Sir John Retcliffe: Um die Weltherrschaft! Erster Band
Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Zweite Abtheilung:
Um die Weltherrschaft!
Erster Band.


Ein Programm!

Es ist eigenthümlich, welcher Kreis verschiedenartiger Erinnerungen sich um die Königschlösser der Hohenzollern rankt. Nur in wenigen Fällen hat der Erbe und Nachfolger die Lieblings-Residenz, also das Wohnhaus seines Vorgängers auch zu dem seinen gemacht.
Den Fels, den Halt in diesem umbrandenden See bildet wieder die gewaltige Königsburg.
Wir kommen unwillkürlich zu dieser Betrachtung, wenn wir das Eckfenster des im Grunde doch so einfachen und unköniglichen Palais betrachten, an dem der jetzige König von Preußen, der Kaiser des mächtigen deutschen Reichs in seiner Hauptstadt zu stehen pflegt, wenn er die Rapporte seiner Minister und Heerführer zu empfangen hat und von dem aus er auf die Statue seines großen Ahnherrn und den schönen Platz herüber sieht, um den sich die Stätten von Glauben und Wissen, Ruhm und
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Kunst umhergruppiren, die Stätten so vieler glorreichen und traurigen Erinnerungen.
König Wilhelm hat für das Heim, das ihm sein Vater in der Jugend baute, eine stete große Anhänglichkeit bewahrt, die selbst die Majestät des deutschen Kaiserthrones nicht abschwächen konnte. - -
Es ist 8 Uhr Abends, der Raum, in den wir den Leser führen: ein nur mittelgroßes dreifenstriges Eckzimmer mit zwei Thüren, welche den Fensterwänden gegenüber liegen. Das eine nach Norden gelegene Fenster hat die Aussicht auf den Platz am Eingang der Linden und die Universität, die beiden anderen gehen auf die Veranda nach dem Platz am Opernhaus. Es ist das bekannte Arbeitszimmer des Königs Wilhelm.
Die Ausstattung entspricht vollständig den Charakterzügen des Monarchen, den nach so manchen trüben Erfahrungen seiner früheren Jahre Gottes Wille bestimmt hat, in seinen alten Tagen jeden Kranz des Ruhms, der Ehre und Liebe um seine Heldenstirn zu flechten.
An dem Veranda-Fenster steht ein Rahmen, den Erinnerungs-Kalender des Monarchen enthaltend, und [an] jedem Morgen, wenn der Herrscher sein sehr einfaches Soldatenlager, das niedere Feldbett, verlassen hat und in sein Arbeitszimmer tritt, geht er erst zu dieser Stelle. Einer der Kammerdiener legt am frühen Morgen in diesen Rahmen die dem Tag entsprechende Tafel, welche den Datum, einen Spruch aus der Bibel, oder einen Denkspruch aus den Schriften der Klassiker aller Nationen, die historischen Erinnerungen des Tages, die Regierungserlasse, Reisen,
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Familienereignisse, militairischen Reminiscenzen, wichtigen Audienzen und Unterredungen, kùrz die ganze Geschichte des Herrschers an diesem Tage seit 1797, dem Jahre seiner Geburt, enthält, zusammengestellt von seinem getreuen Vorleser und literarischen Referenten, dem Geheimen Hofrath Louis Schneider. In diesen Kalender trägt der Kaiser selbst oft noch Erinnerungen oder neue Ereignisse seines Lebens ein. Dieses wahrhaft königliche Album zeigt, wie gern der Monarch sich in die Erinnerungen und Erfahrungen seines Lebens vertieft.
Zwischen diesem Kalender und dem Fenster nach den Linden, mit der Schmalseite an diesem steht der Schreibtisch des Herrschers - niedrige Fensterschirme vor den untersten Scheiben verhindern, daß man ihn von Außen her an diesem Schreibtisch sitzen sieht.
Es ist ein Charakterzug König Wilhelms, daß er die pünktliche soldatische Ordnungsliebe bis auf die kleinsten Dinge im gewöhnlichen Leben überträgt, sie ist ihm förmlich zur Natur geworden. So liegt alles Schreibgeräth, nicht allein auf diesem Schreibtisch, sondern auf allen seinen Arbeitstischen in größter Ordnung und die Dienerschaft findet es nach mehrstündigem Gebrauch eben so sorgsam zusammen gelegt, wie am Morgen früh.
An der Rückwand des Schreibtisches stehen die Miniaturbilder oder Photographien der Kinder und Enkel des Königs, und hinter derselben auf Postamenten die Marmorbüsten seines Vaters, seiner geliebten Schwester, der verstorbenen Kaiserin von Rußland - Prinzessin Charlotte - und Friedrich des Großen.
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Gegenüber dem Sitz des Königs hängen an der Wand die Oelbilder seiner Erlauchten Gemahlin und seiner Eltern. Der ganze Raum hinter dem Schreibtisch ist den großen historischen und den Familien-Erinnerungen gewidmet und auch der kleinste Gegenstand hat für den Herrscher seine liebe oder wichtige Bedeutung, sei es in den Kugelandenken von verschiedenen Schlachtfeldern, sei es in Denkzeichen an Thaten und Personen.
Die Fensterwand über einem alten, schon aus der Jugendzeit des Monarchen herstammenden Cylinder-Büreau - der König hängt sehr an diesen alten Möbeln, die sich auch in verschiedenen andern Zimmer seiner Wohnung finden, - gehört den Erinnerungen aus den Befreiungskriegen und an die befreundeten Monarchen.
An dem Schreibtisch und in der Mitte des Zimmers stehen mehrere große Tische nebeneinander, auf welche täglich die eingegangenen Rapporte, Meldungen, Bittgesuche, Depeschen, Zeitungen und Briefe gelegt werden, die der König stets selbst öffnet. Auch an den Wänden stehen noch Tische und ein Sopha, bedeckt mit Büchern, Plänen, Mappen und Zeichnungen. In kleineren Repositorien dazwischen und darüber steht und liegt die Handbibliothek des Herrn: eine Bibel, ein Gesangbuch, die Rang- und Quartierlisten der europäischen Armeen, die Gesetzsammlung, die stenographischen Berichte des Landtags. Vor einem hohen Lehnpult steht ein gewöhnlicher Comtoirbock zum Aufschrauben - ein einziger Stuhl vor dem Schreibtisch befindet sich nur im Zimmer.
Die Rouleaux der Fenster sind niedergelassen - das
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Zimmer ist durch mehrere Lampen erhellt. Draußen die Fahrstraße entlang und über den Platz am Opernhause rollen in unaufhörlichem Geräusch die Equipagen und Droschken und das andere Gefähr und drängt und bewegt sich all' das bunte Leben, was in dem glänzenden Gaslicht grade hier die Trottoirs von der Königstadt her zur Friedrichsstraße füllt.
Die Königlichen Theater waren seit dem 22. Januar wieder geöffnet, der Eröffnung des Landtags am 14. die feierliche Weihe der 142 Fahnen der durch die Reorganisation der Armee neugeschaffenen Regimenter und Bataillone gefolgt und damit diese Umbildung der Heereskraft als fait accompli hingestellt, das nicht mehr abhängig sein konnte von der Zustimmung oder dem Groll der Opposition des Abgeordneten-Hauses, die in der Zeit der Regentschaft immer breiter und kecker ihr Haupt erhoben und die Gelegenheit günstig geglaubt hatte, die souveräne Herrschaft des Parlaments im Staate zu ertrotzen und die alten Gelüste von 1849 zur Wirklichkeit zu machen.
Zwei Personen waren in dem Arbeitszimmer des neuen Monarchen. Der König selbst saß auf dem einfachen Stuhl vor einem der Tische und betrachtete einige Zeichnungen und Kupferstiche, die ein großer schlanker Herr in der kleinen Kammerherrn-Uniform ihm vorlegte. Der Referirende mochte etwa fünfundfünfzig oder sechsundfünfzig Jahre zählen, hatte ein freundliches ziemlich gutmüthiges Gesicht und dunkles, bereits mit Grau
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gesprenkeltes Haar. Die Ordensschleife zeigte die Bänder mehrerer hoher Orden.
»So, lieber Graf,« sagte der König, die Bilder sorgfältig zusammenlegend und dem hohen Beamten reichend - »ich bin vollständig mit Ihren Vorschlägen einverstanden und bitte, die Sache in allen weiteren Bestimmungen als das ausschließliche Departement Ihrer Majestät der Königin zu betrachten. Der Gedanke, die Feier ganz nach den von König Friedrich I. bei der damaligen ersten Krönung getroffene Etikette-Anordnungen einzurichten ist gut, bis auf die Punkte, die ich Ihnen angedeutet und deren Aenderung ich mir vorbehalten. Ein König von Preußen trägt jetzt die Krone durch die Gnade Gottes und den preußischen Degen, nicht durch die Verleihung Oesterreichs. Diese Chronik über die damalige Krönung enthält in der That manches Interessante, das ich noch nicht wußte. Von wann sagen Sie doch, daß der Wagen für die Königin datirt?«
»Eine halb verlöschte Inschrift zeigt die Jahreszahl 1788. Hofbildhauer Alberti hat diese Zeichnung für die Renovation vorgelegt.«
Der König besah einige Augenblicke das Blatt, dann sagte er lächelnd: »Wenn Ihre Majestät und die Kronprinzessin mit der Erhaltung der alten Form zufrieden sind - ich bin es gewiß, um so lieber, als ich in dem alten steifen Kasten nicht zu sitzen brauche. Ein König von Preußen gehört für solche Tage auf sein Pferd. Und nun Excellenz bitte ich Sie, sich bei Ihrer Majestät melden zu lassen, die Sie mit der Kronprinzessin und dem ganzen
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gelehrten Damenschweif, voran natürlich unsere kluge Kambyses erwartet, um sich Ihre Bilder zeigen und Ihre Pläne vorlegen zu lassen. Nur bitte Excellenz, machen Sie es mit dem gebührenden soliden Glanz, aber nicht gar zu kostspielig, denn wir brauchen unser Geld vielleicht bald zu ganz anderen Dingen, und unsere getreuen Kammern sind nicht grade sehr eingenommen für Extraordinaria. Also guten Abend lieber Graf.« -
Die Adjutantur des Königs befindet sich links vom Niedergang zu der prächtigen Waffenhalle, welche an den Hauptflur stößt. Dort oder in dem Fahnenzimmer warten gewöhnlich die Herren, die zum Vortrag befohlen sind.
Der Ober-Ceremonienmeister Graf Stillfried Alcantara hatte eben das Kabinet verlassen, als sofort der Adjutant vom Dienst erschien.
»Seine Excellenz der Herr Minister des Auswärtigen.«
»Ich lasse bitten.«
Gleich darauf trat durch die Thür des gewöhnlichen Vortragzimmers, das an das Arbeitskabinet des Königs anstoßend, in der Front nach den Linden liegt, der Minister des Aeußeren ein, eine zierliche Mappe von dunklem Maroquin unter dem Arm.
Der König hatte sich erhoben, und an seinen Schreibtisch in die Nische des Fensters gestellt, wo er gewöhnlich die Vorträge seiner Minister und Räthe anzuhören pflegt, indem er trotz der Abendstunde auch diesmal seiner Gewohnheit folgte.
Herr von Schleinitz, bis zu seiner Berufung in das Ministerium der neuen Aera Gesandter in Hannover,
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ist im Aeußeren ein vollendeter Cavalier und versteht den Tribut an die Zeit - er war damals 52 Jahr - durch vollendete Toilette auszugleichen. Das blasse, von schwarzem Bart umrahmte Gesicht, die elegante Gestalt, die ruhigen Bewegungen, Alles paßt zusammen, und in der That vermag er eben so gut den feinen Hofmann zu präsentiren, als mit einer gewissen Légèrité und Nonchalance Hasen zu schießen und politische Kammerkrakehler abzuführen, in einem Salon zu unterhalten und in einer lustigen Herren-Gesellschaft nicht der Letzte zu sein.
»Guten Abend, Excellenz,« sagte der König heiter nach der ehrerbietigen Begrüßung des Ministers. »Sie werden sich gewiß gewundert haben, daß ich so außer aller Regel Sie heute Abend zum Vortrag bescheiden ließ, - aber ich war am Tage außergewöhnlich beschäftigt und mußte den Großherzog und die Großherzogin von Weimar empfangen, die zu meinem morgenden Geburtstage gekommen sind. Ich weiß nicht, woher es kommt, daß ich die Zahl Vierundsechszig immer für bedeutsam für mich gehalten habe, und so möchte ich nicht in mein vierundsechszigstes Jahr treten, ohne mit dem vorhergehenden abgeschlossen zu haben. Anticipiren wir daher, wenn Sie vorbereitet sind, unsere gewöhnliche Quartalsschau der politischen Verhältnisse.«
Der Minister verbeugte sich und nahm ein Papier aus seiner Mappe. »Euer Majestät haben zu befehlen.«
»Nun dann also geben Sie mir die kurze Uebersicht seit dem Tode meines Bruders. Ist es Ihnen hell genug?«
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»Bitte unterthänigst. Darf ich mit England beginnen?«
»Ganz wie Sie wollen.«
»Unsere Beziehungen dazu sind die besten. Lord Palmerston benutzt freilich jede Gelegenheit, seine alte Politik auf dem Festland fortzusetzen: Zwietracht und Uneinigkeit! Der Carlismus in Spanien wird ganz offen von ihm unterstützt, während er in Italien die liberalen Principien hätschelt. Der Sturz der bourbonischen Dynastie in Neapel ist zum großen Theil durch die englische Politik und den engli[s]chen Credit möglich geworden, aber ich glaube, man wird sich in Beziehung auf die sardinischen Concessionen an den englischen Handel, zu denen man freilich Spanien zwingen konnte, täuschen. Angenblicklich giebt es drei gefährliche Klippen für die englische Politik.«
»Welche meinen Sie?«
»Die erste ist der Kampf, der sich in Amerika zwischen dem Süden und dem Norden entspinnt. Euer Majestät ist bekannt, daß am 18. Februar der Congreß der Südstaaten seine Lostrennung von der Union beschlossen und der neue Präsident Lincoln in seiner Rede vom 4. März sich für Zwangsmittel ausgesprochen hat gegen das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Südstaaten. Der Kampf wird ernst und blutig werden. Die deutschen Interessen berührt die Sache nur wenig, höchstens kann sie dazu dienen, die durch die schändlichste Spekulation geschürte Auswanderungslust zu vermindern. Aber England wird seine Position in diesem Streit nehmen müssen, und wenn es Neutralität beobachten will, grade durch diese und seine
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Handelsinteressen in die Klemme kommen. - Ein zweiter Anlaß, die Inconsequenz und Eigennützigkeit britischer Politik darzulegen, tritt in Griechenland hervor. Euer Majestät wissen, daß England nur das Schutzrecht über die ionischen Inseln hat, und daß es dieses zu einer vollständigen Souveränität und Tyrannisirung ausbeutete. In Folge der englischen Erklärungen in der italienischen Frage, fordern nun die Ionier ihr Recht auf die gleichen Consequenzen ihrer Zugehörigkeit zu Griechenland, und das ionische Parlament hat endlich trotz des früheren Hängens und Einsperrens der Opponenten den Muth gehabt, am 12. März offen die Erklärung abzugeben, daß die britische Schutzherrschaft als ein Unglück für die Inseln angesehen werden müsse. In Folge dessen hat man das Parlament aufgelöst, aber nachdem die Bahn gebrochen ist, wird das wenig helfen.«
»Sie sprachen von einer dritten Klippe.«
»Es ist eine der Zukunft. Es wird eine Zeit kommen, und sie ist vielleicht nicht fern, wo die Regierungen des Continents die bisherige englische Einmischung in ihre Angelegenheiten, die Organisation und Protegirung der revolutionairen und socialistischen Agitation auf dem Continent sich ernstlich verbitten werden. Wenn nicht alle Anzeigen trügen, wird Frankreich der erste Staat sein, der eine Aenderung der bisherigen englischen Politik verlangt. In Rußland herrscht schon lange ein gewisser Groll dagegen und die Drohung Palmerstons, Gibraltar zu sperren, wenn die russische Flotte Kronstadt verlassen sollte,
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um die französische bei Gaëta zu ersetzen, wird auch nicht dazu dienen, die Sympathieen zu erhöhen.«
Der Erlauchte Herr erinnerte sich an die Anklagen, die sein Gesandter in Petersburg vor wenigen Wochen erhoben hatte.
»Fahren Sie fort.«
»Frankreich,« berichtete Herr von Schleinitz »hat in diesem Augenblick genügend zu thun, um Deutschland nichr zu incommodiren. Von dem Abschluß des Kaufs der Adulis-Bai berichtete ich Euer Majestät bereits - die Sache ist England sehr unangenehm, aber nicht mehr zu ändern. Am 19. ist in Paris von den Tractatmächten die Verlängerung der Occupation Syriens durch die französischen Truppen bis zum 5. Juni unterzeichnet worden - jedem weiteren Termin hat sich England entschieden widersetzt. Was die französische Politik in Italien betrifft, so hat meiner Meinung nach die im Februar erschienene, freilich von dem Kaiser Louis Napoleon inspirirte Brochure Laguerronières ›Frankreich, Italien und Rom‹ sicher nicht das letzte Wort gesprochen. Es wird zwar darin gesagt: der Papst müsse dem König Victor Emanuel das Vicariat über den Kirchenstaat übertragen, wo nicht, werde Frankreich seine Truppen aus Rom ziehen, die Piemontesen gewähren lassen und auch nicht dulden, daß eine andere Macht dem Papst zu Hilfe käme, - allein grade die Bestimmtheit dieser Drohung und dieses Auschlusses an die englische Politik macht mich stutzig und scheint nicht sehr günstig für die Wünsche des Königs Victor Emanuel. Kardinal Antonelli ist ein kluger
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Politiker und wird wohl im letzten Augenblick ein Mittel finden, die Gefahr abzuwenden. Vorerst sehe ich die Sardinier noch nicht in Rom.«
»Aber Herr von Vincke wünscht sie dort,« bemerkte lächelnd der König. - »In der That, der arme König Franz, der sich so wacker in Gaëta geschlagen hat, thut mir leid, und ich habe durch die Haltung unseres Gesandten in Neapel und Turin meine Sympathieen für seine legitimen Rechte an den Tag gelegt, so wenig uns sonst die neapolitanischen Vorgänge berühren; - indeß ...«
Der Monarch schwieg nachdenkend - er erinnerte sich der Meinung, die sein künftiger Minister des Auswärtigen so bestimmt für ein Bündniß mit Italien kundgegeben. Herr von Schleinitz wagte einen forschenden Blick, gleichsam sondirend. »Es wird natürlich von der weiteren Entwickelung der Ereignisse in Italien abhängen müssen, welche Stellung die Großmächte auf die Dauer einnehmen können. Von allen hat bis jetzt nur Oesterreich am 2. März wider den Titel eines ›Königs von Italien‹ protestirt, dagegen die Deputirten-Kammer in Turin am 14. einstimmig den betreffenden Gesetzentwurf genehmigt. Ich greife dem Bericht über die italienischen Verhältnisse vor, indem ich Euer Majestät das Telegramm des Herrn Grafen Brassier aus Turin vorlege, wonach gestern daselbst die Proklamirung des Königs Victor Emanuel zum ›König von Italien‹ erfolgt ist. Das bisherige Ministerium hat abgedankt und Graf Cavour ist mit der Zusammensetzung eines neuen aus Persönlichkeiten
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der verschiedenen bisherigen Staaten Italiens beauftragt worden.«
Der König nickte ernst mit dem Kopf. »Ja, ja!« sagte er - »wir können es uns nicht verhehlen, es ist und kommt eine andere Zeit; - der Kaiser Napoleon hat Recht, die Bestimmungen des wiener Congresses halten nicht mehr - der Zünder, den er mit seiner Lehre von den Nationalitäten in die Politik geworfen, entfesselt mehr als einen Brand. Gott gebe, daß die Flamme wärme und befruchte, - nicht bloß zerstöre! - Fahren Sie fort.«
»Oesterreich, Majestät,« sagte der Minister, »könnte leicht an Nationalitäten zu Grunde gehen. Die Anforderungen aus Ungarn werden immer ungestümer und das ewige Experimentiren mit neuen Verfassungsversuchen verträgt auch die geduldigste Nation nicht. Nach den neuen Wahlgesetzen vom 7. Januar ist am 26. Februar wieder eine ganz neue Verfassung gegeben. Außer dem Defizit von 64 Millionen Gulden aus dem vorigen Jahr durch die Steuerausfälle in Ungarn ist eine neue Anleihe von 30 Millionen nöthig geworden. Dazu selbst Religionsstreitigkeiten. Der Bischof von Brixen zum Beispiel hat einen Hirtenbrief gegen die Gleichstellung der Protestanten erlassen. - Die höchsten Kreise in Wien werden noch immer sehr von der Kurie beeinflußt.«
»Der arme Kaiser - confessionelle Streitigkeiten sind schlimmer als politische - es bedarf einer großen inneren Ueberzeugung, das Rechte und Gute zu wollen, um dabei fest zu bleiben. - Aber Sie sagen mir Nichts über die Stellung Oesterreichs zu uns?«
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»Gestatten Eure Majestät, das bei meinem Referat über die Angelegenheiten des Bundes zu thun. - Um nochmals Italien zu erwähnen, so hat nach der Kapitulation von Gaëta am 13. Febrnar am 13. dieses Monats auf den Befehl des König Franz zwar auch die Citadelle von Messina kapitulirt, aber in den Appeninen sich eine Brigantaggia erhoben, die dem König Victor Emanuel viel zu schaffen macht und beweist, daß man in Süd-Italien doch nicht so allgemein mit der piemontesischen Occupation einverstanden ist. Der Kampf wird mit großer Erbitterung geführt und von Rom aus in Gang erhalten.«
»Traurige Opfer,« sagte der König - »aber solche Kämpfe müssen ausgefochten werden!«
»Es ist Thatsache, daß man von England dem Papst Asylvorschläge gemacht hat. - Ich argwohne eine sehr eigennützige Politik dahinter. Wenn der Papst darauf eingehen sollte, würde England eine neue Handhabe gewinnen, den Frieden des Continents fortwährend zu stören.«
»Sie mögen Recht haben. Ich habe darüber nachgedacht, ob für den Fall eines gänzlichen Sieges der Revolution in Italien durch die Zurückziehung der französischen Truppen, es nicht deutsche Pflicht wäre, dem Papst Pius, den ich persönlich hochschätze, als dem Oberhaupt der katholischen Kirche ein Asyl in Deutschland, etwa am Rhein anzubieten?«
»Ich fürchte, Euer Majestät Güte könnte uns da schwere Verlegenheiten bereiten. Haben Euer Majestät die Gnade, sich zu erinnern, welche schweren Nachtheile dem
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Rheinland die Aufnahme der französischen Emigration 1789 bereitete. Freiherr von Canitz berichtet, daß sich am päpstlichen Hofe die Jesuitenpartei sehr rührig zeigt, um die Herrschaft zu gewinnen, selbst gegen den Kardinal Antonelli, der bisher leidlich den kirchlichen Frieden zu erhalten gewußt. Frankreich und Oesterreich ständen einem solchen Anerbieten weit näher - hüten sich aber davor. Der französische Klerus würde durchaus nicht eine Uebersiedelung nach Avignon wünschen und auch in Oesterreich seufzt jede gesunde Entwickelung unter den Fesseln des Concordats. Auch das andere Süddeutschland wäre schwerlich damit einverstanden; in Württemberg hat am 16. dieses Monats die zweite Kammer mit großer Majorität von der Regierung das mit der päpstlichen Kurie geschlossene Concordat verworfen.«
»Lassen wir den Gedanken fallen - Herr von Bethmann ist gleicher Ansicht wie Sie.«
»Wie man in Frankreich denkt, beweist die Adreßdebatte vom 6. März im gesetzgebenden Körper. Das Amendement zu Gunsten der weltlichen Herrschaft des Papstes ist nach der - offenbar nicht ohne Bewilligung des Kaisers gehaltenen Brandrede des Prinzen Napoleon mit 79 gegen 61 Stimmen verworfen worden. Das einzige Land, welches die Uebersiedelung vielleicht ertragen könnte, wäre Belgien.«
»Desto gefährlicher für die Nachbarn! - Haben Sie Berichte aus Polen?«
»Die Demonstrationen in Warschau sind augenblicklich unterbrochen, sei es durch die Nachgiebigkeit der
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Regierung, sei es, daß die Agitationspartei erst die Wirkung des Manifestes Seiner Majestät des Kaiser Alexander vom 3., wodurch die Leibeigenschaft in Rußland aufgehoben wird, abwarten will. Ich muß jedoch Euer Majestät darauf aufmerksam machen, daß es nöthig sein wird, der Agitation im Großherzogthum und in Westpreußen einen Damm entgegen zu setzen. Die Sache ist allerdings nicht mein Departement, indeß der Antrag des Herr von Niegolewski und der polnischen Fraction im Abgeordneten-Hause ist schlimmer, als die revolutionaire Adresse der Warschauer an den Kaiser. Dort hat man nicht den zehnten Theil dessen zu verlangen gewagt, was hier die polnische Fraction ganz offen als ihre Forderung aufstellt.«
»Ich verstehe recht gut, lieber Schleinitz, was Sie damit sagen wollen. In Rußland fürchten sie Sibirien - hier trotzen sie auf die stets bewiesene Nachsicht. Ich habe den Antrag erst flüchtig zu lesen vermocht. Können Sie mir die Hauptpunkte wiederholen? Indeß lauten die Berichte des Herrn von Bonin, wie mir Schwerin sagt, durchaus nicht bedenklich.«
»Graf Schwerin wird vielleicht bei dem am 20. gestellten Antrage Gelegenheit gehabt haben, sich eines Anderen zu überzeugen. Ich habe kein Recht, schwärzer zu sehen, indeß - der Name Bonin ist bedeutungsvoll für Posen.«
»Also der Antrag?«
»Derselbe lautet: ›In Erwägung und so weiter, die Erwartung auszusprechen, daß endlich wenigstens die nach dem positiven Völkerrechte garantirte territoriale Einheit
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des ehemaligen polnischen Gesamtstaats vom Jahre 1772, sowie die den Polen innerhalb dieser Gränzen zugestandenen politischen und nationalen Rechte zur vollen Geltung und Ausführung gelangen, und daß dieselben nicht fernerhin willkürlich von den verpflichteten Mächten, denen auf Grund des Wiener Traktats Theile Polens unter den stipulirten Bedingungen zugetheilt wurden, verkümmert werden.‹«
»Aber das ist das Verlangen eines Krieges mit Rußland und Oesterreich oder die Sanctionirung der Revolution zur Wiederherstellung des alten polnischen Staates.«
»Dieser Gedanke ist zwischen den Zeilen der Begründung zu lesen und in diesem Sinne wurde der Antrag auch von der großen Majorität der Kammer aufgefaßt. Ich halte die polnischen Abgeordneten trotz ihrer leidenschaftlichen Explikationen doch für zu praktisch klug, als daß sie nicht wissen sollten, daß ihr Verlangen ohne eine gänzliche Wiederherstellung Polens praktisch unmöglich auszuführen ist. Der Antrag ist also bloß gestellt, um der in russisch Polen angebahnten Revolution, wie Euer Majestät so treffend bemerkten, eine Sanctionirung zu ertheilen und die diesseitige Regierung einzuschüchtern, damit man der Unterstützung der Erhebung aus Posen und Preußen nicht zu scharf auf die Finger sehen möge. Denn obschon sehr excentrische Köpfe unter den Antragstellern sind, glaube ich doch kaum, daß einer derselben an den Erfolg einer bewaffneten Erhebung im preußischen Polen denken kann.«
Der König schwieg längere Zeit, dann sagte er in
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sehr ernstem Ton: »Ich habe gewiß herzliche Theilnahme für das Nationalgefühl dieser Herren; indeß sie vergessen zu sehr, daß sie seit fast hundert Jahren Preußen sind, und daß ihr Eid und ihre Pflicht dem Staate Preußen gehört. Wir haben die Verhältnisse in den Staaten nicht gemacht, mir sind sie in vierter Generation überkommen und die Geschichte hat eben so gut ihre Verjährung, als das bürgerliche Gesetz. Ihr müssen auch diese Herren sich fügen lernen. Sprechen Sie es aus, als meinen ernsten, festen Willen. Ich habe nicht Lust, um solcher Exclusivitäten halber Leben und Eigenthum meiner anderen Unterthanen gefährdet zu sehen. Der Kaiser von Rußland ist Preußens natürlicher Verbündeter durch die Interessen des Staates und die Bande des Blutes. Er hat den besten Willen, seinen Unterthanen gerecht zu werden und ihr Wohl zu fördern, das hat die große und wahrlich schwere und für ihn nicht ungefährliche That der Aufhebung der Leibeigenschaft bewiesen. Ich werde nicht um einiger Empörer und Unruhstifter willen diese Freundschaft aufs Spiel setzen. Die preußische Regierung wird mit voller Energie verfahren und ich werde den Herrn Justiz-Minister ersuchen, danach die Staatsanwalte zu instruiren. Ich habe keine Sympathien für eine polnische Revolution, denn ich habe die feste Ueberzeugung, daß sie nur das wahre Volk schädigt.«
Der Minister verbeugte sich. »Ich hoffe, daß die Debatte über den Antrag Niegolewski, der vorläufig der Geschäftsordnungs-Kommission zur Prüfung über die
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Zulässigkeit überwiesen worden ist, volle Gelegenheit geben wird, die Meinung der Regierung auszusprechen.«
»Also zu Dänemark!«
»Herr von Balan berichtet, daß keine Aussicht zu einem Nachgeben des Königs sei. Man beharrt auf der Incorporirung Schleswigs und die Versprechungen, die Herr Hansen hier machte, erweisen sich als bloße Finten, um Zeit zu gewinnen, bis man eines auswärtigen hinreichenden Schutzes sicher ist. Herr von Balan, oder vielmehr unser General-Consul in Kopenhagen, Dr. Quehl - dem wenigstens Thätigkeit und ein scharfes Auge nicht abzusprechen sind, - berichtet, daß der Conferenzrath Halsteen in dieser Angelegenheit vor einigen Tagen nach London gesandt worden ist und die Mission hat, von dort auch nach Paris zu gehen, wo sich der Legationsrath Hansen, der uns hier Versprechungen machte, bereits befindet.«
»Und die Herzogthümer selbst?«
»Der holsteinschen Ständeversammlung, die in diesen Tagen in Itzehoe eröffnet wird, soll der Entwurf einer neuen dänischen Gesamtstaats-Verfassung vorgelegt werden. Man erwartet die einstimmige Ablehnung desselben und dann verschärfte Danisirungs-Maßregeln - unter'm Schutz von England oder Frankreich.«
»Wie lautete doch der letzte Beschluß des Bundestags?«
»Derselbe datirt vom 7. Februar. Die Versammlung beschloß, daß das Budget der Herzogthümer Holstein-Lauenburg für das mit dem 1. April beginnende Finanzjahr von der dänischen Regierung nicht ohne Zustimmung
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der holsteinischen und lauenburgischen Stände festgesetzt werden könne. Sie hat binnen 6 Wochen von der dänischen Regierung eine ausdrückliche Erklärung verlangt, daß dieselbe dem Bundesbeschluß vom 8. März des vorigen Jahres bezüglich des Provisoriums nachkommen werde. Dieser Beschluß forderte, daß alle dänischen Gesetzvorlagen, welche dem dänischen Reichstag zugehen, auch den Ständen von Holstein und Lauenburg unterbreitet werden, daß kein Gesetz in den Herzogthümern eingeführt werde, welches nicht vorher die Zustimmung der Stände erhalten hat.«
»Im Fall der Verweigerung?«
»Die Ausführung der angedrohten Bundes-Exekution.«
Der König sah den Minister scharf an. »Finden Sie nicht eine gewisse Inconsequenz darin, daß man der dänischen Krone in Bezug auf die beiden deutschen Provinzen verweigert, was man zum Beispiel für das Recht Preußens oder Rußlands in Bezug auf die ehemalig polnischen Landestheile erkennt?«
»Euer Majestät haben das ganze Sachverhältniß und den Unterschied der beiden Fragen in einem einzigen Wort ausgedrückt.«
»Wie meinen Sie das?«
»Der ›ehemalig polnischen‹. Ein polnischer Staat existirt nicht mehr, sowohl durch das Recht der Eroberung, als die völkerrechtlich gültigen Tractate. Die ›ehemalig polnischen‹ Landestheile sind anerkannt in den Besitz anderer Staaten übergegangen und preußische, russische oder österreichische Provinzen geworden. Ein Deutschland
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existirt aber noch, wenn nicht ein Deutsches Reich, so doch ein Bund der deutschen Staaten, und ein Theil dieser Länder sind die deutschen Herzogthümer, die nur durch Personal-Union: nicht dem Staate Dänemark, sondern dem Könige von Dänemark unter Ausschluß der weiblichen Thronfolge unterworfen sind.«
»Das ist's - und dies Verhältniß, das Sie mit wenigen Worten klar gelegt - ist es auch, was mich beruhigt und geleitet hat. Da wir aber jetzt beim Bundestag sind, lassen Sie uns in dessen Angelegenheiten fortfahren, doch wollen wir die Verhandlungen über die Reform der Bundeskriegs-Verfassung ausschließen.«
»Euer Majestät habe ich schon früher die Ehre gehabt, auszusprechen, daß die wiener Einflüsse dort noch immer überwiegen. Graf Rechberg ist ein tendenzmäßiger Gegner Preußens, noch mehr Herr von Beust. Graf Platen, Herr von Mohl, Freiherr von Schenk, Herr von Dalwigk mit Anderen, haben sich von Herrn von Beust in's Schlepptau nehmen lassen und die Stimmen, auf welche wir mit Sicherheit rechnen können, sind sehr in der Minorität. Unsere Gegner bereiten sich vor, den unvermeidlichen Anträgen auf eine Reform des Bundes ihre Sonderinteressen entgegenzusetzen. Es sollte mich wundern, wenn diese nicht schließlich in der Form einer Trias-Idee Ausdruck erhielten, Herr von Beust hat allerlei Großmachtsgelüste und schreibt sehr gern Noten; - um Euer Majestät die Wahrheit zu sagen, Herr von Usedom erklärt, daß wir ziemlich isolirt im Bunde stehen.«
»Desto weniger Rücksichten werden wir zu nehmen
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brauchen. Von welchem Tage datirte die Erklärung der Preußischen Zeitung gegen den Darmstädtischen Antrag in Betreff der Zulässigkeit des Nationalvereins?«
»Vom 14. Januar. Ich habe den Artikel hier.«
»Bitte, lesen Sie ihn vor.«
»Derselbe sagt: Nachdem die preußische Staatsregierung Preußen wiederholt als den natürlichen Vertreter der deutschen Einheitsbestrebungen bezeichnet und die nationale Idee als die innerste Triebfeder ihrer Politik bekannt hat, würde sie sich selbst verläugnen, wollte sie die Hand bieten zur Verfolgung irgend welcher Vereine, welche sich vorgesetzt haben, durch das Mittel der geistigen Arbeit und in den Schranken der bestehenden Landesgesetze für die Annäherung an das Ziel einer festeren Einigung der Nation zu wirken.«
Der König hatte wiederholt zustimmend bei der Verlesung des Satzes genickt.
»Ich glaube,« fuhr der Minister fort, »daß grade in Folge dieser Erklärung die Gegner Preußens irgend einen Schachzug vorbereiten werden. Eine Berathung des Darmstädter Antrags wird nach dem Bericht des Herrn von Usedom offenbar absichtlich verzögert.«
»Nun - sollte sich nicht irgend ein Heißsporn finden lassen, welcher auf Beschleunigung der Entscheidung dringen kann?«
»Euer Majestät denken an den Herrn Herzog von Coburg?«
»Es könnte auch einer der Gegner sein! - Indeß - Herzog Ernst hat allerdings das nächste Interesse daran,
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da ja der Verein seinen Sitz in Coburg hat.1 - Glauben Sie nicht, daß ich die Gefahren verkenne, welche der Nationalverein in sich birgt, wenn er erst Souveränitäts-Gelüste bekommt und sich in die Politik mischt, eine Gefahr, die eigentlich aus den leitenden Persönlichkeiten hervorgehen dürfte, - indessen läßt sich nicht leugnen, daß er auch seine Verdienste hat und die Anregung der Reform von Seiten der Nation selbst vertritt. Wenn die Herren sich nur erst von den Frankfurten Marotten freimachen könnten, daß der Parlamentarismus ein deutsches Reich schaffen kann!«
»Die Leitung der Frage wird eine stärkere und geschicktere Hand brauchen, als die meinige. Euer Majestät habe ich schon ein Mal gebeten, sie in eine solche zu legen.«
»Die Zeit kann kommen, Excellenz,« sagte der König mit milder Würde, »aber - ich wiederhole es Ihnen - ich glaube nicht, daß sie schon da ist. Sie müssen sich daher gedulden und ausharren, grade so gut, wie ich! Wir haben diese Umgestaltung der preußischen Politik nach Innen und Außen, welche man die ›neue Aera‹ nennt, zusammen begonnen, und dürfen das Schiff jetzt nicht bei dem ersten Sturm im Stich lassen. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen bei der ersten Sitzung meines Ministeriums als mein Programm andeutete - ich stehe heute noch ganz auf demselben Boden. - Ich erkläre mich zufrieden
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mit der bisherigen Leitung Ihres Ministeriums und danke Ihnen dafür.«
Eine leichte Bewegung der Hand zeigte dem Minister, daß der König den Vortrag für beendet ansah, und Herr von Schleinitz schloß mit ehrerbietiger Verbeugung seine Mappe. Als er durch das Vortragszimmer ging, blieb er einen Augenblick stehen - die Haltung des Königs bei der Erwähnung der italienischen Frage, die energische Erklärung in Betreff der Polen und die Stimmung für den Nationalverein gaben dem gewandten Diplomaten genug zu denken.
»Es muß etwas vorgegangen sein,« murmelte er im Weitergehen. »Graf Schwerin wird einen schweren Stand haben in der Kammer und ich glaube nicht, daß Graf Bernstorff lange mein Portefeuille führen wird. Aufgepaßt, und kokettiren wir ein Wenig mit Herrn von Vincke.
»Guten Abend, Excellenz,« begrüßte er in das Adjutanten-Zimmer tretend, den dort harrenden Kriegsminister. »Seine Majestät scheinen heute absolut noch alle Geschäfte erledigen zu wollen, um für den morgenden Tag Zeit und Gedanken frei zu haben. Seine Majestät sind in der besten Stimmung, und -« fügte er flüsternd hinzu in halb vertraulichem, halb sarkastischem Ton - »wir müssen schon noch einige Zeit Kollegen bleiben!«
»Was mich und die anderen Herren gewiß nur freuen kann!« Die grade biedere Natur des Generals begnügte sich mit der kurzen Höflichkeit. Es war bekannt genug, daß der General nur ungern in dies Ministerium getreten war und nur dem König zu Liebe, den er hoch
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verehrte und der großes Vertrauen zu ihm hegte, darin verblieb.
Der General, 1803 geboren, ist eine imponirende Erscheinung, ein Mann ganz nach dem Herzen des Königs und für sein großes Werk geeignet, mit einem besonderen Verwaltungstalent, scharfem politischem Blick, kühnem Entschluß und Energie der Durchführung eine große Arbeitskraft und Berufstreue, parlamentarische Befähigung, Ruhe und Selbstbeherrschung und ein großes Wohlwollen verbindend. Sein praktischer Geist war rasch in den großen Reformplan der Armee, mit dem sich der Regent seit langen Jahren trug, eingegangen und seine Umsicht und Thätigkeit hatte dessen Ausführung in aller Stille vorbereitet.
»Seine Majestät erwarten Excellenz!«
Der General in fester militairischer Haltung folgte dem Flügel-Adjutanten und trat in das Arbeitszimmer.
Der König kam ihm entgegen und reichte dem treuen und werthgehaltenen Diener die Hand.
»Guten Abend, lieber Roon! Sie sollen heute Abend den Schluß machen, ich habe Ihr Gesicht mir bis zuletzt aufgespart, um mit guter Erinnerung aus all' dem Aerger und Verdruß des alten Jahres in mein neues hinüber zu gehen. Bringen Sie mir die gewünschte Zusammenstellung?«
»Zu Befehl, Majestät.«
Der König sah nach den Schlußzahlen. »Für 1860 waren es 31 Millionen 417,247 Thaler - für dieses Jahr fast 35 Millionen - dazu das Extraordinarum der Kriegsbereitschaft 5\frac12 Million gegen Eilfmalhunderttausend des
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vorigen, also fast 7\frac12 Millionen - aber wenn wir die Grundsteuer haben, wird der Staat es ohne Beschwerung der Finanzen tragen.«
»Die Marine, Majestät, ist noch immer sehr stiefmütterlich bedacht! Im Ordinarium nur 968,928 Thaler und für das Extraordinarium 1 Million 145 000 Thaler - selbst das kleine Dänemark giebt 2 Millionen.«
»Nun, nach und nach, lieber General; wenn Sie erst nach unserem Plan ein besonderes Ministerium der Marine und dessen Leitung übernommen haben, wird sich das wohl ändern. Ich würde in der That glauben, Sie gehörten zum Nationalverein, der mit Gewalt wieder eine deutsche Flotte haben will, wenn ich nicht wüßte, daß Sie an der Küste2 geboren sind und das Meer Ihr Wiegenlied gesungen hat.«
»Majestät kennen sehr wohl meine Ueberzeugung,« sagte mit einer gewissen Treuherzigkeit der Minister, »daß die Kraft und Zukunft des preußischen Staates hauptsächlich auf der Armee und ihrem guten Zustand beruht! Aber Deutschland hat eine weitgestreckte Küste und seine Handelsflotte ist bereits die drittgrößte der Erde. Deutsche wohnen überall auf dem ganzen Erdball, betriebsam und thätig, für ihren Fleiß, ihre Ehrenhaftigkeit lange nicht genug gewürdigt, ja unter einem gewissen Druck der öffentlichen Meinung, da ihnen der Schutz der Heimath fehlt. Diesen Schutz ihnen geben, diese Achtung ihnen erringen, kann eben nur eine Flotte. Das fühlt auch die ganze
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Nation und deshalb die fortwährenden Bestrebungen, zu sammeln, Vorschläge und Anträge zu stellen. Dieser Geist muß angeregt und warm gehalten werden - wenn auch etwas Tüchtiges, Ganzes natürlich nicht durch Vereine und Vereinsreden, sondern nur dadurch geschaffen werden kann, daß ein großer Staat es mit seiner Steuerkraft in die Hand nimmt. Die norddeutsche Küste hat einen trefflichen Stamm von Seeleuten, der jetzt in den Marinen aller Länder zerstreut ist. Deshalb habe ich mit voller Ueberzeugung den Plan der ostasiatischen Expedition unterstützt. Eurer Majestät erhabene Vorgänger bis zum großen Kurfürsten hinauf, haben keine Sympathieen für die Bildung einer Kriegsmarine gehabt, - die Verhältnisse Europa's namentlich die deutsche Zerrissenheit, die doch endlich einmal ein Ende finden muß, waren auch nicht danach angethan; aber sie haben ein Soldatenvolk herangebildet, das allen Gefahren zur See wie zu Lande steht. König Friedrich II. hätte Preußen nicht zur Großmachtstellung im Kreis der europäischen Staaten erheben können, wenn König Friedrich Wilhelm I. ihm nicht geordnete Finanzen und eine geschulte Armee hinterlassen hätte. Auf dem Erbe Friedrich des II. und Ihres erhabenen Vaters, Majestät, werden Allerhöchstdieseiben nicht Preußen, sondern Deutschland einen neuen Glanz erringen, dessen bin ich sicher und das gebe Gott. Die Armee bedarf jetzt nur eines Feldzugs, um für alle späteren schweren Kämpfe, namentlich gegen den deutschen Erbfeind gekräftigt zu sein.«
»Ich werde nie muthwillig oder zu ehrgeizigen Zwecken das Blut meiner Landeskinder opfern, nur wo
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es gilt, die Ehre Preußens, die Ehre Deutschlands zu wahren!«
»Ich bin nicht Ihr Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Majestät,« sprach der alte Soldat, - »aber ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage: es liegt schon jetzt Blutgeruch in der Luft auch für uns, nicht bloß in Italien, Polen oder der Türkei. Ich wiederhole, Gott gebe, daß es in den drei Phasen kommt, wie ich mir denke und wünsche.«
»Und wie denken Sie es sich, oder wie wünschen Sie es, mein lieber General?« frug der König mit ernstem Lächeln.
»Zuerst, Majestät, wünsche ich, daß wir noch eine kurze Zeit Ruhe haben, um hier die inneren Verhältnisse consolidiren zu können und mit den böswilligen oder unverständigen Opponenten in der Kammer fertig zu werden.«
»Es wäre ein großes Glück!«
»Dann halten Eure Majestät nur fest an der Armee-Organisation - nöthigen Falls bis zu einem Appell an das Land.«
»Schwerin meint, daß selbst Neuwahlen kein anderes, vielleicht ein noch schlimmeres Resultat ergeben würden.«
»Ich bin derselben Meinung, obschon immer ein treuer Kern bleiben wird. Die Leute reden sich immer mehr in den demokratischen, oder wie sie es jetzt nennen: fortschrittlichen Schwindel hinein. Aber Majestät, eine Abgeordnetenwahl ist noch lange nicht die ganze Stimme des Landes, sondern nur das Resultat der geschicktesten Ueberredung
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ehrgeiziger Führer. Deshalb eben ist die Krone da, um festzustehen als Fels in all' dem Wogen des Parteikampfs, und wenn ihr Träger sich seines redlichen Willens und seiner guten Ziele bewußt ist, dann mag er sagen: bis hierher und nicht weiter!«
»Das ist, was ich denke. Deshalb habe ich mich entschlossen, diese Epoche der parlamentarischen Kämpfe und des Parteitreibens meinem Ministerium zu überlassen und so ruhig als möglich an mir vorübergehen zu lassen, bis unser Werk Wurzeln geschlagen hat, die man nicht so leicht aus dem guten Boden ausreißen kann.«
»Diese Heißsporne des neuen Deutschlands vergessen die große Lehre der Geschichte, daß sich solche Thaten nicht mit Reden und Vereinen vollziehen, sondern mit dem Kitt des Blutes, und daß man dazu eine starke Armee, nicht Parlamente hinter sich haben muß; daß wenn sie also ein großes und geeinigtes Deutschland erzielen wollen unter Preußen's Führung, sie vor Allem die preußische Krone stärken müssen, nicht schwächen. Ich wünsche der neu organisirten Armee eine erste Gelegenheit, die Tüchtigkeit und Beweglichkeit des neuen Verbandes zu zeigen, das wird ebenso wirken, wie die erste Grscheinung unserer jungen Marine in den Gewässern anderer Welttheile.«
»Aber diese Gelegenheit?«
»Wird ein Krieg mit Dänemark für die deutschen Rechte geben.«
»Ich fürchte, die Frage bleibt mehr eine Sache der Diplomaten. Wir gewinnen höchstens eine neue
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Sonderregierung in das Flickwerk des deutschen Bundes. Schon zeigen sich verschiedene Prätendenten.«
»Das wird unter keinen Umständen geschehen, denn wenn es so weit ist, wird diese Frage am Besten dazu dienen, mit der Spitze des Schwertes die künftige Suprematie in Deutschland zu entscheiden.«
Der König sah den Minister betroffen an. »Ein Krieg mit Oesterreich? woran denken Sie!«
»Wenn Euer Majestät nicht Oesterreich bekriegen und aus dem deutschen Bund werfen, wird Oesterreich Ihnen über kurz oder lang den Krieg erklären. In einem geeinigten Deutschland haben Oesterreich und Preußen nicht neben einander Platz. Glauben Euer Majestät mir, die österreichische Regierung sinnt bereits auf einen Schachzug in Deutschland, der den Frieden von Villafranca, den man uns zuschreibt, ausgleichen soll. Die Verhandlungen über die Reform der Bundeskriegsverfassung, die ich unvorgreiflich Euer Majestät rathen würde, von unserer Seite abzubrechen, beweisen, daß man in Wien noch nicht einmal gesonnen ist, uns Gleichberechtigung zuzugestehen.«
»Ich habe selbst daran gedacht. Stellen Sie den Antrag im nächsten Ministerrath. Ich muß gestehen, es würde mir sehr schwer werden, Oesterreich durch einen Krieg zwingen zu müssen, unsere Stellung im deutschen Einigungswerk anzuerkennen. Ich glaubte, daß nach dem Besuch des Kaiser Napoleon im Juni vorigen Jahres, dem ich absichtlich die größte Oeffentlichkeit zu geben mich bemühte, meine Zusammenkunft mit dem Kaiser Franz Joseph in Teplitz jeden Groll beseitigt hätte!«
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»In der Person des jungen Kaisers - gewiß! Aber der Kaiser Franz Joseph, Majestät, ist nicht die österreichische Politik. Man kann die erlangte Suprematie von Olmütz nicht vergessen und die frühere Kaiserkrone von Deutschland, selbst in den äußeren Formen, sonst hätte man die deutschen Reichskleinodien längst aus der wiener Hofburg nach Aachen zurückliefern müssen. Das preußische Königthum wurde erst perfekt durch den siebenjährigen Krieg, die preußische Suprematie in Deutschland kann erst perfekt werden durch einen neuen Krieg mit Oesterreich!«
»Dann gebe Gott, wie auch die Entscheidung falle, daß es nicht einer von sieben Jahren, sondern von sieben Tagen sei!«
»Das wäre die zweite Phase, die mir vorschwebt als die Aufgabe der neuen Armee für das Ziel der Einigung Deutschlands. Die dritte Station ...«
Der König unterbrach ihn.
»Ich gedenke den Besuch des Kaisers Napoleon noch vor der Krönung zu erwiedern. Pourtalès hat bereits die Andeutung gemacht. Der Kaiser Louis Napoleon ist mir bei unserer Unterredung in Baden-Baden sehr offen entgegen gekommen und hat nur friedliche Tendenzen geäußert. Er erklärte mir ganz offen, daß die fortwährenden Kriegsdrohungen und Kriegsengagements eine sehr nachtheilige Einwirkung auf die französische Industrie ausgeübt und große Mißstimmung hervorgerufen hätten. Der Kaiser proponirte sogar einen neuen französischen Handelsvertrag mit dem Zollverein.«
»Und zu gleicher Zeit,« sagte der General, »erschien
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in Paris jene Brochüre des Herrn Edmont About ›Preußen im Jahre 1860‹, die - wenn sie auch nur den Charakter eines Fühlers der öffentlichen Meinung hatte, indem sie ein preußisch-französisches Bündniß predigte, - mit eben solcher Zustimmung in Frankreich, wie mit Mißtrauen und Erbitterung in Deutschland aufgenommen wurde.
Der König ging an eines des[r] Repositorien seiner Handbibl[i]othek und nahm eine kleine Schrift heraus, die er dem Minister gab.
Es war die damals in Berlin erschienene Flugschrift, »Gallischer Judaskuß« mit dem Motto: »Und der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt«.
»Ich denke,« sagte er ernst, »man wird sich meiner Worte bei der Eröffnung der Rhein-Nahe- und Saar-Bahn erinnert haben und auch der Kaiser Napoleon hat sie gekannt:
Preußen wird niemals dulden, daß auch nur ein Fußbreit deutschen Landes verloren geht!
Aber ich wiederhole Ihnen, der Kaiser Louis Napoleon hat mir keine solche Andeutungen gemacht.«
Der General beugte sich auf die Hand des Königs und küßte sie. »Euer Majestät werden Ihren Getreuen nicht die Schmach anthun, zu glauben, daß auch nur Einer je den Gedanken eines Zweifels daran gehegt hat. - Dies Wort ist die Hoffnung und das Vertrauen aller Derer, die es in Wahrheit wohl meinen mit der deutschen Zukunft, und desto thörichter ist es von jenen Mitgliedern der Kammer-Opposition,
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welche die materielle Bürgschaft jener wahrhaft königlichen Erklärung, die Mittel der neuen Gestaltung der preußischen Armee weigern oder schmälern wollen. - Denn, Majestät, was nicht geschehen ist, das wird über kurz und lang dennoch eintreffen. Die Rheinlande sind eine französische Tradition, der sich diese unruhige Nation mit Vorliebe hingiebt, und Kaiser Napoleon, wenn er auch jetzt ernstlich einer Politik des Friedens mit Deutschland und der Abwartung seiner Entwickelung huldigt, kann durch die Gewalt der Revolution und aus dynastischen Rücksichten gezwungen werden, einen solchen Versuch zu machen. Aus diesem Grunde wird es gut sein, mit den deutschen Verhältnissen dann in Ordnung zu sein.«
»Ich glaube, wir machen uns zu viele Sorgen über die Zukunft. Der Kaiser Napoleon ist noch kräftig und mächtig genug, die revolutionairen und ehrgeizigen Gelüste seiner unruhigen Nation im Zaum zu halten, und - soll ich Ihnen meine ehrliche Meinung sagen: - es gäbe in der That kein besseres und sichereres Mittel, die deutsche Einigkeit herzustellen, als ein französischer Angriff auf deutsches Land und deutsche Ehre, dessen halte ich mich zur Ehre unseres deutschen Volkes versichert. - Aber die Vorsicht und Vorbereitung wollen wir natürlich niemals aus den Augen verlieren, und dafür lieber Roon, wollen wir Beide auch unter unangenehmen Verhältnissen tapfer ausharren, und ich rechne dafür auf Ihre aufopfernde Anhänglichkeit, bis die Zeit gekommen, wo ich Ihnen Kollegen geben kann, die Ihnen sympathischer sind. - Und nun lassen Sie uns nochmals die einzelnen Ansätze der
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Etats der genauesten Prüfung unterwerfen, um zu sehen, bis zu welcher Gränze Sie eine Nachgiebigkeit zeigen dürfen, ohne das Ganze zu schädigen.«
Der königliche Kriegsherr begann darauf mit seinem Minister eine angestrengte Arbeit, die bis zu einer späten Stunde währte - Herr und Diener kannten darin keine Ermüdung.
Es war gegen Mitternacht, als der Minister das Palais verließ, aber ehe der Herrscher des Volkes, denen Beiden Gott eine so große Zukunft bestimmt hatte, sich zur Ruhe begab, setzte er sich nochmals an seinen Schreibtisch, indem die einzige Bequemlichkeit, die er sich gestattete, die Oeffnung des Uniformrocks war, und nahm aus einem Fach des Schreibtisches ein Papier, das er aufmerksam und nachdenkend las.
Es war die Ansprache, die er als Prinz-Regent in der ersten Sitzung des neuen Gesammt-Ministeriums im November 1858 an die Minister gehalten hatte, und die er als das Programm seiner Regierung und seiner Absichten betrachtete.
Wir lassen zur Charakteristik des Königlichen Herrn und seiner Denkungsweise hier einige Hauptstellen folgen, die unserem Buche und seiner Darstellung der neuen Zeitepoche zum Schmuck dienen werden. König Wilhelm las halblaut vor sich hin:
»... Es soll nur die sorgliche und bessernde Hand angelegt werden, wo sich Willkührliches oder gegen die Bedürfnisse der Zeit Laufendes zeigt. Sie Alle erkennen es an, daß das Wohl der Krone und des Landes unzertrennlich ist, daß die Wohlfahrt beider auf gesunden, kräftigen conservativen Grundlagen beruht. Diese
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Bedürfnisse richtig zu erkennen, zu erwägen und in's Leben zu rufen, das ist das Geheimniß der Staatsweisheit, wobei von allen Extremen sich fern zu halten ist.
Unsere Aufgabe wird in dieser Beziehung keine leichte sein, denn im öffentlichen Leben giebt sich seit Kurzem eine Bewegung kund, die, wenn sie theilweise erklärlich ist, doch andererseits bereits Spuren von absichtlich überspannten Ideen zeigt, denen durch unser, eben so besonnenes als gesetzliches und selbst energisches Handeln entgegen getreten werden muß. Versprochenes muß man treulich halten, ohne sich der bessernden Hand dabei zu entschlagen - Nicht-Versprochenes muß man muthig hindern. Vor Allem warne ich vor der stereotypen Phrase, daß die Regierung sich fort und fort treiben lassen müsse, liberale Ideen zu entwickeln, weil sie sich sonst von selbst Bahn brechen. Wenn in allen Regierungshandlungen sich Wahrheit, Gesetzlichkeit und Consequenz ausspricht, so ist ein Gouvernement stark, weil es ein reines Gewissen hat und mit diesem hat man ein Recht, allem Bösen zu widerstehen ...
Handel, Gewerbe und die damit engverbundenen Communicationsmittel haben einen nie geahnten Aufschwung genommen. Doch muß auch hier Maaß und Ziel gehalten werden, damit nicht der Schwindelgeist uns Wunden schlage ...
Eine der schwierigsten und zugleich zartesten Fragen ist die kirchliche, da auf diesem Gebiete in der letzten Zeit viel vergriffen worden ist. Zunächst muß zwischen beiden Confessionen eine möglichste Parität obwalten. In beiden Kirchen muß aber mit allem Ernste den Bestrebungen entgegen getreten werden, die dahin abzielen, die Religion zum Deckmantel politischer Zwecke zu machen. In der evangelischen Kirche - wir können es nicht leugnen - ist eine Orthodoxie eingekehrt, die mit ihrer Grundanschauung nicht verträglich ist und die sofort in ihrem Gefolge Heuchler hat ... Alle Heuchelei, Scheinheiligkeit, kurzum alles Kirchenwesen als Mittel zu egoistischen Zwecken ist zu entlarven, wo es nur möglich ist. Die wahre Religiosität zeigt sich im ganzen Verhalten des Menschen; dies ist immer in's Auge zu fassen und von äußerem Gebahren und Schaustellungen zu unterscheiden. Nichts desto weniger hoffe ich,
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daß, je höher man im Staate steht, man auch das Beispiel des Kirchenbesuchs geben wird.
Der katholischen Kirche sind ihre Rechte verfassungsmäßig festgestellt. Uebergriffe über diese hinaus sind nicht zu dulden.
Das Unterrichtswesen muß in dem Bewußtsein geleitet werden, daß Preußen durch seine höheren Lehranstalten an der Spitze geistiger Intelligenz stehen soll, und durch seine Schulen, die den verschiedenen Klassen der Bevölkerung nöthige Bildung gewähren, ohne diese Klassen über ihre Sphären zu heben.
Die Armee hat Preußens Größe geschaffen und dessen Wachsthum erkämpft; ihre Vernachlässigung hat eine Katastrophe über sie und dadurch über den Staat gebracht, die glorreich verwischt worden ist durch die zeitgemäße Reorganisation des Heeres, welche die Siege des Befreiungskrieges bezeichneten. Eine vierzigjährige Erfahrung und zwei kurze Kriegs-Episoden haben uns indeß auch jetzt darauf aufmerksam gemacht, daß Manches, was sich nicht bewährt hat, zu Aenderungen Veranlassung geben wird. Dazu gehören ruhige politische Zustände und - Geld, und es wäre ein schwer sich bestrafender Fehler, wollte man mit einer wohlfeilen Heeresverfassung prangen, die deshalb im Momente der Entscheidung den Erwartungen nicht entspräche. Preußens Heer muß mächtig und angesehen sein, um, wenn es gilt, ein schwerwiegendes politisches Gewicht in die Wageschaale legen zu können.
