Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Erste Abtheilung:
Gaëta - Warschau - Düppel
Siebenter Band.
Unter der neuen Aera!


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In Berlin.

(Fortsetzung.)

Das Concert im Opernhaus war zu Ende - das zahlreiche Publikum hatte sich größtentheils bereits zerstreut und die letzten Equipagen rasselten davon.
Eine der elegantesten, ein geschlossener Bombenwagen mit einer Fürstenkrone auf dem Schlage fuhr um das Opernhaus her zwischen diesem und der Promenade entlang, die damals noch das freundliche Belvedere und nicht den schwerfälligen Prachtbau einer Bank-Spekulation zeigte und war bereits vor den Stufen der Hedwigskirche, als die Schnur um den Arm des Kutschers aus dem Innern des Wagens gezogen wurde.
Die Equipage hielt nach einigen Schritten, der Bediente sprang vom Trittbrett und trat mit abgezogenem Hut an das geöffnete Fenster.
»Befehlen Durchlaucht?«
»Oeffnen Sie!«
Der Schlag wurde geöffnet, über den herabfallenden Tritt stieg eine Dame von kleiner Gestalt, in einen mit
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Zobel besetzten Sammetmantel gehüllt, ein elegantes Theater-Capuchon über den Kopf gezogen, aus.
»Sagen Sie dem Kutscher, nach dem Gensdarmen-Markt zu fahren und vor dem Schauspielhaus zu halten, bis ich komme.«
»Befehlen Durchlaucht, daß ich Durchlaucht begleite?«
»Nein, Sie werden mich mit dem Wagen erwarten.«
Ein kurzer befehlender Wink der Hand, und die Dame trat auf die Stufen der Kirche, die Abfahrt des Wagens erwartend.
Der Diener beeilte sich, dem Kutscher seine Instruction zu geben und sprang dann wieder auf seinen Platz. Der Wagen fuhr davon.
»Was die Gnädigste heute wieder haben mag? ich möchte wissen, wohin sie geht. Was denken Sie, Johann?«
Der andere ältere Diener antwortete ihm ziemlich barsch: »Was geht's uns an? Wahrscheinlich wieder ein Wohlthätigkeitsgang, von dem nicht jeder Laffe zu wissen braucht.«
Die vornehme Dame hatte gewartet, bis der Wagen um die Ecke der Markgrafen-Straße verschwunden war, dann stieg sie die Stufen der Kirche hinunter, hüllte sich dichter in ihren Pelzmantel und ging mit festen Schritten über den Platz zurück nach der Rückseite des Blücher-Denkmals.
Ein Mann lehnte an dem Gitter und richtete sich auf, als die Dame auf ihn zukam.
»Ich sehe, mein Herr, Sie haben meinen Brief erhalten und sind pünktlich.«
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»Gnädige Frau - ich weiß nicht, von wem - und mit wem ...
»Das ist wahr, ich schrieb anonym. Darf ich Sie bitten, mich einige Schritte zu begleiten?«
»Ich stehe zu Befehl.«
Beide gingen etwa zwanzig Schritte unter den Bäumen hin - die Promenade war menschenleer, die wenigen Personen, die vorüberkamen, hielten sich auf dem vom Schnee gereinigten Trottoir.
An einer Stelle, auf welche das Licht der nächsten Gaslaterne herüber fiel, blieb die Dame stehen, schlug das Capuchon zurück und ließ den Strahl des Lichtes auf ihr blasses, etwas angegriffenes Gesicht fallen, dem zwar der Reiz der ersten Jugend fehlte, das aber trotz der etwas strengen Züge von aristokratischer Schönheit genannt werden konnte.
»Erkennen Sie mich noch?«
Der Mann war bei dem Erblicken dieses Gesichts unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Er zog ehrerbietig den Hut. »Durchlaucht - Sie? - in der That, das hatte ich nicht vermuthet.«
»Ich wollte Sie nicht einladen, mich in unserem Hôtel aufzusuchen und lud Sie daher zu dieser Zusammenkunft. Ich wußte, daß der alte romantische Zug Sie nicht fehlen lassen würde, auch wenn mein Namen nicht darunter stand.«
Sie hatte das Capuchon wieder leicht nach vorwärts gezogen, so daß es sie an der Unterhaltung nicht hinderte.
»Ich bin nur glücklich,« sagte ihr Begleiter, »daß die
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Befürchtungen, die ich an den kurzen Inhalt des Billets knüpfen mußte, sich nicht bestätigen.«
»Und warum nicht?«
»Der Inhalt des Briefes forderte mich auf, einer Unglücklichen, Bedrohten einen Dienst zu erweisen. Es hätte des Vorwandes nicht bedurft.«
»Wer sagt Ihnen denn, daß die Worte ein Vorwand waren?«
»Mein Gott, Durchlaucht - ich kann doch nicht glauben, daß Sie selbst - eine so vornehme Dame, auf den höchsten Stufen der Gesellschaft, gefeiert und umgeben von jedem Reiz des Lebens ... sollte wirklich das Gerücht die Wahrheit sprechen?«
Ein schwerer Seufzer erstarb in der Verhüllung des weichen Schwanenflaums, mit welchem das Capuchon gefüttert war. »Es ist nicht Alles Gold, was glänzt! Doch der Dienst, um welchen ich Sie bitten will, betrifft diesmal,« - sie betonte das letzte Wort besonders - »diesmal nicht mich! Sie erinnern sich - ich hatte eine Schwester.«
»Comteß Amalia.«
»Ja. Diese betrifft meine Bitte.«
»Wenn ich recht gehört, hat diese sich dem geistlichen Stande gewidmet?«
»Leider! Allzustrenger religiöser Eifer hatte sie im vorigen Sommer nach Rom geführt und ein unglücklicher Zufall hat sie in alle Schrecken der Schlacht von Castelfidardo verstrickt. Seitdem ist sie in die Heimath zurückgekehrt, aber ...«
Die vornehme Dame zögerte einige Augenblicke. »Es
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ist ein Familien-Geheimniß, das ich Ihrer Ehre anvertraue,« sagte sie endlich. »Ich kann mich damit weder an meinen Gemahl, noch an eine Behörde wenden, und ich wußte Niemand in Berlin, dessen Ortskenntniß und Gewandtheit ich eine so discrete Sache anvertrauen durfte. So benutzte ich unsere Anwesenheit bei der Trauerfeier, mich an Sie zu wenden als einen alten Freund unserer Familie.«
»Euer Durchlaucht haben Recht gethan, ich verdanke den Ihren so Vieles, daß es mich glücklich machen würde, einen kleinen Theil meiner Schuld abtragen in können.«
»Ich weiß es - Sie waren immer treu und zuverlässig und wir hatten Sie Alle gern, vor Allen mein armer verstorbener Bruder. Hätte er gelebt - wäre vielleicht Manches anders geworden. Jenes unglückliche Duell hat nicht blos sein Leben zerstört. - Doch ich kann Sie nicht ermüden hier in einer Winternacht mit einer langen Erzählung. Was Sie wissen müssen, habe ich hier niedergeschrieben. Lesen Sie es mit Aufmerksamkeit, das Papier enthält auch die Ergebnisse meiner bisherigen stillen Nachforschungen und die Fingerzeige für Sie. Die Spuren leiten gerade jetzt hierher nach Berlin.«
»Und meine Aufgabe?«
»Es gilt zu erfahren, ob das Kind lebt, oder wirklich schon vor drei Jahren gestorben ist, wie mein Vater sagt. Die ehemalige Kammerfrau meiner Schwester kann allein Wahrheit geben, aber sie ist mit einem lüderlichen, verkommenen Mann verschwunden. Sie muß in Besitz wichtiger Papiere sein, deren Benutzung meiner Schwester das
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Leben kosten könnte. Es versteht sich von selbst, daß alle Kosten ...«
»Durchlaucht!«
»Nein - mißverstehen Sie mich nicht - ich vertraue allein Ihrer Freundschaft. Die Adresse für Ihre Mittheilungen finden Sie in dem Papier. Wir werden noch bis zum März hier verweilen, disponiren Sie stets über meine Zeit.«
»Ich kann keine Versprechungen machen, Durchlaucht, ich muß Ihre Mittheilungen erst lesen,« sagte der Mann; »aber glauben Sie sicher, daß es nicht an meinem Eifer fehlen wird.«
»Nur bitte ich Sie - die strengste Discretion.«
Er legte die Hand aufs Herz. »Ich darf Eure Durchlaucht unmöglich so allein gehen lassen.«
»Nein - bleiben Sie! Auf dem Gensd'armenmarkt wartet mein Wagen - Stellungen, wie die meine im Leben haben oft auch ihre schweren Lasten. Ich muß noch zwei Besuche machen mit lächelndem Mund und heiterem Wort, während mir wahrhaftig ganz anders zu Muthe ist.«
»Jeder Stand hat seine Last - ich will noch heute in einen Club der Socialisten und in einen sogenannten Verbrecher-Keller. - Darf ich Ihre Hand küssen?«
Sie reichte ihm die feine Hand und er drückte einen ehrerbietigen Kuß auf den Handschuh.
»Leben Sie wohl und auf Wiedersehen!«
Der Mann folgte ihr trotz des Verbotes in einiger Entfernung, um sie vor widrigen Zufällen zu schützen,
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und wandte sich erst, als er sie in ihren Wagen steigen sah.


In einem ziemlich großen Zimmer, das nach dem mit Büchern und Papieren bedeckten Tisch und einigen Regalen mit Akten, Karten und Uniformstücken an den Wänden, als das Arbeits- und gegenwärtig auch als das Krankenzimmer eines Offiziers diente, lag auf einem ledernen Kanapee ein hoch in den Fünfzigen stehender Mann in einem bequemen Militairrock, das eine Bein in Schienen steckend, die anzeigten, daß der Fuß gebrochen war. Das Gesicht zeigte kräftige, etwas massive Züge mit starker Nase und buschigem Schnurbart ohne Backenbart, aber in den Augen und um den Mund lag etwas Gutmüthiges und wiederum Trauriges, Melancholisches. Der Kranke hatte sich, so viel es sein leidender Fuß erlaubte, ehrerbietig zur Seite gewendet nach dem Besucher, der an dem Sopha auf einem einfachen Stuhle Platz genommen hatte und bemüht war, den Kranken an jeder Bewegung zu hindern.
Der Herr, der neben dem Sopha saß, trug gleichfalls einen Uniformsrock, aber militärisch bis an den Hals zugeknöpft und nur mit dem Eisernen Kreuz und dem blauen pour le Mérite am Halse dekorirt. Er mochte im Anfang der Sechsziger stehen, das bereits gelichtete Haar, Schnurbart und der halb englische, bis an das Kinn reichende Backenbart waren stark ergraut, die Gesichtsfarbe aber frisch, fast rosig, und das nicht große, überaus freundliche wohlwollende Auge leuchtete unter den grauen Brauen und der freien breiten Stirn so jung und munter hervor, daß
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man der kräftigen, hohen und markigen Gestalt beim Begegnen gewiß weit weniger Jahre gegeben hätte, als der Gothaer Kalender nachwies und jeder Preuße wußte.
»Ich bitte Sie nochmals, lieber General,« sagte der ältere Offizier, »bewegen Sie sich nicht unnütz und schaden Sie nicht Ihrem kranken Bein. Sie wissen, daß ich gekommen bin, mit Ihnen zu plaudern, und wenn Sie sich nicht ganz ruhig verhalten wollen, gehe ich sogleich wieder.«
»Euer Majestät sind sehr gnädig - in allen Stücken und selbst gegen Menschen, die es in der That nicht verdienen.«
»Ah, Sie meinen die Amnestie?« sagte heiter der Monarch, - »ja, lieber Freund, da ließ sich Nichts machen, das ist so hergebrachte Sitte bei dem Thronwechsel, und auf Dank habe ich noch nie gerechnet. Ueberdies wäre es doch wirklich Unrecht, wenn ich die armen Leute, die im Grunde nichts Anderes gethan haben, als was heute mein ganzes Ministerium thut und protegirt, deshalb länger von der Heimath ausschließen wollte.«
»Das ist es eben, Majestät,« meinte etwas mürrisch der General, - »die Herren Minister sind so konstitutionell und liberal, und haben so große Lust, an dem alten Preußen zu rütteln, daß es darüber verloren gehen könnte, ohne daß ein Deutschland herauskommt.«
»Nun, so arg ist's nun gerade nicht,« meinte lächelnd der hohe Herr. »Unser Preußen ist ein gesunder Körper und hält schon einige Versuche aus. Aber ich weiß, Sie lieben die Auerswald's nicht.«
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»Ich achte nur Männer, die wissen, was sie wollen und den Muth und die Kraft haben, dafür einzutreten.«
»Muth hat der Auerswald, ich weiß - damals in Königsberg, als wir Beide noch jung waren - er trat 1812 unter die schwarzen Husaren und machte den Feldzug in Rußland mit, und dann 1813 schon als Offizier, - ich weiß, wie ich ihn damals beneidete, denn er war nur anderthalb Jahre älter als ich.«
»Euer Majestät erlauben, ich werde der persönlichen Ehrenhaftigkeit der Herren von Auerswald niemals zu nahe treten, - es kann aber, und ich fühle das am besten an mir, Jemand ein ehrlicher Mann und ein couragirter Offizier sein und doch zum Minister eines großen Staates Nichts taugen. Ich kann nun einmal den Herren die Confusionen von Achtundvierzig nicht vergessen.«
»Aber er hatte damals und jetzt eigentlich kein besonderes Portefeuille. Und am Rhein und in Preußen hat er in der That gute Dienste geleistet.«
»Schlimm genug, daß er dann nicht auf seinem Posten bleiben konnte. So viel ich weiß, gehört ja auch zu seinem Ressort jetzt die Presse?«
»Gewiß - er hält mir häufig Vortrag darüber.«
Der General nahm ein kleines Zeitungsblatt von dem Seitentisch. »Ich weiß nicht, ob Seine Excellenz auch über solche Dinge Euer Majestät Bericht erstatten.«
Der hohe Herr nahm das Blatt - es war die Nummer der Volkszeitung, welche in so empörender Weise die Mittheilung des Staatsanzeigers: daß Se. Majestät der König die zum Begräbniß des verewigten Bruders
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und zur Beglückwünschung der Thronbesteigung erschienenen Vertreter der Monarchen von Oesterreich, Frankreich und Belgien: Se. Kais. Hoheit den Großherzog von Toscana, den Prinzen Murat und den Grafen von Flandern, im Palais empfangen habe, - variirte, indem sie schrieb: »Auch der weggejagte österreichische Erzherzog, welcher früher als Großherzog in Toscana herrschte, fand sich zur Gratulation im Königlichen Palais ein« u. s. w. - Er las die Stelle und legte das Blatt nieder. »Das ist allerdings stark, - meinen Gast!«
»Die Art und Weise, wie Herr von Auerswald noch bei Lebzeiten des kranken Königs von ihm und seiner Regierung die Presse sprechen und sie als >zehnjährige Mißregierung< bezeichnen ließ, mußte zu solcher Sprache führen.«
»Sie wissen es, General, niemals hat eines Königs Herz treuer für seines Volkes Wohl geschlagen!«
»Der Preußische Staat,« fuhr der General fort, »hat zu seinen festen Grundlagen seit hundertundfünfzig Jahren seine Könige, den gottesfürchtigen, ernsten Geist der Hohenzollern, die Armee und ein wohlgeordnetes, treues Beamtenthum gehabt. Glauben Euer Majestät, daß es dem letztern zur Stärkung gereicht, wenn Graf Schwerin die Polizei der Hauptstadt in der Weise, wie augenblicklich geschieht, den Akoluthen des Herrn Kinkel und den Phrasen ehrgeiziger Staatsanwalte preisgiebt und ihr jede Autorität im Volke entzieht?«
»Gewiß nicht! - Aber der Schreiber jener Pamphlete
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in dem Londoner Blatt ist verurtheilt und dadurch die Unwahrheit erwiesen worden.«
»Aber noch vor der Verurtheilung hat man ihn entwischen lassen. Majestät, die Justiz ist ziemlich unzuverlässig geworden und das Rechtsbewußtsein im Volke bereits sehr erschüttert.«
Der hohe Herr zuckte ernst die Achseln.
»Euer Majestät kennen die Elemente der eben eröffneten Kammer. Es ist die pure Fortsetzung der Revolution von Achtundvierzig, ohne den Widerstand, den sie damals gefunden. Glauben Euer Majestät dies Ministerium befähigt, diese Bewegung in die rechte Bahn zu leiten, zur rechten Zeit ihr den Damm entgegen zu setzen? - Klüger sind sie geworden, und darum desto gefährlicher - darum statt der Demokratie: Fortschritt! - statt der früher offen bekannten republikanischen Zwecke - constitutionelle Bahn! - früher die Verfassung nur »ein leeres Blatt Papier«, jetzt die Verfassung der Tummelplatz der Anträge! - Nicht sie waren es, die das Königthum Achtundvierzig bedrohten, sondern die Reactionaire! - Warten Eure Majestät noch wenige Sitzungen, und Euer Majestät werden alles Das mit klaren Worten hören und noch ganz andere Dinge als Einleitung zum neuen Wege, die alten Umsturz-Zwecke zu erreichen.«
»Es will mir scheinen, Sie sehen zu schwarz, General.«
»Euer Majestät erlauben, daß ich das Departement der auswärtigen Fragen übergehe - diese mag vielleicht ein besser geeigneter Kopf als der meine behandeln! -
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und zu dem, was ich am Besten verstehe, komme: der Armee, in ihrer Neuschaffung Euer Majestät allereigenstes Werk und des Landes beste Kraft.«
»Ja,« sagte der hohe Herr, und sein gutes Auge leuchtete in einem freudigen Stolz auf, - »Sie haben Recht, General, unsers Preußens beste Kraft! An diese, denk' ich soll uns Niemand tasten, und mit diesem Theil meines Ministeriums werden Sie doch wohl zufrieden sein.«
»Gott gebe und erhalte Euer Majestät und dem Vaterland stets so treue und zuverlässige Männer, als General von Roon. Euer Majestät haben ein scharfes Auge und eine glückliche Hand bekundet, als Sie ihn an diese Stelle setzten.«
»Ja - ich und meine Armee werden ihm Vieles danken und ich habe das feste Vertrauen, daß sie sich in den Stunden der Gefahr bewähren und ihre Organisation auch die jetzigen Gegner überzeugen wird. Preußen hat über ausreichende Hülfsquellen zu verfügen, um seine Armee auf einem Achtung gebietenden Fuße zu erhalten. Der gegenwärtigen Lage Deutschlands und Europa's gegenüber wird die Landesvertretung sich der Aufgabe nicht versagen, das Geschaffene zu bewahren und in seiner Entwickelung zu fördern; sie wird sich der Unterstützung von Maßnahmen nicht entziehen, auf welchen die Sicherheit Deutschlands und Preußens beruht.«
Der General schüttelte trübe den Kopf.
»Wie - Sie theilen meinen Glauben nicht?«
»Wenn Euer Majestät das ehrliche Urtheil eines Soldaten verlangen: Nein! Nicht mit diesem Ministerium!
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Welche zuverlässige Freunde der Reorganisation sind in dieser Kammer, auf die General von Roon sich stützen kann? - nicht ein Dutzend! Erinnern sich Euer Majestät, daß an der Spitze der Fraktionen dieselben Männer stehen, welche die Königliche Armee stets gehaßt und angefeindet haben und aus ihr ein Volksheer ohne Disciplin, ein neues Mittel für ihre ehrgeizigen Agitationen und Umtriebe machen möchten; dieselben Männer, die an jenem 9. August und 5. September den königstreuen Offizieren die Verpflichtung auflegen wollten, aus der Armee zu treten; die die militairische Rechtspflege und das Offiziercorps aufheben und eine Bürgerwehr auf Staatskosten bewaffnen wollten; - dieselben Männer, die am 22. September sich weigerten, die Mörder von Auerswald und Lichnowski zu verfolgen und verlangten, den Wiener Rebellen Beistand gegen die Truppen ihres Kaisers zu leisten! Diese Männer, Majestät, unter welcher Farbe sie auch kämpfen - sie kämpfen gegen das Königthum, und ihr ganzes Streben ist die Schwächung, die Desorganisation der Armee, nicht ihre Stärkung durch die Organisation, die Euer Majestät ihr gegeben.«
Der hohe Herr sah nachdenkend vor sich hin. »Es liegt manches Wahre in dem, was Sie sagen, doch glauben Sie nicht, daß ich gegen diese Hindernisse und Schwierigkeiten blind gewesen bin. Indeß, es ist noch nie etwas Tüchtiges und Großes geschaffen worden, ohne den Widerstand der Bösen und Schlechten, und ich trage die Ueberzeugung im Herzen, daß das, was ich durch lange Jahre erwogen und vorbereitet habe, ein nothwendiges Werk ist, das in den Kämpfen, die meinem Volke nicht erspart bleiben
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werden, sich bewähren, unser Vaterland stark und groß machen und vielleicht alle jene jetzt auseinander gehenden Wege zu einem großen Ziele vereinigen wird.«
Der Erlauchte Herr legte sich leicht in den Stuhl zurück und sah vor sich nieder während einer kleinen Pause. Dann heftete er das blaue milde Auge auf seinen Offizier und sagte ernst: »Hören Sie mich an, General, - ich habe das Bedürfniß, einem ergebenen Freunde, zu dem ich volles Zutrauen habe, einige Worte zu sagen. Vielleicht erinnern wir uns - wenn Gott uns die Zeit dazu läßt - später einmal daran. - Ich habe von Jugend auf viel allein gestanden und auch nachher mich nur als des Königs ersten Soldaten, nicht als den Erben des Thrones betrachtet. Mein Bruder war nur zwei Jahre älter als ich; als es festzustehen schien, daß er keine direkten Leibeserben haben und mein Sohn künftig die Krone tragen würde, habe ich mich bemüht, diesen darauf vorzubereiten, ohne zu glauben, daß vorher die schwere Aufgabe auf meine eigenen Schultern gelegt werden würde. Gott hat es anders gewollt, und ich füge mich seinem weisen und unerforschlichen Willen. Ich bin ein ächter Sohn meines Vaters und habe ein ganzes Herz für mein Volk. Man hat mich verkannt, verleumdet, angefeindet, weil man in mir nur den starren Soldaten sah. Dieses Mißtrauen von allen Parteien, selbst von der sogenannten Reaction, begleitete mich, als ich die Regentschaft übernahm. Es ist ein eigenthümliches Loos aller Thronfolger in Preußen, vielleicht aller Throne, daß die Neuerer, die Unzufriedenen, die Liberalen schon bei Lebzeiten des regierenden Herrn ihre Hoffnungen und Wünsche
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auf den Nachfolger setzen. Bei mir war es nicht so - eben weil man in mir blos den starren Soldaten und die Revanche für das »Nationaleigenthum« von Achtundvierzig fürchtete. Man hat sich getäuscht - aber ich hoffe, man täuscht sich jetzt noch mehr. Obgleich nur Soldat, habe ich doch einen guten, gesunden Blick für die Bewegungen der Zeit und jenen Drang der Reformen gehabt, der die Welt bewegt. Ich habe niemals die engherzigen Reactionen des Herrn von Manteuffel gebilligt; man muß sich an die Spitze einer großen, unwiderstehlichen Bewegung des Volksgeistes, nicht dieser entgegen stellen, nur dann kann man sie in die richtigen Wege leiten. Die Geschichte der Einzelnen wie der Nationen beweist jene den Menschen nun einmal anklebende Schwäche, daß Personen wie Nationen nur durch die eigene bittere Erfahrung klüger werden und ihre Schulen durchmachen müssen. Deshalb hatte ich es bei Antritt meiner Regierung für wichtig gehalten, keinen Versuch zu machen, diese Nothwendigkeit meinem Volke zu ersparen. Es mag seine Erfahrungen, seine Schule im Liberalismus, in den überstürzenden Neuerungen machen und die Hohlheit der meisten kennen lernen. Erst wenn ich finden sollte, daß die Schäden nicht wieder gut zu machen wären, daß eine Umkehr nicht möglich werden, daß der Kern meines Volkes unheilbar verletzt werden, daß Preußens Ehre, Preußens Zukunft in Frage kommen würden, - dann wird es meine Pflicht sein, als die von Gott bestellte Vorsehung dieses Landes, als der Leiter und Herr meines Volkes einzutreten und zu sagen: bis hierher und nicht weiter! Dann werden hoffentlich selbst die jetzt
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Irrenden einsehen, daß ich Recht habe, und werden mir folgen auf den besseren Bahnen.
»Um das zu können, um im rechten Augenblick die Kraft und die rechte Stütze zu haben, nicht für Preußen allein, sondern für das ganze deutsche Vaterland, dafür habe ich unsere Armee neu gestaltet, - und an diese Institution soll mir Keiner rühren!«
Der General küßte tief ergriffen des Königs Hand. »Gott segne Sie dafür, Majestät!«
»Es ist Preußens Bestimmung nicht,« fuhr der hohe Herr fort, und das sonst so ruhige, milde Auge begann zu leuchten, »dem Genuß der erworbenen Güter zu leben. In der Anspannung seiner geistigen und sittlichen Kräfte, in dem Ernst und der Aufrichtigkeit seiner religiösen Gesinnung, in der Vereinigung von Gehorsam und Freiheit, in der Stärkung seiner Wehrkraft liegen die Bedingungen seiner Macht; nur so vermag es seinen Rang unter den Staaten Europa's zu behaupten.
»Ich halte fest an den Traditionen meines Hauses, wenn ich den vaterländischen Geist meines Volkes zu heben und zu stärken mir vorsetze. Möge es mir unter Gottes gnädigem Beistand gelingen, Preußen zu neuen Ehren zu führen.«
»Das wird geschehen,« sagte der alte Offizier mit Begeisterung, »und mögen Euer Majestät Ihren Getreuen bald die Gelegenheit geben, ihr Blut und Leben dafür zu opfern.«
»Sachte, sachte, General,« meinte lächelnd der hohe Kriegsherr - »ich habe Ihnen da zwar mein politisches
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Programm anvertraut, aber noch lange nicht das des Herrn von Schleinitz.«
»Es sollte mich sehr wundern, wenn der Herr nicht mit seiner italienischen Note und dem letzten Frankfurter Votum seinen Kriegsmuth erschöpft haben sollte. Doch das mahnt mich an die erbetene Audienz.«
»In der That, lieber General,« sagte der hohe Herr, »Sie haben mich mit Ihrem Billet neugierig gemacht, - ich wäre sonst erst morgen gekommen, Sie zu besuchen. Wer ist denn der geheimnißvolle Herr, der nicht in mein Palais kommen kann?«
»Majestät, einer Ihrer getreuesten Diener und ein Preuße bis in's Mark seiner Seele. Er ist vor einer Stunde aus großer Entfernung angekommen und hat sich an mich gewendet, ihm Audienz zu verschaffen. Leider traf er mich mit gebrochenem Bein und ich mußte daher Euer Majestät die Bitte schriftlich vortragen.«
»Und ich habe die Antwort Ihnen selbst gebracht. Aber nun - wer ist es?«
»Euer Majestät wollen mir erlauben, den Herrn herbeirufen zu lassen.«
Der General schellte und ein alter Diener trat ein. »Bitte den Herrn, der im zweiten Zimmer dort wartet, einzutreten, und sorge, daß Niemand stört.«
Der Diener entfernte sich; gleich darauf öffnete sich die Thür wieder, und ein Herr in Civil trat ein, der an der Schwelle stehen bleibend eine tiefe und ehrerbietige Verbeugung machte und dann sich wieder militärisch stramm aufrichtete. Er hielt einen Brief in der Hand.
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Der Eingetretene war eine gewaltige Figur - er maß volle 6 Fuß und die breiten Schultern, die kräftige Brust, die bei einer gewissen legeren Art doch stramme, feste Haltung gaben dieser Gestalt etwas Imponirendes. Der Kopf war proportionirt, aber nur noch spärlich von blondem Haar über die breit gewölbte hohe Stirn und die Schläfe bedeckt, das Gesicht rund, märkisch, fast farblos, unter den blaugrauen Augen mit dem festen Blick schwere, sackartige Falten, - ohne Backenbart, aber über dem gut geschnittenen Mund und dem kräftigen runden Kinn von einem starken nach russischer Mattier hängenden blonden Schnurbart überbuscht. Er trug einen einfachen Civilrock.
»Wie, Herr von Bismarck - Sie hier? Ich wußte nicht, daß Sie auf Urlaub sind?!«
Der Erlauchte Herr hatte sich zu dem Empfang erhoben und trat jetzt, offenbar erstaunt und unangenehm überrascht, einen Schritt vor.
Der Diplomat blieb auf seinem Platz und wiederholte nur die tiefe, ehrerbietige Verbeugung. Sein ehernes Gesicht blieb vollkommen ruhig bei dem Vorwurf, der eigentlich in den Worten lag.
»Euer Majestät halten zu Gnaden,« sagte er, - »ich bin nicht in meiner Eigenschaft als Gesandter, sondern als Kourier Seiner Majestät des Kaisers Alexander hier, um auf den besonderen Wunsch des Kaisers Euer Majestät dieses Allerhöchste Handschreiben zu übergeben. Dieser Wunsch, dem ich glaubte gehorchen zu müssen, möge mich entschuldigen, meinen Posten auf wenige Tage ohne Urlaub verlassen zu haben.«
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Der hohe Herr hatte den Brief aus seiner Hand entgegen genommen, trat zu der Lampe auf dem großen Mitteltisch und öffnete das Schreiben.
Er las es, am Tisch stehend, mit Aufmerksamkeit durch - dann begann er noch einmal von vorn und wiederholte die Durchlesung mit gleicher Aufmerksamkeit.
Es folgte eine Pause tiefen Nachdenkens.
Als der hohe Herr seinen Blick erhob und dieser auf den Diplomaten fiel, sagte er blos: »Ich danke Ihnen, Herr von Bismarck, Sie sind entschuldigt, und es ist mir jetzt lieb, Sie hier zu sehen. Weiß man in Petersburg um Ihre Reise?«
»Man glaubt mich im Gesandtschaftshôtel auf einem Jagdausflug für einige Tage.«
»Gut - und hier?«
»Ich habe die Eisenbahn auf der letzten Station verlassen und bin zu Wagen hier eingetroffen. Ich werde noch diese Nacht in gleicher Weise, wenn Euer Majestät nicht anders befehlen, Berlin wieder verlassen und in 50 Stunden wieder in Petersburg sein.«
»Es ist gut so. Herr von Schleinitz braucht von Ihrer Anwesenheit nicht zu wissen, ich dispensire Sie von der Meldung. - Kennen Sie den Inhalt dieses Schreibens?«
»Se. Majestät der Kaiser haben mich des Vertrauens gewürdigt, über einige Punkte mit mir zu sprechen.«
»Er verweist mich wegen verschiedener Mittheilungen an Sie und hat eben deshalb Sie mit der Ueberbringung beauftragt, - doch Sie werden angegriffen sein von der weiten Tour - setzen Sie sich.«
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»Im Dienst Euer Majestät werde ich niemals Ermüdung kennen.« Bei der Verbeugung, welche diese Worte begleitete, streifte sein Blick leicht den kranken General, der einige Unruhe verrieth.
»Der General,« sagte der hohe Herr, »genießt mein vollstes Vertrauen - ich habe keine Staatsgeheimnisse vor ihm nach unserer Unterredung von vorhin, und Sie können ungescheut sprechen.«
»Aber Seine Majestät der Kaiser von Rußland kann solche haben,« warf der General ein, »und es wäre mir peinlich, mich eingedrängt zu haben. Ich bitte daher Euer Majestät ...«
»Gut, gut! Sie haben, wie meist, Recht. Wir werden Nichts sprechen, was Ihnen penible sein könnte. Setzen Sie sich, Herr von Bismarck.«
Diesmal gehorchte der Diplomat dem Befehl.
»Mein Neffe, der Kaiser,« sagte der hohe Herr, »schreibt mir über drei in diesem Augenblick schwebende bedrohliche Fragen. Zunächst fürchtet man eine neue Erhebung in Polen. Was wissen Sie davon? - meine politische Polizei ist bekanntlich herzlich schlecht.«
»Die kaiserliche Polizei,« berichtete der Gesandte, »ist vollständig davon informirt, daß ein Ausbruch vorbereitet wird, nur über die Zeit scheint das Agitations-Comité in Paris selbst noch nicht entschlossen.«
»Also wieder Paris?!«
»Von Paris und - auch von einer anderen Seite her.«
»Ich verstehe die Anspielung in dem Briefe nicht, - was meinen Sie?«
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»Von Rom.«
»Von Rom? - Aber die polnische Emigration in Italien steht doch auf Seite des Herrn Garibaldi und des Königs Victor Emanuel, nicht unter dem Protektorat des apostolischen Stuhls.«
»Sie ist deshalb auch nur ein Mittel für andere Zwecke. Vergessen Euer Majestät nicht, daß, wenn das Kabinet von St. Petersburg sich aus legitimistischen Principien auf die Seite des Königs Franz gestellt und seinen Gesandten abberufen hat, man doch mit dem Vatican blank steht. Polen wird noch auf Jahre hinaus ein empfindlicher Punkt für Rußland bleiben, und die römische Kurie hat es in der Hand, einer Erhebung in Polen durch den Einfluß der Geistlichkeit Bedeutung zu geben, oder sie in die Kategorie einer bloßen Revolte einiger unruhigen Köpfe versinken zu machen. Der Kardinal Antonelli unterhandelt in diesem Augenblick in Rom mit dem russischen Gesandten bei dem König Franz, dem Prinzen Wolkonsky, die abziehende französische Flotte durch eine russische vor Gaëta ersetzt zu sehen.«
»Das dürfte einen neuen Krieg mit England geben. Nach den letzten Berichten des Grafen Bernstorff aus London hat Lord Palmerston in einer sehr energischen Note an Herrn Thouvenel die alsbaldige Zurückziehung der französischen Flotte von Gaëta gefordert.«
»Es ist eine Forderung, die dem Kaiser Louis Napoleon sehr gelegen kommt. So viel Sympathie auch der Kaiser Alexander für den unglücklichen König Franz, und so große Antipathie er auch gegen die italienische Revolution von
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Oben herab hat, so veranlassen ihn doch höhere Staatsrücksichten, jede active Einmischung abzulehnen, und - ich glaube, er thut Recht daran. Die polnische Erhebung wird also zum Ausbruch kommen.«
»Aber wenn man sie im Voraus kennt, wird man Mittel haben, sie zu verhindern, wenigstens ihren Heerd sehr zu beschränken.«
»Das, Majestät, ist in Preußen möglich, aber nicht im russischen Polen und Litthauen. Die Agitation soll bereits sehr ausgedehnt sein und der Ausbruch, wenn er bestimmt ist, ist bei so williger Nachbarschaft, als die österreichische, nicht zu verhindern. Graf Rechberg wird es dem Kaiser nicht vergessen, daß er in Lazienka zwei Stunden im Regen antichambriren mußte.«
Der hohe Herr lächelte bei der Erinnerung an die Tage in Warschau.1
»Er findet darin,« fuhr der Diplomat fort, »die beste Unterstützung im Herzen von Deutschland. Herr von Beust ist ein besonderer Protektor der polnischen Emigration, und Se. Durchlaucht der Herr Herzog von Coburg wird der englischen und belgischen Kriegsindustrie die Station Gotha gewiß nicht versperren.«
»Ah - Sie scheinen sehr gut unterrichtet zu sein, Herr Gesandter.«
»Fürst Gortschakoff, Majestät, hat daraus kein Geheimniß gegen mich gemacht. Umsoweniger, als auch - bei aller Sympathie des Kaisers Alexander für die Polen,
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die vorerst zu dem Versuch von Concessionen führen wird - unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Rußland, namentlich bei der bevorstehenden Aufhebung der Leibeigenschaft, doch Se. Majestät der Kaiser Alexander auf eine aufrichtige Unterstützung Preußens bei einer polnischen Erhebung rechnet und sich derselben« - er wies auf den Brief - »so bald als möglich versichern möchte.«
»Der Kaiser schlägt eine Erneuerung des Kartellvertrages und eine Erweiterung desselben durch Hinzufügung einiger geheimen Klauseln vor.«
Der Diplomat verbeugte sich zustimmend.
»Ist Ihnen der Inhalt dieser Klauseln bekannt?«
»Ich habe sie selbst mit dem Fürsten redigirt. Hier der Entwurf.«
Er überreichte ein Papier.
Nachdem der hohe Herr dasselbe durchgelesen, gab er es dem General. »Lesen Sie es auch und sagen Sie mir Ihre Meinung. Wenn davon die Herren von der Linken erführen, die so gern die polnische Agitation unterstützen, würde das einen großen Lärmen abgeben, - und dennoch ist es nichts Anderes, als was ein Nachbar dem andern schuldig ist.«
Der General hatte sehr bedachtsam gelesen. »Ich weiß nicht, ob der Preßrapport des Herrn von Auerswald Euer Majestät bereits berichtet hat, daß auch unter unsern Demokraten der Nationalitätsschwindel, angeregt von dem pariser Lärmen über den Verkauf von Venetien, seine Blüthen treibt und man, wie Achtundvierzig, wieder ganz offen von einer Abtretung des Großherzogthums Posen
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und eines Theiles von Westpreußen an Polen zur Gründung eines eigenen sarmatischen Reichs spricht und schreibt. Nach den Aufklärungen, die uns der Herr Gesandte gegeben, scheinen mir das die Plänkler für die neue polnische Rebellion zu sein. Die große Nachsicht, die man den unruhigen Köpfen im Großherzogthum bei den wiederholten Empörungen bewiesen hat, werden noch blutige Früchte tragen. Der große Theil der soliden und treuen Bevölkerung der Provinz hat wohl das Recht, zu verlangen, daß bei Zeiten alle Maßregeln genommen werden, um der Wiederholung von Schandthaten, wie sie 1830 und 48 vorgekommen sind und weder von dem Herrn von Willisen noch von Bonin verhindert werden konnten, vorzubeugen.«
»Das ist auch meine Meinung. Ich ertheile dem Vertrage meine Zustimmung.«
»Euer Majestät sichern Preußen durch diesen weisen und gerechten Entschluß den Dank des Kaisers Alexander und die weitgehendsten Concessionen in der schleswig-holsteinschen und deutschen Frage.«
Der Erlauchte Herr sah den Redner fest an. »So rathen Sie Verträge, die dieser Brief vorschlägt?«
»Wollen Euer Majestät mir gestatten, mit einigen Worten meine Ansichten über die politische Sachlage und die Aussichten Preußens im Allgemeinen vorzutragen?«
»Ich hätte Sie, da Sie einmal hier sind, ohnehin dazu aufgefordert. Sprechen Sie ungeschminkt, es liegt mir daran.«
Der Diplomat hatte den Bleistift, der auf dem Tisch am Krankenbett unter den Papieren lag, in die Hand
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genommen und bewegte ihn leicht während der nachfolgenden Worte zwischen den Fingern. Sein Oberkörper wiegte sich dabei in leichtem Schwanken vor und zurück.
»Euer Majestät weiser Voraussicht,« sagte er, »werden Preußen und Deutschland nicht genug danken können, indem durch die von allen Militairs als unübertroffen gerühmte Reorganisation der Armee das Land befähigt wird, den großen Ereignissen und Gefahren, welche den bisherigen Zustand bedrohen, mit Erfolg entgegen zu treten.
»Der Kaiser Louis Napoleon hat zur Beschäftigung der ewig unruhigen Franzosen Principien wachgerufen, die sich gegen die alten Grundsätze der Politik so gewaltig aufbäumen, daß sie nicht mehr durch Metternich'sche Maßregeln zu unterdrücken sein dürften. Der italienische Krieg, die ungarischen Conflicte, die schleswig-holsteinische Frage, der deutsche Nationalverein sind deren Früchte. Große Volksbewegungen beherrscht man nicht, indem man ihnen Opposition macht, sondern indem man sich an ihre Spitze stellt und ihre Fluth in das nützliche Bett leitet.«
Der hohe Zuhörer warf dem General einen Blick zu, der ihn an das vorhin Gesprochene erinnerte und nickte zustimmend.
»Die Einigung und Größe Deutschlands,« fuhr der Redner fort, »ist am Ende der Jugendtraum jedes deutschen Mannes gewesen. Phantasten, unruhige Köpfe, aber auch viele ehrenwerthe, tüchtige Männer haben dafür ein politisches Märtyrerthum erlitten; andere, die Mehrzahl, haben durch das praktische Leben erkennen lernen, daß für das Ideale man nicht das Reale opfern darf, aber jener Traum
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bleibt nichtsdestoweniger in Aller Herzen. Das ist, was den sogenannten Nationalverein lebensfähig macht, nicht die demokratischen Spekulationen seiner Begründer. Die nationale Bewegung nach einer Einigung und Stärkung Deutschlands läßt sich nicht mehr unterdrücken. Der hochselige König begriff sie und war von ihr begeistert, - aber er war nicht der Charakter, sie zu Fleisch und Blut zu machen, eben weil er große Maßregeln, also das Blut, scheute.«
Der hohe Herr sah sinnend vor sich nieder. »Meine Pflichten für Preußen fallen mit meinen Pflichten für Deutschland zusammen,« sprach er. »Als deutschem Fürsten liegt mir ob, Preußen in derjenigen Stellung zu kräftigen, welche es vermöge seiner ruhmvollen Geschichte, seiner entwickelten Heeresorganisation unter den deutschen Staaten zum Heile Aller einnehmen muß.«
»Um Himmelswillen nur kein Aufgehen Preußens in einem uneinigen Deutschland,« murmelte hörbar der General.
»Der Einigung Deutschlauds steht der Partikularismus, der Dualismus von Oesterreich und Preußen entgegen. Preußen ist das jugendfrischere, kräftigere Element, deshalb fällt die Aufgabe der Einigung und Führung Preußen zu. Oesterreich, ein Bedingniß des künftigen europäischen Friedens, muß seinen Halt in Ofen suchen, nicht in Frankfurt a. M. Dagegen sträubt sich zur Zeit noch die österreichische Politik und befördert daher den deutschen Partikularismus. Graf Rechberg, der sehr wohl die Macht und die Unabwendbarkeit der nationalen Ideen
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begreift, intriguirt in diesem Augenblick für ein Bündniß der deutschen Kleinstaaten, um Oesterreich an die Spitze der Bewegung zu stellen, was so viel heißen würde, als Preußen auf das Niveau von Hannover oder Bayern zu drücken. Die Nadelstiche haben bereits in den Verhandlungen über die Reform der Bundeskriegsverfassung begonnen. Sie werden zu eklatanten Versuchen anwachsen, denen Preußen begegnen wird und muß - zuletzt mit dem Schwert. Ein großer Krieg mit Oesterreich, wahrscheinlich einschließlich des größten Theils der deutschen Mittel- und Kleinstaaten, ist in den nächsten fünf Jahren unausbleiblich.«
»Ich hoffe, Sie irren sich. Der Kaiser Franz Joseph ist wie ich und Kaiser Alexander der Erbe der heiligen Allianz. Ich wünsche Preußen nur sein Recht zu erhalten, seine Stellung zu wahren und hoffe, daß der Kaiser Franz Joseph gemeinschaftlich mit mir die Würde und die Interessen Deutschlands vertreten, nicht eine unbillige Suprematie an sich zu bringen versuchen wird.«
»Euer Majestät werden vielleicht bald Gelegenheit haben, sich davon zu überzeugen. Die immer dringender hervortretende Frage der Herzogthümer und einer Reichs-Execution gegen Dänemark werden Gelegenheit dazu geben.«
»So glauben Sie an eine hartnäckige Verweigerung der deutschen Rechte in Kopenhagen?«
»Die Demokratie des Herrn Hall ist dort in voller Herrschaft. Man wird alle Forderungen des deutschen Bundestags, die ohnehin des rechten Ernstes entbehren,
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brutal zurückweisen, denn man stützt sich auf England und Frankreich!«
»Auf England?«
»Euer Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Diplomat mit einer gewissen Energie, »wenn ich meine Ansichten unverhohlen ausspreche. Preußen und Deutschland haben keinen schlimmeren Feind als England. Mit Frankreich werden wir ja über kurz oder lang einen tüchtigen Krieg haben, denn der Kaiser Louis Napoleon wird sich nicht anders zu helfen wissen. England aber ist der stille Feind der deutschen, vor Allem der preußischen Entwickelung und wird ihr unter der Maske der Neutralität stets stille Hindernisse in den Weg werfen, denn diese Entwickelung beschränkt seine materiellen Interessen. Nur der immer mehr sinkende Einfluß auf die politischen Fragen der Welt hält die offene Gegnerschaft zurück. Die Verhinderung jedes engern und festern Einvernehmens mit Rußland ist das Hauptziel der englischen Politik. Die preußisch-deutsche Entwickelung im Gegensatz zu der Politik von Olmütz darf nicht aufgehalten werden. Dafür werden in der kommenden Zeit drei große Kämpfe geschlagen werden müssen - den einen habe ich bereits mir erlaubt, anzudeuten.«
»Es wäre eine traurige Nothwendigkeit! - Sie denken an den zweiten - am Rhein!«
»Frankreich hat fast fünfzig Jahre Deutschland in Ruhe lassen müssen. Das ist eine sehr lange Zeit nach der Geschichte.«
»Wir werden es nicht herausfordern, aber man wird uns schlagfertig finden.«
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»Das eben wird das hohe Verdienst Eurer Majestät um Deutschland sein. Aber eine vorsichtige Politik verlangt bei Zeiten Sicherung durch Bündnisse. Der Kampf zwischen dem Romanenthum und Germanenthum würde ungleiche Chancen bieten, da die englische Rivalität die germanische Macht spaltet, wenn wir nicht dasselbe thun, die romanische Macht zu theilen.«
»Aber wie?«
»Während uns Rußland in dem Kampf mit Oesterreich oder Frankreich den Rücken deckt und jede Einmischung verhindert - durch das Bündniß mit dem werdenden Königreich Italien!«
»Herr von Bismarck!!«
»Euer Majestät haben mir befohlen, aufrichtig meine Meinung zu sagen. Die deutsche, die preußische Politik muß entweder offen und aggressiv für die päpstliche Kurie und die Wiederherstellung des Kirchenstaates eintreten, oder das Recht der italienischen Nation zu ihrer Constituirung als Großmacht durch die Anerkennung eines Königreichs Italien unterstützen. Das Erstere ist nicht die Aufgabe Preußens als protestantischen Staates und hieße die Provocirung eines Krieges mit aller Welt. Das Zweite ist eine Maßregel politischer Klugheit und ist ein Recht des italienischen Volks.«
»Aber - Herr Gesandter! Sie vergessen Ihre eigene Logik - Sie vergessen das, was Sie gegen das Recht der polnischen Nationalität gesagt haben!«
»Halten zu Gnaden, Majestät - ich befinde mich nicht im Widerspruch. Die polnische Nation hat durch
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die Erfahrungen der Geschichte längst ihre Unfähigkeit dokumentirt, als selbstständige Nation zu existiren; das Rad der Geschichte ist über sie hinweggegangen, sie geht in der allgemeinen Nationalität der slavischen Race auf. Das Gleiche ist mit den Bourbonen der Fall. - Eure Majestät haben Recht, das innigste Mitgefühl mit dem König Franz in Gaëta zu haben, - aber der Lauf der Geschichte auf Erden läßt sich nicht gebieten, so wenig wie der Gang der Gewitter am Himmel. Ein vorsichtiger Hausherr setzt nur bei Zeiten den Blitzableiter auf sein Dach!«
Der hohe Herr saß in tiefem Nachdenken, während der General mit finsterm und doch achtungsvollem Blick den weitsehenden Staatsmann betrachtete.
Endlich erhob der Erlauchte Herr die Stirn. »Sie sprachen von einem dritten Gegner, einem dritten Kampf. Doch nicht Rußland oder England?«
»Nein, Majestät - England wird nie mehr einen großen Krieg führen, und Rußland ist für alle Zeit der beste und sicherste Verbündete Preußens, trotz aller Verdächtigung der Demokraten. Der Kampf, den ich voraussehe, der kommen muß in der Entwickelung Deutschlands, ist ein geistiger, der Kampf mit dem Bundesgenossen Oesterreichs und Frankreichs: mit der römischen Hierarchie, und schon um deshalb ist ein Bündniß mit Italien nöthig und nützlich.«
Der hohe Herr machte eine abwehrende Bewegung. »Bleiben Sie mir mit den religiösen Spaltungen vom Leibe - Sie haben mir ohnehin zu denken genug gegeben.
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Herr von Bismarck, da Sie hier sind - der Baron von Schleinitz hat mir seinen Wunsch ausgesprochen, das Portefeuille des Auswärtigen zu vertauschen. - Kann ich auf Sie rechnen?«
»Euer Majestät erweisen mir eine hohe Ehre - aber ich bitte um die hohe Gnade, ein wenig Eigendünkel haben zu dürfen.«
»Wie so?«
»Ich möchte nicht gern zu rasch verbraucht sein - und das würde mit dem jetzigen Ministerium leicht der Fall sein.«
Der General konnte ein Lachen nicht unterdrücken - selbst der hohe Herr lächelte.
»Ich hoffe, Euer Majestät und dem Lande noch einige Dienste zu leisten, da ich mich noch in guter Manneskraft fühle. Euer Majestät haben natürlich über mich zu befehlen, aber ich hoffe, Euer Majestät Gnade mir bewahrt zu sehen, bis meine Zeit gekommen ist. Für das Auswärtige Amt bin ich noch keineswegs genügend vorbereitet und habe noch Stationen durchzumachen.«
»Ah - ich verstehe, - Wien und Paris?«
»Ich glaube unvorgreiflich, daß das Letztere genügen wird. Für Wien halte ich mich durch meine Beschäftigung in Frankfurt genügend informirt.«
»Ich denke, ich kann Sie jetzt besser in Petersburg brauchen. Und wen rathen Sie für das Auswärtige?«
»Zunächst wird sich Herr von Schleinitz wohl noch halten lassen. Er hat gegen Herrn von Vincke seine italienischen Antipathien mit der Hattd in der Hosentasche
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zu vertreten. Später dürfte man wohl Graf Bernstorff nicht übergehen.«
»Sie haben Recht!« - Der hohe Herr erhob sich, und der Diplomat folgte rasch dem Zeichen. »Sie halten also den mir vom Kaiser Alexander vorgeschlagenen Vertrag für zweckmäßig?«
»Er enthält die Zukunft Preußens, Majestät, - nach meiner innersten Ueberzeugung.«
Der Erlauchte Herr reichte ihm die Hand, die der Gesandte ehrerbietig küßte. »Leben Sie wohl, Herr von Bismarck, in einer Stunde werden Sie meine Antwort für den Kaiser erhalten. Grüßen Sie ihn noch herzlich von mir und sagen Sie ihm, daß uns Allen seine Theilnahme bei dem Tode meines Bruders wohlgethan. - Reisen Sie glücklich und nehmen Sie Ihre Gesundheit in Acht - ich brauche gute Freunde. Das, lieber General, gilt auch Ihnen! Gute Nacht und gute Besserung!«
Eine freundliche Handbewegung hielt den Diplomaten zurück, als der hohe Herr das Zimmer verließ.

Nach der Wolfsjagd!

