Saat und Ernte



Roman
von
Armand








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Erster Band.

Erstes Kapitel.

Es war eine stille, sternüberfunkelte, aber sehr finstere Nacht, als drei Reiter durch einen der riesigen Urwälder Kentuckys auf einer rohen, ausgefahrenen Straße hintrabten, um, wie es schien, baldigst ihr Ziel zu erreichen. Einer derselben, ein herkulisch gebauter Neger, ritt in kurzer Entfernung voran und trug eine Fackel von Kienspänen, die er in der großen Faust emporhielt, um für die beiden Nachfolgenden den Weg zu erhellen. Der eine von diesen war ein hoher, stattlicher Mann von vornehmem Aeußern und dem Anschein nach in einem Alter von einigen vierzig Jahren. Er trug einen feinen Strohhut mit sehr breitem Rande, Rock und Beinkleider von grau und weiß gestreiftem Leinen, und gelbe wildlederne Schuhe ohne Sporen, woraus man schließen konnte, daß der Ritt kein sehr weiter sein würde.

Der dritte der Reiter war ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, ein Bild jugendlicher Schönheit. Seine feinen, edel geschnittenen Gesichtszüge mit griechischem

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Profil waren von einer reichen Fülle dunkelblonder Locken umrahmt und von blauen, geistvollen Augen belebt. Auch er trug leichte Schuhe, Beinkleider von weißem Leinen, eine kurze, zierlich geschnittene Jacke vom gleichen Stoff und einen Strohhut.

"Reite hier rechts ab durch das Holz, Jack; vor uns in der Straße ist ein grundloser Sumpfplatz", rief der ältere Herr dem Neger zu, indem er seinen prächtigen Rappen zum Schritt anhielt und noch halblaut vor sich hin sagte: "Man wird es gleich gewahr, wenn man in die Nähe eines dieser Demokraten kommt; für das wahre öffentliche Wohl rührt keiner die Hand."

Der Schwarze bog von dem Fahrweg ab und folgte der Spur eines schweren Wagens, in welcher das hohe Buschwerk unter Ochsentritten und Rädern niedergebrochen war und welche nach einigen Schritten im Bogen wieder in die Straße einlenkte.

Abermals fielen die Pferde in raschen Trab, der Wald wurde lichter, und die Reiter erreichten ein Feld, an dessen Einzäunung hin sie einem Seitenwege folgten. Aus der Ferne schimmerte ihnen jetzt ein Licht entgegen; sie näherten sich demselben schnell, und bald darauf hielten sie unter dem dichten Laubdach uralter Bäume vor einem Blockhause ihre Pferde an, aus dessen offener Thür das grelle Licht eines Kaminfeuers hervorströmte.

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In demselben Augenblick trat eine Mannsgestalt in den hellerleuchteten Eingang und fragte, die Hand über die Augen haltend:

"Wer ist da?"

Die Reiter waren abgestiegen, und während der Neger die Pferde mit den Zügeln an die Bäume befestigte, trat der ältere Herr, ohne auf die Frage des Mannes in dem Blockhause Antwort zu geben, bis in den Lichtschein vor denselben und sagte dann mit nicht freundlichem Tone:

"Ich bin es, Herr Randolph!"

"Sie, Herr Williams, und noch so spät?" erwiderte der Angeredete und ging dann mit den Worten: "Seien Sie willkommen und treten Sie ein", aus der Thür dem Angekommenen entgegen.

"Das Geschäft, welches mich zu Ihnen führt, Herr Randolph, werden wir wohl außerhalb des Hauses abzumachen haben", versetzte Williams und winkte seinem Begleiter, welcher sein Sohn Harry war, näher heranzutreten.

"Sie haben einen Mulatten Jeremias, der sich heute Nachmittag erfrecht hat, auf meinem eigenen Grund und Boden diesen meinen Sohn Harry zu schimpfen und ihm schließlich damit zu drohen, Hand an ihn legen zu wollen. Sie wissen, daß die gesetzliche Strafe dafür hart

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an sein Leben treten würde. Ich will Ihnen nun das Kapital nicht in Gefahr bringen, welches Sie in dem Sklaven besitzen, da ich weiß, daß Sie es nicht gut entbehren können, ich verlange aber die sofortige Züchtigung des Mulatten und ersuche Sie, ihn zu diesem Zweck herbei zu rufen."

Randolph war sichtbarlich durch die Worte seines vornehmen Nachbars, des Herrn Williams, sehr unangenehm berührt, und für einige Augenblicke fehlte ihm die Antwort darauf, dann aber sagte er mit erzwungener Ruhe:

"Die Sache ist mir ebenso unbekannt als leid, Herr Williams, und Sie dürfen sich darauf verlassen, daß ich sie streng untersuchen und dem Manne die verdiente Strafe geben werde."

"Es scheint, Herr, daß Sie die Aussage meines Sohnes der des Mulatten unterordnen und nach dem Wort Ihres Sklaven einen Rechtsspruch fällen wollen; Sie vergessen aber, daß Sie kein Richter sind, und wissen vielleicht noch nicht, daß die Aussage eines Farbigen einem Weißen gegenüber vollständig nichts ist. Ich ersuche Sie um kurze einfache Erklärung, ob Sie den Mulatten augenblicklich stellen wollen, damit ihm mein Neger Jack fünfzig Peitschenhiebe gibt, oder ob ich die Sache morgen früh dem Gericht überweisen soll; geniren

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Sie sich nicht und thun Sie, was Sie für Ihr Interesse am besten halten."

Bei diesen Worten hatte Williams die linke Hand in seinen Busen geschoben, schlug mit seiner Rechten die Reitpeitsche spielend gegen sein Beinkleid und blickte stolz auf den Farmer Randolph.

"Aber, Herr Williams", sagte dieser heftiger bewegt, "ohne alles Verhör einen Menschen auszupeitschen - Jerry ist mir immer ein treuer, zuverlässiger Diener gewesen!"

"Warum sind Sie nicht in Ihrem Staate Neuyork geblieben?" fiel Williams stolz und geringschätzend ein. "Dort konnten Sie nach Belieben Ihre Neger mit sich auf gleiche Stufe stellen und deren Rechte Ihren Nachbarn gegenüber in Schutz nehmen. So sind aber diese nordischen Krämerseelen; sie drängen sich zwischen uns, um unter dem Schutze unserer Rechte Geld zu verdienen, und wollen doch zugleich uns diese Rechte schmälern und uns womöglich Gesetze vorschreiben. Merken Sie es sich, Herr, daß für den Adel des Südländers der Farbige niemals etwas Anderes sein kann als der Sklave, mögen Sie ihn im Norden zu Ihrem Freund, zu Ihrem Herrn machen. Ich bin aber nicht hierher gekommen, um Ihnen Vorlesungen über südliche Institutionen zu halten, ich frage Sie nur, wollen Sie den Mulatten jetzt stellen oder nicht?"

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Die ziemlich laute Unterhaltung der beiden Männer hatte nicht allein in dem Blockhause, sondern auch in den dahinterstehenden beiden Negerhütten Bewegung und Bestürzung hervorgebracht, denn man lief hin und her, von einer Thür zur andern, bei den letzten Worten Williams' aber trat plötzlich eine dunkle Gestalt neben dem Haus hervor und ging ruhigen Schrittes dem erzürnten fremden Herrn entgegen. Es war der angeschuldigte Mulatte Jerry selbst.

"Hier bin ich, Herr Williams; thun Sie mit mir, was Sie wollen", sagte er mit verbissenem Ingrimm. "Ihr Herr Sohn hat mich gereizt, hat mich einen Affen, einen Pavian genannt, weil ich in der Ferne an ihm vorüberging, ohne ihn zu begrüßen, und er drohte mir dann, mir den Hut von dem Kopfe zu schlagen. Halten Sie mich für schuldig, weil ich es fühlte, daß unser gemeinschaftlicher Gott mich nicht zu einem Thiere, sondern ebenso gut zu einem Menschen gemacht hat wie den Weißen, so strafen Sie mich."

Hiermit zog der Mulatte sein rothes wollenes Hemd über den Kopf, schlug seine kräftigen Arme vor der Brust zusammen und kehrte Williams den nackten, schön geformten Rücken zu.

"Jack", sagte dieser mit verächtlichem Tone zu seinem Neger, "gib ihm fünfzig Hiebe."

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Der Neger trat vor, um den Befehl seines Herrn zu vollziehen, doch Randolph stellte sich ihm mit den Worten entgegen:

"Laß mich die Peitsche sehen, ob kein Draht hineingeflochten ist."

"Eine solche Nichtswürdigkeit kann nur ein Jankee einem Südländer zutrauen, Herr Randolph. Das sind Erfindungen aus dem Staate Neuyork, wo man den Schwarzen Menschenrechte predigt und sie zugleich schindet", versetzte Williams, als Randolph die Peitsche ergriff und sie untersuchte.

"Sind Sie nun durch den Augenschein zufrieden gestellt?" fuhr er dann noch heftiger fort. "So halten Sie mich nicht länger unnöthig hier in Ihrer Nähe, oder ich werde das Gericht statt meiner handeln lassen." Randolph zitterte vor Wuth, dennoch drängte er bei dem Gedanken an die Gefahr, in welcher der Mulatte schwebte, die bösen Worte, die ihm auf die Lippen traten, gewaltsam zurück, nahm dem Neger die Fackel aus der Hand und gab ihm das Zeichen, mit dem Auspeitschen seines Sklaven zu beginnen.

Neben dem Blockhause hatten sich einige Negerinnen mit mehreren schwarzen Kindern an einander gedrängt und hielten, die wolligen Köpfe zusammensteckend, ihre im Licht der Fackel blitzenden Augen auf den

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vornehmen Mann gerichtet, der ihresgleichen, ihren Gatten, ihren Freund, ihren Vater peitschen lassen wollte.

Auch in der Thür des Blockhauses, theilweise vom Kaminfeuer in demselben, theils auch von dem Fackellicht beschienen, hatten sich mehrere Frauengestalten aufgestellt, die bangend der Schreckensscene harrten und bald ihre entrüsteten Blicke nach Williams schossen, bald wieder sich Thränen von den Augen wischten.

"Go ou[on], Jack!" ("Vorwärts, Jack!") rief Williams dem Neger zu. Dieser ließ die Peitsche über sich durch die Luft schwirren, und pfeifend fiel der Schlag auf die breiten Schultern des Mulatten. Derselbe zuckte unter dem brennenden Schmerz zusammen, veränderte aber seine Stellung nicht um einen Zoll breit, obgleich er schon wieder die Peitsche hinter sich kreisen hörte. Hieb auf Hieb in regelmäßigen Zwischenräumen, wie die Takte einer Melodie, fielen die Schläge auf des Sklaven Rücken, einer unter dem andern, wie die Linien eines Manuscripts. Dabei zählte der Neger jeden Hieb laut und strich dann die Spitze der Peitsche unter seinem Arme durch, um das Blut davon abzuwischen, welches sie aus der geschlagenen Wunde geleckt.

Randolph hielt die Fackel immer höher empor, und immer schneller und heftiger zitterte sie in seiner Hand, je mehr sich der Rücken seines Sklaven roth

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färbte, und doch zählte Jack, der kolossale Neger, erst: "Fünfundzwanzig!"

"Herr Williams", rief Randolph plötzlich aus, "haben Sie denn kein menschliches Gefühl in der Brust? Ist es möglich, daß Sie einen Menschen kalten Blutes so zerreißen lassen können?"

"Jack, schlage keinen Hieb auf dieselbe Stelle, Du hast Raum genug für fünfzig", sagte Williams, ohne auf den Ausruf Randolph's zu achten, und: "Achtundzwanzig - dreißig!" zählte der Neger.

Der Mulatte hatte seine Stellung noch nicht verändert, seine Gesichtszüge aber waren andere geworden, verzerrte, verzogene, schmerzschreiende, und seine Augen hatten sich nach Williams hingewandt, als wollten sie ihn auf ihrem Spiegel lesen lassen, was in seiner Seele vorging.

"Vierzig!" rief Jack jetzt und zog die blutige Peitsche unter dem Arme durch, um sie wieder zu neuem Hieb durch die Luft schwirren zu lassen.

"Halt!" sagte Williams mit kalter lauter Stimme. "Es mag genug sein. Ich hoffe, der Bursche wird es in Zukunft nicht wieder vergessen, was er dem Weißen, den die Natur zu seinem Herrn machte, schuldig ist."

Zugleich gab er dem Neger einen Wink, die Fackel zu nehmen und nach den Pferden vorauszugehen.

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"Sind Sie nun vollständig zufrieden gestellt und hat der Mann seine verdiente Strafe empfangen, Herr Williams?" fragte Randolph jetzt mit fester Stimme.

"Vollständig", antwortete ersterer und wandte sich mit einem kurzen "Gute Nacht!" von dem Farmer ab, doch dieser folgte ihm rasch nach und sagte, seinem Zorne Luft machend:

"So nehmen Sie noch einen Rath mit auf die Reise. Lassen Sie sich nicht wieder bei meinem Hause sehen, oder ich möchte Ihnen für Ihre Unverschämtheit, für Ihren ungezogenen Hochmuth zeigen, daß der Nordländer mit Ihnen auf gleicher Stufe steht und gleiche Rechte mit Ihnen hat."

"Nehmen Sie sich in Acht, Herr Randolph; Ihre Rechnung möchte falsch sein. Noch sind Sie und Ihresgleichen fremd hier, und Ihre Freiheitsideen zu Gunsten der Neger sind schon bekannter geworden, als es gut für Sie sein dürfte. Sie sollten mir danken, daß ich Ihren Sklaven nicht dem Gerichte überlieferte; Ihre Drohungen kümmern mich sehr wenig", entgegnete Williams verächtlich, bestieg sein Pferd und ritt mit seinen Begleitern davon, während Randolph ihm noch einige unfreundliche Grüße nachsandte.



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Im Innern des Staates Kentucky liegt ein anmuthiges schönes Städtchen, Danville, in dessen Umgebung viele der ältesten Geschlechter Amerikas seit einer langen Reihe von Jahren ihre Familiensitze hatten. Kentucky sowie sein Nachbarland Virginien, die beiden Musterstaaten der Union, waren der Hauptsitz des amerikanischen Geburtsadels, der seine Abkunft von den ersten Einwanderern in dieses Land und auch häufig von den Häuptlingen der durch dieselben vertilgten Indianerstänune herleitet, der aber nie seinen Stammbaum über den Ocean nach der alten Welt zurückführt, mögen dort seine Vorfahren auch Purpur und Kronen getragen haben.

Die Natur scheint in dieser neuen Welt Alles neu schaffen zu wollen und den Menschen nicht allein körperlich durch Kreuzung, der vielen hier zusammentreffenden Völkerstämme und durch verändertes Klima zu einer neuen, eigenen Rasse heranzubilden, auch seinem Geist streift sie das Verbrauchte, das Abgelebte der alten Welt ab und läßt ihn selbstständig als neuen Keim in frischer Lebensfülle emporschießen, damit er sich kräftig und unabhängig in anderer Form entwickle, um nach Jahrhunderten unter dem Zahn der Zeit wieder altersschwach ebenso zusammenzusinken, wie der Stamm, aus dem er hervortrieb.

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Eine der ältesten Familien Amerikas waren die Williams, die mit Stolz ihre Abkunft von dem einst so mächtigen Indianervolke, den Pocahontas ableiteten, welche in Virginien wohnten und den ersten englischen Einwanderern unter Kapitän Smith so kräftigen Widerstand entgegensetzten. Ein Williams war dem berühmten und hochgefeierten Frontiermann Daniel Boone, dem Schrecken der Indianer, der der Civilisation zuerst den Weg nach Kentucky zeigte, bald in dieses, damals noch wilde, aber schöne Land nachgefolgt und hatte sich in dem Thale, wo später Danville erstand, eine Heimat gegründet. Von der großen Strecke Landes, die er als äußerster Frontiermann in Besitz genommen hatte, verkaufte er nach und nach kleinere Stücke an die ihm nachziehenden Ansiedler, und als infolge der wachsenden Bevölkerung das Städtchen Danville erbaut ward, gab er für hohen Preis Grund und Boden dazu her und wurde dadurch zum sehr reichen Manne.

Die Besitzung dieses Williams war bereits in die dritte Nachkommenschaft übergegangen, doch die Wohnung stand noch immer, auf demselben Platze, wenn auch an die Stelle des Blockhauses ein prächtiges steinernes Gebäude getreten, statt des Urwaldes ein wohlgepflegter Park und statt der natürlichen Quelle, wie sie dem ersten Williams unter einer Platane hervor entgegensprudelte,

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ein großes Marmorbecken zu ihrer Aufnahme erstanden war. Reiche Mais- und Tabaksfelder, sowie unabsehbare herrliche Wiesen breiteten sich nach allen Seiten um die Herrschaftsgebäude aus, und in einiger Entfernung von diesen standen in dem Schatten alter Eichen und Buchen einige zwanzig Blockhäuser, in denen die Sklaven ihre Wohnstätten hatten.

Der jetzige Eigenthümer der Besitzung war Herr William Williams, derselbe, der so eben dem Farmer Randolph den unangenehmen nächtlichen Besuch abgestattet hatte. Er war ein vornehmer Mann, der wegen seines Stolzes unter seinen Nachbarn zwar nur wenig Sympathie genoß, in der ganzen County aber hoch in Ansehen stand und seinen mächtigen Einfluß bei politischen Angelegenheiten des Staates immer sehr zur Geltung zu bringen wußte. Seine Hauptthätigkeit verwandte er auf den Anbau von Tabak, wobei er seine vielen Sklaven beschäftigt hielt und von welchem Artikel er jährlich eine Ernte erzielte, die ihm durchschnittlich gegen zehntausend Dollars einbrachte. Er stand in dem Rufe eines sehr strengen Herrn gegen seine Sklaven, die er zwar gut nährte und kleidete, die er aber über ihre Kräfte arbeiten ließ und denen er gleichfalls Sklaven zu Aufsehern gab, welche sie hart und grausam behandelten.

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"Dieses gemeine Gesindel!" sagte er verächtlich, als er von Randolph's Wohnung wegtrabte und die nachgerufenen Worte des Farmers noch sein Ohr trafen. "Kaum hat sich dieser Pöbel ein paar Neger und ein Stück Land zusammengeschwindelt, so will er den Herrn spielen und sich uns gleichstellen; und fragt man die Lumpe, woher sie kommen, so wissen sie kaum zu sagen, wer ihr Großvater gewesen."

Bei diesen Worten drückte er den Hut fester auf den Kopf und trieb sein Pferd zu größerer Eile an.

Die wenigen Meilen bis zu dem Wohnsitze Williams' waren bald zurückgelegt. Kaum wurde das Fackellicht, welches ihm voranleuchtete, dort sichtbar, so sammelten sich viele farbige Diener vor dem Hause, um den gnädigen Herrn zu empfangen, und zugleich trat Madame Williams mit ihrem ältesten Sohne Ashmore und ihrer Tochter Olivia aus der Salonthür des ersten Stocks auf die Plattform der hohen Treppe, um ihren Gatten zu bewillkommnen, während ihr jüngster Knabe Charles demselben auf dem saubern Sandwege, der durch den Park nach dessen Einfahrtsthor führte, entgegensprang.

Wenige Minuten später kam Williams, mit dem kleinen Charles vor sich auf dem Sattel, im Schritt herangeritten, während sein Sohn Harry ihm vorangesprengt

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war und bereits bei seiner Mutter auf der Treppe stand.

"Halloh, Bruder Charles, kannst Du schon reiten?" rief Harry diesem zu, als sein Vater abstieg und den Kleinen vom Sattel hob. "Dann sollst Du morgen auch mit mir einen Ritt machen; da soll es aber lustiger gehen!"

"Harry", sagte Williams zurechtweisend, "ich bitte mir sehr aus, daß Du es Dir nicht einfallen läßt, Charles auf Dein Pferd zu nehmen. Wenn Du bei Deinem tollen Reiten Deine geraden Glieder brechen willst, so hast Du selbst dafür zu dulden, Andere aber sollst Du keiner solchen Gefahr aussetzen. Wenn Charles einmal fünfzehn Jahre alt ist, so wird er vielleicht ein noch besserer Reiter sein als Du. Nicht wahr, Charles?" setzte er hinzu, indem er dem Kleinen die Locken zurückstrich und, ihn an seiner Hand leitend, der Treppe zuschritt, wo ihm seine Gattin entgegenkam.

"Gott Lob, daß Du wieder hier bist", sagte diese, indem sie Arm in Arm mit ihm in den Salon schritt; "es war mir so bange ums Herz. Du rittest in solcher Aufregung von hier fort, und da fürchtete ich ernste Auftritte bei Randolphs."

"Ernste Auftritte bei solchen erbärmlichen Plebejern? Die dürfen es doch nicht wagen, zu uns aufzusehen,

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geschweige denn ernste Opposition gegen uns zu machen; unser moralisches Uebergewicht ist zu groß", entgegnete Williams, indem er sich mit seiner Gattin zum Abendessen niederließ. "Freilich", fuhr er fort, "sie möchten sich gern neben uns stellen, man muß ihnen aber niemals die Zügel schießen lassen und ihnen bei jeder Gelegenheit in das Gedächtniß zurückrufen, wo uns gegenüber ihr Platz ist. Gibt man ihnen nur einen Finger, so nehmen sie die ganze Hand. Ich wette, die Neger dieses Herrn Randolph gehen nicht wieder an uns vorüber, ohne zu grüßen. Ich habe dieses brutale Volk lange genug beobachtet; wie aber der Herr, so der Diener!"

"Ehrlich gestanden", fiel Madame Williams ein, "ich habe immer eine sehr gute Meinung von diesen Randolphs gehabt, und soviel ich weiß, haben sie in der ganzen Umgegend einen außerordentlich guten Namen."

"Das ist immer der Fall mit solchem Gesindel. Solange sie arm wie die Feldmäuse sind, bleiben sie kriechend höflich, kaum aber haben sie festen Fuß gefaßt, so wächst der Hochmuth in ihnen auf und macht sich im Einklang mit ihrer Persönlichkeit durch Unverschämtheit und Grobheit kenntlich; gemein bleiben sie immer, und wenn sie sich mit Seide und Gold überdecken."

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"Randolph aber ebenso wie seine Frau sollen sehr gebildete Leute sein, so sagt man allgemein", bemerkte Madame Williams.

"Gebildet? Sie haben vielleicht etwas gelesen und wissen von diesem und jenem zu reden, aber durch alles Lesen und Lernen ist noch Niemand zum wirklichen Gentleman, zum Edelmann geworden; das liegt im Blute und wird bei der Geburt gegeben. Aus einem ordinären Gaul kann man mit aller Dressur doch niemals ein edles Pferd machen", sagte Williams und wandte sich dann nach dem Negerknaben um, der an der fernen Wand hinter ihm stand und mittels eines Seils den großen, an Eisenstäben über dem Tisch hängenden Fächer hin und her stiegen ließ, um die drückende Schwüle des Zimmers durch Zugluft zu kühlen.

"Ben, Du scheinst einschlafen zu wollen, oder hast Du nicht Kraft genug, den Fächer stärker zu ziehen?" rief er dem Knaben zu und befahl dann dem Mulattenmädchen, welches hinter seinem Stuhle stand, ihm ein Glas Eiswasser zu reichen.

Außer diesen beiden Dienern befanden sich noch fünf Farbige in dem Salon, welche der Winke der speisenden Herrschaft harrten. Sie waren aber sämmtlich sehr nachlässig gekleidet, sowie die ganze Ausstattung des Zimmers mehr auf einen Glanz vergangener Zeiten

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deutete. Die Vorhänge, Spiegel und der Kronleuchter waren alt und schadhaft, die Möbel abgenutzt und die Oelfarbe der Thüren sowie der Gyps der Wände und der Decken hatten ihre weiße Farbe verloren. Dem kostbar geschnitzten hohen Credenztisch an der breiten Wand fehlte die Politur, und statt geschliffener Caraffinen mit verschiedenen Weinen und Liqueuren standen auf demselben auf einem großen altmodischen silbernen Theebret gewöhnliche Flaschen mit Cognac und Genevre.

Ashmore, der älteste Sohn, erhob sich zuerst von dem Abendtisch mit dem Bemerken, daß er auf die Hirschjagd gehen wolle, und zwar mit Fackellicht, wie dies im Westen Amerikas sehr üblich ist; Harry folgte ihm, um im nahen Flusse Nachtangeln für größere Fische zu stellen, und Charles war mit seiner Schwester Olivia fortgerannt, als auch Herr Williams und seine Gattin sich erhoben und vor der Thür des Salons auf der hohen Treppe auf der dort angebrachten Bank Platz nahmen. Sie hatten eine Weile neben einander gesessen, als Williams das Schweigen brach und sagte:

"Die kleinen Farmer, wie dieser Randolph, sind wahre Plagen für uns Tabaksbauer; sie verderben uns stets den Preis, denn sie arbeiten von der Hand in den Mund und müssen ihren Tabak verkaufen, sobald er gepackt ist. Wir großen Pflanzer würden uns vereinbaren,

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nicht unter einem gewissen Preis loszuschlagen, und würden die Käufer in den Hafenstädten zwingen, uns denselben zu geben; was hilft uns aber unser Nichtverkaufen? Diese kleinen Lumpe liefern zusammen doch ein hinreichend bedeutendes Quantum, um den Nothbedarf zu befriedigen und unsere Vorräthe zeitweise entbehrlich zu machen. Meine ganze Ernte vom vergangenen Jahre liegt ja noch unverkauft hier, weil ich hoffte, daß der Preis in die Höhe gehen würde; statt dessen ist er jetzt niedriger, als er im verflossenen Winter stand. Nun kommt meine diesjährige Ernte noch hinzu, und beide zusammen könnten mir im günstigen Falle gegen achtzehntausend Dollars liefern, während sie mir zu dem augenblicklichen Preis vielleicht kaum zwölftausend Dollars einbringen würden. Das Kapital, welches ich darauf geborgt habe, kostet mich hohe Zinsen, und ich wurde schon wiederholt darum angegangen, das Geld zurückzuzahlen; was bleibt mir zuletzt übrig, als um jeden Preis zu verkaufen? Ich bin niemals in einer solchen Verlegenheit gewesen wie jetzt. Und an allem diesem sind lediglich jene erbärmlichen kleinen Ansiedler schuld, welche Gott danken, wenn sie nur ein paar Fässer Tabak ernten."

Hier schwieg Williams und sah gedankenvoll vor sich hin.

"Wenn Du nun einige Neger verkauftest und mit

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dem Gelde das geborgte Kapital zurückzahltest?" nahm die Frau theilnehmend das Wort.

"Dabei würde ich nichts gewinnen, denn die Neger stehen im Verhältniß ebenso niedrig im Preis wie der Tabak; dann thue ich noch besser, ich verkaufe diesen und behalte die Arbeitskräfte."

"Du hast ja aber auch auf sie Geld für hohe Zinsen geborgt, und sie zu ernähren kostet Dich viel. Thätest Du nicht besser, wenn Du mit weniger Sklaven und ohne alle Schulden arbeitetest? Ich glaube, Du würdest mehr verdienen", bemerkte Madame Williams.

"Unser Haushalt ist zu kostspielig, wir geben zu viel Geld aus", versetzte Williams mit einem Tone, in dem ein leichter Vorwurf lag.

"Weniger der Haushalt, lieber Williams, als die Gesellschaften, die Gastfreiheit, womit wir unser Haus Freunden und Fremden öffnen. Mir thätest Du einen großen Gefallen, wenn Du hierin eine Aenderung eintreten lassen wolltest, denn das sind Ausgaben, für welche wir nichts erhalten."

"Die wir aber nicht ganz vermeiden können und die wir unserm Namen schuldig sind", sagte Williams, worauf abermals eine Pause eintrat, in welcher die Eheleute ihren Gedanken zu folgen schienen.

"Höre, Williams", begann nach einer Weile die

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Frau, wie zu einem Entschluß gekommen, "laß mich bei dieser Gelegenheit nochmals einen Punkt berühren, den ich schon früher anregte, wenn wir uns auch nicht darüber einigen konnten. Es ist die Erziehung unserer Kinder, namentlich unserer beiden ältesten Söhne; so jung sie noch sind, so geben sie doch schon viel Geld aus, und ich glaube mehr, als uns bekannt ist."

"Du hast es immer mit den Jungen zu thun! Es ist besser, wenn sie frühzeitig Geld in Händen haben, dann lernen sie dessen Gebrauch und Werth kennen", entgegnete Williams halb unwillig.

"Ganz recht", fuhr die Frau fort, "aber sie sollten dabei überwacht werden und Nachweis über die Verwendung geben. Das geschieht aber nicht, sie kaufen und vertauschen Pferde, Hunde und Gewehre, ohne Dich oder mich darum zu fragen, und haben sie Schulden gemacht, so zahlst Du sie, ohne ihnen darüber eine Zurechtweisung zu geben."

"Einen edlen Keim darf man nicht einzwängen, soll er sich nicht auf Nebenwegen Luft machen; es ist das Blut der Williams, das in den Jungen tobt und sie zu wilden Streichen verleitet, das sie aber auch später ihrer Vorfahren würdig zum ritterlichen Gentleman macht. Jungen von ihrem Alter sind doch keine Kinder mehr und können nicht am Gängelbande geführt werden."

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"Eben weil sie aus den Kinderschuhen heraus sind, müssen wir mehr für ihre Erziehung thun; sie haben nichts gelernt als reiten, jagen, fischen und nothdürftig eine Zeitung lesen", versetzte Madame Williams.

"Und die Verhältnisse ihres Vaterlandes kennen sie so gut wie irgend ein Amerikaner und können trotz dem besten Advocaten darüber reden", fiel Williams ein. "Ich möchte wohl wissen, ob Du einen talentvollern Jungen in unserer Gegend kennst, als Harry. Welch einen Brief er schreibt! Weder Du noch ich bin im Stande, es ihm nachzuthun."

"Und gerade für Harry ist mir am meisten bange. Er ist ein zu ungewöhnlicher Knabe, zu leidenschaftlich und lebenslustig und zu schön, als daß er den Weg gewöhnlicher Menschen gehen sollte; entweder es wird aus ihm ein sehr großer gefeierter Mann, oder er geräth auf Abwege und nimmt ein trauriges Ende", sagte die Frau noch mehr bewegt.

"Nein, jetzt muß ich aber lachen, Frau", entgegnete Williams rasch. "Ich glaube gar, Du hättest lieber einen dummen, häßlichen Tölpel zum Sohne, als diesen prächtigen Jungen, von dem in jedem Zoll der Keim zu einem Edelmann liegt! Mache Dir keine unnöthigen Sorgen, liebes Weib; Harry ist ein echter Williams,

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ich bin stolz auf den Burschen, und er wird uns Freude und Ehre machen; laß ihn nur austoben."

"Heißer und inbrünstiger hat nie eine Mutter ihrem Schöpfer für ein Kind gedankt, als ich es für Harry that; es ist aber meine Liebe für den Knaben selbst, die mich für seine Zukunft bangen läßt; er ist nicht wahr, nicht offen und hat eine eiserne Verstellungsgabe", antwortete Madame Williams und setzte nach einer augenblicklichen Pause, als ob die Worte ihr entschlüpften, noch hinzu: "Ich glaube gar nicht, daß er fischen gegangen ist."

"Aber liebe Frau, jetzt wird es mir doch bald zu bunt! Wohin, um Gotteswillen, soll der Junge denn wohl gegangen sein?" entgegnete Williams unwillig und sah sie an, als warte er auf weitere Erklärung.

"Ich mag es Dir kaum sagen, Williams, denn es klingt unglaublich und lächerlich, und doch ist es wahr. Der Junge hat schon eine Liebelei mit einem Mulattenmädchen unseres nächsten Nachbars, des Herrn Baxton. Ich weiß es sicher, daß er schon verschiedene Male in der Nacht hinübergeritten ist, um sie zu sehen. Die Jungen gehen ja und kommen, wie es ihnen beliebt, wenn wir schon lange ruhig schlafen."

"Was sagst Du? Harry eine Liebelei mit dein Mulattenmädchen?" rief Williams und sprang von seinem Sitze auf.

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"So ist es, und ich bin überzeugt, daß er jetzt wieder zu ihr geritten ist."

"Das wäre doch mehr als toll. Harry eine Liebschaft und auf ein nächtliches Abenteuer ausgeritten - es ist ja gar nicht denkbar! Dieser Junge!" sagte Williams außer sich vor Verwunderung und setzte dann lachend hinzu: "Nun, einen schlechten Geschmack hat er wahrhaftig nicht; es ist das schönste Mädchen in der ganzen Gegend. Jetzt will ich mich überzeugen, und ist es wahr, so werde ich ein ernstes Wort mit ihm reden."

Hiermit ging er in das Haus und kam bald darauf mit Hut und Stock und mit einer Laterne in der Hand zurück.

"Ich will selbst sehen, ob sein Pferd fort ist oder nicht", sagte er zu seiner Frau und eilte die Treppe hinab, den Negerwohnungen zu, in deren Nähe sich die Stallungen befanden.

Beim Eintreten in diese überredete er sich selbst zu dem Glauben, daß er das Pferd ruhend in dessen Stand vorfinden würde, doppelt groß aber war sein Erstaunen, als er den Platz leer fand. Einige Augenblicke war er unschlüssig, ob er selbst ein Roß besteigen und seinem Sohne nachreiten solle, nach einiger Ueberlegung jedoch hielt er es für zweckmäßiger, denselben zu Hause zu erwarten. Mit diesem Beschluß begab er sich wieder nach

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der Wohnung und rief seiner Frau schon am Fuße der Treppe zu, daß sie Recht gehabt, daß das Pferd Harry's nicht im Stalle sei und daß auch dessen Sattelzeug fehle.

"Es ist mir lieb, daß Du Dich endlich einmal selbst überzeugst, wie sehr nothwendig es ist, die Jungen strenger zu überwachen, namentlich Harry, der bereits auf bösen Wegen ist", sagte Madame Williams, als ihr Gatte zu ihr trat.

"Ich werde hier sitzen bleiben, bis er zurückkommt, und ihm dann eine Lection geben, die er sobald nicht wieder vergessen soll", versetzte dieser und wollte sich auf die Bank niederlassen, seine Gattin aber nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Salon, indem sie sagte: "Nein, Williams, das sollst Du nicht, Du würdest Dir unnöthig die Nachtruhe rauben und dann vielleicht härter gegen Harry sein, als es Dir morgen lieb wäre. Ungeschehen kannst Du es ja doch nicht machen."

"Sorge nicht, Frau", entgegnete er, indem er einen Armsessel nahe an den Eingang zog und sich darin niederließ; "ich werde dem Teufelsjungen nichts zu Leide thun, aber ein ernstes, böses Gesicht soll er doch sehen, damit er künftig solche Streiche unterläßt; ehrlich gesagt, ich wünsche, daß dieser der schlimmste bleiben mag, den er in seinem Leben begeht."

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"Nun, wenn Du hier bleiben willst, so werde ich Dir Gesellschaft leisten", sagte die Frau; "ich will nur Charles und Olivia zu Bett schicken und dann alle Lichter im Hause auslöschen lassen, denn sonst kommt Harry nicht herein."

"Das würde ich an seiner Stelle auch nicht thun", rief ihr Williams lachend nach, zog eine kleine Pfeife aus der Tasche, füllte sie mit Tabak und zündete sie an. Dann legte er sich behaglich in seinen Sessel zurück, schlug ein Bein über das andere und richtete seinen Blick durch die Thür hinaus auf den Sandplatz vor dem Gebäude, auf den das Licht der Salonfenster fiel.

Bald kehrte Madame Williams zurück, löschte die große Lampe, welche auf dem Tische stand, aus und setzte sich neben ihren Gatten an den offenen Eingang. "Ich bin neugierig, welcher von den Jungen zuerst zurückkehrt; am Ende ist Ashmore auch auf Abenteuer ausgeritten", begann Williams die Unterhaltung.

"Nein, das ist nicht der Fall. Ashmore ist gerade und offen, und was er in dieser Art begehen wollte, würde er bei Tage ausführen; er ist wirklich auf die Jagd geritten und wird vor Tagesanbruch nicht nach Hause kommen, denn wenn der Morgen graut, so geht er sicher noch einmal in den Wald am Flusse, wo die Turkeys (Truthühner) bäumen, um einen jungen Hahn in die

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Küche zu liefern; er weiß, daß es mir angenehm ist. Ashmore hat ein edles, reines Gemüth voll Treue und Wahrheit und besitzt zugleich eine eiserne Willenskraft. Harry dagegen ist unzuverlässig, wenn auch voller Energie; er wird von seinen Neigungen, seinen Leidenschaften nicht blindlings hingerissen, sondern folgt ihnen vollständig bewußt und berechnet seine Schritte genau, doch immer nur für sein eigenes Interesse."

"Du beurtheilst ihn zu streng, liebe Frau", nahm Williams wieder das Wort; "es ist die zu rasch entwickelte übersprudelnde Lebenskraft, welche ihn bei allem seinem Thun und Treiben anspornt und die ihn dereinst zum großen Manne machen muß. Wer weiß, ob der Präsidentenstuhl ihm zu hoch sein wird!"

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Zweites Kapitel.

Während die Aeltern sich über ihren Liebling unterhielten und sich dessen Zukunft mit einem Gemisch von bangen Zweifeln und hochfliegenden Hoffnungen ausmalten, hielt diesen ein schönes Mulattenmädchen ihres Nachbars Baxton mit ihren zarten Armen umschlungen und preßte ihn fester und heißer an ihren ungestüm wogenden Busen, um ihn noch einige wonnige Minuten länger bei sich zurückzuhalten.

"Ich muß fort, Molly; es ist schon sehr hell geworden, und der Mond wird bald aufgehen; mein Bruder Ashmore ist auf die Jagd geritten, er könnte mir zufällig begegnen und würde es dann gleich der Mutter erzählen, daß ich so weit vom Flusse und zu Pferde gewesen sei."

"Welche Angst Du immer hast, Du lieber Harry", sagte die Mulattin mit bebender Stimme und spielte dem schönen Knaben mit ihrer kleinen Rechten in dem

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seidenweichen Lockenhaar, während sie ihren linken Arm um seinen Nacken geschlungen hielt.

"Ich lasse Dich noch nicht von mir, und wenn Du um Hülfe schrieest", flüsterte sie mit zärtlicher Stimme und drückte ihre wollüstig vollen Lippen auf seinen fein geschnittenen rosigen Mund. "Du bist ja zu herzenslieb - zu süß - zu schön - ich möchte Dich ganz aufessen", sagte sie und küßte ihn bei jedem ihrer Worte heißer und glühender.

"Und ich möchte mich von Dir aufküssen lassen, aber ich muß wahrhaftig fort, Molly. Wenn mein Alter dahinter käme, daß ich bei Dir gewesen wäre, ich glaube, er würde wüthend", sagte Harry, sich den stürmischen Liebkosungen des schönen braunen Mädchens hingebend und seine Hand in der rabenschwarzen Lockenmasse vergrabend, die wild und ungezügelt über ihre sammetweichen Schultern hinabhing.

"Du hast mich doch nicht so recht lieb, Harry, und küssest mich nicht gern, sonst würdest Du nicht so eilen", seufzte die Mulattin und heftete ihre großen, dunkeln Augen mit wildem Feuer auf den schönen Knaben.

"Ja, Molly, ich habe Dich sehr lieb", flüsterte er mit leiser Stimme und schlang beide Arme leidenschaftlich um das Mädchen.

"O Du süßer, lieber Junge, ich beiße Dir ein Stück

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aus Deinem schönen Mund", rief sie halblaut und faßte seine Lippen mit ihren blendend weißen Zähnen.

"Du!" schrie er mit unterdrückter Stimme. "Du wärest es im Stande! Jetzt muß ich aber gehen; sieh, es wird ganz helle", fuhr er fort, indem er von der Bank aufsprang und um sich durch das Rankengeflecht der blühenden Lianen schaute, welches die Laube bildete.

"Morgen Nacht aber kommst Du wieder, dann will ich Dich noch viel, viel lieber haben, sollst sehen, ich bringe Dich vor Liebe um!" flüsterte die Mulattin und zog den Knaben nochmals an ihren Busen; er aber entwand sich ihren Armen und sprang aus der Laube nach seinem Pferde, welches außerhalb des Gartens an einem Baum befestigt stand.

"Der verteufelte Junge bleibt mir wahrhaftig bald zu lange aus", sagte Herr Williams zu seiner Gattin, indem er hinaus in den Park spähte; "ich werde ihm aber die Gesetze vorlegen, darauf kann er sich verlassen!"

"Ich glaube, dort kommt er", fiel die Frau ihm ins Wort. "Laß uns in das Zimmer zurückgehen, damit er uns nicht gewahrt!"

Hiermit standen beide auf und traten hinter die Thür, während Harry leichten Fußes herangesprungen kam und die Treppe herauf in den Salon huschte. Er

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schritt eilig der entgegengesetzten Thür zu, als sein Vater mit barscher Stimme sagte:

"Nun, Harry, bist Du schon von Deinem Fischfang zurück?"

Erschrocken fuhr der Knabe herum und blickte seine Aeltern verdutzt an, faßte sich aber schnell und sagte wie verwundert: "Mein Gott, seid Ihr noch auf?"

"Jawohl, und zwar Dir zu Gefallen. Wo bist Du gewesen?" entgegnete Williams.

"Ich? Am Flusse", antwortete Harry entschlossen und sah seinem Vater fest in die Augen.

"Zu Pferde am Flusse?" fuhr dieser heftig fort.

"Zu Pferde? Ich verstehe Dich nicht. Ich bin zu Fuße am Flusse gewesen und habe meine Nachtangeln gestellt."

"Und wo war Dein Pferd?" rief Williams jetzt zornig aus.

"Wie kann ich das wissen? Ich bin nicht im Stalle gewesen und habe aufgepaßt, ob ein Neger mein Pferd geritten hat", erwiderte Harry vollständig gefaßt und ruhig.

"Aber, Harry, ist es möglich, daß Du mit solcher Ruhe eine so große Unwahrheit sagen kannst?" nahm Madame Williams das Wort und streckte ihre gefalteten Hände gegen ihn aus.

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"Ich sage keine Unwahrheit; ich weiß gar nicht, wie Ihr darauf kommt, daß ich anderswo als am Flusse gewesen sein soll."

"Du bist bei -" fiel seine Mutter entrüstet ein, doch Williams unterbrach sie rasch mit einem verweisenden Wink und wandte sich dann wieder zu Harry mit den Worten:

"Du wirst morgen früh mit mir nach dem Flusse gehen und mir die Angeln zeigen, die Du gelegt hast; wehe Dir aber, wenn keine dort liegen!"

"Sehr gern", erwiderte Harry lachend. "Wenn ich geritten wäre, so würde ich mir die Schuhe nicht so schmuzig und die Füße nicht so naß gemacht haben, wie sie sind."

Hierbei zeigte er auf sein nasses Schuhwerk, denn er war wirklich, ehe er zu Molly ritt, an dem Flusse gewesen und hatte die Angeln gelegt.

"Nun, wir werden sehen", sagte Williams ruhig. "Geh jetzt auf Dein Zimmer und lege Dich schlafen." Harry war diese Weisung sehr willkommen. Er sagte gute Nacht und verließ eilig den Salon.

"Wir haben ihm Unrecht gethan, liebe Frau", hob Williams an, sobald die Thür sich hinter Harry geschlossen hatte; "der Junge ist wahrhaftig nicht bei dem Mädchen gewesen; einer von diesen verfluchten Negern

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hat seinen Gaul geritten, wahrscheinlich zu einer Geliebten. Ich will es den Kerlen aber vertreiben!"

"Du irrst Dich, Williams. Verlaß Dich darauf, Harry ist wirklich dort gewesen. Es ist unglaublich, so jung und schon so voll Unwahrheit."

"Es ist nicht wahr, Frau; Du wirst sehen, daß er unschuldig ist", erwiderte Williams beruhigend, nahm die Gattin bei der Hand und verließ mit ihr den Salon.



Bis zu dieser Zeit war der Schlaf noch nicht in dem Blockhause Randolph's eingekehrt; er selbst, seine Frau, seine sechzehnjährige Tochter Martha und sein fünfzehnjähriger Sohn Albert waren emsig bemüht, ihrem zerpeitschten Sklaven Linderung seiner Schmerzen zu verschaffen. Im Scheine des Kaminfeuers auf dem roh gezimmerten Fußboden war ein Lager von Bärenhäuten und wollenen Decken bereitet, auf welchem der Mulatte auf dem Leibe lag, während seine Herrschaft die kühlenden Umschläge auf den Wunden seines Rückens fortwährend wechselte.

"Komm, Jerry, trink noch einmal von dem Thee, er hält das Fieber von Dir ab", sagte Madame Randolph, eine zierliche kleine Frau mit schwarzem Haar und milden, dunkeln Augen, zu dem Mulatten und reichte

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ihm eine Tasse, die sie so eben aus einer Kanne vor dem Feuer gefüllt hatte.

"Armer Jerry", bemitleidete ihn Randolph's Tochter Martha, indem sie den Umschlag von seinen Schultern nahm und durch einen kalten ersetzte. "Warum mußtest Du auch zu diesem hochmüthigen Jungen reden! Du brauchtest ihm ja nicht zu antworten und konntest Deiner Wege gehen."

"Nein, Jerry hätte sollen seinen Hut abnehmen; das war sehr wenig Mühe, und er hätte sich dadurch die Schmerzen und uns den Aerger und das Leid erspart. Es ist ein altes gutes Sprichwort: Den Hut in der Hand, geht es leicht durchs Land", nahm Randolph das Wort, indem er bei dem Sklaven niederkniete und ihm einen frischen Umschlag auf den Rücken legte. "Dieser abscheuliche Mann, dieser Williams, so in unser Eigenthum einzurücken und unsern Jerry so vor unsern Augen schlagen zu lassen! Hätte mir die Mutter die Büchse nicht weggenommen, ich hätte ihm eine Kugel durch seinen hochmüthigen Kopf geschossen", sagte Albert mit aufleuchtendem Blick. "Und uns nordische Krämerseelen zu nennen! Ich möchte wissen, was er mit seinem südlichen Adel eigentlich meint!"

"Diese Leute nennen sich adlig, weil ihr Großvater oder Urgroßvater sich durch irgend etwas ausgezeichnet

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hat, während es ihnen nie in ihrem Leben eingefallen ist, selbst etwas der Art zu thun. Wirklicher Adel, mein Sohn, liegt in der Seele des Menschen, liegt in dessen Streben nach dem Guten, nach dem Edlen, nach geistiger Vervollkommnung, nicht aber in der hochmüthigen Dummheit, in welcher Leute wie Williams auf ihre Mitmenschen hinabblicken; nur der Seelenadel hebt den Menschen aus dem gemeinen Volke empor, jeder andere Adel ist Narrheit und zeigt, wie unadlig man wirklich ist. Deine Entrüstung, Albert, über die unverschämte, gemeine Handlungsweise dieses Williams ist gerecht, unrecht aber und unweise würde es von Dir gewesen sein, hättest Du ihn dafür bestraft, weil Du dadurch nicht allem Dein und Jerry's Leben in Gefahr gebracht, sondern auch unser aller Ruhe und Glück auf das Spiel gesetzt haben würdest. Hätte das Gesetz es mir gestattet, ihn an dieser unmenschlichen Gewaltthat zu verhindern, so würde sie nicht vollbracht worden sein, so aber mußte ich sie für Jerry's Rettung geschehen lassen."

"Und nur aus Liebe für Sie und die Ihrigen ließ ich sie geschehen", hob der Mulatte an, indem er sich auf seinen Arm stützte und zu Randolph aufsah; "sonst wäre mir der Tod zehnfach willkommen gewesen. Aber ich rechne, mit diesem Ungeheuer ab!" setzte er drohend hinzu und ließ sich wieder auf das Lager niedersinken.

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"Das wirst Du nicht thun, Jerry, denn Du würdest dann unserer Liebe nicht mehr werth sein, und erführe ich, daß Du Dich an dem Gesetz vergangen hättest, so würde ich selbst Dich ihm überliefern. Ziehe aus dem Unglück, welches Dich betroffen hat, eine Lehre, um späteres von Dir fern zu halten", entgegnete Randolph mit seiner gewohnten Ruhe, indem er sich erhob und in einem Armstuhl nahe der offenen Thür Platz nahm.

"Aber, Vater, es ist ja doch eine Schlechtigkeit, ein Verbrechen, welches Williams begangen hat, wenn man ihn auch nicht dafür vor Gericht stellen kann; soll er denn gar keine Strafe dafür haben?" hob Albert wieder an.

"Die Strafe keimt aus der Handlung selbst empor; er wird sie in seinem Sohne ernten, den er durch Erziehung zum bösen Menschen macht, indem er seine eigenen schlechten Handlungen ihm zum Vorbild gibt. Ueberdies verfährt er ebenso grausam und unmenschlich gegen seine eigenen Sklaven, und leicht möchten diese gelegentlich eine Strafe über ihn verhängen. Uns kommt dies keinenfalls zu; wir sind weder von Gott, noch von unsern Mitmenschen zu seinem Richter bestellt", versetzte Randolph und wandte sich dann mit der Bitte an seine Frau, sich mit Martha zur Ruhe zu begeben, da er und

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Albert die Pflege Jerry's recht gut allein übernehmen könnten. Madame Randolph aber wollte den Kranken nicht verlassen, und so blieb die Familie während der ganzen Nacht um ihn beschäftigt.

Ihre rastlosen Bemühungen zu Gunsten des Mulatten sollten aber auch nicht unbelohnt bleiben, denn seine Schmerzen minderten sich, seine Wunden gingen zur Heilung über, und schon nach wenigen Tagen war er im Stande, umherzugehen und leichte Beschäftigungen vorzunehmen.

So waren einige Wochen verstrichen, als Randolph eines Abends Jerry fragte, ob er glaube, am folgenden Tage einen Ritt nach der Hauptstadt des Staates, nach Frankfort machen zu können, um dort einige Besorgungen für ihn auszurichten. Der Mulatte erklärte sich fähig und mit Freuden bereit dazu, obgleich der Weg über vierzig Meilen lang war, und am frühen Morgen trat er mit den Aufträgen versehen die Reise an.

In Williams' Hause war seit jenem Abend, wo Jerry seine harte Strafe empfangen hatte, seiner nicht wieder mit einer Silbe erwähnt worden, die Begebenheit war zu unbedeutend und der Erinnerung nicht werth. An dem Tage, an welchem der Mulatte nach Frankfort geritten war, wollte es der Zufall, daß Ashmore beim Abendessen erzählte, er sei Randolph nachmittags zu

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Pferde begegnet, worauf Madame Williams das Wort nahm und sagte:

"Wenn ich an seinen Mulatten denke, wird mir jedesmal bange ums Herz; ich fürchte immer, der Mensch könnte sich an Dir rächen, Williams."

"Da müßte man viel befürchten, wenn jeder Schlag, den man einem solchen Halbmenschen geben läßt, dessen Rache nach sich ziehen sollte. Geht denn wohl ein Tag hin, ohne daß unter meinen Negern solche Züchtigungen ausgetheilt werden, und ist es wohl schon einem von ihnen eingefallen, sich zu rächen?" antwortete Williams mit einem Lächeln.

"Mit ihnen ist es etwas Anderes, denn Du bist ihr Herr, jener Mulatte aber sieht in Dir einen Fremden, dem er keine Unterwürfigkeit schuldig ist; und er scheint ein verzogener, verbildeter Sklave zu sein, der Freiheitsideen vom Norden mit hierher brachte."

"Wenn diese Afrikaner nicht selbst fühlten, daß sie uns Weißen von der Natur zu Dienern gegeben sind, wie wäre es dann möglich, daß sich Hunderte von ihnen durch ein paar weiße Männer befehlen und zu schwerer Arbeit antreiben ließen? Allerdings, in dem Mulatten ist schon weißes Blut, welches sich geltend macht; er denkt, überlegt, stellt Vergleiche an und sieht ein, daß er ebenso gut wie der Weiße zwei Beine, zwei Arme

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und einen Kopf hat, er bleibt aber dennoch halb Affe und wird durch unsere geistige Ueberlegenheit uns unterthänig gehalten. Mache Dir keine Sorgen darüber, liebe Frau, weder Randolph's Mulatte, noch unsere eigenen Sklaven werden ihrem gelegentlichen Groll durch die That Ausdruck geben. Die Neger fürchte ich nicht, wohl aber die Tabakshändler in den Seestädten, die uns den letzten Blutstropfen auspressen mochten. Heute ist nun wieder ein großer Theil meiner diesjährigen Ernte in das Lagerhaus dort drüben gebracht, sodaß augenblicklich für mehr als fünfzehntausend Dollars Tabak darin aufgestapelt liegt, und aus den neuesten Berichten von Richmond, Baltimore und Neuorleans läßt sich noch kein Steigen der Preise dafür erkennen. Der Winter ist vor der Thür, er kann möglicherweise sich frühzeitig und streng einfinden und die Schifffahrt hemmen, dann sitze ich fest mit meinem Vorrath, auf den ich nach und nach schon gegen zehntausend Dollars geborgt habe. Es ist rein zum Verzweifeln!"

"Thätest Du nicht wohl daran, wenigstens einen Theil davon zu verkaufen, um die Schuld damit zu tilgen?" fragte Madame Williams ihren Gatten.

"Ich werde mich wohl dazu entschließen müssen; jedenfalls will ich die Hälfte meines Tabaks nach Neuorleans an meinen Freund Morgan in Commission

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senden; er wird sicher dabei für mein Interesse Sorge tragen."

Hier schwieg Williams und spielte gedankenvoll mit dem Messer auf dem Teller, nach einigen Augenblicken aber fuhr er fort: "Es waren zwei harte Jahre, dieses und das verflossene; die Krankheit unter unsern Negern hat beinahe gar nicht aufgehört, wir haben Alt und Jung zusammengenommen einige vierzig dadurch verloren, und darunter waren mehrere sehr werthvolle, die ich nicht für fünfzehnhundert Dollars das Stück verkauft haben würde. Jetzt liegen wieder acht am hitzigen Fieber, und einige zwanzig können das kalte Fieber nicht los werden trotz des Doctors und seiner Pillen. Seine Rechnung wird dies Jahr auch wieder gegen vierhundert Dollars betragen. Es wäre Zeit, daß das Glück einmal wieder bei uns einzöge!"

Noch lange nach aufgehobener Tafel saß die Familie in der ernsten Stimmung zusammen, welche die Betrachtungen und Klagen Williams' hervorriefen, und allen war der Augenblick erwünscht, als derselbe sich erhob, um sich zur Ruhe zu begeben. Bald darauf erloschen alle Lichter im Hause, der Schlaf zog durch dessen Gemächer, und nach und nach schloß er sämmtlichen Bewohnern derselben die Augen. Auch in den Hütten der Sklaven war Alles zur Ruhe gegangen, und nur hier

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und dort drang noch ein matter Lichtschein, welcher von der Kohlenglut in den Kaminen ausging, zwischen ihrem Gebälk hervor. Es war eine sehr finstere und stürmische Nacht, der Wind schüttelte den Wald, fegte die Felder und klapperte in den von der Sonne krumm gezogenen, zwei Fuß langen Holzschindeln, womit die Blockhäuser bedeckt waren. Wie es sich aber in solchen Nächten gewöhnlich am besten schläft, so war es auch auf der Besitzung von Williams der Fall, die weißen sowie die schwarzen Bewohner derselben schliefen fest.

Plötzlich erschallte der Schreckensruf "Feuer!"; in den Herrschaftsgebäuden und in den Negerhütten fuhr Alles aus dem Schlafe empor, und der Blick eines Jeden starrte in das blendende Licht, welches ihm glühend entgegenströmte.

Auch Williams schreckte von seinem Lager empor, das ganze Zimmer war von zitterndem Feuerschein erleuchtet - das Haus mußte in lichten Flammen stehen! Mit stockendem Athem stürzte er an das Fenster, doch Schrecken über Schrecken, es war nicht das Wohngebäude, es war etwas augenblicklich noch viel Werthvolleres, es war das Lagerhaus, von dem man nichts mehr erkennen konnte als ein Flammenmeer, welches um dasselbe gegen den dunkeln Himmel aufloderte.

Der Anblick war für Williams ein furchtbarer. Mit

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zitternden Gliedern fuhr er in seine Kleidung und eilte aus dem Hause nach dem Unglücksplatze hin, um welchen seine Sklaven bereits in toller Verwirrung und schreiend durch einander liefen, ohne zu wissen, was sie beginnen sollten. Starr und entsetzt sah Williams in die Glut hinein und wich vor deren versengender Ausströmung zurück; was konnte er thun, was konnte er seine vielen Sklaven thun lassen, um seine Habe aus den verzehrenden Flammen zu retten - es konnte ja kein menschliches Wesen nur in ihre Nähe kommen! Das ganz aus Holz aufgeführte Lagerhaus mußte an allen vier Seiten zugleich in Brand gerathen sein, das in der Sonne ausgedörrte Holz hatte dem Feuer willig Nahrung geboten und der heftige Wind die Glut schnell über dasselbe verbreitet; schwirrend flogen die brennenden Schindeln umher, prasselnd brachen die Sparren nieder, und mit betäubendem Krachen stürzte das ganze Gebäude in sich zusammen und schoß eine Feuersäule gen Himmel, aus der die Lohe, vom Sturm getragen, weithin durch den Park verwehte.

Menschliche Kräfte reichten hier nicht hin, dem verzehrenden, rasenden Elemente Einhalt zu thun oder ihm nur den kleinsten Theil seiner Beute zu entreißen. In stummer Verzweiflung folgten Williams' Blicke der vollständigen Vernichtung seines zweijährigen Erwerbs, und

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die unvermeidlichen Folgen dieses Verlustes bestürmten seine Seele.

"Randolph's Mulatte!" sagte Madame Williams, die mit ihren Kindern neben ihrem Gemahl stand und ihre Thränen trocknete. "Ach, es war eine Ahnung, als ich gestern Abend meine Furcht vor diesem Menschen aussprach; nun ist sie schon wahr geworden!"

"Dieser Hund!" rief Williams, die Fäuste ballend. "Das soll er zwischen Himmel und Erde büßen; ehe die Sonne wieder untergeht, soll er hängen!"

"Was hilft uns nun sein Tod? Er gibt uns unser Eigenthum nicht zurück", klagte die Frau.

"Sein Herr, dieser nordische Schwindler, aber ist für den Schaden verantwortlich, den sein Sklave mir zugefügt hat; ich lasse ihm das Bett unter dem Leibe verkaufen!" entgegnete Williams mit wüthender Geberde.

"Er sowie der Mulatte werden die That leugnen", versetzte die Gattin.

"Das soll ihnen verdammt wenig nützen; ich bringe die ganze Umgegend gegen ihn auf, das Lynchgesetz wird ausgerufen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn Herr Randolph mit seinem Mulatten einen und denselben Baum zierte. Komm, laß uns in das Haus gehen, zu retten ist hier nichts. Ich will schnell an alle meine Collegen schreiben und sie einladen, mit dem frühen

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Tage sich hier einzufinden und alle Männer in ihrem Bereiche mitzubringen."

Mit diesen Worten wandte sich Williams der Wohnung zu und trug im Vorwärtsschreiten seinem Sohn Ashmore auf, Pferde für ein Dutzend Neger, welche die Depeschen fortbringen sollten, satteln zu lassen. Dann ging er eilig in das Haus setzte sich an seinen Schreibtisch und fertigte die schriftlichen Hülferufe an seine nahen und fernen Nachbarn aus. Als er wieder aus dem Salon trat, den harrenden Reitern die Briefe einhändigte und sie mit der Weisung fortschickte, zu jagen, was die Gäule laufen könnten, war das Feuer in sich selbst zusammengesunken und nur ein riesiger Glutberg bezeichnete die noch kohlenden und glimmenden Tabaksfässer.

Bei Sonnenaufgang hatte die Familie Williams schon das Frühstück eingenommen, und sogleich wurden Vorbereitungen zum Empfang der vielen Gäste gemacht, welche bald eintreffen mußten, um Grenzgericht über Randolph und seinen Sklaven zu halten. Der Credenztisch wurde mit Flaschen und Gläsern besetzt, alle Stühle im Hause wurden in den Salon gebracht, und Madame Williams kleidete sich in schwarze Seide, um die ihr befreundeten Nachbarn feierlich zu begrüßen.

Gegen acht Uhr begannen die Erwarteten sich

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einzufinden, alle kamen zu Pferde und alle waren mit der langen Kentuckybüchse und dem Jagdmesser bewaffnet. Williams ging ihnen entgegen, um sie zu empfangen, und geleitete sie, nachdem die Pferde einigen Negern zur Wartung übergeben waren, nach seiner Wohnung. Während er sie in den Salon an den Credenztisch führte und ihnen dort die verschiedenen Spirituosen zu einem Erfrischungstrunk anpries, theilte er ihnen mit wenigen Worten Vorläufiges über die Gründe mit, weshalb Randolph's Mulatte und kein Anderer den Brand angestiftet haben mußte, und behielt sich vor, eine ausführliche Auseinandersetzung darüber zu geben, sobald alle zum Gericht Geladenen sich eingefunden haben würden. Diese ritten jetzt immer zahlreicher von allen Seiten herbei, und einen jeden von ihnen empfing Williams mit denselben Mittheilungen über Randolph und dessen Mulatten. Die von ihm leicht hingeworfenen Andeutungen verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht; je zahlreicher die Versammlung wurde, um so lauter, um so leidenschaftlicher besprach man die Angelegenheit, und die Entrüstung über die schändliche That steigerte sich immer mehr.

Endlich waren alle erwarteten Personen, einige vierzig Pflanzer aus der Umgegend, eingetroffen, und Williams nahm nun das Wort, um der Versammlung die

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Anklage, in welcher sie ein Urtheil fällen sollten, mit allen Gründen dazu vorzutragen. Alles drängte sich in den Salon um ihn, und er begann damit, das zwischen Randolph und dessen Sklaven bestehende freundschaftliche freie Verhältniß als ein den Grundsätzen des Südens zuwiderlaufendes zu bezeichnen, welches Unzufriedenheit unter den Sklaven seiner Nachbarn erzeuge und ihnen Freiheitsgedanken einflöße. Er rief mehrere der gegenwärtigen Männer zu Zeugen auf, daß Randolph sich oftmals in ihrem Beisein gegen die Sklaverei ausgesprochen habe, und nannte ihn einen nordischen Abolitionisten, der durch seine Grundsätze seine Nachbarn in Gefahr bringe. Dann ging er auf die Begebenheit zwischen dem Mulatten Jerry und seinem Sohn Harry über, berichtete, welche Züchtigung er selbst über den Mulatten verhängt habe, und beschrieb das störrige, verstockte Benehmen desselben, sowie das seines Herrn während der Bestrafung.

"Diese Schacherer", sagte er, "kommen vom Norden wie eine Heuschreckenplage zu uns gezogen und wollen uns südlichen Rittern Gesetze vorschreiben, und wenn sie zu ohnmächtig sind, es offen und bei Tageslicht durchzusehen, so nehmen sie in dunkler Nacht den Feuerbrand in die Hand, um unser Eigenthum zu vernichten und uns Möglicherweise dadurch von Haus und Hof zu vertreiben!"

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Bei diesen letzten Worten wurde Williams durch die heftige Aufregung seiner Zuhörer, die sich durch wilde Drohungen, Schwüre und Flüche kund gab, unterbrochen, und erst nach einiger Zeit war er im Stande, seine Rede durch Schilderung des Brandes zu ihrem Ende zu führen. Er schloß mit dem Rufe: "Tod den Abolitionisten!" und mit demselben Rufe antwortete ihm einstimmig die ganze Versammlung.

Die stürmische Bewegung, die sich der Männer bemeistert hatte, schloß den Wenigen unter ihnen, welche mit Randolph befreundet waren und gern ein Wort zu seinen Gunsten vorgebracht haben würden, die Lippen. Man tobte, fluchte, drohte mit erhobenen Fäusten und stürmte plötzlich aus dem Hause nach den Bäumen, unter denen die Pferde befestigt standen. Nach wenigen Minuten waren alle in ihren Sätteln, auch Williams und seine Söhne Ashmore und Harry saßen zu Roß, und fort ging es im Galopp auf der Straße hin, welche nach Randolph's Niederlassung führte.

Die fliegende Bewegung, mit welcher sich die Reiter dem Platze näherten, wo sie den Gegenstand ihres Zorns erreichen würden, schien diesen immer noch mehr anzufachen, denn die Verwünschungen gegen Randolph und seine Sippschaft wurden immer lauter, immer stürmischer; an dessen Felde aber hielt Williams sein

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Pferd an und ermahnte zur Ruhe und zu einer würdigen, ernsten Haltung. Im Schritt und schweigend zog nun die Schaar an der Einzäunung hinauf nach den Blockhäusern, ohne daß sie von deren Bewohnern bemerkt worden wären. Erst als die Tritte der vielen Pferde auf dem harten Boden unter den Bäumen vor dem Hause laut wurden, kam Randolph in die offene Thür geeilt und schaute verwundert auf die zahlreichen bewaffneten Gäste, die ihm, wie es schien, einen Besuch abstatten wollten.

Der gewohnte Empfang: "Steigen Sie ab, meine Herren, und kommen Sie herein", erstarb auf Randolph's Lippen, als er Williams unter der Menge erkannte, und der Gedanke erschreckte ihn, daß dieser Mann möglicherweise, mit der Bestrafung seines Mulatten noch nicht zufrieden, die Sache dem Gerichte übergeben habe. Dennoch trat er festen Schrittes aus dem Hause und den Fremden entgegen und sagte zu denen, die ihm am nächsten hielten:

"Welcher Veranlassung habe ich diesen Besuch zu verdanken?"

Ein alter Pflanzer Namens Vaughan nahm das Wort und sagte, indem er vom Pferde stieg:

"Es liegt eine schwere Anschuldigung gegen Ihren Mulatten Jerry vor, und somit auch gegen Sie, Herr

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Randolph, denn der Eigenthümer des Sklaven ist für dessen Handlungen verantwortlich."

Während dieser Zeit hatte der Alte die Zügel seines Pferdes an einen Baum befestigt, trat nun mit der Büchse in der Hand vor den Farmer und sah ihn mit grollendem, strafendem Blick an.

"Ich sollte denken, dieses unbedeutende Vergehen wäre mehr als hinreichend bestraft, Herr, denn Jerry's Wunden, welche die Peitsche des Herrn Williams ihm schlug, sind kaum geheilt. Herr Williams hat sich für zufriedengestellt erklärt, die Sache ist vollständig abgemacht, und ich werde nicht erlauben, daß dem Mulatten noch ein Haar deshalb gekrümmt wird, und wenn die ganze County mir vor das Haus rückt!" antwortete Randolph auf das bestimmteste und blickte den Männern, die ihm gegenübergetreten waren, stolz und fest in die Augen. Da er aber zugleich gewahrte, daß eine Anzahl der Fremden mit der Waffe in der Hand links und rechts um das Blockhaus nach den Negerhütten eilte, so wandte er sich nach ihnen um und rief ihnen laut zu:

"Bleiben Sie aus meinem Eigenthume; wenn Sie mich sprechen wollen, so werde ich Ihnen hier Rede und Antwort stehen!"

"Sie scheinen Ihren Sklaven schlecht zu

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beaufsichtigen, Herr Randolph", fuhr Vaughan fort, "sonst könnte derselbe nicht in tiefer Nacht das Eigenthum Ihrer Nachbarn in Brand stecken."

"Ich verstehe Sie nicht, Herr, und muß Sie bitten, sich klar und deutlich auszusprechen, da ich nicht Willens bin, diese Possen länger mit anzusehen. Was wollen Sie hier?"

"Gericht wollen wir halten über Ihren Mulatten und über Sie selbst", schrie ein wüst und liederlich aussehender Mensch aus der Schaar; "über den Mulatten, weil er in vergangener Nacht das Lagerhaus des Herrn Williams mit sämmtlichen Vorräthen niedergebrannt hat, und über Sie wollen wir richten, weil der Sklave nur Ihr Werkzeug bei der That war."

"Gott Lob, es gibt noch Gesetz in diesem Lande und Gerechtigkeit gegen solche nichtswürdige Beleidigungen; ich mache Sie hiermit sämmtlich verantwortlich für Ihre Gewaltthat, mit bewaffneter Macht meinen Hausfrieden zu stören", rief Randolph in höchster Entrüstung aus und wollte in seine Wohnung zurückgehen, als der wüste Bursche auf ihn zutrat und mit den Worten: "Halt hier, Sie stehen vor Gericht!" ihn bei der Schulter faßte.

Randolph aber stieß den Angreifer mit solcher Gewalt von sich, daß derselbe zurücktaumelte und zu Boden

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stürzte, und in demselben Augenblick sprang sein Sohn Albert mit zwei Doppelflinten in den Händen an seine Seite, reichte ihm die eine und hob die andere drohend gegen die Fremden auf.

"Ruhig, Albert, das Gesetz ist eine stärkere Waffe als unsere Flinten; trage sie in das Haus zurück", sagte Randolph zu seinem Sohne und reichte ihm das Gewehr, welches er, ohne es zu wollen, ergriffen hatte.

"Hängt ihn!" schrie jetzt der wüste Kerl, sich vom Boden aufraffend, und derselbe Ruf wurde von der größern Zahl seiner Gefährten wiederholt, als Vaughan, der alte Pflanzer, mit lauter Stimme Ruhe gebot und dann zu Randolph sagte:

"Wo ist ihr Mulatte? Lassen Sie ihn hierher kommen, damit wir ihn vernehmen können."

"Das steht nicht in meiner Macht, denn derselbe ist gestern Morgen frühzeitig nach Frankfort geritten, hat vergangene Nacht dort geschlafen und wird erst heute Abend spät hierher zurückkommen", antwortete Randolph mit lauter verdammender Stimme und ließ seinen Blick drohend über die Versammlung schweifen, bis er auf Williams haften blieb.

Dieser erschrak sichtbarlich, im nächsten Augenblick aber rief er aus: "Elende Ausflüchte! Der Kerl ist in Sicherheit gebracht, aber der Herr, in dessen Auftrag er

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handelte, ist noch in unserer Gewalt. Lassen Sie uns Gericht über ihn halten!"

Randolph warf ihm statt einer Antwort einen Blick tiefster Verachtung zu und wandte sich dann wieder zu Vaughan mit den Worten:

"Wie ich Ihnen gesagt habe, der Mulatte ist augenblicklich auf der Rückreise von Frankfort hierher, und wenn Ihnen daran liegt, sich von der Wahrheit meiner Aussage zu überzeugen, so mögen einige der Herren ihm entgegenreiten und ihn wieder nach Frankfort zurückbringen. Dort wird es ihnen ein Leichtes sein, durch viele Zeugen festzustellen, daß er daselbst übernachtet hat, und ein besserer Beweis seiner Unschuld an dem Brande in dieser Nacht ist wohl nicht denkbar, da er nicht zugleich dort und hier gewesen sein kann."

Die strengen, zornigen Züge des alten Pflanzers nahmen bei diesen Worten Randolph's einen andern Ausdruck an; Reue, Verlegenheit und Scham mischten sich in denselben, und indem er sich nach seinen Gefährten wandte, sagte er:

"Das ändert die Sache, meine Herren, die Anklage war falsch und wir sind zu voreilig gewesen. Wenn der Mulatte die Nacht in Frankfort zugebracht hat, so kann er unmöglich hier Feuer angelegt haben. Lassen Sie uns nach Hause reiten."

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"Herr Vaughan", fiel ihm Randolph in das Wort, "ehe Sie mich verlassen, erlauben Sie mir noch einige Worte. Wenn der Zufall es nicht gewollt hätte, daß der Sklave die Nacht in Frankfort verbrachte, und Sie hätten ihn hier getroffen, so würden Sie ihn gehangen und wahrscheinlich auch mir ein Leids angethan haben; ich frage Sie, wie hatten Sie diesen Mord, dieses Verbrechen vor dem Gesetze, vor Ihrem eigenen Gewissen, vor Gott entschuldigen wollen? Was hätte der Mann, der Sie zu solcher Gräuelthat veranlaßte, verdient, und was verdient er jetzt dafür, daß er Sie zu solcher That hat verleiten wollen?"

Eine Todtenstille trat ein, man sah nach Williams hin, und in der Mehrzahl der Blicke, die ihn trafen, lagen Vorwürfe und Anklagen.

"Der Verdacht sprach laut und deutlich gegen den Mulatten", sagte dieser verlegen.

"Doch nicht gegen Herrn Randolph, wie Sie uns glauben machten", antwortete ihm ein junger Farmer.

"Herr Randolph ist ein Ehrenmann", sagte ein anderer noch lauter.

"Ein zehnmal besserer Mann als Williams", schrie ein dritter, und "Hurrah für Randolph!" rief die Menge, sich um ihn drängend, und mit Ausnahme Weniger reichten die Männer ihm die Hand

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und baten ihn um Verzeihung für ihr unüberlegtes Handeln.

"Herr Williams", sagte Randolph jetzt zu diesem, "Sie sind für ihr Verfahren gegen mich dem Gesetz und nach demselben schwerer Strafe verfallen, damit Sie aber einsehen lernen, daß in der nordischen Krämerseele mehr wirklicher Adel lebt als in Ihnen, dem südlichen Ritter, so verzeihe ich Ihnen. Wollen Sie sich aber künftig gegen solchen Schaden schützen, wie Ihnen in vergangener Nacht zugefügt wurde, so behandeln Sie Ihre eigenen Sklaven menschlicher, als Sie es bisher thaten."

Hierauf wandte er sich von ihm ab, erwiderte artig noch die Abschiedsgrüße mehrerer der Männer und ging dann mit seinem Sohne Albert an der Hand in sein Blockhaus zurück.

Während dieser Zeit hatten die Fremden sämmtlich ihre Pferde bestiegen, ritten aber nicht, wie sie gekommen waren, zusammen, fondern einzeln in kleinen Abtheilungen davon. An Williams schloß sich Niemand an als seine beiden Söhne, und keiner der Männer würdigte ihn eines Abschiedsgrußes.

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Drittes Kapitel.

Der große Verlust, den Williams erlitten hatte, zog noch schlimmere Folgen für ihn nach sich, denn kaum wurde es bekannt, daß seine bedeutenden Vorräthe von Tabak verbrannt seien, so traten seine Creditoren auf und verlangten Zahlung für ihre Guthaben. Williams suchte sie zu beschwichtigen und als hochstehender Mann durch sein vornehmes Wort zu beruhigen, er wollte sie auf die nächste Ernte vertrösten und sprach von bedeutenden Summen, die man ihm in den Seestädten schulde, die aber erst im kommenden Jahre fällig würden. Alles war aber umsonst, die Gläubiger bestanden auf baarer Zahlung oder guter Sicherheit für ihre Forderungen. Um gerichtliches Einschreiten zu vermeiden, entschloß sich Williams endlich, sein ganzes Grundeigenthum zu verpfänden, seine werthvollen Zuchtstuten, von welchen er die prächtigsten Maulthiere im Lande zog, zu verkaufen und zuletzt auch seine Sklaven als Sicherheit für seine Schulden zu verschreiben.

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Der Ehrenschein, die Herrlichkeit, welche Williams bis jetzt umgaben und ihn über seine Mitbürger erhoben hatten, waren verschwunden, er war nicht mehr reicher, war nicht mehr ehrenwerther als sie, und wenn früher seine alte vornehme Abkunft ihre Achtung vor ihm noch erhöht hatte, so wurde sie jetzt das Werkzeug ihres Witzes, ihres Spottes.

Vergebens suchte Williams das Wahre seiner Lage vor seiner Gattin zu verbergen, sie sah und hörte Alles, was geschah, und als er eines Abends auffallend trübe gestimmt nach Hause gekommen war und das Abendbrod schweigend und in Gedanken versunken eingenommen hatte, trat sie liebevoll zu ihm, legte ihren Arm in den seinigen und sagte:

"Warum bist Du nicht offen gegen mich, Williams? Warum theilst Du Deine Sorgen, Dein Leid nicht mit mir, sowie Du mir Deine Freude, Dein Glück sonst entgegentrugst? Wo kannst Du Deinem Herzen wohl durch Mittheilung mehr Erleichterung verschaffen, als bei Deiner treuen Lebensgefährtin? Ich weiß es ja doch, daß es schlimm mit uns steht, und dieses Wissen aus andern Quellen als von Deinen Lippen ist qualvoll und ängstigend für mich. Laß uns Gutes und Böses immer zusammen tragen!"

"Warum soll ich Dich mit unangenehmen Dingen

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plagen, an denen Du doch nichts ändern kannst, und warum unnöthig Dir Sorgen aufbürden?" entgegnete Williams ablehnend.

"Die Ansicht einer Frau ist oftmals unbefangener und darum richtiger als die des Mannes selbst, jedenfalls aber erleichtert Mittheilung im Unglück das Herz, und uns beiden ist das Herz in letzter Zeit sehr schwer gewesen. Komm, Williams, sei offen und sage mir Alles, was Dich bekümmert."

Mit diesen Worten zog die Frau ihren Gatten neben sich in das Sopha, und dieser gab ihr nun einen Umriß von der Lage, in der er sich befand. Sie hörte ihm, ohne ihn zu unterbrechen, zu, und als er endlich schwieg, sagte sie:

"So laß uns jetzt überlegen und handeln, Williams; wir dürfen nicht unthätig und muthlos abwarten, bis das Haus über uns zusammenfällt. Wir wollen uns einschränken, wollen alle unsere Kräfte in Bewegung setzen und uns wieder in die Höhe arbeiten. Denke nur, wie viele Tausende ohne alle Mittel, ohne alle Hülfe beginnen und reich werden, warum sollten wir es nicht ebenso gut dahin bringen?"

"Weil uns die Zinsenlast unserer Schulden bei aller Arbeit nicht aufkommen läßt", entgegnete Williams finster.

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"Doch, Williams, nur müssen wir unsere Ausgaben beschränken. Vor allem laß uns aber an Ashmore und Harry denken, damit wir sie auf den Weg führen, selbst in rechtschaffener Weise ihr Brod zu verdienen. Wir haben sie erzogen, als könnten wir ihnen Millionen hinterlassen, sie sind daran gewöhnt, jede ihrer Liebhabereien zu befriedigen, ohne dafür zu arbeiten, und was werden sie später thun, wenn sie einst ohne Mittel und ohne Kenntnisse auf sich selbst beschränkt in die Welt treten? Nichts Gutes, Williams, und wen trifft dann die Verantwortung dafür? Laß sie ein Geschäft lernen, welches es auch sei; es ist das beste Kapital, das wir ihnen mitgeben können."

"Geschäft!" antwortete der Mann finster; "ein Williams soll Krämer oder Handwerker werden?"

"Aber, Williams, sind nicht unsere größten Männer Kaufleute?"

"Dazu gehört Kapital, und das kann ich den Jungen nicht mitgeben. Mögen sie es dann lieber machen wie unsere Vorfahren und mit der Büchse und dem Pflug an die Frontier gehen, dort finden sie ihr Brod."

"Bleibt ihnen denn dieser Weg nicht später immer noch frei, wenn ihnen das Glück den Rücken kehrt, und haben nicht die größten Geschäftsmänner als Lehrlinge und mit nichts angefangen? Höre mich, Will[i]ams! Du

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hast so viele gute Freunde in den großen Städten, die sich eine Freude daraus machen werden, Deine Söhne in ihr Geschäft zu nehmen; versuche es und gib Deinen Kindern die Gelegenheit, selbst sich emporzuarbeiten, da wir nicht im Stande sind, ihnen eine ruhige, sorgenfreie Zukunft zu schaffen."

Die unermüdlichen Vorstellungen der Frau siegten endlich über den Stolz und die Vorurtheile ihres Gatten und er versprach ihr, an seine Freunde in Neuyork und in Neuorleans zu schreiben und für Ashmore und Harry Stellen in deren Geschäften auszumachen. Er hielt auch Wort, und noch vor Eintritt des Winters reiste Ashmore, der ältere Sohn, nach Neuyork, um dort in eine bedeutende überseeische Handlung einzutreten, während Williams seinen Liebling Harry selbst nach Neuorleans bringen wollte, wo einer seiner alten Freunde, ein Herr Morgan, ihm zugesagt hatte, den Knaben in die Lehre zu nehmen.

Morgan's Geschäft war keins der größern in jener Stadt, es beschränkte sich auf den Handel mit dem Innern des Landes, von wo ihm die mächtige Pulsader, der Mississippi, Produkte zuführte und wohin er Waaren aller Art für die Bedürfnisse der Landbewohner sandte. Es zählte aber zu den solidesten Geschäften Und Morgan genoß den Ruf eines ausgezeichneten

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Kaufmanns. Außerdem war er ein Mann von anerkannt guten Grundsätzen und achtungswerthem Charakter, sodaß Williams ihm seinen Lieblingssohn mit vollkommenster Ruhe anvertrauen konnte.

Alle Vorbereitungen zu der Reise waren getroffen. Madame Williams hatte mit größter Sorgfalt die Ausstattung ihres liebsten Kindes beendet, und sie hatte nichts weiter mehr hinzuzufügen, als ihre dringendsten Ermahnungen zum Guten und ihren herzinnigsten mütterlichen Segen.

Der Tag vor der Abreise ging zur Neige, die Abendmahlzeit war gehalten, und Williams war auf die Treppe vor dem Hause getreten, um mehreren Negern noch seine Befehle zu geben, als Madame Williams den Augenblick benutzte, ihren Arm um Harry's Schultern legte und ihn nach ihrem Gemache führte. Unter Thränen erinnerte sie ihn dort an die schweren Schicksale, die seinen Vater in letzter Zeit heimgesucht, und beschwor ihn, nun um so mehr Alles aufzubieten, um demselben Freude zu machen und im Nothfalle bald seine Stütze werden zu können. Dann ermahnte sie ihn ernst und feierlich, Gott im Herzen zu tragen und seiner bei Allem zu gedenken, was er thun, was er unternehmen würde. Endlich gab sie ihm ihren Muttersegen, schloß ihn heiß und innig an ihr Herz und benetzte unter Küssen seine Wangen mit ihren Thränen.

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"Nun gehe zur Ruhe, mein Herzenssohn, damit Du morgen früh Deinem neuen Lebensziel recht frisch und stark entgegeneilst", sagte die liebende Mutter, indem sie Harry entließ und in der Thür nochmals ihre Lippen auf seine Stirn drückte.

Harry aber ging nicht nach seinem Zimmer, sondern in den Salon, um zu sehen, ob sein Vater sich noch dort befände.

"Leg Dich schlafen, Harry", sagte dieser, "wir müssen morgen zeitig heraus, damit wir früh nach Frankfort kommen, wo ich noch mehrere Geschäfte abzumachen habe, ehe wir nach Louisville weiter reisen können."

Harry wünschte ihm hierauf eine gute Nacht und begab sich auf sein Zimmer, wo er bald darauf sein Licht auslöschte. Statt aber zu Bett zu gehen, legte er sich in das Fenster und schaute nach dem dichten Laube einer Ulme, die dem Schlafgemach seiner Aeltern gegenüber stand und auf welche der Lichtschein aus dessen Fenster fiel.

Endlich verdunkelte sich der Baum. Harry ergriff seinen Hut, und lautlosen Trittes eilte er aus dem Zimmer und aus dem Hause, warf noch einen flüchtigen Blick nach dem Schlafgemach seiner Aeltern und rannte dann, wie vom Wind getragen, durch den Park und auf der Straße fort nach der Farm des Herrn Baxton, denn

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dessen schönes Mulattenmädchen Molly hatte ihm versprochen, ihm halbwegs entgegenzukommen, um den letzten Abschied von ihm zu nehmen.

Der Morgen war da, doch der Tag graute noch nicht, als in den Zimmern der Dienerschaft in Williams' Hause Licht gemacht wurde und in der Küche das Kaminfeuer unter den schwarzen Händen der Köchin aufloderte, die das Frühstück für die Herrschaft bereiten wollte.

Da kam Harry fliegenden Laufes herangeeilt und spähte schon von weitem nach dem Schlafzimmer seiner Aeltern.

"Sie schlafen noch!" sagte er halb athemlos, eilte vorwärts und sprang wenige Augenblicke später die Treppe hinauf in den Salon. Er hatte die entgegengesetzte Thür erreicht, als dieselbe sich vor ihm öffnete und die Kammerfrau seiner Mutter mit einem Licht in der Hand vor ihm stand.

Beide fuhren erschrocken zurück und starrten einander verwundert an.

"Mein Gott, junger Herr, wo kommen Sie denn schon her?" fragte die Negerin in höchstem Erstaunen.

"Wenn Du ein Wort sagst, so schieße ich Dich todt!" entgegnete Harry mit unterdrückter Stimme, machte ein heftige drohende Bewegung mit der Faust nach der

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Sklavin hin und schoß an ihr vorüber nach seinem Zimmer. Er warf seine Kleidung von sich, sprang in das Bett und hatte nur wenige Minuten gelegen, als die Zimmerthür sich öffnete und Williams mit den Worten hereintrat:

"Halloh, Harry, schläfst Du noch? Es ist Zeit, daß wir uns rüsten!"

Dann verließ er das Gemach wieder, und Harry beeilte sich, seine Toilette zu machen und dann seinen Koffer zu packen.

Als er in den Salon trat, wo der Frühstückstisch bereits gedeckt war, kam seine Mutter auf ihn zu, strich mit der Hand über seine Locken und küßte ihn auf die Stirn, worauf sie sagte:

"Hast Du gut geschlafen, Harry, und hast Du von Deiner Mutter geträumt, die Du jetzt verlassen willst?"

"Sehr gut, liebe Mutter", antwortete Harry, indem er dieser die Hand drückte, zugleich aber einen verstohlenen drohenden Blick auf die Kammerfrau warf, die vor dem Tische stand und nach ihm hinsah.

Madame Williams wiederholte nun nochmals die Ermahnungen, die sie Harry am Abend vorher gegeben hatte, bis ihr Gemahl in das Zimmer trat und an dem Frühstückstische Platz nahm.

Nach beendetem Mahle fuhr der Wagen vor, der

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Harry davontragen sollte; noch einmal drückte die Mutter ihren Lieblingssohn an ihr Herz, der letzte Abschied ward genommen, auch die Dienerschaft sagte ihrem jungen Herrn Lebewohl, und unter tausend Segenswünschen bestieg er mit seinem Vater das leichte offene Fuhrwerk. Fort trabten damit die davorgespannten mächtigen Braunen, und solange Madame Williams ihrem theuern Kinde noch mit dem Blicke folgen konnte, wehte sie ihm mit ihrem thränenfeuchten Tuche ihre Grüße, ihren Segen nach.

Am zweiten Abend langten die Reisenden in Louisville an und bestiegen am folgenden Morgen dort ein Dampfboot, auf dem sie ohne Aufenthalt Neuorleans erreichten.

Morgan, welcher in frühern Jahren in der Nachbarschaft des Herrn Williams gewohnt hatte, freute sich sehr, ihn wiederzusehen, bewillkommnete ihn und seinen Sohn aufs herzlichste und versprach diesen wie sein eigenes Kind zu behandeln.

Schon am nächsten Tage trat Harry in das Geschäft ein und machte durch sein gewandtes, liebenswürdiges Wesen, sowie durch seine ungewöhnlich schöne Handschrift einen sehr angenehmen Eindruck auf seinen Lehrherrn.

Williams, der mehrere Tage in der Stadt

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verweilte, fühlte sich durch das Lob, welches sein Freund Morgan über seinen Sohn aussprach, sehr geschmeichelt und bemerkte mit stolzer Zufriedenheit:

"Ja, Freund Morgan, Harry ist auch nicht von dem gewöhnlichen Schlag, er ist ein echter Williams!"

In der That hatte aber Morgan auch alle Ursache, mit seinem neuen Zögling zufrieden zu sein, denn es bedurfte nur der leisesten Anweisung, um ihn Alles nach seinem Wunsche thun zu lassen. Harry war augenscheinlich in die ihm von der Natur angewiesene Lebensbahn eingetreten, für die sie ihn mit den glänzendsten Anlagen ausgestattet hatte. Er begriff außerordentlich leicht, erkannte bald den Unterschied in der Qualität der Waaren, rechnete im Kopf mit größter Schnelligkeit, besorgte alle ihm ertheilten Auftrage immer rasch und genau, und wo bei deren Ausführung seinem eigenen Urtheile ein Spielraum gelassen wurde, entschied er stets zum größten Beifall seines Principals. Sein angenehmes Aeußeres aber und namentlich sein liebenswürdiges, freundliches Benehmen machten sich bald für das Geschäft werthvoll geltend, denn Jedermann gewann ihn lieb und wollte nur von ihm kaufen und mit ihm handeln. Morgan pflegte, wenn es einmal in dem Gewölbe an Käufern mangelte, scherzweise zu sagen: "Harry, Sie brauchen sich nur in die Thür zu stellen

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und wir haben gleich so viele Kauflustige, wie wir uns wünschen können."

Unter der Damenwelt aber insbesondere erregte der auffallend schöne junge Mensch bald sehr großes Aufsehen, denn in der Mittagszeit, um welche in der Regel das Geschäft für einige Stunden ruhte und wo das Haus schon Schatten auf das Trottoir davor warf, stellte er sich gewöhnlich vor die Thür und unterhielt sich damit, die schöne Welt an sich vorüberwandeln zu lassen. Er trug die sauberste, blendend weiße Wäsche, war immer in weißes oder doch hellfarbiges Leinenzeug gekleidet und hatte den besten Schneider in der Stadt. Weit mehr aber als seine gewählte, sorgfältig und doch dem Anschein nach nachlässig getragene Kleidung fiel sein natürlicher vornehmer Anstand auf, den er, ohne es zu wissen, in jeder seiner Bewegungen zeigte. Es war ihm so oft gesagt worden, daß er ungewöhnlich schön sei, ja, noch täglich wurde ihm dies, wenn auch

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nicht mehr mit Worten, bemerkbar gemacht, und der Spiegel bewies es so unbestreitbar, daß man sich nicht darüber wundern konnte, wenn Eitelkeit ein Hauptzug in seinem sich entwickelnden Charakter wurde. Seine aristokratischen weißen Hände pflegte er mit Sorgfalt, seine Hauptaufmerksamkeit aber verwandte er auf sein mächtiges Haar, welches, in natürlichen vollen Locken seinen schönen Kopf schmückte. Mit seiner Eitelkeit aber war noch kein Eigeninteresse verbunden, er wollte durch seine körperlichen Vorzüge nichts erreichen, er war nur eitel, weil es ihm Vergnügen gewährte, zu gefallen. Herrn Morgan machte es Freude, diesen netten jungen Burschen in seinem Geschäft zu haben, und anstatt dessen Eitelkeit zu steuern und ihn von den vielerlei großen und kleinen Ausgaben, wozu sie ihn verleitete, abzuhalten, bestärkte er ihn selbst darin und setzte ihm schon bald nach seinem Eintritt in das Geschäft neben dem Taschengeld, welches er ihm für seines Vaters Rechnung zahlte, selbst noch einen kleinen Gehalt aus. Eine goldene Kette an seine silberne Uhr, ein goldener Siegelring und eine solche Tuchnadel waren sehnlichst erwünschte Gegenstände, die Harry sich sogleich auf seinen Gehalt hin anschaffte und die er mit so viel anscheinender Nachlässigkeit trug, als ob sie gar keinen Werth für ihn hätten.

Durch die zunehmende Selbstständigkeit und wirkliche Gediegenheit, mit der Harry, so jung er auch noch war, seine Stelle von Tag zu Tag mehr ausfüllte, trat er auch täglich mehr aus den Kinderschuhen heraus. Seine ganze Wirksamkeit war die eines Erwachsenen. Man wandte sich an ihn wie an einen Erwachsenen, er sprach und handelte so, und seinem Gefühl nach war er auch schon erwachsen, obgleich er mit Leidwesen noch zu den Männern

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emporblicken mußte, so hohe Absätze er auch unter seinen Schuhen trug, und obgleich er auch zu seinem großen Verdruß immer noch keine Vorboten eines Bartes an seinem Kinn entdecken konnte.

Seine geschäftliche Stellung aber beseitigte mehr oder weniger den Unterschied der Jahre zwischen ihm und denen, mit welchen er zu verkehren hatte. Infolge hiervon wurde er mit vielen Leuten näher bekannt und vertraut und erhielt vielseitig Einladungen von denselben. Bald holte man ihn am Sonntag nachmittags in einem Cabriolet ab, um eine Fahrt auf der Muschelstraße durch den Sumpfwald bei der Stadt zu machen, bald nahm man ihn abends mit in den Circus, in das Theater oder in einen Austernkeller, und Bekannte, die ihm im Alter nicht so fern standen, führten ihn sogar in die weltberühmten Quadronenbälle von Neuorleans ein. Unter den Einladungen, die Harry zu Theil wurden, kamen auch mehrere von Freunden des Herrn Morgan, die ihn in ihre Familien einführten und wo er alsdann nach Landessitte ein- für allemal für jeden Abend willkommen geheißen wurde, um unter der Veranda oder im Garten ein Plauderstündchen zu halten, eine Promenade auf dem Werfte am Flusse hinauf zu machen oder aber mit den jungen Damen in die Abendkirche zu gehen.

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Wo er in einer Familie erschien, wurde er gern gesehen; die jungen Schönen fühlten sich diesem bartlosen reizenden Bürschchen gegenüber weniger genirt und verlegen, sie wurden unglaublich schnell mit ihm bekannt und vertraut, zumal da Harry schon einige Vorkenntnisse im Umgange mit dem zarten Geschlecht mit nach Neuorleans gebracht hatte, und sie entschuldigten es gern mit seiner Jugend, seiner kindlichen Unschuld, wenn er sich verstohlen kleine Freiheiten erlaubte, die sie heirathsfähigen Jünglingen oder Männern nicht hätten verzeihen dürfen. Er war ja in der That nur noch ein Kind, welches darum gern küßte, weil ihn vielleicht seine Mutter oder auch seine Amme so sehr viel geküßt hatte. Wie gesagt, Harry war von den Mädchen gern gesehen, kam aus einer Familie in die andere und war bald der Liebling nicht allein der jungen Damenwelt, sondern auch von Schönen reifern Alters und reiferer Erfahrung, die sich gern von ihm in die Kirche begleiten ließen, bei sich zu Hause seine Besuche empfingen und seinem mitunter noch kindischen Benehmen durch liebevolle Winke, Belehrungen und Anweisungen mehr eine männliche Festigkeit zu geben suchten.

Während Harry in seiner vielseitigsten Ausbildung mit Riesenschritten vorwärts ging, wollte sich über dem Hause Williams kein Glücksstern wieder zeigen. Freilich

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brachten die lobenden Berichte über Harry freudige Augenblicke in seine Familie. Herr Williams empfing sie mit Stolz und Genugthuung und seine Gattin las sie unter Freudenthränen und leisen Dankgebeten zum Himmel, aber diese Freude, dieses Glück wurde immer bald wieder durch die Bedrängnisse von ihnen gescheucht, welche ihre zerrütteten Vermögensverhältnisse über sie brachten.

Williams hatte seinen bedeutenden Grundbesitz mit Haus und Hof und sein ganzes Inventar mit Vieh, Pferden und Maulthieren denjenigen seiner Gläubiger verschrieben, welche in Danville und in der nahen Umgegend wohnten, seine Neger aber, noch einige sechzig an der Zahl, waren einem seiner bedeutendsten Creditoren, einem alten Freunde in Richmond in Virginien, als Sicherheit für seine Forderung verpfändet. Dieser Freund hatte Williams das bedeutende Kapital auf dessen Bitte mit Freuden vorgestreckt, ohne dafür eine Sicherheit zu fordern, weil jener ihm versprach, dasselbe sofort nach Verkauf seiner Tabake zurückzuzahlen; als diese aber verbrannt waren, hatte Williams ihm schnell seine sämmtlichen Neger gerichtlich verschrieben, damit seine andern, ihm weniger befreundeten Kreditoren keinen Beschlag auf dieselben legen könnten. Er hatte ihm dies sofort mitgetheilt und von ihm eine dankende Anerkennung für seine

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freundschaftliche Fürsorge empfangen, sowie die Weisung, ihm das Kapital ganz nach seiner Bequemlichkeit zurückzuzahlen.

So standen Williams' Vermögensangelegenheiten im Frühjahr, als die Vorbereitungen zu einer neuen Ernte getroffen werden mußten. Er rechnete und rechnete, konnte aber kein günstiges Resultat von derselben erwarten. Die Zinsen, die er zu zahlen hatte, waren zu bedeutend, als daß er selbst bei der reichsten Ernte und den höchsten Preisen ernstlich ans Abtragen seiner Schulden hätte denken können, und sollte eine Mißernte eintreten, so würde er nicht einmal im Stande sein, die Zinsen zu bezahlen.

Mit finstern, trüben Ahnungen bewegten sich seine Gedanken in den Grenzen seines Eigenthums und schweiften oft über sie hinaus in die Ferne, um ein Stück Erde zu erspähen, wo er wieder die goldene Vergangenheit zur Gegenwart machen könnte.

Es gab ein Land, welches nach Allem, was man bis jetzt davon wußte, zu solchen, hochfliegenden Hoffnungen berechtigte, welches bei halber Arbeit doppelte Ernten lieferte, welches nicht mit dem Fluch verheerender Krankheiten belastet war und welches einen schuldbeladenen Fremden als schuldfreien Bürger in sich aufnahm. Dieses Land war Texas, welches mit Coahuila einen

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Staat der neuen Republik Mexico bildete, dem aber das Recht zustand, sobald seine Bevölkerung bis zu einer bestimmten Zahl herangewachsen war, sich von Coahuila zu trennen und einen Staat für sich zu bilden. Um seine Seelenzahl nun rasch zu vergrößern, hatte Texas ein Gesetz erlassen, welches jedem Fremden das Recht gab, sich dort anzubauen, und welches ihn während der ersten zehn Jahre von allen Abgaben befreite. Sein Boden war fruchtbarer als der irgend eines andern südlichen Staates Amerikas, seine Weiden fanden an Reichthum nirgends ihresgleichen, und vor allem war es das einzige wirklich gesunde Land des weiten amerikanischen Südens. Freilich bestand es noch aus einer hier und dort unterbrochenen Wildniß, nur an der Golfküste und von dort aus an den Flüssen hinauf befanden sich einzelne Ansiedlungen, und die wildesten, kriegerischsten Indianer durchschwärmten sengend und mordend diese Gegenden; was waren dem Amerikaner aber alle Beschwerden, alle Entbehrungen und alle Gefahren, wo solche Vortheile, solche Aussichten, mit wenig Mühe reich zu werden, ihm geboten, wurden! Kaum war das Gesetz zur Beförderung der Einwanderung in Texas erschienen und in den Vereinigten Staaten bekannt geworden, als Tausende von Amerikanern aufbrachen und nach diesem gepriesenen Lande wanderten. Es waren aber nicht alleine

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die Vorzüge des Bodens und des wunderbar schönen Klimas, welche diese zahlreichen Wanderungen veranlaßten, Texas bot noch andere Vortheile, die für viele Amerikaner von noch weit größerer Wichtigkeit waren: man konnte dort weder wegen Schulden noch wegen Vergehen gegen das Gesetz verfolgt werden. Alle, welche in den Vereinigten Staaten ihren Creditoren entgehen oder der Gerechtigkeit entlaufen wollten, eilten über die Grenze nach Texas und fanden dort einen Freihafen, in dem sie ohne alle Verantwortlichkeit für ihr bisheriges Leben ein neues beginnen konnten.

Die Berichte über dies herrliche Land füllten mehr und mehr die Zeitungen in den Vereinigten Staaten, und Privatnachrichten der ersten dorthin Ausgewanderten wurden immer häufiger veröffentlicht. Alle Mittheilungen darüber lauteten überaus günstig, und während anfangs nur von dem Schicksal schwer Verfolgte oder dem Gesetze Verfallene sich zu dem Wagniß, nach Texas zu gehen, entschlossen, begannen jetzt Leute dorthin zu ziehen, die eine sorgenfreie glückliche Existenz in ihrer Heimat dafür aufgaben.

Die Wunder von Texas waren in ihren Beschreibungen auch nach dem alten Kentucky gedrungen, und Williams las mit immer größerer Spannung, mit immer regerem Interesse die Berichte darüber.

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Das reichste Land konnte er dort zu einem Spottpreise bekommen, seinen Viehstand konnte er ohne alle Kosten unbegrenzt vermehren, weil die Weide jahraus jahrein frisch und grün blieb, und wenn er, statt Tabak hier, dort Baumwolle pflanzte, so steigerte sich sein Gewinn auf das Sechsfache.

Der Entschluß, dorthin auszuwandern, reifte schnell in ihm, und nur die Art und Weise, wie er es ausführen sollte, beschäftigte noch seinen Geist. Zu diesem Ende sprengte er selbst aus, er habe am Mississippi eine Plantage gekauft, wohin er bald mit Familie und Negern zu ziehen beabsichtige. Seine Gläubiger in der Nähe waren durch Pfänder für ihre Forderungen sicher gestellt, und es konnte ihnen gleichgültig sein, was er mit den Sklaven beginnen würde. Er unternahm zum Schein mehrere Reisen nach besagter Plantage und sprach dann bei seiner Rückkehr allenthalben von dem vortheilhaften Handel, den er beim Ankauf derselben gemacht habe.

Seine Gläubiger unterrichtete er selbst davon, daß er bald auf sein neues Gut übersiedeln werde und daß er seinen Rechtsanwalt bevollmächtigt habe, seine Besitzung in Kentucky zu verpachten, weil er dieselbe nicht verkaufen, sondern für einen seiner Söhne behalten wolle; die Schulden, welche darauf hafteten, werde er in kurzer

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Zeit abtragen. So machte er seine beabsichtigte Auswanderung bekannt, ohne daß Jemand etwas Auffälliges darin finden konnte, im Gegentheil, durch den erdichteten Ankauf der sehr werthvollen Plantage, die er mit dem vollen dazu gehörigen Inventar erstanden haben wollte, von der aber Niemand wußte, in welcher Gegend sie lag, hatte er sich wieder neuen Credit geschaffen. Einem ihm befreundeten Advocaten übertrug er seine Geschäftsangelegenheiten unter Generalvollmacht, ließ ihn aber gleichfalls im Unklaren darüber, wo seine neue Besitzung liege. Er nahm Abschied von seinen Nachbarn mit der Versicherung, daß er recht oft sie besuchen und daß er in ein paar Jahren seinem Sohne Ashmore den hiesigen Familiensitz übergeben werde, ließ die Gegenstände, die er mitnehmen wollte, im Stillen nach Louisville fahren und plötzlich brach er selbst mit Frau und Kindern und von sämmtlichen Negern gefolgt dorthin auf, während er zugleich die Schlüssel zu seinen Häusern seinem Anwalt übersandte. In Louisville bestieg er das Dampfboot, auf dem er die Fahrt bis Neuorleans bedungen hatte, und langte nach Verlauf von einer Woche wohlbehalten in dieser Stadt an.

Das stürmische Geschäftsgewühl, welches hier während der letzten acht Monate geherrscht hatte, war verwogt, die meilenlange Reihe von Schiffen, die sich vor

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der Stadt am Ufer des Mississippi hinaufgezogen hatte, war sehr gelichtet, die Werfte von Gütern entblößt und die Straßen waren menschenleer; denn die heiße Jahreszeit hatte begonnen und der grimme Feind, das gelbe Fieber, wurde täglich erwartet. Die vielen tausend Kaufleute, welche das Riesengeschäft nach der halben Welt von hier aus geleitet hatten, waren wie Zugvogel nach Norden gereist die unermeßlich reichen Creolenfamilien, welche während der Wintermonate hier geglänzt hatten, auf ihre Plantagen zurückgekehrt, und die wohlhabenden Bürgerfamilien von Neuorleans selbst hatten sich nach den schönen bewaldeten Ufern der nahen herrlichen Landseen begeben, um dem Fieber aus dem Wege zu gehen und sich von der geleisteten rastlosen Arbeit zu erholen.

Auch Herr Morgan wohnte mit seiner Familie schon seit einer Woche an dem prächtigen Ponchartrainsee und hatte Harry in der Stadt zurückgelassen, damit derselbe dort sein Eigenthum wahre und den wenigen Geschäften vorstehe, welche noch zu besorgen sein sollten.

Williams hatte seinen Sohn von seinem Vorhaben und von der ungefähren Zeit, wann er in Neuorleans einzutreffen denke, unterrichtet, und als er gelandet war und kaum seine Effecten auf das Werft geschafft hatte,

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kam Harry in einem Miethwagen angefahren, um die Seinigen zu bewillkommnen.

Mit Erstaunen blickten die Aeltern ihm entgegen, sie trauten ihren Augen nicht, sie konnten es nicht begreifen, daß dieser elegante junge Gentleman ihr Knabe Harry sein sollte. Harry aber schien ihre Verwunderung nicht zu bemerken, seine Eitelkeit wich dem kindlichen Gefühle der Liebe zu seinen Aeltern, er flog zuerst der Mutter in die Arme und unter Freudenthränen preßte sie ihn an ihr Herz. Dann empfing ihn sein Vater in gleich freudiger, herzlicher Weise und seine Geschwister umarmten und küßten ihn jubelnd und jauchzend.

Nach dem ersten Bewillkommnen aber nahm Williams die Hand seines Sohnes und sagte, indem er dieselbe schüttelte:

"Ich freue mich, Harry, Dich so zu finden. Du hast Dich brav gehalten und bist Gentleman geworden, sowie es einem Williams zukommt. Ist Herr Morgan in der Stadt?"

"Nein, er wohnt am See; ich kann es ihm aber heute noch sagen lassen, daß Du hier bist", erwiderte Harry in einem ernsten Geschäftston.

"So wollen wir ihn gar nichts davon wissen lassen, bis ich ihm von Texas aus schreibe; es würde nur zu vielerlei Fragen Veranlassung geben, die ich zum ???

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unbeantwortet lassen müßte, und so ist es besser, ich reise stillschweigend durch. Wann geht ein Boot nach Galveston ab?"

"Morgen Abend oder übermorgen früh; der Kapitän sagte mir, daß er es möglich zu machen hoffe, noch morgen die See zu erreichen, damit er übermorgen bei guter Zeit in Galveston landen könne. Wir wollen hernach an Bord gehen, wo er Dir selbst das Nähere mittheilen wird."

"Das paßt ganz vortrefflich. Nun aber zur Hauptsache, Harry. Wie ist es mit den Negern? Hast Du Vorkehrungen getroffen?"

"Woodfolk, der Sklavenhändler, erwartet sie, er hält Alles für ihren Empfang bereit und wird das Geschäft sofort mit Dir abschließen. Sie bleiben an Bord, bis ich Euch in das Hotel gebracht habe und zu ihnen zurückkehre, um sie zu Woodfolk zu bringen unter dem Vorwande, daß ich sie in ein Wirthshaus führen wolle. Sind sie einmal in den Mauern des Sklavenhändlers, so haben wir keine Schwierigkeiten mit ihnen mehr zu befürchten."

"Wird es nicht auffallen, wenn Du so viele Neger durch die Stadt führst?" fragte Williams ängstlich.

"Auffallen - diese paar Neger? Ja, wenn es einige Tausend wären! Nun aber laßt uns nach dem

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Hotel fahren", entgegnete Harry und zeigte nach dem Wagen hin.

Madame Williams hatte mit wachsendem freudigem Erstaunen ihrem Sohne zugehört, plötzlich aber, als müsse sie dem Dränge ihres Herzens Worte geben, ergriff sie seine Hand und sagte: "Aber, Harry, Du bist ja in den wenigen Monaten so ganz anders geworden, daß man Dich kaum wiedererkennt; siehst ja aus wie ein Herr und sprichst wie ein alter Geschäftsmann!" Dabei strich sie ihm die Locken zurück, küßte ihn auf die Stirn und setzte lächelnd noch hinzu: "Bist aber doch noch mein lieber Herzensjunge, und wenn Du Dein Haar auch noch so sehr parfümirst."

"Das gehört dazu", fiel Williams ein; "ein junger Mann muß etwas auf sich halten, sodaß das Volk auch in seinem Aeußern gleich erkennt, daß er einem guten Geschlechte angehört. Nun laß ihn gehen, Frau, damit wir erst zur Ruhe kommen und dann die Neger in Sicherheit bringen."

Harry sprang nun von dem Werfte auf das Dampfboot, sagte dem Comptoiristen desselben, daß er wegen des Gepäcks und der Neger des Herrn Williams bald wieder zurückkehren werde, und bestieg dann mit den Seinigen den Wagen, der sie schnell in das Hotel brachte.

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So wenig Williams sich auch über die ungewöhnlich schnelle geistige und körperliche Veränderung in seinem Sohne aussprach, so war er doch ebenso sehr davon überrascht wie seine Frau und sah ihm mit Verwunderung und Stolz zu, wie er Alles rasch und zweckmäßig für ihn besorgte. Seine Dienste waren ihm aber auch sehr willkommen, denn nur seiner Vorbereitung und Anordnung hatte er es zu danken, daß er sich nur so kurze Zeit in Neuorleans aufzuhalten brauchte, und es drängte ihn mit großer Unruhe, den letzten Schritt aus den Vereinigten Staaten zu thun. Nicht daß er wirklich Grund zu Befürchtungen gehabt hätte, seine Creditoren mochten seine Flucht entdecken und ihn an der letzten Grenze noch zurückhalten; das böse Gewissen aber ruft dem Schuldigen unaufhörlich Gefahren zu und läßt ihn nicht zur Ruhe kommen. So war es mit Williams. Er ließ Harry alle Einrichtungen treffen, nur um sich so wenig als möglich in den Straßen zu zeigen. Einige Stunden nach seiner Ankunft in der Stadt fuhr er mit Harry zu dem Sklavenhändler, schloß den Verkauf der Neger mit ihm ab, empfing das baare Geld dafür und kehrte in das Hotel zurück. Mit Sehnsucht erwartete er nun den Augenblick, wo er sich mit den Seinigen und seiner Habe auf dem Dampfschiffe befinden und der See zusteuern würde. Seine Hoffnung wurde erfüllt,

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der folgende Abend traf ihn schon an Bord; der Abschied von Harry ward genommen, und fort schnaubte der Dampfer den Riesenstrom hinab dem Golf zu.

Die Reise ging schnell und ohne Störung von statten, denn am folgenden Abend, als die Sonne in die See hinabtauchte, landete das Schiff an der texanischen Insel Galveston vor der Stadt gleichen Namens.

Mit einem "Gott Lob!" frei aufathmend, betrat Williams die neue Heimat, die ihn, jeder Schuld ledig, begrüßte.

Die vierzig Meilen lange und einige Meilen breite Insel, welche sich vor der Mündung der Galvestonbai eine Meile vom Festlande aus den grünen klaren Wogen des schönen Golfs von Mexico erhebt, war mit Ausnahme des kleinen Städtchens Galveston noch gar nicht angebaut und noch mit der reichen Grasdecke überzogen, welche ihr die Natur gegeben hatte. Das wunderbar herrliche Klima, der ewige Sommer und der unaufhörlich kühlende, erfrischende Seewind geben der Insel so viel Angenehmes, daß man ihre Mängel darüber vergißt, denn ihr Boden ist nicht reich und alles Wasser, welches aus ihrem Schooße gewonnen wird, ist mehr oder weniger salzig, sodaß Thiere und Menschen mit ihrem Durst auf das Regenwasser, welches sich in Cisternen sammelt, angewiesen sind. Dagegen ist die Weide

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vortrefflich und die Jagd nach Wasservögeln über alle Beschreibung reich.

Williams erkannte, daß der Insel eine reiche Zukunft blühe; das Städtchen war im Wachsen, sein Schiffswerft dehnte sich aus, die Zahl der Schiffe in seinem Hafen mehrte sich und seine Lage sicherte ihm den ersten Rang als Stapelplatz für die Produkte von Texas. Land konnte er auf der Insel für einen sehr niedrigen Preis kaufen, die Weide bot ihm Gelegenheit, ohne alle Kosten einen bedeutenden Viehstand zu halten, und da sich sehr viele entlaufene Neger in der Stadt aufhielten, so konnte er für sein baares Geld Arbeitskräfte leicht erhalten.

Bald nach seiner Ankunft hatte er sich von allen Verhältnissen unterrichtet, kaufte an der Südseite der Insel einen Strich Landes von ungefähr viertausend Morgen und richtete sich dort eine Farm ein. Sein Wohngebäude stellte er auf eine in die See hinauslaufende Anhöhe, gegen welche sich die durchsichtigen, schaumgekrönten Wogen des Meeres in ununterbrochenem Laufe brausend heranwellten und, auf dem spiegelglatten Sande des Strandes ersterbend, die herrlichsten Fische und Krebse zurückließen, welche dann durch eine der später folgenden Wellen ihrem trockenen Grabe wieder entrissen und in ihre nasse, krystallhelle Heimat zurückgeführt wurden.

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Williamspoint, wie die Landspitze genannt wurde, hatte die Natur zu einem der reizendsten Punkte auf der Insel geschaffen und die Ansiedlung krönte sie bald nach ihrer Entstehung mit dem reichen Schmucke der Cultur, mit Gärten, Feldern und Heerden.

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Viertes Kapitel.

Obgleich während dieses Sommers das gelbe Fieber heftig in Neuorleans auftrat, blieb Harry Williams doch von demselben verschont. Sein leichter froher Sinn ließ ihn gar nicht an eine Gefahr denken, er wußte immer noch Vergnügen genug in der jetzt so stillen Stadt zu finden, und wenn er hinaus nach dem See fuhr, um Herrn Morgan Bericht abzustatten und den Tag mit dessen Familie zu verleben, so eilte er doch abends stets zurück, weil in irgend einer Restauration seine Freunde ihn erwarteten oder weil er einer seiner vielen Freundinnen einen Besuch zugesagt hatte. Zu Hause blieb er sicher nicht einen Abend, und in der Regel war es spät, wenn er dorthin zurückkehrte, um sich zur Ruhe zu begeben. Trotz der vielen Versuchungen jedoch, die von einem so ungebundenen Leben unzertrennlich sind, blieb Harry immer Herr seiner selbst und überdachte, so jung er auch noch war, jeden seiner Schritte.

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Es mag eben das Bewußtsein seiner Jugend, seiner Unerfahrenheit gegenüber dem reifern Umgange, den er pflegte, gewesen sein, welches ihn vorsichtig machte, während zugleich ein unbewußter Drang ihn dazu trieb, die Menschen zu studiren und, ihre Schwächen benutzend, von ihnen unabhängig und ihnen überlegen zu bleiben. Unter den vielen geistigen Anlagen, welche die Natur ihm gegeben hatte, war eine scharfe Beobachtungsgabe besonders vorherrschend; er sah Alles, was um ihn vorging, jede Bewegung, jeden Blick Anderer bemerkte er und suchte darin deren Gedanken zu lesen, während er unwillkürlich zu gleicher Zeit es selbst vermied, zu verrathen, was er dachte, was er fühlte. Darum wurde ihm der Trunk sehr verhaßt; es widerte ihn an, wie ein Betrunkener sich so vollkommen in die Gewalt Anderer gab, und so gern er sich durch ein Glas Wein erheitern ließ, so genoß er ihn doch nur mit der größten Vorsicht. Die Neigung in seinem Charakter, seine Mitmenschen zu übersehen, steigerte sich in gleichem Maße, wie er seiner geistigen Ueberlegenheit über sie sich bewußt wurde, aber in gleichem Maße verringerte sich auch seine Achtung vor ihnen. Dummheit, geistige Unbehülflichkeit, wenn auch mit Gutmüthigkeit gepaart, waren ihm verächtlich, und nur Persönlichkeiten von scharfem, geriebenem Verstand und Witz wählte er zu seinem Umgang. Dabei

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fragte er weniger nach deren Grundsätzen, deren Moralität, wenn sie nur als Gentlemen lebten.

Der Herbst kam; mit der ersten kühlen Nacht war das gelbe Fieber verschwunden, und sofort begann Neuorleans sich aus allen Weltgegenden, namentlich aber aus dem Norden der Vereinigten Staaten her wieder mit Menschen zu füllen. Die verschlossenen Häuser, die prächtigen Läden öffneten sich, die Wohnungen bis hinauf zu den kleinsten Erkern füllten sich mit Miethern, den Fluß herab strömten die ungeheuren Massen von Landeserzeugnissen und Waaren aller Art der Stadt zu, und der Donner der Tausende von schieren Maulthierkarren, welche die Güter nach den Seeschiffen am Werfte führten, verhallte weder Tag noch Nacht. Neuorleans war wieder die Stadt des Weltgeschäfts, des Reichthums, des Glanzes, des Vergnügens, der Ueppigkeit. Ein wogender Menschenstrom füllte ihre Straßen, in prächtigen Carrossen, in strahlender Toilette durchzogen sie die blendend schönen Creolinnen, elegante Reiter tummelten ihre edlen Rosse durch sie hin und die wogenden Klänge rauschender Musik durchtönten sie von Sonnenuntergang bis zum Anbruch des Tages.

Harry Williams entfaltete seine ganze Thätigkeit; den Tag über war er die Seele von Morgan's Geschäft und abends der Lebensfunke im fröhlichen Kreise

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seiner Freunde und seiner Freundinnen. Seine Bekanntschaffen mehrten sich täglich, er erhielt Zutritt in den reichsten Creolenfamilien, die Männer priesen ihn als einen "smart businessman" (scharfen Geschäftsmann) und die Frauen und Mädchen stritten sich um ihn als einen "real ladiesman" (wahren Damenher[r]n). Er war der erklärte Liebling der Damen, keiner der jungen Männer wußte sie so geistreich und munter zu unterhalten und ihnen so viel Schönes zu sagen, keiner hatte so viel vornehmen Anstand in seinem Benehmen und keiner kleidete sich so geschmackvoll, so fashionable als der junge Williams oder sweet Harry, wie sie ihn zu nennen pflegten.

Herr Morgan erkannte sehr wohl den Werth, welchen Harry für sein Geschäft hatte; er überließ ihm gern alle Verfügungen beim An- und Verkauf von Waaren sowohl als auch bei Geld- und Wechselgeschäften, denn er selbst hätte sein eigenes Interesse nicht besser dabei wahren können, und den vollsten Beweis von seinem unbegrenzten Vertrauen gab er ihm dadurch, daß er ihm die Procura in seinem Geschäfte übertrug. Aber auch in klingender Münze sprach er seine Anerkennung für Harry's Verdienste aus, indem er ihm einen festen Gehalt von tausend Dollars aussetzte. Zu seiner Freude sah er, daß Harry nach diesen Auszeichnungen womöglich

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noch eifriger für ihn thätig war, daß er noch früher im Geschäft erschien und abends noch länger darin arbeitete. Nicht angenehm dagegen war es ihm zu erfahren, daß derselbe Nacht für Nacht sich außer dem Hause befand und oft erst gegen Morgen zurückkehrte, namentlich aber, daß ihm unter seinem Umgang Persönlichkeiten genannt wurden, die keinen guten Namen hatten, obgleich sie als Gentlemen lebten und die bessere Gesellschaft besuchten. So widerstrebend es ihm nun auch war, in die Privatangelegenheiten seines Geschäftsführers sich zu mischen und ihm Ermahnungen zu geben, so blieb derselbe doch immer noch sein Schutzbefohlener und er hielt es für seine Schuldigkeit, ihm wenigstens seinen Rath zu ertheilen, wenn er sein Wohl gefährdet glaube. Er that es an einem Sonntagmorgen, als Harry ganz allein in dem Comptoir saß und arbeitete. Mit freundschaftlicher und väterlicher Herzlichkeit bat er ihn, seine Gesundheit mehr zu schonen, da dieselbe durch Entziehung der nöthigen Nachtruhe unfehlbar leiden müsse, und machte ihn dann auf die gefährlichen Personen aufmerksam, mit denen er verkehre und welche wenigstens seinem guten Namen Nachtheil bringen würden, wenn sie auch auf seinen Charakter keinen bösen Einfluß ausüben könnten.

Harry schien durch die Vorstellungen Morgan's weder

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überrascht noch verlegen, im Gegentheil, er dankte ihm für den wohlgemeinten Rath und versprach, denselben für die Folge zu berücksichtigen.

"Vor allen Dingen, lieber Williams, rathe ich Ihnen", nahm Morgan dann wieder das Wort, "meiden Sie den Umgang, ja jede Berührung mit jenem Holcroft; er ist einer der gefährlichsten Menschen in der Stadt."

"Holcroft?" entgegnete Harry mit verwundertem Tone. "Holcroft ist ja ein Gentleman."

"Das heißt, sein Aeußeres ist dem eines Gentleman ähnlich, sein Charakter hat aber nichts von einem solchen. Es ist ja bekannt und er selbst macht kein Geheimniß daraus, daß er jahrelang Sklavenhändler zwischen Afrika und Brasilien war; die Welt aber sagt, daß er auf dem Meere ein noch viel schrecklicheres Handwerk getrieben, habe - er soll Seeräuber gewesen sein."

"Das glaube ich nicht, lieber Herr Morgan", fiel Harry ein; "man darf nicht Alles für wahr annehmen, was die Welt sagt. Und wenn Holcroft mit Sklaven gehandelt hat, so lag meiner Ansicht nach kein Unrecht darin, denn wenn das Gesetz unseres Landes es billigt, Sklaven zu halten, so muß es auch erlaubt sein, damit zu handeln. Das Unrecht kann man nur in der schlechten Behandlung der Sklaven suchen, und die wird Holcroft wohl nicht nachgewiesen sein. Uebrigens ist er ein sehr

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interessanter Mann, der viel gesehen, viel Unglück und Mißgeschick getragen und immer durch eigene Kraft sich über das Schicksal gestellt hat."

"Solche Leute, lieber Williams, sind nicht immer passende Gesellschafter für ein jugendliches, leicht empfängliches Gemüth; sie werden hartherzig und verbissen gegen ihre Mitmenschen und rächen an diesen, was das Schicksal, vielleicht auch ihre eigenen Fehler an ihnen verschuldet haben. Es gehört ein ganz edler Charakter dazu, unverschuldet viel Unglück zu tragen und doch noch warme Gefühle für die Menschheit im Herzen zu bewahren. Holcroft aber ist kein solcher, das steht auf seinem Gesicht geschrieben. Hören Sie meinen Rath, Williams, und halten Sie diesen Mann fern von sich, damit das Urtheil der Welt über ihn nicht auch Sie treffe."

Harry wiederholte sein Versprechen, die Gesellschaft des Sklavenhändlers so viel als möglich zu meiden, und gab dann schnell dem Gespräch eine andere Richtung, indem er um Bestimmung von Crediten bat, welche verschiedenen Pflanzern von Tennessee und Kentucky bei ihren beabsichtigten Einkäufen bewilligt werden sollten.

Am folgenden Morgen füllte sich das Lagerhaus des Herrn Morgan sehr früh mit alten Geschäftsfreunden und neuen Kunden, die in Verbindung mit ihm zu

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treten wünschten. Harry war überall zugegen, er bewillkommnete die Leute aufs freundlichste, fragte nach ihren Bedürfnissen, führte sie in dem Lager umher, zeigte ihnen die Waaren und pries dieselben an, oder er geleitete sie in das Comptoir, um dort ihre Rechnungen nachzusehen, Zahlungen zu empfangen, Quittungen auszustellen oder Anweisungen auf die Banken zu geben. Herr Morgan dagegen saß fest an seinem Schreibtisch, mit seiner umfangreichen Correspondenz beschäftigt, und ließ sich dabei nur dann und wann durch einen alten oder werthvollen neuen Kunden unterbrechen.

Harry hatte eben ein Geschäft von bedeutendem Betrag mit einem Pflanzer aus Arkansas, einem langjährigen Geschäftsfreund Namens Stone, abgeschlossen und Zahlung dafür erhalten, als er die Quittung darüber ausstellte und sie mit Morgan's Namen unterzeichnete. Er reichte dieselbe dem Pflanzer dankend hin, und dieser wollte sie zusammenfalten, als sein Blick auf die Unterschrift fiel.

"Ha, ha, Freund Morgan", rief er diesem lachend zu. "das überbietet doch Alles, was ich bis jetzt gesehen! Dieser liebenswürdige Herr Williams ist nicht allein eine zweite Ausgabe von Ihnen als gewandter, unvergleichlicher Geschäftsmann, seine Handschrift sogar ist ein reiner Abdruck von der Ihrigen, und hätte ich es nicht selbst

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gesehen, daß er diese Quittung unterzeichnete, ich würde Haus und Hof darauf verwetten, daß es Ihre eigene Unterschrift sei, die ich ja bereits seit zwanzig Jahren kenne!"

Dabei reichte er Morgan das Papier hin und sagte:

"Verdammt, wenn Sie nicht selbst glauben müßten, Sie hätten es geschrieben."

Morgan warf nur einen flüchtigen Blick darauf und gab dem Pflanzer das Papier mit den Worten zurück:

"Ja ja, sehr täuschend, lieber Stone. Herr Williams besitzt ein großes Schreibtalent; er copirt Ihre Unterschrift ebenso genau wie die meinige."

"Das soll er wohl bleiben lassen, bei Gott!" antwortete Stone; "aber sehen möchte ich's doch. Kommen Sie her, junger Freund, geben Sie mir ein Stück Papier", fuhr er zu Harry gewandt fort, indem er mit demselben an das Pult trat.

Harry legte dem Manne lächelnd einen Briefbogen hin und reichte ihm eine Feder, indem er sagte:

"Wohlan, Herr, es kostet Ihnen aber gelegentlich eine Flasche alten Madeira."

"Und wenn es auch zwei sind! Hier haben Sie meinen schönen Namenszug, nun machen Sie einmal Ihr Meisterstück", sagte der Alte, indem er seinen

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Namen niederschrieb, einen wilden Zug darunter führte und dann die Feder an Harry gab. "Einige Probeschüsse behalte ich mir vor", bemerkte dieser lachend, nahm ein anderes Stück Papier und copirte mehrere Male vorsichtig die Schrift des Pflanzers, neigte sich jedoch so darüber, daß dieser nicht auf seine Hand sehen konnte. Nach einigen Minuten aber schon wandte Harry sich nach ihm um und sagte: "Jetzt gilt's, Herr Stone."

"Das möchte ich sehen", versetzte dieser, indem er seine Hände in die weiten Taschen seines Rockes schob und seinen Blick auf den Briefbogen heftete.

Harry copirte nun mit fester Hand die Unterschrift des Pflanzers dicht unter dieselbe und sagte dann, die Feder niederlegend: "Charles William Stone; hier, Herr, Sie haben den Madeira verloren."

"Beim Himmel!" rief dieser laut aus und ergriff das Papier, "Sie sind ein Hexenmeister. Ist Ihre Schrift doch wahrhaftig nicht von der meinigen zu unterscheiden! Sehen Sie her, Freund Morgan, ob sie sich nicht wie ein Ei dem andern gleichen; ein Glück für uns alle, daß diese Kunst eine so seltene ist!"

"Freilich wäre sie in manches andern Menschen Hand eine sehr gefährliche", versetzte Morgan und bat den Pflanzer dann, ihn zu entschuldigen, da

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er noch einige Briefe vor Abgang der Post zu schreiben habe.

Die Nacht war hereingebrochen, die Geschäftslokale waren verlassen und die Vergnügungsorte belebten sich mit Gästen.

Harry Williams saß noch allein in dem Comptoir mit den schriftlichen Arbeiten beschäftigt, für welche ihm der Tag keine Muße gegönnt hatte. Von Zeit zu Zeit sah er von seinen vor ihm liegenden Büchern und Papieren auf und lauschte den Tonen der Belustigungen, die durch die Straße schallten. Bald waren es die brausenden Klänge von weit her schallender Janitscharenmusik, bald die Melodien eines Leierkastens, bald der erschütternde Krach eines Kanonenschlags, der einem Feuerwerk voranging, welche ihn aus seinem Fleiß aufstörten. Dann sah er nach seiner goldenen Uhr, die er jetzt statt der silbernen trug, strich seine Locken zurück und arbeitete weiter. Da schlug die Glocke zehn Uhr. Harry legte seine Feder weg, schlug die Bücher zu, löschte die Lampe aus und eilte auf sein Zimmer, wo er in wenigen Minuten seine Toilette nachholte, sein Haar ordnete, einige Tropfen Veilchenwasser auf sein Taschentuch goß und dann mit dem Licht in der Hand vor den mit der obern Seite etwas nach vorn geneigten Spiegel trat, sodaß er seine ganze Gestalt darin sehen konnte. Er betrachtete sich

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schnell von allen Seiten, nahm Hut und Handschuhe und sprang dann flüchtig die Treppe hinab und zur Hausthür hinaus. Den Schlüssel zu derselben hatte er bereits in der Hand, um sie zu verschließen, denn außer ihm und einem alten Neger, welcher gleichfalls einen Schlüssel besaß, wohnte Niemand in dem Hause, dessen Räume sämmtlich als Waarenlager benutzt wurden. In diesem Augenblicke kam Herr Morgan von der andern Seite der Straße und trat zu Harry an die Thür.

"Lassen Sie offen, lieber Williams, ich muß noch einmal in das Comptoir, ich habe etwas vergessen", sagte er und fügte, Harry anschauend, noch lächelnd hinzu:

"Sie sind ja in voller Gala! Wohin gehen Sie denn, wenn ich fragen darf?"

"Bei Roisier ist Ball und ich hatte schon vor acht Tagen versprochen, zu kommen", erwiderte Harry.

"Aber so spät, es ist ja halb elf! Warum sind Sie nicht früher gegangen?"

"Ich hatte noch zu arbeiten; bei Tage kommt man nicht dazu. Hätte ich es nicht versprochen gehabt, so wäre ich gar nicht hingegangen."

"Nein, mein lieber Williams, das würde sehr unrecht von Ihnen gewesen sein; ein junger Mann muß es sich zur Ehre anrechnen, von Roisiers eine Einladung zu bekommen; es ist eine der ersten Creolenfamilien,

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in der man nicht leicht Zutritt erhält. Nun aber eilen Sie sich, dort an der Ecke finden Sie einen Wagen. Viel Vergnügen!"

Hiermit drückte Morgan seinem Schutzbefohlenen freundlichst die Hand und dieser eilte der Straßenecke zu, wo er einen Fiaker bestieg, der ihn bald vor dem Palais des Herrn Roisier absetzte.

Die Musik ließ die ersten Töne eines Contretanzes erschallen, als Harry in den prächtigen, blendend erleuchteten Tanzsaal eintrat und stehen blieb, um auszufinden, wo die Dame vom Hause saß. Im nächsten Augenblick aber kam Herr Roisier auf ihn zu, bewillkommnete ihn mit größter Artigkeit und geleitete ihn selbst zu seiner Gattin, welche im anstoßenden Gemach, von vielen Damen umgeben, in einem Divan saß.

"Sieh, Laura, da ist der schöne junge Kentuckyer! Er bring[t] Dir gewiß wieder einige Artigkeiten mit", flüsterte eine junge Dame einer andern zu und ergriff zugleich hastig deren Hand, um ihre Aufmerksamkeit auf Williams zu lenken, als derselbe mit Herrn Roisier durch den Saal schritt.

"Wahrhaftig, so ist er doch noch gekommen! Ich glaubte schon -" sagte die Angeredete freudig überrascht und heftete ihre glänzend schwarzen Augen auf Harry.

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"Ein reizender Junge. Er sieht Dich schon, Laura. Du bist für diesen Tanz noch nicht versagt", rief ihr leise eine andere Freundin zu, und über die Wangen des marmorbleichen Gesichts der schönen Laura flog es wie ein Anhauch von Carmin.

In diesem Augenblick ging Harry, indem er sich mit den Worten "Meine Damen" artig grüßend verbeugte, an den jungen Mädchen vorüber, richtete, aber dann noch einen zweiten, sehr freundlichen Gruß mit einer zierlichen Handbewegung an Laura insbesondere.

Kaum war er vorübergeschritten, als ein junger Creole zu Laura trat und sie zu diesem Tanze aufforderte. Laura aber dankte mit dem Bemerken, daß sie schon versagt sei.

Madame Roisier empfing Harry ebenso artig, wie ihr Gatte es gethan, und dankte ihm, daß er, wenn auch nicht früher, doch gekommen sei.

"Was hat Sie denn aber noch so spät von uns fern halten können?" fragte sie mit einem freundlichen Vorwurf im Ton.

"Wirklich, nur die Pflicht konnte es, Madame Roisier; ich komme so eben aus dem Comptoir", entgegnete Harry mit einer Verbeugung.

"Dies ist Thatsache", nahm Herr Roisier wieder das Wort; "unser junger Freund ist ein fleißiger, tüchtiger

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Geschäftsmann und verdient dem Herrn Morgan viel Geld; so bedeutend ist dessen Geschäft niemals gewesen."

"Nun aber müssen Sie nachholen. Herr Williams, was Sie beim Tanzen versäumt haben. Man tritt schon an - wenn Sie nur noch eine Dame finden!"

"Veronica wird es sehr angenehm sein, Herr Williams, Ihnen ihre Hand zu diesem Tanze geben zu können", fiel Madame Roisier schnell ein und winkte ihre unfern stehende Tochter herbei. Harry dankte der Mutter für das Glück, welches sie ihm zugewandt, sagte dann der schönen Creolentochter, daß dieser Tanz ihn für den ganzen Verlust, den er durch sein spätes Kommen erlitten habe, entschädigen werde, und beklagte sich, während er Veronica in den Tanzsaal führte, über sein Mißgeschick, daß er sie in den letzten Abenden weder in der italienischen Oper, noch auf der Promenade hätte erspähen können.

Laura, auch eine reiche Creolin aus dem südlichen Theile von Louisiana, tanzte nicht trotz der vielen Aufforderungen, welche sie erhielt. Sie hatte sich in einem Divan niedergelassen gegenüber dem Platz, wo Harry mit Veronica tanzte, hatte ihren Fächer entfaltet und spielte mittels der leichten, graziösen Bewegungen desselben mit Harry's Augen Frage- und Antwortspiel.

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Den folgenden Cotillon aber tanzte sie mit ihm und Harry wiederholte jetzt mit Mund und Hand, was er vorher mit Blicken ausgesprochen hatte.

Die Stunden flogen und es war Mitternacht vorüber, als die Musik des letzten Tanzes verhallte. Die Gäste drängten sich zu der Dame vom Hause, um sich zu empfehlen; Herr Roisier entließ sie dankend an der Saalthür, und nun eilte man in das Garderobezimmer nach Mänteln, Shawls und Hüten.

Harry begleitete Laura in halblauter Unterhaltung dorthin, hing ihr die Mantille um, empfing zum Dank dafür ihren Busenstrauß, und nachdem sie einen rothen Seidenshawl über ihre schwarzen Locken gebunden, nahm sie seinen Arm und ließ sich von ihm nach dem Wagen führen, der eben vor der Marmortreppe des Palais vorgefahren war. Vater und Mutter der jungen Dame stiegen zuerst ein, dann hob Harry die Tochter in den Wagen; die Aeltern baten ihn um einen recht baldigen Besuch, den er zusagte, und im Fortfahren ermahnte ihn der Abschiedsblick Laura's, Wort zu halten.

Es war eine helle Mondscheinnacht und die Straßen waren sehr belebt. Harry schlug den nächsten Weg nach seiner Wohnung ein und schritt hastig vorwärts, als er plötzlich, um eine Ecke biegend, von der andern Seite der Straße angerufen wurde.

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"Halloh, Williams! Wohin so rasch? Doch noch nicht nach Hause?"

Mit diesen Worten trat Holcroft, der frühere Sklavenhändler, auf Harry zu und reichte ihm die Hand.