Preußen muß mit allen Großmächten im freundschaftlichsten Vernehmen stehen, ohne sich fremden Einflüssen hinzugeben und ohne sich die Hände frühzeitig durch Tractate zu binden ...
Die Welt muß wissen, daß Preußen überall das Recht zu schützen bereit ist. Ein festes consequentes und, wenn es sein muß, energisches Verhalten in der Politik, gepaart mit Klugheit und Besonnenheit, muß Preußen das politische Ansehen und die Machtstellung verschaffen, die es durch seine materielle Macht allein nicht zu erreichen im Stande ist ...«
Der König hatte die Stirn in die Hand gestützt und dachte nach. Endlich schlug er das milde Auge empor
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und sah auf das Bild des Königlichen Bruders, das er seit dem Tode desselben dort hatte aufstellen lassen.
»Armer Fritz,« sagte er ernst - »Dein Wille war so redlich und Dein Herz voll Liebe für Dein Preußen und das große deutsche Vaterland! - Ob es mir besser glücken wird? Gott allein kennt die Zukunft; aber das weiß ich, daß auch mein Wille redlich, und mein Herz voll Liebe ist! Roon hat Recht - die Thoren, welche meinen, ein Deutschland durch Parlamente gründen zu können! - Fest will ich stehen in meinem Werk und mein Programm sei:
Preußen voran, und kein Fußbreit Deutscher Erde den Fremden!
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Der Alte vom Berge.

Es war am Abend des zweiten Tages, nachdem die kleine Karavane des Lord Walpole Arkiko verlassen. Man hatte auf den Rath des Arztes in derselben Ordnung, wie dies geschehen, mit möglichster Beschleunigung den Marsch fortgesetzt und da dies auf der gewöhnlichen Karavanen-Straße nach Chartum geschah, hatte selbst der koptische Führer keine Einwendungen gemacht, wahrscheinlich weil er wußte, daß hier die Verfolger, nachdem ihre Abreise bekannt geworden wäre, sie doch bald erreichen mußten.
Erst als man sich den Vorbergen des Djebel Langay näherte und das felsige Terrain die Auffindung der Spuren des Zuges erschweren mußte, wandte sich der Beduine Achmed, den der Scheikh Abu Beckr den Reisenden mitgegeben, nach Rechts in die Berge, statt den Weg in grader Richtung über den Abhang des Gebirges nach den Ufern der Lidda und des Mareb fortzusetzen.
Zadek legte seine Hand auf den Zügel des neben
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ihm Reitenden. »Mein Bruder irrt sich,« sagte er - »der Weg nach Chartum geht dort hinaus!«
Der Arzt ritt mit Adlerblick dicht hinter ihnen und hatte die Worte gehört. »Der Freund des Inglese Aga,« sagte er, »ist ein Kundiger der Wanzen und Steine, wie Du vielleicht schon gehört haben wirst, und wünscht in diesen Bergen einige Studien zu machen. Da wir Zeit genug haben zu unserer Reise, hat es der Aga gestattet.«
»Aber ich bin nicht für den Weg da gemiethet,« beharrte der Kopte. »Laßt mich gehen, damit ich nach der Stadt zurückkehre.«
»Und uns Deinem Herrn El Maresch verräthst,« rief der Arzt ohne Weiteres, »Jalla, jalla,3 und nimm den Weg zwischen die Beine Deines Thiers oder -« und er machte eine bezeichnende Bewegung, die sofort die beiden Trapper wiederholten, »anex rãith adrabak!«4
Diese Drohung zeigte zur Genüge dem Spion, daß er durchschaut und daß man entschlossen war, ihn nöthigen Falls mit Gewalt zurückzuhalten. Da er die Europaer in Besitz von Schießgewehren wußte und das Thier, das er ritt, sich in der Schnelligkeit mit den Pferden der anderen Reiter nicht messen konnte, sah er sich überlistet und gefangen und mußte jeden Gedanken an Flucht aufgeben, bis sich eine günstigere Gelegenheit dazu finden würde. Er spielte anfangs mürrisch den Beleidigten über das gezeigte Mißtrauen und enthielt sich jeder weiteren Einsprache, ja er gab seinen Platz an der Spitze des
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Zuges auf und gesellte sich zu den Treibern der Thiere, welche das Gepäck der Reisenden trugen, mit denen er sich bald in allerlei Gespräche einließ. Kurz, er schien sich nunmehr mit der gewöhnlichen Gleichgültigkeit des Orientalen in sein Schicksal gefunden zu haben, obschon der Doktor Walding und Adlerblick nicht versäumten, ihn scharf zu beobachten.
Der Arzt hatte seinen Diener Kumur gerufen und ihn bedeutet, daß es sich darum handle, an der Stelle, wo sie von dem gewöhnlichen Wege abgewichen, und eine Strecke auf dem neuen hin die etwa zurückgebliebenen Spuren zu verwischen, um eine Verfolgung zu täuschen. Der Kanadier Ralph begleitete den schwarzen Sclaven, der dabei Gelegenheit hatte, zum ersten Mal seinen Eifer und seine Anstelligkeit für die Interessen der ganzen Gesellschaft zu zeigen.
Die Sonne geht in dieser Breite und Jahreszeit schon gegen 5 Uhr unter, und die Reisenden hatten kaum eine passende Stelle zu ihrem Lagerplatz in einer Schlucht erreicht, deren Wände wenigstens den Schein der Feuer verdeckten, als die Dunkelheit mit der den Tropengegenden eigenen Schnelle ohne den Uebergang der Dämmerung, die Berge verhüllte. Bald nachdem das mitgenommene leichte Zelt für die beiden Frauen aufgeschlagen war und ein ähnliches für den Lord, den Arzt und den Naturforscher, erschienen Kumur und der Kanadier wieder bei der Karavane und erstatteten Bericht über die Erfüllung ihrer Aufgabe.
Jetzt erst beim Schein der lodernden Feuer hatte
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man Zeit, sich ausführlicher über die vorhergegangenen Ereignisse auszusprechen, die namentlich dem kleinen Professor viel Kopfzerbrechen zu machen schienen, während die Fürstin, Lord Frederik und selbst der Arzt eine gewisse Zurückhaltung bewiesen. Von Zeit zu Zeit blickte der Viscount forschend auf seine schöne abenteuerliche Schutzbefohlene, gleich als erwarte er, daß irgend eine in ihr auftauchende Erinnerung auch der seinen über die Erscheinung in der alten Kirche einen festeren Halt geben würde; aber die Fürstin schien in dieser Beziehung ganz unbefangen, wie ja schon die Erklärung des Arztes über die Wirkung des angewandten Betäubungsmittels vorausgesagt hatte. Es genügte ihr zu wissen, wer ihr geheimnißvoller Feind gewesen, und sie hielt dem Arzt das Versprechen, den Lord nicht darüber aufzuklären, und so blieb dieser in der Meinung, die Entführung der Frauen und die drohende Verfolgung allein als ein Werk des Negus und seiner neuen Feindschaft gegen die Engländer zu betrachten.
Auch Tank-ki schien einer trüben melancholischen Stimmung zu unterliegen; von Zeit zu Zeit hob ein schmerzlicher Seufzer den Busen des chinesischen Mädchens und ihre Blicke wandten sich wie sehnsüchtig zurück in das Dunkel des zurückgelegten Weges und in der Richtung nach der Bai von Arkiko, in welcher der französische Dampfer ankerte. Man hatte ihr gesagt, daß der Schuß Adlerblicks ihr Leben vor den gefrässigen Zähnen der Hyänen gerettet hatte, und das Mädchen bemühte sich wiederholt, ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen.
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Der Trapper mit dem sichern Blick und der sicheren Hand hielt seine scharfe Aufmerksamkeit auf die geworbenen Leute gerichtet, in deren Mitte Zadek Platz genommen und seinen Schibuk rauchte, während die Araber den Kaffee von Gondar an dem Feuer bereiteten. Er hatte mit seinem Kameraden Ralph und dem Beduinen Achmed verabredet, während der Dauer der Nacht eine Doppelwache am Eingang der Schlucht aufzustellen, und Doktor Walding, dem man die beschlossene Vorsichtsmaßregel mittheilte, war sofort bereit, mit seinem Kumur sich an den Ablösungen zu betheiligen.
Der Einzige, der wortreich die Unterhaltung führte, war der Professor, obschon der ungewohnte Ritt auf dem Dromedar seinen körperlichen Zustand keineswegs sehr geeignet dazu gemacht hatte.
»Dieses Gebirge oder Djebel, wie es im Arabischen heißt, - auf Türkisch Dagh auch Tan genannt, persisch Kuh - eine seltsame Anomalie mit unserer Sprache! - also dieser Djebel Langay ist eigentlich noch wenig von Gelehrten beschrieben,« docirte er der Gesellschaft, »und von den neueren Reisenden hat eigentlich nur jener Mann, der sich anmaßend Semilasso nennt, der Fürst Pückler-Muskau einige höchst unwissenschaftliche Skizzen über gewissen Scenerieen gegeben, ohne sich mit ernsteren doch so nahe liegenden Fragen zu beschäftigen! Darum Freund Smith war es sehr unrecht, daß Ihr nicht meinem Wunsche nachgekommen seid, die Steine, die ich Euch unterwegs bezeichnete, aufzubewahren, um mir Gelegenheit zu geben, an unseren Rastorten daran Studien zu machen. Denn
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obschon zwischen diesem Djebel Langay und der sogenannten arabischen Bergkette nur ein geringer Zusammenhang stattfindet und die nubische Wüste, die wie mir mein verehrter Freund und Zögling sagt, wir auf unserer Wanderschaft durchziehen sollen, dazwischen liegt, so ist dieses abgesonderte Gebirge doch unfehlbar als eine Fortsetzung jenes großen Gebirgsrückens zu betrachten, und es wäre leicht möglich, durch die Entdeckung von Spuren der Granite und Syenite, ja vielleicht gar jener grünen Breccia, die schon in der vierten Manethonischen Dynastie benutzt wurde, vielleicht auch des berühmten dunkelrothen Porphyrs vom Djebel Dochan den inneren Zusammenhang mit jener zu beweisen. In einem glücklichen Falle hätten wir vielleicht eine Fortsetzung der im Alterthum ausgebeuteten später verloren gegangenen Goldminen des Djebel Ollagi oder gar der Smaragdlager von Gebel-Zabara entdecken können, und es wäre ein Leichtes, tüchtige Bergleute aus dem Harz kommen zu lassen, um dieses Land zu einem glücklichen Nebenbuhler Kaliforniens zu erheben oder jener berühmten smaragdhaltenden Berge am Amur, von denen meine verehrte Verlobte und Mündel durch jenen würdigen Khan ihren Großvater so eminente Proben erhalten hat.« Der kleine Professor blickte im Stolz seiner Gelehrsamkeit auch auf dem Gebiet der Mineralogie auf die junge Fürstin, aber Wéra war während der Auseinandersetzung in ihr Zelt geschlüpft und schlief dort wahrscheinlich bereits den Schlaf der Gerechten; - er schaute auf den jungen Pair und den Arzt - und Beide hatten sich auf den Boden gestreckt und schnarchten. Nur der alte
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kanadische Trapper saß ihm noch gegenüber am Feuer und schante ihn voll Verwunderung an.
»Ich sollte meinen, Sir,« meinte der Kanadier, »Ihr thätet am Besten, Euch auch aufs Ohr zu legen und Euern grade nicht mit zu vielen Kräften ausgerüsteten Leib zu ruhen, denn wir müssen morgen bei dem ersten Tagesstrahl aufbrechen, um zwischen uns und diese schuftigen schwarzen Reiter des Negus eine möglichst weite Strecke zu legen. Mitgefangen, mitgehangen! heißt ein altes Sprüchwort, und ich fürchte, selbst Euer gelehrter Schnickschnack würde Euch nicht vor ihren Lanzen und Säbeln schützen, wenn wir diese kosten müssen.«
Der Professor starrte ihn mit einem unverholenem Schrecken an. Man hatte nicht für gut befunden, ihn mit den gehegten Besorgnissen vor einer Verfolgung näher bekannt zu machen, und die Erschütterungen auf dem hohen Dromedar während des scharfen Ritts hatten ihm auch alle Lust genommen, sich an der Unterhaltung der Anderen zu betheiligen, so daß er an die Nähe einer besonderen Gefahr gar nicht mehr gedacht hatte.
»Verehrungswürdiger Venator,« sagte er, »was sollten die Reiter dieses schwarzen Königs noch mit friedlichen Reisenden zu schaffen haben? Ich glaube, Ihr irrt Euch und treibt nur Euren Scherz mit mir.«
»Ich urtheile nach dem, was ich von Doktor Clifford gehört habe und folge dem Befehl meines jetzigen Gebieters. Folgt meinem Rath, Sir, und schlaft einstweilen unbesorgt wie ich, da das beste Auge in drei Welttheilen,
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- ich meine damit meinen Kameraden Adler - wollt ich sagen Brown, die erste Nachtwache hält!«
Der Gelehrte fügte sich dem gegebenen Rath und kroch in das Zelt zu seinen Gefährten. Die Nacht verging in der That ohne weitere Störung - Adlerblick und der Sclave des Arztes hielten mit zweien der gemietheten Führer die erste Wache und wurden dann von Ralph und dem Beduinen Achmet abgelöst.
Das erste Grauen des Tages zeigte sich über den Kuppen der Bergwände, als der Ruf des ehemaligen Bärenjägers die Schläfer weckte und die Zeit zum Aufbruch verkündete. Der Erste auf den Beinen war Adlerblick und sein erster Blick galt der Stelle, wo zwischen ihm und dem Feuer an der Seite seines Maulthiers der koptische Führer sich niedergelegt hatte. Die Dämmerung ließ die in den weiten arabischen Mantel gehüllte Gestalt erkennen, die mit dem verhüllten Kopf auf dem Sattel ruhte, und schon wendete der Jäger, sich des Mißtrauens schämend, sich zu dem Zelt des Engländers, als ein Rest jenes Gefühls ihn veranlaßte, im Vorübergehen dem Kopten einen Fußstoß zu geben, um ihn zu wecken. Aber der Fuß des Trappers traf nur auf die leeren Falten des Mamels, dessen geschickte Drapirung die Täuschung erhalten hatte, als ruhe dort noch die Gestalt des Kopten - der Mann selbst war darunter nicht zu finden.
Ein barscher Fluch des Trappers und der Ruf: »Verrath! Hierher Ralph - der Schurke ist auf und davon, schlimm genug für Eure Wachsamkeit!« brachte sofort den Bärenjäger und bald auch die Europäer und
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Kumur an seine Seite. Man überzeugte sich rasch, daß es in der That der Schlauheit und Gewandtheit des koptischen Spions gelungen war, die Aufmerksamkeit der zweiten Wachtposten zu täuschen, ja, als man die Gesellschaft näher betrachtete, zeigte es sich, daß die beiden Diener, welche mit Ralph und dem Beduinen die zweite Nachtwache gehalten, und noch drei Andere von der in Arkiko gemietheten Mannschaft den dichten Morgennebel benutzt hatten, um sich von ihren Posten und aus dem kleinen Lager zu schleichen.
Offenbar hatte der Spion des Negus sie zur Desertion zu verleiten gewußt und es war als ein Glück anzusehen, daß auf die Anweisung des Doktors die beiden Trapper dafür gesorgt hatten, die Flinten sämtlich in dem Zelt des Viscounts niederzulegen, sonst hätten sie gewiß wenigstens die ihnen anvertrauten Waffen mit fortgenommen; ja es zeigte sich bald, daß auch auf die noch zurückgebliebenen Treiber und Diener wenig zu rechnen war.
Als man nämlich auf den Vorschlag Doktor Waldings zu einem kleinen Kriegsrath zusammen getreten war, gelangte man bald zu der Einsicht, daß unter diesen Umständen nicht zu erwarten war, die eingeschlagene Richtung werde ihren Feinden verborgen bleiben, wenn wirklich eine Verfolgung beabsichtigt worden. Und daß dem so sei, dafür sprach deutlich die Flucht des als Führer aufgedrungenen Spions. Dieser war sicher sofort nach Arkiko oder zu den Soldaten des Negus zurückgekehrt, um sie auf ihre Spur zu führen, wenn er ihnen nicht gar unterwegs schon begegnete. Nach dem Versprechen des Scheikh
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Abu-Beckr durfte man ihn mit seinen Reitern am nächsten Morgen an der verabredeten Stelle im Gebirge erwarten, um dann unter seinem Schutz die Reise fortsetzen zu können; aber bis dahin galt es, sich zu verbergen, um nicht in die Hände der gewiß mit Uebermacht herankommenden Verfolger zu gerathen, oder wenigstens einen geeigneten Platz zu erreichen, an dem man mit Erfolg sich vertheidigen konnte.
Für das Erstere stimmten der Arzt und Achmed, der arabische Führer, für das Zweite der Lord, die beiden Trapper und seltsamer Weise auch die Fürstin, die das Gefährliche und Nutzlose eines bloßen Verbergens betonte, bei dem sie schließlich noch die Ankunft ihres wackern arabischen Freundes verfehlen könnten.
Am Ende beschloß man, beide Pläne zu verbinden, und zunächst so rasch als möglich den Marsch tiefer in's Gebirge hinein fortzusetzen, da auch in dieser Richtung der weithin sichtbare seltsam gestaltete Felskoloß lag, an dem Abu-Beckr mit seinen Beduinen sie treffen wollte. Doktor Walding hatte bereits bei Beginn der Berathung den noch zurückgebliebenen Dienern den Befehl gegeben, die Zelte abzubrechen und die Thiere möglichst rasch wieder zu beladen, aber es konnte ihm nicht verborgen bleiben, daß dies Geschäft mit einer gewissen Verdrossenheit betrieben wurde, und als sie endlich im Begriff waren die Pferde und Dromedare zu besteigen, kam Kumur zu dem Arzt, um ihm zu melden, daß die Leute - bis auf Einen - sich weigerten, weiter nach Osten in das Gebirge zu ziehen.
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»Und warum das?«
»Sie fragen, ob der Inglese-Aga einen Paß von dem ›Herrn des Gebirges‹ hat und verlangen, ihn zu sehen, dann wollten sie redlich ihre Pflicht thun.«
Lord Walpole, der eben der Fürstin in den Sattel geholfen hatte, kam eilig herbei. »Was giebt es - warum brechen wir nicht auf?«
Doktor Welland[Walding] berichtete ihm die Ursache.
»Der Herr des Gebirges? Wer ist damit gemeint?«
»Sie werden bereits von jener geheimnißvollen Sekte der Ismaëliten oder Assassinen gehört haben, Mylord, die schon zur Zeit der Kreuzzüge bestanden hat und zwar in Kuhistan und in Persien schon im dreizehnten Jahrhundert unterdrückt worden ist, allen Berichten nach aber in den arabischen Bergen in einem Zweige sich bis auf die heutige Zeit erhalten haben soll. Man erzählt viel Schlimmes von ihnen und grade das Geheimnißvolle ihrer Existenz mag die ungemeine Furcht vor ihnen im Volke hervorrufen, obschon sie wohl eben nichts Anderes als eine der gewöhnlichen räuberischen Tuarek-Banden sind, welche die Wüste durchstreifen und die Karavanen plündern. Wir müssen mit unseren Leuten reden und ihnen die abergläubische Furcht zu benehmen suchen; denn selbst wenn wir bis in das Gebiet dieses unbekannten Stammes getrieben werden sollten, was ich nicht hoffe, droht uns wahrscheinlich von ihnen weniger Gefahr, als wir von den Fanghunden des Negus oder jenes Feindes zu fürchten haben, der noch niemals von der Spur seines gewählten Opfers gewichen ist.«
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Der Viscount blickte ihn fragend an - aber der Doktor ging, ohne darauf zu achten, rasch zu der Gruppe der gemietheten Führer und Begleiter.
»Was soll das heißen, Männer,« sagte er - »warum verweigert Ihr den Dienst, zu dem Ihr gemiethet und für den Ihr in Voraus Lohn empfangen habt?«
Es waren ihrer noch Sechs, die meisten koptische Christen, nur zwei oder drei Muhamedaner. Der Aelteste von Jenen machte sich zum Stimmführer.
»Bei der heiligen Mariam,« sagte er - »Dein Bart, o Hakim, ist grau genug, daß Du wissen müßtest, ein Ding ist ein Ding, und ein anderes ist ein anderes. Wir sind von Dir für den englischen Aga gemiethet, ihn auf der Karavanenstraße nach Chartum zu begleiten, aber dieser Weg ist nicht der unsere. Laßt uns umkehren und den Uebergang über den Mareb suchen, und Du sollst keine eifrigeren Diener sehen, als uns.«
»Du bist im Irrthum, Freund,« behauptete der Arzt. »Eure Dienste sind nicht für eine bestimmte Straße gemiethet, sondern überhaupt, um uns auf dem Weg nach dem Nil zu begleiten. Der Herr hat das Recht, seinen Weg zu bestimmen, und der Diener muß ihm folgen.«
»Nicht, wenn er in das Land dieser von Gott verfluchten Haschischi's führt. Ich bin ein Mann, der heilige Joseph weiß es, und bis an die Ufer des Bahr el Asrek5 gekommen, aber ich mag meinen Kopf nicht zwischen die Zähne dieses Henkers stecken, der schlimmer ist als Eblis und Satan zusammen.«
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»Seid Ihr Memmen? Pfui, schämt Euch, vor einem Gespenst Eurer schreckhaften Einbildung zu Wortbrüchigen zu werden! Der Inglese-Aga ist bereit, jedem von Ench, der nicht dem Beispiel jener feigen Verräther folgen wird, die uns heimlich verlassen haben, zehn Theresienthaler zu dem bedungenen Lohne zuzulegen, wenn wir den Nil erreicht haben.«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Und wenn Du mir hundert versprichst - es wäre eine Sünde gegen die heilige Mariam, sich in das Gebiet dieses Teufelsohns zu wagen, ohne einen Paß mit seinen Siegel, der uns Freiheit und Leben sichert. Wenn Du uns keinen solchen Talisman aufweisen kannst, nützt uns alles Gold des Inglese Nichts.«
»Aber Mann - wo sollen wir hier in der Wüste einen solchen Paß oder Talisman herbekommen?«
Der Mann zuckte die Achseln. »Der Hakim ist ein Gelehrter, er weiß mehr als ein armer Kameeltreiber. Er möge einen Boten schicken zu dem Scheith-el-Djebal in seine Teufelsfeste Gengarab, die keinen Boden unter den Füßen hat und in der Luft schwebt, wie die Anhänger Mahomeds von dem Sarg ihres falschen Propheten behaupten. Wir wollen an dieser Stelle warten, bis der Bote eine Antwort bringt oder überhaupt nicht wiederkehrt, denn das ist das Schicksal Aller, die vor seinem verhüllten Angesicht, das noch kein Sterblicher gesehen hat, keine Gnade finden. Du hast gesehen, daß wir keine Betrüger sind, sonst hätten wir Euch wie unsere Kameraden heimlich verlassen können. Aber wir wollen unsere
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Augen offen halten und unsere Köpfe auf unseren Nacken.«
»Ist dieser schurkische Verrath, der sich unter der Maske eines, wie Ihr wohl wißt, unausführbaren Rathes verbirgt, Euer Aller Meinung, oder giebt es noch Männer unter Euch, die Muth und Ehre genug haben, ihr Wort zu halten?«
»Die Heiligen sollen uns behüten! Wir gehen nicht weiter!« schrieen die Männer.
Der Arzt hatte bei allem Unwillen, der ihn erfüllte, bemerkt, daß einer der Männer nicht in den allgemeinen Ruf eingestimmt hatte. Es war der Jüngere der beiden Muselmänner.
»Und Du?« - er legte den Finger auf die Brust des jungen Arabers.
»Ich denke, ich fürchte weder den Eblis noch seine Gesellen,« sagte der Jüngling. »Wenn der Inglese-Aga den Lohn verdoppeln will, bin ich bereit den Scheikh-al-Djebal an seinem Barte zu zausen!«
»Du bist ein Tapferer! Dein Name Freund?«
»Er ist noch wenig bekannt! - Man nennt mich Aba-Kaissi! - Aber ich hoffe, daß er für einen Gouverneur oder einen Pascha des Bluttrinkers in Stambul nicht zu schlecht sein soll, wenn man mir in den nächsten zehn Jahren nicht den Kopf zwischen die Beine legt!«
Der Arzt reichte dem kecken Abenteurer, der in der That zehn bis zwölf Jahre später einer der gefürchtetsten Rebellenführer Abessiniens wurde, die Hand. »Du gehst mit uns! - Mylord - ich bedauere, Ihnen sagen zu
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müssen, daß Sie am Besten thun werden, diese feigen Bursche auf der Stelle zu entlassen und nach Arkiko zurück zu senden. Ueber Kurz oder Lang würden sie uns doch im Stich lassen und wir thun also besser, ihnen zuvorzukommen. Unser Entschluß muß rasch sein, denn jede Minute längern Verweilens und unnützer Wortverschwendung an diese Memmen vermehrt die Gefahr, die uns bedroht!«
Nach kurzer Verständigung erklärte sich der Viscount mit der entschlossenen Meinung des Arztes einverstanden. Die fünf Widerspenstigen wurden, nachdem ihnen die geliehenen Waffen abgenommen waren, entlassen, mit dem ernsten Bedeuten, sich ohne umzuschauen sofort zu entfernen, wenn sie nicht eine Büchsenkugel hinter sich drein haben wollten, und nach einigem Murren und Schelten und den durch die Energie des Arztes vereitelten Versuch, von dem Lord noch einiges Geld zu erpressen, zogen sie in der That ab.
Die Gesellschaft war jetzt auf acht Männer und die beiden Frauen beschränkt, wobei von den Ersteren freilich auf einen, den gelehrten Herren, wenig zu rechnen war. Da aber die Thiere bereits mit Hilfe der Fortgeschickten beladen waren, erlitt der Aufbruch keine Verzögerung mehr. Adlerblick und der Beduine, Beide wohlberitten und die geeignetsten zu diesem Geschäft, setzten sich an die Spitze, der Lord und Doktor Walding, gleichfalls zu Pferde, begleiteten die Frauen und den Professor auf ihren Dromedaren, und Ralph mit Kumur und dem jungen Abessinier folgten und trieben die übrigen Thiere
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vor sich her. Es zeigte sich jetzt, daß Aba-Kaissi bereits mehrmals in diesem Gebirge gewesen war, wie sich vermuthen ließ, grade nicht in sehr ehrlicher Gesellschaft, sondern als Mitglied einer der umherschweifenden Räuberbanden, und auch Achmed war wenigstens im Allgemeinen mit der Richtung bekannt, die sie zu nehmen hatten. Doktor Welland[Walding] hatte übrigens jenen Umstand kaum erfahren, als er sein Pferd an die Seite des jungen Aba lenkte und mit ihm ein ausführliches Gespräch begann, in Folge dessen der Zug sich immer mehr nach dem Kamm des Gebirges wandte und durch die wildesten, oft kaum gangbaren Schluchten seinen Weg nahm.
Es war um die Mittagsstunde, als man ein langgestrecktes Plateau erreichte, dessen östliche Seite von einer hohen schroffen Bergwand begränzt war, während der westliche Rand in verschiedenen Schluchten und Thälern zur Wüste abfiel und einen weiten Ueberblick über diese bot.
Der Beduine hielt an einer Stelle und deutete mit seiner Lanze hinüber nach der Einöde und einem Punkte, der wie feuriges rothes Gold stammte.
»El-Haib!« sagte er zu dem Arzt.
»Wie - die Nadel der Wüste - der Ort, den uns der Scheikh bestimmt hat, wo wir ihn erwarten sollen?«
Achmed schüttelte den Kopf zum Zeichen der Bejahung, Doktor Walding nahm das kleine Fernglas, das er besaß, vor das Auge und richtete es nach dem Punkt. Es war ein hoher schmaler Felsen, den die Strahlen der Sonne voll beleuchteten, und seine Oberfläche schien von einem glatten spiegelnden Gestein, denn sie glänzte wie
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geschlagenes Kupfer. Der Arzt erinnerte sich an eine der gelehrten Bemerkungen des kleinen Professors am vergangenen Abend und machte ihn auf das seltsame Aussehen des Felsens aufmerksam. Professor Peterlein schob eiligst den ziemlich langen Tubus auseinander, der wie eine Waffe an seiner Seite hing, und richtete ihn dorthin.
»Me herkule - was sehen meine Augen! Ein glücklicher Zufall hat uns offenbar hierher geführt, und ich möchte - wenn solch ein eitler Zeitvertreib für einen Mann der Wissenschaft sich schickte - meine Ausgabe des Herodot gegen eine Handvoll Tabak wetten, daß dieser Fels oder Obelisk aus dem rothen Porphyr des Dochân ist, und Inschriften der marethonischen Dynastieen trägt, die mich höchst wahrscheinlich in Stand setzen werden, der Welt den Irrthum Bökh's zu beweisen, der Menus in die erste Zeit der Sophisperiode zu setzen versucht und die Geschichte somit um nicht weniger als fünftausendsiebenhundert und zwei Jahre läugnet. Lassen Sie uns sogleich meine Freunde hinunter eilen ...«
»Und den abessinischen Banditen, die uns verfolgen, in die Hände laufen,« bemerkte lächelnd der Arzt, »die weder vor der Königsliste des Eratosthenes noch vor sonst einer Autorität als der ihrer Säbel und Flinten Respekt haben und allen Forschungen meines werthen Lehrers und Freundes ein Ende machen dürften. Vorwärts, vorwärts Herr Professor und verschieben wir die Prüfung jenes glänzenden Steins bis zu gelegener Zeit. Wie mir dieser junge Schelm versichert, ist ein Ort ganz in der Nähe, der sich trefflich zu einen Lagerplatz und zur Vertheidigung
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selbst gegen eine Ueberzahl eignet und wo wir doch jene Stelle im Auge behalten mögen, an welcher der Scheikh uns mit seinen Reitern treffen wollte und von wo wir ihn zu unseren Beistand herbeirufen können.«
Trotz der Jahreszeit brannten die Strahlen der Mittagssonne doch noch immer heiß genug, um Allen eine Rast nach dem angestrengten und beschwerlichen Marsch willkommen zu machen. Der junge Abessinier forderte die Mitglieder der ganzen Reisegesellschaft auf, jetzt von ihren Thieren zu steigen, nachdem sie noch eine kurze Strecke gegen die mächtige Bergwand zu ihrer Rechten geritten waren, und führte sie um einen vorspringenden Felsen eine treppenartige Rampe empor. Der Fels drängte sich hier ziemlich nahe an die Felswand, so daß kaum genügender Raum war, die Thiere hindurch zu führen, nachdem diese enge Passage aber überwunden war, öffnete sich eine halbrunde Schlucht, welche für die Dromedare und Pferde in den Mimosen und dem Gesträuch der wilden Feigen genügende Nahrung bot, während gegenüber dem Eingang in etwa doppelter Mannshöhe mit terrassenartigem Vorsprung in der Bergwand eine Höhle oder Spalte sich öffnete, die sowohl zu einem Lagerplatz für die Menschen, wie zur Vertheidigung und Beherrschung des abgelegenen Ortes trefflich sich eignete und von der leicht auch der Gipfel des abschließenden Felsens und die Aussicht auf das Plateau und die Wüste zu erreichen war.
Die Erfahrung der beiden Trapper aus ihren Jagdzügen an den Ufern des Colorado, erkannte auf den ersten Blick die Vortheile dieses Verstecks, die sich selbst den
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weniger kundigen Augen des Lords und des deutschen Arztes kund machten, und man beschloß sofort, hier Posto zu fassen und die Ankunft des Scheikh und seiner Beduinen zu erwarten, die durch Achmed leicht herbei geholt werden konnten, da die Ausläufer des Hochplateaus nach der Wüste zum Theil ziemlich sanft sich niedersenkten. Die Thiere wurden daher sämtlich in die untere Schlucht getrieben und von Kumur und dem Araber abgeladen, während die Anderen die werthvollsten Theile des Gepäcks in die Höhle brachten, namentlich sämtliche Waffen und Munition. Die eben erst vorübergegangene Regenzeit hatte in einer muldenartigen Vertiefung der Felsen Wasser genug zurück gelassen, um für das Bedürfniß der Menschen und Thiere auf mehr als einen Tag auszureichen und man überzeugte sich leicht, daß man während des Abends und der Nacht auch auf dem Boden der Schlucht ein Feuer werde unterhalten können, ohne daß durch die günstige Lage der Umgebung der Schein desselben sie verrathen würde.
Man beschloß, daß auf dem einen breiten flachen Raum bietenden Gipfel der vorderen Felswand einer der Männer abwechselnd Wache halten sollte, da man von hier sowohl das Plateau, als den Eingang der Schlucht und deren Inneres genügend übersehen konnte.
Mit all' diesen Vorbereitungen war übrigens die Sonne hinter dem Horizont der Wüste niedergesunken und dies ist der Augenblick, mit dem wir unsere Erzählung wieder aufgenommen haben.


Die kleine Gesellschaft saß um das Feuer im Grunde
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der Schlucht gelagert, wie am Abend vorher. Kumur hielt auf dem Felsen die Wache. Bei aller sorgfältigen Spähe zur Zeit des Sonnenunterganges war auf der weiten Fläche der Wüste und an den Abhängen des Gebirges kein lebendes Wesen, als ein oder zwei Heerden weidender Gazellen und zwei arabische Reiter bemerkt worden, die von dem mehrbesprochenen Felsen her, der »Leuchte der Wüste,« nach dem Gebirge zogen, und sich bald in dessen Vorläufern verloren, eine zu wenig auffallende und unbedeutende Erscheinung, als daß sie hätte Aufmerksamkeit und Befürchtung erregen können.
Während des Gesprächs war der Mond über die östliche Felswand empor gestiegen, und sein weißes intensives Licht lag hell auf dem breiten Plateau und legte über die abfallenden Schluchten und die unermeßliche Ebene der Wüste einen leichten duftigen Schleier.
Das Gespräch der Europäer drehte sich, wie sehr natürlich war, um die geheimnißvolle Person des seltsamen Herrschers, auf dessen Gebiet man sich allem Anschein nach jetzt befand. Während der Professor sich in weitläuftigen Auseinandersetzungen und Citaten aus Hammer's »Geschichte der Assassinen« erging, und daraus nachweisen wollte, daß die letzten Reste dieses furchtbaren Stammes bereits im 13. und 14. Jahrhundert vernichtet worden seien, und die Ismaëliten oder Hosseini's, welche in der Landschaft Kum in Persien wohnen, ebenso wie die in der Gegend von Massiat in Syrien nicht von der von dem furchtbaren Hassan-ben-Sabbah-el-Homairi gestifteten Sekte stammten, begnügte sich Doktor Walding
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die Gerüchte mitzutheilen, die unter den Kopten und Arabern über den Gegenstand circulirten, und die es außer Zweifel setzten, daß in den nubischen Gebirgen wenigstens ein Stamm von Wüstenräubern fortbestand, welche man allgemein als die Abkömmlinge der früheren Assassinen bezeichnet, ja die sich selbst so nannten. Man wußte nur, daß sie eine verborgene Felsenveste, Gengarab genannt, inne hatten, von wo ihre Raubzüge in die Wüste stattfanden. Doch sollte noch niemals der Fuß eines Uneingeweihten die Burg betreten haben und selbst die Augen verwegener Neugieriger, welche sich in der Nähe gewagt, das geheimnißvolle und gefürchtete Asyl aus der Ferne zu schauen, - hatte die Klinge des Dolches oder Säbels geschlossen - niemals eine Kugel, denn es war allgemein bekannt, daß die Assassinen sich zu ihren blutigen und geheimnißvollen Thaten, zum Angriff und zur Vertheidigung niemals des Schießgewehrs, sondern nur des Stahls und des Giftes bedienten. - Dagegen wollte man wissen, daß ihre Sekte viele Anhänger in allen Ländern des Nils und an beiden Ufern des rothen Meeres zähle, die in den verschiedensten Lebensstellungen durch ein geheimnißvolles Band untereinander und mit dem obersten Imam verbunden wären, und wenn, was so häufig in diesen Ländern vorkommt, irgend eine unaufgeklärte von eigenthümlichen Umständen begleitete Mordthat vorfiel - schob das Volk sie gern jener gefürchteten Sekte zu.
Unter diesen grade nicht sehr zur Beruhigung der europäischen Mitglieder der Gesellschaft beitragenden Erzählungen hatte man wenig darauf geachtet, daß schon
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seit einiger Zeit die lagernden Thiere eine gewisse Unruhe gezeigt hatten, die sich von Minute zu Minute steigerte und jetzt einen so hohen Grad erreichte, daß der Lord dem alten Trapper befahl, nachzusehen, ob noch die Pferde und Maulthiere gut angepflockt seien.
Professor Peterlein, dem die Erzählungen des Arztes einen gewaltigen Schauder verursacht hatten, erhob eben seine Stimme, um der jungen Fürstin, seiner Mündel und angeblichen Verlobten zu versichern, daß sie Nichts von diesen sogenannten Haschischins oder Bilsenkrautfressern zu befürchten habe, selbst wenn diese wirklich existiren sollten, was er zu Ehren der ägyptischen Polizei keineswegs annehmen könne, indem es nach allen Quellen, welche über ihre Geschichte im Mittelalter berichteten, festgestellt sei, daß diese blutdürstigen Assassinen niemals bei all ihren Verbrechen Hand an ein Frauenleben gelegt hätten - als ein furchtbarer Ton die Stille des Abends unterbrach und ihm das Wort in der Kehle stecken machte.
Der Ton klang übrigens in der That so drohend und gewaltig, daß er auch stärkere Nerven hätte erschüttern können, als die des armen Naturforschers. Ein angstvolles Schnauben und Stöhnen der Dromedare und Pferde folgte dem furchtbaren Laut und alle - bis auf das Pferd des Arztes - versuchten mit Gewalt sich loszureißen, und drängten wie zur Flucht nach dem Hintergrund der Schlucht. Der Pair und seine Begleiter waren aufgesprungen und hatten die Büchsen ergriffen, die im Bereich ihrer Hand lagen und Adlerblick, der Jäger, wollte eben mit der seinen schußfertig nach dem Eingang der Schlucht
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eilen, als von dort her derselbe Ton noch näher und gewaltiger noch einmal sich wiederholte und den allgemeinen Schrecken noch steigerte.
»Das sind Raubthiere!« rief der Lord - »haltet fest zusammen! bringen Sie die Frauen in Sicherheit, Doktor! hinauf in die Höhle mit ihnen, indeß wir die Bestien uns vom Halse halten! - Nehmt einen Feuerbrand, Smith - das wird sie verscheuchen!«
Der Professor war von dem Stein, auf dem er am Feuer gesessen, herab geglitten und streckte wie abwehrend seine Hände aus, indem er mit weit geöffnetem Mund und hervorquellenden Augen nach dem Eingang der Schlucht stierte.
»Ein Leviathan! ein Leviathan!«
Aus dem gebrochenen Licht, das der Schein des Feuers dorthin warf, leuchteten drohend zwei grünliche Sterne, ein großer von schwarzen Mähnen umwogter Kopf beugte sich hin und her, weiße Zähne funkelten aus dem gewaltigen weit aufgesperrten, heißen Brodem ausströmenden Rachen, aus dem lang die Zunge hing, während über dem furchtbaren Bilde ein Schweif wie der Kopf und Leib einer Schlange züngelte.
»Nieder mit Euch, Sir,« schrie Adlerblick dem Gelehrten zu - »Euer Kopf steht grade zwischen dem Korn meiner Büchse und der Bestie dort.« Der rasch entschlossene Jäger lag auf einem Knie - das sichere Gewehr im Anschlag.
»Halt! - schießt nicht! - es ist Abraham!« Der deutsche Arzt war es, der die Warnung rief. »Es
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bedeutet Unheil genug, daß das Thier hier ist - es bedarf nicht noch, daß Euer Schuß die Meute seines Herrn hierher lockt. - Hierher Abraham, mein königliches Thier!«
Es war in der That der Löwe des Negus, dem der deutsche Arzt furchtlos entgegen ging. Es schien jedoch etwas Eigenthümliches mit dem Thier vorgegangen, denn sein jetzt zum dritten Mal wiederholtes Brüllen klang schwer und schmerzlich, und als es auf den Ruf des Arztes langsam vorschritt, war sein Gang schwankend und unsicher. Jetzt erst, als der Löwe sich dem Feuer näherte und wie ein Hund zu den Füßen des Arztes sich niederkauerte, bemerkte man, daß ein abgebrochener Speer in der Flanke des königlichen Thiers steckte und eine starke Blutspur aus der Wunde hinter ihm drein zog.
Diese Verletzung mußte noch ganz frisch sein, denn es zeigte sich kein geronnenes Blut um ihre Ränder. Doch fiel es dem Arzt auf, daß der Löwe, den er als ein überaus kräftiges Thier kannte, von dieser einzigen Wunde schon so matt und kraftlos geworden sein sollte - und ein weiterer Blick überzeugte ihn, daß hier noch eine andere Ursache mitgewirkt und dem Jäger den Kampf und Sieg leicht gemacht haben mußte.
Die Zunge des Thiers hing, wie wir bereits erwähnt haben, lang hervor aus dem kräftigen Gebiß, das sich über ihr nicht zu schließen vermochte, denn sie war derart geschwollen, schwarz und mit Eiterbeulen bedeckt, daß jede Bewegung dem Thier die empfindlichsten Schmerzen bereiten mußte. Dennoch versuchte es, die Füße des Arztes
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zu lecken, während seine Augen mit einem fast stehenden Ausdruck auf seinen Freund gerichtet waren.
»Abraham - mein dankbares Thier!« sagte der Arzt, die Hand furchtlos auf den Kopf des kranken Löwen legend, - »was kann mit Dir geschehen sein? - Fürchtet Nichts Freunde - dieses Thier ist nicht mehr im Stande, Jemand zu verletzen - ich glaube vielmehr, ja ich bin überzeugt, daß es in seinen Schmerzen meiner Spur gefolgt ist und mich aufgesucht hat, um von meiner Hand sich Linderung zu holen. Das Thier muß Etwas gefressen oder getrunken haben - ich fürchte nach jener Scene im Zelt seines Herrn, daß man ihm absichtlich dies gereicht hat, was ein böses Gift enthielt, denn dafür spricht der entzündete Zustand seiner Zunge und seines Rachens. Es ist nicht das erste Mal, daß das edle Thier auf weite Strecken mich aufgesucht hat, nachdem es mir einmal gelungen, ihm die Tatze zu heilen, welche ein Schlag der Axt seines jähzornigen Herrn verstümmelt hatte! - Beruhigen Sie unsere Freunde und die Diener, Mylord - ich bürge dafür, daß der Löwe unschädlich ist!«
»Aber der Speer in seiner Seite?« frug der Engländer, der mit Erstaunen und einem gewissen Interesse die seltsame Scene beobachtet hatte.
»Er muß in dem Suchen nach unserer Spur auf Jäger getroffen sein, die ihn gejagt und verwundet haben. Es muß eine kühne Hand gewesen sein, die dies gewagt hat und es war ihr Glück, daß das edle Thier schon durch die Krankheit seiner besten Kräfte beraubt war, sonst würde der Schleuderer des Speers schwerlich mit dem Leben
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davon gekommen sein, wenn dies überhaupt der Fall ist. - Hört Freund Ralph, ich weiß, daß ein Mann wie Ihr sich nicht fürchtet, und daß Ihr gewiß Mitleid mit dem edlen Thier habt! - Reicht mir eine Mulde voll Wasser her, - daß ich seine Schmerzen lindere - ich fürchte, das ist ohnehin Alles, was ich thun kann.«
Ehe noch der Bärenjäger das Verlangen des Arztes erfüllen konnte, war die Fürstin bereits zu der Cisterne geeilt und hatte eine große hölzerne Schaale mit Wasser gefüllt, das sie trotz der Gegenvorstellungen des Viscount selbst herbeitrug und vor dem Löwen nieder stellte.
»Abraham und ich kennen uns gleichfalls bereits!« sagte sie munter. »Es sollte mir leid thun, wenn das prächtige Thier sterben müßte!«
»Ich fürchte, Mylady,« erwiederte der Arzt, - »der Mann, den Ihre Hand so muthig damals vor dem Schicksal bewahrte, daß dieses Thier sein Blut trank, - ist nicht ohne Schuld an dem Zustand desselben. Aber wir wollen ihn nicht verdammen, denn es ist derselbe, dem wir vielleicht unsere Rettung - wenigstens jene Warnung vor der Gefahr verdanken! Darf ich Sie bitten, Mylord, Kumur von seinem Posten ablösen zu lassen, - ich kann seine Hand hier brauchen.«
Der Beduine Achmed übernahm es, an die Stelle des schwarzen Sclaven zu treten, der alsbald zu seinem Herrn herunterstieg und auf seinen Befehl aus dem Gepäck einen kleinen Kasten mit Medikamenten suchte und herbeibrachte. Der Arzt entnahm ihm eine kleine Holzbüchse, aus der er ein linderndes Mittel in das Wasser
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schüttete, das alsbald sich wie Milch färbte. Mit einem Schwämmchen kühlte der mitleidige Mann die geschwollene Zunge und die Lefzen des sterbenden Löwen, der die Gutthat mit einem winselnden Knurren erwiederte. Auch das Eisen des Wurfspeers versuchte der Arzt aus der Wunde zu ziehen, doch mußte die Spitze fest in einem Knochen haften, denn der mächtige Leib des Thieres zuckte zusammen und es schlug mit den Pranken, daß nur ein rasches Zurückspringen den schwarzen Diener vor einer schweren Verletzung rettete. Man mußte sich begnügen, dem Löwen die Schaale vorzuhalten, aus der er langsam das kühlende Getränk einsog.
Selbst der kleine Professor hatte jetzt Muth bekommen und sich auf eine freilich noch immer respektable Entfernung dem kranken Thier genähert.
»Es haben sich verschiedene Zweifel gegen jene Geschichte des Sclaven Androkles erhoben,« sagte er - den Bärenjäger anstoßend, hinter dessen mächtiger Gestalt er sich wohlweislich verbarg, - »eine Geschichte, von der Ihr wohl in Eurer Jugend gehört haben werdet, da man selbe leichtfertiger Weise die Knaben in den lateinischen Schulen unter den Exercitien übersetzen läßt; - aber ich überzeuge mich hier, vielleicht in derselben Wüste und an derselben Stelle von der Möglichkeit und Wahrheit eines solchen dankbaren Instinktes der Thiere höherer Gattung, wozu unzweifelhaft die verschiedenen Arten des Katzengeschlechts zu rechnen sind. Ich werde nicht ermangeln, bei meiner Rückkehr nach Berlin durch einen Aufsatz in der Spener'schen Zeitung oder der Zeitschrift des
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Thierschutz-Vereins jene Erzählung, die man bisher in das Reich der naturhistorischen Fabeln eines Raff und ähnlicher Schriftsteller zu verweisen pflegte, zu Ehren zu bringen!«
»Ich weiß Nichts von Euren lateinischen Schulen, Mann, und bin mein Lebtag in keiner gewesen,« erwiderte der Trapper, »aber wer wie ich und mein Kamerad Adler - wollt ich sagen Brown, sein halbes Leben in der Prairie und unter den Thieren des Waldes zugebracht hat, gefährlichen und ungefährlichen, der weiß, daß der Herr auch den unvernünftigen Geschöpfen Gaben zugetheilt hat, die den Verstand und das Herz gar manches Menschen beschämen könnten. Selbst der Bison hat den Verstand, sein Junges zu vertheidigen, und läßt sich eher tödten, als daß er das von der Kugel des Jägers verwundete im Stich lassen würde.«
»Verstand, verehrtester Venator,« disputirte alsbald der Professor - »das ist wohl nicht der geeignete Ausdruck. Ihr wollt sagen Instinkt - und ein solcher in gewissen Gränzen läßt sich allerdings auch den Thieren nicht abstreiten. Indeß ...«
Der Lord unterbrach ohne Weiteres den Disput. »Sie fürchteten vorhin, Doktor, daß der Löwe unseren Verfolgern dies Versteck verrathen könnte, was meinten Sie damit?«
»Es gab im Lager des Negus nur drei Personen, denen das Thier unbedingt gehorchte: seinem Herrn, mir und dann dem Dedschas6 des Negus, El Maresch,
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demselben, der als sein Abgesandter auf das französische Schiff kam und der aus irgend einer Ursache Ihr Feind ist und jenen spionirenden Kopten uns auf den Hals schickte. Der Löwe Abraham diente seinem Herrn auf der Jagd und findet eine Spur trotz dem besten Spürhund. Es wäre möglich, daß der Negus selbst in der Nähe lagert. Seine Launen und plötzlichen Entschlüsse sind unberechenbar.«
»Sie sind zu argwöhnisch, Doktor - ich kann überhaupt noch immer nicht glauben, daß wir wirklich verfolgt werden sollten, denn ich sehe die Ursache dazu nicht ein; es müßte denn sein, daß Sie noch andere Gründe zu Ihrem Argwohn haben, als Sie uns bisher wissen ließen.«
»Mylord,« sagte der Arzt sehr ernst - »Sie sind ein Mann, der auf seinen weiten Reisen wohl viele Dinge und Menschen gesehn, und dennoch glaube ich nicht, daß Sie die teuflische Hinterlist und Grausamkeit genügend kennen, die in dem orientalischen Charakter verborgen liegt. Der Löwe der Wüste, der Tiger der Dschungeln ist barmherzig gegen den gelben Mann. Ich dächte, Ihre Landsleute in Indien wüßten davon zu erzählen! - Ich habe im Orient gelebt und Dinge gesehen, die mein Haar weiß gemacht haben, obschon ich wohl nicht zehn Jahre älter bin, als Sie!«
»Sie müssen mir mehr von Ihrem Lebenslauf erzählen, Doktor, als das Wenige, was ich von unserem Freunde und Lehrer flüchtig erfahren habe. Doch sehen Sie - der Löwe richtet sich auf, trotz seiner Schmerzen.«
In der That hatte sich das sterbende Thier auf die
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Vorderpranken erhoben - der geschwollene Rachen richtete sich gegen den Eingang der Schlucht, und ein heiserer Ton entquoll seiner Kehle.
»Es geschieht, was ich gefürchtet,« sagte der Arzt und griff nach seiner Büchse. - »Mylord, es gilt unser Leben zu vertheidigen und diese Frauen. - Der Feind ist in der Nähe.«
»Vergessen Sie nicht, Doktor, daß unsere Schildwache das ganze Plateau übersehen kann. Sie würde uns warnen. Woraus schließen Sie darauf?«
Obschon er die Besorgniß des Arztes nicht theilte, hatte der Engländer doch gleichfalls nach seinen Waffen gelangt und sich erhoben - alle Anderen folgten seinem Beispiel.
»Ich habe in meinem Leben gelernt, auf die Zeichen der Natur zu achten - und in dem Instinkt der Thiere liegt ein untrügliches. Dennoch befremdet mich das Verhalten Abrahams - er kennt die Krieger des Negus.«
»Still! - der Beduine dort oben giebt uns ein Zeichen.«
»Was ist's, was siehst Du?« frug der Arzt leise hinauf.
Der Araber war bis an den Rand des Felsens gekrochen und beugte den Kopf hinab. »Zwei Reiter!« sagte er leise.
»Nur zwei? - Sie sind vielleicht die Späher der Schaar?«
»Allah kerim! - Es sind die beiden Reiter, die am Mittag durch die Wüste zogen von dem Stein her.«
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Das Auge des Beduinen hatte, obschon es die Reiter nur wie kleine bewegliche Punkte auf der öden Fläche erblickt haben konnte, sie dennoch wiedererkannt; - der Arzt wußte, daß die Sinne dieser Halbwilden von einer oft fabelhaften Schärfe sind, und deshalb setzte er den Hahn seiner Büchse wieder in Ruhe.
Es herrschte ein tiefes Schweigen in der Gesellschaft - nur von dem Schnauben der Thiere und dem Stöhnen des Löwen unterbrochen.
Wieder flüsterte der Beduine von der Höhe des Felsens: »Bei dem Propheten, Aga, mögen die Schweine die Gräber ihrer Mütter schänden - habt Acht auf Euer Eigenthum, - diese Spitzbuben müssen das Gebirge kennen besser wie ihre Taschen, denn sie kommen grade hierher!«
Dann hörte man in geringer Entfernung das helle Wiehern eines Pferdes, dem der Berberhengst des Arztes antwortete, und einen kurzen Ausruf des Erstaunens, wahrscheinlich bei dem Bemerken des Lichtscheins und erwiedernden Wieherns, das die Anwesenheit von Menschen und Thieren bekundete.
Eine volle tiefe Stimme sprach einige befehlende Worte in einer, allen Mitgliedern der Reisegesellschaft unverständlichen Sprache - nur den Professor erinnerte sie an die Verse des Mirza-Schaffi.
Nach einer kleinen Pause, während welcher sie wahrscheinlich die Sättel ihrer Rosse verlassen hatten, erschienen zwei Männer im Eingang der Schlucht.
Der Vorangehende war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von einem bei den Orientalen ungewöhnlich
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großen und kräftigen Körperbau. Er trug ein ziemlich kurzes, blousenartiges Oberkleid und weite, bis an die Knöchel reichende Beinkleider von grüner Farbe und einen langen schwarzen Mantel oder Bournous. Statt des gewöhnlichen Turbans trug er einen kurzen runden, mit grüner Binde umwundenen Stahlhelm von persischer Form, von dessen Spitze zwei schwarze Federn sich erhoben.
Die Bewaffnung des Mannes bestand nur in einer kurzen stählernen Streitaxt und einem gekrümmten Dolch, der in seinem Gürtel hing, während der zurückgeworfene Mantel an seinem linken Vorderarm einen kleinen runden Schild von der undurchdringlichen Haut des Nilpferdes sehen ließ.
Obwohl schon die abenteuerliche Tracht vollkommen geeignet war, das Interesse für den Fremden zu erregen, that dies noch weit mehr der Schnitt und der Ausdruck seines Gesichts.
Dies war schmal und adlerartig geformt und von einem tiefschwarzen, bis auf den Brustknochen herabwallenden Barte umrahmt. Zwei dunkle Augen standen so nahe zu den Seiten der Nasenwurzel unter dichten schwarzen Brauen, daß ihr durchbohrender Blick sich förmlich zu kreuzen schien und dadurch etwas Wildes, Drohendes erhielt. Dennoch mußte man sich sagen, daß der Fremde ein schöner Mann und von imponirender Persönlichkeit war.
Ihm folgte ein Jüngling von etwa sechszehn bis achtzehn Jahren, ganz in weiße orientalische Gewänder gehüllt, unbewaffnet und nur in seiner Linken ein Bündel jener kurzen schlanken Wurfspeere von hartem Holz mit
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scharfer eiserner Spitze tragend, wie die Reisenden einen in der Seite des Löwen gefunden hatten. Er hatte auffallender Weise lange blonde Locken, die unter dem weißen Turban bis auf seine Schultern herabwallten, und sein Gesicht, fast der hellen Farbe der Europäer sich nähernd, war von ungemein sanftem und lieblichem Ausdruck.
»Salamat!«7 sagte die tiefe Stimme des Mannes im schwarzen Mantel. »Seid Ihr Fremdlinge, daß Ihr in diesem Thale Obdach sucht, das allein dem Herrn des Gebirges gehört?«
Die Worte waren in den Lingua franca gesprochen und der Arzt übernahm die Antwort.
»Marhaba!8 Du redest die Wahrheit - wir sind Fremde - europäische Reisende, die von Arkiko kommen und durch die Wüste nach dem Nil ziehen wollen.«
»Dies ist nicht der Weg der Karavanen![«]
»Wir wissen es wohl. Aber wir haben Ursach, eine Verfolgung durch Räuber zu fürchten und deshalb vorgezogen, ein Versteck in diesen Bergen zu suchen.«
»Habt Ihr das Teskareh9 des Scheikh-al-Dschebal?«
»Wir beabsichtigten nicht, sein Gebiet zu berühren - aber wenn wir uns durch die Umstände gezwungen, darauf befinden, hoffen wir auf seinen Schutz und sind bereit, ihn zu erkaufen. - Vielleicht vermagst Du uns dazu zu helfen. Marhaba! - Tretet näher und nehmt Platz an unserem Feuer. - Fürchtet Euch nicht, denn dieses arme Thier ist durch eine schändliche Handlung dem Tode nahe!«
»Du sprichst harte Worte auf das Recht des Jägers,
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Franke,« sagte der Fremde, näher tretend. »Der Löwe von Dongola ist ein seltenes Wild in diesem Lande geworden, und wer eine starke Hand hat, soll ihn nicht entkommen lassen.«
»So war es die Deine, Emir, die ihn verwundet hat?«
»Der Speer Hassans-ben-Simson fehlt niemals sein Ziel. Die Blutspur des Thieres führte mich hierher und ich komme, es zu tödten!«
Er hob langsam die Streitaxt und trat furchtlos auf den wunden Löwen zu, der ihn in halb erhobener Stellung mit glühenden Augen zu erwarten schien.
Der Arzt winkte abwehrend mit der Hand. »Spare die Schärfe Deiner Axt, Emir,« sagte er - »nicht Dein Speer hat Abraham, den Löwen des Negus Theodor, gefällt, sondern die verrätherische Hand, die ihm ein Gift gereicht hat, dem er in wenig Augenblicken unterliegen wird. Es dürfte gefährlich sein, seinen Todeskampf zu stören und ein tapferer Krieger, wie Du ohne Zweifel bist, sollte nicht einen billigen Sieg über einen kranken Feind suchen, auch wenn dieser ein Thier der Wüste ist.«
»Du redest Wahrheit!« Der Fremde ließ die Axt sinken.
In diesem Augenblick ereignete sich jedoch Etwas, was das großmüthige Dazwischentreten des Arztes für seinen grimmigen Freund leicht zu einem schlimmen Ausgang für den fremden Araber hätte führen können.
Der kranke Löwe schien keineswegs mit den großmüthigen Gesinnungen seines Beschützers einverstanden. Sei es, daß er in dem Fremden den Jäger erkannte, der ihn früher verwundet - sei es, daß irgend eine andere
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Witterung ihn zu einem letzten Ausbruch seiner natürlichen Wildheit, zu einer letzten Concentrirung seiner Kräfte trieb - er schnellte plötzlich in mörderischem Sprung in die Höhe und warf sich mit einer solchen Kraft auf den Fremden, daß dieser kaum Zeit hatte, den Schild schützend vor seine Brust zu halten, ehe er unter dem Anprall zu Boden stürzte.
Der Löwe stand über dem gefällten Manne und blickte mit grimmigem Blick auf sein Opfer, wahrscheinlich verhinderte nur der Zustand seines Rachens, daß er es nicht sofort zerfleischte.
»Abraham! - Zurück! Hierher!«
Ehe der erschrockene Arzt herbeieilen und auf jede Gefahr hin die Bestie von ihrem Opfer trennen konnte, war dies geschehen.
Ein Schuß krachte, der Löwe taumelte von der Brust des Niedergeworfenen und schlug im Todeskampf den Boden, während Ralph, der Bärenjäger, den gestürzten Mann aus dem Bereich seiner umherschlagenden Tatzen zerrte.
Aber nicht der Bärenjäger war es, dessen Entschlossenheit und sicheres Blei den Fremden gerettet hatte.