Der Polizei-Commissar Drosdowicz war noch immer beschäftigt mit der Sichtung und genauen Durchsicht der Papiere, die man in der entdeckten Chatoulle gefunden hatte. Der Commissar, der später bei dem Ausbruch und der Unterdrückung der Verschwörung eine nicht unwichtige Rolle spielte und von den Warschauer Verschworenen ebenso gefürchtet als gehaßt wurde, war eine man möchte sagen ideale Polizeinatur. Es war ihm förmliche Ehrensache, einem Verbrecher oder politischen Complot auf die Spur zu kommen und die Schuldigen einzufangen, und er scheute dabei keine persönliche Gefahr, kannte auch keine Rücksicht. Aber er verfolgte dabei keineswegs die Person, sondern die Sache, und man hatte häufig Beispiele, daß er für die Personen selbst, die er an den Strick oder in den Kerker lieferte, die größte Nachsicht, ja eine gewisse Theilnahme zeigte und ihre persönlichen Leiden bis zur Verurtheilung und nach derselben möglichst zu erleichtern suchte.
Wir haben einen solchen Zug schon bei der Verhaftung des Fräulein von Marowska gesehen.
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Sobald der Kommissar seine Aufgabe erreicht, das heißt die Beweise der revolutionären Verbindungen des Hausherrn in seinen Händen sah, war sein Benehmen gegen die unglückliche Frau sofort ein anderes. Er erwies ihr jede Rücksicht, ließ sie von der Dienerschaft nach ihrer Schlafstube zu den Kindern bringen und begnügte sich, eine Wache vor ihre Thür zu stellen. Den schurkischen Kellermeister sandte er mit dem Straßnick Stephanowitsch, um ihn aus ihren Augen zu entfernen, zu dem Bezirkshauptmann mit der Benachrichtigung des wichtigen Fundes.
Das rasche Dunkel des Winterabends war bereits eingetreten, als der Kollegienrath mit seinem Gefangenen auf Bielowica eintraf.
»Bravo, Drosdowicz,« lachte der Beamte, als er aus dem Schlitten stieg und die Wolfsschur abwarf - »ein kostbarer Fang, und ich bringe weiteres Material dazu: den berüchtigten Kapitain Langiewicz, der uns glücklich in die Hände gefallen ist. Heda - paszol - bringt den Gefangenen in die Küche und bewacht ihn wohl! Haben Sie für ein Abendbrod gesorgt und eine gute Bowle Punsch, Kommissärchen? - wir sind tüchtig müde und durchfroren, und Kapitain Langiewicz soll auch ein Glas haben. - Was sagt unsere hochmüthige Hausdame dazu? Ist die stolze Schönheit etwas kirre geworden?«
»Ich habe Frau von Wolawska erlaubt, sich zurückzuziehen, doch ist sie unter Bewachung,« entgegnete ziemlich kühl der Polizeibeamte. »Der Herr Kollegienrath wollen Ihre Befehle geben, was für die Sicherung der
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Gefangenen geschehen soll. Darf ich fragen, wo Herr von Wolawski ist?«
»Auf dem Weg nach Konin in Begleitung der nöthigen Kosacken und unseres wackern Spions. Morgen früh wollen wir selbst dahin abgehen. Bis dahin müssen wir auf die Vorsichtsmaßregeln des Herrn Kapitains uns verlassen. Iwan Iwanowitsch, wie viel hast Du von Deinen Leuten bei Dir?«
»Vierunddreißig, und vier, die im Hause zurückgeblieben waren.«
»Das macht mit den beiden Gensd'armen, die wir noch haben, den Polizeidienern und uns fünfundvierzig bewaffnete Männer, genug, um jede Gefahr zu beseitigen. In zwei Stunden höchstens muß übrigens das Militair hier sein, das ich zu unserem Schutze requirirt habe. Lassen Sie das Hofthor schließen und stellen Sie um das Haus Posten aus, Kapitain, an allen Thüren! Niemand darf sich ohne meine besondere Erlaubniß entfernen. Von allen Vorgängen Rapport in die Halle zu mir. Wir wollen uns ein wenig restauriren, Herr Kommissar, und dann unsern Fang besehen.«
Die Kosacken banden ihre Pferde im Hofe umher fest, schleppten Heu und Hafer herbei und machten auch für sich ein Bivouak im Freien, unweit der Thür, da sie unmöglich Alle in der Küche Platz finden konnten. Man ging dabei eben nicht sehr vorsichtig mit dem Licht und Stroh zu Werke.
Fast eine Stunde verging mit dem Nachtessen, - der Kollegienrath hatte es jetzt nicht so eilig, nachdem er
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die im Stillen gehaßte Familie in seinem Netz wußte. Dann erst machte er sich über den Inhalt der Kassette her.
Zunächst ließ er sich die Art und Weise erzählen, wie sie entdeckt worden war. »Ein verteufelt schlauer Hund, der Stephanowitsch,« meinte er; »er verdient zu etwas Besserem benutzt zu werden, als Zucker- und Kaffeeballen an der Gränze zu riechen. Ich werde in unserm Bericht ein Wort zu seinen Gunsten fallen lassen.«
»Ich habe dem Mann versprochen, ihn in mein Bureau in Warschau aufzunehmen. - Was soll mit dem Kellermeister geschehen? - ich fürchte, wenn man ihn hier läßt, wird es ihm schlimm gehen.«
»Ich habe ihn vorläufig mit dem Verbrecher nach Konin geschickt. Wir brauchen ihn natürlich als Zeugen. Nachher mag er sehen, wo er bleibt. - Wo ist das Protokoll mit der Frau?«
»Es war mir unmöglich, mit Frau von Wolowska hier eine Vernehmung auszuführen. Die Entdeckung hat sie zu tief erschüttert,« sagte der menschlich denkende Beamte.
»Bah - Unsinn! Rebellennerven sind stark und wir brauchen ihre Anerkenntniß, daß sie um den Versteck und seinen Inhalt wußte. Sie könnte uns sonst durch die Finger schlüpfen.«
»Wie ich die Dame beurtheile,« meinte der Kommissar, »wird sie einen Stolz darin suchen, die Schuld und das Schicksal ihres Gatten zu theilen.«
»Das Gesetz ist viel zu milde für solche Frauenzimmer - General Haynau traf allein das Richtige, als
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er sie in Brescia öffentlich peitschen ließ! - Ich sage Ihnen, Herr Drosdowicz, - in den intriguanten Köpfen der Weiber steckt das Hauptgift der Revolution. Wenn die Polinnen nicht wären, die Polen wären längst gut russisch!«
Der Kommissar nickte zustimmend. »Die Weiber und die Pfaffen.«
»Lassen Sie die Frau holen und den Kapitain Langiewicz - wir wollen sie confrontiren.«
Der Kommissar that es ungern, aber er mußte sich fügen, und um den Auftrag so wenig rauh als möglich ausgeführt zu sehen, ging er selbst, die Dame zu holen.
Der Kreishauptmann beschäftigte sich unterdeß mit den gefundenen Papieren. Obschon viele der Briefe, besonders die Namen und Adressen der Mitglieder der Propaganda in Polen selbst in jener Ziffernschrift geschrieben waren, deren sich die polnische Agitation vor und während der Rebellion von 1863 in den wichtigen Korrespondenzen bediente, und deren Schlüssel grade wegen seiner Einfachheit aber stetigem Wechsel der Geschicklichkeit der russischen Dechiffreure bei den Prozessen so große Schwierigkeiten geboten hat, - so war der offenkundige Inhalt doch mehr als ausreichend, die Verbindung des Gutsherrn mit dem pariser Centralcomité und seine Theilnahme an den Vorbereitungen für eine neue Erhebung im Lande selbst zu beweisen.
Bei jedem neuen Beweisstück rieb sich der Kollegienrath vergnügt die Hände - die Entdeckung mußte ihm
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sicher Beförderung und Orden bringen; außerdem diente sie über Erwarten seiner Rache.
In dieser Stimmung traf ihn der Eintritt der Gutsherrin; zu gleicher Zeit wurde der Gefangene durch zwei Kosacken zu der Hauptthür der Halle hereingeführt.
Frau von Wolawska hatte Zeit gehabt, ihre erste Erregung über die Entdeckung niederzukämpfen und wenigstens ihre äußere Fassung wieder zu gewinnen. Wie sehr die Mitglieder der begonnenen Verschwörung auch auf ihr Gelingen rechneten, mußten sie doch dabei jeden Augenblick auf eine Entdeckung gefaßt sein, und wenn sie trotzdem dabei beharrten, so geschah es mit dem Bewußtsein der Folgen.
Die schöne Polin war sehr blaß, ihre Lippen fest aufeinander gepreßt, aber ihre dunklen Augen funkelten in energischem Haß.
Ohne eine Anrede des Beamten abzuwarten, trat sie an den Tisch und stützte leicht die schmale weiße Hand auf denselben.
»Herr von Timowsky,« sagte sie mit erregter, aber fester Stimme, »wo ist mein Gatte, Herr von Wolawski?«
Der Russe verbeugte sich mit heuchlerischer Freundlichkeit. »Obschon eigentlich das Fragen an mir wäre, schöne Frau, bin ich doch gern bereit, Ihnen Auskunft zu geben. Leider hat mich eine gebieterische Pflicht gezwungen, Ihren Herrn Gemahl unter Begleitung nach Konin zu senden.«
»Ich dachte es. Also in's Gefängniß?«
Der Kollegienrath zuckte die Achseln.
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»Und wird es mir erlaubt sein, ihm dahin zu folgen - oder vielmehr habe ich mich auch als Ihre Gefangene zu betrachten?«
»Das wird ganz von Ihnen abhängen, gnädige Frau. Seien Sie versichert, daß ich um alter Bekanntschaft willen bereit bin, die größte Rücksicht obwalten zu lassen. Sie wollen nur die Güte haben, mir einige Fragen zu beantworten.«
»Fragen Sie, mein Herr!«
Der Polizei-Kommissar hatte einen Stuhl geholt und schob ihn der Dame zu, die jedoch mit einer Bewegung der Hand ihn ablehnte. Ein eben nicht sehr freundlicher Blick des Kreishauptmanns lohnte ihr.
»Nun denn, gnädige Frau - was wissen Sie von dem Inhalt dieser Kassette, die wir in Ihrem Schlafzimmer gefunden haben?«
»Durch den Mißbrauch kindlicher Unschuld! - Ich kenne den Inhalt. Die Kassette gehört mir.«
»Ah!« - Der Inquirent rieb sich die Hände - ein Blick von ihm bedeutete den Schreiber, das Geständniß zu protokolliren. »Bei so viel Offenherzigkeit werden wir uns gewiß rasch verständigen. Sie gestehen also zu, um die hochverrätherischen Verbindungen Ihres Gemahls gewußt zu haben?«
»Nein - ich konnte nicht darum wissen. Mein Mann hat niemals ungesetzliche Verbindungen unterhalten.«
»Lächerliche Behauptung! - Diese Briefe geben den eclatanten Beweis.«
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»Mein Mann weiß Nichts von diesen Briefen - sie sind an mich gerichtet.«
»Wie, Madame - Sie wagen ...«
»Ich habe Ihnen gegenüber Nichts zu wagen, Herr von Timowsky. Ich erkläre Ihnen, da die Herren sich einmal durch die nichtswürdigsten Mittel in den Besitz dieser Papiere gesetzt haben, daß sie mich allein angehen. Es sind ältere Schriften und beziehen sich auf die längst amnestirten Vorgänge von 1846.«
Der Kreishauptmann sah die Dame etwas verdutzt an. »Aber das ist unmöglich! Diese Briefe handeln ganz offenbar von einer neuen beabsichtigten Erhebung. Die Brochüren und Schriften sind neueren Ursprungs! Der berüchtigte Katechismus Mlodecki's ...«
»Ist bekanntlich schon 1843 in Brüssel gedruckt. Sehen Sie gefälligst die Daten der Briefe nach.«
Der Kreishauptmann griff hastig nach den Briefen und durchwühlte sie. »Man kennt die Kniffe der Verschwörer,« rief er ärgerlich, - »das alte Mittel, nie eine kompromittirende Adresse oder Datumszahl zu setzen! Das wird Ihnen wenig helfen! Kurz und gut, wie kommt diese hochverrätherische Correspondenz hierher?«
»Sie stammt aus dem Nachlaß meines Vaters - es ist Ihnen bekannt, mein Herr, daß er zu der Emigration von 1831 gehörte - ich bin seine Tochter und habe meine Sympathieen für mein unglückliches Vaterland, dessen Söhne ohne jeden Beweis, auf bloße Willkür hin, in den Kerker geworfen werden können, nie verleugnet.«
»Das wissen wir eben, und deshalb glauben wir an
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Ihr Märchen nicht, so geschickt und frech es auch vorgebracht wird. Wenn diese Papiere wirklich aus früherer Zeit sind, so können Sie ja ohne Gefahr den Schlüssel der Ziffernschrift uns mittheilen.«
Er lachte hämisch bei dem Schachzug, mit dem er sie gefangen glaubte.
Die Polin ließ sich jedoch nicht aus der Fassung bringen. »Suchen Sie - ich kenne ihn nicht!«
Aergerlich schlug der Beamte, der recht gut begriff, daß er von seiner Gegnerin dupirt und verhöhnt wurde, mit der Faust auf den Tisch. »Glauben Sie nicht, mit diesen Lügen durchzukommen, Madame, - Sie werden dadurch höchstens Ihrem Manne Gesellschaft nach Sibirien leisten.«
»Das, mein Herr, wäre Alles, was ich wünsche. Es giebt einen Gott über dem russischen Zaaren wie über dem geknechteten Polen, und er wird für meine Kinder sorgen!«
»Wenn Sie denn Nichts wissen - Den werden Sie kennen, und damit ist Ihre ganze Komödie zu Schanden! - Bringt den Gefangenen herbei!«
Die Kosacken stießen den jungen Mann näher, der bisher im Dunkel des Einganges gestanden, und von der Dame nicht hatte bemerkt werden können.
»Wollen Sie auch leugnen, daß Sie den Mann hier verborgen gehalten haben?«
Frau von Wolawska sah mit Erstaunen auf den Fremden, der sich achtungsvoll und mit den Manieren eines Mannes von Erziehung, trotz der schlechten Kleidung, die er trug, vor ihr verbeugte.
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»Entschuldigen Sie, gnädige Frau,« sagte er, »daß ich mich auf diese Weise bei Ihnen einführe, aber dieser Herr hier hat mich dazu gezwungen.«
»Ich kenne diesen Mann nicht!«
»Verstellen Sie sich nicht weiter - diese Briefe ergeben wenigstens, daß der Emissair, den wir suchten, der berüchtigte Kapitain Langiewicz ist. Der Kellermeister Nepomuk hat ihn wieder erkannt.«
»Dann weiß der elende Schurke mehr wie ich; ich wiederhole Ihnen, ich kenne diesen Herrn nicht, am allerwenigsten ist er der Kapitain Langiewicz, den ich mich erinnere, in Paris gesehen zu haben.«
»So erlauben Sie mir, mich Euer Gnaden vorzustellen,« sagte der Gefangene. »Ich bin der Graf Hippolyt Oginski und freue mich, bei der sonst so unangenehmen Gelegenheit die Ehre zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Höll' und Teufel,« tobte der Kreishauptmann, - »was soll das bedeuten? Will man die Obrigkeit äffen hier?«
Der Kommissar, der sich bisher ganz ruhig verhalten und dem Verhör der Dame durch den Kreishauptmann als einem Eingriff in seine Funktion eigentlich mit einer gewissen Schadenfreude zugehört hatte, trat jetzt vor und fixirte den Gefangenen, den er vorher noch nicht beachtet hatte, genauer.
»Wenn dies der Kapitain Langiewicz sein soll,« sagte er, »so glaube ich allerdings, daß ein Irrthum vorgefallen ist. Ich kenne den Kapitain zwar nicht von Person, aber
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das Signalement, das wir von ihm besitzen, und das ich in meiner Brieftasche bei mir führe, spricht von einer ganz andern Persönlichkeit.«
»Aber der Schurke hat ja selbst zugestanden, daß er der Kapitain Langiewicz wäre?«
Der Graf lächelte ironisch. »Verzeihen Sie die kleine Unwahrheit, mein Herr, die Ihnen nur die Beruhigung Ihrer Scrupel erleichtern sollte; ich habe wirklich nicht das Vergnügen, der Kapitain Langiewicz zu sein!«
»Aber wer zum Teufel sind Sie?«
»Ich hatte bereits die Ehre, mich Frau v. Wolawska vorzustellen. Mein bescheidener Name ist Hippolyt Graf Oginski.«
Der Kommissar neigte sich zu dem Ohr des Kollegienraths und flüsterte ihm Etwas zu
»Tschortu! Das ist wahr - Einer oder der Andere - es ist immer ein Fang. Waren Sie nicht nach Sibirien verbannt?«
»Allerdings. Aber ich bin nach der Amnestie vor 4 Jahren zurückgekehrt und lebte seit der Zeit auf Reisen.«
»Waren Sie vor Kurzem in Warschau?« warf der Kommissar ein, der den Grafen aufmerksam beobachtet hatte und mit einem Verdacht kämpfte.
So sehr es dem jungen Edelmann widerstrebte, die Unwahrheit zu sagen, glaubte er sich doch durch die Umstände dazu berechtigt und verneinte die Frage[.]
»Sie behaupten also, die Familie Wolawski nicht zu kennen?«
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»Ich habe Herrn und Frau Wolawski heute zum ersten Mal gesehen.«
»Aber wie kommen Sie hierher? in dieser Verkleidung? Das ist höchst verdächtig.«
»Ich halte mich bei meinen Verwandten jenseits der Gränze auf und hörte zufällig von dem Aufgebot zur Wolfsjagd. Ich bin Jäger mit Passion und wünschte der Jagd beizuwohnen. Da ich nicht ohne große Schwierigkeiten die Gränze auf gewöhnliche Weise hätte passiren können, rieth man mir zu der Verkleidung.«
»Hm - das kann wahr sein, aber auch nicht. Ist der Gefangene untersucht worden?« Die Frage galt einem der Gensd'armen.
»Ja, Euer Hochwohlgeboren!«
»Und was hast Du bei ihm gefunden?«
»Nichts Väterchen, keinen Fetzen Papier!«
»Der Teufel in Deine Seele! Wer sind die Verwandten, bei denen Sie sich aufhalten wollen?«
Ein Rest von Scham verhinderte den Kollegienrath, den Gefangenen, seinen Lebensretter, so brutal zu behandeln, wie er es wahrscheinlich bei jedem Andern gethan hätte.
»Graf Czatanowski auf Slawice bei Strzalkowo.«
»Ich kenne den gnädigen Herrn Grafen« mischte sich der Kosacken-Offizier ein. »Er kommt zuweilen herüber zu uns.«
Der Name des posen'schen Edelmanns war übrigens so bekannt und geachtet, daß er auch dem Kreishauptmann
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wohl erinnerlich war, und verfehlte daher seinen Eindruck nicht auf diesen und machte ihn noch höflicher.
»Ihre Angaben können wahr sein, wie ich Ihnen schon bemerkte« sagte der Kreishauptmann, »oder auch nicht. Jedenfalls sind Sie strafbar, auf unerlaubte Weise über die Gränze gekommen zu sein. Ich muß Sie daher bis zum weitern Ausweis morgen früh mit in das Gefängniß nach Konin abführen lassen. Frau v. Wolawska treffen Sie Ihre Anstalten, dies Schicksal zu theilen.«
»Aber meine Kinder?«
Der Kollegienrath, der durch die unerwartete Vertheidigung der Polin seine Entdeckung und damit die verhoffte Beförderung und Auszeichnung bedroht sah und daher noch mehr erbittert war, begnügte sich mit einem kalten Achselzucken.
Sein Aerger sollte jedoch noch vermehrt werden.
»Wird die gnädige Frau nicht die Güte haben, mir für die kurze Zeit die Sorge für die Kinder zu vertrauen?« frug eine helle Stimme von der innern Thür her.
»Ah Henrietta - Gott sei Dank! Sie wissen, was geschehen?«
»Halt da - wer ist diese Person?«
Das eingetretene Mädchen machte dem Kommissar eine ziemlich ironische Verbeugung. »Mein Name ist Henriette Pustowojtów, und ich habe die Ehre, die Gouvernante der Kinder des Herrn von Wolawski zu sein.«
»Wo kommen Sie her? wo sind Sie gewesen seit gestern Abend?« frug der Beamte.
»Erlauben Sie, mein Herr - ich weiß nicht ...«
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»Ich bin der Polizei-Commissar Drosdowicz und habe das Recht, Sie zu verhören. Ihre Herrschaft, Herr und Frau v. Wolawski, haben sich des Hochverraths verdächtig gemacht und sind verhaftet. Sie werden gut thun, auf alle Fragen die strengste Wahrheit zu sagen, wenn Sie nicht der Mitwissenschaft beschuldigt sein wollen. Ihre Abwesenheit von fast vierundzwanzig Stunden ist verdächtig. Wo waren Sie?«
»Hier!«
»Wie, hier - Niemand hat Sie gesehen! Sie haben die Nacht nicht in Ihrem Zimmer zugebracht, wie ich schon heute Morgen constatirt habe. Ein Pferd des Herrn von Wolawski fehlt. Sie haben gestern Abend das Haus verlassen. Warum? in welchem Auftrag? wo blieben Sie mit dem Pferde?«
»Das wird Ihnen Frau von Wolawska gesagt haben.«
»Frau von Wolawska hat uns Nichts gesagt, denn wir haben sie nicht gefragt. Gestehen Sie!« fuhr der Kreishauptmann dazwischen.
Der Kommissar blickte ärgerlich über diese Unvorsichtigkeit, doch war sie nicht mehr zu redressiren, denn die Gouvernante sagte rasch und mit lauter Stimme: »Ich gehöre nicht zum Stallpersonal, bin also nicht für die Pferde der Herrschaft verantwortlich. Wenn die Herren Frau von Wolawska gefragt hätten, würde sie Ihnen wahrscheinlich gesagt haben, daß sie mir noch gestern Abend Erlaubniß ertheilt hatte, mich in eine Kammer des Gesindehauses zurückzuziehen, da die Herren, die gestern das Haus überfielen, etwas zu aufdringlich gegen junge
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Mädchen sich erwiesen. Ich wünschte, den Galanterieen meiner russischen Landsleute aus dem Wege zu gehen. Nach einigen Proben ... der Herr Kollegienrath selbst ...«
»Halten Sie das Maul« unterbrach sie barsch der Kreishauptmann. »Sie sind eine freche Person und man kennt Sie! Antworten Sie, wo Sie gesteckt haben?«
»Ich wiederhole Ihnen, im Gesindehaus, in der Geschirrkammer. Ich versichere Sie, es war sehr kalt, aber was thut ein Mädchen nicht für die Moralität!«
»Fräulein,« sagte der Commissar streng, - »Sie stehen hier vor Ihrer Obrigkeit, und werden gut thun, nicht Ihren Spott mit dieser zu versuchen. Man setzt sich nicht vierundzwanzig Stunden ohne Nahrung der Winterkälte aus, um sich einer Galanterie zu entziehen.«
»Oh mein Herr, ich habe auch nicht zu hungern brauchen. Der Knecht Mateusz hat mir Frühstück gebracht, - befragen Sie ihn nur!«
Der Kommissar biß sich ärgerlich auf die Lippen - er wußte recht gut, daß dies Alles erlogen war, aber er hatte im Augenblick nicht die Mittel, das Gegentheil zu beweisen. Er besprach sich leise über die zu ergreifenden Maßregeln mit dem Kreishauptmann. Fräulein Pustowojtów beobachtete sie mit großer Aufmerksamkeit, nachdem sie mit einem raschen Blick den Tisch mit den Papieren überflogen hatte. Sie war ihrer Sache sicher, wenigstens so rasch nicht der Unwahrheit ihres Vorgebens überführt werden zu können; denn als sie durch einen unbeachteten Schlupfweg auf der Rückseite des Gehöftes mit dem Knaben sich
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in dasselbe unentdeckt zurück gestohlen und in dem Gesindehause verborgen hatte, war sie dem Knecht Mateusz begegnet und hatte von diesem im Allgemeinen erfahren, was seither im Hause vorgegangen. Sie war dann offen nach der Halle gegangen in Begleitung des Knechts, während der Junge sich keck unter die Soldatengruppen im Hofe und in der Küche mischte, als gehöre er zum Haushalt.
Bis jetzt hatte das Mädchen sich sorgfältig gehütet, ihre Blicke auf den Gefangenen zu richten, um ihn zu verständigen, denn sie argwohnte mit Recht, daß scharfe Augen sie beobachteten. Sie erwartete eine passende Gelegenheit, ihm und ihrer Herrin einen Wink von der Nähe der Freunde zu geben, und sie sollte in der That nicht lange darauf zu warten brauchen.
Der Polizei-Kommissar verließ nach der Besprechung mit dem Kreishauptmann die Halle; der Letztere ging mit starken Schritten, die Arme übereinander geschlagen auf und nieder, bis er mit finsterer Miene vor dem Mädchen stehen blieb.
»Die Wahrheit jetzt, das rathe ich Ihnen! - Sehen Sie auf den Herrn dort! Haben Sie ihn hier schon früher gesehen?«
Sie sah auf den Grafen. »Nein Pan, ich habe diesen Herrn niemals in Bielawice gesehen.«
»Und Sie wissen auch nicht, wer er ist?«
»Wenn ich recht gehört habe vorhin, als ich eintrat, nannte er Ihnen seinen Namen, Graf Oginski, ein Name, der mir übrigens bekannt ist.«
»Wie so?«
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»Ich erinnere mich, ihn noch vor Kurzem von sehr treuen und zuverlässigen Freunden des Herrn Grafen gehört zu haben. Sie sagten, er könne sich in jeder Lage auf sie verlassen und sie hätten große Verpflichtungen gegen ihn.«
»Wer waren diese Leute?«
»Ja, Herr Kreishauptmann, wenn ich Ihnen das sagen soll - ich erinnere mich ihrer Namen nicht mehr und weiß blos, daß es in einer ziemlich zahlreichen Gesellschaft war.« Eine fast unmerkliche Neigung des Kopfes bei dem flüchtigen Blick, der den Gefangenen streifte, bewies ihr, daß sie verstanden worden war.
»Elende Ausflüchte! aber ich sage Ihnen, Fräulein, diese Winkelzüge werden Ihnen wenig nützen. Man wird Sie zwingen, zu reden!«
»Ich bin mir keines Vergehens bewußt; es müßte denn sein, daß ich nicht so empfänglich bin für gewisse Zärtlichkeiten ...«
»Still! - was geht da vor?«
Draußen auf dem Flur vor der Halle war ein arger Tumult - man hörte die laute Stimme des Polizei-Kommissars, welcher rief: »Haltet den Jungen fest! - Laßt ihn nicht entwischen! - Fangt den Galgenstrick!«
Der Kreishauptmann eilte nach dem Eingang - Aller Augen hatten sich dorthin gewendet. Diesen Moment benutzte die Gouvernante, sich ihrer Herrin zu nähern. »Unsere Freunde sind in der Nähe« flüsterte sie ihr zu, »es wird ein Angriff erfolgen, Sie zu befreien!«
»Wenn man die Papiere vernichten könnte - sie sind der einzige
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Beweis! - Mein Mann ...« - Einen Moment dachte die Gouvernante daran, sich auf die Briefe zu stürzen, sie zusammen zu raffen und in die Flammen des Kamins zu werfen, aber ein Blick belehrte sie, daß dieselben dafür zu zerstreut lagen und der Schreiber zwischen ihr und dem Tisch saß.
Dieser hatte sich gleichfalls umgedreht, nach der Thür zu sehen, - ihre Blicke trafen auf sein Gesicht, es mußte ihr bekannt sein, denn ein neuer Gedanke durchzuckte sie offenbar.
»Haben Sie Gold?« flüsterte sie.
»Fünfhundert Rubel - in meinem Schreibtisch. Er ist offen! Meinen Schmuck« - -
Jedes weitere Gespräch wäre in diesem Augenblick zu gefährlich gewesen, denn der Kommissar Drosdowicz trat hastig in die Halle, sein Gesicht zeigte große Aufregung.
»Herr Kreishauptmann« sagte er - »ich habe gegründete Ursach zu glauben, daß wir von Verrath umgeben sind und Alles erwarten müssen. Ich habe eben in der Küche einen Jungen erkannt, der einer der gewandtesten Spione der Agitation in Warschau ist. Wo der Galgenstrick ist, befinden sich seine erwachsenen Helfershelfer sicher in der Nähe.«
»Wo ist die Kanaille?«
»Leider ist mir - zum zweiten Mal schon! - der Taugenichts unter den Händen verschwunden. Der Junge ist entwischt, trotzdem wenigstens zwanzig Leute hinter ihm her waren. Aber ich hoffe, man findet ihn noch. Zunächst
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wollte ich Sie bitten, die Posten verdoppeln zu lassen und die größte Aufmerksamkeit anzubefehlen. Wir wollen diese Papiere wieder in die Kassette schließen, und wenn Sie meinem Rath folgen, die schärfste Aufsicht üben.«
Der Kreishauptmann legte die Schriften und Dokumente selbst zusammen und in die Kassette. »Jan, ich gebe sie in Deine Verwahrung; laß den Kasten nicht aus den Händen! - Habt auf die Gefangenen Acht! - Wo ist die Gouvernante?«
Fräulein Pustowojtów hatte in der That die Halle verlassen, doch eh' man sich noch weiter mit ihr beschäftigte, trat sie schon wieder herein, auf einem Teller ein Glas Wasser tragend, gleich als habe die Herrin dasselbe gewünscht.
Auch behielt man wenig Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen, denn der Kosacken-Kapitain eilte herein. »Väterchen, Iwan Iwanowitsch hat Dir zu melden, daß man draußen auf dem Schnee verdächtige Gestalten sich um das Gehöft bewegen sieht!«
»Laß Feuer auf sie geben, wenn sie auf den Anruf nicht stehen!«
Es bedurfte nicht erst des Befehls: ein Schuß knallte im Hof und von draußen her antwortete eine ganze Salve. Eine Kugel schlug in eines der Fenster und schmetterte die Glasscherben auf den Boden.
»Das ist ein ernster Angriff!« rief der Kreishauptmann. »Das Gehöft ist zu weitläuftig, um es zu vertheidigen. Wir müssen die Fenster und Thüren verrammeln und uns halten, bis das Militair kommt!«
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Der Kommissar schien nicht der Meinung. »Das kann später geschehen. Zunächst müssen wir ermitteln, wie stark unsere Angreifer sind, da der Mond häufig durch die Wolken bricht. Der Schüsse waren nur wenige.«
Der Kosacken-Kapitain war derselben Meinung; - er wäre am Liebsten mit seinen Leuten zu Pferde gestiegen und hätte sich davon gemacht - oder wenigstens einen Angriff im freien Felde versucht. Man befahl den Dienstleuten, sich in der Halle zu versammeln und sich ruhig zu verhalten, weil man sie hier besser bewachen und übersehen konnte. Auch die Kinderfrau mit den schreienden Kindern mußte herein und der alte Kammerdiener lief händeringend umher und beschwor in französischen und polnischen Ausrufungen die Messieurs les soldats, doch seiner gnädigsten Herrschaft Nichts zu Leide zu thun.
Die erste allgemeine Verwirrung hatte die Gouvernante benuht, sich dem Schreiber des Kreishauptmanns zu nähern.
»Jan Zielewicz« flüsterte sie - »Du bist ein kluger Mann! Willst Du 500 Rubel verdienen?«
Die Augen des dürren halb verhungerten Schreibers funkelten. »Oh moia paña Henrietta, ich weiß, Sie meinen es gut mit dem armen Jan! Sie haben mich nicht gleich angezeigt bei Gericht, als mir das kleine Versehen passirte ...«
Sie hatte ihn einfach einmal dabei attrapirt, als er im Gasthof in Konin bei einem Amtstag, zu dem sie mit Herrn und Frau Wolawski gekommen war, sich in die
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Stube ihrer Herrschaft geschlichen und ein goldenes Armband der abwesenden Dame gestohlen hatte.
»Fünfhundert Rubel, sagen Sie? - Meinen Sie Rubel Schein?«
»Nein, in Gold - in guten Imperials. Ich habe die Rolle hier in der Tasche!«
»Gnadenreiche Mutter Gottes von Czenstochau - das ist ja ein Vermögen! Aber was muß ich thun? Soll ich dem Herrn Kreishauptmann einen Paß für Sie stehlen?«
»Nein - aber die Kassette dort!«
»Gott soll mich bewahren - was verlangen das gnädige Fräulein? Er ließe mich hängen bei lebendigem Leibe!«
»Ja dann ist's auch mit den fünfhundert Rubeln Nichts. Sie wären ein Vermögen für Dich gewesen, Jan!«
Der Schreiber kraute sich den Kopf. »Gott - lassen Sie mir doch Zeit - ich kann Ihnen unmöglich die Kassette geben - aber - der Herr Kreishauptmann hat vergessen, sie zuzuschließen - würden die Briefe und die Papiere darin nicht genügen?«
Die Gouvernante hätte ihm fast in's Gesicht gelacht. »Gewiß - die sämtlichen Papiere für 500 Rubel!«
»Und Sie bezahlen sie gleich?«
»Auf der Stelle!«
»Dobre Pani - ich will's wagen. Nur stecken Sie mir heimlich einen Pack anderer Papiere und Briefe zu! - Jetzt - still - kein Wort mehr!«
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Die Verwirrung im Hause war jetzt ziemlich groß geworden. Der Kapitain Iwan Iwanowitsch verstand zwar vorzüglich seinen Gränzdienst, oder vielmehr seinen Vortheil bei diesem, aber er war sicher nicht der Offizier, um eine regelmäßige Vertheidigung zu unterhalten. Das Feuer der Kosacken gegen den aus dem Dunkel angreifenden Feind war sehr unregelmäßig und bisher konnte nur ihre Ueberzahl denselben von einem ernstlicheren Sturm zurückhalten.
Wir haben bereits früher erwähnt, daß der Kreishauptmann keineswegs ein Mann war, dem es an Eifer fehlte, wo es die Aufrechthaltung seiner Amtspflichten galt, wenn auch sein persönlicher Muth nicht sehr groß war. - Er und der Kommissar waren überall thätig und leiteten die Vertheidigung, die sich bis jetzt eben blos auf einzelne Schüsse, meist in's Dunkle hinein ohne jeden sichern Erfolg beschränkt hatte. Es war klar, daß unter diesen Umständen an eine regelmäßige Absonderung und Bewachung der Gefangenen nicht zu denken war und der Verkehr unter ihnen nicht gehindert werden konnte. In dieser Weise gelang es der Gouvernante leicht, dem Schreiber eine Partie alter gleichgültiger Briefe und Zeitungen zuzustecken.
Während der Zeit hörte man draußen fortwährend Schüsse wechseln, der Kommissar und der Kreishauptmann gingen ab und zu. Letzterer sah etwas blaß aus und hielt sich sehr vorsichtig hinter den Wänden, um nicht etwa von einer abirrenden Kugel erreicht zu werden. Draußen flüsterte er häufig mit dem Kapitain der Kosacken, der bereits Befehl gegeben hatte, sä[m]mtliche Pferde zu satteln
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und in dem Schutz eines der Wirthschaftsgebäude aufzustellen.
Das nächtliche Plänklergefecht hatte etwa eine Viertelstunde gedauert, als der kleine Schreiber der Gouvernante einen Wink gab; sie näherte sich ihm sogleich. »Haben Sie das Geld, Pana?«
»Und die Papiere?«
»Ich habe sie, sie sind in das Sacktuch hier geknotet. Kein einziges fehlt. Es war ein Glück, daß ich sie schon hatte, denn der gnädige Herr hat eben selbst die Kassette verschlossen und sie an einen andern Platz gestellt. Aber um Himmelswillen, verrathen Sie mich nicht!«
Das Mädchen reichte ihm die Geldrolle. »Ohne Sorge, Kleiner. Mach Deine Sache geschickt.«
Sie schlüpfte mit dem Bündel unter ihrer Jacke aus der Halle. Man hatte die Lichter bis auf zwei oder drei ausgelöscht, um kein Ziel zu geben, es war also ziemlich dunkel in der Halle. Draußen in dem Gange hörte sie Herrn von Timowsky und den Kosacken-Offizier sprechen.
»So glauben Sie also, daß die Schufte einen Angriff auf das Haus machen werden?«
»Ich zweifle nicht daran, Väterchen. Es sind offenbar waghalsige Bursche darunter, die schon Pulver gerochen haben. Sie schossen von allen Seiten, so daß man nicht schätzen kann, wie Viele ihrer sind.«
»Aber wenn sie das Haus angreifen, wird ein Handgemenge entstehen und sie würden sich an Jedem vergreifen, den sie finden, ohne Unterschied der Person!«
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»Ich fürchte es auch - es muß sich Jeder der Haut wehren!«
»Sehen Sie denn nicht ein, Kapitain, daß dies nicht geht! Ich bin der Regierung für wichtige Entdeckungen verantwortlich, die ich gemacht habe. Ich darf unter keinen Umständen in die Hände der Rebellen fallen!«
Der Kapitain kraute sich am Kopf. »Was ist da zu machen, Väterchen. Ich wüßte wohl ein Mittel, Dich in Sicherheit zu bringen, aber ...«
»So sag' es - sprich! Du kannst auf eine Belohnung rechnen!«
»Unsere Pferde stehen bereit - wenn sie das Haus angreifen - ein Pfiff - und meine Kerle sitzen im Sattel und brechen durch! Hui - zum Thor hinaus - über das Feld! sie verstehen das - ehe Du ein Gebet sprechen kannst zur heiligen Mutter von Kasan, sind wir auf und davon und fragen Dich, wohin Du willst!«
»Ja - das wäre ein kluger Streich - Sie haben Recht, Kapitain. Wir wollen den Soldaten entgegen, oder gleich nach Konin. Den Hauptrebellen haben wir dort - wenn wir nur die Beweise in Sicherheit haben! - Aber wie willst Du mich fortbringen, Kapitain?«
»Du kannst doch reiten, Gospodin?«
»Gewiß!«
»Wir nehmen ein Pferd aus dem Stall für Dich, Väterchen und nehmen Dich in die Mitte - der Teufel soll meine Mutter fressen - wenn wir den gnädigen Herrn nicht ohne Loch in der Haut davon bringen! Es
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wird Dir auf einen Schnaps für meine Kerle nicht ankommen!«
»So viel sie saufen wollen! Aber die Gefangenen ...«
Her Kosack zuckte die Achseln: »Das ist freilich schlimm!«
»Thut Nichts - die Frau bekommen wir schon in die Hände - was den Andern betrifft, so weiß ich ohnehin nicht, ob es nicht besser ist, wenn er entwischt. Aber den schurkischen Bauern hier in der Gegend will ich's eintränken. Es bleibt dabei! ich verlasse mich auf Sie, Kapitain!«
Das würdige Paar trennte sich - die Gouvernante schlüpfte weiter, um die verhängnißvollen Schriften in Sicherheit zu bringen. Da fühlte sie sich plötzlich am Kleid festgehalten.
»Pana - der Janko ist's!«
»Oh bist Du's? ich hatte tausend Angst um Dich - wenn sie Dich gefangen hätten!«
»Die Duraks - nur der Kommissar war gefährlich! Er ist ein schlimmer Mann, und hätt' ich gewußt, daß er hier war - wär' ich ihm sicher aus dem Weg gegangen. Aber die Andern können lange laufen, ehe sie den Janko erwischen!«
»Ich hoffte, Du wärst bereits bei unsern Freunden - es muß jetzt rasch geschehen. Komm mit - es muß gewagt werden.«
Sie zog ihn mit fort und, - mit allen Gelegenheiten des Hauses vertraut - brachte sie ihn am Ende
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des Ganges glücklich zu einer Thür im Souterrain, die für gewöhnlich nur von dem Gesinde benutzt wurde, um nach den geg[e]nüberliegenden Ställen zu gehen.
»Jetzt, Knabe, merke auf!« sagte sie, »erinnerst Du Dich der Luke im Stall, durch die wir herein gekommen sind?«
»Ich will sie mit verbundenen Augen finden!«
»Ich muß es Dir überlassen, unentdeckt bis zum Stall zu kommen. Suche den Kapitain Langiewicz auf und sage ihm, sofort das Haus anzugreifen, er wird leichtes Spiel haben. Er soll dreist über die alte Mauer auf dieser Seite dringen - die Thür hier wird unverriegelt sein. Sage ihm, die gefährdenden Briefe wären gerettet, es handle sich nur noch um die Befreiung des Grafen Oginski. - Doch halt - es könnte trotzdem unglücklich gehen - und ihrem Spür-Talent würden dann die Briefe in die Hände fallen. - Hier, nimm dies zusammen geknotete Tuch, übergieb es dem Kapitain - aber wahre es mit Deinem Leben!«
»Geben Sie, Pani!«
Sie reichte es ihm, dann öffnete sie leise die Thür und stieß ihn hinaus. Der Knabe drückte sich im Schatten des Hauses hin.
»Halt - steh Kanaille! - steh oder ich schieße!«
Sie erkannte die Stimme des Kommissars, die aus dem Fenster über der Thür kam. Sie hielt die Thür halb geöffnet, um zu sehen.
Wie ein Blitz flog der Junge über die Schneefläche, den dunklen Ställen zu.
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»Hierher - faßt den Burschen!«
Ein Revolverschuß knallte - der Knabe stürzte auf den Schnee - schon wollte die Gouvernante hinaus springen, um auf jede Gefahr hin die Papiere zu retten, als sie sah, daß der Junge sich wieder aufraffte und weiter eilte - im nächsten Augenblick hatte er die gegenüberliegenden Ställe erreicht, ohne von den Kosacken bemerkt worden zu sein, die bereits das Pferd des Gutsherrn herausgezogen hatten, das dem Kreishauptmann zur Flucht dienen sollte. Vergebens rüttelte der Kommissar an den Eisenstäben, welche das Fenster des Korridors schlossen, von dem aus er die Flucht bemerkt und den Schuß gethan hatte. Die Gouvernante schloß hastig die Thür und eilte in das Innere des Hauses zurück. Sie war bereits wieder in der Halle, als der Kommissar noch immer vergeblich nach dem Entflohenen suchte.
Ihr Wink beruhigte Frau von Wolawska, daß Alles in Ordnung - es vergingen einige Minuten, dann schwieg plötzlich das Feuer der Angreifenden.
»Gott sei Dank« stöhnte der Kollegienrath, »die Schurken sind zurückgeschlagen oder die Soldaten kommen, und sie machen sich aus dem Staube!«
Ein lauter allgemeiner Schreckensruf aus dem Hofe antwortete ihm - durch die Fenster drang ein heller Schein - aus dem Schobendach der zur Rechten liegenden Scheune schlug die Flamme empor und verbreitete sich im starken Windzug rasch über die Fläche trotz des Schnees, der auf dem Dach lag.
»Es brennt! es brennt!« - -
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Der Kollegienrath hatte doch nicht so unrecht gehabt - es war der Augenblick gewesen, wo auf den Befehl des Majors die auf der Eisfläche gefährdete Soldaten-Abtheilung hinter den Vorübereilenden eine Salve abgegeben hatte, und die Bedränger des Gutshofs hatten nothwendig das entfernte Feuern hören müssen.
Die Führer der kleinen Angreifer-Schaar waren rasch zusammen getreten.
»Wir müssen ein Ende machen, sonst kommen uns die verfluchten Soldaten über den Hals! Also drauf und dran!« rief der Oculiarnik.
»Ich fürchte, wir müssen es darauf hin wagen« bemerkte der Kapitain. »Fräulein Pustowojtów muß durch Gewalt verhindert worden sein, uns ein Zeichen zu geben. Wir hätten sie nicht der Gefahr aussetzen sollen.«
»Bah - was kümmert uns ein Weib! Ich sagte es im Voraus, daß sie zu Nichts nütze sind!«
Einer der vorgeschobenen Männer kam in diesem Augenblick herbei gelaufen, den Knaben Janko an der Hand, dessen Wange blutete. Die schwache Revolverkugel hatte ihn leicht gestreift, nur der erste Schreck ihn niedergeworfen.
»Gott sei Dank Junge, Du kommst von dem Fräulein?«
»Ja, Pan, sie sendet Euch das - Ihr sollt es in Sicherheit bringen, Tod und Leben hinge davon ab.«
Der Kapitain befühlte das Packet, das er hier im Dunkel nicht anders untersuchen konnte. »Papiere - wäre es möglich? sollte es Henriette gelungen sein?«
»Die Pani sagt, die Herrin dort auf dem Gut hätte
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Nichts mehr zu fürchten, es gälte nur, meinen Herrn, den Grafen, aus den Händen der Kosacken zu befreien. Ich weiß einen Schlupfweg in die Ställe - sie wird die Thür des Hauses offen halten, durch die ich entkommen bin. Der warschauer Polizei-Kommissar Drosdowicz war mir hart auf dem Leib!«
»Ha, die Kanaille!« rief der Okuliarnik - »wenn wir ihn fangen, hängen wir ihn an den Beinen auf!«
Der Kapitain antwortete der Drohung nicht - er überlegte einige Augenblicke. »Wo ist der Zugang in das Gehöft?«
»Dort - gerade vor uns.«
»Du bist schlau genug - kannst Du uns sagen, wie hoch sich die Zahl der Russen beläuft?«
»Ueber vierzig - ich habe sie gezählt! Die Pferde der Kosacken stehen gesattelt im Hofe.«
»Das ist zu viel für uns - dann müssen wir ihre Aufmerksamkeit abzulenken suchen.«
»Einen Brand in die Häuser - dann im Mordio auf sie los - das ist das Kürzeste!«
»Ich fürchte, es bleibt uns kein anderes Mittel - doch möchte ich Herrn von Wolawski nicht gern Schaden bereiten.«
»Bah - glauben Sie etwa, daß die Russen ihn nicht verurtheilen werden, weil es den Weibsleuten gelungen ist, ein Paar compromittirende Papiere zu stehlen? Jeder Büchsenschuß, der hier gefallen, ist eine Anwartschaft auf Sibirien.«
»Sie haben Recht und das erinnert mich an eine
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andere nothwendige Vorsicht. Lassen Sie alle unsere Leute auf irgend eine Weise die Gesichter schwärzen oder entstellen, damit sie später Niemand wieder erkennen kann!«
Der Brillen-Ludwig stieß einen wilden Fluch aus. »Zum Teufel - ich hoffe, es wird Keiner übrig bleiben, der sich dessen erinnern könnte. Aber dennoch ist der Rath gut und kann auch für meine Person nicht schaden!« Er rief Woyczek herbei, theilte ihm die Ordre mit, und in einigen Augenblicken hatten sich Alle mit Pulver und Schnee die Gesichter bis zur Unkenntlichkeit geschwärzt.
»Jetzt einen Büschel Moos oder Lumpen als Zunder und hinein in das Dach!«
»Bei der heiligen Jungfrau - wir haben's nicht nöthig - sehen Sie dahin!« Der Unteroffizier Woyczek wies nach dem Gehöft.
Aus dem auf der andern Seite des Herrenhauses liegenden Strohdach stieg die vorhin schon erwähnte Flamme. Einer der früheren Schüsse aus dem Innern oder von Außen her mußte gezündet haben; vielleicht auch die Unvorsichtigkeit der Kosacken selbst.
»Das ist mehr als wir brauchen,« befahl der Kapitain. »Jetzt, Kameraden - vier Mann nach jener Seite und Feuer auf sie - und dann Knabe zeige uns hier den Eingang!« -
Der Polizei-Kommissar war durch den Feuerschein erschreckt aus den links liegenden Ställen getreten, wo er noch immer vergeblich nach dem Knaben gesucht. Hätte er wenige Augenblicke gewartet, so würde er ihn in gefährlicher Gesellschaft einsteigen gesehen haben.
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»Höll' und Teufel - sie haben das Haus angezündet!« Er flog über den Hof. »Löscht Leute, Wasser herbei!«
Schüsse knallten auf jener Seite, die Pferde der Kosacken standen dort, weil sie da weniger einer Kugel ausgesetzt gewesen waren. In der Thür des Hauses drängten jetzt der Kosacken-Offizier, der Kreishauptmann, die Knechte und Mägde des Hauses. Selbst der Graf und die Hausfrau waren hinter ihnen sichtbar - die Gefahr hatte ihre Wächter die Aufsicht vergessen lassen.
Der Kollegien-Rath trug die Kassette unter'm Arm - er war sehr bleich, als er sich zu dem Kapitain kehrte und ihm einen Befehl zuraunte. Iwan Iwanowitsch steckte den gekrümmten Finger in den Mund und ließ einen schrillen Pfiff ertönen - die Kosacken sprangen in die Sättel und tummelten ihre Gäule, der eine führte dem Offizier sein Pferd zu, ein anderes zur Hand!«
»Aufgesessen, Herr!«
Der Kapitain und der Kollegien-Rath waren rasch aufgestiegen. »Erinnere Dich, Kapitain Iwan Iwanowitsch, daß ich in die Mitte Deiner Leute kommen muß.«
In diesem Augenblick kam der Polizei-Kommissar herbei geeilt. »Was ist geschehen? was wollen Sie thun, Herr von Timowsky?«
»Ich fürchte, die Mordbrenner werden uns bald auf dem Halse sein - wir müssen gefaßt sein, die Beweise in Sicherheit zu bringen.«
»Aber ich?«
»Sie haben meine Gendarmen und die Polizeidiener.
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Verrammeln Sie das Haus - das Militair muß jeden Augenblick hier sein - ich eile ihm entgegen!«
Der Kommissar prallte zurück, als hätte er einen Schlag erhalten. »Sie wollen uns im Stich lassen -? das wäre schändlich! Kapitain - ich befehle Ihnen ...«
Ein wildes Geschrei von der Seite der Ställe her unterbrach ihn - im Schein des gegenüber leuchtenden Brandes sah er aus einer der Thüren einen dunklen Haufen Menschen hervordringen, Waffen der verschiedensten Art blitzten - doch hielt offenbar der Anblick der überlegenen Reiterschaar den raschen Ueberfall auf.
»Da sehen Sie da sind Sie - fort Kapitain, um Himmelswillen! keine Zögerung!«
Der Kosacken-Kapitain rief einige Befehle - die Reiter, an blinden Gehorsam gewöhnt, schwenkten rechts und links um ihn und den Beamten zur dichten Kolonne.
»Besetzt das Thor laßt sie nicht durch! Feuer auf sie!« klang eine kräftige befehlende Stimme aus dem Haufen der Eingedrungenen. »Zgie Pólska!«
Aber der Befehl kam zu spät - dem polnischen Ruf antwortete ein Urrah der Kosacken. Zwei Schüsse fielen auf ihre Kolonne und einer der Reiter stürzte vom Pferde, aber die andern galoppirten mit eingelegten Lanzen quer über den Hof - die wenigen Polen, die sich ihnen entgegen warfen, wurden niedergeritten - im nächsten Augenblick war das Thor erreicht, der im Innern versperrende Balken ausgehoben, das Thor aufgerissen und hinaus über die Schneefläche jagte der Schwärm der Flüchtenden.
Der Kommissar stieß einen Fluch aus - dasselbe
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Schimpfwort, das am Nachmittag der verkleidete Treiber dem Kollegienrath zugerufen, als er vor dem anstürmenden Ur in die Knie sank - nur in polnischer Sprache: Feigling! - er war ein entschlossener Mann - hier galt es vor Allem Geistesgegenwart. Fast im selben Augenblick, wo die Kosacken davon jagten, noch ehe sie das Thor öffnen gekonnt, sprang er in die Hausthür und stieß die Ausdrängenden zurück.
»Hierher Leute - schließt die Thür - verrammelt sie! Es gilt unser Leben!«
Der Schein aus der Küche und von dem Feuer fiel auf das triumphirende Gesicht der Hausfrau - im Nu wußte er, was zu thun war, denn ein Seitenblick zeigte ihm, daß die beiden Gendarmen um das Schließen der Thür mit dem Knecht und einigen Anderen rangen.
Der Kommissar Drosdowicz war zwar kein großer starker Mann, aber Alles an ihm war Sehne und Muskelkraft. Rasch wie der Gedanke, der ihm gekommen, war er auf Frau Wolawska zugesprungen, hatte sie umfaßt und trug sie trotz alles Sträubens und Schreiens, noch ehe Graf Oginski ihn aufhalten konnte, durch die offene Thür in die Halle,
Einer der beiden Polizeidiener befand sich in der Nähe der Thür.
»Luczek - schließ die Thür - es gilt unser Leben!«
Der Sergeant hatte geschwind die Thür in's Schloß geworfen, und da kein Riegel im Innern einen Verschluß bot, stemmte er sich mit dem Rücken dagegen.
Graf Oginski war, ehe dies geschah, mit in die Halle
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gedrungen - in der sich jetzt nur der Kommissar mit der halbohnmächtigen Frau, der alte französische Diener, ein Mädchen mit den Kindern und der zitternde Schreiber befand, der sich eiligst unter den Tisch verkroch.
Man hörte durch die Thür, gegen die mit der ganzen Wucht seines riesenhaften Körpers der Polizeidiener sich stemmte, wildes das Blut erstarrendes Geschrei, - das Klirren blanker Waffen, - Flüche - Todesschreien - -
Dann klang die schrille Stimme des Fräulein Pustowojtów: »Hierher - sie ermorden meine Frau - den Corridor lang - suchen Sie durch die andere Thür einzubrechen!«
Graf Oginski war mit einem Sprung bei dem Polizei-Kommissar, der die Frau auf einen Sessel niedergeworfen hatte und jetzt neben ihr stand - blaß, ein Bild kaltblütiger, aber furchtbarer Entschlossenheit, die Läufe seines Revolvers gegen die Schläfe der halbohnmächtigen Dame gedrückt.
»Einen Schritt weiter, Herr Graf, und ich feuere!«
»Mensch - Mann! - wollen Sie ein Weib ermorden?«
»Ich will mein Leben retten! - Sie sind durch Verrath und die Feigheit des Herrn von Timowsky Herren der Situation. Ich habe hier nur meine Pflicht gethan, aber ich will nicht sterben wie ein Hund von Rebellen-Händen!«
»Was wollen Sie - hören Sie unsere Freunde? Sie sind gefangen - ergeben Sie sich!«
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»Nicht ohne Sicherheit - oder bei Gott - diese stirbt zuvor mit mir!«
Der Rücken des Polizeidieners bog sich unter der Wucht der Anstürmenden!
»Sie sind ein Edelmann« sagte der Kommissar. »Geben Sie mir mit Ihrem Ehrenwort - mir und diesen Leuten da - Sicherheit und Freiheit unserer Personen, und ich ergebe mich Ihnen und Sie retten das Leben dieser Dame!«
»Mein Ehrenwort!«
Der Kommissar warf den Revolver auf den Boden.
»Stehen Sie auf, Madame, Sie haben Nichts mehr zu fürchten. - Luczek, lassen Sie die Thür frei und kommen Sie her zu mir.«
Der Polizeidiener sprang herbei - in dem Augenblick brach die Thür des Haupteinganges vom Flur her aus ihren Angeln; zugleich flog eine der Seitenthüren auf - die Gouvernante stürzte herein, Männer hinter ihr - ebenso durch die Hauptthür Gestalten mit geschwärztem Gesicht, - bluttriefende Waffen schwingend.
Man hörte die tiefe Stimme des Okuliarnik: »Tödtet! tödtet! nieder mit ihnen - reißt sie in Stücke!«
Er schwang einen Säbel, mit dem er eben das Haupt des zweiten Gendarmen gespalten, der tapfer den Eingang vertheidigt hatte.
Der Graf hatte Zeit gehabt, den Kommissar in einen Winkel zu drängen - er warf sich mit ausgebreiteten Armen vor ihn. »Kapitain - Freunde - haltet ein! - Kein Blut weiter!«
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Der Polizeisergeant Luczek hatte die Mitte der Halle erreicht - an dem Tisch, an dem vorher der Kreishauptmann die compromittirenden Schriften durchgesehen, erreichte ihn einer der Polen - einen Augenblick funkelte die schwere Axt, die er trug, in der Luft, dann fiel sie nieder und das Gehirn des Unglücklichen bespritzte die Tafel.
»Nieder mit Allen - kein Erbarmen den russischen Schergen!«
Der Graf sprang ihnen entgegen. »Halten Sie ein, oder Sie ermorden mich selbst!«
In diesem Augenblick war der Kapitain Langiewicz in die Halle getreten, der bisher draußen Anordnungen zur Besetzung des Hauses und zur Verfolgung der geflüchteten Kosacken getroffen hatte.
»Halt! ich befehle es! - Subordination, Leute!«
Der Okuliarnik warf ihm einen bösen Blick zu. »Hier hat mir Niemand zu befehlen! der dort steht, das ist der schlimmste Feind der polnischen Freiheit und hat schon Vielen nach Sibirien geholfen.«
»Wer ist der Mann?«
»Der Polizei-Kommissar Drosdowicz!«
Der Name machte selbst auf den Kapitain Eindruck. Der Kommissar galt, wie schon erwähnt, als der gewandteste und gefährlichste Verfolger der revolutionairen Propaganda in Warschau.
»Wir wollen ein Beispiel an dem Hund statuiren!« rief der Okuliarnik - »wir wollen ihn in's Feuer werfen, ihn und das Aas hier, daß es allen Verräthern polnischen Blutes zur Warnung dienen soll!«
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Der Graf trat einen Schritt vor. »Hören Sie nicht auf diesen Mann« sagte er französisch zu dem Kapitain - »es ist schon genug Blut vergossen, um uns Alle zu gefährden!«
»Sprechen Sie Polnisch, Herr« sagte der Kapitain - »diese Leute müssen hören, was wir zu reden haben.«
»Es ist richtig! Nun denn Männer, ich habe mein Ehrenwort verpfändet, daß diesem Herrn und wer von den Seinen sich noch hier befindet, Leben und Freiheit gesichert ist. Nur so konnte ich größeres Unglück verhüten. Leider hat die blinde Hitze schon mein Versprechen gebrochen!« Er wies auf den Erschlagenen.
»Und sie wird es ferner thun - was kümmert uns Ihr Ehrenwort« brüllte der Okuliarnik - »das Volk hat zu entscheiden. Ergreift ihn!«
»Halt!« der Kapitain sprang vor den Gefangenen, auch Frau von Wolawska, die sich von ihrer Ohnmacht erholt, trat zu ihm. »Kein Blut mehr, - dieser Mann ist unser Feind, aber er hat sich doch nicht unfreundlich betragen« - rief sie.
»Bringen Sie den Gefangenen in eines der Zimmer, Herr Graf« sagte der Kapitain, »und stellen Sie eine zuverlässige Wache zu ihm, indeß wir hier das Weitere berathen. Schnell - wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Der Graf faßte den Kommissar am Arm. »Kommen Sie - ich werde selbst bei Ihnen bleiben.« Er führte ihn fort.
»Frau von Wolawska« sagte der Kapitain - »wir haben keine Zeit zu vergeuden. Jeden Augenblick kann
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das Militair hier sein - wir haben bereits sein Feuern auf dem See gehört, Gott weiß, weshalb. Packen Sie mit Fräulein Henriette das Nöthigste zusammen - Sie müssen mit uns in die Wälder flüchten, bis wir Sie über die Gränze bringen können.«
»Aber mein Mann?«
»Gott möge ihn schützen. Wir können im Augenblick Nichts für ihn thun. Ich denke, wir behalten den Gefangenen als Geißel für ihn - wäre es der Kreishauptmann selbst, würde es freilich besser sein.«
»Wir haben Nichts zu fürchten, wie Ihnen Henriette sagen kann, Herr Kapitain« sprach die Edelfrau. »Wir dürfen dem Haß des Herrn von Timowsky Trotz bieten - er hat keine Beweise mehr in der Hand - es ist meiner braven Henriette gelungen, alle uns compromittirenden Papiere wieder bei Seite zu schaffen.«
»Das ist ein Glück - für die Andern, für die Mitglieder der Liga - nicht für Sie! - Oder glauben Sie, daß dies den russischen Behörden nicht Beweis genug sein wird, um Sie Alle aufs Schaffot zu bringen?« Er wies auf die blutige Stelle am Boden, von der man den Leichnam des erschlagenen Polizeidieners fortgenommen und zur Seite geschoben hatte.
Die Dame schauderte - gleich darauf aber sagte sie entschlossen: »Ich gehe nicht fort von hier, als zu meinem Mann!«
»Dann hast Du nicht weit und wirst mit ihm gehen!«
Die Worte wurden von dem Eingang der Halle her
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gerufen, - sie drehte sich hastig um: »Heilige Jungfrau der Gnaden - Maxim, Du selbst?«
Er war es wirklich, der Hausherr, der Gefangene, Entführte, in dessen Armen die heroische Gattin lag. Hinter ihm sah man die finstere Gestalt des Waldwärter Stenko.
Der Kapitain eilte ihn zu begrüßen. »Das ist ein unerwartetes Glück! Wie ist es Ihnen gelungen, Freund, sich zu befeien?«
»Ein glücklicher Zufall und die Hilfe eines wackeren Mannes. Hier - Stenko - benachrichtigte mich von Ihrem Angriff auf das Bialowice - aber leider ist unser Feind entkommen - die unglücklichen Papiere!«
»Keine Sorge - sie sind gerettet!«
»Wie - Sie haben sie hier noch gefunden?«
»Sie waren schon vorher in meinen Händen! - Doch davon später - jetzt gilt es, uns zu salviren. Das von Timowsky requirirte Militair kann jeden Augenblick hier sein - wir haben nicht einmal Zeit, Ihr Eigenthum vor den Flammen zu retten!«
»Lassen Sie es brennen - lieber gönn' ich es dem Feuer als den Händen der Feinde. Aber die Gefahr ist nicht so nahe, als Sie fürchten - das Militair kann unter drei Viertelstunden nicht hier sein.«
»Woher meinen Sie das?«
»Weil wir ihren Rückzug vom See sahen - die Russen haben eine schlimme Lection bekommen und hier steht der Mann, der sie ihnen gegeben hat. Während sie den Rückweg vom Eise suchten, flogen wir auf dem
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flüchtigen Eisen an ihnen vorbei, ohne daß ihre Kugeln uns trafen. Sie müssen jetzt auf dem Landweg um das ganze Ende des See's marschiren und können Bialowice nicht eher erreichen, als ich gesagt habe«
»Dann wollen wir mit allen Kräften versuchen, das Feuer zu löschen.«
Der polnische Edelmann machte eine abwehrende Bewegung: »Ich sagte Ihnen bereits - lassen Sie! Unsers Bleibens ist nach meiner Flucht und Ihrem Angriff doch nicht mehr und jeder polnische Patriot muß an das Exil gewöhnt sein - in Sibirien oder Paris! Haben die Kosacken alle Pferde gestohlen? - meine treue Tomcerka ist, wie ich von Stenko weiß, ein Opfer der Wölfe geworden - aber sie hat Sie wenigstens gerettet, Kapitain.«
Langiewicz drückte ihm die Hand.
Mateusz der Knecht meldete, daß die Ackerpferde noch in dem Hofe ständen.
»Dann rasch zwei Schlitten bespannt! Lodoiska, meine Liebe, fasse Dich und packe unsere werthvollste Habe zusammen, nur was wir und die Kinder vorläufig an Wäsche und Kleidern brauchen. Was ich an Werthpapieren besitze, ist zum Glück bei einem Bankier in Posen deponirt, und über die Gränze müssen wir, so rasch als möglich[.] Mathurin begleitet uns, sonst Niemand - ich hoffe, meine andern Leute sind nicht gefährdet?«
»Ich glaube nicht!«
»Laßt sie das Vieh und was sonst von Werth fortschaffen nach den nächsten Dörfern. Dort mögen sie es bewahren - dann mag das Feuer das Uebrige thun.
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Legt rasch Hand an - in einer Viertelstunde müssen wir aufbrechen. Kapitain - begleiten Sie uns?«
»Ich folge morgen - ich muß diese Männer erst entlassen, die uns so wacker gedient, und habe Pflichten zu erfüllen Ich gehe nach Litthauen. Der Einzelne ist weniger der Entdeckung ausgesetzt, als eine ganze Familie.«
»Ha - zu Traugut!« sagte der Okuliarnik - »ich begleite Sie, sobald wir den Schurken von Polizisten gehangen haben.«
Der Kapitain Langiewicz antwortete ihm nicht - es schien ihm wenig an der Begleitung gelegen; er beeilte sich, einige Befehle zu ertheilen. Der Hausherr sammelte rasch, was werthvoll von seinem Eigenthum - die Gouvernante hüllte die Kinder ein - die Mägde heulten und schluchzten - draußen prasselte die Flamme in rothen Garben zum Himmel.
»Und Du, Stenko, - was wird mit Dir? Man wird Verdacht hegen gegen Dich!«
»Ich geh' nach Warschau, Pan, wenn Du erlaubst, - muß dahin, - eine Pflicht erfüllen, ehe der Tod kommt!«
Der Gutsherr drückte ihm einige Imperials in die Hand. »Geh mit Gott Alter - in bessern Zeiten sehen wir uns wieder!«
»Und der russische Spion der Polizist?« beharrte der Abgesandte des warschauer Revolutions-Comité.
»Wo ist er?«
»Mit dem Aristokraten dort drinnen. Ich verlange
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seine Bestrafung, seinen Tod - im Namen der Revolution. Unsere Sicherheit hängt davon ab.«
Der Kapitain war eben zurück gekommen. »Wir müssen uns in der That leider mit ihm beschäftigen,« sagte er. »Er war Zeuge alles dessen, was hier geschehen. Ich weiß wirklich nicht, was mit ihm thun?«
»Sein Leben hat keinen Nutzen mehr, seit der Herr dort sich selbst ranzionirt hat. Er muß sterben!« rief der wilde Republikaner.
»Keinen Mord mehr, wenn wir es vermeiden können,« stimmte der Gutsherr.
»Wir wollen den Grafen rufen.«
Erst jetzt erfuhr der Gutsherr den Namen des Mannes, der den Kreishauptmann von dem Ur gerettet hatte und zum Dank dafür mit ihm verhaftet worden war.
Der Graf Oginski wurde mit dem Gefangenen gerufen.
Zwischen den Beiden hatte in dem Zimmer, in das der Graf den Kommissar geführt, eine Unterredung stattgefunden.
Der Kommissar hatte sich nach einiger Ueberlegung an seinen Wächter gewendet.
»Mein Herr - wer Sie auch sein mögen, ob der Graf Oginski oder ...«
»Ich bin der Graf Oginski!«
»Gut - jedenfalls sind Sie ein Ehrenmann, eine Sache, die ich von dem Herrn, der Sie verhaftet hat, leider nicht sagen kann. Ich rechne Ihnen meinen Tod nicht zu, wenn ich trotz Ihres Beistandes sterben muß,
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aber ich bitte Sie, mir vorher noch eine Frage zu beantworten.«
»Zunächst Herr Drosdowicz, sollen Sie nicht sterben, ich habe Ihnen mein Ehrenwort verpfändet.«
»Sie sind Einer gegen Viele, und Sie haben gesehen, zu welcher fanatischen Wuth diese Leute aufgestachelt sind. Aber - meine Frage!«
»Fragen Sie!«
»Sie behaupteten vorhin dem Kreishauptmann gegenüber, Sie wären nicht in Warschau gewesen, und dennoch möchte ich darauf schwören, Sie vor etwa drei bis vier Monaten dort gesehen zu haben.«
»Interessirt Sie dies so sehr?«
»Ja - ich gestehe es! ich glaube ein vortreffliches Gedächtniß für Physiognomieen zu haben, Sie mögen es meinetwegen polizeilichen Scharfblick nennen, - aber es gehört zu meinem Amt, und es sollte mich verdrießen, wenn ich mich geirrt hätte.«
Der Graf hätte fast lachen müssen über den Mann, dem in diesem Augenblick, der sein Leben bedrohte, das Polizeigenie über die Gefahr ging.
»Sie haben sich in der That nicht geirrt - ich war vor einiger Zeit in Warschau, aber ich erinnere mich nicht, da Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«
»Und wann war dies, Herr Graf - so ungefähr?«
»Im Oktober des vergangenen Jahres.«
»Richtig - jetzt hab' ich's. Es war am Abend, an dem der Student Aßnik und die Marowska verhaftet wurden. Erinnern Sie sich eines betrunkenen Bauers,
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der in der Bernhardiner Straße an Sie antaumelte? Der Mantelkragen verschob sich - ich sah Sie nur einen Augenblick, Sie hatten eine Reisetasche unter dem Mantel - aber als vorhin der Lump von Kollegienrath Sie mir als den Kapitain Langiewicz vorstellte, wußte ich doch, daß ich Sie schon irgendwo gesehen haben mußte.« Der Kommissar rieb sich vergnügt die Hände über sein gutes Gedächtniß.
»Ich erinnere mich wirklich der Sache nicht mehr. Aber von Fräulein v. Marowska habe ich gehört ...«
»Und die Tasche,« unterbrach ihn der Beamte - »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht auch die Tasche wieder erkannt hätte!«
»Ich bitte, wechseln wir nicht die Rollen, Herr Polizei-Kommissar« sagte der Graf stolz - »wenn Jemand einem Verhör unterliegen soll, so dürfte ich es nicht sein.«
Der Beamte veränderte sogleich den Ton und sagte mit Wärme: »Verzeihen Sie Herr Graf - die Erinnerung an jene Entdeckung riß mich hin. Ich bin Ihnen, was auch noch geschehen möge, zu hohem Dank verpflichtet. Nehmen Sie daher den Rath, so rasch als möglich sich über die preußische Gränze in Sicherheit zu bringen und nehmen Sie Frau von Wolawska mit sich, denn die Dame ist, trotz ihrer nicht ungeschickten Ableugnung sehr compromittirt durch die Papiere, die man bei ihr gefunden und die Herr von Timowsky mit sich genommen hat, - und nach dem, was hier geschehen, - dürften sehr ernste und ausgedehnte Maßregeln der Regierung erfolgen.«
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Der Graf lächelte: »Wenn diese auf die hier saisirten Papiere sich gründen sollten, dürfte die Gefahr nicht groß sein! Indeß Herr Drosdowicz, Ihr Rath ist gut und es wird besser sein, wenn Frau von Wolawska sich auf einige Zeit entfernt. Als redlicher Mann werden Sie übrigens bezeugen müssen, daß weder die Dame noch ihr unglücklicher Gemahl an den traurigen Thaten in diesem Hause eine direkte Schuld tragen.«
»Ich fürchte, ich werde schwerlich dazu Gelegenheit haben! - Hören Sie - man kommt!«
Es war in der That der Kapitain, welcher die Beiden zu holen kam.
Der Polizei-Kommissar trat hinter dem Grafen in die Halle und befand sich dem Haufen seiner erbitterten Feinde gegenüber.
Wir wollen nicht sagen, daß ihm nicht das Herz heftig geschlagen und sein Gesicht die gewöhnliche Farbe bewahrt hätte, aber er hatte in den Höhlen des Verbrechens kaum geringeren Gefahren Trotz geboten im Gefühl seiner Amtspflicht, und auch diesmal zeigte er keine unmännliche Furcht. Mit Erstaunen sahen er und der Graf, daß Herr von Wolawski sich unter den Anwesenden befand, da ihnen die glückliche Flucht desselben bisher unbekannt gewesen war.
Der Kapitain übernahm das Wort. »Sie sind der Polizei-Kommissar Drosdowicz aus Warschau?«
»Der bin ich!«
»Einer der gefährlichsten Verfolger und Aufspürer der polnischen Patrioten! Sie befanden sich hier mit
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Herrn von Timowsky zu gleichem Zweck, um Unglück in eine ehrenwerthe Familie zu bringen!«
»Ich war in meinem Amt und erfülle meine Pflicht gegen meinen Herrn, den Kaiser!«
»Es ist das Amt eines verfluchten Spions und Schergen!« schrie der Okuliarnik dazwischen.
»Still, Herr! - Kennen Sie mich?«
»Ich habe Sie nie gesehen, aber ich kann mir denken, wer Sie sind!«
»Und wer bin ich?«
»Der Kapitain Marian Langiewicz, ein Abgesandter des revolutionairen Centralcomité's in Paris,« sagte der Beamte kühn.
Der Graf machte eine Bewegung des Schreckens über diese unvorsichtige Offenherzigkeit - aber gerade ihre Kühnheit schien dem Soldaten zu imponiren.
»Sie zeigen wenigstens Muth bei Ihrem traurigen Amt,« erwiderte der Kapitain. »Ich mache mir Nichts daraus, ob Sie mich kennen oder nicht; ja wohl, ich bin Marian Langiewicz. Aber kennen Sie auch diese Männer?«
Der Kommissar ließ seinen Blick über den Haufen der Polen schweifen. »Außer dem Herrn Grafen von Oginski und Herrn von Wolawski, den ich allerdings nicht hier wieder zu sehen glaubte, habe ich nicht die Ehre - die Herren haben ja dafür gesorgt, sich unkenntlich zu machen!«
In der That wäre es schwer gewesen, in der absichtlich vorgenommenen Entstellung dieser Gesichter durch
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Pulver, Schmuz und Rauch ein Gesicht wieder zu erkennen.
»Geben Sie Ihr Wort, daß Sie Niemand kennen?«
»Das Wort eines Mouchard's, eines Tyrannenschergen! Wollen wir einem Henkersknecht trauen?«
Der Kommissar wandte sich rasch zu dem Sprecher, dem Okuliarnik.
»Hüten Sie sich, mein Herr - ich kenne Sie zwar nicht, aber ich habe nicht blos Augen, sondern auch ein scharfes Ohr.«
»Ich bürge für den Mann mit meiner Ehre!« rief Graf Oginski. »Ich habe mit meinem Ehrenwort ihm Leben und Freiheit garantirt, wollen Sie mich ehrlos machen, Kameraden?«
»Was kümmert das uns - er ist ein Feind - er muß sterben!« Der Okuliarnik erhob ein Pistol gegen den Gefangenen.
Wiederum deckte ihn der ritterliche junge Pole mit dem eigenen Leib. »Sie thun am Besten, mich vorher niederzuschießen. Denn wenn Sie diesen Mann tödten, werde ich sofort mich der russischen Regierung stellen!«
»Was hat das Volk auch anders von den Aristokraten zu erwarten, als Verrath!«
»Ein Schuft, der das sagt!«
Ein Krachen draußen unterbrach den Streit - das Scheunengebäude stürzte zusammen - die Funkengarben flogen hoch auf in die Nacht - Frau von Wolawska stürzte in die Halle und eilte zu ihrem Gatten.
»Um der heiligen Jungfrau willen - fort! fort! -
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Das Haus brennt! Die Flamme vom Stall hat gezündet!«
Einer der preußischen Polen kam eilig herein. »Pan Kapitän - man hört in der Richtung vom See her Signale blasen.«
»Sind die Schlitten bereit?«
»Sie stehen auf der andern Seite des Hofes!«
»Hinaus denn - fort! Alle! - wir haben keine Zeit zu verlieren! - Gehorchen Sie, Herr - hier befehle ich!« Die letzten Worte des Kapitains galten dem Okuliarnik, - »treib sie hinaus, Woyczek!«
Der an Gehorsam gegen seinen Offizier gewöhnte frühere Unteroffizier faßte den Agenten des warschauer Comité's und drängte ihn trotz seiner Flüche und seines Widerstrebens aus der Halle. Einen Augenblick noch blieb der Kapitain zurück.
»Auf Ihre Gefahr. Graf Oginski - thun Sie, was Sie für Recht glauben! - Aber schnell - wir können nicht auf Sie warten!« Der Graf hielt ihn noch einen Augenblick fest. »Senden Sie die Familie zu meinem Oheim jenseits der Gränze« flüsterte er ihm zu. »Dort findet sie vorläufigen Schutz!«
Der Kapitain eilte hinaus - gleich darauf hörte man den ersten Schlitten abfahren.
Der Graf trat zu dem Kommissar. »Mehr kann ich nicht thun für Sie - doch ich glaube nicht, daß Sie von den Leuten, die zurück bleiben, Etwas zu fürchten haben. Handeln Sie menschlich, wenn Ihnen einer der Unseren in die Hände fällt!«
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Der Kommissar hielt ihn zurück. »So weit es mit meiner Amtspflicht sich verträgt - gewiß! Aber Ihnen Herr Graf - Sie sind ein Ehrenmann, ich danke Ihnen mein Leben - kann ich Ihnen je einen Dienst erweisen, so rechnen Sie auf mich!«
Der junge Edelmann war bereits an der Thür - es schien ein Gedanke ihm durch den Kopf zu fliegen, er wandte sich rasch um - und faßte den Arm des Beamten.
»Sie könnten es, Herr - ich müßte nach Warschau! es gilt eine Ehrenpflicht! - eine Dame ...«
»Sie rennen dem Wolf in den Rachen! - Aber - doch - ich weiß, daß Sie Ihr Wort halten - wollen Sie es mir geben, innerhalb dreier Monate sich an keiner Agitation gegen die Regierung zu betheiligen?«
»Mein Wort darauf!«
Der Beamte sprang an den Tisch und nahm aus seiner Brieftasche eine gedruckte Karte, auf die er einige Worte schrieb, während man bereits das Feuer über der Decke knistern und krachen hörte.
»Hier - nehmen Sie! wenn Sie in Gefahr kommen, zeigen Sie dies - und es wird Sie Niemand belästigen. Gott mit Ihnen, Herr - und lassen Sie sich nicht von falschen Freunden verleiten - die Freiheit Polens ist ein Wahnsinn! - Ich sorge schon für mich selbst.«
Der junge Edelmann eilte hinaus. Wie zum Hohn klang draußen durch die Nacht, das Knistern der Flammen, das Brüllen des Viehes, das die Knechte des zerstörten Gutshofs davon schleppten, ein lautes: Zgie Pólska! -
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dann waren sie Alle draußen im Dunkel verschwunden, zerstreut, die Männer, die das erste Blut vergossen in dem furchtbaren Kampf, der bald noch ein Mal das unglückliche Land zerfleischen sollte für den thörichten und doch so edlen Gedanken der polnischen Freiheit.
Zehn Minuten später empfing am Thor des vollständig in Flammen stehenden Gehöftes der Polizei-Kommissar Drosdowicz das Infanterie-Detaschement.
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»Wüstenkönig ist der Löwe!«