Er war ein Mann von beinahe vierzig Jahren, von untersetztem, muskulösem Bau und sehr breiten Schultern. Auf seinem scharfgeformten, wettergebräunten Gesicht stand ein Leben voller Gefahren, Entbehrungen und wilder, stürmischer Auftritte geschrieben, und verzweifelter, trotziger Entschluß sowie unbeugsamer Wille sahen aus seinen grauen Augen hervor. Die breiten schwarzen Brauen und das tiefschwarze Haar steigerten noch das Eiserne seiner ganzen Erscheinung, welches sich in jedem Blick, jeder Bewegung kund that.

"Es ist schon spät, Holcroft, und ich muß morgen frühzeitig im Geschäft sein", entgegnete ihm Harry auf seinen Gruß.

"Spät? Hat der neue Tag doch kaum begonnen! Wollen Sie es dem großen Haufen nachmachen und die Hälfte Ihres Lebens verschnarchen? Seien Sie Philosoph, und zwar schon jung; im Alter ist die Philosophie eine zerbrechliche, nutzlose Leiter, ein ohnmächtiger Anker, an welchen der Mensch sich klammert, der die Freuden der Jugend nicht gekostet und der aus dem schalen, werthlosen Rest seines Lebens noch Seligkeiten erringen mochte.

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Wem die Nacht nicht mehr gehört, der greife nach dem Gebetbuche! Kommen Sie mit, junger Freund, wir gehen zu Dubard in den Eiscrêmesalon, dort finden wir Freunde, Wein und Mädchen."

Hierbei schlang der Sklavenhändler Harry's Arm in den seinigen und zog ihn mit sich fort.

"Aber, Holcroft, ich muß wahrhaftig nach Hause gehen!" sagte Harry widerstrebend.

"Das müssen wir alle, nur jetzt noch nicht. Sind Sie denn schläfrig oder fürchten Sie es zu werden? Ich will Sie wach erhalten mit einer lustigen Episode aus meinem Leben. Lassen Sie uns eilen; Zeit verloren. Glück verloren!"

Harry beeilte jetzt gleichfalls seine Schritte und bald glühten ihnen die buntfarbigen Lampen entgegen, welche das Ziel ihrer Wanderung bezeichneten, zugleich aber durchwogten von dorther die rauschenden Klänge voller Janitscharenmusik die Straße und verkündeten, daß der Salon noch heiter belebt sei. Derselbe erhob sich über dem langen einstöckigen Gebäude auf dessen platter, mit Steintafeln belegter Oberfläche und bestand aus einem leichten zeltförmigen Dache, welches ringsum auf zierlichen eisernen Säulen ruhte. In graziösem Gewinde schlangen sich blühende Lianen um die Pfeiler auf und nieder, und die Räume zwischen denselben waren

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mit den prächtigsten Tropengewächsen ausgefüllt, sodaß dieselben dichte Laubwände bildeten. Während aus deren saftigem Grün Hunderte von bunten Lampen ihren magischen Schein durch den Salon warfen, sandten auch die Lichter eines Kronleuchters durch farbige Gläser ihre bunten Strahlen in demselben umher, sodaß die Beleuchtung eine milde, trauliche war, die mit dem Mondlicht, welches hier und dort die immergrünen Wände durchdrang, im Einklang stand.

Harry und sein Führer hatten die breite Treppe erstiegen und traten in den Salon ein, wo an vielen kleinen Tischen eine zahlreiche Gesellschaft von geputzten Damen und Herren aus allen Ständen umhersaß und dem Hochgenusse fröhnte, welchen in heißen Ländern das Eis bietet. Es waren aber auch viele unter den Gästen, die sich an Wein und Früchten labten, während noch andere den stärkern, aus Branntwein bereiteten Getränken zusprachen.

"Halloh, Holcroft, hierher!" riefen diesem beim Eintreten mehrere junge Männer zu, welche an dem fernen Ende des Salons um einen Tisch saßen und, wie es schien, sich in sehr heiterer Laune befanden. Sie sprangen auf, machten für die Ankommenden Platz an ihrem Tische, und diese ließen sich in dem fröhlichen Kreise nieder.

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"Warum so spät, Holcroft?" fragte einer der Männer. "Wir haben schon seit einer Stunde auf Sie gewartet."

"Ich war in der Oper und hatte dann noch Geschäfte in unserm Club. Auf dem Wege von dort hierher traf ich zum Glück meines jungen Freundes Williams und zu meiner Freude mit ihm zusammen; er war wahrhaftig auf dem geraden Wege nach Hause, um sich schlafen zu legen und einige kostbare Stunden seines jungen Lebens unnöthig zu verträumen. Vier Stunden Schlaf ist genug, mehr ist Verschwendung und nur eine böse Gewohnheit."

Bei diesen Worten nahm Holcroft Cigarren hervor, reichte sie Harry hin und bediente sich nach ihm selbst mit einer solchen.

"Aber was trinkt Ihr da?" fuhr er fort, indem er die Cigarre anzündete. "Branntwein? Der paßt nur für ernste Stunden, mit der brennenden Lunte hinter dem langen Tom (Drehkanone auf Piratenschiffen) oder mit der Streitaxt, dem Messer in der Hand. Auf der heitern Seite des Lebens verdirbt er mir die Laune. Kellner, Champagner!"

Mit diesen letzten Worten wandte Holcroft sich an den schwarzen Diener, der herzugetreten war, um seine Befehle zu empfangen, und der nun seinen Auftrag schnell ausführte.

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Der Pfropf flog knallend von der Flasche und der feurige Wein schoß zischend in die Gläser.

"Hier, Gentlemen", sagte der Sklavenhändler, sein Glas erhebend und sich gegen seine Gefährten verneigend, "die Nacht mit all ihren Freuden soll leben; mag sie uns treu bleiben bis an unser seliges Ende!"

Alle leerten das Glas, nur Harry nicht, er nippte daran und stellte es dann vor sich nieder.

"Nein, Williams, auf diesen Toast müssen Sie austrinken bis auf den letzten Tropfen, er gilt Ihnen insbesondere", sagte Holcroft zu ihm, füllte sein eigenes Glas wieder und leerte es mit einer abermaligen Verneigung gegen Harry.

"In fröhlicher Gesellschaft müssen Sie nicht so ganz nüchtern bleiben", fuhr er in heiterem Tone fort; "der Geist des Weins ist ein Zauberer, vor dem sich unsere Plagegeister verkriechen und der uns die Welt in rosigem Lichte zeigt."

"Nun, so mag er seine Zauberhand einmal über mich halten, für das rosige Licht aber, welches uns hier umgibt, danke ich ihm nicht, das gehört den bunten Lampen", entgegnete Harry lachend und leerte sein Glas, welches Holcroft sogleich wieder füllte, indem er sagte:

"Er wird Sie aber die vielen schönen Augen, die

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uns hier umstrahlen, noch prächtiger erblicken lassen, als sie es schon in der Wirklichkeit sind. - Die schönsten Augen, Gentlemen, sie sollen leben!"

Hiermit hob er abermals sein volles Glas empor, und alle, auch Harry, tranken aus.

"Nun aber die versprochene Episode aus Ihrem Leben, Holcroft", sagte Harry, und die Andern stimmten mit in die Aufforderung ein, daß der Sklavenhändler eine Geschichte aus seinem Seeleben zum Besten geben möchte.

"Wenn Ihr es wollt, recht gern. So hört denn", versetzte Holcroft, rückte etwas weiter vom Tische ab, schlug ein Bein über und begann:

"Ich hatte es mir einmal wieder recht sauer werden lassen und mich während zweier langen Jahre mit einem alten Schooner Panther, der unter meiner Führung so manche verzweifelte Probe seiner Güte und seiner Schnelligkeit bestanden hatte, auf der Küstenfahrt zwischen hier und Boston umhergetrieben. Ich wollte auf dem Wege, den die Welt als den einzig rechten vorschreibt, durch Arbeit, Sparsamkeit und Ehrlichkeit mir mein Brod verdienen und mich womöglich auch zu einem der Reichen und Großen dieser Erde erheben. Ich lebte wie ein Hund, wischte mir vor jedem Vergnügen, vor jeder Annehmlichkeit die Lippen und arbeitete mit

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rastloser Thätigkeit Tag und Nacht in Sturm, Sonnenglut und eisigem Frost, ich fuhr mit halber Mannschaft und war Kapitän und Steuermann zugleich. Was hatten mir nach zwei Jahren alle Entbehrungen, alle saure Arbeit, alle Ehrlichkeit geholfen? Ich war dabei immer mehr zurückgekommen, ich hatte den Reichen noch reicher gemacht und war selbst zum Bettler geworden. Böse lange Reisen, schwere Seebeschädigungen, unglückliche Conjuncturen und Verluste an weniger ehrlichen Leuten, als ich war, hatten mich in Schulden gebracht und ich erfuhr im Hafen von Charleston, daß man in Neuyork auf meine Rückkehr warte, um meinen alten Panther mit Beschlag zu belegen und mich mit dem weißen Stocke davon zu senden.

Jetzt kam ich zur Besinnung. Sollte ich noch länger den ehrlichen dummen Teufel spielen, der sich zum Vortheil seiner klügern Mitmenschen quälte und ihnen sein Leben opferte, oder sollte ich es machen wie sie, denen jede Gelegenheit erwünscht war, mich zu übervortheilen, und sollte sie selbst zu übervortheilen suchen? War ich nicht ebenso gut zu einem angenehmen, freudenreichen Dasein berechtigt und konnte ich es mir nicht ebensogut verschaffen, wenn ich wie sie den Raum meines Gewissens nicht mehr in solcher Dummheit beschränkte und wenn ich mich nur davor hütete, mit dem

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Gesetz zusammenzustoßen? Ich war entschlossen, das alte Blatt in meinem Lebensbuche umzuschlagen und auf einem neuen zu beginnen. In Neuyork sollten sie vergebens auf mich und meinen Panther warten, und um ihre Sehnsucht nach uns beiden noch zu steigern, zog ich für zweitausend Dollars Wechsel auf sie, verkaufte dieselben in Charleston und segelte mit meiner Fracht nach Brasilien.

Die alte dumme Haut war abgestreift, ein anderer Geist, ein anderes Leben war auf dem Panther eingezogen. Meine Kajüte prangte in Seide und Gold, meine Vorrathskammer war reich mit Wein und Champagner versehen, und statt des einsamen, sorgenvollen Kapitäns, der früher darin darbte, schwelgte jetzt in ihr ein lebensfroher, glücklicher Mann in den Armen des reizendsten Mädchens, das jemals von den blauen Wogen des Oceans getragen wurde. Adrienne, eine französische Creolin, die ich in Charleston kennen lernte, verließ mir zu Liebe heimlich Aeltern, Freunde und Wohlleben und folgte mir auf der gefahrvollen Bahn, die ich zu betreten beschlossen hatte.

In Rio übernahm ich es, für halbe Rechnung mit einem dortigen Hause eine Ladung Sklaven von der Goldküste zu holen. Mein alter Panther glänzte bald wieder in vollem Waffenschmucke; außer sechs Kanonen von gutem Kaliber trug er wie früher in seiner

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abenteuerlichen Jugendzeit in der Mitte auf dem Verdeck einen Vierundzwanzigpfünder, welcher sich schneller drehte als der Wimpel, der über ihm flatterte. Die Bemannung hatte ich Mann für Mann selbst mir ausgewählt, es war keiner darunter, der vor Kugel oder Stahl geblinzt hätte, und alle waren entschlossen, das Unternehmen im Nothfall mit Gewalt der Waffen durchzuführen. Die Fahrt nach Afrika ging schnell und glücklich von statten und eine Woche nach meiner Ankunft trug der Panther vierhundert Schwarze in seinen Eingeweiden in den Ocean hinaus. Das Glück schien uns zu begleiten; vierzehn Tage lang lagen wir steif bei dem herrlichsten Winde, ohne daß wir irgend einem Segel begegnet wären. Lust und Freude herrschten unter uns, die Ladung Menschenfleisch, welche wir führten, versorgte meine Leute nach Herzenslust mit Geliebten, und mir lachte die frohe Aussicht, mit meiner Adrienne irgendwo auf einem schönen Punkte der Erde mir eine sorgenfreie Existenz zu gründen. Da tauchte plötzlich eines Morgens ein Segel am Horizont auf, und wenn auch Furcht in unser aller Brust ein Fremdling war, so sahen wir doch mit wachsender Spannung nach dem Schiffe hin und suchten zu entdecken, welchen Charakter es trage. Lange blieben wir auch nicht darüber in Zweifel; es war ein Kriegsschiff, ein englischer Kutter. Bis jetzt war mir noch kein

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Schiff begegnet, welches dem Panther an Schnelligkeit gleichgekommen wäre, und sobald ich in dem rasch herankommenden Fahrzeug den englischen Kreuzer erkannt hatte, ließ ich meinen Schooner vor den Wind legen, um dem Feind mehr Raum hinter mir zu geben. Alle Segel, die er tragen konnte, ließ ich setzen, alle Taue straff ziehen, aber der Magen des Panthers war zu schwer gefüllt, er hatte seine Sprungkraft verloren und ich sah sehr bald ein, daß der Engländer mir in wenigen Stunden auf den Fersen sitzen würde. Ich ließ die Mannschaft zusammentreten und stellte es ihr anheim, zu entscheiden, was wir thun sollten. "Zum Kampf!" war die einstimmige Antwort, und mit Jubel sprang Alles zu den Waffen. Im Augenblick wurde der Panther dem Kutter zugewandt, die Geschützlucken flogen auf, der lange Tom wurde klar gemacht, und kaum gab der Engländer das Zeichen, daß er uns sprechen wolle, so sandte ich ihm vierundzwanzig Pfund Eisen als Antwort darauf zu. Jetzt aber blähte er sich auf wie ein zorniger Truthahn. Alles war Leben auf seinem Verdeck, und bald begrüßte er uns gleichfalls mit Eisenbällen, die aber hoch über uns hinsausten. Der Panther hatte es sich unterdessen zum Fechten leicht gemacht, alle Segel hatte er abgeworfen und nur die behalten, welche ihn in seinen Bewegungen schnell und behend machen konnten.

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Ich ließ ihn geraden Wegs auf den Kutter lossteuern, um denselben zu entern, er wich aber aus und gab mir eine Ladung, die viel Unheil in meinem Segelzeug anrichtete. Wir lagen jetzt auf Büchsenschußweite einander gegenüber. Meine Kanonen ließen keine seiner Fragen unbeantwortet, vergebens aber suchte ich ihn mit meinem Schiffe zu erreichen, er wich mir bei jedem neuen Versuche dazu aus. Der Kampf in dieser Weise war ungleich, seine bessern Geschütze thaten mir von Minute zu Minute mehr Schaden und unser besserer Muth konnte nicht zur Geltung kommen. Drei meiner Leute waren schon getödtet und eine Kugel riß meinem ersten Steuermann neben mir das Bein weg, da sprang ich selbst an den langen Tom, zielte, gab Feuer, und der Hauptmast des Kutters stürzte über Bord. Mit donner[n]dem Hurrah begrüßten meine Leute den Glücksschuß und in demselben Augenblick sprang Adrienne aus der Kajüte hervor an meine Seite.

Ich bat, ich flehte sie an, das Verdeck zu verlassen, umsonst, sie blieb neben mir, um die Gefahr mit mir zu theilen. Der Vierundzwanzigpfünder war wieder geladen, wieder richtete ich ihn auf den Feind, das Feuer flog aus ihm hervor, und die Kugel traf den Kutter unter dem Wasserspiegel. Hurrah! schallte es abermals von uns zu ihm hinüber, denn die Bestürzung unter

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seiner Mannschaft war augenscheinlich groß und für einige Minuten schwiegen seine Kanonen. Jetzt war es Zeit zum Entern. Ich gab Befehl, den Panther durch den Wind zu bringen und ihn dem Engländer auf den Leib zu steuern. Während der Vorbereitungen dazu hatte ich den langen Tom wieder laden lassen und war im Begriff, ihn abzufeuern, als die Lücken des Kutters sich abermals in Pulverdampf hüllten, eine Kugel hart an mir vorüber sauste und Adrienne, meine himmlische Adrienne von ihr durch die Brust getroffen entseelt hinter mir niedersank. Dieser Augenblick war der schrecklichste meines Lebens. Ich stand erstarrt und sah auf den furchtbar zerrissenen Leichnam des so eben noch in allem Schmuck der Jugend und der Lebenskraft blühenden Mädchens, ich war ohne Athem, es war mir, als wolle mir das Herz zerspringen, meine Kniee wankten, und ich sank, aller Kraft beraubt, in das Blut meiner Geliebten nieder. Da fuhr der Panther durch den Wind, ich hörte den Ruf, das Enterzeug bereit zu halten, und die Rache jagte mich aus meinem Schmerze auf. Mein erster Blick fiel auf die wieder geladene Drehkanone, ich zielte, feuerte, und wieder schlug die Kugel in den Kutter, aber diesmal tief unter dem Wasserspiegel. Die Segel des Panthers waren gefüllt. Woge auf Woge nieder stürmte er dem Feinde

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entgegen, mit der Axt in der Faust stand ich an der Brüstung zum Sprunge bereit, um den Verlust meines Lebensglücks zu rächen. Da drehte sich plötzlich der Kutter vor uns im Kreise und im nächsten Augenblick verschlang ihn der Trichter der Wogen, der sich um ihn aufthürmte. Wir fuhren über sein Grab hin."

Hier schwieg Holcroft und sah einige Augenblicke vor sich nieder; über seine Stirn flog es zugleich wie gute und böse Gefühle, er fuhr mit der Hand darüber hin und sagte mit dumpfer Stimme und finsterem Blick:

"Adrienne ward schwer gerächt, wir retteten nicht einen einzigen Mann von der Besatzung des Kutters."

Abermals strich er sich mit der Hand über die Stirn, und als ob er jeden düstern Gedanken von ihr weggewischt hätte, sagte er mit heiterem Antlitz: "Die Todten mögen ruhen!"

Dabei ließ er wieder den Pfropf von einer Champagnerflasche springen, füllte die Gläser und rief: "Die Freuden des Lebens, Gentlemen!" Alle tranken aus und Holcroft begann von neuem:

"Wir landeten unsere Ladung in Brasilien, und ich war ein Mann von weit über hunderttausend Dollars. Den Panther verkaufte ich an das Haus, mit welchem ich das Unternehmen gemacht hatte; der Glücksstern hatte aber mit mir das Schiff verlassen, denn es kehrte, nachdem

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es unter einem andern Kapitän sofort wieder nach Afrika abgesegelt war, nimmer von dort zurück und über seinen Untergang hat man nie Kunde erhalten. Ich reiste nach Neuyork, sandte dort meinen Kreditoren für ihre Forderungen Anweisungen auf die Bank und wurde von ihnen mit Höflichkeiten und Ehrenbezeigungen aller Art überhäuft. Der Erfolg unserer Handlung allein, nicht die Handlung selbst entscheidet, ob wir gefeiert oder verdammt werden sollen; um sie aber mit Erfolg zu krönen, darf man nicht ängstlich an Vorurtheilen, an Gebräuchen, an Formen hängen. Scharf gedacht und rasch gewagt, sei unser Wahlspruch!"

"Allerdings, der Erfolg hat auch bei Ihnen entschieden; denn hätte Sie der Engländer gefangen genommen, so wären Sie kein reicher Mann geworden und Ihre Creditoren würden Sie nicht mit solcher Auszeichnung behandelt haben; es war aber viel gewagt", bemerkte Harry.

"Und war denn ein solcher Preis das Wagniß nicht werth?" entgegnete Holcroft.

"Freilich war es dies; auch ich würde es gewagt haben", versetzte Harry.

"Und solche Preise werden uns stündlich geboten, auf dem Lande sowohl als auf der See; man muß sie nur zu entdecken streben und vor den Mitteln, sie zu

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erlangen, nicht zurückbeben. Warum das Pferd, nicht besteigen, auf dem man das Ziel erreichen kann, und wenn es auch ein fremdes, ein ohne Erlaubniß geborgtes Roß wäre?" sagte der Sklavenhändler.

"Aber ein fremdes Roß ohne Erlaubniß davonreiten, nennt man Diebstahl und bestraft ihn in vielen Staaten unseres Landes mit dem Tode", fiel Harry wieder ein.

"Also in der Dunkelheit reiten, damit man keine Fährte entdecken kann, junger Freund", antwortete Holcroft. Die ganze Aufgabe ist, sich nicht erwischen zu lassen; man hat noch nie einen Dieb gehangen, ohne ihn vorher gefangen zu haben. Ist das Unternehmen mit Klugheit durchgeführt und mit klingender Münze gekrönt, so applaudirt die Welt und ehrt und beneidet den geschickten Unternehmer. Nur groß müssen die Geschäfte sein, alles Kleinliche ist gemein."

Bei diesen letzten Worten hatte der Sklavenhändler die Gläser wieder gefüllt und ließ dabei seine Blicke über die immer noch sehr zahlreiche Gesellschaft schweifen.

"Was sehe ich?" sagte er nach der andern Seite des Salons schauend. "Sitzt dort nicht die schöne Seline?"

"Ei freilich, und bei ihr die feurige Rosette und die lustige Miralda; drei schönere Mädchen gibt es in

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Louisiana nicht. Sie sehen hierher", versetzte einer der Tischgenossen.

"Die Blicke gelten unserm jungen Freunde hier, er ist der Liebling der Damen unserer Stadt. Was meinen Sie zu dem schwarzen Lockenkopf dort, Williams?" sagte der Sklavenhändler mit schlauem Lächeln.

"In der That, ein wunderschönes Mädchen; wer ist sie?" antwortete Harry begeistert und begegnete dem feurigen Blick der jungen Schönen, die jetzt ein Glas Eiscrême erhob und zwischen ihren reizenden Fingern den kleinen Löffel zu ihren Lippen führte.

"Seline ist eine meiner Freundinnen. Wenn Sie wollen, so mache ich Sie mit ihr bekannt; sie ist noch viel liebenswürdiger als schön."

"Es ist schon spät, Holcroft", entgegnete Harry und sah auf seine Uhr.

"Spät! Wer will wohl im Glück die Stunden zählen! Kommen Sie mit, ich stelle Sie der Dame als meinen liebsten Freund vor und Sie gehen gar nicht viel um, wenn Sie dieselbe nach Hause begleiten. Ich werde die Sorge für ihre beiden Freundinnen übernehmen, welche in der entgegengesetzten Richtung wohnen."

Hiermit erhob sich der Sklavenhändler, sowie auch Harry; beide wünschten ihren Tischgenossen gute Nacht

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und schritten dann zu den drei jungen Damen hin, welche ihnen schon von weitem ihre freundlichen, einladenden Blicke entgegensandten.

"Meine Damen, Ihr gehorsamer Diener wünscht Ihnen guten Abend und nimmt sich zugleich die Freiheit, Ihnen seinen liebsten Freund vorzustellen", sagte Holcroft sich verneigend und machte Harry nun mit den drei Schönen bekannt. Nach gegenseitiger Begrüßung fuhr er, zu der Dame mit dem Lockenhaar gewandt, fort:

"Sie, Fräulein Seline, müssen mir doppelt dankbar sein für die Zuführung meines liebenswürdigen jungen Freundes, denn Ihre Wohnung und die seinige liegen in derselben Richtung, und er wird sich glücklich schätzen, Ihnen sicheres Geleit nach Hause zu geben. Fräulein Rosette und Fräulein Miralda nehme ich unter meinen Schutz."

Die jungen Damen erhoben sich schnell und dankten für die Artigkeit. Rosette und Miralda nahmen die ihnen gebotenen Arme des Sklavenhändlers, Seline schlang den ihrigen graziös in Harry's Arm und so verließen sie den Salon. In der Straße vor dem Hause blieben sie stehen, nahmen Abschied von einander, und indem Holcroft mit seinen beiden Schutzbefohlenen die Wanderung antrat, rief er im Fortgehen noch den Andern nach:

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"Williams, ich mache Sie verantwortlich dafür, daß Sie Ihre schöne Gefährtin sicher zu Hause abliefern, und Ihnen, Fräulein Seline, binde ich meinen jungen Freund auf die Seele! Angenehme Ruhe!"

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Fünftes Kapitel.

Die alte Heimat der Williams hatte sich, seit diese ihr den Rücken gekehrt, sehr verändert. Es war bald nach Williams Flucht bekannt geworden, daß er sich nicht am Mississippi niedergelassen, sondern daß er seine Sklaven in Neuorleans verkauft und in Galveston sich angesiedelt habe. Seine Creditoren hatten darauf die ihnen zurückgelassenen Pfänder öffentlich verkauft und sich in den Erlös getheilt. In dem Wohnhaus war eine Spinnerei und Weberei von grobem Zeug angelegt, welches zum Verpacken der Baumwolle verwandt wird, und die Felder und Wiesen waren stückweise in den Besitz der angrenzenden Farmer übergegangen. Sowie aber Williams' Plantage als solche verschwunden war, so hatte sich auch das Andenken an ihn und seine Familie selbst verloren, denn nur das wirklich Gute und Edle lebt fort, das Gewöhnliche, das Gemeine wird vergessen, und wenn es noch so sehr mit falschem Golde geglänzt hat.

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In Randolph's Leben und Verhältnissen aber hatte sich nichts verändert; in stillem Frieden und unter fleißiger, unverdrossener Arbeit zogen die Tage immer noch gleichmäßig an ihnen vorüber, und in traulichem, liebevollem Zusammensein verbrachten sie die Abende am flackernden Kaminfeuer. Es nahte sich ihnen aber jetzt ein Ereigniß, welches für die ganze Familie von gleich großer Bedeutung war, welches sie alle freudig willkommen hießen und dessen Eintreten sie doch sämmtlich mit Traurigkeit erfüllte; es war die bevorstehende Trennung von Albert, dem einzigen, jetzt beinahe siebzehn Jahre alten Sohne.

Albert hatte von Jugend auf ungewöhnliche geistige Anlagen gezeigt und sich immer vorzugsweise gern mit diesen entsprechenden Arbeiten und Unterhaltungen beschäftigt. Er hatte die nahe Landschule mit großem Eifer besucht, und dem Lehrer, der dieselbe hielt, hatte es Freude gemacht, sich dieses lernbegierigen Knaben besonders anzunehmen. Derselbe war in dem Hause Randolph's sehr befreundet, genoß dort viel Liebe und auch Unterstützung, und es waren seine Bemühungen für Albert nicht allein in seinem Interesse, fondern auch in seiner Dankbarkeit begründet. Es hatte sich im letzten Jahre zwischen ihm und seinem Schüler mehr ein Freundschaftsverhältniß gebildet, sie waren auch außer der

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Schulzeit viel zusammen, und dabei bot der freundliche Lehrer immer Alles auf, um seine Kenntnisse auf Albert zu übertragen. Wiederholt hatte er mit dessen Vater über ihn geredet und ihm vorgestellt, daß es schade sein würde, so schöne Anlagen nicht weiter auszubilden, als er selbst es im Stande sei zu thun, und hatte ihm dringend angerathen, seinen Sohn auf eine hohe Schule zu senden und ihn studiren zu lassen. Obgleich es nun immer der sehr natürliche Wunsch Randolph's gewesen war, Albert einst das Werk, welches er selbst mit so vielem Fleiß begründet hatte, weiter fortführen zu sehen, so kam er doch nach und nach zu der Ueberzeugung, daß derselbe von der Natur für ein anderes Lebensziel bestimmt sei, und immer häufiger malte er sich in Gedanken dessen Zukunft aus und sah ihn darin als großen Staatsmann, ja mitunter sogar als Präsidenten seines Vaterlandes vor sich. Stand es ja Albert auch frei, zu jeder Zeit und in jeder Stellung wieder zur heimatlichen Scholle zurückzukehren, sobald ihm das Leben in der großen Welt nicht mehr zusagen sollte.

Es war nun nach reiflicher Ueberlegung und Berathung beschlossen worden, Albert nach Philadelphia zu senden und ihn dort zum Rechtsgelehrten heranbilden zu lassen.

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Der Abend vor Albert's Abreise war gekommen und die Familie Randolph saß im Halbkreise vor dem Kaminfeuer versammelt, um noch ein letztes liebevolles Zusammensein zu feiern, ehe der Liebling sie auf unbestimmte Zeit verließ.

Madame Randolph saß neben ihm und hielt seine Hand in der ihrigen.

"Wenn doch ein Bekannter desselben Weges reiste!" sagte sie mit wehmüthigem Tone; "so ganz allein und auf einer so langen Reise!"

"Ei, Frau, ich glaube, Du möchtest ihm einen Hofmeister mitgeben", entgegnete Randolph lachend. "Albert ist eher dazu geeignet, Schutz zu geben, als solchen zu suchen. Nein, nein, reise Du mit Gott, mehr Schutz und Hülfe bedarfst Du nicht. Fordere überhaupt niemals eines Menschen Hülfe, wenn Dich nicht die allerdringendste Nothwendigkeit dazu treibt, verlasse Dich aber niemals so weit auf sie, daß Du darüber versäumst, Dir selbst zu helfen. Sei vorsichtig mit Deinen Bekanntschaften, es gibt leider viele Schurken, die die Maske der Freundschaft tragen, um Andere für ihre Zwecke, für ihre Interessen zu benutzen. Ich sage Dir, Albert, sei vorsichtig, aber wenn Du auch einmal durch einen solchen Schurken betrogen wirst, so halte darum nicht Jedermann für ebenso schlecht; lasse Dich lieber

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tausendmal betrügen, ehe Du Dich durch solchen Glauben von der ganzen Menschheit abwenden läßt. Ich für meine Person habe hierin die bittersten Erfahrungen gemacht, und doch möchte ich nicht mehr leben, wenn ich daran zweifeln sollte, daß es noch gute, rechtschaffene Menschen gäbe. Bleibe Du es wenigstens immer, und wo Du Gutes thun kannst, thue es gleich, ohne zu überlegen, ob Du auch Dank dafür ernten wirst. Den besten Dank gewährt Dir die That selbst. Sei fleißig und sparsam, doch hast Du einmal mehr Geld ausgegeben, als Du verantworten kannst, so wende Dich dieserhalb niemals an einen Dritten, sondern immer geraden Wegs an mich."

"Schone Deine Gesundheit, mein Albert", fiel seine Mutter ein; "bleibe aus den Trinkhäusern und entziehe Dir den nöthigen Schlaf nicht, auch nicht durch vieles Arbeiten. Hörst Du!"

"Und schreibe mir recht oft, Albert", sagte seine Schwester Martha mit bittendem Lächeln und suchte die Thränen zurückzuhalten, die ihre Augen füllten.

"Ja, schreibe regelmäßig, wenn auch nicht so oft, damit wir wissen, daß es Dir gut geht; in der Zwischenzeit denken wir: Keine Nachricht, gute Nachricht", nahm Randolph abermals das Wort und gab Albert noch viele väterliche Rathschläge und weise Lebensregeln, wobei

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seine Frau ihn oft unterbrach und ihre mütterlichen Ermahnungen einschaltete.

Dabei fing der Wasserkessel vor dem Feuer zu singen an, und als der heiße Strahl aus ihm hervorsprühte, holte Madame Randolph ein Tischchen herbei, stellte Gläser, Zucker und eine Flasche mit altem Whisky darauf und braute einen Abschiedspunsch. Die ernste, wehmüthige Stimmung machte bald einer heitern, frohen Laune Platz, es wurde gescherzt und gelacht, es wurden Nüsse geknackt und selbstgebackene kleine Honigkuchen dazu gegessen und auf eine glückliche schnelle Reise, auf baldiges frohes Wiedersehen und auf aller Gesundheit getrunken. Auch die Sklaven sollten bei der Abschiedsscene nicht vergessen sein, denn Madame Randolph sandte ihnen einen Topf voll Punsch in ihre Hütten, worauf sie dort bald unter jubelnden Hurrahs ihre Herrschaft hoch leben ließen.

Es war elf Uhr geworden, eine Stunde später, als an gewöhnlichen Abenden die Familie Randolph sich zur Ruhe begab, und am folgenden Morgen war schon eine Stunde vor der gewohnten Zeit wieder Alles in Bewegung. Madame Randolph bereitete das Frühstück, Martha war mit der Laterne in den Stall zu den Kühen gegangen, um frische Milch zu holen, Randolph befand sich bei den Pferden und beim Wagen, um

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nachzusehen, ob Alles in Ordnung wäre, und Albert war in in seinem Zimmer damit beschäftigt, seinen Koffer fertig zu Packen und ihn mit Hülfe eines Negerknabens auf den Wagen zu schaffen.

Bald waren alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen und zum letzten Male sollte kein Glied der Familie an dem Frühstückstisch fehlen. Die heitere Laune aber vom vergangenen Abende hatte sich nicht wieder eingefunden, allen waren Herz und Lippen schwer und das Weinen näher wie das Lachen. Alle zögerten, den Tisch zu verlassen, und hielten dadurch den Augenblick des Scheidens noch zurück, bis endlich Randolph aufstand und sagte:

"Nun, in Gottes Namen, laßt uns aufbrechen, wir haben bei diesen kurzen Tagen eine lange Reise vor uns."

Unter Thränen wurde Abschied von Albert genommen und unter heißen Wünschen der Zurückbleibenden bestieg er den Wagen mit seinem Vater, der ihn bis Louisville begleitete, von wo er dann auf einem Dampfboot seine Reise allein fortsetzte. Ohne besondern Aufenthalt erreichte Albert Philadelphia, das Ziel seiner Fahrt, und begab sich dort in ein Hotel. Sein bisheriger Lehrer hatte ihm einen Brief an einen Professor der dortigen Universität, einen Deutschen, mitgegeben, dem er frühzeitig am nächsten Morgen einen Besuch

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abstattete und der ihn infolge der Empfehlung recht freundlich empfing. Er versprach ihm seinen Beistand, gab ihm die Wege an, wie er seine Vorstudien zu machen habe, und übernahm es, für ihn eine Privatwohnung zu besorgen, wo er ungestört und billig leben könne. Schon am zweiten Tage bezog Albert durch Vermittelung des Professors ein Logis bei einem Deutschen, einem Fortepianomacher Namens Keller, wo er zugleich die Kost erhielt.

Keller war erst seit einigen Jahren von Deutschland nach Philadelphia übergesiedelt und hatte hier mit sehr geringen Mitteln, aber mit desto größerem Fleiß sein Geschäft begonnen. Die Instrumente, welche er verfertigte, fanden wegen ihrer Vortrefflichkeit außerordentlichen Beifall, und weil er sie noch obendrein zu ungleich billigern Preisen lieferte als die Amerikaner die von ihnen gebauten, so wollte Jedermann Keller's Pianos haben, und er war gar nicht im Stande, nur entfernt den Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, zu genügen. Bei seiner rastlosen Thätigkeit und strengen Rechtlichkeit wurde es ihm aber bald möglich, die nöthigen Mittel zur Erweiterung seines Geschäfts zu erhalten; er miethete ein größeres Lokal, nahm mehr Arbeiter an und legte sich einen bedeutendem Holzvorrath zu. Jetzt, als Albert Randolph zu Keller zog, besaß dieser bereits ein eigenes

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kleines Wohnhaus und dahinter ein Fabriklokal, in welchem fortwährend einige sechzig Arbeiter beschäftigt waren. Die bei weitem größere Zahl derselben bestand aus Deutschen, welche Keller schon als Landsleute bevorzugte, die er aber auch darum besonders wählte, weil er sich auf ihre Arbeit verlassen konnte und weil sie bei gleich tüchtiger Leistung mit einem geringern Lohn zufrieden waren als die Amerikaner. Der amerikanische Handwerker war gewohnt, sechs, höchstens sieben Stunden täglich zu arbeiten und dabei einen Verdienst von zwei bis drei Dollars zu erzielen, während dem deutschen und auch dem irischen die Hälfte dieses Lohns genügte und beide Geld dabei zurücklegten. Der Amerikaner dagegen lebte mit seinem höhern Lohn von der Hand in den Mund, er behielt am Ende der Woche nicht allein nichts übrig, sondern er machte gewöhnlich noch Schulden dazu. Die Folge hiervon war, daß man die deutschen und irischen Arbeiter in allen Handwerken immer mehr suchte, und daß es den Amerikanern von Jahr zu Jahr schwerer wurde, die gewohnten hohen Lohnsätze aufrecht zu erhalten. In letzter Zeit namentlich hatten sie häufige Zusammenkünfte unter einander gehabt und darin Beschlüsse gefaßt, um durch Nichtarbeiten die Meister und Geschäftsherren zur Bewilligung des alten hohen Lohns zu zwingen. Diese Demonstrationen waren aber nur

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für die wirklich geschicktesten Arbeiter von Nutzen, die andern wurden durch die Deutschen und Irländer erseht. Dies in jeder Weise erfolgreiche Eindrängen in die Geschäfte aller Art war die erste Veranlassung nicht allein in Philadelphia, sondern in den ganzen Vereinigten Staaten zu dem Haß gegen die Fremden, der sich später, als dieselben bei ihrem geringern Lohne wohlhabend, reich und mächtig wurden, zu einem so hohen Grade steigerte.

Albert fühlte sich bald in seinen neuen Verhältnissen heimisch und glücklich. Das Feld, welches sich hier seinem genialen, strebsamen Geiste geöffnet hatte, bot seiner Lernbegier die reichste Nahrung, und die Herzlichkeit, mit welcher Keller und dessen Frau ihn behandelten, that seinem Gemüth wohl und gab ihm das Gefühl, als ob er zu deren Familie gehöre.

Keller war ein kräftiger Dreißiger von gutmüthigem, einfachem Wesen, der keine andere Freude, kein anderes Vergnügen beanspruchte als das, welches er im Kreise seiner Familie genoß, die nur erst aus seiner jungen Frau und einem einjährigen Töchterchen bestand. Seine Frau, welche mehrere Jahre in einer vornehmen Familie Englands als Erzieherin gelebt hatte, war eine ausgezeichnete Klavierspielerin, und dieser ihrer Kunst hatte sie die erste Zuneigung Keller's zu verdanken

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gehabt. Er war leidenschaftlicher Musikliebhaber, interessirte sich aber für Künste überhaupt und hatte, wenn er auch kein Gelehrter war, doch recht hübsche Kenntnisse, die er sich durch Lesen angeeignet hatte. Er liebte die Poesie, besaß die Werke der besten deutschen Dichter und hatte sich nun auch einen Shakspeare[sic!], Byron, Moore und andere Classiker angeschafft.

Albert war ihm in den Abendstunden ein sehr willkommener Zuwachs in seinem häuslichen Kreise, zumal da derselbe sehr für Musik und Poesie schwärmte, und so kam es, daß sie oft die Abende zusammen verbrachten und diesen ihren Neigungen widmeten.

Das hohe seltene Talent für Dichtkunst, womit Albert begabt war, hatte sein erster Lehrer schon erkannt, er hatte aber weder die Fähigkeit, noch die Mittel besessen, dasselbe auszubilden, denn seine Bibliothek war auf die nothwendigsten Schulbücher beschränkt gewesen. Jetzt aber, wo Albert alle Schätze der Literatur zu Gebote standen, loderte der geniale Funke in ihm zur Flamme auf und brach sich in poetischen Versuchen verschiedenster Art, stürmisch Bahn.

Keller, welchem Albert diese Erstlingsdichtungen mittheilte, war ebenso wie seine Frau höchst überrascht und entzückt davon und bestand darauf, daß sie in einer der vornehmsten Zeitungen veröffentlicht werden sollten.

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Er selbst ließ sie einrücken und der Erfolg war ein glänzender. Sie bestanden in Volksliedern, in Schlachtgesängen aus dem Freiheitskriege und in Romanzen aus dem Indianerleben, und kaum waren sie erschienen, als von allen Seiten Erkundigungen nach dem Namen des Autors einliefen, denn Keller hatte nach Albert's Wunsch ihn nicht genannt. Die Gedichte gingen mit Sturmeseile von Blatt zu Blatt durch die ganzen Vereinigten Staaten und allenthalben wurden sie mit demselben Enthusiasmus begrüßt. Dessenungeachtet trat Albert noch nicht mit seinem Familiennamen vor die Oeffentlichkeit, er unterzeichnete sich bei seinen weitern Arbeiten mit seinem Taufnamen und blieb während einer Reihe von Jahren als "Albert" der gefeierte Dichter Amerikas. Durch die ersten empfangenen Lorbeeren angefeuert, betheiligte er sich nun mit gleich günstigem Erfolg auch als Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen und Journalen und wurde für seine geistreichen Beiträge hoch honorirt. Dabei vernachlässigte er aber keineswegs seine juristischen Studien, er betrachtete die literarischen Arbeiten nur als Erholung in seinen Musestunden[Mußestunden], vermehrte diese nur dadurch, daß er die Zeit seines Schlafs verkürzte, und schon nach Ablauf des ersten Jahres wurde ihm bei einer öffentlichen Prüfung von den Professoren der Preis mit dem größten Lobe zuerkannt.

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In Philadelphia selbst war es sehr bald bekannt geworden, daß er der geniale Dichter und Schriftsteller Albert sei, man nannte ihn nur mit diesem Namen und begegnete ihm allenthalben mit Hochachtung und Auszeichnung.

Auch sein Körper hatte sich auf das vortheilhafteste entwickelt; er war ein schlanker kräftiger Jüngling mit fein geringeltem, glänzend schwarzem Haar und tief dunkeln, seelenvollen Augen, auf denen sich jeder seiner Gedanken, jedes seiner Gefühle spiegelte. Dabei war er freundlich und höflich gegen Jedermann und doch zurückhaltend und vornehm in seinem Wesen, der Stolz aber, der darin lag, war nicht Eitelkeit, noch Hochmuth über seine errungenen Lorbeeren, es war der Ausdruck des wirklichen Seelenadels, den ihm die Natur gegeben hatte.

So hoch Albert's geistige Ausbildung ihn nun auch über seinen freundlichen Hauswirth erhob, blieb er doch in seinem Benehmen gegen denselben und gegen dessen Frau vollständig unverändert, ja er suchte das Gefühl seiner Ueberlegenheit durch noch mehr Herzlichkeit und Freundschaft zu verdrängen. Immer noch blieb er nach dem Abendessen, wenn auch nicht mehr so lange bei ihnen in dem nett ausgestatteten Parlour sitzen, ergötzte sich an dem gefühlvollen Pianospiel der Frau

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und unterhielt sich mit Keller in der Weise, wie er wußte, daß es demselben Freude machte.

So verstrich auch das zweite Jahr. Albert hatte den Schatz seines Wissens noch sehr bereichert, sowie seinen Namen als Dichter noch höher gestellt, und sein Hauswirth hatte seinem Geschäft abermals mehr Ausdehnung gegeben und seinen Verdienst in gleichem Maße gesteigert. Die friedliche Ruhe aber, welche bis jetzt in dem Hause Keller's geherrscht hatte, sollte nicht länger ungestört bleiben, die harte, unbarmherzige Hand des Schicksals griff nach dem stillen Glück der Familie.

An einem Sonnabend zahlte Keller seinen Arbeitern das Geld aus, welches sie während der Woche bei ihm verdient hatten, als die drei Amerikaner, die einzigen, welche noch bei ihm in Arbeit standen, ihm erklärten, daß er ihnen von nun an einen höhern Lohn zu bewilligen habe. Keller entgegnete ihnen darauf, daß er ihrer Forderung nicht willfahren werde, da er Arbeiter genug zu dem bisherigen Preise haben könne, und daß es bei ihnen stehe, seinen Dienst zu verlassen und anderswo in Arbeit zu gehen.

Die Amerikaner wurden grob, schimpften ihn einen der verdammten Deutschen, die herübergekommen wären, um ihnen das Brod zu nehmen, schwuren, daß die Fremden sämmtlich zur Stadt hinausgejagt werden

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sollten, und als Keller ihnen die Thür wies und mehrere seiner deutschen Arbeiter herzutraten, um ihrem Brodherrn beizustehen, ergriff einer der Amerikaner eine Axt und zerschlug damit ein kürzlich verfertigtes prächtiges Piano, daß die Splitter in dem Saal umherflogen. Jetzt faßten die Deutschen zu und warfen unter kräftigen Faustschlägen die drei Amerikaner zur Thür hinaus.

Der Auftritt, der sich bei Keller ereignete, war aber heute nicht der einzige dieser Art; in der ganzen Stadt, in fast allen Werkstätten geschah an diesem Abend seitens der Amerikaner ein Gleiches, und bald rotteten sich die Uebelthäter zu Tausenden zusammen und durchzogen die Straßen von Philadelphia mit den Rufen: "Tod den Ausländern!" und: "Hurrah für die Eingeborenen!"

Der Haß gegen die Ausländer, namentlich gegen die Deutschen, lebte aber nicht nur unter der niedern Klasse, er hatte sich auch der bessern Stände der Amerikaner bemächtigt, die mit Neid und Mißgunst auf die vielen reichen Fremden blickten, welche die größten Geschäfte besaßen, als Kapitalisten von ihren Zinsen lebten oder die ersten Aemter und Würden der Stadt bekleideten. Ihren Ohren waren die wilden Sturmesrufe, die durch die Straßen schallten, keine unangenehme Musik, und wenn sie auch selbst in keiner Weise sich an dem

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Tumult betheiligten, so lag es ihnen doch auch sehr fern, nur das Mindeste dagegen zu thun. Sie legten sich in die Fenster, stellten sich vor die Thüren, um den Spaß, wie sie es nannten, mit anzusehen, oder sie zogen hinter den Aufrührern her und vergrößerten dadurch den Auflauf von Minute zu Minute. Die Tumultuanten wurden durch die ungeheuern Zuschauermassen nur noch in ihrer tollen Wuth angefeuert, die Verwünschungen, die Drohungen gegen die Fremden wurden immer heftiger, und bald begannen Steine aus dem wilden Haufen zu fliegen und die Fenster in Häusern von Ausländern zu zertrümmern. Die Nacht brach herein und die ganze Stadt war in Aufruhr. Alle Fremden hatten sich in ihre Wohnungen zurückgezogen, und auch die Amerikaner, welche etwas zu verlieren hatten, begaben sich nach Hause, schlossen Thüren und Läden und fingen an, über das Umsichgreifen des Aufstandes besorgt zu werden.

Bis jetzt war es außer dem Steinwerfen noch zu keinen Thätlichkeiten gekommen, die Zahl der Tumultuanten aber hatte sich schon bis auf zehntausend vermehrt, ihre Bewegungen wurden immer zügelloser, immer drohender, und von Augenblick zu Augenblick sah man einem Ausbruch von Gewaltthaten entgegen. Vergebens hatte es die Polizei versucht, einzuschreiten und die Ruhe

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herzustellen, man hatte sie verhöhnt und schließlich mißhandelt in ihre Quartiere zurückgejagt. Die tobenden Massen waren jetzt zu einer solchen Lawine angewachsen, daß sie sich nicht mehr zusammen fortbewegen konnten; sie brachen in viele Haufen auseinander und stürmten nun nach allen Richtungen durch die Stadt. In den abgelegenen Theil derselben, wo die größte Zahl von Deutschen wohnte, war der Strom der wilden Horde noch nicht vorgedrungen und der kleine, von hohen Gebäuden umgebene Platz vor Keller's Haus noch menschenleer geblieben. Rund um denselben aus allen Fenstern und Häusern bis in die Giebel hinauf schauten deren Bewohner und die große Zahl derer, die sich hineingeflüchtet hatten, hervor und lauschten der furchtbaren Stimme des Aufruhrs, die wie ferner Donner zu ihnen herübertönte. Auch die Fenster in Keller's Haus waren zahlreich besetzt, denn es hatten sich einige zwanzig deutsche Arbeiter hier eingefunden, um ihren Brodherrn zu schützen und Gewalt der Gewalt entgegenzustellen.

"Gott bewahre uns davor, daß sie hierher kommen!" sagte Madame Keller mit zitternder Stimme zu ihrem Manne, der mit verschränkten Armen neben ihr an dem Fenster stand, und dabei preßte sie ihr Kind fester gegen ihr Herz und schaute ängstlich in die Straße hinaus, von woher das dumpfe Getöse hörbar ward.

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"Sie werden sich nicht in diese Gegenden wagen, es wohnen ja hier beinahe nur Deutsche", entgegnete Keller, nicht ohne durch seinen Ton seine eigene Besorgniß zu verrathen.

"Wenn nur Herr Randolph hier wäre, er steht in hohem Ansehen bei den Amerikanern und hat viel Einfluß. Daß er auch gerade heute in das Land fahren mußte!" fuhr die Frau ungeduldig fort und blickte wieder rechts und links an den Häusern hin.

"Er wollte um zehn Uhr wieder hier sein, und es ist schon dreiviertel; er wird hoffentlich gleich kommen", versetzte Keller. Da schallte plötzlich der näherkommende Tumult in wildem, verworrenem Geschrei von dem Ende der Straße her, und zugleich schoß das Licht von vielen Fackeln auf Keller's Haus.

"Gott stehe uns bei, da sind sie", schrie die Frau und sprang mit ihrem Kinde vom Fenster fort nach der Thür. "Wohin willst Du, Frau?" rief Keller ihr zu und hielt sie beim Arm zurück.

"Fort, fort, ehe sie kommen!" entgegnete sie bebend und suchte die Thür zu erreichen.

"Aber wohin denn, liebe Frau? Du bist ja nirgends sicherer als hier; ich habe ja einige zwanzig Mann im Hause", fuhr Keller fort und suchte sie zu beruhigen, während die Sturmrufe draußen von Augenblick zu

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Augenblick gräßlicher tönten und das Fackellicht das Zimmer blendend erleuchtete.

Mit einem Geheul, als ob die Schaaren der Unterwelt losgelassen wären, drängte sich jetzt der tolle Haufen der Tumultuanten auf den Platz und erfüllte die Luft mit den wildesten Flüchen, Schwüren und Hurrahs. Dabei hoben sie drohend ihre Fäuste gegen die umstehenden Häuser empor und Aexte, Hammer, Eisenstangen und Messer blitzten in dem Lichte der Fackeln. Für den Augenblick schienen die Aufrührer noch kein Ziel für ihre Wuth gewählt zu haben, da schrie eine Stimme den Namen Keller, und "Keller!" dröhnte es aus tausend Kehlen.

Als ob sie jetzt den rechten Weg gefunden hätten, wandten sie sich wie ein wogender Strom gegen das Haus des Pianomachers und im nächsten Augenblick krachten Axt- und Hammerhiebe gegen Thür und Fensterladen.

"Halt, im Namen des sternbedeckten Banners Amerikas! Halt, sage ich", übertönte plötzlich eine Stimme den Tumult und mit den Worten: "Seid Ihr Amerikaner, seid Ihr Söhne der Väter, die Freiheit und Recht mit ihrem Blut erkauften?" drängte sich Albert Randolph mit Gewalt durch die Menge und erreichte die Thür des Hauses in dem Augenblick, als dieselbe unter den Aexten zersplitterte.

"Zurück hier vor einem freien Sohne Amerikas!"

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schrie er jetzt gegen die rasende Menge, indem er in den Eingang trat und im Scheine des Fackellichts sich hoch und gebietend aufrichtete.

"Ja, ich bin es, Euer Dichter Albert ist es, der Euren Ruhm besungen, der aber Eure Schande nicht sehen will. Fort, seid Amerikaner, seid würdige Kinder der höchststehenden, der edelsten Nation auf Erden, und tretet die Gesetze, die Ihr selbst gegeben, nicht mit Füßen!"

So rief er abermals, und die vordersten der Aufrührer wichen wie vor einer höhern Macht zurück, hinter ihnen aber schrieen mehrere wuthentbrannte Stimmen:

"Was will der Grünschnabel? Nieder mit dem Jungen, wir brauchen keinen Lehrmeister", und in demselben Augenblick kam ein schwerer Stock geflogen und traf Albert mit solcher Gewalt auf die Brust, daß er athemlos zurücktaumelte und in der Hausflur von den dort versammelten kampfbereiten Deutschen aufgefangen wurde.

Das Zeichen zum Angriff war hiermit gegeben und mit einem donnernden Hurrah strömten die Amerikaner in den offenen Eingang. Dort aber fielen so gewaltige Hiebe auf sie nieder, daß sie mit blutigen Köpfen zurück zur Thür hinaus stürzten und draußen unter Flüchen und Schwüren ihrer Kameraden zusammenbrachen. Doch die Nachfolgenden erneuerten sofort mit noch größerer

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Wuth den Angriff, wurden aber gleichfalls schwer getroffen zurückgewiesen.

Albert hatte sich schnell wieder ermannt und eilte nach der Treppe, wo ihm Keller und dessen Frau mit ihrem Kind entgegenkamen und seine Hände ergriffen, in ihrer Angst aber keine Worte hatten.

"Schnell, schnell, folgen Sie mir", rief er entschlossen und zog sie mit sich fort in den Hof und nach der hintern Seite desselben an die Mauer, welche Keller's Grundstück von dem dahinter liegenden trennte. Von dem Blumengerüste, welches an derselben stand, warf er die Töpfe herab, stieg auf ihm hinauf und bat Madame Keller, ihm mit dem Kinde zu folgen.

"Sie müssen über die Mauer steigen, dort sind Sie in dem Eigenthum eines Amerikaners und vor jeder Verfolgung sicher", rief er ihr zu und hielt ihr die Hand entgegen.

Die Frau zitterte und bebte und konnte sich nicht entschließen, doch Keller schlang seinen Arm um sie und half ihr zu Albert hinauf. Von der Mauer ließ sie sich mit Hülfe der beiden Männer in den Hof des Nachbars hinab und empfing dann weinend und schluchzend ihr Kind, welches Keller ihr nachreichte.

"Um Gottes willen, komm mit, Keller, und auch Sie, Herr Randolph! Hören Sie nicht die

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Schreckenstöne? Die wüthende Horde wird Sie beide morden!" rief die Frau, ihre Hände flehend nach ihnen erhebend.

"Ich kann ja mein Eigenthum nicht verlassen, Frau, ich habe ja auch alle meine Papiere und meine Bücher dort! Eile zu Hancocks, sie werden Dich in Schutz nehmen", entgegnete Keller und winkte ihr fortzugehen.

"Laß Alles im Stich, nur erhalte mir Dich selbst. Komm herab!" bat die Frau noch dringender.

"Dieser Weg bleibt mir immer noch frei; ich muß erst meine Papiere retten", rief Keller, sprang von dem Gerüst in den Hof und rannte nun, von Albert gefolgt, in das Haus zurück.

Noch immer hielten die deutschen Arbeiter den Eingang siegreich besetzt und wehrten mit furchtbaren Hieben den Strom der rasenden Angreifer zurück. Die Dunkelheit schützte sie und das Fackellicht draußen zeigte ihnen die eindringenden Feinde. Keller und Albert sprangen an ihnen vorüber die Treppe hinauf nach dem Zimmer, wo ersterer seine Bücher und Papiere verschlossen hatte. Sie öffneten die Thür und traten ein, als im selbigen Augenblicke die beiden Fenster von außen zerschmettert wurden und zwei Männer, welche sie auf Leitern erstiegen hatten, in denselben erschienen. Keller aber stieß den einen und Albert den andern

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zurück, sodaß dieselben beide von der Höhe in die Straße stürzten und ihre Kameraden, welche ihnen schon auf den Leitern folgten, mit sich hinabrissen. Ein Donner von Verwünschungen und Flüchen beantwortete die That aus der Straße herauf, doch zugleich ertönten Hurrahs und Siegesrufe, denn auf einer dritten Leiter strömten die Belagerer durch das Fenster in das Nebenzimmer, und Keller und Albert blickten noch den Hinabgestürzten nach, als Mann auf Mann hinter ihnen in die Stube drang und alle wie rasend über sie herfielen. Der Kampf war kurz, beide wurden niedergeschlagen, und jubelnd trugen die Sieger den regungslosen Keller in das Fenster, zeigten ihn der jauchzenden Menge und warfen ihn in die Straße hinunter. Dann erfaßten sie Albert, um ihn einem gleichen Ende zu überliefern; sie hoben ihn auf die Fensterbrüstung und waren im Begriff, ihn hinabzuschleudern, als einer der wüsten Gesellen seinen Arm ergriff und ihn zurückhaltend ausrief:

"Halt, das ist Albert, der Dichter. Um Gotteswillen, wer hat ihn so geschlagen? Hierher mit ihm, ich will ihn verbinden!"

Dabei riß er sein Halstuch ab, und nachdem Albert auf den Fußboden niedergelegt worden war, kniete jener neben ihm hin und band das Tuch um sein blutiges Haupt.

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"Faßt an, damit wir ihn in Sicherheit bringen und einen Arzt zu Hülfe rufen", rief er dann, indem er seinen Arm unter Albert's Schultern schob und ihn mit Hülfe mehrerer Kameraden emporhob.

Während dieser Zeit hatte der Kampf in dem Eingange des Hauses sein Ende gefunden, denn die Amerikaner waren in großer Zahl durch die Fenster eingedrungen und hatten die Deutschen in der Hausflur im Rücken angegriffen. Nach einer verzweifelten Gegenwehr waren diese der Uebermacht erlegen, und Haus und Hof füllten sich jetzt rasch mit den Siegern.

"Wahrt die Köpfe", schrie es aus allen Fenstern, und hinter den Mahnrufen kamen Möbel, Geschirr, Handwerkszeug, ja ganze Pianos herausgeflogen und zerschellten auf der Straße. In unglaublich kurzer Zeit war das Gebäude ausgeleert, und schon begannen die Tumultuanten das Dach abzudecken, um das ganze Haus niederzureißen, als mehrere Stimmen ausriefen:

"Wozu die Mühe? Steckt die Baracke in Brand! Alle die Nester rund um den Platz gehören ja diesen verdammten Deutschen. Laßt sie zum Teufel brennen!"

Wildes Jubelgeschrei war die Antwort auf den Vorschlag, die Holzspäne in den Werkstätten lieferten vortreffliches Zündmaterial, die Fackeln fielen hinein und das Haus brannte an allen vier Ecken.

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Die Feuersäule, die zum Himmel emporstieg, ward aber von vielen andern beantwortet, die in verschiedenen Theilen der Stadt aufloderten, und da die bei weitem größere Zahl der Spritzenmannschaften sich unter den Aufrührern befand, so griff das Feuer allenthalben rasch um sich. Jetzt fanden es die besitzenden Klassen der Amerikaner für gerathen, dem Aufstand entgegenzutreten, wollten sie nicht ihr eigenes Hab und Gut dem Untergang preisgeben. Die Feuerglocken wurden gezogen und auch die reichsten Leute spannten sich vor die Spritzen. Dabei sandten die Sturmglocken von den Kirchen ihre schauerlichen, mahnenden Klänge über die Stadt, und um die Schreckenstöne noch zu mehren, wirbelten Trommeln, schallten Hörner durch die Straßen und riefen die Miliz auf ihre Sammelplätze. Noch hatten diese Anstalten keinen Einfluß auf die Bewegungen der zügellosen Arbeitermassen; sie zogen von Straße zu Straße und trugen Mord und Brand in die Häuser der Ausländer. Die katholische Kirche war jetzt der Gegenstand, an dem sie ihre Wuth ausließen, und unter den Rufen: "Nieder mit den Katholiken. Nieder mit den Irländern!" warfen sie ihre Fackeln in das Haus Gottes. Die Flammen verhüllten schon das hehre Gebäude, als die ersten Abtheilungen der Miliz gegen die ruchlosen Schaaren vorrückten, um mit der Gewalt der

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Massen dem Unwesen Einhalt zu thun. Es war zu spät; was noch vor wenigen Stunden mit geringen Kräften und ohne Opfer hätte geschehen können, war jetzt der vereinten Bürgerwehr nicht mehr möglich. Der Generalmarsch hatte nicht nur die Miliz unter die Waffen gerufen, er hatte auch die Aufständischen dazu greifen lassen, sie hatten sich schnell einer Anzahl Kanonen bemächtigt und begannen nun das Straßenpflaster aufzureißen und Barrikaden aufzuwerfen. Ihre Stellung hatten sie durch mehrere Theile der Stadt geschickt gewählt, um untereinander in Verbindung zu bleiben und zugleich den Fluß zu beherrschen. Als der Morgen graute, war die ruhige Quäkerstadt zum Kriegsschauplatz umgewandelt und Kanonendonner erschütterte sie in ihren Grundfesten. Der Fluß bot den Aufrührern Zufuhren aller Art und das Arsenal versorgte sie mit Munition.

Kaum hatte der Tag sein volles Licht über die Stadt ausgebreitet, als die Miliz die ersten Massenangriffe auf die Barrikaden machte. Mit löwenmüthiger Entschlossenheit stürmten die Söhne Philadelphias dem Feuer der Verschanzten zu, der Kugelregen streckte sie reihenweise in den gewählten engen Straßen nieder und viele Hunderte fanden in wenigen Minuten ihren Tod. Wieder und wieder erneuerten sie die Angriffe, doch

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immer wurden sie mit großem Verlust zurückgeworfen. Da rückte gegen zehn Uhr das prächtig uniformirte Husarenregiment, welches aus den Söhnen der reichsten, vornehmsten Leute bestand, vor, um die erste blutige Weihe zu empfangen. Alle Vorstellungen, daß Cavallerie nicht gegen Barrikaden zu gebrauchen sei, wurden zurückgewiesen und die Trompeten schmetterten zum Angriff. Im Galopp kamen die schönen Jünglinge auf ihren edlen Pferden die Straße herabgebraust und wurden mit Kartätschenregen von den Barrikaden begrüßt. Rosse und Reiter stürzten über sie weg, jagten ihre Kameraden gegen die Schanzen vor, und eine Menge von ihnen gelangte über dieselben hinaus zwischen die Feinde. Die Uebermacht dort aber war zu groß, es kam nicht einer der jungen Helden wieder zurück. Ueber ein Drittheil des Regiments wurde bei diesem einen Angriff verwundet oder getödtet. Diese Erfolge feuerten die Aufrührer nur noch mehr an, und die Forderungen, welche sie stellten, um Frieden zu machen, steigerten sich immer höher. Sie verlangten neben vollständiger Amnestie, daß alle Ausländer die Stadt verlassen sollten. Dabei wuchs ihre Zahl von Stunde zu Stunde und der Magistrat kam zu der Ueberzeugung, daß er mit der ihm zu Gebote stehenden Macht die Ruhe nicht erzwingen könne. Der Beschluß ward

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darum gefaßt, die Miliz aus dem Lande aufzubieten, und schon am Abend gingen die Befehle nach allen Theilen von Pennsylvanien ab.

Während der zwei folgenden Tage schwebte die Stadt in banger Erwartung, in Angst und Schrecken, denn die Aufständischen machten Ausfälle, rissen Häuser nieder, steckten andere in Brand und plünderten die Waarenlager. Endlich am dritten Tage rückten zehntausend Mann Militär aus dem Lande ein, und schon am Nachmittage wurden sie gegen die Barrikaden geführt. Mit einer furchtbaren Erbitterung wurde von beiden Seiten gekämpft, aber aller Muth, alle Entschlossenheit halfen nichts gegen die festen Stellungen und die Todesverachtung der Aufrührer, alle Angriffe wurden während mehrerer Tage zurückgeschlagen. Unterdessen hatte der Gouverneur von Pennsylvanien auch aus den Nachbarstaaten, aus Neujersey und aus Maryland Milizen zur Unterdrückung des Aufstandes verlangt, und abermals zogen neue Hülfstrup[p]en in Philadelphia ein. Die Resultate der Kämpfe waren die frühern, die Aufständischen blieben die Sieger. Da langte endlich am neunten Tage die sogenannte fliegende Artillerie unter dem Commando des Kapitäns Ringold, welche in dem Fort bei Baltimore stationirt war, in der Stadt an, und eine Stunde nach seiner Ankunft ließ er seine Geschütze gegen

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die Barrikaden auffahren. Der Donnergruß, den diese Feuerschlünde den Aufrührern zuschickten, war mehr, als diese ertragen konnten, sie flohen in wilder Hast von ihren Verschanzungen, die Miliz folgte ihnen im Sturmschritt nach, und ehe eine Stunde verging, war die Stadt von ihren Peinigern befreit.

Trauer, Leid und Weh aber waren in unzähligen Familien eingezogen, denn Tausende ihrer Söhne, ihrer Brüder, ihrer Väter waren als Opfer ihres Muthes, ihrer Pflicht gefallen.

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Sechstes Kapitel.

Albert wurde während der Zerstörung von Keller's Wohnung ohne Lebenszeichen hinaus in die Straße getragen, um ihm irgendwo Hülfe angedeihen zu lassen.

"Wen bringt Ihr da?" wurden die Burschen, die ihn trugen, von Kameraden angeredet, welche sich um sie drängten, um zu erfahren, wer der Verwundete sei.

"Es ist Albert, der unsere Lieder gedichtet hat", war die Antwort, und "Hurrah für Albert!" schallte es ihm von allen Seiten nach.

Sein Beschützer wollte ihn nach dem nächsten amerikanischen Hotel bringen und schlug, um aus dem Tumult zu kommen, eine Seitenstraße ein, die aus dem deutschen Stadtviertel hinausführte. Langsam waren sie derselben gefolgt und hielten an einer Straßenecke bei einem Brunnen an, um auszuruhen und das Tuch um Albert's Kopf anzufeuchten. Während er noch damit

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beschäftigt waren, regte sich Albert und seine Brust hob sich wieder zum Athmen.

"Er kommt zu sich, laßt uns eilen, damit wir ihm bald einen Arzt verschaffen", sagte sein Beschützer, und alle griffen zu, um ihn wieder aufzuheben. Da fuhr plötzlich ein Wagen in die Straße ein und kam mit größter Eile dieselbe herabgerollt.

"Der Wagen soll ihn nach dem Hotel fahren", sagte einer der Burschen; alle ließen Albert wieder auf den Boden nieder und sprangen dem Fuhrwerk in den Weg. Der Kutscher, um sich nicht aufhalten zu lassen, trieb die Pferde noch schärfer an, doch Albert's Begleiter sprangen ihm von beiden Seiten entgegen, griffen den Rossen in die Zügel und zwangen sie still zu halten.

Ein alter Herr mit weißem Haar neigte sich aus dem Wagen und fragte mit ruhigem, gefaßtem Ton, was man von ihm begehre.

"Wir haben einen Verwundeten bis dort an den Brunnen getragen und bitten, daß Sie ihn nach dem Hotel in der nächsten Straße fahren, damit er sobald als möglich einen Arzt bekomme."

"Recht gern will ich das thun, wenngleich ich in sehr großer Eile bin", entgegnete der alte Herr; "es müßte aber einer von Ihnen mitfahren, denn ich und meine alte Frau hier sind nicht im Stande, den Kranken zu

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unterstützen. Wer ist er denn und ist er gefährlich verwundet?"

"Er hat einen Hieb am Kopfe, doch scheint er sich zu erholen und athmet wieder gut. Es ist der Dichter Albert, der die Volkslieder -"

"Albert - der geistreiche junge Albert?" fiel ihm der alte Herr rasch und mit großer Theilnahme in das Wort und öffnete den Wagenschlag. "Bringen Sie ihn nur schnell herein in den Wagen, den nehme ich mit nach meinem eigenen Hause und werde selbst für seine Genesung Sorge tragen. Bringen Sie ihn rasch herein!"

Dann bat er seine neben ihm sitzende Frau, sich auf dem Rücksitz niederzulassen, und nahm nun selbst ihren Platz ein, um den Verwundeten an seiner Seite zu haben. Gleich nachdem dies geschehen, langten die Männer mit Albert an dem Kutschenschlage an; sie hoben ihn vorsichtig auf den Rücksitz des Wagens, der alte Mann legte seine Hand unter seinen Nacken und rief dann dem Kutscher zu, fort zu fahren, so schnell die Pferde laufen könnten. Als der Beschützer Albert's den Schlag hinter ihm schloß, fragte er den alten Herrn nach seinem Namen, worauf derselbe antwortete:

"Ich bin der Maire der Stadt und heiße Walther März."

"Verdammter Deutscher!" riefen die Burschen

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einstimmig und streckten ihre geballten Fäuste nach dem Manne aus, die Rosse aber jagten mit dem Wagen davon und verschwanden bald vor den Blicken der fluchenden Gesellen.

Walther März war die angesehenste Persönlichkeit in Philadelphia. Zu Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war er als junger Mann von Deutschland dorthin ausgewandert, hatte den Freiheitskrieg unter Washington mitgefochten, hatte unter dessen Präsidentschaft hohe Stellen im Staatsdienst bekleidet und war jetzt nach langjährigem Geschäftsleben in Philadelphia von dessen Einwohnern als einer der achtbarsten Bürger zum Maire erwählt worden. Er hatte seit einigen Wochen auf seinem Landgute gelebt, die Nachricht aber von den ausgebrochenen Unruhen führte ihn mit solcher stürmischen Hast in die Stadt zurück.

In fliegender Eile fuhr der Wagen durch viele Straßen, bis er endlich vor einem prächtigen Palaste anhielt, aus welchem mehrere schwarze Diener hervorsprangen und den Kutschenschlag öffneten.

"Ruft noch einige meiner Leute zu Hülfe herbei, ich habe einen Verwundeten im Wagen, den Ihr in das Haus tragen müßt", sagte März zu den Dienern, und nach wenigen Augenblicken erschienen deren noch mehrere,

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die nun Hand an Albert legten, ihn aus dem Wagen hoben und mit größter Vorsicht die hohe Marmortreppe hinauf in das Haus trugen. März sandte den Wagen nach seinem Hausarzt, um diesen schleunigst herbeizubringen, und folgte dann mit seiner Gattin dem Verwundeten nach dem Gemache, welches er für ihn bestimmt hatte. Dort ließ er denselben auf ein Sopha niederlegen und ihm vorläufig bis zur Ankunft des Arztes die Kopfwunde mit kühlenden Umschlägen bedecken. Nachdem seine Gattin sich entfernt hatte, um alles für die Bequemlichkeit des Kranken Nöthige anzuordnen, ließ März sich in einem Armsessel neben diesem nieder und ertheilte dem zurückgebliebenen Diener Anweisungen in Bezug auf dessen Pflege.

März war eine sehr große, stattliche Gestalt mit hochgewölbter Brust und breiten Schultern, das Bild eines schönen, kräftigen bejahrten Mannes. Die hohe, zu beiden Seiten in das kurzgeschnittene, volle, schneeweiße Haar eindringende Stirn, die starken weißen Brauen über den großen dunkelblauen Augen, die Adlernase, und der feingeformte, freundliche Mund gaben seinem schönen Kopf etwas ungewöhnlich Edles, und die gesunde blühende Farbe seines Antlitzes verlieh ihm jugendliche Frische. Seine ganze Erscheinung erinnerte an die Zeit des großen Washington, nur fehlte die Perrücke. Er

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trug einen weiten Rock von schwerer schwarzer Seide, eine lange weiße Weste mit herabhängenden Taschen, schwarzseidene kurze Beinkleider und Strümpfe von gleichem Stoffe, welche ein paar muskulöse, elegant geformte Waden zeigten und sich in sauber geglänzte Schnallenschuhe versenkten. Der Busen seines blendend weißen Hemdes, sowie die über die wohlgepflegten vornehmen Hände fallenden Manschetten waren sauber gefaltet und man sah es der ganzen Kleidung an, daß Aufmerksamkeit darauf verwandt worden war.

Als der Arzt in das Zimmer trat und durch Herrn März zu Albert an das Sopha geführt wurde, lag dieser noch immer ohne Bewußtsein.

"Sie sollen einem der geistreichsten, talentvollsten Söhne Amerikas, zu dem unser Volk einst mit Stolz aufsehen wird, das Leben erhalten, lieber Doctor, ich fürchte aber, der Tod hat ihn schon mit kalter Hand erfaßt", sagte März und hob den Umschlag von dem Haupte des Kranken.

Der Arzt untersuchte nun die Wunde auf das sorgfältigste, während welcher Zeit März mit Bangen dessen Urtheil zu erwarten schien und dasselbe im voraus auf seinen Zügen zu lesen suchte.

Albert zuckte wiederholt während der Untersuchung zusammen und wollte durch eine Bewegung mit dem

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der Sonde des Doctors entgehen, da wandte sich dieser von ihm ab zu März und sagte:

"Die Hirnschale ist nicht verletzt, und wenn durch die Erschütterung innerlich kein Schaden gethan ist, so kann ich Ihnen die Genesung des jungen Mannes mit Sicherheit in Aussicht stellen. Wer ist er, daß Sie sich so warm für ihn interessiren, Herr März?"

"Albert Randolph, der junge Dichter, der durch seine prächtigen Lieder sich die Liebe jedes Amerikaners erworben hat."

"Albert?" sagte der Doctor überrascht. "Wahrlich, es würde mich glücklich machen, etwas für ihn gethan zu haben."

"Gott Lob, daß es so mit ihm steht", fiel März freudig ein; "nun darf ich ihm aber auch keine Zeit mehr schenken. Ich übergebe ihn Ihrem Schutze, und meine gute Frau sowie meine ganze Dienerschaft werden Ihnen hülfreich dabei zu Gebote stehen. Mich selbst ruft die Pflicht jetzt hinaus; ich fürchte, es ziehen schwere Stunden für unsere Stadt heran."

"Doch nicht, es sind nur Arbeiterunruhen, die ja in allen großen Städten vorkommen, die aber höchstens dem Geschäftsherrn und Meister einen höhern Lohn abzwingen. Die Sache wird ohne Folgen sein", entgegnete der Arzt.

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"Sie irren sich, lieber Doctor, der Aufruhr ist von tieferer Bedeutung und von unabsehbarer Tragweite. Es sind zwei gleich kräftige und doch ganz verschiedene Elemente, die einander schon lange Zeit feindlich gegenübergestanden, sich jetzt aber in sehr ernstem Zusammenstoß getroffen haben; ich fürchte, es wird ohne vieles Blutvergießen nicht enden. Lassen Sie uns indeß hoffen. Unsern jungen Dichter empfehle ich Ihrer größten Sorgfält", sagte März, reichte dem Arzt zum Abschied die Hand und eilte nun kräftigen und entschlossenen Schrittes aus dem Gemach.

Während der ganzen Dauer des Kampfes in Philadelphia lag Albert ohne klares Bewußtsein, obgleich der Arzt ihn sehr oft besuchte, stundenlang bei ihm verweilte und Alles zu seiner Wiederherstellung aufbot. Herrn März erfüllte der Zustand seines Schützlings mit großem Leidwesen, obgleich des Morgens, ehe er seiner ernsten Pflicht als Maire folgte, und abends, wenn er nach rastloser Thätigkeit für das Wohl der Stadt ermüdet nach Hause zurückkehrte, der Arzt ihm beruhigend erklärte, daß er die sicherste Hoffnung für die Genesung des Kranken hege. Er saß manchmal noch spät in die Nacht hinein an dessen Lagers und wenn Albert dann die Augen aufschlug und seinen matten Blick über seine Umgebung kreisen ließ, ergriff März theilnehmend seine

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Hand und richtete liebevolle, freundliche Fragen an ihn. Seine Hoffnung aber, ihn aus seiner geistigen Ermattung erwachen zu ersehen, wurde immer bald vereitelt, denn die Augen des Kranken fielen wieder zu und er versank abermals in starren Schlaf.

Am Abend, nachdem die Geschütze Ringold's die Aufrührer zersprengt hatten und die Herrschaft wieder in die Hände der gesetzlichen Gewalt zurückgegeben war, kehrte März von übergroßer Anstrengung ermüdet nach Hause zurück und wurde von seiner Gattin mit einem herzinnigen "Gott Lob!" empfangen.

"Gott Lob sagst Du - ist Albert zum Bewußtsein gekommen?" fragte er schnell in freudiger Ueberraschung und wandte sich nach der Treppe, um auf dessen Zimmer zu eilen.

"Ach nein, das nicht, lieber März, ich danke Gott nur für den Segen des Friedens und für Deine Erhaltung."

"Ja wohl müssen wir ihm dafür dankbar sein, gute Frau, er sei gelobt und gepriesen. Ich glaubte, Du hättest mir die frohe Kunde von Albert's Besserung gleich mittheilen wollen. Wie geht es ihm?"

"Der Doctor sagt, es stände recht gut mit ihm, weil er wieder williger Speise und Trank zu sich nähme. Ich aber kann keine Veränderung an ihm gewahren."

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"So laß uns zu ihm gehen, vielleicht sehe auch ich Besserung", sagte März und wandte sich abermals neich der Treppe.

"Willst Du nicht vorher etwas ausruhen? Du scheinst sehr ermüdet zu sein."

"Wo kann ich besser Ruhe finden als bei dem Hülfsbedürftigen? Nur wenn die Seele sich ruht, erholt sich der Körper", sagte März, ergriff die Hand seiner Gattin und begab sich nach dem Krankenzimmer.

Dort setzte er sich in einen Armstuhl neben Albert nieder und sagte, nach ihm hinschauend:

"Er scheint immer noch bewußtlos zu sein; es wäre ein Jammer für einen so selten bevorzugten Geist, wenn er im Aufkeimen gebrochen werden sollte."

Dann wandte er sich nach einem Diener und trug ihm auf, Licht herein zu bringen, denn es war schon sehr düster geworden.

"Der Schlaf unseres jungen Pfleglings ist ein so ruhiger, so natürlicher, daß man glauben sollte, er wäre gesund", sagte März zu seiner Frau, die unweit von ihm Platz genommen hatte. Da erhellte sich das Zimmer, der Diener trat mit dem Lichte herein, und Albert schlug die Augen auf.

Sein Blick, der bisher an nichts zu haften geschienen hatte und nur unstät und theilnahmlos an Allem

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vorübergezogen war, richtete sich jetzt sinnend auf den alten Herrn, der ihm mit zunehmender freudiger Bewegung in die Augen schaute. Es war, als besinne Albert sich, als wolle er die letzte Vergangenheit mit der augenblicklichen Gegenwart in Zusammenhang bringen, und immer erstaunter sah er den freundlichen alten Mann an.

"Gott Lob, Sie erholen sich, Herr Albert", sagte März mit aufwallender Hoffnung und nahm dessen Hand liebevoll in die seinige. Albert aber blickte ihn noch immer verwundert an und suchte seiner verworrenen Gedanken Herr zu werden.

"Ich weiß nicht", sagte er endlich mit matter Stimme und sah sich fragend um.

"Nein, nein, lieber Herr Randolph, Sie können auch nicht wissen, wo Sie sind. Sie befinden sich aber bei Freunden, die Sie hochschätzen, und ich will es Ihnen sagen, wie Sie hierher kamen", fiel März ihm schnell in Rede. "Bleiben Sie aber ruhig liegen und strengen Sie Ihren Geist nicht an. Sie sind noch sehr schwach. Als die aufrührerischen Arbeiter in das Haus des Herrn Keller, bei dem Sie wohnten, eindrangen und dasselbe zerstörten, wurden Sie bei dessen Vertheidigung durch einen Schlag an den Kopf verwundet, worauf man Sie bewußtlos aus dem Tumult trug. Ein glücklicher Zufall führte mich in meinem Wagen in Ihre Nähe

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und da habe ich Sie mit hierher genommen. Es macht mich sehr, sehr glücklich -"

"Keller - ja wohl, Keller, ich wohnte bei ihm, er und seine Frau waren strebsame, gute Leute", unterbrach Albert seinen Wohlthäter nachdenkend und fuhr nach einigen Augenblicken rascher fort: "Wie geht es der Familie Keller? Hat sie großen Schaden erlitten?"

März drängte die Antwort, die ihm auf die Lippen trat zurück und sagte nach einer kurzen Pause:

"Ja wohl, sie hat Verlust gehabt, ihre vielen Freunde aber werden sich gern ihrer annehmen und ihr helfen. Morgen will ich Ihnen Alles erzählen, was sich seit Ihrer Verwundung zugetragen hat, jetzt müssen Sie sich ruhen. Gute Nacht, lieber junger Freund!" Hiermit drückte März dem Kranken die Hand, winkte seiner Gattin und verließ mit derselben das Zimmer, nachdem er an der Thür dem Wärter aufgetragen hatte, so wenig als möglich mit Herrn Randolph zu reden und ihm namentlich durchaus keine Auskunft über die Ereignisse während der Unruhen zu geben.

Für den edlen hochherzigen März war der folgende Tag ein Freuden-, ein Glückstag, denn er fand Albert, wenn auch noch schwach, doch bei vollstem Bewußtsein und der Arzt erklärte ihn nun für gänzlich außer Gefahr. März widmete ihm jede Stunde, die er bei seinen

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jetzt so sehr gehäuften Geschäften erübrigen konnte, und theilte ihm Alles über die Schrecknisse mit, die während seines bewußtlosen Zustandes die Stadt heimgesucht hatten, nur eins verschwieg er ihm, er sagte ihm nicht, daß Keller todt sei. Albert dagegen fragte desto öfter nach dessen Ergehen, bat März, demselben Nachricht von seinem eigenen Befinden zukommen zu lassen, und sprach mitunter seine Verwunderung aus, daß er nicht einmal ihn hier besucht habe. März gab aber dem Gespräch immer schnell eine andere Wendung, um Albert über das Schicksal seines ihm so sehr befreundeten Hauswirths in Ungewißheit zu erhalten, und doch steigerte er in ihm absichtlich täglich mehr die Zweifel darüber. Erst nach Verlauf von einer Woche, nachdem Albert sich so weit wieder erholt hatte, daß der Arzt ihm erlaubte, abends in der Kühle einen Spaziergang zu machen, entschloß sich März und theilte ihm die Trauerbotschaft mit.

Dieselbe erschütterte Albert heftig; es war das erste Mal, daß ihm das Schicksal einen bittern Trank reichte. Er saß lange Zeit sprachlos da, dann traten ihm Thränen in die Augen und mit wehmüthiger Stimme fragte er März nach Keller's Frau und Kind.

"Sie sind am Leben und es soll ihnen an nichts zum Leben fehlen, wenn ich ihnen auch den Gatten und

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den Vater nicht wiedergeben kann. Seien Sie für deren Zukunft unbesorgt, lieber Randolph", erwiderte März tief bewegt und brückte ihm mit großer Theilnahme die Hand.

Als der Abend kam, begleitete er ihn selbst bei seinem ersten Ausgang, und indem sie in der Straße langsam hinschritten, äußerte Albert den Wunsch, die Wittwe Keller zu besuchen, März jedoch verweigerte ihm seine Zustimmung dazu, nannte ihm aber den Ort, wo er die Frau untergebracht habe; denn sie hatte Alles verloren.

Sobald Albert von dem Spaziergang zurückgekehrt war, begab er sich auf sein Zimmer und schrieb an die Wittwe Keller. Er hatte durch seine literarischen Arbeiten nach und nach gegen zwölfhundert Dollars verdient, welche von ihm in der Bank von Philadelphia niedergelegt waren. Er schrieb eine Anweisung auf diese über tausend Dollars, legte dieselbe in den Brief an Madame Keller ein und bat sie, diese Gabe als einen kleinen Beweis seiner Dankbarkeit für ihm erwiesene Güte und Freundschaft von ihm annehmen zu wollen. Früh am folgenden Morgen übersandte er der unglücklichen Frau das Schreiben. Nach dem Frühstück aber begab er sich zu Herrn März in dessen Zimmer und unter den innigsten, heißesten Danksagungen für alle Wohlthaten,

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womit derselbe ihn überhäuft hatte, theilte er ihm mit, daß er sich heute, um seine Güte nicht zu mißbrauchen und um seine Studien wieder zu beginnen, nach einer Wohnung umsehen wolle. März aber ergriff seine Hand und sagte mit hochherziger Bewegung:

"Wenn Sie wirklich glauben, daß Sie mir einen Dank schulden, verehrter junger Freund, so tragen Sie ihn mir dadurch ab, daß Sie bei mir wohnen bleiben und mein Haus als Ihr väterliches betrachten. Ich habe Sie hochgeschätzt, ehe ich Sie persönlich kannte, jetzt stehen Sie meinem Herzen so nahe, daß es mir ein herber Verlust sein würde, wenn Sie mir Ihre tägliche Gesellschaft entziehen wollten. Es ist aber nicht mein Herz allein, welches diesen Wunsch ausspricht, ich bin auch stolz darauf, den Dichter Albert unter meinem Dache zu bewirthen. Nicht wahr, Sie bleiben bei mir?"

Bei diesen letzten Worten schüttelte der alte Herr mit deutscher Biederkeit seinem Gaste die Hand, und dieser erfüllte gern seinen Wunsch, konnte aber im Ueberströmen seines Dankgefühls keine Worte finden. Er erwiderte den Händedruck seines edlen Gönners und dieser las in Albert's Augen, was derselbe ihm sagen wollte.

"Da Sie mir meine Bitte gewähren wollen, so bin ich Ihnen ebenso vielen Dank schuldig wie Sie mir -

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unsere Rechnung steht gleich, mein lieber Randolph", nahm März freudig das Wort. "Lassen Sie Ihr Zimmer durch meinen Diener ganz so einrichten, wie Sie es wünschen, Sie können dort ruhig und ungestört arbeiten, und wenn Sie in Ihren Mußestunden nichts Besseres zu thun wissen, so gönnen Sie mir und meiner Frau Ihre liebe Gesellschaft."

Albert blieb bei März wohnen.



Es waren nun über drei Jahre verstrichen, seit Harry Williams seine kaufmännische Laufbahn in Neuorleans begonnen hatte. Sein Name als gewandter, thätiger Geschäftsmann ward allgemein hoch gestellt, und viele der ersten Häuser hatten sich bemüht, ihn durch glänzende Anerbietungen in ihre Dienste zu bekommen. Harry hatte sie aber sämmtlich zurückgewiesen und blieb Herrn Morgan treu. Er blieb gern bei ihm, weil seine geschäftliche Stellung eine sehr angenehme und unabhängige war, in welcher er Niemand über sich anzuerkennen hatte als Morgan selbst, und dieser war ja mit Allem einverstanden, was er that. Es gab aber noch zwei andere Gründe, die ihn bestimmten, bei ihm auszuharren, und die wohl stärker auf ihn einwirkten als die Annehmlichkeit seiner Stellung oder seine

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Anhänglichkeit an Morgan. Dieser hatte ihm nämlich zu wiederholten Malen die Aussicht angedeutet, daß er ihm später einen Antheil an seinem Geschäfte zu geben beabsichtige.

Die Hoffnung, wirklicher Theilhaber in einem so angesehenen Hause zu werden, war ein Sporn für Harry's Thätigkeit gewesen um so mehr, als der zweite Grund zu seinem Verbleiben diese Hoffnung noch verschönerte. Morgan's einzige Tochter Eliza war zwar erst fünfzehn Jahre alt, blühte aber zur schönen Jungfrau heran und wurde dereinst eine reiche Erbin.

Man hatte Harry immer wie zu der Familie gehörend behandelt, wodurch zwischen ihm und Eliza ein vertrautes, geschwisterliches Verhältniß entstanden war, mit der Entwicklung der Jungfrau aber war ihre gegenseitige Zuneigung, wenn auch bei Eliza unbewußt, eine andere, eine wärmere geworden. Harry behandelte sie nicht mehr als Kind, er war mit Wort und That aufmerksam gegen sie und erfreute sie häufig durch kleine Geschenke.

Den Aeltern entging die Veränderung in dem Benehmen Harry's gegen ihre Tochter ebenso wenig wie deren wachsende Zuneigung für diesen, von einem ernstern Verhältniß zwischen den Beiden konnte aber für lange Zeit noch keine Rede sein, sodaß sie es nicht für

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nöthig erachteten, schon jetzt einen festen Beschluß darüber zu fassen. Für Morgan war der Gedanke, Harry einmal zum Schwiegersohn zu bekommen, nie ein unangenehmer gewesen, nur in letzter Zeit hatten sich ihm dabei mancherlei Bedenken aufgedrängt. So tüchtig und thätig der junge Mann auch im Geschäft war, so trieb ihn sein Hang zum Vergnügen doch zu einem sehr lockern Leben; er verbrachte Nacht für Nacht in fröhlichen Kreisen und zwar nicht ausschließlich in denen der vornehmen Welt. Namentlich aber befanden sich unter seinen genauern Bekannten Leute von sehr zweideutigem Charakter und ganz insbesondere hatte er sich dem allgemein gemiedenen und gefürchteten Sklavenhändler Holcroft eng angeschlossen. Morgan hatte ihn so oft schon vor diesem Manne gewarnt, er hatte ihm vorgestellt, wie sehr er sich durch den Umgang, mit demselben in den Augen der bessern Gesellschaft, die ihn mit solcher Auszeichnung behandelte, schaden würde, und hatte ihm den bösen Einfluß gezeigt, welchen solche desperate, im Sturm des Lebens gehärtete und abgeschliffene Naturen auf ein unverdorbenes jugendliches Gemüth ausübten, alle Warnungen, alle Vorstellungen aber waren fruchtlos geblieben und Harry's Umgang mit Holcroft war immer intimer geworden.

Um diese Zeit nahte sich ein Ereigniß, welches wie

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ein guter Stern über Harry's Geschick aufzugehen schien. Herr Morgan hatte in letzter Zeit in seiner Familie viel Krankheit gehabt, seine Gattin war häufig leidend gewesen und es waren ihm mehrere seiner werthvollsten Sklaven durch den Tod entrissen worden. Dabei konnte der alte Williams in seinen Briefen von Galveston an ihn und an Harry das wundervolle, gesunde Klima von Texas gar nicht genug rühmen; er sagte, daß man Krankheit dort nicht einmal dem Namen nach kenne und daß man dort glücklicher und gesünder unter freiem Himmel lebe als in den Vereinigten Staaten in den prächtigsten Palästen. Zugleich aber pries er Texas als eine unerschöpfliche Quelle des Reichthums für einen Geschäftsmann an, schilderte die Art und Weise, in der man dort mit Leichtigkeit großes Vermögen erwerben könne, und wies darauf hin, mit welchen Riesenschritten die amerikanische Bevölkerung des Landes zunehme.

Morgan war ein sehr vermögender Mann und hatte dem tödtlichen Klima von Neuorleans lange genug die Stirn gezeigt, darum kostete es nur wenig Ueberredung, um ihn diesem Weltkirchhof Lebewohl sagen zu lassen. Er entschloß sich kurz, nach Texas überzusiedeln. Harry erklärte sich bereit, mit ihm zu ziehen, und begann sofort das Geschäft Morgan's in Neuorleans abzuwickeln. Zugleich kaufte er solche Waaren für ihn, wie sie für die

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Bedürfnisse der Landbewohner von Texas paßten, und schon nach wenigen Monaten schiffte sich Morgan mit seiner Familie und von Harry Williams begleitet nach Galveston ein. Der alte Williams übernahm es, ihm ein für seine Zwecke passendes Grundeigenthum zu verschaffen, er begab sich mit ihm auf das Festland, und Morgan wählte an dem Ufer der schönen San-Jacintobai einen Platz, auf dem er seine Niederlassung gründen wollte. Der Ankauf des Landes war gemacht, Herr Williams ließ dasselbe auf Morgan's Namen in die Landkarten des Staates eintragen, und nachdem das Geschäft vollständig beendet war, nahm er in der besten Laune Abschied von seinem Freunde und ließ sich durch ein Fischerboot nach Galveston hinüberfahren. Wenige Tage nachher jedoch wurde plötzlich die Familie Morgan in Schrecken und Trauer versetzt, denn man brachte die Nachricht, daß der alte Williams gestorben sei.

Morgan's angekaufter Grundbesitz gewährte alle Vortheile für eine Ansiedelung. Der Buffalofluß, welcher bis nach der Stadt Houston für große Dampfer schiffbar war, mündete hier aus, zugleich führte von hier die Landstraße nach jener Stadt und die Küstenfahrzeuge konnten hier ihre Ladungen mit Leichtigkeit an das Land bringen. Auch für Ackerbau eignete sich das Land, welches Morgan gekauft hatte, ganz besonders für

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Baumwollencultur, und er beschloß, neben seinem kaufmännischen Geschäft auch eine Baumwollenplantage anzulegen. Abgesehen aber von allen diesen Vortheilen, entfaltete die Natur hier unendlich viel Schönheit und Annehmlichkeit; das hochaufsteigende Ufer bot einen unbeschränkten Blick über die mit unzähligen grünen Inseln geschmückte Bai und über Galveston hinaus auf den smaragdfarbenen Golf von Mexico, auf dem die schneeigen Segel der vielen Küstenfahrzeuge wie Schwäne auf und nieder zogen. Dabei wehte der erfrischende Seewind unaufhörlich über das grüne Küstenland und verscheuchte von den Bewohnern desselben die Tropenglut, welche im Sommer die Sonne auf sie niedersenkte. Hier, an dem Ufer der Bai, wo die ewig kommenden krystallklaren Wogen rauschend erstarben, erbaute Morgan sein Geschäftshaus, welches Waarenlager, Verkaufslokal und Comptoir in sich vereinigte; vor demselben legte er für die Bequemlichkeit der Schiffe ein kleines Werft an, und zu Gunsten der Wagen führte er die Straße, welche von Houston kam, bis vor seine Thür. Einige Tausend Schritte aber von diesem Geschäftslokal in das Land zurück stellte er auf dem höchsten Punkte, einige Hundert Fuß über dem Spiegel des Golfs erhaben, sein Wohngebäude auf. Dieses beherrschte nicht allein die Aussicht über das Meer, es gestattete auch einen freien Blick auf viele

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Meilen weit in das Land hinein, welches sich wie ein grüner, mit tausendfarbigen Blumen geschmückter Teppich vor ihm ausbreitete und nur hier und dort in malerischer Abwechselung größere und kleinere Baumgruppen wie Inseln im grünen Meere zur Schau trug.

Die Niederlassung stieg wie durch einen Zauberschlag über dem bis jetzt friedlich stillen Ufer empor, auf welchem noch vor kurzem der Büffel und die Antilope ungestört geweidet hatten, die neue Straße bis zu Morgan's Werft begann sich zu beleben und die Schiffe schnitten ihre scharfen Furchen durch die Wogen, um zu demselben zu gelangen und dort ihre Segel einzuziehen.

Harry war, wie in Neuorleans, so auch hier die Seele von Morgan's Geschäftsangelegenheiten; unter seinen raschen, treffenden Anordnungen und Verfügungen war die Ansiedlung gegründet und seine Thätigkeit schuf bald einen lebendigen Geschäftsverkehr mit dem Innern des Landes.

Morgan beobachtete mit Freuden die Anstrengungen des ihm theuren jungen Mannes, nicht weil sein Interesse dadurch so sehr befördert wurde, nein, weil er ihn jetzt vor den Gefahren sicher glaubte, welche ihn in der verführerischen Weltstadt Neuorleans bedroht hatten, und weil er nun wieder mit Zuversicht hoffte, seine eigene Zukunft mit der Harry's in beglückender Weise in

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engere Verbindung zu bringen. Die Bedenken, die sich ihm bei den Aufmerksamkeiten des jungen Mannes gegen seine Tochter aufgedrängt hatten, waren verschwunden, und er gab sich wieder freudig dem Gedanken hin, sie als Gattin an dessen Seite zu sehen und beide die Früchte seines langjährigen thätigen Schaffens genießen zu lassen.

Harry aber hatte nur in der Aufregung der Neuheit seines Wirkungskreises die Freuden des Lebens in Neuorleans vergessen; sobald das neue Schaffen zu Ende ging und bei der Einfachheit des Geschäfts ein tägliches Einerlei eintrat, begannen ihm die müßigen Stunden langweilig zu werden, er sehnte sich nach den aufregenden Genüssen des bunten, rauschenden Treibens in Neuorleans zurück, und weder Morgan's zunehmende Herzlichkeit und Freundschaft, noch die seelenvolle Hingebung seiner lieblichen Tochter konnten Harry's hochfliegenden, rastlosen Geist für die verlorenen Freuden entschädigen. Die glühenden Bilder aus den stürmischen Erlebnissen seines Freundes Holcroft traten täglich reizender vor seine Seele, das schale, abgeschmackte Einförmige seines gegenwärtigen Wirkungskreises widerte ihn immer unerträglicher an, und der Gedanke, daß er sein Leben in so tödtlich langweiligen Verhältnissen verbringen solle, verfolgte ihn wie ein marterndes Gespenst.

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Holcroft hatte einige Wochen vor ihm Neuorleans verlassen und zwar in einer geheimnißvollen, wie er sagte, vielversprechenden Unternehmung, er hatte ihm aber scheidend fest zugesagt, ihn in Texas aufzusuchen, sobald er glücklich von seinem Ausflug zurückgekehrt sein würde.

Ein Jahr war verstrichen, Holcroft war nicht erschienen. Auch das zweite Jahr neigte sich seinem Ende zu, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Sklavenhändler aufgetaucht wäre, doch kein Tag verging, an dem Harry sich nicht dessen Versprechen in das Gedächtniß zurückrief, ihn gelegentlich an einer Fahrt nach Afrika Theil nehmen zu lassen. Hätte er nur gewußt, wohin er an Holcroft schreiben könnte, die Gegend aber, nach welcher derselbe gezogen, war ihm vollständig unbekannt geblieben. Vergebens hatte Harry zu wiederholten Malen es versucht, in Geschäftsangelegenheiten nach Neuorleans zu reisen, wo er hoffte, über seinen Freund Auskunft zu erhalten. Morgan hatte es immer zu verhindern gewußt und die Geschäfte schriftlich abgemacht, ja, er war selbst einmal dorthin gereist, nur um seinen jungen Schützling von dem verführerischen Leben in jener Stadt fern zu halten.

So schwand für Harry mehr und mehr die Hoffnung, Holcroft jemals wiederzusehen; um so häufiger

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wurden seine Vergleiche zwischen dessen reizendem, abenteuerlichem Leben und dem trostlosen Einerlei seines eigenen, in welchem er sich vorkam wie ein Gefangener, der in seinem Kerker nach und nach elend zu Grunde gehen müsse. Es war ihm oft, als könne er diese Fesseln nicht länger tragen, als müsse er hinaus in die Welt, um dort ein großes Spiel zu wagen.

In dieser Stimmung empfing er eines Morgens von Morgan den Auftrag, nach Galveston hinüberzufahren und daselbst Waarensendungen von Neuyork und Neuorleans in Empfang zu nehmen, und da ihm jede Gelegenheit willkommen war, eine Abwechselung in sein Leben zu bringen, so athmete er auch diesmal hoch auf und eilte schnell an Bord des Segelschiffchens, welches ihn nach der Insel hinübertragen sollte. Die Segel blähten sich über Harry, er ließ den Wind mit seinen Locken spielen und schaute nach der Niederlassung Morgan's mit dem Wunsche zurück, daß er sie niemals wiedersehen möge. Der Wind war frisch, das leichte Fahrzeug glitt eilig über die klaren Wogen, und schon nach wenigen Stunden schaukelte es sich an dem Werfte der Stadt Galveston. Harry begab sich sofort zu dem Spediteur, bei welchem die Güter lagerten, ordnete schnell sein Geschäft mit demselben und ging dann, um sich nach einem Pferde umzusehen, welches ihn hinaus auf die

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Farm tragen sollte, wo seine Mutter und seine Geschwister wohnten.

Es gelang ihm bald, ein solches zugesagt zu bekommen, doch da das Thier in der Weide ging und erst geholt werden mußte, so wanderte Harry in der sandigen Straße hinauf nach einem Hotel, um sich dort etwas zu erfrischen und das Roß zu erwarten. Sein Weg führte ihn an einem Trinkhaus vorüber, und als er an dessen Veranda vorbeischritt, legte ihm plötzlich Jemand die Hand auf die Schulter. Er blickte sich um, und wer beschreibt sein Erstaunen, seine Freude, als er Holcroft vor sich sah.

"Holcroft! Holcroft! Ist es möglich? Sind Sie es wirklich?" rief Harry außer sich und schüttelte dem Sklavenhändler wieder und wieder die Hand.

"Ich mußte ja Wort halten, wenn ich lebendig dies Land wieder betrat", entgegnete dieser, gleichfalls erfreut, und führte Harry in die Schenke, um das Wiedersehen durch einen guten Trunk zu feiern.

"Aber, was Teufel, wo haben Sie denn die furchtbare Narbe über dem Mund erhalten? Im ersten Augenblick machte sie mich zweifeln, ob Sie es wären oder nicht", sagte Harry, nachdem sie beide ihre Gläser geleert hatten.

"Ein kleines Andenken an einen entscheidenden

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Augenblick, und da derselbe zu meinen Gunsten entschied, so ist mir die Narbe nicht unangenehm. Am Trinken, wie Sie sehen, hindert sie mich nicht, und die Küsse der Schönen macht sie nicht weniger warm, denn der muthige Mann steht hoch bei den Weibern", antwortete Holcroft lachend und schob seinem jungen Freunde die Flasche mit Cognac zu, damit er sein Glas wieder fülle. Dann fuhr er fort:

"Aber auch ich hätte Sie beinahe nicht erkannt, Williams; Sie haben ja einen famosen Bart bekommen. In diesem halbwilden Texas freilich wird er Ihnen wenig Freuden verschafft haben, aber kämen Sie damit nach Neuorleans, bei Gott, mancher Schönen würde es in den Fingern kitzeln, mit diesen glänzenden Locken zu spielen! Auf das Wohl der Mädchen und Frauen! Sie sind die Würze unseres Lebens, der Balsam für schmerzliche Wunden, die uns das Schicksal schlägt."

Bei diesen Worten Holcroft's erhoben beide die Gläser, verneigten sich gegenseitig und leerten den Inhalt bis auf den letzten Tropfen. Darauf nahm der Sklavenhändler den Arm Harry's in den seinigen und ging mit den Worten mit ihm in die Straße hinaus:

"Wir haben viel mit einander zu sprechen, Williams. Lassen Sie uns eine Promenade nach dem Strande machen, die Seeluft ist kühl und erfrischend, und ich fühle

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mich dort mehr in meinem Elemente als hier in dem Sandstaub zwischen den sonnedurchglühten Häusern."

Sie hatten bald die Stadt hinter sich und folgten einem Fußpfad, der durch die üppige Grasebene nach den hohen sandigen Dünen führte.

"Es gibt doch nichts Schöneres, nichts Kräftigenderes als das Meer!" sagte Holcroft, indem er auf der Höhe des Sandbergs stehen blieb und über den Golf hinzeigte, dessen schaumgekrönte Wogen dem Strande rauschend zujagten und brausend und zischend auf demselben vergingen. "Das Meer ist das wahre Bild der Freiheit. Dort gibt es keine Grenzen, keine Landstraßen, die uns die Wege vorschreiben, und wir hinterlassen keine Fährte, die verräth, woher wir kamen. Ich habe Ihrer recht oft auf meiner letzten Fahrt gedacht, Williams."

Hierbei schritt Holcroft mit Harry den Hügel hinab auf den spiegelglatt gewaschenen festen feuchten Sand bis an die Meeresgrenze, welche die vor seinen Füßen ersterbenden Wellen beschrieben.

"Auch ich habe an Sie gedacht, Holcroft, ja, Sie sind mir in letzter Zeit keinen Augenblick aus dem Gedächtniß gekommen", entgegnete Harry, den Arm des Sklavenhändlers nehmend. "Ich verzweifelte schon daran, Sie jemals wiederzusehen. Meine Verhältnisse,

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seit wir von einander schieden, waren unerträglich, die lange Weile hat mich fast getödtet."

"So wäre Ihnen vielleicht ein Vorschlag zu einem freiern, ungebundenem Leben willkommen. Wie wäre es, wenn wir einen Ausflug zusammen machten?" fiel Holcroft aufmunternd ein.

"Darauf habe ich wahrlich zu lange gewartet, um mich noch zu besinnen; ich gehe mit Ihnen, und ginge es an das Ende der Welt", antwortete Harry rasch und sah seinem Gefährten entschlossen in die Augen. "Vorausgesetzt, daß ich Geld dabei verdienen kann, denn Geld ist die Quelle alles Glücks", fügte er noch halb fragend hinzu.

"Versteht sich von selbst. Glauben Sie denn, daß ich mir eine solche Narbe über die Lippen nicht theuer bezahlen ließe? Geld ist die Losung, wofür wir im schlimmsten Falle unser Leben einsetzen, welches ohne Geld doch nichts werth ist. Hier ist meine Hand. Williams, schlagen Sie ein: auf Treue im Glück und im Unglück."

Mit diesen Worten hielt der Sklavenhändler seinem jungen Gefährten die Hand entgegen, und dieser schlug ein und sagte mit aufleuchtendem Blick: "Treue bis in den Tod!"

"Nun hören Sie", begann Holcroft wieder, indem er an dem im Sande vergehenden Schaum der Wellen

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weiterschritt. "Von Brasilien aus hatte ich zwei Reisen nach der Küste von Afrika gemacht und zwei Ladungen Neger glücklich dorthin geführt, wodurch mir ein ansehnliches Vermögen zu Theil wurde. Ich war Willens, damit nach Neuorleans zurückzukehren und einige Jahre von meinem Fett zu zehren, die Unter[neh]nehmer aber in Brasilien, für welche ich die Fahrten gemacht hatte, überredeten mich, noch einmal dem Glück die Hand zu bieten, und ich ließ mich darauf ein. Die Reise ging abermals erwünscht von statten, ich nahte mich mit einer vollen Ladung Afrikaner der Küste von Brasilien, als eine englische Corvette mich bemerkte und Jagd auf mich machte. Von Widerstand gegen dieses Schiff konnte keine Rede sein, ich floh, erkannte aber bald, daß ich ihm nicht entrinnen könne. Die Nacht kam mir zu Hülfe, ich verließ mit meiner ganzen Mannschaft unter dem Schleier der Dunkelheit in Booten meinen Schooner, gab dem Engländer Schiff und Ladung preis und erreichte glücklich die Küste. Dieser Verlust nahm mir wieder den größten Theil meines gewonnenen Geldes, und vor der Hand, solange dieser Kreuzer an der Küste lag, durfte man keine neue Unternehmung wagen. Ich entschloß mich daher, einen Abstecher nach den Vereinigten Staaten und hierher zu machen, nahm von meinen Geschäftsfreunden in Brasilien mit der

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Zusicherung Abschied, nach einiger Zeit zu neuen Unternehmungen zu ihnen zurückzukehren, und hier bin ich nun, um mein Versprechen zu halten und Sie zu meinem fliegenden Kapitän zu nehmen."

"Zum fliegenden Kapitän?" rief Harry hell auflachend. "Zu welcher Rangordnung gehört denn diese Würde?"

"Das ist leicht erklärt", antwortete Holcroft. "Das Sklavenschiff bedarf zweier Kapitäne; der eine ist der wirkliche Fühler des Schiffs, welcher von der brasilianischen Marine seine Papiere erhält, um nach Afrika und zurück zu segeln. Da die Regierung selbst den Sklavenhandel als vortheilhaft für ihr Land heimlich unterstützt, so ist von seiten eines ihrer Kreuzer nichts zu fürchten. Gegenüber einem fremden Kriegsschiff aber bedarf es eines zweiten Kapitäns, welcher durch den amerikanischen Consul in Brasilien seine Papiere erhält, um nach der Küste von Afrika zu segeln und dort eine Ladung Palmöl, Goldstaub und Elfenbein einzunehmen. Diesen Kapitän nennen wir den fliegenden, weil er dann nur in seiner Würde erscheint, wenn das Schiff von einem fremden Kreuzer angesprochen wird. Da haben Sie nun Aufklärung über Ihren Rang und Ihre Stellung, die Ihnen hoffentlich wenig Mühe machen, doch nach einer glücklichen Fahrt wohl zehntausend Dollars als Ihren Antheil an der Ladung abwerfen wird."

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"Vortrefflich; ich werde meinem Amte Ehre zu machen suchen. Wann sollen wir reisen?" fiel Harry ein.

"So bald als möglich. Morgen gegen Abend wird ein Schooner von hier nach Neuorleans unter Segel gehen, und es wäre gut, wenn wir mit ihm führen. Warum sollen wir länger in diesem elenden Neste unsere schöne Zeit vergeuden? Eine Stunde in Neuorleans wiegt eine Woche in Texas auf", versetzte der Sklavenhändler.

"So will ich mich sofort nach San-Jacintobai überfahren lassen und mit Morgan abrechnen, dann bin ich morgen frühzeitig wieder hier", entgegnete Harry, und die neuen Verbündeten lenkten ihre Schritte sogleich nach der Stadt zurück. Harry mußte seinen Freund in das Gasthaus begleiten, um dort mit ihm zu speisen, und die Stunde, welche sie dabei verbrachten, schwand in Lust und Scherz. Champagner steigerte ihre heitere Stimmung, und als Holcroft seinen Gast nach dem Boote geleitete und dort auf baldiges Wiedersehen Abschied von ihm nahm, stellte er noch eine Flasche des schäumenden Weins für ihn in das Schiff, um ihn damit in guter Laune zu erhalten.

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Siebentes Kapitel.

Die Sonne war im Scheiden, als Harry vor dem Geschäftslokal Morgan's auf das Werft sprang und den Schiffer verabschiedete. Der alte Neger, der vor demselben auf einer leeren Kiste gesessen und des jungen Herrn Rückkehr erwartet hatte, kam ihm entgegen und meldete ihm, daß Herr Morgan schon nach dem Wohngebäude hinaufgegangen sei, und fragte ihn zugleich, ob er das Haus verschließen solle. Harry aber sandte den Schwarzen seinem Herrn nach mit dem Bemerken, daß er noch Einiges hier zu thun habe, jedoch bald nachfolgen würde. Er trat ist das Comptoir und blieb in der Mitte desselben stehen. Ein Gefühl der Wehmuth überschlich ihn, es war ihm, als winkten ihm die Sessel, die Pulte, die Bücher Lebewohl zu, und seit langer Zeit zum ersten Male wieder war ihm das Zimmer, in dem er sich wie in einem Kerker eingeschlossen gefühlt hatte, lieb und traut. Er selbst hatte es ja geschaffen, hatte es nach

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eigenem Gefallen eingerichtet und den größten Theil der Arbeit darin gethan. Es war ihm leid, Abschied davon zu nehmen, und mit einem Anflug von Unentschlossenheit setzte er sich auf seinen Sessel und öffnete sein Pult. Er nahm Privatbriefe und Papiere aus ihm hervor, steckte einige derselben in seine Brusttasche und legte die übrigen in das Kamin, wo er sie verbrannte. Dann kehrte er an sein Pult zurück und machte einen Auszug aus dem Hauptbuch von seiner eigenen Rechnung mit Morgan. Dieselbe stand nicht sehr günstig, denn es kamen ihm nur noch vierhundert Dollars zu gute.

"Vierhundert Dollars!" sagte er halblaut. "Und was habe ich für das ausgegebene Geld gehabt? Ich habe nur die Langeweile damit zu tödten gesucht und bin doch keinen Tag ohne dieselbe geblieben. Fort, fort aus diesem trostlosen Kerker, in dem ich wie der Esel in einer Mühle gehe und schließlich nur genug verdiene, um meinen Hunger zu stillen!"

Bei diesen Worten sprang er auf, schlug das Pult zu und verließ mit seinem Rechnungsauszug in der Tasche das Haus. Er verschloß dasselbe und ging nun raschen Schrittes den Berg hinauf nach dem Wohngebäude, fest entschlossen, ohne Wanken mit Morgan abzurechnen und morgen früh dessen Haus für immer zu verlassen.

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Als er die Treppe vor der Veranda erstieg, erblickte er in dem Düster, welches schon darunter herrschte, die Familie Morgan, welche sich erhob und ihm mit freundlichem Willkommen entgegeneilte.

"Sie kommen spät, lieber Williams; es ist Ihnen doch kein Unfall begegnet?" sagte Herr Morgan, indem er ihm die Hand reichte.

"Wir fingen an besorgt um Sie zu werden", fiel dessen Gattin ein; "Eliza aber hat Sie zuerst kommen sehen, sie hatte sich das Fernglas geholt und erkannte Sie in dem Schiffchen, schon als Sie in die Bai einfuhren."

Madame Morgan hatte ihm die Hand gedrückt, als auch deren Tochter Eliza ihm die ihrige gab und halb scherzend, halb ernst zu ihm sagte:

"Sie haben in Galveston vor lauter Geschäften keine Zeit gehabt, an uns zu denken, sonst wären Sie nicht so lange ausgeblieben; oder thaten Sie es, um zu sehen, ob wir uns recht um Sie ängstigen würden?"

"Nein, wirklich, Fräulein Eliza, die Geschäfte hielten mich zurück", entgegnete Harry verlegen und wandte sich dann mit einer halben Entschuldigung nach dem Eingang des Hauses, weil die Freundlichkeit, mit der man ihn behandelte, seine Verlegenheit von Minute zu Minute steigerte.

"Bleiben Sie nicht zu lange auf Ihrem Zimmer,

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Williams, das Essen wird sogleich bereit sein", rief ihm Madame Morgan noch nach, als er in dem Corridor verschwand. Es lag ihm auf der Seele, als ob er ein Verbrechen begangen habe oder begehen wolle, er eilte in sein Zimmer, warf den Hut und aus seiner Tasche die Papiere auf den Tisch und ging dann gesenkten Hauptes in der Stube auf und ab.

"Nein, nein - was helfen mir alle die freundlichen Worte", sagte er, plötzlich stehen bleibend. "Man fühlt, daß man mich im Geschäft nicht entbehren kann, und da sollen die Artigkeiten mich halten und bezahlen! Ich habe lange genug für Sie gearbeitet, Herr Morgan, nun will ich einmal für mich selbst sorgen!"

Bei diesen Worten trat er nach dem Spiegel hin und fuhr sich mit der Hand durch seine prächtigen Locken; da fiel sein Blick auf einen frischen Blumenstrauß, der vor dem Spiegel stand und den er in dem Düster nicht sogleich gesehen hatte. Er fuhr zusammen und sah den Strauß einige Augenblicke unbeweglich an, dann nahm er ihn mit dem Glas, in dem er stand, und trug ihn in die Helligkeit an das Fenster. Es war Eliza's Glas, Harry erkannte es sogleich, und als er den Strauß näher betrachtete, bemerkte er ein Papier, welches aus demselben hervorsah. Schnell zog er es heraus, sah im Entfalten desselben, daß es beschrieben war,

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und las: "Wie kannst Du uns Blumen so lange auf Dich warten lassen, wir geben ja gern unser Leben hin, um Dich zu erfreuen!"

Harry war tief ergriffen, er stand regungslos mit den Blumen und dem Papier in der Hand und schaute auf sie nieder, da trat plötzlich das Bild Holcroft's vor seine Seele, er sah sich mit ihm auf den Wogen des weiten Oceans und dachte an das ungezählte Gold, welches sie gewinnen würden.

"Thorheit", sagte er, "diese Spielereien sind zu Ende, die Langeweile soll mich nicht mehr plagen!"

Dabei stellte er das Glas mit den Blumen entschlossen wieder vor den Spiegel, schob das Papier in seine Tasche und verließ seine Stube. In dem Augenblick, als er in das Speisezimmer trat, erschien von der andern Seite her Eliza mit zwei Lichtern in den Händen und hielt ihre großen dunklen Augen zwischen denselben durch mit strahlendem Blick auf Harry geheftet, dieser aber wich ihnen aus und schaute durch das Fenster nach dem Abendhimmel, dessen feuriges Roth sich von Minute zu Minute verdunkelte.

"Haben Sie die Waaren alle in gutem Zustand vorgefunden, lieber Williams?" fragte ihn Morgan, der seiner Tochter in das Zimmer gefolgt war.

"In bester Beschaffenheit, Herr Morgan; mit der

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ersten Schiffsgelegenheit werden sie hierher verladen werden", entgegnete Harry kalt, sodaß der Ton, mit dem er es sagte, nicht allein Morgan, sondern noch mehr dessen Tochter auffiel, die sich halb erschrocken von dem Tisch, an welchem sie beschäftigt war, nach ihm umsah. "Wenn es gefällig ist, so laßt uns unser Abendbrod einnehmen", sagte Madame Morgan in diesem Augenblick, und alle traten an den Tisch, verrichteten ein stummes kurzes Gebet und nahmen dann ihre gewohnten Plätze ein.

Während mehrerer Minuten herrschte ein unheimliches Schweigen und alle beschäftigten sich mehr wie gewöhnlich mit der Mahlzeit selbst. Morgans sämmtlich fühlten, daß Harry anders gegen sie gestimmt war als sonst, und zwar weniger freundlich, und sie dachten hin und her, was wohl die Ursache davon sein könne. Für Harry war deren Ernst angenehmer als deren gewohnte herzliche Freundlichkeit; er fühlte, daß es ihm in solcher Stimmung leichter werden würde, mit ihnen zu brechen, und so blieb er stumm und hielt seinen Blick auf seinen Teller gerichtet. Madame Morgan aber unterbrach die Pause, indem sie Harry fragte, ob er seine Mutter und Geschwister besucht und ob er sie wohl angetroffen habe.

"Es fehlte mir die Zeit dazu und außerdem war zufällig kein Pferd zu haben, um darauf hinauszureiten",

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antwortete er und machte seiner Rede dadurch schnell ein Ende, daß er die Tasse zu seinen Lippen erhob.

Madame Morgan versuchte es wieder und wieder, durch Fragen die Unterhaltung zu beleben, Harry wurde dadurch nur noch mehr in seiner Wortkargheit bestärkt. Eliza war stumm und sah nur von Zeit zu Zeit flüchtig nach ihm hin mit einem Blick, der ihm ihr Erstaunen, ihre Angst aussprach, und Morgan saß in Gedanken versunken und rollte eine Brodkugel zwischen den Fingern. Um alle dieser peinigenden Stimmung zu entreißen, erhob sich Madame Morgan zuerst und verließ dann mit ihrer Tochter das Zimmer.

"Es ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren, lieber Williams", hob Morgan zu diesem gewandt an; "was es aber auch sein mag, so wissen Sie doch, daß Sie keinen treuern Freund haben, als ich es Ihnen bin, und daß Ihnen Niemand näher steht als ich; darum müssen Sie mir aber auch vertrauen und mir gerade heraus sagen, wo es Ihnen fehlt und wie ich Ihnen dabei helfen kann."

Harry hatte seine vollständige Fassung wieder in dem Augenblick, als die Damen das Zimmer verließen, er schob seine Rechte in seinen Busen, schaute Morgan mit der größten Ruhe in die Augen und sagte:

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"Herr Morgan, nur wir selbst können darüber entscheiden, ob uns im Leben eine Stelle zusagt oder nicht; ich für meine Person bin jetzt nach langem Zögern zu der Ueberzeugung gekommen, daß die meinige durchaus nicht für mich paßt, und darum habe ich beschlossen, sie aufzugeben. Ich werde morgen früh nach Galveston und morgen Abend von da nach Neuorleans fahren."

Morgan schrak zurück, als wenn der Blitz vor ihm eingeschlagen hätte, er sah Harry an, als wolle er sich noch überzeugen, ob derselbe wirklich ihm diese Mittheilung gemacht habe, als traue er seinen eigenen Ohren nicht, Harry's Züge aber zeigten unverändert dieselbe Ruhe, mit der er geredet hatte.

"Ist das wirklich Ihr Ernst, Williams, was Sie mir gesagt haben?" begann Morgan endlich, sich nach und nach wieder sammelnd. "Ist das Ihr Ernst, Herr Williams?" fragte er nochmals, aber mit viel festerer Stimme, und heftete seinen strafenden Blick auf denselben.

"Mein vollster Ernst, Herr Morgan", entgegnete Harry ebenso ruhig.

Diese Antwort erschütterte Morgan sichtbarlich noch mehr als die erste, im nächsten Augenblick aber kam eine eisige Ruhe über sein Aeußeres, er richtete sich hoch auf und sagte:

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"So danke ich Ihnen in meinem und in der Meinigen Namen für diesen Ihren Beschluß. Ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden, muß aber auf das ernsteste eine Bitte an Sie stellen, die, daß Sie meinen Damen nicht eine Silbe davon wissen lassen. Gehen Sie jetzt auf Ihr Zimmer, morgen früh rechnen wir ab, und dann schiffen Sie sich ein, ohne von meiner Frau oder meiner Tochter Abschied zu nehmen. Es ist dies eine Rücksicht, die Sie mir und den Meinigen schuldig sind und die ich auf das bestimmteste von Ihnen verlange. Schlafen Sie wohl."

Bei diesen Worten machte Morgan eine kalte Verbeugung und wandte sich dann von Harry ab, welcher rasch das Zimmer verließ und nach seiner Stube gmg.

Harry's besseres Gefühl sträubte sich gegen seine Handlung, vergebens bekämpfte er die innere Stimme, die ihm schmählichen Undank gegen Morgan und abscheuliche, grausame Herzlosigkeit gegen dessen Tochter vorwarf, und umsonst suchte er diese Vorwürfe dadurch von sich zu weisen, daß er seine Verdienste für die Familie aufzählte; er fühlte sich vor ihr herabgewürdigt und verächtlich und verlangte nach dem Augenblick, wo er sich deren Gesichtskreis für immer entziehen würde. Er verbrachte eine schlaflose Nacht; bei dem ersten Tageslicht verließ er sein Lager, packte seinen Koffer und

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sah dann mit Beklommenheit und Widerwillen der Frühstückszeit entgegen, wo er noch einmal seinen gewohnten Platz an dem Tisch einnehmen mußte. Unruhig schritt er im Zimmer auf und nieder, legte sich in das Fenster und blickte über die See oder warf sich auf sein Bett und schloß die Augen, bis endlich der Neger in sein Zimmer trat und ihn zum Frühstück rief. Zugleich sagte derselbe, daß Herr Morgan ihm befohlen habe, die Sachen des Herrn Williams nach dem Lagerhause zu tragen, worauf Harry dem Diener sein Gepäck übergab, nochmals vor den Spiegel trat und dann mit möglichst gleichgültiger Miene hinunter in das Speisezimmer ging.

Der früher immer so heitere herzliche Morgengruß blieb heute allen halb auf den Lippen zurück, eine peinigende Stille herrschte bei Tische, und kaum hatte Harry sein Frühstück eingenommen, als Herr Morgan sich erhob und jenem einen Wink gab, ihm zu folgen. Beide verließen rasch das Zimmer und begaben sich nach dem Geschäftsgebäude hinunter.

"Haben Sie Ihre Rechnung in meinem Buche abgeschlossen, Herr Williams?" fragte Morgan diesen, als sie in dem Comptoir anlangten.

"Ja wohl, Herr Morgan, hier ist eine Abschrift davon", entgegnete Harry kurz und reichte jenem den

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Auszug hin, den er am Abende vorher gemacht hatte.

"Hiernach haben Sie noch vierhundert und zehn Dollars von mir zu fordern", sagte Morgan, das Papier überblickend, zog eine Brieftasche aus seinem Rock und nahm Banknoten zu diesem Betrag aus derselben hervor, die er Harry mit den Worten reichte:

"Hier ist das Geld und unsere Rechnung ist somit für immer geschlossen. Mein Neger hat Ihre Effecten bereits in das Boot getragen, welches Ihrer wartet. Herr Williams."

Hiermit deutete Morgan ihm mit einem Blick nach der Thür an, daß er sich entfernen möge, und Harry folgte der Aufforderung.

"Leben Sie wohl, Herr Morgan", sagte er im Gehen, dieser aber gab ihm keine Antwort darauf.

Das Gefühl der tiefen Herabsetzung und Demüthigung, womit Harry das Haus verließ und nach dem Werfte ging, suchte er zu bewältigen und zu verbergen, indem er den Arm keck in die Seite setzte und den seidenen Handschuh in seiner Rechten spielend durch die Luft schlug, es war ihm aber, als ob ihn die Scham erdrücken wolle, als er an dem alten Neger vorüberschritt und dieser ihn verwundert anschaute. Schnell sprang er in das Boot, stieß es selbst vom Werfte ab

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und warf sich auf die Bank am Ruder nieder, während der Schiffer das Segel dem Winde preisgab und der Nachen eilend das Ufer verließ.

Holcroft harrte am Strande, als sein junger Verbündeter sich demselben nahte, und winkte ihm schon von weitem sein Willkommen zu. Indem das Boot landete, reichte er Harry die Hand und sagte:

"War ich doch wahrlich in Zweifel, ob Sie so bald kommen würden. Nun, Glück auf, der erste Schritt in das neue Leben ist gethan!"

"Man hat es mir schwer genug gemacht. Morgan wollte mich durchaus nicht gehen lassen, er bot mir höhern Gehalt, bot mir dann Theil in seinem Geschäfte an und wollte mich schließlich noch zu seinem Schwiegersohne machen, ich aber blieb fest und ging", versetzte Harry mit stolzem Tone und schüttelte dem Sklavenhändler die Hand.

"Recht haben Sie gethan, Williams. Ein Mann von Ihren Fähigkeiten ist nicht geboren, um damit andern Leuten ein angenehmes, sorgenfreies Leben zu erarbeiten, seine Ueberlegenheit über den großen Haufen berechtigt ihn, auf Kosten desselben sich selbst ein solches zu verschaffen und die Freuden zu genießen, die uns in so reicher Fülle geboten werden. Nun fort von diesem elenden Platze! Heute Abend bei

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Sonnenuntergang lichtet jene Brigg dort die Anker, und sie wird uns hoffentlich übermorgen wohlbehalten in Neuorleans an das Land setzen; dort blüht unser Weizen!"

Hiermit reichte Holcroft seinem jungen Freunde den Arm, sagte dem Schiffer, daß er das Gepäck des Herrn Williams würde abholen lassen, und schritt mit diesem nach dem nächsten Trinkhaus, um auf die schöne Zukunft ein Glas zu leeren. Harry theilte dem Sklavenhändler dort mit, daß er nothwendig seiner Mutter einen Besuch machen und Abschied von ihr nehmen müsse, da die Zeit seiner Rückkehr hierher so sehr unbestimmt sei, worauf Holcroft sich erbot, ihn dorthin zu begleiten. Sie verschafften sich ein Cabriolet, und ehe eine halbe Stunde verstrich, fuhren sie in fliegendem Trabe auf dem glatten Meeresufer dahin, sodaß oft der Schaum der Wogen durch die Räder des leichten Fuhrwerks zischte.

Madame Williams vernahm mit großem Leidwesen die Trennung ihres Lieblings von der Familie Morgan, zumal da Harry ihr sagte, er habe eine Stelle in Neuorleans angenommen. Die glänzenden Aussichten aber, die seiner Versicherung nach dort seiner harrten, beruhigten sie einigermaßen, und als er nach kurzem Zusammensein von ihr schied, gab sie ihm ihren Segen mit auf den Weg.

Noch vor Untergang der Sonne kehrte er mit

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Holcroft nach Galveston zurück, zeitig genug, um sich an Bord der Brigg zu begeben, die sie nach Neuorleans tragen sollte. Ihre Reise ging rasch und glücklich von statten, denn am dritten Morgen erwachten sie vor dem Werfte dieser Stadt, wo ihr Schiff in der Nacht angelegt hatte. Ihre Uebersiedelung von Bord der Brigg nach dem St.-Charleshotel wurde sofort bewerkstelligt, sodaß sie ihr heutiges Frühstück schon in diesem Hause der Pracht und des üppigsten Wohllebens verzehrten.

Harry hatte das Ziel seiner Sehnsucht erreicht, er war wieder in dem Orte der Freude, der Lust eingekehrt, und mit vollen Zügen wollte er sich deren Genuß hingeben, ehe er das Hazardspiel seines vor ihm liegenden Lebens begänne. Darum schlug er seinem Freunde vor, das schon am folgenden Tage nach Rio Janeiro abgehende Paquetboot unbenutzt segeln zu lassen und sich erst einige Wochen für vergangene und zukünftige Entbehrungen zu entschädigen, wozu der Sklavenhändler freudig seine Einwilligung gab.

Neuorleans befand sich in seiner Glanzzeit. Es war gedrängt voll von Fremden aus allen Weltgegenden; das Geschäft hatte seit Jahren nicht einen solchen Umfang gehabt als in diesem Winter, und wohl niemals waren die reichen Creolenfamilien aus dem Lande zahlreicher hier versammelt gewesen als in dieser Zeit. Pracht

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und Reichthum glänzten in den Straßen und auf den Promenaden und Feste und Lustbarkeiten aller Art bewegten Nacht für Nacht die Stadt.

Harry Williams, aus frühern Zeiten der Liebling der schönen Welt, wurde von dieser jetzt noch schöner, noch liebenswürdiger gefunden und durfte bei keiner Soiree, bei keinem Balle fehlen. Abends, wenn die Sonne ihre Kraft verlor, flog er in elegantem Cabriolet, von einem prächtigen Roß gezogen, mit einer der schönen Töchter der vornehmen, ihm befreundeten Familien auf der Muschelstraße hin, ging später mit seinen jungen Freundinnen im traulichen Lichte des Mondes auf dem herrlichen, viele Meilen langen Werfte an dem Ufer des Mississippi spazieren und besuchte mit ihnen die Conditoreien, um sie durch Eiscrême oder Sodawasser zu erfrischen. Die späte Nacht aber gehörte den Freuden, die er mit seinem Freunde Holcroft gemeinschaftlich genoß und aus deren Zaubergewalt er wonnetrunken immer erst gegen Morgen in das Hotel zurückkehrte.

So verstrichen einige Wochen, während welcher Harry nicht daran gedacht hatte, daß bei solchem Leben sein geringer Kassenbestand nicht lange ausreichen würde; als er aber nun die letzte Fünfzigdollarsnote wechselte, um zehn Dollars für einen Blumenstrauß zu zahlen, den er einer Dame für den Ball an diesem Abend zusenden

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wollte, da erschrak er und die Frage, woher mehr Geld nehmen, drängte sich ihm sehr beunruhigend auf, denn Geld mußte er haben, ohne Geld konnte er ja an diesem Orte nicht einen Tag leben! Sein erster Gedanke bei dieser Frage fiel auf Holcroft, doch unwillkürlich wich er vor dessen Bild zurück. So sehr befreundet und vertraut er auch mit dem Manne war, so lag doch etwas in dessen Wesen, was ihm jede Bitte der Art an denselben untersagte. Dessen eiserne Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von der menschlichen Gesellschaft, die er nur zu beachten schien, um auf ihre Kosten ein genußreiches Leben zu führen, sowie dessen kalte, gefühllose Berechnung seiner Pläne und Unternehmungen standen mit der Bereitwilligkeit, einem Andern aus einer Verlegenheit zu helfen, in so grellem Widerspruch, daß Harry ein solches Gesuch als vollständig zwecklos erkannte. Geld aber mußte er sich verschaffen, denn das nächste Schiff nach Rio Janeiro sollte erst in acht Tagen segeln. Womit sollte er während dieser Zeit seine laufenden Ausgaben bestreiten? Womit sollte er seine bedeutende Rechnung in dem Hotel bezahlen und wie konnte er ohne Geld sich für die bevorstehende Reise ausrüsten? Unter seinen vielen Freunden und Bekannten hier in der Stadt war nicht einer, an den er sich um ein Darlehen hätte wenden können, und nach Texas zu schreiben, wo er

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solche Freunde besaß, war unnütz, da die Zeit bis zu seiner Abreise eine Antwort von dort nicht mehr ermöglichte.

Während er nun berechnete, wie lange ein Brief nach Galveston und von da in das Innere des Landes unterwegs sein würde, zog er ein Schreiben eines Freundes, der eine große Baumwollenplantage am Brazosfluß besaß, aus seiner Brieftasche hervor. Dieser Freund, einer der reichsten und bedeutendsten Männer in Texas, davon war Harry überzeugt, würde ihm mit Freuden die nöthige Summe vorstrecken, wenn nur die Möglichkeit vorhanden gewesen wäre, noch zeitig dessen Antwort zu erhalten. Dies war aber nicht der Fall, und einen Wechsel auf denselben von Harry gezogen konnte dieser nicht für baar verkaufen. Seines Freundes Unterschrift allerdings wäre baares Geld gewesen. Während Harry nun noch hin und her dachte und berechnete, ob nicht doch eine zeitige Antwort zu erlangen sei, wenn der Brief von Galveston aus durch einen expressen Boten befördert würde, hatte er unwillkürlich die Feder ergriffen, und schrieb im Gedankenspiel die Unterschrift seines Freundes, die er in dessen neben ihm liegenden Briefe vor Augen hatte, auf ein Blatt Papier. Er hatte sie langsam nachgezeichnet, blickte sie einen Augenblick an und in seinem Spiel fortfahrend,

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schrieb er sie noch einmal flüchtiger darunter. Als ob ihm selbst die Treue der Abschrift auffalle, verglich er sie wie erstaunt mit dem Original und schrieb dann noch schneller eine dritte Copie darunter. So flog der Namenszug seines Freundes wieder und wieder und mit immer größerer Leichtigkeit aus seiner Feder auf das Papier, bis endlich zwischen dem Original und der Abschrift auch nicht der unbedeutendste Unterschied mehr zu erkennen war.

Harry hielt inne und sah festen Blicks auf das Papier. Mit dieser Unterschrift, das wußte er, konnte er eine Note zu einem bedeutenden Betrag an irgend einen Geldwechsler hier verkaufen und sein Freund, davon war er ja überzeugt, würde ihm gern das Geld vorschießen! Was für ein Unterschied war denn nun dabei, ob dieser ihm das Geld schickte oder ob er dasselbe sich durch eine Note mit dessen Unterschrift verschaffte? Er konnte es ihm ja ebenso gut seiner Zeit zurückgeben, als ob er es ihm gesandt hätte.

Daß sein Freund die Note als eine gefälschte nicht bezahlen und daß der Wechsler hier das Geld verlieren würde, das kam Harry wohl in den Sinn, er hielt aber an dem Gedanken fest, daß sein Freund ihm gern helfen würde und daß es darum kein Unrecht sei, ihm die Gelegenheit dazu zu geben.

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Er stand auf und schritt im Zimmer auf und nieder, blieb aber jedesmal bei dem Tische stehen und blickte auf die nachgemachte Unterschrift. Von Entdeckung konnte keine Rede sein, sein Freund selbst mußte die Schrift für seine eigene halten. Warum noch zögern? Geld mußte Harry sich verschaffen, die Noth, die Verhältnisse zwangen ihn dazu. Entschlossen setzte er sich jetzt an den Tisch nieder, schrieb eine Note über neunhundert und siebzig Dollars und unterzeichnete sie mit dem Namen seines Freundes, des reichen, hochangesehenen Mannes in Texas.

Die Fälschung war soweit vollbracht, wie wenn man die Kugel in den Lauf gestoßen hat, mit welcher man einen Mord begehen will.

Harry faltete die Note zusammen und legte sie in seine Brieftasche.

Ueber die Art und Weise, wie er sie einkassiren sollte, war er noch nicht mit sich einig. Nicht daß es ihm an Entschlossenheit gefehlt hätte, dies Geschäft selbst zu besorgen, warum aber sollte er sich als den Verkäufer angeben?

Er ging im Laufe des Nachmittags einige Male an dem Hause des Geldwechslers vorüber, von dem er wußte, daß er für seinen Freund in Texas, dessen Namen auf der Note stand, alle Geldgeschäfte in dieser

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Stadt besorgte, doch der Tag verstrich, ohne daß er den Verkauf bewerkstelligt hätte. Am folgenden Morgen aber begab er sich mit der Note in der Hand rasch zu seinem Freunde Holcroft und sagte, indem er ihm das Papier lachend entgegenhielt:

"Unverhofftes Glück, Holcroft! Da fliegt mir Geld zu, welches ich schon längst als verloren aufgegeben hatte, welches mir aber im Augenblick sehr willkommen erscheint. Es ist eine alte Forderung, die ich meinem Freunde in Texas zum Einziehen übergeben hatte und wofür derselbe mir so eben seine Note sendet. Sie müssen mir dieselbe bei Henry Lee und Compagnie zu Gelde machen, da diese Leute mit meinem Freunde in Verbindung stehen."

