»Usi Johannes, der geweihte Abuna aller Lande von Habesch, im Namen des Dreieinigen Gottes Heil und Gruß an Munzinger, den Gesandten der mächtigen Königin von Inglisland. »Deinem Verlangen gemäß habe ich bei dem wortbrüchigen Tyrannen Alles gethan, Eure Zurückberufung zu erreichen und den Plan dieser schlimmen Priester von Rom zu vereiteln. Aber er ist störrig und wild wie ein Hartbeest aus der Wüste und wir Alle sind seiner Völlerei und seiner Launen müde. Auch ist er gar nicht der rechte Negus Negassi, wenn er sich auch der Abstammung von dem König Salomo rühmt, und es leben noch Manche aus der alten und ächten Königsfamilie von Habesch. Darum haben ich und unsere Freunde beschlossen, daß Du selbst reisen sollst zum Prinzen Cassa von Tigre und ihm anerbieten, daß die Inglesi ihn machen wollten an des Tyrannen Theodor Stelle zum Negus von Amhara und zum Negus Negassi aller Ras' vom Lande Habesch, von den Quellen des blauen Stroms und dem See Tzana bis zu dem Ufer des Meeres, wenn er dies Bündniß mit dem falschen Franken aufgiebt und den Abuna und die Komosars und Abbas6 gleich den Priestern der Königin der Inglesi zu achten verspricht. Wenn der Prinz Cassa innerhalb der nächsten fünf Nächte den König Theodor überfallen will, werden wir sorgen, daß keine Wachen auf den Bergen stehen und wollen Boten senden an Mesteat, die Fürstin der Wolo-Galla's, daß sie einfallen in das Land und helfen dem [132] Prinzen Cassa, bis er sie später wieder verjagen mag mit Hilfe der Inglese, weil sie Heiden sind und keine Christen. Auch wollen wir dafür Sorge tragen, daß die Schiffe der Franken innerhalb dreier Nächte verbrannt werden, damit sie dem Negus nicht Beistand leisten mit ihren Kanonen. »Möge die heilige Mariam Dich in Schutz nehmen. Schreibe das Alles der Königin der Inglese, damit sie in ihrer Großmuth Deinen und ihren Freund, den Abuna von Habesch nicht vergessen möge. - Der Bote, der dies bringt, ist ein treuer Mann und Du magst ihm vertrauen!«Der Eindruck, den die Lesung des Briefes auf den Negus machte, war wahrhaft grauenerregend. Mit auf das Höchste gespannter Aufmerksamkeit lauschte er jedem Satz - seine Augen funkelten wilder und wilder, wie die des Tigers, der bereit ist, sich auf seinen Feind zu stürzen; die Adern an seinen Schläfen schwollen dick an, die schwarze Faust umklammerte den Griff der schweren Streitaxt, als wollten die Finger sich in das eisenfeste Holz pressen - und langsam, wie ein Automat - erhob er sich von seinem Sitz, die blutunterlaufenen Augen auf den Arzt gerichtet, die Zähne aufeinandergepreßt, daß der Schaum ihm weiß die Lippen färbte, - in dieser Stellung fast der wilden Bestie gleichend, die sein Opfer bewachte. Der Kapitain Ducasse, die Offiziere waren aufgesprungen - Jeder wußte, daß ein Unglück sich ereignen würde, wenn ihm nicht Einhalt geschah. Die Arme übereinandergeschlagen stand der Kaufmann Labrosse unbeweglich und schaute auf den Negus. Der deutsche Arzt las das letzte Wort, dann faltete [133] er den Brief zusammen und richtete mit einer gewissen Trauer sein ernstes, graues Auge auf den König. Der Negus faßte mit einem krampfhaften Griff nach dem Papier und hob es hoch in der Höhe. »Weißer Mann,« kreischte er - »bei Deinem Theuersten im Himmel und auf Erden - bei unserm gemeinsamen Gott - die Worte, die Du gelesen, stehen auf dem Papier?« »Du hast es gewollt - bei dem Schatten Editha Highsons, dem theuersten Schwur, den ich leisten kann - ich las wie geschrieben steht.