Am Nachmittag gegen 4 Uhr waren die sämtlichen Boote des Veloce ausgesetzt und bemannt, die Matrosen im besten Staat und bewaffnet, die Offiziere in großer Uniform, die Passagiere mit ihren Effekten, die sie für einen längern Aufenthalt am Strande brauchen würden. Kapitain Lacombe hatte seinerseits schon am Mittag die Boote der Imperatrice gesandt, um die Ueberführung des Gepäcks der Reisenden nach der Brigg zu beginnen, damit diese nach Beendigung ihrer Ausbesserung keine Verzögerung erleiden möge, die Fahrt nach Suez anzutreten.
Der berliner Professor hatte einen harten Kampf gekämpft, ob er seine angebliche Verlobte und seinen kostbaren Mammuthschädel an Bord der Imperatrice begleiten, oder ob er mit Lord Frederic den abenteuerlichen Zug durch die Wüste autreten solle. Der Umstand, daß die beiden amerikanischen Jäger den Lord begleiten sollten, und die Erinnerung an die Erscheinung, die er am Fenster der Deck-Kajüte gehabt, trugen nicht wenig dazu bei, ihn für die Landreise zu bestimmen, namentlich da Kapitain
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Boulbon, der am meisten Nachsicht zeigte mit den Schwächen des kleinen Mannes, ihm mit Handschlag und Wort verbürgte, daß er alle seine so sorgsam gesammelten Schätze in Alexandrien bei dem französischen oder preußischen Consulat unversehrt wiederfinden solle.
So siegte denn die Anhänglichkeit an seinen jungen Schüler und Freund und der Eifer für die Wissenschaft über die halb eingebildeten, halb ernsten Gefühle des alten Junggesellen für seine schöne Pflegebefohlene und er ließ sich von ihr willig bereden, daß sie seines persönlichen Schutzes unter der Obhut Kapitain Boulbon's und ihres Vetters entbehren könne und um keinen Preis die Welt der wichtigen Entdeckungen berauben dürfe, die er auf dieser Reise unzweifelhaft machen werde.
Eine volle Salve des Veloce, die den Abessyniern und Samharen den nöthigen Respekt vor dem Kriegsdampfer einprägen sollte, begleitete die Abfahrt der Boote, die mit der französischen Nationalflagge geschmückt dem Strande zuruderten, auf dessen Höhe man eine Anzahl Zelte aufgeschlagen sah. Auch in der Stadt selbst schien bereits die Ruhe und Sicherheit wieder hergestellt und der nicht geflüchtete Theil der Bewohner hatte sich auf den Lehmmauern versammelt, um der Ankunft der Fremden beizuwohnen.
Als das erste Boot, in dem sich Kapitain Ducasse mit der Fürstin, Lieutenant von Thérouvigne, dem Indier und den beiden Jesuiten befand, den Strand berührt, empfing sie dort der Abgesandte des Negus, von einer großen Schaar von Becken- und Trommelschlägern und
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wild aussehenden Kriegern umringt, mit alten Steinschloß- und Luntenflinten oder Speeren und Schilden bewaffnet.
Es wird einer kleinen historischen Einschaltung bedürfen, um dem Leser die damaligen Verhältnisse jener ihm sonst so fern stehenden und unbekannten Gegenden zurück zu rufen.
Es giebt eine Anzahl Namen, die aus Poesie und Geschichte Jedem von dem Unterricht der Jugend her unvergeßlich eingeprägt sind, wenn er auch im Materialismus des späteren Lebens wenig Gelegenheit gehabt hat, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen.
Zu diesen Namen gehört, gleich den riesigen Gedenkstätten der Pharaonen, der Name Axum.
Das axumitische Reich umfaßte zur Zeit Christi die beiden Küsten des rothen Meeres bis zur Wüste von Yemen und Darfur, und setzte im Süden dem Vordringen der Römer einen unbezwingbaren Damm; - jetzt liegt seine Hauptstadt längst in Trümmern, und aus seinem allmäligen Verfall in den Kämpfen gegen die Araber ist das abessynische Reich hervorgegangen: Tigre, Gondar, Schoa und die kleineren ihm anschließenden Negerstaaten.
Aber obschon ein Theil des Judenthums nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus sich hierher flüchtete und später der Koran des großen Propheten von Mekka seine sinnbetäubenden Lehren über die geringe Scheidewand des rothen Meeres hierher warf, - war gerade dies Land eine der ersten festen Stätten des Christenthums, weit eher als das mittlere Europa sich seinen
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Lehren öffnete. Schon um's Jahr 333 unter dem König Aizanes kamen von Aegypten her die Apostel der neuen Lehre Frumentius und Adesius, und gründeten die ersten christlichen Kirchen, die - trotz des später sich ausdehnenden Islams - noch heute über ganz Abessynien verbreitet sind.
Die unternehmenden Seefahrten der Portugiesen an den Ostküsten Afrika's stellten im 15. Jahrhundert die schon aus den Zeiten der Kreuzzüge stammende Verbindung Abessyniens mit Europa her und Rom bekehrte sogar durch die Jesuiten die Königsfamilie im Jahre 1603 zum Katholicismus, der freilich nur kurze Zeit die Herrschaft über die alte Landeskirche bewahrte, die mit ihrem eigenthümlichen, zum Theil selbst dem Islam entnommenen Sitten und Gebräuchen unter einem weltlichen und geistlichen Herrscher, dem Negus und dem Abuna steht.
Die katholischen und protestantischen Missionaire machten sich seitdem Concurrenz und erwarben wechselnden Einfluß. Die Wichtigkeit des Landes für den Handel nach dem inneren Afrika erkennend sandte England seine politischen Trapper, die Missionaire ab, wurde aber bald wieder von dem größeren Geschick der französischen Agenten verdrängt, bis es der Mission des Major Harris im Jahre 1840 gelang, wenigstens in Schoa diesen Einfluß wieder herzustellen.
Wir haben bereits aus den Scenen an Bord des Dampfers Veloce ersehen, wie klug die französische Regierung es verstanden hatte, in Verbindung mit dem Bau des Kanals von Suez eine weitere Station auf
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dem Wege nach Indien durch den Kauf der Bai von Adulis, dem Stapelplatz des alten axumitischen Handels nach Arabien und Indien, zu gewinnen. Um das Eigenthums- und Verkaufsrecht stritten sich, wie bereits erwähnt ist, der Naïb des nördlichen Samhara, der Ras von Tigre und der Negus von Abessynien. Bei dem Letzteren war augenblicklich der englische Einfluß überwiegend, während der Ras oder Unterkönig von Tigre auf Seite der Franzosen stand. - -
Die Menge, welche die Boote am Ufer empfing, bildete ein überaus buntes Bild, denn fast alle die verschiedenen Stämme des östlichen Afrika's und Arabien's waren hier vertreten, vom hochgewachsenen Gallas mit der wilden Physiognomie, dem schlanken braunen Beduinen der Wüste bis zum ägyptischen Fellah in seiner ganzen Verkommenheit. Der ebenholzschwarze Negersclave aus den fast nur dem Namen nach den Europäern bekannten Ländern jenseits des weißen Nil hockte neben dem Repräsentanten der semitischen Race, dem abessynischen Krieger in seiner dunklen Broncefarbe; der braune Araber aus dem Lande Yemen drängte neben dem betriebsamen Juden der Küstenstädte; der kaum mit einem Lendentuch bekleidete Kameeltreiber schrie und stritt mit dem ernsten bärtigen Scheich, Moslems und Christen - letztere durch das blaue Band um den Hals kennbar, - Fetischanbeter und Ismaeliten - Männer, Frauen und Kinder ein bunter lärmender schreiender Haufen, über dem die langen Hälse der Kameele hervorragten, umgaben alsbald die Landenden, in zehn verschiedenen Sprachen ihre Dienste anbietend.
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Nur mit Mühe vermochte eine Anzahl von Soldaten des Negus durch die schonungslose Anwendung der langen überaus zähen Peitschen aus der Haut des Nilpferdes den Franzosen und ihren Gästen Raum zu schaffen.
Lord Walpole, der mit Graf Boulbon, dem Professor und den beiden Amerikanern in dem zweiten Boot an's Land kam, sah sich vergeblich nach seinem Bekannten, dem englischen Missionair um, derselbe ließ sich nicht blicken; als er jedoch noch unschlüssig stand, ob er sich der Gesellschaft der Franzosen anschließen sollte, näherte sich ihm ein Mann von schmalen scharfen Zügen, mit klugen Augen und langem Bart, in einen dunklen Kaftan gekleidet, und indem er sich fast bis zur Erde vor ihm verbeugte, frug derselbe in ziemlich gutem Englisch: ob er der fremde Herr sei, der Kameele und Pferde zu kaufen beabsichtige zu einer Reise an den Nil?
Der Lord bejahte und der Fremde zog einen Brief aus den Falten seiner hohen Mütze und übergab ihm denselben.
Das Schreiben war in der That an ihn gerichtet und von Sr. Ehrwürden dem Missionar Cameron. Er schrieb ihm mit kurzen Worten, daß ein heftiger Streit zwischen Herrn Munzinger und dem König Theodor stattgefunden und daß der Erstere sich mit ihm in die Stadt Arkiko begeben habe, wohin er wohlthun werde, ihnen zu folgen, da es leicht zu blutigen Auftritten zwischen der englischen und französischen Partei kommen könne. Der Ueberbringer des Briefes sei einer der jüdischen Falaschas und ein vertrauter und kundiger Mann, der ihm zu seinem
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Unternehmen am Besten behilflich sein könne. - Der Engländer entschloß sich rasch, dem Nath des Missionairs zu folgen und sofort seinen Landsleuten sich anzuschließen, und der Falascha, der sich Hassan ben David nannte, hatte schnell einige der kleinen Esel besorgt, die in Aegypten zum Transport von Menschen und Gepäck dienen und jetzt den Engländer mit seinen Begleitern zu der etwa eine halbe Stunde entfernten Stadt brachten, wobei jedoch der Kanadier Ralph oder Schmidt, wie er sich hier nannte, vorzog, nebenher zu gehen, da keines der Thiere groß und stark genug war, ihn zu tragen.
In der großen Karavanserai von Arkiko, dessen Bewohner trotz der rasch verbreiteten friedlicheren Nachrichten noch immer in theilweiser Besorgniß schwebten vor einem Angriff der wilden Soldaten des Negus, fand Lord Walpole den englischen Agenten Munzinger, den Missionair Cameron und einige andere Engländer mit den Vorbereitungen beschäftigt, sich nach der gegenüberliegenden Insel Massauah einzuschiffen, auf der sie gegen eine befürchtete Tücke des Negus Schutz suchen wollten, bis ein englisches Schiff angekommen sei, das nach ihrer Meinung den König bald wieder zur Vernunft bringen und den englischen Einfluß in seiner Umgebung herstellen sollte. Aus den Mittheilungen Munzinger's ging hervor, daß bereits in den letzten Tagen durch die Intriguen des französischen Consuls und der Jesuitenpriester - mehr aber wahrscheinlich noch durch das anmaßende Auftreten der Engländer selbst, die ihm wahrscheinlich auch die gemachten Versprechungen nicht gehalten hatten - die
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Stimmung des Negus sich sehr geändert hatte, und als in der Nacht das französische Kriegsschiff eingetroffen war, war Alles, was die britischen Missionaire erreichen konnten, daß einer der Ihren zur Begleitung der Abgesandten an Bord gewählt wurde.
Wir haben gesehen, wie der Zweck dieser Begleitung vereitelt wurde. Nach der Rückkehr Reverend Cameron's mit dem von der Gegenpartei gewonnenen Abgesandten und nach einer geheimen Unterredung desselben mit dem Negus hatte ein heftiger Streit Munzinger's mit diesem stattgefunden. Der König Theodor beschuldigte die Engländer, daß sie ihn getäuscht hätten und gegen sein Interesse intriguirten. Er drohte, sie Alle aus dem Lande zu treiben oder gefangen zu setzen, erklärte, daß ihre bisherigen Privilegien keine Gültigkeit mehr haben sollten, und daß alle Fremden mit gleichen Rechten im Lande Handel und Wandel treiben und sich niederlassen könnten, wenn sie nur dem Negus das Schutzgeld bezahlten.
So verständig und billig nun eigentlich auch diese Entschließungen waren, so wenig paßten sie in die Anmaßungen der Engländer und es kam zu einer so schlimmen Scene, daß es schließlich die Missionare für das Beste hielten, vorläufig das Feld zu räumen und ihre Personen in Sicherheit zu bringen. Herr Munzinger wollte noch am selben Abend eine arabische Praua mit einem Bericht an den Gouverneur von Aden abschicken und hätte aus seiner Niederlage am Liebsten gleich eine englische Kriegserklärung gegen Frankreich gemacht. Er bot Alles auf, den Lord zu bewegen, mit ihnen nach
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Massauah zu gehen, aber Walpole erklärte ihm, daß er sich um politische Angelegenheiten nicht kümmere, daß er gerade, um diesen zu entgehen seine Reisegesellschaft verlassen habe, und zeigte sich so entschlossen zu seinem Unternehmen, daß Herr Munzinger endlich, um sich einem Pair des Reichs möglichst gefällig zu beweisen, daran ging, mit Rath und That ihm Beistand zu leisten. Er fertigte sogleich die nöthigen Papiere und Requisitionen aus, die ihm auf ägyptischem Gebiet nützlich sein konnten, machte ihn mit zweien der angesehensten muhamedamschen Kaufleute bekannt und gab ihm einen Empfehlungsbrief an einen solchen in Chartum. Dann ließ er den Kadi der Stadt rufen und ersuchte ihn, dafür zu sorgen, daß der Lord bei den Einkäufen für die Reise nicht allzusehr übervortheilt würde und zu seinem Gefolge zuverlässige und des Landes kundige Personen engagiren könne.
Es war eine Stunde nach Sonnenuntergang, als alle diese Geschäfte beendigt waren und die Missionaire sich nach Massauah einschifften, das sie in Zeit von einer Stunde erreichen konnten.
Lord Walpole befand sich jetzt in dem traurigen arabischen Nest mit seinen beiden Gefährten allein und hatte nunmehr Muße, sich nach seinen Reisegefährten wieder umzusehen, von denen er nur wußte, daß sie nach dem Lager des Negus gezogen waren und ihre Zelte auf dem Hochplateau zwischen dem Lager und dem Strande aufgeschlagen hatten. Jedenfalls wollte er ihnen Nachricht geben über sein Verbleiben und den Professor über sein Verschwinden beruhigen. Indem er seine beiden
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amerikanischen Begleiter aufforderte, zur Ueberwachung des Gepäcks zurück zu bleiben, warf er seine Flinte über die Schulter und befahl dem Faluscha, ihn zu begleiten und zu dem Lager der Fremden zu führen. Die Wachen des Naif am Thor wagten nicht, den Engländer aufzuhalten, dessen Freigebigkeit und Großmuth bei den Einkäufen am Nachmittag bereits überall bekannt geworden war und mancherlei Spekulationen erregt hatte, und so schritt er von seinem Begleiter gefolgt, ungehindert hinaus in die tropische Nacht, deren Myriaden Sterne mit wunderbarem Glanz über ihm funkelten.
Auf der mächtigen Terrasse der Berge glühten wie in der Nacht vorher die Feuer der wilden Krieger des Gebirges und über die glitzernden Wellen der Bucht und des weiten Meeres warf der aufsteigende Mond seine weißen Strahlen, in denen die schwarzen Masten der ankernden Schiffe wankten.
Die Stadt Arkiko liegt in der Abdachung des Strandes, da ihr Haupterwerb der Handel aus dem Binnenland nach der Weltstraße des rothen Meeres ist. Der Lord stieg, ohne den Faluscha[h] zu fragen, sich auf seinen eigenen Ortssinn verlassend, an dem Terraingelände zur Höhe des Plateaus und schritt gegen die Feuer zu, welche das Lager der äthiopischen Krieger bezeichneten.
Eine Strecke unterhalb derselben sah man ein anderes großes Feuer, um welches einige Zelte und mehre leichte Hütten aufgeschlagen waren. Gestalten bewegten sich um das Feuer, ohne daß man erkennen konnte, ob es Europäer waren. Der Lord rief den Faluscha an seine Seite.
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»Geh' zu jenem Feuer,« befahl er, »und überzeuge Dich, ob dort die Männer vom Schiffe lagern. Ist dies der Fall, so übergieb diese Karte dem kleinen Mann mit der Brille, den Du im ersten Boot hast landen sehen. Ich werde Deiner an jenem Gemäuer dort warten.« Er wies auf die Trümmer einer alten Kirche, die hier an der Felswand gestanden hatte und deren dunkle Umrisse man im Schein des Mondes leicht erkennen konnte. Wahrscheinlich war es eine der Kirchen aus den ersten Jahrhunderten der Einführung des Christenthums, die später bei dem Vordringen des Islam von den fanatischen Bekennern dieser Lehre zerstört worden war.
Der Faluscha kreuzte die Hände auf der Brust. »Hamed ben David,« sagte er in seinem gebrochenen Englisch, »ist der Sclave Deines Willens - aber Herr, es ist übel sein in jenem Gemäuer - die Hyäne hält dort ihr Nest, und die Geister der von den Moslems Erschlagenen wandeln da in dem Schatten der Nacht. Christ und Muselmann scheut die Stätte. Mein Gebieter wird besser thun, mich zu begleiten.«
»Thorheit,« meinte der Lord - »die Hyäne wagt sich nicht leicht an einen Mann, und Deine Geister fürchte ich nicht. Geh' und beeile Dich - ich habe mit meinem Freunde zu sprechen, ehe er sich zum Schlaf niederlegt.«
Der Faluscha warf einen scheuen Blick nach den Trümmern, wagte aber nicht weiter zu widersprechen und eilte davon.
Lord Frederik blieb einige Minuten stehen, um das Schauspiel des aufsteigenden Mondes und seiner Spiegelung
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in der weiten ruhigen Fläche des Meeres zu genießen. Die aufregende Thätigkeit des Nachmittags hatte ihn zu einem Nachhängen an seine Gedanken wenig kommen lassen und nur seinen Entschluß bestärkt, die Gesellschaft der Franzosen rasch zu verlassen und bis dahin möglichst zu vermeiden, um nicht als ein Beobachter ihrer politischen Mission zu erscheinen. Er wünschte sich dieserhalb noch am Abend mit dem Professor zu besprechen. Das Verhältniß, in das Lieutenant de Thérouvigne sich zu ihm gestellt hatte, legte ihm außerdem diese Zurückhaltung auf, die freilich nicht so weit gehen durfte, kalt und unhöflich gegen die bisherigen Freunde zu erscheinen. Eine persönliche Gefahr, selbst wenn Lord Frederik auf eine solche geachtet hätte, konnte für ihn in dem nächtlichen Gange nicht liegen, da der Abend noch nicht so weit vorgeschritten und das Lager der Abessynier weit höher an den Bergen hinauf gelegen war. Von dort herüber tönte nur entfernt und undeutlich der Lärmen der schwarzen Krieger.
Ein eigenthümliches Winseln und Grunzen erweckte den Engländer aus seinen Gedanken. Mit dem Instinkt des geübten Jägers ließ er die Flinte von seiner Schulter gleiten und sah um sich - aber Nichts bewegte sich auf der weißen Sand- und Steinfläche um ihn her. Erst bei schärferem Hinschauen erkannte er zwei schwarze Punkte, die langsam über den Sand sich bewegten; von dieser Richtung her kam auch der Ton und er begriff sogleich, daß es ein Paar Hyänen sein müßten, jene feigen und gefräßigen Raubthiere, die in der Nähe von Lagerplätzen
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und bewohnten Orten umherzustreifen pflegen gleich den Schakals, um irgend einen Gegenstand des Fraßes zu rauben.
Der Engländer ließ den Lauf seiner Flinte in die linke Hand fallen, um sich fertig zum Schuß zu machen, als er bedachte, daß er dadurch leicht unnöthigen Lärmen und einen Irrthum der ausgestellten Wachen hervorrufen könne. Ueberdies machte ihn das Benehmen der feigen und grausamen Thiere stutzen.
Die Bestien waren, außer Schußweite von ihm und anscheinend ohne ihn zu bemerken, da der Wind vor ihnen her strich, in der Richtung des Gemäuers fortgetrottet, das der Lord zu dem Rendezvous bestimmt hatte, als sie plötzlich in der Nähe der Ruinen stehen blieben, ein lautes klägliches Geheul ausstießen und dann rasch Kehrt machten und davon liefen. Zugleich kam es dem Lord vor, als hätte er, jedoch nur für wenige Augenblicke, ein intensives grünes Licht in den Ruinen aufstrahlen sehen.
Der Vorgang fesselte seine Neugier, und um sich zu überzeugen, ob er recht gesehen, ging er jetzt rascher, aber doch mit der von der fremden Umgebung gebotenen Vorsicht auf die Ruinen zu. - -
Wir haben zunächst zu der Gesellschaft vom Veloce zurückzukehren, von der alsbald nach ihrer Landung am Strande Lord Walpole sich getrennt hatte.
Eine wilde Musik von Cymbeln, Becken, Pfeifen und Trommeln begrüßte sie, und der Abgesandte des Negus, der am Morgen an Bord des Schiffes gekommen war, empfing sie mit mehreren andern ziemlich ähnlich
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kostümirten Offizieren des König Theodor, während weiter hinauf am Strande mehre Sclaven prächtig geschirrte Pferde, Esel und Reitkameele hielten.
El Maresch näherte sich mit einer orientalischen Verneigung dem Kapitain Ducasse und seinen Begleitern, und hielt eine Anrede an den Kapitain und die Offiziere, bei der er sich jedoch mehr, als verstehe sich dies von selbst, an den französischen Kaufmann wandte, der mit dem Konsul Laya hinter dem Kapitain stand.
»Was sagt der schwarze Kerl?« frug der Kapitain.
»Er überbringt Ihnen die Einladung des Königs Theodor,« berichtete der Konsul, der einigermaßen das Amhara verstand, ihn mit Ihren Begleitern in seinem Lager zu besuchen. Der Negus freut sich, die Gesandten des großen Sultan von Frangistan zu empfangen und ist bereit, den Vertrag mit ihnen zu schließen. Ich denke, Kapitain, wir können nichts Besseres wünschen und müssen eilen, ihn in dieser guten Stimmung zu benutzen - denn - er ist nicht immer in solcher!«
»Wie so?«
»Sie mögen selbst sehen. Es ist eine riesenhafte Natur und von merkwürdigen Geistesanlagen. Aber das Danaër-Geschenk der englischen Politik ist sein Verderben.«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Erinnern Sie sich nicht, durch welche Mittel diese schmachvollste Politik Europa's den Sohn des Kaisers in Schönbrunn vergiftet hat?«
»Die Weiber, sagt man!«
»Es giebt der Wege mancherlei - hier ist es der
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Rum! - Doch Sie mögen selbst sehen; welche Antwort darf ich dem Abgesandten geben?«
»Versteht sich, wir nehmen an. Sollen uns die Mariniers begleiten?«
»Je mehr je besser! Der Negus hat allein Achtung vor kriegerischem Gepränge. Aber es ist meine Pflicht, Sie Alle darauf aufmerksam zu machen, daß Sie in die Höhle des Löwen gehen und irgend ein Zufall seine ganze dämonische Natur zum Ausbruch bringen kann. Man erzählt schauderhafte Dinge von seinen Wuthausbrüchen.«
»Es ist unsere Pflicht, wir müssen es darauf ankommen lassen,« erklärte nach einigem Besinnen der Kapitain. »Aber diese ehrwürdigen Herren und Sie, Fürstin, sind durch Nichts dazu verpflichtet, uns zu begleiten. Ich sehe dort oben einen geeigneten Platz, der noch unter den Kanonen des Veloce liegt und in passender Entfernung von dem Lager des Negus. Dort werde ich unsere Zelte aufschlagen lassen.«
»In dem Dienst der heiligen Kirche,« sagte der Superior, »giebt es keine Menschenfurcht. Die heilige Jungfrau wird unser bester Schutz sein. Ich und dieser Diener des Herrn werden Sie begleiten. Pater Cyprianus redet die Sprache des Volkes.«
»Wenn Sie mir gestatten, Monsieur le Capitain,« erklärte die Fürstin, »möchte ich wohl diesen Löwen in der Nähe ansehen. Nach der Probe, die wir hier vor Augen haben, dürfte es nicht uninteressant sein. Da Mylord Walpole und mein gelehrter Anbeter hier schon mit den Eisbären im Norden zu thun gehabt haben,
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werden sie sicher keinen Anstand nehmen, auch die Bekanntschaft der Ungeheuer der tropischen Zone zu machen. Aber mein Himmel, ich sehe Mylord Walpole nicht - wo in aller Welt kann er geblieben sein?«
Einige Nachfragen ergaben, daß der Lord sich gleich nach der Landung von der Gesellschaft getrennt und den Weg nach der Stadt genommen hatte, um dort die englischen Missionaire aufzusuchen.
»John Bull ist doch klüger, als ich gedacht,« meinte spöttisch Thérouvigne, - »er weiß, was sich schickt und ist seiner Wege gegangen.«
»Doch Ihnen gewiß nicht aus dem Wege, mein schöner Cousin?« sagte scharf die Fürstin.
Der junge Offizier wollte eine Bemerkung machen, unterdrückte sie aber unter dem ernsten Blick seines Freundes.
Der Professor hatte der Unterredung mit großer Aufmerksamkeit zugehört und viele Unruhe gezeigt, weniger um seinen jungen Gefährten, dessen selbstständigen Charakter er zur Genüge kannte, als über die Andeutungen in Betreff des Negus. Er trippelte von einem Fuß auf den andern, nahm verschiedene Prisen und jagte endlich: »Sollte der geehrte Beherrscher dieses merkwürdigen Landes nicht vielleicht geneigt sein, einem freilich noch unberühmten Forscher auf den Gebieten der Natur und Geschichte einen Einblick in die unzweifelhaft aufbewahrten Archive zu gewähren, die freilich wohl in der mir zur Zeit noch nicht geläufigen Lesana Geez2 geschrieben sein, doch
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habe ich eifrig den seit dem Propheten Mohamed, fälschlich Mahomed geschrieben, verdrängten himjaritischen Dialekt studirt, dessen Schriftzeichen mit der Lesana Geez eine unverkennbare Gleichheit haben sollen, und so wäre es immerhin möglich, mit Hilfe des Synaxar und vornehmlich des Keber za Negeste, jener traditionellen Geschichte des einst so mächtigen Reiches Axmn, so wie des nicht minder hochwichtigen Tarek Negushti, der Chronik der Könige, etwas Näheres über die fünfundzwanzigste Dynastie der Egypter, gegründet von Schewek oder Sabakon, zu erfahren, oder wenigstens über jenen unerforschten und doch so wichtigen Priester oder König Johannes ...«
Kapitain Ducasse hatte unterdeß die für nöthig erachteten Befehle ertheilt. Er schickte einen seiner Kadetten zu seinem an Bord gebliebenen ersten Lieutenant mit neuen Instruktionen zurück, die dahin gingen, den Veloce so nahe als möglich an's Land zu legen und den Platz, an dem das Lager aufgeschlagen werden sollte, unter seiner Breitseite zu halten, sowie alle entbehrlichen Mannschaften zu bewaffnen und bei dem geringsten Zeichen von Feindseligkeiten zur Unterstützung zu senden. Dann ließ er vor den Augen der Aethiopier die Eskorte von Marinesoldaten die Gewehre scharf laden und die Matrosen ihre Waffen in Ordnung bringen. Ein Theil derselben mit einigen Schildwachen sollte auf dem gewählten Terrain zurückbleiben, um dort die Zelte aufzuschlagen. Als diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, wandte er sich wieder zur Gesellschaft und unterbrach den Professor in seinen gelehrten Spekulationen.
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»Wenn Sie mit wollen, Monsieur, so kommen Sie; nur muß ich Sie bitten, in unsere Unterhandlungen mit dem Negus nicht Ihren gelehrten Schnickschnak einzumischen. Ich fürchte, daß alle todten Könige von Axum oder sonst einem alten Trümmernest Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen nicht einen Fußbreit Landes verschaffen können, wenn es nicht einige Dutzend alter zurückgesetzter Musketen thun werden.«
Der Consul Laya lachte. »Sie haben Recht, Kapitain, das Beste müssen die Geschenke machen, welche Lacombe auf der Imperatrice mitgebracht hat, und deren Rest wir eben dem Negus anbieten wollen, nachdem der Prinz oder König Kassa und der alte Schurke von Naïb dort drüben in Arkiko bereits den besten Theil geschluckt haben.«
»Deshalb,« bemerkte der Kapitain, »glaube ich im Sinn meiner Vollmacht gehandelt zu haben, indem ich die Zahl dieser Geschenke aus unserer Beute in China etwas ergänzt habe. Und nun vorwärts, meine Herren, sonst dürften unsere schwarzen Wirthe doch etwas ungeduldig werden.«
Auf ein Zeichen des Kronoffiziers führten die schwarzen Diener die Pferde und Esel herbei, welche die französischen Offiziere, die Geistlichen und die Fürstin bestiegen. Auch der Professor wurde trotz einigen Sträubens seitlings auf einen der Esel gesetzt, den ein Knabe gegen alle Bitten des Gelehrten von hinten stachelte, und so setzte sich der Zug endlich in Bewegung, das terrassenartige Gelände empor, voran die äthiopischen Musiker, die einen
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Höllenlärmen vollführten, hinter ihnen die Offiziere des Negus, welche die französischen Gesandten abgeholt hatten, und dann diese selbst, umgeben von den Soldaten und Matrosen. Eine Menge Volkes und schwarzer Krieger schlossen den Zug.
Sie mochten etwa eine halbe Stunde aufwärts gestiegen sein, als sie auf dem Plateau anlangten, auf dessen Höhe eine alte christliche Kirche stand, deren weitragendes Kreuz die Reisenden vom Bord des Veloce schon am Morgen gesehen hatten und welches die einzige war, die in diesem Theile des Landes erhalten geblieben schien. Hier hatte der Negus Negassi sein Lager aufgeschlagen. Eine große Menge von braunen und schwarzen Kriegern war hier versammelt und in zwei Reihen aufgestellt. Die meisten von ihnen waren zwar noch mit Speer und Schild bewaffnet, die vordern Glieder trugen jedoch Flinten mit Steinschlössern, denen man schon von Weitem ansah, daß die englische Regierung sie schon vor Jahrzehnten ausrangirt oder zu diesem Zweck aus ähnlichen Gelegenheiten erworben hatte.
Vor der Thür der Kirche, die nach der Vertreibung der katholischen Missionaire aus Gondar von diesen Priestern, die sich unter die freisinnigere türkische Herrschaft nach Arkiko zurückgezogen hatten, zu ihrem Gottesdienst benutzt wurde, sonst aber längst nicht mehr gebraucht worden war, hatte der Negus sein Zelt aufschlagen lassen, um hier mit möglichstem Gepränge die Franzosen zu erwarten.
»Ich hatte gehofft,« sagte lachend Lieutenant
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Thérouvigne zu dem Offizier der Marinen, »daß der würdige König der Könige gleich seinem schwarzen Kollegen in Dahomey wenigstens eine Leibwache von Amazonen unterhalten und uns präsentiren würde. Aber die Bande schwarzer Schurken ohne Strümpfe und Schuhe, die er hier zu unserem Empfang aufgestellt hat, gleicht Nichts weniger als Frauenzimmern, und sie sehen so wild und schmuzig aus, daß man sich scheuen muß, sie nur mit der Zange anzufassen. Seine Excellenz der Herr Kriegsminister von Gondar scheint sich nicht viel mit dem Departement der Uniformen zu schaffen zu machen. - Aber zum Teufel, was ist das?«
Er hätte in einem Haar den Sattel geräumt von dem Seitensprung, den sein Pferd bei dem furchtbaren Ton gethan, der sich hören ließ und die wilde Musik übertönte.
Es klang wie das entfernte Rollen des Donners und doch wieder so ungleich diesem: ein schnaubendes Brüllen, das selbst die stärksten Nerven erschütterte.
Kapitain Ducasse und Graf Boulbon hielten erstaunt ihre Pferde an, die übrigens nur leichte Zeichen der Furcht durch Erzittern gaben und den schrecklichen Ton mehr gewohnt schienen, als das junge Roß des Husaren-Offiziers. Dagegen prallte der Esel, der die Ehre hatte, den gelehrten Entdecker zu tragen, so gewaltig zurück, daß er den Reiter auf den Sand setzte.
»Oh - es ist nur Abraham,« sagte lächelnd der Konsul auf den fragenden Blick der Offiziere.
»Aber wer ist Abraham?«
»Ich vergaß Sie darauf vorzubereiten. Es ist der
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stete Begleiter des Königs, ein gezähmter Löwe. Die Nähe so vieler Fremden wird ihn unruhig gemacht haben.«
»Dieses Unthier felis leo, berberiscus oder senegallus,« sagte sehr kleinlaut der Professor, indem er sich seine Sitztheile rieb, »befindet sich doch hoffentlich hinter gehörig starken Eisenstäben?«
»Ich glaube nicht, doch da sehen Sie selbst!«
Der Kreis, der bisher den König Theodor umringt hatte, öffnete sich und der Negus mit seiner nächsten Umgebung zeigte sich in dem weit geöffneten Zelt den Fremden.
Der König Theodor, mit dessen Bekriegung und Abschlachtung das humane Albion acht Jahre später seinen sehr verdunkelten kriegerischen Ruf wiederherzustellen suchte, und dessen Vertheidigung der Felsenveste mit seinen sechszehn Gefährten gegen eine Armee es zu danken ist, daß England seinen »Lord von Magdala« hat, saß in der Mitte des Zeltes auf einem großen, mit rothem goldbordirten Sammet überzogenen Lehnsessel, einem Geschenk der Königin Victoria. Er war eine große kräftige und breitschultrige Gestalt mit einem starken Kopf, um dessen kräftiges, lang herabfallendes Haar sich der alte abessynische goldene Königsreif schlang. Seine Farbe war so dunkelbraun, daß sie fast negerartig wurde, doch zeigte die Bildung seines wilden, aber durchaus nicht unedlen Gesichts alle Kennzeichen des semitischen Stammes, wenn auch vermischt mit einigen charakteristischen Zügen der Negerrace, den stärkeren Backenknochen und den dicken Lippen. Aus seinen ziemlich feurigen Augen sprach eine Intelligenz, die
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damals noch nicht von dem häufigen Genuß berauschender Getränke zerstört war, dagegen zeigte der kräftige, aber niedere Bau der Stirn von gewaltigen thierischen Leidenschaften.
Der König trug über einem weißen Hemd und gleichen, bis an die halben Waden reichenden leinenen Beinkleidern eine Uniform von rothem Tuch, reichlich mit Gold gestickt und mit zwei großen schwergoldnen Epauletten auf den Schultern. Um den unbedeckten Hals schlang sich ein breites blaues Band, das Zeichen des christlichen Glaubens, an dem ein goldenes, mit kostbaren Steinen besetztes Kreuz hing, während darüber an einem grünen und rothen Bande weit auf der Brust herunter ein ebenso besetzter großer Stern von Silberfiligran schaukelte. Die Füße des Negus waren nackt und nur in gelbe Halbpantoffeln gesteckt. Er trug an einem goldenen Bandelier einen schweren Kavallerie-Säbel, auf dessen Korb er seine Linke stützte, während die Rechte auf einem kleinen Tisch zur Seite lehnte, der mit Papieren, einem Schreibzeug und zwei großen silberbeschlagenen Reiterpistolen bedeckt war. Außerdem stand auf dem Tisch eine jener Flaschen von dunklem Glase und bauchiger Gestalt, wie sie für die Versendung des ächten Jamaika-Rum gebraucht zu werden pflegen.
Hinter dem Stuhl des Negus stand zur Linken ein Mann von mittelgroßer Gestalt und unverkennbar europäischen germanischen Gesichtszügen, wenn auch die Farbe der Haut durch wahrscheinlich langen Aufenthalt unter der Sonne der Tropen stark gebräunt war. Man hätte
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ihn für kaum von mittleren Jahren halten können, wenn nicht das ganz ergraute Haupthaar ihm älteren Anschein gegeben hätte. Dazu paßte der tiefernste Ausdruck des Gesichts und die schweren, von Leiden und bittern Erfahrungen zeigenden Falten auf seiner Stirn. Er trug eine halb europäische, halb orientalische Kleidung von dunkler Farbe, wie sie die ägyptischen Offiziere zu tragen pflegen, und den Fez, jedoch sonst keinerlei Schmuck und Abzeichen. Sein ernstes, aber überaus gutmüthiges blaues Auge sah mit mehr Theilnahme als Neugier den ankommenden Europäern entgegen.
Auf der andern Seite des Stuhls hinter demselben stand ein kleiner magerer Mann in blauem Kaftan mit langem grauen Bart und hochmüthigem, aber zugleich arglistigem Gesicht. Er trug ein besonderes dreieckiges Zeichen von Lapis Lazuli am langen blauen Bande auf der Brust und sah mit finstern Blicken auf die Ankommenden. Vier oder fünf ähnlich in Blau und Braun gekleidete, ihm großen Respekt beweisende Männer mit geschorenem Haupthaar umstanden ihn.
Im nähern Halbkreis standen um den Negus seine Offiziere, dunkle abenteuerliche Gestalten in seltsamen Aufputz bis zum bloßen Hemd des Gallas herab.
»Ruhig Abraham!«
Der bloße Fuß des Negus setzte sich auf die lange braunschwarze Mähne eines mächtigen Löwen, der zu seinen Füßen gelegen und der sich bei der Annäherung der Fremden aus seiner apathischen Ruhe aufgedehnt, den Rachen zu einem weiten Gähnen und Brüllen aufgerissen
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hatte und jetzt, auf die Vorderpranken erhoben, die kleinen halbgeschlossenen grünlichen Augen schläfrig umherblitzen ließ!
»Ruhig Abraham!« Die dunkle Faust des Königs griff nach einem Gegenstand, der zwischen Tisch und Sessel lehnte. Es war eine große alterthümliche Streitaxt mit langem, mit silbernen Buckeln beschlagenem Stiel, das breite Eisen mit dem Rückstachel von einer Form, die es unzweifelhaft machte, daß sie noch aus den Zeiten der Kreuzzüge stammte. Es ist bekannt, daß es die Lieblingswaffe des Negus war. Er drückte mit dem schweren Kolben den Kopf des mächtigen Thieres nieder und der Löwe Abraham streckte sich gehorsam wieder aus und ließ seinen Kopf auf die Vorderpranken sinken. Nur ein ungeduldiges Krümmen des Schwanzes mit dem schwarzen Büschel und der Hornspitze dazwischen zeigte, daß das Thier noch mißtrauische Wachsamkeit übte.
Die eigenthümliche Scene hatte auf die Gesellschaft der Franzosen ihren Eindruck nicht verfehlt, und der übermüthige Spott, mit welchem namentlich die jüngern Offiziere der Zusammenkunft mit einer »schwarzen Majestät« entgegen gesehen, machte einer bescheidenen Neugier und gewissen Scheu Platz.
Die Offiziere waren auf das Ersuchen des Konsuls etwa fünfzig Schritt von dem Zelt des Negus vom Pferde gestiegen und auf das Kommando des Kapitain Ducasse traten die Marinesoldaten und Matrosen in zwei Gliedern zusammen. El Maresch nahte sich dem Negus mit der Nachahmung des europäischen militairischen Grußes und
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schien seine Meldung zu machen, welcher der König mit einer Geberde nicht ohne Würde antwortete. Der schwarze Offizier machte dann einige Schritte zurück nach den Franzosen und winkte ihnen, näher zu treten, worauf Kapitain Ducasse mit dem Konsul de Laya zur Seite sich unter dem betäubenden Klang der afrikanischen Musik näherte und etwa fünf Schritt vor dem Negus stehen blieb, ihn salutirend. Die anderen Mitglieder der improvisirten Gesandtschaft folgten in bunter Reihe, die Fürstin an dem Arm des Grafen Boulbon.
Die Augen des Königs hafteten einige Augenblicke auf dem Kapitain des Veloce, indem er den Gruß mit einer Neigung des Kopfes erwiederte, dann flogen sie über die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft hinweg und blieben offenbar nicht ohne Erstaunen und Interesse auf der Gestalt der Dame hängen.
Die Kleidung der Fürstin war nicht ohne Koketterie gewählt. Sie trug die russische Nationaltracht, das kurze, kaum bis unter die Wade reichende Kleid mit Mieder von grauem Seidenstoff, vorn durch goldene Schnüre zusammen gehalten, weite faltige Aermel vom feinsten Battist über die Arme herunterfallend und um den eleganten Handschuh schließend, kleine rothe Stiefeln mit Pelz besetzt und über der Stirn den breiten dreieckigen Goldreif, nicht unähnlich dem Königszeichen des Negus, aus dem das prächtige blonde Haar in zwei starken banddurchflochtenen Zöpfen weit über die Hüften herunter fiel. Eine freilich zu dem Anzug nicht ganz passende Mantille aus einem prächtigen Kachemir gemacht, den die Fürstin in Bombay gekauft,
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hing über dem Arm der dicht hinter ihr folgenden Chinesin, die nach der Laune der Fürstin gleichfalls in ihre Nationaltracht gekleidet war.
Der Konsul de Laya war der Sprache von Amhara, die hauptsächlich in Tigre und der Samhara gesprochen wird, genügend mächtig, um eine kurze Anrede an den Negus zu halten, in welcher er ihm erklärte, daß Kapitain Ducasse mit seinen Offizieren im Auftrag des mächtigen Sultan von Frangistan erscheine, um den Negus Negassi von Abessynien zu begrüßen. Der König schien das Kompliment mit Wohlgefallen entgegen zu nehmen; er sprach außer dem Amhara nur Arabisch und einige englische Worte und erwiederte in der erstern Sprache, daß der Gesandte des Sultan von Frangistan ihm willkommen sei, worauf auf seinen Wink schwarze Sclaven eine Anzahl divanartiger Kissen herbeitrugen und im Halbkreis aufstellten, auf welche man die Fremden einlud, sich niederzulassen.
Schwarze Sclaven mit der stumpfsinnigen Physiognomie der Dokos und der andern Stämme, auf welche die Gallas hauptsächlich ihre Menschenjagden machen, brachten den Kaffee von Gondar in kleinen, mit kostbarer Filigranarbeit umgebenen Schaalen auf großen Präsentirbrettern von ciselirtem Messing, andere trugen Pfeifen herbei, brachten sie den Gästen und legten brennende Kohlen auf den Tabak.
Es war nach der ersten Begrüßung eine kurze Pause entstanden, die eben mit der Bewirthung der Gäste ausgefüllt wurde. Jetzt gab der Negus ein Zeichen, daß er
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sprechen wolle. In der nachfolgenden Unterredung machten abwechselnd der Konsul und der jüngere Jesuit, welcher aus dem berühmten Sprachen-Kollegium Roms hervorgegangen, sich seit zwei Jahren in Tigre aufhielt und der Amhara-Sprache vollkommen mächtig war, die Dolmetscher.
»Hat der Sultan von Frangistan,« frug der Negus den Kapitain, »viele solcher Schiffe mit großen Kanonen?«
»Die französische Flotte ist vollkommen der englischen gleich, die französische Armee ist doppelt so stark. Der Krieg gegen Rußland und neuerdings wieder in China hat bewiesen, daß Frankreich die stärkste Macht der Welt ist und England keinen Krieg ohne unsern Beistand unternehmen kann.«
Der Negus schüttelte zum Zeichen der Zustimmung das Haupt, als ihm die Worte übersetzt worden waren. »Ich habe davon gehört; die schwarzen Väter« er deutete auf die Jesuiten, »haben mir von der Macht des fränkischen Sultans erzählt, dessen Oheim vor Zeiten die Pyramiden erobert hat. Aber die englischen Missionaire und der Abuna« - er wies auf den Mann im blauen Kaftan zu seiner Rechten - »erinnern daran, daß der Sultan von Frangistan in Egypten und im eigenen Lande von den Faringi besiegt worden und als ihr Gefangener gestorben ist.«
Der Jesuit übernahm, ohne die Worte erst zu übersetzen, die Antwort. »Der Negus Negassi ist ein weiser Fürst. Er weiß, daß die Geschicke und die Macht der Nationen ebenso wechseln, wie die Schicksale der Einzelnen. Die Engländer sind nur von einem Weibe regiert.«
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»Die Engländer reden mit Weiberzungen, sie sind Lügner! Sie haben mir Kanonen versprochen, deren Kugeln über die Berge tragen, und sie halten nicht Wort. Sie sind wie die Priester, die Alles allein haben wollen und ihre Worte im Munde verdrehen.« Er warf dem Abuna einen finstern Blick zu.
Der Jesuit benutzte geschickt diese Aeußerung der Mißstimmung. »Der König ist zu weise, um dies auch von den Dienern des wahren christlichen Glaubens zu sagen, welche wie er die heilige Mariam verehren. Sie beschäftigen sich blos mit den Seelen der Christen, während die englischen Missionaire auch dem Negus in weltlichen Dingen gebieten wollen. - Warum treiben sie ihn sonst an, seinen wahren Freunden die Erlaubniß zu verweigern, sich an dieser Küste niederzulassen, wie doch seine Väter gestattet hatten, und gewiß nicht zu ihrem Nachtheil?«
Der Negus schlug so heftig mit der Hand auf die Lehne seines Sessels, daß der Löwe Abraham die Augen öffnete und den Kopf hob.
»Der Negus Negassi hat allein zu befehlen im Lande Habesch,« zürnte er, »und wird sich weder von den Priestern noch den Ras's gebieten lassen. Ich werde die Engländer aus dem Lande jagen und ihre Häuser den Frangi's geben, wenn sie mir Flinten und Kanonen schicken. Aber bis jetzt habe ich auch nur Worte gesehen.« Er ergriff ärgerlich die Rumflasche, die neben ihm stand und that einen starken Schluck daraus. Der Europäer an seiner linken Seite mit der ernsten Miene und dem ergrauten Haar legte leicht die Hand auf den Arm des Negus. »König
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Theodor weiß, was er seinem Arzt versprochen hat,« sagte er langsam in englischer Sprache. Der Negus antwortete einige Worte im Amhara, die wie eine Entschuldigung klangen und setzte die Flasche nieder.
Während des kleinen Intermezzo's hatte der Konsul an Kapitain Ducasse die letzten Worte des Negus übersetzt und auf den Wink des Kapitains schleppten vier Matrosen einen großen, mit der Schiffsflagge verhüllten Tragekorb herbei.
»Der Abgesandte des Kaisers Napoleon,« sagte der Konsul, »erlaubt sich dem Negus Negassi die Geschenke zu überreichen, welche sein Gebieter ihm als Zeichen der Freundschaft übersendet.« Damit zog er die Flagge von dem Korb und begann mit Hilfe der Matrosen die Geschenke auszubreiten.
Die Augen des Königs und seiner Offiziere funkelten habsüchtig beim Anblick der Gaben, die mit ziemlich genauer Kenntniß seines Charakters ausgewählt waren. Sie bestanden in einem Säbel und einem Reiterschwert von werthvoller Arbeit, Küraß und Helm eines französischen Kürassier-Regiments, mehreren Pistolen mit prächtiger eingelegter Arbeit, Uhren, Porzellan, einem kostbaren Crucifix, einem Bildniß des Kaisers und der Kaiserin und verschiedenen jener Schmucksachen und Tändeleien, worin die pariser Industrie so unübertrefflich ist, desgleichen aus schönen Lyoner Seidenbrokaten.
Der König folgte aufmerksam allen Gegenständen, schien aber trotz des großen Werthes und der Kostbarkeit derselben nicht ganz befriedigt.
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»Ich habe gehört,« sagte er endlich, »daß der Prinz Cassa von dem fränkischen Schiff, das zuerst hier gelandet ist, viele Flinten erhalten hat.«
Der Consul schien aus den Vorwurf gefaßt, denn er überreichte ihm sogleich ein Papier.
»Der Negus Negassi möge nicht glauben, daß dies die einzigen Gaben seines kaiserlichen Bruders von Frankreich sind. Wenn der König morgen Pferde zum Strande senden will, werden zwei Kanonen dort bereit sein, zu ihm geführt zu werden, von jener berühmten Art, die der Kaiser, unser Herr selbst erfunden hat, und die von hinten geladen werden können.«
»Kanonen?« Diesmal schien der Abessynier hoch erfreut und schlug in die Hände. »Mein Bruder, der große Sultan der Franken ist ein anderer Mann, als diese Engländerin.«
»Wenn der König dem Gesandten die Ehre schenken will,« fuhr der schlaue Franzose fort, »das Schiff zu besuchen, das in seinem Meere ankert, mag er die Flinten unserer Soldaten prüfen. Kapitain Ducasse hat den Auftrag, ihm fünfhundert Stück anzubieten, die bereits nach Suez unterwegs sind.«
Die Augen des Negus funkelten vor Freude, aber er wandte sich zornig zu dem Priester an seiner Rechten.
»Was sagst Du nun, Eben el Isaschar, Abuna von Habesch, Du falscher Prophet der Inglesi, der Du Nichts gehabt hast als Worte der Verdächtigung gegen die Franken!«
Der Priester zog die Brauen hochmüthig zusammen.
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»Ich rathe nur zu Deinem Besten, Negus Theodor. Gedenke der Verträge, die Du geschlossen hast!«
»Fluch Dir und ihnen!« Die Hand des Negus faßte nach dem Stiel der Streitaxt. Dann aber ließ er sie los und griff, ehe noch der Arzt an seiner Seite es verhindern konnte, nach der gefährlichen Flasche und heftete sie in langem Trunk an seine Lippen.
»Der Kaiser, mein Herr,« fuhr der Consul fort, einen kleineren Korb herbeiwinkend, »läßt den Negus Negassi durch Kapitain Ducasse bitten, diese kleinen Geschenke an seine Offiziere und Rathgeber vertheilen zu wollen.«
Aller Augen hafteten habgierig auf dem Korbe, als dieser geöffnet wurde, und folgten mit Neid der Hand des Königs, als dieser die Uhren, Waffen, goldene Medaillen und Ketten an seine Getreuen vertheilte, wobei er jedoch auffällig den Abuna überging. Ein werthvolles chirurgisches Besteck erhielt, als ihm dessen Bedeutung klar gemacht wurde, der Mann zu seiner Linken.
»Nimm das, wackerer Hakim;3 da ich weiß, daß Du alle anderen Geschenke verschmähst und nicht einmal ein Weib von mir nehmen willst zur Verkürzung Deiner Nächte. - Ist jene Frau dort, die so schön ist, wie Judith gewesen sein muß, die den Holofernes schlug, die Frau des Gesandten von Frangistan?«
Er wies auf den Kapitain, der herzlich lachte, als man ihm die Frage verdolmetscht hatte.
»Nein, Hoheit, die Dame ist unvermählt. Es ist eine junge, russische Fürstin, wie man mir sagt, sie kommt aus
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einem sehr kalten Lande, wo der Schnee niemals schmilzt und das man Sibirien nennt.«
»Wenn sie nicht verheirathet ist,« sagte rasch der Negus, »so sage ihr, daß ich ihr die Ehre anthue, sie zur meiner Frau zu machen.«
Der Consul sah ziemlich erschrocken aus. »Deine Hoheit wolle bedenken, daß Du bereits vier Frauen hast.«
Der Negus, der aus den ihm überbrachten Geschenken einen silbernen Pokal entnommen, ihn mit Rum gefüllt hatte und häufig, trotz aller Warnungen des Arztes, daraus trank, lachte auf. [»]Bist Du so lange in Tigre, daß Du noch nicht weißt, daß die Könige von Habesch das Recht haben, so viele Frauen zu nehmen, als ihnen beliebt? Hat der Ras von Schoa ihrer nicht fünfhundert? Frage den Abuna, er wird Dir's sagen. Sie gefällt mir und soll mein Lager theilen, auch ohne beschnitten zu sein. Wenn sie die anderen Weiber nicht dulden will, werde ich diese von dem Felsen von Magdala hinunter stürzen lassen!«4
Der Consul war offenbar in nicht geringer Verlegenheit diesem Vorschlage des Königs gegenüber, von dem er wußte, daß es gefährlich war, seinen oft sehr plötzlich
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ausbrechenden Leidenschaften zu widersprechen. Zum Glück kam ihm der Jesuit zu Hilfe.
»Das Mädchen, das Gnade vor Deinen Augen gefunden, ist nicht ihre eigene Herrin. Wir werden mit ihren Vormündern sprechen. - Möchte der Negus Negassi jetzt nicht von dem Vertrage reden, der die fremden Schiffe hierhergeführt hat?«
Der Negus hörte entweder die Frage nicht, oder er hatte noch keine Lust, sie zu beachten. »El Maresch hat mir von einem Kaufmann gesagt, der Arabisch mit ihm gesprochen hat?«
Der Consul präsentirte ihm Labrosse. »Der Herr hat weite Reisen gemacht und mag dem Negus Vieles erzählen.«
Der König betrachtete einige Augenblicke den Fremden mit Aufmerksamkeit, dann sagte er in arabischer Sprache: [»]Dein Antlitz trägt eine Maske, bist Du ein Franke?«
Einen Augenblick schwieg der Unbekannte, dann sagte er mit tiefer Stimme: »Ich bin ein Feind der Engländer. Der Negus Negassi möge sich damit begnügen. Will er mehr wissen, so möge er mich in seinem Zelt behalten.«
Bei dem Ton dieser Stimme hob der Arzt, der eben das Besteck prüfte, als hätte ihn ein elektrischer Schlag berührt, den Kopf und faßte den Sprecher in's Auge.
Aber der Schirm verbarg das halbe Angesicht, und die blaue Brille mit den Seitenwänden ließ nicht erkennen, daß das funkelnde Auge des Fremden auch auf ihn gerichtet gewesen.
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»Ich werde Dich rufen lassen, denn ich höre gern Geschichten von fremden Ländern und ich hasse gleichfalls die Engländer.« - Der Negus wandte sich wieder an den Consul. »Ist der Mann dort,« er wies auf den Gelehrten, »ein Hakim? Warum spricht er nicht mit einem Freunde, der ein weiser Arzt ist?«
»Ich habe die Ehre, dem Negus Negassi den Doktor, einen berühmten Gelehrten aus dem Lande der Brennibor vorzustellen. Er ist mit einem vornehmen Engländer auf einer Erforschungsreise durch viele Länder gezogen und möchte die Quellen des Nils auffinden.«
Doktor Peterlein machte dem Negus drei tiefe Verbeugungen, als von ihm die Rede war und begann sofort eine Anrede in englischer Sprache: »Erlauchter, erhabener König jenes Landes, das schon im klassischen Alterthum zu den Culturvölkern der Erde gehörte, ein bescheidener, aber ich darf wohl sagen, in der gelehrten Welt Europa's nicht mehr ganz unbekannter Jünger der Wissenschaft nähert sich Deinem Thron, um Dir die Bitte vorzutragen, ihn durch die Oeffnung der Archive Deines Reiches zu unterstützen in seinen Erforschungen über jene Völkerschaften, welche unter dem Namen der semitischen aus dem Stamme Abraham's ...«
Der unglückliche Gelehrte war in dem Eifer seiner Rede ein oder zwei Schritte vorgetreten, aber er wurde auf eine entsetzliche Weise unterbrochen, als der Löwe des Negus bei der Nennung seines Namens sich plötzlich vor ihm aufrichtete und bei dem nahen Anblick der seltsamen Gestalt des wackeren Naturforschers ein furchtbares Brüllen
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ausstieß. Der unglückliche Gelehrte, dem sich alle Haare sträubten, die er etwa noch hatte, machte einen so gewaltigen Satz rückwärts, daß er an den Divan prallte, die Balance verlor und über das Kissen hinweg auf den Rücken fiel, so daß seine mageren Beine in der Luft zappelten. Der Anblick war so komisch, daß trotz der gewöhnlichen Zurückhaltung der Orientalen die ganze Gesellschaft dem Beispiele des Negus folgte, der in ein tobendes Gelächter ausbrach, und nur der Hakim hatte die Kraft, nicht einzustimmen. Er verließ vielmehr seinen Platz und kam dem unglücklichen Professor zu Hilfe, der keine Bewegung machte aufzustehen, sondern mit entsetzter Miene und starren Augen erwartete, daß das Ungethüm ihn zerreißen würde, und indem er ihn aufhob, sagte er höflich in deutscher Sprache: »Stehen Sie auf, Herr, und fürchten Sie sich nicht. Der Löwe ist Ihnen nicht gefährlich und zahm wie ein Hund. Erlauben Sie mir, Sie zur Seite und vielleicht in mein Zelt zu führen, bis Sie sich vollständig beruhigt haben.«
Der kleine Professor starrte den freundlichen Helfer fast nicht minder verblüfft an wie vorhin das sich aufrichtende Unthier, als er sich hier im wilden Lande so plötzlich in deutscher Sprache angeredet hörte, stieß einen tiefen Seufzer aus, schob die abgefallene Brille wieder auf ihren alten Platz und ließ sich gehorsam aus dem Zelt führen.
»Es vergeht keine Sonnenwende,« sagte der Negus, nachdem er mit einem kräftigen Faustschlag seinen gefährlichen Schooshund wieder zur Ruhe gebracht hatte, -
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»ohne daß allerlei thörichte Menschen aus den Frankenländern hierher kommen, um nach Dingen zu forschen, die Gott in seiner Weisheit den Menschen verborgen hat. Aber was sagtest Du von einem vornehmen Engländer, der mit dieser Krähe von Mann hierher gekommen ist?«
»Es ist ein englischer Lord, der aus Indien oder China kommt,« berichtete der Consul - »und der auf unserem Schiffe Ueberfahrt gesucht hat. Wie ich höre, ist er sofort nach der Landung nach Arkiko gegangen, um den Consul Munzinger aufzusuchen oder den Schutz des Naïb zu erbitten.«
»Er ist ein Spion von Aden,« unterbrach der fremde Kaufmann den Bericht des Consuls in arabischer Sprache. »Er ist ein Feind des Negus und der König möge sich vor ihm hüten.« Seine Stimme, als er die anklagenden Worte sprach, war fester, voller, als vorhin in der Gegenwart des fränkischen Arztes.
Kapitain Ducasse begann, obschon er die Gewohnheiten der Orientalen kannte, nachgerade etwas ungeduldig zu werden, daß bisher keinerlei Anstalten gemacht wurden, wegen des Vertrages zu unterhandeln, und er gab dies an den Consul zu erkennen.
Der Superior der Jesuiten legte die Hand auf seinen Arm. »Bitte Herr - eine kurze Geduld. Herr de Laya und Pater Cyprianus verstehen, diesen Halbwilden, der sich einen Christen nennt, genügend zu behandeln, und wir werden bald die Resultate sehen.«
Der Consul hatte mehrere Papiere aus seinem Portefeuille genommen.
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»Ist es Deiner Hoheit gefällig, den Tractat, welchen die französische Regierung mit dem Naïb von Arkiko und dem Ras von Tigre über die Abtretung der Bai in Voraussetzung der Billigung des Negus Negassi geschlossen hat, anzuführen?«
»Weder der Ras noch der Naïb haben ein Recht dazu,« polterte der König. »Der Negus von Habesch allein ist Herr des Landes vom Darfur bis zum Meer. Der Abuna ist ein Schriftgelehrter, der die alten Rechte und Pergamente kennt, er wird es bestätigen.«
»Wenn der Negus auf geschriebene Rechte hält,« sagte finster der Priester, »so wird er die seiner wahren Freunde, der Engländer, anerkennen müssen. Er möge sich erinnern, was er dem großen Major Harris versprochen hat. Kein Priester von Rom und kein Franke darf in Habesch ein Haus bauen oder Handel treiben und Land besitzen. - Es ist gut so, denn die alten Pergamente erzählen, daß sie schon vor länger als zweihundert Jahren Unglück und Zwietracht gebracht haben.5 Die Engländer sind die Feinde des Ras und die treuen Freunde des Negus. Ihre Macht ist groß und wird es strafen, wenn der Negus Negassi sein Versprechen bricht.«
Der jüngere Pater wandte sich mit höhnischem Ausdruck zu dem Redner: »Wieviel Goldstücke hat der Abuna von Abessynien von der englischen Königin bekommen, daß er also spricht?«
»Mögest Du verdammt sein, Du frecher Lügner!«
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rief der erzürnte koptische Priester und drohte dem Jesuiten mit der Faust.
Dem Negus schien die Sache großes Vergnügen zu machen, denn er schlug sich auf die Schenkel und schrie: »Hoho! bei der heiligen Maria, die Pfaffen zanken sich!«
Pater Cyprianus schien sich jedoch eines guten Hinterhaltes bewußt, denn ohne seinem Geger zu antworten, wandte er sich also gleich an den Negus. »Wenn dieser Mann, der die Priester des heiligen Vaters in Rom zu verdächtigen sucht, die alten Rechte der Könige von Habesch kennt und zu wahren hat, so wird er wissen, daß Todesstrafe darauf steht, mit den Feinden des Negus verrätherisch zu verkehren.«
»Ich würde Jeden, der es thut, von Abraham zerreißen lassen!«
»Dann möge Deine Hoheit den Abuna fragen, was in dem Briefe gestanden hat, den er vor zwei Stunden an den Engländer Munzinger nach Arkiko gesendet hat.«
»Du lügst, falscher Römer,« schrie der Kopte- »es waren bloße Worte wegen seines zurückgelassenen Eigenthums, und die Engländer sind nicht die Feinde des Negus.«
»Er gesteht also ein, mit den Engländern in Briefwechsel zu stehen.«
»Verleumderischer Hund, der Du bist! was geht das Dich an? Ich speie vor Deiner falschen Kirche aus und besudle die Gräber Deiner Väter!«
Wieder blieb ihm der Jesuit die Antwort schuldig und wandte sich an den König, indem er ein mit blauem
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Bande umknotetes Papier aus der Tasche zog und es ihm hinreichte. »Deine Hoheit mag sich selbst überzeugen, ob in diesem Briefe, der durch Zufall in meine Hände gekommen ist, nur von dem zurückgelassenen Eigenthum der Engländer gesprochen wird.«
»Spitzbube! mein Brief!« Der Abuna stürzte sich wie ein Tiger auf den Brief und wollte ihn den Händen des Jesuiten entreißen, aber der Negus streckte seinen Arm vor und warf ihn zurück.
»Stille - ich bin ein König und werde Gerechtigkeit üben! - Abraham!«
Der Löwe richtete sich bei dem ihm bekannten Anruf auf die Vorderpranken empor, öffnete den Rachen und blinzelte nach seinem Herrn.
»Hab' Acht, Abraham, auf Deinen Freund hier - rührt er sich, so reiß' ihn nieder, als wäre er eine Antilope.«
Der furchtbare Wächter knurrte und leckte sich mit der langen rothen Zunge das Gebiß. Er heftete die kleinen, halbgeschlossenen Augen auf den unglücklichen Priester, der sich nicht zu rühren wagte.
»Was steht in dem Briefe Pfaff?« frug mit einem finstern Blick der Negus, indem er ihn hin und her drehte.
»Deine Hoheit mag selbst lesen, ich habe den Brief nicht geöffnet.«
Der Negus blickte ihn mißtrauisch an. Dann zerschnitt er das Band, das den Brief zusammenhielt, öffnete ihn und drehte ihn um und um. »Bei der heiligen Mariam es ist ein verschlossenes Buch für mich - es sind nicht die
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Schriftzeichen der Amhara-Sprache. Es muß Englisch sein, denn ich weiß, daß der schurkische Priester von den Missionairen ihre Sprache gelernt hat. Wer soll den Brief mir lesen?«
»Deine Hoheit möge bedenken, daß gewiß mehrere Personen anwesend sind, welche die Sprache der Engländer verstehen. [»]Se. Hochwürden Monsignore Corpasini ...«
»Nein - Keiner von Euch!« sagte mißtrauisch der König. »Ruft den Hakim aus seinem Zelt, er ist ein Mann, dem ich vertraue, obschon seine Farbe weiß ist. El Maresch - hole ihn!«
Der Mohr entfernte sich - die Umgebung des Königs stand zitternd und bangend, denn der Negus that wiederholt schwere Züge von dem starken Rum, seine Augen begannen sich zu röthen und blickten rollend umher - die Adern seiner Stirne begannen zu schwellen und schwere drohende Falten lagerten sich zwischen seine Brauen.
Auch die Mitglieder der europäischen Gesellschaft, obschon sie bei dem Mangel der Sprachkenntniß seitens der Meisten nur unvollkommen den Vorgang begriffen, wurden unruhig, und auf ein Wort des Grafen, auf die Frauen deutend, erhob sich Kapitain Ducasse, um Abschied zu nehmen, aber der König streckte, wie befehlend, die Hand gegen sie aus. »Bleibt!« herrschte er mit grollender Stimme. Dann sich mäßigend, sagte er zu dem Consul: »Bitte die Offiziere des Sultans der Franken zu warten; sie sollen sehen, daß der Negus Negassi von Habesch Gerechtigkeit übt. Es giebt für sie keine bessere Gelegenheit, die Bai von Adunis zu erwerben!«
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Der Kapitain nahm, seiner politischen Aufgabe gedenkend, aus die verdolmetschten Worte des Consuls seinen Platz wieder ein und winkte seinen Begleitern, ein Gleiches zu thun. Fast unwillkürlich war es, daß er dabei den Griff seines Säbels handgerechter rückte und dem Offizier seiner Eskorte einen warnenden Blick zuwarf.
Der Oberpriester unterbrach das allgemeine Schweigen. »Der Abuna von Habesch,« sprach er finster, »kann nur von dem Patriarchen von Allessandria gerichtet werden. Ich verlange von Dir, Negus Theodor, daß Du mich ungekränkt meiner Wege ziehen läßt!«
»Probir's - es wird Deine und Abraham's Sache sein. Ich habe Dich nicht aufgefordert, mich nach Tigre zu begleiten. Wenn Du fortgehst von hier, würdest Du nur alle Faullenzer, die gegen ihren rechtmäßigen König, aufhetzen. Du hast Nichts zu befürchten, wenn Du Dir keines Verraths bewußt bist. Dem Verräther gebührt der Tod, ob er ein Fürst oder ein Sklave ist, so will es das Gesetz unserer Väter, und bei dem Blut der heiligen Märtyrer, ich bin der Mann, es zu halten!« Er hatte die Streitaxt in die Hand genommen und spielte mit dem Griff.
»Ha, da kommt der Hakim - komm' hierher Mann, sei ohne Furcht - ich habe mit Dir zu reden.«
Der deutsche Arzt trat, von dem Kron-Offizier begleitet, in das Zelt und ging ruhig auf den Negus zu, hinter dessen Sessel er den früheren Platz einnahm. »Ich habe keine Ursach' zur Furcht - was will der Negus von mir?«
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»Deinen Schwur, daß Du die Wahrheit reden wirst.«
»Die Wahrheit ist eine Pflicht; der Negus muß sich mit dem Worte eines Mannes begnügen.«
»Ich thue es, denn ich habe Dich noch niemals falsch oder dem Golde zugänglich gefunden, seit Du bei mir bist. Hier ist ein Brief in englischer Sprache geschrieben, Du sollst ihn lesen und mir sagen, was darin steht, aber Wort für Wort.«
Der Arzt nahm schweigend den Brief, öffnete ihn und las still seinen Inhalt. Aller Augen waren mit Erwartung oder Furcht auf sein ernstes, trauriges Angesicht gerichtet, das bei dem Lesen des Briefes womöglich noch finsterer wurde.
»Negus Theodor,« sagte er endlich, den Blick auf diesen richtend, »ich bin Dein Arzt. Ein Arzt hat die Pflicht, jedes Gift fern zu halten von seinem Patienten. Ich sage Dir, daß dieser Brief Gift ist für Deine Seele, wie der Rum für Deinen Körper. Er spinnt Verrath, zerreiße ungehört diesen Brief und verachte den Verräther.«
»Lies!« befahl der Negus.
»Ich habe mich nicht verpflichtet, Dein Dolmetscher zu sein und Deine Briefe zu lesen. Ohnehin geht unser Contrakt morgen zu Ende. Suche einen Andern, der das Gift in Deine Seele gießt.«
»Sklave, ich befehle Dir zu lesen - bei meinem Zorn!« Er schüttelte die Streitaxt gegen ihn.
»Negus Theodor,« sagte der Hakim, »Du weißt, daß ich Drohungen nicht fürchte, weil der Tod mir willkommen
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ist, und ich habe Einem gegenüber gestanden, gegen dessen Zorn der Deine ist wie das Rauschen des Baches gegen das vom Orkan aufgewühlte Meer. Doch wie Du willst - ich habe Dich gewarnt als Arzt und Freund.« Er nahm den Brief auf und las ihn zuerst in dem schlechten Englisch, in dem er geschrieben war. Dann übersetzte er ihn in der Amhara-Sprache wie folgt:
»Usi Johannes, der geweihte Abuna aller Lande von Habesch, im Namen des Dreieinigen Gottes Heil und Gruß an Munzinger, den Gesandten der mächtigen Königin von Inglisland.
»Deinem Verlangen gemäß habe ich bei dem wortbrüchigen Tyrannen Alles gethan, Eure Zurückberufung zu erreichen und den Plan dieser schlimmen Priester von Rom zu vereiteln. Aber er ist störrig und wild wie ein Hartbeest aus der Wüste und wir Alle sind seiner Völlerei und seiner Launen müde. Auch ist er gar nicht der rechte Negus Negassi, wenn er sich auch der Abstammung von dem König Salomo rühmt, und es leben noch Manche aus der alten und ächten Königsfamilie von Habesch. Darum haben ich und unsere Freunde beschlossen, daß Du selbst reisen sollst zum Prinzen Cassa von Tigre und ihm anerbieten, daß die Inglesi ihn machen wollten an des Tyrannen Theodor Stelle zum Negus von Amhara und zum Negus Negassi aller Ras' vom Lande Habesch, von den Quellen des blauen Stroms und dem See Tzana bis zu dem Ufer des Meeres, wenn er dies Bündniß mit dem falschen Franken aufgiebt und den Abuna und die Komosars und Abbas6 gleich den Priestern der Königin der Inglesi zu achten verspricht. Wenn der Prinz Cassa innerhalb der nächsten fünf Nächte den König Theodor überfallen will, werden wir sorgen, daß keine Wachen auf den Bergen stehen und wollen Boten senden an Mesteat, die Fürstin der Wolo-Galla's, daß sie einfallen in das Land und helfen dem
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Prinzen Cassa, bis er sie später wieder verjagen mag mit Hilfe der Inglese, weil sie Heiden sind und keine Christen. Auch wollen wir dafür Sorge tragen, daß die Schiffe der Franken innerhalb dreier Nächte verbrannt werden, damit sie dem Negus nicht Beistand leisten mit ihren Kanonen.
»Möge die heilige Mariam Dich in Schutz nehmen. Schreibe das Alles der Königin der Inglese, damit sie in ihrer Großmuth Deinen und ihren Freund, den Abuna von Habesch nicht vergessen möge. - Der Bote, der dies bringt, ist ein treuer Mann und Du magst ihm vertrauen!«
Der Eindruck, den die Lesung des Briefes auf den Negus machte, war wahrhaft grauenerregend.
Mit auf das Höchste gespannter Aufmerksamkeit lauschte er jedem Satz - seine Augen funkelten wilder und wilder, wie die des Tigers, der bereit ist, sich auf seinen Feind zu stürzen; die Adern an seinen Schläfen schwollen dick an, die schwarze Faust umklammerte den Griff der schweren Streitaxt, als wollten die Finger sich in das eisenfeste Holz pressen - und langsam, wie ein Automat - erhob er sich von seinem Sitz, die blutunterlaufenen Augen auf den Arzt gerichtet, die Zähne aufeinandergepreßt, daß der Schaum ihm weiß die Lippen färbte, - in dieser Stellung fast der wilden Bestie gleichend, die sein Opfer bewachte.
Der Kapitain Ducasse, die Offiziere waren aufgesprungen - Jeder wußte, daß ein Unglück sich ereignen würde, wenn ihm nicht Einhalt geschah. Die Arme übereinandergeschlagen stand der Kaufmann Labrosse unbeweglich und schaute auf den Negus.
Der deutsche Arzt las das letzte Wort, dann faltete
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er den Brief zusammen und richtete mit einer gewissen Trauer sein ernstes, graues Auge auf den König.
Der Negus faßte mit einem krampfhaften Griff nach dem Papier und hob es hoch in der Höhe. »Weißer Mann,« kreischte er - »bei Deinem Theuersten im Himmel und auf Erden - bei unserm gemeinsamen Gott - die Worte, die Du gelesen, stehen auf dem Papier?«
»Du hast es gewollt - bei dem Schatten Editha Highsons, dem theuersten Schwur, den ich leisten kann - ich las wie geschrieben steht.«
Der schwarze König stieß ein Brüllen aus, das dem seines Löwen glich. »Abraham - Deine Wache ist aus! Schlimmer als Du ist dieser Mann! Abuna von Habesch - Verräther Deines Königs - fahre zur Hölle, wo sie am Tiefsten ist!«
Die gewaltige Waffe wirbelte in sausendem Schwung zwei Mal um das Haupt des Negus, - dann - - -
Der Abuna erwartete mit der finsteren Gleichgültigkeit des Orientalen den Schlag.
Aber der Schlag fiel nicht - obschon nur eine leichte, kleine Hand ihm wehrte und den Arm des ergrimmten Mohren gefaßt hatte.
Es war die Fürstin Wolkonsky[Wolchonski], welche in rascherem Entschluß, als alle die kämpf- und krieggewohnten Männer, zwischen den erzürnten Negus und sein Opfer gesprungen war.
»Bist Du ein König und willst zugleich ein Henker sein? schäme Dich Mann, und erinnere Dich an die Gegenwart von Frauen.«
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Obschon der Negus die Worte nicht verstehen konnte, da sie in französischer Sprache gesprochen worden, schien doch schon die Berührung dieser Hand einen magischen Einfluß aus ihn zu üben, und der Arm mit der furchtbaren Waffe blieb wie von Stein in der Luft, ohne niederzufallen.
In diesem Augenblick erklang das Kommando des Kapitain Ducasse: »Fertig zum Feuern! - Schlagt an!« - Die Gewehre der Seesoldaten rasselten an die Wangen - die Offiziere streckten ihre Revolver schußbereit, vor, denn die Franzosen mußten natürlich glauben, daß ein allgemeines Gemetzel stattfinden würde, da verschiedene der Amhara-Krieger zu ihren Waffen gegriffen hatten, um ihr geistliches Oberhaupt zu schützen oder zu rächen.
Aber ehe irgend ein weiterer Befehl gegeben werden konnte, änderte sich die Scene.
Der Arm des Negus sank kraftlos herab, die schwere Streitaxt entfiel seiner Hand und traf den Löwen, der schnaubend zur Seite sprang, und die mächtige Gestalt des Negus fiel schwer und dröhnend zu Boden mit steifen Gliedern und starren weit geöffneten Augen, während ein leichter Schaum auf seine Lippen trat. Bevor sich noch Jemand dem König nähern konnte, stellte sich der Löwe Abraham quer über ihn, schlug mit dem Schweif und warf den Kopf umher, ein drohendes Gebrüll ausstoßend gleich als warne er in gewohnter Weise Jeden, den Körper seines bewußtlosen Herren zu berühren.
Nur der deutsche Hakim schien davon ausgeschlossen. Er trat zu Kapitain Ducasse, indem er ein Besteck, wie
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es die Aerzte und Wundärzte bei sich führen, aus seiner Tasche zog und sagte in französischer Sprach: »Entfernen Sie die Frauen, Herr, es ist kein Schauspiel für diese, aber bitte, bleiben Sie selbst - der König wird in wenig Minuten wieder zur Besinnung kommen, und dann der Paroxysmus, dem er leider häufig unterliegt, vorüber sein. Mein Zelt, das zweite links, wo sich bereits Ihr gelehrter Begleiter befindet, steht zur Verfügung der Damen.«
Während Kapitain Ducasse den Grafen Boulbon ersuchte, die beiden Frauen dahin zu führen - der Offizier der Marine hatte Takt genug gehabt, bei der Wendung der Scene sofort die Soldaten die Gewehre absetzen zu lassen und sie zurückzuziehen, - - ging der Arzt zu dem Gefallenen, tätschelte den Löwen Abraham auf den Kopf und verband ihm die Augen, was das Thier auch, wie daran gewöhnt, willig mit sich thun ließ, indem es sich zur Seite wieder niederlegte. Dann richtete der Hakim den Oberkörper des Negus in sitzender Stellung in die Höhe, wobei er sich von El Maresch und einem anderen Krieger unterstützen ließ, entblößte seinen linken Arm und schlug ihm leicht eine Ader.
Ein Strom von dunklem Blut, das ein Sklave in einem silbernen Becken auffing, sprang hervor; nach wenig Augenblicken verlor der Blick des Königs die bisherige grauenvolle Starrheit und bekam Leben und Bewußtsein, und die Glieder begannen ihre Steife zu verlieren und sich zu regen.
Der Arzt schloß sofort die Wunde und verband den Arm des Negus. Der König hob die rechte Hand zur
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Stirn, strich ein paar Mal über das Gesicht und sah mit immer größerem Verständniß umher - die Erinnerung schien ihm nach und nach wiederzukehren, denn als sein Blick den Platz streifte, an dem vorher der Abuna den Todesstreich erwartete, wurde sein Antlitz wieder finster - doch sagte er Nichts. Der Abuna und seine Geistlichen hatten längst das Zelt verlassen.
Als der Negus den Löwen noch mit verbundenen Augen sah, lachte er. »Ha - Abraham! bei den heiligen Märtyrern, es ist gut, daß man Dich gehindert, mein Blut zu sehen - Du möchtest sonst nicht so geduldig gewesen sein. Nimm' ihm die Binde ab, Freund Hakim, und empfange Dank dafür, daß Du mir so schnell wieder geholfen. Die verteufelte Krankheit macht mir das Hirn wirr!« Er richtete sich mit dem Beistand der Krieger wieder empor, dehnte mit Ausnahme des verwundeten Armes die kräftigen Glieder und nickte den französischen Offizieren.
»Komm' her, Consul, Deine Freunde sollen sehen, daß der Negus Theodor Gerechtigkeit übt. Sage es auch der Frau, deren schwache Hand vorhin den Löwen von Habesch zu lähmen verstanden hat, denn es liegt mir an ihrer Meinung. Sie hat den Muth der Königin Myrina,7 von der die Legenden erzählen, daß sie am See Tritonis gewohnt hat und die Männer besiegte. Sie möge sehen, daß der Sohn des Königs Salomo auch jene Weisheit
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geerbt hat, die sich für einen großen König ziemt. - Hast Du den Vertrag, den der Sultan von Frangistan mit dem treulosen Ras von Tigre und dem Naïb von Arkiko schloß, hier?«
»Ja, Hoheit!«
»So gieb ihn her - fürchte nichts Schlimmes dafür!«
Der Consul zog, nachdem er einen Blick der Frage und des Einverständnisses mit dem jüngeren Jesuiten gewechselt hatte, den Vertrag hervor und legte ihn auf den Tisch.
»Schreibe darunter in Deiner und unserer Sprache, daß der Negus Negassi als Oberherr alles Gebietes die Bai von Adulis dem Sultan der Franken schenkt und den Unterthanen des Sultans und den Priestern von Rom wieder gestattet, in seinem ganzen Gebiet sich niederzulassen und Handel zu treiben gegen das gewöhnliche Kopfgeld.«
Der Consul entwarf hastig den Nachtrag auf dem Dokument und las ihn dem Negus vor.
»So - nun gieb her, daß ich im Namen des Dreieinigen Gottes ihn unterzeichne. Zündet das Wachs an, daß ich mein königliches Siegel darauf setze.«
Er nahm die dargebotene Rohrfeder aus der Hand seines Schreibers und zeichnete den Schnörkel unter das Papier, der für seinen Namenszug galt. Dann ließ er seine beiden ersten Offiziere ihre Namen darunter malen und das Siegel des großen goldenen Ringes darauf drücken, den er am Daumen seiner linken Hand trug.
»Nehmt,« sagte er zu dem Kapitain - »und haltet Euer Versprechen, damit der Negus Negassi nicht Ursach' habe, Euch für schurkische Inglese zu halten und sein
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Vertrauen zu bereuen. Verkündet den Entschluß des Negus Negassi dem Volke und laßt uns den Abend feiern in Lust und Jubel, denn wer weiß, was der nächste bringt.«
Der Ausgang schien alle Theile gleich zu befriedigen, denn der Mord des Abuna, so offenbare Beweise seines Verraths gegen den Negus auch vorlagen, hätte leicht sehr schlimme Folgen haben und einen großen Theil des Volkes zum Aufruhr reizen können. Nur wer den Negus genauer kannte und beobachtete, wie der deutsche Arzt, wußte an dem Zwinkern seiner Augenlider gegen seine Vertrautesten, daß noch nicht Alles vorüber war.
Plötzlich ertönten zwei hell erdröhnende Schläge auf ein unsichtbares Gongh, das im Orient meist die Stelle der Glocken vertritt, und die hinteren Vorhänge des Zeltes rauschten auseinander.
Die Priesterschaft der halbwilden Völkerschaften von Habesch ist nicht minder schlau und gewandt, wenn es ihr Interesse gilt, als die der civilisirten Christenheit!
Man sah, daß das Zelt des Negus fast unmittelbar vor dem Portal der hinter ihm liegenden, halb in den Felsen hineingebauten Kirche errichtet oder wenigstens mit diesem verbunden war. Die Pforten standen weit geöffnet, und man sah in das Innere der Kirche bis zu dem von Wachsfackeln erleuchteten Sanctuarium, in welchem der Altar in Form der alttestamentarischen Bundeslade stand. Vor dem Altar aber stand der Abuna, die Monstranz erhoben, und um ihn her die Komosars, die Weltgeistlichen, und die Abbas oder Schriftgelehrten nebst den Mönchen von der Congregation des heiligen Antonius,
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die den Zug des Negus aus dem hohen Gebirgslande hierher begleitet, oder sich hier um den Abuna gesammelt hatten, während um sie her ihre Weiber und Kinder auf den Knieen lagen, vor dem Oberpriester die beiden Frauen des Königs, Durenesch, das »weiße Gold«, die Tochter Ubie's, und die zweite Frau Tamena, die frühere Wittwe eines Uedjo-Chefs, mit ihren Sklavinnen.
Der Abuna erhob die goldstrahlende, mit reichen Edelsteinen geschmückte Monstranz und rief: Agape! und die Priester wiederholten den bei den ersten Christen so willkommenen und später so verfehmten Aufruf, zu dem schon von dem Concilium zu Laodicea (363) und zu Hippo (395) durch den heiligen Augustin so streng verbotenen, von den orientalischen Kirchen aber vielfach öffentlich oder im Geheimen begangenen Liebesmahl. Und Männer und Weiber wiederholen den Ruf »Agape! Agape!« während der Abuna die Monstranz erhoben, gefolgt von den Priestern und Weibern und zahlreichem Volke durch die Kirche und das Zelt schritt, mit dem heiligen Zeichen der Hostie alle Kniee beugend, und dann hinaus durch die Gassen des Lagers, zwischen den Versen des Chorgesanges immer den Ruf zu dem Liebes- und Versöhnungsmahl wiederholend.
Knirschend hatte der Negus Knie und Haupt vor dem Allerheiligsten gebeugt, er wußte, daß er jetzt keine Macht hatte gegen den falschen, treulosen Priester und sich der heidnischen Sitte des Opfermahls fügen mußte. Nur der Löwe Abraham fühlte keinen Respekt, und mischte seine Stimme in grimmigem Gebrüll zu dem Chor der Gläubigen, als der Priester, den er vorhin bewacht, an ihm
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vorüberschritt. Der Negus aber preßte, als jener vorüber war, die schwarze Hand seines Feldherrn Fittorari: »Halte Alles bereit, daß wir morgen früh aufbrechen können, gegen Cassa zu ziehen. Der falsche Priester wird der Boten mehr haben, als den, der den Römlingen in die Hände gefallen ist. Wehe ihm - der heutige Tag ist ihm nicht geschenkt!«