Neben dem verendenden Löwen stand Wéra Wolchonski, die noch rauchende Büchse in der Hand, die sie im Augenblick der höchsten Gefahr mit einem Griff der Hand des Lords entrissen und, die Mündung an den Kopf des Löwen setzend, abgedrückt hatte.
Jetzt stand sie mit hochwogender Brust - ein leichtes fast spöttisches Lächeln zuckte um ihre schwellenden Lippen, als ihr Auge über den Kreis der Männer lief, meist in
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zahlreichen Gefahren geprüft und gestählt, und die sie dennoch in rascher Entschlossenheit beschämt hatte. Vor ihr lag der fremde Jüngling auf den Knieen und küßte mit demüthiger Geberde ihr Gewand, indem er mit Bewunderung zu ihr aufblickte.
»Steh' auf, Knabe,« sagte die Fürstin - »was hab' ich denn gethan, daß Ihr mich Alle so verwundert anblickt? Es thut mir leid um das Thier, Doktor, aber es war ohnehin verloren, wie Sie sagen, und wir durften doch ein Menschenleben nicht in Gefahr lassen?«
»Sie haben uns beschämt, Fürstin. Nicht dieser Mann allein, wir Alle sind Ihnen Dank schuldig für die rasche That,« sprach der Viscount, indem er ihr die Büchse aus der Hand nahm. »Ich hoffe, Dein Vater ist nicht verletzt Knabe - es ist jedenfalls nicht unsere Schuld. Der Mann ist doch Dein Vater?«
Der Jüngling sah ihm aufmerksam in's Gesicht - er verstand offenbar kein Englisch, aber er suchte aus der Miene des Sprechers den Inhalt der Worte zu errathen. Indem er sich erhob und die Hände über der Brust kreuzte, schüttelte er sanft den Kopf.
»Jesus ist eine Waise,« sagte er in der Lingua franca. »Er hat keinen Gebieter auf Erden, als den Herrn der Berge! Sage mir Effendi, ob der Mann dort ein Hakim ist?«
Er zeigte nach dem Arzt, der neben dem Fremden im schwarzen Mantel kniete und dem von dem harten Fall Betäubten Beistand leistete, indem er seine Schläfe mit Salmiakgeist rieb und das Gewand über der Brust zu öffnen sich müßte - aber der Fremde schien grade davon
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zu erwachen, denn er stieß die Hand zurück, die sich mit Blut gefärbt zeigte, warf einen wilden Blick um sich her und richtete sich empor.
»Wer hat den Löwen getödtet?«
Der Jüngling stand bereits an seiner Seite und beugte ehrerbietig das Haupt, indem er in jener fremden Sprache, deren sie sich schon früher bedient hatten, einige Worte sagte und dabei auf die Fürstin wies.
[»]Der Krieger warf einen Blick voll Erstaunen auf Wéra. Bisher war sein Auge mit jener Decenz, die den Muselmännern eigen ist, nur auf die Männer gerichtet gewesen. Der Eindruck, welchen die stolze und eigenthümliche Erscheinung der Fürstin auf ihn machte, war unverkennbar.
»Du mußt Myrina, die Königin der Brustlosen10 sein, die am See Tritonis wohnten, von denen unser Volk aber seit mehr als tausend Jahren nicht mehr gehört hat. Es wird keine Schmach sein für Hassan-ben-Simson, daß die Hand einer Unsterblichen stärker war als die seine. Jeden Anderen hätte ich tödten müssen.«
»Werther Sohn des Gebirges,« unterbrach ihn die dünne Stimme des Professors, der neugierig sich näher gedrängt hatte, nachdem er überzeugt war, daß er von dem todten Löwen Nichts mehr zu fürchten habe, - »wenn Du im Stande wärest, mir einige wahrheitsgetreue Quellen über jene sagenhafte Königin der Amazonen nachzuweisen, welche die Gorgonen und Atlanten nach der Mythe besiegt
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und ihrer Zeit Aegypten und Arabien unterworfen haben sollen, so würdest Du einen bescheidenen Erforscher der Natur und Geschichte dieses Landes zu hohem Danke verpflichten und ihn gewiß in den Stand setzen, so manche Irrthümer zu berichtigen, welche unzweifelhaft das im Jahre 1858 in Stuttgart erschienene Werk des Professor Nagel über die Geschichte jener merkwürdigen kriegerischen Frauen-Colonieen enthält.«
Der Fremde warf dem eifrigen Forscher einen so grimmigen Blick zu, daß der arme Mann zwei Schritt zurückprallte und sich mit einer Bewegung der Kinnbacken begnügte, als wolle er Luft schnappen.
»Was will dies Geschöpf,« frug Jener streng. »Darf der Esel schreien, wenn Männer reden? Wenn Du nicht Myrina bist, die Königin der Heldenfrauen, niedergestiegen aus den sieben Himmeln, so verdienst Du doch, es zu sein. Auf das Wort Hassan's, Du und Deine Diener hier, Ihr seid willkommen im Lande der Homairi. Dein Fuß soll sicher wandeln durch die Wüste und dem Hauch Deines Odems sollen hundert Fedais gehorchen, so lange Du unter uns weilst!«
Die Fürstin verstand zwar nur wenig von der Bedeutung dieser Werte, sie begriff aber, das[ß] sie eine Betheuerung der Gastfreundschaft und des Schutzes enthielten, und daß dies in der Lage, in welcher sie sich befanden, von Wichtigkeit sein dürfte. Sie hatte bereits zur Genüge das Sprachgemisch begriffen, dessen sich die Orientalen gegen Fremde bedienen und versuchte daher in demselben Idiom eine Antwort zu geben.
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»Du legst einer That, die ohne Gefahr und nur eine Menschenpflicht war, zu viel Werth bei, Aga,« sagte sie. »Nur dadurch, daß der Schuß rasch geschah, hatte er Wirkung, und ich zweifle keinen Augenblick, daß nur die Ueberraschung und der schwere Fall Dich hinderten, selbst des wilden Thieres Herr zu werden.«
Der Fremde schüttelte den Kopf zum Zeichen der Bejahung. »Du sollst Dich überzeugen davon, ehe unsere Wege sich scheiden. Sagte dieser Mann, Dein Diener nicht, daß der Löwe dem Negus von Habesch gehöre? - Ich habe vernommen, daß der Prahler, der sich einen Negus Negassi nennt, einen gezähmten Löwen in seiner Begleitung habe.«
»Du hast recht gehört, Aga - wir sind aus dem Lager des Negus entflohen und fürchten, daß er seine Reiter zu unserer Verfolgung ausgesandt habe und dieses Thier sie begleitet hat. Man wird gerade dadurch auf unsere Spur kommen.«
Der Homairi, als welcher er sich selbst bezeichnet hatte, lächelte verächtlich. »Ich habe den Schein des Feuers zwischen den Bergen gesehen, als ich der Spur des Thieres folgte, das der Speerwurf dieses Knaben getroffen hatte. Seine Hand ist noch nicht stark genug, zu tödten. Aber fürchte Nichts - Du stehst unter meinem Schutz, Du und Deine Diener.«
Er wies auf den Arzt und den Lord.
Die Fürstin lächelte. »Du irrst Dich, edler Aga,« sagte sie - »diese Männer sind keineswegs meine Diener, sie sind vielmehr meine Beschützer und Freunde. Der
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Herr hier ist ein englischer Lord, ein Mann von Bedeutung, dessen Tod oder Beleidigung schlimme Folgen für Deine ganze Nation haben würde.«
»Ich wiederhole Dir, Aga,« fügte der Arzt bei, »daß wir friedliche Reisende sind, auf einem Jagdzug durch die Wüste nach den Ufern des Nil, um auf dem Strom nach Kahira zu gehen. Wir stehen unter dem Schutz des Khedive und ein Mann wie Du wird nicht an die Küste Deines Meeres gegangen sein, ohne die mächtigen Kriegsschiffe der Engländer gesehen zu haben.«
»Wiederum lächelte verächtlich der Homairi. »Was vermögen die hölzernen Mauern der Faringi auf den Wässern gegen die ewige Burg des Alten vom Berge!«
»Die Engländer sind Freunde und Bundesgenossen des Beherrschers von Aegypten, zu dessen Gebiet Nubien bis Massoniah gehört,« sagte der Lord, der bisher schweigend der Scene beigewohnt hatte, da sein Stolz sich eigentlich verletzt fühlte durch die passive Rolle, die er dabei gespielt. Auch die Aufmerksamkeit, die der Fremde seiner schönen Schutzbefohlenen bewies und das Interesse, das sie selbst in der Unterredung zeigte, gefiel ihm nicht sonderlich. »Abbas-Pascha, der gegenwärtige Khedive, ist, wie ich hörte, ein strenger Regent und schützt die Rechte der Europäer.«
Der Homairi wandte sich gegen den Engländer - ihre stolzen Blicke kreuzten sich herausfordernd.
»Die Hand des Abbas-Pascha wird niemals in die Felsenmauern von Gengarab reichen,« sagte er finster, »aber die Hand des Herrn der Berge ist stets in den
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goldenen Gemächern seiner Paläste und kann ihn treffen, selbst wenn er zu Allah betet in seinen hundert Moscheen, oder auf dem Throne sitzt mitten zwischen seinen Soldaten. - Geh', Franke, Dein Khedive ist bosch, Nichts! Staub! - Sieh', diesen Jüngling! Wenn ich zu ihm sage: Ruhh!11 - so wird er den Staub von seinen Füßen schütteln und sie nicht ruhen lassen, bis er die Klinge seines Messers in dem Herzen des Abbas begraben hat, und Jesus ist nur Einer unter Dreihundert, die bereit sind, jeden Augenblick sich zu opfern.«
»So bist Du der gefürchtete Scheikh-al-Dschebal selbst?« frug erstaunt der Arzt.
»Hassan-ben-Simson ist nur der Schatten Dessen, den Du zu nennen wagst, kühner Franke; denn noch ist der Hauch in seinem Munde und das Kleinod an seinem Finger. Aber Hassan ist der Dailkebir12 dieses Landes und wen er seines Schutzes gewürdigt, der mag so ruhig sein Haupt in der Wüste niederlegen, als ruhe er im Schooß der Mariam. Darum mögt Ihr Allah oder Eurem Gotte danken, daß Ihr mich getroffen. Bist Du in der That ein Hakim, wie Jesus mir sagt?«
»Ich bin ein Arzt.«
»Bismillah! Die heiligen Geister haben es gewollt, daß wir Dich finden mußten. Der Scheikh-al-Dschebal hat uns nicht umsonst nach der Fackel der Wüste gesendet und der Löwe uns den Weg gezeigt. Du wirst uns folgen!«
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»Wohin?«
»Nach Gengarab, der Burg der Homairi. Der finstere Geist der Krankheit liegt auf dem Haupt des Auserwählten des Volkes Ismaëls, das allein die Kraft hat zu herrschen, weil es den Tod nicht fürchtet.«
»Und was soll unterdeß aus meinen Gefährten werden, wenn unsere Verfolger so nahe sind, wie Du selbst sagst?«
»Sie mögen rasten, bis Du wiederkehrst. Jesus wird zu ihrem Schutze hier bleiben und es ist kein Mann zwischen dem Meer und dem Flusse, der es gern wagen würde, Denen ein Haar zu krümmen, die unter dem Schutz des grünen Ringes stehn.«
»Ich weiß sehr wohl,« sagte der Lord entschlossen, »daß es die Pflicht des Arztes ist, Kranken beizustehen. Aber die unsere ist es, einen Freund und Gefährten nicht zu verlassen. Wir werden Alle Doktor Walding begleiten, oder er bleibt in unserer Mitte.«
»Thörichter Franke,« rief der Homairi - »willst Du dem Herrn des Gebirges Vorschriften machen? Es bedarf nur einen Stoß in dies Horn, um fünfzig Wächter der Berge um mich zu versammeln. Doch wie Ihr wollt. Nur sage ich Euch, Ihr seid gewarnt; denn wenn Ihr darauf besteht, den Hakim zu begleiten, so wißt, daß Ihr freiwillig Euer Haupt in den Rachen des Löwen steckt und an einen Ort geht, wo selbst Hassan-ben-Simson jetzt nur der Zweite ist!«
»Dürfen Frauen Deine Burg betreten?« frug die Fürstin, eher der Lord noch wagte, eine Antwort zu geben.
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»Ich höre, daß Ihr Mohamedaner seid und ich weiß, daß unter diesen die Frauen keine Rechte haben!«
Der Homairi lächelte verächtlich. »Der Koran bindet die wahren Söhne Ismaëls nicht mehr, als die Bibel der Christen oder die Bücher Moses der Hebräer. Ihr Glaube ist das Weltall, - ihr Geist ist frei von Eurem thörichten Aberglauben und Geboten und erkennt nur eine Wahrheit an!«
Die Besorgniß, die Alle anfangs bei der seltsamen Begegnung erfüllt hatte, begann immer mehr vor dem Interesse in den Hintergrund zu treten, das wenigstens die civilisirten Mitglieder der Gesellschaft an den kühnen und herausfordernden Bekenntnissen des Mitgliedes einer Sekte nahmen, von deren Glauben und Einrichtungen das Gerücht so Verschiedenes und Entsetzliches erzählte.
Man hatte die alten Plätze am Feuer eingenommen, nur der Homairi, oder Hosseini, Hozeini, wie die Nachkommen der alten Assassinen in Persien heißen, blieb unbeweglich stehen, die Streitaxt am Riemen vom Handgelenk niederhängend, den rechten Fuß auf den Kopf des todten Löwen gestemmt.
»Ich glaube,« sagte die Fürstin, den kühnen Fremden mit einer gewissen Bewunderung betrachtend, »daß jedes Volk, jede Religion die Wahrheit sucht. Und welches ist denn die einzige Wahrheit, die nach Deinem Glauben besteht?«
»Der Tod!«
»Das ist allerdings eine Wirklicheit, eine Unabänderlichkeit, gegen die wir vergebens kämpfen.«
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»Wer dem Tode gebietet, ist sein Herr; wer ihn fürchtet: sein Sclave! Wir sind geboren, um sterben zu lernen und sterben lassen zu lernen. Nicht wer Leben erhält, sondern wer tödten kann hat die Herrschaft der Welt. Azraël ist mächtiger als Gabriel!«
»Das ist eine furchtbare Lehre,« sagte der Lord. »So findet Dein Glaube die Aufgabe des Lebens in der Macht, es zu vernichten?«
»Du redest Weisheit, Franke, und dennoch sprichst Du Irriges. Kannst Du sagen: werde? - Nicht ein Sandkorn der Wüste entsteht auf Dein Gebot. Ich habe gehört, daß die Weisen Deines Volkes Steine und Metalle machen, - aber Steine und Metalle sind todt. Können alle weisen Männer Deines Landes ein einziges Blatt dieser Tamariske machen? Können sie die geringste Heuschrecke machen, die auf die Gräser fällt? Niemals? Aber sie können dieses Blatt zerstören, sie können die Heuschrecke tödten! In der Macht zu tödten liegt die Herrschaft alles Lebendigen.«
»Aber wo ist das Recht, zu tödten?«
»In der Kraft! - Sieh' um Dich in der Natur! Die Kraft ist das Recht. Die Gazelle verschlingt die Pflanze der Wüste, der Löwe trinkt das Blut der Gazelle, weil er die Kraft hat! Der Jäger tödtet den Löwen.«
»Dieser Löwe hätte in einem Haar den Jäger getödtet,« unterbrach ihn mit Ironie der Lord.
»Was beweist das, als daß der Löwe kräftiger war, als der Mensch in jenem Augenblick. Aber auch er hat seinen Herrn gefunden. Was kam es an auf mein Leben?
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Wenn ich Thor genug war, von meiner Kraft nicht zur rechten Zeit Gebrauch zu machen, verdiente ich Anderes, als zu sterben?«
»Es scheint mir doch eine traurige Lehre,« entgegnete der Lord, »daß die Kraft auch das Recht sein soll. Unser christliche Glaube lehrt uns Besseres. Du wirst mir zugestehen, daß es wenig Sicherheit für uns wäre, auf solchen Glauben hin Dir unser Leben anzuvertrauen. Was würde Dich hindern, es zu nehmen, wenn es Dir einfiele und Du die Kraft dazu hättest!«
»Das Wort, das Hassan-ben-Simson für Eure Sicherheit verpfändet hat!«
»Du selbst sagst, daß es nur bis an die Thore Eurer Burg Macht hat. Was - selbst wenn wir Dir vertrauen wollen - bürgt uns für das Weitere?«
»So bleibt wo Ihr seid und setzt Euch vielleicht den Waffen Eurer Verfolger aus. Wenn Alles ist, wie Du sagst, werden sie hier sein, ehe die Sonne aufgeht. Mir ist es gleich.«
Der Lord wandte sich zu seinen Gefährten und berieth mit diesen einige Minuten ihre Lage. Dann sagte er: »Wenn Du uns in der That wohl willst, so sage uns, wie wir es anzustellen haben, um den Schutz Dessen zu erlangen, den Du den Herrn des Gebirges nennst, und dessen Aga oder Offizier nur zu sein Du angiebst.«
»Sende Botschaft an ihn und sichere Dir seinen Schutz.«
»Das ist leicht gesagt - aber wie ihn erreichen?«
»Jesus wird Deinen Boten begleiten.«
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»Und Du?«
»Ich bleibe hier bis er zurückkehrt und die Entscheidung des Scheich-al-Djebal bringt.«
»Gut - damit wären wir einverstanden. Aber steht nicht zu fürchten, daß wenn Einer der Unseren diesen Zufluchtsort verläßt, er in die Hände unserer Verfolger geräth, wenigstens ihrer Wachsamkeit nicht entgeht?«
»Jesus kennt alle Pfade des Gebirges. Du wirst sehen. Du mußt die Hand, die Du sendest, vergolden.«
»Es wird geschehen - der Scheich wird zufrieden sein. Aber wen senden wir als Boten?« Er sah im Kreise umher.
»Sende den Hakim! - oder besser, sende den Mann hier, der kein Mann ist. Sein Leben und Tod ist gleichgültig.«
Der kleine Professor fiel vor Schrecken fast um, als er den Finger des Assassinen bei dem gefährlichen Vorschlag auf sich gerichtet sah.
»Unmöglich!«
»Warum unmöglich? - Keinem Eingeborenen dieses Landes würde es gestattet werden, sich Gengarab zu nähern, ohne zum Bunde der grünen Schlange zu gehören. Wenn die Reiter des Negus Dich angreifen, bevor der Bote zurück ist, würde er eine Last sein für Die, welche kämpfen. Vermag er den Säbel zu schwingen oder die Kugel zu versenden? - Geh - er ist kein Krieger und der Beisädih aus Frangistan wird die Hände aller seiner Freunde brauchen, wenn es zum Kampfe kommt.«
Es lag offenbar Wahres in der Bemerkung des
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Assassinen; dennoch konnte sich der Viscount bei der bekannten Furchtsamkeit des Gelehrten, nicht entschließen, ihm auch nur einen so abenteuerlichen Vorschlag zu machen. Doktor Walding hätte sich sicher erboten, den Jüngling zu begleiten, wenn er nicht geglaubt hätte, daß grade sein Verbleiben bei der Reisegesellschaft den kranken, eines Arztes bedürfenden geheimnißvollen Beherrscher des Gebirges desto eher vermögen könne, den verlangten Schutzbrief zu bewilligen.
In dieser Verlegenheit half der scharfe Verstand der Fürstin über die Schwierigkeit.
Sie beurtheilte ihren alten Verehrer sehr richtig, indem sie annahm, daß seine Muthlosigkeit sofort verschwinden werde, wenn man seinen Ehrgeiz für die Wissenschaft aufzuregen verstand.
Ihre zierliche Hand legte sich auf den Arm des unglücklichen Gelehrten.
»Da ist eine köstliche Gelegenheit, mein hochverehrter Freund und Vormund,« sagte sie schmeichelnd, »nicht allein uns Allen einen großen Dienst zu leisten, sondern namentlich, um Ihren Namen an die Spitze aller gelehrten Forscher zu bringen, welche je dieses Land bereist und wie Sie mir erzählt haben, viele Bücher darüber geschrieben haben. Erinnern Sie sich, daß Einer von ihnen behauptet, aus eigener Anschauung den Stamm der Assassinen zu kennen, ihre Geheimnisse erforscht, oder gar ihre geheimnißvolle Burg betreten zu haben?«
»Ich wüßte keinen,« sagte der Professor mit sehr langem Gesicht, und sich den Angstschweiß von der Stirn
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trocknend. »Selbst Hammer's ›Geschichte der Assassinen‹ schöpft nur aus morgenländischen Quellen, Perizonius, Zoega, die beiden Champollions, Sharpe und Gliddon leugnen das Fortbestehen der alten Homairis oder Hozeini in diesem Lande, Denon und Prokesch geben es zwar zu, aber Bunsen, Böckh und Lepsius kennen nicht einmal dem Namen nach die Burg, die jener Mensch als den Wohnsitz des entsetzlichen Mannes bezeichnet, welcher der Anführer dieser Wilden sein soll, welche den Mord für erlaubt, ja sogar für ein Verdienst und ein Gebot ihrer schändlichen Religion halten, und die ...«
»Die Sie also die Ehre haben werden, vielleicht als der Erste von allen Europäern betreten und beschreiben zu dürfen. Bedenken Sie, bester Freund, welchen Ruhm Ihnen das in allen Zeitungen und vor ganz Europa bringen muß, wenn wir wieder dort angelangt sind und Sie Ihre Reisebeschreibung veröffentlichen.«
»Ja, wenn wir erst dort in Sicherheit sind,« stöhnte der Gelehrte, dem der Angstschweiß jetzt in Strömen von der Stirn rannte. »Aber Sie selbst, hochverehrteste Durchlaucht, haben ja gehört, wie diese Schrecklichen über das Leben eines Menschen denken.«
»Bah - sie haben keinen Nutzen davon, das Ihre zu nehmen. Sie haben alle Aussicht, dort gut aufgenommen zu werden und in Sicherheit zu sein, während hier jede verlorene Kugel eines dieser Schergen des Negus, die uns verfolgen, Sie erreichen und ein werthvolles Leben für die Wissenschaft vernichten kann. Ja, ich habe Ursache zu glauben, daß der blutdürstige Feind, welcher uns
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verfolgen läßt, es grade auf Sie abgesehen hat. Erinnern Sie sich an die schreckliche Erscheinung, die Sie noch in den letzten Tagen an Bord unseres Schiffes gehabt haben und von der Sie mir erzählten?«
»Um Gotteswillen, Fürstin - Sie meinen doch nicht ...«
»Ich meine, nun, ich weiß, daß grade diese Person uns verfolgen läßt oder selbst verfolgt. Wollen Sie in ihre Hände fallen?«
»Me Herkule! mir schaudert die Haut, wenn ich nur an das Gesicht denke, nachdem ich doch so viele zahme und wilde Gesichter gesehen habe!«
»Also nehmen Sie die Mission an? Sie leisten sich und uns den größten Dienst!«
»Aber Sie selbst Fürstin - was wird mit Ihnen?«
»Ich fürchte mich nicht, wenn auch etwas die Kugeln pfeifen! Ueberdies schießen selbst die Banditen der Wüste nicht auf Frauenzimmer! Denken Sie an Ihren Ruhm, mein Freund, und lassen Sie uns für die Sicherheit Ihrer Person sorgen!«
Der Professor wußte, daß alle Weigerungen vergeblich waren, wenn Wéra ihren Sinn auf Etwas gerichtet. Er wagte nicht mehr zu widersprechen und so wurde denn beschlossen, daß der Gelehrte den Jüngling nach der geheimnißvollen Burg begleiten und dort um den Schutzbrief für die Reisegesellschaft unterhandeln sollte, gegen dessen Ertheilung der Arzt sich verpflichten wollte, den Scheich gleichfalls zu besuchen, wenn es von dem Kranken verlangt würde.
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So sehr ihm das Herz auch schlug, nachdem Professor Peterlein, wie er meinte, sich nun einmal dazu verstanden, sein Leben zu wagen, dachte er doch jetzt nur an die wichtigen Entdeckungen, die er über den Glauben und die Gebräuche des geheimnißvollen Stammes machen könue und berieth sich mit Doktor Walding darüber. Unterdeß hatte Hassan erklärt, daß die Boten sofort aufbrechen müßten, um möglichst schleunigst zurückkehren zu können, und zu den Schrecken der Mission kamen somit für den Gelehrten noch die einer nächtlichen Wanderung auf ungebahnten, gänzlich unbekannten Gebirgswegen. Lord Walpole wiederholte seinem alten Begleiter, daß wenn er irgend Bedenken trage, das Wagniß zu unternehmen, er davon abstehen möge, und daß sie dann lieber vereinigt jeder Gefahr Trotz bieten wollten; der Professor aber war jetzt, nachdem die erste Furcht glücklich überwunden war, ganz versessen auf diese Mission, die ihm - selbst im Fall eines unglücklichen Ausganges - die Glorie eines Märtyrers der Wissenschaft geben mußte. Die Assassinen weigerten sich, weitere Andeutungen über den Weg zu geben, den die Boten einschlagen sollten, und erklärten nur, daß der erste Theil desselben wegen der Gefahren, die einen unkundigen Reiter im nächtlichen Dunkel bedrohen mußten, zu Fuß zurückgelegt werden solle. Jetzt erst zeigte sich, daß die Assassinen nicht bloß in der Verfolgung des Löwen, sondern auf ihrem wirklichen Wege in die Schlucht gekommen waren und diese noch einen anderen Ausgang hatte, von dem die Gesellschaft bisher Nichts bemerkt. Als nämlich der Professor mit seinen etwas ängstlichen
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und langweiligen Vorbereitungen endlich zu Stande gekommen war, schob der Jüngling an der Berglehne eine dichte Wand halbverdorter Schlingpflanzen zur Seite und es zeigte sich, daß die Verlängerung einer oben bemerklichen Spalte des Gesteins bis zum Grunde der Schlucht reichte und schon nach wenigen Schritten so breit war, daß selbst ein Pferd mit seinem Reiter einen passirbaren Weg fand.
Alle hatten sich um den kleinen Professor vereinigt, theils um ihm Rathschläge zu ertheilen, Muth einzusprechen, oder Abschied von ihm zu nehmen. Der Lord hatte ihm eine schwere Rolle Maria-Theresia-Thaler, die unter den Arabern beliebteste Münze, in die Tasche gesteckt, als Geschenk für den Scheikh; Doktor Walding ertheilte ihm noch einige Anweisungen und Wéra, welche jetzt fast ihr Bemühen, den bewährten Freund zu der Mission zu bewegen, bereute, drückte ihm die Hand und suchte dem Jüngling verständlich zu machen, er möge die größte Sorge für seinen Begleiter tragen. Vielleicht den besten Trost gewährte ihm aber der Abschied von dem alten Barenjäger. Denn als er dem Riesen die Hand reichte, die dieser in seiner gewaltigen Faust fast zerquetschte, versicherte ihn der Trapper, er könne getrost selbst in die Hölle gehen, sollte ihm auch nur ein Haar gekrümmt werden, so wolle er den Bürgen dafür bei lebendigem Leibe schinden.
Er hielt dabei die schwere Decke des Gesträuchs zurück, bis die beiden Wanderer im Hintergrund der Felsenspalte verschwunden waren, ließ sie dann fallen und setzte
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sich vor den Eingang der Schlucht, in welchen die Diener auf das Geheiß des Arztes den Körper des Löwen geschleppt hatten, damit seine Nähe nicht fortwährend die Reitthiere beunruhige.
Schwere Sorge auf der Stirn, mit tiefem Ernst hatten sich die anderen Männer und Wéra wieder an dem Feuer niedergelassen, noch dachte Niemand an Schlaf.
Doktor Walding und der Viscount benutzten die Gelegenheit, von ihrem seltsamen Gast so viel als möglich über seinen Stamm zu erfahren.
»Es giebt eine Secte unter den Hindu's,« bemerkte der Arzt, »welche die Vernichtung von Menschenleben gleichfalls nicht für Unrecht, vielmehr für geboten hält, indem sie diese Leben ihrer furchtbaren Gottheit zum Opfer bringt. Hat der tapfere Aga der Homairi je von den Thug's oder Phansigar's an den Ufern des Ganges gehört?«
»Nallah! - Wir sind von einem Stamm, der große Hassan-ben Sabbah-el-Homair ist der Stifter ihres Bundes wie des unsern. Aber sie sind Elende - sie tödten um des Raubes willen. Ein Hosseini wird niemals ein Räuber sein.«
Der Arzt sah finster vor sich nieder, - er wußte nur allzugut, wie falsch die Ueberhebung des Assassinen war, und die finstern blutigen Bilder, die er in den unterirdischen Gewölben der indischen Felsenburg gesehen, traten vor seine Seele.
»Die Phansigars sind Räuber, die Homairi sind die Ritter der Wüste,« sagte der Araber stolz. »Unsere Väter
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haben schon gegen den großen Saladin gekämpft und mit den eisernen Männern, die für das Kreuz fochten. Die Ritter vom Tempel sind unsere Freunde gewesen.13 Hat der weise Hakim oder der Beisädih in seinen Büchern gelesen vom Priester Johann?«
»Es ist ein Jammer,« sagte lächelnd der Lord, »daß unser würdiger Professor abwesend ist; welchen gelehrten Disput würde er anstellen über diese mythische Person.«
»Die Bücher und Traditionen des Abendlandes,« belehrte der Arzt den Assassinen, »geben nur geringe und sehr unbestimmte Nachrichten über den sogenannten Priester Johann, ja man zweifelt überhaupt an seiner Existenz.«
»Wenn der Mann, der kein Mann ist, und der mit dem Knaben Jesu gegangen ist, ein Freund der geschriebenen Bücher ist und ein Iman in seinem Lande, kann er das Vergangene in den Pergamenten von Gengarab lesen! Es sind ihrer viele dort aus alter Zeit. Der Priester Johann ist der dritte Scheikh der Homairi des Gebirges von Meris gewesen, als unsere Brüder am Dschebal und in Kuhistan wohnten, und er hat den Melec Ric14 gekannt.«
»Du hast den Koran und die Bibel verworfen! Welches andere Sittengesetz ist dann das Eure?«
»Das Wort unseres Herrn, Christ! Ich habe mir sagen lassen, daß im Abendland ein Priester wohnt, dem
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Ihr Franken eben so zu gehorchen verpflichtet seid, als wir dem Fürsten der Berge, und daß Euer Glaube Euch dies von Jugend auf lehrt, so gut wie der unsere. Wenn Euer Prophet, der doch auch nur ein Mensch ist, unfehlbar in seinen Geboten ist, warum soll es der unsere weniger sein? Der Scheikh-al-Dschebal ist der Herr über unseren Leib und unsere Seelen.«
»Unser Gast,« sagte der Engländer mit Ironie, »erinnert uns an die Lehre des Papstthums oder an die Vereinigung der weltlichen und geistlichen Macht im Czaren von Rußland. Ich bitte, fragen Sie ihn weiter - dieser fanatische Scepticismus ist nicht ohne Interesse.«
»Glaubt Ihr an Gott?«
»Gott ist der Anfang, Gott wird das Ende sein. Was dazwischen liegt, gehört Denen, die er gesandt hat, die Menschen zu leiten und zu beherrschen, möge nun ihr Name Abraham, Moses, Buddha, Jesus, Mahomed oder Hassan-ben-Sabbah gewesen sein. Du befolgst die Lehren Deines Propheten, ich die des meinen. Wer thut besser von uns? Hast Du den Gehorsam, den der Homairi bekundet? Er lernt das Leben verachten, um jeden Augenblick auf Kosten dieses Lebens gehorchen zu können dem Befehl Dessen, den sein Prophet über ihn gesetzt hat.«
»Und dieser Dein Glaube giebt Dir das Recht, nicht bloß Deine Feinde, zu tödten, sondern auch schuldlose Menschen?«
»Was hat Dir die Gazelle der Wüste gethan, oder das Lamm der Heerde, die Du tödtest zu Deiner Lust oder zu Deinem Gebrauch? - Hat die Gazelle und das Lamm weniger ein Leben empfangen von dem großen
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Schöpfer der Natur, als Du? - Warum soll ich den Reiter nicht tödten, weil ich sein Pferd brauche, wie Du das Lamm tödtest, weil Du sein Fleisch oder sein Fell brauchst. Warum soll der Stahl oder das Gift des Assassinen den Khedive auf seinem Thron nicht finden, wenn er ihn fürchten muß? - Wir nehmen das Leben nicht um zu stehlen, sondern um zu herrschen. Wenn die Söhne eines andern Propheten mächtiger sind als wir, werden sie uns tödten.«
»Das sind furchtbare Lehren des Egoismus. Glauben die Homairi, da sie doch an ein höchstes, erschaffendes Wesen glauben, an eine Fortdauer der Seele, an ein Jenseits?«
Der Arzt mußte die Frage dem Assassinen wiederholen, ehe er sie vollkommen begriff,[.]
»Kannst Du vernichten, was kein Leib ist? Wenn ein Mensch stirbt, wird ein Kind geboren. Die Wanderungen der Seele dauern, bis der Mensch ohne Fehler ist, dann wird der Geist auf die Sterne kommen, die der Urgeist erschaffen hat und wo die Propheten wohnen. Nur die Schlechten werden sie niemals erreichen.«
»Welche nennst Du die Schlechten?« unterbrach die Fürstin das Gespräch.
»Alle die feige stehlen, statt ihr Leben einzusetzen für das, was sie begehren! die dem Gebot ihres Herrn nicht gehorchen! die das gegebene Wort brechen! die den Weibern Gewalt anthun!«
»Es liegt etwas Ritterliches in dieser Moral,« sagte die Fürstin.
»Und dennoch ist sie die des Mordes und der
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Gewalt; ich habe gehört, daß das zweite Kapitel der Ordenslehren, die der Stifter dieser furchtbaren Sekte seinen Jüngern gegeben, von der Kunst handelt, sich in das Vertrauen der Menschen einzuschleichen. Also Jesuitismus unter der prahlerischen und ritterlichen Außenseite. Ich will wünschen, daß ihre Begriffe vom Worthalten nicht auch einer jesuitischen Ausdeutung unterliegen.«
»Sehen Sie in dies kühne Gesicht, Doktor,« entgegnete die Fürstin auf die französisch gesprochene Befürchtung des Arztes, »und fragen Sie sich, ob dieser Mann, selbst wenn er nach christlichen Begriffen ein Räuber und Mörder ist, ein feiger Verräther sein kann? Ich könnte ihn fürchten, aber ich würde ihm nicht mißtrauen. Gehen Sie mit Ihrer christlichen Moral - er sagt wenigstens offen, wie er denkt!«
Der Lord hatte sich erhoben. »Wenn wir noch eine Stunde der Ruhe pflegen wollen, um unsere Kräfte für jede Gefahr zu stärken, wird es die höchste Zeit sein. - Lassen Sie uns an die Eintheilung der Wachen denken, was uns wahrscheinlich besser schützen wird, als alles Vertrauen auf die Ritterlichkeit irgend eines Banditen der Wüste. Darf ich Sie zu Ihrem Lager geleiten, Mylady?«
Die Fürstin hörte aus dem Ton der Worte eine gewisse geheime Unzufriedenheit ihres Anbeters mit der Theilnahme, die sie dem Araber bewiesen; aber sie war zu stolz darauf zu achten und reichte wie zum Trotz dem Assassinen die Hand.
»Ich hoffe, Hassan-ben-Simson wird mit meinen anderen Freunden den Schlaf zweier Frauen bewachen.«
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»Möge Dein Schlummer sanft sein, schöne Rose mit dem Herzen von Stahl. Ein Homairi wacht über Dich!«
Trotz der galanten Versicherung des wilden Kriegers schienen die Europäer es aber doch vorzuziehen, auf ihre eigene Wachsamkeit sich zu verlassen und trafen danach ihre Anstalten. Der Assassine hatte ohne anscheinend darauf zu achten, sich auf den Felsboden gestreckt und seine Augen geschlossen. -
Das helle Licht des Mondes begann zu erbleichen vor der ersten Dämmerung des Tages, als eine Hand sich auf die Schulter des in tiefem Schlaf liegenden Arztes legte und ihn emporfahren machte.
Ueber ihn gebeugt stand Hassan der Homairi.
»H'scht! - Iskut!15 - Der Franken-Hakim möge seine Ohren aufthun, unterdeß seine Wächter schlummern. Seine Feinde sind in der Nähe!«
Doktor Walding hatte sich rasch ermuntert und nach der Büchse gegriffen. Es war, wie der Assassine angedeutet - Lord Walpole und die Diener, die mit ihm die Wache getheilt, waren nach den Anstrengungen des Tages und den Wachen der vorhergegangenen Nacht vom Schlaf überwältigt worden und selbst der Trapper, der mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, quer vor dem Eingang der Schlucht saß, schnarchte in hörbaren Tönen.
»Ich höre Nichts!«
»Riglak!16 - ich werde den Schläfer wecken, daß er uns nicht verräth! Thue dasselbe mit Deinen Freunden!«
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Noch immer konnte der Arzt kein Geräusch vernehmen, das eine Annäherung ihrer Verfolger verkündete, aber er vertraute in dieser Beziehung mehr den geübten Sinnen des Wüstensohnes, als seinen eigenen, und folgte daher ohne Weiteres der Anweisung desselben. Lord Walpole und Adlerblick wurden geweckt und von der Behauptung des Assassinen unterrichtet und bald war Jeder auf seinem Posten.
Jetzt zeigte sich, wie recht Hassan gehabt, denn von der Höhe des Felsens erfolgte nunmehr gleichfalls das verabredete Signal. Kumur und der Beduine hatten dort gegen Morgen wieder ihren Posten bezogen.
»Soll ich die Frauen wecken?« frug der Lord.
»Ich rathe, sie schlafen zu lassen bis eine wirkliche Gefahr eintritt. Wir wollen uns vorerst überzeugen, von welcher Seite uns diese droht, und ob es wirklich die Reiter des Negus sind. Lassen Sie uns ohne Geräusch den Felsen ersteigen.«
Der Lord und Adlerblick folgten dem Wink - als sie vorsichtig zur Höhe gekommen und sich hinter den dort vorspringenden Steinblöcken verborgen, konnten sie das unter ihnen liegende Bergplateau und die Wüste übersehen.
Der Tag war bereits angebrochen, in wenigen Minuten mußten die ersten Strahlen der Sonne die Kuppen des Gebirges röthen.
Es war in der Nacht, wie immer in dieser Jahreszeit, ein kalter Thau gefallen und leichte Nebelwolken bedeckten den Grund.
Durch die lang zur Ebene sich hinabsenkende Schlucht,
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durch welche am Abend die beiden Assassinen aus der Wüste heraufgestiegen waren, sah man über dem wallenden Nebel den Kopf eines Reiters erscheinen und näher kommen.
Der Beduine Achmed, der mit Kumur ausgestreckt lag, hob sein Haupt.
»Habesch-Mann!« flüsterte er leise.
Ihre Besorgniß hatte sie also wirklich nicht getäuscht, - es waren die Reiter des Negus, die ihre Spur suchten.
Der Reiter erreichte jetzt den Rand des Plateaus - es war offenbar ein vorangesandter Späher. In dem Augenblick, wo er auf der Höhe hielt und sich umsah, zuckten die ersten Sonnenstrahlen über die Häupter des Gebirges.
Der Späher mußte ein Muselmann sein, deren es Viele unter den wilden Truppen des Negus gab, denn er stimmte sofort den Ruf des Muezzims an: Allah il allah, Mahomed ben Allah! und warf sich vom Pferde, um sein Gebet, das Gesicht nach Mekka gewendet, zu verrichten.
Aber sein Gebet wurde unterbrochen.
Das Pferd, das ihn getragen, brach - entweder von seinem Ruf erschreckt oder beim Empfinden der alle Wesen belebenden Sonnenstrahlen in ein helles Wiehern aus.
»Möge die Stute verflucht sein, die das Thier geboren!« hörte der Arzt hinter sich eine Stimme sagen und als er sich umsah, erblickte er den Assassinen, der mit finsterm Blick an seiner Seite stand.
In der That zeigte sich alsbald der Grund dieser Verwünschung. Die Pferde der Reisenden, die in der Schlucht lagerten, hoben bei dem befreundeten Ton die
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Köpfe, und zwei oder drei erwiederten mit lautem Wiehern den Morgengruß.
Wie ein Blitz sprang der fremde Reiter aus der gebückten Stellung empor, in der er knieend sein Gebet verrichtet, und in den Sattel. Ein wilder gellender jauchzender Schrei verkündete seinen noch entfernten Gefährten die gemachte Entdeckung und dann verschwand er in den sich unter den ersten Sonnenstrahlen nah dem Boden hinballenden Nebeln.
»Ihr hättet dem Burschen eine Kugel nachsenden sollen, Master Smith,« sagte unwillig der Lord. »Zu verbergen ist jetzt doch Nichts mehr, nachdem uns die Thiere verrathen haben.«
»Damned - Mylord, glauben Sie mir, der Kerl entgeht seiner Kugel nicht,« meinte der Trapper - »ich habe mir den Schuft gemerkt und werde ihn zu finden wissen.«
Der Reiter schien jetzt seine Gefährten erreicht zu haben, denn die Bewohner der kleinen natürlichen Bergveste hörten alsobald ein wüstes Triumphgeschrei und sahen gleich darauf eine starke Reiterschaar zu dem Plateau herauf galoppiren.
Zugleich, wie mit einem Zauberschlag sanken die Nebel zu Boden und der Ausblick über die kleine Berg-Ebene und hinunter nach der Wüste wurde hell und klar.
Es konnte kein Zweifel mehr sein, es waren die Reiter des Negus, wohl sechszig an der Zahl; der Arzt erkannte sie deutlich an der Art ihrer Ausrüstung und Bewaffnung, und an ihrer Spitze tummelte sich ihr Anführer, der wilde
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und rachsüchtige Dedschas oder General des Königs, El Maresch, weithin kennbar durch die Löwenhaut, die von seiner Schulter über das weiße blousenartige Gewand wehte, das er statt des rothen Staatsrocks trug, in dem er sich am Bord des Veloce introduzirt hatte.
Aber neben ihm - was leuchtete dort? ein rothes Beinkleid, der blaue goldbordirte Dolman der französischen Husaren-Uniform, nur daß der Reiter statt der schweren Pelzmütze dieser Waffengattung das Käppi mit der weißen Mousselinbinde und dem Nackentuch zum Turban umwunden trug.
Der Viscount hatte den kurzen Stecher am Auge.
»By Jove! Der Unsinnige verfolgt mich mit seinem Haß bis hierher. Es ist der Lieutenant Thérouvigne, der mit uns auf dem Veloce aus China kam.«
Adlerblick hob die Büchse zum Anschlag und wandte sich zu seinem jetzigen Dienstherrn. »Soll ich dem französischen Hanswurst einen Denkzettel geben dafür, daß er als ein Christenmensch sich nicht schämt, die schwarzbraunen Schufte hierher zu begleiten?«
»Nein, Master Smith! die Entfernung ist ohnehin zu groß, überdies wollen wir den Angriff nicht eröffnen und sie zwingen, ihre feindseligen Absichten zu erkennen zu geben. Doch nutzt längeres Verbergen Nichts - wir wollen ihnen Farbe zeigen!«
»Doch, doch Mylord, meine Büchse trägt sicher dahin und ich habe schon bessere Schüsse gethan! Nehmen Sie sich in Acht, Mylord, es ist unnöthig, daß Sie sich solchen
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Schuften gegenüber exponiren, die nicht besser sind, als eine heulende Heerde Sioux, die auf den Scalp ehrlicher Leute ausziehen.«
Die Warnung kam zu spät, denn der englische Pair hatte sie für seiner unwürdig gehalten und war offen und frei auf den Felsvorsprung getreten.
Obschon der Viscount zum Theil die leichtere, für den Jagd- und Reisezug durch die Wüste mehr geeignete orientalische Kleidung trug, schien der Franzose ihn doch sogleich erkannt und seinem blutdürstigen Begleiter als den gesuchten Feind bezeichnet zu haben; denn die wilden Reiter erhoben ein wüstes Geschrei, schwangen ihre Speere und Flinten, galoppirten umher und feuerten verschiedene freilich vergebliche Schüsse ab, da die Kugeln meist noch vor der Felsenmauer niederfielen oder sich an dem harten Gestein abplatteten.
»Zeigt ihnen, daß unsere Büchsen weiter tragen, Adlerblick,« sagte der Arzt, »aber tödtet keinen. Das wird die Schurken in gebührender Entfernung halten.«
»Ich danke Ihnen für die Erlaubniß, Doktor, aber ich meine, ein ernsterer Denkzettel würde bessere Wirkung thun. Doch wie Sie wollen. Sehen Sie, da ist unser guter Freund, der uns vorhin ausspionirt hat - ich erkenne ihn ganz gut an dem grünen Lappen, den er an seinem Spieß trägt, den er so unsinnig um seinen geschorenen Kopf schwingt. Nun passen Sie auf Mylord, sein Spieß wenigstens soll uns nicht viel mehr zu schaffen machen.«
Noch während er sprach, hatte der Schütze das
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Gewehr nochmals erhoben und mit dem letzten Wort abgefeuert. Die Kugel mußte den Speer des Reiters dicht über der Faust, die ihn schwang, getroffen haben, denn das Holz zersplitterte und fiel zu Boden, während Hand und Arm des Bedrohten einen Ruck nach hinten bekommen hatten, der sie fast aus den Gelenken riß.
Der glückliche Schuß hatte in der That den beabsichtigten Erfolg; denn die Reiter zogen sich unter drohendem Geschrei eiligst bis an den äußersten Rand des Plateau's zurück und schienen dort einen Kriegsrath über ihr weiteres Verfahren zu halten.
Es war das erste Mal, daß der Lord einen solchen Beweis von der außerordentlichen Geschicklichkeit seines Jagdgenossen erhalten hatte; denn wenn er während der langen Fahrt an Bord der Veloce auch häufig Zeuge gewesen war, wie die beiden Jäger mit größter Sicherheit die Seevögel erlegten, hatte er doch noch keine Ahnung gehabt von dieser Zuverlässigkeit des Schusses.
Aber er war nicht der einzige Bewunderer desselben. Der Hosseini, obschon er von den englisch gewechselten Worten nur wenige verstanden, hatte doch begriffen, daß von einem bestimmten Ziel die Rede gewesen, und - wiewohl sein Stamm niemals mit der Kugel tödtete, - kannte er doch genügend das Schießgewehr, um die Geschicklichkeit des Schusses beurtheilen zu können.
»Wenn der Beisädih,« sagte er zu dem Lord, »mehr solche Jäger hat, kann er seine Feinde von hier aus tödten, ehe sie ihm auf Speereslänge nahe gekommen sind. Warum befiehlt er dem Manne nicht, das Blei auf das
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Herz seiner Feinde zu richten? Er kann ihr Leben nehmen, denn er hat die Macht dazu.«
»Wir sind keine Mörder, Homairi, die aus sicherem Hinterhalt tödten. Wir tödten den Feind nur im offenen Kampf, wo wir das eigene Leben einsetzen.«
»Gehört der Franken-Beisädih zu einem der Ritterorden, der ihm dies gebietet?«
Der Viscount lächelte. »Nicht in dem Sinne, wie Du es meinst. Es ist dies eine Ehrenpflicht jedes Edelmanns und ich bin ein solcher in unserem Lande.«
»Es ist gut. Edles Blut ist besser als Reichthum. Der Melec Ric, von dem unsere Lieder erzählen, war auch ein Ritter aus Deinem kalten Lande und ein König dazu. Aber er ließ das Blut seiner Feinde fließen, wie das Wasser im Bach. Die Väter Hassans haben an seiner Seite gestritten gegen den Salaheddin. Würdest Du die Burg der Homairi besuchen, so würde ich Dir das Schwert des Sultans von England zeigen, das er einem meiner Ahnherrn geschenkt hat nach einer heißen Schlacht. Aber - schuf!17 sie senden eine Botschaft an Euch!«
In der That sah man zwei Reiter in langsamem Schritt über das Plateau herankommen. Es war der französische Offizier und einer der Abessynier. Der Letztere trug einen Zweig des wilden Feigenbaums in der Hand zum Zeichen, daß sie in friedlicher Absicht kämen. Als sie auf etwa zwanzig Schritt von dem Vorsprung des Felsens angekommen waren, ohne daß man sich ihrer Annäherung widersetzt hatte, blieb der französische Offizier halten.
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»Wenn ich nicht irre,« sagte er mit lauter Stimme, »so befindet sich unter den Anwesenden der bisherige Leibarzt des Königs Theodor von Abessynien. Ich hätte an diesen Herren einige Fragen zu richten.«
Doktor Walding trat näher an den Rand des Felsens, nachdem er den Lord zuvor angesehen und von ihm einen zustimmenden Wink erhalten hatte.
»Ich habe die Ehre, mich Ihnen als die gewünschte Person vorzustellen, mein Herr. Auch bin ich Ihnen bereits als dieselbe bekannt.«
»So erlauben Sie mir,« fuhr der Offizier fort, »an Sie die Frage zu stellen, ob sich in Ihrer Gesellschaft meine Verwandte, die Fürstin Wéra Wolchonski mit ihrer Dienerin befindet, und ob ich dieselbe sprechen kann?«
»Das Vergnügen können Sie haben, schöner Vetter,« sagte die scharfe Stimme Wéra's, indem ihre elastische Gestalt sich durch die auf dem Felsen stehenden Männer gedrängt. »Ich bin sehr erfreut, Sie wiederzusehen, namentlich in so ehrenwerther Gesellschaft, da ich somit die Gelegenheit habe, Ihnen noch mündlich die Sorge für meine Garderobe zu empfehlen und die besten Grüße an Monsieur le Comte, Capitain Ducasse und die andern Herren der Equipage des Veloce auszurichten. Ich hoffe, daß Monsieur Bonifaz meine Wünsche in Betreff der Douceurs aufs Beste erfüllt hat!«
»Madame ...!«
»Verzeihen Sie, Monsieur de Thérouvigne, daß ich Sie nicht einladen kann, an unserer Weiterreise und unserem Frühstück Theil zu nehmen, aber meine Reisegefährten
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sind etwas mißtrauischer Natur und würden doch zuerst einige Auskunft über die Gesellschaft wünschen, in der Sie sich so weit bemüht haben.«
»Sie beschimpfen mich, Madame!« rief der junge Franzose wüthend. »Ich komme, um Sie den schändlichen Händen zu entreißen, die Ihre Unerfahrenheit mißbraucht haben, Sie Ihrem natürlichen Beschützer zu entführen.«
»Ganz und gar nicht Cousin,« lachte die Fürstin. »Ich versichere Sie, Sie sind völlig im Irrthum. Ich habe mich vielmehr ganz freiwillig meiner Reisegesellschaft angeschlossen und bereits mit ihr verschiedene interessante Bekanntschaften gemacht und Abenteuer erlebt.«
»Bedenken Sie Ihren Ruf - die Gefahr ...«
»Ah bah lieber Cousin, wir sind hier noch nicht in Paris, und das sind überdies Dinge, über die Sie mir gefälligst selbst die Entscheidung überlassen wollen. Ich bin eine arme Waise und wo könnte sich diese sicherer befinden, als unter dem Schutz ihrer beiden Vormünder?«
»Eines alten Schwachkopfs und eines englischen Feiglings!«
»Monsieur!«
»Schweigen Sie, Herr, bis ich mit Ihnen Abrechnung halte,« schrie der über die Ironie der Dame erbitterte Offizier. »Ich bitte Sie, Madame, unter meinem Schutz sogleich an Bord des Schiffes zurückzukehren und werde dann die Bestrafung jener Ehrlosen bis zu unserer nächsten Begegnung verschieben. Nöthigenfalls werde ich Sie zur Rückkehr zwingen.«
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Die Fürstin richtete sich stolz empor. »Mit welchem Recht, Monsieur?«
»Mit dem Recht der Verwandtschaft ...«
»Unsinn!«
»Mit dem Recht, das jeder Ehrenmann hat, einer Dame beizustehen, die in den Schlingen eines feigen Schurken ist!«
Lord Frederik war mit einem Sprung an dem Rande des Felsens. »Monsieur de Thérouvigne, ich habe Sie schon einmal gewarnt, mich zu beschimpfen. Sie sind des Todes, wenn Sie es zum dritten Mal wagen!«
»Dann stirb Du selbst, wie eine Memme verdient!« schrie der Franzose, und blitzschnell riß seine Hand den Revolver aus dem Gürtel und feuerte. Während der Lord wankte und mit der Hand nach der Brust fuhr, ließ der Franzose, das todbringende Rohr Adlerblicks auf sich gerichtet sehend, sein Pferd steigen und das edle Thier empfing das Blei in seiner Brust und rettete so den Reiter, mit dem es sich überschlug. Zugleich, als hätte die Bande nur auf das Signal gewartet, stürmte unter wildem Geschrei mit Windeseile die ganze Schaar über das Plateau und begann den Angriff.
Schüsse knallten von beiden Seiten; der Angriff der Abessynier jedoch war so rasch und stürmisch ausgeführt, daß der größte Theil der Schaar sich bereits außer dem Bereich der Kugeln und unter dem Schutz der Felsen befand, ehe die Vertheidiger des Platzes mit rechtem Erfolg ihre Annäherung verhindern konnten, während ein dichter Haufe sich in die Oeffnung der Schlucht drängte.
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Jetzt zeigte sich, welchen wichtigen und mächtigen Beistand der Lord in dem alten Bärenjäger gewonnen hatte.
Ein greller Pfiff Adlerblicks bei dem Heranstürmen der abessynischen Reiter hatte den treuen Gefährten mit dem Signal der Prairieen des Colorado aus der Zeit, als sie diese noch zusammen durchstreift, von der Annäherung der Gefahr in Kenntniß gesetzt. Der Riese begriff sehr wohl, daß an dieser Stelle die Büchse, so sicher er auch seiner Schüsse sein konnte, wenig nützen würde, und hatte sich daher mit einem der starken Zeltpfähle bewaffnet, welche einen Theil des Gepäcks der Dromedare ausgemacht. So stand er hinter dem Körper des todten Löwen mitten in dem engen Paß, in welchen jetzt die Reiter des Negus hereindrängten. An dem Körper des Löwen stutzte das erste Roß und hob sich von seinem Reiter gespornt, von den Nachsprengenden gedrängt, zu mächtigen Satz. Aber ehe es sich noch in die Luft erheben konnte, fiel der schwere Pfahl des Riesen auf das edle Thier und zerschmetterte sein Haupt und den Mann, den es trug. Eine zuckende schlagende Masse stürzten Roß und Reiter zusammen und versperrten den Eingang.
Noch einmal hob sich die gewaltige Keule und zerschmetterte den zweiten der Andrängenden. Dann steifte sich die anstürmende Fluth von Menschen und Thieren an diesem Ort und wogte zurück.
»Bei der Mariam und Astaroth, tödtet! tödtet!« heulte in der Amhara-Sprache hinter der Menge die
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Stimme von El Maresch. »Vorwärts, Ihr Söhne einer Hündin, oder gebt Raum Dem, der den Tod nicht fürchtet!«
Und der Säbel des Führers fuhr auf den Haufen der eigenen Krieger, die furchtsam zur Seite wichen. -
Wir haben Lord Frederik verlassen, als er von der verrätherischen Kugel getroffen, zurücktaumelte.
»Um Gotteswillen, Mylord, sind Sie verwundet?«
Der Arzt unterstützte den Wankenden. Das schöne Gesicht Wéra's erglühte unter dem Gefühl der Empörung über den bübischen Verrath, sie schüttelte drohend die Hand gegen den französischen Offizier. »Das ist feiger Mord - mögest Du verdammt sein, Elender!« - Dann wandte sie sich eilig zu dem Arzt. »Lassen Sie uns ihn hinabtragen, Monsieur - ich habe die Kraft eines Mannes. Es wäre traurig, wenn er so enden sollte!«
»Ich bitte Sie dringend, Fürstin, bringen Sie vor Allem sich selbst in Sicherheit,« bat und befahl der Arzt. »Homairi, wenn Du ein Mann bist und ein Ritter Deiner Nation, so nimm diese Frau in Schutz.«
Der Assassine, der bisher ohne persönliche Theilnahme, aber offenbar mit regem Interesse dem beginnenden Kampfe zugesehen, umfaßte die Fürstin, hob sie gleich der Last einer Feder auf seinen Arm und sprang mit ihr den innern Felshang hinab und über den Grund der Schlucht, wo Alles in schreckensvoller Verwirrung durch einander rannte. Mit wenigen Sprüngen erreichte er die Buschwand, die den Zugang zu dem unbemerkbaren Felsenweg deckte, und schob sie hinein. Dann blieb er davor stehen, die Streitaxt
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in der niederfallenden Hand, und beobachtete ohne Bewegung den tobenden Kampf.
Kumur, Adlerblick und der Beduine schützten mit Glück den äußeren Rand des Felsvorsprungs, den verschiedene der Abessynier, von den Rossen gestiegen, zu erklimmen suchten. Nachdem ein Blick den Arzt hiervon überzeugt, beschäftigte er sich mit dem verwundeten Engländer, den er auf den Felsboden niedergelassen. Aber zu seiner Verwunderung bemerkte er nirgends eine Spur von Blut, und selbst als er, die Richtung der Kugel an dem durchlöcherten Oberkleid erkennend, mit der Hand unter Rock und Hemd des Engländers glitt und auf nackter Brust nach der Kugel forschte, zog er sie ohne Blutspuren nach vergeblichem Suchen wieder heraus; Lord Frederik richtete sich vielmehr rasch empor.
»Bin ich verwundet, Doktor? Ich fühlte einen Schlag, unter dem mir einen Augenblick das Bewußtsein schwand!«
»Die heimtückische Kugel muß die Herzgrube getroffen haben, ist von einem harten Gegenstand abgeprallt und hat - was auf dieser Stelle leicht erklärlich, - Sie nur betäubt. Aber ich fürchte, Mylord, unsere Sache steht schlimm!«
»Wir müssen Taylor zu Hilfe eilen! Wo ist die Fürstin?«
»Vorläufig in Sicherheit, der Assassine beschützt sie. - Hollah, El Magreb, so ist es nicht gemeint!«
Er riß die Flinte an die Wange, aber bevor er durch seinen Schuß der Bedrängniß seines alten Freundes des
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Trappers zu Hilfe gekommen war, hatte sich die Scene geändert.
Ralph, als er den Pfahl gegen seinen nächsten Bedränger, den wilden Führer der abessynischen Reiter, eben schwang, war auf dem von Blut schlüpfrigen Körper des Löwen ausgeglitten und in das Knie gesunken. Dies rettete wahrscheinlich sein Leben; denn die Kugel aus der langen Pistole des Mohren, die derselbe, während sein Pferd eben zum Sprunge über den Leichenhügel ansetzte, auf ihn abschoß, fuhr über seinen Kopf hin. Zugleich, von dem Reiter gestachelt, setzte das edle Thier in gewaltigem Sprung über die zuckenden Körper hinweg und warf den alten Jäger vollends zu Boden. Der Pfahl, seine einzige Waffe, war seiner Hand entfallen und er war widerstandslos dem Säbel des Mohren preisgegeben, den dieser über ihn schwang.
Dies war der Augenblick, in welchem Doktor Walding die Gefahr des Bärenjägers erblickt und seine Flinte erhoben hatte.