« Der schwarze König stieß ein Brüllen aus, das dem seines Löwen glich. »Abraham - Deine Wache ist aus! Schlimmer als Du ist dieser Mann! Abuna von Habesch - Verräther Deines Königs - fahre zur Hölle, wo sie am Tiefsten ist!« Die gewaltige Waffe wirbelte in sausendem Schwung zwei Mal um das Haupt des Negus, - dann - - - Der Abuna erwartete mit der finsteren Gleichgültigkeit des Orientalen den Schlag. Aber der Schlag fiel nicht - obschon nur eine leichte, kleine Hand ihm wehrte und den Arm des ergrimmten Mohren gefaßt hatte. Es war die Fürstin Wolkonsky[Wolchonski], welche in rascherem Entschluß, als alle die kämpf- und krieggewohnten Männer, zwischen den erzürnten Negus und sein Opfer gesprungen war. »Bist Du ein König und willst zugleich ein Henker sein? schäme Dich Mann, und erinnere Dich an die Gegenwart von Frauen.« [134] Obschon der Negus die Worte nicht verstehen konnte, da sie in französischer Sprache gesprochen worden, schien doch schon die Berührung dieser Hand einen magischen Einfluß aus ihn zu üben, und der Arm mit der furchtbaren Waffe blieb wie von Stein in der Luft, ohne niederzufallen. In diesem Augenblick erklang das Kommando des Kapitain Ducasse: »Fertig zum Feuern! - Schlagt an!« - Die Gewehre der Seesoldaten rasselten an die Wangen - die Offiziere streckten ihre Revolver schußbereit, vor, denn die Franzosen mußten natürlich glauben, daß ein allgemeines Gemetzel stattfinden würde, da verschiedene der Amhara-Krieger zu ihren Waffen gegriffen hatten, um ihr geistliches Oberhaupt zu schützen oder zu rächen. Aber ehe irgend ein weiterer Befehl gegeben werden konnte, änderte sich die Scene. Der Arm des Negus sank kraftlos herab, die schwere Streitaxt entfiel seiner Hand und traf den Löwen, der schnaubend zur Seite sprang, und die mächtige Gestalt des Negus fiel schwer und dröhnend zu Boden mit steifen Gliedern und starren weit geöffneten Augen, während ein leichter Schaum auf seine Lippen trat. Bevor sich noch Jemand dem König nähern konnte, stellte sich der Löwe Abraham quer über ihn, schlug mit dem Schweif und warf den Kopf umher, ein drohendes Gebrüll ausstoßend gleich als warne er in gewohnter Weise Jeden, den Körper seines bewußtlosen Herren zu berühren. Nur der deutsche Hakim schien davon ausgeschlossen. Er trat zu Kapitain Ducasse, indem er ein Besteck, wie [135] es die Aerzte und Wundärzte bei sich führen, aus seiner Tasche zog und sagte in französischer Sprach: »Entfernen Sie die Frauen, Herr, es ist kein Schauspiel für diese, aber bitte, bleiben Sie selbst - der König wird in wenig Minuten wieder zur Besinnung kommen, und dann der Paroxysmus, dem er leider häufig unterliegt, vorüber sein. Mein Zelt, das zweite links, wo sich bereits Ihr gelehrter Begleiter befindet, steht zur Verfügung der Damen.« Während Kapitain Ducasse den Grafen Boulbon ersuchte, die beiden Frauen dahin zu führen - der Offizier der Marine hatte Takt genug gehabt, bei der Wendung der Scene sofort die Soldaten die Gewehre absetzen zu lassen und sie zurückzuziehen, - - ging der Arzt zu dem Gefallenen, tätschelte den Löwen Abraham auf den Kopf und verband ihm die Augen, was das Thier auch, wie daran gewöhnt, willig mit sich thun ließ, indem es sich zur Seite wieder niederlegte. Dann richtete der Hakim den Oberkörper des Negus in sitzender Stellung in die Höhe, wobei er sich von El Maresch und einem anderen Krieger unterstützen ließ, entblößte seinen linken Arm und schlug ihm leicht eine Ader. Ein Strom von dunklem Blut, das ein Sklave in einem silbernen Becken auffing, sprang hervor; nach wenig Augenblicken verlor der Blick des Königs