Es war kurz nach Sonnenuntergang, als im Zelte der Negus zwei Männer auf den Kissen sich gegenüber saßen, beide die Hukah rauchend, zwischen ihnen am Boden der Löwe. Niemand außer ihnen war in dem Zelt, nur zwei schwarze, nubische Sklaven mit blanken Schwertern bewaffnet, standen an den beiden Eingängen als Wachen.
Die beiden Männer waren der König und der angebliche fränkische Kaufmann von der chinesischen Küste, Monsieur Labrosse. Ihr Gespräch hatte schon einige Zeit gedauert, wobei sie sich der arabischen Sprache bedienten.
»Will der Negus Negassi den Rath eines Freundes hören?«
»Sprich!«
»Dieser Hakim ist ein Freund der Engländer, ich habe ihn in einem fernen Lande, in Indien, dessen Tyrannen die Inglese sind, getroffen, und weiß, daß er zu ihnen gehört. Wie ist er in Dein Land gekommen?«
»Es lebt ein Franke bei uns, der helles Haar hat und die Bilder der Heiligen malt. Er sagt, er sei aus einem Lande weit über dem Meere, noch weiter als der
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Bluttrinker in Stambul wohnt, es soll den Brennibors gehören und Dessan heißen. Er hat den Hakim in Axum getroffen, wohin er mit einer Karavane gekommen und ihn mit nach Gondar gebracht. Du hast selbst gesehen daß er ein geschickter Arzt ist, klüger als die Tölpel, die bei uns wohnen.«
»Das hindert nicht, daß er ein Spion der Engländer sein würde, wenn Du ihn in Deiner Nähe behältst. Du hast gesehen, daß er mit dem Schatten von einem Manne gleich vertraut war, der vorgiebt, ein Weiser zu sein aber nur der Diener und Vertraute des vornehmen Inglese ist, den unser Schiff mit aus Indien brachte und der in Aden mit dem Gouverneur gesprochen hat[.]«
»Aber,« warf der Mohrenfürst mit Verstand ein, - »wenn die Franken an dieser Küste die Inglese verdrängen wollen, warum haben sie auf ihrem Schiff einen Feind mitgebracht?«
»Das Schiff hat erst später - ich glaube in Aden - die Bestimmung hierher erhalten, als dieser Lord längst an Bord war. Die Offiziere des Kaisers von Frankreich haben ihn hier an's Land gesetzt, weil sie eingesehen haben, daß er ein Aufpasser ist, und er will den Weg zu Lande nehmen, um den Sultan von Egypten zum Kriege gegen Habesch zu reizen. In seinem Lande ist er ein vornehmer Mann, und wird dafür sorgen, daß die Inglese Schiffe und Soldaten gegen Dich schicken.«
»Dann muß man sorgen, daß er nicht nach seinem Lande kommt,« sagte der Negus. »Ich werde ihn tödten lassen!«
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»Aber nicht hier - das würde nicht verschwiegen bleiben, und die Engländer in Aden würden Dich zur Verantwortung ziehen. Ihre Hand ist lang. - Ich weiß, daß er vorgiebt, einen Jagdzug quer durch die Wüste nach dem Nil unternehmen zu wollen. Sende Deine Reiter ihm nach und laß' ihn unterwegs tödten, ihn - und alle seine Begleiter! Er führt vieles Geld bei sich und die Männer werden reiche Beute finden.«
Der Negus sann einige Augenblicke nach. »Du hassest diesen Mann? warum tödtest Du ihn nicht selbst, wenn Du, wie Du sagst, ein Krieger gewesen bist?«
»Ich hasse ihn, wie ich alle Faringi hasse! Aber es ist jetzt nicht meine Sache, selbst die Hand zu sein, die tödtet. Der Kopf wirkt mehr als die Hand. Laß' El Maresch die Deine sein - er kennt ihn und wird leicht erfahren, wohin dieser Faringi seinen Weg richtet. Ein Franke wird ihn begleiten, der gern das Blut dieses Mannes trinken möchte!«
»Gut - es soll so sein, wie Du sagst! Der Engländer soll sterben, wenn Du Dein Wort hältst mit jenem Mädchen, deren Anblick mein Herz bestrickt hat.«
»Sie soll noch diese Nacht Deinen Frauen übergeben werden während des Festes, das Ihr feiert. Ein Mehreres kann ich nicht thun.«
»Es ist genug! Morgen um diese Zeit wird sie schon weit sein auf dem Wege nach Gondar. Aber was werden ihre Freunde sagen?«
»Wir werden die Schuld auf den Faringi werfen, der sie entführt hat.«
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Der Negus sah den Mann mit einem eigenthümlichen Blick an. »Bei der heiligen Mariam, Du verdientest ein Habesch zu sein. Wer bist Du?«
»Ein Mann, den gleich Dir diese schurkischen Faringi betrogen und beraubt haben, der aber nicht so geduldig ist wie der Negus von Abyssinien. Werden diese Sklaven uns nicht verrathen? - sie haben Ohren!«
Der Negus lachte grimmig: »Aber reine Zunge! Warum trinkst Du nicht von dem Araki, der hier steht? Es ist das einzige Gute, was von den Inglese kommt!« und er stürzte einen vollen Becher hinunter.
Der falsche Hausmann zuckte geringschätzig die Achseln und erhob sich. »Ein Mann soll nicht der Sklave des Weins und des Weibes sein, sagt der weise Lockmann. Was denkst Du mit Deinem Feinde, dem Abuna zu thun?«
Der Mohrenfürst lachte grimmig. »Vielleicht findet sich diesen Abend bei dem Agape die günstige Gelegenheit, - sonst hat der Negus auf seiner Burg Magdala eine Felswand, von der hinab ein schlimmer Sprung ist! - Kommst Du zu dem Mahle? Ich habe El Maresch in Euer Lager gesandt, die Franken dazu einzuladen. Die Sterne beginnen zu funkeln und die Priester und Frauen erwarten uns. Wenn das Kreuz am Himmel sich über die Berge erhebt, wird Dein Auge Mancherlei sehen.«
»Laß' Deine Sklaven Wache halten - wenn der Augenblick günstig ist, müssen sie bereit sein. Lebe wohl, Negus von Habesch, und möge Dein Fuß im Blut der falschen Faringi waten, wie es der meine gethan hat!«
Er verließ das Zelt, in dem der Negus eine kurze
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Zeit sinnend allein blieb, in tiefem Nachdenken den Löwen in der schwarzen Mähne krauend. Dann schlug er an eine Glocke.
Einer der schwarzen Sklaven näherte sich sogleich und beugte das Knie.
»Rufe den Hakim zu mir,« befahl er. »Wenn El Maresch zurückkehrt, laß' ihn eintreten und melde den Frauen, daß sie mein Festkleid rüsten.«
Der Sklave verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit dem deutschen Arzt wieder. Derselbe blieb vor dem Negus stehen. »Was befiehlt Deine Hoheit?«
»Setze Dich, Freund,« sagte der König. »Ich habe Dich rufen lassen, um Dir Dank zu sagen für das, was Du heute gethan hast. Nimm dies goldene Kreuz hier, und trage es zum Andenken an Theodor, den Negus Negassi.«
Er reichte ihm das schwere, mit edlen Steinen besetzte Kreuz von Goldfiligran, das er selbst am Halse getragen, aber der Arzt wies das werthvolle Geschenk mit einer energischen Geberde der Hand zurück. »Verzeihe, Hoheit,« sagte er fest, »was ich thue, ist meine Pflicht, und ich erhalte dafür meinen Sold von Dir nach unserem Vertrage, als ich vor zwei Jahren in Deine Dienste trat. Ein Mehreres gebührt mir nicht und erlaubt mir mein Gewissen nicht anzunehmen. Ich bitte Dich, mir die Annahme dieses Schmuckes zu erlassen, den ich nicht tragen kann.«
Der Negus wies auf die Hand des Arztes. »Du bist eigensinnig, Freund Hakim,« sprach er mißmüthig, - »ich
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weiß doch, daß Du zwei Ringe trägst, deren jeder den Werth einer Stadt hat.«
Der Arzt hob die Hand und richtete das ernste Ange schwermüthig auf die beiden Ringe, die er allerdings an einem der Finger trug, der eine zeigte einen schwarzen Diamanten von großem Werth, und von jenem geheimnißvollen Feuer, das selbst im Dunklen Strahlen zu werfen scheint, der andere war ein großer Rubin.
»Du irrst, Hoheit,« sagte der Arzt - »diese Ringe sind kein Schmuck, sondern Andenken an eine traurige Zeit und an zwei Frauen, die nicht mehr unter den Lebenden sind, die eine ausgezeichnet durch ihre Liebenswürdigkeit und ihr Unglück, die andere durch ihren Heldenmuth und ihre Schönheit. Ueber Beide hat ein Teufel in Menschengestalt das Verderben gebracht, - ihnen zum Gedächtniß trage ich diese Ringe - nein, Hoheit, nimm Dein Kreuz zurück, ich kann niemals einen anderen Schmuck tragen.«
Der König schien sehr wenig empfänglich für die melancholischen Erinnerungen seines Arztes. »Da Du mein Kreuz nicht willst,« sagte er, »so werde ich Deinen Sold verdoppeln, wenn wir morgen nach Gondar zurückkehren. Du wirst mich doch begleiten? Du redetest heute Mittag seltsame Worte zu mir, aber ich kann Dich nicht entbehren - Du und Abraham seid die einzigen Freunde, auf die ich volles Vertrauen setze.«
»Dennoch wirst Du es müssen, Hoheit,« sagte der Arzt milde aber bestimmt. »Unser Contrakt geht morgen zu Ende und ich kann Dir nur wenig mehr nützen, da Du meinem Rath als Arzt« - er wies auf den Kelch
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mit Araki, der neben dem Negus stand, »so wenig Gehör giebst. Du bist freundlich gewesen, Hoheit, gegen einen Fremdling und ich danke Dir dafür - nimm als Gegengabe den letzten Rath eines Mannes, der es wohl meint und weiß, daß hohe und gute Eigenschaften in Dir wohnen.«
»Sprich!«
»Negus Negassi, hüte Dich, den Leidenschaften, die Deinen klaren Sinn umdüstern, die Zügel zu lassen, ihr Uebermaß würde den Ruf Deiner Tapferkeit und Großmuth, der Dich mit Recht schmückt, verdunkeln und Dich in's Verderben stürzen. Du hast drei schlimme Feinde zu bekämpfen!«
»Ha - Du meinst den Cassa, den treulosen Priester und die falschen Inglese!«
»Nein, Hoheit - gegen diese schützt Dich Dein Muth und die Mauer Deiner Berge. Schlimmer als diese sind Zorn, der Araki und die Frauen.«
Der Mohrenfürst versank in Nachdenken, den Kopf in die Hand gestützt. Er hatte Verstand genug, einzusehen, daß der Arzt die Wahrheit sprach und besaß in der That für die Erziehung, die er genossen und die wilden Sitten seines Volkes mancherlei Eigenschaften, die ihn wohl befähigt hätten, ein Regenerator seines Landes zu sein. Er sah die Vorzüge europäischer Cultur ein und bemühte sich, manche Ergebnisse derselben in sein Land zu ziehen. Daher seine Unterstützung der europäischen Missionaire und Kaufleute. Aber sein angeborenes Mißtrauen und die Intriguen derselben gegen einander warfen ihn
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bald der römischen, bald der englischen Partei in die Arme und machten ihn, wie die Folge zeigte, selbst gegen unschuldige und friedliche Europäer tyrannisirt. Er war tapfer und muthig, wie er vielfach in den steten Kämpfen mit den wilden Gallas und den ehrgeizigen, nach voller Unabhängigkeit strebenden Statthaltern und Fürsten einzelner abessynischen Länder bewies, aber die Lehren seines Christenthums waren nicht mächtig genug, ihm eine wirkliche Humanität einzuprägen, und die Unmäßigkeit im Genuß geistiger Getränke, namentlich des Rum und Araki trieben ihn häufig zu wahren Delirien von Zorn und Blutdurst, in denen er die nutzlosesten Grausamkeiten beging. Eine der furchtbarsten Thaten ist jene bei einem solchen Wuthausbruch erfolgte Ermordung von 200 Gefangenen, die er bei dem Anrücken der Engländer gegen Magdala unter Sir Robert Napier in Folge der, freilich durch ihre Anmaßung und Intriguen veranlaßten Gefangennahme der englischen Consuln und Gesandten im Frühjahr 1868 am Morgen des Charfreitag von einer Felsenwand in den Abgrund stürzen ließ, wobei man die wenigen, den furchtbaren Sturz Ueberlebenden von der Höhe des Felsens todtschoß.
Dagegen hätte der Muth, mit welchen der König nach der Freigebung der europäischen Gefangenen und nachdem seine ganze Armee ihn verlassen oder sich zerstreut hatte, die Uebergabe und Gefangenschaft verweigerte und mit sieben seiner Offiziere und neun Soldaten, die allein treu geblieben waren, das Thor von Magdala stundenlang gegen die ganze englische Armee mit ihren Armstrongs
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und Elephanten, ihren Raketenbatterieen und Regimentern aus Hindostan und Europa vertheidigte, ein besseres Schicksal verdient. Nachdem sieben seiner Gefährten um ihn gefallen und die Engländer über die Mauern in die verlassene Festung gestiegen waren, tödtete der christliche Mohrenfürst sich selbst durch einen Pistolenschuß in den Mund, um nicht in die Hände seiner Feinde zu fallen. - - - Ein billiger Sieg! - -«
Der König erhob das Haupt: »Freund Hakim,« sagte er - »ich weiß, daß Du es gut meinst, und darum will der Negus Deine schlimmen Worte nicht gehört haben. Bleibe hier, und ich will Dir eines meiner eigenen Weiber zur Frau geben und Dich reich machen und gegen alle Feinde schützen.«
»König von Habesch,« erwiderte kopfschüttelnd der Arzt, »auch Du meinst es gut und ich danke Dir. Aber nie mehr werde ich ein Weib lieben. - Laß' uns in Frieden scheiden!«
»Und was willst Du thun, wohin willst Du gehen?« frug mit erwachendem Mißtrauen der König.
»Ich sehne mich, nach all' dem Jammer und Blut, die ich gesehen, die friedlichen Thäler meiner Heimath im weit entfernten Thüringer Land noch einmal zu schauen. Die Sehnsucht ist überwältigend in mein Herz gekommen, als ich heute in Deinem Zelt einen Landsmann traf, der einst zu meinen Lehrern gehörte, obschon er sich meiner wohl nicht mehr erinnert. - Er hat sich einem vornehmen Engländer angeschlossen, der mit dem französischen Schiff aus China gekommen ist und von hier durch die
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Wüste den Nil erreichen will, um über die Katarakten nach Cairo zu gehen. Ihnen will ich mich anschließen, um in mein Vaterland zurückzukehren, wenn Gott es nicht anders bestimmt hat.«
»Also zu einem Engländer, einem Feind willst Du gehen?«
»Der Lord ist ein bloßer Reisender und hat Nichts mit den politischen Kämpfen zu thun. Der Arzt, Hoheit, frägt nicht nach den Parteien und Nationen, er kennt nur den Menschen!«
Der Negus blickte finster auf ihn. »Noch Eins! Kennst Du den fremden Kaufmann, der mit den fränkischen Offizieren gekommen ist und vor seinen Augen dunkle Gläser trägt?«
»Ich kenne ihn nicht - nur seine Stimme erweckte in mir eine unangenehme Erinnerung!«
»Hüte Dich vor ihm, er scheint Dir feindlich gegesinnt. - Dies sage ich Dir, obschon Du ein Undankbarer bist! - Geh - und gedenke des Negus Theodor!«
Er winkte ihm seine Entlassung und der Arzt wagte nicht, noch einen Versuch zu machen, ihn zu versöhnen. Er machte stumm seinen Gruß und wandte sich zum Ausgang des Zeltes. Mit einem merkwürdigen Instinkt, als wisse er, daß ein Freund scheide, begleitete ihn der Löwe Abraham bis dahin und rieb den gewaltigen Kopf an seinem Knie.
Der Arzt legte wie zum Abschied die Hand auf den
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Kopf des grimmen ihm so freundlich gesonnenen Thiers, dann ging er.
Die Frauen des Negus traten ein von mehreren Sklavinnen begleitet, die kostbare weibische Gewänder, Schmucksachen und Essenzen trugen und eine große Wanne mit wohlriechendem Wasser hereingeschoben. Auf den Wink des Königs entfernten sich die beiden wachhaltenden Stummen und gesellten sich zu der Leibwache des Königs, die vor dem Zelt um ein mächtiges Feuer von Kolkol- und Cedernholz versammelt war.
Die Frauen schlossen den Eingang des Zeltes mit schweren Teppichen nahten sich dann dem Negus mit allerlei Ehrfurchtsbezeugungen und begannen ihn zu entkleiden.