In demselben Moment wurde die Wand von Gesträuch, welche den geheimen Ausgang deckte, von Innen auseinandergerissen und in der Oeffnung erschien der Assassinen-Jüngling in seinem weißen Gewande, Hände und Haupt von den Dornen der Schlingpflanzen blutig gerissen, aber hoch in der Hand ein Pergament schwingend, von dem an grünem Baude ein Siegel niederhing.
»Schutz! Schutz! im Namen des Herrn der Berge!«
Hinter ihm her drängte es von weißen und grünen
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Gewändern einer Schaar von Männern und Jünglingen mit blinkenden Speeren und Streitäxten.
Hassan hatte nicht sobald das Wort seines Boten gehört, als er, der bisher unthätig gestanden und sich allein mit der Sicherung der Fürstin begnügt hatte, seine Streitaxt mit Blitzesschnelle über das Haupt des alten Jägers ausstreckte, und den Hieb des Dedschas auffing.
Die Säbelklinge des wilden Abessynier zersplitterte an dem Stahle der Streitaxt wie Glas.
Der Assassine rief zwei Worte in jener unbekannten Sprache, in welcher er mit dem Jüngling Jesus gesprochen hatte, und im Nu quoll der Haufen der bewaffneten Assassinen, der mit jenem gekommen war, aus dem Felsenweg und bildete quer über die Schlucht hinweg mit Speeren und Schilden eine eherne Mauer, deren Anblick schon geeignet war, jede Aussicht des Abessyniers auf weiteren Verfolg seines Sieges zu Nichte zu machen.
Aber El Maresch schien an einen solchen gar nicht zu denken. Er hatte kaum den Befehl des Assassinen gehört, als er den Seinen zurückwinkte und vom Pferde stieg, das schnaufend zwischen den todten und zuckenden Körpern der von Ralph erschlagenen Thiere und Krieger stand.
El Maresch, die Zügel des edlen Rosses um seinen Arm schlingend, trat einen Schritt auf den Assassinen zu und sagte in der Amhara Sprache: »Ich bin ein Bote Dessen, der über den Tod zu befehlen hat. Ist mein Bruder ein Wissender?«
»Wer bist Du?«
Der Assassine erhob seine linke Hand und schlug dazu
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über Stirn und Kinn jenes eigenthümliche Zeichen, das er am Bord des Veloce dem Indier gegenüber gemacht hatte. Ich bin Murad Galla el Maresch, ein Dedschas des Negus Negassi von Habesch.«
»Das ist das Zeichen der Rufiks,« sagte der Assassine. »Du hast zu gehorchen dem Gebote des Dais. Ich bin Hassan ben Simson, der Erste der Dais18 des Scheikh al Dschebal, des Fürsten der Berge. Geh' hinaus in die Ebene, ich werde mit Dir reden, und laß die Waffen Deiner Männer ruhen, bis ich mit Dir gesprochen, oder Eblis wird seine Hand auf Euch Alle legen.«
Der General des Negus neigte ehrerbietig das Haupt und führte sein Pferd über die todten Körper zurück, die den Eingang sperrten, indem er seinen Kriegern befahl, sich zurück zu ziehen.
Jetzt erst wandte sich Hassan der Homairi zu dem Jüngling Jesus.
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»Du kommst von dem Scheikh Johannes?«
»So ist es. Der Scheikh sendet Dir den Schutzbrief für die Franken und gestattet Allen, die von jenseits des Meeres kommen, die heilige Burg zu betreten. Er erwartet den Hakim der Franken.«
»Und wo ist der Mann, den Du begleitet hast?«
»Er ist freiwillig zurückgeblieben in Gengarab und liest die Pergamente unserer Väter. Der heilige Priester Johannes hat Freude an ihm.«
»Wer gab Dir den Befehl die Fedais und die Lassiks zu sammeln und mit Dir zu bringen?«
Der Jüngling führte, wie stets bei Erwähnung des Oberhauptes, die Hand zur Stirn. »Johannes selbst!«
»Es ist gut und kam zur rechten Zeit. Wo ist die Frau, der Du begegnet sein mußt?«
Jesus wies nach der Fürstin, die bereits wieder unter ihren Freunden war.
»Gieb dem Beisädih den Schutzbrief und sage ihm, daß sein Haupt sicher ist und jedes Haupt, das mit ihm gekommen. Lasse keine Fremden diesen Ort betreten und jene Körper in die Schluchten des Gebirges werfen, wo die Hyäne und der Geier ihre Mahlzeit halten.«
»Es soll geschehn, wie Du gesagt hast.« Der Jüngling wandte sich, um nach dem Lord zu sehen, während der ältere Assassine die Schlucht verlassen wollte, um sich zu der Unterredung mit dem Dedschas des Negus zu begeben, aber Beide fühlten sich von einer schweren Hand zurückgehalten.
Es war der Trapper Ralph, der sich vor den
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Eingang gestellt hatte. »Du bist ein wackerer Mann und Krieger, Araber,« sagte der Riese zu dem Dais, »und dieser graue Schädel verdankt es wahrscheinlich allein Deiner Dazwischenkunft, daß ihn der Säbel jenes schwarzen Schurken nicht gespalten hat. Goddam - ich bin kein Undankbarer, aber ein ehrlicher Mann darf über den neuen Freund den alten nicht vergessen. Was ist aus unserm Reisegefährten geworden, für den Du mit Deiner Person gebürgt hast?«
Obgleich der ehrliche Trapper Englisch gesprochen, hatte der Assassine mit jenem leichten Verständniß, das den Orientalen angeboren ist, doch unzweifelhaft begriffen, was er wollte und auf seine Frage zog Jesus einen Zettel hervor und reichte ihn dem Trapper.
Aber der wackere Ralph hätte eher alles Andere verstanden, als die Krakelfüße des Professors, und es war ein Glück für das gute Einvernehmen der Beiden, daß der Doktor und der Lord eilig herbei kamen, um selbst nach dem Verbleib ihres Gefährten zu forschen.
Der Zettel, der ihnen sofort übergeben wurde, lautete:
»Hochgeehrte Herrn und Freunde! Nach entsetzlichen Gefahren bin ich in einer wahren Schatzgrube der Wissenschaft bis auf meine etwas zerschundenen Schienbeine glücklich angekommen. Dieser alte Herr vom Berge, ein direkter Nachkomme des Priesters Johannes und nach diesem benannt, ist gar kein so unebener Mann, und scheint eine große Gelehrsamkeit zu besitzen. Er hat mir einen ganzen Berg von uralten Pergamenten und Papyrusrollen zur Disposition gestellt, unter denen ich bereits schwelge, wie ein Hungriger an einer Hochzeitstafel. Gott wenn Böckh oder Lepsius wüßten, was hier im Staube vermodert.
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Kommt eilig hierher, der Herr Johannes sendet einen Schutzbrief und erwartet Sie lieber Doktor, um ihn von der Wassersucht, oder was sonst sein Uebel ist, zu kuriren. Legen Sie meine devote Ehrerbietung meiner allerschönsten Mündel bestens zu Füßen und folgen Sie bald Ihrem
getreuen Freunde Peterlein,
Lic. und Professor der Natur- und anderer Historia.«
Lord Walpole würde sich bei dem Lesen der charakteristischen Epistel wahrscheinlich der Heiterkeit hingegeben haben, wenn ihre Lage nicht noch immer so gar ernst und gefahrdrohend gewesen wäre. Er begnügte sich daher, den Trapper zu beruhigen, und überzeugt, daß jeder Widerstand unnütz sei, beschloß er, sich in das Unvermeidliche zu fügen und ihre anscheinenden Freunde nicht durch weiteres Mißtrauen zu erbittern. Derselben Ansicht waren der Arzt und die Fürstin, und der Viscount ertheilte daher den Befehl, Alles zum Aufbruch zu rüsten, indem er zugleich den Posten auf der Höhe der Felswand erneuern ließ.
Der Schutzbrief - den Jesus überbracht hatte, der unter den Assassinen einer großen Achtung zu genießen schien, sich eifrig und wenig sprechend umher bewegte und namentlich große Aufmerksamkeit für die Bequemlichkeit und jeden Wunsch der Fürstin an den Tag legte, - war in arabischer Sprache geschrieben und ertheilte dem Inhaber und seinen Begleitern die Erlaubniß, das Gebiet des Scheikh-al-Dschebal zu durchziehen, ihnen Schutz und Beistand bei dem schweren Zorn des Herren des Gebirges zusichernd. An einem grünen Band hing der Abdruck eines Siegels in Wachs, das in Mitte unentzifferbarer
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Hieroglyphen das Bild einer emporzüngelnden Schlange zeigte.
Die Hülfe des Arztes wurde übrigens zunächst durch den Zustand der jungen Chinesin in Anspruch genommen. Tank-ki war bei dem ersten Schuß und dem Lärmen des beginnenden Kampfes aus dem Schlaf empor gefahren, dem sie sich zu den Füßen der Gebieterin überlassen, - ihre Augen suchten anfangs vergeblich die Fürstin, dann - als sie dieselbe auf der Höhe des Felsens erblickte, wollte sie zu ihr eilen, - aber ehe sie noch vermocht hatte, sich aus den umhüllenden Decken zu wickeln und zu erheben, sah sie den Assassinen die Fürstin auf seine Arme heben und über die Schlucht hinwegtragen. Zugleich hörte sie den Doktor rufen: »Nieder mit dem französischen Verräther!« und gleich darauf die Büchse Adlerblicks krachen. Es mußte also ein Franzose unter der Schaar der Angreifenden sich befinden, und welcher konnte das anderes sein, als der Mann, dem sie die ehrgeizige Absicht des eigenen Vaters geopfert, der Mann, welchem seitdem ihr junges Herz mit allen Pulsen schlug, - der junge Kapitain, für den das fortwährende Zusammensein auf der Seereise ihre Empfindungen nur noch mehr gesteigert, - der junge schöne Graf von Boulbon.
Dieser Gedanke hatte kaum ihren Kopf durchzuckt, als sie ohnmächtig wieder zu Boden sank und in convulsivischen Krämpfen sich wand. So hatte sie die Fürstin gefunden und schnell den Arzt zu Hilfe gerufen.
Unter dem Vorwand, einiger Gegenstände zu bedürfen, die in dem Gepäck befindlich waren, hatte der Doktor die
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Fürstin für kurze Zeit entfernt, und beobachtete während derselben das kranke Mädchen. Die Erkenntniß, die sich ihm auch diesmal aufdrängte, wie schon in dem unterirdischen Gewölbe der Kirche auf dem Strand von Arkiko erfüllte das Herz des menschenfreundlichen Arztes mit Bedauern, und er beschloß, des armen Kindes sich nach Kräften anzunehmen, wenn der Zorn der Fürstin sie vielleicht schwerer treffen sollte. Seine verständige Hilfsleistung brachte das Mädchen bald wieder zu sich, und als sie angstvoll ihn frug, ob der Franken-Offizier getödtet sei, wußte er genug und beruhigte sie mit der Versicherung, daß, so viel er gesehen, dies nicht der Fall sei.
Lord Walpole hatte die Höhe der Felswand erstiegen, um von dem Verhalten des Feindes sich selbst Kenntniß zu verschaffen. Er fand, daß die abessynischen Reiter sich bis an den Rand des Plateaus zurückgezogen, indem sie ihre Todten und Verwundeten mit sich getragen hatten; denn das wohlgezielte Feuer Adlerblicks, Kumurs und des Beduinen hatte drei oder vier der Reiter bei ihrem Angriff in den Sand gestreckt. Nicht ohne Erstaunen, und indem trotz des bisherigen ritterlichen Verhaltens des Dais sein anfängliches Mißtrauen wieder erwachte, - hatte er Hassan mit dem wilden Führer der Reiter in einem anscheinend ernsten Gespräch mitten auf der kleinen Ebene stehen sehen, und die Geberden des Dedschas nach der Schlucht hin bekundeten ihm genügend den Gegenstand desselben.
Die beiden wilden Krieger standen einander gegenüber, die Zügel ihrer edlen Rosse, die ihnen zur Seite hielten,
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um den linken Arm geschlungen. Mit wachsender Verwunderung sah der Lord, wie der wilde Abessynier jetzt auf eine gebieterische Bewegung des Anderen die Arme über der Brust kreuzte und sich demüthig verneigte. Ihm zur Seite aber stand, wie er deutlich mit einer gerechten Erbitterung erkannte, Lieutenant de Thérouvigne, sein Feind.
Die verrätherische That, wenn er auch annehmen durfte, daß sie ohne Ueberlegung, eine Handlung der Aufregung und des Zorns gewesen war, hatte den junge Engländer, der stets die Selbstbeherrschung eines wahren Gentleman's zeigte, auf's Tiefste empört und einen schweren Groll gegen den Rivalen in seinem Herzen zurückgelassen, den er bisher nur mit kalter Ueberlegenheit behandelt hatte. Er wußte nur zu gut, welcher glückliche Zufall ihn vor der heimtückischen Kugel gerettet hatte, er fing an zu glauben, daß Einer von ihnen Beiden dem Anderen zu viel sei im Leben, und unwillkürlich erinnerte er sich an die furchtbare Philosophie des Assassinen, die Jedem das Recht zuerkannte, das Leben Aller zu nehmen, die unseren Wünschen und Zwecken hinderlich wären.
Die Unterredung des Assassinen mit dem Dedschas war beendet, ihr Inhalt folgender gewesen.
»Du bist Murad der Gallas?« frug der Dais. »Ich habe Deinen Namen schon früher gehört, aber ich kannte Dich nicht. Warum hast Du Dich in der Burg des Scheikh-al-Djebal noch niemals gezeigt, wie es doch unser Gesetz befiehlt?«
»Ich habe noch niemals die Gelegenheit gehabt, seit ich den Eid des Bundes geschworen. Der Negus Negassi
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hat stets meine Nähe gefordert. Ich bin ein Sohn anderer Berge.«
»Ich speie auf das Grab seiner Väter! Der Negus von Habesch ist der Feind der grünen Schlange. Er lügt, wenn er sich rühmt, ein Sohn Ismaëls zu sein und Du hast Dich täuschen lassen von seinen Angaben, den Ring zu besitzen, der alle Hosseini zwingt, seinem Befehl zu gehorchen.«
»Es ist nicht der Negus, der mich hierher gesandt hat, oder vielmehr, er ahnt nicht, daß ich dem Gebot des Ringes folge.«
»Und dennoch wagtest Du mir von diesem zu sprechen. Du verdienst den Tod für die Lüge.«
»Mein Leben gehört dem großen Priester Johann. Aber ich schwöre Dir, o Dais, daß ich den Ring gesehen, in dessen Namen mir geboten wurde, den Inglese zu tödten und Alle, die mit ihm sind.«
»Du redest Koth und sollst bestraft werden. Der Träger des grünen Ringes mit der Schlange ist in der heiligen Burg der Homairi und hat das Krankenlager nicht verlassen, seit der Mond zwei Mal gewechselt hat.«
»Meine Seele soll der Wanderung verlustig sein und in das Nichts zerfließen, wenn ich Dir nicht die Wahrheit sage. Es ist ein Mann gekommen mit dem Schiff der Franken aus Hindostan, und er trägt den Ring am Finger, der allen Homanis gebietet, ihr Leben zu geben und zu thun, wie der Träger des Ringes befiehlt.«
Der Dais schüttelte zweifelnd den Kopf. »Es muß
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ein Betrüger sein, der unser Geheimniß erspäht hat. Er muß sterben auf jeden Fall.«
»Der Fremde ist kein Betrüger,« beharrte der Mohr, - »er ist gewaltig in seinem Zorn und fremd in diesem Lande; denn er kannte nicht den Namen des heiligen Priester Johann. Es ist ein Geheimniß um ihn, denn er zeigt sich nicht den Franken in seiner wahren Gestalt.«
Der Dais wiegte noch immer nachdenkend den Kopf. Da er sich selbst für den Nachfolger des Scheikh im Besitz des heiligen Ringes und somit der unbeschränkten Gewalt hoffte, berührte ihn die Erzählung des Abessiniers und die Erscheinung eines Rivalen um so überraschender und unangenehmer.
»Warum hat der Herr des Ringes Dich nicht begleitet? Du siehst daraus, daß er ein Betrüger ist.«
»Er will mit dem Schiff der Franken nach Suez. Er haßt die Engländer und befiehlt ihren Tod. - Ich habe den Ring gesehen und muß ihm gehorchen, Du bist nur ein Dais, dessen Wort weniger gilt als das seine. In seinem Auge wohnt der Tod, ich muß ihm Folge leisten, bis ich weiß, daß jener Ring nicht der wahre ist. Er hat mir befohlen zu tödten, und ich werde gehorchen, oder das Leben lassen.«
»Ich werde Dich hindern daran, denn der Scheikh-al-Dschebal hat ihnen Schutz versprochen. Du siehst, daß die Macht auf unserer Seite ist.«
»Was kümmert das mich! Die Homairi wissen zu sterben. Laß uns kämpfen um ihr Leben, und zürne mir nicht, weil ich nur ein Refik bin.«
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Er neigte sich - wie der Engländer von der Höhe des Felsenwalles gesehen, - demüthig vor dem höheren Rang des Anderen und wollte sein Pferd wieder besteigen, als eine Geberde des Dais ihn zurück hielt.
»Isbur!«19 sagte der Assassine. »Es giebt noch einen Weg zur Wahrheit zu kommen. Du magst uns begleiten nach Gengarab und Deine seltsame Geschichte von dem Ringe dem Scheikh Johannes erzählen. Er soll entscheiden über Dein und ihr Schicksal. Bist Du es zufrieden?«
Der Dedschas verneigte sich zustimmend.
»Wer ist der Franke, der bei Dir ist?«
»Er ist gleichfalls mit dem Schiff gekommen, und der Furchtbare mit dem Ringe hat mir befohlen, ihn mit in die Wüste zu nehmen. Er haßt wie Jener den Inglese und will mit ihm kämpfen; aber der englische Beisädih ist ein Feigling und weigert den Kampf.«
Wiederum machte der Dais ein Zeichen des Zweifels. »Der Beisädih ist kein Feigling! er wird den Kampf nicht weigern - der Franke soll Dich begleiten und der Scheikh-al-Dschebal möge auch darüber entscheiden. Der Priester Johann ist ein weiser Mann und er hält die Gesetze der Homairi heilig. - Die aus der Wüste stammen und nicht Kinder der Schlange sind, mögen hier verweilen, denn ihr Auge darf die heilige Burg nicht schauen. Geh' und thue das Nöthige! Ehe der Schatten jenen Stein verläßt, mußt Du bereit sein.«
Der Dais kehrte zu dem Lager der Reisegesellschaft zurück und winkte dem Lord und dem Arzt.
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»Der Beisädih, die Frau und der weise Hakim,« sagte er, »werden mit ihren Begleitern von jenseits der Meere dem Scheikh-al-Dschebal willkommen sein. Er erwartet sie auf der Burg unserer Väter. Die Sonne steht bereits hoch und wir müssen aufbrechen.«
»Und unsere Leute - unser Gepäck?«
»Es möge hier bleiben, bis Du widerkehrst oder Botschaft sendest. Du hast den Schutzbrief des Scheikh - es lebt kein Mann in der Wüste, der es wagen würde, ihn zu brechen. Auch werden zwanzig meiner Krieger zurückbleiben, diesen Ort zu schützen.«
»Aber die Reiter des Negus? ich sah Dich mit ihrem wilden Führer und dem Franzosen verhandeln?«
»Der Leopard springt durch die Wüste ebensogut wie der wilde Hund. Sie jagen Beide, ohne sich zu bekämpfen. Die Deinen sind sicher vor den Reitern des Negus. Eile Dich - meine Zeit ist zu Ende!«
Es folgte eine kurze Besprechung zwischen dem Lord und dem Arzt, Wéra und den beiden Jägern, deren Resultat war, daß - da Widerstand gegen die Weisung des Assassinen ohnehin unmöglich geworden, - man sich ihm ohne Weiteres fügen wolle. Adlerblick sollte zurückbleiben und den Befehl erhalten. Sobald Abu-Bekr mit seinen Beduinen an der Fackel der Wüste erschiene, sollte man versuchen, sich mit diesem in Verbindung zu setzen und in der Wüste zu verweilen, bis Nachricht von den Reisenden angekommen, oder diese selbst zurückgekehrt wären. Selbst Kumur mußte aus Verlangen des Assassinen zurückbleiben, so ungern er sich auch von seinem Herrn trennen
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wollte. Auch Tank-ki sollte unter dem Schutze Adlerblicks bleiben, da sie in ihrem Zustand den Strapatzen des Ritts schwerlich gewachsen war und der Arzt auf ihrem Zurückbleiben bestand.
Lord Frederic hatte sich von der Höhe des Felsens aus überzeugt, daß die abessynischen Reiter sich von dem Plateau gänzlich zurückgezogen und die Wachen der Assassinen dieses besetzt hatten. Nur El Maresch, der französische Offizier und einer der Reiter waren zurückgeblieben; als jedoch der Lord den Dais um die Ursache befrug, erhielt er nur ausweichende Antworten und hielt es daher für das Beste, sich nicht weiter darum zu bekümmern.
Nachdem nochmals Adlerbli[c]k und die Führer aufs Genaueste unterrichtet waren und man aus dem Gepäck einige Gegenstände entnommen hatte, die sich als Geschenk für den Herrn des Gebirges eignen mochten, erklärte sich der Lord zum Aufbruch bereit. Eine kleine Abtheilung der Assassinen unter dem Befehl des Dais schritt voran, die Pferde für die Fürstin, den Lord und den Arzt führend, bis die Erweiterung des Weges durch die Felsklüftung das Besteigen der Rosse wieder möglich machte, während Ralph darauf beharrte, den Weg überhaupt zu Fuß zurückzulegen. Fünf andere Assassinen-Krieger schlossen den kleinen Zug, der sich anfangs wohl zehn Minuten lang zwischen eng zusammentretenden Felswänden forbewegte, bis diese zurückweichend ein lang hin sich streckendes Thal zeigten, an dessen Ende sich neue Felsmauern in die Höhe streckten.
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Hier stiegen Alle zu Pferde und legten ziemlich schnell den Weg bis an die zweite Bergwand zurück.
Als der Lord sich hier zurückwandte, sah er mit neuem Erstaunen den Dedschas mit einem seiner Reiter und dem Franzosen, begleitet von fünf Assassinen ihnen folgen. Er behielt jedoch keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Assassinen, die sie begleitet, traten je zwei zu einem der Reiter, dichte grüne Schleier in den Händen, und der Dais Hassan bedeutete sie, daß sie sich sämtlich hier die Augen verbinden lassen müßten, weil kein Uneingeweihter den Weg zu der Burg des Scheikh erfahren dürfe.
Vergebens hatten sich die beiden Europäer schon nach einem solchen umgesehen, denn die mächtigen Felswände stiegen hier fast senkrecht in die Höhe, ohne daß eine Spur von Pfad zu bemerken war. Nachdem sie sich der angekündigten Procedur unterworfen und ihre Augen so dicht von Schleiern umhüllt worden waren, daß sie nur einen Schimmer des Tageslichtes noch gewahren, unmöglich aber etwas Näheres erkennen konnten, hieß man sie, sich fest an dem Sattelknopf zu halten und die Zügel los zu lassen, ohne die geringste Bewegung zu machen, die Thiere selbständig leiten zu wollen, da diese geführt werden würden; denn der Weg, den sie zu nehmen hätten, sei nicht ohne Gefahr. Wéra bemerkte noch, wie der Jüngling Jesus an die Seite des Pferdes trat, das sie trug, und dessen Zügel nahm. Dann verschwanden alle Personen unter der Hülle, die auch ihre Augen bedeckte und sie vernahm nur, wie seine sanfte melodische Stimme ihr von Zeit zu Zeit in der Lingua-Franca Worte der Ermuthigung
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und Aufmerksamkeit für ihre Sicherheit zusprach, wenn etwa ihr Pferd einmal einen falschen Tritt gethan hatte oder eine besonders gefährliche Stelle ihre ganze Ruhe im Sattel forderte.
Und an solchen Gefahren schien es keineswegs zu fehlen. Schon nach den ersten Minuten, in welchen die Menschen und Pferde einen Weg durch tiefes Dunkel zu nehmen schienen, denn auch der leichteste Schimmer verschwand vor ihren Augen und die Tritte der Thiere und Menschen hallten dumpf wie in einem Gewölbe, ging es steil aufwärts, so daß sie sich weit vor auf den Hals des Pferdes beugen mußte. Der Weg schien sich im Zickzack an einer Felsenwand empor zu winden, denn die Fürstin fühlte, wie sich das Thier oft auf einer Seite nahe an die Felsen drängte, während auf der andern ein leerer Raum blieb, und wenn zufällig von dem Huf des Thiers oder dem Fuß seiner Geleiter ein Stein über den Rand gestoßen wurde, rollte er aufschlagend in eine unerkennbare Tiefe.
Wir wissen, daß die junge Sibirianka einen hohen Muth besaß und zahlreichen Gefahren getrotzt hatte. Aber dieses willenlose Ueberlassensein an Unbekanntes, Drohendes, dieses nervöse Gefühl, daß in jedem Moment sie ein Zufall oder eine boshafte That hinaus schleudern könnte in den leeren Raum, machte ihre Pulse fieberisch beben und spannte ihre Nerven zu einer Ueberreizung, die mehr als ein Mal sie nahe daran brachte, laut hinaus um Beistand zu rufen und mit Gewalt die Binde von ihren Augen zu reißen.
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Dann war es die sanfte und melancholische Stimme des Jesus, dessen Seele förmlich den Paroxismus und die Angst der ihren zu errathen schien, die jedes Mal wieder ihre Nerven beruhigte und ihren Muth und ihre alte Herrschaft über sich selbst wieder herstellte.
Mehr als ein Mal dachte sie, ob ihre Gefährten wohl Aehnliches empfinden möchten, und wie wohl ihrem alten Verehrer dem zaghaften Professor auf diesem Wege zu Muthe gewesen sein mochte, und sie konnte sich nicht enthalten, den jungen Homairi zu befragen, ob ihm auch die Augen verbunden gewesen wären und wie er sich benommen habe. Und als er ihr in der mangelhaften Sprache, deren sich Beide bedienen mußten, erzählte, daß wohl nur das Dunkel der Nacht und die Furcht, von seinem Führer verlassen zu werden, den Gelehrten vermocht gehabt hätten, ihm zu folgen, wie er kläglich gestöhnt und gejammert hatte und oft vor Angst kaum weiter gekonnt, da erschien ihr zuletzt das Bild, das sie sich vor Augen malte, so komisch, daß sie in helles Lachen ausbrach, und ihren vollen Gleichmuth wieder gewann.
Noch ein Mal führte der Weg die Reisenden durch tiefes Dunkel, und als sie dasselbe verlassen, hielten die Führer plötzlich ihre Thiere an, und die volle sonore Stimme des Dais Hassan verkündete ihnen, daß sie nahe ihrem Ziel wären, und es ihnen jetzt gestattet sei, die Binde von ihren Augen zu lösen.
Die Sibirianka neigte das Haupt, und die bei der
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Berührung des schönen Mädchens erbebende Hand des Jünglings Jesus löste den Schleier.
Als Wéra das Haupt erhob, zeigte sich ihr im Licht der Sonne ein seltsamer Anblick, der auch von ihren Reisegefährten mit einem Ruf der Ueberraschung begrüßt wurde.
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In Rom!

Der Carneval von 1861 - Fastnacht und Ostern fielen in diesem Jahre früh, am 12. Februar und 31. März - war in Rom unter ziemlich trüben Verhältnissen und mit weit geringerem Fremdenzudrang als gewöhnlich vorüber gegangen. Die revolutionairen und kriegerischen Bewegungen, die Italien seit dem vergangenem Sommer zerrissen, hatten ihre Schatten störend in das lustige Treiben geworfen, und die politischen Parteiungen im Innern der Stadt selbst thaten das Weitere.
Das Treffen von Castelfidardo hatte den Stuhl Petri der Marken und Legationen vollends beraubt; nur noch das Gebiet von Rom, die Comarka, und die Legation der Campagna und Maritima, die auch bereits durch die Saisirungen der Piemontesen von Süden her bedrängt war, bildeten das weltliche Gebiet, - so weit es eben die französische Besatzung gestattete und vertheidigte. Die revolutionaire Propaganda in Rom, und diese hatte gewaltigen Anhang! verkündete bereits ganz offen die gänzliche Beseitigung aller weltlichen Macht des heiligen Vaters und das Einrücken der Sardinier für den 18. März.
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Um die Reste dieser weltlichen Herrschaft kämpfte in diesem Augenblick die päpstliche Regierung nicht mit den Waffen, sondern mit den Schachzügen der Diplomatie und des kirchlichen Einflusses.


Es ist in den ersten Tagen des März, daß wir den Leser dieser zweiten Abtheilung unseres Buches »Biarritz« in die Straßen der Siebenhügelstadt führen.
Ein eleganter Hôtelwagen rollt aus dem spanischen Viertel her durch die Via nuova nach dem Monte Cavallo und hält vor der Façade des Quirinal, des von Gregor VIII. begonnenen, von Sixtus V., Clemens VIII. und Paul V. vollendeten päpstlichen Palastes.
Auf dem Bedientensitz der Equipage sitzt ein Diener in griechischer Tracht und ein Groom von etwas seltsamem affenartigem Aussehen, noch auffallender durch die neue englische Livrée, in der er sich ziemlich unbehaglich zu fühlen scheint. Der Grieche öffnet herabspringend den Schlag, und der Aussteigende, ein Mann von etwa 30 Jahren, in elegantem audienzmäßigem Anzug mit croix d'honneur und dem Orden der Königin Isabella geschmückt, stieg aus und ging nach der Haupttreppe, nachdem er einen kurzen Blick nach der Loggia Bernini's geworfen hatte, aus welcher der Papst den Segen herab ertheilt, und aus welcher der neue Papst dem Volke verkündet wird.
Seit dem 14. Februar, dem Tage ihrer Ankunft von Gaëta in Terracina residirten im Quirinal der König Franz und die Königin Maria von Neapel.
Der Cavalier wandte sich nach seinem Diener. »Laß auf dem spanischen Platz halten, Mauro und warte auf
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der Treppe, wir fahren später nach dem Circus Caracalla, Seespinne mag auf dem Wagen bleiben.«
Es war dies der Graf Don Juan von Lerida, eine der Hauptfiguren unseres früheren Buches, dem wir hier wieder begegnen.
Der Conde sprang die breiten Stufen der Haupttreppe hinauf bis zu der Stelle, wo die breite Glaswand sie abschließt, und der schweizer Portier in aller Grandezza seiner Uniform mit dem riesengroßen Bambus steht.
»Zur Audienz bei Ihren Majestäten befohlen,« sagte der Graf, die Karte vorzeigend.
»Der Herr wollen sich durch diesche Korridor bemühn. Die Audienschia findet halt in dem Garte-Pavillon statt, wo Seine Heiligkeit de Dame Audienschia zu gebe pflege. Es seind holt scho mehre Herre da,« berichtete der Schweizer in seinem breiten Dialekt, und der Graf schritt vorwärts in der angedeuteten Richtung, seinem Begleiter den leichten Paletot zuwerfend.
Der Hofhalt des seines Landes beraubten jungen königlichen Paars war anfangs ziemlich spärlich eingerichtet und bestand damals außer den alten treuen Dienern, die in Gaëta bei ihm gewesen, hauptsächlich aus dem Personal, das der päpstliche Hofstaat dazu geliefert. Erst nach und nach hatten sich die vornehmen Legitimisten eingefunden, welche bei dem Umschwung der Dinge in Neapel von dort geflüchtet waren und nun herbeieilten, unter'm Schutz der erwarteten Invasion auf ihre Güter und in ihre Würden zurückzukehren, mehr Egoisten und Spekulanten,
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als wirklich treue und opferbereite Anhänger des Königs.
Der Graf, von der Dienerschaft zurechtgewiesen, durchschritt die lange Flucht von Corridoren und Gemächern bis zu den Vorzimmern, welche zu dem Pavillon in dem noch von Urban VIII. angelegten schönen Garten führen.
Diese Vorzimmer waren gefüllt mit Personen aus verschiedenen Ständen: geistlichen Würdenträgern, Offizieren der früheren neapolitanischen Armee, Nobiles und Fremden. Der Thürsteher überreichte die Audienzkarte des Grafen einem der Kammerherrn und dieser kam sogleich zu ihm.
»Ich habe die Ehre, den Herrn Conde von Lerida zu sprechen?«
Der Graf verneigte sich.
»Se. Majestät,« fuhr der Kammerherr fort, »sind eben noch beschäftigt mit Seiner Eminenz dem Herrn Cardinal-Staatssecretair und ich muß Sie daher, wie die anderen Signori bitten, zu verweilen. Vielleicht macht es Ihnen aber Vergnügen, sich unterdeß Seiner Königlichen Hoheit dem Signori Grafen von Caserta vorgestellt zu sehen, welcher mit einigen Herren im Nebenzimmer verweilt.«
»Ich bitte darum.«
Der Kammerherr führte ihn durch die Gruppen der Audienz-Suchenden nach dem Gemach und meldete ihn dort an.
Als Don Juan in das Zimmer trat, fand er den jungen Bruder des Königs in Gesellschaft mehrerer Männer Cigarren rauchend sitzen, deren Gespräch sein
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Eintritt unterbrach. Der Prinz stand sogleich auf und kam ihm entgegen.
»Es ist sehr freundlich von Ihnen mein Herr,« sagte er, »daß Ihr Besuch Seiner Majestät meinem Bruder Ihre Sympathieen zu erkennen giebt, denn diesen erlauben Sie mir wohl Ihre Anwesenheit zuzuschreiben. Ich freue mich, dabei selbst Ihre Bekanntschaft zu machen, da uns Ihr Name bereits öfter rühmlich als der eines treuen Anhängers des Königthums genannt worden ist, den wir gern auch in unseren Reihen gesehen hätten.«
Der Graf verbeugte sich tief. »Euer Königliche Hoheit beurtheilen mich allzuliebenswürdig, doch muß ich mir erlauben, zwei kleine Irrthümer zu berichtigen. Zunächst würde ich jedenfalls um die Gnade gebeten haben, mich nach der Audienz bei Seiner Majestät auch dem jungen Helden von Gaëta vorstellen zu dürfen, und dann bin ich weniger Monarchist, als ein arger Demokrat von meiner englischen Abstammung her und Mitglied aller revolutionairen und Umsturz-Gesellschaften.«
»Oh, oh!« sagte lachend der Prinz - »mit solchen Demokraten und Revolutionairen, die für den Sieg eines Bourbonen den Kopf wagen, wie man wissen will, - können wir's schon aushalten! Sie kommen direkt aus Spanien?«
»Direkt - als Verbannter!«
»Wie - Sie sind aus Spanien verwiesen?«
»Da man aus irgend einem Grunde nicht Lust hatte, mich nach Ceuta zu schicken oder zu garottiren, hat Ihre Majestät, die Königin Isabella die Gnade gehabt, mich
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nach Carthagena escortiren zu lassen, wo glücklicher Weise meine Yacht wartete.«
»Das müssen Sie mir einmal näher erzählen Herr Graf, ich liebe die Abenteuer. Und Sie kommen jetzt direkt von Carthagena?«
»Nicht ganz, Königliche Hoheit. Hätte ich nicht ein Versprechen zu lösen gehabt, um einen alten carlistischen Freund nach Navarra, einen Anbeter Ihrer Majestät der Kaiserin Eugenie nach Marseille und eine Dame von Rang nach Rom zu bringen, - was mir längere Zeit als ich dachte fortnahm, - so würde ich die Ehre gehabt haben, an Eurer Königlichen Hoheit Seite wenigstens noch einige Kugeln mit meinen alten Kameraden aus der Dobrudscha zu wechseln. So kam ich erst zwei Tage nach der Kapitulation nach Molo di Gaëta, hatte das Vergnügen, über die Anmaaßung des Herrn Cialdini zu lachen, sah mir ein Paar Tage das neue Märtyrerthum des Herrn Puerio in Neapel an und bin jetzt hier, um Seiner Majestät meine und meines Schiffes Dienste anzubieten.«
»Caramba - das wäre ja prächtig - da hätten wir ja was wir zu der Expedition nach Calabrien brauchen,« sagte eine rauhe Stimme aus der Gesellschaft.
Der Graf sah sich um der Sprecher, ein Mann in mittleren Jahren, von kräftiger Gestalt und in der Uniform eines neapolitanischen Generals war näher getreten.
»Sachte, sachte General! Sie vergessen, daß wir uns verpflichtet haben, ein Jahr lang nicht gegen den Ré gentiluomo zu dienen!«
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»Hol' ihn der Teufel und diese Capitulation dazu! - Es wird sich ein Ausweg finden.«
»Ich vergaß, Signor Conte,« sagte der Prinz höflich, »diese Herren mit Ihnen bekannt zu machen. Hier Se. Excellenz der Herr General Tristany, der Herr Graf von Saint Brie, einer der tapferen französischen Cavaliere von der Freiwilligen-Compagnie, - Kapitain Chevigné von der Armee Seiner Heiligkeit, der Herr Lieutenant Riccardo - ich kann den deutschen Namen nicht gut aussprechen, und hier Kapitain Grimaldi, der Herr Abbate Calvati, endlich ...«
»Geniren Sich Euer Königliche Hoheit nicht,« sagte lachend eine kräftige Stimme - »ein armer Briganten-Chef, durch die Gnade Seiner Majestät mit dem Titel als Kapitain beehrt; mein Name ist zwar eigentlich Antonelli, aber die Leute nennen mich zum Unterschied von meinem Namensvetter mit dem rothen Hut und den violetten Strümpfen lieber Kapitain Tonelletto
Don Juan verbeugte sich lächelnd ringsum. »Ich freue mich, in so ehrenwerther Gesellschaft zu sein, um so mehr, da sie mir verbürgt, bald Gelegenheit zu finden, mich ihrer würdig zu zeigen!«
Er hatte den ihm vom Prinzen angewiesenen Sitz eingenommen und betrachtete jetzt die Persönlichkeiten mit Interesse.
»Lieber Graf,« sagte der Prinz, - »auch wenn wir Ihnen, einem Fremden, volles Vertrauen entgegen tragen wollen, - dazu ist zunächst nur spärliche Aussicht. General Goyon sieht uns hier stark auf die Finger.«
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»Ich hatte das Unglück, gefangen zu werden und bin auf Ehrenwort entlassen, um hier eine traurige Pflicht zu üben« sagte der Kapitain Chevigné.
»Auch ich bin im Begriff nach Frankreich zurück zu kehren, und hier, um mich bei Ihren Majestäten zu verabschieden,« bemerkte der Graf von Saint Brie. - »Der Krieg ist aus!«
»Aber Messina - Civitella del Tronto? - sie halten sich noch!«
»Wenn Sie Lust haben, noch einige Tage unter dem wackern Dominikaner20 zu schlagen, Signor,« meinte der Bandenführer, »so bin ich bereit, Sie in das kleine Bergnest zu schmuggeln.«
»Der König, Herr Graf,« sagte der Prinz - »hat bereits dem tapferen Kommandanten die Erlaubniß gegeben, auf die Bedingungen von Gaëta hin zu capituliren. Der Ehre ist genug geschehen - er will kein längeres Blutvergießen.«
Es herrschte einige Augenblicke eine tiefe Stille zwischen den Männern, nur unterbrochen durch das Gesumme der Stimmen aus dem Nebenzimmer. Der Prinz nagte heftig mit den Zähnen an der Unterlippe - er hatte die Capitulation von Gaëta, so nothwendig sie auch geworden war, stets bekämpft.
»Aber sollten denn nicht die europäischen Mächte, die der Sache Seiner Majestät stets Sympathieen gezeigt haben, - Rußland, Spanien, Oesterreich, Preußen, - selbst Frankreich -«
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»Frankreich ...?« Der junge Prinz lächelte bitter. »Der Herr Herzog von Grammont ist gestern bei meinem Bruder gewesen, und wie mir die Königin anvertraute, soll er in sehr, sehr feinen Wendungen gefragt haben, wie lange wir unseren Aufenthalt in Rom zu nehmen gedächten? und für den Fall der Abreise nach Baiern oder Oesterreich die Vermittelung seines Souverains angeboten haben, unser Privatvermögen vor jeder Beschlagnahme zu sichern. - Nein Signor Conte, - Sie haben ja wahrscheinlich die Depesche gelesen, welche der König mein Bruder nach dem Fall Gaëta's an die Vertreter der europäischen Höfe erlassen hat?«
»Eurer Königlichen Hoheit muß ich bemerken, daß ich über die Details der Abreise Ihrer Majestäten gänzlich im Unklaren bin.«
»O es waren eben so erhebende, als schmerzliche Augenblicke, die man sich nicht oft genug in's Gedächtniß zurückrufen kann. - Hier haben Sie die Depesche,« er nahm ein Papier vom Tisch und reichte es dem Anglo-Spanier. - »Lesen Sie und Graf St. Brie wird die Güte haben, Ihnen zu sagen, wie wir schieden, da ich selbst zu betheiligt daran bin.«
Der Graf las die Sätze jenes Dokuments, das der Geschichte angehört:
»... Unter die politischen Gründe müssen die systematische Feindseligkeit Englands, der von dem Kaiser der Franzosen laut ausgesprochene Entschluß, den Grundsatz der Nichtintervention aufrecht zu erhalten, endlich die Unthätigkeit der übrigen Mächte gezählt werden, Gründe, welche keine Hoffnung auf schnelle Hilfe zuließen ...
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Unter diesen Umständen, als die Vertheidigung nur noch um einige Tage und um den Preis der größten Opfer hätte verlängert werden können, glaubte der König weit mehr als Souverain und als Vater, anstatt als General handeln zu müssen, um die letzten Schrecken der Belagerung seinen Truppen zu ersparen, welche bereit waren, ihren letzten Blutstropfen für die Erfüllung ihrer Pflicht als Unterthanen und Soldaten zu opfern ...«
Don Juan legte das Blatt nieder und sah erwartend auf den französischen Offizier.
»Ventre saint gris! was ist da viel zu erzählen!« sagte dieser. »Sie werden gehört haben, daß die, offenbar durch Verrath herbeigeführten Explosionen am 4. und 5. Februar bereits Breschen gelegt, welche die weitere Vertheidigung unmöglich machten, obschon Herr Cialdini sie doch nicht zu benutzen wagte, und lasen eben, - warum der König die Kapitulations-Berhandlungen befohlen, während wir Fremden alle auf einen allgemeinen Ausfall drangen, um uns durchzuschlagen oder zu sterben.
Während der dreitägigen Verhandlungen weigerte sich dieser Mörder Cialdini, die Feindseligkeiten einzustellen und fuhr fort, den Platz mit Bomben und Granaten zu bedecken. Alle Bedingungen waren schon festgesetzt,21 es fehlte Nichts weiter, um die Kapitulation zu erfüllen, als die Abschrift des langen Dokuments und die Formalitäten der Unterschrift, und die piemontesischen Batterien verbreiteten dennoch den Tod in Gaëta, und die vom Verräther Guanarelli vorbereitete Explosion des Pulvermagazins
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der Transylvania mußte erst noch Offiziere und Soldaten unter seinen Trümmern begraben.
Man sagt - ich weiß es nicht, denn ich bin ein einfacher Soldat, kein Diplomat« - der Redner warf bei dieser Erwähnung einen fragenden Blick auf den Abbé, der jedoch ruhig die Augen am Boden hielt, - »daß wenn sich die Festung nur noch vierzehn Tage hätte halten können, die Aufhebung der Belagerung in Folge anderweiter Intervention hätte erfolgen müssen. - Genug, die Capitulation war am 13. unterzeichnet und am 14. sollte der Trümmerhaufe, den man die Festung Gaëta nennt, an den Schlächter Cialdini übergeben werden, der - merken Sie das wohl, mein Herr Spanier! Jeden, der ferner noch für König Franz ficht, nicht als Soldaten, sondern als Räuber betrachten will.
Graf Casella, unser Kriegsminister, hatte bereits am Tage vorher an den französischen Consul nach Neapel um ein Schiff telegraphirt, und früh Morgens am 14. lief der Aviso-Dampfer ›La-Mouette‹ in den Hafen ein.
Die Anstalten waren rasch getroffen. Um 8 Uhr früh war die piemontesische Avantgarde in die Festung eingerückt und hatte laut der Verabredung des neuen Gouverneurs Generallieutenant Milon mit General Riducci Besitz von den Batterieen der Landseite und vom Orlando-Berge genommen. Unsere Truppen hatten sich während der Nacht bereits auf die Seeseite zurückgezogen und bildeten von der Kasematte des Königs bis zum Steinthor hinab Spalier, wozu jedes Corps der Besatzung eine Compagnie gestellt hatte.
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Es mochte zehn Uhr sein, als das Balkenthor der Kasematte sich öffnete und das königliche Paar zum letzten schweren Gange heraus trat.
Ich sehe sie noch vor mir! Der König trug die einfache Offizier-Uniform, in der er sich fast immer bewegte, die Königin war schwarz gekleidet, auf dem kleinen weißen Hut wehte die grüne Feder, die uns so oft aus dem Pulverdampf der Batterieen geleuchtet. Die Musik spielte die bourbonische Hymne mit ihren melancholischen Tönen - ich werde den Augenblick nie vergessen, und wenn ich Methusalems Alter erreichte! Wie die Meereswogen gegen die Klippen schwoll das tausend- und abertausendstimmige Viva il Re! viva la Regina! Es lebe der König! Es lebe die Königin! aus der Menge des Volkes und der Soldaten, als sie langsam vorwärts schritten zum Strande. Dann war kein Haltens mehr! Ich sah selbst, wie die Thränen über die fahlen und benarbten Wangen der Soldaten rollten, die hagere Faust erzitterte, als sie mit ihren von Kugeln und Strapatzen zerrissenen Uniformen mit gesenktem Haupt zum letzten Mal vor ihrem König präsentirten, und dann brachen die Linien, und Alles drängte vor, die Hände, die Kleider des königlichen Paares zu küssen, - über das bleiche Gesicht des Königs flog ein Strahl von Stolz bei diesem Abschied der Tapfern, in seinem Auge lag wie Dank der tröstende Ruf: A rivederci!«
»Und solche Treue, solche Hingebung,« rief der Prinz heftig, »glaubt Herr Cialdini mit den Paragraphen seiner Convention auslöschen und zur Verrätherei stempeln zu können, wenn sie festhält an Dem, dem sie geschworen!«
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»Als die Königin an den Offizieren vorbeischritt,« fuhr der Franzose fort, »hatte sie nur die Kraft, die Hand zu erheben und zu flüstern: ›Vergesset uns nicht!‹ sie weinte heftg. Der König nahm sie in die Arme und flüsterte ihr Worte des Trostes zu, als er sie auf dem Deck des Dampfers am Steuerbord niederließ und neben ihr stehen blieb. Ihre Königlichen Hoheiten der Graf von Trani und Graf Caserta standen am Mast gelehnt - Aller Augen waren zurück gewendet nach der getreuen unglücklichen Stadt, während über den Majestäten das königliche Banner der Bourbonen vom Hauptmast wehte und von der Bastion Citadella die Flagge Neapels sich unter dem Salut der Hafenbatterieen drei Mal neigte zum letzten Ehrengruß.«
»Und das Gefolge des Königs?« frug der Spanier.
»Es bestand aus ungefähr hundert Personen. Gesandte, Minister, unsere Generäle und Offiziere, die Diener des königlichen Hauses und etwa ein halbes Dutzend französischer Offiziere, darunter auch ich, die man für Adjutanten des Königs angesehen, und die Seine Majestät durch diese Anordnung den schweren Drohungen Cialdini's für die Nacht von San Agatha entgehen wollte. Admiral Persano kam mit seiner Flotte aus dem Hafen von Mola heran, um sich das ungefährliche Schauspiel dieser Einschiffung zu verschaffen - aber die ›Mouette‹ nahm keine Notiz von seiner Begrüßung. Erst als die ›Mouette‹ ihr Bugspriet wendete unter dem Wehen der Tücher, dem donnernden Hurrah der Menge und hinter den Felsen der Trinita in den blauen Wogen des tyrrhenischen Meers
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verschwand, sank die weiße Flagge der Bourbonen und die Farben des neuen Frankreichs stiegen an der Gaffel des Dampfers empor.
Adieu Gaëta!«
Der Prinz hatte mit zusammengezogenen Brauen dem Schluß der Erzählung zugehört. »Ich danke Ihnen Herr Graf,« sagte er - »was Sie da gesprochen, wird mit Flammenzügen in unser Aller Herzen eingegraben bleiben. Sie kehren zurück in Ihr Vaterland, - vielleicht kommt auch dort einmal die Zeit, wo die Fahne der legitimen Könige sich wieder erhebt; dann werden gewiß noch die Meisten von Denen, die sich unter den bourbonischen Lilien auf den Wällen Gaëta's schaarten, und die jetzt bereit sind, den Kampf gegen den Usurpator in den Schluchten der Abruzzen fortzusetzen - auch jenseits der Alpen gegen einen anderen Usurpator stehen. Nicht die Waffen der Piemontesen sind es, die Neapel besiegten und Rom stürzen werden - die selbstsüchtige Politik England war es, und die Perfidie des Mannes, der den Thron Frankreichs einnimmt. Beides wird schwer in der Zukunft sich rächen!«
»Das wird es!« sprach eine tiefe Stimme. - Es war das erste Mal, daß der Mann gesprochen, den der Prinz von Caserta als den Kapitain Grimaldi bezeichnet, und den gegen das Licht des großen Fensters gekehrt der Spanier nur undeutlich hatte sehen können. Es war ein Mann von hohem imponirendem Wuchs, breiter Brust, breiten Schultern, und schmalen Hüften. Das Gesicht war tief gebräunt wie von der Sonne eines heißeren Himmelsstrichs, seine Züge von klassisch edlen Formen
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und doch kühnem und entschlossenem Ausdruck, aber es lag ein tiefer Ernst, ja eine finstere Schwermuth auf ihnen. Der Fremde, dessen feste militairische Haltung trotz der bürgerlichen Kleidung nicht zu verkennen war, konnte seinem Aussehen nach höchstens im Anfang der Vierziger stehen, und doch war sein Haupthaar bereits leicht ergraut, und nur der nach albanesischer oder orientalischer Sitte um die Mundwinkel tief herniederhängende Schnurbart dunkel und wohlgepflegt.
Er trug keinerlei Dekoration, doch zeigte sein ganzes Aeußere, daß er ein Mann von Auszeichnung sein mußte, der unter verschiedenen Umständen und in verschiedenen Lagen gewiß eine hervorragende Rolle gespielt hatte.
»England,« sagte der Fremde - »wird nie aufhören, das Recht der Völker und der Einzelnen zu verhöhnen und Treu und Glauben mit Füßen zu treten, wenn es seiner Herrschsucht und seinen Krämer-Interessen paßt. Was sind ihm Bündnisse und Verträge, geschworene Eide, wenn es gilt, einen Vortheil zu erringen. Aber der Rächer schläft nicht, und von Osten her wird er auferstehen und im Osten das stolze Albion an seinem innersten Nerv fassen, wie schon einmal geschehen ist, bis es am Boden liegt. Glauben Sie mir Hoheit, die sicilianische Schwefel-Spekulation Englands wird ihm über kurz oder lang am Ganges vergolten werden.«
Der Spanier hatte mit Erstaunen auf den Mann gesehen, der gesprochen, und der jetzt im vollen Licht stand - er wollte eben einen Schritt auf ihn zu thun, als der Prinz ihn unterbrach.
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»Nicht die Perfidie Englands allein ist es, ich wiederhole dies, ebenso die Doppelzüngigkeit des Napoleoniden. Die Freundschaft Frankreichs ist ein gefährliches Ding und wird schwer bezahlt! Wir büßen sie mit dem Thron des schönsten Landes der Welt; Gott allein hat gewollt, daß wir sie nicht auch mit dem Leben zahlten. - Ich fürchte, Señor Conde, auch Ihr Spanien, die Königin Isabella, wird sie theuer bezahlen. Wir gehen mit Ehren in die Verbannung; aber meine Herren, der Kaiser Napoleon möge sich hüten, - es kann leicht kommen, daß sein Spiel mit fremden Kronen einen Märtyrer macht, dessen Blut ihn dort oben anklagt und die göttliche Nachsicht erschöpft, so daß der Fluch ihn selbst zerschmettert, ihn und sein Geschlecht!«
»Amen! - so sei es!« sagte die klare scharfe Stimme.
Der Prinz wandte sich nach einer Pause zu Lerida. »Warum betrachten Sie Herrn Grimaldi so aufmerksam, ja erstaunt?«
»Wenn mich nicht die Kleidung dieses Herrn und sonst einige Umstände irre machten, würde ich sagen, ich hätte bereits die Ehre, ihn zu kennen.«
»Da - wie ich gehört habe - Sie Beide ein reiches Leben bereits hinter sich haben, in das wir ja meist erst eintreten, wäre es wohl möglich, daß Sie einander schon getroffen hätten. Wenn Sie sich nicht erinnern, wird vielleicht das Gedächtniß des Herrn Kapitains aushelfen.«
Der Bezeichnete lächelte eigenthümlich schwermüthtg. »Ich habe die Ehre gehabt, den Herrn Grafen gleich beim
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Eintritt in das Zimmer Eurer Königlichen Hoheit wieder zu erkennen, obschon unsere Begegnung in Indien nur flüchtig war!«
»Bei dem Schatten meines Oheims - General Maldigri, der tapfere Wessir und Führer der Gortschura der Rani von Ihansi!« rief der Conte.22
Der Ionier schüttelte seine Hand. »Es freut mich, Sie hier wieder zu sehen, denn ich hörte einige tapfere und wackere Handlungen später von Ihnen. Doch jene Titel und Namen sind dahin mit Jenen, die sie gegeben - ich bin nur der einfache Kapitain Grimaldi, als welcher ich vor fast zehn Jahren nach dem fernen Osten ging, die Feinde meines Vaterlandes am Ganges zu bekämpfen.«
»So ist die edle Rani auch ein Opfer jenes furchtbaren Krieges geworden?«
»Sie hat es vorgezogen, ehe sie sich in die Hände ihrer Todfeinde gab, den Flammentod, dem wir sie einst entrissen, unter den Trümmern ihres brechenden Palastes zu suchen. Zwei dunkle Schatten aus jenem Lande der Sonne haben meinen einsamen Weg zur Heimath begleitet.«
Der Ionier trat zurück und nahm seinen früheren Platz wieder ein; der Spanier wandte sich an den jüngeren Franzosen. »Kennen Sie vielleicht aus Paris einen Offizier Boulbon?«
»Boulbon? daß ich nicht wüßte! Der Name Boulbon ist allerdings bekannt - aber sein Träger längst todt und vergessen.«
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»Ich vergaß - er führt noch einen anderen Namen: Kapitain Louis Clement, genannt Boulbon, so stellte man ihn mir bei dem Herrn Herzog von Grammont vor einer Stunde vor.«
»Clement? - Louis Clement? o ja - ich erinnere mich eines jungen Mannes dieses Namens, der in Paris, von der Frau Marschallin Saint Arnaud protegirt, in vielen Gesellschaften verkehrte und wenn ich nicht irre, im Stabe des General Montauban mit nach China ging.«
»Dann ist es derselbe. Der Herzog von Grammont behandelte ihn mit vieler Aufmerksamkeit und nannte ihn wiederholt Herr Graf.«
»So müßte er ein natürlicher Sohn des bekannten Abenteurers sein, der zur Zeit der Präsidentschaft nach Mexiko ging oder geschickt wurde und dort zu Grunde gegangen sein soll. Aber wie kommt der Lieutenant Clement oder Boulbon hierher?«
»Er ist auf dem Weg nach Paris, von General Montauban mit den bei Palikao erbeuteten Fahnen und anderen Dingen geschickt, sie dem Kaiser zu überbringen. Da augenblicklich kein französischer Dampfer in Alessandria lag, hat er das größere Gepäck dort zurück gelassen, ist mit dem Lloyd nach Brindisi gegangen und macht zu Lande den Weg. Sie können da, wenn Sie wirklich, wie ich vorhin hörte, nach Frankreich zurück wollen, statt mit uns noch einige Abenteuer in den Abruzzen zu versuchen, mit ihm zusammen reisen.«
»Das würde mir viel Vergnügen machen. Leider muß ich in der That Italien verlassen. - Seine Majestät der
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König Franz wollten uns Franzosen, die wir das Glück hatten, bei der Kapitulation auf der Mouette der Kriegsgefangenschaft mit zu entwischen, wie ich Ihnen vorhin erzählte, nicht gestatten, uns als außer dieser Capitulation stehend zu betrachten, und ich bin der Letzte von meinen Kameraden, welcher sich zurückzieht.«
»Die Reise-Gesellschaft wird Herrn Boulbon-Clement gewiß sehr angenehm sein, um so mehr, als er unterwegs - ich glaube an den Küsten des rothen Meeres, einen seiner Begleiter, einen Offizier Herrn de Thérouvigne verloren hat.«
»Henri? Der lustige Henri von den Husaren? - Ich hörte, daß er mit nach China kommandirt war. O das ist schade! Wie ging es zu - das muß ich mir erzählen lassen!«
»Ich weiß es selbst nicht - ich sprach Kapitain Boulbon nur einige Augenblicke. Aber gestatten Sie mir, meine Herren da einen Vorschlag zu machen, mit Erlaubniß Seiner Königlichen Hoheit.«
»Sprechen Sie Graf! Ich sehe dort den Herrn Marchese, der Sie einführte, von dem Pavillon meines Bruders kommen, und wir werden daher nur wenig Zeit haben.«
»Eben deshalb, Königliche Hoheit! - Wir haben uns durch Ihre gütige Erlaubniß hier so eigenthümlich zusammen gefunden, daß es schade wäre, uns sogleich nach den Audienzen ohne nähere Bekanntschaft wieder in alle Richtungen zu zerstreuen. Darf ich - obschon der Letzte der Erschienenen, die Herren einladen, den Abend zusammen als meine Gäste zu verbringen?«
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»Per baccho, Conte, das ist ein trefflicher Gedanke, den ich selbst hätte haben können. Ich gebe meine Einwilligung, aber nur unter der Bedingung, daß ich auch dabei sein darf.«
»Eure Königliche Hoheit würden uns damit eine große Ehre erweisen.«
»Ach was - das Vergnügen ist auf meiner Seite. Abbé, Sie kommen doch auch?«
»Ich entziehe mich nie einer liebenswürdigen und interessanten Gesellschaft, wenn mich nicht höhere Pflichten abhalten.«
»Und Sie bringen Ihre neue Bekanntschaft, den kleinen Kapitain Boulbon mit?«
»Ich hoffe es, Königliche Hoheit!«
»Es dürfte mir kaum möglich sein,« wandte der Ionier ein.
»Unsinn, Kapitain - Sie dürfen sich dem nicht entschlagen. Ich verspreche Ihnen, wir unterhalten uns da weiter wegen des russischen Gesandten, und ich werde bis dahin die Meinung Seiner Eminenz erfahren haben - wann und wo treffen wir uns?«
Der Graf von Lerida wollte die Gesellschaft in sein Hôtel einladen, aber das paßte den Meisten, bereits besser mit den römischen Sitten bekannten, nicht. Schließlich einigte man sich auf den naiven Vorschlag des Brigantenhäuptlings, der den Herren etwas ganz Besonderes und Originelles zu zeigen versprach, über eine Trattoria in der Nähe des Corso's und man bestimmte die Zeit um 7 Uhr, zu welcher man sich dort zusammen finden wollte.
