hinzu.
»Zu schön und zu gut für uns, oder der liebe Gott hätte es uns gelassen,« tröstete der Vater die trauernde Mutter.
»Alle Menschen hatten ihre Freude an dem klugen Kinde,« fuhr diese darauf wieder schmerzbewegt fort, »und es lernte so leicht und schrieb so wunderbar schön.«
»Du hast recht, Mutter; doch was helfen die Klagen? Unser Lieschen bringen sie nicht zurück. Liebte doch auch der Herr Pfarrer das Kind, und der mußte es gewiß kennen, denn er hatte es ja getauft; und der sagt: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«
Die Mutter antwortete mit einem tiefen Seufzer. Die Aufmerksamkeit ihres Gatten dagegen wurde jetzt ausschließlich durch die Pferde in Anspruch genommen und durch den Wagen, welchen er nur mit genauer Noth zwischen den Bäumen hindurch zu lenken vermochte.
Nach der Landstraße zu war Alles dunkel, die Schatten des Waldes fielen fast gänzlich mit der schneeerfüllten Atmosphäre zusammen; er zog es daher vor, sich in der Nähe der Schonung zu halten, die, wie er wußte, weiter unterhalb die Straße berührte.
Langsamer noch, als bisher, verfolgten die Pferde ihren hindernißreichen Weg, und oft bedurfte es der Aufbietung aller ihrer Kräfte, den Wagen durch die bankähnlichen Schneeanhäufungen zu schleppen, die sich über den zerstreut stehenden Gruppen kleiner Tannenschößlinge gebildet hatten.
Sie befanden sich nicht mehr weit von der Landstraße, als beim Hineinwaten in eine neue, jedoch hohle Schneebank die Pferde plötzlich erschreckt zur Seite prallten und durch heftiges Schnauben Unruhe verriethen.
Der Bauer, in der Meinung, ein Baumstumpf oder eine Vertiefung habe die Besorgniß der klugen Thiere wachgerufen, versuchte, an dem verborgenen Gegenstande vorbeizulenken; da derselbe sich aber gerade zwischen den Pferden, unterhalb der Deichselstange befand, so erwies sich seine Mühe als vergeblich; er erreichte nur, daß die Thiere noch ungeduldiger und störrischer wurden.«
Doch auch zurück vermochten die Pferde den Wagen, trotz der aufmunternden Worte und des milden Gebrauchs der Peitsche, nicht mehr zu schieben, indem tiefer Schnee und niedriges Strauchwerk die Räder hemmten, so daß der Bauer sich endlich genöthigt sah, abzusteigen, um sich von der Ursache des unwillkommenen Aufenthaltes zu überzeugen.
Seine Frau nahm daher die Zügel, und immer noch freundlich zuredend, begab er sich nach der Spitze der Deichsel hin, wo er das Hinderniß vermuthete.
Kaum aber hatte er den gewölbt liegenden Schnee mit den Füßen zurückgestoßen und demnächst mit den Händen auf der betreffenden Stelle zwischen dem Gestrüpp umhergetastet, da richtete er sich plötzlich wieder empor.
»Guter Gott, ein Mensch!« rief er entsetzt aus; dann aber sich schnell ermannend, trat er zwischen die Pferde, um den Verunglückten gegen deren beschlagene Hufe zu schützen.
Doch die Pferde, sobald sie ihren Herrn vor sich sahen, verhielten sich ruhig, und ohne weitere Scheu zu verrathen, duldeten sie, daß der erstarrte Körper zwischen ihnen hervorgezogen wurde.
»Ach, Mutter, es ist ein Kind,« rief er gleich darauf aus, »aber todt, todt! Gräßlich, ein Kind, und im Schnee umkommen zu müssen!«
»Ist es denn wirklich todt?« fragte die Bäuerin, deren Lebensgeister durch das tiefste Mitgefühl plötzlich wieder zur hellen Flamme angefacht worden waren.
»Kalt und schlaff,« entgegnete der Mann, indem er versuchte, den kleinen, schmächtigen Körper in eine sitzende Stellung zu bringen.
»Vater, es ist dennoch vielleicht Leben in ihm!« rief die Frau lebhaft, die sie verhüllende Decke zurückwerfend und sich erhebend. »Du weißt, unser Lieschen, als es gestorben war, wurde starr und steif, die kleinen Arme bogen sich nicht mehr, und nur mit Mühe gelang es mir, die Fingerchen zu falten! Schnell, Vater, schnell hebe es auf den Wagen! So lange die Glieder schlaff und beweglich sind, ist die letzte Hoffnung nicht verloren!«
»Armer Wurm, so im Schnee und Eise verkommen zu müssen!« sprach der Bauer vor sich hin. »Und die Eltern, die Eltern, wo mögen sie sein, in welcher Lage mögen sie sich befinden, daß ihr Kind überhaupt verloren gehen konnte?« Dann aber hob er den anscheinend leblosen Körper empor, und an die Seite des Wagens hintretend, reichte er ihn seiner Gattin dar.
Im nächsten Augenblicke befand er sich ebenfalls auf dem Wagen, die Handschuhe warf er zur Seite, die Zügel schnürte er an den Leiterbalken fest, und ohne Säumen traf er Anstalt, seine Gattin in den Wiederbelebungsversuchen zu unterstützen.
Was kümmerten die guten Leute nun noch der fallende Schnee und die zunehmende Dunkelheit, was fragten sie danach, daß sie außerhalb der Straße auf unwegsamem Boden hielten und die Pferde, die ihnen einen großen Theil ihres täglichen Brodes verdienen halfen, um so länger dem bösen Wetter ausgesetzt blieben? Es galt, ein Menschenleben zu retten, das Leben eines Kindes, und zu genau wußten sie, was es heißt, den Liebling des Herzens dem Grabe überantworten zu müssen.
Darum beeilten sie sich auch so sehr, das Halstuch und das leichte Kleidchen von der Brust des auf dem Sitzsacke liegenden kleinen Mädchens zu entfernen, und darum empfanden sie auch ein so inniges Entzücken, als sie entdeckten, daß das Herz noch nicht aufgehört hatte zu schlagen. Freilich wiederholten sich die kaum fühlbaren Schläge in langen, unregelmäßigen Pausen, allein sie bewiesen doch, daß wenigstens noch ein Funke von Leben vorhanden sei und ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt werden dürften.
Mit weiteren Prüfungen hielten sie sich daher nicht auf, denn jeder Pulsschlag in dem zarten Körper konnte ja der letzte sein, jeder Augenblick über Leben und Tod entscheiden. Zwar hatten die guten Leute in der Schule keine große Gelehrsamkeit gesammelt, aber lesen hatten sie gelernt, und rechtzeitig erinnerte sich die Frau, in einem Bilderbuche von der Wiedererweckung im Schnee Erstarrter gelesen zu haben, und von den Mitteln, deren man sich dabei bediente. Die Mittel erschienen ihr damals wunderbar und märchenhaft, allein heute verstand sie den ganzen Werth derselben, und leicht gelang es ihr, auch den Gatten damit vertraut zu machen. Schnee war ja in ihrer nächsten Nähe in Fülle vorhanden, sie hatten es daher so bequem, wie sie nur wünschen konnten, und für Leute ihres Schlages, die seit ihrer frühesten Jugend mit schwerer Arbeit vertraut gewesen, war es kaum eine Mühe, mit lockerem Schnee die erstarrten Glieder zu bedecken und zu reiben.
Und sie rieben lange und eifrig; nur gelegentlich ließen sie ein bedauerndes Wort fallen über die hageren Aermchen, die unter ihren Händen und der rauhen Behandlung zu zerbrechen drohten, und über das dünne Kleid, welches selbst der kräftigsten und abgehärtetsten Natur keinen hinreichenden Schutz gegen die winterliche Kälte geboten hätte. In dem Maße aber die schlaffen Glieder sich zu erwärmen begannen, verdoppelten sie auch ihre Anstrengungen, und als sie dann endlich das Klopfen des Herzens deutlicher spürten, ein leiser, warmer Athemzug die Schläfe der dicht vor den kalten Lippen ängstlich horchenden Bäuerin streifte, da dankten sie laut dem lieben Gott, daß er den Weg hatte verschneien und die Pferde von demselben abirren lassen. Wie ein freundlicher Trost zog es in ihre bekümmerten Herzen ein, und die auf ihren erhitzten und vom Wetter gebräunten Wangen schmelzenden Flocken vermischten sich mit einzelnen warmen Tropfen, die ein unerklärliches Gefühl den biederen Leuten, ohne daß sie es merkten, in die Augen getrieben hatte. Indem aber das auf der Gränze des Todes stehende Leben unter ihren Händen zurückkehrte, verschärfte sich auch ihre Erfindungsgabe.
Die Frau holte nämlich aus ihrem Kober einen Krug Essig hervor. Behutsam wusch sie Schläfen und Gesicht des Kindes, und ein paar Tröpfchen ließ sie zwischen die noch immer kalten Lippen laufen. Der Mann dagegen hatte unterdessen den Deckel von dem kleinen Sarge geschraubt, und zwar mit fester Hand und ohne jenen herben Schmerz zu empfinden, der ihn, als er in der Stadt die letzte Wohnung seines einzigen Kindes auf den Wagen lud, erschütterte; in den Sarg auf die Hobelspäne legte er seinen dicken Mantel, sorgfältig darauf achtend, daß die feuchten Stellen nach unten kamen und kein Schnee mehr hineinfiel. Und als er damit zu Stande gekommen war, hob er, mit Hülfe seiner Gattin, den bewußtlosen Körper auf das seltsame Lager, den Kopf etwas erhöht, wie man wohl bei Gestorbenen thut, worauf die Bäuerin mit mütterlicher Sorgfalt ihre Decke über den kleinen Gast breitete, so daß ihm nur eine schmale Falte zum Athmen blieb. Der Mann aber befestigte den oberen Theil des Sarges ganz lose auf den unteren, um die Kälte nicht zu dem Kinde hineindringen zu lassen, damit es erhalten bleibe und wieder zu seinen besorgten Eltern zurückgebracht werden könne.
Den Mangel des Mantels fühlte er eben so wenig, wie seine Gattin den Mangel der Decke; sie waren abgehärtet und außerdem hatten sie sich warm gearbeitet. Ihre Arbeit war indessen noch lange nicht beendigt, denn die Dunkelheit hatte sich fast zur schwarzen Finsterniß verdichtet, so daß die Frau die Zügel vom Wagen aus halten mußte, während der Mann sich nach vorn zu den Pferden begab und, dieselben führend, seinen Weg mühsam zwischen den Baumstämmen hindurch tastete, die seinen Wagen und namentlich dessen Räder bei jedem neuen Schritte mit Verderben bedrohten.
Sobald sie aber die Straße erreicht hatten, stieg er wieder auf, denn nunmehr befand er sich auf bekanntem Boden, und die Zügel nahm er so straff, wie seit langer Zeit nicht; sogar die Peitsche gebrauchte er mehr, als es vielleicht nöthig gewesen wäre, und dahin ging es in scharfem Trabe durch den dunklen Forst, daß der Schnee zu beiden Seiten davonstäubte und die Räder kaum Zeit behielten, bis auf den Grund der Geleise durchzudringen.
Wie klapperte der Wagen plötzlich so lustig und wie klingelten die Deichselketten so hell! Wie sauste der Schnee in dichten Massen von den Zweigen, wenn diese im Vorüberfahren gestreift wurden, und wie war es sonst in dem Walde so feierlich still!
Vom schwarzen Himmel aber sanken die Flocken unablässig in alter Weise nieder, leise und ungesehen. Auch auf den Sarg fielen sie reichlich, aber der Sarg tanzte und wackelte nicht mehr so unbeholfen wie vorher. Er war jetzt schwer und ruhte daher fester auf seinem Strohlager, und statt der erwarteten kleinen Leiche schlummerte in ihm ein junges, erwachendes Leben.
Vorwärts, vorwärts durch Nacht und Schnee! Die Pferde schnaubten, die Peitsche knallte; nicht mehr vor sich nieder starrten die beiden Bauersleute, sondern rückwärts lauschten sie ängstlich. Ihre Herzen waren nicht mehr so schwer bedrückt; der liebe Gott selber hatte sie getröstet, indem er ihnen eine neue Sorge anvertraute.

2. Die beiden Lieschen.

Im Hause des Büdners oder Halbbauers Reichart herrschte tiefe Stille. Nur das kleine Fenster, welches auf den Garten öffnete, war matt erleuchtet, dem kleinen, etwas abwärts vom Dorfe gelegenen Gehöfte gewissermaßen den äußeren Charakter von Vereinsamung verleihend.
Und vereinsamt war es auch in der That; denn nicht genug, daß tiefer Schnee auf der Erde und in den Lüften es gleichsam von den benachbarten und mehr gedrängt liegenden Gehöften trennte, waren der Besitzer und die Besitzerin auch abwesend, und so bedeutenden Ertrag lieferte deren ländliche Wirthschaft nicht, daß sie zur Winterszeit hätten Dienstboten halten und auslohnen können.
Ihre eigenen Kräfte genügten, den zu dem Gehöfte gehörigen Acker zu bestellen, und nur zur Zeit der Ernte waren sie gezwungen, auf kurze Zeit fremder Leute Hülfe gegen Lohn in Anspruch zu nehmen. Mit den Widerwärtigkeiten, welche sich kaum von dem engeren Zusammenleben mit den Dienstboten trennen lassen, hatten sie daher wenig oder gar nicht zu kämpfen. Des Büdners Schwester aber, die einzige Hausgenossin, die Jahr aus Jahr ein bei ihnen lebte, war die Letzte, die den häuslichen Frieden gestört hätte, der unter dem bescheidenen Strohdache seine dauernde Wohnung aufgeschlagen zu haben schien.
Eben diese war es auch, die sich allein in dem Gemache befand, durch dessen einziges Fenster der matte Lichtschein in geringem Umkreise mit den wirbelnden Schneeflocken spielte und einen großen Apfelbaum theilweise beleuchtete; denn weit reichte die Wirkung der blank gescheuerten blechernen Lampe nicht, trotzdem sie auf dem schweren, eichenen Tische noch einen umgestürzten irdenen Topf zum Postament erhalten hatte.
War das Gemach nur spärlich erhellt, so herrschte in demselben dafür eine um so behaglichere Wärme, welche der mächtige, von Ziegelsteinen errichtete und eisengrau übertünchte Ofen, obwohl der Abend bereits weit vorgerückt war, noch immer ausströmte.
Im Uebrigen bot das Gemach ein Bild, welches sich im Allgemeinen kaum von dem anderer Bauernstuben unterschied. Eine große Himmelbettstelle mit hoch über einander gethürmten Kissen und Pfühlen nahm den Ehrenplatz ein; und gewiß verdiente sie einen solchen, denn obwohl das Bettzeug nichts weniger, als feines Gewebe zeigte, konnte man doch nicht umhin, die Sauberkeit und Ordnungsliebe zu bewundern, mit welchen die kleinsten Fältchen in den blau gewürfelten Ueberzügen und knapp hervorlugenden weißen Laken glattgestrichen, die ebenfalls blau gewürfelten Vorhänge dagegen in regelmäßige Falten gezogen worden waren. Auch die Gypsfiguren, vor Allem ein weißes Kaninchen mit beweglichem Kopfe und langen, rothen Ohren, und die schönen, großen Daueräpfel, die in bunter Reihe auf dem breiten Gesimse des Betthimmels lagen, zeugten von der großen Sorgfalt, die man auf das Ordnen aller dieser Gegenstände verwendet hatte.
Im Vergleich mit dem stattlichen Bette traten die sonstigen, zur Einrichtung des Gemachs gehörenden Geräthe weit in den Hintergrund zurück; sogar der mäßig große Wandspiegel und die Bilderbogen, welche die geweißten Wände schmückten, konnten gegen das üppige Bett nicht aufkommen, trotzdem der Spiegel mit einem bunt glitzernden Glasrahmen umgeben war und die aufgenagelten Bilderbogen lauter rührende Scenen aus dem alten Testamente und vor Allem die heilige Genoveva mit der Hirschkuh zur Schau trugen.
Dem Bette gerade gegenüber und als würdiges Seitenstück zu demselben stand ein von der Zeit geschwärzter Kleiderschrank, auf dessen derb, jedoch nicht unkünstlerisch geschnitztem Gesimse zwei Reihen blau geblümter Tassen zu beiden Seiten einer großen, mit blauen Paradiesvögeln bemalten Kaffeekanne prangten. Die Kanne selbst war, wie um den Werth anzudeuten, den man auf sie legte, noch ganz besonders mit einem dichten Strauße von Immortellen und Aehren von Zittergras angefüllt worden, über welchen zwei ungeheuer lange Pfauenfedern mit wunderbar glänzenden Augen hoch hinaufragten und sich an der Decke des Gemaches die Köpfe stießen.
Alt und verblichen waren die dürren Strohblumen, alt, sehr alt die Tassen und das rußige Spinde, augenscheinlich älter noch die beiden mit phantastischen eisernen Schnörkeln beschlagenen eichenen Koffer, in welchen die Ururgroßeltern bereits ihren Leinwandschatz und vielleicht auch ihre blanken Henkelthaler aufbewahrt hatten; am ältesten aber erschien, möglicher Weise, weil sie nicht aus so festem Material gearbeitet war, die große Schwarzwälder Wanduhr, die, zwischen dem Ofen und einem einfach gezimmerten Armstuhle, mit ihrem eigenthümlich heiseren Ticken die geheimnißvolle Stille des Gemaches unterbrach.
Alt war die Uhr, gewiß sehr alt; manchem Menschen hatte sie die Stunde der Geburt und auch des Heimganges angezeigt und geschlagen. Man sah es ihr an, denn die großen Ziffern waren kaum noch auf dem geschwärzten Zifferblatt zu unterscheiden. An den vier Ketten aber hingen, statt der beiden schweren Gewichte, hier ein mit Sand angefülltes Säckchen, dort die verrostete Angel einer invalide gewordenen Thür, im Gegensatze zu den beiden leichten, aus Holz gedrechselten Gewichten, die ebenfalls im Laufe der Zeit ganz schwarz und rußig geworden waren und sich seit vielen, vielen Jahren als ein Lieblingsaufenthaltsort der wenigen überwinternden Fliegen bewährt hatten.
Trotz aller dieser Mängel, die ein verwöhntes Auge schwerlich angenehm berührten, ging die alte Uhr sehr richtig, und der lange Perpendikel schwang mit einer Regelmäßigkeit und gediegenen Sicherheit von dem Armstuhle nach dem Ofen und von dem Ofen nach dem Armstuhle hinüber, daß der kostbarste Regulator dadurch hätte beschämt werden können.
Melancholisch hallte das dumpfe Ticken durch das stille Gemach, und fast in gleichem Tacte mit diesem flog die von kundiger Hand geführte Nadel mit dem weißen Faden durch die sorgsam gebleichte Leinwand, die als eine unförmliche, zerknitterte Masse auf dem Schooße des vor der trüben Lampe sitzenden Mädchens ruhte.
Dem reinen Linnen war nicht anzusehen, welchen Zweck es erfüllen sollte. Es konnte eben so gut ein Brauthemd wie ein Laken werden. Wer aber auf das gesenkte Antlitz der fleißigen Näherin schaute und dabei bemerkte, wie hin und wieder den Augen eine Thräne entquoll und, langsam über die bleichen Waagen rollend, die entstehenden Säume benetzte, der ahnte vielleicht, daß das feinste Gewebe, welches im Hause aufzutreiben gewesen, rücksichtslos zerschnitten worden war, um zum Sterbekleide für einen geliebten Todten zusammengefügt zu werden.
Die Thränen galten in der That dem frühen Dahinscheiden der theuren Bruderstochter; sie waren also Kinder eines noch jungen Schmerzes, der nicht in Zusammenhang gebracht werden konnte mit den eingefallenen Wangen, dem unvertilgbaren wehmüthigen Zuge um den schön geschnittenen Mund und der schwindenden Röthe der Lippen, die von einem bereits lange getragenen, unheilbaren Kummer zeugten.
Und dennoch war die einsame Näherin in ihrem halb städtischen, halb ländlichen Anzuge so schön, daß man sie kühn mit dem Bilde einer trauernden Madonna vergleichen durfte, vor welchem man in Zweifel geräth, was man mehr bewundern soll, ob die anmuthigen Formen der einzelnen Züge, den sprechenden Ausdruck des tiefen Schmerzes, oder das unendliche Wohlwollen, welches so ergreifend auf dem holden Antlitze ausgeprägt ist.
Wenn nun ein nagendes Seelenleiden vorzugsweise dazu beigetragen hatte, die Jugendfrische schneller zu bleichen, so waren doch auch die Jahre nicht spurlos an ihr vorübergegangen, wenigstens errieth man leicht, daß die Zeit kindlich-jungfräulichen Sinnens und Trachtens weit hinter ihr liege und der Sommer wohl achtundzwanzig reifend über ihr Haupt hingegangen sein mußten.
Ihre Haut war aber noch immer durchschimmernd und zart, fast zu zart für ein einfaches Bauermädchen und die groben Stoffe, welche ihren Körper züchtig verhüllten. Dagegen stand im schönsten Einklange mit derselben das ungewöhnlich starke braune Haar, welches, an den Schläfen glatt anliegend, sich am Hinterkopfe zu zwei mächtigen, in Knotenform zusammengerollten Flechten vereinigte und daher das unter den Mädchen und Frauen des kleinen Bauerstandes übliche Käppchen mit den langen flatternden Kinnbändern überflüssig machte.
Indem sie die Augen auf die in ihren wohlgeformten Händen befindliche Arbeit richtete, ruhten die langen schwarzen Wimpern fast auf ihren Wangen, gleich den schön gezeichneten Brauen seltsam contrastirend zu der bleichen Gesichtsfarbe. Schaute sie aber auf und blickte sie nach der Uhr hinüber, was in Zwischenräumen von etwa zehn zu zehn Minuten mit einem gewissen Ausdrucke von Besorgniß geschah, dann zeigte sie ein Paar großer brauner Augen, die so milde und dabei so traurig glänzten, daß das verhärtetste Gemüth dadurch zur innigsten Theilnahme hätte hingerissen werden müssen. Doch eben so schnell, wie sie auf die Uhr blickte, sah sie stets wieder auf ihre Arbeit, und Stich folgte auf Stich, ununterbrochen, unablässig, wie das heisere Ticken, welches das Enteilen der Zeit bekundete und so eintönig durch das Gemach hallte.
Langsam schob sich der kleinere Zeiger der mit einem ungehörig langen Schweife geschmückten Neun zu; ein nahe dem Ofen in der Wand verstecktes Heimchen hatte sein schrilles Liedchen angestimmt und begleitete nach besten Kräften das Ticken der Uhr und die Bewegung der Nadel. Da verkündete ein kurzes Schnarren, daß der Glockenhammer sich aus seiner Lage hob, um nach einigen Minuten klingend niederzufallen.
Die einsame Näherin blickte empor.
»Neun Uhr, und noch nicht hier,« sagte sie halblaut, indem sie ihre Arbeit vor sich auf den Tisch legte und aufstand. »Vielleicht konnten sie keinen passenden Sarg finden,« fügte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, und als ob sie sich plötzlich eines wichtigen Umstandes erinnert habe, ergriff sie die Lampe, und nachdem sie den kohlenden Docht gesäubert und etwas weiter hervorgezogen, schritt sie quer durch das Gemach einer gegenüberliegenden, kaum bemerkbaren Thür zu.
Ihr Gang war leicht und geräuschlos, kaum daß der dicht gestreute Sand auf den Dielen unter ihren Füßen knisterte, und in ihrer Haltung sowohl als auch in ihren Bewegungen prägte sich deutlich aus, daß sie nicht immer in bäuerlichen Kreisen gelebt, andere Stoffe, als die allerdings kleidsame, aber einfache Landtracht die schöne, geschmeidige Gestalt umhüllt haben mußten.
Vor der Thür angekommen, blieb sie so lange stehen, bis die Uhr ausgeschlagen hatte; vorsichtig hob sie dann die hölzerne Klinke empor, die Thür wich knarrend aus ihren Fugen, und die flackernde Lampe mit der hohlen Hand gegen die ihr entgegenströmende kalte Luft schützend, trat sie in eine wenig geräumige Kammer ein.
Diese Kammer bildete ihr eigenes kleines Reich. Hätte die Lampe größere Helligkeit verbreitet, so würden ringsum einzelne Gegenstände zu bemerken gewesen sein, die, wenn auch an sich ohne großen Werth, doch von einem veredelten Geschmacke der Besitzerin zeugten und in einer Weise geordnet waren, die himmelweit von der in dem angrenzenden Wohngemache getroffenen Einrichtung abwich. Es waren eben lauter Andenken, die sie aus einer andern, offenbar glänzenderen Zeit mit in ihre ländliche Einsamkeit herübergebracht hatte, Andenken, die vielleicht nicht wenig dazu beitrugen, daß der Kummer, der in ihrem Innern nagte, nie alterte und vernarbte, sondern immer wieder von Neuem angeregt wurde.
Doch diesen in der flackernden Beleuchtung koboldartig tanzenden Zeichen der Erinnerung galt ihr Besuch nicht. Kalt glitten ihre Blicke heute über dieselben hin; dagegen hafteten sie fest auf einem Bettchen, welches neben ihrer eigenen Lagerstätte stand, und auf welchem ein weißes Laken eine scheinbar formlose Gestalt verhüllte.
Leise, als ob sie befürchtet habe, Jemanden im Schlummer zu stören, trat sie an das Bettchen heran, und eben so leise, aber zögernd, schlug sie das Laken zurück.
Ein Engel lag vor ihr; ein Engel, regungslos und zart, wie aus dem reinsten Wachs von Künstlerhand geformt. Lange, seidenartige, blonde Haare faßten das liebe, kalte Gesichtchen ein; ein Kranz von Myrtenzweigen schmückte die bleiche Stirn, und um ein Myrtensträußchen hatten sich die kleinen Hände gefaltet. Die kindlich weichen Züge waren durch den Tod nur wenig entstellt, aber neben dem süßen Frieden, der auf ihnen ruhte, machte sich doch auch eine eigenthümliche leichte Falte auf den Wangen bemerklich, bekundend, daß das junge Leben seine irdische Hülle nicht schmerzlos verlassen habe.
Es war ein Wehmuth erzeugender Anblick selbst für denjenigen, der nicht in näherer Beziehung zu dem todten Kinde stand; um wie viel schmerzlicher mußte er daher für diejenigen sein, die einst mit freudiger Bewegung den herzigen, von den erkalteten Lippen fließenden Schmeichelworten gelauscht und aus den geschlossenen Augen eine ganze Welt voll kindlicher Anhänglichkeit herausgelesen hatten!
Auch die junge Bäuerin, die vor dem Bettchen stand, gehörte zu diesen, denn auf ihrem kummervollen Antlitze war deutlich ausgeprägt, daß ihr Schmerz kaum von dem der Mutter übertroffen werden konnte.
Lange verharrte sie regungslos in ihrer sinnenden Stellung; die Blicke hatte sie auf das blasse Gesichtchen gerichtet, und Thräne auf Thräne stahl sich aus den niedergeschlagenen Augen.
Sie schluchzte nicht, aber wer sie beobachtet hatte, wie sie so still vor sich hin weinte, der wäre leicht zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Seelenschmerz ihrem Gemüthe schon längst ein vertrauter Freund geworden, sie schon gelernt habe, den schwersten Kummer mit Ergebung zu tragen.
»Armes Lieschen,« sagte sie nach einer Weile, indem sie die blonden Haare sanft von den fast durchsichtigen Schläfen der kleinen Leiche strich, »armes, liebes Lieschen, warum kann ich nicht an Deiner Stelle hier liegen! Und doch ist es vielleicht besser so; wer weiß, ob das Leben Dir nicht ebenfalls unverdienter Weise verbittert worden wäre! Darum schlafe wohl, Du süßer Engel, und erwarte mich dort oben, wohin auch ich hoffentlich bald gerufen werde!«
Dann sich niederneigend, drückte sie einen Kuß auf die bleichen Lippen, worauf sie das Laken wieder vorsichtig über ihren todten Liebling deckte.
Marie wandte sich, um zu gehen; da fielen ihre Blicke auf einen schmalen Zeugstreifen, der über ihrem eigenen Bette vorhangartig angebracht worden war und offenbar ein eingerahmtes Bild verbarg.
Zögernd streckte sie die Hand nach dem Vorhange aus, und zögernd hob sie ihn empor. Ein Rähmchen von erblindeten Goldleisten wurde sichtbar, und in diesem, auf weißem Papier und geschützt durch eine Glasscheibe, die einfache, äugenscheinlich aber mit kunstfertiger Hand ausgeschnittene schwarze Silhouette eines Mannes. Ein Ring von gemalten Vergißmeinnicht umgab die Silhouette selbst, wogegen von dem das Bild tragenden Nagel ein Kranz von vergilbtem Buchsbaum niederhing.
Etwa eine Minute betrachtete sie das Portrait sinnend; ihre Augen wurden dabei trocken und über ihr schönes Antlitz breitete sich der sprechende Ausdruck bitterer Entsagung.
Da drang das Geräusch eines sich schnell nähernden Wagens zu ihr herein. Obschon sie längst auf dasselbe vorbereitet sein mußte, erschrak sie doch; tief aufseufzend, ließ sie den Vorhang niedersinken, schnell fuhr sie mit dem Zipfel ihrer Schürze noch einmal über ihre Augen, und dann die Lampe wieder mit der Hand beschattend, eilte sie nach der Küche hinaus, die zugleich die Flur des Hauses bildete.
Sie hatte die Hausthür noch nicht geöffnet, da war der Wagen schon vorgefahren, und gleichzeitig tönte ihr Reichart's ängstliche Stimme entgegen.
»Marie, um Gottes willen,« rief er dringend aus, indem er den Deckel von dem Sarge hob, »laß Alles stehen und liegen und komm hierher!«
Die Angeredete erschrak heftig; sie glaubte, ein Unglück habe ihren Bruder oder dessen Gattin betroffen. Als aber auch die Schwägerin ihr zurief, daß es sich um ein Menschenleben handle, faßte sie sich schnell wieder, und unbekümmert um den Schnee, der gerade vor dem Hause zu einer langen Bank zusammengeweht worden war, eilte sie rasch nach der Stelle, wohin ihr Bruder sie gerufen hatte.
»Was ist vorgefallen?« fragte sie, noch immer bebend von den Nachwirkungen des ersten Schreckens.
»Nichts ist vorgefallen,« entgegnete Reichart, das in den Mantel gehüllte Kind aus dem Sarge hebend und seiner Schwester darreichend, »aber ein Kind haben wir gefunden, ein halb erfrorenes Kind, und das muß gerettet werden!«
»Ein Kind?« wiederholte Marie mit unbeschreiblichem Bedauern im Ton ihrer Stimme; weiter sagte sie nichts, aber schnell und mit sicheren Händen ergriff sie die Last, die ihr Bruder ihr über den Leiterbaum sanft in die Arme gleiten ließ, worauf sie hastig in das Haus zurück und durch die Küche in das dunkle Wohngemach eilte.
Ihre Schwägerin, nachdem sie die Zügel, die sie so lange gehalten hatte, ihrem Gatten wieder übergeben, folgte ihr mit der Lampe auf dem Fuße nach, und während diese einen kurzen Bericht erstattete, wo und wie sie zu dem verunglücken Kinde gekommen seien, begannen Beide, den kleinen, halb erstarrten Gast seiner rauhen Umhüllung zu entledigen und demnächst zu entkleiden.
»Ach Gott im Himmel, das Kind stirbt uns unter den Händen!« rief plötzlich die Bauersfrau entsetzt aus, als sie gewahrte, daß die Glieder ihres bewußtlosen Schützlings hochroth gefärbt und stellenweise blutrünstig waren, und ebenso das kleine, hagere, von verwirrten schwarzen Locken umflossene Gesicht von dem unter der zarten Haut fieberhaft wallenden Blute entstellt wurde.
»Nein, es stirbt hoffentlich nicht,« entgegnete Marie entschieden, indem sie mit einem warmen Tuche die von dem geschmolzenen Schnee zurückgebliebene Feuchtigkeit behutsam von der wunden Haut forttrocknete; »die Röthe ist ein Zeichen des zurückkehrenden Lebens. Daß von den heftigen Reibungen einige Spuren geblieben sind, schadet durchaus nicht, im Gegentheil, es hätte mit dem armen Wesen kein verständigeres Verfahren eingeschlagen werden können.«
Frau Reichart schwieg. Das Urtheil ihrer Schwägerin, die sie als weit über sich stehend zu betrachten gewohnt war, hatte sie beruhigt, und aufmerksam harrte sie darauf, daß dieselbe ihr weitere Belehrungen und Verhaltungsregeln ertheilen würde. Diese aber, von einem ihrem ganzen Aeußern entsprechenden, unbegrenzten Wohlwollen beseelt, verlangte keinen Beistand mehr, und mit der Besorgniß und Zärtlichkeit einer angstvoll hoffenden Mutter pflegte sie den auf ihrem Schooße ruhenden schmächtigen und zugleich schlaffen Körper, hier behutsam seine Lage erleichternd, dort spähend und forschend nach weiteren ermuthigenden Zeichen.
»Das Herz klopft, der Athem bewegt die Lippen,« sagte sie endlich leise, »aber es muß liegen, und zwar nicht zu nahe am warmen Ofen; geh' und schlage die Kissen Deines Bettes zurück ...«
»Soll ich die Kissen vorher wärmen?« unterbrach Frau Reichart sie.
»Um Gottes willen nicht!« ordnete Marie an. »Es ist jetzt geschehen, was irgend geschehen konnte, das Uebrige müssen wir dem lieben Gott und der Natur der armen Kleinen überlassen.«
Die Frau, welche den Schmerz um ihr eigenes Kind plötzlich vergessen zu haben schien, war unterdessen hastig nach dem Himmelbette geeilt; nachdem sie die schweren Pfühle zurückgeschlagen und das Laken noch einmal glatt gestrichen hatte, brachte sie die nothwendige Wäsche von ihrem verstorbenen Lieschen herbei, um das fremde Mädchen, dem sie gerade paßte, damit zu bekleiden. Behutsam, als ob von ihren Bewegungen wirklich das Leben abgehangen habe, trugen sie es sodann nach dem Bette hin, und es gerade in die Mitte desselben legend, deckten sie es mit einem leichteren Pfühle zu.
Schweigend blieben die beiden Frauen noch eine Weile vor dem Bette stehen. Der Anblick des geretteten Kindes, dessen Betäubung immer mehr den Charakter eines kräftigenden Schlummers annahm, erfreute und beglückte sie, während auf der andern Seite in erhöhtem Grade die Erinnerung an das todte Lieschen wachgerufen wurde, welches so oft, so unzählige Male, und namentlich noch in seiner letzten Krankheit auf derselben Stelle gelegen hatte.
»Lieschen, mein einziges Kind!« stöhnte die unglückliche Mutter, indem sie zurücktrat, offenbar in der Absicht, sich zu ihrem todten Kinde zu begeben.
Bevor sie aber die Kammerthür erreicht hatte, befand Marie sich an ihrer Seite.
»Schwägerin,« sagte sie tröstend und zugleich entschieden, »geh' jetzt nicht da hinein; fasse Dich erst, und dann wollen wir vereinigt unserem Lieschen das letzte Bettchen bereiten. Es ist nicht gut, sich dem Schmerze ununterbrochen hinzugeben, und dazu in so hohem Grade; komm, komm, kleide Dich um, Du bist naß und kalt.«
»Du hast gut trösten,« entgegnete die Bäuerin bitter, doch folgte sie mechanisch dem Rathe ihrer Schwägerin; »Du weißt nicht, was es heißt, das Liebste auf der Welt verlieren, es war nicht Dein Kind.«
»Mein Kind war es nicht,« erwiderte Marie noch inniger und wohlwollender, »aber ich hatte doch mein Theil an demselben.«
Die Bäuerin beruhigte sich, aber antwortete nicht mehr, und kaum achtete sie darauf, daß ihr Gatte, den Sarg vor sich tragend, eintrat und ängstlich nach dem Befinden des Kindes fragte.
»Es schläft,« versetzte Marie, und zugleich gab sie ihrem Bruder einen Wink, den Sarg in die Kammer zu tragen; »es schläft, und kaum steht zu bezweifeln, daß es am Leben erhalten wird.«
Reichart hatte den Wink begriffen und befolgt, und nachdem er die vom Schnee befeuchteten Kleidungsstücke abgelegt, ging er mit der Lampe nach dem Bette hin, um das gerettete Kind näher zu betrachten.
»Welch schönes Mädchen!« sagte er nach einer längeren Pause tiefen Schweigens mit gedämpfter Stimme. »Aber Du hast Recht, Marie, es schläft wie ein gesunder Mensch; vielleicht können wir schon morgen seinen bekümmerten Eltern die gute Nachricht zuschicken. Hoffentlich wird es uns sagen, woher es ist und wie seine Eltern heißen. Dieselben sind gewiß sehr arm,« fügte er hinzu, indem er von dem Bette zurücktrat und die Lampe wieder auf den Tisch stellte.
»Sein Kleidchen ist noch ziemlich neu und besteht aus gutem Stoff,« versetzte Marie; »ebenso zeugen die wollenen Strümpfe und festen Schuhe nicht von drückender Noth. Nur zu dünn war das arme Wesen angezogen, und einige trockene Brodkrusten, die wir in der Tasche des Kleidchens fanden, lassen errathen, welcher Art seine Nahrung in der letzten Zeit gewesen.«
»Ja, sehr verhungert ist das arme Kind, man sieht es ihm an,« nahm die Bäuerin jetzt das Wort. »Reichart, denke, wenn unser Lieschen hätte hungern müssen, hu, es wäre zu schrecklich gewesen! Sage also nicht, daß es in den nächsten Tagen fortgebracht werden soll, es muß vorher Kräfte sammeln und gut leben; wir haben's ja übrig.«
»Ich weiß nicht, das Mädchen kommt mir vor, wie feiner Leute Kind,« bemerkte der Bauer sinnend. »Habt Ihr nicht irgend ein Zeichen an der Wäsche entdeckt? Vornehme Leute pflegen die Wäsche ihrer Kinder zu zeichnen und zu numeriren.«
»Wer hätte angesichts des schwächlichen, bewußtlosen Kindes an dergleichen denken mögen?« entgegnete Marie entschuldigend. »Aber es ist wahr, von solchen Zeichen könnten wir möglichen Falls auf sein Herkommen schließen,« und so sprechend, erhob sie sich, um die am Ofen zum Trocknen aufgehangenen Kleidungsstücke herbeizuholen.
Sie war eben wieder an den Tisch getreten, da drang hinter den Vorhängen des Himmelbettes hervor ein leises Schluchzen zu ihr herüber.
»Es ist erwacht!« rief sie mit freudigem Erstaunen, und im nächsten Augenblicke stand sie an der Seite des Bettes, während die beiden Ehegatten an das Fußende desselben traten und von dort aus gespannt zu dem Kinde hinüberblickten.
Dieses nun hatte, wie aus Furcht, die kleinen, schmächtigen Hände gefaltet und preßte sie bebend an das Kinn, während die von Thränen überfließenden Augen mit einem Ausdrucke von Entsetzen rastlos von dem Einen zum Andern wanderten.
»O, schlagt mich nicht so sehr,« flehte es unter heftigerem Schluchzen, die gefalteten Hände den ihm in dem Halbdunkel nicht erkennbaren Gestalten entgegenstreckend, »ich will es ja nie, in meinem ganzen Leben nicht wieder thun; ich fürchtete mich vor Schlägen, und darum lief ich davon. O, vergebt es mir nur dieses Eine Mal und bestraft mich nicht so entsetzlich hart, bringt mich nicht in den Keller, es ist so dunkel dort, ich sterbe vor Angst!«
Reichart und seine Gattin starrten stumm zu dem flehenden Kinde hinüber; eine unbeschreibliche Rührung hatte sie bei den klagenden Tönen ergriffen, so daß sie kein Wort hervorzubringen vermochten. Ueber Mariens Wangen dagegen rannen heiße Thränen des Mitleids und der Wehmuth.
»Liebes Kind, kein Mensch thut Dir etwas zu Leide,« sagte sie mit herzgewinnender Freundlichkeit, indem sie ihre Hand auf des Kindes fieberheiße Stirne legte; »wir wollen Dein Bestes und stehen hier, um über Dich zu wachen, daß Du wieder gesund wirst und wir Dich recht bald zu Deiner Mutter bringen können.«
Befremdet sah das Mädchen zu Marie empor; der wohlwollende Ton der unbekannten Stimme und die liebevollen Worte mußten es beruhigt haben, denn es weinte nicht mehr.
»Meine Mutter liegt in der Erde, Ihr könnt mich nicht zu ihr bringen,« sagte es endlich schüchtern.
»Das ist sehr traurig, mein liebes Herzchen,« erwiderte Marie mit derselben Zutrauen erweckenden Freundlichkeit; »dann bringen wir Dich zu Deinem Vater oder zu Deinen Freunden.«
»Ich habe keinen Vater, ich habe keine Freunde,« brach das geängstigte Kind jetzt wieder klagend aus, »mich hassen und schlagen alle Menschen. O, bringt mich nicht zurück zu den schrecklichen Leuten, verbergt mich lieber, daß sie mich nicht finden, denn finden sie mich, so sperren sie mich in den Keller, wo es so dunkel ist und mich die Ratten beißen! O, thut es nicht, Ihr seht mich so freundlich an, sprecht so gut zu mir, wie noch nie Jemand gethan hat; laßt mich nicht von Euch, oder jagt mich in den Schnee hinaus, damit ich laufe, so weit mich meine Füße tragen, aber nur nicht zurück, nicht zurück zu den bösen Menschen!«
»Beruhige Dich, mein liebes Kind,« versetzte Marie, indem sie einen Kuß auf die kleinen bebenden Lippen drückte und zärtlich die Thränen von des Kindes Wangen trocknete, »Du bist gut und sicher bei uns aufgehoben, und gegen Deinen Willen sollst Du nicht fortgebracht werden ...«
»Nein, wahrhaftig nicht!« bekräftigte Reichart mit lauter Stimme, indem er mit der Faust so heftig auf die Bettstelle schlug, daß das große Gypskaninchen bedenklich den Kopf und die rothen Ohren schüttelte. »Und wer Dich mit einem Finger anrührt, der hat es mit mir zu thun, so wahr ich Reichart heiße; ich habe Dich nicht aus dem Schnee gezogen, damit sie Dich schlagen sollen!«
Das Kind war bei dem Zorn des ehrlichen Bauers zusammengefahren und blickte wie Hülfe suchend zu Marie empor.
»Aengstige Dich nicht, mein Herzchen,« tröstete diese schnell, »der Mann dort drüben ist mein Bruder und jene seine Frau. Beide meinen es gut mit Dir. Sie haben Dich im tiefen Schnee gefunden und mit hierher gebracht, und freuen sich, Dich gerettet zu haben. Aber nun schlafe, damit Du Dich erholst, und dann wollen wir weiter sprechen.«
»Ich kann nicht schlafen, ich ängstige mich noch immer; im Schnee ängstigte ich mich nicht, ich hörte schöne Musik, meine Füße und Hände wurden warm, und Engel mit Flügeln waren um mich.«
»Es war der Tod, der seine kalte Hand auf Dein kleines Herz legte,« sprach Marie, wie in tiefe Gedanken versunken, halblaut vor sich hin. »Der Tod des Erstarrens ist schmerzlos,« fügte sie noch leiser hinzu, und dann schwieg sie, nicht beachtend, daß ihres Bruders und ihrer Schwägerin Blicke zweifelnd und fragend auf ihr ruhten.
»Was sagten Sie?« fragte das kranke Kind zögernd; »ich habe Sie nicht verstanden.«
Marie fuhr empor, ein Schauder erschütterte ihre Gestalt, als habe sie sich einer bösen Vision erwehren wollen, und dann wendete sie sich dem Kinde wieder zu.
»Du bist bei rechtschaffenen Leuten,« sagte sie mit rührendem Ausdrucke, »bei Leuten, die Dich lieben und auch von Dir geliebt sein wollen, so lange, wie Du bei ihnen bist - erschrick nur nicht gleich; wenn Du willst, sollst Du ganz bei uns bleiben - und daher nenne uns ›Du‹, wie es einem Kinde unseres Hauses geziemt; und wenn Du Dich noch ängstigst und nicht einschlafen kannst, so will ich Dir Gesellschaft leisten und mit Dir plaudern. Aber sage vor allen Dingen, hast Du keine Schmerzen?«
»Schmerzen habe ich nicht, nur durstig bin ich sehr,« antwortete das Kind, indem es Mariens Hand mit seinen Fingerchen so fest umspannte, als habe es dieselbe nie wieder von sich lassen wollen.
Die Bauerfrau holte aus der Ofenröhre ein Gefäß mit warmer Milch, und nachdem das Kind getrunken, nahm Marie die Unterhaltung mit demselben wieder auf.
»Ich heiße Marie, der Mann dort heißt Vater, und die Frau magst Du Mutter nennen; wir sind es so gewohnt,« begann sie, und um der Kleinen näher zu sein, setzte sie sich auf den Rand des Bettes. »Nun theile aber auch Du uns Deinen Namen mit, damit wir Dich rufen können.«
»Lieschen heiße ich ...«
»Lieschen?!« rief die Bauerfrau mit einem unbeschreiblich rührenden Erstaunen aus, während Reichart, als habe er das Vernommene nicht begreifen können, die Hände faltete und das Kind mit erhöhter Theilnahme betrachtete.
»Lieschen oder auch Elisabeth,« lautete die schüchterne Antwort; »ich höre aber lieber, wenn man mich Lieschen nennt.«
»Lieschen, Lieschen,« wiederholte die Bauerfrau, heftig schluchzend, indem sie sich an die Seite des Bettes drängte und sich so über dasselbe hinneigte, daß ihr Gesicht das ihres Pfleglings fast berührte; »Lieschen heißt Du - wirklich Lieschen? Ach, auch ich hatte ein Lieschen, ein schönes, gutes Kind, bis gestern Mittag noch, und da hat es der liebe Gott zu sich genommen, und morgen kommen sie, um es abzuholen und in die kalte Erde zu legen! Und Du heißt Lieschen, wie mein todtes Kind, und darum lasse ich Dich auch nicht wieder von mir; mir gehörst Du, mir und meinem Manne, denn uns verdankst Du das Leben. Und nun lege Deine Aermchen um meinen Hals und drücke mich an Dich und sage Mutter zu mir; ich denke dann, mein eigenes Lieschen war einer der Engel, die Dir im Traume erschienen und uns zu Dir führten.«
»Mutter!« lispelte das Kind, welches nicht wußte, wie ihm geschah, dabei aber der Wirkung der mütterlichen Zärtlichkeit unterworfen war und halb ängstlich, halb liebkosend die weinende Frau an sich drückte.
»So, mein Kind, so ist's recht,« fuhr die Mutter heiterer fort, sich sanft emporrichtend; »nun sprich weiter, wenn Du willst, aber nicht zu viel, denn morgen ist auch noch ein Tag, und gewiß würde der Doctor anordnen, Du solltest Dich nicht zu sehr aufregen. Nun sage mir auch, wie alt Du bist.«
»Elf Jahre bin ich in diesem Herbste geworden.«
»Elf Jahre - also ein Jahr älter, als mein eigenes armes Lieschen. Und wer sind Deine Eltern?«
»Eltern habe ich nicht, sie sind lange todt; ich weiß auch nicht, wie sie ausgesehen haben.«
»Armes, armes Wesen!« sagte Marie leise vor sich hin, mit innerer Befriedigung die wachsende und zugleich trostreiche Theilnahme ihrer Schwägerin beobachtend.
»Und wo hast Du so lange gewohnt?« fragte diese nach einer kurzen Pause, während welcher sie einen Blick des Einverständnisses mit ihrem Gatten austauschte, weiter.
»In der Vorstadt im Waisenhause,« antwortete Lieschen mit einem Schauder.
»Wo der gute Herr Seim Vorsteher ist?«
Lieschen blickte entsetzt bald auf die Bäuerin, bald auf Reichart, bald auf Marie.
»Ich meine den lieben, frommen Herrn mit dem weißen Halstuche, der allen Menschen so freundlich und gut begegnet,« wiederholte die Frau in der Meinung, daß sie nicht verstanden worden sei; »ich kenne ihn schon so lange, wie ich Eier und Butter an ihn und seine Tochter verkaufe, und die Waisenkinder nennt er nie anders, als seine liebe, ihm von Gott anvertraute Heerde. Nicht wahr, mein Kind, dessen Haus meinst Du doch?«
»Ja, das meine ich,« antwortete Lieschen kaum vernehmbar und mit aller Kraft gegen einen neuen Ausbruch ihrer Furcht kämpfend.
»Wo aber haben sie Dich geschlagen und Dich eingesperrt, wenn Du doch im Hause des guten Herrn Seim erzogen wurdest?«
»Im Waisenhause.«
»Und Herr Seim, der liebe, fromme Herr, war nicht da, um es zu verbieten?«
»Ach, Herr Seim war so böse, er sagte, ich sei schlecht und verdiene harte Strafe, ich verführe alle Kinder und man müsse mich sehr streng behandeln.«
Bei diesen Worten sahen Marie und die beiden Ehegatten sich gegenseitig verwundert an. Sie kannten den Vorsteher der Anstalt schon lange von der besten Seite, und unerklärlich erschien es ihnen, daß ein so schwächliches kleines Mädchen, selbst wenn es sich zu kindischem Unfug habe hinreißen lassen, mit Herrn Seim's Wissen und Willen habe mißhandelt werden können. Die beiden Gatten waren daher geneigt, des Kindes Ausspruch für verzeihliche Uebertreibung zu halten, oder für eine Folge der krankhaften Aufregung oder gar für eine Lüge. Marie hingegen sträubte sich gegen einen solchen Verdacht, und indem sie ihre Blicke tief in die Augen der flehentlich zu ihr aufschauenden Waise senkte, glaubte sie in denselben nur die lautere, heilige Wahrheit zu lesen.
»Armes Kind,« sagte sie endlich schmeichelnd, um die durch das kurze Schweigen in dem Kinde hervorgerufene Furcht wieder zu verscheuchen, »wie bist Du denn in diesem furchtbaren Wetter in den Wald gekommen?«
»Verzeihe mir, gute Frau,« antwortete das Mädchen bebend, indem es abermals seine hageren Aermchen emporhob und die zarten Finger verzweiflungsvoll in einander rang; »ich will ja Alles eingestehen, nur stoße mich nicht wieder von Dir!«
»Aengstige Dich nicht unnöthig, mein Herzchen,« tröstete Marie auf's tiefste gerührt; »sprich offen und ohne Furcht, und willst Du nicht gern sprechen, so behalte Dein Geheimniß immerhin für Dich; wir haben Dich deshalb nicht weniger lieb.«
Lieschen unterdrückte ihr krampfhaftes Schluchzen, und vertrauensvoll zu Marien emporblickend, begann sie: »Ich bin entlaufen, ich konnte es nicht länger aushalten; ich wollte lieber sterben, als mich noch länger quälen lassen. Denn wäre ich geblieben, hätten sie mich in den Keller gesperrt, damit ich verhungere. Sie hielten mich für einen Dieb, denn sie hatten wiederholt, wenn sie des Morgens meine Kleider durchsuchten, Sachen von anderen Kindern in meiner Tasche gefunden. Dann schlugen sie mich jedesmal so sehr, weil ich versicherte, ich sei unschuldig, und sie sperrten mich in den Keller, bis ich vor Angst sagte, ich hätte gestohlen, worauf sie mich hervorholten und mich einen ganzen Tag hindurch mit einer Tafel am Halse, auf welcher ›Dieb‹ geschrieben war, in dem großen Schulsaale stehen ließen. Aber glaube mir nur, liebe, gute Frau, nie in meinem Leben habe ich gestohlen, denn ich weiß, es ist eine große Sünde.
»Heute Morgen, es war noch ganz dunkel, wachte ich auf; ich war so hungrig und konnte nicht wieder einschlafen. Da sah ich Herrn Seim, wie er leise durch den Schlafsaal ging und gerade auf mein Bett zukam. Ich glaubte, er wolle mich schlagen, weil ich wach sei, und schloß schnell die Augen; aber ein klein wenig sah ich noch, denn in dem Schlafsaale brennt des Nachts eine Lampe. Vor meinem Bette blieb Herr Seim stehen, und ich zitterte vor Angst, als er mich eine Weile betrachtete. Er that mir indessen nichts zu Leide, dagegen betastete er die Tasche meines Kleides, und dann ging er wieder leise hinaus. Als ich seine Schritte nicht mehr hörte, zog ich mein Kleid zu mir in's Bett hinein, um zu sehen, ob vielleicht wieder fremdes Brod in der Tasche gewesen sei. Anfangs fand ich nichts; als ich die Tasche aber umkehrte, fiel mir ein großer Thaler in die Hand. Zuerst wollte ich das Geld, welches mir Jemand heimlich zugesteckt hatte, damit ich wieder eingesperrt werde, fortwerfen; zur rechten Zeit bedachte ich aber, daß Herr Seim den Thaler gefunden haben müsse und ich die Strafe dadurch nur verschlimmere. Ich betete zum lieben Gott um Hülfe; ich steckte meinen Kopf unter die Decke, um die anderen Kinder nicht durch mein Weinen zu wecken, aber meine Angst wurde immer größer; ich wußte ja, daß ich wieder geschlagen und in den Keller gesperrt werden würde. Zuletzt hielt ich es nicht länger aus, ich kleidete mich schnell an, den Thaler legte ich auf mein Bett, und auf den Strümpfen schlich ich aus dem Hause auf den Hof. Dort zog ich erst die Schuhe an; meine Strümpfe waren in dem Schnee schon ganz naß geworden, aber mich fror nicht, ich ängstigte mich zu sehr. Dicht am Hofthore wartete ich, bis der Bäcker klingelte, und alsdann vom Hause aus der Riegel aufgezogen wurde und der Bäcker sich nach der Küche begeben hatte, schlich ich durch die angelehnte Pforte nach der Straße hinaus. Es schneite sehr; die Straßenlaternen waren schon ausgelöscht worden, aber Tag war es noch nicht. Ich fürchtete mich vor dem Wetter, aber die Furcht vor Herrn Seim war noch größer, und ich lief, so rasch ich nur konnte, nach dem nächsten Thore, um aus der Stadt zu kommen. Niemand hatte mich bemerkt, doch mir war, als müsse Herr Seim sich dicht bei mir befinden, um mich zurückzuschleppen in den feuchten Keller, und als die letzten Häuser der Stadt schon längst hinter mir lagen, lief ich noch immer mit derselben Eile.
»Als es endlich heller Tag war, mußte ich mich ausruhen; ich konnte keine Luft mehr schöpfen, und dabei war mir doch so heiß. Ich setzte mich auf die Erde und aß das trockene Brod, welches ich mir vom vorhergehenden Tage in meinem Bette aufgehoben hatte, und dazu kühlte ich meinen Mund mit frischem Schnee. Wie lange ich so dagesessen habe, kann ich nicht sagen; zuletzt wurde mir eisig kalt, und ich ging weiter, um mich zu erwärmen. Wohin ich gehen sollte, wußte ich nicht, aber ich bat den lieben Gott, er möge mich zu guten Menschen führen, die Mitleid mit mir haben würden. Während ich betete, fürchtete ich mich nicht, auch weinte ich nicht; ich betete daher auf dem ganzen Wege, daß ich nicht müde werden möge, denn ich dachte, ich würde vom Schnee so hoch zugedeckt werden, daß ich nicht wieder herausgelangen könne und daher verhungern müsse. Es schneite ja so sehr; doch war dies gut, denn wenn ich Leute und Wagen kommen hörte, brauchte ich gar nicht weit von der Straße abzubiegen, um nicht entdeckt zu werden. Ich wäre sonst gewiß wieder zu dem schrecklichen Herrn Seim zurückgebracht worden. So bin ich denn immer weiter und weiter gegangen, und endlich kam ich in einen Wald von lauter großen und kleinen Weihnachtsbäumen. Ich kenne Weihnachtsbäume, Herr Seim läßt alle Jahre welche im großen Saale aufstellen, und fremde Leute kommen und freuen sich, daß die Kinder so gut beten; und dann loben sie Herrn Seim, aber mit uns sprechen sie nur davon, daß wir Herrn Seim dankbar sein sollen.
»Im Walde unter den Bäumen lag der Schnee nicht so hoch; das Gehen wurde mir dadurch erleichtert, allein ich war schon so müde, und meine Füße schmerzten so sehr, daß ich mich nur mühsam von der Stelle bewegte. Zuletzt hielt ich es nicht mehr aus, denn mehrfach war ich vor Mattigkeit gestolpert. Auf der Straße liegen bleiben durfte ich nicht; ich suchte mir daher einige kleine Weihnachtsbäumchen, die wie ein Nest zusammengewachsen waren, und da der Schnee nicht zwischen den dichten Zweigen hindurchfallen konnte, so kroch ich in das Nest hinein. Unter den Bäumen war es trocken und warm, auch fürchtete ich mich nicht, und gegen den Durst nahm ich etwas Schnee in den Mund. Dann betete ich alle Gebete, die ich kenne, und dabei wurde ich müde und die Augen fielen mir zu. Ich schlief nicht fest, denn ich hörte liebliche Musik, und viele schöne Kinder sah ich, die mich baten, mit ihnen zu spielen; doch ich konnte mich nicht von der Stelle rühren, es wurde immer dunkler um mich her, und endlich hörte auch die Musik auf. Das ist Alles, was ich weiß; ich habe geschlafen und geträumt, denn als ich hier erwachte, glaubte ich in der Krankenstube des Waisenhauses zu sein.
»Ich habe gewiß die Wahrheit gesagt,« versicherte das Kind nach einer kurzen Pause mit flehender Geberde, die forschenden Blicke, welche auf ihm hafteten, für einen Ausdruck des Mißtrauens haltend; »ich habe noch nie gelogen, wenn ich nicht mußte. Laßt mich bei Euch bleiben, ich will ja gern arbeiten Tag und Nacht, aber zurück in das schreckliche Haus bringt mich nicht wieder!«
Reichart hatte die letzten Worte nicht mehr abgewartet; die Stimme des flehenden Kindes war ihm tief in's Herz gedrungen, und gesenkten Hauptes, als ob er über Etwas im Zweifel sei, schritt er in dem Gemache auf und ab. Seine Frau dagegen und Marie hatten sich wieder über das Kind hingeneigt, und ihren vereinigten Bemühungen gelang es leicht, dasselbe gänzlich zu beruhigen und zu überzeugen, daß sie sich von nun an seiner annehmen, sich nicht mehr von ihm trennen wollten.
Die zärtlichen Versicherungen der beiden Fremden wirkten wohlthuend auf das geängstigte Gemüth der jungen Waise. Nicht minder machte sich in dem kleinen, schwächlichen Körper die Erschöpfung geltend, denn als auch Marie und ihre Schwägerin von dem Bette zurücktraten, da kämpften die großen Augen nur noch matt gegen den Schlummer. Die langbewimperten Lider senkten und hoben sich schwerer, je nachdem der Schlaf leise über sie hinfächelte, oder durch die fremde Umgebung plötzlich wieder die Aufmerksamkeit auf Momente gefesselt wurde.
Ein unendlich süßes, nie geahntes Gefühl der Sicherheit und des Wohlbehagens hatte sich der armen, verfolgten Waise bemächtigt. Es war, als habe sie absichtlich gegen den Schlaf gekämpft, um nicht das Bewußtsein ihrer gegenwärtigen Lage zu verlieren. Lächelte ihr doch Alles so freundlich entgegen, und schien doch selbst die alte Uhr mit ihrem ernsten, heiseren Ticken in tröstender Weise aus längst verflossenen Zeiten zu erzählen, aus Zeiten, in welchen weder an das todte noch an das lebende Lieschen gedacht wurde! Und dabei wirkte das gemessene Geräusch des staubigen Uhrwerks so einschläfernd, daß die Würfel in dem von dem Lampenlichte durchschimmernden Bettvorhange immer mehr in einander flossen und die Aepfel und die Gypsfiguren auf dem Gesimse scheinbar vor Müdigkeit wackelten und dem kleinen fremden Gaste freundlich zunickten.
Lieschen kämpfte matter und matter gegen den Schlaf; sie wunderte sich zuletzt gar nicht mehr, daß das weiße Kaninchen bedächtig den Kopf schüttelte und mit den Pfoten über seine schwarze Nase hinfuhr, sie wunderte sich nicht, als es sogar von dem Gesimse zu ihr auf das Bett sprang, sich auf die Hinterfüße aufrichtete und die übrigen Gypsfiguren und die Aepfel zu sich herabwinkte. Und sie kamen herbei, die Aepfel wie die Figuren, aber ganz verändert; denn erstere hatten rothwangige Gesichtchen und Hände und Füße und kleine Flügel, während letztere himmelblaue mit Silber gestickte Mäntel trugen, daß sie aussahen wie ein aus heller Sternennacht gewebtes Völkchen.
Lieschen aber lächelte beseligt und fürchtete sich nicht, als die kleinen Gestalten sich vor ihr zum muntern Reigen ordneten, immer abwechselnd ein Apfel und ein Figürchen, mit angefaßten Händen im Kreise herumtanzten und dabei so possirliche Sprünge machten. Und das Kaninchen saß in der Mitte und nickte mit dem Kopfe und schlug den Tact dazu, daß es sich genau so anhörte, wie das gemessene regelmäßige Ticken einer alten heisern Wanduhr.
Auch die Musik fehlte nicht; zwar war sie nur dem leisen Murmeln berathender Menschen ähnlich, aber es war doch immer eine schöne, eine heilige Musik, denn sie ging von der guten Marie aus und von den biederen Bauersleuten, indem sie über das lebenswarme Lieschen in dem großen Bette, und das arme todeskalte Lieschen in der kleinen Kammer sprachen und dabei Gottes Güte und Allmacht priesen.
Lieschen in dem Himmelbette lächelte immer wieder; sie war so glücklich, daß sie bis an ihr Lebensende hätte so fortschlafen mögen. Die Uhr tickte, das Heimchen sang, näher waren die drei guten Menschen zusammengerückt und inniger und traulicher flüsterten sie mit einander.
Und Niemand wußte es und Niemand hatte ihn gesehen, aber der Engel des Friedens war durch die Todtenkammer und das Wohngemach geschwebt, hier tröstend, aufrichtend und ermahnend, dort zur ewigen Ruhe einsegnend und bleiche, kalte Lippen im leisen Kusse berührend. Und als ob er sein Tagewerk vollbracht habe und über das stille Strohdach der Hütte hinaus in seine himmlische Heimat zurückkehre, zertheilten sich die schweren Wolken. Hierhin und dorthin zogen sie hastig, und doppelt hell funkelnd und glitzernd schauten Milliarden von Sternen auf die unter der tiefen Schneedecke schlummernde Erde nieder.

3. Die arme Marie.

Lieschen war in einen tiefen, kräftigenden Schlummer gesunken. Marie, deren Bruder und Schwägerin lauschten mit innerer Befriedigung den regelmäßigen Athemzügen; sie freuten sich über die Ruhe des Kindes, ihnen selbst aber blieb der Schlaf fern. Das Abendbrot war kaum angerührt und wieder in den massiven Speiseschrank gestellt werden; düster brannte die Lampe auf dem eichenen Tische und ämsig nähte Marie an dem Sterbekleidchen, während die beiden Ehegatten ihr betrübt zusahen und in flüsterndem Tone zu ihr sprachen.
Sie erzählten sich gegenseitig von dem frommen und rechtschaffenen Herrn Seim, der stets ein freundliches Wort und einen herzlichen Händedruck für jeden Einzelnen von ihnen in Bereitschaft habe und nie um Pfennige mit ihnen feilsche, wie so viele Andere, sondern von dem Grundsatze ausgehe, daß auch die armen Bauern leben müßten. Sie erzählten, wie er sich für seine verwaisten Schützlinge aufopfere, nur für diese lebe und webe, und wünschten, daß Gott ihm seine Rechtschaffenheit vergelten möge. Unerklärlich erschien es ihnen dagegen, daß man ihr neues Lieschen in so hohem Grade gequält habe, bis es endlich davongelaufen sei. Sie schoben aber Alles auf schlechte Menschen, deren es in der ganzen Welt gäbe, von denen auch wohl der gute Herr Seim hintergangen worden sei und in Folge dessen mit mehr Härte und Strenge gegen manche Kinder verfahre. Den Herrn Seim bedauerten sie fast eben so sehr, wie das arme, halb erstarrte Kind, und Reichart vermaß sich hoch und theuer, daß er dem braven Vorsteher reinen Wein einschänken und ihm die Augen öffnen wolle, damit dergleichen nicht wieder geschehe.
»Worauf er seine Leute schicken wird, um uns das Kind wieder fortnehmen und härter als Jemals bestrafen zu lassen,« unterbrach Marie ihren in Eifer gerathenen Bruder; denn indem sie sich Lieschens aufrichtigen Blick vergegenwärtigte, begannen leise Zweifel an der Gerechtigkeitsliebe des Herrn Seim in ihr aufzusteigen.
»Um Gottes willen nicht!« versetzte die Bäuerin erschreckt. »Unser neues Lieschen gebe ich nicht heraus, und käme das ganze Waisenhaus, um es von mir zurückzufordern! Nein, nein, das Kind hat genug erduldet, es bleibt bei uns, und den möchte ich sehen, der es in unserem Hause anzurühren wagte! Das arme, liebe Herz, wie es sich an mich schmiegte und mich Mutter nannte, und dabei zu denken, daß Jemand es schlagen und einsperren könnte!«
Reichart rieb sich verlegen die Stirne, offenbar sann er vergeblich über einen Ausweg nach. Er wollte das Kind für sein Leben gern behalten, aber auch gegen die gesetzliche Ordnung verstoßen wollte er nicht, und ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß er durch eine Verheimlichung vielleicht gerade zum Nachtheil seines Schützlings handle.
»Ich denke, wir behalten das Kind wenigstens vorläufig bei uns,« nahm Marie jetzt wieder das Wort, »vielleicht so lange, bis nach ihm gefragt wird, und dann ist ja noch immer Zeit, weitere Schritte zu seinem Besten zu thun.«
»Aber der Ortsschulze,« warf Reichart zweifelnd ein, »er wird das Mädchen sehen und fragen, woher es stamme; was soll ich dann wohl antworten? Sage ich ihm die Wahrheit, so ist sein Erstes, daß er selbst die Kunde von der Rettung des kleinen Flüchtlings nach dem Waisenhause trägt.«
»So gieb vor, es sei eine Verwandte, vielleicht die Tochter unseres mit Kindern so reich gesegneten Vetters, die Du nach dem Verluste des eigenen Kindes an Kindesstatt angenommen habest,« versetzte Marie zögernd; denn ihr strenger Rechtlichkeitssinn kämpfte nur matt gegen die wachsende Theilnahme und Besorgniß für den kleinen fremden Gast. »Gewiß wird Niemand daran denken, Dein Wort zu bezweifeln und Nachforschungen anzustellen, und kommt später der wahre Sachverhalt wirklich zu Tage, so wird man unser Verfahren um unserer Trauer und unserer Liebe willen entschuldigen und nicht mehr auf eine Trennung dringen.«
»Wenn sie das Kind aber selbst fragen?« erwiderte Reichart, dessen Bedenken durch der Schwester Rathschläge bereits zum größten Theil beschwichtigt waren. »Und alt und verständig genug scheint es zu sein, um über sein Herkommen Aufschluß geben zu können.«
»Ja, das ist das Einzige, was mir Zweifel und Besorgniß einflößt,« entgegnete Marie sinnend, während die Augen der beiden Gatten gespannt an ihren Lippen hafteten. »Es scheint mir sündhaft, das arme Kind zu einer Lüge zu verleiten, und dennoch sehe ich keinen andern Ausweg, auf welchem wir es vor einem traurigen Loose zu bewahren vermöchten; und das liegt doch wohl auf der Hand, daß bei seiner Rückkehr in die Anstalt gewiß nicht die freundlichste Behandlung seiner harren würde.«
»Gewiß nicht, nein, gewiß nicht,« fiel die Bäuerin jetzt mit Wärme ein, »sie würden das arme Kind hinter dem Rücken des Herrn Seim zu Tode peinigen; nein, das Kind bleibt bei mir, und sollte ich deshalb hundert Lügen sagen! Ich werde das arme Herzchen schon vorbereiten und ihm seine Antworten in den Mund legen, ich werde ihm sagen, wie schändlich es sei, zu lügen, und daß es hier nur geschehe, um uns Verdruß zu ersparen. O, in diesem Falle ist eine Nothlüge keine Sünde, nein, gewiß nicht, viel eher eine gute, christliche Handlung!« So sprechend, erhob sie sich mit hastiger Bewegung, und auf den Zehen nach dem Bette hinschleichend, suchte sie einen Blick auf ihr neues Lieschen zu erhaschen.
Sie betrachtete das sanft schlummernde Kind eine Weile mit tiefer Wehmuth; gewiß stellte sie in Gedanken Vergleiche an, denn ihre Hände rangen sich krampfhaft in einander und heiße Thränen sanken in Fülle auf dieselben nieder.
Marie hatte ihre Arbeit beendigt und vor sich auf den Tisch gelegt; auch in ihren schönen, wohlwollenden Augen glänzten Thränen, indem sie abwechselnd das fertige Sterbekleidchen und ihren Bruder betrachtete, dessen Blicke wieder starr auf die zierlich ausgezackte Leinwand gerichtet waren.
Da schlug die Uhr die zwölfte Stunde. Eintönig hallten die halb schnarrenden, halb klingenden Schläge durch das Gemach.
»Sie hätten Beide neben einander Platz gehabt!« seufzte die Frau, indem sie an den Tisch zurückkehrte.
»Tröste Dich, Mutter,« versetzte Reichart, sich mit Macht emporraffend, »eine Tochter hat uns der liebe Gott genommen, eine andere hat er uns gegeben; mag kommen, was da wolle, sie soll so gut unser Kind sein, als ob es unser leibliches wäre. Und wenn es gut einschlägt, und uns liebt, soll es auch unsern Namen führen und uns beerben, damit wir wenigstens wissen, für wen wir schaffen und arbeiten.«
Marie sah mit innigem Wohlgefallen auf die biederen Leute hin, wie sie durch einen warmen Händedruck über des schlafenden Kindes Zukunft entschieden.
Sie blickte auf dieselben, wie wohl eine Mutter sich über die hervortretenden guten Eigenschaften ihrer Kleinen freut. In ihren schönen Augen sprach sich deutlich ihre geistige Ueberlegenheit aus, in den wohlwollenden Zügen dagegen ihre unendliche Herzensgüte und wie durch herben Kummer ihre höhere Ausbildung veredelt worden sei und sie dieselbe nur als Mittel betrachte, um so nachdrücklicher für das Wohl nicht nur der ihr nahe stehenden Personen, sondern für alle Mitmenschen wirken zu können.
»Aber gehe jetzt schlafen,« wendete Reichart sich endlich an seine Schwester, »morgen ist auch noch ein Tag, und zwar ein recht schwerer für uns, und Du mußt sehr müde sein. Meine Frau wird sich auf den Rand des Bettes zu Lieschen legen und über das liebe Kind wachen; ich selbst bedarf weiter nichts zur Ruhe, als den Lehnstuhl beim Ofen.«
»Gute Nacht denn,« sagte Marie freundlich, den beiden Gatten die Hand reichend; denn obgleich sie fühlte, daß der Schlaf ihr noch lange fern bleiben würde, hoffte sie doch in ihrer liebevollen Fürsorge für Andere, daß nach ihrer Entfernung wenigstens ihre Schwägerin, von Erschöpfung übermannt, im Schlummer einige Stunden Vergessenheit für ihren Kummer finden würde.
Nachdem sie ein Nachtlämpchen angezündet, begab sie sich noch einmal an das Himmelbett. Wohl eine Minute lang betrachtete sie das ruhig und sanft schlummernde Kind mit tiefem Nachdenken.
»Lieber Engel,« flüsterte sie leise, fast unbewußt, »wie Du mich an Jemanden erinnerst, doch weiß ich nicht, an wen!?«
Da lächelte das Kind im Traume; auch über Mariens gutes Antlitz flog ein heller, freundlicher Schimmer bei dem holden Anblicke. »Schlafe wohl!« sagte sie noch einmal lauter, und geräuschlos schlich sie in ihre Kammer zu dem todten Lieschen.
Nach Mariens Entfernung, blieben die beiden Gatten noch eine Weile schweigend neben einander sitzen. Es war nicht schwer zu errathen, was ihre Gemüther so tief bewegte, ihren Augen einen bald kummervollen, bald tröstlichen Ausdruck verlieh.
»Mutter, Du darfst nicht die ganze Nacht hier sitzen bleiben,« brach Reichart endlich das Schweigen, indem er die Lampe umkehrte, so daß der Schatten des Oelbehälters sein Gesicht traf, »begieb Dich daher zur Ruhe; sieh, auch ich will versuchen zu schlafen.«
»Ich kann nicht schlafen,« entgegnete die Frau mit unterdrückter Stimme, einen besorgten Seitenblick nach der Himmelbettstelle hinübersendend, von woher die regelmäßigen und gesunden Athemzüge des Kindes sich deutlich vernehmen ließen. »Warum sollte ich mich also hinlegen? Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich wache und über Alles nachdenke.«
»Aber Du solltest gerade nicht so viel nachdenken; es wäre besser, Du legtest Dich hin, und wenn man liegt, kommt der Schlaf ganz von selbst.«
»Bei mir nicht,« versetzte die Bäuerin traurig, »mir geht es gerade so wie unserer Marie; früher konnte ich nicht begreifen, warum das Mädchen die Nächte so oft schlaflos verbringe. Ich dachte, das sei so Sitte bei den vornehmen Leuten und sie habe es bei diesen gelernt, oder sie trauere heimlich, weil sie wieder Bauermädchen geworden. Jetzt sehe ich es aber ein, und ich fühle, wie schrecklich es ist, vor Herzeleid die Augen nicht schließen zu können.«
»Ja, die arme Marie hat viel Herzeleid gehabt,« bemerkte Reichart ernst, wie zustimmend nickend, »viel, viel unverdientes Herzeleid, denn sie ist von Kindesbeinen an immer ein gutes Mädchen gewesen und dabei so heiter und vergnügt, daß alle Menschen sich darüber freuten. Ja, ja, es war kein Segen für sie, daß sie so frühzeitig nach der Stadt kam und so viel lernte. Hätte sie das elterliche Haus nie verlassen, sie wäre dann gewiß eine brave und auch eine reiche Bauerfrau geworden, anstatt daß sie jetzt alle Freier zurückweist.«
»Ich gönne ihr wohl einen braven Mann,« erwiderte die Bäuerin aufrichtig, »allein es würde mir doch sehr schwer werden, mich von ihr zu trennen. Sie liebte unser Lieschen über alle Beschreibung, und dann habe ich mich so sehr an ihren Rath gewöhnt, daß ich nicht wüßte, wie ich es ohne sie machen sollte. Daß sie so viel mehr gelernt hat, als wir, merkt man wohl an jedem Worte, das sie spricht; aber es thut doch nicht weh.«
»Es ist wahr, auch ich weiß nicht, wie wir ohne Marie fertig werden sollten, und dabei nimmt sie nicht den geringsten Lohn für ihre Hülfe an,« versetzte Reichart.
»Und doch ist es nur sehr wenig, was sie erspart und durch den Verkauf ihrer schönen Kleider und der goldenen Ringe zusammengebracht hat.«
»Leider; allein sie war zu stolz, und wie die Sachen damals lagen, hätte ich es an ihrer Stelle wahrscheinlich ebenso gemacht.«
Nach diesem Gespräche trat wieder ein längeres Schweigen ein. Das Vernommene mußte indessen den Geist der Frau noch immer sehr rege beschäftigen, denn wich auch der Ausdruck der Trauer nicht aus ihren Zügen, so waren ihre Augen doch trocken geworden, während ihr starrer Blick bekundete, daß sie über irgend einen Gegenstand sehr ernst nachdenke. Nach Verlauf von etwa fünf Minuten fragte sie plötzlich: »Wie alt war sie, als sie von Deinen Eltern nach der Stadt gebracht wurde?«
»Eben war sie sechs Jahre alt geworden,« antwortete Reichart mechanisch. »Hat Marie jemals mit Dir über ihre Vergangenheit gesprochen?«
»Niemals, und gefragt habe ich sie nicht darnach, weil Du es mir verboten hattest. Ich leugne indessen nicht, daß mir oft eine Frage auf der Zunge schwebte; wenn ich ihr aber in die freundlichen und dabei doch so traurigen Augen sah, dann hielt ich stets wieder an mich, weil es mir erschien, als hätte meine Neugierde sie zum Weinen bringen müssen.«
»Ganz recht, Mutter,« entgegnete Reichart, in der ihm eigenthümlichen Weise mit dem Kopfe nickend. »Hättest sie sicherlich zum Weinen gebracht, denn was die schon erlebt hat, ist genug, um eine ganze Gemeinde zu Thränen zu bringen. Mir hat sie Alles erzählt, von Anfang bis zu Ende, damit ich wisse, wen ich unter meinem Dache beherberge, und nichts Arges von ihr denke. Zugleich aber bat sie mich, zu Niemand darüber zu sprechen; sie selbst wolle nicht bemitleidet sein, und die Leute sollten nicht hart über Jemanden urtheilen, der ganz unschuldig sei und keine Vorwürfe verdiene. Ja, ich habe mein Versprechen redlich gehalten; die Leute wissen eben weiter nichts, als daß sie als Kind zu einer vornehmen Familie in die Stadt kam und vor neun Jahren, nachdem ihre Beschützerin gestorben, fast eben so arm zu uns zurückkehrte, wie sie gegangen war. Leider glauben Einzelne, daß sie um das gute Leben und die vornehme Gesellschaft trauere, das ist aber nicht wahr - nein - o, wüßten sie nur ...«
»Wenn sie was wüßten?« fragte die Bäuerin, sobald ihr Mann schwieg, mit einem Anfluge von Neugierde.
Reichart betrachtete seine Frau wiederum einige Augenblicke zweifelnd und forschend; hierauf warf er einen spähenden Blick nach der Kammerthür und rückte dann seinen Stuhl so herum, daß er der Bäuerin gegenüber zu sitzen kam.
»Eigentlich sollte ich auch zu Dir nicht davon sprechen, Mutter,« hob er an; »allein es ist vielleicht gut, wenn ich Dir beweise, daß es Menschen giebt, die gewiß nicht in geringerem Grade heimgesucht worden sind, als Du und ich. Nur das Eine mußt Du mir versprechen, nämlich Mariens Vergangenheit nie anders zu berühren, als wenn sie selbst mit Dir davon anfangen sollte.«
Nachdem die Frau sich vorher noch einmal überzeugt, daß das schlafende Lieschen sich noch nicht gerührt hatte, fuhr Reichart fort:
»Wie wir jetzt, so machten es meine Eltern, die dieses Gehöft von meinem Großvater geerbt hatten; sie fuhren wöchentlich einmal mit Butter und Eiern, auch wohl mit Korn nach der Stadt, wo sie für ihre Waaren bestimmte Abnehmer fanden. Marie und ich waren die beiden einzigen Kinder, die von fünf am Leben geblieben. Meine Mutter hatte also dreimal solche Zeiten durchgemacht, wie Du jetzt, freilich mit dem Unterschiede, daß wir nur das einzige Kind zu verlieren hatten. Der Verlust so vieler Kinder machte meine Mutter doppelt besorgt um die beiden überlebenden, so daß sie uns nie aus den Augen ließ. Sie nahm uns daher jedesmal mit zur Stadt, und erst, als ich das zehnte Jahr erreicht hatte, setzte es mein Vater durch, daß ich zu Hause blieb, um die Schule nicht zu versäumen und dem Knechte bei seinen Arbeiten zu helfen. Als ich meinen vierzehnten, Marie ihren sechsten Geburtstag erlebt hatte, starb nach kurzer Krankheit meine Mutter. Mein Vater, daran gewöhnt, Marie immer um sich zu sehen, dann aber auch, um sie nicht gänzlich ohne Aufsicht zu wissen, fuhr fort, sie nach alter Weise mit zur Stadt zu nehmen und sie dort in seiner Begleitung ein Körbchen mit Eiern oder Butter, zuweilen auch wohl einige Blumensträußchen zu seinen Kunden tragen zu lassen.
Unter den letzteren befand sich auch eine einzelne bejahrte Dame, eine Gräfin, die schon von meinem Großvater Küchenvorräthe bezogen hatte. Dieselbe war sehr reich, hatte indessen nur eine beinahe eben so alte Köchin und ein paar niedliche Windspiele um sich. Mit ihren vornehmen Verwandten lebte sie auf keinem guten Fuße; dafür war sie um so freundlicher gegen meinen Vater, namentlich aber gegen Marie, die als Kind so schön war, daß die Leute auf der Straße stehen blieben, um ihr nachzusehen.
»Wie nun meine Schwester von der alten Gräfin zuweilen kleine Geschenke erhielt, so erwies sie sich dadurch dankbar, daß sie nie vergaß, einen recht schönen Blumenstrauß mitzubringen und ihr zu Weihnachten ein Liedchen aufzusagen. Die alte Dame weinte dann jedesmal vor Freude und fragte meine Schwester immer und immer wieder, ob sie nicht bei ihr bleiben wolle. Diese wäre auch gern geblieben - denn die prächtigen Stuben, die großen Bilder mit den goldenen Rahmen und die langen seidenen Gardinen gefielen ihr gar gut, - wenn sie nicht eben mit noch größerer Liebe an ihren Eltern gehangen hätte.
»Als mein Vater nach dem Tode meiner Mutter wieder zum ersten Male bei ihr vorsprach, wollte sie das Kind gar nicht wieder von sich lassen. Sie erklärte meinem Vater, nunmehr sei es unmöglich für ihn, seine Tochter gut zu erziehen, und sie wolle fortan für diese sorgen. Mein Vater weigerte sich standhaft, doch verließ er das Haus nicht, ohne von der lieben, wohlthätigen Dame das Geld zu einem feinen Traueranzuge für meine Schwester erhalten zu haben.
»Von nun ab, so oft mein Vater im Hause der alten Gräfin erschien, bestürmte diese ihn, ihr in ihrem hohen Alter die Freude zu gönnen, Jemanden um sich zu wissen, von dessen Dankbarkeit und uneigennütziger Treue sie überzeugt sein dürfe. Solchen Vorstellungen vermochte mein Vater denn auch nicht lange zu widerstehen. Meine Schwester hatte noch nicht ihr siebentes Jahr vollendet, da fuhr mein Vater sie, nachdem sie herzlichen Abschied von mir genommen, zur Stadt, um sie nicht wieder mit herauszubringen.
»In der ersten Zeit ihrer Abwesenheit kam unser Haus uns recht vereinsamt vor. Das heitere, lebensfrische Kind fehlte uns überall, und Niemandem mehr, als meinem Vater, der gewöhnlich die stillen Abendstunden mit ihm verplaudert hatte. Allmählich gewöhnten wir uns indessen daran, um so mehr, da mein Vater allwöchentlich unsere Marie besuchte, und die Gräfin, um das Heimweh fern von ihr zu halten, sie häufig zum Besuche zu uns herausschickte.
»Diesen Besuchen ist es wohl am meisten zuzuschreiben, daß wir Geschwister nicht Einer dem Andern entfremdet wurden; denn ich entsinne mich noch, als ich meine Schwester zum ersten Male nach unserer Trennung in den schönen Kleidern wiedersah, glaubte ich kaum, daß sie noch meine Schwester sei. Dabei erschien sie mir mit dem merkwürdig gelockten Haar so wunderbar schön, daß ich sie immerwährend hätte ansehen mögen und sogar Nachts von ihr träumte. Das war ein Leben, wie es nicht schöner gedacht werden kann; denn wenn Marie uns besuchte, wiederholte die Gräfin ihr häufig, daß sie nicht besser sei, als ich oder die anderen Dorfkinder, und daß es eben so ehrenwerth sei, den Dreschflegel und den Pflug zu führen, als sich in fremden Sprachen, Musik und feinen Handarbeiten zu üben.
»Ich war damals alt genug, um Alles verstehen und überlegen zu können, was mein Vater mit mir sprach, und ich weiß noch wie heute, daß es mir, als ich einst meinen Vater bat, mich ebenfalls so viel lernen zu lassen wie meine Schwester, eine große Beruhigung und Freude gewährte, der Gräfin Ermahnungen zu hören. »Es ist leicht, aus bescheidenen Verhältnissen in glänzendere überzutreten und sich an solche zu gewöhnen,« hatte die gute Gräfin zu meinem Vater gesagt, »schwer dagegen, dem Glanze wieder zu entsagen; sorgen wir daher dafür, daß uns Beides gleich geläufig bleibe, damit wir nie in die Lage kommen, uns über das Geschick zu beklagen und uns unglücklich zu fühlen.« Ja, das sagte sie Wort für Wort, und mein Vater theilte mir Alles getreulich mit; ich aber lernte die schönen Sprüche auswendig, und bis auf den heutigen Tag habe ich sie nicht vergessen.
»Wie recht die Gräfin hatte, können wir heute noch sehen, denn hätte Marie die guten Lehren nicht beherzigt, dann würde sie schwerlich so schnell wieder in unserem Hause heimisch geworden sein, schwerlich so wohlgemuth das seidene Kleid mit dem wollenen Rocke vertauscht haben. Freilich war Marie von ihrer ersten Kindheit an immer ein herzensgutes Mädchen, und wenn es nicht in ihr gelegen hätte, sollte die gute Gräfin - Gott habe sie selig - ihr Erziehen und Belehren wohl gelassen haben.
»Unsere Marie lernte also mit einer wunderbaren Leichtigkeit nicht nur Schreiben und Lesen, sondern auch Musik, Sticken, Kochen und wer weiß was Alles. Mit jedem Tage wurde sie auch schöner und freundlicher, und dabei sprach sie so vornehm, als ob sie wirklich vornehmer Leute Kind gewesen wäre.
»So ging die Zeit dahin; Marie fühlte sich im Hause unserer Wohlthäterin überglücklich, und diese wieder hatte sich so sehr an meine Schwester gewöhnt, daß sie wohl hundertmal versicherte, nicht ohne ihre Marie, wie sie dieselbe nannte, leben zu können.
»Das Einzige, was meiner Schwester, namentlich als sie groß geworden, im Hause der Gräfin Kummer verursachte, waren deren Verwandte. Diesen war sie ein Dorn im Auge, weil sie glaubten, daß meine Schwester sie benachtheilige. Je herzlicher die alte, kränkelnde Dame sich an Marie anschloß, um so bitterer waren die Vorwürfe, mit welchen man sie hinter dem Rücken ihrer Wohlthäterin überschüttete. Nur die treue Anhänglichkeit an die alte Dame, deren Kräfte schon bedeutend abgenommen hatten, in Folge dessen sie mehr auf die Hülfe anderer Menschen angewiesen war, hielt Marie ab, in's väterliche Haus zurückzukehren. Vielleicht wäre Manches besser geworden, hätte sie sich, wie ich ihr häufig rieth, über das Benehmen der Anverwandten bei der Gräfin beschwert; doch sie wollte dieser keinen Aerger verursachen und ertrug lieber Alles mit einer himmlischen Geduld.
»Unter denjenigen, die mit einer gewissen Angst das Abscheiden der reichen Gräfin herbeiwünschten und denen meine Schwester stets im Wege war, weil sie sich in ihrer Gegenwart nicht getrauten, andere, abwesende Verwandte zu verleumden, zeichneten sich namentlich ein junger Officier und dessen um zwei Jahre ältere Schwester aus. Dieselben hatten nämlich anfänglich versucht, Marie durch freundliches Entgegenkommen und dann durch Bestechungen zu gewinnen, damit sie ihnen bei der alten Dame das Wort rede. Als diese aber sich standhaft weigerte, auf ihre unredlichen Wünsche und Ansinnen einzugehen, und die schmachvollen Vorschläge mit Entrüstung zurückwies, wurden sie ihr spinnefeind. Wo sich nur immer die Gelegenheit bot, das arme Mädchen, sei es nun durch Worte oder verächtliche Mienen, zu martern, da ließen sie dieselbe gewiß nicht unbenutzt vorübergehen. Sie versuchten sogar Alles, sie aus dem Hause der Gräfin zu verdrängen, doch ließ Marie sich dadurch nicht in der Ausübung ihrer Pflichten gegen ihre Wohlthäterin beirren; und hatte sie dann wieder einmal eine recht herbe Kränkung erfahren, so gewährte es ihr den besten Trost, wenn sie bald darauf bei der Gräfin saß, diese mit der größten Aufmerksamkeit pflegte und dafür aufrichtig und wohlwollend »meine liebe Tochter« genannt wurde.
»Da trat plötzlich ein Fall ein, der uns weit auseinander riß, so daß ich meine Schwester ganz aus den Augen verloren hätte, wenn mir nicht hin und wieder ein Brief von ihr zugegangen wäre.
»Sie hatte nämlich eben ihr siebenzehntes Jahr zurückgelegt, und ich war gerade volljährig geworden, da legte sich mein Vater, und acht Tage darauf schloß er die Augen auf ewig.
»Wir Männer sind aus festerem Stoffe gebildet, als die Weiber, und ertragen daher weit leichter unersetzliche Verluste, namentlich aber, wenn dieselben sich nicht zur ungewöhnlichen Zeit einstellen. Mein Vater hatte nämlich beinahe sein siebenzigstes Jahr erreicht, also seine irdische Laufbahn vollendet; ich sagte mir daher, daß die Welt ihren ruhigen Gang weitergehe, und dankte Gott, daß mein Vater bis in sein hohes Alter hinein von jeder schmerzhaften Krankheit verschont geblieben war.
»Anders verhielt es sich indessen mit Marie. Das Mädchen war untröstlich, und mit ihr litt in fast gleichem Grade die gute, liebevolle Gräfin, welche keinen fremden Kummer sehen konnte, ohne auf's tiefste mit ergriffen zu werden.
»Die Trauer meiner Schwester, vielleicht auch mit der Wunsch, den ihr immer lästiger werdenden erbschleichenden Verwandten aus dem Wege zu gehen, veranlaßten die Gräfin endlich, ganz fortzuziehen. Ehe sie aber diesen Entschluß zur Ausführung brachte, fragte sie Marie, ob sie mit ihr ziehen wolle. Als diese bereitwillig zusagte, wurde sogleich, zum größten Verdrusse der enttäuschten Verwandten, und den Vorkehrungen zum baldigen Aufbruche begonnen, wobei die alte Dame sich wieder von einer ganz besonderen Rührigkeit zeigte.
»Ich glaube, noch keine zwei Monate waren verstrichen, seitdem die Entscheidung getroffen würde, da verließ die Gräfin mit ihrem ganzen Hausstande die Wohnung, in welcher sie länger als ein Vierteljahrhundert gelebt hatte, um in einer süddeutschen Stadt für den Rest ihres Lebens ihren Wohnsitz aufzuschlagm. Du erinnerst Dich vielleicht noch, es geschah dies in demselben Jahre, in welchem wir uns verheiratheten.
»Was ich bis jetzt erzählte,« schaltete Reichart nach einer längeren Pause ein, »war sehr genau, weil ich bis zu diesem Zeitpunkte meine Schwester fast wöchentlich sah, also Alles gewissermaßen mit erlebte. Was nun folgt, ist dagegen eben nur das, was Marie nach ihrer Heimkehr mir flüchtig mittheilte, denn in den Briefen, die ich gelegentlich von ihr erhielt, berührte sie den Kummer ihres Lebens kaum.
»Für Marie hatte der Wechsel ihres Wohnsitzes manches Angenehme, indem sie fortan von den Verfolgungen des ihr feindlich gesinnten Geschwisterpaares verschont blieb. Aber auch die alte Gräfin wurde geselliger, seit sie, statt mit den auf ihren Tod harrenden Verwandten, mit fremden Leuten verkehrte. Nur ein einziger Verwandter, ein alter Edelmann, und zwar der Vater der beiden bösen Geschwister, welcher dort in der Nähe lebte, stellte sich von Zeit zu Zeit ein, um sich nach dem Befinden der Gräfin, seiner leiblichen Tante, zu erkundigen.
»Diese sah den alten Herrn sehr gern bei sich, und auch er schien mit großer Liebe an der Gräfin zu hängen und auf nichts weniger auszugehen, als irgend welche Vortheile von ihr zu ziehen. Marie behandelte er wie seines Gleichen, und dies freute die Gräfin in so hohem Grade, daß sie einst in meiner Schwester Gegenwart ganz laut zu dem Edelmanne sagte: »Vetter, ich sterbe viel beruhigter, seit ich die Ueberzeugung hegen darf, daß Du nach meinem Tode gewissenhaft für Marie, die mir ihre ganze Jugend zum Opfer gebracht hat, sorgen und ihre Ansprüche geltend machen wirst.« Der Edelmann hatte darauf meiner Schwester die Hand gedrückt, als ob er dadurch das schnöde Benehmen seiner Kinder habe ausgleichen wollen, und ihr das Versprechen abgenommen, sich jederzeit und in allen Lagen des Lebens seiner aufrichtigen Theilnahme zu erinnern. Dies war das einzige Mal, daß Mariens Zukunft in ihrer Gegenwart gedacht wurde. Ueber ihre eigenen Familienangelegenheiten sprach die Gräfin nie, und als sie einst eine Aenderung in ihrem Testamente vornahm, geschah dies so heimlich, daß meine Schwester kaum eine Ahnung davon erhielt.
»Doch dies sind lauter Nebensachen; von meiner Schwester allein wollte ich sprechen,« unterbrach sich Reichart, nachdem er mit vieler Mühe die Mittheilungen Mariens vor seiner Frau auseinander gewirrt hatte.
»Aber Du sprichst ja immerwährend von Marie,« versetzte die Bäuerin.
»Ich erzählte bis jetzt von Menschen, mit denen sie damals verkehrte,« entgegnete Reichart, der nicht ohne innere Befriedigung entdeckte, daß seine Frau bei seinen Mittheilungen ihren Kummer vergessen zu haben schien; »jetzt aber komme ich zu dem Theile ihrer Lebensgeschichte, in welchem der Grund zu ihrem Herzeleid gelegt wurde.
»Wie die Gräfin hier und da Bekanntschaften geschlossen hatte, so war auch Marie mit anderen Menschen in Berührung gekommen. Wenn sie es mir gegenüber auch nicht einräumte, so bezweifle ich doch nicht, daß Alle das schöne Mädchen bewunderten und der guten Eigenschaften wegen liebten. Sie war damals neunzehn Jahre alt, stand also in der Blüthe der Jugend; kein Wunder daher, daß die jungen Männer, reiche wie arme, die Augen auf sie warfen, sie auf Schritt und Tritt hin verfolgten und ihr auch wohl offen den Wunsch erklärten, sie als Frau heimzuführen. Doch alle Anerbietungen, die ihr gemacht wurden, wies sie zurück, wobei sie sich darauf berief, so lange ihre Wohlthäterin lebe, nicht von derselben weichen zu wollen. Dies hinderte sie indessen nicht, einem jungen Predigtamts-Candidaten, der in redlicher Weise um sie warb, ihre Liebe zuzuwenden, und sich ihm auf's ganze Leben und bis in die Ewigkeit hinein, gerade so, wie wir es vorher gemacht hatten, zu versprechen.
»Die Sache, wie ich sie jetzt auffasse, hatte Hand und Fuß: der Candidat war aus den Jahren des Leichtsinns heraus und doch jung genug, um warten zu können, ich meine auf eine Pfarre und auf die Hochzeit. Ferner war er ein Freund des Edelmannes, der die Gräfin zuweilen besuchte. Auch wußte dieser um die Sache und hatte versprochen, den Candidaten in seinen Bemühungen um eine Pfarrstelle nach besten Kräften zu unterstützen. Aber auch die Gräfin sprach offen ihre Zufriedenheit mit Mariens Wahl aus, vorausgesetzt, daß sie mit der Hochzeit warte, bis sie ihr die Augen zugedrückt habe.
»Es folgte darauf für meine Schwester eine Zeit, aus welcher ihr wohl, wie sie selbst sagt, ihres Lebens Kummer entsprang, die sie aber nichtsdestoweniger um keinen Preis aus ihrem Leben streichen möchte.
»Ja, es hätte so schön werden können,« fügte Reichart sinnend und wie zu sich selbst sprechend hinzu, »und Marie mit ihrer Güte gegen Jedermann wäre gewiß eine Predigerfrau geworden, wie man nicht leicht eine zweite findet. Es sollte indessen nicht sein, und wer weiß, wozu es gut gewesen ist.
»Marie war wohl seit anderthalb Jahren die Braut des Candidaten, da erkrankte plötzlich die Gräfin sehr schwer, so daß sich bei ihrem hohen Alter eine Aenderung zum Guten nicht mehr erwarten ließ. Marie war tief bekümmert, und nicht Tag oder Nacht wich sie vom Lager ihrer Wohlthäterin.
»CCWeine nicht, meine liebe Tochter,‹ sagte diese dann wohl zu ihr, wenn deren Kummer sie rührte, ›ich bin so alt, daß ich meine Lebensaufgabe als erfüllt betrachten darf; ich freue mich nur, zuletzt noch einen würdigen Menschen gefunden zu haben, auf den ich mit den besten Hoffnungen auf eine gute Verwendung meine Habe übertragen konnte. Auch für Dich habe ich gesorgt,‹ fügte sie dann jedesmal hinzu, ›und dafür, daß Dir und Deinem Bräutigam der Anfang nicht so schwer wird.‹ Dann schärfte sie ihr auch ein, außer dem alten Edelmanne und den Aerzten Niemanden zu ihr hereinzulassen, und vor allen Dingen den Kindern des ersteren, wenn sie sich einstellen sollten, den Eintritt zu verwehren; sie wollte dieselben nicht wiedersehen.
»Marie versprach Alles und hielt getreulich Wort. Aber es war, als ob der liebe Gott selber eine Verwirrung habe herbeiführen wollen; denn nur einmal noch kam der alte Edelmann an das Lager der sterbenden Gräfin, wogegen zwei Tage später die Nachricht eintraf, daß ein Schlagfluß seinem Leben ein Ende gemacht habe.
»Marie war in Verzweiflung. Der Gräfin die Wahrheit einzugestehen, wagte sie nicht, auch widerriethen ihr dies die Aerzte auf's strengste. Sie gab daher vor, als die Gräfin wieder einmal nach dem Edelmanne fragte, derselbe sei bettlägerig krank, worauf diese sehr große Besorgniß äußerte und dringend bat, er möge um keinen Preis zu früh aufstehen, indem von seiner Gesundheit das Heil vieler Menschen abhänge. Was damit gemeint sein könne, bedachte Marie nicht weiter; ihr war nur darum zu thun, der Gräfin die traurige Kunde zu verheimlichen, um ihr den letzten Kummer in diesem Leben zu ersparen.
»Des Edelmannes Kinder waren herbeigeeilt, um der Beerdigung ihres Vaters beizuwohnen und demnächst wohl auch ihre Erbschaft anzutreten. Merkwürdiger Weise machten sie keinen Versuch, die Gräfin zu sehen. Nur einmal erschienen sie im Hause, um sich nach der Gräfin Befinden zu erkundigen. Die Mittheilung meiner Schwester, daß die Kranke Niemanden zu sehen wünsche, überraschte oder ärgerte sie nicht, im Gegentheil, sie fanden die letzten Wünsche der Sterbenden sehr natürlich und schärften meiner Schwester dringend ein, für die Erfüllung derselben gewissenhaft zu sorgen und die Gräfin in keiner Weise durch zudringliche Verwandte behelligen und stören zu lassen. Marie hat denn auch das Ihrige getreulich gethan, und nachdem drei Wochen verflossen, war ihre Beschützerin sanft und selig eingeschlafen.
»Bei reichen Herrschaften muß es ganz anders sein, als bei uns ärmeren Leuten,« fuhr Reichart fort, nachdem er eine Weile geschwiegen und vor sich auf den Fußboden gestarrt hatte, »ja, ganz anders; denn die Gräfin war noch keine halbe Stunde todt, da drangen die beiden Kinder des Edelmanns plötzlich in das Sterbezimmer.
»Durch wen ihnen die Nachricht so schnell zugegangen war, hat meine Schwester nie erfahren können; ich denke mir aber, daß sie wohl Jemanden im Hause angestellt hatten, der, trotzdem es um Mitternacht war, sie herbeiholte.
»Die erste Begrüßung zwischen dem Officier, dessen Schwester und Marie war freundlicher Art. Die beiden Geschwister schienen sogar sehr zerknirscht zu sein und baten Marie, sie bei der Leiche allein zu lassen, um ungestört beten zu können.
»Was weiter vorgefallen, hat meine Schwester mir nur mit wenigen Worten vertraut. Der junge Graf und die Gräfin blieben wohl an zwei Stunden in dem Gemache, dann aber traten sie hervor, um Briefe abzuschicken, dem Gericht Anzeige zu machen und auf schleunige Versiegelung des Nachlasses zu dringen.
»Zur Versiegelung des Nachlasses kam es indessen nicht, indem diejenigen, die zu erben hofften, sich in der Nähe gehalten hatten und daher alle Personen, die zur Eröffnung des Testamentes nothwendig, anwesend waren. Man übertrug meiner Schwester und einigen Dienern die erforderlichen Vorbereitungen zur Beerdigung, und erst dann, als das Testament wirklich eröffnet und gelesen wurde, hatte man meine Schwester als Zeugin herbeigerufen. Man erwartete, daß ihr wenigstens ein Legat ausgesetzt worden sei.
»Man fand sich in solchen Erwartungen getäuscht. In dem Testament hatte die Gräfin meiner Schwester mit keiner Silbe gedacht, dagegen war das ungetheilte Vermögen, mit Ausnahme einiger kleiner, an arme Verwandte zu zahlender Summen, dem Neffen der Gräfin, dem kurz vorher gestorbenen Edelmanne, vermacht worden. Da dieser aber nicht mehr lebte, so ging die ganze Masse selbstverständlich in die Hände seiner beiden Kinder über. Dieselben konnten indessen nicht sogleich Besitz ergreifen, indem man von verschiedenen Seiten Einspruch erhob. Ich glaube, es kam sogar zum Proceß, der aber jedenfalls damit endigte, daß dem jungen Officier und seiner Schwester das ganze Vermögen zugesprochen wurde. Wie hätte es auch anders sein können? Sie waren die nächsten Erben ihres Vaters, und was diesem gehörte, mußte von Rechts wegen auch auf seine Kinder übergehen, und das Testament war ja schon gemacht worden, als der alte Edelmann noch lebte. Doch das soll uns nicht kümmern; möge ihnen der Gräfin Reichthum Segen bringen - ich wollte ja von Marie erzählen.
»Während der Krankheit der Gräfin hatte sie eine recht schwere Zeit durchgemacht, nicht, weil sie die arme Kranke so sorgfältig pflegte, nein, gewiß nicht, denn das that sie gern, sondern weil sie ihren Bräutigam kein einziges Mal sah. Er hatte ihr wohl einmal auf einen Brief geantwortet, dann aber waren die kleinen Zettel, die sie ihm gelegentlich schrieb, unbeachtet geblieben, und mit einer wahren Todesangst dachte sie daran, daß er vielleicht ebenfalls erkrankt sei und hülflos und nur von fremden, kaltherzigen Menschen gepflegt daliege.
»Die erste Stunde, welche sie nach der Eröffnung des Testamentes für sich hatte, benutzte sie dazu, nach der Wohnung des Candidaten zu eilen, um sich Aufschluß über die Ursache seines unerklärlichen Schweigens zu verschaffen.
»Die arme Marie - den Weg hätte sie sich immerhin ersparen können; sie fand die Wohnung ihres Bräutigams leer und zum Vermiethen bereit; er selbst aber war, nachdem er der Wirthin des Hauses einen Brief für meine Schwester übergeben, bereits vor acht Tagen abgereist. Wohin er gehen wollte, hatte er nicht angegeben; es wäre auch überflüssig gewesen, denn nach seinem Briefe an Marie war jede Verbindung zwischen ihnen abgebrochen. Die arme Marie - als sie mir vor beinahe acht Jahren die Geschichte erzählte, da liefen ihr die hellen Thränen aus den Augen, so daß ich mit ihr weinen mußte und mir vornahm, um sie nicht an ihr Elend zu erinnern, nie wieder mit ihr von der Vergangenheit zu sprechen.«
»Was stand denn in dem Briefe?« fragte die Bäuerin. »Oder hat sie ihn Dir nicht gezeigt?«
»Sie hat ihn mir gezeigt; da ich aber geschriebene Schrift nur schwer lese, so bat ich sie, mir denselben vorzulesen. Ich hatte nämlich auf ihren Bräutigam geschmäht und ihn einen treulosen Bösewicht genannt, und da wünschte sie denn, daß ich den Inhalt dieses Briefes kenne, um ihn, den sie heute noch über Alles liebt, nicht so hart zu beurtheilen. Wort für Wort habe ich den Brief nicht im Gedächtnisse behalten, aber er war so schön und fromm geschrieben, daß er sich wie eine Predigt anhörte und ich meinen Zorn beim Anhören desselben vergaß. Er bat sie um Verzeihung für den Kummer, der ihr aus ihrer Bekanntschaft mit ihm erwachsen sei, und schließlich flehte er Gottes reichsten Segen herab auf sie, deren Bild ihm noch in seiner letzten Stunde zum Troste und zur innigen, wehmüthigen Freude gereichen werde.
»Ja, dergleichen hatte er geschrieben, und als meine Schwester mir den Brief vorlas, glaubte ich, es müsse ihr das Herz abstoßen. So viel ich aber auch darüber nachdachte - und ich habe oft und viel darüber nachgedacht, - so vermochte ich doch nie, mir das seltsame Benehmen des Candidaten zu erklären. Er segnet sie, er spricht, als ob er nicht ohne sie leben könne, und dennoch geht er heimlich davon. Ich äußerte die Vermuthung, er habe vielleicht Kunde erhalten, daß sie, in dem Testamente der Gräfin nicht bedacht worden sei, und es deshalb vorgezogen, sich nach einer reicheren Frau umzuthun; Marie aber wies einen solchen Verdacht mit Entrüstung zurück. Dabei nahm sie alle Schuld auf sich und tadelte sich, daß sie in ihrer Ueberhebung an ein so großes Glück zu glauben gewagt habe - die arme Marie ...
»Die arme Marie,« wiederholte Reichart nach längerem Schweigen. »Nicht genug, daß der Candidat ihr ein so großes Herzeleid angethan hatte, mußte sie auch noch die bittersten Kränkungen von den vornehmen Leuten erdulden, die sich vor der in ihrem Sarge schlummernden guten Gräfin um das Mein und Dein zankten und stritten - ach, Mutter, ich glaube, vornehme Leute haben doch nicht so weiche Herzen, als wir armen Bauern, oder sonst ist es auch Mode bei ihnen, nach der Uhr in bestimmten Zwischenräumen um die Todten zu trauern und an ihre Geschäfte zu denken! Sie zankten sich und legten die Worte des Testamentes Jeder auf seine Art aus, und als Marie nach dem harten Schlage, der sie betroffen hatte, verzweiflungsvoll und bleich bei ihnen eintrat, da glaubte man, sie sei erbittert, weil die Gräfin ihr nichts vermacht habe. Namentlich nannten der Officier und seine Schwester sie geradehin undankbar und erklärten ihr, sie seien zu stolz, um die Dienste, welche sie bei Lebzeiten der Gräfin geleistet, unbezahlt zu lassen, und sie wollten ihr tausend Thaler aussetzen, was gewiß mehr sei, als sie jemals hätte hoffen dürfen, ihr Eigenthum zu nennen.
»Tausend Thaler, das ist freilich eine große Summe, wenn man sie auf einmal in Händen hat; allein Marie war eben so stolz, wie die Edelleute. Sie antwortete ihnen, daß sie reich genug durch das sei, was die Gräfin an ihr gethan habe, und sie möchten das Geld für sich behalten. Sie blieb darauf nur noch so lange im Hause, bis die Gräfin begraben war; dann verkaufte sie Alles, was sie mit Recht ihr Eigenthum nannte, nämlich die feinen Kleider und die Schmucksachen, um nur mit etwas Wäsche und ganz einfachen Kleidern zu uns zurückzukehren.
»Du erinnerst Dich wohl noch, wie sie damals hier eintraf - unser seliges Lieschen war gerade ins dritte Jahr getreten -, wie eine vornehme Dame sah sie gewiß nicht aus, eher wie eine Gestorbene, die dem Grabe entstiegen.
»Anfangs fürchtete ich wohl das Gerede der Leute; als ich aber bemerkte, wie sie so zufrieden in ihr Kämmerchen einzog, so ganz ohne Klage oder Bedauern überall mit Hand an die schwersten Arbeiten legte und sich so leicht an unsere Lebensweise gewöhnte, da beruhigte ich mich bald wieder. Haben die Leute aber wirklich noch Dieses oder Jenes von ihr gesagt, so verstummten alle Nachreden schnell, als man sie erst näher kannte und sie wegen ihrer Bereitwilligkeit, allen Menschen zu helfen und gefällig zu sein, lieben lernte. Für uns aber ist die Marie ein rechter Trost geworden, das mußt Du selbst sagen, Mutter, und es will mir fast scheinen, als ob seit ihrer Anwesenheit unter unserem Dache unsere Häuslichkeit noch viel behaglicher geworden wäre.«
»Es ist wahr!« pflichtete die Bäuerin mit einem tiefen Seufzer bei, denn die Erinnerung an ihre todte Tochter war wieder rege geworden. »Es ist Alles so sauber; aber Marie hat auch viel gelernt und weiß die kleinsten Sachen aufzustellen, daß sie viel schöner aussehen. Ach, wie glücklich könnten wir leben, wenn ...«
»Das war also Mariens Geschichte,« fiel Reichart seiner Frau schnell ins Wort, denn er hatte instinctartig herausgefühlt, daß deren künstlich eingeschläferter Kummer im Begriffe stehe, wieder laut auszubrechen; »ich habe Dir Alles erzählt, so gut ich es selbst wußte. Nun erinnere aber auch Du Dich Deines Verspechens und laß Dich nicht hinreißen, mit der armen Marie über ihre Vergangenheit zu sprechen. Man muß zufrieden sein mit dem neuen Kummer und nicht alten auffrischen, indem man unheilbare Herzenswunden anrührt. Die Marie hat mehr ertragen, wie tausend und tausend Menschen zu tragen auferlegt wird, und sie verdient nicht, daß man sie immer wieder von Neuem quält. Schlimm genug, daß ihr Leid ein solches ist, von welchem sie nur der Tod dereinst befreien kann, ja, nur der Tod - die arme, arme Marie! Aber Mutter, nun folge auch meinem Rathe, lege Dich zu unserem neuen Lieschen auf das Bett und versuche, eine Stunde zu schlafen. Auch ich bin müde und erschöpft; ich werde mich neben den Ofen setzen; die Lampe kann ja brennen bleiben.«
»Die arme, arme Marie!« wiederholte die Bäuerin leise, indem sie sich erhob; dann schritt sie langsam nach dem Himmelbette hin.
Eine Weile betrachtete sie das in dem Dämmerlichte nur undeutlich hervortretende schlummernde Kind mit traurigen Blicken. Die Thränen, die so lange zurückgehalten werden waren, hatten sich wieder Bahn gebrochen; aber sie flossen mild und das bedrückte Herz erleichternd. Mechanisch zog sie ihr Oberkleid aus, und mit angehaltenem Athem legte sie sich hart an den Rand der knarrenden Bettstelle oben auf die Kissen.
Das Kind schlief ruhig weiter; das eigenthümliche Geräusch vermochte nicht, in seinen Schlummer einzubringen. Eben so schlief es ungestört weiter, als die bekümmerte Mutter sein ihr zunächst befindliches Händchen ergriff und in ihrer eigenen Hand barg. Aber auch die Mutter athmete allmählich ruhiger und regelmäßiger. Die Berührung des Händchens, in welchem das Blut so lebenswarm kreiste, wirkte wohlthätig auf sie; die Lider sanken schwer über die vom Kummer getrübten Augen hin, und gleich darauf waren vergessen des Lebens Qualen und Sorgen.
Stiller wurde es in dem Gemache; verschlafen tickte die Uhr, verschlafen nahmen sich die Gypsfiguren, die Aepfel und namentlich das weiße Kaninchen aus. Selbst das altmodische Spind mit den Tassen und Kannen, dem dürren Blumenstrauße und den beiden schielenden Pfauenaugen erhielt durch den Einfluß der matten Beleuchtung und der nur durch ruhige Athemzüge, heiseres Uhrticken und klingenden Heimchenruf unterbrochenen Stille einen gewissen äußeren Charakter der Uebermüdung. Die warme Stubenluft schien mit Traumgebilden angefüllt zu sein, die sich hier und dort auf geschlossene Augen senkten und sich demnächst innig an die Herzen anschmiegten. Und liebe, freundliche Bilder waren es gewiß, denn das schlummernde Lieschen lächelte beseligt; über das abgehärmte Antlitz der Bäuerin flog ein glücklicher Schimmer, während ihre Hand sich fester um das Händchen schloß, und die in dem Lehnstuhle ruhende derbe Gestalt des Hausherrn zeigte wieder ihr alte Kraft und Zähigkeit.
Die arme, arme Marie in der kalten Kammer! Sie schlief nicht, sie träumte nicht, eben so wenig wie das todte Lieschen neben ihr. Und dennoch zogen auch vor ihrem Geiste mancherlei Bilder vorüber, aber Bilder, die den sich verstohlen nähernden Schlummer schnell wieder verscheuchten; traurige Bilder der Vergangenheit, frisch belebt durch den Anblick der kleinen, stillen Leiche; traurige Bilder, bald die guten, treuen Augen, die trostlos in das glimmende Lämpchen starrten, mit Thränen verschleiernd, bald der wunden Brust einen schmerzlichen Seufzer entwindend - die arme, arme Marie!