Der Sklavenhändler stutzte und heftete seinen scharfen Blick halb erstaunt auf das Antlitz des jungen Mannes, indem er sagte:

"Ich? Warum wollen Sie es nicht selbst thun?"

"Aus einem einfachen Grunde", antwortete Harry lachend; "weil ich dem Herrn Lee noch einige Hundert Dollars schulde, die ich ihm noch ein wenig länger schuldig bleiben möchte; wenn ich selbst ihm die Note bringe, so zieht er mir dies sein Guthaben an dem Betrage ab. Ob der Kerl jetzt oder in einem Jahr das Geld bekommt, macht ihm nichts aus, mir aber sind die

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paar Hundert Dollars im Augenblick sehr angenehm. Es ist ja eine kleine Mühe für Sie."

"Der ich mich mit Freuden unterziehe", entgegnete jetzt der Sklavenhändler heiter. "Geben Sie her, es ist immer gut, mit Zahlen seiner Schulden auf sich warten zu lassen, bis man des Geldes selbst nicht benöthigt ist."

Hiermit nahm er die Note, setzte seinen Hut auf und eilte aus dem Zimmer. Harry aber legte sich in das Fenster und sah ihm nach, bis er ihn an der nächsten Straßenecke aus den Augen verlor. Dann schritt er, vor sich hinschauend, mit den Händen in den Rocktaschen im Zimmer auf und nieder und trat nach einiger Zeit wieder an das Fenster, um die Straße hinaufzusehen. Nachdem er dies einige Male wiederholt hatte, blieb er im Fenster liegen, um Holcroft's Erscheinen zu erwarten.

Gleich darauf trat derselbe auch wieder in die Straße ein und nahte sich dem Hotel in seinem gewohnten ruhigen, unbekümmerten Schritte.

"Er hat das Geld!" sagte Harry mit einem tiefen Athemzuge, als fiele ihm eine schwere Last von dem Herzen. Dann ging er in das Zimmer zurück, warf sich nachlässig in den Schaukelstuhl, schlug das Bein über und schwang es spielend auf und nieder.

"Verdammt warm", sagte der Sklavenhändler, indem

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er in das Zimmer trat; "der Weg kostet Ihnen heute Abend ein Flasche Champagner." Dabei griff er in die Tasche und legte den Betrag der Note in Bankscheinen mit den Worten auf den Tisch:

"So, nun mag Ihr Herr Lee mit seiner Forderung zum Teufel gehen. Es ist doch gut, wenn man einen Freund hat."

"Ich danke Ihnen, lieber Holcroft", entgegnete Harry, ohne sich aus seiner Lage zu erheben und ohne nach dem Gelde hinzusehen. "Was fangen wir heute Abend an? Ich bin frei, wenigstens bis jetzt habe ich noch keine Einladung erhalten."

"So lassen Sie uns eine Partie auf dem Mississippi hinauf nach Carrollton machen; in dem Gasthaus bei dem Franzosen finden wir elegante Bequemlichkeit und seine Bedienung; die Würze aber müssen wir mitbringen. Was meinen Sie, wenn ich unsere schönen Freundinnen Seline und Miralda dazu einlüde?"

"Vortrefflich", antwortete Harry, "und den nöthigen Champagner nehmen wir gleichfalls mit. Besorgen Sie die Einladungen, ich werde mich nach einem passenden Boote umsehen."

In Lust und Freude schwanden Harry und dem Sklavenhändler die Tage bis zu ihrer Abreise, welche sie an einem heitern Morgen, vom herrlichsten Wind

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begünstigt, in einer schnellsegelnden Barke bewerkstelligten. Von seinem weißen aufgeblähten Leinen überwölkt, zog das schöne Schiff stolz über die spielenden grünen Wogen des Golfs, und die beiden Reisenden zählten die Tage, bis sie Rio Janeiro erreichen würden, und bauten die kühnsten Luftschlösser für ihre nächste Zukunft. Während einer vollen Woche schaukelte sich die Barke auf ihrem furchenlosen Wege dahin, kaum daß ihre Segel anders gesetzt worden wären, und wie auf einer Lustfahrt erreichte sie die Küste von Südamerika. Plötzlich aber an einem frühen Morgen zeigte sich im Westen schweres Gewölk am Himmel und stieg rasch und drohend an ihm auf. Mit den Wolken kam der Wind gezogen, die Wogen hoben sich höher, ihre Häupter bedeckten sich dichter mit Schaum und die Barke begann heftig zu arbeiten. Sie wurde mehr und mehr ihrer Segel beraubt, bis sie nur noch genug Leinen trug, um dem Druck des Steuers zu folgen. Es war ein schweres Wetter im Anzug. Der Kapitän ließ alle Vorbereitungen treffen, um dem nahenden Sturm zu begegnen, die Luken wurden dicht gemacht, die Anker in Bereitschaft gehalten, das große Boot von unnöthigen Banden befreit und das Verdeck von Allem gesäubert, was schneller Bedienung des Fahrzeugs im Wege sein konnte. Mit dem Untergange der Sonne sprengten die Elemente ihre letzten

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Fesseln und ein fliegender Orkan peitschte über die Wogen und trieb deren Gischt heulend und pfeifend vor sich her. Die gute Barke bäumte sich hoch gegen die furchtbare Gewalt der rollenden Flutenberge, sie zitterte und stöhnte in allen ihren Fugen und schoß in die gähnenden Schlünde hinunter, als wolle sie sich unter der nächsten Riesenwelle begraben; aber immer warf sie sich schüttelnd die über sie stürzenden Seen von ihrem Rücken ab und stieg wie ein bäumendes Roß aus dem Wassergrabe empor. Die Nacht brach herein und bald war der letzte Schimmer von Helligkeit verschwunden, eine rabenschwarze Finsterniß lag auf Schiff und Meer, für das Auge gab es keinen Wirkungskreis mehr und das Ohr wurde von den Sturmaccorden erschüttert und betäubt.

Harry stand auf dem hintern Verdeck an den Mast gelehnt und dachte an sein ruhiges Leben bei Morgan, als plötzlich eine Woge sich donnernd gegen die Seite der Barke warf, an ihr emporstieg und das ganze Schiff überflutete.

Harry klammerte sich an dem Mast fest, um nicht von der Welle mit fortgerissen zu werden; Holcroft aber, der neben ihm stand, griff nur nach einem schwachen Tau, um sich aufrecht daran zu halten.

In dem Augenblick, als die Barke sich hob und die

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Flut von ihr hinab in die See strömte, sprang der Sklavenhändler dem Manne am Steuer zu Hülfe, denn das Ruder war dessen Hand entfahren, das Schiff hatte sich mit seiner Seite dem Sturm und den Wogen zugewandt und die See stürzte über dasselbe hin. Der Untergang schien jetzt unvermeidlich, die Masten ächzten, das Tauwerk riß, Fässer, Kisten und Kasten stürzten und rollten über das Verdeck gegen die Brüstungen, dieselben brachen und flogen mit in die See hinaus und einzelne durch den Sturm tönende Hülferufe verkündeten, daß die Flut auch mehrere von der Mannschaft mit sich fortgerissen habe.

Holcroft aber stemmte sich mit eisernem Arme gegen das Ruder und wandte das Schiff von der Gewalt des Sturms ab, bis es wieder, mit den Wogen treibend, auf denselben dahinschoß. Seine gewaltige Stimme übertönte jetzt den Alles betäubenden Sturm, er rief die Mannschaft zu sich heran, damit sie ihm helfe, das Schiff zu retten, und hörte von ihr, daß außer mehreren Matrosen auch der Kapitän über Bord geschwemmt sei. Holcroft ließ nun Laternen auf das Verdeck bringen und sah, daß das Tauwerk am hintern Mast gerissen war, sodaß derselbe das kleine Sturmsegel nicht mehr tragen konnte. Er ließ ein solches trotz des furchtbaren Arbeitens der Barke an dem vordern Maste aufziehen, erkannte aber

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nur zu bald, daß das Schiff mit diesem Segel dem Steuer nicht folgen wollte. Dabei stöhnte der große Mast lauter und gefahrverkündender, er neigte sich immer weiter über die See hinaus und das Schiff begann sich bald links, bald rechts dem Sturme entgegenzudrehen. Da stürzte abermals eine Riesenwoge dem Fahrzeug entgegen auf das Verdeck und schwemmte mit dem Ueberrest der Brüstung noch einen Matrosen mit sich fort.

"Macht das Boot fertig!" schrie jetzt der Sklavenhändler durch den Sturm der Mannschaft zu und band das Ruder fest, faßte dann Harry beim Arm und zog ihn mit sich fort über das Verdeck dem Platze zu, wo die Matrosen im nächsten Augenblick zusammensprangen, um seinen Befehl auszuführen. Das Boot hing schon über dem Meere, und Holcroft, der selbst mit Hand anlegen wollte, um es hinabzulassen, ließ Harry's Arm los und rief ihm zu, sich an dem Tauwerk festzuhalten; in demselben Augenblick aber stürzte von der andern Seite her eine Welle über Bord und riß Harry mit sich hinaus in die See.

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Zweiter Band.

Erstes Kapitel.

Mit dem Gischt der Woge stürzte Harry in die nächste Tiefe hinunter und versank. Die Sinne waren ihm für den Augenblick vergangen; dem Tode aber widersetzt sich jedes lebende Wesen in jedem Zustand, darum, als Harry statt Luft Wasser in den Mund strömte, wehrte er sich gegen das erstickende Element mit Händen und Füßen und im nächsten Augenblick tauchte er wieder über der Flut auf. Mit dem ersten tiefen Athemzug kehrte auch sein Bewußtsein zurück, er fühlte, daß er in der See lag, und erinnerte sich, wie die Welle ihn von Holcroft's Seite gerissen hatte. Er blickte um sich, er sah nichts, schwarze Nacht umgab ihn, er hörte nichts als das Donnerrollen und Stürzen der Wogen und das Brausen und Pfeifen des Orkans. Dieser nächste Augenblick hatte ihm seine Lage vollkommen klar gemacht; mit einem Hülferuf, den der Sturm seinem eigenen Ohr entführte, breitete er hastig die Arme aus und that Zug

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um Zug, als könne er mit Schwimmen das entflohene Schiff noch einholen.

"Hülfe, Hülfe!" schrie er wieder und wieder, griff immer schneller aus und suchte von dem Gipfel jeder Woge die Finsterniß mit seinem Blick zu durchdringen. Er war verloren und seine Zukunft zählte nur noch nach Minuten, das fühlte er, denn seine Kräfte ließen nach und der Gedanke, daß er jetzt schon das Leben verlassen sollte, durchbebte ihn mit einem Gefühl nahender Ohnmacht. Dennoch arbeitete er fort und flehte den Himmel laut um Hülfe an; er hätte gern seine Hände gefaltet, wenn er sie nicht hätte gebrauchen müssen, um dem Tode sein Leben streitig zu machen. Von Minute zu Minute aber nahm seine Entkräftung zu, er konnte die Arme kaum noch durch das Wasser bewegen, und die Flut strich ihm fortwährend über den Mund, da griff er in der Verzweiflung noch einmal weit aus und stieß mit seiner Rechten an einen harten Gegenstand. Mit der Hast der Todesangst faßte er zu und ergriff mit beiden Händen eine lange schwere Bohle, die wahrscheinlich von dem Verdeck der Barke weggeschwemmt worden war. "Gott Lob", rief er aus, klammerte sich an derselben fest, um wieder zu Athem zu kommen, und hob sich nach und nach immer weiter auf dem Ende des Bretes hinauf, bis er dasselbe zwischen seinen Beinen

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hielt und er, auf ihm reitend, von den Wogen fortgetragen wurde.

"Gott Lob! Gott Lob!" wiederholte er mit einem Blick nach oben und ein Hoffnungsstrahl drang in seine Seele ein. Für den Augenblick wenigstens war er dem Tode entrissen und der Gedanke, daß das Tageslicht ihm das Boot seiner Gefährten zeigen und man ihn gewahren würde, fachte die aufkeimende Hoffnung noch mehr an. Woge auf Woge nieder ritt er mit fliegender Eile auf der grausigen Bahn dahin, der Sturm jagte den Gischt der See hinter ihm her, und von Zeit zu Zeit stürzte sich der Kopf einer Welle von hinten über ihn und begrub ihn für Augenblicke unter sich. Harry aber hielt das vor ihm aufstehende Ende der Bohle mit beiden Händen wie mit eisernen Klammern fest und tauchte immer wieder über der Flut auf.

Wohl nie im Leben hat ein Mensch heißer und verlangender das Erscheinen des Tages ersehnt als Harry Williams in dieser Zeit, denn die Finsterniß verdoppelte das Entsetzliche seiner Lage. Endlich, endlich zitterte ein Schimmer von Helligkeit über das weite Meer und Harry konnte die Wogen unterscheiden, auf denen er emporschoß, und die Abgründe erkennen, in welche er hinabsank. Auch die Wolken über ihm brachen sich und hier und dort blitzte ein einzelner Stern zwischen denselben

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hervor. Der Tag stieg am östlichen Himmel auf und der Sturm ließ an Heftigkeit nach, doch die Wogen rollten noch immer hohl und fürchterlich, und von einer jeden, auf deren Höhe Harry gehoben wurde, sandte er seinen Blick spähend über die weite Wassereinöde um den Horizont, nirgends aber fand sein Auge einen Haltpunkt, bis in die weiteste Ferne war nichts zu sehen als schaumgekrönte Wogen. Ein entsetzliches Gefühl der Verlassenheit, der Einsamkeit kam über ihn, und die Hoffnung, mit der er den Tag begrüßt hatte, schwand wieder aus seiner Seele. Die Verzweiflung, die ihn dagegen erfaßte, steigerte sich noch mehr bei dem Gedanken, daß er durch eigene Schuld seine Lage herbeigeführt und daß er sie für seine Handlungen vollkommen verdient habe. Jetzt sah er es ein, wie unverzeihlich er gegen die Familie Morgan gehandelt hatte, jetzt suchte er die Fälschung der Note im Namen seines Freundes nicht mehr vor sich selbst zu beschönigen und warf sich mit Angst und Reue diese Handlungen als die Ursachen seiner gegenwärtigen Lage vor. Er sah den Tod vor Augen, nur in welcher Weise derselbe ihn ereilen würde, das war noch ungewiß, und mit Schrecken dachte er daran, daß er langsam auf diesem Bret verschmachten müsse, um endlich doch zu ertrinken. Warum denn aber machte er nicht gleich seinem elenden Dasein

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ein Ende? Weil sein Blick noch in jeder Sekunde am Horizont suchte, ob er kein Schiff erspähen könne. Er befand sich in dem Hauptfahrwasser der Küstenschiffe, das wußte er gewiß, und wie leicht konnte ein Fahrzeug des Weges kommen und ihn retten! Er hielt fest an der Planke.

Der Wind erstarb mehr und mehr, die Wogen verloren ihren Schaum und dehnten sich länger und breiter aus und der Himmel wurde wolkenleer. Die ersten Blicke der Sonne hatten Harry wohl gethan, weil sie ihn erwärmten, als dieselbe aber höher stieg und ihre Strahlen senkrecht auf ihn niederbrannten, da mußte er Wasser über sein Haupt gießen, um ihre Glut ertragen zu können.

Der furchtbarste Feind und der sichere Träger des Todes, der Durst, meldete sich jetzt bei Harry, seine Lippen wurden trocken und die Zunge blieb ihm am Gaumen haften. Der Anblick des ihn umflutenden Wassers wollte ihn zur Verzweiflung bringen, er bückte sich lechzend nach ihm nieder, es kam ihm vor, als ob er sich nimmer satt trinken könne, und doch durfte er sich kaum die Lippen damit kühlen. Die Sonne wurde ihm furchtbar und unerträglich, und so sehr er nach dem Tage verlangt hatte, so sehnlichst sah er dem Abend entgegen, der ihm Kühlung bringen sollte. Die Glut aber, die

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Fieberhitze, die der Durst in seine Adern goß, die konnte selbst die Nacht nicht kühlen, und als die Sonne sich neigte und die Dämmerung ihre schauerlichen Schatten wieder über das Meer breitete, steigerte sich die Unruhe, die unheimliche Glut in Harry's Körper nur noch mehr. Bis jetzt hatten seine jugendlichen Kräfte in der Aufregung der Gefahr alle Müdigkeit von ihm fern gehalten, als aber die Nacht ihren Mantel dichter um ihn zog, wurden ihm die Lider schwer und der Schlaf wollte ihn gewaltsam in die Arme schließen. Er wankte hin und her auf dem Brete, obgleich links und rechts der Tod ihn angähnte, mit aller Kraft klammerte, er seine Hände an die Bohle fest und hielt mit Gewalt die Augen weit geöffnet. Immer aber nickte er wieder zusammen, die Augen fielen ihm zu und er bekam das Uebergewicht nach der einen oder andern Seite. Dann fuhr er entsetzt in die Höhe und suchte das Gleichgewicht wieder zu halten. So verbrachte er die Nacht mit immer größerer Anstrengung, nach und nach stellte sich ein Zustand zwischen Wachen und Schlafen bei ihm ein, er schlief mit halb offenen Augen, und der Gedanke, daß er nicht schlafen dürfe, hielt halb die Besinnung in ihm zurück. Es war ein übernatürlicher Kampf, den er focht, und in seinem Halbtraume sehnte er sich nach der Sonne, die ihm helfen sollte, wach zu

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bleiben. Der Schlaf wurde immer mächtiger, die Lider wurden immer schwerer und die Kräfte schienen aus seinen Händen zu entweichen. Plötzlich schlossen sich seine Augen, seine Arme sanken an ihm herab, sein Oberkörper neigte sich auf die Bohle, und mit ihr umschlagend stürzte er in die Flut. Wie ein Blitzstrahl schoß die volle Besinnung wieder in ihn zurück, er griff um sich und faßte durch das Wasser hin - die Rettungsbohle war verschwunden. Mit verzweifelter Angst hob er sich hoch über die Flut empor und schaute um sich, denn der Tag war schon im Nahen und er konnte seine nächste Umgebung erkennen. Sein Blick von der Höhe der Welle suchte vergebens nach dem Stück Holz, und mit dem sichern Bewußtsein, daß es jetzt mit ihm zu Ende gehe, sank er mit der Flut in die Vertiefung hinab. Noch einmal hob er flehend seine Augen zum Himmel auf und über ihm aus der Spitze der nächsten Woge schaute das Ende des Bretes hervor. Er raffte alle Kräfte zusammen, Zug um Zug riß er die Arme durch das Wasser und nach wenigen Augenblicken hielt er das Holz wieder umfaßt. Jetzt blieb er wach, der letzte Anflug von Schlaf war aus ihm verschwunden, wenn auch seine geistige und körperliche Mattigkeit rasch zunahm. Er fühlte es, lange konnte er nicht mehr leben, der Durst und jetzt auch der Hunger mußten ihn

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bald seinem Ende zuführen und ihm die letzten Kräfte rauben, sodaß er sich nicht mehr auf dem Bret über Wasser halten konnte.

Die Sonne stieg blutroth über dem Meeresrande auf und zeigte Harry abermals die ganze Oede, die ihn umgab; wieder ließ er seinen Blick um den Horizont wandern, aber kein Rettungszeichen wollte ihm erscheinen. Alle Hoffnung war hin und die wilde Verzweiflung machte einer dumpfen Ergebung in sein Schicksal Platz. Dennoch hielt er seine Hände gefaltet, wie er so auf und ab über die sich immer mehr glättenden Wogen hinfuhr, und flehte seinen Schöpfer um Hülfe an. Er hatte lange Zeit so in stumpfer Abspannung auf dem sich schaukelnden Bret gesessen, ohne um sich zu schauen, der Wind war vollständig erstorben und die Sonnenglut begann ihn wieder unerträglich zu martern, als er hinter sich schaute und einen weißen Punkt gewahrte, der ihm über den Meeresrand hervorzuragen schien. Im nächsten Augenblick aber war er wieder in die Vertiefung zwischen zwei Wogen gesunken und verlor dadurch den Punkt aus den Augen. Als ihn aber die folgende Welle abermals emporhob, hatte er ihn sofort mit seinem spähenden Blick erfaßt und überzeugte sich jetzt, daß es wirklich ein Segel war, welches hinter ihm herkam. Neues Leben, neue Kraft fuhr durch seine Glieder,

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er richtete sich möglichst hoch empor und hielt seinen Blick unbeweglich auf das Schiff gerichtet, um zu sehen, ob es näher käme. Schon nach Verlauf einer halben Stunde tauchte das ganze Fahrzeug über dem Meere auf, sodaß Harry den Rumpf desselben wie einen schwarzen Punkt unter dem Segel erkannte. Wie aber war es möglich, daß das Schiff näher kommen konnte, da doch in Harry's Nähe sich kein Lüftchen regte? Der Wind mußte von dort her mit ihm im Heranziehen sein. Es kam aber augenscheinlich näher und zwar in gerader Richtung auf den Schiffbrüchigen zu. Er betete, flehte, rang die Hände, weinte und gelobte, nun und nimmer wieder etwas zu thun, wodurch er strafbar würde. Jetzt kam der Wind vor dem Schiffe hergezogen, ein langer weißer Streif auf den Wogen kündete ihn schon von weitem an, und bald spielte er erfrischend um Harry's heißen Mund. In kurzer Zeit mußte man ihn von dem Verdeck des Schiffes aus sehen können. Wie aber, wenn man ihn nicht gewahrte und an ihm vorübersegelte? Der Gedanke erfaßte Harry mit Entsetzen, er stierte nach dem Schiffe hin, als wollten seine Augen aus ihren Hohlen springen, er hob sich so hoch empor, als es ihm möglich war, und winkte fortwährend mit der Hand. Das Fahrzeug kam mit vollen Segeln schnell heran, schien aber in einiger

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Entfernung an Harry vorüberfahren zu wollen. Seine Angst hatte den höchsten Punkt erreicht ; er warf seine Kleidung von sich, riß sein Hemd über den Kopf, hob es in seiner Rechten hoch empor und schwenkte es über sich durch die Luft.

"Gott sei gedankt!" rief er nach einer Weile aus, denn man hatte ihn bemerkt, das Schiff änderte plötzlich seine Richtung und kam jetzt gerade auf ihn zu.

Er sah, wie die Mannschaft Vorbereitungen traf, um ihn aufzufischen, denn es stellten sich mehrere Männer auf die Brüstung und hielten Taue in ihren Händen. Brausend schnitt das prächtige Schiff durch die Wogen auf Harry zu, wandte sich aber halb gegen den Wind, wodurch seine Eile sofort gemäßigt wurde, und trieb nun langsam an den Verunglückten heran. Da flogen drei lange Taue, zugleich von den Matrosen geworfen, nach ihm hinab, er ergriff eins derselben mit beiden Händen, klammerte sich daran fest und wurde, bis an die Seite des Schiffes gezogen, wo hinunter mehrere der Mannschaft stiegen, ihn erfaßten und auf das Verdeck hinauf beförderten. Kaum aber hatte er dasselbe betreten, da sank er wie leblos zusammen und eine tiefe Ohnmacht bemächtigte sich seiner. Als er wieder zu sich kam, lag er im Schatten der Segel auf einem Lager von Decken hingestreckt und um ihn her

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stand die Schiffsmannschaft und schaute ihn theilnehmend an.

"Wasser! Wasser!" waren die ersten Worte, die seinen trockenen Lippen entfuhren. Der frische Trunk wurde ihm gereicht, und nachdem er denselben bis auf den letzten Tropfen zu sich genommen hatte, sank er mit einem tiefen Athemzuge abermals machtlos zurück und schloß die Augen. Die Labung fachte aber bald seine Lebenskräfte wieder an, er fühlte sich erfrischt und gestärkt und nahm nun auch die Speise, die man ihm reichte, zu sich. Während dieser Zeit begann er zu überlegen, in welcher Weise er sich dem Kapitän vorstellen sollte, da seiner Meinung nach hiervon die Art der Behandlung abhing, welche man ihm an Bord zu Theil werden lassen würde. Er beschloß, den Namen Rochier, den eine der reichsten und angesehensten Creolenfamilien Louisianas trug, anzunehmen und sich für einen Plantagenbesitzer in diesem Lande auszugeben. Wenn ihm auch eine innere Stimme diese Unwahrheit vorwarf, so meinte er doch, daß eine so harmlose Nothlüge erlaubt sei, zumal in einer so verzweifelten Lage, wie die seinige es augenblicklich war.

"Nun sagen Sie mir aber junger Mann, haben Sie denn Schiffbruch erlitten oder sind Sie über Bord gefallen?" hob der Kapitän zu Harry gewandt an und setzte sich neben ihm auf den Fußboden nieder.

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"Schiffbruch, einen vollständigen Schiffbruch" antwortete Harry, indem er sich auf den Ellenbogen stützte. "Der Sturm nahm uns zuerst Masten und Segelzeug, dann faßten uns die Seen, schlugen das Ruder und die Brüstungen entzwei und zerschmetterten endlich das Schiff selbst, sodaß es in tausend Stücke auseinanderfiel. Ich glaube, ich bin der Einzige, der das Leben davongetragen hat; meine Gefährten sind sicher sämmtlich umgekommen."

"Es war aber auch ein Sturm, wie ich nur wenige erlebt habe", sagte der Kapitän. "Wohin war denn Ihr Schiff bestimmt?"

"Nach Brasilien. Ich befand mich als Passagier darauf und zwar auf einer Erholungsreise. In Louisiana, wo meine Plantagen liegen, muß man im Sommer sehr von der Hitze leiden und ich sehnte mich nach der frischen Seeluft", entgegnete Harry und setzte lächelnd noch hinzu: "Beinahe aber hätte ich zu viel davon bekommen."

"So sind Sie Plantagenbesitzer?" fiel der Kapitän mit einer leichten Verbeugung ein und setzte sich etwas gerader.

"Ja wohl, Kapitän. Mein Name ist Rochier, und wahrscheinlich haben auch Sie schon von meiner Baumwolle durch den Ocean geführt. Meine Ernte beläuft sich jährlich ungefähr auf zweitausend Ballen", sagte

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Harry mit einem gleichgültigen Tone und streckte sich länger auf seinem Lager aus.

"Rochier?" nahm der Kapitän überrascht das Wort. "Allerdings habe ich schon sehr viel Wolle mit Ihrem Namen gezeichnet nach England gebracht. Als guten Engländer freut es mich nun doppelt, Ihnen das Leben erhalten zu haben, Herr Rochier; denn Baumwolle ist uns so unentbehrlich wie Brod. Ich glaube aber, jetzt würde Ihnen ein Glas Madeira recht gut thun, ich habe etwas Feines davon an Bord."

Damit erhob sich der Kapitän und eilte nach der Kajüte. Harry aber blickte ihm lächelnd nach und erinnerte sich des Grundsatzes seines Freundes Holcroft, sich auf Kosten Anderer das Leben möglichst angenehm zu machen.

Der Kapitän kehrte bald mit einer Flasche und einem Glase in der Hand zurück und credenzte dem vermeintlichen Plantagenbesitzer und Baumwollenlieferanten den goldenen Wein, den dieser mit großem Wohlbehagen zu sich nahm.

"Der Wein ist gut, Kapitän. Haben Sie viel davon an Bord?" fragte Harry, nachdem er das zweite Glas geleert hatte.

"Nun, wohl einige Dutzend Flaschen", entgegnete der alte Seemann.

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"Sie müssen mir dieselben überlassen; der Zufall zwingt mich ja doch, mir einen Credit bei Ihnen zu erbitten", fuhr Harry lächelnd fort.

"Mit Vergnügen stelle ich Alles, was ich an Bord habe, zu Ihrer Verfügung, und wenn wir in Madeira, dem Ziel meiner Reise, landen, so dürfen Sie auch über meine Kasse verfügen, denn dort werden Sie wohl keine Bekanntschaft haben", bemerkte der Kapitän mit großer Höflichkeit.

"Freilich nicht. Wie sollte mein Name in Madeira bekannt geworden sein, meine Baumwollenballen gehen ja nicht dorthin. Desto besser aber kennt man mich in London und namentlich in Liverpool, wo ich Ihnen die große Schuld, die ich bei Ihnen machen muß, auszahlen lassen werde", entgegnete Harry scherzend, fügte aber mit feierlichem Tone noch hinzu: "Die Schuld zwar für die Erhaltung meines Lebens, die werde ich Ihnen wohl schwerlich abtragen können, so gern ich es auch thun möchte. Jedenfalls erwarte ich, daß Sie mich von Ihrem nächsten Besuch in Neuorleans sofort unterrichten, damit ich eine Gelegenheit erhalte, mich Ihnen dankbar zeigen zu können." Bei diesen Worten ergriff Harry die Hand des Kapitäns und schüttelte sie mit wirklich aufrichtigem Dankgefühl, wenn auch die Unwahrheit, die er ihm zugleich sagte, ein schlechter Zeuge dafür war. Hätte es

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augenblicklich in seiner Macht gelegen, den Mann für seine Hülfe fürstlich zu belohnen, so hätte er es sicher mit Freuden gethan. Dies war aber nicht der Fall, er war sogar in der allerhülfsbedürftigsten Lage, und es schien ihm kein Unrecht zu sein, sich dieselbe so erträglich als möglich zu machen; wäre Holcroft noch am Leben, dachte Harry, so würde derselbe ihm für sein Verfahren sicher Lob ertheilt haben. Der Kapitän bot Alles auf, um seinem so unverhofft erhaltenen Passagier den Aufenthalt auf seinem Schiffe angenehm zu machen; er räumte eine Kajüte, die er mit Waaren vollgepackt hatte, für ihn aus, bewirthete ihn nach allen Kräften auf das beste, überließ ihm seine Weine und Cigarren zum Einkaufspreis und öffnete ihm seine Garderobe zum freien beliebigen Gebrauch. Harry dagegen ließ keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, sich für die Stunden der schrecklichsten Foltern, die er auf dem Brete im Meere zugebracht hatte und die ihm wie so viele Jahre vorgekommen waren, zu entschädigen, und als das Schiff Madeira erreichte, war die letzte Flasche Wein des Kapitäns geleert und dessen letzte Cigarre geraucht. Kaum hatte das Fahrzeug in dem Hafen von Funchal, der Hauptstadt der Insel, seine Anker fallen lassen, als der Kapitän sich an das Land begab, um auf dem

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Zollamte seine Geschäfte zu besorgen. Harry begleitete ihn, um für seinen unbestimmten Aufenthalt hier ein Hotel zu wählen, denn er wollte eine Gelegenheit nach Rio de Janeiro oder nach den Vereinigten Staaten erwarten.

"Sie werden nun Geld nöthig haben, verehrter Herr Rochier", sagte der Kapitän zu Harry, als sie aus dem Zollhause traten; "wenn Sie mich zu den Herren begleiten wollen, an welche ich adressirt bin, so werde ich es Ihnen dort auszahlen lassen. Wie viel wünschen Sie zu haben?"

"Nun, etwa tausend Dollars. Ich gebe Ihnen dann für meine ganze Schuld eine Anweisung auf Liverpool, welche Sie, da Sie doch von hier nach London segeln, recht gut dort gebrauchen können. Zu dieser Schuld rechne ich hundert Flaschen des besten Weins, der hier zu bekommen ist, welchen ich mir erlaube Ihnen zum Geschenk zu machen. Sie müssen mir den Gefallen thun und ihn selbst auswählen und mir dann die Summe nennen, die Sie dafür bezahlten, damit ich Sie zu meiner Schuld schreibe", sagte Harry im Vorwärtsschreiten, worauf der Kapitän einige Einwendungen wegen zu großer Güte machte, die jener aber mit dem Bemerken zurückwies, daß es ja nicht der Mühe werth wäre, um diese Kleinigkeit nur ein Wort zu verlieren.

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Bei den Geschäftsfreunden des Kapitäns angelangt, stellte dieser ihnen seinen Passagier als einen der ersten Baumwollenpflanzer Louisianas Namens Rochier vor und ließ ihm tausend Dollars baar auszahlen.

Harry vergaß nun die Leiden, die ihn betroffen hatten, das Leben lachte ihn wieder heiter an und seine Mittel gestatteten ihm, dessen Freuden zu genießen. Durch die Geschäftsfreunde des Kapitäns wurde er in viele Familien eingeführt, der amerikanische Consul, dem er als Herr Rochier einen Besuch abstattete, machte ihn in den besten Gesellschaften bekannt, und da Harry der spanischen Sprache vollkommen mächtig war, wurde es ihm nicht schwer, sich mit den Portugiesen zu verständigen. Seine elegante, liebenswürdige Persönlichkeit bahnte ihm auch hier den Weg zu der Gunst der Damen, zumal da man in ihm den unermeßlich reichen Plantagenbesitzer aus Louisiana vor sich sah.

Schon nach Verlauf von einer Woche war der Kapitän zur Abreise bereit; Harry gab ihm einen Wechsel auf eins der ersten Häuser in Liverpool über den ganzen Betrag, welchen er ihm schuldig geworden war, versicherte ihn seines unbegrenzten ewigen Dankes und schied von ihm auf baldiges frohes Wiedersehen in Neuorleans.

In unbestimmter Zeit erwartete man ein Schiff,

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welches nach Rio de Janeiro expedirt werden sollte und mit welchem Harry Willens war seine Reise wieder anzutreten. Wenn er nun auch danach verlangte, der Insel den Rücken zu kehren, ehe Nachricht von seinem liebevollen hülfreichen Kapitän von London ankommen konnte, so wurde ihm der Aufenthalt in Funchal doch mit jedem Tage angenehmer und interessanter, sodaß es ihn mit Leid erfüllte, als man ihm eines Morgens die Anzeige von der Ankunft des erwarteten Schiffes machte. Dasselbe sollte schon in einer Woche wieder unter Segel gehen, und nun drängten sich die Belustigungen und Vergnügungen, die man Harry zu Ehren veranstaltete, denn alle seine Bekannten wünschten sich ihm vor seiner Abreise noch einmal aufmerksam zu erweisen. Außer diesen geräuschvollen Freuden aber, womit man ihm Lebewohl sagen wollte, harrten seiner im Verborgenen noch viele wonnige Augenblicke des Abschieds, in denen manche Thräne, von schönen dunkeln Augen geweint, seine Wangen netzte und mancher glühende Kuß auf seinen Lippen brannte. Die Zeit hatte Flügel, der Tag der Trennung brach heran, und von Glückwünschen und tiefinnigen Grüßen begleitet bestieg Harry das Schiff, welches ihn nach Rio de Janeiro tragen sollte.



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In dem Staate Mississippi, hart an dem steilen hohen Ufer des Stroms gleichen Namens lag die alte Stadt Natchez, welcher in den letzten Jahren ein mächtiger Aufschwung zu Theil geworden war. Durch gute Verbindungswege in das Innere des Staates selbst, sowie in das gegenüberliegende reiche Louisiana war plötzlich der Handel in dieser Stadt so sehr gehoben, daß infolge davon die Zahl ihrer Bewohner sich wohl um die Hälfte vermehrt hatte. Neue Straßen erstanden in allen Richtungen wie durch einen Zauberschlag, prächtige Läden mit großen Schaufenstern reihten sich aneinander und auf den Trottoirs vor denselben drängten sich wogende Menschenmassen in geschäftiger Eile auf und nieder. Das Werft am Flusse war um das Doppelte vergrößert worden, Segelschiffe, Dampfer und riesige Produktenkähne aus den nördlichen Staaten kamen und gingen, und Güter aller Art lagen in ungeheuern Massen am Ufer hin aufgestapelt. Das Geschäftsgewühl belebte Natchez bis spät in die Nacht hinein, wo dann die wilden lärmenden Klänge amerikanischer Lustbarkeiten die Stadt durchtönten. Reichthümer wurden erworben und Reichthümer vergeudet. Mit dem Zuströmen von Arbeits- und Verdienstlustigen hatte sich aber auch eine ungeheure Zahl von Taugenichtsen und Schwindlern eingefunden, um auf Kosten der Arbeitenden zu

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leben, und infolge ihrer Gegenwart war Natchez durch die ganzen Vereinigten Staaten als ein Ort bekannt geworden, welcher sehr gute Aussichten für junge Advocaten biete. Dieser Stand war nun auch wirklich sehr reichlich und in jeder Qualität vertreten, der angesehenste und berühmteste Rechtsgelehrte aber in der Stadt blieb immer der langjährige Bürger derselben, Herr Portman.

Dessen Geschäftslokal oder Office befand sich dem Gerichtsgebäude gegenüber in einem der ältesten Häuser der Stadt, und zwar zu ebener Erde, sodaß man von dem Trottoir direct in das Arbeitszimmer eintrat. Dasselbe war sauber geweißt und mit den allergewöhnlichsten Möbeln versehen. In einem großen einfachen Schreibtisch, einigen hölzernen Armsesseln, einem Schaukelstuhl und einem hohen weißangestrichenen Schrank, um Papiere und Acten darin aufzubewahren, bestand die ganze Ausstattung des Geschäftszimmers dieses bis weit in den Norden hinauf berühmten Mannes. Allerdings hielt derselbe sich nur während einiger Sprechstunden des Vormittags hier auf und empfing die meisten Besuche in seiner prächtigen Privatwohnung.

Während der Zeit nun, daß er nicht selbst in seiner Office zugegen war, wurden seine Geschäfte dort durch einen Candidaten der Rechtswissenschaft besorgt, wie

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dies überall in den Vereinigten Staaten Gebrauch ist. Junge Juristen arbeiten zu ihrer praktischen Ausbildung immer noch einige Zeit bei einem bewährten Rechtsgelehrten, ehe sie selbstständig als Advocaten vor die Schranken treten.

Der junge Mann nun, der sich regelmäßig des Morgens neun Uhr in der Office des Herrn Portman einfand und dort bis zwei Uhr dessen Geschäfte wahrnahm, war Albert Randolph. Kurze Zeit, nachdem er in Philadelphia seine Studien beendet hatte, war sein väterlicher Freund Herr März gestorben, und durch dessen Tod waren die Bande gelost, die den jungen Mann an sein Haus fesselten.

Es war immer Albert's Absicht gewesen, sich in einem der südlichen Staaten niederzulassen, und der große Ruf, den Portman als Advocat hatte, veranlaßte ihn, demselben einen Besuch zu machen und ihm seinen Wunsch, einige Zeit unter seiner Leitung arbeiten zu dürfen, persönlich vorzutragen. Portman, dem er schon als Dichter und Schriftsteller bekannt war, hieß ihn freudig vollkommen, zumal da zufällig sein Gehülfe im Begriff stand, ihn zu verlassen.

Albert widmete sich hier ausschließlich seinem Fachstudium und blieb von aller Oeffentlichkeit und von allen Gesellschaften fern, so vielseitig man sich auch um

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seine Bekanntschaft, um seinen Umgang bemühte. Portman's Familie war die einzige, in der er mitunter einen Abend verbrachte, und auch hier war es die belehrende Unterhaltung mit dem alten Herrn, die ihn dazu veranlaßte. Er bewohnte ein Privatlogis im zweiten Stocke eines alten Hauses, welches an einem kleinen, mit herrlichen Blütenbäumen umgebenen Platze stand. Hier in seinem nett eingerichteten kleinen Arbeitszimmer verbrachte er die Abende und einen großen Theil der Nächte an dem Schreibtisch, nachdem er von dem Spaziergange zurückgekehrt war, den er nach dem im Hotel eingenommenen späten Mittagsessen zu machen pflegte. Es war seine Gewohnheit, abends, wenn die Dämmerung hereinbrach, ehe er die Lampe anzündete, sich in das Fenster zu legen und seinem Geiste sowie seinem Auge einige Ruhe zu gönnen. Gleichfalls that er dies des Morgens, ehe die Sonne brannte, wenn noch die Kühle der entflohenen Nacht erfrischend in sein Zimmer wehte. Da nun die Abend- und Morgenluft überhaupt Jedermann nach den Fenstern, Balkonen und auf die hohen Treppen vor den Häusern lockte, so kam es, daß Albert bald nach seinem Einzug in seine Wohnung alle Persönlichleiten in seiner Nachbarschaft vom Sehen kennen gelernt hatte, ohne sich jedoch für eine derselben besonders zu interessiren. Unter andern war ihm ein ältlicher Herr

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aufgefallen, welcher ein prächtiges Haus gegenüber an der andern Seite des Platzes bewohnte und welcher, wie es schien, ein alter Junggeselle oder ein Wittwer war, denn außer ihm und der farbigen Dienerschaft hatte Albert niemals Jemand in das große Gebäude ein oder aus gehen sehen. Dieser Mann, ein angehender Fünfziger von kleiner, sehr corpulenter Gestalt, zeichnete sich immer durch eine ganz besonders gewählte, seine Toilette aus. Er liebte sehr das Bunte, denn sein Frack, seine Weste und sein Beinkleid standen bezüglich der Farbe stets im grellsten Widerspruch. Dabei hielt er auf blendend weiße Wäsche; der hohe Hemdekragen umgab seinen fetten rothen Hals wie ein Schneereif, unter welchem ein himmelblaues oder leuchtend rothes seidenes Tuch in leichtem Knoten verschlungen lag, den großen Brillant aber nicht bedeckte, der auf dem fein gefalteten Busenstreif blitzte. Das prächtige Haus, welches er bewohnte, die zahlreiche Dienerschaft und die herrliche Equipage, welche er hielt, zeugten von Reichthum und sein Gang und sein Benehmen von Stolz. Er grüßte sehr selten und dann nur sehr reiche Leute, für die andern schien er durchaus keinen Blick zu haben. Der alte Herr verließ regelmäßig des Morgens gleich nach dem Frühstück sein Haus und begab sich nach einem Leseclub, um die neuen Zeitungen durchzusehen. Dabei hatte Albert ihn oft aus

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seinem Fenster lächelnd beobachtet und ihn immer für einen großen Thoren gehalten, weil er trotz seines vielen Geldes nur mit wenigen Leuten Umgang pflege und darum sein Leben nicht halb genieße. Er hatte ihn Dandon nennen hören, das war Alles, was er von ihm wußte.

Eines Abends gegen zehn Uhr kam Albert von Portman's, wo er zum Thee geblieben war, nach Hause und begab sich sogleich an seinen Schreibtisch, um noch einige Stunden zu arbeiten. Es war so still und traulich um ihn her, er fühlte sich so leicht, so wohl, und seine Stimmung wollte sich durchaus nicht mit der trockenen Juristerei vertragen. Er konnte seine Gedanken heute nicht an die Worte der Gesetzsammlung fesseln, und wenn er sie mit Gewalt auf dieselbe hinlenkte, so machte er im nächsten Augenblick einen Reim, einen Vers darauf. Die Poesie behielt diesmal die Oberhand, die Bücher wurden beiseite geschoben, seine Blicke hefteten sich auf das Blatt Papier vor ihm und auf den Flügeln der Phantasie zog seine Seele nach des Dichters Welt.

Da huschte ein großer buntglänzender Nachtschmetterling über das Papier und flatterte dann um das helle Glas der Lampe. Albert fuhr auf und schaute den bethörten Fremdling an, der wahrscheinlich in der schönen

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Flamme, die ihn herbeigelockt, den Tod finden würde. Der Nachtvogel aber schien die Gefahr zu erkennen und schwirrte plötzlich wieder durch das offene Fenster in die Dunkelheit hinaus. Albert's Blick folgte ihm nach und blieb auf mehreren hellen Lichtern haften, deren Schein von der andern Seite des Platzes her die Finsterniß durchdrang.

"Ist das nicht in Dandon's Haus?" dachte Albert und schaute schärfer hinüber.

Freilich waren es Fenster in Dandon's Haus und zwar in dem ersten Stock, in welchem Albert noch niemals Licht bemerkt hatte.

Er stand unwillkürlich auf, trat an das Fenster und sah nun, daß das Balkonzimmer in jenem Gebäude hell erleuchtet war. Die Vorhänge waren zurückgezogen, die Altanthür stand auf und durch diese glänzte die große lichtverbreitende Kuppel einer Lampe, welche auf dem Tische vor dem Sopha stand.

Wem mochte diese Beleuchtung wohl gelten? Hatte Dandon Besuch angenommen?

Albert hatte eine Zeit lang so gestanden und neugierig hinübergesehen, als plötzlich eine weibliche Gestalt in weißem, luftigem Gewände in dem Lichtscheine erschien und wie schwebend durch das Gemach glitt. Ueberraschung durchzuckte Albert und er hielt seine Augen spähend

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auf das Fenster geheftet, neben welchem die Erscheinung verschwunden war.

Wer konnte die Dame sein? Unmöglich war sie die Frau des alten Dandon, denn hatte Albert sich nicht sehr getäuscht, so war sie noch ganz jung.

Da zeigte sie sich abermals hinter dem Fenster und ging nach dem Tische, auf welchem die Lampe stand. Das blendende helle Licht fiel nun auf ihre hohe Gestalt, doch da sie sich von Albert abgewandt hatte, so konnte er von ihrem Gesicht nichts sehen. Unbeweglich aber hielt er seinen Blick auf sie gerichtet, indem er von Augenblick zu Augenblick erwartete, daß sie sich mehr seitwärts wenden werde. Jetzt hob sie ein Papier, wahrscheinlich einen Brief, dem Lichte näher, und weißer als ihr Gewand, weißer als das Papierblatt glänzte wie ein selbstleuchtender Gegenstand ihre Hand zu Albert herüber.

Schnell sprang er nach dem Schreibtisch, nahm ein Opernglas aus demselben hervor und eilte, dasselbe vor sein Auge hebend, wieder an das Fenster. Da stand die Unbekannte nun so klar und deutlich vor ihm, als befinde er sich in ihrer unmittelbaren Nähe. Ihre Hand aber fesselte wieder seinen Blick. Er hatte schon manche schöne Hand besungen, wie weit aber blieb alle seine Poesie gegen diese Wirklichkeit zurück! Wie graziös berührten sich ihre langgestreckten, spitz zulaufenden Finger

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an dem Papier, wie leicht und schön gebogen hob sie das Handgelenk und wie reizend schaute der zarte Arm aus dem durchsichtigen Spitzenärmel hervor! Es war Albert, als brauche er sich nur vorzuneigen, um seine Lippen auf die Lilienhand zu drücken, so nahe, so deutlich sah er sie vor sich. Und immer noch wollte die Eigenthümerin derselben sich nicht wenden, immer noch sollte er ihr nicht in das Antlitz schauen! Ob die Schönheit ihrer Züge wohl mit der ihrer Hand in Einklang stand? Ihr Kopf war klein und edel gebaut, und zwischen den reichen braunen Locken, die an dessen Seite auf ihre Schultern herabfielen, schaute ein zierlicheres Ohr hervor, als Albert je eins in seinem Leben gesehen hatte.

Seine Ungeduld steigerte sich von Sekunde zu Sekunde, er mußte sich an den Fensterrahmen anlegen, um das Glas vor seinen Augen fest auf sie gerichtet zu halten, und dennoch begann ihr Bild sich durch das angestrengte Sehen vor seinem Blick zu verwirren. Er entfernte das Glas von seinen Augen, um diesen für einen Moment Ruhe zu geben. In demselben Augenblick aber bewegte sich die Fremde und ergriff die Lampe. Albert konnte in der Hast mit dem Glase die Richtung nach ihr nicht gleich finden, die Fenster und die Thür des Salons verdunkelten sich und die interessante

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Unbekannte war verschwunden. Dagegen erhellten sich nun die Fenster in dem Zimmer neben dem Salon, die neidischen weißen Gardinen aber, welche hinter denselben herabhingen, wiesen Albert's suchenden Blick zurück. Dennoch verließ er seinen Platz am Fenster nicht und schaute wieder und wieder durch das Glas nach dem Zimmer, in welchem er jetzt die junge Dame vermuthete. Ihr so gänzlich unerwartetes Erscheinen, das Geheimniß, welches noch auf ihrer Person lag, und das Edle, das Vornehme in ihrem ganzen Aeußern hatten in Albert ein lebendiges Interesse für sie erzeugt, und was von ihrer Schönheit seinem Blick noch vorenthalten war, das malte ihm seine Phantasie mit den prächtigsten, glühendsten Farben aus. Da erschien plötzlich ein Schatten auf dem Vorhange. Albert betrachtete ihn durch das Glas und erkannte in ihm deutlich die Gestalt der Fremden. Bald darauf aber erlosch das Licht ihrer Fenster, und Albert sah sie im Geiste, wie sie auf weichem Pfühle dem Schlafe in die Arme sank.

Morgen früh mußte er sie wiedersehen, sicher würde sie an das offene Fenster oder vielleicht auch auf den Balkon treten, und dann, bei hellem Tage, wollte er, ungesehen von ihr, sie genau betrachten. Wie aber, dachte er, wenn sie statt jung und blühend alt und verwelkt und statt reizend und schön abschreckend und häßlich wäre?

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"Nun, so bleibt mir doch ihre Hand, ihre wundervolle Hand noch zu besingen!" sagte er halblaut, indem er das Opernglas auf den Schreibtisch stellte, die Lampe ergriff und in sein Schlafzimmer eilte, um dem Beispiel der geheimnißvollen Schönen zu folgen und im Traume ihr Bild noch weiter auszuschmücken.

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Zweites Kapitel.

Kaum graute der Morgen, als Albert mit dem Gedanken an seine neue Nachbarin erwachte, schnell sich ankleidete und mit der Hand durch seine prächtigen schwarzen Locken fahrend an das Fenster eilte, um nach Dandon's Haus hinüber zu blicken. Alle Fenster fand er noch geschlossen, die Balkonthür aber noch wie am Abend vorher offen. Er ließ nun schnell die Vorhänge vor seinem Fenster zusammenfallen, sodaß er zwischen ihnen durch die Fremde beobachten konnte, ohne von ihr bemerkt zu werden.

Sicher mußte sie von ihrer gestrigen Reise sehr ermüdet sein, denn schon warf die Sonne ihre ersten Strahlen auf Albert's Wohnung und noch war von der Dame kein Lebenszeichen zu erkennen.

Wie gewöhnlich kam jetzt die braune Haushälterin Dandon's von dem Frühmarkte zurück, ein Neger trug ihr einen schwer beladenen Korb und einen großen Fisch

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in das Haus nach, die Thür schloß sich und die vorige Stille herrschte dort abermals.

Albert saß, mit immer größerer Spannung nach den Fenstern der Schläferin hinüberschauend, als plötzlich die Vorhänge hinter einem derselben sich bewegten, die unverkennbare reizende Hand dieselben zurücklegte und die sehnlichst Erwartete das Fenster weit öffnete.

Es waren nur Augenblicke, in denen es Albert vergönnt war, die reizende Erscheinung der Fremden anzustaunen, und doch waren die Augenblicke hinreichend, ihr Bild makellos und unverlöschlich seiner poetischen Seele einzuprägen; hätte er sie nie wiedergesehen, so würde dies ihr Bild ihn doch als Ideal weiblicher Schönheit über das Grab hinaus begleitet haben. Schlank und hoch war ihre Gestalt, über ihrem vollen Busen hob sich auf schneeigem, zartem Hals ihr kleiner, wunderbar schön geformter Kopf, dessen glänzendes dunkelbraunes Haar das edle längliche Oval ihres Gesichts einrahmte und in schweren ungezwungenen Locken auf ihre Schultern herabfiel. Ihre Züge waren fein geschnitten, zierlich gebogen ihre schöne Nase, scharf und reizend gezeichnet ihre frischen Korallenlippen und ihre Zähne blendend weiß, und unter den graziös geschwungenen dunklen Brauen schauten ihre hellbraunen Antilopenaugen sinnend und seelenvoll hervor. Ihre ganze

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Erscheinung war natürlich vornehm und ihre Bewegungen ruhig und leicht.

Kaum hatte sie die Vorhänge zurückgeschoben, das Fenster geöffnet und einen Blick aus demselben über den Platz gethan, als sie in das Zimmer zurückging und vor Albert's Augen verschwand.

Athemlos spähte dieser dennoch durch das Glas, um ihr noch einmal zu begegnen; seine Stirn glühte, seines Herzens Schläge hatten sich verdoppelt und eine Sehnsucht hatte ihn erfaßt, wie sie ihm bis jetzt unbekannt geblieben war.

Er wollte aufspringen und hinaus in die Straße eilen, um Näheres über Dandon's Familienverhältnisse zu erforschen, und doch war die Gewalt des augenblicklichen Verlangens, die Unbekannte noch einmal zu sehen, stärker als sein Wille und hielt ihn auf seinem Sessel hinter den Vorhängen zurück.

Da schwebte es wie eine Nebelwolke durch den Salon heran der Glasthür zu, in weißem duftigem Morgengewande trat die Ersehnte heraus auf den Balkon, und als ob sie ihrer heimatlichen Umgebung ihre Grüße bringen wolle, ließ sie ihren seelenvollen Blick um den ganzen Platz wandern. Daß sie ihre schönen Augen gerade auf dem Fenster, hinter welchem Albert, nach ihr hinüberspähte, längere Zeit ruhen ließ, trieb diesem,

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obgleich er ja wußte, daß die Veranlassung dazu mit seiner Person nichts zu schaffen haben konnte, das Blut noch mehr nach dem Herzen. Sie sah wieder und wieder nach ihm her, und es kam ihm vor, als würde ihr Blick wärmer, wenn er auf seinem Fenster ruhte. Wie ein Blitzstrahl schoß es ihm plötzlich durch die Seele. Wer hatte vor ihm hier gewohnt? War es ihr Herz, das ihren Blick immer wieder nach diesem Fenster führte?

Er hatte die Vorhänge erfaßt, um sie auseinander zu reißen und sich im Fenster zu zeigen, da blickte das schöne Mädchen vor sich nieder, legte ihr Batisttuch auf das Eisengeländer des Balkons und senkte ihren Arm darauf, um sich auf denselben zu stützen, ihre reizenden Hände aber ließ sie übereinandergelegt von der Balustrade herabhängen.

Albert war wieder wie festgebannt und umfaßte mit seinem Blick das bezaubernde Bild, das sein Glas ihm so klar und deutlich zeigte. Sie war schöner als Alles, was er vorher gesehen, sie war lieblicher und anmuthiger als Alles, was seine Phantasie ihm bisher vorgegaukelt hatte, sie war eine Fee, eine Göttin von Wolken umgeben!

Jetzt aber erhob sie sich von dem Eisengeländer, sah noch einmal nach Albert's Fenster herüber und verschwand dann in dem Salon.

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Nun aber mußte Albert wissen, wer sie war; er sprang vom Fenster zurück, ordnete schnell seine Toilette und eilte aus dem Zimmer, um Erkundigungen einzuziehen.

In der Hausflur begegnete ihm die Frau seines Hauswirths, Madame Newberry, und wollte mit einem freundlichen Morgengruß an ihm vorübergehen, Albert aber blieb bei ihr stehen und fragte sie höflich:

"Wer hat denn vor mir in meinem Zimmer gewohnt, Madame Newberry? Mir träumte in vergangener Nacht von den frühern Bewohnern desselben."

"Dann haben Sie von einem sehr schönen Mädchen geträumt, das mit seiner Mutter mehrere Jahre bei uns gewohnt hat. Damals, ehe mein Mann die Stelle als städtischer Kassirer bekam, hielten wir ein Logirhaus. Die Damen hießen Perry und die Tochter hat sich nach dem Norden recht glücklich verheirathet; sie war die beste Freundin des schönen Fräuleins Dandon hier gegenüber, das nun schon seit einigen Monaten bei ihr zu Besuche ist. Wenn dasselbe zurückkehrt, nehmen Sie Ihre Augen, noch mehr aber Ihr Herz in Acht, Herr Randolph", entgegnete die Frau lächelnd, verneigte sich und ging die Treppe hinab die in das Erdgeschoß führte.

"Fräulein Dandon?" wiederholte Albert gedankenvoll

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und schritt zur Thür hinaus in die Straße. Vergebens aber flog sein Blick an der Fensterreihe des schönen Mädchens vorüber, es war nicht da, und doch sah Albert es im Geiste noch auf die Balustrade gelehnt vor sich.

Es war Frühstückszeit; er eilte an dem Platze hin und nach dem Hotel, verweilte dort aber nur kurze Zeit und begab sich dann nach der Office des Herrn Portman. Die Arbeit, welche er vornahm, wollte seine Gedanken nicht fesseln, er hielt zwar seinen Blick auf die Schrift geheftet, er sah sie aber nicht, statt ihrer sah er die schöne Hand seiner Nachbarin vor sich auf dem Papier, oder er begegnete deren Blick, wie sie nach seinem Fenster herüberschaute. Wie gut war es doch gewesen, daß er sich ihr nicht plötzlich zwischen den Vorhängen gezeigt hatte, dann hätte sie sicher nie wieder zu ihm herübergeblickt. Er wollte auch die Vorhänge geschlossen lassen, sie sollte gar nicht erfahren, wer jetzt die Zimmer bewohne. Wenn er aber nur irgend etwas gewußt hätte, wodurch er ihre Aufmerksamkeit auf seine Fenster ziehen könnte, damit sie recht oft herüberschaute! Er sann und sann, bis es ihm einfiel, recht schöne Blumen vor das Fenster zu stellen. Der Gedanke gefiel ihm; hätte er nur gleich zum Gärtner gehen können, um Blumen zu kaufen, so aber mußte er hier unnöthig sitzen, denn schon

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war eine Stunde verflossen und noch Niemand war gekommen, um seine Dienste zu beanspruchen. Für sich zu arbeiten, das war ihm heute unmöglich, und wenn alle Processe der Welt verloren gegangen wären. Ohne daran zu denken, hatte er ein Blatt Papier vor sich hingelegt, hatte seine Stirn in die Hand gesenkt, sich darüber gebeugt und schrieb flüchtige Zeilen auf dasselbe nieder. Es waren Verse, die ihm aus der Feder flogen, es war ein Sonett - ein Sonett an seine reizende Nachbarin.

Erst als das Gedicht fertig auf dem Papiere stand, schien Albert es zu gewahren, er strich sich mit der Hand über die Stirn, hob das Blatt vom Tische auf und las sich selbst das Gedicht laut vor. Es war ein Gruß an die in ihr Reich zurückgekehrte Fee. Er machte noch verschiedene Abänderungen darin und ließ dann einige Zeit in Gedanken versunken seinen Blick darauf ruhen. Bald hatte er beschlossen, das Sonett in der heutigen Abendzeitung erscheinen zu lassen. Mit welcher Überschrift aber sollte es geschehen? Wenn er nur den Taufnamen seiner Göttin gewußt hätte!

Während er darüber nachsann, war er aufgestanden, an die offene Thür getreten und schaute links und rechts in die Straße; da sah er plötzlich seinen Hauswirth, den Herrn Newberry, auf dem Trottoir heranschreiten. [37]

Albert trat aus der Thür, und als jener sich mit einem Gruße nahte, sagte er:

"Wissen Sie es schon, Herr Newberry, daß unsere schöne Nachbarin, Fräulein Dandon, zurückgekehrt ist?"

"Wie, Fräulein Blancha Dandon? Ei, das freut mich sehr, sie ist ein Engel von einem Mädchen. Wenn sie nur einen freundlichern Vater hätte!" entgegnete Newberry.

"Ja, ich glaube der Alte ist ein Sonderling", bemerkte Albert.

"Ein Geldadliger, der Jeden verachtet, welcher nicht reich ist. Ich bin aber in der Eile, lieber Herr Randolph. Guten Morgen!" sagte Newberry und eilte mit einer Verbeugung des Kopfes davon.

"An Blancha" überschrieb Albert das Sonett, bat dann mit einigen Zeilen den Redacteur der Zeitung, dasselbe noch heute Abend aufnehmen zu wollen, legte es in den Brief ein und sandte denselben sofort nach dem Zeitungsbureau.

So schnell wie heute hatte Albert wohl nie sein Mittagsessen beendet. Es waren nur Minuten, die er dabei verbrachte, dann bestieg er vor dem Hotel einen Miethwagen und fuhr zu dem Kunstgärtner hinaus, um bei ihm Blumen zu holen und spätere Lieferungen davon bei ihm zu bestellen. Mit prächtig blühenden Pflanzen

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fuhr er nach seiner Wohnung zurück und schmückte, noch ehe die Sonne unterging, seine Fenster damit. Seine Vorhänge aber hielt er geschlossen. Das Licht des Tages floh, der Himmel glühte auf seiner ganzen westlichen Hälfte in Gold und Purpur und der erste Anflug von Dämmerung zitterte über der Erde, da trat Blancha Dandon mit ihrem Vater aus der Salonthür auf den Balkon und ließ sich ihm gegenüber in dem rothsammtnen Armsessel nieder, den ein sauber in Weiß gekleideter Negerknabe für sie hinstellte.

"Es ist doch nirgends schöner und lieber als in der Heimat, als zu Hause, und wenn dies in einer Hütte von Reisholz wäre", sagte Blancha mit freudigem, glücklichem Tone und sandte ihren frohen Blick rund um den Platz vor dem Hause.

"So steht es in Gedichten, die der Phantasie Halbverrückter entsprossen sind", versetzte Herr Dandon, indem er sich wohlbehaglich in seinen Armstuhl zurücklegte und mit der schweren goldenen Uhrkette spielte, die auf seiner gelben seidenen Weste hing. In einer Hütte von Reisholz stößt man sich die Augen aus, da haben die Spinnen, die Fliegen und allerlei Gewürm ihre Nester und Staub und Schmuz fällt einem in die Haare und auf die Kleider. Ich für meinen Theil danke für eine solche schöne Heimat und überlasse sie den Lumpen, die

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kein Geld haben, sich eine bessere anzuschaffen. Von mir hast Du Deine Poesie nicht geerbt, meine liebe Blancha."

"Dies ist keine Phantasie, keine Poesie in mir, lieber Vater; es ist ein natürliches, wahres Gefühl, welches mich in meiner Heimat beseelt, möchte sie auch sein, wo und wie sie wollte. Glaube mir, auch arme Menschen sind glücklich, wer weiß, ob nicht oftmals glücklicher als die reichsten. Denke doch an meine liebe süße Freundin Anna, die so lange in dürftigen Verhältnissen dort drüben bei Newberrys gewohnt hat."

Hier schwieg Blancha plötzlich und sah verwundert über den Platz nach Albert's Fenstern, dann sagte sie:

"Ei, ei, wer mag wohl jetzt dort wohnen? Sieh nur, wie die Fenster prächtig mit Blumen geschmückt sind; heute früh stand noch keine einzige davor."

Dann sah sie noch einige Augenblicke hinüber und fuhr in ihrer Rede fort:

"Ja, lieber Vater, denke an Anna Perry! Wie unbeschreiblich glücklich ist sie, und doch hat weder sie noch ihr Mann Vermögen."

"Glücklich!" wiederholte Dandon mit einem verächtlichen Lächeln. "Glücklich bei Kartoffelsuppe, Kaffee, Speck und Kohl! Ich möchte wohl wissen, was dazu gehörte, um Dich bei solcher Kost so recht seelenglücklich zu machen."

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"Mich, Vater? Herzinnige Zuneigung, Freundschaft, Liebe, und ich könnte mit der Hälfte Deiner Gerichte glücklich, selig sein!"

"Das sagte Deine selige Mutter auch, als sie mich, den reichen Mann, heirathete. Ich hoffe, Du wirst mir nie böse darüber werden, daß ich Dir dermaleinst große Schätze hinterlasse."

Blancha schien die letzten Worte ihres Vaters nicht gehört zu haben, sie gab wenigstens keine Antwort darauf und schaute nach den Fenstern Albert's hinüber.

"Sieh, das hätte ich bald vergessen", hob Dandon wieder an. "Du bist seit Deiner Rückkehr auch schon besungen worden, man hat Dich mit einer Fee verglichen und Dich in Deiner Heimat begrüßt. Hier kannst Du es selbst lesen in der Abendzeitung."

Dabei zog Dandon die Zeitung aus der Tasche hervor und reichte sie seiner Tochter mit den Worten hin:

"Ich weiß aber auch, wer die Verse gemacht hat."

Blancha nahm ihm das Blatt überrascht ab, entfaltete es und sah auf den ersten Blick das Sonett mit ihrem Namen darüber.

Kaum hatte sie einige Zeilen davon gelesen, als eine leichte Röthe wie ein Hauch von Carmin über ihre Wangen flog und die Bewegung verrieth, die das Gedicht in ihr hervorrief.

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"Und von wem, meinst Du, kommt es her?" fragte Blancha, mit aufleuchtendes Blick nach ihrem Vater hinsehend, und ließ das Blatt in ihren Schooß sinken.

"Von dem jungen Ferghussen, dem Sohne des Millionärs - unverkennbar!"

"O der arme Mann! Könnte der mit seiner ganzen Million nur einen einzigen Gedanken des Kopfes, dem dieses Gedicht entstieg, sich erkaufen, könnte er sich nur einen Hauch von dem Gefühl in die Brust legen, das dieses Sonett durchweht! Nein, lieber Vater, der Herr Ferghussen hat es nicht gemacht."

"Doch, doch, Blancha, glaube es mir, er hat schon seit langer Zeit seine Augen auf Dich gerichtet."

"Möge der Schlaf sich ihrer recht bald erbarmen!" entgegnete Blancha und senkte ihren Blick wieder auf das Gedicht.

"Sie hat es gelesen!" sagte Albert mit freudebebender Stimme, indem er durch das Glas nach Blancha hinüberschaute. "Sie liest es wieder!" fuhr er nach einer Weile noch bewegter fort. "O wenn sie wüßte, daß der Dichter sie mit seiner Seele umfangen hält, wenn sie es fühlen könnte, wie hoch sein Herz für sie schlägt!"

Unbeweglich, wie an sie festgezaubert, hielt er seinen Blick auf sie geheftet und suchte in ihren prächtigen

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Augen, auf ihren frischen Lippen die Worte zu lesen, die sie zu ihrem Vater sprach.

Da trat der Negerknabe aus dem Salon zu Blancha und reichte ihr eine Scheere. Sie nahm ihm dieselbe ab, schnitt das Sonett aus der Zeitung heraus und gab diese dann ihrem Vater zurück. Das Gedicht aber faltete sie zusammen und verbarg es in ihrem Busen.

Bei diesem Anblick schoß es Albert glühend durch die Adern, jeder Nerv erbebte ihm in seligem Entzücken, und kaum war er noch im Stande, das Glas in fester Richtung nach ihr hinzuhalten.

Die Schatten der Abenddämmerung legten sich dichter über die Stadt, doch spiegelte sich das Licht des feurigen Himmels auf dem hellen bläulichen Seidengewande Blancha's, sodaß Albert ihre edle Gestalt noch immer erkennen konnte, wenn auch die veilchenblauen Blumen, die über ihrer hohen, alabasterweißen Stirn aus ihrem prächtigen Haar hervorsahen, in der schnell zunehmenden Dunkelheit verschwammen. Albert rührte sich nicht von seinem Platze, er hörte nicht wie sonst die Glocke, die in dem Hotel die Theestunde anzeigte, er würde hier gesessen und nach Blancha durch die Dunkelheit hinübergespäht haben, bis der neue Tag sein Licht über die Welt gegossen, wenn die Gefeierte sich nicht erhoben hätte und durch die Salonthür vor seinem Blick verschwunden wäre.

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So harrte er des Morgens und des Abends auf das Erscheinen Blancha's, von Tag zu Tag steigerte sich seine Sehnsucht nach ihr, er mochte nichts mehr sehen als sie, konnte an nichts mehr denken als an sie, und wenn er arbeiten wollte, so flossen Poesien zu ihrer Verherrlichung aus seiner Feder, deren viele durch die Zeitung in ihre Hände gelangten. Es war aber nicht ihr Vater, der sie ihr überbrachte, sie selbst ließ sich nun das Blatt regelmäßig durch ihr Kammermädchen holen.

Zu Albert's großer Freude zeigte sich Blancha jetzt des Morgens viel früher auf dem Balkon und verweilte dort länger als im Anfang nach ihrer Rückkehr. Sie brachte immer ein Buch mit, in dessen Inhalt sie sich vertiefte, sah aber dennoch häufig nach den Blumen vor Albert's Fenster hinüber, die derselbe mit größter Sorgfalt wählte und pflegte.

Eines Morgens, als sich ihre Fenster öffneten, auf welchen Augenblick Albert schon lange gehofft hatte, zeigte sie sich nicht wie gewöhnlich in ihrem Morgenanzug, sondern in schwarzer Seide mit einem Sonnenschirm in der Hand und dem Hut auf dem Kopf. Sie erschien auch nicht auf dem Balkon, sondern trat wenige Minuten nachher aus der Hausthür und ging in der Straße hinunter.

Wie ein Blitz fuhr Albert in seinen Rock, ergriff

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seinen Hut und flog die Treppe hinab aus dem Hause und die Straße hinunter Blancha nach.

Bald sah er sie in einiger Entfernung vor sich langsam dahinschreiten; eilig bog er in die nächste Straße ein und kam ihr dann auf weitem Umwege entgegen. Mit jedem Schritt, den er ihr näher trat, schlug sein Herz schneller, es war ihm, als müsse sie es erkennen, was in ihm vorging, als müsse sie es fühlen, daß er um ihretwillen dieses Weges kam. Wie gern hätte er sie gegrüßt, er durfte es ja aber nicht thun, wollte er nicht unverschämt und zudringlich erscheinen. Nur noch eine kurze Entfernung lag zwischen ihm und ihr. Sie schien in Gedanken versunken zu sein und schaute vor sich nieder, doch schöner und lieblicher erschien sie Albert mit jedem Schritt, den sie that. O hätte er nur einen Blick von ihr erringen können! Jetzt hatte er sie erreicht, er trat rasch zur Seite und blieb stehen. Sie hob die Augen zu ihm auf und ein Blick der Ueberraschung traf den seinigen.

Albert zog den Hut und verbeugte sich. Blancha aber glitt eiligen Schritts und gesenkten Hauptes an ihm vorüber.

"Wer war er?" fragte sich Blancha im Davoneilen. "Meine ich doch, ich sei ihm schon früher einmal begegnet. Auch er sah mich an, als ob er mich

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kenne. Und doch erinnere ich mich nicht, wo wir uns getroffen haben. Die Augen aber habe ich wahrlich schon einmal gesehen!"

So eilte Blancha fort. Sie fühlte sich bewegt, der Blick des jungen Mannes haftete in ihrer Seele, es war ihr, als bestehe irgend eine Beziehung zwischen ihm und ihr, und doch konnte sie sich den Grund dafür nicht nennen, ebenso wenig wie sie sich erinnern konnte, wo sie ihn schon gesehen haben sollte.

Die nächste Straßenecke hatte sie erreicht, und um noch einen Blick nach dem räthselhaften jungen Manne thun zu können, ohne sich gerade nach ihm umzuwenden, bog sie nach der Seitenstraße ein. Sie blickte seitwärts auf dem Trottoir zurück, da stand er noch wie angewurzelt und schaute ihr nach.

Blancha fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, sie sah schnell vor sich nieder und war mit ihrem nächsten Schritt um die Ecke und außer dem Bereiche seines Blicks.

Also hatte sie sich doch nicht getäuscht, er kannte sie, er interessirte sich für sie, denn warum wäre er sonst so lange da stehen geblieben und hätte ihr nachgesehen? Aber wenn er sie kannte, warum hatte er sie nicht begrüßt? Sein Gruß war erst auf ihren Blick erfolgt und schien nur durch diesen veranlaßt worden zu

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sein. Vor ihrer Abreise von hier hatte er keinesfalls in der Stadt gelebt, sonst wäre sie ihm häufiger begegnet und hätte sicher erfahren, wer er sei, denn er war kein gewöhnlicher Mensch, an dem man vorübergeht und ihn vergißt.

Hin und her sann Blancha nach, auf welche Weise der schöne junge Mann ihr interessant geworden sei, und zu Hause angelangt suchte sie in ihrer Erinnerung aus allen ihren Lebensabschnitten nach seinem Bilde. Umsonst, sie kam der Spur nicht näher, aber das Gefühl wurde immer lebendiger in ihr, daß sie ihn schon früher gesehen habe. Während des ganzen Tags kam er ihr nicht einen Augenblick aus den Gedanken, das Verlangen, zu wissen, wer er sei, wurde immer reger in ihr, und es flog ihr durch die Seele, ob sie ihm wohl morgen früh abermals begegnen würde, wenn sie um dieselbe Zeit denselben Spaziergang mache.

Mit dem Gedanken an den geheimnißvollen jungen Mann beschäftigt, flohen Blancha die Stunden eilig dahin, und beim Sinken des Tages begleitete sie derselbe Gedanke auf den Balkon. Sie hatte ein Buch mitgebracht, in welchem sie blätterte. Es war eine Sammlung von Poesien amerikanischer Dichter, unter denen die von Albert ihr besonders lieb waren. Sie hatte dieselben schon oft gelesen, der Geist aber, der

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aus ihnen sprach, schien ihr verwandt zu sein mit dem der Gedichte, die in der Zeitung dem Anschein nach ihr gewidmet waren. Der Dichter Albert lebte ja aber in Philadelphia, von ihm konnten daher diese Poesien nicht kommen. "Der Dichter Albert?" wiederholte sie, als führe ihr ein Licht durch die Seele. "Mein Himmel! Ja", rief sie aus, "es ist Albert's Bild, das ich besitze und das dem Fremden von heute früh gleicht." Hiermit sprang sie auf und eilte in den Salon nach ihrem Bücherschrank. Ebenso hastig kehrte sie mit einem Neuyorker illustrirten Journal zurück und schlug, sich in dem Sessel niederlassend, Albert's Brustbild darin auf.

"Er ist es unverkennbar", sagte sie mit überwallender Bewegung. "Wäre es möglich? Sollte er es sein, er, der gefeierte große Dichter Amerikas, der mich seines Liedes werth gefunden?"

Dabei hielt sie ihren erglühenden Blick unverwandt auf das Bild geheftet, nach einer Weile aber, als ob sie sich eine Thorheit vorwerfe, ließ sie das Heft in ihren Schooß sinken und sagte lächelnd zu sich selbst:

"O Eitelkeit, du heißest Weib!"

Es schien aber doch, daß diese Enttäuschung ihr wehe thue, und als wolle sie dieselbe noch bekämpfen, fuhr sie fort:

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"Die Aehnlichkeit ist aber zu groß, es wäre ja doch möglich, daß -"

In diesem Augenblick trat die schwarze Dienerin auf den Balkon, nahm die Abendzeitung unter ihrem seidenen Schürzchen hervor und reichte sie ihrer Herrin hin.

"Gib her!" sagte Blancha mit unverkennbarer Bewegung und entfaltete hastig das Blatt. Ein Gedicht mit der Ueberschrift "Das Begegnen" lag vor ihrem Blick aufgeschlagen. Der Dichter dankte ihr darin mit glühenden Worten für den Blick, womit sie ihn an diesem Morgen beseligt habe.

"Er ist's", sagte Blancha jetzt mit ernster aber bebender Stimme, als hätte sie in den Worten vor ihr ihre eigene Zukunft gelesen.

Lange saß sie dann sprachlos da und hielt das Blatt in ihren bebenden Händen, es war ein ihr bis jetzt noch fremd gewesenes Gefühl, welches sie wonnig durchströmte, während zugleich Bangigkeit sie noch zurückhielt, sich demselben hinzugeben. Plötzlich aber, als habe sie die Zaghaftigkeit überwunden, hob sie mit beiden Händen das Blatt empor und preßte es mit den Worten gegen ihr Herz:

"Ja, ja, es ist Albert, der mich in seinem Liede feiert!" Dann ließ sie das Blatt langsam wieder sinken

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und sagte: "Woher aber, wenn es wirklich Albert ist, woher kennt er mich? Ich bin ja während der ersten Tage nach meiner Rückkehr gar nicht ausgegangen?"

Da trat Herr Dandon auf den Balkon. Blancha verbarg aufspringend die Zeitung zwischen den Blättern des Journals, begrüßte ihren Vater mit kindlicher Herzlichkeit und beide ließen sich nieder, um sich noch der Kühlung des Abends zu erfreuen.

"Ich komme so eben von Portman", hob Dandon an und betrachtete sein strohgelbes Beinkleid, indem er das Bein überschlug und den Fuß auf und ab wiegte. "Schon früher war ich einmal bei ihm, um ihm meine Forderung an die bankrotte Unionbank zum Eintreiben zu übertragen, damals aber gab er mir den Rath, noch zu warten, da später ein viel günstigerer Zeitpunkt dazu eintreten würde; nun ist aber ein halbes Jahr verflossen und ich wollte ihn doch einmal wieder daran erinnern. Er ist freilich der beste Advocat, überläßt aber alle schriftlichen Arbeiten seinem Gehülfen, und wenn man seinen Rath hören will, so hat er stets die Uhr in der Hand, damit man ja keine Minute Zeit zu viel von ihm erhalte; er sollte doch wissen, wen er vor sich hat, und daß es kein Lump ist, der seine Dienste beansprucht. Da hat er mich nun auf morgen früh zu seinem Gehülfen

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beschieden, der erst vor kurzem vom Norden hierher kam, natürlich um etwas bei ihm zu lernen. Portman sagte allerdings, der junge Mann wäre ein ebenso guter Jurist, als er Dichter und Schriftsteller sei; es ist der bekannte Randolph, der unter seinem Taufnamen Albert die Volkslieder gedichtet hat."

Blancha fuhr zusammen und wurde bleich, doch im nächsten Augenblick flog es wie Purpur über ihre Wangen, sie neigte ihr glühendes Antlitz über das Journal, welches zwischen ihren Fingern zitterte, und suchte die heftige Aufregung, die sie ergriffen hatte, vor ihrem Vater zu verbergen. Dessen Blicke aber waren zu sehr mit seiner Toilette beschäftigt, als daß er Blancha's Aeußerem hätte Aufmerksamkeit widmen können, und nach einer kurzen Pause fuhr er in seinem gewohnten theilnahmlosen Tone fort:

"Was kann man aber wohl von einem solchen überspannten Menschen erwarten, dessen Gedanken immer in höhern Regionen schweben! Dennoch bleibt nichts übrig, man muß sich fügen, denn Portman gewinnt alle Processe."

Blancha schwieg, sie hörte gar nicht mehr, was ihr Vater sagte, sie dachte nur an das Gedicht, welches ihr in den Fingerspitzen brannte und an die dunkeln Augen des Dichters. Dandon aber hörte nicht auf zu reden und

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seine Kleidung zu betrachten, bis nach eingebrochener Dunkelheit ein Diener zum Abendessen rief.

Blancha zog sich heute früher als gewöhnlich in ihr Zimmer zurück, sie mußte mit ihrem Geheimniß allein sein, es war ihr, als habe sie so unendlich viel zu denken, zu überlegen, und doch war es immer nur der eine Gedanke, der sie beschäftigte, der an den Dichter.

Es gab jetzt keinen Zweifel mehr darüber, daß er es war, der sie besungen hatte und dem sie an diesem Morgen begegnet war; woher er sie aber kannte, was ihr seine Zuneigung erworben hatte, darüber konnte Blancha sich keine Antwort geben. Sie wußte es, sie fühlte es, daß sie ihn über kurz oder lang wiedersehen, daß sie ihn sprechen würde, doch wenn sie sich das Verlangen nach einem Zusammentreffen mit ihm auch nicht ableugnete, so war sie doch fest entschlossen, ihm selbst keine Gelegenheit dazu zu bieten. Führte es der Zufall herbei, freilich, dann durfte sie ihm nicht ausweichen, sie mußte ja stolz auf seine Bekanntschaft sein, wie sie stolz und glücklich über seine Auszeichnung war. Aber sicher würde er eine Gelegenheit finden, sich ihr zu nahen, dachte Blancha und sann dann nach, auf welche Weise er dies wohl zu ermöglichen suchen werde. Keinesfalls wollte sie am folgenden Morgen dieselbe Promenade wiedermachen, sie wollte auch nicht so früh ausgehen,

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sonst könnte er ja denken, daß sie es seinetwegen gethan habe. Aber hatte er es denn nicht verdient, daß sie sich ihm dankbar zeigte? Dennoch, denselben Spaziergang wollte sie nicht machen.

Während tausend derartige Gedanken ihre Seele durchflogen, hatte sie sich in dem Sopha niedergelassen und abermals das Bild Albert's in dem Journal aufgeschlagen. Wie oft schon hatte sie den Umriß von seinem Leben gelesen, der dem Bilde beigefügt war, und wie oft hatte sie sich über das unbegrenzte Lob gefreut, welches ihm darin in jeder Richtung hin gespendet wurde, so wohlgethan aber hatte es ihr früher nie. Es wurde sehr spät, ehe sie zur Ruhe ging, und dann verbrachte sie eine fast schlaflose und doch glückliche Nacht.

Den frühen Morgen begrüßte Blancha so recht mit freudigem Herzen, sie fühlte sich so wohl, so heiter wie seit langer Zeit nicht. Die Luft empfing sie frisch und erquickend, als sie auf den Balkon hinaustrat, sodaß sie sich einen Spaziergang unmöglich versagen konnte; keinesfalls aber wollte sie denselben Weg gehen wie gestern. Sie machte schnell dieselbe Toilette wie am Morgen vorher, aber heute mit mehr Aufmerksamkeit.

Als sie aus dem Hause trat und noch nicht mit sich einig war, welchen Weg sie einschlagen solle, schaute sie über den Platz und bemerkte Madame Newberry,

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die in ihrem Fenster lag. Blancha eilte zu ihr hin, um sie zu begrüßen, und Madame Newberry war sehr erfreut, Blancha wiederzusehen. "Endlich, endlich, Fräulein Blancha, sind Sie wieder bei uns. Wie konnten Sie so lange von Ihrer Heimat fern bleiben?" sagte die freundliche Frau und reichte ihr die Hand.

"Wenn ich nicht bei meiner lieben Freundin Anna gewesen wäre, so hätte ich es sicher nicht so lange ausgehalten, und dennoch fühlte ich oft eine unwiderstehliche Sehnsucht nach Hause. Anna sendet Ihnen auch tausend herzliche Grüße; sie ist unbeschreiblich glücklich", antwortete Blancha.

"Aber kommen Sie doch einen Augenblick herein, Fräulein, Sie müssen mir von ihr erzählen."

"Dieser Tage komme ich zu Ihnen und werde Ihnen dann ausführlichen Bericht über Anna's Glück abstatten", erwiderte Blancha, und indem sie dann einen Blick nach dem zweiten Stock warf, fragte sie:

"Wer bewohnt denn jetzt Anna's Zimmer?"

"Das wissen Sie nicht, Fräulein?" entgegnete die Frau verwundert. "Ich sollte denken, die Blumen vor den Fenstern schon hätten den Schöngeist längst verrathen. Der Dichter Albert, den Alt und Jung, Reich und Arm in ganz Amerika kennt, der junge Herr Randolph wohnt darin, und ein liebenswürdiger, braver

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und bescheidener Mann ist er; er würde Ihnen sehr gefallen."

Als ob Blancha der Athem aus der Brust gestoßen wäre, so fehlte er ihr für einige Sekunden, ihr Herz setzte seine Schläge aus und sie preßte unwillkürlich beide Hände gegen ihren Busen, doch schnell ermannte sie sich wieder, hob ihr Batisttuch vor den Mund, hustete und sagte dann mit schwankender Stimme zu Madame Newberry:

"Nun muß ich gehen, ich habe mich nur bei Ihnen anmelden wollen, dieser Tage aber mache ich Ihnen meinen schuldigen Besuch. Guten Morgen, liebe Newberry!"

Bei diesen Worten winkte Blancha der Frau noch einen Gruß zu und eilte, als ob sie Feuer unter den Füßen hätte, an dem Platze hin, bog, ohne sich umzuschauen, in die nächste Straße ein und kehrte auf einem kleinen Umweg hastig in ihre Wohnung zurück. Erst als sie in dem Salon Hut und Shawl ablegte, kam ihre natürliche Ruhe wieder über sie und sie warf sich nun ihr kindisches, albernes Betragen vor. In keiner Weise hatte sie ja irgend einen Grund zur Bangigkeit oder Furcht, Albert war anerkannt ein durchaus zartfühlender, feingebildeter Mann, der ihr nicht die entfernteste Veranlassung zu einer Beschwerde geben würde. Daß sie aber gerade an diesem Morgen sich nach dem Hause

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begeben hatte, in welchem er wohnte, war ihr entsetzlich unangenehm, er mußte ja glauben, daß sie nur seinetwegen von der Gelegenheit Gebrauch gemacht und sich zu Madame Newberry verfügt habe, und dies konnte sie nur in seiner Achtung herabsetzen. Der Gedanke daran war ihr erschrecklich peinigend und griff störend in das Glück ein, welches die Zeichen von Albert's Zuneigung ihr in das Herz gelegt hatten. Ein Gefühl beleidigten Stolzes kam über sie und ihre Unzufriedenheit mit sich selbst wandte sich nun als Unmuth gegen Albert. Er sollte es wissen, daß sie seinetwegen nicht zu Madame Newberry gegangen war, sollte es fühlen, daß kein Interesse für ihn es gewesen sei, welches sie zum heutigen Spaziergang veranlaßt hatte. Sie ließ die Vorhänge schnell vor ihren sämmtlichen Fenstern nieder und beschloß, sich nicht wieder auf dem Balkon sehen zu lassen.

Ob er ihr wohl nachgefolgt war, als sie sich von Madame Newberry entfernte, und ob er sich wohl wieder zu Hause befand?

Mit dieser Frage trat Blancha nach einer Weile hinter die Fenstervorhänge und schaute vorsichtig zwischen denselben durch. Sie konnte Albert nicht sehen, denn seine Gardinen waren hinter den Blumen gleichfalls geschlossen. Nun holte sie aber ihr Opernglas aus dem Secretär und spähte durch dasselbe hinüber;

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da bemerkte sie, daß Albert's Vorhang sich bewegte, und erblickte ihn selbst in dessen Oeffnung, wie er durch sein Glas nach ihr herüberschaute. Erschrocken trat sie zurück, doch er konnte sie nicht bemerkt haben, ihre Gardinen hingen ja dicht zusammen. Sie sah wieder hinüber. Warum hielt er denn auch seine Vorhänge geschlossen? Sicher, damit Blancha es nicht wissen solle, daß Jemand sie durch ein Glas beobachte. Und war es denn wohl recht, war es dankbar von ihr, daß sie sich seinem Blick entzog, den er so bescheiden gebrauchte? Es drängte sie, die Gardinen wieder zu öffnen, noch aber zögerte sie und schaute verstohlen nach dem Blumenfenster hinüber. Da öffnete sich die Thür des Hauses und Albert trat mit einem Stoß Schriften unter dem Arm in die Straße heraus. Wie ein elektrischer Funke durchzuckte es Blancha, sie zog schnell den einen Vorhang zurück und schaute offen nach Albert hinüber, der, an dem Platze hinschreitend, seinen Blick nach ihr gerichtet hielt. Welch schöner Jüngling er war, wie vornehm und doch wie leicht er dahinschritt, und wie sein dunkles Auge zu ihr herüberschaute! Jetzt näherte er sich dem Ende des Platzes, noch immer sah er sich nach Blancha um, sie mußte ihre Unart gegen ihn wieder gut machen. Wie von dem Gedanken getragen, glitt sie von dem Fenster hinweg nach der Salonthür und stand im nächsten Augenblick

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auf dem Balkon. Albert sah sie an, er hatte nur noch einige Schritte bis zur Straßenecke, unwillkürlich hob Blancha ihre Hand zu den Lippen und sah, wie auch Albert die seinige zu seinem Munde führte und dann um das Haus vor ihrem Blick verschwand.

Blancha lehnte sich auf das Eisengeländer. Sie fühlte, wie sie bebte und wie die Schläge ihres Herzens eilten. Es war ihr, als habe sie über ihre Zukunft, über das Glück ihres ganzen Lebens entschieden. Ihr Gruß war Albert's Gruß begegnet, sie fühlte keinen Vorwurf darüber, er war des Grußes tausendfach werth; sie hatte ihn immer verehrt und jetzt, wo sie es ihm zeigen konnte, jetzt, wo er sich ihr zart und liebevoll nahte, jetzt sollte sie ihn zurückweisen? Nimmermehr! Er durfte es wissen, daß sie ihn hochschätze und daß sie stolz auf seine Auszeichnung war.

Blancha's Dienerin unterbrach sie in ihrem Gedankenfluge, indem sie ihr meldete, daß ihr Vater beim Frühstück ihrer harre. Derselbe hatte seine Toilette bereits zum Ausgehen geordnet und verlieh Blancha nach eingenommenem Mahl mit dem Bemerken, daß er sich nach der Office des Herrn Portman zu dessen Gehülfen Randolph begeben wolle.

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Drittes Kapitel.

Albert saß mit hochschlagendem Herzen, und glühendem Haupte an seinem Pulte und schrieb. Er war so sehr in seine Beschäftigung vertieft, daß er es gar nicht bemerkte, als Herr Dandon zu ihm in das Zimmer trat.

"Sind Sie Herr Randolph?" fragte derselbe in etwas ungehaltenem Tone, indem er sich mit der Rechten auf seinen goldgekrönten Stock stützte und die Linke in die Seite stemmte.

Albert wandte sich nach ihm um, fuhr überrascht von seinem Sessel auf, und das Blatt Papier, auf das er geschrieben hatte, in das Pult werfend, sagte er mit einer Verbeugung:

"Zu dienen; und ich habe, wenn ich nicht irre, die Ehre, Herrn Dandon vor mir zu sehen."

"Ganz richtig. Mein Name ist Dandon, Apollo Dandon. Herr Portman hat mich mit einer Klagsache, die er für mich anhängig machen wird, an Sie gewiesen.

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"Derselbe hat mir schon davon gesagt, Herr Dandon; aber nehmen Sie gefälligst Platz, denn ich muß Sie bitten, mir die Sache umständlich und genau vorzutragen", versetzte Albert und zog den großen Lehnstuhl für ihn Heran.

Nachdem nun Dandon den Sessel mit seinem gelbseidenen Tuch abgestäubt und dann Platz darin genommen hatte, begann er ausführlichen Bericht über seine Angelegenheit abzustatten, wobei Albert ihn häufig unterbrach, ihn nach nähern Umständen und Verhältnissen befragte und sich wiederholt Notizen machte. Endlich nach Verlauf einer Stunde war die Sache von allen Seiten beleuchtet und Albert versprach Herrn Dandon, ein schriftliches, wohlbegründetes Gutachten darüber auszufertigen.

"Das wird mir erwünscht sein, Herr Randolph", sagte Dandon; "ich möchte mir aber schon jetzt Ihre Ansicht ausbitten, ob ich den Proceß gewinnen oder verlieren werde, denn offen gestanden, Herr Portman gab mir nur halbe Hoffnung."

"Wirklich?" versetzte Albert verwundert. "Ich kann mir die Gründe nicht denken, weshalb er an einem günstigen Ausgange zweifelt. Ich für meine Person bin der Ansicht, daß Sie den Proceß unfehlbar gewinnen müssen, ich könnte die Bürgschaft dafür übernehmen. Ich

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glaube auch, daß Herr Portman ganz derselben Ansicht sein wird, wenn er mein Gutachten darüber gelesen hat."

"Schön, schön, junger Freund, Sie werden mich erkenntlich finden, wenn Sie der Sache eine gute Wendung geben. Es handelt sich ja um zwanzigtausend Dollars, also schon der Mühe werth. Wann soll ich das Gutachten haben?"

"Das ist so genau nicht vorauszusagen. Solche Arbeiten verlangen die rechte geistige Stimmung und darüber ist man nicht immer Herr. Doch sobald es mir möglich ist, werde ich sie Ihnen zustellen."

"Ich bin sehr auf Ihre Arbeit gespannt, ganz besonders aber darauf, ob Sie wirklich Herrn Portman von dem günstigen Stand meiner Angelegenheit überzeugen werden; denn wenn er einmal glaubt, einen Proceß gewinnen zu müssen, dann geschieht es auch und wenn die ganze Welt sich dagegen auflehnt. Er ist ein einziger Redner", sagte Dandon und fügte nach einigen Augenblicken noch hinzu: "Im glücklichen Falle werde ich Sie reich bedenken, Herr Randolph."

"Herrn Portman, wollten Sie sagen, Herr Dandon. Ihm gehört die Belohnung für seine Bemühungen; meine Arbeiten entstehen unter seiner Leitung und sind seine Werke. Die Ehre, etwas geschaffen zu haben, was er seines großen Namens werth hält, ist mir eine

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reichere Zahlung als alles Geld der Welt, und die Freude, Ihnen, Herr Dandon, einen Dienst erwiesen zu haben, würde durch eine Geldzahlung sehr getrübt werden", antwortete Albert mit höflichem Tone und ehrerbietiger Verbeugung.

"Man sieht, Sie sind Poet, Herr Randolph. Ihr Glück, Ihr Reichthum liegt in Ihrer Phantasie, ich für meine Person halte es mit solidem Grundbesitz oder klingender Münze. Uebrigens werde ich dennoch Wege finden, mich Ihnen dankbar zu zeigen; wir Reichen sind hierin vor den gewöhnlichen Menschen sehr bevorzugt."

Hiermit erhob sich Dandon aus seinem Armstuhl, wehte mit dem seidenen Tuch seinen Rock und sein Beinkleid ab und sagte zu Albert, indem er ihm die Hand reichte:

"Nun, junger Freund, ich setze mein ganzes Vertrauen in Sie; thuen Sie Ihr Bestes."

"Darauf dürfen Sie rechnen, Herr Dandon, ebenso wie auf einen günstigen Ausgang dieses Processes", entgegnete Albert, indem er den Alten an die Thür geleitete.

"Junger Herr, Sie sind Ihrer Sache gar zu gewiß, wir wollen aber das Beste hoffen. Auf baldiges Wiedersehen!" versetzte Dandon, winkte Albert mit Hand und Kopf seinen Gruß zu und ging mit gemessenem, stolzem Schritt davon.

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Kaum hatte er sich entfernt, als Albert nach seinem Pult eilte, die Briefe und Documente, welche Dandon ihm zurückgelassen hatte, schnell nochmals durchflog und ordnete und sich dann sofort daran begab, das Gutachten auszuarbeiten. Mit ganzer Seele erfaßte er seine Aufgabe; die volle Stärke seines Verstandes, sein ganzes Wissen hielt er mit aller Kraft darauf geheftet, Geist und Scharfsinn belebten die Schrift, jedes Wort, das er niederschrieb, war treffend und überzeugend, und als die Sonne sich neigte, hatte er die Arbeit beendet. Sie bedurfte nur noch einer genauen Durchsicht und einer Reinschrift, welche Albert an diesem Abend zu Hause vornehmen wollte, denn jetzt mußte er sich erst etwas ruhen und namentlich sein versäumtes Mittagsessen nachholen. Er packte schnell und freudig seine Papiere zu sammen, verschloß die Office und begab sich nach dem Hotel, wo er sich eilig ein Mahl bereiten ließ. Dann wollte er noch, ehe er sich nach Hause und an die Arbeit verfügte, einen Spaziergang machen und lenkte seine Schritte nach dem Platze vor seiner Wohnung. Allenthalben waren Fenster und Thüren der Häuser geöffnet und deren Bewohner schauten heraus, um die frische Abendluft zu athmen. Als er den Platz erreichte, fiel sein erster Blick auf Blancha, die allein auf dem Balkon saß.

Er sah es deutlich, daß auch sie ihn in demselben

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Augenblick erkannt hatte, denn sie bewegte sich rasch, schob ihren Sessel näher an das Geländer und ließ ihre Hand mit dem Batisttuch über dasselbe herabhängen.

Ihr Anblick ergriff Albert mächtiger als je zuvor, das Glück der Liebe, das ihm seine Phantasie so oft vorgezaubert, das er in seinen Liedern besungen, es durchbebte ihn wie Wirklichkeit und mit seiner ganzen Seele hing er an der Engelsgestalt der Gefeierten. Er ging auf der Seite des Platzes, an welcher er wohnte; mit jedem Schritte, den er that, erkannte er deutlicher, daß Blancha nach ihm herschaute. That sie es aber mit Bewußtsein oder nur zufällig? Glück und Hoffnung zugleich lenkten seine Hand, er zog sein Tuch aus dem Rock hervor und hob es, verstohlen nach ihr hinblickend, an den Mund.

Ihre Hand mit dem Batisttuch zuckte, sie hob sie zögernd bis auf die Balustrade, dann aber zu ihren Lippen empor, Albert preßte beide Hände gegen sein Herz und stürmte in überwogendem Glücke, kaum seiner Sinne noch mächtig, in seine Wohnung.

In demselben Augenblick kam Herr Dandon in seiner prächtigen Equipage nach Hause gefahren, denn er hatte unmittelbar nach seinem Besuch bei Albert die Stadt verlassen, um bei einem reichen Pflanzer im Lande

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zu Mittag zu speisen. Er trat zu seiner Tochter auf den Balkon.

"Ich hoffe, Du bist nicht während des ganzen Tages so allein zu Hause gewesen", sagte er zu ihr, als sie ihn an der Thür begrüßte, worauf er ihre Hand in die seinige nahm und sie nach ihrem Sessel zurückführte.

"Doch, lieber Vater, ich hatte noch einige rückständige Briefe zu schreiben", entgegnete Blancha mit sichtbarer Gedankenabwesenheit, sah auf den Platz hinunter und wollte ihren Blick an den Blumenfenstern gegenüber nur hinstreifen lassen, er wurde dort aber gefesselt, denn in diesem Augenblick zog Albert die Vorhänge zurück und schaute regungslos nach Blancha herüber. Ihr Herz erbebte in wonniger Ueberraschung, ihre Wangen erglühten hoch, und indem sie ihren Fächer vor ihrem Antlitz entfaltete, sah sie seitwärts nach Albert hinüber.

"Ich habe Dir auch noch nicht gesagt, was ich heute früh bei dem jungen Randolph ausgerichtet habe", hob Dandon nach einer kurzen Pause wieder an. Blancha schlug bei dem Namen Randolph den Fächer so schnell zusammen, als habe ihn das Wort vor ihr weggehaucht. Dabei heftete sich ihr aufglänzender Blick ungeduldig fragend an die Lippen des Alten. In der

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nächsten Sekunde aber schlug sie die Augen nieder und sah in ihren Schooß, denn sie fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen schoß.

"Wirklich, ein ausgezeichneter junger Mann, dieser Randolph, trotzdem daß er ein Dichter ist", fuhr Dandon fort. "Denke Dir nur, daß Portman selbst mir wenig oder eigentlich keine Hoffnung für einen günstigen Ausgang des Processes machte und daß dieser Randolph mir mit der größten Bestimmtheit versicherte, ich müsse ihn gewinnen, er selbst wolle es verbürgen, ja er werde auch Portman davon überzeugen. Nun will er mir ein schriftliches Gutachten darüber ausarbeiten. Ich muß gestehen, ich bin sehr gespannt darauf, denn es handelt sich um zwanzigtausend Dollars, ein hübsches Nadelgeld für meine reiche Erbin."

"Aber, lieber Vater!" fiel Blancha in freudiger Bewegung über das Albert gespendete Lob abwehrend ein.

"Ja, ja, es ist mein Ernst, Blancha; wenn ich den Proceß gewinne, sollst Du das Geld haben, Du darfst mich beim Worte halten. Wenn der junge Herr nur auch Wort hält und die Arbeit bald vornimmt, denn auf diese Poeten darf man nicht rechnen, sie schwärmen immer in der Geisterwelt und vergessen darüber oftmals, daß sie ihren Körper ernähren müssen. Halbe Narren sind sie alle, und dieser Randolph hat auch sein Theil

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davon; als ich ihm eine reiche Belohnung versprach, wenn er mir behülflich wäre, den Proceß zu gewinnen, antwortete er mir, daß jede Belohnung dem Herrn Portman zukäme, unter dessen Leitung er arbeite."

"Das finde ich sehr schön von ihm, lieber Vater", fiel Blancha mit Begeisterung ein. Er ist ein edler, bescheidener Mann und die Ehre gilt ihm mehr als das Geld."

"Und dann ist er ein halber Narr, denn ohne Geld gibt es keine Ehre", antwortete Dandon und legte sich in den Sessel zurück.

"Wie häufig aber gibt es Geld ohne Ehre, darum kann das Geld die Ehre nicht erzeugen. Lieber ehrenvoll arm als reich und mit Schande beladen", entgegnete Blancha und sah mit aufleuchtendem Blick nach Albert hinüber, den sie immer noch durch die eingetretene Dämmerung in seinem Fenster erkennen konnte.

Albert saß vor seinem Schreibtisch und überwachte in beseligender Aufregung jede Bewegung, jeden Blick Blancha's; kaum aber hatte sie mit ihrem Vater den Balkon verlassen, als er seine Lampe anzündete, schnell das Gutachten für Dandon zur Hand nahm und sich in dessen Durchsicht vertiefte. Von Zeit zu Zeit allerdings warf er einen Blick nach Blancha's Fenstern hinüber, dieselben blieben aber dunkel, und so beendete er die Arbeit

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ohne Unterbrechung. Er begann nun die Reinschrift und war schon bis zur Hälfte damit vorgerückt, als ein Lichtschein seine Augen nach der andern Seite des Platzes zog und er das Zimmer Blancha's erleuchtet sah. Diese selbst stellte die Lampe auf den Tisch, trat dann auf den Balkon heraus und setzte sich an dem Eisengeländer nieder.

Von allen Gefühlen in des Menschen Brust entsteht keins so urplötzlich, so unverlöschlich wie die Liebe, keins kann mit so Wenigem zufrieden gestellt werden wie sie, und keins findet so unzählige Mittel und Wege, sich kundzugeben, sich mitzutheilen. Es bedarf hierzu keines Wortes, keines Beisammenseins; ein Blick, ein Wink, ein Blümchen, ein Fächer, eine Feder auf dem Hute - es gibt nichts, was der Liebe nicht als Dolmetscher, als Bote diente.

Albert und Blancha waren nach den gewöhnlichen Formen gesellschaftlichen Umgangs einander noch unbekannt und doch waren ihre Seelen schon verbunden, ihre Herzen schon vereint. Sie wußten, daß sie sich gegenseitig liebten, und obgleich ein weiter Raum und das Düster der Nacht augenblicklich zwischen ihnen lag, so waren sie doch beisammen, sagten einander, wie gut sie sich wären und wie glücklich sie sich fühlten. Albert hielt die dunkle Gestalt des schönen Mädchens von dem

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Lichtschein, der aus dem Salon strömte, mit seinem sehnsüchtigen Blick umfangen, und Blancha's Augen hingen mit seelenvoller Innigkeit an dem Bilde Albert's, welches von dem Lichte seiner Lampe beleuchtet wurde. Stunden eilten dahin, die Straßen wurden leer und die Stadt war längst schon zur Ruhe gegangen, und noch saßen die Beiden in ihr Glück versunken und schauten nach einander hinüber. Die Nachtluft wurde jetzt aber empfindlich kalt, Blancha richtete sich empor und trat in die Salonthür, dort blieb sie stehen, hob, nach Albert hinüberschauend, ihr Batisttuch zu ihren Lippen auf, dieser hielt beide Hände nach ihr hin und sah sie dann mit der Lampe in dem Nebenzimmer verschwinden. Erst als dessen Fenster sich verdunkelten, griff er wieder nach seiner Feder und beendigte mit fliegender Eile die Reinschrift des Gutachtens für Dandon. Trotz der kurzen Ruhe, die er sich in dieser Nacht gegönnt hatte, verließ er sehr früh am Morgen sein Lager, schaute aber lange vergebens nach dem Balkon hinüber. Endlich zeigte sich Blancha hinter dem Fenster und trat gleich darauf aus der Salonthür hervor. So feenhaft schön, so lieblich hatte Albert sie noch nie gesehen; im Uebermaß seines Glücks faltete er die Hände vor seiner Brust und sandte ihr aus tiefstem Herzen seine Grüße zu, und halb gesenkten Hauptes beantwortete Blancha

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dieselben verzagt mit einer leisen Bewegung ihrer schneeigen Hand. Weder saßen sie still einander gegenüber und fühlten sich im gegenseitigen Anschauen so glücklich, sie sahen sich aber nur verstohlen an, denn die traute Nacht, die ermuthigende Beschützerin der Liebe, fehlte ihnen.

Wie gern hätte Blancha Hut und Shawl genommen und in der Morgenfrische einen Spaziergang gemacht, jetzt aber, nachdem sie es Albert verrathen hatte, daß sie ihm gut war, jetzt konnte, jetzt durfte sie es nicht thun. Wo, wie und wann würde sie ihm nun wohl wieder begegnen? Das war die Frage, die sie beschäftigte, als sie bemerkte, daß Albert wiederholt Papiere von seinem Tisch nahm, damit an das Fenster trat und sie dann wieder weglegte. Es kam Blancha vor, als wolle er ihr dieselben zeigen, was aber konnte er damit beabsichtigen? Da fiel ihr ein, daß er das Gutachten für ihren Vater anzufertigen übernommen hatte; sollte er es schon beendet haben und sollten die Papiere es vielleicht enthalten? Ganz recht, da hatte er sie wieder in der Hand, er wollte sie es wissen lassen, daß er die Arbeit bereits vollendet habe. Aber warum? Es durchzuckte Blancha heiß und freudig, vielleicht wollte er das Gutachten ihrem Vater heute selbst überbringen! Um welche Zeit aber wurde er dann wohl kommen? Sicher wußte

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es Albert, daß ihr Vater immer gleich nach dem Frühstück auszugehen pflegte. Sollte er diese Zeit wohl wählen? Der Wunsch, er möchte es thun, stieg allerdings in Blancha auf, zugleich aber erfaßte sie eine bange Zaghaftigkeit, eine Unruhe, die sie nicht bemeistern konnte. Als sie Albert aber frühzeitig mit Papieren unter dem Arm seine Wohnung verlassen sah, wahrscheinlich um sich nach dem Hotel und von da nach dem Geschäftslokal Portman's zu begeben, da wurde sie ruhiger, mit ihrer Aufregung schwand aber auch das beglückende Gefühl der Hoffnung, der Erwartung, und mit einer Anwandlung von Traurigkeit ward sie sich ihrer Täuschung bewußt. Beim Frühstückstisch war sie still und in sich gekehrt, und als sie in ihre Gemächer zurückgekehrt war, trat sie in die Vertiefung eines Fensters und schaute gedankenvoll die Straße hinunter.

Blancha hatte nicht lange dort gestanden, da trat ihr Vater aus der Hausthür und sie folgte ihm mit den Augen über den Platz, bis er am Ende desselben in der Straße verschwand. Dort blieb ihr Blick haften, es war der Fleck, wo sie gestern Abend Albert zuerst bemerkt hatte, als er nach seiner Wohnung ging und ihr im Vorübereilen seinen Gruß zusandte. Im Geist sah sie ihn ebenso vor sich, sie vertiefte sich mehr in das Bild, welches die Phantasie ihr

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vorzauberte, da wurde dasselbe plötzlich Wirklichkeit, denn Albert kam aus der Straße herangeeilt.

Blancha fuhr aus ihrem Traume auf, ein Freudenlaut erstarb auf ihren Lippen, und einen Schritt vom Fenster zurücktretend blickte sie Albert entgegen. Es war keine Täuschung mehr, er kam über den Platz gerade auf ihr Haus zu, er trug Papiere unter dem Arm und seine großen dunkeln Augen waren nach Blancha's Fenster gerichtet.

"Mein Himmel, er kommt wirklich", sagte sie halblaut mit bebender Stimme, eilte verwirrt und unentschlossen in dem Salon hin und her und trat einen Augenblick vor den Spiegel, da hörte sie die Hausthür öffnen und gleich darauf den Tritt des Bedienten auf der Treppe, denn sie hatte nun die Zimmerthür geöffnet und lauschte in den Corridor hinaus.

"Ein fremder Herr wünscht Herrn Dandon zu sprechen", sagte der Diener, zu Blancha tretend.

"Ich weiß schon, er bringt Acten für meinen Vater. Führe ihn hierher!" entgegnete Blancha. Mit diesen Worten war ihre Verlegenheit, ihre Unschlüssigkeit verschwunden. Sie trat in das Zimmer zurück, ergriff ihren Fächer und ließ sich in dem Sopha nieder.

Ihr Ohr erfaßte den leichten Tritt des Ersehnten, womit er sich durch den Corridor nahte. Blancha's

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Wangen wurden bleich, die Thür öffnete sich und Albert trat herein. Er verneigte sich tief, und Blancha, indem sie von dem Sopha aufstand, that desgleichen. Beide schwiegen, beiden blieben die Worte auf den Lippen haften.

"Ich habe hier eine Arbeit, verehrtes Fräulein", begann Albert, seine innere Bewegung bekämpfend, nach einigen Augenblicken und sah nach Blancha auf.

"Mein Vater sagte mir davon, Herr Randolph", entgegnete Blancha mit halblauter, unsicherer Stimme; "er wird sehr bedauern, nicht zu Hause gewesen zu sein."

"Darf ich Sie dann bitten, die Papiere für ihn in Empfang zu nehmen", fuhr Albert etwas gefaßter fort, "und werden Sie es mir vergeben, daß ich gerade diesen Augenblick zu meinem Besuche wählte?"

Blancha erröthete, überwand aber ihre Befangenheit und sagte, mit allem Liebreiz zu Albert aufblickend:

"Dem Herrn Randolph habe ich nichts zu vergeben, denn er hat nichts gethan, was mir unangenehm gewesen wäre, dem Dichter Albert aber bin ich so großen Dank schuldig, daß mir die Worte fehlen, ihn auszusprechen; nehmen Sie den guten Willen für die That."

Bei diesen letzten Worten hob sie schüchtern ihre Hand nach Albert hin und schlug die Augen nieder. Das Blut schoß ihr heiß in die Wangen und nach dem

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Herzen, denn Albert hatte ihre Hand ergriffen und preßte seine Lippen darauf; sie zog sie nicht zurück, ihre Augen schlossen sich in unnennbarer Wonne und sie fühlte, von Albert's Arm umschlungen, dessen Lippen auf den ihrigen. Dann sank ihr Haupt auf des Jünglings Schulter und sie barg ihr glühendes Antlitz an seiner Brust.

"Himmlische Blancha, ist es Wirklichkeit, ist es Wahrheit!" stammelte Albert im Uebermaß seiner Seligkeit; doch Blancha hatte keine Worte, sie bebte in seinen Armen, sie hörte seines Herzens Schläge und die ihrigen zugleich und hielt ihre geschlossenen Augen an seine Brust, als fürchte sie aus ihrem Wonnetraum zu erwachen.

"O sage es mir, Du engelsüßes Wesen, Du meiner seligsten Träume Göttin, sage es mir, daß Du mich liebst, laß mich, Du schöne Fee, mit einem Wort in den Himmel ein, den mir Dein erster Blick gezeigt, geöffnet hat!" sagte Albert, von dem unverhofften, übergroßen Glücke hingerissen und hob ihr Antlitz bittend von seiner Brust auf:

"Ja, Albert, ich liebe Dich innig, mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Sein, ich bin Dein und will Dir angehören in diesem und in jenem Leben", antwortete Blancha mit der innigen Hingebung der ersten Liebe und hob ihre seelenvollen schönen Augen

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zu Albert auf, als wolle sie ihn die Wahrheit ihrer Worte in ihnen lesen lassen. Dann schmiegte sie sich wieder an seine Brust und gab sich seinen Liebkosungen hin.

Wieder und immer wieder wechselten sie die Versicherungen ewiger Liebe und ewiger Treue und bemerkten nicht den eiligen Flug der Zeit, bis plötzlich der melodische Klang der prächtigen Uhr vor dem Spiegel, womit dieselbe die Mittagsstunde anzeigte, sie aus ihrem Wonnerausche weckte.

"Du mußt mich verlassen, mein Albert", sagte Blancha, erschrocken nach der Uhr hinsehend. Mein Vater wird nun bald aus dem Leseclub zurückkehren und er darf von unserm Bunde noch nichts erfahren; er hat harte Vorurtheile gegen einen Jeden, der nicht reich ist. Ich bin aber und bleibe Dein für die Ewigkeit! Wann werde ich Dich wiederfinden?"

"Bald, bald, Du meine Seligkeit, bald, noch heute", antwortete Albert außer sich. "Kann ich Dich des Abends auf der Promenade treffen oder gehst Du irgendwohin zu Besuch?"

"Ich will Dir sagen, Albert, ich habe eine liebe treue Freundin, der wir unser Glück vertrauen dürfen, und bei ihr können wir uns wiedersehen: Madame Newberry, Deine freundliche Hauswirthin ist es; sie war

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auch die Vertraute meiner lieben Anna, und wie unendlich glücklich ist dieselbe geworden. Ich werde heute Abend zu ihr gehen und ihr mein Herz öffnen und Dir dann einen Liebesboten hinaufsenden, damit Du zu Deiner Blancha herabkommst. Nun aber eile, mein Albert, meine treue, innige Liebe geht mit Dir."

Hiermit schmiegte sich Blancha nochmals an Albert's Brust und empfing dessen Lippen in langem seelenvollem Kusse auf den ihrigen, dann aber schieden sie hastig. Albert deutete noch auf die mitgebrachten Papiere, die auf dem Tische lagen, und verließ, das Herz voll Seligkeit, eilig das Haus.



Harry Williams schaute, als ihn das Schiff von Madeira wegtrug, so lange noch nach der schönen, sonnigen Insel zurück, als er deren blaue Umrisse aus dem Duft der Ferne erkennen konnte; er hatte dort so viele vergnügte, glückliche Stunden verlebt, daß das Lebewohl, welches er jetzt auf Nimmerwiedertehren hinüber sandte, ihm recht nahe ging, und doch fühlte er sich leicht und wohl bei dem Gedanken, daß er die Insel hinter sich zurückließ und daß die ersten Nachrichten, die sein befreundeter Kapitän von London senden würde, ihn dort nicht mehr treffen konnten. Er lachte laut auf über die

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gelungenen Wendungen, durch welche er dem Schicksal die Oberhand abgerungen hatte, und zollte seinem erfahrenen Rathgeber Holcroft Anerkennung für die Lehre, auf Kosten der gewöhnlichen Menschen zu leben. Schade um ihn, dachte Harry, denn unter seiner Leitung würde er sicher bald zum reichen, unabhängigen Manne geworden sein, doch meinte er auch ohne ihn, seinem Lehrsatz getreu, dies Ziel erreichen zu können. Brasilien war ein Land der Schätze, der Juwelen, der Sklaverei und der Unwissenheit, und in einer oder der andern Richtung mußte dort für Harry ein Weg zu seinem Glück zu finden sein. In hochfliegenden Träumereien durchzog er den Ocean, von Tag zu Tag steigerte sich sein Verlangen nach dem Wunderlande und mit goldenen Hoffnungen begrüßte er endlich die blauen Gebirge Brasiliens. Es war ein reizender, luftbewegter, frischer Morgen, als das Schiff mit Harry Williams zwischen dem Zuckerhutberg und dem Felsen, an welchem die Festung Santa-Cruz liegt, in die zauberisch schöne, mit üppig grünen Inseln geschmückte Bai von Rio de Janeiro einsegelte und sich auf den spielenden grünen Wogen der Kaiserstadt zuschaukelte. Stufenweise hob sich die Stadt mit ihren Kirchen, Thürmen und Kuppeln an den Bergen empor und glänzte in der Morgensonne Harry's Blicken entgegen wie Gold- und Silbermassen, über denen sich

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die nahen und fernen Tropenwälder wie Purpurgewänder wölkten, während es auf den krystallklaren Wellen vor ihm wie eine Brillantensaat blitzte und zitterte. Ein Reichthum, eine Pracht lag in dem Bilde vor Harry's Blicken entfaltet, wie sein Auge nie früher gesehen, und das Wort "kaiserlich" reizte seine Phantasie, ihm alle Schätze des Orients hier aufgehäuft vorzuzaubern. Bei seiner Ankunft an dem Werfte der Stadt freilich verblich das glänzende Traumgebilde sehr, die elenden Gebäude, die sumpfigen Straßen, die schmuzigen Trottoirs und die in Lumpen gehüllten Menschen, die sie belebten, machten dem Amerikaner den Eindruck der Armuth, der Faulheit und des Elends. Er dachte an das jugendlich frische Bild einer amerikanischen Stadt mit deren markiger, willens- und thatkräftiger Bevölkerung, wo man es jedem Einzelnen, vom Präsidenten bis zum Karrenschieber hinab, ansieht, daß derselbe unabhängige, unbeugsame Geist ihn beseelt, daß er das Bewußtsein in sich trägt, selbst an der Regierung seines Vaterlandes Theil zu nehmen, und daß er sein eigenes Schicksal in eigener eiserner Hand zu halten glaubt. Wie erbärmlich, wie verkommen dagegen kamen ihm die Nachkommen der alten, einst so großen Spanier vor! Klein, mark- und saftlos, skrophulös und, kaum erwachsen, schon verlebt, schlichen die winzigen Gestalten umher wie

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Wagehälse, weil sie es riskirten, auf solchen Spindelbeinen zu gehen, und dennoch blitzten und glühten ihre schwarzen Augen aus ihren vertrockneten braunen Gesichtern hervor, als beseele sie ein lebendiger Geist. Statt hochherziger Begeisterung, statt stolzen Selbstbewußtseins aber lag verschmitzte Schlauheit, Arglist und knechtische Gewandtheit in ihren Blicken, und man sah es ihnen an, daß sie stets bereit wären, sich vor Andern in den Staub zu bücken oder sie mit Füßen zu treten.

Gleich bei Ankunft des Schiffes hatten sich viele Offiziere und Civilbeamte an Bord eingefunden, um die Papiere des Kapitäns zu empfangen, den Gesundheitszustand der Mannschaft zu untersuchen und das Löschen der Ladung zu überwachen. Wie die Sieger in einer eroberten Festung stolzirten diese zwergartigen Caricaturen in ihren großen Federhüten, mit Goldstickereien überladenen Röcken und ungeheuren goldenen Epauletten auf dem Verdeck hin und her und befahlen, daß noch durchaus nichts aus dem Schiffe an das Land gebracht werde. Der Kapitän, der schon früher auf seinen Reisen hier gewesen und mit den Verhältnissen und Gebräuchen bekannt war, hatte aber in der Kajüte ein Frühstück und Wein auftragen lassen und bat die Herren, einzutreten, um sich zu erfrischen. Bei dieser Gelegenheit drückte er einem jedem derselben einige Goldstücke in

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die Hand, welche sie mit vertraulichem Nicken schweigend hinnahmen, ihren Unterbeamten einen Wink gaben, dem Ausladen des Schiffes nicht länger im Wege zu stehen, und dann der Einladung zum Frühstück folgten. Nach demselben erkaufte sich Harry auf Anrathen des Kapitäns in gleicher Weise von einem der betreffenden würdigen Beamten die Erlaubniß, ohne weitern Aufenthalt sein Gepäck an das Land bringen zu dürfen, empfahl sich dann allen aufs höflichste und trat seinen Weg nach einem Hotel an. Er erreichte bald den Palastplatz, an dessen linker Seite die kaiserliche Residenz in Form eines gewöhnlichen Wohnhauses sich erhob, während die Markthalle gegenüber an der andern Seite des Platzes stand. Diese war mit Menschen aus den untern Klassen der Bevölkerung gefüllt, man konnte nicht sagen belebt, denn alle schienen die Mühe der Bewegung zu scheuen, standen, saßen und lagen in Gruppen umher und die meisten von ihnen gaben keine Veranlassung zu erkennen, weshalb sie sich eigentlich hier befanden. Nur die Verkäufer von Lebensmitteln schrieen ihre Waaren aus und riefen jeden Vorüberschleichenden an. Als Harry aber bei seiner Wanderung in mehrere Hauptstraßen gelangte, wo ihm die prächtigsten Gold- und Silberläden mit ihren Juwelen entgegenblitzten und reich geputzte Damen vor ihnen die Trottoirs belebten, da

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steigerte sich seine Begeisterung für dieses Land abermals und mit den kühnsten Hoffnungen erwiderte er die Blicke der schwarzen Augen, die sich neugierig und einladend auf ihn richteten.

Nachdem er sich in dem besten Hotel der Stadt eingemiethet hatte, war sein erstes Geschäft, sich nach Holcroft umzusehen, denn eine Möglichkeit lag ja doch vor, daß derselbe gleichfalls dem Tode entgangen sei.

Harry's Bemühungen während mehrerer Tage blieben jedoch erfolglos, und da er eigentlich zu keiner solchen Hoffnung berechtigt war, so gab er alle weitern Nachforschungen auf. Sein Kassenbestand überhob ihn für den Augenblick jeder Sorge, und wegen seiner Zukunft brauchte er sich keiner solchen hinzugeben, denn er befand sich ja in einem Lande, wo es ein Leichtes sein mußte, Vermögen zu erwerben. In welcher Weise er dies nun vollbringen wollte, überließ er den Zufälligkeiten, wie sie ihm das Leben vorführen würde, beschloß aber keine Gelegenheit dazu vorübergehen zu lassen, sich gleich mit Menschen, Zuständen und Verhältnissen hier bekannt zu machen und namentlich sich um den Zutritt in angesehenen Familien zu kümmern. Hiermit war sein Plan gemacht und nun wandte er sich den Belustigungen zu, welche die Stadt und deren Umgebung ihm boten. Er besuchte alle öffentlichen Vergnügungslokale, das Theater, das Stiergefecht,

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die Kaffeehäuser und Billardräume und erschien in gewählter Toilette zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß auf den Promenaden.

Eines Tags fuhr er am Strande hin durch die Vorstadt nach St. Christoph, dem Winteraufenthalt des Kaisers und dem Vergnügungsort der vornehmen Welt von Rio, und trat dort in einem Kaffeehaus in dessen Billardsaal ein. Das Billard war von vielen Spielenden umgeben und ein breitschultriger Mann hatte sich über dasselbe gebeugt, um einen Stoß auszuführen, als Harry ihn bemerkte und überrascht zur Seite trat, um ihm in das Gesicht zu sehen. Kaum traute er seinen Augen, denn er erkannte in ihm seinen Freund Holcroft.

"Holcroft! Ist es möglich?" rief er jubelnd aus. Dieser warf bei dem ersten Ton von Harry's Stimme das Queue weg und fuhr nach seinem todtgeglaubten jungen Gefährten herum.

"Williams, bei allen Teufeln! Williams, ist es Ihr Geist oder sind Sie es selbst?" rief er aus und streckte ihm beide Hände entgegen, die dieser in höchster Aufregung ergriff, dann seinen Arm um die breiten Schultern des Sklavenhändlers schlug und ihn seitwärts in ein Fenster zog. Nach den ersten stürmischen Begrüßungen aber wandte sich Holcroft an seine Spielgesellschaft, bat sie höflich, ihn zu entschuldigen, wenn

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er jetzt schon austräte, und führte Harry dann nach der Schenkstube, um das unverhoffte Wiedersehen bei einer Flasche Champagner zu feiern.

"Bei allen guten und bösen Geistern aber sagen Sie mir nun, wie Sie den Haifischen entgangen sind", begann Holcroft, nachdem beide ihre Gläser geleert hatten, worauf Harry ihm einen treuen Beucht über sein Verfahren abstattete.

"Bravo, junger Freund, das hätte ich selbst nicht besser machen können", rief Holcroft lachend aus und setzte, die Gläser füllend, hinzu:

"Der reiche Plantagenbesitzer soll leben! Was Sie noch nicht sind, können Sie noch werden!"

Wieder schäumte der Wein über ihre Lippen, und beide thaten einige Züge aus ihren Cigarren, als Harry sagte:

"Nun aber lassen Sie mich auch hören, wie Sie dem Tode entgangen sind."

"Das ist bald erzählt", entgegnete Holcroft. Als Sie mir unter der Hand verschwanden und der Sturm Ihren Angstschrei an meinem Ohr vorbeijagte, ließen wir das Boot hinab und sprangen hinein; ich schnitt rasch die Taue durch, die uns noch an dem berstenden Schiffe festhielten, denn die ganze Mannschaft wäre sonst in das Boot gestürzt und hätte es so tief in das Wasser

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gedrückt, daß uns die erste Woge verschlungen haben würde. So blieben sechs Mann an Bord zurück und die See trug uns im Augenblick aus dem Bereiche ihrer Hülferufe, ihrer Flüche und Verwünschungen. Ihr Aerger wird nicht von langer Dauer gewesen sein, denn das Schiff brach schon auseinander, als wir es verließen. Es war eine böse Nacht, und kaum reichten unsere Kräfte hin, das Boot über Wasser zu halten. Nun, Sie wissen es ja am besten, wie bald das Wetter sich änderte, und da trieben wir im heißen Sonnenbrand auf der glatten See ohne einen Tropfen, um unsern Durst zu löschen, ohne Lebensmittel, um den Hunger zu stillen. Drei Tage kamen und vergingen, und wir waren auf dem Punkt, die Haifische zu unsern Erben einzusetzen, als ein Schiff uns zu Hülfe kam, uns aufnahm und auf Barbadoes landete. Mein lederner Gürtel war noch reich mit Gold versehen und so wurde es mir leicht, eine Ueberfahrt hierher zu bedingen. Ich hätte aber eher an meinen Tod geglaubt, als daß ich Sie hier wiederfinden sollte. Unser Glücksstern steht hoch am Himmel; hier, dies Glas auf eine baldige glänzende Unternehmung!"

Bei diesen letzten Worten Holcroft's ergriffen beide abermals ihre Gläser und leerten sie in hochfliegender Begeisterung

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Die zweite und die dritte Flasche Champagner tranken sie aus, und bestiegen dann in sehr heiterer Stimmung das Fuhrwerk Harry's, welches sie schnell nach der Stadt zurückbrachte. Harry zahlte seine Rechnung in dem Hotel, wo er wohnte, und siedelte dann nach dem Gasthof über, in welchem Holcroft abgestiegen war. Die Weinlaune verflog bald und die beiden Abenteurer saßen, als die Sonne hinter den Tropenwäldern versank, auf dem kleinen Balkon vor Holcroft's Zimmer und ließen sich von der frischen Seeluft umspielen, die eben den Spiegel der Bai zu kräuseln begann.

"Nun aber, Holcroft, welche Aussichten haben wir auf baldige Thätigkeit?" nahm Harry das Wort.

"Die Unternehmung, wegen welcher wir hierher kamen, ist uns entgangen, weil ich zu spät eintraf", antwortete Holcroft. "Das Haus, welches das Schiff für mich zu einer Reise nach Afrika ausgerüstet hatte, konnte nicht länger warten und hat einen andern Kapitän an meine Stelle gesetzt. Augenblicklich ist nichts in der Luft, es wird aber nicht lange dauern, so macht man mir Anerbietungen, denn eine glücklichere Hand als die meinige hat noch niemals mit Wollköpfen gehandelt. Die Preise von Colonialwaaren sind sehr hoch, und bestimmt den Werth der Neger. Wir dürfen es

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aber nicht wissen lassen, daß wir zum Geschäft verlegen sind, sonst bieten sie uns schlechte Bedingungen."

"Nun, wir können es ja vorläufig abwarten", fiel Harry ein. Wenn nur die Weiber schöner wären, ich habe wahrhaftig noch kein wirklich schönes Mädchen gesehen."

"Ich werde Ihnen nach dem Abendessen doch so etwas von Tropenglut in einem Augenpaar lesen lassen, von dessen Eigenthümerin Sie sagen sollen, daß sie schön sei", nahm der Sklavenhändler wieder das Wort. "Es muß Alles in Einklang stehen. Zu einem brennenden Vulkan gehört eine dunkle Umgebung; die Nacht mit Blitzen und Wetterleuchten kann ebenso prächtig sein wie der Tag mit seinem Sonnenlicht. Uebrigens haben Sie Recht, Schönheiten gehören hier zu den Seltenheiten; die Rasse taugt nichts mehr, es muß neues Blut hineingebracht werden."

Am folgenden Morgen machten die beiden Glücksritter einen Spaziergang durch die Straße Direita, als Holcroft sagte:

"Wir wollen jetzt einmal nach dem Werfte gehen, um uns sehen zu lassen; dort wird eine Art von Börse gehalten und sämmtliche Unternehmer in Ebenholz (Neger) sind augenblicklich dort zu finden."

So wanderten sie Arm in Arm die Straße hinab

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und über den Palastplatz nach dem Strande, wo sie bei der Landungsbrücke stehen blieben und ihre Aufmerksamkeit auf hie neu angekommenen Fahrzeuge zu richten schienen. Holcroft's Blicke aber schossen verstohlen hin und her durch die Menschenmenge, welche hier versammelt war, und nach einigen Minuten sagte er zu seinem Gefährten:

"Sehen Sie sich nicht um, Williams! Wenn ich nicht irre, so kommt der Hauptagent für den Sklavenhandel hinter uns her, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er ein Anerbieten für mich hätte."

Darauf zeigte Holcroft mit dem Arm nach einem kleinen Schiffe hin, welches sich dem Werfte nahte und eben seine Segel einzog. Er sprach laut darüber und that gar nicht, als ob er den kleinen, alten, vertrockneten Herrn bemerke, der jetzt von der Seite auf ihn zu trat.

"Guten Morgen, Kapitän Holcroft! Ich habe Sie ja lange nicht gesehen und glaubte wirklich, Sie wären abgereist", sagte der Alte mit grinsend freundlichem Lächeln und reichte dem Sklavenhändler die Hand.

"Noch nicht, aber morgen oder übermorgen werde ich mich nach Havanna einschiffen, von wo mir dringende Offerten gemacht sind. Erlauben Sie mir aber, Signor Salerio, Ihnen meinen Freund Kapitän Jones

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vorzustellen", sagte Holcroft, indem er auf Harry zeigte, worauf dieser und der alte Brasilianer sich gegenseitig verneigten.

Nachdem die Beiden sich die Hand gedrückt hatten, nahm Salerio wieder das Wort: "Warum denn nach Havanna, wenn Sie hier vielleicht ein Engagement erhalten könnten?"

"Das Geschäft ist hier zu erbärmlich geworden. In Havanna bezahlt man seine Leute besser nach Qualität, hier benutzt man jeden Lump, wenn man ihn billig erhalten kann, und bedenkt nicht, welche Kapitalien man ihm anvertraut. Havanna ist der Platz für mich und meinen Freund hier", entgegnete Holcroft mit Bestimmtheit.

"Und wenn man nun hier Ihre Dienste ebenso anerkennen und belohnen würde wie in Havanna, warum dann dorthin gehen? Hören Sie, Kapitän Holcroft, ich suchte Sie gestern schon, ich habe ein Anerbieten für Sie; wenn Sie es annehmen wollen, sollen Sie in jeder Weise zufrieden gestellt werden. Nennen Sie mir Ihre Bedingungen für eine Reise nach der Küste von Afrika in einem Fahrzeuge, welches zwischen zwei- und dreihundert Neger faßt; ich bin beauftragt, Sie dafür zu engagiren."

"Allerdings, wenn Sie so reden, dann kann ich mir

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die Reise nach Havanna ersparen", versetzte Holcroft. "Welches Schiff will man mir denn geben?"

"Es ist die Brigg Teresa, welche kürzlich beschädigt hier einlief und als seeuntüchtig condemnirt wurde. Aber, unter uns gesagt, dies geschah nur meinen Freunden zu Gefallen, damit dieselben das Fahrzeug um einen Spottpreis kaufen konnten; mit einer kleinen Ausbesserung ist es so gut, als wenn es eben vom Stapel käme und segeln kann es wie ein Falke. Dort unten liegt die Brigg, wenn Sie sich dieselbe ansehen wollen."

"Ich werde sie in Augenschein nehmen und Ihnen dann meine Antwort geben", erwiderte Holcroft.

"Sie finden mich in meiner Office", sagte Salerio, reichte dem Sklavenhändler die Hand und schritt davon, während Holcroft mit Harry an dem Werft hin die Richtung nach der bezeichneten Brigg einschlug.

"Ich für meinen Theil danke ganz gehorsamst dafür, mein Leben auf einem condemnirten Schiffe der See preiszugeben. Die letzte Schwimmpartie war gerade genug für mich", sagte Harry im Vorwärtsschreiten.

"Thorheit!" fiel Holcroft ihm in die Rede. "Sie werden sehen, daß die ganze Geschichte eine Betrügerei ist, für welche die Assecuranzcompagnien im Norden bezahlen müssen. Wir wollen uns aber selbst überzeugen."

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Sie hatten bald die Brigg Teresa erreicht und fanden nach genauer vorsichtiger Untersuchung derselben, daß Don Salerio die Wahrheit gesagt und daß der Schaden, den das Schiff erlitten hatte, nur ein äußerer war, den man leicht wieder ausbessern konnte.

Darauf gingen sie in die Stadt zurück, der Sklavenhändler nach Salerio's Geschäftslokal und Harry nach dem Gasthause. Nach Verlauf von einer Stunde trat Holcroft mit den Worten zu Harry in das Zimmer:

"Nun, mein fliegender Kapitän Jones, sind Sie reisefertig? In acht Tagen müssen wir auf der blauen Tiefe schwimmen. Ich habe den Contract für dreißigtausend Dollars abgeschlossen, die man mir zahlt, wenn ich die Ladung Neger hier lande; Schiffsmannschaft, Waffen und Proviant werden mir geliefert, nur habe ich meinen fliegenden Kapitän selbst zu stellen. Ich zahle ihm achttausend Dollars für die Reise, und nun fragt es sich, ob Sie, mein lieber Williams, die Stelle annehmen wollen."

"Mit Freuden, Holcroft, und mit meinem besten Dank; ich werde meinem Lehrmeister Ehre zu machen fuchen", entgegnete Harry, indem er in die ihm vom Sklavenhändler entgegengehaltene Hand einschlug.

Am folgenden Morgen schon war die Brigg Teresa aufs Trockene gelegt, um sie genau untersuchen und

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ausbessern zu lassen, wobei Holcroft sich von Zeit zu Zeit einfand und selbst die Arbeit überwachte und nachsah. Während das Schiff nun auf das vollkommenste für die Fahrt ausgerüstet wurde, ließen die Eigenthümer desselben, in deren Dienste Holcroft getreten war, alle nöthigen Schiffspapiere in zwei Exemplaren ausfertigen. Die einen lauteten für die Brigg Clara, Kapitän Jones, nach der Küste von Afrika bestimmt, um dort eine Ladung Palmöl, Hölzer, Goldstaub, Elfenbein u. dgl. einzunehmen und damit nach Boston zu segeln, welche Papiere von dem amerikanischen Consul in Rio unterzeichnet wurden. Die andern Exemplare ließen sie durch die brasilianischen Behörden für die Brigg Teresa, Kapitän Holcroft ausstellen, welche nach der Küste von Afrika zu fahren und von dort nach irgend einem Hafen Brasiliens zurückzukehren hatte.

Diese ganz verschieden lautenden Papiere wurden in zwei luft- und wasserdicht zu verschließende Blechbüchsen gethan, um gelegentlich bei einer Untersuchung des Schiffes durch einen Kreuzer die eine oder die andere an einem Strick in die See zu versenken.

Während Holcroft nun mit der Ausrüstung sehr beschäftigt war, benutzte Harry die Zeit bis zur Abreise, um seine gesammelten Lokalkenntnisse zu seiner Unterhaltung und seinem Vergnügen auszubeuten, und so

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verstrichen für beide die Tage außerordentlich schnell. Der letzte, den sie in der Kaiserstadt verleben sollten, neigte sich gleichfalls, beide leerten noch einmal den vollsten Freudenbecher, den Rio ihnen bieten konnte, und am folgenden Morgen mit dem Grauen des Tags sagten sie Brasilien Lebewohl und segelten mit der Brigg Teresa in den Ocean hinaus.

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Viertes Kapitel.