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Der Kammerherr vom Dienst öffnete die Thür. »Meine Herren, Se. Majestät haben so eben die Eminenz entlassen, die Herren Kapitain Grimaldi und Chevigné haben die ersten Nummern der Audienz.«
»Ich werde Sie begleiten, meine Herren,« sagte der Prinz. »Also es bleibt bei unserer Verabredung!«
Die Anwesenden verbeugten sich, die Aufgerufenen folgten dem Kammerherrn und dem Prinzen.
Der Spanier hatte sich dem Abbé genähert. »Können Sie mir sagen, Signor Abbate, ob Se. Eminenz - wenn mir recht ist, habe ich doch darunter Se. Eminenz den Kardinal-Staatssekretair Antonelli zu verstehen, - seine Wohnung im Quirinal hat?«
»Seine Eminenz haben zwar ihren besonderen Palazzo in der Stadt,« antwortete der Angeredete mit der größten Bereitwilligkeit, »aber eine Dienstwohnung und die Bureaux im Quirinal, wo Se. Eminenz sich während des ganzen Tages aufhält und auch die Audienzen giebt.«
»Ich verstehe! aber es ist mir nicht um eine öffentliche Audienz zu thun, ich habe dem Herrn Cardinal eine private Mittheilung zu machen.«
Der Abbé sah ihn forschend an. »Darf ich ohne zudringlich zu erscheinen, fragen, ob sie von Wichtigkeit ist?«
»Ich habe Ursach, zu glauben, daß Seine Eminenz sie dafür halten werden.«
»Dann, mein Herr, werde ich die Ehre haben, Sie nach der Audienz bei Seiner Majestät zu erwarten.«
»Ich danke Ihnen, Signor Abbate, und da Sie so gefällig und - ich will meine Meinung offen sagen, -
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hier so einflußreich zu sein scheinen, frage ich Sie direkt: Kann ich dem König hier nützlich sein, und wie und wo?«
Der Abbate sah den Spanier mit vorsichtigem klugem Blick an. »Es würde thöricht sein, Ihnen nicht zu sagen, Señor Conde,« sprach er auf Spanisch, »daß wir bereits hier von Ihnen gehört haben. Es ist mir deshalb auch nicht eingefallen, in die Heiterkeit Seiner Königlichen Hoheit, des Herrn Grafen von Caserta einzustimmen, als Sie vorhin sich einen Demokraten und Freimaurer nannten. - In den geheimen Archiven des Vaticans giebt es ein Fascikel, das Seine verstorbene Herrlichkeit, den Herrn Viscount von Heresford betrifft.«
Lerida sah den klugen Priester lächelnd an. »Ich sehe, meine Physiognomik hat mich nicht getäuscht, und ich habe den rechten Mann gefunden. Offen gestanden, Signor Abbate, ich hoffe dem erwähnten Fascikel noch einige nicht uninteressante Blätter hinzuzufügen; - denn ich habe viel von der Natur meines Oheims, nur pflege ich gewöhnlich Handschuhe anzuziehen, wenn ich mit dem sogenannten Volk, das heißt mit dem männlichen Theil desselben, mich einlasse, aber ich brauche einen Mann von Welt, wie Sie, nicht zu versichern, daß auf der anderen Seits[Seite] Nichts über eine hübsche feste Plebejerin geht! Auch habe ich keine Ursache, wie mein Oheim that, mich nicht mit der Kirche gut zu stehen; umgekehrt, mein Vater war immer ein guter Katholik und das ketzerische Blut meiner Mutter zeigt sich nur in anderen Auswüchsen. - Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«
»Das ist nicht so leicht, wie Sie denken, Señor Don
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Juan. Was die Brigantaggia betrifft, so haben wir allerdings einige ganz tüchtige Corps, die schon während der Belagerung sich wacker geschlagen und den Piemontesen Abbruch gethan haben.«
»Bitte, informiren Sie mich - wenn wir noch Zeit haben!«
»Ich glaube wohl - eben hat man Herrn Tristany und den französischen Conte zur Audienz abgerufen, - und wir brauchen uns vor diesem würdigen Mann und wie ich glaube, auch nicht vor dem Herrn Offizier« - er wies auf den Briganten und den Deutschen, - »in der Behandlung des Gegenstandes nicht zu geniren. Es ist gut, wenn der Letztere ohnehin darüber informirt wird,« fuhr er, die Sprache wechselnd fort, »denn der Signor wird manche unangenehme Erfahrung in Betreff der Camarilla machen, die dem unglücklichen Fürstenpaar selbst hierher gefolgt ist, und jedes energische und einmüthige Handeln verhindert.«
Der Graf wiegte sinnend das Haupt. »Welchen Zauber muß die Treue da haben, wenn sie selbst solche Zustände überwindet und sich opfert, ohne die Aussicht auf Erfolg.«
Der Abbé schwieg, was auch sollte der Priester, der nur das Eine kannte: die Zwecke seiner Kirche, sagen auf diesen Ausbruch eines anderen Gefühls.
»Also, Signor Abbate! ich bitte um Ihre Information.«
»Da ist zunächst die Truppe hier unseres Freundes Tonelletto und des Capitain Chevigné. Sie bestand
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anfangs aus Soldaten der päpstlichen Armee, die sich nach dem Unglückstag von Castelfidardo in die Berge geworfen hatten und den Krieg auf eigene Hand fortsetzten, - aber ich denke, sie wird sich jetzt auflösen, da Kapitain Chevigné in Folge seiner Gefangennahme sich gebunden glaubt, unthätig zu bleiben, und Tonelletto sich mehr zwischen Rom und den Bergen bewegt, als für die Leitung einer eigenen Truppe gut ist. Wohin geht Ihr zunächst Capitano?«
»Nach Civitella del Tronto - der Prinz will, daß ich den Brief überbringe und mit dem Pater Dominikaner selbst rede.«
»Sie hören es - es ist also Nichts für Sie, Signor Conte. - Oberst de Luvara hat in der Abruzzo ulteriore gegen 800 Mann, meist alte Soldaten, und bei ihm ist ein tapferer Deutscher der Major Graf Kalkreuth, aber es ist in diesem Augenblick schwer, zu ihm zu gelangen. - In der Provinz Terra di Lavoro kommandirt Major Graf Christen, der von Gaëta aus nach dem Ueberfall von St. Agatha dahin kommandirt wurde. Unter ihm dient der Capitano Luigi Alonzo Chiavone, ein tüchtiger Gebirgsmann.«
»Ein Lump ist er!« brummte der Brigant - »ein eitler Narr und Feigling - per Baccho! Euer Ehrwürden werden wenig Freude daran erleben!«
Der Abbate lachte. »Sie müssen wissen, Signor Conte, es herrscht eine alte Feindschaft zwischen den Beiden. Die Truppe hat Tüchtiges geleistet, denn sie vertheidigte unter Anderm unsern Bergstecken Bauco siegreich gegen
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eine volle piemontesische Brigade, die von Nora her über unsere Grenze gedrungen war. Wie die Sachen jetzt stehen, beabsichtigt der König mit dem Befehl zur Uebergabe der Citadelle von Messina und der Civitella del Tronto Oberst Luvara und Graf Christen abzurufen und es wird dann allerdings die Brigantaggia einen andern Charakter annehmen - das ist, worauf ich die Herren aufmerksam zu machen für Pflicht halte.«
»Soll das heißen, daß der Krieg nicht mehr im Namen Seiner Majestät des Königs Franz weiter geführt werden wird?« fragte der deutsche Offizier.
»O - gewiß! Seine Majestät haben das volle Recht, ihre Offiziere zu ernennen, - aber ...«
»Bitte die Wahrheit Signor Abbate!«
»Diese Offiziere führen den Krieg wohl im Namen des Königs, aber doch auf eigene Hand! - Es hat sich bis jetzt eine einheitliche Leitung nicht erzielen lassen - General Tristany ist allerdings in diesem Augenblick hier, um mit dem Oberbefehl der Streitmacht Seiner Majestät in dem Königreich Neapel betraut zu werden, aber ich fürchte - er wird viele Schwierigkeiten finden, diesen Oberbefehl aufrecht zu erhalten.«
»Aber warum stellt sich Seine Majestät nicht selbst an die Spitze des Widerstandes in den Abruzzen? Warum sendet er nicht den Grafen von Caserta?«
Der Abbé zuckte die Achseln. »Seine Majestät haben zu traurige Erfahrungen gemacht mit dem Abfall Derer, auf deren Treue er Felsen gebaut hätte. Die Königin wollte es thun und dieser wackere Mann eben ist hier, einen
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letzten Versuch zu machen - aber ich fürchte Seine Eminenz der Herr Kardinal Staatssekretair haben eben dem König die Entscheidung des heiligen Vaters überbracht, daß die königliche Familie dann das Asyl in Rom aufgeben müsse.«
»Und warum?«
»Wir sind selbst in einer sehr prekären Lage, von der Habgier des Königs Victor Emanuel und seiner Minister bedroht, die auf jeden Vorwand lauern, sich der letzten Reste des päpstlichen Gebietes zu bemeistern. Ein solcher Vorwand würde aber die offene Unterstützung des Kampfes sein, - und doch kann dieser eben nur von hier aus geleitet werden. Für das, was im Geheimen geschieht, hat die Polizei der Regierung Seiner Heiligkeit keine Verantwortlichkeit - außerdem ist dafür die französische Schutzmacht da, diese mag es verhindern, so gut sie kann. Wir müssen uns den Rücken decken.«
Der Spanier lachte. »Signor Abbate - die Politik der heiligen Kirche bleibt immer die alte, - das heißt, die der Hinterthüren! - Der König Franz von Neapel ist nur ein neues Beispiel zu der Geschichte in Spanien, wo man es weder mit der Königin Isabella, noch mit dem Infanten Don Carlos verderben wollte. Hüten Sie sich, daß die römische Doppelzüngigkeit nicht einmal zu ihrem eigenem Verderben ausschlägt.«
Der Abbate richtete sich stolz empor - es lag etwas in dem Blitz seines Auges, das an die Macht des Bannstrahls im Mittelalter erinnerte. »Die heilige Kirche,« sagte er mit tiefer Stimme, »ist unfehlbar und thut immer
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das Rechte. Sie kann der blinden Auslegung der Laien trotzen. - Aber,« fuhr er fort, und Stimme und Haltung sanken wieder zu der milden einschmeichelnden Süße herab, »Eure Herrlichkeit Señor Don Juan Lerida machen da der armen Kirche einen Vorwurf, der auch den Kämpfer der Legitimität, welcher zugleich Freimaurer und Revolutionair par excellence ist, doch nicht minder treffen würde.«
»Brava Signor Abbate, ich habe es gern, meine Klinge mit einem scharfen Gegenstoß zu kreuzen. Zum Dank müssen Sie mich heute Abend in die gegenwärtige kleine Chronicque der heiligen Stadt einweihen, - ich meine nicht über die parente irgend eines der Herrn Kardinäle - warum sollte ein so ehrwürdiges rothtalartes Kirchenlicht nicht auch Verwandtinnen haben, wie jeder andere vom Weib geborne Mensch; - aber die Anwesenheit der rothbehosten Herren von der Seine geht doch sicher nicht so spurlos vorüber, daß nicht einige kleine Anekdötchen von Marchesa R. oder der Principessa H. verlauten sollten! Ich habe in den hinterlassenen Papieren meines Oheims einige recht pikante Histörchen gefunden, und da die Nonnenklöster in Rom noch nicht aufgehoben sind ...«
»Apage! apage!« rief der Abbate mit komischer Salbung. - »Sie reden schrecklich ketzerisch, Signor Conte, und ich müßte Sie eigentlich dem heiligen Gericht denunciren. Aber da kommt glücklicher Weise Seine Excellenza der Herr Kammerherr Ihrer Majestäten, Sie zur Audienz
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abzuholen, und ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn Sie bei so frevelhafter Gesinnung nicht reüssiren.«
»Aber trotz dieser Bußpredigt werden Sie mich erwarten?«
»Ich werde unterdeß die Erlaubniß nachsuchen!«
In der That wurden der Graf und der deutsche Offizier in diesem Augenblick zu der Audienz entboten.
Die beiden Herren hatten kaum das Zimmer verlassen, als die ganze glatte, joviale Haltung des Geistlichen sich änderte. Ein stolzer fast drohender Blick folgte den Beiden. »Streiter der heiligen Kirche wollen sie sein, Kämpfer des legitimen Thrones und Rechts, und sind doch nur Knechte ihrer Lüste und Leidenschaften - die ihr eigenes Ich verfolgen, ihre Wünsche und Zwecke. Nur in der Unterordnung, nur im absoluten Gehorsam liegt das Verdienst und liegt die Macht. - Dieser Mensch, der prahlt mit seinen Lastern und seinen Sünden, dem das Ich sein Gott und des Lebens Wollüste sein Glaube, - er ist freilich der Schlimmsten und Gefährlichsten noch nicht Einer, - aber auch er in seinem Hochmuth, der spottend nieder sieht auf den Priester, der ihm nur zum Spiel und Mittel dient - er soll dem Demüthigsten und Niedrigsten zum Werkzeug werden für das große Werk der Verherrlichung und Allmacht der Kirche! Und wenn er es wagt, ihr zu widerstreben, sich loszureißen von dem Bande, das sie hält über Alle, - an dem sie frei zu fliegen denken über Länder und Meere, weil sie es nicht fühlen, weil es nicht sichtbar ist ihren blöden Augen! - wenn er es wagt, es zu zerreißen - dann soll er fallen
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in seinen Lüsten und seinem Hochmuth, wie sie Alle verderben mögen, die rütteln wollen an dem gewaltigen Bau der Kirche des Herrn!«
Die Worte waren gemurmelt, während er am Fenster stand und dem Manne nachschaute, dem sie galten. Dann wandte er sich zu dem Briganten, der gleichgültig am andern Ende des Zimmers lehnte und den Wölkchen seiner Cigarre nachsah.
»Komm hierher Tonelletto,« sagte er - »ich weiß, Du bist ein treuer Sohn der Kirche und hast ihr schon wichtige Dienste geleistet.«
»Eh! - warum sollte ich nicht? hab' ich doch einen Cardinal zum Vetter - und ich bin sicher, er hätte mich längst garottiren lassen trotz der Verwandtschaft, wenn ich nicht ein guter Soldat der Kirche geworden wäre.«
»Wir wissen es - und die Regierung Seiner Heiligkeit ist deshalb für manche andere kleine Sünden nachsichtig gewesen. Se. Eminenz will Dir sogar sehr wohl, wenn er auch nicht gern persönlich mit Dir zu verkehren liebt. Wie Du mir vertrautest, hast Du bereits in Gaëta versucht, den König und die Königin zu bewegen, sich an die Spitze der Freiwilligen in den Gebirgen zu stellen?«
»Ich that es - und ich sage Ihnen, Signor Abbate, es ist noch meine Meinung, daß es das Vortheilhafteste gewesen wäre. Wir hätten die Civitella zum Stützpunkt gehabt, die jetzt so nichtswürdiger Weise den Piemontesen übergeben werden soll, und alle die wilden Burschen, die Sie heute sehen werden, hätten sich beeilt,
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dem König Franz zu gehorchen, statt daß sie jetzt - die heilige Jungfrau weiß, was thun werden.«
»Die ich heute sehn werde? Was soll das heißen?«
»Sie erinnern sich, Signor Abbate, daß die Excellenza's verabredet haben, sich in dem Café Constanza in der Via Condotti ein Rendez-vous zu geben.«
»Leider hat Seine Königliche Hoheit das Erscheinen selbst zugesagt. Man wird für ein besonderes Zimmer sorgen müssen.«
»Per Baccho - ich weiß Besseres. Wenn die Signori die Constanza bloß als Versammlungsort betrachten und mir erlauben wollen, sie in einer Bettole23 meines Schlages, die nicht sehr entfernt davon liegt, zu bewirthen, so stehe ich Ihnen dafür, daß ihre Excellenzen in Nichts belästigt und auf das Discreteste behandelt werden und dabei doch nach Belieben ganz interessante Bekanntschaften machen sollen.«
»Was verstehst Du darunter?«
»Eh - Nichts, Signore Abbate, als daß in einem der Zimmer, - es sind deren drei, Signore - eines für die allgemeinen Gäste, eines für mich und die Freunde der Brigantaggia - und ein reservirter Raum für die vornehmen Herren, die auch zuweilen dahinkommen - in Geschäften! - also, daß in meinem Gemach eine Gesellschaft von Burschen versammelt sein wird, die dem König Vittore Emanuele, wenn es verlangt wird, den berüchtigten Knebelbart ausreißen oder die Engelsburg stürmen könnten.«
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»Lente! lente! - Aber was sind das für Bursche?«
»Eh Signore, sie sind aus den Provinzen und expreß hierher gekommen, um zu hören, welche Antwort mir Seine Majestät heute für mich und sie geben wird. Es sind sechs Bursche, fähig den Teufel aus der Hölle zu schlagen und jeden Augenblick fertig, eine tüchtige Bande Briganti zu bilden, wenn auch - was ich gestehen muß, - nicht grade sehr für militairische Disciplin eingenommen.«
Der Abbate hatte nachsinnend mehrere Male mit dem Kopf genickt. »Es könnte paß[ss]en. Ihre Namen?«
»Da ist erstens Cipriano, er heißt eigentlich dalla Galla, aus der Gegend von Capua, eigentlich ein Halsabschneider, aber ein Kerl von unbestrittenem Muth; dann der Pilone, der schon jetzt eine kleine Bande auf dem Vesuvio hält, und einen Engländer oder einen neapolitanischen Bankier im Handumdrehen in die Berge entführt und seinen Freunden Nase, Ohren und Finger stückweise zuschickt, wenn sie zaudern, das Lösegeld zu zahlen. Dann Domenico Coja - wir nennen ihn Gentrilli aus dem Majenardi Gebirge in der Provinz Molise, und vor Allem Piccione24 - aus dem Abruzzo ulteriore, aber er ist eher ein Habicht als eine Taube. Auch hat Crocco-Donatello aus der Basilicata den Coppa25 gesandt, der eine berittene Bande bilden will. Corpo di Christo - ich verlasse mich lieber auf meine eigenen Beine. Den Sechsten kenne ich zwar nicht, aber er soll auf der Appischen
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Straße sein Wesen haben und den Rothhosen arge Nasen drehen.«
Der Abbate hatte immer mehr überlegt. »Es ist gut Capitano - wir werden kommen, aber sorge, daß dies unbemerkt geschehen kann. Wie heißt die Bettole?«
»Die Colombaia26 - sie liegt jenseits des Corso nach dem Tiber.«
»Ich habe davon sprechen hören - sie steht in schlimmem Ruf.«
»Nicht für ehrliche Leute, Signore - und der Wein ist vortrefflich.«
»Hast Du sonst noch Geschäfte?«
»Nur einen Besuch mit Kapitain Chevigné bei dem armen Irländer, der in dem Kloster der heiligen Rosalia durch den Schuft von Pinelli seine Schwester verloren hat. Der arme Mann, der sie erschossen, ist in unserer Gesellschaft.«
»Ich hörte von dem Ereigniß. - Jetzt zu wichtigeren Aufträgen.«
»Ich erwarte Ihre Befehle, Riverenza!«
»Die heilige Kirche braucht Geld!«
»Wer, Riverenza, brauchte das nicht!«
»Schweig! Es ist eine bedeutende Summe, die auf dem gewöhnlichen Wege nicht erzielt werden kann, und doch ist es eine ächte und gerechte Steuer, die dem Verrath und der Empörung gegen die Gesetze Gottes auferlegt werden soll.«
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»Dann Signore je höher, je besser!«
»Sie betrifft zwei angesehene Namen, obschon sie von jenem verfluchten Volke abstammen, das den Heiland an's Kreuz schlug.«
»Ich begreife! Schufte von Juden!«
»Sie sind es nicht mehr - dem Namen nach! Aber sie haben für den Preis der Befreiung aus dem Ghetto durch diesen künftigen König von Italien ihm die Mittel verschafft, es zu werden. Ihre Strafe sei die Steuer, welche die heilige Kirche ihnen auferlegt.«
»Wie viel?«
»Vorläufig fünfzigtausend Scudi von Jedem. Was Du darüber erpressen kannst, magst Du zur Ausrüstung Deiner Truppe behalten.«
»Ich Signore?«
»Du selbst! - Das Consiglio dei Tre27 hat es befohlen und ich habe den Auftrag erhalten, Dir die Mittel dazu an die Hand zu geben.«
»Das ist etwas Anderes, Signore - was das Consiglio dei Tre befiehlt, muß geschehen. Ich weiß, daß es mein Leben kosten würde, wenn ich nur mit einem Gedanken widerstrebte. Also haben Sie die Güte, mir zu sagen, was ich zu thun habe.«
»Zunächst - bist Du im Stande, zwei Personen so heimlich in irgend ein Versteck zu schaffen, daß sie spurlos verschwunden bleiben können?«
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»Nichts leichter als das, Signore. Wir haben seiner Zeit unter dem Mascherato ganz andere Dinge ausgeführt.«
»Ich weiß, daß Du mit jenem Verfluchten zu thun gehabt hast, dessen Neffen wir heute die Hand drücken müssen. Indessen, erinnere Dich, daß Rom von französischen Posten besetzt ist und selbst bei einem Mißlingen des Streiches man glauben soll, er sei von den Repubblichista's28 ausgeführt.«
»Ich verstehe. - Wer sind die beiden Personen?«
Der Abbate gab ihm einen Zettel, auf dem zwei Namen standen.
»Demonio! - seh ich recht? Signore Abbate, das geht über meinen Witz und ich fürchte über meine Kraft! Der Fürst - der Bankier Seiner Heiligkeit selbst - und der Andere, wie ich zufällig weiß, der der französischen Gesandtschaft!«
»Eben dieselben!«
Der würdige Brigante kratzte sich hinter den Ohren. »Ich gestehe, Signor - das reicht über meinen Verstand. Der Palazzo des Fürsten ist von einer solchen Schaar von Dienern gefüllt, daß es mehr als Wahnsinn ist, auch nur daran zu denken, ihn dort heraus zu holen. Und mit dem Andern hetzen wir uns die ganze französische Polizei auf den Hals.«
»Aus diesem Grunde muß sie auch gar keine Zeit erhalten, zu suchen. Die beiden ehrenwerthen Herren müssen morgen früh wieder in ihren Betten oder mindestens
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in ihren Comtoiren sein und Du auf dem Weg in's Gebirge.«
»Das wäre recht schön - aber ich begreife nur nicht, wie das geschehen soll.«
»Kennst Du in der Stadt irgend ein sicheres Haus, das mit den kleinen Katakomben in Verbindung steht?«
»Mehr als zehn, Signore Abbate! Wenn Sie mich nicht verrathen wollen an die Dogana ...«29
»Sei nicht albern!«
»So würde ich Ihnen sagen, daß die Colombaia selbst auf einem der äußersten Ausläufer der kleinen Katakomben steht, der unter dem Fluß hinweg bis zu den Gewölben des Kastells und der alten Peterskirche gehn soll.«
»Sind in dem Hause, in dem die Spelunke sich befindet, Zimmer zu vermiethen?«
»Eine ganze Etage, Riverenza - die der Wirthin gehört. Der Eingang zu dem Hause befindet sich auf der Fontanella, während die Bettole in einem Hinterhause der Seitenstraße liegt.«
»Desto besser. Und kann man von diesem Hinterhause nach jener Wohnung gelangen?«
»Ich glaube ganz bestimmt. Es wohnt in jenem Hause die englische oder amerikanische Dame, welche die Sposa des armen Irländers ist, dem man seine Schwester getödtet hat, und ich war bereits zwei Mal bei ihr; - das Haus gehört einer Wittwe, welche Wohnungen vermiethet und sie hat einen neapolitanischen Nobile dieser
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Tage an die Luft gesetzt, weil er ihr keine Miethe zahlte.«
»Die Hausnummer?«
»Oh - Sie können nicht fehlen, Signore, das Haus liegt an der Leoncino und es steht ein Bild der heiligen Jungfrau über der Thür.«
»Nun höre mich an. Die Gelegenheit paßt. Es ist heute eine Versammlung im Palazzo Borghese und die beiden Personen werden dort sein. Ich weiß das Mittel, sie zu dem Gange nach dem Hause in der Fontanella zu bewegen, und sie werden um Schlag 10 Uhr dort sein. Bist Du ihnen persönlich bekannt?«
»Gott behüte, Signore!«
»Andernfalls hilft eine Maske. Kannst Du Dich auf einen Deiner Gefährten verlassen?«
»Wie auf mich selbst!«
»So verseht Euch mit ein Paar tüchtigen Knebeln und guten Stricken. Du wirst Deine letzten Instruktionen an Ort und Stelle erhalten. Ich werde Dir Deinen Posten anweisen. Jede der bezeichneten Personen wird besonders erscheinen, eine halbe Stunde später als die andere. Auf ein dreimaliges Händeklatschen tretet Ihr ein, und bleibt an der Thür stehen, bereit über den Mann herzufallen, wenn die Dame, die sich im Zimmer befindet, Euch das Zeichen dazu giebt. Die Sache muß ohne Lärmen geschehen, und die Person sofort nach dem Versteck in der Katakombe gebracht werden, ohne daß man es merkt. Es muß Alles geschehen sein, ehe der Zweite kommt. - Stellt die Person gutwillig die Wechsel aus,
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die Du fordern wirst, - so wird sie ungekränkt entlassen.«
»Aber sie wird sich beeilen, die Wache zu rufen!«
»Sei ohne Sorge - es geschieht nicht. Nur dürft Ihr in Worten und Haltung nicht verrathen, daß Ihr zu den Briganten des Königs gehört. Das wäre die eine Deiner Aufgaben.«
»Per Baccho, Signor Abbate, Sie sind nicht sparsam!«
»Die zweite ist nicht so dringend. Du wirst gehört haben, daß die Repubblichistas am 14. vorigen Monats bei der Ankunft des Königs allerlei Unfug getrieben haben, der zuletzt das Einschreiten der Franzosen nöthig machte.«
»Si Signore!«
»Sie sind schlau genug gewesen, die ganze Demonstration unseren guten Freunden in rothen Hosen selbst in die Schuhe zu schieben und sich des Fraternisirens mit den Truppen zu rühmen, was leider nicht ohne Grund ist. Der Kaiser Napoleon hat darüber Herrn Guyon eine Nase gegeben und dieser eine Proklamation erlassen, in der er sich die Freundschaft der Repubblicanos verbittet und mit einer Vermehrung der Garnison droht, wenn die Excesse sich wiederholen sollten. Nun würde dem heiligen Stuhl eine solche im gegenwärtigen Augenblick nicht unangenehm sein, denn das Treiben der Aufwiegler nimmt eine immer drohendere Gestalt an, und sie werden von Außen her in jeder Weise unterstützt. Ein kleiner Zusammenstoß und eine Beleidung der französischen Truppen würde grade jetzt sehr nützlich sein.«
»Eine bloße Schlägerei?«
»Hm! es kann auf ein Paar Dolchstöße nicht ankommen, um so weniger, als die Herrn Offiziere etwas allzudreist in die Familienverhältnisse der guten Römer sich mischen. Unsere Leute vertragen darin eine Portion, aber es giebt doch auch welche, die eifersüchtig sind und unter Anderem gehört dazu ein gewisser Signor Ruperti, der einer der ärgsten Schreier ist, aber nicht einmal weiß, daß während er allabendlich in den Klubs und Volksversammlungen das große Wort führt, ein junger Husaren-Offizier seiner Frau die Zeit vertreibt und während der Mann zur Hausthür hereingeht, über den Balkon verschwindet.«
»Und wo wohnt dieser republikanische Hörnerträger?«
»Nicht weit von dem Schauplatz Deiner anderen Abenteuer, in der Nähe der Santa Luigi in der Villa Seroja.«
»Optime!«
»Ich denke, die Antwort, die Du von Ihren Majestäten bekommen wirst, kann ich Dir im Voraus sagen. Ich muß jetzt zu Seiner Eminenz, aber jedenfalls erwarte mich, wenn Du von Deiner Audienz kommst.«
Der Abbate verließ durch eine Seitenthür das Gemach, in dem jetzt mit seinen Gedanken beschäftigt der Brigante allein zurückblieb.


Don Juan und der noch sehr junge deutsche Offizier waren von dem Kammerherren vom Dienst durch den
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Garten zu dem Pavillon des Königs geleitet worden. Der Palazzo-Quirinale ist ein gewaltiger Bau, der über tausend Gemächer und Säle zählt, der Garten weit und prächtig, mit uralten Baumgruppen, langen schattigen Gängen von Buchsbaum und Epheuwänden, Bassins, Wasserkünsten, Grotten und Statuen. Die junge Königin hielt sich in ihrem Exil hier am Liebsten auf - war doch hier Licht und frische Luft, statt der dumpfen Gewölbe der Kasematten, in denen sie so lange dem Tode und jeder Noth hatte trotzen müssen. Freilich - ihr Palazzo Reale mit dem Blick über den prächtigsten Golf der Erde, ihr herrliches Sorrent oder das königliche Caserta - selbst die schönen Umgebungen der Jugend, die ernste und doch so heitere Majestät der Alpenthäler! - ach - davon war hier in der starren Häuser- und Paläste-Masse der ewigen Stadt keine Spur, kein Ersatz für das Herz der jungen Königsfrau! - Sie hatten bald den Pavillon erreicht, der sonst zu den Audienzen des heiligen Vaters, jetzt des entthronten königlichen Paares diente. Am Eingang kamen ihnen die beiden Franzosen und der neapolitanische General entgegen ziemlich mißmüthiger Laune.
»Es ist vergeblich,« zürnte der Letztere, - »jede Energie scheint mit dem Fall dieser Festung begraben und erloschen. Was nützt es, daß der König mich zum Oberbefehlshaber in den occupirten Provinzen ernannt hat, wenn er den Krieg bloß in seinem Auftrag führen lassen, wenn er sich nicht selbst an die Spitze stellen will! Es ist nicht bloß mit einem wenn auch noch so heldenmüthigen Dulden einer Belagerung gethan; - ein Monarch, der
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sein Recht von Gottes Gnaden behaupten will, muß auch ein Mann der That sein. Und das ist es, was dem unglücklichen und sonst so liebenswürdigen Geschlecht der Bourbonen immer gefehlt hat. Glaubt der König sich durch politische Rücksichten oder den Wortlaut der Kapitulation, der doch gar nicht von seiner Person spricht, gebunden, - nun so möge er überhaupt den Kampf für die Wiedereroberung seines Reichs bis auf eine günstigere Zeit aufschieben - in diesem kleinen Gebirgskriege verzetteln wir unsere Kräfte und werden wirklich früher oder später zu Briganten werden - denken Sie an meine Worte! Diese intriguante und feige Gesellschaft, die sich jetzt wieder um ihn gesammelt hat, und deren Habsucht auf das Mitgefühl Europa's spekulirt, wird ihn schließlich auch in Rom im Stich lassen, wie sie es in Gaëta gethan, wenn er erst ausgepreßt ist wie eine Citrone. Addio meine Herren - ich will wünschen, daß ich mich irre, aber ich fürchte, es wird kommen, wie ich voraus gesagt. - Wenn ich kann, suche ich Sie diesen Abend auf. Für Sie, Signor Riccardo, habe ich wenigstens ein Kapitains-Patent erreicht, die Kompagnie müssen Sie sich selber schaffen. Sie sollen mit dem Spitzbuben Chiavone am Lago Fucino operiren.«
Der General ging, nachdem er den Anderen die Hand gedrückt, ärgerlich davon. Die Folge hat bewiesen, wie sehr er Recht hatte mit seinen Befürchtungen.
Dem Enthusiasmus der jüngeren Offiziere und Parteigänger konnte freilich die Erfahrung und Voraussicht des älteren Mannes nicht behagen, sie bestanden auf ihren
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Hoffnungen und trauten ihrem Muth und Eifer unmögliche Erfolge zu.
Als die Reihe der Audienz an den Grafen von Lerida kam, wurde er in das runde Gemach geführt, in dem sich der König und Königin befand, letztere in Gesellschaft ihrer treuen und aufopfernden Freundin, der Gräfin Jurien de la Gravière, die mehr als einmal während der Belagerung von Terracina in einer Barke nach der Festung gekommen war, um den armen Kranken in den Spitälern Erfrischungen zu bringen.
Auch der junge Graf von Caserta befand sich noch bei den Majestäten und übernahm sogleich die Vorstellung des Spaniers.
Der König reichte ihm sehr freundlich die Hand. »Man hat mir gesagt, daß Sie ein treuer Anhänger des Hauses Bourbon und hierher gekommen sind, weil in diesem Augenblick mein Vetter in London nach den traurigen Schlägen, die seine Familie in Triest getroffen haben, wohl kaum in der Lage sein wird, von Ihren Diensten Gebrauch zu machen. Ich gestehe sogar, daß diese Pause des nun schon so lange währenden Kampfes in Spanien mir nicht unlieb ist, da ich auch der Königin Isabella für ihre Unterstützung Dank schuldig bin. Ist[Ich] wünschte in der That, es ließe sich ein Weg der Vermittelung finden.«
»Ich darf Euer Majestät gestehen, daß dies der Wunsch der meisten Spanier ist, um so mehr, als die Zahl der Prätendenten sich mehrt.«
Der König sah ihn erstaunt an. »Wie meinen Sie dies, Signor Conte?«
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Der Spanier verneigte sich. »Es sind vorläufig nur Gerüchte, Majestät. Euer Majestät hoffte ich noch in Gaëta zu finden, und ich kenne die Mannschaft der beiden Schiffe, die ich zu kommandiren die Ehre habe, genug, um überzeugt zu sein, daß keine Blokade mich gehindert haben würde, zu Eurer Majestät zu gelangen.«
»Es ist vielleicht besser so, und ich bin Ihnen eben so dankbar. Mein Bruder sagte mir bereits von Ihrem freundlichen Anerbieten und es verdient dies um so größere Aufmerksamkeit, als es uns in diesem Augenblick grade an allen Transportmitteln zur See fehlt und die französischen und sardinischen Kreuzer allen Verkehr hindern.
»Sire - die englische Flagge deckt unsere Ladung.«
Der König lächelte. »Ich höre, daß Sie halb Engländer, halb Spanier sind. Indeß hat das Kabinet von St. James so perfid an mir gehandelt, daß ich keine Rücksicht zu nehmen brauche. Welches sind diese Schiffe und wo ankern sie?«
»Meine Yacht Victory in Civita-vecchia, der Schooner San Martino augenblicklich noch an der spanischen Küste.«
»Sie werden durch General Clary Weiteres hören, einstweilen erlauben Sie mir Ihnen meinen Dank für Ihren Besuch zu sagen und Sie der Königin vorzustellen.«
Die Königin saß mit der Freundin an einem Tisch, auf dem die Adresse der Münchener Damen und der am Tage vorher durch einen besonderen Abgesandten ihr überbrachte goldene Lorbeerkranz mit der Widmung deutscher Fürstinnen ruhte.
Das Aussehen der jungen Königin war noch sehr
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leidend - nur Wenige wußten ja, was unter den Trümmern der so heldenmüthig vertheidigten Veste für sie begraben lag, aber dennoch schien diese sinnige Gabe ihrer deutschen Schwestern einen tiefen und stärkenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und ihre Augen ruhten mit einem gewissen Stolz auf den 34 goldenen Blättern, welche die Namen der edlen Spenderinnen trugen, während auf der Schleife in blauer Emaille der Namen »Gaëta« zu lesen war.
Wir können es uns nicht versagen, auch im Roman die Namen der fürstlichen Frauen zu wiederholen, welche damals, unbekümmert um die Schlangenwindungen und Rücksichten der Politik der von der Revolution vertriebenen Fürstin, der deutschen Fürstentochter, ihre Theilnahme, ihre Bewunderung vor aller Welt an den Tag zu legen eilten, und wir werden uns immer freuen, auch die Namen zweier geborener Prinzessinnen von Preußen darunter zu lesen.
Diese Namen waren:
Marie, Königin von Hannover. - Pauline, Königin von Württemberg. - Adelhaid, Herzogin von Nassau, geb. Prinzessin von Anhalt-Dessau. - Agnes, Herzogin von Sachsen-Altenburg, geb. Prinzessin von Anhalt-Dessau. - Alexandra, Großfürstin Constantin von Rußland, geb. Prinzessin von Sachsen-Altenburg. - Alexandrine, Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin, geb. Prinzessin von Preußen. - Anna, Prinzessin Friedrich von Hessen, geb. Prinzessin von Preußen. - Antoinette, Prinzessin von Anhalt-Dessau, geb. Prinzessin von Sachsen-Altenburg. - Auguste, Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin,
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geb. Prinzessin Reuß. - Augusta, Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz, geb. Prinzessin von Großbritannien. - Auguste, Prinzessin Herrmann von Sachsen-Weimar, geb. Prinzessin von Württemberg. - Auguste, Prinzessin von Sachsen-Meiningen. - Karoline, Herzogin von Mecklenburg-Strelitz. - Katharina, Herzogin zu Mecklenburg-Strelitz, Großfürstin von Rußland. - Katharine, Prinzessin Friedrich von Württemberg, geb. Prinzessin von Württemberg. - Elisabeth, Großherzogin von Oldenburg, geb. Prinzessin von Sachsen-Altenburg. - Elisabeth, Markgräfin Wilhelm von Baden, geb. Prinzessin von Württemberg. - Elisabeth, Prinzessin von Baden. - Feodora, Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen, geb. Prinzessin Hohenlohe. - Friederike, Herzogin von Anhalt-Bernburg, geb. Prinzessin von Holstein-Glücksburg. - Friederike, Prinzessin von Hannover. - Helene, Herzogin zu Mecklenburg-Strelitz. - Leopoldine, Prinzessin von Baden. - Louise, Prinzessin Christian von Dänemark, geb. Prinzessin von Hessen. - Louise, Prinzessin von Hessen. - Marie, Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz, geb. Prinzessin von Hessen. - Marie, Herzogin von Sachsen-Altenburg, geb. Herzogin zu Mecklenburg-Schwerin. - Marie, Herzogin von Sachsen-Meiningen, geb. Prinzessin von Hessen. - Marie, Prinzessin von Hannover. - Marie, Prinzessin von Württemberg. - Marie, Herzogin zu Mecklenburg-Schwerin. - Olga, Kronprinzessin von Württemberg, Großfürstin von Rußland. - Therese, Prinzessin Peter von Oldenburg, geb. Prinzessin von Nassau. - Therese, Prinzessin von Sachsen-Altenburg.
So leichtfertig der spanische Abenteurer auch war und dachte, so wenig Empfänglichkeit er auch für wahre Frauenwürde haben mochte, und obschon seine Sympathieen bisher nur den körperlich schönen und die Sinnlichkeit reizenden
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Frauen gegolten, vor der ruhigen Würde und Trauer dieser jugendlichen Königin fühlte er sich doch gebeugt und ergriffen, und das ritterliche Blut seiner Vorfahren wallte hoch in seinen Adern, als er sich auf die zarte kleine Hand niederbeugte, die sie ihm zum Kusse reichte.
»Wir haben der ergebenen Freunde so wenige,« sagte freundlich ernst die Königin, »daß wir denen, die uns in unserm Unglück aufsuchen, um so dankbarer sein müssen. Möge es auch Ihnen niemals an wahren Freunden fehlen, Herr Graf.«
Der Spanier hatte sich erhoben - er sah an dem huldvollen Zeichen der Königin, daß die Audienz zu Ende war, und verließ von dem Grafen Caserta bis zum Ausgang begleitet den Pavillon, im Innern mit einer gewissen Schaam, daß er nicht zu den Paladinen der edlen Fürstin gehört, sondern seine Zeit und Kraft an niederen Intriguen verschwendet hatte. Draußen im Garten begegnete ihm bereits der Briganten-Kapitain, mit dem er nochmals das Rendez-vous für den Abend verabredete, worauf er sich beeilte, den Abbate aufzusuchen.
»Seine Eminenz,« sagte der Abbé, »obschon sehr beschäftigt, haben mir befohlen, Eure Herrlichkeit zu ihnen zu führen. Darf ich bitten mir zu folgen!«
Es blieb dem Grafen nicht unbemerkt, daß der junge Geistliche ihm seinen englischen Titel gab, und er beschloß, die demgemäße Haltung anzunehmen. »Ich werde Seine Eminenz hoffentlich nicht lange aufhalten, da ich vor unserem Rendez-vous heute Abend, von dem ich mir übrigens viele Unterhaltung verspreche, noch den Circus Caracalla
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besuchen will, der, wie ich gehört habe, der Schauplatz einiger Abenteuer meines verstorbenen Onkels gewesen ist.«
Der Abbate verneigte sich lächelnd. »Signor Mascherato, ist noch in dem Andenken Vieler. Schade, daß man damals nicht wissen konnte, welcher vornehme Herr sich unter dieser Maske verborgen hatte.«
»Ei, wir wollen heute Abend den Kapitain Tonelletto etwas plaudern machen. Ich liebe es gleichfalls, mich zuweilen unter Spitzbuben und Gurgelabschneidern zu amüsiren.«
»Euer Herrlichkeit Geschmack soll aufs Beste befriedigt werden, der Kapitain hat mir eine recht hübsche Galerie versprochen.«
Sie waren jetzt an den Gemächern des Kardinals und der Abbate bat den Cavalier einige Augenblicke in einem zu eine Art Canzlei dienenden Vorzimmer zu warten, in dem mehrere Personen in geistlichem Gewande mit Schreiben beschäftigt waren, kehrte aber sogleich zurück und führte den Grafen durch ein zweites leeres Zimmer in das Bureau des Kardinals.
Dies war ein ziemlich großes in gediegener Draperie ausgestattetes Zimmer und schien nach dem Arrangement der Möbel zu den gewöhnlichen geschäftlichen Audienzen des Staatsmannes zu dienen, der seit vierzehn Jahren die weltliche Politik des Kirchenstaates leitete.
Der - damalige Cardinal-Diacon - Giacomo Antonelli ist am 2. April 1806 in Sonnino bei Terracina geboren, war also zur Zeit fünfundfünfzig Jahre. Er war schon einer der Günstlinge Gregor XVI. und bereits
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1845 päpstlicher Finanzminister. Anfangs, wie sein nachheriger Gebieter Pius IX., der ihn 1847 zum Kardinal erhob, liberalen Ideen und Reformen zugethan, wurde er bald ihr entschiedener Gegner und veranlaßte den Papst, auf den er noch jetzt großen Einfluß übt, so daß ihn die Italiener nach der Rückkehr von Gaëta (1850) den »rothen Papst« nannten, - zu all den harten und strengen Maßregeln in Kirche und Justiz, welche die päpstliche Herrschaft bald so unbeliebt machten und sehr viel zu den politischen Umwälzungen im Lande beigetragen haben. Kardinal Antonelli ist übrigens noch heute ein entschiedener Gegner des französischen Einflusses, der schon wiederholt Anstrengungen machte, ihn von den Staatsgeschäften zu verdrängen, und auch keineswegs ein besonderer Gönner der Jesuiten-Partei.
Der Kardinal - ein Mann von etwas massiven Gesichtszügen und unter großer Geschmeidigkeit eine zähe kalte Willenskraft bergend - stand mit der Hand leicht auf einen Tisch gelehnt, der mit verschiedenen Papieren bedeckt war, als der Cavalier zu ihm eingeführt wurde, und erwiederte höflich aber etwas kühl dessen Verbeugung.
»Eure Herrlichkeit erweisen mir die Ehre, mich zu besuchen und es wird mich freuen, wenn ich die Macht haben sollte, Ihnen einen Dienst zu erweisen. Ich bitte Eure Herrlichkeit, Platz zu nehmen«
Er wies nach einem Sessel. »Verzeihen Euer Eminenz, daß ich mich beeile, einen Irrthum zu entfernen. Ich bin Spanier von Geburt und Namen und nur in
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England von meinem Oheim, dem Viscount von Heresford erzogen, dessen Titel mein Vetter geerbt hat.«
»Man hatte mir gesagt, daß Ihre Besitzungen in England lägen.«
»In der heutigen Zeit der Umwälzungen ist der Besitz sehr unsicher und mein Oheim ist so vorsichtig gewesen, mir ihn an verschiedenen Stellen zu hinterlassen, zum Beispiel in Biscaya, in Piemont und allerdings auch in England. - Gegenwärtig muß ich freilich als Engländer mich geriren, da man mich aus Spanien verbannt hat.«
»Verbannt?«
»Als Karlist, und als solcher habe ich es gewagt, Euer Eminenz meine Aufwartung zu machen.«
»Seine Heiligkeit hat in diesem Augenblick allerdings nicht besondere Ursache, mit dem Ministerium der Königin Isabella sehr zufrieden zu sein.«
»Aus diesem Grunde hatte ich auch Gelegenheit genommen, jenes Codicill des verstorbenen Königs Ferdinand VII. zu stehlen, welches das Thronfolgerecht der Königin Isabella wieder aufhob und dessen Duplikat, wie Euer Eminenz nicht unbekannt sein wird, sich in dem geheimen Archive des Vaticans befinden muß.«
Trotz seiner großen Selbstbeherrschung konnte der Kardinal eine Geberde der Ueberraschung bei diesem ungenirten Geständniß nicht unterdrücken. »Ich muß sagen, Signor Conte, ich verstehe Sie nicht!«
»Nehmen Euer Eminenz an meiner Offenherzigkeit keinen Anstoß. Ich wiederhole Ihnen, ich hatte versucht, im Interesse meines königlichen Freundes und Namensvetters,
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des Infanten Don Juan Carlos, des jetzigen rechtmäss[ß]igen Königs von Spanien - wenn - doch davon später! - das letzte Testament des Königs Ferdinand zu stehlen, das in Gegenwart des Kardinal Bernini in der Nacht vom 28. zum 29. September 1833 aufgenommen worden ist, und dessen Duplikat im Vatikan verwahrt sein muß!«
»Aber Signor - was reden Sie - ein solches Geheimniß, wenn ...«
»Ist eben kein Geheimniß mehr, und das eben ist's, wovon ich Eure Eminenz in Kenntniß setzen wollte!«
Der Kardinal sah ihn erstaunt an und suchte sich zu fassen. »Ihr Oheim, Herr Graf,« sagte er endlich, »liebte es, Excentricitäten zu begehen - grade nicht sehr zu unserem Behagen, und ich muß annehmen, daß sein Neffe diese Neigung geerbt hat. Wenn wirklich etwas Wahres an Ihrer Selbstanklage ist ...«
»Ich bitte, glauben Excellenz jedes Wort davon ...«
»Aber ein Diebstahl ...«
»Bah - Eminenz, eine Krone stiehlt man nicht! Das einzig Thörichte an der sonst vortrefflich eingeleiteten Geschichte war nur, daß ich mich habe erwischen lassen. Da weder der Herr Erzbischof von St. Jago de Cuba, noch die fromme Schwester Patrocinio dabei gewesen sind, so wäre es allerdings möglich, daß die Nachricht davon Eurer Eminenz noch nicht zu Ohren gekommen ist, und in dieser Annahme eben habe ich mir erlaubt, Euer Eminenz zu behelligen, um Ihnen zu sagen, daß Ihre Majestät die Königin Isabella und der Herr Marschall O'Donnell,
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der die größte Lust hatte, mich erschießen zu lassen, den Inhalt des Testamentes jetzt kennen, aber darüber durchaus keine Besorgniß zu empfinden scheinen.«
Der Kardinal biß sich auf die Lippen.
»Das würde allerdings die Depesche von heute Morgen erklären. - Darf ich fragen, Signor Conte, wann Ihre angebliche Entdeckung geschah?«
»Am 23. Februar. Die Königin war so gnädig, aus Gründen, die sie wohl am Besten kennen mag, mich einfach aus Spanien fortzujagen, was mir auf die Dauer freilich nicht conveniren kann. Ich habe daher ein anderes Mittel zur Hand, das ihr vielleicht mehr Besorgniß einflößen könnte, aber freilich auch den armen Infanten, oder vielmehr den König Don Carlos etwas tangiren möchte. - Da ich aber nur ein einfacher Privatmann bin, so habe ich mich entschlossen, es lieber in die weiter reichende Hand der Kirche niederzulegen, um davon nach ihrer Weisheit Gebrauch zu machen.«
»Sie sprechen in Räthseln ...«
»Eigentlich geschieht dies - ehrlich gesprochen, - weil die heilige Kirche bereits das beste Stück dieses Geheimnisses in der Hand hat, wenn nicht ...«
»Nun?«
»Wenn die Prinzessin Giuliana von Spanien nicht bereits das Zeitliche gesegnet hat.«
Diesmal zeigte das Erstaunen, der Schrecken des Kardinals sich ganz offen und er erhob sich hastig von seinem Sessel.
»Signor Conte ...«
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»Beruhigen sich Euer Eminenz, ich bringe bloß die Mutter, eigentlich meine Tante, und wollte mich bei Euer Eminenz erkundigen, ob Sie mir Nichts von der Tochter sagen können, damit wir sie nöthigen Falls zur Königin von Spanien machen!«
»Signor, das geht zu weit! Rede ich mit einem Tollen? Respectiren Sie wenigstens meine kirchliche Würde!«
Der Graf hatte sich gleichfalls erhoben. »Ich glaubte Euer Eminenz einen Dienst zu erweisen und bedauere, mich geirrt zu haben. Ich weiß nicht, ob der König Ferdinand von der heiligen Kirche wirklich von seiner zweiten Gemahlin, der unglücklichen Estella Prim, geschieden worden ist, - die Königin Christine wäre ja sonst eine Kebsfrau und die Königin Isabella ein Bankert - aber es würde der armen Frau wenig nutzen, da ich sie als Wahnsinnige in den Kerkern der frommen Salesianerinnen an die Wand geschmiedet zurückließ, als ich meine Tante, ihre Infantin Tochter dort stahl ...«
»Sie stahlen ...«
»Eigentlich paßt der Ausdruck nicht, ich ließ sie nur befreien und sie befindet sich gegenwärtig bei mir. Aber, da sie behauptet, eine Tochter zu haben, die ihr von der Inquisition in Sevilla entrissen sein soll, so glaubte ich, bei Euer Eminenz am Ersten eine sichere Auskunft über diese neue Cousine erhalten zu können.«
»Signor Conte,« sagte der Cardinal mit ruhigem Spott, »ich glaube in der That, daß Sie irre reden, oder daß Sie sich von einer gewandten Abenteurerin haben täuschen lassen. Ich zweifle nicht, daß der Viscount, Ihr Oheim,
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verschiedene Kinder in die Welt gesetzt hat, aber was diese mit der Königlichen Familie von Spanien zu thun haben sollen, begreife ich nicht.«
»Ich habe mich nur darin getäuscht,« sagte der Graf kalt, »daß ich Euer Eminenz in das Geheimniß eingeweiht glaubte. Daß die Tochter von Estella Prim und dem König Ferdinand, die Infantin Henrietta Bourbon mit meinem Oheim, dem Viscount von Heresford kirchlich getraut worden, weiß ich, und der Trauschein ist seit Kurzem in meinem Besitz und hier ...«
»Geben Sie!« Der Kardinal streckte hastig die Hand danach aus. »Es ist, versteht sich, nur die Abschrift,« sagte Jener mit leichtem Spott, das Papier überreichend - »das Original ist in sicherer Verwahrung, und meine Tante, die Infantin Henrietta, hat zufällig sogar einen der Zeugen ihrer Trauung gefunden, den Kapitain Diaz Cavalho ...«
Der Cardinal, der das Papier aufgeschlagen und gelesen hatte, hob den Kopf ...»Diaz Cavalho ...?«
»Auch Don Rosario Gusmann genannt, ein spanischer Cavalier, den ich gleichfalls das Glück hatte, an jenem Abend dem Transport auf die Galeeren oder an irgend einen andern Ort zu entreißen, wo man ihn im Geheimen verschwinden lassen konnte. Euer Eminenz sehen wenigstens, daß ich nicht ohne einige Berechnung mein Gesuch vorbrachte, und da Euer Eminenz mit der Angelegenheit unbekannt sind, so bitte ich um Verzeihung für meine Dreistigkeit und empfehle mich Euer Eminenz Gnade und Segen.«
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Er machte eine tiefe Verbeugung und schritt rückwärts nach der Thür.
Der Cardinal hatte einige Schritte auf und nieder gethan, jetzt wandte er sich nach dem Cavalier.
»Bleiben Sie!«
Der Graf trat näher!
»Nehmen Sie Platz - ich bitte.«
Ein leichtes Lächeln fuhr über das Gesicht des Abenteurers, als er den früheren Sitz wieder einnahm.
»Ich erwarte die Befehle Eurer Eminenz!«
»Wollen Sie mir dieses Papier - die Abschrift des Trauscheins überlassen Herr Graf?«
»Mit Vergnügen!«
»Darf ich fragen, wo diese Dame - die Sie unter Ihren Schutz genommen, sich gegenwärtig befindet?«
»Unter dem Schutz der englischen Flagge, an Bord meiner Yacht im Hafen von Civita-vecchia.«
»Und - darf ich fragen, was Sie mit ihr beabsichtigen?«
»Sie nach England zu bringen, da der heilige Stuhl sie nicht in seine Protection nehmen will. Ich glaube, es wird Lord Palmerston nicht unlieb sein, ihre Ansprüche unter seinen Schutz zu nehmen und der Königin Isabella damit einige Verlegenheiten zu bereiten.«
»Signor Conte,« sagte der Cardinal, »ich kann Ihnen in dieser Sache keine Zusage machen, da ich mich natürlich erst über die Angelegenheit noch informiren muß, aber ich glaube, Sie werden gut thun, den Beschluß der Kirche erst abzuwarten, bevor Sie die Angelegenheit in die Hände
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einer ketzerischen Regierung legen. Erlauben Sie mir aber eine andere Frage noch an Sie zu richten.«
»Ich stehe Euer Eminenz zu Diensten.«
»Sie nannten den Namen Cavalho - und ich finde ihn auch hier auf diesem Papier. Der Name ist mir nicht unbekannt. Können Sie mir eine Auskunft über denselben geben?«
»Die Cavalho's oder Gusman's,« sagte der Graf eigenthümlich angeregt von dieser Frage des Kirchenfürsten, »gehören zu den ältesten und besten Familien Spaniens, wenn Sie auch keine Granden sind. Die Person, die hier in Frage kommt, ist, wie ich gehört, der letzte Sproß des alten und reichen Geschlechts und diente im ersten Kriege mit Don Carlos als Offizier unter den Christinos unter Narvaez und Es[s]partero - und ich bin ihm aus jener Zeit wenig Dank schuldig.«
»Wie so?«
»Weil er das Ex[c]ecutions-Kommando kommandirte, das meinen in die Hände der Christino's gefallenen Vaters - erschießen mußte.«
»Aber wie kamen Sie in Berührung mit ihm?«
»Der Lieutenant Diaz Cavalho scheint später - wenigstens unter der Königin Isabella, obschon ich weiß, daß sie seinen Namen gar nicht kennt, - in Ungnade bei den Machthabern gekommen und schweren Verfolgungen ausgesetzt gewesen zu sein, deren Ursache ich nicht kenne. Er wurde auf der Flucht nach Frankreich oder später bei irgend einer Gelegenheit gefangen genommen, in verschiedenen Kerkern umhergeschleppt und war eben im Begriff,
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lebenslänglich auf die Galeeren gebracht zu werden unter dem Namen eines Don Rosario Gusman - als ich durch Zufall ihn unter anderen mir näher stehenden Freunden aus den Händen der spanischen Justiz befreite, und ihn nach Marseille brachte, von wo er sich nach Paris und London begeben wollte, so viel ich weiß, um sich dort nach seinem, auf etwas romantische Weise ihm wieder gewonnenen Vermögen umzusehen.«
»So daß er jetzt also sich in Paris befindet?«
»Verzeihen Eure Eminenz - aber es ist ein seltsamer Umstand dabei - man hat Don Rosario Gusman, wie er sich jetzt nennt, die Landung in Frankreich verweigert, angeblich auf Requisition der spanischen Behörden. Die Telegraphen sind ein großes Uebel.«
»So daß er jetzt ...«
»Sich entschlossen hat, auf dem Landweg über Italien nach London und Paris zu gehen und ich zu meinem großen Bedauern ihn an Bord meiner Yacht mitnehmen mußte.«
»Und wo ist er? Hier in Rom?«
»Er befindet sich an Bord der Victory zum Schutz der Infantin Henrietta, die - ihre Tochter sucht!«
»In der That, Signor Conte,« sagte der Minister nach einigem Nachdenken, »Sie sind ein seltsamer Mann, dem die Abenteuer gleichsam zufliegen. Liegt Ihnen Viel an diesem Señor Gusman oder Cavalho?«
»Gott bewahre, Eminenz, Sie wissen ja, daß er meinen Erzeuger erschießen ließ, an den ich zwar keine
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Erinnerungen habe, den ich aber doch verpflichtet bin zu lieben und zu ehren!«
»Wollen Sie mir gestatten, - denn ich gestehe Ihnen allerdings, daß die Angelegenheit der angeblichen geheimen Heirath des König Ferdinand mein Interesse erregt hat, eine vertraute Person, zum Beispiel den Abbate Calvati zu einer vertraulichen Unterredung mit der Dame an Bord Ihres Schiffes zu senden, damit ich dem näheren Bericht gemäß, den er mir erstatten wird, handeln kann?«
»Mit Vergnügen, Eminenz!«
Der Cardinal erhob sich und reichte dem Cavalier die Hand zum Kuß. »Dann empfangen Sie vorläufig meinen besten Dank. Man hat mir gesagt, daß Sie sich der Brigantaggia des König Franz anschließen wollen. Nehmen Sie zum Dank die Warnung, sich nicht unnütz zu exponiren. Die päpstliche Regierung kann natürlich nicht anders, als ihrem treuen Bundesgenossen, dem König Franz, in seinem Unglück Gastfreundschaft und allen ihr möglichen Beistand gewähren, so weit Letzteres, ohne uns noch mehr zu compromittiren, geschehen kann, da sein Feind auch der unsere ist; aber ich fürchte, daß ein solcher Guerillakrieg nur wenig materiellen Erfolg haben wird, wenn sich nicht eine der europäischen Großmächte der Sache des Königs von Neapel besser als bisher annehmen will.«
Der spanische Abenteurer küßte anscheinend sehr ehrerbietig die Hand des Kirchenfürsten und verließ das Audienzzimmer, aus dessen Vorgemach ihn der Abbé Calvati zurück nach dem Haupteingang geleitete.
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Der Kardinal war kaum allein, als er beide Hände auf den Tisch drückte und in tiefem Sinnen stehen blieb.