4. Wohlzuthun und mitzutheilen vergesset nicht.

War das ein schöner, frischer, sonniger, jedoch bitter kalter Morgen nach dem heftigen Schneefall! Seinen ganzen Vorrath an Flocken hatte der Himmel ausgestreut, und nicht so viel zurückbehalten, wie erforderlich gewesen wäre, um auch nur auf ein Viertelstündchen die lustigen Müllerburschen sich in der Luft schlagen oder die Engelein ihre Federbetten ausschütten zs lassen. Dafür lag aber auch ein unendlicher Schneereichthum auf der Erde, auf den Dächern und sogar auf den allerdünnsten Zweigen, so daß die Menschen förmlich waten mußten und die Vögel, vor allen aber die verdrießlichen Krähen, nicht wußten, wohin sie sich setzen sollten, ohne ihre Füße zu erkälten.
Die Schuljugend dachte allerdings anders; die scheute sich nicht vor nassen und kalten Füßen, so lange ihrer noch daheim eine sorgliche Mutter harrte. Sie freute sich über den vielen, vielen Schnee und bedauerte nur, daß es so grimmig kalt sei, in Folge dessen der Schnee nicht ballte und sich nicht zum Bau von Männern und noch weniger zu Kriegsmaterial eignete.
Ja, kalt war es wirklich ganz grimmig. Die Leute auf den Straßen sahen aus, als ob sie alle Cigarren rauchten, so dampfte der Athem; die Rauchsäulen, welche sich den Tausenden von Schornsteinen entwanden, erschienen so blau, so massig und dicht, als hätten lauter Pflastersteine aus ihnen geschnitten werden können, und doch spielte der leise Morgenwind mit ihnen eben so willkürlich, als mit dem Athem der Milchmädchen und Bäckerjungen und dem Tabaksdampfe, den hier die durchgefrorenen Marktbauern ihren kurzen, braun gebrannten Pfeifenstummeln entlockten, dort die rothnäsigen Straßenkehrer aus ihren selbstmörderischen Cigarren mit einem sprechenden Ausdrucke des Wohlbehagens von sich bliesen.
Auch in den Stuben merkte man, daß es draußen recht kalt war. Sogar in dem wohlgeheizten, sonst aber sehr anspruchlos und einfach eingerichteten Geschäftszimmer des liebenswürdigen und wohlwollenden Herrn Seim, des Vorstehers der weit und breit berühmten Waisen-Anstalt, konnte man ganz bequem und ohne sich den Schnupfen zu holen, den plötzlichen Umschlag des Wetters genau beobachten.
Der Frost hatte nämlich die Scheiben der beiden großen, nach dem Vorhofe hinaus liegenden Fenster so dicht mit wunderbar schönen Eisblumen, Sternen, Guirlanden und Arabesken überzogen, daß es des längeren Hinhauchens auf ein und dieselbe Stelle bedurfte, um ein thalergroßes Fleckchen durchsichtig zu machen und durch dieses die auf dem Hofe fleißig mit Schneeschaufeln beschäftigten Arbeiter, selbst unbeachtet, beaufsichtigen zu können.
Die prahlerischen Eisdecorationen beeinträchtigten indessen in keiner Weise die mit der gediegenen Einfachheit in lobenswerthem Einklange stehende Wohnlichkeit des Zimmers; im Gegentheil, sie contrastirten gar anmuthig zu dem dumpfen Poltern, mit welchem der Luftzug die Flammen des verschwenderisch gespaltenen Buchenholzes in die Züge des majestätischen weißen Kachelofens hineintrieb, und nicht, minder anmuthig zu dem süßen Dufte, welchen das auf die eiserne Platte der Ofenröhre gestreute Königs-Räucherpulver verbreitete. Der weiß gescheuerte Fußboden war außerdem sehr sauber gefegt; die rohrgeflochtenen Stühle standen gerade und symmetrisch an den Wänden vertheilt; die großen Contobücher auf dem hohen Schreibtische reihten sich wie lauter Parade-Soldaten an einander; der ledergepolsterte Drehschemel vor dem Schreibtisch spreizte gravitätisch seine klobigen Beine, welche der massiven Schraube zum Halt dienten, und dabei schaute das Portrait des Landesfürsten, welches der Eingangsthür gerade gegenüber an der Wand hing, so vergnüglich durch einen darüber gehangenen patriotischen Lorbeerkranz in das Gemach hinein, daß es eine wahre Freude gewährte und man sich unwillkürlich und ohne ihn vorher gesehen zu haben, im Geiste mit dem Manne befreundete, der, trotz der bescheidenen Mittel, seiner Umgebung einen so freundlich einladenden Charakter zu verleihen verstand.
Und dennoch, was war das Gemach im Vergleich mit dem Herrn Seim selbst, als dieser an jenem strahlenden Wintermorgen in demselben bedächtig auf und ab schritt, bald vor dem einen Fenster stehen blieb, um durch die in das Eis gehauchte Oeffnung das draußen befestigte Thermometer und die schneeschaufelnden Leute zu beobachten, bald einige Stücken Holz aus dem neben dem Ofen befindlichen Korbe nahm und in die Gluth schob? Nichts, gar nichts war das Gemach im Vergleich mit dem rechtschaffenen Herrn Seim, höchstens gut genug, um als Hintergrund zu der stattlichen Figur des vortrefflichen Herrn Vorstehers zu dienen.
Obgleich noch früh am Tage, prangte Herr Seim, gemäß einer alten, löblichen Gewohnheit, bereits im schwarzen Leibrocke, überhaupt in ganz schwarzem Anzuge und weißer Halsbinde, also in einer Bekleidung, die nicht nur seiner ernsten Stellung als Hirte einer vom Verderben erretteten Jugend, sondern auch seiner übrigen äußeren Erscheinung vollkommen entsprach und die Würde derselben wo möglich noch erhöhte.
Nicht über die Mittelgröße hinausragend, neigte er etwas zur Wohlbeleibtheit hin, jedoch ohne daß das Ebenmaß dadurch erheblich beeinträchtigt worden wäre. Außerdem trug seine aufrechte Haltung, welche ein gewisses Rechtlichkeitsgefühl bekundete, viel dazu bei, ihn noch höher und stattlicher erscheinen zu lassen. Sein rundes, frisches und stets sehr glatt rasirtes Gesicht mit den fast zu klugen, graublauen Augen war einnehmend, vorzugsweise aber, wenn er lächelte und ein Zug unbegrenzter kindlicher Herzensgüte sich um die etwas zugespitzten Lippen legte. Die Hauptzierde des wohlgeformten Kopfes aber bildete das graue Haar, welches, auf der einen Seite sorgfältig gescheitelt, sich ringsum dicht anschmiegte und in der Höhe des Rockkragens zu einer glänzenden Lockenreihe emporkräuselte, gerade als ob Herr Seim dadurch hätte andeuten wollen, daß er, wenn auch von ernstem und fügsamem Charakter, doch zu gelegener Zeit von harmlosen Tändeleien und zutreffendem feinen Witz übersprudeln oder vielmehr champagnerartig emporkräuseln könne.
Von seinem Alter sprach Herr Seim nicht gern; es bleibt daher unentschieden, ob er sich noch in den Vierzigen befand oder nicht weit mehr von den Sechszigen entfernt war. Jedenfalls hatte er sich sehr gut conservirt, was namentlich seine einzige Tochter Juliane - er war bereits seit vielen Jahren Wittwer - mit leicht verzeihlicher Freude erfüllte, weil sie in ihrer kindlichen Einfalt durchaus nur einen jungen und sogar einen recht jugendlichen Papa haben wollte.
Herr Seim genoß also die kostbaren Frühstunden in gewohnter, sinniger Weise und bewegte sich mit einem Anstande und so freundlich zufriedenem Ausdrucke in seinem Geschäftszimmer hin und her, daß ein zufälliger Beobachter augenblicklich zu der unerschütterlichen Ueberzeugung gelangen mußte, daß auch nicht das Unrecht von der Schwere einer Fliege sein Gewissen bedrücke, noch weniger aber die milden Augen beim Anblicke fremder Leiden trocken bleiben könnten. Umsonst nannte man ihn auch nicht den Vater der Waisen, der gewohnt sei, wie ein treuer Gärtner, oft mit tiefen, schmerzenden Schnitten das fest gewurzelte Wasserreis der Sünde aus jungen, verwahrlosten Gemüthern zu entfernen, um dafür von seinen Zeitgenossen geachtet und geehrt, von der Nachwelt aber selbst im Grabe noch hundertfach gesegnet zu werden.
Herr Seim hatte eben wieder einen prüfenden Blick auf den Thermometer geworfen und war, seine Hände behaglich reibend und im Vorbeigehen einen halb bewundernden, halb tändelnden Blick in den Goldrahmspiegel sendend, an den Schreibtisch getreten, als ein leises Klopfen ihn veranlaßte, noch einmal mit der Hand schnell ordnend über sein Haupthaar hinzufahren und sich demnächst der Thür zuzuwenden.
Auf sein mildes Herein! öffnete sich die Thür etwa eine Spanne weit, in der Oeffnung aber erschien ein mächtiger Strauß von Papilloten und dunklem Haar, dessen Handhabe von einem schmalen, nach unten scharf zugespitzten Gesichte, ausgezeichnet durch eine sehr beachtenswerthe Nase und zwei kleine, braune, blinzelnde Aeuglein, gebildet wurde.
Beim Anblicke des Papillotenkopfes stahl sich ein glückliches Lächeln über Herrn Seim's wohlwollendes Antlitz.
»Stört man das Väterchen nicht?« fragte es zärtlich unter dem Papillotenwalde hervor, und zugleich öffnete sich die Thür etwas weiter.
»Töchterchen, Kind, welche Frage?« antwortete Herr Seim, innig gerührt über die wahrhaft liebreiche Rücksicht, welche sein leibliches Kind ihm gegenüber niemals außer Acht ließ, und im nächsten Augenblicke trippelte eine schmächtige Gestalt herein, deren Oberkörper dicht in ein großes, faltiges Umschlagetuch gehüllt war, so daß es unentschieden blieb, ob der übrige Anzug dem eigenthümlichen Kopfputze noch entsprach, oder vielleicht schon etwas weiter gediehen sei.
Mit der Beweglichkeit eines Kindes, die aber in seltsamem Widerspruche zu den bereits stark verblühten scharfen Zügen stand, glitt also der Papillotenwald zu Herrn Seim heran, der wieder seine Hände zum herzlichen Empfange der Tochter entgegenstreckte.
»Wie gütig von meinem Väterchen, daß er seinem Kinde gestattet, ihm den Morgengruß zu bringen,« lispelte Juliane, ihr Haupt ausgelassen schüttelnd, als hätte sie die knisternden Papilloten von sich schleudern wollen, und zugleich drückte sie einen schallenden Kuß auf die glatt rasirte Wange ihres Vaters.
»Meine ewig tändelnde Juliane,« entgegnete Herr Seim, mit väterlichem Stolze in die schelmisch leuchtenden Augen seiner Tochter schauend. »Aber sage, was bringt mein einziges Kind denn schon so früh?«
»Ich bringe meinem Papa nichts,« versetzte Juliane, indem sie eine lange, hagere Hand aus den Falten des Umschlagetuches hervorschob und neckisch mit dem Finger drohte; »ich wollte mir nur erlauben, zu fragen, wie mein gestrenger Gebieter geschlafen habe.«
»Gut, recht gut, meine Tochter,« antwortete Herr Seim, und ein Zug von Mißvergnügen glitt über sein biederes Gesicht, als ob er in seinen Erwartungen getäuscht worden wäre.
»Aber, Papa, Du erschreckst ja Dein Töchterchen durch die fürchterlichen Falten auf Deiner Stirn!« rief Juliane mit erkünsteltem komischen Entsetzen aus. »Augenblicklich glätte Deine Züge, damit die Falten nicht haften bleiben und Dich zum alten Manne machen! Was sollen die Leute von mir denken, wenn Du Dir ein so altes Aussehen giebst?«
Herr Seim warf einen Blick in den Spiegel, und indem er mit einer anmuthigen Bewegung das Kinn etwas zurückzog und dann ganz langsam, als trenne er sich nur ungern von seinem Spiegelbilde, auf seine Tochter schaute, erhielt sein Antlitz wieder den früheren, einnehmenden Ausdruck.
»Kind, man ist ebenfalls nur ein schwacher Sterblicher,« sagte er liebreich, »und daher auch menschlichen Schwächen unterworfen. Ich dachte nämlich in diesem Augenblicke daran, daß von dem entlaufenen Mädchen noch immer keine Spur aufgefunden wurde und es höchst wahrscheinlich im Schnee umgekommen ist.«
»Aber, Väterchen, wie kann man sich deshalb nur auf eine Minute die Laune verderben?« entgegnete Juliane, Herrn Seim die ihr zugekehrte Wange zärtlich streichelnd. »Wenn das ungerathene Kind, durch welches der Ruf unserer Anstalt sehr leicht hätte untergraben werden können, wirklich im Schnee zu Grunde ging, so hat es nur die gerechte Strafe für seine Undankbarkeit und Schlechtigkeit empfangen. Eine brauchbare Person wäre es doch nie geworden; laß Dich daher von Deinem guten Herzen nicht zu sehr zum Bedauern hinreißen, und vergiß das Kind, welches nur eine Last für uns war.«
»Ich bedauere ja auch nicht weiter,« versetzte Herr Seim milde lächelnd, und ein kunstvoller Seitenblick streifte wieder sein stattliches Spiegelbild, »allein es fuhr mir durch den Kopf, daß mir Verdrießlichkeiten aus der unangenehmen Geschichte erwachsen könnten.«
»Wie könnten wohl dem besten und gewissenhaftesten aller Väter und Vorsteher Verdrießlichkeiten aus einer so geringfügigen Sache erwachsen, bei welcher ihn nicht der leiseste Vorwurf trifft? Man müßte Dir denn gerade anrechnen, daß Du mit Aufopferung Deiner Gesundheit keine Minute ruhst und Tag und Nacht über das sittliche Gedeihen Deiner Pflegebefohlenen wachst.«
»Ja, Du hast Recht, mein Kind,« erwiderte Herr Seim, mit den Augen blinzelnd und in jedem Winkel derselben eine Thräne zerdrückend; »es ist ein schweres Amt, welches ich übernommen habe, und nur das Bewußtsein, eine hehre Pflicht zu erfüllen, verleiht mir die Kraft, die zu einem solchen Amte erforderlich ist.«
»Kann ich denn nun endlich erfahren, um welche Zeit mein Väterchen zu frühstücken wünscht?« fragte Juliane jetzt, indem sie ihre etwas zu scharf und etwas zu roth gerathenen Züge in tausend freundliche Falten und Fältchen legte.
»Also das war ursprünglich Dein Gewerbe, Du muthwilliges Ding?« versetzte Herr Seim schmunzelnd, und das runde Kinn zog sich wieder etwas zurück, ein neuer Seitenblick traf den Spiegel, und anmuthig fuhren Daumen und Zeigefinger der rechten Hand über die zierlich emporgekräuselten Lippen.
»Mein ursprüngliches Gewerbe,« bekräftigte Juliane, indem sie sich schäkernd in die Brust warf und eine stolz herausfordernde Haltung annahm. »Und was noch mehr ist, ich wollte mein Väterchen darauf vorbereiten, daß ich wieder einmal für sein Lieblingsgericht gesorgt habe.«
Ein glückliches Lächeln flog über das wohlwollende Gesicht des Vorstehers.
»Braves Töchterchen,« sagte er sodann, »womit habe ich das verdient? Doch bringst Du mir mein Leibgericht, muß ich wohl ein Fläschchen dazu opfern?«
»Nicht nöthig, nicht nöthig; es ist für Alles gesorgt. Ich entdeckte nämlich, daß die beiden Reconvalescenten nach dem ihnen vom Arzte verschriebenen schweren Weine fieberten, und da dachte ich, es sei am verständigsten ...«
»Gutes Kind,« unterbrach Herr Seim den Redefluß seiner Tochter, »Du bist der Segen meines Alters, und wenn Du Dich verheirathetest, müßte ich wahrlich elendiglich verderben!«
»Ich heirathe nie,« entgegnete Juliane entschieden; »die Männerwelt ist zu schlecht, zu undankbar, und einen Mann, wie mein Väterchen, findet man so leicht nicht.«
Herr Seim spielte nachdenklich mit einer der fest gedrehten Locken seines Kindes.
»Sagen wir also um eilf Uhr,« hob er endlich, mit einem leichten Seufzer an.
»So spät?«
»Ja, mein Kind; ich erwarte nämlich den Besuch der Frau Geheime Commissionsräthin Friesel. Du weißt, sie ist eine hohe Beschützerin und Gönnerin unserer Anstalt; wahrscheinlich will sie anfragen, ob noch keine Nachrichten über den entlaufenen Vagabunden eingetroffen seien.«
»Dann muß ich wohl in der Hinterstube decken?«
»Gewiß; aber stelle zuvor einen Teller mit einem halben Butterbrötchen und ein halbes Glas Dünnbier, ich meine von dem, welches die Kinder Sonntags erhalten, hierher auf den Tisch.«
»Ganz, wie der gestrenge Herr Papa befehlen,« entgegnete Juliane mit einer Verbeugung, worauf sie leichten Herzens der Thür zusprang.
Dicht an der Thür blieb sie indessen plötzlich wieder stehen, und sich ihrem Vater zuwendend, zeigte sie diesem ihr glücklich lachendes Antlitz.
»Nein, so kindisch zu sein,« rief sie aus, ihr Haupt muthwillig schüttelnd, daß die Papilloten sich surrend, wie ein Schwarm Bienen, erhoben. »Hätte ich doch beinahe vergessen, gehorsamst zu melden, daß meine Wirthschaftscasse ihrem Ende mit Riesenschritten entgegengeht!«
»Schon?« fragte Herr Seim mit einem milden Vorwurfe im Tone seiner Stimme. »Die Woche ist ja erst halb verstrichen!«
»Leider, leider!« pflichtete Juliane halb bittend, halb trotzig bei. »Aber es ist Alles so theuer, und dann läßt man sich zuweilen durch den Wunsch, Anderen eine Ueberraschung zu bereiten, zu unnöthigen Ausgaben verführen!«
»Werden sich wohl einige Hutbänder und ein Paar Handschuhe bei den Ueberraschungen befinden?« bemerkte Herr Seim, wohlwollend und vergebend mit dem Finger drohend.
Juliane zuckte lächelnd die Achseln und schritt nach dem nächsten Fenster hin, um eine Oeffnung in die Eisdecke einer Scheibe zu hauchen. Herr Seim dagegen begab sich an seinen Schreibtisch und suchte mit lautem Geräusch den Schlüssel zu demselben hervor.
Nachdem er die massive Klappe emporgehoben, schaute er noch einmal nach seiner Tochter zurück. Dieselbe stand so, daß der Fensterpfeiler sie seinen Blicken entzog, und lustig hauchte sie in die verworrenen Eisblumen hinein. Herr Seim nickte zufrieden, und sich wieder dem Schreibtische zuwendend, streckte er seine Hand nach einer kleinen, mit Geld angefüllten hölzernen Mulde aus. Auf dem halben Wege aber änderte die Hand plötzlich ihre Richtung, und nach der andern Seite hinüberfahrend, legte sie sich an den Deckel eines großen blechernen Kastens, auf welchem mit lateinischen Buchstaben die Worte: »Casse der Anstalt« geschrieben standen.
Behutsam und immer nach seiner hauchenden Tochter hinüberlauschend, hob er den Deckel empor, und nachdem er mit gewandtem Griffe zwei Fünfthalerscheine hervorgezogen, ließ er den Deckel wieder eben so behutsam niedersinken. In demselben Augenblicke aber, in welchem er den Schreibtisch verschloß, erschallte auch Julianens Stimme.
»Väterchen,« rief sie aus, fröhlich hinter dem Pfeiler hervorspringend, »ich habe Dir hier ein großes Fenster gemacht, durch welches Du im Vorbeigehen immer einen Blick auf die Leute werfen kannst. Schrecklich träges Volk - anstatt für ihren Tagelohn Schnee zu schaufeln, stellen sie sich alle zwei Minuten hin, um ihre Hände an den Leib zu schlagen!«
»Es wäre nöthig, sich viertheilen zu lassen, um überall zu gleicher Zeit sein zu können,« entgegnete Herr Seim mit einer Anwandlung von Unmuth; »aber nehmen wir es lieber nicht so genau mit ihnen, und bedenken wir, daß sie vermöge ihrer Bildung zu tief stehen, als daß sie einen richtigen Begriff von den Pflichten eines treuen Arbeiters hätten - doch wo willst Du hin?« fragte er schnell, als er bemerkte, daß seine Tochter in ihrem lebhaften Wesen der Thüre zuflog. »Ich denke, Du gebrauchst Geld?«
»Ich werde in meinem ganzen Leben nicht verständig!« rief Juliane lachend aus, indem sie eiligst zu ihrem Vater zurückkehrte. »Hätte ich einfältiges Mädchen doch beinahe wieder das Geld vergessen!« Und dann die beiden Scheine entgegennehmend, barg sie dieselben nachlässig in ihr Umschlagetuch.
»Kind,« begann Herr Seim mit Nachdruck, als Juliane sich eben entfernen wollte, »Du wirst so gut sein und für einen Thaler Sago kaufen, der in der Küche der Kinder verwendet werden soll; ich habe mich gestern überzeugt, daß der ganze Vorrath verbraucht ist, und zwar nur für die Schwächlinge.«
»Es soll geschehen, gestrenger Herr Papa,« entgegnete Juliane, und im nächsten Augenblicke war sie, ein heiteres Liedchen singend, durch die Flurthür verschwunden.
Herr Seim blickte ihr eine Weile sinnend nach.
»Ein verständiges Kind,« murmelte er vor sich hin, indem er sich nach dem Ofen begab, um die brennenden Holzstücke durcheinander zu schüren. »Sie würde gewiß eine vortreffliche Hausfrau werden, wenn sie sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, unverheirathet zu bleiben.«
Nachdem er sodann noch flüchtig nach den Arbeitern auf dem Hofe ausgeschaut hatte, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. Mit gemessenem Wesen zog er einen Folianten vor sich hin; einige Minuten blätterte er in demselben hin und her; dann die zuletzt beschriebenen Seiten aufschlagend, notirte er mit sicherer Hand unter die Rubrik der Ausgaben: »Zwölf und einen halben Thaler für Mehlvorräthe und Sago, entnommen von einem durchreisenden Händler.« Pünktlich, wie er in allen Sachen war, legte er darauf noch zwei und einen halben Thaler aus dem blechernen Kasten in die Holzmulde; noch einmal überzeugte er sich sehr genau, daß das Datum stimmte, auch keine Dintenflecke an seinen Fingern zurückgeblieben waren, und dann stellte er den Folianten wieder an seinen Ort. Zum Schlusse ein Bürstchen hervorziehend, trat er vor den Spiegel hin, um seinem Aeußeren durch einige Striche über das schön gelockte Haar und durch Zupfen an seiner Halsbinde einen möglichst vortheilhaften Schimmer zu verleihen.
Der Teller mit dem halben Butterbrote, auf welchem man kaum die Butter sah, und das halbe Glas Bier waren unterdessen hereingestellt worden, ohne daß Herr Seim darauf geachtet hätte.
Sobald aber ein Schlitten mit lautem und melodischem Geklingel vor das Hofthor vorfuhr und Herr Seim durch die von seiner Tochter geschaffene Eisöffnung gewahrte, daß eine in reiches Pelzwerk gehüllte Dame mit Hilfe eines Dieners ausstieg, wurde er plötzlich lebhafter. Er trat nämlich schnell an den runden Eßtisch, nahm das Butterbrötchen und biß einen kleinen Brocken ab, und nachdem er noch einige Krumen auf den Tisch gestreut, setzte er sich auf seinen Drehstuhl. Das Haupt stützte er sorgenvoll auf die linke Hand, die rechte dagegen hielt er mit einer Feder über einem weißen Bogen Papier, als ob er über das, was er zu schreiben im Begriffe stehe, eben nachdenke. Dabei lauschte er scharf nach der Flur hinüber, und als er endlich das Oeffnen und Schließen der Hausthüre und gleich darauf weibliche Schritte und das Rauschen von schwerer Seide unterschied, tauchte er die Feder in die Dinte und schrieb: »Hochwohlgeborene, hochzuverehrende Frau Geheimeräthin.«
Kaum war er so weit gekommen, als es mit einer gewissen herrischen Sicherheit klopfte.
»Herein!« rief der Vorsteher, ohne aufzuschauen; dagegen entstand unter der knisternden Feder: »Ew. Hochwohlgeboren gnädige Theilnahme für das unglückliche Kind -«
»Immer beschäftigt, immer fleißig, mein guter Herr Seim,« ertönte es jetzt mit heller Stimme hinter ihm, daß ihm vor Schreck die Feder entfiel und er im ersten Augenblicke gar nicht wußte, wo er sich befand.
»Ah, Frau Geheimeräthin,« rief er indessen gleich darauf aus, indem er emporsprang und sich tief verneigte, »ich bitte tausendmal um Verzeihung, ich ahnte nicht, ich konnte nicht ahnen - das Eis auf den Fensterscheiben raubt die Aussicht, und dennoch erlaubte ich mir, Ihrer gehorsamst zu gedenken, wie Ihnen dieser Papierbogen beweisen wird!«
Die Angeredete, eine zwar in den Jahren schon vorgeschrittene, allein immer noch hübsche Frau mit echt orientalischem Typus, warf einen flüchtigen Blick auf den ihr vorgehaltenen, angefangenen Brief.
»Immer der gefällige Freund und gewissenhafte Hüter seiner Heerde,« sagte sie sodann, sichtbar geschmeichelt durch die von Herrn Seim gewählte Eingangsform. »Und dabei so bedacht auf die Wünsche seiner Mitmenschen - ja, Herr Seim, Sie haben ganz Recht, das Wohl Ihrer armen, unschuldigen Pflegebefohlenen liegt mir in der That sehr am Herzen, und da ich gekommen bin, um mich nach dem unglücklichen, mißrathenen Mädchen zu erkundigen, so ist Ihr freundliches Schreiben überflüssig geworden. Aber ich errathe schon, eine tröstliche Kunde ist es nicht, die Sie mir mitzutheilen haben,« schloß die Geheimeräthin, als sie sah, daß der Vorsteher mit einem trüben Blick nach oben die Hände faltete.
»Leider noch gar keine Kunde, meine gnädigste Frau!« preßte er endlich heraus, indem er den Kopf etwas abwendete, um die verrätherischen Thränen in seinen Augenwinkeln zu verbergen. »Nein, leider bis jetzt noch gar keine! Ich hoffe indessen zu Gott, daß meine Bemühungen und die Forschungen, welche man nach dem kleinen Flüchtlinge anstellt, von Erfolg gekrönt werden; denn, Frau Geheimeräthin, gerade weil es mir schon so unendlich viel Mühe und Sorge bereitet hat, ist mir das Kind doppelt theuer geworden. Aber darf ich bitten, meine gnädige Frau!« fügte er im verbindlichsten Tone hinzu, indem er einen Stuhl vor dem runden Tische zurecht schob und demnächst, wie erschreckt und beschämt über den Anblick seines kärglichen Frühstücks, eine bereit gehaltene Serviette über Teller und Glas deckte.
Die Frau des reichen Bankiers besaß Freundlichkeit genug, sich zu stellen, als ob sie den Inhalt des Glases und die Reste des Butterbrötchens nicht bemerkt habe, obwohl die Aermlichkeit des Mahls ihr ein billigendes und bedauerndes Lächeln entlockte.
Mit Hülfe des Vorstehers legte sie darauf ihren kostbaren Zobelpelz ab, und nachdem sie sich mit vornehmer Haltung auf den dargebotenen Stuhl niedergelassen, nahm Herr Seim ihr gegenüber, jedoch in angemessener Entfernung, Platz.
»Also keine Nachricht?« wiederholte die Frau Geheime Commissionsräthin mit einem tiefen Seufzer. »Es ist entsetzlich, zu bedenken, daß das arme, unglückliche Wesen vielleicht vor Kälte in dem gräßlichen Schneewetter umgekommen ist.«
»Entsetzlich, meine gnädige Frau!« pflichtete Herr Seim fast tonlos bei, denn der biedere, menschenfreundliche Mann war so tief bewegt, daß er, um seine Schwäche nicht zu sehr zur Schau zu tragen, mit einem sauberen, weißen Taschentuche flüchtig über seine Augen hinfahren mußte. »O, Sie glauben nicht, wie sehr das Geschick des Kindes - ich habe seine großen Anlagen zum Bösen ja längst vergessen - mir zu Herzen geht! Kein Auge habe ich seit seinem Entweichen geschlossen, und meine Tochter, das weichherzige Kind, leidet nicht minder unter dem Eindruck der schrecklichen Begebenheit!«
»Aber sagen Sie, bester Herr Seim, war das Kind wirklich so bös geartet? Ich hörte, es habe eine unbesiegbare Neigung zum Verleumden und zum heimlichen Aneignen fremden Gutes in ihm gelegen.«
»Hoffentlich liegt sie noch in ihm,« versetzte Herr Seim schnell, und ein unbeschreiblicher Ausdruck freudiger Zuversicht spielte auf seinem wohlwollenden Antlitz, indem er das Kinn bis fast an den Rand der weißen Halsbinde zurückzog. Ja, meine gnädige Frau, ich sage, ›hoffentlich‹, weil ich mich mit dem Gedanken, das Kind auf so schreckliche Art verloren zu haben, nie würde vertraut machen können. Haben wir das Kind aber erst wieder, so gelingt es mir auch mit Gottes Hülfe und mit weiser Strenge, seine Unarten gänzlich zu überwinden.«
»Gebe Gott seinen Segen zu Ihrem frommen Beginnen, mein bester Herr Seim! Allein Stehlen, gerade heraus zu sprechen, ist doch wohl etwas mehr, als eine bloße Unart. Es ist überhaupt merkwürdig, wie sich bei den Kindern der niederen Stände, ja, sogar bis zum Mittelstande hinauf die schmachvollsten Laster bereits im Jugendalter so zahlreich vertreten finden.«
»Gewiß ist es merkwürdig, meine gnädigste Gönnerin,« entgegnete Herr Seim zuvorkommend, während seine Blicke bewundernd an den geschminkten Zügen der Bankiersfrau hingen, »und dennoch wieder ganz natürlich, wenn man berücksichtigt, daß das Beispiel der Eltern nothgedrungen auf die Kinder einwirken muß. Deshalb sehen wir auch täglich, wie die Sprößlinge der Arbeiter sich bereits frühzeitig im Pfuhle des Lasters wälzen, die Nachkommen des übermüthigen Mittelstandes sich in Lug und Trug üben, während die Kinder hochgeborener und wahrhaft vornehmer Herrschaften schon im zartesten Jugendalter nicht nur durch unnachahmliche Anmuth, sondern auch durch wahrhaft edle Gesinnungen alle Herzen für sich einnehmen.«
»Ja, ja, mein lieber Herr Seim,« versetzte die Frau Commissionsräthin, mit der Miene einer bescheidenen Dulderin dem Vorsteher die Hand zum Kusse darreichend, »der Herr in seiner unbegreiflichen Weisheit und Güte hat Alles zum Besten eingerichtet - aber wie war es mit dem Kinde? Durch seine Flucht, die unbedingt auf keinen besonders guten Charakter deutet, ist meine ganze Neugierde auf dasselbe hingelenkt worden; woher stammt es und wie weit ist es in Ihrer Anstalt mit der Ausübung seiner angeborenen Sünden gegangen?«
»Ach, gnädigste Frau, wenn ich nur wüßte, woher das bedauernswerthe kleine Geschöpf stammt!« antwortete Herr Seim, sein biederes Antlitz mit einer neuen anmuthigen Kinnbewegung verlegen zur Seite wendend, als ob er befürchtet habe, durch weitere Mittheilungen das keusche Ohr seiner Gönnerin zu verletzen; »recht viel läßt sich wohl über sein Herkommen denken, aber - aber nur sehr wenig sagen.«
»Gewiß fehlt ihm - nun - mein bester Herr Seim, Sie sind ein verheiratheter Mann ...«
»Gewesen, gnädigste Frau, leider nur zu kurze Zeit gewesen,« wagte der Vorsteher die Commissionsräthin mit bebenden Lippen zu unterbrechen, während sein Taschentuch nach den beiden feuchten Augenwinkeln fuhr.
»Armer Mann, Sie sind wenigstens Familienvater,« verbesserte sich die Commissionsräthin, »und das ist hinlänglich, um die Schranke der Etiquette, die entgegengesetzten Falles zwischen uns bestände, zu lüften. Doch um auf das Kind zurückzukommen, es fehlt ihm also der Vatersname?« schloß sie, und in ihrer nach vorn geneigten Haltung und den ungewöhnlich weit geöffneten schwarzen Augen sprach sich die außerordentliche Theilnahme aus, welche sie für die interessante Geschichte des Kindes hegte.
»Es fehlt ihm nicht nur der Name des Vaters, sondern auch der Name der Mutter,« antwortete Herr Seim in Folge der an ihn gerichteten Aufmunterung kühner und entschiedener; »es wurde nämlich vor neun Jahren als kleines, etwa zweijähriges hülfloses Wesen von unbekannten Händen unserer Anstalt übergeben. Eine unerhebliche Geldsumme, kaum ausreichend, es zweckmäßig einzukleiden, begleitete es, und auf das dürftige Jäckchen, welches es trug, war ein Zettel mit dem Namen Elisabeth festgesteckt worden.«
»Und den Ueberbringer haben Sie nicht gesehen?«
»Niemand hat ihn gesehen; wir entdeckten den Korb, der das Kind barg, zur späten Abendstunde auf unserer Hausflur, und da alle Nachforschungen nach der Mutter vergeblich blieben, mußten wir den kleinen Findling schlechterdings behalten. Aber ich that es gern, meine gnädige Frau, sehr gern, schon allein des flehenden Ausdruckes wegen, mit welchem das junge Leben zu mir emporschaute,« fügte Herr Seim mit einer bekräftigenden Kinnbewegung und dem biedern Faltenwurf um seinen Mund hinzu; »auch meine Juliane, damals selbst noch ein Kind - in der That, ihrem Wesen nach, heute noch ein Kind, und zwar ein braves, dankbares Kind -, bestand darauf, lieber weniger nach den unbekannten Eltern zu forschen und dafür etwas mehr Sorgfalt auf den kleinen Gast zu verwenden - und so geschah es auch. Trotz seiner Kränklichkeit und übergroßen Schwäche gedieh das Kind doch zusehends unter der besondern Aufsicht meiner Juliane. Es würde auch jetzt noch unter ihren Händen gedeihen, wenn nicht ein stark hervortretender Zug von Eigensinn, Unredlichkeit und Verstocktheit das Kind ihrem Herzen entfremdet hätte. Strenge Zucht mußte an Stelle der Liebe treten; aber auch damit richteten wir nichts aus. Die Fälle von Unredlichkeit wiederholten sich häufiger und beschränkten sich zuletzt nicht mehr darauf, daß das Mädchen sich an dem Eigenthum seiner Mitschülerinnen vergriff, sondern sogar ...«
»Sogar?« fragte die Commissionsräthin gespannt, als Herr Seim mit einem tiefen Seufzer, dem Ausbruche seiner Wehmuth, schwieg.
»Das arme Kind ist vielleicht schon todt,« antwortete Herr Seim leise, wie zu sich selbst sprechend, »und den Todten soll man nichts Uebles nachsagen, selbst auch dann nicht, wenn sie es verdienen.«
»Sprechen Sie, mein guter Herr Seim,« munterte die Commissionsräthin auf; »warum mit der Wahrheit zurückhalten, wenn es sich darum handelt, einen prüfenden Blick in ein jugendliches, verdorbenes Gemüth zu senken?«
»Wohlan denn, gnädige Frau,« fuhr der Vorsteher fort, nachdem er sich wieder ermannt hatte, »ich zögere nicht länger, Ihnen Alles vertrauensvoll mitzutheilen. Ja, das Mädchen hat es verstanden, sich meine augenblickliche Abwesenheit zu Nutze zu machen, hier einzudringen, dort den Schreibtisch, in welchem die Schlüssel gerade so steckten, wie jetzt, zu öffnen und mir baares Geld zu entwenden.«
»Ist es bei der That ertappt worden?«
»Leider nicht; kaum, daß ich Verdacht faßte, als ich das Fehlen des Geldes entdeckte und das Mädchen mit Näschereien in den Händen gesehen wurde, die es von einem Vorübergehenden wollte geschenkt erhalten haben. Selbstverständlich, um den Ruf unserer wohlthätigen Anstalt zu bewahren, zugleich aber auch den Frevler zu strafen und auf den Weg des Rechtes zurückzuführen, suchte ich den Thäter zu ermitteln, allein lange vergeblich. Da kam ich auf den Gedanken, einige Thaler, die ich vorher gezeichnet hatte, offen auf meinem Tische liegen zu lassen und einen der Wärter zu beauftragen, das Mädchen mit einer Botschaft zu mir zu schicken.
»Ich sträubte mich nämlich noch immer gegen den gräßlichen Verdacht und nahm zu diesem seltsamen Mittel meine Zuflucht, mehr, um die übrigen Hausbewohner von der Unschuld des Mädchens zu überzeugen, als dieses auf die Probe zu stellen.
»Leider hatten die Leute nur zu recht gehabt, als sie meinen Argwohn auf Lieschen, wie das Kind genannt wurde, hinlenkten, denn als ich etwas später das Geld nachzählte, fehlten wieder mehrere Thaler. Es war dies vorgestern Abend. Um nicht zur späten Stunde die zum Theil schon sanft schlummernden Kleinen zu stören und durch einen unangenehmen Auftritt zu beunruhigen, beschloß ich, erst am folgenden Morgen der Sache auf den Grund zu gehen.
»Hätte ich diese Rücksicht nicht gebraucht, es wäre vielleicht besser gewesen; denn als die Wärterinnen sich gestern Morgen nach dem Schlafsaale der Mädchen begaben, da war Lieschen sammt ihren Kleidern verschwunden, und in ihrem Bette fand man diesen Thaler, auf welchen ich, wie die Frau Geheimeräthin zu bemerken die Güte haben werden, mit einem Federmesser ein Kreuz geritzt hatte.«
Die Commissionsräthin nahm den ihr mit einer Verbeugung dargereichten Thaler und betrachtete ihn eine Weile sinnend.
»Ja, da ist das Kreuz, mein bester Herr Seim,« sagte sie, das Geldstück noch immer aufmerksam« prüfend; »es war ein glücklicher Einfall von Ihnen, und der Verdacht kann keinen Unschuldigen mehr treffen - an den von Ihnen zurückgelassenen Schnitten sieht man übrigens recht deutlich, wie viel Zusatz das Silber erhält, ehe es geprägt wird - nun, kehrt das arme, irre geleitete Kind nicht wieder, hat eine harte, strafende Hand es getroffen, dann, mein lieber Herr Seim, nehmen Sie an, daß Gott es so gewollt hat, vielleicht um die bösen und ansteckenden Elemente aus Ihrer Anstalt zu entfernen.«
»Das ist mein einziger Trost,« versetzte der Vorsteher mit schmerzlich zuckenden Lippen und den etwas verlängerten Hals einige Male frei in der Halsbinde hin und her drehend; »allein bis zu meinem letzten Athemzuge gebe ich die Hoffnung nicht auf, das verlorene Kind dennoch einmal wiederzusehen und als gebessert an mein Herz zu schließen.«
»Die Zeit enteilt,« begann die Commissionsräthin, nachdem Herr Seim wieder die gewöhnliche, biedere, selbstbewußte Haltung angenommen, »und ich habe noch von Geschäften mit Ihnen zu sprechen.« - Bei diesen Worten legte sie eine schwere Ledertasche mit einem Geräusche auf den Tisch, welches verrieth, daß es keine Schlüssel waren, die den melodischen Klang erzeugten. - »Die Collecte unter meinen Standesgenossinnen hat einen reichen Ertrag für Ihre Anstalt geliefert, reicher, als ich selbst erwartet hätte. Ich machte eben überall darauf aufmerksam, daß gerade hier eine gute Gelegenheit geboten wäre, uns vor den niederen Ständen auszuzeichnen, und man gab viel und mit Freuden. Die Liste der Geber werde ich Ihnen später einhändigen. Daß die Frau unseres Nachbars - ich habe ihren Namen vergessen - kleine, obscure Handlung, nicht einmal ein Engros-Geschäft ...«
»Ich weiß, gnädige Frau, der Mann trachtet nach einer Dekoration,« wagte Herr Seim seine reiche Gönnerin wieder zu unterbrechen.
»Albernes Volk!« fuhr die Commissionsräthin mit sittlicher Entrüstung fort; »die Menschen wollen sich aufblähen und gehen weit über ihre Verhältnisse hinaus. Mein Mann, der Geheime Commissionsrath, trägt schon seit zehn Jahren einen Orden, und dennoch wird Niemand eine Ueberhebung am ihm entdecken oder ihm Stolz vorwerfen - doch um auf meine Collecte zurückzukommen, dieselbe beträgt zweihundertsechsundachtzig Thaler. Hier, nehmen Sie das Geld, mein guter Herr Seim; möge es Ihrer Anstalt Segen bringen! Ich habe es selbst gezählt; aber zählen Sie es der Sicherheit halber noch einmal nach,« fügte die redselige Dame hinzu, indem sie aus ihrer Ledertasche einen theils mit Papiergeld, theils mit klingender Münze angefüllten, grau leinenen Beutel zog und vor Herrn Seim hinstellte.
»Nachzählen?« fuhr der Vorsteher erschreckt empor, und sein Kinn strich leise den Rand der weißen Halsbinde, während er mit der Hand, wie unbewußt, ordnend über seine grauen Locken fuhr.
In der nächsten Secunde aber hatte die tiefste Rührung den Sieg über den edlen Unwillen, welchen die ungerechte Zumuthung in ihm hervorrief, davongetragen, und ohne sich der Thränen zu schämen, die in seine wohlwollenden Augen drangen, stammelte er im Namen seiner Schutzbefohlenen den heißesten Dank für die reichen Gaben.
»O, meine gnädige Frau,« rief er, von seinen Gefühlen überwältigt, aus, als diese zu seinen Dankesworten eine sanft abwehrende Bewegung machte, »ich muß es der Welt verkünden, so viel Edelmuth darf nicht im Verborgenen wirken! Gestatten Sie mir daher gütigst, schon morgen einen kleinen Dank zu veröffentlichen und Ihren hochgeehrten Namen mit dieser bedeutenden Summe in Verbindung zu bringen, vor Allem aber der großen Theilnahme zu gedenken, mit welcher Sie sich sogar nach den geringfügigsten Umständen und Vorgängen in unserer Anstalt erkundigen.«
»Eigentlich liebe ich es nicht, vor die Oeffentlichkeit zu treten,« entgegnete die Commissionsräthin, indem sie wie beschämt vor sich nieder schaute und das Stahlschlößchen ihrer Ledertasche einige Male mit lautem Schall auf- und zuspringen ließ; »und dennoch, mein lieber Herr Seim, müssen Sie am besten beurtheilen, ob ein derartiges Verfahren - vielleicht der Nacheiferung wegen - zu empfehlen ist. Haben Sie dabei einen guten Zweck vor Augen, so gebrauchen Sie meinen Namen immerhin; aber, Herr Seim, ich darf wohl darauf rechnen, daß sie meine Stellung in der Gesellschaft berücksichtigen und eingedenk sind, daß mir nichts ferner liegt, als lächerliche Eitelkeit oder gar Hochmuth!«
»Gewiß, meine Gnädigste,« versetzte der Vorsteher, verbindlich schmunzelnd, »und wenn ich Ihrer gütigen Zustimmung versichert wäre, würde ich mir erlauben, Ihren geehrten Namen mit dem der jungen Gräfin Renate in eine Zeile obenan zu stellen.«
»Handeln Sie, wie Sie es für am geeignetsten halten, mein guter Herr Seim,« erwiderte die Commissionsräthin, worauf sie mit matter Bewegung und halb geschlossenen Augen ihre zierliche Brieftasche öffnete und Papiergeld im Betrage von etwa zehn Thalern hervorzog; »soll ich indessen mit aller Gewalt als - nun, als Freundin Ihrer Waisen öffentlich genannt werden, so will ich doch auch in der Stille mit der rechten Hand etwas geben, wovon die linke nichts weiß. Hier, Herr Seim, nehmen Sie dies, verwenden Sie es nach bestem Ermessen, aber sprechen Sie nicht darüber.«
»Darf ich den Empfang dieses Geldes auf der Quittung über die zweihundertsechsundachtzig Thaler bestätigen?« fragte Herr Seim zuvorkommend.
»Nein, nein, ich will mir eben den Genuß verschaffen, auch im Verborgenen segensreich zu wirken, und da die Quittungen vorgelegt werden, so ...«
»Ich verstehe, ich verstehe, gnädige Frau,« fiel der Vorsteher der Commissionsräthin mit Wärme in die Rede. In seinen Augenwinkeln aber funkelten wiederum zwei helle Thautropfen, so daß er sich abwenden mußte, um dieselben verstohlen zu entfernen, bei welcher Gelegenheit er kaum verständlich die Worte: »Edle, hochherzige Seele!« in die Falten seines Taschentuches murmelte.
Er besiegte indessen schnell seine Rührung, und der Commissionsräthin sein biederes, durch sanftes Zurückschrauben seines Kinnes noch an Ausdruck gewinnendes Antlitz zuwendend, fragte er bescheiden, ob er nicht auch den Namen von dero gnädigem Fräulein Tochter in eine Reihe mit dem der Gräfin Renate bringen dürfe.
»Gewiß dürfen Sie das, mein guter Herr Seim,« lautete die billigende Antwort; »das holde Kind verdient diese kleine Aufmerksamkeit, denn es dehnt seine Wohlthätigkeit ebenfalls heimlich in der That so weit aus, daß mein Mann, der Geheime Commissionsrath, ihr Nadelgeld bereits um eine erhebliche Summe erhöhen mußte.«
»Glückliche, reich gesegnete Mutter!« flüsterten Herrn Seim's bebende Lippen wie unbewußt, während seine Blicke in den Augen seiner Gönnerin zu lesen suchten.
Diese aber hatte schnell wieder ihre Brieftasche zur Hand genommen, und mit einem ausdrucksvollen: »Im Namen meiner Tochter für Ihren geheimen Fonds!« legte sie abermals einen Geldschein vor den überraschten Vorsteher hin.
Erleichterten Herzens erhob sie sich darauf; Herr Seim war ihr beim Anziehen des Pelzes behülflich, und gern gestattete sie ihm, daß er sie mit dem Hute in der Hand bis an den Schlitten begleitete und an Stelle des unterwürfig zurückgetretenen Dieners ihr in die üppige Anhäufung von kostbaren Wildschuren und Decken hineinhalf.
»Gott erhalte Sie, gnädige Frau!« rief Herr Seim innig aus, als die Pferde sich anschickten, auf ein Zeichen des Kutschers durch den stäubenden Schnee davonzustürmen.
»Sorgen Sie auch recht gut für die lieben Kleinen und grüßen Sie alle herzlich von mir!« rief die Commissionsräthin laut zurück. Es geschah dies nämlich im Uebermaße ihres Wohlwollens und keineswegs aus Eitelkeit, denn sie erschrak fast, als sie bemerkte, daß einige Vorübergehende beim Klange ihrer Stimme mit achtungsvoller Verwunderung zu ihr emporschauten.
Die Peitsche knallte, die Glocken klingelten im lustigen Chor, und dahin schossen die Pferde in gestrecktem Trabe, als ob sie sich auf einer Rennbahn befunden hätten.
Seim blickte dem stattlichen Gefähre eine Weile nach und dann trat er gesenkten Hauptes in den Hof zurück.
»Braves Herz, gute, edle Dame!« sprach er vor sich hin, als er bei den mit Schaufeln beschäftigten Tagelöhnern vorüberschritt, und zwar laut genug, um von diesen verstanden zu werden. Dann aber plötzlich stehen bleibend, als ob er sich jetzt erst der Anwesenheit der Arbeiter erinnere, wendete er sich diesen mit theilnehmendem, mitleidigem Lächeln zu.
»Es ist kalt heute, liebe Kinder,« begann er aufmunternd; »wollte Gott, ich könnte Euch die Arbeit erleichtern und obenein doppelten Tagelohn zahlen!«
Dieser Gedanke preßte ihm einen tiefen Seufzer aus, und wie um seiner eigenen, an Leichtsinn streifenden Weichherzigkeit zu entrinnen, eilte er hastig in's Haus.
»Ein rechtschaffener Mann,« sagten die Leute zu einander, indem sie sich mit ihrer Arbeit beeilten, »und dabei so mildherzig; für Jeden hat er ein freundliches Wort, und läge es in seiner Macht, würde er uns Allen gewiß helfen.«
Herr Seim war unterdessen in sein Geschäftszimmer eingetreten. Einen zufriedenen Blick warf er auf den Tisch, auf welchem das Geld noch immer lag; ein zweiter Blick galt seiner silbernen Uhr - eine goldene zu tragen, hielt er sich in seiner Stellung als Vorbild der Jugend nicht für berechtigt - und dann wiederholte er vor dem Spiegel einen Theil der Stellungen, welche er der Commissionsräthin gegenüber angenommen hatte, um daraus ungefähr zu berechnen, welchen Eindruck er auf seine Gönnerin ausgeübt haben könne.
Offenbar lieferte die Prüfung ein befriedigendes Resultat; denn nachdem er mit leichter Hand seinen symmetrisch geordneten Locken einen sanften Schwung gegeben und demnächst mit edel zurückgezogenem Kinn das wohlgeformte Haupt die bekannten Drehungen in der weißen Halsbinde hatte ausführen lassen, spitzte er die Lippen zierlich zu einem leisen, dabei aber recht munter klingenden Pfeifen. Mit geübten Fingern und ohne das Pfeifen, den harmlosen Ausbruch einer frohen Stimmung und eines ruhigen Gewissens, einzustellen, zählte er flüchtig das Geld. Ein zufriedenes Nicken seines Hauptes verrieth, daß die Summen stimmten, worauf er sie nach dem Schreibtische hintrug, das volle Leinwandsäckchen in den Blechkasten stellte, die zuletzt empfangenen losen Scheine dagegen in die hölzerne Mulde legte.
Er war noch mit dem Einschreiben in seine Cassen-Folianten beschäftigt, als es klopfte und auf sein freundliches Herein! ein Wärter des Hauses zu ihm herantrat und zwei eben eingelaufene Briefe neben ihn auf den Tisch legte.
Herr Seim, sonst immer gütig und zuvorkommend, war indessen zu sehr in seine Rechnungen vertieft, um nach lieber, alter Weise den treuen Wärter nach dem Befinden seiner Familie zu befragen, und dieser besaß eine zu große Verehrung vor seinem milden Gebieter, um ihn zu ungelegener Zeit stören zu mögen; er schlich daher wieder leise zur Thür hinaus.
Kaum aber hörte Herr Seim den Riegel in's Schloß fallen, da legte er die Feder zur Seite. Ein Blick auf die Uhr überzeugte ihn, daß noch fünf Minuten an der von seiner Tochter festgesetzten Zeit fehlten, er nahm daher die Briefe zur Hand, und nachdem er flüchtig die Aufschrift beider geprüft, erbrach er denjenigen, welchen er für den wichtigsten hielt. »Geehrter Herr Seim,« lautete dieser, »wenn Ihr Weg Sie in nächster Zeit an meiner Wohnung vorbeiführt, dann haben Sie wohl die Güte, vorzusprechen und mit mir über die Verwendung des Ertrages unserer Lotterie, der zur Weihnachtsbescheerung für Ihre Schutzbefohlenen bestimmt ist, zu berathen. Ergebenst
»Hm, hm, als ob meine Juliane nicht billiger und zweckmäßiger einzukaufen verstände!« murmelte Herr Seim mit einem kaum bemerkbaren Anfluge von Ungeduld, und dann entfaltete er den zweiten Brief.
»Ich erwarte Sie heute Abend zwischen neun und zehn Uhr in meiner Wohnung, um von Ihnen zu hören, wie die Sache mit dem, laut Zeitungs-Annonce, entlaufenen und auf den Namen Lieschen hörenden Mädchen zusammenhängt.
»Adel bleibt Adel,« bemerkte Herr Seim, die beiden Briefe mit einer gewissen Ehrerbietung zusammenlegend und demnächst in ein geheimes Fach seines Schreibtisches verschließend; »selbst aus ihren Briefen kennt man sie heraus,« fuhr er in seinen lauten Betrachtungen fort. »Aber das gute Kind ist pünktlich,« verfiel er plötzlich in einen heitern Ton, und über sein wohlwollendes Antlitz verbreitete sich ein freundlicher Schimmer, »und dazu mein Leibgericht, prächtig, prächtig, es wäre in der That Hochverrath, meine sorgliche Juliane warten zu lassen.«
Festen Schrittes begab er sich nach der Flurthür, und nachdem er dieselbe doppelt verriegelt, eilte er durch die andere Thür nach den Hintergemächern seiner Wohnung.

5. Die Geschwister.

Eine schöner und geschmackvoller eingerichtete Wohnung, als die des Grafen Hannibal, wäre schwerlich zu finden gewesen; denn nicht nur zeugte die ganze Einrichtung derselben von großem Reichthum, sondern die einzelnen der Hunderte von Gegenständen, von der schweren Parforce-Peitsche bis zu der mit Schildpatt ausgelegten Stutzuhr, waren auch so sorgfältig gewählt, und mit so viel feinem Geschmack geordnet, daß, wäre man verschwenderischer Ueberladung wer weiß wie abhold gewesen, man beim Eintritt sich dennoch behaglich angehaucht und sogar bis zu einem gewissen Grade heimisch fühlen mußte.
Der Graf selbst war natürlich derartigen Eindrücken nicht unterworfen. Ihm galten die türkischen Teppiche und Damast-Gardinen nicht mehr, vielleicht noch weniger, als einem einfachen Bürgersmanne ein sandbestreuter Fußboden und dünne, weiße Fenstervorhänge.
Die reich gepolsterten Sessel, die kostbar geschnitzten Stühle und Tische, der prachtvolle Kronleuchter, die wunderbar schönen Bronze- und Elfenbein-Bildhauerwerke, was waren sie ihm auch weiter, als Erinnerungszeichen einer vorübergehenden Laune, deren Befriedigung ihm eine kurze Unterhaltung gewährte.
Ein oberflächlicher Blick belehrte, daß es außer Pferden und Hunden nicht viel mehr in der Welt gab, was seine Theilnahme zu erwecken vermochte. Es stand dies in seinen schlaffen, jedoch regelmäßig schönen Zügen geschrieben; es lag in seinen von kraftlos und matt niederhängenden Lidern versteckten blauen Augen; vor Allem aber sprach es sich in der ganzen Haltung aus, mit der er am Abende jenes Wintertages auf einer schwellenden Ottomane lag, mit den breiten, stählernen Sporen rücksichtslos in das kostbare Gewebe bohrte und einem neben ihm sitzenden Neufundländer Hunde die Lefzen so lange über der Nase zusammenpreßte, bis das geduldige Thier endlich vor Schmerz laut aufjauchzte.
Das Jauchzen des Neufundländers rief ein schadenfrohes Knurren zweier kleiner Affenpinscher hervor, die neben dem Grafen auf der Ottomane lagen; das Knurren wieder bewegte den Grafen, von dem Neufundländer abzulassen und die Affenpinscher an den kurzen Schweifendchen zu zerren, daß sie in ein giftiges Bellen ausbrachen, wofür sie zur Strafe nach dem mit einer türkischen Decke verhangenen Tische hinaufgeworfen wurden, wo sie die größte Mühe hatten, sich ihren Weg, ohne Schaden anzurichten, zwischen geschliffenen Gläsern, Krystallflaschen, Porzellanleuchtern, Aschbecher und Bergen von photographischen Abbildungen hervorragender Tänzerinnen, Rennpferden und gekrönten Häuptern hindurch zu suchen.
Nachdem wieder Ruhe eingetreten und die matten Augenlider, die sich bei dem Lärm der Hunde etwas erhoben hatten, in ihre alte Lage zurückgesunken waren, strich die weiße, sorgfältig gepflegte rechte Hand einige Male nachlässig über den stattlichen, blonden Bart, der zu beiden Seiten des Kinns in lange, gekräuselte Zipfel auslief, und dann wendete der Graf sich halb nach einer Dame um, die ihm gegenüber mit derselben vornehmen Nachlässigkeit in einem umfangreichen Lehnsessel ruhte.
Wie jeder Zug im Gesichte des Grafen von einer unbesiegbaren Langenweile zeugte und man in demselben vergeblich nach einer Spur von höheren Geistesfähigkeiten suchte, so bot auch die in reichster Toilette prangende Dame das vollkommene Bild einer mit allen Genüssen eines üppigen Lebens vertraut gewordenen, den sogenannten höheren und bevorzugten Ständen entsprossenen Persönlichkeit. In ihren zuweilen scharf aufblitzenden Augen lag dagegen etwas mehr Lebhaftigkeit, wie in ihrem Antlitz die schwache Familien-Aehnlichkeit durch einen bemerklichen Ausdruck von Klugheit wieder ziemlich verwischt wurde. Jedenfalls hätte man die Beiden nicht auf den ersten Blick für Geschwister gehalten, es sei denn, man wäre durch die vornehme Vernachlässigung des feinen Anstandes auf die richtige Spur geführt worden.
Häßlich war die Gräfin keineswegs, im Gegentheil, ihr Gesicht hatte schöne Formen und Farben, eben so schien ihr dunkles Haar üppig und stark zu sein. Der Ausschnitt ihres Kleides reichte so tief hinab, daß ein sittsames Bürgermädchen sich mindestens befremdet von ihr abgewandt haben würde, ohne über die prächtige Farbenabstufung in Erstaunen zu gerathen, welche die Schwanendaunen-Einfassung des Kleides zu dem von einer doppelten Perlenschnur umschlungenen, weiß gepuderten Halse bildete.
Als der Graf sich nach einem längeren Schweigen seiner offenbar grübelnden Schwester wieder zuwendete, nahmen deren Augen einen fast lauernden Ausdruck an, doch sichtlich vermied sie, durch eine Veränderung ihrer Lage zu große Theilnahme zu verrathen.
»Jedenfalls wirst Du einräumen, Clotilde,« begann der Graf, und indem er sich träge herumschob, drangen seine Sporen tiefer in die weiche Polsterung ein, »ja, jedenfalls, daß die Affaire mit dem Wechselbalg sich sehr mißlich gestaltet hat. Erstens traue ich dem Schurken von Vorsteher nicht, der mir beständig auf der Tasche liegt, und dann könnte das Kind auch sehr leicht in unrechte Hände fallen, die etwas Anderes daraus machten, als vielleicht wünschenswerth wäre.«
»Wie vermagst Du nur derartige Befürchtungen zu hegen?« fragte die Gräfin nach kurzem Sinnen zurück. »Bist Du nicht im Stande, den elenden Seim in jedem Augenblicke zu zermalmen, ohne daß Du dabei den geringsten Unannehmlichkeiten ausgesetzt wärest? Hast Du nicht Alles mit kluger Ueberlegung eingeleitet, daß ...«
»Bitte um Verzeihung, theuerste Schwester,« unterbrach der Officier die Gräfin mit ungewöhnlicher Regsamkeit, »Du wirst Dich entsinnen, daß ich nie ohne Deinen Rath handelte, die Ehre der klugen Ueberlegung also vorzugsweise Dir zufällt, außerdem aber Du Dich ganz derselben daraus entspringenden Vortheile erfreust, wie ich.«
Die Gräfin machte eine ungeduldige Bewegung; sie besann sich indessen schnell wieder und fuhr fort, als ob sie gar nicht unterbrochen worden wäre: »Also, daß unsere Vorkehrungen von keiner Seite durchkreuzt werden können. Doch sei dem nun, wie ihm wolle, das Kind geht uns nichts an; es ist entlaufen und hat dadurch die Verderbtheit seines Charakters bewiesen. Herr Seim wird die geeigneten Wege einschlagen, es wieder in seine Gewalt zu bekommen, es dann nach seinen Grundsätzen behandeln und allmählich für ein Correctionshaus oder, wer weiß wofür, reif machen. Ich baue fest darauf, daß, hat es wirklich seinen Weg zu anderen Leuten gefunden, dies erstens nicht verborgen bleibt, anderntheils aber auch dort seine bösen Neigungen zum Vorschein kommen, und man schließlich froh ist, es auf gute Art wieder los zu werden.«
»Wenn es nur gewiß wäre, daß es durch sein Betragen Alle, die mit ihm in Berührung kommen, von seiner Unverbesserlichkeit überzeugt,« versetzte der Graf gedehnt, indem er die Ohren des Neufundländers über dessen Stirn zusammenzuknüpfen versuchte; »ich kann mich nämlich von der Furcht nicht lossagen, daß es nicht so schlimm mit ihm steht und daß es sich möglichen Falles Freunde erwirbt, die nach seinem Ursprunge forschen.«
»Laß sie forschen, so viel sie wollen, und kommen sie endlich auf den Grund, so kann es keine weiteren Folgen haben, als daß wir uns großmüthig zu einer kleinen Unterstützung verstehen, die sicherlich nicht die Höhe der Summen erreicht, die der saubere Seim bezieht. Weiß man aber erst, woher das räthselhafte Kind stammt, so schwindet auch das Interesse für dasselbe und man beruhigt sich leicht bei dem Gedanken, daß in einem auf dunkle Art in die Welt geschleuderten Geschöpfe kein guter Kern verborgen sein kann.«
»Oho,« fuhr der Graf auf, und der Hund jauchzte wieder unter einem rauhen Griff, »meine weise Schwester sollte doch am besten wissen, ob der Stamm, von welchem die Frucht fiel, einen derartigen Vorwurf verdient!«
»Allerdings weiß ich das; allein die Leute, welche etwa der Zufall mit dem Kinde zusammenführt, können das nicht wissen. Uebrigens scheinst Du heute Abend sehr philanthropischer Laune zu sein, und es sollte mich kaum befremden, bestrittest Du, daß durch eine Beimischung von gemeinen Elementen das edelste Blut verdorben werden kann.«
»Das bestreite ich nicht, meine theure Schwester, im Gegentheil, es sieht wohl kaum Jemand in unseren Kreisen strenger auf Reinhaltung des ihm tadelfrei überkommenen Stammbaumes, als ich, wenn ich auch zugebe, daß Verhältnisse eintreten können, die zur Auffrischung des erblindeten äußeren Glanzes ein Niedersteigen von der Höhe entschuldigen. Was Du irrthümlicher Weise als kindische Philanthropie bezeichnest, war eben weiter nichts, als der flüchtige Gedanke, daß das Kind vielleicht im Schnee umgekommen sei.«
Aus dem Gesichte der Gräfin wich bei diesen Worten die Farbe; jedoch nur auf Secunden, denn bald zeigte es wieder den kalten, berechnenden Ausdruck.
»Dann tragen wir keine Schuld, nein, unter keiner Bedingung tragen wir die Schuld an seinem Tode,« sagte sie hastig. »Warum ist es entlaufen? Warum hat es sich durch schlechte Führung seinen Aufenthalt in dem Waisenhause verleidet? Ist das Mädchen durch seine eigene Schuld um's Leben gekommen, so sind wir dadurch nur von einer großen Unruhe befreit worden, gerade so wie damals, als wir die verbürgte Nachricht ...«
»Schweige davon!« fuhr der Graf hastig empor, indem er sich auf der Ottomane herumwarf, daß dieselbe in allen Fugen knackte; »Du weißt, ich will nicht daran erinnert sein, es verdirbt mir die Laune für den ganzen Abend. Uebrigens kannst Du Dich rühmen, mich schon damals durch Deine Rathschläge bestimmt zu haben.«
Die Gräfin warf sich hintenüber und stieß ein helles, aber erzwungenes Lachen aus.
»Sieh doch den tapfern Krieger,« rief sie spöttisch ihrem Bruder zu, und zugleich lockte sie durch eine Handbewegung die munteren Affenpinscher auf ihren Schooß. »Sinke doch lieber gleich in Ohnmacht, anstatt mit mir darüber zu frohlocken, daß das Geschick vielleicht gütig genug war, den letzten Stein des Anstoßes aus unserem Wege zu räumen. Auch ich gönne dem unglücklichen Kinde kein trauriges Ende, allein wenn es einmal geschehen ist, so läßt es sich nicht mehr ändern.«
Die drei in dem Gemache befindlichen Stutzuhren schlugen jetzt kurz hinter einander halb Zehn und fast gleichzeitig ertönte von der Hausflur her das Klingeln eines Einlaßbegehrenden.
»Das ist der Vorsteher,« sagte der Graf; »ich bestellte ihn auf halb zehn Uhr hierher, und eine servile Natur, wie er, ist immer pünktlich. Aber willst Du der Unterhandlung wirklich beiwohnen?«
»Natürlich, wenn auch nicht auf diesem Stuhle. Ich ziehe mich in Dein Schlafgemach zurück. Außerdem erwarte ich meinen Wagen erst gegen zehn Uhr. Ich hofft, meine Nähe wird auf Deine Verhandlungen keinen nachtheiligen Einfluß ausüben.«
»Keineswegs,« antwortete der Graf leise, denn er vernahm auf der Treppe Männerschritte.
Kaum war die Gräfin in das durch schwere Vorhänge von dem Salon getrennte Nebenzimmer geschlüpft, als ein Diener hereintrat und meldete, daß ein fremder Herr den Herrn Grafen in dringenden Angelegenheiten zu sprechen wünsche.
»Laß ihn herein,« befahl der Graf, indem er sich halb aufrichtete, »und merke Dir, ich bin für Niemanden zu sprechen.«
Der Diener entfernte sich mit einer Verbeugung, und mit einer noch tieferen Verbeugung erschien Herr Seim auf der Schwelle.
Er war noch immer derselbe, wie am Vormittage, nur ein Paar weiße Handschuhe und eine weiße Weste hatte er seinem gewählten Anzuge beigefügt; vielleicht auch, daß die grauen Haare sich noch etwas fester an den runden Schädel anschmiegten, das Lockenkränzchen über dem Rockkragen etwas neckischer nach oben wies und der biedere Ausdruck auf dem bescheiden lächelnden Antlitz wo möglich noch eindringlicher geworden war. Auch in seinen Bewegungen entwickelte er eine erhöhte Anmuth, was wohl mit darin seinen Grund fand, daß die dicken Teppiche eine gewisse Federkraft besaßen und den ungeübten Fuß beständig zu vorsichtigem Einherschreiten mahnten.
»Der Herr Graf waren so gnädig, mich zu sich zu entbieten,« begann Herr Seim, sobald er bis auf drei Schritte vor dem Officier angekommen war, seine Worte mit einer neuen Verbeugung begleitend.
»Ganz recht, Herr Seim,« entgegnete der Graf mit einer leichten Verneigung seines Hauptes, »ich wollte Sie sprechen, ja, aber setzen Sie sich, es ist mir bequemer.«
Herr Seim leistete der an ihn gerichteten Aufforderung sehr anmuthig Folge, wobei er mancherlei von »hoher Ehre« und »tiefster Beschämung« murmelte, und der Graf fuhr fort:
»Daß es mich unangenehm überraschte, als ich heute in der Zeitung die Geschichte von dem Entweichen einer Ihrer Pflegebefohlenen las und aus der Beschreibung sogleich das bewußte Mädchen heraus erkannte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen.«
»Gewiß nicht, Herr Graf; ich glaube Dero Gefühle und Empfindungen Betreffs dieser Sache nicht zu unterschätzen.«
»Wohlan denn, mein werther Herr Seim, ich muß es Ihnen gegenüber einräumen, daß mir viel daran liegt, das Kind wieder unter Ihrer treuen Obhut zu wissen.«
»Nicht Geld noch Mühe sollen gespart werden, diesen Wunsch in Erfüllung zu bringen.«
»Gut, gut, ich bin gern bereit, Ihnen alle Kosten zu vergüten, und da ich mich sehr für das Kind interessire, weil - nun, Sie wissen ja - weil mir sein Gesicht einst auf der Straße auffiel ...«
»Weil das kleine, verkommene Geschöpf dem Herrn Grafen einst auf der Straße auffiel,« wagte Herr Seim den verlegen zur Seite schauenden Grafen ausdrucksvoll zu unterbrechen.
»Ganz richtig,« fuhr dieser darauf wieder fort; »ich sehe, Herr Seim, Sie verstehen mich vollkommen. Ich interessire mich also für das Kind und bin mit ganzer Seele bei dem Versuche, das verdorbene, kleine Geschöpf zu retten und der menschlichen Gesellschaft zu erhalten. Ich befürchte zwar, daß meine Geldopfer und Ihre Mühe nutzlos vergeudet sind ...«
»Vollständig nutzlos,« schaltete der Vorsteher mit entschiedenem Wesen und verbindlichem Lächeln ein.
»Das soll mich indessen nicht hindern, noch ein Stück Geld daran zu wenden,« erklärte der Graf weiter, »um mir später sagen zu dürfen, daß ich Alles aufbot, das Kind vor dem Corrections- oder Arbeitshause zu bewahren. Also, Herr Seim, das unglückliche Geschöpf zeigt wenig Anlage zu einem rechtschaffenen Lebenswandel?«
»Nicht die geringste, Herr Graf.«
»So daß Jeder ihm gern aus dem Wege geht?«
»Daß Jeder es flieht, wie die Sünde.«
»Und es endlich seinen dauernden Aufenthalt unter der strengen Zucht eines Arbeitshauses findet?«
»Wenn nicht gar in einem Staatsgefängniß.«
»Das wäre allerdings sehr zu bedauern,« bemerkte der Graf zögernd, und sein verlegener Blick streifte den Vorhang, hinter welchem seine Schwester lauschte; »ja, das wäre zu bedauern,« wiederholte er noch einmal, »aber das dürfte seiner eigenen Neigung zum Bösen zugeschrieben werden.«
»Nur seiner eigenen Schuld,« bekräftigte Herr Seim, das Kinn einige Male sanft an der weißen Binde reihend und demnächst den Hals mit dem Ausdrucke eines reinen, von keinem übeln Hauche getrübten Gewissens etwa um einen Zoll verlängernd; »es ist in der That sehr zu bedauern, gnädigster Herr, doch was läßt sich Anderes von einem elfjährigen Mädchen erwarten, welches sich nicht mehr damit begnügt, seinen Gespielinnen Kleinigkeiten zu entwenden, sondern sogar die Gelegenheit wahrnimmt, die Hand nach den Kassenbeständen der Anstalt auszustrecken?«
»Das hat es gethan?« fragte der Graf hastig, doch fügte er ernster hinzu: »Es ist merkwürdig, so jung, und doch schon so tief gesunken; so tief gesunken, trotz Ihrer gewissenhaften Beaufsichtigung, die Ihnen nicht unbelohnt bleiben wird. Aber wenn das Mädchen wieder zurückgebracht wird, was haben wir dann von Ihnen zu erwarten und welches Verfahren werden Sie fernerhin gegen dasselbe beobachten?«
»Nun, Herr Graf, es steht mir nur ein Weg offen, nämlich der, den kleinen, unverbesserlichen Dieb und Vagabunden von den übrigen Insassen unserer Anstalt getrennt zu halten und zu versuchen, ob nicht dennoch mit unnachsichtlicher Strenge Etwas bei ihm auszurichten ist. Letzteres muß ich zwar entschieden bezweifeln, indem da, wo das Ehrgefühl erst vollständig erstickt ist, eine Umkehr zum Guten nicht denkbar; aber gewissenhaft will ich über das unglückliche Kind wachen und es sogar bis an die Thür des Correctionshauses begleiten.«
»Wo mein Interesse für dasselbe selbstverständlich sein Ende erreicht,« fügte der Graf hinzu, indem er nachdenklich mit dem Kopfe nickte; »jedenfalls will ich mich dann noch besonders erkenntlich für Ihre Mühewaltung zeigen und die ganze Geschichte zu einem befriedigenden Abschlusse bringen.«
»Das heißt, wenn das unglückliche Geschöpf überhaupt noch Mühewaltungen verursacht,« bemerkte Herr Seim, einen frommen Blick zum Himmel sendend.
»Sie meinen doch nicht ...?« fragte der Graf, sich leicht entfärbend; dann stockte er plötzlich.
In Herrn Seim's Augen wurde trotz des wehmüthigen Lächelns ein gewisser lauernder und beobachtender Ausdruck sichtbar.
»Es war ein schreckliches Wetter, Herr Graf,« begann er sodann ernst und feierlich, »und wenn die Vorsehung bestimmt hatte, daß das Kind im Schnee seinen Untergang finden sollte, so konnten menschliche Anstrengungen es nicht retten. Wir haben, dem Himmel sei Dank, das tröstliche Bewußtsein, das Unsrige nach besten Kräften gethan zu haben, und von Seiten der Beschützer der Anstalt wird bei Gelegenheit der Aufnahme des Protokolls über den betrübenden Vorfall gewiß der so überaus liebevollen Fürsorge des Herrn Grafen und seines Wohlthätigkeitssinnes gebührender Maßen und mit dem Ausdrucke innigster Dankbarkeit gedacht werden.«
»Ja, ja, Niemand kann Schuld oder Interesse an dem frühzeitigen Ende des Kindes gehabt haben,« versetzte der Graf zerstreut; »wir versuchten Alles - aber wie war es doch, Herr Seim, nicht wahr, das Mädchen wurde von einer unbekannten Frau heimlicher Weise in einem Korbe bei Ihnen zurückgelassen? Ich meine nur - für den Fall, daß ich selbst gelegentlich Betreffs dieser Sache befragt würde.«
»Den Herrn Grafen trügt sein Gedächtniß nicht,« lautete des Vorstehers zuvorkommende Antwort; »das Kind war damals, also vor neun Jahren, erst ein zweijähriges, verkümmertes, kaum menschenähnliches Wesen.«
»Gut, gut, ich entsinne mich genau; ich sah es später auf der Straße, fand Wohlgefallen an seinen hübschen Augen, ließ ihm, anfänglich aus Laune, mancherlei zufließen, bis sich die Laune in rege Theilnahme und zuletzt in eigensinniges Beharren auf dem einmal gefaßten Entschluß verwandelte.«
»Sehr wohl, Herr Graf, so verhielt sich die Sache,« entgegnete Herr Seim mit einem halb vornehmen, halb unterthänigen Schmunzeln, »und in Uebereinstimmung damit ist auch das Buch über den namenlosen Findling geführt worden.
Der Graf, offenbar zufriedengestellt, wußte nichts zu antworten, denn nachdem die Geschäfte beendigt waren, gab es ja nichts mehr in der Welt, worüber er noch mit dem Waisenhaus-Vorsteher hätte sprechen mögen. Er streckte daher seine Füße lang von sich und begann, mit den Sporen dem Neufundländer ziemlich nachdrücklich in die Seiten zu bohren, bis dieser, trotz seiner großen Geduld, wieder einmal vor Schmerz laut aufjauchzte.
Herr Seim, begabt mit ungewöhnlichem Scharfsinne, betrachtete das Jauchzen als eine Mahnung, daß die Audienz beendigt sei und erhob sich. »Adieu, mein werther Herr!« versetzte der Graf nachlässig, noch bevor der Vorsteher den Mund geöffnet hatte.
»Verzeihen der Herr Graf, ich muß nothgedrungen wagen, ganz ergebenst darauf hinzudeuten, daß die von dem Herrn Grafen vorgeschlagenen und gewünschten Besserungsversuche mit dem Kinde sehr kostspielig gewesen sind, und da die Verwaltung des Waisenhauses keine Bevorzugung ...«
»Ich verstehe, Sie wollen Geld, beinahe hätte ich es vergessen; dort auf der Tischecke liegt es schon bereit.«
Das geübte Auge des Vorstehers hatte schon längst das Geld gesehen, mehrere Papierscheine, und auch den Werth desselben annähernd errathen. Auf die Aufforderung des Grafen nahm er es daher an sich, und nachdem er in schönen und correcten Wendungen seinen innigsten Dank ausgesprochen, welchen der Graf mit einem herablassenden »Schon gut!« hinnahm, wendete er sich mit einem wohlklingenden: »Gott erhalte den Herrn Grafen!« der Thüre zu.
Der Graf blickte ihm nach, und ein Zug der unaussprechlichsten Verachtung breitete sich über sein schlaffes Gesicht aus, als der Vorsteher sich in der offenen Thür noch einmal umwendete und mit einer abermaligen Verbeugung und einem abermaligen, aus tiefstem Herzensgrunde hervorgeholten: »Gott erhalte Sie!« sich rückwärts zur Thüre hinausschob.
Kaum waren die Schritte des sich Entfernenden auf der Treppe verhallt, da öffneten sich die Vorhänge des Schlafgemachs und herein trat die Gräfin. Ihr Gesicht trug die unverkennbaren Spuren innerer Aufregung.
»Ein zwölfjähriger Knabe würde seine Sache eben so gut gemacht haben,« begann sie, indem sie den Stuhl, auf welchem der Vorsteher gesessen, verächtlich zur Seite rollte und einen andern an dessen Stelle schob; »wäre dieser Schurke von Komödiant nicht so auf Geld versessen, dann hätte es ihm schwerlich entgehen können, daß der kleine Strolch Dir mehr Sorge verursacht, wie nöthig ist. Wozu Theilnahme verrathen, wenn man mit Geld viel weiter gelangt?«
»Ich hätte Dich an meiner Stelle sehen mögen,« entgegnete der Graf gedehnt; »ich halte den Kerl außerdem in den Fingern. Er handelte auf eigene Verantwortlichkeit, und ein Bericht von mir vermag ihn um seine Stelle zu bringen.«
»Und was kann eine auf seine Veranlassung herbeigeführte Nachforschung uns kosten?« fragte die Gräfin spöttisch.
»Male nicht den Teufel an die Wand,« erwiderte der Graf; »solchen Lumpen stopft man jederzeit den Mund mit Geld oder mit noch etwas Anderem. War er doch unverschämt genug, als ich von Anerkennung seiner Dienste sprach, sehr bezeichnend mit seinem Knopfloche zu spielen, als hätte er sagen wollen, daß meine Connexionen ihm wohl ein Bändchen in dasselbe verschaffen könnten, hahaha!«
»In der That, eine niedrige Seele, dieser Vorsteher,« bemerkte die Gräfin; »schlimmsten Falles müßten wir indessen doch Etwas für ihn thun. Uebrigens ist er auch ohne dies sicher genug, und wer weiß, ob Kälte und Schnee uns nicht bereits längst einen guten Dienst geleistet haben. Doch wo willst Du Deinen Abend zubringen?« fragte sie plötzlich in einem andern Tone, als sie unten einen Wagen vorfahren hörte.
»Im Britannia Hotel.«
»Um Dein Geld zu verspielen? Laß lieber für heute das Spiel und komm mit mir; ich habe nämlich an Dich gedacht und die Gräfin Renate zu einem vertraulichen tête-à-tête eingeladen.«
»Die Gräfin Renate?« fragte der Graf, hastig emporspringend.
»Die Gräfin Renate und sonst Niemanden.«
»Auf Ehre, Schwester, besser hättest Du nicht operiren können! Seit das Mädchen seine alte Großmutter beerbte, erscheint es mir doppelt schön und, unter uns gesagt, es ist hohe Zeit, daß ich mich gut verheirathe, um den Glanz unseres Hauses und Namens aufrecht zu erhalten.«
Mit diesen Worten warf der Graf seine Jagdjoppe zur Seite, und in der nächsten Minute stand er in einem glänzenden Uniformrocke, der seine stattliche Figur noch schöner hervortreten ließ, da, um sich von dem auf sein Klingeln herbeigeeilten Diener den Mantel umhängen zu lassen.
Die Gräfin antwortete nicht mehr; dagegen beobachtete sie ihren Bruder mit Wohlgefallen, im Stillen ihre Betrachtungen darüber anstellend welch schönes Paar derselbe mit der reichen Gräfin Renate bilden würde.
Auch ihr wurde darauf der kostbar verbrämte Mantel umgegeben, und fünf Minuten später rollten die Geschwister in der heitersten Stimmung der Wohnung der Gräfin zu.

6. Doctor Bergmann und sein Liebling.

Fast zu derselben Zeit, in welcher Herr Seim die Wohnung des Grafen Hannibal verließ, trat mit nicht geringerer Eile ein kleiner Herr aus einer zu dem dürftigsten Viertel der Stadt führenden Gasse in die Hauptstraße, um nach kurzem Sinnen die Richtung nach dem Viertel oder Achtel oder Sechzehntel der vornehmen Leute einzuschlagen.
Derselbe hatte zum Schutze gegen die Kälte den Kragen seines Ueberziehers emporgeschlagen und seinen Hals durch ein wollenes Tuch geschützt. Seine Hände dagegen waren unbedeckt, obwohl der krampfhafte Griff, mit welchem die rechte Faust den langen Rohrstock unterhalb des goldenen Knopfes umschloß und bei jedem Schritte schallend auf die Erde stieß, darauf hindeutete, daß er doch nicht so unempfindlich gegen die Kälte sei, wie man bei einem flüchtigen Hinblicke vielleicht zu vermuthen geneigt war.
Die Wahrheit ist: der kleine Herr trug die Handschuhe in der linken Hand und hatte nur vergessen, sie anzuziehen, was sehr zu entschuldigen, weil er viel wichtigere Dinge, als etwas Frost, zu bedenken hatte. Das hinderte indessen nicht, daß er Stock und Handschuhe zuweilen austauschte, recht derb in die jedesmal die Handschuhe tragende Hand hineinhauchte, dabei einzelne Bemerkungen des Unwillens über die grimmige Kälte und deren Folgen für die armen, an Holz Mangel leidenden Leute fallen ließ, und zwar in so lautem Tone, daß die ihm Begegnenden, in der Meinung, von ihm angeredet zu sein, sich mehrfach nach ihm umschauten.
Er kümmerte sich indessen um nichts weniger, als um die Vorübergehenden. Er hatte ein bestimmtes Ziel vor Augen, und offenbar ein recht bedeutsames, oder er hätte seine Schritte nicht so sehr beflügelt; denn seine kurzen Beine, die einem ziemlich wohlbeleibten, jedoch nicht unproportionirten Oberkörper als Stütze dienten, bewegten sich in einem so raschen Tacte an einander vorbei, daß man deren Bewegung bei dem unsteten Laternenlicht kaum mit den Augen zu verfolgen vermochte.
Wäre er langsamer gegangen oder gar vor einer der flackernden Gasflammen ein Weilchen stehen geblieben, daß man ihn hätte genauer betrachten können, so würde man sich unstreitig an seinem Aeußeren ergötzt haben; doch nicht etwa, weil seine Gestalt um ein Erhebliches hinter der Mittelgröße zurückgeblieben war, oder weil die unstete Beleuchtung die merkwürdigsten Reflexe auf seine geröthete Nase warf, nein, keineswegs, denn das bemerkte man kaum; allein die freundlichen blauen Augen, die so klug und wohlwollend durch die ovalen Gläser seiner Brille rastlos umherschweiften, hätten dann wohl gefesselt, wie auch der Zutrauen erweckende, redliche Ausdruck, der auf dem ältlichen und nicht unschönen Gesichte, namentlich aber um die energisch zusammengekniffenen Lippen und die etwas über die Mittelgröße gerathene Nase schwebte.
Ja, die Nase hatte einen lebhaften Anflug, und zwar nicht allein von der Kälte, denn in diesem Falle hätte sie sich in der warmen Stube stets wieder entfärben müssen, was sie aber absolut nicht that, offenbar, um zum Verräther an ihrem jovialen Besitzer zu werden und der Welt hinterlistig zu verkünden, daß er nicht nur stark schnupfe, sondern auch zu gelegener Zeit sein Glas Rothwein trinke, ohne indessen dadurch zum regelmäßigen Trinker zu werden. Jedenfalls paßte die Nase zu dem Gesicht so vortrefflich, daß unter den vielen Tausenden, die in ihrem Leben schon einen Blick auf dieselbe geworfen, nicht ein einziger an ihr oder ihrem Besitzer etwas zu tadeln gefunden hätte.
»Hm, solche nichtswürdige Kälte, und dazu mitten im Winter, wo es den armen Leuten überhaupt schon der Theuerung wegen so kümmerlich geht!« grollte der kleine, alte Herr ärgerlich vor sich hin, als ob ihm fünfzehn Grad unter Null in den Hundstagen lieber gewesen wären.
»Tausend - Welt, noch einmal! Da schaffe Einer eine warme Stube, wenn er kein Holz und auch kein Geld hat - abscheulich! Aber das muß anders werden!« fuhr er nach einer Pause fort, und wie um seine Versicherung zu bekräftigen, schob er sein spanisches Rohr unter den linken Arm, worauf er eine große, silberne Tabaksdose aus der Westentasche hervorsuchte und mit der linken Hand auf dieselbe klopfte.
»Wahrhaftig zugefroren - tausend Welt, noch einmal!« sprach er laut, als der fast hermetisch schließende Deckel nicht sogleich vor seinen steif gefrorenen Fingern wich. »Aber warte, Halunke!« schalt er weiter, und nachdem er einige Male auf den Deckel gehaucht und demnächst mit dem Knopfe seines Rohrs gegen die Seite der Dose geklopft hatte, gelang es ihr leichter, Zugang zu dem köstlichen Inhalte zu finden.
»Ah, es ist unverantwortlich, bis in die Taschen hinein zu frieren! Aber, tausend Welt, wo sind meine Handschuhe?« fuhr er plötzlich auf, indem er, nach Unterbringung der Dose, alle Taschen prüfend betastete, jedoch seine linke Hand zu untersuchen vergaß, in der er sonst ganz gewiß die in Kugelform zusammengerollten Handschuhe gefunden hätte.
»Hm, meine theure Hälfte wird schönen Feuerlärm schlagen, wenn sie merkt, daß schon wieder ein Paar zum Teufel ist! Das sind schon die zweiten in dieser Woche. Wenn ich nur wüßte, wie sie ausgesehen haben! Kauf ich mir neue, so hilft's mir nicht, sie merkt's auf der Stelle, die gute Seele. O, terque quaterque, beati!« und dies mit einer unnachahmlichen komischen Herzlichkeit ausrufend und ohne die Eile seiner Schritte zu mäßigen, führte er sein spanisches Rohr mit kunstgerechter Bewegung, als sei es eine Flöte, an die Lippen, um einen lustigen Accord zu zischen - zum Pfeifen war es zu kalt - und mit den erstarrten Fingern die entsprechenden Griffe folgen zu lassen.
»Ah, da sind sie ja!« rief er vergnügt aus, als ihm beim Ansetzen der Finger an die Stellen, wo er sich die Flötenklappen dachte, die Handschuhe beinahe entfallen wären. »Ein wahres Glück, tausend Welt! Da sieht man, wozu das Flötenblasen gelegentlich gut sein kann!« Und schnell streifte er die Handschuhe auf seine Finger.
Eine lange Strecke legte er jetzt rüstigen Schrittes zurück, ohne wieder in sein behagliches Selbstgespräch zu verfallen. Erst als er in eine andere, hell erleuchtete Hauptstraße einbog, verlieh er seinen Gedanken und Betrachtungen auf's Neue halblaute Worte.
»Soll mich wundern, ob ich sie zu Hause treffe,« begann er, nach der Richtung hinüberspähend, in welcher sein Ziel lag. »Vornehme Leute sind manchmal wunderlich, sie gehen in Gesellschaft, wenn andere Menschen das Bett aufsuchen. Hm, das ist das Einzige, was mir an meiner kleinen Renate nicht gefällt; schadet aber nicht, bleibt doch ein prächtiges Mädchen, und ihre Schuld ist es nicht, wenn ihr Vater verlangt, daß sie sein Haus repräsentiren soll. Armes Kind, keine Mutter, einen ganz braven Vater, der sich indessen nicht viel um sie kümmert - sich also ohne allen Schutz durch die verderbte Welt durchwinden zu müssen! Hm, hm, hm, habe sie sehr lieb, die kleine Gräfin. Besitzt sie doch ein Herz, wie Gold, und mehr Verstand, als hundert Andere aus ihren Kreisen zusammengenommen!«
Unter solchen Bemerkungen, die sich nicht etwa eine unmittelbar an die andere anschlossen, sondern in längeren Pausen auf einander folgten, war der kleine Herr vor ein stattliches Haus gelangt, vor welchem zwei Laternen die Auffahrt hell beleuchteten und die Residenz eines vornehmen und reichen Mannes bezeichneten.
Nachdem er sich durch einen Blick nach dem Theile des Gebäudes hinauf, in welchem diejenige wohnte, die er zu sprechen wünschte, überzeugt hatte, daß die Fenster erleuchtet waren, trat er mit entschiedenem Wesen an das Portal heran, und gleich darauf ertönte in der Wohnung des Portiers ein heftiges Klingeln.
Die Thür wurde augenblicklich von unsichtbaren Händen geöffnet, und als der kleine Herr eintrat, eilte ihm auch schon ein Diener, der von dem energischen Klingeln auf sehr hohen Besuch gerechnet hatte, entgegen.
»Es ist nur der Herr Doctor,« sagte der Diener enttäuscht, aber höflich, sobald er den Eintretenden erkannte.
»Ja, ich bin der Doctor Bergmann, Freund, das lasse ich mir schon gefallen, allein das ›Nur‹ können Sie sich für jemand Anderes aufsparen - verstanden? Ich bin der Herr Doctor Bergmann und wünsche der Gräfin meine Aufwartung zu machen!«
»Die gnädige Gräfin steht im Begriffe, auszufahren; es ist bereits angespannt und dürfte es daher für den Besuch des Herrn Doctors zu spät sein,« antwortete der Diener noch höflicher, als zuvor.
»So, also ausfahren?« fragte der Doctor, die Arme über der Brust kreuzend und dem Diener herausfordernd in die Augen schauend. »Das können Sie allerdings wissen, lieber Mann; wer aber hat Ihnen gesagt, daß die Gräfin mich nicht vorher sehen will?«
»Von dem Herrn Doctor hat die Gräfin gerade nicht gesprochen; es hieß nur im Allgemeinen, daß sie heute Abend ausfahre und deshalb nicht mehr zu sprechen sei.«
»Gut, Freund, so gehen Sie nur hin und sagen Sie, der Doctor Bergmann sei da und habe ihr etwas dringend Nothwendiges mitzutheilen.«
Der Diener verschwand ohne Säumen auf der Treppe, erschien aber schon nach einer Minute wieder, um dem Doctor zu verkünden, daß es der Gräfin sehr angenehm sein würde.
Der Doctor nickte mit dem Kopfe, und nachdem er die Hülfe des Dieners zurückgewiesen, der ihm beim Ablegen seines Ueberziehers behülflich sein wollte, folgte er ihm langsam die mit dicken Teppichen belegte Treppe hinauf nach.
Vor der Thür der Gräfin blieb der Diener stehen, um den Doctor herankommen zu lassen und auf ein Zeichen von ihm die Thür zu öffnen. Doch auch hier wies er die angebotene Hülfe zurück; dagegen klopfte er selbst an, und ehe noch das freundliche und wohlklingende »Herein« ganz ausgesprochen war, befand er sich Renaten gegenüber.
»Tausend Welt, meine liebe Gräfin, sehen Sie wieder schön aus!« rief der alte Herr enthusiastisch, indem er die mit einem holden Lächeln dargereichte kleine Hand galant küßte und demnächst sein seidenes Taschentuch hervorholte, um die durch die Wärme getrübten Gläser seiner Brille zu poliren.
»Als ob ich nicht immer schön wäre!« lautete die mit einem bezaubernden Gemisch von Herzlichkeit und heiterer Laune ertheilte Antwort. »Aber setzen Sie sich, lieber Doctor, und erzählen Sie mir vor allen Dingen, welcher Art die wichtigen Geschäfte sind, die Sie noch zu so später Stunde hierhergeführt haben.«
Der Doctor hatte unterdessen seine Brillengläser gesäubert und nahm der Gräfin gegenüber Platz, während der ganzen Zeit aber keinen Blick von ihrem Antlitz wendend.
Und wohl hatte er Recht, die junge Gräfin schön zu nennen und seinen Ausspruch durch die aus seinen Augen hervorleuchtende Bewunderung gleichsam zu bekräftigen; denn wenn jemals Jugend und Liebreiz sich vereinigten, um ein weibliches Wesen mit einem unwiderstehlichen Zauber zu schmücken und zu umgeben, so war dies in vollstem Grade bei der jungen Gräfin Renate geschehen, nicht zu gedenken, daß aus den holden Zügen nur solche innere Regungen sprachen, die an sich schon genügend sind, alle Herzen zu gewinnen und für sich einzunehmen. Obwohl bereits im einundzwanzigsten Jahre, hatte das classisch geformte Gesicht doch viel von jenem kindlich-heitern, fast neugierigen Ausdruck beibehalten, der gewöhnlich mit den Kinderjahren Abschied nimmt und einer erhöhten, leider zu oft erkünstelten Befangenheit seine Stelle einräumt.
Ihre Haut war von fast durchsichtiger Zartheit, und lieblich contrastirten zu einander die rosig angehauchten Wangen, die reine Weiße des übrigen Antlitzes, die tiefblauen Augen mit den langen, dunklen Wimpern und Brauen, das üppige, einfach gescheitelte dunkelblonde Haar und der kleine, holdselig lächelnde rothe Mund mit den blendend weißen Zähnen.
Ihr Profil hatte einen edlen, gewissermaßen südlichen Schnitt und schien mehr auf tiefen, sinnenden Ernst zu deuten, so daß es überraschte, beim Hineinblicken in das volle Antlitz, dieses in jugendlicher Heiterkeit und einem Anfluge von Schalkhaftigkeit strahlend zu finden.
Der Besuch des Doctors, den sie wie einen lieben Freund empfing, hatte den Ausdruck der Heiterkeit noch gesteigert. Augenscheinlich erfreute sie es, von ihm bewundert zu werden; sie scheute sich sogar nicht, dem alten Herrn gegenüber etwas Coquetterie anzuwenden, die indessen so sehr in bestimmten Grenzen gehalten wurde, daß sie ihr mehr zur Zierde gereichte, namentlich aber einen anmuthigen Gegensatz zu der zwar reichen, jedoch im Schnitt durchaus einfachen Kleidung bildete, die den hohen, schlanken Körper umschloß.
»Wenn Sie mich lange genug betrachtet haben, lieber Herr Doctor,« begann Renate endlich, nachdem dieser abermals seine Brille behutsam abgewischt und mit den ausgebreiteten Fingern seiner rechten Hand in die über der Nase bereits tief ausgeprägte Falte gedrückt hatte, »dann gestatten Sie wohl Ihrem gehorsamsten Lieblinge, zu bemerken, daß ich im Begriff stehe, auszufahren.«
»Was so viel heißen soll, wie: Lieber Doctor, ich sehe Sie zwar sehr gern, aber in diesem Augenblicke wäre es mir doch lieber, wenn Sie sich zum Teufel scherten!« antwortete der Doctor, seine Tabaksdose mechanisch hervorziehend und mit derselben spielend.
»So etwas trauen Sie mir zu?« fragte die Gräfin mit erheuchelter Entrüstung, wobei aber ihre Augen vor innerem Wohlgefallen leuchteten. »Sie, der älteste Freund unseres Hauses, und mir, der wilden Renate, die einen großen Theil ihrer Erziehung den gediegenen Rathschlägen des hochverehrten Herrn Doctors Bergmann verdankt?«
»St!« zischte der alte Herr, indem er seine Dose schnell in die Westentasche schob und zu Renatens größtem Ergötzen auf seinem Stock, der ihn nie verließ, offenbar ohne es selbst zu wissen, einen kurzen Accord blies. »St, nur immer ruhig, meine liebe Renate, es war nicht so schlimm gemeint; ereifern Sie sich daher nicht, das beeinträchtigt Ihre Jugend und Schönheit ...«
»Immer der alte, liebenswürdige Schmeichler!« unterbrach ihn Renate mit hellem Lachen. »Aber Sie sind unvorsichtig, lieber Doctor, denn wiederholen Sie mir das noch oft, so bin ich gezwungen, es zu glauben!«
»Tausend Welt, als ob Sie das nicht längst wüßten!« polterte der Doctor, und mit der Schnelligkeit eines Gedankens hatte er von seiner Tabaksdose den richtigen Gebrauch gemacht. »Wissen Sie doch, daß Sie Ihrer vortrefflichen Mutter sprechend ähnlich sind, und das will doch wohl genug sagen!«
Bei diesen Worten stützte er beide Hände und das Kinn auf den goldenen Knopf seines Stockes, und mit wehmüthigem Ernst, jedoch innigem Wohlgefallen schaute er wieder zu Renate hinüber.
Die Augen der Gräfin hatten sich umflort.
»Warum mußte ich so früh meine arme Mutter verlieren?« sagte sie mit einem tiefen Seufzer.
»Ruhig, ruhig, liebes Kind, das läßt sich nun einmal nicht ändern; wenn der liebe Gott es einmal so beschlossen hat, dann sind wir Aerzte an den Krankenbetten die reinen Waisenknaben. Sie haben Ihre Mutter lange nicht so kennen gelernt, wie ich, denn Sie waren damals noch ein kleines Kind; auch dürfen Sie nicht vergessen, daß Sie noch einen Vater haben.«
»Der sich indessen nur wenig um mich kümmern kann,« schaltete die Gräfin ein.
»Ist auch nicht nöthig, mein liebes Kind; Sie sind verständig genug, um allein zu denken und zu handeln, und schlimmsten Falls haben Sie auch Freunde, warme, aufrichtige Freunde.«
»Unter denen ein gewisser Doctor Bergmann obenan steht,« versetzte Renate, dem alten Herrn mit einem dankbaren Lächeln die Hand reichend.
»Nun ja, Sie mögen nicht so ganz Unrecht haben,« entgegnete der Doctor, indem er die dargebotene Hand mit aller Kraft drückte, und auf Renatens schmerzhaftes Zucken ein väterliches: »Bitte um Verzeihung!« folgen ließ. »Aber wirklich, ich bin nicht gekommen, um Sie trübe zu stimmen oder großartige Elogen mit Ihnen auszutauschen - sagen Sie mir, wohin wollen Sie noch, trotz aller Nacht und Kälte, fahren?« fragte er plötzlich im Geschäftstone und sein rundes Kinn wieder auf den goldenen Knopf stützend.
»Zur Gräfin Clotilde.«
»Die Gräfin Clotilde kann Sie auf einen andern Abend einladen.«
»Aber warum denn, lieber Herr Doctor?«
»Weil Sie heute Abend nicht hinfahren werden.«
»Darf ich nach dem Grund fragen?«
»Gewiß, gewiß, mein liebes Kind; weil Sie mit mir fahren müssen, oder ich vielmehr mit Ihnen, denn ich bin zu Fuße hergelaufen. Ich hatte nämlich keine Zeit, vorher nach Hause zu gehen und anspannen zu lassen.«
»Und wohin, wenn ich fragen darf?« erwiderte die Gräfin keineswegs überrascht, jedoch mit einem hohen Grade von Spannung und natürlicher Neugierde sich dem Doctor zuneigend.
»Dahin, wohin Sie und ich gehören - ich meine, in die Wohnung des unverschuldeten Elends. Also beeilen Sie sich, mein liebes Kind, wickeln Sie sich warm ein, denn draußen ist es malitiös kalt, und dann vorwärts!«
»Solch strengem Befehle gegenüber läßt sich allerdings nichts ausrichten,« versetzte die Gräfin, sich mit der größten Bereitwilligkeit erhebend, welchem Beispiele der Doctor, in der einen Hand den Hut, in der andern den Stock, augenblicklich folgte. »Aber behalten Sie Platz, Herr Doctor, so schnell geht das nicht,« fügte sie mit herzlicher Freundlichkeit hinzu: »erstens muß ich absagen lassen ...«
»Schicken Sie einen Bedienten hin, liebes Kind.«
»Nein, das geht nicht,« entgegnete die Gräfin, zu ihrem Schreibtische hineilend. »Ich weiß wohl, Sie lieben die Gräfin Clotilde nicht sehr ...«
»Nein, wahrhaftig nicht!« rief der Doctor aus, indem er sich in Bewegung setzte und mit eiligen Schritten und seinen Stock fest auf die den Schall dämpfenden Teppiche aufstoßend das Gemach zu durchmessen begann.
»Nun, wenn Sie die Gräfin auch nicht lieben, so darf das für mich doch kein Grund sein, mir eine Unhöflichkeit zu Schulden kommen zu lassen.«
»Gewiß nicht, mein liebes Kind,« pflichtete der Doctor mürrisch bei.
»Uebrigens thun Sie der Gräfin sowohl als auch ihrem Bruder großes Unrecht, denn Beide haben mir mehr als einmal die untrüglichsten Beweise ihrer wahrhaft freundschaftlichen Gesinnungen und Anhänglichkeit gegeben.«
»Wir wissen auch, warum,« grollte der Doctor, seinen Stock während des Gehens heftiger aufstoßend. »Eine reiche Erbin findet man nicht alle Tage - Tausend Welt! - und ein so schönes Mädchen dazu. Denke aber, mit dabei zu sein. Hm, ja, es ist niederträchtig!«
Die Gräfin achtete nicht auf die halblaut gesprochenen Worte; sie hatte zu schreiben begonnen. Sobald Sie den kurzen Brief beendigt und zugesiegelt hatte, drückte sie mit dem Zeigefinger auf eine vor ihr stehende Glocke, auf deren silberreinen Klang sogleich ein Diener erschien.
»Tragen Sie den Brief zu der Gräfin Clotilde,« sagte sie mehr bittend als befehlend. »Verstehen Sie mich auch recht; geben Sie den Brief ab, ohne auf Antwort zu harren. Bestellen Sie im Vorbeigehen, daß der Wagen vorfahre, und lassen Sie noch einen zweiten Fußsack hineinlegen.«
»Sehr gut, mein liebes Kind,« bemerkte der Doctor, sobald die Thür sich hinter dem Diener geschlossen hatte. »Aber legen Sie festes Schuhzeug an, wir werden wohl eine Strecke zu Fuß gehen müssen.«
»Zu Fuße?« fragte die Gräfin befremdet.
»Ja, zu Fuße,« entgegnete der Doctor entschieden. »Seien Sie indessen unbesorgt; erstens bin ich bei Ihnen, und dann ist die frische Nachtluft Ihnen auch nur gesund.«
»Muß ich etwas Geld mitnehmen?« fragte die Gräfin mit bezauberndem, kindlich-folgsamem Wesen zurück.
»Ein paar Thaler können nicht schaden, denn das meinige habe ich bis auf den letzten Pfennig ausgegeben. Besser ist aber noch etwas Wäsche, und vor allen Dingen eine oder zwei wollene Decken.«
Die Gräfin verschwand in ein Nebengemach; der Doctor dagegen begann von Neuem mit vergrößerter Hast auf und ab zu schreiten, mit verstärkter Heftigkeit seinen Stock auf den weichen Teppich zu stoßen oder flötenartig an seine Lippen zu bringen und, wie um das Versäumte nachzuholen, häufiger seiner Tabaksdose zuzusprechen.
Aber auch sein Geist schien noch reger geworden zu sein, denn in schnellerer Folge entwanden sich die in laute Worte gekleideten Gedanken seinen Lippen.
»Hm, ein prächtiges Mädchen,« sprach er vor sich hin, und seine Blicke streiften gleichgültig die reiche und geschmackvolle Einrichtung des Gemaches. »Gerade wie ihre Mutter - habe die gute Frau in meinen jungen Jahren mehr geliebt, wie meine Alte vielleicht gutgeheißen hätte - schadet aber nicht, sie verdiente auch Liebe, und ihr einziges Kind verdient sie auch - Tausend Welt, das Mädchen ist mir an's Herz gewachsen! Hm, und so brav und edel, so vertrauensvoll - thut Alles, was ich sage - sie kann's aber auch, denn lieber ließ ich mir den Kopf amputiren, ehe ich ihr einen schlechten Rath ertheilte! Huh, diese Gräfin Clotilde und ihr sauberer Bruder! Wollen mir das Kind umstricken - aber ich passe auf - Tausend Welt noch einmal! Im Gutesthun veredelt sich das Gemüth, und an Gelegenheit lasse ich es ihr nicht fehlen.«
Dieser Art war das Selbstgespräch, welches der Doctor führte, und so weit war er auch ungefähr mit seinen Betrachtungen gekommen, als die Gräfin vollständig reisefertig in der Thüre erschien. Ihr auf dem Fuße folgte mit einem umfangreichen Bündel eine ältere Dienerin, die den Auftrag erhielt, ihre Last sogleich in den Wagen zu legen.
Der Doctor zögerte darauf nicht länger. Nachdem er noch einen zufriedenen, fast zärtlichen Blick auf Renate geworfen, in deren lebhaften Augen die hohe Theilnahme glühte, welche sie schon jetzt für eine ihr noch vollständig unbekannte Sache hegte, schritt er ihr voraus der Thüre zu.
Ein Diener, auf dem Arme den Ueberrock des Doctors, schloß sich ihnen auf der Treppe an, doch bequemte der alte Herr sich erst unten auf der Hausflur dazu, den Rock, und zwar, nach Zurückweisung jeder Hülfe, anzuziehen, und einige Secunden später saß er neben der Gräfin im Wagen. Er bezeichnete sodann noch die Stelle, auf welcher der Wagen halten solle, und in raschem Trabe eilten die Pferde durch die erleuchteten Straßen dem in nur spärlich durch trübe Laternen unterbrochenem Dunkel daliegenden verrufensten Stadttheile zu.

7. In der Höhle des Elends.

In jeder großen oder auch nur größeren Stadt, gleichviel, in welchem Lande und welchen Namens, befinden sich Straßen, die vorzugsweise dem Geschäftsverkehr eingeräumt sind, und andere, in denen der Scheinglanz irdischer Größe und des Reichthums seine dauernde Wohnung aufgeschlagen hat. Wieder andere und durch ihr zum Theil rußiges Aeußere weniger einladende Stadttheile erweisen sich als die Asyle der im Kleinen schaffenden Gewerke, in welchen die Nähnadel geschwungen, der Schusterpfriemen gehandhabt und vor winzigen Essen rothglühendes Drahteisen in kurze und lange, kopflose und dickköpfige Nägel verwandelt wird.
Noch andere Gassen und Gäßchen zeichnen sich dadurch aus, daß in ihnen Haus bei Haus die Thüren mitgetragenen und funkelnagelneuen Kleidungsstücken so dicht verhangen sind, daß sie kaum noch einen Durchgang gewähren, während die trüben Schaufenster ganze Arsenale von verrosteten Säbeln, verbogenen Czako's, vergilbten und grün angelaufenen Tressen, Knöpfen und Epaulettes und verblichenen Uniformstücken zeigen.
Endlich aber auch stößt man auf zusammengedrängte Häuserreihen, in welchen Elend und Verbrechen heimisch sind und wohin die wärmenden und belebenden Sonnenstrahlen wie ermuthigender Trost und liebreiche Ermahnungen nur spärlich, sehr spärlich ihren Weg finden.
Was sollten auch wohl die Sonnenstrahlen in den engen Gassen und Höfen, wo ihre Wärme dazu dienen würde, den feuchten Kehrichthaufen giftige Miasmen zu entlocken? Was sollen Trost und Ermahnungen in branntweinduftenden Höhlen oder am Lager der Hungernden und Kranken, die nur in der erstarrenden Hand des Todes ihren letzten Trost erblicken und sich durch das Ersinnen und Ausführen von Verbrechen gleichsam an der gefühllosen Welt zu rächen suchen? Wer aber unter solchen, die von einem freundlichen Geschicke dazu berufen, vor festlich geschmückten und strahlenden Zuhörern und andächtig erhobenen Augen weise Betrachtungen über den barmherzigen Samariter anzustellen, möchte die mit Wohlgerüchen angefüllte Atmosphäre mit der dicken Luft in jenen scheußlichen Baracken, wenn auch nur auf Stunden, vertauschen, um mit der Erklärung des kindlichen Spruches: »Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in das Himmelreich komme,« die Zeit zu vergeuden?
Wie Glanz und Reichthum ihre Privilegien besitzen, so sind auch dem Elende und dem Verbrechen ihre Vorrechte stillschweigend von der Gesellschaft zuerkannt worden, nämlich die Vorrechte, daß Seufzer und Klagen ungehört verhallen dürfen, die Augen der wachsamen Polizei gleich kalt über unverschuldete wie verschuldete Leiden hinwegschweifen und, außer der strengen Hand der Gerichtsbarkeit, sich Niemand in ihre inneren Angelegenheiten mischt.
Es ist daher auch überflüssig, die Wege, die nach jenen verrufenen Stadtwinkeln führen, genauer zu beschreiben. Derjenige, dessen Endziel in jenen finsteren Regionen liegt, wird sie früh genug und ohne weitere Anweisungen erreichen, und Andere, die höchstens von Neugierde beseelt sind, brauchen nur dem täglich in unabänderlicher Weise einherwogenden Menschenstrome zu folgen, um in weitem Umkreise um die Abscheu einflößenden Orte und Gegenden herum zu gelangen, wonach deren Lage dann leicht zu berechnen. Für diejenigen aber, die auf ungefährlichem Wege und ohne die von Laster und Krankheitsstoffen geschwängerte Luft einzuathmen, also durch Mittheilungen Anderer, sich Kenntniß von einzelnen Vorgängen in dem modernen Gomorrha zu verschaffen wünschen, für die genügt es, zu wissen, daß das Haus, in welches ihnen hier im Geiste Zugang verschafft werden soll, in einem engen Gäßchen liegt, welches eine andere, diesem sprechend ähnliche, nur viel längere Gasse quer durchschneidet und auf dem einen Ende sackartig ausläuft, mit dem andern Ende dagegen in eine düstere, vom Verkehr nur spärlich berührte Straße mündet. Das betreffende Haus scheint uralt zu sein; es ist wenigstens nicht denkbar, daß ein Gebäude, welches vier Stockwerke hoch hinaufreicht und dessen wenige kleine, fast gleichseitige Fenster willkürlich auf der umfangreichen Wand ohne die geringste Symmetrie angebracht wurden, in den beiden letzten Jahrhunderten errichtet worden ist. Auch die niedrige Lage der vergitterten Fenster des Erdgeschosses, sowie der Umstand, daß von der schmalen Hausthür aus gleich einige Stufen nach innen niederwärts führen, und daß an vielen Stellen der rußige Kalküberzug von dem mit verrosteten Nägeln und Drahtgeflecht bedeckten Fachwerk abgefallen ist, sprechen für das hohe Alter der unheimlich düsteren Baulichkeit.
Bei Tage scheint dieselbe ausgestorben zu sein, oder sie gleicht vielmehr einem alten Magazine, in welchem nur solche Gegenstände untergebracht werden, die man in vielen Jahren nicht anzurühren und noch weniger hervorzuholen gedenkt; denn so lange bleibt ein Vorübergehender nicht vor derselben stehen, um die einzelnen übernächtigen und von verwirrtem Haar umgebenen Gesichter zu bemerken, die gelegentlich hinter den erblindeten, theilweise mit Papier verklebten Fenstern vorübergleiten oder auch stiere, gleichgültige Blicke nach der Straße hinaus werfen. Kinder aber befinden sich zur Tageszeit nicht im Hause; sie sind fort, weit fort, nach Gegenden, wo man sie nicht kennt, theils um zu betteln, theils um dem ergiebigeren Gewerbe der Dieberei nachzugehen.
Doch auch an jenem kalten Winterabende, an welchem Doctor Bergmann die Gräfin Renate zu dem nächtlichen Ausfluge aufforderte, zeigte das unheimliche Haus nur wenig Leben auf der Straßenseite.
Alles war still hinter den düsteren Mauern, und die Stille war um so auffälliger, als durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden des unteren Geschosses schmale, wenn auch trübe Lichtstreifen die Anwesenheit von Menschen verriethen, während in den oberen Stockwerken hier und dort eine matte Beleuchtung durch die dick mit Eis belegten Scheiben in's Freie fiel.
Dort oben brauchte man keine Fensterladen, um das Treiben der Bewohner vor neugierigen, unberufenen Blicken zu verbergen, indem das gegenüberliegende, kaum sechszehn Fuß weit entfernte Haus mit seiner von keinem einzigen Fenster unterbrochenen Rückwand die Gasse begrenzte, das rußige Fachwerk also einen weit besseren Schutz gegen fremde Augen gewährte, als die Tausende und aber Tausende von Eiskrystallen, die auf den Scheiben in eine einzige Kruste zusammengefroren waren. Herrschte in dem Hause aber wirklich geräuschvolles Leben, so befand sich dasselbe nach dem Hofe hinaus, also durch zu viele Wände und Räumlichkeiten von der Straße getrennt, als daß die Ohren einzelner vorüberschreitender Wächter der öffentlichen Sicherheit dadurch hätten berührt werden können.
Wie schon erwähnt, führten von der Hausthür drei Stufen niederwärts auf die Hausflur, die als schmaler Gang die Straße mit einem kleinen Hofe verband. Der Hof bildete indessen keineswegs die Grenze des Grundstücks, sondern, sich an die Rückwand des nächsten Hauses anlehnend, erhob sich auf demselben eine Art Hintergebäude. Dasselbe, obwohl in einem Zustande gefährlicher Verwitterung, war in fast allen Theilen bewohnt, und zwar von Leuten, die, freier in ihren Bewegungen, sich wenig darum kümmerten, in wie hohem Grade der von ihnen erzeugte Lärm den engen Hofraum erfüllte.
Nur in dem einen Winkel zur ebenen Erde, der rechts von der windschiefen und lose in ihren Angeln hängenden Thüre lag, herrschte ein dumpfes Schweigen. Dasselbe bildete einen seltsamen Gegensatz zu dem wilden, summenden Geräusch in den übrigen Theilen der Baracke, aber auch zu dem hellen, flackernden Schein, der das ungleichseitige, mit lauter kleinen, geborstenen Scheiben ausgefüllte und dick beeiste Fenster transparentartig erglühen machte.
Zu der hinter diesem Fenster liegenden Räumlichkeit gelangte man, indem man sich nach mühsamem Hindurchwinden durch die von einer nur unwillig gehorchenden Thür versperrte Pforte gleich rechts wendete und mittelst eines nach außen hängenden dünnen Riemens eine hölzerne Klinke emporzog, worauf eine in allen Fugen bewegliche Thür knarrend nach innen wich und den Eingang offen legte.
Wer indessen, sei es nun aus Neugierde oder aus edleren Gefühlen, um fremdes Unglück kennen zu lernen, auf der morschen Schwelle angekommen wäre, der würde unwillkürlich gezögert haben, einzutreten, so ergreifend und zugleich zurückschreckend war der Anblick, der sich ihm bot.
Zwar brannte auf dem kleinen Feuerherd, der zugleich die Stelle des Ofens vertrat, ein helles, von frisch gespaltenem Holze genährtes Feuer, eine erträgliche Wärme in dem Gemach verbreitend; zwar lag neben dem Herde auf den halb vermoderten Dielen noch Holz genug, um das Feuer vierundzwanzig Stunden hindurch in derselben verschwenderischen Weise brennend zu erhalten, doch schwächte dies in Nichts den Eindruck ab, welchem ein fremder Beobachter bei der Wahrnehmung des übrigen Elends unterworfen gewesen wäre. Denn nicht nur war durch den plötzlichen Zusammenstoß der Wärme und der eisigen Kälte, in Folge dessen sich die Eiskrystalle auf den Wänden und der Decke in große Wassertropfen verwandelten, die Luft noch schwerer und ungesunder geworden, sondern auch der Mangel jeglichen Hausgeräthes, auch des allernothwendigsten, bewies, daß das Elend in seiner schrecklichsten Gestalt an diesem Orte seine Wohnung aufgeschlagen habe und man mit der Vorsehung hätte rechten mögen, daß menschlichen Wesen eine solche Stätte zum Aufenthalt dienen durfte. -
Vor dem niedrigen Herde stand ein Kind, ein Mädchen von etwa neun Jahren, ämsig damit beschäftigt, das Feuer zu schüren und zugleich den Inhalt eines neuen blechernen Kesselchens, welches mittelst einer von dem bleigefaßten Fenster losgebrochenen dünnen eisernen Stange über den Flammen befestigt worden war, zu überwachen.
Neben dem Feuer lagen mehrere Weißbrödchen, augenscheinlich dazu bestimmt, in die warme Milch gebrockt zu werden; doch hatte das Kind seinen Hunger nicht so lange zu bewältigen vermocht, und mit einer Mitleid erregenden Gier aß es von einem der Brödchen, welches es selbst während der Arbeit nicht aus der Hand legte.
Das arme Kind schien sehr, sehr hungrig zu sein. Wie viel Hunger und Kälte es aber in seinem zarten Alter schon erduldet hatte, das bezeugten die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen, die bleiche, kränkliche Farbe der eingefallenen Wangen und vor Allem die schreckliche Hagerkeit der kleinen Glieder, die überall aus der den schmächtigen Körper nur theilweise verbergenden Lumpenhülle hervorlugten.
Kaum zwei Schritte von dem Feuer entfernt, auf einem Lager von dumpfigem Stroh und bedeckt mit einer Anhäufung von Lumpen, aus deren Form oder Farbe nicht mehr zu erkennen war, zu was sie ursprünglich bestimmt gewesen, lag die Mutter des Kindes.
Was bei dem Kinde zum tiefsten Mitleid hinriß und seiner Jugend wegen ein Gefühl schmerzlicher Rührung erweckte, das steigerte sich beim Anblicke der elenden, von schwerer Krankheit heimgesuchten Frau zu einer wahren Herzensangst, wenn man in deren matt glänzenden Augen noch immer den Ausdruck mütterlicher Liebe und Schmerzes las, mit welchem sie, trotzdem sie ihre Worte an eine andere Person richtete, die Bewegungen der stillen, gegen äußere Eindrücke fast abgestumpften Tochter verfolgte.
Die Lage des siechen Körpers entdeckte man kaum unter der Lumpenanhäufung; dagegen gewahrte man deutlicher, daß er, geschüttelt vor Fieberfrost und Kälte, heftig bebte und zuckte. Sonst erblickte man nur das hagere, geisterbleiche Antlitz mit dem wirren braunen Haar, den schmalen, bläulichen Lippen und den halb flehenden, halb trotzigen großen Augen.
An einen alten, dreibeinigen Tisch gelehnt, das einzige Hausgeräth, welches in dem höhlenähnlichen Gemache vorhanden war, und halb auf demselben sitzend, stand der Mann der Unglücklichen.
Verhältnißmäßig wohl gekleidet, wie er war, schien er nicht hierher zu gehören; dagegen lag in dem finsteren Blick der unter den buschigen, über der Nase in eine dicke Falte zusammengezogenen Brauen hervorlugenden Augen ein Ausdruck, der darauf hindeutete, daß er sich hier als Herr fühle und das Bewußtsein hege, nach Willkür über die außer ihm noch in dem Gemache befindlichen Geschöpfe verfügen zu können.
Sein Gesicht war knochig, doch nichts weniger, als von Noth und Entbehrungen gezeichnet. Es hätte vielleicht hübsch genannt werden können, wenn nicht eben wilde Entschlossenheit und brutale Gleichgültigkeit so scharf auf demselben ausgeprägt gewesen wären und die wulstigen, von einem stattlichen Schnurrbarte beschatteten Lippen und der ungewöhnlich weit vorstehende Unterkiefer der ganzen Physiognomie den Charakter gefährlicher Leidenschaftlichkeit und sittlicher Verderbtheit verliehen hätten.
Ein abgetragener, tief über die Stirne gezogener Hut erhöhte das Finstere seiner Züge; ein weiter Paletot hing lose um die breiten, kraftvollen Schultern und verbarg auf diese Weise seinen übrigen Anzug bis auf den untersten Theil der hellgrauen Beinkleider, die, offenbar ursprünglich nicht für ihn bestimmt und angefertigt, mittels schmaler Sprungriemen unter den schief getretenen Stiefeln sehr straff befestigt waren. In den Händen hielt er nachlässig eine kurze Pfeife mit silberbeschlagenem Maserkopf, und daß es ihm nicht an dem entsprechenden Tabak fehle, bewiesen die fettig glänzenden, grünen Schnüre eines Tabaksbeutels, die lang aus der einen, dick aufgebauschten Tasche seines Paletots niederhingen.
Augenscheinlich hatte er längere Zeit mit brutaler, fast thierischer Gleichgültigkeit auf die bitteren Klagen und Vorwürfe derjenigen hingehört, die er seine Frau nannte. Als dieselbe dann endlich vor Erschöpfung und Fieberkälte nicht weiter zu sprechen vermochte, wendete er seine Blicke mit Unheil verkündender Ruhe auf sie hin.
»Hoffentlich bist Du jetzt zu Ende mit Deinen Klageliedern, die Dir doch zu nichts helfen,« begann er, indem er die Pfeife an seine Lippen führte, sie jedoch, weil sie leer war, sogleich mit einer ungeduldigen Geberde niedersinken ließ; »bin ich vielleicht besser daran? Nein, viel schlechter; denn dort habt Ihr Euren Kessel Milch, den Ihr ungestört verzehren könnt, während ich mit Pfeife und Tabak hier stehe, ohne rauchen zu dürfen.«
»Aber der Doctor, was soll er von uns denken, wenn er bei seinem Eintritt den Tabak riecht?« fragte die unglückliche Frau mit dumpfer Stimme.
»Hole der Teufel den Doctor,« entgegnete der Mann zornig, »und Euch dazu, daß Ihr mir solche Leute auf den Hals zieht!«
»Dies sagst Du zu Deinem hungernden Kinde? Hättest Du für Brod gesorgt, würde das Kind nicht gezwungen gewesen sein, den fremden Herrn um eine Gabe anzusprechen, und daß derselbe das arme, vor Kälte und Hunger bebende Geschöpf bis in seine Wohnung begleitete, ist doch nicht unsere Schuld. Und welch ein Segen war es, daß er es hat,« fügte sie mit milderem Ausdrucke hinzu; »o, die Wärme thut so wohl, und nun gar noch die Aussicht auf die warme Milch! Sieh doch Riekchen, wie es ihr schmeckt; Du hast in Deinem Leben noch keinen Hunger gelitten, oder Du würdest besser für Brod sorgen.«
»Sorge für Brod, wenn der Verdienst schlecht ist und die Lebensmittel mit jedem Tage theurer werden!«
»Und dennoch kann Dein Verdienst nicht gering sein, wenn er Dir die Mittel giebt, in den Kellern Fleisch zu essen, Bier und Branntwein zu trinken und Karten zu spielen.«
Der Mann stieß als Antwort ein dumpfes Lachen aus.
»Sage mir wenigstens, wie Du Dein Geld verdienst und verdienen willst, und ich bitte den gütigen Herrn, daß er Dir Arbeit verschafft.«
Der Mann lachte wieder unheimlich; plötzlich aber färbte sich sein Gesicht braunroth und heftig rief er:
»Weib, was kümmert's Dich, wo ich mein Geld hernehme, seit Du auf dem Rücken liegst und selbst nichts verdienst? Aber merke Dir's, der Doctor braucht gar nicht zu wissen, daß Du noch einen Mann hast! Hörst Du, Rieke?« rief er darauf dem erschreckt zusammenfahrenden Mädchen zu, »wenn der fremde Herr Dich nach Deinem Vater fragt, so sagst Du, der sei seit Jahren todt; verstanden?«
Das Kind nickte ängstlich.
»Machst Du Deine Sache gut, bringe ich Dir ein neues Halstuch und ein Paar Strümpfe mit,« fügte er darauf mit milderem Ausdruck hinzu, und dann richtete er seine Worte wieder an die kranke Frau:
»Also Dein Mann ist seit Jahren todt, vergiß das nicht, es wird Dir's doppelt einbringen.«
»Damit Du es uns wieder nehmen kannst.«
»Schweig!« rief der Mann, heftig auffahrend, aus, und zugleich hob sich die geballte Faust, als ob er die in derselben befindliche Pfeife nach der Kranken habe schleudern wollen. »Wenn ich mir von dem Gelde des Doctors etwas Tabak und Branntwein kaufte, so ist das kein Unglück; wäre ich nicht so niederträchtig abgebrannt, daß ich schon heute bei einem Freunde zur Nacht essen mußte, würde ich es nicht gethan haben ...«
»Wir hätten nicht einmal ein Brodrinde gehabt.«
»Das wäre allerdings schlimm gewesen,« antwortete der Gauner, indem er einen halb bedauernden, halb zornigen Blick auf das Mädchen warf; »aber nun ist ja die größte Noth abgewendet, Ihr werdet satt gemacht, warm ist es auch, und Du hast daher keinen Grund, mich zu einer That zu reizen, die vielleicht nicht wieder gut zu machen wäre.«
»Ich Dich reizen?« fragte die Frau befremdet.
»Du brauchst Dich nicht zu verstellen, ich weiß Alles. Du hast geglaubt, ich läge in der Kammer und schliefe; aber ich schlief nicht, und ich will jetzt wissen, was Deine Brust so schwer bedrückt und was Du dem Doctor in Gegenwart eines Zeugen mitzutheilen und zu übergeben beabsichtigst.«
Bei dieser Anrede wurde das Gesicht der Frau noch fahler, und indem sie sich vergeblich bestrebte, ihre wachsende innere Unruhe zu verbergen, brachte sie mühsam heraus: »Ich weiß von nichts.«
»So, also Du weißt von nichts? Gut, so werde ich Dein Gedächtniß auffrischen. Du sagtest zu dem Doctor, Du habest ihm eine Mittheilung von der größten Wichtigkeit zu machen; es sei ein Geheimniß, welches Du nicht mit hinübernehmen könntest, im Falle Du sterben solltest, da das Wohl und Wehe anderer Menschen davon abhänge. Er möchte aber noch einen sichern Zeugen, jedoch keinen vom Gerichte, mitbringen, der später Deine Worte bekräftigen könne. Auch wollest Du ihm einen Beweis für die Richtigkeit Deiner Aussagen übergeben. Ich merkte wohl, um den Zeugen war es Dir gar nicht so sehr zu thun. Du wolltest nur den Doctor veranlassen, wiederzukommen, selbstverständlich zu einer Zeit, in welcher ich nicht zu Hause sei, damit die ganze Geschichte hinter meinem Rücken abgemacht werden könne. Der Doctor kam Dir wie gerufen. Solche noble Leute betreten nicht alle Tage unsere Wohnung. Das hattest Du indessen nicht erwartet, daß der quecksilberne Doctor noch in dieser Nacht mit seinem Zeugen zurückkehren würde, eben so wenig warst Du aber auch darauf vorbereitet, daß ich die Nacht in Deiner Gesellschaft zuzubringen wünschte. Hast mir zwar Winke genug gegeben, außerhalb zu nächtigen; allein warum sollte ich gehen? Ist es doch warm hier und steht mir außerdem die Freude bevor, Euch endlich einmal wieder nach Herzenslust essen zu sehen! Du begreifst also, ich habe kein Wort von Deiner Unterredung mit dem Doctor verloren, sei daher gut und vertraue mir Dein Geheimniß an.«
»Ich weiß nichts,« flüsterte die Frau, die, so lange ihr Mann sprach, mit dem Ausdruck des Entsetzens und ohne ihn zu unterbrechen zugehört hatte.
»Du weißt nichts, so - ist das Dein letztes Wort?« fragte der Gauner höhnisch, indem er seine Pfeife in die Tasche schob.
»Ich weiß nichts, und wüßte ich Etwas, würde ich es nicht sagen, und wenn Du mich todtschlügst!«
»Hm, das Todtschlagen würde mir nicht viel helfen; Dein Geheimniß ginge für mich verloren, und ich hätte alle Aussicht, gegen meinen Wunsch freies Quartier zu erhalten. Nein, nein, so dumm sind wir nicht! Ich besitze andere und durchgreifendere Mittel, Dich sprechen zu machen. Ich werde mit Riekchen, anstatt daß es die warme Suppe verspeist, einen kleinen Spaziergang auf's Land machen und dabei etwas schnell gehen. Kann es mir dann nicht folgen, so ist es seine eigene Schuld, und ich will nur wünschen, daß es nicht ermüdet und sich hinsetzt; dergleichen ist nämlich gefährlich bei kaltem Wetter. Nicht wahr, Riekchen?«
Das Kind heftete einen blöden Blick auf den grausamen Vater und nickte zustimmend. Die Mutter dagegen warf sich mit einem schmerzlichen Stöhnen auf die Seite; dann aber sich mit letzter Kraft in eine sitzende Stellung emporrichtend, rief sie entsetzt aus:
»Elender, Du wirst Dein Kind nicht ermorden wollen! - Ich weiß nichts, ich sage Dir, ich weiß nichts! Rühre das Kind an, und ich schreie alle Leute im Hause zusammen!«
»Von Ermorden ist keine Rede,« antwortete der Mann entschieden, »und schreien kannst Du so viel, wie Du willst; unsere Nachbarn werden sich nicht sehr erheblich um Deinen Feuerlärm kümmern, und den möchte ich sehen, der mir wehren wollte, mit meinem leibeigenen Kinde einen Spaziergang zu machen! Also entscheide Dich; Du weißt, ich spaße nicht lange. Willst Du sprechen oder nicht?«
»Ich kann nicht, ich darf nicht, Du würdest mich und Andere unglücklich machen, nein, nein! Du bist der Letzte, der es wissen darf!«
»So, ich also der Letzte?« wiederholte der Mann zähneknirschend. »Gut, dann kann ich Dir nicht helfen!« Und so sprechend, schritt er nach dem Feuerherde hin und mit rauhem Griff faßte er seine Tochter an der Hand.
»Laß mich essen,« versetzte das Kind, sich sträubend, »ich habe Hunger, und die Milch wird gleich überkochen.«
»So, nun wird sie nicht mehr überkochen,« erwiderte der unnatürliche Vater, indem er den Kessel vom Feuer nahm. Deine Mutter kann die schöne, warme Suppe allein essen; wir haben noch einen Gang vor uns - komm, komm.«
»O, laß mich, laß mich,« flehte das Mädchen, in Thränen ausbrechend, »es ist hier so warm und draußen liegt tiefer Schnee!«
»Mein Kind!« schrie die Mutter heiser, »Elender, schone das Kind!«
»Willst Du sprechen?« fragte der Mann zurück, während er das jammernde Mädchen nach der Thüre hinzog.
»Ich kann nicht!« stöhnte die Mutter. Als aber die Thür sich öffnete und der Mann eben hinaustreten wollte, brach ihre letzte Kraft. Mit einem dumpfen Schrei sank sie hintenüber, und kaum besaß sie noch Leben genug, mit röchelnder Stimme zu versichern, daß sie Alles sagen wolle, was er nur irgend zu wissen wünsche.
»Wirst Du mir auch das Beweismittel zeigen, von dem die Rede war?« fragte der Gauner ruhig.
»Alles, was Du willst,« lautete die kaum verständliche Antwort.
»Ich wußte wohl, daß Du nachgeben würdest,« versetzte der Mann kaltblütig, indem er das Kind losließ und die Thür wieder schloß; »es sollte mir auch Riekchen's wegen leid gethan haben. Aber, Riekchen, nun esse so viel Du irgend kannst und magst, und kümmere Dich nicht um das, was ich mit Deiner Mutter spreche.«
Auf den Befehl seines Vaters suchte das Kind einen verrosteten Löffel aus einem Winkel hervor und begann mit Behagen von der Suppe zu essen, während der Mann ein Töpfchen voll Milch aus dem Kessel abgoß und es der halb ohnmächtigen und an allen Gliedern bebenden Frau darreichte.
Nachdem die Frau sich durch einen langen Trunk gekräftigt, kauerte er sich neben sie nieder, sie auffordernd, nun ohne Umschweife ihr Geheimniß zu enthüllen.
Die von körperlichen Leiden und Seelenqualen gefolterte Frau fragte: »Du bist also unerbittlich?«
»Unerbittlich,« lautete die ruhige Antwort.
»So mag es darum sein. Mögest Du indessen nie einen schlechten Gebrauch von meinem Geheimnisse machen, denn aller Fluch, der darauf folgt, fällt nicht nur auf Deine Seele, sondern vielleicht auch auf Dein Haupt zurück!«
»Laß nur immer fallen,« schaltete der Bösewicht gleichmüthig ein, und die Frau, als ob sie die Bemerkung nicht vernommen hätte, fuhr fort:
»Du weißt, wo ich mich vor unserer Verheirathung aufhielt und daß ich auf redliche Weise meinen Unterhalt verdiente.«
»Das sind Nebensachen,« bemerkte der Mann ungeduldig. »Ich will wissen, um was es sich hauptsächlich handelt; beeile Dich daher, damit Du zu Ende kommst, bevor der Doctor wieder eintrifft.«
»Ja ja, ich will. So unbescholten, wie die Leute mich hielten, war ich indessen nicht ...«
»Was ich auch nie geglaubt habe,« versetzte der Mann, brutal lachend.
»Nein, ich hatte eine schwere Schuld auf mich geladen, indem ich für Geld und auf Zureden eines vornehmen Mannes mich verleiten ließ, heimlich in die Stube des alten Pfarrers, bei dem ich diente, einzudringen und ein Blatt aus einem nicht mehr im täglichen Gebrauche befindlichen Kirchenbuche zu entfernen. So, das ist mein ganzes Verbrechen, und es ist groß genug, mir meine Ruhe auf ewig zu rauben!«
»Ich sehe die Größe des Verbrechens gerade nicht ein,« entgegnete der Gauner, seine Frau immer aufmerksamer betrachtend. »Es handelt sich zuerst darum, zu welchem Zwecke das lumpige Papier gestohlen wurde. Man muß doch einen Grund gehabt haben?«
Die Frau sann eine Weile nach - offenbar hatte sie gehofft, ihren Mann durch dieses Geständniß zufriedenzustellen. Als sie aber in seinen Augen ein hartnäckiges Bestehen auf seinen einmal gefaßten Entschluß las, hob sie wieder an: »Den eigentlichen Zweck habe ich nie erfahren, ich glaube aber, es betraf die Gültigkeit einer Ehe; denn der mir ertheilte Auftrag lautete dahin, das Blatt, auf welchem zwei mir angegebene Namen als die zweier Getrauten standen, herauszureißen.«
»Und die Namen?«
»Ich habe sie vergessen.«
»Nun, vielleicht fallen sie Dir später ein; erzähle nur weiter. Der Diebstahl gelang also?«
»Ja, leider gelang er, und ich glaube, es ist für manchen Menschen viel Unheil daraus erwachsen.«
»Du erhieltst indessen Deine Bezahlung und liefertest das Blatt ab?«
»Ich erhielt den versprochenen Lohn, doch das Blatt wies man mit Entrüstung zurück. Man warf mir vor, meine Verführer mißverstanden zu haben, indem nie ein derartiges Verbrechen von mir verlangt worden sei und man nur eine Abschrift gewünscht habe. Man drohte mir sogar mit gerichtlicher Verfolgung, und als ich in meiner Verzweiflung um Erbarmen bat - denn ich sah mich im Geiste schon im Zuchthause - da versprach man mir, zu schweigen, wenn auch ich reinen Mund halten und das Blatt nicht an mir zum Verräther wolle werden lassen. Ich sah mich vom Rande eines Abgrundes zurückgerissen und betheuerte in meiner Freude Alles. Damals begriff ich nicht, daß man ein frevelhaftes Spiel mit mir getrieben haben könne, um sich meiner Verschwiegenheit zu versichern; denn lieber wäre ich hundert Male gestorben, ehe auch nur eine Silbe über meine Lippen gekommen wäre, die zur Entdeckung des Diebstahls geführt hätte. Dabei besaß ich aber doch nicht den Muth, das unheilvolle Blatt zu vernichten, und mit einer unbesiegbaren Angst habe ich es bis auf den heutigen Tag aufbewahrt.«
»Du besitzest also das fragliche Blatt noch?«
»Ja - nein - ich weiß nicht, wo es geblieben ist; es ist mir abhanden gekommen.«
»Schon gut, schon gut; erzähle nur weiter.«
»Das ist Alles; ich dachte, es wäre genug; für mich wenigstens ist es die langen Jahre hindurch mehr als zu viel gewesen,« entgegnete die Frau, mit allen Zeichen tödlicher Erschöpfung die Hände über der ihre Brust bedeckenden Lumpenhülle faltend.
»Merkwürdig, sehr merkwürdig,« versetzte der Gauner, indem er seine Frau mißtrauisch von der Seite betrachtete, »um solche Kleinigkeiten so viel Aufhebens zu machen. Ich begreife überhaupt nicht, wie Du Dich deshalb auch nur einen Augenblick hast beunruhigen können.«
»Du begreifst das nicht?« fragte die Frau, die großen, eingesunkenen Augen vorwurfsvoll auf ihren Mann richtend. »Du begreifst nicht, daß die Strafe dem Verbrechen auf dem Fuße nachfolgte, der Segen von mir wich und ich mit meinem Kinde dem gräßlichsten Elende anheimfiel, weil ich mit ruchloser Hand die Kirche bestahl? Freilich, in Deinen Augen mag die schändliche That gerechtfertigt erscheinen, denn Du hast keine Ahnung davon, was es heißt, sich täglich, ja, stündlich eingestehen zu müssen, daß man vielleicht fremde, unbekannte Menschen in's Unglück stürzte. Ich habe so lange darüber nachgedacht, bis mir endlich Alles klar geworden ist; es handelte sich um einen Betrug, um die Schändung eines ehrlichen Namens, und ich - ich bin als Werkzeug dazu benutzt worden, denn ohne meine Hülfe hätte dergleichen nie geschehen können.«
»Narrheiten,« warf der Gauner gleichgültig ein; »Du hast gehandelt wie ein gescheidtes Mädchen. Diejenigen, die Dich bezahlten, haben die Folgen Deines Diebstahls zu verantworten, und nicht Du. Auch wenn Du Dich nicht zu dem Geschäft verstanden hättest, würden Hunger und Elend Dich zu finden gewußt haben. Du warst eben nicht praktisch, hattest ein zu zartes Gewissen, oder es wäre anders mit uns geworden. Aber noch immer begreife ich nicht, wie Du auf den verrückten Gedanken gekommen bist, einem fremden Menschen die ganze Geschichte zu erzählen. Denn bringt er Dich auch nicht vor Gericht - wie ein Spion sah er mir wenigstens nicht aus -, so hast Du doch auch keinen Vortheil davon.«
»Ja, ich habe Vortheil davon,« antwortete die Frau hastig und mit sichtbarer Anstrengung; »ich habe den Vortheil des Bewußtseins, daß denjenigen, die ich durch meine ruchlose Handlung schädigte, ihre Rechte wieder eingeräumt werden und ich ruhig sterben kann, und ich fühle mich krank genug, um an's Sterben denken zu dürfen. Wenn ich aber todt bin, werden die Leute meines offenen Geständnisses wegen sich meines Kindes erbarmen und es nicht unter freiem Himmel vor Hunger und Kälte umkommen lassen. Du hast ja die langen Jahre hindurch bewiesen, daß Du nicht im Stande bist, für Dein Kind zu sorgen. Das ist mit der Grund, weshalb ich das Geheimniß nicht länger bei mir behalten will; es muß herunter von meiner Seele, denn kann ich selbst auch hungern und frieren, so ertrage ich doch nicht den Anblick der Leiden unseres Kindes.«
»Deine Berechnungen sind nicht ganz sinnlos,« bemerkte der Gauner, der während des letzten Theiles der Rede seiner Frau grübelnd vor sich niedergeschaut hatte. »Es kommt nur darauf an, wer und was die Personen sind, die Dich einst zu dem Diebstahl verleiteten, um zu ermessen, ob sich nicht auf andere Weise größere Vortheile erschwingen ließen.«
»Was meinst Du damit,« fragte die Frau, von einer bösen Ahnung ergriffen.
»Nichts,« antwortete der Mann kurz; »ich wünsche nur die Namen der Leute zu erfahren, die Dich zu dem saubern Geschäfte benutzten.«
»Die Namen? Die Namen habe ich vergessen, aber es waren sehr vornehme Leute,« entgegnete die Frau mit unsicherer Stimme.
»So? Hm, das ist sehr zu bedauern. Vielleicht entsinnst Du Dich der Namen, die auf dem Blatte standen.«
»Die habe ich ebenfalls vergessen; ich glaube, der eine war derselbe, wie diejenigen führten, die mich zu der ruchlosen That veranlaßten.«
»Merkwürdig, wie Du Dein Gedächtniß verloren hast,« versetzte der Gauner mit höhnischer Theilnahme. »Es bleibt mir also nur noch ein letzter Weg übrig; höre mir daher aufmerksam zu. Du weißt, ich mache nicht viel Umstände, und wenn ich eine Drohung ausgesprochen habe, so führe ich sie auch aus. Sieh Dir unser Riekchen noch einmal an, wie schön es ihm schmeckt, und dann denke Dir das Schlimmste. Ich bin also zu dem Schlimmsten entschlossen, wenn Du mir den geringsten Widerstand entgegenstellst; eben so bin ich aber auch mit mir darüber einig, sehr viel für Dich und das Kind zu thun, wenn Du meine Fragen aufrichtig und ohne Umschweife beantwortest.«
Hier schwieg er eine Weile und seine entschlossenen Blicke bohrten sich gleichsam in die Augen seiner besorgt lauschenden Frau ein. Als er dann endlich glaubte, den seinen Zwecken entsprechenden Eindruck auf die Unglückliche ausgeübt zu haben, fuhr er fort: »Wo ist das Blatt aus dem Kirchenbuche?«
»Ich habe es verlegt und verloren, ich hätte es längst dem alten Prediger zurückgebracht, wenn er nicht, bald nachdem ich den Diebstahl beging, gestorben wäre!« ächzte die Frau, ihr Gesicht abwendend.
»Weib, ich frage Dich zum letzten Male: wo ist der Beweis, den Du in des Doctors Hände niederzulegen wünschtest?«
Die Frau schwieg, allein das Zucken und Zittern, der sie bedeckenden Lumpen verrieth die Verzweiflung, in welche die Frage sie gestürzt hatte.
»Ich stehe jetzt auf, und wenn ich erst aufgestanden bin, dürfte es Dir nicht so leicht werden, mich wieder zu Dir zurückzubringen.«
Die Kranke wendete dem Vagabunden ihr erdfahles Gesicht zu, welchem das Entsetzen jeden andern Ausdruck geraubt hatte, und zugleich deutete sie mit dem skelettartig abgemagerten Arme nach einer kleinen, halb offen stehenden Thüre hinüber, die in den einzigen Nebenraum der Wohnung führte.
»Ah,« rief der Mann überrascht aus, »also deshalb konntest Du dem Doctor das Papier nicht einhändigen? Aber es schadet nicht! Sage mir nur genau, in welchem Winkel meines Schlafcabinets Du Deinen Schatz verborgen hast!«
Die Frau zögerte einen Augenblick, dann aber rief sie unter ausbrechenden Thränen:
»Es hilft mir ja Alles nicht, ich bin in Deiner Gewalt, und vor dem Zuchthause wird mich hoffentlich der Tod bewahren! Geh' in die Kammer hinein und taste mit der Hand über der Thür in die zwischen dem Mauerwerke und der Thüreinfassung befindliche Ritze, und Du wirst es finden! Aber wenn Du noch einer Probe von menschlicher Regung fähig bist, so gieb es mir zurück - gieb es mir zurück, und ich verzeihe Dir Alles, was ich durch Dich erduldet habe!«
Die letzten Worte vernahm der Gauner nicht mehr. Er war bereits in die Kammer, einen dunklen, leeren Raum mit einer dürftigen Strohschütte, eingetreten, und schon in der nächsten Minute erschien er wieder mit einem sorfältig in einen unsauberen Zeugstreifen gewickelten Paketchen in der Hand.
»Ist dies das rechte?« fragte er, indem er nach dem Feuerherde schritt.
Die Frau nickte zustimmend und verfolgte mit ängstlichen Blicken die Bewegungen ihres Gatten.
Dieser hatte sich unterdessen dem Feuer genähert und entfernte unter mancherlei Bemerkungen über die Sorgfalt, mit welcher seine Frau das wichtige Document gegen das Vermodern zu schützen gewußt habe, die sechsfache Hülle von dem Paketchen, bis er endlich nur noch ein altes, mit vergilbter Schrift bedecktes Papier in den Händen hielt.
»Richtig, ein Blatt aus einem Kirchenbuche!« rief er frohlockend aus, nachdem er einen prüfenden Blick auf das auseinander gefaltete Folio-Blatt geworfen hatte, und dann begann er, die einzelnen auf demselben verzeichneten Namen für sich zu lesen.
»Lauter Bauern,« sagte er nach einer Weile, als er die eine Seite zu Ende gelesen hatte, »davon ist's natürlich Keiner; doch halt, wen haben wir hier?« rief er plötzlich aus. Als er aber gewahrte, daß die Blicke seiner nunmehr gesättigten Tochter mit starrer Neugierde auf ihn gerichtet waren, ergriff er einen brennenden Holzspan, und sich zu seiner Frau niederneigend, deutete er auf einen Namen.
»Nicht wahr, dieser hier ist's?« fragte er mit unterdrückter und vor innerlicher Freude bebender Stimme.
»Ja, der ist's,« lautete die kaum verständliche Antwort; »aber nun gieb mir auch das Blatt zurück.«
»Vielleicht später,« versetzte der Gauner gefühllos, indem er sich erhob und, das Blatt in seinen auf dem Rücken verschränkten Händen, mit gesenktem Kopfe in dem Gemache auf und ab zu schreiten begann.
Wohl zehn Minuten verstrichen in tiefem Schweigen. In dem Gemache selbst war kein anderes Geräusch vernehmbar, als die schweren Schritte des Mannes, das lustige Knistern des kienreichen Holzes, das gepreßte Athmen der Kranken und das eigenthümliche Pfeifen, mit welchem das Kind, trotz der Nähe des Feuers, in seine braunen, schwieligen Hände hauchte, während aus den anderen Theilen des Hauses wüster Lärm von zankenden Weibern, scheltenden Männern und weinenden Kindern dumpf herüberschallte.
Plötzlich blieb der Gauner mit einer so heftigen Bewegung stehen, daß die Frau, die ihn unausgesetzt, Verzweiflung in den Blicken, beobachtet hatte, erschreckt zusammenfuhr.
»Ich habe mir die Sache überlegt,« hob er mit drohend entschiedenem Wesen an; »es wird sich daraus Etwas machen lassen, wenn man es geschickt anfängt.«
»Du wirst das Blatt doch nicht behalten wollen?« fragte die Frau, sich vor Angst halb aufrichtend.
»Mische Dich nicht in Angelegenheiten, die Du nicht verstehst,« entgegnete der Bösewicht ungeduldig; »allerdings behalte ich das Blatt, und zwar, um zu seiner Zeit guten Gebrauch davon zu machen, was wir schon längst hätten thun können, wärest Du nicht so beschränkten Geistes gewesen.«
»Aber der Doctor, der Doctor, was soll ich ihm antworten, wenn er mir den ihm versprochenen Beweis abverlangt? Gieb mir das Blatt wieder, das Blatt, oder Du erlebst, daß ich zu Deinem und meinem Ankläger werde!«
»Klage uns immerhin an,« hohnlachte der Gauner, »und die nächste Folge wird sein, daß man das Kind von Dir nimmt, Dich aber in's Zuchthaus schickt. Meine Person dagegen? Hahaha! mein Nein gilt so viel, wie Dein Ja, und wer würde wagen, einen unbescholtenen Mann, gegen den keine Beweise vorliegen, in Untersuchung zu ziehen? Hahaha! Noch mehr: Du erhältst das Blatt nicht nur nicht zurück, sondern ich verbiete Dir auch bei allen Strafen, denen ich Dich zu unterwerfen vermag, daß Du ein einziges Wort, sei es nun vor dem Doctor oder irgend einer andern Person, darüber verlauten läßt!«
»Mein Gott, was soll ich antworten, wenn er mich fragt?«
»Thue, was Du willst,« versetzte der Mann trocken; »Du hattest keinen Auftrag, den Doctor in Dein Vertrauen zu ziehen, Du magst also auch zusehen, wie Du Dir aus der Verlegenheit heraushilfst. Sage ihm, er habe geträumt, oder Du habest geträumt; denke Dir irgend ein Märchen aus - aber nur eine Andeutung von der Wahrheit, und ich stürze aus der Kammer herein und werfe den Doctor sammt seinem Zeugen über Hals und Kopf zur Thür hinaus, und ob sie alsdann von unserer Thüre bis auf die Straße auf Rosen wandeln werden, wirst Du wohl ermessen!«
Offenbar wollte die unglückliche Frau ihr Flehen erneuern, doch wurde sie durch den Schall einer auf dem Hofe angebrachten geborstenen, heiseren Klingel daran gehindert.
»Da sind sie,« sagte der Gauner, indem er der Thür zuschritt; »es bleibt also dabei; kein Wort von dem Kirchenbuche!«
Dann auf den Hof hinaustretend, zog er an einer andern, helleren Klingel, auf deren Ton der Lärm in den übrigen Theilen des Hauses, bis auf einige Kinderstimmen, sogleich verstummte, worauf er wieder in das Gemach zurückkehrte.
»Riekchen,« wendete er sich an das zagend zu ihm aufschauende Mädchen, »Du kannst hingehen und die fremden Herrschaften hereinführen. Vergiß aber nicht: Du hast keinen Vater; es ist auch während des ganzen Abends Niemand hier gewesen - und bedanke Dich schönstens für das Abendbrod.«
Das Kind nickte zum Zeichen des Verständnisses und entfernte sich; die Mutter wälzte sich stöhnend auf ihrem harten Lager, und der Mann begab sich in die Kammer, die Thür halb hinter sich zuziehend, durch die Spalte aber noch zu seiner Frau zurückspähend.
»Was dem Kinde galt, gilt auch Dir; hast Du es gehört?« rief er im Flüstertone hinüber.
»Ich habe gehört, daß Du Dein Kind in Lug und Trug unterrichtest,« antwortete die Frau leise.
»Narrheiten! Was geht das Dich an? Also nur eine Silbe, die mir nicht paßt, und es giebt ein Unglück!«
Die Frau schwieg; der Gauner lauschte nach dem Hofe hinüber, und als er endlich von dort her Stimmen vernahm, zog er die Thür fest heran, der größeren Sicherheit wegen die an derselben befestigte kurze Kette über einen in den Thürpfosten eingeschlagenen Nagel hängend.