Es war ein prächtiger Morgen, das Meer zeigte sich in seiner besten Laune und rollte seine schaumgekrönten Wogen wie krystallene Berge rauschend dahin, und die beiden Abenteurer saßen mit hochfahrenden Hoffnungen für das Gelingen ihrer Unternehmung beisammen auf dem Verdeck über der Kajüte und ließen ihre offene Brust von der erfrischenden Seeluft umspielen.

"Wenn wir nur Vorrath von Negern an der Küste finden, sodaß wir nicht zu lange in der Höllenglut zu verweilen brauchen, welche auf den engen, von Wald eingeschlossenen Buchten liegt; man wird dort von Mosquitos aufgefressen", sagte Holcroft zu seinem Gefährten.

"Daran soll es wohl nicht fehlen", entgegnete Harry, "denn wie ich hörte, ist der Sklavenhandel im vergangenen Jahre bedeutend gewesen, und der Verdienst, der dadurch jenen schwarzen Häuptlingen und Königen zugeflossen, hat sie sicher gereizt, in diesem Jahre ein noch besseres Geschäft zu machen.

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"Gerade aus diesem Grunde fürchte ich, daß die Neger rar sind. Das letzte Jahr hat Afrika nahe an dreimalhunderttausend Wollköpfe gekostet, wenn auch vielleicht kaum ein Sechstel dieser Zahl die Küste von Amerika erreicht hat. Die Sklavenhändler in Nord- und Südamerika schließen Contracte mit den Plantagenbesitzern ab, wonach sie denselben eine gewisse Anzahl Sklaven zu liefern haben. Sie senden ihre Schiffe nach Afrika, dieselben werden dort mit schwarzem Fleisch beladen und treten ihre Rückreise an. Fällt nun die Ladung in die Hände eines Kreuzers, oder wird sie bei Annäherung eines solchen schnell über Bord geworfen, um die Schiffsmannschaft vor dem Aufhängen zu bewahren, so befreit dies den Sklavenhändler in Amerika nicht von seinen eingegangenen Contracten mit den Pflanzern, er muß die bestimmte Zahl Neger liefern und einen neuen Versuch machen, solche sich zu verschaffen. Jetzt werden Kosten gespart, alte, zerbrechliche Schiffe werden benutzt, die Neger werden enger zusammengepackt, um mit demselben Geld die doppelte Zahl zu erhalten und dadurch den Verlust an der vorigen Ladung zu decken. Darum, je mehr Neger die Engländer und Spanier vor der Sklaverei in Amerika bewahren, um sie in ihren eigenen Colonien jahrelang als Sklaven arbeiten zu lassen und dann das schön klingende Wort "frei"

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über sie auszusprechen, anstatt sie gleich bei Empfangnahme in ihr Vaterland zurückzubringen, desto mehr Neger werden von Afrika abgeholt, denn die Contracte müssen ausgeführt werden, koste es, was es wolle. Im letzten Jahre sind die Engländer sehr glücklich gewesen, und das ist die Ursache, daß in diesem Jahre das Geschäft mit aller Gewalt betrieben werden wird. Der Bedarf von fünfzigtausend Sklaven kann Afrika immer eine halbe Million Köpfe kosten, weil die Engländer nicht die Küsten bewachen, damit die Sklavenschiffe nicht auslaufen können, sondern weil sie ihnen weit draußen in dem Ocean auflauern, um ein gutes Geschäft dabei zu machen."

Hier unterbrach sich Holcroft in seiner Rede, um ein paar Züge aus seiner Cigarre zu thun, und fuhr dann fort:

"Sehen Sie, Williams, das nennt man im Großen und unter dem Scheine des Rechts, der gepriesenen Menschlichkeit auf Kosten seiner Mitmenschen leben, und wenn unsereins einmal ein gutes Geschäftchen macht, wobei er Witz und Talent entfaltet, dann schreit die ganze Welt Mordio, während man auf der andern Seite die Engländer noch hochpreist für die Humanität, daß sie sich für jeden gefangenen Neger fünfundzwanzig Dollars Kopfgeld berechnen, welches derselbe als

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Freiheitscandidat fern von seiner Heimat in einer englischen Colonie abverdienen muß, um nachher als freier Mann das Sklavenleben dort bis an sein Ende fortzuführen. Aber schauen Sie sich doch einmal nach Brasilien um, die schönen blauen Berge verschwimmen schon in dem Duft der Ferne."

"Ich wollte, wir steuerten mit voller Ladung schon wieder diesen Bergen entgegen", versetzte Harry, nach der Küste zurückblickend.

"Der Wunsch ist kein weiser, junger Freund", fiel Holcroft ein, "denn mit seiner Erfüllung hätten Sie schon so viele Monate mehr von Ihrer kurzen Lebenszeit hinter sich liegen. Man muß niemals die Zukunft herbeiwünschen und sich vorwärts sehnen, oder man versäumt die Gegenwart zu genießen, die einzig und allein einen wirklichen Werth für uns Menschen hat. Ich sehne mich nie nach einer spätern Zeit."

"Hoho, Freund Holcroft! Ich möchte wohl wissen, wonach Sie sich gesehnt haben, als Sie hungrig und durstig in dem Boote auf der See umhertrieben! Ich sollte denken, Sie hätten wohl nach der Zukunft verlangt. Ich wenigstens bekenne, daß ich während meines muntern Spazierritts durch das Meer auf meinem hölzernen Pferde, dem Bret, mich sehr nach einer Zukunft gesehnt in der ich eine gut besetzte Tafel, eine Flasche

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Madeira und nachher ein gutes Bett zu meiner Verfügung haben würde."

"Ganz recht!" lachte Holcroft auf. "Wenn einem das Feuer so sehr unter den Sohlen brennt, dann mag man schon etwas eilen, im gewöhnlichen Leben ist es aber nicht weise."

"Und wenn ich meine Weisheit noch so sehr dadurch an den Pranger stelle, so leugne ich es doch nicht ab, daß ich mich sehr nach dem Mittagsessen sehne, um den Champagner zu versuchen, den ich mitgenommen habe", fuhr Harry lachend fort.

"Warum nicht die Gegenwart nützen und den Champagner jetzt versuchen?" antwortete Holcroft und rief dem Kajütendiener zu, eine Flasche davon heraufzubringen.

Mit immer vollen Segeln und unter ungetrübtem blauen Himmel eilte die Tcresa Woche auf Woche dahin, ohne ihren Curs zu ändern und ohne einem andern Fahrzeuge zu begegnen, bis plötzlich eines Morgens der wachthabende Matrose im Mastkorbe die Schiffsmannschaft aus ihrer nachlässigen Ruhe aufjagte und ein Segel im Süden anmeldete. Alle hefteten ihre Blicke spähend nach dem weißen Pünktchen, welches so eben am Horizont über der See auftauchte, und Holcroft sprang mit dem Fernrohr in der Hand nach dem

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Mastkorb hinauf, um sich über den Charakter des Schiffes Sicherheit zu verschaffen. Nach wenigen Minuten schon hatte er dies gethan und stieg mit dem Rufe: "Ein englischer Kreuzer!" eilig wieder auf das Verdeck herab.

"Wenn der Engländer uns anruft, um zu uns an Bord zu kommen, so müssen sich zehn Mann von Euch in ihre Betten verkriechen", sagte Holcroft mit unveränderter Ruhe zu der ungewöhnlich zahlreichen Mannschaft und wandte sich dann scherzend mit den Worten zu Harry:

"Kapitän Jones, ich habe große Lust, Sie mit dem Commando über mein Schiff zu belästigen; solche ungebetene Gäste bewirthe ich nicht gern in eigener Person."

"Ich werde mich sehr dadurch geschmeichelt fühlen, Kapitän Holcroft", entgegnete Harry in gleicher Weise mit einer Verbeugung und folgte demselben in die Kajüte.

"Bleiben Sie nur ganz ruhig, wenn der Kerl an Bord kommt, lieber Williams", sagte Holcroft, indem er die beiden Blechbüchsen, mit den Schiffspapieren aus einem Koffer hervornahm.

"Seien Sie unbesorgt, Kapitän", erwiderte Harry lächelnd, "ich, werde meinen Posten gut ausfüllen." Die Büchse, welche die Papiere mit dem Schiffsnamen Teresa enthielt, wurde nun an ein Seil gebunden,

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dessen anderes Ende hinten am Schiffe und zwar unter dem Wasserspiegel befestigt war. Nachdem Holcroft den Knoten des Seils nochmals betrachtet hatte, warf er die Büchse zum Fenster hinaus in die See, wo sie sofort versank. Dann nahm er die Papiere mit dem Namen Clara, Kapitän Jones, aus dem andern Blechverschluß und legte sie zum bevorstehenden Gebrauch in das Schreibpult, das auf dem Tische stand.

"So", sagte er, "nun mag der Bursche kommen, er wird die Clara auf gesetzlichem Wege finden. Streifen Sie jetzt aber Ihre Haut ab, Williams, und ziehen Sie den Kapitän Jones an, ich werde mich schnell zum Matrosen degradiren."

Nach wenigen Minuten hatte Harry die Seemannstracht angelegt, sein schön geordnetes Haar verwirrt, die glänzenden Locken aus seinem Bart gekämmt und statt seiner gewohnten vornehmen Haltung eine mehr nachlässige, gleichgültige angenommen.

"Ich habe die Ehre, Ihnen Ihren fliegenden Kapitän vorzustellen", sagte er, zu Holcroft tretend.

"Vortrefflich, wie er im Buche steht", entgegnete dieser lachend, indem er seinen Matrosenhut aufsetzte. "Nun lassen Sie uns auf das Verdeck gehen und unsere Rollen spielen."

Dort trat Holcroft zu der Mannschaft, um ihr

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noch weitere Verhaltungsbefehle zu ertheilen, und nahm dann das Fernglas wieder zur Hand, durch welches er den rasch näher kommenden Kreuzer nun fest beobachtete.

Nach einer Weile sagte er zu Harry, der neben ihm saß:

"Treten Sie hinauf, auf das obere Verdeck, sodaß der Engländer Sie durch sein Glas als Kapitän befehlen sieht, und lassen Sie die amerikanische Flagge aufziehen, denn er hat so eben durch die seinige angezeigt, daß er uns zu sprechen wünscht."

Harry that, wie ihm Holcroft gesagt, und begleitete seine Befehle mit Hand- und Armbewegungen. Als die Flagge sich im Winde entfaltet hatte, wurden Segel eingenommen und die Brigg ein wenig in den Wind gebracht, sodaß sie, ohne vorwärts zu kommen, sich auf den Wellen schaukelte. Der Kreuzer kam jetzt rasch heran und nach Verlauf einer halben Stunde legte er sich in Schußweite neben die Brigg.

"Wo kommen Sie her?" rief ihm Harry jetzt mit kräftiger Stimme durch das Sprachrohr zu.

"Seiner Majestät Kutter Growler auf einer Beobachtungsfahrt!" antwortete der befehlende Offizier des Kreuzers und stieg dann in das Boot hinunter, welches während dieser Zeit in das Wasser hinabgelassen worden.

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Nach einigen Minuten erreichte dasselbe die Brigg, der commandirende Lieutenant erstieg deren Verdeck. Harry trat ihm höflich entgegen und sagte: "Seien Sie willkommen auf der amerikanischen Brigg Clara, deren Kapitän ich bin; mein Name ist Jones."

"Wohin bestimmt?" fragte der Offizier gleichfalls höflich.

"Nach der Goldküste, um von da eine Ladung Elfenbein, Oel und Hölzer nach Boston zu bringen", erwiderte Harry. "Wollen Sie meine Papiere nachsehen?"

"Es ist dies meine Pflicht, Kapitän Jones, ich bedauere aber sehr, wenn Ihnen mein Besuch unangenehm sein sollte", entgegnete der Offizier mit Artigkeit.

"Keineswegs, Herr Lieutenant. Der Besuch eines wirklichen Gentleman kann mir nur angenehm und erfreulich sein. Ich bitte, treten Sie ein", sagte Harry und ließ den Offizier vor sich her in die Kajüte treten. Dort nahm er die Papiere aus dem Pult, legte sie dem Engländer zur Einsicht vor und ließ dann eine Flasche Madeira und zwei Gläser bringen.

"Es ist gegen meine Instruction, hier etwas zu genießen, Kapitän Jones", sagte der Offizier, auf den Wein schauend.

"Ich dachte, nachdem Sie mein Schiff untersucht

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und dasselbe auf gesetzlichem Wege befunden hätten, würden Sie mir die Freude machen, zum Abschied und auf eine glückliche Reise ein Glas mit mir zu leeren. Doch will ich Sie nicht nöthigen", sagte Harry, die Flasche wieder aus der Hand setzend.

"Nun, es wird kein großes Verbrechen sein, mit einem so artigen Amerikaner, wie Sie es sind, zu trinken; ich nehme ein Glas Madeira an", versetzte der Engländer. Harry füllte die Gläser und beide leerten dieselben auf glückliche Reise.

"Ihre Papiere sind in Ordnung", sagte der Offizier dann, indem er dieselben zusammenlegte.

"So werde ich Ihnen nun die leeren Räume in meinem Schiffe zeigen", nahm Harry das Wort und rief zur Kajüte hinaus, daß man die Luken öffnen solle. Dann ließ er den Lieutenant wieder vor sich her auf das Verdeck hinaustreten, führte ihn an die Oeffnung, die in das untere Schiff zeigte, und sagte:

"Ist's gefällig hinabzusteigen?"

"Nein, nein, Kapitän Jones, es ist Alles in Ordnung, nur mußte ich die Form wahren. Ich bitte den kleinen Zeitverlust zu entschuldigen, den ich Ihnen verursacht habe. Nochmals glückliche Reise!" antwortete der Offizier und reichte Harry die Hand zum Abschied, dieser aber zog schnell eine Cigarrentasche aus dem

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Rocke hervor, hielt sie dem ungebetenen Gaste hin und sagte: "Eine Cigarre auf den Weg, Herr Lieutenant."

Derselbe bediente sich dankend, empfing von Harry Feuer und stieg dann mit den Worten in sein Boot hinab:

"Ich lebe der Hoffnung, Kapitän Jones, Ihnen auf Ihrer Rückreise wieder zu begegnen, was mir eine große Freude sein würde."

"Mir gleichfalls, Herr Lieutenant. Auf Wiedersehen!" rief ihm Harry, sich über die Brüstung neigend, zu und winkte ihm noch wiederholt seine Grüße nach.

Während der Engländer nach seinem Kutter zurückfuhr, waren die Segel des Sklavenschiffs wieder gefüllt, dasselbe in seinen Curs zurückgebracht, und mit aller Eile glitt es Woge auf Woge nieder von seinem Feinde hinweg.

"Bravo, Kapitän Jones!" rief Holcroft seinem fliegenden Kapitän lachend zu. "Sie haben Ihre Probe vortrefflich bestanden, ich lade mich aber nun bei Ihnen zu Gaste zu dem Weine, den Sie noch übrig gelassen haben. Wenn Seine Majestät nur immer so artige Leute zum Kreuzen aussenden wollte!"

Hiermit nahm er Harry beim Arm, schaute noch einmal in die Segel hinauf, rief dem Manne am

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Steuer zu, dieselben steif gefüllt zu halten, und begab sich dann mit seinem jungen Freunde in die Kajüte, wo sie auf die Gesundheit und Leichtgläubigkeit des Engländers die angebrochene Flasche leerten.

Noch während mehrerer Tage schaukelte sich die Brigg der Küste immer näher und lief dann an einem frühen Morgen in eine zu beiden Seiten dicht bewaldete Bucht ein, an deren Ufern der Hauptsammelplatz für den Sklavenhandel war.

Kaum zeigte sich das Fahrzeug in der Bucht, als dessen Kapitän von beiden Ufern her durch viele schwarze Agenten der Sklavenbesitzer angerufen wurde, von denen ein jeder die besten und billigsten Neger zu verkaufen haben wollte. Bald darauf kamen sie in Booten herangefahren, um das Schiff zu besteigen. Holcroft aber wies sie zurück und versprach am folgenden Tage an das Land zu kommen, um ihre Waare in Augenschein zunehmen.

Die geheimen, künstlich verborgenen Räume unter der Kajüte wurden jetzt geöffnet, acht Kanonen und eine große Zahl von Gewehren, Säbeln, Pistolen und Handäxten daraus hervorgenommen und Schiff und Mannschaft damit bewaffnet. Zugleich zog man die unter Ballast versteckten Faßstäbe heraus, um für die Menschen die nöthigen Wasserfässer daraus zusammen

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zustellen, und endlich holte man die Ketten und Handschellen aus den Verstecken hervor, um die Sklaven daran zu befestigen. Während des ganzen Abends umschwärmten die Agenten in ihren Booten das Schiff, um dem Kapitän Früchte, frisches Fleisch und andere Lebensmittel zu bringen und sich in dessen Gunst einander den Rang abzujagen.

Am folgenden Morgen begab sich Holcroft, von Harry und einigen bis an die Zähne bewaffneten Männern begleitet, an das Land, um die angepriesene Waare in Augenschein zu nehmen. In allen Richtungen lagen in dem Schatten der Bäume mehr oder weniger zahlreiche Gruppen von gefangenen Schwarzen beiderlei Geschlechts und verschiedenen Alters hingestreckt wie Schlachtvieh, welches von seinen Eigenthümern zum Verkauf ausgeboten wird. Sie waren vermittelst Baststricken in größerer oder geringerer Zahl an einander gebunden und schienen unter ihren Fesseln heftige Schmerzen zu leiden, denn sie zuckten oft mit den Gliedern und suchten die Knoten der Stricke zu lockern. Weh und Leid lag auf ihren schwarzen Gesichtern und ihre finstern, starren Blicke verriethen den Grad von Unglück, wo es kein tieferes gibt, wo jede Hoffnung aufgehört hat. Die größere Zahl von ihnen schien in ihr gräßliches Schicksal ergeben zu sein und nur hier und dort flammte

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ein Auge in unterdrückter Wuth, in wilder Verzweiflung auf.

Die Agenten, denen die Gefangenen zum Verkauf übergeben waren, drängten sich zu Holcroft heran und jeder derselben wollte seine Waare zuerst verkaufen. Sie ließen die Sklaven aufstehen oder peitschten sie auf, wenn sie nicht gleich ihrem Befehle folgten, und priesen dann bei den Männern deren kräftige Muskeln und starke Knochen, bei den Weibern deren volle üppige Formen und schlanke, geschmeidige Gestalten.

Holcroft ging, ohne zu kaufen, von einem Lager zum andern, um die Forderungen der Agenten noch mehr herunter zu drücken, bis sie auf den Durchschnittspreis von zwanzig Dollars für das Stück herabgekommen waren. Dann begann er auszuwählen, ließ den gekauften Sklaven die Stricke abnehmen und dagegen die weniger schmerzhaften Handschellen anlegen und ließ sie in Zügen von zehn Stück an einander gekettet nach der Brigg treiben. In deren untern Räumen wurden sie nun neben einander an die Wände oder an den Fußboden festgeschlossen, sodaß jeder Platz benutzt wurde. Sechs Tage lang dauerte der Handel, denn täglich kamen neue Züge von Gefangenen zum Verkauf an, am siebenten Tage aber war die Brigg mit zweihundert und achtzig Sklaven beladen, der höchsten Zahl, die das Schiff zu

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fassen vermochte. Während dieser Zeit war für die Reise hinreichend Wasser eingenommen worden, Früchte waren in Massen auf dem Verdeck untergebracht und Alles stand zur Abreise in Bereitschaft. Die Sonnenhitze war trotz des über dem Verdeck aufgespannten Segeltuchs fast unerträglich, entsetzlich aber die Glut in den untern Räumen des Schiffes, wo die vielen Menschen zusammengedrängt saßen und wohin keine Bewegung der Luft gelangen konnte. Das Stöhnen und Wehklagen der Gefangenen war herzzerreißend, dennoch blieb Holcroft noch während des ganzen Tages in der Bucht liegen, und erst als die Abenddämmerung einbrach, lichtete er die Anker und trieb in die See hinaus. Alle Luken und Luftlöcher wurden geöffnet, sodaß der Seewind in das Schiff eindringen konnte, dessenungeachtet fand man am folgenden Morgen drei Negerinnen infolge der großen Hitze entseelt an ihren Ketten liegen.

Alle Segel, welche die Brigg tragen konnte, waren jetzt aufgezogen, die Kanonen geladen und die Mannschaft zu einem Kampfe auf Tod und Leben vorbereitet.

"Der fliegende Kapitän hat jetzt ausregiert", sagte Holcroft zu seinem Zögling. "Und wenn Ihr Freund, der Engländer, uns wieder begegnet, so wird ihm Kapitän Holcroft statt der amerikanischen Flagge die blutrothe Fahne der Sklavenhändler und Piraten zeigen.

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Mit dem Durchlügen ist es vorbei, jetzt heißt es durchgefochten. Dies ist die Seite des Sklavenhandels, die mich reizt und mich immer wieder in denselben hineingezogen hat; mit voller Ladung den Ocean zu durchziehen und jeder Gewalt offen die Stirn zu bieten, darin liegt für mich Begeisterung und Poesie."

"Offen gestanden, Holcroft, ist mir die andere Seite bei weitem interessanter, und ich hoffe, daß mein Freund und seine Kameraden uns mit ihrem angenehmen Besuch verschonen werden. Es wäre doch kein Spaß, wenn sie uns in den Grund bohrten", entgegnete Harry und ließ seinen Blick um den Horizont wandern.

Die Hoffnung Harry's sollte in Erfüllung gehen, denn Woche auf Woche verstrich, ohne daß sich ein Segel zeigte, und kaum war ein Monat verflossen, als die Brigg sich nur noch wenige Tagereisen von der Küste Brasiliens befand,

Die Sklaven hatten sich nach und nach in ihre Lage gefunden und wurden des Morgens und des Abends in Abtheilungen auf das Verdeck gelassen, damit sie die erfrischende Seeluft genießen sollten. Nur einzelnen von ihnen, die immer noch bösen Willen gezeigt hatten, war diese Gunst vorenthalten worden. Unter ihnen befand sich ein ungewöhnlich schöner junger Mann von athletischem Körperbau und stolzer Haltung, der

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niemals ein Zeichen von Freundlichkeit und Fügsamkeit gegeben hatte. Er war ein mächtiger Häuptling in seinem Vaterlande gewesen, weshalb man ihm auf dem Schiffe den Namen Fürst gegeben hatte.

Es war an dem Abend, als die Ufer Brasiliens zuerst aus dem Meere auftauchten und die Sonne in ihrem Purpur hinter ihnen versinken wollte, da sagte Holcroft zu dem ersten Steuermann:

"Laßt den Fürst doch einmal heraufkommen, damit er seine neue Heimat sieht; ihr Anblick stimmt ihn vielleicht freundlicher."

Wenige Minuten später trat der schöne Mann aus der Luke hervor auf das Verdeck. Er stand hoch aufgerichtet und ließ seinen Blick über das Meer schweifen, als Holcroft ihm zurief und nach dem Lande hinzeigte. Der Schwarze folgte mit seinen großen schwarzen Augen der Richtung, schlug stolz die Arme unter, daß die Ketten rasselten, trat festen Schritts an die Brüstung und sprang in hohem Bogen über dieselbe hinaus. Gerade und aufrecht mit untergeschlagenen Armen, wie er gestanden hatte, schoß er hinab in das Meer, um nie wieder aufzutauchen.

Die Männer, die zugesprungen waren, um ihn zurückzuhalten, standen sprachlos da und schauten auf die See hinab, und einige Minuten verstrichen, ohne daß

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ein Wort, ein Laut auf dem Verdeck hörbar wurde, dann sagte Holcroft:

"Ein stolzer Bursche, wahrhaftig! Ich würde dasselbe gethan haben!"

"Schade um ihn", bemerkte Harry, "er war ein bildschöner Mann!"

Am folgenden Morgen waren die Berge bei Rio Janeiro deutlich zu erkennen, und Holcroft gab nun dem Schiffe eine mehr südliche Richtung, in welcher er mit vollen Segeln dem Lande zusteuerte. Gegen Mittag schon lief die Brigg südlich von der Kaiserstadt in eine Bucht ein, welche sich eine Meile weit in das Land erstreckte und in deren Mitte sie vor Anker gelegt wurde. Holcroft spähte während einiger Stunden vergebens nach dem Ufer hin, um Salerio dort erscheinen zu sehen, bis derselbe sich endlich mit seinen Leuten zeigte, und nun wurden sofort Anstalten gemacht, die Ladung an das Land zu bringen. Die Boote wurden ausgesetzt, die Sklaven in Abtheilungen an einander gekettet in die Kähne geführt und mit aller Eile an das Ufer gerudert, wo Salerio sie in Empfang nahm.

Schon versank die Sonne hinter den Bergen, als sämmtliche Sklaven, welche die Fahrt überlebt hatten, zweihundertundsechzig an der Zahl, gelandet waren und durch Salerio weiter in das Innere getrieben

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wurden. Holcroft mit Harry und sämmtlicher Mannschaft hatte gleichfalls das Ufer erreicht, er sandte aber einige von seinen Leuten nach der Brigg zurück, um mit ihr jeden Nachweis von dem gelungenen Geschäfte zu vernichten. Nach Verlauf von einer Viertelstunde schlugen die Flammen aus dem Schiffe hervor, und bald stand auf der glatten dunkeln Flut eine hohe Feuersäule, die prasselnd zum Himmel aufwirbelte und sich tief in dem Wasser spiegelte. Auch das Boot, in welchem die Matrosen an das Land zurückkehrten, wurde versenkt, und dann trat die ganze Mannschaft ihre Wanderung nach der Hauptstadt an, während Holcroft und Harry ihr auf den Pferden voraneilten, die Salerio für sie zurückgelassen hatte.

Die beiden Glücksritter bezogen ein Hotel, in welchem sie nicht gekannt waren, und empfingen am folgenden Tage die volle bedungene Zahlung dafür, daß sie zweihundertsechzig Menschen der Heimat gewaltsam entführt und sie auf fremder Erde ewiger Knechtschaft und großem Elend überliefert hatten.

Sie vermieden es, sich öffentlich zu zeigen, um nicht als Offiziere der Brigg Teresa erkannt zu werden, welche noch nicht von ihrer Reise zurückgekehrt war, weshalb sie auch die erste sich darbietende Gelegenheit, Brasilien zu verlassen, benutzten und sich nach Mexico einschifften.

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Es war gegen das Ende des Monats October im Jahre 1832, als Holcroft und Harry Williams zwischen der von Meereswogen umspülten Felsenfeste San-Juan de Ulloa und der alten Stadt Veracruz vor Anker gingen und sich nach der breiten Hafentreppe hinüberrudern ließen. Es mußte etwas für das mexicanische Volk Wichtiges und Erfreuliches geschehen sein, denn von den hohen Zinnen der Feste, von den Thürmen und Kuppeln der Stadt und von den Balkonen und Dächern der Häuser wehten die mexicanischen Farben in tausend Flaggen in der frischen Abendluft, welche von dem Meere her über die Küste zog. Kaum hatten die beiden Reisenden die Treppe erstiegen und schritten dem Zollgebäude zu über den mit Menschen gefüllten Platz, als sie nach allen Seiten hin jubelnde Vivas für den Helden Santa-Anna ertönen hörten.

General Antonio Lopez de Santa-Anna, der schon im Jahre 1821 in den Freiheitskämpfen Mexicos gegen die spanische Herrschaft als General focht, der 1823 den Kaiser Iturbide stürzte und 1829 unter Guerrero zum Kriegsminister und Oberbefehlshaber des Heeres ernannt wurde, hatte sich gegen den Präsidenten General Bustamente empört, dessen Truppen vor wenigen Tagen aufs Haupt geschlagen und nach seinem Triumphzug in die Stadt Mexico Don Manuel Gomez

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Pedrazza auf den Präsidentenstuhl gesetzt. Er hatte schon lange Zeit mit dieser höchsten Stelle geliebäugelt und alle dahin führenden Wege eingeschlagen, doch war er ihr immer noch nicht näher gekommen, obgleich ihn das Volk als einen Gott der Schlachten feierte. Bustamente und dessen Anhänger waren seine gefährlichsten Widersacher auf seinem Wege zum Präsidentenstuhle, darum mußte derselbe fallen und der unbedeutende Pedrazza für die nur noch kurze Regierungsperiode dessen Stelle einnehmen. Die neue Präsidentenwahl stand in wenigen Monaten bevor, und Santa-Anna's Partei in dem Volke hatte sich durch diese seine neuen Siege bedeutend vergrößert, weil Bustamente sich durch Strenge, Ungerechtigkeiten und Soldatenherrschaft sehr viele Feinde gemacht hatte.

Die Nachricht von den gewonnenen Schlachten und dem Umsturz der Regierung ging wie ein Lauffeuer durch das ganze Land und wurde allenthalben mit Jubel und mit Vivas für den Sieger Santa-Anna begrüßt.

Die sämmtliche Bevölkerung von Veracruz schien in Bewegung zu sein, und alle Straßen und alle Plätze wogten von freudig aufgeregten Menschenmassen.

Veracruz, die vergnügungslose Geschäftsstadt in der ungesunden, baumlosen Sandebene war aber nicht der Ort

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für Holcroft noch für Harry; die alte Kaiserstadt Mexico zu sehen, waren sie gekommen. Sie deponirten darum am folgenden Morgen ihr Geld bei einem angesehenen amerikanischen Hause, ließen sich Kreditbriefe nach der Hauptstadt geben und verließen mit der Post noch am selbigen Tage die Stadt.

Mit schwellender Erwartung der hohen Genüsse, die ihnen zu Theil werden würden, warfen sie am Abend des folgenden Tags von den Bergen, die das Thal von Tenochtitlan umschließen, den ersten Blick auf die schöne alte Stadt Mexico und versetzten sich in Gedanken schon in die tausend Lustbarkeiten, die ihrer dort harrten.

Die Postkutsche lieferte sie im Vorüberfahren vor einem der ersten Hotels der Stadt ab und der Wirth desselben, dem sie mittheilten, daß sie nur zu ihrem Vergnügen die Reise hierher gemacht hätten und längere Zeit hier zu zverweilen gedächten, empfing sie mit großer Aufmerksamkeit.

Sie hatten sich in ihrer Rechnung in Bezug auf Belustigungen nicht geirrt, denn die ganze Stadt schien augenblicklich ein großer Vergnügungsort zu sein; die Häuser waren mit Fahnen und Teppichen geschmückt, abends wurden sie mit Lampen und Transparents erleuchtet, Fest- und Tanzmusik verhallten weder Tag

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noch Nacht und deren lustige Weisen mischten sich mit dem Geprassel von Feuerwerken und dem Donner von Geschützen. Santa-Anna, der siegreiche Held war es, dem zu Ehren die Stadt ihr Festkleid angelegt hatte, den zu feiern die Bevölkerung sich dem Taumel von Lustbarkeiten hingab.

Santa-Anna war ein kluger, berechnender Mann. Wo er auch erschien, es geschah immer im höchsten Glanze, umgeben von seinem mit Gold überladenen Stabe, damit seine Vertraulichkeit, seine Freundlichkeit, womit er sich auch dem geringsten Bürger nahte und sich mit ihm unterhielt, so viel höhern Werth erhielten und einen um so dauerndern und begeisterndem Eindruck hinterließen. Wenn abends in dem Theater die seidenen Vorhänge seiner Loge aufflogen und er von seinen Adjutanten begleitet unter dem stürmischen Jubelgruß der versammelten Menge eintrat, schritt er sogleich an die Brüstung vor, verneigte sich nach dem Parterre hinab und dann erst erwiderte er mit vornehmer Höflichkeit den Gruß der Nobleza im ersten Range. Abends bei den Promenaden in der Alameda, wo er von den Großen des Reichs umringt erschien, rief er oftmals einen vorübergehenden Bürger an, reichte ihm die Hand, blieb, in traulicher Unterhaltung bei ihm stehen und ließ seine stolzen Begleiter auf sich warten. Nur in den Dom

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zur Frühmesse ging er allein und zwar im einfachen, ungeschmückten Waffenrocke und zeigte dort die tiefste Demuth und Unterwürfigkeit. Aber auch nur in der Kirche konnte er erscheinen, ohne von dem Volke umringt und mit den lautesten, begeistertsten Vivas begrüßt zu werden.

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Fünftes Kapitel.

Der Tag neigte sich, als Holcroft und Harry Williams Toilette gemacht hatten, ihr Hotel verließen und sich nach der Alameda begaben, um dort die vornehme und schöne Welt der Hauptstadt Mexicos in vollem Glanze zu sehen.

Sie erreichten das eiserne Gitterthor dieser öffentlichen, mit Parkanlagen und Springbrunnen gezierten Promenade und mäßigten gleich beim Eintreten in dieselbe ihre Schritte, überrascht von dem prächtigen Schauspiel, welches sich ihren Blicken darbot. Die Vornehmen und Reichen Mexicos durchzogen lustwandelnd die saubern Wege der Alameda, und die reiche strahlende Toilette der Damen zeigte, daß eine festliche Veranlassung sie hierher geführt hatte. Man erwartete Santa-Anna. In Seide rauschend, von luftigen Spitzengewändern umwogt, mit der reizenden, malerischen Basquina angethan und mit Diamanten und Perlen geschmückt, zogen sie dahin, die schönen Frauen und Mädchen, heute mit

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offenem Visir; denn zurückgeworfen waren ihre Mantillen und enthüllten den Zauber ihres reichsten Schmucks, ihrer schwarzen Augen. Leicht und elastisch wiegten sie sich auf ihren wunderbar zierlichen Füßen, geschmeidig war jede Bewegung ihres üppig schönen Körpers, und das Fächerspiel in ihren kleinen Händen entfaltete seine höchste Beredtsamkeit. Wie ein Gewinde von Blumen des sonnedurchglühten Tropenlandes schwebte der Strom dieser reizenden Nachkommen der Altspanier durch den Park, und zwischen ihnen hervor prunkten die glänzenden Uniformen vieler der Helden, die unter Santa-Anna gefochten hatten. Doch waren unter den anwesenden Männern auch alle andern Stände und namentlich die Geistlichkeit zahlreich vertreten. Je mehr die Sonne sich zu den westlichen Gebirgen hinabsenkte, je feuriger die eisigen Spitzen der beiden Vulkane im Süden erglühten, um so zahlreicher wurde die Menge, die hier sich spazierend bewegte oder auf den Ruheplätzen sich niedergelassen hatte.

"Das ist ein anderes Bild, Holcroft, als das in der Bucht an der afrikanischen Küste; es erinnert an Neuorleans, und ich weiß wahrlich nicht, ob diese Mexicanerinnen unsern Creolinnen von Louisiana nicht den Rang streitig machen", sagte Harry lebhaft erregt, als er mit seinem Gefährten zwischen dem bunten Gewoge hinschritt.

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"Sie sind schön und reizend, wie ich es Ihnen ja oft sagte; wild und unbändig in ihrer Leidenschaft, sei es Liebe, sei es Haß; unsere Creolinnen aber sind edler und schöner, und die stillere Glut ihrer Gefühle ist tiefer und dauernder", entgegnete Holcroft.

"Sehen Sie nur, wie sie gehen, wie ihre Augen umherblitzen, wie ihre Fächer schwirren und wie sie sich schmiegen und biegen! Beim Himmel, sie sind reizend", fuhr Harry in wachsender Begeisterung fort und sah bald hier, bald dorthin nach den vorüberwandelnden Damen, deren Aufmerksamkeit die beiden fremden Ge stalten nicht entgingen.

Namentlich war es die unleugbar elegante Erscheinung des schönen Harry, welche die Blicke der Mexicanerinnen auf sich zog und diese häufig ihr Fächerspiel nach ihm hin richten ließ.

Plötzlich erschallten an dem andern Ende des Parks laute Vivas, der Name Santa-Anna ging von Mund zu Mund, und der Menschenstrom richtete sich ihm entgegen.

Ein großer, schöner Mann mit rabenschwarzem Haar und dunklen, mit durchdringendem Blick um sich schauenden Augen kam in prächtiger Uniform, die Brust mit Orden bedeckt und von vielen hohen Offizieren begleitet, durch die Anlagen herangeschritten, und Alles trat zur

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Seite und verneigte sich tief vor ihm. Seine Haltung war stolz und gebietend und doch freundlich und höflich, und wie er vorwärtsschritt, erwiderte er links und rechts die Artigkeiten, die man ihm entgegenbrachte. Dieser Mann war Santa-Anna, der Held so vieler Schlachten, der Liebling des mexicanischen Volks und, wie er sich selbst nannte, der Napoleon Amerikas.

Harry und Holcroft waren ihm gleichfalls entgegengegangen und kamen in seine Nähe in dem Augenblick, als er auf eine reich gekleidete hohe Frauengestalt zutrat, sich mit großer Höflichkeit vor ihr verneigte und ihr augenscheinlich einige Schmeichelworte sagte, denn die Dame erhob drohend ihren Fächer und schien ihm scherzend Vorwürfe darüber zu machen, indem sie zugleich auf einen ältlichen kleinen Herrn deutete, der mit entblößtem Haupte neben ihr stand und gleichfalls so eben dem Kriegsgott seine Huldigung in tiefster Ehrerbietung dargebracht hatte.

Noch ein zweiter Begleiter befand sich an der andem Seite der Dame, welcher sich auch höflich vor Santa-Anna verneigt hatte, wenn auch weniger unterwürfig in seiner Haltung als der ältliche Herr. Er war im schwarzen Frack und trug den runden Hut und sehr weiße Wäsche, drei Hauptbedingungen in der Toilette des amerikanischen Gentleman.

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"Wer sind die beiden Herren, die mit dem General sprachen?" fragte Harry einen jungen Mann, der neben ihm stand und gleichfalls die Gruppe betrachtete.

"Der Alte ist der Graf Don Ventura Romero, ein Mitglied des Staatsraths, und die Dame ist seine Frau. Der andere Herr aber ist der amerikanische Consul hier, Herr Murphy", antwortete der junge Mann, und Harry dankte ihm für die Auskunft.

Jetzt verabschiedete Santa-Anna sich bei der Gräfin, grüßte ihre Begleiter und setzte seinen Spaziergang fort, da wandte sich jene nochmals nach ihm um, und im Vorübergleiten blieb ihr Blick auf Harry haften. Mit sichtbarer Ueberraschung schaute sie ihn an, ihre großen schwarzen Augen blitzten für einen Moment ihm entgegen, dann entfaltete sie den Fächer und entzog ihr schönes Antlitz dem aufflammenden Blick Harry's.

"Haben Sie es bemerkt, Holcroft, wie sie hierher sah?" sagte er mit halblauter Stimme und erfaßte seines Gefährten Arm.

"Langsam, langsam, junger Mann! Wenn Sie bei jedem solchen Blick so auflodern wollen, so verbrennen Sie, ehe die Nacht einbricht", entgegnete Holcroft mit seiner gewohnten Ruhe. "Das ist hier Weibersitte, aber durchaus noch keine Auszeichnung. Uebrigens, schön war

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die Frau, das ist wahr. Sehen Sie nur, welche vornehme, prächtige Gestalt sie ist!"

"Ich muß sie kennen lernen. Morgen mache ich Murphy meinen Besuch, er soll mich ihr vorstellen, denn sie ist das schönste Weib, welches meine Augen je gesehen", sagte Harry in stürmischer Bewegung und zog Holcroft am Arme mit sich fort der Gräfin nach.

"Lassen Sie uns langsam gehen, am Ende des Wegs wird sie umkehren und uns dann begegnen", versetzte Holcroft und mäßigte seine Schritte.

Wie er es vorausgesagt, so geschah es. Als die Frau das Ausgangsthor der Alameda erreichte, blieb sie stehen und überredete ihre Begleiter, noch einen Gang mit ihr durch den Park zu machen, worauf sie sich umwandten und auf demselben Wege zurückkehrten.

Ihre Unterhaltung mit dem Consul an ihrer rechten Seite war jetzt außerordentlich lebhaft, ihr ganzer biegsamer Körper schien durch graziöse Bewegungen Theil daran zu nehmen, der Fächer flog bald auf, bald zu und die Blitze ihrer Augen trafen Harry häufiger, je näher sie ihm kam.

"Sie sind ein eisiger Nordländer, an dem unsere Tropensonne umsonst ihre Glut verschwendet", sagte sie zu dem Consul im Vorüberschreiten an Harry und ließ ihren Feuerblick, auf diesen gerichtet, in wollüstiger

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Ermattung unter den sinkenden langen schwarzen Wimpern ersterben.

"Das Weib könnte mich wahnsinnig machen", stieß Harry mit flüsternder Stimme heraus, indem er den Arm seines Begleiters krampfhaft an sich drückte und über die Schulter nach ihr zurückschaute. Sie hatte den Griff ihres Fächers dicht an ihr Antlitz gehoben und Harry begegnete in dem kleinen Spiegel an demselben abermals ihrem großen schwarzen Auge.

"Die Frau ist wunderbar schön", sagte Holcroft, "und sie scheint sich wirklich für meinen hübschen jungen Freund zu interessiren. Glück auf! Nur vergessen Sie nicht, daß man in diesem Lande den Dolch vortrefflich zu führen weiß."

"Lassen Sie uns umkehren und ihr folgen!" bat Harry und blieb stehen.

"Wenn Sie Ihnen wirklich eine Auszeichnung zugedacht hat, so würde Ihr Nachfolger ihr nicht angenehm sein. Sie müssen den Weibern immer zeigen, daß Sie den Schein meiden und daß ihre Geheimnisse sicher bei Ihnen bewahrt sind", entgegnete Holcroft belehrend.

"Sie kommt uns aber aus den Augen, wenn wir nicht schneller gehen."

"Thut nichts. Sie weiß recht gut, daß ihr Blick gezündet hat, und will sie Ihnen noch einmal begegnen,

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so wird sie schon umkehren. Ich glaube es aber nicht", versetzte Holcroft, und er hatte Recht gehabt, denn vergebens suchte Harry nach ihr unter der wandelnden Menge; sie war verschwunden.

Am folgenden Tage fuhr Harry in einer Staatscarrosse bei dem amerikanischen Consul, Herrn Murphy vor und wurde mit Artigkeit von demselben empfangen. Er theilte ihm mit, daß der Stammsitz seiner Vorfahren in Tennessee gelegen wäre, daß er aber, von den großen Vorzügen des schönen Texas angelockt, sich dort angesiedelt habe und daß er der Hoffnung lebe, bald den amerikanischen Adler seine Flügel über dies gesegnete Land ausbreiten zu sehen.

"Das ist ein Wunsch, der jeden guten Amerikaner beseelen muß, Herr Williams, den man hier im Lande jedoch nicht laut werden lassen darf; seien Sie ja vorsichtig in Ihren Aeußerungen. Santa-Anna hält eine strenge Polizei."

"Ich sah Sie gestern Abend in der Alameda im Gespräch mit ihm und bedauerte, daß ich Ihnen noch keinen Besuch gemacht hatte, sonst würde ich Sie gebeten haben, mich dem General vorzustellen", bemerkte Harry.

"Das kann dieser Tage geschehen, denn er besucht regelmäßig die Alameda, und ich mache dort an jedem Abend meine Promenade."

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"Da ich den Winter hier zuzubringen gedenke, so würde ich Ihnen auch sehr dankbar sein, wenn Sie mich gelegentlich mit einer und der andern angesehenen Persönlichkeit bekannt machen wollten. Ich mache eine Ausnahme von unsern Landsleuten im Allgemeinen und liebe es, mich in Formen zu bewegen."

"Sie haben ganz Recht, Herr Williams", entgegnete der Consul; "der Amerikaner liebt zu sehr das "I don't care", und dies hat mich in meiner Stellung schon oft in recht große Verlegenheit gebracht. Um so angenehmer ist es mir, meinen Freunden hier einen meiner Landsleute vorstellen zu können, der diesem allgemein bekannten Fehler der Amerikaner widerspricht. Gestern Abend schon fragte mich nach Ihnen eine sehr interessante geistreiche Dame, die Gräfin Romero. Wir gingen einige Male an Ihnen vorüber. Wer war der Herr, der Sie begleitete?"

"Gleichfalls ein Landsmann, mit dem ich im Postwagen von Veracruz hierher bekannt wurde; einer von jenen, die sich nicht geniren können. Er heißt, glaube ich, Holcroft."

"Holcroft? Holcroft? Wenn ich mich recht besinne, stand einmal ein Holcroft als Pirat vor dem Gerichte in Neuyork, er log sich aber durch. Kommen Sie jedenfalls diesen Abend wieder nach der Alameda, da

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werde ich die Gelegenheit wahrnehmen, Sie einem oder dem Andern vorzustellen."

Harry erwähnte der Gräfin Romero nicht, sondern wollte es in der Hoffnung, daß sie an diesem Abend wieder auf der Promenade erscheinen würde, einer passenden Gelegenheit überlassen, mit ihr bekannt zu werden, und mit glühender Erwartung dieses Augenblicks kehrte er in das Hotel zurück und eilte zu Holcroft in dessen Zimmer.

"Mein Glücksstern ist im Aufgehen", sagte er zu ihm, indem er vor den Spiegel trat und mit der Hand durch sein Lockenhaar fuhr. "Meine Schöne hat sich gestern bei Murphy erkundigt, wer ich sei, und heute Abend werde ich mit ihm die Alameda besuchen; hoffentlich erscheint auch die Gräfin wieder auf der Promerade."

"Nochmals Glück auf, nur nehmen Sie sich in Acht, diese Mexicaner sind etwas eifersüchtig", entgegnete der Sklavenhändler warnend.

"Sie haben es mich ja gelehrt, zu wagen", entgegnete Harry lachend und fuhr dann, seinen Castorhut mit dem Aermel seines Rockes glättend, fort:

"Ich fürchte, Holcroft, unsere Neigungen werden uns jetzt wieder wie früher in Neuorleans nach verschiedenen Richtungen ziehen, denn ich beabsichtige die Kreise der höhern Gesellschaft hier zu besuchen, die für Sie keinen

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Reiz haben. Wir wollen unsern Liebhabereien keine Gewalt anthun, da aber zusammen genießen, wo dieselben uns zusammenführen."

"Das versteht sich von selbst, Williams", entgegnete Holcroft. "Ich glaube aber, daß Sie eher meinen Wegen folgen werden, als ich den ihrigen. Ich will heute Abend einmal mein Glück im Spiel gegen das dieser Mexicaner messen; sie sollen nicht ungeschickt darin sein, doch glaube ich, sie noch etwas lehren zu können. Sie spielen leidenschaftlich und übersehen dabei leicht die Gewandtheit eines ruhigen Gegners."

Mit großer Ungeduld erwartete Harry diesen Abend. Er hatte schon lange, ehe die Sonne sich neigte, aufs sorgfältigste seine Toilette beendet und dabei namentlich auf sein Haar und seinen Bart alle Aufmerksamkeit verwandt. Wiederholt trat er vor den bis auf den Fußboden reichenden Wandspiegel, betrachtete sich darin von allen Seiten, zog seinen Frack glatt um seine schlanke Taille und ordnete die Schleife des leicht um seinen Nacken geschlungenen Tuchs.

Endlich sank die Sonne zu den Gebirgen hinab, Harry setzte seinen Biber mit einer leichten Seitenneigung auf seine glänzenden Locken, nahm die weißseidenen Handschuhe von dem Tische und eilte mit Flügelschritten nach der Alameda hin. Es war noch zu

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früh, die Wege waren noch leer, nur hier und dort im Schatten der Bäume hatten sich einzelne Besucher auf den Ruhesitzen niedergelassen und die Blumenverkäuferinnen wählten eben an den Wegen ihre Plätze und ordneten in den großen, aus Palmblättern geflochtenen Wannen die prächtigen Sträuße, die sie zum Verkauf bieten wollten. Harry wandelte mit seinen Hoffnungsgedanken langsam durch den Park hin und her und ließ sich zuletzt unweit des großen Springbrunnens auf einer Steinbank nieder, von welchem Platze aus er einen großen Theil der Promenade übersehen konnte. Kurz vor dem Versinken der Sonne begannen von allen Seiten Spazierende in die Alameda einzutreten, und deren Wege füllten sich rasch. Harry verweilte allein auf der Bank und wurde der Gegenstand der Betrachtung manches schönen Augenpaars, und mancher feurige Blick, mancher Fächergruß fand verstohlen seinen Weg zu ihm. So viel Schönheit und Grazie aber auch an ihm vorüberzog, so hatte er doch augenblicklich kein Gefühl dafür, die hohe reizende Gestalt der Gräfin und ihre Zauberaugen standen zu lebendig vor seiner Erinnerung. Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter und der Consul Murphy, der sich ihm von hinten genaht hatte, wünschte ihm guten Abend.

"Ich hatte mich an jener Seite nach Ihnen

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umgeschaut, da sah ich Sie hier sitzen und freue mich, Sie gefunden zu haben, Herr Williams", sagte er, indem er Harry die Hand reichte. "Nun lassen Sie uns ein wenig gehen und zwar diesen Weg gegen den Hauptstrom, dann sehen wir am schnellsten, wer von Bekannten hier ist."

"Ich schätze es als ein großes Glück für mich, in Ihnen, Herr Consul, einen so liebenswürdigen Landsmann gefunden zu haben, da ich außer meinen Creditbriefen keine Empfehlung mit hierher brachte. Apropos, ehe mir ein Anderer zuvorkommt, machen Sie mir das Vergnügen, morgen bei mir zu Mittag zu speisen. Leider kann ich Ihnen noch keine weitere Gesellschaft bieten als die meinige, mit der Zeit aber hoffe ich einen ausgewählten Bekanntenkreis um mich zu sammeln."

Diese Worte richtete Harry mit der ihm eigenen vornehmen Höflichkeit an seinen neuen Bekannten, worauf dieser ihm mit einer Verbeugung erwiderte:

"Sehr gern, Herr Williams, Sie sind mir aber mit der Einladung auf morgen zuvorgekommen; ich selbst wollte mir die Ehre von Ihnen erbitten. So müssen Sie mir denn die Freude machen, diesen Abend bei mir zuzubringen."

Harry nahm gleichfalls die Einladung an, gab Murphy dann seinen Arm und nun schritten sie zusammen

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dem Wandelzuge entgegen. Während des Gehens nannte der Consul die Namen der hervorragenden Persönlichleiten, welchen sie begegneten, und fügte kurze Umrisse ihrer Verhältnisse und Stellungen bei. Man grüßte ihn häufig sehr freundlich, er redete aber Niemand an, sondern ging nur grüßend vorüber.

"Wenn ich nicht irre, kommt dort die Gräfin Romero, die Dame, welche sich gestern nach Ihnen erkundigte", sagte Murphy plötzlich, in die Ferne spähend. "Ich werde Sie ihr vorstellen, und wie ich hoffe, zu Ihrer beiderseitigen Zufriedenheit; sie kann äußerst liebenswürdig sein."

Harry murmelte etwas wie: "Sehr dankbar, sehr angenehm" und folgte dabei dem Blick seines Begleiters, bis er selbst unter den vielen sich nahenden Damen die schlanke Gestalt der Gräfin erkannte. Schon von weitem bemerkte er, daß ihr Blick ihn entdeckt hatte, und sichtbar bewegt schritt sie nach wenigen Augenblicken an der Seite ihres Gatten auf den Consul zu.

"So ist mein Hoffen erfüllt", sagte die Condesa mit klangvoller, lieblich tönender Stimme zu Murphy, indem sie sich mit aller Grazie verneigte und ihn durch das Senken ihres Fächers begrüßte, zugleich aber sich mit Blick und Bewegung etwas seitwärts zu Harry hinwandte. "Ich habe wirklich darauf gehofft, Sie wieder

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hier zu treffen, weil es mir gestern nicht gelang, Sie Ihrer ernsten Stimmung zu entreißen, und weil ich so sehr gern noch einen zweiten Versuch dazu machen wollte."

"Sie sollen heute mit mir zufrieden sein, Condesa; mein junger Begleiter hier wird mir dabei behülflich sein", entgegnete der Consul, sich lächelnd verbeugend, zeigte auf Harry und fuhr fort: "Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Herrn Williams, einen Plantagenbesitzer aus Texas, vorstelle. Condesa Donna Laodice Romero", sagte er dann zu Harry.

Dieser sowie die Gräfin verneigten sich gegenseitig, ihre Blicke hielten einander gefesselt und beiden schoß das Blut in die Wangen; doch Murphy entzog Harry dem Zauberbann der schönen Frau, indem er ihn nun auch mit deren Gemahl, dem Conde Don Ventura Romero, bekannt machte.

"Es ist mir sehr erfreulich, Sie kennen zu lernen, Herr Williams", sagte der Graf. "Werden Sie längere Zeit bei uns verweilen?"

"Ich gedenke den Winter hier zuzubringen. Wie wäre es auch möglich, sich von so viel Schönem, so viel Reizendem, wie Mexico bietet, bald wieder zu trennen!" entgegnete Harry mit einem aufflammenden Seitenblick nach der Condesa.

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"Es ist wohl nur der Reiz der Neuheit, der Sie hier erfreut, Herr Williams, denn Texas soll ja der Blumengarten unseres Reichs sein", nahm die Gräfin das Wort und hielt, unter ihren langen, schwarzen Wimpern hervorschauend, ihren schwärmerisch glühenden Blick auf Harry's glänzende blaue Augen geheftet.

"Ein Blumengarten allerdings, aber ein wilder, in dem die Natur sich noch nicht veredelt hat. Solche Himmelsblüten, wie sie hier dem Auge strahlen, habe ich früher nie gesehen", entgegnete Harry, den schönen Augen der Gräfin feurig begegnend.

"Auf Ihrem Wege hierher haben Sie doch nur wenig von unserer Flora gesehen, wenn Sie mich aber gelegentlich auf meinem Landsitze beehren wollen, Herr Williams, so werde ich Ihnen wirklich sehr schöne Blumen zeigen", fiel der Graf ein und wandte sich dann zu Murphy, der im Begriff gewesen war, eine Frage an ihn zu richten.

"Vielleicht gefallen Ihnen aber unsere, wie Sie sagen, veredelten Blumen bei näherer Bekanntschaft weniger als Ihre wilden Naturkinder in Texas, und Ihre Sehnsucht nach diesen würde Sie eiligst zu ihnen zurückführen", fuhr die Gräfin mit noch wärmerem Blick und gedämpfter Stimme fort, indem sie mit Harry ihrem Gatten und dem Consul nachschritt.

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"Solcher Zauber läßt keinen freien Willen, er fesselt unbedingt und macht zum glücklichsten Sklaven", antwortete Harry noch leiser und sah der Gräfin noch fester in die Augen.

Diese schlug sie aber nieder, entfaltete ihren glänzenden Fächer vor ihrem Antlitz und that einige Schritte zögernd, wodurch die Entfernung von ihrem Gemahl vergrößert wurde, dann richtete sie ihre Augen mit allem Liebreiz wieder auf Harry und sagte:

"Fürchten Sie sich nicht vor solchen Ketten? Die spanischen Blumen beanspruchen ungetheilte Aufmerksamkeit."

"Die Ketten, die ein Engel schmiedet, sind unzerreißbar und beseligend, und der Glückliche, der sie trägt, wird sich nimmer nach Freiheit sehnen, denn er würde ja seinen Himmel verlassen müssen", antwortete Harry mit halblauter Stimme, während die Aufregung, die sich seiner bemächtigte, sich in seinen Augen spiegelte.

"Herr Williams, Herr Williams", versetzte die Condesa mit einem Glutblick und drohte lächelnd mit dem Fächer, dann folgte sie eilig ihrem Gemahl und sagte, denselben einholend:

"Sie vergessen in Ihrer Unterhaltung ganz, daß Sie mit einer Dame promeniren, meine Herren; ich kann Ihnen ja kaum folgen."

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In diesem Augenblick bogen sie um eine Gebüschgruppe und standen vor Santa-Anna. Sie traten überrascht zur Seite und verneigten sich, um ihn vorüberziehen zu lassen, er aber schritt mit einer grüßenden Handbewegung auf die Gräfin zu, faßte dann, sich verbeugend, an seinen Federhut und sagte:

"Die eine Sonne ist verschwunden, um der andern die Herrschaft zu lassen; ich habe mich nach ihren Strahlen gesehnt, schöne Condesa."

"Vor der Sonne Mexicos, Eure Herrlichkeit, muß jede andere verbleichen, und dem Kriegsgott ergab sich Venus selbst", antwortete die Gräfin mit einer graziösen Bewegung ihrer Hand gegen den Feldherrn und verneigte sich vor ihm.

"Nicht doch, Eure Erlaucht, der Gefangene, der Besiegte war der Kriegsgott. Selbst ein Gott kann dem Zauber höchster weiblicher Schönheit nicht widerstehen", versetzte Santa-Anna, indem er seine Rechte auf sein Herz legte und sich tief vor der Gräfin verbeugte. Dann wandte er sich freundlich zu dem Grafen und zu dem Consul und bemerkte jetzt erst, daß Harry mit zu ihrer Gesellschaft zähle.

"Wer ist der schöne junge Mann, der mit der Condesa spricht?" fragte er die beiden Herren, worauf Murphy erwiderte:

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"Ein reicher Baumwollenpflanzer aus Texas; erlauben mir Eure Herrlichkeit, Ihnen denselben vorzustellen?"

"Wird mir sehr angenehm sein, Herr Consul", entgegnete Santa-Anna und wandte sich zu Harry, den Murphy aus seiner Unterhaltung mit der Gräfin zog und ihn als Herrn Williams aus Texas dem General vorführte.

"Sie sind geborener Amerikaner, Herr Williams?" hob Santa-Anna nach gegenseitiger Begrüßung an.

"Und zwar in Tennessee geboren, Eure Herrlichkeit", antwortete Harry mit freundlicher Höflichkeit.

"Die Einwanderung der Amerikaner in Texas hat in den letzten Jahren sehr zugenommen und viele äußerst tüchtige Männer haben sich dort niedergelassen. Wenn das amerikanische Element sich nur leichter mit dem mexicanischen verbinden wollte, sie bleiben aber immer wie Wasser und Oel geschieden. Wie ich höre, sollen in den östlichen Gegenden, wo viele Amerikaner wohnen, die Mexicaner weggezogen sein."

"Das mag wohl mehr seinen Grund in der Verschiedenheit ihrer Beschäftigung finden, Eure Herrlichkeit. Die Mexicaner in Texas haben immer von der Viehzucht gelebt und nur für ihren Bedarf Brodstoff gebaut, während der Amerikaner mehr Ackerwirthschaft

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treibt und durch seine Felder die Weideplätze der Mexicaner unterbricht.

"Wie ist die Stimmung der amerikanischen Bevölkerung von Texas gegen die hiesige Regierung?" fuhr Santa-Anna fort und hielt seinen Blick auf Harry geheftet.

"Sehr unzufrieden mit Bustamente; die Nachricht von dessen Fall wird dort noch größern Jubel hervorrufen als hier, und die Begeisterung für den Sieger, den Helden Santa-Anna wird von Texas aus durch die ganzen Vereinigten Staaten widerhallen", antwortete Harry mit einer Verbeugung.

"Es freut mich, etwas gethan zu haben, was in dieser Provinz Beifall finden wird, ich habe mich immer sehr für sie interessirt und werde stets ihr Wohl im Auge halten. Uebrigens ist Texas von der Natur zur Viehzucht bestimmt, denn die ganze nördliche Hälfte Amerikas hat solche reiche, ewig grüne Weiden nicht aufzuweisen wie dieses Land."

"Dagegen muß ich Eurer Herrlichkeit aber bemerten, daß auch kein anderer Theil dieses Landes so reichen, unerschöpflichen, ergiebigen Boden neben so fruchtbarem, namentlich so gesundem Klima besitzt, und daß kein Land auf der ganzen Erde so vorzügliche Baumwolle erzeugt wie Texas. Hätte es die Arbeitskräfte,

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welche den Vereinigten Staaten zu Gebote stehen, so würde es in kurzer Zeit der reichste Staat auf diesem Continent sein."

"Sie verstehen unter Arbeitskräften die Sklaven. Sklaverei aber, dieser Fluch, der auf Nordamerika lastet und der ihm zum Verderben werden wird, ist Gott Lob aus unserm Reich verbannt und soll nie, solange ich mitzureden habe, über unsere Schwelle treten. Ich weiß recht gut, daß die amerikanischen Ansiedler in Texas große Mengen von farbigen Arbeitern nach dort gebracht haben, wenn dieselben aber Sklaven bleiben, so ist es ihr eigener Wille, denn nach unsern Gesetzen sind sie frei, sobald sie den Fuß auf mexicanische Erde gesetzt haben."

"Ich stimme den Grundsätzen Eurer Herrlichkeit in Bezug auf Sklaverei aus innigster Ueberzeugung bei, ich halte sie für ein verbrecherisches, den Menschen herabwürdigendes und brandmarkendes Institut", sagte Harry mit anscheinend tiefster Entrüstung und fügte noch hinzu: "Wenn wir in Texas nur so glücklich wären, von den Millionen arbeitender Indianer, die hier im Innern des Landes wohnen, einen Theil nach unserer Provinz übersiedeln zu können, denn die, welche unser Land durchstreifen, sind wilde Kannibalen, die dem Fortschreiten unserer Cultur einen gewaltigen Damm entgegenstellen."

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"Unsere nordöstlichen Staaten leiden ebenso viel durch diese Indianer und ich werde es mir zur Hauptaufgabe machen, unsere Grenzen gegen dieses Gesindel zu schützen, sobald unsere innern Zustände geregelt sind und meine Stimme bei der Regierung unseres Reichs mehr Gewicht hat; zu viele Köpfe zersplittern ihre Kraft."

Diese letzten Worte sagte Santa-Anna halb vor sich hin, als ob ihn für den Augenblick ein mächtiger Gedanke der Gegenwart entzöge.

"Diese Zeit wird hoffentlich nicht fern sein, Eure Herrlichkeit; die neue Präsidentenwahl steht nahe bevor", fiel Harry mit schmeichelndem Tone ein.

"Sollte man mir die Ehre erzeigen, so werde ich mich des reichen, schönen Texas ganz besonders annehmen. Wann reisen Sie nach dort zurück?"

"In nicht langer Zeit", antwortete Harry mit gedämpfter Stimme und warf einen Blick nach der Gräfin, als fürchte er, daß diese seine Worte vernehmen möchte.

"So werden Sie vor der Wahl wieder dort sein und können meine Absichten bekannt machen", versetzte Santa-Anna und fügte, sich gegen Harry verneigend, noch hinzu:

"Es wird mir angenehm sein, Sie in meiner Wohnung zu begrüßen."

Dann verabschiedete er sich von der Gräfin und

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deren Gemahl, reichte dem Consul vertraulich die Hand und schritt zu den Offizieren zurück, die seiner in einiger Entfernung harrten.

"Unser zukünftiger Herrscher war ja äußerst liebenswürdig gegen Sie, Herr Williams", sagte die Condesa, wieder an Harry's Seite tretend. "Er ist ein großer Mann, den der Himmel unserm Lande als rettenden Engel gesandt hat; nur ein solcher Kopf, ein solcher Arm kann uns vor einer Pöbelherrschaft bewahren. Er ist aus alter guter Familie und weiß den Werth zu schätzen, den der Adel für ein Land hat."

"Herr Williams", wandte sich jetzt der Graf zu Harry um, "unser gemeinschaftlicher Freund, der Herr Consul, ist so freundlich und will uns das Vergnügen Ihrer Gesellschaft an diesem Abend mit genießen lassen, wenn Sie mit ihm denselben bei uns verbringen wollen."

"Ich bin der reiche Gewinner bei dieser Aenderung und fühle mich sehr geehrt und beglückt durch Ihre Güte, Herr Graf", erwiderte Harry mit großer Höflichkeit. "Ehe ich aber die Einladung annehmen lann, muß ich von der Frau Gräfin hören, ob auch sie ihre Zustimmung dazu gibt."

"Unverhoffte Freude macht stumm", entgegnete die Condesa mit wonnigem Lächeln, "sonst würde ich der Bitte meines Gemahls die meinige beigefügt haben;

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jetzt bitte ich Sie, Herr Williams, unser Haus zu Ihrer Heimat zu machen. Rechnen Sie diese Worte nicht als spanische Form, sondern betrachten Sie dieselben als wirklich so gemeint. Je öfter Sie von dieser unbegrenzten Einladung Gebrauch machen, um so dankbarer werden wir, mein Gemahl und ich, Ihnen sein."

Der Graf stimmte den Worten seiner Gattin bei und schlug nun mit dem Consul den Weg nach dem Ausgang aus der Alameda ein, während die Gräfin mit Harry an ihrer Seite in einiger Entfernung folgte.

"Zürnen Sie mir auch nicht darüber, daß ich die Veranlassung zu der Einladung gab?" fragte die Condesa mit süßem Tone ihren jungen Begleiter.

"Ich würde Ihnen selbst dann nicht zürnen können, wenn Sie mir die Seligkeit Ihrer Huld wieder entziehen wollten; es würde mich aber endlos unglücklich machen", erwiderte Harry mit bittendem Tone.

"Ich laufe größere Gefahr, eine Freude wieder zu verlieren, die ich mir vielleicht nur durch diese Huld verschaffte und welche zu erhalten die Kräfte mir fehlen", sagte die Gräfin mit halblauter, weicher Stimme und sah mit allem Zauber ihrer Augen zu Harry auf.

Im Vorübergehen an den vielen Lustwandelnden in der Alameda wurden sie fortwährend der Gegenstand großer Aufmerksamkeit und Alles schaute neugierig dem

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interessanten jungen Fremden nach, der sich so eifrig mit der vornehmen schönen Condesa unterhielt.

Harry und der Consul verbrachten einen äußerst angenehmen Abend bei Romeros, der Graf zeigte sich als liebenswürdiger Wirth, und die Gräfin bot Alles auf, ihren Gästen die Zeit angenehm zu vertreiben; sie würzte die Unterhaltung, indem sie ihrem Gatten und dem Consul in Allem das Widerspiel hielt, bekämpfte beide mit Scherz und Witz und rief Harry oft für sich in die Schranken. Auch ließ sie ihre Harfe bringen und spielte und sang zur Bewunderung und zum Entzücken aller. In ihrer allgemeinen Bemühung aber, die Männer zu erheitern, versäumte sie nicht, durch Ton, Blick und Bewegung Harry auszuzeichnen und das in ihm hervorgerufene Interesse für ihre Person noch mehr zu beleben. Glühend fühlte er jeden Blitz ihrer Augen seine Glieder durchzucken, wie himmlische Musik traf ihn der Ton ihrer süßen, klangreichen Stimme, und träumend verließ er das Palais, träumend von dem Glücke, welches so hohe Schönheit, so bezaubernde Liebenswürdigkeit zu spenden im Stande sein würde.

Harry machte von der unbeschränkten Einladung der Gräfin Gebrauch und besuchte täglich ihr Haus. Bei diesen Besuchen behandelte ihn der Graf mit großer Zuvorkommenheit und Freundlichkeit, und das Benehmen

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der Condesa gegen ihn wurde immer vertrauter, immer wärmer, aber auch immer weniger unbefangen und immer ernster. Oft verstummte sie plötzlich in munterem Gespräch und sah gedankenvoll vor sich nieder, oder ihr Blick heftete sich in stiller Glut für Augenblicke starr auf Harry's Gestalt, dann brach sie aber mit um so größerer Lebendigkeit wieder das Schweigen und suchte in wilder Heiterkeit den Ernst zu verbergen, der sie übermannt hatte.

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Sechstes Kapitel.

Harry war der stete Begleiter der Gräfin abends in der Alameda, an welchen Spaziergängen sich der Consul Murphy häufig betheiligte und dann gleichfalls mit nach deren Wohnung ging.

So begab es sich auch an einem schönen Abend, daß er mit ihnen und mit dem Grafen die Promenade verließ, und das helle Mondlicht hatte das letzte Roth am Himmel verdrängt, als sie das Palais Romero erreichten und in dessen kühlen, geräumigen Corridor eintraten.

An der breiten Marmortreppe blieb der Graf stehen, um die Gräfin und Harry vorangehen zu lassen, worauf er mit Murphy folgte.

Sie traten im ersten Stock in den hellerleuchteten Salon ein und ließen sich unter dem blitzenden Kronleuchter um den Marmortisch in Armsesseln nieder. Die Gräfin hatte die Basquina und die Mantille abgelegt und das schwarze Spitzentuch von ihrem zarten Nacken

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entfernt, sodaß auf dessen enthülltem Schnee das Diamantenkreuz mit der gräflichen Krone im Scheine der Lichter funkelte und blitzte. Doch das tiefglühende Feuer ihrer dunkeln überschatteten Augen ließ die Juwelen vor Harry's Blicken erbleichen, und mit magischer Kraft von den Reizen der schönen Frau gefesselt, vergaß er, was um ihn vorging. Er hatte es kaum bemerkt, als ein Diener Obst und Wein auf den Tisch trug, und sah denselben nicht, als er neben ihn trat und ihm Fruchtcrême anbot. Mit strahlendem Blick weckte die Gräfin ihn aus seiner Versunkenheit, indem sie ihm selbst eine Schale mit Crême reichte und sagte:

"Von mir, Herr Williams, müssen Sie schon etwas annehmen, auch wenn es nicht so schmackhaft sein sollte, wie Sie es in Ihrem schönen Texas gewohnt sind."

Harry's Leidenschaft steigerte sich von Minute zu Minute, es lief ihm wie Fieberglut durch die Adern und seine sonst so geläufige Rede wurde immer wortkarger; um so lebendiger aber führte die Condesa die Unterhaltung mit Worten, mit Blicken und mit dem Fächer; Harry's Versinken in ihren Anblick folgte sie mit Entzücken und es schien, als wolle sie ihm keinen andern Gedanken lassen als den an sie selbst. Bald blitzten ihre ganz geöffneten Augen mit wildem Feuer ihm entgegen, bald sanken deren lange Wimpern und

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ließen ihren Blick in sehnsüchtigem Verlangen nach ihm hinüberschwärmen, bald wieder lächelten sie ihm liebreizend zu. Rauschend umschwirrte der glänzende Fächer ihr edles, bleiches Antlitz und trieb den Lufthauch spielend durch die glänzenden Locken ihres Raabenhaars. Alle ihre Bewegungen waren leicht und natürlich und doch wie berechnet, denn oft fiel der weite Spitzenärmel zurück und entblößte ihren schön gerundeten Arm, dann wieder ließ ein leichtes zufälliges Vorneigen die Fülle ihrer Formen ahnen und oftmals stahl sich ihr reizender kleiner Fuß aus dem Faltenwurf ihres Gewandes hervor und verrieth die üppig schwellende Fortsetzung ihres feinen Knöchels.

Von Zeit zu Zeit aber wandte sich die Gräfin auch zu dem Consul, warf ihm scherzend vor, daß er seine ganze Aufmerksamkeit der Unterhaltung mit dem Grafen widme und darüber sie vernachlässige, und bemerkte, daß sie es sehr ungalant finde, in Gesellschaft einer Dame politische Themata zum Gegenstande des Gesprächs zu machen.

"Wir werden uns diesem höchst gerechten Vorwurf dadurch entziehen, daß wir uns hinaus auf den Balkon setzen", fiel der Graf, gleichfalls scherzend, ihr in das Wort, stand auf und reichte dem Consul eine Cigarre. Dann bot er auch Harry eine solche an, die dieser jedoch mit Dank zurückwies.

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"So lassen Sie uns dem Beispiel der beiden Staatsmänner folgen, Herr Williams, und uns ebenfalls in das Freie hinausbegeben; die Luft ist erquickend und labend", sagte die Gräfin sich erhebend, winkte ihrem Gatten und Murphy mit ihrem Fächer einen Gruß zu und geleitete Harry nun in das zur Linken anstoßende Zimmer, um nach dem Mirador, dem kleinen, zweisitzigen Balkon vor dessen Glasthür, zu gehen, während die beiden Männer an der andern Seite den Salon verließen und sich gleichfalls auf einen solchen Altan verfügten.

Das Gemach zur Linken erhielt nur ein mattes Licht aus dem Salon und von der Balkonthür, durch welche der bleiche Schimmer des Mondes eindrang. Als die Condesa mit ihrem liebeglühenden Begleiter in dasselbe eingetreten war, verstummten sie beide und verzögerten ihre Schritte. Sie hatten die Glasthür erreicht und standen neben einander, um hinauszutreten, als es Harry wie ein elektrischer Schlag durchzuckte, denn er fühlte seine Hand von der weichen Linken der Gräfin leise ergriffen. Die Flammen der Leidenschaft umloderten seine Sinne, mit beiden Händen erfaßte er die Hand, hob sie bebend an seine Lippen und stand regungslos da, als wolle er die Glut, die ihn durchwogte, auf den zarten Fingern der reizenden Frau ausströmen lassen. Diese aber neigte sich zu ihm hin und barg ihr schönes

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Haupt an seiner Brust. Wie wenn der zündende Funke in eine Mine gefallen, so brachen die letzten Bande, welche den Sturm in Harry's Gefühlen noch gefesselt hielten, seine Arme schlangen sich um den schlanken Leib der Condesa, er preßte sie krampfhaft an sein Herz und in glühendem Kusse brannten ihre Lippen aufeinander. Jede Rücksicht, jede Gefahr war vergessen, ihre Herzen zitterten, ihre Pulse rasten und Minuten seliger Erstarrung waren verflogen, als die Gräfin sich aus Harry's Umarmung wand, ihre Locken zurückstrich und seine Hand in ihrer Linken haltend auf den Balkon hinaustrat. Das bunte Leinendach, welches sich über dem Altan bis auf dessen Geländer herab wölbte, hüllte denselben in trauliches Halbdunkel, denn der Mond stand schon hoch am Himmel.

"Es ist geschehen! Ich habe gethan, was ich nicht lassen konnte - ich bin Dein, Geliebter!" sagte die Condesa mit unsicherer, halblauter Stimme und sank wie erschöpft in den Sessel nieder, während Harry in dem andern Stuhl Platz nahm. Wie von der plötzlichen Aufregung überwältigt, hatten beide für einige Minuten keine Worte, nur der Druck ihrer noch bebenden Hände, der unbeweglich in Wonne an einander gefesselte Blick ihrer Augen und zitternde, tiefe Athemzüge gaben ihren überwogenden Gefühlen noch Ausdruck.

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Die Gräfin hatte sich mehr und mehr dem nach ihr hingebeugten Harry genähert und sagte dann, ihm sehnsüchtig in die Augen schauend:

"So liebst Du mich wirklich, Harry?"

"Dein, Dein für die Ewigkeit mit Leib und Seele!" stammelte er flüsternd hervor und zog die Hand der Frau wieder an seine Lippen.

"So schwöre mir Treue, Harry, unverbrüchliche Treue! Ein spanisches Herz muß allein besitzen", fuhr die Condesa ebenso leidenschaftlich hingerissen fort und legte ihre beiden Hände um die seinige.

"Treu bis in den Tod, ich schwöre es, Du himmlisches Wesen!" antwortete Harry und zog die Gräfin noch näher zu sich heran, doch diese neigte sich wieder in ihren Sessel zurück und sagte:

"So höre mich, Geliebter! Unser Bund muß der Welt tief verborgen bleiben, soll unser Glück nicht zu Grabe gehen. Bei dem Monde schwöre ich es Dir, daß meine Liebe für Dich mein erstes Unrecht ist und mein einziges bleiben soll, welches ich gegen meinen Gatten begehe; sie war stärker als ich, als mein Wille, als meine Tugend. Das Unrecht wird aber schwerer, wenn es das Glück meines Gemahls trübt. Das darf, das soll nicht geschehen, darum sei vorsichtig mit Wort und Blick, damit Du uns nicht verräthst. Es fällt in keiner Weise

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auf, daß Du uns häufig besuchst, es fällt auch nicht auf, daß Du mir den Hof machst, denn der Welt gegenüber bin ich immer besser gewesen als mein Ruf, und der Graf ist stolz auf meine Treue und lacht meiner Galane. Er muß sein Glück, seinen Stolz behalten, doch ich kann ohne mein Glück, ohne Deine treue Liebe nicht leben."

"Ewig, ewig, Laodice, ist sie Dein!" flüsterte Harry.

"Ich werde es veranlassen", fuhr die Condesa fort, "daß wir hinaus nach unserm Landsitz ziehen, dort droht uns weniger Gefahr und winkt uns mehr Seligkeit. Dem Grafen wird mein Vorschlag sehr erwünscht sein, denn er ist gern auf dem Lande und zog nur auf meine Bitte in die Stadt. War es eine Ahnung von meinem Glück, welche mich hierher führte?"

"Es war mein guter Stern, der Dich leitete, der Dich hierher kommen ließ, um mir des Himmels Seligkeit zu geben", fiel Harry ein.

"Und sie mich in Deinen Armen, an Deinem Herzen finden zu lassen", sagte die Gräfin, warf sich ihm an die Brust und schlang, seine Lippen auf den ihrigen empfangend, ihre Lilienarme um seinen Nacken. Im nächsten Augenblick aber fiel sie wieder in ihren Stuhl zurück und flüsterte: "Wir wollen an das Geländer vortreten, damit Romero und der Consul uns sehen können.

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Diese zwischen ihnen und uns aus der Mauer hervorragenden Säulen sind unserer Liebe wegen geschaffen."

Dann standen beide auf, traten an die Balustrade vor und schauten, sich auf dieselbe stützend in die Straße hinab. Die Gräfin sprach laut, lachte und scherzte, und sah wiederholt seitwärts von den Säulen hin nach dem Balkon an der andern Seite des Palais, auf welchem der Graf und Murphy noch ruhig saßen und den Rauch ihrer Cigarren in dem Mondlicht aufwirbeln ließen.

"Sie sind noch tief in ihre Unterhaltung versunken", sagte die Gräfin, noch einen Blick nach dem andern Balkon werfend, trat dann mit den Worten: "Mein Harry, mein Geliebter!" in die Glasthür zurück, hielt ihm ihre Hände entgegen und sank nun abermals an seine Brust.

In Wonne und Lust verstrich ihnen die Zeit zu schnell, denn bald erkannte die Gräfin, daß der Consul sich verabschieden wollte, sie ordnete schnell ihre Locken, öffnete ihren Fächer und schritt mit Harry an ihrer Seite in den Salon zurück, wo ihnen die beiden Männer entgegenkamen.

"Ich hoffe, daß unserm Vaterlande viel Heil aus Ihrer Berathung erwachsen möge", sagte die Condesa scherzend zu dem Consul, als derselbe sich ihr empfahl, und wandte sich dann in demselben Tone zu Harry,

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indem sie fortfuhr: "Und Ihnen, Herr Williams, meinen besten Dank dafür, daß Sie sich meiner so ritterlich in meiner Verlassenheit annahmen. Sie vergessen uns morgen doch nicht?"

Von Liebe und Glück berauscht, kehrte Harry in sein Hotel zurück, fand aber Holcroft dort noch nicht angelangt, derselbe hielt spätere Stunden. Am folgenden Morgen, als er mit ihm frühstückte, theilte er ihm mit, daß er Santa-Anna heute seinen Besuch machen wolle und daß er den gestrigen Abend wieder bei der schönen Gräfin verbracht habe, verschwieg ihm aber das Verhältniß, in welches er zu ihr getreten war.

Holcroft erzählte ihm, daß das Glück und seine Geschicklichkeit ihn beim Spiel in vergangener Nacht begünstigt hätten und daß er einige Tausend Dollars gewonnen habe.

Harry machte nun an diesem Morgen Santa-Anna seine Aufwartung und wurde äußerst artig von ihm empfangen. Derselbe unterhielt sich lange Zeit mit ihm über die Verhältnisse von Texas, bemerkte, daß der abgesetzte Präsident Bustamente diese Provinz als ein Bollwerk gegen die vergrößerungssüchtigen Vereinigten Staaten betrachtet und darum der Einwanderung der Amerikaner alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt habe, daß er, Santa-Anna, dieselbe aber nach allen

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Kräften begünstigen wolle in der Hoffnung, daß sich das amerikanische Element mit dem mexicanischen vermischen und ein thatkräftiges, hochherziges Volk daraus hervorgehen werde. Er hoffte schließlich, Harry während seines Aufenthalts in Mexico oft bei sich zu sehen, und entließ ihn auf das freundlichste und huldvollste. Die Kreise der vornehmen Gesellschaft der Hauptstadt waren für Harry geöffnet, in dem Hause Romero machte er fast täglich neue Bekanntschaften, und es verging kein Tag, ohne daß ihm Einladungen zu Theil geworden wären. Er folgte jedoch keiner derselben, wenn er nicht von der Gräfin Romero wußte, daß auch sie dort erscheinen würde; geschah dies, so war Harry auch an ihrer Seite, um sich ausschließlich ihrem Dienste zu widmen, und bald galt er allenthalben für ihren erklärten Liebhaber. Und groß war der Neid der Damenwelt gegen die Condesa über den Besitz dieses schönen, liebenswürdigen jungen Galans, der in Texas so reiche Besitzungen haben sollte. Er war täglich bei Romeros im Hause und gewann sich durch sein artiges, vornehmes Wesen bald die aufrichtige Zuneigung des Grafen, der in den Aufmerksamkeiten Harry's gegen seine Gattin nur das feine Benehmen des Gentleman erkannte und den es erfreute, dieselbe, von andern Damen beneidet, mit ihm glänzen zu sehen.

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Romero's Stellung im Staatsdienste beanspruchte täglich einen Theil seiner Zeit, und es war ihm angenehm, daß die Gräfin in Harry einen Begleiter bei ihren Wegen, Besuchen und Spazierfahrten hatte, über den sie jederzeit verfügen konnte.

Der Vorschlag der Condesa, auf das Landgut zu ziehen, war dem Grafen sehr erwünscht, denn dasselbe lag nur eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, sodaß sein Aufenthalt dort sich sehr gut mit seinem Dienste vertrug, und da er an Garten und Feld und überhaupt an der freien Natur seine Freude hatte, so machte er sofort Anstalten zur Uebersiedelung auf seinen Landsitz. Der Vorbereitungen dazu bedürfte es nicht viele, denn die dortigen Einrichtungen waren vollständig, und da die Gräfin ihrem Gatten noch keine Familie geschenkt hatte, so waren es nur Diener und Equipagen, die hinausgeschafft werden mußten. Schon nach wenigen Tagen fand der Umzug statt und Harry begleitete den Grafen und die Gräfin dabei zu Pferde.

Die Besitzung war reizend gelegen; das aus Granit gebaute Schloß erhob sich unweit der Straße nach Pachuca am Tezcucosee auf hohen, steilen Felsmassen, beherrschte das ganze Thal und war durch seine maurische Form, durch seine Thürmchen, Vorbaue, Altane und Säulengänge eine Zie[r]de der Gegend. Der Ernst seines alten,

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dunkeln Gemäuers verschwand in den lachenden Orangenhainen und Palmengruppen, aus denen es hervorsah, und die schroffen Felsen, auf welchen es stand, waren mit Weinbergen geziert, die sich wie grüne Guirlanden hin und her an ihnen hinabwanden. Nach Südost hin lief eine Colonnade um das Schloß, deren hohe Bogenöffnungen, von blühenden Schlingpflanzen eingefaßt, dem Luftzug freien Durchgang gewährten, den Sonnenstrahlen aber nicht genug Einlaß gestatteten, um den kühlen Schalten aus dem Gange zu verdrängen. Das Auge schweifte aus dessen trautem Halbdunkel hinab über den glänzenden Spiegel des wunderbar schönen, von Tropenhainen eingefaßten Tezcucosees und weiter hin nach den Tenochtitlangebirgen, über welche die eisbedeckten Häupter der beiden riesigen Vulkane aus dem durchsichtig blauen Aether in das Thal von Mexico herabschauten. Nach Südwest vor der Fronte des Schlosses breitete sich ein prächtiger Garten mit hohen immergrünen Gebüschgruppen bis an die Mauer aus, welche über den Felsabhang hinlief und über deren Mitte ein von Minarets gezierter Pavillon sich erhob. Aus dessen großem, durch zwei Marmorsäulen getheiltem offenem Bogenfenster hatte man einen prächtigen Blick über die Stadt Mexico. Wie ein Feenschloß stieg die Villa, wenn die Sonne sank, vor dem glühenden Abendhimmel auf, ihre Fenster blitzten

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und funkelten in dessen Scheine wie Gold und Juwelen und tief hinab in die klare Flut des Sees senkte sich ihr Spiegelbild.

Es war ein reizender Aufenthalt dieser Landsitz; kühl und labend bot er während der Hitze des Tags die wonnigsten, verborgensten Ruheplätzchen und Laubengänge für stille Leute, wohin niemals ein Sonnenstrahl gelangte, und des Abends verscheuchte der frische Luftzug, der das ganze Schloß frei umspielte, die Glut, welche sich in dasselbe eingedrängt hatte. Es war ein Aufenthalt, ganz geschaffen für zwei heimlich liebende Herzen, wie das der Gräfin und Harry's, denn zu jeder Tages- und Nachtzeit bot er ihnen Gelegenheit, ihr Glück ungesehen und ungestört zu genießen. Oft schon früh in des Morgens erfrischender Kühle ritt Harry hinaus, um mit dem Grafen und dessen Gattin unter duftenden Orangenbäumen im Freien zu frühstücken und sich an der prächtigen Aussicht über das weite Thal von Tenochtitlan zu ergötzen. Wenn dann der Graf seinen Dienstpflichten folgte und in die Stadt fuhr, blieb Harry bei der Gräfin zurück, um die Einsamkeit von ihr fern zu halten, und wenn Romero aus der Stadt wiederkehrte, so mußte Harry zum Mittagsessen bleiben, um ihn mit seiner Gesellschaft zu erfreuen. Die Abende waren aber zu wunderbar schön, als daß Harry schon

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in die durchglühten Mauern der Stadt hätte zurückkehren dürfen, der Graf ließ ihn nicht fort und die Gräfin bot dem Gatten zu Liebe alle ihre Ueberredungskunst auf, Harry noch zu halten, so sehr derselbe anscheinend auch darauf drang, nach Hause zu reiten. Hatte er aber nun endlich Abschied genommen und sein Pferd bestiegen, so ritt er gewöhnlich nur bis an den Fuß des Berges in einen dort gelegenen dichten Waldstrich und verweilte da, bis die späte Stunde der Mitternacht kam. Dann ließ er sein Pferd in dem Versteck zurück, eilte zu Fuß wieder nach der Villa hinauf und durch den Garten in den Pavillon, wo die Condesa ihn nun noch mit einem letzten Abschied beglückte. Harry konnte leicht und ungesehen diesen Pavillon erreichen, indem er durch die Schlangenwindungen der Weinberge hinauf in den Garten gelangte und dort hinter dichten Myrten- und Lorbeergebüschen die Mauer entlang bis an das Gartenhaus schlich. Der Weg der Gräfin bis dahin war nur ein kurzer, denn es führte aus ihren Gemächern ein Ausgang in den Garten, den zu durcheilen sie nur weniger Augenblicke bedurfte. Ismene, ihre treue Dienerin und zugleich ihre Vertraute, begleitete sie stets bei diesen nächtlichen Ausflügen und hielt außerhalb des Pavillons Wache, wenn auch von keiner Seite Gefahr drohte, da um diese Zeit sämmtliche Dienerschaft in tiefem Schlafe lag und der

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Graf die andere Seite des Schlosses bewohnte, von wo er den Garten nicht übersehen konnte.

Absichtlich ließ Harry manchmal mehrere Tage verstreichen, ohne in dem Schlosse zu erscheinen, und wenn der Graf ihn dann in dem Hotel aufsuchte und nach der Ursache seines Nichtkommens fragte, schützte er Geschäfte vor, die ihn abgehalten hätten. Seltener aber fehlte er um Mitternacht in dem Pavillon.

So flogen Tage, Wochen und Monate für den Grafen, für die Condesa und für Harry in ungetrübtem Glücke hin, und das Frühjahr zog neu belebend über Berg und Thal. Da trat eines Morgens Holcroft zu seinem jungen Gefährten in das Zimmer und setzte sich zu ihm an die offene Glasthür, die auf den Balkon hinausführte.

"Ich habe Ihnen eine Mittheilung von großer Wichtigkeit zu machen, Williams", sagte er und blies den Rauch seiner Cigarre in Ringeln durch die Thür hinaus.

"Und die wäre?" versetzte Harry, mit Ueberraschung und Spannung dem bedeutungsvollen Blick des Sklavenhändlers begegnend.

"Sie können das Angenehme hier mit dem Nützlichen verbinden", fuhr Holcroft sinnend fort. Man soll über das Vergnügen nie eine Gelegenheit aus dem

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Auge lassen, sich des Hauptspenders desselben, des Goldes zu bemächtigen."

"Ich verstehe Sie nicht, Holcroft, ich glaube auch nicht, daß ich mich einer solchen unverzeihlichen Nachlässigkeit schuldig gemacht habe. Ich sehe nicht ein, wie ich hier Geld gewinnen könnte, ohne zu spielen, und Sie wissen, darin habe ich kein Glück", entgegnete Harry mit zunehmender Spannung.

"So hören Sie!" nahm der Sklavenhändler wieder das Wort. "Sie befinden sich an einer Quelle des Reichthums. Ich erfuhr nämlich zufällig gestern Abend, daß der Graf Romero der Verwaltung der Staatsländereien vorsteht und daß er nach Belieben mit Landstrichen belehnen und solche auch zu kaum nennenswerthen Preisen verkaufen kann. Ich dächte wohl, wer mit der Frau dieses Mannes in so freundschaftlichem Verhältniß steht und ihr so manche glückliche Stunde bereitet, könnte diesen auch leicht dazu bewegen, ein paar Federstriche zu seinen Gunsten zu thun. So einige Leguas Landes in Texas wären so übel nicht."

"Was sagen Sie? Romero hat die Verwaltung über die Ländereien?" fiel Harry mit aufglänzendem Blick ein. "Ich kann ja von ihm haben, was ich will!"

"Nun, so lassen Sie sich nicht zu wenig geben, eine

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solche Gelegenheit, Vermögen zu machen, wird nicht oft geboten", versetzte Holcroft.

"Ei, sofort reite ich hinaus zu ihm, um ihn zu bearbeiten", sagte Harry in großer Aufregung.

"Versäumen Sie nicht, die schöne Gräfin zu bitten, daß Sie [sie] selbst Ihnen das Land zumessen möchte, für Sie nimmt sie sicher das größte Maß", bemerkte der Sklavenhändler noch mit sarkastischem Lächeln, als Harry schon der Thür zueilte, um sein Pferd satteln zu lassen.

Schon in den ältesten Zeiten der spanischen Herrschaft in Mexico pflegte die Regierung große Landstriche an Privatpersonen zu geben, entweder unter der Bedingung, binnen gewisser Jahre eine gewisse Anzahl Menschen darauf anzusiedeln, oder sie verkaufte sie ihnen für eine sehr geringe Summe, die mit dem Werthe des Landes in gar keinem Verhältniß stand und die gewöhnlich in die Privattasche der höhern Beamten floß. Man nannte solche Stücke Landes Empresiarios oder Grants, und die Besitztitel darüber sind in der Regel die ältesten und besten in allen Ländern, wo Spanien einmal herrschte.

In Texas hatte aber die Regierung Mexicos in den letztern Jahren viele solcher Landstriche an dort wohnende Mexicaner verkauft, um es den einwandernden Amerikanern zu erschweren, ein von Privatbesitz freies

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Stück Land zu finden, worauf sie sich niederlassen konnten. Namentlich waren unter der Präsidentschaft Bustamente's ungeheure Strecken in dieser Weise in Privathände übergegangen, und auf die Klagen, die von Texas aus dagegen erhoben wurden, hatte man immer geantwortet, daß die dafür eingenommenen Gelder zum Schutze der Grenzen dieser Provinz gegen die wilden Indianer verwendet würden, während es allgemein bekannt war, daß man die mexicanischen Soldaten in diesem Lande davon bezahlte, welche dazu dienten, dessen amerikanische Bevölkerung zu belästigen und niederzuhalten, und daß der Rest des Geldes von den Verwaltungsbeamten in der Hauptstadt unter sich getheilt wurde. Es war nichts Ungewöhnliches, daß man eine Legua Land, ungefähr viertausendfünfhundert Acker, für tausend Dollars und auch für noch viel weniger verkaufte und daß ein einziger Mann bis zu fünfzehn Leguas in dieser Weise von der Regierung erstand. Die Amerikaner in Texas waren dadurch angewiesen, sich um Land an die Mexicaner zu wenden, und da diese ihnen dasselbe gewöhnlich verweigerten, so mußten sie weiter hinaus in die Gegenden ziehen, die noch vollständig in den Händen der Indianer waren.

Der Graf Don Ventura Romero hatte bei den Verkäufen von Texasländereien während der Präsidentschaft

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Bustamente's bedeutende Summen für sich selbst erübrigt, und es war ein gar zu lockender leichter Verdienst, als daß er denselben unter dem neuen Präsidenten aus eigenem Antrieb hätte aufgeben sollen.

Das Gesuch Harry's, ihm Land in Texas zu verkaufen, fand bei Romero williges Gehör, zumal da er sich erbot, gleich das baare Geld dafür zu zahlen, nur hatte der Graf das eine Bedenken dabei, daß Harry ein geborener Amerikaner sei, und daß die Regierung, wenn sie von dem Verkauf hören sollte, ihm, dem Grafen, Vorwürfe darüber machen würde.

"Man braucht es sie ja gar nicht wissen zu lassen, verehrter Herr Graf", entgegnete Harry beruhigend. "Wir machen es unter uns ab, ich zahle Ihnen viertausend Dollars baar aus, Sie lassen mir die Documente über vier, wenn es geht, fünf Leguas Land in guten Gegenden von Texas anfertigen, und es kräht weder Huhn noch Hahn danach. Sie haben doch sicher einige zuverlässige, verschwiegene Unterbeamte?"

"Daran fehlt es mir nicht", antwortete der Graf nachdenkend und fuhr nach einigen Augenblicken fort: "Dann wäre es wohl gut, wenn ich Ihnen unsere Karte von Texas zeigte, auf welcher alle bisher ausgegebenen Ländereien aufgezeichnet sind, wonach Sie dann selbst bestimmen könnten, wo Sie die Grants zu haben wünschen."

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"Das wird mir jedenfalls sehr angenehm sein", fiel Harry mit vollkommener äußerer Ruhe ein, während seine innere Aufregung über das sich ihm nahende Glück von Minute zu Minute zunahm.

"So will ich Ihnen einen Vorschlag machen", nahm Don Romero wieder das Wort. "Sie lassen Ihr Pferd hier stehen, fahren mit mir nach der Stadt, wir besorgen dort alles Nöthige in Bezug auf unser besprochenes Geschäft, und dann fahren Sie wieder mit mir hierher, um mir und meiner Frau beim Mittagsessen die Freude Ihrer Gesellschaft zukommen zu lassen."

Harry ging sehr willig auf den Vorschlag ein, begleitete den Grafen nach dessen Geschäftslokal in der Stadt und nahm mit ihm dort eine genaue Einsicht in die Karte von Texas. Nach langer, reiflicher Erwägung wählte er zwei Leguas an den Ufern des wunderschönen San-Bernardflusses, zwei Leguas in dem District von Nacogdoches, und die fünfte Legua - denn fünf erbot sich Don Romero ihm für viertausend Dollars zu geben - ließ er in dem District San-Augustin[e] für sich vormerken.

"Schärfen Sie aber Ihren Leuten ein, verehrter Herr Graf, daß an der vorgeschriebenen Form der Documente nichts fehle", erinnerte Harry nochmals.

"Auch nicht ein Punkt oder ein Buchstabe",

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antwortete Romero. "Die Papiere werden so sorgfältig ausgefertigt, daß sie für kommende Jahrhunderte den Besitz der darin genannten Länder unumstößlich sichern."

Darauf bat Harry um Papier und Feder und stellte dem Grafen eine Anweisung über viertausend Dollars auf Veracruz aus. Dann eilte er nach dem Hotel und verkündete Holcroft sein Glück, kehrte aber zur rechten Zeit zu dem Grafen zurück, um versprochenermaßen mit ihm nach dessen Landgut zu fahren.

So liebenswürdig und so reizend wie heute war Harry der Gräfin lange nicht erschienen; seine Augen strahlten Glück und Begeisterung, seine Wangen waren mit dem Roth freudiger Aufregung gefärbt und jede seiner schnellen, leichten Bewegungen zeigte, daß ihn ein mächtiger, beseligender Gedanke belebe. Die Liebe sieht in solchem Bilde nur die Liebe walten, nie aber ein anderes, ein eigennütziges Interesse, und so erkannte die schöne Condesa in Harry's begeisterter Stimmung nur den jubelnden Widerhall ihres glühenden Abschieds in vergangener Nacht. Und wie seelenvoll, wie liebeschmachtend suchte sie seinen Blick zu fesseln und ihn in ihren halbgeschlossenen, schwimmenden Augen das Versprechen für noch höhere Seligkeit lesen zu lassen. Harry aber sah, wohin er auch blickte, nur die ungeheuren Summen

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vor sich, die er aus den gekauften Landstrichen in Texas lösen mußte, er sah sich im Geiste schon auf seiner Baumwollenplantage an den reizend schönen Ufern des San-Bernardflusses und träumte von Reichthum, Pracht und Herrlichkeit.

In Lust und Scherz verstrich der Tag, und, als die Schatten der Nacht über die Erde zogen, begaben sich der Graf und die Gräfin mit ihrem Gaste nach einem Ruhesitze, der in den Felsen unter der Colonnade angebracht war. Ueber demselben wölbten schlanke Palmen ihre luftigen Wipfel und zu seinen Füßen sank die Felswand steil in den See hinab. Ringsum verblichen die Farben, die Berge und Wälder verschwammen in unbestimmte Massen und auf der dunkelnden Fläche des Sees spiegelten sich klar und funkelnd die hellen Sterne.

Es war eine dieser Zaubernächte der Tropenländer, in denen Alles lebt und sich des Lebens freut und doch eine heilige Stille auf Berg und Thal liegt. Leise nur rauschte und flüsterte die gewürzige, kühle Abendluft in den Wipfeln der Palmen, summend und zirpend lebte die Insektenwelt auf und schwebte wie feuriger Nebel oder wie fliegende glühende Kohlen über dem Thale und die Fische im See sprangen spielend aus der stillen Flut empor. Poesie durchzog auf ihren Zauberschwingen die Natur, und unter ihrer Allgewalt hatten sich die weiche Linke

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der Gräfin und Harry's Rechte gefunden. Die Worte der Liebe, der Sehnsucht durchbebte die Liebenden jeder leise Druck, jedes stürmische Pressen ihrer Hände, und kaum vermochten sie der Unterhaltung zu folgen, welche der Graf in poetischer Begeisterung über die Reize der Nacht unermüdlich führte.

Es war so dunkel geworden, daß die drei Glücklichen kaum noch gegenseitig ihre Umrisse erkennen könnten. Da erglühte es im Osten über den Gebirgen und der volle Mond stieg in seiner Majestät am Himmel auf. Zitternd floh die Finsterniß in die tiefsten Schatten und das emporziehende milde Licht breitete seinen Atlasschimmer über Mexico aus.

Wie ein klarer Spiegel lag der See am Fuße der Felsen. In seiner Mitte schwamm die glänzende Scheibe des Mondes und zu deren beiden Seiten zitterten die silberstrahlenden Häupter der beiden Vulkane.

Die Entfernung zwischen der Gräfin und Harry hatte sich vergrößert und beide sprachen sich jetzt viel lebhafter über die Schönheit des Abends aus. Ganz besonders aber war der Graf entzückt darüber, und die Gräfin hatte schon wiederholt daran erinnert, daß die Nachtluft zu kühl werde und daß es besser sei, sich in das Schloß zu begeben, ehe ihr Gatte sich entschließen konnte, sich von dem reizenden Platze zu entfernen.

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Harry aber folgte dem Winke der Condesa, sah nach seiner Uhr und erklärte, daß er den Heimweg antreten müsse.

Es war gegen elf Uhr, als er sich verabschiedete und bei seiner Verbeugung gegen die Gräfin deren bedeutsamen Blick bejahend beantwortete. Der Graf gab ihm das Geleit bis zu seinem Pferd, wünschte ihm eine glückliche Nachhausekunft und bat ihn für den folgenden Tag um seinen Besuch.

Harry ritt davon, bog aber am Fuße des Berges von der Straße ab in ein unweit davon gelegenes Dickicht, wo er sein Pferd mit dem Zügel an einen Baum befestigte. Er konnte von hier aus die Fenster in dem Schlosse sehen und beobachtete, wie dieselben sich nach einander verdunkelten, bis kein Lichtschimmer mehr aus den dunklen Mauern hervordrang.

Kurz vor Mitternacht untersuchte Harry nochmals den verschlungenen Zügel seines Rosses und eilte dann auf den Flügeln der Hebe wieder den Berg hinauf in den Schloßgarten und an dessen Mauer hin nach dem Pavillon. Die Thür desselben war nur angelehnt, sein innerer Raum leer und in seiner Umgebung Alles still und stumm.

Um diese Zeit erhob sich der Graf aus dem Armstuhl, in welchem er gesessen und sich bei dem Scheine

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einer Lampe mit Lesen die Zeit vertrieben hatte; denn sein Geist war zu sehr durch die Freuden des Abends bewegt worden, als daß er sich schon dem Schlaf hätte hingeben können. Er trat an das offene Fenster und blickte in die herrliche Nacht hinaus. Das wundervolle Bild von heute Abend stand noch lebendig vor seiner Seele. Leider konnte er aus seinen Fenstern nicht dorthin schauen, doch war es der Mühe werth, in die Colonnade hinaus zu treten und bis an deren anderes Ende zu gehen, dort lag ja die Landschaft wieder vor ihm ausgebreitet. Er folgte dem Gedanken, ging hinaus in den Bogengang und schritt langsam und sich an der kühlen Luft labend in demselben hin, bis er dessen Ende erreicht hatte. Dort trat er in die Bogenöffnung und schaute zwischen den vor ihr herabhängenden Schlingpflanzen hindurch. Sein Blick schweifte über den See nach der Stadt hinüber, blieb aber auf dem Pavillon in dem Garten haften. Dessen Thür stand nämlich offen und aus ihr drang das Mondlicht hervor, welches durch das große Bogenfenster von vorn in das Innere eindrang. Romero hatte einige Augenblicke den Lufteffect zwischen dem dunkeln Gemäuer bewundert, als er plötzlich eine Mannsgestalt aus der Thür hervortreten und in dem Schatten des Pavillons verschwinden sah.

Was konnte der Mann wollen? Sollte er ein Dieb,

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ein Räuber sein? Der Graf neigte sich etwas weiter vor und schaute auf den im hellen Mondschein liegenden Garten hinab. Alles war unbeweglich und ruhig und von dem Manne konnte er nirgends etwas gewahren.

Doch wer kommt dort von dem Schlosse her? Eine verhüllte Frauengestalt - ist das nicht die Gestalt der Gräfin?

Romero stand erstarrt da wie die Mauer, an die er sich lehnte - es war die Form, der Gang seiner Gattin. Wohin wollte sie gehen?

Mit leichtem, schwebendem Schritt glitt sie auf dem hellen Wege durch den Gärten nach dem Pavillon und verschwand gleichfalls für einen Augenblick in dem Schatten, bis zu welchem Romero die Mannsgestalt gesehen hatte, im nächsten Augenblick aber erschienen beide innig umschlungen in der Helligkeit des Eingangs, traten in den Pavillon ein und die Thür schloß sich hinter ihnen.

Mehr bedurfte es nicht, um den Grafen aus seiner Erstarrung zu wecken. Eifersucht und Wuth beflügelten seine Schritte, er flog in sein Zimmer zurück, ergriff einen Degen und zwei Pistolen und stürzte die Treppe hinab in den Garten.

In diesem Augenblicke richtete sich in dem

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Myrtengebüsche dem Eingange zu dem Pavillon gegenüber die Gestalt einer Frau in die Höhe, lauschte nach den nahenden Schritten des Grafen hin und warf dann einen Stein gegen die Thür. Es war Ismene, die treue Dienerin der Gräfin, welche hier Wache hielt und durch dieses Zeichen die drohende Gefahr meldete.

"Mein Gott, was war das? Ein Stein schlug gegen die Thür!" rief die Gräfin, aus der Umarmung Harry's emporspringend, mit halb erstickter Stimme und sah entsetzt nach dem Eingange hin. "Himmel, noch ein Stein! Bei allen Heiligen, wir sind verloren, Harry!"

"Was kann es sein? Ich höre rasche Tritte", flüsterte Harry erschrocken und sprang an die Thür, um den Riegel nochmals fester zu drücken.

"Es ist der Graf. Allmächtiger, wie soll ich Dich retten, Harry!" rief die Condesa kaum hörbar und schlang in wilder Verzweiflung ihre Arme um den Geliebten.

"Aufgemacht!" schrie der Graf jetzt mit wüthender Stimme vor der Thür und suchte dieselbe zu öffnen, sie widerstand aber seinem Druck.

"Macht auf!" schrie er nochmals mit entsetzlichem Tone und trat nun gegen die Thür, daß sie weit aus dem Schlosse flog. Mit erhobener Pistole in der Rechten stürzte er in den Pavillon und sah einen Mann mit einem weißen Tuch über dem Kopfe auf der Brüstung

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des Bogenfensters sitzen, im Begriff, aus demselben über den Felsabhang hinabzuspringen. Es war kein Augenblick zu verlieren; Romero zielte, das Feuer flog aus der Pistole und der Mann stürzte aus dem Bogenfenster hinab.

In seiner Wuth sprang der Graf mit der zweiten Pistole in der Rechten an das Fenster, beugte sich hinaus und sah, wie der Mann an einer Ranke der Bignonia hing, die von dem Fuße des Felsens bis zur Mauerbrüstung hinauf gewachsen und mit ihren zarten Wurzeln in dem Gestein befestigt war. Diese zerrissen unter dem Gewicht, das an ihnen zog, die Ranke senkte sich schnell mit Harry der Tiefe zu, doch noch ehe dieser den Boden erreichte, gab der Graf mit dem wüthenden Rufe: "Stirb Hund!" zum zweiten Male Feuer.

Die Condesa, welche hinter der auffliegenden Thür gestunden hatte, war in dem Augenblick, als der Graf an das Fenster stürzte, hinausgesprungen und hatte Ismenen deren großes schwarzes Wollentuch, welches sie selbst über dem Kopf getragen hatte, mit den Worten zugeworfen: "Du bist es gewesen mit Deinem Liebhaber, rette mich!"

Dann war sie fliegend nach ihren Gemächern zurückgerannt, und Ismene hatte, das Tuch um sich schlagend, den Eingang des Pavillons in dem Augenblick erreicht, als der Graf den zweiten Schuß that.

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"Erbarmen, Erbarmen, Eure Herrlichkeit!" schrie die treue Dienerin und warf sich, wie in höchster Verzweiflung die Hände ringend, hinter dem Grafen auf den Fußboden nieder.

Dieser fuhr beim ersten Ton mit dem Degen in der Faust wie rasend herum, schreckte aber wie vom Blitz getroffen zurück und stierte dem Mädchen in die Augen.

"Erbarmen, Herr, für mich und meinen unglücklichen Geliebten, meinen Carlos, wenn Sie ihn nicht getödtet haben", flehte Ismene wieder mit herzzerreißender Geberde und wankte, sich erhebend, bis an die Fensterbrüstung, über welche sie weinend und jammernd hinabschaute.

"Ismene, bist Du es gewesen?" rief Romero mit herabgestimmtem Ton und erkannte nun in dem Tuch und in der Gestalt der Dienerin seinen großen unverzeihlichen Irrthum.

"Sei ruhig, Ismene, es wird ihm nichts gethan haben", sagte er verlegen und wollte sie von dem Fenster entfernen, doch das Mädchen begann jetzt erst recht zu wehklagen und zu weinen und hielt sich an der Fenstersäule fest, indem es in den Grund hinabspähte und der Schattengestalt Harry's folgte, die jetzt hinkend den Waldstrich erreichte, wo das Pferd stand.

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"Komm, Ismene, geh in das Schloß, sage aber Deiner Herrin nichts davon. Morgen früh gebe ich Dir Geld, und dann kannst Du Deinen Geliebten heilen lassen, wenn er verwundet sein sollte; ich sah ihn aber davonlaufen. Komm, geh jetzt! Daß Du aber der Gräfin kein Wort davon sagst! Es war Eure eigene Schuld, so in später Nacht hier in meinem Garten zusammenzukommen."

Mit diesen Worten nahm der Graf das Mädchen beim Arm und führte es aus dem Pavillon in den Garten, wo er einen ängstlichen Blick nach der Thür warf, die zu den Gemächern der Gräfin führte.

"Geh leise und leg Dich zu Bette", sagte Romero zu der Dienerin und eilte lautlosen Trittes selbst nach seinen Zimmern zurück.

Harry war während dieser Zeit bemüht, sein Pferd zu besteigen, was ihm nur unter sehr vielen Schmerzen gelang; diese steigerten sich aber noch bedeutend, als er sich in den Sattel niederließ; denn er kam gerade auf die Wunde zu sitzen, die ihm die erste Kugel des Grafen beigebracht hatte. Im Augenblick, als er sie empfing, war er in das Rankengeflecht unter dem Fenster gefallen und mit der starken Ranke, die er ergriff, in die Tiefe hinabgesunken. Der zweite Schuß des Grafen war an ihm vorübergepfiffen, und als er den Boden

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erreicht, hatte er schnell seinen vor sich hinabgeworfenen Hut aufgenommen und war mit aller ihm möglichen Eile davongelaufen. Das Tuch, welches er um seinen Kopf gewunden hatte, diente ihm jetzt als Unterlage unter die Wunde, um die Blutung zu stillen. Bei jedem Schritt, den sein Roß that, zuckte er in Schmerz zusammen und versuchte es immer wieder, sich weniger unangenehm zu setzen, es war aber nun einmal nicht zu ändern, er mußte den Ritt aushalten. Die Schmerzen aber, welche die Wunde ihm erzeugte, waren unbedeutend gegen die, welche der Gedanke an die Documente über sein gekauftes Land in ihm hervorrief; denn es unterlag keinem Zweifel, daß der Graf ihm nicht allein dieselben vorenthalten, sondern daß er auch die dafür empfangenen viertausend Dollars nicht wieder herausgeben würde. Harry's ganzes Luftgebäude war zusammengestürzt und er verwünschte den Augenblick, wo er sich dem Zauber der Gräfin hingegeben hatte.

Endlich erreichte er sein Hotel und sagte dem Burschen, der ihm vom Pferde half, daß er mit demselben gestürzt sei und sich dabei schwer am Bein verletzt habe. Holcroft wurde aus seinem Schlafe geweckt, und es blieb Harry nichts Anderes übrig, als demselben den ganzen Hergang offen zu gestehen. Der Sklavenhändler machte ein sehr bedenkliches Gesicht bei

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dieser Mittheilung und meinte, daß noch viel Schlimmeres folgen werde.

Er untersuchte die Wunde und fand, daß sie sich nur auf das Fleisch beschränkte und gänzlich gefahrlos war, blieb jedoch bei Harry, um ihm durch kalte Umschläge die Schmerzen zu lindern.

Mit Angst und Bangen sah dieser dem Morgen entgegen, der ihm der Himmel wußte was für Schreckensnachrichten bringen würde. Plötzlich aber, noch früher, als er es erwartet hatte, trat Ismene mit einer guten Nachricht auf ihrem Antlitz in das Zimmer. Harry bat den Sklavenhändler auf Englisch, ihn allein mit dem Mädchen zu lassen, und sobald derselbe die Thür hinter sich geschlossen hatte, berichtete die Dienerin den weitern Verlauf des nächtlichen Abenteuers von dem Augenblick an, wo Harry aus dem Pavillonfenster verschwand.

"Es ist Alles gut gegangen, Herr Williams", fuhr die treue Dienerin dann fort, "nur ist die Gräfin in großer Besorgniß um Sie. Ich sagte ihr, daß ich Sie hätte in den Wald zu Ihrem Pferde eilen sehen, doch sie ließ mir keine Ruhe und ich mußte schon so früh hierher reiten, um zu erfahren, wie es Ihnen gehe. Als ich mein Maulthier besteigen wollte, drückte mir der Graf dies Goldstück in die Hand und legte mir nochmals Schweigen gegen die Condesa auf."

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"Gott Lob, Gott Lob!" sagte Harry mit einem tiefen Athemzuge. Nun, melde dem Grafen, daß Du mir begegnet wärest und daß ich zu Pferde die Stadt verlassen hätte. Sage ihm, ich sei auf einige Tage verreist und ließe mich ihm und der Condesa bestens empfehlen."

Damit stützte Harry sich auf seinen Arm, hob sich im Sopha in die Höhe und gab aus seiner Börse, die vor ihm auf dem Tische lag, der Ueberbringerin der Freudenbotschaft ein Goldstück.

"Und was soll ich meiner Herrin sagen?" hob Ismene mit schlauem Lächeln an.

"Daß meine Wunde unbedeutend sei und daß ich hoffe in einigen Tagen die Gräfin wiedersehen zu können", antwortete Harry.

"Und keine Grüße?" fragte die Vertraute mit schelmischem Blicke.

"Tausend und tausend Grüße, Ismene! Sage ihr, mein größter Schmerz wäre, von ihr getrennt zu sein, sage ihr - nun, sage ihr, daß sie ja Alles selbst wüßte, was ich ihr sagen ließe, und daß ich noch tausendmal mehr für sie im Herzen trüge. Nun eile, Ismene, damit Du in das Schloß zurückkommst, ehe der Graf zur Stadt fährt."

Kaum hatte das Mädchen das Zimmer verlassen,

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als Holcroft wieder hereintrat und, dem Blick Harry's begegnend, ausrief:

"Der Sturm ist vorüber, der blaue Himmel scheint wieder durch die Wolken; ich lese es auf Ihrer Stirn. Wie hat sich die Sache zum Guten gewandt?"

Harry erzählte ihm nun, was er durch Ismene erfahren hatte, und schloß mit der Bemerkung:

"Verdammt, wenn ich je wieder in eine solche Falle gehe!"

"Wenigstens mit mehr Vorsicht", sagte Holcroft. "Den Rückzug muß man sich besser offen halten, als über einen vierzig Fuß hohen Felsabhang. Ueberhaupt würde ich dieses Liedchen nicht wieder anstimmen, es steht Ihnen ja ein ungeheures Vermögen dabei auf dem Spiele. Sie haben noch wenig von den Freuden Mexicos gekostet, überlassen Sie jetzt die schöne Signora dem Glück der Erinnerung und folgen Sie, solange wir noch hier verweilen, meiner Leitung; Sie werden es nicht bereuen."

Nachdem die beiden Gefährten zusammen gefrühstückt hatten, kam eine Einladung für Harry zu einer Soiree für diesen Abend bei Santa-Anna.

"Das nenne ich Unglück", sagte Harry, nachdem Holcroft die Antwort darauf hinausgebracht, daß Herr Williams verreist sei. "Ich hatte mich darauf gefreut, dort die ganze vornehme Welt in vollem Staate zu sehen."

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"Sie würden sich viel besser unterhalten, wenn Sie mit mir gehen könnten. Ich habe mich auf heute Abend mit mehreren Freunden verabredet, ein Fandangohaus zu besuchen, dort ist nicht die vornehme, aber die wirklich schöne Welt versammelt; ich sage Ihnen, eine Auswahl schöner Mestizen, wie ich sie nie reizender gesehen habe", entgegnete der Sklavenhändler.

"Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben; in wenigen Tagen werde ich mich bei Ihnen gesund melden", sagte Harry lachend.

"Es thut mir leid, daß ich Sie heute abends allein lassen muß, ich bin aber im Dienste eines reizenden Augenpaars."

"Hat nichts zu sagen, Holcroft, ich werde mich früh zur Ruhe begeben und von meinen Besitzungen in Texas träumen", entgegnete Harry scherzend.

Während des ganzen Tags pflegte der Sklavenhändler seinen angeschossenen jungen Freund, und erst als die Carrossen durch die hell erleuchteten Straßen dem Palais Santa-Anna's zurollten, verließ er ihn mit der Weisung, keinen Wein mehr zu trinken und sich frühzeitig schlafen zu legen.

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Siebentes Kapitel.

Die kühle Abendluft wehte erfrischend durch die offene Balkonthür in Harry's geräumigen Salon, der nur durch das Mondlicht matt erhellt wurde, welches durch dieselbe und durch das Fenster herein drang.

Tausend Pläne und Berechnungen, wie er den höchsten Gewinn aus seinem Lande in Texas ziehen wollte, durchkreuzten Harry's lebendige Phantasie, als er die Thür sich leise öffnen hörte und sich im Glauben, es wäre sein Diener, der sie öffne, nach ihr umsah. Es war aber eine Frauengestalt mit einem schwarzen Tuch über dem Kopf, die lautlos eintrat und, die Thür hinter sich schließend, den Riegel vorschob.

"Nun?" sagte Harry erstaunt und sah schärfer nach der Erscheinung hin, indem er zugleich den Dolch erfaßte, der vor ihm auf dem Tische lag.

Da warf die Unbekannte das Tuch von sich, breitete ihre Anne nach Harry aus und flog mit den Worten: "Mein Harry, meine Seligkeit!" zu ihm hin. Es war die Gräfin Romero.

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"Laodice, um Gottes Willen!" rief Harry erschrocken aus und richtete sich trotz des Schmerzes in seiner Wunde im Sopha auf, doch die Condesa lag vor ihm auf ihren Knieen, hielt seine Hand in den ihrigen und drückte krampfhaft ihre Lippen darauf.

"Sei unbesorgt, Geliebter, ich bürge Dir mit meinem Leben für unsere Sicherheit", sagte sie dann, sich zu Harry erhebend, und sank, ihre Arme um ihn schlingend, an seine Brust. Mit ihren Lippen erstickte sie die Worte, die er noch sagen wollte, und wie wenn der Engel der Liebe das Gemach durchwehte, verstummten beide in berauschender Umarmung.

"Aber, süße, himmlische Laodice!" hob nach einigen Augenblicken Harry wieder an.

"Wir sind sicher, ganz sicher, Geliebter", fiel ihm die Condesa in das Wort. "Der Graf ist bei Santa-Anna zur Soiree und ich sollte ihn begleiten, doch da ich ihn bat, allein zu gehen und mich die Oper besuchen zu lassen, willigte er im Bewußtsein, mir in vergangener Nacht großes Unrecht gethan zu haben, ein. Die heilige Jungfrau hat uns beschützt, mein Harry! O dürfte ich nur bei Dir beiben und Deine Wunde kühlen; Du Armer - mußt mir zu Liebe so leiden. Bist Du denn auch wirklich nicht gefährlich verletzt?"

"Durchaus nicht, Beste, es ist nur ein Schrammschuß,

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es hat gar nichts zu sagen", versetzte Harry, den Schmerz verbeißend, den das Aufsitzen ihm verursachte.

"Du willst mich nur beruhigen, Du Liebling meiner Seele, und hast doch große Schmerzen, ich sehe es Dir an; kann ich denn gar nichts für Dich thun, was Dir Linderung verschaffte? Muß denn Deine Wunde nicht verbunden werden?" fuhr die Condesa theilnehmend fort, doch Harry beruhigte sie und sagte ihr, er hoffe in wenigen Tagen sich wieder in ihrer Villa einfinden zu können.

Die Condesa bot die ganze Macht ihrer Reize auf, um Harry das Gefühl darzuthun, welches für ihn in ihrer Brust lebte; so sehr er sich aber auch bemühte, in seinen Liebesbezeigungen gleichen Schritt mit ihr zu halten, so stand der Augenblick, in welchem er den Schuß erhielt, doch noch zu lebendig vor seiner Seele, als daß seine Leidenschaft schon wieder so hoch hätte fliegen können. In der That, es würde mehr zu seinem Gefühl gepaßt haben, wenn die Liebkosungen der Condesa etwas weniger feurig gewesen wären, nur als sie zuletzt zum Abschied nochmals ihre Lilienarme um ihn schlang, raffte er alles ihm gebliebene Feuer zusammen und preßte sie mit aller Glut zum Lebewohl an seine Brust. Und doch mußte er sich sagen, daß er nie im Leben ein schöneres, liebenswürdigeres, reizenderes Weib gesehen habe.

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Ihre Thränen netzten seine Wangen, seine Hände, und es war, als gebe sie ein Stück von ihrem Leben hin, als sie sich endlich von dem Heißgeliebten losriß, das schwarze Tuch über den Kopf warf und leise, wie sie gekommen war, das Zimmer verließ.

Harry sah ihr nach und hielt seinen Blick, in Gedanken versunken, noch lange Zeit auf die Thür geheftet, nachdem dieselbe sich hinter der ihn so sehr liebenden Frau geschlossen hatte. Welch große Veränderung war seit gestern in seinem Gefühle für sie eingetreten! War sie heute weniger schön, weniger liebenswürdig als gestern, und welche Gewalt hatte seiner Leidenschaft für sie Abbruch gethan? So fragte sich Harry, als er auf die Thür blickte, durch welche die Gräfin verschwunden war, und der Gedanke an die Schätze, deren Besitz ihm bevorstand, beantwortete seine Frage. Die fünf Leguas Land verdrängten von Stunde zu Stunde mehr jedes andere Interesse aus seiner Seele. Große Reichthümer zu besitzen, war seine einzige, wirklich innig, mit seinem ganzen Sein verbundene Leidenschaft, wenn er auch keine Energie, keine Ausdauer besaß, für den Erwerb derselben seine ungewöhnlichen Talente und Fähigkeiten zu verwenden. Sie mußten und sollten ihm werden, das Gefühl verließ ihn keinen Augenblick; auf welchem Wege und durch welche Mittel, das war ihm gleich, nur hielt

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er nach Holcroft's Lehre die Augen offen, um keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, die ihm dazu verhelfen könnte. Und jetzt hatte er ja die Gelegenheit erfaßt, die fünf Leguas Land mußten ihm, mit Umsicht verwerthet, hunderttausend Dollars einbringen. In der Liebelei mit der Gräfin aber war ihm die Gefahr entgegengetreten, um den Erwerb derselben zu kommen, und der Gedanke daran, sowie der unleidliche Schmerz der Wunde und das Zuhausesitzen löschten den letzten Funken seines Feuers für die Reize der heißblütigen schönen Condesa aus. Er war entschlossen, sobald er in den Besitz der Documente gekommen sein würde, Mexico Lebewohl zu sagen und nach Texas, der Quelle so großen Reichthums, zurückzukehren.

Die Heilung von Harry's Wunde ging rasch von statten, dennoch blieb er über eine Woche an sein Zimmer gefesselt. Die Sehnsucht der Condesa nach ihm steigerte sich von Tag zu Tag, und sprach sich immer heißer, immer verlangender in den zierlichen parfümirten Billets aus, welche Ismene ihm täglich überbrachte. Bald lag eine Locke ihres glänzenden Haars, bald ein Blümchen darin und oft konnte man in der zerflossenen Schrift die Thräne erkennen, welche dieselbe benetzt hatte.

Harry's Sehnsucht steigerte sich in gleichem Maße, aber nicht nach der liebenden Condesa, sondern nach den

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Documenten über das Land, und obgleich seine Wunde noch nicht völlig geheilt war, entschloß er sich doch eines Morgens, dem Grafen Romero einen Besuch in dessen Geschäftslokal abzustatten. Derselbe war außerordentlich erfreut ihn wiederzusehen und machte ihm liebevolle Vorwürfe, namentlich im Namen seiner Gattin, über sein plötzliches Verschwinden ohne Abschied. Er sagte ihm, daß die Gräfin wirklich über den Verlust seiner Gesellschaft getrauert habe und daß er ihm zu Liebe noch heute in der Villa erscheinen müsse, um seine Gemahlin wieder zu erheitern.

Mit Ungeduld ließ Harry den zärtlichen Gatten ausreden und fragte dann nach den Documenten.

"Die sind ausgefertigt und zur Aushändigung an Sie bereit, doch sollen Sie dieselben aus der Hand der Gräfin empfangen, ich nehme sie heute mit mir hinaus, sodaß dieselben unsere Freundschaft unterstützen sollen, Sie zu uns zu führen", entgegnete der Graf mit großer Freundlichkeit.

"Dieser Hülfe bedarf Ihre Freundschaft nicht, verehrter Herr Graf, auch ist das Geschäft zu unbedeutend, als daß es einen besondern Werth für mich haben konnte; mein Herz bringt mich viel schneller zu Ihnen als diese todten Papiere. Dieselben werden aber einen hohen Werth für mich erhalten, wenn ich sie aus der

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gütigen Hand der Frau Gräfin empfinge, wozu ich gern noch heute bereit bin; ich werde mich nach Tische auf Ihrem reizenden Landsitze einfinden. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor seit dem letzten glücklichen Abend, den ich dort Ihrer Güte und Freundschaft zu verdanken hatte."

Bei diesen verbindlichen Worten drückte Harry dem Grafen die Hand, weigerte sich aber, Platz zu nehmen, weil er, wie er sagte, vor Tische noch einige Besuche zu machen habe, und verließ ihn mit der Bitte, ihn der Gräfin auf das angelegentlichste zu empfehlen.

Heute mußte statt des Rosses ein Wagen Harry hinaus zu Romeros tragen. Die Sonne neigte sich schon den Gebirgen zu, als er nach der Villa den Schlangenweg hinanfuhr, welcher an der Felswand unter dem fatalen Pavillon vorüberführte.

Er schaute an dem senkrechten Abhang hinauf, den er in jener Nacht so eilig und so unfreiwillig herabgekommen war, und betrachtete die rettende Ranke, die noch am Felsen hin auf dem Boden lag und ohne welche er unfehlbar den Hals gebrochen haben würde. Dem Pavillon sagte er im Stillen auf ewig Lebewohl.

Glück und Liebe strahlend kam ihm die Gräfin vor dem Schlosse entgegen, um ihn durch ihren Blick jubelnd zu bewillkommnen, mit Worten ihm aber

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Vorwürfe über sein stummes Verschwinden und über seine lange Abwesenheit zu machen. Wie der Himmel nach einem vorübergegangenen Sturme klarer und freundlicher erscheint als gewöhnlich, so war die Gräfin heute schöner und bezaubernder als je vorher; aus dem Sammtdunkel ihrer prächtigen Augen leuchtete die Wonne beglückter Liebe, ihre sonst bleichen Wangen hatten sich mit einem Purpurhauch gefärbt und ihre wie zu einem Jubellaut geöffneten Lippen zeigten den Alabaster ihrer Zähne. Keine Mantille, kein Schleier hob heute den Schnee ihrer wundervollen Büste, ihrer makellosen Arme, keine Juwelen zierten deren edle, elastische Formen, es war kein Sieg mehr zu erringen, er war nur zu feiern, sein Glück zu genießen.

So genußreich der innige Handdruck und der liebewarme Blick der Condesa aber die nächste Zukunft Harry's auch bezeichneten, so drohten deren Freuden ihm und dem Ziel des Grundgedankens seiner Seele zu große Gefahren, als daß dieselben seine Leidenschaft für die schöne Frau abermals hätten in Flammen sehen können. Die unbedingte Gewalt aber, die er über seine äußere Erscheinung besah, verbarg der Gräfin die Veränderung, welche in ihm vorgegangen war, und ließ sie in ihm dieselbe ungezügelte Liebesglut für sie sehen, welche ihn bis zu jener Schreckensnacht an sie gefesselt hatte. Seine

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Blicke waren noch ebenso feurig, der Druck seiner Hand noch ebenso innig und seine Worte enthielten noch dieselben Zusicherungen, dieselben feinen Betheuerungen seiner Liebe, in denen der Graf immer nur die Artigkeit des eleganten Gentleman erkannt hatte.

Die Condesa hatte kaum ihren so sehnlich erwarteten Gast bewillkommnet, als ihr rasch nachfolgender Gatte bei ihr erschien und gleichfalls seine Freude, über die so lange entbehrte Gesellschaft desselben aussprach. Das glückliche Ehepaar geleitete Harry in das Schloß und nach dem Salon, wo in der heitersten Stimmung einige Erfrischungen eingenommen wurden.

Die Sonne hatte ihren letzten Blick in das Thal von Mexico gethan, als die Gräfin einen Spaziergang durch den Park vorschlug und alte drei sich erhoben.

"So gehen Sie mit der Condesa voran, verehrter Herr Williams, ich habe noch etwas in meinem Arbeitszimmer zu besorgen und werde Ihnen bald nachfolgen", sagte der Graf mit höflich grüßender Handbewegung und eilte in das Seitengemach, worauf auch die Gräfin mit ihrem Liebling den Salon verließ und sich in das Freie hinaus begab.

"Weshalb kommst Du zu Wagen und nicht auf Deinem treuen Rosse, mein Harry?" fragte die Condesa

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ihren Begleiter, als sie in den Orangenhain hinter dem Schlosse eintraten.

"Es ist lahm, theure Laodice", entgegnete Harry bedauernd.

"Warum nahmst Du nicht ein anderes?" fuhr die Gräfin schnell fort; "der Wagen kann doch nicht auf Dich warten, bis ich Dich von meinem Herzen entlasse."

"Um des Himmels Willen, Laodice, es ist zu gefährlich für Dich, ich darf Dein Glück, Deinen Frieden nicht für meine Seligkeit abermals auf das Spiel setzen."

"Mein Glück, sagst Du? Wo in der Welt gibt es noch Glück für mich als an Deiner Brust? Nein, nein, und wenn ich zehn Leben hinzugeben hätte für eine Stunde des Glücks an Deinem Herzen, ich thäte es mit Freuden. Ich muß Dich sehen in dieser Nacht", sagte die Gräfin mit bittendem Tone.

"Unmöglich, Laodice. Denke an den Schreckensaugenblick in dem Pavillon; wenn Dich der Graf erkannt hätte, was wäre Dein Schicksal gewesen und welch schrecklicher Vorwurf würde mich getroffen haben!"

"Mein Schicksal?" fiel die Gräfin ein; "das Leben für Deine Liebe hinzugeben, wäre mir kein Opfer. O bitte, Harry, versprich mir, daß ich Dich um Mitternacht finden soll."

"Ich darf es nicht, um Deinetwillen nicht, himmlische

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Laodice, und wenn meine Sehnsucht nach Dir mir das Leben kosten sollte", antwortete Harry, flehend in die glühenden Augen der Gräfin schauend, und preßte beide Hände auf sein Herz.

"Du hast unnöthige Angst, Harry. Der Graf hat seine Uebereilung sehr bereut und wird nie wieder solchen Gedanken Raum geben; auch geht der Mond jetzt erst gegen Morgen auf. Es droht uns keine Gefahr, lasse mich nicht vergebens bitten."

"Es ist unmöglich, engelsüße Laodice, ich kann ja den Kutscher nicht auf mich warten lassen."

"Du kannst ihn aber nach der Stadt schicken und mir zu Liebe den Weg zu Fuße gehen. Nicht wahr, Du bringst mir das Opfer?" sagte die Condesa noch bittender als zuvor und hob ihre gefalteten Hände zu Harry auf.

"Ich bin es ja aber gar nicht im Stande, bester Engel; meine Wunde ist noch nicht geheilt, ich würde die Stadt nicht erreichen", versicherte Harry abwehrend und blickte rasch hinter sich, indem er sagte: "Ich höre den Grafen kommen."

Die Hoffnung, die ihn diese Worte sagen ließ, sollte in Erfüllung gehen, denn wirklich kam in diesem Augenblick der Graf mit schnellen Schritten unter den duftenden, mit goldenen Früchten beladenen Bäumen heran

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und eilte mit Papieren in der Hand auf die beiden Lustwandelnden zu.

"Hier, Laodice", sagte er zu seiner Gattin, "überreiche diese Papiere unserm lieben, theuern Freunde und gib ihrem Inhalt dadurch Segen und Gedeihen."

Die Gräfin sah mit Thränen im Auge fragend zu Harry auf, worauf dieser schnell und lächelnd versetzte:

"Ich habe darum gebeten, verehrte Condesa, indem die Papiere nur dadurch Werth für mich erhalten können, daß ich sie aus Ihrer schönen Hand empfange."

"Sehr gern komme ich Ihrem Wunsche nach, Herr Williams", entgegnete die Gräfin, indem sie die Papiere aus der Hand ihres Gatten nahm und sie Harry hinreichte. "Aber darf ich denn nun auch wissen, was diese wichtigen Documente enthalten?" fuhr sie dann fort und sah halb lächelnd, halb weinend zu dem Geliebten auf.

"Die ganze Wichtigkeit dieser Papiere besteht nur darin, Condesa, daß Sie mir dieselben reichten, sonst sind sie für mich ohne Werth; sie enthalten nur Besitztitel über Land, welches ich von der Regierung kaufte", antwortete Harry in scherzendem Tone.

"Land?" fragte die Gräfin mit aufleuchtendem Blick. "Land, hier in der Nähe?["] O dann sind wir es,

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für welche die Papiere Werth haben, denn sie geben uns die Hoffnung, daß Sie uns nicht ganz verlassen und wieder in Ihr mildes [wildes] Texas ziehen werden."

"Nein, das Land liegt in Texas", bemerkte der Graf.

Die Condesa schrak zusammen.

"In Texas?" sagte sie mit einem schweren Athemzuge und wurde bleich wie Marmor. Sie hatte ihren Fächer entfaltet und verbarg, langsam vorwärts schreitend, vor ihrem Gatten die Thränen, die abermals ihren Augen entquollen. Harry aber, dem sie ihren verzweifelnden Blick zuwandte, sagte schnell:

"Ich hoffe, durch Verkauf dieses sowie meines übrigen Landes in Texas mein Einkommen so hoch zu stellen, daß ich ganz hierher übersiedeln und in diesem Paradiese unabhängig leben kann."

Dabei winkte er der Gräfin mit einem liebeheißen Blick die Versicherung zu, daß er sie niemals verlassen könne, und wie die Sonne das Gewölk durchbricht, so stahl sich mit dem Blick der Condesa ein freudiges, dankbares Lächeln durch ihre Thränen. Sie blieb aber still und in sich gekehrt, so sehr sich Harry auch bemühte, sie durch Aufmerksamkeiten und verstohlene Zeichen seiner Leidenschaft zu erheitern.

Dabei waren seine Gedanken aber nur mit den

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Papieren in seiner Tasche beschäftigt, sie zogen ihn nach der Stadt zurück, und früher als gewöhnlich trat er unter dem Vorwande, seinen Kutscher nicht länger aufhalten zu dürfen, trotz der schmachtenden, drohenden und flehenden Blicke der Gräfin seine Rückfahrt an.

Er hatte das Ziel seiner Wünsche erreicht, das Land mußte ihn zum reichen Manne machen, und er beschloß, sich mit dem ersten von Veracruz abgehenden Fahrzeuge nach Neuorleans einzuschiffen.

Mehrere Tage verstrichen, ohne daß Harry den Einladungen der Gräfin und des Grafen, sie auf dem Landgute zu besuchen, Folge geleistet hätte, er schützte Unwohlsein vor und empfing Ismene, die ihm regelmäßig des Morgens ein Billet von der Condesa brachte, auf seinem Sopha liegend. Abends aber folgte er der Führung seines Freundes Holcroft zu den Belustigungen, welche die Hauptstadt bot und bei welchen sie die Nächte verbrachten.

Eines Morgens fand sich Ismene abermals mit einem Billet von der Gräfin bei Harry ein, worin diese ihm ihre Angst, ihre Sorge um ihn klagte und ihn beschwor, sie aus ihrer tödtenden Ungewißheit zu rei-ßen und ihr die Wahrheit über seinen Zustand mitzutheilen. Er schrieb ihr mit den zärtlichsten Worten, daß er immer noch Fieber habe, daß der Arzt ihm noch

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nicht erlauben wolle, sein Zimmer zu verlassen, und daß er in Sehnsucht und Verlangen nach ihr vergehe.