»Ein Teufelsbursche - in was mischt er sich Alles!« murmelte er. »Die spanische Geschichte ist Unsinn, höchstens für Scandal in der englischen und französischen Presse gut und um der Königin Isabella Geld abzuzwingen. Selbst wenn der verstorbene König nicht so vorsichtig gewesen wäre, seine geheime Ehe mit Estella Prim durch Papst Pius VII. kirchlich trennen zu lassen, ehe er sich 1816 mit der Prinzessin Maria Isabella Franziska von Portugal vermählte, was ihm damals doch so leicht gewesen wäre, so bliebe die Descendenz ohne jede Erbfolge-Berechtigung, da die Frau nicht ebenbürtig aus souveräner Familie war. Es ist also Thorheit, darauf Ansprüche zu gründen, obschon man sie oder den Scandal gefürchtet zu haben scheint, wie die Einkerkerung dieser Frauen beweisen mag. Die Herren Jesuiten werden mit diesem Geheimniß, das man ihnen jetzt entrissen, keine großen Geschäfte machen und ich gönne ihnen den gehässigen Lärmen für die Perfidie in Betreff des Testamentes; denn sicher haben sie sofort durch die Königin von dem Diebstahl des Duplikats und seiner Kenntnißnahme erfahren, ohne daß ich bis jetzt davon unterrichtet war.«
Wiederum dachte der Prälat einige Augenblicke nach - dann fuhr er in seinem Selbstgespräch fort:
»Die Sache selbst ist schon wichtiger - in der Drohung mit dem geheimen Testament hielten wir die Königin in Schach, die zuweilen gewisse Anwandlungen zeigt, sich von der Herrschaft des päpstlichen Stuhls zu emancipiren.
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Nachdem der Inhalt bekannt geworden, kann man sich nicht mehr darauf stützen - und wir müssen in Spanien die Augen offen halten, denn die liberale Partei regt sich immer mehr. Vielleicht kann man dem Marschall O'Donnel ein Kompliment machen durch eine Anstellung seines Verwandten in der päpstlichen Armee. Ich werde mit Merode sprechen.
Aber jetzt zum Wichtigsten. Diese Nachricht ist nicht mit Geld zu bezahlen! Der Mann existirt also noch, und die Andeutungen, die uns früher darüber wurden, gewinnen also an Bedeutung. Ich erstaune in der That, daß man ihn so lange spurlos verschwinden lassen konnte. Ob die Jesuiten damit zu thun hatten? Doch nein - es ist nicht anzunehmen, längst würden sie darauf ihren Einfluß in Frankreich zu gründen versucht haben. Jetzt gilt es vor Allem, die Person in unsere eigenen Hände zu bringen und uns dienstbar zu machen, ohne daß diese Spürhunde etwas davon erfahren! - Zunächst das minder Wichtige - das ist Sache Calvati's.«
Er schlug mit einem kleinen Stahlhammer auf eine Glocke, worauf aus der Kanzlei sofort ein Geistlicher erschien.
»Ist Abbate Calvati dort?«
»Der Herr Abbate ist eben aus den Zimmern Seiner Majestät zurückgekommen und wartet auf die Erlaubniß einzutreten.«
»Laß ihn kommen!«
Gleich darauf trat der Abbate ein.
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»Ein origineller Besuch, den Sie mir da gebracht haben.«
»Euer Eminenz scheint er doch nicht ohne Interesse gewesen zu sein.«
»Gewiß nicht - das haben Sie, wie Sie doch wohl andeuten wollten, aus der längeren Dauer unserer Unterredung gesehen. Hat er Ihnen Andeutungen über den Zweck gemacht, der ihn die Audienz suchen ließ?«
»Nicht die geringste, Monsignore!«
»So werde ich es Ihnen mittheilen. Sie waren es ja, welcher auf den Befehl des Consiglio dei Tre die sechs Weiber bewachte, welche man für gut gehalten, aus dem Kerker der ›Rosalia‹ wieder in die Welt zu entlassen, um unter den Feinden der Kirche Spionendienste zu verrichten!«
»Eure Eminenz erinnern sich, daß diese Frauen bereits nicht unwichtige Dienste geleistet haben, und daß vor Gaëta nur ein Zufall das Gelingen eines vorzüglichen Planes hinderte.«
»Ich erinnere mich, daß Sie von einer mir berichteten, einer Spanierin, die sich Giuliana nennt und für eine Enkelin des Königs Ferdinand VII. ausgiebt. Sie hat bereits zwei Mal in Spanien durch ihre Intriguen Aufstände angezettelt, bis man sie der Welt entzogen hat.«
»Die Unsinnige glaubt noch immer an ihre Abstammung und prahlt damit. Sie machte einen Versuch, den englischen Abgesandten dafür zu gewinnen.«
Der Kardinal warf einen scharfen Blick auf den Sprecher. »Und was glauben Sie selbst, Abbate?«
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Der junge Geistliche erwiederte ruhig den Blick. »Euer Eminenz wissen zu gut, daß ich mir nicht gestatte, eine eigene Meinung zu haben und mich begnüge, die Befehle meiner Vorgesetzten mit jenem Gehorsam auszuführen, der einen bloßen Leichnam aus allen treuen Gliedern der Kirche machen soll! - Das heilige Consiglio hat mich zum Ueberbringer und Vollzieher seiner Befehle gemacht, eines Weiteren überhebe ich mich nicht.«
»Das ist sehr lobenswerth von Ihnen, Signor Abbate,« sagte der Kirchenfürst, »und ich werde nicht verfehlen, diesen Gehorsam sowohl bei Seiner Heiligkeit als dem Consiglio gegenüber zu rühmen. Um so mehr wird es Sie überraschen zu hören, daß die Büßerin Giuliana keineswegs sich mit Unrecht einer solchen Abstammung rühmt, und daß der Herr Graf von Lerida ihre Mutter hierhergebracht hat mit den Beweisen ihrer loyalen Verheirathung, und daß dieselbe nun von der Kirche ihre Tochter fordert. Es kommt nun darauf an, ob wir der Infantin Henrietta diese Tochter wiedergeben oder sie gänzlich verschwinden lassen wollen?«
Der Abbate verbeugte sich resignirt. »Ich denke, Euer Eminenz, das wird das heilige Consiglio zu entscheiden haben, dem ja, so viel ich weiß, solche Fragen unterliegen.«
»Unzweifelhaft! Indeß, Signor Abbate, werden Sie gut thun, einstweilen die Person nach Rom zu bringen, damit sie zur Hand ist.«
»Die - Signora Giuliana befindet sich bereits hier.«
»Desto besser. Und die Anderen?«
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»Die Signora Elena ist in Turin - die Polin Matilda muß bereits in Warschau eingetroffen sein und wir dürfen ihre Berichte erwarten, - die Französin Theresa ist noch mit der Pflege ihres Liebhabers in Neapel beschäftigt und bei ihrem Charakter wenig auf sie zu rechnen, - der Sängerin Carlotta werden wir heute Abend bei dem kleinen Denkzettel bedürfen, von dem ich die Ehre hatte, Euer Eminenz heute Morgen zu sagen, und sie wird dann alsbald nach Berlin abreisen, und die Schwester Martina, die Personifizirung der Habsucht und des Geizes, wie ich mich selbst zu überzeugen Gelegenheit hatte, beabsichtigt man - später nach Belgien und nach Deutschland zu senden.«
Der Kardinal nickte zustimmend. »Der Plan ist mir bekannt, trauen Sie dieser Frau Gewandtheit genug zu?«
»Sie ist ein Satan im Intriguiren - die Börse ihr Feld. Die Verhältnisse sind augenblicklich günstig in Belgien und Oesterreich, um gewisse Unternehmungen hervorzurufen, welche der Kirche Kapitalien sichern - in dem Baron Dumonceau ist eine sehr geeignete Persönlichkeit gefunden. In Deutschland - Oesterreich und namentlich Preußen - wird die gegenwärtige Stagnirung aller Politik von der jüdischen Börse benutzt, sich Einfluß und Herrschaft zu sichern. Wir können wenig dagegen thun, denn die Thatsache läßt sich nicht leugnen, daß das Kapital bereits in ihren Händen ist. Wenn man gefährliche Feinde nicht besiegen kann, gebietet die Klugheit, sie wenigstens zu benutzen. Euer Eminenz als großer Politiker wissen selbst, daß der norddeutsche Adel noch immer eine
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sehr compakte und wichtige Phalanx bildet, die sich mit geringen Ausnahmen unserem Einfluß entzieht. Trotz des Fortschrittes der liberalen Ideen übt er immer noch ein gewisses Ansehen auf die Menge aus - das preußische Herrenhaus, ich wiederhole es, ist eine Macht, die diesen protestantischen Staat kräftigt. Indem man sein Ansehen im Volk untergräbt, schwächt man den Staat, dies geschieht aber am Leichtesten, wenn man die Aristokratie in die jüdische Spekulation verwickelt, sie helfen läßt, das Vermögen des Mittelstandes der Börse zuzuführen und so ihr Ansehen im Volke untergräbt. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß auch die Börse selbst auf dies Mittel spekulirt. Wenn man die soliden Wälle um die Throne der Fürsten untergräbt, werden diese gezwungen sein, ihre Stütze in der Kirche zu suchen.«
»Es ist dies allerdings die allgemeine Politik,« sagte zustimmend der Kardinal, »die wir uns gegenüber dem Vordrängen des Liberalismus haben vorschreiben müssen. Sie wissen, daß ich mich nur mit den politischen Angelegenheiten beschäftige und das religiöse Gebiet nicht zu beeinflußen suche. Aber der Bemerkung darf ich mich nicht verschließen, daß der weltliche katholische Clerus, von den höchsten Stellen abwärts, überall eine große Neigung zeigt, mit diesen liberalen Bewegungen - ich will nur sagen zu kokettiren, um eine gewisse Unabhängigkeit von Rom zu gewinnen. Wir haben diese Erfahrung selbst an dem italienischen Clerus gemacht.«
»Euer Eminenz mögen unbesorgt sein, - man hält ein scharfes Auge darauf und wird - natürlich im
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Einverständniß mit Eurer Eminenz - die Aufmerksamkeit Seiner Heiligkeit darauf lenken und geeignete Mittel vorschlagen.«
Es zuckte leicht über das kluge Gesicht des Kirchenfürsten, aber er unterdrückte eine bittere Antwort und begnügte sich, auf den ursprünglichen Gegenstand der Unterredung zurückzukehren.
»Es wird jedenfalls das Beste sein, wenn die Kirche auf die Infantin Henrietta ihren Einfluß sichert. Dies wird einem so gewandten Mann wie Sie nicht schwer sein, und ich ermächtige Sie daher, sich morgen nach Civita-vecchia und an Bord der Yacht des Grafen von Lerida zu begeben, der in der Frau die Gattin seines Onkels sieht, jenes Viscount von Heresford, der uns seiner Zeit schon so viel zu schaffen machte, und in einer Unterredung mit ihr ihre Pläne und Absichten zu erforschen, damit man danach weiter entscheiden kann.«
»Ich werde die Ehre haben zu gehorchen. Haben Euer Eminenz mir noch weitere Befehle zu geben?«
»Nein, mein Sohn - ich glaube, Sie werden für heute mit der anderen Angelegenheit der Beschäftigungen genug haben.«
Der Abbate verneigte sich demüthig. Indem er dies that, trat er einen Schritt näher heran.
»In Betreff der Person des Grafen Cavour - der Bericht des Arztes ...«
Der Prälat richtete sich mit einer gewissen Heftigkeit stolz empor. »Wiederholen Sie dem Consiglio, daß ich unbedingt mit dieser Angelegenheit verschont zu bleiben
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wünsche,« sagte er strenge. »Dieser Mann ist unser schlimmster Feind - aber die Entscheidung über sein Leben liegt allein in der Hand des Allmächtigen Gottes. Ich bin der Minister Seiner Heiligkeit des Papstes, aber kein ... Gehen Sie jetzt und nehmen Sie meinen Segen. Ich wünsche ungestört zu sein.«
Der Abbate küßte die Hand des Kardinals, indem seine Lippen dabei wahrscheinlich das Wort murmelten, das jener nicht ausgesprochen. Dann mit seiner steten glatten Ruhe und Freundlichkeit entfernte er sich. - -
Der Abbate hatte kaum das Gemach verlassen, als das Antlitz des Kardinals wieder den Ausdruck scharfen Nachdenkens annahm, den es bei dem Selbstgespräch vorhin gezeigt hatte.
Das dauerte einige Augenblicke, dann nahm er das rothe Priester-Barett und verließ durch eine entgegengesetzte Thür das Gemach. Er schritt durch zwei Zimmer und einen Korridor, in dem ein Nuntius müßig saß.
»Befindet sich Pater Salieri in meinem Kabinet?«
»Zu Befehl, Eminenz!«
Der Nuntius öffnete die Thür.
»Ich bin für Niemand zu sprechen, bis ich schelle!«
Der Kardinal trat ein und ging durch die beiden, den Korridor von seinem Privat-Kabinet trennenden Zimmer bis zu diesem.
Wir werden wahrscheinlich in einer späteren Periode unseres Buches Gelegenheit haben, den Leser in das Kabinet des Kardinal-Staats-Secretairs zu führen, und begnügen uns jetzt zu sagen, daß an einem der beiden
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großen Arbeitstische der Geheimsekretair des Kardinals, der Dominikaner-Pater Saleri saß.
Es ist bekannt, daß der Streit, der seit der Gründung des Ordens der Dominikaner im Jahre 1215 durch Dominicus de Guzman zu Toulouse mit den Franziskanern bestand, seit dem 16. Jahrhundert in der Nebenbuhlerschaft um Macht und Einfluß der Jesuiten seine Fortsetzung fand und noch gegenwärtig in erbitterter Feindschaft zwischen beiden Orden herrscht. Die Inquisition30 in ihrer späteren furchtbaren Gestaltung ist durch die neueren politischen Umwälzungen zwar überall als eingegangen zu betrachten, - selbst auf ihrem letzten Schauplatz, Toscana, wo sie z. B. 1852 noch die Eheleute Madiai wegen Uebertritts zum Protestantismus zu den Galeeren verurtheilte; doch wird im Volke die unter Paul III. eingeführte, durch Pius VII. (1814) neu sanctionirte und noch bestehende »Kongregation des heiligen Officiums« noch immer die »Inquisition« genannt, und das Recht der »Büchercensur,« das 1620 dem Magister des heiligen Palastes in Rom, der stets ein Dominikaner sein muß, verliehen wurde, bildet eine stete Ursach des Neides der Jesuiten.
Der Kardinal setzte sich an seinen gewöhnlichen Arbeitstisch, während der Pater an seine Seite trat, öffnete das Pallium und zog einen unter dem geistlichen Gewande an einer goldenen Kette hängenden Schlüssel hervor, den er seinem Geheimsekretair reichte.
»Die Abtheilung »Frankreich,« sagte er. »Oeffne
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das geheime Fach und gieb das Fascikel der Eugenie Montijo heraus. Weißt Du, Rafaëlo, daß die Jesuiten sich wieder sehr zu regen anfangen? - Ich habe Ursach zu glauben, daß der Nuntius des Consiglio dei Tre, dieser Abbate Calvati, ein geheimes Mitglied des Ordens oder wenigstens von ihnen gewonnen ist.«
»Ich habe schon längst nicht daran gezweifelt, Monsignore.«
»Es wäre in der That unangenehm und würde uns nöthigen, unsere Vorsicht zu verdoppeln. Erinnerst Du Dich des Namens eines Kapitains Diaz Cavalho, auch Guzman genannt?«
»Don Rosario Guzman[n]?«
»Derselbe.«
»Es müssen sich in den Alten einige Andeutungen finden. Der Name ist in den Notizen über die letzte Beichte genannt, welche der Vetter der Kaiserin von Frankreich, Don Alvaro Montijo ablegte, den im Herbst Neunundfünfzig ein deutscher Edelmann im Duell auf schweizer Gebiet erschossen hat.
»Wie hieß der Mann?«
»Es war ein Preuße - Otto von Röbel. Die Sache hängt mit der Affaire der Erbschaft des Marquis von Massaignac aus Südamerika zusammen, bei der diese habgierigen Gauner, die Jesuiten, ein so glänzendes Geschäft gemacht haben.«31
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Der Kardinal nickte nachsinnend mit dem Kopf. »Sieh zu!«
Der Dominikaner war nach der Seitenwand des Gemachs gegangen, wo ein massiver, eine Anzahl Fächer zeigender Schrank in die Maner eingelassen war, hatte die eine Abtheilung derselben mit dem erhaltenen Schlüssel geöffnet und wählte unter verschiedenen dort aufgestellten Büchern und Aktenstücken eines aus, das er vor den Kirchenfürsten niederlegte. Der Kardinal blätterte darin.
»Andeutungen und Nichts als Andeutungen!« sagte er seufzend. »Dieser Bericht des Pfarrers in Allschwyl besagt auch Nichts, als daß der Erschossene, dem er die Sterbesacramente gab, allerlei gehässige Drohungen gegen seine Base die Kaiserin ausstieß, der er die Schuld an seinem Tode beimaß, und daß er dabei wiederholt den Namen Diaz Cavalho nannte. Hier ist ein Dokument, über das ich später mit Dir sprechen werde. Es datirt vom 10. Angust 1837 und führt den Kapitain Diaz Cavalho als Trauzeugen an. Nehmen wir an, daß er damals zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre gewesen ist. Die Kaiserin Eugenie, die denselben Familiennamen wie er, Guzman, führt, ist am 5. Mai 1826 geboren, war also damals 11 Jahr; als sie 1853 den Kaiser heirathete, war sie demnach 27 Jahr, der Kapitain also etwa 36 bis 38 Jahre, - das Verhältniß des Alters würde passen - und diese wichtige Notiz hier - aus der Reihe ihrer Liebschaften in den vierziger Jahren - wir müssen darüber Gewißheit haben! - den Beweis dafür, und die Politik des Kaisers Louis Napoleon läge in unserer
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Hand!« - Er wandte sich entschlossen zu dem Pater. »Du mußt mit dem nächsten Zuge nach Civita-vecchia reisen.«
»Zu Befehl, Monsignore.«
»Der Zufall hat diesen Mann, den Kapitain Diaz Cavalho Guzman[n] hierher geführt - er befindet sich an Bord der Yacht eines spanischen Abenteurers, des Grafen von Lerida, der hier in die Brigantaggia des König Franz treten will. Es gilt, den Kapitain Cavalho, ohne daß es auffällt, von Bord des Schiffes und hierher zu führen. Die Sache ist zu wichtig für das Interesse der päpstlichen Regierung, als daß wir Anstand nehmen dürften, selbst zu zwingenden Mitteln zu greifen, um uns genauere Kenntniß und die Beweise für die uns gewordenen Andeutungen zu verschaffen. Auf der anderen Seite aber muß das Geheimniß uns allein und vor den Luchsaugen jener Partei gewahrt bleiben, welche sich zur Herrschaft in der Kirche zu bringen sucht.«
»Ich verstehe Euer Eminenz und werde danach verfahren. Ich hoffe, es wird nicht schwer sein, das Geheimniß dieses Mannes den Interessen der Kirche dienstbar zu machen, wenn man ihm ihren Schutz zusichert. Es ist in der That ein Glück, daß die weltlichen Machthaber der Erde Schwächen und Sünden haben, welche sie zuletzt doch immer wieder der Oberherrschaft der Kirche unterwerfen werden. Die Brandrede des Prinzen Napoleon und die Brochüre des Herrn About brauchen in Paris ein Gegengewicht.«
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Bauern-Adel!

Es ist Ostern, das heilige Fest des großen Opfers Dessen, der alle Menschen geliebt hat und für Alle gestorben ist, und dessen erhabene Lehren der Liebe und Opferung die Herrschsucht ihrer Priester so oft zum Fluch zu wandeln versteht.
Ostern! - Der Odem der erwachenden Natur, die sich aus ihren Banden gerungen, die den Schlaf abgeschüttelt zu kräftiger Morgenfrische, zieht über die Fluren des deutschen Nordens, über Haide und Wald, über Strom und Berg, über Weg und Feld. Der Krokus lauscht aus der sich färbenden Wiese, die Eiche, die Linde, die Birke läßt ihre Blätter springen hinaus in die frische sonnige Luft, der Wald färbt sich und die lustige Welle rauscht in dem schlängelnden Bach hinüber zum großen Strom, der sie hinabführt zum Vergehen im gewaltigen Ocean.
Wird denn das Menschenleben auch so aufgehen und vergehen, sein so lang stolz und vertrauend gewahrtes Ich, sein eigenes selbstständiges Wesen, Denken und Fühlen in dem allgemeinen Strom der Wesenheit, wie der electrische
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Funke, der doch auch eine selbstständige Kraft ist, sich auflöst in der allgemeinen?
Ist denn all' der unermeßliche Raum, sind jene Myriaden der Sterne und Welten denn nur da, die arme Menschenseele einzulullen oder sie zu täuschen über das große Geheimniß des Lebens und seiner Fortdauer oder seiner Auflösung im Weltmeer?
Macht der Glauben ruhiger, oder der Zweifel? Wer Dich erfassen und begreifen könnte, Du schaffender Weltgeist!
Christ ist erstanden!
Von der fernen Kirche her kommt über die Wiese und den Waldgrund das leise Geläut der Glocken, das zum Ostersonntag ruft. Auf dem Söllenhof hat Alles ein friedliches, festliches Aussehen - eine köstliche Sonntagsstille liegt auf dem stattlichen Gehöft. Die Schwalben sind angekommen und beginnen ihre Nester zu bauen, so hastig und unermüdlich durchstreifen sie die frische würzige Luft, - die Staare zwitschern auf den Bäumen und den Nistkästen, welche die kleinen humanen Flugschriften Gloger's ihnen endlich ausgewirkt, gleich als wüßten sie, daß heute Sonntag und für sie Nichts auf dem Felde zu thun ist. Auf dem Hofe jagen sich die Tauben und Hühner um die gestreuten Körner, und der Haushahn, stattlich einherstolzirend und im Gefühl seiner Herrschaft rechts und links einen Schnabelhieb austheilend, treibt sie alle zur Seite und theilt das Futter höchstens mit den dreisten Sperlingen, die zu bekriegen er unter seiner Würde hält.
Es ist ein Bauernhof im Oßning, dem alten
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Teutoburger Walde, der von der Ems zur Werra seine prächtigen Berge und Thäler zieht, auf den der Gang unseres Buches uns führt, einer jener alten Colonenhöfe, der Ritterburgen des Bauernlandes Ravensberg, deren Besitz seit mehr als tausend Jahren fortgeerbt ist in der Familie, deren Linden und Eichen vielleicht schon den Sachsenhelden Wittekind gesehen, unter deren Schatten der heilige Bonifazius geruht auf seinem Kreuzzug gegen die Heidengötter.
Wenn man den Adel der Croix, der sich bis zur Zeit Noahs und der Arche seinen Stammbaum dehnt, etwa abrechnet, möchten wenige Geschlechter ihren Ursprung und Grundbesitz so hoch hinauf nachweisen, wie die ehrwürdigen Bauerngeschlechter des westphälischen Sachsenlandes von der Borne her und dem Osnabrück'schen, durch die alte Grafschaft Ravensberg, bis hinunter zur Diemel und Weser. Es ist ein merkwürdig zähes und wackeres Geschlecht, die Meier und erbgeseßenen Colonen auf ihren Höfen, die in alter Zeit den Blutbann selbst geübt und Geding gehalten unter der uralten Linde, und zäh und ehrwürdig haben sich noch viele ihrer alten Sitten und Bräuche gehalten bis in die zersetzende, spöttelnde Neuzeit; mit den Bräuchen aber auch alte Tugenden und vor Allem die Gottesfurcht und die Treue.
Wegen dieser Männer und ihrer Eigenschaften ist das alte Ravenberger Land eine Perle in der Hohenzollern-Krone!
Der Hof war ein großer Raum, auf der einen Seite geschlossen von dem Hauptgebäude, dem Wohnhaus des Meiers, das einstöckig war, mit zwei Giebelstuben. Der
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linke Flügel enthielt die einfachen Wohnzimmer der Familie, den tiefen und breiten, mit Backsteinen ausgelegten Flnr, der zugleich zur Küche und dem gewöhnlichen Aufenthalt der Knechte und Mägde in schlechter Jahreszeit oder während des Abends diente. Rechts und links von dem Flur lagen Stuben und Kammern; der Heerd mit seinem gewaltigen Schornstein und seiner Rauchkammer in der Mitte der Hinterwand, links von ihm die Thür zum Obst- und Gemüsegarten, der hinter dem Hause lag, rechts der Aufgang zum Boden und den beiden Giebelstuben oder Kammern. Der rechte Flügel des Hauses enthielt die Remisen und über diesen einen langgestreckten Futterraum, und schloß hier an eine niedere uralte Mauer von Feldsteinen, die weiterhin sich mit der Grundmauer einer schönen, neu und massiv gebauten Scheune mit breiter luftiger Tenne verband und so die zweite Seite des Hofes bildete. Im rechten Winkel an den ›Stadel‹ stießen die Viehställe, meist Fachwerk, warm und bequem. Dann kam, der Hausthür gegenüber, das breite Hofthor, aus starken Eichenbohlen gezimmert, und auf der andern Seite der gleichfalls massive Pferdestall, der durch eine starke Fenz mit dem Wohnhause verbunden war. Diese Fenz umzäumte zugleich einen wohl zwei bis drei Morgen großen freien, nur mit ein Paar alten Eichen besetzten festen Grasplatz, den Tummelplatz der Rosse des Meiers, der große Stücke auf seine Pferdezucht hielt. Das Wohngebäude war ziemlich allein noch - obschon auch hier von der Hand des jetzigen Besitzers schon manche bequemere Einrichtungen und Verbesserungen angebracht worden waren, - das
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einzige alterthümliche Gebäude des Hofes und die Jahreszahl auf der Giebelwand nannte die Zeit zu Ende des dreißigjährigen Krieges, der selbst in diese Waldthäler seine zerstörende Hand gestreckt hatte.
Die ältesten Stücke im ganzen Hofe aber waren sicher die beiden prächtigen Bäume, die mitten im Hofe, zwischen dem Thorweg und der Hausthür standen, so daß man, obschon ihre Zweige und Aeste ineinander liefen, zwischen ihnen hindurch von einem Eingang zum andern sehen und sich begeben konnte. Merkwürdiger Weise aber waren die beiden uralten Waldriesen nicht einmal gleicher Art, sondern repräsentirten die beiden urdeutschen Baumarten.
Es waren eine Eiche und eine Linde, deren Stämme kaum zwanzig Fuß auseinander standen, und deren Aeste, wie bereits erwähnt, zu einem festen Dach in einander verschlungen waren.
Beide Bäume, in weiter Umgegend unter dem Namen »das Ehepaar« bekannt und berühmt, waren offenbar sehr alt. Die Wesergegend am Teutoburger Wald ist ja reich an solchen Baumveteranen, und kundige Forstmänner hatten ihr Alter auf fünf oder sechshundert Jahre geschätzt. Der Sage nach sollten sie von einem Liebespaar, einem Bauernsohn, dem Sohn des Meiers vom Söllenhof, und einem Edelfräulein, noch zur Zeit der Ravensberger Grafen, zu deren Geschlecht das Fräulein gehört hatte, gepflanzt worden sein, am Tage nach dem der junge Bauer mit seinen Kameraden den Thurm erstürmt hatte, in welchem ihr Vormund sie eingesperrt, um sie zu zwingen,
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ihn zu heirathen. Seitdem galten die beiden Bäume für die Wahrzeichen des Söllenhofs.
Um die beiden riesigen Stämme her waren Steinsitze angebracht, und der Großknecht, ein Mann älter wie der Meier selbst und seit länger als 30 Jahren auf dem Hofe, erzählte oft an Winterabenden, wenn sie um den Heerd saßen und die Pfeifen schmauchten, den neuen Knechten wundersame Geschichten, wie in alten Zeiten unter dem Lindenbaum die Tageleistung gehalten worden und der Meier vom Söllenhof das Schwertrecht gehabt und das Gaugericht geübt habe.
Jetzt sei das freilich anders und der Kreisrichter in Schildesche oder sonst wo, spreche jetzt Recht und habe es grade nicht sehr gut stehen auf den Söllenhof, weil der Meier ihm nicht katzenbuckle und ihn kurz und derb abgewiesen habe, als er sich um die Klörke beworben und den schönen Brüning Hof mit ihr gern in die Tasche gesteckt hätte.
Dabei wies Jochem, so hieß der Großknecht, bedeutsam mit dem Daumen über die Achsel nach dem linken Wohnzimmer, wo gewöhnlich der Meier mit den Seinen zu sitzen pflegte. Er selbst hielt vom Heirathen nicht viel und war ein Junggeselle geblieben, seit vor zwanzig Jahren bei der Fahrt zu einer benachbarten ländlichen Hochzeit, die er mit seiner Liebsten, der Jungmagd auf dem Hofe, gemacht, die Pferde gescheut und durchgegangen waren und den leichten Korbwagen umgeworfen hatten, wobei die Marie-Lies so unglücklich mit der Schläfe gegen einen Stein geschleudert wurde, daß er sie als Leiche nach Hause
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brachte. Seitdem hatte er nie wieder einen Wagen bestiegen oder ein Pferd, und begnügte sich, neben herzugehen, und der Meier, der als Knabe mit ihm gespielt und ihn sehr gern hatte, ließ ihm willig die Schrulle.
Ebenso übersah er, daß Jochem niemals zur Kirche ging, sondern des Sonntags, während die Anderen das thaten, hinaus zu dem hölzernen Kreuze wandelte, das er selbst an der Stelle des Unglücks errichtet hatte, und dort einsam sein Gebet verrichtete. Zm Uebrigen war Jochem ein wahres Muster von einem Großknecht oder Vogt auf der großen Wirthschaft, hielt dieselbe in strengster Ordnung und das junge Volk hatte heillosen Respekt vor ihm. Der Meier aber ließ ihn fast unbedingt gewähren und begnügte sich mit einer bloßen Oberaufsicht und seinem Steckenpferd, der Roßzucht. Auch während seiner Abwesenheit - denn der Meier war bereits während zwei der früheren Sitzungs-Perioden des Landtags Abgeordneter gewesen, - hatte er Jochem das Kommando überlassen, obschon er bereits drei erwachsene Söhne besaß.
Die Drei waren das, was ihm von seiner Frau geblieben war, die schon nach zehn- oder zwölfjähriger Ehe gestorben war, ohne daß er sich hatte entschließen können, zu einer zweiten Heirath zu schreiten, was bei einer so ausgedehnten Landwirthschaft gewiß ein großes Opfer an die Verstorbene war.
In den ersten Jahren hatte dem Meier eine alte Verwandte die Wirthschaft führen helfen, aber später war dies nicht mehr nöthig; denn zwei Jahre vor dem Tode seiner Frau hatte der Meier zwei Mündel, die Töchter
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eines alten Freundes und Genossen nach dessen letztem Willen zu sich genommen und erzogen, und die älteste war bald so herangewachsen, daß sie seit drei Jahren schon ihm die Wirthschaft führen half. -
Jetzt fuhr der zweite Knecht einen ziemlich eleganten Korbwagen, vor den zwei prächtige Füchse gespannt waren vor, und die Familie des Meiers erschien in der Thür zur Kirchfahrt.
Der Meier selbst, der eben aus dem Hause trat und sogleich zu den Pferden ging, sie klopfte und streichelte und nach der Aufschirrung sah, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Er war eine schmale hünenhaft aufgeschossene Gestalt, mit schlichtem Blondhaar, ziemlich kleinem Kopf mit hellem Teint des Gesichts und großen fast wasserblauen Augen, die wie alle Augen von dieser Farbe eine gewisse Starrheit zeigten.
In diesem einfachen gestreckten Gesicht lag eine unbeschreibliche Ruhe, aber es war Etwas um das feste, obschon nicht übermäßig große Kinn, was von einer eisernen Entschlossenheit und Willenskraft zeugte.
Die Kleidung des Meiers wies einen halb städtischen Anstrich. Er trug einen langen dunklen Rock, freilich in etwas steifem Schnitt gemacht, Kniehosen und Stulpenstiefeln, und einen runden Hut, Weste und das schwarze Halstuch waren einfach, aber nicht bäuerisch; eine kurze silberne Kette, die nach alter Weise unter der linken Seite der Weste hervorhing, trug ein schweres goldenes Berlocque und als er, um die Zeit zu prüfen, die Uhr herauszog, zeigte es sich, daß dieselbe ein sehr werthvoller Chronometer
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war. Der Meier Söllenhof galt im ganzen Ravensberger Land als ein nicht nur wohlhabender, sondern reicher Mann, und sein Hof mit den zahlreichen Aeckern, Wiesen und Kämpen war einer der werthvollsten der ganzen Gegend.
Das ruhige feste Gesicht des Meiers schien übrigens heute noch starrer wie gewöhnlich, in dem mattblauen Auge funkelte es zuweilen auf, als sei die Seele dahinter nicht so ruhig, sondern von sehr stürmischen Gedanken bewegt, aber doch vermochte Nichts die äußere Ruhe seiner Haltung zu brechen.
Jochem, der Großknecht, der in sonntäglicher Kleidung, wie sie landesüblich, eine kurze Pfeife dampfend bisher an der Stallthür gelehnt und mit Wohlbehagen das im Hofe die Runde machende Gespann betrachtet hatte, kam eilig herbei gehumpelt, denn er hatte sich vor etwa zehn Jahren beim Holzhauen eine Verletzung am Bein beigebracht und lahmte seitdem ein Wenig. Der Knecht war abgestiegen und Jochem hatte ihm die Zügel abgenommen, um sie dem Meier zu reichen.
In der Thür standen noch vier Personen - zwei Mädchen und zwei junge Männer.
Die beiden Mädchen waren die Mündel des Meiers - die ältere Klörke, oder Klara auf Hochdeutsch, mochte achtzehn bis neunzehn Jahre sein und war eine Gestalt, die dem kräftigen westphälischen Menschenschlage entsprach, sie war groß, kräftig und doch proportionirt gebaut, ein frisches offenes, von Luft und Arbeit gefärbtes Gesicht mit hellbraunem, nicht zu reichlichem Haar und gutmüthigen
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Augen, die etwas tiefer blau waren als die Meiers. Aber diese Augen schienen jetzt etwas von Besorgniß getrübt und wandten sich unruhig bald auf den Meier, bald auf den jungen Mann, der einige Schritte zur Seite stand. Sie war, wie ihr Vormund halb städtisch in einen warmen Frauenpaletot gekleidet und trug einen einfachen Hut. Ihre Manieren waren ruhig und bestimmt, hatten aber durchaus nichts Plumpes, Bäuerisches. Klörke Brüning war fast zwei Jahre bei einer dahin verheiratheten Verwandten in Bielefeld gewesen, um dort einigen höheren Unterricht zu genießen, als ihr die Landschule bot, und einige weibliche Fertigkeiten in Handarbeiten zu erlernen. Eine ganz andere Figur bildete ihre junge Schwester Engel. Diese war weit kleiner, etwa sechszehn Jahr, und ihre runde volle Gestalt begann sich bereits zu entwickeln. Ihre munteren hellbraunen Augen sahen lachend in's Leben hinein, auf alle Menschen und Gegenstände ringsum, auf die zwitschernden Sperlinge und den misanthropischen Großknecht, auf die beiden Brüder und das ganze so sauber gehaltene Gehöft, das einst, wie sie wohl wußte, das ihre werden sollte, und wo sie sich schon jetzt freute, die Hausfrau zu spielen und zu schalten und zu walten; denn sie war bestimmt, den jüngsten Sohn des Meiers zu heirathen, und nach dem alten Brauch erben dort die jüngsten Söhne den Hof und damit das Hauptvermögen, im Gegensatz zu der Erbschaft des Feudaladels, wo der Aelteste den Grundbesitz erbt und den Familienstamm fortführt. Wahrscheinlich nahmen die Vorfahren an, daß die älteren Söhne in dem längeren Genuß der elterlichen
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Pflege und Erziehung ihr Ausgeding voraus hätten und besser im Stande waren, sich ein Heim zu schaffen, während der Jüngste geschädigt bleibe, wenn durch dies Erbrecht nicht gerade für ihn besondere Sorge getragen werde.
Vielleicht lag auch dieser Einrichtung des Bauernadels eine tiefere psychologische Ursach zu Grunde: der Wunsch und Stolz, so lang als möglich auf dem Hofe zu sitzen, geliebt und unbeneidet von den heranwachsenden Kindern, ohne daran denken zu müssen, ihnen Platz zu machen; oder die Erfahrung, daß der Jüngere größere Achtung und Liebe für seine älteren Brüder hegen und besser für sie sorgen werde, als vielleicht der Aeltere für den schutzlosen Jüngeren.
Genug, - stamme der Grund für dieses Erbrecht aus welcher Erwägung es auch sei, - es war ein altes geheiligtes Recht, das lange Jahrhunderte bestanden, und an dem erst die neuere Zeit mit ihrer demokratischen Gleichmacherei und Zersplitterung des Grundbesitzes und der Familie gerüttelt hat.
Uebrigens brauchte der Meier für seinen Jüngsten wahrlich keine Bange zu haben, denn Wilhelm obschon erst 17 Jahr alt, war ein Bursche, der bereits 5 Fuß 10 Zoll in den Schuhen stand und nur noch wenig der Größe seines Erzeugers nachgab. Dazu wurde er offenbar von kräftigerem Wuchs als dieser und hatte bereits ein paar Schultern, die einen beladenen Erntewagen allein aus dem tiefen Gleise der Feld- und Waldwege heben zu können schienen, und seiner Zeit bei der Aushebung einen Flügelmann
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für irgend eines der Garderegimenter in Berlin oder Potsdam versprachen, wo bereits zum Stolz des Vaters, der gleichfalls bei der Garde gedient hatte, sein zweiter Bruder, Fritz, der mittlere der drei Brüder seit dem Herbst des vorigen Jahres stand.
Daß nicht auch der dritte Sohn, der erste seiner Ehe zu dem seiner würdigen Hünengeschlecht gehörte und befähigt gefunden war, seinem König und Herrn im Soldatenrock seine Pflicht zu leisten, das war, was den Meier gegrollt und vielleicht etwas ungerecht gegen seinen Aeltesten eingenommen hatte. Desto mehr und zärtlicher hatte die Mutter ihren Erstgeborenen geliebt. Der Knabe war von seiner Geburt an schwächlich und kränklich geblieben und offenbar schon von der Natur nicht für die schwere ländliche Arbeit bestimmt. Auch als er in der kräftigenden Waldluft nach und nach gesundete und heranwuchs, hatte er das Unglück gehabt, einen schweren Bruch des linken Armes zu erleiden, der zwar geheilt wurde, aber eine lange Schwäche desselben zurückließ, und so war der Knabe denn für einen anderen Beruf bestimmt worden, wurde auf das Gymnasium von Herford gethan und nach dem Willen der Mutter auf ihrem Todtenbett zum Studiren und für den geistlichen Stand bestimmt.
Es ist eine eigenthümliche Vorliebe vieler Frauen, namentlich auf dem Lande, einen ihrer Söhne auf der Kanzel zu sehen - sie glauben dadurch gewissermaßen selbst an Gottseligkeit und Frömmigkeit zu profitiren und sich eine Stufe in den Himmel zu bauen. Der Meier, da er doch für den Knaben keine andere Beschäftigung
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wußte und sein stilles in sich gekehrtes Wesen dazu geeignet hielt, hatte zugestimmt, und so wurde Heinrich, ohne selbst viel befragt zu werden, als er das Gymnasium absolvirt und das Abiturienten-Examen bestanden hatte, im zwanzigsten Jahr auf die Universität Halle geschickt und sollte dort ein gelehrter Theologe und frommer Mann werden, dereinst vielleicht in der Heimath ein Licht der Kirche zu sein und den auch in dieser Beziehung hartnäckigen Colonen von der Kanzel herab die Köpfe zurecht zu setzen und die Nichtigkeit alles irdischen Besitzes und Ranges zu predigen.
Aber es war noch etwas Anderes, was das Vorurtheil des Meiers gegen seinen Aeltesten vermehrt und gereift hatte.
Die Gesundheit des jungen Mannes hatte sich in den letzten zwei Jahren sehr geändert und aus dem kränklichen Knaben und schwächlichen Jüngling war ein stattlicher Mann geworden. Eine gleiche Veränderung war mit seinem Lebensmuth und seinem Innern vorgegangen. Auf der Schule hatte er als Knabe das Jahr Achtundvierzig und Neunundvierzig erlebt, und die wilde, der revolutionairen Gedanken so volle Zeit war an seinem unter der stillen Hülle sehr lebhaften und empfänglichen Geiste nicht ohne Einfluß vorübergegangen. Die Eindrücke, die er da empfing, konnte weder der strengconservative Geist der früheren Erziehung im Vaterhause, noch der spätere häufige Besuch dort während der Ferien verwischen, und als er zur Universität kam, schlug die so lang unterdrückte Jugendlust und Lebenskraft mit der Stärkung seiner Gesundheit
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in vollen Flammen auf und durchbrach die so lange auferlegten Schranken selbst bis zum Uebermaaß. Bald kam er in schlimme Gesellschaft und stürzte sich in einen Strudel von Zerstreuungen, die rasch seine Börse leerten und ihn zu Schulden trieben. Das aufgedrungene Studium der Theologie war ihm längst verhaßt, und wenn er auch seiner ursprünglich guten Natur entsprechend Liebe zu den Wissenschaften und zum Studiren empfand, wollte er seinen Geist doch nicht in die Fesseln der theologischen Dogmatik schlagen lassen. Kurzum, der Studiosus Hinrik Söllenhofer galt bald für einen etwas liederlichen Studenten, einen Schläger und Raufer, ein Mitglied demokratischer Clubs und einen eifrigen Schwärmer des Nationalvereins. Eins aber war es, was hauptsächlich diese Opposition gegen das Conservative, Hergebrachte, gegen die Bestimmungen des Vaters geweckt und genährt - das war die mit dem Knaben aufgewachsene Liebe zu seiner Pflegeschwester, der Erbtochter des reichen Colonen Brüning. Es ist etwas sehr Gewöhnliches unter dem Bauern-Adel Westfalens, daß die Söhne und Töchter derselben schon sehr früh mit einander von den Vätern versprochen werden, theils aus Freundschaft und gegenseitiger Anhänglichkeit, theils um den Bestand der alten Höfe zu sichern. Der Nachbar und Freund des Söllenhofers, der Colon Brüning, aus einem uralten Geschlecht, hatte keine Söhne, sondern nur zwei Töchter, und da waren längst die Männer und Frauen übereingekommen, daß zwei Söhne des Söllenhofs die Töchter des Brüning heirathen sollten, nur hatte die Mutter Hendriks gewünscht, daß ihr Liebling der
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Verlobte der jungen Klörke, der Erbin des Brüninghofs werden sollte, aber mit jener Naivetät, die keine Prüderie kennt und zu oft seltsamen Contracten und Proben führt, wo es sich um die Fortpflanzung ihrer alten Familien handelt, hatte der alte Brüning den kränklichen und schwächlichen Eidam zurückgewiesen und gewünscht, daß seine ältere Tochter Klörke den zweiten Sohn des Söllenhofers heirathen und dieser mit dem Hofe seinen Namen annehmen solle.
So war es unter den Familien bestimmt - aber das Herz der Jugend ist oft sehr rebellisch gegen das Herkommen und die Pläne und Satzungen der Väter.
Es war merkwürdig, und vielleicht zuerst durch die Vorliebe der Mutter für den kränklichen Knaben veranlaßt, mit welcher Zuneigung Klörke Brüning, als sie als Waise zwei Jahre vor dem Tode der Frau des Meiers, in noch sehr jungem Alter, sie war damals ein Kind von vier Jahren auf den Söllenhof kam, an den drei Jahre älteren Hinrik sich anschloß. Diese Zuneigung wuchs mit den Jahren und wurde durch die sorgsame Pflege erhöht, die das heranwachsende Mädchen dem kränklichen stillen Pflegebruder widmete, während sie den zweiten Bruder mit sehr gleichgültigen Augen ansah, obschon sie wohl anfangs nicht daran dachte, das Verlöbniß ihres Vaters zu ändern. Wohl aber dachte daran der Student, der zu der Pflegeschwester längst die gleiche Liebe gefaßt hatte, und in seinen freieren Anschauungen in der Bestimmung der Väter eine Ungerechtigkeit, eine Tyrannei der Herzen erblickte, der er nicht gewillt war, sich zu unterwerfen.
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Zwar kannte er sehr wohl den starren Willen seines Vaters, die unverbrüchliche Treue an dem gegebenen Wort, aber das junge Herz ließ sich nicht gebieten und da von der Heirath ohnehin keine Rede sein konnte, bis der bestimmte Bräutigam vom Militair wieder entlassen war, hoffte das Paar auf einen Zufall, auf irgend eine unmögliche Wendung in den Ansichten des Nichts von dieser Liebe ahnenden Vaters, und überließ sich unterdeß seinen Gefühlen, die durch keine Eifersucht des bestimmten Bräutigams etwa beschränkt wurden, denn Fritz Söllenhofer war eine sehr phlegmatische Natur und betrachtete die ihm bestimmte Braut mit sehr gleichgültigen Augen, während er doch schon als junger Mensch sich mit großer Sorgfalt seines künftigen Eigenthums annahm und den Brüninghof verwaltete, überzeugt, daß er so wenig wie Klörke sich ihrem bestimmten Schicksal entziehen könnten.
Am Abend vorher war es zu einem sehr schlimmen Auftritt zwischen Hinrik Söllenhofer und seinem Vater gekommen. Der Meier hatte von dem Leben des Sohnes auf der Universität doch endlich einige Winke erhalten, auch die freien Ansichten und Meinungen, die der Student keck bei manchen Gelegenheiten zu Tage gefördert, hatten ihm stark mißfallen, und als er ihn an dem Abend im Familienkreise zur Rede setzte, hatte Hinrik den Muth gefaßt, ihm rund heraus zu erklären, daß es mit der Theologie Nichts für ihn sei, daß er weder Lust noch Beruf empfinde, dies Studium fortzusetzen, daß er es vielmehr schon seit einem Semester aufgegeben und in diesem nur Kollegien über Philosophie und Geschichte gehört habe,
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daß er am Liebsten Philosophie und Geschichte studirt hätte, daß er aber, wenn der Vater dies nicht zweckmäßig halte, mindestens lieber ein tüchtiger Arzt des Leibes werden wolle, statt eines schlechten Arztes des Seele, und daß er ihn bäte, dies Studium auf der näheren und in diesem Fach berühmteren Universität Göttingen fortsetzen zu dürfen. Er sprach dabei viel Ueberflüssiges von dem freien Willen und dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen, verfehltem Beruf und verlorener Zeit, dem Drange nach freierer Bewegung des Volkes und einem einigen großen Deutschland und sonst Allerlei, daß der jüngere Bruder ihn höchst erstaunt und respektvoll anhörte, die klügere Klörke aber bald mit Angst auf den Meier schielte.
Dieser hatte eine Zeitlang ruhig den Tiraden zugehört, ohne ein Wort zu sprechen, das starre Auge fest auf den Sohn gerichtet, der diesen Blick anfangs trotzig erwiderte, auf die Dauer aber nicht zu ertragen vermochte und den seinen zur Seite wandte; - nur die Lippen des Mannes preßten sich fester und fester um die Spitze seiner Pfeife und stießen keinen Rauch mehr aus; auf den Backenknochen erschien ein runder Fleck von leichter Röthe und Klörke, die seit Jahren den Charakter des Mannes kannte und wußte, daß der Sturm jetzt zum Ausbruch kommen würde, stieß vergeblich den Pflegebruder mit der Fußspitze an.
Aber in Hinrik lebte gleichfalls etwas von der zähen hartnäckigen Natur des Vaters. Er wußte, daß es doch einmal zum Zusammenstoß kommen mußte, und hatte beschlossen, daß es jetzt geschehen solle.
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Endlich legte der Meier die Hand klatschend auf den Tisch.
»Genug!« sagte er mit dumpfer Stimme, »oder vielmehr schon zuviel mit all' dem Unsinn, den Du da gesprochen. Ich erwartete fast, daß das oder Aehnliches kommen würde, denn Dein ganzes Auftreten sah danach aus, der Kalabreser und der lächerliche Rock, der sich am Wenigsten ziemt für Einen, der künftig Anderen ein Beispiel sein soll. Aber ich halte der Jugend Etwas zu Gute und habe Deiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen, Nachsicht mit Dir zu haben, weil Du krank und schwach warst von Kindheit auf. Das hat sich geändert und wenn Du auch nicht Deinen Brüdern nachschlägst, so hast Du am Narrenbart und am Maulwerk, was Dir an Länge und Schultern abgeht. Ich bin kein solcher Gelehrter wie Du, und weiß das Wischiwaschi nicht zu reden von Freiheit und geistigen Rechten - ich bin nur ein Bauer, aber ich bin der Herr meiner Kinder, so lange ich der Herr auf dem Söllenhof bin, und weiß, daß sie Vater und Mutter zu gehorchen haben und wir alle den Geboten Gottes und dem König von Preußen, unserem gnädigen Herrn. Deine Mutter lebt nicht mehr, aber sie hat mit meiner Zustimmung gewollt, daß Du den geistlichen Stand zu Deinem Lebensberuf machst, weil Du zu - nun weil Du zum Bauern, wie Deine Väter waren, nicht taugst und aus der Art der Söllenhofer geschlagen warst. Du bist als treuer lutherischer Christ getauft, erzogen und confirmirt worden. Bist Du es noch?«
»Gewiß Vater, - aber ...«
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»Kein Aber,« sagte der Meier, nochmals die Hand auf den Tisch klatschend - »es giebt blos Glauben oder Unglauben! Ein Geistlicher, der das Wort unseres Herrn und Heilands verkündet und nach seinen Geboten lehrt und lebt, seiner Gemeinde zum erhebenden Beispiel, erfüllt eine hohe Aufgabe und sein Beruf ist ein ehrwürdiger und hochgeachteter, der in der Treue zu seinem Gott gleich steht, oder darüber noch der Treue des Soldaten zu seinem Kriegsherrn und des Unterthanen zu seinem angestammten König und Landesherrn. Ein Mann, der seinen Pflichten, die er freiwillig gewählt, aus allerlei Schrullen untreu wird, ist nicht besser als Einer, der fahnenflüchtig wird. Du bist freiwillig dem Wunsche Deiner Mutter nachgekommen und ein Theologe geworden. Willst Du bei Deinem Stande bleiben?«
»Nein Vater, ich fühle, mir fehlt der innere Beruf dazu. Ich kann mich mit diesen orthodoxen Lehren und Fesseln nicht befreunden, die jeder freieren Entwickelung der Wissenschaft und des Fortschritts ein Hinderniß sind!«
»Steht es bereits so mit Deinem Glauben und Deinem Christenthum,« sagte der Meier nach einer Pause - »dann ist es allerdings besser, die Kanzel wird nicht durch einen neuen Zweifler und Abtrünnigen entweiht. Wir haben leider bereits genug der Rüttler an den christlichen Fundamenten des Staates und der Gesellschaft. So ehrwürdig und achtungswerth ein überzeugungstreuer Geistlicher ist, so verächtlich und schädlich ist ein Heuchler und Deutler. Du willst also von der Theologie zur Medizin übergehen?«
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»Ich bin es bereits, Vater!«
»Natürlich ohne meinen Willen und ohne mich zu fragen! Das sind die Folgen der Erziehung in den Städten und der guten Lehren von der Gleichheit und dem Fortschritt! - Nun, da Du so über Dich selbst und Deine Zukunft bestimmt hast, ohne Deine Angehörigen zu fragen, wirst Du wohl auch in Besitz der Mittel sein, Deine Pläne durchzuführen?«
»Vater - Sie sind hart mit mir! - Auch der ärztliche Beruf ist ein ehrenwerther und kann großen Segen stiften.«
»Das ist jeder Beruf, wenn er ehrlich und treu erfüllt wird. Man hat nur nicht viel Vertrauen zu den Ueberläufern, und um ein tüchtiger Arzt zu werden, gehört Mühe und strenge Arbeit.«
»Ich fühle, daß ich fleißig sein kann! ich werde das Versäumte nachholen, wenn ...«
»Nun - warum stockst Du?«
»Wenn Sie die Güte haben wollen, mir die Mittel dazu zu geben.«
»Ein ächter Mann, der den Drang zu einem Beruf in sich fühlt, würde sie sich selbst erwerben. Ich habe viele Beispiele erlebt, daß armer Leute Kinder was Tüchtiges geworden, ohne die Unterstützung der Eltern. Da Du aber nicht an eine Arbeit gewöhnt bist, die Selbstständigkeit verschaffen kann, wie Deine Brüder, so werde ich Dir für die nächsten drei Jahre, die doch wohl noch über Dem Studium vergehen können, ehe Du zum Doktor promovirt wirst, wenn es überhaupt je geschieht, Dir jährlich
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die 300 Thaler fortgeben, die ich Dir bisher ausgesetzt hatte. Dein Bruder Fritz in Potsdam bedarf nicht den fünften Theil zu seinem Sold.«
»Vater -« das Gesicht des Studenten hatte sich mit dunklem Roth bedeckt, er wollte wahrscheinlich Etwas sagen, aber der Meier schnitt es ihm ab, indem er sich von seinem Schemel erhob und in seiner ganzen Länge aufrichtete.
Der Mann hatte sich bei der ganzen Unterredung offenbar die größte Gewalt angethan, um ruhig und gelassen zu bleiben, - wer ihn kannte, der hatte es ihm angesehen.
»Genug für heute - Du brauchst mir nicht zu danken, Du bist der Sohn Deiner Mutter und ein Kind des Söllenhofs, und so lange ein Söllenhofer ein ehrlicher Mann bleibt und keine schlechten und ehrlosen Streiche macht, die seinen alten Stamm schänden, wird er den Schutz und den Beistand des Hofes haben, der ihn geboren werden sah. - Gutenacht mitsammen. Klörke, Du hast nicht vergessen, daß wir morgen Gäste erwarten, den wackeren Bürgermeister Strosser von Herford, Deinen Oheim Bockschatz und ein paar andere Freunde. Es gilt zwar nur eine ›Bauern-Adresse‹ zu berathen« - sein Blick streifte leicht über den ältesten Sohn - »aber die Worte sollen aus treuem und ehrlichem Herzen kommen und Nichts von den neumodischen Begriffen und Klauseln haben, mit denen sie jetzt in den Kammern auf unseres Herrn und Königs ehrliches troW[Wort] zu antworten wagen.«
Er nickte den beiden Mädchen zu, die sich achtungsvoll
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erhoben hatten und ging nach seiner anstoßenden Schlafkammer, obschon es noch nicht so spät war, und ohne das sonst gemeinsame Abendgebet mit dem ganzen Haushalt abzuwarten.


Das war, was am Abend vorher vorgegangen war und weswegen das junge Mädchen, als der Wagen zum Kirchgang vorgefahren war, so ängstlich bald auf den Meier, der sich noch immer mit den Pferden beschäftigte, bald auf den Studenten blickte, der sie zwar vor das Haus begleitet hatte, aber dort baarhänptig stehen blieb und keine Miene zur Mitfahrt machte.
Heinrich Söllenhof war, wenn man an die Gestalt nicht die Ansprüche des hünenhaften Wuchses seiner Familie machte, eine ganz hübsche und anziehende Erscheinung. Er war von mittlerer Größe, eher kleiner, als darüber, aber von einer gewissen Eleganz der Figur, welche die legère studentische Tracht recht gut kleidete. Sein Gesicht hatte etwas Zartes, fast Mädchenhaftes, das nur durch den starken, gekräuselten Vollbart, den er trug, wieder einen männlichen Charakter bekam. Seine Nase war von hübscher Form, etwas aufgeworfen, die Stirn gewölbt, das Haar - abweichend von dem altsächsischen Typus, - kastanienbraun und stark gelockt. Seine Hände waren fein und nicht von der harten Arbeit rauh und breit wie die seiner Brüder, kurz er hatte ein Aeußeres, das wohl ein Mädchenherz bestechen und zur Liebe verlocken konnte.
»Aufgestiegen!«
Der Wagen hatte nur zwei Bänke. Der jüngste Söllenhofer half den beiden Mädchen den Wagen besteigen
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und den Hintersitz einnehmen, der Meier schwang sich auf den Vordersitz und nahm die Zügel aus der Hand des Großknechts. Sein Auge streifte die beiden Brüder.
»Erlauben Sie mir, Vater, zurückzubleiben,« sagte der Student. »Ich bin nicht in der Stimmung für die Kirche.«
[»]Seinem Gott zu dienen, bedarf es keiner Launen und Stimmungen! Sitz auf Wilm.« Ein vorwurfsvoller Blick des älteren Mädchens traf den Studenten, während das jüngere sich offenbar über den Tausch freute; die Peitsche knallte und der Wagen, von den stattlichen Füchsen gezogen, rollte rasch aus dem Gehöft über die Brücke, welche einen den ganzen Hof umschließenden trockenen Graben überführte, der an die Circumvallationen alter römischer Lager erinnerte, und folgte dem schon vor einer Viertelstunde zur Kirche aufgebrochenen Dienstgesinde.
Der alte Jochem sah eine Weile dem Wagen nach und dann mit betrübtem Kopfschütteln nach dem ältesten Sohn des Hauses, der noch immer finster auf derselben Stelle stand, und den er sanft auf die Schulter klopfte. Hinrik war ein Liebling des lahmen Alten, der den schwachen und kränklichen Knaben dreihundert Mal auf seinen Armen getragen und ihn wie eine Magd gewartet und gepflegt hatte, wenn er Zeit und Gelegenheit dazu gefunden.
»Iy haddet doch liwer mitfahren sollen, Hinrik,« sagte er in seinem weichem Plattdeutsch, »dat thut nich god, dat Iy den Buer erzürnt hawd. De Jonge -« er meinte den jüngsten Sohn - »hat my hüte Morgen davon
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derzählt. It geit nich god, gegen en Backowen an to jappen.«
»Es ging nicht anders Jochem - es mußte doch heraus. Und ich gehe lieber mit Dir zu Deinem Kreuz und bete dort mein Vaterunser, als daß ich mir das Gesaalbader des orthodoxen Pfaffen anhöre.«
»Pfuy, Hinrik,« sagte der alte Mann ernst; »das ist nicht hübsch von Euch gesprochen. So müßt Ihr nicht reden, wenn wir gute Freunde bleiben sollen. Jetzt holt Eure Mütze oder Euren Hut, obschon der Buer Euer Vater selbigen Hut nicht gern liden mag, ich begreife nicht recht, warum, und kommt mit mir. Der Pastor ist ein braver Mann und ich ginge gewiß zu ihm in die Kirche und betete mit den Anderen, wenn ich mich nicht verschworen hätte, keinen Gang mehr dahin zu machen, seit der mit der Marie-Lies so traurig für mich geendet hat. Ich weiß wohl, Ihr könnt dort am Rain, wo das Kreuz steht, eben so gut zum lieben Herrgott beten und geloben, ein Mann zu werden, - wenn es Euch mit meiner Begleitung überhaupt Ernst ist und Ihr nicht einen anderen Zweck dabei habt.«
»Was meinst Du Jochem?« Der Fragende erröthete unwillkürlich.