8. In der Höhle des Elends. (Fortsetzung)

Das Klirren der den Riegel ersetzenden Kette war eben verstummt, als unter Riekchen's Hand die Thür sich öffnete und gleich darauf Doctor Bergmann's freundliche Stimme erschallte.
»Fürchten Sie sich nicht, mein liebes Kind,« sprach er zu der von seiner Hand geführten Gräfin, und zugleich ließ er beim Eintreten das ihn in seinen Bewegungen hindernde Bündel, welches er so lange getragen hatte, fallen; »in den Wohnungen des Elends können Sie nicht erwarten, etwas Anderes, als nacktes Elend zu finden, und es ist immer gut, dergleichen kennen zu lernen, um das eigene Glück besser zu würdigen und sich vor strafbarer Ueberhebung zu bewahren.«
»Doctor, wohin haben Sie mich gebracht?« flüsterte die Gräfin entsetzt, sobald sie nach ihrem Eintritt einen Blick um sich geworfen.
»An eine Stelle, wohin Ihre gute Mutter mich ebenfalls begleitet haben würde, mein liebes Kind,« antwortete der Doctor, einen Augenblick stehen bleibend, um seiner Gefährtin hinreichend Muße zu gönnen, sich an ihre Umgebung einigermaßen zu gewöhnen - »an eine Stelle, wohin warme Herzen, wie das Ihrige, zeitweise gehören, um Qualen und Noth zu lindern, aber auch, um zu lernen. Ja, mein liebes Kind, lernen Sie hier, wie viele Menschen von Dem glücklich gemacht werden könnten, was von ihren bevorzugten Mitmenschen, der Eitelkeit und dem Hochmuthe fröhnend, leichtsinnig verschleudert, vergeudet und in den Koth getreten wird. Lernen Sie, wie viele Thränen getrocknet werden könnten mit den Schätzen, die vornehmen Lastern und sträflichen Neigungen mit verbrecherischem Leichtsinn geopfert werden. Lernen Sie; glauben Sie, die Blicke Ihrer verklärten Mutter seien jetzt gerade auf Sie gerichtet, und streben Sie, den schönen, kindlichen Gedanken Ihrem Glauben einzuverleiben, daß jede Thräne, die Sie hier trocknen, durch eine Thräne des Dankes und der Freude von Ihrer auf Sie niederschauenden Mutter vor dem Throne des Allmächtigen belohnt werde.«
Als die Blicke der Gräfin auf die verwunderungsvoll zu ihr emporschauenden Augen des Kindes fielen, wich die Scheu vor einem Gefühle des unendlichsten Mitleids, der tiefsten Theilnahme.
»Armes Kind!« sagte sie mit einem Ausdrucke, der ihren väterlichen Freund veranlaßte, schnell nach seiner Dose zu greifen und demnächst mit dem Taschentuche über sein Gesicht hinzufächeln. »Aber tröste Dich, liebe Kleine, Dir soll ein besseres Loos zu Theil werden,« fuhr sie fort, dem vor Erstaunen sprachlosen Kinde die Hand reichend; »ich will Dich mit mir nehmen ...«
»Nicht doch, nicht doch,« unterbrach sie der Doctor, dessen gutes Gesicht vor Stolz und Freude über seinen Liebling leuchtete, »das ist nicht die rechte Art, Gutes zu thun. Man muß nicht blindlings den ersten Herzensregungen folgen, oder man fesselt sich die Hände zu sehr, um auch noch Anderen nachdrückliche Hülfe zuwenden zu können. Prüfen, mein liebes Kind, prüfen und wie ein kluger Arzt nach dem Sitze des Leidens forschen, und dann mit Ueberlegung helfen und rathen, anstatt bei Einzelnen die Vorsehung zu spielen, sie mit einem ganzen Füllhorn voll ungeahnter und ungehoffter glänzender Wohlthaten zu überschütten und darüber andere, vielleicht geignetere, um nicht zu sagen: bedürftigere Unglückliche zu vernachlässigen. Das arme Kind hier vor uns möchten Sie plötzlich, wie in einem Märchen, in schimmernden Glanz versetzen; wer sagt Ihnen aber, daß dadurch sein Glück begründet würde? Wer sagt Ihnen, daß Sie im Sinne seiner kranken Mutter handelten, oder seines Vaters ...?«
»Ich habe keinen Vater, er ist lange todt,« unterbrach das Kind den Doctor schüchtern.
»So hast Du wenigstens noch eine Mutter,« fuhr dieser bedauernd fort, indem er auf die kranke Frau wies, die sich krampfhaft unter ihrer dürftigen Decke wand, »und die würde es gewiß nicht gern sehen, wenn Du von ihr getrennt lebtest. - Nein, meine liebe Renate, wir müssen anders zu Werke gehen, wir müssen den Leiden der unglücklichen Frau auf den Grund zu kommen suchen und bei ihr auch mit unserem Beistande beginnen. Und sehen Sie dieselbe nur an, sie leidet sehr.«
»Gewiß leidet sie furchtbar,« pflichtete Renate bei, indem sie näher an das Lager der Kranken herantrat, wie um sich zu überzeugen, daß Alles Wirklichkeit sei; »Gott, mein Gott, wie ist es möglich?« sprach sie sodann leise. »Arme Frau, Ihnen soll geholfen, Ihre Lage soll erleichtert werden; aber es fehlt Ihnen an Allem, sagen Sie daher, welches Ihre nächsten Wünsche sind, und ich will mich beeilen, dieselben zu erfüllen.«
Seit dem Eintritte des Doctors und dem ersten Anblicke der Gräfin hatte die Unglückliche sprachlos da gelegen.« Sie erwartete, in dem von dem Arzte mitgebrachten Zeugen einen vielleicht eben so alten Mann zu finden, und statt dessen trat ein junges Mädchen vor sie hin, dessen Liebreiz sie fast blendete. Als Renate aber in so herzlicher Weise zu ihr sprach, als sie Worte der Theilnahme und des Wohlwollens vernahm, wie deren seit vielen Jahren nicht an sie gerichtet worden waren, da krampfte ihr Herz sich schmerzhaft zusammen, und bittere, heiße Thränen entströmten ihren Augen.
O, was hätte sie darum gegeben, aufrichtig und vertrauensvoll zu dem betrübt zu ihr niederschauenden holdseligen Wesen sprechen zu dürfen! Allein diese Erleichterung war ihr nicht gegönnt, die Blicke ihres grausamen Manne waren durch die Thürspalte auf sie gerichtet, und nur zu genau wußte sie, daß derselbe seine Drohung ausführen, auf die leiseste Andeutung ihres Geheimnisses aus seinem Verstecke hervorbrechen und den Doctor sammt seiner jugendlichen Begleiterin aus der Thür weisen würde.
Das Schweigen wäre ihr nicht so schwer geworden, allein daß sie diejenigen, die gekommen, um ihre Noth zu lindern, hintergehen und täuschen sollte, wie das Kind sie bereits getäuscht hatte, das war es, was sie in die grenzenloseste Verzweiflung trieb, sie förmlich betäubte. Und wäre es ihr wirklich gelungen, um Erbarmen für ihre Tochter zu flehen, das Herz der Fremden trotz des brutalen Auftretens ihres Mannes zu erweichen, mußten dieselben nicht zurückbeben vor der Verderbtheit eines Kindes, welches ruhig seinen Vater verläugnete, während derselbe lauschend nur wenige Schritte von ihm saß? Alle diese Gedanken bestürmten auf einmal den Geist der Unglücklichen, und selbst die Thränen, welche ihren Augen in Fülle entströmten, verschafften ihrem gequälten Herzen keine Erleichterung.
Nachdem sie sich endlich wieder einigermaßen gefaßt hatte, hob sie ihre Hände wie beschwörend zu Renaten empor.
»Liebe, junge Dame,« rief sie unter Schluchzen aus, und eine wilde Verzweiflung sprach aus ihren trüben Augen, »wie konnten Sie es wagen, diese Höhle des Elends zu betreten, sich der Gefahr auszusetzen, mit der verpesteten Luft dieses Hauses Ihre Gesundheit zu vergiften?«
»Lassen Sie das, gute Frau,« entgegnete Renate mit rührender, aufmunternder Freundlichkeit, »das sind Nebensachen; sprechen Sie nur gerade heraus, wo Ihnen Hülfe am meisten Noth thut. Aber Sie sind ja gräßlich gebettet, ein Glück, daß der Doctor auch daran dachte.«
So sprechend, eilte sie davon, um das in eine Decke eingeknüpfte Bündel, dessen Schwere ihre Kräfte fast überstieg, herbeizuschleppen.
»Was ich in der Geschwindigkeit zusammenraffen konnte, habe ich genommen,« fuhr sie geschäftig fort, indem sie das Bündel öffnete; »hier sind zuerst zwei wollene Decken, die Ihnen und Ihrem armen Töchterchen gut thun, wenigstens so lange, bis wir für ein regelmäßiges Bett gesorgt haben werden. Auch etwas Wäsche bringe ich mit; sie wird Ihrem Töchterchen zwar nicht passen, allein Sie müssen sich schon so lange damit behelfen, bis ich anderes Zeug habe anfertigen lassen. Eben so ist es mit den Strümpfen; aber nun beruhigen Sie sich auch und sagen Sie, ob Sie Hunger oder Durst empfinden, oder ob Sie für das Kind irgend etwas wünschen.
»Liebe, junge Dame,« brachte die leidende Frau endlich mit Mühe hervor, »wie könnte ich noch etwas wünschen, nachdem Sie mich so überglücklich durch Ihre reichen Geschenke gemacht haben? Gegessen und getrunken haben wir, auch zu morgen früh ist noch etwas Milch vorhanden, und das Geld, welches der Herr Doctor mir einhändigte, ist ebenfalls noch nicht ganz ausgegeben worden. Nur eine Bitte habe ich an Ihr edles Herz, meine liebe, junge Dame, es ist die Bitte einer um ihr Kind besorgten Mutter.«
»Sprechen Sie, gute Frau,« versetzte Renate freundlich; »ich bin ja nur hier, um Ihnen meinen Beistand anzubieten.«
»Ich bin krank, sehr krank; schon seit Wochen habe ich diese kalte Stelle nicht verlassen, und unsere wenigen Möbel mußten zerschlagen werden, um nur hin und wieder etwas Feuer und Wärme zu schaffen. Meine arme Tochter hat so viel zusammengebettelt, daß wir nothdürftig unser Leben zu fristen vermochten; aber auch ihre schwachen Kräfte müssen bei der schrecklichen Kälte schnell ihr Ende erreichen.
»Ja, ich fühle mich sehr krank, und wenn ich nun stürbe, was sollte dann wohl aus meiner verwaisten Tochter werden? Ich habe ihr, so lange ich lebe, freilich nichts Anderes zu bieten, als das tiefste Elend, allein sie weiß doch, wohin sie gehört und daß es wenigstens Ein Herz auf Erden giebt, welches in Liebe für sie schlägt. Bin ich aber erst todt, so wird sie von fremden Menschen herumgestoßen und geschlagen werden, bis sie endlich der Last erliegt und vielleicht unter freiem Himmel von ihren Leiden erlöst wird. Darum, liebe junge Dame, und auch Sie, lieber Herr, erbarmen Sie sich meines Kindes, und ich will in meinen letzten Augenblicken freudigen Herzens allen Segen des Himmels auf Sie herabflehen und mich ohne Murren von meinem Kinde trennen.«
»Trösten Sie sich, liebe Frau,« versetzte Renate, die Thränen des innigsten Mitgefühls von ihren Wangen entfernend, »um Ihr Töchterchen brauchen Sie nicht besorgt zu sein; es soll für dasselbe in angemessener Weise gesorgt werden. Aber denken wir jetzt an Ihren eigenen Zustand; Sie sind krank, man sieht es Ihnen an, doch vielleicht ist Ihr Zustand noch gar nicht besorgnißerregend - nicht wahr, Herr Doctor?« wendete sie sich darauf an diesen; »und wäre er wirklich besorgnißerregend, so giebt es Arzneimittel genug, jede Gefahr zu beseitigen und Ihnen Ihre volle Gesundheit wiederzugeben. Sind Sie nicht derselben Meinung, Herr Doctor?«
Als die Gräfin zum ersten Male fragte, schien der Doctor es gänzlich überhört zu haben. Ueberhaupt hatte Renate bisher das Wort allein geführt; denn sobald sie mit der Kranken das Gespräch begonnen hatte, war der Doctor leise zurückgetreten, und wie sein lieblicher Schützling beim Anblicke fremder Leiden Alles um sich her vergaß und nur an die schnelle Linderung der schrecklichen Noth dachte, so beobachtete er wieder mit innigster Freude die junge Gräfin.
Ja, er freute sich innig, in der That so sehr, daß er mehrfach seine Zuflucht zu der Tabaksdose nehmen mußte und sich sogar nicht entblödete, einen stillen Accord auf seinem spanischen Rohr zu blasen und dem kleinen Mädchen, welches, starr vor Erstaunen, mit weit geöffneten Augen zu ihm emporschaute, demnächst einen leisen Schlag mit demselben spanischen Rohr auf den Rücken zu geben.
Als Renate zum zweiten Male fragte, war er eben im Begriff, mit festen Schritten und geräuschvoll aufgestoßenem Stocke einen Kreis auf dem ihm zu Gebote stehenden beschränkten Raume zu beschreiben; doch schien ihm dabei kein einziges der zwischen der Gräfin und der Kranken gewechselten Worte entgangen zu sein. Er kehrte sich nämlich kurz um, und neben der unglücklichen Frau niederknieend, ergriff er deren Hand, um sich von ihrem Pulsschlage zu überzeugen.
»Noch immer Fieber,« sagte er, ohne indessen in seinem Wesen Bedenken zu verrathen; »aber es kann nicht anders sein. Aufregung und Noth tragen das Ihrige dazu bei; im Ganzen erscheint mir der Zustand nicht besorgnißerregend und mehr aus einer furchtbaren Erschöpfung, welche ein Wechselfieber stets mit sich führt, zu entspringen. Entbehrungen und Mangel an geeigneter Pflege haben Sie vorzugsweise so weit heruntergebracht. Also Muth, liebe Frau, das soll anders werden, und zwar bald, wenn auch nicht mehr heute Abend, denn Alles auf einmal läßt sich nicht machen. Die erste Noth ist gehoben, und damit müssen wir vorläufig zufrieden sein; ich habe Ihnen übrigens Arznei mitgebracht, die Sie genau nach Vorschrift nehmen müssen.«
Nachdem er sodann mittels des eisernen Löffels, den das Kind herbeibrachte, der Kranken von der Arznei verabreicht, breitete er die beiden Decken sorgfältig über sie hin, wobei Renate ihm hilfreiche Hand leistete, und dann sich an das Kind wendend, rieth er diesem, für die nächste Nacht ebenfalls seine Zuflucht an der Seite der Mutter unter den Decken zu nehmen.
»Und nun, meine gute Frau,« redete er darauf die Kranke wieder an, »ist Alles geschehen, was nur immer geschehen konnte. Sie dürfen sich vollständig über die Zukunft beruhigen, und erinnere ich Sie daran, daß diese liebe Dame hier der Zeuge ist, den mitzubringen ich versprach. Sie können also rückhaltlos sprechen und Ihr Herz, ohne Scheu vor irgend welchen nachtheiligen Folgen, erleichtern und vor uns ausschütten; denn nicht als Richter sind wir gekommen, sondern als Aerzte des Leibes und des Gemüths. Fassen Sie sich daher und seien Sie überzeugt, wenn es in unseren Kräften steht, dann soll das Unrecht, auf welches Sie bei meinem ersten Besuche hindeuteten, gesühnt und ausgeglichen werden.«
»Ich als Zeuge?« fragte Renate befremdet, jedoch so, daß nur der Doctor sie verstand.
»Ja, mein liebes Kind; erschrecken Sie nicht, es handelt sich nicht um eine öffentliche Gerichtssitzung, sondern um die Möglichkeit, vielleicht auch noch anderen Bedrängten mit Rath und That zur Hand zu gehen - aber was ist Ihnen?« wendete er sich darauf an die Kranke, als diese wieder heftig zu schluchzen begann; »Ihre Ruhe müssen Sie bewahren, meine gute Frau. Weshalb sich beunruhigen, wenn man sich unter Freunden befindet? Ueberwinden Sie die Scheu, sprechen Sie die ersten Worte, und Sie werden sehen, daß die anderen leichter nachfolgen.«
»Ja, ich will, und mag Gott meinem armen Kinde gnädig sein!« rief die Frau laut aus, indem sie sich halb emporrichtete.
Da knackte die Kammerthür leise. Es erklang, als ob die zunehmende Wärme in dem Gemache die feuchten Breter zusammengezogen und dadurch das Geräusch verursacht habe.
Dem Doctor und seiner jungen Gefährtin war das Geräusch entgangen; auf die Kranke dagegen übte es eine Wirkung aus, als sei dadurch plötzlich eine tödliche Krisis hervorgerufen worden.
Mit einem tiefen Seufzer sank sie auf ihr Lager zurück, ihre Hände rangen sich in einander und starr waren ihre Blicke auf die geborstene Decke gerichtet.
»Fassen Sie Muth, Frau,« versetzte der Doctor, nachdem er Renaten einen bedeutungsvollen Blick zugeworfen hatte; »Sie sehen hier meine Begleiterin; bedenken Sie, es ist beinahe Mitternacht, und ich darf das liebe Kind nicht zu lange Einflüssen aussetzen, die ihrer Gesundheit nachtheilig werden können. Fassen Sie also Muth und beginnen Sie.«
»Herr Doctor,« stöhnte die Frau verzweiflungsvoll, ich kann nicht - nein, ich weiß nichts! Es war nichts, ich sprach im Fieber - ich sehnte mich darnach, Sie wiederzusehen! Um weitere Hülfe von Ihnen zu erlangen, nahm ich meine Zuflucht zu einer Nothlüge.«
»Aber, liebe Frau, ich wäre ja auf alle Fälle wiedergekommen. Oder glauben Sie, ich hätte es über mich gewinnen können, Sie ohne Hülfe in Ihrem Elende sitzen zu lassen?« erwiderte der Doctor, und seine lebhaften Augen blitzten argwöhnisch hin und her, als hätte er die Ursache der so unerwarteten Sinnesänderung erspähen wollen; denn daß die Frau Etwas auf dem Herzen habe, was sie schwer bedrückte, bezweifelte er nicht, eben so begriff er aber auch, daß sie ihn in diesem Augenblicke aus irgend einem geheimnißvollen Grunde hinterging.
»O, Sie sind so gut, so edel, so wohlthätig!« flehte die Unglückliche weiter. »Aber Herr Doctor, ich beschwöre Sie, dringen Sie nicht weiter in mich - denn - ich weiß nichts - als daß der Tod für mich eine Wohlthat wäre!«
»Dann eignen sich Ihre Mittheilungen wohl nicht für das Ohr eines jungen Mädchens?« fragte der Doctor ernst, seine Stirn in sinnende Falten legend.
»Ja - Nein - ich weiß nicht,« flüsterte die Kranke mit bebenden Lippen.
»Nun nun, beruhigen Sie sich,« versetzte der Doctor wieder in milderem Tone, während er mit Renate einen Blick des Einverständnisses austauschte, »ich will ja nicht mit Gewalt in Sie dringen. Vielleicht fühlen Sie sich zu einer andern Zeit besser aufgelegt, und wir sind gern bereit, wiederzukommen. Was meinen Sie zum Beispiel zu morgen Abend?«
Die geängstigte Frau sann eine Weile nach, bis das leise Knacken der Thür sich wieder vernehmen ließ.
»Nein nein, nicht heute, nicht morgen!« rief sie flehentlich aus. »Lassen Sie mich unbeachtet verderben, lassen Sie die junge Dame nie wieder dieses Haus betreten, denn ich weiß nicht, was ich Ihnen mittheilen könnte!«
»Tausend Welt noch einmal, es ist ja schon gut,« entgegnete der Doctor, indem er in einer Anwandlung von Ungeduld schnell einen Kreis in der Stube abschritt, »wir wollen ja gar nichts wissen! Aber nun trösten Sie sich, sonst hilft Ihnen die Medicin nicht und alle meine Mühe ist vergebens. Machen Sie, daß Sie bald einschlafen, und morgen im Laufe des Tages werde ich mich wieder nach Ihnen umsehen. Vielleicht bringe ich Ihnen noch einige andere Erleichterungen mit, nicht wahr, mein liebes Kind?« wendete er sich darauf an Renate, die mitleidig die sich krampfhaft windende Frau betrachtete.
»Gewiß, Herr Doctor,« antwortete Renate, mit einer Stimme, welche ihre ganze Herzensgüte, ihre ganze Bereitwilligkeit, zu helfen, ausdrückte. »Aber soll ich nicht etwas Geld hinterlassen?«
Der Doctor sann eine Weile nach.
Plötzlich schritt er nach dem Feuerherde hin, auf welchem ein zusammengeknittertes Stück blaues Papier seine Aufmerksamkeit erregt hatte, und ohne sich um Renatens oder des Kindes verwunderte Blicke zu kümmern, führte er das Paier, nachdem er es geglättet und von beiden Seiten betrachtet hatte, an die Nase.
Der Geruch desselben übte offenbar Einfluß auf seine Entscheidung aus, denn er warf das Papier in's Feuer, worauf er sich schnell wieder der Gräfin zuwendete:
»Nein, mein theures Kind, geben Sie das Geld mir, ich werde das Nöthige besorgen und veranstalten, denn die Frau selbst ist nicht im Stande, ihr Lager zu verlassen, und das Kind? Das würden schöne Einkäufe werden, die ein acht- oder neunjähriges Mädchen besorgte! Nein, nein, bleiben wir bei meinem Vorschlage - und nun gute Nacht, beste Frau; noch einmal rathe ich Ihnen, versuchen Sie, zu schlafen. Morgen sehen wir uns wieder.« So sprechend, bot er Renate den Arm, und ohne dieser zu gestatten, noch besonders Abschied zu nehmen, oder die Ergüsse der Dankbarkeit von Seiten der Mutter abzuwarten, schritt er hastig der Thür zu, bei welcher sich das Kind bereits aufgestellt hatte, um sie nach der Straße hinaus zu begleiten.
Kaum waren der Doctor und seine Begleiterin von dem kleinen Hofe in den finstern und schmalen Gang des Hauptgebäudes getreten, da schlüpfte der Gauner aus seinem Versteck, und nachdem er mittels der bekannten Klingel den übrigen Hausbewohnern das Zeichen gegeben, daß ›die Luft wieder rein sei‹, trat er noch einmal an das Lager seiner Frau.
»Es hätte Dir das Leben gekostet, hättest Du ein Wort zu viel gesagt!« redete er sie an, ohne zu verbergen, daß er sich in einer heitern Stimmung befand. »Aber Du bist gescheidt gewesen, und das war gut. In der Kammer ist mir erst recht klar geworden, was für ein Schatz der lumpige Papierfetzen für mich werden kann. Sollst aber auch Dein Theil haben, und auch Du, Riekchen,« wendete er sich an das eben eintretende Kind. »Vorläufig behelft Euch indessen mit der Freundschaft des Doctors und seiner hübschen Gefährtin und thut, was sie Euch angerathen haben - ich meine, schlafen.«
»Und Du?« fragte die Frau vorwurfsvoll, als sie bemerkte, daß ihr Mann den Kragen seines Rockes emporschlug und ein Paar zerrissene Soldatenhandschuhe anzog.
»Ich? Was sollte ich wohl thun? Ich gehe, um Euch nicht zu stören und mir ein anderes Unterkommen zu suchen.«
»Hast Du denn gar kein Erbarmen? Gieb mir das Blatt zurück und glaube mir, die rechtliche Verwendung desselben bringt uns größeren Segen, als die Ausführung des Planes, den Du vielleicht ersonnen hast!«
»Was weißt Du von meinen Plänen?« hohnlachte der Bösewicht, indem er davonschritt. »Ich werde den Fetzen so zu verwenden suchen, daß es nicht allein Euch, sondern auch mir zu Gute kommt, ja, und zwar ordentlich zu Gute - hahaha!«
Er lachte noch, als der hölzerne Riegel der Stubenthür hinter ihm in den ausgekerbten Pflock sank; er lachte noch, als er über den kleinen, durch die Schnee-Anhäufungen fast ungangbar gewordenen Hof hinschritt. Dann aber wurde er still, denn wo das Verbrechen auf seinen dunklen Pfaden einherschleicht, da fürchtet es überall Verrath, und sorgfältig vermeidet es jedes Geräusch, welches unberufenen Ohren seine Nähe verkünden könnte. -
»Alles vergebens!« stöhnte die von Seelenleiden und körperlichen Qualen gefolterte Frau, als sie die Hausthür hinter ihrem Manne dumpf in's Schloß fallen hörte. »Ich muß es dulden, ohne hindernd einschreiten zu dürfen, wenn ich nicht ihn und auch mich in's Zuchthaus bringen will! Hu, wie es mich eisig kalt überläuft!«
Und wie um sich dadurch der sie unablässig verfolgenden Schreckbilder zu erwehren, rief sie ihr Töchterchen herbei.
Das Kind kam und schmiegte sich, unter die Decken kriechend, dicht an seine Mutter an.
»Ach, wie weich und warm sind die schönen Decken!« murmelte es nach einigen Minuten schlaftrunken. »Mutter, wenn es doch gar nicht wieder Tag werden wollte, es liegt sich jetzt so schön hier!«
Die Mutter warf einen eigenthümlichen Blick auf die blauen Gasflämmchen, die über den verglimmenden Kohlen des niedergebrannten Holzes tanzten; ein zweiter Blick flog nach dem verbogenen eisernen Handgriff hinauf, mittels dessen man dem Rauch und mit diesem herausströmenden Gase den Weg nach dem Schornsteine abschneiden konnte, und dann schauderte sie heftig zusammen. Fester drückte sie ihr schlafendes Kind an sich, heiße Thränen drangen in ihre Augen, und »Lieber Gott im Himmel, verzeihe mir meine Sünden!« tönte es leise von ihren Lippen.
Tiefe Stille ringsum; unter der Lumpenhülle schlugen zwei Herzen in treuer Liebe an einander, die der holde Schlummer in süße Vergessenheit ihrer traurigen Lage versenkt hatte.
Von den anderen Theilen des baufälligen Hauses herüber erschallte unheimlich der wilde, unsittliche Gesang von Menschen, die sich durch widerwärtige Mittel gegen die Kälte und das Bewußtsein ihres Daseins zu betäuben suchten. Ueber der Stadt aber, über den noch immer glänzend erleuchteten Palästen der Reichen wie über den traulichen Wohnungen betriebsamer Bürger und den Höhlen des Lasters und des Elends funkelten gleich hell und friedlich die Sterne von dem klaren, winterlichen Himmel nieder. - -
»Die unglückliche Frau ist entweder selbst eine schlaue Betrügerin, oder sie steht unter dem Banne eines gefährlichen Menschen, der eine unerhörte Tyrannei über sie ausübt,« begann der Doctor, sobald er mit der Gräfin am Arme auf die Straße hinausgetreten war.
»Es ist nicht möglich,« entgegnete Renate, in tiefen Zügen die erfrischende Luft einathmend.
Der Doctor pfiff, wie in Gedanken, ein kurzes Signal; die Gräfin lächelte, trotz ihrer ernsten Stimmung, über des Doctors vermeintliche Zerstreutheit.
Sie konnte nämlich nicht sehen, daß auf das Signal aus dem Schatten desselben Hauses, welches sie eben verlassen hatten, ein in einen weiten Mantel gehüllter Mann trat, der ihnen in bestimmter Entfernung durch die engen Straßen hin nachfolgte.
»Und dennoch ist es nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich,« bekräftigte der Doctor endlich seinen Ausspruch; »jedenfalls umgiebt die Frau ein geheimnißvolles Dunkel, welches zu durchdringen ich wohl die Kraft besitzen möchte. Zuerst will sie mir ein Geheimniß anvertrauen, welches ihr das Herz abzustoßen droht; sie will mir ein Mittel in die Hände geben, andere Menschen vor Unheil zu bewahren oder ihnen bereits zugefügtes Unrecht wieder zu sühnen; sie bittet sogar, daß ich einen Zeugen mitbringen möge, und nun, da wir kommen, läugnet sie plötzlich Alles ab.«
»Dabei schien sie aber wirklich von schweren Seelenleiden heimgesucht zu sein,« versetzte Renate begütigend, denn es schmerzte sie, den Doctor an der Aufrichtigkeit der unglücklichen Frau, die in ihren Augen durch das Elend gleichsam geheiligt wurde, zweifeln zu hören.
»Ganz recht, mein liebes Kind, Sie haben eine scharfe Beobachtungsgabe, oder vielmehr, Ihr gutes Herz hat Sie diesmal wohl nicht getäuscht. Auch ich will gern das Beste glauben, so lange mir nicht Beweise vom Gegentheile vorliegen; allein ich kann nicht umhin, abermals zu behaupten, daß nicht Alles so ist, wie es sein sollte. Wem die Schuld beizumessen ist, hoffe ich herauszubringen; ohne Zweifel aber sind wir auf die eine oder die andere Art hintergangen worden. Denn wie wäre sonst das Papier, welches die deutlichsten Spuren trug, daß es vor ganz kurzer Frist sehr schlechtem Tabak zur Hülle diente, auf den Feuerherd gekommen? Nein, nein, mein liebes Kind, die Sache ist nicht klar; ein Mann ist während meiner Abwesenheit da gewesen - das Tabakspapier beweist es -, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er der Frau sammt dem Kinde den Daumen auf's Auge gedrückt hätte.«
»Sie beabsichtigen doch nicht etwa, den Unglücklichen deshalb unseren Schutz zu entziehen?«
»Tausend Welt, meine theure Renate, wie vermögen Sie Ihren alten Freund so zu verkennen? Nein, um Gottes willen nicht, im Gegentheil, ich werde meine Augen nur noch schärfer auf sie richten, um endlich hinter die Wahrheit zu kommen! Dabei sollen Ihre Aufträge nicht verabsäumt werden, und schon morgen will ich durch einen sichern Mann Alles, was Sie der Frau und ihrem Kinde zugedacht haben, zu denselben in's Haus schaffen lassen.
»Ja, sehen Sie, meine liebe Renate,« fuhr der Doctor plötzlich hastiger fort, indem er im Eifer der Gräfin seinen Arm entzog, einen Schritt zurücktrat und seinen Stock heftig auf die Erde stieß, »darum duldete ich auch nichts daß Sie der Frau baares Geld, einhändigten! Erstens fehlt solchen Leuten, die bereits so tief in's Elend gesunken sind, in den meisten Fällen die ruhige Ueberlegung, die sie in den Stand setzt, nach einem bestimmten Systeme zu handeln, die dringendsten Mängel herauszuerkennen und diesen zuerst, und zwar auf vernünftige Weise abzuhelfen, und dann wieder hätten wir vielleicht das Vergnügen gehabt, daß irgend ein beliebiger Strolch einen Theil des Geldes für Branntwein, Rauchtabak und wer weiß was sonst noch hingegeben hätte. Ja, so hätte es kommen können - Tausend Welt - und zu solchen Ausschreitungen muß man keine Gelegenheit bieten, und damit basta!«
Bei den letzten Worten stieß der immer mehr und mehr in Eifer gerathene alte Herr seinen Stock heftig auf die Erde, und sich dann schnell umkehrend, eilte er, seine kurzen Beine zu mächtigen Schritten zwingend, von der Gräfin fort.
»Lieber Herr Doctor, Sie wollen mich doch nicht mitten in der Nacht auf offener Straße allein stehen lassen?« rief Renate mit vorwurfsvoller Stimme, der man indessen anhörte, in wie hohem Grade ihres väterlichen Freundes eigenthümliches Wesen sie ergötzte.
»Tausend Welt, liebe Renate,« erwiderte der Doctor, indem er noch schneller wieder zurückkehrte und der Gräfin den Arm bot, »verzeihen Sie mir, mein gutes Kind, ich war ein Esel! Hm, mitten in der Nacht auf offener Straße und ganz allein! Seien Sie mir nicht böse, Sie kennen mich ja, habe manchmal wichtigere Dinge zu bedenken ...«
»Als Ihre gehorsame Renate,« schaltete die Gräfin mit erkünsteltem Ernst ein.
»Das wollte ich gerade nicht sagen, aber doch Aehnliches,« entgegnete der Doctor ruhig, mit beschleunigten Schritten aus der letzten engen Gasse in eine breite Straße biegend, in welcher etwa hundert Schritte weiter abwärts der eben von einer langsamen Rundfahrt zurückgekehrte Wagen sie erwartete; »ja, etwas Aehnliches - das Ganze kam indessen auf eine Entschuldigung heraus - ja, sich so etwas vorzustellen: mitten in der Nacht und ganz allein auf offener Straße, und dabei friert es, daß die Sterne vom Himmel fallen möchten; aber Sie haben noch junges, warmes, Blut, und da schadet Ihnen der nächtliche Spaziergang nicht, im Gegentheil, Sie werden doppelt gut darnach schlafen, und außerdem dürfen Sie sich sagen, daß Sie zwei arme, leidende Menschenseelen beglückt haben, was besser ist, als eine Gesellschaft bei der stolzen Gräfin Clotilde.«
»Wofür die leidenden Menschenseelen allein dem Doctor Bergmann zu Dank verpflichtet sind,« fügte die Gräfin mit unverkennbarer Herzlichkeit hinzu; »aber, lieber Herr Doctor, ich habe jetzt wirklich von dem Spaziergange genug und möchte gern meinen Wagen benutzen.«
»Wagen?« fragte der Doctor, überrascht, indem er stehen blieb und sich verwundert umschaute, denn er hatte nicht bemerkt, daß sie dicht an dem den Wagenschlag offen haltenden Diener vorübergeschritten waren und die Equipage sich bereits, ihnen folgend, in Bewegung gesetzt hatte.
»Ja, den Wagen, Herr Doctor,« wiederholte Renate, gegen ein schalkhaftes Lachen ankämpfend.
»Richtig, da ist er ja; Tausend Welt, den muß ich wahrhaftig übersehen haben!«
»Ohne Zweifel,« bekräftigte Renate; dann aber sich dem Doctor zuneigend, flüsterte sie: »Sehen Sie den Mann dort? Mir war, als folgte er uns bereits in der letzten Straße, und jetzt steht er still.«
»Lassen Sie ihn nur stehen, mein liebes Kind,« versetzte der Doctor, indem er seinem Liebling in den Wagen half, »der thut Ihnen nichts und mir nichts, ich kenne ihn genau; er war beauftragt, uns zu folgen, denn dahin, wo wir heute Abend gewesen sind, geht man nicht, ohne wenigstens einen Freund in der Nähe zu wissen.«
»Aber um Gottes willen, wer ist es denn? Sie begreifen, lieber Herr Doctor, es kann mir nicht gleichgültig sein, wer meine Handlungen überwacht.«
»Ruhig, ruhig, meine gute Renate, der dort ist sicher und verschwiegen, und wenn Sie es durchaus wissen wollen: es ist mein Neffe, der sich auf Urlaub hier befindet.«
»Doch nicht der Heinrich?«
»Ganz richtig, mein Heinrich, der bei der Artillerie steht.«
»Und den haben Sie mir noch nicht zugeführt? Es muß wenigstens acht Jahre her sein, seit ich ihn nicht sah; er war damals Fähnrich.«
»Ist hier was zuzuführen; aber wollen Sie den Jungen wiedersehen, so wird er Ihnen nächstens seine Aufwartung machen.«
»Nun, Sie fahren nicht mit?« fragte die Gräfin, als der Doctor einen Schritt zurücktrat und den Diener bedeutete, den Kutschenschlag zu schließen.
»Nein, meine theure Renate; ich habe von hier aus nicht weit bis zu meiner Wohnung; außerdem muß ich mich auch um den Jungen kümmern, den ich, als ich zu Ihnen eilte, im Vorbeigehen aus dem Casino herausholte und mit kurzen Worten auf seinen Posten schickte. Also auf Wiedersehen morgen im Laufe des Tages!«
Die Gräfin reichte ihre Hand hinaus; offenbar wollte sie noch etwas sagen, allein der Wagen hatte sich auf des Doctors Ruf: »Vorwärts, nach Hause!« schon in Bewegung gesetzt.
»Braves, liebes Mädchen; gerade wie ihre Mutter,« sprach der Doctor laut vor sich hin, indem er dem Wagen mit hastigen Schritten nachfolgte.
»Unstreitig das beste Mädchen von der Welt, oder der Herr Doctor würden den steifgefrorenen Neffen darüber nicht ganz vergessen haben,« ertönte plötzlich eine heitere Männerstimme an seiner Seite, und zugleich schob sich ein Arm mit zutraulichem Wesen unter den seinigen.
»Tausend Welt, Junge, hatte Dich wahrhaftig vergessen!« fuhr der Doctor erfreut auf, ohne indessen seine Eile zu mäßigen. »Hast Deine Sache übrigens gut gemacht, ganz gut gemacht, bin sehr zufrieden mit Dir. Hm, nur etwas weiter zurück hättest Du bleiben müssen; sie hat Dich entdeckt und aus Anhänglichkeit an mich den Wunsch ausgesprochen, Dich in ihrem Hause zusehen; mußt also schlechterdings zu ihr.«
»Und warum sollte ich auch nicht?« fragte der Officier lachend.
»Das will ich Dir sagen: erstens liebe ich es nicht, meinen Herrn Neffen auf das Privilegium seiner Uniform hin in hochadelige Häuser einzuschmuggeln, und zweitens widerstrebt es meinem Gefühle, mir gestehen zu müssen, daß man meinem Herrn Neffen aus Anhänglichkeit an mich allerlei Höflichkeiten erweist.«
»Tausend Welt, lieber Onkel,« erwiderte der Lieutenant scherzend in des alten Herrn Weise, »vielleicht bewirke ich, daß, nachdem ich aus Anhänglichkeit an Dich zum ersten Male eingeladen wurde, man die Bekanntschaft mit mir meiner höchsteigenen Person wegen fortsetzt; schmeichele ich mir doch, eine stattliche Figur zu spielen, und da ich so sehr viel von meinem Onkel haben soll, kann ich unmöglich ganz einfältig sein.«
»Schlau genug bist Du,« grollte der Doctor wohlwollend, »verstehst Dich wenigstens vortrefflich darauf, Deinem alten Onkel die schwachen Seiten abzulauschen.«
Der Neffe lachte, der Onkel lachte, und dann plauderten sie wieder so lustig mit einander, als ob sie ein paar muthwillige Schulkameraden gewesen wären, die, nachdem sie sich etwas zu lange auf der Straße herumgetrieben, mit erheuchelter Furcht der sie zu Hause erwartenden Strafpredigten gedachten.
Ja, ja, die Frau Doctorin war eine liebe, gute Dame, aber auf Ordnung hielt sie streng, und nicht eher suchte sie die nächtliche Ruhe, als bis sie sich von dem glücklichen Eintreffen ihres Herrn Gemahls überzeugt hatte.

9. Der Handel.

Vierzehn Tage waren verstrichen, vierzehn schöne, kurze Wintertage, ohne daß auch nur ein Wölkchen während der ganzen Zeit den Himmel getrübt hätte. Heller, klarer Sonnenschein wechselte regelmäßig mit mildem Mondlichte und geheimnißvollem Sternengefunkel ab; aber trotz Sonnenscheins und lieblicher Himmelsbläue schlummerte die Natur unter ihrer schweren, weißen Schneedecke so fest, als ob sie nie wieder habe erwachen wollen.
Auch bei den Menschen hatten die gewöhnlichen Wechsel stattgefunden. Hier war Jemand gestorben; dort hatte ein junger Weltbürger zum ersten Male das Tageslicht erblickt; Herr Seim hatte mit Thränen der tiefsten Rührung in den Augenwinkeln die Weihnachtsgaben von den frommen Gönnerinnen seiner Anstalt in Empfang genommen, hatte in einem ergreifenden Artikel in den verbreiterten Zeitungen die Freude seiner beglücken Lieblinge geschildert und im Uebermaße von Dankbarkeit sich sogar einzelne Andeutungen, wie: »Frau Geheime Commissionsräthin X. nebst Tochter,« »Frau Gräfin C ...,« erlaubt; mehrere Bälle waren in den vornehmsten Häusern der Stadt gegeben worden, und tausend andere derartige wichtige Ereignisse und Begebenheiten, die gerade fällig, hatten die gewohnten und gewöhnlichen Wechsel in dem alltäglichen Leben bewirkt.
Aber auch von manchem ungewöhnlichen Wechsel der Dinge wäre zu erzählen gewesen, wenn man sich nur die Mühe gegeben hätte, danach zu forschen; von Veränderungen und Verwandlungen, so groß und merkwürdig, daß man beim Anblicke derselben seinen eigenen Augen kaum traute und sich verwundert fragte, wie es denn eigentlich möglich sei.
Eine derartige gründliche Umwandlung machte sich indessen nirgends in höherem Grade bemerklich, als in der kleinen Hofwohnung des verrufenen Hauses, welche Doctor Bergmann und Renate vierzehn Tage früher als eine Entsetzen erregende Höhle kennen gelernt hatten.
Die Wände waren freilich noch die alten und nichts weniger, als in baulichem Zustande, eben so der Fußboden und der kleine Feuerherd; allein eine ganz andere Atmosphäre herrschte in dem Gemache, eine Atmosphäre, von der man kaum zu entscheiden wagte, ob sie von dem regelmäßigen Durchlüften und künstlichen Erwärmen herrühre, oder von der übrigen Einrichtung, die, obwohl sehr einfach, doch der Räumlichkeit einen gewissen Charakter des Wohnlichen verlieh.
In dem Winkel, der als der am mindesten feuchte erkannt worden war, stand ein sauberes Bett, und neben diesem ein kleineres, beide mit Matratzen, Kopfpfühlen und Decken zur Genüge versehen.
Ein Tisch, eine Commode, ein Vorrathsschränkchen und vier Stühle standen außerdem noch an den Wänden umher, und leicht entdeckte man, daß Kasten und Fächer nicht leer waren, sondern eben so wohl Kleidungsstücke und die unentbehrlichste Wäsche, als auch gesunde und nahrhafte Speisevorräthe enthielten.
Die Sachen waren allerdings nicht mehr neu, doch entsprachen sie ihrem Zwecke vollkommen, und es gehörte eben kein großer Scharfsinn dazu, zu errathen, daß die einzelnen Gegenstände mit weiser Sparsamkeit, augenscheinlich, um recht weit mit einer bestimmten Summe zu reichen, ausgewählt worden waren.
Die Frau selbst, obwohl noch immer das Bild einer Schwerkranken, saß auf einem bequemen Armstuhle neben dem Küchenherde, wo die von dem kleinen Feuer ausströmende Hitze ihr am meisten zu Gute kam. Ein warmes Kleid umschloß ihre hinfällige Gestalt, eine wollene Haube ihr dünnes, aber wohlgeordnetes Haar, und mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Schmerzes und der Wehmuth blickte sie auf ein zwischen ihren hageren Fingern befindliches Strickzeug, welches sie indessen mehr aus Lust zur Arbeit aufgelegt hatte, als daß sie wirklich schon etwas mit ihren Händen zu verdienen im Stande gewesen wäre.
Ihre Tochter saß ihr gegenüber auf der anderen Seite des Herdes und blätterte in einem Bilderbuche, welches zugleich die Stelle einer Fibel vertrat, und richtete zuweilen Fragen betreffs der großen, bunten Buchstaben an ihre Mutter.
Das Kind zeigte den Ausdruck vollständiger innerer Zufriedenheit; es war ja warm und zweckmäßig bekleidet, trug feste Schuhe auf den Füßen, besaß also mehr, als zu erlangen es jemals zu hoffen sich getraut hätte.
In demselben Maße aber, in welches es sich in seiner neuen Lage zurechtfand, ging auch viel von der ängstlichen Scheu verloren, mit der um sich zu spähen ihm schon längst zu einer schwer abzulegenden Gewohnheit geworden war. Gesprächig, wie andere Kinder seines Alters sonst zu sein pflegen, war es indessen nicht. Das Buch schien seinen Geist ausschließlich eingenommen zu haben, und selbst wenn es Fragen an seine Mutter richtete, geschah dies mit dürftigen, leisen Worten.
Die Nacht war wieder hereingebrochen, und neben der rothen Beleuchtung, die von dem Herdfeuer ausging, erhellte eine kleine Lampe das stille Gemach spärlich. Einzelne Schüsseln und Näpfchen waren auf dem Feuerherde symmetrisch neben einander hingestellt worden, ein Beweis, daß die beiden einsamen Bewohnerinnen ihr frugales Abendbrod verzehrt hatten und vielleicht daran dachten, sich bald zur Ruhe zu begeben.
Die Mutter hatte eben wieder einmal ihre Hände mit dem Strickstrumpfe matt in den Schooß sinken lassen und blickte grübelnd zu ihrem Kinde hinüber, als der in den nahe gelegenen Wohnungen zunehmende wilde, bacchanalische Lärm sie plötzlich in ihrem dumpfen Brüten störte.
»Welch' schreckliche Nachbarschaft,« sprach sie leise vor sich hin, worauf sie sich mit lauter Stimme an ihre Tochter wendete: »Nicht wahr, Riekchen, Du freust Dich ebenfalls auf's Frühjahr, wenn wir erst von hier fort und in eine ruhigere Gegend ziehen, wo wir, wie der Herr Doctor versprochen hat, Gelegenheit finden, etwas zu verdienen?«
»Warum wollen wir fortziehen?« fragte das Kind verwundert. »Es ist ja so schön hier! Wir haben Betten, Essen und Holz - nein, bleiben wir lieber hier; ich bin am feinsten im ganzen Hause gekleidet, und alle Kinder sehen mich böse an, weil es mir so gut geht und sie es nicht eben so haben.«
»Dauern Dich denn die anderen Kinder nicht?« fragte die Mutter, mit einem tiefen Seufzer die eine Hand über ihre Augen legend.
»Zuerst thaten sie mir leid; als sie mich aber schlugen und mir sagten, ich gehöre nicht mehr zu ihnen, freute ich mich, daß sie so viel schlechter seien, als ich.«
»O Gott, o Gott,« stöhnte die Mutter in sich hinein, »wie leicht gelangt man in's Elend, und wie schwer ist es, sich dem Elende und seinen nothwendigen Folgen zu entwinden!«
»Was sagst Du, Mutter?«
»Nichts, mein Kind; ich äußerte nur, Du solltest recht freundlich gegen den Herrn Doctor sein - er meint es so gut mit uns.«
»Warum will aber der Vater nichts von ihm wissen, und warum soll ich immer sagen, ich habe keinen Vater?«
»Später, später, mein Kind, soll Dich nichts mehr hindern, die reine Wahrheit zu sprechen,« versetzte die Mutter, ihr Antlitz wieder verbergend; »nur vorläufig geht es noch nicht, denn böse Menschen haben Deinen Vater an sich gezogen und er muß sich vorher von diesen losmachen.«
Sie wollte fortfahren, ihrer Tochter das Benehmen ihres Mannes in dem möglichst besten Lichte zu zeigen und zu erklären, obwohl sie selbst nicht wußte, wie dies mit Aussicht auf den gewünschten Erfolg zu beginnen sei, als die Stubenthür geräuschvoll aufgerissen wurde und Merle, der Gauner, hastig eintrat.
Die Mutter erschrak und hob mechanisch ihren Strickstrumpf wieder empor, das Kind schlug ein Blatt in dem Bilderbuche um, aber aufzuschauen wagten sie nicht, weil sie die brutale Begegnung des Eintretenden fürchteten.
Doch ganz gegen seine Gewohnheit begrüßte Merle Frau und Kind mit freundlichen Worten, und dann an den Feuerherd tretend, begann er, seine Pfeife zu füllen und anzurauchen.
Hier nun entdeckte die Frau, daß sein Gesicht förmlich glühte, doch nicht etwa, weil er geistigen Getränken zugesprochen hatte, sondern weil er innerlich über irgend etwas triumphirte, das gänzlich zu verstecken er entweder nicht die Kraft besaß oder auch nicht für der Mühe werth hielt.
Dabei hafteten seine Blicke zuweilen spähend auf dem leidenden und niedergeschlagenen Antlitze seiner Frau, als ob er in deren Seele habe lesen wollen, in wie weit er ihrer Verschwiegenheit trauen dürfe.
»Für Euch ist jetzt ganz gut gesorgt,« hob er endlich mit erheuchelter Ruhe an, »und wenn Ihr es nur gescheidt anfangt, wird es immer besser werden, nicht wahr, Riekchen?«
Das Kind nickte schweigend mit dem Kopfe, ohne zu seinem Vater aufzublicken.
»Ja, Euch geht es gut genug, und da ich, um die Geschichte nicht wieder zu verderben, weder bei Euch wohnen, noch essen darf - das Bißchen Tabaksrauch ist morgen früh wieder abgezogen - so muß ich eben sehen, wie ich es mache. Hoffentlich wird es mir ebenfalls glücken, und was ist dann für Noth? Hahaha, solch ein Leben! Riekchen, geh' schnell nach vorn zu unserem Wirthe, Du weißt ja, wo die Uhr hängt, und bringe mir ganz genau Bescheid, wie spät es ist; aber hörst Du, ganz genau!«
Das Kind entfernte sich schweigend; kaum aber hatte es die Thür hinter sich zugezogen, da trat Merle dicht zu seiner Frau heran.
»Frau,« sagte er plötzlich wie umgewandelt mit unheimlichem Ernste, indem er seine Hand schwer auf deren Schulter legte, »ich muß gleich wieder fort, und nur um zwei Worte mit Dir unter vier Augen zu sprechen, schickte ich das Kind weg. Höre mir daher aufmerksam zu und vergiß nicht, daß Dein Leben, das Leben unseres Kindes und dann auch wohl das meinige von der genauen Befolgung meiner Anordnungen abhängen; Du kannst Dir wohl denken, was ich damit meine. Also nie, und würde Dir das Messer an die Kehle gesetzt oder böte man Dir Millionen, sprichst Du eine Silbe über das Blatt aus dem Kirchenbuche; nie erwähnst Du vor irgend einem Menschen die Namen der bei dem Diebstahl mittelbar Betheiligten; ich sage Dir noch einmal: nie, wenn Du nicht zur Mörderin an uns Allen werden willst. Befolgst Du indessen meine Weisungen, so daß meine Zukunft nicht durch Deine Albernheit untergraben wird, so verspreche ich Dir, Dich fortan nicht mehr zu belästigen; Du magst hinziehen, wohin Du willst, magst Dir jede beliebige Beschäftigung suchen, ohne in irgend einer Weise von mir gehindert zu werden, es sei denn ...«
»Es hat eben zehn Uhr geschlagen,« sagte das wieder eintretende Kind.
»Zehn Uhr?« rief Merle erschreckt aus. »Dachte ich doch nicht, daß es schon so spät sei! Keine Minute habe ich zu verlieren. Also, Frau, denke an mich - Ihr mögt immerhin schlafen gehen - ich kehre heute nicht wieder zurück, vielleicht auch morgen nicht.« Und nachdem er seine Taschen prüfend betastet, entfernte er sich ohne ein Wort des Abschieds.
Die Frau saß noch immer wie zerschmettert da. In ihrem Kopfe wirbelte Alles wild durch einander, und kaum vermochte sie etwas Anderes zu denken, als daß ihr Mann auf verbrecherischen Wegen wandle und gerade an diesem Abende mit Hülfe des verhängnißvollen Blattes irgend einen verderblichen Anschlag in Ausführung bringe. Wie sollte sie es hindern, ohne ihr Kind der schrecklichsten Gefahr preiszugeben - an sich selbst dachte sie nicht einmal - und wie wäre es ihr, die sich ohne fremde Hülfe kaum von ihrem Stuhle zu erheben vermochte, möglich gewesen, überhaupt einzuschreiten oder die bedrohten Personen zu warnen?
Da vernahm sie, wie Merle von dem Hofe in das Hauptgebäude eintrat, und zugleich fielen ihre Blicke auf das Kind. Nur einen Augenblick besann sie sich, und dann rief sie dasselbe mit Angstvoller Stimme zu sich.
»Riekchen,« begann sie bebenden Herzens, »Dein Vater schwebt in der gräßlichsten Gefahr, und Du mußt ihn retten! Du bist warm angezogen - schnell, schnell - hier, nimm mein Tuch und schlage es um Deine Schultern. Folge Deinem Vater nach, aber heimlich, ganz heimlich und leise; wenn er Dich sieht, ist es sein Unglück. Folge ihm nach und sieh, mit wem er zusammentrifft; suche die Worte zu erhaschen, die gesprochen werden, und dann, wenn Du glaubst, daß Alles vorbei ist, kehre wieder zu mir zurück. Geh' jetzt schnell, meine Tochter,« fügte sie hinzu, indem sie noch einen Kuß auf des Kindes Stirn drückte, »laß Dich nicht entdecken, und glaube Deiner Mutter, wenn sie Dir sagt, daß Du ein gutes Werk thust und der liebe Gott über Dich wacht. Fort jetzt, ich höre die Hausthür gehen, fort, oder Du findest ihn nicht wieder!«
Das Kind, von jeher gewohnt, bis tief in die Nacht hinein die Straßen bettelnd zu durchstreifen, zeigte nichts weniger als Abneigung, der Mutter Gebot zu erfüllen, um so mehr, als es aus dem dringenden Tone instinctartig herausfühlte, daß es sich wirklich um eine Sache von der größten Wichtigkeit handle. Es schlug daher schnell das ihm dargereichte wollene Tuch um Kopf und Schultern, und seiner Mutter mit einem schlauen Lächeln zunickend, schlich es in seiner geräuschlosen und behenden Weise davon.
Als die Frau sich allein sah, ließ sie das Haupt wieder, wie vor Mattigkeit, auf die Brust sinken und gleichsam willenlos faltete sie die Hände auf ihren Knieen.
»Gott verzeihe mir, wenn ich mich an meinem armen Kinde versündige,« betete sie leise, »aber ich kann nicht anders! Vielleicht reiße ich ihn vom Rande des Abgrundes zurück, ehe er von ...«
Ein Schauder durchrieselte sie; die Worte, die ihr auf den Lippen schwebten, vermochte sie nicht auszusprechen; ihre Hände klammerten sich fester in einander, und erfüllt von unnennbarer Angst begann sie die Minuten zu zählen, die Zeit zu berechnen, bis zu welcher ihre Tochter wieder zurück sein könne.
Merle, nachdem er auf die matt erleuchtete Gasse hinausgetreten war, warf einen spähenden Blick um sich. Nur vereinzelte Personen verfolgten schweigend und hastigen Schrittes ihren Weg nach verschiedenen Richtungen hin, und unter diesen befand sich Niemand, der durch sein Benehmen Argwohn erweckt und zur Vorsicht gemahnt hätte.
Er zog daher den Kragen seines Rockes noch höher empor, und zwar wohl mehr, um sein Gesicht zu verstecken, als daß er die Kälte sehr empfunden hätte, und dann schlug er eiligst die Richtung nach einem belebteren Stadttheile ein, immer sorgfältig das Licht der Laternen vermeidend, sobald er Menschen in der Nähe derselben gewahrte. Seine Bewegungen führte er dabei so natürlich aus, daß selbst der schärfste Beobachter nicht im Stande gewesen wäre, seine Absicht, unerkannt zu bleiben, zu errathen. Da er sich wohlweislich hütete, durch Rückwärtsschauen Aufmerksamkeit zu erregen, so entging es ihm auch, daß ein kleines, vermummtes, schattenähnliches Wesen ihm in sicherer Entfernung auf Schritt und Tritt nachfolgte und die geübten, scharfen Augen beständig auf ihn gerichtet hielt.
Etwa zehn Minuten mochte der Gauner durch das Labyrinth von engen Gassen dahingeeilt sein, als er plötzlich in eine kurze, breitere, aber ebenfalls nur spärlich erleuchtete Straße einbog, in deren Mitte ein Gebäude thorwegartig die beiden Häuserreihen mit einander verband. Unter dem Thorwege bemerkte er mehrere Gestalten, einzelne, die gerade durch denselben hindurchschritten, zwei dagegen, welche etwas abseits standen und eifrig mit einander zu berathen schienen.
Zu diesen letzteren, die, in weite Pelze gehüllt, nur einen geringen Theil ihrer Gesichter der kalten Nachtluft preisgaben, trat er festen Schrittes heran.
»Verzeihen Sie, meine Herren,« sagte er höflich, den Rand seines Hutes leicht mit den Fingerspitzen berührend, »kann ich durch Ihre Güte vielleicht erfahren, wie spät es ist?«
»Ich sollte denken, es wäre die höchste Zeit,« antwortete es mit verstellter Stimme aus dem umfangreicheren der beiden Pelze.
»Gut, Herr Graf, dann begleiten Sie mich; dies ist nicht der Ort, an welchem man ohne Scheu Geheimnisse verhandeln dürfte, und außerdem ist es auf offener Straße zu kalt für die gnädige Frau Schwester des Herrn Grafen,« entgegnete Merle mit entschiedenem Wesen.
»Wenn wir aber nicht geneigt wären, Sie weiter zu begleiten?« fragte der Graf leise. »Wir kennen Sie nicht, und dann versprachen Sie auch, uns Ihr Geheimniß in gedrängter Kürze anzuvertrauen. Uebrigens haben wir Ihrer seltsamen Aufforderung weniger, weil wir Wichtiges von Ihnen zu vernehmen erwarteten, Folge geleistet, als aus - nun, nennen wir es: Lust an Abenteuern.«
»Sie erwarten also, nichts Wichtiges von mir zu hören, hm, dann haben Sie auch wohl kein Geld mitgebracht?« fragte der Gauner höhnisch zurück.
»Immerhin genug, um den Spaß, den Sie sich mit uns erlaubten, mehr als zu theuer bezahlen zu können,« erwiderte der Graf ungeduldig; »doch sagen Sie schnell, was Sie wollen, oder Sie veranlassen uns, Sie als einen Betrüger zu betrachten und unserer Wege zu gehen.«
Bei dem Worte ›Betrüger‹ stieß die in Männertracht gehüllte Gräfin Clotilde ihren Bruder leise an. Listiger, als der Graf, hielt sie dessen Auftreten für wenig geeignet, den Gauner zum Sprechen zu bringen.
»Wenn Sie Ihrer Wege gehen wollen, so mögen Sie es immerhin thun,« versetzte Merle ruhig, indem er selbst sich zum Gehen anschickte; »vielleicht habe ich mich auch geirrt, und das in meiner Tasche befindliche Blatt aus dem Kirchenbuche, welches eine gewisse ...«
»Schweigen Sie, oder sprechen Sie wenigstens nicht so laut, daß die Vorübergehenden es verstehen,« fiel ihm die Gräfin jetzt in's Wort, und zugleich trat sie an seine Seite, welchem Beispiele ihr vor Schreck fast erstarrter Bruder augenblicklich folgte.
»Erklären Sie, was Sie wollen,« fuhr sie mit bebender Stimme fort, denn indem sie ihre Fassung zurückgewann, bedachte sie, daß sie sich durch die unvorsichtige Aeußerung noch mehr in die Gewalt eines ihr völlig Unbekannten gegeben habe; »ja, sprechen Sie offen, was meinen Sie mit dem Kirchenbuche, und wie kommen Sie, dazu, uns mit einem solchen in Verbindung zu bringen?«
»Nicht hier, Frau Gräfin,« versetzte Merle mit widerwärtiger Vertraulichkeit; »daß meine Nachrichten nicht ganz ohne Wichtigkeit sind, werden Sie zur Zeit ebenso gut begriffen haben, wie ich. Ich muß daher fest darauf bestehen, daß Sie mich begleiten; bedenken Sie, wenn wir hier in unserer Verhandlung gestört oder gar belauscht würden, welche unangenehmen Folgen das für uns haben könnte.«
»Wohin wollen Sie uns führen?« fragte der Graf jetzt wieder, nachdem er seiner Bestürzung Herr geworden war.
»An einen sichern Ort, meine Herrschaften, an einen Ort, wo kein menschliches Ohr uns hört und Ihnen so wenig wie mir Gefahr droht. Wir wandeln nämlich auf gefährlichem Boden, und wer von uns die am meisten bedrohte Partei ist, werden Sie selbst am besten ermessen.«
Es erfolgte jetzt eine kurze, im Flüstertone geführte Berathung zwischen den beiden Geschwistern, bei welcher die Gräfin augenscheinlich die entscheidende Stimme führte, denn sie trat zuerst neben Merle hin, ihn auffordernd, voranzuschreiten.
»Es ist nicht unmöglich, daß Ihre Mittheilungen, wenn auch nicht für uns, doch für andere, uns bekannte Personen Werth haben,« sagte sie mit kalter Ruhe, hinter welcher nur eine eiserne Willenskraft wohnen konnte; »wir wollen daher um das Blatt förmlich handeln - vorausgesetzt, Sie haben dasselbe nicht gefälscht - und sind Ihre Forderungen nicht zu unverschämt, sollen sie Ihnen bewilligt werden.«
Der Gauner antwortete durch ein unterdrücktes, vertrauliches Lachen, zog seinen Rock fester um sich und schlug dann denselben Weg ein, den er gekommen war.
»Sie müssen einem armen Teufel schon gestatten, daß er wie Ihresgleichen in einer Reihe mit Ihnen geht,« sagte er nach einer Weile, als er bemerkte, daß der Graf sich etwas entfernt von ihm hielt; »nicht als ob mir viel um die Ehre zu thun wäre, mit hochgeborenen Herrschaften beinahe Arm in Arm zu gehen, denn in diesem Augenblicke sind wir doch so ziemlich gleich; nein, gewiß nicht; aber es ist rathsamer, die uns etwa begegnenden Wächter halten uns für ein Kleeblatt von lustigen Nachtschmetterlingen, als wenn sie in mir den Führer und in Ihnen ein paar verführte junge Leute vermuthen.«
Die Gräfin knirschte mit den Zähnen, der Graf stieß einen leisen Fluch aus, doch zögerten Beide nicht, sich dem Gauner dichter anzuschließen, und schweigend eilten sie in vielfachen Windungen durch die engen, anscheinend verödeten Gassen dahin.
Nach Verlauf einer Viertelstunde, die Merle dazu verwendet hatte, auf weiten Umwegen in eine ganz nahe gelegene Sackgasse zu gelangen, ohne Zweifel, um seinen Begleitern das Wiederauffinden des zurückgelegten Weges zu erschweren, blieb er vor einem hohen, dem Aeußeren nach unbewohnten Gebäude stehen.
»Hier hinein müssen wir,« sagte er flüsternd, nachdem er einige Secunden gelauscht hatte; »einen sicherern Ort giebt es in der ganzen Stadt nicht. Die Herrschaften werden zwar manche Bequemlichkeit vermissen, allein wenn wir uns schnell einigen, mögen Sie diese Gegend auch schnell wieder verlassen.«
So sprechend, zog er ein großes Zuschlagemesser aus der Tasche, und die starke Klinge desselben zwischen den morschen Thürpfosten und das lose haftende Schloß schiebend, gelang es ihm leicht, den rostigen Riegel zur Seite zu drücken. Indem er sich sodann mit der Schulter an die Thür lehnte, wich dieselbe mit knarrendem und schurrendem Geräusch nach innen. »Wie gesagt, meine gnädigen Herrschaften, etwas unwohnlich ist die alte Baracke, und zwar so unwohnlich, daß kein Mensch mehr in ihr hausen mag, aus Besorgniß, daß ihm die Bude über dem Kopfe zusammenbrechen könne,« bemerkte Merle spöttisch, einen Schritt zurücktretend und durch eine Bewegung die beiden Geschwister auffordernd, einzutreten; »und dabei ist sie so werthlos, daß sich Niemand dazu findet, sie auch nur auf Abbruch zu kaufen.«
»Aber es ist ja stockfinster da drinnen,« versetzte der Graf zaudernd.
»Geniren Sie sich nicht,« antwortete Merle boshaft, »treten Sie immer ein; ich will nur die Thür hinter uns zuschieben, und dann führe ich Sie - oder fürchten Sie sich etwa?«
»Schnell, schnell,« sagte die Gräfin ungeduldig, und hastig schritt sie ihrem Bruder voran in die dunkle, schmale Hausflur hinein. »Sie sind nicht der Mann, uns Furcht einzuflößen; wir können nicht leicht eingeschüchtert werden, wir sind bewaffnet.«
»Dachte ich's doch, daß Sie meiner geheimen Aufforderung nicht folgen würden, ohne sich auf alle Fälle vorbereitet zu haben,« hohnlachte Merle; »die Mühe hätten Sie sich indessen ersparen können, es geschieht Ihnen nichts; im Gegentheil, mir ist sehr darum zu thun, daß Sie Ihre Wohnung wohlbehalten erreichen und noch recht lange und recht glücklich leben.«
Bei diesen Worten schob er die Thür wieder zu, doch ließ er den Riegel mit Bedacht nicht einspringen.
»Sie sehen, die Thür bleibt unverschlossen,« fuhr er darauf heimlich flüsternd fort, »der Rückweg steht Ihnen also jederzeit offen.«
»Wäre es nicht besser, zuzuschließen?« fragte der Graf, der Angesichts des Muthes seiner Schwester den eigenen Muth ebenfalls wieder wachsen fühlte; »ich meine, wir befänden uns vor unberufenen Zeugen sicherer, und mir liegt sehr wenig daran, an solchem Orte und in Ihrer Gesellschaft gesehen zu werden.«
»Beruhigen Sie sich, Herr Graf, wer auch immer hier eindringen mag, muß die Thür zurückschieben, und daß dies nicht ohne ein durch die ganze Baracke schallendes Geräusch geschehen kann, haben Sie eben gehört. Uebrigens getrauen sich nicht leicht Menschen im Dunkeln hier herein, denn sie müssen bei jedem Schritte befürchten, mit den von Würmern zerfressenen Bretern durchzubrechen und sich Arme und Beine zu zerschmettern; die Kinder aber, die während des Tages an diesem Orte manchmal Schutz gegen das Wetter suchen und spielend in dem baufälligen Gerüste umherklettern, werden sich hüten, bei solcher Hundekälte hier zu übernachten. Aber bitte, gnädigste Gräfin, reichen Sie mir die Hand, denn erstens muß ich Sie vor Unglück bewahren, das leicht durch einen Fehltritt herbeigeführt werden kann, und dann dürfen Sie mich auch dreist anfassen, weil ich Handschuhe trage.«
»Hannibal, ich lasse Dir den Vortritt,« flüsterte die von unbesiegbarem Widerwillen ergriffene und über die vertrauliche Sprache des Gauners entrüstete Gräfin ihrem Bruder zu, indem sie sich rückwärts an demselben vorbeidrängte.
Dieser ergriff darauf entschlossen Merle's Hand, und seiner Schwester die noch freie Hand reichend, forderte er seinen Führer auf, nicht länger zu zögern.
Merle lachte wiederum höhnisch; er war scharfsinnig genug, zu errathen, weshalb die beiden Geschwister ihre Plätze wechselten. Er hielt es indessen nicht der Mühe werth, eine Bemerkung darüber zu machen, und indem er sich langsam vorwärts tastete, zwang er den Grafen, genau seinen Spuren zu folgen.
Anfangs fühlten sie sichern Boden unter ihren Füßen, sobald sie aber die Breite des zerfallenden Hauses durchschritten hatten, ermahnte der Gauner die Geschwister zu doppelter Vorsicht, weil sie nunmehr eine Treppe zu ersteigen hätten, an der nicht nur das Geländer, sondern auch hin und wieder eine Stufe fehle.
»Was nicht gerade durch eiserne Klammern und Kalk mit dem Mauerwerk verbunden gewesen ist, haben die Nachbarn längst fortgeschleppt,« erklärte er, während er langsam und jedes Mal die Haltbarkeit der Stufe prüfend, bevor er ihr sein Gewicht anvertraute, emporstieg: »Das Holz ist theuer, und frieren wollen die Leute nicht gern - verdammt finster hier, aber das ist um so besser; bei Tage würde den gnädigen Herrschaften vielleicht schwindelig werden.«
Eine Antwort erhielt er nicht, denn der Graf sowohl wie seine Schwester empfanden eine seltsame Beklemmung, indem sie bedachten, daß sie sich vollständig in die Gewalt eines gewissenlosen Verbrechers gegeben hatten, der, wenn er wollte, sie in jedem Augenblicke ihrem Schicksale überlassen und dadurch am leichtesten ihr Verderben herbeiführen konnte.
Nach Ersteigung von ungefähr zwanzig vielfach unterbrochenen Stufen gelangten sie auf eine kleine Abflachung, welche Merle die zweite Etage nannte. Gleich darauf betraten sie eine neue Treppe, die, noch mangelhafter, als die erste, den Vorzug hatte, daß der Rest eines festen, allmählich glatt geriebenen Strickes an ihr niederhing, welcher seit uralten Zeiten das fehlende Geländer vertreten hatte.
Der Gauner gab den Geschwistern den Strick in die Hände, doch rieth er, denselben nur als Führer zu benutzen und sich auf keinen Fall zu schwer auf das morsche Geflecht zu stützen, indem man nicht wissen könne, ob es nicht von den schadenfrohen Kindern stellenweise eingeschnitten sei und daher unter ihrer Last reißen würde.
War dies nun wirklich der Fall, oder beabsichtigte Merle, seine Begleiter in eine seinen Zwecken entsprechende Aufregung zu versetzen, die Wirkung der Erklärung blieb dieselbe; denn jedenfalls erreichte er, daß selbst die Gräfin ein kalter Schauer überlief und sie die Umstände verwünschte, durch welche sie in eine so gefährliche Lage gebracht worden war.
Doch auch das dritte Stockwerk erstiegen sie, ohne einen ernstlichen Unfall zu erleiden, wenn ihre Füße auch mehrfach beim Suchen nach der fehlenden Stufe ausglitten und sie sich zum Schutze gegen gefährliches Straucheln mit den Händen an das Holzwerk anklammern mußten.
Dort nun erklärte Merle, daß sie die erforderliche Höhe erreicht hatten und nur noch eine kurze Strecke sie von dem einzigen Gemache des Hauses trenne, in welchem, ohne Gefahr einer Entdeckung von außen, Licht angezündet werden dürfe.
Alsdann forderte er seine Begleiter auf, wieder eine Kette mit ihm zu bilden, und behutsam mit den Füßen auf den holprigen, schadhaften und zum Theil bereits losgebrochenen Dielen einherschlurfend, durchmaß er einen moderig duftenden Gang, der so schmal war, daß zwei einander begegnende Personen Mühe gehabt hätten, sich gegenseitig auszuweichen.
Der Gang führte in ein nach dem Hofe hinaus liegendes Nebengebäude, und wohl zwanzig Schritte legten sie in demselben zurück, bis Merle endlich still stand, nach einigem Umhertasten eine knarrende Thür aufstieß und mit zufriedenem Ausdrucke erklärte, daß sie an Ort und Stelle seien.
Während Merle und seine Begleiter sich mühsam ihren Weg durch die finsteren Räumlichkeiten der zerfallenden Baracke suchte, war die Gasse vor derselben ebenfalls nicht ganz unbelebt geblieben.
Die Hausthür hatte sich nämlich kaum geschlossen und noch waren, wenn man aufmerksam lauschte, die Stimmen auf der Hausflur zu unterscheiden, da glitt ein kleiner, flüchtiger Schatten heran, als ob er ebenfalls in das Innere des Gebäudes habe eindringen und den Voranschreitenden nachfolgen wollen.
Er legte auch wirklich die Hand an das Schloß; sobald die Thür aber auf den leisen Druck mit einem kurzen Knarren antwortete, prallte der kleine Schatten erschreckt zurück.
Eine Minute blieb er mit einem Ausdrucke der Unentschlossenheit stehen, und erst als die Gasse wieder einmal auf kurze Zeit ganz menschenleer war, schlüpfte er einige Schritte weit von der Thür fort, und hastig und mit einer Gewandtheit, die man dem kleinen Wesen kaum zugetraut hätte, zog es einen lose eingefügten Stein aus dem nächsten von dem morschen Gebälk gebildeten Fache auf die Straße heraus.
Offenbar hatte Riekchen, denn sie war es ja, schon vielfach auf diesem Wege, gleich anderen unglücklichen Kindern, Eingang in das verödete Haus gefunden, wenn des Vaters Schläge sie von dannen getrieben und das böse Wetter das Betteln zu beschwerlich und wenig lohnend machte; denn dem ersten Steine folgte der zweite bald nach, und noch keine Minute hatte sie bei dieser seltsamen Arbeit zugebracht, da war die Oeffnung groß genug, um mit Bequemlichkeit hindurchschlüpfen zu können.
Einen scheuen Blick warf sie die stille Gasse hinunter. Die Beleuchtung der einzigen in derselben trübe brennenden Laterne traf sie nicht, kein menschliches Auge war auf sie gerichtet, und Zeit hatte sie nicht mehr zu verlieren, wenn sie den von der Mutter erhaltenen Auftrag gewissenhaft ausführen wollte. Schnell entschlossen hing sie daher das große Umschlagetuch über ihren Arm, und Kopf und Schultern in die Maueröffnung schiebend, verschwand sie mit einer Schnelligkeit im Innern, als ob sie plötzlich in die Erde gesunken wäre.
Einmal im Innern, war es keine schwere Aufgäbe für sie, ihrem Vater unentdeckt nachzufolgen. Sie kannte ja jeden Zollbreit der alten Baracke, die ihr so oft Schutz gewährt hatte, und wo die Stufen unter dem Gewichte Merle's und des vornehmen Geschwisterpaares krachten und knarrten, da glitt die leichte, schmächtige Gestalt so geräuschlos über dieselben hin, als ob sie wirklich nur ein schwebender Schatten gewesen, wäre. -
»So, meine Herrschaften, Sie mögen jetzt so offen und ungenirt sprechen, als ob Sie sich auf dem Monde befänden,« sagte Merle, nachdem er eine halbe Wachskerze angezündet und auf einer Schuttanhäufung mittels Lehmklößen und kleinen Steinen zum Stehen gebracht hatte. »Niemand hört uns, Niemand sieht uns, und wenn wir dieses Haus nach zufriedenstellender Abwickelung unserer Geschäfte verlassen haben, kennt Einer den Anderen nicht mehr. Sie sehen, ich halte auf Anstand und bin ein Mann von Wort.«
Diejenigen, an die er diese Erklärung richtete, antworteten nicht gleich. Nachdem sie sich so lange in der undurchdringlichen Finsterniß befunden hatten, blendete sie sogar die von dem Lichte ausströmende gedämpfte Helligkeit, und mit ängstlicher Neugierde spähten sie nach allen Richtungen, um sich mit dem Charakter ihrer Umgebung vertraut zu machen.
Beide sahen in Folge der anhaltenden Aufregung bleich aus, doch war eine finstere Entschlossenheit auf ihren Zügen ausgeprägt, nur daß bei dem Grafen sich erst mit dem Aufflackern des Lichtes der Muth wieder eingestellt zu haben schien, der ihn, so lange er der vermeintlichen Gefahr nicht gerade in's Auge schauen konnte, gern bis zu einem gewissen Grade verließ.
Trotzdem war er immer noch eine schöne, stattliche Erscheinung, die durch den bürgerlichen Anzug, welchen er vorsichtiger Weise angelegt hatte, keineswegs beeinträchtigt wurde, und wenn jemals ein Mensch eine sogenannte aristokratische Haltung zeigte, so war es der Graf, als er in Merle einen zwar vierschrötigen, aber ihm doch nur bis zur Schulter reichenden und augenscheinlich nicht mit ungewöhnlicher Körperkraft ausgerüsteten Menschen erkannte.
Die Gräfin dagegen bot in ihrer männlichen Kleidung das Bild eines tadellos gewachsenen, zarten Jünglings, aus dessen Zügen aber eine Willenskraft sprach, die den meisten Männern, namentlich ihrem stattlichen Bruder, zur Ehre gereicht haben würde.
Die weiten Pelze und die der rauhen Jahreszeit angemessenen Kopfbedeckungen gestatteten übrigens nicht, viel von ihren Figuren zu entdecken, nur wenn sie sich bewegten, traten dieselben hinlänglich durch den weiten Faltenwurf hervor, um ihre äußeren Formen nothdürftig verfolgen und sogar bemerken zu können, daß nicht allein der Graf, sondern auch seine Schwester Waffen führten, die, an sich unscheinbar, doch in einem Handgemenge allen anderen vorzuziehen sind.
Das Gemach unterschied sich in seiner Ausstattung kaum von Merle's Behausung, als dieselbe noch nicht durch Doctor Bergmann's Einschreiten so wesentlich verändert worden war. Nur geräumiger erschien es und seiner höheren Lage wegen nicht so feucht, obwohl auch hier der verwitterte Lehmüberwurf von Wänden und Decke losgebröckelt war und den Fußboden dicht bedeckte. Jedenfalls stand der verödete Raum im Einklange sowohl mit der äußeren Erscheinung und den Worten des verwegenen Gauners, wie mit den Gefühlen und Plänen, welche das Geschwisterpaar hiehergeführt hatten.
»Nicht wahr, meine gnädigen Herrschaften, eine schöne Gelegenheit hier, Geheimnisse auszutauschen?« fuhr Merle mit vertraulicher Höflichkeit fort, als seine Begleiter ihm auf die erste Anrede die Entgegnung schuldig blieben.
»Darum handelt es sich nicht,« versetzte die Gräfin, ihre Lippen voller Verachtung emporkräuselnd; »Sie brauchen uns nicht auf Dinge aufmerksam zu machen, die wir bequem mit unseren eigenen Augen sehen. Aber giebt es hier nicht irgend einen Gegenstand, auf welchen man sich niedersetzen könnte? Ich fühle mich erschöpft von der ungewohnten Wanderung.«
Ueber das brutale Gesicht des Gauners zuckte ein Blitz giftiger Schadenfreude und innerer Befriedigung, und mit einer Bereitwilligkeit, welche selbst den Grafen überraschte, beeilte er sich, auf einer Stelle, die ziemlich frei von Schutt, mehrere der umherliegenden Mauersteine so über einander zu schichten, daß sie zwei Menschen einen nothdürftigen Sitz gewährten.
Nachdem das Geschwisterpaar sich niedergelassen hatte, scharrte er etwa zwei Schritte weit von ihnen den Schutt zur Seite, wobei er verstohlen nach etwas suchte. Sein Stiefel stieß endlich an einen im Fußboden befestigten, ihm selbst nur bemerkbaren Gegenstand, worauf er sich ohne viel Rücksicht für seinen Anzug so auf den staubigen Boden warf, daß der gesuchte Gegenstand sich im Bereiche seiner Hände befand. Zu gleicher Zeit achtete er aber auch darauf, daß die Beleuchtung seinen Rücken traf, während sie voll auf die noch immer bleichen und eine hohe Spannung verrathenden Gesichter des Grafen und seiner Schwester fiel.
»Meine gnädigen Herrschaften,« eröffnete er alsbald die Unterhaltung mit einem Anstande, der früheren und besseren Zeiten angehörte, jetzt aber durch eine Beimischung niedriger Frechheit widerwärtig wurde, »ich erlaube mir, vorzuschlagen, so wenig Worte wie möglich zu machen; verkehren wir wie redliche und gebildete Leute mit einander und ereifern wir uns nicht, damit wir recht bald zu einem endgültigen Schlusse gelangen.«
»Ersparen Sie sich die Vorrede,« entgegnete die Gräfin ruhig, während des Grafen Hand unter seinem Pelze sich auf einen Pistolenkolben legte; »sagen Sie, was Sie für Ihr sogenanntes Geheimniß fordern, und es soll mir auf ein paar Louisd'or mehr nicht ankommen.«
»Ich glaube es Ihnen gern, gnädigste Gräfin,« erwiderte Merle nicht minder ruhig; »für Ihresgleichen ist es gewiß keine Freude, mit einem Menschen von zweideutigem Charakter um Mitternacht über eine Sache zu unterhandeln, die weit eher vor den Untersuchungsrichter gehörte. Fassen Sie dies indessen nicht von der schlimmsten Seite auf; denn morgen, wenn Sie in Ihren erleuchteten Sälen strahlend umherschweifen und die allgemeine Bewunderung auf sich ziehen, sieht kein Mensch Ihnen an, daß Sie in dieser Nacht mit einem armen Schlucker verkehrten.«
»Was soll das heißen, Unverschämter? Haben Sie uns hieher gelockt, um Narrenpossen mit uns zu treiben?« fuhr der Graf empor.
Die Gräfin dagegen, obwohl ihre Zähne sich auf einander preßten, legte die Hand beschwichtigend auf den Arm ihres Bruders.
»Ereifere Dich nicht, der Mensch hat im Grunde Recht, und Deine Heftigkeit verursacht nur neuen Zeitverlust,« sagte sie kaltblütig, worauf sie Merle ein Zeichen gab, fortzufahren.
»Ja, Herr Graf, ereifern Sie sich nicht,« wiederholte der Gauner im Geschäftstone, »Sie müssen die Sachen nehmen, wie sie kommen. Uebrigens sollen Sie mit mir zufrieden sein, oder glauben Sie vielleicht, ich hätte mir um nichts und wieder nichts so viel Mühe mit Ihnen gemacht, oder gar, um Sie zu berauben? Rauben schlägt nicht in mein Fach, ich verdiene mir meinen Unterhalt auf redlichere Weise. Allerdings hatte ich Ihnen das kostbare Blättchen Papier ebenso gut anderswo einhändigen können, und Sie würden mich auch wahrscheinlich anständig bezahlt haben; ich zog es indessen vor, Sie an einen Ort zu führen, wo die Kräfte gleich vertheilt sind, ich meinen Worten also auch höheres Gewicht beilegen kann, ohne vor die Thür geworfen oder gar als Betrüger den Gerichten überantwortet zu werden.«
»Weiter!« befahl die Gräfin, ihre Lippen fast blutig beißend, als Merle schwieg.
»Gern, gnädigste Gräfin; auch ich sehne mich, zu Ende zu kommen, denn es ist verteufelt kalt in dieser löcherigen Bude, und bis zu einem Zobelpelze habe ich es noch nicht gebracht. Also auch Sie und Ihr Herr Bruder bezweifeln nicht die Wichtigkeit des erwähnten Documentes oder dessen Echtheit, oder Sie würden sich gehütet haben, mir bis hierher zu folgen. Ja, ja, ich kenne das aus Erfahrung, ein böses Gewissen ist eine mächtige Triebfeder; doch ich sehe, Sie werden ungeduldig, kommen wir daher zur Sache selbst:
»Auf einem Dorfe, wohl an hundert Meilen weit von hier, lebte vor etwa neun oder zehn Jahren ein alter, steinalter Pfarrer. Der Pfarrer, ohne nähere Angehörigen, hatte eine junge Wirthschafterin zu sich genommen, die seiner Haushaltung redlich vorstand. Sie war ein gutes Mädchen, und schön war sie auch, ja, so schön, daß sogar vornehme Herren sich herabließen, ihre Augen auf sie zu werfen.«
»Weiter, weiter!« rief die Gräfin, ungeduldig mit dem Fuße stampfend.
»Bitte, gnädigste Gräfin,« erwiderte Merle, indem er mit der Hand in den Schutt griff und daselbst etwas festhielt, »erschüttern Sie das Haus nicht, es steht sehr lose. Ich sprach von der Wirthschafterin - gut also. Eines Tages erhielt Dorothea - so hieß sie - die Aufforderung, zu einer vornehmen Dame in der nahe gelegenen Stadt zu kommen.
»Dorothea, in der Meinung, es handle sich um die Anstellung ihres Bräutigams - einen Bräutigam hatte sie nämlich auch, und zwar einen hübschen, ansehnlichen jungen Menschen, der aber in einer andern Stadt wohnte und trotz seines Leichtsinns ihr treu blieb, nachdem er sie als Soldat auf dem Durchmarsche kennen gelernt - verzeihen Sie meine Weitschweifigkeit,« schaltete Merle hier ein, »es gehört indessen Alles zur Sache, wie Sie gleich hören werden. Kurz und gut also: Dorothea, von den schönsten Hoffnungen beseelt, leistete der seltsamen Einladung Folge.
»Mit der erhofften Anstellung war es indessen nichts; die vornehmen Herrschaften, Bruder und Schwester, hatten nicht einmal die Ehre, den Herrn Bräutigam zu kennen, dagegen erkundigten sie sich sehr angelegentlich nach Dorothea's Verhältnissen und fragten schließlich, ob sie nicht Lust habe, einige Hundert Thaler zu verdienen.
»Dorothea dachte an ihren Geliebten, der ebenfalls arm wie eine Kirchenmaus war, und daß derselbe ihr wohl untreu werden könne, wenn die Hochzeit nicht bald stattfinde. Ferner leuchtete ihr ein, daß die paar Hundert Thaler zur Begründung eines kleinen Hausstandes gerade ausreichen würden, und sie erklärte sich mit Freuden bereit, den vornehmen Herrschaften den Dienst zu leisten. Sie schrak wohl zurück, als man ihr zumuthete, ein ihr bezeichnetes Blatt aus dem Kirchenbuche zu entwenden und den Herrschaften einzuhändigen; allein freundliches Zureden, Schmeicheln von Seiten des Herrn Grafen und endlich die bestimmte Aussicht auf ihre Verheirathung verscheuchten die letzten Bedenken und sie mißbrauchte das Vertrauen des alten Pfarrers. Außerdem mochte sie darauf gerechnet haben, daß der bejahrte Herr, der sich schon vielfach durch einen Candidaten vertreten lassen mußte, nicht mehr lange leben und das Fehlen des Blattes, wenn es nach dessen Tode überhaupt entdeckt werden sollte, wohl seiner Zerstreutheit zur Last gelegt werden würde. Der Küster war aber noch älter, als der Pfarrer, und verstand von kirchlichen Angelegenheiten nicht mehr, als gerade nothwendig, um Küster zu spielen.
»Dorothea und ihre hochgeborenen Freunde hatten also allen Grund, anzunehmen, daß der Diebstahl ihnen niemals zur Last gelegt werden könne, und die Sache wurde daher ganz im Sinne des Herrn Grafen und der noch sehr jungen, dafür aber um so schlaueren Gräfin ausgeführt. Unverantwortlich bleibt nur, daß die arme Dorothea von denjenigen, die sie zu dem Diebstahle verleiteten, getäuscht wurde.«
»Jedenfalls ist sie für ihre Dienstleistung glänzend bezahlt worden,« fiel die Gräfin dem Gauner in die Rede; »Sie brauchen übrigens nicht so ausführlich zu sein, nachdem Sie den Beweis geliefert, daß Sie mit dem Vorgange, der damals aus einer unbedachtsamen Laune entsprang, hinlänglich vertraut sind, um uns einige Verdrießlichkeiten bereiten zu können. Beantworten Sie mir ein paar Fragen, übergeben Sie mir das unterschlagene Blatt, geben Sie mir ferner die sichere Bürgschaft, daß Sie diese Angelegenheit nie wieder mit einer Silbe berühren, und es wird Ihnen eine Summe ausgezahlt werden, die vielleicht Ihre Erwartungen noch übertrifft.«
»Recht gern, meine gnädigen Herrschaften,« versetzte Merle mit einem verschmitzten Lächeln; »auch mir ist es lästig, alte Geschichten wieder auskramen zu müssen, und mögen Sie daher so viel fragen, wie Sie nur immer wollen.«
Die Gräfin sann eine Weile nach, warf einen unzufriedenen Blick auf ihren Bruder, der das, was er eben vernommen hatte, gar nicht fassen zu können schien, und dann wendete sie sich an Merle:
»Wo befindet sich jetzt das verrätherische Blatt, welches damals unvorsichtiger Weise im Besitze der albernen Wirthschafterin gelassen wurde?«
»Hier,« antwortete Merle, indem er ein zusammengefaltetes Papier aus der Brusttasche zog, es aber sogleich wieder zurückschob.
»Wer steht uns für die Echtheit desselben?« fragte die Gräfin weiter.
»Ich mit meiner Ehre und Sie mit Ihren guten Augen, wenn ich Ihnen den Wisch erst eingehändigt haben werde - doch das hat noch keine Eile.«
Ueber der Gräfin Gesicht breitete sich wieder eine Wolke der bittersten Verachtung aus.
»Was ist aus der Wirthschafterin geworden?« fragte sie nach einer kurzen Pause.
»Nun, das Mädchen mochte sich nach dem Diebstahl nicht mehr recht heimisch bei dem alten Pfarrer fühlen; denn anstatt dessen Tod abzuwarten und noch Dieses oder Jenes aus dem Nachlasse zu beziehen, benutzte es das Geld dazu, dem Geliebten nachzureisen, ihm mit den Paar Hundert Thalern die Augen zu verblenden und sich mit ihm trauen zu lassen. Leider reichte das Geld nicht weit; noch kein Jahr war verstrichen, und der letzte Groschen war zum Teufel.«
»Sie scheinen die Verhältnisse der Wirthschafterin genau zu kennen.«
»Hm, ja, ich sollte wohl!«
»Was ist aus ihr geworden und wo befindet sie sich jetzt?«
»Sie ist längst todt; ich kam noch gerade zur rechten Zeit, um das Blatt in Empfang zu nehmen, welches sie neben einem vollen Bekenntnisse einem fremden Herrn zugedacht hatte.«
»Weiß der Mann der Verstorbenen nichts von der Geschichte?«
»Bis zu ihrem Tode hatte er keine Ahnung davon. Sie war verschwiegen, wie das Grab, und außer den gnädigen Herrschaften bin ich jetzt der Einzige, der das Geheimniß kennt.«
»So sind Sie wohl gar der Gatte jener Wirthschafterin?«
»Ihnen zu dienen! Ich war es bis zu ihrem Tode und habe das Geheimniß in rechtlicher Weise von meiner verstorbenen Frau geerbt; nur hoffe ich, da sie selbst sich außer dem Bereiche jeder gerichtlichen Verfolgung befindet, es besser zu verwerthen, als sie gethan hat.«
»So geben Sie denn das Blatt, und ich will Ihnen auf der Stelle zwanzig Louisd'or dafür auszahlen.«
»Zwanzig Louisd'or?« fragte Merle achselzuckend.
»Ich lege noch dreißig hinzu,« versetzte der Graf schnell, als ob plötzlich ein Entschluß in ihm reif geworden wäre, und zugleich zog er seine Brauen drohend zusammen.
»Das macht im Ganzen fünfzig,« entgegnete Merle kaltblütig, ohne des Grafen drohende Haltung auch nur eines Blickes zu würdigen. »Bah, was sind fünfzig Louisd'or! Verdoppeln Sie die Summe, und ich will sehen, was sich thun läßt. Es wäre ja möglich, daß noch Leute lebten, die mir gern das Vierfache dafür böten; es ist mir nur zu unbequem, nach solchen zu forschen. Ich denke: Ein Sperling in der Hand ist besser, als zehn auf dem Dache! Also, meine Herrschaften, entscheiden Sie sich schnell - hundert Louisd'or, keinen Pfenning weniger! Wollen Sie, oder wollen Sie nicht? Bedenken Sie gefälligst, daß meine Stellung mir nicht erlaubt, viel Zeit mit Ihnen zu verlieren.«
»Unverschämter Schurke, vergessen Sie nicht, mit wem Sie sprechen!« fuhr der Graf jetzt schäumend auf, und zugleich zog er die mit einer kurzen Pistole bewaffnete Faust aus seinem Pelze hervor, während seine Schwester den Gauner mit prüfenden Blicken betrachtete, offenbar um zu erspähen, welchen Eindruck ihres Bruders ritterliches Wesen auf ihn ausüben würde. »Vergessen Sie nicht, daß ich Sie wie eine giftige Kröte zermalmen kann!« fuhr der Graf unterdessen tief und geräuschvoll athmend fort. »Ueberlegen Sie wohl, ob es rathsam ist, mich bis auf's Aeußerste zu reizen, mich zu zwingen, Sie so zu behandeln, wie Sie es verdienen! Ob man aber viel Aufhebens davon machen wird, einen Elenden Ihres Gelichters mit zerschmettertem Kopfe zu finden, werden Sie sich selbst am besten sagen können!«
»Namentlich wenn der Kopf durch eine hochgeborene Hand zerschmettert wurde,« versetzte Merle mit unerschütterlicher Ruhe, die in demselben Grade zu wachsen schien, in welchem des Grafen Wuth zum wilden Ausbruche gelangte. »Aber bitte, Herr Graf, bevor Sie zum Aeußersten schreiten, vernehmen Sie nur Ein Wort, es wird dazu dienen, eine schnelle Einigung herbeizuführen. Sie sprechen von Anwendung von Gewalt; dergleichen habe ich nicht gethan. Ich hielt es unter meiner Würde, obwohl ich die Macht dazu in den Händen habe und man gewiß recht viel Aufhebens davon machen würde, wenn man in diesem Stadtviertel und in diesem Hause den Herrn Grafen und die gnädige Gräfin mit zerschmetterten Köpfen fände - aber bitte, erschrecken Sie nicht, meine gnädigen Herrschaften,« fuhr er spöttisch fort, als er bemerkte, daß der Graf erbleichte und ängstlich forschend um sich schaute, und sogar auch die Gräfin einen scheuen Seitenblick nach der Thüröffnung hinüberwarf, »ich bin hier allein, kein Mensch befindet sich in der Nähe, der mir Beistand leisten könnte, um sich dafür in die hundert Louisd'or mit mir zu theilen. Nein, ich bin nur auf meine eigenen Kräfte angewiesen, aber bis jetzt war ich edelmüthig genug, Sie meine Uebermacht nicht fühlen zu lassen, wie es von Ihnen kindisch war, Herr Graf, mit einer Drohung gegen mich vorzugehen.
»Sie scheinen vergessen zu haben, daß Sie sich nicht in einer Umgebung befinden, wo Sie furchtlos Fußtritte und Peitschenhiebe austheilen können - bitte, rühren Sie sich nicht von der Stelle, oder Sie sammt Ihrer Schwester sind des Todes!« bemerkte er mit unheimlichem Ernste, als der Graf wieder eine Bewegung machte, wie um auf ihn einzuspringen. »Wir kennen das Alles; die Herren haben nur da Muth, wo sie die Uebermacht in Händen zu halten glauben; nimmt man ihnen aber dieses Bewußtsein, so kriechen sie zusammen. Sie lassen sich sogar im Stillen eine ehrenrührige Behandlung gefallen, wenn sie dafür die Aussicht haben, mit gesunden Knochen davonzukommen.
»Nicht von der Stelle, Bruder Graf!« rief er wiederum, jetzt aber lauter aus, und seine rechte Hand rüttelte leise an einem unter dem Schutte theilweise noch verborgenen Gegenstande. »Es sollte mir leid thun um Ihre Schwester, mit der ich mich, ohne Ihr Dazwischentreten, leicht geeinigt hätte. Ja, sehen Sie mich an, wie ich hier liege, und dann verfolgen Sie mit den Augen die im Schutte etwas eingesunkene Linie, die sich im Vierecke um Sie herumzieht - bitte, bemühen Sie sich nicht, stehen Sie nicht auf, oder ...« - hier folgte wieder das vorsichtige Rütteln, und deutlicher trat der angedeutete Streifen hervor, indem in Folge der Erschütterung der bewegliche Staub durch die noch nicht sichtbaren Fugen niederrieselte.
»Also, meine Herrschaften,« fuhr Merle mit unverschämter Vertraulichkeit fort, die dem gespannt lauschenden Geschwisterpaare nur zu deutlich sein unbestreitbares Uebergewicht verrieth, »wir befinden uns hier auf einem alten Magazinboden, auf welchem einst, vielleicht vor fünfhundert Jahren, Güter, wahrscheinlich Lumpenballen, hinauf- und hinuntergewunden wurden. Vergebens führte ich Sie nicht hierher; ich mußte mich sichern, und wenn Sie gütigst Ihre Aufmerksamkeit auf meine Hand lenken wollen, werden Sie leicht begreifen, daß ich diesen Keil, dessen äußerste Spitze diese Ueberfallkrampe kaum noch mit dem Ringe verbindet, ganz hervorzuziehen brauche, um Sie weit schneller, als Sie den Taschenpuffer zu spannen, oder gar aufzuspringen vermögen, durch zwei Stockwerke, in einen mit zerbröckeltem Mauerwerke theilweise angefüllten Keller hinabfallen zu lassen. So, ich bin zu Ende; Sie mögen immerhin Ihre Waffe wieder in die Tasche stecken; so - aber bitte, verlassen Sie die Fallthür nicht, ich bin fest entschlossen, mir den Rücken frei zu halten.«
»Kümmere Dich nicht um die Fallthür,« sagte die Gräfin jetzt mit vor Wuth halb erstickter Stimme zu ihrem Bruder gewendet, der plötzlich seine ritterliche Haltung vollständig eingebüßt hatte und dafür ein gewisses Gefühl der Unbehaglichkeit zur Schau trug. »Ich werde die geforderte Summe bewilligen und berichtigen. Aber zeigen Sie mir erst das Blatt; ich muß wissen, ob wir nicht getäuscht worden sind.«
»Zuerst das Geld, wenn ich bitten darf!« entgegnete Merle brutal. »Solch ein Papierfetzen ist schnell vernichtet, und ihn zu ersetzen vermöchte ich nicht!«
»Befinden wir uns nicht auf der Fallthür?« fragte die Gräfin, im Uebermaße ihrer Verachtung die Achseln heftig zuckend.
»Gnädigste Gräfin, alle Achtung vor Ihrer Entschlossenheit!« versetzte der Gauner zuvorkommend. »Hier ist das Blatt,« fügte er hinzu, das zusammengefaltete Papier darreichend, ohne jedoch die rechte Hand von dem Verschlusse der Fallthür zu entfernen.
Die Gräfin ließ ihre Blicke prüfend über das Blatt gleiten, dasselbe so haltend, daß ihr Bruder mit hineinsehen konnte. Die Züge Beider drückten eine hohe Spannung aus, und kaum wagten sie zu athmen vor Erwartung und innerer Aufregung.
Plötzlich legte die Gräfin ihren Zeigefinger auf eine Stelle ganz unten am Rande des Papiers, und indem sie langsam las, folgte die Fingerspitze den nächsten Zeilen Wort für Wort nach.
»Es ist richtig,« bemerkte sie endlich, und ein heller Triumph blitzte aus ihren Augen.
Nachdem sie darauf aus ihrer und ihres Bruders Börse die geforderte Summe zusammengezählt hatte, händigte sie Merle das Geld ein.
»Auf ein Gegenversprechen des Schweigens von Ihnen verzichte ich,« sagte sie mit ihrem gewöhnlichen, hochmüthigen Wesen zu dem fast achtungsvoll zu ihr emporschauenden Gauner; »Sie würden doch thun, was Sie wollen ...«
»Keineswegs, gnädige Gräfin, mein Ehrenwort ...« stotterte dieser, förmlich berauscht durch den Anblick des in seinen Händen befindlichen Reichthums.
»Unterbrechen Sie mich nicht,« fiel ihm die Gräfin voller Verachtung in die Rede, »ich verlange Ihr Ehrenwort nicht, nur das Licht reichen Sie mir, damit ich unser Uebereinkommen besiegle; ich würde es mir selbst holen, wenn ich Ihnen nicht den Gefallen erweisen möchte, bis zum letzten Augenblicke auf der Fallthür sitzen zu bleiben.«
Merle trieb mit einem Stoße seiner Hand den Keil wieder tief in den Ring hinein, und dann emporspringend, reichte er der Gräfin die brennende Kerze mit einer Verbeugung dar.
Diese nahm das Licht in die linke Hand, und das Blatt unverzüglich der Flamme nähernd, brannte sie die eine Ecke desselben an, worauf sie Merle das Licht zurückgab.
Aller Augen waren auf das brennende Papier gerichtet, welches die Gräfin, um sich des Anblickes länger zu erfreuen, so hielt, daß die Flammen nur sehr langsam niederwärts glitten. Niemand sprach ein Wort; die eigenthümlich roth beleuchteten Gesichter dagegen drückten eine Spannung aus, als ob von der Vernichtung des Documentes das Geschick von Welten abgehangen hatte, und merkwürdig contrastirte der auf den Zügen der Geschwister ausgeprägte Triumph zu dem Bedauern, mit welchem Merle das Papier in Asche zerfallen sah, dem er eine so reiche Beute abzugewinnen gewußt hatte.
Als die Flammen endlich die behandschuhten Fingerspitzen der Gräfin berührten, legte sie den letzten Rest des Papiers vor sich nieder, sorgfältig darauf achtend, daß auch dieser vollständig verzehrt wurde.
Die Flamme erlosch; eilfertig tanzten und rannten die letzten Funken auf den schwarzen Aschenflocken hin und her, und tiefer neigten die drei Gesichter sich über dieselben hin.
Sie boten einen unheimlichen Anblick dar, diese von den verschiedenartigsten Gefühlen bewegten Menschen, wie sie in der Ausführung verbrecherischer Anschläge jeden Standesunterschied vergaßen, sich gleichsam auf eine Stufe stellten und unwillkürlich dichter zusammenrückten; doppelt unheimlich bei der Todtenstille, welche sie umgab.
»Es ist geschehen!« sagte die Gräfin endlich mit einem Ausdrucke, als wäre eine unendliche Last von ihrer Brust gewälzt worden, und zugleich verschwand ein kleines, geisterbleiches Antlitz, welches während der letzten Minuten neugierig in das Gemach hineingespäht hatte, hinter dem Thürpfosten.
»Es ist geschehen!« wiederholte der Graf in gleicher Weise.
»Ja, es ist geschehen!« sagte auch Merle, indem er seine Hand krampfhaft auf die mit Gold gefüllte Tasche drückte, wobei er sich eines gewissen Bedauerns nicht erwehren konnte, nicht mehr gefordert zu haben.
Die Gräfin und der Graf erhoben sich.
Erstere warf noch einen starren Blick auf das schwarze Aschenhäufchen und dann vernichtete sie auch dieses, indem sie ihren schmalen Fuß heftig auf dasselbe stellte.
Ein giftiges Hohnlächeln flog über ihr stolzes Gesicht, ein Hohnlächeln, welches sogar Merle mit Scheu erfüllte.
»Die Todten kehren nicht in's Leben zurück, und in Asche ist der letzte Beweis zerfallen!« sagte sie laut und vernehmlich, obwohl wie zu sich selbst sprechend. Dann aber sich emporrichtend, zeigte sie einen Ausdruck, so ruhig und kalt, als wären die Begebenheiten der letzten Stunden nur ein harmloser Traum gewesen.
»Gestatten Sie uns jetzt, Ihre Fallthür zu verlassen?« fragte sie den Gauner, und ihre Lippen kräuselten sich höhnisch und in grenzenloser Verachtung empor.
»Die gnädige Gräfin haben in diesem Hause wie auch ganz besonders über meine Person zu befehlen,« antwortete Merle unterwürfig; »sei es Tag oder Nacht, die gnädigen Herrschaften werden stets einen gewissenhaften Diener in mir finden.«
»Gut, so befehle, ich Ihnen, uns voranzuleuchten ...« - Hier schwieg die Gräfin bestürzt; ein leises, schlürfendes Geräusch hatte von dem Gange her ihr Ohr erreicht.
»Was war das?« fragte sie ängstlich. »Ich hoffe, es sind keine Zeugen zugegen gewesen?«
»Keine anderen Zeugen, als Ratten und Mäuse,« erwiderte Merle, der sich ebenfalls entfärbt, aber schnell wieder gefaßt hatte. »Den Weg hier herauf zu finden, würde selbst am hellen Tage Niemandem gelungen sein, ohne sich durch Knarren und Poltern anzumelden; aber kommen die gnädigen Herrschaften und überzeugen Sie sich selbst.«
So sprechend, schritt er, beständig hinter sich leuchtend, auf den Gang hinaus und diesem nachfolgend bis an die leiterähnliche Treppe vor. Hier blieb er eine Weile lauschend stehen, und mit ihm lauschten die beiden Geschwister.
Todtenstille herrschte in dem ganzen Hause; von der Straße herauf hallten deutlich die schweren Schritte eines einzelnen Vorübergehenden, während aus der Ferne sich das gedämpfte Rollen der Wagen vernehmen ließ und von den Thürmen der Kirchen das Ende der Mitternachtsstunde angemeldet wurde.
»Dies ist ja eine schreckliche Passage!« brach der Graf endlich das Schweigen, indem er bis dicht an die Treppe vortrat und niederwärts schaute. »Wie sollen wir da hinuntergelangen?«
»Der Weg ist allerdings etwas unbequem,« entgegnete Merle und behutsam kletterte er voraus, um seinen Begleitern diejenigen Stufen zu bezeichnen, welchen sie sich ohne Besorgniß anvertrauen durften. »Ich habe Sie im Dunkeln heraufgeführt, weil ich vermuthete, Sie würden mir nicht folgen, wenn Sie den halsbrechenden Weg sähen.«
»Verräth uns der Lichtschimmer nicht?« fragte die Gräfin, einen gleichgültigen Blick in die schwarze Tiefe sendend.
»Hier oben nicht,« antwortete Merle, »unten dagegen werde ich das Licht auslöschen müssen.«
Dies waren die letzten Worte, die in dem verödeten Hause gewechselt wurden.
Zehn Minuten später lugte Merle vorsichtig durch die Thürspalte auf die Straße hinaus.
»Die Luft ist rein,« flüsterte er rückwärts.
Die Pforte knarrte und kreischte, die drei Gestalten traten hastig in's Freie, und mit klingendem Schalle flog der fest herangezogene Riegel des verrosteten Schlosses in die leere Haft des Thürpfostens.
Ohne einen Augenblick zu zögern, traten die nächtlichen Wanderer eiligen Schrittes den Heimweg an, Merle als Führer voran, und dicht hinter ihm der Graf und die Gräfin. Die Luft war kalt, die Sterne funkelten hell und fröstelnd; die drei Wanderer dagegen schienen abgestorben gegen äußere Einflüsse zu sein, in ihren Adern rollte das Blut heiß und wild.
Weit waren die Umwege, auf welchen der schlaue Merle seine hohen Gönner deren heimischem Stadtviertel zuführte, und nur langsam vergrößerte sich die Entfernung zwischen ihnen und dem verödeten Hause.
Dem Hause sah Niemand an, daß daselbst überhaupt eine heimliche Zusammenkunft stattgefunden hatte; Balken und Mauerwerk können ja nichts erzählen, und die Steine, die Riekchen aus dem Fachwerke genommen hatte, befanden sich längst wieder in ihrer alten Lage.
Riekchen selbst aber eilte flüchtigen Fußes durch die engen Gassen in nächster Richtung dem heimatlichen Obdache zu.
Ihr Herz war so voll; sie mußte zu ihrer Mutter, um zu erzählen von den schönen, vornehmen Leuten, die mit dem Vater wie mit Ihresgleichen gesprochen und ihm so viel, viel Geld gegeben hatten. Sie mußte erzählen von dem Feuerwerke und der Fallthür, und wie es ihr gelungen, unentdeckt bis in fast unmittelbare Nähe der schönen, vornehmen Herrschaften zu gelangen.
Ja, des armen Kindes Herz war bis zum Zerspringen voll: der Vater war plötzlich unermeßlich reich geworden, noch reicher als der König; denn nur mit genauer Noth hatte er das viele, viele Geld in seiner Tasche zu bergen vermocht, und brauchten sie daher nie wieder gegen Noth und Sorgen zu kämpfen.
Hm, wie die glückliche Tochter durch die verödeten Gassen rannte! Bald auf der einen, bald auf der andern Seite huschte sie einher; ihre Füße waren so leicht, wie noch nie im Leben; aber sie mußten wohl leicht werden, denn die Aussichten für die Zukunft waren ja so schön, so schön, daß es sich gar nicht beschreiben läßt und dem armen Riekchen der Kopf förmlich schwirrte und schwindelte.