Zu dem Lager der Franzosen von der Amba,8 auf welcher sich das Lager des Negus befand, niedersteigend, traf der Kaufmann Labrosse, wie er erwartet hatte, auf den Kronoffizier mit seinem Gefolge.
El Maresch stieg sogleich auf ein Zeichen von seinem Pferde, winkte seinen Begleitern zurückzubleiben und führte den Fremden nach einem nahe gelegenen Gebüsch von Tamarinden und wilden Feigenbäumen, wo Beide auf dem Erdboden niederkauerten.
»Der Gebieter des grünen Steins,« sagte der Abyssinier mit einer gewissen Scheu - »befiehlt mir zu weilen. Habe ich seinen Wunsch nicht erfüllt, ihm eine Unterredung
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mit dem Negus zu verschaffen, oder ist er nicht zufrieden mit dem Ausgang derselben?«
»Ich bin zufrieden mit Dir. Der Negus wird Dir Befehle geben, wenn Du zu ihm kommst, doch habe ich noch Einiges mit Dir zu reden.«
»Ich höre!«
»Im Namen der Dunkeläugigen, Du hast zu hören und zu gehorchen. Kannst Du einen vertrauten Mann nach Arkiko senden, um die Schritte dieses Engländers zu belauschen? Es sind zwei meiner Diener bei ihm, aber sie dürfen nicht sein Mißtrauen erregen. Auch müssen sie sein Schicksal theilen.«
»Wir haben in Arkiko Jünger des Bundes. Es wird ein Leichtes sein, jeden Schritt, den er thut, zu erspähen.«
»Sorge dafür. Er will den Zug durch die Wüste machen nach dem Nil mit dem alten Thoren, der an den Knochen der Thiere die Schöpfung Brahma's ergründen will. Welchen Weg kann er nehmen?«
El Maresch dachte einige Augenblicke nach. »Er kann deren drei wählen. Der eine geht an dem Gebiete von Tigre am Tacatze entlang nach dem Sennar, er ist der kürzeste, aber der Beschwerden und Gefahren voll. - Der andere führt durch das Betcum über den Mareb nach dem egyptischen Gebiet und Chartum, er ist die Straße der Karavanen.«
»Und der Dritte?«
»Es ist der Weg durch die nubische Wüste. Der Bluttrinker in Stambul und der Khedive von Cairo streiten
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sich über das Land, wo nur die Beduinen und der Alte vom Berge wohnen.«
»Wer ist dies?«
»Der Assassinen-Fürst - der Herr der Söhne Ismaels diesseits des Meeres.«
»So gehört er unserem Bunde! Du kennst ihn?«
»Wenige können sich rühmen, sein Angesicht gesehen zu haben. Er haust auf seiner unzugänglichen Felsenburg im Djabel Langay am Rande der Budja, und seine Reiter durchstreifen die Wüste diesseits und jenseits des Gebirges und plündern die Karavanen, die vom Nil kommen nach der Küste des Meeres.«
»Es ist gut. Wir werden sehen. Der Negus befiehlt, daß Du mit einer auserlesenen Reiterschaar dem Inglese folgst wie sein Schatten und ihn in der Wüste überfällst und tödtest, ihn und alle seine Begleiter. Eine reiche Beute wird Deine Krieger lohnen. Verstehe mich wohl - ich will, daß er sterbe, er und Alle, die mit ihm sind!«
»Sie werden sterben!«
»Ich habe noch Anderes von Dir zu verlangen. Es sind zwei Weiber bei den Franken.«
»Ich habe sie gesehen. Sie gehen unverschleiert.«
»Du hast bemerkt, wo ihr Zelt steht, in dem sie die Nacht zubringen werden?«
»Es steht an dem Rande des Lagers, abgesondert von den anderen.«
»Gut. Der Negus will die eine von ihnen, die
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Herrin, zu seinem Weibe machen; ich habe sie ihm versprochen.«
»Bei dem Kreuz von Jerusalem, die Tamena kratzt ihm die Augen aus und rauft ihm den Bart. Sie ist schlimm in solchen Dingen.«
»Was kümmert das uns. Das Mädchen ist wie eine wilde Katze und besser in Euren schwarzen Bergen aufgehoben, als daß sie uns weiter begleite, obschon sie das Herz eines Kriegers hat und den Verstand eines Teufels.« -
»Wie soll es geschehen?«
»Sorge dafür, daß der Negus den Franken Lebensmittel und starken Tetsch9 in Menge schickt, damit sie ihre Vernunft ertränken. Sende vier Söhne des Bundes, die gewandt und listig sind wie die Schlangen, in die Nähe des Zeltes. Wenn sie drei Mal das Zischen der Viper hören, ist es Zeit, daß sie ihr Werk beginnen. Sie mögen das Zelttuch öffnen und das Mädchen, das im tiefen Schlaf liegen wird, aus dem Zelte holen und über die Ebene in das Zelt des Negus tragen, ohne daß sie eine Spur hinterlassen, so wenig wie der Vogel, der die Luft durchsegelt. Das Weitere kümmere uns nicht.«
»Aber es ist ein zweites Weib im Zelt?«
»Ihr findet sie in gleichem Schlaf. Die Vernichtung der Dunkeläugigen über sie - sie muß sterben. Man hat mir gesagt, daß die Hyänen und die Schakals des Nachts die Gegend durchstreifen?«
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Der Mohr wies nach einer fernen Felswand in der Richtung der Stadt. »Es sind wüste Trümmer dort - sie nisten in jenen Steinen.«
»Desto besser - bringt sie dahin und werft sie den Bestien zum Fraß, die falsche Verrätherin. Wenn sie am Morgen die Verschwundenen suchen, werden sie glauben, die Neugier habe die Weiber hinaus getrieben, das Fest der Deinen anzusehen, und die Thiere der Wüste hätten sie zerrissen.«
Der Kronoffizier nickte Beifall. »Es ist gut so! - Hast Du noch Weiteres Deinem Sklaven zu befehlen?«
»Du überbrachtest die Einladung des Negus an die Franken, an dem Mahl Theil zu nehmen. Werden sie kommen?«
»Die schwarzen Priester widerriethen es. Der Häuptling wird im Lager bleiben, aber er kann es nicht hindern, daß die Offiziere dahin gehen. Ihre Krieger sollen in deren Begleitung wechseln.«
»Es mag gut sein. Geh' also und ordne unser Werk. Wir sehen uns wieder.«


Hamed ben David, der Falascha, hatte den Professor Peterlein im Lager in Gesellschaft des deutschen Arztes angetroffen, der von den Zelten des Negus herunter gekommen war, um seinen Landsmann aufzusuchen und durch seine Vermittelung die Bekanntschaft Lord Walpol[e]'s, und diesem den Vorschlag zu machen, seiner Reisegesellschaft sich anzuschließen. Die Erwerbung eines solchen Gefährten, welcher der Landessprache mächtig und mit
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den Gebräuchen des Landes wenigstens im Allgemeinen vertraut war, konnte natürlich nur als Gewinn betrachtet und willkommen sein, und man besprach daher gleich die nöthigen Anstalten, die zu treffen waren. Der Arzt besaß ein schönes Berberroß, die nöthigen Waffen und Instrumente, so daß seine weitere Ausrüstung höchstens Stunden erforderte.
Während sie um das Feuer saßen und die Soldaten mit der Zurichtung des Abendbrotes beschäftigt waren, überbrachten die Diener des Negus mehrere Schläuche Wein, zwei Hammel und ein junges Rind als Geschenk ihres Gebieters und wiederholten die Einladung, an dem Gastmahl Theil zu nehmen. Was der Arzt von der Feier dieser Orgien erzählte, war freilich nicht geeignet, die jüngeren Offiziere zu veranlassen, davon fortzubleiben, wie sehr auch die Jesuiten dagegen eiferten; um möglichst die Gefahr zu verringern, mußte sich Kapitain Ducasse entschließen, den beiden ihm nicht untergebenen Offizieren eine Schutzwache mitzugeben.
Um diese Zeit war es, als der Falascha die Karte des Lords an seinen alten Lehrer und Freund überbrachte.
Professor Peterlein war sogleich bereit, sich zu dem Rendezvous zu begeben, und der Arzt erbot sich, ihn zu begleiten.
Aber auch Graf Boulbon wollte den liebgewonnenen Reisegefährten begrüßen, und schlug vor, daß sie bei dem Besuch des abessynischen Lagers den kurzen Umweg über die Stelle nehmen sollten, welche der Falascha als den
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Platz bezeichnete, an welchem der Lord seinen älteren Freund erwarten wollte. Vergeblich suchte Thérouvigne das zu hintertreiben, er mußte sich schließlich fügen und die ganze Gesellschaft brach auf, begleitet von sechs wohlbewaffneten Matrosen des Veloce unter dem Kommando des jungen See-Cadetten, der die Offiziere in dem Hafen von Aden erwartet hatte, nicht ohne daß Kapitain Ducasse ihnen die strengsten Ermahnungen und Warnungen gab, sich nicht zu lange bei dem Mahle des Negus und seiner Krieger aufzuhalten, und möglichste Vorsicht und Zurückhaltung zu beobachten.
Die Fürstin Wéra begleitet ihren alten Verehrer bis über den äußersten Lichtkreis der Lagerstätte, und indem sie erklärte, daß sie, ermüdet von den Eindrücken des Tages, bald ihr Zelt und ihr Lager suchen würde, beauftragte sie ihn mit freundlichen Grüßen an seinen Zögling.
Als die kleine Gesellschaft durch das Dunkel schritt, kam ihr von der Richtung des Lagers her eine dunkle Gestalt entgegen, welche die Offiziere alsbald als ihren Reisebegleiter, den Kaufmann Labrosse erkannten.
Die beiden französischen Offiziere verweilten einige Augenblicke bei ihm, um zu fragen, ob er sie nicht bei ihrem Besuch des nächtlichen Festes begleiten wolle, aber der Kaufmann entschuldigte sich mit Ermüdung und ging nach den Zelten.
Thérouvigne ging ihm einige Schritte nach und hielt ihn zurück.
»Monsieur Labrosse,« sagte er - »Sie haben mich getäuscht. Lord Walpole hat sich getrennt von uns, und
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ich werde nicht mehr Gelegenheit haben, die Beleidigungen, die er mir angethan, in seinem Blute abzuwaschen, denn es ist sehr zweifelhaft, ob wir ihn in Paris wiedersehen dürften.«
»Fürchten Sie Nichts, Monsieur de Thérouvigne,« entgegnete der Fremde - »Sie sollen die Gelegenheit haben, wenn Sie dieselbe benutzen wollen.«
Damit schied er.
Der deutsche Arzt hatte vorhin bei der ablehnenden Antwort des Fremden dasselbe Erbeben seiner Nerven gefühlt, wie am Nachmittag, als er zuerst diese Stimme hörte, ohne sich von der Ursache Rechenschaft geben zu können. Auch jetzt hatte er keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken, da ihn seine Begleiter fortzogen.
Die Matrosen hatten Fackeln angesteckt, und so erreichte die Gesellschaft bald und ohne weiteres Abenteuer die untere Amba, an deren Steinwand die Ruinen des alten Kirchengemäuers ihre dunklen Schatten warfen.
Aber nirgends war eine Spur von der Person des jungen Viscount zu sehen, und der Ruf seines Namens weckte nur das Echo der Felsen oder wurde von dem fernen, wilden Jauchzen beantwortet, das von dem Lager der Abessynier herab drang.
Lord Frederik Walpole war verschwunden.
Der abergläubische Faluscha sah sich ängstlich um. »Ich habe ihn gewarnt,« meinte er bestürzt, »und ihm gesagt, daß die bösen Geister in diesen Trümmern umgehen, aber er wollte nicht hören. Die Diener des Scheitan und Beelzebub werden ihm den Hals umgedreht haben.«
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»Unsinn Mann,« rief der Professor, »es giebt weder einen Scheitan noch einen Beelzebub, und Sr. Herrlichkeit, mein Freund und Schüler ist nicht der Mann, sich vor einem arabischen Gespenste zu fürchten oder gar den Hals umdrehen zu lassen, ohne sich zur Wehr zu setzen; und davon hätten wir sicher gehört, da er, wie Du selbst sagst, seine Flinte bei sich hatte. Er ist vielleicht weiter gegangen und hat sich verirrt, oder hat eine Ursach' gefunden, nach Arkiko zurück zu gehen.«
»Jedenfalls,« erklärte der Arzt, »ist es unsere Pflicht, uns davon zu überzeugen. Sollte er bis an das Lager des Negus gegangen sein, so muß er auf die Wachen stoßen, aber ich fürchte nicht, daß sie es wagen würden, einen Europäer zu beleidigen. Außerdem befinden sich seine Reisegefährten, die französischen Offiziere bereits dort. Ich sollte meinen, wir sehen, ob er nach der Stadt zurückgekehrt ist. Es ist jetzt mondhell und der Weg kaum zu verfehlen, da man von dieser Höhe sie klar sieht!«
Der Professor hätte sich gern die Haare gerauft, wenn er nur deren genug gehabt hätte. Der kleine Mann, der sich sonst schwerlich in dem wilden Lande bei Nacht fünfzig Schritt aus dem Umkreis der französischen Posten gewagt hätte, erbot sich, jetzt allein dahin zurückzukehren, um zu sehen, ob sein geliebter Zögling vielleicht auf anderem Wege dahin gekommen sei, oder Beistand zu holen, um ihn aufzusuchen; aber der Arzt machte ihn darauf aufmerksam, daß sie dem Vermißten ganz sicher dann begegnet wären und er wenigstens ihr Rufen gehört haben
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würde, und da sich der kleine Gelehrte ohnehin erinnerte, daß Lord Walpole gewöhnt war, allein umherzuschweifen, ohne auf die Besorgniß seiner Freunde Rücksicht zu nehmen, sich auch scheute, des Lords Mißbilligung zu erregen, wenn er ohne dringende Ursach' und Ueberzeugung Lärm mache, so willigte er ein, zunächst den Falascha nach Arkiko zurück zu begleiten und dort zu hören, ob der Lord wieder zurückgekehrt sei, oder welche Befehle er überhaupt den beiden Amerikanern für die Zeit seiner Abwesenheit hinterlassen habe, eine Sache, über die der Falascha keine genügende Auskunft geben konnte.
So machte sich denn im Mondschein die kleine Gesellschaft auf den Weg zurück zum Strande, um in der Stadt nachzufragen.
Aber die Erreichung ihres Zweckes verzögerte sich länger, als sie gedacht. Die Wache am Thor hatte während der Abwesenheit des Falascha gewechselt, kannte ihn nicht und konnte keine Auskunft geben, ob Lord Walpole wieder in die Stadt zurückgekehrt sei. Es waren mehrere Europäer aus dem Lager des Negus im Schutz der Dunkelheit gekommen, um sich den englischen Missionären anzuschließen, und obschon die Nachricht sich rasch verbreitet hatte, daß keine Feindseligkeiten mehr von den Abessyniern gegen die Stadt zu besorgen wären, da er dem Traktat der Abtretung der Bai seine Zustimmung gegeben hatte, wurden doch die Thore streng bewacht und nach dem Abendruf des Muezzim von den Minarets der Eintritt in die Stadt nur auf besondere Erlaubniß des Naïb oder seiner höheren Beamten gestattet.
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Ehe diese eingeholt war, vergingen bei dem gewöhnlichen orientalischen Phlegma Stunden, und die Nacht war bereits weit vorgeschritten, ehe es dem Faluscha und seinen Begleitern gelang, Einlaß zu erhalten, und die Karavanserai zu erreichen, in welcher die beiden Amerikaner zurückgeblieben waren.
In der Mitte des weiten Hofes brannte ein mächtiges Feuer, um das sich eine Menge Kameeltreiber, fremde Kaufleute, Eselführer und Reisende gesammelt hatten, auf den Steinplatten lagernd, theils mit Gesprächen und Erzählungen des ereignißreichen Tages beschäftigt, theils auf die Sättel ihrer Thiere und die Ballen ihrer Waaren das müde Haupt gestützt, in ihren Haik gehüllt, den Schlaf genießend. Rings umher an den Pfeilern der Arkaden lagerten die Kameele, die Maulthiere, Esel und Pferde in langen Reihen, zwischen ihnen die schwarzen Sklaven, zum Theil in ihrer Intelligenz nur wenig über den Thieren stehend, da sie meistens den Dokos und anderen ganz wilden Negerstämmen angehören, auf welche die Gallas förmliche Jagd machen.
Die beiden amerikanischen Jäger saßen jetzt, nachdem einige bereits von ihrem neuen Gebieter am Nachmittag angekaufte Thiere unter ihrer Aufsicht besorgt waren, an dem Feuer, ihre Schibuks rauchend und mit einem alten arabischen Scheit sich unterhaltend, der einige Worte Englisch und Französisch verstand. Der Verkehr im Orient ist überhaupt durch die sogenannte von keiner Erlernung abhängige lingua franca ein weit leichterer, als zwischen Völkern verschiedener Sprachen im schwerfälligeren Norden.
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Der Scheik war ein Mann etwa in der Mitte der Fünfziger, mit ernstem von graumelirtem Bart umrahmten Antlitz. Er hatte drei Tage vorher eine Karavane mit seinen Reitern als Schutzgarde durch die Wüste nach Arkiko gebracht, und wollte schon am selben Morgen wieder aufbrechen, als die Erkrankung eines seiner Begleiter ihn zwang, noch zu verweilen.
Der Kranke war ein Knabe von etwa zehn Jahren. Er lag in eine wollene Decke gehüllt auf einem alten Teppich neben seinem Oheim, offenbar in glühender Fieberhitze, und der alte Mann sah oft in den Pausen, wenn er das Bernsteinmundstück seines Schibuck aus dem Munde nahm, auf ihn nieder.
Aber noch ein anderer Freund wachte neben dem jungen Kranken.
Es war das ein arabisches Pferd von ausgezeichneter Race, wie selbst ein unkundiges Auge leicht unterscheiden konnte. Es hatte das kluge Gazellen-Auge, den kurzen Bau, den schwanenartig geschweiften Hals mit der langen, seidenweichen Mähne und die langen Fesseln, welche die Kennzeichen der edlen Race sind. Das schöne Thier hatte sich von seinen Gefährten am Ende des Hofes getrennt und war, als hätte es Menschenverstand, zu seinem jungen Herrn gekommen, zu dem es den kleinen, zierlichen Kopf niederbeugte, ihm mit der Zunge die fieberheiße Stirn leckend.
Nicht ohne Theilnahme sahen die beiden amerikanischen Jäger auf die Scene. Lord Walpole hatte am Nachmittag bereits mit dem Scheich um ein Paar seiner Pferde
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gehandelt, auch eines gekauft, den Schimmel aber, dessen Trefflichkeit der Engländer sehr wohl zu würdigen verstand, hatte der Beduine, trotz des hohen Gebotes, sich geweigert, zu verkaufen, unter dem Vorgeben, daß es nicht sein Eigenthum, sondern das des kranken Knaben[,] seines Neffen sei, und daß dieser eher das Leben lassen, als sich von dem Pferde trennen würde, das ihm sein Vater hinterlassen, der es geritten hatte, als er bei einem der häufig zwischen den Stämmen vorkommenden Scharmützel in der Wüste getödtet worden war.
»Der arme Junge dauert mich,« sagte der riesenhafte Jäger, die Pfeife ausklopfend. »Diese arabischen Aerzte sind Narren, wenn sie glauben, mit dem Umhängen eines alten Fetzen Papiers aus ihrem Koran ein hitziges Fieber heilen zu können, das bei dem Jungen offenbar im Anzuge ist. Wenn wir an den Ufern des Del Norte oder sonst irgendwo in unserem alten Felsgebirge wären, könnte ich ihm leicht Kräuter suchen, die sein Blut beruhigen würden. Aber hier in diesem von Gott gezeichneten Lande wächst kaum eine Palme oder eine verschrumpfte Tamarinde aus dem Sande, vielweniger ein vernünftiges Heilkraut. Caramba - jedes Unglück hat übrigens noch sein Gutes. Wenn der Junge stirbt, wird das alte Ledergesicht neben uns sich nicht länger weigern, Mylord den Schimmel zu verkaufen, der zwar recht nett, aber doch viel zu gebrechlich aussieht, als daß ich ihm meine Knochen anvertrauen möchte.«
Sein klügerer Geführte klopfte ihn lächelnd auf die Schultern. »Du vergißt, Kamerad, daß die Medicinmänner
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der Apachen und Comanchen in unserer Heimath auch ihre Fetische den Kranken aufhängen. Du solltest einen fränkischen Arzt zu Rathe ziehen, Freund, es wäre Schade, wenn der Junge stürbe.«
»Gott ist groß,« murmelte der Scheich - »was kann ich thun? Es ist kein Franken-Arzt in der Stadt zu finden und der jüdische Hakim ist nach Massauah entwichen. Wenn es das Kismet Abdul Bekr's ist, daß der Knabe sterben soll, so wird sein Zelt von dem Geschrei der Weiber gefüllt sein.«
»Lebt seine Mutter?«
»Murad hat weder Mutter noch Vater mehr. Wenn Said Pascha wüßte, daß Azraël, der Engel des Todes, an seiner Seite stände, würde er gern tausend Goldstücke dem Boten geben.«
»Ist das nicht der Name des Sultans von Egypten?«
»Du sagst es.«
»Was hat der Sultan von Egypten denn mit dem armen Knaben zu schaffen?«
»Du bist ein Fremdling, ich kann es Dir sagen. Murad ist der letzte Sprosse der Meliden, wenn ihn auch der Stamm der Djebel-Abu-Bianah seinen Sohn nennt. Der Khedive zittert auf seinem Thron, wenn er den Namen seiner Väter hört.«
Der kranke Knabe wälzte sich unruhig auf seinem Lager und wiederholte den Namen »Zaïde«.
»Was bedeutet das Wort?«
»Es ist der Name seiner Gespielin unter den schwarzen Zelten in der Wüste. Allah hatte mir zwei Töchter
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gegeben, aber keinen Sohn. Was soll ich sagen? Es sind die Kinder meiner Töchter und sie lieben sich, wie die Tauben, die auf dem Baume girren. Ich wünschte, ich hätte ihn nimmer seine Stute besteigen lassen, um mich durch die Wüste zu begleiten.«
»Gieb die Hoffnung nicht auf, ein junges Blut erholt sich leicht. Ich sah einst drüben jenseits des großen Wassers in den Prairieen am Colorado einen Comanchen, der drei Apachen-Pfeile im Leibe hatte, und dem die blutigen Hunde die Kopfhaut genommen, und ein Jahr später erschlug derselbe Mann den Krieger, der seinen eigenen früheren Haarschmuck am Gürtel trug.«
Der Scheik hatte aufmerksam zugehört, ohne ihn recht zu verstehen. »Allah kerim,« sagte er, - »was bestimmt ist, wird geschehen. Seine Amme war eine weiße Sklavin, deren Stimme klang wie das Lied der Burubul. Er hat ihre Sprache mit der Milch gesogen, aber auch krankes Blut. Dein Effendi kehrt noch immer nicht zurück.«
»Er ist wohl bei den Freunden geblieben, die mit uns auf dem Schiff gekommen sind. Es wird Zeit sein, sich niederzulegen, um noch einige Stunden Schlaf zu genießen, ehe die Sonne aufgeht.«
Der Scheik nickte ihnen beistimmend zu, als die beiden Jäger ihre Anstalten zum Nachtlager trafen. Er selbst zog es vor, die Nacht bei seinem kranken Enkel zu wachen, dessen Zustand ihm größere Besorgniß einflößte, als seine Manneswürde zu zeigen gestattete. Ehe sich jedoch die Amerikaner in ihre Decken hüllen und niederlegen
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konnten, erschien der Falascha mit seinen beiden Gefährten im Thor der Karavanserai.
»Der Gott der Beschnittenen und der Unbeschnittenen sei mit Euch!« rief er. »Ich bin erfreut, Euch der Ruhe pflegen zu sehen; wann ist der englische Bey zurückgekehrt?«
Die beiden Jäger sprangen sogleich auf. »Lord Walpole? kommt er nicht mit Dir, Jude?«
»Bei dem Gott meiner Väter, dann ist ein Unglück geschehen. »Der Inglese Bey ist nicht bei mir - wir kommen ihn hier zu suchen.«
Der große Kanadier faßte den Mann und schüttelte ihn, als wäre er ein Strohhalm. »Hund von einem Juden, ich zermalme Dir die Knochen zu Staub, wenn Mylord ein Unheil geschehen! rede, wo hast Du ihn gelassen?«
Sein ruhigerer Gefährte befreite den Juden aus seiner unbarmherzigen Faust. »Du siehst, Kamerad, daß der Mann, der die Knochen sammelt und die alten Steine, und der der beste Freund unseres gegenwärtigen Herrn ist, bei dem Juden sich befindet. Laß' ihn erzählen, wie es gekommen.«
»Verehrungswürdige Venatores,« sagte der Professor mit kläglicher Stimme - »wir sind erschrocken, meinen geliebten Zögling nicht unter Eurem Schutz zu sehen. Dieser Mann, angeblich ein Falascha - also jüdischer Abstammung von jenen Ebräern, die sich nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch Titus im Jahre 93 an die Küsten dieses Landes flüchteten, - dieser Falascha also
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überbrachte mir vor länger als drei Stunden in dem Lager unserer französischen Freunde, wohin ich mich zurückgezogen, um mich von einem gewissen Schrecken zu erholen, eine Karte meines geehrten Zöglings mit der Aufforderung, ihn an einem Orte aufzusuchen und zu sprechen, zu dem besagter Falascha mich führen würde. Obschon ich nun gerade in einer höchst wichtigen und interessanten Disputation über die Schädelbildung der Racen von Sem, Ham und Japhet mit einem neu gewonnenen Bekannten und hoffentlichen Reisebegleiter begriffen war, der in der That ein in Scientiis wohl erfahrener Mann zu sein scheint, nur etwas vorurtheilsvoll in Beziehung - aber - wo ist Doktor Walding, unser Freund, geblieben? - Ah, da ist er, und scheint bereits begriffen, in unserer Controverse über die Schädelbildung der semitischen Abstammung durch den Sinn des Betastens sich von der Richtigkeit meiner Behauptung zu überzeugen.«
Der Mann, auf den er deutete, war der deutsche Arzt des Negus, und eben beschäftigt, den kranken Knaben zu untersuchen. Er war mit dem Falascha und dem Professor in den Hof der Karavanserai getreten, doch im Eingang einige Schritte zurückgeblieben, um die Gruppen im Hofe zu mustern. Zufällig standen die beiden Jäger mit dem Rücken gegen ihn gekehrt, nur durch ihren dunklen Schatten sich auf dem Lichtkreis abzeichnend, als er näher trat, und sein Blick und seine Aufmerksamkeit fesselten sich sogleich auf den kranken Knaben, der in seinen Fieberphantasieen sich umherwälzte. Der Arzt, ohne sich um die Umgebung zu kümmern, schob sogleich das Pferd zur Seite
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und kniete neben dem Knaben nieder, die Hand auf seine pochenden Schläfe legend und seinen Puls fühlend.
Dann hob er den Kopf und befahl mit kurzem, bestimmtem Ton: »Bringt schnell eine Schüssel mit Wasser herbei!«
Jetzt erst fiel der Schein des Feuers voll auf sein ernstes Gesicht und sah er die beiden Jäger im vollen Licht.
Ein jäher Schreck durchzuckte blitzähnlich den Arzt, er ließ den Arm des kranken Knaben sinken, sprang auf und streckte, wie abwehrend, die beiden Hände gegen die Amerikaner - die Farbe seines Gesichts war leichenhaft, die Augen waren mit Furcht und Entsetzen auf die beiden Männer geheftet.
»Ralph! - Adlerblick!«
Aber auch die Beiden mußten ihn erkannt haben, denn wie aus einem Munde ertönte der Ruf: »Doktor Clifford! Doktor Clifford!« und sie eilten auf ihn zu und ergriffen, trotz seines Widerstrebens, seine Hände und preßten sie mit dem Ausdruck aufrichtiger Freude und Anhänglichkeit.
Wir wissen nicht, ob den Lesern dieses Buches eine unserer vorhergehenden Darstellungen aus der Zeitgeschichte bekannt ist, und ob sie dieser Namen und Gestalten aus jenen Bildern in der Hauptstadt des fernen Californiens oder den blutigen Scenen des indischen Aufstandes gedenken. Wenn sie es thun, dann werden sie sich vielleicht erinnern, daß sie mit uns die Gestalt des in Liebe und Freundschaft gleich selbstlosen und aufopfernden Arztes am
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Grabe des unglücklichen Mädchens, das im Blutbrunnen von Cawnpoor ihr geschändetes Leben endete, verlassen haben, als er den Fluch Gottes und der Menschen ihrem grausamen Mörder in's Angesicht schleuderte!10
Doktor Walding oder Clifford, wie er unter den Engländern in Indien genannt worden, riß seine Hände los aus den schwieligen der Jäger. »Ralph! - Adlerblick! - Wie kommt Ihr hierher, Männer - und - Er - - -
»Still Doktor,« sagte der jüngere Trapper ernst - »nennen Sie keinen Namen. Wenn wir auch jetzt dem Engländer unsere Dienste gelobt haben, gehört die Pflicht der Dankbarkeit und Vorsicht doch Dem, der uns einst ein gütiger Gebieter war und jetzt ein Flüchtling ist, vervehmt auf der Erde, wo er einst Herr war!«
»Und hat er das Schlimmste nicht tausend Mal verdient - müßte der Boden sich nicht öffnen bei seinem Schritt, ihn in die tiefsten Tiefen der Hölle zu verschlingen?« rief der sonst so ruhige, stille Mann in leidenschaftlicher Erregung.
Der frühere Bärenjäger schüttelte das Haupt. »Doktor,« sagte er unmuthig, - »ich bin zwar nur ein unwissender Mann und seit meinen Knabenjahren wenig in die Kirche gekommen, kann auch zu meiner Schande, sei es gesagt, das heilige Buch unseres Glaubens nicht einmal lesen, - aber ich erinnere mich mancher guten Sprüche, die unsere arme Gebieterin uns oft daraus vorgelesen, und
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der eine lautete: »Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet!«
»Aber,« sagte der Jäger Smith oder vielmehr Adlerblick energisch, »es heißt auch in der Bibel: »Aug' um Aug' und Zahn um Zahn! und in der That Doktor, es kann wohl Niemand besser wissen, als Ihr, was ihn dahin gebracht. Ihr seid kein Prairie-Mann gewesen und kennt nicht das Gesetz der Einöde.«
Der deutsche Arzt sah finster vor sich nieder. »Entschuldigt dies das Blut der Schuldlosen, und Reinen - das Entsetzliche ... Aber sprecht ein Wort - ist jener Engländer, den Ihr Euren Gebieter nennt - ich vermag es nicht auszusprechen ...«
»Gott bewahre - der englische Gentleman ist ein noch junger Mann!«
»Dann - ich habe seinen Namen gehört! Jetzt weiß ich es, warum es mich dabei durchzuckte, wie der Biß einer Viper - der französische Kaufmann -«
Die beiden Jäger sahen zu Boden- in diesem Augenblick hörte man das wilde Geschrei des phantasirenden Knaben, der in arabischer Sprache nach seinem Pferde rief, dem »Vogel der Wüste«, das doch neben ihm stand.
Der riesige Trapper zeigte auf das Kind. »Seht dorthin, Doktor, - dort ist etwas Besseres für Euch und Euer wackeres Herz.«
Der Arzt wandte sich - er preßte die Hand an die Stirn. »Du hast Recht, Ralph - die Menschenpflicht über Alles! - Es ist die höchste Zeit, wenn das Kind gerettet werden soll vor der schrecklichen Malaria dieser
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Küste. - Wasser her! - Wo sind die Freunde oder Verwandte des Knaben?«
Der Trapper Adlerblick wies auf den Scheich, während sein Gefährte nach dem Stande der Kameele rannte, einen mit Wasser gefüllten großen Steintrog in die Arme nahm und zum Staunen der Araber herbeitrug.
»Da das alte Ledergesicht ist sein Großvater?«
Der Arzt wandte sich an den Scheich. »Dein Kind ist dem Tode verfallen - es giebt nur ein Mittel, es zu retten. Willst Du mir vertrauen?«
»Allah il Allah - Du bist ein Hakim?«
»Ich bin es!«
»Der Knabe kann nur sterben,« sagte der Beduine. »Wenn Du ihn retten kannst, so thue das Deine. Es ist sein Kismet!«
Doktor Walding kniete bereits neben dem Kinde und untersuchte Puls und Herzschlag, während er sein Besteck herauszog und eilig öffnete. »Gott sei Dank, noch ist es Zeit und ich kann Dir wieder ein Menschenleben retten, Heilige im Himmel! - Hier, Freunde, halte einer den Knaben fest und verschafft schnell ein Laken oder ein Tuch.«
Er hatte den linken Arm des Knaben entblößt, unterband die Ader und schlug sie. Das rothe Blut aus dem kräftigen, jungen Körper spritzte in hohem Bogen.
Auf das Geheiß des Arztes wurde unterdeß von Decken und Teppichen ein weiches Lager dicht am Feuer bereitet. Als die Ader genug geblutet hatte, verband sie der Doktor, entkleidete dann selbst den Knaben bis auf
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die Haut und hüllte ihn in ein großes Stück Baumwollenzeug, das Adlerblick aus dem Reisegepäck seines Herrn herbeigeholt und in dem Wassertrog tüchtig durchfeuchtet und ausgewunden hatte, so daß kaum für Nase und Mund eine Oeffnung zum Athmen blieb. Dann wurde der Knabe in Decken gehüllt auf das Lager gelegt und mit allen Teppichen, Haiks und Gewändern zugedeckt, bis ein förmlicher Haufen davon sich über ihm wölbte.
»Jetzt,« sagte der Arzt zu dem Scheik, »sorge dafür, daß er bis morgen Abend sich nicht rührt und Niemand diese Hüllen löst, und wenn er erwacht und zu trinken verlangt, so reiche ihm warme Kameelmilch, so viel er trinken will. In zwei Tagen wird der Knabe gesund und kräftig sein und das schöne Pferd hier besteigen können, wenn es das seine ist.«
»Allah segne Dich, Franke,« sprach der Scheich. »Abu Bekr ist ein armer Wanderer der Wüste, aber wenn Du einen Freund brauchst mit starkem Speer und schnellem Roß, so sende zum Stamm der Abu-Bianah, und jeder seiner Söhne wird zu Deinem Beistand eilen.«
Doktor Walding wandte sich zu dem Professor, ohne auf diese Danksagung weiter zu achten. »Verzeihen Sie, daß ich einen Augenblick über der näheren Noth die Besorgniß vergaß, die Sie bedrückt. Wenn ich recht verstanden, ist Lord Walpole, Ihr Freund, nicht hierher zurückgekehrt?«
»Möge ihn der Himmel beschützen - ich beginne, um ihn sehr besorgt zu werden trotz seiner ähnlichen Gewohnheiten. Dazu fangen meine Beine an, zu ermüden
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und wollen mich kaum noch tragen, während das Gemüth mich treibt, weitere Nachforschungen zu veranstalten.«
»Wir müssen allerdings sofort wieder aufbrechen, denn jetzt fürchte ich gleichfalls, daß er sich verirrt haben könnte. Diese beiden Männer werden uns begleiten, und ich stehe dafür, daß, wenn seine Spur gefunden werden kann, das scharfe Auge des jüngeren sie nicht übersehen wird. Ich kenne Beide aus früherer Zeit und weiß, daß man sich auf sie verlassen kann, wie die Hand auf den Stahl - doch bitte ich Sie, fragen Sie mich nicht um die näheren Umstände unser früheren Bekanntschaft.«
Der Professor war hoch erfreut über diesen Zuwachs ihrer Kräfte, sah aber mit kläglicher Miene auf seine Beine nieder, die er in Gedanken wohl mit den riesigen Formen des ehemaligen Bärenjägers verglich. Zu seinem großen Trost holte dieser jedoch eines der Maulthiere herbei, die der Engländer bereits am Nachmittag erstanden hatte, sattelte das Thier und hob die kleine Gestalt des Gelehrten ohne jede Anstrengung in den Sattel, in dem sich der Professor auf die Versicherung, daß diese Thiere einen ruhigen und sicheren Gang hätten, weit behaglicher befand, als bei dem Ritt auf dem Steinesel. Im Auftrag des Arztes hatte der Falascha versucht, einige Araber und Eingeborene anzuwerben, um die Gegend zu durchstreifen und nach dem Engländer zu suchen; als diese aber hörten, daß der Inglese an dem alten, verrufenen Gemäuer verschwunden sei, zweifelten sie keinen Augenblick, daß die bösen Geister ihn geholt hätten, und keine noch so hohe
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Belohnung hätte sie vermocht, sich bei Nacht dahin zu wagen.
Dagegen versprach der Scheich den beiden Jägern für die Bewachung ihres Gepäcks zu sorgen, und so machte sich dann die Gesellschaft alsbald auf, die Stadt wieder zu verlassen, was durch gehörige Verwendung der nöthigen Bakschis auch bald gestattet wurde.
Obschon das Morgengrauen nicht mehr fern war, konnte man auf der zweiten Amba oder Terrasse des Gebirges noch eine große Anzahl von Feuern sehen, welche das Lager der Krieger des Negus bezeichneten, und als sie näher kamen, hörten sie den Knall der abgeschossenen Flinten und einzelne Töne des wüsten Jubels, die bewiesen, daß das Gelage noch immer kein Ende genommen. In der That pflegen diese Orgien vom ersten Sternenschein bis zum ersten Sonnenstrahl zu dauern. - -
Die Nacht war unter diesen Breiten lau und mild - von der See her strich der leichte, dem Tagesanbruch vorangehende Windzug; in ziemlicher Einsilbigkeit, ein Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, erreichten sie die Höhe der Terrasse, an deren Felswand sich das alte Gemäuer lehnte. Wäre es Tag und sein Geist wirklich jetzt nicht von der Besorgniß um seinen jungen Freund eingenommen gewesen, so hätte der Professor sicherlich sogleich eine Untersuchung der alten Ruinen und eine Disputation über ihren Ursprung begonnen.
Der Trapper Adlerblick ging mit dem Falascha etwa fünfzig Schritt voran, während Ralph das Maulthier des Professors führte und der Doktor nebenher ging.
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Endlich - sie mochten etwa noch dreihundert Schritt von dem alten Gemäuer entfernt sein, - sahen die Nachfolgenden den Jäger stehen bleiben und die Flinte erheben.
»Was ist - was giebts?« frug ängstlich der Professor - »sieht Dein Freund und Gefährte, vortrefflichster Venator, vielleicht eine Gefahr, die unser unbedeutendes, aber doch für die Wissenschaft noch sehr nöthiges Leben bedroht?«
Der Bärenjäger begnügte sich mit dem Finger nach den Ruinen zu zeigen und einfach das Wort »Hyäne!« auszusprechen.
In dem Augenblick krachte ein Schuß aus der Flinte des Trapper Adlerblick, und unter dem widrigen, kläglichen Knurren und Bellen, das diesen Thieren eigen ist, sah man mehrere der Bestien, wie Schatten über die Fläche, davon rennen, während von der Stelle am Eingang des Gemäuers her ein lauteres Gewinsel bewies, daß der Schuß des Jägers nicht ohne Erfolg geblieben war.
Mit einigen Sprüngen war der Trapper in den Schatten des Gemäners und beugte sich nieder zur Erde, als er plötzlich in die Höhe sprang und mit lauter Stimme schrie: »Mordioux! - zu Hilfe! zu Hilfe! es ist ein Mensch!«


Wir haben Lord Frederik Walpole verlassen, als er, von dem Erscheinen eines kurzen Lichtschimmers in jenen unheimlichen Trümmern überrascht, die Flinte schußfertig
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in der Hand sich der Ruine näherte, um zu ermitteln, was jenes Licht zu bedeuten hatte.
Er that dies mit Vorsicht und leisem Schritt, wie er als geübter Jäger gewöhnt war.
Je näher der Lord jedoch kam, desto weniger konnte er von dem Licht etwas Weiteres bemerken, und glaubte schon, durch irgend eine zufällige Spiegelung des Mondlichts getäuscht worden zu sein, als er dicht an den Trümmern des alten Portals oder Eingangs der unterirdischen Kirche angekommen, jenen Lichtstrahl, jedoch wie aus ziemlicher Entfernung kommend, sich wiederholen sah.
Zugleich schlugen Töne an sein Ohr, wie fernes Lachen, und dazwischen der scharfe Klang von Silberschellen.
Das Interesse oder vielmehr die Neugier Lord Frederik's wurden dadurch um so mehr erregt, als er Nichts von dem Fest oder der Orgie wußte, mit welcher die schlaue Politik des Abuna den Verdacht und die Erbitterung des Negus wieder zu beruhigen suchte.
Der Viscount war übrigens doch zu verständig und kaltblütig, um nicht einzusehen, daß ein weiteres Vordringen in einem wilden, ihm so fremden Lande und bei Nachtzeit sehr gefährlich für ihn werden konnte, namentlich, da er nicht einmal der Sprache dieses Landes mächtig war. Aber die den Engländern eigene, trotzige Gleichgültigkeit gegen persönliche Gefahr und die angeborene Abenteuerlust des jungen Pair ließen ihn dennoch von seinem Unternehmen nicht abstehen. Er zündete vermittelst seines Taschenfeuerzeugs ein kleines Wachskerzchen an, und
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orientirte sich mit Hülfe desselben über den Zugang zur Ruine.
Der Eingang der uralten Kapelle war durch die riesigen Sandsteinquadern, aus denen er vor mehr als tausend Jahren erbaut worden, noch ziemlich wohl erhalten, als aber der Lord über kaum passirbare Trümmer weiter vordrang, gähnte ihm plötzlich ein dunkler Schlund vor den Füßen. Ein vorsichtiges Hinableuchten überzeugte ihn jedoch, daß es nur eine zerstörte breite Treppe war, welche ziemlich flach in die Tiefe führte.
Zugleich hörte er wieder das helle Lachen wie von Frauenstimmen, und als er sein Licht mit der Hand beschattete, sah er deutlich fremden Lichtschein hinter einer Wendung des Gewölbes sich an der gegenüberstehenden Felsenwand brechen.
Der Viscount orientirte sich über die Lage der fehlenden Stufen, löschte sein Licht aus und tappte vorsichtig über die Steinblöcke an der Wand nieder, bis er das Ende der Biegung des Gewölbes erreicht hatte. Hier lehnte er seine Flinte an das Gestein, daß sie im Bereich seiner Hand blieb, und trat einen Schritt vor, um leichter um die sich wendende Ecke des Ganges zu schauen.
Ein eigenthümlicher, trotz der Sittenreinheit seines Charakters ihn fesselnder Anblick bot sich seinen erstaunten Augen.
Vor ihm lief der Treppengang noch eine Strecke mit leichter Neigung in die Tiefe, bis er in ein weites Gewölbe mündete, dessen kuppelartige Höhe und Ausdehnung sich unkenntlich im Dunkel verlor. Der Raum war mit
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ebnen Steinquadern gepflastert, und in der Mitte desselben brannte ein Feuer, dessen oft hoch auflodernde Flamme jedoch nur stark genug war, den nächsten Umkreis zu erleuchten. Um dasselbe her standen, saßen und hockten, in den verschiedensten Stellungen, acht, entweder ganz nackte, oder nur zum Theil bekleidete, junge Mädchen von jener eigenthümlichen hellbraunen, fast gelblichen Farbe, welche die Eingeborenen des unteren Nils auszeichnet.
Auf einem Stein am Feuer saß ein altes, runzelvolles Weib mit verschiedenen Schaalen und Instrumenten um sich her, während weiter zurück, halb im Dunkel, ein alter - bis auf sein Lendentuch unbekleideter - Mohr stand, einen Triangel nebst Stab in den Händen und damit von Zeit zu Zeit einen Takt schlagend, am Gürtel eine aus dünnen Lederstreifen bestehende Peitsche tragend, die er zuweilen statt des Triangels zur Hand nahm und drohend gegen die Mädchen schwang, die seine Geberden und sein faunisches Grinsen bei jeder ihrer sehr ungenirten, oft geradezu obscönen Bewegungen und Stellungen nur mit Gelächter oder noch herausfordernderen Pantomimen erwiderten.
Es war genügend hell, um zu unterscheiden, daß die Mädchen von verschiedenem Alter waren, manche halb noch Kinder in ihren schlanken, zarten Formen, andere von größerer, kräftigerer Gestalt, zum Theil schon mit allen Zeichen verblühter, weiblicher Reize, die sie durch die geschickte Hand der alten Hexe eben im Begriff waren, möglichst auffrischen zu lassen.
Einige der jungen Mädchen waren nach orientalischen
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Begriffen schön zu nennen. Die zarte Farbe ihrer Haut ließ ein leises Roth durchblicken, die braunen Mandelaugen in ihrem eigenthümlichen Schnitt, überwölbt von schmalen, scharfgezogenen Brauen, blickten bald feurig, bald sanft wie die der Gazelle, bald waren sie halb verschleiert von den langen bis auf den Wangen ruhenden Wimpern, - der volle, leicht geöffnete Mund zeigte die Zähne gleich einer Reihe schwarzer Perlen zwischen den rothen Lippen, und in langen Strähnen floß das blauschwarze Haar um Schultern und Arme, oder über den zierlichsten Busen, der noch nicht jene Unform angenommen, die im späteren Alter häufig die Frauen der heißen Länder zeigen. Behend, wie die Bewegungen der Antilope, waren die Biegungen der geschmeidigen Glieder in ihrer sammetartigen Haut, auf welcher die Lichter des Feuers die Goldreflexe der Bronce warfen, wenn die Eine sich neigte, die Sandale an das sonst unbekleidete Bein zu schnüren, oder die Andere in übermüthiger Laune die schlanken Arme in die Höhe schlug, und Brust und Leib in schwanengleicher Beugung dem vollen Schein der Flamme entgegenwarf. Eine Dritte stand eben vor dem alten Weibe und ließ sich den jeder, auch der geringsten Hülle entbehrenden Körper von ihr mit wohlriechendem Oel salben, während daneben zwei andere Mädchen kauerten, beschäftigt, sich in die langen, dunklen Zöpfe weiße Perlenschnüre und blitzende Goldmünzen einzuflechten.
Zwei Aeltere, üppige Gestalten, aber mit sehr verlebten Zügen und schwammigen Formen, schminkten sich in orientalischer Weise mit jener feinen rothen Farbe, welche
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in die Poren der Wangen eingerieben wird und monatelang hält; sie färbten die Nägel mit Hennah und zogen unter die Wimper des unteren Lides jenen feinen schwarzen Strich, welcher dem Auge der Orientalinnen ein so wunderbares Feuer giebt. Das letzte der Mädchen hatte eines jener orientalischen Tambourins aufgerafft, die an einem Stiel befestigt sind und in der Hand geschwungen werden, und tanzte eben bald in wilden bacchantischen Sprüngen um das Feuer, bald bog sie, auf einem Fleck stehend, den schlanken Leib in Schlangenwindungen hin und her. Sie war die einzige, deren Leib bereits ein volles Kostüm bedeckte, und trug gelbseidene weite Beinkleider, die um die zierlichen Knöchel sich eng zusammen zogen, während sie um die Hüfte unter dem offenen, den braunen Busen zeigenden Battisthemd von einem rothen Seidenshawl festgehalten wurden. Eine dunkle, kurze ärmellose Jacke mit Goldtressen besetzt, umgab den Oberkörper und ließ den von goldenen Reifen über dem Ellbogen und am Handgelenk umgebenen Armen vollen Spielraum. Ein niedriger zusammengerollter rother Feß bedeckte den Wirbel und ließ eine Unzahl von banddurchflochtenen Zöpfen, Ketten- und Perlenschnüren auf Hals, Schultern und Nacken herabhängen.
Der junge Engländer war nur wenige Augenblicke im Zweifel, welcher Art die Scene war, die er hier vor sich sah. Er erinnerte sich, früher gelesen zu haben, daß der Vorgänger Saïd Pascha's, des gegenwärtigen Vicekönigs, Abbas-Pascha, die berüchtigten egyptischen Tänzerinnen von Cairo verbannt und an den oberen Nil nach Assua
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verwiesen hatte. Eine Bande dieser Almen mußte es sein, die zufällig hierher gekommen, wenn sie nicht etwa zum Gefolge des Negus gehörten.
So sittenstreng, im Gegensatz von seinem Vetter, dem Grafen von Lerida, der junge Viscount auch war, so konnte die Wirkung dieses Auftritts auf sein Blut doch nicht ausbleiben, umsomehr, als sein britischer Hochmuth gewöhnt war, die farbigen Frauen nicht als gleichberechtigte Trägerinnen der weiblichen Reize und geeignet, anzusehen, die Gefühle eines Europäers zu fesseln. Er betrachtete das Schauspiel, dessen geheimer Zeuge er geworden, eben als eine jener Merkwürdigkeiten und Abenteuer, die einem Reisenden zustoßen und ihm zur Kenntniß der Länder und Sitten willkommen sind, und in dieser stolzen Annahme dachte er nicht daran, sich der Scene zu entziehen und die Ruinen zu verlassen.
Jetzt, vielleicht durch irgend eine Fopperei der Mädchen erbittert oder durch einen Zuruf der Alten dazu aufgefordert, ließ der Mohr seinen Triangel fallen, schwang die Peitsche und schrie der Tänzerin eine Drohung zu.
Der kreischende Ton dieser Stimme überzeugte den lauschenden Briten sogleich, daß der schwarze Tugendwächter der lockeren Gesellschaft eines jener unglücklichen, verstümmelten Geschöpfe war, welche die orientalische Eifersucht schon im Kindesalter der künftigen Freuden der Liebe beraubt und dazu präparirt, den Bewohnerinnen der Harems niemals anders als durch ihre Tücke und Bosheit gefährlich zu werden.
Die Tänzerin blieb auf der Stelle stehen und machte
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keinen Versuch, sich dem angedrohten Schlage durch die Flucht zu entziehen. Sie antwortete vielmehr mit einer energischen Geberde, ihre Augen funkelten und ihre kleine Hand ballte sich drohend dem Schwarzen entgegen.
Als dies die anderen Mädchen sahen, brachen sie in ein lautes Gelächter aus und klatschten in die Hände. Der Schwarze schien in der That nicht zu wissen, ob er den Schlag führen solle, was die mit einer Fluth von Schimpfworten aufspringende alte Megäre zu fordern schien, als die Scene durch einen sehr unerwarteten Zwischenfall plötzlich geändert wurde.
Es war in der That ein Fall!
Der Lord hatte unwillkürlich Interesse genommen an dem kleinen Auftritt und war, um besser zu beobachten, einen Schritte vorgetreten. Aber er hatte nicht bemerkt, daß hier eine Stufe fehlte, und indem er dadurch fehltrat, stolperte und stürzte, rollte er die Treppe vollends hinunter und bis dicht zu dem Feuer und den Füßen der Tänzerinnen.
Ein allgemeines Aufkreischen und ein Auseinanderstieben der lockeren Gesellschaft erfolgte - dann aber, als sie sich überzeugt hatte, daß der so unerwartet vom Himmel oder vielmehr aus der Oberwelt Gefallene ein hübscher, junger, weißer Mann war, erscholl ein lautes Freudengeschrei, und bevor noch Lord Frederik recht zu sich selbst kommen und sich aufraffen konnte, hatte sich die wilde Schaar auf ihn geworfen und - indem er sich anfangs schämte, sich gegen die halbnackten Frauenzimmer zu vertheidigen, - ihm mit ihren Haarbändern und Gürteln
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Hände und Füße gefesselt, so daß er, ein hilfloser Mann jetzt, mit dem Rücken an den Stein, den früher die Alte eingenommen, gelehnt am Feuer saß, und in der That nicht recht wußte, ob er sich auslachen, sich ärgern, oder eine Gefahr befürchten sollte.
Im Nu waren die Taschen des Lords von den jungen Bacchantinnen geplündert, und er sah sich seiner Uhr, seiner Börse und verschiedener Kleinigkeiten beraubt, die er bei sich führte, und welche die Mädchen, ohne im Geringsten Schaam zu zeigen über ihr mehr als adamitisches Kostüm, am Licht des Feuers betrachteten und sich aus den Händen rissen.
Vergeblich versuchte der junge Engländer sich verständlich zu machen - das arabische Geschnatter der Weiber als Antwort betäubte ihn fast, und nur die Tänzerin, um derenwillen er eigentlich den Unfall erlitten, redete einige Worte in der lingua franca zu ihm, die er wenigstens zum Theil zu verstehen glaubte.
Uebrigens schien die eigenthümliche Gesellschaft, in die er so unerwartet gekommen, keineswegs ihm Böses zufügen zu wollen, als daß sie sich seiner Person versichert hielt.
Es schien eine sehr angelegentliche Berathung zwischen den Ghawazzis stattzufinden, bei der übrigens die Tänzerin einen großen Einfluß ausübte. Auf einige Worte von ihr an die Alte begannen die Mädchen ihren Putz zu vollenden, und es fiel dem Viscount auf, daß die beiden jüngsten ganz andere Gewänder erhielten als ihre Gefährtinnen, und zwar lange weiße, vom Halse bis zu den Füßen reichende Kleider, in die sie sich hüllen mußten.
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Dazu erhielten sie vergoldete Palmenzweige, die der Mohr herbeitrug.
Endlich setzte sich die Tänzerin an seine Seite und begann mit ihm zu reden. Es gelang ihm, mit ihr folgendes Gespräch zu führen.
»Wer bist Du?«
»Ein Engländer!«
»Ich habe Inglese gesehen, als ich in Masu11 tanzte. Sie haben rothe Röcke und rothe Haare. Wir wissen, wer Du bist.«
Der Lord mußte unwillkürlich lachen. »Wenn dies das Kennzeichen eines Inglese ist - dann ist es schlimm für mich. Wer sollte ich denn sein?«
»Du bist der Engel Gabriel!«
»Was?«
»Der Engel Gabriel, den der Abuna uns verheißen hat.«
»Zum Henker - ich kenne den Kerl nicht! wer ist das, der Abuna?«
»Verstelle Dich nicht - es ist der Patriarch von Habesch. Er hat uns gestattet, vor dem Negus zu tanzen!«
»Meinetwegen, ich habe Nichts dawider. Aber, daß ich deshalb ein Erzengel sein soll, das ist etwas stark.«
»Hamed hat Deine goldenen Flügel und Dein Gewand dort hinter dem Stein liegen. Wenn es Zeit ist, will ich Dir helfen, es anzulegen!«
»Abgeschmackt! ich sage Dir, Ihr werdet mich doch
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nicht zwingen wollen, in irgend einer Mummerei, die Ihr, wie mir scheint, vorhabt, die abgeschmackte Rolle eines Erzengels zu spielen. Warum habt Ihr mich gebunden?«
»Du sollst bei uns bleiben. Die Almen sind Deine Freundinnen, schöner Fremdling.«
»Goddam - macht ein Ende mit der Narrheit, oder es könnte Euch Unannehmlichkeiten bereiten. Ihr habt kein Recht, mich gefangen zu halten.«
»Willst Du freiwillig bei Zulma bleiben, so bindet sie Dich los!«
»Wer ist das, Zulma? Die alte Hexe dort?«
»Es ist die Freundin, die mit Dir spricht. Ich bin die Tänzerin Herodias!«
Der Lord lachte, das Abenteuer kam ihm jetzt komisch vor, und er dachte daran, was sein alter Lehrer und Freund sagen würde, wenn dieser an seiner Stelle wäre in dem Kreise dieser braunen Bacchantinnen. Nur wollte er nicht länger in der Situation bleiben, in der er sich befand, seines Willens beraubt, und er machte eine gewaltsame Anstrengung, die Bänder um seine Arme zu zerreißen.
Die Ghawazzi12 lachte. »Du mühst Dich vergeblich, es sind Bänder von Kameelhaar. Nicht die Kraft von zehn Hamals würde sie zerreißen.«
Der Viscount schämte sich, um Beistand zu rufen, um nicht in der Gefangenschaft der Frauenzimmer lächerlich zu erscheinen. Er sagte deshalb:
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»Binde mich los, schöne Zulma, und Ihr mögt dafür meine Uhr und Börse behalten.«
»Nur wenn Du versprichst, bei uns zu bleiben, schöner Effendi.«
»Gut - ich verspreche es! - auf mein Wort!«
Die Alme kniete sogleich neben ihm nieder, während sie dem alten Weibe und ihren Gefährtinnen einige Worte zurief, und beeilte sich, seine Bande aufzulösen.
Halb unwillig, halb lachend sprang der junge Engländer empor, dehnte seine Arme und wollte auf den Ausgang des Gewölbes zu gehen, aber ein vorwurfsvoller Blick der Tänzerin hielt ihn zurück.
»Du hast versprochen, zu bleiben, Effendi,« sagte das Mädchen. »Wenn Du gehst, haben wir keinen Gabriel. Der Prophet würde uns keinen anderen senden.«
Die schönen Augen der Tänzerin, obschon diese in der That von wunderbarem Ausdruck waren, das Mädchen überhaupt das hübscheste und hervorragendste der Ghawazzis war, hätten ihn doch schwerlich vermocht, zu verweilen, wenn er sich nicht erinnert hätte, daß er so eben noch sein Wort gegeben hatte, zu bleiben.
»By Jove, schöne Zulma,« sagte er - »ich will Dir mein Versprechen halten und noch einige Zeit bei Euch verweilen, nur bleibt mir mit dem Engel Gabriel und seinen Flügeln vom Leibe. Meine Freunde werden wohl die Güte haben, etwas zu warten.«
Auf einen Wink der Tänzerin brachte der Mohr einen alten Teppich herbei und breitete ihn neben dem Feuer aus, und der Lord ließ sich auf die einladende Geberde
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der Alme darauf nieder. Eine andere Ghawazzi brachte sogleich ein Nargileh herbei und stellte es in der gehörigen Entfernung nieder, während eine dritte mit einer kleinen silbernen Zange eine Kohle aus dem Feuer nahm und sie auf den Taback legte.
Zulma oder Herodias nahm das Bernsteinmundstück des seidenen, silberdurchwirkten Schlauchs zwischen ihre rothen Lippen, that einige Züge und steckte es dann dem Engländer in den Mund, der genugsam von den orientalischen Sitten gehört hatte, um diese Höflichkeit zu würdigen.
Zugleich hatten zwei der Ghawazzis in der bekannten trefflichen Weise des Orients an dem Feuer Kaffee bereitet, und kredenzten denselben ihrem Gast in kleinem Schaalen, die in Näpfen von wunderbarer Filigran-Arbeit standen.
Lord Frederik hatte beschlossen, sich für einige Zeit in Alles zu ergeben und das seltsame Abenteuer zu verfolgen, um dann desto mehr das Recht zu haben, es nach seinem Willen zu beenden. So nahm er denn den Kaffee aus den Händen der Alme und genoß den duftigen Trank in den Pausen des Rauchens und der Unterhaltung, die er, so gut es ging, mit der schönen Anführerin der Ghawazzi's fortführte.
»Wie nennt man Dich in Deinem Lande, schöner Effendi.[?]«
»Frederik, schöne Zulma!«
Sie versuchte vergebens, den Namen nachzusprechen. »Das Mahl des Negus Negassi,« sagte sie, »hat erst
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begonnen und wir haben noch lange Zeit, ehe der Abuna uns rufen läßt. Sollen die Almen Dir tanzen, Effendi, oder ihre Lieder singen?«
Lord Walpole erinnerte sich, was er von den üppigen Tänzen der egyptischen Almen gehört, und der Scene, der er noch so eben beigewohnt hatte, und obschon ein eigenthümlicher, aufregender, wonniger Schauer durch seine Adern zu ziehen begann und sein Gehirn sich mit üppigen Phantasieen füllte, hatte er doch Kraft genug, der Lockung zu widerstehen und die Tänzerin zu bitten, ihm eine Probe ihres Gesanges zu geben.
Die Ghawazzi tauschte hinter dem Rücken des Engländers einen Wink mit der Alten und ihren Gefährtinnen; eines der Mädchen füllte sofort den Kopf des Nargileh mit frischem Taback, eine zweite legte die Kohle auf und zwei andere holten zwei lautenähnliche Instrumente mit langem Halse und rundem Bauch, mit drei Seiten bespannt, herbei, und stellten sich einige Schritte dem Engländer gegenüber, an dessen Seite die erste Alme saß.
Auf ihren Wink begannen die beiden Mädchen eine jener monotonen einschläfernden Melodieen zu singen und eben so eintönig auf der Cither zu begleiten, welche die Orientalen für Gesang ausgeben.
Ein süßlicher, eigenthümlicher Duft hatte sich von dem Nargileh aus verbreitet und durchzog immer stärker das Gewölbe, das, wie Lord Frederik bei der näheren Betrachtung erkannt hatte, ganz in den Felsen eingehauen war und auf starken, ausgemeißelten Seitenpfeilern ruhte. Es war unzweifelhaft der ursprüngliche Kapellenraum, als
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das Christenthum vor den Verfolgungen der Heiden mit seinem Cultus noch in die Tiefe der Erde flüchtete. Das Ende dieses Raumes verlor sich in dem herrschenden Dunkels so daß der Lord nicht bemerken konnte, ob er etwa noch einen zweiten Ausgang habe, oder woher er Luft und Licht bekam, denn das Gewölbe war trocken und kühl.
Vergebens kämpfte übrigens der Viscount gegen den lethargischen, doch angenehm die Sinne betäubenden und zugleich wieder aufregenden Zustand, der sich seiner bemeisterte. Er fühlte, daß er die Herrschaft über seine Glieder verlor, ohne doch die Kraft und den Willen zu haben, sich aus dieser Unthätigkeit herauszureißen - sein verglasendes Auge sah nicht mehr körperlich die Gegenstünde und Personen seiner Umgebung, aber seine Phantasie bevölkerte diese mit den eben erlebten, üppigen Bildern der Ghawazzi's und anderen Gestalten; wonnige Schauer durchbebten seine Adern und Gedanken, Wünsche und Empfindungen, wie er sie im wachen Zustande mit Entrüstung unterdrückt und von sich gewiesen haben würde, durchflutheten seine Seele.
Das Mundstück des Nargileh entsank seinen Lippen, die Züge seines männlich schönen Gesichts zeigten eine gewisse Erschlaffung der Muskeln, und sein Kopf sank langsam an den Busen der Tänzerin, die ihn in ihren Armen hielt.
Sie ließ ihn sanft auf den Teppich niedergleiten, erhob sich und schlug frohlockend die Hände aneinander, indem sie den schönen Schläfer betrachtete.
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»Wir haben ihn, Schwester,« sagte sie jubelnd - »in einer Stunde wird er zu seiner und unserer Lust sich erheben. Laßt uns vorher ihn entkleiden und bringt die Gewänder des Engel Gabriel!« - - -
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Nur ein Traum ist dieses Leben,
Und das Träumen selbst - ein Traum!