die bisherige grauenvolle Starrheit und bekam Leben und Bewußtsein, und die Glieder begannen ihre Steife zu verlieren und sich zu regen. Der Arzt schloß sofort die Wunde und verband den Arm des Negus. Der König hob die rechte Hand zur [136] Stirn, strich ein paar Mal über das Gesicht und sah mit immer größerem Verständniß umher - die Erinnerung schien ihm nach und nach wiederzukehren, denn als sein Blick den Platz streifte, an dem vorher der Abuna den Todesstreich erwartete, wurde sein Antlitz wieder finster - doch sagte er Nichts. Der Abuna und seine Geistlichen hatten längst das Zelt verlassen. Als der Negus den Löwen noch mit verbundenen Augen sah, lachte er. »Ha - Abraham! bei den heiligen Märtyrern, es ist gut, daß man Dich gehindert, mein Blut zu sehen - Du möchtest sonst nicht so geduldig gewesen sein. Nimm' ihm die Binde ab, Freund Hakim, und empfange Dank dafür, daß Du mir so schnell wieder geholfen. Die verteufelte Krankheit macht mir das Hirn wirr!« Er richtete sich mit dem Beistand der Krieger wieder empor, dehnte mit Ausnahme des verwundeten Armes die kräftigen Glieder und nickte den französischen Offizieren. »Komm' her, Consul, Deine Freunde sollen sehen, daß der Negus Theodor Gerechtigkeit übt. Sage es auch der Frau, deren schwache Hand vorhin den Löwen von Habesch zu lähmen verstanden hat, denn es liegt mir an ihrer Meinung. Sie hat den Muth der Königin Myrina,7 von der die Legenden erzählen, daß sie am See Tritonis gewohnt hat und die Männer besiegte. Sie möge sehen, daß der Sohn des Königs Salomo auch jene Weisheit [137] geerbt hat, die sich für einen großen König ziemt. - Hast Du den Vertrag, den der Sultan von Frangistan mit dem treulosen Ras von Tigre und dem Naïb von Arkiko schloß, hier?« »Ja, Hoheit!« »So gieb ihn her - fürchte nichts Schlimmes dafür!« Der Consul zog, nachdem er einen Blick der Frage und des Einverständnisses mit dem jüngeren Jesuiten gewechselt hatte, den Vertrag hervor und legte ihn auf den Tisch. »Schreibe darunter in Deiner und unserer Sprache, daß der Negus Negassi als Oberherr alles Gebietes die Bai von Adulis dem Sultan der Franken schenkt und den Unterthanen des Sultans und den Priestern von Rom wieder gestattet, in seinem ganzen Gebiet sich niederzulassen und Handel zu treiben gegen das gewöhnliche Kopfgeld.« Der Consul entwarf hastig den Nachtrag auf dem Dokument und las ihn dem Negus vor. »So - nun gieb her, daß ich im Namen des Dreieinigen Gottes ihn unterzeichne. Zündet das Wachs an, daß ich mein königliches Siegel darauf setze.« Er nahm die dargebotene Rohrfeder aus der Hand seines Schreibers und zeichnete den Schnörkel unter das Papier, der für seinen Namenszug galt. Dann ließ er seine beiden ersten Offiziere ihre Namen darunter malen und das Siegel des großen goldenen Ringes darauf drücken, den er am Daumen seiner linken Hand trug. »Nehmt,« sagte er zu dem Kapitain - »und haltet Euer Versprechen, damit der Negus Negassi nicht Ursach' habe, Euch für schurkische Inglese zu halten und sein [138] Vertrauen zu bereuen. Verkündet den Entschluß des Negus Negassi dem Volke und laßt uns den Abend feiern in Lust und Jubel, denn wer weiß, was der nächste bringt.