10. Des Doctors Intriguen.

Doctor Bergmann, angethan mit einem grauen, rothgefütterten Schlafrocke, aber unter diesem zu Besuchen gestiefelt und bekleidet, nur daß er sich seines Halstuches entledigt und den weißen Hemdkragen in altdeutscher Weise umgeschlagen hatte, wandelte mit festen Schritten in seiner Studirstube auf und ab.
Er befand sich in einer sehr angenehmen Stimmung, man sah es ihm an; denn die Brille hatte er hoch nach der Stirne hinaufgeschoben, und lustig flog die Tabaksdose aus der einen Hand in die andere, je nachdem er von deren Inhalt einen mäßigen Gebrauch machte, die bereits dünnen Haare auf seinem Scheitel durch einen kunstfertigen Griff thurmartig emporsträubte, oder endlich auch, anstatt das auf dem Schreibtische brennende Licht - er hatte vor einer Stunde einen Brief zugesiegelt - auszulöschen, durch geschickte Anwendung eines daneben liegenden Federmessers heller brennen machte.
Seine Blicke wanderten dabei fröhlich nach allen Richtungen. Bald streiften sie flüchtig die Bücher, die in langen Reihen von ihren Brettern und Fächern sehr ernst und gelehrt zu ihm niederschauten; bald hafteten sie etwas länger an den Hyacinthzwiebeln, die, auf hohen gläsernen Wasserbehältern ruhend, nach unten zahlreiche faserige Wurzeln, nach oben dagegen neben lichtgrünen Blättern bereits duftende Knospen getrieben hatten, und bald schweiften sie wieder in's Freie hinaus, wo die Menschen mit vorsichtigen Schritten auf der durch den schmelzenden Schnee fast ungangbar gewordenen Straße einhereilten.
Wohin die freundlichen, wohlwollenden Augen aber auch schweifen mochten, immer und immer wieder kehrten sie mit sichtbarem Wohlgefallen in die Richtung nach der Sophaecke zurück, in welcher ein junger Artillerie-Officier nachlässig angelehnt saß und mit einer gewissen einnehmenden Sorglosigkeit seine Cigarre rauchte.
Und wohl hatte Doctor Bergmann alle Ursache, den jungen Mann mit sichtbarem Wohlgefallen zu betrachten; denn ganz abgesehen davon, daß derselbe als seines Bruders einziger Sohn in nahem verwandtschaftlichen Verhältniß zu ihm stand, bot er auch ein so freundliches Bild unverdorbener jugendlicher Leichtherzigkeit und doch wieder männlichen Ernstes, daß man sich schon beim bloßen Anblicke im Geiste unwillkürlich mit ihm befreundete.
Da war zum Beispiel nichts von jenem anmaßenden Dünkel, der so viele, auf schillernde Nichtigkeiten eitle junge Männer auszeichnet und sie zum Gegenstande des beißendsten Spottes ihrer Mitmenschen macht; nichts von jenem trügerischen Bewußtsein angeborener Unwiderstehlichkeit, welches so manchen schönen und klugen Augen ein mitleidiges Lächeln entlockt und in den meisten Fällen durch wenig schmeichelhafte Erfolge in dunkeln Sphären gewonnen wurde. Nein, von allem diesem bemerkte man nichts. Dagegen jene harmlose Leichtfertigkeit, die gern zu launigen Einfällen und lustigen Streichen verleitet, und einen auf strengen Rechtlichkeitssinn und einen richtigen Begriff von Ehre begründeten Ernst, welcher stets der Leichtfertigkeit eine genaue Grenze vorzuschreiben und sie auf eine edle, anspruchslose Bescheidenheit zurückzuführen weiß, die entdeckte man auf den ersten Blick in den verständigen Augen, ohne dabei eine gewisse Eitelkeit zu vermissen, die nicht ohne vortheilhaften Einfluß auf den äußeren Menschen bleibt und namentlich in den jüngeren Jahren, wenn in den Schranken der Vernunft und des Anstandes gehalten, angenehm berührt.
Ganz gewiß aber durfte der junge Mann eitel sein, eben so wohl auf seine schöne, kraftvolle Gestalt, welche die einfache Uniform so wohl kleidete, wie auf sein regelmäßiges Gesicht mit den großen, braunen Augen, der hohen, geistreichen Stirn und dem von derselben zurückgestrichenen braunen Haar, nicht zu vergessen: auf den mäßig starken, blonden Schnurrbart, der so anmuthig, ohne durch künstliche Mittel dazu gezwungen worden zu sein, auf beiden Seiten in einem sanften Bogen nach oben auslief.
Doch auch der Doctor war eitel auf diese Vorzüge, vielleicht eitler, als wenn er sie selbst besessen hätte; allein er war weise genug, es den jungen Mann nicht zu sehr merken zu lassen, wenigstens hegte er die feste Ueberzeugung, in seiner Erziehungsmethode unübertroffen da zu stehen und, da ihm selbst keine Leibeserben beschieden waren, in seinem Neffen Heinrich Bergmann die Welt mit einem wahren Mustermenschen und Muster-Officier zu beglücken.
Auf den Zügen des Onkels wie des Neffen stand also geschrieben, daß sich Beide in heiterer Stimmung, befanden, ihre Unterhaltung daher dieser angemessen gewesen sein mußte, wenn sich auch hin und wieder eine kleine Meinungsverschiedenheit geltend gemacht hatte.
War die Unterhaltung aber noch so heiterer Art gewesen, jedenfalls hatte sie beide Theile zum Nachdenken veranlaßt, denn zu derselben Zeit, in welcher wir des Doctors Heiligthum betreten, herrschte in demselben feierliches Schweigen. Der Doctor ging etwas eiliger und geräuschvoller auf und ab, während Heinrich sinnend die weiße Asche an seiner Cigarre betrachtete und dabei berechnete, wie lange er wohl noch fortrauchen könne, bis die Asche von selbst abfalle.
Plötzlich blieb der Doctor vor Letzterem stehen, und wie über die Bewegung erschreckt, schaute Heinrich verwundert zu ihm auf.
»Du hast also immer noch nicht begriffen, daß ich vollkommen Recht habe?« fragte der alte Herr lebhaft, indem er bei jedem Worte mit seiner Tabaksdose laut auf den Rand des Tisches klopfte.
»Aber, lieber Onkel, Du wirst Deine schöne Dose entzweischlagen, wenn Du so zu trommeln fortfährst,« entgegnete Heinrich mit einem muthwilligen Lächeln.
»Nein, nein, ist mir in meinem Leben dergleichen vorgekommen?« rief der Doctor aus, indem er entsetzt die Schultern hoch emporzog und mit schnellen Schritten einen Kreis durch die ganze Stube beschrieb. »Nein - mir auf meine Frage in solcher Weise zu antworten! Sage, Mensch, was geht Dich meine Tabaksdose an?« fragte er mit verstelltem Grimme, und vor seinen Neffen hintretend, ließ er die Dose mit verstärkter Gewalt auf den Tisch fallen.
»Lieber Onkel, denke Dir, wenn die Dose entzweispränge, das kostbare Andenken von Deinem ...«
»Hast Recht, Schlingel,« unterbrach der Doctor seinen Neffen besänftigt, indem er die Dose flüchtig betrachtete. »Tausend Welt, hätte ich die Dose zerbrochen, würde ich mich sehr geärgert haben! Aber wovon sprachen wir noch? Ach ja, ich fragte, ob Du endlich zur Vernunft gekommen wärest?«
»Bitte um Verzeihung, lieber Onkel, das fragtest Du eben nicht, sondern Du sagtest ...«
»Hol' Dich doch der Teufel mitsammt Deiner Gewissenhaftigkeit!« polterte der Doctor, eine neue Volte abschreitend. »Tausend Welt, wenn ich es nicht gesagt habe, so habe ich es wenigstens gemeint, und ich frage Dich jetzt zum letzten Male, ob Du mir Rede stehen willst, oder nicht?«
»Gewiß, Onkel, wenn Du mich aussprechen lassen willst. Aber Du unterbrichst mich stets in einer Weise, als ob ich es jemals an der nöthigen Achtung und Anhänglichkeit hätte fehlen lassen.«
»Habe ich das gethan?« fragte der Doctor milde. »Hm, so war es allerdings nicht gemeint; man ist hitzig, das ist wahr, obwohl ich sonst der ruhigste Mensch von der Welt bin; allein Du machst mir auch manchmal den Kopf warm, und wenn Du nur das Geringste von Deinem alten Onkel hast, so mußt Du einräumen, daß es sehr gescheidt von mir war, der Gräfin Renate in Deinem Namen einen Abschiedsbesuch zu machen und ihr zu sagen, Du seist abgereist.«
»Das ist es ja eben, was ich nicht begreife; denn erstens denke ich noch lange nicht an's Abreisen, und zweitens wird die Gräfin bald genug von anderen Seiten erfahren, daß ich noch hier anwesend bin, oder mir auch eines guten Tages auf der Straße begegnen. Ich müßte also, um uns Beide nicht in Verlegenheit zu bringen, entweder mich hier einschließen und nur im Dunkeln wie ein Dieb durch die Straßen schleichen, oder, noch sicherer, ich müßte wirklich gleich abreisen, um meinen lieben Herrn Onkel von meiner unbequemen Gegenwart zu befreien.«
»So, abreisen meinst Du - unbequeme Gegenwart meinst Du?« fragte der Doctor ruhig, indem er mit den Fingern beider Hände einen Wirbel auf der Tabaksdose trommelte; »ich sage Dir, Du bleibst bis zur letzten Minute hier, und wenn Dir die Gräfin begegnet, so theile es mir nur gleich mit, ich werde ihr dann sagen, daß - daß - Tausend Welt, daß ...«
»Nun, lieber Onkel, daß ich Nachurlaub erhalten hätte.«
»Gut, gut, Heinrich, bist ein schlauer Patron; also, daß Du Nachurlaub erhalten hättest ...«
»Und daß ich ihr zu den himmlischen Abendgesellschaften wieder zu Befehl stände.«
»Ich denke nicht daran. Tausend Welt! Meine ganze Mühe wäre ja vergebens! Nein, dergleichen sage ich nicht, und wenn ich ...«
Hier brach der Doctor ab, und es erbebte die Stube unter den festen Schritten, mit welchen die kleine, corpulente Gestalt einen neuen Kreis beschrieb.
»Theuerster Onkel, ich hoffe, Du bezweifelst nicht, daß ich mir die größte Mühe geben werde, ganz in Deinem Sinne zu handeln, daß ich sogar Kehrt mache, wenn ich die Gräfin von Weitem sehe,« begann Heinrich nach kurzem Sinnen, gegen ein muthwilliges Lachen ankämpfend; »aber nun bitte ich Dich auch dringend, sage mir offen und ehrlich den Grund, weshalb Du uns diese Verlegenheit bereitet hast. Wäre es denn ein Unglück gewesen, wenn ich die Gräfin nach wie vor besucht hätte, oder hat sie sich am Ende gar mißfällig über mich ausgesprochen?«
»Mißfällig, sagst Du? Tausend Welt, nicht mißfällig, nein, lieber gerade das Gegentheil!«
»Ei, was sagt sie denn?« fragte der junge Mann, und die Freude färbte sein Antlitz mit einer flüchtigen, tieferen Röthe.
»Nichts sagte sie, wenigstens nichts, das Dich etwas anginge,« erwiderte der Doctor barsch, dabei aber heiter mit den Augen zwinkernd.
»Jedenfalls wird es wohl der Art gewesen sein, daß mir dadurch ihr Haus nicht verschlossen worden ist,« warf Heinrich scheinbar gleichgültig ein; denn nachdem der Doctor bereits so viel verrathen hatte, bot er seinen ganzen Scharfsinn auf, Alles, bis auf das letzte Wort, aus dem sonderbaren alten Herrn herauszulocken.
»Und dennoch ist Dir ihr Haus dadurch verschlossen worden,« bemerkte der Doctor kaltblütig, indem er seinen unterbrochenen Spaziergang wieder aufnahm; »zwar nicht thatsächlich verschlossen, aber - genug, ich halte es für gut, daß Du für sie abgereist bist.«
»Wohlan, ich bin also für die Gräfin abgereist und ich will auch genau nach Deinen Vorschriften handeln, lieber Onkel; vorher aber muß ich wissen, wie die Gräfin sich über mich geäußert hat.«
»Nun, sie bedauerte Deine Abreise und meinte, daß es Dir in ihrem Hause außerordentlich zu gefallen schiene.«
»Ist denn das ein Unglück?« fragte Heinrich, indem er sich aufrichtete und mit gespannten Blicken den Doctor auf seinem Spaziergange verfolgte.
»Ein Unglück ist es gerade nicht, aber es kann sehr leicht eins daraus entstehen, und damit abgemacht, Tausend Welt!«
»Wenn ich nur wüßte, wie?« bemerkte Heinrich, wie in tiefe Gedanken versunken und dabei so kläglich und flehend, daß des Doctors Herz dadurch gerührt wurde und er sich mit einer hastigen Bewegung neben seinen Neffen auf das Sopha warf.
»Höre, Heinrich,« begann er, des jungen Mannes Hand mit Herzlichkeit ergreifend, während dieser seinem Onkel einen triumphirenden und zugleich liebevollen Seitenblick zuwarf, »ich habe es jetzt satt. Du treibst mich mit Deinen Fragen in die Enge, daß ich nicht wohin und woher weiß; dabei setzest Du Dir Alle möglichen schrecklichen Dinge in den Kopf, und nebenbei ärgere ich mich noch über mich selbst, so daß ich keine vergnügte Stunde mehr habe. Ich denke daher, es ist am besten, wir verständigen uns. Du bist nachgerade ein Mann, mit dem man über dergleichen Sachen reden darf und der aus Allem eine Lehre zu ziehen weiß. Du hast also in dem Hause der Gräfin Renate, theils aus alter, aus den Kinderjahren herrührender Gewohnheit, vorzugsweise aber, weil ich Dein Onkel bin, eine sehr gute Aufnahme gefunden, worüber ich mich gefreut habe. Anstatt nun bei einem oder zwei Besuchen die Sache bewenden zu lassen, bist Du fast alle Tage hingelaufen, ohne zu wissen, ob Deine häufigen Besuche der Gräfin auch wohl angenehm sind.«
»Lieber Onkel, Du wirst mir doch genug richtiges Gefühl zutrauen, um ermessen zu können, ob die mir erwiesene Freundlichkeit, Wahrheit oder nur Schein ist? Ober hältst Du für möglich, daß die Gräfin, wenn ich ihr zur Last fiele, mich immer wieder, und zwar so sehr herzlich einladen würde?«
»Geschieht Alles meinetwegen, ja, nur meinetwegen, mein Sohn; schwerlich würde sie Dich sehr herzlich einladen, wenn ihr alter Freund, der Freund ihrer Eltern, namentlich ihrer seligen Mutter, der Doctor Bergmann, nicht gerade Dein Onkel wäre,« entgegnete der Doctor, indem er seinen wohlbeleibten Oberkörper stolz ausreckte, zuerst die Haarpyramide auf seinem Scheitel mit lobenswerthem Selbstbewußtsein etwas steiler emporthürmte und demnächst sehr entschieden eine Prise nahm.
»Also ich darf mir nicht schmeicheln, in so hohem Grade von der Natur bevorzugt worden zu sein, daß ich meiner Person und meines Charakters wegen zu leiden wäre?«
»Das sagt Niemand, Tausend Welt! Im Gegentheil, Du bist ein anständiger Mensch, hast etwas gelernt, besitzest Charakter und weißt Dich zu benehmen; allein in diesem Falle mußt Du mir schon erlauben, die Hauptperson zu sein. Ruhig, ruhig, mache nicht solch' ungläubiges Gesicht und laß mich aussprechen; ich verstehe das besser und meine es gut mit Dir.«
Heinrich lehnte sich mit komischer Resignation in die Sophaecke zurück; der Doctor ergriff spielend ein vor ihm auf dem Tische liegendes Lineal, und nachdem er einen kunstgerechten Triller auf demselben geblasen, fuhr er fort:
»Ja, mein lieber Herr Lieutenant, daß ich Dich etwas von meiner kleinen, braven Gräfin entfernt zu halten suche, hat seinen Grund darin, weil ich nicht wünsche, daß Du von anderen, hochadeligen Herrschaften, mit denen Du in ihren Cirkeln zusammentriffst und die Dir nicht das Wasser reichen, ich meine, die im Vergleiche mit Dir lauter Strohköpfe sind, über die Schulter angesehen werdest.«
»Wer mich über die Schulter ansieht, den sehe ich ebenfalls über die Schulter an; außerdem schützt mich der holden Gräfin Liebenswürdigkeit gegen alle unangenehmen Auftritte, und dann, theuerster Onkel, weiß ich zu antworten, wenn nöthig, auch meine Worte zu vertheidigen.«
»Weißt Du wirklich? Ih, das ist ja ein ganz neues Talent, welches ich in Dir entdecke. Nun, vertheidige immerhin, so lange kein Blut dabei fließt, soll es mir schon recht sein; und was Deine holde Beschützerin anbetrifft, da wünsche ich, daß sie lieber wer weiß wen, als Dich beschützte. Aber es verhält sich so, wie ich sagte: geschieht Alles nur meinetwegen, kannst Dich darauf verlassen, nur ihres alten, väterlichen Freundes wegen.«
»Aber, lieber Onkel, ich sehe noch immer kein Unglück darin, wenn die Gräfin Renate mich auch nur Deinetwegen beschützt; oder sollte mein vortrefflicher Herr Onkel vielleicht gar eifersüchtig geworden sein?«
»Tausend Welt - ich und eifersüchtig? Die Gräfin liebt mich, wie ihren zweiten Vater, und ich liebe sie eben so sehr, wie Dich. Dabei ist übrigens gar nichts zu verwundern, denn das Mädchen verdient, von der ganzen Welt geliebt und verehrt zu werden, und wer sie so kennt, wie ich sie kenne, der muß sie lieben, und besäße er ein Herz, härter, als der härteste Kieselstein. Tausend Welt, Heinrich, Du glaubst nicht, was das für ein braves, edelherziges Mädchen ist!« fügte der Doctor eifrig hinzu, an seine Lippen flog das Lineal, und wenn das ungeschickte Holz nur einen Ton von sich zu geben vermocht hätte, dann wäre ein Triller gefolgt, wie ihn nur eine Nachtigall zu flöten vermag, wenn sie im traulichen Waldesdunkel der Liebe ein Loblied singt.
»Theuerster Onkel, ich kenne die Gräfin zwar Nicht so genau, wie Du sie kennst, allein deshalb glaube ich doch kaum, daß ich sie weniger liebe, als Du,« versetzte Heinrich, seine Cigarre verächtlich fortlegend, als ob es ein Verbrechen gewesen wäre, von der lieblichen und hochgepriesenen jungen Gräfin zu sprechen und dabei kaltblütig Tabakswolken von sich zu blasen.
»Da haben wir das Unglück!« rief der alte, lebhafte Herr aus, indem er sich ganz zu seinem Neffen herumschwang, um aus dessen Augen herauszulesen, in wie weit sein Ausspruch ernstlich gemeint sei, »Du liebst sie schon - so? Hm, das hat rasch gegangen. Aber weißt Du auch, daß das gerade die Geschichte ist, die ich zu umgehen wünschte? Daß ich gerade deshalb Dich von Renaten fern halten wollte, weil ich weiß, daß Jeder, der sie nur dreimal gesehen hat, sie lieben muß?«
»Erstens habe ich sie bereits öfter gesehen, als dreimal, lieber Onkel, und dann, wenn die ganze Welt sie liebt, warum sollte ich der Einzige sein, der sie nicht liebt?«
»Und wenn die ganze Welt sie liebt, so sollst Du sie nicht lieben, verstehst Du mich?« rief der Doctor förmlich entsetzt aus, indem er Heinrich's Hand wieder mit Wärme ergriff. »Nein, Du sollst und darfst sie nicht lieben, ich meine, was man ernstlich in sie verliebt sein nennt! Nein, nein, lieber Heinrich, ich kenne das leider, und darum zittere ich für Dich; denn bei Deinem Temperament bist Du der Mann dazu, Dich mit ganzer Seele an ein weibliches Wesen zu hängen, ohne der Demüthigungen zu gedenken, die Dir aus solchen bizarren Ideen entspringen müssen. Nein, Heinrich, gehe hin und wähle unter Deinesgleichen, unter solchen, die nicht vermöge ihrer Geburt in den Augen des größten Theiles der Welt so hoch über Dir stehen; wähle in einem Stande, in welchem Du willst, und laß Dich durch die wahre Bildung des Herzens und der Seele allein bestimmen - aber so hoch hinauf? Hu, Heinrich, mich schaudert, wenn ich an die Möglichkeit denke, Dich dereinst mit kaltem, zu früh gealtertem Herzen vor mir zu sehen und von den Täuschungen des Lebens und dem Zerplatzen der aus Jugendträumen gewebten Seifenblasen sprechen zu hören! Nein, Heinrich, komm mir nicht mit dergleichen, ich warne Dich rechtzeitig, noch ist es nicht zu spät; aber wehe Dir, wenn Du jetzt nicht einsiehst, daß ich vollkommen Recht und alle Ursache habe, Dich der für Dein Gemüth gefährlichen Nähe der Gräfin zu entziehen. O, ich ertrüge es nicht, quältest Du Dich mit kindischen Hoffnungen herum und würdest Du Deiner überspannten Hoffnungen wegen von einer gewissen Klasse von Menschen verlacht - die Gräfin Renate würde Dich allerdings nicht verlachen, sie ist zu edel, aber bemitleiden würde sie Dich, und denke Dir nur, was es heißt, bemitleidet zu werden! Oder wenn die Leute gar sagten, ich, ich selbst, der Doctor Bergmann, habe den ersten Keim zu solchen thörichten Hoffnungen in Deine Brust gelegt und diese demnächst mit schlauer Berechnung geschürt! Ja, Heinrich, das wäre ein schreckliches Unglück, und selbst um den Preis, das brave, engelsgute Mädchen als Deine Frau zu begrüßen, möchte ich ein solches Unglück nicht über mich hereinbrechen lassen. Ja, mein Sohn, ich kenne das, und habe daher ein heiliges Recht, so zu Dir zu sprechen, und Du wieder wirst mich verstehen oder mich wenigstens allmählich verstehen lernen.«
Hier schwieg der Doctor, und wie erschöpft wischte er den Schweiß von seiner Stirn.
Heinrich aber blickte mit einem seltsamen Gemisch von Theilnahme und Liebe auf seinen Onkel. So hatte er ihn noch nie gesehen; der tiefe Ernst, der sich in seinen Worten und Mienen aussprach, war ihm neu und zeugte dafür, daß er, den er nur als einen heiteren, menschenfreundlichen und zu jeder Hülfeleistung so bereitwilligen alten Herrn kannte, ebenfalls von Täuschungen und zerstobenen Jugendhoffnungen zu erzählen wußte. Die Unterhaltung über die liebliche junge Gräfin hatte ihn zwar mächtig aufgeregt und seinen Geist in eine hohe Spannung versetzt, aber der unbestimmte Wunsch, den gütigen Onkel wieder in seiner gewohnten lieben Weise, halb im Ernste, halb im Scherze, stets aber mit der fröhlichsten Laune poltern und schelten zu hören, war in diesem Augenblicke noch überwiegend.
Den Ernst, der den Doctor während des letzten Theiles seiner Rede immer mehr erfüllt hatte, scheinbar nicht bemerkend, brach er daher, nachdem beide eine Weile schweigend da gesessen, in ein zwar erzwungenes, doch hell klingendes Lachen aus.
»Lieber Onkel, Du traust mir wirklich eine zu große Empfänglichkeit des Herzens zu!« rief er aus, indem er wieder nach seiner Cigarre griff. »Nein, nein, mag mir die Gräfin noch so sehr gefallen, mag ich sie noch so feurig lieben, unheilbare Wunden hat sie mir nicht geschlagen, und hätte sie es gethan, wäre es von meiner Seite etwa ein großes Verbrechen? Im Gegentheil, ich bilde mir ein, die Erinnerung an die Zeiten jugendlich toller Verliebtheit würzt selbst in späten Tagen noch das Leben. Darum also, lieber Onkel, gestatte mir, mich nach besten Kräften zu verlieben, und verhindere nicht weiter meine Besuche bei Deiner reizenden, unvergleichlichen Renate.«
Heinrichs Worte, anstatt den Doctor umzustimmen, schienen dessen Ernst zu erhöhen, denn seine Blicke ruhten längere Zeit mit sinnendem Ausdrucke auf des jungen Mannes lebensfrischen Zügen, bevor er antwortete.
»Heinrich,« hob er dann endlich an, »die Erinnerungen an die Tage jugendlichen Leichtsinns sind freilich eine Art Würze des Lebens, nicht aber, wenn sie zugleich herbe Täuschungen in's Gedächtniß zurückrufen. Doch wie soll ich Dir schwer begreifendem Menschen das verständlich machen? Hm, es wird wohl am besten sein, ich erzähle Dir eine kleine Episode aus meinem eigenen Leben, damit Du Dich etwas darnach richten kannst.«
»Nicht doch, mein guter Onkel, erzähle mir lieber nichts; warum auf Sachen zurückkommen, die Dir vielleicht die Laune verderben? Ich verstehe ja, was Du meinst ...«
»Ich will aber erzählen, Tausend Welt, und von Laune darf schon gar nicht die Rede sein! Wäre es doch mehr als undankbar, mir die Laune durch Rückerinnerungen verderben zu lassen, der ich schließlich dennoch durch die treue, hingebende Liebe einer ganz vortrefflichen Frau belohnt und gewiß sehr, sehr glücklich gemacht worden bin, was nicht Jedem passirt, der in seiner Jugend Herz und Seele so fest an etwas Unerreichbares hängt, daß das Losreißen von demselben - nun, wie soll ich sagen - recht tiefe Wunden schlägt. Hm, Heinrich, Deine Tante ist wirklich eine vortreffliche, eine ganz ausgezeichnete Frau, sie ist eine exemplarische Dame; zwar etwas energisch und streng in der Haushaltung, allein das muß so sein, soll das eheliche Glück nicht langweilig werden und der mit anderen, kopfzerbrechenden Dingen beschäftigte Mann nicht vollständig zu Grunde gehen.«
Das Lineal legte sich wieder an den Mund des Doctors, der warme Athem entströmte im Flüstertone den zierlich gespitzten Lippen und berührte leicht das kalte Holz, während die Finger gewandt über dasselbe hintanzten, als hätten sie zu einer ehrsamen Menuet aufspielen wollen.
Der Accord war unhörbar verklungen, und der Doctor, nachdem er sich noch einmal recht ordentlich geräuspert, hob wieder an: »Also, mein Sohn, ich bin doch auch einmal jung gewesen ...«
»Das habe ich noch nie bezweifelt, lieber Onkel, und außerdem hast Du Dich sehr gut conservirt.«
»So, hm, meinst Du?« fragte der Doctor, indem er mit der rechten Hand sein dünnes Haupthaar emporsträubte, während die linke prüfend über sein glatt rasirtes Kinn strich; »will mir wünschen, daß Du Dich nur halb so gut conservirst. Uebrigens gehört das nicht zur Sache, ich wollte damit andeuten, daß auch ich Zeiten erlebt habe, in welchen ich über die Regungen meines - nun, ein Herz hat ja jeder Mensch - also meines Herzens keine Rechenschaft abzulegen wußte, mit anderen Worten, in welchen ich so verliebt war, als wenn Himmel und Hölle in meiner Brust vereinigt gewesen wären - sprich aber nicht in Gegenwart Deiner Tante davon, verstehst Du, Heinrich? Frauen lieben es im Allgemeinen nicht, zu hören, daß ihre Männer vor ihnen bereits eine Andere liebten; sie wollen durchaus als liebliches Himmelsgebilde schon dem ihnen vom Geschicke bestimmten heranwachsenden Jünglinge in seinen Träumen vorgeschwebt haben. Ist auch ganz in der Ordnung, denn Deine Tante ist eine durchaus exemplarische Dame und Ehegattin und verdient die größte Liebe und Verehrung. Hm, also ich war damals ein junger Arzt, der in seiner Praxis sehr vom Glücke begünstigt wurde und bald Zutritt zu einzelnen der reichsten und vornehmsten Familien erhielt.
»In einem dieser Häuser nun lernte ich eine junge Dame, eine Gräfin - doch warum soll ich um den Berg herumziehen? - Renatens Mutter kennen, ein Mädchen, so lieblich, so holdselig und dabei so edelherzig, daß sich keine Andere, höchstens ihre Tochter, wie sie heute ist, mit ihr hätte vergleichen können. Ihre zarte Gesundheit war Ursache, daß ich sie sehr häufig sah; man zog mich eben zu Rathe, ohne für möglich zu halten, daß die öfteren Besuche irgend welchen Einfluß auf das Gemüth des jungen unverheiratheten Doctors haben könnten. Was kümmerte das auch die Leute! Ob jung oder alt, ob verheirathet oder nicht, ich war ein kleiner, unansehnlicher, wenn auch regelmäßig gewachsener Mensch, von dem nicht zu befürchten stand, daß sein Bild sich tiefer, wie nothwendig, in ein weibliches Gemüth einprägen würde. Ob ich selbst aber dabei unglücklich wurde, war ja meine Sache und kam nicht dabei in Betracht, wenn ich mich nur auf mein Fach verstand und meine Stelle als Arzt ausfüllte.
»Das Schlimmste traf denn auch wirklich ein: das Bild der jungen Gräfin, mehr aber noch ihr frommer Sinn und ihre unbegrenzte Menschenfreundlichkeit erfüllten meine Seele allmählich in so hohem Grade, daß kaum eine Minute verging, in welcher ich nicht meines, von fast überirdischem Glanze umflossenen Ideals gedachte und daher kaum noch im Stande war, den Pflichten gegen meine Patienten in rechtschaffener Weise nachzukommen.
»Das Thörichte und Aufreibende meiner Leidenschaft begriff ich sehr wohl, allein es fehlte mir die Kraft, ein Haus zu meiden, in welchem ich mir immer neue Nahrung zu sinnlosem Brüten und lächerlichen Träumereien holte. Dabei bewahrte ich äußerlich stets mein gewöhnliches ruhiges und gesetztes Wesen, mochte der Brand in meinem Innern noch so sehr glühen und lodern.
»Leider gab ich mich aber allzu sehr der trügerischen Hoffnung hin, daß das Geheimniß meiner Seele nur einzig und allein mir angehöre und keinem andern Menschen der Erde zugängl ich sei.
»Ich weiß nicht, habe ich selbst mich durch Blicke oder scheues Wesen verrathen, oder war ich von argwöhnischen Augen schärfer beobachtet worden - genug, mein Geheimniß war auch das offene Geheimniß aller Derer, die in dem Hause von Renatens Großeltern aus- und eingingen.
»Ich ahnte nicht, daß ich, während ich daselbst meine Besuche abstattete, von den Leuten zum Gegenstande des bittersten Spottes und der herbsten Scherzreden auserkoren wurde. Wie konnte auch ein so kleiner Mensch und dazu ein Arzt es wagen, sich mit der Liebe zu einer hochgeborenen Gräfin im Herzen herumzuschleppen? Ging man doch endlich so weit, mich zu einer glänzenden Gesellschaft heranzuziehen, nicht etwa aus Anerkennung für meine Leistungen, sondern einfach, um einigen hochgeborenen Laffen gewissermaßen eine Vorstellung zu geben und mich als Zielscheibe ihrer Witze und Spöttereien hinzustellen.
»So weit ließ es Renatens Mutter indessen nicht kommen. Man hatte sie nämlich, um dem Spaß die Krone aufzusetzen, mit in das Geheimniß gezogen; sie dagegen wies die Zumuthung, mit zu meiner Demüthigung beizutragen, mit edler Entrüstung zurück, und damit nicht zufrieden, ließ sie mich augenblicklich zu sich rufen, vorgeblich, um meinen ärztlichen Rath in Anspruch zu nehmen.
»Ich kam, und als ich eintrat, fand ich die Gräfin, wie gewöhnlich, allein; aber Etwas, das nicht gewöhnlich, geschah: Sie erhob sich bei meinem Eintritte, ging mir entgegen und reichte mir mit einem vergebenden, wohlwollenden Lächeln die Hand. Darauf bat sie mich freundlich, ihr gegenüber Platz zu nehmen, und was sie dann noch sagte, mein lieber Heinrich, das waren Worte, so gütig, so ermuthigend, so trostreich und doch auch wieder so bitter, daß ich sie bis auf den heutigen Tag nicht vergessen habe und jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, noch von tiefer Rührung beschlichen werde, wenn ich mir jene Worte in's Gedächtniß zurückrufe.«
Hier schwieg der Doctor; sein Taschentuch streifte leicht unter der emporgeschobenen Brille über die merkwürdig feucht schimmernden Augen hin, und wie um die letzte Probe von Rührung zu verscheuchen, blies er einen etwas längeren Accord auf dem stummen Lineal.
Heinrich lächelte theilnehmend. Schon bei früheren Gelegenheiten hatte er gelächelt, wenn der gute Onkel, der nie in seinem Leben eine Note gelernt, gemäß einer mit ihm alt gewordenen Gewohnheit, auf seinem Stocke oder Regenschirm, wie um irgend einen Ausspruch zu besiegeln, unbewußt eine kleine musikalische Vorstellung gab. Daß er aber auch, wenn von Wehmuth überwältigt, seiner Neigung zum Flötenspielen nachgebe, hatte er bis dahin nicht gewußt, weil er ihn eigentlich noch nie in einer derartigen Stimmung gesehen hatte. Wie aber würde er erst erstaunt gewesen sein, wenn das dürre Lineal plötzlich Stimme erhalten und des Doctors Gefühle als ein melancholisches Klagelied in die Welt hinausgetragen hätte!
Doch das Lineal blieb stumm, ebenso Heinrich; der Doctor aber, nachdem er das Lineal behutsam und geräuschlos zur Seite gelegt, fuhr mit etwas gedämpfterer Stimme fort:
»Mein lieber, theurer Freund, sagte Renatens Mutter mit unbeschreiblich gütigem Ausdrucke zu mir, Sie werden mir den Gefallen thun und in der Gesellschaft, zu welcher man Sie eingeladen hat, nicht erscheinen. Aus aufrichtiger Freundschaft für Sie bitte ich Sie darum. Fragen Sie mich nicht nach Gründen, sondern begnügen Sie sich damit, daß ich ebenfalls nicht hingehe - Ihretwegen.
»Ich brauchte auch nicht zu fragen, ich hatte Alles errathen und glaubte vor Scham und Verzweiflung in die Erde sinken zu müssen, als ich Renatens Mutter in solcher Weise zu mir sprechen hörte.
»Sie hätte übrigens keinen geeigneteren und durchgreifenderen Weg entdecken und wählen können, mich zur Vernunft zurückzuführen. Das Blut drang mir in den Kopf und drohte meine Schläfen zu zersprengen, ein inneres Beben sagte mir, daß ich mich in einer lächerlichen Lage befinde, und dennoch hatte ich kein Wort zu erwidern vermocht, aus Furcht, das sinnloseste Zeug zusammenzuschwatzen.
»Die Gräfin erkannte offenbar meinen Seelenzustand, aber sie zürnte mir nicht; dagegen reichte sie mir abermals mit einem rührenden, theilnahmvollen Lächeln die Hand.
»Herr Doctor,« sagte sie wohlwollend, »böswillige Menschen versuchen es, Ihre Freundschaft für mich zu verdächtigen, derselben einen andern Namen beizulegen. Lassen Sie sich indessen dadurch nicht beirren, mag Ihnen auch begegnen, was da wolle. Gewährt es Ihnen aber Freude, von mir selbst zu hören, daß mir Ihre freundschaftliche Anhänglichkeit sehr werth ist, so betheure ich es Ihnen von Herzen gern. Sie müssen mir sogar versprechen, fortan mein Freund bleiben, sich durch keine Verleumdungen verleiten lassen zu wollen, sich von mir abzuwenden - nicht wahr, Herr Doctor, ich darf stets auf Sie rechnen, in guten und bösen Zeiten?«
»In guten und bösen Zeiten, meine gnädigste Gräfin,« stammelte ich fast tonlos und, wie ich glaube, mit einer recht ungeschickten Verbeugung.
»Die Gräfin aber war großmüthig; bemerkte sie meine Verlegenheit, so sah sie über dieselbe hinweg.
»Auch ich will Ihnen einen Beweis meiner Freundschaft geben, sagte sie nach kurzem Sinnen, indem ich Ihnen eine Mittheilung mache, von der bis jetzt außer mir nur noch eine einzige Person weiß. Selbst meine Eltern haben noch keine Ahnung davon; Sie sind also der Erste, vor den ich mit der Offenbarung meines Geheimnisses hintrete.
»Herr Doctor, fuhr sie darauf nach einigem Zögern fort, während sich ein liebliches Roth jungfräulicher Verschämtheit über ihr holdes Antlitz ausbreitete, Herr Doctor, ich bin Braut und der Tag ist nicht mehr fern, an welchem es öffentlich bekannt gemacht werden wird; aber glauben Sie mir, Herr Doctor, die festliche Feier würde viel von ihrem glänzenden Schimmer verlieren, müßte ich mir sagen, daß die treue Freundschaft, die Sie mir jederzeit in meinem elterlichen Hause bewahrten, mir nicht auch in das Haus meines zukünftigen Gatten folge. Der Mann, dem ich mich aus vollem, überströmendem Herzen versprochen habe, besitzt alle diejenigen Eigenschaften des Herzens, ohne welche kein Erdenglück denkbar, und ich weiß, Sie werden ihm nicht minder willkommen sein, als mir, das heißt nicht allein als Arzt, sondern auch als treuer und lieber Freund unseres Hauses.«
»So sprach die Gräfin, und dabei zitterte ihre Stimme. Ich merkte sehr wohl, daß sie genau wußte, wie unendlich ich sie liebte, und daß sie wie ein kluger Arzt zu Werke ging, um mich auf eine zwar augenblicklich sehr schmerzhafte, in ihren Folgen dagegen lindernde Art von meiner an Wahnsinn grenzenden Leidenschaft zu heilen.
»Und schmerzhaft war das Verfahren, ja, sehr schmerzhaft, denn als sie von ihrer Liebe zu einem Andern sprach, da durchrieselte es mich kalt, eiskalt, als ob der Tod seine erstarrende Hand mir auf's Herz gelegt hatte.
»Aber die Cur war bei alledem gut, Tausend Welt noch einmal!« nahm der Doctor nach kurzem Sinnen und nachdem er, wie um seine Brust zu erleichtern, recht tief aufgeathmet hatte, den Faden seiner Erzählung wieder auf. »Ja, eine vortreffliche Cur, denn als die Kälte sich erst rund herum um meine Brust gelegt hatte, da wurde ich plötzlich ganz ruhig - ich glaube, mein Puls schlug kaum Sechszig in der Minute - und waren mir wirklich Thränen in die Augen gedrungen, so vermochte ich doch, der Gräfin gerade und offen in das schöne Antlitz zu blicken und ihr für das mir geschenkte Vertrauen in würdiger Weise zu danken.
»Ja, ich dankte mit innigen, herzlichen Worten: ich wußte auch, wofür ich dankte, und die Gräfin wußte es auch, doch berührte Keiner von uns Beiden jemals im Leben mit der leisesten Andeutung den wahren Sachverhalt. Aber ein Band war zwischen uns geknüpft, ein Freundschaftsband für's ganze Leben, welches auch jetzt noch, da die gute Gräfin schon längst in ihrem Grabe schlummert, seine volle Gültigkeit hat.
»Dies wäre also die Geschichte meiner Jugendliebe, die ich Dir eigentlich nur deshalb erzählte, damit Du Dir ein Beispiel daran nehmen kannst und mein scheinbar hartes Verfahren gegen Dich hinter meinem Rücken nicht, wenn auch nur in Gedanken, bitter tadelst. Was weiter folgte, weißt Du, und wenn Du's nicht weißt, so kannst Du Dir's an den Fingern abzählen. Die Gräfin verheirathete sich, und da ihr Gatte den Schilderungen, welche sie mir von ihm gegeben hatte, vollkommen entsprach, so gingen ihre Wünsche Betreffs meiner redlich in Erfüllung.
»Leider, leider war ich gezwungen, sie häufiger als Arzt zu besuchen, als in der Eigenschaft eines theilnehmenden und wirklich gern gesehenen Freundes.
»Nach Renatens Geburt begann die Gräfin nämlich zu kränkeln, und mit wahrem Entsetzen und unbeschreiblichem Weh sah ich sie allmählich dem Grabe entgegensiechen. O, mein lieber Heinrich, das war ein harter Stand für mich! Ich wußte, daß sie rettungslos verloren sei, und dennoch mußte ich sie und alle die Ihrigen in dem Glauben bestärken, daß endlich eine Aenderung zum Guten eintreten würde - und denke Dir nur, dieses Stück spielte beinahe sechs Jahre, sechs lange, kummervolle Jahre!
»Erst wenige Tage vor ihrem Tode schien sie den wahren Sachverhalt zu ahnen, denn als ich einst, ihren Athem heimlich beobachtend, neben ihrem Lager saß, ergriff sie zutraulich meine Hand.
»Herr Doctor,« sagte sie mit ihrer gewohnten Güte, »Sie glauben nicht, wie innig es mich erfreut und beruhigt, daß Sie eine so brave, liebe Frau gefunden haben.«
»Und sie hatte Recht, denn meine Frau war vom ersten Augenblicke an, daß ich sie kennen lernte, ein ganz vortreffliches, exemplarisches Wesen.
»Ich muß ehrlich gestehen, fuhr sie darauf fort, bis zu Ihrer Verheirathung hat mir immer noch etwas gefehlt. Ich sterbe ruhiger jetzt; weiß ich doch, daß neben Ihnen auch Ihre brave Frau ein wachsames Auge auf meinen Engel, meine kleine Renate, haben wird.«
»Ich wollte ihr widersprechen, sie ermuthigen und trösten, allein sie schnitt mir mit einer abwehrenden Handbewegung das Wort ab. ›Sagen Sie nicht, was Sie selbst nicht glauben!‹ rief sie mit matter, aber immer noch freundlich zum Herzen dringender Stimme aus. ›Gönnen Sie mir den Trost, über die Zukunft noch einige Worte mit Ihnen zu sprechen, denn wer weiß, ob sich wieder eine günstige Gelegenheit dazu bietet!‹
»Dann dankte sie in rührender Weise für die Sorgfalt, mit welcher ich sie eine so lange Reihe von Jahren hindurch behandelt; mit noch wärmeren Worten dankte sie für die treue Anhänglichkeit, die ich ihr stets bewahrt habe, und mit Thränen in den Augen beschwor sie mich, die Liebe und Freundschaft, welche ich beständig für sie an den Tag gelegt, nach ihrem Tode auf ihre einzige Tochter Renate zu übertragen.
»Ich schätze Ihre Freundschaft und Liebe für meine Tochter höher, als alle Reichthümer, welche wir ihr hinterlassen können,« sagte sie, indem sie ihre Blicke mit flehendem Ausdrucke auf mich heftete; »denn Sie werden über meine Renate wachen, alle Lehren, die selbst zu ertheilen mir nicht vergönnt ist, ihr in meinem Namen ein heiliges Vermächtniß von mir an's Herz legen und sie, so viel in Ihren Kräften liegt, vor den weniger lobenswerthen Gewohnheiten und Ansichten, die leider nur zu sehr in unseren Kreisen heimisch geworden, zu bewahren suchen. Sie kennen meinen Mann, eine brave, redliche Natur; ich verdanke ihm die glücklichsten Stunden meines Lebens, allein zur Erziehung von Kindern, namentlich einer Tochter, ist er nicht geschaffen. Es kann auch nicht von ihm verlangt werden; seine Stellung in der Welt, nebenbei seine zuweilen nothwendige Abwesenheit halten ihn zu oft und zu lange von unserem Kinde getrennt; die Erzieherinnen aber besitzen leider in den allerwenigsten Fällen die Gabe, auch nur annähernd die Mutter zu ersetzen. Es fehlt ihnen eben das Mutterauge, welches in der Seele des Kindes zu lesen versteht, es fehlt ihnen die ängstliche Besorgniß einer Mutter. Von Ihnen dagegen weiß ich, daß Sie mein Kind lieben werden um seiner selbst willen, um - meinetwillen. Ich betrachte es daher als meine heilige Pflicht, Ihnen einen entscheidenden Einfluß auf Renate einzuräumen. Mein Mann denkt in dieser Beziehung gerade so wie ich, und bevor ich von meinen Lieben scheide, will ich noch einmal, als letzten Beweis seiner treuen Liebe, das Versprechen von ihm fordern, daß er bei allen Vorkommenheiten, die meinen holden Engel betreffen, Ihre Erfahrungen, Ihre unverbrüchliche Freundschaft für unser Haus ernstlich zu Rathe ziehe.«
»Das sagte die vortreffliche Gräfin, kein Wort habe ich vergessen, und als sie ausgesprochen, da perlten Thränen in ihren Augen. Ich selbst mußte an mich halten, um nicht laut zu weinen und ihr dadurch die letzte Spur von Hoffnung - und die bleibt ja fast immer noch bis zum letzten Athemzuge - auf die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu rauben, ihr den Abschied von der Welt, in der sie so viel, so unendlich viel Liebe gefunden, zu erschweren.
»Mit aufmunterndem Lächeln küßte ich ihre schmale, fast durchsichtige Hand; ich blickte ihr in die umflorten Augen und sie verstand mich; denn als ich ging, da hatte sich ein verklärter, zufriedener Ausdruck über das bleiche, engelschöne Antlitz ausgebreitet.
»Wie ich an jenem Tage in meinen Wagen hineingekommen bin, weiß ich nicht; aber ich entsinne mich, daß ich - nun, man ist ja auch nur ein Mensch - recht bitterlich weinte, und ich glaube, es ist seit jener Zeit fast kein Tag vergangen, an welchem ich mir nicht das Versprechen: der sterbenden Mutter Wünsche und Willen gewissenhaft auszuführen, wenigstens einmal wiederholt hätte.
»Mein Versprechen habe ich gehalten,« hob der Doctor nach einer kurzen Pause wieder an; »ich halte es auch heute noch und werde es halten, so lange mir der Athem vergönnt ist. Renatens Vater hat ebenfalls die letzten Wünsche seiner engelgleichen Gattin nicht vergessen, und so ist es denn gekommen, daß die junge Gräfin gewissermaßen unter meinen Händen aufgewachsen ist, aufgewachsen zur Freude und Bewunderung Aller, die in Berührung mit ihr kommen. Tausend Welt, ich habe zwar immer ein Wort mitgesprochen, wenn es galt, neue Lehrer und Lehrerinnen anzuschaffen, ich habe sogar zuweilen die Gelegenheit benutzt, dem sich wunderbar schnell und schön entwickelnden Kinde einige kurze Vorlesungen darüber zu halten, daß auch vornehme Damen andere Pflichten hätten, als rauschenden Vergnügungen nachzujagen und sich von leeren Schädeln bewundern und Schmeicheleien sagen zu lassen - allein ein Kind mit solchen Anlagen und solchen Herzensregungen, wie sie Renate in so hohem Grade besitzt, zu erziehen, ist kein Kunststück!
»Ja, ja, ich glaube, meine Gräfin hätte sich ganz allein und ohne jede fremde Hülfe erzogen und ausgebildet, wenn Ihr auch einzelne Unterweisungen nicht geschadet haben. Aber Du kennst sie ja und wirst mir daher antworten können: Hast Du je in Deinem Leben eine anmuthigere, lieblichere Erscheinung gesehen? Hast Du je eine Dame gefunden, die bei allen äußeren Vorzügen, bei ihrer hervorragenden Stellung in der Gesellschaft sich einen so anspruchslosen, einfachen Sinn, eine so wahrhaft bezaubernde Selbstverläugnung bewahrt hätte?«
»Nein, Onkel, gewiß nicht, die Gräfin Renate steht unübertroffen, unerreichbar da!« antwortete der junge Officier enthusiastisch.
»Du solltest sie aber kennen, wie ich sie kenne, mein Freund - Tausend Welt, dann würdest Du erst Augen machen! Ich sage Dir, ein so hoher Grad von Herzensgüte, eine so tief gewurzelte Menschenfreundlichkeit und dabei ein so richtiges Verständniß alles Edlen und Guten sind noch nie, außer bei ihrer seligen Mutter, in einem und demselben Gemüthe vereinigt gewesen. O, der Mann, der die Renate einst, heimführt - und sie wird verständig wählen -, muß sehr, sehr glücklich werden! Du solltest sie nur kennen, wie ich sie kenne!« Und das Lineal kunstgerecht an seine gespitzten Lippen legend, pfiff oder vielmehr zischte der in Eifer gerathene Herr den Anfang des Liedes:
»Wir winden Dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide.«
»Aber, lieber Onkel, wie kann ich die Gräfin genauer kennen lernen, wenn Du mich bei ihr gewissermaßen vor die Thür setzest?« fragte Heinrich kläglich, nachdem er so lange mit athemloser Spannung der Schilderung gelauscht hatte, welche ihm sein Onkel von Renate entwarf.
»Habe ich denn gesagt, daß Du sie genauer kennen lernen sollst?« fragte der Doctor erschreckt zurück, indem er das Lineal geräuschvoll auf den Tisch warf und seinen Neffen groß ansah; denn jetzt erst begriff er, daß er sich von seiner Leidenschaftlichkeit hatte fortreißen lassen, Dinge zu sagen und zu erklären, die auf seines Neffen Gemüth eine Wirkung ausüben mußten, gerade entgegengesetzt von der, die er in seiner weisen Fürsorge ursprünglich auszuüben beabsichtigte.
»Natürlich hast Du es gesagt, lieber Onkel,« lautete die mit heiterem Ausdrucke gegebene Antwort.
»Tausend Welt, dann bin ich ein großer Esel gewesen, denn eigentlich meinte ich, Du brauchtest die junge Gräfin erst recht nicht genauer kennen zu lernen! Ich sehe Dir sogar an, daß Du sie bereits viel zu genau kennst, und darum habe ich Dir auch Alles so haarklein erzählt. Ich will aber nicht, daß es Dir so ergehen soll, wie mir; ich will nicht, daß Du Deine schöne Jugendzeit vergrämst und vertrauerst, und die Renate ist wirklich ein Mädchen, wie dazu geschaffen - natürlich ohne es selbst zu ahnen - sogar verständigen Menschen Vernunft und Ueberlegung zu rauben. Ja, deshalb habe ich mit rückhaltlosem Vertrauen zu Dir gesprochen und Dir auch - wenn Du doch einmal den Ausdruck angewendet haben willst - den Stuhl bei der Gräfin vor die Thür gesetzt. Du sollst Renate nicht so oft sehen, denn das viele Sehen und Wiedersehen könnte Dir eben so gefährlich werden, wie es mir in meinen jungen Jahren geworden ist. Renate kann gut ohne Dich leben und würde sich den Henker um Dich kümmern, wenn Du nicht mein Onkel wärest ...«
»Ich Dein Onkel?« lachte Heinrich laut auf.
»Wollt' ich sagen: wenn ich nicht Dein Neffe - Tausend Welt, unterbrich mich nicht mit Deinen weisen Bemerkungen, aber es könnte sich ereignen, daß Du allmählich exaltirt genug würdest, zum allgemeinen Ergötzen der Gräfin zu Füßen zu stürzen und sie um ihre Hand zu ersuchen.«
»Und wenn ich das wirklich eines guten Tages ausführte?« fragte Heinrich, hinter ein herzliches Lachen verbergend, daß ihm dergleichen Gedanken, wenn auch vorerst nur, in seinen Träumen, gar nicht so unendlich fern lagen.
»Dann hole Dich der Teufel!« polterte der Doctor, indem er emporsprang und eilfertig in der Stube auf und ab zu schreiten begann. »Tausend Welt, überhaupt solch ungereimtes Zeug nur zu denken, geschweige denn zu sprechen! Nein, nein, wie ist es möglich? Und das will mein Neffe sein!«
»Wenn aber nun gar die Gräfin nicht abgeneigt wäre, Frau Lieutenant Bergmann zu werden?« fuhr Heinrich, durch des alten Herrn Eifer auf's innigste ergötzt, neckisch fort.
Bei dieser Frage blieb der Doctor wie vom Blitze getroffen stehen.
»Mensch, habe ich recht gehört? Du und die Gräfin Renate?« rief er entsetzt, aus. »Doch höre, mein Freund, läßt Du Dir einfallen, die Herzensgüte der jungen Gräfin - die übrigens ganz auf meine Rechnung geschrieben werden muß - zu mißbrauchen und sie zu heirathen, so enterbe ich Dich, und Du magst Dich nach einem andern Onkel umsehen - ich bin es dann nicht mehr!« Und im Geschwindschritte beschrieb der entrüstete alte Herr eine regelmäßige Achte.
»Du vergißt dabei, lieber Onkel, daß, wenn die Gräfin mich aus Anhänglichkeit an Dich heirathet, wir mehr als genug besitzen, um ruhig und sorgenfrei zu leben, die Androhung Deiner Enterbung also weiter keinen Einfluß auf unsere beschlossene Vereinigung haben kann,« versetzte Heinrich, und sein hübsches Gesicht strahlte vor Entzücken über die Wendung, welche ihre Unterhaltung genommen hatte.
Der Doctor blieb gerade vor seinem muthwilligen Neffen stehen und machte, wie um sich zu beruhigen, sehr bedächtig den entsprechenden Gebrauch von seiner Tabaksdose.
»Höre, mein lieber Heinrich,« begann er feierlich, und jede Linie seines guten Gesichtes verrieth ein unendliches Wohlwollen, »ich kenne Dich; Dein leichtfertiger Ausspruch war nicht ernstlich gemeint, wie Du Dir überhaupt gern einen Spaß mit Deinem alten Onkel erlaubst, was auch ganz in der Ordnung ist. Hast mir schon von Kindesbeinen an auf der Nase herumgetanzt; jetzt aber wollen wir einmal ernst mit einander sprechen. Du deutetest darauf hin - zu Deiner Ehre hoffe ich: nur im Scherz -, daß eine Vereinigung zwischen Dir und der Gräfin Renate gar nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre. Ich nun wieder sage Dir, so etwas ist nicht nur nicht denkbar, sondern auch gegen allen gesunden Menschenverstand. Erstens ist die Gräfin eine hochgeborene Dame, während Du ein armer, namenloser Lieutenant bist, und zweitens ist die Gräfin sehr, wirklich sehr reich, während Du über wenig mehr, als Deinen Degen zu verfügen hast; denn von Deinem Vater, der auf seinem Landgütchen die größte Mühe hat, anständig durchzukommen, hast Du dereinst nicht sonderlich viel zu erwarten.
»Ganz abgesehen nun von dem Unterschiede in Namen und Herkommen, frage ich Dich: Möchtest Du wohl von dem Reichthum Deiner Frau abhängig sein? Möchtest Du Dich mit einem Glanze umgeben, von welchem jeder Schuljunge wüßte, daß es ein Gnadengeschenk Deiner Frau sei? Wärest Du im Stande, ohne ein Gefühl drückender Unbehaglichkeit mit dem Gelde Deiner Frau, ich will einmal sagen: ein außergewöhnlich kostbares Pferd zu kaufen und Dich mit demselben vor den bespöttelnden Menschen auf der Straße zu zeigen? Oder vermöchtest Du wohl, ohne vor Scham zu erröthen, Deiner Frau von ihrem eigenen Gelde irgend eine Ueberraschung zu bereiten?«
»Lieber, guter Onkel, höre auf!« entgegnete Heinrich, der bei der eigenthümlich eingekleideten Hindeutung auf ein derartiges Verhältniß vor Scham tief erröthete: »ich habe mir ja wirklich nur einen Scherz mit Dir erlaubt, und wenn mich die Lust anwandelt, mich in dieses oder jenes Mädchen zu verlieben, so denke ich dabei doch nicht gleich an's Heirathen. Und überhaupt, Onkel, es muß mir ganz anders zu Muthe werden, wenn ich mich in meinem Leben je verheirathen soll.«
Diese letzten Worte sprach er in einer Weise, daß man den Ernst derselben kaum noch bezweifelte und sogar der Doctor ein gewisses Bedauern über den Entschluß des jungen, lebenslustigen Mannes empfand, der offenbar von der Natur nicht dazu bestimmt war, allein zu bleiben.
»Lieber bleibe unverheirathet Dein Leben lang, als daß Du mich in die traurige Lage bringst, dereinst mit Schimpf und Schande zur Grube zu fahren,« versetzte der alte Herr entschieden, aber liebevoll; »ja, brause immerhin auf, mein Freund, die Worte waren ernstlich gemeint, oder bildest Du Dir vielleicht ein, es ließe mich unberührt, mir sagen zu müssen, daß ich vielleicht mit Veranlassung zu der Mesalliance gab? Oder wenn die Leute mit Fingern auf mich wiesen und dabei sagten: Der schlaue Fuchs hat es prächtig verstanden, seinen Einfluß im Hause der Gräfin zum Besten seines armen Schluckers von Neffen auszubeuten?
»Ja ja, mein lieber Freund, so stehen die Sachen, man muß jede Gefahr ernst in's Auge fassen und mit Umsicht vermeiden; sogar Dein zu häufiger Besuch bei Renaten kann ein sehr schlechtes Licht auf uns Beide werfen, selbst auch dann, wenn keine tollen Ideen in Deinem Kopfe spuken, und darum schon ganz allein fühle ich mich verpflichtet, Deine Besuche gänzlich abzuschneiden, und müßte ich Dich deshalb wirklich nach Deiner Garnison zurückschicken.«
»Du magst Recht haben, lieber Onkel,« erwiderte Heinrich, nachdem er den nunmehr wieder auf und ab schreitenden Doctor eine Weile sinnend beobachtet hatte; »ich will Deine Folgerungen daher nicht weiter antasten; allein etwas mehr Zartgefühl und Tact hättest Du mir immerhin zutrauen können, denn wie anders soll ich es auslegen, daß Du Dich in wer weiß was für Befürchtungen ergehst, ohne auch nur den geringsten Grund dafür zu haben? Ich werde der Gräfin nicht zur Last fallen, verlaß Dich darauf, und was das Weitere anbetrifft, da glaube ich schlimmsten Falles Macht genug über mich zu besitzen, ebenso, wie mein lieber Onkel vor mir gethan, meine Gefühle niederzukämpfen und mich vor Spott und üblen Nachreden zu bewahren. Uebrigens ist noch ziemlich ungewiß, ob bei mir jemals ein solcher Zustand unbefriedigter Hoffnungen und sentimentaler Liebe eintreten wird.«
»Oho, mein Freund, man wird wohl schon sentimental?« entgegnete der Doctor, kurz stehenbleibend; »Heinrich, wer wird wohl so empfindlich sein ...«
Ein bescheidenes Klopfen an der nach dem Innern der Wohnung führenden Thür unterbrach den Doctor.
»Ah, die Tante! Kein Wort von unserem Gespräch, hörst Du, mein Sohn,« flüsterte er seinem Neffen zu, und dann sich umwendend, rief er im heitersten Tone: »Herein!«
Die Thür öffnete sich, und die Gattin des Doctors, eine stattliche Frau, die in ihrer Jugend mindestens auf die Bezeichnung »hübsch« Anspruch gemacht haben mußte, lugte um die Ecke.
Ihre Blicke flogen mit ängstlicher Hast in alle Winkel, ob auch einigermaßen Ordnung in dem Heiligthume ihres Gemahls herrsche, was für diesen ein Zeichen war, daß ihm etwas Außergewöhnliches bevorstehe.
Als die Thür aber von einer unsichtbaren Gewalt noch weiter aufgeschoben wurde und sich gleicher Zeit ein zweiter Kopf in die Oeffnung legte, prallte der gute Doctor mit einem »Tausend Welt!« zurück.

11. Der Dritte im Bunde.

Gewiß hatte der Doctor alle Ursache, erschreckt zurückzuprallen, denn wer wäre es wohl anders gewesen, der sich förmlich mit Gewalt Zutritt zu ihm zu verschaffen suchte, als gerade Diejenige, deren Besuch ihm von allen Menschen der Erde in diesem Augenblicke am unwillkommensten war!
»Lieber Mann, verzeihe mir!« rief die Doctorin entschuldigend aus, als sie ihres Gatten grenzenlose Bestürzung gewahrte; »unsere gute Gräfin ließ sich nicht halten; sogar sie anzumelden erlaubte sie mir nicht.«
»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, meine gnädigste Gräfin!« stotterte der Doctor verwirrt, indem er mit einer tiefen Verbeugung gewandt neben die Thür hintrat, um Renaten die Aussicht auf seinen Neffen zu verlegen. Allein er vergaß, daß Erstere bedeutend größer, als er selbst war, also bequem über ihn fortsehen konnte, und um das Unglück zu vervollständigen, hatte sich auch sein hoch und schlank gewachsener Neffe von seinem Sitze erhoben. »Ich muß in der That tausendmal um Entschuldigung bitten, meine liebe Renate,« wiederholte er immer verwirrter; »aber bedenken Sie meinen Aufzug, ich bin zu so früher Stunde durchaus gar nicht auf solchen Besuch vorbereitet; ich bitte tausendmal um Entschuldigung - nur eine Minute verziehen Sie bei meiner Frau, ich stehe augenblicklich zu Diensten!« Und mit einer neuen Verbeugung machte er Miene, die beiden Damen zurückzudrängen und die Thür zu schließen.
Bis jetzt hatte Renate noch kein Wort gesprochen; die komische Verlegenheit des lieben, alten Freundes hatte sie zu sehr ergötzt. Als der Doctor aber endlich seine Hand nach der Thür ausstreckte, vermochte sie nicht länger an sich zu halten.
»Bester Freund,« rief sie mit dem ihr eigenthümlichen, herzgewinnenden Lachen aus, »was habe ich denn verbrochen, daß Sie mir die Thür weisen? Als ob ich Sie in meinem Leben noch nicht in Ihrem Schlafrocke überrascht hätte? Und so sehr früh ist es doch auch nicht mehr!«
»Bitte tausendmal um Entschuldigung, meine liebe Renate!« sichte der Doctor verzweiflungsvoll; »sehen Sie nur den Tabaksqualm ...«
»Ich denke, Sie rauchen nicht?« unterbrach ihn die Gräfin schalkhaft, indem sie muthig auf ihrem Posten aushielt. In demselben Augenblicke bemerkte sie aber den jungen Officier, der sich höflich verneigte.
Die Gräfin erschrak; offenbar wiederholte sie in Gedanken die Worte, die sie gesprochen hatte, um zu ermessen, in wie weit sich dieselben für das Ohr eines fremden Zeugen geeignet haben dürften, denn eine tiefe Röthe breitete sich über ihr holdes Antlitz aus, während sie Heinrichs Begrüßung freundlich und ohne Zwang erwiderte.
»Jetzt muß ich um Verzeihung bitten, hier eingedrungen zu sein,« wendete sie sich darauf schnell an den Doctor, der, sobald er seinen Neffen wirklich entdeckt wußte, die Thür fahren ließ und vergeblich nach Fassung rang, »aber ich mußte Sie nothwendig sprechen, und nachdem Sie mir bereits vorgestern mitgetheilt, Ihr Herr Neffe habe schleunigst abreisen müssen, konnte ich nicht ahnen, daß ich Sie dennoch im traulichen Gespräch mit ihm stören würde.«
»Meine liebe Renate, er ist ja auch abgereist!« rief der Doctor kläglich aus, und seine Hände fuhren abwechselnd nach seinem Halse, wo das Tuch fehlte, und nach den Taschen seines Schlafrocks, der ihm plötzlich über alle Begriffe hinderlich geworden zu sein schien; »oder nein, er wollte abreisen, ist aber wiedergekommen - ich glaube, es war von Nachurlaub die Rede. Aber, liebe Frau, ich bitte Dich, wie konntest Du nur so unvorsichtig sein? Warum sagtest Du nicht, es befinde sich Besuch bei mir? Die arme Gräfin so in Verlegenheit zu setzen!«
»Mein Gott, wie hätte ich das anfangen sollen?« antwortete die Doctorin, indem sie Renaten einen fröhlichen Blick zuwarf, der indessen nicht ganz frei von einem kleinen Anfluge von Schadenfreude über die ihr unerklärliche Verlegenheit ihres Gatten war; »und dann mußte auch nach meiner Ueberzeugung die größte Ordnung in Deiner Stube herrschen, sie herrschte wenigstens vor zwei Stunden noch, und was den Heinrich anbetrifft, nicht wahr, Herzensgräfin, vor dem fürchten wir uns nicht - ist ja unser Neffe - um so mehr, da er noch lange genug hier bleibt, um sich recht einbürgern zu können.«
»Frau, Tausend Welt, plagt Dich denn ...?« polterte der Doctor, entsetzt über die Ungewitter, die sich von allen Seiten um ihn herum aufthürmten. »Was weißt Du vom Hierbleiben? Ich sagte Dir doch - entschuldigen Sie meine Heftigkeit, theuerste Renate, ich bin sonst der ruhigste Mensch von der Welt - ich sage Dir, liebe Frau, der Heinrich reist heute noch ab, seine Koffer sind gepackt - Alles in Ordnung - aber nun berücksichtige auch meinen Aufzug, der sich am Ende doch nicht ganz für Damenbesuch eignen dürfte!«
Renate war unterdessen einen Schritt zurückgetreten. Offenbar wünschte sie, die dem Doctor so peinliche Scene zu Ende zu führen, und indem sie rathlos umherschaute, trafen ihre Blicke zufällig Heinrich's Augen, die wieder mit einem so sprechenden Ausdruck innigster Bewunderung auf sie gerichtet waren, daß sie darüber erröthete und noch einen Schritt weiter zurücktrat. In Gedanken aber stellte sie ihre Betrachtungen über die Theilnahmlosigkeit des jungen Officiers an, der ruhig zusah, wie sein braver Onkel von einer Verlegenheit in die andere hineingetrieben wurde.
Doch auch die Doctorin empfand endlich eine Anwandlung von Mitleid; sie schloß indessen die Thür nicht, ohne ihrem Gatten vorher noch einen recht lustigen, schadenfrohen Blick zugeworfen und ihm zugleich mit dem Finger gedroht zu haben.
»Wir erwarten Dich in fünf Minuten!« rief sie dem alten Herrn zu, und dann war es in dem Studirzimmer so still, daß man hätte ein Blatt fallen hören können.
Einen Augenblick stand der Doctor wie erstarrt da, die geschlossene Thür ausdruckslos betrachtend. Dann aber kehrte das Leben mit verdoppelter Gewalt zurück, seine Hände legten sich mit energischer Bewegung auf seinem Rücken zusammen, jedoch unterhalb der Schöße seines Schlafrockes, so daß diese, wie ein langer Schwalbenschwanz, hinter ihm herflatterten, worauf er das Gemach mit so hastigen und gewichtigen Schritten durcheilte, als ob er sich auf dem Wege zu einem Schwerkranken befunden hätte.
»Da haben wir die Geschichte!« rief er zornig aus, seine Schritte so weit verlängernd, wie nur irgend möglich. »So etwas hat mir gerade gefehlt, Tausend Welt, was muß das gute Kind von mir denken! - Aber Du, Du bist ganz allein Schuld daran!« wendete er sich plötzlich an seinen Neffen, der, nach dem heitern und zufriedenen Ausdrucke seines Gesichts zu schließen, die Sache gar nicht so sehr ernst auffaßte.
»Wie kannst Du wohl mir die Schuld zuschieben, lieber Onkel?« erwiderte der Angeredete ruhig; »wenn es von mir abgehangen hätte, wärest Du schwerlich zur Gräfin gegangen, um mich in aller Form abzumelden.«
Der Doctor hatte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in Bewegung gesetzt; in der nächsten Minute stand er aber wieder vor Heinrich still.
»Was hilft jetzt alles Reden!« hob er bedeutend ruhiger und gefaßter an, indem er sein Haupthaar emporsträubte und nach der Uhr sah; »die fünf Minuten sind bald verstrichen, und ich muß zu den Damen, wenn die Sache nicht noch schlimmer werden soll. Ich habe indessen einen Plan entworfen, aber Du mußt mir helfen, mein, Freund. Ich werde also jetzt hineingehen und Deiner Tante zuflüstern, natürlich so laut, daß die Gräfin es versteht, Du wünschtest ihren gediegenen Rath in einer äußerst wichtigen und dringenden Angelegenheit - sagen wir, wegen Deines Einpackens - und wenn sie kommt, so hältst Du sie fest - hörst Du? - wenigstens zehn Minuten, denn ich muß mit der Gräfin unbedingt unter vier Augen sprechen.«
Heinrich gelobte mit muthwillig lachenden Augen, sein Bestes zu thun; im Grunde aber beabsichtigte er, der Tante reinen Wein einzuschenken, als die beste Art, sie auf einige Zeit zu fesseln.
Der Doctor schnürte hastig das bereit liegende schwarze Tuch um seinen Hals, vertauschte seinen Schlafrock mit einem saubern Leibrocke, und nachdem er, wie um seine Gedanken zu sammeln, einen zwar unhörbaren, jedoch sehr glänzenden Läufer auf dem Lineal geblasen, entfernte er sich in würdiger Haltung. -
»Es ist dies ein angemessenerer Ort, so lieben Besuch zu empfangen,« hob der Doctor an, sobald seine Gattin sich auf die dringende Botschaft entfernt hatte, indem er sich in dem einfach, doch geschmackvoll eingerichteten Empfangszimmer der Gräfin gegenüber auf einen alterthümlich geschnitzten Lehnstuhl niederließ; »ja, meine gute Renate, viel angemessener, als das räucherige Studirzimmer.«
»Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß ich meinen alten, treuen Freund in seinem Heiligthume besucht hätte,« entgegnete Renate mit der Herzlichkeit eines Kindes, welches sich seinem Vater gegenüber befindet; »ich bedaure nur, Sie wirklich gestört zu haben.«
»Mein liebes Kind, Sie stören mich nie; ich muß nur tausendmal um Entschuldigung bitten, wenn ich Ihnen vielleicht etwas seltsam erschien; allein die Ueberraschung war so groß, und dabei mein Neffe ...«
»Was ist denn das eigentlich mit Herrn Bergmann? Es sind ihm doch keine Unannehmlichkeiten begegnet?« fragte Renate, während eine unverkennbare Theilnahme aus ihren schönen Augen leuchtete.
»Nichts weniger, als Unannehmlichkeiten, meine theure Renate, im Gegentheil, der junge Mann macht mir recht viele Freude mit seinem ehrenwerthen Charakter.«
Der Gräfin Augen erhielten einen noch freundlicheren Ausdruck, und dann fragte sie weiter:
»Wie soll ich mir aber erklären, daß er, anstatt selbst zu kommen, Sie an mich abschickte, um ihn wegen der schleunigen Abreise zu entschuldigen, und zwei Tage später befindet er sich ganz wohlbehalten bei Ihnen? Ich hoffe, es ist ihm in meinem Hause nichts Mißfälliges widerfahren?«
»Nichts weniger, als dies, meine liebe Gräfin, sondern eher das Gegentheil; es gefällt dem jungen Menschen leider nur zu gut in Ihrer Gesellschaft.«
»Zu gut und leider?« fragte die Gräfin in einem Tone, der gerade keine Unzufriedenheit über die ihr gemachte Eröffnung verrieth. »Wie soll ich das zusammenreimen?«
»Ganz einfach, mein liebes Kind, hören Sie mir nur zu; Sie sind verständig und einsichtsvoll, ich darf also offen zu Ihnen sprechen - Ihnen eine Unwahrheit zu sagen, gelingt mir ja beim besten Willen nicht - und ich bin überzeugt, daß mein Verfahren Ihren ungetheilten Beifall findet. Sehen Sie also, mein liebes Kind - ich will mich ganz kurz fassen - ich habe meinen Herrn Neffen genau beobachtet, und da ist mir denn klar geworden, daß Ihre Nähe einen merkwürdig tiefen Einfluß auf ihn ausübt.«
»Wenn das wirklich geschähe, würden Sie darin etwas Tadelnswerthes erkennen?« fragte die Gräfin mit ungläubigem Lachen, während eine liebliche Röthe bis zu den blau geäderten Schläfen hinauf ihr Antlitz überzog.
»Ein großes Unglück, mein liebes Kind, ein so großes Unglück, daß ich Sie dringend bitten muß, mir in meinem Beginnen, wenn auch nicht gerade beizustehen, so doch mindestens keine Hindernisse in den Weg zu legen.«
»Das klingt Alles so feierlich, Herr Doctor, daß es mich förmlich erschreckt, und dennoch vermag ich nicht, so sehr ich meinen Geist auch anstrenge, zu errathen, auf welche Weise ich arme Person Ihnen beistehen oder Ihnen Hindernisse in den Weg legen könnte. Noch weniger aber vermag ich ein Unglück darin zu entdecken, daß ich Ihrem - ich meine, Herrn Bergmann - gefalle; im Gegentheil, ich freue mich darüber, und ganz unter uns will ich Ihnen anvertrauen, daß Herr Bergmann ebenfalls einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht hat, wenigstens einen tausendmal besseren, als der Graf Hannibal mit seinem zuversichtlichen Wesen.«
»So, also mein Neffe gefällt Ihnen?« fragte der Doctor ernst und mißbilligend.
»Warum sollte er nicht?« fragte Renate zurück, so unschuldig, offen und frei von jeder Probe von Gefallsucht, daß selbst des alten Herrn Herz dadurch wie von jugendlichem Feuer sanft erwärmt wurde; »erstens ist er geistreich, zweitens hat er mehr, als der größte Theil aller meiner Bekannten gelernt, wodurch er in den Stand gesetzt ist, stets angenehm und belehrend zu unterhalten, und endlich klingt das, was er spricht, stets so aufrichtig und wahr, und verräth er so viel Gefühl und einen so ehrenwerthen Charakter, daß man gar nicht umhin kann, man muß sich zu ihm hingezogen fühlen und ihn gern sehen.«
Bei den letzten Worten der Gräfin sprang der Doctor zu deren größtem Erstaunen blitzschnell empor, um hastig einen möglichst großen Kreis abzuschreiten; dann aber sich erinnernd, daß außer ihm noch Jemand im Zimmer sei, schoß er schnell auf seinen Stuhl zu, auf welchen er sich mit einer Miene tödtlicher Erschöpfung niederließ.
»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, mein liebes Kind!« rief er aus, indem er der Gräfin mit ernstem, liebevollem Vertrauen in die redlichen Augen schaute; »ich bin sonst der ruhigste Mensch von der Welt, allein die Sache kann in dieser Weise nicht weiter gehen. Nein, Tausend Welt noch einmal, es darf schlechterdings nicht so weiter gehen! Mein Neffe darf Ihr Haus nicht mehr betreten; man muß das Geschick nicht herausfordern, es könnte sich sonst schrecklich rächen - ja, rächen, und mein Neffe ist ein zu braver Mensch, als daß er geopfert werden dürfte. Ja, meine liebe Renate, er muß Ihre Nähe meiden, und thut er's nicht mit Güte, so suchen Sie es mit Gewalt durchzusetzen, indem Sie ihn bei nächster Gelegenheit gehörig - ich meine, etwas weniger freundlich behandeln.«
»Verlangen Sie Alles von mir, Herr Doctor,« rief die Gräfin, nunmehr ebenfalls ernst werdend, aus, »allein nicht, daß ich den Leuten anders gegenübertreten soll, als mein Gefühl mir vorschreibt. Und nun gar noch Herrn Bergmann, der sich bei Allen, die ihn kennen, die größte Hochachtung erworben hat. Nein, ich verbiete ihm mein Haus eben so wenig, wie Sie es thun dürfen.«
»Wissen Sie aber auch, was Ihnen droht, wenn Sie auf Ihren Eigen - ich wollte sagen, auf Ihren Willen beharren?« rief der Doctor heftig aus, und seine Hand fuhr blitzschnell durch das emporgesträubte Haar. »Sie laufen Gefahr, daß mein edler Neffe seinen Verstand nicht mehr auf der rechten Stelle behält, eines guten Tages Ihnen zu Füßen stürzt und Ihnen mit allen nur denkbaren Eiden und Schwüren betheuert, daß er sterblich in Sie verliebt sei! Ja, das steht Ihnen bevor, und nun wissen Sie es, mein Kind, und Sie werden mir vollkommen Recht geben, wenn ich den Heinrich aus ihrer Nähe gebannt wissen will!«
Renate blickte sinnend vor sich nieder. Was der Doctor ihr mittheilte, war ihr zu neu, zu fremdartig, ihren Gedanken stets zu fern geblieben, als daß sie es sogleich in seinem ganzen Umfange zu begreifen und zu fassen vermocht hätte. Offenbar aber vergegenwärtigte sie sich die Scene, die ihr der Doctor so feurig geschildert hatte, denn leise, ganz leise und langsam breitete sich ein tiefes Roth über ihre freundlichen Züge aus, und als endlich kein Fleckchen des guten Antlitzes mehr seine gewöhnliche Farbe trug, da schaute sie mit ihrem holdesten Lächeln zu dem Doctor empor.
»Glauben Sie wirklich, daß Herr Bergmann im Stande wäre, mich in so große Verlegenheit zu setzen?« fragte sie so versöhnlich und nichts weniger als unzufrieden, daß des Doctors Haarpyramide sich ohne Hülfe der Hände noch steiler aufrichtete.
»Ja, das traue ich ihm zu, mein liebes Kind, Tausend Welt, und zu verwundern wäre es nicht, denn wäre ich jung, machte ich es vielleicht ebenso, und darum, meine liebe Renate, müssen wir dem Unglücke vorzubeugen suchen!«
»Ich kann immer noch nicht das Unglück erkennen, auf welches Sie hindeuten,« versetzte Renate, sinnend vor sich niederschauend; »Sie selbst warnen mich täglich, nicht Allen zu trauen, die mich mit den Beweisen ihrer Zuneigung und Anhänglichkeit zu erdrücken drohen, und ich fühle auch heraus, daß die meisten Menschen es nicht redlich meinen, wenn sie mir alle mögliche Arten von Vorzügen andichten, und jetzt, da ich wirklich Jemanden gefunden habe, dem ich mein vollstes Vertrauen schenken möchte, soll ich ihn zurückscheuchen, ihm sogar übel nehmen, wenn er seine freundlichen Gesinnungen durchblicken läßt. Nein, Herr Doctor, das verstehe ich nicht; es kann auch Ihr Ernst nicht sein, daß Herr Bergmann mich durchaus nicht lieben soll.«
»Nicht mein Ernst?« fragte der Doctor dringender, denn daß seine ganze Lebensweisheit so schmählich an dem jungfräulich biedern Sinne des noch mit kindlicher Unerfahrenheit und kindlichem Selbstbewußtsein in die Welt hinausschauenden Mädchens scheitern sollte, erschien ihm so unerhört, so gänzlich gegen die Weltordnung, zu verstoßen, daß er es gar nicht zu fassen vermochte. »Nicht mein Ernst?« fragte er zum zweiten Male, während er über einen neuen Angriffsplan nachdachte; »Tausend Welt, ich war nie ernster gestimmt, als in diesem Augenblicke! Und was meinen Sie wohl, mein Kind, wenn es nicht bei der Liebeserklärung bliebe, wenn er darauf bestände, daß sie ihn heirathen müßten, wenn er nicht ewig unglücklich sein oder sich gar eine Kugel durch den Kopf schießen sollte? Was aber meinen Sie wohl zu meinen alten Tagen, wenn ich mir sagen müßte, daß durch einen unverantwortlichen Mangel an Energie ich selbst mittelbar die Schuld an dem frühzeitigen Ende meines in der That vortrefflichen und hoffnungsvollen leiblichen Neffen trüge?«
»So weit wird es nie kommen!« betheuerte Renate feierlich, indem sie mit einer seltsamen Mischung von Schalkhaftigkeit und Entschlossenheit die Hand auf's Herz legte.
»Brav gesprochen, sehr brav, daran erkenne ich meinen Liebling wieder,« versetzte der Doctor triumphirend, der Gräfin dankbar die Hand küssend.
»Nein, gewiß nicht,« bekräftigte diese noch einmal, um den alten Herrn gänzlich zu beruhigen, »ehe Herr Bergmann unglücklich oder zu einem nie wieder gut zu machenden Schritte getrieben wird, werde ich lieber seine Frau.«
»Renate!« rief der Doctor aus, »wenn Sie auch Vieles mir zu Liebe thun, aber aus Liebe zu mir meinen Neffen heirathen - nie, nein, niemals würde ich ein solches Opfer annehmen! Bedenken Sie, wie würde die Welt darüber urtheilen: Sie, eine reiche, junge Gräfin, und er, ein armer Lieutenant, der nicht einmal einen schön klingenden Namen führt! O, es wäre unerhört, es wäre ein Unglück, ein Nagel zu meinem Sarge!«
»Bester Herr Doctor, Sie haben sich wohl vorgenommen, mich zu Tode zu ängstigen?« fragte Renate, in ein heiteres Lachen ausbrechend. »Wer hat Ihnen außerdem gesagt, daß ich Herrn Bergmann genüge?«
»Niemand hat mir das gesagt, theuerste Renate; aber ich müßte ja stockblind sein, hätte ich nicht längst aus jedem seiner Worte, aus jedem Blicke herausgelesen, daß er Ihnen schon jetzt mit dem ganzen Feuer einer ersten Jugendliebe ergeben ist!«
Renate schlug die Augen nieder und lächelte in sich hinein.
Auch diese Erklärung schien nicht die beabsichtigte Wirkung auf sie auszuüben, denn statt die Unterhaltung über das unglaubliche Verbrechen des jungen Officiers abzubrechen, begann sie zögernd:
»Ich kann Ihnen nicht glauben, Herr Doctor, und wenn er selbst es mir sagte, würde ich versucht sein, es für einen Scherz zu halten. Uebrigens ist er unter allen meinen Bekannten der Einzige, den ich, wenn ich einmal heirathen sollte, zum Manne haben möchte.«
Der Doctor antwortete nicht. Wie vernichtet saß er da, und während er die goldene Tabaksdose mit großer Schnelligkeit zwischen seinen Fingern herumdrehte, fühlte er im Herzen die tiefste Verzweiflung, daß seine Schutzbefohlene, ähnlich einem spielenden Kinde, sich in ihrer Unschuld und ohne die Tragweite ihres Verfahrens zu ahnen, die Aufgabe gestellt zu haben schien, seinen Neffen vollständig zu Grunde zu richten.
Auch Renate schwieg und blickte sinnend auf ihre feinen Hände, mit nachlässigen Bewegungen die Handschuhe auf denselben straffer ziehend und glättend. Offenbar suchte sie das, was der Doctor ihr mitgetheilt hatte und was in ihrem Geiste wild durch einander schwirrte, sich noch einmal der Reihe nach zu vergegenwärtigen und zu ordnen.
Langsam folgten die Gedanken auf einander; in der Erinnerung schienen die einzelnen Worte eine fremdartige, fast beängstigende Bedeutung zu gewinnen, denn bald schneller, bald ruhiger hob und senkte sich ihr Busen, wie auf dem mit einem ungewöhnlichen Liebreiz geschmückten Antlitz die glühende Farbe holder Verschämtheit mit dem zartesten Weiß beständig abwechselte. Oft auch bebte sie wie erschreckt zusammen, und ein verstohlener Seitenblick streifte den grübelnden Doctor, forschend, ob er ihr heimliches Bangen bemerkt habe; und dann sann sie weiter und weiter, und einzelne Gedanken, obwohl dieselben ihr eine unbestimmte Scheu einflößten, wiederholte sie immer wieder, weil sie einen so eigenthümlichen Reiz bargen, den sie sich gar nicht zu erklären vermochte. Zuletzt aber hielt sie es nicht länger aus; sie fürchtete sich gleichsam vor den auf sie einstürmenden Bildern; die in dem Gemache herrschende Stille wurde ihr drückend, und sich plötzlich mit einer heftigen Bewegung aufrichtend, redete sie den nunmehr ebenfalls zusammenschreckenden Doctor an.
»Wissen Sie wohl, Herr Doctor, daß Sie mir eine recht große Freude, ich will nicht sagen, verdorben, aber doch entzogen haben?« fragte sie leise, indem sie ihre Blicke vorwurfsvoll auf den alten Herrn richtete.
»Ich, eine Freude verderben? Und sogar Ihnen, meiner lieben, jungen Freundin?«
»Ja, Herr Doctor, mehr als eine Freude, ich möchte es fast einen Genuß nennen,« fuhr die Gräfin mit dem offenen Vertrauen eines zu seiner Mutter sprechenden Kindes fort. »Aus Ihrem Scherz ist Ernst geworden, denn ich gestehe offen, nach den Mittheilungen, welche Sie mir gemacht haben - und entbehren sie wirklich jeglichen festen Bodens -, fühle ich mich gänzlich außer Stande, fernerhin mit Herrn Bergmann so heiter und frei zu verkehren, wie ich es bis jetzt gethan habe - nein, ich werde ihn nicht mehr ansehen können, ohne unserer heutigen Unterhaltung zu gedenken und dabei in die größte Verlegenheit zu gerathen. Stellen Sie sich nur den einzigen Fall vor: er ahnte, was hier zwischen uns zur Sprache gekommen ist - es wäre schrecklich! - was müßte er von mir denken?«
»Sie wollen ihn also nicht wiedersehen?«
»Wiedersehen? Ach, das meinte ich eben nicht, und dennoch - ich würde ihm nicht mehr gerade in die Augen schauen können. Es wäre daher wohl besser, ich sähe ihn nicht so oft, oder vielleicht nur aus der Ferne ...«
»Das ist ja herrlich, mein gutes Kind!« rief der Doctor plötzlich im heitersten Tone aus. »Sie wollen ihn nicht wiedersehen? Herrlich, herrlich, die Gefahr ist abgewendet! Freund Heinrich wird mir wohl noch ein Weilchen zürnen, aber allmählich zur Vernunft kommen und einsehen, wie recht sein alter, lieber Onkel hatte! Sehr gut, sehr gut ausgedacht - mein Verfahren würde einem großen Diplomaten zur Ehre gereichen! Gut, sehr gut - mein armer Junge und mein Ruf sind gerettet!«
Im Uebermaße seiner Freude über das Gelingen seines Planes, den er vor einigen Minuten noch gescheitert glaubte, sprang er auf, und seine Hände behaglich reibend, wanderte er zweimal mit großen Schritten im Kreise herum.
»Sie werden Herrn Bergmann aber nicht kränken oder verletzen, daß er denken könnte, es rühre von mir her?« fragte Renate schüchtern.
»Nein, meine holde, theure Gräfin,« antwortete der Doctor, schnell vor seine junge Freundin hintretend und mit väterlicher Herzlichkeit ihre beiden Hände ergreifend und drückend, »er soll weder verletzt, noch gekränkt werden - nein, auf keinen Fall. Er ist ein zu guter, braver Junge, und wenn sein Kopf mit seinem Herzen davonzugehen drohte, so ist das weiter kein Unglück und sehr verzeihlich; würde vielen Anderen eben so ergangen sein. Ich hoffe übrigens, es wird recht bald demjenigen genau so ergehen, der vermöge seiner Geburt, seiner Stellung in der Gesellschaft und vor Allem der Eigenschaften seines Charakters dazu geschaffen ist, meinen holden Liebling so glücklich zu machen, wie es einst Ihre engelgleiche Mutter war.«
»Wie meinen Sie das?« fragte Renate zerstreut, denn sie hatte nicht auf das geachtet, was der Doctor sprach.
»Nichts, nichts, mein liebes Kind; ich gedachte Ihrer seligen Mutter, und daß sie wohl mit mir und den Rathschlägen, welche ich ihrer Tochter ertheile, zufrieden sein dürfte. Aber die Sache ist jetzt abgemacht, seien wir froh und heiter, und theilen Sie mir vor allen Dingen mit, was Sie veranlaßte, sich schon so früh auf den Weg zu mir zu begeben, anstatt mich einfach rufen zu lassen.«
Renate, wie um sich einer sie verfolgenden Vision zu erwehren, strich leicht mit der Hand über ihre Stirne, dann wandte sie sich mit erster Theilnahme dem Doctor zu. »Ja, sehen Sie, es ist ganz allein Ihre Schuld, daß ich den eigentlichen Grund meines Besuches beinahe vergessen hätte, obwohl mir derselbe wichtig genug erschien, Sie in den Ihnen so spärlich zugemessenen Stunden der Muße zu stören. Mein Anliegen betrifft einen unserer Schützlinge ...«
»Gewiß die Frau Merle?«
»Frau Merle; ich bin nämlich heute schon vor dem Thore in ihrer neuen Wohnung gewesen, um ihr Wolle zum Stricken zu bringen ...«
»Die neue Häuslichkeit sagt ihr zu?«
»Sie besteht zwar nur aus einer Stube mit daran stoßender Kammer, aber sie übertrifft weit ihre kühnsten Hoffnungen.«
»O, warten Sie nur, bis sie erst kräftiger ist, so daß sie mehr Zeit auf die Arbeit verwenden kann, ohne dadurch ihre Gesundheit zu gefährden, und Sie werden erleben, daß mit dem Bewußtsein, für sich und ihre Tochter das tägliche Brot zu verdienen, auch der Ausdruck des Kummers aus ihren Zügen weicht und dem einer inneren Zufriedenheit den Platz einräumt!«
»Heute hatte es den Anschein, als läge diese Zeit noch sehr, sehr fern.«
»Fern?« fragte der Doctor, hoch aufhorchend. »In ihrem Zustande ist doch wohl keine beklagenswerthe Aenderung eingetreten? Erst gestern sprach ich bei ihr vor und fand sie so wohlauf, wie ich nur immer nach der verhältnißmäßig kurzen Zeit einer geordneteren Lebensweise erwarten durfte.«
»Ihr körperlicher Zustand schien, so weit ich es zu beurtheilen vermag, auch heute zufriedenstellend zu sein, um so schärfer trat dafür aber wieder die Gedrücktheit des Geistes hervor.«
»Merkwürdig, merkwürdig,« versetzte der Doctor, den Kopf bedenklich schüttelnd; »manchmal ist mir, als habe ich mich geirrt, doch komme ich immer wieder darauf zurück, daß irgend ein Geheimniß, und zwar ein Geheimniß sträflicher Art, ihr Gewissen peinigt. Sie sieht allerdings nicht wie eine Verbrecherin aus, allein richtig ist die Sache nicht, und ich gäbe viel darum, den wahren Sachverhalt zu erfahren.«
»Wenn sie nur den Muth besäße, mit offenem Vertrauen zu uns zu sprechen! Vielleicht könnte ihr geholfen werden.«
»Nur nicht mit Gewalt in sie dringen, meine liebe Renate; denn sie ist eine von denjenigen Naturen, die ganz aus sich selbst heraus schließlich dennoch das thun, wozu man sie mit Güte wie mit Strenge vergeblich auffordern würde. Haben ihre Seelenleiden erst einen gewissen Grad erreicht, so wird sie eines guten Tages, wenn die Last ihr zu schwer wird, ohne unser Dazuthun ihr Gewissen erleichtern und ein volles Bekenntniß ablegen. Geduld daher, mein liebes Kind, wir werden das begonnene Werk ohne Zweifel zu Aller Zufriedenheit zu Ende führen, und noch einmal wiederholt ich: nur nicht mit Gewalt in das Geheimniß eindringen wollen.«
»Ihre Rathschläge habe ich stets genau befolgt,« entgegnete Renate, »allein heute konnte ich nicht widerstehen; die arme Frau schien zu sehr zu leiden, weshalb ich sie bat, mich zur Mitträgerin ihres Kummers zu machen.«
»Und sie antwortete?«
»Sie antwortete durch einen Strom von Thränen und dadurch, daß sie ihre Tochter unter krampfhaftem Schluchzen an sich drückte.«
»Wie verhielt sich das Kind dabei?«
»Vollständig ruhig; überhaupt kann ich aus dem Wesen des kleinen, offenbar sehr klugen und scharfsinnigen Mädchens noch viel weniger Vermuthungen schöpfen, als aus dem Benehmen der Mutter. Als die Frau mir nämlich auf die freundlichsten und liebevollsten Fragen jede Antwort schuldig blieb, wendete ich mich an ihre Tochter, mir die Ursache des Kummers der Mutter zu erklären, damit ich denselben theilen könne.
»Das Kind sah mich eine Weile mit großen, verwunderten Augen an; es schien von Furcht befangen zu sein, und sichtbar bestürmte eine ganze Reihe von Zweifeln seinen Geist.
»Da legte die Hand der Mutter sich auf der Kleinen Schulter, und diese zuckte, wie auf einem Fehltritt ertappt, heftig zusammen. Die Mutter sprach nicht, das Kind sprach nicht; aber sie blickten sich gegenseitig tief in die Augen. Ein seltsames, geheimnißvolles Verständniß mußte in diesem Blicke liegen, denn das Mädchen zitterte, wendete sich aber gleich darauf mir wieder mit eigenthümlich scheuem Wesen zu, während der Mutter Thränen reichlicher flossen und sie mich zugleich bat, ihrer Tochter zu schonen, indem dieselbe keinen andern Grund für ihren Kummer kenne, als die Besorgniß, zu früh aus diesem Leben abberufen zu werden.
»Ich drang nicht weiter in sie, ermahnte das Kind zum Gehorsam gegen die Mutter, diese dagegen wieder zur Geduld, worauf ich ihr ein Pfund Wolle mit der Weisung übergab, vor Allem noch einige Paar Strümpfe für sich selbst zu stricken.
»Im Begriffe, zu gehen, und von der Kleinen bis vor die Thür begleitet, bemerkte ich, daß sie hinkte, und als sie auf meine Frage nach der Ursache dieses Uebels das Köpfchen beschämt senkte und sagte, sie sei gefallen, bemerkte ich auf ihrem Nacken, von welchem die halblangen Haare zu beiden Seiten herabgesunken waren, einen blutrünstigen Streifen, der augenscheinlich von einem Schlage mit einem Stocke oder einem Riemen herrührte. Die Mutter selbst kann ihr eigenes Kind nicht so unmenschlich mißhandelt haben, einestheils fehlen ihr die Kräfte dazu, anderntheils besitzt sie zu viel Gefühl, zu viel natürliche Anhänglichkeit und Liebe für ihre Tochter. Als ich diese beim Abschiede fragte, wer sie geschlagen habe, blickte sie wieder wie mit einem bösen Gewissen vor sich nieder, und das Einzige, was ich von ihr erfuhr, war, daß sie gefallen sei und sich verletzt habe.
»Um das arme Kind nicht durch weitere Forschungen zu neuen Lügen zu veranlassen, stellte ich meine Fmgen ein und beeilte mich, hierher zu kommen und Ihnen die betreffenden Mittheilungen zu machen.«
»Wer, glauben Sie nun, kann das Kind so schändlich mißhandelt habend fragte der Doctor, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit Renatens Erzählung gefolgt war.
»Darüber habe ich bis jetzt noch nicht nachgedacht, aber eben fällt mir ein, daß es vielleicht dieselbe Person gethan hat, die der Mutter den schweren Kummer bereitet.«
»Ganz richtig, mein liebes Kind, Sie nehmen mir das Wort von den Lippen. Unstreitig steht die unglückliche Person mit Jemandem in Verbindung, der auf eine unerhörte Weise eine schreckliche Tyrannei über sie ausübt, und entweder etwas von ihr fürchtet oder auch von ihr gefürchtet wird. Sei dem nun, wie ihm wolle, wir müssen Licht in die Sache bringen, denn so kann das nicht fortgehen, oder alle unsere Mühe wird verschleudert, vielleicht gar zum Besten eines elenden Bösewichts verschleudert.«
»Wie aber wollen Sie Licht in die Sache bringen, bei der unbeugsamen Starrheit von Mutter und Kind?«
»Beobachten lassen, meine theure Renate, sehr scharf beobachten müssen wir sie lassen.«
»Ich denke, die ganze Angelegenheit soll als unsere Privatsache behandelt werden, was aber nicht mehr möglich ist, sobald das Gericht die Ueberwachung in die Hände nimmt?«
»Wer denkt denn auch gleich an die Gerichte, meine liebe Gräfin? Nein, nein, die Polizei muß ferngehalten werden, denn zu oft schon wurde durch deren Einschreiten einem verführten und noch nicht rettungslos verlorenen Menschen durch Abtödtung des Ehrgefühls die Rückkehr zu einem gesitteten Lebenswandel abgeschnitten. Nein, meine theure Gräfin, wenn ich von Beobachten sprach, so meinte ich, daß wir einen zuverlässigen Menschen beauftragen, namentlich zur Nachtzeit die Wohnung unserer Schützlinge im Auge zu behalten, denn am hellen Tage wird sich die betreffende Persönlichkeit wohl nicht blicken lassen.«
»Wo finden wir aber gleich einen zuverlässigen Menschen, der in unserem Sinne zu handeln und einzuschreiten versteht?«
»Ja, das ist freilich leichter gesagt, als ausgeführt,« antwortete der Doctor, die Augen schließend und seine Haarpyramide langsam mit den Fingern nach oben durchfurchend. »Tausend Welt!« fuhr er plötzlich empor, und in der nächsten Secunde hallte sein fester Schritt, indem er einen Kreis abmaß, laut durch das Zimmer, »wo hatte ich meine Gedanken, daß ich nicht gleich darauf verfiel? Hm, hm, zuverlässig, scharfsinnig, menschenfreundlich, aufrichtig, muthig, kurz und gut, Alles vereinigt sich in ihm, um ihn zum brauchbarsten Menschen in der Welt zu machen.«
»Wen meinen Sie?«
»Nun, wen anders, als meinen Heinrich! Tausend Welt, und dabei macht er sich ein besonderes Vergnügen daraus, uns in dergleichen Angelegenheiten zu unterstützen!«
»Will Herr Bergmann denn heute noch nicht abreisen?« fragte die Gräfin schalkhaft, während eine liebliche Befangenheit auf ihrem Antlitze spielte.
»Ja, richtig,« antwortete der Doctor, sich mit der Hand leicht vor die Stirne schlagend. »Doch es wird sich trotzdem wohl machen lassen; ich sagte Ihnen ja bereits von Nachurlaub - aber wozu diese Umschweife, meine gute Renate, nachdem wir uns lang und breit ausgesprochen haben? Der Heinrich bleibt hier, bleibt noch lange hier, und kann uns daher am besten unterstützen. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich Sie jetzt einen Augenblick allein lasse!« rief er sodann nach einer anmuthigen Verbeugung aus, indem er hastig der Thüre zueilte. »Aber wir können die Sache gleich gemeinschaftlich in's Reine bringen!«
»Wo wollen Sie hin, Herr Doctor, wo wollen Sie hin? Ich bitte Sie!« fragte Renate, sich erhebend, und aus jedem einzelnen ihrer Züge sprach eine ängstliche Besorgniß.
»Den Heinrich holen, meine liebe Renate! Er wird sich zur Zeit noch mit meiner Frau in meinem Studirzimmer befinden, oder meine Frau hätte sich längst uns zugesellt.«
»Nein, Herr Doctor, rufen Sie ihn jetzt nicht!« bat Renate dringend, indem sie sich dem alten Herrn näherte. »Ich habe sehr große Eile, und bei Ihrer Berathschlagung mit Herrn Bergmann bin ich überhaupt überflüssig. Das Urtheil eines unerfahrenen Mädchens kann nicht in Betracht kommen, wenn einsichtsvolle ...«
»Es kommt sehr in Betracht,« unterbrach der Doctor eifrig seinen Liebling, »ganz außerordentlich in Betracht; nebenbei wünsche ich, daß Sie gleichsam den Mittelpunkt bilden, von welchem das durch unsere Bemühungen vielleicht bewirkte Gute geleitet und gelenkt wird, und was Ihre Zeit anbetrifft, theuerste Gräfin, mit der wird es wohl nicht plötzlich so traurig bestellt sein.«
»Nein, lieber Herr Doctor, ich darf in der That nicht länger warten!« bat Renate, des Doctors Hand, die bereits auf dem Drücker der Thür lag, sanft zurückziehend, wobei sie indessen vermied, den verwunderten Blicken ihres väterlichen Freundes zu begegnen. »Ich säumte schon zu lange, machen Sie nur Alles, wie es Ihnen am angemessensten erscheint; grüßen Sie die liebe Frau Doctor auf das herzlichste und innigste von ihrer Renate, und wenn Sie mich nicht an meinen Wagen begleiten wollen, so muß ich eben allein gehen - Adieu also!«
Augenblicklich stand der Doctor an Renatens Seite, ihr höflich den Arm bietend.
»Also Sie wollen fort, ohne meine Frau noch einmal gesehen zu haben?« fragte er bedauernd, indem er sich der gegenüberliegenden Thür zu in Bewegung setzte. »Meine Frau wird unglücklich sein ...«
»Sie werden mich entschuldigen, Herr Doctor, ihr meine innigsten Grüße überbringen und dabei sagen, wie sehr eilig ich fortgemußt hätte,« entgegnete Renate, ihre Bewegungen beschleunigend.
»Nicht auch ein Wort für unseren Bundesgenossen, meinen Neffen? Ah, Tausend Welt!« rief der Doctor mit unverkennbarer Zufriedenheit aus, sobald er bemerkte, daß Renate sich abwendete, als ob sie seine Frage nicht vernommen habe, »wo hatte ich meine Gedanken? Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, reines Vergessen von mir! Aber Sie sind ein ganz vortreffliches, liebes Kind, welches an Alles denkt - hm, hm, ganz richtig, jedes überflüssige Zusammentreffen mit dem leicht entzündlichen, jungen Menschen muß vermieden werden, es könnte sonst ein Unglück daraus entstehen.«
Und so sprechend, führte der alte, liebevolle Herr die plötzlich schweigsam gewordene Gräfin an den Wagen, mit sehr wenig Förmlichkeit die Hülfe des herbeispringenden Dieners zurückweisend.
Als der Wagen von dannen rollte, blickte der Doctor ihm noch ein Weilchen von der Hausthür aus nach. Dabei rieb er sich vergnügt die Hände, und indem er seinen Gedanken unbewußt Worte verlieh, erklang es von seinen Lippen mit einer unbeschreiblichen Herzlichkeit: »Vortreffliches Mädchen - was wohl ihre Mutter sagen würde, wenn sie ...!!« -
Ein Seufzer unterbrach das Selbstgespräch; der Doctor wandte sich um und schritt bedächtig über die Hausflur die Treppe hinauf; die Hände rieb er wieder behaglich in einander, und sein Selbstgespräch hatte auch wieder begonnen: »Gut gemacht,« murmelte er zufrieden vor sich hin, »sehr gut; eine unübersteigliche Scheidewand habe ich vor ihn hingestellt und die Gefahr ist abgewendet. Tausend Welt, das wäre eine schöne Geschichte geworden, hätte er ihr seine Liebe erklärt, und er ist ganz der Mensch dazu, so etwas auszuführen! Hm, sie wissen jetzt wenigstens, wie sie über einander denken, und werden schon von selbst jeder Gelegenheit aus dem Wege gehen, die zu einer Erklärung meines Herrn Neffen führen dürfte. Hätte wirklich eine schöne Geschichte werden können; bin aber selbst durch Erfahrung zu klug und scharfsichtig geworden; erkannte das Uebel rechtzeitig und erstickte es, als vorsichtiger Arzt, im Keime, bevor dasselbe die rechte und gefährliche Lebenskraft erhielt.«
Und indem er dies gewissermaßen halblaut dachte, rieb der alte, durch eigenen Schaden klug gewordene Herr seine Hände noch vergnügter. Er war förmlich entzückt über seinen Scharfsinn, so ruhig in seinem Gewissen und so vollständig befriedigt mit den ersten Erfolgen seiner bei Herzensregungen angewendeten Heilmethode, als wenn er einen am Rande des Grabes Stehenden zu neuem Leben zurückgerufen hätte.
Der gute, alte Herr! Wäre er bei seinen Patienten nicht glücklicher in der Wahl seiner Mittel gewesen, als da, wo er in einem jugendlich frischen Herzen die ersten Symptome einer unheilbaren Neigung entdeckte, so würde er sich schwerlich als Arzt einen so bedeutenden Ruf erworben, sich schwerlich so viele Menschen zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet haben.
Daß sein Neffe aber die größte Ursache hatte, ihm recht dankbar zu sein, und zwar ganz im entgegengesetzten Sinne, wie er selbst mit größter Zuversicht annahm, das hätte er nie geglaubt. Jedenfalls wäre er dann nicht so außerordentlich heiter gestimmt gewesen und hätte er nicht, als er in sein Sprechzimmer eintrat, wo die Frau Doctor und Heinrich noch immer harmlos plaudernd bei einander saßen, zuerst nach dem ihm zur Hand stehenden Regenschirm gegriffen, um mittels desselben seine Gefühle in einer kurzen, entsprechenden, aber unhörbaren Melodie in die Welt hinauszusenden, ehe er sich herbeiließ, die Seinigen zu bemerken. Diese aber schauten freundlich zu dem guten Doctor empor; seine seltsame Angewohnheit war ihnen ja so lieb geworden, daß sie dieselbe um keinen Preis hätten missen mögen, namentlich aber nicht in diesem Augenblicke, denn Tante und Neffe hätten darauf schwören mögen, daß er in Gedanken nichts Anderes spielte, als:
Gaudeamus igitur!
Der gute alte Doctor!