Diese Nachricht erfüllte die Condesa mit neuer Besorgniß. Ihr Verlangen, den Geliebten zu sehen und sich selbst von seinem Befinden zu überzeugen, ließ ihr nicht länger Ruhe, und da der Graf an diesem Abend eine Einladung des Finanzministers angenommen hatte, so ließ sie sich von ihm nach dem Opernhause bringen mit der Abrede, ihn zur Rückfahrt in ihrem Palais zu erwarten. Sie wollte nur kurze Zeit in dem Opernhause bleiben und dann zu dem Geliebten ihres Herzens eilen.

Die Oper hatte bereits begonnen, als sie in ihre Loge eintrat und sich niederlassend zwischen der vorgezogenen Mantille hindurch ihren Blick an dem ersten Range gegenüber hingleiten ließ. In der letzten Loge nahe der Bühne bemerkte sie in deren Hintergrund eine verschleierte Dame, die sich, wie es schien, sehr lebendig mit Jemand an ihrer Seite unterhielt, den die Condesa wegen der Logenwand nicht sehen konnte. Nur einige Augenblicke hatte sie der Verschleierten ihre Aufmerksamkeit geschenkt und wandte ihre Augen nun der Bühne zu. Kurze Zeit darauf jedoch blickte sie wieder nach jener Loge hin und sah für einen Moment den Lockenkopf eines Mannes sich zu der Verschleierten vorneigen und dann wieder verschwinden.

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Wie ein Eisstrom fuhr es der Gräfin durch die Glieder, ihr Blick blieb stierend auf der Verschleierten haften und ihre Rechte griff krampfhaft nach dem Dolch, den sie in ihrem Busen trug; der Lockenkopf, den sie gesehen hatte, war der ihres Geliebten, war Harry's Kopf gewesen. Doch es war nicht möglich, sie mußte sich geirrt haben, denn Harry lag ja fieberkrank in seinem Hotel. Unbeweglich hingen ihre Augen an der Verschleierten, statt der Kälte, die sie durchrieselt hatte, strömte es immer glühender durch ihre Adern, es war ihr, als wolle ihr die Brust zerspringen, als wollten die Pulse an ihren Schläfen zerreißen.

Ha, da war der Kopf wieder, es war Harry selbst, der jetzt der Verschleierten in das Ohr flüsterte!

Wie vom Blitz getroffen, zuckte die Gräfin zusammen, ihr Athem stockte und sie erfaßte den Stuhl, auf dem sie saß, um nicht von ihm herabzusinken. Nach einigen Augenblicken aber ermannte sie sich, ihre Augen sprühten Flammen, und ihre Hand hielt den Griff ihres Dolches umklammert. Regungslos saß sie da und stierte nach der Nebenbuhlerin hinüber, und nur wenn der Kopf des Treulosen sichtbar wurde, ergriff ein Zittern ihre Glieder.

Da erhob sich die Verschleierte, die Logenthür öffnete sich für sie und schloß sich hinter ihr.

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Wie die Tigerin, der man ihr Junges geraubt, schoß die Gräfin aus ihrer Loge und durch den Corridor nach der Treppe, die in die Straße führte, und langte dort unmittelbar hinter Harry und der an seinem Arme hängenden Verschleierten an. Zitternd blieb die Condesa stehen, um sie vor sich in die Straße hinaus gelangen zu lassen, dann folgte sie ihnen lautlosen, flüchtigen Fußes.

Harry und seine Schöne gingen sehr eilig und hatten die nächste Straßenecke erreicht, als die Condesa fliegenden Schrittes sich ihnen nahte und Harry nach dem Rauschen ihres Seidengewandes sich umsah.

"Treuloser Verräther!" schrie die Gräfin mit entsetzlicher Stimme und stürzte mit gehobenem Dolche auf ihn ein, doch Harry wehrte sie mit seiner Linken zurück und die scharfe Klinge in der Hand der Frau vergrub sich in seinem Arme.

Seine Rechte aber hatte im selben Augenblick die Hand der Condesa ergriffen, ihr den Dolch entwunden und stieß sie von sich, daß sie zurück gegen die Mauer wankte. Dann beflügelte er mit seiner Begleiterin seine Schritte und war bald aus dem Gesichtskreis der zurückbleibenden Gräfin verschwunden.

Ein Arzt war mit dem Verbinden von Harry's Arm beschäftigt, als Holcroft zu ihm in das Zimmer trat und überrascht erkannte, was sich zugetragen hatte.

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"Das wird schlecht heilen, es war eine dreischneidige Klinge, die Ihnen die Wunde beibrachte", bemerkte der Sklavenhändler und sah dem Doctor bei seiner Arbeit zu; sobald derselbe aber den Verband angelegt und das Zimmer verlassen hatte, nahm er wieder das Wort und sagte:

"Das war ernstlich gemeint, Williams. Haben Sie eine Ahnung davon, wer Ihnen diesen Gruß gesandt hat?"

Harry erzählte ihm nun den ganzen Hergang und sprach seine Vermuthung aus, daß die Gräfin im Theater gewefen sei und daß sie ihn dort mit der schönen Mestize gesehen habe, worauf der Sklavenhändler sagte:

"Dann ist es hohe Zeit, daß wir unsere Federn von hier fortblasen, denn das Weib wird jede ihr zu Gebote stehende Gewalt aufbieten, um Sie aus der Welt zu schaffen. Ob wir hier oder in Veracruz auf ein Schiff warten, ist einerlei, lassen Sie uns morgen früh abreisen."

Harry stimmte gern seinem Vorschlag bei und am folgenden Morgen schon saßen die beiden Abenteurer in der Postkutsche, welche sie am zweiten Abend nach Veracruz brachte.

Der Zufall war ihnen günstig und schon wenige Tage nach ihrer Ankunft befanden sie sich an Bord eines

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herrlichen Fahrzeugs, welches den Hafen verließ und sie nach Neuorleans führte.

So viel Anziehendes diese Weltstadt auch immer für Harry gehabt hatte, so erdrückten die glänzenden Aussichten, welche ihm in Texas lachten, doch augenblicklich jedes Interesse für andere Freuden, er schied von seinem Freunde Holcroft und schiffte sich nach Galveston ein. Hier angelangt, bezog er den ersten Gasthof und fuhr am andern Morgen nach der Farm hinaus, auf welcher seine Mutter mit seinem jüngern Bruder und seiner Schwester lebte. Der Jubel derselben, den Liebling ihres Herzens wiederzusehen, war groß, noch größer aber die Freude über das Glück, womit ihn der Himmel gesegnet hatte.

Auch für Harry waren die Berichte, die er von den Seinigen über ihr Ergehen erhielt, sehr befriedigend. Die Farm seiner Mutter warf infolge der Vergrößerung der Stadt Galveston, einen bedeutenden Ertrag ab und sein älterer Bruder Ashmore war gleichfalls nach Texas eingewandert und hatte sich am Brazosflusse eine vortreffliche Farm eingerichtet.

Angenehmer aber als alle diese freudigen Familiennachrichten berührten Harry die sich immer günstiger gestaltenden Verhältnisse des Staates und namentlich der bedeutend erhöhte Werth des Grundeigenthums.

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Die Ursache hiervon lag in der täglich sich mehrenden Einwanderung aus den Vereinigten Staaten, von woher man nicht selten Züge von dreißig bis vierzig Wagen mit Ansiedlern erscheinen sah.

In höchster Begeisterung für seine nächste Zukunft verließ Harry nach wenigen Tagen die Seinigen und begab sich auf das Festland und zwar zuerst zu seinem Bruder Ashmore auf dessen Farm am Brazosflusse.

Dieser empfing den halbverschollenen Harry mit großer Wärme und Herzlichkeit und war außer sich vor Freude, als derselbe ihm mittheilte, welchen Reichthum er sich erworben habe. Namentlich machte es Ashmore sehr glücklich, daß sein Bruder einen so bedeutenden Strich Landes ganz in seiner Nähe an den reizenden, gesunden Ufern des schönen San-Bernardflusses besaß und daß er selbst sich auf demselben niederlassen und eine Baumwollenplantage dort anlegen wolle. Ashmore rieth ihm nun, sofort die fünf Leguas vermessen und in die Karten des Staates auf seinen Namen eintragen zu lassen, damit ihm keine Streitigkeiten mit Einwandern erwachsen mochten, welche sich etwa darauf ansiedeln könnten.

Es war dies auch die Absicht Harry's gewesen und er begab sich zuerst nach Nacogdoches und dann nach San-Augustine, in welchen beiden Districten er die

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gekauften und in den Besitztiteln nur unbestimmt angegebenen drei Leguas Land genau vermessen und bezeichnen und sich darüber die nöthigen Documente von der Landesverwaltung ausstellen ließ. Dann kehrte er zu seinem Bruder Ashmore zurück, suchte sich an dem San-Bernardflusse das schönste, noch von Privatbesitz freie Stück Land aus und ließ auf demselben nun die letzten zwei Leguas Land für sich vermessen.

In Nacogdoches, sowie in San-Augustine hatte er bekannt gemacht, daß er erbötig sei, kleinere Stücke Landes an Einwanderer zu verkaufen, und in beiden Districten Leute damit beauftragt, Kauflustigen seine Besitzungen zu zeigen.

Diese lagen sehr nahe an der Grenze der Vereinigten Staaten und in der bewohntesten Gegend von Texas, sodaß bald mehrere namhafte Landverkäufe davon abgeschlossen wurden und Harry bedeutende Summen Geldes dafür in seine Hände bekam.

Er hatte eine große Zahl Arbeiter gedungen, die auf seinem Lande am San-Bernardflusse eine Plantage für ihn herrichteten und die Felder für dieses Jahr mit Mais bepflanzten, weil ganz neues Land sich für Baumwolle nicht eignet. Zugleich kaufte er Kühe, Schweine, Maulthiere und Pferde und ließ sich schließlich auf dem hohen Ufer des Flusses ein nettes hölzernes Wohngebäude aufführen.

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Harry Williams galt jetzt für einen der bedeutendsten Grundbesitzer in Texas und zählte bald zu den angesehensten, einflußreichsten Persönlichkeiten dieses Landes. Sein Charakter erschien rein und fleckenlos, sein feines, vornehmes Benehmen verschaffte ihm allgemeine Achtung und seine schöne, liebenswürdige Erscheinung machte ihn allenthalben lieb und angenehm. Die ersten Leute im Staate suchten seine Bekanntschaft und bei allen Berathungen für das Wohl des Landes wurde seine Stimme hoch gehalten.

Das politische Leben in Texas war seit dem Siege Santa-Anna's über Bustamente ein viel regeres geworden und mit den unbegrenztesten Hoffnungen sah man zu dem Sieger hin. Texas war unter Bustamente's Regierung stiefmütterlich und tyrannisch behandelt worden, seine schönsten Ländereien waren an reiche Spanier gegeben, alle Abgaben an die Regierung in Mexico eigenmächtig um das Doppelte erhöht, die Truppenmacht in allen Hauptplätzen des Landes war bedeutend vermehrt, um die Unzufriedenen mit Gewalt in Unterwürfigkeit zu halten, und seine Grenzen gegen die wilden, raub- und mordlustigen Indianer waren gänzlich unbeschützt. Alle Klagen, alle Beschwerden, die dieserhalb nach Mexico gerichtet wurden, blieben unbeantwortet und unberücksichtigt. Die Nachricht von dem Sturze Bustamente's

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wurde darum in Texas mit dem lautesten Jubel begrüßt und die Vivas und Hurrahs für Santa-Anna schallten von einem Ende des Landes zum andern.

Texas und Coahuila bildeten, seit Mexico das spanische Joch abgeworfen hatte, zusammen einen Staat dieses Reichs, doch war Texas die Erlaubniß zugesichert, sich von Coahuila zu trennen und einen Staat für sich zu bilden, sobald die Zahl seiner Bevölkerung es dazu ermächtigte. Diese Zeit war jetzt gekommen, und es waren namentlich die eingewanderten Amerikaner, die auf diese Scheidung drangen, weil die noch immer sehr unbedeutende Bevölkerung Coahuilas ausschließlich aus Mexicanern bestand und Texas fast sämmtliche Abgaben für sie mit an die Regierung aufzutreiben hatte.

In dem Frühjahr 1833, als Harry Williams nach Texas zurückkehrte, ward für einen neuen Präsidenten von Mexico gewählt, und die Wahl in Texas fiel einstimmig auf Santa-Anna. Auch in allen andern Staaten des Reichs hatte er die Stimmenmehrheit für sich und im März bestieg er den Präsidentenstuhl.

Der Abgeordnete von Texas für den Landtag in Mexico war Oberst Austin, einer der angesehensten Männer des Landes, und ihm wurde die Petition um Lostrennung von Coahuila, welche in San-Felipe bei einer Volksversammlung ausgefertigt worden war,

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mitgegeben. Santa-Anna, der neue Präsident, empfing Austin mit der größten Auszeichnung und machte ihm alle Hoffnung für die Genehmigung des Gesuchs. Wochen verstrichen aber ohne eine Entscheidung der Regierung, und als Austin auf eine solche drang, wich man ihm mit einer Antwort aus, behandelte ihn mit Geringschätzung, und er überzeugte sich bald, daß für Texas keine Hoffnung vorhanden sei, zu seinem Ziele zu gelangen. Austin, entrüstet über die Doppelzüngigkeit Santa-Anna's, reiste von der Hauptstadt ab, wurde aber auf seinem Wege nach Veracruz gefangen genommen, nach Mexico zurückgebracht und dort in ein greuliches Gefängniß geworfen, wo er wie ein Mörder behandelt wurde.

Dies Verfahren gegen den Abgeordneten des Staates setzte alle Gemüther, namentlich die der amerikanischen Bevölkerung desselben, in Flammen und allenthalben wurden Stimmen laut, daß Texas sich von Mexico trennen und sich selbstständig zur Republik erheben müsse.

Santa-Anna verstärkte aber alle Militärposten in Texas, entfernte alle Amerikaner vom Staatsdienste und sandte Mexicaner an deren Stelle, die, von dem Militär unterstützt, die Zügel der Gewalt nun noch straffer anzogen.

Harry Williams gehörte als ein thätiges Mitglied

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zu der unzufriedenen Partei und zu den eifrigsten Fürsprechern der Losreißung von Mexico. Es war aber nicht Liebe für Land oder Volk, welche ihn dabei beseelte, es war sein persönliches Interesse, welches ihn leitete. Erhob sich Texas zu einer selbstständigen Republik, so geschah dies durch die Kraft seiner amerikanischen Bevölkerung, und dann unterlag es keinem Zweifel, daß Sklaverei in seine Staatseinrichtungen aufgenommen werden würde. Und was konnte wohl den Werth des Grundbesitzes schneller und höher heben als Arbeitskraft, was konnte Harry's liegende Güter rascher in ungeheure Summen baaren Geldes umwandeln als die Einführung der Sklaverei! Ohne selbst aber öffentlich seine Meinung auszusprechen und sich dadurch mit den mexicanischen Behörden zu entzweien, schürte er nur im Stillen unter den Amerikanern eifrig das Feuer, welches die Einkerkerung Austin's in deren Gemüthern entzündet hatte.

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Dritter Band.

Erstes Kapitel.

Der Herbst war gekommen und Harry's Ernte war eingebracht, als er sich auf die Bitte seiner Mutter entschloß, eine Reise nach den Vereinigten Staaten zu machen. Madame Williams hatte nämlich eine Gelegenheit wahrgenommen, ihre Besitzung auf der Insel Galveston zu einem sehr hohen Preise zu verkaufen, weil sie es ihrer Tochter schuldig zu sein glaubte, dieselbe in feinere Gesellschaft zu bringen als die, worauf sie in ihrem bisherigen Aufenthalt beschränkt gewesen waren. Die Tochter war fünfzehn Jahre alt und es fehlte ihr sowohl an der nöthigen Schulbildung als auch an dem gesellschaftlichen Benehmen, welches ihr Name beanspruchte.

Madame Williams war aus Natchez am Mississippi gebürtig, sie hatte dort noch Verwandte und Bekannte, und namentlich war dort in den letzten Jahren ein ausgezeichnetes Erziehungsinstitut für junge Mädchen

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gegründet worden, in welchem sie ihrer Tochter Gelegenheit zu weiterer Ausbildung geben wollte.

Harry, der anfing, sich nach einer Unterbrechung des alltäglichen Einerleis zu sehnen, war gern bereit, seine Mutter nach ihrem Geburtsort zu begleiten, zumal da seine Anwesenheit auf seiner Plantage augenblicklich nicht nothwendig war. Er übergab seinem Bruder Ashmore die Aufsicht über dieselbe, eilte nach Galveston hinab und schiffte sich von dort mit den Seinigen nach Neuorleans ein.

Dort hielt er sich nur einige Tage auf, vervollständigte seine Toilette auf das gewählteste, machte Besuche bei den vornehmsten Familien, die ihm noch von seinem frühern Aufenthalt her bekannt waren, und wurde von denselben jetzt als reicher Plantagenbesitzer mit doppelter Auszeichnung empfangen. In der That, sein Ruhm war ihm vorangegangen und man begegnete ihm allenthalben mit der größten Achtung.

Auf die Freude, seinen Freund Holcroft zu sehen, mußte er verzichten, da derselbe auf eine unbekannte Unternehmung ausgegangen war. Von vielen Freunden begleitet, begab sich Harry mit seiner Mutter und seinen beiden jungen Geschwistern an Bord eines prächtigen Dampfers und erreichte ohne besondern Aufenthalt das Ziel seiner Reise, Natchez.

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Harry selbst bezog dort das erste Gasthaus, während er die Seinigen in einem Logirhause ersten Ranges einmiethete.

Eine so auffallende und zu gleicher Zeit so angenehme Persönlichkeit wie Harry Williams konnte nicht verfehlen, sofort Aufmerksamkeit zu erregen, zumal da er selbst Alles zu diesem Zwecke aufbot. Seine Empfehlungs- und Creditbriefe von Texas aus an die hiesige Bank und an die ersten Geschäftsleute bezeichneten ihn als einen der reichsten und angesehensten Männer jenes Landes, und aus seinen Unterhaltungen ging deutlich hervor, daß er ein sehr großes Vermögen besitzen mußte. Seine höchst elegante Kleidung, sein vornehmes und doch zuvorkommend artiges Benehmen und die Unbekümmertheit, mit welcher er bei jeder Gelegenheit viel Geld ausgab, machten ihn sehr bald in allen Kreisen der Gesellschaft bekannt und zum Gegenstand der Unterhaltung.

Harry war allenthalben zu sehen; in den Gasthäusern und Trinklokalen tractirte er freigebig seine Bekannten, auf den Promenaden begleitete er die schöne junge Welt, abends bei den Spazierfahrten trieb er einen prächtigen Schimmel in einem Cabriolet und im Theater oder Circus liebäugelte er mit den schönsten Augen.

Er besuchte auch täglich den Leseclub, in welchen

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ihn ein angesehener Kaufmann eingeführt hatte und wo alle die wichtigsten Zeitungen Amerikas und Europas ausgelegt waren. Eines Morgens hatte er noch nicht lange vor einem der vielen Lesepulte Platz genommen, als der Kaufmann, durch den er eingeführt war, mit einem ältlichen Herrn zu ihm trat und ihm denselben als den Rentier Herrn Dandon vorstellte.

Harry mit seiner gewohnten Höflichkeit erklärte sich sehr erfreut über dessen Bekanntschaft, da er seinen Namen schon vielfach auf das vortheilhafteste habe nennen hören.

Dandon verneigte sich darauf und sagte:

"Ich dachte mir, daß wir beide uns kennen lernen müßten, weil Leute von unsern Mittel und unserer Stellung im Leben nur durch eine kleine Zahl in der Gesellschaft vertreten werden und wir darum uns an einander anschließen müssen, wenn wir nicht allein stehen oder uns mit armen Teufeln auf gleiche Stufe stellen wollen."

"Gleiche Verhältnisse, gleiche Ansichten ziehen einander an, und so habe ich schon von Anfang meines Hierseins auf eine Gelegenheit gehofft, mich Ihnen vorstellen zu lassen, Herr Dandon; doch da es mir nicht gleichgültig sein konnte, durch wen dies geschah, und weil mir Ihre nähern Freunde noch unbekannt waren, so

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unterblieb es bis jetzt; um so erfreulicher aber ist es mir nun, daß Sie mit so viel Artigkeit meinem Wunsche entgegenkommen."

Bei diesen sehr höflich gesagten Worten verneigte sich Harry wiederholt, und Dandon that ein Gleiches, worauf er seine gelbseidene Weste glattstrich und durch eine drehende Bewegung seines Kopfes dem Hals in dem Hemdkragen wieder die rechte Lage zu geben suchte.

"Sie besitzen, wie ich höre, bedeutendes Grundeigenthum in Texas", hob er dann an, indem er die Rechte auf den Rücken legte und mit seiner Linken an der Uhrkette spielte.

"Allerdings und unter den augenblicklichen Verhältnissen des Landes eigentlich mehr, als mir lieb ist", entgegnete Harry. "Doch ich rechne auf die Zukunft; Texas besitzt unstreitig die besten Bodenverhältnisse auf unserm ganzen Continent."

"Lassen Sie es sich nicht leid sein. Nach dem, was ich von Texas gehört habe, muß es über kurz oder lang eine große Rolle spielen; sein natürlicher Reichthum soll ja unberechenbar sein", sagte Dandon mit einem wohlgefälligen Blick auf Harry.

"Diese Ansicht war es, die mich bestimmte, bei meiner zufälligen Anwesenheit in Mexico so viel Land von der Regierung zu kaufen, obgleich das Kapital für

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die ersten Jahre ein todtes ist", fuhr Harry fort und setzte noch mit einem gleichgültigen Tone hinzu: "Ich wußte aber im Augenblick nicht, was ich mit dem vorräthigen Gelde machen sollte."

"Da ist es Ihnen ergangen, wie es mir sehr oft geht; es dreht sich beim Anlegen der Kapitalien immer nur um die gewöhnlichen Procente, will man sie nicht irgend einem armen Teufel anvertrauen und Gefahr laufen, darum betrogen zu werden. Die Zeit großer Speculationen ist vorüber", fiel Dandon ein.

"Nun, ich weiß nicht, es bietet sich doch mitunter noch Gelegenheit zu einer guten Unternehmung. Eben mit Land in Texas ist doch immer noch ein schöner Verdienst zu machen. Ich habe bedeutende Striche in Nacogdoches und San-Augustine nahe an der Grenze der Vereinigten Staaten, wovon ich jetzt noch den Acker zu fünf Dollars verkaufe, und wenn die Einwanderung so fortgeht, muß dies selbige Land in wenigen Jahren zwanzig Dollars der Acker kosten. Ich glaube, eine so schlechte Speculation wäre es doch nicht, jetzt zu kaufen. Wie gesagt, ich habe zu viel Land", versetzte Harry leichthin.

"Wohl wahr, Herr Williams; wissen Sie aber wohl, was Texas fehlt, um sein Land werthvoll zu machen?" nahm Dandon das Wort.

"Sklaven", antwortete Harry.

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"Ganz recht", fiel Dandon ein. "Wer aber kann Sklaven nach Texas führen, dort sind sie ja frei und gehen davon. Das ist ein großer Uebelstand."

"Haben Sie die letzten Neuigkeiten aus Texas gelesen, Herr Dandon?" fragte Harry sinnend und schien einen wichtigen Gedanken zu verfolgen.

"Sie meinen die Gefangennehmung Ihres Abgeordneten Austin? Es soll große Aufregung in Texas herrschen."

"Eine Aufregung, die schließlich eine Lostrennung von Mexico zur Folge haben wird und möglicherweise eine Vereinigung mit den Vereinigten Staaten", sagte Harry eifrig. "Was meinen Sie, wieviel dann der Acker Land in Texas kosten würde?"

"Allerdings, verehrter Freund, wenn die Zeit kommen sollte, würde viel Geld daran verdient werden, aber eine Speculation darauf wäre doch sehr für die ungewisse Ferne berechnet", entgegnete Dandon ausweichend.

"Ei freilich. Es ist fern von mir, Jemand dazu zu rathen, aber ich, der ich nun einmal das Land billig gekauft habe, ich mag schon darauf speculiren", versetzte Harry und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung; der Gedanke aber, daß Dandon der Mann sei, von dem er Nutzen ziehen werde, hatte feste Wurzel in ihm geschlagen.

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Nach längerer Unterhaltung schaute Dandon auf seine Uhr, sagte Harry noch, er würde sich bald wieder das Vergnügen bereiten, ihn zu sehen, und schritt dann nach sehr freundlich genommenem Abschied aus dem Lesezimmer, während Harry ihm sinnend nachblickte und noch mehrere Minuten, nachdem die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, sein Bild vor seinen scharf berechnenden Gedanken festhielt.

Dandon eilte geraden Wegs nach Hause und trat mit den Worten zu seiner Tochter Blancha in das Zimmer:

"Da habe ich mich etwas verspätet über einer höchst interessanten Bekanntschaft, die ich im Leseclub machte. Wirklich, einer der liebenswürdigsten jungen Männer, denen ich jemals begegnet bin! Es ist ein Herr Williams aus Texas, ein sehr reicher Mann, der dort ungemessene Besitzungen hat. Ich denke, ich bitte ihn morgen zum Mittagsessen, damit auch Du ihn kennen lernst, denn ich weiß im voraus, er wird Dir ungemein gefallen. Er ist ebenso schön und angenehm, als er reich ist. Ich will es noch einigen Freunden und Bekannten sagen lassen, und dann könnte man ja wohl einmal wieder dem jungen Randolph die Ehre anthun; er ist zwar arm, aber ein famoser Kopf, der mir oder vielmehr Dir die zwanzigtausend Dollars gerettet hat, die Portman

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selbst schon für verloren hielt. Er kann einmal ein reicher Mann werden."

Dandon sah nicht den freudestrahlenden Glanz der Augen Blancha's, denn er schritt ihr etwas voran aus der Thür, um sich nach dem Speisesaal zu begeben.

Der Proceß, in welchem Albert Randolph ein Gutachten für Dandon ausgearbeitet hatte, war nach diesem von Portman geführt worden und vor einem halben Jahre vor dem Gerichte in Natchez zur Entscheidung gekommen. Portman, stolz auf das Talent seines Zöglings, hatte es bewirkt, daß bei dieser Entscheidung Albert selbst die Vertheidigungsrede für das Recht Dandon's halten sollte, da ihm allein der Ruhm gebühre, wenn der Proceß von dieser Seite gewonnen würde. Das persönliche Interesse, welches man an dem geistreichen, allgemein beliebten jungen Mann in Natchez nahm, füllte das Gerichtshaus zum Erdrücken mit Zuhörern, und als Albert vor die Schranken trat, um seine Rede zu beginnen, wurde er mit stürmischem Beifall begrüßt. Sein seltenes großes Talent machte sich auch in der Lösung der ihm heute gestellten Aufgabe so über alle Grenzen der Erwartung hinaus geltend, daß er wiederholt durch den ungezügelten Beifall der Zuhörer zu langen Unterbrechungen gezwungen wurde, und als er endlich seine Rede schloß, da wollten die donnernden Hurrahs für Randolph und für den Dichter

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Albert kein Ende nehmen. Portman selbst leitete ihn unter den Beifallsrufen der aufgeregten Menge an seiner Hand von den Schranken hinweg und wünschte ihm Glück zu dem großen Erfolg, welchen er sich errungen hatte.

Der Proceß wurde zu Gunsten Dandon's entschieden. Dandon selbst hörte den Verhandlungen mit größter Aufregung und Spannung zu, und als ihm endlich das Recht zugesprochen ward, eilte er zu Albert hin, ergoß sich in Lobeserhebungen über seine Leistungen, wünschte ihm Glück zu der Geschäftsbahn, die er sich gebrochen habe, und bat ihn, mit nach seinem Hause zu gehen und bei ihm zu Mittag zu speisen. In der Freude seines Herzens vergaß der alte Herr so sehr seine Grundsätze und Vorurtheile, daß er Albert's Arm in den seinigen nahm und ihn so zur Verwunderung der Menge von dem Gerichtshause nach seiner Wohnung geleitete.

Die Freude Blancha's, als sie den Einziggeliebten ihrer Seele mit ihrem Vater Arm in Arm, über den Platz herankommen sah, entlockte ihren Augen beseligende Thränen, und nur der großen Bewegung, die den alten Herrn erfaßt hatte, verdankte sie es, daß sie ihr Glück vor ihm verheimlichen konnte.

Seit diesem Tage wurde Albert von Zeit zu Zeit von Dandon zu Tische geladen, und jedesmal, wenn sie

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bei Tafel saßen, sagte der Alte scherzend zu seiner Tochter, daß sie Herrn Randolph sehr dankbar sein müsse für die zwanzigtausend Dollars Nadelgeld, die er ihr gerettet habe.

Blancha konnte heute kaum den Abend erwarten, wo sie Albert bei ihrer Freundin und zugleich Beschützerin ihrer geheimen Liebe, bei Madame Newberry treffen würde, um ihm im voraus die Glücksnachricht zu bringen, daß ihr Vater ihn morgen zum Essen einladen wolle.

Nach Tische machte sie mit diesem eine Spazierfahrt in das Land, kehrte bei Sonnenuntergang nach Hause zurück und setzte sich dann auf ihren Lieblingsplatz auf den Balkon hinaus. Von dort aus hatte sie eine Zeit lang über den Platz geschaut, als sich die Hausthür in Albert's Wohnung öffnete und Lucy, des Mulattenmädchen der Madame Newberry, daraus hervortrat.

Lucy war siebzehn Jahre alt und von so ungewöhnlicher Schönheit, daß sie in ganz Natchez nur die schöne Lucy genannt wurde. Sie war eine schlanke, mittelgroße Gestalt, ihre Formen waren zierlich, doch üppig gerundet und ihre Bewegungen leicht und gefällig. Durch die braune Farbe ihrer zarten Wangen schimmerte ein warmer röthlicher Ton, der bei jedem Erglänzen ihrer großen tiefbraunen Augen wie verborgenes Feuer erglühte und ihr mitunter bis in die glänzenden schwarzen Locken schoß, die von ihren Schläfen herab auf ihren Busen

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wallten. Sie war sehr gut erzogen, geschickt in aller Arbeit und, was in den südlichen Staaten zu den Ausnahmen gehörte, recht gewandt mit der Feder. Madame Newberry hatte sie aufgezogen, und es hatte ihr Vergnügen gemacht, aus dem reizend schönen Kinde eine in jeder Weise tüchtige Dienerin für sich selbst heranzubilden. Lucy hing mit dankbarem Herzen an ihrer Herrin und kannte von den Freuden des Lebens noch keine andern als die, welche Madame Newberry ihr verschaffte. Sie war nach und nach in das Geheimniß der Liebe Albert's zu Blancha gezogen worden, indem sie oft Briefe und Bestellungen hinüber und herüber befördern mußte, und sie that dies mit Freuden, weil sie beiden von Herzen gut war und liebevoll von ihnen behandelt wurde.

Flüchtig wie ein Reh sprang sie jetzt über den Platz und hielt ihren Blick nach dem Balkon, auf welchem Fräulein Dandon saß, hinauf gerichtet; als sie aber über die Straße nach der Hausthür schritt, zog sie einen Brief aus ihrem Busen hervor und ließ ihn Blancha sehen. Diese empfing einige Augenblicke später die Mulattin an ihrer Zimmerthür und nahm ihr den Brief hastig mit den Worten ab:

"Ich danke Dir, liebe Lucy. Komm herein, ich will sehen, ob Du Antwort mitbekommst."

Sie trat, den Brief öffnend, mit der Dienerin in

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das Zimmer, durchflog den Inhalt des Schreibens und sagte dann zu ihr:

"Es bedarf keiner Antwort, Lucy. Empfiehl mich nur Deiner Herrin und sage ihr, ich würde heute Abend zum Thee zu ihr kommen, mein Vater sei ausgebeten."

Hiermit entließ sie die Mulattin, rief ihr aber an der Thür noch zu: "Warte einen Augenblick, Lucy!" und eilte in das Nebengemach, von wo sie sogleich mit einem bunten seidenen Tuch in der Hand zurückkehrte und es dem Mädchen mit den Worten reichte:

"Das ist für Dich, Lucy; damit sollst Du Dich putzen, wenn Du in die Kirche gehst und sollst immer an mich denken, wenn Du das Tuch umthust."

"Ach, Fräulein Blancha, Sie sind gar zu gut gegen mich! Sie haben mir schon das schöne Kleid geschenkt und nun noch dies prächtige Tuch. Womit habe ich denn das Alles verdient?"

"Weil Du immer gut ausrichtest, was Dir aufgetragen wird, und weil Du überhaupt ein so braves Mädchen bist; ich werde immer für Dich sorgen. Nun aber eile und grüße Madame Newberry recht schön von mir", sagte Blancha, klopfte der erfreuten Sklavin freundlich auf die Schulter und entließ sie. Kaum aber hatte sich die Thür geschlossen, als Blancha den Brief wieder aus

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ihrem Kleid hervornahm, ihn mit Innigkeit an ihre Lippen drückte und nochmals seinen Inhalt las.

Albert schrieb ihr darin, daß er wegen sehr vieler Arbeit nicht frühzeitig das Geschäftslokal verlassen könne, daß er aber hoffe, sie bei seiner Nachhausekunft bei Madame Newberry noch zu treffen.

Die Dunkelheit brach herein, die Lichter wurden angezündet und Blancha saß mit einem Buch in der Hand in dem Sopha, sie las aber nicht, sondern hielt ihre Aufmerksamkeit auf den Corridor geheftet und wartete ihres Vaters Tritt zu vernehmen. Bald ließ sich Dandon auch hören und trat in das Zimmer, um sich bei seiner Tochter zu verabschieden.

"Werde nur nicht ungehalten, liebe Blancha, daß ich Dich so oft abends allein lasse, es ist aber wieder eine Einladung, der ich nicht aus dem Wege gehen konnte. Stanton, bei dem ich speise, ist einer der reichsten Männer in der Stadt. Wenn nur mehr solche Familien hier lebten, damit es Dir nicht so sehr an Gesellschaft fehlte! Ich kann aber doch unmöglich aus meiner Sphäre treten."

"Sei unbesorgt, lieber Vater, ich fühle mich sehr glücklich mit meinen wenigen Bekannten und im Nothfalle tröste ich mich immer mit der guten Newberry, die mir, seit meine liebe Anna bei ihr wohnte, immer

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so außerordentlich freundlich und gefällig gewesen ist; ich möchte wohl wissen, ob sie mir irgend etwas abschlagen könnte."

"Ja wohl, sie ist eine sehr gute Frau, wenn ihr Mann auch ein armer Teufel ist. Nun muß ich aber gehen. Halte gut Haus!"

Hiermit reichte Dandon seiner Tochter die Hand und eilte aus dem Zimmer.

Kaum hörte Blancha unten die Hausthür öffnen und schließen, so schritt sie an das Fenster, sah ihrem Vater, der im eiligen Schritt über den Platz ging, noch einige Augenblicke nach und zog dann die Schelle.

Als ihre schwarze Dienerin eintrat und nach ihrem Befehle fragte, hatte Blancha schon den Shawl umgeworfen, eine Handarbeit aus dem Nähtisch hervorgenommen und eilte nun, von der Negerin begleitet, aus dem Hause und über den Platz zu Madame Newberry. Diese öffnete selbst für sie die Hausthür und hieß sie in der herzlichsten Weise willkommen.

Das Wohnzimmer, in das sie eintraten und welches sehr einfach, aber sehr sauber ausgestattet war, wurde außer durch eine große Lampe, die auf dem Tische stand, noch durch ein Flackerfeuer in dem Kamine erleuchtet. Der Hauptgrund zu solchen Abendfeuern, wie sie in den südlichen Staaten Gebrauch sind, liegt darin, daß sie

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die Luft in dem Zimmer reinigen und gegen herrschende Fieber schützen sollen, nebenbei aber liebt man abends dabei zu sitzen und sich durch ihr Flackern und Knistern unterhalten zu lassen, während die Wärme, die sie ausströmen, zu unbedeutend ist, als daß sie lästig werden könnte.

"Wollen wir uns an das Kamin setzen, liebe Blancha? Ich meine, es wäre traulicher bei dem Feuer", sagte Madame Newberry zu dieser und winkte dann Lucy herbei, damit sie ihr helfe, den Tisch mit der Lampe näher nach dem Kamine zu schieben.

"So, jetzt haben wir das Licht von beiden Seiten und es ist hell genug, um die feinste Perlenarbeit zu machen", fuhr die freundliche Frau fort, nachdem sie Lucy aus dem Zimmer gesandt hatte. "Nun setzen Sie sich an Ihr altes Plätzchen, beste Blancha, und lassen Sie uns plaudern. Schade nur, daß unser lieber Albert noch nicht kommen kann, wir wären heute Abend so ganz ungestört beisammen, da mein Mann gleichfalls wie Ihr Vater auswärts essen wird."

"Albert hat mir ja geschrieben, daß er sehr viel zu thun habe", fiel Blancha ein und setzte lächelnd noch hinzu: "Er kommt aber doch ein wenig früher, als seine Arbeit es eigentlich erlaubt."

"Nur ein so streng gewissenhafter Mann wie Albert kann sich durch seine Pflicht von einem so lieben Engel

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wie Sie fern halten lassen", versetzte die Frau mit innigem, liebevollem Ausdruck.

"Einem Engel, liebe Newberry?" entgegnete Blancha herzlich auflachend. "Dazu fehlen mir alle Erfordernisse. Aber Albert ist gut und brav, das ist wahr."

"Wenn nur Ihr Vater -" hob die Frau an.

"Mein Vater hat mich sehr lieb, beste Newberry, und wird schließlich meinem Glück nicht in den Weg treten", fiel Blancha ihr in das Wort, "nur muß man ihm Zeit geben, daß die gute Meinung, welche er von Albert hat, nach und nach stärker wird als seine Vorurtheile; Sie wissen es ja, daß nur reiche Leute sein Mitgefühl besitzen. Er ist aber Albert gut, achtet und schätzt ihn hoch, und wenn derselbe sein eigenes Geschäft hier gegründet hat und eine Frau selbst ernähren kann, dann werde ich meinem Vater unsere Liebe gestehen und ihn um seine Einwilligung zu unserer Vereinigung bitten."

"Und wenn er nun seine Zustimmung nicht geben sollte?" warf Madama Newberry ein.

"Dann werde ich doch Albert's Frau", entgegnete Blancha entschlossen, fügte aber schnell hinzu: "Er wird es aber thun. Ich will Ihnen etwas anvertrauen, liebe Newberry, es muß aber unter uns bleiben: Albert hat mir gesagt, Portman wolle sich bald zur Ruhe setzen und ihm sein Geschäft abtreten."

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"Nun, wenn dies geschieht, dann kann er wohl eine Frau ernähren", versetzte die Newberry mit freudigem Tone; "dann wird er auch bald den Ruf des alten Portman bekommen und für einen der größten Advocaten des Südens gelten."

"Namentlich aber wird dann seine Stellung bei meinem Vater der beste Fürsprecher für uns sein", bemerkte Blancha und rückte mit ihrer Handarbeit der Lampe etwas näher.

"Gott gebe es, daß Sie bald ein Paar werden und daß der Himmel Sie mit eben so vielem Glück segne, wie es unserer lieben Freundin Anna zu Theil geworden ist", sagte die Frau, heftete ihren Blick wohlgefällig auf Blancha's Arbeit und fuhr fort: "Sie sticken aber die Weste gar zu schön! Wie wird sich Albert darüber freuen! Weiß er es denn schon, daß sie für ihn bestimmt ist?"

Blancha lachte bei diesen Worten der Frau hell auf und sagte:

"Nein, nein, er hat keine Ahnung davon, was ich arbeite. Denken Sie sich, ich habe ihm weiß gemacht, es wäre ein Mieder für mich selbst, und er meinte, dieses matte Gelb müsse mir außerordentlich gut stehen. Was meinen Sie zu einem solchen seidenen Mieder?"

Hierbei lachte Blancha abermals recht herzlich und die Newberry stimmte mit ein, indem sie sagte:

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"Ja, ja, es ist spaßhaft, wie wenig die Männer von unserer Toilette verstehen; sie fühlen es wohl, wenn wir geschmacklos gekleidet sind, wissen aber niemals, wo der Fehler liegt.

"Nun noch etwas Neues", fiel Blancha wieder ein. "Morgen will mein Vater Albert zum Mittagsessen bitten. Ich freue mich sehr darüber, denn ich weiß, wie es ihn beglücken wird. Es ist nämlich ein sehr reicher junger Mann aus Texas hier, dessen Bekanntschaft mein Vater heute gemacht hat und den er morgen bitten will; er sagte mir, derselbe wäre ebenso schön und liebenswürdig, wie er reich sei. Ich werde ihn aber darum sehr liebenswürdig finden, weil er die Veranlassung dazu gab, daß mein Albert gebeten wurde. Vater nannte mir auch seinen Namen, ich habe ihn aber vergessen."

"Es ist unbegreiflich, wie die Leidenschaft für Geld alle andern Gefühle beherrschen lann. Ihr Vater würde sich nicht bedenken, einem so reichen Manne aus Texas seine einzige geliebte Tochter zur Frau zu geben und sie mit ihm in ein solches wüstes, wildes Land ziehen zu lassen, während er sie hier in seiner Nähe so glücklich sehen und sich selbst dadurch beglücken könnte. Der Geldstolz ist wahrlich der thörichtste von allen", sagte Madame Newberry und warf ein Stück Kienholz auf das Feuer.

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"Nun, er soll doch noch recht glücklich durch uns werden", sagte Blancha so recht aus tiefem Herzen und ließ ihre Arbeit in den Schooß sinken, "und dann soll er auch wissen, wie sehr er Ihnen, liebe Newberry, dafür zu danken hat."

"Gebe Gott, daß ich diese Freude erlebe", versetzte die Frau und erzählte Blancha dann, wie sie Lucy durch das schöne Halstuch hoch beglückt habe.

So plauderten sie bald ernst, bald scherzend und lachend, Blancha hielt aber immer ihr Ohr nach der Hausthür gerichtet und lauschte jedem auf dem Trottoir vorüberziehenden Tritt. Da schlug es acht Uhr und Lucy trat ein, um zu melden, daß das Abendessen bereit sei.

"Wollen wir nicht noch ein wenig warten? Albert kommt vielleicht bald", wandte sich Madame Newberry zu Blancha.

"Ach ja, noch ein Viertelstündchen, es wäre doch hübsch - Ha, da ist er!" rief diese mit freudigem Schreck, warf ihre Arbeit auf den Tisch und sprang aus dem Zimmer nach der Hausthür, wo eben die Schelle gezogen wurde.

"Mein Albert!" sagte sie zu ihm, als sie die Thür geöffnet hatte und er hastig eintrat, und schlang ihren Arm um seinen Nacken. "Dank, Dank, tausend Dank,

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daß Du schon kommst. Nicht wahr, meine Sehnsucht nach Dir hat Dir keine Ruhe gelassen?"

"Nein, nein, es war meine Sehnsucht, die Deine Gedanken zu mir zog. Du angebetetes, einziges Mädchen, o wie versüßest Du mir jeden Augenblick durch Deine Liebe!" entgegnete Albert, preßte Blancha mit einem innigen Kusse an sein Herz und führte sie dann von seinem Arm umschlungen in das Zimmer, wo Madame Newberry ihrer harrte.

"Das ist ja prächtig, Herr Randolph, daß Sie so früh kommen", sagte diese ihm entgegentretend. "Nun führen Sie Ihre schöne Braut auch gleich in das Eßzimmer, denn das Abendbrod ist bereit."

Dann ergriff sie die Lampe und schritt den beiden Glücklichen voran nach einem kleinen Gemach in dem hintern Theile des Hauses, wo der Tisch gedeckt stand und Lucy eben die einfachen Speisen auftrug.

"Sie müssen den Herrn vom Hause vorstellen, Herr Randolph; mein Mann ist ausgebeten", sagte Madame Newberry, sich am Tische niederlassend.

"Um diesem Platz Ehre zu machen, muß man unter liebender Leitung erst einige Erfahrung sammeln; ich werde sehr unbehülflich erscheinen, will aber mein Bestes thun", entgegnete Albert lächelnd und versorgte dann die Teller der beiden Damen mit gebackenem Huhn,

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gebratenem Schinken, mit Eiern und gekochtem Mais, während Madame Newberry Kaffee und Thee einschenkte und Lucy das glühheiße Brod und dampfende süße Kartoffeln herumreichte.

"Nun rathe aber, Albert, welche Freude unser morgen harrt", sagte Blancha, mit glänzendem Blick zu ihm gewandt, und legte ihre kleine Linke auf seinen Arm.

"Welche Freude? Für uns gibt es nur eine Freude, die unseres Zusammeinseins[Zusammenseins]. Wird diese mir zu Theil werden?"

"Ja wohl. Aber wo?" fragte Blancha lächelnd.

"Am liebsten hier bei unserer besten Freundin und so ungestört wie heute Abend", entgegnete Albert, Blancha's Hand küssend.

"Nein, ich will es Dir nur sagen - in unserm Hause. Vater wird Dich morgen zum Essen bitten lassen."

"Du guter, lieber Engel, das habe ich doch nur Dir zu danken!",

"Nein, nein, ich habe nichts dazu gethan. Vater zeigte mir nur an, daß er morgen einen Herrn aus Texas, dessen Namen ich vergessen habe, zum Mittagsessen laden würde, und bemerkte dabei aus freien Stücken, daß er es auch Dir sagen lassen wollte. Du bist der einzige Mensch ohne großes Vermögen, dem er diese Artigkeit erzeigen würde", antwortete Blancha, ergriff

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Albert's Hand und setzte mit Begeisterung noch hinzu: "Es ist der große Reichthum Deines Geistes, mein Albert, den mein Vater anerkennt."

"Und wie klein und unbedeutend ist dieser Reichthum gegen den Deiner Seele, Du Engelsmädchen!" erwiderte Albert im überwallenden Gefühl seines Glücks.

"Sie müssen aber Ihren Dienst wahrnehmen, Herr Randolph. Fräulein Blancha nimmt vielleicht noch etwas Fleisch oder Mais", fiel Madame Newberry ein.

"Ich danke, ich danke, beste Newberry. Ich habe Ihrer Küche alle Ehre angethan", entgegnete Blancha herzlich.

"Nun, so lassen Sie uns wieder zu unserm Kaminfeuer gehen, dort ist es doch traulicher", sagte die Frau, in welchen Vorschlag ihre Gäste gern einstimmten und ihr sogleich nach dem Wohnzimmer folgten. Dort ließ sich Albert an Blancha's Seite nieder, die ihre Arbeit wieder ergriff und zu sticken begann.

"Sieh Dein schönes Mieder; ich freue mich schon, Dich darin zu sehen", hob Albert an und betrachtete die für ihn bestimmte Weste, worauf Blancha zu lachen begann und sich vergebens bemühte, ernsthaft zu bleiben, denn Madame Newberry stimmte jetzt mit ein und beide lachten nach Herzenslust.

"Ach liebster, bester Albert, werde nicht böse über unsere Kinderei", begann Blancha immer noch lachend.

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"Die Newberry war daran schuld, weil sie auch zu lachen begann. Ich will es Dir aber gestehen, was uns dazu brachte."

"Nein, nein, Blancha, das dürfen Sie nicht thun. Herr Albert wird es noch zeitig genug erfahren und uns beiden unsere Unart dann recht gern vergeben", fiel die Frau ein. "Nicht wahr, Herr Randolph, Sie wollen es jetzt noch gar nicht wissen? Um unserm Lachen aber ein Ende zu machen, will ich mich entfernen und noch einige Haushaltsangelegenheiten besorgen. Sie entschuldigen mich für eine kurze Zeit."

Hiermit erhob sich Madame Newberry und eilte aus dem Zimmer, Blancha aber legte die Arbeit auf den Tisch, rückte näher zu Albert heran und schmiegte sich von seinem Arm umschlungen an seine Brust.

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Zweites Kapitel.

Während dieser Zeit saß Harry Williams an der Seite einer reich geputzten Dame in seinem Sopha und suchte sie unter Schmeichelreden und liebevollen Aufmerksamkeiten zu bewegen, ihr Glas, welches er abermals mit Champagner gefüllt hatte, zu leeren. Sie bewohnte mit ihm denselben Gasthof, in welchem sie als die Frau eines Herrn Sulton vor kurzem angekommen war, und hatte an diesem Abend Harry's Einladung angenommen, in seinem Salon ein Glas Champagner mit ihm zu trinken, denn Sulton war schon seit einigen Tagen abgereist, um im Staate Ohio Geschäften nachzugehen. Harry hatte sich der vereinsamten Dame sogleich angenommen, führte sie zu Tische, begleitete sie vormittags auf ihrer Promenade, fuhr sie bei Sonnenuntergang spazieren und ging abends mit ihr zur Kirche. Diese Aufmerksamkeiten des schönen, reichen, jungen Mannes verfehlten nicht, einen vortheilhaften Eindruck auf die

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Dame zu machen und ihm den Weg zu ihrer Gunst zu bahnen. Schon nach Verlauf der ersten Tage vertraute sie ihm unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit an, daß sie noch nicht mit dem Herrn Sulton verheirathet sei und daß sie dieserhalb auch kein Unrecht darin erkennen könne, während dessen Abwesenheit die Artigkeiten eines so liebenswürdigen Mannes, wie Herr Williams, anzunehmen. Durch ihr häufiges Zusammensein waren sie bald sehr bekannt mit einander geworden und in einem traulichen Gespräch hatte die Dame ihrem jungen Freunde Harry einen Blick in das Leben und den Charakter ihres sogenannten Gatten thun lassen. Sie sagte ihm, daß derselbe eine unglaubliche Geschicklichkeit darin besäße, Papiergeld nachzumachen, Geschriebenes von einem Papier zu entfernen und Buchstaben zu verändern oder durch andere zu versetzen. Sie rühmte seine Kunst mit einem gewissen Stolze und sagte, daß er für Veränderungen einzelner Worte in Documenten schon Tausende bezahlt erhalten habe.

Harry hatte diese Mittheilungen mit dem allergrößten Interesse vernommen, und an diesem Abend, als er mit der Dame bei dem schäumenden Weine ein so ungestörtes Plauderstündchen hielt, fragte er sie, ob Herr Sulton sich wohl dazu verstehen werde, ihm die Kunst, Schrift von einem Papier entfernen, zu lehren; es sei

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ihm daran gelegen, in das Geheimniß eingeweiht zu werden, um einen bedeutenden Betrug, der in dieser Weise an ihm begangen sei, zu beweisen. Er erklärte sich zugleich erbötig, ein hohes Lehrgeld dafür zu zahlen, und die Dame übernahm es, den Künstler bei seiner Rückkehr für Harry's Wunsch zu stimmen. Dieser, im Dankgefühl für das Versprechen der Schönen, bot nun alle seine Liebenswürdigkeit auf, ihre freundlichen Gesinnungen für sich noch mehr zu beleben, er ließ ein feines Abendessen auf das Zimmer bringen, credenzte ihr dabei die kostbarsten Weine und überraschte sie schließlich noch mit einem ihrer Lieblingsgetränke, mit Ananaspunsch.

Am folgenden Morgen ertönte schon zum dritten Male die Glocke, die zum Frühstück rief, als Harry sich mit großer Anstrengung den Armen des Schlafes entwand und sich von seinem Lager erhob. Er hatte schnell Toilette gemacht und war im Begriff, sich in den Speisesaal zu begeben, als ein schwarzer Diener in sein Zimmer trat und ihm einen Brief von Herrn Dandon brachte. Das Schreiben enthielt in den höflichsten Worten eine Einladung für heute zum Mittagsessen.

Harry legte den Brief auf den Tisch, griff in die Tasche und reichte dem Schwarzen zwei Dollars mit den Worten hin:

"Das ist für Deinen Weg, Bob, oder wie Du

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heißen magst. Sage Deinem Herrn, ich ließe mich ihm ergebenst empfehlen und würde die Ehre haben, mich zur bestimmten Zeit bei ihm einzufinden."

Der Schwarze öffnete, auf die zwei blanken Dollars in seiner Hand schauend, seine Augen vor Verwunderung immer weiter und schien seiner Sache nicht gewiß zu sein, ob er das Geld mitnehmen solle, Harry aber, der dies bemerkte, sagte:

"Die zwei Dollars gehören Dir, Bob; für mich hebt Niemand eine Hand oder einen Fuß auf, ohne daß ich ihn dafür bezahle. Du gefällst mir außerdem. Du bist ein gescheidter, gewandter Bursche und magst Dich mitunter bei mir melden, vielleicht habe ich diesen oder jenen kleinen Auftrag, den Du für mich ausrichten kannst. Nun geh, Bob, und empfiehl mich Deinem Herrn."

Der Neger konnte vor Verwunderung kaum sein: "Danke, Herr!" hervorstottern und verließ mit vielen tiefen Verbeugungen das Zimmer. Kaum aber hatte er die Thür hinter sich geschlossen, als Harry den Brief Dandon's vom Tische nahm und ihn abermals öffnete. Sein Blick heftete sich zuerst auf den Namenszug, auf welchem er eine Zeit lang verweilte, und dann schaute er, wie einem Gedanken folgend, hin und her über die Schrift.

"Er schreibt eine ebenso ungewöhnliche Hand, wie er sich ungewöhnlich kleidet", sagte Harry sinnend

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vor sich hin und faltete langsam den Brief wieder zusammen.

Nun begab er sich in den Speisesaal, wo er sich allein zum Frühstück an der langen Tafel niederließ, denn die übrigen Gäste hatten dasselbe lange vor ihm eingenommen. Als er den Saal wieder verließ, trat er auf die hohe Treppe vor dem Hause und wußte für den Augenblick nicht, was er beginnen sollte. Die Luft war aber so erfrischend und einladend und that ihm nach der verschwelgten Nacht so wohl, daß er in die Straße trat und ohne bestimmtes Ziel in derselben hinwandelte. So erreichte er den Markt, der bereits von Käufern und Verkäufern verlassen war, und trat in das Hallengebäude, in welchem man hier und dort noch solche Lebensmittel feilbot, welche zu jeder Tageszeit verlangt wurden. An einem der Pfeiler saß eine alte Negerin, die Maismehl, geschälten ganzen Mais, getrocknete Bohnen und Erbsen, Sellerie, süße Kartoffeln und Gemüse verschiedener Art zu verkaufen hatte, und vor ihr stand Lucy, die Dienerin der Madame Newberry, mit einem Körbchen am Arm und untersuchte die weißen Bohnen, welche in einem Sack auf dem Tische standen.

Ihre Gestalt war Harry schon von weitem aufgefallen, und als er näher trat, wurde er von ihrer Schönheit so überrascht, daß er neben ihr stehen blieb und sagte:

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"Ei, Du bist ja ein reizendes Mädchen; wie heißest Du denn?"

Lucy sah sich verwundert nach Harry um und schlug, dem Blick des hübschen, vornehmen Herrn begegnend, erröthend die Augen nieder.

"Du brauchst Dich nicht zu schämen, Du süßes Mädchen; Du bist der Bewunderung eines jeden fühlenden Gentlemans werth. Sage mir doch Deinen Namen", fuhr Harry mit aller Weichheit seiner Stimme fort und legte seine Hand liebkosend unter ihr Kinn.

"Ich heiße Lucy, Herr", antwortete diese mit weniger Bangigkeit und hob ihre großen glänzenden Augen zu Harry auf.

"Und bei wem bist Du?"

"Ich gehöre Madame Newberry", antwortete Lucy freundlich.

"Ist es nicht sündhaft, daß ein solcher Engel Jemand als ein Stück Eigenthum angehört!" sagte Harry mit tief gefühlvollem Tone. "Wärest Du bei mir in Texas, so würdest Du meine Herrin und ich Dein Sklave sein; dort ist Jedermann frei, welche Farbe seine Haut auch trägt, und nur der eigene Wille, das Herz macht ergeben und unterwürfig. Ich könnte Dich zum Verzweifeln lieben, Du reizender Engel!"

Dabei zog Harry seine Börse aus der Tasche, nahm

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ein Goldstück daraus hervor und drückte es Lucy mit den Worten in die Hand:

"Dafür kaufe Dir etwas, was Dir Freude macht, und wenn Du an mich denkst, so glaube, daß ich Dir gut bin und Dich sehr lieb habe."

Dann reichte er auch der alten Negerin einen Dollar hin, strich Lucy nochmals über die Wange und schritt mit den Worten davon:

"Denke an mich, Du liebes Mädchen."

"Mein Gott, er hat mir fünf Dollars gegeben. Wenn es Madame Newberry hört, so wird sie mich schelten, daß ich sie angenommen habe", sagte die Mulattin und zeigte der Negerin das Goldstück.

"Du Närrchen, Du wirst wohl nicht so dumm sein und es Deiner Herrin auf die Nase binden. Für fünf Dollars kannst Du Dir viele schöne Sachen kaufen, und wenn Dich Deine Madame fragt, woher Du sie hast, so sagst Du ihr, Du habest sie geschenkt bekommen. Komm heute Abend zu mir - Du weißt ja, wo ich wohne - dann will ich Dir das Geld wechseln und uns Kuchen und etwas Gutes zum Trinken holen. Ich wünschte, der Herr käme alle Tage hierher. Hast Du ihn Dir denn wohl recht angesehen, wie schön er war? Einen so feinen Liebhaber nähme die erste, vornehmste Dame in der Stadt."

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Lucy sagte nichts über Harry, ihre Wangen aber glühten, ihr Herz schlug schnell und ein wonniges Gefühl, wie sie es noch nicht gekannt hatte, durchströmte ihre Nerven. Sie kaufte schnell die Bohnen, versprach der Negerin, sie heute Abend zu besuchen, und eilte fliegenden Schritts nach Hause.

Die von Dandon zum Mittagsessen bestimmte Stunde kam heran. Harry hatte mit der allergrößten Sorgfalt seine Toilette beendet, trat nochmals vor den Spiegel und begab sich dann auf den Weg nach Dandon's Haus. Er hatte dasselbe erreicht, die hohe Marmortreppe erstiegen und war im Begriff, die Schelle zu ziehen, als die Thür sich öffnete und Lucy hinausschreiten wollte. Sie fuhr erschrocken in den Corridor zurück, Harry aber trat rasch zu ihr ein, ergriff ihre Hand, preßte seine Lippen darauf und sagte:

"Du liebliches, schönes Mädchen, ich muß Dich bald wiedersehen, hörst Du?"

Mit einem glühenden Blick eilte er dann von ihr hinweg und die breite Treppe hinauf in den ersten Stock, wo ein schwarzer Diener die Salonthür für ihn öffnete.

Dandon selbst empfing ihn hier mit der zuvorkommendsten Höflichkeit und führte ihn nach dem Tische, um den die schon anwesenden Gäste sich erhoben und hinter welchem Blancha in dem Sopha saß.

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Harry schritt rasch bis zu dieser vor und verneigte sich tief vor ihr, während ihr Vater ihn als Herrn Williams aus Texas ihr vorstellte, dann aber wandte er sich zu den Herren, mit denen ihn Dandon nun gleichfalls der Reihe nach bekannt machte.

Der letzte, dem er vorgestellt wurde, war Albert Randolph, welcher während der ganzen Zeit seinen erstaunten Blick auf ihn geheftet hatte.

"Herr Williams, Herr Randolph", sagte Dandon und beide verneigten sich gegenseitig. Beide hatten einander erkannt, doch beide berührte dies Erkennen unangenehm, Albert, weil ihm die Nacht einfiel, in welcher der alte Williams seines Vaters Mulatten so unmenschlich auspeitschen ließ. Harry, weil der stolze Name Williams in Kentucky einen bösen Klang bekommen hatte. Sie wandten sich schweigend von einander ab, Albert, um mit einem der Herren seine Unterhaltung fortzusetzen, Harry aber, um sich Blancha Dandon zu nahen.

Ihre Schönheit hatte ihn schon beim Eintreten in den Salon überrascht und mit Bewunderung richtete er jetzt seinen Blick wieder auf ihre reizende Gestalt. Harry's berechnender Geist konnte aber bei allem Zauber ihrer Erscheinung die reiche Erbin nicht in ihr übersehen, und im Bewußtsein des Eindrucks, den er auf den alten Dandon gemacht hatte, baute er im Augenblick sein

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Luftschloß und sah sich im Geiste als Gemahl der schönen Blancha und als Eigenthümer ihres dereinstigen großen Vermögens.

Er hatte die Verlegenheit, welche ihn bei dem Erkennen Albert's ergriff, überwunden, trat nun mit der unbefangenen Sicherheit, die ihm so eigen war, zu Blancha hin und sagte mit gefühlvollem Tone:

"Endlich wird mir das heiß ersehnte Glück zu Theil, schönes Fräulein, in Ihre beseligende Nähe treten zu dürfen und von Angesicht zu Angesicht den Inbegriff von Lieblichkeit und Anmuth zu bewundern."

Der freundliche, heitere Ausdruck auf Blancha's Antlitz, mit dem sie Harry empfangen, verschwand bei dessen Worten von ihren Zügen, es zog wie eine dunkle Wolke über ihre Stirn und sich gerader setzend, sah sie ihm ernst und stolz in die Augen.

Mit magischer Gewalt trieb ihr unbeweglicher Blick die süßen Worte, die noch auf Harry's Lippen schwebten, von ihnen zurück, und für einen Augenblick hatte er seine Fassung verloren, dann aber ermannte er sich wieder und fuhr mit noch schmelzenderer Stimme fort:

"Wer kann in das Licht der Sonne treten, ohne deren göttliche Macht zu fühlen und sie anzubeten!"

Hier aber stockte Harry abermals in seiner Rede, denn Blancha's noch immer regungsloser Blick war noch

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ernster, noch stolzer geworden und mit kalter Stimme sagte sie nun, als ob sie seine Worte gar nicht gehört hätte:

"Werden Sie sich noch lange in Natchez aufhalten, Herr Williams?"

Die Frage war ihm, wenn auch eine bittere Medicin, doch in seiner augenblicklichen Verlegenheit willkommen und er antwortete rasch:

"Leider nicht so lange, als mich meine Neigung wohl hier halten möchte; meine Güter in Texas beanspruchen bald meine Gegenwart."

Während Harry diese Worte aber sagte, warf er einen Blick nach Albert hinüber, als wolle er sich überzeugen, ob derselbe seine Niederlage bemerkt habe, und wie ein Dolchstich fuhr es ihm durchs Herz, als er dessen Augen freudig glänzend auf Blancha gerichtet sah, die ihm in diesem Augenblick mit den ihrigen mild und seelenvoll begegnete. Harry verstummte und wurde bleich, er legte sich in seinem Sessel zurück und spielte mit der zierlichen Goldkette an seiner Uhr.

Jetzt trat ein Diener ein und zeigte an, daß das Essen aufgetragen sei. Alle erhoben sich. Herr Ferghussen, der reichste Mann in der Stadt, gab Blancha seinen Arm, um sie zu Tische zu führen, Dandon nahm Harry bei der Hand und alle folgten der Dame nach

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dem Speisesaale. Eine fürstliche Pracht war hier entfaltet, wenn auch in Ausstattung und Anordnung der eigenthümliche Geschmack Dandon's nicht zu verkennen war, denn wie seine Röcke, Westen und Beinkleider stets in den buntesten Farben spielten, so trugen hier Vorhänge, Möbel und Teppich alle Farben des Regenbogens. Die Tafel aber war mit glänzendem Silber- und Goldgeschirr überladen, und auf den Nebentischen waren die Speisen mit großen silbernen Glocken bedeckt. Viele schwarze Diener in blendend weißen Anzügen umstanden den Tisch, bereit, die Gäste zu bedienen. Dandon führte Harry an die rechte Seite seiner Tochter, während zu ihrer Linken der reiche Ferghussen Platz nahm.

Kaum hatten sie sich niedergelassen, als Blancha sich mit Artigkeit zu Harry wandte und ihn fragte:

"Aus welchem Staate sind Sie gebürtig, Herr Williams? Texas ist wohl nicht Ihr eigentliches Vaterland."

"Aus Kentucky", antwortete Harry mit gedämpfter Stimme und sah nach Albert hinüber, der an dem andern Ende des Tisches saß.

"Dann haben Sie einen Landsmann hier; Herr Randolph ist auch in Kentucky geboren. Vielleicht kennen Sie seine Familie?"

"Doch nicht, Fräulein, ich zog schon als Knabe nach Texas."

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"Nun, dann wird er Ihnen als Dichter Albert bekannt sein; diesen feiert ja jeder Amerikaner."

"Bis jetzt, Fräulein, ist von der Civilisation nur die Prosa nach Texas vorgedrungen, der Poesie fehlt es dort noch an fruchtbarem Boden", entgegnete Harry mit leichterem Tone und fügte nach einigen Augenblicken noch hinzu: "Um poetische Gefühle in sich zu wecken, muß man nach Natchez kommen." Blancha beachtete die letzten Worte Harry's nicht und fragte ihn nun über die politischen und gesellschaftlichen Zustände in Texas.

Dandon, welcher neben Harry oben am Tische saß, hielt seine Aufmerksamkeit auf dessen Unterhaltung mit seiner Tochter gerichtet und fiel jetzt in dieselbe ein, indem er sagte:

"Alles, was Texas fehlt, um es zum reichsten Lande dieses Continents zu machen, ist die Wohlthat der Sklaverei. Was wäre unser Süden ohne diese Arbeitskraft!"

"Die Zeit dieser Wohlthat ist in Texas nicht fern, Herr Dandon, und wenn sie kommt, so wüßte ich eine Unternehmung, die ihresgleichen noch nicht aufzuweisen hätte. Hunderttausende könnten dabei in wenigen Wochen verdient werden", sagte Harry mit einem aufleuchtenden Blick, der deutlich zeigte, daß dieser Gedanke so eben zum ersten Male in ihm erstanden war.

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"Und welche Unternehmung würde dies sein?" fragte Dandon neugierig.

"Ich werde mich später darüber aussprechen, verehrter Herr Dandon. Solche Geschäfte wollen ruhig überlegt sein."

"Schon, schön, ich verstehe Sie, lieber Freund. Heute Abend gehen Sie mit mir in den Club, da sind wir ungestört und können die Sache besprechen", versetzte Dandon und nickte Harry mit einem bedeutsamen Blick zu.

Diesem aber schien der Gedanke, der plötzlich in ihm erwacht war, von ungewöhnlicher Wichtigkeit zu sein, denn er nahm an der heitern Stimmung, welche bald allgemein wurde, wenig Antheil und man sah es ihm an, daß sein Geist sich mit etwas Anderem als mit seiner Umgebung beschäftigte.

Desto lebendiger war Albert mit seiner ganzen Seele gegenwärtig. Er erhaschte jede Gelegenheit, die ihm Blancha bot, mit ihr zu reden, und wo ihm das Wort nicht vergönnt ward, da begegnete sein Blick dem ihrigen und sagte ihr mehr, als alle Worte auszudrücken vermochten.

Sie war der belebende Funke in der Unterhaltung, sie vereinte das Gespräch der ganzen Tischgesellschaft, zwang einen Jeden, sich daran zu betheiligen, und würzte es mit geistreichen Bemerkungen, mit Scherz und Witz.

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Als das Dessert aufgetragen wurde, erhob sich Blancha, wünschte den Herren zum Weine eine fröhliche Laune und verabschiedete sich von ihnen. Mehrere der jungen Männer, unter denen auch Ferghussen und Albert Randolph, baten um die Erlaubniß, sie begleiten zu dürfen, und folgten ihr aus dem Saale. Harry aber blieb bei den ältern Herren zurück und wollte den fragenden Blick Dandon's nicht verstehen.

Die Nähe dieses Randolph, dem er schon in früher Jugend feindselig gegenüber gestanden hatte, war ihm jetzt unerträglich.

Die Sonne war schon versunken, als Dandon mit seinen Gästen die Tafel verließ und dieselben zu seiner Tochter begleitete, bei welcher sie sich empfehlen wollten. Sie fanden Blancha in dem Salon mit Albert Randolph allein, denn die andern Herren hatten sich schon bei ihr verabschiedet.

"Ist Ferghussen auch schon davongelaufen?" fragte Dandon in heiterer Weinlaune, zu Blancha tretend.

"Meine Macht reichte nicht hin, die Herren länger hier zu fesseln, Herr Randolph allein hat mir ein Opfer gebracht und treulich bei mir ausgeharrt", entgegnete Blancha nicht ganz ohne Befangenheit.

"Ja, Randolph, das will ich meinen, er ist der Retter in der Noth und hilft, wo keine Hülfe mehr zu

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hoffen steht", fuhr der Alte in seinem Humor fort und wandte sich dann mit den Worten zu Harry: "Dieser junge Herr hat meiner Tochter zwanzigtausend Dollars gerettet, die ich ihr in einer verloren gegebenen Forderung zum Geschenk gemacht hatte."

"Nein, Herr Williams, verstehen Sie meinen Vater nicht unrecht, er hat mir dieselben verehrt, nachdem durch die Geschicklichkeit des Herrn Randolph der Proceß bereits zu seinen Gunsten entschieden war", fiel Blancha ein.

"Sehr liebenswürdig von Ihrem Herrn Vater", sagte Harry mit erzwungenem Lächeln und wandte sich zu Dandon hin, um den Anblick des verhaßten Randolph zu meiden.

Albert trat nun zu Blancha vor, dankte ihr für die ihm erwiesene Artigkeit und empfahl sich ihr in ernster Form, worauf die andern Gäste seinem Beispiel folgten, während Dandon zu Harry sagte:

"Sie bleiben noch bei meiner Tochter, bis ich meine Toilette gewechselt habe, dann gehen wir zusammen nach dem Club." Darauf geleitete er die andern Gäste nach der Thür, dankte ihnen dort für die Freude ihrer Gesellschaft und verließ mit einem freundlichen Wink nach Harry das Zimmer.

Dieser war wieder ganz Herr seiner selbst und sah mit der ihm natürlichen Unabhängigkeit und Festigkeit

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dem Augenblick entgegen, wo er mit Blancha allein sein würde, um einen neuen Angriff auf ihr Herz zu machen oder seine Niederlage an ihr zu rächen. Kaum hatte sich die Thür geschlossen, als er zu Blancha trat und mit höflichem, doch ernstem Tone sagte:

"Sie haben vor Tische meine Worte mißdeutet, Fräulein Blancha. Ich bin es Ihnen, aber auch mir selbst schuldig, Ihnen zu sagen, daß dieselben nichts Anderes als den Ausdruck eines tiefinnigen Gefühls enthielten, daß ich Sie aber bitte, dieselben als nicht gesagt zu betrachten, wenn sie Ihnen aus irgend einem mir unbekannten Grunde unangenehm waren."

Hierbei verneigte sich Harry ehrerbietig und erwartete Blancha's Antwort.

Diese änderte nichts in ihrem Aeußern, nur schien ein leichter Schatten ihren hellen Blick zu verdunkeln.

"Setzen Sie sich, Herr Williams", sagte sie nach einer kurzen Pause ruhig und zeigte auf den neben dem ihrigen stehenden Stuhl, und als Harry sich niedergelassen hatte, fuhr sie ebenso gelassen fort:

"Ich habe Ihnen auf Ihre Rede vor Tische und auf Ihre jetzige Erklärung nur wenige Worte zu antworten und bitte damit diese Angelegenheit zwischen uns als vollständig erledigt anzusehen. Eine jede

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übertriebene Artigkeit ist eine Unhöflichkeit! Nun nicht ein Wort weiter darüber, wenn ich bitten darf."

Harry biß sich auf die Lippen, er fühlte sich abermals besiegt und zugleich entwaffnet; doch würde er der schönen Blancha gegenüber den Kampf nicht aufgegeben haben, vor der reichen Erbin aber beugte er sich als Geschlagener und sagte:

"Ihr Wunsch, Fräulein Blancha, ist mir das heiligste Gesetz und führte es mich zum Tode! Ich werde mich bestreben, den unangenehmen Eindruck, den meine Worte gegen meine Absicht auf Sie gemacht haben, aus Ihrer Erinnerung zu verwischen, und bitte flehentlich die Gelegenheit dazu, welche nur in Ihrer Macht liegt, mir nicht vorzuenthalten."

"Sie werden in unserm Hause stets willkommen sein, Herr Williams", entgegnete Blancha mit einer artigen leichten Verneigung.

Da trat Dandon in einem bronzefarbenen Oberrock und mit einem goldgekrönten Stock in der Hand in das Zimmer und erklärte sich marschfertig. Harry, dem er sehr erwünscht kam, erhob sich rasch, dankte Blancha für den glücklichen Mittag, den sie ihm geschaffen, und empfahl sich ihrem geneigten Wohlwollen.

Als er mit Dandon über den Platz geschritten war und in die nächste Straße einbog, erreichte Blancha schon

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die Wohnung ihrer Freundin Newberry und wurde an der Thür von Albert Randolph empfangen.

Während Harry und Dandon nun in der Straße hinschritten, legte dieser, mit dem Stocke spielend, seine Hände auf den Rücken, sah seitwärts nach seinem Begleiter und sagte:

"Nun, verehrter Freund, die große Unternehmung, deren Sie bei Tische erwähnten?"

"Die brillanteste unstreitig, die in diesem Jahrhundert gemacht ist", entgegnete Harry bedächtig, als überlege er noch, in welcher Weise er beginnen sollte.

"In der That, Sie machen mich sehr neugierig", versetzte Dandon.

"Wir sprachen von Sklaverei in Texas und von dem großen Gewinn, der dort aus Negerarbeit zu erzielen sei", begann Harry wieder. "Angenommen, die politischen Verhältnisse des Landes gestalteten sich so, daß Sklaverei dort eingeführt würde, so müßten einige Hundert Neger, wenn man das passende Land besitzt, ihnen volle Beschäftigung zu geben, einen ungeheuren Ertrag liefern."

"Darüber sind wir ja einig, lieber Williams", fiel Dandon ein, "nur liegt die Hauptbedingung, die Einführung der Sklaverei, noch zu sehr in blauer Ferne, als daß man darauf speculiren könnte."

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"Ich sagte ja: angenommen, daß diese Bedingung erfüllt sei, oder besser, mit aller Wahrscheinlichkeit in der Kürze erfüllt werden würde, dann wäre die Zeit zu meiner großen Unternehmung gekommen."

"Und die Unternehmung selbst, worin würde sie bestehen?" fragte Dandon ungeduldig.

"Es ist Ihnen bekannt, daß infolge der Verträge zwischen England und Spanien in Bezug auf den Sklavenhandel diese beiden Mächte die auf Sklavenschiffen gefundenen Schwarzen nach ihren Colonien führen und sie dort für eine gewisse Anzahl von Jahren als Sklaven oder sogenannte Lehrlinge der Freiheit verkaufen. England führt die seinigen nach Sierra Leone und nach seinen westindischen Besitzungen, Spanien bringt die seinigen nach Cuba. Solche Sklaven, da sie gewöhnlich nur für zehn Jahre verkauft und nach Ablauf derselben frei werden, sind viel weniger werth als solche, welche für Lebenszeit Sklaven bleiben; sie werden mit hundertfünfzig bis zweihundert Dollars bezahlt. Ihr Werth vermindert sich natürlich mit dem Ablaufe ihrer Dienstzeit, sodaß ein Neger, der nur noch ein oder zwei Jahre Sklave bleibt, für eine sehr unbedeutende Summe zu kaufen steht. Havanna ist der beste Markt für solche Freiheitslehrlinge und man kann dort in sehr kurzer Zeit einige Hundert derselben für einen

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Durchschnittspreis von vielleicht hundert Dollars per Stück anschaffen."

"Das ist sehr begreiflich. Danach Waare, danach Geld", bemerkte Dandon noch ungeduldiger. "Doch wo liegt der ungeheure Nutzen?"

"Das ist gerade das werthvolle Geheimniß, welches ich Ihnen jetzt offenbaren will", antwortete Harry. "Was meinen Sie, lieber Dandon, wenn einige Hundert solcher Neger, zu etwa hundert Dollars per Kopf gekauft, als lebenslängliche Sklaven auf einem meiner reichen Landstriche in Texas Baumwolle pflanzten, welchen Werth würden die zweihundert Neger dort haben und wie viel würden sie ihrem Herrn jährlich verdienen?"

Bei diesen Worten Harry's blieb Dandon plötzlich stehen, strich sich mit der Hand über die Augen, als erwache er aus einem Traume und sagte dann begeistert: "Ein Riesengedanke, ein göttlicher Gedanke!" Nach einigen Augenblicken aber fuhr er mit gedämpftem Tone fort:

"Wie aber die Neger von Havanna nach Texas schaffen? Sie selbst sowie die Behörden werden gegen ihre Einschiffung protestiren."

"Ganz einfach. Man ladet sie in Havanna ein unter dem Vorwand, sie nach einem andern Platz an der Küste von Cuba führen zu wollen, und hat man sie erst auf der hohen See, so ist jeder Weg der rechte. Man

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fährt sie nach Texas, landet sie in einem der Flüsse und treibt sie ohne Complimente auf mein Land. Den günstigen Augenblick für die Unternehmung wird die Schilderhebung von Texas zu seiner Unabhängigkeit von Mexico bieten, während welcher Zeit sich Niemand um Privatangelegenheiten kümmern kann. Sind die Neger dann einmal in dem Lande, so bleiben sie unumschränktes Eigenthum für Lebenszeit."

Hier schwieg Harry, denn sie waren vor dem Clubgebäude angelangt und traten in dasselbe ein, nur Dandon sagte wiederholt halblaut vor sich hin: "Groß, riesig, groß!"

Sie fanden die Räume der Gesellschaft schon sehr belebt. Dandon winkte nur einzelnen Mitgliedern des Clubs im Vorübergehen einen guten Abend zu und nahm Harry mit sich in ein ganz entlegenes, noch leeres Zimmer, wo er mit ihm in dem Sopha Platz nahm.

"Groß ist der Gedanke, mein Freund, und Niemand anders als ich selbst soll ihn ausführen helfen", nahm er jetzt mit wachsender Aufregung das Wort. Sagen Sie keinem Menschen eine Silbe davon, und wenn der Augenblick zum Handeln gekommen ist, bin ich Ihr Mann, wir machen das Geschäft für gleiche Rechnung."

"Den Beweis, daß ich Ihnen gern den Vorzug vor jedem Andern gebe, verehrter Herr Dandon, habe ich

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Ihnen durch Mittheilung meines wichtigen Geheimnisses ertheilt, und es wird mir eine Freude sein, den ungeheuren Gewinn, der uns nicht entgehen kann, mit Ihnen zu theilen. Sie werden sehen, die Zeit zur Ausführung ist nicht mehr fern", entgegnere Harry. "Halten Sie nur Kapitalien zur augenblicklichen Verwendung frei, da ich nicht weiß, ob ich in der Zeit Geld flüssig machen kann."

"Das Geld ist bereit", versetzte Dandon mit stolzem Tone. "Lassen Sie sehen, welcher Betrag würde erforderlich sein?"

"Nun, wir wollen den höchsten Preis von zweihundert Dollars für den Kopf annehmen, dann würde für zweihundert Neger eine Summe von vierzigtausend Dollars beansprucht. Nehmen wir nun noch Kosten zu zehntausend Dollars, so würden fünfzigtausend Dollars ausreichen, wenn wir auch die höchsten Preise zahlen müßten, was doch nicht anzunehmen ist. Diese Sklaven würden in Texas tausend Dollars das Stück werth sein und einen reinen Gewinn von Hundertfünfzigtausend Dollars geben außer dem doppelten und dreifachen Nutzen, den wir durch ihre Arbeit erzielen würden."

"Alles klar, Alles richtig. Sie sind ein scharfer Kopf, Freund Williams", versetzte Dandon in höchster Bewunderung und drückte Harry wiederholt die Hand. Lange noch unterhielten sich die Beiden über ihre Pläne

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und es war elf Uhr, als Harry dem alten Herrn vor seinem Hause gute Nacht wünschte, ihn bat, seiner Tochter seine Empfehlung zu machen, und nach seinem Hotel eilte. Kaum war er dort in sein Zimmer eingetreten, als seine Freundin, die sogenannte Madame Sulton, ihn ersuchen ließ, zu ihr zu kommen. Er fand sie allein und sie theilte ihm eilig mit, daß Sulton zurückgekehrt und erbötig sei, ihm seine Kunst zu lehren. Er wäre augenblicklich nicht zu Hause, würde Herrn Williams aber am folgenden Morgen seinen Besuch machen.

Harry verabschiedete sich bald bei der gefälligen Dame, um nicht vielleicht in Herrn Sulton unnöthig Eifersucht zu erwecken, zumal da Madame ihm die angenehme Mittheilung machte, daß der Künstler sich nur wenige Tage hier aufhalten und dann wieder eine kleine Geschäftsreise machen werde.

Harry hatte noch durchaus keinen bestimmten Zweck für das Erlernen der Kunst, Tinte von Papier zu entfernen, es lag aber für ihn ein Reiz darin, es zu können; Schaden konnte der Besitz dieser Kunst ja nicht bringen.

Am folgenden Morgen machte Herr Sulton verabredetermaßen Harry seine Aufwartung, dieser wurde einig mit ihm, hundert Dollars Lehrgeld zu zahlen, und dann begaben sie sich zusammen nach Sulton's Zimmer, wo derselbe die nöthigen Vorrichtungen, Stoffe und

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Flüssigkeiten zur Ausübung seiner Kunst aus einem kleinen Reisekoffer hervornahm und nun seine Belehrung und praktische Anweisung begann.

Harry's gelehriger Geist faßte schnell, auch seine ausübenden Versuche glückten auf das vollkommenste, und nach Verlauf von einigen Stunden war er im Besitze des ganzen Geheimnisses. Er zahlte dem Lehrmeister den bedungenen Preis, nahm die gemachten Proben mit sich auf sein Zimmer und verwahrte sie in seinem Koffer.

Es war noch eine Stunde bis zur Essenszeit. Harry verlangte nach einem Spaziergang, und da es ihm gleichgültig war, welchen Weg er nahm, so schlug er den ein, der ihn nach dem Markte führte. Er dachte dabei an das wunderschöne Mulattenmädchen von gestern, die reizende Lucy, möglicherweise war sie wieder bei der Bohnenverkäuferin. Als er in die Markthalle trat, ließ er seinen Blick spähend dieselbe durchschweifen, doch unter den wenigen Leuten, die sich darin befanden, konnte er Lucy nicht erkennen. Die alte Negerin, bei welcher Harry sie gestern getroffen, saß auf demselben Platze, sie empfing ihn schon von weitem mit freudestrahlendem Gesicht, und als er zu ihr trat, sagte sie:

"Der schöne Herr hat gestern dem jungen Mädchen das Köpfchen und das Herzchen in Brand gesteckt; hat das Ding eine Freude gehabt, daß ihm am Abend die

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Wangen noch glühten, als könne man sich daran verbrennen!"

"So hast Du sie am Abend gesehen, Alte?" fiel Harry ihr in das Wort.

"Ei freilich, sie war bei mir in meiner Wohnung und da haben wir Kuchen gegessen und auf des Herrn Wohlsein Punsch getrunken. Ich wollte, Sie hätten sie da gesehen; wie eine dunkle Rose leuchtete sie."

"Kannst Du sie nicht wieder zu Dir einladen, Alte? Dann würde ich auch kommen, und Ihr könntet Euch einen guten Abend machen", sagte Harry aufmunternd.

"Recht gern. Lucy kommt geflogen, wenn ich ihr sage, daß auch Sie, Herr, sich einfinden würden. Soll ich sie auf diesen Abend bitten?"

"Wenn Du es kannst, ja. Um welche Zeit wird sie bei Dir sein?"

"Nach acht Uhr, nachdem ihre Herrschaft zu Nacht gespeist hat. Sie muß aber vor zehn Uhr wieder zu Hause sein."

Nun ließ sich Harry von der Alten genau bescheiden, wo sie wohnte, und dann sagte er, indem er ihr zwei Dollars in die Hand drückte:

"Ich komme um acht Uhr, und wenn ich Lucy bei Dir spreche, so sollst Du auch so ein Goldstück von mir erhalten. Thue nur Dein Möglichstes, daß sie sich einstellt,

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und sage ihr, ich könnte nicht länger leben, ohne sie wiederzusehen."

"Das hübsche Ding wird närrisch werden vor Freude. Es ist aber der Mühe werth, denn sie ist ebenso lieb, wie sie schön ist", sagte die alte Negerin und setzte noch hinzu: "Der Herr braucht sich nicht zu schämen, zu mir zu kommen, ich bin eine freie Farbige und habe mein eigenes Häuschen ganz sauber eingerichtet."

"Schon gut, Alte, um acht Uhr", erwiderte Harry, nickte der Schwarzen noch freundlich zu und eilte davon.

Er begab sich nach der Post, um zu fragen, ob ein Brief für ihn von seinem Bruder Ashmore angekommen sei, an den er vor einigen Wochen um Geld geschrieben. Er hatte ihn bevollmächtigt, Land zu irgend einem Preise zu verkaufen, um einige Tausend Dollars anzuschaffen, oder dieselben auf sein Land für ihn zu borgen; denn seine Ausgaben waren bedeutend gewesen und er sah ein, daß seine Kasse nicht bis zu seiner Rückkunft nach Texas ausreichen wetde. Es war aber kein Brief für ihn eingetroffen. Von der Post ging er zu seiner Mutter, um bei ihr zu Mittag zu speisen, da sie ihm Vorwürfe gemacht, daß er sie so selten und dann immer nur auf Minuten besuche.

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Drittes Kapitel.

Je näher der Abend kam, um so lebendiger und sehnlicher dachte Harry an die schöne Lucy. Er hatte während seines Lebens in Neuorleans viele reizende Mulattinnen und Quadronen gesehen und kennen gelernt, doch einen solchen fesselnden Eindruck wie dieses Mädchen hatte nie eine Farbige auf ihn gemacht. Der Riesenplan des mit Dandon eingeleiteten Geschäfts, die interessante geheime Kunst, welche er so eben von Sulton gelernt hatte, ja selbst die schöne Blancha mit ihrem großen Vermögen waren augenblicklich vor dem Zauber, den die Mulattin auf ihn ausübte, in den Hintergrund getreten und im Geiste sah er ihr schon in die großen, redenden Augen, fühlte ihre glänzenden, weichen Locken zwischen seinen Fingern und küßte ihre schwellenden, üppigen Lippen.

Endlich versank die Sonne, die Dämmerung zitterte durch die Straßen und Harry verabschiedete sich bei

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seiner Mutter, die er durch sein langes Verweilen bei ihr sehr beglückt hatte. Es war noch zu früh, um nach dem Hause der Negerin zu gehen, doch in dessen Nähe wollte er seine Schritte lenken, um es sich zu merken und in der Dunkelheit nicht danach suchen zu müssen. Es stand in einem Außentheile der Stadt und er erkannte es nach der Beschreibung der Negerin schon von weitem. Da trat die Alte selbst in die Thür und schaute sich um. Harry, der im Begriff stand, die Straße zu verlassen, ging nun auf dem sandigen Wege weiter, und als er an der Negerin langsam vorüberschritt, fragte er sie:

"Kommt Lucy?"

"Ja. Herr, in einer halben Stunde. Sie zählt die Minuten, bis sie Sie wiedersehen wird."

"In einer halben Stunde", wiederholte Harry zu der Alten gewandt und wandelte weiter nach dem Ufer des Mississippi, auf welchem er in die Stadt zurückkehrte. So lang, meinte er, wäre ihm niemals eine halbe Stunde vorgekommen. Endlich waren die letzten Minuten derselben abgelaufen, die Dunkelheit war hereingebrochen und die Lichter wurden angezündet. Harry schritt jetzt eilig durch die Straßen der Vorstadt zu und hatte bald das Ziel seiner Wanderung erreicht. Die Negerin empfing ihn mit den Worten:

"Sie ist noch nicht da, treten Sie aber herein."

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"Wer weiß, ob sie kommt", sagte Harry besorgt.

"Ob sie kommt?" wiederholte die Alte. "Und wenn sie durch ihr Grab gehen müßte, würde sie kommen. Das afrikanische Blut ist heißer als das der weißen Menschen, und ein so schöner junger Herr kann wohl das Herz einer Mulattin in Sturm bringen. Gehen Sie in die Stube, ich will hier bleiben und sie erwarten; sie wird gleich kommen."

Harry trat in das kleine Zimmer der Negerin, dessen Ausstattung sehr einfach war und nur in einem Tisch, einigen hölzernen Schemeln und einem Schaukelstuhl bestand; doch war es frisch geweißt und sehr sauber gehalten. Auf dem Tische stand eine Lampe mit einem Schirme, in dem Kamin brannten einige Holzspäne und vor demselben stand eine Bank, auf welcher eine bunte Lappendecke zusammengefaltet als Polster lag. Harry setzte sich auf dieselbe nieder und lauschte mit fieberischer Ungeduld nach der Straße hinaus, denn Alles war still und nur die hölzerne Uhr an der Wand und die Heimchen in dem Kamin unterbrachen durch ihr Ticken und Zirpen die Ruhe, welche um ihn herrschte.

Plötzlich hörte er das Rauschen eines Kleides und zugleich ein leises eiliges Flüstern, die Thür ging auf und Lucy trat herein.

"O Du süßes, herziges Mädchen!" sagte Harry mit

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halblauter Stimme und schlang seinen Arm um die Mulattin. Bist Du auch wirklich mir zu Liebe gekommen?" Lucy aber hatte keine Worte, sie bebte und barg ihr schönes Haupt an Harry's Brust.

"Komm, meine Engelslucy, Du sollst es mir sagen, daß Du mich lieb hast", fuhr Harry schmeichelnd fort, hob ihr weiches Kinn empor und sah ihr liebeglühend in die großen Augen.

"Ja, Herr!" sagte sie mit zitternder Stimme und schlug die Augen nieder, Harry aber preßte seine Lippen auf ihren frischen Mund und schloß sie fester in seine Arme.

"Ich liebe Dich, Lucy, liebe Dich mehr als die ganze Welt und will Dir Deine Liebe lebenslang danken. Du mußt und sollst mein werden!" sagte Harry mit überströmender Leidenschaft und zog die Mulattin zu sich auf die Bank.

"Das kann ich ja nicht, Herr; meine Herrin läßt mich nicht von sich", antwortete sie und richtete ihre glänzenden Augen auf die seinigen.

"So nehme ich Dich heimlich mit mir. Bist Du einmal in Texas, so bist Du frei und keine Gewalt der Erde soll uns wieder trennen. Du sollst glücklich sein, wenn meine Liebe Dich wirklich glücklich machen kann!"

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"O Herr!" flüsterte das braune Mädchen mit aufflammendem Blick und schlang liebebebend ihren Arm um Harry's Nacken.

"Ja, ja, ich mache Dich glücklich, Du sollst den Himmel auf Erden haben", rief Harry wonnetrunken. Heißer und glühender hielten sie einander umschlungen und statt der Worte hatten sie nur noch Küsse.

"Du mußt mich Harry nennen, Deinen Harry, süßes Mädchen, denn ich bin und bleibe Dein für immer und ewig", brach dieser zuerst wieder das Schweigen. "Aber willst Du auch ganz mein werden?"

"Wenn ich es kann, ja, und wenn es mir das Leben kosten sollte", antwortete Lucy entschlossener.

"Du kannst es. Laß mich nur sorgen, ich nehme Dich mit mir", fuhr Harry fort. "Kannst Du denn jeden Abend hierher kommen?"

"Nein, nicht jeden Abend, denn wenn Fräulein Dandon zu uns kommt, so wird es manchmal spät mit dem Abendessen."

"Fräulein Dandon, ist sie befreundet mit Deiner Herrin?" fragte Harry überrascht.

"Ja, sehr, aber noch mehr befreundet mit Herrn Randolph, der bei uns wohnt. Sie hat eine Liebschaft mit ihm, wovon ihr Vater nichts wissen darf, und da treffen sie sich oft bei meiner Herrin, die ihnen beisteht. Fräulein

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Blancha ist sehr gut gegen mich, weil ich ihr immer die Briefe von Herrn Randolph bringe."

Harry wurde bei dieser Mittheilung eiskalt, und während einiger Minuten saß er schweigend da, sodaß dem Mädchen sein plötzlicher Ernst auffiel und es sagte: "Ach, ich hätte es wohl nicht verrathen sollen?"

"Weshalb denn nicht, Lucy?" fiel Harry rasch ein. "Ich sage es ja nicht weiter, denn mir kann es ganz gleichgültig sein, mit wem Fräulein Blancha eine Liebschaft hat. Ich wundere mich nur darüber, weil sie doch eine ganz andere Partie machen könnte."

"Sie würde aber nicht von Herrn Randolph lassen, und wenn sie ihr Vater darüber enterben wollte; sie haben sich sehr lieb", fuhr Lucy fort.

"Doch nicht halb so lieb, wie wir uns haben", sagte Harry und liebkoste die Mulattin von neuem.

"Nein, nein, gewiß nicht!" flüsterte diese und schmiegte sich mit zärtlicher Innigkeit in seine Arme.

Die Entdeckung Harry's, daß der ihm verhaßte Randolph seine Absichten auf Blancha's Hand und Vermögen vereitelt habe und als siegreicher Nebenbuhler über ihn triumphire, erfüllte ihn mit einem Grimm und einem Rachegefühl, wie er es nie vorher gekannt, und er mußte sich Gewalt anthun, um vor der Mulattin die Veränderung, die in ihm vorgegangen

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war, zu verbergen. Ihre Liebkosungen aber waren doch zu wonnig, ihre Augen zu feurig, ihre Arme zu weich und ihre Küsse zu glühend, als daß sie die bösen Gefühle nicht bald wieder aus Harry's Brust verdrängt und seiner Leidenschaft für sie die Herrschaft wiedergegeben hätten.

Es war kurz vor zehn Uhr, als die alte Negerin an die Thür klopfte und daran mahnte, daß es für Lucy Zeit sei, sich nach Hause zu begeben.

"Ich muß gehen", sagte diese, strich die zügellos um ihren Kopf hängenden schwarzen Locken zurück und sank dann nochmals mit aller Glut erster Liebe in Harry's Arme.

"Aber bald muß ich Dich wiedersehen", sagte dieser bittend.

"Sobald ich kann, Herr", antwortete die Mulattin, sich aus seiner Umarmung windend.

"Nein, nicht Herr, Lucy, ich bin Dein Harry, Dein Dich einzig liebender Harry", flehte dieser.

"Nun denn, wenn ich es darf, mein Harry, mein Geliebter", rief das Mädchen außer sich vor Seligkeit und warf sich ihm noch einmal an die Brust.

"Sage der Alten morgen auf dem Markte, ob Du abends kommen kannst."

"Ja, ja, Geliebter, ich hoffe morgen", entgegnete

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Lucy, empfing den letzten Kuß auf ihren brennenden Lippen und sprang zur Thür hinaus.

"Nun, Herr, hab ich zu viel von ihr gesagt?" fragte die Negerin eintretend.

"Nein, nein, sie ist ein Engel, sie ist das süßeste Mädchen, das ich je gesehen", antwortete Harry im Sturme seiner Leidenschaft, griff in die Tasche und gab der Alten ein Goldstück. "Da nimm", sagte er, "ich werde gut für Dich sorgen. Daß aber keine Seele etwas davon erfährt!"

"Meine Lippen mögen absterben, wenn jemals ein Wort davon über sie geht."

"Will sie morgen wiederkommen?"

"Wenn sie kann. Sie wird es Dir auf dem Markte sagen und ich hole mir dort die Nachricht von Dir. Gute Nacht!" versetzte Harry und eilte aus der Thür.

"Der Segen des Himmels begleite Sie", rief ihm die Negerin nach.

Kaum aber war Harry in der Straße, so trat der Gedanke an Randolph wie ein Gespenst wieder vor seine Seele.

"Darum die verächtliche Kälte, darum sein leuchtender Blick!" sagte er halblaut im Vorwärtsschreiten. "Ich werfe Euch aber Gift in Eure Seligkeit, ich werde dem Alten Glück wünschen zu solchem Schwiegersohne!"

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Diesem ersten in Harry's Zorn auflodernden Gedanken folgte aber bald die berechnende Frage seines kalten Verstandes, was die Folgen davon sein würden. Vielleicht bahnte er selbst ihnen dadurch den Weg zu ihrer Vereinigung. Hatte Lucy nicht gesagt, daß Blancha nicht von Randolph lassen würde und wenn der Alte sie enterben wollte? Sie hatte zwanzigtausend Dollars von diesem zum Geschenk bekommen, die er ihr nicht vorenthalten konnte. Randolph verdiente genug, um sie ernähren zu können, und ein offener Bruch mit Dandon führte sie sicher zusammen. Das durfte nicht geschehen!

In düstere Gedanken versunken, schritt Harry langsam durch die Straßen hin und hundert Rachepläne zogen an seinem scharf berechnenden Geist vorüber, keiner davon aber fand seine Genehmigung. In dieser Stimmung wanderte er fort, und anstatt geraden Wegs nach dem Hotel zu gehen, schlug er den nach Dandon's Hause ein. Es war eine finstere Nacht und das Licht der Laternen drang nur sehr matt bis zu der Mitte des Platzes, wo Harry stehen blieb. Die Fenster Blancha's waren hell, doch war nichts von ihr zu sehen. Auch Randolph's Fenster waren erleuchtet und in diesem Augenblick schaute der Verhaßte aus einem derselben hervor. Er sah nach Dandon's Haus hinüber, und als Harry sich nach demselben umwandte, trat Blancha in die offene

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Balkonthür. Sie schaute nach Randolph hin, sie winkte ihm mit der Hand, sie winkte ihm mit dem Batisttuche, und es war Harry, als stieße sie mit jedem Winke ihm einen Dolch in die Brust.

"Ha, dieser Lump, dieser Bauerjunge!" knirschte Harry zwischen den Zähnen hervor und ballte die Fäuste.

Er konnte nur den Umriß von Blancha's hoher Gestalt erkennen, dennoch sah er sie im Geiste jetzt schöner vor sich, als sie ihm in unmittelbarer Nähe erschienen war. Stände dieser Randolph ihm nicht im Wege, so war er überzeugt, daß sie seine Frau geworden wäre, und welch großes Vermögen mußte dieser Dandon haben!

"Dandon soll dafür zahlen!" sagte Harry wieder halblaut vor sich hin, warf noch einen grimmen Blick nach den beiden Liebenden und eilte nun auf der Mitte des Platzes fort, sodaß er von ihnen ungesehen die nächste Straße erreichte. In heftiger Aufregung langte er in seinem Zimmer an, warf den Hut auf den Tisch und ging mit verschränkten Armen auf und nieder. Sein Geist war zu größter Thätigkeit angespornt. Bald war es seine Heirath mit Blancha, die er sich in allen leuchtenden Farben ausmalte, bald seine Rache an Randolph, die er schmiedete, bald wieder bearbeitete er die große Negerspeculation mit Dandon, und immer

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drängte sich das Bild der reizenden Lucy und die Frage dazwischen, wie er dieselbe unbemerkt mit sich nach Texas nehmen könnte. Es wurde Mitternacht, ehe er seinem rastlosen Denken ein Ziel setzte und sich zur Ruhe begab. Am folgenden Morgen gleich nach eingenommenem Frühstück eilte Harry nach der Post und diesmal wurde ihm dort der ersehnte Brief von seinem Bruder ausgehändigt. Hastig erbrach er ihn in der Hoffnung, einen Wechsel oder eine Anweisung darin zu finden, das Schreiben war aber leer und sein Bruder theilte ihm darin mit, daß er beim besten Willen kein Geld für ihn habe anschaffen können. Die politischen Verhältnisse, sagte er, gestalteten sich täglich ernster und bedenklicher, man sähe mit Hoffnung, aber auch mit Bangen einer entscheidenden Katastrophe entgegen und Niemand wolle bei der ungewissen Zukunft des Landes sich vom Gelde trennen oder auf Speculationen eingehen. Er rieth ihm, sobald als möglich zurückzukommen, da er selbst kein Geld habe, um die Arbeiter auf Harry's Farm zu bezahlen, und weil der Ausbruch der Revolution jeden Augenblick erwartet würde. Harry erschrak, denn er hatte sicher darauf gerechnet, daß der Brief ihm Kasse bringen würde. Woher sollte er Geld nehmen, um seine Schulden hier zu bezahlen und die Unkosten seiner Rückreise nach Texas zu bestreiten? Seine Mutter konnte ihm nicht helfen, denn sie hatte

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von ihrer verkauften Farm auf der Insel Galveston nur einen kleinen Theil des Kaufgeldes ausgezahlt bekommen, und sich um ein Darlehen an ein hiesiges Haus wenden, durfte er keinesfalls, da Dandon davon hören konnte und er dann gewiß dessen Vertrauen verlor.

Harry, für den Augenblick rathlos, steckte den Brief in die Tasche und wanderte dem Flusse zu, um außerhalb der Stadt mit seinen Gedanken allein zu sein und seinen unternehmenden Geist ungestört arbeiten zu lassen; denn Geld mußte er schaffen.

Nach Verlauf von einigen Stunden kehrte er in die Stadt zurück und zwar augenscheinlich zufrieden mit seiner geistigen Arbeit, denn seine Züge hatten sich erheitert, sein Schritt war leicht und das Spiel mit dem Spazierstock, in seiner Rechten verrieth Unbekümmertheit und Sorglosigkeit. Er ging den nächsten Weg nach dem Markte und eilte durch das Hallengebäude zu der alten Negerin.

"Hast Du schon von Lucy gehört?" fragte er sie hastig.

"Nein, Herr, sie war noch nicht hier, ich erwarte sie aber jede Minute", antwortete die Alte.

"Es liegt mir unendlich viel daran, sie heute Abend zu sprechen, und wenn es auch nur auf einige Minuten wäre", fuhr Harry dringend fort. "Wenn sie nicht zu

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Dir kommen kann, so frage sie, ob ich mich in der Nähe ihrer Wohnung einfinden soll und wo und wann. Sieh zu, daß Du es bewerkstelligst, ich belohne Dich gut. Nach Tische hole ich mir die Antwort von Dir."

"Verlassen Sie sich auf mich, Herr, Sie sollen Lucy sprechen, hoffentlich in meinem Hause. Ich glaube, sie käme, wenn man sie einschlösse; sie würde zum Fenster hinausspringen", antwortete die Negerin lachend, und Harry verließ sie eilig.

Es war jetzt gerade die Zeit, wo Dandon gewöhnlich das Lesezimmer verließ, und Harry verdoppelte seine Schritte, um ihn dort noch zu treffen. Als er in dasselbe eintrat, bemerkte er ihn auch sofort unter den vielen Lesern vor dem Pulte, auf welchem die Times aufgelegt war. Geräuschlos schritt er durch die schweigsame Versammlung zu Dandon hin, klopfte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm in das Ohr:

"Gute Nachricht von Texas, unser Weizen wird bald blühen!"

"Wirklich?" stieß Dandon freudig überrascht aus, nahm Harry beim Arm und ging mit ihm in das nächste sogenannte Sprechzimmer.

"Nun lassen Sie hören, Freundchen. Welche Nachrichten haben Sie erhalten?" hob er dort an, indem er sich mit Harry am Fenster niederließ.

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"Die besten von der Welt", antwortete dieser mit begeistertem Tone. "Mein Bruder bittet mich dringend, möglichstschnell zurückzukommen, da man von Tag zu Tag dem Ausbrechen der Revolution entgegensähe."

Hiermit hatte Harry den Brief aus der Tasche gezogen, ihn geöffnet und zeigte Dandon nun die letzte Seite desselben, auf welcher Ashmore seine Ansichten über die politischen Zustände von Texas aussprach. Er neigte sich mit dem Blatt zu Dandon hin, sodaß dessen Blick die Schrift übersehen konnte, und las ihm dieselbe vor.

"Vortrefflich!" sagte der Alte, als Harry damit zu Ende war. "Es geht Alles nach Wunsch und wir müssen uns rüsten. Reisen Sie bald zurück, damit Sie mir zeitig, wenn der Augenblick zum Handeln gekommen ist, Nachricht geben können. Der Aufstand muß ausgebrochen sein und während des Kampfes mit Mexico müssen die Neger gelandet werden. Daß Texas sich frei machen wird, darüber habe ich keinen Zweifel, denn es ist ja amerikanisches Blut, welches sich dort empört, und Onkel Sam wird seine Kinder nicht im Stiche lassen."

"Ich habe gedacht, ob wir nicht vielleicht jetzt schon -" hob Harry sinnend an, doch Dandon fiel ihm schnell in das Wort und sagte:

"Nein, nein, sicher müssen wir gehen, denn bliebe

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die Revolution einmal aus, so hätten wir die zweihundert Freiheitscandidaten in Havanna auf dem Halse und wüßten nicht, wie wir sie wieder loswerden sollten."

"Sie mißverstehen mich, verehrter Herr Dandon", nahm Harry wieder das Wort, als er sah, daß der Alte noch nicht an das Geschäft gehen und somit auch noch kein Geld vorschießen wollte. "Ich dachte nur, ob wir uns nicht jetzt schon ein Haus in Havanna ausmachten, durch welches wir über den Stand des Marktes und über die Preise von schwarzem Fleisch uns Auskunft verschafften. Ich glaube, dies wäre ganz gut."

"So, so; allerdings, da haben Sie wieder Recht, Freund Williams; Sie sind ein tüchtiger Geschäftsmann. Ich werde dies morgen schon besorgen und Ihnen den Bericht gleich nach Empfang nach Texas senden. Wann gedenken Sie abzureisen?"

"Noch einige Tage muß ich hier bleiben, es halten mich noch verschiedene Geschäfte zurück; aber sobald ich loskommen kann, reise ich", entgegnete Harry und setzte, sich erhebend, noch hinzu:

"Wir gehen ja wohl zusammen, Herr Dandon, es wird beinahe Zeit zum Essen sein."

Beide nahmen Hut und Stock und verließen den Leseclub, und als sie in der Straße hinschritten, sagte Dandon:

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"Da fällt mir ein, vielleicht macht es Ihnen Freude, mich heute Abend zu besuchen; ich habe eine kleine Soiree bei mir, nur reiche Leute ersten Ranges. Kommen Sie ein wenig, meine Tochter wird sich freuen, Sie zu sehen. Unter uns gesagt, Sie haben einen außerordentlich guten Eindruck auf sie gemacht, sie war ganz entzückt über Ihre geistreiche Unterhaltung."

"Das thut mir doch wahrlich sehr leid, ich bin aber für heute Abend schon fest versagt. Kann ich mich jedoch früh losmachen, so komme ich noch. Rechnen Sie aber nicht auf mich, verehrter Freund", versetzte Harry mit dem Ausdruck tiefen Leidwesens. Vor Dandon's Wohnung nahm er Abschied von diesem, gab ihm nochmals das Versprechen, wenn möglich heute Abend sich bei ihm einzustellen, und eilte dann nach seinem Hotel.

"Prächtig!" sagte er vor sich hin. So kann Fräulein Blancha heute Abend nicht ihren Süßkönig besuchen und Lucy wird nicht durch sie an das Haus gebunden."

Seine Hoffnung ging in Erfüllung, denn nachmittags gab ihm die Negerin auf dem Markt die Zusicherung, daß die Mulattin abends in ihre Wohnung kommen wolle. Mit rastloser Thätigkeit verfolgte Harry seine Pläne und spann sie in hundertfacher Entwickelung und unter Berechnung aller möglicherweise eintretenden Zufälligkeiten zu dem vorgesteckten Ziele aus.

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Er wurde während seines einsamen Spaziergangs am Nachmittag über die von ihm einzuschlagenden Schritte vollkommen mit sich einig, und mit Ungeduld erwartete er die Dunkelheit, um den ersten derselben für sein Vorhaben zu thun und sich zugleich in den Armen der schönen Mulattin von seinen geistigen Anstrengungen zu erholen.

Diesmal harrte das heißliebende Mädchen seiner schon in der matt erleuchteten Stube der Negerin und flog ihm beim Eintreten mit dem überwogenden Gefühl ihres stürmisch schlagenden Herzens an die Brust. Auch Harry vergaß in den Zauberarmen der Liebe Lucy's den eigentlichen Zweck, der ihn an diesem Abend hierher führte und erst als die Wogen der Leidenschaft sich glätteten und die Mulattin in wonniger Ermattung an seinem Herzen ruhte, befreite sich sein Geist von dem Liebesrausche, der ihn umfangen hielt, und erfaßte wieder das scharf berechnete Ziel, welches zu verfolgen er beschlossen hatte.

"Höre, Lucy, Du könntest mir einen Dienst erweisen", hob er mit zutraulichem Tone an und legte seine Hand unter das weiche Kinn des glücklichen Mädchens.

"Fordere mein Leben, Geliebter, es ist Dein Eigenthum!" entgegnete die Mulattin mit hellstrahlendem Blick.

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"Du süßes Lieb, es ist nur eine Kleinigkeit, die Du mir zu Gefallen thun sollst. Es liegt mir nämlich viel daran, die Handschrift des Herrn Randolph zu erhalten, und ich glaube, es muß Dir ein Leichtes sein, mir dieselbe zu verschaffen. Es ist nämlich einer Dame, die mir sehr befreundet ist, von einem Unbekannten ein Gedicht zugesandt worden und da möchte ich mich gern überzeugen, ob Herr Randolph dasselbe geschrieben hat."

"Ei ja, das ist leicht möglich, er ist ja Dichter und hat auch Fräulein Blancha schon viele Gedichte zugeschickt. Seine Handschrift kann ich leicht für Dich bekommen; sein Tisch ist immer mit Papieren, die er beschrieben hat, bedeckt, da kann ich eins wegnehmen, ohne daß er es gewahrt", antwortete Lucy erfreut, dem Geliebten ihres Herzens einen Wunsch zu erfüllen.

"Das dachte ich mir", fuhr Harry mit demselben bedeutungslosen Tone fort. "Nur suche mir aber ein Schriftstück aus, welches er deutlich geschrieben hat, nicht etwa so eine flüchtige Notiz, in welcher man keinen Buchstaben erkennen kann. Ich behalte das Blatt nur einen Tag und dann kannst Du es wieder auf seinen Platz legen."

"Ich will es schon gut besorgen, mein Harry. Morgen früh, wenn Herr Randolph ausgegangen ist, hole ich das Papier von seinem Tische. Soll ich es der Negerin auf dem Markte geben?"

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"Das kannst Du thun, mußt es aber in ein anderes Blatt einschlagen und der Alten sagen, daß sie es nicht öffnen solle", versetzte Harry.

"Ach, sie kann ja nicht lesen", antwortete Lucy lachend. "Ich werde es aber mit einer Oblate versiegeln."

"Das wird am besten sein", sagte Harry und wandte unter Liebkosungen das Gespräch nun wieder auf die glückliche Zukunft, die er Lucy bereiten wollte. Diese schwamm in einem Himmel voll Seligkeit, es gab für sie keine andere Welt mehr als die, welche von ihrer Liebe für Harry eingeschlossen wurde, denn mit dieser Liebe fühlte sie, daß sie jeden Zweck, jedes Ziel ihres Lebens vollständig erreicht habe.

Als die Zeit zum Abschied gekommen war, klagte Lucy, daß sie am folgenden Abend zu Hause bleiben müsse, da Fräulein Blancha wahrscheinlich ihre Herrin besuchen werde, und bat Harry dann, ob er nicht einige Augenblicke in die Nähe ihrer Wohnung kommen wolle, damit sie, wenn auch nur für Augenblicke, das Glück seiner Gegenwart fühlen dürfe. Harry sagte es ihr zu, nach neun Uhr in der engen, abgelegenen Straße hinter Newberry's Haus sie zu erwarten, und schied dann von ihr unter vielen Betheuerungen ewiger Liebe und Treue.

Schon frühzeitig am folgenden Morgen empfing Harry auf dem Markte aus den Händen der Negerin

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das ihm so wichtige Papier, auf welchem sich die Handschrift des verhaßten Randolph befand.

Als ob er dessen Schicksal in seiner Hand hielte, so schaute er das Papier an, verbarg es in seiner Tasche und eilte raschen Schritts nach dem Hotel zurück. Er schloß sich in seinem Zimmer ein und ging lange Zeit sinnend und vor sich niederblickend in demselben auf und ab, dann aber, als wenn er nun nichts mehr zu überdenken habe, legte er sein Schreibmaterial auf dem Tische zurecht, holte Dandon's Brief aus seinem Koffer und setzte sich mit der größten Ruhe und Gelassenheit an dem Tische nieder.

Zuerst nahm er Dandon's Brief vor und copirte dessen Unterschrift auf einem Bogen Papier wieder und wieder, bis die Abschrift von dem Original nicht mehr zu unterscheiden war. Dann schrieb er eine Anweisung von zweitausend Dollars zu Gunsten der Madame Newberry auf die Bank und unterzeichnete sie mit dem Namen Dandon's. Er fertigte drei solche Anweisungen aus und erst mit der dritten war er ganz zufrieden, der Namenszug Dandon's darunter war mit dem in dessen Brief vollständig gleich. Er zerriß die beiden zuerst geschriebenen Anweisungen und legte die dritte ganz gelungene, nachdem er sie lange mit Zufriedenheit betrachtet hatte, zur Seite. Nun nahm er das Papier mit der

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Schrift Randolph's zur Hand und begann dieselbe abzuschreiben. Langsam zeichnete er jeden Buchstaben, jeden Federstrich nach und verharrte bei dieser Arbeit über eine Stunde. Seine Schrift wurde der Randolph's immer ähnlicher und immer schneller floß sie auf das Papier. Endlich schien er mit den Versuchen zufrieden zu sein und verglich sie mit der Originalschrift.

"Es kommt ja gar nicht darauf an, daß sie ganz treu ist", sagte er vor sich hin. "Man wird denken, er habe absichtlich seine Hand entstellt."

Hierauf schrieb Harry der Schrift Randolph's so ähnlich als möglich ein Billet an die Bank, worin er bat, den Betrag inliegender Anweisung des Herrn Dandon der Mulattin Lucy in Banknoten mitzugeben, und unterzeichnete das Schreiben mit dem Namen der Madame Newberry. Das Datum setzte er auf den folgenden Tag. Nachdem er die beiden zerrissenen Anweisungen in das Kamin geworfen und verbrannt hatte, nahm er die zwei angefertigten Schreiben, setzte sich damit nahe an das Fenster und überblickte sie nochmals mit der größten Aufmerksamkeit.

"Vollkommen gut", sagte er, nachdem er die Anweisung mit Dandon's Namen lange betrachtet hatte, legte sie in seinen Koffer und las dann noch einmal das Schreiben mit der Unterschrift der Madame Newberry

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durch. Auch dieses legte er zu dem ersten, fügte dann noch den Bogen, auf dem er die vielen Versuche mit Dandon's Namen gemacht hatte, hinzu und verschloß den Koffer. Indem er nun den Schlüssel in die Tasche steckte, sagte er:

"In der Bank wird man sich keinen Augenblick bedenken, der Mulattin das Geld auszuzahlen, da dieselbe von Jedermann als die Dienerin der Madame Newberry gekannt ist, und von den Beamten der Bank hat wohl keiner jemals die Unterschrift dieser Dame gesehen. Sie werden glauben, die zweitausend Dollars wären Privatvermögen derselben, welches Dandon in Händen habe. Es ist Alles richtig berechnet und ein Mißlingen nicht denkbar. Nun noch das Mädchen und ich bin schlag- und reisefertig."

Wieder und wieder nahm Harry im Laufe des Tages die beiden Schriftstücke aus dem Koffer hervor und unterwarf sie neuen Untersuchungen, und immer zufriedener legte er sie in den Verschluß zurück. Nachmittags ging er nach dem Werft am Flusse, um sich die Dampfer, welche dort angekommen waren, anzusehen und Erkundigungen einzuziehen, welche Schiffe morgen vom Norden her auf ihrer Fahrt nach Neuorleans erwartet würden. Zu seiner Genugthuung erfuhr er, daß deren mehrere ersten Ranges am folgenden Tage eintreffen würden.

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Der Abend kam und schon vor neun Uhr stand Harry hinter dem Hause Newberry's und harrte auf das Erscheinen der Mulattin. Es war sehr finster und das Gäßchen so einsam, daß er nicht durch Vorübergehende belästigt wurde. Er schritt nahe an der Thür in der Breterwand, welche den Hof hinter dem Hause umgab, auf und ab und war eben wieder vor dieselbe getreten, als sie sich leise öffnete und Lucy aus ihr hervorkam. Mit einem unterdrückten Freudenrufe glitt sie in Harry's Arme, reichte ihm ihre weichen Lippen zum Kusse und dankte ihm unter tausend Liebkosungen mit herzinnigen Worten dafür, daß er gekommen.

"Morgen Abend, mein Harry, erwarte ich Dich bei der Negerin, denn Madame Newberry ist dann in Gesellschaft gebeten und da kann ich schon nach sieben Uhr abkommen", sagte sie in ihrem Glück, warf ihre Locken zurück und schlang beide Arme um den Nacken des geliebten Mannes.

"Das hat der Himmel so gefügt, Lucy, denn der morgende Abend soll das Glück unseres Lebens entscheiden. Morgen sollst Du Deine Sklavenketten abwerfen und meine Herrin werden!" versetzte Harry mit liebeathmender Stimme.

"Morgen?" wiederholte Lucy erschrocken und preßte ihre kleinen Hände um seinen Arm.

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"Kommt Dir das Glück zu früh oder ist Dir die gewohnte Herrin lieber als Dein Harry?" fragte dieser mit einem Ausdruck leisen Vorwurfs.

"O mein Geliebter, was sagst Du da! Verlange, daß ich die ganze Welt verlassen und Dir in diesem Augenblick folgen soll, und ich will wie Dein Schatten Dir nachziehen und ginge es in Elend und Tod! Nur in Deiner Nähe gibt es Leben, gibt es Seligkeit für mich. Wann und wie soll ich Dir morgen folgen?"

"Morgen Abend, geliebtes Mädchen. Du mußt aber ein Opfer bringen", entgegnete Harry und setzte lächelnd noch hinzu: "Werde ich Dir so viel werth sein?"

"Alles in der Welt, sage mir nur, was es ist", fiel Lucy stürmisch ein.

"Es kostet Dir Dein prächtiges Haar und Deine Mädchenkleidung; Du mußt Junge werden."

"O wie gern, Harry. Dann kann ich ja immer bei Dir sein", sagte die Mulattin und schmiegte sich an sein Herz.

"Nun höre, Lucy. Du hast noch Mancherlei für unser Glück zu thun", begann Harry wieder und zog Papiere aus seinem Rocke hervor. "Hier ist das Schriftstück des Herrn Randolph; lege es wieder dahin auf seinen Tisch, wo Du es wegnahmst. Diesen Bogen aber, auf welchem nichts weiter geschrieben steht als der Name Apollo

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Dandon, lege zwischen Randolph's Papiere so, daß er ihm nicht in die Augen fällt."

Harry hatte die beiden Blätter zusammengefaltet, reichte sie der Mulattin und diese verbarg sie in ihrem Kleide und sagte:

"Ich werde es genau so besorgen, wie Du mir befahlst, Geliebter."

"Nun ist hier aber noch ein Brief von größerer Wichtigkeit; er enthält eine Anweisung auf die Bank von zweitausend Dollars, die Du für mich einkassiren sollst. Morgen Nachmittag genau um ein Viertel vor drei Uhr gehst Du in die Bank und gibst dort den Brief ab, empfängst die Summe in Banknoten und eilst dann die Hochstraße hinauf aus der Stadt, wo ich Dir begegnen und Dir das Geld abnehmen werde. Aber genau um ein Viertel vor drei mußt Du in der Bank eintreffen, denn um drei Uhr wird sie geschlossen", sagte Harry und reichte Lucy den versiegelten Brief.

"O, ich bin mit den Herren in der Bank bekannt, ich habe schon oft Geld dort für die Herrin geholt und gewechselt", antwortete die Mulattin und setzte noch hinzu: "Freilich so viel habe ich nie dort empfangen."

"Das bleibt sich ja gleich, ob man hundert oder tausend Dollars empfängt. Nun aber noch eins. Du mußt sagen, Deine Herrin schicke Dich, das Geld für

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sie zu holen. Ich habe meinen guten Grund dabei, und die Herren in der Bank werden ja nie im Leben gewahr, ob Madame Newberry oder ein Anderer es holen ließ. Es kann ihnen ja auch ganz gleichgültig sein, denn sie sind verbunden, die Anweisung, welche in dem Briefe liegt und die auf den Inhaber derselben lautet, zu zahlen. Wer dieser Inhaber ist, das geht sie nichts an und danach fragen sie nicht. Ich kann mich darauf verlassen, daß Du es mir gut besorgst, nicht wahr, Lucy?" versetzte Harry lächelnd und strich ihr zärtlich über die Wange.

"Sicher, so gut, als ob Du es selbst thätest. Wenn es nur eine größere Aufgabe wäre, die Du mir stelltest, hierin liegt ja gar kein Verdienst für mich", antwortete das Mädchen mit heiterer Unbefangenheit.

"Und morgen Abend", fuhr Harry fort, "wollen wir uns nicht bei der Negerin, sondern auf demselben Platze treffen, wo Du mir nachmittags das Geld geben wirst; dann nehme ich Dich mit mir, um mich niemals wieder von Dir zu trennen. Nur mußt Du die Aufträge, die ich Dir gegeben habe, gut ausführen. Hast Du mich auch recht verstanden?"

"Vollständig, Harry. Du sollst mit mir zufrieden sein, ich werde ganz ernsthaft das Geld für meine Herrin fordern", antwortete Lucy, glücklich in der Voraussicht, dem Geliebten einen Dienst erweisen zu können.

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Sie hatte auch den Brief in ihrem Kleid verborgen und gab sich nun der Seligkeit hin, die sie bei den Liebesbezeigungen Harry's, womit derselbe sie jetzt überhäufte, durchbebte.

Die Zeit flog, doch Lucy lauschte dem Glockenschlage und nach Verlauf einer halben Stunde sagte sie mit traurigem Tone, daß sie Harry jetzt verlassen müsse.

"Noch eine Nacht und noch einen Tag, süßes Mädchen, dann wirst Du Dich nimmer wieder von mir trennen", versetzte Harry und nahm mit den Worten Abschied von ihr:

"Richte Alles gut aus und lasse Niemand die Papiere sehen."

"Sei unbesorgt, Geliebter!" rief sie ihm im Davoneilen zu und verschwand durch die Thür.

Am folgenden Morgen begab sich Harry wieder nach dem Flusse hinunter, wo die Schiffe lagen und wo vor einer Stunde ein prächtiger Dampfer von Cincinnati angekommen war. Harry ging an Bord desselben zu dem Kapitän und hörte von ihm, daß er am nächsten Morgen seine Reise nach Neuorleans antreten werde und zwar mit dem ersten Grauen des Tags.

"So wird es am besten sein, wenn ich schon heute Abend an Bord komme", sagte Harry, "denn ich will

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mit Ihnen nach Neuorleans fahren und möchte nicht unnöthig in meiner Morgenruhe gestört werden."

"Freilich thun Sie wohl daran und ich glaube, daß meine Betten vollkommen so gut sind als die in den Hotels der Stadt", entgegnete der Kapitän, worauf Harry für sich und für seinen Mulattenjungen die Passage zahlte, eine Kajüte auswählte und mit dem Bemerken, daß er sich am Abend einfinden werde, das Schiff verließ.

Nun begab er sich zu Dandon und zeigte demselben an, daß er seine Geschäfte hier beendet habe und am folgenden Morgen schon abreisen werde. Dandon war sehr erfreut darüber, da er glaubte, daß Harry's Gegenwart in Texas für ihr beabsichtigtes Unternehmen von großer Wichtigkeit sei; er bat ihn um pünktliche Mittheilung über alle politischen Bewegungen und versicherte ihm noch schließlich, daß er sich vollständig gerüstet halten werde. Harry verabschiedete sich dann noch bei Blancha, die ihn mit ihrer gewohnten Ruhe empfing und entließ, und nun eilte er zu seiner Mutter, um auch ihr Lebewohl zu sagen. Bei ihr verweilte er bis halb drei Uhr, worauf er in der herzlichsten Weise Abschied von ihr nahm und sie verließ.

Der entscheidende Augenblick nahte sich. Harry jedoch schritt mit ruhig schlagendem Herzen durch die

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Straßen, ja es schien, daß die Gefahr jeden seiner Nerven nur noch straffer spannte, es war kein Wanken, kein Zweifeln, kein Bangen in ihm. In der heitersten Laune nahm er auf seinem Weg durch die Stadt von mehreren Bekannten Abschied und lud sie ein, ihn auf seinen Besitzungen in Texas zu besuchen, und es schlug drei Viertel, als er das Ende der Stadt erreichte und in dem sandigen Wege langsam fortschritt.

"Jetzt zahlen ihr die gescheidten Herren das Geld aus", sagte er lachend vor sich hin. "Ich wollte, Holcroft wäre hier, er würde mir ein Belobungsschreiben geben."

Dann verfinsterte sich sein Blick, und in ernstem Tone fuhr er fort:

"Herr Randolph, der Triumph wird nun wohl auf meine Seite kommen!"

Im Vorwärtsgehen sah er wiederholt nach der Uhr, berechnete, wie bald Lucy hierher kommen könne, und wandte sich dann auf demselben Wege nach der Stadt zurück. Er hielt seinen spähenden Blick auf die letzten Häuser gerichtet, denn es war Zeit für das Mädchen zu erscheinen. "Vielleicht hat man sie nicht gleich abgefertigt", dachte Harry und ging immer langsamer, um der Stadt nicht zu nahe zu kommen,

Immer noch erschien sie nicht. Sollte man Argwohn

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geschöpft und vielleicht zu Madame Newberry gesandt haben?

"Thorheit!" antwortete sich Harry laut. "Dazu sind die Herren zu dumm. Madame Newberry ist ja eine respectable Dame und die schöne Lucy ist als braves Mädchen bekannt, wie kann man an der Richtigkeit zweifeln? Sieh, dort kommt sie ja herangeflogen, man sieht ihre Freude in ihren Schritten, sie hat das Geld!"

Harry ging jetzt schneller und wenige Minuten später kam Lucy ihm jubelnd entgegen und sagte:

"Habe ich meinen Auftrag nicht schnell ausgeführt? Hier, Geliebter, hier ist das Geld!"

"So gut hast Du ihn ausgeführt, daß Du dafür lebenslang meine Herrin sein sollst, Du einziges Mädchen. Nun aber eile Dich, geh jenen Fußweg, er führt Dich von der andern Seite in die Stadt. Deinen Lohn erhäl[t]st Du heute Abend, ich werde um sieben Uhr hier sein. Auf Wiedersehen, meine Lucy!"

Hiermit empfing Harry das Papier mit den Banknoten, steckte es in seine Brusttasche und ging eiligen Schritts nach der Stadt zurück.

So gut wie heute bei seinem Mittagsmahl hatte Harry der Champagner lange nicht geschmeckt.

Nach Tische zahlte er seine Rechnung in dem Gasthause, packte seinen Koffer und ließ seine Effecten an

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Bord des Dampfschiffs bringen. Er selbst begab sich nach einem Kleiderladen, wählte mehrere Anzüge für Lucy, kaufte eine schwarze Wachstuchkappe für sie und ließ diese Sachen gleichfalls nach dem Dampfschiffe senden, wohin er selbst voranging.

Viertes Kapitel.

Alle Gefahr war vorüber, die Bank geschlossen und vor Morgen konnte keine Entdeckung stattfinden, dann aber befand Harry sich schon hundert Meilen weit von Natchez entfernt, und die Spur des verschwundenen Mädchens aufzufinden war unmöglich.

Mit Sehnsucht sah Harry dem Abend entgegen, um sein Werk durch den Besitz der Mulattin zu krönen. Er richtete sich in seiner Kajüte ein, legte einen vollständigen Leinenanzug für Lucy zusammen und ging dann auf das Verdeck hinaus, um dort den Uebergang der Dämmerung zur Dunkelheit abzuwarten, denn die Sonne war hinter dem Urwalde an der andern Seite des Stroms versunken und der Abendstern begann zu blitzen. Die Lichter in dem großen Salon und auf dem Verdecke des Schiffes waren angezündet, als Harry in seine Kajüte trat, das Paquet mit der Kleidung für Lucy unter den Arm nahm, die Kappe für sie in die Tasche steckte

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und sich an das Land begab, indem er dem Kapitän zurief, er werde zum Abendessen sich einfinden. Mit raschen Schritten durcheilte er die Stadt und ging aus der Hochstraße hinaus nach dem Platze, wo er am Nachmittag von Lucy geschieden war. Die Dunkelheit beschränkte den Blick auf die nächste Umgebung, doch der Weg war nicht sehr breit, sodaß Niemand an Harry vorübergehen konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden.

Wohl eine halbe Stunde lang war er langsam auf und nieder geschritten, ohne daß ein menschliches Wesen sich genaht hätte, und die Zeit, zu welcher die Mulattin erscheinen wollte, war längst verstrichen. Harry wurde ungeduldig, unruhig und besorgt. Wie, wenn die Leute in der Bank nun doch Verdacht geschöpft hätten, oder wenn durch irgend einen unglücklichen Zufall einer derselben mit Herrn Newberry zusammengetroffen wäre und dieser den Betrug aufgedeckt haben sollte! Es war nicht wahrscheinlich, aber doch möglich, und dann kam Harry in eine sehr mißliche Lage. Mit jedem Augenblicke steigerte sich seine Unruhe und mit größter Anstrengung lauschte und spähte er um sich; da kam es ihm vor, als höre er Tritte; er horchte schärfer, jetzt hörte er sie wieder, sie kamen auf der Straße von der Stadt her, es waren eilige, leichte Schritte, er ging ihnen rasch entgegen und nach wenigen Augenblicken flog ihm Lucy in die Arme.

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"Da bin ich, Geliebter, Dein in Leben und Tod!" rief sie athemlos und schmiegte sich an Harry's Brust, dem mit ihrem Erscheinen eine schwere Last vom Herzen gefallen war.

"Gott Lob, daß Du da bist!" sagte er frei aufathmend. "Du bliebst lange, ich fing an besorgt zu werden."

"Ich mußte meiner Herrin bei ihrer Toilette helfen", sagte die Mulattin mit weicher Stimme, welche Thränen in ihren Augen verrieth. "Es ward mir doch recht schwer ums Herz, wenn ich dachte, daß sie mich bei ihrer Rückkehr nicht mehr finden würde. Sie war mir mehr Mutter wie Herrin!"

"Die nichts Unrechtes darin fand, einen solchen Engel wie meine Lucy als Sklavin zu besitzen und zu behandeln", bemerkte Harry mit Zärtlichkeit.

"Das darf man ihr nicht so hoch anrechnen. Ich wurde ihr als Sklavin geboren, und daß ich mehr Bildung erhielt als andere Farbige, dafür habe ich ihr ja zu danken", entgegnete Lucy wehmüthig, fuhr dann aber schnell fort: "Aber Dir, mein Geliebter, habe ich tausendmal mehr zu danken, denn nicht nur meine Freiheit willst Du mir geben, Du gabst mir Deine Liebe und durch sie meinem Leben einen Werth; es ist Dein Eigenthum und soll es ewig bleiben!"

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"Und ich gebe Dir das meinige dafür, Du liebes Mädchen. Nun aber laß' uns gehen, dieser Weg führt uns durch das Holz am Flusse, dort kannst Du Dich umziehen; ich habe Deine Jungenkleider mitgebracht."

"Und ein treuer Junge werde ich sein", sagte die Mulattin freudig und hing sich an Harry's Arm.

Sie hatten bald das Holz erreicht und traten vom Wege ab in das Buschwerk, wo Lucy ihren Anzug mit Beinkleid, Weste und Rock vertauschte, ihr schönes Haar auf dem Kopfe zusammendrehe und die Wachstuchmütze darüber setzte und dann die abgelegten Sachen, in ein Bündel gepackt, unter den Arm nahm.

"Ich bin neugierig, mich zu sehen", sagte sie lachend, indem sie Arm in Arm mit Harry dem Wege nach der großen Straße am Flusse folgte.

Sie waren bald an derselben angelangt und im Begriff, zwischen den letzten Büschen herauszutreten, als zwei Leute an ihnen vorüber auf der Straße hinschritten.

"Mein Gott, das ist Herr Randolph!" sagte Lucy erschrocken zurücktretend und barg sich mit Harry hinter dem Laubwerk.

"Wen mag er da bei sich haben?" fragte Harry, seine Blicke auf das Paar heftend, auf welches der ferne Lichterschein von den am Ufer liegenden Schiffen fiel.

"Es ist wahrhaftig Fräulein Blancha, ich kenne sie

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am Gange und wenn sie noch tiefer verschleiert wäre", entgegnete Lucy überrascht.

"Und man könnte auch glauben, Du seiest es, mit der er lustwandelt. Du und Fräulein Blancha, Ihr habt ziemlich ähnliche Gestalten", versetzte Harry sinnend.

"O nein, Harry, sie ist viel größer als ich", fiel Lucy ein.

"Dennoch könnte man behaupten, Du seiest es gewesen", fuhr Harry immer noch in Gedanken versunken fort, indem er den beiden Liebenden nachblickte, bis sie an der Biegung des Flusses verschwanden.

"Nun aber, theure Lucy, mußt Du in Deine Rolle eintreten, die Du bis an die Grenze von Texas zu spielen hast - Du bist nun mein Diener Charles. Bleib einige Schritte hinter mir zurück, die Straße wird hier schon ziemlich hell; nimm aber um des Himmels willen Deine Kappe nicht ab. Sobald wir auf das Schiff kommen, folgst Du mir schnell in meine Kajüte."

Harry eilte nun, von der Mulattin gefolgt, dem Werfte zu, welches hell erleuchtet und noch ziemlich belebt war, und schritt, ohne sich umzuschauen, über dasselbe hin nach dem Dampfer, auf dem er seine Fahrt nach Neuorleans bedungen hatte. Rasch ging er mit Lucy in den Salon und von dort in seine Kajüte, deren Thür er hinter sich verschloß.

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"So, mein süßes Mädchen, nun noch das größte Opfer, Dein schönes Haar, und wir gehören einander an für ewig", sagte Harry, während Lucy ihre Kappe abwarf und ihr prächtiges langes Haar in schweren Locken herabfiel.

"Es ist kein Opfer, Harry, wird mir doch das Glück dafür, in Deiner Nähe leben zu dürfen! Gib mir eine Scheere und ich schneide sie selbst ab", antwortete Lucy mit freudig glänzendem Blick.

Harry aber nahm die Scheere aus seinem Koffer hervor und sagte:

"Laß mich es thun, geliebtes Mädchen, ich will mir das Haar zum Andenken aufbewahren." Dann setzte Lucy sich auf den Stuhl nieder und Harry schnitt ihr die Locken ab, sodaß ihr Haar ganz kurz sich um ihren kleinen Kopf kräuselte. Als er die Arbeit sauber beendet hatte, schlang er liebkosend seinen Arm um die Mulattin, küßte sie und sagte:

"So, mein hübscher Charles, nun betrachte Dich einmal im Spiegel und sieh, ob Du nicht ein prächtiger Junge bist."

Darauf packte er die Locken vorsichtig in ein Papier, legte sie in seinen Koffer und fuhr dann fort:

"Bei Tische mußt Du aber hinter meinen Stuhl treten und mich bedienen. Armes Mädchen, wie gern

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würde ich hinter Deinem Stuhle stehen! Es muß aber nun einmal sein, so leid es mir auch thut."

"O wie glücklich macht es mich, selbst etwas für mein Glück zu thun. Sollst sehen, wie natürlich ich Deinen Diener spiele; bin ich es ja doch wirklich mit Leib und Seele", antwortete Lucy und schlang ihren Arm liebeglühend um Harry's Nacken.