»Nun - es war mir, als hätte ich heute Morgen die Teufelskrabbe, den Gryx-Steffen, den Taugenichts, um den Hof herum streichen sehen, der Euch die Botschaft brachte am Gründonnerstag von Euerm Freund, wenn Ihr Euch nicht schämt, einen solchen Herumtreiber, dem der Lüderjahn aus den Augen sieht, Freund zu nennen. Ich sah, wie
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er Euch einen Zettel zusteckte. Der Junge taugt Nichts, seine Mutter ist eine Schande für die Gemeinde und hält ihn zu keiner ehrlichen Arbeit an, und wer mit der Gesellschaft umgeht oder bei ihr haust, taugt sicher auch nicht viel. Hört Hinrik,« - der junge Mann hatte unterdeß seinen Kalabreser geholt und wanderte mit dem Alten zum Thor hinaus, der von dort einen längst nicht mehr oder nur zum Holzeinfahren benutzten Waldweg einschlug, - zwischen das Gelände der Waldhügel hinein - »ich will nicht hoffen, Ihr habt mich belogen, und habt mir meinen Sparpfennig abgeluxt, um ihn einem solchen Vagabonden in den Hals zu werfen.«
»Nein Jochem,« sagte der Andere, ihm fest in's Auge sehend, »ich sprach Dir die Wahrheit. Es ist wirklich so, wie ich Dir sagte. Hätte der Alte gewußt, daß ich in Halle noch Schulden zurückgelassen bei Wucherern und Gaunern, die mich zu Tode hetzten, dann wäre sein Unwille noch schlimmer gewesen, als er so schon war - kalt und schneidend. Du warst der Einzige, dem ich meine wahre Lage zu entdecken wagte. Es ist wahr, ich bin leichtsinnig gewesen, habe mich hinreißen lassen und tolle Streiche genug gemacht, - aber der Groll gegen den Stand, den man mir aufgedrungen und über den Raub, den man kaltblütig, als müßte es so sein, am besten Theil meines Lebens vollführt, mußte einen Abschluß haben. Ich hatte Angst, daß meine Gläubiger mich bis hierher verfolgen oder mir irgend einen schlimmen Streich beim Vater spielen würden, und als Du Dich erbotest, die vierhundert Thaler mir zu geben, und den alten wollenen
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Strumpf hervorholtest, in dem Du seit zwanzig Jahren es zusammen gespart, und als ich gestern in Werther das Geld bei dem Juden wechselte, und Alles - ich sage Dir alter Mann - Alles bis auf zwanzig Thaler! - in den Briefen auf die Post gab - da fiel mir in Wahrheit ein Stein vom Herzen, und hätte ich dem Vater gehorchen können, ohne mein ganzes künftiges Leben, ohne mein innerstes Fühlen und Denken zu opfern, ich würde pater peccavi gesagt, und den Willen der Mutter erfüllt haben, weil sie mich geliebt hatte und für mein Bestes zu sorgen glaubte. Dir aber, mein alter Freund, danke ich tausend Mal für Dein Opfer und Du sollst nicht um Dein sauer Erspartes kommen, sobald es mir gelungen ist, mein Ziel zu erreichen! Bis dahin nimm hier einen Schuldschein über Dein Darlehn!«
»S'ist kaum nöthig - Ihr wißt, Hinrik, daß ich nicht Kind noch Kegel habe und das Bisken Euch doch zufällt.« - Mit aller Zähigkeit und Genauigkeit studirte er jedes Wort des Scheins, steckte ihn zu sich und beharrte dann: »Aber mit den zwanzig Thalern, Hinrik, was ist's mit denen?«
»Nun denn, allerdings, sie sind für den Mann bestimmt, den Du nicht leiden magst! Es ist eine alte Spielschuld, die ich ihm nicht weigern darf, um so weniger, als er jetzt im Unglück sitzt. Er hat flüchten müssen und will über die holländische Gränze zu den Werbern für Batavia, oder sonst über's Meer. Wenn ich Dir auch zugestehen will, daß er nicht viel taugt, und es mir lieber gewesen wäre, er hätte mich nicht hier aufgesucht, so war
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es doch mein alter Commilitone und Senior und hat mich eingepaukt und sekundirt bei der Schlägerei, die endlich schuld war, daß ich den Theologen bestimmt an den Nagel hing.«
»Aber wie kommt's, daß der Ruech jetzt grade mit Euch hier zusammen trifft?«
»Ich habe Dir schon erzählt, daß ich vier Wochen im Carcer saß wegen der Paukerei, ehe ich - - Nun, als ich heraus kam und mein Bündel schnürte, hatte Rußmann, so heißt unser alter Senior, Halle verlassen und wie er sagt, einen akademischen Fechtzug durch die Welt gemacht, allerdings nicht mit großen Ehren und Erfolgen, wie sein Aeußeres bewies. In Göttingen will er gehört haben, wo meine Familie wohnte, und da er wußte, daß ich zu den Semester-Ferien einen Besuch in der Heimath machen wollte, oder - mußte, hat er mich auf seinem Wege zur See hier aufgesucht. Aber ich gebe Dir mein Wort, Jochem, es soll unsere letzte Begegnung sein, und ich werde es ihm rund heraus sagen.«
Der Großknecht nickte sein Zustimmung und dann gingen sie schweigend oder von gleichgiltigen Dingen redend, wacker drauf los in den jetzt noch so lichten blätterlosen Wald hinein.
Endlich blieb der Alte stehen und wies auf eine Wendung des Weges.
»Man mut sik för de Minschen waare, de Got tekent het. Wen man fon den Düwel snakt, so steit he dicht achter en. Wat hät de Keerl bei min Kreuz to dhaun?«
Vor ihnen, in der unmittelbaren Nähe eines großen
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Felsblocks, wie sie in den Wesergebirgen so häufig zu Tage liegen, stand an dem Wege ein altes verwittertes Kreuz, roh von Eichenbalken zusammen gezimmert und mit einem Kranz aus den ersten Frühlingsblüthen geschmückt. An dem Fuß des Kreuzes, mit dem Rücken gegen einen Felsblock gelehnt, saß ein Mann in eigenthümlichem Anzug.
Er trug einen dunklen kurzen Sammetrock und darüber weite großkarrirte Pumphosen, wie sie wohl der studentische Uebermuth zu tragen pflegt, ein Gilet von heller Farbe und einen sehr schlechten zerknitterten Filzhut, der gar nicht zu der anderen Garderobe paßte, die wenn auch keineswegs neu und elegant, doch heil und gut war. Der Mann war nicht viel größer als Hinrik, hatte gleichfalls einen starken, dunklen Knebelbart, war aber mindestens sieben bis acht Jahr älter und hatte keineswegs dessen hübsches und bestechendes Aussehen. Sein Gesicht zeigte vielmehr starke Spuren eines wilden und liederlichen Lebenswandels, die Augen waren geröthet und lagen tief im Kopf, hatten auch einen frechen unangenehmen Ausdruck und das Gesicht, so weit es der Bart frei ließ, war blaß und abgemagert. Der Mann rauchte eine schlechte Cigarre und nahm von Zeit zu Zeit aus einer jener flachen Taschenflaschen, wie solche häufig die Handwerksburschen bei sich führen, einen Schluck des starken Wachholderbranntweins, wie er in Westfalen und namentlich im nahen Münsterland und in Holland fabrizirt wird.
»He, hollah, alte Schraube,« rief er mit rauher Stimme, als er den Nahenden erblickte - »es ist Zeit, daß Du
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endlich kommst. Ich dachte schon, Du hättest einen moralischen Katzenjammer gekriegt und wärst reuig mit dem Alten in die Kirche geschlichen, um den lieben Herrgott um Vergebung all' Deiner Sünden und Nichtsnutzigkeiten anzubetteln, statt zum Ostersonntag hierher zu kommen und von einem alten Freunde Abschied zu nehmen. Denn hol' mich der Rector Magnificus aller Teufel und Teufelinnen, ich habe wahrhaftig keine Lust, das Osterfest bei Eurem Pumpernickel und Buchweizen-Kuchen zu verprassen. An dem lieben deutschen Reiche ist nur der Jammer von Nutzen, daß man von jedem der hundert Vaterländer mit einem Katzensprung über die Gränze sein kann und den Pedellen und Bettelvögten des nächsten unbekannt ist. Bringst Du Geld?«
»Hier sind die zwanzig Thaler, die ich Dir schulde!« sagte der Student.
»Hu, Du machst ja ein Gesicht dazu, als solltest Du Deinen Leichenwagen damit bezahlen, und es war doch eine so fidele Nacht, als Du sie an mich verlorst. Denkst Du noch daran? und wie die schwarze Alwina sich in Dein Milchgesicht vergafft hatte und Dich mit Gewalt zu verführen suchte? In diesem Punkte warst Du ja wahrhaftig immer zimperlich genug - als ob die Weiber nicht da wären, um sich zu amüsiren mit ihnen, so lange sie jung und hübsch sind, und Thee und Suppen von ihnen kochen zu lassen, wenn sie alt sind. Aber was hast Du da für eine Vogelscheuche, die mich so grimmig anschaut, als wollte sie mich auffressen? Ih, richtig, es ist der alte Bursche, der mir am Donnerstag die Kleider brachte, mit
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denen Deine Generosität meiner abgerissenen Garderobe wieder zu ganzen Hosen und Aermeln half.«
»Dennoch scheinst Du sie nicht ganz benutzt zu haben, denn so viel ich mich erinnere, schickte ich Dir doch eine anständigere Kopfbedeckung mit, als diesen schäbigen Hut! - Aber komm, laß uns ein Stück in den Wald hinein gehen, mein alter Jochem liebt es nicht, an dieser Stelle fremde Menschen zu sehen!«
»Meinetwegen!« Der ehemalige Senior der Burschenschaft war bei der Erwähnung seines schlechten Hutes etwas verlegen geworden, aber es ging rasch vorüber und er mit dem jüngeren Manne weiter hinein in den Wald, bis sie das Kreuz und den Großknecht nicht mehr sahen. Dort blieb der junge Söllenhofer steh'n und setzte sich auf einen Stein, als wolle er dem Gefährten andeuten, daß hier seine Begleitung zu Ende sei.
»Nun erzähle,« sagte Jener. »Hast Du mit Deinem Alten eine Lanze gebrochen und ihn zur Raison gebracht?«
»Du kennst den Charakter der Männer nicht, die auf der rothen Erde als freie Sassen geboren sind und keinen Willen über sich erkennen, als den Gottes und des Königs. Mein Vater bestand darauf, daß ich wieder in den Theologenrock kriechen sollte, aber Gott sei Dank - diesmal -«
»Nun! Ich weiß doch, daß Du trotz des leichten Blutes noch eine gewisse Portion westphälischer Hartnäckigkeit besitzest. Du hast es damals bewiesen, als wir uns mit der leipziger Franconia angelegt hatten. Du allein, ein blöder Fuchs! bliebst störrisch und wolltest von dem Ausgleich Nichts wissen.«
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»Ich blieb fest und erklärte ihm, daß ich zum Theologen keinen Beruf habe, und ein Heuchler nicht werden wolle.«
»Und da der Alte Dich nicht, wie es scheint, zum Teufel gejagt hat, hast Du also die Erlaubniß, in Heidelberg oder sonst wo Deiner Lieblingsnarrheit zu folgen, und ein gelehrter Professor der Geschichte oder ein ähnliches Thier zu werden?«
»Nein!«
»Was? - nun was ist denn da geworden?«
»Mein Vater sagte, daß das kein Brotstudium wäre, und daß er dafür kein Geld für mich habe. So habe ich mich denn erklärt, daß ich Medicin studiren würde.«
»Ha - ein Kollege! ein Arm- und Beinabschneider! Du weißt, mein Junge, daß ich auch dabei war und zwei Semester tapfer ausgehalten habe, bis mein Alter starb.«
»Er hat mir dazu auf drei Jahre das bisher Ausgesetzte fortbewilligt!«
»Lumpige dreihundert Thaler für einen lustigen Bruder Studio! und ein so reicher Grundbesitzer! Das ist schofel. Da thut der verschuldetste märkische Junker mehr für seinen liederlichen Fähnrich oder Lieutenant! - Aber Deine Schulden hat er doch wenigstens bezahlt?«
»Nein!«
»Was - und Du giebst mir Geld?«
»Ich habe es mir auf andere Weise verschafft, wenigstens um meine dringendsten Gläubiger zu befriedigen.«
»Ich wette, Du hast ihm nicht einmal gesagt, daß Du Schulden hast?«
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Der junge Mann senkte den Kopf. »Du kennst meinen Vater nicht, er hat eine Art in seinem kalten starren Wesen, die es unmöglich machte, meine Verirrungen zu gesteh'n.«
»Das kommt davon,« lachte der Andere frivol, »daß Du so undankbar gewesen bist, mich nicht als alten Universitätsfreund in Dein Haus einzuladen, als ich doch bloß um Deinetwillen den Umweg hierher gemacht hatte. Beim heiligen Leo und Gesenius - ich hätte Deinem Alten schon den Kopf zurecht setzen und ihm klar machen wollen, was ein tüchtiger Student an Moneten braucht. Aber Du bist trotz aller fidelen Suiten ein Duckmäuser geblieben und hast mich blos nicht bei Dir haben wollen wegen Deiner beiden hübschen und reichen Pflegeschwestern, aus purer Eifersucht, damit nicht eine oder die andere sich in mich verlieben und mit mir durchbrennen sollte. So wahr ich meiner innersten Natur nach ein Social-Demokrat bin und für die Theilung alles Eigenthums - Ihr stillen Westphälinger habt's hinter den Ohren, mehr noch als die Schwarzröcke, denen ich Dich glücklich entrissen habe!«
»Still!« Der Blick, mit dem der junge Söllenhofer ihn ansah, war so fest und drohend, daß der Andere unwillkürlich zurückwich. »Ich will den Namen der Mädchen nicht in Deinem Munde haben! - Mein Vater würde Dich in der ersten Stunde vom Hofe gejagt haben - so einfach er ist, so hat er doch Scharfblick genug. Und nun, laß uns zu Ende kommen. Ich muß die Folgen meiner Verirrungen tragen und werde es thun. Dazu kann mir Niemand helfen, als ich selbst. Hoffentlich wird doch noch
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ein tüchtiger Mann aus mir. Kann ich für Dich noch Etwas thun aus - alter Kameradschaft?«
»Nichts, als daß Du verschweigst, daß ich überhaupt in dieser Gegend gewesen bin - Du und der alte Bursche dort, mit dem Du kamst. - Ich hoffe in einer Stunde zwar über der Grenze zu sein und bald genug in Holland drüben - aber ich möchte doch nicht gern, daß hier von mir gesprochen würde.«
»Aber warum? was hast Du zu scheuen?«
»Pah - jeder Mensch hat Etwas auf seinem Kerbholz - wäre es Dir angenehm, wenn Schneider und Weinhändler aus Halle hierher nachgereist kämen? Also Du schweigst von mir acht Tage lang?«
»Ich werde schweigen!«
»Dein Ehrenwort?«
»Mein Ehrenwort!«
»Und bürgst auch für Deine lahme Amme in Hosen da drüben?«
»Ich bürge für ihn. Ich sage Dir offen, es würde uns nicht sehr zum Vortheil gereichen, mit Dir verkehrt zu haben.«
»Mag sein,« sagte der Vagabond, - »oder auch nicht! Hätte ich noch ein Heim gehabt, wie Du, aus dem ich mir einen Halt holen konnte, ich brauchte vielleicht jetzt auch nicht in alle Welt zu zieh'n. Es war mir auch nicht an der Wiege gesungen.«
Er blickte finster vor sich nieder und rieb sich die Stirn.
Hinrik fühlte eine gewisse Theilnahme. »Du hast
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nur niemals von Deiner Jugend gesprochen und wie Du dazu kamst, in Halle der ›ewige Student‹ zu werden, wie sie Dich nannten,« sagte er.
»Wie soll ich dazu gekommen sein? - Weil ich kein Geld mehr hatte! Mein Vater war ein Beamter in Berlin, ein Geheimerath in einem Ministerium, und damit gezwungen, ein Haus und viele Ausgaben zu machen, selbst als die Mutter längst todt war; aber er hatte wenig Freunde unter seinen Kollegen und stand ziemlich blank mit seinem Minister in der manteuffelschen Epoche, denn er hatte zur Opposition gehört. Darum wollte er aus mir einen selbständigen Mann machen und ließ mich etwas spät Medicin studiren, wie Du jetzt thun willst. Ich war ein Jahr in Jena und lernte dort ganz tüchtig, dann ging ich nach Halle, - aber ich war noch kein Semester dort, als der Vater starb und es sich erwies, daß er nicht einen Pfennig, nur Schulden hinterließ. Wär ich von Adel gewesen oder ein Offizier - nun man hätte mir vielleicht aus der allerhöchsten Chatoulle 300 Thaler jährlichen Zuschuß gegeben, bis ich mich selbst ernähren konnte, so hatte man nicht einmal das geringste Stipendium für mich. Man traute mir nicht, weil ich in ein Paar Club's den Mund aufgerissen und auf einem Leipziger Commers eine freie Philippica über Soldatenwirthschaft und Muckerthum gehalten hatte. Die Reaction war damals in Halle mächtig, aber doch nicht mächtig genug, um mich ohne Weiteres fortzujagen, denn ich fand immer einen oder den anderen Gimpel, der für mich ein Paar Kollegiengelder bezahlte, obschon ich höchstens zum Schein einmal
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eins oder das andere besuchte. Dafür führte ich sie in die Geheimnisse des Fechtbodens und der Kneipe ein und half ihre Börsen leer machen, ohne daß ich selbst ein Examen machen konnte. Wer keine regelmäßige Beschäftigung vor sich hat, geht schließlich doch unter. So sank ich immer mehr und mag wohl Manches gethan haben, was grade nicht sehr ehrenvoll war. Kurz, schließlich hatte der hohe Senat mir doch die Immatrikulation gekündigt und da ich Wucherschulden bis über die Ohren und nicht einen Pfennig in der Tasche hatte, wartete ich die Untersuchung wegen der Paukerei, bei der wir erwischt wurden, nicht erst ab, sondern nahm meinen Stock, als mein ganzes Hab und Gut und - ging auf Reisen! Voilà tout! Ich hoffte auf Beschäftigung beim National-Verein in Coburg - aber die Herren brauchen dort das Geld selber und vertrösteten mich auf eine allgemeine deutsche Bewegung. So will ich wiederkommen, wenn's einmal so weit ist, und einstweilen über der See mein Heil versuchen!«
Der Westfale hatte ihm die Hand gereicht. »Armer Kerl - ich glaubte, ich wäre schlimm daran, aber ich sehe, Du bist's doch noch mehr! Dennoch wollen wir unsere Ideale nicht vergessen: Deutschland über Alles!«
»Mag sein, vorläufig bin ich Communist und gehöre Dem, der mich haben will. - Und nun hab' Dank und leb wohl!« - Er suchte in den Taschen umher. »Ich hab' ein Andenken an Dich - die zwanzig Thaler und hätte Dir auch gern etwas gegeben, das Dich an unsere lustigen Stunden erinnern kann!«
»Es ist besser, ich vergesse sie!«
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»Nein - halt! - Da ist Etwas! Es schmeckt zwar etwas nach Reaktion, aber das ist ja gut bei Euch. Brauch's mir zur Erinnerung.«
Er reichte ihm eines jener Cigarrenpfeifchen von Horn und Meerschaum, auf welchem das Kopfbild des neuen Königs ziemlich gut ausgeschnitten war. - »Ich habe es - gefunden und kann's doch nicht brauchen! Und nun leb' wohl und - wenn ich drüben Millionair geworden bin, komm' ich wieder und schau nach Dir.«
Er sprang auf den Waldrain und ging, seinen Dornstock schwingend, pfeifend und ohne sich umzusehen, einer alten verfallenen Holzhütte zu, hinter der bei festerem Hinschauen der junge Westfale den Knaben harrend erblickte, der ihm am Morgen den Zettel gebracht hatte
Hinrik Söllenhofer schüttelte sich, als wolle er eine unangenehme Erinnerung los werden und ging dann zu seinem alten Freunde zurück, in Gedanken die Beiden in ihrem Charakter vergleichend. Er fand den Alten noch an dem Kreuz sihend und seinen Betrachtungen nachhängend.
»Nun, Gott sei Dank - ich dachte schon, Ihr würdet nicht wieder kommen.«
»Er ist fort, hoffentlich auf Nimmerwiedersehn. Ich habe ihm für Dich und mich versprochen, gegen Niemand zu erwähnen, daß er überhaupt hier war.«
»Desto beter. Nur wo das Hart fon ful is, geit de Mund üwer. - Un nu lat ons nach Hus gein, denn der Buer wird balde wieder kommen.«
Sie machten sich alsbald auf den Rückweg zum Söllenhof und waren in der That eher dort, als die
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Familie aus der fast eine Stunde entfernten Kirche zurückkehrte.


König Wilhelm von Preußen hatte nach dem Tode und Begräbniß seines Bruders am 14. Januar die Kammern mit einer eben so würdigen als entgegenkommenden Thronrede eröffnet. Sie forderte dafür von dem Herrenhause die für die Kosten der Armee nothwendige Grundsteuer-Regulirung und die Zustimmung zu dem Ehegesetz, von dem Abgeordnetenhause die Aufgabe der Opposition gegen die neue nothwendige und bereits vollzogene Armee-Reorganisation.
Aber gleich bei Gelegenheit der Debatten über die Antwort der beiden Kammern auf die Thronrede, zeigten sich die Vorzeichen dessen, was die liberale Partei im Schilde führte: die Schwächung des Königthums und die parlamentarische Herrschaft der Kammer-Majoritäten, das heißt - so lange diese Majorität eben die ihre war.
Der Adreßentwurf war zwar noch in verschleierter Sprache gehalten, aber man konnte doch deutlich hinter diesem Schleier lesen: zunächst Entfernung der conservativen Beamten aus den hohen Stellen, und Besetzung derselben nach dem Belieben des Abgeordneten-Hauses, also ein Eingriff in das Prärogativ der Krone, und die Unterstellung der Armee-Organisation unter das Votum des Hauses; - Herr von Vincke diktirte außerdem der Regierung die äußere Politik vor.
Auch im Herrenhause regte sich bei aller Treue für den Thron stark die Politik des Eigennutzes: man opponirte gegen die Einführung der Grundsteuer.
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Den polnischen Schmerzensschrei nach einem neuen Polen hatte der Minister des Innern, Graf Schwerin, in der Adreßdebatte zwar mit der energischen Erklärung zurückgewiesen, daß der Staat keineswegs Lust habe, in der Provinz Posen die 600,000 Bewohner deutscher Nationalität den Siebenmalhunderttausend polnischer preis zu geben, und sie durch die Rebellionen von 46 und 48 jeden Anspruch auf weitere Nachsicht sich selbst geraubt und so gut wie die anderen Unterthanen den preußischen Gesetzen zu gehorchen hätten; dennoch wurden die ohne Zerstückelung des Staates ganz unausführbaren Anträge fortgesetzt und das ziemlich principienlose Ministerium brachte sich in immer schiefere Lage.
Es war die Zeit, wo auf der Eßlinger Versammlung der süddeutschen Führer des Nationalvereins zuerst das Wort: Preußen müsse in Deutschland aufgehen! als Schlagwort ausgegeben und das Zusammentreten eines deutschen Parlaments auf der Basis der Reichs-Verfassung von 1849 aus der Frankfurter Paulskirche verlangt wurde, um über die Häupter der deutschen Fürsten hinweg eine »Einigung Deutschlands« herbei zu führen und eine »deutsche Spitze« zu wählen. Mit der letzteren Ankündigung sollte der König von Preußen gewonnen werden. Klügere Leute aber wollten wissen, daß die Fäden dieser deutschen Bewegung von Wien her ausgingen, und die energischen Aeußerungen der katholischen Abgeordneten in Berlin, wie Waldecks, Reichenspergers und Anderer gegen jede Ausschließung Oesterreichs aus dem umzuconstituirenden Deutschland, sprechen stark dafür.
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Das waren einige der allgemeinen Verhältnisse, als sich an dem Ostersonntag einige befreundete Männer der Grafschaft Ravensberg auf dem Söllenhofe versammelten.
In der »Putzstube« des Meier saß eine Gesellschaft von fünf Männern um den Tisch, auf dem seit zwei Stunden das kräftige Mittagessen abgeräumt und jetzt die landesübliche große Kaffeekanne aufgestellt war. Ein brennendes Licht nebst Fidibusbecher, Taback, Pfeifen und Cigarren, gefüllte steinerne Bierkrüge von hohem Alter, und Wein nebst selbstgebackenem Kuchen stand zum beliebigen Gebrauch auf der Eichentafel, und die duftigen Dampfwolken, welche durch die ziemlich niedrige Stube kräuselten, sprachen dafür, daß die Männer schon länger am Debattiren waren. Ein Exemplar der Kreuzzeitung und des Sonntagsblattes lag zwischen den Pfeifen und Krügen.
»Am Vierten geht die Geschichte wieder los,« sagte ein Mann, der oben am Tisch am Ehrenplatz saß, »und Ihr werdet sehen, Freunde, daß die Ansichten, die sie bei Gelegenheit der Adreßdebatte ausgesprochen, bloß die Fühlhörner waren, die sie ausgestreckt haben. Die wahren Absichten kommen erst bei der Debatte über den Militair-Etat zur Sprache, für den sie eine besondere Kommission gewählt haben. Man braucht sich bloß die Mitglieder anzuschauen und zu wissen, daß Herr von Vincke der Vorsitzende ist, um zu sehen, was kommen wird. Sie werden die Kosten der Armee-Organisation niemals bewilligen, oder Bedingungen daran knüpfen, an denen das Königthum zu Grunde ginge. Es ist traurig genug, daß die
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Vertreter unserer beiden Wahlkreise so mit den Revolutionairen Hand in Hand gehen.«
»Der Präsident von Bardeleben hat's dem Gerichtsdirektor aus Lübbecke doch neulich tüchtig auf's Butterbrot gegeben,« sagte ein Mann, der neben dem Hauswirth sah und jedes Mal, wenn eines der beiden Mädchen zu einer Besorgung in's Zimmer trat, ihm freundlich zunickte; es war eine große breite Gestalt mit gutmüthigem rothem Gesicht und offenbar ein Colone wie der Meier vom Söllenhof. Der erste Redner dagegen unterschied sich körperlich wie in der raschen Wortführung gewaltig von den bedächtigen ruhigen Sassen. Es war ein Mann von schlanker, nicht großer Gestalt mit großer Entschiedenheit in den Bewegungen und der Sprache. Das Gesicht war schmal und hatte einen etwas dunklen Teint, die Nase leicht, doch nicht orientalisch gebogen, den schmallippigen Mund schmückte ein leichter Schnurbart, die Augen hatten einen scharfen klugen Ausdruck, die Stirn war hoch. Der Mann konnte Mitte der Dreißiger zählen, es war der als schlagfertiger Redner der conservativen und streng kirchlich gesinnten westfälischen Abgeordneten später so bekannt gewordene Bürgermeister von Herford.
»Ich kann's noch immer nicht denken!« sagte kopfschüttelnd der Hausherr. »Es ist zu gutes Blut in ihm!«
»Von wem sprechen Sie, Söllenhofer?«
»Von wem anders als von dem Vincke. Ich segge Ihnen, Bürgermeister, ich habe den Vater noch gekannt, ein preußischer Ehrenmann durch und durch; und jeder
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echte Westfale freute sich, wenn der alte Oberpräsident in seiner schlichten Weise auf seinen Hof kam. Hier, dort wo Sie sitzen, hat er gesessen in Hemdsärmeln, und mir, der ich damals erst seit zwei Jahren den Hof hatte, Rathschläge gegeben für die Feld- und Buschwirthschaft, und mit mir gesprochen über den Schaden der Zerstückelung des bäuerlichen Grundbesitzes, wie ihn die Demokraten und jüdischen Spekulanten wollen, die schon damals ein Lüstchen hatten, den schönen Wald abzuholzen und zu verzetteln. - Aecht preußisches Blut und Königstreue war im Vater, und deshalb glaube ich auch, das kann im Sohn nicht ganz verschwunden sein und nur der constitutionelle Schwindel hat es verdorben!«
»Sie mögen Recht haben Meier,« sagte der Beamte - »er hat es damals in Frankfurt bewiesen, wo sie ihn herunterreißen wollten von der Tribüne, weil er ihnen das preußische Königsthum von Gottes Gnaden in's Gesicht schleuderte; auch jetzt wieder hat er sich gegen die polnischen Anmaßungen energisch erklärt; aber es ist ein Jammer, daß dieses Kokettiren mit Constitutionalismus und dem sogenannten Rechtsboden gleich einer wuchernden Krankheit auf die Dauer die besten Charaktere verdirbt und immer weiter und weiter zu Begriffsverwirrungen treibt, die schließlich die wahren Grundlagen des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft zernagen müssen. Es giebt doch etwas Höheres noch, als den geschriebenen Rechtsboden, und jeder Auslegung und Zerrung des Wortes muß ein sittlicher Geist unterliegen, der den Herren vom Fortschritt ganz aus dem Gedächtniß gekommen scheint.
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Sehen Sie einen Anderen unserer Westfalen an, den alten Harkort, die Biederkeit und Königstreue selbst und der zäheste Kämpfer gegen die Revolution, bis er sich auf die abschüssige Bahn des Liberalismus zerren und stoßen ließ, die schließlich immer zu ganz anderen Dingen führt, als der Wegweiser am Anfang des Weges zeigt. Schließlich, wenn die Herren Liberalen und Fortschrittler mit ihren destructiven Tendenzen die Karre in den Schmuz geschoben haben und es nicht weiter geht, oder sie ihr Schäfchen in's Trockene gebracht haben, steckt das Großmaul die Hände unter den Rockschoos und geht unbekümmert davon, der Krone überlassend, die er herabgezerrt in jeder möglichen Weise, wie sie den Wagen wieder herauszieht und den Schaden bessert. Herr Gott - ich sehe, was da Alles kommen wird! Der König von Preußen ein Polizei- und Gerichtsdiener der liberalen Kreisrichter, die Armee eine Schutzmannschaft für den jüdischen Wucher und die Börsenjobber, damit die rohe Faust des Arbeiters sich nicht gegen den Schwindel wenden möge, sondern bloß gegen den Bürger und Bauer! - Das Christenthum ein überwundener Standpunkt, ein Sühnopfer für jüdische Recensenten und unzufriedene Schulmeister, wie die Polizei jetzt für speculatine Staatsanwälte und das Bummelrecht! - Krieg und Frieden nicht mehr in der Hand des Königs sondern des coburger Nationalvereins, der in den frechen Worten der Adresse bestimmt, wann allein ›das Blut der Söhne des Landes vergossen werden darf!‹ - Die Beamtenstellen ein Versteigerungsobjekt für die radikalsten Ideen! - Kinder, ich sage Euch, ich sehe schwarz in die Zukunft!«
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»Nein, Bürgermeister, so schlimm ist's noch nicht - noch ist der König da, und ich glaube, er ist ganz der Mann dazu, um zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Die Hauptstadt hat zwar ein schlimmes Beispiel gegeben mit der Wahl eines Abgeordneten, der im Jahr Achtundvierzig sich nicht scheute, die Firma des Preußischen Königthums von Gottes Gnaden als bankerott zu erklären, aber es ist noch ein guter Stamm im Lande, und wenn wir auch bei den letzten Wahlen nicht gesiegt haben: die Einsicht, daß es mit dieser Kammer nicht dauern kann, wird je weiter sie's treibt, bald sich Bahn brechen. In Stargard haben die Conservativen gesiegt und Wagener gewählt!«
»Eine tüchtige Kraft für uns, aber Meier, wir müssen dafür sorgen, daß die Conservativen sich wieder stärken und sammeln, und ihr Wort erheben aus allen Theilen des Landes, damit der König sieht, daß noch ein treuer tüchtiger Geist im Lande ist und nicht Alle dem fortschrittlichen Schwindel huldigen, wie er in des Königs Hauptstadt sich jetzt breit macht.«
Der Dritte der vier Colonen, die am Tisch saßen, der bisher geschwiegen hatte, nahm die Pfeife aus dem Munde. Es war ein alter weißhaariger Mann, mit tiefen Furchen in dem durchwetterten Gesicht, doch obschon er an die Siebenzig zählen mochte, war die mächtige Gestalt noch immer fest und aufrecht. Sein ganzes Aeußere machte einen überaus würdigen Eindruck und die jüngeren Männer begegneten dem Veteranen, der das Eiserne Kreuz und den Georgen-Orden auf der Brust trug, mit Respekt.
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»Ich denke, Bürgermeister, dazu sind wir grade hier und das wollt Ihr uns sagen. Ich habe das Kreuz da mit meinem Herrn und König an einem Tage erhalten, und so treu wir unseren Eichen und Bergen sind, so treu stehen wir auch zu unseren Königen, die uns Gott der Herr gegeben, nicht eine Gesellschaft von Rechtsverdrehern in Berlin.«
Der Bürgermeister reichte dem alten Manne die Hand über den Tisch. »Ihr sagt es selbst, wackerer Ledebur: treu und fest wie Eure Eichen. Ich denke immer mit Stolz daran, als ich mit Euch auf dem Gut Eures Vetters zu Wetter unter dem Dach der alten Königseiche saß, unter dem vor mehr als tausend Jahren Euer alter Sachsenherzog Wittekind Recht sprach und Jahrhunderte lang die alte westfälische Volkwehr der ›Wetter-Freien‹ abgehalten wurde.«
»Auch die Eichen morschen und werden fallen,« sagte der alte Mann mit trübem Kopfnicken, »grade wie wir, Bürgermeister; aber die Treue und Ehre der Sachsenmänner dauert länger als ihre Eichen, das walte Gott.«
Und die kleine Tafelrunde der vier Bauern-Ritter, die am Tisch saßen, wiederholte und der wackere Bürgermeister stimmte ein: »Das walte Gott!«
Der Meier vom Söllenhof sah mit einer gewissen stolzen Herausforderung, aber auch mit einem Zug von Trauer auf seine beiden Söhne, die am unteren Ende des Tisches saßen und auf seinen Befehl nach dem Essen im Zimmer geblieben waren.
Der vierte Colone war der jüngste derselben, ein
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Mann von noch nicht dreißig Jahren, dem man noch stark die Haltung des gedienten Gardisten ansah, und dessen offene Gesichtszüge Intelligenz und das Bewußtsein einer gewissen Bildung selbst über die gewöhnliche seines Standes hinaus verrieth. Er saß neben dem älteren Sohn des Wirths und hatte sich schon früher mit diesem vielfach freundschaftlich unterhalten, wobei er ihn Vetter nannte.
»Es ist ein eigenes Ding mit unseren Eichen,« sagte er - »des Hochseeligen Königs Majestät haben mich noch im Jahr 1857, im Jahr vorher, ehe ich entlassen wurde und den Hohen Herrn die schwere Heimsuchung Gottes mit seiner Krankheit traf, einmal darum gefragt, als ich Posten stand im Schloßgarten von Charlottenburg, wo wir damals häufig die Wache hatten, auch des Nachts.«
Der Meier vom Söllenhof wies auf das Bild des verstorbenen Königs, das in einer ziemlich guten Lithographie mit dem seines Vaters an der mit einfacher Tapete bekleideten Wand der Stube hing.
»Erzähle uns das, Süster-Sön32 - der Bürgermeister wird en Betken warten, denn wenn vom Hochseeligen Herrn de Rede is, hört Jeder gern zu, und das geht allem Andern vor.«
»Nun, Nabern,«33 sagte der jüngere Colone, »ich erzähle Euch gleich, wie es kam, daß wir damals so viel Posten stehen mußten im Schloßgarten von Charlottenburg, wo der Hochseelige König im Frühjahr und Herbst so gern wohnte. Der Herr war selbst im Alter noch ein
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rüstiger Spaziergänger und oft machte er von Sanssouci her so weite und rasche Spaziergänge, daß die Adjutanten hundsmüde wurden dabei. Gar häufig hat er dabei, wie ich von Kameraden hörte, die schöne Königseiche besucht, die im Forstrevier Falkenhagen bei Potsdam steht und 34 Fuß im Umfange hat. Auch die schöne Eiche auf der Pfaueninsel war ein Lieblingsbaum von ihm. Nun müßt Ihr wissen, daß im Frühjahr 1857 die 9. und 10. Compagnie des zweiten Garde-Regiments zu Fuß nach Charlottenburg kommandirt war, um den Nachtdienst zu übernehmen, der ziemlich streng gehandhabt wurde, und es gab eine Menge Instruktionen, namentlich für die Offiziere, deren Erfüllung ihnen zur ernstesten Pflicht gemacht war. Ich habe es selbst gehört, wie mein Lieutenant von Puttkammer darüber mit einem Kameraden sprach, und von ihm hörte ich auch manches Andere, was ich Euch hier noch erzählen will. Ihre Majestät die Königin selbst, die bekanntlich immer sehr besorgt für den König war, hatte unseren Offizieren gesagt, sie möchten den Dienst ja nicht so leicht nehmen, da sich häufig Gesindel im Park verstecke und der böse Mann, welcher auf den König geschossen,34 habe sich mehrere Nächte vor dem Attentat im Park herumgetrieben.
Des Abends spät nämlich, häufig selbst um 1 oder 2 Uhr Nachts, ging der König ohne Begleitung im Park spazieren, indem, wie ich später gehört, der Hohe Herr
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diese Zeit hauptsächlich wählte, um ungestört seinen Gedanken nachhängen zu können«
»Der arme königliche Herr,« unterbrach der Bürgermeister den Erzähler, - »er hatte auch damals wahrhaftig Ursach genug zu schweren Gedanken. Im Jahre vorher war der Krimkrieg beendet worden, noch schwebten die Tractat-Verhandlungen, und der Groll der andern Großmächte über die treue Neutralität Preußens, die Rußland den Friedensschluß mit geringeren Opfern möglich machte, hatte sich in ihrer perfiden Haltung bei der neuenburger Erhebung im Herbst 1856 Luft gemacht. Ich habe von einem treuen und nahen Freunde des verstorbenen Herrn selbst gehört, daß das Aufgeben von Neuenburg dem Könige noch lange schwer auf der Seele lag. Auch traten zu jener Zeit die neuen Verwickelungen mit Dänemark ein, das trotzig die deutschen Forderungen für die Herzogthümer zurückwies, und die Differenzen zwischen Sardinien und Oesterreich. Der König, ein ächter deutscher Charakter, sah mit Trauer, wie Alles - auch die deutschen Fürsten! - damals um die Gunst des französischen Kaisers buhlte!«
»Natürlich,« fuhr der Meier fort, »wurde der Park um diese Abend- und Nachtzeit beständig von Patrouillen durchzogen und der wachthabende Offizier hatte die geheime Ordre, dem König auf seinen Spaziergängen zu folgen. Doch mußte er sich sorgfältig hüten, daß der König Nichts davon gewahr wurde, was bei den dunklen Nächten um so schwieriger war, weil der hohe Herr meist die Nebengänge einschlug, die er weit besser kannte, als die Offiziere, auch häufig horchte, ob man ihm nicht etwa
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folge, was er durchaus nicht haben wollte, und den Offizieren eine Menge Vorwürfe machte, wenn er entdeckte, daß es doch geschehen.
An einem solchen Abend um 9 Uhr, - es war so dunkel, daß man kaum, wie man zu sagen pflegt, - die Hand vor den Augen sehen konnte, - hatte unser Lieutenant eben den Posten an der Park-Lisière revidirt und ging mit vorgehaltenem Säbel, um in der schrecklichen Dunkelheit nicht gegen die Bäume zu rennen, nach dem Schlosse zu, als er einer schwarzen Gestalt begegnete, die er nach der Instruktion mit ›Halt! Werda?‹ anrief, worauf er die Antwort erhielt ›Ich bin's!‹ Der Lieutenant hatte den König häufig sprechen gehört und erkannte ihn sofort an der Stimme. Der König fragte nun noch, wer er wäre, wo er herkäme, und was er hier wolle? Mein Offizier war klug genug, den entgegengesetzten Weg als sein Ziel anzugeben und der König setzte nach freundlichem ›Guten Abend! Es ist so dunkel, daß ich Sie gar nicht erkannt habe!‹ seinen Weg fort, während mein Offizier eiligst zwei Patrouillen abmarschiren ließ und dann selbst versuchte, dem Hohen Herrn wieder zu folgen. Aber er hörte bald aus der Ferne, daß eine Schildwach den König arretirte, weil er Losung und Parole vergessen hatte, und es war gut, daß eine der nachgeschickten Patrouillen bald herbeikam und ihn befreite. Der hohe Herr ließ sich aber dadurch nicht in der Fortsetzung seines einsamen Spazierganges stören, bis er in der Dunkelheit, der König war ohnehin sehr kurzsichtig, so heftig gegen einen Baumast anlief, daß er sich schwer das Gesicht beschädigte, und den
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Doktor Teubert, den Assistenzarzt unseres Bataillons rufen lassen mußte, der Se. Majestät verband. Ich hatte grade die Wache auf der Terrasse und konnte durch die Glasthür sehen, wie der König blutete und sich über die Vorwürfe, die Ihre Majestät ihm machte, herzlich belustigte und Scherze darüber machte. Ich erzähle den Vorgang, obschon ich wenig betheiligt dabei war, zuerst, weil die Schufte die Demokraten ihn in hämischer Weise entstellten und aus diesem die Lüge verbreiteten, unser Königlicher Herr habe über den Durst getrunken gehabt, während doch Jeder aus seiner nächsten Umgebung wußte, daß der hochseelige König in eine solche Gewohnheit niemals verfiel.«
»Es ist schändlich, welches Gift und welche Schmähungen man auf den hochseligen Herrn geworfen hat, und daß dies ungescheut von der Judenpresse geschehen durfte, während die Hand Gottes so schwer auf dem armen Herrn lag; das ist's, was jeden treuen Mann so tief empört hat gegen dies Ministerium.«
»Solche Arretirungen passirten übrigens dem König nicht selten,« erzählte der ehemalige Gardist weiter. »Einmal kommt einer unserer Offiziere zu dem Posten am sogenannten Angelhause und findet dort den Füselier, einen Polen, wie er eine Gestalt am Kragen gepackt hält. Als der Offizier auf den Anruf die Losung gegeben hat, ruft der Fremde: ›Gut, daß Sie kommen - der Füsilier will mich nicht erkennen.‹ Der Lieutenant ruft erschrocken! ›Eure Majestät sind erkannt!‹ - Nun erst läßt der Pole den König los und präsentirt das Gewehr. Halb ärgerlich,
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halb belustigt sagt der hohe Herr dann im Weitergehen seinem Befreier: [›]Das sind ganz verfluchte niederträchtige Kerle, aber ihren Dienst thun sie als tüchtige Soldaten. Als ich nicht gleich die Losung geben konnte, hatte er mich gleich am Kragen und als ich mir das verbat und sagte, ich sei der König! ›Kann sich Jeder sagen,‹ schrie mich der Kerl an, ›wenn Du nicht gleich hälst Dein Maul, jag' ich Dir Bayonnet in die Kaldaunen und dreh' ich es darin um!‹ - Nun können Sie wohl denken, daß ich den Mund hielt! Denken Sie einmal in die Kaldaunen!‹ -«
Die kleine Gesellschaft lachte über die Anekdote. »Aber wie war's denn mit Dir selbst?« frug der Meier.
»Ja wie war's mit mir! Seine Majestät waren oft gar nicht zu kennen, wenn sie einen Civil- Paletot und die Mütze über die Ohren gezogen trugen - hat doch einmal einer der Flügel-Adjutanten ihn nicht erkannt, als der hohe Herr, weil's so heiß war, den Rock ausgezogen hatte und ihn über den Stock gehangen auf der Schulter trug. Also - kommt er eines Abends auch, weiß die Losung nicht und ich steckte ihn mir Nichts Dir Nichts in's Schilderhaus. Schließlich, wie er so raisonnirte und mich nach dem und jenem frug, wo ich herwäre, und wie ich hieße, merkte ich wohl, daß ich eine Dummheit gemacht hatte, aber ich konnte mir doch nicht die Schande anthun, daß ich ihn ohne Weiteres losließ, man hätte mich ja wahrhaftig zur Kompagnie herausgehänselt, und so mußte sich's der hohe Herr schon gefallen lassen, im Schilderhaus zu bleiben, bis der Offizier der Ronde kam und ihn befreite. Ich kriegte freilich was Hundsloden, daß ich den König
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nicht erkannt hatte, aber der hohe Herr selbst sprach für mich und meinte, ich wäre ein strammer Soldat. Als ich bald darauf wieder einmal bei Tage auf der Terrasse Posten stand und der hohe Herr vorüberkam, erkannte er mich gleich wieder und sprach mit mir, und damals war es, wo er nach unseren alten Bäumen frug, unter Anderm, ob auch noch die alte mehr als tausendjährige Eiche bei Münden auf dem Königshof, die man ihm früher einmal gezeigt, und die den Namen der ›Urgroßmutter‹ führte, dort noch stände?«
»Seltsam,« sagte der Hauswirth. »Sie ist grade ein Jahr nach der Erkrankung des Königs, am 3. October Achtundfünfzig vom Sturm niedergebrochen worden.«
Der alte Ledebur that wieder die Pfeife aus dem Mund. »Glaubt Ihr an Vorbedeutungen, Bürgermeister?«
»Warum nicht? Spricht nicht die heilige Schrift dafür?«
»Nun, ich denke, es ist keine Schande, zu meinen, daß auch die alten Bäume mit den Geschlechtern, die unter ihnen Jahrhunderte lang gehaust, in Zusammenhang stehn. Wenn ein Ledebur eines plötzlichen Todes sterben soll, bricht sicher auf Wetter drei Tage vorher ein Ast, und ich weiß, daß es mit dem Ehepaar auf dem Söllenhof ebenso ist.«
Der Meier nickte sehr ernst. »Ihr sprecht die Wahrheit. So erzählt die alte Sage und noch manches Andere. Mein Vater selig hat es selbst erfahren.«
»Ich hörte einen Lieutenant auch von einem seltsamen Vorspuk erzählen,« sagte der jüngere Colone, »den er erlebt, als er noch Kadet war und im Mai 1850 bei der
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Vermählung der Prinzessin Charlotte, unseres Prinzen Albrecht Königliche Hoheit ältesten Tochter mit dem Erbprinzen von Meiningen zu Charlottenburg als Page die Schleppe der Fürstin von Liegnitz zu tragen hatte. Während der Trauung entstand in der Kapelle große Unruhe und alle Köpfe wandten sich nach dem Eingang, selbst der König brauchte seine Lorgnette. Eine große schwarze Katze kam nämlich durch alle mit Offizieren und Hofleuten gefüllten Zimmer gelaufen und rannte bis in die Kapelle, wo sie verschwand, ohne daß man sie wiedersah. Am Abend, als die Minister den alten Fackeltanz vor dem neuvermählten Paare hergehen sollten, kam einer der Minister zu Falle und sein Licht erlosch am Boden. Mein Lieutenant hörte damals eine Dame von Hofe, die Frau von Blumenthal sagen, das seien üble Vorbedeutungen, auch die weiße Frau hätte sich im Schlosse zu Berlin gezeigt, und man könne nicht wissen, was die Demokraten wieder vorhätten. Gott der Herr möge den theuren König beschützen. Und Gott der Herr hat ihn beschützt, denn drei Tage darauf schoß der Mörder Sefeloge auf den König, als Se. Majestät eben mit der Bahn nach Potsdam fahren wollte zum Diner, das den Beschluß bilden zollte der Hochzeitsfeierlichkeitm. Es war eine betrübte Hochzeit, und schon fünf Jahre nachher haben sie die arme Prinzessin zur Gruft getragen!«
»Fluch über den Königsmörder und jede Hand, die sich gegen den Gesalbten des Herren je zu erheben wagt! - Sagt an, Borgermeister, was ist Eure Meinung, das wir thun sollen in dieser Zeit der Untreue und des
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Verraths, um unserem königlichen Herrn zu zeigen, daß das Ravensberger Volk nicht mit den Ungehorsamen geht und treu zu seinem Willen steht.«
»So hört Freunde, was ich gesonnen und vorüber ich auch bereits mit andern treuen Männern gesprochen und geschrieben habe. Es läßt sich, wie ich schon gesagt, nicht leugnen, daß die conservative Partei im Lande arg auseinander gekommen ist, auch ist Manches versäumt worden und Manches geschehen, das besser anders wäre. Seine Majestät der regierende König haben ganz Recht, wenn sie sagen: kein Bruch mit der Vergangenheit, aber bessernde Hand an Das, was der Besserung nach den Erfordernissen der Zeit bedarf.«
Der alte Colone sah den Sprecher etwas kopfschüttelnd an, die beiden anderen nickten ihm Beifall zu.
»Es ist demnach nöthig, daß ein neues der Zeit entsprechendes Programm, auf das sich alle Männer der conservativen Partei einigen können, aufgestellt und berathen werde. Ich wiederhole, die Zeit ist allerdings eine andere geworden. Damals, als im Sommer Achtundvierzig die Conservativen der Mark in Nauen zur Bildung des Vereins ›Für König und Vaterland‹ zusammentraten und in Berlin der Treubund gegründet wurde, galt es nur der offenen Empörung entgegenzutreten, den preußischen Königsthron gegen die Anarchie zu schützen. Heute gilt es, der Unterwühlung der monarchischen Grundpfeiler in der bürgerlichen Gesellschaft einen Damm entgegen zu bauen - wie die Aufgabe muß also das Programm ein anderes sein. Wenn die treuen Männer sich in ihren heimathlichen Kreisen
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verständigt haben, dann mögen sie Abgeordnete wählen, gradeso wie die Liberalen oder Nationalvereinler zu einem Parlament in Frankfurt a. M. thun, zu einer großen Versammlung, am Besten in Berlin, wo das Programm festgestellt und ein neuer Verein der Conservativen über das ganze Land gestiftet wird, damit wir bereit sind bei den nächsten Wahlen und sonstigen Vorkommnissen. Ich habe den Herren, die jetzt in Berlin an der Spitze unserer Partei stehen, einen solchen Vorschlag gemacht und es wird gut sein, wenn wir Ravensberger mit einer solchen Versammlung den Anfang machen.«
»Ja, ja!« sagte her alte Ledebur, »es giebt Gott sei Dank viele treue Preußen in unserem Lande.«
»Haben Sie ein solches Programm für uns schon fertig, Bürgermeister?« frug der Wirth. »Es ist am Besten, wenn wir den Nachbarn gleich sagen können, um was es sich handelt.«
»Ich habe allerdings eins entworfen, und wenn es unseren Freunden hier zusagt, wird es vielleicht gut sein, wenn wir gleich ein Paar Abschriften davon machen.«
»Das kann ja leicht geschehn,« sagte der Meier mit leichtem Spott. »Da sitzt ja mein Professor und Philolosoph, der hoffentlich der Feder Meister ist, so gut wie des Mundwerks. Nimm Feder und Papier, Hinrik, und schreibe, was der Bürgermeister diktirt.«
»Vetter Heinrich,« meinte der jüngere Colone, »kommt ja aus den Ostprovinzen und wird auch nicht auf den Augen und Ohren gesessen haben, er kann uns also helfen, zum Richtigen zu kommen.«
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Der junge Söllenhofer hatte unterdeß still Tinte und Papier geholt und sich zum Schreiben fertig gemacht.
»Sprecht, Borgermeister!«
»Der erste Satz unseres Programms sei also:
»In Preußen soll nach wie vor unser König regieren, denn Preußen steht und fällt mit seinem Königthum. Wir wollen also zu unserem König stehen im Kampf nicht bloß gegen äußere Feinde, sondern auch gegen den inneren Feind, der - gefährlicher als jener! - die Preußische Monarchie entwaffnen, das Königthum von Gottes Gnaden schwächen, die festen unverbrüchlichen Rechte des Thrones Stück um Stück ihm entreißen, und das Regiment der Könige von Preußen in die Hände einer Majorität von Volksvertretern legen will, deren Wahl von jeder politischen Stimmung und Zufälligkeit abhängig ist! Wir wollen nicht, daß im Lande der Ungehorsam und Ehrgeiz aufsässiger Beamten regiere!«
»Gut gesagt, Borgermeister,« nickte der alte Colone, »Ihr versteht die richtigen Worte zu treffen! Der letzte Satz geht auf die Kreisrichter!«
Der Student hatte den Satz nieder geschrieben, indem er sich tief auf das Papier niederbeugte.
Der künftige Abgeordnete des Kreises fuhr fort: »Wir wollen nicht, daß der christliche Charakter des preußischen Staates dem Unglauben und der Gottlosigkeit zum Opfer falle. Kirchliche Ehe, christliche Schule, christliche Obrigkeit! Keine Entsittlichung und Nichtachtung göttlicher und menschlicher Ordnung!«
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Die vier Männer vom Bauern-Adel nickten zustimmend.
»Schutz und Achtung der ehrlichen Arbeit und jedes Besitzes, Standes und Rechtes. Keine Begünstigung und ausschließliche Herrschaft des Geld-Kapitals! Kein Preisgeben des Handwerkes und des Grundbesitzes an die liberalen Irrlehren und die Spekulationen des Geldwuchers!«
»So ist's Recht, Bürgermeister. Im Landbau und im Handwerk liegt die Kraft des Staates.«
»In weiser Fürsorge und Erfahrung,« fuhr der Redner fort, »hat unser Königlicher Herr die Wehrkraft des Landes durch die Armee-Reorganisation gestärkt, die Wehrpflicht für Stadt und Land gleich gemacht, und den Familienvater durch die Verkürzung des Landwehrdienstes seiner Familie und seinem Erwerbe erhalten. Auf den Schultern dieser Armee und nicht auf der Zunge redefertiger Volksdemagogen ruht der Staat Friedrichs des Großen. Halten wir fest daran und lassen wir das Parlamentsheer Denen, die nach Innen wie nach Außen gleichmäßig zum Gespott werden wollen. - Oder - da das eigentlich wohl nicht für ein Programm sich paßt, schreiben Sie kurz, Herr Söllenhofer: Keine Schwächung der Armee!«
»Ich hätte das Erstere vorgezogen,« sagte Brüning - »es sagt's ihnen deutlicher. Nun Bürgermeister, sagt Ihr Nichts über den deutschen Schwindel, mit dem sie jetzt so viel Unfug treiben?«
»Wer es in Wahrheit wohl meint mit seinem preußischen
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Vaterlande, der kann nicht wollen, daß Preußen aufgehe in einem deutschen Revolutionsschwindel. Also: Einigkeit unseres deutschen Vaterlandes, doch nicht auf den Wegen des Königreichs Italien durch Blut und Brand, sondern in der Einigung seiner Fürsten und Völker. Keine Verleugnung unseres preußischen Vaterlandes und seiner ruhmreichen Geschichte; kein Untergehen in dem Schmutz einer deutschen Republik, kein Kronenraub und Nationalitäten-Schwindel!«35
Der Student sprang auf und warf die Feder auf den Tisch. »Nein - schreibe den Satz wer da will - ich nicht!«
Erstaunt, fast erschrocken sahen die Mitglieder des neuen Rütli's auf den jungen Mann, dessen feines Gesicht sich mit der Röthe heftiger innerer Bewegung färbte.
»Ich hege große Achtung für Sie, Herr Bürgermeister,« sagte er, »ich könnte auch Vieles unterschreiben, was Sie vorhin diktirt haben, wenn ich auch in Manchem anders denke; aber diese Worte sind ein Verrath an der Zukunft unseres Preußischen, unseres Deutschen Vaterlandes! - Sie sind Alle älter und wohl klüger als ich, aber auch ich bin ein Sohn des alten Sachsenlandes und fühle als solcher, daß ich nicht bloß ein Preuße, daß ich ein Sohn des großen Deutschen Vaterlandes bin!«
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»Bube - willst Du Männern Vorschriften machen, was sie sein sollen?«
Der söllenhofer Meier, der sich mit zornig geröthetem Gesicht erhoben und die Faust schwer auf den Tisch gestemmt hatte, - donnerte es ihm entgegen.
»Nein, Vater - ich bin kein Bube, wenn ich auch manchen leichtsinnigen Streich begangen und in politischen Dingen anderer Meinung bin als Sie und Ihre Freunde. Ich bin ein Sohn der rothen Erde, und die Wiederherstellung der alten Größe und Herrlichkeit Deutschlands ist mein Ideal, wie es die Treue und das Streben so vieler wackerer und begeisterter Männer und Jünglinge gewesen ist, welche dynastische Tyrannei und engherziger Partikularismus vernichtet hat. Alle Diejenigen, die für Deutschlands Einheit und Größe Wort und Hand erhoben und selbst ihr Blut vergossen haben, - sie irrten vielleicht in den Mitteln, aber ihre Gefühle, ihr Sinn waren edel und hoch. Ja, es giebt eine Nationalität, einen Zusammenhang ihrer Söhne, und Gott ließ uns nicht da geboren werden, wo man Preußisch oder Bairisch spricht, sondern wo die Deutsche Zunge klingt und das Herz deutsch fühlt, nicht Französisch oder Romanisch! Mag es sein, daß auch wir durch Blut und Brand nur zu dieser Einigung kommen werden - ohne die Bluttaufe ist nichts Großes geschehen in der Weltgeschichte, und ohne Blut hat sich das deutsche Volk, haben sich die deutschen Männer 1813 und 15 nicht freigerungen von der französischen Herrschaft. Hat der König von Preußen, der Kaiser von Oesterreich oder der Herzog von Braunschweig den Napoleon besiegt,
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oder haben die deutschen Stämme das große Vaterland befreit? Sehen Sie auf das heutige Deutschland, das elende Flickwerk von Staaten und Stäatchen, ohne eine große Gesammtidee, ohne ein gemeinsames mächtiges Haupt, - daß Jeder, der sich in fremden Landen und Meeren einen Deutschen nennt, über die Achseln angeschaut wird. Hat denn Ihr so hochgeliebter König Friedrich Wilhelm IV. nicht auch ein Herz für ein großes mächtiges Deutschland gehabt, nur daß er den Muth nicht fand, die deutsche Krone auf sein Haupt zu drücken? Ist nicht selbst unser Preußen ein verstümmeltes Land, nur durch den Geist seiner Herrscher und den Muth seiner Söhne mächtig, das sich von jedem kleinen Herzog oder Fürsten in die Zähne lachen lassen muß? Glauben Sie, daß König Wilhelm nicht so gut empfindet, als jeder Bürger und Bauer, und daß er die Hand nicht doppelt so fest um den Schwertgriff preßt, weil er sich von England, Rußland oder Frankreich Vorschriften machen lassen muß? - Sie sagen in Ihrem Programm: ›kein Kronenraub!‹ nun Herr, ich bin trotz Ihrer ein zu guter Preuße, um nicht zu wünschen, daß in den nächsten fünf Jahren ein halbes Dutzend deutscher Krönchen von König Wilhelm in die Tasche gesteckt werden mögen, zum Besten eines großen Deutschlands!«
»Mensch - Du predigst Aufruhr und Umsturz!«
»Ich wiederhole Ihnen,« sagte der Student, der sich jetzt an seinen politischen Ideen immer mehr zu erhitzen begann, - »mögen Sie sich Conservative oder Liberale nennen - nicht engherzig dürfen Sie die große nationale
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Idee der Einheit und Größe Deutschlands verdammen, an der unsere besten Geister hängen. Ihr gehört die Zukunft und die deutsche Jugend hat auch ein Recht mitzusprechen und an der ihren zu bauen. Wenn König Wilhelm erst an die Spitze seiner Regierung einen Geist stellen kann, wie ihn die geschmähten Italiener in dem Grafen Cavour zu besitzen das Glück haben ...«
Die Faust des Meiers schlug so gewaltig auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
»Schweig' sag' ich! - Ich hätte niemals geglaubt, daß meine Ohren je solchen Frevel von einem meiner Söhne in diesen Mauern zu hören haben würden. Aber ich sage Dir, Bursche ...«
Er wurde unterbrochen von dem hastigen Eintritt der beiden Mädchen.