12. Die neue Mutter.

Das blonde Lieschen war begraben worden, und statt seiner belebte das dunkel gelockte Lieschen die friedliche Hütte des fleißigen Büdners Reichart.
Ein harter Schlag war für die beiden Ehegatten der Verlust des einzigen Kindes gewesen, allein sie ertrugen ihn gefaßter und geduldiger, seit sie das neue Lieschen genauer kennen gelernt und in Folge dessen so außerordentlich liebgewonnen hatten. Zwar traten der Mutter noch vielfach bittere Thränen in die Augen, wenn sie dem fremden Kinde die von Mariens kunstfertiger Hand verkleinerten Kleidungsstücke anlegte und auf diese Weise daran erinnert wurde, wie viel kräftiger ihr Töchterchen bei gleichem Lebensalter gewesen; doch wenn dann das neue Lieschen sie mit den großen, dunkeln Augen traurig anschaute, sie vertrauensvoll Mutter nannte und sich nützlich zu machen suchte, dann floß ihr Herz von Dankbarkeit über, daß der liebe Gott ihr Ersatz für den schweren Verlust gesendet habe, der ihr ebenfalls so viel Freude zu bereiten versprach.
Auch Reichart liebte das neue Lieschen über alle Beschreibung, und wenn seine Freude eine bittere Beimischung erhielt, so entsprang diese aus der geheimen Furcht, daß ihm das Kind über kurz oder lang wieder entrissen werden könne; denn er wußte ja aus Herrn Seim's eigenem Munde, daß man die Forschungen nach dem ›entlaufenen und undankbaren kleinen Bösewichte‹ immer noch nicht aufgegeben habe, noch aufgeben werde, wenn auch nur, um die traurigen Ueberreste des muthmaßlich im Schnee umgekommenen Kindes aufzufinden und christlich in geweihte Erde zu bestatten.
Bei derartigen Mittheilungen, die in Begleitung vieler weiser Erziehungslehren und mancher frommer Bemerkungen über arme, elternlose, verkommene und vielfach schon verdorbene Kinder von Herrn Seim's, vor innerer Rührung bebenden Lippen flossen, vermochte Reichart sich eines geheimen Grauens nicht zu erwehren. Er gedachte mit Besorgniß seines neuen Lieschens, und unerklärlich erschien es ihm, daß das liebe, gute Kind von dem frommen und einsichtsvollen Vorsteher eine so harte Behandlung erfahren haben könne.
Aus Furcht, sich zu verrathen, vermied er indessen, sich in weitere Erörterungen über den verschwundenen Zögling einzulassen, und jedes Mal war er froh, wenn Herr Seim ihn, nach pünktlicher Auszahlung des ihm für seine Waare gebührenden Geldes, mit seinem üblichen biederen: »Gott erhalte Sie!« verabschiedete und er bald darauf die Mauern des von ihm jetzt mit unüberwindlichem Argwohne betrachteten Waisenhauses hinter sich sah.
Wenn nun das Elternpaar in dem steten Verkehr mit dem angenommenen Kinde einen nachhaltigen Trost fand, so schien Marie, die stille, sinnige Marie, in dem holden Mädchen, welches sich so zutraulich an sie anschmiegte, gleichsam von Neuem aufzuleben, nachdem durch den Tod ihrer Brudertochter die Wunden ihres Herzens wieder bis zum Verbluten aufgerissen worden waren.
Die gute Marie; stundenlang, wenn sie Muße dazu hatte, konnte sie das kleine Wesen mit dem Engelsangesicht beobachten, ohne ein Wort zu sprechen. Kam aber dieses zu ihr, lehnte es seine Aermchen auf ihre Kniee und schaute es so kindlich und vertrauensvoll zu ihr empor, dann senkte sie ihre Blicke tiefer und tiefer in die unschuldsvollen dunklen Augen, und als ob längst vergangene Zeiten vor ihrem Geiste vorüber gezogen wären, erhielt ihr Antlitz einen noch wehmüthigeren Ausdruck, daß sogar Lieschen es bemerkte und ihr die Wangen streichelte, um sie wieder lächelnd zu machen.
Und sie lächelte auch, die gute Marie, aber sie lächelte unter hervorquellenden Thränen, so daß sie, um Lieschen nicht zu betrüben, ihr Antlitz zwischen deren dunkelbraune Locken verbergen mußte. Sie preßte das Kind an ihr Herz, und manchen süßen Namen gab sie ihm, indem sie sich gelobte, es nie, nie wieder von sich zu lassen, es sogar selbst zu unterrichten in Allem, was zu wissen ihm dienlich sei, um es nicht nach der Dorfschule zu schicken, wo es von den anderen Kindern ausgefragt werden könne und es dann gezwungen sei, immer wieder zu Täuschungen seine Zuflucht zu nehmen.
Lieschen selbst aber war so namenlos glücklich in dem neuen Verhältniß, daß sie sich oft fragte, wodurch sie wohl so viel Glück verdient habe. Dabei kam sie sich so schön vor in dem mit bunten Vergißmeinnichtblüthen bedruckten Bauernkleidchen, dem blauen, straff anschließenden Schürzchen, dem schwarzen Trauertüchelchen, welches ihren Hals züchtig umschloß, und in den dicken, wollenen Strümpfen, die selbst in den rauhesten Tagen keine Kälte durchließen.
Doch alles dies war nichts im Vergleich mit dem kleinen Käppchen, welches, ähnlich einem Kohlblatte, gerade die Mitte ihres Kopfes bedeckte und mittels langer, feuerfarbiger Bänder unter dem Kinn festgeknüpft wurde, damit die üppig hervorquellenden Locken nicht gar zu wild um das liebe Gesichtchen herumflatterten; nichts im Vergleich mit den zierlichen Holzpantoffeln, auf welchen sie in der ersten Zeit, ehe sie sich daran gewöhnt hatte, wie auf hohen Stelzen einherging, die endlich aber sehr bequem wurden und so munter klapperten, wenn sie über das Hofpflaster schritt oder über die harte Tenne, auf welcher Reichart das Korn von dem Stroh schied.
Lieschen hatte auch Schuhe, recht feste, wasserdichte Schuhe, allein die Holzpantoffeln waren ihr lieber, denn sie ließen sich so wunderbar leicht aus- und anziehen. Dabei bildete sie sich ein, daß die Pferde, die Kühe, die Hühner, Enten und Gänse das Klappern der Pantoffeln melodischer fänden, als das leisere Einherschreiten auf Schuhen, und sie daher mit freundlicheren Blicken betrachteten und sich nicht vor ihr fürchteten, wie sie selbst, närrischer Weise, sich anfänglich vor ihnen gefürchtet hatte.
Jetzt aber wußte sie schon überall Bescheid: sie half das Vieh füttern, kraute furchtlos den Kühen und Kälbern den Kopf und zählte die Hühner in und aus dem Stalle; sorgfältig wachte sie darüber, daß die unverschämten Enten mit den breiten Schnäbeln den Hühnern nicht Alles vor der Nase fortfraßen, und sehnsüchtig harrte sie auf die Zeit, in welcher die vielen Kinder der brütenden Hennen aus ihren Eiern schlüpfen und den kleinen Hof noch munterer beleben würden.
»Wenn die anderen Zöglinge des Waisenhauses alle diese Herrlichkeiten sehen könnten!« dachte sie zuweilen im Gefühle des Uebermaßes ihres Glückes.
Aber dann trat auch Herrn Seim's drohende Gestalt ihr vor die Seele, und sie bebte bis in's Herz hinein und unwillkürlich spähte sie scheu nach allen Seiten, ob er nicht wirklich in der Nähe sei, bis endlich der Anblick Reicharts oder der Bäuerin, oder Mariens Erscheinen sie wieder beruhigte.
Auch nach dem Kirchhofe, der so weit abgelegen, wanderte sie zuweilen mit ihren Pflegeeltern und der treuen Marie, und an des todten Lieschens Grabe weinte sie, wie jene, bitterlich. Sie sehnte den Frühling und die ersten Blumen herbei, um das schwarze Grabhügelchen bekränzen und schmücken zu können, wie sie gelesen hatte, daß es auch andere Menschen gethan. Läutete aber die Glocke in der Dorfkirche, dann war ihr, als spräche der liebe Gott zu ihr, und ob nun auf dem Kirchhofe oder daheim zwischen den strohgedeckten Ställen, sie faltete unbewußt fromm die Hände, und milde, wehmüthig ernste Gedanken erfüllten sie. Sie dachte an die früheren Gefährtinnen, die noch unter Herrn Seim's strenger Zucht schmachteten; sie dachte an ihre Flucht und an die guten Leute, die sie vor dem Tode bewahrten; sie dachte an die gute Marie und an die unendliche Liebe, mit der man sie umfing, an das todte Lieschen und an die Freude, welche sie dessen Eltern bereiten wollte. Und so wanderten ihre Gedanken hin und her; was sie aber auch immer denken mochte, es war wie ein andächtiges Gebet, welches aus dem warmen, kindlich frommen Herzen zu dem Herrn der Welten emporstieg.
Drei Monate waren verstrichen, ohne daß die friedliche Einsamkeit auf dem abgelegenen ländlichen Gehöfte gestört worden wäre. Lieschen, obwohl schmächtig und zart gebaut, hatte sich in der frischen, freien Luft und bei der gesunden Lebensweise schnell erholt. Die Furcht, daß das Kind, welches überall als die Tochter eines Verwandten galt, wieder zurückgefordert werden könne, war allmählich eingeschlafen, und erfüllt von den heitersten Hoffnungen, sah man dem ersten Erwachen des Frühlings entgegen.
Nur ein einziges Mal war Reichart, mehr aber noch Marie, in Besorgniß gerathen, daß ihnen eine Trennung von dem so liebgewonnenen Kinde drohe. Allein nach ruhiger Ueberlegung begriffen sie, daß eine solche Furcht thöricht sei und eine wirkliche Gefahr von einer ganz andern Seite nahen müsse.
Reichart war nämlich, als nach dem Schmelzen des Schnee's ein scharfer Frost die Straßen wieder wegsam gemacht hatte, eines Tages nach dem Walde gefahren, um Holz zu holen. Da sein Weg ihn in die Gegend führte, in welcher er Lieschen halb erstarrt aufgefunden, so ließ er sich durch deren Bitten verleiten, sie mitzunehmen und ihr jene Stelle zu zeigen, die beinahe ihr Grab geworden.
Die Reise nach dem Holze war eine lustige Fahrt; Lieschen gerieth ganz außer sich vor Freude, und manches heitere Lachen sendete sie in den Wald hinein, wenn sie durch die heftigen Stöße des auf dem holperigen Boden einherrollenden Fuhrwerks bald auf die eine, bald auf die andere Seite oder gar dem freundlichen Reichart auf den Schooß geschleudert wurde. Auch die Zügel nahm sie zuweilen in die Hand, und die Peitsche, wenn der Weg nicht zu uneben war; aber das dauerte immer nicht lange, denn viel Zeit hatten sie nicht zu verlieren, wenn sie vor Einbruch der Dunkelheit wieder unter dem heimatlichen Dache sein wollten.
Als sie dann endlich an Ort und Stelle eingetroffen waren, und Reichart, nachdem er mit Lieschen unter einem grünen Tannenbaume aus einem wohlgefüllten Kober recht tüchtig zu Mittag gespeist, das Holz aufzuladen begann, Lieschen aber erlaubte, nach Willkür in der Nachbarschaft umherzuspringen, wenn sie sich nicht aus der Hörweite entfernen wolle, da erreichte deren Freude erst den höchsten Grad.
Hierhin und dorthin eilte das muntere Kind, wo nur immer seine Blicke auf etwas Fremdes und daher Sehenswerthes fielen. Bald war es ein Specht, der seine Aufmerksamkeit fesselte, bald ein lustiges Eichhörnchen; dann waren es wieder grüne Epheublätter, die für die liebe, gute Marie und die freundliche Mutter mitgenommen werden mußten, oder auch ein mächtiger Tannenzapfen, vortrefflich dazu geeignet, als Wetterprophet vor das Fenster gehangen oder als nicht zu verachtender Zierrath zwischen die bunten Tassen auf das Gesimse des Schrankes gestellt zu werden. So oft Lieschen aber etwas Neues entdecke, jubelte sie laut auf zu Reichart's innerer Zufriedenheit, denn dieser berechnete aus dem Schalle ihrer Stimme die Entfernung, und wenn sie gedämpft zu ihm herüberklang, pfiff er auch wohl auf dem Finger, worauf Lieschen sich so weit näherte, daß die Pferde und der Wagen sich wieder in ihrem Gesichtskreise befanden.
Eine Stunde mochte in dieser Weise vergangen sein; Reichart war mit dem Aufladen der letzten Kloben beschäftigt und Lieschen hatte sich in geringer Entfernung niedergekauert, um einige Schneeglöckchen mit möglichst langen Stengeln abzupflücken, als sie plötzlich durch einen großen Hühnerhund erschreckt wurde, der spürend dicht vor ihr vorüberlief.
Im Begriffe, sich verstohlen zu ihrem Pflegevater zurückzuziehen, bemerkte sie zwei Jäger in feinen grauen Röcken mit grünen Aufschlägen, Tyrolerhüten mit Auerhahnfedern, großen Flinten, und langen, vornehmen Bärten, die gerade auf sie zuschritten und sie erst entdeckten, als sie dicht vor ihr eintrafen.
»Ei, sieh doch das kleine, reizende Bauermädchen!« sagte der Kleinere zu seinem hochgewachsenen Gefährten, indem er auf Lieschen deutete.
»Bei Gott, charmant!« erwiderte der Andere; dann aber war er entsetzt zurückgeprallt, das Kind so scharf anblickend, daß diesem vor Furcht Thränen in die Augen traten.
Der Erste hatte darauf seinen Gefährten scherzend gefragt, ob er das vielversprechende Gesichtchen auswendig lernen wolle.
»Nein, das nicht,« antwortete dieser zögernd, »allein die Züge der Kleinen erinnern mich an Jemanden.«
Der Erste hatte ihm dann lächelnd etwas zugeflüstert, worauf der Andere, den Kopf heftig schüttelnd, dem Kinde näher trat.
»Wo bist Du her, mein Töchterchen?« fragte er.
»Aus dem Dorfe hinter dem Walde,« antwortete Lieschen verlegen.
»Wie heißt Du denn, meine liebe Kleine?« fragte der Jäger weiter.
»Lieschen,« stotterte das Kind, von größerer Furcht ergriffen.
»Lieschen?« fragte der Jäger mit einem Ausdrucke, der, wie das Kind später beschrieb, ein nichts weniger als freudiges Erstaunen verrieth. »Lieschen - also Lieschen? Aber sage, wer ist Dein Vater?«
»Der Büdner Reichart,« erwiderte Lieschen zögernd, indem sie nach dem Fuhrwerke hinüberwies; »dort drüben ist er. Soll ich ihn rufen?«
»Nein, rufe ihn nicht, mein Kind,« antwortete der Jäger, sich abwendend. »Reichart, Reichart,« hatte er alsdann zweimal halblaut wiederholt - »es kann nicht sein, und dennoch - seltsames Verhängniß!«
»Du scheinst unter den Bauern Bekannte zu haben?« fragte darauf sein Gefährte spöttelnd.
»Nein, Bekannte nicht,« entgegnete Ersterer zweifelnd, »obwohl mir der Name nicht fremd ist; wahrscheinlich habe ich einst einen gewissen Reichart bei meiner Schwadron gehabt, ja, so wird es sein.«
Dann hatte er sich umgekehrt, um zu gehen, war aber noch einmal mit der Frage: wie lange Lieschen sich bei ihrem Vater befinde, zu dem Kinde herangetreten.
Auf diese Frage, die so unerwartet gestellt wurde, hatte Lieschen im ersten Augenblicke nicht zu antworten gewußt, und erst nach längerem Zaudern brachte sie in ihrer Verwirrung hervor: sie wisse es nicht.
»Länger, als seit seiner Geburt, wird das Mädchen kaum bei seinem Vater gewesen sein!« hatte der kleinere Jäger lachend ausgerufen, indem er seinen Arm unter den des Gefährten schob.
»Auf Ehre, es müßte denn wunderbar zugegangen sein!« war die von einem eigenthümlichen Lachen begleitete Antwort gewesen; dann waren sie davongeschritten.
Der Kleinere hatte sich indessen noch einmal halb nach Lieschen umgewendet.
»Adieu, Lieschen!« rief er aus, dem verwirrten Kinde einen Kußfinger zuwerfend; »halte Dich hübsch gesund, und auf Wiedersehen nach vier oder fünf Jahren, wenn das Lieschen erst zur Liese geworden sein wird!« worauf sein Gefährte sich mit einem gräßlichen Fluche von ihm losriß und eilig davonschritt, dem Andern, der, nach seinem lauten Lachen zu schließen, etwas außerordentlich Geistreiches gesagt zu haben glaubte, anheimstellend, ihm zu folgen oder zurückzubleiben.
Lieschen hatte den beiden vornehmen Jägern, die viel feiner angezogen waren, als der Oberförster selber, eine Weile nachgeschaut und war dann zu ihrem Pflegevater hingeeilt, dem sie das kleine Erlebniß, so gut sie eben vermochte, noch ganz athemlos vor Angst mittheilte.
Anfangs hatte Reichart Lieschen ihrer übermäßigen Schreckhaftigkeit wegen verlacht und sie ermahnt, immer recht frei und offen, und vor allen Dingen recht höflich mit den Leuten zu reden. Als er aber auf dem Heimwege die Sache genauer in Erwägung zog und durch manche Kreuz- und Querfragen Alles aus ihr herausbrachte, was sie in ihrer ersten Erregtheit zu erzählen vergessen hatte, da schien ihm das Ereigniß doch nicht ohne Bedenken zu sein. Er befürchtete ernstlich, daß der fremde Herr, der so seltsame Fragen gestellt, Herrn Seim öfter sehe und wahrscheinlich in Lieschen ein Kind wiedererkannt habe, welches ihm bei seinem Besuche in dem Waisenhause, vielleicht seiner Schönheit wegen, aufgefallen war.
Seine Schwester Marie, mit der er vorzugsweise das unwillkommene Zusammentreffen besprach, pflichtete nur bis zu einem gewissen Grabe seinen Ansichten bei.
Das Benehmen desjenigen, der durch die merkwürdigen Fragen sein Interesse an Lieschens Erscheinung bekundete, schien ihr auf mehr, als ein bloßes Wiedererkennen eines ihm fernstehenden Waisenkindes zu deuten; doch war sie nicht im Stande, einen andern, im Bereiche der Möglichkeit liegenden Grund dafür zu entdecken, obwohl sie leicht errieth, von welcher Klasse von Menschen das dem elfjährigen Kinde zugerufene: »Auf Wiedersehen nach fünf Jahren!« nur ausgegangen sein könne.
Lieschen selbst hatte ihr Waldabenteuer bereits am folgenden Morgen wieder vergessen, und da Tag für Tag verstrich, ohne daß irgend eine Nachfrage nach dem Kinde angestellt worden wäre, so schlief die Besorgniß schnell wieder ein, nur daß Marie noch schärfer über ihren kleinen Liebling wachte und jedem Fremden, dessen Weg zufällig an dem Gehöfte vorüberführte, mit unbesiegbarem Argwohne nachspähte.
Zwei Wochen waren wieder dahingegangen, und recht trübe, rauhe Tage bezeichneten den Uebergang des Winters in den Frühling.
Ein von nebelartigem, feinem Regen begleiteter Abend senkte sich auf Wald und Flur, und früher als sonst suchten die Landbewohner ihre warm durchheizten Stuben auf, nachdem alle Hausthiere, wie um ihnen ebenfalls den Werth eines behaglichen Obdachs bei solchem Regenwetter recht bemerklich zu machen, mit doppelten Nachtrationen und üppiger Streu versehen worden waren.
Nur erst spärlich zeigten sich im nahen Dorfe erleuchtete Fenster. Der Schein von diesen rührte in den meisten Fällen von dem flackernden Kaminfeuer her, über welchem an rußigem Haken der schwere Kessel mit dem zur Abendmahlzeit bestimmten nahrhaften Inhalte niederhing, oder auch von fettigen Kienspänen, bei deren unstetem Lichte die eine oder andere Spinnerin den feinen, ebenmäßigen Faden von dem buschigen Rocken um die schnurrende Spule laufen ließ. Im Allgemeinen aber saß man noch ohne Licht, den völligen Einbruch der Dunkelheit erwartend, hier, um daß Oel zu sparen, dort, um in heiterem Geplauder der neuesten Tagesbegebenheiten, die sich gewöhnlich auf den engsten Kreis des Haus- und Viehstandes beschränkten, zu gedenken.
Auch in Reichart's Hütte liebte man die Dämmerungsstunde, und wer um solche Zeit unbemerkt in das große Wohngemach geschlichen wäre und dort eine Weile der sinnig und belehrend geführten Unterhaltung gelauscht hätte, der würde sich beim Anzünden des Lichtes ganz gewiß gewundert haben, nur ein einfaches Bauermädchen zu erblicken, welches gleichsam den segensreich wirkenden Mittelpunkt der kleinen Familie bildete.
An dem eben erwähnten Abende hatte die Unterhaltung noch nicht begonnen. Es wurden noch einzelne Vorbereitungen für die Nacht getroffen, und bei diesen entdeckte die Bäuerin, daß das vorhandene Oel schwerlich für die Nacht ausreiche und morgen erst der Tag sei, an welchem zur Stadt gefahren werden sollte.
Reichart griff daher nach seinem Hute, um in's Dorf hinabzugehen und einen kleinen Vorrath bei dem Krüger zu erstehen; kaum aber bemerkte Lieschen dies, so sprang sie zu ihm hin, ihn dringend bittend, ihr den Einkauf des Oels zu übertragen.
»Laß, mein Töchterchen,« entgegnete Reichart, »es wird schon dunkel, die Straße ist morastig und dazu regnet es noch immer.«
»Ja, Lieschen, bleibe hier,« fügte Marie liebreich hinzu; »morgen findet sich vielleicht eine andere Gelegenheit für Dich, etwas einzukaufen.«
»Aber ich möchte doch gar zu gern dem Vater einen Gang abnehmen,« bat Lieschen innig, »es ist ja noch ganz hell! Dann kenne ich auch einen Pfad, der immer dicht an der Mauer hinführt; gegen den Regen will ich mich schon schützen: ich schlage mir eine Schürze über den Kopf, bitte, laßt mich gehen!«
»Macht Dir denn das Einlaufen so große Freude?« fragte Reichart zögernd.
»Sehr große Freude,« antwortete Lieschen lebhaft.
»So begleite den Vater,« bemerkte Marie, »und wenn Du doch so gern willst, wird er, ohne ein Wort mitzusprechen, Dich den Einkauf ganz allein besorgen lassen.«
»Dann spart er aber den Weg nicht,« versetzte Lieschen heiter, denn sie sah in diesen Worten schon eine halbe Gewährung ihrer Bitte, »und gerade dem Vater möchte ich so gern einmal einen Gefallen erweisen; in fünf Minuten bin ich wieder zurück.«
»Nun, meinetwegen magst Du allein gehen,« nahm Reichart, durch Lieschens Anhänglichkeit gerührt, das Wort, indem er dem Kinde das Geld einhändigte. »Es ist ja nicht das erste Mal, daß Du um diese Zeit in's Dorf hinabläufst.«
Lieschen hörte die letzten Worte kaum noch. Hastig band sie sich eine Schürze über den Kopf, und dann die kleine, blecherne Oelkanne ergreifend, trippelte sie aus der Stube.
»Nimm Dich auch recht in Acht, daß Du nicht fällst!« rief Marie dem beglückten Kinde nach; aber die Thür hatte sich schon geschlossen, und im nächsten Augenblicke klapperten die kleinen Holzpantoffel lustig auf dem schmalen, gepflasterten Wege, der dicht am Hause vorbei vom Hofe hinunterführte.
Die Bäuerin hatte unterdessen ihre häuslichen Verrichtungen beendigt und ebenfalls neben dem warmen Ofen bei Reichart und Marie Platz genommen; doch als wäre mit Lieschen jegliches Leben aus dem Hause gewichen, schwiegen alle Drei. Man hätte meinen mögen, daß sie die Minuten bis zur Wiederkehr des abwesenden Kindes gezählt, das Enteilen der Zeit nach dem heiseren Ticken der alten Schwarzwälder-Uhr berechnet hätten, so still war es in dem Gemache.
Undeutlicher und umfangreicher wurden die Umrisse der in demselben befindlichen Gegenstände, bis sie zuletzt riesengroß erschienen und sich endlich mit dem dämmerigen Hintergrunde zu einer einzigen, dunklen Masse vereinigten.
Sogar das altmodisch geblümte Porzellan auf dem Gesimse, der große Immortellenstrauß und die Pfauenfedern zeichneten sich nur noch als unregelmäßige Erhebungen aus, die, wenn man längere Zeit auf sie hinstarrte, scheinbar Leben erhielten und in steter Verwandlung begriffen waren, als ob eine Gesellschaft närrischer Kobolde sich dort oben versammelt hätte, um hart am Rande des fürchterlichen Abgrundes einen tollen Reigen aufzuführen.
Die Aepfel auf dem Gesimse des Bettes waren schon lange nicht mehr zu unterscheiden; sie befanden sich zu sehr im Hintergrunde. Nur das Kaninchen schimmerte, seiner Größe und seiner weißen Farbe wegen, noch matt hervor; aber wie ein Kaninchen sah es nicht mehr aus, weit eher wie ein hellgekleideter Mönch, der von einer hohen Rednerbühne herab eine ernste Ansprache an seine andächtigen Zuhörer hält.
Die Uhr dagegen tickte in ihrer trägen, unveränderlichen Weise, das Heimchen in der Mauerspalte zirpte und die Minuten enteilten. Noch war seit Lieschen's Entfernung kein Wort laut geworden, aber ängstliche Blicke wanderten in dem stillen Gemache umher und blieben schließlich auf den kleinen Fensterscheiben haften, hinter welchen die Dämmerung sich ebenfalls schnell verdichtete.
»Wenn Lieschen doch hier wäre,« dachten alle Drei, doch scheute sich Jeder, seine Besorgniß dem Andern mitzutheilen.
Wieder verrannen einige Minuten; da vermochte Marie die Stille nicht länger zu ertragen.
»Lieschen hätte längst hier sein können,« sagte sie mit erzwungener Ruhe, indem sie sich erhob und an das Fenster trat.
»Eigentlich müßte das Kind schon hier sein,« wiederholte die Bäuerin eintönig und leise.
»Hat vielleicht etwas warten müssen,« tröstete Reichart, sich ebenfalls erhebend; »im Dorfe werden die Käufer nicht so rasch bedient, wie in der Stadt.«
Wiederum folgte ein mehrere Minuten währendes Schweigen. Marie und Reichart schauten mit innerlicher Unruhe in den dämmerigen Garten hinaus.
»Wäre es nicht besser, Du gingest Lieschen entgegen?« sagte Erstere nach einer Weile fast flüsternd. »Sie hat vielleicht das Geld verloren, das arme Kind, und scheut sich, ohne Geld und Oel heimzukehren.«
»Ja, so wird's sein,« versetzte Reichart, erleichterten Herzens, als ob der Verlust des Geldes ihm der liebste Grund für das Ausbleiben Lieschens gewesen wäre. »Ja ja, so ist es, ich will nur gleich hin und sie trösten; morgen fahre ich nach der Stadt, und etwas recht Schönes will ich ihr dafür mitbringen.«
So sprechend, setzte er den Hut auf, und mit einer Hast, die sonst nicht in seinem Wesen lag, im jetzigen Augenblicke aber verständlich seine Liebe zu der holden Pflegetochter bekundete, begab er sich hinaus, den nächsten Weg nach dem Dorfe einschlagend.
Marie hatte sich wieder zu der Bäuerin gesetzt. Daß ihr Bruder dem Kinde nachgegangen war, gewährte ihr nur geringe Beruhigung; war doch bereits mindestens dreimal so viel Zeit verstrichen, wie Lieschen sonst zu einem Gange nach dem Dorfe zu gebrauchen pflegte! Irgend etwas mußte daher vorgefallen sein, wodurch sie so lange aufgehalten wurde.
»Wir hätten das Kind nicht gehen lassen sollen,« wendete sie sich endlich, als das Schweigen ihr zu drückend wurde, an ihre ängstlich lauschende Schwägerin.
»Aber sie wollte ja so gern,« erwiderte diese entschuldigend; »man muß ihr durchaus einige Freiheit gönnen, und sie ist doch auch schon ihre vollen eilf Jahre alt.«
»Allein sie ist noch nicht hinlänglich auf dem Lande eingebürgert, und Stadtkinder kommen auf dem Lande leichter zu Schaden, als solche, die hier draußen geboren und aufgewachsen sind.«
»Was könnte ihr auf offener Straße widerfahren?« fragte die Bäuerin mit wachsender Angst.
»Ach, liebe Schwägerin, Unglück schläft nicht, und so lange Lieschen sich bei uns befindet, habe ich sie nie ansehen können, ohne für sie zu fürchten! Ich thue vielleicht Unrecht, allein Herrn Seim traue ich jetzt Alles zu, und hat er erst Kunde von unserem Schützlinge erhalten, so wird er ganz gewiß nichts unversucht lassen, das arme Kind wieder in seine Gewalt zu bringen. Ich kann mir recht wohl denken, daß er für den Ruf seiner Anstalt fürchtet.«
»Du thust dem braven Herrn Seim Unrecht,« entgegnete die Bäuerin. »Ein Mann, der mit uns, wie mit seines Gleichen verkehrt, kann kein schlechter Mensch sein; aber trotzdem, käme er, um mir das Kind wieder fortzunehmen, ich wüßte nicht, wozu ich fähig wäre, eh' ich nachgäbe - aber mein Gott, Reichart kommt ja nicht wieder! O, das Kind, das Kind!« fügte die Bäuerin klagend hinzu, indem sie die Hände rang. »Mein erstes Lieschen hat der liebe Gott zu sich genommen, und nun soll ich auch dieses noch verlieren!«
»Beruhige Dich,« tröstete Marie, die selbst vor Besorgniß bebte, »es ist ja noch kein Grund zum Klagen vorhanden; wir sind nach den traurigen Erfahrungen und Verlusten nur ängstlicher geworden. Andere Leute würden gewiß nicht so viel Aufhebens davon machen, wenn ihre Kinder einmal ein Viertelstündchen ...«
Hier stockte sie, denn sie erkannte Reichart's schwere Schritte, wie derselbe vollen Laufes nach dem Hofe hinaufgestürmt kam.
In der nächsten Minute riß Reichart die Stubenthür auf.
»Ist das Kind hier?« rief er fast athemlos, seine Blicke in dem finstern Gemache umhersendend, um Lieschens Gestalt zu entdecken.
»Du bringst es nicht?« tönte es angstvoll von den Lippen der beiden Frauen.
»Weder das Kind, noch Nachricht von ihm!« antwortete Reichart, vergeblich nach Fassung ringend. »Im Kruge ist es nicht gewesen, Niemand hat es gesehen, es muß sich verirrt haben - - schafft Licht, wir müssen mit der Laterne ausgehen und suchen!«
Anfangs waren die beiden Frauen starr vor Schrecken sitzen geblieben. Als Reichart aber nach Licht rief, sprangen sie, von gleichem Entsetzen ergriffen, empor, und während die Bäuerin vollständig fassungslos in der Stube umherlief und die Hände rang, beeilte Marie sich, Reichart's Aufforderung Folge zu leisten. Sie sprach keine Silbe, eine unerklärliche Angst hatte sie ergriffen und raubte ihr die Sprache; aber aus der Art, in welcher sie mit der Beschaffung des Lichtes zu Werke ging und in welcher sie die Lippen schmerzlich zusammenpreßte, leuchtete hervor, daß sie mit aller Macht gegen einen lauten Ausbruch ihrer Besorgniß ankämpfte und ihre ruhige Ueberlegung zu behalten sich bestrebte.
»Ich habe es geahnt, ich habe es geahnt!« seufzte sie in sich hinein, als die Lampe hell aufflammte und drei geisterbleiche, durch die Angst entstellte Gesichter beleuchtete. »Ein dauerndes Glück ist mir nicht beschieden; ich habe es geahnt und gefühlt, es mußte so kommen, oder die Freude beim Anblicke des armen, unglücklichen Engels wäre nicht stets durch Besorgniß verbittert und vergällt gewesen!«
»Was sagst Du, Schwester?« fragte Reichart, indem er mit bebenden Händen das brennende Lämpchen in die Laterne schob, denn er glaubte, Marie habe irgend Etwas mit Rücksicht auf die zunächst einzuschlagenden Maßregeln geäußert.
»Nichts,« antwortete Marie kurz, beinahe unfreundlich; »gieb mir die Laterne, ich werde voraufgehen und leuchten, und Ihr mögt mir helfen, die Spuren der kleinen Pantoffel aufsuchen; der Boden ist weich, wir müssen sie finden, wir müssen finden, wo dieselben ihr Ende erreichen.«
Die beiden Gatten leisteten Mariens Anordnungen schweigend Folge.
Niemand dachte daran, sich gegen die Kälte und den fein niederrieselnden Regen zu schützen. Sie schlichen hinaus in die schwarze Nacht, schweren, schweren Herzens.
Der Himmel über ihnen war schwarz, kein Hoffnungssternlein blickte freundlich zu ihnen nieder - und das flackernde Licht in der Laterne? Ach, von ihm strömte kein Hoffnungsschimmer aus, der vielleicht auf die scharf ausgeprägten Spuren der niedlichen Holzsohlen mit den hohen Absätzen gefallen wäre! Dazu waren die spähenden Blicke von Thränen verschleiert, und vorsichtig hatte das gewandte Lieschen die Füße immer dahin gesetzt, bald auf Steine, bald auf festen Rasen, wo es nicht zu tief mit den hübschen Pantoffeln einsank, also auch keine leicht erkennbaren Spuren zurücklassen konnte.
Hu, wie der feine Regen so kalt und unheimlich niederrieselte! Und dann die schreckliche Ungewißheit. Dabei wagte man nur ganz verstohlen, in diesem oder jenem Hause nach dem entschwundenen Kinde zu fragen; denn die Fragen konnten zur Entdeckung von dessen Herkommen führen, und dann wäre es wieder zu Herrn Seim zurückgebracht worden, und noch hatten sie die letzte Hoffnung, das Kind wiederzufinden, nicht verloren.
Lieschen war um diese Zeit aber schon weit, weit fort.
Als sie nämlich auf ihrem Gange nach dem Dorfe an die Stelle gelangt war, wo dichte Dornenhecken den Weg zu beiden Seiten einfaßten, hörte sie plötzlich ihren Namen rufen, und zwar von einer Frauenstimme und mit so zärtlichem, liebevollem Ausdrucke, daß sie nicht nur furchtlos stehen blieb, sondern auch umkehrte und der, die gerufen hatte, einige Schritte entgegenging.
Die Dämmerung verhinderte das Kind, die Züge der Fremden zu unterscheiden, doch glaubte es, eine vornehme Dame vor sich zu sehen, wie es solche häufig in den Straßen der Stadt bemerkt hatte. Dieselbe trug indessen einen weiten Regenmantel und einen Hut mit breitem Rande, von welchem ein schwarzer Schleier halb zur Seite geschlagen war.
Ohne sich Aber die Anwesenheit einer Dame bei einbrechender Nacht auf der einsamen Landstraße zu wundern, und in der Meinung, dieselbe wolle sich nach dem Wege erkundigen, fragte Lieschen höflich, ob sie nach dem Dorfe geführt werden wolle.
»Liebes Kind, mein Töchterchen, nicht wahr, Du heißt Lieschen?« fragte die Dame mit innigem, Zutrauen erweckendem Ausdrucke zurück.
»Ich heiße Lieschen Reichart,« antwortete das Kind befremdet.
»Ich weiß, mein Kind; die guten Leute, die sich Deiner angenommen haben, wünschen, daß Du ihren Namen trägst,« fuhr die Dame fort, sich mit unterdrücktem Schluchzen zu Lieschen niederneigend. »Die guten, braven Leute - möge Gott sie tausendfach segnen für das, was sie an Dir gethan, denn ich vermag es ihnen nicht zu lohnen, wie sie es verdienen! Aber danken kann ich ihnen aus tiefstem Herzensgrunde, und zwar gleich, gleich auf der Stelle - o, Lieschen, mein süßer Engel, die schlechten Menschen haben Dich in dem Waisenhause so mißhandelt, daß Du entlaufen mußtest?«
Einen Augenblick zögerte das überraschte Kind, dann aber, durch das liebevolle Wesen der Dame ermuthigt, gestand es stotternd, daß es wirklich das entlaufene Lieschen sei.
»O mein Gott, wie danke ich Dir für diese Gnade!« rief die Dame mit vor Schluchzen fast erstickter Stimme aus, und zugleich legte sie ihren Arm zärtlich um des Kindes Hals. »Sieh, ich bin Deine Mutter, die Dich seit vielen Jahren vergeblich gesucht hat, Deine liebe, liebe Mutter, und endlich habe ich Dich gefunden, um mich nie wieder von Dir zu trennen!« Und Lieschen heftig an sich drückend, bedeckte sie deren Antlitz mit heißen Küssen.
»Doch es ist kalt hier, mein einziges Töchterchen,« hob die Dame gleich darauf wieder an, indem sie sich, das schmächtige Lieschen auf den Armen, erhob; wir wollen zu Deinen theuren Pflegeeltern gehen und ihnen unser Glück verkünden. Wie sie sich freuen werden, die guten Leute, daß Du endlich Deine rechte Mutter gefunden hast!«
»Ich soll doch nicht fort von den Eltern und der guten Marie?« brachte das vollständig verwirrte Kind endlich schüchtern hervor.
»Nein, mein Engelchen, Du sollst bleiben, wo es Dir am besten gefällt, und ich bleibe bei Dir; doch wir müssen uns beeilen, damit Deine guten Pflegeeltern sich nicht um Dich ängstigen.« Und so sprechend, schlug sie, Lieschen noch immer auf den Armen tragend, den Rückweg ein.
Als sie die Stelle erreichte, auf welcher sie nach Reichart's Gehöft hätte abbiegen müssen, blieb sie einen Augenblick, wie überlegend, stehen.
»Nein, mein Töchterchen ist ein vornehmes Kind und soll daher nicht zu Fuße gehen,« sagte sie halblaut vor sich hin; »nein, wir müssen den guten Leuten eine Ueberraschung bereiten und in einem schönen Wagen vor ihr Haus fahren. Die braven Leute, wie sie erstaunen werden, ihren Liebling in einer vornehmen Kutsche zu sehen! Sei daher mäuschenstill, mein Töchterchen, dort am Waldsaume steht mein Wagen, so weit trage ich Dich, damit Du Deine Füße nicht auf dem schlechten Wege erkältest. Gieb her Deine Pantöffelchen - so, so, Du könntest sie verlieren, und ich möchte sie doch so gern zum Andenken behalten - ja, und wenn wir erst im Wagen sitzen, fahren wir mit lautem, fröhlichem Geräusch vor - nicht wahr, mein Kind?«
»Ja, aber ich möchte lieber ...« antwortete Lieschen schüchtern, denn ihre Sinne waren durch die fast erdrückende Zärtlichkeit und die heftigen Ausbrüche mütterlicher Freude so verwirrt worden, daß sie kaum noch wußte, wo sie sich befand, und sich willenlos und mit ängstlichem Herzklopfen in die seltsame Lage und die erneuerten Liebkosungen der unbekannten Dame fügte.
Diese aber ließ das Kind nicht aussprechen.
»Du möchtest lieber gleich zu Deinen Pflegeeltern, mein süßes Töchterchen?« unterbrach sie mit unterdrückter Stimme Lieschen, indem sie ihre Schritte beschleunigte. »Du liebes, dankbares Kind, das ist recht von Dir, Du sollst auch gleich da sein. Du siehst ja, wie schnell ich laufe, und sitzen wir erst im Wagen, so dauert es keine Minute mehr - o, ich habe schöne, flinke Pferde, und die sollen meinem Lieschen gehören und auch ihren guten Pflegeeltern!«
Lieschen, obwohl die letzten Versprechungen einen freudigen Widerhall in ihrer Brust ererweckten, wußte nichts zu antworten. Ihre Phantasie war berauscht, und dennoch sehnte sie sich unter das Dach der heimatlichen Hütte zurück. Sie wünschte, nicht mit der fremden Dame zusammengetroffen zu sein; indem aber die neue Mutter fortfuhr, schönere und lebhaftere Bilder vor ihrem Geiste aufzurollen, war ihr zu Muthe, als ob die Trennung von der friedlichen Hütte ihr nahe bevorstehe, die Blicke ihrer Pflegeeltern, namentlich die der guten Marie, mit einem unbeschreiblich traurigen Ausdrucke auf ihr ruhten und sie weinend die Hände nach ihr ausstreckten.
»So, mein Kind, hier ist der Wagen,« sagte die Dame endlich, schwer athmend, denn während der letzten Minuten hatte sie vor Erschöpfung kaum noch ein Wort hervorzubringen vermocht.
»Ich sehe ihn nicht,« antwortete Lieschen kaum vernehmlich.
»Hier, hier,« versetzte die Dame, um eine Gruppe verkrüppelter Kiefern herumbiegend, die eine hart an den Weg grenzende Sandbank bedeckten und durch ihren Schatten die in der nächsten Umgebung herrschende Dunkelheit verdichteten.
»Merle, sind Sie bereit?« fragte sie sodann laut.
»Alles bereit,« antwortete eine männliche Stimme, wie aus den Lüften.
Lieschen blickte erschreckt hinüber und erkannte die im Schatten der Bäume in einander verschwimmenden Umrisse eines mit zwei Pferden bespannten Wagens, und ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen, als sie bedachte, daß sie in den Wagen hineingebracht werden sollte. Ihre Angst vergrößerte sich aber noch, als der Kutscher die Dame mit seltsamer Vertraulichkeit fragte, ob sie ihr Kind endlich gefunden habe.
»Gott sei Dank, ich habe mein Lieschen wieder!« rief die Dame keuchend aus, indem sie ihre Last mit letzter Kraft in den Wagen hineinhob und dann Anstalt traf, ebenfalls einzusteigen.
»Auch keine Spuren hinterlassen?« fragte der Kutscher weiter.
»Ich habe mein Kind auf dem ganzen Wege getragen, seine Füße haben den Erdboden nicht berührt,« entgegnete die Dame, und zugleich setzte sie sich neben Lieschen in den finstern Wagen. »Aber schnell jetzt, lieber Merle, fahren Sie auf den Hof des Büdners Reichart, und wenn wir dicht heran sind, knallen Sie tüchtig mit der Peitsche!«
Der Kutscher antwortete mit einem zufriedenen »Sehr wohl!« die Dame zog den Schlag behutsam hinter sich zu, die Pferde setzten sich langsam in Bewegung, und geräuschlos folgte der leichte, auf Federn ruhende Wagen ihnen auf dem sandigen Wege in den Wald hinein nach.
Als die Dame den Kutscher anwies, zu Lieschens Pflegeeltern zu fahren, hätte das erfreute Kind vor Wonne laut aufjubeln mögen; allein es hielt an sich. Es fürchtete, durch einen Ausbruch des Entzückens die neue Mutter zu beleidigen, so daß diese vielleicht ihre Absicht geändert und eine andere Richtung, als die nach Reichart's Gehöft führende, hätte einschlagen lassen. Daß die Pferde aber mit ihren Köpfen nach der Stadt zu standen und nach dem Einsteigen der Wagen nicht umgewendet wurde, das hatte Lieschen nicht bemerkt; außerdem war es auch bereits zu dunkel, um durch die verhangenen Fenster der Kutschenschläge hindurch noch irgend Etwas zu erkennen.
»Wie gefällt Dir das Fahren, mein Lieschen?« brach die Dame nach einigen Minuten, sobald sie wieder freier zu athmen vermochte, das Schweigen.
»Ich danke, sehr gut,« entgegnete Lieschen scheu, denn in dem Tone der Stimme hatte Etwas gelegen, das den Gefühlen einer Mutter, die ihr Kind eben wiedergefunden, gerade nicht entsprach; wenigstens klangen die Worte in Lieschen's Ohren ganz anders, als kurz vorher, da sie in dem Hohlwege vor dem Dorfe begrüßt wurde.
»Wir werden bald schneller fahren,« bemerkte die Dame nach längerem Schweigen, welches dem von Entsetzen ergriffenen Kinde eine Ewigkeit zu dauern schien.
»Gewiß hat der Kutscher den Weg verfehlt,« sagte Lieschen plötzlich im Tone der wildesten Verzweiflung.
»Nein, mein Kind, er fährt ganz richtig,« erwiderte ruhig die Dame: »aber ängstige Dich nicht, mein Töchterchen, Du befindest Dich ja bei Deiner Mutter. Wir machen einen kleinen Umweg und dann sprechen wir bei Deinen guten Bauersleuten vor.«
»Ich will hinaus!« rief Lieschen, ihren bis jetzt mit Mühe zurückgehaltenen Thränen freien Lauf lassend. »O, bitte, liebe, gute Dame, erlauben Sie mir, auszusteigen, ich sterbe vor Angst, und die Eltern und die gute Marie wissen nicht, wo ich geblieben bin; sie sitzen im Dunkeln und haben kein Oel im Hause!«
Der Wagen, welcher unterdessen tiefer in den Wald eingedrungen war, begann jetzt schneller zu fahren; wenigstens glaubte Lieschen, ein stärkeres Schwanken zu verspüren wie auch das plätschernde Geräusch zu vernehmen, mit welchem zeitweise das in der Landstraße stehen gebliebene Wasser unter den Hufen und den rollenden Rädern zur Seite spritzte. Bevor die Dame indessen auf ihr Flehen Etwas erwiderte, streifte ein niedrig hängender Zweig über das Verdeck des Wagens hin.
Lieschen fuhr erschreckt empor. »Was war das?« rief sie entsetzt aus, ihrer Begleiterin zu Füßen fallend und deren Kniee umklammernd; »der Kutscher hat einen falschen Weg eingeschlagen, liebe Dame, ich höre es, wir sind in den Wald gerathen! O, lassen Sie den Mann umwenden, oder ich finde nie wieder den Weg nach Hause!«
»Komm, Närrchen, setze Dich an meine Seite,« tröstete die Dame, das verzweifelnde Kind mit einer ungeduldigen Bewegung emporziehend; »Du sollst Deine Bauersleute wiedersehen, wenn Du Dich ruhig und gefügig zeigst, allein eben so sicher ist es auch, daß Du nicht wieder zu ihnen zurückkehrst, wenn Du halsstarrig bist und meine Anordnungen nicht genau befolgst.«
»Sie sind nicht meine Mutter, Sie bringen mich zu dem schrecklichen Herrn Seim! Meine Mutter wohnt im Dorfe, und die hat noch nie ein böses. Wort zu mir gesprochen; ich will hinaus, ich sterbe vor Angst!« jammerte das von einer unbestimmten Furcht gefolterte Kind.
»Ich bin Deine Mutter, die Dich über Alles liebt,« versetzte die Dame plötzlich so streng, daß Lieschen vor Schreck verstummte und bis in die äußerste Ecke des Wagens zurückwich; »Du aber bist nicht zu einem Bauernmädchen, sondern zu einer vornehmen Dame geboren. Dein Verkehr mit den einfachen Bauersleuten kann daher auch nur ein sehr beschränkter sein, und ich wiederhole nochmals, er wird gänzlich sein Ende erreichen, wenn Du durch widerspenstiges Betragen beweisest, daß Dein Umgang mit ihnen nachtheilig auf Deine Erziehung eingewirkt hat.«
»Ich will still, ich will folgsam sein,« schluchzte Lieschen krampfhaft, »nur bringen Sie mich zu meiner guten Marie und den lieben Eltern, und nicht zu Herrn Seim! Ich habe hier das Geld noch in der Hand und das Oelkännchen; sie werden denken, ich habe es entwendet, gerade wie Herr Seim, der ebenfalls schlechte Dinge von mir glaubte. Sie werden mich nicht mehr lieben, mich nicht wiedersehen wollen! O, liebe, gnädige Dame, haben Sie Erbarmen mit mir, ich verdiene gewiß keine so harte Strafe; bringen Sie mich nicht zu Herrn Seim, denn ich bin ja nur davongelaufen, weil ich befürchtete, Herr Seim würde mich in dem finstern Keller verhungern lassen!«
Die Dame schwieg eine Weile, doch weniger, weil des Kindes Flehen sie etwa gerührt hätte, als weil sie über den so hoch geachteten Herrn Seim nachdachte, und was diesen wohl veranlaßt haben könne, das offenbar gut geartete Kind so schwer zu mißhandeln.
»Beruhige Dich, meine Tochter,« sagte sie endlich, und eine gewisse Schadenfreude lag im Tone ihrer Stimme, »Du bleibst bei mir, und Herr Seim ist der Letzte, zu dem ich Dich bringen möchte. Du bleibst bei mir, Deiner leiblichen Mutter, die mit Sorgfalt über Deine Erziehung wachen wird. Und was das Geld und das Oelkännchen des braven Reichart anbetrifft, da brauchst Du Dich nicht zu ängstigen. Wir schicken ihm morgen nicht nur Fläschchen sammt Geld zurück, sondern auch noch so viel Geld dazu, daß er sich Oel für das ganze Jahr kaufen kann.«
»Und ich soll nicht wieder zu ihm?« jammerte Lieschen so laut, daß der Kutscher genöthigt war, schärfer zu fahren, um den Wehruf des armen Kindes so viel wie möglich zu übertäuben. »Ach, was soll ich anfangen, was soll ich anfangen? Ich bin so allein, so verlassen ...!«
»Still jetzt!« schnitt die Dame des verzweifelnden Kindes Klage mit scharfer, fast drohender Stimme ab; »vergiß nicht, daß Du Dich nicht mehr in der Bauernhütte befindest, sondern bei Deiner Mutter, die sich nicht gern in Dir getäuscht sehen möchte. Ich liebe Dich als meine Tochter, und ich werde es Dir beweisen, indem ich Dich wie eine große Dame kleide und Dich in Gesellschaften einführe, in denen Du wie eine vornehme Dame behandelt wirst. Sorge also dafür, daß ich Ehre mit Dir einlege, und je mehr Du bewundert wirst - und bewundern müssen Dich alle Menschen, denn Du bist schön und besitzest ein Paar Augen, um die Dich eine Theaterprinzessin beneiden möchte und die noch manchem jungen Herrn den Kopf verrücken werden - also, je mehr man Dich bewundert, um so stolzer wird Deine Mutter sein, um so mehr wirst Du erkennen und begreifen, wie unübersteiglich die Scheidewand ist, die Dich von den guten Bauersleuten und sogar von Deiner eigenen Vergangenheit trennt.
»Suche daher meiner Liebe immer würdiger zu werden; gewöhne Dich daran, mir blindlings in allen Stücken zu folgen, und vergegenwärtige Dir, mit welcher tiefen Verehrung die guten Bauersleute zu Dir aufschauen, wenn Du, gekleidet in Seide und Sammet und geschmückt mit kostbarem Geschmeide, vor ihnen erscheinst. Wie gut aber müssen zu Deinem herrlichen braunen Haar und den glühenden braunen Augen wohl Gold und edle Steine passen - gewiß, alle Leute werden meinem schönen Töchterchen verwunderungsvoll nachblicken!«
Lieschen hörte wohl die an sie gerichteten Worte, allein sie verstand nicht deren Bedeutung. Eng zusammengekauert saß sie in der Wagenecke, die ihren Augen entströmenden Thränen mit ihrem leinenen Schürzchen trocknend.
Die fremde Dame, welche sich für ihre Mutter ausgab, flößte ihr so große Furcht ein, daß sie nicht einmal laut zu schluchzen wagte; nur wenn dieselbe in ihrer strengen Weise der ›guten Bauersleute‹ erwähnte, horchte sie höher auf, in der Hoffnung, mit einem Versprechen des baldigen Wiedersehens getröstet zu werden.
Folgte aber statt des erwarteten Trostes eine neue Bemerkung über ihre glänzende Zukunft, dann krümmte sie sich enger zusammen vor unnennbarem Weh, und um ihre Begleiterin nicht noch mehr gegen sich aufzubringen, klemmte sie die zusammengerollten Zipfel ihres Schürzchens zwischen die Zähne.
Ganz still und heimlich weinte sie, und indem sie an die liebe, gute Marie und die beiden freundlichen Pflegeeltern dachte, bat sie den lieben Gott aus tiefstem Herzensgrunde um seinen Beistand.
Die Dame, sobald sie von Lieschen keine lauten Klagen mehr vernahm, glaubte, diese hinlänglich beschwichtigt zu haben; außerdem fühlte sie sich erschöpft, denn dies war ja nicht der erste Abend, an welchem sie sich zu Wagen bis in die Nähe von Reichart's Gehöft hinaus begeben hatte, um während der Dämmerungsstunde einer günstigen Gelegenheit zu harren, Lieschen in ihre Gewalt zu bringen.
Daß ihr dies so leicht und dazu noch unentdeckt gelungen war, erfüllte sie mit einem Gefühl des Triumphes; sie hüllte sich daher fester in ihren Mantel, und sich behaglich in die weich gepolsterte Wagenecke drückend, suchte sie den weiten Weg, den sie noch bis zu ihrem Bestimmungsorte zurückzulegen hatte, zu verträumen.
Der Kutscher, welcher des Weges außerordentlich kundig zu sein schien, wendete dagegen keinen Blick von seinen Pferden, die im schärfsten Trabe durch die schwarze Regennacht auf der breiten Forststraße schnaubend und mit sicherem, scharfem Hufschlage dahinstürmten, ohne daß es bei ihnen einer Aufmunterung durch die Peitsche bedurft hätte. Denn es waren edle Rosse, die auf einen Wink zu folgen pflegten, unbekümmert darum, ob eine ebene oder wenig gangbare Straße vor ihnen lag; unbekümmert darum, ob feiner Staub oder schlammiger Koth die gräflichen Wappen auf den Kutschenschlägen und Augenklappen besudelte oder der ganze Wagen hinter ihnen in Stücke brach.
Der Kutscher hohnlachte, als hätte ihm die nächtliche Fahrt einen seltenen Genuß gewährt; dabei hielt er die Zügel straff, und kaum nahm er sich Zeit, den feinen Regen, der sich zu großen Perlen in seinem stattlichen Schnurrbarte ansammelte, zu entfernen.
Nur den Kopf schüttelte er zuweilen, daß die Tropfen weit umherflogen, gerade wie die hohen Tannen ihre ehrwürdigen Häupter vor dem rauhen Winde gleichsam mißbilligend schüttelten. Sie hatten dasselbe Lieschen schon einmal vorbeifahren und zum Theil auch vorbeilaufen gesehen; damals aber schliefen sie noch, und das bleiche Kind mit den braunen Locken und den großen, traurigen Augen erschien ihnen wie ein unbestimmtes, liebliches Traumgebilde in einem Schleier, gewebt aus Milliarden von Schneeflocken. Heute aber waren sie munter, denn der Wind pfiff wie auf unzähligen Aeolsharfen in tausendstimmigem Chor zwischen ihren Nadeln hindurch, und feine Regentröpfchen sammelten sich an den Spitzen der Nadeln und sanken eines nach dem andern langsam niederwärts, gerade wie Thränen, die unversiegbaren Quellen entrinnen.
Dabei war es so dunkel, so schauerlich in dem weiten Walde, und wenn ein heftigerer Windstoß grimmig auf die in einander verschlungenen Baumwipfel einfuhr, dann knarrten und knacken die zähen Stämme unheimlich, und die Tröpfchen lösten sich alle, um als Schauer auf die harzig duftende, mit einer braunen Nadelschicht bedecke Erde niederzurasseln.
Es war eine Nacht, daß die Bäume sich selbst hätten fürchten mögen; eine Nacht, wie geschaffen zur Ausübung von Verbrechen; eine Nacht, von der man hätte sagen mögen: sie ist keines Menschen Freund.
Selbst die Pferde schienen, von unwiderstehlichem Grauen befallen, sich auf der Flucht zu befinden; der feste Wagen krachte und polterte dumpf, geräuschvoll entwand sich der heiße Athem den gespreizten Nüstern der dampfenden Rosse. Der Kutscher lächelte grinsend und berechnete seinen Gewinn, und die vorgebliche Mutter träumte von glänzend erleuchteten Hallen und wilden Orgien.
Das arme Lieschen dagegen hielt die zusammengerollten Zipfel des Schürzchens zwischen den Zähnen und weinte bitterlich vor sich hin; keine Hoffnung leuchtete ihm in der es umgebenden Finsterniß tröstlich entgegen. -
Hui, wie die Pferde ausgriffen, wie der Wind so melancholisch sang und heulte und wie die Tannen ihre schwarzen Kronen so bekümmert wiegten!
Doch unter der Wirkung der vom Himmel niederströmenden befruchtenden Feuchtigkeit entfalteten sich in den Niederungen lieblicher, voller und üppiger Tausende von Schneeglöckchen und Krokusblumen.
Ach, wenn Lieschen die freundlichen gelben, blauen und weißen Sternchen hätte sehen können, sie würde sie gewiß für lauter holde Hoffnungssterne gehalten haben! Aber undurchdringliche Finsterniß verhüllte jene wie des armen Lieschen's Hoffnungen.

13. Die Marquise.

In einer Straße, die gewissermaßen die Verbindung zwischen einem vorzugsweise durch den Geschäftsverkehr belebten Stadttheile und mehreren umfangreichen, freien Plätzen bildet, welche letztere fast ausschließlich zu Versammlungsorten von Wärterinnen und der ihrer Aufsicht anvertrauten munteren Jugend bestimmt zu sein scheinen, liegt, beinahe gleich weit von beiden Enden entfernt, ein Haus, welches sich vor seinen ebenfalls stattlichen Nachbarhäusern nur dadurch auszeichnet, daß es den Tag über gänzlich vereinsamt dasteht, bei Einbruch der Nacht sich aber einem zwar weniger zahlreichen, dafür aber um so ausgesuchteren und gewählteren Besuche öffnet.
Bei Tage gleicht das erwähnte Gebäude dem Asyle eines begüterten Privatmannes, der sich nach manchen erfolgreichen Speculationen von dem Geschäft zurückgezogen hat, um den Rest seines Lebens so recht nach seinem Geschmack und seinen Launen zu verbringen. Zu diesen Launen ist man geneigt, in erster Reihe zu rechnen, daß der sonderbare Mann lieber etwas höher in der Miethe wohnt, als daß er sein dreistöckiges Haus mit anderen Familien theilen möchte, obwohl er selbst höchstens drei oder vier nach vorn hinaus liegende Stuben benutzt, die übrigen Etagen und Räumlichkeiten dagegen nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten oder auch gar nicht öffnet, es sei denn, um dieselben einsam zu durchwandern und sich im Stillen über seine Wohlhabenheit zu freuen, vielleicht auch darüber zu hohnlachen, daß er der Mann dazu ist, ohne dadurch im geringsten gestört zu werden, Schätze und Geldeswerth, die gar manche arme Familie hoch beglücken könnten, unbenutzt und unverzinst liegen zu lassen.
Die Fensterläden sind den Tag über, bis auf einige wenige in der Parterre-Wohnung, geschlossen oder nur weit genug geöffnet, um etwas Helle in den Gemächern zu verbreiten. Sogar da, wo die grünen Jalousien zurückgeschlagen sind, wird durch weiße Fenstervorhänge und schwere, farbige Gardinen jeder Einblick von außen unmöglich gemacht.
Diese äußeren Merkmale berücksichtigend, möchte man den einsamen Bewohner sogar für einen Menschenfeind halten, aber für einen Menschenfeind, der für ein gutes, üppiges Leben schwärmt und dieser, seiner einzigen Leidenschaft gern jedes entsprechende Opfer bringt.
Wer nämlich im Laufe des Tages jenem Hause seine besondere Aufmerksamkeit zuwendet, der überzeugt sich leicht, daß namentlich in den Vormittagsstunden die Hausthür sich vielfach öffnet, und in derselben wohlgekleidete weibliche Dienstboten erscheinen, um von einzelnen auf der Straße haltenden Marktwagen so viel Lebensmittel, von einzelnen Güterkarren so viel verschlossene Kistchen und schwergefüllte Flaschenkörbe in Empfang zu nehmen, als wolle der geheimnißvolle, menschenscheue Besitzer sich auf mindestens hundert Jahre hinaus verproviantiren oder sich, abermals mit einem Hohnlachen, an dem Verderben und Vermodern der Lebensmittel ergötzen, mit welchen so viele, viele darbende Menschen, einen Segenswunsch für den gütigen Spender im Herzen, ihren Hunger hätten stillen können.
Obwohl es in der Welt manchen Sonderling giebt, auf den obige Beschreibung ziemlich genau passen dürfte, so lebte in jenem Hause gerade kein Menschenfeind, wenigstens nicht, was man im Allgemeinen unter einem solchen, zum Unterschiede von einem Feinde der Menschheit, versteht. Ein solcher würde sich schwerlich herbeigelassen haben, bei Einbruch der Nacht sein ganzes Haus zu erleuchten, und so dicht schlossen die Fensterläden nicht, daß nicht hin und wieder ein schmaler, jedoch sehr heller Lichtstreifen zu entdecken gewesen wäre. Noch weniger aber würde er sich dazu verstanden haben, Jedem die Thür zu öffnen, der, nachdem er an der Klingel gezogen, auch noch ein leises, nach einem bestimmten Tacte vorgeschriebenes Klopfen hinzufügte; gleichviel, mochte der Einlaß Begehrende sich durch klirrenden Sporenschritt und herrisches Wesen als Militärperson, durch näselndes Geflüster als vornehmen Tagedieb, durch melodisch klingende Taschen und graziös schlurfenden Schritt als reichen Banquier, durch blaue Brillengläser und sehr bescheidene Haltung als nicht erkannt sein wollenden hohen Beamten, oder endlich durch kindlich-schadenfrohes Kichern, Rauschen von Seide und leichten, schwebenden Gang als einen vom Himmel gefallenen Engel verrathen.
Gewiß, ein die Einsamkeit liebender Sonderling hätte dergleichen nie geduldet und ohne Zweifel sich lieber gleich mit stoischer Ruhe vor den mit vieler Ueberlegung verstopften Ofen hingelegt, um mit Hülfe eines kleinen Ueberflusses von Kohlenoxydgas aus dieser Welt zu scheiden, ehe er zu bewegen gewesen wäre, auch nur eine Stunde dem lustigen Leben beizuwohnen, welches im ganzen Hause, von unten bis oben herrschte und gewöhnlich erst kurz vor Tagesanbruch sein Ende erreichte.
Und dennoch befanden sich auch Gemächer in dem Hause, die dem allgemeinen, heitern Verkehre verschlossen blieben und bis in welche, ihrer Abgeschiedenheit wegen, der in den übrigen Räumen herrschende Lärm nur ganz gedämpft drang, in denen man sich also recht behaglich fühlen und sogar tiefernsten Betrachtungen ungestört nachhängen konnte.
So erging es wenigstens dem Grafen Hannibal, der an jenem Abende, an welchem Lieschen's Entführung stattgefunden hatte, den Aufenthalt in dem oben beschriebenen Hause jedem andern Orte der Welt vorzuziehen schien. Und wohl hatte er alle Ursache dazu, denn nicht nur stand das ihm angewiesene Gemach seinem eigenen Wohn-Salon hinsichtlich der Einrichtung kaum nach, sondern es zeigte auch nach allen Richtungen hin die sprechendsten Merkmale, daß der Geschmack gar vieler Menschen sorgfältig berücksichtigt worden war und Jeder, der Zutritt erhielt, wenigstens Etwas fand, das seinen Neigungen entsprach und seine Aufmerksamkeit und Theilnahme, wenn auch nur auf kurze Zeit, fesselte.
Warf man einen oberflächlichen Blick in das Gemach, so glaubte man unbedingt den Salon einer reichen Dame vor sich zu sehen, wenigstens deuteten die Möbel und einzelne auf Etagèren und Tischen umherstehende und liegende, zu keinem Zwecke verwendbare Spielereien auf einen gewissen weiblichen Geschmack. Betrachtete man indessen die an den Wänden hängenden Bilder, theils werthvolle Kupferstiche, theils gute Gemälde, unter welchen vorzugsweise Jagdstücke, Pferde und Scenen aus dem olympischen Götterleben vertreten waren, oder öffnete man eines der reich und kunstvoll eingebundenen Bilderwerke, die mit sehr wenig Rücksicht auf Symmetrie auf Stühlen und Tischen umherlagen, so bezweifelte man fast, daß jemals ein weibliches Wesen diese Räume betreten habe.
Um so vertrauter schien dafür der Graf mit seiner Umgebung zu sein, in der That so vertraut, daß seine Blicke kalt und theilnahmlos über die reizenden, zum Theil die Phantasie neckenden Sachen hinglitten, die schwerlich, hätte er sie nicht schon hundertmal gesehen, von ihm unbeachtet geblieben wären. Vielleicht befand er sich auch nicht in der entsprechenden Stimmung; denn mehrfach hatte er schon nach einem Buche gegriffen, es jedoch nach flüchtigem Durchblättern wieder zur Seite geworfen, um seine vernachlässigte Cigarre von Neuem anzuzünden, einem vor ihm stehenden Glase Punsch zuzusprechen und demnächst mit langen, trägen Schritten das Gemach zu durchwandern. Dabei sah er hin und wieder ungeduldig nach der auf dem Kamingesimse stehenden Uhr, deren Zeiger mit kaum wahrnehmbarer Bewegung der Zwölfe zuschlichen.
»Dies wäre der vierte Abend, an dem ich mich hier vergeblich langweile,« sprach er vor sich hin, seinen Gedanken unbewußt Worte verleihend; »noch einige solcher mißglückten Versuche, und die Sache muß auffallen und neugierige Augen auf die nächtlichen Spazierfahrten hinlenken.«
Der Gedanke, daß andere Menschen vielleicht wagen könnten, seinen Handlungen nachzuspüren, schien ihn im höchsten Grade zu erbittern, denn er trat an den Tisch, leerte das Glas mit einem schnellen Zuge und warf sich dann so heftig auf das nächste Sopha, daß dieses laut ächzte und unter seinem Gewicht zusammenzubrechen drohte.
Eine Glocke stand in seiner Nähe; er klingelte. Gleich darauf öffnete sich die Thür, und herein trat eine junge Kellnerin, die sowohl durch ihr hübsches Gesicht, als auch durch ihren niedlichen, coquetten Anzug ein überaus reizendes Bild bot.
»Ein Glas Punsch,« befahl der Graf gedehnt; »aber recht heiß und nicht zu schwach,« fügte er hinzu, sich halb nach der Kellnerin umwendend.
In demselben Augenblicke erhellten sich aber auch seine Züge, und indem er die zu beiden Seiten seines Kinnes niederhängenden blonden Bartzipfel schmunzelnd ausreckte, nickte er der Kellnerin vertraulich zu.
»Was Teufel, Mädchen, bist Du heute Kellnerin?« fragte er sodann, in lautes Lachen ausbrechend.
»Wie Sie sehen, Gräflein,« erwiderte die Kellnerin mit einer zierlichen Verbeugung; »unsere gestrenge Herrin kann nicht überall zugleich sein, und da fand sie es für gut, mir diese Rolle zu übertragen. Aber sagen Sie, Gräflein, wie finden Sie mich?« fragte sie darauf, indem sie sich auf den Fußspitzen schnell um sich selbst drehte, und zwar mit einer Gewandtheit, die augenscheinlich dem Ballet nicht ganz fremd war.
»Superbe,« antwortete der Graf, »auf Ehre, weit besser, als in Deinem Ballkleide! Aber wirklich, Kind, ich habe Durst,« schloß er gähnend; »ich muß trinken, oder ich schlafe ein vor Langeweile.«
Die Kellnerin verschwand, kehrte aber sehr bald mit einem dampfenden Glase Punsch zurück welches sie dem Grafen mit einer anmuthigen Verbeugung darreichte.
Dieser nahm das Glas, warf einen harten Thaler auf den leeren Teller und athmete dann wollüstig den heißen Dampf des siedenden Getränkes ein.
»Du kannst jetzt gehen, mein Kind,« sagte er herablassend, als die Kellnerin noch immer vor ihm stehen blieb; »ich bin heute nicht zum Scherzen aufgelegt und will allein sein.«
Der Kellnerin schwebte eine schnippische Antwort auf der Zunge; bevor sie indessen zu sprechen begonnen hatte, rollte ein Wagen vor das Haus.
»Da ist sie,« bemerkte sie mit sichtbarer Scheu, sobald sie sich überzeugt hatte, daß der Wagen nicht vor einem der Nebenhäuser hielt, und fast eben so schnell war sie verschwunden, die Thür unhörbar hinter sich in's Schloß drückend.
»Militärische Ordnung im Hause,« bemerkte der Graf, indem er sich der Thür näherte und dieselbe leise öffnete, um nach der Hausflur hinaus zu horchen.
Ein bescheidenes, aber doppeltes Klingeln ertönte.
»Die Marquise!« murmelte der Graf erwartungsvoll.
Die Hausthür wurde geöffnet, ein kurzes Flüstern folgte, der Wagen rollte wieder davon, die Hausthür fiel in's Schloß, und deutlich vernahm der Graf, daß leichte Schritte, offenbar um den Weg von lästigen Zeugen frei zu halten, die Treppe hinaufstürmten und hastig die Richtung nach dem flügelartig angebauten Hinterhause einschlugen.
Nach kurzem Zögern folgten schwerere Schritte und halb unterdrücktes Murmeln dem flüchtigen Boten nach. Ein Klagelaut, ähnlich einem inständigen Flehen, welcher indessen augenblicklich durch ein heftiges »St!« abgeschnitten wurde, erreichte das Ohr des lauschenden Grafen, mehrere Thüren wurden auf- und zugeschlossen, und dann war Alles wieder still auf den matt erleuchteten Gängen und Vorfluren. Nur hinter den verschlossenen Thüren hervor, bald nahe und deutlich, bald fern und gedämpft, erschallte bacchantisches Lachen, heitere Claviermusik, toller Gesang und das gelegentliche Knallen von Champagnerpfropfen, daß man hätte glauben mögen, man befinde sich in einem Hôtel, in welchem entweder eine lustige Hochzeit oder Carneval gefeiert werde.
Der Graf war wieder in das Gemach zurückgetreten, die Thür leise herandrückend und mit den schweren Vorhängen sorgfältig verdeckend. Was er zu wissen wünschte, hatte er aus dem Geräusche errathen. Der Ausdruck des Triumphes, welcher sein Gesicht erhellte, schwand indessen schnell wieder, sobald sein Geist mit der ihm eigenthümlichen Trägheit zu arbeiten begann. Es stellte sich eben jene ängstliche Spannung ein, die in den meisten Fällen als eine Folge von Unentschlossenheit, zuweilen aber auch als eine äußere Kundgebung oder vielmehr ein schwaches Lebenszeichen eines in den letzten Zügen liegenden Gewissens betrachtet werden kann, welches sich noch einmal ohnmächtig gegen die ihm zugemuthete Fühllosigkeit aufbäumt.
Ueber sein Gesicht hatte sich eine tödtliche Blässe verbreitet, so daß er, indem er zufällig vor den Spiegel hintrat, vor sich selbst zurückbebte; doch kam ihm hier seine Eitelkeit zu Hülfe. Er erinnerte sich, daß er nach wenigen Minuten nicht mehr allein sei, und um die Anwandlung von Schwäche niederzukämpfen, trat er festen Schrittes an den Tisch.
Mit sicherer Hand ergriff er das dampfende, volle Glas und trank es aus.
Mehrere Minuten blieb er auf derselben Stelle stehen, das leere Glas sinnend betrachtend. Die gewöhnliche Farbe seines Gesichtes war zurückgekehrt und so ruhig athmete er, als ob noch nie ein böser Gedanke seinen Geist getrübt habe.
Ein leichter Schritt näherte sich auf dem Gange der Thüre; mit kaum vernehmbarem Geräusche gab das Schloß dem auf es ausgeübten Drucke nach, und bevor noch die Vorhänge sich aus einander theilten, schien des Grafen Figur um eine Handbreit gewachsen zu sein, während auf seinen Zügen wieder das charakteristische hochmüthige Lächeln und ein nur in der äußeren Haltung begründetes Selbstbewußtsein spielte.
»Gott sei Dank, lieber Graf, das Unternehmen wäre endlich geglückt!« sagte eine helle Frauenstimme, und zugleich trat eine schlank gewachsene Dame vor ihn hin und reichte ihm mit großer Vertraulichkeit die Hand.
Der Graf blickte der Dame, die, obgleich die Zeit der ersten Jugendfrische bereits hinter ihr lag, dennoch eine Schönheit genannt werden durfte, eine Weile zweifelnd in die blitzenden Augen.
»Ich hatte mich also nicht getäuscht, als ich mit ihr im Walde zusammentraf?« fragte er zögernd; »ja, ja, ich würde das unglückselige Kind unter Tausenden heraus erkannt haben.«
Die letzten Worte sprach der Graf leise, wie in Gedanken; er bemerkte daher nicht die forschenden Blicke, mit welchen sein Mienenspiel beobachtet wurde.
»Ei, lieber Graf, Sie müssen mit einem außerordentlich zarten Gefühle begabt sein,« entgegnete die Dame: »trotzdem ahnen Sie nicht, daß ich hungrig und durstig in Ihren Geschäften geworden bin.«
»Ich glaube es, schöne Marquise,« versetzte der Graf, in denselben leichten Ton verfallend, und indem er sich wieder auf das Sopha warf, lud er seine Gefährtin durch eine Handbewegung ein, ihm gegenüber auf dem Sessel Platz zu nehmen; »ja, gern glaube ich Ihnen, daß die nächtliche Fahrt Sie angegriffen hat, ich mache mir daher ein Vergnügen daraus, Sie in Ihrem eigenen Hause zu bewirthen. Bestellen Sie nur!«
Bei diesen Worten drückte er auf die Glocke; die junge Kellnerin erschien, und nachdem die Herrin des Hauses unter manchen Blicken des Einverständnisses die entsprechenden Befehle ertheilt und die Kellnerin sich wieder entfernt hatte, fuhr der Graf fort:
»Nun sagen Sie mir, meine unvergleichliche Marquise, wie Ihnen das Unternehmen überhaupt geglückt ist; ich hoffe, es geschah, ohne Aufsehen zu erregen.«
»Ohne Aufsehen zu erregen, schönster Apollo; das Wie ist vorläufig Nebensache, aber mein Compliment mache ich Ihnen wegen des Kutschers: Derselbe, ein ausgezeichneter Rosselenker, ist entweder entsetzlich dumm oder ein ganz geriebener Spitzbube.«
»Keines von Beiden, mein Kind, ein alter Soldat ...«
»Der bei der Cavallerie gestanden hat,« fiel die in intimen Kreisen unter dem Namen Marquise bekannte Herrin des Hauses, dem Grafen in's Wort.
»Ganz recht, bei der Cavallerie hat er gestanden.«
»Nun, lassen wir den Kutscher bei Seite, lieber Graf,« fuhr die Marquise fort, indem sie aus einem vor ihr stehenden kunstvoll geschnitzten Becher eine Cigarette nahm und über der Lampe anzündete; »sprechen wir von etwas Anderem, befriedigen Sie endlich meine Neugierde und gestehen Sie, was für Bewandtniß es eigentlich mit dem Mädchen hat. Ich sollte denken, nachdem ich, auf die Gefahr hin, in Unannehmlichkeiten, zu gerathen, dasselbe für Sie entführte und an Kindesstatt annahm, habe ich mir ein Recht erworben, darnach zu fragen.«
»Laune, schöne Marquise, reine Laune. Womit soll man sich in diesem langweiligen Leben die Zeit verkürzen?« antwortete der Graf, sein Gesicht abwendend.
»O, mein edler Adonis, das mögen Sie beschränktere Geister glauben machen; ich für meine Person glaube es nicht. Aus Laune wendet man nicht einem im Waisenhause unter des rechtschaffenen Herrn Seim ...«
»Was - Sie wissen?« fuhr der Graf erschreckt empor.
»Ich weiß Alles, lieber Graf,« fuhr die Marquise mit ihrem verführerischsten Lächeln fort; »aber bitte, unterbrechen Sie mich nicht. Ich wollte also sagen: aus Laune schickt man nicht vier Abende hinter einander seine Equipage dem fürchterlichsten Wetter drei Meilen weit auf's Land hinaus, um ein eilfjähriges Mädchen entführen zu lassen, und erst recht nicht aus Laune übergiebt man darauf besagtes Mädchen mir zur Ausbildung. Geliebtester Graf, es muß Etwas dahinter stecken, und da ich ebenfalls nur eine Evastochter bin, so finden Sie es gewiß ganz erklärlich, daß ich wünsche, mit in das Geheimniß gezogen zu werden. Oder bilden Sie sich etwa ein, ich hätte mich zu einem todten Werkzeuge hergegeben, allein um irdischen Vortheils willen? Nein, nein, mir schweben edlere Ziele vor Augen,« fügte sie mit einem halb ironischen, halb lauernden Lächeln hinzu; »ich muß im Stande sein, meinem Gönner bei vorkommenden Gelegenheiten zu rathen und zu helfen, und dann, mein edler Herr, wie vermag ich in der von Ihnen gewünschten Weise auf Ihren holden Schützling einzuwirken, wenn ich unbekannt mit dem Zwecke bin, den Sie dabei verfolgen?«
Der Graf spielte eine Weile mechanisch mit seiner Cigarre. Offenbar ging er mit sich zu Rathe, in wie weit er die Marquise, ohne Gefahr für sich selbst, zu seiner Vertrauten machen dürfe. Dabei bemerkte er nicht, daß diese keinen Blick von seinen Zügen wendete und aus jeder Bewegung derselben gleichsam neues Material sammelte, um endlich einen, wenigstens der Wahrheit sich nähernden Schluß über seine versteckten Absichten ziehen zu können.
»Liebes Kind, Sie scheinen zu bestreiten, daß ein Mensch seine bizarren Launen haben muß.«
»In diesem Falle unbedenklich.«
»Wohlan, so denken Sie sich irgend eine beliebige Geschichte aus und nehmen Sie an, die habe mich dazu bewegt, für das Kind, das Zufall mir in die Hände führte, etwas mehr Theilnahme, als für andere Kinder an den Tag zu legen.«
»Ich werde Ihren geistreichen Rath befolgen, und zwar sogleich damit anfangen; ich werde rathen, nur müssen Sie sich verpflichten, nicht zu läugnen, wenn ich das Richtige treffe.«
»Zugestanden.«
»Gut; ich schicke eine kurze Erinnerung an unser Uebereinkommen voraus. Sie haben mir das Kind anvertraut, um Mutterstelle bei ihm zu vertreten und es gewissenhaft auf solche Lebenswege zu führen, die nach meinen Ansichten die heitersten und genußreichsten sind, mit anderen Worten, es in meine Fußtapfen treten zu lassen.«
»Ja, das ist unser Uebereinkommen,« versetzte der Graf dumpf in sich hinein.
»Die erste Hälfte unseres Uebereinkommens, lieber Graf. Sie wissen, man bleibt nicht immer jung und schön; man muß daher zeitig an den Abend des Lebens denken, wo die Blicke eines gewissen Grafen achtlos über Unsereins hingleiten und man, um nicht vor Langeweile zu verkommen, zu der Rolle einer Betschwester greifen muß, um wenigstens in die heiteren Wohlthätigkeitsvereine pensionirter Officiere und vergessener Jungfrauen aufgenommen zu werden.«
»Sie sind sehr scharfsinnig, liebe Marquise.«
»Keine Schmeicheleien, liebster Graf. Sich zukünftige Zeiten zu vergegenwärtigen, erfordert keinen besonderen Scharfsinn; kehren wir lieber zu dem zweiten Theile unseres Uebereinkommens zurück. Daß es mir gelingen wird, das liebe Kind ganz in Ihrem Sinne zu erziehen, bezweifeln Sie wohl nicht, oder Sie würden sich nicht anheischig gemacht haben, mir, um den nöthigen Aufwand zu bestreiten, ein wirklich anständiges Jahrgehalt zu bewilligen. Hierzu gesellt sich noch, beiläufig bemerkt, die von Ihnen bereits acceptirte Bedingung, daß an dem Tage, an welchem unser Zweck erreicht ist, Sie die kleine, noch auf meinem Hause lastende Hypothek von zweitausend Thalern auf Ihren Namen schreiben lassen.«
»Ja, so lautete unser Uebereinkommen,« bemerkte der Graf gedrückt, als die Marquise schwieg, und diese, nachdem sie den Grafen eine Weile wie bedauernd betrachtet, fuhr fort:
»Die Erziehung Ihres Schützlinges kostet Ihnen also eine beträchtliche Summe Geldes, woraus ich schließe, daß Sie einen zu hohen Werth auf dieselbe legen, um Ihrer Handlungsweise den Begriff ›Laune‹ als Beweggrund unterschieben zu dürfen.
»Die nächste Frage wäre nun: Weshalb legen Sie einen so hohen Werth auf unsern Schützling? Und es drängt sich mir unwillkürlich der Gedanke auf, daß auch Sie nicht ohne Scharfsinn sind und bei Zeiten an jene armselige Zukunft denken, ich welcher Ihnen das Glück nicht so viele Rosenknospen in den Weg streuen dürfte, wie heute. Sie sehen, liebster Graf, eifersüchtig bin ich nicht, oder ich würde den kurzen Handel mit Entrüstung zurückgewiesen haben. Doch weiter: Ihr Lieschen, obwohl kaum erst eilf Jahre alt, verspricht eine Schönheit zu werden; man kann sogar mit Gewißheit darauf rechnen, daß die nächsten vier oder fünf Jahre eine wunderbare Veränderung des Kindes bewirken, was mein theurer Graf mit seinem scharfen und geübten Blicke jedenfalls bereits vor Jahren erkannt hat. Weil es nun schade wäre, wenn ein Anderer, als mein edler Freund und Gönner, das Röschen ...«
»Halten Sie ein, Marquise!« fuhr der Graf empor, und Leichenblässe bedeckte wieder sein Gesicht. »Sprechen Sie nicht weiter in dieser Weise, wenn Sie nicht auf ewig mit mir brechen wollen - mir einen solchen Gedanken zuzutrauen - Weib, vergiß nicht ...!«
»Ich habe mich also geirrt,« unterbrach die Marquise den erregten Grafen mit äußerster Kaltblütigkeit, während aus ihren Augen unverkennbares Erstaunen und erhöhte Neugierde sprachen; »das Kind steht Ihnen vielleicht zu nahe, ist vielleicht gar eine Verwandte von Ihnen ...«
»Wer sagt das?« rief der Graf noch heftiger aus, wobei er indeß sorgfältig vermied, den Blicken der Marquise zu begegnen. »Wer wagt es überhaupt, dergleichen Gedanken laut werden zu lassen?«
»Nun, theuerster Graf, brausen Sie nicht gleich so heftig auf; ich bin ja schon zufrieden, wenn Sie Ihre schöne Stirn wieder glätten. Die Runzeln kleiden Sie in der That schlecht. Aber hier kommt unser Souper; erlauben Sie, daß ich vorlege, und verwalten Sie unterdessen den Champagner, wenn's Ihnen gefällig ist.«
Der Graf nickte beifällig und griff sogleich nach dem Weine. Die Marquise hatte es vortrefflich verstanden, seinen aufflammenden Zorn, aus welchem sie Alles herausgelesen zu haben glaubte, was sie vorläufig zu wissen wünschte, schnell wieder durch einige Schmeicheleien zu besänftigen, für welche der Graf außerordentlich empfänglich war. Ueberhaupt handhabte sie denselben, wie eine schmiegsame Wachsmasse, die sie in jede ihr passende Form zu kneten vermochte, ohne ihm dabei die Ueberzeugung zu rauben, daß sie selbst in seinen Händen weiter nichts, als ein williges Werkzeug sei.
Sobald die beiden Verbündeten sich wieder allein befanden, kam der Graf noch einmal auf das entführte Kind zurück.
»Wird die Ankunft der Kleinen in Ihrem Hause kein Aufsehen erregen?« fragte er zweifelnd; »ganz verschwiegen wird die Begebenheit kaum bleiben können. Ich fürchte nämlich, daß unberufene Augen auf das Kind hingelenkt und in Folge dessen Nachforschungen angestellt werden.«
»Hegen Sie keine Besorgniß, lieber Graf,« entgegnete die Marquise, den schäumenden Wein bedächtig an ihre Lippen führend; »ich beabsichtige nichts weniger, als das Kind zu verheimlichen; im Gegentheil, ich werde mit meiner schönen Tochter prahlen; und etwaige Nachforschungen? Bah, die würden immer damit endigen, daß man mir zu dem Besitze eines so schönen Töchterchens Glück wünschte!«
»Aber das Kind selber, liebe Marquise, es wird gefragt werden, antworten und auch selbst Fragen stellen.«
»Nur in der ersten Zeit wäre dergleichen möglich, doch werde ich die nöthigen Maßregeln treffen, daß so etwas nicht geschieht. Nach vier oder fünf Wochen aber wird es sich an unsere Hausordnung gewöhnt haben und nichts mehr fürchten, als jemals aus diesem Paradiese entfernt zu werden.«
»Sie scheinen die Sache sehr leicht zu nehmen, Marquise.«
»Nicht leichter, als sie es verdient, theuerster Graf; denn ein Mädchen, das bereits einen Cursus unter Herrn Seim's Oberaufsicht durchmachte, fügt sich willig in bessere Verhältnisse; aus den Zöglingen des Herrn Seim läßt sich Alles machen.«
»Herr Seim klagte mir, daß das Mädchen eine unbesiegbare Neigung zum Aneignen fremden Eigenthums habe.«
»Das wäre eine neue Bürgschaft für unsern Erfolg. Uebrigens soll es ihm an nichts fehlen, was die sicherste Art ist, mich gegen kleine Diebereien zu schützen. Doch eine Frage, lieber Graf: Weiß Herr Seim von seinem hoffnungsvollen Zöglinge?«
»Er weiß nur, daß das Kind von Bauern gerettet wurde und ich es anderweitig unterbrachte. Ich mußte ihm dies mittheilen, damit er nicht unvorbereitet ist, wenn von den Bauern bei ihm Nachforschungen angestellt werden sollten - ja, diese Bauernfamilie, ich wünsche, sie wäre, wo der Pfeffer wächst! Namentlich für diese muß das Kind verschollen sein.«
Ueber das Gesicht der Marquise flog wiederum ein Zug heller Schadenfreude. Ohne ihr Dazuthun hatte der Graf, auf welchen die berauschenden Getränke ihre Wirkung auszuüben begannen, sie einen neuen Blick in das von ihm und seiner Schwester angelegte Gewebe thun lassen und ihr eine neue Handhabe zu weiteren Forschungen geboten, die das Geschwisterpaar zuletzt gänzlich in ihre Gewalt liefern mußten. Die Gefühle, welche sie in diesem Augenblicke beseelten, verbarg sie indessen geschickt hinter einer Maske leichtsinniger Heiterkeit.
»Lassen Sie die dummen Bauern,« bemerkte sie lachend, ihr Glas gegen das des Grafen klingend; »die Leute sind gewiß froh, das Kind wieder los zu sein, und wenn sie sich an Herrn Seim wenden, so wenden sie sich gerade an den Rechten, um die Wahrheit zu erfahren.«
Der Graf stimmte in die Fröhlichkeit seiner Gefährtin ein, und nicht mehr zögernd, wie er zu Anfang gethan, erkundigte er sich, wie Lieschen sich in die neue Lage gefügt habe.
»Nicht anders, als ich zu erwarten berechtigt war,« entgegnete die Marquise entschieden; »übrigens, mein lieber Graf, heißt das Mädchen nicht mehr Lieschen - pfui, über solchen Alltagsnamen -, nennen wir es lieber Euphrosine -, ja, Euphrosine hat sich ganz vortrefflich gefügt. Sie hat geweint, geklagt, und wieder geweint, und das so lange fort, bis sie endlich vor Erschöpfung einschlief. Ihr Schlaf war so fest, daß sie kaum erwachte, als ich sie nach dem für sie bestimmten Kämmerchen hinaufbrachte. Sie wollte zwar wieder anfangen zu weinen und zu jammern, allein die gestrenge Frau Mutter verwies sie sehr bald zum Gehorsam, und noch keine zwei Minuten hatte sie in ihrem Bettchen gelegen, da schluchzte sie nur noch matt im Schlafe. Aber wirklich, Graf, ein schöneres Kind sah ich noch nie; wollen Sie es nicht persönlich in Augenschein nehmen? Gerade jetzt ließe es sich am besten bewerkstelligen.«
»Nein, um Gottes willen nicht!« antwortete der Graf mit einer Bewegung, als ob er geschaudert hätte; »ich habe jetzt nichts mehr mit dem Kinde zu thun, es ist bei Ihnen gut aufgehoben.«
»Bravo, lieber Graf!« rief die Marquise jubelnd aus, indem sie nach der Flasche griff und, die Oeffnung derselben mit dem Daumen schließend, durch eine geschickte Bewegung einen feinen Strahl des schäumenden Champagners aus beträchtlicher Höhe über den Tisch hinüber zum Theil in des Grafen leeres Glas, zum Theil über seine saubere Uniform und das weiße Tischtuch zischen ließ. »Ja, so liebe ich es! Fort mit den Grillen, ein tausendfaches Hoch der glänzenden, genußreichen Gegenwart und après nous le déluge!«
Der Graf trank sein Glas leer; sein Gesicht war hochgeröthet und mit unsicherem Griff legte er die Hand auf die Glocke.
Die bekannte Kellnerin erschien.
»Zwei Flaschen Sect und einen Stuhl!« rief er lallend aus.
»Sect und einen Stuhl? Was soll der Stuhl?« fragte die Kellnerin.
»Den Stuhl für Dich und den Sect für uns Alle!« lachte der Graf.
Die Marquise und die Kellnerin stimmten mit in das Lachen ein, der Champagner wurde gebracht, ein Fauteuil herangerollt, die Kellnerin nahm Platz, und lustig knallten die Pfropfen zu dem Rundgesange, den der Graf, unterstützt von seinen beiden dämonisch lachenden Gefährtinnen, anstimmte. -
Auf dem andern Ende des Hauses und unter demselben Dache mit dem Grafen schlummerte das verkaufte Lieschen.
Noch im Schlafe hatte die arme verfolgte Waise geweint, denn große Thränen standen wie Perlen auf ihren Wangen und einzelne derselben hatten, indem sie niederrieselten, das weiße, schwellende Kopfkissen befeuchtet.
Sie athmete wohl ruhig, und die von der rothen Glasampel ausströmende Beleuchtung ließ das liebe Antlitz so recht gesund und lebensfrisch erscheinen; allein zuweilen zuckte sie doch schmerzlich, und die zarten Finger klammerten sich krampfhaft in das feine Bettzeug fest, als ob das Gefühl eines jähen Sturzes über sie gekommen wäre.
O, wie viel ruhiger hatte Lieschen zwischen dem groben Linnen in der Bauernhütte geschlafen, wo der Engel des Friedens selber über sie wachte!
Wo sie sich jetzt befand, da wagte der Engel des Friedens sich nicht hin; zeigte er aber wirklich Neigung, das eine oder das andere Winkelchen des mit gleißender Pracht ausgestatteten Hauses heimlich zu besuchen und seine vergebende Hand auf ein unter den Folterqualen von Selbstvorwürfen über ein verlorenes Leben sich ohnmächtig windendes Herz zu legen, so waren die unerbittlichen Feinde der Menschheit stets bereit, ihn schnell wieder mit durchdachter Bosheit zu verscheuchen, im wilden Freudentaumel jede sanftere Regung, jede Anwandlung von Reue zu ersticken.

14. Auf der Lauer.

Heinrich Bergmann hatte die Gräfin Renate seit mehreren Tagen nicht gesehen. Einestheils suchte er selbst nicht eine Zusammenkunft herbeizuführen, in Folge dessen er von seinem Onkel manche Lobrede über seine Einsicht und seltene Verständigkeit einerntete, dann aber auch wieder schien, zu seinem größten Erstaunen, die Gräfin ihn vollständig vergessen zu haben. Denn weder von ihr selbst erhielt er nach alter Weise Einladungen, noch verschaffte sie ihm Gelegenheit, in anderen Häusern und Familien mit ihr zusammenzutreffen, wie sie früher doch so vielfach und offenbar mit vielem Eifer gethan hatte.
Letzteres namentlich kränkte ihn tief, weil er die absichtliche Nichtachtung nicht glaubte verdient zu haben. Er scheute sich auch nicht, seinen Onkel darüber zur Rede zu stellen und ihn zu fragen, welche Mittel er angewendet habe, um die Gräfin zu einem so gänzlich veränderten Benehmen gegen ihn zu bewegen.
Der Doctor dagegen nahm die Anklagen und bitteren Vorwürfe stets sehr kaltblütig, sogar mit einem verschmitzten Lächeln hin und erklärte rund heraus, daß er dabei nur in so weit betheiligt sei, als er die Gräfin dringend gebeten habe, ihre Anhänglichkeit an ihn selbst nicht Ursache sein zu lassen, daß sie seinen Neffen auch nur im geringsten bevorzuge, weil das zu üblen Nachreden Veranlassung geben könne.
»Du kannst daraus entnehmen,« fügte er dann wohl mit einem gewissen Bedauern, hinzu, »daß der Gräfin verteufelt wenig an Dir gelegen ist und daß ich vollständig recht hatte, zu behaupten: alle Freundlichkeiten oder, richtiger bezeichnet, Höflichkeiten, deren Du Dich zu erfreuen hattest, müßten auf meine Rechnung geschrieben werden. Also beruhige Dich und suche Dir die vernünftige Ueberzeugung anzueignen, daß empfangene Gunstbezeigungen, die nicht auf unser eigenes Verdienst begründet sind, geringere oder gar keinen Werth haben.«
Damit war der junge Officier abgefunden.
Wich nun seine Meinung von der seines Onkels bedeutend ab, und hätte er gegen Dieses und Jenes auch Manches einzuwenden gehabt, so mußte er sich doch gestehen, daß, wenn der Doctor in seiner übertriebenen Aengstlichkeit für seine Seelenruhe ihm wirklich einen hinterlistigen Streich gespielt hatte, es doch mindestens sehr auffallend sei, daß die Gräfin, die des alten Herrn Eigenthümlichkeiten gewiß eben so gut kannte, wie er selbst, dennoch so viel Gewicht auf seine Mittheilungen lege, um ihn, den Neffen ihres langjährigen väterlichen Freundes, förmlich aus ihren Augen zu bannen. Was aber konnte der Doctor gesagt, zu welchen Mitteln seine Zuflucht genommen haben, um einen solchen Erfolg zu erzielen, und wie triumphirten wohl diejenigen, die schon längst seinen Verkehr im Hause der Gräfin mit scheelen Augen betrachtet hatten?
Letzteres wirkte namentlich störend auf seine sonst so heitere Gemüthsstimmung ein, und gewiß wäre er schon in den nächsten Tagen über Hals und Kopf abgereist, wenn er nicht eben - nun, er sprach es ja deutlich genug vor Tante und Onkel aus - seinen schönen, langen Urlaub, seit Jahren der erste, bis auf die letzte Minute hätte ausnutzen wollen.
Bei allem Mißgeschicke war ihm aber doch ein gewisser Trost geblieben, nämlich mit der Gräfin Renate vereint an demselben Werke arbeiten und gleichsam unter ihren Augen eine Probe seiner Umsicht und Gewissenhaftigkeit ablegen zu dürfen. Der Trost war an sich freilich karg genug, indem er auf alle Fälle auch den Doctor allein in seinen edlen, menschenfreundlichen Bemühungen nach besten Kräften und ohne irgend welchen Lohn oder Dank zu beanspruchen, unterstützt haben würde; doch bei Allem, was er jetzt zu Gunsten von Merle's unglücklicher Familie unternahm, konnte er nicht umhin, zu denken, daß sein Name in Renatens Gegenwart genannt und deren Aufmerksamkeit immer wieder auf ihn hingelenkt werden würde.
»Vielleicht zwinge ich sie dazu,« dachte er zuweilen, wenn die Erinnerung an die schönen Stunden, die er vor Kurzem noch in Renatens Gesellschaft verlebte, ihn etwas länger, wie gerade unumgänglich nothwendig, beschäftigt hatte - »vielleicht zwinge ich sie dazu, meinen guten Willen wenigstens heimlich anzuerkennen; und sollte es gar der Zufall fügen, daß sie mir persönlich einige Liebenswürdigkeiten sagte - pah, die sollten mich kalt lassen, ganz kalt! Ich will ihr sogar zu verstehen geben, daß nicht immer ein weibliches Gemüth und ein weibliches, hochbevorzugtes Wesen dazu gehören, einen Mann zur Ausübung guter Handlungen zu begeistern. Armer, guter Onkel, wo dachtest Du hin, als Du in meinem Verkehre mit der leidlich hübschen Gräfin eine Gefahr für mich erblicktest?«
Derartig waren auch seine Gedanken, als er in jener Nacht, in welcher Lieschen entführt worden war, von einer späten Gesellschaft heimkehrend, durch die verödeten Straßen wanderte und noch einen Umweg nach der in der Vorstadt gelegenen Wohnung von Merle's Familie zu machen beschloß.
Schon vielfach, des Abends wie des Nachts, war er, dem Rathe des Doctors folgend, dort vorbeigegangen, schon vielfach hatte er in das Gemach, welches die Mutter mit ihrem Kinde bewohnte, hineingespäht, ohne je Etwas zu entdecken, was die noch immer wachsende, zeitweise wahrhaft verzweiflungsvolle Gedrücktheit der unglücklichen Frau erklärt hätte. Auch in dieser Nacht versprach er sich keinen Erfolg, und nur um dem Onkel Rapport abstatten zu können, hatte er sich überhaupt zu der Wanderung entschlossen. Eine Freude war es gewiß nicht, denn der Regen, obwohl fein und nebelartig, schlug ihm scharf und erkältend in's Gesicht, und kaum vermochte er sich durch den fest um sich gezogenen weiten Mantel gegen das Durchnässen zu schützen.
Er verfolgte indessen unverdrossen seinen Weg durch die mit flüssigem Schlamm bedeckten Straßen. Das Wetter schien auf ihn nicht mehr Einfluß zu haben, als auf die Prellsteine an den Straßenecken, welche die mit einem großen Hof umgebenen, dafür aber nur wenig Helle verbreitenden Gasflammen spärlich beleuchteten.
Nur selten begegnete ihm ein vereinzelter Fußgänger, und auch diese gaben sich in den meisten Fällen durch ihren langsamen Schritt und das Klirren des von ihrem Gurte niederhängenden Schlüsselbundes als Wächter zu erkennen, die, den Kopf tief in ihre Mantelkragen gesenkt, sich kaum die Mühe nahmen, zu ihm aufzuschauen.
Die Zeit mußte ihm, trotz des Wetters und trotz der Vereinsamung der Straßen, dennoch verhältnißmäßig schnell verstreichen, denn fast überrascht blickte er empor, als er plötzlich das Stadtthor vor sich liegen sah. Er trat an die nächste Laterne und zog seine Uhr hervor.
»Halb Eins,« murmelte er vor sich hin; »es ist eigentlich überflüssig, denn wer wird jetzt noch auf sein? Da ich indessen einmal so weit gegangen bin, kann es auf ein paar Hundert Schritte nicht ankommen.«
So sprechend oder vielmehr halblaut denkend, ging er mit beschleunigter Eile durch das Thor, und nachdem er der Hauptstraße über drei Querstraßen fort nachgefolgt war, bog er in eine schmalere Nebengasse ein, die zwischen kleineren und zum Theil durch Gärten von einander getrennten Häusern hinführte.
Nur zwei Laternen brannten in dieser Gasse, nämlich auf jedem Ende derselben eine, die aber in Folge des dichten Regens die Gasse selbst beinahe ganz im Dunkeln ließen.
Vorsichtig tastete Heinrich sich an den Bretter- und Stacketenzäunen hin, die, bereits alt und morsch, noch aus den Tagen herrührten, in welchen Alles, was außerhalb des Stadtthores lag, zu den ländlichen Besitzungen gerechnet wurde. Jetzt wohnten fast durchgängig Gärtner dort und Arbeiter, die in den abgelegenen Häusern gegen eine mäßige Miethe Unterkommen fanden und mit Besorgniß der Zeit gedachten, in welcher die bescheidenen Häuschen von stattlichen Gebäuden und Fabriken verdrängt, sie selbst aber, wenn sie nicht eine ihre Verhältnisse übersteigende Miethe entrichten wollten, wieder um eine beträchtliche Strecke weiter, vielleicht ganz bis auf's freie Feld hinausgetrieben werden würden.
In einem dieser Häuschen, von welchen die Meisten nur zwei kleine Wohnungen enthielten, hatte also Doctor Bergmann Merle's Frau und Tochter untergebracht. Eine Stube und eine Kammer war nach seiner Ansicht Alles, was sie gebrauchten, und in der That weit mehr, als sie selbst jemals zu erhalten gehofft hatten. Denn die Stube und die Kammer waren es ja nicht allein, über welche sie frei schalten und walten durften, sondern auch ein Stückchen Gartenland in der Breite ihrer Wohnung und in einer Länge von etwa fünfundzwanzig Schritten, oder vielmehr von dem Häuschen bis an die durch einen morschen Bretterzaun abgegrenzte Straße. Das Gärtchen bot jetzt allerdings noch einen sehr trüben Anblick, allein der Frühling war ja vor der Thür und die Zeit nicht mehr fern, in der sie die sorgfältige Bestellung des ihnen zuerkannten Landes als ihre angenehmste und zuträglichste Erholung betrachten konnten. Ja, der gute Doctor und die freundliche Renate hatten an Alles gedacht, und es wäre auch Alles gewiß so schön geworden, wenn nicht eben ihre Versuche, mit der Aenderung der äußeren Verhältnisse der unglücklichen Frau, auch eine Aenderung ihrer gedrückten Stimmung herbeizuführen, gescheitert wären.
Heinrich Bergmann, durch des Doctors Mittheilungen mit dem Stande der Dinge bis in die kleinsten Einzelheiten hinein vertraut, stellte offenbar, indem er sich dem Häuschen näherte, seine Betrachtungen über das seltsame, geheimnißvolle Benehmen der Frau Merle an, denn schon lange, bevor er in der Höhe von deren Wohnung angekommen war, spähte er nach dem kleinen Giebelfenster hinüber, welches die Lage der Schlafkammer bezeichnete und durch eine Lampe matt erleuchtet wurde.
Das Licht in der Schlafkammer zu so später Stunde überraschte ihn nicht; er wußte, daß dasselbe von dem Nachtlämpchen herrührte.
»Alles beim Alten,« dachte Heinrich, indem er sich langsam auf dem Seitenpfade der ungepflasterten, schmalen Straße einherbewegte; »ich könnte umkehren, allein vorher will ich einen Blick hineinwerfen, damit ich dem guten Alten auf seine Frage eine bestimmte und wahrheitsgetreue Antwort ertheilen kann.«
Mit solchen Gedanken beschäftigt, war er bis auf wenige Schritte von dem zu dem betreffenden Häuschen gehörenden Bretterzaune angekommen. Da sein Kopf, vermöge seines hohen Wuchses, die Einfriedigung überragte, so schweiften seine Blicke wieder mechanisch nach dem erleuchteten Kammerfenster hinüber. Gleichzeitig blieb er aber auch stehen, denn er hatte deutlich gewahrt, daß ein Mann, wahrscheinlich durch das Geräusch seiner Schritte dazu veranlaßt, sich schnell aus einer gebückten, lauschenden Stellung aufrichtete und in den Schatten zurücktrat.
Doch nur einen Augenblick zögerte Heinrich; er begriff, daß er bemerkt worden sei und nur dann Aussicht habe, Näheres über den geheimnißvollen Menschen und seine Absichten in Erfahrung zu bringen, wenn er sich wie ein unbetheiligter, zufällig Vorübergehender benehme.
Er schritt daher weiter, und zwar bis er mit Gewißheit annehmen durfte, aus der Hörweite des Fremden gelangt zu sein. Hastig kehrte er darauf um, und da er des Weges kundig, so vermochte er so leise einherzuschleichen, daß ein ihm Begegnender ihn kaum eher bemerkt hätte, als bis er mit ihm zusammengeprallt wäre.
Unentdeckt erreichte er die Stelle, von welcher aus er die Gestalt wahrgenommen hatte, und der erste Blick nach dem Giebelfenster überzeugte ihn, wie richtig seine Berechnung gewesen.
Der Mann war nämlich wieder vor das Fenster hingetreten, offenbar aber erst in der letzten Minute, als er den späten Wanderer weit genug glaubte, um von ihm nicht mehr gestört zu werden; denn er beschattete, um seine Augen an die Beleuchtung zu gewöhnen und besser unterscheiden zu können, sein Gesicht von beiden Seiten mit den flachen Händen.
Nachdem er noch einige Minuten in dieser Stellung verharrt hatte, klopfte er leise an die Scheiben.
Augenscheinlich war das Klopfen im Innern des Hauses nicht gehört worden oder man stellte sich, als habe man es nicht gehört, denn nach einer kurzen Pause klopfte er wiederum lauter und länger, aber auch dieses Mal erfolgte keine Antwort.
»Wirst Du endlich ein Lebenszeichen von Dir geben, oder soll ich das ganze Fenster in die Baracke hineindrücken?« rief jetzt eine zornige Männerstimme, und zugleich rasselten die in Blei gefaßten Scheiben, als hätte die Drohnng wirklich schon ausgeführt werden sollen.
Heinrich vernahm eine klagende Frauenstimme aus dem Imnern des Hauses, doch verstand er nicht, was dieselbe sagte. Der Mann vor dem Fenster dagegen schien in Folge der ihm ertheilten Antwort noch ungeduldiger geworden zu sein, denn er rüttelte abermals an den Scheiben, indem er mit dem Ausdrucke gefährlicher Entschlossenheit und Beifügung eines gräßlichen Fluches fragte, ob man ihm gutwillig öffnen oder ihn mit Gewalt eindringen sehen wolle.
Ein erneuter, flehender Klageruf erreichte Heinrich's Ohr; derselbe wurde indessen wieder durch einen Fluch des außen Harrenden übertäubt.
»Weib,« rief derselbe mit vor Zorn bebender, aber unterdrückter Stimme aus, »reize mich nicht durch Deinen nutzlosen Widerstand; Du weißt, wozu ich im Stande bin! Oeffne mir die Thür, oder ich zünde Euch die Bude über dem Kopfe an und zeuge schließlich gegen Euch! Oeffne also die Hausthür oder, besser noch, gieb mir den Schlüssel; ich habe Wichtiges mit Dir zu besprechen - oder bildest Du Dir ein, ich sei in diesem Hundewetter gekommen, nur um einen Liebesblick mit Dir auszutauschen und dann wieder davonzugehen?«
Die letzten Worte sprach er besänftigter, weil er sah, daß man seinen Befehlen Folge leistete. Es wurde wirklich gleich darauf der eine Fensterflügel geöffnet, und Heinrich bemerkte, daß ein hagerer weiblicher Arm den Schlüssel hinausreichte.
»Du versprachst mir ...« begann eine unendlich traurige Stimme, die Heinrich sogleich für die der Frau Merle erkannte.
»Der Satan hat Dir etwas versprochen,« fiel der Mann der Unglücklichen in die Rede, »und versprach ich Dir Etwas und finde ich es jetzt für angemessen, mein Versprechen nicht zu halten, so ist das meine, und nicht Deine Sache!«
Die Frau antwortete nicht und schloß das Fenster; der Mann aber schritt eilig nach der Thüre herum. Der Schlüssel klirrte im Schlosse, und gleich darauf ward die Thür von innen wieder verriegelt.
Bis zu diesem Augenblicke hatte Heinrich auf seinem Posten kaum zu athmen gewagt. Die Ueberzeugung, daß er sich vor den Pforten des Geheimnisses befinde, in welches einzudringen Renate und der Doctor sich schon längst vergeblich bemüht hatten, ferner das für die arme, verfolgte Frau erwachte Mitleid und eine gewisse Lust an allem Abenteuerlichen - dies Alles hatte schnell den Entschluß in ihm zur Reife gebracht, nicht zu weichen, bevor es ihm gelungen sein würde, Zuverlässiges über das Verhältniß der Frau Merle zu dem zu ihr eingedrungenen Manne zu erfahren.
Die Hausthür hatte sich kaum geschlossen, da war er durch das angelehnte Pförtchen in den kleinen Vorgarten eingetreten, und als er endlich annehmen durfte, daß der Fremde sich in der Kammer bei Mutter und Kind befinde, schlich er behutsam nach derselben Stelle hin, von welcher aus der von ihm Beobachtete kurz vorher durch das Fenster gespäht hatte. Nur vorsichtiger, als jener, ging er dabei zu Werke, indem es ihm wichtiger erschien, Einzelnes von der im Innern geführten Unterhaltung zu vernehmen und seinem Gedächtnisse einzuprägen, als auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden, einen Blick auf das Gesicht des gewaltsam Eingedrungenen zu erhaschen.
Als er vor dem Fenster eintraf, hatte das Gespräch bereits begonnen, denn das, was die Frau sagte, klang wie eine Entgegnung auf die rauhe Anrede, mit welcher der Mann sie ohne Zweifel begrüßt hatte.
»Willst Du mich durchaus noch unglücklicher machen, wie ich bereits bin?« fragte sie in verzweiflungsvollem Tone, der Heinrich durch die Seele schnitt. »Gönne mir doch das Leben, ich will es ja nicht für mich, sondern nur für unser Kind fristen! Du versprachst mir, Dich nicht mehr um uns zu kümmern, uns unserem Schicksale zu überlassen, und nun bist Du wieder da, um mich zu martern und den letzten Schimmer von Ruhe auf ewig von uns zu verscheuchen!«
»Ich mich nicht um Euch kümmern?« fragte Merle höhnisch. »Ich will mich aber um Euch kümmern, denn ich habe ein Recht dazu, und Euch bringt es Vortheil - sieh' nur her, hier ist ein blankes Goldstück, dafür sollst Du dem Riekchen ein seidenes Kleid kaufen, wie Deine Gräfin kein schöneres hat!«
»Behalte das Sündengeld,« entgegnete die Frau mit einem solchen Ausdrucke der Abscheu, daß Heinrich sich unwillkürlich dem Fenster näherte, um einen Blick in die Kammer zu werfen, »meine Hand soll es nicht berühren, meine Tochter soll nicht dafür gekleidet werden, lieber wollen wir Beide wieder betteln gehen!«
Merle stieß ein wildes Lachen aus, und seine Arme über der Brust kreuzend, trat er von dem Lager seiner Frau zurück, wie um dieselbe durch seine drohenden Blicke einzuschüchtern.
Heinrich gewann dadurch Gelegenheit, nicht nur die ganze Scene genauer zu betrachten, sondern auch Merle's Physiognomie kennen zu lernen.
Die Frau lag, mit dem Gesicht der Wand zugekehrt, auf ihrem einfachen Bette, und Heinrich glaubte zu bemerken, daß sie heftig zuckte und unter der Decke verzweiflungsvoll die Hände rang. Riekchen dagegen schlief noch immer fest; die rauhe Stimme und das rücksichtslose Benehmen des Vaters hatten das Kind den Armen des todähnlichen Schlummers nicht zu entreißen vermocht.
Merle nun wieder bot ein ganz anderes Bild, als Heinrich zu sehen erwartet hatte; denn nicht ein zerlumpter Vagabund war es, der mitten in dem Kämmerchen stand und, als hätte er in seine Augen die Zauberkraft einer Schlange legen mögen, auf die verzweifelnde Frau hinstierte, sondern ein mit einem blauen Mantel und Tressenhut bekleideter Kutscher, der, trotz des aus seinem Zeuge triefenden Regenwassers und der von flüchtigen Hufen herrührenden Spuren morastiger Wege, sich mit seiner herausfordernden Haltung und dem kühn emporgedrehten Schnurrbarte recht stattlich ausnahm.
Anfangs wußte Heinrich nicht, was er von dieser seltsamen Erscheinung denken sollte; doch bald genug überzeugte er sich, daß er einen Gauner der gefährlichsten und verwegensten Art vor sich habe, dem, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu bot und seine Leidenschaften entflammt waren, die Ausübung der strafbarsten Verbrechen zugetraut werden durfte.
Als Merle nach längerem Harren einsah, daß seine drohenden Blicke machtlos an der unglücklichen Frau abprallten, trat er dicht an ihr Lager heran, und seine Hand schwer auf ihre Schulter legend, befahl er ihr mit barschen Worten, sich nach ihm umzuwenden.
Die Frau gehorchte mit dem Ausdruck einer Märtyrin.
»Sei verständig, Weib, und betrachte mich!« hob Merle mit feierlichem, aber widerwärtigem Wesen an; »fällt Dir an mir nichts auf?«
»Mein Gott, Du hast einen Dienst angenommen!« rief die Frau laut aus, und indem sie sich halb emporrichtete, glänzte eine helle Freude aus ihren Augen.
»Ja, Frau, einen Dienst, der mich in den Stand setzt, wie ein großer Herr zu leben.«
»Du bist Kutscher geworden? Gott sei es gedankt, daß ich nicht mehr mit Todesangst Deiner zu gedenken brauche!«
»Kutscher, Laufbursche, Vertrauter eines großen Herrn, Alles, was Du willst, bin ich geworden.«
»Aber bei wem?«
»So fragt man die Leute aus!« erwiderte Merle hohnlachend. »Einen bestimmten Herrn habe ich nicht, hahaha - ich und einen bestimmten Herrn, der mich wie einen Hund behandeln dürfte! Nein, so tief habe ich mich noch nicht erniedrigt! Heute nur bin ich Kutscher gewesen, heute wie die letzten acht Tage, und dazu noch heimlich Kutscher eines großen Herrn, aber mit einer einzigen Fahrt habe ich mehr verdient, als irgend ein anderer Kutscher der Stadt im ganzen Jahre!«
Bei dieser Kundmachung sank die Frau, wie bis zum Tode erschöpft, mit einem tiefen Seufzer auf ihr Lager zurück.
»Du willst also kein Erbarmen mit mir und Deinem Kinde haben!« sagte sie so leise, daß Heinrich sie kaum verstand.
»Albernheiten,« versetzte Merle; »Du verdienst Deinen Unterhalt auf Deine Art, und ich den meinigen auf meine Art, und wer am besten dabei fährt, ist nicht schwer zu begreifen. Ja, ja, es geht nichts über Protection, und Protection besitze ich in so hohem Grade, daß ich etwas davon auf Dich übertragen kann.«
»Ich brauche keine Protection,« entgegnete die Frau halb flehend, halb trotzig; »sage nur gleich gerade heraus, was Dich heute wieder zu meinem Unglücke hierhergeführt hat, und wecke das Kind nicht. Ich selbst kann Alles ertragen, aber daß Du das Leben unserer Tochter vergiftest, indem Du sie zu Lug und Trug zwingst, das ertrage ich nicht länger.«
»Ich frage Dich nicht, ob Dir an meiner Protection gelegen ist!« rief Merle mit einem so lauten Lachen, daß das Kind in seinem Bettchen erschreckt zusammenfuhr und sich schlaftrunken auf die andere Seite warf. »Ich sage Dir, Du sollst die Protection genießen, Du magst nun wollen oder nicht! Und wird Dir der Anfang auch schwer, so wird es Dir bald genug so leicht werden, daß Du Dich gern nach mehr derartigen Protectionen sehnst!«
Hier schwieg er, wie um eine Entgegnung seiner Frau abzuwarten. Als diese aber statt aller Antwort nur leise wimmerte und ihre Blicke stier auf die Decke gerichtet hielt, fuhr er wieder fort:
»Ich scheue mich nicht, vertrauensvoll zu Dir zu sprechen - Du hast ja bewiesen, daß Du schweigen kannst - erstens, um Deinen Herrn Ehegemahl nicht in's Zuchthaus zu bringen, wohin Du ihm bald nachfolgen würdest, zweitens, weil ein Wort von Dir Deiner Tochter Todesurtheil unterschreiben hieße. Ich habe also nicht nöthig, Dir noch einmal Vorsicht und Verschwiegenheit einzuprägen. Daß mir das von Dir gestohlene Blatt aus dem Kirchenbuche einen guten Groschen Geld eingetragen hat, weißt Du; womit ich in dieser Nacht eine ganz anständige Summe verdiente, brauchst Du nicht zu wissen, doch theile ich Dir zu Deiner Beruhigung mit, daß das Zurverantwortungziehen meiner armseligen Person auch einen hohen Herrn in Ungelegenheit brächte, und umgekehrt, daß also beide Theile die triftigsten Gründe haben, reinen Mund zu halten. Mit der Begebenheit dieser Nacht ist also nichts mehr zu verdienen, weshalb ich gezwungen bin, etwas zurückzugreifen, um meiner Protection neue Daumschrauben anzulegen, wozu ich indessen Deines Beistandes bedarf.«
»Nie, nie, niemals werde ich zu Gunsten Deiner strafwürdigen Gelderpressungen auch nur ein Glied rühren!« rief die Frau schmerzlich aus, und ein Blick der tiefsten Abscheu traf ihren Mann. »Mache mit mir und meinem Kinde, was Du willst, aber zu neuen Schandthaten zwingst Du mich nicht! Ich habe mich einmal im Leben verleiten lassen, und ich büße es schwer!«
»Und dennoch wirst Du mir helfen,« lachte der Gauner erzwungen, um nicht seinem Zorne die Oberhand über sich einzuräumen, »und im Grunde dreht sich die ganze Geschichte ja auch nur um Dein erstes Verbrechen, welches noch etwas ausgebeutet werden soll.
»Doch zur Sache. Das Papier gab ich fort; ich, gab es für eine lumpige Summe fort, um es hinterher in Flammen aufgehen zu sehen. Ich hätte die doppelte, die dreifache, ja, ich glaube, die vierfache Summe fordern können, und sie wäre mir nicht verweigert worden; doch die Sache ist einmal geschehen und läßt sich nicht mehr ändern. Glücklicher Weise war ich damals schlau genug, nicht nur meine Dienste für ganz besonders zarte Vorkommenheiten anzubieten, sondern auch den Leuten weiß zu machen, Du, meine mir angetraute Ehehälfte, die einst so geschickt das Blatt aus dem Kirchenbuche entwendete, habest das Zeitliche gesegnet und mir sterbend den Schatz in die Hand gedrückt.
»Meine Absicht ist nun folgende: Da ich für das Papier weit weniger erhielt, als es werth war, dasselbe aber in Folge des Verbrennens selbst für die Finger des geschicktesten Taschenspielers unerreichbar geworden ist, so wirst Du hoffentlich nichts dagegen einwenden, wenn ich Dich an Stelle des Documentes benutze, das heißt, um den Herrn Grafen etwas mit Deiner Person und dem von Dir abzulegenden Geständnisse einzuschüchtern.«
»Den Grafen,« fragte die Frau entsetzt, »denselben Bösewicht, der mich in's Elend stürzte? Wo hast Du ihn gefunden? Führe ihn nur hierher ...«
»Sieh, sieh,« spöttelte Merle, »wie eilig Du es plötzlich hast, Du kommst mir ja schon zuvor! Das war es ja eben, was ich wollte; nur möchte ich vorher genau mit Dir verabreden, was Du ihm mitzutheilen und auf seine etwaigen Fragen zu antworten hast.«
»Das bedarf keiner Verabredung,« entgegnete die Frau mit einer seltsamen Hast, »ich werde ihn bitten, fußfällig ihn anflehen, das Unrecht zu sühnen, welches vielleicht aus dem von mir begangenen Verbrechen entsprungen ist, und gewährt er mir das, dann, ja dann will ich ruhig sterben, denn lange kann es mit mir doch nicht mehr so fortgehen ...«
»Unrecht sühnen?« rief Merle so laut aus, daß seine Tochter darüber erwachte, sich in ihrem Bettchen aufrecht hinsetzte und, noch halb im Traume und sprachlos vor Schrecken, zu ihm hinüberstarrte. - »Unrecht sühnen?« wiederholte er noch einmal mit aufsteigendem Zorne. »Hahaha, welch kindlicher Gedanke! Als ob ein Mann, der mich für mein Schweigen hoch bezahlte und noch viel, viel höher bezahlen soll, sich um das Flehen eines alten Weibes kümmern oder auch nur darauf hinhören würde! Gott sei Dank, die Sache ist jetzt so verwickelt, wie sie werden kann! Der Graf kann nicht mehr rückwärts, er muß vorwärts, und hätte er selbst nicht ungeheure Vortheile davon gehabt, würde er schwerlich das Blatt haben stehlen lassen, noch weniger aber jetzt so bedeutende Opfer bringen, um meine Verschwiegenheit zu erkaufen. Hätte er aber wirklich keine Vortheile davon gehabt, was geht das mich an? Mir ist zu Muthe, wie dem Löwen, der Blut geschmeckt hat; der Graf muß zahlen, gleichviel, ob aus Furcht oder aus Hochmuth, und Dich habe ich zum Mittel auserkoren, einen gehörigen Druck auf ihn auszuüben.«
»Nie, nie, und sollte ich auf der Stelle meinen Geist aushauchen!« stöhnte die Frau kaum verständlich.
»Du wirst dennoch meinen Befehlen folgen, oder ...« versetzte Merle grimmig, indem er die Fäuste ballte und sich über seine Frau hinneigte.
Diese blieb stumm und starr liegen, ihre Augen mit verzweiflungsvoller Entschlossenheit auf den Gauner richtend.
Heinrich, von Mitgefühl getrieben, stand im Begriffe, an's Fenster zu klopfen, als ein ängstlicher Ruf des Kindes den vor Wuth halb wahnwitzigen Gauner zur Besinnung brachte.
»Ja, Du wirst nach meinen Vorschriften handeln,« wiederholte er zähneknirschend, und mit erzwungener Ruhe verschränkte er seine Arme über der Brust, »oder ich kümmere mich nicht weiter darum, ob ich uns Alle in's Zuchthaus bringe. Dein Schweigen verkaufe ich, wie ich das Papier verkauft habe, und wehe Dir und Deinem Kinde, wenn Du mir durch ein zur Unzeit gesprochenes Wort den Handel verdirbst! Hast Du mich verstanden?«
»Ich habe Dich verstanden und weiß, was ich zu thun habe,« antwortete die Frau mit dem Muthe der Verzweiflung.
Eine Weile stand Merle förmlich starr vor Erstaunen da; eine solche Verwegenheit hatte er der schwachen, leidenden Frau nicht zugetraut. Seine blutunterlaufenen Augen drängten sich aus ihren Höhlen, und wie um einen Gegenstand zu entdecken, an dem er seinen Zorn auslassen könne, wanderten seine Blicke wild in dem engen Raume umher.
Da bemerkte er Riekchen, welche zusammengekauert unter der Decke saß und mit einem sprechenden Ausdrucke von Todesangst des Vaters Benehmen und Bewegungen beobachtete, und ein Blitz des Triumphes flog über sein entstelltes Gesicht.
»Komm!« keuchte er mit heiserer Stimme, indem er das bebende Kind, welches keinen Ton von sich zu geben wagte, heftig am Arme packte und aus dem Bette riß, und zugleich löste er einen schmalen Riemen, der unter dem Livreemantel seine Kleider zusammenhielt.
»O, schlage mich nicht so sehr!« wimmerte das Kind leise, auf seine Kniee sinkend.
»Rühre es an, und ich selbst gehe hin, um Dich den Händen der Polizei zu überliefern!« kreischte die Frau, indem sie Miene machte, sich von ihrem Lager zu erheben.
»So, willst Du?« fragte Merle, von dem Kinde ablassend und sich mit Unheil verkündender Ruhe seiner Frau zuwendend.
Da klopfte es leise an die Fensterscheiben.
Merle erbleichte und prallte einen Schritt von seiner Frau zurück; kaum wagte er, die Blicke nach der Richtung hinüberzusenden, aus welcher er das Klopfen vernommen hatte.
»Wer kann das sein?« fragte er plötzlich umgewandelt, denn der Muth, der ihn eben noch Frau und Kind gegenüber beseelte, war vor einem wahren Entsetzen gewichen, welches er darüber empfand, möglichenfalls belauscht worden zu sein.
Das Kind war unterdessen wieder in sein Bett geschlüpft, die Mutter lag da, wie Jemand, dem es vollständig gleichgültig ist, was um ihn her vorgeht, und noch hatte Merle es nicht über sich gewinnen können, sich dem Fenster zu nähern.
Nachdem er eine Weile gelauscht, ohne daß das Klopfen sich erneuert hätte, schien seine Fassung allmählich zurückzukehren. Einen besorgten Blick sandte er durch die Kammer, und dann trat er an das Fenster, seine Stirn, um auszuschauen, fest an die Scheiben drückend.
Doch draußen herrschte die tiefste Finsterniß; seine Blicke drangen keine zwei Fuß weit in die Nacht hinaus.
Wieder verrannen einige Minuten. Seine Hand suchte mechanisch den Fensterriegel, gleich darauf kreischte derselbe leise, und der kleine Fensterflügel schob sich nach innen.
Aengstlich lauschte er. Kein anderer Laut war zu vernehmen, als das melancholische Geräusch, mit welchem der Regen in die Dachrinnen tropfte.
»Ist Jemand da?« fragte endlich der feige Bösewicht, seine Stimme sorgfältig dämpfend.
»Ist Jemand da?« fragte er lauter, indem er den Oberkörper aus dem Fenster neigte und vorsichtig um sich spähte.
Doch Niemand antwortete und Niemand war zu entdecken, denn Heinrich hatte sich, sobald er durch sein rechtzeitiges Klopfen einem entwürdigenden Auftritte brutaler Rohheit vorgebeugt, bis hinter die Ecke des Hauses zurückgezogen.
»Ich frage, wer hier zur Nachtzeit um ehrlicher Leute Häuser herumschleicht?« fragte Merle nach einer längeren Pause, und zwar mit einer Stimme, die deutlich seine Besorgniß verrieth.
Da schallte ein leiser Pfiff von der Straße herüber.
»Aha!« rief der Gauner erleichterten Herzens aus, und nachdem er in gleicher Weise geantwortet, zog er sich zurück, das Fenster behutsam verriegelnd.
Auch Heinrich hatte das Signal vernommen, welches ohne Zweifel von einem Genossen Merle's herrührte, und er pries sich glücklich, rechtzeitig von dem Fenster fortgetreten zu sein, indem er sonst unbedingt von der Straße aus ebenso beobachtet worden wäre, wie er kurz vorher den Gauner entdeckt hatte.
»Hast Du irgend Etwas mit dem Klopfen zu thun, so magst Du auf Deiner Hut sein,« sagte Merle, indem, er sich anschickte, das Gemach zu verlassen; »ich spreche in einigen Tagen wieder vor, bis dahin wirst Du Dir die Sache hoffentlich überlegt haben. Adieu, Riekchen! Wenn Du Jemandem sagst, daß ich hier gewesen, so werfen sie Deinen Vater in's Gefängniß. Ich werde die Hausthür verschließen; stelle Du Dich statt Deiner Mutter an's Fenster und nimm mir den Schlüssel ab.«
Mit diesen Worten schlich er aus der Kammer und zum Hause hinaus, und bald darauf trat er auf die Giebelseite desselben, den Schlüssel durch das halbgeöffnete Fenster hineinreichend.
Zwei oder drei Männer waren in seiner Begleitung gekommen, jedoch an der Ecke des Hauses, ihn erwartend, stehen geblieben.
Heinrich, der sich, um einer Entdeckung zu entgehen, dicht an die Mauer gedrückt und niedergelegt hatte, glaubte wenigstens in seiner günstigen Lage, die Gestalten zweier Männer zu entdecken; doch fielen dieselben so sehr mit dem Schatten des Gebäudes zusammen, daß er sie nicht genau unterscheiden konnte.
Als Merle sich den auf ihn Harrenden wieder zugesellte, flüsterten sie eine kurze Zeit sehr eifrig mit einander. Was gesprochen wurde, ging für Heinrich verloren; erst ganz zuletzt drang die Stimme desselben Mannes, den er in der Kammer beobachtet hatte, wieder bis zu ihm.
»Ich kann mich also fest darauf verlassen, daß Keiner von Euch geklopft hat?« fragte er mit besorgtem Ausdrucke.
»Um zu klopfen, hätten wir uns doch vor allen Dingen im Garten befinden müssen; Du hast entweder geträumt oder ein Glas zu viel getrunken,« lautete die von einer andern, tiefen Männerstimme ertheilte Antwort.
»Keins von Beiden,« entgegnete Merle ungeduldig, »ich hörte es so genau, wie ich Euch sprechen höre; jedenfalls will ich noch einmal um das Haus herumgehen - stellt Ihr Euch an den Thorweg und gebt Acht, ob Jemand den Garten verläßt.«
Indem Merle noch sprach, kam er auch schon wieder auf Heinrich zu, während seine Genossen langsam nach der Gartenpforte hinschritten.
Den jungen Officier, obgleich er nicht unbewaffnet war und jederzeit seinen Mann stand, beschlich dennoch ein umheimliches Gefühl, als Merle ihn fast mit den Füßen streifte und er der Möglichkeit gedachte, von den Gaunern überwältigt zu werden. Er schmiegte sich daher so dicht, wie nur immer möglich, an die Fundamentmauer des Hauses an und nicht eher bewegte er sich von der Stelle, als bis er vernahm, daß die Gartenpforte hinter den sich entfernenden Vagabunden zufiel. -
Merle hatte kaum das enge Schlafgemach verlassen, da sprang seine Frau von ihrem Lager, und nachdem sie hastig das Nachtlämpchen ausgelöscht, eilte sie an's Fenster.
Sie hörte deutlich, daß Merle mit anderen Männern fast unter ihrem Fenster zusammentraf, sie sah ihn vorbeischreiten und vernahm, wie derselbe mit seinen Genossen den Garten verließ, und ein neuer Schrecken drohte, ihr das Bewußtsein zu rauben, als abermals eine dicht verhüllte Gestalt vor dem Fenster vorüberglitt und demnächst der Gartenpforte zuschlich.
»Sie sind ihm auf der Spur,« seufzte sie, indem sie nach ihrem Lager zurückschwankte, »sie werden ihn verfolgen und inmitten der Ausübung einer schmachvollen Handlung festnehmen, und er - er ist der Vater meiner armen, gebrandmarkten Tochter!«
Von solchen Gedanken gefoltert, wand sie sich schlaflos auf ihrem Lager.
Sie dachte daran, sich vertrauensvoll an den gütigen Arzt und dessen freundliche Gefährtin zu wenden und Hülfe und Schutz von ihnen zu erstehen; aber immer wieder kam sie davon zurück. »Er ist Dein Gatte, der Vater Deines Kindes!« tönte es ihr sausend in den Ohren. »Er ist Dein Gatte, der Vater Deines Kindes!« hallte es gellend in ihrem Innern nach.