Dieser betrachtete nun den Anzug Lucy's von allen Seiten, band dann noch ein schwarzseidenes Halstuch mit zierlicher Schleife um ihren zarten Hals und sagte:

"Ein prächtiger Junge; es sollte mich nicht wundern, wenn man mir große Summen für Dich böte", und setzte, die Mulattin küssend, noch hinzu: "Doch alles Geld in der Welt würde nicht hinreichen, Dich von mir zu kaufen, meine Lucy!"

Da ertönte die Glocke, welche zum Abendessen rief, Harry verschloß seinen Koffer, küßte das Mädchen nochmal mit den Worten: "Nun komm, beste Lucy!" und trat in den Salon hinaus, wo schon einige vierzig Passagiere sich um den Tisch gereiht hatten und auf die Damen warteten, die jetzt aus ihrem Salon hervortraten und sich oben an der Tafel niederließen. Dann nahmen alle Platz und Lucy trat hinter Harry's Stuhl. Sie bediente ihn schnell und unverzagt, und nachdem das

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Essen beendet war und die Passagiere den Saal verlassen hatten, trat der Kapitän zu ihm und sagte:

"Sie haben da einen herrlichen Jungen. Haben Sie ihn hier gekauft?"

"O nein", entgegnete Harry. "Ich brachte ihn mit von Texas, ich habe ihn aber während meines Aufenthalts hier im Lande bei einem Freunde wohnen lassen, da ich hier seine Dienste nicht brauchte und weil er mich im Lande nichts kostete. Es ist ein guter Junge."

Nachdem nun die Beamten des Schiffes gleichfalls gespeist hatten, setzte sich die schwarze Dienerschaft an den Tisch und mit ihnen auch Lucy, um ihr Mahl einzunehmen. Harry hatte eine Cigarre angezündet und sich hinaus auf das obere Verdeck begeben, wo er sich niederließ und in Gedanken versunken seinen Blick über das Werft schweifen ließ, da trat Lucy zu ihm und sagte leise: "Habe ich meinen Dienst nicht gut versehen? Zur Belohnung will ich mich aber nun zu meines Herrn Füßen hinsetzen, das wird ja nicht auffallen."

"Ganz und gar nicht, süßes Mädchen", antwortete Harry ebenso leise. "Jetzt darfst Du immer bei mir bleiben!" worauf die Mulattin sich neben ihm auf den Fußboden niederließ.

Es ging auf elf Uhr, die Passagiere hatten sich zur Ruhe begeben und auch auf dem Werfte wurde es

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leer, nur hier und dort waren noch einzelne Arbeiter mit Wegschaffen von Gütern beschäftigt, da schritt plötzlich Albert Randolph unweit des Dampfschiffs vorüber und folgte dem Wege am Flusse hin.

"Randolph wieder!" sagte Harry überrascht. "Wohin will der noch so spät?"

"Das thut er oft. Er geht häufig noch um elf Uhr in der Nacht spazieren, namentlich aber bei Mondenschein, der heute freilich fehlt", entgegnete Lucy, gleichfalls Albert nachschauend.

"So", sagte Harry gedankenvoll, sprang nach einigen Minuten rasch auf und eilte, von Lucy gefolgt, in seine Kajüte. Dort nahm er schnell sein Schreibzeug aus dem Koffer und schrieb mit verstellter Hand:

"Der Advocat Albert Randolph hat die Mulattin Lucy des Herrn Newberry um elf Uhr in dieser Nacht in den Fluß geworfen."

Dann schloß er den Brief, versiegelte ihn mit einer Oblate und adressirte ihn an den Staatsprocurator. Er bat Lucy in der Kajüte zu bleiben, nahm Hut und Stock und eilte nun fliegenden Schritts nach der Post, wo er den Brief in den Kasten warf.

Um elf Uhr kehrte Madame Newberry aus der Gesellschaft zurück und wurde von ihrem Gemahl selbst an der Hausthür empfangen.

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"Warum hast Du mir Lucy nicht gesandt? Ich habe allein nach Hause gehen müssen", sagte sie ungehalten beim Eintreten.

"Lucy? Ist Lucy nicht bei Dir?" antwortete Herr Newberry erstaunt. "Sie ist nicht hier; wir glaubten, sie wäre fortgegangen, um Dich abzuholen."

"Lucy nicht hier? Du erschreckst mich! Lucy nicht hier? Das ist ja unmöglich, wo wäre sie denn? Es muß ihr ein Unglück zugestoßen sein", sagte die Frau mit zunehmender Angst, trat in das Zimmer und warf Hut und Shawl von sich.

"Ist Herr Randolph zu Hause?" fuhr sie dann hastig fort.

"Nein, er ist noch nicht gekommen", erwiderte Newberry.

"Mein Gott, was kann mit dem Mädchen geschehen sein?" nahm die Frau wieder das Wort.

"Sollte sie fortgelaufen sein?" versetzte der Mann.

"Bist Du wahnsinnig? Lucy fortlaufen! Eher verlassen alle Sklaven in den Vereinigten Staaten ihre Herren, ehe Lucy von mir ginge. Nein, nein, es ist ihr ein Unglück begegnet. Wenn nur Herr Randolph hier wäre", fuhr Madame Newberry in höchster Aufregung fort, doch nach einer Weile sagte sie, sich plötzlich beruhigend:

"Ach, sie ist mit Herrn Randolph gegangen, jetzt

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wird mir die Sache klar; unsere liebe Blancha hat wahrscheinlich auf einer Promenade eine Dienerin bei sich haben wollen. Ja, ja, so ist es", rief sie lachend aus. "Wie man doch so dumm sein kann, sich so zu ängstigen!"

"Du hast Recht, so ist es auch, und Randolph hat die Entschuldigung für das Mädchen bei uns übernommen", versetzte Newberry.

"Es ist aber elf Uhr, sie müssen doch nun bald zurückkommen. Ich will sie hier erwarten, damit ich Lucy beim Umkleiden bei mir habe", nahm die Frau wieder das Wort und setzte sich vollständig beruhigt bei dem Kamin in einen Armsessel, während ihr Gemahl sich an dem Tische niederließ und die Abendzeitung zur Hand nahm.

"Ich begreife aber doch nicht, wo sie bleiben", hob Madame Newberry nach einiger Zeit wieder an. "Der alte Dandon muß zum Abendessen ausgebeten sein, sonst könnte Blancha nicht so lange vom Hause bleiben."

Sie stand auf und schritt im Zimmer auf und nieder und sagte wiederholt: "Unbegreiflich, räthselhaft!" Plötzlich aber blieb sie mit den Worten stehen:

"Da schlägt es halb zwölf! Es ist irgend etwas geschehen, sonst wäre Lucy hier, und doch, wo kann sie sein als mit Randolph?"

Da ertönten Tritte vor dem Hause und Madame

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Newberry sprang mit dem Ausruf: "Gott Lob, da sind sie!" in den Corridor hinaus. Die Hausthür öffnete sich und Albert trat allein herein.

"Ist Lucy nicht bei Ihnen, Herr Randolph?" fragte die Frau mit bebender Stimme.

"Lucy? Ich habe Lucy nicht gesehen. Ist sie nicht hier?" entgegnete Albert verwundert und schritt mit Madame Newberry in das Zimmer.

"Nein, nein, sie ist nicht hier", rief diese jetzt außer sich, und alle drei standen bestürzt und rathlos da.

"Sie muß fortgelaufen sein", nahm Newberry zuerst wieder das Wort, seine Frau aber und Albert widersprachen ihm auf das allerbestimmteste und behaupteten, daß sie durch irgend etwas gewaltsam müsse abgehalten sein, nach Hause zu kommen. In dieser Nacht aber war es nicht möglich, Schritte zu ihrer Auffindung zu thun, und so begab man sich mit Angst und Sorgen zur Ruhe. Am frühen Morgen jedoch verließ Herr Newberry sowohl wie auch Albert das Haus, um in verschiedenen Richtungen Erkundigungen über die Mulattin einzuziehen. Das Verschwinden derselben wurde bald in der Stadt bekannt und allenthalben erregte die Nachricht davon großes Erstaunen, da Jedermann das gute Verhältniß zu ihrer Herrschaft kannte und wußte, wie sie mehr als Kind denn als Sklavin in der Familie behandelt worden war.

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Madame Newberry wartete zu Hause mit zunehmender Besorgniß von Minute zu Minute auf Nachricht über das Schicksal des Mädchens, denn daß dasselbe aus eigenem Antrieb entflohen sei, das kam ihr nicht einen Augenblick in den Sinn. Es war zehn Uhr, als die Schelle gezogen wurde, und mit gespannter Erwartung eilte die Frau selbst an die Hausthür und öffnete dieselbe. Der Staatsprocurator Heald trat herein und fragte, ob Herr Newberry zu Hause sei, und als dessen Gattin die Frage verneinte, bat er um die Erlaubniß einer kurzen Unterredung mit ihr selbst.

"Ist Ihr Mulattenmädchen Lucy hier, Madame Newberry?" fragte er, mit dieser in das Zimmer tretend.

"Ach nein, Herr Heald, wir sind in der größten Besorgniß um sie. Sie kam gestern Abend nicht nach Hause", antwortete die Frau.

"Um welche Zeit ist sie denn weggegangen, und wissen Sie, wohin sie sich begab?"

"Sie begleitete mich zu Shields am Markt, wo ich den Abend verbrachte, und von diesem Weg ist sie nicht wieder zurückgekehrt."

"Wissen Sie, ob Herr Randolph gestern Abend zu Hause war oder um welche Zeit er zurückkam?"

"Er war während des ganzen Abends auf und

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kehrte um halb zwölf Uhr zurück; ich selbst empfing ihn an der Thür, weil ich glaubte, daß es Lucy sei."

"Ist Ihnen nicht bekannt, ob Herr Randolph ein Verhältniß mit dem Mädchen gehabt hat?"

"O nein, Herr Heald, sicher nicht. Lucy ist ein äußerst braves, unschuldiges Mädchen und für Herrn Randolph kann ich bürgen, daß er niemals mit einem Gedanken ihr nachgestrebt hat; er ist ein Muster von einem jungen Mann, wie man selten findet", antwortete die Frau lebhaft.

"Er ist also um halb zwölf Uhr nach Hause gekommen", sagte Heald nachdenkend, als abermals die Schelle an der Hausthür erklang. Gleich darauf trat der Kassirer der Bank herein und schaute betroffen den Staatsprocurator an.

"Ich will gar nicht stören, Madame Newberry", sagte er sich verneigend, "wir hören aber so eben, daß Ihre Mulattin Lucy verschwunden sei, und ich wollte mich erkundigen, ob sie das Geld an Sie abgeliefert oder ob sie es vielleicht mitgenommen hat."

"Welches Geld?" fragte die Frau überrascht.

"Die zweitausend Dollars, welche Sie uns schriftlich gebeten haben dem Mädchen auszuzahlen."

"Ich?" rief Madame Newberry erschrocken. "Ich habe kein Geld durch sie einkassiren lassen."

"Wäre es möglich? Sollte ein Betrug an uns

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verübt worden sein?" versetzte der Kassirer gleichfalls erschrocken. "Hier ist Ihr Schreiben. Madame."

Hierbei zog er den Brief, welchen Harry im Namen der Frau an die Bank geschrieben hatte, aus der Tasche hervor und reichte ihr denselben hin.

"Das habe ich nicht geschrieben, es ist eine Fälschung, Herr!" antwortete die Frau und gab ihm das Schreiben zurück.

Der Staatsprocurator hatte schweigend der Unterhaltung zugehört und bat den Kassirer jetzt, ihm den Brief zu zeigen.

Er las denselben durch, schaute noch einige Augenblicke gedankenvoll auf das Papier und sagte dann zu dem Kassirer: "Sie vertrauen mir wohl auf eine Viertelstunde den Brief an? Ich möchte einige Worte mit Madame Newberry reden und werde Ihnen dann das Schreiben selbst in die Bank bringen; es kann möglicherweise für Ihr Interesse sein."

"Sehr gern, Herr Heald. Ich werde Sie in der Bank erwarten", erwiderte der Kassirer, empfahl sich und verließ das Haus.

"Können Sie mich wohl einen Blick auf den Schreibtisch des Herrn Randolph thun lassen? Sie würden mich sehr dadurch verbinden", wandte sich jetzt der Procurator an die Frau.

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"Sehr gern. Sein Zimmer ist offen", antwortete diese verwundert, worauf Heald mit ihr aus der Stube ging und sich durch sie nach Albert's Zimmer führen ließ.

Dort trat er rasch an den Schreibtisch, öffnete den Brief, welchen ihm der Kassirer gelassen hatte, und verglich nun die Schrift mit der Handschrift Albert's, welche sich auf unzähligen auf dem Tische liegenden Papieren seinen Blicken darbot. Seine Aufmerksamkeit, mit welcher er dieselbe betrachtete, steigerte sich mit jedem Augenblick, er nahm immer wieder ein neues Blatt zum Vergleich vor sich, bis er plötzlich, wie zu einem Resultat gekommen, den Brief in seiner Tasche verbarg und, sich an Madame Newberry wendend, sagte:

"Ich bin Ihnen sehr dankbar, bitte Sie aber im Namen des Gesetzes, Herrn Randolph nichts von meinem Besuch wissen zu lassen für den Fall, daß er bald nach Hause kommen sollte."

Dann schritt er eilig aus dem Zimmer, verabschiedete sich bei der Frau und verließ das Haus.

Er begab sich geraden Wegs nach der Bank, wo er von dem Präsidenten derselben empfangen und in dessen Privatzimmer geführt wurde.

"Unser Kassirer hat Sie bereits von dem gestern an uns verübten Betrug in Kenntniß gesetzt, Herr Heald",

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hob der Präsident an, indem er sich mit jenem in Armsesseln niederließ.

"Das ist der Grund meines Besuchs bei Ihnen, Herr Präsident", antwortete der Staatsprocurator und zog den Brief aus der Tasche. "Höchst sonderbare Zusammentreffen werfen großen Verdacht auf eine Person, die eigentlich über allem Verdacht hoch erhaben steht. Wer aber kann dem Menschen in das Herz sehen?"

"Und darf ich wissen, wer diese Person ist?" fragte der Präsident sehr gespannt.

"Was ich Ihnen mittheile, Herr Präsident, bleibt auf das strengste unter uns", versetzte Heald, rückte dann seinen Stuhl näher zu jenem hin und fuhr fort: "Heute früh erhielt ich einen Brief ohne Unterschrift, in welchem mir angezeigt wurde, daß der junge Advocat und Dichter Albert Randolph gestern Nacht um elf Uhr die Mulattin Lucy in den Fluß geworfen habe."

"Randolph? Das ist unmöglich!" sagte der Präsident mit augenscheinlicher Entrüstung.

"Ebenso unmöglich erschien es mir", nahm der Staatsprocurator wieder das Wort. "Ich wollte mich aber doch überzeugen, ob die Mulattin wirklich vermißt würde, und begab mich dieserhalb zu Madame Newberry, wo ich nun durch Ihren Kassirer von dem Betrug in Kenntniß gesetzt wurde, den man an Ihnen gestern mit

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Hülfe dieser Mulattin verübt hat. Die Anzeige von dem Mord gewann durch die Betheiligung des Mädchens an dem Betrug an Glaubwürdigkeit, und bei Ansicht des Briefes an die Bank kam mir der Gedanke, die Handschrift mit der des angeblichen Mörders Randolph zu vergleichen. Ich bat Madame Newberry, mich auf dessen Zimmer zu führen, verglich dort dessen Handschrift mit dem Briefe und fand zu meiner großen Bestürzung eine unverkennbare Aehnlichkeit zwischen beiden, ja ich konnte mich nicht gegen die Ueberzeugung wehren, daß Randolph diesen Brief geschrieben habe."

"Es ist ja aber gar nicht möglich, Herr Heald!" fiel ihm der Präsident in das Wort. "Dieser Randolph, das Muster eines anständigen, soliden, edlen jungen Mannes!"

"So fühle auch ich, und doch, was das Auge sieht, glaubt das Herz. Es ist meine Pflicht, die Sache zu verfolgen und mich der Person Randolph's zu versichern."

"Es wäre ja aber schrecklich für ihn, wenn er unschuldig wäre. Bedenken Sie seine hohe, gefeierte Stellung in der Welt."

"Es wäre ein Unglück, welches das Schicksal über ihn brächte, und dennoch bleibt mir nichts übrig, als ihn gefangen nehmen zu lassen und seine Papiere durchzusehen, ob sich weitere Verdachtsgründe in denselben

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finden. Es thut mir leid, meine Pflicht aber läßt mir keinen andern Weg frei, denn er kann sich jeden Augenblick entfernen. Ich bitte, mir nun auch die Anweisung, die in dem Briefe gelegen hat, einzuhändigen."

"Sehr gern", antwortete der Präsident, zog die Schelle und ließ sich durch den eintretenden Beamten die Anweisung bringen.

"Sie ist mit dem Namen des Herrn Dandon unter zeichnet und zwar in dessen Handschrift so treu, daß er selbst glauben muß, er habe es geschrieben", bemerkte der Präsident, indem er Heald die Anweisung reichte. Derselbe betrachtete das Papier und sagte dann: "Diese Schrift ist wieder eine ganz andere, sie hat mit der Randolph's gar keine Aehnlichkeit. Ich will nun gehen, um die nöthigen Schritte zur Verhaftung des jungen Mannes zu thun, und werde ihn ohne alles Aufsehen zuerst nach meiner Wohnung kommen lassen; dort will ich mit ihm reden und sehen, welchen Eindruck die Anklage auf ihn macht."

Hiermit erhob sich der Staatsprocurator, reichte dem Bankpräsidenten die Hand und sagte im Weggehen:

"Ich bitte nochmals um strengste Verschwiegenheit."

Madame Newberry war, als der Staatsprocurator ihr Haus verließ, schnell an das Fenster getreten und

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hatte dann, soweit ihn ihr Blick verfolgen konnte, ihm staunend nachgesehen.

Was in aller Welt hatte der Mann wohl mit seinen Fragen über Herrn Randolph gewollt und aus welchem Grunde hatte er den gefälschten Brief mit dessen Handschrift verglichen? Sah es doch wahrlich aus, als ob er Verdacht gegen diesen edlen, unvergleichlich braven Jüngling habe!

Eine unnennbare Unruhe hatte sich bei Gedanken dieser Art der Frau bemächtigt, und bald drängte es sie, Blancha von dem Geschehenen zu unterrichten, bald aber Randolph aufsuchen zu lassen und ihn von Heald's Betragen in Kenntniß zu setzen. Dieser hatte ihr ja aber im Namen des Gesetzes Schweigen aufgelegt, und so durfte sie, ohne sich an demselben zu vergehen, nichts von seinem Besuche laut werden lassen.

Wer konnte denn aber auch wissen, was er gewollt hatte und in welcher Weise sein Verfahren mit Randolph's Person in Beziehung stand! Ein Unrecht konnte man in diesem unmöglich suchen.

Die Glocke in dem Hotel, in welchem Albert zu Mittag speiste, rief zu Tische, als dieser mit dem Advocaten Portman in dessen Office saß und mit ihm einen wichtigen Rechtsfall beendet hatte, dessen Entscheidung nahe bevorstand. "Ihre Ansichten stimmen mit den

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meinigen vollkommen überein und der Proceß muß verloren gehen; ich kann und werde die Vertheidigung für keinen Preis übernehmen", sagte Portman, indem er die Papiere, welche sie durchgesehen hatten, zusammenlegte und sie Randolph hinreichte.

Dann lehnte er sich in dem großen Armsessel zurück, schlug ein Bein über, und fuhr mit vertraulichem, freundlichem Tone fort:

"Mit Ablauf des Jahres, lieber Randolph, habe ich nun fest beschlossen, meine Praxis aufzugeben und Ihnen dieselbe zu überlassen; ich bin stolz darauf, einen solchen ehrenwerthen, talentvollen Nachfolger zu bekommen. Halten Sie stets, wie ich es that, an dem Grundsatz fest, sich immer nur des Rechts anzunehmen, nie aber sich herabzuwürdigen, aus dem Unrecht Recht zu machen; einen Schurken können Sie niemals zum ehrlichen Manne erheben, wohl aber sich selbst mit ihm auf gleiche Stufe stellen. Der Gewinn, den Sie aus dem Unrechte ziehen, wird sich Ihnen stets in Verlust umwandeln, und unterliegen Sie auch in der Vertheidigung des Rechts, so bleiben Sie in dem Gefühl jedes rechtlichen Mannes doch immer Sieger. Wir wollen bald die Ankündigung veröffentlichen, daß Sie mit dem neuen Jahre meine Praxis übernehmen werden."

"Ihr liebevolles, väterliches Wohlwollen, Herr

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Portman, macht mich mehr wie glücklich und ich werde durch Fleiß und unbedingtes Festhalten an Ihren ehrenhaften Grundsätzen mich bestreben, Ihrer Güte, Ihres Vertrauens würdig zu sein", sagte Albert tief ergriffen, erfaßte die Hand des alten Biedermannes und küßte sie. Da öffnete sich die Thür der Office und der Sheriff trat herein.

"Nun, was bringen Sie uns, Herr Sheriff?" fragte Portman zu ihm aufsehend.

"Ich habe mich eines Auftrags zu entledigen, den ich gern einem Andern überlassen haben würde", antwortete dieser mit befangener Stimme.

"So ernst, Herr Sheriff? Sie wollen mich doch nicht verhaften?" sagte Portman lächelnd.

"Nein, Herr Portman. Nicht Ihnen, dem Herrn Albert Randolph gilt mein Besuch; im Namen des Gesetzes muß ich Besitz von seiner Person nehmen", entgegnete der Beamte und heftete seinen Blick auf Albert, der ihn lächelnd und fragend anschaute, als erwarte er nun die Erklärung des Scherzes. Im nächsten Augenblick aber wurden seine Züge ernst und mit fester, unmuthiger Stimme sagte er:

"Ich verstehe Sie nicht, Herr Sheriff, und verbitte mir solche Thorheiten."

"Es ist voller Ernst, Herr Randolph. Hier ist der

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Verhaftsbefehl gegen Sie", antwortete der Gerichtsdiener und zeigte ihm denselben vor.

"Was ist das?" rief Portman aufspringend, ergriff das Papier und warf einen flüchtigen Blick auf dasselbe, dann fuhr er mit Entrüstung fort: "Auf welchen Grund hin will man meinen Geschäftsführer verhaften?"

"Das kann ich nicht sagen, Herr Portman", erwiderte der Sheriff. "Ich soll den Herrn Randolph zu dem Staatsprocurator führen."

"Eine Rücksichtslosigkeit sondergleichen!" sagte Portman mit zornigem Tone. "Ich dächte, diesem Herrn Heald, der mir seine Stelle zu verdanken hat, wäre der Weg wohl nicht zu weit gewesen, selbst hierher zu kommen und diesen einfältigen Spaß zu erklären."

Dann wandte er sich zu Randolph und sagte beruhigend:

"Kommen Sie, mein lieber junger Freund, ich werde Sie selbst zu diesem großthuenden Herrn begleiten und eine genugthuende Aufklärung erbitten."

"Nein, nein, bester Herr Portman. Warum sollen Sie sich ärgern? Lassen Sie mich allein gehen, ich denke schon mit ihm fertig zu werden", fiel Albert mit unterdrücktem Zorn ein, nahm seinen Hut und sagte zu dem Gerichtsdiener: "Ich bin bereit, Herr Sheriff, Ihnen

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zu folgen!" Doch Portman schlang Randolph's Arm mit den Worten in den seinigen:

"Wer Sie angreift, greift mich an, und wo Sie bleiben, bleibe auch ich. Kommen Sie, der Mann soll wissen, wer wir sind!"

Hiermit schritt der alte Herr mit Albert stürmisch in die Straße hinaus und der Sheriff folgte ihnen schweigend.

Mit wachsender Aufregung und Spannung eilten sie dahin und erwiderten kaum die vielen Grüße, die ihnen von allen Seiten geboten wurden.

"Was um des Himmels willen mag es nur sein, was sie vorhaben! Irgend eine juristische Spitzbüberei, Sie zu verhaften!" sagte Portman im Vorwärtsschreiten mit vor Zorn bebender Stimme.

"Gott weiß, ich habe gar keine Ahnung davon; es soll aber dem Urheber ein theurer Scherz werden", versetzte Albert, seine Entrüstung bekämpfend.

"Haben Sie denn mit Jemand Streit gehabt oder eine Drohung gegen irgend Jemand ausgestoßen?"

"Durchaus nicht, ich lebe mit Jedermann in Frieden und gutem Vernehmen. Meines Wissens habe ich gar keinen Feind", entgegnete Albert, und hin und her denkend und fragend erreichten sie die Wohnung des Staatsprocurators.

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Der Sheriff trat mit ihnen in das Haus ein und öffnete die Zimmerthür Heald's mit den Worten:

"Hier bringe ich den Gefangenen Albert Randolph."

"Und hier ist John Portman, um Rechenschaft über ein so rücksichtsloses Verfahren gegen meinen Geschäftsführer und also auch gegen mich von Ihnen zu fordern, Herr Heald", sagte Portman, indem er mit Albert in das Zimmer trat, wo der Staatsprocurator sie mit einer ernsten Verbeugung empfing.

"Setzen Sie sich, meine Herren!" nahm dieser das Wort und deutete auf zwei Stühle, welchen gegenüber er selbst Platz nahm. Dann fuhr er mit ruhigem Tone fort:

"Es ist mir lieb, Herr Portman, daß Sie selbst mitgekommen sind, damit Sie sich davon überzeugen, daß Sie unter denselben Verhältnissen vollständig ebenso gehandelt haben würden wie ich."

"Sie machen mich wirklich neugierig, Herr Heald", entgegnete Portman ungeduldig.

"Herr Randolph ist des Mordes bei mir angeklagt und desselben sowie einer bedeutenden Fälschung verdächtig", sagte Heald und heftete seinen Blick fest auf Albert.

Halb erschrocken fuhr Portman bei diesen Worten

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herum und sah Albert an, als wolle er dessen Antwort auf seinem Gesichte lesen.

Dieser aber warf dem Staatsprocurator einen wuthflammenden Blick zu und sagte mit vor Zorn zitternder Stimme:

"Daß Sie, Herr Heald, einer solchen nichtswürdigen Verleumdung Ihr Ohr leihen und darüber eine Frage an mich stellen können, erkläre ich für eine Theilnahme an dieser Schandthat selbst. Es ist unter meiner Würde, darauf zu antworten."

Albert sagte diese Worte mit so unverkennbarer innerster Entrüstung und mit solchem Stolz, daß der Staatsprocurator für den Augenblick die Fassung verlor und mit einem entschuldigenden Tone antwortete:

"Wenn ich auch selbst nicht an Ihre Schuld geglaubt habe, so darf ich in meiner Stellung doch meinem eigenen Gefühl nicht folgen, sondern muß solche triftige Verdachtsgründe, wie gegen Sie vorliegen, berücksichtigen. Um aber so schonend als möglich gegen Sie zu verfahren, habe ich Sie zu mir hierher führen lassen."

"Ich bitte, mir die Verdachtsgründe, auf welche hin man mich verhaften konnte, zu bezeichnen und mir meinen Ankläger zu nennen", versetzte Albert mit festem, stolzem Tone.

"Sie sind angeklagt, die Mulattin des Herrn

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Newberry in verflossener Nacht in den Fluß geworfen zu haben. Das Mädchen ist verschwunden", sagte Heald.

"Und wer hat die Anzeige hiervon bei Ihnen gemacht?"

"Ein Unbekannter durch einen Brief, welchen ich heute früh erhielt."

"Zweifelsohne war es der Mörder selbst, der diesen Brief schrieb, Herr Heald", fiel Portman rasch ein.

"So dachte auch ich", fuhr der Staatsprocurator fort, "bis ich hörte, daß diese Mulattin Lucy gestern in der Bank auf eine gefälschte Anweisung zweitausend Dollars einkassirt habe."

"Und darin können Sie einen Verdachtsgrund gegen Herrn Randolph finden?" nahm Portman mit verbissenem Zorn wieder das Wort.

"Nein", antwortete Heald ruhig. "Die Anweisung wurde aber der Bank in einem gefälschten Schreiben übergeben und in diesem Schreiben fand ich den Grund zu dem Verdacht", entgegnete Heald, nahm Harry's Brief von dem Tisch und reichte ihn Portman mit den Worten hin: "Was halten Sie von dieser Handschrift?" Bei dem ersten Blick, den der alte Herr auf das Schreiben that, fuhr er wie vom Blitz getroffen zusammen, stierte noch eine Weile auf das in seiner Hand zitternde Papier und hob nun seine Augen fragend zu

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Albert auf. Dieser aber sah ihn verwundert an sagte mit unbefangenem, doch erstauntem Tone:

"Und in welcher Weise wirft dieser Brief einen Verdacht auf mich?"

"Haben Sie dieses geschrieben, Randolph?" fragte Portman jetzt mit feierlichem Tone und reichte Albert das Papier hin.

Dieser erschrak sichtbar und wurde bleich, auch in seiner Hand zitterte das Blatt und sein Blick stierte die Schrift an, als ob er ein Gespenst vor sich sähe. Dann aber schaute er dem Alten offen in die Augen und sagte:

"Nein, so wahr ich an Gottes Barmherzigkeit glaube! Es ist eine Schandthat, die ein Nichtswürdiger an mir verübte, indem er meine Handschrift fälschte."

"Ich hoffe, ich bin nun vor Ihnen beiden gerechtfertigt wegen meines Verfahrens", hob der Staatsprocurator an, indem er den Brief aus Albert's Hand empfing.

"Vollkommen, Herr Heald. Es ist Ihre Pflicht, das gerichtliche Verfahren gegen meinen jungen Freund fortzusetzen. Wieviel Caution verlangen Sie für dessen Freiheit während der Zeit der Verhandlungen?" versetzte Portman mit einer höflichen Verbeugung, worauf der Staatsprocurator einige Augenblicke sinnend vor sich, hinschaute und dann sagte:

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"Zehntausend Dollars ist keine zu hohe Forderung bei einer so schweren Anklage."

"Ich übernehme es, diese Sicherheit für ihn zu leisten, und werde sogleich den Betrag nach Ihrer Verfügung niederlegen", erwiderte Portman aufstehend und reichte Albert die Hand mit den Worten:

"Nun lassen Sie uns nach Hause gehen und den Aerger über diese Schurkerei zu vergessen suchen."

"Ich habe die Zimmer des Herrn Randolph versiegeln lassen müssen, weil ich dessen Papiere durchzusehen genöthigt bin, und vor morgen früh werde ich nicht zu dieser Arbeit schreiten können", fiel Heald ein und fügte noch höflich hinzu: "Ich wollte dieses Geschäft aus Rücksicht für Sie beide, meine Herren, keinem Andern übertragen."

"So werde ich unsern Gefangenen mit mir nach meinem Hause nehmen", sagte Portman lächelnd, reichte Heald die Hand zum Abschied, Albert that ein Gleiches und dann begaben sie sich nach Portman's Wohnung.

Fünftes Kapitel.

Herr und Madame Newberry hatten sich heute eben am Tische niedergelassen, um zu Mittag zu speisen, als ein Gerichtsdiener in das Haus kam und sich von ihnen den Schlüssel zu Albert's Zimmer ausbat. Bestürzt und geängstigt begleiteten beide den Mann hinauf nach Albert's Wochnung, wo derselbe, nachdem er alle Fenster geschlossen hatte, mit der Thür ein Gleiches that und dieselbe dann mit dem Gerichtssiegel versiegelte.

"Aber um Gotteswillen, warum geschieht dies denn?" fragte Madame Newberry zu Tode geängstigt den Diener.

"Das weiß ich nicht", antwortete dieser theilnahmlos. "Wie man aber sagt, soll die Verhaftung des Herrn Randolph mit dem Verschwinden Ihres Mulattenmädchens zusammenhängen."

"Verhaftung?" rief Madame Newberry entsetzt aus und schlug die Hände zusammen. Der Gerichtsdiener

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aber steckte den Schlüssel in seine Tasche und verließ das Haus.

Kaum war der Mann in der Straße, als Madame Newberry an Blancha Dandon schrieb und sie bat, sie unfehlbar an diesem Abend zu besuchen, da sie ihr eine höchst dringende Mittheilung zu machen habe. Sie sandte das Schreiben durch ein Negerkind hinüber und trug diesem auf, den Brief Fräulein Dandon selbst zu übergeben.

Blancha saß am Fenster und harrte ihres Vaters, denn es war beinahe dessen Zeit, aus dem Leseclub zurückzukehren, um zu Mittag zu speisen. Da sah sie das Negerkind über den Platz gesprungen kommen und in ihre Wohnung eintreten, und sie eilte in den Corridor hinaus, um ihm den Brief abzunehmen, den Albert ihr wahrscheinlich übersandte. Am Morgen um die gewohnte Stunde hatte sie vergebens nach der Wohnung des Geliebten hinübergeschaut, um ihn dieselbe verlassen zu sehen; er mußte heute aus irgend einem Grunde schon sehr früh ausgegangen sein.

"Bringst Du mir einen Brief, kleine Cecil?" sagte Blancha freundlich zu dem Kinde und nahm ihm den Brief aus der Hand, bemerkte aber sogleich ihren Irrthum, indem er nicht von Albert, sondern von Madame Newberry überschrieben war.

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"Warum hat nicht Lucy mir den Brief gebracht?" fragte Blancha, indem sie denselben öffnete.

"Lucy ist fort", antwortete die Kleine, während jene das Schreiben las.

"Was sagst Du? Lucy ist weg? Wohin ist sie denn?" fuhr Blancha rasch fort und blickte von dem Brief erstaunt auf das Negerkind.

"Die Herrin weiß es nicht, sie ist aber fort", erwiderte die kleine Sklavin.

"Das ist ja sonderbar", bemerkte Blancha vor sich hin, klopfte dann dem Kind auf das wollige Köpfchen und sagte: "Grüße Deine Herrin von mir und sage ihr, ich würde heute Abend zu ihr kommen."

Die Kleine sprang die Treppe hinab und Blancha begab sich gedankenvoll in ihr Zimmer.

"Lucy fort?" dachte sie. "Sie kann doch unmöglich fortgelaufen sein. Dies ist sicher der Grund, weshalb mich die Newberry zu sprechen wünscht."

Sie hatte sich eben in das Sopha niedergelassen, als die Schelle laut ertönte und gleich darauf die Tritte Dandon's im Corridor hörbar wurden.

Mit ungewohnter Hast trat er zu Blancha in das Zimmer und sagte, seinen Hut auf den Tisch stellend, in großer Aufregung:

"Da haben wir es. Nun, ich sagte es ja immer,

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man soll einem Lump nicht weiter trauen, als man ihn sehen kann!"

"Was ist denn geschehen, Vater? Du erschreckst mich", sagte Blancha, geängstigt auf ihn zutretend.

"Was geschehen ist? Dieser Lump hat eine Anweisung über zweitausend Dollars auf die Bank ausgeschrieben und meinen guten Namen darunter gefälscht, und zwar so schlecht, daß ich nicht begreife, wie die Herren das Geld daraufhin bezahlen konnten. Ich bin so eben bei dem Staatsprocurator gewesen und habe das Gekritzel selbst angesehen. Die Leute müssen keine Augen gehabt haben. Er hat das Geld durch Newberry's Mulattin einkassiren lassen und das Mädchen dann in der Nacht in den Fluß geworfen. Er ist aber schon in den Händen der Gerechtigkeit und wird bald den Galgen zieren. Das hat man davon, wenn man sich mit Lumpen abgibt."

"Aber um Gotteswillen, Vater, von wem sprichst Du denn?" fragte Blancha mit geängstigter Stimme.

"Von wem anders als von diesem Lump, diesem Randolph", antwortete er im höchsten Zorn.

"O Gott!" stieß Blancha aus, preßte beide Hände auf ihr Herz und wankte nach dem Sopha zurück, aber noch ehe sie dasselbe erreichte, sank sie leblos auf dem Teppich zusammen.

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"Blancha, Blancha, mein Kind!" rief der Alte zu Tode erschrocken und suchte sie aufzurichten, sie aber lag bleich wie ein Marmorbild da und alles Leben schien aus ihr gewichen zu sein.

"Hülfe, Hülfe!" schrie Dandon jetzt und riß so heftig an dem Schellenzug, daß derselbe von der Wand fiel, dann stürzte er an die Thür und rief in den Corridor hinaus.

Die Dienerschaft eilte herbei, Blancha wurde auf das Sopha gehoben, es wurde nach dem Doctor geschickt und die Sklavinnen wuschen der Ohnmächtigen Schläfe und Nacken mit belebenden Essenzen, umsonst, der Tod hielt sie fest in seinen Armen. Starr und leblos fand sie noch der herbeieilende Arzt, und auch seiner Kunst widerstand noch lange die tiefe Ohnmacht, die sie umfangen hielt; endlich aber bewegte ein leichtes Zittern ihre bleichen Lippen, ihr Busen begann sich mühsam zu heben und das Leben kehrte in sie zurück. Matt und wirr hing ihr Blick an ihrer nächsten Umgebung, sie schien sich zu besinnen und nach dem Gräßlichen zu suchen, vor dessen Gewalt sie aus dem Leben geflohen war und dessen furchtbar erschütternder Eindruck noch wie ein Alp auf ihrer Seele lag. Da trat ihr Vater glückathmend leise an ihre Seite, ergriff ihre Hand und sagte, sich zu ihr niederbeugend, mit leiser Stimme:

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"Gott Lob, meine Blancha, daß Du Dich erholst. Du bist so sehr über diesen Nichtswürdigen erschrocken."

Wie wenn der Blitz die Nacht erhellt, so durchzuckte Blancha die volle Erinnerung an das Furchtbare, welches sie niedergeschmettert hatte, das Wort Verhaftung durchdröhnte ihre Seele, und alle Kraft zusammenraffend, wollte sie sich erheben. Der Arzt aber verhinderte sie daran, bat sie, sich der vollsten Ruhe hinzugeben, erlaubte nur ihrer Dienerin Susanna bei ihr zu bleiben und verließ mit Dandon das Zimmer.

Kaum hatten dieselben sich entfernt, als Blancha nach ihrem Schreibtisch wankte und dort mit bebender Hand an Madame Newberry schrieb:

"Sagen Sie mir mit wenigen Worten, was Sie von Albert wissen; sagen Sie mir aber die Wahrheit. Heute Abend komme ich zu Ihnen."

Schnell faltete sie das Papier zusammen, versiegelte es und sandte es durch Susanna an Madame Newberry.

So lange hatte Blancha's Willenskraft ihr die äußere Ruhe erhalten, doch als die Thür sich hinter der Dienerin schloß, da brach der Sturm ihres entsetzlichen Unglücks die Fesseln, die Hände ringend stürzte sie vor dem Sopha nieder, und sich ihrer Verzweiflung hingebend, entquollen Ströme von Thränen ihren Augen.

"Mein Glück, meine Seligkeit, mein Albert, mein

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braver, guter Albert!" jammerte sie und verbarg bald ihr Antlitz in ihren Händen, bald hob sie dieselben zitternd empor und sah mit herzzerreißendem, wehevollem Blick nach oben. Jeder klare Gedanke hatte sie verlassen, wild verworrene Schreckbilder jagten sich vor ihrem Geiste und aus allen schauten ihr die ernsten Augen Albert's entgegen. Sie hatte abermals ihr Antlitz mit ihren Händen bedeckt und war mit demselben auf das Sopha niedergesunken, als ihre Dienerin in das Zimmer trat, sie, sich aufraffend, ihr entgegeneilte und den Brief von Madame Newberry aus ihrer Hand nahm.

Kaum war sie im Stande, denselben mit ihren zitternden Händen zu öffnen; sie wankte in das Sopha zurück, wo sie die Zeilen las:

"Albert ist verhaftet, doch alle Gerichte der Welt werden ihn keines Unrechts zeihen können. Seien Sie ruhig und gefaßt, theure Blancha, ein Zweifeln an seiner Unschuld wäre ein Verbrechen. Ich erwarte Sie heute Abend."

Mit einem krampfhaften tiefen Athemzug ließ Blancha ihre Hände mit dem Briefe in ihren Schooß sinken und schaute durch die Thränen, die ihre Augen füllten, unbeweglich vor sich auf den Fußboden nieder. So saß sie lange Zeit; ihr sonst so starker, willensfester Geist war durch den unerwarteten Schlag niedergeschmettert und

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betäubt und vergebens suchte sie nach einem Gedanken zum Handeln, um sich an ihm aufzurichten. Was sollte, was konnte sie thun, um Albert zu Hülfe zu kommen und vielleicht noch größeres Unglück von ihm abzuwehren? Da fiel ihr der Arzt ein, der wahrscheinlich bei ihrem Vater zum Mittagsessen bleiben würde und der ihr so dringend Ruhe anempfohlen hatte; sie durfte nicht mehr krank sein, wollte sie nicht abends ihren Vater am Ausgehen hindern und sich selbst um ihren Besuch bei Madame Newberry bringen.

Ihre ganze Willenskraft zusammennehmend, ging sie in ihr Schlafgemach, kühlte ihre verweinten Augen, Susanna mußte ihre Toilette ordnen, und entschlossen, ihre äußere Erscheinung zu beherrschen, verließ sie ihr Zimmer und begab sich nach dem Speisesaale.

"Um des Himmels willen, Fräulein!" rief ihr der Arzt entgegen, der mit Dandon vor ihr eingetreten war, und dieser eilte mit den Worten auf sie zu:

"Aber, beste Blancha, Du solltest ja auf Deinem Zimmer bleiben und Dich ruhen." Blancha aber sagte mit möglichst fester Stimme:

"Ich habe mich vollständig erholt, lieber Vater; es war ja nur der Schreck, der mich betäubte", und, schritt nun zu ihrem Stuhl am Tische, da sie fühlte, wie ihre Füße ihr wieder den Dienst versagen wollten.

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"Gott Lob denn, daß wir mit der Angst davongekommen sind!" nahm Dandon beruhigt abermals das Wort und führte den Arzt zu der Tafel, indem er sagte:

"Wenn auch die Veranlassung eine sehr böse war, so haben wir doch nun die Freude, unsern lieben Doctor einmal bewirthen zu können. Sie machen sich so selten, bester Freund."

"Mein Beruf vergönnt es mir nicht, verehrter Herr Dandon, meiner Neigung zu folgen und meine Freunde zu besuchen, auch ohne daß sie meiner Hülfe bedürfen. Meine einzige Erholung ist mir in unserm Club beschieden; Jedermann weiß, daß ich während der Abendstunden dort zu finden bin. Kommen Sie heute ein wenig?"

"Wenn meine Blancha mich auf einige Stunden beurlauben will, so werde ich mich einfinden", entgegnete Dandon scherzend und drückte dabei seiner Tochter die Hand.

"Aber, lieber Vater, Du weißt es ja, daß Du mir keine größere Freude machen kannst, als wenn Du in Deine Gesellschaft gehst", erwiderte Blancha mit erzwungenem Lächeln und that sich Gewalt an, gerade zu sitzen, denn es war ihr, als müsse sie jeden Augenblick umsinken.

"Sie sollten aber ein Glas Wein trinken, Fräulein!

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Die Ohnmacht hat Sie doch etwas angegriffen; Sie sind sehr blaß", sagte der Doctor zu ihr, und Dandon füllte ihr Glas schnell mit Madeira, indem er bemerkte: "Ja, ja, das wird Dir sicher gut thun, es ist der beste Wein in der Stadt."

Blancha trank davon, anstatt aber sich dadurch gestärkt zu fühlen, trieb der Wein ihr das Blut nach Kopf und Herz und es war ihr, als verlöre sie den Athem, und eine entsetzliche Angst kam über sie. Dennoch blieb sie aufrecht sitzen und beschäftigte ihre Hände mit Messer und Gabel, denn sie durfte nicht krank erscheinen, und wenn sie todt umgefallen wäre. Sie saß wie auf der Folterbank, bald heiß, bald kalt lief es ihr durch die Glieder, sie stützte sich mit beiden Armen auf den Tisch, hielt mit aller Gewalt ihr Ohr auf die Unterhaltung der beiden Männer gerichtet, um ihnen nicht abwesend zu erscheine, und zwang sich, jeden ihrer Blicke mit einem Lächeln zu beantworten. Dabei durchzerrte der Gedanke an Albert ihre Seele mit Weh und Verzweiflung, und ihr Herz zog sich krampfhaft im Schmerz zusammen.

Endlich war es ihr vergönnt, sich zu erheben. Ein Diener brachte andern Wein und frische Gläser, ein zweiter stellte einen Teller mit Cigarren und eine brennende Wachskerze auf den Tisch, und Dandon gab Blancha den bei solchen Gelegenheiten gewohnten Seitenblick. Sie stand

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auf, wünschte den Herren lächelnd fröhliche Laune und schritt wie auf schwankendem Boden zum Saale hinaus. Als aber die Thür sich hinter ihr geschlossen hatte, verließen sie plötzlich ihre Kräfte, sodaß sie kaum noch die Treppe, welche in den zweiten Stock führte, erreichen konnte; sie setzte sich auf derselben nieder und lehnte, die Augen schließend, ihre Stirn gegen das Geländer, denn ihre Umgebung drehte sich mit ihr im Kreise. Der Zufall führte gleich darauf Susanna durch den Corridor; erschrocken sprang dieselbe ihrer Herrin zu Hülfe, richtete sie auf und geleitete sie nach ihren Zimmern. Machtlos und gänzlich erschöpft sank Blancha dort in das Sopha, ihre Hände lagen gefaltet auf ihrer Brust und ihre Augen hatten sich wieder geschlossen. Sie war todtenbleich und nur der zitternde Ton des von Zeit zu Zeit aus tiefer Brust aufgestoßenen Athems verrieth, daß sie noch zu den Lebenden gehöre.

Susanna hatte sich vor ihr auf den Fußboden niedergeworfen und sah ängstlich zu ihr auf, als zähle sie ihre Athemzüge, und als Blancha ihre Hand von ihrer Brust herabsinken ließ, ergriff sie die Negerin und preßte sie zärtlich gegen ihre Wange.

Lange Zeit hatte Blancha so geruht, als sie die Augen aufschlug und zu der Sklavin sagte:

"Du bist ein gutes, treues Mädchen, Susanna,

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und hast mich lieb, vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, wo Du mir Deine Treue, Deine Liebe durch die That beweisen kannst."

"Mit Hingabe meines Lebens, wenn es nöthig ist, will ich sie Ihnen beweisen, meine einzig geliebte Herrin!" antwortete die Negerin rasch und drückte ihre Lippen wieder und wieder auf Blancha's Hand.

"Lege das Buch dort von meinem Secretär hier auf den Tisch, Susanna, dann aber gehe hinaus in den Corridor, und sobald die Herren den Saal verlassen, komm schnell zu mir, der Doctor wird sich, ehe er geht, noch von meinem Befinden überzeugen wollend

Die Sklavin that, wie ihr befohlen, und verließ das Zimmer, während Blancha wieder die Augen schloß und in ihre vorige Abgespanntheit versank. Nicht daß diese erzwungene Ruhe ihren Seelenschmerz gelindert oder daß Schlummer sich ihrer erbarmt hätte, mit der Dunkelheit aber, in welche sie ihren Blick hüllte, wurden die Bilder ihres Unglücks undeutlicher, ihre Gedanken wurden verworrener und der Quell ihrer Thränen verschloß sich.

Nach Verlauf einer Stunde glitt Susanna plötzlich in das Zimmer und zeigte ihrer Herrin an, daß die beiden Herren jetzt den Speisesaal verließen. Blancha setzte sich rasch auf, ergriff das Buch und schien, die

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Stirn auf ihre Hand gestützt, in dasselbe vertieft zu sein, als der Arzt mit ihrem Vater eintrat.

"Sieh da, unsere Patientin im Lesen vertieft! Ich kann sie von der Krankenliste streichen", sagte der Doctor, indem er sich Blancha näherte, reichte ihr dann die Hand und verabschiedete sich aufs freundlichste bei ihr. Dandon geleitete ihn aus dem Zimmer und entließ ihn an der Thür mit den Worten:

"Auf Wiedersehen heute Abend, lieber Doctor!"

Dann kehrte er in den Salon zurück und sagte, seinen Halskragen in die Höhe ziehend:

"Gott Lob, Blancha, daß der Schreck keine weitern Folgen gehabt hat! Du warst entsetzlich lange ohnmächtig. Um einen solchen Lump sich so abängstigen zu müssen! Er soll aber seiner verdienten Strafe nicht entgehen! Heute Abend werde ich sicher noch Näheres über ihn hören und will es Dir dann morgen erzählen. Jetzt habe ich noch einen Brief zu schreiben und gehe dann in den Club. Darum gute Nacht, liebe Blancha! Lege Dich früh zur Ruhe. Du bist doch noch angegriffen, man sieht es Dir an."

Blancha's Herz setzte seine Schläge aus und es war ihr, als würde ihr die Brust zusammengeschnürt, der Gedanke an ihren Besuch bei der Newberry aber machte ihr ein Lächeln möglich, und die Hand ihrem Vater hinhaltend, sagte sie:

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"Gute Nacht, lieber Vater!"

"Deine Hand ist wirklich ganz kalt. Du solltest eine Tasse warmen Thee mit etwas Portwein trinken, es würde Dir gut thun", versetzte Dandon, ihre Hand zwischen den seinigen haltend.

"Ja, ich will es thun", erwiderte Blancha, dem Umsinken nahe, als Dandon sie noch auf die Schulter klopfte und dann mit nochmaligem "Gute Nacht!" das Zimmer verließ.

"Ein Glas Wasser!" rief Blancha mit machtloser Stimme, sank in das Sopha zurück und schloß die Augen, doch in der nächsten Sekunde flog Susanna schon mit dem Trunk herbei und hielt ihn ihrer Herrin an die bleichen Lippen.

Die Ohnmacht ging vorüber und unter einem Strome von Thränen kam Blancha wieder zu sich.

"O Gott, wo soll ich die Kraft hernehmen, mich aufrecht zu erhalten!" sagte sie halblaut, preßte ihre gefalteten Hände auf ihr Herz und fiel mit ihrem Haupte wieder auf das Polster, während die Sklavin das Glas auf den Tisch gestellt hatte und nun ihrer Herrin liebkosend die Locken strich.

"Wenn das Unglück am größten, ist Gott am nächsten, Herrin!" sagte die Negerin, sich schmerzerfüllt über Blancha neigend, und hielt ihre großen braunen Augen auf deren bleiche Züge geheftet.

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Es war sehr düster im Zimmer geworden, als Blancha sich plötzlich erhob und nach dem Fenster schaute.

"Geh, Susanna, und erkundige Dich, ob mein Vater schon ausgegangen ist", sagte sie zu der Dienerin.

"Soll ich nicht vorher die Lampe anzünden?" entgegnete diese.

"Nein, das Halbdunkel thut mir wohl. Geh, Susanna!" antwortete Blancha, worauf die Negerin sich entfernte.

Bald darauf kehrte dieselbe zurück und brachte die Nachricht, daß Herr Dandon schon Licht habe und noch am Schreibtische sitze.

Blancha war an das Fenster getreten und sah nach Newberry's Haus hinüber; deren Wohnzimmer war schon hell, dunkel aber Albert's Fenster. Blancha ließ ihre gefalteten Hände vor sich niedersinken und heiße Thränen netzten ihre Wangen. Mit welcher Seligkeit, mit welchen Hoffnungsträumen hatte sie so unzählige Male nach jenen Fenstern geschaut, und wie oft hatte Albert's Blick ihr die Erfüllung aller ihrer Wünsche verheißen! Wo war jetzt Hoffnung, wo war Glück!

Mit der Stirn an die fühlen Fensterscheiben gelehnt, stand Blancha unbeweglich da; es wurde dunkel, in der Straße wurden die Laternen angezündet und vor

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den hellen Fenstern in Newberry's Haus wurden die Laden geschlossen, da ertönte die Thürschelle in Dandon's Wohnung und Blancha sah ihren Vater hinaus in die Straße schreiten.

"Meinen Shawl, Susanna!" rief sie der Sklavin zu. Im Augenblick war ihr Befehl ausgeführt, sie nahm das große Tuch, warf es über den Kopf, hüllte sich hinein und eilte von der Negerin gefolgt aus dem Zimmer.

Sie sollte von Albert hören! Mit schnellen Schritten erreichte sie die Straße und betrat den Weg über den Platz, aber nicht mit dem gewohnten lauten Herzschlag, der beseligenden Sehnsucht, dem Glück der Hoffnung, die sie so oft hinüberbegleitet hatten; mit Angst und Schrecken schaute sie nach den dunklen Fenstern Albert's hinauf und mit Thränen in den Augen erreichte sie die Hausthür. Madame Newberry selbst öffnete dieselbe und nahm Blancha schweigend in ihren Arm. Auch nachdem sie in das Zimmer eingetreten waren, fehlten beiden noch die Worte, und erst als Blancha den Shawl von ihrem Kopfe sinken ließ und die Frau deren Thränen sah, ergriff sie die Hand des weinenden Mädchens und sagte:

"Fassung, beste Blancha, es wird ja sicher Alles gut werden. Die Unschuld, die Tugend muß siegen;

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kommen Sie, setzen Sie sich und lassen Sie uns überlegen, was wir thun sollen."

Hiebei schlang die Frau mit innigster Theilnahme ihren Arm um Blancha und führte sie nach dem Sessel vor dem Kamin. Dort fuhr sie fort:

"Mein Mann ist ausgegangen, um noch genauere Erkundigungen einzuziehen, und wird uns, wenn er zurückkommt, auch seinen Rath geben. Mein Gott, es ist ja ganz unmöglich, daß Herr Randolph nicht Gerechtigkeit und vollste Genugthuung finden sollte, er hat so viele Freunde!"

Hierauf theilte sie Blancha alles Vorgefallene mit und schloß ihren Bericht mit den Worten:

"Unbegreiflich nur bleibt es mir, in welcher Weise Lucy, das unglückliche Mädchen, dazu vermocht worden ist, das Geld einzuziehen, sie muß wirklich geglaubt haben, es sei für mich bestimmt gewesen. Das arme Kind hat es mit seinem Leben zahlen müssen!"

Hin und her beredeten sie das geheimnißvolle schreckliche Ereigniß, tausend Vermuthungen und Betrachtungen wurden von ihnen aufgestellt, immer wieder brach Blancha in Thränen aus und immer suchte die treue Freundin sie zu beruhigen, zu trösten.

"Newberry muß ja nun bald kommen, es ist Zeit zum Abendessen", sagte die Frau. "Hoffentlich bringt er

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uns gute Nachricht mit." Dabei horchte sie einige Augenblicke nach der Straße und setzte dann aufstehend hinzu: "Da kommt Jemand, das wird er wohl sein."

Rasche Tritte auf dem Trottoir nahten sich dem Hause, die Schelle ertönte, dann hörte man das Negerkind den Eingang öffnen, die Zimmerthür sprang auf und Albert trat herein.

Mit einem Schrei flog Blancha aus dem Sessel empor und stürzte mit dem Rufe: "Mein Albert, mein Glück!" ihm in die Arme. Schluchzend, weinend und wieder mit seligem Lächeln zu ihm aufblickend, hielt sie ihre Arme um seinen Nacken geschlungen, als wolle sie ihn nimmer wieder von sich lassen, und Albert, für den Augenblick sein Schicksal vergessend, preßte sie immer fester, immer heißer an seine Brust.

"Frei, frei - Du mein Leben, Du mein Albert! Gott im Himmel sei gedankt!" brach Blancha endlich mit einem Jubelton aus tiefstem Herzen das Schwelgen und sah ihm unter Freudenthränen in die dunklen Augen.

"Ja, Geliebte, ich bin frei durch Portman's Liebe und Güte; er leistete zehntausend Dollars Sicherheit für mich. Freigesprochen werde ich aber erst, wenn die unerhörte Schandthat vor Gericht verhandelt ist. Hoffentlich wird man den Thäter entdecken."

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"Das gebe der Allmächtige!" sagte Blancha mit einem Blick nach oben.

"O Du gutes, Du angebetetes Mädchen! Wie furchtbar hat mich der Gedanke gefoltert, daß Dir die Nachricht überbracht würde, Dein Albert sei der Fälschung, des Mordes angeklagt; das Herz wollte mir brechen!" fuhr Albert fort und drückte Blancha wieder an seine Brust.

"Und ich bin beinahe gestorben, Albert; ich glaubte, ich könnte es nicht überleben", antwortete diese und strich liebkosend des Jünglings schwarze Locken zurück.

"Gott Lob! daß wir Sie wieder bei uns haben, Herr Randolph. Nun wird sich schon Alles zum Guten wenden", nahm Madame Newberry das Wort und rückte die beiden Stühle für die Liebenden vor dem Kamin zusammen.

Arm in Arm ließen diese sich vor dem Flackerfeuer nieder, und Albert gab nun einen ausführlichen Bericht über Alles, was ihm begegnet war. Er hatte seine vollkommene Ruhe und Fassung wiedererlangt, die ihm während der Bedrängnisse des Tages namentlich der Gedanke an Blancha geraubt hatte. Und auch diese vergaß in der Nähe ihres Geliebten den entsetzlichen Zustand, in welchen sie die Nachricht über dessen Schicksal versetzt hatte.

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"Aber, mein Albert, dieser edle, dieser brave Portman! Werden wir jemals im Stande sein, ihm unsere Schuld abzutragen?" hob Blancha im Ueberwallen ihres Dankgefühls an.

"Doch, meine Blancha. Solcher Edelmuth verlangt nur dankbare Anerkennung und unsere Liebe. Unsere treue Anhänglichkeit soll es Portman lebenslang zeigen, daß wir der guten That werth waren."

"Und Ende des Jahres will er Dir wirklich seine Praxis übergeben?" fragte Blancha mit hoffnungstrahlendem Blick.

"Mit dem ersten Januar, theures Mädchen", antwortete Albert. "Wenn nur diese nichtswürdige Anklage nicht die Vorurtheile Deines Vaters noch steigert und unserer Vereinigung noch größere Hindernisse entgegenstellt!"

Blancha sah vor sich nieder und schwieg, nach einigen Augenblicken aber hob sie ihre seelenvollen Augen wieder zu Albert auf und sagte mit ruhiger Stimme:

"Meiner Liebe, meiner Treue für Dich kann die ganze Welt kein Hinderniß in den Weg stellen. Gehöre ich Dir nicht mit Leib und Seele?"

"O Du guter Engel, das weiß ich ja, und dennoch bange ich um Deinen Besitz", entgegnete Albert mit einem schmerzlichen Ausdruck.

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"Niemand soll ihn Dir vorenthalten, mein Albert. Ich werde Dein, sobald Du es wünschest, und wenn ich Dir auch nichts bringen könnte als mich selbst. Doch mein Vater ist gut und hat mich unendlich lieb; wenn Du freigesprochen bist, so wird er es bereuen, Dir Unrecht gethan zu haben. Sei ohne Sorgen; wenn Du Dir Deinen Herd gegründet hast, soll Dir Deine Blancha nicht dabei fehlen, und müßten wir von Brod allein leben!"

So beredeten die beiden Liebenden wieder das Glück ihrer Zukunft, alle Sorgen und Gefahren schwanden aus ihrem Herzen und sie wunderten sich schließlich darüber, wie sie über eine so lächerliche, verrückte Anklage sich solcher Angst hatten hingeben können. Die Versicherung Albert's, daß er morgen, nachdem der Staatsprocurator seine Papiere durchgesehen haben würde, wieder in seine Wohnung einziehen wolle, nahm die letzte trübe Wolke aus Blancha's Seele, und vollständig beruhigt entließ sie vor zehn Uhr den Geliebten auf Wiedersehen am folgenden Tage.

Frühzeitig am nächsten Morgen schrieb Herr Portman an den Staatsprocurator und bat ihn um die Erlaubniß, mit Albert zugegen sein zu dürfen, wenn er dessen Papiere durchsehen werde. Die Antwort lautete günstig und Heald bestimmte eine der spätern Morgenstunden dazu.

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Portman und Albert hatten schon eine Zeit lang bei Newberrys gesessen und auf den Staatsprocurator gewartet, als dieser sich, von einem Gerichtsdiener gefolgt, gleichfalls einfand und beide höflich begrüßte. Sein Blick aber, indem er sich vor Albert verneigte, war ernster als der beim Abschied am Tage vorher, sowie auch seine Rede an diesem Morgen gemessener und wortkarger war. Es schien, als hatten neue Zweifel an Albert's Unschuld bei ihm Wurzel geschlagen, als wären ihm neue Verdachtsgründe oder gar Beweise gegen denselben überbracht worden.

Nach kurzer Begrüßung sagte er mit kalter Höflichkeit: "So lassen Sie uns an das Werk gehen, meine Herren!" und schritt mit dem Gerichtsdiener voran nach Albert's Zimmer. Die Thür wurde geöffnet. Alle traten ein und Albert reichte dem Staatsprocurator, sich ruhig und stolz verbeugend, seine Schlüssel mit den Worten:

"Hier sind meine sämmtlichen Schlüssel, Herr!"

Dann ging er nach den Fenstern, öffnete sie, holte aus seiner Schlafstube eine Kanne mit Wasser und begoß seine Blumen. Kaum aber hatte er damit begonnen, als auch Blancha in einem ihrer Fenster erschien, ihm verstohlen ihre Grüße zusandte und die seinigen dagegen empfing.

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Der Staatsprocurator hatte sich vor dem Schreibtisch niedergelassen und begann die darauf aufgehäuften Papiere durchzusehen, während Portman seinen Stuhl an die Seite des Tisches gezogen hatte und der Arbeit schweigend seine Aufmerksamkeit schenkte.

Nachdem letzterer geraume Zeit jenem zugeschaut hatte, lehnte er sich mit dem Arm auf dem Tische nach ihm hin, sah ihn lächelnd an und sagte:

"Herr Heald, wie können Sie nur für einen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß Sie irgend etwas in diesen Papieren finden werden, was unsern jungen Freund möglicherweise verrathen könnte, wenn er wirklich der Verbrechen, deren man ihn anklagt, schuldig wäre. Ich meine, die Stellung, die er als Rechtsgelehrter einnimmt, müßte Sie es voraussetzen lassen, daß er Ihnen hier keine Beweise gegen sich zurecht gelegt haben werde."

"Wenn ich auch dieselbe Ueberzeugung habe wie Sie, Herr Portman", antwortete der Staatsprocurator, ruhig in den Papieren weiter blätternd, "so darf ich sie doch nicht gelten lassen, da ich jede mögliche Gelegenheit ergreifen muß, mir Aufklärung über das Verbrechen zu verschaffen, und eine Möglichkeit liegt auch hier vor, denn die böse That macht selbst den gewandtesten Verbrecher oft blind und nachlässig."

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Während er dies sagte, hatte er einen großen Stoß von Papieren, welche hinten auf dem Tische gelegen hatten, an sich gezogen und begann sie Blatt für Blatt zu überblicken und umzuschlagen.

"Ganz recht", fuhr Portman fort, indem er sich in seinem Stuhl zurücklegte und ungeduldig mit den Fingern auf dem Tische spielte. "Für jeden andern Verbrecher lasse ich Ihre Ansicht gelten, nur nicht für einen Juristen, wie Herr Randolph einer ist."

Der Staatsprocurator gab keine Antwort darauf, sondern schlug etwas eiliger die Blätter um, als er plößlich wie erschrocken zusammenfuhr, das Papier, welches er gerade aufgedeckt hatte, mit beiden Händen ergriff und seinen Blick stier darauf heftete.

In demselben Augenblick sprang Portman auf und sah auf das Blatt, welches auf beiden Seiten dicht beschrieben war und zwar nur mit dem Namen Apollo Dandon. Augenscheinlich war die Schrift eine Uebung im Schreiben dieses Namens gewesen.

Beide Männer hatten während einiger Augenblicke das Papier angestiert, als der Staatsprocurator dasselbe in die Brüchen zusammenlegen wollte, in die es früher schon gefaltet gewesen sein mußte.

"Ich bitte Sie, Herr Heald", sagte Portman sichtbar bestürzt und legte seine Hand auf dessen Arm,

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"lassen Sie das Papier Herrn Randolph sehen, es verliert dadurch nichts an seiner Beweiskraft."

Dabei wandte sich der alte Herr nach Albert um, der, als er seinen Namen nennen hörte, vom Fenster aus nach ihm herblickte. Heald zögerte und wollte das Blatt dennoch zusammenlegen, als Albert neben ihn getreten war und Portman hastig zu ihm sagte: "Wessen Schrift ist dieses?" wobei er zugleich das Papier aus der Hand des Staatsprocurators nahm und es auf dem Tische ausbreitete.

Albert blickte verwundert darauf, wurde aber im nächsten Augenblick bleich und sagte mit entsetzter Stimme:

"Ich habe dies Papier niemals früher gesehen. Es muß heimlich und absichtlich hierher gelegt sein, um als Beweis gegen mich zu dienen."

"Herr Randolph, Herr Randolph! Die Verdachtsgründe haben sich seit gestern sehr gehäuft, und wenn ich die Bürgschaft des Herrn Portman nicht schon angenommen hatte, so würde ich sie jetzt verweigern", hob Heald nun mit strengem Tone an, verbarg das Papier in seiner Tasche und fuhr zu dem alten Herrn gewandt fort:

"Ich muß Sie bitten, mich allein zu lassen, bis ich meine Arbeit hier vollendet habe."

"Kommen Sie, Randolph", versetzte Portman hierauf, indem er Albert fragend anschaute und mit ihm

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aus dem Zimmer schritt. Draußen aber blieb er stehen und sagte, ihm fest in die Augen sehend:

"Sie wissen nichts von diesem Papiere?"

"Nichts, bei meiner Seligkeit!" antwortete Albert, den Blick ebenso fest erwidernd.

"Gut. Ich habe auch noch keine Sekunde an Ihrer Unschuld gezweifelt und fange an, das Gewebe der unerhörten That gegen Sie zu durchschauen. Nur Ruhe, junger Freund, und wenn die Hölle selbst gegen Sie losgelassen wird, so soll auf Ihrem ehrenwerthen Namen kein Fleck haften bleiben!"

Bei diesen Worten ergriff der würdige alte Herr Albert's Hand, schüttelte sie kräftig und schritt mit ihm die Treppe hinab nach Newberry's Zimmer, wo sie mit diesem und dessen Frau verweilten, bis der Staatsprocurator nach Verlauf von einigen Stunden sich gleichfalls einfand, Albert erklärte, daß er wieder Besitz von seinem Zimmer nehmen könne, und sich mit kalter Höflichkeit empfahl.

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Sechstes Kapitel.

Hatte die Nachricht von der Fälschung und von dem Mord schon viel Aufsehen in der Stadt gemacht, so setzte die Kunde von Albert's Anklage die ganze Einwohnerschaft in die allergrößte Aufregung. In allen Familienkreisen, an allen öffentlichen Orten wurde beinahe von nichts Anderem mehr geredet, und der Name Albert Randolph ging von Mund zu Mund. Obgleich vor dieser entsetzlichen Beschuldigung wohl niemals ein unfreundliches, ein nachtheiliges Wort über ihn laut geworden war, und obgleich auch jetzt noch die allgemeine Stimme sich zu seinen Gunsten erhob, so hörte man doch hier und dort Zweifel über ihn aussprechen, und die Bemühungen, Verdachtsgründe gegen ihn aufzufinden, überstiegen täglich mehr die Anstrengungen, seine Unschuld zu verfechten. Bei allen aber wuchs das Interesse für die Sache selbst mit jeder Stunde und jede neue Zeitung brachte neue Nachrichten, Vermuthungen, Anfragen, Auskünfte und Ansichten darüber.

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Mit der größten Spannung und Ungeduld sah man der öffentlichen Verhandlung des Processes gegen Albert entgegen und mit rastloser Leidenschaftlichkeit arbeiteten die beiden Parteien, die sich unter der Einwohnerschaft der Stadt für und gegen Randolph gebildet hatten, für ihre Zwecke. Namentlich wurden von denselben bei der Ernennung der Geschworenen alle Mittel zu Gunsten oder zum Nachtheil des Angeklagten in Bewegung gesetzt und alle Einflüsse, alle Gewalten aufgeboten, dessen Freunde oder dessen Widersacher in die Jury zu bringen.

Der Hauptführer der Partei, die gegen Albert arbeitete, war Apollo Dandon. Er sprach sich offen und laut gegen ihn aus und erklärte, daß er ihn an den Galgen bringen werde, und wenn es ihn die Hälfte seines Vermögens kosten sollte. Um dem gefährlichsten Widersacher seines Vorhabens, Portman, bei den Gerichtsverhandlungen die Spitze zu bieten, ließ er den berühmtesten Advocaten von Neuorleans, Namens Rammon, nach Natchez kommen und schloß einen Vertrag mit ihm ab, wonach er ihm zehntausend Dollars auszahlen wollte, wenn der Angeklagte gehangen würde.

Die Freunde Albert's aber sahen in dessen Unschuld und in dem unbesiegbaren alten Portman so feste Stützen und setzten in sie so unerschütterliches Vertrauen, daß

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ein Gedanke an einen ungünstigen Ausgang des Processes gar nicht in ihnen Wurzel fassen konnte.

Namentlich schwand aus Blancha's Seele alle Bangigkeit, alle Besorgniß, denn sie sah Albert an jedem Abend, und seine Ruhe, seine Zuversicht ließen keinen Zweifel mehr in ihr aufkommen. Mit Sehnsucht wartete auch sie auf das Beginnen der Verhandlungen, welche ja mit dem Siege Albert's über seine Feinde enden mußten.

So verstrich noch eine Woche, alle Vorbereitungen zu dem Gerichte waren beendet, die Zeugenverhöre gehalten, und endlich erschien der Tag, der über Albert's Schicksal entscheiden sollte. Schon lange, ehe die laute Stimme des Sheriffs aus dem Gerichtsgebäude die Eröffnung der Verhandlungen verkündete, war der Platz um dasselbe Kopf an Kopf angefüllt, und das Drängen nach der Thür des Hauses war so groß, daß man nur mit Lebensgefahr dieselbe erreichen konnte. Eine große Unzahl von Damen aus den ersten Klassen der Gesellschaft traten zuerst ein. Die Achtung, die man ihrem Geschlechte zollte, verschaffte ihnen ungehinderten Zutritt. Dann aber stürzte Alles der Thür zu, und nur mit Gewalt konnte man sich den Eingang erkämpfen.

Der große Gerichtssaal war zum Erdrücken mit Zuhörern gefüllt und vor den Eingängen standen die

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Menschen in dem Corridor so dicht zusammengepreßt, daß sie aller Bewegung beraubt waren. Vor dem Hause aber auf dem Platze wogten die Volksmassen hin und her, und bald hier, bald dort erschallten wilde Hurrahs für Albert Randolph. In dem Hause und in dem Gerichtssaale selbst dagegen herrschte eine Todtenstille und mit verhaltenem Athem lauschte man der Eröffnung der Verhandlungen durch den Staatsprocurator, welcher mit ernster, feierlicher Stimme die Anklage gegen Albert vortrug. Er berief sich zuerst auf den Verdachtsgrund, daß die Handschrift in dem Briefe an die Bank, mit dem Namen der Madame Newberry unterzeichnet, unverkennbar die des Angeklagten sei, und legte das Schreiben sowohl wie auch mehrere von Randolph beschriebene Papiere den Geschworenen zu eigener Beurtheilung vor. Während das Blatt nun unter den Männern von Hand zu Hand ging, konnte man es auf ihren Zügen lesen, daß sie alle der Meinung des Staatsprocurators beistimmten. Auch der Richter, dem die Papiere gereicht wurden, machte ein ernstes, bedenkliches Gesicht und warf einen zweifelnden Blick auf Albert, welcher im schwarzen Frack mit vollkommener Ruhe auf der Anklagebank saß. Darauf brach der Staatsprocurator abermals das Schwelgen und verkündete, daß auch der Name Apollo Dandon, welcher unter der Anweisung auf die Bank stehe, von

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Randolph geschrieben sein müsse, indem er unter dessen Papieren einen Bogen gefunden habe, auf dem derselbe augenscheinlich sich im Schreiben dieses Namens geübt habe. Dabei legte er die Anweisung und den besagten Bogen gleichfalls den Geschworenen zur Begutachtung vor. Nachdem dieselben sowie auch der Richter die Papiere genau betrachtet und abermals durch ihre Mienen ihre Zustimmung zu Heald's Ansicht gegeben hatten, bemerkte dieser noch, daß der vorliegende Bogen mit der Uebungsschrift genau solches Papier sei, wie der Angeklagte überhaupt zu seinen Schriften benutzt habe.

Während dieser Verhandlung richtete sich Dandon, der in kaffeebraunem Rock und gelbseidener Weste auf der vordersten Bank unter den Zuhörenden saß, wiederholt in die Höhe und machte mit den Händen lebhafte Bewegungen nach den Geschworenen hin, als könne er sich kaum noch zurückhalten, gleichfalls seine Ansicht auszusprechen; dann strich er wieder seine Weste glatt, spielte mit den goldenen Petschaften an seiner Uhrkette oder zupfte an seinem Hemdkragen, um seiner Ungeduld durch irgend eine Beschäftigung Luft zu machen.

Der Staatsprocurator führte nun an, daß die Mulattin Lucy ein durchaus braves, wohlerzogenes Mädchen ohne alle Bekanntschaften oder Verhältnisse gewesen sei, welches der Angeklagte allein hätte dazu bewegen

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können, das Geld einzukassiren, indem sie in der Aufforderung dazu durch einen Fremden sogleich einen Betrug gegen ihre Herrin erkannt und dieser Mittheilung davon gemacht haben würde.

Dann sagte er, daß die Mulattin Lucy zuletzt gesehen worden, als sie abends ihre Herrin nach Shield's Hause begleitet habe, daß Randolph kurze Zeit vor ihr ausgegangen und daß er um halb zwölf Uhr in seine Wohnung zurückgekehrt sei, während die Mulattin um elf Uhr in den Fluß gestürzt worden sein solle. und zwar nach der Anzeige eines Unbekannten durch Albert Randolph. Auf die Frage, wo dieser den ganzen Abend bis zu seiner Rückkehr nach Hause verbracht habe, sei seine Antwort, daß er spazieren gegangen wäre, doch habe er keinerlei Nachweis über diese lange Promenade geben wollen. Durch mehrere Zeugen wäre es nun festgestellt, daß Randolph vor elf Uhr über das Werft und den Weg am Flusse hinaufgegangen sei, ein Weg, der in so dunkler Nacht durchaus keine Annehmlichkeiten zum Spazierengehen böte.

Nachdem der Staatsprocurator alle Gründe genannt und erörtert, weshalb Albert Randolph der Fälscher der Anweisung und des Briefes an die Bank, sowie der Mörder der Mulattin Lucy sein müsse, überließ er es den Geschworenen, ihr Schuldig über den Angeklagten

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auszusprechen, und bezeichnete die gesetzliche Strafe für solche Verbrechen mit Tod durch den Strang.

Ein im Ausbruch erstickter Schrei wurde bei diesen Worten oben auf der Gallerie, wo die Damen saßen, gehört, und eine Bewegung, die sich nach zwei verschleierten Frauengestalten im Hintergrunde richtete, wurde unter ihnen bemerkt, doch im nächsten Augenblick wandten sich aller Blicke wieder nach der Gerichtsverhandlung, denn der ehrwürdige gefeierte Portman nahm das Wort, um den Staatsanwalt in seinen Behauptungen zu widerlegen und die angeführten Verdachtsgründe zu bestreiten. Er sagte, daß das Verschwinden der Mulattin gerade für die Unschuld Albert's zeuge, indem sie und Niemand anders es gewesen sei, die dem Fälscher geholfen und die den Bogen mit Dandon's Facsimiles zwischen die Papiere des Herrn Randolph gelegt habe. Der Fälscher selbst, sagte er, hätte den Mord an dem Mädchen angezeigt und Herrn Randolph als deren Mörder genannt, nirgends aber habe der Herr Staatsprocurator nachgewiesen, daß überhaupt ein Mord geschehen sei, denn das Verschwinden des schuldigen Mädchens beweise wohl dessen Flucht, keineswegs aber dessen Tod. Die Mulattin, fuhr er fort, ist, nachdem sie das Geld einkassirt hat, mit dem Fälscher, für den sie es that, entflohen und der allgemein geachtete, hochgefeierte Herr Randolph

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kann mit ihrem Verschwinden in keiner Weise in Beziehung gebracht werden. Daß er an jenem Abend einen langen Spaziergang gemacht hat, worauf der Herr Staatsprocurator so großes Gewicht legt, hat nichts Auffallendes, da erwiesen ist, daß solche nächtliche Promenaden zu seinen Gewohnheiten und Neigungen gehörten. Portman sprach mit ruhigem, gleichgültigem Tone, als ob es sich nur um ein geringes Polizeivergehen handle, und schloß seine einfache kurze Rede mit der Erklärung, daß die Anklage gegen Randolph vollständig aller Begründung entbehre.

Der Staatsprocurator trat jedoch abermals vor die Schranken und kam wieder auf den langen nächtlichen Spaziergang des Angeklagten zurück.

"Zweifelsohne ist diese über vier Stunden lange Promenade, über welche der Angeklagte keine nähere Auskunft zu geben vermag, den Herren Geschworenen ebenso wie mir sehr verdächtig erschienen", hob er mit lauter verdammender Stimme an, "wieviel mehr aber wird sie als Beweis der Schuld dastehen, wenn ich sage und darthue, daß Randolph zwischen acht und zehn Uhr mit der verschwundenen Mulattin Lucy Arm in Arm an dem Flusse hinwandelnd gesehen worden ist! Drei glaubwürdige Zeugen sind zugegen, welche diese Thatsache zu beschwören bereit sind!"

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Bei diesen Worten winkte Heald seitwärts nach dem Eingange hin und drei Männer traten von dorther vor die Schranken.

Eine Todtenstille folgte, dann aber lief ein unwilliges Murmeln durch den Saal und alle Blicke richteten sich auf Albert, den die Worte sichtbar heftig erschüttert hatten, wie die Todtenblässe zeigte, die sein Antlitz überzog.

Auch Portman war zusammengefahren und bleich geworden, er war aufgestanden und hielt seinen starren Blick einige Sekunden auf Albert geheftet, dann aber faßte er sich und sagte mit einem Ausdruck, als ob er den in ihm aufgestiegenen Zweifel besiegt habe:

"Herr Randolph wird uns am besten selbst hierüber Auskunft geben können. Ist diese Aussage wahr?"

"Nein!" antwortete Albert sich erhebend mit fester Stimme. "Wenn diese drei Zeugen ihre Aussage beschwören, so leisten sie falschen Eid!"

"Ich bitte die drei Zeugen zu vernehmen", fiel der Staatsprocurator rasch ein, worauf dieselben beeidigt wurden und dann aussagten, daß sie Herrn Randolph nach neun Uhr am Flusse begegnet seien, wo er mit der Mulattin Lucy am Arm in traulichem Gespräch spazieren gegangen wäre.

"Können Sie es nun noch leugnen?" fragte der

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Staatsprocurator mit verächtlichem Tone, indem er sich nach Albert hinwandte.

"Nochmals, es ist eine Unwahrheit!" entgegnete dieser auffahrend. "Ich habe die Mulattin an jenem Abend mit keinem Blicke gesehen!"

"So ist es wohl nur ein Irrthum in der Person und das Frauenzimmer, mit welchem Sie spazieren gingen, ist ein anderes als die Mulattin gewesen", nahm Portman rasch das Wort.

"So ist es, ich werde aber den Namen niemals über meine Lippen gehen lassen", antwortete Albert entschlossen.

"Und doch sind Sie es sich selbst und auch mir schuldig, den Namen zu nennen, um sich von diesem schweren Verdacht zu reinigen, Herr Randolph!" sagte Portman ernst und mit einem Ausdruck von Vorwurf.

"Nimmermehr!" entgegnete Albert mit fester Bestimmtheit und sah bittend nach Portman hin.

"So werden Sie mir selbst die Möglichkeit nehmen, Sie gegen die Anklagen zu vertheidigen", sagte Portman bestürzt. "Bedenken Sie, daß es sich um Leben und Tod handelt!"

"Wohlan, der Name wird mir auch über das Grab hinaus heilig bleiben", rief Albert heftig ergriffen und warf einen aufleuchtenden Blick durch den Saal.

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"So werde ich ihn nennen!" schrie es in diesem Augenblick von der Gallerie hinab. Die Damen sprangen in großer Verwirrung von ihren Sitzen auf, drängten sich durch einander hin, es stürmte die Treppe herab, und mit dem Rufe: "Platz! Platz!" stürzte Blancha Dandon durch den Saal heran bis vor die Schranken.

"Ich war es", rief sie in wilder Entschlossenheit, "die mit diesem edlen hochherzigen Jüngling Arm in Arm an jenem Abend den Fluß entlang ging, ich war es, die jene drei Männer an der Seite Albert Randolph's gesehen haben, und ich werde es sein, die mit ihm, meinem Geliebten, meinem Verlobten, leben und sterben wird." Diese Worte hatte sie den Geschworenen zugerufen, warf sich Albert dann an die Brust und schlang ihre Arme um ihn, als wolle sie ihn jetzt selbst gegen jede Gewalt vertheidigen.

Der alte Dandon aber, entsetzt, als ob die Welt über seinem Haupte zusammenbreche, hatte Blancha erreicht, sie erfaßt und wollte sie in seiner blinden Wuth von Albert hinwegreißen, er sah aber nicht, daß sie jetzt kalt und regungslos in dessen Armen lag und jedes Lebenszeichen aus ihr gewichen war.

"Schurke, Mörder meines einzigen Kindes!" schrie er plötzlich in Raserei und Verzweiflung und nahm Blancha aus Albert's Armen in die seinigen.

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In demselben Augenblick drängte sich Madame Newberry heran, es folgten ihr viele Damen nach, Blancha wurde hinausgetragen und Dandon fuhr sie in einem herbeigeholten Fiaker ohnmächtig nach Hause.

Der Auftritt hatte so lähmend auf die ganze Versammlung gewirkt, daß eine geraume Zeit darüber verging, ehe man wieder zum vollen Bewußtsein gelangte, weshalb man sich hier befand; der Eindruck aber, den er auf die Gemüther machte, war sehr verschiedener Art. Im Allgemeinen hatte die ergreifende Scene nicht zu Gunsten Albert's gewirkt. Blancha Dandon war eine der geachtetsten und beliebtesten Persönlichkeiten in der Stadt, und mit einem Gefühl des Bedauerns, des Widerwillens hatte man sie in den Armen eines so schwerer Verbrechen Angeklagten vor den Schranken des Gerichts gesehen. Das heimliche Verhältniß des mittellosen Rechtscandidaten mit dem reichen schönen Mädchen erschien sehr Vielen wie ein Unrecht, wie ein Betrug, ein Raub an dem alten Dandon, der, wenn auch durchaus nicht beliebt, doch als ein reicher Mann in großem Ansehen stand. Es war mit einem Wort eine sehr unangenehme Störung gewesen und gegen Albert richtete sich der Vorwurf darüber.

Letzterer war wie vernichtet auf der Sünderbank zusammengesunken und hörte und sah nicht mehr, was um ihn

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her vorging. Erst als der Staatsprocurator wieder seine Stimme laut erschallen ließ und die frühere unheimliche Ruhe in dem Saale herrschte, trat sein Schicksal wieder an ihn heran und zwar jetzt noch drohender als vorher, denn er las in allen Gesichten, daß die Stimmung sich sehr gegen ihn gewandt hatte.

"Um welche Zeit, Albert Randolph, haben Sie sich an jenem Abend von Fräulein Dandon getrennt?" fragte der Staatsprocurator ihn mit barschem Tone.

"Ich geleitete sie um zehn Uhr bis vor ihre Wohnung, wo wir von einander schieden", antwortete Albert sich wieder sammelnd.

"Und wo waren Sie dann von zehn Uhr bis halb zwölf, wo Sie in Ihre Wohnung zurückkehrten?" fragte Heald wieder.

"Ich ging von Dandon's Haus zuerst in der Stadt umher, kam nach dem Werfte hinunter und wanderte dann an dem Flusse hinauf und wieder zurück, bis ich meine Wohnung erreichte. Dies ist ganz genau die Art und Weise, wie ich die Zeit bis halb zwölf Uhr verbrachte."

"Sind Sie auf dem Wege am Flusse mit Niemand zusammengewesen?"

"Nur mit meinen Gedanken, Herr Heald", antwortete Albert sich ermannend.

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"Sie waren ja aber so eben von dem Flusse zurückgekehrt und hatten Ihre Promenade beendet, wie kamen Sie nun dazu, noch einmal und zwar allein zu so später Stunde und in solcher Dunkelheit die Stadt zu verlassen und sich dorthin zu begeben? Sie müssen doch einen Zweck dabei gehabt haben, denn Vergnügen oder Erholung konnte der Weg Ihnen ja nicht bieten."

"Wer die Reize, die Schönheit, das Geheimniß der Nacht nicht fühlen kann, dem kann man auch keine Beschreibung davon machen, darum muß ich Ihre Frage unbeantwortet lassen, Herr Heald", antwortete Albert stolz.

"Ein sehr schwacher Deckmantel für Ihre Schuld, die ich offen und unbezweifelt zu Tage legen werde", fuhr der Staatsanwalt in drohendem Tone fort. "Zwischen zehn und elf Uhr gingen Sie, als Sie Fräulein Dandon verlassen hatte, über das Werft nach dem Flusse zurück, um elf Uhr wurde die Mulattin in das Wasser gestürzt und um halb zwölf langten Sie nach dieser zweiten Promenade wieder zu Hause an!"

Während der Staatsprocurator dies mit scharfer Betonung sagte, wurde es unruhig in dem Saale, und Albert, der so oft die Wirkungen der Rede auf das Publikum beobachtet und studirt hatte, erkannte in dem summenden, murmelnden Geräusch sehr wohl, daß es der Ausdruck eines Gefühls gegen ihn war. Er blickte

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nach Portman hin, welcher mit gesenktem Haupte dasaß und in Gedanken versunken vor sich niedersah.

Der Staatsprocurator hatte zwei Männern, die unweit der Thür standen, ein Zeichen gegeben, und als dieselben darauf vor die Schranken traten, sagte er zu dem Richter:

"Euer Ehrwürden wollen diese beiden glaubwürdigen Zeugen noch vernehmen lassen, die sich heute früh aus eigenem Antrieb bei mir meldeten und sich erboten, Aufschluß über den begangenen Mord zu geben."

Alles verstummte und sah mit Ueberraschung und Spannung nach den Männern hin, Albert aber erschrak vor ihnen, denn es stand auf ihren Zügen nichts Gutes geschrieben. Auch Portman fuhr zusammen, obgleich er keinen derselben persönlich kannte.

Beide waren anständig und nach der Mode gekleidet, und bei Angabe ihrer Namen nannten sie sich Geschäftsleute, in welchem Titel jede mögliche Art von Erwerb einbegriffen ist. Sie wurden beeidigt und jeder von ihnen sagte dann aus, daß an jenem Abend gegen halb elf Uhr der Angeklagte auf dem hell erleuchteten Werfte an ihnen vorüber und am Flusse hinauf gegangen sei. Sie hätten sich auf demselben Wege befunden und wären langsam hinter Randolph hergeschritten. Nicht weit von der Stadt, dort, wo das Holz sich

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bis an den Weg zöge, hätten sie ihn mit einem farbigen Mädchen in eifrigem Gespräch angetroffen und bei dem Lichtschein, welcher von den Schiffslaternen dorthin gedrungen wäre, habe es ihnen geschienen, als ob das Mädchen die schöne Lucy von Newberrys sei. Sie wären an ihnen vorbei auf dem Wege fortgeschritten und Randolph mit dem Mädchen sei ihnen langsam nachgefolgt, sodaß die Entfernung von ihnen sich bald auf einige Hundert Schritte vergrößert habe. Plötzlich hätten sie hinter sich am Flusse einen unterdrückten Schrei und gleich darauf einen schweren Fall in das Wasser vernommen, sie seien rasch zurückgelaufen und hätten einen Mann, dem Anschein nach Randolph, über die Straße in den Wald hineinspringen sehen; von dem Mädchen aber wäre ihnen nichts wieder zu Gesicht gekommen.

In den Worten, welche diese Männer sagten, erkannte Albert sein Todesurtheil, sie nahmen ihm den letzten Hoffnungsgedanken aus der Seele und mit Schaudern und Entsetzen verfolgte er den Eindruck, den ihre Aussage auf die Geschworenen machte.

Nachdem Heald noch mehrere Fragen an die beiden Männer gerichtet hatte, wandte er sich an Albert und sagte:

"Was haben Sie auf diese Aussage zu antworten?"

"Daß ich das unschuldige Opfer von höllischen

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Verbrechern sein werde, daß ich bereit bin, vor Gott zu treten, und daß ich bei seiner Barmherzigkeit die Aussage dieser beiden Männer Wort für Wort als die unerhörteste Lüge zurückweise", versetzte Albert mit fester, entschlossener Stimme.

Der Staatsprocurator erklärte bald darauf, daß er nichts weiter in der Sache zu sagen habe, da es keiner weitern Beweise bedürfe, um ein Schuldig auszusprechen, und trat von den Schranken zurück, um den Advocaten gegen und für den Angeklagten das Wort zu lassen.

In diesem Augenblick kehrte Dandon mit vor Wuth glühendem Gesicht in den Saal zurück. Sein rachesprühender Blick suchte Rammon, den Advocaten von Neuorleans, und als er ihn im Begriff sah, vor die Schranken zu treten, ging er eiligen Schritts zu ihm hin und raunte ihm, giftig nach Albert hinschauend, einige Worte ins Ohr. Dann schob er seine geballten Fäuste in seine Taschen und setzte sich wieder auf seinen frühern Platz, während Rammon vor die Schranken trat. Dieser war ein langer, hagerer Mann mit röthlichem, dünnem Haar, kleinen, unruhigen grauen Augen und einer spitzen Nase, die sich, sobald er in Aufregung gerieth, in Falten in die Höhe zog, wie wenn ein Raubthier die Zähne fletscht. Jetzt stand er ruhig da und heftete seinen finstern Blick auf Albert. Kein Laut, keine Bewegung unterbrach die

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Stille, jedes Auge war auf des Advocaten Lippen gerichtet, als warte man darauf, sein erstes Wort zu erhaschen.

Da zog es über Rammon's mit Sommerflecken bedecktes Gesicht wie Spott und Verachtung, seine Nase zog sich in Falten zusammen, seine großen einzeln stehenden weißen Zähne wurden sichtbar, seine Lider öffneten sich weit, sodaß das ganze Weiß seiner Augen entblößt ward, und seinen rollenden Blick auf Albert richtend, sagte er mit schneidendem, höhnischem Tone:

"Welch eine Unwahrheit, welche Verdorbenheit unter einer edlen, genialen Erscheinung! Gefeiert und geehrt wegen der seltenen, ihm von Gott verliehenen Geisteskräfte, sitzt er hier entlarvt als Fälscher, als Mörder, der große Dichter Albert, der gelehrte Advocat Randolph, als zehnfacher Sünder, da er das Gute, das Edle kannte und verkündete und das Schlechte, das Verworworfene[Verworfene] in vollster Erkenntniß, in klarstem Bewußtsein that. Ja, sieh mich an mit Deinem Heuchlerblick, Ungeheuer! Die Vergeltung für Deine Schandthaten steht vor Dir und keine Gewalt der Erde soll Dich der Gerechtigkeit entziehen! Dennoch wird die Strafe mit Deinem furchtbaren Verbrechen nicht in Einklang treten, denn das Gesetz verfolgt hier nur den Fälscher, den Mörder, den ruchlosen Zerstörer des

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Seelenfriedens, der Unschuld, des Familienglücks kann es nicht erreichen, für solche ungeheure That erwartet Dich jenseits die Strafe. Wäre ein Funke von Menschlichkeit in Deiner Raubthierseele gewesen, so hätte ihn die unverdiente, durch höllische Künste errungene Zuneigung eines so edlen, so hochherzigen Wesens wie Fräulein Dandon zur Flamme auflodern lassen, in der jeder böse Keim ersticken mußte; so aber wandtest Du Deine verruchte Hand aus der Hand eines Engels zum Mord gegen ein armes Mulattenkind, in dessen Tod Du Sicherheit für Deinen Betrug, Deinen Diebstahl an der Bank zu finden hofftest! Des Himmels Rache aber hat Dich erreicht, Deine schöne, Deine edle Maske ist gefallen, und als nackter Bösewicht, als herzloser Verbrecher sitzest Du vor dem weltlichen Gericht, um durch dieses der ewigen Vergeltung übergeben zu werden!"

Bei diesen letzten Worten sprang Rammon auf Albert zu und hielt seine geballte Faust über ihn, seine Augen blitzten ihm Vernichtung drohend entgegen und seine Stimme schien ihn zerschmettern zu wollen. Albert aber saß stolz und aufrecht da, hielt seine dunklen großen Augen mit tiefster Verachtung auf Rammon geheftet und wies ihn gebietend mit erhobener Hand von sich.

"Halt, nicht weiter, Sie elender, Sie erkaufter

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Schurke!" schrie plötzlich der alte Portman aufspringend dem Advocaten mit donnernder Stimme zu und wandte sich dann mit erzwungener Gelassenheit an den Richter, indem er sagte:

"Euer Ehrwürden wollen diesen Schandredner zur Ordnung verweisen, da ich es nicht länger dulden werde, daß er einen Angeklagten mit Schmähungen und Beleidigungen überhäuft, die mit den Gerichtsverhandlungen in keiner Verbindung stehen und gegen alles Recht und Gesetz dazu dienen sollen, bei den Geschworenen und den Zuhörern Vorurtheile gegen den Beschuldigten zu erzeugen und sie parteiisch zu stimmen."

Ehe aber der Richter noch das Wort nehmen konnte, wandte der entrüstete Alte sich abermals zu dem Advocaten Rammon, streckte, auf ihn zeigend, die Hand nach ihm aus und sagte mit zorniger Stimme:

"Sie aber, Herr, Sie erbärmlicher Helfershelfer der Elenden, die an diesem edlen, fleckenreinen jungen Manne einen Mord begehen wollen, Sie sind mir, dem alten Portman, persönlich für die Beleidigungen, die Sie ihm zu sagen sich erlaubten, verantwortlich, und wenn Sie dies Haus verlassen, werde ich Sie darüber zur Rechenschaft ziehen!"

Ein donnerndes Hurrah für Portman von den Zuhörern her erschütterte den Saal und wurde draußen auf

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dem Platze aus tausend Kehlen wie von einem Echo wiedergegeben, und umsonst rief für einige Minuten der Richter zur Ruhe, denn die Widersacher Albert's ließen gleichfalls ihre Stimmen fluchend und schwörend erschallen und von beiden Selten zeigte man mit erhobenen Fäusten und Stöcken eine drohende Stellung. Der Ruf des Sheriffs aber übertönte den Lärm, der Sturm verwogte und die Ruhe wurde wiederhergestellt. Der Richter ermahnte Rammon nun in ernsten Worten, sich aller Beleidigungen gegen den Angeklagten zu enthalten und streng bei der Sache zu bleiben.

Auch diese zweite Störung wirkte gegen Albert. Die Rede des berühmten fremden Advocaten, auf die man mit Spannung und Interesse gewartet hatte, war unterbrochen und der Redner durch den alten Portman eingeschüchtert worden, man sah eine gewisse Eifersucht des alten Mannes gegen den Fremden darin und der Unmuth darüber kehrte sich gegen die Veranlassung dazu gegen den Angeklagten.

Rammon, durch den Angriff Portman's in verbissene Wuth versetzt, sprühte jetzt in seiner Rede Gift und Galle gegen Albert, aber dadurch, daß er es nun vermied, persönlich zu werden, feierte er einen um so größern Sieg über die öffentliche Meinung, und Mancher, der früher eben wegen der unpassenden Ausfälle gegen

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Albert diesem seine Theilnahme zugewandt haben würde, kehrte sich nun schroff gegen ihn. Rammon sprach geistreich, klar und überzeugend, und als er seine Rede schloß und von den Schranken zurücktrat, wurde er mit stürmischen Hurrahs entlassen.

Der alte Portman, der gefeierte Liebling des Volkes, trat nun als Vertheidiger Albert's vor, um die letzte Anstrengung für dessen Rettung zu machen. Er erkannte aber nur zu wohl die unübersteiglichen Hindernisse, die das Schicksal heute seinem gewohnten siegreichen Auftreten entgegenstellte. Der Zorn versagte ihm die zum Herzen dringende blumenreiche Sprache, und das Gefühl, seinem schuldfreien, edlen jungen Freunde nicht helfen zu können, verwirrte seinen sonst so freien, klaren Gedankenflug. Seine Rede hatte keine Wirkung und die fortdauernde Stille nach seinen letzten Worten erfüllte ihn mit Schrecken und Entsetzen: Die Thränen standen ihm in den Augen, als er nach seinem Sitz zurückschritt und sich niederließ, und es war ihm nicht möglich, nach Albert hinzusehen.

Dieser aber sah sein Verhängniß Schritt für Schritt sich nahen, und die Todtenstille, die um ihn herrschte, durchrieselte ihn eisig kalt. Er fühlte, er wußte es, es war um ihn geschehen, und der Gedanke an Blancha, an seinen Vater, seine Mutter und Schwester nahm

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ihm die letzte Kraft, dem Schicksal die Stirn zu bieten. Wieder und wieder hob er seinen Blick von dem Fußboden zu seinem väterlichen Freunde Portman auf. Vergebens suchte er dessen Augen zu begegnen, der alte würdige Mann saß wie vernichtet da und schaute regungslos vor sich nieder.

Währenddessen hielt der Richter seine Ansprache an die Jury, wiederholte mit kurzen Worten die Hauptergebnisse der Verhandlung, ermahnte die Geschworenen an ihren Eid und an ihr Gewissen und entließ sie endlich mit der Weisung, nach bester Ueberzeugung ihr Schuldig oder Nichtschuldig auszusprechen. Sie erhoben sich und wurden von dem Sheriff aus dem Gerichtssaal nach einem Gemach im obern Stock des Hauses geleitet.

Stumm und starr saß noch während mehrerer Minuten, nachdem die Geschworenen abgetreten waren, die ganze Versammlung da und alle Blicke hingen an der Thür, aus welcher dem Angeklagten die Entscheidung seines Schicksals gebracht werden sollte. Dann begann die Menge das Haus zu verlassen, sodaß der Saal bald, wenn auch nicht leer, doch weniger gedrängt gefüllt war. Man ging und kam wieder und wieder, Stunden verflossen, der Tag neigte sich und die Sonne war im Sinken, doch immer noch hatten die Geschworenen sich über den Wahrspruch nicht geeinigt.

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"Fort, fort, Susanna!" sagte Blancha zu ihrer Dienerin und strich sich mit wirrem, starrem Blick die gelösten Locken aus dem bleichen Antlitz. "Eile, so rasch Dich Deine Füße tragen wollen, und bringe mir Nachricht, ob sein Urtheil gesprochen ist. Fort, die Ungewißheit, die Angst bringt mich um!"

Dabei fuhr sie wie erschreckt aus ihrem Sopha auf, wankte eilig nach dem Fenster und sandte einen spähenden, ängstlichen Blick über den Platz; dann aber barg sie ihr Gesicht in den Händen und ließ mit den halblauten bebenden Worten: "O Gott, o Gott!" ihre Stirn gegen die Wand sinken.

"Fassung, Fassung, Herrin, es wird sich noch Alles zum Guten wenden!" flehte die Sklavin und suchte Blancha von dem Fenster hinwegzuführen.

"Bist Du noch hier, Susanna? rief diese, wie aus einem Traum aufsehend. "Willst auch Du mir untreu werden?"

"Nein, nein, Herrin, nimmermehr!" antwortete die Negerin erschrocken. "Aber Madame Newberry muß ja gleich kommen, sie hat versprochen, sofort zurückzukehren."

"Geh, Susanna; sieh Deine Herrin, sie bittet Dich. O fliege hin und zurück, sonst gehe ich selbst, koste es, was es wolle", sagte Blancha mit zitternden Lippen und drängte die Negerin nach der Thür.

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"Wie darf, wie kann ich Sie jetzt verlassen, Herrin!" antwortete diese mit einem flehenden Blick.

"Ja, ja, Du darfst es, es wird, es soll mir nichts zustoßen; nur eile, so sehr Du kannst", fuhr Blancha bittend fort, und Susanna eilte aus dem Zimmer. Blancha schloß die Thür hinter ihr und wandte sich abermals dem Fenster zu, in der Mitte des Gemachs aber blieb sie stehen, faltete die Hände, hob den Blick nach oben und sank mit den Worten: "O Gott, stehe Du ihm bei, rette ihn, rette uns beide!" auf ihre Kniee nieder. Sie zitterte wie im Fieberfrost und hob wieder und wieder ihre Hände flehend empor, dann aber senkte sie ihr Antlitz, ließ ihre Arme herabfallen und schien unter der Gewalt ihres Wehs zusammenbrechen zu wollen. Doch im nächsten Augenblick raffte sie sich wieder auf, strich ihr Haar zurück und stürzte abermals dem Fenster zu.

Ihr erster Blick traf auf die ersehnte Freundin, auf Madame Newberry, und Susanna, welche so eben, mit einander aus der Straße gegenüber kommend, den Platz betraten.

"Allmächtiger, sei mir gnädig, halte mich aufrecht, lasse mich ihn retten!" sagte Blancha mit krampfhafter Stimme und rang die Hände auf der Brust. "Sie bringen keine Hoffnung, keine Rettung, sie bringen Tod! O

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Gott, stehe mir bei!" stöhnte sie wieder und klammerte sich an das Fenster, um nicht niederzusinken.

Madame Newberry schritt mit der Dienerin in das Haus und wenige Augenblicke später die Treppe herauf, als Blancha aus ihrem Zimmer in den Corridor trat und mit der Entschlossenheit der Verzweiflung zu der erstern sagte:

"Sie bringen keine, gute Nachricht, beste Newberry. Sie bringen das Schlimmste, Sie bringen Tod!"

Dabei zitterte und erstarb ihre Stimme, als ob ihr letzter Athemzug sie verlassen habe, jene aber nahm sie in ihren Armen auf, geleitete sie schweigend langsam in das Zimmer zurück und hielt ihren Arm noch um ihren Nacken geschlungen, als sie auf das Sopha niedersank. Minuten vergingen ohne Wort, ohne Bewegung, Blancha, wie von der Hand des Todes erfaßt, starrte trockenen Auges vor sich hin, als suche sie das Ungeheure ihres Elends zu ermessen, und Madame Newberry, als wehre sie den Augenblick zurück, wo sie das furchtbare Wort über die geliebte Freundin aussprechen müsse, stand regungslos neben Blancha und verbarg ihre Thränen, ihr Schluchzen.

Da richtete Blancha sich langsam auf; bleich, kalt, aber fest sah sie der Freundin in die thränenschweren Augen und sagte in gefaßtem Tone:

"Die Zeit zum Weinen, zum Klagen ist vorüber,

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beste Newberry, wir müssen handeln!" Dabei ergriff sie deren Hand mit ungewohnter Kraft, hielt ihre Augen fest auf sie gerichtet und fuhr nach einigen Augenblicken mit klangloser, hohler Stimme fort:

"Also verurtheilt?"

"Verurtheilt!" antwortete die Freundin kaum hörbar, denn ihr Schluchzen erstickte halb das Wort.

Blancha zuckte zusammen und hielt sich an der Schulter der Freundin aufrecht, dann aber, wie nach Kräften ringend, holte sie tief Athem und sagte:

"Ich werde ihn retten oder mit ihm sterben!"

"Retten müssen wir ihn, Blancha; der Allmächtige wird uns beistehen!" fiel Madame Newberry ein, schlang ihren Arm um des unglücklichen Mädchens Nacken und diese barg ihr Antlitz an dem Busen der treuen theilnehmenden Freundin. Diese aber fuhr beruhigend fort:

"Der biedere Portman verläßt Herrn Randolph sicher nicht, er wird Alles für seine Rettung aufbieten und außerdem hat dieser selbst so viele Freunde."

Blancha jedoch schüttelte wehmüthig das Haupt und sagte: "Wir haben so fest auf diese Freunde gebaut und wozu haben sie ihm geholfen! Nein, nein, gute Newberry, jetzt dürfen wir uns nur noch auf uns selbst verlassen, und keine Gewalt der Erde soll unsere Hülfe von Albert abwehren. Ich habe Gold, um seinen Kerker

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damit zu öffnen, und reicht diese Macht nicht aus, so habe ich Einfluß und will die Stadt in Aufruhr setzen und sollten für Albert's Leben Ströme Blutes durch die Straßen fließen."

"Mein Mann hat eine ausgebreitete Bekanntschaft unter den besten, rechtlichsten Leuten; er soll uns Rath geben", nahm Madame Newberry das Wort.

"Nein, gute Newberry. Die Tugend siegt nur langsam über das Laster und unser Sieg muß schnell kommen wie der Blitzstrahl, sonst kommt er für ewig zu spät", fiel ihr Blancha ins Wort. "Es lebt ein Mann hier, Namens Mac-Coor, der Alles unternimmt, wenn er dafür bezahlt wird."

"Mac-Coor? Um des Himmels willen, Mac-Coor, der Schrecken der Stadt?" rief die Freundin entsetzt aus. Er soll ja ein feiler Mörder sein!"

"So wird er sich auch dingen lassen, um das Leben eines Unschuldigen, eines Edlen, den man morden will, zu erhalten", entgegnete Blancha entschlossen. "Ich muß ihn sehen, muß ihn sprechen und Sie müssen mir dazu verhelfen!"

"Aber, beste Blancha, bedenken Sie Ihre eigene Sicherheit!" bat Madame Newberry.

"Meine Sicherheit, mein Leben für das Leben Albert's! Ich will diesen Mac-Coor sehen, und wenn ich

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ihn selbst unter dem Laster suchen soll", fuhr Blancha mit noch größerer Bestimmtheit fort. "Wird Herr Newberry mir dazu verhelfen wollen?"

"Wenn Sie darauf bestehen, ja; was würde er Ihnen zu Liebe wohl nicht thun!" entgegnete die Frau in ängstlichem Tone.

"So bangen Sie nicht, wir müssen Alles wagen. Bitten Sie Ihren Mann, daß er diesen Mac-Coor morgen Abend in Ihr Haus bestellt, dort will ich ihn treffen."

Als Blancha dies sagte, ertönte die Schelle an der Hausthür. "Wer kommt da, Susanna?" fuhr sie rasch fort und deutete nach der Thür, worauf die Negerin hinaus in den Corridor sprang, im nächsten Augenblick aber in den Salon zurückkehrte und ihrer Herrin leise zurief:

"Ihr Herr Vater, Fräulein!"

Blancha schrak zusammen und erbebte. "Gott, vergib es mir, ich kann ihn nicht sehen!" sagte sie, die Hand abwehrend ausstreckend, und wandte sich dann mit den Worten an ihre Freundin:

"Bitte, gute Newberry, gehen Sie in den Corridor, und wenn mein Vater nach mir fragt, so sagen Sie ihm, ich sei nicht krank, er möchte mir aber verzeihen, daß ich ihn nicht sehen, nicht sprechen würde, es wäre mir unmöglich."

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Die Frau trat in den Gang hinaus, als Dandon eben die Treppe erstiegen hatte; ohne sie aber eines Blickes zu würdigen, schritt er an ihr vorüber und begab sich nach seinem Zimmer.

"Er ist schweigend an mir vorbeigegangen", berichtete Madame Newberry, wieder zu Blancha eintretend.

"Gott Lob! daß er mich meidet", sagte diese mit einem schweren Athemzug. "Wie könnte ich Worte der Liebe für ihn finden, da er meines Lebens Glück, meine Seligkeit morden will! Der Vater oder der Geliebte - Dein bin ich, Albert, bis in den Tod!"

Bei diesen Worten hob Blancha die Hände wie bekräftigend empor und verbarg dann in ihnen in einem neuen Ausbruch der Verzweiflung ihr Antlitz, Madame Newberry aber legte liebevoll ihren Arm um sie und flößte ihr Hoffnung und Vertrauen in ihren Beistand ein.

Blancha verließ weder heute noch am folgenden Tage ihre Gemächer, und außer Susanna durfte nur ihre Freundin Newberry zu ihr eintreten.

Dem alten Dandon war diese Zurückhaltung Blancha's erwünscht, denn so gewaltig seine Wuth bei der Entdeckung ihres Verhältnisses mit dem verhaßten Randolph auch gewesen war, blieb seine Liebe für sein einziges Kind doch Siegerin in dem Kampfe gegen seine

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grenzenlose Entrüstung und es bangte ihm davor, Blancha zu begegnen, theils aus Besorgniß, daß eine abermalige stürmische Gemüthsbewegung ihr Leben gefährden könne, theils aber, weil er die Unerschütterlichkeit ihres Willens kannte und sich fürchtete, einen Auftritt mit ihr herbeizuführen, der sie für immer geistig und körperlich von ihm entfernen würde. Der Tod des Störers seines Hausfriedens machte ja dessen Verhältniß mit seiner Tochter ein Ende, und er hoffte, daß dann die Zeit auch deren Andenken an denselben nach und nach verwischen und wieder Frieden und Ruhe in sein Haus zurückbringen würde. Er hatte dem Advocaten Rammon die bedungenen zehntausend Dollars ausgezahlt, und dieser, der nach beendigter Verhandlung auf dem Platze vor dem Gerichtsgebäude von dem alten Portman angehalten und vor tausend Zuschauern für einen Schurken erklärt worden war, hatte mit dem ersten abgehenden Dampfschiff die Stadt verlassen, weil sich unter dem Volke drohende Bewegungen gegen ihn zeigten.

Siebentes Kapitel.

Albert war von den Geschworenen für schuldig erkannt und das Todesurtheil über ihn ausgesprochen worden.

Der Sheriff hatte Albert, nachdem das Urtheil über denselben gefällt war, in einem geschlossenen Wagen nach dem Gefängniß gefahren, auf welchem Wege das Fuhrwerk sich der vielen Menschen halber, welche die Straßen füllten, nur langsam und mit wiederholten Unterbrechungen hatte vorwärts bewegen können. Dessenungeachtet war kein Laut, kein Hurrah, keine Verwünschung unter dem Volke hörbar geworden, denn die Verurtheilung des gefeierten, geehrten Randolph war noch Jedermann so unglaublich, daß selbst seine Feinde wie betäubt verstummten. Die äußere Ruhe aber, die auf der Einwohnerschaft lag, war eine Ruhe, eine Stille, wie sie einem Sturm vorauszugehen pflegt. Alle Gemüther waren in großer Aufregung und an allen Orten, in allen

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Kreisen der Gesellschaft war von nichts Anderem als von Albert Randolph die Rede. Die zwei Parteien, die sich von Anfang des Processes für und gegen ihn gebildet hatten, traten schon an diesem Abend bestimmter auf, die eine von dem Staatsprocurator, die andere von Portman geführt, und beide hielten an diesem Abend geheime Berathungen, die bis spät in die Nacht hinein dauerten.

Auch am folgenden Tage herrschte dieselbe unheimliche Ruhe; die Freunde sowohl wie die Feinde Albert's trugen möglichste Gleichgültigkeit gegen ihn zur Schau, und doch sah man allen die Geschäftigkeit, das hohe Interesse an, womit sie im Stillen ihre Zwecke verfolgten. Unzählige Gerüchte und Vermuthungen gingen durch die Stadt, in welcher Weise die Freunde des Verurtheilten demselben zu Hülfe kommen und ihn retten wollten, und Befürchtungen wurden vielseitig rege, daß es um seinetwillen zu ernsten, vielleicht blutigen Auftritten kommen würde.

Zehn Tage war die Lebensfrist, welche das Gesetz Albert noch nach seiner Verurtheilung gestattete und während welcher es ihm auch in seiner Zelle die Befriedigung jedes Wunsches erlaubte, wenn dieselbe die Vollstreckung des über ihn gesprochenen Urtheils nicht gefährdete. Zu dieser Vergünstigung gehörte namentlich die

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Erlaubniß, Besuche zu empfangen. Es durfte Jedermann, den Albert sehen wollte, zu ihm eintreten und sich im Beisein des Gefangenwärters bei ihm aufhalten; ebenso mußten ihm alle Sendungen an Speise und Trank, womit seine Freunde ihn schon am Tage nach seiner Verurtheilung überhäuften, verabreicht werden. Auch durfte er Briefe, freilich nur unversiegelte, empfangen und absenden.

Der erste Freund, der sich am Morgen nach seiner Verhaftung bei ihm anmelden ließ, war der alte Portman. Albert öffnete ihm selbst die Thür seiner Zelle und reichte ihm schweigend die Hand, Portman aber schlang seinen Arm um ihn und preßte ihn an seine Brust. Dem alten Manne fehlten gleichfalls für den Augenblick die Worte, seinen Jammer, seinen Schmerz auszusprechen, Thränen füllten seine Augen und seine Athemzüge erbebten unter der Last des Wehs, das sein Herz erfüllte. Der Druck seiner Hand aber war fest und entschlossen, als wolle er Albert damit sagen, daß er ihn seinem Verhängniß noch nicht überlassen werde.

Sie hatten sich zusammen auf das Bett gesetzt und der Wärter war an das Fenster getreten und schaute zwischen den starken Eisenstäben hinab in den Hof, der das Haus umgab.

"Muth, junger Mann, noch lebt ein gerechter Gott über uns und noch leben Ihre Freunde!" flüsterte der

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Alte dem Gefangenen kaum hörbar zu und sah ihm mit aufleuchtendem Blick in die Augen; Albert aber schüttelte wehmüthig das Haupt, und dem biedern Manne die Hand drückend, sagte er:

"Dank, Dank, lieber Herr Portman! Meine Hoffnung ist auf eine bessere Welt gesetzt."

"Nicht doch, Randolph. Die Zahl Ihrer Freunde wächst von Stunde zu Stunde, der Gedanke, daß Sie unschuldig sind und daß das Recht mit Füßen getreten wurde, um Sie persönlichen Interessen zu opfern, greift um sich. Dem Unrecht wird man Gewalt entgegensetzen; wir werden Sie retten!" flüsterte Portman abermals seinem unglücklichen Freunde zu, doch die Hoffnung hatte Albert verlassen, er drückte dem Alten die Hand, schüttelte wieder das Haupt und richtete seinen Blick nach oben. Dann sagte er mit matter, tonloser Stimme:

"Das Schicksal hat es mir nicht vergönnen wollen, Ihnen, meinem väterlichen, besten Freunde, meinen Dank für Ihre Liebe und Freundschaft durch die That zu beweisen. Ich muß als Ihr großer Schuldner aus dieser Welt gehen, und dennoch habe ich noch eine dringende Bitte an Sie."

Dabei sah Albert durch die Thränen, die seine Augen füllten, zu Portman auf, dieser aber erfaßte seine Rechte mit beiden Händen und flüsterte ihm tief

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ergriffen zu: "Ermannen Sie sich. Randolph, und verlassen Sie sich auf mich und meine Freunde; wir alle setzen unser Leben für das Ihrige ein. Sagen Sie mir jetzt, was wünschen Sie, daß ich für Sie thun soll?"

"An meinen guten, braven Vater schreiben und ihn überzeugen, daß ich seiner nie mit einer Handlung, mit einem Gedanken unwürdig war! Ich selbst habe ihm vorgestern Abend geschrieben, meine Worte aber waren auf meine Unschuld gestützt; ich sagte ihm, daß ich über meine Feinde siegen und rein und fleckenlos vor der Welt dastehen würde. O Gott, nun bin ich ein verurtheilter Verbrecher!"

Bei diesen Worten sank Albert in sich zusammen und barg das Antlitz in seinen Händen.

"Die Zeit, Randolph, wird Ihre Unschuld darthun und die Verbrecher entlarven", nahm Portman wieder tröstend das Wort und redete ihm immer wieder Hoffnung und Muth ein, indem er ihm die angesehensten, einflußreichsten Männer der Stadt als seine Freunde bezeichnete, die in dem festen Glauben an seine Unschuld Alles daran setzen würden, ihn zu retten.

"Nun will ich an Ihren Vater schreiben und ihm sagen, daß der alte Portman Sie hochachtet und verehrt und Ihr Leben mit dem seinigen schützen wird", sagte der Alte dann sich erhebend, drückte Albert mit einem

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ermuthigenden Blick nochmals die Hand und verließ eilig die Zelle.



Die Sonne versank und die Dunkelheit der Nacht hatte sich über die Stadt gelegt, als Blancha ihren Shawl über den Kopf hing und von Susanna gefolgt ihre Wohnung verließ. Mit entschlossenen eiligen Schritten ging sie über den Platz nach Newberry's Haus und zog dort die Thürschelle.

"Ist Mac-Coor da?" fragte sie heftig bewegt mit bebender Stimme, als Madame Newberry ihr die Thür öffnete.

"Noch nicht, beste Blancha;, er wird aber kommen", entgegnete diese und geleitete sie in das Zimmer.

"Wird er auch sicher kommen? Ich muß und will ihn sprechen", nahm Blancha abermals das Wort.

"Ganz sicher. Er hat es meinem Manne versprochen", antwortete die Frau.

"Wenn er kommt, beste Newberry, so lassen Sie mich mit ihm allein, damit man Ihnen kein Zeugniß über meine Unterhaltung mit ihm abfordern kann."

"Gern thue ich, was Sie wünschen, gute Blancha; es schaudert mir aber, Sie mit diesem Menschen allein zu wissen. Seien Sie vorsichtig mit ihm, er könnte Ihr

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Vertrauen mißbrauchen und Sie und Herrn Randolph verrathen."

"Nein, nein, gute Newberry. Auch der böseste Mensch thut gern etwas Gutes, wenn es ihm ebenso viel einbringt als das Böse; es ist eine Wohlthat, eine Beruhigung für sein Gewissen. Der Allmächtige hat mich mit dem Glück gesegnet, leicht Eingang in den Herzen der Menschen zu finden; ich will dieses harte, verstockte Sünderherz erweichen, es soll sich mitleidig meinen Bitten öffnen und sein Blut freudig für das Leben meines Albert einsetzen. Sie werden es sehen, beste Newberry, dieser feile Mörder, dieser Mac-Coor ist noch tausendmal besser als diese herzlosen Menschen, die Albert verdammten!"

Da erklang die Schelle. Blancha preßte erschrocken beide Hände auf ihr Herz und die Frau sah ängstlich nach der Thür; es war aber nur ein Augenblick des Zögerns, dann schritt Blancha rasch in den Corridor hinaus und öffnete die Hausthür.

Wie vor dem Manne, der hereintrat, fliehend, eilte sie in die Stube zurück und blieb, sich nach ihm umsehend, erst vor dem Kamin stehen.

Ein nicht sehr großer, muskulös gebauter junger Mann mit glänzend schwarzem Lockenhaar und tief dunkeln Augen trat im schwarzen Frack in den Eingang des

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Zimmers und verneigte sich ehrerbietig mit den Worten: "Die Damen wollen entschuldigen, wenn ich störe[.] Herr Newberry aber ließ mich um diese Zeit hierher entbieten und Pünktlichkeit ist meine Gewohnheit."

"Ich, Blancha Dandon, bin es, Herr Mac-Coor, die Sie bitten ließ, hierher, zu kommen, und ich danke Ihnen dafür, daß Sie meinen Wunsch erfüllten", sagte Blancha mit freundlichem Tone und ging dem jungen Manne einige Schritte entgegen. "Treten Sie näher und nehmen Sie Platz!" fuhr sie dann fort, indem sie auf den Armstuhl neben dem Kamin zeigte und sich demselben gegenüber in einen Sessel niederließ. Zugleich winkte sie mit den Augen ihrer Freundin zu, welche noch zögernd an der Thür stand, und als dieselbe darauf das Zimmer verließ, hob sie zu Mac-Coor gewandt wieder an:

"Setzen Sie sich, Herr Mac-Coor, ich habe eine Bitte an Sie zu richten."

Mac-Coor aber blieb in seiner Stellung neben dem Armstuhl, auf dessen Lehne er seinen linken Arm stützte, stehen und sagte:

"Es ist nicht schwer, diese Bitte zu errathen, Fräulein. Ich war im Gerichtshaus, als Sie für Herrn Randolph vor die Schranken traten."

Blancha erfaßte es eiskalt und vergebens rang sie nach Worten. Mac-Coor aber kam ihr zu Hülfe, indem er fortfuhr:

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"Es ist der schmählichste Mord, den man an Herrn Randolph begehen will. Er ist ein Ehrenmann und das Opfer des elendesten Brodneids. Die beiden Zeugen, welche aussagten, ihn mit der Mulattin am Flusse gesehen zu haben, waren falsch und durch einen hiesigen Advocaten erkauft, denselben, der mich zu gleicher Aussage dingen wollte. Ich wies seinen Antrag zurück, obgleich er ein hohes Gebot that."

"Gerechter Gott! dann steht es ja in Ihrer Macht, das über Herrn Randolph gefällte Urtheil umzustoßen und seine Unschuld an den Tag zu bringen", fiel ihm Blancha heftig in das Wort und streckte ihm ihre beiden Hände bittend entgegen.

"Das scheint so, Fräulein, und doch könnte es zu nichts führen. Der Advocat würde es ableugnen, da keine dritte Person sein Anerbieten mit anhörte, und außerdem hat er Mittel in Händen, um meine Glaubwürdigkeit mit Erfolg in Abrede zu stellen. Ich darf nicht gegen ihn auftreten."

"So sagen Sie mir, liegt es in Ihrer Macht, Herrn Randolph durch List oder durch Gewalt zu befreien, zu retten? Sie wurden mir genannt als ein Mann, der vor keinem Unternehmen zurückschrecke. Ich besitze die Mittel, Sie zu belohnen", sagte Blancha entschlossen.

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"Gewalt würde sofort seinen sichern Untergang nach sich ziehen. Man spricht von einem solchen Vorhaben seiner Freunde; bei dem ersten Versuch aber, ihn gewaltsam zu befreien, wird man ihn im Gefängniß tödten und einen Aufstand dadurch im Aufkeimen ersticken. Es sind hierzu bereits die nöthigen Vorkehrungen getroffen und Aufträge gegeben worden. List und Geld allein sind die Mittel, womit man es wagen darf, ihm zu Hülfe zu kommen", entgegnete Mac-Coor und sah, die Rechte langsam in den Busen schiebend, sinnend vor sich nieder.

"Das Geld dazu ist in meiner Hand und um Ihre Hülfe flehe ich Sie an", sagte Blancha sich erhebend und trat, ihre Hände vor ihrer Brust faltend, dicht vor den gefürchteten Mann. "Sie thun ein gutes, ein edles Werk, ein Werk der Barmherzigkeit, für das der Allmächtige Ihnen seinen Segen nicht versagen wird. Helfen Sie, Herr Mac-Coor, auch mir werden Sie dadurch das Leben erhalten!"

"So wäre es möglich", sagte dieser nach einer Weile noch immer in Gedanken versunken und fuhr dann, seine dunkeln Augen auf Blancha heftend, fort: "Ich bin bereit, Fräulein, das Unternehmen zu wagen, und hoffe, es wird gelingen, Sie selbst aber müssen mir dabei behülflich sein."

"Mit Gefahr meines Lebens werde ich Alles wagen.

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Was soll ich thun?" antwortete Blancha mit aufstrahlendem Blick.

"Ich habe oftmals eine Negerin Ihnen folgen sehen, ist sie treu und können Sie sich auf sie verlassen?"

"Unbedingt. Sie ist hier im Hause", entgegnete Blancha rasch.

"Bitte, lassen Sie dieselbe hereinkommen, ich möchte sie nur einen Augenblick sehen", sagte Mac-Coor mit einer Verneigung, worauf Blancha die Schelle zog und der eintretenden Dienerin auftrug, Susanna in das Zimmer zu senden. Wenige Augenblicke nachher erschien die Negerin, Mac-Coor trat neben sie, maß sie mit den Augen und hieß sie dann sich wieder entfernen. Darauf wandte er sich abermals zu Blancha und sagte:

"Sie ist beinahe so groß wie ich und wird ganz meinem Zweck entsprechen. Es ist Ihnen bekannt, Fräulein, daß es Ihnen frei steht, Herrn Randolph in seiner Haft zu besuchen. Machen Sie von diesem Rechte morgen und übermorgen Gebrauch und zwar gegen Abend und nehmen Sie die Negerin mit in seine Zelle. Lassen Sie sie dabei einen Sonnenhut mit langem Schirm aufsetzen, damit möglichst wenig von ihrem Gesicht zu sehen ist, und versorgen Sie dieselbe mit einem recht großen Tuche. Man gestattet Ihnen vorzugsweise gern den Eintritt zu dem Gefangenen. Dessen Wärter

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wird schon von selbst, sicher aber auf Ihren Wunsch das Zimmer verlassen und durchaus nicht unwillig sein, zur Belohnung dafür einige Goldstücke von Ihnen beim Abschied zu empfangen. Auch den andern Wärtern, welche die Thüren für Sie öffnen, lassen Sie eine solche Belohnung zukommen. Auf dem Rückweg bitte ich dann mir hier im Hause, wo ich Sie erwarten werde, eine Unterredung zu gestatten. Ich hege die beste Hoffnung für das Gelingen des Unternehmens und erlaube mir nun auch die Frage, Fräulein, wie viel die Freiheit und Sicherheit des Herrn Randolph Ihnen werth sein wird." Bei diesen letzten Worten machte Mac-Coor eine höfliche Verbeugung und setzte noch hinzu: "Ich wage meine eigene Freiheit und Sicherheit."

"Einen Preis kann ich nicht dafür bestimmen, Herr Mac-Coor. Nennen Sie ihn selbst, hoffentlich werde ich im Stande sein, ihn zu zahlen", entgegnete Blancha mit einem bittenden Blick.

"Für die Bemühungen, Herrn Randolph dem Tode zu weihen, erhielt der Advocat Rammon zehntausend Dollars; ich denke, die Rettung vom Tode wird ebenso viel werth sein", versetze Mac-Coor leichthin.

"Ich verbürge mich mit meinem Worte, mit meiner Ehre, Herr Mac-Coor, Ihnen diesen Betrag auszuzahlen, sobald Herr Randolph in Sicherheit ist",

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antwortete Blancha, in wachsender Hoffnung tief aufathmend, und setzte sehr bewegt noch hinzu: "Auf meine Dankbarkeit aber dürfen Sie rechnen, solange ich lebe!"

"Und ich werde mir Ihren Dank verdienen, Fräulein. Ich will Herrn Randolph retten oder mit ihm untergehen. Es ist nicht oft, daß meine Hülfe zu einer guten That gesucht wird", sagte Mac-Coor und gab Blancha nun noch mancherlei Winke, wie sie sich bei ihren Besuchen in dem Gefängniß verhalten solle. "Nun muß ich aber gehen und meine Freunde aufsuchen für den Fall, daß ich ihrer bedürfen sollte", versetzte er schließlich, verneigte sich ehrerbietig und entfernte sich mit dem Versprechen, am folgenden Abend sich wieder hier einzufinden.

Erst nach Mitternacht suchte Blancha das in vergangener Nacht nicht von ihr berührte Lager, geistig und körperlich erschöpft sank sie darauf nieder, doch die Bilder, die ihr die aufgekeimte Hoffnung vorspiegelte, wurden immer freundlicher und bald führte sie der mitleidige Schlaf im Traume an das Herz des Geliebten.

Lange Zeit hatte am folgenden Morgen Susanna an dem Lager ihrer Herrin gestanden und die glückliche Ruhe auf deren bleichem Antlitz hatte ihre Augen mit Thränen gefüllt; es war ja nur ein Traum, der diese Ruhe hervorbrachte, und mit Bangen harrte die treue

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Dienerin des Augenblicks, wo ihre Herrin erwachen und die gräßliche Wirklichkeit wieder vor sich sehen würde. Jetzt trat Susanna zurück, denn Blancha bewegte sich und schlug die Augen auf. Kaum aber war sie vollständig erwacht, als sie ihr Antlitz in dem Kissen verbarg und bitterlich zu weinen begann.

"Weinen Sie nicht, Fräulein; hoffen Sie, daß noch Alles gut werden wird. Der Allmächtige steht Ihnen sicher bei", sagte die Sklavin, ihre eigenen Thränen bezwingend, und neigte sich zu ihrer Herrin nieder, diese aber trocknete ihre Augen und erhob sich schnell von ihrem Lager. Die machtlose Ergebung in ihr namenloses Unglück, welche sie beim ersten Erwachen übermannte, wich vor der Hoffnung, die Mac-Coor in ihr belebt hatte, und der Gedanke, daß sie an diesem Abend selbst den Geliebten wiedersehen, selbst schon etwas für seine Rettung thun solle, richtete sie auf und fachte ihre Willens-, ihre Lebenskraft von neuem an. Bedenklichkeiten, Rücksichten gab es auf dem Wege zu diesem Ziele nicht mehr für sie, und selbst die Möglichkeit, daß ihr Vater ihr hindernd entgegentreten könne, schreckte sie nicht, da sie entschlossen war, äußersten Falls von seiner Gewalt sich loszusagen.

Nach beendigtem Frühstück, als Susanna das Zimmer verlassen hatte, verschloß Blancha die Thür und

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öffnete dann in ihrem Secretär ein geheimes Fach, dessen Vorhandensein nur ihr selbst bekannt war. Sie nahm viele Werthpapiere aus demselben hervor, unter denen sich auch die zwanzigtausend Dollars befanden, welche Albert ihrem Vater gerettet und dieser ihr zum Geschenk gemacht hatte. Außerdem enthielten die Papiere kleinere Kapitalien, welche Blancha von ihren seligen Mutter geerbt hatte, und dann auch die von ihrer[ihren] Zinsen zurückgelegten eigenen Ersparnisse. Obige zwanzigtausend Dollars, welche in städtischen Obligationen bestanden, verbarg Blancha in ihrem Kleide, legte die andern Papiere wieder in das geheime Fach und verschloß den Secretär.

Sie hatte dabei fortwährend das Haus des Herrn Newberry bewacht, weil die Zeit sich nahte, wo derselbe sich gewöhnlich nach seinem Geschäftslokal begab, denn sie wünschte ihn vorher noch zu sprechen. Schnell setzte sie nun ihren Hut auf, warf einen leichten Seidenshawl um und eilte hinüber zu Newberry, dem sie in dem Augenblick, als dieser das Haus verlassen wollte, begegnete.

"Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Newberry", sagte sie, indem er sie in das Zimmer geleitete. "Sie sollen mir die zwanzigtausend Dollars städtische Obligationen, welche Sie die Güte hatten, mir damals anzuschaffen, als mein Vater mir das Kapital schenkte, in

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Banknoten umsetzen. Ich werde, wie Sie wissen, hoffentlich das baare Geld bald nöthig haben."

"Gott gebe, daß Sie desselben bedürfen", entgegnete Newberry. "Es sind aber doch nur zehntausend Dollars, die dieser Mac-Coor für die Befreiung des Herrn Randolph verlangt?"

"Ganz recht. Doch wenn der Himmel mir dabei gnädig ist, so werde ich das übrige Geld auch gebrauchen", fuhr Blancha tief bewegt fort. "Wechseln Sie mir die ganze Summe in Noten zu fünfhundert Dollars um, nur eine Note lassen Sie sich in kleinem Gelde geben."

Während Blancha dies sagte, zog sie die Papiere aus ihrem Kleid hervor, entfaltete sie und zählte sie Herrn Newberry zu.

"Mögen sie die ersehnten Zinsen tragen, dann wird nie ein Kapital besser angelegt sein; Gott gebe seinen Segen dazu!" sagte Newberry mit innigster Theilnahme und verbarg die Papiere in seinem Rock. Dann fuhr er fort: "Wo soll ich Ihnen das Geld aushändigen?"

"Ich werde es gegen Abend hier selbst abholen", entgegnete Blancha, worauf Newberry sich auf den Weg machte, um den Auftrag auszuführen, jene aber zu dessen Frau in das Erdgeschoß ging, wo dieselbe mit häuslichen Obliegenheiten beschäftigt war.

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Nach kurzer Besprechung mit Madame Newberry, wobei letztere die Hoffnung Blancha's mit allen ihr zu Gebote stehenden tröstlichen Worten zu beleben suchte, verließ diese das Haus und begab sich nach Portman's Wohnung.

Die schwarze Dienerin, welche ihr die Thür öffnete, geleitete sie in das Empfangszimmer und entfernte sich dann, um sie bei ihrem Herrn zu melden.

Blancha war heftig ergriffen; der Augenblick vor den Schranken in dem Gerichtsgebäude, wo sie Portman zuletzt gesehen hatte, stand mit seiner ganzen stürmischen Aufregung wieder lebendig vor ihrer Seele, sie bebte und wankte und ließ sich in einen Armsessel niedersinken. Es war ihr so beklommen, so eng um das Herz, mit angehaltenem Athem lauschte sie durch die sie umgebende Stille nach dem Tritte des alten Herrn, und doch mußte sie ihn sehen, mußte ihm ihr Herz ausschütten und mit ihm über die Rettung des Geliebten reden. Er kam immer noch nicht. Sollte er sie nicht sehen wollen? dachte Blancha und erhob sich wieder aus dem Stuhl. Sie mußte ihn sprechen! Da hörte sie langsame Schritte durch den Corridor herankommen und gleich darauf trat Portman in den Salon.

"Mein Gott! Sie, verehrtes Fräulein!" sagte er fast erschrocken. "Die Negerin hat mir einen verkehrten

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Namen genannt; wie kann ich mich entschuldigen, daß ich Sie habe warten lassen?"

"Keine Entschuldigung, Sie edler braver Mann; helfen Sie mir lieber Worte finden, um Ihnen meinen Dank, meinen heißesten Dank für Ihre Hochherzigkeit, Ihren Edelsinn auszusprechen, mit denen Sie sich meines unglücklichen Geliebten angenommen haben!" rief Blancha ihn unterbrechend, ergriff seine Hand und preßte, noch ehe er es verhindern konnte, ihre Lippen auf dieselbe, während ihre Thränen sie benetzten.

"Ruhig, ruhig, Sie edles Mädchen, noch ist nicht Alles verloren", sagte Portman tief ergriffen, indem er ihr seine Hand entzog, seinen Arm zärtlich um ihre Schultern legte und sie nach dem Armsessel führte.

"Herrn Randolph's Freunde mehren sich von Stunde zu Stunde", fuhr der alte Herr fort, indem er sich auf einem Stuhl neben Blancha niederließ. "Die Ueberzeugung von seiner Unschuld geht wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus und seine Feinde werden es kaum wagen, uns entgegen zu treten, wenn wir mit Gewalt seine Freiheit fordern."

"Um Gotteswillen nicht!" rief Blancha erbleichend und erfaßte mit beiden Händen die Rechte Portman's. "Man wird ihn bei dem ersten derartigen Versuch in seinem

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Kerker tödten. Die Weisungen dazu sind bereits gegeben. Um des Himmels willen keine Gewalt!"

Portman erschrak sichtbar und verstummte, seinen Blick auf Blancha heftend, für einige Sekunden, dann sagte er rasch:

"Das kann nicht sein, Fräulein. Von wem erhielten Sie diese Kunde?"

Blancha fuhr zusammen, sie schaute erröthend vor sich nieder und schwieg, Portman aber, der bemerkte, daß sie die Quelle nicht zu nennen wünschte, aus welcher ihr die Nachricht zugekommen war, fuhr beruhigter fort:

"Nein, nein, das ist ja nicht möglich. Das Gesetz selbst kann ja keinen Mord begehen und würde es doch thun, indem es dem Verurtheilten die Lebensfrist abkürzte, die es ihm gestatten muß. Bauen Sie auf mich, Fräulein. Sie sollen sehen, es geht Alles gut."