(Bruchstücke aus Briefen und Tagebüchern.)


Max von Waldenfels an den Lieutenant
Otto von Cronenberg.
                       Gaëta, den 26. Januar 1861.
Die alte Camburg, das Stammschloß Deiner Väter, liegt ja wohl im schönen Land Tyrol, wenigstens erinnere ich mich, daß Du mir einst von jenem Felsplateau, an dem sich die Straße des Ober-Innthales beim sangesreichen Imst vorüberzieht, - dem unbeschreiblich wunderbaren Punkt, der stets mein Lieblingsplatz war bei unseren Ausflügen - die alte graue Steinmasse in weiter Ferne zeigtest, wo sich das Thal nach Landek hinein engt. Wie träumten wir dann, die Gletscherwände des Oetzthals zur Rechten, die wunderbare Felsenwand des Thürgant vor uns, von jenen Tagen, als Herzog Friedel lieber Land und Leute ließ, ehe er die Treue brach, als der ritterliche Habsburger die schöne Bürgertochter von Augsburg auf Ambras barg, oder der Engel den kaiserlichen Waidmann von den Klüften der Martinswand niederführte zu seinen
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Getreuen. Ja Treue und Glauben an das Hohe und Ideale, das war es, was wir uns gelobten im stürmischen Jünglingherzen für das künftige Leben, und was stets ein Heiligthum war der Söhne unserer Berge von den Männern, die um Thassilo fielen, bis zum Tode des Sandwirths auf den Wällen von Mantua, und Treue wollen wir halten bis zum letzten Hauch der Sache und der Person, denen wir unser Leben geweiht.
Wie träumten wir doch als Knaben von der Wiederkehr ritterlicher Zeit - wie sahen wir im Geist die mächtigen Reiter im schwarzen Eisenharnisch einsprengen in die Schranken zum Gottesgericht für Unschuld und Recht, - wie blitzten die Schwerter und klangen die Schilder im Kampf für die Damen unseres Herzens, - wie bliesen die Trompeten den Sieg und legte die Herrliche den Lorbeerzweig auf die Todeswunde, die für sie empfangen ward! - Träume! - was ist das Leben? ein Traum - was ist die Treue? ein Eigensinn für einen Schatten! was ist alle Begeisterung? - ein Rausch mit nüchternem Erwachen.
Und diese Gedanken, diese mißmüthigen Verzichte auf Glück und Ideal - diese Träumereien von dem Traume unserer Jugend - sind es die drückenden Gewölbe der Kasematte, ist es der neblige, widrige Dunst der Lampe, die mir leuchtet zum Schreiben, ist es das harte Wundlager, auf dem Toni, der brave Schütz, mich aufgerichtet? - ist es der Donner des schweren Geschützes, das Krachen und Wühlen der eisernen Boten, welche der feige Cialdini aus sicherer Ferne niedersendet auf die Felsenwände
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des letzten Horts des Königthums? Ist es all' der Schmerz der Wunde, das Leid, die Verzweiflung, die Noth, die ich um mich sehe und mit den Händen greife, die meine Stimmung und Deinen Freund fast zum Feigling macht, zum verzagten Aufgeber alles Dessen, was ihm hoch und theuer war? Machen zufällige Umstände, getäuschte Hoffnungen, Krankheit und Entbehrung den Mann zu dem, was er ist? O, über den elenden Körper, der auf die Seele drückt; o, über den jämmerlichen Muth, der des blauen Himmels und ihres Blickes im goldenen Sonnenschein bedarf, um seine Ideale festzuhalten, um die Treue zu üben, die er gelobt!
Ist es Dir nie passirt, daß Dir eine Melodie - vielleicht die einfachste, gewöhnlichste, an die Du Jahre nicht gedacht - plötzlich in den Sinn kommt und Dich wie mit Klammern umpackt, daß Du sie gar nicht los werden kannst, daß sie mit Dir geht und steht, daß sie Dir durch alle fremden Eindrücke hindurch klingt, mit Dir sich zum Schlaf legt und mit Dir aufsteht - bis sie plötzlich eben so rasch verschwindet, wie sie gekommen?!
So ist es auch mit den Gedanken. So kommt uns ein Gedanke, ein Vers, ein Spruch und heftet sich an unsere Seele und erfüllt sie. Kommen überhaupt die Gedanken aus uns, oder kommen sie uns von Außen? Ich erinnere mich, daß mir das Fehlen eines Wortes in Tell's Monolog vor der That einmal das Leben rettete. Der Sturm brauste durch die Felsen und rüttelte die mächtigen Tannen in ihre Wurzeln, als ich in den Mantel gehüllt den engen Pfad der Klam emporstieg, was ich so
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gern that, wenn der Nordsturm herüberheulte in unsere Berge und die Wellen des Sees an die Ufer schlugen. Was war es, das mir damals den langvergessenen Monolog in die Gedanken trieb und mich ihn citiren ließ? - Und warum fehlte mir gerade das Wort, daß ich stehen blieb und dachte: wie heißt es doch? Da krachte und dröhnte es über mir und der Felsblock, den die Wurzeln des brechenden Tannenstammes gelöst, krachte vor mir nieder auf den Weg, gerade auf die Stelle, die mein Fuß erreicht hätte, wenn ich nicht eben stehen geblieben wäre. Wie kam mir gerade der Gedanke - Zufall? - Bestimmung? Habe ich wirklich noch eine Bestimmung, und ist sie nicht gesühnt mit dem Mordstoß des böhmischen Buben dort drüben in Santa Agatha, von dem auf's Neue die Feuerschlünde donnern das Sterbelied des legitimen Königthums?!
»Nur ein Traum ist dieses Leben - und das Träumen selbst ein Traum!« Was hängen mir diese melancholischen Verse des großen spanischen Dichters wie Klammern in der Seele - habe ich wirklich nur geträumt? War es ein Traum, als wir an den Ufern des lieblichen Bergsees spielten, ich - Du - die Schwester und sie - sie - war es ein Traum, jener Abend im Hochwald, sie auf dem weißen ungarischen Roß, dem Geschenk der Kaiserin, um uns der rothe Schein der sinkenden Sonne auf dem herbstlichen Blätterwerk der Eichen und Buchen und dem prächtigen Bau der fernen Benediktenwand - von den Klosterkirchen des Ammergaus trugen warme Lüfte die fernen Glockenklänge des Abendsegens - durch
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das Moos raschelte die schlanke Gestalt der Eidechse und in dem Laub sangen die Vögel ihr Nachtlied. Drüben aber über Schloß Berg stieg langsam die weiße Sichel des Mondes - - war es ein Traum, wie unsere Pferde damals die schlanken Hälse so dicht aneinander legten und sie die Hand mit dem silbergrauen Reithandschuh auf meinen Arm und ihre Stimme flüsterte: Freund - bald wird dies Alles uns ein Traum sein; - wenn unter der Schnee- und Eishülle dieser Berge sich wieder das Leben regt - wird es Winter bei uns, dann werden wir scheiden! »Und das Träumen selbst - ein Traum!«
Es ruht ein Handschuh auf meiner Brust, silbergrau wie jener, der mir das Ende des Traumes kündete, und wiederum glaube ich nur geträumt zu haben einen schönen Traum. Was sind Wunden und Tod - was sind Schmerzen und Leiden, wenn die Engel im Traume an unsere Seite treten und zeigen: dort Oben!
Auch die Menschen, die wir lieben, sind nur ein Traum - sie schwinden flüchtig wie dieser und wir können sie nicht zwingen und halten die bunten wechselnden Gestalten, sie kommen und gehen ohne unseren Willen. Alle Vergangenheit ist ein Traum, und alle Zukunft ist Träumen!
Für welche Wirklichkeit ist der brave Soldat dort drüben an der anderen Wand, dem gestern die Granate den Fuß wegriß, und dessen starre Züge jetzt der graue Mantel deckt, gestorben? War es nicht auch ein Traum, für den er die schöne Heimath an der Loire verließ? Was ist der Glaube, was ist das Ideal anders als ein Traum
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- aller Glaube ist Träumen, alles Fühlen ist Träumen - es ist Nichts wirklich unter den Sternen bis wir erwachen!
Eben kommen die Kameraden, die seinen verstümmelten Leib in das Felsengrab legen wollen, das sie Allen gegraben, die gestern und heute den Traum des Lebens ausgeträumt, - und es sind ihrer Viele, die das letzte Bombardement gefordert hat.
Mein treuer Toni! - ja die Liebe mag ein Traum sein, wie das ganze Leben - aber es giebt Etwas, das über das Leben hinausreicht und über alle Liebe, das ist die Treue und die Treue ist kein Traum, das bekunden die blutgetränkten Felsen der Meerburg Gaëta!
»Sei getreu bis in den Tod, und ich will Dir die Krone des Lebens geben!« sagt der Apostel, und diese Krone wird kein Traum sein, denn sie ist verheißen nach dem Erwachen.
Sei getreu bis in den Tod! - kennt Ihr mich so wenig, Du und Josepha, daß Ihr mir schreiben dürft, die Hoffnung, diese letzte Burg des Königthums zu halten gegen den Verrath sei ein thörichter Traum, und ich möge den nächsten Dampfer benutzen, ehe es zu spät sei, mich nach Terracina bringen zu lassen, um in der Heimath Genesung zu finden! - Pfui über die Verräther, die schaarenweise jenen Dampfer füllen und die sinkende Fahne verlassen! - kann ich mit der wunden Brust nicht kämpfen mehr für den Traum unserer Jugend - auf diesem Felsen kann ich wenigstens sterben dafür in unverbrüchlicher Treue - und Treue, sie ist kein Traum!
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Aus dem Rundschreiben des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten Graf Casella an die europäischen Höfe.
                       Gaëta, den 18. Januar 1861.
»...Von morgen an bleibt der Hafen von Gaëta blokirt und der Weg steht den Angriffen des Platzes von der Seeseite offen. Von morgen ab werden die eigenen Schiffe Sr. Majestät, durch die infamsten Verräthereien dem König von Piemont überliefert, ihre Bomben auf hierher geflüchtete wehrlose Familien, auf den rechtmäßigen König und auf die Königin der beiden Sicilien werfen.
Man vermag nicht zu glauben, daß Europa bei einem Schauspiel länger unthätig bleiben könne, welches ein von allen Mächten anerkannter König darbietet, der seiner Staaten durch den ungerechten Angriff beraubt wurde, und nun allen Schrecknissen eines langen Bombardements preisgegeben ist, und zwar wegen keines anderen Verbrechens, als wegen des Muthes, welchen er besitzt, den letzten Wall der Monarchie gegen eine niederträchtige Invasion tapfer zu vertheidigen. Die Souveraine und die Völker werden zuletzt begreifen, daß man in Gaëta etwas mehr als die Krone einer alten Dynastie vertheidigt; man vertheidigt die Verträge, kraft deren alle Souveraine regieren, das öffentliche Recht, auf dessen Stärke die Sache und die Unabhängigkeit der Völker ruhen ...
... Das Gesetz und das öffentliche Gewissen, das moralische Gefühl aller redlichen Herzen werden sich in dieser entscheidenden Lage für den König
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erklären. Und wenn Europa Se. Majestät aufgiebt, so giebt Sr. Majestät doch sicher nicht auf seine Souveränitätspflicht wird der König bis zum Ende erfüllen ...«
                       Gegeben in den Gewässern von
                       Gaëta, 20. Januar 1861.
»In Anbetracht, daß die regelmäßige Belagerung von der Landseite durch die königlichen Truppen Se. Majestät vor Gaëta bereits angehoben ist; in Betracht &c. &c. wird von mir, dem unterzeichneten Vice-Admiral, Oberkommandant der vor Gaëta liegenden Seemacht Sr. Majestät Victor Emanuels, im Einverständniß mit Sr. Excellenz, dem General Cialdini, Oberkommandanten des Belagerungs-Corps, mit Gegenwärtigem, im Namen meiner Regierung erklärt und allen Jenen, die es angehen kann, kund und zu wissen gethan: daß ich die effective Blokade des Platzes von Gaëta und seines Strandgebietes von Torre Sant Agostino einerseits bis Mola andererseits in der Absicht aufgestellt habe, um den Belagerten jegliche Zufuhr abzuschneiden ...«
                       Der Vice-Admiral Persano.
Aus dem Tagebuch des Lieutenant Baron Ch...
                       Gaëta, den 20. Januar 1861.
»Gestern Abend mit der schwindenden Sonne ist die französische Flotte davongesegelt - die selbstsüchtige Politik des Bonaparte hat die Königsburg ihren Vortheilen
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geopfert und das Schicksal des königlichen Paares ist entschieden, denn auch die spanische Escadre ist den Franzosen gefolgt.
Ich sprach heute den spanischem Gesandten Don Bermudez de Castro, der treu mit dem bayerschen bei dem königlichen Paare ausgehalten und so eben die anmaßende von einem Dampfer unter Parlamentairflagge überbrachte Notification der Blokade als dem Völker- - wie dem Seerecht widersprechend zurückgewiesen hatte. Er zuckte traurig die Achseln, als ich ihn um die Ursach' dieser plötzlichen Abberufung fragte: »Ich weiß es selbst nicht zu deuten - man spricht von einer neuen Erhebung der Carlisten unter'm Schutz der Kurie. In der That, ich bin selbst überrascht.«
O gewiß, diese englische Perfidie und diese napoleonische Falschheit - über kurz oder lang werden sie ihren Lohn in der Geschichte finden!
Es ist jetzt bekannt, daß der König den Vorschlag, mit General Bosco sich in die Abruzzen zu werfen und Gaëta's Vertheidigung den Generalen Marulli und Latour zu überlassen, zurückgewiesen hat, um nicht die Getreuen, die hier bei ihm ausgehalten, zu verlassen. Ein Gutes haben wenigstens die dringenden Bitten seiner Umgebung gehabt, das königliche Paar hat seine bisherige von den Kugeln der piemontesischen Batterien durchlöcherte und zerstörte Wohnung verlassen und ist in die überwölbten, aber düsteren und engen Räume der Batterie della Granguardia übersiedelt. Ich war heute Mittag in diesen - königlichen Gemächern! - Zwei von Bretterverschlägen
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gebildete Kammern, so eng, daß kaum für Bett, Stuhl und Tisch darin Raum ist, die kalten Steinfliesen des Fußbodens mit einer halbzerrissenen Strohmatte bedeckt.13 Unwillkürlich erinnert man sich beim Anblick dieses Zimmers der jungen Königin an jene Zelle der Conciergerie, die vor siebenzig Jahren Marie Antoinette bewohnte! Was können wir klagen um unser Bivouak in den Gewölben der Batterie della Regina, wenn die Königin selbst so jammervoll wohnt!
Als ich von dort kam, begegnete ich auf der Straße dem jungen deutschen Offizier des zweiten Fremden-Bataillons, der bei dem Ueberfall der Villa Albano einen Messerstich in die Brust erhielt von einem seiner eigenen Soldaten. Saint Bris erzählte, daß der König auf die Bitte des Verwundeten den elenden Verbrecher begnadigt habe und sich begnügte, ihn aus der Festung jagen zu lassen - eine unglückliche Milde, wie sie der königlichen Sache schon so viel Nachtheil gebracht hat! Es war Sonnenschein und der arme Kranke schlich, auf den Arm eines Jägers gestützt, am Strande in der Nähe der Batterie. Zum Glück hat das Messer des Buben nicht die Lebensadern durchschnitten und ist an den Rippen hingeglitten, und nur der starke Blutverlust hatte ihn an den Rand des Grabes gebracht. Es war in jener Nacht, von der Saint Bris und Chesnaye so wunderbare
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Abenteuer erzählen. Niemand kennt den deutschen Offizier genauer, aber er soll ein Cavalier aus der Heimath der Königin sein und diese sich besonders für seine Herstellung interessiren. - -
Eben hat ein Kriegsrath stattgefunden, der Vicomte von Puyferrat, unser ewig lustiger Quartiermeister, wie er es früher im Kürassier-Regiment der kaiserlichen Garde war, verlangt, daß wir unsere letzte Flasche Wein opfern zu Ehren des Entschlusses, von unserer Seite selbst das Feuer zu beginnen. Die Befehle sind für übermorgen gegeben.
Soll ich eine Beschreibung geben von dem Zustande der Stadt, wie er schon jetzt ist? Die Straßen von tiefen Furchen durch die Vollkugeln zerrissen, an vielen Stellen wie geackert; kaum vermögen die dazu kommandirten Jäger sie wieder nothdürftig passirbar zu machen. Die Kirchen ohne Kuppeln, wie enthauptet, - Mauern, als wären sie mit Absicht crenelirt; viele Gebäude so durchschossen, daß man durch sämtliche Wände hindurch die Flugbahn der Kugeln verfolgen kann! An der porta di terra die Gebäude wie Filigranarbeit durchlöchert, jeden Augenblick den Zusammensturz drohend - wo man hin sieht, auf Tritt und Schritt Massen von Kugeln jeder Art! Selbst die Zinnen des Orlando-Thurmes sind zerrissen! In den Straßen irren halb verhungerte Pferde und Maulthiere, oder liegen die Kadaver der von den Kugeln zerrissenen und müssen in's Meer geschleift werden!
Gegen Abend hat die piemontesische Flotte sich vor den Hafen gelegt, das Linienschiff Re Galantuomo, 4
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Schrauben- und 3 Räderfregatten, 3 Korvetten und 6 Kanonenboote. Auf der »Marie Adelaide« weht die Flagge Persano's. Sie schließen einen Halbkreis von 2\frac12 Stunden Ausdehnung um die Stadt. Es wird einen tollen Lärmen geben, wenn sie ihre Breitseiten eröffnen, aber unsere kalabrischen Matrosen, die wackeren Burschen, lachen dazu.
Der König will vor der Eröffnung des Feuers zu morgen noch eine Musterung der Garnison halten - er will den Freiwilligen anheimstellen, ob sie gehen oder bleiben wollen! Die Feigen, die uns verlassen, mögen die gemietheten marseiller Dampfer benutzen, die auf ihrer letzten Fahrt morgen 600 Frauen und 800 Kranke nach Terracina bringen sollen. Die Dampfer dürfen nicht wiederkehren, obschon der Hunger bald unser Koch sein wird - Admiral Persano hält die Sperre und das humane Europa sieht ihr zu!
                       Gaëta, den 23. Januar 1861.
»Allmächtiger Gott, welchen furchtbaren Tag hast Du mich glücklich durchleben lassen! - Ich bin kein Kopfhänger und sonderlicher Kirchengänger, aber wer diesen Höllentag und diese Höllennacht bestanden, der hat erkennen lernen, daß jedes Haar auf unserem Haupte gezählt ist und in Seiner Hand Tod und Leben liegt.
Ich weiß jetzt, warum die Wiedereröffnung des Feuers um 24 Stunden verschoben wurde. Man erwartete in der Nacht zum Montag noch ein marseiller Schiff, den »Sphinx«, mit Mehl und Gußeisen beladen, und es ist
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dem wackeren Dampfer glücklich gelungen, die piemontesische Sperre zu durchbrechen. Um seine Ladung zu löschen mußte der Wechsel der eisernen Boten verschoben werden.
Die Morgensonne des 22. Januar tauchte klar aus dem blauen tyrrhenischen Meer - keine Wolke am Himmel - ruhig schlug der kurze Schwall der Wogen an die felsige Küste.
Alles Ruhe, Alles Frieden in der erhaben schönen Natur.
Nur die Menschen standen zum Kampf, zur Zerstörung bereit, Jeder von uns an seinem Posten.
Mochte es der gelegene Platz sein, den meine Pflicht mir anwies, und von dem man weit hinaus schaute auf den Spiegel des Meeres und auf die mit Batterien geschmückten Berge des Isthmus - an dieser Batterie standen seit einer halben Stunde in der Erwartung des befohlenen Signals auch der König und der Königin.
Die junge, königliche Frau hatte sich fest in ihren grauen Mantel gehüllt und stand gegen ihre Gewohnheit schweigsam ohne mit einem der Kanoniere oder einem Mitglied ihrer Umgebung zu sprechen. An ihrer Seite befand sich das Mädchen aus den bayerischen Alpen, das - wie ich hörte, - ihre Milchschwester ist und sich stets in ihrer nächsten Nähe befindet.
Als ich mich zufällig umsah, erblickte ich auch den verwundeten, bayerischen Legionair, der krank noch und schwach, in einiger Entfernung an einer Mauer lehnte, den Soldaten, der ihn gewöhnlich begleitet und unterstützt, neben sich.
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Es schien ein allgemeines Schweigen über die ganze wüste Stadt und ihre festen Vorwerke ausgebreitet - die Offiziere schauten ungeduldig auf ihre Uhren.
Da - von dem Dom dröhnte der erste Schlag dieser Morgenstunde und wiederholte sich in lang verhallenden Schlägen.
Es schlug Neun Uhr!
Der Kommandirende der Landseite, Generallieutenant Riedmatten trat zu dem König. »Euer Majestät zu Befehl, Alles ist bereit!«
Der junge König zeigte ein sehr sorgenvolles, trauriges Gesicht. Mit einer fast bittenden Miene wandte er sich an die Königin.
»Denken Sie an Ihre Ehre, an Ihre Pflicht Franz!« sagte die Königin.
Ohne ein Wort weiter zu sprechen, erhob der König die Hand und wehte mit dem Taschentuch.
Der General Riedmatten kommandirte selbst: »Feuer!«
Die Erde schien zu erbeben von dem furchtbaren Krachen der Geschütze der Batterie Regina, und der eiserne Hagel rasselte gegen den Feind; - als hätten sie auf das Signal nur gewartet, zuckten fast zugleich rechts und links an den Felsenwänden hin die feurigen Strahlen, und Schuß um Schuß donnerte durch die Dampfwand und zerriß sie in gewaltige Flocken. Ueber 300 Feuerschlünde brüllten ihren Morgengruß und schleuderten den eisernen Fehdehandschuh der bedrohten Veste den Piemontesen entgegen, ihnen verkündend, daß der Muth der Kämpfer für das legitime Königthum noch nicht gebrochen sei.
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Aber auch drüben auf den Höhen des Monte Atratina, Lombone, Capuc[c]ini, Tortone und Agatha und in den Thälern bis zu der Batterie der riesigen Cavalli-Geschütze an der Mola zuckte es auf, Blitz an Blitz. Der Pulverdampf, erst in weißen Wölkchen emporbrechend, floß nach und nach zusammen in ein Wogen von Dampf, Rauch, Blitz und Flamme; die Berge mit ihren fünfzehn arbeitenden Batterien schienen zu feuerspeienden Kratern geworden, und auch vom Meer her hob sich's in krachenden Feuerwolken. Das Krachen verschmolz zu immerwährendem gewitterähnlichem Donnerrollen, in dem sich kein einzelner Schuß mehr unterscheiden ließ. Nur selten, nur in langen Zwischenräumen trat eine sekundenlange Pause ein, wie ein kurzes Athemholen, und ließ ein vereinzeltes Entladen der Geschütze hören, doch gleich darauf wieder brach der Tod und Verderben brüllende Chor los und schüttete seinen eisernen Hagel über Stadt und Berge.
Aber mitten in dieser Eisen speienden Hölle ereigneten sich seltsame Scenen.
Während die feindlichen Bomben und Granaten in die Batterien und Straßen einschlugen, hörte man zwischen dem Krachen der explodirenden Geschosse fortwährend den Ruf: »Es lebe der König!«
Die Marinieri - die treugebliebenen Matrosen - stiegen in langen Zügen aus ihren Kasematten empor, um die Bemannung der Geschütze zu verstärken. »Es lebe der König! Es lebe die Königin!«
Aus der Gegend des Hospitals Sant Katharina kam ein Adjutant. Vier Bomben hatten kurz nach einander in
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die Krankensäle durch das Deckengebälk geschlagen; die springenden Stücke hatten eine der barmherzigen Schwestern und mehrere Kranke zerrissen und getödtet. Auf ihren Lagerstätten erhoben sich die Verschonten und riefen ihr: »Es lebe der König.«
Wir hatten auf der Batterie della Regina zunächst unser Feuer auf den Monte Capuccini concentrirt und die Genugthuung, daß das Gegenfeuer der Feinde dort immer schwächer wurde, bis es endlich ganz aufhörte. Erst am Abend wurde es matt wieder aufgenommen.
Um 11 Uhr trat die sardinische Flotte in das Bombardement mit den 4 Räder-, einer Schrauben-Fregatte und 4 Kanonenböten. Der »Garibaldi« eröffnete das Feuer, indem er sich vor die Südostspitze der Halbinsel legte und die Forts der Seeseite und die Stadt bestrich, zuerst mit den gezogenen Boog-Kanonen, dann in der Drehung um sich selbst die Breitseiten gebend.
Der Kommandant der Regina sandte mich mit der Meldung zum König, der schon vor Eröffnung der Kanonade der Flotte sich nach den Bastionen der Seeseite begeben hatte, und ich bahnte mir über die Trümmer den Weg, während der Eisenhagel um mich niederschmetterte.
Merkwürdiger Weise - in einer der kurzen Pausen des Bombardements hörte ich die Musik einer lustigen Tarantella!
Und richtig, als ich näher kam an die Batterien der Seeseite, wo ich den König antreffen sollte, da stand auf der großen Batterie San Antonio die Musikbande des 8. und 9. Bataillons ungedeckt und spielte die munteren
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Weisen der Neapolitaner und die bourbonische Hymne, und die Matrosen, die nicht an den Kanonen beschäftigt waren, tanzten die Tarantella um eine eben eingeschlagene, nicht krepirte Bombe und schwangen dle Wachshüte und jubelten ihr Evviva Il Re!
An der vom Meer umspielten Batterie »Ferdinande« fand ich den König und die Königin in lebhaftem Wortwechsel. Die junge, heldenmüthige Frau verlangte, ihren Gemahl in die Batterie zu begleiten, die in heftigem Feuer gegen die Schiffe stand. Der König weigerte es, weil die Gefahr zu augenscheinlich war - aber die tapfere Maria von Bayern bestand darauf und General Baron Schumacher redete dem König zu, bis er es gestattete.
Mit triumphirendem Lächeln wendete sich die Königin nach der Batterie, als ihr Auge zugleich mit dem meinen auf den bleichen, deutschen Offizier fiel, der auf einen Stock und den Arm des ihn leitenden Soldaten gestützt, wieder in ihrer Nähe stand und Miene machte, ihr zu folgen.
Sie trat einen Schritt auf ihn zu. »Was thun Sie hier, Herr? Ich dächte, Sie hätten genug des Blutes für uns vergossen und hier ist nicht Ihr Platz.«
Ich konnte nicht verstehen, was der Offizier entgegnete, aber die Königin wandte sich etwas heftig an ihren Gemahl. »Ich bitte Euer Majestät, dem Lieutenant Max hier Arrest geben zu lassen wegen seines Ungehorsams gegen die ärztlichen Vorschriften. Wir bedürfen das Leben treuer Offiziere zu dringend, um ihnen gestatten zu
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können, krank und wund sich unnützen Gefahren auszusetzen.«
Sie stieg die Stufen zur Batterie empor, während der arme Kranke von seinem Wärter hinweggeführt wurde. Auf seinem blassen Gesicht lag eine helle Röthe - war es Beschämung über den Verweis - oder Freude über die ehrenden Worte der Königin?
Ein wahrer Jubel begrüßte die junge Heldin, als sie in die Batterie trat; die Matrosen, die hier an den Kanonen arbeiteten, schwangen die Hüte und küßten den Saum ihres Mantels, die Offiziere salutirten mit Begeisterung - jedes Auge, das nur einen Moment sich wegwenden konnte von der blutigen Arbeit, hing enthusiastisch an der jungen königlichen Frau, wie sie voll hohen Muthes, in ihren Mantel gehüllt, ruhig in der Mitte der Batterie stand und das Feuer beobachtete. Vergeblich mahnte der König sie, sich nicht länger zu exponiren - ihre Hand zitterte nicht, als sie das Glas an das Auge hielt und die feuerspeienden Schiffe visirte, während der Boden unter ihr zu erzittern schien.
Ich hatte meine Meldung gemacht, aber ich zögerte noch zurückzukehren. Der Anblick, der Muth dieser königlichen Märtyrerin fesselte mich an die gefährliche Stelle.
»Wie heißt die Fregatte dort, die eben wendet?«
»Es ist die >Marie Adelaide<.[«]
»Arme Königin! - König Victor Emanuel hat kein Glück mit dem Namen - sehen Sie, das Schiff muß starke Beschädigungen erlitten haben - es zieht sich aus der Gefechtslinie zurück.«
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»Ha - man läßt die Admiralsflagge nieder!«
In der That kam die Flagge Persano's herab - eine Stunde später sahen wir sie an Bord des »Carlo Alberto« aufgehißt.
»Granate von der Mola-Batterie!« rief der Signalist.
Alles blickte in der Richtung.
Hoch im Bogen kam das mächtige Geschoß herübergeschrillt, man konnte seinen Flug deutlich verfolgen, schlug zu den Füßen des Walles in's Meer und krepirte auf dem Grunde, eine wahre Kaskade von schäumendem Wasser emporschleudernd bis hoch auf die Esplanade der Batterie. Als der Wasserstaub, der uns Alle bespritzt hatte, verflogen war, lagen zu den Füßen der Königin vier kleine zappelnde Silberfische.
»Ei wie artig von Herrn Cialdini,« sagte lächelnd die Königin, - »ganz gegen seine Gewohnheit! - Aber um Himmelswillen, was thut der Mann dort?«
Einer der Seeleute, ein wackerer Bursche, Falconiere mit Namen, wie ich später hörte, hatte sich über die Brustwehr geschwungen und war im Begriff, sich herunter zu lassen auf den Strand. Er hatte gesehen, daß der eiserne Gruß mit der aufkrachenden Wassermasse noch mehrere Bewohner der Tiefe aufs Trockene geschleudert hatte, darunter eine »Spinola«, einen der größten Fische, die man im Golf fängt.
Der Bursche führte wirklich sein tollkühnes Unternehmen glücklich aus, er holte den großen Fisch und brachte ihn dem Könige.
Major Solimene, der Kommandant von Sant Antonio
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ist gefallen, Hauptmann von Filippis, der Kommandant der Batterie Dente di Sega hat sieben Blessuren. Doch ist der Verlust des Feindes an Menschenleben sicher größer als der unsere. Die Regina - die allein 2000 Schuß gethan14 - hat nur 29 Todte und Verwundete.
Um 5 Uhr kam der Befehl zur Einstellung des Feuers - die Rohre der Geschütze waren durch die achtstündige Arbeit dermaßen erhitzt, daß sie der Abkühlung dringend bedurften - auch die Bedienungsmannschaften, die seit dem Morgen Nichts genossen, bedurften der Ruhe.
Aber die Batterieen der Gegner setzten ohne Pause ihr Feuer fort und spieen die ganze Nacht ihre Bomben und Granaten.
Der König hatte während der ganzen Zeit die Wälle nicht verlassen; nach dem Aufhören des Feuers der Festung besuchte er mit der Königin die Lazarethe - der Rapport lautet auf 20 Todte und 110 Verwundete; - ich traf Beide im Spitale Torrione Francese. Als sie an der Hauptwache vorüberkamen, spielte die Musik die bourbonische Hymne und alle Anwesenden entblößten das Haupt und riefen: »Es lebe der König!« Die Marinieri aber sangen den Gassenhauer der Lazaroni von Neapel beim Einzug Victor Emanuels:
Chella 'mpresa de Savoia: E' la 'mpresa de ladrone!
Mentre i 'mpresa de Borbone: Longhe giglie e purità!
Manuè se vuo fa u Rè: Va a Turine siente a mé.
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Max von Waldenfels an den Baron Otto von Cronenberg.
                       Gaëta, den 5. Februar.
»Ob und wann diese Zeilen noch Dich erreichen werden, - ich weiß es nicht, es ist auch gleichgültig, - den Lebenden werden sie nicht mehr mit dem Lebenden verbinden!
Die Aerzte sagen, die Gefahr sei vorüber für mich, ich sei auf dem Wege der sicheren Genesung, und seit zwei Wochen schon habe ich das Lazareth verlassen und mit Hilfe meines getreuen Toni - den ihre Veranstaltung mir zugesellt - durch die Stadt wandern und den beginnenden Hauch des Frühlings genießen dürfen, ja seit acht Tagen wandere ich allein nur auf einen Stock gestützt, um den braven Burschen nicht länger dem Dienst des Königs zu entziehen, der in diesem Jammer ringsum jedes Getreuen bedarf.
Du in Deinen Bergen unter Eis und Schnee wirst lächeln, wenn ich heute vom Frühling spreche, und doch liegt sein Hauch in diesem wunderbaren Lande auf Berg und See. Er kommt uns mit dem warmen Hauch der azurblauen Wellen, mit dem goldenen Licht der Sonne, mit dem Grün, das wie matter Schimmer über und zwischen den gelben Felsen liegt - was wissen wir, wann er kommt, worin er besteht, der süße Lebensgruß der erwachten Natur - er ist da!
Auch meine wunde Brust fühlt ihn belebend - glaubst Du etwa, daß es mir leicht wird, diesem Boten des Lebens
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gegenüber zu sagen: - rausche weiter, - nicht für mich bist Du, schöner Hauch!
Und doch ist mir lieber, unter Frühlingsduft diesen Traum: Leben zu enden, als wäre es geschehen unter dem strengen Leichentuch des Winters, der allem noch die Kuppen der Apenninen jenseits Mola bedeckt, - in jener Nacht von Albano. Jetzt werden doch Gräser sprießen auf dem Felsengrab, das mich deckt, und vielleicht - vielleicht legt ihre Hand eine Blüthe des irdischen Frühlings auf jenes Beet des ewigen und ihre Stimme sagt: »Er war getreu bis in den Tod!«
Ja, getreu bis in den Tod will Dein Freund sein und deshalb wird er sterben auf diesem Felsen!
Vergebene Sorge, und doch wie freundlich und lieb! Seit dem Tage der Wiedereröffnung des Bombardements, jenem Tage, an dem sie mich so hart von sich wies, als ich ihr an der Kehle der Bastion »Ferdinand« auf die Höhe der Batterie folgen wollte, ist ein neuer Feind uns entstanden, schlimmer als die platzenden Granaten Cialdini's: Der Typhus!
Aus den Höhlen der überfüllten Kasematten ist das Ungeheuer hervorgekrochen, an dem Hunger und der Noth hat es sich gemästet, an den Cadavern der todten Thiere sich großgesäugt, bis die erwachsene Hyäne hinaussprang und die gierigen Zähne schlug in das warme Leben. Am 25. wurden bereits 93 Typhuskranke in's Hospital San Catharina geschleppt, am Tage darauf 90, am 27.: 69, am 29.: 64! und der Tod hält seinen Rundgang. Ueber tausend Kranke und Verwundete füllen die Spitäler und
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die Zahl der frommen Schwestern, die auch für ihr Gelübde treu in den Tod gehen, ist auf drei geschmolzen!
Toni hat mir erzählt, daß auch der Beichtvater der Königin, der fromme Schweizer Eichholzer der Seuche zum Opfer geworden und die Hohe schwer um ihn trauert, der oft ihr sorgenvolles Herz mit der Weisung auf Den getröstet, der gelitten am Kreuz! -
Man hat mich aus San Katharina gewiesen, - Toni sagt, weil die Genesenden den Kranken nicht den Platz nehmen dürfen, ich aber fürchte, die Königin hat es befohlen, denn der treue Mensch hatte bereits an einer Stelle die weniger den Geschossen ausgesetzt ist, an der Transilvania ein Gemach für mich bereit.
Aber die Entfernung von den Hauptzielen der sardinischen Batterieen darf mich nicht hindern an meiner Pflicht, über sie zu wachen, da ich nicht für sie fechten kann.
Wenn die Nacht kommt, da leidet's mich nicht in meiner Kammer und es treibt mich hinaus in die Straßen hinüber nach der Stadt und der Granguardia, wo die Königin wohnt. Die Granaten und Bomben zischen über mir, denn das feindliche Feuer, wenn auch lässiger betrieben, schweigt Tag und Nacht nicht mehr und gönnt nicht den Kranken, nicht den Sterbenden Ruhe.
Am dritten Tage nach dem Bombardement hat man aus einem Gewölbe unter den Trümmern eines eingeschossenen Hauses noch drei Lebende hervorgeholt, die dort mit einem Todten ohne Trank, ohne Nahrung zugebracht. Am 30. Januar wurde der Befehl gegeben, alle Hunde,
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die noch in der Stadt sich befanden, zu tödten; für jeden wird ein Karlin bezahlt, um Suppe aus dem Fleisch für die Kranken zu kochen - und doch hat Toni immer eine Nahrung für mich. Wo nimmt er sie her, der treue Bursche?!
Der 27. war der Geburtstag des Königs - der Todestag eines anderen königlichen Bourbonen, den auch die Treue nicht schützen konnte gegen den Sieg des Verraths - des 16. Ludewig's. Und liefert nicht dieses verrätherische Paris wiederum einen Bourbonen auf die Schlachtbank? Die Gesandten und der päpstliche Nuntius waren herübergekommen von Rom, dem Könige ihre Wünsche zu bringen - Worte! Worte! Aber als sie wieder davon gefahren nach dem spärlichen Mahl, das jedem Einzelnen unter den krachenden Geschossen nach seiner Kasematte geschickt worden, brachte mir Toni vom bayerschen Gesandten Deinen Brief, der wie immer unter seiner Adresse gekommen war - der letzte Gruß wohl, den ich aus der Heimath erhalte; denn die Sperrung wird immer enger, und selten noch gelingt es einer Barke, in dunkler Nacht von Terracina herüber durch den Cordon der sardinischen Schiffe zu schlüpfen.
O Heimath - Heimath! wie sind meine Gedanken bei dir, wie mahnt mich dieser letzte Gruß an deine mächtigen Berge und deine blauen Seen, - Heimath, Heimath! mein schönes Baierland!
Ob wir - erwacht aus dem Traum, wohl seiner Gestalten und Gebilde gedenken und uns zurücksehnen nach ihnen?
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Aber wohin schweifen meine Gedanken - ich wollte Dir von einem Traum erzählen, einem Traum im Traum.
Hast Du je von der Rocca Spaccata gehört? ich wenigstens habe Dir nicht, so viel ich mich erinnere, davon geschrieben. Doch ist die Rocca Spaccata eine der bedeutendsten Merkwürdigkeiten von Gaëta. Die Rocca Spaccata ist ein ungeheurer, von oben bis unten gespaltener Felsen. Die Legende erzählt, daß in jenem Augenblick, als durch den Tod des Herrn am Kreuze zu Golgatha der Welt die Erlösung ward, der Felsen von oben bis unten sich spaltete. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind! - das Wunder sah ich wohl - allein mir fehlt der Glaube, der fromme Seelen bewog auf dem Vorsprung des Felsens die Kirche zu bauen, die wie ein Nest über dem Abgrund schwebt, und zu der eine in die Wand der Schlucht eingehauene Stiege empor führt. An die Kirche gelehnt steht das Kloster des heiligen Johann von Alcantara. Am Abend des 27. celebrirten die Brüder die heilige Messe, und König und Königin wohnten ihr bei.
Du weißt, wie gern ich mit geschlossenen Augen träume bei Musik und Orgelspiel. Ich hatte mich in einen der uralten Beichtstühle gesetzt und bald den Zusammenhang mit dem Irdischen verloren. Nur wie aus weiter Ferne drang der Sphärenklang der Orgel in mein Ohr, im blauen Aether sah ich eine Lichtgestalt von weißen Tauben getragen, die mir die Palme entgegenstreckte, und die Gestalt trug ihre Züge.
Und es drängte mich hinauf, hinauf ihr entgegen; aber mit Riesengewicht hing die Erde an mir und lahmte
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mein Emporstreben und hielt mich fest. Da kroch es heran, langsam unter der Erde her, ein häßlicher Schlangenleib, und der Kopf der Schlange trug ein wohlbekanntes tückisches Gesicht, das Gesicht des Verräthers, der mir das Messer in die Brust stieß, und er öffnete den Mund, und aus dem häßlichen Rachen des menschlichen Schlangenkopfs quoll ein Feuerstrom, und die Erde, die mich festhielt mit ihrer Schwere, erbebte und öffnete sich wie der Krater des fernen Vesuvs, und schleuderte mich in einen Strom von Feuer und Flammen empor. Da wuchsen mir Flügel im Feuerstrom, und hoch und höher schwang ich mich aus ihm hinweg, und die weißen Tauben der Königin kamen mir entgegen und trugen mich empor zu den Füßen der himmlischen Maria mit den Zügen der irdischen.
Du siehst
»und das Träumen selbst - ein Traum!«
Als ich erwachte war die Kirche beinahe schon finster - am nächsten Pfeiler stand mein getreuer Toni, mir hinab zu helfen.
Seitdem hat sich der Traum noch einmal wiederholt, und zwar in dieser Nacht, an deren Morgen ich Dir schreibe. Mag es die aufgeregte Phantasie sein, die ihn mit einem eigenthümlichen Ereigniß in Verbindung bringt.
Höre mich an, was mir begegnete!
Ich habe Dir bereits geschrieben, - vielleicht auch nicht! meine Gedanken verirren sich jetzt oft! - daß die piemontesische Flotte seit ihrer Niederlage am Tage des Bombardements durch unsere tapferen Seebatterieen sich vorsichtig außer Schußweite, meist selbst im sicheren Hafen
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der Mola hält, und nur in immer strengerer Durchführung der Blokade ihre Thätigkeit zeigt. Selbst einer spanischen Korvette mit Regierungsdepeschen für den Gesandten und einem Briefe der Kaiserin Eugenie an die Königin wurde der Eingang verweigert - Admiral Persano hat seinen Rückhalt in Paris!
Dagegen umschwärmen des Nachts die piemontesischen Dampfer die Festung auf allen Seiten und schleudern im Schutze der Dunkelheit ihre Ladungen auf die unglückliche Stadt.
Auch in der vergangenen Nacht weckte mich Kanonendonner von der Seeseite aus Schlaf und Traum, und da ich nicht mehr ruhen konnte, kleidete ich mich an und ging hinaus auf die Straßen, obschon das Schießen wieder aufgehört. Wie mir Offiziere der Transilvania am Morgen erzählten, rührte das Feuern von einem seltsamen, unaufgeklärten Gefecht her, das während der Nacht statt gefunden. Vor den Batterieen Transilvania und Malpasso begann plötzlich auf dem Meere eine Kanonade zwischen einer piemontesischen Fregatte und einem unbekannten Dampfschiff, das wahrscheinlich die Blokade zu durchbrechen suchte. Der Dampfer flüchtete sich unter unsere Batterieen und schon machten diese sich fertig, auf den Piemontesen zu feuern, als plötzlich das Dampfschiff alle seine Laternen aufleuchten ließ und dann wieder verdunkelte. Darauf plötzlich waren Dampfschiff und Fregatte im Dunkel der Nacht verschwunden.
Es war etwa 4 Uhr Morgens, als ich meine Kammer verließ, und in den Mantel gehüllt nach der Stadt
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pilgerte. Alles noch in tiefem Dunkel und nur hin und wieder warf der Funkenbogen einer aus den Belagerungsbatterieen, mehr zur Beunruhigung als des Angriffs wegen, geschleuderten Bombe einen kurzen Lichtstreif am Himmelsgewölbe.
Zwei Mal hatten mich die Patrouillen angehalten und ich Losung und Feldgeschrei gegeben, als ich mich ermüdet zur kurzen Rast auf einem Trümmerhaufen niederließ.
Denselben Weg wie ich kamen zwei Männer, beide Soldaten, der eine ein Offizier - doch war es unmöglich, sie in der Dunkelheit zu erkennen unter den aufgeschlagenen Mantelkrägen.
»Er hat die Wache am inneren Landthor,« sagte eine Stimme auf Italienisch - »doch wird er um 12 Uhr abgelöst, wie Sie wissen müssen.«
»Ich denke, Signor Colonello, das genügt. Ich kenne gut genug die Cappeletti, um Sicherheit zu gewinnen, wenn es Zeit. Gefährlicher ist's mit San Antonio.«
Die Stimme, die ich hörte, machte mich erbeben - ich mußte sie kennen, obschon ich sie niemals hatte Italienisch sprechen hören. Mit dieser Stimme rief der Mörder mich an: »Geh' Du voran!«
Und wie ich näher hinsah - die Gestalt neben dem Offizier, wie sie eben der karge Lichtschimmer mir zeigte, war unter dem Militairmantel kurz - gedrungen; - aber doch konnte es nur eine Aehnlichkeit sein, denn ich wußte ja, auf Befehl des Königs war der um unseres treuen Geschwisterpaars willen begnadigte Bösewicht am hellen
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Tag aus dem Festungsthor gepeitscht worden, wenige Tage schon nach dem bübischen Verrath! Er konnte also nicht mehr in der Festung sein!
Dennoch quälte mich der Gedanke, und um mich selbst zu beruhigen, stand ich auf und ging eilig den Beiden nach. Doch ich hatte meiner Kraft zu viel zugetraut, auf dem unebenen, von den Kugeln zerrissenen Boden stolperte ich und fiel und verletzte mir den Fuß. Als ich wieder aufgestanden war und weiter ging, war Nichts mehr von ihnen zu sehen. - - -
Die Cavalli-Kanonen von Mola her haben das Alcantaristen-Kloster zu Rocca Spaccata in Trümmer geschossen. Schlimmer noch wüthete eine der Kugeln im Palast des Erzbischofs. Die geistlichen Bewohner, welche sich gewöhnlich in einem unterirdischen Gemach aufhielten, hatten vorgestern nur auf einige Augenblicke die oberen Geschosse betreten, als die gewaltige Kugel einschlug und explodirte. Dem Domherrn Criscuolo wurde die Kinnlade, ein Arm und ein Bein zerschmettert, der Dompfarrer Nocatariano und ein zu ihnen geflüchteter Alcantaristen-Pater wurden gleichfalls schwer verwundet. Eben hörte ich, daß alle drei heute Morgen gestorben sind.
Ich habe die Königin heute Morgen nicht sehen können, obschon ich hörte, daß sie mehrere Lazarethe besucht hat - ein verlorener Tag!
Eben habe ich mich wieder zum Dienst gemeldet. Um den Unteroffizieren und Mannschaften, welche von Krankheiten und Wunden zwar reconvalescirt, aber zur strengen Dienstleistung noch nicht tauglich genug sind, eine
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Gelegenheit zur Thätigkeit zu geben, hat General Ritucci neben dem schon bestehenden Schweizer Veteranen-Corps unter Kommando des Generals Wieland von Basel zum Dienst auf den Wällen noch ein zweites Corps für den gleichen Dienst in den Kasematten und den Gängen gebildet und man hat mir das Kommando angeboten. So will ich denn ...
Heiliger Gott - was war das? - die Erde bebte unter mir - die Dinte beschüttete das Papier - es muß ein Unglück geschehen sein - ich will hinaus ...«
Aus dem Tagebuch des Lieutenants Baron von Ch...
                       Gaëta, den 7. Februar 1861.
Armes Königspaar - Alles verschwört sich gegen Dich - vergeblich ist der Muth, die Opferung Deiner Getreuen - noch ein solches Unglück - und die Festung ist verloren!
Es ist ein gräßlicher Anblick - der Jammer, der noch jetzt, nach vollen 24 Stunden, auf allen Seiten zum Himmel steigt, unsäglich. Kaum finde ich Zeit, diese Zeilen in mein Journal zu tragen, nachdem ich die ganze Nacht über und bis jetzt geholfen habe, Verwundete und Sterbende fortzuschaffen, Verschüttete aus ihrem Grabe zu befreien.
Schon die erste Explosion war schrecklich genug und von den traurigsten Folgen.
Am Freitag (den 4.) Nachmittag gegen 5 Uhr ward in der Gegend des Landthors die Erde durch eine Eruption
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erschüttert. Der Munitions-Vorrath der Batterie Fianco Basso Cappeletti, zwischen dem inneren und äußeren Landthor gelegen, war mit 700 Geschütz-Ladungen in die Luft geflogen, die Bastion stark erschüttert, ein Stück ihrer Mauer eingestürzt; die benachbarten Batterieen fühlten die Erde unter ihren Füßen beben. General Schumacher eilte sogleich mit drei Compagnieen Jäger und Pioniren herbei und that das Möglichste, um schleunig die Bresche auszufüllen, welche der Feind hätte ersteigen können, wenn das Vorwerk genommen war.
Aber es war nur das Vorspiel der Tragödie!
Am Dienstag gegen Mittag hatte der Feind sein Feuer sehr verstärkt. Die Explosion vom Tage vorher konnte ihm nicht verborgen geblieben sein, und er wollte offenbar unsere Arbeiten hindern.
Es war Nachmittag 3 Uhr, als ich mit mehreren Offizieren auf der Citadelle stand. General Traversa vom Genie hatte soeben auf diesem Platz, von dem man den am Tage vorher angerichteten Schaden vollkommen übersehen konnte, mit General Riedmatten über die schnellste Ausbesserung berathen und beide Führer hatten die Bastion verlassen. Ich war in einem Auftrag des Generals zurückgeblieben. General Traversa, der alte 78-jährige Greis mit der rastlosen Thätigkeit eines Jünglings - er hatte schon der Belagerung Gaëta's von 1806 durch Massena unter dem ritterlichen Prinzen von Hessen-Philippsthal beigewohnt - ging nach dem Landthor. Wir alle waren voll Bewunderung für den kleinen alten Herrn mit dem weißen Haar, dessen scharfes Auge unter den
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Brillengläsern hervor noch so begeistert funkelte, und dessen energischen Widerspruch wir es verdanken, daß bei dem Absegeln der französischen Flotte die von dem pariser Kabinet gemachten Vorschläge zur Kapitulation abgewiesen wurden. Ich sah ihn eben sich nach der Bresche wenden, nachdem General Riedmatten ihm die Hand gereicht und mit seinem Adjutanten Urban de Charette, Gramer und einigen neapolitanischen Soldaten den Weg nach den Batterieen genommen hatte.
In meiner Nähe stand der deutsche Offizier, den ich schon neulich auf diesen Blättern erwähnte - Lieutenant Max nennt man ihn; er kommandirt jetzt als Reconvalescent, - und man sieht dem armen Burschen an, daß es langsam mit seiner Herstellung vorwärts geht! - die Invaliden-Compagnie, welche die Wachen in den Gängen und Kasematten der linken Front giebt. Seine Augen waren auf eine Gruppe von Soldaten geheftet, die am Eingang der Citadelle stand, und an denen eben mehrere Arbeiter sich vorüber drängten in der Richtung nach der Kathedrale.
Plötzlich wandte er sich an mich. »Ihr Glas, Herr Kamerad, bitte einen Augenblick Ihr Glas.«
Ich reichte ihm meinen Stecher, den er hastig auf jene Gruppe richtete.
»Beim Himmel - er ist es! das ist der Mann! Nehmen Sie - diesmal darf er mir nicht entgehen!« und den Säbel aus der Scheide reißend, eilte er hastig dem Ausgang der Citadelle nach der Stadt hin zu. Gleich darauf sah ich ihn einen der Arbeiter verfolgen, dem
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er zuzurufen schien, zu halten, während der Mann seine Eile verdoppelte.
In diesem Augenblick fühlte ich die Erde unter mir wanken und beben. Eine nachtschwarze Wolkensäule stieg kaum hundert Schritt von mir entfernt in den Himmel und verfinsterte Alles ringsum - zugleich erschütterte ein Knall die Luft, als würden tausend Geschütze in derselben Sekunde gelöst, und minutenlang krachte und platzte es von allen Seiten über und neben mir in der Luft, als stießen und fielen Eisen- und Felsstücke gegen einander. Ein heißer Luftstrom stieg aus der Tiefe und umwehte alles Lebendige - dann eine Todtenstille, nur unterbrochen von dem Schwirren einer einzelnen Granate, die herüber von der Mola her über das Meer saufte gegen die unglückliche Stadt.
Dann ein Jammer- und Wehgeheul, wie ich es nie gehört und zu hören hoffte, es müßte denn sein am jüngsten Tage, wenn der Engel mit dem feurigen Schwert die Verdammten zurückschleudert in den höllischen Pfuhl.
Das Pulvermagazin Dente di Sega San Antonio bei der Citadelle war mit 4000 Ladungen schweren Kalibers in die Luft geflogen.
Erst nachdem sich der Pulverdampf und der Qualm des Schuttes verzogen, erkannte man die furchtbare Verwüstung.
Ich fühlte mich auf der Erde liegen, wie ich später sah einige Schritte von der Stelle, an der ich vorhin gestanden; der Kopf war mir ganz wirr und wüst - doch konnte ich die Glieder bewegen, was ich sogleich, als ich
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die Besinnung wieder fand, probirte. Mein erster Gedanke war: Dank an Gott, der mich so glücklich beschirmt, denn um mich her sah es in der That furchtbar aus. Dicht neben mir lag ein abgerissener, menschlicher Arm und einige Schritte weiter ein Soldat, dem ein Steinklumpen den Kopf in Atome zerschmettert hatte. Von den Kameraden, die vorhin um mich gestanden, war glücklicher Weise nur Einer schwerer verletzt, zwei andere hatten leichte Verwundungen davon getragen, aber Jeder wunderte sich offenbar, sich und den Anderen noch lebendig wieder zu finden.
An der Stelle, wo sich das Landthor und die Hauptwache befanden, gähnte ein weiter Schlund, ein blutiger Krater, in dem sich Staub und zerrissene Menschenleiber wälzten. Der Wall, die Bastion und die meisten der angränzenden Gebäude waren ein ungeheurer Schutthaufen, aus welchem heraus herzzerreißender Jammer und Gestöhn erscholl. Eine 30-40 Meter breite Bresche war an jener Stelle geöffnet, wo zur Seeseite gehörig sonst die Batterie Dente di Sega San Antonio sich befand. Alle angränzenden Batterieen waren gleichfalls zertrümmert, die Geschütze oft weit hinweg geschleudert, und man glaubte anfangs, daß die ganze Citadelle zerstört und alle darauf befindlichen Offiziere und Mannschaften umgekommen wären. Zum Glück bestätigte sich das nicht, wir waren wie durch ein Wunder gerettet. Das Bollwerk selbst war nur gewaltig erschüttert worden, und überall klafften in den Mauern tiefgehende Risse und Spalten. Die hier befindlichen Truppen hatten sich minutenlang wie im Krater
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eines ausbrechenden Vulkans befunden, und nur der Regen von Trümmern und explodirenden Geschossen hatte viele Verletzungen veranlaßt und mehrere Menschenleben gekostet.
Desto entsetzlicher sah es unterhalb der Bastion aus. Schaudererregend ist das Loos jener Arbeiter gewesen, die zur Ausfüllung der Tags vorher entstandenen kleinen Bresche kommandirt waren. Die Mannschaften zweier Compagnieen sind verschüttet, zerschmettert oder in die Luft geschleudert; ganze Familien, Männer, Frauen und Kinder sind bis auf den Letzten zu Grunde gegangen. So ist eine aus 11 Personen bestehende Familie, welche sich unter das Landthor geflüchtet, verschüttet und zermalmt worden. Es war ein gräßlicher Anblick, den von Blut gerötheten, vom Pulver geschwärzten Schutt sich bewegen zu sehen, in dem verstümmelte Arme, Beine und Köpfe mit der Kraft der Verzweiflung sich empor an's Tageslicht zu ringen suchten, um auch hier namenlosen Leiden entgegenzugehen oder zu erliegen.
Dazu krachte und wetterte es von den feindlichen Batterieen ohne Unterlaß, die bloß auf dies furchtbare Signal gewartet zu haben schienen, um ihr ganzes Feuer auf diesen Punkt zu concentriren.
Und auf dem Meere segelte in langer Linie die piemontesische Flotte von Mola herbei - voran o Schmach! die treubrüchige Fregatte »Monarca« von der ehemaligen neapolitanischen Marine, und legte sich vor die Festung und begann aus ihren Breitseiten ein furchtbares Feuer
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gegen die Seeseite der Festung und die halbzerstörte Citadelle, der sie sich sonst nicht zu nahen wagte.
Unwillkürlich hatte man den Gedanken, daß dieser mörderische Angriff wohl vorbereitet war, daß der Feind die Explosion erwartet haben mußte, und dann konnte nur Verrath, der schändlichste Verrath sie veranlaßt haben.
Wahrlich, in dieser Stunde galt es, den kaltblütigen unerschütterlichen Soldaten zu bewähren. Und er wurde bewährt in tausend glänzenden Beispielen vom König herab bis zu dem geringsten Krieger. General Riedmatten, der in größter Gefahr gewesen, denn eine Bombe war auf seinem Wege in Entfernung von wenig Schritten niedergekracht und krepirt und hatte das Erdreich auf ihn und seine Begleiter geschleudert, eilte sofort nach den Batterieen der Landseite und ließ sie eine scharfe Kanonade auf die Feinde eröffnen, um das Feuer derselben von dem bedrängten Punkte abzulenken, was endlich auch gelang. In gleicher Weise verfuhr in Stelle des General Sigrist, welcher ziemlich die ganze Dauer der Belagerung erkrankt mit seinen zwei Söhnen zubrachte, der tapfere Kommandant der Seeforts und die sardinischen Schiffe mußten bald außer Schußweite flüchten, später nach Mola, das treulose Schiff in größter Havarie.
Während so der Kampf nach Außen tapfer aufgenommen wurde, war Alles in Thätigkeit um den engeren Schauplatz des Schreckens, der König, die Königin, die ganze Generalität, Offiziere und Mannschaften arbeiteten ohne Rücksicht auf den Kugelhagel, der manches eben erst
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gerettete Opfer wieder vernichtete, die lebendig Begrabenen aus dem Schutt zu räumen die Verwundeten in die Spitäler zu schaffen. Ganze Züge verstümmelter Soldaten, von Blut bespritzte halbzerrissene Frauen und Kinder wurden fortgetragen, oder schleppten die zerbrochenen, zerquetschten Gliedmaßen weiter, die Luft mit Jammergeschrei erfüllend. Es waren entsetzliche Minuten!
General Traversa hat den Tod gefunden, er ist in der Bresche verschüttet worden, erst heute gelang es, seine Leiche aus den Trümmern herauszuholen. Major Sanseverino, dem tapferen Kommandanten der Batterie Cappeletti wurde ein Schenkel zerschmettert, er starb gestern, nachdem er gefaßten Muthes noch eine Stunde vorher an seine ferne Mutter geschrieben, sie um ihren Segen gebeten und sie getröstet hatte, daß ihr Sohn für die heilige Sache des Königthums treu seinem Eid blute und sterbe.
Auch dem jungen Grafen Auersperg vom Generalstab ward ein Bein durch eine Kugel zerschmettert und er mußte amputirt werden.
In all' diesem Jammer und Elend war die junge Königin treu ihrem Gatten zur Seite, und wich nicht bis spät in die Nacht von ihrem Posten der Barmherzigkeit.
An der Bresche selbst war man unausgesetzt bemüht, den Schutt wegzuräumen, die Todten zu begraben und die lebendig Verschütteten wieder an's Licht zu fördern. Leider ist es bis heute nur mit zweien gelungen. Vierhundert Mann halten Tag und Nacht die Bresche besetzt, um einen so leicht möglichen Angriff von der Seeseite her abzuschlagen. Aber die Piemomesen scheinen selbst zu viel
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gelitten zu haben, um daran zu denken. Sie tödten lieber aus der Ferne mit ihren weittragenden Kanonen oder durch den heimtückischen Verrath; - denn von Mund zu Munde geht es, daß der schändlichste Verrath an all diesen Unglücksfällen die Schuld trägt, und bereits beginnt sich das Mißtrauen in die Gemüther zu nisten und die Stimme der Soldaten beschuldigt höhere Offiziere ganz offen dieses Verraths. Ein Oberst, der mit einem Theil der Verproviantirung beauftragt war, ist gestern wegen Unterschleif verhaftet worden.
Da die Arbeit der Todtengräber an der Bresche unter dem fortwährenden Bombardement - gestern Morgen ist eine dritte Explosion erfolgt und das kleine Pulvermagazin der Batterie San Giacomo in die Luft gegangen, - zu langsam vorwärts geht und die unbegrabenen Leichen ihren Pestgeruch aushauchen, sandte mich der Gouverneur General Ritucci gestern Abend in's Lager von Castellone, um von Cialdini einen Waffenstillstand von 48 Stunden zur Beerdigung der Todten und die Erlaubniß zu fordern, wegen Ueberfüllung der Spitäler unsere Kranken nach Terracina bringen zu dürfen. Ich schreibe die Unterredung und Verhandlung hier nieder, wie ich sie noch im Gedächtniß habe.
Man hatte mir bei Betreten des Borgo die Augen verbunden und ein Dampfer führte mich von der Vorstadt hinüber nach Castellone. In der Villa Reale fand ich den General - ich darf sagen: weit von dem Schuß! - bei einem wohlbesetzten Souper in Gesellschaft von Offizieren und Damen.
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»Nun, was bringen Sie, Herr?« frug der General. »Hoffentlich die Uebergabe der Festung. Man verdiente eigentlich keine Schonung, denn es war eine Thorheit, sie nicht längst zu übergeben und so lange Menschenleben zu opfern. Wir wollen aber großmüthig sein und der Garnison die Waffenehren bewilligen. Meinen Sie nicht, Königliche Hoheit?« Er wandte sich dabei an einen alteren Offizier in Admiralsuniform, der zuoberst der Tafel saß.
»Eure Excellenz irren,« sagte ich ruhig, »die Festung ist keineswegs in der Lage zu kapituliren und mein Auftrag ist ein anderer.« Ich erstattete denselben, wobei die Stirn des Generals sehr unangenehme Falten zog. Ohne sich um die Gegenwart seines Hohen Gastes zu kümmern, schlug der General auf den Tisch, daß die Gläser erklirrten. »Corpo di Christi - wenn ich den Herren bis jetzt Kugeln geschickt habe, dann sollen sie künftig Feuer fressen für ihren Eigensinn. Mögen sie alle zum Teufel fahren vor Gestank, was geht das mich an!«
Der Herr in der Admiralsuniform - wie ich später hörte, der Prinz von Carignan, der Vetter des Königs Victor Emanuel - erhob warnend den Finger. »Wir wollen über den Antrag verhandeln, General,« sagte er höflich - »einstweilen Herr, haben Sie die Güte, Platz bei uns zu nehmen und unser Souper zu theilen.«
»Sie werden ohnedem nicht zu viel in der Festung mehr zu beißen haben,« meinte höhnisch der General.
»Euer Königliche Hoheit wollen entschuldigen,« sagte ich gemessen, »aber mein Auftrag gestattet mir nicht, vor seiner Erledigung an mich zu denken und Ihre Einladung
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anzunehmen.« Es schien mir, man hatte mich mit derselben zur Unterhaltung über den Zustand der Festung bringen wollen.
»Das Eine schließt das Andere nicht aus, Herr Baron« sagte höflich der Prinz, »und beraubt uns nur vorläufig des Vergnügens Ihrer Gesellschaft, da Se. Excellenz gewiß sogleich über den Antrag des Herrn Gouverneurs Kriegsrath halten wird. Major Sismondi, Sie werden die Güte haben, sich einstweilen dem Herrn Parlamentair zu widmen und den Wirth zu machen.«
Der ziemlich deutliche Wink des königlichen Prinzen vermochte den kommandirenden General, alsbald aufzustehen und sich mit demselben zurückzuziehen. Noch zwei oder drei Offiziere folgten ihnen in ein anderes Gemach, die anderen, sowie die Damen blieben sitzen. Auch der Offizier, welcher mich aus dem Borgo hierher begleitet hatte, wurde eingeladen, an dem Souper Theil zu nehmen.
Graf Sismondi war äußerst höflich, ich natürlich sehr auf meiner Hut. »Der Herr Kamerad sind Franzose?«
»Ich denke, mein Name beweist meine Nationalität. Einstweilen habe ich die Ehre, Neapolitaner zu sein.«
»Oh,« sagte lachend der Graf, »mißverstehen wir uns nicht - meine Frage sollte nur andeuten, daß, wie sehr wir es uns zur Ehre schätzen, Ihre Bekanntschaft zu machen, der Umstand doch beweist, wie wenig man in der Festung die Verhältnisse hier kennt.«
»Wieso Herr Major? ich glaube allerdings, daß dies umgekehrt bei Ihnen nicht der Fall ist!«
»Cospetto,« lachte einer der anderen
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Offiziere sehr ungenirt, »da haben Sie Ihre Abfertigung, Kamerad. Wir machen auch gar keine Heimlichkeit daraus, daß wir vortreffliche Spione in der Festung haben und sehr gut bedient sind. Freund Rafaël meinte nur, daß es keine besondere Empfehlung bei Cialdini für einen Parlamentair und seine Anträge ist, ein Franzose zu sein. Der General hat einen besonderen Groll auf Ihre Landsleute.«
»Von Castelfidardo her?« konnte ich mich nicht enthalten, zu fragen.
»Bah, Herr Kamerad, ich sehe, mit Ihnen ist schlimm anbinden. Aber auch der Major hier ist nicht gut darauf zu sprechen, Sie sehen, er trägt noch verschiedene Andenken an die Nacht von Santa Agatha.«
In der That trug der Artillerie-Major, der zu meiner Begleitung, wohl mehr zu meiner Beaufsichtigung mir beigegeben worden, den Arm in der Binde und auch den Kopf noch verbunden. Ich erinnerte mich, daß Graf St. Brie mich gebeten hatte, wenn Gelegenheit sich dazu fände, nach dem Schicksal unseres wackeren Gauthier zu fragen, und ob derselbe seiner Wunde erlegen sei. Ich benutzte dazu die Wendung des Gesprächs und frug die Offiziere.
»Sie meinen den Offizier, der Ihren, ich gestehe es gern, mit wunderbarem und uns noch unerklärlichem Geschick ausgeführten Ueberfall der Batterie von San Agatha kommandirte,« erklärte der Major. »Ich erinnere mich seiner sehr wohl, und daß wir ihn tödtlich verwundet in dem Refectorium fanden, als es uns gelang, Ihren Angriff zurückzuwerfen. Wie ich mich erinnere, ist er in ein Lazareth nach Neapel gebracht worden, - denn die Sache war mir damals von Interesse, weil eine - nun, eine
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Dame ihn dahin begleitet hat, nach der ein Verwandter von mir mich beauftragte, Nachforschungen anzustellen. So viel ich gehört, ist der Offizier bald nach seiner Ueberführung gestorben und das Mädchen verschwunden.«
Es fiel mir auf, daß eine der anwesenden Damen, die mir schräg gegenüber saß und wie ich vernahm, eine berühmte Sängerin war, eigenthümlich bei dieser Mittheilung lächelte. Ueberhaupt waren die etwas trägen aber wunderbar schönen Augen der Sängerin häufig mit besonderem Ausdruck auf mich gerichtet, und als die Tafel jetzt aufgehoben wurde, machte sie sich in meiner Nähe zu schaffen.
Man wußte in der Gesellschaft bereits, daß General Traversa ein Opfer der Explosion geworden war, die sich ja doch nicht verheimlichen ließ. Die sardinischen Offiziere sprachen übrigens ziemlich ungenirt über die Erfolge der Belagerung, und kritisirten die Anstalten der Oberleitung, doch sprach aus Allen die Ueberzeugung, daß die Festung verloren sei und es nicht auf einen Sturm ankommen lassen dürfe.
In einem Augenblick des allgemeinen Gesprächs ging die Sängerin hinter mir vorüber und ich hörte sie leise aber deutlich in französischer Sprache flüstern: »Verrath - hüten Sie die Bastion ...« Leider konnte ich den Namen nicht verstehen, denn es entstand eine Bewegung unter den Offizieren, als die Thür des Speisesaals sich öffnete und einer der Adjutanten des kommandirenden Generals eintrat mit den Worten: »Ich bitte den Herrn Parlamentair, näher zutreten.«
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Ich fand im zweiten Zimmer den Prinzen, General Cialdini und drei andere höhere Offiziere. »Sagen Sie General Ritucci,« sagte der Kommandirende, »daß ich auf die Vorbitte Sr. Königlichen Hoheit der Festung einen vierundzwanzigstündigen Waffenstillstand von heute Nacht 12 Uhr ab gerechnet bewilligt habe, unter der Bedingung, daß der Status quo auf beiden Seiten erhalten bleibt. Ich hoffe, daß man die Zeit benutzen wird, um sich klar zu machen, daß jeder weitere Widerstand über die Forderungen der militärischen Ehre hinausgeht und strafbarer Trotz wäre. Was die Entleerung der Spitäler mittelst Ihrer Schiffe nach Terracina betrifft, so muß ich diese verweigern ...«
Der Prinz unterbrach ihn. »So gern Se. Excellenz auch den Geboten der Menschlichkeit Gehör giebt, so lassen militärische Rücksichten doch die Bewilligung nicht zu. Dagegen ist der Herr General en chef bereit, mit einem unserer Dampfer den Transport der Kranken in die Lazarethe von Neapel zu übernehmen.«
Ich verbeugte mich schweigend - ich hatte kaum so viel erwartet, und das Resultat ist bei dem bekannten Charakter Cialdini's offenbar nur der Einwirkung des Prinzen zuzuschreiben, der sich vielleicht der unwürdigen Rolle erinnern mochte, welche der Gemahl seiner Schwester, der Graf von Syrakus, um den er noch die Trauer trug, in der Rebellion gegen seinen rechtmäßigen König und nahen Verwandten gespielt hatte.
Nachdem kurz die Bedingungen der Kapitulation zu Papiere gebracht und ausgewechselt worden waren, wurde
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ich entlassen und auf die nämliche Weise nach dem Borgo und der Festung zurückgebracht. Schade, daß es mir nicht möglich war, mich der Sängerin nochmals zu nähern, doch würde schwerlich ihre Mittheilung von Wichtigkeit gewesen sein, denn im Grunde zweifeln wir Alle ohnehin nicht, daß Verrätherei unter der Garnison herrscht, die aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist. Kurz nach 11 Uhr kehrte ich in die Festung zurück - um 12 Uhr schwieg auf allen Punkten das Feuer.
                       Gaëta, den 9. Februar 1861.
Der Waffenstillstand ist um 12 Stunden verlängert worden, weil es uns nicht gelang, mit dem Begräbniß der Leichen in der kurzen Zeit fertig zu werden. Ein piemonteser Dampfer hat 200 Kranke, freilich nur die Hälfte der transportfähigen, nach Neapel gebracht. Gestern Abend fand, auf Befehl des Königs, noch ein Kriegsrath statt, um die Meinung der Generale und Corps-Chefs über die Möglichkeit des längeren Widerstandes einzuholen. Wie ich von Ritucci selbst höre, ist es scharf dabei hergegangen; er selbst scheint schon in der Fragestellung den Wunsch der Kapitulation ausgesprochen zu haben, General Polizzi hatte gleiche Meinung, selbst General Bosco widersprach nicht, da täglich der Mangel an Munition und Proviant drückender wird. Aber der tapfere Kommandant der Batterie Regina, Graf Ussani, widersprach auf das Aeußerste und General Riedmatten, der wackere Schweizer, sprach energisch gegen jeden Gedanken der Uebergabe. Er erklärte, daß wenn auch durch die
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Explosion am 5. die Bastion San Antonio mit ihrer Courtine zertrümmert worden, doch die entstandene Bresche dadurch keineswegs leicht ersteiglich sei, da sie nach der Meerseite sich öffnet. Sollte ein Sturm trotzdem gewagt werden, so gäbe es ja noch Kartätschen, Bajonnete und tapfere Soldatenherzen genug, um die Bresche zu vertheidigen. Im schlimmsten Fall möge man sich lieber unter dem Schutt der Festung begraben, als sie, noch widerstandsfähig, dem Feinde übergeben.
Seine Entschlossenheit hat gesiegt, heute Vormittag 5 Minuten nach 10 Uhr ist das Feuer wieder eröffnet worden.
Hat die Noth auch auf das Aeußerste zugenommen, so ist der Muth der Soldaten, die seit zwei Monaten keinen Bissen Fleisch zu sich genommen und entkräftet sind, doch nicht gebrochen. Nur ihr Vertrauen auf den endlichen Sieg ist durch die räthselhaften Explosionen wankend geworden - selbst wir Offiziere beginnen, auf Alles mit Mißtrauen zu sehen.
Auch der Pulvervorrath hat durch das Feuer der letzten Tage und die unglücklichen Explosionen der Art abgenommen, daß wir ein Bombardement wie am 22. kaum noch 5 oder 6 Tage erwidern können.
Ueberall Mangel - überall Noth - und dennoch - wo das königliche Paar erblickt wird, donnert der begeisterte Ruf ihm entgegen: »Es lebe der König!«
Wahrlich, es ist doch ein heiliger Nimbus um das legitime Königthum und die Männer, die dafür geblutet, sind nicht vergebens gestorben.«
Max von Waldenfels an Otto von Cronenberg.
                       Gaëta, den 12. Februar 1861.
»Warum drängt es mich immer und immer wieder, diese Blätter an Dich mit den Gedanken, die mich bewegen, zu füllen, da ich doch weiß, daß sie mit mir vergehen werden und nie in Deine Hände kommen. - Aber Du bist der einzige Mensch außer dem treuen Geschwisterpaar, zu dem ich sprechen kann, und sie verständen mich doch nicht, wenn ich ihnen sagen wollte, weshalb ich das Erwachen ersehne.
Es liegt Verrath in der Luft - er kommt auf den Granaten geflogen, - die blauen Wellen tragen ihn an's Ufer, - die Erde speit ihn aus, und doch kann ich ihn nicht fassen, nicht erreichen. Es liegt mir wie ein Alp auf der Brust und doch wage ich nicht davon zu sprechen, zu Niemand außer Dir. Als ich nämlich Toni frug, ob er den Böhmen, seinen Ohm, nicht wieder gesehen in der Stadt, lachte er mir in's Gesicht! »Der ist klug genug, sich nicht wieder blicken zu lassen, wo ihm der Strick gewiß.[«]
Und doch weiß ich, daß der Bösewicht hier umherschleicht, - ich fühle seine Nähe, ich weiß, daß er mich beobachtet, mir auflauert - und wenn ich ihn greifen will, ist der Schatten verschwunden.
Ich weiß nicht, ob mein Kopf so schwach geworden, aber manchmal verwirrt sich mir wirklich der Sinn in der Sorge um sie, denn ich denke und thue nichts Anderes, als wachen für ihren Schutz.
Ich muß und muß diesem Verrath, der sich im Dunkel
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durch alle Theile der Festung spinnt, auf die Spur kommen, - sie darf so nicht untergehen, und koste es zehnfach mein Leben.
Mein Leben! - was ist Leben? was ist Tod? ein Uebergang, - vom Stein zur Pflanze, von der Pflanze zum Thier, vom Thier zum Menschen - vom Menschen zum Geist, zum Boten Gottes in der Weltregierung? Werden wir wiederkommen zu unseren Lieben als der Sturmwind, der über das Meer braust, oder als der Duft, den die Rose haucht? Oder gehen wir über in eine andere Form auf einen anderen Stern? Wer löst das dunkle Räthsel, - nicht die Philosophie, nicht der Glaube, nicht die Wissenschaft.
Und doch von Allem kommt ihm der Glaube am nächsten; widerspricht dieser Wanderung der Seele in anderen Formen auf andere Welten das Christenthum? Gewiß nicht, nur unsere Priester thun es und nennen es Fegefeuer und Hölle oder Engelschaar.
Es ist eine Stelle im Paulus, die deutlich verheißt unsere Wanderung in anderer Form. Und ist es nicht Gottes Güte und Weisheit entsprechend, daß wir streben zur Vollendung auf tausend und aber tausend Radien des Weltalls? Steht der gereifte Geist beim Scheiden von der irdischen Form auf derselben Stufe, wie das Kind, das nur wenige Tage gelebt hat?
Und wenn wir dessen gewiß sind, der Fortdauer nach diesem Erdentraum - giebt es ein Wiedersehen in den künftigen Formen? Wäre all' die Liebe, die Hingebung, die Begeisterung, die wir hier für ein Wesen gleich uns
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empfunden, nur bloße Phantasie, die mit dem Traum endet und keinen Gegenstand mehr hat? - Nein - es giebt eine Sympathie der Seelen und eine Sympathie der Körper; wir werden wiederfinden, was wir geliebt, und wie wir es geliebt, nur reiner, vollkommener auf einem anderen Stern: der Gatte sein Weib, der Vater sein Kind, der Liebende die Geliebte - es ist Nichts vergänglich in uns, als die Form des Menschenleibes, die verfällt nach den Gesetzen Gottes und wiederersteht mit dem Frühlingserwachen des neuen Lebens, wie das Gras und die Blume.
Der Leib kann vermodern, aber auch er wird erstehen; in welcher anderen Form könnte ich sie mir wohl denken, wenn wir Beide uns im Aether begegnen?! - -
Wiederum habe ich jenen Traum gehabt, der mich so seltsam angriff in der Nacht vor der Explosion der Cappeletti: ich aufsteigend für sie in einer Feuerfäule zum Himmel!
Der Traum ist ein Trost, denn die Wirklichkeit scheint mir das Glück nicht zu gönnen, für sie zu sterben.
Ich fürchte, die eiserne Tragödie, die wir gespielt fast hundert Tage lang auf diesem Felsen am Meer, damit die nüchterne Zeit erfahre: es giebt doch noch Treue auf Erden! - dies Spiel geht zu Ende - der Vorhang fällt, und Alles geht nach Hause - die Tragödie wird zur bürgerlichen Komödie, die Festung capitulirt.
Noch ist es Gott sei Dank nicht so weit - o daß ich es nie erleben, daß mein Traum eher enden möchte, als sie herunter gezerrt zu sehen, die Heldin - zur Hausfrau
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des entthronten Königs! Haben darum Tausende gerungen und geblutet? - sollten Könige nicht sterben wie ihre Soldaten auf der Bresche ihres letzten Walles?
Und doch - wie soll das Herz auch eines Königs solchen Jammer ringsum ertragen? Tag und Nacht kracht und braust und schmettert und heult der eiserne Regen auf Häuser und Wälle, überall Berge von Schutt und tiefe bombengerissene Abgründe, Häuser ohne Dach, Gewölbe ohne Decke - Kirchen ohne Thürme, und immer wieder darum und darauf der furchtbare Eisenhagel! Die Schaufel des Todtengräbers ermattet - verhungerte, zerlumpte Gestalten der Bewohner, lebende Gerippe schleppen sich mühsam an den Häusern entlang und wimmern um Brod. Schon ist die Festung der Felsensarg für mehr als fünftausend Leben - und so viele Liebe und Treue deckt ein gemeinsames Grab, in dem der Einzelne verschwindet. Wahrlich, ich kann dem Könige nicht zürnen, daß er bereits seine Offiziere zu dem großen Schlächter Cialdini gesandt hat,15 - nur das Eine zuvor, ehe das Erniedrigende geschieht[.]«
»Maria, heil'ge, bitt' für mich
Und nimm mich zu Dir in Dein himmlisch Leben!«
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Bericht des Kommandanten der Vorposten, Major Abrucci an das Hauptquartier.
Batterie am Monte Atratina, Dienstag, den 12. Februar,
Abends 8 Uhr.
»Das Feuer ist von den Belagerten während des Tages nur aus den Batterieen Regina, Sant Andrea und Philippstadt erwidert worden. Das Feuer unserer Batterieen gegen die Citadelle hat alle Arbeiten an der Bresche der Seeseite verhindert. Eine kurze Zeit war unsere Batterie auf dem Monte Capuccini verhindert, das Feuer fortzusetzen, aber unsere gezogenen Kanouen haben dasselbe alsbald wieder hergestellt. Die Bresch-Batterie am Borgo ist so weit vollendet, daß sie morgen früh auf 1000 Meter Entfernung mit 4 vierzigpfündigen Cavallis und 2 Vorderladern das Feuer eröffnen kann.
Von den Vorposten unserer rechten Flanke gegenüber der Transilvania ist die Meldung eingegangen, daß gegen Abend eine Barke von Terracina her die Blokade zu durchbrechen versucht hat und von der Corvette »Aquila« gejagt wurde. Man bemerkte, daß, als die Barke sich zurückzog, ein Mann von ihrem Bord sich in das Meer warf, um schwimmend das Vorgebirge zu erreichen, und von der Bastion Transilvania unterm Schutz ihrer Batterieen ein Boot ausgesetzt wurde, ihn aufzunehmen. Der Mann ist jedoch nicht mehr zum Vorschein gekommen und wahrscheinlich ertrunken.
Um 7 Uhr nach Dunkelwerden hat einer der neapolitanischen Posten vor dem Glacis in der gewöhnlichen Weise
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den beifolgenden Brief unseren Vorposten zukommen lassen. Da es zur Zeit des gewöhnlichen Rapports ist, habe ich unterlassen, denselben mit besonderer Ordonnanz einzusenden.
                       gez. Abrucci.«
An General Gialdini Excellenz.
                       Mola di Gaëta. Eilig!
»Euer Excellenz die gehorsamste Anzeige, daß es der bewußten Person endlich gelungen ist, den von Major G. bezeichneten Ausgang der Drahtleitung nach den Minengängen der T. zu finden und mit dem Magazin in Rapport zu setzen. Von morgen Mittag 3 Uhr ab wird die volle Verbindung hergestellt sein, da es gelungen ist, die Person unter die Zahl der Arbeiter einzureihen. Eile ist nöthig, da man Verdacht zu schöpfen scheint. Oberst C. ist bereits verhaftet. Die Verhältnisse sind auf dem Aeußersten. Ich bitte um das gewöhnliche Zeichen von der Batterie C., daß dieser Brief angekommen ist. Respektvoll
                       *  *  *
Auszug aus der Depesche des Minister-Präsidenten Grafen Cavour an den Oberbefehlshaber des Belagerungs-Corps vor Gaëta, Generallieutenant Cialdini.
                       Turin, den 9. Februar 1861.
»...Ich kann Euer Excellenz nicht verhehlen, daß die Verzögerung der Einnahme von Gaëta hier den übelsten Eindruck macht. Seine Majestät
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der König sind sehr ungnädig. Ich muß darauf bestehen, daß die Einnahme, sei es durch Capitulation oder Erstürmung, unter allen Umständen vor der Eröffnung des Parlaments, die auf den 18. festgesetzt ist, erfolgt sein muß. Euer Excellenz persönliches Interesse wird es sein, mir bis dahin die Uebergabe melden zu können ...
Max von Waldenfels an Otto von Cronenberg.
                       Gaëta, Dienstag, den 13. Februar, früh.
»Ein Sterbender grüßt Dich! Gott sei gepriesen - die Hoffnung lebt wieder in unseren Herzen, daß wir mit Ehren und nicht ungerächt fallen werden. Eine Versammlung von Offizieren hat gestern beschlossen, eine Deputation zu General Bosco zu senden, damit er vom König die Erlaubniß erhalte, die Truppen der Garnison in einem allgemeinen Ausfall gegen die zunächst gelegenen Batterieen des Monte Capuccini und Monte Tortone zu führen. Wir wissen, daß wir unterliegen werden, aber wir werden mit Ehren fallen im offenen Kampf, statt hier wie die Ratten in der Falle zu verhungern oder zerrissen zu werden durch den ungreifbaren Feind. Wir Alle, die deutschen, die französischen, die schweizer Legionaire brennen vor Begierde, mit Säbel und Bajonnet an diese Mörder zu kommen, die uns aus der sicheren Ferne tödten, ohne einen Sturm zu wagen.
Daher meine veränderte Stimmung! Fort mit dem
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Brüten und Träumen - der Traum mag ein Ende nehmen, - sei es auch die Vernichtung.
Es ist ein Glück, daß der Schlächter Cialdini die Verhandlung einer Kapitulation geweigert hat, außer unter dem Donner seiner Kanonen. Deshalb rast das Feuer ungehindert weiter und der eiserne Todesengel rasselt hinüber und herüber. Welcher Todesmuth, welche Aufopferung selbst bei halben Knaben. Den sechszehnjährigen Lieutenant Rosso sah ich in seiner Batterie mit zwei Kanonieren, die allein noch von der ganzen Bemannung übrig geblieben, die vier Geschütze bedienen und in unvermindertem Feuer halten.
Vulkane ringsum seit den drei Tagen, daß der letzte Waffenstillstand aufgehoben, während dessen gegen alles Recht die Piemontesen neue Batterieen erbaut und bewaffnet haben, müssen, nach dem Urtheil unserer Artillerie-Offiziere mindestens 60,000 Kugeln in die Festung gefallen sein. Mit Eisen sind Bastionen und Wallgang, mit Eisen sind Höfe, Markt und Straße gepflastert.
Gestern geleitete mich der Oberfeuerwerksmeister Pirrel, einer der braven Franzosen, in die unterirdischen Gewölbe der Transilvania, da ich von heute Abend ab den Dienst der Bewachung des auf der linken Flanke des Felsens liegenden großen Pulver-Magazins und der Laboratorien übernehmen soll. Mir wurde es fast unheimlich in den finsteren Gängen, wie die dunklen Gestalten der Arbeiter und Artilleristen gleich Bewohnern der Gräber an uns vorüberstrichen - den Himmel sei Dank, daß ich sterben kann für sie im lichten Sternenschein statt in jenen Grüften
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- so eben erhalte ich von meinem getreuen Toni die Nachricht, daß der Ausfall auf diesen Abend 7 Uhr beschlossen ist, und es wird mir nicht schwer fallen, einen Vorwand zu finden, den Dienst in der Bastion einem Anderen übertragen zu sehen und mich der Kolonne anzuschließen. Man wird, man darf es mir nicht weigern! - Ich gehe zu Pirrel, ihn in Kenntniß zu setzen!
                       Nachmittag 3 Uhr.
Es lebe die Königin! - Morituri te salutant! Monsieur Pirrel ist ein Ehrenmann und ein guter Kamerad! Er wird für meinen Ersatz sorgen und Toni, mein treuer Toni, hat mir versprochen, mich in seine Kolonne zu schmuggeln, - da der Ausfall in der Dämmerung geschieht, wird es nicht schwer halten - außerdem kennen mich die Leute meiner Kompagnie, die noch übrig sind, und lieben mich!
Vor mir auf dem Tisch liegt mein Säbel und mein Revolver, Dein Geschenk, als ich schied. Einige Abschiedsworte an die Schwester und eine kurze Verfügung über einige Dinge auf »meiner Väter Burg« lege ich zusammen mit diesen Zeilen in eine kleine Blechbüchse, die ich eben am Strande von einem der Fischer, der sie in dem Ufersand gefunden, zu diesem Zweck kaufte, ein Ding, wie es die Seeleute und Handwerksburschen zur Aufbewahrung ihrer Papiere zu tragen pflegen. Ich will das Päckchen an Dich adressiren, hoffentlich hat Einer, der nach mir kommt, Freund oder Feind, Redlichkeit und Gelegenheit,
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die sonst werthlosen Papiere an unsere Gesandtschaft in Rom zu senden.
So wäre denn dieser Traum des Lebens ausgeträumt und zu Ende! Ueber unser Felsengrab wird der Scirocco drüben von Afrika her seinen heißen Odem hauchen, und der Wogenprall des tyrrhenischen Meeres uns das Grablied singen. Und wenn sie zurückkehrt, die Tochter unserer Berge, eine entthronte Königin, und dennoch für alle und alle Zeit die königliche Märtyrerin von Gaëta! und hinabblickt auf den blauen See und den kleinen Friedhof, den seine Wellen bespülen, wird sie dann auch wohl denken an den großen Friedhof an blauer See, wo Die schlafen, die getreu gewesen bis zum Tode?
Ja, die Treue - sie ist kein Traum - sie ist die ewige Wahrheit! - -
Welches Krachen - eine neue Explosion! Vorübereilende hör' ich sagen: Das Pulvermagazin der Bastion Philipp[s]stadt und St. Andrea!
Lebe wohl! lebe wohl - auf Wiedersehen - dort! - ich öffne die Kapsel, diese Zeilen zu schließen! - - -«