15. Das Complot.

Als Heinrich Bergmann sich zuerst auf seinen Posten begeben hatte, dachte er fast nur an die Ueberraschung seines Onkels und die Freude Renatens, daß es ihm gelungen sei, endlich einen Faden zu finden, der, ohne die Hülfe der Gerichtsbarkeit in Anspruch zu nehmen, zu immer neuen Aufklärungen bestehender Geheimnisse führen mußte. Je länger er aber lauschte und je mehr er einen Einblick in das verderbliche Gewebe gewann, mit welchem die unglückliche Frau umstrickt war, in um so höherem Grade wuchs auch seine Theilnahme für deren durch die Mitleidenschaft ihrer Tochter noch verdoppelte Qualen, so daß er zuletzt nur noch von dem Gefühle: »zu rathen und zu helfen,« beseelt war.
Wie dies zu ermöglichen sei, war ihm zwar noch ein Räthsel; denn er hatte ja nur gerade so viel vernommen, wie erforderlich war, seine Spannung zu erhöhen, das dringende Verlangen in ihm anzuregen, mehr zu erfahren und dadurch einen klareren Begriff von den Verhältnissen zu gewinnen, in welche ohne Zweifel außer der unglücklichen Mutter auch noch andere Menschen verwickelt waren; allein es hinderte ihn ja nichts, die gemachten Entdeckungen auf eigene Hand weiter auszubeuten. Er beschloß daher, vorläufig allein zu handeln und dann erst den Doctor und Renate von seinem Verfahren in Kenntniß zu setzen, wenn er den Weg zur vollständigen Aufklärung der augenscheinlich weittragenden Geheimnisse geebnet haben würde.
Daß aber Geheimnisse von großer Tragweite vorlagen, erkannte er schon nach den ersten zwischen den beiden Gatten gewechselten Worten; und seine auftauchenden Vermuthungen erhielten die sicherste Bestätigung durch die Verkleidung des Gauners und durch dessen Prahlen mit dem reichen Lohne für eine einzige nächtliche Fahrt.
Die Erwähnung eines Grafen setzte ihn in Erstaunen. Anfangs glaubte er, daß diese Bezeichnung nur ein scherzhafter Beiname für irgend eine Persönlichkeit aus Merle's näherem Umgangskreise sei; doch er überzeugte sich bald vom Gegentheil.
Das Gespräch über das entwendete Document, welcher Art es auch immer sein mochte, verstand er leichter. Er brachte es in Zusammenhang mit den Mittheilungen, welche ihm der Doctor über seinen ersten Besuch bei der kranken Frau und deren laut geäußerten Wunsch, ein Geheimniß zu enthüllen, gemacht hatte. Das betreffende Papier war allerdings, nach Merle's Aussage, vernichtet worden; dagegen ging aus seinen weiteren Aeußerungen hervor, daß seine Frau im Stande sei, das vernichtete Papier durch ihre Aussagen zu ersetzen.
Es handelte sich also vorzugsweise darum, diese zum Sprechen zu bewegen - jedenfalls die schwierigste Aufgabe, weil sie für Leben und Gesundheit ihres Kindes fürchtete.
Dies erwägend, beschloß er, die Gesellschaft der verdächtigen Männer so lange, wie nur irgend thunlich, in den Augen zu behalten; er hoffte zuversichtlich, daß ihm dadurch noch andere Fäden in die Hand gespielt würden, von denen weitere Enthüllungen zu erwarten standen. -
Die vier Gauner hatten den Garten kaum verlassen, da schlich Heinrich nach dem Pförtchen hin, um sich vor Allem Kenntniß von der Richtung zu verschaffen, welche dieselben einschlagen würden.
Die schweren Tritte und lauten Stimmen davonschreitender Männer drangen aus einiger Entfernung zu ihm herüber, und schon stand er im Begriff, seine Hand an die Thürklinke zu legen, als ein leises Husten auf der andern Seite des Bretterzaunes ihn stutzen machte.
Dasselbe kam von dem einen Ende der Umzäunung her und wurde sogleich auf dem andern Ende in derselben Weise beantwortet.
»Wäre ein Fremder im Garten gewesen, hätte er ihn jetzt gewiß längst verlassen; das Fensterklopfen wird Dir wohl geträumt haben,« sagte der, welcher zuletzt gehustet hatte, mit vorsichtig gedämpfter Stimme. »Komm, laß uns gehen; der Teufel mag bei dem Hundewetter hier Wache halten!«
»Ich glaube selbst, daß ich mich verhörte,« entgegnete Merle eben so gedämpft, indem er dem Gefährten langsam entgegenschritt und endlich gerade neben der Pforte mit ihm zusammentraf, wodurch Beide sich keine zwei Schritte weit von dem überraschten Officier befanden. »Aber weißt Du, Bruder,« fuhr Merle darauf noch leiser fort, »mir war weniger darum zu thun, hier zu lauern, als ein Wort mit Dir im Vertrauen zu sprechen; ich gebrauchte die Finte, um die Beiden zu entfernen.«
Merle's Genosse lachte verstohlen.
»Schlau genug ausgedacht hast Du's,« versetzte er sodann; »aber sie werden nicht ohne uns davongehen, Du siehst, sie stehen unter der Laterne und warten auf uns.«
»So lange wir hier Wache halten, werden sie nicht ungeduldig, es gilt ja der allgemeinen Sicherheit, und was ich Dir mitzutheilen habe, sind nur ein paar Worte.«
»Wohl über das Kind?«
»Ganz richtig; in dieser Nacht ist der Spaß endlich gelungen ...«
»Ich weiß es schon.«
»Was Teufel, wer hat Dir das verrathen?«
»Sehr einfach: ich wünschte zu erfahren, wie es abgelaufen sei, und trieb mich in der Nachbarschaft von Deines Grafen Ställen umher. Ich sah Dich vom Bocke steigen und hörte, wie Du mit dem Ausdrucke eines verkleideten vornehmen Herrn zu dem dienstfertigen Stallknechte sagtest: ›Morgen werde ich die Pferde nicht gebrauchen; grüße Deinen Herrn!‹ Da Du die Richtung nach dem Thore einschlugst, vermuthete ich, Du würdest Deiner Frau einen Besuch abstatten, und holte die Kameraden herbei, um Dich abzufassen; das ist die ganze Begebenheit.«
»Hättest sie lieber nicht mitbringen sollen; da es aber einmal geschehen ist, schadet's nicht weiter. Ich habe einen Plan, bei welchen ich ihres Beistandes ebenfalls bedarf.«
»Hast Du Geld?«
»Geld im Ueberfluß; aber warum?«
»Weil wir nicht gern umsonst arbeiten.«
»Keine Noth; wir Alle werden verdienen, wir Beide aber am meisten. Wir müssen nämlich das gestohlene Kind auf alle Fälle und unter jeder Bedingung in unsern Besitz bringen. Wo wir es am besten verbergen, weiß ich noch nicht; wohl aber weiß ich, daß die Leute, welche es mit so viel Aufwand an Geld und Zeit nach der Stadt hereinholten, uns Goldberge geben, wenn wir es ihnen wieder verschaffen; Du verstehst mich wohl: nach einigen vergeblichen und sehr kostspieligen Versuchen wieder verschaffen.«
»Ich verstehe ganz genau; was aber wird die Polizei sagen? Du weißt, die ist nicht gut auf uns zu sprechen.«
»Die Polizei erhält keine Ahnung davon; und selbst wenn wir betroffen würden, hätten wir kaum etwas zu befürchten, indem vornehme Herrschaften mit in die Geschichte verwickelt sind.«
»Nun und weiter?«
»Ich kann Dir jetzt nur einen flüchtigen Bericht über meinen Plan geben; derselbe wird aber ausreichen, Dich etwas bekannt mit der Lage des Hauses zu machen - wir gehen nämlich jetzt auf dem nächsten Wege davon und das Uebrige können wir im Laufe des Tages besprechen. Bist Du je im Hause der schönen Rosalie gewesen?«
»Nein - obwohl ich sie in früheren Jahren zuweilen gesehen habe, würde ich sie jetzt kaum noch wieder erkennen; sie soll ihr Glück gemacht haben.«
»Ein fabelhaftes Glück, doch das ist Nebensache; jedenfalls wird sie Dich nicht kennen, wenn Du als vornehmer Junker ihr Haus betrittst, um - nun, um eine Flasche Rheinwein zu trinken, denn Branntwein giebt es dort nicht. Unter ihrer Obhut befindet sich das entführte Mädchen, und ehe noch die Nacht hereinbricht, hoffe ich durch Bekannte die Stube oder Kammer ausfindig gemacht zu haben, in welcher das Kind untergebracht worden ist. Deine Aufgabe soll es dann sein, das Kind heimlich aus dem Hause zu schaffen, und haben wir es erst auf der Straße, können wir es hinbringen, wohin wir wollen.«
»Gutwillig?«
»Ganz gutwillig, verlaß Dich darauf; ich kenne ein Mittelchen, welches nicht fehlschlägt, nämlich die Namen der Leute, denen wir es entführt haben und zu welchen es für sein Leben gern zurückgebracht werden möchte - aber zwischen zwölf und zwei Uhr in der nächsten Nacht muß es geschehen.«
»Warum so bald? Laß es doch erst warm werden in dem neuen Neste.«
»Nein, nein, das geht nicht; gelingt es uns nicht in den nächsten drei Tagen, so mögen wir immerhin von ferneren Versuchen abstehen.«
»Weshalb?«
»Einestheils erwartet man in den nächsten Tagen am allerwenigsten eine neue Entführung,« entgegnete Merle mit Entschiedenheit, »und dann dürfen wir des Kindes Schmerz um seine Bauersleute nicht unbenutzt vorübergehen und erkalten lassen. Hättest nur hören sollen, wie es nach seinen Bauersleuten schrie und jammerte; einen Stein konnte es erbarmen.«
Ein Pfiff von dem Ende der Gasse her, wo die beiden anderen Gauner noch immer unter der Laterne standen, machte Merle verstummen.
»Wahrhaftig, sie werden ungeduldig,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, indem er sich mit seinem Gefährten langsam in Bewegung setzten, »nun, Du kennst jetzt die Hauptsachen. Merke nur auf jedes Wort, welches ich vor dem Hause zu Dir spreche, und richte Dich vorläufig schon immer zu morgen Abend, oder vielmehr heute Abend, ein und ...«
Was Merle weiter sprach, verstand Heinrich nicht mehr, denn mit beschleunigter Eile schritten die beiden Gauner ihren Genossen zu.
Heinrich blickte über die Einfriedigung den sich Entfernenden nach, allein nicht eher öffnete er die Pforte, als bis er sich überzeugt hatte, daß vier Personen aus dem Scheine der Laterne nach dem Stadtthore zu um die Straßenecke herumgebogen waren. Dann aber trat er aus dem Gärtchen auf die finstere Gasse hinaus, und flüchtigen Schrittes begab er sich nach der nunmehr wieder vereinsamten Laterne hin.
Als er bei derselben eintraf, hatten die Gauner gerade so viel Vorsprung vor ihm, wie nöthig war, ihnen unbeobachtet folgen zu können und sie dabei nicht aus den Augen zu verlieren. So gelangte er mit ihnen durch das Thor, und zu welch weiten Umwegen die vier gefährlichen Genossen sich auch bequemten, und wie unabänderlich der feine Regen niedersank, er folgte ihnen auf Schritt und Tritt nach.
Mit der Annäherung des Morgens verstärkte sich auch der Wind, und schwerer wurden die Tropfen, die von dem Luftzuge prasselnd gegen die Fensterscheiben geschleudert wurden. Laut plätscherte es in den Gossen; die Dachrinnen und Röhren ertönten wie alte, gesprungene und verstimmte Instrumente, und dazu kreischte hin und wieder ein Wetterhahn oder ein blechernes altmodisches Schild, welches, von einer langen, mit barocken Schnörkeln und Arabesken verzierten eisernen Stange fahnenartig niederhängend, die Embleme irgend eines Gewerkes zur Schau trug und das Haus als eine ehrbare Herberge bezeichnete.
Ohnmächtig flackerten und kämpften die Flammen in den Laternen gegen die mit mörderischen Absichten zu ihnen eindringende Zugluft; indem die verkümmerte Beleuchtung in steter Verwandlung begriffen war, tanzten die Schatten der Laternenpfosten, bald sich über die ganze Breite der Straße hin ausdehnend, bald zu einem kleinen Cirkel zusammenschrumpfend.
Aber auch die Schatten in den Fenstervertiefungen und hoch oben an den Dachgesimsen verwandelten sich beständig, nur daß dort der Contrast zwischen Licht und Schatten, theils durch die größere Entfernung, theils durch den niederströmenden Regen, mehr abgestumpft wurde. Die Fenster selbst sahen aus wie große Augen, und wenn die Gasflammen zeitweise so recht herzlich flackerten, dann schien es, als ob die ganzen Häuser zitterten und bebten vor lauter Nässe und Kälte, während sie mit ihren großen Augen, wie vor Uebermüdung, verschlafen blinzelten und dabei doch nicht zur Ruhe kommen konnten.
Die Wächter dagegen verstanden es besser; die hatten ihre Schafspelze dicht um sich zusammengeschnürt und sich auf die Treppenstufen der überbauten Thorwege zurückgezogen, wo sie weder der Regen, noch die verrätherisch flackernde Beleuchtung traf, und wo das Kreischen der Wetterfahnen und Herbergsschilder und das Sausen und Brausen des niederströmenden Wassers sie traulich in den Schlaf lullten. Ließen sich aber Fußtritte vernehmen und eilten vermummte Gestalten bei ihnen vorüber, gleichviel, ob verdächtige Erscheinungen oder ehrliche Menschen, dann klirrten sie mechanisch mit den Schlüsseln, damit man nicht vergesse, daß es auch Wächter der öffentlichen Sicherheit gebe und man sich hüten möge, deren Aufmerksamkeit durch nächtlichen Unfug auf sich zu lenken; und dann, wenn sie mit dem Schlüsselbunde geklirrt hatten, schliefen sie im Bewußtsein getreuer Pflichterfüllung, ruhig weiter, ohne dabei zu blinzeln, wie die Fenster, oder zu schaudern, wie die armen, nassen Häuser. Sie schliefen sanft und ruhig, wie die Tausende und aber Tausende von Menschen, die so merkwürdig in den fünf- und sechsstöckigen Häusern vertheilt waren und, Jeder auf seine Art, sich behaglich und wohnlich eingerichtet hatten, im feuchten Keller wie im stattlichen Parterre, in den glänzenden Mittelstockwerken wie hoch oben unter der Dachfirst, wo sie den Vortheil genossen, dem Himmel um so näher zu sein und das Prasseln des Regens und das Kreischen der Wetterfahnen aus erster Hand zu haben.
Und dennoch schliefen nicht alle Menschen; denn wären die vier Gauner nicht in so ernste Gespräche vertieft gewesen, oder hätte Heinrich seine Blicke hin und wieder von den Gaunern abwenden wögen, dann wäre diesem wie jenen gewiß nicht entgangen, daß die dunkeln Fensterreihen zuweilen von gedämpftem, melancholischem Lichtschimmer unterbrochen wurden; und wo der Lichtschimmer in geringem Umkreise in die schwarze Regennacht hinausdrang, da schliefen die Menschen gewiß nicht alle. Da kämpfte vielleicht ein Kranker vergeblich gegen wilde Fieberphantasien, blickten thränende Augen schmerzerfüllt auf das im Tode erstarrende Antlitz eines theuren Angehörigen, oder lauschte mit Entzücken ein junges Mutterherz auf die süßen Töne eines die weite, große Welt unwirsch begrüßenden neuen Erdenbürgers.
So waren vertheilt in jedem Hause, freilich nach menschlichen Begriffen oft genug ungerecht vertheilt, des Lebens Freuden und des Lebens Leiden, ohne daß sich Einer viel um die Gefühle des Andern gekümmert hätte: Hier ein Sterbelager, dort ein mit Karten und Geld bedeckter und von abgespannten, übernächtigen Gesichtern umgebener Tisch; hier eine funkelnagelneue, seit Kurzem erst schaukelnde Wiege, dort leere Flaschen, gläserne Blicke und unsichere, schwankende Bewegungen. Doch ob in Schmerz und Trauer versenkt, oder erfüllt von süßem Entzücken, ob bestürmt von den Dämonen der Goldgier und der Habsucht, ob schwelgend in künstlich erzeugter wonniger Laune, oder wandernd im unbegrenzten Reiche der Träume: Für alle Menschen war es Nacht, für alle, ohne Unterschied des Ranges und der Geburt, strömte der Regen nieder und fegte der Wind durch die nassen, vereinsamten Straßen, daß die beweglichen Wetterhähne sich auf ihren luftigen Sitzen munter um sich selbst drehten, die alten Herbergsfahnen sich fast überschlugen und die Gasflammen häufig nur noch dürftigen, phosphorisch leuchtenden Irrlichtern ähnlich sahen.
Hu, das war eine wilde, grausige Nacht! Immer heftiger strömte der Regen nieder, immer toller tobte der Sturm; es war eine Nacht, wie geschaffen für das heimlich einherschleichende Verbrechen.
Die vier Gauner freuten sich, und indem sie ihre Schritte beschleunigten, wünschten sie, daß die folgende Nacht eben so günstig sein möchte.
Heinrich dagegen freute sich, daß sich jene nicht nach ihm umschauten und an nichts weniger dachten, als bei solchem Wetter verfolgt und beobachtet zu werden. -
Nach Verlauf einer halben Stunde und nachdem manche Straße und manche Nebengasse durchwandert worden war, bogen die vier voraufschreitenden Genossen in eine Straße ein, welche gewissermaßen die Verbindung zwischen einem vorzugsweise vom Geschäftsverkehr belebten Stadttheile und mehreren umfangreichen öffentlichen Plätzen bildete.
Als Heinrich ebenfalls diese Straße erreichte und um die Ecke herumtrat, bemerkte er, daß jene kaum hundert Schritte weit vor ihm stehen geblieben waren und, wie er im Scheine einer nahen Laterne zu erkennen glaubte, ein großes, stattliches Haus prüfend betrachteten.
Zur Umkehr war es zu spät, denn er mußte darauf rechnen, daß die an die größte Wachsamkeit gewöhnten Männer ihn bemerkt hatten und seine Bewegungen mißtrauisch beobachteten. Er beschloß daher, den eingeschlagenen Weg ruhig zu verfolgen und im Vorbeigehen die Lage des Hauses seinem Gedächtnisse einzuprägen. Es mußte dasselbe sein, dessen Merle in seiner Unterhaltung mit dem Genossen erwähnt hatte.
Durch seine sicheren Bewegungen verscheuchte erreicht den plötzlich erwachten Argwohn, doch zählte er, um ganz sicher zu gehen, die Schritte bis zu dem bezeichneten Hause. Er brauchte in Folge dessen das Gebäude nicht genauer zu betrachten, und den Kragen seines Mantels höher emporziehend, eilte er mit der von dem Wetter gleichsam gebotenen Hast vorüber.
Die Gauner beachteten ihn kaum; sie waren in eine Gruppe zusammengetreten und unterhielten sich, wie Leute, die eben im Begriffe stehen, sich von einander zu trennen.
Bevor Heinrich die Straße verließ, blickte er noch einmal verstohlen zurück. Die Gauner befanden sich noch immer auf derselben Stelle; es unterlag also kaum einem Zweifel, daß jenes das Haus war, auf welches der verabredete Anschlag unternommen werden sollte.
Der Morgen rückte näher, in manchen Wohnungen begannen die Leute sich zu regen. Der junge Officier betrachtete daher seine Aufgabe für diese Nacht als beendigt und schlug ohne weiteren Zeitverlust den Weg nach Hause ein.

16. Die treuen Rathschläge.

Trotz des schlechten Wetters hatte Doctor Bergmann früher als gewöhnlich zum Zweck seiner Krankenbesuche seinen Wagen anspannen lassen. Er wünschte im Laufe des Tages ein Stündchen zu erübrigen, um bei der Gräfin Renate, sehr wichtiger Mittheilungen wegen, vorzusprechen und gleichsam sein Herz zu erleichtern.
Er befand sich nämlich in einer außerordentlichen Aufregung, denn sein Neffe hatte ihm Merle's Besuch bei der unglücklichen Frau geschildert und ihm sogar alle Worte, die zwischen den beiden Gatten gewechselt worden waren, genau wiederholt. Das, was später zwischen Merle und seinen Gefährten verabredet worden, hatte Heinrich wohlweislich verschwiegen, obgleich er nicht bezweifelte, daß die Entführung des Kindes in naher Beziehung zu denselben Personen stehe, auf deren Veranlassung das geheimnißvolle Document entwendet und verbrannt worden war. Mußte er doch befürchten, daß der leidenschaftliche alte Herr in seiner ersten Aufregung gerade vor das Haus der sogenannten Marquise vorfuhr, mit Gewalt bei ihr eindrang und sie unter Androhung aller nur denkbaren Maßregeln aufforderte, das in ihren Händen befindliche und unrechtlicher Weise zurückgehaltene Kind herauszugeben, um hinterher verhöhnt oder auch, unter Hinweisung auf das Hausrecht, sogar selbst mit polizeilichen Maßregeln bedroht zu werden.
Uebrigens hatte der gute, menschenfreundliche Doctor an der Mitwissenschaft der neusten Entdeckungen bereits genug zu tragen, um sich keiner ruhigen Minute mehr zu erfreuen, und mit ganzem Herzen sehnte er sich danach, Renate von Allem in Kenntniß zu setzen, was ihren gemeinschaftlichen Schützling betreffe und was sein »braver, umsichtiger und warmherziger Neffe mit so viel Scharfsinn auszuforschen verstanden habe.«
Zu seinem größten Verdruß traf er indessen die Gräfin nicht zu Hause. Es blieb ihm daher nur übrig, Renate's Dienerin streng aufzutragen, daß er ihre Gebieterin in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche, und zwar in der nächsten Zeit; doch versäumte er, wie so häufig geschah, die Zeit und den Ort ihrer herbeizuführenden Zusammenkunft genauer zu bestimmen.
Er fuhr also unverrichteter Sache nach Hause. Aber auch Heinrich war zu seinem Aerger nicht anwesend, und vergeblich suchte seine sorgsame Gattin ihn zu beruhigen, indem sie darauf hinwies, daß der junge Mann wahrscheinlich wieder auf neue Entdeckungen in der bewußten Angelegenheit ausgegangen sei.
Er blieb dabei: der junge Brausekopf würde Alles verderben, wenn ihm sein väterlicher Rath und seine gediegene Erfahrung und Besonnenheit nicht zur Seite ständen; Renate müsse in Folge dessen eine noch schlechtere Meinung von ihm fassen, wie sie leider schon habe; er selbst aber würde sich hüten, ein einziges Wort zu des leichtsinnigen Burschen Gunsten zu sprechen.
Die Frau Doctor lächelte zu diesen furchtbaren Drohungen, vermied indessen eben so sorgfältig, auf die Seite des jungen Officiers zu treten, wodurch der Sturm noch um ein Erhebliches verstärkt worden wäre, wie ihrem gestrengen Herrn Gemahl beizupflichten, in welchem Falle er seinen ›ausgezeichneten Neffen‹ in Schutz genommen und das ganze Ungewitter gegen sie selbst gerichtet hätte, um schließlich wieder von der Frau Doctor über irgend eine kleine Unordnung in seiner Studirstube oder an seinem Anzug in's Verhör genommen und zurecht gewiesen zu werden.
So standen also die Sachen im Hause des Doctors Bergmann: recht viel Geräusch und im Grunde lauter Liebe und Wohlwollen, gerade umgekehrt, wie bei Herrn Seim, dem hochgeachteten und vortrefflichen Vater und Vorsteher der Anstalt für verwaiste und verwahrloste Kinder.
Ja, Herr Seim befand sich an jenem Morgen ebenfalls nicht in der besten Stimmung, allein das hätte ihm kein Mensch, und wäre er wer weiß wie scharfsichtig gewesen, angemerkt. Im Gegentheil, wer ihn so beobachtet hätte, wie auf seinen glatten Zügen ein noch erhöhter Ausdruck von Wohlwollen ruhte, wie seine Augen so milde und freundlich umherlugten und jede Gelegenheit erspähten, hier Jemandem vertraulich zuzunicken, dort wieder tändelnd sich auf einige Secunden vorwurfsvoll zu schließen; wer ihn beobachtet hätte, wie er, im Bewußtsein eines reinen Gewissens und einer unerschütterlichen Gerechtigkeitsliebe, das runde, etwas zurückgeschraubte Kinn so anmuthig auf der weißen, sorgfältig angelegten Halsbinde rieb, und wie er schmunzelte, wenn ein gewandter Seitenblick sein einnehmendes Spiegelbild traf; wie er sein graues, gelocktes Haar mit der flachen Hand aus alter Gewohnheit etwas fester an das edel geformte Haupt anpreßte, und wie er endlich gar den bei ihm Eintretenden mit einem unvergleichlich wohlthuenden Lächeln und vor Innigkeit kaum verständlichen: »Gott grüße Sie!« oder »Gott erhalte Sie!« die Hand drückte, der hätte nicht geahnt, daß unter diesem anziehenden Aeußern ein Vulcan glühte, den er nur mit Aufbietung seiner ungetheilten frommen Willenskraft vor einem verheerenden Ausbruche zu bewahren vermochte.
Ja, ein Vulcan arbeitete in der tiefen Brust des milden, rechtschaffenen Waisen-Vorstehers, und wohl hatte er Ursache, mit sich selbst zu hadern, weil es ihm endlich einmal wieder nicht ganz gelungen war, allen Menschen zu gleicher Zeit so recht zur Freude und zum Gefallen zu leben.
Doch wie hätte der so weichherzige Herr Seim es anders machen sollen? Er hatte nur Eine Seele, nur Einen Körper und nur Ein Herz, welches leider nur zu warm, zu leidenschaftlich für alles Gute und Edle schlug!
Die Frau Geheime Commissionsräthin hatte an ihn geschrieben; »hatte sie doch geschrieben einen langen und vorwurfsvollen Brief, in welchem sie aussprach ihre tiefe Entrüstung darüber, daß die Namen eitler Krämerseelen ihren Weg gefunden in der Annonce gerade unter den ihrigen und den Namen ihrer angebeteten Tochter, wogegen die Gräfin Clotilde in der Liste der Wohlthätigkeits-Vereins-Mitglieder ganz obenan stand in einer Reihe für sich, als ob sie mehr wäre, wie andere Leute. Und drohte die Frau Geheime Commissionsräthin mit ihrem gerechten Zorne, und daß sie entziehen würde dem ganzen Waisenhause ihre Protection und dem Herrn Vorsteher ihre besondere Theilnahme, im Falle ihr nicht glänzende Genugthuung würde bei nächster Gelegenheit.«
Ein solcher Brief, ein solches Verkennen seiner redlichen Absichten mußte den rechtschaffenen Herrn Seim natürlich auf's tiefste kränken, und zu verwundern war es nicht, daß er, als seine Tochter sich ihm liebevoll näherte und ihn zärtlich nach der Ursache seines verhaltenen, von ihr aber mit seltenem Scharfblicke erkannten Schmerzes fragte, sich abwendete und, eine Thräne in den Augen zerdrückend, mit einem Seitenblicke auf sein Spiegelbild ernst und dumpf hervorpreßte:
»Es ist christlicher, Unrecht leiden, als Unrecht thun.«
Ja, das brachte er mühsam hervor, und zwar mit einem Ausdrucke, daß sein harmloses Töchterchen in ihrer Verzweiflung sich nicht zu helfen wußte und ihn mit rührender Naivetät auf das Frühstück vertröstete und auf das schöne Leibgericht, mit welchem sie ihren lieben, einzigen Papa wieder zu überraschen gedachte.
O, der rechtschaffene Herr Seim hätte ja ein Herz von Granit haben müssen, wenn dasselbe bei so vielen Beweisen treuer Liebe und Hingebung nicht förmlich zerflossen wäre. Und in der That, als er vor dreißig und mehreren Jahren das holde Töchterlein zum ersten Mal auf seinen väterlichen Armen wiegte, konnte sein Stolz, sein Entzücken nicht größer gewesen sein, das allen allen Regungen so zugängliche Herz dem lieben Kinde nicht wärmer, nicht hoffnungsreicher entgegenschlagen haben, als jetzt, da dasselbe liebe Kind sich so ängstlich besorgt um des herzigen Papas Wohlbefinden zeigte.
Herr Seim vermochte denn auch wirklich nicht zu widerstehen; es kostete ihm zwar einige Mühe, allein das offene, wohlwollende Lächeln kehrte doch endlich wieder auf sein einnehmendes Antlitz zurück, mochte es immerhin in seiner Brust stürmen und toben und er den schwersten aller Kämpfe gegen die finsteren Dämonen des Zornes durchzuringen haben.
Der brave, rechtschaffene Herr Seim, an diesem gesegneten Regentage sollte der Brief der sittlich entrüsteten Frau Geheime Commissionsräthin nicht der einzige Verdruß, oder vielleicht richtiger bezeichnet: Kummer sein, der seinem biedern Herzen bestimmt war.
Seine Stube war nämlich eben leer geworden von Leuten der Anstalt, die seinen ›unmaßgeblichen Rath‹ in Anspruch zu nehmen wünschten - strenges Auftreten und scharfes Befehlen lag nicht in Herrn Seim's Charakter - und er stand eben im Begriff, nachdem er mit Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand leise über seine Lippen gefahren, nach seiner Taschenuhr zu sehen, um zu berechnen, wie lange er noch Zeit habe, bis er seinem Töchterchen, dem störrischen, eigenwilligen Dinge, den Willen thun und in die Hinterstube kommen müsse, als es leise klopfte.
Auf sein zerstreutes »Herein!« öffnete sich die Thür, und in die Stube traten Reichart und seine Schwester Marie, jedoch sehr bescheiden neben der Thür stehen bleibend.
Sie fürchteten den guten Herrn Seim zu stören, denn dieser stand bei ihrem Eintreten etwas seitwärts vom Spiegel und hatte sich so sehr in das Durchblättern eines Rechnungs-Folianten vertieft, daß die ganze übrige Welt für ihn zum mindesten auf dem Monde zu liegen schien.
Nach Verlauf von etwa zwei Minuten verirrten sich seine Blicke zufällig in den Spiegel, in welchem er die Thür bewachen konnte; kaum aber gewahrte er Reichart, dessen Besuch er längst vorhergesehen hatte, so warf er den Folianten auf den Tisch, und hastig auf den Bauern zuschreitend, streckte er ihm mit freudiger Ueberraschung beide Hände entgegen.
»Mein lieber, guter Reichart!« rief er aus, was verschafft mir die Ehre - und eine Ehre ist es, wenn man Besuch von braven, fleißigen Landleuten erhält - Sie schon in aller Frühe bei mir zu sehen?«
»Herr Seim sind beschäftigt,« entgegnete Reichart gedrückt und traurig, »wenn es den Herrn jetzt stört, können wir ja wiederkommen.«
»Liebe Kinder, wie oft soll ich wiederholen, daß Ihr mich nie stört,« versetzte Herr Seim innig, indem er Reichart's Hände kräftig schüttelte, »Ihr wißt ja ein- für allemal: meine Zeit und meine schwachen Kräfte gehören meinen Mitmenschen; wohl eine Verwandte von Ihnen?« schloß er fragend, als er bemerkte, daß Reichart einen bedeutungsvollen Blick mit Marie wechselte, der zu besagen schien: »Du siehst es selbst, mit welch' rechtschaffenem Manne wir hier zu thun haben.«
»Meine Schwester, Herr Seim,« antwortete der Büdner, während Marie sich leicht und in einer Weise verneigte, die kaum im Einklange mit ihrer schlichten Kleidung stand und Herrn Seim sichtbar befremdete.
»Ah, Ihre Schwester?« erwiderte dieser darauf, das Mädchen aufmerksam von der Seite betrachtend; »Sie scheinen verlegen zu sein, mein liebes Kind,« wendete er sich darauf an Marie, seine weiße, wohlgepflegte Hand ausstreckend, als hätte er ihr die Wangen streichen wollen, so daß diese erröthend einen Schritt zurückwich, »ängstigen Sie sich indessen nicht, mein liebes Kind, wir Stadtleute sind nicht besser, als die guten, fleißigen Bauern, und blicken Sie auf mich, als wenn ich Ihr Vater wäre - und in der That, ich bin ja beinahe alt genug, um Ihr Vater sein zu können, nicht wahr, mein lieber Reichart?« und dem Bauern wiederum die biedere Rechte hinhaltend, machte er väterlich lächelnd einen neuen Versuch, mit seiner linken Hand Mariens sammetweiche Wange zu berühren, der indessen, wie das erste Mal, vollkommen mißlang.
»Sie sind ein braves, achtungswerthes Mädchen, und ich würde stolz sein, Sie meine Tochter nennen zu dürfen,« bemerkte Herr Seim, indem er sein Kinn feierlich zurückschraubte und die Augen einige Secunden schloß, denn in Mariens Blicken, die auf ihn gerichtet waten, lag Etwas, das ihm eine gewisse Scheu einflößte; »aber liebe Kinder, ich lese in Euren Seelen, daß nicht Alles so ist, wie es sein sollte; Ihr seid verstimmt, traurig und wünscht meinen Rath. Das ist recht von Euch, sehr recht, es soll mir eine große Freude sein, Euch meinen Beistand zuzuwenden; sprecht nur immer gerade heraus, sucht nicht nach städtischen Ausdrücken, ich verstehe Alles, höre sogar gern Eure einfache und ungeschminkte Redeweise; also schüttet nur immerhin Eure Herzen vertrauensvoll vor mir aus - aber mein Gott, wo hatte ich meine Gedanken? Tretet näher, liebe Leute, nehmt Platz, man spricht freier und leichter, wenn der Körper sich ruht,« und mit schwebenden Schritten an den runden Tisch eilend, schob er Stühle für Reichart und seine Schwester hin, worauf er einen dritten für sich den beiden ersten so gegenüberstellte, daß sein Gesicht im Schatten blieb, das durch die Fenster eindringende Licht dagegen voll auf die Züge seines Besuches fiel.
Reichart kam der Aufforderung mit einer gewissen Verlegenheit nach, die Herr Seim, trotz seines Zutrauen erweckenden Wesens, nicht ganz zu verscheuchen vermochte. Marie hingegen, obwohl zögernd, folgte dem Beispiel ihres Bruders in einer Weise, die zu Herrn Seim's neuer Verwunderung deutlich bekundete, daß ihre Umgebung ihr nichts weniger, als Scheu einflößte und sie eben nur an die Ursache dachte, die sie dorthin geführt hatte.
Nachdem alle Drei sich niedergesetzt, wartete Reichart nicht darauf, daß Herr Seim die Unterhaltung eröffnete, sondern, den vom Regen genäßten Hut zwischen den Händen drehend und die Blicke fest auf den Hut gerichtet, begann er:
»Herr Seim, vor ungefähr drei Monaten ist ein Kind, ein kleines Mädchen aus Ihrer Anstalt verschwunden?«
»Leider, leider, mein guter Reichart; o, es war eine harte Zeit für mich!« antwortete Herr Seim, und seine Stimme bebte vor innerer Erregung, »warum aber erinnern Sie mich an den harten Schlag? Ja, ja, unser Lieschen ist auf unerklärliche Weise verschwunden, und gerade meinen Liebling mußte es betreffen; Sie glauben nicht, wie mir das Kind an's Herz gewachsen war.«
Reichart warf, trotz seiner gedrückten Stimmung, Marie einen triumphirenden Blick zu, diese aber hielt ihre Augen so ernst und sinnend auf den Vorsteher gerichtet, daß derselbe kaum wagte, sich mit seinen Worten an sie zu wenden.
»Wir bringen Nachricht von dem Kinde,« fuhr Reichart fort, nachdem Herr Seim seine Gedanken wieder gesammelt hatte, denn die Erinnerung an Lieschen hatte förmlich niederschmetternd auf den rechtschaffenen und weichherzigen Mann eingewirkt.
»Von Lieschen, von meinem Lieblinge?« rief Herr Seim, von seinen Gefühlen überwältigt, aus, indem er sich vornüber neigte und mit Wärme Reichart's schwielige Hände ergriff. »O, wie danke ich Ihnen, mein lieber, guter Freund, für diese Nachricht - aber schnell, das Kind lebt doch? Es ist doch gesund? Sagen Sie mir nur das, ehe Sie mit Ihrem Berichte fortfahren!«
»Gestern Abend war das Kind noch gesund und munter; ob es aber jetzt noch so ist, das ist mehr, als ich sagen kann,« antwortete Reichart.
»Dann müssen Sie es ja gesehen haben - wie hängt das zusammen? Wenn es gestern Abend noch gesund war, warum sollte es heute nicht eben so sein?«
»Weil ich nicht weiß, wo es geblieben ist, weil man mir das gute Kind gestohlen hat!« erwiderte Reichart zähneknirschend und seinen nassen Hut zusammenpressend, daß mehrere Tropfen Regenwasser vor ihm auf den weißgescheuerten Fußboden fielen.
»Gestohlen?« fuhr Herr Seim entsetzt empor, indem er sich halb von seinem Stuhle erhob, aber sogleich wieder zurücksank. »Wenn man Ihnen das Kind geraubt hat, muß es sich nothwendiger Weise in Ihrem Hause befunden haben.«
»Es hat sich auch in meinem Hause befunden, und zwar schon seit drei Monaten ...«
»Mann, und Sie haben mir keine Anzeige davon gemacht, haben mich alle Qualen einer schrecklichen Ungewißheit empfinden lassen, während es in Ihrer Macht lag, mich auf einmal von aller Angst und Sorge zu befreien! O, Reichart, Reichart, Sie haben nicht edel, nicht christlich an mir gehandelt! Doch ich verzeihe Ihnen, denn Sie konnten nicht ahnen, in welch trauriger Stimmung ich seither lebte.«
Hier schloß Herr Seim die Augen, und als er sie wieder öffnete, rollte aus jedem Augenwinkel eine mächtige Thräne über seine vollen Wangen. Er schämte sich indessen dieser Thränen nicht, denn sie kamen aus einem überfließenden Herzen; aber sein weißes Taschentuch zog er hervor, und behutsam entfernte er die Spuren der krystallklaren Thautropfen, bevor dieselben auf sein sorgfältig gefälteltes Hemde niedersanken.
»Herr Seim,« begann Reichart wieder in entschuldigendem Tone, »wir hatten unser einziges Töchterchen verloren, und weil Ihr Lieschen wie ein von Gott gesendeter Bote unter unser Dach gekommen war, so beschlossen wir, dasselbe an Kindesstatt anzunehmen.«
»Edle, brave Leute!« murmelte Herr Seim, halb zu Marien gewendet; doch kehrte er sich schnell wieder ab, sobald er bemerkte, daß die großen, wunderbar schönen Augen noch immer mit einem so eigenthümlichen Ausdrucke tiefer Seelenqual und Besorgniß auf ihn gerichtet waren.
»Ja, Herr Seim, das haben wir gethan,« wiederholte Reichart, »und die Nachricht von der Rettung des armen Kindes haben wir Ihnen nur deshalb nicht überbracht, weil wir fürchteten, dasselbe könne wieder von uns genommen werden. Dann glaubten wir auch, wir hätten ein Recht an das Kind, weil es ohne unser Eintreffen elendiglich zu Grunde gegangen wäre.«
»Ein heiliges Recht hattet Ihr an das Kind,« versetzte Herr Seim innig, und sein glattes Kinn rieb sich sanft auf der blendend weißen Halsbinde, »nur mehr Vertrauen hättet Ihr haben und mir wenigstens den Thatbestand anzeigen müssen, und obwohl ich mich nur ungern von der Kleinen trenne, die bereits als hülfloses Kind in unserer Anstalt eine liebevolle Aufnahme fand, hätte ich es doch durchgesetzt, daß sie bei Ihnen geblieben wäre.«
»Herr Seim, wer konnte das wissen?« entgegnete Reichart zerknirscht; »wir sind gewiß zu entschuldigen, und wenn das Kind sich wiederfindet, ist es vielleicht noch nicht zu spät, derartige Einrichtungen zu treffen.«
»Ich fürchte, es ist zu spät,« nahm Herr Seim mit einem theilnahmvollen Kopfschütteln das Wort, »ich habe meine triftigen Gründe, dergleichen befürchten zu müssen; aber beruhigt Euch, meine lieben Kinder, was in meinen schwachen Kräften steht, das soll geschehen, Eure Wünsche der Erfüllung entgegenzuführen - ich verspreche es Euch, hier ist meine Hand darauf.«
Reichart drückte die dargebotene Hand kräftig; Marie aber beobachtete unausgesetzt den Vorsteher mit einem Gemisch von Argwohn und Hoffnung. Ihr hatte er nicht die Hand gereicht; er scheute sich offenbar, in die großen, melancholischen Augen zu blicken.
»Wenn das Kind nur erst wieder da wäre,« fuhr Herr Seim nach kurzem Sinnen fort; »Ihr sagt, es sei gestohlen, doch gebrauchen wir lieber den passenden Ausdruck: entführt. Es läßt sich daher beim besten Willen nicht eher etwas beginnen, bis wir genau wissen, wo das arme kleine Wesen hingebracht worden ist. Leider dürfen wir bei unseren Forschungen nicht offen zu Werke gehen; denn bedenkt, meine theuren Freunde - ach, es ist schrecklich! - im Strafgesetzbuch steht ein Paragraph, der von Kinderraub handelt, und man geht jetzt sogar so weit, die geheime Zurückhaltung eines Kindes mit dem grausigen Namen Kinderraub zu bezeichnen. O, es ist himmelschreiend, daß die beste, die lobenswertheste und menschenfreundlichste Handlung auf solche Art ausgelegt werden kann, und lieber verlöre ich ja mein Leben, als daß ich Zeuge davon sein möchte, wie Euer Edelmuth einen so schlechten Lohn fände!«
Hier schwieg Herr Seim eine Weile, um zu beobachten, welchen Eindruck seine wohlmeinenden Worte auf Reichart ausübten.
Dieser war denn auch wirklich ganz bleich und verstört geworden, indem er der Möglichkeit gedachte, daß er, der noch nie in seinem Leben mit den Gerichten zu thun gehabt, in einen Proceß verwickelt werden könne.
Des Bauers Schwester ließ Herr Seim, wie im Eifer des Gesprächs, unbeachtet, er würde sonst vielleicht bemerkt haben, daß der Ausdruck des Zweifels auf den schönen, regelmäßigen Zügen immer hervortretender wurde und statt der Furcht vor einer etwaigen gerichtlichen Verfolgung sich mehr eine Anwandlung von Entrüstung geltend machte.
»Also vor allen Dingen die größte Verschwiegenheit und Vorsicht, liebe Kinder,« nahm Herr Seim seine treuen Rathschläge wieder auf, »wirken wir vereint im Stillen, und bei meiner ausgebreiteten, ich darf wohl sagen, einflußreichen Bekanntschaft gelingt es mir am Ende dennoch, das Unmögliche möglich zu machen, wenn auch vorläufig nur in so weit, daß ich Euch über das Schicksal des von uns Allen so heiß geliebten Kindes beruhige. Nur ein recht klares Bild müßt Ihr mir von allen Vorgängen machen, damit ich einen Erfolg versprechenden Plan entwerfen und einen Entschluß fassen kann. Schildert mir genau, mit kurzen Worten, Euren ganzen Verkehr mit dem Kinde von dem Augenblicke an, in welchem Ihr es fandet, bis zu der unfreiwilligen Trennung.«
Reichart sah eine Weile sinnend auf den zerknitterten Hut in seinen Händen, und nachdem er noch einmal tief aufgeseufzt, begann er in seiner einfachen, doch etwas weitschweifigen Weise zu erzählen.
Er schilderte den Schneesturm und den bedenklichen Zustand Lieschens, als sie dasselbe in der Schonung auffanden, er gedachte des eigenen todten Kindes und der Freude, als sie sich plötzlich im Besitze eines neuen Lieschens sahen. Er beschrieb, wie die Kleine sich an sie Alle vertrauensvoll angeschmiegt und sich ihre Liebe in so hohem Grade erworben habe; wie sie unter der sorgfältigen Pflege überraschend schnell an Körper und Geist gewachsen sei und wie ihr die Bauernkleider so prächtig gestanden hätten. Er folgte ihr gleichsam auf Schritt und Tritt nach, auf den Hühnerhof, in die Viehställe, in den noch winterlich wüsten Garten und in die trauliche Spinnstube. Wohin er sich aber im Geiste auch wenden mochte, überall fand er Etwas zu erwähnen und zu loben an dem lieben, schwarzlockigen Kinde mit dem frommen Herzen und dem unschuldigen, heitern Auge. Während er sprach, bebte seine Stimme oft leise, als wenn er einer Gestorbenen gedacht hätte, und über Mariens Wangen rollte zuweilen eine Thräne; sonst gab diese kein äußeres Zeichen der Trauer kund. Ihre Blicke hingen wie gebannt an Herrn Seim's Zügen, als ob sie aus denselben seine Gedanken habe herauslesen, den Ernst und die Wahrheit seiner Worte danach berechnen wollen.
Herr Seim dagegen hatte den Arm auf den Tischrand und das graugelockte Haupt schwer auf die Hand gestützt.
Man sah ihm an, die Erzählung des Bauers ergriff ihn tief, und mehrfach war er gezwungen, zum Schutze des fein gefältelten Chemisets das Taschentuch an die in mildem, wehmüthigem Glanze strahlenden Augen zu bringen.
Man sah es ihm an, er hätte noch lange den Herzensergüssen des schlichten Landmannes zuhören können, ohne das flüchtige Enteilen der Zeit zu bemerken. Selbst als das von tausend Löckchen umflossene Haupt seines Töchterchens sich zur Thür hereinschob und eine schäkernde Stimme den lieben Papa fragte, ob er noch lange beschäftigt sein werde, hob Herr Seim, wie abwehrend, die weiße Hand mit schmachtender Geberde empor, um seinen Wunsch zu erkennen zu geben, daß er in seiner Unterhaltung mit den biederen Leuten nicht gestört zu werden wünsche.
Er achtete nicht darauf, daß das liebe, einzige Kind, nachdem es Marien schelmisch zugenickt, die Thür wieder geräuschlos zudrückte, noch weniger beachtete er, daß gleich darauf eine zweite Thür krachend in's Schloß flog, als ob sie durch den hinterlistigen Luftzug den schwachen Händen des davoneilenden, eigenwilligen Kindes entrissen worden wäre.
Ja, der rechtschaffene Herr Seim war ganz Ohr, und nur selten drehte sich sein stattliches Haupt in der weißen Halsbinde, als ob ihm dieselbe in Folge der auf ihn einstürmenden Gefühle zu eng geworden wäre, eine Vorsichtsmaßregel, die, hätte er sich dem Bauern allein gegenüber befunden, kaum nothwendig gewesen, aber in Mariens Gegenwart, deren seltsame Blicke sich gar nicht von ihm abwenden wollten, ihm durchaus angemessen erschien. Ueberhaupt störte das fremde, schöne Mädchen, er wußte selbst nicht, warum, seinen Ideengang in hohem Grade, und er suchte unwillkürlich, ebenfalls ohne zu wissen, warum, einen möglichst guten Eindruck bei derselben zu hinterlassen.
Als Reichart damit geendigt, daß am vorhergehenden Abend Lieschen plötzlich verschwunden sei, sie die ganze Nacht hindurch unter Todesängsten nach ihrem Lieblinge geforscht hätten und nun gekommen wären, um sich zu erkundigen, ob Herr Seim vielleicht das Kind wieder in die Anstalt habe zurückbringen lassen, blieb dieser noch eine Weile, anscheinend mit den ernstesten Gedanken beschäftigt, in der alten Stellung sitzen. Als er dann endlich emporschaute, da zeigte er ein Antlitz, so rein, so wohlwollend, als wenn seine Brust die Wohnung des wahren, himmlischen Friedens gewesen wäre und er nur die einzige Aufgabe, die hadernde Menschheit unter einander auszusöhnen, gekannt habe.
»Mir trauen Sie zu, daß ich im Stande wäre, Ihnen einen so herben Schmerz zu bereiten?« fragte er mit einem milden Vorwurfe im Tone seiner Stimme. »Mir, der ich selbst kennen gelernt habe, was es heißt, ein theures Mitglied der Familie - ich betrachte ja die Kinder dieser Anstalt als meine Familie - zu verlieren? Aber ich vergebe Ihnen den Verdacht von Herzen, um der Besorgniß willen, die Sie augenscheinlich um die unschuldige Kleine gehegt haben und noch hegen.
»Nein, meine lieben Freunde, bis zu Eurem Eintritte habe ich nicht eine Silbe über unsern gemeinschaftlichen Liebling erfahren; ich wußte nicht, ob er noch lebte oder der Tod seine kalte Hand unbarmherzig nach ihm ausgestreckt habe. Gottlob, die kleine Dulderin lebt noch, und wenn ich die von Ihnen eben mitgetheilten näheren Umstände der heimlichen Entführung mit Dem vergleiche, was mir selbst in dieser traurigen Zeit widerfahren ist, dann glaube ich zu errathen, auf wessen Veranlassung das Kind von Ihnen fortgenommen wurde.
»Vor einiger Zeit, es mag wohl vier Wochen her sein, kam eine vornehm gekleidete Dame in diese Anstalt, um sich nach einem Kinde zu erkundigen, dessen Beschreibung genau auf Lieschen's Person und auf die Art paßte, auf welche es in unsere Hände gelangte. Ich befand mich damals in der traurigen Lage, der Fremden nur einen herben Aufschluß ertheilen zu können, und noch immer steht mir der unsägliche Schmerz vor Augen, mit welchem die Aermste sich entfernte. Nur eine Mutter vermag so zu trauern, wie jene Fremde, als sie den Hof verließ. Ich hörte nie wieder von ihr; aber das Mutterauge sieht scharf, und keinen Augenblick bezweifle ich, daß es jener Mutter doch endlich gelungen ist, ihre Tochter aufzufinden, und daß sie dieselbe heimlich entführte, eben so wohl um kein Aufsehen zu erregen, wie auch denjenigen, die ihr Kind so lieb gewonnen hatten, den Schmerz des Abschiedes zu ersparen. Und wohl scheint die Mutter gewußt zu haben, daß Ihr guten Leute aus Rücksicht für Euch selbst nicht die Aufmerksamkeit der Obrigkeit auf das Ereigniß hinlenken würdet; ja, ja, so wird es, so muß es gewesen sein!«
Reichart seufzte bei diesen Mittheilungen schmerzlich auf und blickte, fortwährend seinen Hut zerknitternd, vor sich auf den Fußboden. Mariens Antlitz dagegen war belebter geworden, ihre Augensterne schienen sich erweitert zu haben, und forschender war der Ausdruck, mit welchem sie das Mienenspiel des Vorstehers bewachte.
»Verzeihen Sie, Herr Seim, ich begreife das nicht recht,« sagte sie endlich ruhig und mit einer so sichern Ueberlegung im Tone ihrer wohlklingenden Stimme, daß jener unwillkürlich mit der ihm eigenthümlichen schnellen Zuvorkommenheit sich ihr zuneigte, im nächsten Augenblicke aber, sobald seine Blicke Mariens bäuerliches Gewand streiften, sich mit väterlich herablassendem Wohlwollen wieder zurücklehnte.
»Ich glaube wohl, mein liebes Kind, daß Sie dergleichen Dinge nicht verstehen,« hob er an, seine Augen auf einige Secunden bedächtig schließend und mit den flachen Händen die glänzenden grauen Haare sorgfältig an seinen Kopf anpressend; »wollte Gott, auch ich verstände nichts davon, hätte nicht nöthig, etwas davon zu verstehen; aber leider bin ich gezwungen, mich auch mit derartigen Vorkommenheiten vertraut zu machen. In diesem Augenblicke gereichen Ihnen übrigens meine Erfahrungen zum - Segen will ich gerade nicht sagen, jedoch zum Vortheile, zum Glücke. Bedenkt nur, meine theuren Freunde, wenn die Sache ruchbar würde, wie übel das für Euch ablaufen könnte! Ich glaube, ich selbst verlöre mein letztes Bißchen Ruhe, müßte ich mir sagen, daß Ihr durch Eure Menschenfreundlichkeit Ungemach für Euch heraufbeschworen hättet. O, es wäre traurig, sehr traurig! Allein das Gesetz will seinen Gang haben und ich kann daher nur den aufrichtigen, treuen Rath ertheilen, über die Sache das strengste Stillschweigen zu bewahren.«
»Und wir sollen die letzte Hoffnung auf die Wiedererlangung des Kindes aufgeben?« fragte Marie wiederum zweifelnd.
»Gott bewahre,« antwortete Herr Seim schnell mit einer anmuthigen, abwehrenden Bewegung, und seine sonst so glatte Stirn runzelte sich leicht, während um seine zierlichen Lippen ein aufmunterndes Lächeln spielte; »nein, meine lieben Kinder. Schenkt mir nur Euer volles Vertrauen; gestattet mir, für Euch zu denken und zu handeln, und ich glaube, mit gutem Gewissen versprechen zu dürfen, daß Ihr, gelingt es mir, den Aufenthaltsort Lieschens zu entdecken - was ich bei meiner ausgebreiteten und sehr einflußreichen Bekanntschaft kaum bezweifle -, wieder mit dem lieben Kinde, wenn auch in einen zeitweise unterbrochenen Verkehr treten sollt. Aber Vorsicht, die größte Vorsicht ist geboten. Von meiner Seite, als Mitwisser Eures Geheimnisses, ist allerdings nichts zu befürchten; ich würde lieber das Schlimmste über mich ergehen lassen, ehe ich ein Wort darüber verlauten ließe, in wie naher Beziehung die Sache auch zu meiner Anstalt stehen mag. Doch sagt, wie ist es Euch möglich gewesen, das Kind vor den übrigen Dorfbewohnern so lange zu verheimlichen?«
»Wir haben es nicht verheimlicht, Herr Seim,« antwortete Reichart hastig; »alle Leute kannten das Kind und waren ihm gut. Ich hatte nur die Vorsicht gebraucht, es für die Tochter eines Verwandten auszugeben, die ich nach dem Tode meiner eigenen Tochter an Kindesstatt angenommen, und Niemand setzte das geringste Mißtrauen in meine Worte.«
»Unvorsichtig, sehr unvorsichtig habt Ihr gehandelt,« entgegnete Herr Seim, nachdem er, wie um einen Blick in die tiefste Tiefe der eigenen Brust zu werfen, die Augen einige Secunden geschlossen hatte; »ja, sehr unvorsichtig habt Ihr gehandelt - ich würde es an Eurer Stelle wahrscheinlich auch so gemacht haben - indem die Gerichtsbarkeit in Eurem Verfahren leicht eine absichtliche Täuschung Behufs ungehöriger, sträflicher Verheimlichung eines fremden Kindes findet und ihre Anklage darauf hin ohne Zweifel noch viel schärfer und nachdrücklicher einleitet.«
»Wir hatten die besten Absichten - ich verstehe mich indessen nicht darauf, rathen Sie mir daher, geehrtester, lieber Herr Seim, wie ich mich zu verhalten habe,« bat Reichart mit einer Aengstlichkeit, die in seltsamem Widerspruche zu Mariens ernster Ruhe stand.
Der Vorsteher reckte seinen Hals mit dem Ausdrucke der Biederkeit etwas länger aus, strich mit dem Kinn leise über den oberen Rand der weißen Halsbinde und schloß die Augen wieder. »Lieber Reichart,« rief er plötzlich aus, dem Bauern wiederum beide Hände darreichend, wobei ein verstohlener Seitenblick Mariens forschende Augen streifte, »wie danke ich Ihnen für das mir bewiesene offene Vertrauen! Möge Gott mich erleuchten, daß ich Ihnen einen treuen Rath ertheile - und wirklich, die Sache liegt jetzt so klar vor mir, daß ich nicht den leisesten Zweifel über das Ihnen vorzuschreibende Verhalten empfinde; vor Allem aber eröffnen Sie mir: Weiß außer Ihnen noch Jemand im Dorfe um Lieschen's Verschwinden?«
»Nein, bis jetzt noch nicht; wir haben wohl hier und da gefragt, allein die Wahrheit ahnt Niemand. Wir befürchteten, daß dies zu Erkundigungen führen würde, in Folge deren das Kind unwiederbringlich für uns verloren gewesen wäre.«
»Das hat Ihnen ein guter Gott eingegeben, mein lieber Reichart, es ist also noch nichts verloren,« versetzte Herr Seim triumphirend. »Sie können nämlich, wenn Sie heimkehren, auf glaubwürdige Weise behaupten, daß Sie Ihrem Bruder seine Tochter zurückgebracht hätten, und Niemand wird Sie weiter mit Fragen belästigen. Ja ja, so geht es am besten; Sie kommen nicht in Ungelegenheit, und ich wieder kann unter der Hand um so eifriger Nachforschungen anstellen, mit deren Erfolg Sie dann jedesmal bekannt gemacht werden sollen. Doch ich wiederhole, mein lieber Reichart, bei Ihrer Anhänglichkeit an das Kind, bei meinem eigenen lebhaften Wunsche, daß die patriarchalische Ruhe Ihrer Häuslichkeit nicht durch traurige Zwischenfälle gestört werden möge, beschwöre ich Sie, behalten Sie das gefährliche Geheimniß für sich und lassen Sie selbst Ihre besten Freunde nicht die Wahrheit ahnen. Und nun, mein lieber Freund, muß ich Ihnen leider Lebewohl sagen, so gern ich mich auch länger mit Ihnen unterhielte. Es warten meiner dringende Geschäfte, und dann hoffe ich auch, Sie recht bald wieder bei mir zu sehen, und auch Sie, mein gutes Kind.«
Mit diesen Worten und einem herzlichen, Zutrauen erweckenden Lächeln auf dem rechtschaffenen Antlitze erhob sich der Vorsteher, welchem Beispiele Reichart und Marie augenblicklich folgten; Reichart, um sich zu verabschieden, Marie dagegen, um einen Schritt näher zu dem Vorsteher heranzutreten.
»Darf ich mir eine Frage erlauben, Herr Seim?« fragte sie mit einem Anstande, der, fern von jeder Ziererei, doch einen weit höheren Grad von Bildung verrieth, als man in dem äußerlich einfachen Mädchen vermuthet hätte.
»Gewiß, mein liebes - Kind,« antwortete Herr Seim, der kaum noch im Stande war, sein Befremden mit einem väterlich herablassenden Wesen zu umhüllen. »Ich bin ja in der Welt, um zu rathen und zu helfen, wo sich nur immer die Gelegenheit dazu darbietet.«
»Meine Frage betrifft noch einmal das Kind, welches auf so unerklärliche Weise von uns genommen wurde: Waren Sie stets zufrieden mit Lieschen - ich meine, hatten Sie nicht häufig Veranlassung, über deren Führung recht bittere Klagen zu führen?«
Bei dieser unerwarteten Frage flog eine leichte Wolke über Herrn Seim's wohlwollende Züge. Er wußte nicht recht, wie er dieselbe beantworten sollte, und zum ersten Male blickte er Marie schärfer in die Augen, um aus denselben herauszulesen, welche Auskunft ihr wohl am sichersten und angemessensten zu ertheilen sei.
Es war nämlich eine schwache Seite des Herrn Seim, daß er alle Leute gern zufriedenstellte und, je nachdem er die einzelnen Personen beurtheilte, seine Antworten und Erklärungen nach deren muthmaßlicher Gemüthsstimmung und ihren Wünschen abmaß und die Farben milder oder greller auftrug.
Was Marie zu vernehmen wünschte, begriff er sehr wohl; dagegen ließ er auch nicht unberücksichtigt, daß allzu große Lobpreisungen des kleinen Flüchtlings kaum mit den von Lieschen herrührenden Berichten im Einklange stehen dürften, und dazu hatte Marie etwas so Liebevolles, Achtung Gebietendes und Ueberlegendes in ihrem ganzen Auftreten, daß er glaubte, mit der äußersten Vorsicht zu Werke gehen zu müssen. »Sie fragen mich nach der Aufführung des Kindes,« versetzte Herr Seim theilnahmvoll, jedes Wort, um Zeit zu gewinnen, langsam betonend und gleichsam aus der Tiefe seines Herzens emporwindend. »Jedem Andern, wie Ihnen, mein liebes Kind, würde ich sagen: des Mädchens Betragen war jederzeit musterhaft, und nur eine krankhafte Idee hat es zu der unseligen Flucht verleitet. Ihnen dagegen, die Sie das Kind so tief in Ihr Herz eingeschlossen zu haben scheinen, bin ich Wahrheit, die lautere, reine Wahrheit schuldig: Unser Lieschen war immer ein gutes, liebes Kind. Wie alle Kinder, besaß auch Lieschen einige Unarten; vor anderen Kindern aber zeichnete sie sich dadurch aus, daß sie nach einer milden Strafe jedesmal den betreffenden Fehler ablegte. In den ersten Jahren hegte ich oft Zweifel, ob es mir gelingen würde, ihren Charakter förmlich umzubilden. Ich mußte sogar zuweilen zu ernster Strenge meine Zuflucht nehmen; dafür aber hatte ich auch die große Genugthuung, mein Werk vom besten Erfolge gekrönt zu sehen - doch wozu hebe ich dies noch besonders hervor? Sie haben unser Lieschen kennen gelernt und wissen daher eben so gut, wie ich, daß ein guter Kern in ihr steckt und die Zeit und weise Zucht Wunder an ihr bewirken müssen.«
Marie zögerte, als ob ihr weitere Erkundigungen, vielleicht Betreffs Lieschen's Redlichkeit, auf den Lippen geschwebt hätten; sie mochte indessen das Nutzlose solcher Fragen einsehen, denn indem sie sich leicht verneigte, brachte sie nur die Worte: »Ich danke!« hervor.
Ueber ihr gutes Antlitz aber hatte sich ein Ausdruck tiefer Traurigkeit ausgebreitet, denn aus Herrn Seim's zuvorkommendem Wesen und seinen einschmeichelnden Worten war ihr klar geworden, daß sie das Kind, ihr Lieschen, ihre einzige Herzensfreude, nie wieder in ihre Arme schließen sollte. Sie sah weiter, als ihr Bruder, der dem Vorsteher beim Scheiben noch einmal in schlichter Weise seinen Dank für das ihm erwiesene Wohlwollen aussprach. Sie sah weiter, deshalb wendete sie sich schweigend und ohne Herrn Seim die Hand zu reichen der Thür zu, und als sie auf die Vorflur hinausschritt, da entquoll Thräne auf Thräne ihren treuen, redlichen Augen.
»Gott erhalte Sie!« rief Herr Seim den sich Entfernenden inbrünstig nach; die Thür schloß sich, und Herr Seim war wieder allein.
Einen Augenblick blieb er horchend an der Thüre stehend; er vernahm aber nichts mehr.
»Ein schönes Mädchen,« murmelte er dann, mit der weißen, feinen Hand wohlgefällig über sein glattes Kinn streichend und demnächst den sein Haupt umgebenden Lockenkranz durch vorsichtiges Tupfen und Klopfen etwas höher emportollend - »wirklich ein sehr schönes Bauermädchen, und dabei einen so hübschen Anstand! Hm, nur zu klug scheint sie mir zu sein und zu gefühlvoll - pah, als wenn Bauern andere, nachhaltige Gefühle, als für körperliche Schmerzen haben könnten!«
So sprechend, warf er einen Blick auf den Vorhof, wo Reichart und dessen Schwester langsam der Pforte zuschritten.
Nachdem er etwa eine Minute vor dem Spiegel geweilt und durch äußerst gewandtes Schrauben der Augäpfel und des Kopfes eine recht zufriedenstellende Aussicht auf sein einnehmendes Profil gewonnen, entfernte er sich hastig durch die gegenüberliegende Thür, um nicht durch allzu langes Warten dem aufmerksamen Töchterchen die Freude der ihm zugedachten Ueberraschung zu verderben.

17. Die beiden Briefe.

Hätte Herr Seim nur noch zwei Minuten nach der Straße hinausgespäht, so würde ihm sein Leibgericht gewiß lange nicht so vortrefflich gemundet haben. Es war also recht gut, daß er sich beeilte, um so mehr, als das Frühstück seine Hauptmahlzeit war - er speiste mit edler Selbstverläugnung grundsätzlich mit seinen Pflegebefohlenen aus demselben Kessel und in derselben Halle zu Mittag - und die Ueberwachung des lieben, kleinen Völkchens ihm kaum Zeit genug ließ, auf seinen Teller blicken zu können.
Reichart und seine Schwester waren nämlich eben auf die Straße getreten, als ein leichter, mit zwei edlen Pferden bespannter Wagen dicht vor ihnen anhielt und gleich darauf durch den von einem Diener geöffneten Kutschenschlag das von der Frühluft zart geröthete Antlitz der Gräfin Renate zu ihnen herüberblickte.
Reichart und Marie blieben stehen, einestheils, um der Gräfin, im Falle dieselbe ausstiege, nicht den Weg zu vertreten, dann aber auch fesselte sie der Ausdruck des holden Gesichts, welches so heiter und unschuldig in die Welt hinausschaute, in so hohem Grade, daß Beide sich gar nicht von dem Anblicke losreißen konnten und wie unbewußt höflich grüßten.
Die Gräfin dankte freundlich, und da sie das Geschwisterpaar durch die Pforte hatte treten sehen, so fragte sie mit ihrem lieblichsten Lächeln, ob sie bei Herrn Seim gewesen wären.
Reichart antwortete bejahend, fügte aber hinzu, daß Herr Seim sehr dringend beschäftigt sei.
»Nun, dann will ich ihn nicht stören,« wendete Renate sich an ihren Diener. »Tragen Sie nur das Paket hinein, geben Sie es beim Portier ab und sagen Sie weiter nichts, als es käme von einer Freundin der Kleinen, die ebenfalls mutterlos sei.«
Der Diener entfernte sich mit dem Pakete, und jetzt erst wendete Renate ihre Aufmersamkeit wieder Reichart und namentlich dessen Schwester zu, die sich eben an dem Wagen vorbeidrängen wollten. Dabei mußte ihr der kummervolle Ausdruck in Mariens Antlitz auffallen, vielleicht auch deren Schönheit, denn indem sie sich aus dem Wagenschlage lehnte, redete sie dieselbe an.
»Sie haben gewiß einen kleinen Angehörigen besucht?« fragte sich liebreich. »Ich hoffe, Sie haben ihn gesund und munter gefunden.«
»Wir vermutheten, eine liebe Angehörige hier zu treffen, allein wir sahen uns in unseren Hoffnungen bitter getäuscht,« antwortete Marie mit freundlicher Bescheidenheit, und die Erinnerung an Lieschen trieb ihr von Neuem Thränen in die Augen.
»So ist sie bis vor Kurzem in der Anstalt gewesen, wenn ich recht verstehe?« fragte Renate theilnehmend.
»Sie befand sich bis vor drei Monaten in diesem Hause, dann ...« Hier stockte Marie verlegen; sie wußte nicht, ob sie fortfahren solle oder nicht. Ein Blick in Renatens Augen überzeugte sie indessen schnell, daß sie frei und offen sprechen dürfe, doch ehe sie noch begonnen, kam ihr jene zuvor.
»Mein Gott, drei Monate sagen Sie?« rief Renate überrascht aus. »Sie stehen doch nicht etwa in Beziehung zu dem unglücklichen Mädchen, welches vor drei Monaten aus dieser Anstalt entwich?«
»Gerade jenes unglückliche Mädchen ist es, welches wir suchen; meine Besorgniß um dasselbe kennt keine Grenzen, wir haben es so sehr, sehr liebgewonnen.«
»Und dennoch soll es Herrn Seim so vielen Kummer und Sorge durch Halsstarrigkeit und noch üblere Gewohnheiten verursacht haben - aber verzeihen Sie, ich wollte Ihnen nicht wehe thun - ich war unbedachtsam - Kinder handeln wie Kinder, und von einem eilfjährigen Mädchen kann man nicht verlangen, daß es in allen Fällen das Recht vom Unrecht unterscheide.«
»Aber in Fällen, wie diejenigen, welche gegen unser armes Lieschen vorlagen, kann man, darf man, muß man sogar verlangen, daß ein eilfjähriges Kind richtig urtheilt,« entgegnete Marie eifrig, und die Erinnerung an Herrn Seim's Doppelzüngigkeit trieb ihr die Röthe der Entrüstung bis in die Schläfen hinauf. »Ich weiß, gnädiges Fräulein, was Sie unter den noch übleren Gewohnheiten verstehen; ich weiß aber auch, daß Alles Verleumdung, bittere, schändliche Verleumdung gewesen! Lieschen besitzt ein reines, unverdorbenes Gemüth, eine so innige Anhänglichkeit und einen so weit über ihre Jahre hinausreichenden Begriff von Dankbarkeit, daß es mir unerklärlich ist, wie man einem solch guten Kinde auf bloßen Verdacht hin überhaupt hart begegnen konntet
»Komm, Marie, laß uns gehen,« flüsterte Reichart ängstlich, denn er gedachte der Warnungen des Vorstehers.
»Ja, wir wollen gehen,« entgegnete Marie ruhiger. »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, allein es verletzt mich bis in die Seele hinein, das brave, herzige Kind geschmäht zu hören.«
Renate hatte so lange geschwiegen, jedoch keinen Blick von Marie abgewendet. Mit jedem Worte, welches sie sprach, war sie mehr erstaunt über die Bäuerin, die ihre Gefühle so eindringlich in Worte zu kleiden vermochte. Als Marie sich aber mit einem höflichen Gruße entfernen wollte, streckte sie ihre Hand nach derselben aus.
»Sie glauben nicht, wie unendlich es mich freut,« rief sie, »dergleichen über das vielgeschmähte, arme Mädchen zu hören! Aber um Gottes willen, wo befindet sich das Kind zur Zeit? Sie scheinen es genauer zu kennen, während ich selbst nur zufällig von seiner Flucht erfuhr.«
»Ich muß es wohl kennen,« entgegnete Marie kummervoll, »da ich es in den letzten drei Monaten fast beständig um mich hatte ...«
Hier zupfte Reichart seine Schwester leise am Aermel, wie um sie zu warnen, nicht zu viel zu sagen.
Marie sah sich auch nach ihrem Bruder um, nickte ihm beruhigend zu, und dann fuhr sie zu Renate gewendet fort:
»Ja, gestern noch den ganzen Tag über ergötzte ich mich an unseres Lieblings kindlich verständigem Walten, und gestern Abend ist uns unsere einzige Freude geraubt worden, ohne daß ich den Zweck eines solchen Verfahrens zu ahnen vermöchte.«
»Das ist ja schrecklich!« rief Renate erregt aus. »Wer dürfte dergleichen wagen?«
»Und dennoch ist es geschehen, mein gnädiges Fräulein. Ein dunkles Geheimniß scheint das arme, verfolgte Kind zu umschweben, ein Geheimniß, dessen Schleier zu lüften ich mich vergeblich anstrenge.«
In diesem Augenblicke trat der Diener, der sich nach Ausrichtung seines Auftrages etwas im Hintergrunde gehalten, an den Kutschenschlag heran; er betrachtete das plötzlich eingetretene Schweigen als das Ende der Unterhaltung und fragte die Gräfin nach ihren weiteren Befehlen. »Ja, es ist wahr, meine Zeit ist gemessen,« wendete Renate sich wieder lebhaft an Marie, ihr, wie um Entschuldigung bittend, die Hand darreichend. »Wir wir müssen uns wiedersehen, und zwar heute noch; Sie müssen mir den ganzen Verlauf der traurigen Begebenheit mittheilen, und ich und meine Freunde wollen dann versuchen, Licht in die Sache zu bringen.«
»Das wollten Sie?« fragte Marie, und helle Hoffnung leuchtete aus ihren guten Augen, denn sie begriff, daß da, wo die Bemühungen eines Bauermädchens ihr Ende erreichten, begüterte und angesehene, vor Allem aber edeldenkende Menschen noch lange nicht vor den sich ihnen entgegenstellenden Hindernissen zurückzuweichen brauchten.
»Ja, das will ich, ich verspreche es Ihnen heilig!« betheuerte Renate, die durch den Ausdruck, mit welchem Marie zu ihr aufschaute, sich noch mehr zu dieser hingezogen fühlte. »Allein Sie müssen mir das Gegenversprechen leisten, mich auf alle Fälle heute Abend noch zu besuchen. Sie wissen, schnelle Hülfe ist doppelte Hülfe; Sie werden außerdem Jemanden bei mir finden, der sich ohne allen Zweifel Ihrer Angelegenheit auf's Wärmste annimmt.«
»Wir wollen heute noch nach dem Dorfe hinaus,« betheiligte Reichart sich jetzt bescheiden an her Unterhaltung; »wir könnten zwar in der Stadt übernachten, aber meine Frau ist ganz allein ...«
»So vertrauen Sie mir Ihre freundliche Begleiterin an und kehren Sie unbesorgt nach Hause zurück, um Ihre Frau zu beruhigen; verlassen Sie sich darauf, es soll gut für Ihre - Ihre ...«
»Er ist mein Bruder,« bemerkte Marie, deren Herz bei der ihr mit so viel Güte entgegengetragenen Freundschaft heftiger zu schlagen begonnen hatte.
»Für Ihre liebe Schwester gesorgt werden,« verbesserte sich Renate, indem sie Marie dankend zulächelte, »das heißt, wenn Ihre Schwester meine Einladung nicht ablehnt,« fügte sie noch freundlicher hinzu.
Die Herzlichkeit der mit so viel Liebreiz geschmückten fremden jungen Dame, deren rücksichtsvolles Benehmen und vor Allem die tiefe Innigkeit, die aus Ihren Worten, ja, allein schon aus dem Tone ihrer Stimme sprach, berührten Marie wie ein wehmüthiger Gruß aus längst vergangenen Zeiten. Gedanken der verschiedensten Art bestürmten sie, und so sehr schwankte ihre Seele zwischen schmerzlichen Empfindungen und holden, tröstenden Bildern, daß ihr die Sprache den Dienst versagte. Aber was sie fühlte, was sie so gern offenbart hätte, das leuchtete verständlich aus ihren sanften Augen, aus ihrem guten Antlitze und aus der Art, in welcher sie die Hand auf ihr Herz legte. Renate aber blickte ihr tief in die Augen, und ein inneres Gefühl belehrte sie Wort für Wort, was die ihr so räthselhaft erscheinende Bäuerin sagen wollte; denn noch einmal reichte sie Marien die Hand und noch einmal bat sie - nicht mit der herablassenden Vertraulichkeit, mit welcher zuweilen auf kurze Zeit der Standesunterschied verdeckt und scheinbar ausgeglichen wird, sondern mit der Innigkeit einer Schwester - daß Marie sie nicht vergessen und ihres Versprechens eingedenk sein möge.
Dann übergab sie ihr eine Karte mit der Angabe ihrer Wohnung, und nachdem sie auch Reichart noch einmal herzlich gegrüßt, rollte der Wagen mit ihr davon.
Marie und Reichart blickten dem Wagen so lange nach, bis er hinter der nächsten Straßenecke verschwand.
»Du hättest lieber nicht zu der fremden Dame von dem Kinde sprechen sollen,« brach Letzterer das Schweigen; »Du weißt, Herr Seim hat uns die strengste Verschwiegenheit angerathen.«
»Er hat Verschwiegenheit angerathen,« erwiderte Marie, indem sie an der Seite ihres Bruders langsam die Straße hinunterschritt, »allein ich habe an nichts weniger gedacht, als ihm Stillschweigen anzugeloben. Warum sollten wir ängstlich schweigen? Bis heute Morgen zweifelte ich, ob es rathsam sei, die traurige Begebenheit als ein Geheimniß zu behandeln; seitdem ich aber Herrn Seim gesehen, sind meine letzten Zweifel geschwunden. Wir werden Lieschen nie wiederfinden, wenn wir uns allein auf ihn verlassen; außerdem haben wir nicht die geringste Veranlassung, unserer Handlungsweise wegen das Urtheil der Menschen zu fürchten. Wir haben gehandelt, wie wir es vor Gott und allen irdischen Richtern verantworten können, und nichts soll mich hindern, mit allen mir zu Gebote stehenden Kräften und Mitteln - sie sind ohne die Hülfe anderer, edeldenkender Menschen freilich sehr gering - nach dem armen Kinde zu forschen.«
»Du wirst Herrn Seim dadurch vielleicht Verdrießlichkeiten bereiten, und dann kennst Du die fremde Dame auch nicht einmal,« warf Reichart ein.
»Wer sie ist, steht auf dieser Karte,« entgegnete Marie, freundlich belehrend, »doch das ist Nebensache; selbst wenn es sich um Leben und Tod handelte, würde ich keine Minute zögern, mich der jungen Gräfin rücksichtslos anzuvertrauen, unser Aller Geschick in ihre Hände zu legen. Ein solches Antlitz und solche Augen können nicht täuschen, nicht zum Deckmantel von Falschheit dienen.«
»Ja, die fremde Dame ist sehr schön und sehr gütig,« versetzte Reichart sinnend; »Du hast vollkommen Recht und weißt dergleichen überhaupt besser zu beurtheilen. Aber Herr Seim war ebenfalls freundlich, der brave, rechtschaffene Mann.«
»Gewiß war er freundlich,« pflichtete Marie ihrem Bruder bei; aber indem sie dies sagte, zuckte es leise um ihren Mund, nicht etwa wie Hohn oder Spott, sondern wie verhaltener Schmerz. Sie dachte an die große Bereitwilligkeit, mit welcher der ›brave, rechtschaffene Mann‹ sich verbindlich gemacht hatte, sie wieder mit Lieschen zusammenzuführen. -
»Dieses Antlitz und diese Augen können nicht täuschen, nicht zum Deckmantel von Falschheit dienen,« sprach auch Renate, als sie sich Mariens sittige Erscheinung immer wieder vergegenwärtigte und dabei ihres so seltsam zu der einfachen Bekleidung contrastirenden Anstandes und ihrer gewählten Ausdrucksweise gedachte. Der auf ihren Zügen ausgeprägte Kummer hatte sie tief gerührt; sie hoffte, denselben zu verscheuchen, ahnte aber nicht, daß die Trauer, welche im Laufe der Jahre mit dem lieben Antlitze gleichsam verwachsen war, nicht durch einen erst wenige Stunden alten Verlust begründet sein könne. -
Erst spät kehrte Renate in ihre Wohnung zurück. Sie bedauerte sehr, von dem Doctor Bergmann verfehlt worden zu sein; sie schmollte, daß er nicht wenigstens die Stunde angegeben habe, in welcher er seinen Besuch zu wiederholen gedenke, und sie stand schon im Begriffe, ihren Wagen, Behufs eines Nachmittagsbesuches bei ihrem alten Freunde, zu bestellen, als sie sich rechtzeitig erinnerte, daß Heinrich noch bei seinem Onkel wohne, sie daher wieder zufällig mit ihm zusammentreffen könne, was sie doch jedenfalls sehr verlegen gemacht haben würde.
»Wozu mir der Doctor auch gerade solche Mittheilungen machen mußte?« fragte sie sich in Gedanken, und hätte sie ihre Gedanken in Worte gekleidet, so würden dieselben gewiß, recht ärgerlich geklungen haben.
»Als ob es ein Unglück wäre, daß ich seinem Neffen gefalle; ist es doch eben so wenig ein Unglück, daß ich meinem Jugendgenossen recht herzlich zugethan bin, ja, viel mehr, als irgend einem Andern meiner Bekanntschaft. Nun muß der gute alte Herr sich dazwischen stecken und durch seine Warnungen und schwarzen Befürchtungen uns um so manche angenehme Stunde bringen. Und dabei ist Alles aus der Luft gegriffen, denn liebte der Neffe mich nur halb so sehr, wie der Onkel befürchtet, so würde er sich wenig um des Herrn Onkels strenge Befehle kümmern und sich längst einmal persönlich nach meinem Befinden erkundigt haben.«
Mit solchen Betrachtungen setzte sie sich zu Tische, als der ihr aufwartende Diener herantrat und ihr auf einem silbernen Teller zwei Briefe überreichte.
»Ich danke Ihnen,« sagte sie in der ihr eigenthümlichen freundlichen Weise, indem sie mechanisch die Briefe entgegennahm; »ich werde klingeln, wenn ich etwas bedarf.«
Der Diener, nachdem er die Suppe vor Renate hingestellt, entfernte sich geräuschlos, und jetzt erst warf diese einen Blick auf die noch in ihrer Hand befindlichen Briefe.
»Vom Grafen Hannibal,« sagte sie halblaut, das zierlichste der beiden Schreiben unerbrochen vor sich auf den Tisch werfend; »was der mir wohl Wichtiges mitzutheilen hat, nachdem wir uns erst gestern Abend gesehen und gesprochen haben? Und dieser ist von - die Handschrift kenne ich - ja, von Heinrich Bergmann.« Und während sie noch, wie unbewußt, ihre Gedanken äußerte, hatte sie auch schon das Couvert abgerissen und die Einlage entfaltet.
»Ach, wie kurz gefaßt!« rief sie etwas enttäuscht aus, sobald sie sich überzeugt hatte, daß das Papier nur wenige Zeilen enthielt. Indem sie aber las, nahmen ihre heiteren Züge plötzlich einen ernsten, gespannten Ausdruck an, und als ob das, was der Brief besagte, sie über alle Maßen befremde, las sie ihn schnell zum zweiten und dritten Male durch.
»Gnädigste Gräfin! Wenn Ihnen daran gelegen ist, einem Verbrechen vorzubeugen und ein verfolgtes, unschuldiges Wesen zu retten, so senden Sie heute Abend um halb eilf Uhr Ihren Wagen bis in die Nähe von Doctor Bergmann's Wohnung, wo der Kutscher weitere Anweisungen von mir erhalten wird. Gütiges Beobachten des tiefsten Schweigens kann dem Unternehmen nur förderlich sein.
»Hochachtungsvoll ergebenst
So lautete der Brief, den der junge Officier an die Gräfin gerichtet hatte.
»Wenn er nur selbst gekommen wäre, um die Sache genauer mit mir zu besprechen,« sagte Renate endlich, nachdem sie den Brief eine Weile von allen Seiten sinnend betrachtet hatte; »mir bleibt also weiter nichts übrig, als mich blindlings in die Anordnungen des Herrn Lieutenants zu fügen und vertrauensvoll einer späteren Erklärung entgegen zu sehen.«
Dann legte sie den Brief neben sich auf den Tisch, und wie um sich den mancherlei sie beunruhigenden Vermuthungen zu entziehen, begann sie ihre Mahlzeit.
Nach Verlauf einer Viertelstunde, als ihre Blicke zufällig des Grafen Hannibal Brief streifte, benutzte sie eine eben eingetretene Pause, um denselben zu öffnen und sich Kenntniß von dessen Inhalt zu verschaffen.
Es war ein langes und offenbar mit vieler Sorgfalt verfaßtes Schreiben, und fast nicht minder groß war die Sorgfalt, mit welcher Renate dasselbe Wort für Wort zu Ende las. Dabei spielte ein schalkhaftes Lächeln um ihre frischen Lippen, und mehrfach mußte sie sich Zwang anthun, um nicht hell aufzulachen. Bei einzelnen Stellen machte sich aber auch ein Zug von Mißvergnügen auf ihrem holden Antlitze geltend; derselbe verflog indessen immer schnell wieder, so daß ein heimlicher Beobachter kaum in Zweifel darüber geblieben wäre, daß der Inhalt dieses Briefes vorzugsweise von heiteren Dingen gehandelt habe.
Und dennoch enthielt er nichts weniger, als scherzhafte Aeußerungen oder zum Lachen reizende Ausbrüche einer übersprudelnden Laune, nein, nichts weniger, als dies. Der Gräfin war indessen nicht zu verdenken, daß sie Alles, was sie las, von der heitersten Seite auffaßte, denn es erschien ihr zu komisch, daß der Graf Hannibal um ihre Hand anhielt, und dazu noch mit den schwülstigsten Worten, die ihm doch sonst nicht geläufig waren und mehr an die Redeweise seiner Schwester erinnerten.
Wenn dagegen ihre schöngewölbten Brauen, als einzige Kundgebung ihres Mißmuthes, etwas dichter zusammenrücken, so geschah dies ja nur, weil des Grafen Aeußerungen die zuversichtliche Hoffnung erläuterten, daß seine Neigung ihr nicht fremd geblieben sei und sie dieselbe billige, indem die Vereinigung der beiden hohen Familien aus mehr als tausend Gründen wünschenswerth, und der Glanz beider Wappen um so heller in die Welt hinausstrahlen würde.
Auch von ewiger Liebe und unverbrüchlicher Treue sprach er, und zwar sehr schön und gewandt, wie Jemand, der schon eine gewisse Uebung in der Anwendung dieser Worte erlangt hat, so daß Renate sich im Stillen höchlichst darüber wunderte.
Nicht minder gedachte er auch der Zärtlichkeit, mit welcher seine gute Schwester für sie schwärme, und wie dieselbe, durch den frühen Verlust eines theuren und heißgeliebten Gatten so tief gebeugt, sie, mit Freudenthränen in den Augen, zum ersten Male Schwester nennen würde.
Dies Alles stand in dem Briefe, und noch viele andere Dinge; und Alles war recht orthographisch geschrieben, und einzelne nothwendig gewordene Radirungen waren so sauber ausgeführt, daß man hätte darauf schwören mögen, die Feder habe nur hin und wieder eine schadhafte Stelle des Papiers gestreift, was bei dem kostbaren rosafarbigen Fabrikat allerdings sehr zu verwundern, jedoch nicht hinderte, daß der Graf, nach seinen Schilderungen, als eine seltene, als eine beneidenswerthe Partie erscheinen, diejenige aber, die seine Hand zurückwies, offenbar mit Blindheit geschlagen sein mußte.
Als Renate den Brief bedächtig zu Ende gelesen, stützte sie ihr Haupt, wie in tiefes Nachdenken versunken, auf die Hand.
»Wenn ich nur wüßte, wodurch ich ihm Veranlassung gegeben habe, dergleichen Zeug an mich zu schreiben,« dachte sie, indem ihre linke Hand mechanisch mit Heinrich's Brief spielte; »es ist mir recht, recht unangenehm - was soll ich ihm antworten? Ob ich die Geschichte dem Doctor erzähle? Natürlich, vielleicht weiß der mir zu rathen, wie ich, ohne zu verletzen, die hohe Ehre einer Verbindung mit dem alten Geschlechte des Grafen Hannibal ausschlage.«
Der eintretende Diener störte sie in ihren Betrachtungen. Sie schien erfreut darüber, denn ohne Zweifel, um den Antrag des Grafen Hannibal zu vergessen, nahm sie schnell wieder Heinrich's Brief zur Hand, jedes einzelne Wort noch einmal besonders einer genauen Prüfung unterwerfend.
Sie hoffte noch immer, zwischen den Zeilen eine Andeutung zu finden, die sich vielleicht, wenn auch nur mittelbar, auf die Ursache und den Zweck der geheimnißvollen, dringenden Botschaft bezöge.

18. Die seltsame Trinkgesellschaft.

Als Heinrich Bergmann Renate um ihren Beistand zur Rettung des geraubten und abermals zu entführenden Kindes aufforderte, hatte er sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht. Er hätte zwar eben so gut einen Miethwagen benutzen können, allein er wußte dann nicht, ob er auf die Zuverlässigkeit des Kutschers bauen durfte; außerdem entbehrte er das Bewußtsein, mit Renaten gewissermaßen vereinigt zu wirken.
Aus solchen Gründen hatte er auch vorzugsweise vermieden, im letzten Augenblicke, wie er ursprünglich beabsichtigte, den Doctor noch mit in das Geheimniß zu ziehen, der ihm dann ganz gewiß, um einem erneuten Verkehr mit Renaten vorzubeugen, seinen eigenen Wagen zur Verfügung gestellt haben würdede.
Zur bestimmten Stunde war der Wagen der Gräfin an der bezeichneten Stelle. Heinrich überzeugte sich, daß der Kutscher strengen Befehl habe, seinen Anordnungen pünktlich Folge zu leisten, und nachdem er ihn angewiesen, nach der Mündung derjenigen Straße hinzufahren, in welcher er in der vorhergehenden Nacht bei den vier Gaunern vorübergeschritten war, stieg er ein.
Es war etwa eilf Uhr, als er daselbst eintraf, also noch mindestens eine Stunde vor der Zeit, die zur Ausführung des Verbrechens verabredet worden war.
Er rieth daher dem Kutscher, um nicht die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich zu lenken, abwechselnd bald auf dem einen, bald auf dem andern Ende der betreffenden Straße langsam und auf Umwegen vorbeizufahren und erst von halb ein Uhr an, als befinde der Besitzer der Equipage, ein Arzt, sich in der Nähe bei einem Kranken, auf einer genau bezeichneten Stelle halten zu bleiben.
Er selbst mischte sich darauf unter die Fußgänger, die noch immer die Straßen reich belebten, und mehrfach an dem verdächtigen Hause vorüberschreitend, verschaffte er sich for allen Dingen ausreichende Kenntniß von der Lage desselben.
Als die Mitternachtsstunde geschlagen hatte, wurden die Fußgänger seltener, und diejenigen, denen er begegnete, schienen so schnell wie möglich nach Hause zu eilen. Er beobachtete Einzelne wohl mit argwöhnischen Augen, ihm dagegen schenkte Keiner die geringste Aufmerksamkeit.
Bis gegen halb Eins hatte er in dieser Weise in der Nähe des zu beobachtenden Hauses zugebracht, als ein einzelner Fußgänger zu ihm herantrat und ihn um Feuer zum Anbrennen einer Cigarre ersuchte.
Heinrich schützte vor, nicht in der Lage zu sein, des Unbekannten Bitte gewähren zu können. Dieser entfernte sich von ihm, doch glaubte Heinrich dieselbe Stimme wieder erkannt zu haben, die er am vorhergehenden Abend in heftigem Gespräche mit der kranken Frau vernommen hatte.
Wie dringend die größte Vorsicht geboten sei, lag also auf der Hand, indem der Gauner, im Falle er ihm nicht verdächtig erschienen wäre, sich schwerlich mit der Bitte um Feuer an ihn gewendet haben würde.
Anstelle das Haus noch länger im Auge zu behalten, richtete von jetzt ab seine ungetheilte Aufmerksamkeit auf jenen Unbekannten. Er zählte darauf, daß derselbe, als der eigentliche Leiter des Complots, ihm durch das eigene Benehmen verrathen würde, wenn die Zeit zum Handeln gekommen sei.
Er begab sich daher nach demjenigen Ende der Straße hin, auf welchem er den Wagen in der Nähe wußte, und einen günstigen Augenblick erspähend, gelangte er unbemerkt in einen weit zurückgebauten Thorweg hinein, in dessen tiefem Schatten ihn von der Straße aus das schärfste Auge nicht zu entdecken vermochte. Er selbst dagegen konnte die Straße theilweise überblicken, namentlich aber lag das Haus, vor welchem der Gauner in langen Wendungen, wie Jemanden erwartend, auf und ab schritt, in seinem Gesichtskreise.
Mit fast ängstlicher Spannung beobachtete Heinrich Letzteren; die Bewegungen desselben überzeugten ihn bald, daß er sich in der Person nicht geirrt habe. Wie es ihm gelingen würde, die beabsichtigte Entführung zu hintertreiben, konnte er allerdings nicht voraussehen; doch beruhigte er sich mit dem Gedanken: im entscheidenden Augenblicke zur Hand zu sein, um, alle sich bietenden, günstigen Umstände benutzend, nachdrücklich einzuschreiten, und mit wachsender Ungeduld sah er diesem Zeitpunkte entgegen. -
Im Hause der Marquise ging es unterdessen nach gewohnter Weise zu. In einem kleinen, etwas abgesondert liegenden Stübchen saßen an jenem Abende drei, nach ihrem Aeußern zu schließen, dem Mittelstande angehörende Männer bei einander.
Nicht so geräuschvoll, wie die übrigen Gäste des Hauses, schienen sie doch die flüchtige Gegenwart in nicht geringerem Grade zu genießen; denn obwohl ihre Gesichter bereits feurig glühten, sprachen sie doch noch immer dem Weine fleißig zu, und kein einziges Mal verließ die Kellnerin die Gesellschaft mit leeren Flaschen, ohne daß die gebrachten vollen in liberalster Weise bezahlt worden wären.
Anfangs hatte die Kellnerin die drei ihr gänzlich unbekannten Gefährten mit Mißtrauen beobachtet und unter deren ehrbarem Aeußern verkleidete Spione vermuthet. Sehr bald aber schwand ihre Besorgniß wieder; denn als dieselben in Folge des Genusses der berauschenden Getränke redseliger wurden, glaubte sie, recht geriebene Leute in ihnen zu entdecken, die unverhofft, vielleicht auch auf nicht ganz erlaubte Art in den Besitz von einigen Geldmitteln gekommen waren und, um anderswo kein Aufsehen zu erregen, hier in aller Sicherheit und Stille eine lustige Nacht zu feiern gedachten.
Ihre Gesichter hatten sie, bis auf einzelne phantastische Bartstreifen, sauber rasirt, und was noch am meisten für sie sprach: Ihre Hände waren gebräunt und zugleich weich und frei von Schwielen, das sicherste Zeichen, daß sie nicht mit schwerer Handarbeit, auch nicht durch geistige Beschäftigung ihren Unterhalt verdienten.
Die erste Hälfte der Mitternachtsstunde verstrich, ohne daß etwas Besonderes vorgefallen wäre. Die Heiterkeit der Gäste hatte ihren höchsten Höhepunkt erreicht.
Die drei Fremden, denen die Oberkellnerin jetzt ihre Hauptaufmerksamkeit zuwendete, schienen indessen noch lange nicht zufriedengestellt zu sein, denn als diese gegen halb ein Uhr noch einmal bei ihnen eintrat, wurde sie aufgefordert, für Jeden eine Flasche Champagner herbeizuschaffen. Dabei warfen sie das Geld mit übermüthiger Geberde auf den Tisch, so daß sie immer höher in der Achtung des Mädchens stiegen, welches mit Windeseile davonstürmte, um ihre Wünsche baldmöglichst zu befriedigen.
Kaum hatte die Kellnerin das Gemach verlassen, da neigten die drei Gäste ihre Köpfe zu einander hin, und indem sie verstohlen kicherten, äußerten sie in flüsterndem Tone, daß nunmehr die Zeit gekommen sei.
»Vor allen Dingen müssen wir zu verhüten suchen, daß sie Lärm schlägt,« bemerkte der Eine warnend.
»Ich werde sie mit leichter Mühe beruhigen,« antwortete ein Anderer mit einer gewissen Entschiedenheit; »dagegen erscheint mir die Hausthür als die gefährlichste Stelle.«
»Gefahr ist überhaupt nicht vorhanden,« hieß es zurück, »und wenn sie uns abfassen, wird die Sache immer noch nicht schlimm; sie haben eben so viel Grund, die Oeffentlichkeit zu scheuen, wie wir, und brennt uns das Feuer auf den Nägeln, so lassen wir es bei dem mißglückten Versuche bewenden.«
»Nein, das wäre ehrlos,« versetzte der Erste wieder; »nachdem Merle der Abend so viel gekostet hat, müssen auch wir das Unsrige thun, denn auf der Straße wird er sein Geld ebenfalls nicht gefunden haben ...«
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und herein trat die mit Flaschen und einem Eisbehälter schwer beladene Kellnerin.
»Hurrah!« ertönte es aus drei rauhen Kehlen, und zugleich sprangen die drei Gauner empor, um der Eintretenden die Last zu erleichtern und die offen gebliebene Thür zu schließen.
Die Gauner stimmten ein tolles Liedchen an; der eine ließ einen Pfropfen knallen, der zweite klirrte laut mit den Gläsern, der dritte dagegen umfaßte die Kellnerin mit seinen kräftigen Armen, und bevor sie den gefährlichen Ernst der Sache ahnte, schloß eine Hand ihr mit festem Griffe den Mund, während ihre eigenen Hände von den beiden anderen Männern schnell auf dem Rücken zusammengeschnürt wurden.
Dabei sangen sie lustig weiter, und je angestrengter sich das zum Tode entsetzte Mädchen ohnmächtig unter den schmerzhaften Griffen wand, um so heller war die wilde Schadenfreude, die aus den durch den Genuß des Weines gerötheten Augen der Gauner leuchtete.
Derjenige, welcher die unglückliche Kellnerin in seinen Armen hielt und sie verhinderte, um Hülfe zu rufen, sang nicht mit; dafür brachte er seine Lippen dicht an ihr Ohr, sie im scharfen Flüstertone mit dem Tode für den ersten ausgestoßenen Laut bedrohend.
»Leiste keinen Widerstand,« ermahnte er das bebende Mädchen, während seine Gefährten an den Tisch zurücktraten, das für den Champagner bestimmte Geld kaltblütig in die Tasche schoben und zu ihrem Gläserklingen einen Rundgesang anstimmten; »leiste keinen Widerstand, und Du hast nichts zu befürchten. Dagegen wiederhole ich noch einmal: Nur ein Versuch des Schreiens, und meine Faust trifft mit betäubender Gewalt Deinen Schädel, und ehe Du erwachst, hast Du einen Knebel zwischen den Zähnen.«
Bei diesen Worten zog er seine Hand so weit zurück, daß die Kellnerin, der vor Todesangst und Mangel an Luft die Augen weit aus dem Kopfe getreten waren, wieder einigermaßen zu athmen vermochte, und dann fuhr er fort:
»Wir wollen weder Dir, noch sonst Jemandem im Hause ein Leid anthun, selbst fremdes Gut gedenken wir uns nicht anzueignen; denn wir sind keine Räuber und Spitzbuben, sondern ehrlicher Leute Kinder. Sei also verständig, meine kleine, wilde Katze, überwinde Deine Furcht und höre mir aufmerksam zu. Hast Du mich verstanden?«
Die Kellnerin nickte bejahend, die Sänger ließen ihre Gläser klingen und stimmten einen neuen Vers ihres Liedes an, und der Erstere begann wieder mit eindringlichem Ernste zu seiner Gefangenen gewendet:
»In diesem Hause befindet sich ein Kind, ein kleines Mädchen, welches in der verflossenen Nacht gewaltsamer Weise hierher gebracht wurde. Habe ich Recht?«
Die Kellnerin nickte wieder.
»Gut, es ist mir lieb, daß Du nicht zu nutzlosen Umschweifen Deine Zuflucht nimmst; Du wirst dadurch um so schneller aus Deiner unbequemen Lage befreit werden. Doch nun passe genau auf: Da man nicht die Polizei mit der Herbeischaffung des Kindes belästigen wollte, so haben die rechtmäßigen - na - Eigenthümer besagten Kindes uns beauftragt, dasselbe mit List oder Gewalt zu entführen und ihnen wieder zuzustellen. Wie Du siehst, mein holder Schatz, sind wir ziemlich glücklich gewesen, denn der schwierigste Theil des Unternehmens ist gelungen, und was uns jetzt noch zu thun übrig bleibt, ist Kleinigkeit. Bist Du nicht ebenfalls dieser Ansicht?«
Wiederum gab die Kellnerin ein beipflichtendes Zeichen, die Sänger lachten aus vollem Herzen und schritten zur Absingung des dritten Verses, und der Wortführer erklärte weiter:
»In der festen Ueberzeugung, daß Du hübsch leise antwortest, will ich meine Hand etwas zurückziehen, so - Du siehst aber, meine Faust ist bereit, Dir den Mund auf längere Zeit zu stopfen, sobald Du nur eine verdächtige Miene machst. Also, mein Schatz, sage mir zuerst, weißt Du, wo das geraubte Kind sich befindet?«
Die Kellnerin blickte rathlos zu dem Gauner empor, offenbar überlegend, Ob sie antworten solle oder nicht.
»Nur immer heraus mit der Sprache,« versetzte jener schnell; »weißt Du es nicht, so müssen wir Dich vorher unschädlich machen, und dann ...«
»Ich weiß, wo das Kind schläft,« antwortete die Kellnerin, die es nicht auf das Aeußerste wollte ankommen lassen, jetzt leise.
»Sieh, Schätzchen, wie gelehrig Du plötzlich bist!« hohnlachte der Gauner, halb zu seinen singenden Genossen gewendet. »Gut, Du wirst mir also beschreiben, wo ich das Kind finde; aber hörst Du, ganz genau, so daß ich die Thür nicht verfehle ...«
»Auf dem Gange nach dem Hinterhause die letzte Thür,« unterbrach ihn die Kellnerin, die nunmehr durch schnelle und pünktliche Antworten die beängstigende Lage, in sie sie gerathen war, abzukürzen suchte.
»In dieser Etage?«
»In dieser Etage.«
»Also gar nicht so sehr weit von hier?«
»Keine zwanzig Schritte; diese Stube gehört ja schon mit zu den nur selten benutzten Räumlichkeiten des Hinterhauses.«
»Richtig, richtig, mein Schatz; Du bist ein ganz gescheidtes Mädchen. Doch nun sage weiter: Ist die Thür verschlossen?«
»Es befindet sich eine Doppelthür vor der Stube, und beide sind verschlossen und verriegelt.«
»Hm, das ist schlimm. Wer ist bei dem Kinde, oder läßt man es allein schlafen?«
Die Kellnerin sann mit dem Ausdrucke der Verlegenheit nach.
»Heraus mit der Sprache!« ermuthigte der Gauner. »Nur ein offenes Geständniß rettet Dich vor einer unfreiwilligen Zusammenkunft mit der Polizei!«
Die Kellnerin zuckte erschreckt zusammen; es stieg der Verdacht in ihr auf, daß sie sich bereits in den Händen der Polizei befinde, und eben so schnell reifte ihr Entschluß, nunmehr mit der Wahrheit nicht länger zurückzuhalten.
»Gehe ich frei aus, wenn ich Euch zu dem Kinde verhelfe?« fragte sie verstört.
»Ganz frei, mein Schätzchen,« antwortete der Gauner innerlich ergötzt, denn er hatte des geängstigten Mädchens Ideengang errathen, »und zwar sollst Du nicht nur vollständig ungeschädigt ausgehen, sondern, nachdem das Kind in unseren Besitz übergegangen ist, wollen wir Dich sogar leicht fesseln und knebeln und in diesem Gemache liegen lassen. Es gewinnt dadurch den Anschein, als hättest Du uns Widerstand geleistet; Deine Marquise, oder wie sie heißt, kann Dir dann nichts anhaben, und erst recht nicht, wenn Du ihr eine Mordgeschichte aufbindest.«
»Soll ich mit zu dem Kinde gehen?« fragte die Kellnerin jetzt erleichterten Herzens.
»Ist gar nicht nöthig - aber, was Teufel, ich denke, die Thüren sind doppelt und dreifach verschlossen?«
»Ja, die Thüren, die von dem Gange in die Stube führen; jedoch nicht die andere, die mein Kämmerchen mit jener Stube verbindet.«
»Ah so - dann ist das Kind wohl Deiner besondern Obhut anvertraut worden?«
»Nur des Nachts habe ich auf dasselbe zu achten; am Tage wird sich die Marquise wohl selbst mit ihm beschäftigen wollen. Uebrigens ist dies erst die zweite Nacht, die es in unserem Hause zubringt.«
»Ganz recht, wir wissen das; wie aber komme ich in Dein Kämmerchen?«
»Löst mir die Hände, und ich gebe Euch den Schlüssel - doch nein, nehmt ihn Euch selbst, er steckt in meiner Schürzentasche.«
»Ist er dies?« fragte der Gauner lachend, nachdem er den Schlüssel hervorgezogen hatte.
»Ja, das ist er; er schließt die vorletzte Thür auf dem Gange links. Ihr werdet durch dieselbe in meine Kammer treten und, da eine Lampe in derselben brennt, Euch leicht zurechtfinden. Darf ich aber auch bestimmt darauf rechnen, daß Ihr mich nicht verrathet?«
»Sollst nicht verrathen werden,« entgegnete der Gauner, kaum fähig, über die naive Bitte ein lautes Lachen zu unterdrücken. »Aber still jetzt, Kinder,« wendete er sich darauf an seine singenden und trinkenden Genossen, »das Mädchen ist vernünftig; Ihr braucht also nicht mehr so zu schreien, und außerdem haben wir es verdammt eilig. Ich gehe, um das Kind zu holen, Ihr leistet unterdessen unserer Freundin Gesellschaft; bindet ihr aber die Füße zusammen, legt sie auf das Sopha und schiebt ihr zum Ueberfluß einen Zipfel ihrer Schürze zwischen die Zähne, aber vorsichtig, ich bitte darum - überhaupt muß man mit Damen stets zart umgehen.«
Die Angeredeten erklärten, daß sie Alles begriffen hätten, und traten sogleich an der Kellnerin Seite, wobei sie, um nicht bei einem zufällig draußen Vorübergehenden Verdacht zu erwecken, sich scherzhaft unterhielten, während der Wortführer und Leiter des Unternehmens die nach dem Gange hinausführende Thür öffnete und einige Secunden hinaushorchte.
Auf den Gängen war Alles still und öde, selbst die Gasflammen, die man der Ersparniß wegen niedriger geschraubt hatte, brannten düster und schienen von dem, was in dem Hause vorging, nichts hören und sehen zu wollen.
Der Gauner trat behutsam hinaus mit schnellen, fast unhörbaren Schritten eilte er bis an die Treppe, im Vorbeigehen die beiden den Gang erhellenden Flammen so tief schraubend, daß sie als phosphorblaue Funken kaum noch Lichtstrahlen aussendeten. Hastig begab er sich sodann auf demselben Wege zurück, und nachdem er abermals einige Secunden gelauscht, bog er in den das Hintergebäude der Länge nach durchschneidenden Gang ein.
Eine Lampe brannte auf dem äußersten Ende desselben, wo eine Treppe nach dem unteren Stockwerke hinabführte; er entdeckte daher leicht die Thür, welche in das Kämmerchen der gefesselten Kellnerin führte.
Prüfend schob er den Schlüssel in das Schloß. Anfangs drückte er leise, um zu erfahren, ob er die zum Aufschließen nothwendige Lage habe; dann aber den Ring fest umklammernd, drehte er denselben mit einer so sichern Schnelligkeit herum, daß die Thür sich fast ohne Geräusch öffnete.
Als der Gauner in die Kammer eintrat, überzeugte ihn ein kurzer Ueberblick, daß die Kellnerin ihn nicht hintergangen hatte. Dort stand die Lampe und dort wieder zeigte sich die in das Nebengemach führende Thüröffnung.
Ohne Zeitverlust riegelte er die Thür, nachdem er den Schlüssel von außen abgezogen hatte, hinter sich zu, und dann die Lampe ergreifend, trat er schnell in das andere Gemach ein.
Wie ihm die Kammer durch ihre fast ärmliche Einfachheit aufgefallen war, so überraschte ihn in der Stube wieder eine an Luxus streifende stattliche Einrichtung. Er nahm sich indessen nicht Zeit, dieselbe zu prüfen; seine Augen suchten mit ängstlicher Hast nach dem Kinde, und erst als er dieses in einem sehr geschmackvollen Bette entdeckte, glitt ein Zug des Triumphes über sein listiges Gesicht.
Aber auch jetzt überlegte er nicht lange, welches Verfahren am rathsamsten sei; war er doch von Merle so genau unterrichtet worden, daß kaum noch Zweifel obwalten konnten. Er stellte die Lampe auf die Erde, so daß deren Schein das erwachende Kind nicht blendete, außerdem aber seine eigene Person im Schatten ließ, und dann trat er leise an das Bett.
»Lieschen,« sagte er mit unterdrückter, freundlicher Stimme, indem er sich über das Kind hinneigte, »Lieschen, erwache! Ich will Dich zu Deiner Marie und den lieben Eltern bringen!«
Lieschen lächelte im Schlafe.
»Meine gute, gute, liebe Marie!« murmelte sie kaum verständlich. Offenbar hatte ein wirrer Traum das Kind nach dem Bauerdorfe zurückgeführt.
»Lieschen, wache auf!« wiederholte der Gauner ohne Regung von Gefühl, und zugleich legte er seine Hand auf des Kindes Stirn.
Lieschen schlug die Augen auf.
»Wohin haben mich die Leute gebracht? O, lieber Gott, führe mich zurück zu meiner Marie, zu meinen guten Eltern!« betete sie mit unendlich rührendem Ausdrucke.
»Deine Marie und Deine Eltern warten auf Dich; komm, ich soll Dich zu ihnen führen,« sprach der Gauner leise.
Lieschen erschrak heftig bei dem Tone der fremden Stimme und blickte bebend empor. Sie hatte in den letzten beiden Tagen so viel erlebt, so viel Angst und Qual erduldet, daß ihre Sinne sich zu verwirren begannen und sie nicht wußte, ob die Erscheinung des fremden Mannes nur eine Fortsetzung ihres Traumes oder Wirklichkeit sei.
»Ach, die schreckliche Dame kann nicht meine Mutter sein!« flüsterte sie endlich geheimnißvoll, wie von Fieberbildern umgaukelt. »Ihre Augen stechen, wie die des Herrn Seim - und auch Du blickst mich so beängstigend an - thue mir nichts zu Leide, ich bin ja so verlassen - meine Marie haben sie von mir genommen, o, ich bitte ja so inständig, erbarme Dich!« flehte das Kind, indem es die zarten Händchen faltete.
»Du bist doch nicht krank?« fragte der Gauner bestürzt, der bei dem innigen, herzzerreißenden Tone eine ihm ganz fremde Regung in der Brust empfand.
»Ich bin nicht krank,» allein ich ängstige mich so sehr! Ueberall sehe ich fremde Gesichter, und kein Mensch hat Mitleid mit mir! Wenn ich doch meine Marie, meine guten Eltern bei mir hätte!«
»Still, still, mein Kind!« ermahnte der Gauner, denn er glaubte, draußen auf dem Gange Schritte vernommen zu haben. »Sei still, ich bin zu Dir gekommen, um Dich mit mir zu nehmen, Du sollst zu Deiner Marie, zu den guten Bauersleuten gebracht werden, nach denen Du Dich so sehr sehnst. Ich weiß, wo sie wohnen, und schaffe Dich zu ihnen, wenn auch die ganze Welt sich mir entgegenstellte! Aber flink mußt Du sein, sehr flink und heimlich, damit Niemand uns bemerkt, denn sonst behalten sie Dich hier, und mir geht es ebenfalls schlecht - da hast Du Deine Kleiderchen, ich werde sehen, ob ich einen Mantel für Dich finde; aber nun ziehe Dich auch recht schnell an, in höchstens einer Viertelstunde müssen wir weit fort sein.«
Während der Vagabund sprach, blickte Lieschen zweifelnd und gespannt zu ihm empor; ihre großen, dunkeln Augen schwammen noch immer in Thränen, allein der Ausdruck des Entsetzens war aus denselben gewichen, und statt dessen begann ein schwacher Hoffnungsschimmer aufzudämmern. Offenbar bestrebte sie sich, ihre Gedanken zu ordnen und sich auf Etwas zu besinnen, allein sie kämpfte vergeblich. Eine brennende Röthe hatte sich über das liebe Engelsantlitz ausgebreitet, und indem sie beide Hände an ihren Kopf legte, seufzte sie schmerzlich.
»O, wie mein Kopf so weh thut und wie es mir in den Ohren klopft!« flüsterte sie heimlich. »Guter Mann, ich fürchte mich nicht vor Dir - ja, Du willst mich zu meiner Marie bringen!« und indem sie dies sagte, griff sie hastig nach ihren Kleidern.
»Armer Wurm!« murmelte der Gauner, sich von dem Kinde abwendend. »Sie ist krank, man läßt sie hier liegen, ohne sich um sie zu kümmern - aber warte, ich rette Dich aus diesem Hause, und Merle soll Dich zu Deiner Marie bringen, oder ...«
Hier stockten seine Gedanken, und zweifelnd blickte er vor sich nieder.
Das Bild des schönen, unschuldigen Kindes, die fieberhafte Aufregung desselben und das innige Flehen hatten sein Herz gerührt. Er hegte die unbestimmte Absicht, es der Marquise zu entreißen, es aber auch nicht in den Händen des habgierigen Merle verderben zu lassen; doch wußte er nicht, wie dies zu beginnen sei. Seine Brust war noch nicht fest genug gepanzert gegen das Flehen der Unschuld, aber auch nicht hinreichend gegen den Einfluß Merle's gestählt. Er wußte dies, und indem er fühlte, daß er zu schwach sei, Merle's Willen zuwiderzuhandeln und sich mit ihm zu überwerfen, sagte er sich auf der andern Seite, daß das augenscheinlich schwer erkrankte Kind hier in diesem Hause wie in seiner Genossen Besitz ein frühzeitiges Ende finden müsse.
Hätte Lieschen sich gesträubt, hätte sie durch Weinen oder gar Hülferufen ihn gezwungen, zu Gewaltmaßregeln seine Zuflucht zu nehmen, so würde sein Gewissen geschwiegen haben, die Entführung ihm ein Leichtes gewesen sein; allein auf das Flehen kindlicher Unschuld war er nicht vorbereitet.
Seine flüchtigen Betrachtungen unterbrach Lieschen, die in diesem Augenblicke vollständig bekleidet aus dem Bette sprang, schnell in ihre Schuhe schlüpfte und, an des Gauners Seite tretend, ihre heiße, trockene Hand in die seinige legte.
»Laß uns gehen, guter Mann,« flüsterte sie wieder geheimnißvoll, »laß uns gehen, sie kommt sonst, die Dame, die sich meine Mutter nennt - wie mich friert und wie mein Kopf schmerzt - schnell, schnell, ich sterbe in den weichen Betten - man läßt mich allein, und ich ängstige mich zu Tode!«
»Still, keine Silbe mehr, Lieschen,« entgegnete der Vagabund, indem er schnell in die Kammer trat und sich der Thür näherte. »Wundere Dich über nichts, gieb keinen Laut von Dir, bis wir auf der Straße sind, oder sie nehmen Dich mir fort und Deine Marie sieht Dich nie wieder.«
Lieschen, der Alles vor den Augen flimmerte, antwortete nicht mehr.
Sie waren auf den Gang hinausgetreten und der Gauner, des Kindes fieberhaft glühende Hand fest umspannend, schlich auf den Zehen nach dem Gemache hin, in welchem seine beiden Genossen eine geräuschvolle, scherzhafte Unterhaltung führten, als ob sie im Begriffe gewesen wären, aufzubrechen.
Auf sein Klopfen erschienen sie in der Thür, und als sie das verhüllte Kind bemerkten, traten sie vor und hinter dasselbe, daß es bei der sehr matten Beleuchtung gleichsam zwischen ihnen verschwand.
Lieschen war einer Ohnmacht nahe, vor ihren Augen wurde es schwarz, kaum fühlte sie noch, daß eine Hand sich auf ihren Kopf legte und ermuthigend an ihren Locken zupfte. Sie errieth indessen, was damit gemeint sei, und ihre ganze Kraft zusammenraffend, schritt sie wie schlaftrunken zwischen den drei Männern dahin, die fortfuhren, in mehr als freier Weise zu lachen und zu scherzen.
Unbeobachtet gelangten sie bis an die Treppe. Dort aber und auf der unteren Flur, wo die Gasflammen noch heller brannten, hatten sie weit eher eine Entdeckung zu befürchten, zumal sie an der Marquise Wohngemach und dem mit einem Flurfenster versehenen Stübchen einer alten, argwöhnischen Thürhüterin vorbei mußten.
Sie rechneten indessen darauf, daß man sie in ihrer brüderlichen Armverschlingung und mit dem schwankenden Schritte für Berauschte halten und froh sein würde, sie aus dem Hause los zu werden. Befanden sie sich aber erst unten auf der Hausflur, dann hatte eine Entdeckung keine so große Gefahr mehr für sie, indem sie sich, ohne Furcht vor etwaigen unangenehmen Folgen, mit Gewalt auf die Straße hinausdrängen konnten.
Etwa sieben oder acht Stufen hatten sie noch niederzusteigen, da öffnete sich plötzlich die zu den Hauptgemächern führende Thür, und in derselben erschien im reichsten Gesellschaftsanzuge die Marquise.
»Meine Herren, ich muß dringend bitten, nicht durch übermäßiges Geräusch die Leute in der Nachbarschaft zu stören!« sagte sie ernst, jedoch höflich.
»Oder auch die Polizei darauf aufmerksam zu machen, daß hier schlechter Wein zu dreifachen Preisen verkauft wird,« entgegnete der Wortführer, indem er Lieschen noch dichter an sich drückte und zugleich den Schatten seiner Genossen suchte; »der Teufel kann bei dem verfälschten Getränke den Kopf oben behalten!«
»Meine Herren, wollen sie nicht eine reizende Gruppe sehen?« rief die Marquise rückwärts in die Stube hinein, offenbar, um den drei Vagabunden zu zeigen, daß sie im Falle der Noth darauf vorbereitet sei, sie aus der Thüre werfen zu lassen.
Als dann fünf oder sechs männliche Gesichter, zum Theil noch sehr jugendlich, zum Theil bärtig oder glatt rasirt, alle aber gleich glühend in Folge unmäßiger Genüsse, hinter ihr erschienen und über ihre Schultern fort auf die Vorflur hinaussahen, wendete die Marquise sich dem scheinbar schwer berauschten Kleeblatte wieder zu.
»Gefallen Ihnen meine Weine und meine Preise nicht, so brauchen Sie mein Haus nicht zu betreten,« sagte sie spöttisch; in demselben Augenblicke wurde sie aber auch gewahr, daß zwischen den drei Männern sich noch eine vierte formlose Gestalt bewegte, oder vielmehr, selbst unfähig, sich zu bewegen, von diesen mit fortgeschleppt wurde.
Lieschen hatte nämlich bei der Anrede der Marquise das Bewußtsein verloren und hing schwer von dem sie unter den Schultern haltenden Arme ihres Retters nieder, der ihr zum Glücke noch ein großes Tuch umgeschlagen hatte, wodurch ihre Figur vollständig unkenntlich wurde.
Die Marquise, von einem unbestimmten Argwohne erfaßt, wollte sich genauere Kenntniß von der geheimnißvollen Gestalt verschaffen, doch trat der eine Gauner mit seltener Geistesgegenwart vor sie hin, sie an jeder weiteren Bewegung hindernd.
»Unser berauschter Freund wünscht, nicht erkannt zu sein,« sagte er mit einer gewissen drohenden Entschiedenheit, vor welcher die Marquise unwillkürlich einen Schritt zurückwich und zugleich, noch mißtrauischer gemacht, an der Klingel riß, auf deren Ton die Kellnerin, wo sie sich auch immer befinden mochte, unverzüglich herbeieilen mußte.
»Kümmern Sie sich doch nicht um die harmlosen Leute,« sagte ein hinter der Marquise stehender älterer Officier, dem die Scene langweilig zu werden begann und der sich an den Spieltisch zurücksehnte.
Die Marquise achtete nicht auf den ihr ertheilten Rath, sondern klingelte abermals und heftiger, ohne daß die Kellnerin, wie sie sonst an ihr gewohnt war, erschienen wäre.
Die drei Genossen waren unterdessen lachend und scheltend vorbeigeschritten und befanden sich bereits dicht vor der Thür, als die scharfen Augen der Marquise unter dem Tuche hervor den unteren Rand eines Kleides nachschleppen sahen. In der Meinung, daß die Kellnerin ihr Haus heimlich zu verlassen beabsichtige, stürzte sie auf die Gauner zu, während ein Theil ihrer Gäste sich ihr nach auf den Flur hinausdrängte. Gleichzeitig erschallte aber auch von der Straße her ein Klopfen, und unter dem geübten Griff der nichts Arges ahnenden Pförtnerin sprang die Thür auf.
»Halt, meine Herren!« rief die Marquise mit unterdrückter, ängstlicher Stimme aus, als eine unsichtbare Hand von außen die Thür ganz aufstieß, und die Gauner schnell in's Freie traten. »Wenn Sie keine Schurken sind, werden Sie mir wenigstens sagen, wer sich dort so gutwillig von Ihnen entführen läßt!«
»Wir sind Schurken!« rief Merle höhnisch in's Haus hinein, denn er war es ja, der schon eine Weile lauschend auf der obersten Stufe gestanden hatte, und mit lautem Schalle flog die mit Gewalt zugeschleuderte Thür in's Schloß.
Merle wartete nicht, um zu hören, in welche Unruhe das Haus versetzt werden würde, sondern eilte spornstreichs seinen Gefährten nach, von denen der eine, um nicht in seinen Bewegungen gehindert zu sein, das bewußtlose Kind auf den Arm genommen hatte. -
Wie Heinrich vorhergesehen hatte, schlugen die vier Gauner nicht die Richtung nach den öffentlichen Plätzen, sondern nach dem Stadttheile ein, wo sie sich am leichtesten und schnellsten in den engen und verworrenen Gassen verlieren konnten. Sie mußten daher bei ihm vorüber und sogar dicht an dem Wagen vorbei, der in der nächsten Querstraße gleich hinter der Ecke hielt.
Er wartete nur so lange in seinem Verstecke, bis Merle, der Letzte des Zuges, vorbei war, und bevor dieser sich noch seinen Genossen zugesellt hatte, befand auch er sich dicht hinter ihnen.
Das Geräusch der schnell einherschreitenden Männer, und die Aufregung, in der sich alle befanden, verursachte, daß Heinrich's Nähe, der sich weit vorsichtiger bewegte, nicht beachtet wurde und man sich sogar nicht scheute, einige Worte mit einander zu wechseln.
»Gut gemacht, Donnerwetter!« bemerkte Merle, kaum noch fähig, den lauten Ausbruch seiner Freude zu mäßigen. »Fünfhundert Thaler sind mir nicht so lieb, wie das Kind!«
»Mir sind sie lieber,« entgegnete derjenige, der Lieschen auf den Armen trug; »das arme Ding ist bewußtlos ...«
»Desto besser,« versetzte Merle triumphirend, »es läßt sich leichter handhaben.«
»Es ist sterbenskrank, ich will die Verantwortlichkeit nicht auf mich laden, mit zu seinem Tode beigetragen zu haben - wir bringen es augenblicklich nach seinem Dorfe hinaus ...«
»Schwachkopf, so gieb es mir her und kümmere Dich nicht weiter um die Geschichte! Aber ruhig, bis wir an dem Wagen vorbei sind!« entgegnete Merle, als er, um die Ecke herumbiegend, nur wenige Schritte vor sich Renatens Wagen halten sah.
»Oder gebt das Kind lieber mir!« rief Heinrich jetzt aus, indem er schnell nach vorn sprang und den Träger des Kindes an der Schulter ergriff.
Die Gauner prallten aus einander, nur derjenige, der Lieschen trug, blieb stehen.
»Warum nicht?« fragte dieser Letztere ruhig. »Wenn Sie ein Recht an das Kind haben; so übergebe ich es Ihnen herzlich gern.«
Merle hatte sich unterdessen von seinem Schreck erholt und trat festen Schrittes vor den jungen Officier hin.
»Machen Sie keine unzeitigen Späße!« redete er ihn zähneknirschend an. »Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten und nicht um mich oder mein Kind, oder haben Sie Lust, mit einem blutigen Kopfe heimgeschickt zu werden?«
Die anderen beiden Genossen Merle's, die anfänglich Miene machten, zu entfliehen, waren ebenfalls wieder herangetreten, um im entscheidenden Augenblicke mit ihren Gefährten vereinigt handeln zu können.
Ueberhaupt verdankte Heinrich es nur der Nähe des Wagens, daß man ihn nicht zu Boden schlug und mit dem Kinde die Flucht ergriff. Eine derartige Befürchtung durchzuckte auch wohl seinen Geist, als er Merle in so entschiedener Weise sprechen hörte, denn ohne seine Hand von der Schulter des von ihm erfaßten Mannes zu entfernen, trat er einen Schritt zurück, wodurch die vier Gauner gerade vor ihn gelangten.
»Hören Sie, mein Freund,« hob er an, jedes einzelne Wort besonders betonend, »seit wann ist dieses Kind die Tochter eines gewissen Merle? Meines Wissens wohnen Ihre Frau und Tochter in der Vorstadt, oder wollen Sie dies etwa ableugnen? Sie aber sind derselbe Merle, der das durch seine Frau entwendete Blatt aus dem Kirchenbuche um einen hohen Preis an einen gewissen Grafen verkaufte; derselbe Merle, der dieses Kind gestern für andere Leute raubte und es heute für sich zu rauben gedachte, um durch dessen Zurückgabe neue Summen zu erpressen - haben Sie mich verstanden, oder soll ich noch lauter sprechen, daß der Kutscher und die Leute in den nächsten Häusern es verstehen?«
Bei dieser Anrede stand Merle wie vom Blitze getroffen da. Er wußte nicht, ob er seinen Ohren trauen dürfe, als er von einem Unbekannten Anklagen gegen sich vernahm, die er zwischen sich und den zunächst an seinen Verbrechen Betheiligten begraben glaubte. Er begriff, daß jeder fernere Widerstand, jedes Läugnen vergeblich sei, und für ihn nur die einzige Hoffnung bliebe, durch schnelles Nachgeben, anderer, hochgestellter Personen wegen verschont zu werden.
»Sprechen Sie nicht so laut,« sagte er dann, und eine furchtbare Wuth erlangte wieder das Uebergewicht über seine Besorgniß; »der Teufel hat Ihnen Alles mitgetheilt, oder sonst hat das Weib seine Hand im Spiele gehabt! Nehmen Sie das Kind - überhaupt war die Sache nicht böse gemeint, indem ich es zu seinen Freunden zurückbringen wollte.«
Mit diesen Worten wendete er sich ab, um zu gehen.
Als er sich nach den beiden Genossen umschaute, da waren dieselben verschwunden. Für diese genügte, daß er bei seinem Namen genannt worden war, um schleunigst die Flucht zu ergreifen.
Doch auch er hielt sich nicht länger auf; eine verzehrende Wuth im Herzen und die wildesten Flüche auf den Lippen, entfernte er sich. Er hatte gearbeitet, wider seinen Willen für Andere gearbeitet und sein Geld vergeudet, und das war der herbste Schlag, der ihn treffen konnte.
»Wo soll ich dem Herrn das Kind hintragen?« fragte der Mann, der, von Heinrich gehalten, bei diesem zurückgeblieben war.
Heinrich zog die Hand von des Mannes Schulter; es lag eine gewisse bedauernde Aufrichtigkeit im Tone der Stimme, die weitere Vorsichtsmaßregeln überflüssig erscheinen ließ.
»Legen Sie das arme Wesen recht behutsam hier hinein,« entgegnete Heinrich in demselben versöhnlichen Tone, indem er den Kutschenschlag öffnete; »aber recht vorsichtig, lieber Freund, damit es nicht erwacht und sich noch mehr ängstigt.«
»Wenn es nur überhaupt wieder erwacht!« versetzte der Vagabund bedeutungsvoll, Heinrich's Aufforderung nachkommend.
»Was meinen Sie damit?« fuhr Heinrich erschreckt auf.
»Lieber Herr, das Kind ist krank, sehr krank - ich sah es beim Scheine der Lampe - als ich mit ihm das Haus verließ, hat es noch kein Glied gerührt. Ich würde an Ihrer Stelle zu einem Arzt fahren.«
Den vereinigten Bemühungen der beiden Männer war es unterdessen gelungen, Lieschen auf den bequem und weich gepolsterten Sitz niederzulegen, worauf Heinrich ihr noch das zusammengerollte Tuch unter den Kopf schob und sie mit seinem Mantel zudeckte.
Auch ihn hatte eine unbesiegbare Angst ergriffen, als der schmächtige, schlaffe Körper ohne das geringste Zeichen von ihm innewohnendem Leben blieb. Dazu waren die kleinen Hände eisig kalt geworden, und selbst aus den Schläfen wich allmählich die Gluth, die kurz vorher noch das liebliche Lockenhaupt zu zersprengen gedroht hatte.
»Wenn es eine Leiche wäre, die ich heimbringe!« dachte er schaudernd, indem er sich dem ohnmächtigen Lieschen gegenübersetzte; dann aber neigte er sich noch einmal zum Wagen hinaus.
»Zum Doctor Bergmann, so schnell als möglich!« befahl er dringend.
Der Vagabund schob den Kutschenschlag leise zu und trat zurück; Heinrich achtete nicht auf ihn. Die Pferde zogen an, und dahin rollte der Wagen, als hätten die Rosse die Schwingen eines Vogels besessen.
Der Gauner blickte dem Wagen sinnend nach.
»Geht mir ein schön Stückchen Geld verloren,« murmelte er ackselzuckend, »aber es schadet nicht, und hätte mein Kopf auf dem Spiele gestanden, ich hätte dem Merle das kranke Kind nicht überlassen - ein Glück, daß der fremde Herr dazu kam, es wäre sonst gewiß eine Rauferei geworden.«
Mit solchen Gedanken setzte er sich langsam in Bewegung. Der Verlust der ihm zugesicherten Belohnung schmerzte ihn nicht; er war sogar heiter gestimmt und überlegte, ob es nicht am Ende besser sei, ehrlichere Arbeit zu suchen.
Der flehende, ergebungsvolle Blick des verfolgten Kindes hatte diese Umwandlung seiner Gesinnung bewirkt; es war ein Blick gewesen, der sich tief, vielleicht unauslöschlich tief in seine Seele eingegraben hatte.