"Nein doch, verehrter Herr Portman, es wird nicht gut gehen, wenn man Gewalt gebrauchen will", fiel ihm Blancha außer sich in das Wort. Man wird Herrn Randolph tödten. Mac-Coor hat es mir gesagt!"

"Mac-Coor?" stieß Portman zurückfahrend aus. "Mac-Coor, der Bandit?"

"Ja, Herr Portman. An den Banditen habe ich mich gewandt, um das Leben des Geliebten gegen Mörder zu schützen!" rief Blancha entschlossen, und wie

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Wetterleuchten blitzten Ihre Augen dem Alten entgegen.

"Dann haben Sie ihre eigene Sicherheit in die Hand des gefährlichsten Menschen gelegt. Mac-Coor wird Sie an die Feinde Randolph's verrathen", versetzte Portman ängstlich.

"Das wird er nicht, mein Gold wiegt so schwer wie das unserer Feinde und eine gute That ist leichter gethan als eine böse. Mac-Coor will Randolph retten oder mit ihm untergehen!" entgegnete Blancha begeistert und theilte Portman nun mit, was der Bandit ihr aufgetragen hatte, zu thun.

Portman schwieg und schaute sinnend vor sich hin, nach einer Weile aber sagte er:

"Es wäre nicht unmöglich, daß dieser Mensch es ehrlich meinte, und nicht unmöglich, daß er sein Versprechen ausführte; er ist einer der gewandtesten Gauner, denen ich im Leben begegnet bin."

"So stören Sie ihn in dem Versuche nicht; die Gewalt bleibt ja immer noch ein letztes Mittel", bat Blancha, indem sie die Hand des Alten ergriff.

"Freilich, freilich, es wäre so besser für den Fall, daß man solche Vorkehrungen gegen eine gewaltsame Befreiung Randolph's getroffen hätte. Dieser Mac-Coor weiß mehr als andere Leute", versetzte Portman, wie zu

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einem Entschluß kommend, und nach einigen Augenblicken fuhr er entschlossen fort:

"So steht unsere Hoffnung nun auf zwei Stützen. Gebe der Himmel, daß das gute Werk durch Ihre Vermittlung gekrönt werde!"

Dann rieth er Blancha noch, Niemand weiter in das Geheimniß zu ziehen, und versicherte ihr, daß er für den Nothfall mehr wie hinreichend Freunde stellen werde, um die Befreiung Randolph's durchzusetzen.

Mit neuer Hoffnung belebt, verließ Blancha unter Thränen des Dankes den treuen väterlichen Freund ihres Albert und kehrte nach Hause zurück, um dort in Sehnsucht und Bangen die Stunden bis zum Wiedersehen des Geliebten ihrer Seele zu verbringen. Endlich, endlich neigte sich der Tag und die Sonne stand nahe über dem endlosen Urwalde an der Westseite des Mississippi, als Blancha in Schwarz gekleidet und von Susanna gefolgt über den Platz nach Newberry's Wohnung eilte. Herr Newberry harrte ihrer bereits mit dem Gelde, welches er für sie eingewechselt hatte, und überreichte es ihr mit dem nochmaligen Wunsche, daß es segensreiche Zinsen tragen möchte. Blancha empfing es dankend, verbarg es in ihrem Kleide und bat dann Herrn Newberry, einen verschlossenen Wagen für sie kommen zu lassen, der sie nach dem Gefängniß bringen solle. Während der

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freundliche Mann sogleich selbst davoneilte, um ihren Wunsch zu erfüllen, suchte Madame Newberry ihr Muth für die Ausführung ihrer Aufgabe einzuflößen und erklärte, daß sie selbst mit ihrem Gemahl Blancha bis nach dem Gefängnisse begleiten werde, um ihr dort behülflich zu sein, ohne Schwierigkeiten Einlaß zu bekommen. Herr Newberry, sagte sie, wäre persönlich mit dem ersten Beamten des Hauses bekannt.

Bald darauf kam Newberry mit dem Wagen vorgefahren, die beiden Damen nahmen mit ihm darin Platz, Susanna setzte sich zu dem schwarzen Kutscher auf den Bock und fort ging es in gestrecktem Trabe durch die Stadt dem Gefängnisse zu.

An dem Thore angelangt, welches durch die hohe Mauer in den großen Hof führte, der das Gefangenhaus rund umgab, verließ Herr Newberry den Wagen, zog die Schelle und bat den Wächter, der die kleine Pforte öffnete, er möge den Inspector Huskin in seinem Namen bitten, auf einige Augenblicke zu ihm zu kommen. Der Wächter schloß den Eingang wieder, und kurze Zeit darauf erschien der Inspector. Aus der Pforte tretend, erkannte er sogleich Newberry und sagte freundlich:

"Ah, Herr Newberry! Wie komme ich zu dieser Ehre?"

"Es ist nicht für mich, bester Herr Huskin, daß

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ich Ihre Güte in Anspruch nehme; es ist für eine Dame, der Sie sicher gern eine Gefälligkeit erzeigen werden", entgegnete Newberry, den Mann begrüßend, und drückte ihm mit Herzlichkeit die Hand.

"Für eine Dame?" wiederholte dieser, indem er seinen Blick auf den verschlossenen Wagen richtete. "Womit kann ich denn derselben dienen?"

"Der Name wird es Ihnen schon sagen", fuhr Newberry fort. "Es ist Fräulein Blancha Dandon, die sich mit einer Bitte an Sie wendet."

"Fräulein Dandon?" versetzte Huskin überrascht. "Wohl weiß ich es, weshalb sie hierher kommt. Wer wollte ihr nicht gern gefällig sein!"

Hier schwieg der Inspector einen Augenblick und sagte dann:

"Es ist zwar gegen Vorschrift, nach Sonnenuntergang noch Besuch zu dem Verurtheilten einzulassen, mit Fräulein Dandon aber wird man sich wohl eine Ausnahme erlauben dürfen. Offen gesagt, bei hellem Tage, wo viele Menschen hier ein und aus gehen, würde es nicht einmal ganz passend für die junge Dame sein, einzutreten."

Bei diesen Worten schritt der artige Mann an den Wagenschlag, öffnete denselben und sagte, sich ehrerbietig verneigend:

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"Gern, hochgeehrtes Fräulein, erfülle ich Ihren Wunsch, obgleich meine Dienstpflicht es mir eigentlich nach Sonnenuntergang untersagt. Ich halte es als Christ für meine Pflicht, dies Werk der Liebe zu unterstützen."

Hiermit reichte er Blancha die Hand und war ihr behülflich, den Wagen zu verlassen, während Madame Newberry ihr folgte und sich im Aussteigen die Augen trocknete.

"Der Allmächtige wird Sie mit seiner Barmherzigkeit, seine m Segen dafür belohnen", sagte Blancha, ihre Thränen bekämpfend, zu dem Manne und legte ihre gefalteten Hände aufs Herz. Dann fuhr sie in bittendem Tone fort:

"Meine Dienerin Susanna darf mich wohl begleiten und mit mir bei Herrn Randolph eintreten?"

"Natürlich darf sie das, Fräulein. Wollte Gott, ich könnte Ihnen mehr gewähren als dieses!" sagte Huskin tief bewegt und begegnete dem dankstrahlenden Blick des unglücklichen Mädchens.

"Soll der Wagen Sie hier erwarten, Fräulein?" fragte Newberry.

"Ach nein, Susanna ist ja bei mir, ich gehe lieber zu Fuße nach Hause", entgegnete Blancha, drückte dann ihrer Freundin zum Abschied die Hand, grüßte deren

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Gatten und wandte sich nun der Pforte zu, durch welche sie, von Susanne gefolgt, mit dem Inspector eintrat.

Es war düster geworden; öde und still lag der weite Hof um das Gebäude, an dessen Fenstern Blancha's Blick suchend hin und her schweifte und vor denen sie schaudernd die starken Eisenstäbe erkannte. Da schritt der wachthabende Posten mit der Büchse im Arm auf seinem Rundgang um das Gefängniß hinter dessen Seite hervor und Blancha verhüllte schnell ihr Gesicht mit dem Schleier.

Bebenden Schritts ging sie neben dem Inspector her. Bald hörte sie das Pochen ihres eigenen Herzens, bald setzte dasselbe seine Schläge aus, der Athem stockte in ihrer Brust und es war ihr, als müsse sie zusammensinken; im nächsten Augenblick aber durchströmte sie wieder neue Kraft bei dem Gedanken an das nahe Wiedersehen des Geliebten und sie hätte die Schritte des Mannes an ihrer Seite beflügeln mögen.

Der Eingang war erreicht, die starke Thür öffnete sich und Huskin ließ mit einer Verbeugung Blancha vor sich eintreten, dann wandte er sich ihr folgend zu dem Thürwächter und sagte, auf die hinter ihm gehende Susanna zeigend:

"Untersuchung ist bei dieser nicht nöthig, sie ist Fräulein Dandon's Dienerin."

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Hierauf geleitete er Blancha nach dem ersten Stock, zog derb an der verschlossenen Gangthür die Schelle und gab dem sie öffnenden Thürwächter eine gleiche Weisung in Bezug auf die Negerin. Auch im zweiten Stock, wohin er Blancha führte, überhob er den Wärter der Verpflichtung, die Dienerin zu untersuchen, ob sie irgendwelche unerlaubte Gegenstände bei sich trage, und schritt nun in dem langen Corridor voran bis an eine schwer mit Eisen beschlagene Thür. Hier blieb er mit dem Wärter stehen, wandte sich zu Blancha und sagte:

"Dies ist die Zelle des Herrn Randolph, Fräulein. Wünschen Sie bei ihm angemeldet zu werden?"

"Nein, ich danke sehr. Ich will mich selbst anmelden", entgegnete Blancha mit bebender Stimme, indem sie zitternd den Thürgriff erfaßte. "Vorher aber sage ich Ihnen, verehrter Herr, für die Barmherzigkeit, die Sie an mir üben, meinen tiefinnigsten, heißesten Dank."

"Ist keines Dankes werth, Fräulein; ich that nicht mehr als Menschenpflicht. Sollten Sie heute oder später noch meiner Dienste bedürfen, so bitte ich mich durch den Wärter benachrichtigen zu lassen."

Hierbei verneigte sich der Inspector, sagte dann dem Diener leise einige Worte und ging nun eilig in dem Corridor zurück, während Blancha mit zitternder Hand die Thür der Zelle öffnete.

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Albert stand in der Fenstervertiefung, mit der Schulter gegen den Fensterrahmen gelehnt, seine gefalteten Hände hingen vor ihm herab, sein Haupt war hintenüber an die Wand gesunken und sein Blick folgte den Wolken, die eilig über ihm am Himmel da hinzogen. Da hörte er die Thür sich öffnen und erwartete den Wärter hereinschreiten zu hören, der Tritt aber war ein fast lautloser, Albert sah sich nach der Thür um, trotz des Düsters der hereinbrechenden Nacht erkannte er eine Frauengestalt, die die Arme ausbreitete - "Blancha, Blancha!" rief er mit einem herzzerreißenden, halberstickten Schrei und hielt die Geliebte in seinen Armen, an seinem Herzen.

Es war ein Augenblick höchster Seligkeit und tiefster Verzweiflung, und hätte selbst ein qualvoller Tod sie jetzt erfaßt, so wären sie glücklich gestorben. Kein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, ihre Thränen flossen ungehindert, und nur das leise Schluchzen der treuen Susanna, welche die Thür hinter sich geschlossen hatte, unterbrach die Stille. Lange Zeit standen sie so einander fest umschlingend da, die unglücklichen Liebenden, ohne ihrem Schmerze Worte zu geben, und der letzte Tagesschein war verblichen, als Blancha zuerst das Schwelgen brach und sagte:

"Ich bringe Dir Hoffnung, Albert!"

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Dieser aber schwieg und schloß, das Haupt schüttelnd, Blancha's Mund mit seinen Lippen.

"Doch, doch, Albert. Ich hoffe ja selbst; laß mich Dir sagen, worauf", hob Blancha wieder an; da klopfte es leise an die Thür, und indem dieselbe sich ein wenig öffnete, drang ein heller Lichtstrahl in das kleine Zimmer. Albert trat rasch hinaus, empfing von dem Wärter eine brennende Lampe und trug sie herein auf den Tisch.

Susanne hatte abermals die Thür zugedrückt, während Blancha ihren Arm um den Geliebten schlang und sich mit ihm auf der Bank neben dem Tische niederließ.

"Nun höre, mein Albert, worauf sich meine Hoffnung gründet", hob Blancha wieder an, indem sie ihre Thränen zu bemeistern suchte. "Ich habe mir den Beistand eines Mannes gewonnen, dessen Name Dich vielleicht erschrecken wird, den aber auch Dein bester, treuester Freund, der alte Portman, für befähigt hält, Deine Rettung zu vollbringen. Es ist Mac-Coor."

"Mac-Coor?" wiederholte Albert langsam und sinnend. "Mac-Coor ist ein gefährlicher Mensch und doch habe ich auch Gutes von ihm gehört; er hat seine Freiheit, sein Leben häufig ohne alles Eigeninteresse für seine Freunde eingesetzt. Was will er denn für mich thun? Wie will er mir zu Hülfe kommen?"

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"Das weiß ich nicht, er hat mir aber gelobt, Dich zu retten oder mit Dir unterzugehen, und daß er es wirklich so meinte, habe ich in seinen Augen gelesen", antwortete Blancha mit erglänzendem Blick, drückte ihre Hände fest um Albert's Rechte und theilte ihm nun Alles mit, was Mac-Coor ihr aufgetragen hatte, ihm zu sagen und selbst zu thun. Dann berichtete sie auch ihre Unterredung mit Portman und schloß mit den Worten:

"Laß uns hoffen, Albert, Gott wird uns nicht verlassen! "

Wenn nun auch diese Hoffnung an schwachen Fäden hing, so belebte sie doch die Herzen der beiden Liebenden und ließ während ihres kurzen Zusammenseins die Verzweiflung nicht aufkommen. Zwar versiegten ihre Thränen nicht, kein Lächeln stahl sich auf ihre abgehärmten Züge, und kein frohes, freudiges Wort trat auf ihre Lippen, aber Worte des Trostes hatten beide für einander und Worte der Liebe, der Treue bis über das Grab hinaus.

Eilig und unbemerkt wie wenige Minuten war ihnen bereits eine Stunde verflossen, als Blancha zum Abschied noch einmal sich in die Arme des Geliebten schmiegte, noch einmal seine heißen Küsse empfing und ihre Thränen mit den seinigen vereinigte; dann

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wiederholte sie nochmals, was sie ihm im Auftrage Mac-Coor's gesagt hatte, hüllte sich in ihren Shawl und schied von Albert schmerzdurchbebt, doch mit dem Versprechen, am folgenden Abend wiederzukommen.

Als sie in den Corridor hinaustrat, kam ihr der Wärter entgegen, um die Thür, welche aus diesem Stock in den ersten hinabführte, für sie zu öffnen.

"Ich danke Ihnen, Herr, für Ihre Güte", sagte Blancha mit dem süßesten Ton ihrer Stimme und drückte mehrere schwere Goldstücke in die Hand des Mannes. "Bis morgen", fügte sie ihn grüßend noch hinzu, indem sie mit Susanna die Treppe hinabschritt, und wurde dann am Fuße derselben von dem Wächter im ersten Stock empfangen. Auch diesen sowie gleichfalls den an dem Ausgange aus dem Hause belohnte sie in derselben freigebigen Weise, und als sie dann den Hof durchschritten und das Thor in der denselben umgebenden Mauer erreicht hatte und der Pförtner sie in die Straße hinausließ, beschenkte sie dankend auch diesen reich und sagte ihm, daß sie am folgenden Abend wiederkommen und seine Güte abermals in Anspruch nehmen werde.

Kurze Zeit, nachdem Blancha die Zelle Albert's verlassen hatte, trat dessen Wärter in dieselbe ein, um ihm seine letzten Dienste für diesen Tag zu widmen.

Albert lag, dem Zimmer den Rücken zukehrend,

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zusammengekauert auf seinem Bett, hatte seinen Kopf in den Kissen verborgen und bedeckte mit seinem Taschentuch, welches er vor die Augen hielt, noch vollends das Gesicht, sodaß von seinem Kopfe nichts zu sehen war als ein Theil seines schwarzen Lockenhaares.

Der Wärter blieb einen Augenblick stehen und schaute mitleidig nach ihm hin, dann trug er Wasser in das Waschgefäß, holte eine Caraffine mit frischem Wasser zum Trinken und fragte Albert nun mit theilnehmendem, höflichem Tone, ob er noch einen Dienst von ihm verlange. Albert aber gab ihm keine Antwort, änderte seine Lage nicht und winkte nur mit der Hand rückwärts nach dem Wärter hin, um ihm anzudeuten, daß er ihn verlassen solle.

Dieser folgte schweigend dem Winke, indem er in Albert's Benehmen nur dessen grenzenlose Verzweiflung erblickte, trat in den Gang hinaus und verriegelte und verschloß die starke Thür.

Es war aber nicht die Verzweiflung, welche Albert in dieser Weise auf das Bett niedergeworfen hatte, es war der Hoffnungsfunke, der ihm durch die Geliebte gebracht worden war, denn Mac-Coor hatte ihm dies Benehmen durch Blancha vorschreiben lassen. Kaum hatte der Wärter die Thür hmter sich geschlossen, als Albert

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von seinem Lager aufsprang, sich in der Mitte des Zimmers auf die Kniee warf und mit erhobenen Händen zum Allmächtigen flehte, ihm mit seiner Barmherzigkeit beizustehen und seine Rettung gelingen zu lassen.

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Vierter Band.

Erstes Kapitel.

Am folgenden Abend war es noch etwas später geworden, als Blancha sich mit ihrer Sklavin im Gefängnisse einfand und von den verschiedenen Thürwächtern mit größter Zuvorkommenheit begrüßt und begleitet wurde.

Diesmal trat Blancha dem Geliebten nicht mit Thränen entgegen, mit hellglänzendem Blick flog sie an sein Herz und verkündete ihm, in Seligkeit erbebend, mit flüsternder Stimme, daß morgen seine Rettung unternommen werden solle. Mac-Coor hatte sie am Abend vorher bei ihrer Rückkehr zu Madame Newberry in seinen Rettungsplan eingeweiht, und mit aufjauchzender Begeisterung theilte sie Albert denselben jetzt mit.

Dieser hörte ihr mit wachsender Spannung zu, von Augenblick zu Augenblick steigerte sich seine Hoffnung, und als sie ihren Bericht beendet hatte, fielen sie sich mit den Worten: "Gott gebe seinen Segen dazu!" in die Arme. Nun besprachen sie die

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Ausführung des Vorhabens hin und her, beredeten, was in den vielen möglicherweise eintretenden Zwischenfällen zu thun sein würde, und dachten sich so sehr in das Gelingen des Unternehmens hinein, daß ihnen alle Bangigkeit aus dem Herzen schwand und sie sich ganz wieder dem Glücke ihrer Liebe hingaben.

Dennoch überwachte Blancha die Zeit und setzte nach Verlauf einer Stunde selbst ihrem augenblicklichen Vergessen ein Ziel, indem sie aufbrach und den Geliebten mit dem Troste verließ, ihm am folgenden Abend als Rettungsengel zu erscheinen.

Auf ihrem Wege aus dem Gefängnisse ließ sie abermals den Wärtern reiche Goldspenden in die Hände gleiten und sagte ihnen mit ihrer süßen Stimme Worte des Dankes.

Wieder warf sich Albert, sobald die Thür sich hinter Blancha geschlossen hatte, auf sein Bett und verbarg sein Gesicht in Kissen und Tuch, und wieder erweckte er die Theilnahme des bald darauf eintretenden Wärters. Derselbe blieb einige Augenblicke in der Mitte des Zimmers stehen, schaute auf den unglücklichen, dem Anscheine nach verzweifelnden Verurtheilten nieder und schüttelte mitleidig den Kopf. Dann aber vollbrachte er die ihm obliegenden Dienstleistungen für den Gefangenen, blickte nochmals traurig nach ihm hin und verließ, ohne ihn

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weiter zu stören, das Zimmer, welches er wie gewöhnlich hinter sich verschloß.

Der ersehnte folgende Tag erschien und mit rastloser Ungeduld verbrachte ihn Blancha in hundertfachem geistigem Durchleben der Ereignisse, welche an diesem Abend stattfinden sollten, immer aber blieb das Resultat ihres Gedankenflugs, daß Albert gerettet war. Ihre Unruhe, ihre Aufregung steigerte sich von Stunde zu Stunde, und als endlich die Sonne sich neigte, da hatte sie nirgends mehr Rast, sie schritt in ihrem Zimmer auf und nieder, als könne sie dem Augenblick des Handelns entgegeneilen. Kaum aber verblich das Tageslicht und die Dämmerung legte sich über die Stadt, so eilte sie hochschlagenden Herzens, von Susanna gefolgt, zu ihrer treuen Freundin Newberry. Mac-Coor hatte sich dort laut Abrede bereits eingefunden, und zwar war er durch die Hinterthür in das Haus gelangt.

"Es wird Alles gut gehen, Fräulein", sagte er, sie mit einer Verbeugung begrüßend. "Verlassen Sie sich unbedingt auf mich und handeln Sie ruhig und entschlossen, dann ist kein Fehlschlagen möglich. Nun an das Werk!"

Hierbei wandte er sich zu Susanna und diese reichte ihm ein zusammengerolltes Kleid, dasselbe, welches sie an den beiden vorhergehenden Abenden getragen hatte.

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Er warf nun schnell Rock, Weste und Halsbinde ab und zog das lange Kleid der Negerin an, wobei ihm diese sowie auch Blancha und Madame Newberry behülflich waren. Darauf nahm er einen auf dem Stuhle liegenden sehr langen aufgerollten Strick und befestigte denselben unter dem Kleide um seine Hüfte. "Das große Tuch wird meine unförmliche Gestalt schon verbergen", sagte er lachend, nahm ein Büchschen aus seinem abgeworfenen Rock hervor, trat damit vor den Spiegel und rieb sich mit der schwarzen Farbe, welche dasselbe enthielt, das Gesicht, sodaß es nach wenigen Augenblicken ebenso schwarz war wie das der Sklavin selbst. Dann rollte er sein Beinkleid bis über die Kniee auf, sodaß die weißen Strümpfe in den Frauenschuhen, welche er trug, sichtbar wurden. Sein lockiges schwarzes Haar strich er nun zurück, setzte Susanna's grauen Leinenhut auf, der vor seinem Gesichte weit vorstand und dessen Seiten in Falten bis auf seine Schultern herabhingen, sodaß von seinem Antlitz wenig oder gar nichts zu sehen war, und ließ sich schließlich noch das große Wollentuch der Negerin umhängen. Indem er dann die schwarzen ledernen Handschuhe anzog, drehte er sich wohlgefällig vor dem Spiegel und ließ sich durch die beiden Damen von allen Seiten beleuchten. "Susanna, wie sie leibt und lebt", sagte er lachend und machte dann einige Gänge auf und

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ab durch das Zimmer, sodaß Blancha und Madame Newberry ihn verwundert ansahen, denn er ging ebenso wie Susanna und seine ganze Erscheinung war derselben vollkommen gleich.

Während dieser Zeit fuhr der bestellte Wagen vor das Haus. Mit einem halblauten "In Gottes Namen!" warf Blancha ihren Shawl um, drückte die Hand der Freundin zum Abschied gegen ihr Herz und wandte sich der Thür zu, indem sie zu Mac-Coor sagte: "So lassen Sie es uns wagen."

"Nicht wagen, Fräulein, sondern vollbringen. Mit meinem Leben verbürge ich es Ihnen", antwortete Mac-Coor und trat zur Seite, um Blancha vorangehen zu lassen. Madame Newberry geleitete dieselbe zu dem Wagen, wünschte ihr dort mit einem Kusse noch des Himmels Segen und schloß dann den Schlag.

Mac-Coor hatte sich neben den Kutscher auf den Bock gesetzt und fort ging es eilig dem Gefängnisse zu. Der Pförtner an dem Thore in der Mauer öffnete schon beim ersten Tone des heranrollenden Wagens die Pforte, beeilte sich, als derselbe anhielt, den Schlag zu öffnen, und verneigte sich tief vor Blancha, als diese ausstieg. Dann sprang er rasch voran bis an die Pforte, ließ Blancha und ihre vermeintliche Dienerin eintreten und geleitete sie dann bis an die Thür des

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Hauses. Das Geräusch des Wagens hatte auch dort den aufmerksamen Thürwächter bereits hervorgelockt, und Blancha trat ohne allen Aufenthalt mit Mac-Coor hinter sich ein. So durchschritten sie auch die Thüren im ersten und zweiten Stock und wurden von Albert's Wärter nach dessen Zelle geführt, wo dieser mit einer Verneigung die Thür vor ihnen öffnete. Die Lampe brannte schon auf dem Tische und Albert trat mit dem Batisttuch vor den Augen auf Blancha zu, als der Wärter mit einem wehmüthigen Blick nach ihnen die Thür hinter ihnen schloß.

"Gott der Allmächtige sei gelobt!" sagte Blancha leise mit einem Athemzuge aus tiefster Brust, sank dem Geliebten in die Arme und barg die Thränen, welche die stürmische Aufregung ihr in die Augen drängte, an seiner Brust. Dann richtete sie sich auf, wandte sich nach Mac-Coor um und sagte:

"Wie sollen wir Ihnen jemals unsere Schuld abtragen, wenn das Werk vollbracht sein wird!"

Dabei trat sie mit Albert nahe zu ihm hin, und beide reichten ihm aufs tiefste ergriffen die Hand.

"Ich lasse mich ja dafür bezahlen, Fräulein", entgegnete Mac-Coor im Aufwallen seines bessern Selbst mit einem Ausdruck von Scham und setzte dann rasch noch hinzu: "Glauben Sie mir aber, ich würde für

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Sie beide ganz dasselbe gethan haben, wenn Sie nicht die Mittel besessen hätten, mich zu erkaufen."

"Soll Herr Randolph sich aber nicht umziehen?" fragte Blancha ungeduldig.

"Nein, nicht eher, als Sie gehen wollen, und Sie müssen ungefähr dieselbe Zeit einhalten wie gestern", entgegnete Mac-Coor und fuhr dann zu Albert gewandt fort:

"Sobald Sie ins Freie kommen, Herr Randolph, eilen Sie an dem Flusse hinauf bis nach dessen erster Biegung. Dort, wo die hohen Pappeln stehen, finden Sie ein Boot und einige meiner Freunde, welche Sie sofort über den Fluß setzen werden. Einer derselben wird Sie dann eine Meile am Wasser hinauf zu einem Farmer, gleichfalls einem meiner Freunde, führen, wo Sie Alles finden, was zu einem langen, sehr scharfen Ritte erforderlich ist. Dort ruhen Sie sich bis gegen Morgen, hoffentlich bin ich vor Tagesanbruch bei Ihnen. Sollte dies aber nicht der Fall sein und es wird hell am Himmel, so brechen Sie auf, einer meiner Freunde wird Sie dann begleiten und Sie sicher über den Sabinefluß nach Texas führen; dorthin reicht die Mörderhand unserer Justiz nicht!"

"Wo soll ich Ihnen Ihren tausendfach verdienten Lohn dann zahlen?" fragte Blancha.

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"Ich werde von Texas aus, wohin ich selbst Herrn Randolph begleiten will, an Sie schreiben, Fräulein; ehe derselbe die Grenze überschritten hat, habe ich noch keinen Anspruch auf Belohnung", antwortete Mac-Coor.

"Nein, Herr", fiel ihm Blancha in das Wort. "Sobald Herr Randolph dieses Haus verlassen hat, können Sie über das Geld verfügen: ich trage es bei mir."

"Nun denn, Fräulein, so würde ich Ihnen dankbar dafür sein, wenn ich es in dieser Nacht empfangen könnte, ehe ich die Stadt verlasse; es würde Ihnen aber Ihre Nachtruhe rauben."

"Was ist die Ruhe einer Nacht gegen den Dank, den ich Ihnen schulde! Kommen Sie vor unser Haus, ich selbst werde Ihnen das Geld geben", versetzte Blancha sehr bewegt.

"Ich hoffe zwischen Mitternacht und ein Uhr bei Ihnen zu sein. Das Lebewohl, welches ich diesen Mauern zu sagen habe, ist ernster als das des Herrn Randolph", nahm Mac-Coor wieder das Wort und gab Albert dann noch vielerlei Lehren, wie er sich auf seiner Reise zu verhalten habe. Da klopfte es plötzlich an die Thür, alle drei fuhren zusammen; Blancha aber behielt ihre Geistesgegenwart, schlang ihren Arm um Albert's Nacken, hob ihr Batisttuch vor die Augen und wandte sich wie in Verzweiflung von der Thür ab, während Mac-Coor

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auf dem hölzernen Stuhle neben dem Eingänge zusammensank und den Kopf neigte, als sei er eingeschlafen. Die Thür wurde aber nicht geöffnet, sondern das Klopfen nach einigen Augenblicken wiederholt, worauf Albert mit dem Tuch vor den Augen und wie vom Schmerz gebückt an dieselbe trat und sie öffnete. Der Wärter stand draußen und sagte höflich: "Sollten Sie meiner bedürfen, so bitte ich, daß Fräulein Dandon nur die Gewogenheit haben möchte, an die Treppe zu gehen und dort die Schelle zu ziehen. Ich muß mich auf einige Minuten in den ersten Stock verfügen."

"Ach nein, wir bedürfen Ihrer Dienste ja nicht früher, als wenn Fräulein Dandon mich verlassen will, und eine halbe Stunde darf sie mir doch wohl noch schenken", sagte Albert mit betrübtem Tone.

"Solange Sie wollen, Herr Randolph", entgegnete der Wärter; "es soll Sie Niemand stören."

Dann eilte er davon und Albert machte die Thür zu.

"Nun rasch, jetzt ist es Zeit", sagte Mac-Coor aufspringend, warf Hut, Tuch und Kleid von sich und löste den Strick von seinen Hüften, den er schnell in dem Bette versteckte.

Während Blancha mit großer Eile Albert das Kleid ihrer Negerin anzog, schlüpfte Mac-Coor in dessen abgeworfenen Rock, ließ seine Beinkleider wieder herunter

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und trat in Albert's Pantoffeln, indem er diesem seine Frauenschuhe hinschob. Die Anzüge waren in wenigen Minuten gewechselt, Mac-Coor hatte sich ebenso schnell das Gesicht wieder weiß geputzt, nahm dann das Büchschen zur Hand und färbte Albert das Gesicht rabenschwarz. Der Leinenhut wurde diesem aufgesetzt, das Tuch umgehangen, und er war zur Flucht bereit. Mac-Coor hatte einige kleine eiserne Sägen und eine Anzahl feiner Stahlblätter aus seiner Tasche hervorgenommen und sie bei dem Stricke im Bette verborgen, dann bat er Blancha, sich zum Aufbruch bereit zu machen und trat nun an die Thür, öffnete sie ein wenig und lauschte in den Corridor hinaus.

"Sobald der Mann kommt, müssen Sie gehen", sagte er und hielt sein Ohr an die Thürspalte, doch hatte er sich kaum hingebeugt, als er zurücksprang und flüsternd rief:

"Fort, fort! Er kommt."

Dann verkleinerte er die Flamme in der Lampe, nahm sein Batisttuch in die Hand und warf sich in derselben Weise, wie Albert es zu thun pflegte, auf das Bett.

Blancha aber öffnete langsam die Thür und trat hinaus in den Corridor dem heranschreitenden Wärter entgegen, während Albert in Susanna's Kleidern ihr auf dem Fuße folgte.

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"Ich danke Ihnen, Herr", sagte Blancha an der Treppe zu dem Wärter und ließ das Gold freigebig in seine Hand fallen, worauf dieser sie bis zu seinem Collegen im ersten Stock begleitete, der sie wiederum dem Thürschließer des Hauses überantwortete.

In dem Augenblick, als sie mit Albert in den Hof hinaustrat und noch das Licht aus der offenen Thür auf sie fiel, schritt der Wachtposten heran und blieb, sie beide musternd, stehen. Blancha erbebte, es lief ihr eiskalt durch die Glieder, dennoch verließ sie ihr Muth nicht, sie wandte sich im Vorwärtsschreiten zu Albert um und sagte mit lauter Stimme:

"Laß uns eilen, Susanna, es ist schon spät", worauf Albert nahe hinter sie schritt und die Entfernung von der neugierigen Schildwache schnell vergrößerte.

Der Thorwachter harrte ihrer bereits an dem Pförtchen, Blancha konnte, als sie ihm das Gold in die Hand legte, kaum noch die Worte: "Ich danke Ihnen, Herr!" hervorstammeln, denn noch ein Schritt weiter und der Geliebte ihrer Seele war gerettet. Und schnell war dieser Schritt gethan, die Pforte schloß sich und Blancha warf sich Albert in die Arme.

"Halte mich aufrecht, Albert, ich sinke zusammen", sagte sie erschrocken, die Machtlosigkeit fühlend, die sie

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plötzlich überkam, doch Albert hielt sie fest umschlungen und flüsterte ihr zu:

"Ich trage Dich von hier, Blancha!"

"Nein, nein, Albert, es geht schon vorüber. Gott Lob, es war nur die Aufregung", versetzte sie und holte, sich emporrichtend, tief Athem. Dann that sie mühsam und wankend einige Schritte vorwärts, stützte sich fest auf den Arm des Geliebten und gewann nach wenigen Minuten ihre Kräfte wieder.

Sie beeilte ihre Schritte immer mehr, und immer weiter blieb die schwarze Masse des Gefängnisses hinter den Fliehenden in der Dunkelheit zurück, aber nicht nach der Stadt lenkten sie ihre eiligen Tritte, sie folgten einem Nebenweg, der um dieselbe führte und in die Straße am Flusse hinauf ausmündete. Ohne Rast eilten sie vorwärts, erreichten den Wald und gelangten auf dem Wege durch denselben bis nahe an die Straße, dorthin, wo Harry mit der Mulattin sich an jenem verhängnißvollen Abend hinter den Büschen verbarg, als Albert und Blancha lustwandelnd vor ihnen vorübergingen.

Hier hemmte Blancha plötzlich ihre Schritte und öffnete dem Geliebten ihre Arme, der sie auf dem Wege bis hierher wiederholt, aber vergeblich aufzuhalten gesucht hatte, um dem Gefühl seines Herzens Ausdruck zu geben.

Jetzt aber warf er sich vor ihr nieder, umklammerte

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ihre Kniee und stammelte Dank zu ihr auf, doch Blancha zog ihn an ihr Herz empor und erstickte seine Worte mit ihren Küssen. In dem beseligenden Gefühl, das gräßliche Verhängniß abgewehrt, das Schicksal überwunden zu haben, flossen ihre Thränen zusammen, und lange Zeit fehlten ihnen die Worte, ihr Glück aussprechen zu können; dann aber dankten sie dem Allmächtigen laut und aus tiefster Seele für seine Gnade und flehten ihn um seinen fernern Beistand an. Nahe hinter dem Glücke aber, dem sie sich für den Augenblick hingaben, stand die Trennung für lange unbestimmte Zeit, und so sehr sie den Gedanken daran auch von sich abwehrten, so drängte er sich ihnen doch von Minute zu Minute mehr auf. Nur Worte der Liebe, der Treue kamen von ihren Lippen, und wieder und wieder versicherte Blancha dem Geliebten, die Seinige werden zu wollen, sobald es ihr die Rücksichten gegen ihren Vater gestatten würden.

Da tönten die gleichmäßigen Ruderschläge von einem unweit des Ufers auf dem Flusse hinabfahrenden Boote zu den Ohren der Liebenden und mahnten sie daran, daß die Freunde Mac-Coor's auf die Ankunft Albert's warteten, um ihn über den Strom zu setzen.

"Ach, Albert, wir müssen scheiden!" hob Blancha an und schaute nach der dunkeln Flut hinüber, in der die hellfunkelnden Sterne spiegelten. "Ehe wir aber

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scheiden, habe ich noch eine Bitte an Dich, Geliebter, die Du mir gewähren mußt."

Bei diesen Worten zog Blancha zwei Paquete aus ihrem Kleide hervor und fuhr fort:

"In diesem Papier befinden sich tausend Dollars in Banknoten von kleinen Beträgen, die Du während Deiner Reise benutzen willst."

"Aber, beste Blancha, so viel Geld werde ich nicht gebrauchen, wenn ich auch ein Darlehn von einigen hundert Dollars von Dir annehmen muß", fiel ihr Albert schnell in das Wort und weigerte sich, ihr das Papier abzunehmen.

"Nein, nein, Albert, weise mich nicht damit zurück; Du mußt und sollst es nehmen. Wer weiß, wie nöthig Du es in der einen oder andern Weise brauchen könntest, um die Landesgrenze sicher zu erreichen." Dabei zwang sie es ihm in die Hand hinein und ließ seine Gegenrede durchaus nicht aufkommen. Nachdem Albert sich endlich ihrem Willen gefügt und das Paquet auf seiner Brust verborgen hatte, nahm Blancha abermals das Wort und sagte:

"Das Geld, welches Du meinem Vater gerettet hast und welches er mir zum Geschenk machte, ist Dein Eigenthum, Albert, und Du mußt den Rest, den ich noch davon besitze, von mir annehmen. Es sind noch

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neuntausend Dollars, die ich in dieses Papier eingesiegelt habe."

Hiermit ergriff Blancha die Hand Albert's und wollte ihm das Paquet hineinlegen, er aber zog sie schnell zurück und sagte mit mildem bittendem Ton:

"Unter keiner Bedingung, Blancha; muthe mir das nicht zu, es würde mich in meiner eigenen Achtung herabsetzen."

Dann aber schloß er sie heiß und innig wieder an sein Herz, als wolle er durch Liebkosungen sich ihre Verzeihung dafür erbitten, daß er ihr einen Wunsch nicht gewährt habe.

Wieder vergaßen sie in ihrem beseligenden Zusammensein die Gefahr, die ja immer noch drohend über Albert's Haupt schwebte, bis sie abermals durch die Ruderschläge vorüberfahrender Schiffer an den Abschied gemahnt wurden.

"Laß uns nach Deinem Boote gehen, Albert, damit Du über den Strom kommst, dort bist Du schon der Gefahr ferner als auf diesem Ufer", sagte Blancha wie erschrocken über ihr eigenes Zögern, schlang ihren Arm in den seinigen und eilte nun auf der Straße der nahen Biegung des Flusses zu, wo die hohen dunkeln Säulen der Pappeln den Landungsplatz der harrenden Freunde bezeichneten. Kaum traten sie von der Straße ab der

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Landspitze zu, als eine Mannsgestalt sich über das Ufer erhob und ihnen entgegentrat.

"Glück auf, Herr Randolph!" sagte der Mann in heiterem Tone. "Wir fingen an besorgt zu werden, daß gegen alles Erwarten die Sache verkehrt gegangen sein möchte. Wenn nur auch Mac-Coor glücklich durchkommt! Ich will vorangehen und Ihnen den Weg zeigen."

Hiermit schritt der Mann auf dem Grase hin bis an den Uferabhang, unter welchem das Schiff sich schaukelte, und dort rief er einem seiner Kameraden zu, den Rock und den Hut für Herrn Randolph heraufzubringen. Dann wandte er sich zu Blancha und sagte:

"Dieser Mann, Fräulein, wird Sie nach der Stadt zurückbegleiten; Mac-Coor hat ihn damit beauftragt."

Gleich darauf sprang ein junger Bursche auf das Ufer, reichte Albert, der schnell die Frauentracht von sich warf, einen Rock und einen Hut, nahm dann die abgelegte Kleidung vom Boden auf und stellte Blancha seine Dienste zur Verfügung.

"Wenn es nun gefällig ist, Herr Randolph, so wollen wir fahren, denn wir müssen wieder hierher zurückkommen, um Mac-Coor überzusetzen, und er dürfte leicht in größerer Eile hier erscheinen als Sie. Der Strom ist stark und die Fahrt wird viel Zeit kosten", sagte der Mann von vorher zu Albert,

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während dieser eben sein letztes, herzzerreißendes Lebewohl an Blancha gab. Es war ein schwerer Abschied und dennoch ein beglückender, denn es war ein Abschied an den Tod bei Rückkehr in das Leben. Trennen aber konnten die Liebenden sich immer noch nicht, bis der Mann aus dem Boote heraufrief: "Herr Randolph, es ist die höchste Zeit!" worauf dieser noch einmal die Geliebte an sein Herz preßte und dann vom Ufer hinab in den Nachen sprang.

"Lebe wohl!" tönte es zwischen den eiligen Ruderschlägen von der dunkeln Flut herauf und "Lebe wohl!" antwortete Blancha mit bebenden Lippen und streckte ihre Arme weit über den Abhang hinaus dem Schiffchen nach, das wie ein schwarzer Punkt über die dahinjagenden finstern Wogen zu fliegen schien. Das Auge verlor bald den letzten Haltpunkt an dem fliehenden Geliebten, doch Blancha's Ohr lauschte noch lange dem einförmigen Ton der Ruder, und erst als deren letzter Klang auf der weiten Wasserfläche in der Ferne sich verlor, trat sie in stummem Dankgebet zu dem Allmächtigen, von dem fremden Manne gefolgt, den Heimweg an.

Bald nachdem Blancha mit Albert das Gefängniß verlassen hatte, kehrte der Wärter nach der Zelle der Verurtheilten zurück und sagte, indem er sich der Thür nahte, halblaut vor sich hin:

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"Das arme Mädchen! Mit all ihrem vielen Gelde kann sie doch sein Leben nicht retten. Hinge es von mir allein ab, ich machte ihn frei; dann aber müßte es Gold regnen!"

Als er die Thür öffnete, fand sein Blick den vermeinten Randolph wieder in Verzweiflung auf sein Lager hingestreckt, den Kopf in dem Kissen vergraben und mit dem weißen Tuche auf dem Gesichte. Der Wärter trat leise auf, als wolle er ihn in seinem Schmerze nicht noch mehr durch seinen Tritt an seine Lage erinnern. Er besorgte schnell und geräuschlos, was ihm oblag, blickte dann noch einmal nach dem Unglücklichen zurück, dachte daran, daß die freigebige Dame nur noch wenige Besuche hier machen könne, und verließ die Zelle. Kaum war der Schlüssel aus dem starken Thür schloß gezogen, als Mac-Coor schon an dem Fenster stand, dasselbe leise öffnete und die vier starken Eisenstäbe vor demselben befühlte. Dann trug er ebenso geräuschlos die Bank unter das Fenster, stellte sich auf dieselbe und stieg auf die Brüstung, um mit dem Kopf bis oben in die Oeffnung zu gelangen und dadurch sich einem Blick in den Hof zu verschaffen. Er schien mit den Ergebnissen seiner Untersuchungen vollständig zufrieden zu sein, ging nach dem Bett zurück und nahm eine der kleinen eisernen Sägen, die er darin ver

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steckt hatte, aus demselben hervor. Dann stellte er den hölzernen Stuhl an den Tisch, setzte sich an diesem nieder und prüfte das feine Stahlblatt der Säge, welches aus einer Uhrfeder gemacht zu sein schien.

Auch hiermit war er zufrieden, denn er legte das Werkzeug auf den Tisch, schlug das eine Bein über, faltete seine Hände vor dem Knie und schwenkte seinen Fuß wie in gemüthlichem Gedankenspiele auf und nieder. Nachdem er so eine Zeit lang sinnend dagesessen hatte, zog er eine prächtige goldene Uhr aus der Tasche, sah nach der Stunde, gähnte einigemal und begab sich dann nach dem Bett zurück, auf dem er sich der Länge nach ausstreckte.

Es war erst neun Uhr und er konnte noch zwei Stunden schlafen, denn vor elf Uhr durfte er nichts beginnen. Das Licht in der Lampe hatte er auch sehr klein gemacht und so schloß er so unbekümmert, als ruhe er zu Hause in seinem eigenen Bett, die Augen und schlief bald ein.

Sein wachsamer Geist aber ließ ihn nicht eine Minute zu lange ruhen; es war, als hätte derselbe über ihn gewacht und die Stunden gezählt, denn die Glocke in der Stadt hatte die elfte Stunde noch nicht ausgeschlagen, als Mac-Coor plötzlich die Augen aufthat und mit leichtem Schwunge aus dem Bette sprang. Er blieb in der

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Mitte des Zimmers stehen, sah auf seine Uhr, lauschte eine Zeit lang scharf und stieg dann, nachdem er die Lampe unter den Stuhl gesetzt und die Bettdecke darüber gehangen hatte, auf die Bank, von wo er hinter den Eisenstäben zum Fenster hinaus in den Hof blickte. Alles war ruhig und stumm, und nur von dem Flusse her wurde die Stille manchmal durch den krächzenden Schrei eines Reihers oder eines Wasserraben unterbrochen. Mac-Coor stieg nun auf die Fensterbrüstung, - um den Hof näher nach dem Hause hin überschauen zu können. Hier stand er lange Zeit, unbeweglich hinabblickend; da schritt der Wachtposten mit der Büchse auf der Schulter langsam unter dem Fenster hin und verschwand dann an der Seite des Gebäudes. Schnell glitt Mac-Coor hinab nach dem Tische, ergriff die eiserne Säge und kehrte an das Fenster auf die Bank zurück, wo er das scharfe Werkzeug in der Mitte der einen Eisenstange ansetzte und es dann mit Blitzesschnelle hin und her bewegte. Die Zähne der Säge waren so fein, daß ihr Einschneiden in die Eisenstange kaum zu hören war, dennoch hielt Mac-Coor von Zeit zu Zeit in seiner Arbeit inne, um auf den Tritt des Wachtpostens zu lauschen. Sobald derselbe an dieser hintern Seite des Gefängnisses erschien, setzte sich Mac-Coor auf die Fensterbank, sah lächelnd zu ihm hinab, bis er wieder um die

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Ecke geschritten war, und begann dann eilig abermals seine Arbeit. Noch vor Ablauf einer halben Stunde hatte er die Eisenstange durchschnitten und begab sich zu der Lampe, bei deren Licht er ein neues Stahlblatt in die Säge einschraubte. Mit gleicher Anstrengung und Vorsicht begann er nun den zweiten Schnitt am Fuße der Eisenstange, vollbrachte ihn in noch kürzerer Zeit als den ersten und legte das herausgeschnittene Stück geräuschlos auf den Fußboden nieder. Die Oeffnung zwischen den Stangen war jetzt vollkommen groß genug für Mac-Coor, um durch dieselbe seine Flucht zu bewerkstelligen, ehe er sie jedoch antreten durfte, mußten ihm seine Freunde ihre Nähe anzeigen, denn ohne ihren Beistand konnte er die hohe Mauer, die den Hof umgab, nicht übersteigen.

Mitternacht war die für ihr Erscheinen verabredete Zeit, und zum Zeichen ihrer Gegenwart sollte der wiederholte Ruf einer Eule dienen. Es hatte noch nicht zwölf geschlagen, als Mac-Coor das lange Seil aus dem Bette hervorholte, dessen Ende löste und es an einem der Eisenstäbe im Fenster befestigte, worauf er sich auf die Brüstung setzte und nach der Mauer hinüberschaute. Die Nacht war sternhell und gestattete dem Auge, ziemlich weithin Gegenstände zu erkennen, Mac-Coor konnte aber noch nichts von seinen Freunden auf der Mauer bemerken. Eben war der Wachtposten wieder unter dem

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Fenster vorübergeschritten, da schlug es zwölf, und gleich nach dem letzten Glockenschlage ertönte von der Mauer her der wimmernde Ruf einer Eule. Zugleich sah Mac-Coor jetzt einen dunkeln Punkt sich über die Mauer erheben und wieder verschwinden, während der Eulenruf noch einigemal wiederholt wurde. Jetzt war die Zeit zur Flucht gekommen, nur mußte der Posten noch einmal vorübergehen.

Mac-Coor lag zum Fenster hinaus gebeugt und spähte nach der Seite des Hauses hin, wo derselbe wieder erscheinen mußte, und berechnete zugleich die Zeit, welche dieser zu seinem Rundmarsche bedürfte, um zu ermessen, ob er während derselben seine Flucht ohne Schwierigkeit ausführen könne. Da trat der Mann mit der Büchse links neben dem Gebäude hervor. Obgleich derselbe diesmal seinen Weg sehr schnell zurückgelegt hatte, wollte Mac-Coor dennoch die Flucht wagen.

Er hielt den lose aufgerollten Strick in der Hand, und kaum war der Posten rechts um die Ecke getreten, so ließ Mac-Coor das Seil aus dem Fenster hinabfallen. Unglücklicherweise aber hatte sich dasselbe verschlungen und erreichte nicht mit seinem Ende den Boden. Mac-Coor zog es hastig wieder zu sich herauf, löste den verschlungenen Theil mit möglichster Eile und ließ es wieder in den Hof hinabfallen. Dann zog er schnell ein Paar

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dicke wildlederne Handschuhe an, die wie der Strick selbst mit Kolophonium bestrichen waren, trat aus dem Fenster hinaus, erfaßte das Seil mit beiden Händen und ließ sich an demselben in den Hof hinabgleiten. Mit den Füßen den Boden berührend, sprang er von dem Hause weg und lief mit Sturmeseile über den weiten Hof der Mauer zu, auf welcher jetzt vier Mannsgestalten sich hoch erhoben und ihm die Richtung bezeichneten, die er zu nehmen hatte. Kaum aber war er einige zwanzig Schritte vom Gefängnisse entfernt, als ein Büchsenschuß hinter ihm krachte und er, sich umschauend, den Posten erkannte, der fliegenden Laufs hinter ihm herstürmte. Alle Muskeln, alle Sehnen Mac-Coor's waren zum Zerreißen gespannt, wie ein Blitz schoß er vorwärts der Mauer zu, zog aber im Dahineilen eine Pistole und einen Dolch aus seinem Gürtel. Der Wachtposten, ein großer schlanker junger Mann, kam ihm indeß näher und näher, und als Mac-Coor die letzten Sprünge nach der Mauer thun wollte, hatte ihn sein Verfolger bis auf wenige Schritte erreicht.

"Zurück, bei Ihrem Leben!" schrie Mac-Coor ihm zu und wandte sich von der Mauer mit gehobener Pistole nach ihm um, im selbigen Augenblicke blitzte es aber von der Mauer herab und mit dem Knall des dort abgefeuerten Gewehrs stürzte der Posten zusammen.

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"Schnell, Mac-Coor, hier ist die Leiter!" riefen seine Freunde von oben ihm zu; er erfaßte die Strickleiter, schwang sich auf die Mauer und war wenige Minuten später, von seinen Freunden umgeben, im Freien.

Blancha saß am offenen Fenster und schaute mit thränenfeuchten Augen zu den Sternen auf; es waren aber Glücksthränen, die ihnen entquollen, Thränen des Dankes, den sie in stillem Gebet zum Himmel sandte. Es war ihr so leicht, so wohl um das Herz, als sei ihr eine erdrückende Last von demselben genommen, und tief athmete sie auf, als athme sie die Freiheit des Geliebten. Da fiel ein Schuß, Blancha fuhr zusammen, der Schall kam in der Richtung von dem Gefängnisse her.

"Gott beschütze Mac-Coor, er hat sein Leben, seine Freiheit für Albert eingesetzt", sagte sie halblaut und faltete zum Himmel aufblickend die Hände vor ihrer Brust. Da krachte ein zweiter Schuß von dem Gefängnisse her durch die stille Nacht,

"O Gott, sei ihm gnädig, er hat eine gute That gethan!" flehte Blancha wieder und sah lauschend nach der Gegend hin, wo das Gefängniß stand. Alles blieb aber jetzt still und nur Trink- und Wirthshausgäste belebten noch von Zeit zu Zeit die Straßen.

Blancha hatte sich wieder am Fenster niedergelassen und spähte immer unruhiger, immer besorgter auf den

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Platz hinab. Da sah sie aus der Straße gegenüber drei Männer eilig heranschreiten, von denen zwei in der Mitte des Platzes stehen blieben, während der dritte auf ihr Haus zukam. Es war Mac-Coor; Blancha erkannte ihn trotz des matten Lichts, welches die Laternen verbreiteten. Sie sprang vom Fenster weg zum Zimmer hinaus und öffnete nach wenigen Augenblicken die Thür des Hauses. Sie hatte sich nicht getäuscht, der Retter ihres Albert trat ihr mit den Worten entgegen:

"Das Glück ist mir günstig gewesen, Fräulein, und nun, da ich Herrn Randolph selbst begleiten kann, darf ich Ihnen für seine Sicherheit einstehen. Dennoch würde ich Sie nicht gebeten haben -"

"Es ist mein eigener Wunsch, Herr Mac-Coor, Ihnen diesen kleinen Theil meiner großen Schuld jetzt abzutragen. Hier ist das Geld, nehmen Sie es mit meinem endlosen Dank", fiel ihm Blancha ins Wort und reichte ihm ein versiegeltes Papier. Dann, nachdem Mac-Coor dasselbe in seinem Rock verborgen hatte, ergriff sie bewegt seine Hand und sagte:

"Schützen Sie meinen Albert, mein Gebet wird Sie begleiten und mein Dank wird Ihnen ewig gehören."

"Mit meinem eigenen Leben will ich es thun, seien Sie unbesorgt, Fräulein", entgegnete Mac-Coor tief

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ergriffen, nahm dann ein Papier aus der Tasche hervor und reichte es Blancha mit den Worten hin:

"Hier, Fräulein, haben Sie eine Abschrift von einem Schreiben, welches ich in der Zelle des Herrn Randolph zurückgelassen habe; es wird zu Ihrer Sicherheit dienen."

Während Blancha dasselbe erstaunt entgegennahm, fuhr er rasch fort:

"Jetzt muß ich eilen, die Minuten sind mir kostbar. Leben Sie wohl, Fräulein, und nehmen Sie das Versprechen von mir, daß Mac-Coor nie wieder eine schlechte That begehen wird."

Blancha wollte ihm antworten, er aber sprang von ihr hinweg zu seinen beiden Gefährten und verschwand mit ihnen in der nächsten Straße. Blancha eilte nun in ihr Zimmer zurück und las dort auf dem Papier, welches ihr Mac-Coor gegeben hatte:

"Ich, Charles Mac-Coor, erkläre hiermit, daß ich mich in die Zelle des Herrn Randolph eingeschlichen und ihn befreit habe. Er war unschuldig; die beiden Zeugen, auf deren Aussagen er verurtheilt wurde, waren durch den Advocaten Hanley, der mich selbst zu diesem falschen Zeugniß dingen wollte, erkauft."

Die Kunde von Albert's Flucht versetzte am folgenden Morgen die Einwohnerschaft von Natchez in große Aufregung; allenthalben traten die Leute zusammen, um

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das Nähere darüber zu erfahren, und die Freunde sowie die Feinde Albert's waren geschäftig bemüht, die Aufregung zu seinen Gunsten oder zu seinem Nachtheil zu benutzen. Die schriftliche Erklärung Mac-Coor's aber, welche in der Zelle auf dem Tische vorgefunden worden und deren Inhalt man an allen Straßenecken anschlug, wurde eine mächtige Waffe in den Händen von Albert's Freunden, und wenn es dem alten Portman auch nicht gelang, den darin verdächtigten Advocaten Hanley seitens des Gerichts gefänglich einziehen zu lassen, so begannen doch Viele, welche von Albert's Schuld überzeugt gewesen waren, sehr daran zu zweifeln. Das Gericht selbst that seine Schuldigkeit und sandte am frühen Morgen in allen Richtungen Kundschafter aus, um die Spur des Flüchtigen sowie die seines Retters ausfindig zu machen.

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Zweites Kapitel.

Harry Williams lebte während dieser Zeit als ein allgemein hochgeachteter, sehr angesehener Mann auf seiner reizenden Plantage am Bernardflusse und die schöne Mulattin Lucy, welche die Männerkleidung wieder gegen die Frauentracht umgetauscht hatte, führte ihm den Haushalt. In ihrer Stellung ihm gegenüber war nicht viel geändert, denn wenn sie auch nach dem Gesetze des Landes ebenso frei war wie ein weißer Mensch, so blieb sie doch in der That Harry's Sklavin und wurde von Jedermann als solche angesehen. Ihr eigenes Benehmen aber gab hierzu die Hauptveranlassung, denn sie nannte Harry vor den Leuten nie anders als ihren Herrn, trat immer nur als dessen Dienerin auf und vermied es, sich in der Gegenwart von Weißen niederzusetzen. Sie that dies aber nicht etwa in dem sklavischen Gefühl ihres eigenen geringen Werths,

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sondern sie that es aus Liebe zu Harry, um Alles zu vermeiden, was ihm nur die kleinste Unannehmlichkeit oder Verlegenheit hatte bereiten können. Ihr Glück war vollkommen und sie hatte keinen Wunsch mehr, als sich dieses ihr Glück zu erhalten. Sie liebte Harry grenzenlos und unbedingt, und nichts in der Welt wäre im Stande gewesen, ihrer Liebe für ihn den mindesten Abbruch zu thun.

So weit Harry's Selbstsucht es erlaubte, liebte er auch sie eben ihrer Liebe wegen und weil sie ihm jeden Gedanken abzulauschen suchte, um Alles so zu thun, so einzurichten, wie er es gern hatte. Ihre vielen Fähigkeiten, namentlich ihre Kochkunst, kamen ihr in diesem Bestreben sehr zu Hülfe, und die Reize ihrer ungewöhnlichen Schönheit hielten seine Aufmerksamkeit auf ihr Thun und Treiben gerichtet. In seinem Hause herrschte die größte Ordnung und Reinlichkeit, seine Zimmer waren an jedem Morgen mit frischen Blumen geschmückt, und mit der größten Sorgfalt überwachte Lucy die Thüren, Fenster und Jalousien, um sie stets zur rechten Zeit zu öffnell oder zu schließen und dadurch immer die Luft in den Gemächern frisch und kühl zu erhalten. Kam Harry abends von einem Ritt nach Hause, so brachte ihm Lucy den leichten luftigen Schlafrock und die Pantoffeln, und wenn sie ihm dann das Abendbrod gereicht

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hatte und er sich in dem Schaukelstuhl vor dem Flackerfeuer im Kamin niedersetzte, sank sie vor ihm auf den Fußboden hin, unterhielt sich, mit ihren wonnestrahlenden Augen zu ihm aufschauend, mit ihm oder legte glückdurchbebt ihr schönes Haupt auf seine Kniee und ließ ihn mit der Pracht ihrer glänzenden schwarzen Locken spielen. War er verstimmt und ernst, so nahte sie sich ihm sehr vorsichtig und suchte durch ihren seelenvollen Blick, durch ein theilnehmendes herzliches Wort die Schatten von seiner Stirn zu verscheuchen und ließ dann erst ihren liebeglühenden Gefühlen freien Lauf. Ihr häuslicher Kreis war ihr irdischer Himmel, den sie niemals verließ. Harry dagegen war sehr oft vom Hause entfernt, denn er war eine Hauptpersönlichkeit in der politischen Welt. Sein Ziel, Texas von Mexico getrennt und als selbstständige Republik oder als Staat der Vereinigten Staaten zu sehen, hatte er nie einen Moment aus den Augen verloren und rastlos hatte er unter der amerikanischen Bevölkerung gearbeitet, sowie keine Kosten gescheut, um seine Ansichten, seine Wünsche zu allgemeinen zu machen. Die Unzufriedenheit der Texaner mit der Centralregierung in Mexico, welche unter dem durch Santa-Anna gestürzten Präsidenten Bustamente schon so sehr groß gewesen war, hatte sich nach Vereitlung der hochfliegenden Hoffnungen, die man in Santa-Anna

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setzten allgemein noch sehr gesteigert, und dessen wortbrüchiges, grausames Verfahren gegen den texanischen Abgesandten Austin hatte in allen Theilen des Landes Stimmen dafür laut werden lassen, daß man sich von Mexico trennen müsse. Die endliche Freilassung Austin's und dessen Rückkehr nach Texas hatten allerdings viel zur augenblicklichen Beruhigung der Gemüther beigetragen, dennoch blieb der Ausspruch allgemein, daß es so, wie es sei, nicht bleiben könne, nicht bleiben solle. Wie es aber werden müsse, darüber waren die Ansichten noch verschieden, und es hatten sich zwei Parteien gebildet, von denen die eine für Verbleiben in dem mexicanischen Staatenverband, die andere für Austritt aus demselben und für das Erheben von Texas zu einer selbstständigen Republik stimmte.

Der Führer der ersten Partei war General Houston, ein von der Natur zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit bestimmter Mann. Er glaubte nicht, daß schon der Zeitpunkt für Texas gekommen sei, um ein gewaltsames Losreißen von Mexico wagen zu dürfen, und verlangte nur Sicherstellung der Constitution von 1824, wonach es Texas frei stand, sich von Coahuila zu trennen und einen selbstständigen mexicanischen Staat zu bilden.

Die andere Partei wurde von Harry Williams

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geführt, der durchaus keine Beziehung zu Mexico mehr gelten lassen wollte und im Guten oder mit Gewalt der Waffen die selbstständige Republik verlangte. Er erhielt in dem aus seiner unerhörten Gefangenschaft zurückgekehrten Oberst Stephan Austin einen mächtigen Verbündeten, und wenn auch die Zahl seiner Anhänger noch die kleinere war, so vergrößerte sie sich doch von Tag zu Tag, denn die Regierung in Mexico sandte unermüdlich immer neue Lasten, neue Ungerechtigkeiten, neue Gewaltthaten über Texas. Alle Amerikaner waren aus dem Staatsdienste entfernt und ihre Stellen durch die verhaßtesten Mexicaner besetzt worden, neue Abgaben wurden ausgeschrieben, Erpressungen für das gesetzliche Anerkennen von Landberechtigungen wurden gemacht und der Handel in jeder erdenklichen Weise erschwert und gehemmt.

Je mehr die eingewanderten Amerikaner ihre Unzufriedenheit gegen solchen Druck laut werden ließen, je mehr Widersetzlichkeit sie den mexicanischen Behörden zeigten, um so schärfer, um so gewaltsamer traten dieselben auf und um so zahlreicher wurden die mexicanischen Besatzungen im Lande. Die Geldstrafen, welche über derartige Verbrecher verhängt und mit Gewalt von ihnen einkassirt wurden, waren ungeheuer, und einzeln hatte man auch schon solche Missethäter nach Mexico

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abgeführt und sie zu langjähriger Arbeit in den Bergwerken verdammt.

Namentlich in der Gegend, wo Harry Williams wohnte, war die Unzufriedenheit sehr groß und ein Auflehnen gegen die Behörden häufig, denn er war rastlos in seinen Bemühungen, den Haß gegen die Mexicaner unter seinen nahen und fernen Nachbarn anzuschüren und zu nähren, und predigte allenthalben Gewalt gegen Gewalt. Es verging selten ein Tag, wo er nicht nach irgend einer Richtung hin einen Rundtritt[Rundritt] bei einer Anzahl von Farmern machte und mit ihnen das Unerträgliche, das Herabwürdigende des mexicanischen Jochs besprach.

Bei einer solchen Gelegenheit hielt er eines Tags bei einem Farmer Namens Dougall am nahen Brazosflusse sein Pferd an, um mit ihm zu Mittag zu speisen.

Dougall war einer der ältesten amerikanischen Ansiedler in diesem Lande, sehr wohlhabend und galt unter seinen Nachbarn für einen biedern, unbedingt zuverlässigen Mann. Seine herkulische, schöne Gestalt bezeichnete den Kentuckyer, der auch in seinem freundlichen, gutmüthigen, aber doch sehr bestimmten Wesen ausgeprägt war, und das Silber in seinem Haar verrieth, daß er den Sechzigen näher stand als den Fünfzigen.

Der Himmel hatte seine glückliche Ehe nur mit

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zwei Töchtern gesegnet, welche beide noch unverheirathet unter dem väterlichen Dache lebten.

Madame Dougall, eine kleine freundliche Frau, war die erste, welche Harry, als er vom Pferde stieg, bewillkommnete, denn sie saß unter der schattigen Veranda vor dem Hause und hechelte Wolle. Dann kamen die beiden Tochter, Alice, die ältere, und Kate, die jüngere, um ihn zu begrüßen, und zuletzt erschien der alte Dougall selbst mit einem Zügel in der Hand, da er eben ein Pferd aus der Weide geholt und in den Stall geführt hatte.

"Herzlich willkommen, Herr Williams", sagte der Alte, indem er den Zaum auf das Geländer der Veranda legte und Harry dann die Hand reichte. "Sie kommen mir wie gerufen, denn ich hatte mir so eben ein Pferd aus dem Gras geholt und wollte nach Tische zu Ihnen hinüberreiten, um mir Ihren Rath auszubitten; es ist mit diesen mexicanischen Gaunern bald nicht mehr auszuhalten."

"Habe ich es Ihnen nicht immer gesagt, daß es täglich schlimmer werden und daß auch Ihnen zuletzt die Galle überlaufen würde?" versetzte Harry rasch und heftig. Was will denn das Volk von Ihnen?"

"Ach, Herr Williams, es ist so schlimm nicht, wie Dougall meint; gegen den Strom kann man nicht schwimmen und gegen den Stachel nicht lecken; wer das

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Schwert in der Hand hat, der regiert", fiel Madame Dougall beruhigend ein und warf Harry einen Blick zu, als bäte sie ihn, die Sache ihrem Manne auszureden. Harry aber wollte sie nicht verstehen und entgegnete mit Begeisterung:

"Ganz recht, Madame Dougall; darum muß man selbst das Schwert in die Hand nehmen."

"Denken Sie sich nur, Herr Williams", nahm der Alte wieder das Wort, "kommt da heute früh eine solche elende Kröte von einem Mexicaner von Brazoria herauf und bringt mir von der dortigen Behörde den Befehl, ich solle keinen Ballen Baumwolle eher absenden, als bis ich sie sämmtlich fertig gepackt hätte. Man wollte genau wissen, wie viel Pfund ich gezogen hätte, um danach meine zu zahlende Abgabe zu berechnen. Ist Ihnen schon so etwas vorgekommen? Will man mir einen solchen Kerl hierher in mein Eigenthum schicken, der mir meine Baumwolle nachwiegen soll!"

"Schändlich, schimpflich, unerhört!" versetzte Harry in entrüstetem Tone. "Und werden Sie es sich gefallen lassen?"

"Nimmermehr, so wahr ich ein Kentuckyer bin", antwortete Dougall mit der vollen Kraft seiner Stimme und schlug sich mit der mächtigen Rechten auf seine hochgewölbte breite Brust.

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"Aber, bester Dougall, was willst Du denn thun gegen die Gewalt? Willst Du Dich im gelindesten Falle einer schweren Geldstrafe aussetzen oder Dich gar nach Mexico in die Bergwerke schicken lassen? Nimm doch Vernunft an!" fiel ihm die Frau abmahnend ins Wort.

"Dann reden wir Nachbarn auch noch ein Wort mit; so leicht führt man einen angesehenen Mann wie Dougall nicht von Haus und Hof fort", sagte Harry mit einer drohenden Handbewegung.

"Wie können Sie nur solchen Rath geben, Herr Williams! Warum führte man denn schon viele angesehene Männer von Haus und Hof fort, ohne daß man es verhindern konnte? Sie wissen doch, daß in Brazoria eine Besatzung von einigen hundert Mann liegt und daß Colonel Bradburn[e], ein Amerikaner, dort commandirt", hob die Frau wieder an.

"Dieser Schurke, dieser Verräther an seinen eigenen Landsleuten, der sich für elendes Gold erkaufen läßt, freie Männer unter das Joch solch elenden heuchlerischen Gesindels wie diese Mexicaner zu zwängen, er wird seinem Lohne nicht entgehen!" fiel Dougall mit Entrüstung ein.

"Was kannst Du aber allein gegen so Viele thun, lieber Vater? Gott bewahre uns vor solchen Schreckensscenen!" bat Kate ängstlich. "Und was liegt denn daran, ob man die Baumwolle hier wiegt oder nicht?"

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"In unserm Eigenthum?" fiel ihr die ältere Schwester Alice heftig in das Wort. "Ei, dann dürfen sie uns auch das Brod zuwiegen und wissen wollen, wie viele Eier unsere Hühner legen. Soll mir einer in das Haus kommen!"

Bei diesen heftigen Worten blitzten des Mädchens tiefschwarze Augen ihrer blonden Schwester entgegen und ihre Wangen überflog ein feuriges Roth.

"Das ist echtes Kentuckyblut, welches aus Dir spricht, Alice. Soll man denn nicht mehr Herr in seinem Eigenthum sein?" versetzte Dougall mit einem belohnenden Blick auf die energische Tochter.

"Wer sich treten läßt, verdient getreten zu werden", warf Harry kurz ein.

"Soll denn der Vater sein eigenes und unser aller Glück um einer so unwichtigen Veranlassung willen auf das Spiel setzen, Herr Williams? Die Abgabe müssen wir ja doch bezahlen, ob die Baumwolle hier oder anderswo gewogen wird", sagte Kate noch ängstlicher als vorher und setzte dann mit mildem, besänftigendem Tone hinzu: "Sie sollten dem Vater zum Nachgeben rathen."

"Kann ich ihm rathen, sich beschimpfen, entehren zu lassen, Fräulein?" entgegnete Harry in anscheinend höchster Entrüstung.

"Ich sehe durchaus nicht ein, wie eine Gewaltthat

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entehren kann, Herr Williams", versetzte Madame Dougall, aufgebracht über das Benehmen Harry's. "Wenn Sie uns die Macht geben können, die Gewalt ohne Gefahr für unsere häusliche Ruhe, unsern Frieden zurückzuweisen, so werde ich selbst das Schwert in die Hand nehmen; so aber halte ich Ihren Rath weder für vernünftig noch für freundschaftlich."

"Frau, thue dem Herrn Williams nicht Unrecht, er meint es gut", fiel Dougall ihr schnell in die Rede. "Wohin wird uns unsere Langmuth, unsere Geduld denn zuletzt führen, Madame Dougall!" nahm Harry wieder das Wort. "Man wird die Lasten, die Gewaltthätigkeiten so lange steigern und erneuern, bis wir endlich doch losbrechen und Haus und Herd gegen unsere Unterdrücker vertheidigen müssen. Warum denn nicht schon jetzt diesem Gesindel zeigen, daß wir freie Männer sind?"

"Sie haben Recht, Herr Williams, und wenn mir noch einmal einer dieser erbärmlichen Wichte in meine Einzäunung kommt, so werfe ich ihn wie einen Frosch darüber hinaus, so wahr ich Dougall heiße!" sagte jetzt der Alte entschlossen und setzte dann noch kurz hinzu: "Nun genug, denn wenn ich der Hülfe bedürfen follte, so habe ich Freunde genug, und dann wird Herr Williams auch nicht unter ihnen fehlen."

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"Darauf dürfen Sie sich verlassen, ein Wink von Ihnen und ich setze die ganze Gegend in Aufruhr", erwiderte Harry mit anscheinender Begeisterung.

Madame Dougall aber erhob sich schweigend und begab sich in das Haus. Auch Kate blieb stumm und ergriff die Hecheln, welche ihre Mutter aus der Hand gelegt hatte, nur Alice mußte ihrer Aufregung noch einmal Worte geben und sagte, mit strahlendem Blick lächelnd zu Harry aufschauend:

"Wenn Sie Ihre Freunde unter die Waffen rufen, Herr Williams, so vergessen Sie Alice Dougall nicht."

Harry blieb zum Mittagsessen, und als er nach Tische sein Pferd bestieg und Dougall ihm zum Abschied die Hand reichte, sagte dieser:

"Es bleibt bei der Abrede; wenn etwas geschehen sollte, so lasse ich es Ihnen wissen", worauf jener ihm nochmals seinen Beistand unter allen Verhältnissen zusicherte.

Harry hatte schon lange darauf gehofft, daß Dougall mit den Behörden in Zerwürfniß gerathen möchte, denn dieselben hatten ihre Gewalt bisher nur die kleinern Farmer recht drückend fühlen lassen, die wohlhabendern, einflußreichern waren weniger unmittelbar ihren Chicanen ausgesetzt gewesen. Dougall aber war gerade der Mann, der eine ernste Demonstration gegen sie herauf

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beschwören konnte; er hatte sehr viele Freunde, sehr großen Einfluß, und sein Name wurde im ganzen Lande mit Hochachtung genannt. Wenn einem solchen Manne ein ernstes Leid angethan wurde, dann konnte es an Thätlichkeiten gegen die Behörden und gegen das Militär nicht fehlen, und war einmal der Feuerfunke in die Mine gefallen, so mußten die Flammen emporlodern, dann mußten auch die Gemäßigten zu den Waffen greifen, denn sicher war es, daß die Mexicaner ohne Unterschied gegen sie vorgehen würden. War aber einmal der Schild erhoben, dann legten die Amerikaner auch die Waffen nicht eher nieder, als bis sie die Unabhängigkeit von Mexico errungen hatten, und im schlimmsten Falle rechnete Harry auf die Vereinigten Staaten, die ihre Kinder in Texas sicher nicht im Stiche lassen würden. Mit der Unabhängigkeit von Texas aber würde auch unfehlbar Sklaverei in ihm eingeführt werden, dann machten Harry's Ländereien ihn zum reichen Manne und sein mit Dandon verabredetes großes Unternehmen, Sklaven von Havanna einzuschmuggeln, konnte ins Leben treten.

Es verstrich eine Woche, ohne daß Harry etwas über Dougall's Angelegenheiten mit den Behörden vernahm, er hatte aber die Zeit benutzt, den Fall in der ganzen Umgegend mit den Pflanzern zu bereden und das Unerhörte desselben allenthalben in das grellste Licht zu

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setzen. Da eines Abends kam ihm bei seiner Rückkehr von einem langen Ritte Lucy entgegen und theilte ihm mit, daß ein Neger Dougall's wiederholt da gewesen sei, um ihm zu sagen, sein Herr sei verhaftet und nach Brazoria abgeführt worden. Derselbe hätte einen Wagen mit Baumwolle nach der Galvestonbai abgeschickt, die Mexicaner hätten denselben mit Beschlag belegen wollen und Dougall habe dann Gewalt gegen sie gebraucht und mehrere derselben verwundet, worauf man ihn überwältigt und in Ketten fortgeschleppt habe. Madame Dougall, sagte Lucy, ließe Harry flehentlichst bitten, ihrem Manne zu Hülfe zu kommen, da sie fürchte, man würde ihm ein Leid anthun.

Harry hörte den Bericht nachdenkend mit an und kam nach langem Ueberlegen zu der Ansicht, daß es bei weitem stärker auf die amerikanische Bevölkerung wirken werde, wenn Dougall wirklich nach Mexico in die Bergwerke abgeführt würde, als wenn man ihn jetzt aus den Händen der Mexicaner befreite. Er ritt sofort nach dessen Wohnung, wo er die Frau und die Töchter in Verzweiflung fand, tröstete sie aber mit dem Versprechen, noch in dieser Nacht alle Nachbarn von der Gewaltthat in Kenntniß zu setzen und am folgenden Tage mit den Waffen in der Hand den Gefangenen frei zu machen. Der folgende Tag aber verstrich, ohne daß Jemand zu

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Dougall's Rettung erschien, und am nächsten Morgen lief die Kunde ein, daß Colonel Bradburn[e] Standrecht über ihn gehalten und ihn habe erschießen lassen. Jetzt war Harry Feuer und Flamme, von Farm zu Farm, von Haus zu Haus spornte er sein Pferd und rief zur Rache auf für das Blut eines der angesehensten, bravsten Bürger. Stephan Austin's Wort hatte ungleich mehr Tragweite als das Harry's, auch er zog mit der Aufruhrfahne durch das Land und rief zu den Waffen, General Houston jedoch weigerte sich immer noch auf das bes timmteste, die Fackel der Revolution zu entzünden.

Harry Williams und Stephan Austin an der Spitze von einigen hundert bewaffneten Männern zogen am Tage, nachdem Dougall erschossen worden war, gegen Brazoria, griffen die dortige Besatzung unter Colonel Bradburn[e] an und schlugen sie nach kurzem Widerstand in die Flucht. Die Truppen flohen nach der Meeresküste, erhielten dort aber Verstärkung und trieben dann die Aufständischen wieder zurück über Brazoria hinaus, in welchem Orte sie abermals Garnison bezogen. Colonel Bradburn[e] verfolgte seinen Sieg nicht, und die Gerichte thaten keine Schritte gegen die Aufrührer, sondern ließen den Sturm verwehen, wohl aber sandten sie auf verschiedenen Wegen Eilboten mit Berichten nach Mexico an die Centralregierung.

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Das Frühjahr von 1835 zog neu belebend und verjüngend über das von der Natur zum Paradiese der Welt geschaffene wunderbar schöne Mexico, auf seinem Volke aber lagen düstere Schatten, denn die Blutspuren des Bürgerkriegs waren kaum verraucht und schon ließ er wieder seine entsetzliche Stimme durch das Land schallen. Namentlich in der Hauptstadt herrschte ein dumpfes, unheimliches Schweigen, denn die Tyrannei mit dem Henker in ihrem Gefolge ging durch ihre Mauern.

Der Präsident General Santa-Anna hielt strenges Gericht über Unzufriedenheit und Auflehnung gegen seine Regierung und der Donner von Gewehrsalven verkündete den Bewohnern der alten Kaiserstadt wieder und wieder, daß das Haupt der Republik sich zum Kaiser über sie erheben wollte und einen jeden ihm dabei gefährlich Entgegentretenden erschießen ließ.

Santa-Anna war durch die Volkspartei auf den Präsidentenstuhl gehoben worden, hatte sich aber sofort gegen dieselbe und für die der Aristokraten erklärt, und als jene darauf die Waffen ergriffen, um ihre Rechte zu schützen, hatte er sie in mehreren Schlachten geschlagen und zersprengt und hielt sie dann mit grausamer Strenge nieder. In allen Provinzen des Reichs hatte er geheime Berichterstatter angestellt, und wehe dem, welchen dieselben ihm als verdächtig bezeichneten.

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Namentlich aber in der Haupstadt war die geheime Polizei sehr zahlreich und thätig, und es gehörte zu den gewöhnlichen Ereignissen, daß Personen ohne Angabe eines Grundes aus ihren Wohnungen geholt und ohne Verhör in den Kerker geworfen wurden.

Seit den letzten Aufständen war in Mexico sowie in allen größern Städten des Reichs das Standrecht eingeführt, und wen man als Aufrührer ergriff, der wurde nach kurzem Kriegsgericht erschossen.

Solche Maßregeln, solche Gerichtspflege in einer Republik konnten wohl nicht verfehlen, das Volk gegen den Regenten aufzubringen und es immer wieder zu neuen Versuchen anzutreiben, dessen Gewalt zu brechen. Santa-Anna aber hatte seine Fäden fein und weit über das Land gesponnen und die Interessen der Mächtigen des Reichs so in die seinigen verwoben, daß sie selbst ihm den Weg zum Kaiserstuhle bahnen sollten. Der sehr begüterte einflußreiche Adel sah sich schon als Pfeiler des Throns nächst dem Kaiser stehen, die Geistlichkeit mit ihren unermeßlichen weltlichen Schätzen sah ihre Macht schon weit über dessen Macht erhaben, da er sich selbst demüthig vor ihr beugte, und das Militär fühlte sich als rechter Arm, als ausführende Gewalt Santa-Anna's, der es mit Ehren, mit Orden und mit Gold überschüttete. Die bei weitem größere Masse des Volkes, die [45]

Indianer, hatte er dem Gesetze gegenüber für unvernünftig erklärt, hatte ihnen jedes bürgerliche Recht genommen und sie unter die unumschränkte Gewalt der Alcalden gestellt, deren tyrannisches Verfahren gegen sie durch das Militär und durch die Geistlichkeit unterstützt wurde. Je hoffnungsloser, je verzweifelter aber die Lage der republikanischen Partei sich von Tag zu Tag gestaltete, um so heißer, um so mächtiger glühte in ihr der Wille, das Joch abzuwerfen und die Tyrannei zu stürzen, und immer wieder lieferte sie derselben blutige Opfer.

Da erhoben sich im März vier Provinzen, unter denen auch Texas sich befand, und proclamirten die Reform von Zacatecas. Auch die benachbarten Provinzen betheiligten sich, wenn auch nicht öffentlich, an der Empörung und lieferten Soldaten, Geld und Waffen, sodaß bald ein bedeutendes Heer versammelt war, welches dem Präsidenten seinen Weg zum Kaiserthron streitig machen und ihn auf das Schaffot führen wollte.

Die Hauptstadt bebte, denn man sah auch in ihren Mauern dem Ausbruch des Bürgerkriegs entgegen, sobald die Truppen sie verlassen würden, um gegen den Feind zu ziehen.

Santa-Anna aber wählte nur eine geringe Zahl von ihnen aus, um ihm zur Schlacht zu folgen, die übrigen ließ er in der Hauptstadt zurück, besetzte namentlich die

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Citadelle sehr stark und gab dem Commandanten derselben den Befehl, bei dem ersten Ausbruch von Unruhen die Stadt in den Grund zu schießen.

Mit klingendem Spiel zog er, der gefeierte Kriegsgott, an der Spitze seiner ihn anbetenden sieggewohnten Soldaten hinaus, griff die Empörer an und schlug sie aufs Haupt.

Sein Triumphzug in die Hauptstadt zurück war einer seiner glänzendsten; die Häuser waren aufs festlichste geschmückt, die Straßen, durch die er ritt, mit Blumen bestreut, und von den Balkonen herab begrüßten ihn die Schönen Mexicos unter dem feierlichen Geläute aller Glocken und unter dem Jubel des freud- und prunksüchtigen Volkes.

Jetzt sah Santa-Anna seinen Weg zum Throne offen und vorsichtig that er den nächsten Schritt an ihn hinan, indem er sich für Lebenszeit zum Dictator des Reichs ausrief. In der That war er jetzt Kaiser, denn er ergriff unumschränkt die Zügel der Regierung und sein Wille allein war Gesetz; die Krone wollte er sich dann erst auf das Haupt setzen, wenn er seinen Thron hinreichend befestigt haben würde.

Er kannte die Mexicaner und ihre Leidenschaft für öffentliche berauschende Belustigungen; er ließ die auf seinen Befehl geschlossenen Tanzhäuser öffnen, ließ die

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Musikcorps seiner Regimenter an öffentlichen Vergnügungsorten spielen, hielt glänzende Militärschauspiele ab, zeigte sich täglich von seinem prunkenden zahlreichen Stabe umgeben und gab Volksfest über Volksfest, woran er in eigener Person sich betheiligte. Sein Palast strahlte Nacht für Nacht einen blendenden Lichterglanz aus und rauschende Janitscharenmusik schallte aus dessen Fenstern der jauchzenden Volksmenge in den Straßen zu. Aus allen Theilen des Reichs strömte der Adel in die Hauptstadt, um in dem Lichte der ihnen aufgegangenen Sonne zu glänzen und sich um den Thron ihres künftigen Kaisers zu schaaren, und die Geistlichkeit, deren weltliche Interessen er dem Volke gegenüber schützte und förderte, flehte in allen Kirchen den Segen des Himmels auf ihn herab.

Der Tag, an welchem man dem Dictator huldigte, war ein Festtag, wie ihn Mexico noch nicht gesehen hatte; alle Pracht, aller Reichthum ward entfaltet, Jubel und Lust tönte durch die geschmückte Stadt und Glockengeläute und Geschützdonner ließ sie in ihren Grundmauern erbeben. Die Schatten der Nacht zogen spurlos über das Lichtmeer hin, in dem sie schwamm und das sie in bunten Feuergarben über sich ausstrahlte, und die gewohnte nächtliche Stille floh vor den brausenden Tönen der Feste, der Lustgelage, die in ihr begangen wurden.

Keiner der vielen feurig glänzenden Paläste Mexicos aber bot einen solch zauberhaften Anblick als der des Grafen Don Ventura Romero. Wie ein Feenschloß mit Guirlanden und Kränzen geschmückt, zitterte das prächtige Gebäude in dem Scheine der zahllosen Lichter, die es beleuchteten; vor seinen Miradors glänzten die prächtigsten Blumen aus saftigem Grün hervor und über seinem platten, mit Palmen und Magnolien gezierten Dache wehten die mexicanischen Farben in kolossalen Flaggen. Auf dem großen, mit blühenden Tropengewächsen besetzten Balkone über dem Eingange aber prangte der Namenszug des Dictators in brillantfarbenen Lichtern. Santa-Anna wurde bei dem Grafen Romero zum Balle erwartet. Kopf an Kopf stand die entzückte Volksmenge vor dem Palast zusammengedrängt und ließ kaum Raum genug für die kostbaren Equipagen, welche rasch sich folgend vor die Marmortreppe fuhren und dort ihre reizenden, in Brillanten schimmernden Ladungen absetzten. Wie freudestrahlende Bacchantinnen schwebten die schönen Mexicanerinnen aus den Carrossen hervor und die Treppe hinauf in den hellerleuchteten, zu beiden Seiten mit Blütengesträuch geschmückten Corridor, wo sie von den reich galonirten Dienern des Grafen empfangen und nach den breiten Treppen geleitet wurden. Immer wieder erschallten die jubelnden Vivas der freudig

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bewegten Menschenmasse vor dem Palaste, bis sie plötzlich in einen Sturm von jauchzenden Hochs ausbrach, denn der Gott des Tages, der Dictator Santa-Anna nahte sich in seinem mit Gold überladenen, von sechs prächtigen Schimmeln gezogenen Staatswagen. Kaum hatte das Fuhrwerk Raum genug, um sich vorwärts zu bewegen, so drängte sich das begeisterte Volk zu ihm heran, um einen Blick nach dem irdischen Herrgott thun zu können. Als er aber endlich die Treppe erstieg, da glich der Jubel der Menge einem Erdbeben, und die Vivas stürmten noch ohne Unterbrechung fort, als Santa-Anna von dem Grafen und der Gräfin Romero an der Salonthür feierlichst empfangen und in tiefster Ehrerbietung begrüßt wurde.

Wie in einem Feenreiche schritt der große stolze Mann durch die beiden langen Reihen glänzend geschmückter schöner Frauen- und Mädchengestalten und erwiderte mit huldvoller, doch vornehmer Artigkeit deren Gruß sowie die tiefe Verbeugung der Männer, die hinter ihnen standen.

Dann ließ er sein scharfes Auge durch die Versammlung schweifen und hatte bald die Persönlichkeiten gewählt, die er auszeichnen wollte.

Sein Blick zog sie zu sich heran, und ihnen entgegentretend, goß er in gewandter Rede seine Huld und Gnade über sie aus. Alles stand in Hoffnung und

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Verlangen nach einem Wort, einem Blick von ihm, und wen sein Auge traf, dessen Haupt neigte sich in Verehrung und Unterthänigkeit.

So wandte er sich, Glück und Hoffnung spendend links und rechts, ließ aber auch durch Nichtbeachtung in mancher Brust Bangigkeit, Neid und Haß aufkeimen.

Von dem schönen Geschlecht, welches er stets mit größter Aufmerksamkeit und feinster Artigkeit behandelte und welches ihm immer die schönsten Kränze für seine Siege geflochten hatte, wurde er wahrhaft vergöttert, und auch an diesem Abend strahlten ihm die Augen der vielen um ihn versammelten Schönheiten höchste, leidenschaftlichste Begeisterung entgegen. Er war ein eleganter, hoher, kräftiger Mann, unumschränkter Herrscher des weiten mexicanischen Reichs und Wittwer, drei Eigenschaften, die seinen Werth als liebenswürdiger Cavalier, als Held so vieler Schlachten in den Herzen der Schönen noch sehr erhöhten.

Die Brillantensaat überfunkelnd, waren die Augen der Damen fest auf ihn gerichtet, die blitzenden Fächer wurden mit unnachahmlicher Grazie und Koketterie geschwungen, da öffnete sich die weite Flügelthür zum anstoßenden Saale und die gewaltig rauschenden Klänge der Musik riefen zur Polonaise.

Es war nur ein Augenpaar im Salon, das beim

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Ertönen der Musik in begeisterter Hoffnung und Erwartung nach Santa-Anna hinschaute und in wonnigem Entzücken aufblitzte, als es seinem Blick begegnete. Die Gräfin Donna Laodice Romero war es, die seiner Einladung zur Polonaise sehnlichst harrte und der er sich jetzt mit auszeichnender Artigkeit nahte. Er verneigte sich tief vor ihr, empfing ihre Hand und für die schmeichelnden Worte, die er ihr sagte, ihren Seligkeit strahlenden Blick und führte sie nun in graziösem Schritt den andern Paaren voran in den Saal. Stolz wie eine Kaiserin und triumphirend wie eine Siegesgöttin schritt die schöne Frau im Takte der Polonaise dahin und beantwortete die süßen Worte ihres Führers mit wonnehauchender Stimme, mit glühenden und wieder sehnsüchtig ersterbenden Blicken und mit erwiderndem, bebendem Druck ihrer Lilienhand.

Die Polonaise ging zu Ende und Santa-Anna führte die Condesa in den Salon zurück nach dem Divan, in welchem er sich, seine Lippen dankend auf ihre Hand drückend, neben ihr niederließ. Sie waren zwei schöne Gestalten, und alles Licht schien von ihnen auszugehen, denn des Dictators Brust war mit den kostbarsten Orden bedeckt und die Juwelen der Gräfin waren würdig, eine Kaiserkrone zu schmücken.

Die Tänzer und Tänzerinnen folgten dem hohen

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Paare in den Salon, blieben aber von dem Divan fern und zogen sich bald wieder in den Tanzsaal zurück, denn sie sahen Santa-Anna in eifrigem Gespräch mit der Condesa und fürchteten, daß ihm ihre Gegenwart möglicherweise nicht erwünscht sei. So wanderten nur noch einige Paare hin und her durch den Salon, und bald versammelte die Musik alle wieder in dem Saale, nur Santa-Anna und die Gräfin blieben in dem Divan sitzen, während der glückliche Graf bei den Tanzenden alle Liebenswürdigkeit als Wirth entfaltete.

"Der Sieger in so vielen Schlachten ist auch der Besieger der Frauenherzen; ich zähle mich zu Eurer Herrlichkeit glücklichsten Sklavinnen", erwiderte die Condesa auf eine Frage, welche Santa-Anna so eben leise an sie gerichtet hatte, und faltete, lächelnd ihre schwimmenden Augen zu ihm erhebend, ihre schönen Hände vor der Brust.

"Eine Sklavin, vor der auch der Kaiser seine Kniee beugen wird", hob Santa-Anna schwärmend wieder an.

"Und eine Sklavin, wie sie der Kaiser nie ergebener und treuer besitzen wird", fiel ihm die Condesa begeistert in das Wort.

Dabei wurden ihre schönen Züge immer ernster, und nach einigen Augenblicken fuhr sie fort:

"Eure Herrlichkeit wollen nur eine Friedenskrone

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sich auf das so oft bekränzte Heldenhaupt setzen, das Glück des Friedens aber wird dem Lande nie zu Theil werden, solange das Feuer auf dem Herde der Revolution nicht gelöscht ist, solange man noch gegen Texas mit Milde und Nachsicht verfährt und seine Aufrührer durch Güte und Gnade zu Freunden zu machen hofft; sie sind Schlangen, die wir im Busen nähren, bis sie uns ihr Gift in das Herz gegossen haben. Dieser letzte Aufruhr kam wieder von Texas herüber, von den Ungläubigen, den Ketzern, und unsere innern Provinzen haben die Schrecken des Kriegs dafür ertragen müssen; Texas selbst blieb verschont.

Ueber Santa-Anna's Züge flog es wie ein Schatten und seine buschigen Brauen näherten sich finster.

"Ich weiß es, schöne Condesa", sagte er nach einer kurzen Pause und vergrößerte die sehr geringe Entfernung von ihr, welche während der leisen vertrauten Unterhaltung entstanden war. "Dieses Texas ist ein Krebsschaden in unserm Reiche, und nur die gänzliche Vernichtung des bösen Stoffs, welcher darin lebt, läßt eine dauernde Heilung zu."

"So muß man das Glüheisen anwenden und die schadhafte Stelle ausbrennen; das feurige Schwert Eurer Herrlichkeit hat schon manche Kur vollbracht", versetzte die Gräfin mit aufflammendem Blick.

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"Zu lange schon hat man milde Mittel versucht und hoffte immer, durch Güte sich dort ein treues, energisches Volk als Bollwerk gegen die habsüchtigen Amerikaner zu schaffen. Es war ein Irrthum, ein thörichter Glaube, dieses Ketzervolk still stehen und zufrieden zu sehen; wenn es die halbe Welt sein eigen nennte, so würde es auch die andere Hälfte noch verlangen. Nur die größte Strenge kann uns Texas retten; sie ist dem Amerikaner unerträglich, und steht dann die Bevölkerung in offener Empörung auf, so werde ich dort ein Beispiel statuiren, welches auf lange Zeit alle Einwanderungslust nach Texas ersticken soll. Ich will die mit Blumen übersäeten Prairien mit amerikanischem Blute tränken."

Diese Drohung sagte Santa-Anna in einem scharfen, verbissenen Tone, als verlange er nach dem Augenblick, wo er sie wahr machen könne, fügte dann aber ruhiger hinzu:

"Ich erwarte stündlich Depeschen aus Texas."

"Die treue Sklavin Eurer Herrlichkeit kann Ihnen vielleicht die neuesten Nachrichten von dort mittheilen", nahm die Gräfin wieder das Wort; "ich habe heute Briefe aus Velasco erhalten. Die Amerikaner in der Umgegend von Brazoria haben mit den Waffen in der Hand und mit großer Uebermacht die dortige Besatzung angegriffen und Colonel Bradburne genöthigt,

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sich nach der Meeresküste zurückzuziehen. Dort ist mein Vetter, der Hauptmann Don Alejo Munoz, von Velasco aus zu ihm gestoßen, und vereint haben sie die Aufrührer wieder in die Flucht geschlagen."

"Bradburne wird sie dafür züchtigen", entgegnete der Dictator; "er ist ein gewissenloser Schurke, der für unser Gold seine eigenen Landsleute verräth und geißelt. Er wird die Rädelsführer erschießen lassen und neue Aufstände dadurch veranlassen, bis eine allgemeine Empörung mir vor der Welt das Recht gibt, mit einem Heere gegen die Provinz vorzugehen und mit Gewalt die Ruhe herzustellen; es soll die Ruhe des Todes sein!"

"Warum nicht das Haupt der Schlange abschlagen und dadurch ein allgemeines Blutbad vermeiden?" fiel die Gräfin leidenschaftlich ein. "Es steht nur ein Missethäter an der Spitze der Revolution und sein Tod wird allein hinreichen, Texas zur Ordnung zurückzuführen."

"Nicht doch, Condesa; es sind zwei revolutionäre Parteien in Texas, die eine von Houston, die andere von Austin geführt", entgegnete Santa-Anna.

"Eure Herrlichkeit sind nicht wahr unterrichtet", nahm die Gräfin wieder das Wort. "Die Partei, welche Houston leitet, will sich nicht von Mexico trennen, sie verlangt ja nur die der Provinz früher zugesicherten

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Rechte zu genießen, die andere Partei aber, welche Losreißung von uns verlangt, wird nicht von Austin geleitet, der nur seinen Namen dazu hergibt, ein giftigerer Feind Mexicos führt sie und zieht durch seine rastlosen Umtriebe täglich mehr Anhänger zu ihr hin."

"Sie setzen mich in Erstaunen, Condesa! Meine Nachrichten reden nur von Austin; wer soll denn der Uebelthäter sein?"

"Ein Bösewicht, dem die Natur den Stempel des Guten, des Edlen auf das Antlitz drückte, ein Undankbarer, den Eure Herrlichkeit selbst mit Freundlichkeit, mit Wohlwollen beehrten und dem auch unser Haus mit Vertrauen und Herzlichkeit geöffnet wurde; es ist jener Williams, den der amerikanische Consul Eurer Herrlichkeit vorstellte."

"Williams, der blonde, elegante junge Mann, der hier so viel Aufsehen machte?" versetzte Santa-Anna überrascht.

"Derselbe", antwortete die Gräfin mit gewaltsam unterdrückter Heftigkeit. "Er war es, der die Empörer gegen Colonel Bradburne führte, und er ist es allein, der unermüdlich das Feuer des Aufruhrs durch die Provinz verbreitet. Eure Herrlichkeit können sich selbst davon überzeugen."

Bei diesen Worten zog die Gräfin einen Brief aus

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ihrer Robe hervor und reichte ihn Santa-Anna hin, der ihn hastig öffnete und durchlas.

"Ei, ei, junger Herr, bist du ein solcher Freiheitsheld? Ich will dir den Lorbeer um die Stirne flechten", sagte er, den Brief zusammenfaltend, und gab ihn der Gräfin dann mit den Worten zurück:

"Ich danke Ihnen, Condesa, für die Nachricht, die möglicherweise unserer Provinz Texas viel Leid ersparen kann. Ich werde sofort Maßregeln ergreifen, um den gefährlichen Menschen unschädlich zu machen."

"Nur sein Tod kann dies vollbringen", versetzte die Gräfin heftig und für einen Augenblick ihrer innern Bewegung nachgebend, fuhr aber sogleich in milderem Tone fort: "Bedenken Eure Herrlichkeit, wie vieler Menschen Leben dadurch verschont bleiben könnte!"

Die Musik verstummte. Santa-Anna küßte der schönen Frau abermals die Hand und beide erhoben sich, um unter die in den Salon zurückkehrende, vom Tanze aufgeregte Menge zu treten.

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Drittes Kapitel.

Wenige Tage später, weckte der feierliche Ton aller Glocken der Hauptstadt deren Bewohner und verkündete, daß ein hoher heiliger Festtag, Fronleichnam, erschienen sei.

Die Straßen belebten sich, Menschen aus allen Klassen der Gesellschaft eilten hin und her, und allen sah man es an, daß sie eine frohe, festliche Begeisterung bewegte. Indianer, Neger und Mischlinge von allen Hautfarben sowie das Heer der Leperos bildeten die Volksmassen, zwischen welchen Bürger und Handwerker in ihrem Sonntagskleide, Geistliche und Mönche, mit Gold und Orden gezierte Offiziere und Staatsbeamte sich hin und her drängten, alle in der Richtung nach der Kathedrale. Auf dem großen Platze vor derselben versammelten sich die Gilden, die Beamten der verschiedenen Collegien, der Universität, der Schulen, das ganze Offiziercorps und eine Abtheilung von Grenadieren mit ihrer Musikkapelle.

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Es war ein glühend heißer Morgen, die unbewegte Luft zitterte in dem blendenden Sonnenlicht und ein feiner Staub schwebte wie ein durchsichtiger Schleier über den Tausenden von Menschen, die, wohin man schaute, harrend zusammengedrängt standen.

Da verkündeten die Glocken, daß der Gottesdienst beginnen solle, und die auf dem Platze versammelte Menge folgte ihrem Rufe in den Dom.

Das Innere des letztern war aufs festlichste geschmückt, allen Heiligenbildern waren ihre prächtigsten, von Edelsteinen funkelnden Gewänder angelegt und von dem Hochaltare strahlte ein unberechenbarer Schatz von Gold- und Silbergeschirr seinen Glanz aus. Der Erzbischof, umgeben von der ganzen Geistlichkeit und allen Mönchsorden, hielt Hochamt.

Währenddessen füllte sich das Straßenviereck an der Westseite des Domplatzes immer mehr mit Menschen, da durch dasselbe die Procession ihren Weg nehmen sollte. Diese Straßen glichen einem Zeltgang durch einen Blumengarten, denn hoch über den Balkonen der Palaste zu beiden Seiten der Straßen war ein Sonnendach von weißen Leinen von Haus zu Haus gespannt, alle Fenster, Altane und Miradors waren mit Blüten, Kränzen, Guirlanden, kostbaren Teppichen und reichen Draperien geschmückt und die Straßen selbst

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mit Blumen bestreut. In dichten Massen stand das Volk an den Häusern zusammengedrängt und harrte in der Glut, die es athmete, des Augenblicks, wo es das Bild der Gottheit von deren Dienern umgeben erblicken sollte. Da erschallten von dem Dome her die lustig schmetternden Töne der Janitscharenmusik, die der Procession voranschritt, und bald darauf bewegte sich der feierliche Zug von dem Domplatze in die Straße herein. Ein prächtiger, offener, von sechs weißen Pferden gezogener Wagen trug das blendend in Diamanten und bunten Edelsteinen strahlende und in Gold und Seide gekleidete Symbol der Gottheit, ein Generallieutenant des mexicanischen Heeres saß in reicher glänzender Uniform, die Brust mit Orden bedeckt, als Kutscher auf dem Bock, und zwei Generale, gleich prächtig aufgeputzt, standen als Lakaien hinten auf dem Wagen. Der ehrwürdige, allgemein gefeierte Erzbischof mit seinen Domherren, von sämmtlicher Geistlichkeit und allen Mönchen gefolgt, theilte im Vorwärtsschreiten seinen Segen links und rechts an die heilig ergriffene Menge aus, und der Dictator Santa-Anna, welcher, dem Offiziercorps voran, den Dienern der Kirche entblößten Hauptes nachschritt, trug den Ausdruck tiefster Demuth und Ergebenheit in seinem Aeußern. Alle Beamten, alle Gilden folgten nach und eine Compagnie Grenadiere schloß den Zug.

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Bei dem ersten Erschallen der Musik hatten sich alle Fenster, alle Balkone zu beiden Seiten der Straße mit reich geputzten Damen gefüllt, deren glänzende, mit Silber und Gold verzierte Fächerschaar in ihrem fliegenden Spiele Blitze an der Häuserreihe hinzusenden schien.

In den Fenstern und auf den Balkonen des Palastes Romero war die höchste Nobleza versammelt und die Gräfin Laodice selbst war, als der Zug um die nahe Straßenecke sich ihrem Palais zuwandte, auf den großen Altan getreten.

Diesem und jener Straßenecke gegenüber befand sich vor einem prächtigen Gebäude eine hohe, zu beiden Seiten mit Sphinxen verzierte Marmortreppe, welche Kopf an Kopf mit Zuschauern besetzt war. Es waren dies Leute aus den niedern Volksklassen, die sich vor den sengenden Strahlen der Sonne nicht scheuten, denn durch die Biegung der Straße war in dem Leinendach über derselben eine Oeffnung entstanden, durch welche die Sonne gerade auf die Treppe niederschien. Die Männer beschatteten ihre Gesichter durch die breitrandigen Hüte, welche sie trugen, und die Weiber hatten ihre großen wollenen Tücher über die Köpfe gehangen, um die Sonne von sich abzuhalten.

An der rechten, sich steil auf das Trottoir hinabsenkenden Seite der Treppe stand in der Ecke an die

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Steinwand angelehnt eine Mannsgestalt, von der wenig zu erkennen war. Der schwarze breitrandige Hut sah ihm tief in die Augen gedrückt und die wollene braune Manga, die ihm bis unter die Waden hinabreichte, verhüllte ihn auch bis dicht an den Rand des Hutes, sodaß nur mitunter, wenn er zwischen den beiden vor ihm stehenden alten Wasserträgern hindurch nach der nahenden Procession blickte, sein Gesicht gesehen werden konnte. Dasselbe war sehr bleich, die Augen aber, die daraus hervorsahen, hatten einen unheimlichen Glanz und drückten große Unruhe und Besorgniß aus; ihre raschen Bewegungen, die von Entschlossenheit zeugten, contrastirten seltsam mit der äußern Ruhe, ja Regungslosigkeit, in welcher der Mann verharrte. Er stand augenscheinlich absichtlich so still, um unbemerkt zu bleiben, denn er drückte sich in die Ecke neben der Treppe und machte sich kleiner, als er wirklich war. Die beiden alten Wasserträger, die vor ihm standen, schienen ihm ein paar willkommene Gestalten zu sein, um sich hinter ihnen zu verbergen, denn der eine derselben, ein dunkelgebräunter Mischling, wandte sich nach ihm um und trat etwas zur Seite, indem er sich mit spanischer Grandeza verneigte und dann, sich stolz aufrichtend und seinen zerlumpten, in Fetzen um ihn hängenden Mantel vornehm über die Schulter werfend, sagte:

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"Entschuldigen Sie, Don Ignacio Rejon, ich hatte Sie nicht erkannt", worauf der Angeredete den Wasserträger bei der Schulter erfaßte und ihn bat, wieder vor ihn zu treten.

"Bleib nur vor mir stehen, Gabriel, ich kann über Dich hinwegsehen", sagte er mit dumpfer Stimme zu ihm, hob seine Manga wieder vor sein Gesicht und blickte durch die schmale Oeffnung zwischen seinem erhobenen Arm und seinem Hute hindurch nach der langsam nahenden Procession.

"Ist das Ignacio Rejon, der hinter uns steht?" flüsterte der zweite Wasserträger dem ersten in das Ohr.

"Ja wohl, der Goldschmied, dessen Bruder Santa-Anna vorige Woche erschießen ließ; er will nicht gesehen sein, denn er gehört zu derselben Partei, für die sein Bruder starb, und auch er ist schlecht angeschrieben", entgegnete Gabriel ebenso leise. "Stelle Dich ein wenig näher an mich heran, Manuel, dann kann man ihn nicht sehen."

"Sein Bruder war ein guter Mann; ich habe ihm lange Zeit das Wasser in das Haus getragen und manches Geschenk von ihm erhalten. Auch seine Frau ist gut, sie gab mir immer etwas zu essen, wenn ich zu ihnen kam. Ich habe ihn erschießen sehen; der arme

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Mann, er wollte keinen Kaiser haben", flüsterte der zweite Wasserträger.

"Wozu gab er sich auch mit Dingen ab, die ihn nichts angingen! Kaiser oder Dictator oder Präsident, was kümmert es mich, der eine gibt mir so wenig wie der andere", antwortete Gabriel, warf seinen Mantel abermals mit Grazie über die Schulter und nahm nun seinen Hut vom Kopfe, denn der Wagen mit dem Bilde der Gottheit zog jetzt heran und das Volk zu beiden Seiten warf sich auf die Kniee nieder.

Auch Ignacio Rejon war niedergesunken, doch nur auf sein rechtes Knie, wobei er sein entblößtes Haupt, als ob er bete, bis auf dasselbe hinabbeugte; als aber der Erzbischof vorüberschritt, schaute Ignacio mit einem flehenden Blick zu ihm hinüber, als wolle er seinen Segen erhaschen.

Das Ende des langen Zugs der Geistlichkeit und der Mönche, der dem Erzbischof folgte, war jetzt bis vor die Treppe gelangt, neben welcher die beiden Wasserträger knieten, und Santa-Anna schritt heran. Da zuckte Ignacio zusammen, wandte sich, indem er seine rechte Schulter zurückzog, mehr dem Dictator zu und machte unter seinem Mantel eine Bewegung, als wolle er sich erheben, doch in diesem Augenblick schaute Santa-Anna nach ihm hin, und abermals senkte Ignacio seine Stirn auf sein Knie.

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Während der Dictator nun vorüberging, erhoben sich die Leute in der Nähe der Treppe und verneigten sich tief vor ihm. Auch Ignacio verbeugte sich hinter den beiden Wasserträgern, hielt aber seinen wild aufflammenden Blick auf den dahinschreitenden Santa-Anna geheftet, hob, seinen Mantel zurückwerfend, rasch eine kurze Büchse an seine Wange empor und gab Feuer.

Der Donner des Gewehrs entlockte tausend Kehlen einen Angstschrei, alle Blicke richteten sich auf den Pulverdampf, der noch über der Treppe schwebte, und als dieser sich vorgezogen, sah man die beiden Wasserträger mit Ignacio beschäftigt, der auf dem Boden zusammengesunken war.

Alles drängte sich zu ihm heran; er war eine Leiche, sein eigener Dolch stak ihm im Herzen. Die Kugel aus seiner Büchse war Santa-Anna durch den Federhut geflogen.

In der ersten Bestürzung gerieth der Zug in Unordnung, die Musik war verstummt, und in größter Verwirrung drängte man sich fragend hin und her, um Aufklärung über die Ursache der Störung zu erhalten, die Kunde aber, daß ein Mordversuch auf den Dictator mißglückt und dieser unbeschädigt geblieben sei, beruhigte die Gemüther bald wieder und die Feierlichkeit nahm ihren Fortgang.

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Die beiden Wasserträger Gabriel und Manuel hatte man als Mitverschworene verhaftet und auf Santa-Annas Befehl wurden sie beide am folgenden Morgen erschossen.



In Texas hatte die Execution des Pflanzers Dougall große Aufregung zur Folge gehabt, und mit Besorgniß sahen die Civilbehörden sowie das Militär einem allgemeinen Aufstand entgegen. So sehr aber die revolutionäre Partei auch an Macht zugenommen hatte und so sehr Stephan Austin und Harry Williams sich bemühten die allgemeine Empörung zum Ausbruch zu bringen, so behielten doch die Gemäßigten unter Houston die Oberhand, und es wurde nach vielen öffentlichen Berathungen beschlossen, eine ernste Beschwerdeschrift nach Mexico an die Regierung abzusenden und somit noch einmal das Recht auf dem Wege der Güte zu suchen.

Da warf Santa-Anna selbst den Funken in die Pulverkammer, denn ein Befehl von ihm traf in Texas ein, daß Jedermann bei Todesstrafe seine sämmtlichen Waffen an die Militärbehörden abliefern sollte.

Das war mehr, als der Amerikaner vertragen konnte, und die Erklärung, dem Befehl nicht Folge

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leisten zu wollen, ging einstimmig durch das ganze Land.

Die Gemäßigtsten stellten sich jetzt an die Spitze der Empörung, alle Waffen wurden hervorgesucht und zum Gebrauch in Stand gesetzt und Jedermann versorgte sich mit Pulver und Blei. In allen Theilen des Landes hielt man Berathungen über die Wege, die man der drohenden Gewalt gegenüber einzuschlagen habe, man wählte Wachsamkeitsausschüsse, welche die Schritte der Behörden beobachten mußten, sandte insgeheim Abgeordnete an die Regierung der Vereinigten Staaten nach Washington und ließ ihr die Zuversicht und das Vertrauen der Amerikaner in Texas aussprechen, daß sie eine Mißhandlung ihrer Landeskinder seitens Mexicos nicht dulden werde.

Während dieser Vorbereitungen zum Widerstand traf die Regierung in Mexico Maßregeln, um den Befehl Santa-Anna's auszuführen, und verstärkte alle Militärposten in Texas um das Doppelte und Dreifache. Statt aber die amerikanischen Ansiedler dadurch einzuschüchtern, wurden dieselben nur noch mehr dadurch gereizt und aufgebracht und nahmen jede Gelegenheit wahr, den Behörden den Gehorsam zu kündigen. Harry Williams war allenthalben thätig, die ersehnte Selbstständigkeit von Texas herbeizuführen, und sparte weder Muße noch

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Kosten, um diesem Ziele näher zukommen. In seinem Hause wurden sehr häufig geheime Zusammenkünfte abgehalten, namentlich fanden sich die Vorsteher der verschiedenen Ausschüsse oft bei ihm ein, theils um ihm die Resultate ihrer Bemühungen mitzutheilen, theils um sich mit ihm über weitere Schritte zu bereden.

Eines Abends nach Einbruch der Dunkelheit kamen zu diesem Zwecke zwei hervorragende Männer nach Harry's Wohnung geritten und wurden mit großer Auszeichnung von ihm empfangen. Der eine war ein Richter Namens Jack, ein hochangesehener Herr im Lande, und der andere Colonel Travis, ein Mann von anerkanntem Muth und Entschlossenheit.

Ihre Pferde waren zur guten Pflege abgeführt und sie selbst hattest mit Harry einige Zeit in dessen Wohnzimmer zugebracht und ihm Berichte abgestattet, als die schöne Lucy ihnen anzeigte, daß das Abendessen aufgetragen sei. Harry geleitete seine Gäste nun nach dem Speisezimmer, wo sie bei Tische ihre begonnene Unterhaltung eifrig fortsetzten.

Es war schon nach neun Uhr, als der Richter Jack daran mahnte, daß es Zeit sei, den Heimweg anzutreten, wogegen Harry sich jedoch auflehnte und darauf bestand, daß sie vorher ihm noch die Freude machen mochten, eine Flasche Madeira mit ihm zu trinken. Er gab Lucy

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einen Wink und bald darauf kehrte sie mit dem Wein in das Zimmer zurück und trug mit den Gläsern auch Cigarren auf den Tisch.

Sie hatte so eben auch einen Becher mit Fidibus hinzugefügt und warf Harry einen fragenden Blick zu, ob er noch einen Befehl für sie habe, als die Thür sich langsam aufthat und ein mexicanischer Offizier hereintrat, hinter welchem in dem Corridor Soldaten sichtbar wurden.

"Im Namen der Regierung verhafte ich Sie, Herr Williams, Herr Jack und Colonel Travis", sagte er und trat zur Seite, um seinen Soldaten Einlaß zu geben.

Harry sprang erschrocken auf und mit ihm seine Gäste, sie sahen aber sehr gut ein, daß von einer Gegenwehr gar keine Rede sein konnte, zumal da der Offizier ihnen mittheilte, daß das ganze Haus umstellt sei. Dabei gab er den Soldaten einen Wink und diese nahmen die drei Gefangenen in ihre Mitte und ketteten sie mit den Händen zusammen.

Lucy stand im ersten Augenblick vom Schreck gelähmt da, dann aber erfaßte sie Verzweiflung; sie wollte sich zu Harry hindrängen, der Offizier jedoch wies sie unsanft zurück und gab Befehl zum Abmarsch.

Fort ging es nun in die Dunkelheit hinaus. Den

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Gefangenen war es nicht wohl ums Herz, denn was ihnen bevorstand, war leicht zu errathen. Sie waren den Mexicanern sehr gefährliche Personen und es unterlag keinem Zweifel, daß man sie erschießen lassen würde.

Harry hatte wiederholt seiner treuen Lucy bedeutsame Blicke zugeworfen, denn mit ihr zu reden hatte ihm der Offizier untersagt.

Die Nacht verhinderte das Bekanntwerden ihrer Verhaftung, und wenn auch am folgenden Morgen die Kunde davon eilig durch die Umgegend ziehen würde, so war es dann wahrscheinlich schon längst zu spät, ihnen zu Hülfe zu kommen. Mit solchen schweren Betrachtungen schritten die Gefangenen schweigend in der Mitte der Soldaten auf der Straße nach Brazoria durch die Dunkelheit hin und schlossen im Stillen ihre Rechnung mit der Welt ab.

Kaum aber hatte das Militär mit seiner Beute die Plantage verlassen, als Lucy ihr großes Tuch um sich warf, eine Reitpeitsche ergriff und nach der Einzäunung lief, wo die Reitthiere standen. Ein alter Neger kam ihr dort mit zwei Pferden entgegen; auf das eine schwang sie sich selbst, das andere bestieg der Alte, und fort sprengten sie durch die Nacht dahin. Der Neger voran, die Mulattin hart hinter ihm, blieb Meile auf Meile zurück, ohne daß ein anderer Laut als der Hufschlag und

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das Schnauben der flüchtigen Rosse zwischen ihnen hörbar geworden wäre, da erreichten sie den Urwald, der sich meilenbreit an beiden Seiten des Brazosflusses hinzieht und in dessen tiefem Dunkel sie die Eile ihrer Thiere mäßigen mußten. Nur eine kurze Strecke waren sie in den himmelhohen Wald eingedrungen, als der Neger sein Pferd anhielt, mehrere lange Stücke Kienholz aus einem am Sattel hängenden Bündel zog und dieselben anzündete, um bei ihrem Fackellicht den Weg verfolgen zu können. Kaum aber brannte das Holz, als Lucy ihren Führer wieder zur höchsten Eile antrieb, sodaß die rothe Flamme der Fackel mit ihrem schwarzen Rauche weit im Winde verwehte. Der Weg war sumpfig und grundlos, hier sperrten ihn riesige Baumstämme, die über ihn hingestürzt lagen, dort unterbrachen ihn breite Gräben, in welche das Wasser vom Flusse aus zurückgetreten war, nichts aber vermochte die Mulattin aufzuhalten, und bald erreichten sie das Ufer des Brazosflusses. Hier stand unter den weit ausgestreckten Riesenästen uralter Eichen und Platanen ein verwittertes kleines Blockhaus, dessen Aeußeres nicht vermuthen ließ, daß es einem Menschen als Obdach diene. Dennoch wohnten zwei Amerikaner darin, welche seitens der Aufständischen hier als Fährleute gehalten wurden, um eilig und unbemerkt Botschaften von einem Ufer zum andern

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gelangen zu lassen, denn die Fähren an den Hauptstraßen waren von mexicanischen Soldaten besetzt und bewacht.

Der Neger sprang von seinem Pferde und klopfte an die Thür des Blockhauses, worauf sofort Stimmen darin hörbar wurden und im nächsten Augenblick sich die Thür öffnete.

Zwei junge Männer traten heraus und hielten, vom Licht geblendet, die Hand über die Augen, um zu sehen, wer ihre Dienste verlange.

"Bist Du nicht Herrn Williams' Aron?" fragte der eine den Neger und fuhr dann zu Lucy aufschauend fort:

"Sieh, da ist ja Herrn Williams' schöne Lucy auch! Mein Gott, es ist ihm doch nichts geschehen?"

"Die Mexicaner haben ihn sammt dem Colonel Travis und dem Richter Jack in unserm Hause gefangen genommen und sie nach Brazoria abgeführt", antwortete Lucy mit vor Angst bebender Stimme. "Fahren Sie mich schnell über den Fluß, damit ich den Bruder des Richters, den Colonel Jack, zur Hülfe herbeirufen kann, sonst sind die Gefangenen verloren; man wird sie morgen erschießen. Helfen Sie mir, schnell, schnell!"

"Da ist freilich nicht viel Zeit zu verlieren, denn der Tag wird nicht mehr fern sein, wenn Sie,

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schöne Lucy, bei dem Colonel eintreffen. Wir wollen uns beeilen; Aron, führe die Gäule am Ufer hinunter."

Bei diesen Worten nahm er dem Neger die Fackel aus der Hand und schritt der Mulattin voran an dem steilen Ufer hinab, während Aron die Pferde auf einem Umweg nach dem Wasser hinuntergeleitete. Auch der zweite Fährmann fand sich bei dem dort liegenden Nachen ein, der Neger trug die abgenommenen Sättel in das Schiffchen und trat, nachdem Lucy und die beiden Amerikaner darin Platz genommen hatten, die Pferde an den Zügeln hinter sich herführend, selbst hinein. Die Fährleute trieben mit ihren Rudern den Kahn langsam vom Ufer ab, und Aron zog die Rosse hinter dem Nachen her in das Wasser, sodaß sie demselben schwimmend folgen mußten. Lucy hielt während der Fahrt die Fackel hoch über sich, um die Ruderer die Köpfe der Pferde sehen zu lassen, damit sie ihren Ruderschlag mit deren Eile in Einklang bringen konnten. So zogen sie schweigend über den gewaltigen Strom, und bald beleuchtete das Licht der Fackel die zum Himmel aufstrebende Baumwand mit ihren von den Aesten bis auf das Wasser herabhängenden grauen Moosfahnen. Zwischen denselben hindurch glitt der Nachen dem Ufer zu, welches hier nicht so hoch und steil war als an der

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andern Seite, und leicht erklommen die beiden Pferde von Aron geführt das Land. Nach wenigen Augenblicken hatte der Neger sie wieder gesattelt, die Fährleute halfen Lucy ihr Roß besteigen, und Aron auf dem seinigen voran folgten sie abermals dem oft kaum zu erkennenden Wege durch den Wald. Schon nach Verlauf von einer halben Stunde hatten sie dessen Ende erreicht und trieben in der offenen Prairie abermals die Pferde zum Galopp an, denn je näher Lucy ihrem Ziele kam, um so größer wurde ihre Angst, ihre Verzweiflung. Ihre Blicke schweiften fortwährend an dem östlichen Horizont und spähten nach dem gefürchteten Tag, doch war noch kein Schimmer von ihm zu erkennen, als Hundegebell zu ihren Ohren drang und gleich darauf der Neger eine dunkle Baummasse als die Niederlassung des Colonels Jack bezeichnete.

Im Galopp sprengten sie vor die unter den Bäumen versteckte Wohnung, und während die Hunde sie lärmend umkreisten, ließ der Neger wiederholt ein lautes, dringendes "Hollah!" erschallen.

"Wer ist da?" antwortete es aus einem sich öffnenden Fenster.

"Der Richter Jack ist am vergangenen Abend in dem Hause des Herrn Williams mit diesem und dem Colonel Travis von den Mexicanern verhaftet und

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nach Brazoria abgeführt worden", rief Lucy dem Manne im Fenster zu.

"Mein Bruder?" schrie dieser. "Hölle und Teufel!"

Dann war es wieder still, gleich darauf aber erhellten sich die Fenster, die Thür des Hauses wurde geöffnet und Colonel Jack stürzte aus derselben hervor.

"Mein Gott - Lucy!" rief er überrascht. "Steigen Sie ab und kommen Sie in mein Haus. Wie soll ich es Ihnen danken, daß Sie mir die Nachricht bringen?"

Dann wandte er sich zu dem Neger und sagte:

"Aron, reite, so schnell Du kannst, zu Sheffield, sage ihm, was geschehen ist, und bitte ihn in meinem Namen, mit allen waffenfähigen Männern, die er aufbringen könne, nach der untern Fähre am Brazos zu kommen; er möge keine Minute verlieren."

Zugleich hob er Lucy von ihrem Pferde, befestigte dasselbe mit dem Zügel an einem Baum und geleitete die Mulattin nun in das Haus, wo ihnen bereits die Frau, die Töchter und zwei erwachsene Söhne des Colonels entgegenkamen.

"Charles, reite zu Dickens und bringe aus der Umgegend alle Männer mit, und Du, Ralph, jage zu Townsend", sagte der Colonel zu seinen Söhnen und gab

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dann ähnliche Befehle an zwei Negerburschen, welche in die Thür getreten waren.

Diese sowie die beiden Söhne sprangen eilig fort, während der Colonel sich wieder an Lucy wandte und sagte:

"Sie können hier bei meinen Damen bleiben, Lucy, denn allein dürfen Sie nicht zurückreiten."

"Nein, nein, Colonel Jack, ich begleite Sie, ich reite mit Ihnen nach Brazoria zu meinem Herrn", antwortete die Mulattin auf das bestimmteste und wies jede dagegen gemachte Vorstellung zurück.

"Wie Sie wollen, Lucy", versetzte der Alte. "Es wird aber einen heißen Ritt geben und vielleicht ein noch heißeres Zusammentreffen." Dann zog er einen Stuhl vor das Kamin, in welchem jetzt ein Feuer aufflackerte, und sagte zu der Mulattin:

"Setzen Sie sich, Sie braves Mädchen; Sie sind mir und den Meinigen lieber und willkommener als manche unserer weißen Nachbarn. Nun will ich mich rüsten."

Dann rief er seiner Frau noch zu, das Frühstück zu beeilen, und verließ das Zimmer.

Auch die Damen hatten sich entfernt, um in der Küche hülfreiche Hand zu leisten, da trat Lucy an das Fenster und schaute bebenden Herzens unter dem dunkeln Laubdach, welches das Haus in tiefe Schatten legte,

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nach dem Himmel im Osten. Der bleiche Streif über der flachen Ferne wurde breiter und heller und der erste Schimmer des Tages begann die Dunkelheit von der Erde zu verdrängen.

Lucy hatte ihre Hände auf ihrer Brust gefaltet, hielt ihre Augen flehend zum Himmel aufgerichtet und betete inbrünstig um Rettung für den Geliebten ihres Herzens. Je heller es wurde, um so trüber, um so banger legte es sich um ihre Seele, und wenn sie sich auch sagte, daß noch viele Stunden vergehen müßten, ehe die Soldaten in Brazoria erwachen und Gericht über die Gefangenen halten würden, so war es ihr doch, als ob die Angst sie verzehren wolle, als müsse sie fort zu dem Geliebten fliegen. Immer wieder schaute sie nach ihrem Pferde hin, welches noch ruhig unter dem Baum vor dem Hause stand. Was konnte ihr aber das Thier helfen? Sie kannte keinen Weg von hier nach Brazoria, und wenn sie auch wirklich dorthin gelangen könnte, so lag es ja außer ihrer Macht, nur das Geringste für Harry zu thun.

Da fuhr es ihr wie ein Lichtstrahl durch die Seele; es dröhnte wie ferner Donner zu ihrem Ohr, es kam näher und näher und immer deutlicher erkannte sie den Hufschlag vieler flüchtigen Rosse. Es waren Freunde Harry's, es waren Männer, die zu seiner Rettung herbei

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jagten. Mit stürmischer Eile sprengten jetzt von verschiedenen Seiten einige vierzig Reiter zu dem Haus heran, befestigten die Zügel ihrer Pferde an den Bäumen und traten dann, ihre langen Büchsen an der Treppe aufstellend, in das Gebäude ein.

"Dank, Dank, meine Freunde!" rief ihnen Colonel Jack entgegen und führte sie in das Besuchszimmer. "Wer noch nicht gefrühstückt hat, ist herzlich willkommen, der Kaffee steht bereit; wer aber einen kräftigen reinen Morgentrank zu haben wünscht, der findet ihn dort auf dem Kredenztische. Helfen Sie sich selbst, Gentlemen."

Sämmtliche Gäste machten von letzterer Einladung Gebrauch und bedienten sich auch der Cigarren, die Colonel Jack für sie hingestellt hatte, während dieser sich zu den Seinigen begab und mit ihnen und Lucy schnell sein Morgenbrod einnahm.

Nach sehr kurzer Zeit aber kehrte er mit der Büchse in der Hand zu seinen Freunden zurück und sagte:

"Nun, in Gottes Namen, lassen Sie uns reiten, damit wir in die Nähe von Brazoria kommen, ehe die mexicanischen Schurken erwachen."

Alle eilten hinaus zu den Pferden, Colonel Jack hob Lucy in den Sattel und wenige Minuten später stürmte die ganze Schaar im Galopp davon. Ohne den Thieren Rast zum Verschnaufen zu geben, erreichten sie

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bereits nach einer Stunde den Brazoswald, wo der schmale, sumpfige Weg ihrer Eile Einhalt that. Dennoch trieben sie ihre Rosse zu möglichster Schnelligkeit an, und als die Sonne ihren ersten Blick über die Erde schoß, hielten sie an dem Ufer des Stroms.

Die drei großen Boote, welche hier gleichfalls von den Amerikanern gehalten wurden, hatten bereits die Söhne des Colonels nebst den Freunden, die sie herbeigeholt, über den Fluß gesetzt, und während dieser sich mit seiner Schaar einschiffte, langte auch Aron mit noch mehreren Männern an.

Die drei Gefangenen saßen während dieser Zeit zusammen in einem düstern Blockhaus in der nahe an der andern Seite des Stroms gelegenen Stadt Brazoria und schauten, in sehr ernste Betrachtungen versunken, nach den kleinen Oeffnungen in den Wänden und in dem Schindeldache, durch welche das heitere Licht des Morgens zu ihnen eindrang.

Sie saßen schweigend neben einander auf dem Fußboden, denn Möbel enthielt das Gefängniß keine, und ein jeder von ihnen dachte an das, was ihm das Liebste auf Erden war. Da brach Colonel Travis zuerst das Schweigen und sagte:

"Wäre es im Kampfe für die Freiheit dieses Landes, so würde ich gern sterben, aber so wie

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Schlachtvieh durch dieses heuchlerische, feige Gesindel hinausgeführt und erschossen zu werden, das ist mir schrecklich!"

Dabei warf er einen verzweifelnden Blick nach der Thür und schüttelte die Kette an seinen Händen.

"Wenn nur mein Bruder Kunde von unserer Verhaftung erhielte, er würde uns retten oder sein eigenes Leben verlieren", hob der Richter Jack an. "Meiner Frau und meinen Kindern aber fällt es gar nicht auf, daß ich gestern nicht nach Hause gekommen bin, es ist dies in letzter Zeit zu oft der Fall gewesen. Der Himmel mag sich ihrer erbarmen!"

Harry saß in Gedanken versunken und sah unbeweglich vor sich nieder, nach einer Weile aber strich er seine schönen Locken zurück und sagte:

"Ich gebe die Hoffnung auf unsere Befreiung noch nicht ganz auf. Jedenfalls sind in der Nacht noch alle unsere Nachbarn von der That in Kenntniß gesetzt worden, sodaß sie die Gefahr kennen, in der wir schweben, und es ist unglaublich, daß sie gar keinen Versuch zu unserer Befreiung machen sollten. Meine Mulattin Lucy hat sie sicher beschworen, es zu thun."

"Die Militärmacht hier ist jetzt zu groß, als daß wenige Männer einen Angriff wagen könnten; es liegen augenblicklich über dreihundert Mann hier in Garnison", bemerkte Travis.

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"Und doch würden es unsere Freunde wagen, wenn sie Nachricht von unserm Schicksal hätten", versetzte der Richter. Da wurde von außen der Schlüssel in das Thürschloß gesteckt, und alle drei sahen sich erschrocken an.

"Es geht zu Ende mit uns, die Schurken sind in Eile, weil sie befürchten, daß man uns zu Hülfe kommen möchte", sagte Travis, als die Thür sich öffnete und ein Offizier mit mehreren Soldaten hereintrat. Derselbe gab letztern einen Wink, und ohne ein Wort zu reden, schritten sie zu den drei Gefangenen, nahmen ihnen die Ketten ab und banden ihnen dafür die Hände auf dem Rücken zusammen.

"Ohne Verhör, ohne Urtheil?" fragte der Richter entsetzt, der Offizier antwortete ihm aber nicht, sondern winkte ihnen nur, das Haus zu verlassen.

Widerstand war unnütz, darum folgten alle drei schweigend der Aufforderung und traten in das Freie hinaus, wo eine Compagnie Soldaten sie in ihre Mitte nahm und mit ihnen abmarschirte.

Das Gefängniß lag an der Außenseite der Stadt, sodaß der ernste Zug, ohne Aufsehen zu erregen, aus derselben gelangte, wo er sich dann zwischen Maisfeldern hin dem Walde zu bewegte, der das Ufer des nahen Stroms krönte.

Schweigend schritten die drei Unglücksgefährten

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vorwärts und maßen die kurze Lebensfrist, die ihnen noch vergönnt war.

Colonel Travis ging stolz und hoch aufgerichtet mit zornflammendem Blick dahin, als sei er es, der die Mexicaner zum Tode führe; der Richter Jack dagegen war niedergebeugt und murmelte wiederholt mit tiefem Seufzer: "Mein Weib, meine Kinder!"

Nur Harry glaubte noch nicht unbedingt an sein Ende, wenn er sich auch nicht sagen konnte, worauf er jetzt noch hoffen dürfe, denn es waren ja nur noch wenige Schritte bis auf die Grasfläche vor dem Walde, auf welcher, wie er wußte, auch der alte Pflanzer Dougall erschossen worden war. Ein unnennbares Gefühl des Vertrauens auf eine unerwartete Hülfe kämpfte in ihm lebendig gegen die Ergebung in das Schicksal, welches so nahe, so drohend vor ihm stand, und mit immer größerer Eile ließ er seinen spähenden Blick hin und her durch die Umgegend schweifen. Er dachte an seinen Schiffbruch und an seinen Ritt auf dem Brete in dem Ocean; dort war eine Rettung noch viel unglaublicher gewesen als hier, wo jeden Augenblick seine Freunde erscheinen und ihn befreien konnten. Soweit er aber auch seine Blicke umhersandte, so konnte er doch nichts erkennen, was seine Hoffnung gerechtfertigt hätte, und wie ein Nebelbild sank sie in dem Augenblick zusammen, als er

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die Grasfläche betrat, auf welcher Dougall erschossen worden war. Er erschrak, ein eisiger Frost lief ihm durch die Glieder, sein Schritt wurde unsicher und wankend und seine Augen füllten sich mit Thränen. Scheiden sollte er von dem schönen Leben, das ihn so sonnig beschien - gab es denn gar keine Hoffnung, keine Rettung mehr? Keine! Wie gern hätte er seine Schritte verzögert, seine Henker aber, die herzlosen Soldaten, hielten nicht inne, bis sie auf den kleinen, von einer wilden Hecke eingeschlossenen Platz kamen, auf dem mehrere frische Grabhügel aus dem langen Grase hervorsahen.

"Halt!" rief der Offizier, die Soldaten neben den Gefangenen ließen diese nebeneinander niederknien und alle stellten sich dann auf Commando in kurzer Entfernung vor ihnen in zwei Reihen auf.

Der Offizier trat jetzt zur Seite, "Achtung!" rief er seinen Leuten zu und sein Mund öffnete sich zum weitern Commando, da krachten Büchsenschüsse von dem nahen Walde her, der Offizier und viele der Soldaten sanken getroffen zusammen und mit einem Hurrah, das dem Sturme glich, stürzten die Amerikaner aus dem Dickicht hervor. Wie Spreu vor dem Winde stoben die Mexicaner nach allen Richtungen auseinander und ließen ihre Verwundeten und ihren Offizier zurück, und die Mulattin voran, stürmten die Retter über die Grasfläche

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den Gefesselten entgegen, die jauchzend und jubelnd aufsprangen und deren Freudengrüße beantworteten. Lucy war in der That die erste, die sie erreichte; zitternd und bebend fiel sie vor Harry nieder und umklammerte schluchzend und unter Thränen höchster Seligkeit seine Kniee, dann aber sprang sie auf, löste die Bande von seinen Armen und drückte wieder und wieder ihre Lippen auf seine Hände.

Das Zusammentreffen der Brüder Jack war ein ergreifendes; immer von neuem fielen sie sich in die Arme und priesen den Allmächtigen für die Rettung, womit er sie gesegnet, bis endlich mehrere Stimmen laut wurden, daß es Zeit sei, sich über den Fluß zurückzuziehen, da Colonel Bradburne bald mit seiner ganzen Macht erscheinen werde.

"Ich hätte große Lust, selbst ihn anzugreifen; ich glaube, wir trieben die ganze Bande bis nach dem Golf hinab", rief Colonel Travis auffordernd.

"Jetzt nicht, Travis", fiel ihm Colonel Jack in das Wort. "Wir müssen uns zu einem ernstern, bedeutendem Schlag rüsten. Eins aber dürfen wir jetzt nicht unterlassen, wir müssen dem rettenden Engel danken, der uns noch zeitig hierher gebracht hat; ohne unsere schöne Lucy hätten wir unsere drei Freunde nimmermehr wiedergesehen!"

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Dabei trat der Alte zu der Mulattin hin, ergriff ihre Hand und dankte ihr mit heißen, innigen Worten für den Dienst, den sie ihm und dem Land erwiesen habe: Sein Bruder und Travis thaten es gleichfalls in tief ergreifender Weise, und alle Uebrigen folgten ihrem Beispiele. Trommeln, Hörner und Trompeten schallten von der Stadt her, als die Sieger mit ihren drei geretteten Freunden den Fluß bereits erreicht hatten und sich nach dem andern Ufer einschifften.

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Viertes Kapitel.

Um dieselbe Zeit trug sich weiter im Westen von Texas ein Ereigniß zu, bei welchem die amerikanische Bevölkerung noch viel offener und in größerem Maßstabe den Mexicanern mit Gewalt entgegentrat.