Inhalt der Büchse: »An den ersten Offizier der königsgetreuen Garnison von Gaëta!«
Im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau! Es ist keine Zeit zu verlieren - eilen Sie sofort Angesichts dieses zu General Riedmatten, oder wem Sie vertrauen dürfen. Der Verrath ist in der Festung, in der nächsten
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Nähe des königlichen Herrn. Die Explosionen am 4. und 5. sind keineswegs Sache eines unglücklichen Zufalls - sämmtliche Pulvermagazine, die der frühere Major vom Genie-Corps Guanarelli unter König Ferdinand II. erbaut hat, sind absichtlich entweder so wenig fest construirt, daß sie schwerem Geschütz nicht widerstehen können, oder durch eine electromagnetische Leitung unter der Erde mit gewissen Punkten des Vorterrains verbunden. Major Guanarelli, der Abtrünnige, kommandirt in den Batterieen der Piemontesen. Um den letzten Widerstand rasch zu brechen - man weiß, daß eine russische Note unterwegs und der Befehl an die Flotte zum Auslaufen gegeben ist, - soll morgen Nachmittag 4 Uhr die Transilvania in die Luft gesprengt werden. Es befindet sich ein abscheulicher Bösewicht in der Festung, ein böhmischer Deserteur oder Entlassener, der vor 8 oder 9 Tagen Mittel gefunden hat, in die Festung heimlich zurückzukehren und, da er als früherer Artillerist die Werke genau kennt und vielerlei Verbindungen hat, - man sagt, bis in die unmittelbare Nähe der Königin - den dortigen Leitern des Verraths zum ausführenden Werkzeug dient. Er muß sofort aufgehoben werden. Wenn sich die Festung noch 14 Tage zu halten vermag, kann ich für die Aufhebung der Belagerung bürgen. - Der Fischer, der diese Warnung mittelst Barke überbringt, - hat geschworen, die Festung zu erreichen.
Im Namen der Dreieinigen!
                       Abbé Galvati.«


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Es war 15 Minuten vor 4 Uhr, als eine entsetzliche Erschütterung, noch gewaltiger, andauernder als die Explosion von San Antonio am 5., die Festung erzittern machte und ihre Felsenwurzeln aus dem Meere zu reißen schien. Das große Pulvermagazin der Transilvania auf dem linken Flügel der in das Meer vorspringenden Felsenklippe war mit 400 Centnern Pulver in die Luft geflogen und mit ihm das Laboratorium von den drei Batterieen Transilvania, Malpasso und Picco de Malpasso. Alles, was an diesen Orten oder in der Nähe befindlich gewesen: Offiziere, Kanoniere, Kanonen, Mörser, Lafetten, Maschinen, Gebäude und Geräthschaften, Alles war verschwunden, zerstört, verschüttet, erschlagen! Ein hundert Donnern gleicher Krach, als ob sich die Erde öffnen wolle, um Gaëta zu verschlingen - und sie hatte sich aufgethan, weit und gräßlich gähnte, schaudervoll, der Schlund des Riesengrabes, - ein tiefer Krater, darinnen es zuckte und wühlte von zerfleischten Gliedmaßen - sonst Nichts - Nichts - leeres Nichts!
Aus dem Tagebuch des Lieutenants Baron von Ch...
                       Gaëta, den 13. Februar, Abends 6 Uhr.
Ich komme von dem Grabe, das die letzte Hoffnung Gaëta's verschlungen hat - ein entsetzlicher, grauenvoller Anblick. Selbst die Felsen haben sich bis zum Grunde gespalten und das Meer wühlt zwischen den Trümmern.
Barmherziger Gott! welche Menschenleben - alle
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noch frisch, kräftig, vielleicht jung vor einem Augenblick, im nächsten in Stücken gegen die Wolken geschleudert!
Man sagt ganz offen, daß Verrath im Spiel gewesen bei dem entsetzlichen Unglück - ja man nennt einen deutschen Offizier, den blassen, kranken jungen Mann, den ich seither öfter an Orten gesehen, wo die Königin war, - man will in seiner Wohnung Papiere gefunden haben, die wenigstens auf seine Mitwissenschaft schließen lassen!
Selbst der Oberfeuerwerksmeister Pirrel war einen Augenblick in ungerechtem Verdacht - er befand sich bei der Explosion in der Nähe der Transilvania, ward zu Boden geworfen und blieb mehrere Minuten lang ohnmächtig liegen, ehe er von den zu Hilfe Eilenden aufgehoben wurde. Seltsam ist, was er erzählt - ich hörte ihn selbst. Danach hatte heute der erwähnte junge Offizier, nur bekannt unter dem Namen Lieutenant Max, schon am Vormittage ihn ersucht, ihn von dem ihm übertragenen Dienst der Beaufsichtigung der Arbeiten im Pulvermagazin und den Minengängen zu dispensiren, und als er eben wenige Minuten vor der Explosion aus der Bastion zurückgekommen, sei derselbe Offizier wie ein Wahnsinniger an ihm vorbeigestürzt, den Revolver in der Hand, dem Zugang der Souterrains zu, in welchen die Pulvervorräthe lagern. Erstaunt, was dem sonst so stillen jungen Mann begegnet, sei er stehen geblieben und habe ihm nachgesehen und zu seinem Schrecken bemerkt, daß der Offizier sich auf einen eben eilig jenen Zugang verlassenden Artilleristen oder Laboratorien-Arbeiter gestürzt und ihn schreiend zu Boden gerissen habe. Der
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Angefallene sei offenbar stärker gewesen, als sein Gegner und habe sich wüthend kämpfend von ihm loszumachen gesucht - aber dieser habe ihn festgehalten wie ein wildes Thier, und auf sein Geschrei sei die im Gang postirte Schildwach herbeigekommen. Er selbst habe nicht verstehen können, was der Offizier gerufen, weil zu weit entfernt, - und gerade als mehrere Soldaten herbeigeeilt waren und er selbst schon den Fuß erhoben hatte, sich nach der Ursach' des Auftritts zu erkundigen, sei die Explosion erfolgt und er bewußtlos zu Boden geworfen worden.
Auch der König und die Königin waren bald nach dem furchtbaren Ereigniß auf dem Schauplatz des Unglücks. Wahrlich, wenn je eine Fürstin erhabenen Muth gezeigt hat, so ist es diese junge deutsche Frau. Von den schrecklichen Scenen, denen sie beiwohnte, deren Anblick sie sich aussetzte, mußte doch gewiß Vieles sie schwer erschüttern. Dennoch sah ich nur einmal ihre Fassung zusammen brechen.
Sie hatte den Arm des Königs losgelassen und war um einen der Steinblöcke getreten, welche die Explosion hierher geschleudert hatte.
Ich stand in der Nähe und sah sie plötzlich erbeben und den Arm ihrer steten Begleiterin, einer bayerischen Dienerin erfassen, die sie aus ihrer Heimath mitgebracht, und die ihre Milchschwester sein soll.
Auf dem Stein lag eine vom Gelenk abgerissene Menschenhand mit den Fingern die Reste eines halbverbrannten, grauen Handschuhs festhaltend. An dem kleinen
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Finger dieser linken Hand blinkte ein schmaler Goldreif mit einem Vergißmeinnicht von Türkisen.
Die Königin war so plötzlich um den Stein gebogen, und dieses traurige Zeichen der Explosion lag so nahe vor ihren Augen, daß sie es deutlich sehen mußte. Obschon gewiß viele schrecklicheren Spuren des Unglücks ihr bereits vor die Augen gekommen waren, schien sie doch gerade dieser plötzliche Anblick aufs Höchste zu erschüttern, denn sie stieß einen Schrei aus und sank ihrer Begleiterin in die Arme.
Der König und der Graf Caserta waren sofort an ihrer Seite und ich hörte, wie der Letztere seinem königlichen Bruder noch Vorwürfe machte, gestattet zu haben, daß die junge zarte Frau die Schreckensstätte besuche. Man führte sie sogleich hinweg.
Bald darauf, als die königlichen Herrschaften bereits nach ihrer traurigen Wohnung zurückgekehrt waren, kam ich zufällig noch einmal an jene Stelle, an welcher die Königin endlich von ihrer weiblichen Natur übermannt worden war. Dicht dabei begegnete ich wieder der bayerischen Dienerin der Königin, begleitet von ihrem Bruder, einem jungen Unteroffizier des deutschen Fremden-Bataillons.
Der junge Mann trug einen in ein Tuch gehüllten kleinen Gegenstand, den ich nicht erkennen konnte, - die Geschwister weinten.
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                       Abends 7 Uhr.
Was ist das? - So eben schweigt wie auf Kommando das feindliche Feuer auf allen Bergbatterieen und drüben von der Mola her - und auch die Geschütze der Festungsbatterieen verstummen - kein Schuß mehr, ein unheimliches, die Nerven widrig berührendes Schweigen nach dem gewohnten Donner dieser Mordarbeit von hundert Tagen. Es ist wie die Stille des sich schließenden Grabes - - -


Es ist so! - Das Grab schließt sich über dem Königthum! - Die Kapitulation ist unterzeichnet!«
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Aber in Spanien!

(Fortsetzung.)