19. Das Wiederfinden.

Nachdem Renate persönlich dem Kutscher Verhaltungsmaßregeln ertheilt und den Wagen hatte davonfahren hören, begab sie sich in ihr mit so viel Geschmack und Sinnigkeit eingerichtetes Wohngemach zurück, wo sie von Marie sehnsüchtig erwartet wurde.
Letztere hatte sich, wie verabredet, bereits am frühen Abende eingestellt, und da die Gräfin ausdrücklich befohlen, daß sie für Niemanden, außer für den Doctor Bergmann, zu Hause sei, so war ihr Gelegenheit geworden, umständlich zu erzählen, wie Lieschen in Reichart's Haus gekommen und wieder aus demselben verschwunden sei.
Sie verschwieg nichts; selbst ihren Besuch bei Herrn Seim beschrieb sie ausführlich, wie dessen Worte und Benehmen sie mit Argwohn erfüllt und sie fast überzeugt hätten, daß er um den Aufenthalt des Kindes wisse, jedoch seine geheimen Gründe habe, darüber zu schweigen.
Renate hörte aufmerksam zu, und in demselben Grade, in welchem Marie das Bild ihres glücklichen Zusammenlebens mit Lieschen vor ihr aufrollte, steigerte sich auch ihre Theilnahme sowohl für die Erzählerin selbst, wie für deren räthselhaften Schützling.
Als dieselbe dann endlich Herrn Seim's erwähnte, pflichtete sie ihr in allen Stücken bei, und ohne Rückhalt erklärte sie, daß sie selbst stets eine gewisse Abneigung gegen das süßlich zuvorkommende Wesen des Vorstehers empfunden und nur im Interesse seiner Schutzbefohlenen sich gern überwunden habe, gelegentlich mit ihm zu verkehren.
Das seltsame Benehmen der Mutter des Kindes, denn von einer solchen hatte Herr Seim ja ausdrücklich gesprochen, vermochte sie ebenfalls nicht zu begreifen, und viel angemessener hätte sie es gefunden, wenn dieselbe frei und offen vor die Retter ihres Kindes hingetreten wäre, um ihnen zu danken und ihnen zu gleicher Zeit, wenn sie ihre Tochter auch zurückforderte, gewissermaßen ein kleines Anrecht an das ihnen so lieb gewordene Kind einzuräumen.
In dieser Weise suchte Renate zu trösten und aufzurichten, und in der freundlichen Absicht, Mariens Gedanken mit anderen Dingen zu beschäftigen, lenkte sie allmählich das Gespräch auf sie selbst und ihre Vergangenheit hinüber, namentlich auf den befremdenden Umstand, daß sie, die doch eine sorgfältige Erziehung genossen habe, eine Erziehung, welche sie berechtige, sich in anderen, ihrer Bildung mehr entsprechenden Kreisen liebreich wirkend zu bewegen, doch nicht angestanden habe, wieder in die bäuerlichen Verhältnisse zurückzutreten.
Auf diese mit innigster Theilnahme gestellte Frage blickte Marie zweifelnd vor sich nieder; die Farbe auf ihrem guten Antlitze wechselte, und als sie ihre schönen, dunkeln Augen mit rührend flehendlichem Ausdrucke wieder zu Renaten aufschlug, da perlten Thränen in denselben.
Renate erröthete; sie sah, daß sie eine schmerzhafte Saite in Mariens Gemüth getroffen hatte, und aufrichtig bereute sie, wenn auch von den wohlwollendsten Gefühlen geleitet, nach deren, früheren Verhältnissen geforscht zu haben.
»Nein,« brach sie stotternd das Schweigen, indem sie Mariens Hand ergriff und ihr zugleich, wie einer Schwester, die einfach geordneten Haare von der Stirn zurückstrich, »sagen Sie mir nichts, ich war unvorsichtig; ich wünschte, Ihre Gedanken freundlicheren Bildern zuzuwenden, und ohne es zu ahnen verletzte ich Sie. Verzeihen Sie mir und erzählen Sie lieber von Ihrem Dorfe, von Ihrem Bruder und dessen Gattin und was Ihnen sonst noch zur Freude gereicht.«
Marie lächelte wehmüthig; war sie eben noch von Zweifeln befangen gewesen, so hatte Renatens liebevolles und zartes Benehmen dieselben schnell verscheucht.
»Seit einer Reihe von Jahren habe ich nicht von meiner Vergangenheit gesprochen,« hob sie an, und ihre Stimme zitterte leise vor innerer Erregung, »und nur sehr Wenige giebt es auf der Welt, welche dieselbe theilweise kennen. Das war bis jetzt mein Trost; ich konnte, ohne durch grausame Forschungen belästigt zu werden, im Hause meines Bruders den mir ursprünglich von der Vorsehung zuerkannten Lebensweg verfolgen und dabei ungestört der hinter mir liegenden Tage gedenken, wie man wohl eines kurzen, mit süßen Bildern, aber auch mit trüben, schmerzlichen Erinnerungen reich durchwebten Traumes gedenkt.«
Hier seufzte Marie tief auf; Thränen rollten über ihre Wangen, doch lächelte sie der sie bewundernd anschauenden Gräfin freundlich zu. Diese aber fühlte sich seltsam bewegt durch den feierlichen Ernst, der in Mariens Worten lag und welcher durch die gewählte, sichere Redeweise und durch den sanften, klangreichen Ton ihrer Stimme einen doppelt zum Herzen dringenden Ausdruck erhielt.
»Ihnen, verehrteste Gräfin,« hob Marie gleich darauf wieder an, »die Sie es verstanden haben, mein hingebendstes Vertrauen zu erwecken und für sich zu gewinnen, theile ich mit Freuden Alles rückhaltlos mit, was mein vergangenes Leben betrifft und mir nur immer der Mittheilung werth erscheint. Es wird mir sogar einen wehmüthigen Genuß gewähren, einen Genuß, wie er mir bis jetzt noch nicht beschieden war, indem ich mich der Ueberzeugung hingeben darf, daß Sie mich verstehen, mich meiner Erfahrungen wegen nicht tadeln.«
Und nun begann sie zu erzählen von ihrer Geburt und von ihrer Kindheit, so weit sie nur zurückzudenken vermochte, und von der heitern Seligkeit, die damals in ihrem Herzen wohnte. Aber auch des ersten Schmerzes gedachte sie, den sie bei dem Verluste der Mutter und der darauf folgenden Trennung vom elterlichen Hause empfunden habe. Mit lebhaften Worten schilderte sie ihren Aufenthalt im Hause der alten Gräfin, und wie zwischen ihr und ihrer Wohlthäterin sehr bald ein so inniges Verhältniß entstanden sei. Die Kränkungen, welche sie zuweilen von anderen Leuten erdulden mußte, berührte sie nur ganz flüchtig; aber Namen nannte sie, Namen, bei deren Nennung die junge Gräfin erschreckt emporfuhr, weil sie sich erinnerte, gehört zu haben, daß der Graf Hannibal und seine Schwester die einzigen Erben der alten Gräfin gewesen und den großen Reichthum unter sich getheilt hätten.
Auch von dem Vater des Grafen Hannibal hatte Renate gehört, jedoch nur wenig. Sie vermuthete, daß zwischen Vater und Kindern kein gutes Einvernehmen geherrscht habe, indem der alte Graf schon vor vielen Jahren nach dem südlichen Deutschland gezogen sei, und sich seit jener Zeit, nachdem er den Kindern ihr mütterliches Erbtheil zur Verfügung gestellt, nicht mehr bei diesen hatte blicken lassen.
Marie trat indessen mit aller Entschiedenheit auf des alten Grafen Seite. Sie schilderte sein wohlwollendes, freundliches Wesen und seine Selbstverleugnung, die darin ihren untrüglichsten Beweis gefunden, daß er, um seinen Kindern nichts zu entziehen, so weit sie es habe beurtheilen können, gerade nicht in den glänzendsten Verhältnissen gelebt habe. Auch seiner Freundschaft für den Predigtamts-Candidaten gedachte sie mit Wärme, und als sie dieses Umstandes erwähnte, lenkte sie fast unbewußt das Gespräch auf ein Verhältniß, aus welchem ihr so manche glückliche, beseligende Stunden, aber auch so viele Jahre des bittersten Schmerzes erwachsen waren.
O, wie ihr gutes Antlitz sich belebte, als sie alle die Vorzüge hervorhob, welche denjenigen auszeichneten, dem sie einst ihre erste, ungetheilte Liebe geschenkt hatte; wie ihre milden, ergebungsvollen Augen noch heute in wehmuthsvoller Freude erglänzten, während sie von den süßen Hoffnungen sprach, die einst ihre Brust erfüllten und ihr das Leben so zauberisch schön, so verlockend erscheinen ließen! Aber ein grausames Geschick hatte mit erbarmungsloser Hand ihre holden Jugendträume vernichtet, ihr Leben vergällt, ihre Hoffnungen unheilbar zerstört und zertrümmert.
Ihre Lippen bebten, während sie dies aussprach, allein ihre Augen blieben trocken. Sie konnte wohl um das verlorene Lieschen weinen, allein für den aus jenen Jahren mit herübergebrachten Seelenschmerz hatte sie keine Thräne; er war ja noch immer so heiß, so sengend, daß er die lindernden Thautropfen, noch ehe sie ihre Quelle verließen, schnell auftrocknete und dörrte.
Aber Renate, die gute, weichherzige Renate, die beim Anblicke fremder Leiden alles Andere und am meisten ihr eigenes glückliches Loos vergaß, sie hatte noch keine Erfahrungen gemacht, bitter genug, um ihre tiefe Rührung hinter eine äußere ruhige Fassung verbergen zu können. Denn als sie fast athemlos auf die mit sanfter, versöhnender Stimme vorgetragenen Erlebnisse der Gefährtin lauschte, die selbst für diejenigen, die sie einst kränkten und verletzten, kein Wort des Vorwurfs oder der Anklage hatte, und die so geduldig, so ergeben in die Zukunft schaute, ohne mit dem Geschicke zu rechten oder zu hadern, da erweiterte sich ihr Herz vor inniger Theilnahme, und Thräne auf Thräne rollte über ihre sammtweichen Wangen.
»Arme, arme Marie!« sagte sie fast flüsternd, sobald diese ihre Erzählung beendigt hatte.
Es waren die einzigen Worte, welche in der nächsten Zeit gesprochen wurden, allein sie schienen eine ganze Welt des Trostes und der Liebe zu enthalten. Marie fühlte sich durch dieselben seltsam erleichtert, und überwältigt von einer unbeschreiblichen Regung der Dankbarkeit, führte sie unter hervorbrechenden Thränen die Hand Renatens an ihre Lippen, um von dieser in eine innige Umarmung gezogen zu werden.
»Ach, wenn ich öfter so weinen könnte,« sagte Marie endlich, nachdem sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte, und bescheiden zog sie sich von Renaten zurück, »ich glaube, ich litte nur halb so schwer!«
»Sie müssen Ihre jetzigen Verhältnisse verlassen und eine andere Umgebung aufsuchen,« entgegnete Renate freundlich; »ich begreife sehr wohl, daß dort, wo Niemand, und liebte er Sie noch so sehr, Ihren Kummer versteht, derselbe um so heftiger an Ihrer Seele nagt. Sie arbeiten, es ist wahr, doch nach meinem Urtheile sind Ihre Arbeiten solche, welche nur den Körper beschäftigen, dagegen dem Geiste gestatten, seinen eigenen Weg zu gehen und sich fort und fort und immer wieder von Neuem in die Erinnerung an das zu versenken, was unrettbar verloren ist, durch nichts in der Welt ersetzt werden kann.«
»Mein Bruder und meine Schwägerin, was sollten sie wohl ohne mich beginnen?« fragte Marie, und aus ihrer Stimme sprach die unbegrenzte Liebe, mit welcher sie an den Ihrigen hing; »sie haben sich so sehr an mich gewöhnt, und namentlich seit sie ihr einziges Töchterchen begruben, bin ich ihnen unentbehrlich, unersetzlich geworden.«
»Auch dafür muß Hülfe geschafft werden, und mangelt mir selbst auch die erforderliche Einsicht, hier maßgebenden Rath zu ertheilen, so besitze ich doch in dem Doctor Bergmann einen Freund, auf dessen gediegenes Urtheil wir Beide uns blindlings verlassen dürfen. O, Sie glauben nicht, was der gute Doctor und ich schon Alles bewirkt haben! Auch bei Ihnen wird und muß es uns gelingen, eine andere Stimmung hervorzurufen, Sie mehr dem Leben und einem Ihren Anschauungen und Kenntnissen entsprechenden Wirkungskreise wiederzugeben.«
»Sie wollen Ihrem Freunde Alles mittheilen, was ich Ihnen eben erzählte?« fragte Marie mit unverkennbarer Besorgniß.
»Nein, meine theure Freundin, befürchten Sie dergleichen nicht von mir,« tröstete Renate; »allein Sie selbst werden ihm Alles erzählen, und zwar mit derselben Offenheit, mit demselben Vertrauen, mit welchem Sie zu mir gesprochen haben. Es wird nicht gleich geschehen, auch sollen Sie nicht dazu gedrängt werden; allein wenn Sie ihn erst kennen und er in seiner treuherzigen, biedern Weise eine Frage an Sie richtet, so werden Sie eben so wenig wie ich zögern, Ihr Herz vor ihm auszuschütten.«
Unter solchen Gesprächen war die Zeit herangekommen, in welcher Renate den Wagen fortschicken mußte. Sie hatte Marie davon unterrichtet, daß ein Brief von des Doctors Neffen sie dazu veranlaßt habe, und zugleich mancherlei Vermuthungen geäußert, zu welchem Zwecke ihre Beihülfe verlangt sein könne.
Als sie nach Abfertigung des Kutschers wieder zu Marie in das Gemach zurückkehrte, erhob sich diese sogleich und ging ihr entgegen.
»Die Nacht ist bereits weit vorgeschritten,« hob sie mit der ihr eigenthümlichen Bescheidenheit an, »Sie erlauben daher wohl, daß ich mich zurückziehen darf.«
»Gewiß, meine liebe Freundin, und ich selbst will Sie in das Ihnen bestimmte Stübchen führen; Sie sind ohne Zweifel erschöpft und müde. Sollten Sie indessen nur aus freundlicher Rücksicht mich allein lassen wollen, so bitte, ich Sie dringend, bei mir zu bleiben. Die Ruhe würde mich, selbst wenn ich sie suchte, fliehen; ich bin zu aufgeregt, zu gespannt auf das, was da vorgeht, wohin ich meinen Wagen schickte. Doch Sie müssen sehr erschöpft sein.«
»Wie vermöchte ich zu schlafen, nachdem ich mir meine Vergangenheit eben erst so lebhaft vergegenwärtigte?« entgegnete Marie mit einem dankbaren Blicke; »und, dann, ich gestehe es offen, quält mich eine namenlose Unruhe um unser verlorenes Lieschen, eine Unruhe, die ich vergeblich niederzukämpfen suche. Mir ist es, als sollte ich das liebe Kind in diesem Leben nicht wiedersehen, als wäre alle unsere Mühe vergeblich.«
»Sie täuschen sich, ganz gewiß, Sie täuschen sich,« versetzte Renate, ihre Gefährtin sanft auf einen Sessel niederdrückend; »die Unruhe, welche wir Beide empfinden, rührt von dem Gespräche her, das uns in so hohem Grade aufregte, wozu sich noch die peinliche Ungewißheit über den Zweck gesellt, zu welchem Herr Bergmann sich den Wagen erbat. Mein Gott, er schrieb von einem Verbrechen, welches hintertrieben werden sollte. Möchten seine Bemühungen von gutem Erfolge begleitet sein! Und bevor ich das weiß, bin ich nicht im Stande zu schlafen!«
Heftiges Klingeln auf der unteren Hausflur hinderte die Gräfin Renate weiter zu sprechen; statt dessen horchte sie gespannt, um aus dem bis zur ihr dringenden gedämpften Geräusche zu errathen, was den so herrisch Einlaß Begehrenden dorthin geführt haben könne.
Sie vernahm laute Stimmen, die sie indessen nicht von einander zu trennen und zu unterscheiden vermochte; als aber Jemand hastig die Treppe heraufschritt, sprang sie erfreut empor.
»Das ist Doctor Bergmann,« rief sie aus, indem sie sich schnell der Thür näherte, um den Eintretenden zu empfangen, »gerade der Mann, welcher mir in diesem Augenblicke am allerwillkommensten ist. Herzlichen guten Abend, lieber Herr Doctor! Ein guter Gott hat Ihre Schritte hieher gelenkt,« sagte sie darauf, als sie den alten Herrn vor sich sah; »aber ich erkenne Sie ja kaum wieder! Sie haben doch nicht etwa von einem Unglücke zu berichten?«
»Ihr ganz gehorsamer Diener!« entgegnete der Doctor fast athemlos mit einer höflichen Verbeugung; dann nahm er Hut und Stock in die Linke, und nachdem er der Gräfin zierlich die Hand geküßt, zog er sein Taschentuch hervor, um sich zuerst den Schweiß von der Stirne zu trocknen und demnächst durch eine gewandte Bewegung der gespreizten fünf Finger nach oben, sein dünnes Haupthaar in Pyramidenform emporzuwirbeln.
»Nein, meine theure Gräfin, von einem Unglücke habe ich nicht zu berichten, allein die Geduld hat mich etwas verlassen, obwohl ich sonst der ruhigste Mensch von der Welt bin! Da kommt nämlich mein Herr Neffe nach einer durchwachten Nacht nach Hause und erzählt mir ganz unglaubliche Wunderdinge, die er draußen bei unserer Frau Merle erlauscht hat; dann, während ich meine Besuche abstatte und auch bei Ihnen vorzusprechen mir erlaube, ohne Sie zu finden, verschwindet er mir unter den Händen, um sich den ganzen Tag über bis in die Nacht hinein nicht wieder sehen zu lassen. Ich wette darauf, er ist hin, um uns in's Handwerk zu pfuschen und neue Entdeckungen mit nach Hause zu bringen - es ist unverantwortlich - ohne mir ein einziges Wort davon zu sagen, so daß ich wie ein Blinder im Dunkeln umhertappen muß. Aber, liebe Gräfin, ich störe doch wohl nicht, denn wie ich sehe, haben Sie Besuch?«
»Nein, bester Herr Doctor, Sie stören mich nie, und am allerwenigsten heute Abend. Eine Freundin, die ich im Laufe des Tages gewonnen habe,« fügte sie, mit einer anmuthigen Handbewegung auf Marie weisend, hinzu, welche sich erhoben hatte und den Doctor mit einfachem und nichts weniger als geziertem Anstande begrüßte; »meine neue Freundin heißt Marie Reichart, und ich erlaube mir, sie Ihrem Wohlwollen auf das angelegentlichste zu empfehlen.«
Der Doctor warf einen langen, prüfenden Blick auf Marie. Offenbar befriedigten ihn der Ausdruck und die ganze äußere Erscheinung der unter seinem forschenden Blicke erröthenden Fremden, denn er nickte einige Male leicht und billigend mit dem Haupte, worauf er dicht zu ihr herantrat.
»Seien Sie mir herzlich gegrüßt, liebes Kind!« sagte er freundlich, indem er Mariens Hand kräftig schüttelte. »Sie können stolz darauf sein, daß die Gräfin Sie so warm empfiehlt; wäre indessen gar nicht nöthig gewesen, denn auf den ersten Blick erkannte ich in Ihnen ein braves, gutes Mädchen, und wenn ich irgend Etwas für Sie thun kann, so wenden Sie sich nur vertrauensvoll an mich; sei es Tag oder Nacht, ich bin jederzeit bereit, ausgenommen, wenn mich mein Beruf an das Lager eines Kranken führt.«
»Ich danke Ihnen, Herr Doctor, aus vollstem Herzen danke ich Ihnen!« entgegnete Marie. »Ich befinde mich leider in der traurigen Lage, früher, wie Sie vielleicht denken, um Ihren gütigen Rath und Beistand bitten zu müssen - nicht für mich, Herr Doctor, nein, nicht für mich, obwohl auch ich mit dabei betheiligt bin,« fügte sie mit einer leichten Verwirrung hinzu, als sie auf des Doctors Gesicht eine unverkennbare Ueberraschung bemerkte, dieselbe aber in ihrer Anspruchslosigkeit falsch deutete.
Kaum hatte sie indessen geendigt, da drehte der Doctor sich auf derselben Stelle um, und nachdem er einen kleinen Kreis eilfertig abgeschritten, blieb er plötzlich vor Renaten stehen.
»Und ich soll wirklich glauben, die Dame dort sei eine Bäuerin?« Tausend Welt, meine liebe Renate, mich für so kurzsichtig zu halten! Aber ich verstehe, oder ich ahne es vielmehr: man hat sich zu irgend einem Zwecke verkleidet, und wäre ich etwas später gekommen, hätte ich vielleicht das Vergnügen gehabt, auch eine gewisse Gräfin Renate in der kleidsamen Tracht einer Bäuerin zu finden.«
»Sie haben Recht, und auch wieder nicht,« entgegnete Renate mit einem holden Lächeln über des alten Herrn Eifer; »aber beruhigen Sie sich, Sie sollen Alles erfahren. Doch setzen wir uns und tauschen wir aus, was Jeder von uns zu berichten hat.«
Der Doctor legte seinen Hut zur Seite, den Stock behielt er in der Hand, und bald darauf saßen alle Drei um den kleinen Sophatisch, ernstlich erzählend, berathend und verhandelnd.
Und viel war es, was zur Sprache gebracht wurde, und mancherlei waren die Schlüsse, die gezogen, die Vermuthungen, welche aufgestellt, und die Vorschläge, die gemacht wurden; denn bald handelte es sich um die Auffindung des geraubten Kindes, bald um Frau und Tochter des Gauners, die man dem verderblichen Einflusse des Letzteren zu entziehen wünschte, bald wieder um Heinrich Bergmann und die geheimnißvollen Zwecke, welche er verfolgte, offenbar, wie der Doctor sich äußerte, um zu beweisen, daß er, trotz seiner Jugend, gescheidter als sein Onkel sei.
Ueberhaupt kam der Doctor, so oft er auch zu seiner Tabaksdose oder der stummen Flöte greifen mochte, an diesem Abende nicht aus der Aufregung heraus, denn zu wunderbar erschien ihm die Verkettung von Umständen, welche namentlich die Familie Merle's betrafen und dabei in naher Beziehung zu einzelnen vornehmen Familien zu stehen schienen. Um keinen Preis aber hätte er Renatens Haus verlassen, ohne vorher durch den heimkehrenden Kutscher Aufschluß über das nächtliche Abenteuer seines Neffen erhalten zu haben.
»Das wird viel zu thun geben in den nächsten Tagen,« wiederholte er immer wieder, indem er seine Haarpyramide kühn emporsträubte oder seinen Stock heftig auf den mit dicken türkischen Teppichen belegten Fußboden stieß. »Tausend Welt, sehr viel! Allein wir müssen systematisch mit unseren Curen beginnen, und wirft uns mein ehrenwerther Neffe nicht noch irgend einen nothwendig zu erledigenden Kram in den Weg, so muß die Auffindung des Kindes unsere erste Sorge sein. Am besten ist es jedenfalls, wir setzen meinen Heinrich auf dessen Spur; ich kenne den Jungen, der ruht und rastet nicht eher, als bis er wenigstens Nachrichten über dasselbe beibringt; die dann zu weiteren Entdeckungen führen. Zu derselben Zeit aber begebe ich mich zu Herrn Seim, um ihm den Daumen auf's Auge zu drücken, und bin ich dann fertig, dann soll auch die arme Frau Merle mit ihrem Töchterchen nicht vergessen werden - Tausend Welt! Ein solcher Halunke, bei Nachtschlafenszeit förmlich mit Gewalt bei Frau und Kind einzubrechen, um sie zu quälen, zu martern und zu nichtswürdigen Missethaten zu zwingen! Aber warte, mein Freund, ich forsche Alles aus; ich forsche aus, wer der saubere Graf ist, und eben so, was das mit dem entwendeten Documente zu bedeuten hat, oder ich heiße nicht Doctor Bergmann!«
Unter solchen Gesprächen enteilte die Zeit schnell, und als die Mitternachtsstunde verstrichen war, da wußte der Doctor Alles, was vor seinem Eintreffen zwischen den beiden Mädchen zur Sprache gekommen; nur über Mariens Verhältniß zu dem angehenden Prediger hatte man rücksichtsvoll geschwiegen.
Nach diesen gegenseitigen Mittheilungen stellte sich indessen wieder eine wachsende Unruhe über die lange Abwesenheit des Wagens ein. Des Doctors Ungeduld erreichte einen so hohen Grad, daß er sich kaum zu lassen wußte und mehrfach nach dem Hute griff, um sich persönlich, nach dem Wagen umzusehen; doch erinnerte er sich glücklicher Weise jedes Mal noch zur rechten Zeit, daß er nicht wisse, in welcher Richtung er ihn zu suchen habe, und die Stadt sehr groß sei. Dann riß er auch wohl seine Uhr hervor, um sie gleich darauf, ohne sich vom Stande der Zeit überzeugt zu haben, wieder in die Tasche zu schieben, oder er ging einige Male in schnellem Tacte auf und ab, fortwährend auf seinen ›naseweisen Herrn Neffen‹ schmähend, um ihn in der nächsten Minute für einen der vorzüglichsten Menschen zu erklären, die jemals die Mutter Erde trug, und seinen Ausspruch durch einen flinken Läufer auf seinem Stocke gehörig zu bekräftigen.
Aber auch den beiden Mädchen wendete er seine Aufmerksamkeit zu, wenn auch nur flüchtig; denn fast in demselben Athem, in welchem er Renaten versicherte, daß der Wagen nunmehr bald eintreffen müsse, fragte er Marie, ob sie wohl glaube, daß er noch lange ausbleiben werde.
Diese nun wieder wußten nicht viel zu entgegnen; Renate blieb dabei, daß sie hoffe, Herrn Heinrich Bergmann sei das geheimnißvolle Unternehmen geglückt, und zwar ohne nachtheilige Folgen für sich selbst, während Marie mit wachsender Angst sich in allerlei Muthmaßungen über den unbekannten Aufenthaltsort ihres geliebten Lieschens erging.
Endlich, die Mitternachtsstunde war bereits längst vorüber, hielt unten ein Wagen, und gleichzeitig wurde die Hausthür aufgerissen.
Der Doctor, Renate und Marie sprangen empor, und während Ersterer in seiner Leidenschaftlichkeit die Treppe hinuntereilte, blieben die beiden Mädchen oben an dem Geländer stehen.
»Befindet sich Doctor Bergmann hier?« erschallte Heinrichs Stimme von der Hausflur laut und dringend herauf.
»Er ist hier, mein Sohn!« antwortete der Doctor, die letzten Stufen mehr hinabfliegend, als schreitend; »er ist hier - aber um Gottes willen, was bringst Du, was ist geschehen?«
»Ein krankes Kind, welches schneller ärztlicher Hülfe bedarf,« erwiderte Heinrich; »Gott sei Dank, daß ich Dich gefunden habe! Aber wo soll ich es hinbringen? Jede Zögerung kann über Leben und Tod entscheiden!«
»Hier herauf, Herr Bergmann, hier herauf!« rief Renate über das Geländer hinunter, sobald sie den jungen Officier erkannte, der eine in seinen Mantel gehüllte Gestalt auf seinen Armen trug. »Folgen Sie mir nach, ich eile voraus, um die nöthigen Vorkehrungen zur Aufnahme des armen Wesens zu treffen!
»Kommen Sie,« wendete sie sich darauf an Marie, die bleich und verwirrt neben ihr stand, »kommen Sie und helfen Sie mir - welch ein Glück, das Sie bei mir sind! So freundlich die Dienstboten auch sein mögen, so verstehen sie doch beim besten Willen nicht, mit Kranken zart genug umzugchen.«
Mit diesen Worten verschwand Renate in der offenen Thür ihres Gemaches und Marie folgte ihr auf dem Fuße nach.
Der Doctor und Heinrich erreichten bald darauf das Stübchen, in welchem Ersterer kurz vorher mit den beiden Mädchen gesessen hatte. Renate und Marie traten gerade durch die gegenüberliegende Thür mit mehreren Pfühlen und Kissen herein, um auf dem Sopha ein bequemes Lager herzustellen.
Kaum bemerkte das der Doctor, so befand er sich auch bei ihnen, und mit manchen lobenden Bemerkungen über Renatens Umsicht und daß das erwärmte Gemach sich am besten zur vorläufigen Aufnahme eines Kranken eigne, wies er sie an, wie sie die Kissen legen sollten.
»Nun schnell das Kind her!« rief er darauf mit gedämpfter Stimme seinem Neffen zu; »liebe Marie, nehmen Sie es ihm ab, so - so, recht vorsichtig; entkleiden wollen wir es später - vor allen Dingen muß ich seinen Zustand kennen lernen.«
Marie nahm mit möglichster Sorgfalt die Last von Heinrich's Armen; kaum aber sank der verhüllende Mantel zur Erde, kaum hatte sie einen Blick auf das stille, hochgeröthete Antlitz des bewußtlosen Kindes geworfen, da entrang sich ihrer Brust ein durchdringender Ruf, in welchem inniges Entzücken und Todesangst sich ergreifend mit einander vereinigten.
»Lieschen, mein einziges Lieschen!« rief sie mit einem Ausdrucke, daß Renate dadurch bis in die Seele erschüttert wurde und sogar dem guten Doctor die Thränen in die Augen traten; dann aber zu dem Sopha hinstürzend, legte sie das Kind behutsam auf die Pfühle, worauf sie auf die Kniee sank und das holde Gesichtchen und die zarten Hände mit heißen Küssen bedeckte.
»Lieschen, mein armes Lieschen, wie muß ich Dich wiederfinden!« murmelte sie mit vor Schluchzen halb erstickter Stimme. »Was haben sie mit Dir gemacht, mein armes Kind? Ach, nur einmal schlage Deine süßen Augen auf! Lieschen, kennst Du Deine Marie nicht mehr? Lieschen, Lieschen, höre mich, gieb doch nur ein leises Lebenszeichen von Dir!«
Diese ganze Scene war so plötzlich, so unerwartet erfolgt, daß der Doctor sowohl wie Renate und Heinrich förmlich verwirrt dastanden und kaum einem andern Gefühle, als dem der innigsten Rührung zugänglich waren. Als Marie aber immer lauter und verzweiflungsvoller des Kindes Namen rief, erinnerte sich der Doctor, daß er hier zu handeln, die erste Sorge für das augenscheinlich schwer erkrankte Kind zu übernehmen habe.
Er trat leise zu Marien heran, und ihr seine Hand mit sanftem Drucke auf die Schulter legend, bat er sie, ihm auf kurze Zeit ihren Platz einzuräumen.
»Herr Doctor, dies ist Lieschen, von der ich Ihnen erzählte,« entgegnete Marie, noch immer auf den Knieen, indem sie angstvoll zu dem Doctor emporschaute; »dies ist unser Lieschen, und nun stirbt sie - nein - nein, es ist nicht möglich! Lieschen, mein liebes, gutes Lieschen!« rief sie aus, sich abermals über das Kind hinneigend.
Lieschen schlug matt die Augen auf; ob sie Marien erkannte, war nicht ersichtlich, indem sich dieselben sogleich wieder schlossen. Aber ein süßes Lächeln breitete sich über das fieberhaft glühende Antlitz aus, und als ob sie das Bild der geliebten Pflegerin in ihre krankhaften Phantasien aufgenommen und Schutz gegen die sie ängstigenden Bilder habe suchen wollen, schlang sie ihre Arme um Mariens Hals.
»Sie lebt, sie hat ihre Marie erkannt, schluchzte diese kaum verständlich, »und sie wird zu ihren Eltern zurückkehren ...«
»Sie wird nicht leben, nicht zu ihren Eltern zurückkehren, wenn Sie mir nicht gestatten, meine Pflicht zu erfüllen!« sagte der Doctor jetzt ernst, indem er versuchte, Marie sanft zurückzudrängen.
Marie starrte den Doctor entsetzt an.
»Mein ganzes Herz hängt an dem lieben Wesen!« entgegnete sie mit rührender Stimme, doch ehe sie weiter zu sprechen vermochte, legte sich ein weicher Arm um ihren Hals.
»Kommen Sie, liebe Freundin,« flüsterte Renate ihr zu, »geben wir dem Arzte Raum, daß mit er den Zustand des Kindes prüfe und seine Maßregeln danach treffe.«
»Mein Gott, ja,« versetzte Marie, wie schlaftrunken, und zögernd erhob sie sich; »die Freude - der Schmerz, ich wußte nicht, was ich that, - ich glaubte, unser Lieschen stände am Rande des Grabes, und ich wollte ihr doch noch einmal in die theuren Augen schauen!«
Der Doctor hatte sich unterdessen vor das Kind hingesetzt. In der einen Hand dessen Unterarm haltend, seine andere Hand auf die von üppigen, ungeordneten Locken umwallte Stirn gelegt, sah er lange mit regungslosen, fast starren Blicken auf das liebliche Antlitz hin.
Seine Lebhaftigkeit und seine Leidenschaftlichkeit waren plötzlich von ihm gewichen, und hatte um ihn her die grenzenloseste Verwirrung geherrscht, er würde es nicht gemerkt haben. Er war jetzt nur noch Arzt, für ihn gab es nur noch das leidende Kind und sein eisernes Trachten, die Krankheit zu erkennen und durch die ihm zu Gebote stehenden Mittel zu bekämpfen.
Die Augen der übrigen Anwesenden hingen an seinem ernsten Gesicht; angstvoll beobachteten sie die leiseste Bewegung seiner Züge, um aus denselben auf den Zustand des Kindes zu schließen. Allein seine Züge waren undurchdringlich; Niemand vermochte zu errathen, was hinter denselben vorging, es sei denn, man hätte sich darauf beschränkt, ein tiefes Mitleid herauszulesen, welches ganz zu verbergen er nicht im Stande war, und das zu verbergen er sich auch nicht bestrebte.
In tiefes Nachdenken versunken, saß er da, und wer ihn beobachtet hätte, wie das gewichtige Bewußtsein: in dem vorliegenden Falle nicht eine Fiber seines Geistes außer Thätigkeit lassen zu dürfen, auf seiner hohen Stirn thronte, der hätte in ihm kaum den heitern, alten Herrn wiedererkannt, der durch seine seltsamen Gewohnheiten und eine gewisse Zerstreutheit in äußeren Dingen Freunden und Bekannten, ja, seinen Mitmenschen im Allgemeinen so häufig Veranlassung zu harmlosem Verlachen gab.
»Das Kind hat ein gastrisches Fieber, und die pünktlichste und sorgfältigste Pflege ist geboten,« sagte er nach einer Weile mit ruhiger Entschiedenheit, indem er sich erhob.
»Wird es gerettet werden?« fragte Marie, ihre gefalteten Hände flehentlich emporhebend.
»Unser Aller Leben steht in Gottes Hand,« entgegnete der Doctor feierlich; »wer kann wissen, was über uns verhängt ist? Wohl aber darf ich behaupten, daß unser Schützling sich noch nicht außer dem Bereiche menschlicher Hülfe befindet. Entkleiden Sie das Kind und machen Sie ihm seine Lage so bequem, wie möglich; - es von hier fortbringen, hieße seinen Tod besiegeln,« wendete er sich an Renate, die mit rührendem Eifer ihre Bereitwilligkeit aussprach, Lieschen bis zu ihrer vollständigen Genesung und noch länger bei sich zu behalten.
»Man wird Ihnen kaltes Wasser und die nöthigen Tücher bringen,« fuhr der Doctor darauf zu Marien fort, die nunmehr wieder mit der ihr eigenthümlichen liebevollen, überlegenden Ruhe sich um ihren Liebling beschäftigte; »ich weiß, Sie möchten die Pflege der Kleinen nicht gern an einen Andern abtreten, Sie verstehen es auch am besten; befeuchten Sie daher die Tücher und legen Sie dieselben in Form von Binden um Stirn und Schläfen des Kindes, ich meine, daß der Kopf immer wieder von Neuem gekühlt wird. Die Kleine leidet an einem betäubenden Kopfschmerz, und Kühlen ist das Einzige, was wir vorläufig anwenden können.«
Er hatte noch nicht ausgesprochen, da brachte bereits ein Diener Wasser und Tücher. Er beeilte sich daher, Marie unterweisend, die erste nasse Binde um den eine dürre Hitze ausströmenden Kopf des schwer und kurz athmenden Kindes zu legen.
»So fahren Sie fort,« sagte er darauf mit einer unbeschreiblichen Milde in Ton und Wesen; »sobald Sie glauben, daß der Umschlag sich erwärmt hat, erneuern Sie ihn. Und nun Gott befohlen, mein liebes Kind, möge sein Segen auf Ihren Händen ruhen! Ich begebe mich nur in das Nebengemach, um weitere Anordnungen zu treffen und das Erforderliche herbeischaffen zu lassen.
»Kommen Sie, meine gute Renate,« sagte er dann zu dieser, ihr höflich den Arm bietend - Heinrich hatte sich schon vorher auf einen Wink des Doctors zurückgezogen - »hier dürfen wir nicht stören, und dort können wir uns wieder nützlich machen; vor Allem Feder und Papier - eine überaus angenehme Erscheinung, die fremde Person - hm, als wenn die Vorsehung sie selber hierher geführt hätte, um ihren Schützling in Empfang zu nehmen - wunderbar, wunderbar sind die Wege des Herrn; welcher Sterbliche möchte sich vermessen, mit seinen blöden Augen bis in die weisen Fügungen des Himmels einzudringen und das Warum einer jeden Begebenheit im voraus zu bestimmen oder auch nur zu errathen!«
Sie waren bei dem Schreibtische angekommen und der Doctor setzte sich nieder, ohne seinen etwas abseits harrenden Neffen zu beachten. Renate war durch die jüngsten Begebenheiten erschüttert; als sie aber Heinrich bemerkte, trat sie hastig auf ihn zu.
»Meinen innigsten Dank muß ich Ihnen dafür aussprechen,« begann sie, und ihre Augen ruhten mit wunderbarer Klarheit auf dem jungen Officier, »daß Sie gerade mich dazu gewählt haben, Ihnen bei der Rettung des armen Kindes behülflich zu sein.«
»An wen hätte ich mich sonst wenden sollen, meine gnädigste Gräfin?« entgegnete Heinrich, die so offen dargebotene Hand mit einem Anfluge von Verlegenheit küssend; denn wenn Renate auch im Drange der Ereignisse das vergessen hatte, was der Doctor ihr einst über seinen Neffen mittheilte, so traten Heinrich, als er die holde Gestalt in ihrer bezaubernden Lieblichkeit vor sich stehen sah, die mit seinem Onkel gewechselten Worte mit erhöhter Lebhaftigkeit vor die Seele.
»Das unglückliche Kind, über dessen Lebensgeschichte ein geheimnißvolles Dunkel waltet,« fuhr er fort, »mußte gerettet werden; Zeit war nicht zu verlieren, und da ich wußte, mit welcher Freude Sie jedes Mal die Gelegenheit, Gutes zu stiften, begrüßen, so hielt ich es für meine Pflicht, das Geschick der armen Kleinen in Ihre Hände niederzulegen. Ich hoffe, mein Onkel wird mir nicht zürnen, daß ich ihm gewissermaßen vorgegriffen habe.«
Diese letzte Bemerkung und die Erwähnung des Doctors mußten bei der Gräfin irgend welche Erinnerungen wachrufen, denn über ihre anmuthigen Züge breitete sich ein tiefer Purpur aus, und zugleich zog sie die Hand, die so lange in der Heinrich's geruht hatte, leise zurück. Ihr Gedankengang war unterbrochen worden, denn sie sann einige Secunden nach, ehe sie Antwort ertheilte.
»Wie könnte der Doctor Ihnen zürnen?« fragte sie, um den Blicken Heinrich's nicht wieder zu begegnen, sich halb nach dem mit seinen Verordnungen beschäftigten Arzte umschauend. »Wenn das Kind gerettet wird, so darf das nur Ihrem schnellen und entschiedenen Handeln zugeschrieben werden; und dann die mütterliche Freundin des kleinen Mädchens, wie glücklich ist sie dadurch geworden, daß Sie das wiedergefundene Kind in ihre Arme legten - seltsam, wunderbar bleibt es, daß ich gerade mit ihr zusammentreffen, gerade sie bei mir aufnehmen mußte, sie, die mit so unendlicher Liebe an ihrem kleinen Schützlinge hängt und verzweiflungsvoll nach ihm forschte!«
Gern hätte Heinrich sich näher nach Marien erkundigt, die er anfänglich für Lieschens Mutter hielt; allein er scheute sich, mit Fragen vorzutreten, die für Ausbrüche von Neugierde gehalten werden konnten, obwohl er nicht bezweifelte, daß er gerade von Marie Mittheilungen erwarten durfte, die zu weiteren Aufklärungen, namentlich über den Grund der Entführung, leiten mußten.
In diesem Augenblicke gesellte sich der Doctor, mehrere Recepte in der Hand haltend, zu ihnen.
Renate rief einen Diener herbei, und sie sowohl wie Heinrich hörten gespannt auf die Weisungen, welche der Doctor dem Diener ertheilte, wobei er ihn dringend zur größten Eile ermahnte.
Als der Diener sich entfernt hatte, trat der Doctor dicht vor seinen Neffen hin; seine Hand wirbelte die etwas vernachlässigte und in Verfall gerathene Haarpyramide empor, die nicht wenig dazu beitrug, die runde, behäbige Gestalt des alten Herrn um ein gutes Stück größer erscheinen zu lassen, und nachdem er zuerst seine Brillengläser abpolirt und demnächst seinen Neffen durch dieselben mit einem zufriedenen Blicke von oben bis unten betrachtet hatte, reichte er ihm Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand.
»Du bist nicht nur ein gescheidter, sondern auch ein braver Junge,« begann er sehr eindringlich, ohne daß dabei der sinnende Ernst aus seinem Antlitze gewichen wäre; »hast mir eine rechte Freude bereitet und nicht minder Deiner wohlwollenden Gönnerin hier - nicht wahr, meine liebe Renate?«
Die Gräfin nickte zustimmend. Ein neues Erröthen verrieth abermals, daß sie sich einer früheren Unterhaltung mit dem Doctor erinnere und deshalb in Verlegenheit um eine Antwort sei.
Dem Doctor erschien dies sehr natürlich; nicht natürlich und sogar sehr tadelnswerth erschien ihm dagegen das Benehmen seines Herrn Neffen, der gar nicht auf ihn achtete, sondern die Zeit, in welcher Renate ihre Augen abwendete, dazu benutzte, das liebliche Mädchen mit einem so bewundernden Ausdrucke zu betrachten, daß auch ein minder erfahrener Mann, als der Doctor, einen sehr richtigen Schluß auf seine Gedanken und Gemüthsstimmung hätte ziehen können. Der gute, alte Herr verwandelte deshalb den freundlichen, wohlwollenden Ton schnell in einen ernsten und verweisenden, wobei er nicht ermangelte, durch ein kurzes, energisches Emporsträuben der Haarpyramide seinem Aeußern einen imponirenden Charakter zu verleihen.
»Hast Deine Sache also ganz gut gemacht,« wiederholte er mit leisem Kopfnicken; »doch muß ich streng tadeln, daß Du mich nicht mit in das Geheimniß zogst - ich hätte die Sache ganz anders eingerichtet ...«
»Aber, lieber Onkel, Du kennst ja den Verlauf der Sache noch gar nicht,« wagte Heinrich, der den alten Herrn annähernd durchschaute, diesen zu unterbrechen.
»Den kannst Du mir morgen erzählen, indem hier weder der Ort noch Zeit dazu ist,« entgegnete der Doctor ungestüm; »jedenfalls würde ich an Deiner Stelle dafür Sorge getragen haben, daß ich nicht in die Lage gerathen wäre, die Gräfin, welche überdies eine zarte Gesundheit hat, so spät in der Nacht zu stören.«
»Ich bin gewiß nicht gestört worden,« versetzte die junge Gräfin schüchterner, denn je in ihrem Leben; »im Gegentheil, es beglückt mich, daß ...«
»Daß das Kind bei Ihnen in Sicherheit ist,« fiel der Doctor noch ungeduldiger ein; »sehr richtig, meine liebe Renate, sehr richtig, das arme, kranke Kind darf und kann keine Störung für Sie sein; eben so stört auch der Besuch eines alten Leibarztes nie. Anders ist es dagegen mit jungen Leuten - also, mein lieber Heinrich, da fällt mir eben ein, daß Deine brave Tante nicht weiß, wo ich ein Ende genommen habe, und wahrscheinlich sehr in Sorge um mich ist. Erweise mir daher den Gefallen, gehe schnell nach Hause und sage ihr, daß ich wahrscheinlich noch eine Stunde länger ausbleiben würde; sollte sie indessen schlafen - sie ist ja an meine Lebensweise gewöhnt -, so lasse sie unter keiner Bedingung wecken, und nun Adieu! Morgen früh kannst Du mir Deine Abenteuer recht ausführlich erzählen.«
Bei dem ersten Theile von des Doctors Rede war Heinrich vor Verdruß das Blut bis in die Schläfen hinaufgestiegen. Die demüthigende Behandlung, welche ihm in Gegenwart der Gräfin zu Theil wurde, erschien ihm so unverdient, so ungerecht, daß er kaum noch wußte, wie er sich am besten der nach seiner Meinung lächerlichen Lage würde entziehen können. Die Art aber, in welcher Renate jene Aeußerung sichtbar auffaßte, und der halb schalkhafte, halb bedauernde und verlegene Zug, der um ihre Lippen spielte, richteten ihn wieder auf, und als er endlich den außerordentlich wichtigen Auftrag vernahm, mit welchem der alte Herr ihn betraute, da war er wieder mit ihm in so hohem Grade ausgesöhnt, daß er ein leichtes Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte.
Er traf Anstalt, sich zu empfehlen, und wendete sich mit einer Verbeugung der Gräfin zu.
»Des armen Kindes Geschick erregt meine lebhafteste Theilnahme,« begann er zum größten Erstaunen seines Onkels, »und doppelt, weil ein unerklärlicher Haß es von einer mir noch unbekannten Seite her zu verfolgen scheint; ist mir daher gestattet, mich von Zeit zu Zeit persönlich nach seinem Befinden zu erkundigen?«
»Sollst es viel bequemer haben, mein lieber Sohn,« kam der Doctor schnell der Gräfin zuvor »ich bin hier Hausarzt, des Kindes Wohl liegt mir ebenfalls sehr am Herzen, und da kann ich Dir besser, wie jeder Andere, regelmäßig alle Tage einige Male, wenn Du willst, den entsprechenden Bericht erstatten - und nun Gute Nacht! Kommen Sie, liebe Renate, wir wollen uns nach unserm Patienten umsehen.«
Mit diesen Worten bot er der Gräfin den Arm; doch so schnell war er in seinen Bewegungen nicht, daß diese nicht Zeit gefunden hätte, von Theilnahme für den nach ihrer Ansicht beleidigten jungen Mann erfüllt, diesem halblaut zuzurufen, was sie bei ruhiger Ueberlegung vielleicht zu sagen nicht über sich gewonnen hätte:
»Erkundigungen sind oft nicht genügend, Herr Bergmann; wenn Sie sich zuweilen persönlich von dem Befinden des durch Sie vor dem Verderben bewahrten kleinen Mädchens überzeugen wollen, so werden Sie mir herzlich willkommen sein!«
Kaum aber hatte sie dies gesagt, da wendete sie sich auch schnell wieder ab, um zu verbergen, in wie hohem Grade sie über ihre Kühnheit in Verwirrung gerathen war, und dennoch hatte sie nicht mehr gesprochen, wie eben die Formen der Höflichkeit erheischten.
Ehe der Doctor und seine liebliche Gefährtin die Schwelle des Gemaches erreichten, in welchem Marie und das kranke Lieschen sich befanden, vernahmen sie, daß die andere Thür sich leise hinter Heinrich schloß.
Renate blieb stehen und warf einen Blick zurück, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich gegangen sei.
»Herr Doctor,« sagte sie dann zögernd, »Ihr Herr Neffe verdient doch wohl nicht ganz die schroffe Behandlung, welche Sie ihm zu Theil werden lassen. Ihm zu gestatten, sich nach unserem Schützlinge persönlich zu erkundigen, wäre doch wohl das Geringste gewesen, das man ihm für seine treuen Dienste hätte bieten können.«
Der Doctor ließ den Arm der Gräfin mit Heftigkeit fahren und schritt hastig, aber mit geräuschlosen Schritten einmal in der Stube herum.
»Dacht' ich's doch, daß Sie wieder seine Partie nehmen würden,« sagte er flüsternd, als er wieder bei Renaten eintraf; »ich will Ihnen auch bis zu einem gewissen Grade Recht geben, mein liebes Kind, denn mein Neffe ist in der That ein ganz ausgezeichneter Mensch, ein Mensch, der, was seinen Charakter betrifft, seines Gleichen sucht, und Niemand weiß das besser, als ich. Darum muß ich aber auch mit verdoppelter Gewissenhaftigkeit an seine Zukunft denken und ihn vor Unglück zu bewahren suchen. Sie nennen mich schroff in meiner Begegnung; gut, wenn ich schroff gewesen bin, so hatte ich auch meine Gründe dazu. Tausend Welt! Wenn Sie ihn so beobachtet hätten, wie ich, so würden Sie meine Schroffheit ganz in der Ordnung finden. Leider besitzen Sie nicht meine Erfahrung und meinen geübten Blick - was Ihnen übrigens nicht zum Vorwurf gereicht -, oder Sie würden es ebenfalls gesehen haben.«
»Aber was denn, lieber Doctor?« fragte Renate verwundert, jedoch mit einem unbestimmten Gefühle der Besorgniß.
»Und Sie fragen noch, meine theure Renate? Wollen Sie mich denn durchaus nicht verstehen? Mein Neffe sah Sie an mit Blicken, die mich mit Entsetzen erfüllten, die mich bis in's innerste Mark erbeben machten! In seinen Blicken stand geschrieben, daß er blindlings an einem Abgrunde hinschreitet und daß er in denselben hinabstürzen wird, wenn wir ihn nicht warnen, ihn nicht mit Gewalt zurückreißen! Es stand in seinen Blicken geschrieben, daß er Sie bereits in so hohem Grade liebt, daß es vielleicht schon zu spät zur Rettung ist! Ja, ja, ich spreche aus Erfahrung, mein gutes Kind, und ich sage: zu spät, weil ich das Gemüth meines Heinrich's so genau kenne, wie mein eigenes, und weil ich weiß, daß, wenn er, ein so seltener, unverdorbener junger Mann, einmal eine ernste Neigung gefaßt hat, dieselbe auch eine Lebensfrage für ihn wird und selbst im Tode ihr Ende nicht findet. Ja, das Alles habe ich in seinen Blicken gelesen, mein liebes, gutes Kind, und wenn Sie mir recht viel Kummer bereiten, meinen armen Neffen aber um seine Jugend, um sein Lebensglück bringen wollen, so fahren Sie nur fort, mich der Schroffheit anzuklagen, dem jungen Menschen aber anders, als mit einer wohlüberlegten, verletzenden Nichtachtung zu begegnen und dadurch wer weiß was für tolle Ideen in seinem überspannten Kopfe wachzurufen.«
»Ich will Ihnen keinen Kummer bereiten,« versetzte Renate mit unsicherer Stimme, und zugleich öffnete sie die Thür.
Vor ihren Augen aber schwamm Alles in einander; im Geiste glaubte sie Heinrich Bergmann vor sich zu sehen, wie er seine treuen Augen flehentlich zu ihr erhob, ohne zu wagen, das auszusprechen, was er empfand und was ihn doch, nach seines zärtlichen Onkels Urtheil, so unendlich elend machen, ihn um seine Jugend mit all' ihren holden Träumen bringen mußte.
»Ich will Ihnen keinen Kummer bereiten,« wiederholte sie noch einmal, wie zu sich selbst sprechend, ganz leise, und er soll, wenn es in meinen Kräften steht, es zu verhüten, nicht unglücklich werden,« fügte sie in Gedanken aus vollem Herzen hinzu; »aber ihm ein unfreundliches Wort sagen oder ihn gar verletzen zum Lohne für seine Liebe - nein, das vermöchte ich nicht, um Alles in der Welt nicht.«
Ein Schauer durchrieselte sie, während sie gesenkten Hauptes und mit niedergeschlagenen Augen in die Krankenstube eintrat
Da streifte ihr Blick Marie, die, das Bild einer trauernden Madonna, neben dem lieblichen Kinde saß, und wie durch Zauber verschwanden die formlosen Traumgestalten, die so freundlich und verlockend, ähnlich dem beständig wechselnden Farbenspiele in einem Kaleidoskop, ihrem Geiste vorgeschwebt hatten. Sie war wieder allein die um andere Menschen stets aufrichtig besorgte Jungfrau, und als ob sie ihre Gedanken auf Abwegen überrascht hätte und gegen eine Wiederholung derselben habe Schutz suchen wollen, schlang sie den Arm liebkosend um Mariens Nacken, indem sie mit der andern Hand fragend auf Lieschen deutete.
Aber auch der Doctor schien seit seinem Eintritte weiter nichts mehr zu kennen, als seine Stellung als Arzt und die Pflichten, die sich an seinen Beruf knüpften. Auf seiner Stirn thronte wieder der ruhige, wohlwollende, überlegende Ernst, während seine Augen fast regungslos an dem fieberisch glühenden Antlitze des bewußtlos gegen wirre Phantasien ankämpfenden Kindes hafteten und seine Hand, unausgesetzt den Pulsschlag prüfend, dessen zarten Unterarm umschloß.

20. Am Rande des Grabes.

Was frommt alle Liebe, was die aufopferndste Wege, wenn die finsteren Dämonen des unheimlichen Deliriums einen theuren Kranken marternd und quälend umschwirren? Was frommt es, wenn thränenumschleierte Blicke angstvoll an den halb geschlossenen Augen haften, treue Hände sich auf das unregelmäßig hämmernde Herz legen, wie um die wirren Phantasien zu verscheuchen, dem fiebernden Kranken einen gewissen Halt zu bieten und ihm das entsetzliche Gefühl gänzlicher Vereinsamung in einem wilden Chaos ihn umtobender Schreckgestalten zu rauben?
Die Dämonen des Deliriums, sie lassen sich nicht bannen.
Eigenwillig umschweben sie ihr armes Opfer, um nur dann von ihm zu weichen, wenn die Natur den Sieg über die gefährliche Störung zarter Organe gewann, oder - um ihm den Weg in die alle Schmerzen stillende Gruft zu zeigen.
Ach, wie viele, viele Stunden gehören oft dazu, um eine Entscheidung, sei es zum Guten, sei es zum Bösen, herbeizuführen! Wie lang aber, wie unendlich lang erscheinen die Stunden, die man zwischen Angst und Hoffnung an dem Schmerzenslager eines Leidenden durchwacht, lauschend auf den Athem, der sich mühsam der wunden Brust entwindet, vergeblich forschend nach neu erglimmenden Lebensfunken in den ausdruckslosen, stieren Augen, vergeblich herabflehend den stärkenden Schlummer, als einen Vorboten heiß ersehnter Genesung.
Doch länger noch erscheinen die Stunden demjenigen, der sich inmitten seiner Lieben vereinsamt glaubt, verlassen und verrathen, hinabgestürzt in einen furchtbaren Abgrund, wo sein matt suchendes Auge verzweifelnd späht nach einem befreundeten, bekannten Wesen unter all' den formlosen, grinsenden, drohenden und höhnenden Schreckbildern, die ihn wie ein Höllenpfuhl umgeben. Mechanisch ringt und strebt er, zu entrinnen der Angst und dem Entsetzen, und mühsam öffnet er die Augen. Doch was hilft es? Alles ist ihm fremd, unbekannt; nichts erinnert ihn an die Stätte, auf welcher er sich befindet; vor seinen verschleierten Blicken verwandeln sich die trautesten und vertrautesten Physiognomien bis zur Unkenntlichkeit. Sogar die regelmäßig gezeichneten Tapeten necken und verhöhnen ihn, indem die ihnen aufgetragenen, vielfach verschlungenen Linien sich gegenseitig aus einander zerren und wiederum in einander verschlingen, hier zu mächtig großen Buchstaben, römischen und gothischen, dort zu den verschrobensten Profilen verkrüppelter Menschen, mit Augen und ohne Augen. Und Buchstaben und Menschen scheinen sich zu neigen und zu fallen, tief, tief hinab, und dabei stehen sie dennoch fortwährend auf derselben Stelle, hohnlachend, wackelnd, sich verzerrend und in weiten Bogen herumschwingend.
Alles dreht sich fort und fort, und der Kranke dreht sich mit, bis ihm schwindelt und er verzweiflungsvoll die Augen wieder schließt.
Er schließt die Augen: Alles ringsum schwarz; nur einzelne Feuerstreifen und Sterne durchzucken und beleben den beschränkten Gesichtskreis, und diesen nach folgen schreckliche Lawinen und windschiefe Häuser, die ihn zu zerschmettern drohen, daß er stöhnend zusammenfährt und, wie um sich vor einem jähen Sturze zu bewahren, krampfhaft in die Kissen greift. Seine Ohren klingen und sausen im schnellen Tacte des Pulsschlages, daß es sich anhört wie das Heulen grimmiger Bestien, und dabei ist es doch ringsum so still, daß man meint, die stummen Gebete hören und verstehen zu können, die aus den bekümmerten und bedrängten Herzen zum Himmel emporsteigen.
O, die Nacht ist so lang, so endlos lang! Will es denn nie Tag werden, will die Finsterniß denn gar nicht wieder weichen? -
So hatte Lieschen gelegen zwei Tage und zwei Nächte, und die dritte Nacht war schon weit vorgerückt. Die freundliche Engelsseele hatte unstet geschwankt zwischen der himmlischen Heimat und der Wohnung der Sterblichen, ohne daß sie gewußt hätte, wohin sie sich zu wenden habe. Dorthin lockte sie ewiger Friede nach jahrelangen Leiden und Trübsalen, hier wieder hielt sie reine, uneigennützige Liebe und treue Anhänglichkeit, der feste Wille, ihr ein heiteres Loos zu bereiten, zurück.
Und welche Liebe mußte es sein, die Marie veranlaßte, Tag und Nacht an dem Schmerzenslager Lieschen's zuzubringen! Und doch stand sie in keiner andern Beziehung zu ihr, als daß sie die von aller Welt verlassene Waise in ihr Herz geschlossen hatte, wie um sich durch die Liebe zu dem holden Kinde für Alles zu entschädigen, was sie selbst in ihrem Leben verloren und noch immer unablässig betrauerte.
Nur zeitweise, den dringenden Vorstellungen Renatens nachgebend oder auch des Doctors Wünsche berücksichtigend, räumte sie diesen ihre Stelle neben dem Bette ihres Lieblings ein; allein auch diese kurzen Pausen gereichten ihr nicht zur Erholung oder Stärkung, im Gegentheil, sobald sie Lieschen nicht mehr sah, fühlte sie sich von doppelter Angst ergriffen, als ob während ihrer Abwesenheit das Kind ihr wieder durch den Tod oder durch böswillige Menschen hätte entrissen werden können. -
Heinrich Bergmann hatte in dieser Zeit das Haus der Gräfin nicht betreten; er begnügte sich mit den Nachrichten, die ihm regelmäßig durch den Doctor zugingen, obwohl es ihn mächtig dahin zog, wo er - er konnte sich ja darüber nicht mehr täuschen - wenigstens nicht ganz allein seines Onkels wegen freundlich willkommen geheißen wurde. Außerdem rechnete er auch fest darauf, daß Umstände eintreten würden, die ihn wieder mit Renate zusammenführen mußten, und las er dann in ihren schönen Augen nur eine leise Anerkennung seines Strebens und Wirkens, so hatte er ja Alles erreicht, was er in diesem Leben nur immer hoffen und erwarten durfte.
Seine Hoffnungen aber auf eine Erneuerung seines Verkehrs mit der Gräfin beruhten darauf, daß er über Lieschen's Vergangenheit und deren in geheimnißvolles Dunkel gehüllte Beziehungen zu den verschiedenartigsten Persönlichkeiten genug entdeckt hatte, um allmählich die Ueberzeugung zu gewinnen, daß es ihm, trotz aller sich ihm in den Weg stellenden Hindernisse, endlich gelingen müsse, jenen vorläufig noch undurchdringlich erscheinenden Schleier zu lüften.
Auch Doctor Bergmann, nachdem er durch seinen Neffen von dessen Entdeckungen bis in die kleinsten Einzelheiten in Kenntniß gesetzt worden war, sehnte mit der ihm eigenthümlichen leidenschaftlichen Erregtheit den Zeitpunkt herbei, in welchem er zum ersten Male einen klaren Blick in die verworrenen Verhältnisse werfen würde. Leider gebrach es ihm an hinreichender Muße, um sich selbst an die Spitze der Nachforschungen zu stellen, und mit innigem Bedauern fügte er sich in die Nothwendigkeit, das eigentliche Handeln seinem Neffen zu überlassen. Er verfehlte indessen nicht, diesen mit den gediegensten Rathschlägen zu unterstützen und ihm bei jeder Gelegenheit auf's schärfste einzuprägen, vor allen Dingen einen Zusammenstoß mit den Gerichten sorgfältig zu vermeiden, indem gerade dadurch die Interessen seiner und Renatens Schützlinge am meisten gefährdet würden.
Zuvörderst erschien es ihm von Wichtigkeit, den Namen des Grafen zu erfahren, der bei der Vernichtung des geheimnißvollen Documentes betheiligt gewesen, wie den des Herrn, der, nach Merle's Aussage, bei Lieschen's Entführung die Hand mit im Spiele gehabt hatte; denn keine Vermuthung lag ihm ferner, als diejenige, daß die beiden Grafen eine und dieselbe Person gewesen sein könnten.
Bei Frau Merle war er nur einmal in dieser Zeit gewesen, jedoch mehr, um dieselbe zu beobachten, als sie auszufragen. Er glaubte nämlich den Zeitpunkt noch fern, in welchem er die verschiedenen Fäden so in der Hand halten würde, um bei seinen Nachforschungen energischer und dringender auftreten zu dürfen. Auch hoffte er, daß es Heinrich gelingen würde, eine Zusammenkunft mit Merle herbeizuführen, um von diesem durch Güte oder Drohungen Bekenntnisse zu erpressen, die vielleicht ein klareres Licht auf die Handlungsweise von Personen warfen, als deren feiles Werkzeug er sich verdungen hatte.
Leider war Merle dadurch, daß Heinrich ihn in jener Nacht als einen Bekannten anredete, scheu geworden; doch erwies sich dies auch wieder in so weit als günstig, als er sich, neuen Verrath befürchtend, fern von Frau und Kind hielt, diese also nicht nur gegen seine Mißhandlungen gesichert blieben, sondern auch nicht, wie er deutlich genug seine Absicht ausgesprochen hatte, als Mittel zu neuen Gelderpressungen benutzt werden konnten.
So weit war der alte Herr also beruhigt; nur Lieschen's Zustand flößte ihm ernste Besorgnisse ein, ernstere Besorgnisse, wie man seinem äußeren Wesen anmerkte. Zugleich aber war er fest entschlossen, im Falle das Kind sterben sollte, die ganze Begebenheit bei den Gerichten anhängig zu machen und Alles aufzubieten, daß die betreffenden Missethäter, welchen Ranges und Standes sie auch sein mochten, zur Verantwortung gezogen würden.
Der Gräfin gegenüber war er in seinen Mittheilungen ungewöhnlich zurückhaltend gewesen. Nur solche Angelegenheiten hatte er mit ihr besprochen, die sie bereits kannte. Einestheils befürchtete er, Veranlassung zum erneuerten Verkehr zwischen Renate und Heinrich zu geben, den er gänzlich und unheilbar abgebrochen zu haben glaubte, und dann wünschte er auch die Unruhe, in welcher die Gräfin sich Lieschens wegen befand, nicht zu vergrößern.
Renate kannte nämlich jetzt keine andere Aufgabe, als Mariens Loos zu erleichtern und mit ihr vereint über Lieschen zu wachen. Daß sie das Haus kaum verließ, erregte keine Verwunderung. Man war ja an ihre sonderbaren Einfälle - wie man ihre Handlungen nannte, die mit den Ansichten anderer hochgestellten Familien nicht übereinstimmten - schon gewöhnt, und da durch die Dienerschaft Gerüchte in die Oeffentlichkeit gelangt waren, daß sie eine Bäuerin und ein sieches Kind bei sich aufgenommen habe, so begnügte man sich mit der von einem bedauernden Achselzucken begleiteten Bemerkung, daß die schöne und reiche excentrische Gräfin sich wieder einmal darin gefalle, den barmherzigen Samariter zu spielen.
Die Einzigen, die Renatens seltsames Benehmen bitterer empfanden, waren der Graf Hannibal und seine Schwester. Ersterer, weil er glaubte, die ›barocke Laune‹ der jungen Gräfin sei Ursache, daß sie ihn noch immer auf eine Antwort hoffen lasse, die er als eine unzweifelhaft günstige bereits im Kreise seiner näheren Bekannten unter dem Siegel der Verschwiegenheit verkündigt hatte; Letztere, weil sie von Renate nicht angenommen worden war, als sie, dem »unwiderstehlichen Drange ihres Herzens folgend, sich beeilt hatte, die zukünftige Gattin ihres Bruders schon jetzt als ihre liebe, über Alles theure Schwester zu begrüßen.«
Sie suchten nämlich Beide in dem schleunigen Bekanntmachen des glücklichen Familienereignisses jenes unheimliche Gefühl zu ersticken, welches das räthselhafte Verschwinden des Kindes, nachdem sie dasselbe sicher untergebracht zu haben glaubten, in ihnen wachgerufen hatte. Denn das unter Renatens Obhut befindliche kranke Kind mit dem verschwundenen in Beziehung zu bringen, lag ja zu weit außer dem Bereiche aller menschlichen Möglichkeiten und Berechnungen. Sie vermutheten eben nichts Anderes, als daß Renate in einer Anwandlung von Sentimentalität, vielleicht auch auf den Rath ihres unvermeidlichen Doctors, eine Bäuerin sammt ihrem Kinde auf der Straße habe aufgreifen lassen, um sie, nachdem dieselben einige Tage im Ueberfluß geschwelgt, reich mit Geschenken beladen heimzuschicken. -
Der Abend des zweiten Tages, welchen Marie und Lieschen unter dem Dache der Gräfin Renate zugebracht hatten, war bereits weit vorgeschritten. Die Gräfin und Marie saßen allein in dem Gemache, welches an die Krankenstube stieß. Beide sahen schweigend vor sich nieder, und ihre tiefe Niedergeschlagenheit bekundete, daß in Lieschen's Befinden noch immer keine Aenderung zum Guten eingetreten war.
Fast eine Stunde hatten sie so dagesessen, nur selten waren kurze Bemerkungen zwischen ihnen gewechselt worden, die meist ihren leidenden Liebling und die so verdächtig erscheinende Schweigsamkeit des Doctors betrafen. Der Doctor hatte sie nämlich vor einer Stunde gebeten, ihn mit dem Kinde allein zu lassen.
Mit Widerstreben waren sie seiner Aufforderung gefolgt. Sie begriffen, daß der Zustand, in welchem die Kranke sich bereits seit achtundvierzig Stunden befand, nicht mehr lange fortdauern könne, und der Doctor, eine Krisis vorhersehend, den Verlauf derselben ungestört zu beobachten wünsche.
Welche Hoffnungen er hegte und ob er überhaupt welche hegte, ahnten sie nicht; sie empfanden eben nur die Qualen einer schrecklichen Ungewißheit, der man nothwendiger Weise anheimfallen muß, wenn nur wenige Schritte davon die Entscheidung über Leben und Tod eines geliebten Wesens in einer gefährlichen Schwebe hängt.
»Ich ertrage es nicht länger,« brach Marie endlich nach einer längeren Pause das lautlose Schweigen, welches ringsum herrschte, und zugleich suchten ihre trüben Blicke ängstlich Renatens wehmüthig-freundliche Augen - »nein, ich ertrage es nicht länger, die Angst verzehrt mich; ich muß unser armes Lieschen wenigstens aus der Ferne sehen. O, wenn das Kind stürbe, es wäre entsetzlich, namentlich für meinen Bruder und dessen Frau! Es wäre, als ob sie ihr eigenes Töchterchen noch einmal verlieren müßten.«
»Der Doctor hat sie doch getröstet und ihnen Hoffnung zugesprochen,« versetzte Renate ermuthigend.
»Der Doctor sprach ihnen allerdings Trost zu,« entgegnete Marie sinnend, »allein ich fühlte sehr wohl, daß die Trostesworte nicht der Ausdruck seiner Ueberzeugung waren. Zu mir, wenn er sich überhaupt über Lieschen's Zustand ausließe, würde er ganz anders sprechen, und - sollte wirklich das Schlimmste eintreten - dann erfahren es die Meinigen ja noch immer mehr als zu früh.«
»Morgen wollten sie wiederkommen?«
»Wenigstens meine Schwägerin; die arme Frau, sie kann nicht von dem Kinde lassen! Sie wird die Gelegenheit benutzen und mit einem Nachbarn zur Stadt fahren. O, mein Gott, welche Nachricht wird ihrer morgen harren!«
So sprechend, erhob sich Marie, und leise schlich sie zur angelehnten Thür hin, von wo aus man eine Aussicht auf die Bettstelle hatte, die gleich am ersten Morgen mit dem Sopha vertauscht worden war, und in welcher das heftig fiebernde Kind kurz und kaum noch wahrnehmbar athmete.
Die dunklen Locken flossen frei um das stille, liebe Gesichtchen hin, und so unmerklich war die Bewegung des Athmens, daß man es für eine Todtenmaske hätte halten können, wenn nicht eben die glühende Röthe der zarten Haut vom Gegentheil gezeugt hätte.
Der Doctor saß vor dem Bette, den Oberkörper vornüber geneigt und das Kinn auf den goldenen Knopf seines Bambusrohres gestützt.
In jeder Linie seines guten Gesichtes prägte sich eine ungewöhnliche Spannung aus, und kaum zuckten seine Augenlider, so sehr hatte er sich mit Leib und Seele der Beobachtung seines jugendlichen Patienten hingegeben.
Als Marie vor die Thürspalte trat, bemerkte sie, daß er das Haupt zweifelnd schüttelte. Er war dem Kinde mit der Hand leicht über die Stirn gefahren, und hatte Das nicht entdeckt, was zu finden er so sehnlich wünschte und hoffte.
Marie stand bei der Bewegung des Doctors wie erstarrt, und vergeblich bemühte sich Renate, die kaum minder litt, sie wieder auf ihren Sitz zurückzuführen. Und so verrannen wohl zehn Minuten, ohne daß durch einen Laut oder eine Bewegung die unheimliche Stille unterbrochen worden wäre. Dann aber streckte der Doctor seine Hand wieder nach der Stirn des bewußtlosen Kindes aus, und langsam glitten seine Fingerspitzen von der einen Schläfe nach der andern hinüber.
Schon bei der ersten Berührung hatte der gütige, alte Herr sich etwas selbstbewußter emporgerichtet; als er dann aber seine Hand zurückzog und die Fingerspitzen prüfend an einander rieb, da schien es die kleine, runde Gestalt wie elektrisches Feuer zu durchströmen.
Schnell zog er das Taschentuch hervor, und nachdem er seine Hände mit demselben längere Zeit gerieben, begann er von Neuem mit seinen Forschungen, indem er nicht nur die Stirn, sondern auch den Hals, die Brust und Arme des Kindes sorgfältig prüfte und betastete.
Die erneuerten Forschungen mußten seine erste Entdeckung bis zum Unzweifelhaftesten bestätigen, denn er betrachtete das Kind etwa eine Minute lang mit einem unbeschreiblich innigen und zufriedenen Ausdrucke; dann nicke er einige Male zustimmend mit dem Haupte, worauf er seinen Stock, als sei es die kostbarste aller Flöten gewesen, kunstgerecht an seinen Mund preßte. Seine Lippen spitzten sich zierlich, und wie ein leiser Hauch zog es zwischen denselben hindurch. Niemand hörte einen Ton, aber vor den Ohren des freundlichen, alten Herrn erschallte es wie lauter Jubelgesang, in welchen die Töne seiner stummen Flöte so harmonisch, so rührend einstimmten, daß seine kleinen, feurigen Augen sich befeuchteten und zuletzt ganz in Wasser schwammen.
Nachdem er das Bambusrohr wieder zwischen seine Kniee gestemmt und die Brille bedächtig abpolirt und an ihre gewohnte Stelle zurückgebracht hatte, zog er seine Dose hervor, um sich eben so bedächtig durch etwas Tabak zu erfrischen und demnächst mit einer Art von Andacht die Schweißtropfen zu bewundern, die größer und klarer auf Lieschen's Stirn zu perlen begannen.
Die beiden Mädchen hatten so lange regungslos vor der Thürspalte gestanden und mit angehaltenem Athem den Doctor beobachtet, ohne dessen Benehmen recht zu begreifen. Als er aber den Stock an die Lippen führte, da näherte Renate ihren Mund dem ihr zugewendeten Ohr der Gefährtin.
»Liebe Marie, unser Lieschen wird leben und uns noch viele Jahre erfreuen,« flüsterte sie so leise, daß ihre Worte nicht über Mariens Hörweite hinausdrangen.
Diese hatte die Worte verstanden und sie augenblicklich mit des Doctors Bewegung in Verbindung gebracht; zu sprechen vermochte sie nicht, aber indem ihre Hände sich wie zum Gebete falteten, rannen Thränen der Freude und der Dankbarkeit in Fülle über ihre Wangen.
Renate dagegen, wenn sie je für eine ihrer edlen, menschenfreundlichen Handlungen belohnt worden war, wenn sie je dafür hätte belohnt werden können, daß sie sich Mariens sowie des kranken Kindes mit so viel warmer Opferwilligkeit angenommen, hatte, dann geschah es in jenem Augenblicke, als sie in des biedern Doctors Benehmen den sichersten Beweis für die Rettung des fast schon dem Grabe überantworteten Kindes erkannte, als sie die Thränen eines stummen Entzückens in Mariens Augen gewahrte.
Der Doctor hatte unterdessen seine erneuerte Untersuchung beendigt und erhob sich, um die Mittheilung von dem glücklichen Ereignisse in das Nebengemach zu tragen.
Er schien erheblich größer geworden zu sein, so sehr leuchteten Triumph und Zufriedenheit aus seiner ganzen Haltung hervor. Sich selbst war er aber noch lange nicht groß genug, denn zuerst mit der rechten, dann mit der linken und wiederum mit der rechten Hand zerrte er seine dünne Haarpyramide empor, als wenn er den letzten Rest seiner natürlichen Kopfbekleidung mit aller Gewalt aus dem weiß und glänzend durchschimmernden Boden habe reißen wollen.
Als er die angelehnte Thür ganz aufschob, da blickte er in zwei Paar strahlende, wunderbar schöne Augen, aus welchen ihr die Thränen der reinsten Freude entgegenglänzten.
»Ja, ja, Kinder,« hob er an, seinen Stock unter den Arm schiebend und den beiden Mädchen derb die Hände schüttelnd, »die Sache hat ihre Richtigkeit. Geichviel jetzt, ob es ein schwerer oder leichter Fall war, die Krisis ist ausnehmend günstig verlaufen, und bei der entsprechenden Vorsicht und Aufmerksamkeit kann es nicht fehlen, daß es sich innerhalb kurzer Zeit wieder erholt.«
»Darf ich zu ihm hineingehen?« fragte Marie.
»Tausend Welt,« polterte der Doctor mit unterdrückter Stimme heraus, »wollen Sie es nicht lieber gleich ankleiden und zu seinen Pflegeeltern nach dem Dorfe hinausbringen? Nein, mein Kind, so schnell geht das nicht; ob Sie nun hier sitzen oder dort, das ist ganz einerlei, die Kleine wecken und mit ihr sprechen dürfen Sie doch nicht. Ihre Betäubung ist nämlich in einen Schlummer übergegangen, der besser ist, als alle Arzneien, die seit Hippokrates' Zeiten entdeckt und erfunden wurden, und der unter keiner Bedingung unterbrochen werden darf - bleiben Sie also ruhig bei uns, damit Ihre zärtlichen Blicke nicht so fest an den geschlossenen Lidern Ihres Lieblings haften, daß er dieselben fühlt und dadurch gestört wird.« Marie spähte noch einmal sehnsüchtig nach dem schlummernden Kinde hinüber und folgte mit Renaten dem Doctor nach, der in seiner Freude über den glücklichen Verlauf der Krankheit nicht eher Platz nahm, als bis er dreimal hinter einander mit sicheren, wiegenden Schritten, ähnlich einem Schiffscapitän auf dem Quarterdeck seines Fahrzeugs, herumgewandert war und jeden einzelnen Kreis besonders mit einem heftigen Zerren an seiner Haarpyramide abgeschlossen hatte.
Er war eben zur Ruhe gekommen, und während seine Augen mit triumphirendem Ausdrucke abwechselnd auf Marie und Renate ruhten, tasteten seine Finger geläufig auf dem auf seinen Knieen liegenden Stocke hin und her, als plötzlich ein Diener eintrat und meldete, daß Herr Lieutenant Bergmann unten im Vorzimmer sei und den Herrn Doctor dringend zu sprechen wünsche.
»Bitten Sie den Herrn in meinem Namen, sich zu uns herauf zu bemühen, wir hätten eine erfreuliche Kunde für ihn,« sagte die Gräfin, indem sie sich ganz nach dem Diener umwendete, um dadurch vor dem Doctor zu verbergen, daß eine leichte Verwirrung sich ihrer bemächtigt hatte.
»Nein, nein, mein Freund,« versetzte der Doctor, hastig aufspringend, »lassen Sie den Herrn Lieutenant nur unten; wer weiß, was er mir anzuvertrauen hat - entschuldigen Sie, meine Damen, ich kehre gleich wieder zu Ihnen zurück -, stören Sie mir unterdessen, das Kind nicht.« Und so sprechend, griff er nach seinem Hute, worauf er schnell an dem Diener vorbei die Treppe hinuntereilte.
»Der Herr Lieutenant drangen darauf, den Herrn Doctor ohne Zeugen zu sprechen,« bemerkte der Diener entschuldigend, ehe er sich entfernte.
Renate antwortete nicht; es befremdete sie, daß Heinrich ihr Haus betrat, ohne sich wenigstens eine Minute vor ihr zu zeigen, und dennoch wußte sie nicht, ob sie ihm nicht dafür dankbar sein müsse. Er konnte ja triftige Gründe haben, sie nicht wiedersehen zu wollen. Ein Seufzer entrang sich ihrer Brust, und wie aus einem Traume schreckte sie empor, als Marie sich leise erhob und nach der Thür der Krankenstube hinschlich, um wenigstens aus der Ferne ihren Liebling zu beobachten.
Als ob sie eine Vision habe verscheuchen wollen, strich Renate mit beiden Händen leicht über ihre blendend weiße Stirn; der Ausdruck des Zweifels wich von ihren Zügen; statt dessen spielte ein freundliches Lächeln um ihre frischen Lippen, und schnell begab sie sich zu Marie, um im Gespräche mit ihr und in der Ueberwachung des kleinen Schützlings die seltsamen Gedanken zu übertäuben und zu vergessen, die so ganz wider ihren Willen Besitz von ihr ergriffen hatten.
Eine halbe Stunde war verronnen, Renate befand sich in fieberhafter Unruhe; sie scheute sich indessen nicht, ihre Ungeduld über des Doctors verlängerte Abwesenheit vor ihrer Gefährtin zu offenbaren. Endlich erkannte sie die Schritte ihres alten Freundes, der mit einer ungewöhnlichen Hast die Treppe heraufstürmte und gleich darauf eben so hastig, wenn auch mit vorsichtigen Bewegungen, eintrat.
»Was macht die Kleine?« fragte er mit eigenthümlich erregter Stimme, als er die beiden Mädchen vor der geöffneten Thür der Krankenstube stehen sah.
»Sie hat sich noch nicht gerührt,« antwortete Marie in gedämpftem Tone, während Renate den Doctor genauer betrachtete, als ob sie bezweifle, daß er derselbe sei, der vor einer halben Stunde das Gemach verlassen hatte.
Es war aber auch zum Erschrecken; denn der alte, leidenschaftliche Herr hatte nicht nur im Eifer seinen Hut vergessen und seine Haarpyramide, seinen Stolz, gänzlich zerstört, sondern seine Brille saß auch, anstatt auf der Nase, hoch oben auf der Stirn. Dabei zeigte sein geröthetes Gesicht ein solches Gemisch von innerer Erregtheit, Erstaunen und Verwirrung, daß es völlig unmöglich war, zu errathen, ob der beängstigenden Verfassung, in der er sich befand, eine gute oder eine bedauerliche Ursache zu Grund liege.
»Gut, sehr gut,« entgegnete er auf Mariens Antwort, und zum ersten Male wieder machte er einen schwachen Versuch, mittelst der gespreizten Finger durch einen flüchtigen Strich einige Ordnung in seine Kopfzierde zu bringen - »sehr gut, mein liebes Kind, ganz so, wie ich es erwartete; sie wird noch lange schlafen, voraussichtlich die ganze Nacht - je länger, je besser, und bevor ich gehe, werde ich Ihnen genau vorschreiben, wie Sie sich bei ihrem Erwachen zu verhalten haben. Aber jetzt muß ich fort - ja, fort - schnell fort!«
Zu jeder andern Zeit und in einer andern Weise erklärt, würde sein Entschuß nichts weniger, als Erstaunen hervorgerufen haben; unter den obwaltenden Umständen aber konnte Renate nicht umhin, zu fragen, weshalb er plötzlich so große Eile an den Tag lege.
»Sie sollen Alles erfahren, meine theure Gräfin,« antwortete der Doctor, indem er einen möglichst großen Kreis abschritt und sich dabei energisch auf seinen Stock stützte, »allein jetzt kann ich nicht mit der Sprache heraus. Das ist ja unerhört, merkwürdig - ich muß meine Gedanken sammeln, um überhaupt noch ein Mensch zu bleiben! Hm, Tausend Welt! Der Heinrich ist ein ganz gescheidter Junge - ich habe es immer gesagt - sehr viel Ueberlegung - mehr Ueberlegung, als man ihm bei seinen Jahren zutraut - aber hören Sie, meine liebe Marie - verzeihen Sie, daß ich Sie so nenne« - wendete er sich darauf mit einer kurzen Bewegung an diese, und indem er ihre Hand ergriff, betrachtete er sie mit einer so innigen Theilnahme, als ob er ihr Vater gewesen wäre, »morgen besuchen Sie mich ...«
»Ich muß ja bei dem Kinde bleiben,« unterbrach ihn Marie, die über des Doctors seltsames Benehmen in nicht geringe Verwirrung gerathen war, mit sanfter Stimme.
»Ruhig, ruhig,« fuhr der Doctor milder und mit einer Anwandlung von Rührung fort, »die Kleine befindet sich erstens ziemlich außer aller Gefahr, und zweitens ist sie hier so gut aufgehoben, wie nur ein Kind aufgehoben sein kann. Uebrigens lasse ich Sie in meinem Wagen abholen, und auf ein paar Stunden kann es Ihnen nicht ankommen, wenn Sie die Ueberzeugung mitnehmen, daß die Kleine in nicht allzu langer Frist wieder munter um Sie herumspringen wird, ohne daß Jemand wagen dürfte, Einsprache gegen Ihr Zusammenleben zu erheben.«
Renate und Marie sahen einander überrascht an; des Doctors Worte schienen ein Geheimniß zu enthalten, welches wenigstens nicht trüber Art war, und dennoch scheuten sie sich, weitere Fragen an ihn zu stellen.
Dieser aber war unterdessen zu Lieschen hineingeschlüpft, und nachdem er deren Zustand sorgfältig geprüft, beeilte er sich, die beiden Mädchen über den weiteren Verlauf der Krankheit vollständig zu beruhigen und ihnen das beim Erwachen des Kindes zu beobachtende Verfahren genau vorzuschreiben.
»Und nun auf Wiedersehen, meine Damen,« schloß er seine Verordnungen - »verzeihen Sie meine Eile, theuerste Gräfin, und bereiten Sie sich darauf vor, daß man vielleicht schon morgen Ihr Urtheil in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu Rathe zieht.«
»Wohl Betreffs unserer armen Frau Merle?« fragte Renate, über den unwillkürlichen Ausbruch ihrer Neugierde leicht erröthend.
»Ich weiß nichts, wenigstens noch nichts Klares,« antwortete der Doctor ausweichend, und mit einer neuen Verbeugung war er zur Thür hinaus, und bald darauf vernahm Renate, daß er in der Gesellschaft seines Neffen das Haus verließ.
Waren die beiden Mädchen, die liebliche Tochter stolzer und hochgestellter Vorfahren und die mit sinnigem Ernste holdselig geschmückte Bäuerin, nicht von gleicher Sorge für ihren Schützling erfüllt gewesen, so würden sie nach des Doctors flüchtigen Mittheilungen kaum so ruhig geblieben sein.
Und dennoch, wenn jene Mittheilungen auch nicht zwischen ihnen erörtert und erwogen wurden, in ihren Gedanken lebten sie fort, und mit unruhiger Spannung sehnten Beide den Anbruch des Tages herbei.

Zweite Abtheilung: Auf den Bahama-Bänken.

1. Der Meerkönig.

Wie häufig ein aus wenigen Hütten bestehendes Dorf gleichsam den festen Rahmen bildet, innerhalb dessen sich durch Generationen hindurch die Lebensgeschichte der Einwohner von ihrer Geburt bis zur Bahre in stiller Einförmigkeit abspinnt; wie für viele Familien die Vaterstadt gewissermaßen die Welt ist, in welcher ihr Geschick alle von ihrem Standpunkte aus nur denkbaren Wandlungen erfährt, und sie in hundertjährigen Chroniken schon ihre oder vielmehr ihrer ehrsamen und biderben Vorfahren Namen verzeichnet finden, für welche die alte Vaterstadt in noch engerem Sinne die Welt hieß, so giebt es wieder andere, die zum Schauplatz ihres Wirkens und Schaffens, ihres Ringens und Strebens die weite Erdoberfläche gewählt zu haben scheinen.
Das Wachsthum der Verkehrsmittel, die erhöhte Schnelligkeit, Sicherheit und Bequemlichkeit derselben sind Ursache, daß auch die Zahl derjenigen, für welche die heimatliche Scholle zu wenig umfangreich, und die, alle ihnen nahe Stehenden zur Nacheiferung anfeuernd, die ganze Mutter Erde als ihre Heimat betrachten, in demselben Verhältnisse zunimmt.
Leute, deren Eltern noch über größere Seereisen, wie über außerordentliche Ereignisse dachten, legen ihre Hand auf verschiedene Theile des Globus als die selbst gewählte Heimat eines Verwandten oder Bekannten, und über einen Besuch, der um die halbe Erde herumführt, äußern sie sich, wie man in den guten alten Zeiten über eine Reise von der einen bis zu der andern Grenze des Vaterlandes sprach.
So trifft es sich denn auch vielfach, daß in Zwischenräumen von vielen Hunderten von Meilen Ereignisse stattfinden, die durch die an denselben betheiligten Personen in naher Beziehung zu einander stehen und bald nach dieser, bald nach jener Richtung hin, über Länder und Meere fort, einen entscheidenden Einfluß nicht nur auf das Geschick einzelner Menschen, sondern auch ganzer Familien ausüben.
In Australien stirbt ein reicher Onkel und erhebt dadurch in Europa ein Heer darbender Verwandten in den Wohlstand; in Amerika taucht plötzlich ein längst vergessenes Familienglied auf, um anderen Familienmitgliedern in Ostindien eine Erbschaft abzustreiten, in welche dieselben sich, mit manchem frommen Wunsche betreffs seiner Seligkeit, sehr harmlos getheilt haben; in Afrika ist Jemand durch eine glückliche Heirath in den Besitz umfangreicher Ländereien gekommen und sucht dieselben durch Heranziehen von Verwandten aus allen Himmelsgegenden zu besiedeln und dadurch im Werthe zu erhöhen, und wenn nur eine nothdürftige Verbindung zwischen der Erde und dem Monde bestände, so würde sich ganz gewiß ein Duodezstäatchen finden, in welchem es klugen Speculanten gestattet wäre, durch den nutzbringenden Verkauf des schutzlosen Theiles der weiblichen Bevölkerung, mit dem Monde eine gewisse verwandtschaftliche Beziehung herzustellen.
Wenn nun Menschen von demselben Stamme, oder vielmehr von derselben Familie, sich über die ganze Erde vertheilen und, je nach ihren Neigungen und Hoffnungen, oder sei es auch gezwungen, diesen oder jenen Landstrich zu ihrem Endziele wählen, so ist es fast unausbleiblich, daß ihre Erlebnisse die Begriffe des Alltäglichen weit überschreiten und einen scharf hervortretenden Charakter des Romantischen erhalten. Die Lebensgeschichte jedes Einzelnen bietet mehr oder minder reichen Stoff, der sich zum Niederschreiben eignet, und der Erzähler, dem solcher Stoff in die Hände geräth, hat in vielen Fällen nur nöthig, in der Verfolgung seiner Zwecke sich an Thatsachen zu halten. Erleichtert wird ihm seine Arbeit, wenn er sich durch eigene Anschauung hinlängliche Ortskenntniß erworben hat, um die Scenerie jedes Mal mit den Handlungen in Einklang bringen zu können.
In einer Zeit, in welcher des muthwilligen Puck Versicherung: »in acht Stunden einen Gürtel um die Erde gezogen zu haben,« als Kinderspiel erschienen wäre, verdient ein Sprung aus dem Mittelpunkte europäischen Culturlebens nach den Bahama-Inseln hinüber kaum eine andere Bezeichnung, als die eines Fliegenschrittes.
Man mag daher getrost, wie auf der Bühne vor den Blicken des Zuschauers die Scenerie wechselt, auch in der Schilderung aus reich belebten und von Palästen gebildeten Straßen auf jene sturmumheulten Klippen treten, auf welche der vorbeisegelnde Schiffer sein treues Fernrohr selten richtet, ohne ein geheimes Grauen zu empfinden und besorgnißvoll die weitgeschweifte Linie des Horizonts und den wetterverkündenden Flug der Wolken und der Sturmvögel zu beobachten. - -
Der Golf von Mexico, jenes ungeheure Becken, welches, selbst genährt durch unzählige ihm zufließende Wasseradern, ganze Meere als Golfstrom in nordwestlicher Richtung entsendet, um im ewigen, trägen Kreislaufe die Küsten von drei verschiedenen Erdtheilen zu bespülen, ist von jeher als ein tückisches Fahrwasser verrufen gewesen. Weder die dem Menschen sclavisch dienende Dampfkraft, noch die mit äußerster Sorgfalt errichteten, in dunkler Nacht weithin leuchtenden oder im undurchdringlichen Nebel melancholisch läutenden Warnungszeichen vermögen ihm jene Fährnisse zu rauben, die noch jetzt alljährlich schwere Opfer an Menschenleben und Schätzen fordern.
Die gefährlichsten Stellen des Golfs von Mexico bleiben indessen jene Inselreihen, die sich in weitem Bogen von der Südspitze von Florida bis nach der Nordwestspitze von Südamerika hinziehen und, den atlantischen Ocean von den westindischen Gewässern scheidend, den Eindruck hervorrufen, als ob der Golf von Mexico zusammen mit dem Caraibischen Meere, einst Binnenseen, ihre östliche Mauer mit Gewalt durchbrochen und bis auf die zahlreichen, aus festeren Bestandtheilen zusammengefügten Bodenerhebungen in tausendjähriger Strömung fortgeschwemmt hätten.
Jene Inseln sind bekannt unter dem Gesammtnamen Bahama-Inseln, oder auch, mit Rücksicht auf die Untiefen und die noch unter dem Meeresspiegel verborgenen Klippen, Bahama-Bänke, an welche sich sodann in südlicher Verlängerung die Antillen anschließen.
Wenn nun in diesem lang gestreckten Archipel die schönsten und kostbarsten Perlen aller Inseln liegen, auf welchen je schwarze Sclaven unter der tropischen Sonne und der schweren Peitsche unmenschlicher Herren ihren Nacken beugten, so ist die Zahl der kleineren Eilande, namentlich solcher, die völlig werthlos und auf die Dauer unbewohnbar, weit, unendlich weit überwiegend. Manche bestehen eben nur aus Sandschollen, die zur Zeit der Ebbe kaum sichtbar, zur Flutzeit dagegen durch weißschäumende Brecher gekennzeichnet werden, wie andere wieder als nackte Felsenriffe emporragen, auf welchen der Albatroß und die Möve sich niederlassen, um ungestört ihre Brut in's Leben zu rufen.
Größere Inseln - das heißt, größere im Vergleich mit den Klippen -, auf welchen eine Quelle festem Gestein entrieselt und tragbaren Boden bewässert, wo ferner schattige Haine, und seien sie noch so klein, Schutz gegen die hohe Sonnengluth gewähren, sind natürlich bevölkert. Freilich richtet sich die Zahl der Bevölkerung stets nach den Hülfsmitteln, welche die betreffende Insel bietet; allein sie sind doch wenigstens belebt, gleichviel, ob nur einen Theil des Jahres durch jene von anderen Inseln und Colonien aus dorthin entsendeten Arbeiter; ob durch entlaufene Sclaven, die lieber gegen Noth und Elend ankämpfen und ihr Leben auf traurige Weise fristen, als daß sie fernerhin als verkäufliche Waare behandelt sein wollen, oder ob endlich durch jene unheimlichen, verwegenen Leute, die weder geregelte Arbeit noch Beruf kennen und es dennoch verstehen, sich mit einem gewissen Ueberflusse zu umgeben, ja, sogar Reichthümer anzuhäufen.
Gerade nicht Piraten, wie sie in früheren Zeiten die westindischen Gewässer unsicher machten und zwischen den Hunderten von Inselchen leicht Schlupfwinkel für sich und ihre pfeilschnellen Fahrzeuge fanden, streift doch das Gewerbe der zuletzt genannten Gesellschaft sehr nahe an das der Piraten.
Als Unterschied zwischen Beiden ließe sich vielleicht hervorheben, daß der Corsar mit seinem bewaffneten Schnellsegler, der verlockenden Beute nachstellend, sich auf lange Verfolgungen reich beladener Kauffahrer einläßt, während der Strandräuber geduldig auf das harrt, was das Meer selbst ihm zuführt, wenn er auch hin und wieder dem sturmbewegten Ocean in so weit zu Hülfe kommt, daß er mit schlauer Berechnung die durch widrige Winde aus ihrem Cours getriebenen Schiffe mittelst falscher Signale irre leitet, und diese dann zwischen den Untiefen jede Möglichkeit verlieren, zu manövriren, und elendiglich scheitern.
Zu solchen Strandräubern zählen nicht selten gerade diejenigen, denen die Ueberwachung der Sicherheits-Signale anvertraut ist. Legen dieselben auch nicht direct Hand an's Werk, so hat man doch erlebt, daß einzelne Küstenwächter den gebotenen gleißenden Schätzen nicht hinlänglich widerstehen konnten, um nicht hier eine Boje zu verlegen, dort ein Warnungsfeuer zu verhängen, auf einer andern Stelle wieder ein mißleitendes Feuer anzuzünden und dessen hellen, zuweilen sogar rotirenden Schein durch die finstere Nacht auf die hohlgehende, unbändige See hinausleuchten zu lassen.
Aus dem Golf von Mexico führen verschiedene Wasserstraßen oder Kanäle in den atlantischen Ocean, die von den Schiffen, je nach der später von ihnen einzuschlagenden Richtung, aber auch nach dem in Aussicht stehenden Wetter gewählt werden.
Dampfboote verfolgen gewöhnlich die nächste Richtung, so lange ihnen hinreichend tiefes Wasser zu Gebote steht; sie kämpfen gemächlich gegen widrige Winde und sogar gegen schwere Böen, vor welchen Segelschiffe gezwungen sind, todt vor Top und Takel zu treiben und nicht selten in den verhältnißmäßig schmalen Kanälen der Willkür des Sturmes vollständig preisgegeben sind.
Nur zu leicht werden in solchen Fällen Fahrzeuge auf irgend eine Untiefe geschleudert, wo sie unter der Wucht einiger rasch auf einander folgenden Stöße zerschellen, wenn nicht eben der Lootse es wagt, mit beigesetzten Segeln auf einen sichtbaren Strand zu laufen, wodurch wenigstens die Bemannung und ein Theil der Ladung geborgen werden können.
Durch Auslegen von Bojen und Leuchtschiffen sowie durch das Errichten von massiven Leuchtthürmen, welche die Grenzen der mit äußerster Sorgfalt vermessenen Kanäle weithin sichtbar verkünden und selbst in finsterer Nacht den Schiffer warnen, sind die Gefahren in den westindischen Gewässern zwar um ein Erhebliches vermindert worden, allein sie ganz zu beseitigen, wird nie gelingen, so lange der Mensch nicht über den Orcan gebietet, sich nicht vollständig gegen unvorhergesehene, unglückliche und leider zu oft entscheidende Zufälle zu schützen vermag.
Durch solche Warnungszeichen ist auch der Florida-Kanal abgesteckt worden, jene schmale Fahrstraße, die von der Havannah aus in nordöstlicher Richtung zwischen der Südostküste von Florida und den nördlichen Bahama- oder Lucay'schen Inseln und zuletzt westlich an der großen Bahama-Insel vorbeiführt.
Dieselbe kürzt namentlich den nördlich bestimmten Fahrzeugen, oder solchen, die von dorther kommen, die Reise um ein Bedeutendes; doch läßt sich auch wieder nicht läugnen, daß sie durch die zahllosen Bänke, Riffe und Inselchen, welche jenen Theil Floridas gleichsam umpanzern, auf der Ostseite des Kanals dagegen sich allmählich zu den wirklichen Bahama-Inseln erheben, zu der gefährlichsten wird, wofür man vorzugsweise nach den Aequinoctialstürmen die untrüglichsten Beweise in den treibenden und gestrandeten Wrackhölzern findet. - -
Es war ein rauher, unfreundlicher Septembertag; eine heftige Böe wehte aus Südwesten über den Golf von Mexico und spielte mit den schweren Wolkenmassen, als wenn es nur Daunen von der verlassenen Brutstelle eines Pelikans gewesen wären.
Heller Sonnenschein wechselte mit unheimlicher Dämmerung ab, je nachdem der Sturm eine aufquellende Wolkenschicht mit rasender Schnelligkeit über den ganzen Himmel ausbreitete oder sie, in nordöstlicher Richtung von dem blauen Himmel fortfegte, um sein Spiel schleunigst mit einem neuen Wolkengebirge zu beginnen, welches bereits hoch über den westlichen Horizont aufgetaucht war.
Wie mit den Wolken, so spielte er auch mit den Wogen, die mit der Beleuchtung jedes Mal ihre Farbe wechselten und, bald blauschwarz mit milchweißen Kämmen, bald goldig glitzernd und blendend, der von der Luftströmung vorgeschriebenen Richtung nachfolgten.
Ringsum brüllte, siedete und zischte es, und gelang es auch den schweren Regengüssen, die krause Oberfläche der rollenden Seen zeitweise etwas zu ebnen und niederzuschlagen, so fuhr die Böe, als habe sie neue Kräfte gesammelt, in Begleitung des flüchtigen Sonnenscheins mit verdoppelter Gewalt auf sie ein, im Nu wieder alle Erhebungen des Wassers mit weißem Schaume krönend.
Nirgends zusammenhängendes Land in Sicht; Inseln tauchten wohl reihenweise in der Richtung nach der Florida-Küste aus dem brausenden Gischt empor; allein auch diese trugen einen unwirthlichen Charakter, und fast gespenstisch erschienen die langen, weißen Leuchtthürme, die auf einzelnen, weiter in die See hineinragenden Landzungen angelegt worden waren.
Von Bojen kaum eine Spur; sie tanzten vor den sichern Ankerketten mehr unter, als über dem Wasserspiegel, und wie ein um Hülfe flehender Ertrinkender erschien hier eine rothe, dort eine schwarze Tonne auf dem Kamme einer Woge, um eben so schnell wieder zu versinken und vom Schaume versteckt zu werden.
Bang krächzten die Möven, während der Albatroß, die wüthenden Elemente gleichsam verhöhnend, auf sicheren Schwingen dicht über die Fluten hinschoß und mit gleicher Geschwindigkeit wie die sich überstürzenden Seen seinen Standpunkt veränderte.
Langgereckte Schaumstreifen bezeichneten die Stellen, wo das Wasser über Untiefen brandete. Selbst die Sandbänke, die bei ruhigem Wetter wenigstens dem Geflügel einen sichern Zufluchtsort boten, wurden von den Brechern überschüttet und verborgen, daß sie sich kaum noch von den Untiefen unterschieden.
Trotz der wilden Regsamkeit der kämpfenden Elemente herrschte eine schreckliche, beängstigende Oede in jenem Theile des Florida-Kanals. Wohin man auch blickte, überall drohendes Verderben, nirgends ein Punkt, der das suchende Auge freundlich begrüßt hätte. Um so mehr mußte es daher befremden, ein kleines Fahrzeug zu gewahren, welches mit der Schnelligkeit eines Vogels vor zwei kaum bemerkbaren, dicht gerefften Segelstückchen in der Richtung von der Florida-Küste her mit unglaublicher Kühnheit in den Kanal hinausschoß und, ähnlich einem Sturmvogel, den Bewegungen des Wassers folgend, dieses doch nicht zu berühren schien.
Dasselbe, ein Kutter, besaß eben jene elastische Leichtigkeit, die es so sehr zum Spiele der Wellen machte, daß den Wogen die Zeit mangelte, sich mit verderblicher Wucht darüber hinstürzen zu können. Wie ein Kork schwamm es beständig oben, mochte es nun in einen Trichter hinabgeschleudert werden oder die nächste Woge es mit solcher Gewalt emporheben, daß es dem Winde sein Kielholz zeigte. Nach jeder Neigung, die sein flaches Deck bald auf der einen, bald auf der andern Seite rücksichtslos in's Wasser tauchte, richtete es sich so leicht und anmuthig empor, als ob es mittels unsichtbarer Schlingen in den niedrig treibenden Wolken befestigt gewesen wäre und sich behaglich hin und her geschaukelt hatte.
Wie nun der Kutter in seinem Aeußern gewissermaßen den Charakter der Tollkühnheit und Unerschrockenheit trug, so war dieser Ausdruck nicht minder in den Physiognomien seiner Bemannung ausgeprägt, die zwar keine Vorsichtsmaßregel außer Acht ließ, um nicht vom Deck gespült zu werden, dabei aber so ruhig auf die sich ringsum aufthürmenden Wasserberge schaute und sich so sorglos unterhielt, als ob sie statt der sturmbewegten See die spiegelglatten Fluten des Missouri oder Mississippi unter sich gehabt hätte.
Die Bemannung des flinken Kutters bestand aus vier Matrosen und einem Steuermanne. Erstere, in weite Theerjacken gehüllte Neger, unterschieden sich im Aeußern kaum von einander, wogegen der Steuermann, wenn auch ähnlich gekleidet, in jeder andern Beziehung einen grellen Contrast zu ihnen bildete.
Derselbe, ein Bursche von ungefähr achtzehn Jahren, bot nämlich ein Bild, wie ein alter, eingefleischter Seehund sich wohl mitunter einen jungen Meergott vorgestellt haben mag, und zwar nicht allein hinsichtlich seines frischen, von dem stäubenden Salzwasser gerötheten Gesichts, welches das üppig unter dem Theerhute hervorquellende, schwarze Haar in dichten Locken umflatterte; oder wegen der großen, dunkeln Augen, die mit einer kaum zu seiner Jugend passenden Ruhe und Verwegenheit umherblitzten, sondern auch mit Rücksicht auf seine ganze Haltung und die große Leichtigkeit, mit welcher er das kleine, gedrungene Steuerrad handhabte.
Hoch und kräftig gewachsen und weit über seine Jahre körperlich ausgebildet, verrieth er eine Sicherheit in den Bewegungen und ein solches Selbstvertrauen, daß es durchaus nicht überraschte, die Hünengestalten der Neger, wie unmündige Kinder zu ihm aufschauen zu sehen, und daß deren trotzig-wilde Gesichter sich augenblicklich zur tiefsten Unterwürfigkeit glätteten, so oft er durch Wort oder Miene irgend einen Befehl an sie richtete. Dabei machte sich in seinem Wesen nichts weniger als Härte oder Grausamkeit bemerklich. Nur ein gewisser jugendlicher Uebermuth trat zuweilen zu Tage und äußerte sich in scherzhaft spöttischen Bemerkungen, die von den Negern jedes Mal mit wieherndem Gelächter und allen Beweisen einer an Verehrung streifenden Zuneigung aufgenommen und begrüßt wurden.
Bei der Gefügigkeit seiner Untergebenen wurde dem jungen Steuermanne die Führung des Kutters natürlich erleichtert; denn alle Vier, obwohl mit den Armen der Sicherheit halber in das Tauwerk verwickelt, hielten sich doch immer bereit, auf die erste Andeutung Hand an's Werk zu legen, gleichviel, ob es gegolten hätte, durch Beisetzen aller Leinwand das Fahrzeug kentern zu machen, oder durch unzeitiges Wenden den Mast zu zersplittern und über Bord zu senden. Ihre Hülfe wurde indessen, nachdem Klüver und Außenklüver festgemacht worden waren, der Kutter also nur vor dem Stagrock und dem doppelt gerefften Großsegel trieb, wenig oder gar nicht in Anspruch genommen. Der junge Steuermann stand hinter seinem Rade, als sei er zwischen den gegen das Ausgleiten schützenden Leisten festgewachsen gewesen, und die Blicke nach vorn gerichtet, berechnete er jedes Mal nach der letzten vor ihm herrollenden Woge mit wunderbarer Genauigkeit, wann das Fahrzeug von der nächsten ihm folgenden See ergriffen und aus dem Trichter emporgeschleudert werden würde. Bei jedem Niederwärtsgleiten ließ er das Rad durch den auf das Steuer ausgeübten Druck um eine halbe Drehung zurückschlagen, um nach den nächsten drei oder vier Secunden wieder kräftig in die Speichen zu fassen und durch eine kurze Drehung in entgegengesetzter Richtung dem Kutter das Erklimmen der nächsten Schwellung zu erleichtern.
Seine großen, dunkeln Augen strahlten dabei vor Entzücken und Enthusiasmus, ähnlich einem kühnen Reiter, der durch Kraft und Gewandtheit den Sieg über ein unbändiges Roß davongetragen.
Wohl eine Viertelstunde mochte vergangen sein, ohne daß der junge Steuermann sich an der Unterhaltung der schwarzen Matrosen betheiligt hätte, als zwei Wogen so schnell auf einander folgten, daß der Kutter kaum Zeit behielt, sich aus dem Kessel empor zu arbeiten, und daher der Schaumkamm der nächsten See als schwere Sturzwelle krachend über das schmale Verdeck hinrollte.
Der Steuermann triefte, seine Hände umspannten fester die feuchten Speichen, und indem er einen flüchtigen Blick rückwärts sandte, kehrte der gewöhnliche ruhige Ausdruck auf sein Gesicht zurück, nur daß sich dasselbe in Folge der Aufbietung der Kraft, welche die Handhabung des Steuers nunmehr erforderte, etwas höher röthete.
»Wünscht Ihr Hülfe, Master Paul?« erklang die schrille Stimme eines Negers durch das Tosen des Wassers und das Pfeifen der Böe zwischen dem Takelwert zu dem Steuermann herüber.
»Nein, Freund Jim, ich bin Mannes genug für den Falken, und ging die See zehnmal so hoch!« antwortete Paul, und indem er die Speichen schnell durch seine Hände gleiten ließ, dann aber dieselben eben so schnell wieder herumholte, gewann der Falke, wie der Kutter hieß, seinen stetigen Cours wieder.
Der Neger lachte geräuschvoll und blickte seine Gefährten der Reihe nach mit triumphirendem Ausdrucke an, worauf diese mit in das Lachen einstimmten.
»Master Paul,« rief Jim sodann wieder aus, »ich denke, Ihr seid der beste Seemann, der jemals von einer Sprühwelle getauft wurde; aber bei Gott, es kann auch für den besten Seemann zu viel werden! Ich schlage vor, ich lege eine Hand an's Rad.«
»Unsinn, Jim,« lautete die übermüthige Antwort, »eine Böe, wie diese, ist Kinderspiel; aber da regnet's wieder so dicht, daß man auf Kabellänge einen Schiffsrumpf nicht von einer Häringstonne zu unterscheiden vermag. Wir werden dem Cardinal vorbeisegeln, wenn nicht Einer von Euch Ausguck hält; ich habe den Kasten vollständig aus den Augen verloren, so wahr Ihr alle Vier leibhaftige Teufel seid!«
Die Neger brachen über das Compliment in ein Gelächter aus, als wenn die Hölle wirklich ihre Heimat gewesen wäre; doch sprang Jim, der sich, gleich seinen Gefährten, auf der Mitte des Decks neben der kleinen Jolle festgestaut hatte, empor, um nach vorn zu eilen und sich rittlings auf das untere Ende des Klüverbaums zu setzen, wo er den Genuß hatte, von Zeit zu Zeit bis an die Hüften in die salzige Flut getaucht zu werden.
»Master Paul,« rief darauf einer der zurückgebliebenen Neger dem jungen Steuermanne zu, »ich denke, es ist keine Gefahr, vorbeizusegeln; denn halten wir nicht den richtigen Cours, so fallen wir kopfüber in die Brecher, und der Teufel holt uns mitsammt dem Falken!«
»Oder der Falke müßte, um seine Vordersteven nicht einzurennen, einen so dicken Schädel haben, wie Du, Africa!« entgegnete Paul lachend.
»Bei Gott, Master Paul, Ihr seid in einer herrlichen Laune,« versetzte Africa heiter; »ständet Ihr nicht selbst am Steuerrade, gäbe ich nicht einen verdammten Cent, weder für meinen Schädel, noch für des Falken Bug!«
»Ich danke Dir für die gute Meinung,« erwiderte Paul, nachdem er abermals einen kurzen Kampf mit zwei rasch aufeinander folgenden Seen glücklich überstanden hatte; »will mir die größte Mühe geben, Deinen Schädel unzerbrochen auf's Trockene zu schaffen. Sperre nur die Ohren auf, damit Du rechtzeitig hörst, wenn der Cardinal heult!«
»Aie, Aie, Master Paul; muß der Cardinal aber heulen wie'n Walfisch, wenn man ihn bei solchem Wetter hören soll!«
Africa lebte nämlich der Ueberzeugung, daß der Walfisch, als das größte Thier der Erde, auch die lauteste Stimme haben müsse.
»Heulte er nicht lauter, als ein Walfisch, würde er gerade nicht weit zu hören sein!« rief Paul spöttisch zurück.
»Brecher vorn und in Lee!« brüllte Jim mit der ganzen Kraft seiner Lunge.
»Fertig zum Halsen!« antwortete Paul in gleicher Weise.
Die Neger sprangen empor; es folgte ein kurzes, heftiges Stampfen mit den Füßen und hastiges Klarmachen verschiedener Taue.
»Alles bereit, Herr!« erschallte es aus vier Kehlen zugleich.
Paul faßte mit beiden Fäusten in die unteren Speichen des Rades, und indem er sich schnell aufrichtete und der Sicherheit halber seinen linken Fuß in das Rad selbst stemmte, commandirte er kurz: »Hol' auf das Ruder!«
Die Taue rollten durch die Blöcke, Gaffel und Baum des Großsegels rasselten auf das Deck nieder, der Stagrock flatterte, der Kutter fiel ab, sein Bugspriet schoß luvwärts hinüber, eine Sturzwelle fegte das Deck; allein ehe die zweite See sich überstürzte, faßte der Wind den Stagrock von der andern Seite, und indem er die kleine, dreieckige Segelfläche bis zum Zerspringen anfüllte, flog der Falke nach dem nächsten schäumenden Kamm hinauf, wie eine von Jägern verfolgte Tauchente.
»Hol' an das Großsegel! Alles fest, doppelt und dreifach!« rief Paul, dem die Sturzwelle fast den Athem geraubt hatte.
»Aie, Aie, Herr!« antworteten die Neger im Chor.
Die Gaffel schob sich unter ihren vereinigten Kräften, das Großsegel ausspannend, knarrend als Mast empor, wodurch der Kutter wieder in den Wind hineingedrängt wurde, und dahin schoß der Falke in fast entgegengesetzter Richtung von seinem früheren Cours. Die Matrosen aber stauten sich schnell wieder seitlängs der Jolle, wo sie sich am bequemsten gegen das Hinunterspülen zu sichern vermochten, während der spähende Jim seine Füße unterhalb des Klüverbaums in einander verschränkte und mit eiserner Gewalt seine Fäuste um die nächsten Leinen schloß.
»Bei Gott, ein knappes Entkommen, Master Paul!« rief Africa, sobald der Kutter wieder in seiner leichten, anmuthigen Weise einhertanzte.
»Knappes Entkommen ist gerade so gut, wie meilenweites Vorbeisegeln!« erwiderte Paul, den Fuß abermals zwischen die Speichen stemmend, um das Salzwasser aus seinen Augen zu entfernen.
»Liebe das knappe Entkommen nicht sonderlich!« entgegnete Africa, der gewissermaßen als Wortführer auftrat und von seinen beiden Gefährten durch wildes Gelächter für die scharfsinnigen Bemerkungen belohnt wurde.
»Mir wäre lieber, wenn Ihr Eure Hälse etwas weniger weit und dafür Eure Ohren etwas weiter öffnetet,« rief Paul ruhig zurück, »oder wir erleben, daß wir den Cardinal nicht eher hören, als bis wir ihn zwischen Wind und Wasser angebohrt haben und wie 'ne Ladung Ballast mit ihm zu Grunde gehen!«
»Die Hölle über den Regen!« rief der eine Gefährte Africa's.
»Die Hölle über Dich selber, Pechfackel!« erwiderte Paul, halb verweisend, halb scherzend. »Ich denke, es kann noch tausend Jahre regnen, ohne daß dadurch Deine Haut auch nur um einen Schatten heller gewaschen würde.«
»Richtig, Master Paul!« lachte der unter seinen Gefährten unter dem Namen ›Pechfackel‹ bekannte Neger. »Aber ich frage den Henker nach Weißwaschen; meinetwegen mag's Enterhaken und Marlspiker regnen, wenn ich dadurch den Cardinal in Sicht bekomme - Goddam! - Jungens, habt Ihr's gehört?« wendete er sich darauf emporfahrend an seine Gefährten.
Die Neger horchten hoch auf; doch bevor sie darüber einig, aus welcher Richtung das unheimlich heulende Geräusch zu ihnen herüberdrang, erschallte Paul's helle Stimme.
»Hol' an den Stagrock! Bei allen Teufeln, Jungens, hol' an, und wenn die Leinen platzen!«
Die Neger sprangen nach vorn, und indem sie sich mit ganzer Körperschwere gegen das von dem Stagrocksegel aus durch einen Block laufende Tau lehnten, gelang es ihnen, die kleine, dreieckige Leinwandfläche so straff zu ziehen, daß sie beinahe in gleicher Richtung mit dem Kiele stand.
»Straff wie'n Trommelfell!« rief Africa bald darauf dem Steuermanne zu, indem er sich wieder auf seinen alten Platz begab.
Paul antwortete nicht; aber den Kutter brachte er so hart an den Wind, daß dessen Luvbordbrüstung fast über dem Kiele lag und die Leeseite des Verdecks das Wasser gar nicht mehr verließ.
Der heulende Ton war unterdessen von Minute zu Minute vernehmlicher geworden, und bald trennten sich die unregelmäßigen Schläge von einander, mit welchen ein schwingender Klöppel fort und fort eine weithin schallende Glocke traf. Dem jungen Steuermanne wurde die Arbeit dadurch erheblich erleichtert; er konnte die Entfernung und die Lage des gesuchten Leuchtschiffes ziemlich genau berechnen und sich demselben allmählich nähern.
Zehn Minuten verstrichen darauf in gespanntem Schweigen; auf dem Kutter vernahm man kein anderes Geräusch, als das Brausen des Wassers, das Pfeifen der Böe und das gespenstisch klingende Läuten der geheimnißvollen Glocke.
Da übertönte plötzlich Jim's: »Cardinal in Sicht steuerbord!« den Sturm.
Der Kutter war auf etwa Kabellänge an dem bezeichneten Schiffe unter Lee vorübergesegelt. Paul mußte daher, um mit demselben in gleiche Höhe zu gelangen, gegen den Wind vieren. Wie nun der Regen nachließ, traten vor dem im Westen auftauchenden Lichtstreifen auch die Formen des gesuchten Fahrzeuges deutlicher hervor, und leicht berechnete er, daß zweimaliges Umlegen ihn auf die Südwestseite desselben bringen mußte. Mit sicherem und geübtem Blicke schätzte er die Längen der Wendungen ab, und nachdem er die schwarzen Matrosen angewiesen, nicht mehr von ihrem Posten zu weichen, ließ er den Kutter noch eine Weile in der bis jetzt inne gehaltenen Richtung weiterstreichen.
Der Cardinal nun, wie das Fahrzeug hieß, welchem Paul einen Besuch abzustatten beabsichtigte, war ein Leuchtschiff, welches wahrscheinlich seinen Namen dem braunrothen Anstriche verdankte, den es, bevor man es in's Meer hinausbugsirte, mit Rücksicht auf die größere Dauerhaftigkeit des Holzes erhalten hatte.
Dasselbe hatte äußerlich plumpe Formen, war aber in allen seinen Theilen mit Sorgfalt so gebaut worden, daß es dem Andrange der Wogen leicht nachgab, ohne in Gefahr zu schweben, durch den Sturm, und wenn er den höchsten Grad erreichte, gekentert zu werden.
Zum Schutze gegen Letzteren diente vorzugsweise die genau berechnete Vertheilung und Befestigung des Ballastes, wie auch, daß das Fahrzeug, außer mit seinen Wänden, nur mit einem einzigen, wohlversicherten Maste den Stürmen Widerstand bot. Zur Anbringung von weiterer Takelage und Spieren war ja auch keine Veranlassung, indem das Schiff, welches etwa die doppelte Größe eines Lootsenschooners hatte, frei an langer Kette über drei, in Dreieckform an einander gefesselten schweren Ankern lag. Die Kette, von einer Stärke, daß sie im grimmigsten Typhon einen Dreidecker gehalten hätte, war mit mehreren sinnig angebrachten Wirbeln versehen. Die Drehungen des Fahrzeuges konnten sie also nicht verwirren, und gegen das Schleifen und demnächstige Losreißen der Anker durch den namentlich zur Zeit der Ebbe überflüssigen Theil der Kette wurde diese durch Bojen geschützt, welche sie in bestimmter Höhe über dem Untergrunde hielten und sie nie ganz niedersinken ließen.
Von fern gesehen, machte der Cardinal den Eindruck eines Wracks oder vielmehr eines abgetakelten und außer Dienst gestellten Fahrzeuges, wie man deren vielfach in der Nähe von Hafenstädten sieht, wo sie, in irgend einem abgesonderten Winkel liegend, noch ihre letzten Dienste als Magazine oder Spitäler leisten. Am meisten charakterisirte ihn indessen eine große Glocke, die auf dem oberen Ende des stumpfen Mastes in einem viereckigen Rahmen angebracht worden war und deren, in sorgfältig auspolirtem und geöltem Ringe hängender Klöppel bei der geringsten Schwankung des Schiffes sie weit über das Meer hinausgellen machte.
Am Tage und selbst zur Nachtzeit, wenn die fernen Leuchtthürme die inne zu haltende Richtung bezeichneten, hatte das Leuchtschiff weiter keinen Zweck. Der kundige Seemann lenkte den Lauf nach der Magnetnadel und den ihm sichtbaren Signalen und wußte, daß die gefährlichen Untiefen weit abwärts liegen blieben. Anders dagegen war es, wenn dichte Nebel oder schwer niederströmende Regen einem bereits aus seinen Cours getriebenen Schiffe die Aussicht raubten.
In solchen Fällen hatte die gellende Glocke oft mehr, als alle Leuchtthürme, unmittelbar zum Heile und zur Rettung gedient; denn wer die Glocke hörte, erschrak und warf, wenn es noch in seiner Gewalt lag, das Bugspriet nach Westen herum, um nicht zwischen Klippen und Untiefen elendiglich und rettungslos dem Verderben anheimzufallen.
Der Cardinal befand sich nämlich zwischen zwei Reihen von Untiefen und kaum bemerkbaren Inselchen, welche, einen spitzen Winkel bildend, im Osten fast zusammenstießen, gegen Westen dagegen eine breite Einfahrt offen ließen. Bei hoher See und verdichteter Atmosphäre hätten verschlagene Fahrzeuge daher ohne den Warnungsruf bis in den Winkel hineingetrieben werden können, ehe sie überhaupt eine Ahnung von der furchtbaren Gefahr erhielten. Der Cardinal selbst dagegen hatte in der beckenartig eingeschnittenen Einbuchtung eine verhältnißmäßig geschützte Lage, indem die Wogen, wenn sie von Norden, Osten und Süden heranrollten, sich über den Untiefen überstürzten und brachen und den größten Theil ihrer Gewalt einbüßten, bei Westwinden aber durch die Nähe der Florida-Küste nicht Spielraum genug hatten, um bis zu ihrem Eindringen in das Becken jenen unwiderstehlich wuchtigen, bergartigen Umfang zu gewinnen.
Als an jenem Nachmittage der Falke zum zweiten Male umlegte und in einiger Entfernung östlich an dem Leuchtschiffe vorüberschoß, nahm dieses sich aus, als ob es, ähnlich dem fliegenden Holländer, von unsichtbaren Händen in seinem Cours gehalten werde und noch nie ein irdisch geborenes Wesen seine Planken betreten habe.
Seinen Bug mit dem kurzen, gedrungenen Bugspriet hatte es gegen Südwesten dem Sturme zugekehrt, und indem es sich, wie ein unbändiges Pferd, vor seiner Ankerkette hoch aufbäumte und dann wieder vornüber in den nächsten Trichter hinabschoß, je nachdem die Seen unter ihm fortrollten und die tönende Glocke mit ihrem Schaume reich benetzten, hätte man meinen mögen, sein Steuer befinde sich in kundigen Händen; denn regelrecht, wie ein hart an den Wind gebrachter, erprobter Schnellsegler, stampfte es muthig und unerschütterlich dem Wetter entgegen.
Sein Deck war indessen öde und verlassen; nichts auf demselben zu erblicken von Nothspieren und zusammengerolltem Tauwerk; sogar das Compaßhäuschen fehlte.
Nur eine kleine Jolle mit allem wohlverstauten Zubehör lag umgekehrt mitten auf dem Deck, durch breite, getheerte Gurten mit den Planken so sicher und fest verbunden, als ob sie aus Einem Stücke mit denselben bestanden hätte.
Eine Luke führte auf dem Hinterdeck in das Schiff hinab; dieselbe war mit einem fast luftdicht schließenden Deckel versehen, und dieser wieder mit einem breit überfallenden Stücke getheerten Segeltuchs sorgfältig überzogen und benagelt worden. Von oben her konnte also, wie unausgesetzt die Sprühwellen auch auf das Deck rasselten, kein Tropfen seinen Weg in's Innere finden, und das Wasser, welches durch den heftigen Druck der Seen durch die Poren und wohlkalfaterten Ritzen der Wände getrieben wurde und sich im untersten Schiffsräume ansammelte, brauchte ja nur von Zeit zu Zeit mittels einer versteckt angebrachten Pumpe entfernt zu werden.
Die vereinzelten Möven und hin und wieder auch ein Albatroß, die das Fahrzeug ängstlich kreischend umflatterten und zuweilen festen Fuß auf dem stampfenden Gebäude zu fassen versuchten, verliehen demselben in erhöhtem Grade den Charakter von Verödung und gänzlicher Verlassenheit, so daß man sich kaum gewundert haben würde, wenn es sich hoch emporbäumte, den Kiel und Schiffsboden, anstatt mit glänzendem Kupfer, mit Seesternen, Schalthieren und grünlich schillernden Seegewächsen überzogen zu sehen. Man hätte sogar Mitleid empfinden mögen mit dem armen Fahrzeuge, welches dazu verdammt war, hier draußen in der unendlichen Wasserwüste der Spielball der empörten Elemente zu sein und von den vorbeifahrenden Schiffern mit erklärlicher Scheu betrachtet und wie ein Pestkranker, so weit wie nur immer möglich, umgangen zu werden.
Dazu heulte die Glocke mit gespenstischem Ausdrucke, bald hell und durchdringend, bald wimmernd und gedämpft, je nachdem die Bewegungen des Schiffes und mithin auch der Glocke den Schwingungen des Klöppels begegneten oder, zurückweichend, sie gleichsam auffingen.
So lange der Falke auf der Ostseite des Cardinals kreuzte, zeigte sich auf Letzterem kein anderes Leben, als das, welches die Sturmvögel und das eilfertig abfließende Sprühwasser erzeugten. Sobald aber der Kutter zum dritten Male umlegte, hoben sich die rastenden Möven mit wildem Geschrei in die Lüfte, das Leuchtschiff in engem Kreise umschwärmend, als ob sie bedauert hätten, von der ihren Neigungen so vollständig entsprechenden Stätte vertrieben worden zu sein.
Die Lukenklappe hatte sich nämlich, nach einigen dumpfen Stößen von unten, bewegt und war vorsichtig mit dem der Wetterseite abgewendeten Ende emporgeschoben worden, und in der offenen Spalte erschien ein zottiger Seemannskopf, der indessen größtentheils von einem schlappen, aus gefirnißtem Segeltuche angefertigten Hute, einem sogenannten Nordwester, verborgen wurde.
Offenbar hatte der Besitzer des Kopfes den Falken schon vom Innern des Schiffes aus durch eines der kleinen, runden, mit zolldicken Gläsern verschlossenen Luftlöcher beobachtet, denn seine Augen schweiften, sobald sie über der Lukeneinfassung emportauchten, sogleich nach der Richtung hinüber, in welcher der Kutter munter gegen Wind und Wogen ankämpfte.
Dem zottigen Seemannskopfe folgten bald ein Paar breiter Schultern nach, und in der nächsten Minute stand neben der schnell wieder geschlossenen Luke eine kurze, gedrungene Gestalt, der man auf den ersten Blick ansah, daß sie auf dem Wasser sich mindestens eben so sehr zu Hause fühle, wie auf dem Festlande.
Das kleine Gesicht mit den geschlitzten, stechenden Augen, welches ein ergrauter Bart noch erheblich verkleinerte, trug wenigstens jene vernarbte Röthe, wie sie sich gewöhnlich nach langjährigem Aufenthalte auf der See einstellt, und in erhöhtem Grade einstellt, wenn die betreffende Person den verwitternden Einflüssen der Atmosphäre durch unmäßigen Genuß stärkster geistiger Getränke zu Hülfe kommt.
Die Formen seines Körpers verhüllten die Falten eines weiten, gefirnißten Anzuges; doch blieb man kaum im Zweifel darüber, daß trotz der geringen Höhe ein herculischer Gliederbau unter den wasserdichten Kleidungsstücken verborgen sei. Von den ihm innewohnenden Riesenkräften aber zeugten schon allein seine Haltung und der trotzige, selbstbewußte Ausdruck, mit welchem er, ohne die brandenden Wogen auch nur eines Blickes zu würdigen, die Lage des Kutters mit seinem Cours verglich.
Als er sich überzeugt hatte, daß der Kutter in der bestimmten und zu seinen Zwecken geeigneten Entfernung vorübersegeln würde, nickte er zufrieden mit dem Haupte, und seine knochigen Fäuste auf dem Rücken in einander schlagend, begab er sich langsam nach dem Vordertheile des Schiffes hinüber. Dabei schritt er so sicher und fest einher, wie nur je ein rüstiger Spaziergänger in den Parkanlagen einer Stadt, und indem der Cardinal sich bäumte, niederwärts stampfte oder schlingerte, der Seemann aber beständig eine perpendiculäre Stellung beibehielt, gewann es den Anschein, als ob zwischen ihm und dem Leuchtschiffe ein ähnliches Verhältniß bestanden habe, wie zwischen der schwankenden Glocke und dem beweglichen, jedoch den Gesetzen der Schwerkraft folgenden Klöppel.
Sobald der einsame Bewohner des Leuchtschiffes den Vordertheil des Decks erreichte, öffnete er eine wasserdicht verschlossene Kiste, die gewissermaßen die Stütze des Bugspriets bildete.
Ernst bewachten seine Augen die heranrollenden Wogen, und sobald er sich auf einige Secunden gegen hereinbrechende Sprühwellen sicher wußte, zog er schnell zwischen mehreren in der Kiste verpackten Flaggen und Leinen ein kurzes Sprachrohr hervor, worauf er den Deckel wieder zuschlug und vorsichtig befestigte.
Mit dem Sprachrohr bewaffnet, begab er sich sodann nach dem Hintertheile zurück, und durch theilweises Entfernen einer eisernen Ueberfallkrampe gelang es ihm leicht, das außer Thätigkeit gesetzte Steuerruder zur sofortigen Benutzung klar zu machen.
In der einen Hand das Sprachrohr, die andere auf die nur lose haftende Krampe gelegt, um dieselbe im entscheidenden Augenblicke ganz beseitigen zu können, spähte er unverwandt nach dem Kutter hinüber, der auf den Kämmen der Seen einhertanzte, als ob die gefährliche Fahrt für ihn nur Spielwerk gewesen wäre. Die Haltung des kleinen Fahrzeuges schien ihn mit Freude und Stolz zu erfüllen, denn seine tückischen Augen leuchteten vor innerer Freude, und indem er seinen bärtigen Unterkiefer zähneknirschend weit über den Oberkiefer hinausschob, ließ er ein grunzendes Lachen ertönen, welches sich allmählich in einzelne Worte und Bemerkungen verwandelte.
»Nicht zehntausend Dollars nähm' ich für den Falken,« murmelte er gleichsam unbewußt - »Goddam - nicht fünfzehntausend für den Meerkönig, bei allen Teufeln der Hölle! In dem Jungen steckt der leibhaftige Satan - wer hätte das gedacht! Gut, Master Paul, ausgezeichnet gemacht, Master Paul!« rief er, von Genugthuung erfüllt, etwas lauter aus, als er bemerkte, mit welcher Umsicht der Jüngling den Kutter zwischen zwei rasch auf einander folgenden Sturzwellen hervorzog. »Bei allen Teufeln der Hölle, hätt's selbst nicht besser machen können!«
»Ahoi, Stephens!« ertönte jetzt, durch die Luftströmung getragen, Paul's Stimme deutlich durch ein Sprachrohr zu dem Cardinal herüber.
Stephens, einsehend, daß seine Stimme gegen den Sturm nicht durchdringen würde, schwenkte sein Sprachrohr zum Zeichen des Verständnisses, und Paul, mit jeder Secunde näher rückend, fuhr fort:
»Schiff signalisirt von Südwest! Ist hart auf! Kann nicht zurück und muß durch den Canal! Muß vor Mitternacht hier sein!«
Stephens setzte das Sprachrohr an den Mund, denn Paul war jetzt nahe genug heran, um ihn zu verstehen.
»Alles recht, mein Junge!« brüllte er mit einer Stimme, die das Tosen des Wassers übertönte. »Giebt's 'ne Prämie, gehört die Hälfte Dir! Keine Nachricht von oben?«
»Ein Brief!«
»Wer brachte ihn?«
»Der Seminole! Haltet Euch bereit, er steckt in dem einen Proviantsacke!«
»Alles bereit!« entgegnete Stephens, und dann schlang er das Sprachrohr mit der an demselben befestigten Schlinge um seinen Nacken, worauf er schnell die Krampe von dem Steuerrade entfernte und mit seinen sehnigen Fäusten kräftig in die Speichen griff.
Der Kutter war unterdessen bis auf fünfzig Schritte herangekommen und mußte in der nächsten Minute auf ungefähr der Hälfte dieser Entfernung vor dem Bugspriet des Cardinals vorüberschießen.
Stephens' Blicke waren zugleich auf die heranrollenden Seen und den Kutter gerichtet. Er berechnete die Bewegungen der Ersteren und sah, daß Jim rittlings auf dem Klüverbaum des Falken saß und einen fest zugeschnürten Ledersack in den Händen hielt, während Africa mit einem ähnlichen Sack auf dem Hintertheil stand, in der Mitte aber zwischen Beiden Pechfackel einen mit Kork gefüllten Guttapercha-Ring hielt, welcher ebenfalls an der die beiden Säcke mit einander verbindenden Leine befestigt war.
Endlich trat die Spitze des Klüverbaums des Kutters in gleiche Linie mit dem Kiel des Cardinals; eine Woge hob ihn hoch empor, als hätte sie ihn auf das Leuchtschiff schleudern wollen.
In demselben Augenblicke drückte Stephens das Steuer nieder, welchem der Cardinal, indem er von der unter ihm fortrollenden See nach vorn schoß, in so weit gehorchte, daß die See, die den Kutter trug, anstatt den Cardinal ebenfalls emporzuheben, diesen heftig auf den Bug traf und klatschend über sein Verdeck hinschäumte.
Paul aber hatte, gerade als des Cardinals Bugspriet auf die Mitte des Kutters wies, den Negern das Signal gegeben, diese warfen zu gleicher Zeit Säcke und Korkring über Bord, und als der Cardinal triefend aus der Woge emportauchte, da hingen zu beiden Seiten von ihm die Säcke, während die Leine mit dem Rettungsringe über das Bugspriet fortgeschwemmt worden war und sich um das Gangspiel geschlungen hatte. Der Kutter dagegen trieb bereits weit abwärts, und nur noch gedämpft klang Paul's Stimme herüber, indem er rief:
»Helf Euch Gott, Vater Stephens, wenn's gilt, ein armes Schiff vor den Untiefen zu warnen - die Böe ist noch im Wachsen!«
»Laß sie wachsen, bis die Seen in die Wolken reichen,« murmelte Stephens, indem er, ähnlich einem Hunde, das Wasser der Sturzwelle von sich abschüttelte. Dann, nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Cardinal in seiner alten Weise rüstig weiter arbeitete, legte er die Krampe um die zu diesem Zwecke besonders stark angefertigte Speiche, worauf er zuerst das Sprachrohr verwahrte und demnächst mit dem Heraufwinden der Ledersäcke begann.
Nach Verlauf einer Viertelstunde war es ihm endlich gelungen, der Säcke habhaft zu werden. Ohne dieselben zu prüfen, warf er sie durch die Lukenklappe in das Innere des Schiffes hinab, und dann erst wendete er seine Aufmerksamkeit wieder dem Kutter zu.
Derselbe hatte, bald nachdem er das Leuchtschiff verlassen, umgelegt, und mit rasender Schnelligkeit schoß er in gerader Linie auf die fern am Horizonte duftig verschwimmende Küste zu.
Stephens blickte dem kleinen Fahrzeuge eine Weile mit seltsamem, fast zärtlichem Ausdrucke nach. Die Regenwolken trieben hastig gegen Nordosten, einen klaren, sonnigen Himmel hinter sich zurücklassend; aber mit verdoppelter Gewalt heulte die Böe, wie um die im Südosten auftauchende Wolkenschicht möglichst schnell herauszuschaffen und den Himmel auf's Neue zu umdüstern.
Hell glitzerten die Schaumkämme der sich unablässig überstürzenden Wogen, und wie Funken schossen die Möven zwischen den Wasserbergen hinauf und hinunter. Auch der Kutter mit dem dicht gerefften weißen Segel glich einer Möve, nach welcher das wild bewegte Meer vergeblich seine gierigen Arme ausstreckte. Bald über eine Schwellung hinschwebend, bald versteckt bis auf die äußerste Mastspitze und den flatternden Wimpel, wurde er kleiner und kleiner, bis zuletzt seine Formen nicht mehr genau zu unterscheiden waren.
»Eine verdammt schöne Kraft und ein verdammt flinker Junge!« murmelte Stephens, indem er sich wieder nach der auf dem Vordertheile des Cardinals befindlichen Kiste hinbegab. »Gott soll mir helfen, wenn's gilt, ein Schiff vor den Untiefen zu bewahren, hahaha! Armer Junge, wohin verirren sich Deine Gedanken! Wüßtest Du nur - hahaha!«
So sprechend, holte er ein Fernrohr aus der Kiste, und nachdem er es behutsam gestellt, begann er, den südwestlichen Horizont abzuspähen. Dreimal war er mit dem Rohr von Westen nach Süden und wieder zurück herumgefahren, als plötzlich ein ferner Gegenstand seine Aufmerksamkeit zu fesseln schien, denn ungeachtet des unter ihm schwankenden Bodens hielt er das Instrument so sicher und fest in seinen Händen, als wäre es in denselben festgeschraubt gewesen.
Nach einigen Minuten setzte er es mit einem heftigen Fluch wieder ab, und es mit lautem Schalle zusammenschiebend, verpackte er es sorgfältig zwischen die Flaggen.
»Bei allen Teufeln der Hölle, wenn das nicht etwas mehr ist, als ein Küstenfahrer, will ich noch in dieser Nacht mit dem Cardinal zu Grunde gehen!« rief er aus, indem er aus der Kiste einen etwa sechs Zoll breiten und drei Fuß langen, weich gepolsterten Zeugstreifen hervorzog und mittels der an demselben befestigten Riemen gurtartig um seine Hüften schnallte.
»Goddam, die Gelegenheit hat lange genug auf sich warten lassen, vielleicht macht's sich heute! Noch anderthalb Stunden scheint die Sonne, und bevor zwei Stunden vergangen sind, ist es so finster, wie in dem Wanst eines Haifisches,« fuhr er mit seinem Selbstgespräche fort, nachdem er sich von dem Stande der Zeit überzeugt hatte. »Ich calculire: es kann in drei, aber auch erst in fünf Stunden heran sein; ja ja, die Sache geht, wenn mir nur das Glück wohl will. Hahaha! und dabei steht der Wind gerade nach der Sandbank hinüber - bei Gott, es könnte nicht schöner passen!« schloß er, und sich umwendend, blickte er scharf nach Nordosten hinüber, wo in der Entfernung einer Seemeile eine mit weißen Brandungen umgürtete Untiefe sich gleichsam als Bollwerk vor einer flachen Insel erhob, die etwa zwei Meilen weiter lag und zum Schutze für die Seefahrer mit einem Leuchtthurme versehen war.
»Jedenfalls wollen wir uns nicht unvorbereitet finden lassen,« bemerkte er nach einer Weile, und sein Gesicht verzog sich zu einem höhnischen, Unheil verkündenden Grinsen, und als ob er plötzlich zu einem festen Entschlusse gelangt sei, schritt er schnell nach dem Maste hinüber.
Ein Sprung brachte ihn nach der Regeling hinauf, und dann die nächsten Sprossen der Strickleiter ergreifend, stieg er langsam und bedächtig zu der Glocke hinauf.
Oben angekommen, löste er zuerst die dünne Flaggenleine, die zum Zwecke des Signalisirens daselbst angebracht worden, war, und dieselbe in Form einer Schlinge um den Klöppel legend, schnürte er diesen ganz nach der einen Seite hinüber, so daß bei den weiteren Schwankungen seine Hände nicht Gefahr liefen, von dem schweren Eisen verletzt zu werden.
Vorsichtig setzte er sich darauf in den galgenartigen Rahmen hinein, wodurch seine beiden Hände frei wurden; nachdem er sodann den gepolsterten Gürtel von seinen Hüften genommen, umwand er mit demselben das untere Ende des Klöppels derartig, daß bei jeder ferneren Berührung desselben mit der Glocke sich eine mindestens faustdicke Polsterung zwischen beiden Theilen befand.
Nach diesen Vorkehrungen vereinigte er die Flaggenleine mit dem Gurte, und zwar in einer Weise, daß, wenn er vom Deck aus an dem niederhängenden Ende zog, die Schleife sich öffnen und der Polstergurt herabfallen, mußte. Ebenso verfuhr er mit der andern Hälfte der Flaggenleine, die den Klöppel seitwärts an den Rahmen preßte. Er brauchte also, um den Klöppel in Thätigkeit zu setzen, nicht erst nach dem Maste hinaufzuklettern, eine unerläßliche Vorsichtsmaßregel, indem das plötzlich erwachte Läuten ein vielleicht dem Cardinal zutreibendes Fahrzeug veranlaßte, wenn die Zeit, überhaupt die ganze Lage es noch gestattete, den Cours zu ändern und dadurch wenigstens einem verderblichen Zusammenstoße vorzubeugen.
Einen zufriedenen Blick warf Stephens nach Beendigung seiner Arbeit um sich. So weit das Auge reichte, war, außer dem in der Ferne verschwindenden Kutter, kein Segel sichtbar. Etwas länger spähte er nach Südwesten hinüber, wo er von seinem hohen Standpunkte aus mit bloßen Augen ein schwach hervortretendes dunkles Streifchen unterschied, welches er für die obersten Spieren eines noch tief unter der Linie des Horizontes liegenden Fahrzeuges erkannte.
»Es ist klar,« murmelte er im Hinabsteigen, »hübsche Einrichtung mit den Küstentelegraphen; die Leuchtthurmwächter werden zur Wachsamkeit ermahnt, und manche Kraft ist dadurch gerettet worden. Verdammt feine Einrichtung, Goddam! Hat schon manchem Schiffe zum Segen gereicht.«
Er war unten auf dem Verdeck angekommen und begann, offenbar, um sich körperliche Bewegung zu verschaffen, in echter Seemannsweise auf und ab zu schreiten. Als aber nach Verlauf einer halben Stunde eine neue Wolkenschicht den Himmel überzogen hatte und schwer und dicht fallende Regentropfen sich mit den zeitweise auf das Deck niederrasselnden Sprühwellen vermischten, schlüpfte er gewandt durch die zur Hälfte geöffnete Luke in den Schiffsraum hinab.
Die Fallthür schlug dröhnend hinter ihm zu, ein kurzes Klopfen erschallte, mit welchem er den Keil in den die Thür fest einpressenden Ring trieb, und dann war es so einsam auf dem Fahrzeuge, als wenn es hier vor Anker gelegt worden wäre, nur um zu verwittern und zu vermodern.
Der Sturm aber verstärkte sich mit der Annäherung des Abends von Viertelstunde zu Viertelstunde. Höher hinauf bäumte sich der Cardinal, und tiefer sank er hinab. Der Mastbaum knirschte und knarrte in seiner Lage, die Rippen ächzten und stöhnten, und schärfer pfiff der Wind zwischen den straff gespannten Tauen und Wanten. Regen und Sprühwellen rasselten in Schauern auf die ausnahmsweise getheerten Deckplanken nieder, und das Heulen der Böe und das Brausen der Fluten vereinigte sich zu einem einzigen tiefen, betäubenden, unheimlichen Tone.
Aengstlich umflatterten die Möven wieder das wüthend stampfende Fahrzeug; ihren heisern Schrei gesellten sie zu dem Toben der kämpfenden Elemente; sie gewöhnten sich bald an das Fehlen des klagenden Geläutes, und flatternd suchten sie zuweilen auf den Regelingen und zuweilen sogar oben auf dem Rahmen der Glocke festen Fuß zu fassen.
Ganz nahe aber hinter dem Spiegel des Cardinals und fast unter demselben, wo die Wucht der Luftströmung sie nicht so sehr traf, schwebte dicht über der beweglichen Wasserfläche und dieselbe sogar gelegentlich mit den Schwingen berührend, eine Gesellschaft kleiner, schwarzer Vögel.
Es waren ›Mutter Hannos Küchlein‹; sie wollten durchaus nicht weichen, obwohl sie, getragen vom Sturme, in einigen Minuten festes Land zu erreichen vermocht hätten.
Sie flatterten hierhin und dorthin, allein weit entfernten sie sich nicht von dem Cardinal. Mancher befahrene Matrose würde darin eine üble Vorbedeutung erblickt und mit einem heimlichen Schauder seine Seele dem lieben Gotte befohlen haben.