An dem wunderbar schönen Guadelupeflusse, einige sechzig Meilen östlich von San-Antonio, dem Sitz der Provinzialregierung, lag ein Städtchen Namens Gonzales, dessen Einwohnerschaft größtentheils aus Amerikanern bestand. Die unendlich vielen Reize, welche die Natur hier jahraus jahrein entfaltete, hatten die wandernden, eine Heimat suchenden Familien hier zusammengeführt und sie schon seit Jahren an dieses Land gefesselt, trotz der großen Gefahren, welche ihnen die Urbewohner, die Indianer, bereiteten, indem dieselben fortwährend mit ihnen um den Besitz dieses ihres schönen Eigenthums kämpften. Was aber wären alle Gefahren gegen ein irdisches Paradies, wie es hier an den

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ewig grünen, ewig mit Blumen geschmückten Ufern der krystallklaren, rauschend dahinschäumenden Guadelupe ausgebreitet lag! Wolkenlos und durchsichtig spannt sich hier der blaue Aether über den weiten, saftig grünen, wellenförmig auf- und absteigenden Prairien, belebend und ewig verjüngend reizt das Sonnenlicht die reiche Erde zu ununterbrochener schaffender Thätigkeit, und der vom Golf ungehindert und fortwährend über sie hinziehende erfrischende Seewind erquickt und stärkt die Keime, die in üppiger Lebenskraft strotzend aus ihr hervorschießen. Und durch diese mit hohen feinen Gräsern und tausend farbigen Blumen wogenden, unabsehbaren Grasfluren, aus denen sich kleine schattig dunkle Waldgruppen wie Inseln aus dem Meere erheben, schlängelt sich in graziösen Windungen und überschattet von majestätischem Walde die zauberisch schöne Guadelupe und stürzt sich bald tobend und brausend über mächtige Felsstücke, von denen ihr weißer Gischt emporsprüht und kühlend und erfrischend das heimliche Dunkel über ihr durchweht, bald gleitet sie geräuschlos zwischen den üppigen Riesenpflanzen ihrer Ufer hin und spielt mit deren glühend farbigen Blumen und mit den blühenden Ranken und Schlinggewächsen, die aus dem dunkelgrünen Laubgewölbe in ihre klare Flut herabhängen. Dabei zeigt sie dem staunenden Auge in ihrer tiefsten Tiefe das blendend weiße

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Gestein auf ihrem Grund, die zwischen ihm grünenden zierlichen Wasserpflanzen und die goldigen Fische und Schildkröten, die spielend ihre krystallene Flut beleben. Kein Wunder war es, daß um dies schöne Land die Indianer mit den Weißen, die es ihnen entreißen wollten, blutige Kämpfe fochten, und sehr erklärlich war es, daß diese keine Gefahr scheuten, sich in einem solchen Paradiese zu behaupten. Die Wälder spendeten ihnen den kostbarsten Honig und die süßesten Früchte in unglaublicher Fülle, Bären, Hirsche, Antilopen, wilde Truthühner und Prairiehühner gab es hier in endloser Zahl und die Erde lieferte bei der oberflächlichsten Bearbeitung die reichsten Ernten. Der Mensch brauchte hier kaum zu sorgen, die Natur gab ihm Alles freigebig und machte es ihm selbst unnöthig, sich ein Obdach zu bauen, da es eine schönere Wohnung auf der weiten Welt nicht gab, als in dem Schatten der rauschenden Bäume an der kühlen, brausenden Guadelupe.

Dennoch hatten die Bewohner von Gonzales sich recht saubere, dem herrlichen Klima angepaßte Wohnungen aus Holz erbaut und dieselben mit starken Einzäunungen umgeben, um sich gegen einen raschen Ueberfall der Indianer zu schützen. Sie waren, wie es überhaupt dem Amerikaner eigen ist, mit den Waffen vertraut und reichlich damit versehen und hatten schon seit Jahren

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einen Freund in ihrer Mitte, der durch seine Donnerstimme die Wilden schon manchmal in die Flucht getrieben hatte. Es war eine Kanone, ein Zehnpfünder, der stets mit Kartätschen geladen bereit stand, einem Feinde seinen Eiseninhalt zuzuschleudern, und dem Gonzales es zum großen Theile verdankte, daß es bei so vielen Sturmangriffen der Wilden nicht in Schutt und Asche gelegt worden war.

Diese vortreffliche Waffe hatten die Mexicaner nun schon lange mit neidischem Auge angesehen und namentlich in letzterer Zeit war sie ihnen in den Händen der ihnen feindlich gegenüberstehenden Bevölkerung von Gonzales als ein unangenehmer Trumpf erschienen. Aus diesen Gründen beschloß der Gouverneur von Texas, der in San-Antonio seinen Wohnsitz hatte, bei Zeiten dieses gefahrdrohende Instrument aus Gonzales zu entführen und nach San-Antonio zu bringen, und gab einigen hundert Dragonern den Befehl zur Ausführung dieser Vorsichtsmaßregel.

Die Amerikaner aber hatten in San-Antonio wie überall im ganzen Lande ihre Kundschafter, die jeden Schritt der Mexicaner überwachten, und kaum war der Befehl erlassen worden, als auch schon die Nachricht davon durch einen Eilboten nach Gonzales getragen wurde.

Mit großer Entrüstung empfingen die Bewohner

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die Kunde und beschlossen einstimmig, die ungebetenen Gäste bei ihrem Eintreten mit der Kanone selbst zu begrüßen. Dieselbe wurde sofort in die Straße gefahren, durch welche die Reiterei in die Stadt einziehen mußte, und vor das Geschütz stellte man einen großen Kastenwagen hin, der dasselbe vor dem Blick der Mexicaner verbergen sollte. Die ganze männliche Bevölkerung aber griff zu den Waffen und vertheilte sich hinter den Fenstern, Thüren und Seiten der Häuser, um zugleich mit der Kanone den Feinden ein blutiges Willkommen zu geben.



Es war ein heißer, stiller Tag und die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht, als die vor der Stadt auf einer Anhöhe ausgestellten Wachen die Nachricht in dieselbe brachten, daß eine dichte Staubwolke in der Prairie von San-Antonio her heranziehe und daß man Reiterei darin erkannt habe. Alle Männer sprangen auf ihre Posten, die Büchsen wurden zum Schuß bereit gemacht, und mit wachsender Spannung schaute man verstohlen aus den Verstecken in der Straße hinauf und sah von Augenblick zu Augenblick dem Erscheinen der verhaßten Feinde entgegen. Da erschallte der hellklingende Ton von Trompeten und zwischen drei-

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und vierhundert Dragoner kamen in geschlossenen Reihen in die Straße hereingetrabt. Bei dem Kastenwagen vor dem Geschütz stand eine Anzahl von Männern, wie an demselben beschäftigt, und bei der Kanone dahinter verbargen sich lauernd vier kräftige junge Burschen, bis die Dragoner sie auf fünfzig Schritte erreicht hatten. Da zog man den Wagen mit Blitzesschnelle zur Seite, ein schwarzgelockter Jüngling drückte die brennende Lunte auf das Geschütz, die Kavallerie stutzte, aber im selbigen Augenblick entlud sich die Kanone und schleuderte mit einem Donnergruß ihren Eisenregen in die dicht zusammengedrängte Reiterei. Zugleich aber blitzten und krachten Hunderte von Büchsen von beiden Seiten der Straße und sandten ihr tödtliches Blei unter die Dragoner, die jetzt in Schreck und Entsetzen sich wandten und in der Flucht ihr Heil suchen wollten. Zu dicht aber zusammengepreßt, kamen sie nicht vom Platz. Mac-Coor, einer der Bedienung bei dem Geschütz, schob eine neue Büchse mit Kartätschen in dasselbe hinein, Albert Randolph, der die Lunte hielt, drückte sie wieder an den Zünder und abermals flog die Eisenladung donnernd und pfeifend in die verworrenen Reihen der Mexicaner. Jetzt hatten die letzten Glieder derselben das Weite gesucht, alle stürmten nun über ihre gefallenen Kameraden hinweg aus der Stadt hinaus, und noch manche

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Büchsenkugel flog ihnen nach. Gegen achtzig Dragoner blieben unberitten, verwundet o der todt in der Straße zurück, und die Männer und Weiber von Gonzales eilten den Verwundeten zu Hülfe, um ihnen beizustehen und ihre Schmerzen zu lindern.

Mit Festigkeit und Entschlossenheit aber wurden jetzt eiligst Anstalten getroffen, die Stadt zu befestigen und gegen einen Angriff einer größern Truppenmacht, welche man unfehlbar am folgenden Tage von San-Antonio her erwarten mußte, zu vertheidigen.

Albert Randolph hatte, von Mac-Coor geführt, seine Flucht aus den Vereinigten Staaten glücklich vollbracht und war, durch Texas nach dessen gepriesenem Westen ziehend, durch die Schönheit der Natur um Gonzales an dieses Städtchen gefesselt worden. Niedergebeugt vom Schicksal und zerfallen mit der Menschheit, hatte er hier still und ungekannt gelebt, bis die amerikanische Bevölkerung sich gegen die mexicanische Tyrannei zu sträuben begann und diese die Ketten noch fester zu ziehen sich bemühte. Bei der Rückkehr Austin's aus der Gefangenschaft in Mexico trat Albert zuerst aus seiner Unthätigkeit, seinem Unbekanntsein hervor in das politische Leben und nahm Partei für Austin. Er war oft und viel mit ihm zusammen, Austin lernte bald seinen hohen geistigen Werth kennen und sah in ihm

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einen Mann, der in der politischen Gestaltung von Texas eine große Rolle spielen müsse. Bei allen Volksversammlungen und Berathungen in diesem westlichen Theile des Landes wurde Albert's Stimme gehört, das Begeisternde, Hinreißende seiner prächtigen, klaren und doch hochpoetischen Rede gab immer bei Verschiedenheit der Meinungen die Richtung an, der man schließlich folgte, und seinem weitgreifenden klaren Blick in die politischen Zustände sowie seiner Thätigkeit verdankte die Partei Austin's die Macht, die sie bald erlangte. Gänzlich unbekannt aber blieb es, daß er der Dichter Albert sei, er war nur der Advocat Randolph, ein Name, der über ganz Amerika verbreitet ist. Zugleich mit Entfaltung seiner Thätigkeit für die Freiheit von Texas widmete er sich wieder literarischen Arbeiten, und wohl seine werthvollsten poetischen Schöpfungen verdanken dieser Zeit ihre Entstehung. Sie erschienen im Norden der Vereinigten Staaten unter dem Namen Albert, während Niemand wußte, wo der Dichter lebte. Was ihm aber sein hartes Geschick erträglich machte, war seine Correspondenz mit der Geliebten seines Herzens, mit Blancha, die ihm regelmäßig wöchentlich Nachricht von sich gab, und aus vielen seiner wunderbar herrlichen Poesien klingt seine hochbegeisterte schwärmerische Liebe für die ferne Geliebte hervor.

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Albert war neben Austin eine der bedeutendsten Persönlichkeiten im Westen von Texas und sein Name stand in San-Antonio und selbst in Mexico sehr schwarz angeschrieben.

Mac-Coor folgte ihm, wo er ging und stand, wie sein Schatten nach, obgleich er ihm seine Gesellschaft nie aufdrängte, im Gegentheil, er vermied es vor der Welt, als ein näherer Bekannter von ihm zu erscheinen, und wenn ihm Albert im Gefühl seiner unverlöschlichen Dankbarkeit manchmal einen leisen freundlichen Vorwurf darüber machte und ihm sagte, daß er seit ihrem Bekanntwerden nur Gutes von ihm gesehen habe und daß er seiner Freundschaft werth sei, so antwortete ihm Mac-Coor in einem Ton der Selbstverdammung, daß er für das Gute, welches er ihm gethan, sich habe bezahlen lassen und daß es dadurch jeden Werth verloren habe.

Sowie die Männer von Gonzales bei allen öffentlichen Angelegenheiten Albert's Wort zu Rathe zogen, so leitete er auch an dem Abend, nachdem die Dragoner zurückgeschlagen waren, die Vorkehrungen zu einer nachdrücklichen weitern Vertheidigung, welche schnell mit aller Energie getroffen wurden; denn in San-Antonio lagen gegen dreitausend Mann mexicanische Truppen, die sicher bald erscheinen würden, um die Niederlage ihrer

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Kameraden an Gonzales und dessen Bewohnern zu rächen. Während Albert nun die Eingänge in die Stadt durch Gräben und Erdaufwürfe für Cavallerie unzugänglich machen ließ, sandte er auch zugleich reitende Boten nach allen Richtungen in das Land und rief die in der Umgegend wohnenden Amerikaner zu den Waffen. Es war schon spät in der Nacht und noch herrschte in Gonzales die größte Thätigkeit, als plötzlich eine ganz unerwartete Hülfe in der Noth erschien: Stephan Austin langte mit einigen hundert bewaffneten und berittenen Männern vor der Stadt an. Austin, welcher in der nach seinem Vater genannten Stadt Austin lebte, hatte gleichfalls am frühen Morgen von dem beabsichtigten Ueberfall der Mexicaner Kunde erhalten und eiligst alle Männer in seiner Nähe zur Hülfe aufgerufen und hierher geführt. Außer ihnen trafen aber in der Nacht noch viele Streiter aus der Umgegend von Gonzales ein, sodaß, als der Morgen graute, gegen vierhundert Männer in der Stadt sich befanden, die jetzt mit begeistertem Verlangen dem Erscheinen des Feindes entgegensahen.

Derselbe ließ auch nicht lange auf sich warten, denn die Sonne stand noch ziemlich hoch über dem flachen Horizont, als zweitausend Mann Mexicaner mit zwei Geschützen vor der Stadt anlangten und sofort

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Anstalten zum Angriff machten. Ehe eine halbe Stunde verging, war der Kampf im vollen Gange. In der Ueberzeugung, die kleine Macht, welche ihnen die Stadt Gonzales entgegenzusehen vermochte, erdrücken zu können, stürmten die Mexicaner mit hartnäckiger Wuth gegen sie an, wurden aber von dem mörderischen Feuer der kaltblütigen Amerikaner immer wieder zurückgeworfen, bis sie an ihrem großen Verluste erkannten, daß die Stadt Hülfe von außen erhalten haben müsse. Nach zweistündigem Gefechte zogen sie sich zurück, um ihren Heimmarsch anzutreten, da brach aber Austin mit allen berittenen Männern aus der Stadt hervor und trieb die Feinde meilenweit auf ihrer tollen Flucht davon, bis die Nacht der Verfolgung ein Ziel setzte. Die beiden Kanonen der Mexicaner wurden erbeutet und im Triumph in die Stadt Gonzales eingeführt.

Die Fahne des Aufruhrs war jetzt entfaltet und die Kriegsposaune schallte durch ganz Texas von dem Sabine bis zum Rio Grande. Allenthalben griff man zu den Waffen, sammelte sich in Schaaren und verjagte alle kleinen Militärposten der Mexicaner; der Oberst Bradburne wurde in Brazoria angegriffen, zog sich aber nach der Meeresküste bis Velasco zurück und fand bei dessen Vertheidigung seinen Tod. Nachdem seine Truppen zersprengt waren, setzten die Sieger nach

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der Insel Galveston, dem einzigen Hafen von Texas für große Seeschiffe, über, entwaffneten die mexicanische Besatzung des dortigen Forts und vergrößerten dessen Vertheidigungswerke.

Nur die beiden mit Befestigungen versehenen Städte San-Antonio und Goliad waren noch mit mexicanischen Besatzungen versehen, sonst war das ganze Land von ihnen gesäubert, und mit ihnen waren auch alle mexicanischen Behörden verschwunden. Die Unabhängigkeit, die selbstständige Republik von Texas war ausgerufen, es wurde ein Präsident gewählt, und unter ihm trat in San-Felipe der Congreß zusammen, um das neue Reich zu regieren.

Der letzte mexicanische Soldat sollte nun auch noch aus dem Lande vertrieben werden, und um dies zu vollbringen, sammelte und organisirte Stephen Austin am Coloradoflusse eine Streitmacht.

Bis hierher hatte Harry Williams mit rastloser Thätigkeit, mit Aufbieten aller seiner Kräfte, seines ganzen Einflusses an der politischen neuen Gestaltung von Texas gearbeitet und selbst seine eigene Sicherheit mitunter aus den Augen gesetzt, jetzt aber war das Ziel erreicht, für welches er Alles gethan hatte, und mit hochfliegenden Hoffnungen wandte er sich nun seinem alleinigen Interesse zu, um die Früchte seiner Bemühungen zu

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ernten. Im Stillen sagte er der neuen Republik und den Gefahren Lebewohl, übergab seinem Bruder Ashmore die Aufsicht über sein Eigenthum und schiffte sich nach Neuorleans ein. Endlich konnte er sich einmal wieder den Genüssen der Weltstadt hingeben, und so sehr ihn auch sein Eigennutz nach Natchez zog, so verzögerte er doch mehrere Tage seine Abreise und genoß in vollen Zügen die Freuden, die ihm hier geboten wurden.

Wie verabredet, hatte er Dandon immer von Texas aus mit dem Gange der Dinge dort bekannt gemacht und ihn schließlich davon in Kenntniß gesetzt, daß er in Kürze bei ihm eintreffen werde, um nun die große Sklavenspeculation ins Leben treten zu lassen.

Nachdem er sich in möglichster Eile für die Entbehrungen in Texas entschädigt und seine in diesem wilden Lande sehr verwahrloste Toilette wieder vervollständigt hatte, begab er sich auf einen der prächtigen Dampfer, welche regelmäßig zwischen Neuorleans und Cincinnati fahren. Auf diesen Schiffen hält sich jahraus jahrein eine große Zahl von Leuten auf, die sich Sportsmen nennen, unter welchem Namen nicht allein Liebhaber von Pferderennen, Hahnengefechten und Wetten, sondern Glücksritter im Allgemeinen und insbesondere Spieler, Schwindler und Gauner aller Art verstanden werden.

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Sie leben von der Unvorsichtigkeit, der Unerfahrenheit, Dummheit und Gutmüthigkeit der Passagiere, indem sie denselben in irgend einer Weise das Geld abzunehmen wissen.

Kaum hatte sich das Schiff, auf welchem Harry sich befand, den Fluß hinauf in Bewegung gesetzt, als auch sofort in der großen Kajüte ein Spieltisch etablirt wurde, an welchem einige Sportsmen Platz nahmen und die herzutretenden Reisenden einluden, sich an einem gemeinschaftlichen Kartenspiel zu betheiligen.

Harry stand unweit des Tisches und unterhielt sich damit, zu beobachten, wie sich so viele bethören ließen und wie schnell und geschickt sie von diesen Gaunern um ihr Geld betrogen wurden.

Da öffnete sich die Kajütenthür und Harry's Blick wurde in höchstem Erstaunen von einem eintretenden Mann gefesselt, welcher eine so große Aehnlichkeit mit Herrn Dandon in Natchez hatte, daß er ihn wirklich im ersten Augenblick für denselben gehalten hatte. Freilich war des Mannes Erscheinung eine ganz andere als die Dandon's, denn er war sehr abgerissen in seiner Kleidung und bewegte sich mit einer Art von Schüchternheit, dennoch blieb die Aehnlichkeit mit Dandon in Gesicht und Gestalt eine ganz auffallende, ungewöhnliche und hielt Harry's Aufmerksamkeit gefesselt.

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Der Mann hatte sich sehr langsam und von den um den Tisch Versammelten unbemerkt denselben genähert und sich hinter mehreren der Spielenden dem Bankhalter gegenüber aufgestellt und schien dem Spiele zuzusehen, ohne sich im entferntesten dafür zu interessiren. Nur Harry, der immer noch seinen verwunderten Blick auf ihm ruhen ließ, bemerkte bald, daß er keineswegs so unthätig dastand, sondern mit dem Bankhalter in vollster Thätigkeit war, indem er demselben fortwährend Zeichen gab und zugleich in den Karten der vor ihm sitzenden Spielenden las. Er war also ein geheimer Verbündeter der Sportsmen und seine Hülfe erprobte sich auch als eine sehr wirksame, denn die Spielenden verloren ihr Geld, sie mochten setzen, wie sie wollten. Nach Verlauf von einer Stunde war Niemand mehr da, der noch Geld verlieren wollte, die Sportsmen forderten umsonst zum Spiel auf, sie blieben allein am Tische zurück. Das Ebenbild Dandon's wandelte wie in Gedanken verloren einigemal in der Kajüte auf und ab und ging dann hinaus auf das Verdeck.

Harry's Interesse für den Mann hatte sich noch mehr gesteigert und er folgte ihm, um seine persönliche Bekanntschaft zu machen.

"Ich darf Sie wohl um etwas Feuer bitten", sagte

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er zu ihm tretend und nahm eine Cigarre aus seiner Tasche hervor.

"Mit Vergnügen", antwortete der Mann, indem er Harry seine brennende Cigarre reichte, wobei er ihn scharf fixirte.

An diese erste Annäherung knüpfte Harry nun, indem er dem Fremden seinen Namen nannte, eine weitere Unterhaltung, sprach vom Wetter, von dem Schiff, auf dem sie fuhren, und von schlechten Zeiten und lud schließlich den Mann ein, mit ihm ein Glas zu leeren. Sie begaben sich in die Kajüte nach dem Schenktische, und als der Kellner ihnen die Gläser, den Zucker und die Flasche mit Cognac zugeschoben und der Mann sein Wasserglas mit Branntwein gefüllt und noch ein wenig Wasser hinzugegossen hatte, sagte Harry mit zutraulichem, freundlichem Tone:

"Nun weiß ich aber noch nicht, auf wessen Wohl ich trinken werde."

"Mein Name ist Capper", antwortete der Fremde, verneigte sich mit den Worten: "Ihr Wohlsein, Herr Williams!" und leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen, während Harry, ihn in gleicher Weise begrüßend, nur wenig trank, dann seinen neuen Bekannten beim Arm nahm und wieder mit ihm hinaus auf das Verdeck ging. Dort reichte er ihm eine

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neue Cigarre und sagte im Laufe der Unterhaltung zu ihm:

"Sie sind Sportsman, sowie auch ich es früher war, doch scheint das Glück Ihnen weniger hold gewesen zu sein als mir."

Capper sah Harry überrascht an und entgegnete mit einem verbissenen Lächeln:

"Es war mir recht hold gewesen und ich hielt den besten Spieltisch zwischen Neuorleans und Cincinnati, da fiel ich einer Bande von geschicktern Sportsmen, als ich es war, in die Hände, die mich ausplünderten und dann verhöhnten. Einem derselben vertrieb ich das Lachen, ich stach ihm fünf Zoll Eisen in die Rippen und würde dafür in Natchez gehangen worden sein, wenn nicht mein alter Freund, der Advocat Hanley, mir durchgeholfen hätte. Nun muß ich wieder klein anfangen."

"Sie thun mir leid, alter Kamerad", sagte Harry mit Theilnahme, zog seine Börse und reichte Capper einige Goldstücke mit den Worten hin: "So wird Ihnen eine kleine Hülfe nicht unwillkommen sein."

"Ich nehme sie mit Dank an, und kann ich Ihnen gelegentlich dienlich sein, so dürfen Sie es mich nur wissen lassen. Ich fahre regelmäßig auf diesem Boote, bin aber auch immer in unserm Club in Neuorleans in der Burgundystraße zu erfragen; da Sie selbst Sportsman

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waren, so wissen Sie dort Bescheid. Den Bob Capper kennt Jedermann."

"Wer kann sagen, wann und wie man einen Freund nöthig hat", versetzte Harry leichthin und gab dann der Unterhaltung eine andere Richtung.

Harry hatte in der That keinen, auch nicht den entferntesten Grund, weshalb er diesen Mann sich verpflichtete oder überhaupt dessen Bekanntschaft machte, es war lediglich der innere Trieb, keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen zu lassen, die ihm möglicherweise einen Vortheil über seine Mitmenschen verschaffen konnte, und wer wußte, wie ihm die auffallende Aehnlichkeit dieses Mannes mit Dandon noch von Nutzen werden mochte? Er stand auf dem Punkte, mit diesem in eine Geschäftsverbindung zu treten, deren Tragweite nicht abzusehen war und durch welche er jedenfalls einen möglichst hohen Gewinn von Dandon zu ziehen hoffte.

Während der Fahrt unterhielt sich Harry häufig mit Capper, tractirte ihn oftmals an dem Schenktisch und bat ihn schließlich, als er selbst in Natchez das Dampfboot verließ, immer in dem besagten Club in Neuorleans zu hinterlassen, wo man ihn finden könne.

Mit schwellenden Erwartungen betrat Harry wieder die Stadt, von der er bei seinem letzten Hiersein seiner Meinung nach einen so gewandten, genialen Abschied

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genommen hatte, und lächelnd ließ er auf seinem Wege nach dem Hotel alle Abenteuer, die er hier bestanden, an seiner Erinnerung vorüberziehen. Auch das Bild des verhaßten Randolph trübte seine begeisterte Laune nicht, denn ihn hatte er ja glücklich aus seinem Wege geschoben, wenn derselbe auch, wie ihm der alte Dandon geschrieben hatte, dem Galgen entgangen war. Keinesfalls hatte er in ihm noch einen Nebenbuhler zu fürchten.

In dem Hotel angelangt, machte er schnell Toilette, denn es war noch Zeit zu einem Vormittagsbesuch, bestieg den bestellten Wagen und fuhr nach Dandon's Haus.

Der Diener, der ihn an der Thür empfing, theilte ihm mit, daß Herr Dandon ausgegangen sei, worauf Harry ihm seine Karte gab und ihn bat, ihn bei Fräulein Blaucha zu melden.

Nach wenigen Augenblicken jedoch kehrte der Neger mit der unangenehmen Antwort zurück, daß Fräulein Dandon für ihn nicht zu sprechen sei.

Harry entfärbte sich und war im Begriff, seinem Zorn Worte zu geben, doch der Gedanke an Dandon und den Gewinn, den er von ihm ziehen wollte, ließ ihn seinen Aerger verbeißen, und schweigend kehrte er in den Wagen zurück, der ihn eiligst nach dem Leseclub

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führte. Kaum trat er in das Zimmer ein, als Dandon ihm entgegeneilte und ihn mit den Worten bewillkommnete:

"Endlich, endlich, bester Freund! Wo blieben Sie so lange? Ich habe Sie schon vor mehreren Tagen erwartet."

"Dringende Geschäfte hielten mich in Neuorleans auf", antwortete ihm Harry und begab sich mit ihm nach einem andern Zimmer, wo sie allein waren und im Sopha Platz nahmen.

"Gott Lob, daß Sie da sind", hob der Alte nun in großer Aufregung an. "Ich habe mit Ungeduld Ihrer Ankunft entgegengesehen. Wir dürfen keine Stunde verlieren, das Eisen ist heiß, es muß geschmiedet werden. Alles ist ja über jede Erwartung nach Wunsch gegangen, und unser Gewinn wird enorm sein."

"Ganz so, wie ich es Ihnen vorausgesagt habe; Meine Berechnung war richtig", bemerkte Harry in gleichgültigem Tone und legte sich nachlässig in die Ecke des Sophas.

"Sie sind eine Perle von einem Geschäftsmann", fuhr Dandon begeistert fort. "Auch in Havanna stehen die Sachen günstig, die Neger sind niedrig im Preis und in Menge zu haben. Lassen Sie uns das Geschäft möglichst bedeutend machen."

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"Wir müssen uns leider nach der Decke strecken", sagte Harry ruhig.

"Wie so nach der Decke strecken?" fiel ihm Dandon hastig in das Wort. "Meine Decke ist lang, länger, als wir sie bedürfen, das Geld liegt bereit!"

"Ja, ja, verehrter Herr Dandon, daran habe ich auch nicht gezweifelt", antwortete Harry, ohne seine Lage zu ändern; "wir sind aber an das Fahrzeug gebunden, denn nur ein kleiner Schooner kann in die Flüsse von Texas einsegeln, und wenn wir die Neger wie Häringe zusammenpacken, so bringen wir doch nicht mehr in ein solches Schiff als hundert Stück."

"So nehmen wir zwei Schiffe, bester Freund. Unter zweihundert Stück dürfen wir das Geschäft nicht machen; es wäre ja unverzeihlich und eine Sünde, eine solche Gelegenheit nur halb benutzt vorübergehen zu lassen."

"Da haben Sie wohl Recht; zweihundert Neger wäre nicht zu viel und sie werfen schon einen schönen Nutzen ab, namentlich durch ihre Arbeit in Texas. Wissen Sie wohl, bester Herr Dandon, daß dort ein guter Neger durch Baumwollenpflanzen jährlich doppelt seinen eigenen Werth einbringt?"

"Ungeheuer!" sagte Dandon, sich wohlgefällig die Hände reibend. "Nun aber an das Werk; wann wollen Sie abreisen?"

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"Je eher, desto lieber. Es würde aber wohl gut sein, wenn Sie mich bis Neuorleans begleiteten und dort meine Nachricht von Havanna, daß ich die Neger zusammengekauft, abwarten wollten, damit Sie die beiden Schiffe ganz genau nach meiner Vorschrift absenden könnten", entgegnete Harry.

"Sehr gern, ich habe ohnehin Neuorleans seit mehreren Jahren nicht im Festkleide gesehen. So lassen Sie uns übermorgen reisen", versetzte Dandon eifrig.

"Recht sehr bedaure ich, Ihrer Fräulein Tochter nicht meine Aufwartung machen zu können", sagte Harry nun. "Ich ließ mich, ehe ich hierher kam, bei ihr anmelden, erhielt aber die Antwort, daß sie für mich nicht zu sprechen wäre; ich muß Ihnen gestehen -"

"So macht sie es mit allen Freunden. Sie hat seit jenem unglückseligen Ereigniß, von dem ich Ihnen schrieb, auch nicht einen Besuch angenommen, noch ist sie erschienen, wenn meine Freunde bei mir waren. Es ist ein wahres Schicksal; ich habe eigentlich keine Tochter mehr, und all dies Unglück habe ich jenem Schurken zu verdanken, jenem Randolph, den der Teufel zuletzt noch gerettet hat."

"Wissen Sie nicht, wohin er geflohen ist?" fragte Harry.

"Nein, man hat durchaus seine Spur nicht finden

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können. Vor einigen Tagen las ich in den Nachrichten von Texas, daß ein Advocat Namens Randolph dort eine Rolle spielt, er ist die rechte Hand von Austin, und ich dachte, ob er nicht am Ende der Bösewicht sei, der hier unter dem Galgen fortlief."

"Nein, nein, das ist ein Anderer, ich habe ja viel von ihm gehört; er ist ein Mann, der schon seit Jahren in Gonzales gewohnt haben soll", entgegnete Harry beruhigend.

"Lassen Sie uns nicht weiter daran denken und gehen Sie mit mir nach Hause, Sie müssen bei mir essen", sagte Dandon, sich erhebend.

"Das kann ich nicht gut, verehrter Herr Dandon. Ich bin noch nicht bei meiner Mutter gewesen und werde wohl bei ihr zum Essen bleiben müssen. Aber nach Tische komme ich zu Ihnen, damit wir unser Geschäft vollständig besprechen können", erwiderte Harry, verließ mit Dandon den Leseclub und begab sich zu seiner Mutter.

Er war sehr viel mit Dandon zusammen, bekam aber Blancha mit keinem Auge zu sehen und schiffte sich mit dem Alten am zweitfolgenden Morgen wieder nach Neuorleans ein.

Das erste Geschäft, welches die beiden neuen Compagnons vornahmen, war, daß sie zwei schnellsegelnde Schooner mietheten, groß genug, um zweihundert Neger

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in ihnen unterbringen zu können. Dann ließ Dandon durch seinen Banquier einen Credit von fünfzigtausend Dollars nach Havanna für Harry ausfertigen, und wenige Tage später befand sich dieser mit hochstrebenden Plänen am Bord eines Paquetschiffs auf den grünen Wogen des Golfs.

Gleich nach seiner Ankunft in Havanna gab er seine Empfehlungsbriefe an die ersten dortigen Häuser ab und wurde mit der allergrößten Auszeichnung empfangen. Er stellte sich als Theilhaber einer bedeutenden Besitzung auf der Insel vor, welche an der Südseite derselben unweit Trinidad de Cuba gelegen und welche zu bebauen er von Neuorleans herübergekommen sei. Er sagte, daß er seinen Antheil erst kürzlich in Neuorleans gekauft habe, ohne selbst auf der Besitzung gewesen zu sein, und daß er jetzt beabsichtige, einige hundert Neger, welche nur auf gewisse Zeit Sklaven waren, zu kaufen, um sie nach der Besitzung zu verschiffen und dieselbe durch sie bearbeiten zu lassen.

Die Erzählung hatte alle Glaubwürdigkeit, zumal da sie durch einen Credit von fünfzigtausend Dollars unterstützt wurde, und Jedermann war gern behülflich, ein für Cuba so segensreiches Unternehmen zu unterstützen und zu fordern. Von allen Seiten erbot man sich, Harry bei dem Ankauf der Neger behülflich zu sein, und er

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begann unter den vielen ihm käuflich angebotenen Sklaven diejenigen auszuwählen, welche nur noch ganz kurze Dienstzeit hatten.

An jedem Morgen nach dem Frühstück fand sich ein Sklavenmäkler, Namens Serrado, bei ihm ein, um ihm neue Anerbietungen in seiner Waare zu machen, und da die meisten käuflichen Sklaven sich auf den Plantagen in der Umgegend von Havanna befanden, so fuhr Harry sehr oft, von dem Mäkler begleitet, in einem Cabriolet in das Land, wo er dann oftmals auch die Nacht zubrachte.

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Fünftes Kapitel.

Eines Morgens kam Serrado mit der Nachricht, daß auf einer zehn Meilen weit im Lande gelegenen Kaffeeplantage einige zwanzig ganz vorzügliche Sklaven billig zu kaufen wären, welche sämmtlich nur noch ein bis zwei Jahre zu dienen hätten. Es wurde beschlossen, sogleich hinauszufahren, und nach einer halben Stunde saß Harry mit Serrado in einem gegen die Sonne geschützten Cabriolet und trieb den flüchtigen Traber gegen den erfrischenden Morgenwind, der kühl und labend von den purpurblauen Bergen herab ihm entgegenwehte. Hin und her lag der Weg zwischen den reizendsten Villen und Ansiedelungen, deren hohe Einzäunungen von roth blühenden Granatbüschen sie wie feurige Wolken umgaben und über denen hundert Fuß hohe schlanke Königspalmen ihre graziösen Wipfel in der Morgenluft wiegten, während dichte Orangen- und Citronenhaine, aus

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deren Dunkel die goldigen Früchte glühten, ihren gewürzigen Blütenduft um sich her aushauchten.

Harry athmete die erquickende Luft mit tiefen Zügen ein, er fühlte sich so frisch, so lebenskräftig, und es schien ihm, als ob, wohin er blicke, die Welt ihm zulächele. Es war aber nicht die Schönheit der Natur, die sich in dem Paradiese um ihn vor seinen Blicken entfaltete, es war nicht die heitere, bezaubernde Stimme der Schöpfung, welche seine Seele erhebend erfaßte; was ihn so hoch begeisterte, was ihn so thätig belebte, war der unabsehbare Gewinn, den er daraus ziehen wollte, aus Sklaven, welche in kurzer Zeit freie Männer sein mußten, Sklaven für Lebenszeit zu machen. Das Glück schien seine übervolle Schale über ihn ausgießen zu wollen, denn es war außer Zweifel, daß er die zweihundert Sklaven für einige zwanzigtausend Dollars erstehen würde und daß er dem alten Dandon die doppelte Summe dafür in Rechnung bringen könne, und daß er es thun wollte, darüber war er vollkommen mit sich einig. War es denn nicht auch billig, daß ihm ein größerer Theil des Gewinns zufalle als dem Alten? War denn nicht die ganze Speculation aus seinem eigenen Kopfe hervorgegangen? Dandon konnte ja sehr froh sein, daß er ohne die geringste Mühe so viel Geld verdiente!

Unter solchen Betrachtungen und Berechnungen langte

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Harry bei der Plantage des Don Bermudez de Oleary an und fuhr durch die lange Palmenallee zwischen der reizenden Kaffeepflanzung hin dem eisernen Gitterthor zu, welches durch die hohe Hecke von niedriggehaltenen, bis auf den Boden belaubten und mit Früchten und Blüten übersäeten Citronen- und Orangenbäumen führte. Innerhalb dieser Einzäunung erhob sich, von Palmen und Bananen umgeben, die Wohnung des reichen Besitzers, ein prächtiges, wenn auch aus Holz aufgeführtes zweistöckiges Gebäude.

Don Oleary empfing Harry mit großer Zuvorkommenheit und Artigkeit, führte ihn in einen prächtig decorirten kühlen Saal und stellte ihn dort seiner Familie vor. Es wurden ihm Erfrischungen gereicht, dann versahen sich die Damen sowohl wie die Herren mit Cigarren, und nun begab man sich unter die Veranda, um das Geschäft, welches Harry hierher geführt hatte, vorzunehmen.

Fünfzehn kräftige junge Männer, so schwarz wie sie Afrika liefern konnte, und sieben schöne gesunde Negerinnen harrten bereits des kauflustigen Fremden und begrüßten ihn sämmtlich mit sorgloser Heiterkeit.

"Ihr wißt, meine Kinder", hob Don Oleary an, "Weshalb ich Eure kurze Dienstzeit gern einem andern Herrn verkaufen möchte; ich habe der Arbeiter zu viele.

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Ihr wißt aber auch, daß ich Euch bei Eurer Ankunft in diesem Euch fremden Lande nur aus Mitleid kaufte, damit Ihr nicht getrennt werden möchtet, und nur unter dieser Bedingung werde ich Euch einem andern Herrn überlassen. Der Herr hier hat eine bedeutende Besitzung unweit Trinidad de Cuba und will dort mit einigen hundert Arbeitern eine Kaffeeplantage einrichten, wobei Ihr ihm sehr hülfreiche Hand leisten könnt. Daß Ihr es dort ebenso gut haben werdet und vielleicht besser wie bei mir, könnt Ihr versichert sein."

Harry hatte, während Don Oleary redete, mit überaus wohlwollendem, freundlichem Lächeln die Schwarzen angeblickt und nahm nun das Wort, indem er zu ihnen sagte:

"So gut sollt Ihr es haben, meine Freunde, wie es in meinen Kräften stehen wird, es Euch zu geben; ich hoffe ja darauf, daß Ihr, wenn Eure Dienstzeit abgelaufen ist, bei mir bleiben und für Lohn für mich arbeiten werdet. Ueberlaßt Euch mir mit unbedingtem Vertrauen, ich werde für Eure Zukunft sorgen."

Bei diesen Worten war Harry zu den Sklaven getreten und reichte allen mit Herzlichkeit und Wohlwollen auf seinen Zügen die Hand.

"Und Sie dürfen sich auch auf uns verlassen, Herr", nahm einer der Neger das Wort. "Don Oleary wird uns sicher ein gutes Zeugniß mitgeben."

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"Gewiß thue ich das, Francisco. Ihr seid brave, fleißige Menschen, und wenn ich nicht der Arbeiter zu viele hätte, so würde ich Euch nimmer von mir gehen lassen", antwortete Don Oleary und wandte sich dann an Harry, indem er sagte:

"Diese Leute wurden vor etwa acht Jahren durch eins unserer Kriegsschiffe, welches sie auf hoher See einem Sklavenhändler abgejagt hatte, hierher gebracht und auf zehn Jahre meistbietend verkauft. Sie flehten so innig und dringend, man möge sie nicht trennen, weil sie in ihrer Heimat zusammengelebt hätten, daß ich mich entschloß, sie sämmtlich zu kaufen, obgleich ich sie nicht nöthig hatte. Einzeln hätte ich sie nun schon oft verkaufen können, ich hatte es ihnen aber einmal versprochen, sie nicht zu trennen, und so blieben sie bei mir. Bessere Diener und bessere Arbeiter bekommen Sie auf Cuba nicht, Herr Williams."

Harry reichte darauf den Sklaven noch einmal die Hand, sagte ihnen, daß er sich freue, so biedere Diener zu bekommen, und daß er es ihnen wissen lassen werde, wenn er die Schiffe bereit habe, um sie nach Trinidad de Cuba fahren zu können. Darauf entfernten sich die Sklaven und Harry schloß nun den Handel mit Don Oleary für die geringe Summe von dreitausend fünfhundert Dollars für die zweiundzwanzig Menschen

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ab, während er frohlockend daran dachte, daß sie ihm in Texas als lebenslängliche Sklaven zweiundzwanzigtausend Dollars werth sein würden.

"Ich bin ein abgesagter Feind der Sklaverei", sagte er, sich nach abgemachtem Geschäfte an die Damen wendend, "darum kaufe ich jetzt nur solche Neger, welche binnen kurzer Zeit zu ihrer Freiheit gelangen. Ich werde während dieser Zeit mit ihnen und sie werden mit mir bekannt, und wenn wir uns dann gegenseitig zusagen, so behalte ich sie gegen Lohn bei mir, sodaß ich in einigen Jahren nur freie Arbeiter um mich habe."

"Das ist ein sehr lobenswerther, sehr weiser Grundsatz, Don Williams", sagte Donna Oleary. "Auch mir ist das Eigenthum an einem Menschen kein angenehmes, wir suchen aber durch unsere Handlungsweise gegen die Sklaven das Unrecht gut zu machen, welches in ihrem Besitze liegt."

Harry mußte zum Essen bleiben und wurde dann von seinen freundlichen Wirthen mit der Bitte entlassen, sie während seines Aufenthalts in Havanna noch recht oft mit seinem angenehmen Besuch zu erfreuen.

Nach Verlauf von einer Woche hatte Harry die festgesetzte Zahl von zweihundert Sklaven gekauft und mit wenig mehr als dreißigtausend Dollars bezahlt, worauf er an Dandon nach Neuorleans schrieb, daß er die

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Neger in der vorzüglichsten Qualität, wenn auch zu unerwartet hohen Preisen erstanden habe. Die gesammte dafür gezahlte Summe gab er auf fünfundvierzigtausend Dollars an und bat, die beiden gemietheten Schiffe sofort herüberzusenden.

Die Hauptarbeit für die Unternehmung war nun gethan und zwar für Harry schon mit dem ansehnlichen Gewinn von fünfzehntausend Dollars. Die Nachrichten von Texas, welche er in den amerikanischen Zeitungen fand, lauteten überaus günstig, denn das ganze Land blieb im Aufstand und das Vernehmen zwischen Mexico und dem Kabinet in Washington hatte seine freundliche Stimmung verloren. Nach den letzten Berichten war Austin im Begriff, gegen San-Antonio vorzurücken, und wenn das Glück es gab, daß Harry mit seinen Ladungen Menschen gerade während entscheidender Lebensfragen in der neuen Republik anlangte, so war er sicher, daß sich Niemand um solche Nebensachen wie das Einführen von einigen hundert Negern kümmern werde, zumal da Arbeitskräfte ein Haupterforderniß für das junge Reich waren. In dem triumphirenden Gefühl, eine der großartigsten Speculationen so weit glücklich ohne eigene Mittel, nur mit dem Kapital seines geistigen Vermögens durchgeführt zu haben, trat ihm sein Lehrmeister Holcroft wiederholt vor die Erinnerung und seine Eitelkeit wünschte denselben

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oftmals zur Stelle, um ihm zu zeigen, welchen gelehrigen Schüler er an ihm gehabt habe; denn unter allen Unternehmungen, die ihm von dem Sklavenhändler bekannt waren, konnte sich doch keine mit seinem Compagniegeschäft mit Dandon messen.

Harry hatte nun einige Wochen Zeit auf seinen bis jetzt errungenen Lorbeeren zu ruhen, da er vor Ankunft der Schiffe nichts weiter in dem Geschäfte thun konnte, und so gab er sich denn den Freuden, den Genüssen hin, welche ihm Havanna, die Stadt des Ueberflusses, der Ueppigkeit und des schnellen Lebens bot. Durch seine Empfehlungen in den ersten Gesellschaften eingeführt, wurde er mit den Schönen andalusischer Abkunft bekannt und brachte die Vorzüge seiner persönlichen Erscheinung zur Geltung. Er trat als Mann von ungeheuerem Vermögen auf, erweckte Hoffnungen, wo sich ihm die Gelegenheit dazu bot, und schwur Liebe und Treue, wo ihm ein paar feurige spanische Augen lächelten, ein schwirrender Fächer ihm winkte. Er begleitete die schöne Welt abends auf den Promenaden, wenn die erfrischende Seeluft belebend über die Insel zog und das Silberlicht des Mondes sich auf den schwarzen Augen, auf den schimmernden Brillanten der Spanierinnen spiegelte, er saß mit ihnen in der Oper, in den Concerten, pries in glühenden Worten ihre Reize, ihre Liebenswürdigkeit, stand in stiller

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Nacht unter ihren Balkonen und wechselte mit ihnen Worte der Liebe, der Sehnsucht.

Zu schnell verstrichen Harry die Tage, deren jeder ihm neue süßere Freuden brachte, und die plötzliche Ankunft der beiden Schooner weckte ihn aus dem Taumel, in den ihn Lustbarkeiten und Genüsse aller Art gewiegt hatten. Der Gewinn, die Reichthümer, die er an sich reißen wollte, erfaßten wieder sein ganzes Sein und mit aller Eile und Umsicht traf er Anstalten zur schleunigen Einschiffung der gekauften Menschen.

Wenige Tage reichten hin, Alles zur Abreise fertig zu machen, er selbst geleitete in der zutraulichsten, sorgsamsten Weise die Sklaven an Bord, bedauerte unendlich, daß der Raum für sie so sehr beschränkt sei, tröstete sie aber, daß die Reise ja nur kurze Zeit dauern werde, und ließ sie aufs beste bewirthen. Mit Lust und Freude drängten sich die Schwarzen zusammen, sie sangen und tanzten auf den Verdecken und ließen ihren neuen Herrn hoch leben.

Der Morgen vor dem zur Abreise bestimmten Tage erschien und Harry wollte sein Hotel verlassen, um die letzten Geschäfte hier am Ort abzumachen, als er durch das Fenster des Gastzimmers bemerkte, daß die Straße sich ganz ungewöhnlich belebte.

Er wandte sich an einen Kellner mit der Frage

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nach der Veranlassung dieses Volksauflaufs, worauf ihm derselbe bemerkte, daß ein Pirat gehangen werden solle, welchen eins der königlichen Kriegsschiffe gefangen und hier den Gerichten übergeben habe.

"Da bringen sie ihn schon. Treten Sie nur an das Fenster, er kommt hier vorbei", sagte der Kellner zu Harry und dieser sprang schnell vor, um den Verbrecher auf seiner letzten Fahrt zu sehen.

Wer beschreibt aber den Schreck, das Entsetzen Harry's, als er Holcroft, seinen Freund, seinen Lehrmeister, vom Henker geleitet, auf dem Karren sitzen sah! Wie erstarrt wankte er vom Fenster zurück, um dem Blick seines Kumpans zu entgehen, Holcroft's Falkenauge aber hatte ihn erkannt und mit einem eisigen Lächeln winkte er ihm sein Lebewohl zu.

Der Henker, die Begleiter des Karrens und das Volk in der Straße folgten mit ihren Blicken dem Gruße des Verurtheilten nach dem Fenster, hinter welchem Harry sich zurückzog, und der Kellner sah ihn erstaunt an, er aber verließ den Saal und begab sich auf sein Zimmer.

Harry war tief erschüttert. Sein Lehrmeister, von dem er sich mit Stolz gesagt hatte, daß er ihn übertroffen habe, war auf dem Wege, sein Leben an einem Strick zwischen Himmel und Erde zu beschließen! Harry

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schauderte zusammen; er war im Begriff, eine That zu begehen, vielleicht noch viel strafbarer als die, für welche Holcroft aufgehangen wurde, denn er wollte zweihundert Menschen mehr als das Leben, er wollte ihnen ihre Freiheit nehmen. Er schritt mit den Händen in den Taschen im Zimmer auf und nieder und dachte sich in die Stelle Holcroft's. Dann aber begann er Vergleiche zu ziehen zwischen dessen That und der, welche er begehen wollte; die seinige kam ihm nicht so strafbar vor, das Gesetz wenigstens würde ihn nimmer dafür zum Tode verurtheilen, es war ja nur ein Geschäft, eine Speculation, wofür ihn am Ende die Welt noch preisen würde. Außerdem drohte ihm ja nirgends Gefahr; hatte er die offene See erreicht und steuerte statt nach Trinidad de Cuba nach der Küste von Texas, so hatte ihn Niemand darüber zur Rede zu stellen, und dort war im Augenblick Alles Recht. Er trat vor den Spiegel, ordnete sein Haar, setzte seinen Hut auf und eilte aus dem Hause, um seine Geschäfte zu besorgen.

Am Abend besuchte er nochmals eine hochangesehene altspanische Familie, mit deren ältester, reizend schöner Tochter er sich verlobt hatte, nahm den zärtlichsten Abschied von ihr und versprach alsbald zurückzukehren, wenn er auf seiner neuen Besitzung die nöthigen Einrichtungen zu ihrem Empfang gemacht haben würde.

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Der Abschied in Gegenwart der ganzen Familie aber genügte den beiden glücklichen Liebenden nicht, die traute Stunde der Nacht führte sie abermals zusammen, um noch einmal die Schwüre ewiger Liebe, ewiger Treue auszutauschen.

Der Morgen graute, als Harry in sein Gasthaus zurückkehrte, schnell seine Rechnung zahlte, sein Gepäck an Bord des einen seiner beiden reich beladenen Schooner bringen ließ und Havanna Lebewohl sagte.

Die Segel blähten sich im frischen Morgenwind über den schlanken Schiffen, leicht und eilig glitten sie hinaus aus dem prächtigsten Hafen der Welt, und die Jubel- und Freudenrufe der zweihundert schwarzen Menschen, die einem frohen Leben entgegenzuziehen glaubten, wogten nach der Küste von Cuba zurück.



Stephen Austin stand um diese Zeit mit ungefähr tausend Texanern vor der Stadt San-Antonio und hatte sie so eingeschlossen, daß keine Zufuhr hinein- und keiner der dreitausend mexicanischen Soldaten, die sie vertheidigten, herauskommen konnte.

Obgleich die Belagerer durch mexicanische Cavallerie, welche von der Westgrenze herüberkam und das Land durchzog, fortwährend beunruhigt wurden, schlossen sie

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dennoch ihren Kreis um die Stadt täglich enger und drängten die Besatzung nach mehreren Wochen in das alte spanische Fort, in die Alamo hinein. Bald darauf ergab sich die Besatzung und erhielt von den Siegern freien Abzug ohne Waffen.

Nun zog Austin mit seinem täglich wachsenden Heere nach der Festung Goliad hinab und ließ derselben gleiches Schicksal widerfahren.

Texas war jetzt von all und jeder mexicanischen Beherrschung frei, seine Häfen waren dem Handel geöffnet und seine Verwaltung wurde durch den Congreß in San-Felipe eingerichtet.

Niemand war aber so kurzsichtig, zu glauben, daß es nun in Ruhe und Frieden seiner Entwicklung als selbstständiges Reich entgegengehen könne, man wußte nur zu gut, daß Mexico seine aufrührerische Provinz Texas nicht so ohne weiteres von sich scheiden lassen werde, und man kannte Santa-Anna besser, als daß man denken konnte, er würde die Schmach, die man seinen Truppen angethan hatte, ungestraft und ungerächt hinnehmen. Darum rief Burnet, der Präsident von Texas, zu den Waffen und brachte in wenigen Wochen ein Heer von zweitausend Mann zusammen, dessen Obercommando er dem General Samuel Houston übertrug.

Was wollten aber zweitausend Mann Freiwillige

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gegen eine geregelte Heeresmacht sagen, wie sie Mexico im Stande war ins Feld zu stellen!

Kaum hatte Houston den Befehl übernommen, als die Nachricht eintraf, daß Santa-Anna sich selbst an die Spitze einer Armee von zwanzigtausend Mann gestellt habe und sich in Eilmärschen nahe, um die ganze Bevölkerung von Texas von der Erde verschwinden zu lassen; denn: "Keine Gnade!" war der Ruf, der diesen grimmen, rache- und blutdürstigen Wüthrichen voranging.

General Houston legte fünfhundert Mann unter Albert Randolph in die Stadt San-Antonio und achthundert Mann unter Colonel Fannin in die Festung Goliad, er selbst aber nahm mit siebenhundert Streitern am San-Antoniofluß eine solche Stellung, daß sich alle drei Abtheilungen gegenseitig unterstützen konnten.

Da standen die Männer von Texas, wie sie den Pflug und die Axt verlassen hatten, und sahen dem nahenden Ungeheuer entgegen, das sie verschlingen wollte, doch sie bebten nicht, sie wankten nicht, sie standen ja vor ihrem Herd, vor Weib und Kind, und zu diesen ging der Weg nur über ihre Leichen.

Westlich von San-Antonio und Goliad bis an den Rio Grande lagen keine amerikanischen Ansiedelungen mehr, es war eine unbewohnte, zweihundert Meilen weite Wildniß, durch welche nur wenige alte Militärstraßen,

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hier und dort mit einem einzelnen mexicanischen Wirthshaus versehen, führten. Darum waren die Nachrichten über die Annäherung des Heeres unter Santa-Anna ungewiß und schwankend, und ganz Texas wurde durch diese Ungewißheit, dieses Erwarten in eine fieberische Aufregung versetzt. Die herzlose, unmenschliche Grausamkeit der Mexicaner war zu gut bekannt, als daß man nicht in dem Familienleben mit Bangen den Schreckensscenen entgegengesehen hätte, die ihm bei deren Erscheinen bevorstanden.

Dennoch dachte Niemand an Flucht, die Städte wurden in Vertheidigungszustand gesetzt, jede einzelne Farm wurde befestigt, und auch die Frauen und Mädchen übten sich, entschlossen, dem Feinde die Stirn zu zeigen, im Gebrauch der Waffen.

Während dieser allgemeinen Thätigkeit, dieses Wirrwarrs im ganzen Lande steuerten die beiden von Harry Williams beladenen Schooner über den ruhigen Golf der Sabinebai der äußersten östlichen Grenze von Texas zu, wo Harry einlaufen und seine lebenden Ladungen an dem Sabinefluß landen wollte. Er hatte diesen Fluß gewählt, weil derselbe die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Texas bildete, und weil er dort, im Falle man ihm von seiten der texanischen Behörden Schwierigkeiten in den Weg legen sollte, für

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den Augenblick seine Sklaven auf nordamerikanischem Gebiete landen und sie dann weiter oben am Flusse nach Texas hinüberschmuggeln konnte.

Es war Nachmittag und die bewaldeten blauen Ufer tauchten über dem Golf auf, als schweres Gewölk vom Süden her rasch und drohend am Himmel emporstieg und bald darauf ein heftiger Wind die Wogen mit Schaum krönte. Die beiden Schiffe segelten noch einander sehr nahe und Harry rief von dem Verdeck, auf dem er sich befand, dem Kapitän des andern Schooners zu, Alles aufzubieten, um ihm nahe zu bleiben, keinesfalls aber ohne ihn in einen Hafen einzulaufen.

Der Wind steigerte sich von Minute zu Minute, und ehe eine Stunde verging, blies ein Sturm über das Meer und thürmte die Wogen zu Bergen auf.

Die Segel auf beiden Schiffen waren möglichst verkleinert, beide wandten sich in aller Eile von der Küste ab der offenen See wieder zu und suchten einander nahe zu bleiben. Die einbrechende Nacht aber machte dies bald unmöglich und der Sturm und die furchtbaren Sturzwellen ließen die Mannschaften der beiden Fahrzeuge an nichts weiter mehr denken als an die eigene Erhaltung.

Harry stand an den weit über die See hinaus schwankenden Mast angelehnt und folgte entsetzten Blicks

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und bangen Herzens den an dem Schiffe vorüberjagenden Wogen, deren weiß gekrönte Häupter er durch die Dunkelheit erkennen konnte. Er dachte an die Nacht, in welcher ihn eine solche Welle von der Seite Holcroft's wegriß, und schauderte zusammen, denn er meinte jetzt den Sklavenhändler vor sich zu sehen, wie er im Sturme an dem Strick unter dem Galgen hin und her flog. Dann erinnerte ihn wieder das laute Beten der Sklaven, welches aus dem innern verschlossenen Raume des Schiffes zu seinen Ohren drang, an den unberechenbaren Werth seiner Ladungen, welche er nicht versichert hatte, nicht hatte versichern können. Der Donner jeder neuen, sich gegen das Schiff stürzenden Woge, jeder Pfiff des Sturmes durch das Tauwerk, jedes Aechzen des Mastes ließ ihn erbeben und die Summen aufzählen, die mit den Schiffen für ihn versinken würden. Es war eine schreckliche Nacht, die See drohte jeden Augenblick das Fahrzeug zu begraben, denn sie stürzte sich über sein Verdeck und die Matrosen schlangen Taue um sich, damit sie nicht mit fortgerissen würden.

Endlich graute der Morgen, und wenn auch das Bild, welches er zu beleuchten begann, ein drohendes, ein fürchterliches war, so athmete Harry doch freier als während der Finsterniß der Nacht, wo seine Phantasie ihm noch entsetzlichere Bilder ausmalte.

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Mit aller Anstrengung spähte er durch die Dämmerung und durch den fliegenden Gischt der Wogen umher, um den andern Schooner aufzufinden, doch immer blieben seine Bemühungen vergeblich.

Es wurde heller Tag, mit der Helligkeit aber steigerte sich die Gewalt des Sturms, er fegte die Wogen und drückte sie nieder, sodaß sie ihre Häupter nicht mehr erhoben und ihre Schaumkronen nicht mehr tragen konnten. Dabei nahm der Himmel und das Meer ein und dieselbe helle graue Farbe an und die Luft wurde durchsichtig und klar bis in die weiteste Ferne.

Der Wind pulsirte nicht mehr, er kam nicht mehr stoßweise, er strich steif und fest über das gewaltsam niedergedrückte tobende Element und schien den Mast des Schooners, auf dem Harry stand, in die Flut hinabbeugen zu wollen.

"Ist das nicht ein Segel?" fragte Harry den Kapitän, der sich dicht zu ihm neigte, um seine Worte zu hören, und zeigte über die See Hinaus.

"Bei Gott, ja, es ist unser Kamerad", antwortete der Kapitän. "Er trägt beinahe gar keine Segel mehr und der Mast kann kaum noch in die Höhe kommen. Wenn wir nicht in irgend einen Fluß einlaufen, so sind wir verloren; solchen Sturm habe ich noch nie erlebt."

"Wie sollen wir aber einen Fluß finden?" sagte

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Harry, außer sich vor Angst und Besorgniß um seine Schätze, die unter ihm im Schiffsraum jammerten und beteten.

"Ich kenne die Küste hier wie meine Tasche und die Luft ist so klar, daß man weit sehen kann; wir müssen dem Lande zusteuern, mag es gehen, wie es will", versetzte der Kapitän.

"So suchen Sie zu unserm andern Schooner zu kommen, damit wir zusammen es wagen", fuhr Harry fort.

"Den können wir bald erreichen, er treibt ja vor uns im Winde", sagte der Kapitän und gab dem Mann am Steuerruder Befehl, gerade auf das Schiff zuzusteuern.

Mit fliegender Eile stürmte jetzt der Schooner vor dem Sturme dahin und erreichte bald das andere Schiff, an dem er nun dicht vorüberflog, in welchem Augenblick der Kapitän durch das Sprachrohr seinem Kameraden zurief, ihm zu folgen.

Beide Fahrzeuge jagten jetzt in tollem Sturmlauf dem Lande zu, welches nun bald vor ihnen über der See emporstieg.

"Was soll aber aus uns werden, wenn wir keinen Fluß treffen? Von dem Lande zurück können wir bei diesem Sturme doch nicht segeln?" hob Harry in seiner Angst wieder an.

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"Aber lange an der Küste hin können wir steuern, ehe wir hinausgetrieben werden", antwortete der Kapitän, der dem Schiffe nun eine andere Richtung geben ließ. "Hier sind wir verloren und auf dem flachen Strande können wir vielleicht mit dem Leben davonkommen."

So standen sie lange Zeit an dem Mast zusammen und spähten nach dem Lande hinüber, wo der Kapitän die dunkeln Waldstreifen, die hier und dort sich über demselben erhoben, zu zählen schien.

"Gott Lob!" sagte er plötzlich, "dort ist Fort Velasco. Nun sind wir gerettet; dahinter der Waldstrich ist der Brazoswald, wir laufen gerade in den Fluß hinein."

Harry holte tief Athem, es war ihm, als ob eine Centnerlast ihm von der Brust fiele, und schnell sah er sich nach dem andern Schooner um, der in kurzer Entfernung ihnen nachstürmte.

Das hölzerne Fort Velasco trat rasch aus der Ferne hervor, in fliegendem Laufe wandten sich beide Schiffe vor den Wind und nach einer halben Stunde schossen sie in die Mündung des Brazosflusses hinein und ließen wie im Fluge das stürmende Meer hinter sich zurück.

"Gewonnen, bei Gott!" rief Harry frohlockend aus, als die Schiffe auf der trüben Flut gegen den gewaltigen Strom hinanfuhren, zu dessen beiden Seiten der Wald immer höher zum Himmel aufstrebte. "Tausend

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Dollars zahle ich Ihnen sowie dem andern Kapitän als Belohnung aus."

Jetzt wurden die Segel wieder vergrößert und immer weniger konnte die Gewalt des Sturms die Schiffe treffen, während er seine Wuth an den Riesen des Urwaldes ausließ und bald hier, bald dort der Donner stürzender Bäume erschallte. Immer schwerer hatten die Schiffe gegen die zunehmende Gewalt des angeschwollenen Stroms zu kämpfen, und der Tag begann sich zu neigen, als Harry dem Kapitän auftrug, vor Anker zu gehen, da er sich hier nur einige Meilen von Brazoria befände, wohin er sich zu Fuße begeben wolle.

Beide Schooner ließen nun nebeneinander in der Mitte des Stroms die Anker fallen. Harry ersuchte die beiden Kapitäne, Niemand, wer es auch sei, an Bord zu lassen, und ließ sich dann an das Ufer übersetzen.

Im Triumph eilte Harry mit beflügelten Schritten der Stadt zu und suchte mehrere bekannte, ihm ergebene Männer auf, denen er im Vertrauen mittheilte, daß er einige hundert Sklaven auf dem Brazos liegen habe, und sie bat, ihm bei deren Landung behülflich zu sein. Dann bestieg er ein Pferd und jagte im schwellenden Gefühl des errungenen Sieges nach seiner Besitzung am Bernardflusse.

Die Dämmerung war eingebrochen, als er dem

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athemlosen Pferde nochmals die Sporen in die Seiten stach und seiner Wohnung zusprengte, aus welcher Lucy mit jubelndem Willkommen ihm entgegenflog, ihre Lippen auf seine Hände preßte und unter Freudenthränen der Leitung seines Arms folgte, den er zärtlich um ihren schlanken Körper schlang und sie in das Haus führte.

"Ist Ashmore hier?" fragte er sie beim Eintreten in das Zimmer.

"Ja ja, mein Harry, mein Geliebter, er ist in seiner Stube. Gleich will ich ihn rufen, nur laß mich noch einmal erst in Deine süßen Augen sehen, noch einmal erst Deine Lippen küssen. O wie habe ich mich nach Dir gesehnt, wie hat Deine Lucy nach Dir gejammert!" Dabei schlang sie ihre schönen Arme um Harry's Nacken und preßte ihre schwellenden Lippen in überwältigender Wonne auf seinen Mund. Dann sprang sie fort aus der Thür, und kaum hatte Harry Hut und Mantel abgelegt, als sein Bruder Ashmore freudig überrascht in das Zimmer trat und ihn aufs herzlichste willkommen hieß.

"Hoffentlich bringst Du gute Neuigkeiten mit, denn hier im Lande sieht es, wie Du schon gehört haben wirst, bös aus; es wird einen Kampf auf Tod und Leben geben", sagte Ashmore, indem er Harry die Hand schüttelte.

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" Gute Nachricht bringe ich allerdings. Ich habe zweihundert Neger gekauft, sie schwimmen in zwei Schoonern auf dem Brazos unterhalb Brazoria, und wir wollen sie beim Grauen des Morgens hierher treiben. Du mußt mit mir gehen", antwortete Harry flüchtig.

"Was sagst Du? Zweihundert Neger? Du scherzest wohl", versetzte Ashmore, ihn verwundert anschauend.

"Kannst sie ja selbst zählen", fuhr Harry fort. "Mache Dich fertig, gleich nach dem Abendessen reiten wir fort; wir nehmen unsere Waffen mit für den Fall, daß die schwarzen Kerle sich störrig zeigen sollten. Flinte und Pistole sind die besten Dolmetscher; das Volk versteht kein Englisch."

"Du sprichst in Räthseln, Harry", sagte Ashmore immer erstaunter.

"Wirst schon Alles gewahr werden; jetzt lasse uns keine unnöthige Zeit verlieren", bemerkte Harry und ging dann in die Ecke des Zimmers, wo seine Waffen standen und hingen, um eine Auswahl für sich zu treffen, während Ashmore sich entfernte, um das Nöthige zu dem Ritt vorzubereiten.

Die Nacht war eingebrochen und der Sturm jagte das Gewölk am Himmel dahin, als die beiden Brüder zu Roß nach Brazoria eilten. Dort harrten ihrer

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bereits acht bewaffnete, durch Harry gedungene Männer, welche mit Kienfackeln versehen mit ihnen zu Fuß den Weg durch den Wald antraten.

Noch immer wühlte der Sturm in den Wipfeln der Bäume und ließ diese in ihren Wurzeln ächzen und knarren, und nah und fern dröhnte von Zeit zu Zeit der Sturz eines Baums durch die Nacht. In dem Grunde des Waldes aber war es still, die rothen Flammen der Fackeln stiegen hoch über den Wanderern empor und ihr Licht drang weithin durch die Oeffnungen zwischen den Gebüschgruppen.

Es war elf Uhr, als Harry mit seinen Gefährten an dem Flusse anlangte, auf dessen Mitte seine beiden reichen Ladungen schwammen. Sogleich sandte einer der beiden Kapitäne ein Boot zu ihm an das Ufer, in welchem er sich nach dem nächstliegenden Schooner begab.

Die Sklaven lagen sämmtlich in den untern Räumen der Schiffe in tiefem Schlafe und erholten sich von der Angst und den Schrecken, welche sie während des Tages ausgestanden hatten. Sie wußten sich ja sicher in einem Flusse unweit Trinidad de Cuba und waren mit dem frohen Gedanken eingeschlafen, daß sie am folgenden Morgen ihr schönes sonniges Cuba wieder betreten würden.

Kaum befand sich Harry an Bord des

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Fahrzeugs, als von beiden Schiffen die großen Boote in das Wasser hinabgelassen wurden, eine Anzahl Matrosen sich in dieselben begab und, nachdem die Anker gehoben waren, dem Ufer zurudernd, vermittelst eines Taues die Schooner hinter sich herzog.

Dort wurden dieselben befestigt und der schmale Zwischenraum zwischen Verdeck und Land mit Bohlen überbrückt, während die Männer aus Brazoria zwei große Feuer auf dem Ufer auflodern ließen.

Harry selbst stieg nun mit einer Laterne zu den Sklaven hinab und zeigte ihnen mit freundlichen, liebevollen Worten an, daß er jetzt mit ihnen nach seiner Besitzung aufbrechen wolle, wo sie sich ganz nach Belieben von ihren Strapazen erholen und ausruhen könnten. Mit Jubel wurde die Aufforderung von den Schwarzen begrüßt und freudig sprangen sie aus dem dumpfen engen Raum hervor, in dem sie gegen alles Erwarten so lange hatten aushalten müssen.

Wohl fielen ihnen die bewaffneten Männer auf, wohl kam ihnen der Wald anders vor als die Wälder, die sie in Cuba gesehen hatten, dennoch war nicht ein einziger unter ihnen, in dessen Brust eine Ahnung von der unerhörten That aufgestiegen wäre, die an ihnen vollbracht wurde.

Harry hielt aber auch durch sein zutrauliches, freundliches

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Wesen jeden Zweifel fern von ihnen; er nannte sie seine Freunde, fragte sie, ob sie vor ihrem Marsche noch etwas essen wollten, und lachte mit den Männern und scherzte mit den Mädchen.

Alle sprangen guter Dinge mit ihrem Bündel an das Land und harrten auf den Augenblick zum Aufbruch.

Harry nahm Abschied von den beiden Kapitänen mit dem Versprechen, am folgenden Tage wiederzukommen, um mit ihnen abzurechnen, und rief dann den Sklaven lustig zu: "Nun, frisch auf, meine Kinder, laßt uns unsern Marsch mit Gott antreten!" worauf er, von einem Fackelträger begleitet, den Zug eröffnete und die Sklaven ihm guter Dinge, gleichfalls von solchen unterstützt, nachfolgten.

So schritten sie tapfer darauf los, und als sie das Ende des Waldes erreicht hatten, schlug Harry den Weg nicht nach Brazoria ein, sondern nahm die gerade Richtung westlich nach dem Bernardflusse hinüber, weil an dessen Ufern hinauf bis zu seiner Wohnung keine weitere Ansiedelung lag und keine gangbare Straße dort den Weg kreuzte. Dabei mischte er sich bald hier, bald dort in den langen Zug, sprach freundlich und Vertrauen einflößend zu den Sklaven und sagte ihnen, daß sie nun bald das Ziel ihrer mühseligen Wanderung erreicht hatten, wo ihrer ein sorgenfreies, frohes Leben harre.

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Und sorglos und voller Hoffnung für ihre Zukunft eilten die schmählich Betrogenen diesem ihrem Ziele zu, wenn sich ihnen auch ein Gefühl des Fremdseins aufdrängte, weil sie bis jetzt von ihren Begleitern außer von Harry noch kein spanisches Wort vernommen hatten. Sie erklärten sich dies jedoch leicht, weil sie wußten, daß ihr neuer Herr ein Amerikaner war, und fanden es natürlich, daß derselbe auch Amerikaner als Freunde bei sich habe. Als der Tag aber graute und die Landschaft sich vor ihren Blicken heller und deutlicher ausbreitete, da überfiel sie unwillkürlich das Gefühl des Fremden; der Wald, an dessen Rand sie hinschritten, war ein nie vorher gesehener, die weite, unabsehbare üppige Grasfläche vor ihnen war ihnen ein ganz neues unbekanntes Bild, und wo waren die blauen, zum Himmel aufstrebenden Berge, die sich in Cuba immer ihren Blicken gezeigt hatten? Dennoch stieg in ihnen noch kein Zweifel darüber auf, daß sie sich unweit Trinidad de Cuba befänden, und alles Neue um sie her erregte nur ihre Verwunderung, ihr Staunen.

Dies wurde noch bei der Annäherung an Harry's Besitzung durch deren Anblick vermehrt, denn auch sie trug ein ganz anderes Ansehen als die Ansiedelungen in Cuba. Da aber der Sturm sich gelegt hatte, das graue Gewölk sich zertheilte und die Sonne heiter und warm

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vom blauen Himmel niederschien, so begrüßten die Sklaven diese ihre neue Heimat mit freudigem Herzen und zogen jubelnd in dieselbe ein. Mit Lust und Liebe eilten sie schon am selbigen Tage an die Arbeit und begannen unter Ashmore's Leitung Wohnungen für sich zu bauen.

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Sechstes Kapitel.

Das Werk war vollbracht. Mit einem Gefühl von Größe, Macht und Gewalt sah Harry die für ihre Lebenszeit der Freiheit beraubten Menschen vergnügt und sorglos an die Arbeit gehen. Wohl tönte die Kunde von dem Erscheinen des furchtbaren Heeres unter Santa-Anna unangenehm in sein Ohr und der Gedanke, daß Texas trotz des amerikanischen Elements, welches dasselbe zur selbstständigen freien Republik erhoben hatte, unterliegen möchte, wollte mitunter folternd in ihm aufsteigen, die Zuversicht in seine Berechnungen aber verscheuchte immer wieder bald jeden Zweifel an dem vollständigen Erreichen seines vorgesteckten Ziels.

An demselben Morgen, an welchem Harry die Kunde überbracht wurde, daß Santa-Anna vor San-Antonio stehe, erhielt er auch Nachricht von Dandon, daß dieser laut getroffener Verabredung in den wichtigsten

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Zeitungen der Vereinigten Staaten fortwährend hatte dringende Aufforderungen an die Regierung in Washington ergehen lassen, die Landeskinder in Texas in ihrer errungenen Freiheit zu beschützen und zu erhalten, sowie daß diese Aufforderungen seitens des amerikanischen Volkes den erwünschten Zweck erreicht hätten, indem bereits Bundestruppen nach Texas eingerückt seien und Nacogdoches, San-Augustin[e] und mehrere andere östlich gelegene Plätze dieses Landes von ihnen besetzt wären.

"Vortrefflich, vortrefflich!" sagte Harry, nachdem er die Depesche zum zweiten Male durchlesen hatte. "Besser sind aber auch niemals Karten ausgespielt worden. Nun noch eine Partie mit Ihnen, Herr Dandon; ich biete Va banque!"

Harry hatte am Tage nach seiner Ankunft den Kapitänen der beiden Schooner die versprochene Belohnung von je tausend Dollars ausgezahlt und ihnen dabei Schweigen über das gemachte Sklavengeschäft aufgelegt. Der eine von ihnen war am folgenden Morgen, nachdem der Sturm sich gelegt hatte, wieder in See gegangen, den andern aber, denselben, mit welchem Harry gefahren war, hatte dieser auf seinem Ankerplatze zurückgehalten, weil er selbst sich auf dessen Schooner nach Neuorleans einschiffen wollte.

Blieb Harry hier, so mußte er oder sein Bruder

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Ashmore in das Heer eintreten, und sein Leben im Interesse des Landes auf das Spiel zu setzen, hielt er für die größte Thorheit, die er überhaupt hätte begehen können. Jetzt, nachdem er seinem Leben erst den wahren Werth gegeben hatte, jetzt, wo er dasselbe nach allen Richtungen hin und in vollsten Zügen genießen konnte, jetzt sollte er sich für andere Leute zum Krüppel, ja vielleicht gar todtschießen lassen? Das fiel Harry nicht im Traume ein. Er hatte das Seinige für die Freiheit der Republik gethan, aus welchem Grunde, das war gleich; mochten die Texaner das Fechten nun ohne ihn thun, und fechten mußten sie, denn jetzt galt das alte Sprichwort: "Vogel friß oder stirb!" An Gnade seitens der Mexicaner war nicht zu denken, und darum blieb den Texanern nichts Anderes übrig, als zu kämpfen oder die Flucht zu ergreifen und Haus und Hof, Ernten und Heerden den Feinden als Beute zu überlassen. Daß sie dieses nicht thun würden, das wußte Harry sehr wohl, und kämpften sie für ihr eigenes Eigenthum, so fochten sie ja auch für das seinige, seine Gegenwart war deshalb zum Schutze desselben sehr entbehrlich, seinem Wohle aber, seiner persönlichen Sicherheit stand sie schroff entgegen. Er hatte sich darum kurz entschlossen, der Republik und den Gefahren, denen man sich jetzt in ihr aussetzte, Lebewohl zu sagen und statt des Schießens

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und Mordens eine angenehmere, mehr lohnende Beschäftigung in den Vereinigten Staaten zu suchen.

Außer den Freuden, den Genüssen, die seiner dort harrten, hatte er neue kühne Pläne für den Erwerb noch größern Reichthums zu verfolgen, als der war, welchen er bereits in seinem Antheil an dem Compagniegeschäft mit Dandon besaß. Er übergab daher seinem Bruder Ashmore die Verwaltung seines Eigenthums, eilte im Stillen an Bord des Schooners und glitt ungesehen auf dem Brazosflusse hinab aus dem Lande des Kriegs, aus Texas hinaus in den Golf, auf dessen sonnig überfunkelten grünen Wogen er seinen Weg nach Neuorleans richtete.

In dieser Zeit rollte ununterbrochen der Donner von Geschützen durch die weiten Prairien um San-Antonio und Goliad, denn beide Städte wurden von Heeresabtheilungen Santa-Anna's hart bedrängt, während er selbst an der Spitze seiner Kerntruppen die texanische Armee unter General Houston mit großer Uebermacht schlug und über den Guadelupefluß zurückwarf.

San-Antonio wurde von nur fünfhundert Texanern unter Colonel Albert Randolph vertheidigt, dennoch wagten es wochenlang die Belagerer kaum, sich auf Schußweite der Stadt zu nähern, denn das Feuer der Belagerten war mörderisch und richtete furchtbare Verheerungen unter ihnen an. Da erschien Santa-Anna mit

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seinen siegreichen Kriegern vor der Stadt und gab den Befehl zum Sturm.

Dreimal wurden die Sturmcolonnen mit ungeheuern Verlusten zurückgeschlagen, beim vierten Angriff aber drangen sie in die Stadt ein und Albert Randolph zog sich mit seiner kleinen Schaar in die alte spanische Festung, die Alamo, zurück. So unbedeutend und schwach diese Burg gegenüber einer solchen Streitmacht, wie sie Santa-Anna befehligte, auch erscheinen mochte, so verbreitete sie doch Schrecken und Entsetzen unter den Mexicanern, denn sobald sich diese den alten Mauern nahten, sprühten aus denselben einige vierzig Feuerschlünde Tod und Verderben in ihre Reihen. Santa-Anna's Wuth gegen die Helden, die das alte Schloß vertheidigten, steigerte sich von Tag zu Tag; während einer ganzen Woche ließ er sein Geschützfeuer gegen die Mauern richten und mit grimmer Freude begrüßte er den Augenblick, wo das alte Gestein unter seinen Kugeln zusammenbrach und die Breschen sich zum Stürmen öffneten.

In jeder Nacht, sobald die Dunkelheit dem Feuer der Belagerer ein Ziel setzte, hatte Albert alle Schäden, welche die Mauern erlitten hatten, soweit es möglich war, wieder ausbessern lassen, an diesem Tage aber war das alte Gemäuer an mehreren Stellen so sehr zusammengestürzt, daß die wenigen Stunden der Nacht zur

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Wiederherstellung desselben selbst dann nicht ausgereicht haben würden, wenn die Vertheidiger noch bei vollen Kräften gewesen wären.

Zu Tode ermüdet durch die unausgesetzte Arbeit unter Todesgefahr, durch Entbehrung von Schlaf und hinreichender Nahrung waren die Männer in der Alamo kaum noch im Stande, sich aufrecht und wach zu erhalten, sobald der Donner der Kanonen und das Prasseln und Schmettern der Kugeln in dem alten Gemäuer den Schlaf nicht mehr von ihnen verscheuchten.

An diesem Abend versank die Sonne blutroth auf der weiten flachen Ferne, als das Rollen und Stürzen des Gemäuers die Belagerten abermals erschreckte und ein Sturm von Jubelrufen aus dem mexicanischen Heere zu ihren Ohren herüberschallte. Bald darauf aber schwiegen die Geschütze.

Albert stand in der Kuppel, die sich über einen Theil der Alamo wölbte, und schaute nach der sinkenden Sonne hinüber, als nähme er zum letzten Male Abschied von ihr. Er dachte an Blancha; morgen mußten die entscheidenden Würfel fallen. An eine längere Vertheidigung der Veste war nicht zu denken, ihre Mauern waren zerstört, die Kräfte der Besatzung aufgerieben und die Munition für viele der Geschütze bis auf den letzten Schuß verbraucht. Einen ehrenhaften freien

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Abzug von dem Feinde zu erlangen, daran war jetzt nicht mehr zu denken, ein Sieg über ihn lag außer den Grenzen der Möglichkeit, und so blieb nur ein ehrenvoller Tod unter der Fahne der jungen Republik übrig.

Wohl ließ Albert seinen Blick nach Westen und nach Süden schweifen, woher konnte aber wohl Hülfe gegen eine solche Uebermacht kommen! Er sah die Sonne versinken, eine Thräne trat in seine Augen, er sagte Blancha Lebewohl!

Die Dämmerung zog über die Erde; im mexicaninischen Lager wurde es still und die Feuer und Lichter in demselben fingen an zu funkeln. Da trat Albert in den geräumigen Hof, wo auf den Mauertrümmern die noch lebenden Männer der Besatzung umhersaßen und lagen, deren bleiches und entkräftetes Aussehen mit der Todtenstille in Einklang stand, die unter ihnen herrschte. Als Albert aber zwischen sie schritt, erhoben sie sich sämmtlich und richteten ihre Blicke ernst, doch mit Hingebung ihm entgegen.

"Habt Ihr beschlossen, Brüder, was wir thun sollen?" fragte er in einem Tone, als wisse er ihre Antwort schon. "Morgen wird Santa-Anna zum Sturme schreiten, wenn wir nicht die weiße Fahne aufziehen."

Alle schwiegen und erst nach einer langen Pause hob Albert abermals an:

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"Noch ist es Zeit, die Waffen freiwillig zu strecken und unser Leben möglicherweise zu retten. Sagt mir offen, was ist Euer Entschluß?"

Dabei ließ Albert seinen Blick durch die Versammlung schweifen, als wolle er den Mann herausfinden, dem seine Andeutung willkommen gewesen sei. Kein Wort wurde laut, doch in aller Augen stand ihre Antwort geschrieben.

"Ihr schweigt, Ihr hofft noch auf Hülfe von außen", fuhr Albert mit festerem Tone fort. "General Houston ist geschlagen, Fannin ist in Goliad eingeschlossen, woher soll Hülfe kommen? Entweder die weiße Fahne aufziehen oder als Männer sterben; was wollt Ihr thun? Ihr müßt Euch bald entscheiden."

Da trat ein alter Mann mit weißem Haar aus der Menge vor und sagte:

"Ihr wißt es wohl, Randolph, daß nicht einer unter uns ist, der Eure Frage anders beantworten würde als Ihr selbst. Euch folgen wir alle, auch morgen zu unserm letzten Siege!"

"Ist es wirklich so, meine Brüder? Wollt Ihr mir folgen auch in den Tod?" rief Albert begeistert aus und ließ seinen aufflammenden Blick über die welken Gestalten seiner Gefährten wandern.

"In den Tod!" riefen alle wie aus einem Munde

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und ließen dann drei donnernde Hurrahs für Randolph folgen, daß es weit hinaus aus der alten Veste in das Lager der Mexicaner hinübertönte.

"So öffnen Sie unsere Vorräthe, Kapitän Rambels, und lassen Sie einen Jeden davon nehmen, was er will", sagte Albert zu einem der Offiziere und fuhr dann wieder zu der Menge gewandt fort:

"Morgen speisen wir zusammen dort oben!" Die Nacht war sehr dunkel, und um das aus schneeweißem Gestein erbaute alte Fort Alamo glühten die Feuer der Mexicaner und über ihm blitzten und funkelten die Sterne wie Juwelensaat, in seinen Mauern aber herrschte tiefe Stille. Es war die erste Nacht seit dem Beginnen der Belagerung, in welcher ihre Vertheidiger sich der Ruhe, dem Schlafe hingaben. Sie hatten sich mit der Ueberzeugung niedergelegt, daß dieser Schlaf ihr letzter in dieser Welt sein würde; alle hatten ihre Rechnung mit ihr abgeschlossen und allen hatten die unnatürlichen Anstrengungen, die große Entkräftung die Augen zugedrückt. Wohl waren im Hinsinken mancher Brust schwere Seufzer entstiegen, mancher heiße Abschiedsgedanke war entsandt worden und manches Auge hatte im Schließen eine Thräne zerdrückt, jetzt aber lagen die Helden regungslos da in den barmherzigen Armen des erquickenden, stärkenden Schlafes.

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Die Nacht verblich, der neue Tag zog heiter und wolkenlos am Himmel auf und die Klänge des Kriegs begrüßten ihn aus dem Lager der Mexicaner, in der Alamo aber blieb Alles stumm und still, als ob sie ausgestorben sei; kein Horn, keine Trommel ertönte, und kein Kanonenschuß forderte zum neuen Kampf heraus. Die todesmuthige Schaar in der Veste war indeß schon lange gerüstet und stand bereit, ihr Leben theuer zu verkaufen.

Noch glänzten die Perlen des Thaues auf Gras und Blume der Prairie, als das mexicanische Heer sich sammelte und Santa-Anna hoch zu Roß selbst die Sturmcolonnen ordnete. Mit klingendem Spiel näherten sie sich der Burg und bald kamen sie im Sturmschritt gegen sie angezogen. Bis auf fünfzig Schritte hatten sie die Breschen erreicht, ohne daß sie ein Schuß begrüßt hätte, da aber brüllten die Kanonen ihnen ihren Donner zu und ein Eisenregen flog in ihre dicht zusammengedrängten Reihen. Sie wankten, sie wichen zurück, kein Commando wurde mehr gehört und in wilder Verwirrung flohen sie aus der Nähe der furchtbaren Geschosse. Angriff auf Angriff wurde von den Belagerten zurückgeschlagen und der Weg nach den Breschen war mit Leichen bedeckt, da ließ Santa-Anna Kavallerie hinter den stürmenden Regimentern folgen und gab den

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Befehl, jeden Fliehenden niederzuhauen. Umsonst stellten seine Generale ihm vor, daß es eines solchen Blutbads nicht bedürfe, da in kurzer Zeit der Mangel an Lebensmitteln die Besatzung zwingen werde, sich zu ergeben, er hörte sie nicht und schwur, daß keiner der Vertheidiger die Sonne solle untergehen sehen.

Wieder trieb er die Regimenter zum Sturme gegen die Alamo vor, doch diesmal schwiegen die Kanonen der Belagerten, denn ihre Munition war verbraucht. Von zwei Seiten drangen die Stürmenden in die Breschen ein und Mann gegen Mann raste der Kampf jetzt in den engen Räumen der Burg. Ganze Schichten von Leichen deckten den Boden und auf ihnen hin und her wogte das Morden und Schlachten.

Das Häuflein der Texaner schmolz rasch zusammen, denn immer neue Truppen stürmten durch die Breschen heran, da stellten sich die Letzten der Heldenschaar in dem Hofe um Albert Randolph auf, um ihn mit ihren Körpern gegen die Wuth der Angreifer zu schützen.

Dicht vor seine Brust trat Mac-Coor, als wolle er mit der seinigen die feindlichen Streiche für ihn auffangen, doch kaum stand er da, als Albert, von einem Büchsenschuß am Kopf getroffen, zu Boden sank.

Mac-Coor warf sich bei ihm nieder, wischte das Blut von Albert's Stirn und hielt seine Hand auf die

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Wunde gedrückt, um die Blutung zu stillen, da stürzten die fechtenden Männer um ihn mit dem Tod im Herzen über ihn hin und bedeckten ihn und Albert mit ihren blutenden Körpern. Mac-Coor rührte sich nicht, er hielt die Hand fest auf Albert's Wunde und fühlte, daß das Leben nicht aus ihm gewichen sei.

Der letzte der Helden lag bald entseelt auf diesem Hügel von Leichen, die Schreckensaccorde des Kampfes verhallten und in der zerstörten Veste herrschte die Stille des Todes. Da regte sich Albert unter der Hand Mac-Coor's, als wolle er das Gewicht, welches ihn preßte, von sich schieben, dieser aber flüsterte ihm in das Ohr:

"Rühren Sie sich nicht, Randolph, vielleicht ist noch Rettung für uns möglich."

Albert's Bewußtsein kehrte zurück, er erkannte Mac-Coor an seiner Seite, verstand dessen Worte und beide lagen nun so unbeweglich als möglich, wenngleich letzterer nach und nach zwischen den Leichen über sich eine Oeffnung bereitete, um freier Athem schöpfen zu können.

So verstrichen wohl einige Stunden in ununterbrochener Stille, als plötzlich laute Stimmen hörbar wurden und Albert erkannte, daß die Mexicaner ihre Todten aus der Veste trugen, um sie zu beerdigen. Immer näher

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kamen dieselben mit ihrer Arbeit, bis sie dicht um den Leichenhügel, unter welchem Albert und Mac-Coor lagen, die gefallenen Mexicaner wegzogen.

"Wer wird die Ketzer, die Amerikaner begraben?" hörten die beiden einen Soldaten sagen.

"Wir sicher nicht, denn wir marschiren morgen frühzeitig; die Geier werden sich an ihnen füttern", antwortete ein Anderer, und so kamen und gingen die Leichenbestatter, bis nach und nach ihre Arbeit beendet war und die Todtenruhe wieder in der Alamo herrschte.

Albert und Mac-Coor hatten die Leichen ihrer auf sie gefallenen Kameraden von sich geschoben und schauten zu dem Himmel empor.

Es wurde düster in dem Hofe, die Sterne wurden sichtbar und die Nacht brach rasch herein. Mac-Coor hatte sich und Albert gänzlich von ihrer Last bereit und beide erhoben sich und schritten über die Todten nach der Treppe, die hinauf in die Kuppel führte. Albert's Wunde war nur ein Streifschuß und wenn auch noch sehr schmerzhaft, so hatte sie doch aufgehört zu bluten. In der Kuppel angelangt, band er sich ein Tuch um die Stirn und schaute dann mit seinem Gefährten rund um die Alamo auf die Stadt und die Umgegend. Nur im Süden derselben brannten Lagerfeuer der Mexicaner,

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während im Norden die Prairie öde und verlassen zu erkennen war.

Vorsichtig schlichen sich die beiden Geretteten wieder in die Burg hinab und über die Leichen ihrer Kameraden hin aus derselben hinaus bis an die Mauer, welche sie in weitem Kreise umgab.

Nirgends war ein lebendes Wesen zu erkennen. So gelangten sie ungehindert in die Prairie hinaus und flohen nun mit aller Schnelligkeit, die ihre Kräfte noch erlaubten, durch die Nacht davon. Sie waren die Einzigen von der ganzen Besatzung, die ihr Leben retteten.

Einen theuern Sieg hatte Santa-Anna erfochten, er kostete ihn über zweitausend Mexicaner.

Von San-Antonio richtete er seinen Vertilgungszug nach der von seinen Truppen bereits eingeschlossenen Festung Goliad, um ihr ein gleiches Schicksal widerfahren zu lassen. Colonel Fannin befehligte die neunhundert Mann starke Besatzung derselben und leistete während einer Woche dem Feinde festen Widerstand, dann aber gingen die Vorräthe an Lebensmitteln und Munition auf die Neige.

Fannin ließ einen Kriegsrath halten, in welchem man beschloß, daß sechshundert Mann unter Kapitän Ward die Festung verlassen und sich durch den Feind schlagen sollten, um den texanischen General Houston zu

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erreichen und mit ihm vereint der in Goliad zurückbleibenden Besatzung zu Hülfe zu kommen.

Der Ausfall wurde sehr plötzlich gemacht, Kapitän Ward warf die ihm entgegenstehenden Feinde über den Haufen und eilte nun in die Prairie hinaus dem Guadelupeflusse zu, doch bald holte ihn die flüchtige mexicanische Reiterei ein und hemmte seinen raschen Marsch. In ein geschlossenes Viereck zusammengetreten, wiesen die Texaner zwar jeden Angriff der zahlreichen Cavallerie blutig zurück, doch wurde ihre Eile so sehr dadurch gehemmt, daß sie gegen Abend statt des ersehnten Flusses nur auf halbem Wege eine kleine Waldinsel in der Prairie erreichten. Hier verbrachten sie die Nacht, und als der Tag ihnen die rundum gelagerten Feinde zeigte, sahen sie, daß sich auch ein Scharfschützencorps und Artillerie bei demselben eingefunden hatte.

Kapitän Ward erkannte sehr richtig, daß Widerstand unmöglich sei; seine Leute waren nur für heute noch mit Lebensmitteln versehen, Wasser führten sie gar nicht mit sich und ihre Munition war sehr spärlich. Er schlug daher in einer gemeinschaftlichen Berathung vor, mit dem Feinde zu unterhandeln und womöglich freien Abzug zu erlangen. Das ganze Corps stimmte seinem Vorschlag bei und Capitän Ward selbst begab sich als Unterhändler in das mexicanische Lager. Der dort

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befehligende General nahm das Anerbieten an, bestand aber darauf, daß man die Waffen zurücklasse. Es war eine harte Bedingung, und als Ward sie seinen Gefährten überbrachte, erklärten diese fast einstimmig, daß sie lieber mit den Waffen in der Hand sterben wollten. Ward aber überzeugte sie, daß der Feind sich außer dem Bereiche ihrer Büchsen halten und nur seine Kanonen spielen lassen werde, welche in Verbindung mit Durst und Hunger ihm bald den Sieg über sie geben müßten, ohne daß er einen Mann dabei einbüße.

Nach langem Zögern wurde die Bedingung angenommen. Ward ließ seine Leute hinaus in die Prairie marschiren, dort stellten sie ihre Gewehre zusammen und traten nun unbewaffnet ihren Weg nach dem Guadelupeflusse an. Kaum aber hatten sie sich einige hundert Schritte entfernt, als die mexicanischen Dragoner auf sie einsprengten und sie niederzumetzeln begannen. Wie verwundete Tiger sprangen die Texaner an die Reiter, rissen viele von ihren Pferden und zerfleischten sie mit ihren Messern, mit ihren Zähnen; die Uebermacht aber war zu groß, nach kurzer rasender Gegenwehr wurden sie überwältigt, und nur drei Mann von den Sechshundert retteten sich, indem sie sich während der Verwirrung in dem hohen Grase versteckten.

Santa-Anna hielt die Festung Goliad, ohne sie weiter

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zu beschießen, noch acht Tage eingeschlossen, in welcher Zeit ihre Besatzung sämmtliche Lebensmittel verbraucht hatte. Am folgenden Morgen wehte die weiße Fahne über ihren Mauern, und bald darauf schritt eine Gesandtschaft aus ihr hervor, um mit Santa-Anna über die Capitulation zu unterhandeln. Er bewilligte freien Abzug ohne Waffen und verlangte denselben vor Ablauf einer Stunde. Als die Deputation den Belagerten diese Antwort überbrachte, sprach Colonel Fannin gegen die Annahme der gestellten Bedingung und rieth, sich mit den Waffen in der Hand einen Weg durch die Feinde zu bahnen, da der Treulosigkeit der Mexicaner kein Glauben zu schenken sei; er wurde aber von der Besatzung überstimmt, und ehe die gestellte Frist abgelaufen war, verließ dieselbe die Festung und die Mexicaner zogen in dieselbe ein. Ein gleiches Schicksal, wie es Kapitän Ward und seine Gefährten betroffen hatte, war auch Colonel Fannin und seinen Leuten beschieden, denn kaum hatten die Mexicaner ihnen den Rückweg in die Veste abgeschnitten, als Santa-Anna seinen Dragonern den Befehl gab, sie niederzuhauen. Erbarmungslos wurde das Urtheil vollstreckt und sämmtliche dreihundert Texaner hauchten, ohne Waffen kämpfend, ihr Leben unter dem Mordstahl von Santa-Anna's Henkern aus.

Wie Todesschauer zogen die Nachrichten dieser

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ungeheuern Thaten durch das Land und wie höllische Mächte folgten die Schaaren Santa-Anna's ihnen nach. Alles floh, um von ihrem Tod bringenden Erscheinen nicht überrascht zu werden, und ganze Züge von Weibern, Greisen und Kindern zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen eilten auf den Flügeln der Angst, des Entsetzens nach Osten. Die schönen Städtchen, die paradiesischen Niederlassungen an der Guadelupe und an den vielen krystallklaren, rauschenden Bächen zwischen ihr und dem Coloradoflusse wurden verlassen und die zügellosen Banden Santa-Anna's ließen sie in Flammen auflodern.

Eine seiner Heeresabtheilungen raste mit Feuer und Schwert an der Meeresküste hin gegen Velasco, eine andere zog nördlich auf San-Felipe; er selbst mit einigen tausend Mann seiner Kerntruppen führte das Centrum.

General Houston hatte alle Streiter an sich gezogen, doch nicht mehr als sechshundert Mann zusammenbringen können, eine zu unbedeutende Zahl, um der feindlichen Macht in offener Schlacht zu begegnen. Er war Schritt für Schritt zurückgewichen und hatte sich darauf beschränken müssen, durch unerwartete plötzliche Ueberfälle dem Feinde kleine Nachtheile beizubringen, denn seine Leute waren sämmtlich beritten und Büchsenschützen ersten Ranges.

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Er stand in San-Felipe, bei der Nachricht aber von dem Heranziehen der mexicanischen Division unter General Viesca ging er mit seinen Reitern und sechs Geschützen über den Fluß, um sich nach Harrisburg in sumpfiges Land zurückzuziehen. Nur fünfzig Mann ließ er in der Stadt zurück, um deren Einwohnerschaft unter ihrem Schutze Zeit zur Flucht zu geben, namentlich aber die vor dem barbarischen Feinde heranziehenden flüchtigen Weiber- und Kinderschaaren aufzunehmen und über den Fluß zu befördern. Der Führer dieses kleinen Corps war Albert Randolph.

Seit General Houston das Obercommando über die texanischen Streitkräfte übernommen hatte, war Albert dessen rechte Hand gewesen und hatte ihn mit Rath und That unterstützt.

Wenige Tage nach seiner Rettung aus der Alamo hatte er mit Mac-Coor Houston's Lager erreicht und war mit stürmischem Jubel von dem Heere begrüßt worden. Schon am folgenden Tage übernahm er das Commando über ein Streifcorps und führte binnen kurzer Zeit mehrere Transporte Lebensmittel, welche er dem Feinde abgejagt hatte, den Texanern zu.

Jetzt hatte er mit seinen wenigen Leuten die Häuser an dem Eingange in die Stadt San-Felipe besetzt, um das Corps Viesca's aufzuhalten, und eben war man

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damit beschäftigt, die Pferde seiner Mannschaft über den Fluß zu befördern, da wurde ihm die Nachricht gebracht, daß nur wenige Meilen rückwärts an der Straße eine Anzahl Frauen und Kinder sich in eine verlassene Farm geflüchtet hätten und daß der Feind sich rasch nahe. Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, befahl er die Pferde herbeizuholen, ließ aufsitzen und sprengte nach der Farm, wo er sechs Frauen und vier Kinder vorfand, die vor Ermattung nicht hatten weiter flüchten können. Albert erkannte die Frauen, sie waren aus Gonzales und ihre Männer waren sämmtlich in der Alamo getödtet worden. Er ließ sie sowie die Kinder schnell hinter so viele seiner Schützen auf deren Pferde heben und wollte mit ihnen den Rückzug nach San-Felipe antreten, als Trompetenton auf der nahen Biegung der Straße erschallte und eine Abtheilung mexicanischer Dragoner, welche dem Heere des Generals Viesca vorauszog, herangesprengt kam.

"Fort, fort!" rief er den Reitern mit den Frauen und Kindern zu, und während diese davoneilten, ließ er seine Leute sich zum Schuß gegen den herannahenden Feind fertig machen.

Alle ritten ihre jagdgewohnten Pferde und alle hatten ihre Büchsen auf die Dragoner gerichtet, als Albert ihr Feuer noch zurückhielt, indem er ihnen zurief:

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"Laßt sie nahe herankommen, sodaß keine Kugel fehlgeht." Dann commandirte er: "Feuer!" und einige dreißig Dragoner stürzten von ihren Rossen.

"Es lebe die Republik Texas!" rief Albert jetzt und stürmte mit wildem Hurrah seinen Schützen voran auf die verworrene Masse der Dragoner ein, die nun in wilder Flucht den Pistolenkugeln und Säbelhieben der Texaner zu entkommen suchten.

Weit verfolgten diese die Fliehenden nicht, denn das Corps Viesca's konnte nicht mehr fern sein. Albert ließ halten, wieder laden und jagte dann mit seinen Gefährten, so schnell die Gäule sie tragen konnten, nach San-Felipe zurück. Mit den geretteten Frauen und Kindern zugleich, denn die Mexicaner schonten auch solcher Leben nicht, langten sie in der Stadt an und Albert führte sie eilig nach dem Flusse, wo mehrere große Boote die Ueberfahrt unterhielten. Die letzten Bewohner der Stadt waren eingeschifft, sämmtliche Schützen hatten ihre Waffen in die Boote gelegt, und als dieselben die Mitte des Flusses erreicht hatten, spornten die Reiter ihre Pferde in den Strom hinein.

Da ertönten wieder die Trompeten des Feindes, und nach wenigen Minuten schwärmte die mexicanische Cavallerie auf dem Ufer hin und her, ihre Pistolenkugeln aber erreichten die Schützen auf ihren schwimmenden

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Rossen nicht mehr, und selbst zu Pferde ihnen zu folgen, unternahmen die Mexicaner nicht.

Ihre Wuth ließen sie aber an den hölzernen Häusern aus, denn noch ehe Albert's Corps das jenseitige Ufer verließ und der Straße nach Harrisburg folgte, war die Stadt San-Felipe in Flammen und Rauch gehüllt.

Alle Ansiedlungen am Brazosflusse und weiter östlich an den kleinen Gewässern wurden verlassen, Alles floh nach Osten und strebte der Grenze der Vereinigten Staaten zu.

Santa-Anna's Heer überschritt an drei Punkten den Brazosfluß und bezeichnete seine Wege mit Raub, Brand, Mord und Greuelthaten der unerhörtesten Art. Er selbst führte an der Spitze von zweitausend Mann und sechzehn Geschützen die Mitte und nahm seine Richtung nach dem nordwestlichen Arme der Galvestonbai, unweit deren Ufer er südlich von der Mündung des San-Jacintoflusses in dieselbe ein Lager aufschlagen und dasselbe verschanzen ließ. Hier wollte er die Division des Generals Vilasola, welcher an der Meeresküste heranzog, erwarten, um dann mit der ganzen Armee nach dem Trinityflusse vorzugehen und den östlichen, am zahlreichsten bevölkerten Theil von Texas mit Feuer und Schwert zu überziehen.

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Fünfter Band.

Erstes Kapitel.

General Houston stand einige zwanzig Meilen weiter nördlich, ohne von Santa-Anna's so weitem Vorgehen unterrichtet worden zu sein. Sein kleines Herr war noch mehr zusammengeschmolzen und zählte kaum noch fünfhundert Mann, denn die Mehrzahl der Männer, aus denen es bestand, waren im östlichen Texas zu Hause, und viele von ihnen entfernten sich, um für Frau und Kind zeitig Sorge zu tragen. Ueberhaupt war die Stimmung unter ihnen eine sehr trübe und niedergeschlagene und alle feurigen, begeisterten Reden für Freiheit und Ehre, welche Albert Randolph ihnen wiederholt abends beim Lagerfeuer hielt, waren nicht im Stande, die Wirklichkeit vor ihren Augen zu verdecken, denn sie konnten es ja gar nicht wagen, dem so sehr überlegenen Feinde eine entscheidende Schlacht anzubieten. Kam aber Texas, woran ja nicht zu zweifeln war, wieder unter die Herrschaft Mexicos, so war ihres Bleibens nicht mehr in diesem

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Lande und all ihr Eigenthum in demselben für sie auf immer verloren.

Es war am 20. April 1836, als die kleine Schaar stumm und ernst bei den Lagerfeuern saß und ein Jeder sich seinen eigenen finstern Gedanken hingab. Die Feuer brannten düster, denn es regnete und eine kalte Luft zog über die finstere Prairie und rauschte in den Bäumen der Waldinsel, um welche die Texaner sich gelagert hatten.

General Houston, ein kolossal gebauter schöner Mann mit kleinen glänzend blauen Augen, schien auch in schwere Gedanken versunken und dachte wohl gleichfalls an Haus und Hof, denn seine sehr bedeutenden Besitzungen lagen am Trinityfluß, an dessen Ufern hinauf auch seine Heerden von zehntausend Stück Rindvieh weideten.

Solange es möglich gewesen war, hatte er den Aufstand zu unterdrücken gesucht und bis zu dem Entwaffnungsbefehl Santa-Anna's für Verbleiben im mexicanischen Staatenverband gestimmt, beim Ausbruch der Empörung aber blieb ihm keine Wahl übrig, wollte er nicht sein ganzes Eigenthum aufs Spiel sehen, er mußte Partei für die Republik nehmen.

"Wo bleibt Randolph?" sagte er, sich in seinen Gedanken unterbrechend, zu einem Offizier an seiner Seite, der ein Stück Hirschfleisch an einem Stocke über

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die Kohlenglut hielt, um sein Abendessen daraus zu bereiten.

"Er müßte schon längst hier sein, er ist ja nur nach Lynchbury und San-Jacinto geritten, um zu sehen, ob unsere Vorräthe angekommen sind", entgegnete der Offizier.

"Wenn dieselben noch nicht eingetroffen sind, so werden sie uns nichts mehr helfen können, denn wir müssen uns nach dem Trinityfluß zurückziehen. Dort tritt wohl noch mancher Mann zu uns unter die Waffen, um sein Eigenthum zu vertheidigen, hier laufen uns die Leute fort, wir werden täglich schwächer", sagte Houston, indem er eine kleine Pfeife aus dem Rock hervorzog und sie anzündete.

Da wurde in der Ferne der Hufschlag flüchtiger Pferde laut, Houston horchte auf und bald sprengte Albert, von mehreren Reitern begleitet, ins Lager.

Die Eile, womit sie von ihren Pferden sprangen und zu General Houston schritten, und die Hast, mit welcher derselbe ihnen in das Dunkel der Bäume folgte, zeigten, daß die Reiter eine wichtige Meldung zu machen hatten. Der eine der Begleiter Albert's war ein Kundschafter, der die Nachricht brachte, daß Santa-Anna mit nur zweitausend Mann ein verschanztes Lager bezogen habe.

Es war ein Augenblick der Entscheidung für das

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Schicksal von Texas, vielleicht der einzige, der für seine Selbstständigkeit noch eine Hoffnung bot. Gelang es, Santa-Anna zu überraschen, ihn zu überwältigen und seiner Person habhaft zu werden, so war Texas gerettet, wo nicht, so verfiel es unabänderlich in die tiefste mexicanische Knechtschaft.

Aber auch das Schicksal aller um Houston versammelten Streiter hing an diesem Augenblicke, denn alle hatten in Texas ihr Eigenthum, ihre Familie, oder sie hatten die Vereinigten Staaten unter Verhältnissen verlassen, die ihnen untersagten, jemals wieder ihren Fuß über deren Grenzen zu sehen.

Houston trat nach kurzer Unterredung aus dem Dunkel der Bäume hervor und verkündete der sich um ihn drängenden Menge, welche Nachricht ihm überbracht worden sei, kaum aber war die Kunde seinen Lippen entschwebt, als ein Sturm von Hurrahs durch die Nacht schallte und man einstimmig den Angriff auf Santa-Anna's Lager verlangte.

Alles war jetzt Leben. Der ganze für die Nacht gesammelte Holzvorrath wurde auf die Feuer geworfen, sodaß sie hoch aufloderten und den kampfgierigen Männern dazu leuchteten, ihre Waffen in Stand zu setzen, die Pferde wurden aus dem Grase geholt und gesattelt, die vier Geschütze bespannt, und ehe eine Stunde

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verflossen war, zog die schlachtmuthige Schaar von den hellen Feuern hinweg in die finstere stürmische Nacht hinaus dem Regen und Wind entgegen. Schweigend eilten sie dahin, die letzten Streiter der jungen Republik, mit dem eisernen, unumstößlichen Entschluß, zu siegen oder zu sterben, und als der Morgen graute, hatten sie das Lager Santa-Anna's bis auf die Entfernung einer halben Meile erreicht.

Das hohe Erlengebüsch auf den Ufern eines Bachs verbarg sie den Blicken der mexicanischen Posten. Houston ließ absitzen, die Pferde wurden an den Erlen befestigt, die Waffen zum Gebrauch bereit gemacht, und nun setzte sich die Schaar mit den Geschützen nach Santa-Anna's Lager hin in Bewegung.

Noch lagen einige tausend Schritte zwischen den Texanern und den Schanzen, als auf denselben Rauchwolken aufstiegen und mit dem Donner der dort abgefeuerten Kanonen deren Kugeln über den Köpfen der Heranziehenden hinbrausten; diese aber gaben keine Antwort darauf, sondern beeilten schweigend nur noch mehr ihre Schritte.

Bis auf Büchsenschußweite hatten sie jetzt das Lager erreicht, ihre Geschütze wurden gerichtet, dieselben schleuderten ihren Kartätschenregen über die Wälle und mit den Schreckensrufen: "Alamo, Goliad!" stürzten die

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Freiheitskämpfer, mit Büchse, Pistolen und Jagdmesser bewaffnet, ihren Kugeln nach. Die Erdaufwürfe um das Lager waren hoch und die Gräben vor ihnen tief, doch was waren den Stürmenden in diesem Augenblicke Hindernisse und Gefahren!

Nach wenigen Minuten hatten sie die Wälle erklommen. Nicht wie Menschen, wie wuthschäumende Raubthiere stürzten sie sich in die dichtgedrängten Massen der Mexicaner hinein und schossen und hieben sie unter den nicht verhallenden Rufen: "Alamo, Goliad!" reihenweise nieder. Da half kein Befehlen, kein Wehren, kein Anfeuern der mexicanischen Offiziere, unaufhaltsam wie eine Windsbraut rasten die Stürmenden in allen Richtungen durch das Lager und nach fünfzehn Minuten des gräßlichsten Mordens und Schlachtens war der Sieg für Texas entschieden.

Das ganze Lager glich einer großen Blutlache, in der die Sterbenden und Verwundeten sich krümmten und die Besiegten sich vor den Siegern niederwarfen und um Gnade, um Erbarmen flehten.

Der Ruf nach Santa-Anna machte dem Morden plötzlich ein Ende, sein Name tönte wie ein lähmendes Wort von Mund zu Mund, denn ohne ihn gefangen zu haben, war kein Sieg erfochten, sein Entkommen verhieß ganz Texas den Untergang. Nirgends war er zu finden, weder

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unter den Gefangenen, noch unter den Todten. Da ließ Houston ein Dutzend mexicanischer Generale vor sich bringen und drohte ihnen mit Erschießen, wenn sie nicht die Richtung der Flucht ihres Befehlshabers verriethen. Sie sagten aus, daß derselbe gleich beim Beginn des Kampfes mit mehreren Begleitern in einem leichten Wagen das Lager verlassen habe, und bezeichneten die von ihm genommene Richtung. Die frische Wagenspur bekundete die Wahrheit der Aussage, und nun hing Alles davon ab, den Flüchtling einzuholen. Houston ließ sofort zweihundert Mann ihre Pferde besteigen und trug ihnen auf, Santa-Anna womöglich lebendig einzufangen. Unter diesen Reitern befand sich auch Albert Randolph. Fort jagten sie in flüchtigem Galopp, der Wagenspur folgend, bis sie nach Verlauf von einer halben Stunde sich einer verlassenen Farm näherten. Schon von weitem sahen sie dort den Wagen stehen, aber ohne Pferde. Augenscheinlich hatte Santa-Anna mit seinen Begleitern die Thiere, welche ihn bis hierher gezogen hatten, bestiegen, um schneller und ungehinderter fortzukommen, und nach kurzem Suchen fanden die Texaner auch die Spuren der Pferde auf. Wieder folgten sie denselben mit möglichster Eile und erkannten, daß die Fliehenden immer schneller geritten waren. Das Grasland, durch welches sie zogen, ward bald vielfach von kleinen Bächen durchschlängelt und

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der Boden wurde immer sumpfiger, sodaß die Pferde oftmals bis an die Kniee einsanken.

Die Hoffnung, den Entflohenen einzuholen, steigerte sich mehr und mehr, denn die von seinen Rossen zertretenen Grashalme und Kräuter zeigten deutlich, daß dies erst so eben geschehen sei. Immer mehr trieben die Verfolger ihre Pferde zur Eile an, als sie plötzlich aus einem Erlengebüsch hervorritten und vor sich in dem Grase die drei Reitthiere Santa-Anna's ruhig weiden sahen. Er hatte also seinen Weg zu Fuße fortgesetzt; doch trotz aller Mühe und Anstrengung konnten die Streifschützen seine Fährte nicht entdecken.

Nach langem vergeblichem Spüren hielten sie eine Berathung und beschlossen, sich in kleinern Abtheilungen von einander zu trennen und in den verschiedensten Richtungen die Gegend zu durchsuchen.

Albert Randolph zog es vor, ohne zahlreiche Begleitung zu reiten, und nahm nur Mac-Coor mit sich. Dieser behauptete, Santa-Anna habe die gerade Richtung nach der Meeresküste eingeschlagen, weil er dort leicht eines Bootes habhaft werden könne, und auf diese Vermuthung hin wandten die beiden Reiter ihre Rosse nach Osten, wo sie aber bald so in Büsche und sumpfigen Boden geriethen, daß sie zu Pferde nicht weiter vordringen konnten. Sie hielten an einem kaum einen Schritt

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breiten, doch schnell fließenden, zu beiden Seiten mit Erlenbüschen bewachsenen Wasser und schauten durch eine Oeffnung zwischen denselben, als Mac-Coor plötzlich sagte:

"Bei Gott, hier sind sie durchgegangen! Sehen Sie da an der andern Seite des Wassers den zierlichen Fußtritt? Ich lasse mich hängen, wenn dies nicht Santa-Anna selbst gewesen ist."

Er sowie Albert waren von ihren Rossen gesprungen und nahmen die Fährte genau in Augenschein, wobei sie einige Schritte weiter noch zwei Männerspuren fanden.

Es lag außer allem Zweifel, daß Santa-Anna mit zwei Begleitern hier durchgeschritten war, und fern konnte er unmöglich sein. Zu Pferde weiter vorzudringen ließ jedoch der sumpfige Boden nicht zu. Albert und Mac-Coor befestigten darum schnell ihre Thiere an die Erlenbüsche und eilten nun den deutlich ausgedrückten Fußtritten der Fliehenden nach. Wieder und wieder hatten sie Gebüschstreifen zu durchschreiten, die ihnen den Blick in die Ferne wehrten, doch plötzlich öffnete sich vor ihnen eine weite Grasfläche, an deren fernem Ende sie drei Männer, dem Anscheine nach Offiziere, erkannten, die dem dichten Gebüsche im Laufschritte zueilten.

"Da sind sie! Vorwärts!" schrie Albert und sprang

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Mac-Coor voran, der eine Büchse trug, während er selbst nur mit Pistolen und Säbel bewaffnet war. Noch hatten sie aber kaum die Mitte der Grasebene erreicht, als die Fliehenden in dem Gebüsch verschwanden.

Mit Blitzesschnelle folgte ihnen Albert mit seinem Gefährten; sie hatten nach wenigen Minuten die Büsche durcheilt, und vor ihnen auf einer kaum vierzig Schritte breiten Grasflur stürmten die drei Flüchtlinge dem nächsten Gebüsche zu.

"Steht, oder wir schießen!" schrie Albert ihnen auf Spanisch nach, doch noch ehe er es verhindern konnte, gab Mac-Coor neben ihm Feuer und einer der drei Offiziere stürzte zusammen. Die andern beiden fuhren herum, und während Albert und Mac-Coor auf sie zueilten, erhob einer von ihnen eine Pistole und gab Feuer. Zugleich aber schoß Mac-Coor eine Pistole nach ihm ab; der Mann wankte einen Augenblick und sank dann in das Gras nieder.

"Ich bin getroffen", sagte jetzt Mac-Coor mit krampfhafter Stimme und hielt die Hand gegen seine Brust. "Eilen Sie, Randolph; lassen Sie mich liegen und fangen Sie den Hund dort, es ist Santa-Anna."

Der Offizier jedoch sprang jetzt flüchtigen Schrittes davon und in die nächsten Büsche hinein, während

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Albert seinen Gefährten in seinen Armen aufrecht zu halten suchte.

"Lassen Sie mich los, Randolph, mir können Sie nicht helfen, Texas aber können Sie retten. Eilen Sie, ehe er Ihnen entkommt", stöhnte Mac-Coor und sank, sich den Armen Albert's entwindend, auf den Boden nieder. Dieser aber stürzte nun dem Flüchtlinge, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, nach und stürmte spähenden Blicks durch das Buschwerk hin, bis er an dessen anderer Seite abermals eine offene weite Grasfläche erreichte. Santa-Anna war nirgends zu sehen. Er mußte sich in den Büschen versteckt haben. Schnell sprang Albert zurück durch das Dickicht bis auf den Platz, wo er den Fliehenden hatte in dasselbe eindringen sehen, nahm dort dessen Fährte auf und folgte derselben nun mit Pistole und Degen in den Händen Schritt für Schritt. Sie führte ihn seitwärts in dem dichten Gestrüpp hin, zwischen welchem der Boden so sumpfig wurde, daß Albert nur auf den Wurzeln der einzeln stehenden Büsche noch fußen konnte, auf denen er gleichfalls den Tritt des vor ihm fliehenden Mannes im Auge hielt. So drang er, immer eifriger spähend, vorwärts und war eben an einem sehr dichten Gebüsch vorübergeeilt, als er plötzlich den Fußtritt vor sich vermißte. Er blieb stehen, blickte rund um

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sich, nirgends eine Fährte; er wandte sich nach dem dichten Busche zurück, theilte das Laub mit seinen Händen auseinander und blickte plötzlich einem todtenbleichen Mannesantlitz in die Augen, welches ihn aus dem sumpfigen Pfuhl in der Mitte des Dickichts anstierte.

"Erbarmen! Schonen Sie mein Leben!" flehte der Mann jetzt mit bebenden Kinnladen und richtete sich aus dem schwarzen Sumpfwasser, in welches er sich der Länge nach niedergeworfen hatte, empor. "Retten Sie mich und ich will Sie fürstlich belohnen. Ich zahle Ihnen jede Summe, wenn Sie mich in Sicherheit bringen!"

Dabei hielt er Albert seine gefalteten Hände entgegen und zitterte am ganzen Körper. Es war ein ekelerregender Anblick, diesen großen, breitschulterigen Mann mit dem Säbel an der Seite in elender, nichtswürdiger Feigheit um sein Leben stehen zu sehen, und Albert trat mit Verachtung von ihm zurück, indem er sagte:

"Sie, Santa-Anna, der herzlose Mörder der Männer von Alamo und Goliad, der sieggekrönte Held so vieler Schlachten, mit der Kaiserkrone Mexicos in der Hand und dem Degen an der Seite, Sie schämen sich nicht, um Ihr Leben zu betteln, Sie scheuen sich nicht, einen Amerikaner durch Bestechung seine Ehre, seine Pflicht vergessen machen zu wollen! Treten Sie heraus aus dem

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Pfuhl und geben Sie mir Ihren Degen, das ist der Preis, den ich für Ihre Gefangennehmung fordere."

Bei diesen Worten trat Albert zur Seite und Santa-Anna schritt aus dem Sumpfwasser, in welchem er noch bis an die Kniee stand, hervor. Dann reichte er Albert seinen Säbel und sagte mit derselben flehenden, bebenden Stimme:

"Retten Sie mich, junger Mann! Sie haben ein ganzes Leben vor sich, ich will Ihnen Schätze geben, um es genießen zu können, ich nehme Sie mit mir nach -"

"Schweigen Sie, ehrloser Mann", fiel ihm Albert entrüstet ins Wort. "Wären Sie nicht in meiner Gewalt, so würde ich Sie für Ihre Beleidigungen züchtigen. Sie sind Eigenthum des Volkes von Texas, das Sie mit seinem Blute erkauft hat und dem Sie als Bürgschaft für seine Freiheit, seinen Frieden dienen sollen. Schreiten Sie vor mir hin auf dem Wege, den Sie gekommen sind!"

Dabei winkte ihm Albert verächtlich zu und Santa-Anna, der Dictator, der nach der Kaiserkrone von Mexico strebende Kriegsgott, ging mit bebenden Gliedern, schwarz mit Schlamm besudelt vor dem gefeierten Dichter Amerikas hin und rief murmelnd die heilige Jungfrau von Guadelupe um Beistand, um Rettung an.

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Bald erreichten sie den Platz, wo die beiden Adjutanten Santa-Anna's entseelt im Grase lagen; letzterer sah kaum nach ihnen hin und schritt, nur mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt, an ihnen vorüber.

Als sie sich aber Mac-Coor nahten, eilte Albert an dem Gefangenen vorbei zu seinem Gefährten und sank bei ihm auf seine Kniee; Mac-Coor lag regungslos und starr, das Leben war aus ihm gewichen.

Albert war tief ergriffen und vergaß, seines Retters kalte Hand in der seinigen haltend, für den Augenblick den Gefangenen, in welchem er das Schicksal von Texas zu hüten hatte. Er dachte an Blancha, an Mac-Coor's Hülfe und dankte ihm schweigend mit seinen Thränen. Darauf untersuchte er die Taschen des Todten, nahm dessen Börse und Brieftasche zu sich und winkte Santa-Anna, der ihm, ohne sich zu rühren, zugesehen hatte, den Rückweg zu verfolgen, wobei er ihm mit der Pistole in der Hand nachschritt.

Er hatte bald die Erlenbüsche erreicht, wo sein Pferd und das seines todten Gefährten befestigt war, band sie los, ließ den Gefangenen letzteres besteigen, nahm dessen Zügel in die Hand, schwang sich auf sein Roß und eilte nun, das Thier Santa-Anna's neben sich herleitend, im Trabe in der Richtung nach dem Lager davon.

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Dort herrschte große Unruhe und Besorgniß unter den Siegern, denn alle ausgesandten Streifschützen wam bereits zurückgekehrt, ohne Santa-Anna aufgefunden zu haben. Hatte derselbe, wie anzunehmen war, die Meeresküste erreicht, so trug ihn wahrscheinlich jetzt schon ein Boot dem dort heranziehenden General Filasola entgegen, und wehe dann Texas, wenn er an die Spitze von dessen Truppen trat!

Die Sonne neigte sich schon; General Houston hatte die kleine Zahl der zu Gefangenen gemachten Mexicaner und die verwundeten Texaner nach Harrisburg bringen lassen und berieth jetzt mit seinen Gefährten die ernste Zukunft, die ihnen zunächst bevorstand.

General Viesca drohte ihnen von San-Felipe her und konnte sie jeden Augenblick mit seinem Corps überraschen, Filasola nahte sich ihnen von Süden und ihre eigene Zahl war auf weniger als vierhundert Mann zusammengeschmolzen.

Hier stehen zu bleiben, war nicht rathsam, denn sobald ihnen der Weg nördlich um die Galvestonbai durch Viesca abgeschnitten wurde, fielen sie vollständig in die Gewalt des Feindes.

Freilich blieben die zu Gefangenen gemachten Mexicaner als Geißeln in ihren Händen, was fragte Santa-Anna aber nach einigen hundert Menschenleben,

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wenn er seiner Selbstsucht, seiner Rache fröhnen konnte!

Hin und her wurde berathschlagt und schließlich der Entschluß gefaßt, am folgenden Morgen nach Harrisburg und von da ohne Aufenthalt nach dem Trinityflusse zu marschiren, um sich im Nothfall an die Grenze der Vereinigten Staaten zurückzuziehen und sich unter den Schutz von deren Truppen, welche in Texas eingerückt waren, zu stellen.

"Unbegreiflich, daß Colonel Randolph noch nicht zurückgekehrt ist. Wer hat ihn denn begleitet?" sagte General Houston zu den bei ihm stehenden Männern.

"Mac-Coor allein ist mit ihm geritten, Randolph wollte Niemand außer ihm bei sich behalten", entgegnete einer derselben.

"Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist, er setzt immer Kopf und Kragen ein", fuhr Houston fort und trug dann den Offizieren auf, die gefallenen Kameraden begraben zulassen.

"Dort kommt Randolph mit Mac-Coor angeritten", rief jetzt einer der Soldaten und zeigte nach der schon in der Dämmerung verschwindenden Ferne, wo zwei Reiter wie zwei schwarze Punkte erschienen.

"Gott Lob, ich fing schon an, um ihn besorgt zu werden", sagte Houston, seinen Adlerblick auf die beiden

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Reiter heftend, und setzte nach einer kurzen Pause hinzu: "So ist denn auch die letzte Hoffnung auf Santa-Anna's Gefangennehmung verschwunden."

Er wandte sich nun mit verschiedenen Befehlen an die Offiziere, blickte aber immer wieder nach den beiden Reitern hin, die ziemlich rasch näher kamen.

"Verdammt, wenn das Mac-Coor ist, den Randolph bei sich hat", sagte jetzt einer der Soldaten. "Der Kerl ist ja noch einmal so groß als Mac."

"Nein, Mac-Coor ist das nicht", fuhr ein anderer fort und alle richteten jetzt ihre gesteigerte Aufmerksamkeit auf die Nahenden.

"Hängen lasse ich mich, wenn Randolph nicht einen Gefangenen bringt. Bei Gott, er hält ja den Zügel von dessen Pferd", schrie jetzt einer aus der Menge und sprang über mehrere todte Mexicaner hin auf den Wall des Lagers hinauf, um deutlicher sehen zu können.

"Sollte er Santa-Anna bringen?" sagte Houston halblaut in einem Tone, der die große Bewegung verrieth, die ihn in diesem Augenblick ergriff. Alle um ihn verstummten in dem Hoffnungsgedanken, den er in ihnen wachgerufen, und alle Blicke hingen, als ob die nächste Minute über Leben und Tod entscheiden müsse, an den beiden Heraneilenden.

In raschem Trabe kam Albert jetzt näher;

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augenscheinlich hatte er eine gute Botschaft, denn er trieb beide Pferde zur Eile an.

Noch lagen wohl fünfzig Schritte vor ihm bis zu seinen Kameraden, als er sich hoch im Sattel emporhob und mit jubelnder Stimme ihnen zurief:

"Es lebe die Republik Texas! Hier bringe ich Santa-Anna!"

Mit einem Donner, als ob die Welt zusammenstürze, begrüßten mit stürmischen Jubelrufen die Sieger von San-Jacinto die Freudennachricht und jauchzend und frohlockend schaarten sie sich um Albert und seinen Gefangenen.

Ein Bild des Entsetzens saß der mexicanische Gott Santa-Anna in Todesangst zusammengekauert auf dem Pferde und schreckte bei jeder Bewegung der sich um ihn drängenden Menge auf. Dennoch wagte er es nicht, seinen Blick zu erheben; er ließ sein langes, breites Kinn auf die mit Schlamm beschmuzte goldgestickte Brust herabhängen und hielt seine Hände vor seinem Leib gefaltet.

"Das ist also der Hund, der meine beiden Brüder vor Goliad ermorden ließ?" rief ein Soldat, rasch durch das Gedränge zu dem Gefangenen hinschreitend, und zog ein langes Messer aus seinem Gürtel.

"Zurück, Kerney, wenn Euch Euer Leben lieb ist!"

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rief Albert ihm zu und richtete seine Pistole auf ihn. "Santa-Anna ist mein Kriegsgefangener und Niemand soll ihm ein Haar krümmen. Außerdem hängt das Schicksal von Texas an seinem Leben."

Dann wandte er sich an General Houston und sagte:

"General, ich übergebe Ihnen hiermit den Gefangenen und bitte ihn mit einer Schutzwache zu versehen." Hierauf sprang er von seinem Pferde und wandte sich zu Santa-Anna mit den Worten:

"Steigen Sie ab, Herr, und beschimpfen Sie sich nicht noch mehr durch Ihre Feigheit und Todesangst. Ihr Leben wird nicht gefährdet werden."

General Houston übergab Santa-Anna einer von einem Offizier befehligten Wache und verkündete laut unabänderliche Todesstrafe über denjenigen, welcher dem Gefangenen ein Leid zufügen würde. Dann öffnete er seine Arme, um Albert Randolph an seine Brust zu drücken.

"Kommen Sie, Sie unser aller Retter, Sie Retter von ganz Texas, lassen Sie mich den ersten sein, der Ihnen im Namen der Republik, im Namen ihrer ganzen Bevölkerung dankt."

Dabei umarmte er Albert und schloß ihn an sein Herz, und als er ihn aus seinen Armen entließ, drängten

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sich alle zu ihm heran, um ihm die Hand zu schütteln und ihm ihren Dank auszusprechen.

Mit Jubel und Jauchzen führte ihn die frohlockende Schaar fast schwebend nach einer Gruppe von uralten Lebenseichen, unter welchen für General Houston und dessen Stab das Lager aufgeschlagen war, und dort mußte er nun berichten, in welcher Weise es ihm gelungen sei, den mexicanischen Feldherrn gefangen zu nehmen.

Mac-Coor's Tod wurde allgemein bedauert.

Houston versammelte darauf die Offiziere um sich und berieth mit ihnen, wie man den Besitz Santa-Anna's für das Wohl des Landes ausbeuten solle. Während dieser Berathung wurde Albert's Stimme oft gehört und seiner Ansicht stimmten alle bei. Er rieth, mit dem Gefangenen im Namen Mexicos einen Vertrag abzuschließen, wonach dieses die Provinz Texas aus seinem Staatenverband entlassen und als selbstständige Republik anerkennen solle. Ferner empfahl er, Santa-Anna so lange gefangen zu halten, bis Texas von allen mexicanischen Truppen befreit wäre, und ihn dann gefangen nach Washington an die Regierung der Vereinigten Staaten abzuliefern, damit diese Mexico verantwortlich dafür mache, den Vertrag zu halten, den sein Dictator mit Texas abgeschlossen habe.

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Nachdem man sich über die zu thuenden Schritte geeinigt hatte, befahl Houston den Feldherrn vorzuführen.

Santa-Anna saß in kurzer Entfernung unter einer dichtbelaubten Eiche auf einer wollenen Decke, welche man dort für ihn ausgebreitet hatte. Um ihn her lagen die Männer, deren Aufsicht er übergeben war, ein Wachtposten schritt Gewehr in Arm um den Baum und hielt die texanischen Reiter ab, sich zu dem Gefangenen zu drängen. Wenn diese nun auch den Befehl Houston's ehrten und dem verhaßten Manne nicht thätlich zu nahe traten, so hielten sie sich doch nicht davon zurück, ihn mit Beschimpfungen aller Art zu überhäufen und durch Worte ihrem Ingrimme gegen ihn Luft zu machen. Er aber saß regungslos mit gefalteten Händen da und schien zu beten.

Bei der Aufforderung, sich zum General Houston zu begeben, schrak er zusammen, erhob sich aber schnell um dem Befehl Folge zu leisten.

Er trat mit kriechender Höflichkeit in den Kreis der Offiziere, verneigte sich zuerst tief vor Houston und dann vor diesen und erklärte sich gern bereit, Alles zu thun, was in seinen Kräften stände, um sich ihrer Gnade werth zu zeigen. Es mache ihn glücklich, sagte er, solchen hochherzigen, wahrhaft edlen Helden in die Hände gefallen

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zu sein, und dabei verbeugte er sich wieder und wieder nach allen Seiten.

Die Männer um ihn aber sahen mit Verachtung auf ihn hin und würdigten ihn keiner andern Antwort.

Aus Santa-Anna's Zelt in dem eroberten Lager war ein Feldtisch und ein solcher Stuhl herbeigeholt worden, auf welchem erstern man Schreibmaterial ausgelegt hatte, und Houston ersuchte Santa-Anna jetzt an demselben Platz zu nehmen, welcher Aufforderung dieser schnell nachkam.

"Schreiben Sie, Herr Dictator, an Ihre Generale Viesca und Filasola, daß sie sich sofort aus den Grenzen der Republik Texas zurückziehen sollen, und sagen Sie ihnen, daß Ihr Leben von der Ausführung dieses Ihres Befehls abhinge, da ich im Weigerungsfalle Sie würde hängen lassen", sagte Houston, indem er sich an dem Stamme einer Eiche auf ein Lager von Büffelhäuten niederließ, während auf seinen Wink zwei Soldaten mit Kienfackeln in der Hand zu Santa-Anna traten und mit deren Flammen den Tisch beleuchteten.

Santa-Anna ergriff rasch die Feder und schrieb mit zitternder Hand die beiden Befehle. Er unterzeichnete sie und fügte mit dem Petschaft an seiner Uhr sein Siegel darunter.

"Die Befehle werden sofort vollzogen werden, Eure

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Herrlichkeit", sagte er aufstehend und hielt Houston die Papiere hin; Albert Randolph aber nahm sie ihm ab und las sie beim Lichte der Fackeln.

"Sie sind in Ordnung. Wer soll sie den Generalen überbringen, General Houston?" sagte Albert zu diesem gewandt.

"Die Obersten Gardon und Jack will ich damit beauftragen; ich glaube, sie zählen zu den wenigen unserer Offiziere, welche heute ohne Wunde davongekommen sind, obgleich sie dort kämpften, wo die meisten ausgetheilt wurden", antwortete Houston mit einer Verneigung gegen die genannten Männer.

Diese traten vor, empfingen die Depeschen, nachbem Houston's Schreiber dieselben versiegelt hatte, und ehe eine halbe Stunde verging, ritten sie, von Abtheilungen Streifschützen gefolgt, davon.

Die Nacht war für die Texaner seit langer Zeit die erste Nacht der Ruhe, des sorglosen, glücklichen Schlafes. Alles schlief im Lager fest und regungslos, nur Santa-Anna konnte die Augen nicht schließen; die Schreckensdrohung Houston's, daß er ihn unter Umständen werde hängen lassen, tönte ihm in den Ohren und verscheuchte den Schlaf von seinem Lager.

Am folgenden Morgen wurden die letzten gefallenen Texaner beerdigt, unter denen sich auch Mac-Coor

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befand, welchem Albert Randolph an dem Orte, wo derselbe sich verblutete, die letzte Ehre erzeigte.

Am Abend mit sinkender Sonne langten die sieggekrönten Helden von San-Jacinto vor Harrisburg an und wurden von der Einwohnerschaft im Triumph empfangen.

Hier wurde der Vertrag mit Santa-Anna im Namen Mexicos in Bezug auf die Freiheit von Texas ausgefertigt und abgeschlossen und von hier aus wurde der Dictator unter Bedeckung nach Washington an die Regierung der Vereinigten Staaten gesandt, welche die junge Republik anerkannte und ihr ihren Schutz zusagte. Erst im folgenden Jahre kehrte Santa-Anna nach Mexico zurück.

Wenige Tage nach dem Einzug in Harrisburg zeigte Albert der Mutter Mac-Coor's, welche in Baltimore lebte, den Tod ihres Sohnes an und übersandte ihr die Börse und die Brieftasche desselben, welche letztere die Werthpapiere enthielt, die er von Blancha Dandon erhalten hatte.

Texas war nun frei, jede Gefahr war von ihm gewichen, das abgelebte, verkommene spanische Element verschwand wie verpestete Luft vor einem frischen Winde aus seinen Grenzen und das lebenskräftige amerikanische Blut ließ es wie durch einen Zauberschlag zum reichsten, gesegnetsten Lande dieses Continents erblühen.

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Zu Tausenden strömten Einwanderer aus allen Staaten der Union in seine paradiesischen Gefilde, die Ufer seiner Gewässer schmückten sich mit Baumwollen- und Maisfeldern, seine Prairien bedeckten sich mit zahllosen Viehheerden und Handel und Gewerbe belebten seine Städte, seine Straßen.

Albert Randolph war der gefeierte Retter der Republik und eine der beliebtesten Persönlichkeiten im Lande, doch sein Ruhm als Dichter war Niemand bekannt.

Nach Beendigung des Kriegs ging er an die schöne Guadelupe nach Gonzales zurück und ließ sich dort als Advocat nieder.

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Zweites Kapitel.

Harry Williams hatte sich nach seinem stillen Abschied von dem kampfbewegten Texas einige Zeit in Neuorleans aufgehalten und war dann nach Natchez gefahren, um seinem Compagnon einen Besuch abzustatten.

Er fand Dandon in großer Besorgniß über den Ausgang des Kriegs in Texas, denn die Niederlagen der Aufständischen in Alamo und Goliad waren bereits in den Zeitungen gemeldet.

Harry jedoch schien vollständig unbesorgt zu sein und spra