« Der Ausgang schien alle Theile gleich zu befriedigen, denn der Mord des Abuna, so offenbare Beweise seines Verraths gegen den Negus auch vorlagen, hätte leicht sehr schlimme Folgen haben und einen großen Theil des Volkes zum Aufruhr reizen können. Nur wer den Negus genauer kannte und beobachtete, wie der deutsche Arzt, wußte an dem Zwinkern seiner Augenlider gegen seine Vertrautesten, daß noch nicht Alles vorüber war. Plötzlich ertönten zwei hell erdröhnende Schläge auf ein unsichtbares Gongh, das im Orient meist die Stelle der Glocken vertritt, und die hinteren Vorhänge des Zeltes rauschten auseinander. Die Priesterschaft der halbwilden Völkerschaften von Habesch ist nicht minder schlau und gewandt, wenn es ihr Interesse gilt, als die der civilisirten Christenheit! Man sah, daß das Zelt des Negus fast unmittelbar vor dem Portal der hinter ihm liegenden, halb in den Felsen hineingebauten Kirche errichtet oder wenigstens mit diesem verbunden war. Die Pforten standen weit geöffnet, und man sah in das Innere der Kirche bis zu dem von Wachsfackeln erleuchteten Sanctuarium, in welchem der Altar in Form der alttestamentarischen Bundeslade stand. Vor dem Altar aber stand der Abuna, die Monstranz erhoben, und um ihn her die Komosars, die Weltgeistlichen, und die Abbas oder Schriftgelehrten nebst den Mönchen von der Congregation des heiligen Antonius, [139] die den Zug des Negus aus dem hohen Gebirgslande hierher begleitet, oder sich hier um den Abuna gesammelt hatten, während um sie her ihre Weiber und Kinder auf den Knieen lagen, vor dem Oberpriester die beiden Frauen des Königs, Durenesch, das »weiße Gold«, die Tochter Ubie's, und die zweite Frau Tamena, die frühere Wittwe eines Uedjo-Chefs, mit ihren Sklavinnen. Der Abuna erhob die goldstrahlende, mit reichen Edelsteinen geschmückte Monstranz und rief: Agape! und die Priester wiederholten den bei den ersten Christen so willkommenen und später so verfehmten Aufruf, zu dem schon von dem Concilium zu Laodicea (363) und zu Hippo (395) durch den heiligen Augustin so streng verbotenen, von den orientalischen Kirchen aber vielfach öffentlich oder im Geheimen begangenen Liebesmahl. Und Männer und Weiber wiederholen den Ruf »Agape! Agape!« während der Abuna die Monstranz erhoben, gefolgt von den Priestern und Weibern und zahlreichem Volke durch die Kirche und das Zelt schritt, mit dem heiligen Zeichen der Hostie alle Kniee beugend, und dann hinaus durch die Gassen des Lagers, zwischen den Versen des Chorgesanges immer den Ruf zu dem Liebes- und Versöhnungsmahl wiederholend. Knirschend hatte der Negus Knie und Haupt vor dem Allerheiligsten gebeugt, er wußte, daß er jetzt keine Macht hatte gegen den falschen, treulosen Priester und sich der heidnischen Sitte des Opfermahls fügen mußte. Nur der Löwe Abraham fühlte keinen Respekt, und mischte seine Stimme in grimmigem Gebrüll zu dem Chor der Gläubigen, als der Priester, den er vorhin bewacht, an ihm [140] vorüberschritt. Der Negus aber preßte, als jener vorüber war, die schwarze Hand seines Feldherrn Fittorari: »Halte Alles bereit, daß wir morgen früh aufbrechen können, gegen Cassa zu ziehen. Der falsche Priester wird der Boten mehr haben, als den, der den Römlingen in die Hände gefallen ist. Wehe ihm - der heutige Tag ist ihm nicht geschenkt!«
Chella 'mpresa de Savoia: E' la 'mpresa de ladrone![210]
Mentre i 'mpresa de Borbone: Longhe giglie e purità!
Manuè se vuo fa u Rè: Va a Turine siente a mé.
| »und das Träumen selbst - ein Traum!« |
| Aus dem Tagebuch des Lieutenants Baron von Ch... |
| Max von Waldenfels an Otto von Cronenberg. |
»Maria, heil'ge, bitt' für mich[239]
Und nimm mich zu Dir in Dein himmlisch Leben!«
| An General Gialdini Excellenz. |
| Max von Waldenfels an Otto von Cronenberg. |
| Inhalt der Büchse: »An den ersten Offizier der königsgetreuen Garnison von Gaëta!« |
| Aus dem Tagebuch des Lieutenants Baron von Ch... |