2. Die Colonie.

Obgleich Florida mit zu den östlichen Staaten der großen nordamerikanischen Republik zählt, die im Allgemeinen als der Centralpunkt des Geschäftsverkehrs betrachtet und bezeichnet werden, so bietet diese Halbinsel, namentlich in ihrer südlichen Verlängerung, noch immer Wildnisse, wie sie vielleicht der ganze Continent nicht undurchdringlicher und selbst für den gewandtesten Jäger nicht gefährlicher aufzuweisen hat.
Ungeheure Sümpfe und Moore, dicht bedeckt mit hohem Rohr und Schilf, wechseln mit tropischen Urwaldungen ab und erschweren jedes Vordringen fast bis zur Unmöglichkeit, und alle übeln Zugaben, die sich an die erwähnte Bodengestaltung und Vegetation knüpfen, findet man auch hier im reichsten Maße vertreten. Denn wenn entlaufene Negersclaven und noch einige zurückgebliebene Seminolen-Krieger die verborgenen und wenig betretenen Schleichwege und selbst größere Landstraßen unsicher machen, so lauert im träge dahinsickernden, schlammigen Wasser regungslos, wie ein vermodernder Baumstamm, der häßliche Alligator, während im Dickicht widerwärtige Giftschlangen den arglosen Wanderer vielfach bedrohen, und Milliarden von Mosquitos den Aufenthalt im Freien geradezu unerträglich machen.
Eine andere und gewiß nicht minder unheimliche Plage sind die Fieber, eine natürliche Folge des Einathmens der giftigen Miasmen, welche von den fast senkrechten Strahlen der Sonne über den sumpfigen Niederungen gebildet und gleichsam ausgebrütet werden.
Mit solchen Feinden vor Augen hat sich bis jetzt die Civilisation noch nicht weit in das Innere der Halbinsel Florida hineingewagt. Nur kleinere und größere Militärstationen sind hin und wieder gegründet worden, um den Ausschreitungen der wilden und grausamen Eingeborenen zu begegnen, und auch diese liegen so weit von einander getrennt, daß nur durch stärkere Abtheilungen die Verbindung zwischen denselben aufrecht erhalten werden kann.
Wo nun das Innere eines Landes der Colonisirung so wenig günstig ist, da fehlt auch wieder der Grund zur Anlage von Städten selbst an solchen Punkten, wo natürliche Häfen den Handelsverkehr in erhöhtem Grade zu erleichtern versprechen.
Aus solchen Ursachen ist also auch die genannte Halbinsel kaum nennenswerth bevölkert, und nur gering im Vergleiche mit den nördlichen Küsten ist die Zahl der am Meeresufer gegründeten Städte, von denen sich keine einzige der südlicheren auch nur zu einem Handelsplatze dritten Ranges emporzuschwingen vermochte.
Im Vergleich mit der vom atlantischen Ocean bespülten Küste der Halbinsel ist deren westliche Küste noch immer reich bevölkert, wofür in dem Vorhandensein kleiner, in den mexicanischen Golf mündender Flüsse und Schutz gewährender Einbuchtungen des Meeres der Grund zu suchen ist, während auf der Ostseite auf viele Tagereisen weit die Einförmigkeit des Strandes kaum durch sanfte Ausschweifungen unterbrochen wird.
Es ist daher leicht erklärlich, daß sich auf dem zuletzt bezeichneten Küstenstriche zahlreiche Punkte, ja sogar Strecken befinden, die bis jetzt noch nicht von dem Fuße eines civilisirten Menschen betreten wurden, wie andere, auf welchen Menschen wohnen, die, obwohl mittels ihrer leichten Küstensegler mit der übrigen Welt in Verbindung stehend, doch nicht Anziehungskraft genug besitzen, um von dieser beachtet oder in ihrem Treiben gestört zu werden.
Auf solche Punkte stößt man namentlich auf der Südspitze der Halbinsel, wo weite Sandflächen die Urwaldung von dem Seestrande scheiden, und hin und wieder auch die Vegetation, wo die Bodengestaltung es begünstigt, bis nach den von den Meereswogen gepeitschten hohen Ufern hinaufreicht.
Wie die Abgeschiedenheit jener Regionen und ihre Unnahbarkeit auf dem Seewege den gesitteten, betriebsamen und vorwärts strebenden Menschen abstoßen, so locken sie andere, die auf die eben erwähnten Eigenschaften keine Ansprüche machen, wieder an. Der von den Inseln entflohene Plantagenneger, der von den Militärstationen entlaufene Söldling, der entwichene Matrose finden daselbst ein ihren Neigungen entsprechendes Unterkommen, und ist es daher nicht immer der beste Theil der amerikanischen Bevölkerung, dem man dort unten begegnet. -
Die südlichste Spitze von Florida endigt in eine schuhförmige Halbinsel, deren Spitze gegen Osten weist und dadurch nördlich den Biscaine-Busen bildet.
Der Biscaine-Busen findet nördlich seinen Abschluß an dem Cap Florida, dem südlichsten Punkte einer schmalen Nehrung, die, weiter nördlich mit dem Festlands zusammenhängend, einen seichten Wasserstreifen von dem Ocean trennt und sich einige Meilen weit parallel mit dem Festlande hinunterzieht.
In das auf diese Weise gebildete Haff mündet ein von Süden kommendes Flüßchen, welches indessen nur in leichten Booten eine kurze Strecke weit aufwärts befahren werden kann, während das Haff stellenweise tief genug ist, um Schoonern und Kuttern von geringem Tonnengehalte ein sicheres Unterkommen zu gewähren.
So kurz der schiffbare Theil des Flüßchens ist, so reicht derselbe doch weit genug, um zu Wasser hinter den nackten Küstenhügeln herum bis in die dichte Waldung zu gelangen, die gegen die Stürme einen sehr annehmbaren Schutz gewährt, zur Zeit des glühenden Sommers dagegen einen doppelt willkommenen schattigen Aufenthaltsort bietet. Leute, die eine gewisse behagliche Abgeschiedenheit lieben, ohne dabei gänzlich von dem Verkehre mit ihren Mitmenschen ausgeschlossen zu sein, hätten daher keine passendere Stelle zur Anlage ihrer Häuslichkeit wählen können, als die Ufer des erwähnten Flüßchens, und zwar gerade da, wo dasselbe in den prächtigen, dicht verschlungenen Urwald einbiegt und sich im Schatten desselben verliert.
Solche Betrachtungen liegen wenigstens sehr nahe, wenn man dem Flüßchen aufwärts folgt und plötzlich beim Beginne der hohen Vegetation eine Gruppe von Hütten vor sich sieht, die man, im Verein mit ihrer von der Natur so reich geschmückten Umgebung, als eine liebliche, exotische Idylle bezeichnen möchte.
Die Hütten selbst sind leicht und luftig gebaut, wie es dem dortigen Klima angemessen; die Dächer sind malerisch von bleichgrünem Schilf und Palmenwedeln hergestellt worden, und wie in anderen Landestheilen sich schmale Rauchsäulen den Schornsteinen schindel-, schiefer- und ziegelgedeckter Häuser entwinden, so erblickt man hier die gekräuselten Rauchwölkchen vor den Hütten, wo man der Bequemlichkeit halber die zum Kochen bestimmten Feuerherde angelegt hat.
Auch geräumige Schuppen gewahrt man, die zum Aufbewahren von Waarenballen und Kisten errichtet würden; dagegen vermißt man größere Gärten und bestellte Felder, welche auf eine gewisse Betriebsamkeit der Bewohner gedeutet hätten, wenn auch hier und dort einzelne, wenig mühsam angelegte Beete mit Zwiebeln, Melonen und Tomattoes von der Ergiebigkeit des nur wenig Bearbeitung erfordernden Bodens zeugen. Ueberhaupt geht der angenehme Eindruck, dem man anfänglich unterworfen gewesen, zum Theil wieder verloren, sobald man in die kleine Colonie eingetreten ist und statt der freundlich einladenden oder verwunderten Gesichter Physiognomien gewahrt, die mit argwöhnischem und nichts weniger als Zutrauen erweckendem Ausdrucke den sich nähernden Fremden beobachten.
Die Mehrzahl der Bewohner jener Colonie sind Neger, größtentheils wilde, halbnackte Gestalten, für die außer Essen, Trinken und Rauchen das Nichtsthun die einzige ihnen zusagende Beschäftigung ist; doch zeigen sich auch gelegentlich über den schwebenden Hängematten und auf den vor den Hütten angebrachten Bänken einzelne weiße Männer, die mit ihren wettergebräunten, von struppigen Bärten umgebenen Gesichtern an Wildheit und Verwegenheit des Ausdruckes mit ihren schwarzen Nachbarn wetteifern.
Weiße Frauen bemerkt man dagegen nicht; nur Negerinnen und Mulattinnen bewegen sich in den kleinen Haushaltungen träge hin und her oder keifen mit einem Rudel farbiger Kinder, die sich in allen Hütten gleich heimisch zu fühlen scheinen.
Am Abende des Tages, an welchem Paul mit dem Kutter in dem Florida-Kanal kreuzte, herrschte in der Colonie ein regeres Leben, als gewöhnlich. Die Männer waren geschäftiger und traten gruppenweise in Berathungen zusammen, die Frauen unterhielten auf einer Anhöhe, von welcher aus man in südöstlicher Richtung eine Aussicht auf's Meer hatte, ein hellloderndes Feuer, und wer die verschiedenen Personen beobachtet hätte, wie alle nur einzig und allein dem über sie forttobenden Sturme ihre Aufmerksamkeit zuwendeten, der würde kaum im Zweifel darüber geblieben sein, daß man Unruhe über das lange Ausbleiben des Kutters empfunden und sich in Muthmaßungen über dessen Schicksal ergangen habe.
Letzteres war indessen nicht der Fall.
Man kannte Paul als einen zu geschickten und umsichtigen Steuermann, und außerdem war die Zeit noch nicht abgelaufen, bis zu welcher man ihn mit Gewißheit zurückerwarten durfte, wenn nicht eben ein Unfall den Kutter betroffen und zur früheren Umkehr gezwungen hatte.
Auf dem Hügel, auf welchem die Negerinnen das Feuer schürten, und etwas abseits von diesen, jedoch nahe genug, um noch theilweise von den rothen Flammen beleuchtet zu werden, standen an jenem Abende zwei Männer in ein ernstes Gespräch vertieft bei einander. Da sie wasserdichte Seemannskleidung übergeworfen hatten, so unterschieden sie sich in ihrem Aeußern kaum von Stephens. Nur höher gewachsen waren sie, und hätten sie sich den Flammen mehr genähert, würde man leicht entdeckt haben, daß bei gleich verhärtetem und wildem Ausdrucke ihrer Züge sie doch auf verschiedenen Lebensstufen angekommen waren.
Der eine konnte nämlich kaum das dreißigste Jahr überschritten haben, doch zeugte sein häßliches, brutales Gesicht davon, daß er in diesen dreißig Jahren mehr erlebte, wie mancher Andere in der doppelten Anzahl, und daß er nicht immer auf Wegen gewandelt war, die in den Augen der Gerichtsbarkeit Billigung gefunden hätten.
Sein Gefährte dagegen schien wieder um zehn Jahre älter als Stephens zu sein, also die Sechszig bereits angetreten zu haben; wenigstens deutete sein runzeliges, skeletartig ausgetrocknetes Gesicht mit dem spärlichen, weißen Barte und dem eben so spärlich unter dem Nordwester hervorlugenben weißen Haar unzweifelhaft auf ein vorgerückteres Alter. Mochte er indessen so alt sein, wie er wollte, die weißen Haare und die von der Zeit tief ausgefurchten Runzeln trugen nicht dazu bei, seiner Physiognomie eine Spur von Milde oder Würde zu verleihen. Nur eherner und verschlossener war sie geworden; sonst zeigte auch sie das Gepräge eines verderbten, unter Verbrechen verhärteten Gemüthes, welchem eine lange Reihe von Jahren gelehrt hatte, sich zu beherrschen und seine wahren Gefühle zu verbergen.
Die beiden Genossen hatten ihre Blicke auf das durch schwarze Finsterniß verschleierte Meer gerichtet, dessen unheimliches Brausen deutlich zu ihnen herüberdrang und sich mit dem Heulen des Sturmes über ihren Häuptern vermischte.
Offenbar spähten sie nach einem Zeichen vor dem Kutter, den vorzugsweise ihre mit unterdrückter Stimme geführte Unterhaltung betraf.
»Rudder, ich denke, es ist ziemlich harte Arbeit, bei solchem Wetter im Kanal zu kreuzen,« redete der jüngere der beiden Männer seinen Gefährten nach längerem Schweigen an.
»Für den Kutter oder für vorbeipassirende Schiffe?« fragte Rudder anscheinend gleichgültig zurück.
»Nun, für beide Theile,« antwortete der Andere eben so ruhig; »eigentlich meinte ich aber den Kutter.«
»Oho, für den jungen Seehund braucht Ihr nichts zu fürchten,« versetzte Rudder höhnisch; »der steuert den Kutter so sicher, wie kein Zweiter auf der Welt; er bringt ihn wohlbehalten vor Anker, und müßte er ihn durch einen kochenden Schwefelpfuhl schieben.«
»Hole der Satan den Laffen!« erwiderte der Erstere mit einem Ausdrucke, der klar bewies, wie ernstlich er es meinte; »wenn ich irgend welche Besorgniß hege, so hege ich sie für den Kutter.«
»Burnhill, ich will Euch Etwas sagen,« begann Rudder nach einer kurzen Pause bedächtig, »ich weiß recht gut, was Ihr gegen den Meerkönig habt: Euch ärgert, daß die schöne Jessie sich den Teufel aus Euch macht und dafür ihr Leben zehntausendmal für den Burschen hingäbe.«
»Verdammter Unsinn!« polterte Burnhill heraus; »erstens kümmere ich mich nicht um das Mädchen, und zweitens würde der Junge, der kaum die Kinderschuhe ausgezogen hat, kein Hinderniß für mich sein, wenn ich ernstliche Absichten auf die Jessie hätte.«
»Freilich ist er nur wenig älter, als sie; das hindert das Mädchen aber nicht, den Jungen mit der Eifersucht eines Pantherweibchens zu lieben, und ich denke, es ist noch gar nicht so lange her, daß er dem Jim, der die Jessie nur schief angesehen hatte, Eins über den Kopf gab, daß jeder andere Schädel, als der eines Negers, davon wie eine trockene Kürbisschale zersplittert wäre.«
»Ich möchte einmal erleben, daß er die Hand gegen mich aufhöbe!« versetzte Burnhill zähneknirschend, und unbewußt legte er die Hand an das Heft des in seinem Gurt steckenden Kappmessers.
»Hahaha! Ihr würdet ihm Eins zwischen Wind und Wasser geben, um in der nächsten Viertelstunde die kalte Schneide von Jessie's Messer in Euren Lungen zu fühlen!« hohnlachte Rudder, den seines Gefährten verhaltener Grimm auf's höchste zu ergötzen schien.
»Goddam! lassen wir die Weiber aus dem Spiele,« erwiderte dieser, seinen Verdruß mit Gewalt niederkämpfend; »ich hasse den Jungen, das läugne ich nicht, allein um ihn wegen der Jessie zu hassen, müssen ihm erst Haare um die Lippen wachsen! Nein, nein, ich habe andere Gründe, die mir den Burschen zuwider machen, und zwar Gründe, die Euch so gut betreffen, als mich und Stephens und uns Alle. Er wird mir nämlich zu klug, denn lange dauert's nicht mehr, bis er entdeckt, was eigentlich die geheimen Botschaften und telegraphischen Warnungs-Depeschen zu bedeuten haben, mit denen er jedes Mal hinausgeschickt wird, und warum gerade er, wenn eine Prise gestrandet ist, zu Hause bleiben muß.«
»Daß ihm Letzteres viel Kopfzerbrechens macht, bezweifle ich,« entgegnete Rudder sinnend; »dem Satansburschen ist gerade damit gedient und es schmeichelt ihm sogar bis in's Herz hinein, nur zur Zeit heftiger Böen hinausgeschickt zu werden. Eben so gleichgültig tritt er aber auch bei ruhigem Wetter, wenn es gilt, sich mit der Bergung von Gütern abzuarbeiten, die Führung des Kutters an jeden Andern ab. Goddam, immerhin ein merkwürdiger Bursche! Bei hochgehender See, ist ihm keine Gefahr zu groß, keine Arbeit zu schwer, und sonst liebt er die Arbeit in demselben Maße, wie ein junger Haifisch trockenes Land.«
»Aber was meint Ihr, Freund Rudder, wenn der Junge eines Tages hinter seines Pflegevaters Schliche käme und hinginge, um an gewisser Stelle über seine Entdeckungen zu berichten?«
»Ihr seht Alles schwärzer, wie es in der That ist, Burnhill,« versetzte Rudder mit einer Stimme, aus welcher indessen ebenfalls Zweifel hervordrangen; »das macht, weil Ihr den Jungen aus dem Grunde Eurer Seele haßt. Ich sage Euch, der Paul kümmert sich den Teufel um Stephens' oder unser Treiben; er ist zufrieden, wenn er den Kutter im Typhon gelegentlich erproben und die schöne Jessie ungestört küssen kann. Sollte er dagegen Unrath merken, so verschreibt er lieber seine Seele zehntausendmal dem Teufel, ehe er den Vater seiner Jessie an den Galgen bringt.«
»Oho, da kenne ich die Satansbrut besser! Glaubt mir, der hat seinen eigenen Sinn. Wäre die Jessie ihm so fest an's Herz gewachsen, wie ein Anker in moorigem Grunde, und entdeckte er des alten Stephens eigentliches Gewerbe, so will ich mich hängen lassen, wenn er auch nur eine Stunde länger in der Colonie weilte.«
»Fort dürften wir ihn allerdings nicht lassen,« versetzte Rudder mit Unheil verkündender, kalter Ruhe; er könnte uns sonst den verdammtesten Streich spielen, der jemals an dieser Küste ausgeführt worden ist. Vorläufig ist dergleichen indessen nicht zu fürchten; wir mögen ihn aber etwas schärfer bewachen, das heißt, merken darf er's nicht. Ihr wißt, Stephens hält große Stücke auf ihn, und der hat uns Alle in Händen ...«
»Wir ihn aber auch,« fiel Burnhill seinem Gefährten in die Rede.
»Ganz richtig; aber was wollt Ihr beginnen, wenn er sich eines Tages mit den Seinigen und seinen Schätzen - und Schätze hat er mehr, als wir Uebrigen zusammengenommen - in dem Kutter auf den Weg macht, um nicht hierher zurückzukehren?«
»Der geht nicht fort von hier, so lange er noch einen blanken Dollar zu verdienen weiß,« hohnlachte Burnhill; »seine Habgier ist zu groß. Wäre er nicht so habgierig, hätte er sich längst zur Ruhe gesetzt, um zu leben, wie ein englischer Lord.«
»Alles dies zugegeben, sehe ich noch immer keine rechte Veranlassung, vor dem Burschen solche Furcht zu hegen - oder weiß Jessie vielleicht mehr von unseren Geschäften, als nothwendig ist?«
»Wüßte die Jessie um ihres Vaters heimliches Treiben, wüßte es auch der junge Pottfisch.«
»Aha,« lachte Rudder. »Ihr gebt also doch zu, daß ein ziemlich rückhaltloses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten besteht?«
»Warum sollte zwischen Kindern kein Vertrauen bestehen?« fragte Burnhill äußerlich ruhig, aber die Zähne fest auf einander reibend, zurück.
»Schönes Vertrauen zwischen achtzehnjährigen Kindern,« spöttelte der Alte wieder; dann aber dichter zu seinem Gefährten herantretend, verfiel er in einen ernsteren Ton.
»Scherz bei Seite,« begann er, nachdem er einen prüfenden Blick auf die plaudernden Negerinnen geworfen, die, von einem neuen Regengusse durchnäßt, dichter um das Feuer zusammengekrochen waren und nur die der Küste zugekehrte Seite desselben frei ließen, - »ich nehme Eure Worte nicht so oberflächlich, wie Ihr vielleicht denkt; im Gegentheil, ich glaube den Stand der Dinge klarer zu durchschauen, als Ihr mit Euren verliebten Augen - still, still, laßt mich ruhig aussprechen; ich weiß genau, was ich sage. Drei Möglichkeiten giebt es also, nämlich: Paul fährt fort, sorglos in den Tag hinein zu leben, ohne sich um Sachen zu kümmern, die ihn nichts angehen, oder er merkt den Braten und schließt sich Jessie's wegen uns mit Leib und Seele an, oder endlich, er kommt hinter die ganze Geschichte und benutzt die erste Gelegenheit, um uns zu verrathen.«
»Ganz richtig; eine vierte Möglichkeit giebt es nicht.«
»Gut also; nehmen wir, um sicher zu gehen, den dritten und mithin den am wenigsten ergötzlichen Fall an, ich meine: der Junge gäbe Signale - und verstellen kann er sich eben so wenig, wie ein Dreidecker sich für ein Flachboot auszugeben vermag, - daß er in unserem Logbuche gelesen habe und Verlangen trage, seine Entdeckungen an die große Glocke zu hängen, so versuchen wir zuerst, ihn durch Jessie umzustimmen; denn Ihr müßt zugeben, daß dieser Teufel von Meerkönig fast unentbehrlich für uns geworden ist. Gelingt dies aber nicht, so wird sich wohl ein guter Freund finden, der ihn ansegelt, einige Breitseiten mit ihm wechselt und schließlich, trotz aller Stephens und Jessies der Erde, etwas mehr Wind in seinen Rumpf pfeifen läßt, wie eben zum nothdürftigen Leben erforderlich ist. Ja - anders geht die Sache nicht; Jeder ist sich selbst der Nächste, und besser, der Teufel holt ihn allein, als uns Alle mit einander,« fügte der alte Strandräuber entschuldigend hinzu, als sein Gefährte ihm die vielleicht erwartete Antwort schuldig blieb.
»Und Jessie?« fragte Burnhill zerstreut.
»Goddam, das Mädchen nimmt sich, wer die meisten Unrechte daran hat, und das sollte doch wohl der sein, der uns Allen einen unbezahlbaren Dienst leistete.«
»Und Stephens?« fragte Burnhill weiter, und seine Stimme bebte vor innerer Erregung.
»Hm, Stephens wird schlechterdings die Sturmsegel beschlagen müssen, wenn man ihm beweist, um was es sich gehandelt hat - doch vorläufig ist noch kein Grund zu dergleichen Befürchtungen; es wäre übrigens schade um ihn, und lieber sähe ich ihn als Topgast auf ein Kriegsschiff gepreßt, als hier ...
»Da ist er ja!« unterbrach Rudder sich selbst, indem er mit der Hand in östlicher Richtung in die schwarze Nacht hinauswies, wo in weiter Ferne plötzlich ein kleines Licht erschien und, nachdem es sich eine Weile von Süden nach Norden hinbewegt, eben so plötzlich wieder verschwand.
»Wird sich wohl noch nicht auf seinem Ankergrunde befinden,« bemerkte Burnhill, als das Licht nicht mehr sichtbar war; »er muß noch einmal umlegen.«
Es verhielt sich in der That so.
Von der Anhöhe aus hatte man nämlich zwischen zwei Küstenhügeln hindurch eine Aussicht auf einen schmalen Streifen des Haffs. Um nun dem Kutter das Auffinden seiner Ankerstelle zu erleichtern und ihn zugleich vor dem Auflaufen zu bewahren, wurde jedesmal, wenn er sich in dunkeln Nächten auswärts befand, auf der Anhöhe ein Signalfeuer unterhalten. Auf dem Kutter konnte dasselbe nur von einem bestimmten Punkte aus bemerkt werden, und gerade diesen Punkt hatte man als die geeigneteste Ankerstelle befunden.
Als das Licht des Kutters in Sicht kam, befand er sich noch nicht in der bestimmten Entfernung vom Ufer, oder er hätte, da der Sturm ihn nicht mehr traf und er daher nur noch gegen schwere Dünungen kämpfte, augenblicklich die Anker fallen lassen müssen. Der Beweis dafür war, daß das Licht nach kurzer Zeit wieder von Norden her erschien und dann, wenn auch schwankend, dieselbe Stellung zu dem Signalfeuer beibehielt.
»Alles in Ordnung,« sagte Rudder laut zu den Negerinnen, worauf diese sogleich emporsprangen und sich beeilten, in den Schutz ihrer Hütten zu gelangen.
»Auch wir mögen hinabgehen,« wendete er sich darauf an seinen Gefährten; »wissen wir doch, daß der Kutter geborgen ist, und Master Paul wird ja nicht lange auf sich warten lassen.«
Burnhill antwortete nicht; sein Geist schien sich mit ganz anderen Dingen, als mit dem Kutter zu beschäftigen. Aber an Rudder's Seite tretend, folgte er mit diesem schweigend den Negerinnen nach, deren Stimmen bereits zwischen den Hütten hervor zu ihnen herüberschallten. -
Zu derselben Zeit, zu welcher die Negerinnen das Signalfeuer auf der Anhöhe schürten, brannte auf der südlichen, von dem Flüßchen und dem Haff gebildeten Uferspitze, auf deren hervorragendster Erhebung, ein anderes, aber bedeutend kleineres Feuer. Dasselbe, mit möglichst trockenen und zum Theil harzreichen Treibholzsplittern genährt, flackerte indessen ebenfalls lustig und hoch empor und verbreitete in der näheren Umgebung eine solche Helligkeit, daß alle in deren Bereich hineinragenden Gegenstände deutlich und klar, fast wie am Tage, hervortraten.
Nur eine einzelne Person befand sich bei dem Feuer.
Dieselbe saß so auf einer Anhäufung von Reisern, daß sie nach dem Flüßchen zu die Hauptbeleuchtung gleichsam auffing, während auf der entgegengesetzten Seite der helle Schein ungehindert über das Haff und in dessen südlicher Verlängerung auch eine Strecke weit über das Meer drang. Der Platz war sehr sorgfältig gewählt; die Person konnte nämlich an den Flammen vorbei nach der Richtung hinüberspähen, aus welcher das hohle Brüllen des Meeres zu ihr herübertönte, und dann auch wieder konnte sie selbst vom Meere aus mittels eines Fernrohrs deutlich wahrgenommen und betrachtet werden.
Ihr Feuer war eben so gut ein Signalfeuer, wie das der Negerinnen bei den Hütten, und wie jenes, galt auch dieses dem heimkehrenden Kutter und endlich der heimkehrenden Jolle, welche, nachdem der Falke Anker geworfen, mit der Bemannung die Mündung des Flüßchens aufzusuchen bestimmt war. Daß aber Paul, sobald er um das Cap Florida herumbog, dem kleinen Signalfeuer eine nicht minder ernste Aufmerksamkeit zuwendete, als dem großen, und sogar in dem stilleren Wasser Jim das Steuerrad anvertraute, um selbst recht anhaltend durch sein Fernrohr nach der Flußmündung hinüber zu blicken, das begriff man leicht, wenn man die junge Wächterin, die Niemand anders war, als des alten Stephens einzige Tochter Jessie, etwas genauer betrachtete.
Die helle Beleuchtung, in welcher Jessie saß, war Ursache, daß anfänglich mehr ihre Bekleidung, als sie selbst, die Aufmerksamkeit fesselte, indem dieselbe, wenn auch einfach im Schnitte, aus den kostbarsten und größtentheils grellfarbigen Seidenstoffen bestand, welche der Vater von vorbeisegelnden Kauffahrern eigens für seinen Liebling erstanden haben wollte.
Hatte sich das Auge aber erst an die fast blendende, seltsame Tracht gewöhnt, und streifte es über Jessie's Antlitz, dann erschrak man fast darüber, ein so liebliches, bezauberndes Bild so lange unbeachtet gelassen zu haben. Und lieblich und bezaubernd war das Antlitz, nicht allein wegen der schönen, weichen Formen der einzelnen Züge, sondern auch, weil sich in denselben Fremdes und Bekanntes so charakteristisch und anmuthig zu einem schönen Ganzen vereinigte.
Jessie's Mutter war nämlich eine Mulattin; die Merkmale ihrer afrikanischen Abstammung waren daher noch ziemlich stark in ihrem Aeußern ausgeprägt, doch hatten dieselben durch ihre Verwandtschaft mit der weißen Race eine so wunderbare Milderung erhalten, als hätte die Natur sich hier wirklich die Aufgabe gestellt gehabt, alle Vorzüge beider Racen sorgfältig hervorzusuchen und zu einem Meisterwerke zu verbinden.
Eine sammetartigere hellbraune Farbe, wie diejenige, welche das holde, fast noch zu kindliche Antlitz schmückte, wäre schwerlich zu finden gewesen; dabei war die Haut so zart, daß man sie mit dem duftigen Hauche hätte vergleichen mögen, mit welchem der Herbst seine Lieblingsfrüchte zu beschenken pflegt; derselben aber einen erhöhten Reiz verleihend, schimmerte auf den vollen Wangen eine unbeschreiblich liebliche Röthe durch das lichte Braun hindurch.
Ihre Augen waren groß und dunkel, und ein Unterschied zwischen der Iris und dem Stern schwer zu entdecken. Der Glanz aber, der von ihnen ausströmte, erinnerte, namentlich in der unstet flackernden Beleuchtung, lebhaft an das Funkeln des in einem schwarzen Diamanten verborgenen Feuers.
Die gebogene Nase hatte nichts mehr von einer afrikanischen Form, dagegen waren ihre frischen, rothen Lippen noch aufgeworfen. Letzteres beeinträchtigte indessen keineswegs den Ausdruck dieses entzückenden Antlitzes; im Gegentheil, es gewann dadurch, um so mehr, als die eigenthümlicher Weise etwas emporgekräuselte Oberlippe zwei blendend weiße Oberzähne fast bis zur Hälfte durchblicken ließ. Ihr Haar deutete noch mehr auf ihre mütterliche Abstammung hin; jedoch nichts weniger, als wollig, schmiegte es sich seidenweich und wellenförmig an das kleine, wohlgeformte Haupt an. Wo es aber an den Schläfen von einer breiten goldenen Tresse, die fest um Stirne und Hinterkopf geschlungen war, zusammengehalten wurde, da quoll es als tausend kleine Löckchen hervor, die spiralförmig so eng in einander griffen, daß sie nur eben bis auf die Schultern niederreichten.
Außer der Tresse bedeckte ihren Kopf ein leichter, wasserdichter Matrosenhut, den sie etwas schief nach der dem Wetter ausgesetzten Seite hinübergeschoben hatte, wie auch ein weiter Regenmantel von ihren Schultern faltig niederfiel und namentlich ihre rechte Seite verbarg.
Ihre übrige Bekleidung bestand, wie schon erwähnt, aus kostbaren Stoffen, doch schien sie selbst keinen großen Werth darauf zu legen, indem sie völlig unbeachtet ließ, daß der Regen zeitweise in großen Tropfen von dem wasserdichten Mantel auf dieselbe niederrieselte.
Ein weites, purpurfarbiges Gewand von schwerer Seide verhüllte ihre Glieder, doch trug sie über diesem noch eine blaue Atlasjacke mit faltigen Aermeln, die im Schnitt den Jacken ähnlich, wie sie von den Indianerinnen zum eigenen Gebrauche angefertigt werden.
Ueberhaupt machte es den Eindruck, als sei zu den einzelnen Kleidungsstücken zu viel Stoff verwendet worden; dieser schwand indessen, sobald sie ihre Stellung veränderte und es sich erwies, daß da, wo ein Uebermaß von Falten die freien Bewegungen zu hindern drohte, dieselben stets mit goldenen Litzen und Knöpfen aufgenommen und befestigt waren.
So saß die schöne Jessie da, mit ihren schmalen Händen gelegentlich einen kurzen Zweig ergreifend und in der Gluth schürend oder auch neues Reisig in die lodernden Flammen werfend.
In ihrer malerischen Stellung und der nicht minder malerischen Bekleidung bot sie ein so eigenthümliches Bild, daß man sie mit einer Blumenkönigin hätte vergleichen mögen, die eben nur ihrer Schönheit wegen zur Königin gewählt worden; dagegen spielte später auf ihren Zügen der Ausdruck ängstlicher Spannung und Ungeduld, der, je nachdem ihre Gedanken wanderten, bald mehr oder minder scharf hervortrat.
Wohl zwei Stunden hatte sie auf ihrem einsamen Posten ausgeharrt, ohne ihre Stellung wesentlich zu verändern. Abwechselnd hatte sie, um sich die Zeit zu verkürzen, ein Seemannsliedchen, vor sich hingesungen und dann wieder sinnend den schweren Schwellungen gelauscht, die etwa zwanzig Fuß tief unter ihr in regelmäßigen Pausen gegen das Ufer brandeten und mit zurückkehrender Flut brausend in das bis dahin noch seichte Flüßchen hineinschossen. Als aber endlich in der Entfernung einer englischen Meile ein kleines Licht auf der schwarzen Wasserfläche auftauchte und wie ein flackernder Irrwisch einherschwankte, da wußte sie, daß ein Fernrohr und hinter diesem ein scharfes Auge auf sie gerichtet sei.
Mit einem einzigen Sprunge stand sie auf ihren Füßen, und Mantel und Hut leidenschaftlich zur Erde scheudernd, trat sie seitwärts in den vollen Schein des Feuers, so daß ihre ganze Gestalt von dem Kutter aus übersehen werden konnte. Dann aber breitete sie ihre Arme dem fernen Lichte sehnsüchtig entgegen, und war Paul's Fernrohr nur einigermaßen gut, so konnte es ihm nicht entgehen, daß Jessie's Antlitz vor Glückseligkeit strahlte und ihre Lippen sich öffneten, als hätte sie ihn laut beim Namen rufen wollen.
Und sie rief ihn auch; aber nicht laut, sondern flüsternd und innig, zuweilen auch in tiefem Gutturalton glitt es über ihre Lippen: »Paul, mein Meerkönig, mein stolzer, kühner, mein schöner Paul!«
Und so stand sie da, bald ihre Küsse hinübersendend, bald ihre Arme ausbreitend, bis endlich, kaum tausend Schritte von ihr entfernt, das Licht plötzlich herumschoß.
Sie wußte, der Kutter eilte seinem Ankerplatze zu und Paul hatte das Fernrohr zur Seite gelegt, um selbst wieder das Steuer zu ergreifen. Sie trat daher von dem Feuer zurück, den Mantel hing sie um ihre Schultern, und als sie gleich darauf zwei zu Fackeln geeignete Holzscheite mit dem einen Ende in die Gluth schob, da beleuchteten die Flammen ein Antlitz, aus welchem jede Spur von besorgnißvoller Spannung und Ungeduld gewichen war vor dem einzigen Ausdrucke unbegrenzter Liebe und inneren Entzückens.
Dann aber kauerte sie sich ruhig nieder, und während sie lächelnd in das Feuer schaute, schienen ihre Augen sich zu erweitern und einen feuchteren, schwärmerischeren Glanz zu erhalten.
Sie blickte in die Flammen und lauschte; jedoch nicht etwa auf die träge brandenden Dünungen, die Ausläufer der außerhalb des beschirmten Wasserbeckens tobenden Sturzseen, deren regelmäßig wiederkehrendes hohles Brausen dem Seufzen und Schnarchen eines Ungethüms vergleichbar, oder auf das ferne Brüllen der von dem Sturme gepeitschten Wasserberge; nein, ihre Gedanken befanden sich auf dem Kutter, und indem sie auf das bis zu ihr dringende Geräusch der schwer auf die Deckplanken auftretenden Füße horchte, auf das Klirren, mit welchem eine Kette über Bord rasselte, und auf das Plätschern und Klappern der ausgesetzten Jolle, sah sie im Geiste ihren Paul, ihren Meerkönig, verfolgte sie mit reger Phantasie alle seine Bewegungen und Anordnungen.
Sie sah ihn, wie er sorgfältig die Hauptbestandteile der Takelage prüfte und demnächst noch einmal in den finstern Schiffsraum hinablugte; sie sah ihn das Steuerrad befestigen, im Vorbeigehen seine Hand an das Schloß der Kabinenthür und an die Ankerwinde legen, und dann, wie er leicht und gewandt über das Bollwerk zu den unten bereits auf ihn harrenden Negern in die Jolle hinabkletterte und sich im Hintertheil derselben niederließ.
Sie hörte das Klappern der Riemen zwischen den Ruderpflöcken, als die vier Neger dieselben in pünktlichem Tacte in die Fluten senkten. Zuerst erklang es nur leise und durch die Entfernung gedämpft, bald aber lauter und immer lauter, gerade wie ihr eigenes Herz, welches in wildem Jubel die Brust zu zersprengen drohte. Doch sie mäßigte sich und stützte das Haupt auf ihre Hände, und sinnend blickte sie in die Flammen; aber unendliche Mühe kostete es sie, ruhig zu scheinen, das verkündeten die höhere Röthe ihrer Wangen und das feurige Funkeln ihrer Augen, wenn sie einen verstohlenen Blick nach der Richtung hinübersandte, in welcher sie ihren Meerkönig vermuthete. Denn ihr Meerkönig hatte scharfe Augen und sah so weit und liebte es, wenn sie nicht ängstlich um ihn sorgte und bangte, sondern seiner Kraft und Gewandtheit vertraute, ihn für unbesiegbar und selbst für die Meereswogen unerreichbar hielt.
Ganz nahe klapperten jetzt die Riemen.
O, wie Jessie's Blut schnell kreiste und ihr Busen sich mächtig hob und senkte!
»Feuer, Ahoi!« erschallte es kaum hundert Ellen weit von ihr auf der schwer wogenden Wasserfläche.
»Paul, Paul, Deine Jessie!« rief Jessie aus, indem sie wie eine Sprungfeder emporschnellte und dem Geliebten die Arme entgegenbreitete.
Dann aber erschrak sie über ihr Ungestüm; die Arme ließ sie sinken, und sich zu dem Feuer niederneigend, ergriff sie die beiden Feuerbrände, worauf sie so hart an den Rand des Ufers herantrat, daß die Flammen der Fackeln sich unter ihr in den sich brausend überstürzenden Flutwellen spiegelten.
»Jessie, die Flut ist zu hoch, wir können nur im Flusse landen!« rief Paul aus der Jolle, die sich der Uferspitze gerade gegenüber befand.
»Ich weiß es,« antwortete Jessie, nun nicht mehr länger im Stande, ihren Gefühlen Zwang anzulegen; »ich wollte Dich nur sehen, Paul, und ich sehe Dich auch! Jim und Africa sehe ich ebenfalls, sie rudern so langsam, wie kleine Kinder! Legt Euch fest gegen die Riemen, Ihr trägen Schlingel - ein seidenes Tuch für Jeden, wenn Ihr an der Landungsstelle seid, eh' ich bis Hundert gezählt habe!« fügte sie halb lachend halb schmollend hinzu, und ihre Fackeln schwingend, eilte sie nach dem als Landungsstelle bezeichneten Ufereinschnitte hin.
Die schwarzen Matrosen brachen in ein tolles Gelächter aus und lehnten sich gegen die Riemen, daß sie sich wie Rohrhalme bogen, und kaum war Jessie auf der bekannten Stelle eingetroffen, da schoß auch die Jolle, halb getragen von der Flut, halb getrieben von den acht Cyklopen-Armen, pfeilschnell an dem äußersten Vorsprunge vorbei, und im nächsten Augenblicke stand Paul neben Jessie, während die Jolle stromaufwärts in der Dunkelheit verschwand.
»Meldet Rudder: Alles in Ordnung! In einer halben Stunde bin ich da!« rief Paul den Negern nach.
»Aie, Aie, Master Paul!« erschallte es im heiteren vierstimmigen Chor zurück, und dann erst wendete der junge Steuermann sich Jessie zu, die vor Sehnsucht und Ungeduld brannte, ihren geliebten Meerkönig zu begrüßen und zu umarmen.
Ein Blick in die kühnen Augen des stattlichen, schön gewachsenen Jünglings überzeugte sie, daß er ihr nach alter Weise ein ganzes Herz voll treuer Liebe und Anhänglichkeit entgegenbringe, und die beiden Fackeln mit einem lauten Jubelrufe von sich schleudernd, fiel sie ihm um den Hals.
»Paul, Paul, bist Du denn wirklich wieder bei mir? Zwölf Stunden warst Du abwesend, zwölf lange, lange Stunden draußen auf wilder See, fern von mir! O, es war schrecklich - nie wieder lasse ich mich verleiten, zurückzubleiben, wenn der Meerkönig auf dem Falken durch sein Reich segelt! O, Du guter, guter Paul!« Und indem Jessie dies mit halberstickter, unbeschreiblich inniger Stimme sagte, drückte sie ihren Mund auf des jungen Seemannes Lippen, und ihre Arme schlang sie so fest um seinen Hals, als hätte sie befürchtet, daß er ihr wieder entrissen werden könne.
»Jessie, Mädchen, nimm doch Vernunft an!« entgegnete Paul, sobald Jessie ihn zu Worte kommen ließ. »Du tödtest mich ja mit Deiner Liebe, und wer soll Dich wohl lieben, wenn ich nicht mehr da bin? Etwa Burnhill, der mich am liebsten mit seinen Augen durchbohrte?«
»Burnhill?« rief Jessie aus, wie erschreckt einen Schritt zurückprallend. »Hu, Paul, gerade Burnhill fürchte ich, und sonst keinen Menschen auf der Welt! Hüte Dich vor ihm, Paul, sein Blick ist falsch, er will Dir und mir nicht wohl - o, Paul, Paul, traue ihm nie, fürchte ihn vielmehr und gehe ihm aus dem Wege!«
»Ich soll Jemanden fürchten, Jemandem aus dem Wege gehen?« fragte Paul spöttisch zurück, indem er seinen Arm um Jessie's Hüften legte und, sie fest an sich drückend, den Weg nach den Hütten einschlug. »Und das räthst Du mir, Mädchen - Du, die auf hoher See des grimmigsten Typhon lacht, als sei er eine girrende Turteltaube unserer Wälder? Nein, Jessie, Du magst plaudern und tändeln, so viel Du nur immer willst, aber verlange nicht, daß ich Jemanden fürchte! Ich bin ein Mann, und das ist genug gesagt! Ich fürchte weder den Teufel, noch solch elenden Wicht, wie den Burnhill!«
Bei diesen Worten richtete er sich stolz empor, und seine Stimme klang, als sei er wirklich ein Beherrscher der Meere gewesen.
»Du bist mein Meerkönig, mein Einziges, mein Alles!« entgegnete Jessie mit der ihr eigenthümlichen feurigen Innigkeit. »Du kannst wohl so sprechen und auch wie ein Mann handeln, aber denkst Du nicht an mich? Bedenkst Du nicht, daß ich mich für Dich ängstige und abhärme, wenn Du mit den Leuten verkehrst, als ob sie alle Deine Untergebenen wären?«
»Bin ich Dein Meerkönig, so bist Du meine Königin,« erwiderte Paul sorglos, dem bezaubernden Wesen an seiner Seite einen Kuß auf die Stirn drückend. »Bin ich aber Meerkönig, so habe ich auch alle Ursache, andere Menschen wenigstens nicht als meines Gleichen zu betrachten, und hoffentlich begreifst Du, daß ein Rudder oder gar ein Burnhill keine Leute sind, mit denen ich auf einem freundschaftlichen Fuße stehen könnte.«
»Von Burnhill will ich gerade nicht sagen, aber Rudder so wie die Anderen sind doch so viel älter, als Du.«
»Verstehen Sie vielleicht auch den Kutter besser zu steuern, als ich?« antwortete Paul mit fast verletzender Härte auf Jessie's Einwand.
»Lieber Paul, zürne mir nicht,« entgegnete Jessie, sich während des Gehens fester an den Geliebten anschmiegend. »Du bist mein Meerkönig, und wenn ich etwas Mißfälliges sagte, so geschah es nur aus innigster, treuester Liebe - aber laß uns von anderen Dingen sprechen. Du nennst mich Deine Meerkönigin, hast Du wirklich die Absicht, mich zu heirathen?«
»Jessie, wie oft soll ich Dir wiederholen, daß Du über kurz oder lang meine Frau wirst?« entgegnete Paul zärtlich.
»Jeden Tag nur ein einziges Mal, damit ich mich bis in meine nächtlichen Träume hinein darüber freuen kann.«
»Um es am folgenden Morgen wieder zu bezweifeln,« versetzte Paul lachend. »Doch gestehe mir offen, was veranlaßt Dich, noch irgend welche Zweifel in meine so deutlich ausgesprochenen Absichten zu setzen?«
»Der Umstand, daß Du ein schöner, der schönste weiße Mann der Erde bist, und ich nur ein armes, farbiges Mädchen.«
»Ist Deine Mutter nicht noch brauner, als Du, und Dein Vater nicht eben so weiß, als ich?«
»Das wohl, allein ich bilde mir ein, Du bleibst nicht Dein Leben lang hier; Du bist zu gut für den Posten eines Strandwächters, Du wirst gewiß ein großer Capitän werden, und ich habe gehört, daß in anderen Ländern, wo mehr Menschen leben, als hier, die Heirath zwischen Farbigen und Weißen nicht gestattet ist. Hier würden wir unbemerkt bleiben und Niemand sich um uns kümmern.«
»Wenn ich Dich zur Frau nehmen will, so thue ich es, und stände die ganze Welt gegen mich auf!« versetzte Paul hochmüthig. »Hahaha, den möchte ich sehen, der mir verbieten wollte, ganz nach meinem eigenen Ermessen zu handeln! Du wirst meine Frau, und wärest Du so schwarz wie Jim oder Africa! Ginge ich aber wirklich mit Dir nach anderen Ländern und es wagte Jemand, störend zwischen uns zu treten, so würde ich doch wohl wissen, was ich zu thun hätte!«
Bei diesen Worten, die wild und drohend klangen, legte Paul die linke Hand auf den Griff seines Messers, während er mit der rechten die junge Quadrone fester an sich zog.
Jessie erbebte vor innerem Entzücken, und in ihrer südlichen Leidenschaftlichkeit führte sie Paul's Hand an ihre Lippen, um sie mit heißen Küssen zu bedecken.
Nachdem sie eine kurze Strecke schweigend zurückgelegt hatten, hob Jessie wieder an:
»Wie hast Du meinen Vater getroffen?«
»Gesund und zähe, wie immer.«
»Es bleibt doch ein hartes Loos, da draußen auf dem Leuchtschiffe Tag und Nacht allen Stürmen preisgegeben zu sein, und das noch um so geringen Lohnes willen. Ich wünsche, er gäbe seinen Posten auf.«
»Bah, die Stürme sind Kleinigkeit! Der alte Stephens scheint sie sogar zu lieben, und da er sich einer außerordentlichen Rüstigkeit erfreut, hat er durchaus keinen Grund, sich zurückzuziehen. Und dann, Jessie, wovon sollte er leben? Sein Einkommen ist gewiß nicht der Art, daß er davon hätte sparen können, und wenn er ab und zu einmal etwas Bergegeld bezog, so nahm er es unkluger Weise, anstatt in klingender Münze, in kostbaren Stoffen, um seiner schönen Tochter bunte Flaggen daraus anfertigen zu lassen, und wahrhaftig, Mädchen, ein gutes Flanellkleid würde ganz dieselben Dienste leisten!«
»Wenn wir erst verheirathet sind, trage ich nur Flanellkleider,« versetzte Jessie mit komischer Entschiedenheit.
»Du wirst tragen, was ich Dir anschaffe,« entgegnete Paul noch entschiedener. »Nennen die Leute mich den Meerkönig, so will ich auch dafür Sorge tragen, daß Du wie eine Königin einhergehst, oder denkst Du etwa, ich hätte Lust, der Nachfolger Deines Vaters zu werden, um für kärglichen Lohn mein Leben auf dem Cardinal zu beschließen und Dich höchstens alle vierzehn Tage einmal zu sehen?«
»Ich würde bei Dir auf dem Cardinal wohnen,« bemerkte Jessie schüchtern, denn sie fühlte, daß bei Paul wieder ein Unwetter im Anzuge sei.
»Nichts da, Jessie,« versetzte dieser denn auch kurz, »für mich giebt es andere Mittel und Wege, mir - ich wollte sagen: uns - eine sorgenfreie Zukunft zu begründen. Ich liebe das träge Leben nicht, ich muß hinaus und mehr von der Welt sehen und mehr lernen, überhaupt mich in einer neuen, für mich noch fremden Umgebung bewegen.«
»Deine Jessie willst Du verlassen, damit sie ein Opfer des schrecklichen Burnhill wird?« rief Jessie klagend aus.
»Sprich mir nicht von Burnhill, oder Du erlebst, daß ich Streit mit ihm suche und ihm eine Kugel vor den Kopf schieße - verlassen will ich Dich übrigens nicht. Hätte ich das beabsichtigt, wäre ich längst fortgewesen, denn ich empfinde bitter, daß ich kaum schreiben und lesen gelernt habe. Halte ich es für nothwendig, zu gehen, so gehe ich nur, um Dich nach kurzer Zeit abzuholen. Ich muß mir eben Gelegenheit suchen, Geld zu verdienen, denn draußen ist man ohne Geld eben so viel nütze, wie das Großsegel unseres Kutters bei einer Windstille.«
»Ob mein armer Vater denn gar nicht etwas Geld für mich zurückgelegt hat? Er ist doch immer so geheimnißvoll und schweigsam, und wenn er mich sieht, schenkt er mir jedes Mal die schönsten seidenen Zeuge, und Seide soll ja der theuerste Stoff sein?«
»Freilich ist Seide theuer, viel zu theuer, um, wie meine Jessie thut, beständig in Seide gekleidet einherzugehen. Dein Vater würde sie auch schwerlich bezahlen können, wenn man ihm nicht hin und wieder eine aus dem Schiffbruche gerettete Kiste als Lohn für seine guten Dienste überließe. Meines Wissens und Trachtens bildet der Kutter den größten Theil, vielleicht seine ganze Habe, und besäße er wer weiß wie viel, ich würde lieber bis an mein Ende als Deckjunge fahren, eh' ich von ihm das Geringste annähme, was auch nur einem Geschenke ähnlich sähe.«
»Aber Du arbeitest für ihn, lieber Paul, und wenn er Dir Etwas zuwendete, so wäre das doch nur Dein wohlverdienter Lohn, und was er mir schenkt, schenkt er doch nicht Dir.«
»Ich bin ihm zu Dank verpflichtet, und durch Arbeit suche ich meine Schuld an ihn abzutragen,« versetzte Paul ernst, »und wenn wir erst verheirathet sind, sollst Du ebenfalls keine Geschenke mehr von ihm annehmen. Verdient er mehr, als er gebraucht, so mag er das dazu verwenden, sich in seinen alten Tagen etwas behaglicher einzurichten, und ein Mann wie er, der sein Leben im Dienste seiner Mitmenschen hingebracht hat, darf im gebrechlichen Alter nicht darben, oder gar gegen Noth ankämpfen.«
»O, Paul, mein lieber, stolzer Meerkönig, wie gut bist Du!« rief Jessie aus, indem sie ihre Arme um des Jünglings Nacken schlang und ihn mit der ganzen ihr innewohnenden südlichen Gluth und Leidenschaftlichkeit herzte und küßte. »O, Paul, Paul, es wäre mein Tod, gingest Du von mir, um nicht wieder zu mir zurückzukehren! Ich würde mit Jim und Africa auf den Kutter gehen und die ganze Welt nach Dir absuchen, und wenn ich Dich nicht fände, eigenhändig auf das erste beste Korallenriff steuern!«
»Das traue ich Dir schon zu, Jessie,« entgegnete Paul, die Liebkosungen des leidenschaftlichen Mädchens zärtlich erwidernd. »Aber nun beruhige Dich, wir sind dicht vor den Hütten, und ich liebe es nicht, von den Leuten beobachtet zu werden, namentlich nicht von Burnhill, und ihnen durch mein Benehmen Veranlassung zu Spöttereien zu geben. So, so, meine schöne Jessie, lehne Dich auf meinen Arm, damit man sieht, daß wir zusammengehören und uns nicht scheuen, wie Braut und Bräutigam einherzuschreiten, und wie wir ja schon seit unserer Kindheit gethan haben.«
Jessie folgte stumm und mit hochklopfendem Herzen den Anordnungen ihres Geliebten, dabei spähte sie aber ängstlich nach allen Seiten, ob sie nicht vor einem der Küchenfeuer Burnhill's unheimliche Gestalt entdecke.
Nach einigen Minuten traten sie in Stephens Hütte ein, in welcher sie von Jessie's Mutter, einer älteren Mulattin, herzlich willkommen geheißen wurden.
Rudder und Burnhill waren ebenfalls in der Hütte anwesend. Mit einer gewissen ängstlichen Spannung hatten sie Paul erwartet, um von ihm genauere Berichte über seine Kreuzfahrt zu erhalten.

3. Der Strandräuber.

Etwa eine Stunde nach Paul's Heimkehr war es in der kleinen Colonie so still, als wäre sie ausgestorben gewesen. Hoch oben zwischen den Gipfeln der Bäume heulte wohl der Sturm und schwere Regenschauer rasselten zeitweise auf die polsterartigen Dächer nieder; dies störte indessen weder die Schläfer, noch beeinflußte es den Eindruck der tiefen Ruhe, die in und um die zerstreuten Hütten herrschte.
Alles schlief. Alt und Jung hatte sich rücksichtslos jenem behaglichen Gefühle erquickender Rast hingegeben, welches sich in den heißen, erschlaffenden Zonen vorzugsweise bei schlechtem und regnerischem Wetter einstellt und dann seinen Weg sogar bis in die Träume der müden Schläfer hineinfindet.
Anders, ganz anders dagegen war es draußen zwischen den Bahama-Inseln und auf dem Cardinal.
Die Böe befand sich auf dem Gipfel ihrer Wuth; die Seen hatten durch das Schwanken der Luftströmungen ihre regelmäßige Gestaltung verloren, und nicht mehr in langen Wogen rollten sie einher, sondern in kurzen, dicht zusammengedrängten Hügeln und Bergen, die unter sich in einem beständigen, furchtbaren Ringen begriffen waren.
Schwarz wölbte sich der Himmel über die in undurchdringliche Dunkelheit gehüllte Scene des Kampfes der Elemente; nur matt leuchteten die Schaumkämme der Seen in phosphorisch bläulichem Feuer, bald verschwindend, bald auftauchend, je nachdem sie ihre Form veränderten und die dem Wasser innewohnenden Infusorien mehr oder minder durch die Reibung zum Ausströmen ihrer Leuchtkraft gereizt wurden. Unheimlich und geisterhaft lebten und webten die bläulichen Streifen in dem schwarzen, brüllenden Chaos, als ob das Meer mit Tausenden von brechenden Augen zu dem Cardinal hinübergeschaut, mit letzter Kraft immer wieder die schlaffen Lider emporgehoben und dann eben so träge über die leuchtenden Pupillen gesenkt habe. Es war ein immerwährende Blinzeln und Zucken, Winken und Drohen in der endlosen, schrecklichen Wasserwüste.
Der Cardinal stampfte wacker vor seinem Anker-Drillingspaare; er ächzte und seufzte in allen seinen Fugen. Doch mochten die Wogen ihn emporheben, daß sein Bugspriet gen Himmel wies, oder dasselbe sich im Niederwärtsschießen in die nächste See einbohren, er schwamm stets oben, und nur selten klatschte eine Sturzwelle über sein Deck, um sich hastig durch die in der Schanzkleidung angebrachten Oeffnungen zu verlaufen und höchstens einige auf Secunden leuchtende Infusoriensternchen auf den schlüpfrigen Planken zurückzulassen.
Die Böe sang laut und unmelodisch zwischen dem spärlichen Takelwerk; sogar die Glocke gab zuweilen einen tiefen, singenden Ton von sich, wenn sie von einem schärferen Luftzuge auf ihre nicht durch den Rahmen gedeckte Seiten getroffen wurde. Melancholisch und unheimlich erklang es, bald anschwellend, bald schwindend, als ob das todte Metall eine leise Klage ausgestoßen habe, weil ihm die Macht genommen war, seine volle Stimme zu dem Heulen des Sturmes zu gesellen und warnend über das Meer hinauszutönen.
Für den alten Stephens war dieses Wetter recht nach Wunsch.
Kurz vor Einbruch der Nacht hatte er noch einmal vom Verdeck aus einen kurzen Ausguck gehalten, noch einmal mit den am südwestlichen Horizonte bereits bis zur Bramraae sichtbaren Spieren, eines vor dem Sturm laufenden Briggschiffes geliebäugelt, und dann war er in die geräumige Kajüte hinabgestiegen, um die Zeit bis gegen eilf Uhr auf möglichst angenehme Weise zu verbringen.
Zuerst versuchte er, ein Stündchen zu schlafen, und warf sich auf die mit dem Schiffsgebäude gleichsam aus einem Stücke gezimmerte Bettstelle; der Schlaf blieb ihm aber fern, er war zu aufgeregt.
Nachdem er sich eine Weile von den Schwankungen des Cardinals gemächlich von der einen Seite auf die andere und wieder zurück hatte wälzen und wiegen lassen, erhob er sich mit einem entsetzlichen Fluche, um die zwischen doppelten Ringen in der Schwebe gehaltene Lampe etwas höher zu schrauben und mit neuem Oel zu versehen.
Bedächtig nahm er sodann aus dem sinnig durchlöcherten Wandbrette eine Flasche und ein Glas, und mit dem Körper den Bewegungen des Schiffes mechanisch entgegen arbeitend, mischte er einen starken Grog.
Prüfend hielt er das volle Glas gegen die Lampe, wobei er zufrieden mit dem Kopfe nickte; dann aber führte er es schnell an die Lippen, und in zwei langen Zügen trank er es leer.
Während seines vielen und dauernden Alleinseins hatte er die Gewohnheit angenommen, mit sich selbst zu sprechen oder vielmehr laut zu denken. Einestheils fühlte er sich dadurch nicht so vereinsamt, dann aber auch gewährte es ihm einen gewissen Genuß, daß seine Worte nur von Ohren vernommen wurden, denen er sein unbedingtestes Vertrauen schenken durfte.
So geschah es auch an jenem Abende, als er Flasche und Glas wieder in die entsprechenden Behälter geschoben hatte und er sich von dem Stande der Zeit überzeugte.
»Erst neun Uhr,« sagte er laut, indem er nach dem an den Fußboden festgeschraubten Tische hinschritt und sich vor demselben auf die ebenfalls sicher befestigte Bank niederließ - »erst neun Uhr; verdammt langsam segelt die Zeit, wenn man auf Jemanden wartet. Hm, es kann nur die bestimmte Brigg sein - doch laß mich sehen.«
So sprechend, zog er aus der Tasche seines Regenmantels, den er immer noch nicht abgelegt hatte, den ihm von Paul überbrachten, zerknitterten Brief hervor. Nachdem er das Papier auf dem Tische sorgfältig geglättet, begann er, den ihm schon bekannten Inhalt noch einmal laut und langsam zu lesen:
»Havannah, den 15. September ...«
»Hm - also vorgestern,« schaltete er sprechend ein, und dann fuhr er fort:
»Brigg Nancy, kostbare Ladung, zwei Kisten Dublonen, viel Cochenille, Vanille, Tabak und Rum, läuft aus. Cours Nordnordwest; Barometer verkündet schwere Böen; wohlgemeinter und zuverlässiger Lotsenrath: hart am Cardinal vorbei. Viel Glück und guter Wind; Schooner folgt zum Bergen!«
»Wohlgemeinter Lotsenrath, hahaha!« hohnlachte Stephens, indem er den Brief zusammenknitterte und in die Tasche schob; »wollen sehen, was der Lotsenrath einbringt. Kam wenigstens gerade zur rechten Zeit, um dem Cardinal den Mund zu stopfen. Möglich, daß es endlich wieder einmal glückt, Goddam! Vanille, Cochenille, und vor Allem die Dublonen, wenn sie der Teufel nicht vorher an die Haifische auszahlt! Hm, nur noch eine reiche Ladung, und lebe wohl, Cardinal! - es möchte denn sein, daß sich bald wieder eine gute Gelegenheit böte, sonst - ja - sonst soll dies das letzte Mal sein.«
Hier brach er in seinem Selbstgespräche kurz ab und seine Blicke hefteten sich mit seltsam glühendem Ausdrucke auf den Fußboden, als wenn sie dort etwas suchten.
»Der alte Kasten stampft zwar ziemlich hart, allein es wird doch gehen,« fuhr er nach längerem Sinnen fort. »Ja, ja, alter Stephens, gönne Dir die Freude. Die Leute halten Dich für einen armen Teufel, und Du selbst mußt Dich zuletzt für einen solchen halten, wenn Du nicht von Zeit zu Zeit -ja, ich thu's, Goddam! Ich muß mir das Herz etwas erwärmen, ehe es - wofern mir die Hölle nicht einen Streich spielt - an's Geschäft geht!«
Mit einem neuen Fluche sprang er empor, den Regenrock warf er zur Seite, und nachdem er aus einer Wandschieblade eine Zange hervorgesucht, kniete er mitten in der Kajüte nieder, sorgfältig darauf achtend, daß sein Schatten hinter ihn fiel.
»Es sieht, bei Gott, kein Mensch dem alten Kasten an, daß er goldene Eier in seinem Innern trägt,« murmelte er, indem er die Spitze seines Messers unter den kaum bemerkbaren Kopf eines im Fußboden haftenden Nagels klemmte und diesen so weit emporlüftete, daß er ihn mit der Zange zu fassen vermochte; »nein, keine Menschenseele könnte es auch nur ahnen,« wiederholte er, den in schiefer Richtung zwei Planken zusammenhaltenden Nagel ganz hervorziehend; dann aber verstummte er wieder.
Nach Entfernung des Nagels erweiterte sich die Fuge zwischen den beiden Planken, und es zeigte sich, daß nur ganz kurze Nägel in die eine Planke eingeschlagen waren und diese daher nicht mit den unter derselben liegenden Tragebalken verbanden. Die bestimmte Lage aber behielt sie dadurch bei, daß sie, durch die ganze Breite der Kajüte reichend, mit beiden Enden unter die Wände der Seitenverschläge faßte und daher fest haftete.
Nur auf dem einen Ende hatte die Planke etwas Spielraum; denn als Stephens seine befeuchteten Hände auf dieselbe preßte und mit einer heftigen Bewegung anschob, wich sie so weit zurück, daß das andere Ende unter der Wand hervorkam und er sie mit Leichtigkeit ganz entfernen konnte.
Behutsam schnürte er die Planke an die Tischfüße fest, um bei dem heftigen Schwanken nicht durch deren Umherstoßen gestört zu werden, worauf er schleunig an die etwa sechs Zoll breite Oeffnung zurückkehrte.
Dieselbe bildete ein langes Fach, für dessen Tiefe die von unten wie von oben mit Brettern verkleideten Querbalken maßgebend gewesen waren, wie auch deren Breite von der Balkenlage abhing. Jedenfalls aber war der geheime Raum, den Stephens jetzt geöffnet vor sich sah, nach allen Seiten hin so abgeschlossen, daß nichts aus demselben verloren gehen konnte, sobald nur die lose Deckplanke in ihre Lage sicher und fest eingefügt war.
»Wie prächtig die goldenen Eier daliegen,« sagte Stephens, indem er auf den Knieen längs der Oeffnung hinkroch und gierig in dieselbe hineinschaute; »auch silberne, aber nur wenige, und dabei so wohl verstaut, daß der Cardinal kieloberst über seinen Ankern tanzen könnte, ohne daß auch nur eines aus seinem Neste wiche. Wollen doch 'mal zählen: eins, zwei, drei, vier ...« Und bei jeder Zahl, die er aussprach, berührte er mit der Hand leicht ein kleines, von ungebleichtem Segeltuch angefertigtes Säckchen, deren mehrere Dutzend in langer Reihe, wie die Häringe festgepökelt und durch Hanfbündel gegen jede Bewegung gesichert, neben einander lagen.
»Sechsundzwanzig goldene Eier,« rief er endlich lauter aus, indem er einen funkelnden Blick rückwärts auf die abgezählten Säckchen warf, die Hand aber auf dem sechsundzwanzigsten ruhen ließ; »macht genau sechsundzwanzigtausend Dollars - zwölf Säckchen mehr würden die Reihe voll machen. Hm, wer weiß, vielleicht ist sie morgen Abend voll! Nun die silbernen,« fuhr er fort, den Rest der Reihe mit den Augen überfliegend.
»Achtzehn Stück,« rief er gleich darauf bedauernd, »macht nur achtzehnhundert Dollars; sind aber ebenfalls nicht zu verachten. Und dann hier noch gegen sechshundert,« zählte er weiter, zwischen einigen noch leeren Säckchen ein halb volles hervorziehend, »machen im Ganzen achtundzwanzigtausend und vierhundert Dollars in klingender Münze, ohne das, was noch hinzukommt. Ah, ein hübsches Stück Geld, allein etwas mehr könnte nicht schaden - soll mich wundern, ob ich's über mich gewinne, eines guten Tages den Falken mit den kostbaren Eiern zu befrachten und mit Jessie, deren Mutter und dem Meerkönig ein anderweitiges Unterkommen zu suchen - ja, der Meerkönig muß mit, der muß steuern, wenn die Sache gut ablaufen soll. Goddam! Sie werden aber merken, daß ich reich bin, und so viel mehr von mir verlangen - nein, nein, ich muß noch warten. Aber der Jessie könnte ich ein paar Doppeladler schenken, das gute Kind würde sich gewiß freuen,« sagte er plötzlich in milderem Tone, und zugleich öffnete er das halbvolle Säckchen.
»Zehn Stück,« zählte er, als die Goldstücke klingend aus der rechten Hand in die linke fielen - »doch was soll Jessie mit so viel Geld? Fünf sind genug -« und es fielen fünf Goldstücke in das Säckchen zurück - »aber auch fünf können in der Colonie Argwohn erregen und die Leute auf den Gedanken bringen, ich sei ein reicher Mann. Ein Goldstück ist daher mehr als genug, oder besser noch, ich gebe es ihr in Silber.«
Indem er dies sagte, warf er auch das letzte Goldstück zu den anderen, und als er dann das Säckchen zugebunden und wieder verpackt hatte, war er zu dem Schlusse gelangt, daß Jessie überhaupt kein Geld gebrauche und er in nächster Zeit wohl in die Lage kommen könne, sie durch einen Ballen seidener Stoffe zu erfreuen.
»Und in Seide, Sammet und Gold muß meine Tochter gehen,« fügte er mit dem Ausdrucke einer wilden Freude hinzu, »oder es müßte sich denn gerade ein Käufer finden, der mir die Sachen gut bezahlte.«
Eine Stunde hatte Stephens mit dem Betrachten und Zählen seiner Schätze hingebracht, als er sich plötzlich erinnerte, daß es an der Zeit sein dürfte, sich auf die muthmaßlich bevorstehenden Ereignisse vorzubereiten.
Er holte schnell die Planke herbei, und nachdem er das eine Ende derselben in die bestimmte Fuge geschoben, traf er Anstalt, die Spalte zu schließen. Bevor er indessen das Brett ganz einfügte, kniete er nieder, um einen letzten Blick auf seine Schätze zu werfen, die er im Laufe der Jahre als Hauptmitglied einer weitverzweigten Bande von Strandräubern gesammelt hatte.
Die Füße stemmte er fest gegen die nächste Wand, mit der einen Hand klammerte er sich an die freiliegende Kante des nächsten Tragebalkens, während er mit der andern das lose Brett in der Schwebe hielt. Den Kopf hatte er unter das Brett hingeneigt, und stier hafteten seine Blicke an den Säckchen, die bereits theilweise im Schatten lagen.
In dieser seltsamen Stellung verharrte er wohl fünf Minuten. Er schien sich von dem Anblicke gar nicht losreißen zu können, und wer ihn so beobachtet hätte, wie er, trotz der heftigen Schwankungen, kein Glied seines gleichsam eingekeilten Körpers rührte, wie seine vor Gier funkelnden Augen immer weiter aus ihren Höhlen hervortraten und ein teuflisches Hohnlachen um seine bärtigen Lippen spielte, der würde kaum im Stande gewesen sein, sich eines heimlichen Grauens zu erwehren. Dabei knarrte und knirschte es ringsum, und brausend und schäumend klatschten die Seen gegen die sechszöllige Holzwand, die den verwegenen Strandräuber von der Ewigkeit, seine Schätze dagegen vom Meeresboden trennte; von oben her aber tönte das Heulen der Böe und ihr Pfeifen zwischen dem Takelwerk grausig herab.
Doch was kümmerte solch Geräusch Stephens, ihn, der seit vielen Jahren gewohnt war, sich von dem Orcan in den Schlaf lullen und von brandenden Seen in bizarre, seinen Neigungen entsprechende Träume wiegen zu lassen?
Nachdem er sich endlich an seinem Reichthume sattsam erfreut hatte, befestigte er die Planke so ruhig und sorgfältig in ihre alte Lage, wie nur jemals ein gewissenhafter Beamter nach vollbrachtem Tagewerke seinen Schreibtisch schloß, worauf er sich erhob und den an einem Holzplock lustig tanzenden Regenrock wieder anlegte.
»Meinetwegen kann es jetzt losgehen,« sprach er in seiner gewohnten Weise vor sich hin, indem er den schlappen Nordwester auf sein zottiges Haupt befestigte und sich nach dem Wandbrett hinbegab, um durch einen neuen Grog seine Lebensgeister noch mehr anzuregen.
»Ja, meinetwegen jeden Augenblick,« wiederholte er, die von dem Getränke in seinem Bart zurückgebliebenen Tropfen mit der Rückseite seiner Hand entfernend; »je eher, desto lieber, denn die Brecher gebrauchen oft lange Zeit, um ein gut gezimmertes Schiff wie 'nen Pottfisch zu zerlegen.«
Vorsichtig löschte er die Lampe aus, worauf er sich nach der Treppe hintastete, und in der nächsten Minute stand er auf dem Verdecke, wo der Sturm ihn mit vollster Gewalt traf und wie zum Gruße mit einer Sturzsee überschüttete.
Um von der Wucht der Welle nicht mit fortgerissen zu werden, klammerte er sich schnell an die Strickleiter an, und nachdem er sich geschüttelt und das Salzwasser aus seinen Augen entfernt hatte, richtete er seine Blicke sogleich gegen Südwesten, von woher er seine Beute erwartete.
»Hölle und Verdammniß!« rief er, wie von einem jähen Schrecken befallen, aus, als er in der Entfernung einer englischen Meile ein helles Licht gewahrte, welches allen Bewegungen folgte, denen ein auf stürmischer See einherrollendes Schiff unterworfen ist. »Es muß mit vollen Segeln gefahren sein, oder der Teufel hat mich zu lange unten festgehalten!«
Während er dies zwischen seinen fest zusammengebissenen Zähnen gleichsam hindurchzischte, hafteten seine Blicke unverwandt an dem schwankenden Lichte, welches sich offenbar mit rasender Schnelligkeit näherte.
»Bei Gott,« rief Stephens nach einer kurzen Beobachtung mit dem Ausdrucke des Entsetzens aus, und zugleich sprang er nach dem Maste hin, um sich vor allen Dingen der Leinen zu versichern, mittels deren er den Klöppel der Glocke in Bewegung zu setzen vermochte - »beim ewigen Gott, hängen will ich mich lassen, wenn es nicht gerade auf den Cardinal zuhält!«
An sich selbst und sein Leben dachte er in diesem Augenblicke nicht, sondern nur an seine verborgenen Schätze, die in Gefahr schwebten, unrettbar in die Tiefe hinabgerissen zu werden, und mechanisch zog er die beiden Leinen so straff, daß es nur einer geringen Kraftanstrengung bedurft hätte, um den Klöppel zu lösen und die Umhüllung von demselben abzustreifen.
Für das fremde Schiff aber, welches in Folge der hinterlistigen Rathschläge eines mit den Strandräubern verbündeten Lotsen sich zu weit östlich gehalten hatte, würde der Warnungsruf vielleicht noch nicht zu spät gekommen sein, um wohlbehalten an den Untiefen, deren Lage außerdem durch zwei ferne Leuchtthürme bezeichnet wurde, vorbeizusegeln. Doch Stephens war nicht der Mann, eine Beute so leichten Kaufes entschlüpfen zu lassen. Seine Hände hielten wohl die Leinen straff, aber nachdem er die ruhige Ueberlegung wiedergewonnen, zögerte er mit der Ausführung seines Vorhabens bis zum letzten und entscheidenden Augenblicke.
»Es muß den Cardinal treffen!« ächzte er zähneknirschend. »Nein, nein, es geschieht nicht, es kann nicht, es darf nicht geschehen!« murmelte er gleich darauf, tief aufseufzend. Und so fuhr er fort, sich den widersprechendsten Hoffnungen und Befürchtungen hinzugeben, bis das Schiff wirklich so weit herangetrieben war, daß das Läuten der Glocke es nicht mehr vor dem Verderben bewahren konnte.
Stephen zitterte und bebte an allen Gliedern; mit tödtlicher Spannung beobachtete er die Signallaterne und in gerader Linie unterhalb derselben die bläulich leuchtende Brandung, die das einhersausende Fahrzeug vor seinem Bug erzeugte.
Plötzlich bemerkte er ein zweites Licht, welches sich allmählich seitwärts von dem andern entfernte und dadurch verrieth, daß das seinem Verderben entgegen eilende Schiff von seinem Cours abgefallen war.
»Vorbei, vorbei!« erklang es heiser aus Stephens' Brust, und gewandt wie eine ihre Beute verfolgende Katze, sprang er an das Steuerruder, um mit schnellem und sicherem Griffe das Rad von seinen Fesseln zu befreien.
»Alle Hand zum Bergen!« ertönte es durch ein Sprachrohr von dem fremden Schiffe herüber.
»Aha, sind vor dem Sturm gelaufen, anstatt vor Top und Takel zu treiben,« murmelte Stephens triumphirend, indem er, die Blicke fest auf die beiden Laternen gerichtet, in die Speichen griff; »muß ein verdammt guter Segler sein, dem man so viel zutraut. Bei Gott, wollen sehen, wie er auf den Brechern arbeitet!«
Stephens gewahrte jetzt, daß sich von den matt leuchtenden Schaumkämmen und der schwarzen Atmosphäre ein noch schwärzerer Schatten trennte; aber auch auf dem fremden Schiffe mußte man den Cardinal entdeckt haben, denn es ertönte plötzlich mit dem Ausdrucke des Entsetzens durch die Nacht: »Schiff steuerbord!«
»Schiff ahoi!« erschallte es auf des auslugenden Matrosen Ruf durch ein Sprachrohr zu Stephens herüber.
»Schiff ahoi!« antwortete der Strandräuber, seine Hand in Muschelform vor den Mund haltend.
»Klar vorbei?« fragte das Sprachrohr, jetzt bereits ganz nahe.
»Klar vorbei!« erwiderte Stephens.
In demselben Augenblicke schoß die Brigg, von einer mächtigen Woge getragen, auf kaum zwanzig Fuß Entfernung neben den Bug des Cardinals hin. Stephens erkannte und berechnete an dem leuchtenden Schaumkranze der Brigg, daß deren Hauptraae den Mast des Leuchtschiffes streifen mußte, wenn er nicht auf seiner Hut war. Blitzschnell drehte er daher das Rad herum, und als beide Schiffe auf derselben Woge ritten, gewann das Steuerruder durch den Andrang des Wassers so viel Gewalt über den Cardinal, daß dieser mit dem Hintertheile herumschwang und der Brigg dadurch freien Raum gab.
»Schwere Böe!« rief der Capitän der Brigg herüber, der ein vom Sturme rasirtes Fahrzeug vor sich zu sehen glaubte.
»Schweres Wetter!« antwortete Stephens, - die letzte Laterne zerschlagen; nicht so viel Feuer an Bord, um 'ne Pfeife anzuzünden.«
»Wo liegt das Glockenschiff?«
»Ostnordost, Herr!« schrie Stephens mit aller Kraft seiner Lungen, denn nur das phosphorisch leuchtende Kielwasser bezeichnete noch die Richtung, in welcher die Brigg verschwunden war.
»Ostnordost!« wiederholte Stephens noch einmal mit seltsamem Ausdrucke vor sich hin; dann befestigte er schnell das Steuerrad, der Cardinal schwang auf seine alte Stelle zurück, der Pirat aber stand hart am Spiegel, den Kopf so weit über die Brüstung hinüber lehnend, wie er, ohne das Gleichgewicht dadurch zu verlieren, wagen durfte.
Er lauschte in die Ferne, er lauschte mit Anspannung aller seiner geistigen Kräfte.
O, was hätte er für einen einzigen klaren Blick auf die Brigg gegeben! Doch Alles blieb schwarz ringsum; selbst die Wogen zeigten im Davonrollen weit weniger leuchtende Streifen, als im Heranrollen, indem sie ihre Schaumkämme mehr verdeckten.
Er stand und lauschte mit angehaltenem Athem auf jedes Geräusch, welches vielleicht anders geklungen hätte, als das Sausen und Brausen, als das Heulen und Pfeifen. Er lauschte gespannt und sehnsuchtsvoll auf das Bersten von Planken und Rippen, auf das Krachen von Masten, auf verwirrte Commando's und Hülferufe, auf inbrünstige Gebete, welche mit dem Ausdrucke der Todesangst zum Himmel emporgesendet wurden.
Aber nichts war zu hören, als das Branden der Seen und das Heulen der Böe.
Stephens biß vor banger Erwartung die Zähne zusammen, bis seine Lippen sich mit warmem Blute befeuchteten.
»Es müßte jetzt zwischen den Brechern sein,« murmelte er zähneknirschend, »es hatte einen zu schönen Cours - und wenden? Pah, wer vermöchte hier ein Briggschiff zu wenden? Sogar vom Falken wär's zu viel verlangt, und stände der Meerkönig selber am Steuer!«
Das Aufblitzen einer hellen Flamme in der Richtung, in welcher Stephens auslugte, unterbrach ihn in seinen Betrachtungen. Gleich darauf drang der Schall des Nothschusses zu ihm herüber.
Dumpf klang er und unheimlich. Stephens lachte wie ein Teufel in sich hinein, und weiter lehnte er sich über die Brüstung, als ob er im Stande gewesen wäre, mit seinen Blicken die Finsterniß bis zu den verrufenen Brechern hin zu durchdringen.
»Bei Gott, sie sitzen fest!« keuchte er vor Aufregung, unbekümmert darum, daß eine Sturzwelle mit lautem Geräusch auf das Vorderdeck niederbrach und seine Glieder heftig gegen die Brüstung schleuderte. »Bei allen Teufeln der Hölle, wenn die Reihe der goldenen Eier dennoch voll würde! Jessie, Jessie, zehn Doppeladler sind Dein, und den Meerkönig kannst Du heirathen, wann Du Lust hast!«
Ein zweiter Kanonenschuß rollte in dumpfen Schwingungen über das bewegte Meer.
»Arme Burschen,« hohnlachte der ergraute Sünder, »schießt, so lange es noch geht, das Pulver wird Euch früh genug feucht werden; denn von der Stelle, auf welcher Ihr sitzt, ist noch nie eine gesunde Planke wieder herunter gekommen! Hei! wie es bei Anbruch des Tages wohl auf der Sandinsel drüben aussehen mag? Hoffentlich hat der Teufel die Dublonen nicht geholt!«
Wieder krachte ein Schuß, und zwar bedeutend lauter, als die beiden vorhergehenden.
»Kenne das,« fuhr der Strandräuber mit seinem Selbstgespräche fort, »'s Messer sitzt ihnen an der Kehle; haben den alten Böller bis an's Maul vollgepfropft - die letzte Kraftanstrengung, und dann - Gute Nacht Euch Allen!«
Es war in der That der letzte Schuß gewesen, denn wohl zehn Minuten verstrichen, ohne daß der dumpfe Donner sich wiederholt hätte.
»Sie werden Boote ausgesetzt haben, um den Strand oder den Leuchtthurm zu erreichen,« brach Stephens endlich das Schweigen, welches ihm drückend zu werden schien, ganz entgegengesetzt, wie bei den meisten Menschen, denen der ungehört verhallende Ton der eigenen Stimme ein gewisses Grauen erweckt; es wird ihnen aber nicht helfen, denn außer dem Paul ist noch nie Jemand dort lebendig herausgekommen. Aber bei allen Teufeln der Hölle, wie der Meerkönig gerettet wurde, können auch andere Menschen gerettet werden! Goddam! Und mißlich wäre es, hätte man die Glocke nicht gehört, um so mehr, da der Wind ihnen zusteht!«
Und als ob ihm plötzlich ein überaus wichtiger Umstand eingefallen wäre, tastete er sich eiligst nach dem Maste hin.
Die Enden der Flaggenleine hingen noch auf ihrer alten Stelle, wo sie nothdürftig um das nächste Tauwerk geschlungen waren. Stephens ergriff nach einigem Suchen beide. Zuerst zog er sie nur straff an, um zu prüfen, ob sie klar seien; dann aber hing er sich mit ganzer Körperschwere an das den Klöppel haltende Ende, und nachdem die Schlinge sich von dem Rahmen gelöst hatte, auch an dasjenige, welches den Verband hielt.
Schurrend kam der mittels einer ringförmigen Schleife mit der Leine verbundene Gurt heruntergelaufen; er hatte aber die Hälfte der Entfernung, die ihn vom Verdeck trennte, noch nicht durchmessen, da traf der Klöppel zum ersten Male die Glocke.
Es war nur ein leiser Schlag, als ob der eiserne Hammer sein Gewicht und seine Kräfte vorher habe prüfen wollen, und in wimmernden Schwingungen berührte der Schall das Ohr; dann aber den Schwankungen des Schiffes Folge gebend, prallte er heftig gegen das tönende Erz, bald in einzelnen, durch längere Pausen von einander getrennten Schlägen, bald in unregelmäßige Doppelschläge verfallend, je nachdem der Cardinal seinen Bug tiefer in eine tückische Woge hineinnestelte oder von stolzer Höhe herab der Böe sein gekupfertes Kielholz zeigte. -
Der Sturm tobte mit orkanartiger Wuth, um in der nächsten Stunde vielleicht einzulullen. Der Himmel begann sich aufzuklären; mehr und mehr Sterne schimmerten zwischen dem zerrissenen Gewölk hindurch; in schaumgekrönten Hügeln und Bergen wälzten die unter einander kämpfenden Wassermassen sich einher; die Brandung rauschte und brüllte, die Böe heulte und pfiff, und wie geisterhaftes Grabgeläute sendete die Glocke des Cardinals ihre traurigen Töne über die von Brechern verhüllten Untiefen hin.
Ach, es war Niemand mehr da, den ihr Warnungsruf in der Wahl der einzuschlagenden Richtung bestimmt hätte! Und Stephens, der gefühllose Strandräuber? Der war ja geborgen.
Wie ein Cerberus hielt er Wache über seinen Schätzen, mit fieberhafter Ungeduld den ersten Schimmer der Morgenröthe erwartend.

4. Die Schiffbrüchigen.

Der Tag brach an, hell und klar. Von keinem Wölkchen getrübt, eilten die goldenen Sonnenstrahlen über das wild bewegte Meer, über die feuchten Dünen und den erquickten Urwald.
In leichten Stößen machte der Sturm sich nur noch bemerkbar: hier die letzten Tropfen von den Blättern schüttelnd, dort den weißen Sand trocknend und, in Folge der veränderten Richtung, die Wogen beruhigend, das Meer ebnend.
In der Colonie der Strandräuber herrschte schon frühzeitig reges Leben. Männer, Weiber und Kinder liefen ab und zu, theils um sich zum Aufbruche zu rüsten und vorzubereiten, theils um diejenigen abfahren zu sehen, die auf die hohe See hinaus wollten, um durch das Bergen und Retten von Gütern gestrandeter und gescheiterter Schiffe sich selbst und auch den Eigenthümern der verlorenen Waaren zu nützen. Daß irgend Etwas vorgefallen, wußte ja Groß und Klein, indem von dem nächsten Leuchtthurme das Abfeuern der Nothschüsse signalisirt worden war.
Zwei kleine Boote, jedes mit vier schwarzen Matrosen bemannt, harrten, gerade vor der Colonie am Ufer liegend, darauf, daß Rudder und Burnhill einsteigen und die Führung übernehmen würden. Ihr nächstes Ziel war der Kutter, der sie vereinigt in den Kanal hinaustragen sollte.
Eine gewisse Heiterkeit war unter allen Anwesenden vorherrschend; denn trat auch bei den meisten das eigentliche Gefühl der Freude über das Unglück Anderer nicht so recht in den Vordergrund, so drückte man doch unverhohlen seine Zufriedenheit darüber aus, daß sich endlich einmal wieder die Gelegenheit biete, die bereits stark im Abnehmen begriffenen Vorräthe etwas zu vervollständigen.
Außer den Häuptern der Colonie befand sich nämlich kaum noch Jemand in derselben, der einen wahren Begriff von dem Charakter des von ihnen betriebenen Gewerbes, wenigstens nicht in seinem ganzen Umfange, gehabt hätte, weshalb auch nur diese namhafte Vortheile aus ihrer Beschäftigung zogen, während die Anderen sich mit den üblichen Antheilen für die Beihülfe bei der Bergung begnügen mußten und sich glücklich schätzten, diesen oder jenen Waarenballen heimlich für sich allein auf die Seite zu bringen.
Paul, der wie gewöhnlich dazu bestimmt war, in der Colonie zurückzubleiben, stand mit über der Brust gekreuzten Armen oben auf dem Ufer des Flüßchens und blickte mit unverkennbarer Geringschätzung auf die bei den Jollen versammelten Leute nieder. Es schien fast, als halte er sich zu gut, sich unter dieselben zu mischen oder sich gar an ihren Arbeiten zu betheiligen.
Jessie stand neben ihm und blickte, gleich ihm, sinnend auf das muntere Treiben. Sie bot dasselbe charakteristisch-liebliche Bild, wie am vorhergehenden Abende, nur daß statt der Spannung eine sichtbare innere Befriedigung auf ihren wunderbar schönen Zügen ruhte.
»Wie sie sich herandrängen,« sagte sie nach längerem Schweigen mit ihrem tiefen, wohlklingenden, jedoch vorsichtig gedämpften Organe zu Paul; »Jeder möchte gern mit. Gestern hatte mein muthiger Meerkönig Noth, außer Jim und Africa noch zwei kundige Hände zur Fahrt zu bewegen, und heute, da der Sturm sich gelegt hat und ein Kind ohne Gefahr das Steuer zu führen vermöchte, will Jeder der Erste sein.«
»Gerade deswegen bereitet es mir auch keine Freude, draußen zu kreuzen,« entgegnete Paul gleichgültig. »Der Kutter und ich erneuern nur bei schlechtem Wetter und schwerer See unsere Bekanntschaft, und das Herbeischleppen von geborgenen Kisten und Ballen ist keine Arbeit für meine Hände.«
»Nein, gewiß nicht, dazu ist ein Meerkönig zu stolz,« pflichtete Jessie bei, indem sie Paul mit einem bewundernden Blicke betrachtete. »Allein dennoch ärgere ich mich fast, daß Du nicht mitfährst.«
»Weil ich Dir nicht ebenfalls von den Sachen mitbringe, die uns rechtlicher Weise nicht gebühren?« fragte Paul, und ein Blitz des Vorwurfs traf aus seinen Augen das erschreckt zusammenfahrende Mädchen.
»Nein, nein, liebster Paul, nach den Sachen steht mein Sinn nicht, ich bin zufrieden mit dem, was mein braver Vater mir von seinem rechtlichen Erwerbe mittheilt; ich wollte nur damit sagen, daß es mich verdrießt, Dich zurückgesetzt zu sehen; sie fragen nicht einmal, ob Du Dich an der Fahrt betheiligen möchtest.«
»Wenn ich mitfahren will, fahre ich mit, ohne daß sie mich oder ich sie zu fragen brauche,« versetzte Paul hochmüthig, und seine Lippen kräuselten sich trotzig empor.
»Aber heute noch nicht, lieber Paul,« bat Jessie ängstlich, »ein ander Mal, wenn Burnhill nicht dabei ist!«
»Wenn Burnhill nicht dabei ist?« fragte Paul, während seine Blicke sich mit seltsamem Ausdrucke auf Jessie richteten.
»Paul, mein lieber, lieber Paul, Burnhill will Dir nicht wohl, und darum wünsche ich nicht, daß Du ihn begleitest!«
»Ich werde heute mitfahren, und zwar gerade deshalb, weil Burnhill mitfährt, und den möchte ich sehen, der mir in den Weg träte, wenn ich meine Hände an das Steuerrad des Kutters legen will!« erwiderte der junge Mann mit ruhiger Entschiedenheit.
»O, bleibe bei mir, ich bitte ...«
»Gehe hin und hole mir Hut und Jacke!« schnitt Paul des jungen Mädchens Rede barsch ab. »Oder soll ich selbst gehen?« fragte er gleich darauf, als er bemerkte, daß Jessie stehen blieb und flehentlich zu ihm emporblickte.
»Nein, ich will gehen,« antwortete diese, nur mit Mühe ihre Thränen zurückhaltend.
»Das ist recht, Jessie,« versetzte Paul milde, fast weich, indem er des Mädchens Hand verstohlen mit einer Innigkeit drückte, daß es wie ein heiterer Sonnenstrahl über die lieblichen, lichtbraunen Züge flog. »Könnte ich Dich noch mehr lieben, wie ich bereits thue, so würde es von diesem Augenblicke an geschehen. Ich fahre, und damit ist mein letztes Wort gesprochen - und dann bedenke, Jessie, wenn es mir gelänge, einen Menschen zu retten! Denn daß Burnhill und selbst der alte Rudder sich viel Mühe geben, wenn es gilt, einem Bedrängten zu Hülfe zu eilen, glaube ich kaum. So wie ich sie beurtheile, setzen sie ihr Leben weit eher auf's Spiel, um eine Kiste Thee zu bergen, als einem Schiffbrüchigen auf's Trockene zu helfen.«
Jessie sah den jungen Mann einige Secunden starr an; der Ausdruck der Bewunderung spielte wieder auf ihrem holden Antlitze, während aus ihren Augen eine wilde, leidenschaftliche Liebe leuchtete.
»Du hast recht, Paul, fahre mit,« sagte sie sodann laut und vernehmlich, »Du bist der König des Meeres und der beste Mann, der jemals auf Erden lebte!« Mit diesen Worten sprang sie davon, um dem Geliebten die verlangten Gegenstände herbeizuholen.
Paul begab sich unterdessen ruhig und gelassen zu den Jollen hinab. Die auf dem Landungsplatze versammelten Leute wichen mit einer gewissen Ehrerbietung vor ihm zurück, und gerade in demselben Augenblicke, in welchem Rudder und Burnhill eintrafen, um ihre Plätze einzunehmen, sprang er in die für den Letzteren bestimmte Jolle, worauf er sich gemächlich im Spiegel derselben niederließ.
Burnhill stutzte; seine Brauen schoben sich über der breiten, aufgestülpten Nase zusammen, doch beherrschte er seinen Zorn.
»Die Jollen gehen beide mit, Master Paul,« sagte er mit erkünstelter Ruhe, »es bietet sich also keine Gelegenheit für Euch, von dem Kutter hierher zurückzukehren.«
»Es ist auch gar nicht meine Absicht, hierher zurückzukehren,« entgegnete der junge Mann noch ruhiger, ohne Burnhill eines Blickes zu würdigen.
Burnhill's Gesicht färbte sich vor verhaltener Wuth erdfahl; seine Hand suchte mit unsicheren Bewegungen nach dem Messer in seinem Gurt, als Rudder ihn leicht berührte und dann das Wort ergriff.
»Master Paul,« hob er an, sich eines mehr freundschaftlichen als mißvergnügten Tones befleißigend. »Ihr habt gestern bereits mehr als Eure Schuldigkeit gethan, es ist daher nur recht und billig, daß Ihr heute von Euren Anstrengungen ausruht. Wir sind unserer genug, wenn es da draußen Güter zu bergen geben sollte; räumt daher Burnhill Euren Platz ein.«
»Ich bedarf keiner Ruhe,« entgegnete Paul kurz, denn je stärker der Widerstand war, der sich ihm entgegenstellte, um so mehr befestigte sich auch sein Entschluß, die Führung des Kutters selbst zu übernehmen. »Ueberdies ist auf dem Falken Raum für uns Alle, und meinen Platz trete ich nur an denjenigen ab, der den Kutter besser als ich zu steuern versteht.«
»Ist das Euer letztes Wort?« fragte Rudder, und sein runzeliges Gesicht röthete sich bis zu den Schläfen hinauf, seltsam contrastirend zu dem weißen Haar und Bart.
»Mein letztes Wort,« versetzte Paul, sich nach Jessie umwendend, die ihm sein wasserdichtes Oberzeug darreichte. »Will Burnhill bei mir in der Jolle Platz nehmen, so soll er mir willkommen sein, entgegengesetzten Falles fahre ich eben so gern allein.«
Rudder und Burnhill wechselten leise einige Worte mit einander, worauf sie in die andere Jolle einstiegen und den Negern sogleich das Zeichen gaben, abzustoßen.
Ueber Paul's Antlitz flog ein schadenfrohes Lächeln. Er errieth, daß jene den Kutter vor ihm zu erreichen trachteten, um ihm demnächst das Besteigen desselben zu verwehren und ihn mit der einen Jolle zurückzulassen; doch beeilte er sich deshalb nicht mit seinem Aufbruch. Es war ihm genug, Jim in dem einen und Africa in dem andern Boote zu wissen.
Er reichte Jessie noch einmal die Hand, den übrigen am Ufer Versammelten nickte er freundlich zu, und in der nächsten Minute befand sich seine Jolle in der durch den Eintritt der Ebbe verstärkten Strömung des Flüßchens.
»Jim, ich muß der Erste an Bord des Kutters sein!« sagte er sodann halb vertraulich, halb befehlend.
»Aie, Aie, Master Paul,« antworteten die schwarzen Ruderer, denn die ganze Bevölkerung hatte den kühnen und gewandten Burschen seines herrischen und auch doch wieder freundlichen Wesens wegen liebgewonnen.
Die Riemen sanken tiefer in die Fluten; fester lehnten sich die schwarzen Matrosen gegen dieselben, und dahin schoß die Jolle, den zwischen den beiden Fahrzeugen bestehenden Zwischenraum schnell verringernd. Denn Africa hatte nicht sobald die Absicht seiner in der andern Jolle befindlichen Kameraden bemerkt, als er auch in geschickter und unbemerkbarer Weise und zur Freude seiner Mitruderer den Lauf des eigenen Fahrzeuges so hemmte, daß Paul schon in wenigen Minuten sich in gleicher Höhe mit ihnen befand und dann, voraufeilend, das Haff längst gewonnen hatte, als sie selbst noch, scheinbar mit Aufbietung aller Kräfte, gegen die in der Mündung des Flüßchens brandenden Schwellungen kämpften.
Rudder drohte, Burnhill schmähte und fluchte; doch an dem Gleichmuthe der Neger prallten die Ausbrüche ihres Zornes harmlos ab, und zu weit durften sie nicht gehen, indem sie sehr wohl wußten, daß die Matrosen, die keineswegs im Verhältnisse von Sclaven zu ihnen standen, eben nur Leute in ihnen erblickten, denen sie gerade so lange zu dienen brauchten, wie es ihnen behagte.
Aus solchen Gründen erhoben sie auch keine Einwendungen, als Paul, der sie auf dem Kutter kalt und schweigend empfing, sogleich an's Steuerruder trat und mithin den Oberbefehl über das Fahrzeug übernahm.
In die Neger aber, deren Physiognomien vor wilder Schadenfreude strahlten, schien neues Leben gefahren zu sein, seit sie wußten, daß sie unter des Meerkönigs Commando standen. Der Anker kam so schnell herauf, wie noch nie; die Segel rollten sich aus einander, als ob sie eigene Willenskraft besessen hätten, und als dann endlich der immer stetiger werdende Südwind die weißen Leinwandflächen aufblähte, da setzte sich auch der so pünktlich bediente Kutter in Bewegung.
Zuerst langsam und mit halbem Winde näherte er sich dem Cap. Als dieses aber erst hinter ihm lag und das Land kein Hemmniß mehr für ihn war, da breitete er seine schwingenartigen Segel weiter aus, und in zwei feinen Fontainen zischte vor seinem scharfen Bug, als Zeichen seiner Schnelligkeit, das Wasser empor. -
Auch für den Cardinal war die Sonne heiter und glanzvoll aufgegangen, und für die Glocke, die eintönig und melancholisch über die Untiefen hintönte, und für die blauen Wogen mit ihren milchweißen Schaumstreifen.
Das Meer war noch immer wild bewegt, aber einen andern Charakter hatte es seit dem vorhergehenden Tage angenommen. Denn der Wind war nicht nur zu einer guten Segelbrise heruntergegangen, sondern auch umgesprungen war er nach Süden, den schweren Schwellungen durch die veränderte Richtung mächtig entgegenarbeitend und sie allmählich ebnend.
Stephens stand auf dem Hinterdeck des Cardinals und beobachtete mit ungeduldiger Spannung das Niedergehen der See. Seine Blicke schweiften zuweilen nach Südwesten hinüber, wo ein Schooner mit vollen Segeln auf das Leuchtschiff zusteuerte; länger dagegen und gierig hafteten sie auf der nordöstlich von ihm sich hinziehenden Reihe von Brechern, die mit ihren mächtigen Schaumlagen ein Schiffswrack überschütteten und fast bis zur Unsichtbarkeit verbargen.
Es war das Wrack desselben Schiffes, welches in der Nacht den Cardinal beinahe in den Grund gebohrt hätte.
Offenbar war es mit voller Fahrt auf die Untiefe aufgelaufen, wobei selbstverständlich sogleich seine Masten bis zum Deck herab über Bord gehen mußten. Später hatten dann einige schwere Seen sein Hintertheil herumgeworfen, so daß die vernichtenden Brandungen es nunmehr in seiner ganzen Breite trafen.
Durch den heftigen Stoß war vom Spiegel bis zu den Vordersteven ein Leck in den Schiffsboden gesprungen, in Folge dessen die unteren Räume sich innerhalb kurzer Zeit mit Wasser füllten. Im Uebrigen hatte sein Bau sich fest genug erwiesen, um vor dem gänzlichen Scheitern bewahrt zu werden, wenn auch die Planken sich schon von den geknickten und theilweise verschobenen Spanten zu lösen und dutzendweise abzutreiben begannen.
Alles dies hatte Stephens durch sein Fernrohr genau ausgespäht, und er berechnete, daß der letzte Rest des Wrackes, namentlich der Hintertheil desselben, der etwas weiter, als der Vordertheil nach der Untiefe hinaufgeschleudert worden war, also nicht von der Hauptgewalt der Brandung getroffen wurde, wohl noch zwölf bis zwanzig Stunden zusammenhalten würde.
Das schnelle Heruntergehen der Schwellungen berechtigte ihn noch ganz besonders zu der seinen Wünschen und Hoffnungen so sehr entsprechenden Annahme.
Ein anderer Umstand, der ihn mit großer Befriedigung erfüllte, war, daß er nach den sorgfältigsten und vielfach wiederholten Forschungen kein lebendes Wesen auf dem Wrack entdeckte. Er bezweifelte daher nicht, daß die Bemannung des Schiffes in ihrer Verzweiflung den Versuch gewagt habe, mittelst der ausgesetzten Boote über die Brecher hinaus und auf der andern Seite derselben in stilleres Wasser zu gelangen, wo ihr dann die Möglichkeit offen stand, den ihr aus der Ferne entgegenschimmernden Leuchtthurm zu erreichen.
Wäre ihr dies geglückt, so hätte Stephens beim Anbruche des Tages noch eine Spur von den Booten bemerken müssen. Er begab sich daher mit seinem Fernrohr nach dem Glockenrahmen hinauf; allein so weit das Auge reichte, entdeckte er kein anderes Leben, als die am südwestlichen Horizont auftauchenden Spieren eines Schooners, den er indessen sehr bald als einen alten Bekannten ausmachte.
Er hatte also allen Grund, mit dem Laufe der Ereignisse zufrieden zu sein. Seine kühnsten Erwartungen waren weit übertroffen worden, und nur das Eine bedauerte er: nämlich, daß es nicht in seiner Macht lag, die See hinlänglich zu ebenen, in seiner Jolle nach dem Wrack hinüberzurudern und noch vor dem Eintreffen des Schooners und seines eigenen Kutters die Dublonen auf dem Cardinal sicher unterzubringen. Fanden sich in diesem Falle die Dublonen später nicht vor, so lag der Gedanke nahe, daß die verunglückte Bemannung wenigstens die Baarfracht zu retten versucht habe.
Indem Stephens' Gedanken eben in diese Richtung wanderten, bedachte er mit Schrecken, daß die Dublonen wirklich entführt sein könnten, eine Befürchtung, die ihn gar nicht wieder verließ, ihn mit fieberhafter Unruhe erfüllte und seine Ungeduld bis zum höchsten Grade steigerte.
So war Mittag herangekommen, der Schooner mußte in der nächsten Viertelstunde bei dem Cardinal eintreffen; gegen Westen traten die Formen des herbeischießenden Kutters deutlicher hervor, und nur noch selten verhüllte eine Sturzwelle das Wrack vollständig.
Stephens hatte sich durch den freien Genuß berauschender Getränke zu der kommenden Arbeit gestärkt und noch einmal mit seinem Fernrohr die ganze Linie des Horizonts und die sichtbaren Inseln abgespäht, ohne auf verdächtige Zeichen gestoßen zu sein. Diejenigen, die außer ihm und seinen Genossen vielleicht vom Bergen der Güter Vortheil zu ziehen hofften, waren entweder nicht im Besitze von Fahrzeugen, die bei der schweren Dünung sicher genug gewesen wären, oder die Kunde von dem Scheitern eines Schiffes war noch nicht bis zu ihnen gedrungen. Der Leuchtthurmwächter aber auf der angrenzenden öden Insel brauchte nur das gänzliche Zerschellen des Wracks abzuwarten, um bei dem herrschenden Südwinde den in seinem Bereiche liegenden Strand mit Kisten und Ballen bestreut zu finden.
Als der Schooner dicht hinter dem Spiegel des Cardinals aufholte, saß Stephens noch immer auf seiner alten Stelle. Er zählte die aus sechs Seeleuten bestehende Bemannung desselben, und der Ausdruck des Zweifels wich aus seinem wilden Gesichte, sobald er lauter Männer erkannte, mit denen er bei früheren ähnlichen Gelegenheiten in nähere Berührung gekommen war.
Die gegenseitigen Begrüßungen nahmen nur kurze Zeit fort. Man sprach vorzugsweise seine Freude über den Zustand des Wracks aus und daß man nicht nur trockene Waaren, sondern auch klingendes Geld erbeuten würde, und ohne Zeitverlust traf man auf beiden Seiten Anstalt, Stephens an Bord des Schooners zu helfen.
Letzterer warf nämlich das Ende einer Leine nach dem Schooner hinüber, mittels deren ein an dem Gangspill des Cardinals befestigtes starkes Tau herangezogen und um die Ankerwinde des Schooners festgeschnürt wurde. Als dann das Tau, theils durch die Arme der Bemannung des Schooners, theils durch eine sich zwischen beide Fahrzeuge drängende Schwellung fast bis zum Zerreißen angespannt war, glitt Stephens mit der Gewandtheit eines Eichhorns hinüber.
Das Tau wurde darauf von der Ankerwinde des Schooners gelöst und mit einer leeren Tonne versehen, um es später wieder auffischen zu können, und dann über Bord geworfen; die Segel wurden angeholt, und dahin eilte das leichte Fahrzeug gegen Osten, um nach einmaligem Umlegen an das Wrack heranzugelangen.
So kurz die Zögerung auch gewesen war, hatte der Kutter während dieser Zeit doch eine erhebliche Strecke zurückgelegt, und es ließ sich berechnen, daß er nicht lange nach dem Schooner auf der bezeichneten Stelle eintreffen würde.
Stephens' und seiner Gefährten Aufmerksamkeit war indessen zu sehr von dem Wrack in Anspruch genommen, um sich viel um den Kutter zu kümmern, zumal Alle von dem gleichen Verlangen beseelt waren, noch vor Eintreffen des Falken die Dublonen an Bord des Schooners zu schaffen.
Alles ging nach Wunsch; der Schooner durchschnitt vor aller ihm zu Gebote stehenden Leinwand die Wogen mit der Schnelligkeit eines Delphins; unter den kundigen und eifrigen Händen wendete er, als hätte er die Natur eines Kreisels besessen, und als er dann wieder zurückschoß, da zog er eine so sichere und ge