Die Hôtels der meisten Gesandtschaften liegen in der Alcala oder der Carrera de San Geronimo in der Gegend des Salon del Prado, dieser Promenade aller Welt von Madrid.
Als der Graf von Lerida mit seinem bescheidenen Fiakre vor dem Hôtel der französischen Gesandtschaft anfuhr, war die Straße bereits mit einer Reihe von glänzenden Equipagen bedeckt, die in langer Queue der Vorfahrt harrten. Don Juan ließ in einiger Entfernung halten, stieg aus und winkte seinem seltsamen Groom, um zu Fuß rascher das Hôtel zu erreichen.
Obschon die Zeit der vornehmen Tertulias oder der Abendgesellschaften in Madrid gewöhnlich erst nach dem Schluß der italienischen Oper fällt, also nach zehn Uhr, war der Empfang bei Monsieur Adolphe Barrot, dem französischen Botschafter, für diesen Abend doch früher angesagt, da an diesem Tage die Oper ausfiel und die Königin zugesagt hatte, mit dem Hofe zu erscheinen.
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Die Salons des französischen Botschafters waren zu jener Zeit ein Sammelpunkt der Koryphäen aller politischen Parteien und aller Celebritäten von Madrid, und Monsieur Barrot war politisch genug, ihnen diesen Charakter zu erhalten, da er für die Zwecke des Kabinets der Tuilerieen eben hierdurch die besten Erfolge erzielte. Gerade durch den internationalen halb demokratischen, halb hochconservativen Charakter und das Begegnen aller Fraktionen und Persönlichkeiten bot sich hier ein reiches Feld der Intrigue, und in der That wurden zu jener Zeit die zahllosen Palastintriguen und parlamentarischen Kämpfe von hier aus stark beeinflußt.
Der Leser erinnert sich vielleicht, daß nach den zahlreichen Wechseln der Ministerien und der Regierungssystme seit dem Tode König Ferdinand VII. zu jener Zeit die Partei der sogenannten Liberal-Unionisten, das heißt das Ministerium O'Donnell am Ruder war, zwischen den Moderados und den Progressisten die Mitte bildend, obschon durch den Einfluß des Hofes sich mehr zu der ersten Partei neigend, dennoch nicht weit genug, um der Hofpartei zu genügen, die den Führer der Neos oder sogenannten Neukatholischen, den alten Marschall Narvaez, Herzog von Valencia, den tapferen Vertheidiger Christinens wieder an die Spitze der Regierung zu stellen suchte.
Der Graf trat in das Foyer des Hôtels, warf seinem Groom den Paletot zu, indem er ihn mit seinem Wink an eine bestimmte Stelle etwas entfernt von dem übrigen Dienstpersonal wies, und wandte sich an einen der Lakaien
»Monsieur le Vicomte Digeon?«
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»In seinem Zimmer, Euer Gnaden!«
Der Graf schien im Hôtel genau Bescheid zu wissen, denn statt die große Treppe hinaufzugehen, an deren Fuß die Kammerdiener, und auf deren Wendung die Attachés der Gesandtschaft die Gesellschaft empfingen, wandte er sich rechts, ging durch einen Corridor und stieg in einem Seitenflügel eine kleine Wendeltreppe hinauf, die zu der Wohnung des zweiten Sekretairs der Gesandtschaft führte.
Der Vicomte war vor einem großen Trümeau noch mit seiner Toilette beschäftigt.
»Ah, das ist schön, daß Sie kommen, amigo,« sagte er herzlich, seinem Besuch die Hand reichend. »Sie haben also mein Billet erhalten?«
»Wie Sie sehen. Ich benutze die Gelegenheit und Ihr Boudoir, um meine Toilette etwas zu repariren, die im Gedränge auf der Puerta del Sol einige Verwirrung erlitten.«
»Waren Sie dort, Conde? Man sagte, es hätte Tumult gegeben. - Vielleicht ein kleines Pronunciamento? Ihre Landsleute lieben dergleichen.«
»Die Ihren nicht minder, Vicomte, nur machen sie gleich eine Revolution daraus, wenn sie nicht glücklicher Weise einen Saint Arnaud finden.«
«Ah - bah! Denken Sie an die Füsilladen des Herrn Narvaez - auch O'Donnel[l] und Serrano sind darin nicht zu ängstlich. Aber wir wollen uns deshalb nicht streiten - für was machen die Dummköpfe Rebellion, wenn sie nicht zu siegen verstehen. Was war es?«
»Ein kleiner Krawall mit der Polizei, die nicht dulden
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wollte, daß ein Vater nicht damit einverstanden ist, daß seine sehr junge und sehr hübsche Tochter aus dem Beichtstuhl nicht wieder nach Hanse zurückkehrt.«
»Eine Dirne aus dem Volke? Wer frägt danach! - Sie wird mit einem Liebhaber davon gelaufen sein.«
»Quien sabe! Es ist die Tochter eines früheren Offiziers - da - lesen Sie!« Er reichte dem jungen Legationssekretair den Aufruf, den Seespinne auf der Puerta erwischt.
Der Diplomat las mit Aufmerksamkeit - er faltete mit eigenthümlicher Miene das Blatt zusammen und gab es zurück. »Verstehen Sie Deutsch, amigo?«
»Deutsch? Nein - warum fragen Sie?«
»Oh - ich sah vor Jahren in Berlin eine Tragödie -, sie soll von einem gewissen Lessing sein und zur klassischen Literatur dieser guten Deutschen gehören - >Emilia Galotti< war, glaube ich, der Titel. Ich hätte Ihnen das Stück zur Lektüre empfohlen, - aber da Sie nicht Deutsch verstehen - - wissen Sie, daß General Fleury sich freut, Sie zu sprechen? Er hat mir Wunderdinge von Ihren Erfolgen in Biarritz erzählt.«
»Ich hatte die Ehre, ihn bei dem Thee der Kaiserin kennen zu lernen. Was will er hier?«
»Diantre - man sieht, daß Sie Soldat gewesen sind und nicht Diplomat, so teufelmäßig gehen Sie drauf! - Natürlich nichts Anderes, als andalusische Pferde kaufen für die Kaiserin. Sie wissen ja, daß er Oberstallmeister ist, und Madame Eugenie wünscht wahrscheinlich ein Gespann Isabellen.«
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»Nach Frankreich?« sagte lachend der Graf, - »es kann später kommen, aber vorläufig dürften Ihre Majestäten die Isabellen noch in Madrid wünschen. Nun Vicomte, mit solchen Calembourgs speisen Sie Männer meines Schlages nicht ab und dazu haben Sie mich auch nicht her citirt.«
Der Diplomat lächelte: »Ich sehe, Sie sind ungenügsam. Nun also - Sie sind ja ein Protegé von Prim?«
»Der Graf verzieht mich allerdings etwas. Ich war mit ihm in der Türkei.«
»Uno würden Sie nicht unter ihm ein Kommando annehmen?«
»Ein Kommando? Ich war in meinem Leben nicht Ingenieur, und Sie wissen, daß der Graf jetzt General-Inspektor vom Genie ist. Ueberdies vergiebt der Kriegsminister die Chargen in der Armee, und ich gehöre gerade nicht zu den Lieblingen Se. Durchlaucht des Herrn Herzogs von Tetuan, seit ich ihm ein Paar arme Verwandten, ehrliche Irländer, auf den Hals gehetzt habe, die der Geizhals geschwind nach Rom expedirte. Schade um das hübsche Mädchen - man erzählt, daß sie ganz niederträchtiger Weise dort erschossen worden sei.«
»Ich rede deshalb auch von keinem Kommando in Spanien, sondern ...«
»In der Habannah? ich kann Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit sagen, daß ein Anderer dahin bestimmt ist.«
»Und wer wäre das, amigo?« frug neugierig der Diplomat.
»Caraï! ich kann so verschwiegen sein, wie Sie[.]
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Vielleicht erfahren wir es auf der heutigen Soirée. Aber wohin wollen Sie denn den Grafen von Reuß und Marquis de Castillejos nebst meiner Person schicken?«
»Nach Mexiko, in das Land der Kaziken, der Silberminen und der feurigen Frauen, wenn Sie es denn durchaus wissen wollen.«
»Nach Mexiko?«
»Ja! - der Präsident Juarez ruft muthwillig Conflicte hervor, denen nur durch eine Coalition der Seemächte begegnet werden kann. General Fleury ist hier, um Spanien eine gemeinsame Expedition vorzuschlagen. Der Kaiser hat sein Augenmerk auf Prim gerichtet - sobald der Graf einwilligt, wird man seine Person der Königin und dem Marschall vorschlagen. Ihr Vater war ja Gouverneur in Mexiko?«
»So ist es - ich hatte heute Gelegenheit, mich daran zu erinnern.«
»Sie sehen, daß der Kaiser Ihre Person im Ange behalten hat. Ihr Name ist bekannt in Mexiko, Prim protegirt Sie, - es stebt nur bei Ihnen zu einer glänzenden Stellung bei der Expedition empfohlen zu werden; wenn Sie den Marschall bewegen wollen, die Führung der spanischen Expedition zu übernehmen, wird die Königin gern ihm diese anbieten.«
»Hm - er hat mich für morgen Abend zu sich in die Loge der italienischen Oper geladen.«
»Sehen Sie - das wäre eine vortreffliche Gelegenheit - der Kaiser würde Ihnen für die Vermittelung sehr dankbar sein,« drängte der Diplomat.
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Der Graf sah ihn schlau an. »Und der Marschall?«
»Der Ministerpräsident wird mit Vergnügen seine Zustimmung geben, die Convention ist so gut wie abgeschlossen.«
Don Juan brach in ein helles Lachen aus. »Mort de ma vie ich glaube es gern - Herr O'Donnell wird da zwei Rivalen mit einem Schlage los und Se. Majestät, der kluge Kaiser Louis Napoleon, Herrn von Montpensier.«
Der Legationssekretair machte eine etwas verblüffte Miene. »Wie so? wie meinen Sie das?«
»Bah - ich meine bloß, daß das Königreich des seligen Herrn Montezuma, nachdem es glücklich zur Mausefalle für den armen Grafen Boulbon geworden war, sich recht hübsch eignen würde, einem noch unliebsameren Orleans ein besseres buen retiro jenseits des Oceans zu verschaffen, als das am Manzanares. Liebster Vicomte, geben Sie sich keine Mühe. Es würde sich zwar äußerst großmüthig im >Moniteur< ausnehmen, daß ein Bonaparte dem Herrn Herzog von Montpensier zu einer Krone verholfen hat, aber ich glaube, daß der gute Duque so wenig Lust hat, darauf reinzufallen, als Ihr ergebenster Diener, Juan Graf von Lerida, der in diesem Augenblick zu stark anderweitig beschäftigt ist, um sich mit den Sennores Leperos und den hübschen, aber etwas gefährlichen Chinas16 von Puebla und Mexiko zu amüsiren.«
»Also Sie lehnen den Vorschlag ganz ab?« frug der Diplomat sehr unzufrieden.
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»Gott bewahre, - ich werde die Gelegenheit morgen bestens wahrnehmen, den General möglichst für das Projekt zu stimmen, und da unser lieber Graf von Reus etwa sehr ehrgeiziger Natur und stark chagrinirt ist, daß man ihn zu Ehren seiner Siege gegen die unglücklichen Marokkaner blos zum Marquis de Castillejos, Herrn O'Donnell aber zum Herzog von Tetuan gemacht hat, an welchem gloriosen Siege er mindestens eben so großen Antheil zu haben glaubt, als Herr O'Donnell, so zweifle ich keinen Augenblick, daß er mit Vergnügen die Gelegenheit ergreifen wird, sich zum Herzog von Itzecahuatl oder Popocatepetl ernennen zu lassen.«
»Sie sind ewig der Alte, und es ist kein ernstes Wort mit Ihnen zu reden. Wollen Sie wirklich den Grafen sondiren und ihm zureden?«
»Mein Wort darauf, - nur ...«
»Nun?«
»Ein Dienst ist des anderen werth, und wenn ich auch keine Lust habe, nach Mexiko zu gehen, giebt es doch verschiedene andere Wege, auf denen Se. Majestät der Kaiser Louis Napoleon oder Allerhöchstdessen respektable Vertretung in Madrid mir bei Gelegenheit wird ihre Protektion beweisen können.«
»Mit größtem Vergnügen. Bestimmen Sie nur, wie?«
»O - es eilt nicht. - Die Gelegenheit findet sich schon. - Aber ich halte Sie doch nicht ab? Um wieviel Uhr ist die Königin angesagt?«
Der Vicomte sah nach seiner Uhr. »Um Neun -
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wir haben noch eine Viertelstunde Zeit zu plaudern, wenn es Ihnen gefällt. Graf Bondy ist heute an der Reihe, die Gäste zu empfangen. Wie steht es mit unserer Corrida?«17
»Ich hoffe heute die Einladung an Ihre Majestät richten zu dürfen. Ich bin nur zweifelhaft, welcher Vaterschaft zu Ehren wir das Fest geben sollen.«
»Sie sind und bleiben ein Spötter. Haben Sie nicht den König Franz d'Assis?«
»Brr - als ob schon Jemand ihm zugetraut hätte, seine Infanten und Infantinnen selbst zu machen! Sprechen Sie offen, Vicomte, wer ist der Glückliche?«
»Ja, amigo, das ist schwer, Sie haben die Wahl. Der >schöne Oberst< ist nicht mehr in Frage, Master Dilthon, der englische Ingenieur, hat seine Schuldigkeit mit dem Thronerben gethan, - Pucheta der Espada wird alt, - man spricht von einem schönen Artillerie-Offizier, aber ich glaube, der >Affe< ist im Begriff, sie Alle auszustechen.«
»Diesmal, Vicomte, sind Sie mir in der Chronicque scandaleuse voraus; ich erinnere mich des Namens nicht!«
»Wer Anderes, als Herr Marfori! Sie wissen doch, in welcher Weise er Intendant des Palastes wurde?«
»Nicht ganz! Bitte, erzählen Sie!«
»Nun - Marschall Narvaez, als er das letzte Mal Ministerpräsident war, ich glaube vor 6 Jahren, stellt diesen seinen Neffen, oder vielmehr den Neffen seiner
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Maitresse, der einige Jahre Chorist an der italienischen Oper gewesen war, der Königin vor und verlangte für ihn die damals gerade vacante Stelle eines Intendanten des königlichen Palastes. Sie kennen ja Sennor Carlos Marfori, er ist weder hübsch, noch elegant, noch kräftig, noch geistreich. Aber er ist ein Finanzgenie, und der Intendant des Palais hat mit der Verwaltung des Privatvermögens Ihrer Majestät viel zu thun. Dennoch gefiel er der Königin nicht und sie schickte ihn fort. Aber der Marschall ist eine zähe Natur und bekanntlich dabei ziemlich grob und kurz angebunden. Nach einem heftigen Streit zog er ab und schickte Frau Isabella folgendes Ultimatum: »Entweder mein Neffe Carlos Marfori wird Intendant Ihrer Majestät der Königin, oder ich höre auf, Ihrer Majestät Minister zu sein.« - Die Königin brauchte die Neos und antwortete: »Bringe Deinen Affen wieder!« und Narvaez brachte seinen Affen, und der Affe blieb und ist zur Zeit beinahe schon so einflußreich wie Pater Clarette oder die ehrwürdige Mutter Patrocinio, die wir übrigens Beide heute Gelegenheit haben werden zu sehen.«
»Was, zum Henker, den Beichtvater und die alte Schwindlerin mit den Nägelmalen an Händen und Füßen?«
»Ihre Majestät hält seit ihren neuen interessanten Umständen keinen Ausgang mehr ohne ihre beiden geistlichen Adjutanten, also richten Sie sich danach. Seit Marschall O'Donnell mit der Kerze in der Hand sich den Prozessionen der Mater Patrocinio angeschlossen, ist sie selbst unter den Liberal-Unionisten in Mode.«
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»Pfui Teufel!! - Und hält das Kabinet der Tuilerieen wirklich so viel auf das Verbleiben des Herrn Marschalls auf seinem Posten?«
Diesmal war es der pariser Diplomat, welcher einen raschen fragenden Blick aufwarf. »Beabsichtigen Sie etwa ein Pronunciamento, lieber Freund? Welche Nuance? Prim, Olozaga, Narvaez, die Karlisten? - Oder - halt da! - Sie sind ja von Geburt ein halber Engländer - agitiren Sie für die Föderation oder Dom Pedro?«
»Keines von Allen - ich wiederhole Ihnen, ich mache nicht in Politik, am Wenigsten für Lord Palmerston.«
»Man hat mir gesagt, daß Ihre Mutter eine Engländerin war und Ihr Vater ein eifriger Carlist?«
»Quien sabe! er hat wenigstens im Carlisten-Krieg sein Ende gefunden, ohne daß sich Prim damals revangiren konnte.«
»Wie so?«
»Mein Vater hatte Gelegenheit, ihm das Leben zu retten, als er eines Tages in Gefangenschaft der Carlisten gerieth. Vielleicht wissen Sie nicht, Vicomte, daß Prim in seiner Jugend unter Espartero gegen Don Carlos unter den Freiwilligen von 1834 bei Ribas, Perraconijos Pugarda und Villa mayor focht und mit 23 Jahren bereits Colonel war, obschon er als Knabe von Reus, seinem Geburtsort, nach Madrid lief, um Riego, den Helden der Liberalen, bevor und nachdem er gehangen wurde, in seinem Glanze zu sehen. Als meinen Vater das gleiche Loos getroffen, gab er sich alle Mühe, ihn zu retten und eilte in das Hauptquartier, aber er kam leider zu spät -
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der Herzog von Vittoria hatte ihn drei Stunden vor seiner Ankunft erschießen lassen - man sagt, aus alter Rivalität!«
»Sie erwähnten vorhin Reus als den Geburtsort des Generals. Wissen Sie, daß früher - ich erinnere mich dessen, als ich zur Zeit des Krimkrieges junger Attaché in Berlin war - allgemein behauptet wurde, der General sei ein desertirter preußischer Unteroffizier?«
»Ich erinnere mich des Unsinns - es war sogar in Varna davon die Rede, wo sich Ihr Prinz Plon-Plon unsterbliche Lorbeeren holte. Aber der General ist, wie ich Sie versichern kann, ein ehrlicher Katalonier, in Reus18 geboren, weshalb ihn die Königin auch später zum Grafen von Reus machte für seine Siege im Felde des Krieges und der Liebe; dort war es, wo er als Junge von acht Jahren in der Klosterschule dem Pfaffen, seinem Lehrer, das Buch an den Kopf schmiß und davon lief. Später hat er diese seine Antipoden etwas schlimmer behandelt, z. B. in Villamayor, wo er nach der Erstürmung der Stadt die Mönche, die einige Tage früher an einigen Christinos schändliche Grausamkeiten verübt hatten, mitsamt der Kirche, in die sie sich geflüchtet hatten, verbrennen ließ! Obschon er, wie ganz Spanien weiß, nicht umsonst Don Juan heißt, gerade wie ich, was vielleicht unsere Sympathieen gefördert, glaube ich doch, daß der Ehrgeiz seine Hauptleidenschaft ist, und darauf baue ich auch die Hoffnung, ihn für Ihr Unternehmen zu gewinnen. Nach
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dem Carlistenkrieg zum Brigadier ernannt, spielte er trotz seines Liberalismus am Hof und unter den Moderados eine Rolle, bis er nach dem katalonischen Aufstand von 1847 angeklagt und zu sechsjährigem Kerker verurtheilt wurde. Zwar genoß er dessen Annehmlichkeiten nur wenige Monate, aber er hatte doch vorerst den Glauben aller Parteien verspielt, reifte einige Zeit in Europa und Amerika, wo er sich seine Frau aus Mexiko holte, und wurde 1853 bei Ausbruch des spanischen Krieges als Delegirter in's türkische Lager geschickt, aus welcher Zeit sich unsere Bekanntschaft datirt, da mein Oheim, der Marquis von Heresford mich ihm zugesellte. Die Revolution von 1854 rief ihn nach Madrid zurück, Barcelona wählte ihn in den Congreß, wo er für das Verbleiben der Dynastie stimmte und bald mit der liberalen Union, bald mit den Prog[r]essisten kokettirte. Wie Sie wissen, ist er jetzt wieder stark in der Opposition, weil man ihn für seine Bravour im marrokkanischen Feldzug, - denn er ist ein tüchtiger Soldat trotz aller Politik - bei Campalmentos, Castilejos und Tetuan nur zum Marquis gemacht hat. Herr O'Donnell mag sich vor ihm in Acht nehmen - und deshalb glaube ich gern, daß der Herzog ihm goldene Brücken nach Mexiko bauen wird. - A propos! wird der Hof von Sevilla Ihre Soirée beehren?«
»Wenn es der Befehl der Königin ist - ich weiß es in der That nicht. Sie wissen, daß der Herr Herzog von Montpensier das kaiserliche Regime nicht liebt, grade wie das Regime Napoleon nicht sehr Herrn Anton Maria Philipp Ludwig von Orleans, den geliebten in seiner
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Spekulation auf die Thronfolge so arg von ihrer Fruchtbarkeit getäuschten Schwager Madame Isabella's.«
»Der Schleicher! Lieber noch ziehe ich die Frucht des englischen Ingenieurs vor, aber man sagt, daß das Kabinet von St. James ihn stark unterstützt.«
»Lord Palmerston liebt, eine Scheuche in petto zu haben. Aber da kommt Louis - sind Sie bereit Graf?«
Der Kammerdiener öffnete die Thür. »Der Zug Ihrer Majestät naht sich bereits.«
Die Herren nahmen rasch ihre Hüte und eilten nach dem Vestibüle.
Die Etikette des Hofes von Madrid verlangt bei den geringsten Aus- und selbst bei Spazierfahrten der Königin großen Pomp und militärische Eskorte. Der Auffahrt des von acht rothgeschirrten Maulthieren gezogenen Galawagens ritten zwei Offiziere und ein Zug der prächtigen Garde-Kürassiere vor, der schönsten Truppe unter den durch prächtige und überladene Uniform ausgezeichneten spanischen Garden. Eine gleiche Abtheilung folgte den königlichen Wagen. Der Botschafter erwartete mit einem Theil seines Personals die Hohen Gäste bereits an der Auffahrt, am Entrée der Escaliers empfing sie seine Gemahlin und geleitete die Königin in den Salon, in dem für die königlichen Herrschaften eine besondere Estrade mit prunkenden Sesseln hergerichtet war. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe bei der herrschenden Etikette der Hof empfangen war und sich in den glänzenden Sälen arrangirt hatte.
Der Graf von Lerida hatte sich alsbald in das
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Gewühl gestürzt, das an manchen Stellen, namentlich in der Nähe des Salons der Königin so gedrängt war, wie in irgend einem der überfülltesten Salons von Paris.
»Nun, Sennor Conde,« meinte ein dicker fleischiger Herr, »haben Sie sich entschlossen, an der Gesellschaft Theil zu nehmen?«
»Von welcher Gesellschaft reden Sie, Sennor Salamanca?«
Der berühmte Bankier zuckte die Achseln. »Von welcher kann jetzt noch die Rede sein, als von der British Peninsular-Compagnie der Kupferminen in der Sierra Morena! - Um Himmelswillen, von welchem Nordpol kommen Sie, daß Sie nicht wissen, von was alle Welt an der Börse spricht.«
»Und wer steht an der Spitze?«
»Don Marfori, der Herzog von Montpensier und meine Wenigkeit außer drei Mitgliedern der Kammer.«
»Bewahren Sie mir ein Dutzend Aktien, - wo Signor Marfori ist, leide ich kein Risiko. Der Sennor ist Mitglied von ein halb Dutzend Eisenbahn-Comités und zehn anderen Finanz-Instituten. Er muß die Sache verstehen.«
Ein Perlmutt-Fächer schlug ihn leicht auf die Hand. »Ihren Arm, Conde! Sie sollen zur Strafe dafür, mich nicht bemerkt zu haben, mir meinen Mann suchen helfen.«
Es war eine zierliche kleine Frau mit wunderbaren Augen und reizendem Fuß. Die spanischen Damen der vornehmen Welt tragen das Kleid vorn nur bis zu den
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Aenkeln reichend, um den hübschen Fuß zu zeigen, während hinterdrein eine lange Schleppe nachrauscht. Der Graf hatte ihr den Arm gereicht und führte sie nach einem der hinteren Salons, auf den sich das von mattem Lampenstrahl erleuchtete prächtige Treibhaus öffnete, mit den einzelnen leicht gefärbten Lampen zwischen dem saftigen Grün einen zauberhaften Anblick gewährend.
Am Eingang dieses Salon-Gartens blieb sie stehen und streifte mit dem Blick durch die grünen Räume, sie waren fast leer, - Alles drängte nach dem Spiel der Königin.
»So, mein Herr - nun habe ich Sie. Sie sind ein abscheulicher Bösewicht, verantworten Sie sich!«
»Aber Marquise - ich weiß in der That nicht ...«
»Wie, Sie wagen es noch zu leugnen? Haben Sie nicht der Baronin Oviedo, der unerträglichen Kokette versprochen, ihre Farben zu tragen bei dem Stiergefecht, das man zu Ehren der Königin nächste Woche veranstalten will?«
»Madame von Oviedo ist von einer Gefälligkeit für ihre Freunde, die man anerkennen muß. Man bittet sie nie vergeblich um einen Dienst.«
»O, man kennt die Art dieser Gefälligkeiten! Ich weiß, worauf Sie anspielen - also weil ich mich geweigert habe, von meinem Gemahl die Anstellung eines Ihrer Schützlinge in dem Saladero zu verlangen, da Sie doch wissen, daß ich mich nie in Dienstsachen mische, halten Sie sich für berechtigt, Alles zu vergessen, was ich für Sie gethan habe! O Juan ...«
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Die kleine Frau drückte das Spitzentuch an ihre Augen.
»Madame Oviedo ist nicht so gewissenhaft, mein Schützling hat sofort eine Anstellung bei der Finanzverwaltung erhalten. Man ersieht den Grad aufrichtiger Freundschaft aus den kleinen Diensten im gewöhnlichen Leben.«
»Sie sind ein Undankbarer - es war vielleicht ein kleiner Eigensinn, eine Laune von mir, daß ich Ihnen die kleine Gefälligkeit abschlug, aber das ist kein Grund, mich zu kränken und Ihr Versprechen nicht zu halten. Fordern Sie andere Beweise und ich werde sie Ihnen geben.«
»Das sind Redensarten, schöne Freundin - Sie wissen, daß ich eigensinnig und leicht verletzt bin. Die Baronin Oviedo ...«
»O, schweigen Sie von dem abscheulichen Weibe, das mir jedes Vergnügen verbittert. Wie sie heute wieder aufgeputzt ist! Ich verbiete Ihnen, heute mit ihr zu sprechen!«
»Und doch muß ich es thun, ich habe sie wieder um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.«
»Als ob ich Ihnen dieselbe nicht auch erweisen könnte, wenn es in meiner Macht steht,« rief ungeduldig die eifersüchtige Dame.
»Es ist eine Bagatelle, mit der ich Sie nicht belästigen darf!«
»Aber ich liebe die Bagatellen - sprechen Sie, ich will es wissen!«
»Nun, wie gesagt - eine Kleinigkeit! Man hat mir
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gesagt, daß der nächste Transport der zu den Galeeren Verurtheilten schon am Montag abgeht!«
»Santa Madonna del Pilar - was haben wir mit den Verbrechern zu thun! Was kümmern Sie diese Leute?«
»Mich im Grunde Nichts - aber es ist ein Sohn einer alten Dienerin unter den verurtheilten Schmug[g]lern und die Alte kommt expreß nach Madrid, um ihn noch einmal zu umarmen.«
»Wahrhaftig - eine Bagatelle! warum lassen Sie ihn nicht begnadigen? Das ist doch so leicht!«
»Ich habe auch bereits die Einleitung dazu getroffen und das Versprechen erhalten. Aber wenn die Alte nach Madrid kommt und ihren José hier nicht mehr findet, bricht ihr das Herz.«
»So lassen Sie ihn hier zurückhalten!«
»Das würde Aufmerksamkeit erregen, - Sennor Balasteros, der Generaldirektor der Steuern, ist sehr mißtrauisch gegen die Contrabandista, und man darf sich durch Ausnahmen nicht compromittiren. Nein - das Einzige ist, daß der Transport der gesammten Verurtheilten unter irgend einem Vorwand auf acht Tage verschoben wird, was ja ganz gleichgültig wäre.«
Die kleine Frau sann einen Augenblick nach. »Sie brauchen nicht erst Madame Oviedo zu bemühen, ich denke, die Sache wird sich leicht machen lassen, wenn ich dem Sekretair meines Mannes einen Wink gebe. Er kennt Don Garcio Jove, den Generaldirektor der Gefängnisse sehr genau. Sie können darauf rechnen Sennor Don
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Juan - aber - wohlverstanden, Nichts mehr von Madame Oviedo!«
»Theure Ines - ich schwöre Ihnen ...«
»Schwören Sie lieber nicht, aber erinnern Sie sich, daß die Farben, die ich an dem Tage des Stierkampfes tragen werde, Grün und Roth sind. Und nun a diòs - dort kommt mein Mann mit seinem Kollegen, dem Minister der Finanzen, Sennor Salaverria!«
Der Graf verbengte sich und nahm den Arm des Vicomte Digeon, der ihn mit einem anderen Herrn zu suchen kam.
»Wo stecken Sie, Conde, - die Montenero wird sogleich singen und eine junge Schwedin, die ausgezeichnet sein soll. - Aber erlauben Sie mir, die Herren mit einander bekannt zu machen. Herr von Netschajeff, der neue Attaché der russischen Gesandtschaft, Sennor Don Juan Conde von Lerida, einer der Löwen der spanischen Gesellschaft, ein Cid unter den Männern und ein ächter Träger seines Namens unter unseren schönen Sennoras und Sennorittas. Das ist ganz der Mann, den ich Ihnen versprach, um Ihnen den nöthigen Katalog der Persönlichkeiten von Madrid zu geben, die Sie heute versammelt finden. Ah, Sennor Don Emilio,« wandte er sich zu zwei vorübergehenden Herren, - Ihr gestriger Artikel in der >Democracia< über die französische Politik in Rom ist prächtig! Sie nehmen uns zwar stark mit, aber ich verspreche Ihnen, wenn Ihnen einmal bei einem kleinen Systemwechsel der spanische Boden unter den Füßen zu
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warm werden sollte, - Herr von Persigny wird Sie in Paris bestens willkommen heißen.«
Der von den Moderado's bitter gehaßte Redakteur des Organs der Republikaner, der Professor der Madrider Universität Don Emilio Castellar, ein noch ziemlich junger Mann mit vollem runden Gesicht, dichtem Schnurbart und beginnender Glatze verbeugte sich steif. »Erlauben Sie mir, mein Herr, damit zu warten, bis ein Ministerium Ledru Rollin bei Ihnen wieder am Ruder ist,« sagte er ernst, mit seinem Begleiter weiter gehend.
»Er hat Sie ausgezahlt, Vicomte,« lachte der Conde.
»Bah - die Herren Socialisten haben Gott sei Dank bei uns keine Aussicht. Aber wer war der alte Sennor, mit dem er ging, vom Militär offenbar, eine martialische Gestalt mit dem langen grauen Bart und den großen tiefernsten Zügen.[?]«
»Wie, Sie kennen General Pierrad nicht? Er und Orenso sind die Veteranen der Republikaner.«
»Ich hatte ihn zufällig noch nicht gesehen - ein interessanter Kopf aber sehr exaltirt. Sie sehen, wie liberal Frankreich denkt, Herr von Netschajeff, auf seinem Grund und Boden in Spanien, also im unseren Gesandtschaftshôtel finden Sie alle Parteien vertreten. Dort im Salon conversirten eben die Führer der Opposition die Herren Sagasta, Zorilla, Ortiz, Figuerola ganz gemüthlich mit Herrn Martinez de la Rosa und den gegenwärtigen Ministern der Justiz Sennor Negrete und des Innern Herrera. Und nun meine Herren muß ich Sie einander überlassen, denn Madame Barrot hat mir
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bereits einen Wink zukommen lassen, mich etwas mehr um die Gesellschaft zu kümmern.« Damit ging der muntere Diplomat davon.
Der Graf von Lerida betrachtete seinen neuen Gesellschafter jetzt etwas aufmerksamer. Der Russe war ein Mann von hoher schlanker Gestalt, vielleicht zwei oder drei Jahre jünger als er selbst, mit etwas finsterem doch nicht unschönem Gesicht, aus dem unter den charakteristischen Zügen der tatarischen Race große Energie sprach. Er hatte graue stechende Augen, mit denen er gleichfalls eine scharfe Musterung seines Gesellschafters hielt.
»Ist es Ihnen gefällig, nach dem Musiksaal zu gehen, wir werden dort mehr Gelegenheit haben, uns die Schönheiten Madrid's in der Nähe zu betrachten,« leitete der Graf das Gespräch ein.
Der Russe legte die Hand leicht auf seinen Arm. »Einen Augenblick Herr Graf, ich ziehe es vor, wenn Ihnen dies genehm, noch einige Minuten hier mit Ihnen zu plaudern.«
»Sehr obligirt - ich denke, dann setzen wir uns in eine der hübschen Lauben des Gewächshauses, wir sind dort ungestörter.«
»Wie Sie wollen.«
Don Juan ging voran und wühlte den von blühenden und Früchte tragenden großen Orangebäumen gebildeten Gang an der Rückwand des Glashauses, der am Ende desselben in einem ziemlich dunklen Bosket von dichten Schlingpflanzen und amerikanischen Coniferen endete, während auf der anderen Seite ein prächtiges
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offenes Halbrondeel von großen Kamelien und Azalien daran stieß, in dessen Rundung eine elegante eiserne Gartenbank um eine Miniatur-Fontaine zum Sitzen einlud.
Eine einzige matte Kugellampe von rothem Glas erhellte mit gedämpftem Licht das Bosket und den Sitz in demselben.
»Lassen Sie uns hier Platz nehmen,« sagte der Russe. »Wissen Sie, Herr Graf, daß Monsieur Digeon auf meinen ausdrücklichen Wunsch mich gerade Ihrem Patronat übergeben hat?«
»Es ist mir eine besondere Ehre, - aber ich verstehe nicht ganz, es müßte denn sein, daß mein Ruf als mauvais sujet größere Verbreitung gefunden, als ich selbst zu hoffen wagte, denn so viel ich verstand, sind Sie erst hier angekommen.«
»Vorgestern, direkt von Petersburg über Turin und Genua. Ich muß Ihnen sagen, daß ich bereits in Petersburg die Ehre hatte, von Ihnen zu hören - aber offen, daß ich Sie mir eigentlich anders gedacht habe.«
Der Graf lachte. »Ich weiß nicht, ob ich das für ein Kompliment anzusehen habe oder das Gegentheil! Aber darf ich fragen von wem oder bei welcher Gelegenheit?«
»Bereits im vorigen Winter im Salon der Fürstin Wolchonski, sie sprach mit Ihrem Vetter von Ihnen.«
»Mit meinem Vetter? O, Sie meinen Lord Frederik Walpole, den Viscount von Heresford?«
»Ich erinnere mich, daß dies sein Name war.«
»Ja - er reiste damals in Rußland oder hatte gar
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die tolle Idee, am Eispol zu botanisiren. Er ist ein Eccentric, wie unser Oheim es war. Ich habe lange Nichts von ihm gehört, obschon wir im Grunde einander ganz gern haben, - wohl verstanden in einer gewissen Entfernung, denn Frederik hat eine eigenthümliche Liebhaberei, Moral zu predigen. Uebrigens war es sehr liebenswürdig von Prinzeß Wolchonski, die ich die Ehre hatte, in Nizza kennen zu lernen, sich meiner zu erinnern.«
»Ich hörte auch bei einer anderen Gelegenheit von Ihnen sprechen.«
»Und die war?«
Der Russe faßte die Hand des Grafen und drückte sie in eigenthümlicher Weise.
»Caramba - Sie sind Carbonaro?«
»Ich bin Nihilist!«
»Aber das war das Zeichen der europäischen Liga zweiten Grades?«
»Sie würden unser specielles Zeichen nicht verstanden haben, deshalb bediente ich mich des allgemeinen, was alle Ligas der Freiheit verbündet. Bitte, überzeugen Sie sich.«
Der Attaché nahm aus einem kleinen eleganten Portefeuille, das er aus einer Tasche im Innern des Gilets zog, eine blaue, mit verschiedenen Charakteren beschriebene Karte und reichte sie dem Spanier. Der Graf prüfte die Schrift an dem rothen Licht der Lampen und gab die Karte zurück. »Es ist das Zeichen des Genfer und Londoner Ausschusses darauf,« sagte er - »Sie sind also genügend legitimirt, Herr von Netschajeff, und haben
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über meine Dienste zu befehlen. Ich bin zwar Mitglied der ersten europäischen Logen - aber ich muß gestehen, ich kenne nur im Allgemeinen das Programm der Nihilisten. Rußland liegt uns etwas fern.«
»Haben Sie Bakunin gekannt?«
»Nein - ich traf nie mit ihm zusammen. Wenn es Sie interessirt, so will ich Ihnen von vornherein das Geständniß machen, daß ich Propagandist aus Erbschaft bin.«
»Wie verstehen Sie das?«
»Nun - ich habe die Mitgliedschaft der Logen von meinem Onkel, dem Marquis von Heresford geerbt. Er war bekanntlich Propagandist mit Eifer, obschon er Handschuhe trug und die Kanaille nicht besonders liebte. Jedes Complottiren ist pikant, aufregend, und ich liebe die Aufregung, sie ist mir Bedürfniß. Fürchten Sie darum nicht, daß ich je eine Indiscretion begehen werde, aber wie gesagt, ich mache kein Hehl daraus, daß ich das Complottiren aus Liebhaberei treibe.«
»Man hat mir gesagt, Sennor Conde, daß ich in Ihnen einen eigenthümlichen Charakter finden würde, aber daß Sie der Sache der Freiheit bereits große Dienste erwiesen. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihre Beweggründe zu prüfen. Können Sie mich mit den Häuptern der socialen Bewegung in Spanien in Verbindung setzen?«
»Nichts leichter als das - ich werde Sie mit Garrido in Verbindung bringen.«
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»Garrido - der Name ist mir bezeichnet - Schriftsteller?«
»Pamphletenschreiber! - ich sage Ihnen, er führt eine höchst ungenirte Feder. Er hat soeben seinen siebenunddreißigsten Preßprozeß wegen seiner letzten Broschüre bestanden und ist zum Aerger aller Moderado's und Neo's zum siebenunddreißigsten Mal von einer Jury freigesprochen worden, wird jedoch am Besten thun, Spanien für einige Zeit zu verlassen. Aber warum frugen Sie, ob ich Bakunin kenne?«
»Weil ich Ihnen dann die Nachricht hätte geben können, daß es ihm gelungen ist, aus Sibirien zu entkommen. Wir wissen noch nicht, wo er sich hingewendet hat und sich augenblicklich befindet, aber daß er entflohen, ist Regierungsnachricht.«
»Viel Glück - nur möchte ich ihm rathen, nicht nach Spanien sich zu wenden, die spanische Nation ist noch nicht reif für seine Doktrinen, und ich möchte Ihnen, Herr von Netschajeff empfehlen, auch mit den Ihren hier vorsichtig zu sein. Unsere Republikaner sind zwar bereit, sich am Königthum zu vergreifen, aber noch nicht so weit, es auch an Gott zu thun.«
Der Nihilist lächelte verächtlich. »Was nennen Sie Gott? den Popanz der Pfaffen, um Kinder zu schrecken, nicht denkende Menschen! Erst wenn ein Volk sich zu der Bildung empor geschwungen, zu begreifen, daß es keinen anderen Gott giebt, als die eigene Kraftentwickelung, wird es frei sein und alle jene widernatürlichen Schranken zertrümmern, die da heißen Gesetz, Religion, Ehe, Eigenthum
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und so weiter. In diesem Lande herrscht noch das Königthum und das Pfaffenthum, wenn Sie auch ihre Mönche verjagt haben. Thron und Kirche müssen fallen, und das erstreben zu helfen bin ich hier.«
Der Conde hatte den unter der aristokratischen Maske verborgenen Fanatiker angehört, schüttelte aber lächelnd den Kopf. »Ich wiederhole Ihnen, Herr von Netschajeff, Spanien ist nicht der Boden für solche Lehren. Es mag kommen, daß einmal die Republik siegt, obschon wir vorerst wohl noch anderen Phasen entgegen gehen; der spanische Charakter ist aber monarchisch und religiös. Sagen Sie mir, warum Sie das konstitutionelle Königthum niederwerfen wollen, während Sie doch in Ihrer Heimath einen ziemlichen Grad von Despotismus und Orthodoxie geduldig ertragen?«
»Nicht geduldig Herr,« erwiderte zornig der Russe - »ihre Zeit wird auch dort kommen! Das Schwert blutiger Vergeltung für die lange Unterdrückung und Verdummung schwebt über ihrem Haupt, vielleicht ist diese Hand selbst berufen zur blutigen Sühne. - Aber,« fuhr er fort und sein ganzes Wesen änderte sich auffällig und augenblicklich von dem Träger des brutalen Fanatismus in den feinen gewandten Ton, der den russischen Diplomaten eigen ist, »glauben Sie nicht, daß ich thöricht genug bin, diese innersten Gedanken, die ich Ihnen als Erwiederung auf Ihr Vertrauen entwickelte, als Aushängeschild zu tragen, oder ohne Studien über die hiesigen Verhältnisse in Ihr Land gekommen zu sein. Ich
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kann Ihnen Ihre dreißig oder vierzig Revolutionen19 seit der Verfassung von 1812 an den Fingern herzählen, und weiß, daß bereits Vieles anders geworden ist, daß z. B.
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die Zahl Ihrer Mönchsklöster seit dem Jahre 1820 - im vorigen Jahrhundert waren es gar an 9000, - von 2280 mit 33500 nichtsnutzigen Blutegeln am Mark des Volkes auf 41 mit 719 Mönchen herabgebracht worden ist, und daß diese auch nur unter der Firma von Missionshäusern geduldet werden. Ich weiß sehr wohl, daß durch das Gesetz von 1854 über die Befreiung der Güter todter Hand, die fast drei Viertheil alles Grundbesitzes in Spanien für die Kirche betrugen, bereits für 2\frac12 Milliarden Francs an Werth wieder in den Besitz des Volkes gekommen sind, aber noch enthält man ihm den ungeheuren Werth von 4 Milliarden vor, und das neue Concordat, das Herr O'Donnell mit dem Papst geschlossen, giebt der Geistlichkeit wieder gefährliche Waffen in die Hand. Ueber kurz oder lang stehen Spanien neue Revolutionen bevor. Ihr Schluß wird unfehlbar, wie überall, die sociale Republik sein. Es ist das Bemühen der monarchischen Kabinette, dieses Resultat so lange als möglich hinauszuschieben - so auch in Spanien.«
Lerida horchte auf - er begriff sofort, daß die bisherigen Expectorationen, wenn auch aufrichtig, doch nur das Vorspiel oder die Einleitung des schlauen Russen zu dem was kommen sollte, gewesen waren.
»Es läßt sich erwarten,« fuhr Herr von Netschajeff fort, »daß in Kurzem wieder ein Versuch der Karlisten erfolgen wird, den sogenannten legitimen König auf den Thron zu heben, wenigstens deuten darauf die englischen Unterstützungen. Ohne die Zustimmung Palmerstons würde nicht einmal der verunglückte Putsch im vorigen
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Jahre statt gehabt haben, dessen Opfer General Ortega wurde.«
Der Graf verhielt sich schweigend.
»Es wäre Nichts dabei,« fuhr der Attaché fort, - »ja bei den Sympathieen, die der Kaiser Alexander für die Sache der Legitimität und der italienischen und spanischen Bourbonen hat, würde Fürst Gortschakoff keinen Anstand nehmen, die Erhebung gleichfalls im Stillen und in genügender Weise zu unterstützen, - wenn England nicht eben wie gewöhnlich einen Hintergedanken dabei verfolgte, der dem bisherigen Gleichgewicht Europa's gefährlich werden kann.«
»Bitte, fahren Sie fort!«
»Sie werden gewiß mit mir der Meinung sein, daß eine karlistische Erhebung in diesem Augenblick eben nur das Mittel zur Schwächung der gegenwärtigen spanischen Regierung sein kann, um endlich die lange von dem Kabinet von St. James projectirte iberische Union herbeizuführen, mit dem König Dom Pedro als Ersatz für die Königin Isabella.«
»Die Union hat allerdings eine Partei für sich.«
»Die Consolidirung Italiens unter dem Hause Savoyen ist von Lord Palmerstom nicht im Interesse der Freiheit hervorgerufen und begünstigt worden, sondern um den englischen Einfluß auf der apenninischen Halbinsel gegenüber Frankreich zu befestigen. Portugal ist Nichts mehr als eine Domaine Englands, und seine Vereinigung mit Spanien wird auch hier die englische Suprematie feststellen, während über kurz oder lang sonst
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das Nationalbewußtsein, sei es unter einer Republik, sei es unter Don Carlos, ja selbst unter Montpensier Gibraltar zurückfordern und so den wichtigsten Stein aus dem englischen Machtbau reißen würde. Allein mit Gibraltar beherrscht England das Mittelmeer, den Orient und Indien, das begreift man in London sehr wohl. Der Verlust von Gibraltar würde der Verlust von Indien, also des Reichthums Englands sein, ebenso des Einflusses in Konstantinopel, also einer entscheidenden Stimme in den orientalischen Fragen.«
Der Spanier lächelte. »Ich begreife! Das Kabinet von Sanct Petersburg hofft Indien am Manzanares zu erobern!«
Der Russe erröthete leicht. »Bah - lassen Sie das! wir haben es hier nur mit europäischen Fragen zu thun. So lange die Königin Isabella regiert, ist an eine nationale Energie nicht zu denken. Frankreich aber hält ihre Regierung schon aus Haß und Besorgniß vor Montpensier aufrecht. Die Republik oder Don Carlos sind also die alleinigen Chancen.«
»Und warum sagen Sie mir das Alles?«
Der Russe sah ihn schlau an. »Man sagt, daß Sie persönlich sehr gut befreundet sind, sowohl mit dem Prinzen Juan Bourbon in London, als mit General Prim in Madrid.«
»Das heißt also mit anderen Worten: ich soll Ihnen helfen, Don Carlos auf den Thron zu setzen oder Spanien zur Republik zu machen, damit die Engländer Gibraltar verlieren.«
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»Sie würden Ihrem Vaterlande den größten Dienst damit leisten,« sagte kaltblütig der Russe, - »und Sich selbst auch!«
Der Graf konnte sich eines lustigen Gelächters nicht enthalten - zwei solche Anträge an einem Abend zu erhalten, kitzelte seine Laune. »Wir wollen die Sache überlegen, Herr von Netschajeff,« sagte er munter. »Don Juan Prim sehe ich morgen, was aber den dritten Don Juan in unserem Kleeblatt betrifft, Se. Königliche Hoheit den legitimen Prinzen von Asturien, so müßten Sie sich deshalb schon nach Biscaya bemühen, wo er gegenwärtig bereits verweilt.«
»Wie - der Prinz bereits in Biscaya?«
»Wenigstens nach den Nachrichten von heute Abend im Hafen von Pontevedra, der Dinge wartend, die da kommen sollen. Sie sehen, Fortuna arbeitet für die Pläne des Herrn von Gortschakoss, ohne daß er davon weiß! Aber nun lassen Sie uns zur Gesellschaft gehen, statt hier im Bosket von Madame Barrot Verschwörungen anzuzetteln, was viel besser sich zu einem pikanten Liebesrendezvous eignen würde. A propos sind Sie ein gewandter Reiter und haben Sie Lust, sich einer politischen Quadrille anzuschließen?«
»Einem Karoussel?«
»Meinetwegen einem Karoussel, nur daß es dabei Hornstöße statt der Figuren, und einen Luftsprung über den Nacken eines wilden Stiers, statt einer Lancade à la Baucher geben kann!«
»Sie meinen ein Stiergefecht - ich hörte bereits
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davon! Ich reite ziemlich gut, - indeß glaube ich, daß die Diplomatie Wichtigeres zu thun hat, als zur Belustigung des Pöbels Stiere zu hetzen!«
»Pfui, Herr von Netschajeff,« lachte der Conde, - »was sind das für Ausdrücke für einen geheimen Anhänger der Souveränität eben dieses geliebten und hochachtbaren Pöbels. Jede Nation begeht den Fasching nach ihrer Manier, Paris hat seine Operncancans, Petersburg seinen Schlittencorso auf der Newa, Berlin - wenn es nicht eben Trauer hätte, - Subscriptionsbälle, Italien gegenwärtig ein Bombardement. Warum sollte Madrid nicht ein Stiergefecht haben? - Aber beruhigen Sie Ihr diplomatisches Gewissen - hinter einem Stiergefecht kann so gut ein Regierungswechsel lauern, wie hinter dem Pistolenschuß auf Auber's Maskenball oder dem Ball der Herzogin von Richmond in Brüssel, von dem Lord Wellington direkt nach Waterloo marschirte, und wenn es Ihnen in der That Ernst ist mit einem Carlisten-Aufstand, können Sie nichts Besseres thun, als einem isabellistischen Bullen - honny soit qui mal y pense! ich meine durchaus nicht Herrn Marfori! - den Gnadenstoß zu geben!«
»Sie sind ein Proteus, Graf,« sagte halbverdutzt der Russe, der sich gleichfalls erhoben hatte, - »ein Räthsel, dem man durch längere Bekanntschaft erst auf den Grund kommen muß. Sie scheinen mit den wichtigsten Interessen Ihr Spiel zu treiben. Ich bitte, zeigen Sie mir offen Farbe!«
Der Graf lachte. »Als ob mir Herr von Netschajeff nicht auch zwei Gesichter gezeigt hätte! - Aber lassen Sie
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uns noch einen Augenblick verziehen - dort kommt der König!«
»Der König Franz d'Assis?«
»Wir haben zur Zeit noch keinen anderen. - Wenn Sie ihm nicht gerade begegnen wollen ...«
»Ich bin bei Hofe noch nicht vorgestellt!«
»Dann thun wir besser, wir bleiben hier und verhalten uns ruhig. - Ueberdies scheint er sich absichtlich der Etikette entzogen zu haben, denn er ist allein mit seinem Adjutanten und einem Kammerherrn.«
Es war in der That der Gemahl der Königin, der König Franz d'Assis Maria Ferdinand, der Sohn des Infanten Franz de Paula, den die Politik Louis Philipp's der Thronerbin zum Gatten gegeben hatte in der Ueberzeugung seiner Impotenz, um auf diesem Wege dem Einspruch England's gegenüber die künftige Erbfolge seinem eigenen Sohne, der zugleich mit der zweiten Tochter der Königin Christine, der Infantin Louise20 vermählt wurde, zu sichern. Alle Welt weiß, daß die bourbonische Fruchtbarkeit Isabellens die Erwartungen Louis Philipp's getäuscht hatte. - Der König, - eine sehr kleine magere Figur - zeigte in dem spitzen, schmalen Gesicht, das durch Schnurr- und Kinnbart noch unvortheilhafter verlängert wurde, unverkennbar die altspanische Abkunft. Obschon er erst 39 Jahre zählte, bewies die blasse Farbe des Gesichts und die schlottrige gebrochene Haltung des Körpers eine förmliche Abmergelung aller Kraft. Der Ausdruck
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seiner Minen hatte einen frömmelnden Charakter, zeigte aber in diesem Augenblick eine gewisse, gewaltsam unterdrückte Besorgniß.
Der zweite Adjutant des Königs, Generalmajor Don Joaquim Fitor y Alvarez und ein Kammerherr begleiteten ihn. Die anderen Personen, die ihm gefolgt waren, blieben auf einen Wink des Kammerherrn am Eingang des Treibhauses zurück.
Der König, leicht auf den Arm seines Adjutanten gestützt, kam den großen Gang des Gewächshauses entlang und näherte sich dem Halbrondeel der kleinen Fontaine an dessen Ende.
»Oh sehen Sie wie reizend, General - ich werde der Frau Botschafterin dafür mein Kompliment machen,« näselte der König. »Diese Gewächs-Dekoration kann nicht schöner sein an der Nische der heiligen Jungfrau unserer Kirche von Santa Maria am Festtag der unbefleckten Empfängniß. - Sie sagten also, daß der Auflauf heute Abend auf der Puerta del Sol Nichts zu bedeuten hatte?«
»So hörte ich eben von Sennor de la Vega de Armigo, dem Chef der Polizei als Civilgouverneur von Madrid.«
»Aber heiliger Domingo, was war denn wieder die Ursach' von all' dem Lärmen?«
»Es ist ein junges Mädchen verschwunden, mi Sennor,21 und der Vater hetzte darüber das Volk auf gegen die Polizei, weil bereits mehrere ähnliche Fälle vorgekommen sind.«
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Der König fuhr sich mit dem Spitzentuch, das er in der Hand trug, über das Gesicht. »Heilige Madonna, was kann die arme Polizei dafür, wenn irgend eine liederliche Dirne ihren Eltern davon läuft! Diese Madrilenen sind doch ein unruhiges Volk.«
»Mi Sennor - das verschwundene Mädchen ist die Tochter eines verdienten alten Offiziers«
»Mein Himmel, - unsere Sennoritta's vom Militair haben eben so heißes und unruhiges Blut wie ihre Herrn Väter. Wissen Sie zufällig, wie der arme Vater heißt?«
»Sennor Castillo hat mir eines der Flugblätter gegeben, die der Vater und einer seiner Verwandten auf der Puerta del Sol verbreitet haben und wegen deren sie verhaftet werden sollten.«
»Sollten? Sie sind also nicht verhaftet worden?«
»No mi Sennor, das Volk hat sie wieder befreit.«
»Heilige Jungfrau, das ist sehr unrecht; diese Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit, die allein für die Person zu sorgen hat, ist ja nicht besser als Aufruhr. Wir müssen mit dem Marschall sprechen, daß die Autorität des Gesetzes aufrecht erhalten wird. Man kann ja die Uebelthäter, die doch allein den Tumult hervorgerufen, im Stillen verhaften.«
»Mi Sennor - der Mann ist ein alter wohlverdienter Offizier. Ich kenne ihn persönlich. Der Kapitain Landero hat sich im ersten Karlistenkriege tapfer für Ihre Majestät geschlagen.«
»Das ist Alles recht schön, lieber General, aber das
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entschuldigt nicht, daß der Mann ein Rebell ist. Schon in meiner Eigenschaft als General-Kapitain der Armee kann ich dergleichen nicht dulden. - Aber geben Sie mir das Blatt, lieber General, ich werde es lesen, indeß Sie die Güte haben, nachzusehen, ob Ihre Majestät nach mir verlangen.«
Der General-Adjutant salutirte und entfernte sich; der König hatte sich auf der Bank des Bosquets niedergelassen und las das Flugblatt, - der Kammerherr stand in respectvoller Haltung ihm gegenüber.
»Nein - diese Sprache! ich bitte Sie, lieber Marquis - es ist unerhört, es darf nicht geduldet werden! - Können Sie es machen« - fuhr er leiser fort, - »daß Sie heute Abend noch auf einen Augenblick das Kloster besuchen? - Die ehrwürdige Mutter muß einen Wink erhalten, daß sie die höchste Vorsicht beobachtet.«
»Seien mi Sennor unbesorgt. Es kann nicht der geringste Verdacht auf das Kloster fallen - die jungen hübschen Sünderinnen, die zu ihrem eigenen Besten dort internirt werden, sind stets aus entfernten Kirchsprengeln. Wenn mi Sennor die Gnade haben wollen, mich bei dem Aufbruch Ihrer Majestät zu beurlauben, werde ich Zeit genug haben, hinzufahren.«
»Um der Heiligen Märtyrer willen, nur keine Unvorsichtigkeit, Marquis, - lassen sie ja den Wagen, wie wir gewöhnlich thun, in einer anderen Straße halten. Sagen Sie der ehrwürdigen Mutter, daß ich in einigen Tagen selbst kommen werde. Wahrhaftig, meine Nerven bedürfen der kleinen Erholung. Man hat mich wissen lassen,
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daß man sehr interessante neue Gruppirungen aus der höchst verdammenswerthen heidnischen Mythologie zum abschreckenden Beispiel vor der Sünde arrangirt hat. Ich hoffe, daß die kleine Prog[r]essistin in sich gegangen ist und sich gefügt hat. Sie ist in der That sehr hübsch, und kann später zu den Studien aus der biblischen Geschichte verwendet werden. - Ich werde mit Armigo sprechen, daß er die Unruhstifter streng verfolgt.«
»Verlassen sich mi Sennor auf mich.«
»Warten Sie - welchen Tag? O diese lästige Etikette. - Es wird sich leider Sonntag nicht machen lassen, der heilige Hilarius gehört zu meinen besonderen Schutzpatronen; - aber man hat mir von einer Corrida gesprochen, die man in der nächsten Woche zu Ehren der Empfängniß der Königin geben will! - Hol' sie der Teufel! wo sie nur den Bastard wieder aufgelesen hat! - Wenn die Königin das Stiergefecht besucht, pflegt sie gewöhnlich zeitig sich niederzulegen. Sagen wir also am Tage des Stiergefechts! - Doch, da kommt der General.«
Generalmajor Alvarez kam in der That vom Eingang des Gewächshauses her, um zu melden, daß Ihre Majestät die Königin so eben den Spieltisch verlassen habe und im Begriff stehe, Cercle zu machen.
Der König erhob sich eilig. »Dann ist es Zeit - lassen Sie uns gehen, Sennores!«
Er hatte das Gewächshaus verlassen. Der Graf Lerida, der bisher sich nicht gerührt und den Arm seines Gefährten wie in einem Schraubstock gepackt gehalten
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hatte, athmete tief auf - seine Augen funkelten, auf seiner Stirn zeigte sich ein rother Fleck.
»Auch für uns ist es Zeit, zu gehen! - Sprechen Sie Spanisch, Herr von Netschajeff?« Die Unterhaltung zwischen ihnen war selbstverständlich Französisch geführt worden.
»Sehr schlecht - aber ich werde mir sofort alle Mühe geben, die edle Sprache des Cid zu lernen. So viel verstand ich wohl, daß von einem Tumult die Rede war.«
»Ein bloßer Polizeilärmen. Kommen Sie, und bitte lassen Sie sich bei Vicomte Digeon für das Stiergefecht einschreiben. Schreiben Sie immerhin nach Petersburg, daß vielleicht, ehe acht Tage um sind, die Fahnen des Königs Don Carlos vor den Thoren von Madrid wehen, oder die Republik Spanien ihre diplomatische Anerkennung verlangen wird.«
Der Graf hatte den russischen Attaché unter den Arm genommen und schlenderte mit ihm durch die Salons, rechts und links sehr häufig Damen und Herren begrüßend und hin und wieder seinen Begleiter vorstellend.
»Unsere Opposition scheint sich gerade nicht zu beeilen, ihren Respekt vor dem Thron kund zu geben. Sehen Sie den Herrn dort, der eben mit Rivera spricht mit dem vollen männlichen Organ es ist Olozaga, der Senior aller progressistischen Revolutionen, ohne ein einziges Mal den Muth zu haben, radikal zu sein. - Die Gruppe dort sind die Männer der Zukunft: Zorilla, Ayola, Figuerola,
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ein Finanzgenie, das vielleicht wieder die vierzehn Milliarden Realen der Staatsschuld einige Prozente höher bringen kann, neben Herrn Ortiz, der sich einstweilen mit der bescheidenen Stellung eines Sectionschefs im Ministerium der Justiz begnügt. - Da haben Sie die Philantropen Ihrer armen schwarzen Brüder von Cuba und Domingo, denen ich gern allen Anspruch auf Menschenrechte zugestehen würde, wenn sie nur nicht so ein schmähliches Racen-Odeur hätten, die Abolitionisten Echagarry und Fernand Caballero, einen unserer beliebtesten modernen Romanschriftsteller, der freilich in seinem Leben kein Sue oder Dumas werden wird. Was meinen Sie, ob die Südstaaten siegen werden oder die Yankees von New-York?«
Der Russe zuckte ungeduldig die Achseln und drängte vorwärts.
»Einen Augenblick - sehen Sie die schöne Dame mit den Sammetaugen in der lichtblauen Robe? Erlauben Sie, daß ich Sie der Frau Marquise Nevada vorstelle!« und er sagte der schönen Frau die übertriebensten Artigkeiten, bis sie ihn mit dem Fächer auf den Mund schlug und seelenvergnügt davon rauschte. »Es ist die eitelste Närrin von ganz Madrid! - Aber da haben Sie eine historische Person, die da vor uns zum Saal mit dem Herrn Erzbischof geht, den hageren, grauen General - es ist bei Gott der Marschall Narvaez selbst. Was zum Henker ist denn in der Luft, daß er sich aus seinem Retiro blicken läßt? Wackelt das Ministerium? Denn seinem Neffen Marfori zu Liebe kommt der edle Herzog von
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Valencia sicher nicht an den Hof, oder hat die Contrabandista Etwas ausgefressen, daß sie Don Ramon, den König und Beschützer aller Schmuggler von Spanien, in Bewegung setzt? Vamos! - seine Anwesenheit wird meine kleine Lüge an die Sennora Marquisa nur bestätigen.«
So plaudernd kamen sie weiter, bis sie den Eingang des großen Saals erreicht hatten, in welchem in diesem Augenblick die Königin mit ihren Damen sich befand.
Der Russe kannte die Personen des Hofes noch nicht und der Graf nannte ihm die interessantesten Persönlichkeiten.
Die Königin Isabella ist keine besondere Freundin der Bewegung oder des langen Stehens, obschon bei Letzterem ihre große stattliche und starke Figur keinen unvortheilhaften Eindruck macht. Das Gesicht ist rund und fest und trägt mit den blauen Augen, dem ziemlich kleinen Mund und dem Doppelkinn einen gutmüthigen phlegmatischen Charakter. Wenn sie spricht, geschieht dies jedoch mit großer Lebendigkeit.
Gegenwärtig saß die Königin auf einem großen Fauteuil, den sie mit ihrer Robe ganz ausfüllte; ihr zur Seite auf einem ähnlichen etwas kleineren Sessel befand sich ihre Schwester, die Herzogin von Montpensier; der König Gemahl stand zu ihrer Rechten. Es fand die Ordnung statt, daß entweder der Herr des Hauses oder der Kammerherr und zweite Einführer der Gesandten Marquis de Heredia y Carrion die Personen aus dem an der entgegengesetzten Wand gebildeten Halbkreis der Gesellschaft, welche
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ein Wink oder ein Wort der Königin bezeichnete, bis in die Entfernung von drei Schritten zu ihr heran führte, worauf sie den dazu Berechtigten aus der Grandezza die Hand zum Handkuß reichte. Hinter den Sesseln der beiden hohen Damen hatte sich der Hof gruppirt.
Merkwürdig stach gegen die glänzenden Toiletten der Damen und die reichbesternten Uniformen und Fracks der Cavaliere die Erscheinung von zwei Personen ab, die dicht hinter dem Sessel der Königin zur Rechten und Linken standen und zu denen sie sich in den Zwischenpausen der Vorstellung häufig wandte, um einige Worte leise mit ihnen zu wechseln. Es war dies ein Mann in der schwarzen Uniform des Jesuiten. Es war ein Mann von kleiner starkgliedriger Figur, mit glattem aber durch eine starke Narbe entstelltem Gesicht von brutalem Ausdruck, aus dem zwei unruhige spitzbübische Augen auf der Gesellschaft umher fuhren. Ein leises Wort von ihm schien oft die Königin zu bewegen, die eine oder die andere Person durch ihre Herbeirufung zu begünstigen.
Die zweite in dieser Umgebung auffallende Persönlichkeit war eine Frau, bereits alt und mit tiefgefurchtem Gesicht, im Habit der barfüßigen Karmeliterinnen, um den Hals an einem Bande eine Art kleinen Schreines oder flachen Kästchens von Gold reich mit Edelsteinen tragend, in dem sich irgend eine jener neuen Reliquien befand, mit denen sie die Königin und den König überhäufte. Das faltige Gesicht dieser Frau hatte im Gegensatz zu dem ihres Genossen in dem geistlichen Einfluß auf die Königin
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einen überaus scheinheiligen Ausdruck von demuthvoller Ergebung und Frömmigkeit.
Don Juan mit seinem Begleiter hatten eine sehr günstige Stellung zur Seite hinter der zweiten oder dritten Reihe des Kreises erhascht, von der aus sie die ganze eigenthümlich interessante Scene übersehen und ungestört, freilich in flüsterndem Tone, ihre Bemerkungen machen konnten, was denn auch in vollem Maaße geschah.
»Ist der Ministerpräsident zugegen?« frug der Russe.
»Gewiß! Sehen Sie dort links vom König den großen schönen Mann mit dem schmalen Gesicht, den kleinen klugen Augen und dem stark nach aufwärts gedrehten Schnurrbärtchen, das ist der Marschall O'Donnell, Herzog von Tetuan. Er redet eben den Infanten Don Sebastian an.«
»Ein vornehmes intelligentes Gesicht! Ist nicht der Infant - er scheint eben nach uns herüberzusehen, - Karlist?«
»Er war es bis vor Kurzem, und lebte deshalb in Neapel. Seit der Vertreibung des König Franz ist er zurückgekehrt und hat die Regierung der Königin Isabella anerkannt.«
»Neben ihm steht der Schwager der Königin, der Infant Heinrich, Herzog von Sevilla und Vice-Admiral der spanischen Flotte, wenn es überhaupt noch der Mühe werth wäre, von einer spanischen Flotte zu reden, seit die brutale Narrheit seines Oheims, König Ferdinands, sie aus Furcht vor Revolutionen der Seeleute vernichtete.«
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»Der Infant hat einen merkwürdigen Zug, der an das Gesicht Karls IV. von England erinnert.«
»Man hat ihm auch gewahrsagt, daß er keines natürlichen Todes sterben werde.22 Uebrigens ähnelt er seinem Vater, den seine siebenundsechszig Jahre von der Hof-Etikette entbinden. Es könnte dem alten verkommenen Roué überdies unangenehm sein, wie die böse Welt sagt, die kleine Blutschande, den eigenen Sohn mit der eigenen Tochter verheirathet, immer vor Augen zu haben. Uebrigens ist der Infant Heinrich der Einzige, der den Intriguen seines geliebten Schwagers, des Herzogs von Montpensier auf die Finger sieht. Es herrscht bittere Feindschaft zwischen ihnen, da - im Fall eines früheren Todes der Königin - beide auf das Amt des Lieutenant dy[du] Royaume, also der Vormundschaft über den jetzigen Thronerben Anspruch haben. Sehen Sie da - die Hofparteien scheiden sich stark, Pater Clarette,23 Hochwürdiger Erzbischof von St. Jago de Cuba, mit dem Andenken der Schmarre an die Havannah winkt Herrn Gonzalez Bravo, dem braven Mann.«
Der spätere Minister, der hauptsächlich durch seine reactionairen Maßregeln den Sturz der Königin veranlaßte, war an der Reihe eines sehr gnädigen Empfangs. Man konnte einige Unruhe an der Haltung des Ministerpräsidenten bemerken.
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»Voilà - jetzt kommen die Progressisten an die Reihe, Madame de Montpensier hat ihrer königlichen Schwester einen kleinen Wink gegeben. - Sehen Sie, das ist General Serrano - Sie werden gleich eine kleine Neuigkeit erleben.«
Ein Cavalier, zwar in Civil, aber von militärischer Haltung, eine hohe, volle, aristokratische Erscheinung mit stolz emporgeworfenem Kopf und durchgängig noblen Bewegungen, war auf den Wink des Marquis Heredia vorgetreten und näherte sich der Königin.
Es war in der That der Marschall Francisco Serrano y Dominguez, der schöne Oberst, wie vor siebzehn Jahren die junge Königin ihn zu nennen pflegte, als sie mit dem stattlichsten Offizier ihrer Garden noch in den Gärten des Buen[-]Retiro Haschen spielte und sich in die dunklen Grotten zu verlieren liebte, - der wiederholte Rebell, für den die Frau immer noch eine zärtliche Schwäche im Herzen trug.
Da der Marschall nicht zur alten Grandezza von Spanien gehört, begnügte er sich statt der halben Knieneigung mit einer tiefen Verbeugung, aber die Königin reichte ihm etwas hastig die Hand, die er küßte.
»Sie machen sich selten, Marschall,« sagte sie über den ganzen Saal hin verständlich. »Ich habe Sie lange nicht bei Hofe gesehen, die Luft von Madrid scheint Ihnen nicht recht zu gefallen.«
»Mi Sennora wissen,« sagte der General, ohne auf den Doppelsinn einzugehen, »daß die Luft von Madrid sehr scharf weht.«
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»Haben Sie die erfreulichen Nachrichten von Domingo gehört? Man hat beschlossen, sich wieder Spanien einzuverleiben.«
»Die Nachricht circulirte heute in den Cortes, mi Sennora!«
»Dann werden Sie begreifen, Marschall, daß wir in der Havannah eines zuverlässigen und energischen Gouverneurs bedürfen, um endlich die Ruhe herzustellen. Sie kennen die Intentionen meiner Regierung, ich habe deshalb beschlossen, Sie zum General-Kapitain von Cuba zu machen. Herzog, sorgen Sie dafür, daß Marschall Serrano so rasch wie möglich das Patent erhält.«
Der Ministerpräsident verbeugte sich - Serrano war ziemlich überrascht einen halben Schritt zurückgetreten; - die Ernennung glich trotz aller Vortheile, die sie bot, so ziemlich einer Verbannung. Sein Blick suchte hastig das Auge des Herzogs von Montpensier; - eine fast unmerkliche Bewegung der Schultern und ein leichtes Augenzwinkern sagten ihm daß Nichts zu machen sei und er annehmen solle.
Obschon die Pause nur die Dauer von Sekunden hatte, war sie doch von der Königin nicht unbemerkt geblieben.
»Ich hoffe, Marschall,« sagte sie, - »Ihnen mit der Ernennung für Cuba einen besonderen Beweis der Fortdauer meiner Gunst gegeben zu haben. Meine General-Kapitaine der Havannah haben das sehr wohl verstanden« - ihr Blick streifte nicht ohne Ironie über den Marschall O'Donnell hin - »und es soll viele sehr schöne und reiche
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Damen dort geben. Ich hoffe, Marschall, daß Sie dem Hofe bei Ihrer Rückkehr oder Ihrem nächsten Besuch des Mutterlandes eine schöne Havanneserin als Gattin vorstellen werden.«
Das war der letzte Schlag - der Marschall murmelte einige unverständliche Worte des Dankes und beugte sich nieder auf die fleischige Hand der Königin, die sie ihm nochmals reichte, während ihr Blick zugleich einen in einiger Entfernung stehenden Mann traf, von ziemlich schlechter und plumper Gestalt, etwa vierzig Jahre alt, weder hübsch noch elegant, aber von anmaßender Miene.
Der Caballero stand in vertrauter Haltung neben dem sechszigjährigen Marschall Narvaez, und das Kommandeur-Kreuz des Ordens Isabella's der Katholischen schmückte seine Brust, er mußte also ein Mann nicht ohne Bedeutung sein.
Der Graf von Lerida stieß seinen Nebenmann an. »Sehen Sie dahin, auf Marfori, der schofle Chorist der italienischen Oper grinst wie ein Affe voll Genugthuung über die Verbannung seines Rivalen, der zehn Mal liebenswürdiger und nobler ist, als der schmutzige Geldmacher.
»Es sollte mich sehr wundern, wenn ein Mann wie Serrano ihm das nicht bei Gelegenheit eintränkt, früher oder später, und es sollte mich das nur freuen, denn ich mag den Kerl auch nicht leiden. Madame Christine, ihre Mutter, hatte wenigstens den Geschmack, in Herrn Munnoz sich einen strammen Gardisten gewählt zu haben.«
Der General war zurückgetreten und einige Mitglieder
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der fremden Diplomatie hatten seinen Platz eingenommen. Der französische Legationssekretair nickte bedeutsam herüber nach Don Juan, - jetzt war es ihm klar, was dieser vorhin gemeint hatte.
»War der Pater dort früher Soldat?« frug der Attaché auf den Beichtvater deutend. »In den katholischen Convicten pflegt man sich sonst gerade nicht solche Wunden zu holen.«
»O - er hat Gelegenheit genug dazu gehabt! wie die böse Welt behauptet, und die Register der Contrabandista könnten vielleicht einige Beiträge dazu liefern, war er in seiner Jugend Dieb, Wegelagerer und Schmuggler, vor Allem Karlist. Als es anfing schlimmer zu gehen, ging er über die Gränze und bettelte sich nach Rom. Die Herren Patres von der Gesellschaft Jesu können Männer von Charakter brauchen; zwanzig Jahre später war Pater Claret Erzbischof von Sant Jago de Cuba, und als er da von der Kanzel herab die schwarzen Damen gegen die schwarzen Gentlemens hetzte, fielen die Herrn Nigger über ihn her und versetzten ihm den Denkzettel. Als Märtyrer kam er nach Madrid und fand Gnade vor Königin Isabella, die zum Ablaß für ihre kleinen Sünden auch mit Ketzern und Juden einen Mann vom Schlage des Paters brauchte, der nicht engherzig ist im Absolviren, wenn nur die heilige Kirche einige irdische Vortheile davon hat. Man hat mir erzählt, daß in Wien die würdigen Väter Ligorianer besondere Predigten für die Frauen hielten, die kein Mann besuchen durfte. Nun, unsere tugendhaften Sennoras hatten sich des gleichen Kitzels in der Kirche
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San José an der Alkala zu erfreuen, bis es den heißblütigen Männern etwas zu arg wurde und sie vor zehn Jahren bei einer der heiligen Predigten im Begriff waren, die Kirche, den Pater Claret und seine ganzen frommen oder lüsternen Schafe zu verbrennen.24 - Pater Claret sorgt für die irdische Absolution, Sor Patrocinio für die Anwartschaft auf den Himmel ohne den lästigen Uebergang des Fegefeuers.«
»Haben Sie auch eine so interessante Lebensgeschichte für die ehrwürdige Schwester in Bereitschaft, wie für den hochwürdigen Herrn?« frug spottend der Russe.
»Keinen Frevel, Herr von Netschajeff, das bitte ich mir aus! Sor Patrocinio hat schon vor fünfundzwanzig Jahren Wunder gethan und die heiligen Male in permanenter Blutung an Händen, Füßen und Seite getragen. Schändlich nur, daß das Urtheil des Landauditor von Madrid, Don Juan Garcia Bucerra vom 25. November 1836 sie auf Grund ihres eigenen Eingeständnisses bezüchtigt, damit das leichtgläubige Publikum betrogen zu haben, und dafür die sonst sehr heilige Nonne Maria Raphaela del Patrocinio zur zwangsweisen Einsperrung in einem Kloster 40 Leguas von Madrid condemnirt hat. Aber Sie sehen, der heilige Geist bricht sich doch Bahn und die fromme Sor Patrocinio ist wieder in Madrid und das Orakel Ihrer Majestät der Königin Isabella und Sr. Majestät des Königs Franz d'Assis. Nur beginne ich zu besorgen, daß Sor Patrocinio auch für die
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irdischen Seeligkeiten des Letzteren voll liebevoller Nachsicht ist! - Aber, wenn ich nicht irre, scheint der russische Gesandte Sie zu suchen, und will wahrscheinlich die Gelegenheit benutzen, Sie den Majestäten vorzustellen. Glück zu, mein Lieber! Chacun a son tour!«
Es war in der That so und der russische Attaché trat in die vorderen Reihen, wo er von seinem Chef abgerufen wurde. Der Graf von Lerida aber benutzte die Gelegenheit, seinen Platz einzunehmen und sah sich dort bald bemerkt und vielfach ausgezeichnet.
Der Intendant des Palastes hatte sich ihm genähert, während der alte Marschall den jungen Mann mit einem finsteren Blick betrachtete, den dieser trotzig erwiderte. Die Ermordung seines Vaters war eine That, die er dem alten Feldherrn der Christinos nicht vergeben konnte.
»Man hat mir gesagt, Sennor Conde,« sagte der Intendant mit einer an ihm ziemlich ungewohnten Höflichkeit, »daß die jungen Caballeros Ihrer Majestät zu Ehren eine Stierhetze in nächster Woche veranstalten wollen?«
»Wir beabsichtigen Ihre Majestät um die Erlaubniß zu bitten und sie dazu einzuladen.«
»Ein willkommenes Vergnügen - ich bin selbst Liebhaber der edlen Tauromachie!«
»Aber so viel ich weiß, wird sie doch nicht auf Aktien betrieben.«
Der Intendant des Palastes zog es vor, die Impertinenz zu überhören. »Haben Sie vielleicht das Programm und die Liste der Afficionado's bei sich, Sennor Conde?«
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»Zu dienen!«
»Dann müssen Sie mir die Gunst erweisen, mir dieselbe zu zeigen. Ich versichere Sie, daß ich mit Vergnügen meinen eigenen Namen darunter setzen und Theil nehmen würde, wenn mein Amt dergleichen gestatten könnte.«
Der Graf richtete sich hochmüthig empor. »Euer Excellenz hatten die Güte, selbst zu bemerken, daß die Corrida von jungen Kavalieren der ersten Gesellschaft ausgeführt werden soll.«
Der Intendant biß sich auf die Lippen, sein plumpes Gesicht überzog sich mit Röthe, er hatte aber so viel Verstand zu antworten, daß er eben doch zu alt dazu sei, sich diesem Vergnügen zu widmen. Dann nahm er die erste Gelegenheit wahr, zu seinem Verwandten zurückzukehren.
»Unvorsichtiger,« flüsterte warnend eine Stimme neben ihm, - »Sie haben sich einen Todfeind gemacht und ich gebe keinen Quarto dafür, daß Ihre Quadrille überhaupt zu Stande kommt.«
»Nous verrons!« - Der junge Abenteurer sah erst jetzt, daß er neben dem schönen Art