»Es kommt Besuch, Meier,« sagte Klörke, »obschon ich eben nicht sagen will, daß es gerade ein angenehmer ist.«
Zugleich fuhr eine Kalesche in den Hof und hielt vor der Thür und ein Herr von kleiner Statur, etwas anmaaßender und mißtrauischer Miene, eine Brille vor den sehr beweglichen Augen, stieg aus.
»De Dros sal mi slaaen! De Kreisrichter, wie he leiwt und lewt!« rief der Colon Brüning. »Wat hat dös zu bedüten, denn ik' hoff doch Söllenhofer, det de den Belunrer nich beten hast!«
Der Meier murmelte eine Verwünschung, aber er ehrte zu sehr das alte deutsche Gastrecht, das auf den Höfen der Colonen noch in unbeschränkter Weise geübt
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wird, als daß er nicht sofort den Streit mit dem Sohne unterbrochen und mit einem bezeichnenden Achselzucken gegen seine Freunde die Stube verlassen hätte, um den Beamten der nächsten Gerichtskommission zu empfangen.
Gleich darauf nöthigte er denselben in's Zimmer und rief zugleich den Mädchen, einen In[m]biß für den Herrn Drost36 zu bringen.
»Verzeihen Sie nur Herr Söllenhofer,« sagte der Beamte mit einer gewichtigen Miene, der er jedoch etwas Einschmeichelndes zu geben suchte, daß ich einige Augenblicke bei Ihnen einspreche. Aber ich konnte doch einen so angesehenen Bekannten nicht vorbeigehen, da mich grade ein Geschäft in die Nähe führte. Sieh da, der Herr Bürgermeister von Herford und unser alter würdiger Ledebur und zwei andere wackere Freunde. Ich bin erfreut, es grade so gut getroffen zu haben und nehme um so lieber Platz bei Ihnen, wenn Sie es erlauben.«
Er reichte und drückte die Hände umher.
»Sieh, Herr Studiosus Söllenhofer! Hatte schon gehört, daß Sie die werthe Familie zu den Osterferien besucht haben. Warum haben Sie mir nicht das Vergnügen gemacht, mich zu besuchen, als Sie gestern in Werther waren? - ich plaudre gern noch einmal von der schönen Studentenzeit, obschon sie seit acht Jahren hinter mir liegt.«
Der Student wurde etwas roth bei der Erwähnung, da er den Blick seines Vaters fragend auf sich ruhen fühlte.
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»Du warst gestern in der Stadt? Ich dachte, Du rittest nach dem Wallenbrücker Hofe?«
»Es kam mir unterwegs der Gedanke zu sehen, ob Briefe für mich da wären.«
»Ja, so machen's die jungen Herrn, sie denken nur an sich. Aber Sie hätten sich doch einen Augenblick für einen Bekannten abmüßigen sollen. Sehen Sie, da bin ich aufmerksamer. Da ich wußte, daß ich hierher kommen würde, ließ ich auf der Post fragen, ob Sachen für den Söllenhof zu bestellen wären.«
Der Meier nickte sehr kühl. »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Richter! Aber wollen Sie nicht zulangen?«
Die beiden Mädchen hatten unterdeß den Tisch neu mit kalter Küche besetzt.
»Ich glaube auch,« fuhr der Kreisrichter unbeirrt fort, »Berger, der Gendarm, der mit mir herausgefahren ist und den ich beim Schulzen absetzte, hat einen Brief für Sie. Es ist ein thätiger und gewandter Mensch der Berger, und es ist nothwendig, daß wir einen solchen haben; denn es scheint jetzt viel Gesindel in der Gegend zu geben!«
»Das kommt von den verfluchten demokratischen Wühlereien,« murrte der alte Ledebur - »die Polizei und die Gemeindeobrigkeit hat keine Macht mehr, den liederlichsten Pracher zu strafen, oder eine Herberge von dem Gesindel auszunehmen. Es muß Alles jetzt vor die Gerichte.«
»Es hat doch sehr viel Gutes, daß die Patrimonial-Gerichtsbarkeit aufgehört hat,« meinte hochmüthig der
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Kreisrichter, »und ebenso die ländliche Polizeiverwaltung beschränkt ist. Die Verweisung vor den Richter sichert auch dem Verbrecher seine staatsbürgerlichen Rechte und das gehörige gesetzliche Verfahren.«
»Das ist's eben,« bemerkte der Bürgermeister, »damit der Vagabond und Dieb ja keins seiner, wie Sie sagen, staatsbürgerlichen Rechte verliert, können die ehrlichen Leute unter der Zeit Hab' und Gut riskiren. Ich lobe mir eine rasche Justiz und eine feste Polizei.«
»O, ich weiß sehr wohl, liebster Bürgermeister, daß wir in den politischen Anschauungen nicht harmoniren und Sie zur Reaktion gehören. Aber zum Glück ist die Epoche des Herrn von Manteuffel vorüber und es sind zeitgemäßere, liberalere Anschauungen an's Ruder gekommen, wenn auch freilich noch lange nicht weit reichend genug, da die Camarilla immer zu viel Einfluß bei Hofe und in der Regierung hat. Solche Zustände, wo Männer wie Twesten und Vincke der Pistole irgend eines brutalen oder eitlen Soldaten oder eines bloßgestellten adligen Polizei-Präsidenten für ein Wort der Wahrheit ausgesetzt sind, müssen aufhören. Wir leben nicht mehr in den Zeiten des Faustrechts und der Feudalherrschaft, sondern in der Zeit des Gesetzes und des Fortschritts ...«
»Wenn Sie es einen Fortschritt nennen, daß man von der Tribüne herab die Ehre jedes Mannes beschmutzen darf, ohne dafür verantwortlich zu bleiben! Herr v. Vincke hat, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, nicht so gedacht, sondern ist bereit gewesen, dafür einzustehen, und Herr Twesten - was natürlich nicht von jedem Juristen
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zu verlangen wäre, ist gleichfalls so anständig gewesen, wofür er die Achtung selbst seiner politischen Gegner erworben hat. Es ist jedenfalls eine Eigenthümlichkeit der Demokratie in der Kammer, daß sie z. B. so eifrig die Verantwortlichkeit der Minister verlangt, aber durchaus nicht verantwortlich sein will für das Unheil, was ihr eigenes Gebahren dem Land zufügen mag.«
»Wir werden in unseren Ansichten schwerlich je übereinstimmen,« meinte der Kreisrichter hochmüthig. »Zum Glück ist, wie ich schon erwähnte, die Zeit der Reaction vorüber.«
»Aber nicht die einer gesunden conservativen Gesinnung, und ich hoffe, daß das Programm, das wir soeben für die nächste Kammerwahl aufgestellt haben, siegen wird.« Er hatte rasch den Satz, den Heinrich Söllenhofer sich geweigert aufzuschreiben, nachgetragen und schob das Blatt dem Kreisrichter zu. »Es fehlen vielleicht noch einige Spezialitäten, zum Beispiel über billigere Rechtspflege durch das Volk selbst, wie wir sie grade in unserem Westfalen in so lebenskräftiger Weise besaßen, aber das muß der weiteren Entwickelung und einer gesunderen Anschauung vorbehalten bleiben.«
Der Andere hatte das Blatt durchgelesen und lächelte spöttisch.
»Auf Ehre, ein wahres Kabinetsstück von Servilismus - aber ich fürchte, Sie werden selbst in diesen Bergen nicht viel Anhänger finden, die Leute sind bereits aufgeklärt genug. Die Jugend namentlich hat andere Anschauungen und die Söhne schlagen nicht immer nach
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der an und für sich ja so ehrenwerthen Art der Väter. - Ah, haben Sie das hübsche zierliche Pfeifchen von Halle mitgebracht, Herr Söllenhofer?« fuhr er fort, auf die kleine pfeifenartige Cigarrenspitze deutend, in welche der Student grade den Rest seiner Cigarre einsteckte, während der Kreisrichter eben eine der ihm vom Meier höflich offerirten Cigarren kippte. »Ich habe gehört, der Kronprinz verschmähe diesen Genuß und rauche immer kurze Jagdpfeifen.«
»Seine Königliche Hoheit haben allerdings Liebhaberei dafür,« sagte, die ehrerbietigere Benennung betonend der jüngere Colone, »ich habe es oft bei den Manövern gesehen, wenn Seine Königliche Hoheit die erste Garde-Infanterie-Division kommandirten.«
»Nun, man will wissen, der Kronprinz soll kein besonderes militairisches Genie sein und es sollte ihm schwer werden, ein Armeecorps manövriren zu lassen,« meinte etwas leichthin der Kreisrichter, das Glas Wein, das der Meier eingeschenkt, leerend und seine Cigarre ansteckend. »Prinz Friedrich Karl soll weit besser Soldat spielen. Ich denke für die Paraden und kostspieligen Manöver reicht das vollkommen aus. Unsere Leute in der Kammer werden hoffentlich nicht so thöricht sein, die verlangten acht Millionen für die neuen Versuche auszugeben und überhaupt den Militair-Etat etwas zusammenstreichen, damit das Geld produktiver und nützlicher für das Land verwandt wird und Handel und Industrie fördert. - Darf ich Sie bitten, Herr Söllenhofer, mir das Dings da einmal zu zeigen?«
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Das gefurchte Gesicht des alten Ledebur zog sich finster zusammen und er faßte unwillkürlich nach dem Kreuz auf seiner Brust; auch auf dem Gesicht des Hofwirths wetterleuchtete es, als wolle ein Gewitter über den Kecken oder Unvorsichtigen losdonnern, aber der Gardist kam in seiner ruhigen strammen Weise ihnen zuvor.
»Ich glaube, über die militairischen Befähigungen Ihrer Königlichen Hoheiten der Prinzen des Königlichen Hauses steht weder mir, noch, mit Ihrer Erlaubniß, Ihnen ein Urtheil zu. Nur daran möchte ich erinnern, aus dem was ich in der Schule gelernt habe, daß wenn in der Geschichte unseres Vaterlandes es Noth gethan, die Könige von Preußen und die Prinzen des Königlichen Hauses ächte und wahre Soldaten gewesen sind und ihr Blut und Leben so wenig geschont haben, wie der geringste Soldat. Ich bin überzeugt, daß wenn es zu einem großen Kriege kommen sollte, Seine Majestät unser allergnädigster König und Kriegsherr zu Allerhöchstihrem Sohn, Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen, wie zu Allerhöchstihrem Neffen, Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Friedrich Karl das gleiche Vertrauen haben werden, sie an die Spitze ihrer Corps, und dahin zu stellen, wohin Seine Majestät es für gut finden; denn Seine Majestät haben Einen wie den Andern Hohen Herrn Allerhöchstselber zu Preußischen Generälen erzogen und werden am Besten wissen, wo ihre Posten zum Heil des Vaterlandes sind!«
»Bravo, Sielemann, und wacker gesprochen!« rief der Bürgermeister.
»Und was der Herr Kreisrichter über die
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Soldatenspielerei und über den Nutzen des für die Königliche Armee verwendeten Geldes zu sagen beliebten,« fuhr der junge Colone fort, »so geben wir unsere Steuern willig dazu, denn wir wissen, daß wir nicht unterm Schutz von Bürgerwehren und Aktendreschern ruhig und sicher leben, sondern unterm Schutz der Armee unsers Königs und Herrn, der allein über ihre Einrichtung befinden kann und nicht einen Pfennig mehr für sie ausgeben wird, als er für nöthig hält und sein Land ertragen kann. Da Sie aber, Herr Kreisrichter, so viel ich weiß, nie Soldat gewesen sind, können Sie auch nicht wissen, welche Schule für das ganze Land in Ordnung und Zucht, Ehrgefühl, Bildung und Selbstgefühl die Armee unseres Königs für jeden Mann im Lande ist. Das, Herr ist, was ich mit Ihrer Erlaubniß zu sagen hatte.«
Der alte Ledebur reichte dem jungen Colonen die Hand über den Tisch herüber und schüttelte sie. »Bist ein braver Bursche, wie Dein Vater war, Steffen, und hast's Maul auf dem rechten Fleck. Solche kann das Land brauchen.«
»Gewiß, gewiß, Herr Sielemann,« bestätigte ironisch der Jurist, »es wäre schade, wenn Sie bei den nächsten Wahlmänner-Wahlen nicht als Kandidat auftreten würden - da ich doch wohl in dem Herrn Bürgermeister selber die Ehre haben werde, unseren Concurrenten für das Abgeordneten-Haus zu begrüßen. Aber wir vergessen darüber ganz« - der Kreisrichter drehte die Cigarrenspitze zwischen den Fingern und betrachtete sie sehr genau, - »unser voriges Thema, wie es sehr gut ist, daß die
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zünftige Justiz jetzt selbst etwas auf die Sicherheit und Ordnung sieht. Sie wissen doch, was in Ihrer Nachbarschaft am Charfreitag Morgen oder vielmehr in der Nacht geschehen ist?«
Der Colone und der Bürgermeister sahen den Richter befremdet an. »Nein - was denn?«
»Das ist stark, aber das kommt von den vielen Einzelnhöfen, wo die Herren so versteckt und abgeschlossen hausen, wie einst die Raubritter auf ihren Burgen, statt in einer constituirten Gemeinde zusammen zu wohnen. Der Ort kann in grader Linie kaum eine Meile von Ihrem Hofe entfernt sein, wo an dem gedachten Morgen der jüdische Handelsmann Levi Pinkus auf dem Wege von Werther nach Schildesche überfallen, gemißhandelt und schwer beraubt worden ist.«
»Der Lewi Pinkus?« frug erstaunt Brüning. - »Na viel werden die Pracher bei dem auch nicht gefunden haben, denn er ist vorsichtig und geizig und dreht den Groschen drei Mal um, und sein ganzer Kram, den er mit seiner blinden Schindmähre im Lande umherfährt, ist, glaub' ich, keine zehn Thaler werth.«
»Hm!« meinte der Kreisrichter, »die Diebe scheinen doch anderer Meinung gewesen zu sein und es besser gewußt zu haben. Ich habe gehört, daß er oft ganz anständige Preise zahlt für Fohlen und junge Pferde. Er behauptet, grade auf dem Wege zu einem solchen Handel gewesen zu sein und daß ihm auf dem Wege außer eine Menge Waaren mehr als vierhundert Thaler gestohlen worden sind.«
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Der alte Pinkus war in der That ein im Lande sehr wohl bekannter Hausirer, der mit seinem einspännigen Karren, Hufekarren, wie sie im nördlichen Westfalen heißen, allerlei kleinen Kram, Tücher, Nadeln, Bänder, Pfeifenköpfe und hundert andere Dinge, wie sie in den ländlichen Haushaltungen gebraucht werden, im Lande umherfuhr von Hof zu Hof, und dort, damit man nicht erst zur Stadt zu gehen brauchte, oft sehr willkommen war, namentlich bei der weiblichen Bevölkerung. Aber es stand fest, daß er auch größere Geschäfte machte, namentlich manchmal ein Pferd kaufte, wenn er es aus irgend einer Ursach billig erhalten konnte, oder armen Hörigen ein Stück selbst gewebte Leinewand abpreßte, oder sonst seinen Vortheil in jeder Weise wahrzunehmen verstand.
»Was braucht der verdammte Jude am heiligen Tage auf der Landstraße zu liegen und Schacher zu treiben,« murmelte ziemlich hörbar der jüngste Colone, dem Lewi Pinkus einmal ein hübsches Großfohlen zu einem Hundepreise abgeschwatzt hatte, nachdem er ihm durch ein unschuldiges Mittelchen bewiesen, daß es Gallen an den Hufen hatte, - ein Uebel, das sich sehr leicht mußte haben beseitigen lassen, da er das Pferd vierzehn Tage später für den sechsfachen Preis an einen Händler im Hannoverschen wieder verkaufte.
»Schlimm genug, daß dergleichen geschehen darf, entschuldigt aber das Verbrechen nicht. Können Sie uns Näheres von dem Raub erzählen, Herr Kreisrichter?«
Vorläufig noch wenig - vielleicht später, wenn ich den Gendarm Berger erst gesprochen habe. Soviel kann
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ich Ihnen jedoch mittheilen, daß nach Beweis-Aussage der Ueberfall auf den nichtsahnenden Mann, der um 1 Uhr Morgens aus dem Ausspann mit seinem Gefährt aufgebrochen ist, etwa um 2 Uhr in dem Kamp, der sich bis an die Straße zieht, von zwei Männern erfolgt ist, von denen der eine von mittelgroßer Statur, der andere etwas größer gewesen sein soll, so weit Pinkus sie bei der Dunkelheit überhaupt hat erkennen können. Auch haben sie die Gesichter verbunden gehabt, die Sache ist also vorbereitet gewesen und nicht eine zufällige Begegnung. Sie haben den armen Kerl mit dem Tode bedroht, wenn er ihnen nicht sein Geld herausgäbe, ihn arg mißhandelt und geknebelt, beim Durchsuchen und Plündern seines Krams leider auch den trotz der Drohungen verleugneten Beutel mit den drei- oder vierhundert Thalern gefunden und dann die Hufkarre mit Pferd und Mann weiter in den Busch geschoben, wo es erst am Mittag ihm gelungen ist, sich selber zu befreien, worauf er zur Stadt zurückkehrte. Zum Glück hat er mit der seiner Nation eigenen Schlauheit keinen unnützen Lärmen gemacht, sondern hat dem Gericht in aller Stille den Vorgang angezeigt, so daß wir Gelegenheit hatten, unsere Maßregeln zu nehmen, um dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. - Was haben Sie für die Cigarrenspitze hier gegeben, Herr Söllenhofer? - Sie ist wirklich hübsch und ich möchte mir auch eine solche zulegen, da ich die meine neulich leider zerbrochen habe.«
»Ich - erinnere mich nicht mehr,« sagte der Student zögernd - »ich habe sie von einem Freunde zum Andenken erhalten.«
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»Und glauben Sie wirklich den Verbrechern auf der Spur zu sein?« frug der Meier. »Es ist merkwürdig, daß wir hier gar Nichts von dem Vorfall gehört haben! Seit langen Jahren ist dergleichen in unserer Gegend nicht vorgekommen.«
»Die Spitzbuben,« meinte der Bürgermeister, »sind gewiß längst über die nahe Gränze! - Es arbeitet in den Bielefelder Fabriken manches schlimme Volk von drüben her.«
»Vielleicht, - vielleicht auch nicht!« meinte der Justizbeamte. »Aber ich sehe, da tritt eben der Gendarm Berger in den Hof, wahrscheinlich mit dem Schulzen. Sie suchen mich wohl auf. Sie erlauben wohl einen Augenblick, meine Herren!«
»Der Leo Pinkus und der Gemeindediener sind auch dabei!« meinte der junge Colone. Der Kreisrichter war aufgestanden und ging zur Thür. »Der Gendarm Berger hat den Brief für Sie, Herr Söllenhofer, den uns die Post mitgab. - Ich will ihm sagen, daß er Ihnen denselben bringt, während ich mit Pinkus und dem Schulzen spreche.« Er verließ die Stube.
Der Colone und der Bürgermeister sahen sich einigermaßen erstaunt an. Der Letztere schüttelte den Kopf, als Beamter hatte er der Art und Weise der Erzählung schärfere Aufmerksamkeit geschenkt, als die weniger mißtrauischen Landleute.
»Das kommt mir verdächtig vor, Meier,« sagte er zu dem Hauswirth - »Sie haben doch Alles zuverlässige Leute in Ihrem Dienst, lieber Freund?«
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»Gewiß - ich kenne sie zur Genüge! Man wird doch keinen Verdacht auf Einen oder den Andern haben?«
»Der Herr Kreisrichter,« meinte der Bürgermeister - »scheint doch eine Art Verhör mit ihnen anstellen zu wollen.«
In der That konnte man mit einem Blick durch das Fenster in den Hof bemerken, daß um den Richter, den Schulzen und den Gendarmen die Knechte und Mägde des Hofes sich versammelten.
»In meinem Hofe - ohne mich zu fragen - da muß ich ...« Der Meier wollte auf und hinaus.
»I da soll doch ...«
»Der Bürgermeister legte die Hand auf seinen Arm. »Ruhe, Freund - lassen Sie ihn sein Pulver verschießen! - Da kommt Gendarm Berger, das ist ein wackerer Mann, von ihm werden wir wohl Näheres erfahren.«
In der That trat der Gendarm ein, ein großer stattlicher Mann, Ende der Dreißiger mit ernstem Gesicht und strammer Haltung, und begrüßte höflich die Anwesenden. Er holte einen Brief aus seiner dicken ledernen Brieftasche und überreichte ihn dem Meier.
»Verzeihen Sie, Herr Söllenhofer, daß ich ihn nicht schon eher abgegeben, aber der Dienst geht vor. Ich brachte ihn mit von der Post.«
Der Meier nahm den Brief. »Ich danke Ihnen bestens, Herr Gendarm,« sagte er. - »Kommen Sie, trinken Sie ein Glas Wein und essen Sie ein Stück Osterfladen. Ein alter Soldat und diensttreuer Mann, wie Sie, ist stets auf dem Söllenhofe willkommen. Bitte,
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setzen Sie sich.« Er schenkte dem Gendarmen ein Glas Wein ein und zog den Teller mit Kuchen herbei. Dann erst nahm er den Brief auf, ohne zu bemerken, daß der Gendarm den Wein nicht berührte und seinen Platz in der Nähe der Thür nahm.
Der Meier warf einen Blick auf den Poststempel. »Aus Halle? Das ist wahrscheinlich für Dich - nein - er ist doch an mich gerichtet - Rektor und Senat der Universität Halle -« indem er aufsah, bemerkte er, daß Hinrik seinen Platz verlassen hatte und nach der Thür ging, vor welcher der Gendarm jetzt stand.
»Bleib!«
Der Ton des Befehls war so streng, daß der junge Mann auf der Stelle anhielt.
»Eine Scheere, Wilm! - Mit Erlaubniß, Freunde!«
Er schnitt den Brief auf, der die Form eines Dienstschreibens hatte und öffnete ihn. Die Stirn faltete sich finster und drohend zusammen, als er den kurzen Inhalt las. Dann schleuderte er über das Papier hinweg einen finstern drohenden Blick auf den Sohn, der die Stirn gesenkt und den Blick zu Boden gerichtet, aber sonst in fester aufrechter Haltung auf seinem Fleck stand und warf den Brief dem Bürgermeister hin. »Ich habe keine Geheimnisse vor meinen Freunden! Da haben Sie den Enthusiasten für das einige Deutschland und die Deutsche Kaiserkrone. Das Consilium abeundi - das heißt nach meinem schlichten Deutsch: Weggejagt, wegen wiederholter Schlägereien, Schulden und liederlichem Lebenswandel!«
»Vater ...!«
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»Hinaus jetzt! - Geh mir aus den Augen, daß ich nicht vergesse, daß wir heute die Auferstehung unsres Herrn und Heilands feiern!«
Hinrik Söllenhofer ging nach der Thür, - aber der Gendarm versperrte diese: »Sie müssen hier bleiben, bis der Herr Kreisrichter entscheidet. Ich habe Ordre, Sie nicht hinaus zu lassen!«
»Was - noch mehr? - Was soll das heißen?«
Der Meier hatte sich hoch aufgerichtet, die Hand auf den Tisch gestemmt, auch die Freunde hatten sich erhoben und standen um ihn. Der jüngere Bruder war zu dem Studenten getreten und hatte ängstlich seine Hand gefaßt.
Ehe der selbst von der unerwarteten Ausgangsverweigerung überraschte junge Mann Etwas sagen konnte, wurde die Thür geöffnet und der Kreisrichter trat ein, gefolgt von dem Schulzen, der einen ängstlichen Blick auf den Colonen warf und wie zur Rechtfertigung, daß er nicht anders könne, die Achseln zuckte.
»Entschuldigen Sie, Herr Söllenhofer,« sagte der Richter mit kalter impertinenter Miene, »daß ich hier in Ihrer Stube ein kleines Verhör vornehmen muß, aber es sind einige Umstände eingetreten, welche es mir in meiner Function auch als Untersuchungsrichter nöthig machen, einige Fragen an Ihren Herrn Sohn zu richten, von denen ich hoffe, daß er sie gewiß auf das Beste beantworten wird.«
»Fragen Sie!«
Der Hausherr hatte die Arme über die Brust gekreuzt, sein Auge ruhte starr auf dem Sohn.
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»Bitte, Herr Schulze,« sagte der Richter - »da liegt ja noch Feder und Papier - seien Sie so gut, ein kurzes Protokoll zu schreiben, da ich Niemanden bei mir habe.«
Der Schulze ging mit gesenktem Kopf zu dem Ende des Tisches und nahm dort Platz. Die Ausübung seiner Function war ihm offenbar sehr unangenehm.
»Wann sind Sie von Halle hier wieder angekommen?« frug der Richter.
Heinrich Söllenhofer sah den Inquirenten fest und stolz an, ohne zu antworten, dann richtete er sein Auge wie fragend auf den Meier, seinen Vater.
»Gieb Antwort, wenn Du so höflich gefragt wirst!« befahl dieser.
»Am Mittwoch!«
»Allein?«
»Wie meinen Sie das?«
»Ob Sie allein gekommen sind oder mit Jemand?«
»Ich bin allein gekommen.«
»Sie haben Schulden in Halle hinterlassen?«
»Mein Herr ...«
»Es ist so,« sagte der Meier, - »leider habe ich es erst vor wenig Minuten erfahren.«
»Schulden, zu deren Bezahlung die Gläubiger Sie hart bedrängten?«
»Was geht dies das Gericht an?«
»O doch - hier sind zwei Klagen gegen Sie, die gestern bei der Gerichtsdeputation eingegangen sind!« Er nahm die Papiere aus einer Mappe, die ihm der Gendarm auf den Tisch legte. »Es steht also fest, daß Sie
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sich in großer Geldbedrängniß befunden haben, die - wie ich aus der Bemerkung Ihres Herrn Vaters zu entnehmen glaube, - Sie sich gescheut haben, diesem zu sagen.«
»Und was weiter?«
»Sie haben gestern,« fuhr der Jurist mit kaltem Tone fort, »in Werther zwei Geldbriefe mit 200 Thaler Kassenanweisungen an dieselben Männer aufgegeben, die Sie hier verklagt haben, was Sie wahrscheinlich noch nicht wußten.«
»Nein, ich wußte es nicht!«
»Die 200 Thaler Kassenanweisungen hatten Sie kurz vorher bei dem Kaufmann Merzig in Werther gegen Courant eingewechselt, in dessen Comtoir auch die Geldbriefe gesiegelt.«
»Das that ich!«
»Das baare Geld, gegen das Sie die Scheine umwechselten, bestand sämmtlich in Zwei-Thaler-Stücken.«
Der Meier bog sich über den Tisch her gegen den Sohn. »Wo hast Du das Geld her, Bube? - Gestehe!«
»Bitte, Herr Söllenhofer - ich habe noch Weiteres zu fragen. - Ich wünschte vorhin von Ihnen zu wissen, woher diese Cigarrenspitze ist; - da sie auf dem Meerschaum den Kopf des verstorbenen Königs trägt, ist sie jedenfalls leicht erkennbar.«
»Ich sagte Ihnen bereits, daß ich sie von einem Freunde zum Andenken erhalten hätte.«
»Möglich - nur möchte ich wissen, wer dieser Freund ist. Ich bin etwas neugieriger Natur, Herr Söllenhofer - doch das liegt in meinem Amt, und ich möchte um so
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mehr darauf bestehen, als ich mich erinnere, daß Sie mir zuerst sagten, Sie hätten die Spitze in Halle gekauft. Also den Namen?«
»Ich ziehe vor, denselben nicht zu nennen, um ihn nicht einer eben solchen Inquisition auszusetzen, wie Sie sich eben gegen mich erlauben.«
»Ich erlaube mir gar Nichts, sondern ich handle in meinem Amte, mein Herr!« Auf einen Wink des Inquirenten hatte der Gendarm einen Gegenstand aus der Tasche gezogen und ihn auf den Tisch gelegt - es war eine Studenten-Mütze mit den bekannten Farben der Burschenschaft und nicht leicht zu verwechseln, da oben durch den Deckel das übliche Rappier-Loch gestoßen und mit der silbernen Stickerei des Datums gestickt war.
Der Richter schob sie dem Meier zu, der sie unwillig zurück stieß. »Was soll's mit der Hanswursterei, ich habe mich schon früher genugsam darüber geärgert.«
Der Student trat zu dem Tisch und streckte die Hand nach der Mütze aus. »Es ist meine Mütze - sie sollte Ihnen nicht mehr vor die Augen kommen, Vater!«
»Also Sie erkennen an, daß es die Ihre ist?«
Die Frage schien den jungen Mann zu überraschen und ein unangenehmer Gedanke ihm durch den Kopf zu schießen. Endlich sagte er erröthend mit gepreßter Stimme: - »Ja - es ist - es war die meine!«
Aller Augen hingen fest und mit einer gewissen Aengstlichkeit an dem jungen Mann, nur der eigene Vater sah mit einer Starrheit auf ihn, die immer unheimlicher wurde.
Der Kreisrichter wandte sich jetzt barsch zu dem
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Ibquirirten. »Wo waren Sie in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag?«
»Wo soll ich gewesen sein - hier im Hause, in meiner Schlafkammer!«
»Das ist nicht wahr, - Sie sind außerhalb des Hauses in der Nacht am frühsten Morgen gesehen worden - etwa um 4 Uhr!«
»Heiliger Gott!« Es war der Meier, der den tiefen Seufzer ausstieß - ein furchtbares Licht schien ihm zu tagen.
»Es ist eine Lüge,« rief der junge Mann, dessen Gesicht mit dunkler Gluth übergossen war. - »Es ist eine schändliche Verleumdung - ich schlafe mit meinem Bruder in einer Kammer.«
»Eine Ihrer eigenen Mägde,« beharrte kalt der Inquirent, »hat vorhin bei dem Befragen der Leute sich erinnert, Sie in der Freitag-Nacht, etwa gegen 4 Uhr Morgens, als sie, um dem thörichten Aberglauben des stillen Wasserholens zu fröhnen, aufgestanden war, Sie gesehen zu haben, und zwar wie Sie - offenbar von einem nächtlichen Ausflug zurückkehrend - über die Einhägung des Pferdegartens in den Hof sprangen und leise zum Aufgang nach dem Futterboden schlichen, der an Ihr Schlafzimmer stößt und von dort her, wie ich mir habe sagen lassen, zugänglich ist.«
»Sie muß sich geirrt haben!«
»Soll ich das Mädchen rufen lassen und in Ihrer Gegenwart verhören?«
»Es ist unnöthig!« sagte der Meier, dessen festes,
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starres Auge auf seine beiden Söhne geheftet blieb. »Komm hierher Wilm!«
Der jüngere Bruder trat scheu, ängstlich näher.
»Der Wilm schläft mit - mit Jenem dort in derselben Kammer. Die Jugend hat zwar festen Schlaf - indeß, er müßte es doch wohl gemerkt haben, wenn sein Mitbewohner die Nacht nicht dort gewesen wäre.« Er wandte sich streng zu dem Sohn. »Hat in der Nacht zum Charfreitag Dein Bruder Eure Schlafkammer verlassen?«
»Ich - ich habe geschlafen, Vader!«
»Lüge nicht, Bursche - bei meinem Zorn! Auf Dein Gewissen, so wahr Du bestimmt bist, das tausendjährige Erbe Deiner Väter fortzuführen - hat Hinrik die Kammer verlassen?«
Der junge Mensch sah zu Boden und rang die Hände ineinander, große Thränen rannen ihm über die frischen Wangen. Offenbar kämpfte die Liebe zu dem Bruder in ihm mit dem anerzogenen strengen Gehorsam gegen den Vater.
»Sprich! oder soll ich zwei Söhne verlieren?«
Der Jüngste nickte schluchzend.
»Um welche Stunde?«
»Ich weiß es nicht - bei Gott, Vader!«
»Und wann kehrte er zurück?«
»Ich glaube, es war vier Uhr - der Hahn krähte kurz vorher.«
Die Worte kamen kaum hörbar zwischen dem Schluchzen hervor. Der Meier war wie geknickt auf seinen Stuhl nieder gefallen.
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»Vater!« - Heinrich stürzte auf ihn zu - »Vater, um Gotteswillen, Du wirst doch nicht denken, daß ich ein Dieb sein, daß ich den Levy beraubt haben könnte!«
»Es ist leider starker Verdacht vorhanden,« sagte kalt der Kreisrichter. »Das Geld, das dem Händler geraubt worden ist, bestand durchgängig in Zwei-Thalerstücken, und es ist erwiesen, daß Sie solche, um drängende Gläubiger zu befriedigen und der Entdeckung Ihrer Schulden zu entgehen, in Kassenanweisungen eingewechselt haben, ohne nachweisen zu können, wo Sie das Geld herhatten. Diese nach Ihrem eigenen Geständniß Ihnen zugehörige Mütze ist unter dem beraubten Wagen gefunden worden. Sie sind überführt, mehrere Stunden in der Nacht heimlich aus Ihrer Schlafstube entfernt gewesen zu sein und aus jener Richtung zurückkehrend gesehen worden - die Zeit stimmt ganz genau. Endlich wissen Sie sich nicht über den Erwerb dieser Cigarrenspitze auszuweisen und in den Angaben, die Levy Pinkus über die ihm gestohlenen Sachen gemacht hat, ist eine Anzahl solcher in dieser Gegend ganz ungewöhnlicher Pfeifchen beschrieben. Rufen Sie den Pinkus herein, Gendarm Berger, damit er sich erklärt, ob diese Pfeife aus seinen Waaren stammt, - er sitzt draußen auf der Steinbank unter den Bäumen und wollte nicht mit hereinkommen.«
Der Gendarm wandte sich nach der Thür, aber der Meier sprang auf.
Verwundert sahen die Beamten, selbst die Freunde auf ihn.
»Der Jude bleibt draußen!«
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»Hier habe ich zu befehlen, Herr Söllenhofer, nicht Sie,« sagte hochmüthig der Kreisrichter. »Gehen Sie, Berger!«
»Halt, sage ich nochmals!« donnerte der Meier. »Das ist mein Haus, Herr, nicht eine öffentliche Gerichtsstube, merken Sie sich das. In meiner Väter Hause bin ich der Herr, und es hat noch niemals, unter welchem Vorwand es auch sei, ein jüdischer Händler und Wucherer den Fuß über meiner Väter Schwelle gesetzt und soll es auch nicht, so lange ich lebe!«
»Aber Herr Söllenhofer, bedenken Sie ...«
»Bedenken Sie selbst Herr, daß Sie hier in meinem Hause nur ein geduldeter Mann sind. Nehmen Sie Den da, wenn Sie die Verhaftung für gerechtfertigt halten und verhandeln Sie weiter, - hier herein kommt der Jude nicht!«
»Sie werden nachgeben müssen, Herr Kreisrichter,« flüsterte der Bürgermeister diesem zu. »Der Meier steht auf seinem Rechtsboden. Sie können ja - wenn der Beweis solche Eile hat, - die Pfeife hinaus senden, um sie recognosciren zu lassen.«
Der Jurist, welcher fühlte, daß er schon weit genug gegangen sei und nicht ohne eine gewisse Besorgniß auf die stämmigen Gestalten der vier Colonen blickte, beauftragte leise den Gendarmen, das Beweisobject draußen im Hofe dem Beraubten vorzulegen und zugleich für das baldige Vorfahren des Wagens zu sorgen.
Unterdeß hatte sich der Bürgermeister dem Sohne seines unglücklichen Freundes genähert.
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»So sehr auch die Beweise gegen Sie sind, so mag ich doch nicht an Ihre Schuld glauben,« sagte er theilnehmend - »wenn Sie mir nur Aufschluß geben wollten ...«
Der Student wies mit einer ablehnenden Geberde nach seinem Vater. »Er glaubt daran - ist Ihnen das nicht genug ...?« murmelte er bitter.
»Er kann - er wird sich irren - bedenken Sie, daß Sie ihn vorher aufs Tiefste erzürnt haben! -Wenn Sie uns wenigstens glaubhaft nachweisen könnten, warum Sie bei nachtschlafender Zeit Ihr Zimmer verlassen haben und wo Sie gewesen sind ...«
Der Student unterbrach ihn mit einer energischen Geberde.
»Nimmermehr! Das am Wenigsten! - entweder man glaubt meinem Wort oder thut es nicht, dann mag man thun mit mir, was man will. Ich weigere überhaupt vorläufig jede weitere Antwort.«
Er wandte sich trotzig von dem wohlwollendem Freunde, der mit einem bedauernden Kopfschütteln auf seinen Platz zurückging und seine trauernden Blicke auf den schwer gebrochenen Vater richtete.
Gendarm Berger war wieder eingetreten und übergab dem Richter die Spitze.
»Es ist leider richtig - der Beraubte behauptet auf das Bestimmteste, daß dies zu seinen Waaren gehört habe - hier unten am Einsatz ist noch die Zahl, mit der er den Preis ausgezeichnet hat.«
Der Kreisrichter warf einen versteckt triumphirenden
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Blick auf den Hausherrn und seine Freunde und that zwei Schritte auf den Studenten zu. »Es thut mir leid, Herr Söllenhofer, namentlich weil es hier in Ihrem so sorgsam bewahrten Hause geschehen muß, aber ich muß meine Pflicht thun. Im Namen des Königs verhafte ich Ihren Sohn und werde denselben noch heute im Kreisgerichts-Gefängniß abliefern, nachdem ich eine Untersuchung seiner Sachen noch habe vornehmen lassen. Geben Sie dem Gendarm die Schlüssel Ihres Zimmers und Ihres Koffers, Gefangener!«
Ein tiefes Stöhnen - ein gellender Aufschrei folgte der Haftsankündigung des Richters.
Mit dem ersten war die hohe Gestalt des Hausherrn förmlich zusammengebrochen und sein Gesicht barg sich in den auf dem Tisch gekreuzten Armen; - der Schrei kam aus dem Munde der beiden Mädchen, der Pflegeschwestern des Verhafteten, die sich - unruhig geworden über die Vorgänge draußen auf dem Hofe und die oft lauten Stimmen der Männer im Zimmer hinter dem Gendarmen in dieses gedrängt hatten.
Die Klörke sprang auf den Gefangenen zu und faßte wie krampfhaft seinen Arm. »Hinrik - was soll das heißen? Was hast Du gethan? Warum will man Dich in das Gefängniß sperren?«
Das ganze Wesen des sonst so ruhigen, sicheren Mädchens schien sich wie mit einem Schlage verändert zu haben - der Ausdruck einer furchtbaren Seelenangst lag in den sonst so still und gleichgültig blickenden Augen, die kräftige Gestalt zitterte förmlich, während sie Erklärung,
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Beistand suchend von einem der Männer auf den anderen starrte, bis ihre Blicke auf dem spöttisch lächelndem Gesicht des Kreisrichters mit einem Ausdruck energischer Drohung hängen blieben.
»Schändlich! schändlich!« sagte sie endlich - »Hinrik! sag Du mir's selbst - was hast Du gethan, daß dieser Mann die Hand an Dich legen darf? - Hast Du mich belogen?«
»Niemals, Klara, so wahr mir Gott helfe.«
»Doch - warum verhaftet er Dich - warum bringt er den Gendarm hierher?«
»Weil ich den Levy Pinkus überfallen und beraubt haben soll um Geld und Waaren!« sagte der Gefangene mit Hohn. »Vielleicht wollt' ich Dir und der Engel einen Brillantenring oder sonst etwas schenken - weil ich Euch Nichts mitgebracht von Halle!«
»Aber ...«
»Still - kein Wort mehr, Klörke, für mich!« sagte der Gefangene mit einer so wilden Energie, die sie an den unbeugsamen harten Charakter seines Vaters erinnerte und selbst das kräftige Mädchen einschüchterte. »Kein Wort sag' ich Dir, und jetzt - wenn Du noch einen Funken auf mich hältst, schweig und geh' auf Deine Stube. Was hier geschieht, hab' ich allein abzumachen. Wilhelm - führe die Mädchen hinaus!«
Der Bürgermeister winkte den jüngeren Söllenhofer, den Befehl des Bruders zu erfüllen und der junge Mensch faßte die Hände der beiden Mädchen, um sie fortzuführen. Einen Schritt that die Aeltere auf den Meier zu mit
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einer heftigen Geberde, als könne sie es nicht begreifen, daß er so seinen Erstgeborenen der Schmach der Verhaftung preisgeben könne, statt, wie vielleicht seine Altvordern gethan hätten, bei dem Angriff auf einen Sohn des Hauses, nach der wuchtigen Axt zu fassen oder dem großen zweihändigen Streitkolben, die ein Erbstück früherer Jahrhunderte - draußen in der Küche über dem Heerd hingen, und die Knechte des Hofes und die Nachbarn zum gemeinsamen Widerstand aufzurufen - aber ein energischer Blick aus den Augen des jungen Mannes und sein warnend erhobener Finger schien ihren Entschluß zu ändern - sie sah halb traurig, halb vorwurfsvoll auf den gebrochenen Mann und verließ ohne ein Wort weiter zu sprechen mit der weinenden Schwester die Stube.
Die Durchsuchung der Sachen des Studenten hatte nichts Verdächtiges weiter ergeben, und als der Wagen des Richters jetzt vorfuhr und derselbe ihn aufforderte, freiwillig und ohne Zwangsmaßregeln sich der Haft zu fügen und ihm nach dem Sitz des Kreisgerichts zu folgen, um dort in Untersuchungshaft abgeliefert zu werden, schritt er, ohne ein Wort der Entgegnung oder des Abschiedes, ohne einen Blick auf seinen Vater und die Zeugen des traurigen Vorganges zu richten, zur Thür hinaus und bestieg den Wagen, wo sich ihm der Richter zur Seite setzte, während der Gendarm und der jüdische Krämer den Rücksitz einnahmen.
Die Knechte und Mägde des Hofes umstanden finsterblickend den Wagen ohne die geringste Handreichung zu thun, denn die Nachricht von der Verhaftung des ältesten
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Sohnes des Hauses hatte sich rasch unter ihnen verbreitet, und es war wahrscheinlich gut, daß ihr altes Orakel, der Großknecht Jochem, nach dem Mittagessen über Land gegangen war, um in einer anderen Bauerschaft einen Freund zu besuchen; denn er hätte schwerlich seinen stillen Liebling, trotz allem Respekt vor der Obrigkeit und seinem Hofherrn, so ohne Einspruch fortführen lassen und es hätte nur seines Wortes bedurft, um einen Exceß hervorzurufen, der freilich dann von traurigen Folgen für sie begleitet gewesen wäre. Gut war es wenigstens, daß der alte Levi Pinkus sich bei Zeiten in den Wagen und unter den Schutz des Gendarmen zurückgezogen hatte, denn er wäre schwerlich sonst ohne schwere Püffe oder eine volle Prügelsuppe davon gekommen, und die Magd Grete, dieselbe, welche beim Holen des stillen Wassers den Sohn des Hauses gesehen haben wollte und dies geplaudert hatte, saß heulend und wehklagend in der Mägdekammer, denn kein Mensch wollte mehr ein Wort mit ihr reden.
Als der Wagen mit den Beamten und dem Gefangenen davon fuhr, war keine Seele an den Fenstern des Hauses zu erblicken. Drinnen in der Putzstube saß der Meier noch immer starr und stumm vor sich hinblickend und das einzige Wort, das die treuen Freunde und Nachbarn, die eifrig beriethen, was hier am Besten zu thun, und wie der arme Vater zu trösten sei - von ihm zu hören bekamen, waren die gemurmelten Worte:
»Tausend Jahre in Ehren auf dem Söllenhof - und nun ein Räuber und Dieb!«


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Der Dienstag nach Ostern war da - die Festtage waren zu Ende, und der Meier litt es nicht, daß auch nur eine Stunde länger der Gang der gewöhnlichen Frühjahrsarbeiten unterblieb, selbst in dieser schlimmen und schweren Zeit nicht.
Dennoch schien der ganze Hof in den paar Tagen einen anderen Charakter angenommen zu haben. Alles ging still und stumm an einander vorüber und die Blicke der Dienstleute richteten sich oft mit Besorgniß und Theilnahme nach den Fenstern der Stube des Meier, obschon besondere Empfindsamkeit sonst grade nicht im Charakter des westfälischen Landbewohners liegt.
Der Meier schien sich in den zwei Nächten selbst wieder gefunden zu haben, so straff und aufrecht ging er wieder einher, so ruhig und gemessen gab er seine Befehle und sprach mit den Leuten. Aber wer ihn genauer kannte und beobachtete, der konnte doch wohl sehen, daß es hinter der ruhigen faltenlosen Stirn, hinter den starren hellen Augen anders aussehen mußte als sonst; denn zuweilen zuckte es - wenn auch nur sekundenlang - wie tiefer verhaltener Schmerz um die Winkel des feinen Mundes mit den schmalen Lippen, und wenn er sprach und eine Anweisung ertheilte, war es, als wären seine Gedanken doch wo anders.
Am Montag Abend hatte der Meier einen Brief geschrieben, mit dem sein Jüngster am andern Morgen selbst nach Bielefeld reiten mußte, um ihn auf die Post zu bringen. Er war an einen Advokaten in Halle gerichtet und enthielt den Auftrag, die etwaigen Gläubiger des Studenten Heinrich
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Söllenhofer aufzufordern, sofort bei ihm ihre Forderungen anzumelden, um nach Prüfung derselben ihr Geld in Empfang zu nehmen.
Dem jungen Colonen that es wohl, von Hause fortzukommen, schien doch Jeder dem Andern dort auszuweichen, vor Allem der Großknecht Jochem dem Meier. Dagegen steckte er häufig bald in dem, bald in jenem Winkel mit der Klörke zusammen und hielt lange geheime Verhandlungen mit ihr. Das Mädchen war nach dem Ausbruch des Gefühls am Sonntag Nachmittag, als man ihren Pflegebruder in's Gefängniß führte - noch stiller und verschlossener wie früher geworden; sie that ihre Arbeit in der Wirthschaft, aber sie ging dem Meier geflissentlich aus dem Wege und redete selbst bei den Mahlzeiten kein Wort mit ihm.
Jetzt am Abend, während die Knechte und Mägde in der Küche um's Feuer saßen, der Meier aber mit Wilhelm und Engel in der gewöhnlichen Wohnstube, und sich den Anschein gab, in ein Zeitungsblatt vertieft zu sein, um nicht reden zu müssen, trat sie plötzlich in das Zimmer und stellte sich an den Tisch.
»Geht hinaus,« sagte sie in entschlossenem Ton zu der Schwester und dem künftigen Schwager - »ich habe mit dem Vormund zu reden!«
Er sah groß auf. »Was soll's?«
Sie antwortete nicht, bis die Beiden die Thür hinter sich geschlossen hatten, dann hob sie den Kopf und sah dem Mann mit ruhiger Entschlossenheit in's Gesicht. »Da
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Niemand mit Ihnen sprechen will von Heinrich, Ihrem Sohn ...«
»Schweig!«
»So werd' ich es thun! Der Jörg, den ich nach der Stadt geschickt, wo Sie heute hätten sein sollen, ist zurückgekehrt. Heinrich hat heute ein Verhör bestanden - er soll, wie Doktor Bluth, Ihr Advokat, dem ich deshalb geschrieben, mir sagen läßt, jede Antwort verweigert haben - und man hat ihn nicht freigelassen, sondern in's Gefängniß zurückgebracht.«
»Wohin er gehört! Schweig von ihm - ich befehle es Dir!«
»Ich achte Sie, als unseren Vormund, dem uns mein Vater auf dem Sterbebett übergeben. Aber Sie vergessen, daß das Blut der Brüninge so alt in diesen Bergen ist, wie das Ihre. Ich werde nicht schweigen, sondern wie es das Gesetz Gottes und die Natur verlangt reden und an Ihr gegen die Natur verhärtetes Herz pochen, bis es hört. Wollen Sie Ihrem Sohne zu Hilfe kommen in seiner Noth, wie es sich gehört oder nicht?«
»Ich, dem Straßenräuber? dem Taugenichts und Rebellen?«
»Ah - da liegt's! Ich meine doch, daß Sie selbst an die Möglichkeit nicht glauben werden, daß Heinrich den Juden beraubt hat?«
»Wie kommst Du mir vor, Mädchen,« sagte der Meier betroffen - »Du, die sonst keine zehn Worte zu sprechen wagt, jetzt ein Advokat für einen Schurken, der seine
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Familie entehrt! Ich kenne ihn nicht mehr, er möge die Folgen seiner Handlungen tragen!«
»Nun wenn Sie ihm nicht zu Hilfe kommen wollen, dessen natürliche Pflicht es wäre, so werde ich's thun. - Heinrich hat gefehlt, er mag leichtsinnige Streiche, Schulden und andere Thorheiten begangen haben, - ja ich weiß, daß er das gethan hat, aber das greift an die Ehre eines Mannes nicht! Er ist jung noch, und wer ist schuld, daß er sich von Jugend und Gesellschaft hat verleiten lassen, den Zwang zu durchbrechen, den Sie ihm so lange auferlegt?! Sie selbst sind es - Sie, sein Vater!«
»Hör' auf! Du sprichst, wie Du's verstehst!«
»Nein - ich rede die Wahrheit! Haben Sie ihm von Kindheit auf die rechte nachsichtige Liebe gezeigt, wie seine Mutter sie für ihn hatte? - Weil er nicht ein Bauer zu werden versprach, wie Ihre andern Söhne, deshalb verachteten Sie ihn, deshalb zwangen Sie ihn zu einem Beruf, zu dem er weder Sinn noch Neigung hatte! Deshalb unterdrücken Sie gewaltsam die Mahnung, welche die Erinnerung an Heinrichs Mutter, die gütige, treffliche Frau, an Ihr Gewissen richten muß!«
»Mädchen - geh nicht weiter! Die Beweise gegen ihn sind klar und unwiderleglich!«
»Und das sagen Sie, sein Vater! Also weil er mit der großen, feurigen Seele, mit dem tief für das Schöne und Große empfindenden Herzen, das nur Sie nicht erkannten, kein Holzfäller und kein Pferdezüchter werden konnte, weil er kein heuchelnder oder zeternder Geistlicher werden wollte, der das Gotteshaus entweiht, da er nicht
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die erhabene Lehre unseres Herrn Jesus im Herzen trägt, sondern Anmaßung und Unduldsamkeit! - weil er selbst denken und wählen will, - deshalb muß er ein Räuber und Rebell sein und in's Zuchthaus gehören?«
»Er kann nicht nachweisen, wo er das Geld her hat! - Er kann nicht beweisen, wo er in jener Nachtzeit gewesen ist!«
»Und wenn es bewiesen würde, daß er nicht an jenem Orte, wo der Raub statt fand, gewesen sein kann - daß er zu derselben Zeit weit, weit davon entfernt - daß er hier in seines Vaters Hause war?«
»Hier im Hause?«
»Ja! - Ihr Sohn hat jene Nacht nach altem Recht und Brauch bei mir geschlafen - ich bin seine verlobte Braut!«
»Dirne ...!«
»Nennen Sie mich, wie Sie wollen! Kein Mädchen in Niedersachsen wird ihrem künftigen Gatten nach dem freiwilligen Verlöbniß das Recht, ja die Pflicht weigern, in ihrem Arm zu schlafen, ja sie würde es für eine Verachtung und Untreue halten, wenn er es nicht thäte!«
»Mädchen - bist Du rasend, oder willst Du mit der Lüge bloß Deinem Pflegebruder helfen? - Du bist nicht seine Verlobte - Du bist die Verlobte meines Sohnes Fritz, nach der Bestimmung der beiderseitigen Eltern und dem letzten Willen Deines Vaters! - Schäme Dich!«
Das große kräftige Mädchen wuchs förmlich noch höher bei der Antwort, die sie gab. »Ich habe mich weder
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meiner Wahl, noch meines Thuns zu schämen, wohl aber Sie, Meier Söllenhofer, der Sie die Zukunft zweier Menschen nach Ihrem Eigensinn bestimmen und zwei Herzen zerbrechen wollen, bloß weil Sie glauben, die müßten in blindem Gehorsam thun, wie Sie's für gut und zweckmäßig halten.«
»Mädchen bring mich nicht außer mir! Ehre den Willen Deines seeligen Vaters!«
»Das Testament sagt: den Sohn meines Freundes Söllenhofer!«
»Aber Du weißt, daß der Fritz damit gemeint war - daß er der Dir bestimmte Gatte ist!«
»Ich habe nie meine Einwilligung zu der Verlobung gegeben, - ja ich bin nicht einmal darum gefragt worden. Ich liebe den Hinrik von unserer Kindheit auf - ich liebte ihn, grade weil Sie ungerecht waren gegen den Armen, Schwachen!«
Der Meier ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab, dann blieb er vor ihr stehn.
»Hüte Dich, Dirne, Dein Spiel mit mir zu treiben. Ich bin Dein Vormund und Herr! Du wirst gehorchen und den Fritz heirathen!«
»Jetzt noch?« - ihr Blick traf fast verächtlich auf den des Meiers.
»Selbst wenn die infame Lüge Wahrheit wäre - das Geld, das der Bube ...«
»Halt, Meier! Ich bin eine Brüning - ich dulde es nicht, daß Heinrich noch länger beschimpft wird, nachdem ich mich als sein Weib erklärt habe.« - Sie ging nach
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der Thür zur Küche und öffnete sie. »Komm herein, Jochem!«
Der alte Großknecht kam hereingehumpelt und trat zu dem Mädchen, indem er mürrisch die wollene Mütze zwischen seinen rauhen Fingern drehte.
»Sage diesem Mann,« befahl das Mädchen energisch - »ihm, der sein eigenes Blut verleugnet, - wo sein Sohn das Geld her hatte, das er in Werther wechselte und um seine Schulden zu bezahlen zur Post gab!«
»Nu - wer sine Schulden betaalt, verbetert sine Göder! Ik häw den Hinrik immer gewarnt und sägt: Man mut sik naa de Däk strekken - aber seten laten in's Malheur konnt ik en doch nich, awer dat Ei wil klöker sin as dat Hon! So is he denn richtig in de Patsche kommen. Fck häwe'n dat verflixte Geld geborgt!«
»Du - zweihundert Thaler?«
»Ja Meier - fäle Körn maakt en Hupen, un Wer en Schillen nich eert, kricht nümmer en Daaler! - Et is zwar viel Geld und 'sist mereur genug worden, es in den fünfundzwanzig Jahren zusammentosparen, ik meinte immer, et sollt a mal dazu dienen, daß se mich newen der Anne Marie recht schön un herrisch begraben dhäten und mir ollen Kerl och en Kreuz setzen dhäten - awer Nod brikt Isen und ik konnt den Hinrik doch nicht verlaten, den ik so oft auf dem Arm getragen, als er noch so en erbärmlich Jüngsken war! De liewe Gott wird mich woll ooch ohne det Krüz und de Krone up min Sarg in de Himmel laten.«
Das Mädchen sah mit einem flammenden vorwurfsvollen
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Blick auf den harten Mann. »Das, Meier, that ein Knecht! Wollen Sie so gut sein, mir morgen ein Gefährt zur Stadt und dem Jochem die Erlaubniß geben, dahin voran zu gehn, da er wie Sie wissen, keinen Wagen besteigt?«
»Was willst Du dort?«
»Zum Gericht gehn und Zeugniß ablegen für Hinrik, damit er nicht länger im Gefängniß bleibt.«
»Bist Du närrisch geworden? - Das hieße Deine eigene Schande aller Welt ausposaunen!«
»Wie kann das Schande sein, was eine uralte Sitte unserer Väter ist? Sie selbst halten auf jeden alten Brauch des Sachsenvolkes und haben die Achtung dafür uns Kindern hundert Mal eingeprägt. Was kümmerts mich, wie die Herrn vom Gericht das auslegen! Ich kann bezeugen, daß Hinrik nicht den Juden berauben konnte!«
»Unbesonnene! - die Welt ist eine andere geworden. Selbst wenn man Dir Glauben schenkte, würde Dein Leumund befleckt sein. Die heutigen Anschauungen und Gedanken sind andere!«
»Das sagen Sie selbst und dennoch verdammen Sie Ihren eigenen Sohn, weil er, einer neuen Zeit sich fügend, andere Anschauungen und Gedanken hat, als Sie! Wollen Sie mir den Wagen geben oder nicht? Sonst gehe ich zu Fuß!«
»Ungerathene! - ich sperre Dich ein - ich bin Dein Vormund!«
»Nicht wo mein Gewissen mir vorschreibt, selbst zu
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handeln! Ich bin eine Brüning, Meier, ein freies Sachsenmädchen, keine leibeigene Magd!«
Der Meier preßte die Hand gegen die Stirn. »Ich werde morgen zur Stadt fahren und versuchen, was zu thun ist! ich fürchte nur, man wird der Aussage des Jochem den anderen Beweisen gegenüber nicht viel Glauben schenken.«
Der alte Großknecht hatte dem Streit der Beiden ruhig zugehört. »Wird wul geschehn muten! Dat is en slechte Mus, die nicht mer als en Lok wet. - Will der Meier mir Erlaubniß geben für die Nacht, mir un dem Peter Tiez un dem Wilm - der will ook dabei sein, partougement!«
»Was ist's? was giebt's?«
»Niks, gaar niks - dat is mine Sake. Wer fäl fragt, ward fäl wis, un God Ding wil Wil häbben. Dat Glück för den Enen, is dat Unglück för den Andern. Fragt de Klörke, Meier, wenn he mehr witen wüllt. Kann ik gehn?«
»Geh zum Teufel!« Der stolze Mann hätte um keinen Preis dem Mädchen oder dem Knecht ein Wort gegönnt - aber dennoch gingen ihm schwere Dinge im Kopf herum. Er nahm das Licht, um nach seiner Kammer zu gehn. »Wir reden morgen weiter,« sagte er kurz zu dem Mädchen. »Keinen Ungehorsam bis dahin!«
Er hatte kaum die Stube verlassen, als die Klörte auf den Großknecht zusprang.
»So wollt Ihr's wirklich versuchen?«
»Frilik wulln wi's! Ik bin dervon übertügt, dat he
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hüte dort is. Um 11 Uhr treffen wi de Förster, un de Schulze mit dem Gemindediener wird ook da sin. Et Möte slimm sin, wenn wi öhn nich fangen solden un dat ganze Nest derzu, wenn ook Eener entkommen wär. Averst da dervor hebben se im Gericht öhre Steckbriefe.«
Der jüngste Sohn des Hauses steckte den Kopf durch die Thür.
»Ich darf mit Jochem?«
»Frilik darfst Du! De Olle säggt, wi solden Alle zum Düwel gan!«


Am andern Vormittag verbreitete sich - diesmal trotz der abgesonderten Lage der Colonenhöfe mit auffallender Schnelligkeit - eine merkwürdige Nachricht.
Auf dem Söllenhof war schon zeitig Alles auf den Beinen und große Unruhe im Hause.
Morgens um 6 Uhr hatte man auf einer Trage den jüngsten Sohn des Hauses zum Hofe gebracht mit einem zerschossenen Arm - aber das Gesicht des jungen Mannes verzog keine Miene in Schmerz, sondern strahlte förmlich vor Stolz und Freude, selbst als die Engel weinend und wehklagend über ihn hersank.
Der Meier ging bestürzt - beinahe fassungslos, er, der kalte starre Mann, von einer Stube zu andern die Klörke Brüning schien die einzige Person im Hause, die Ruhe und Besonnenheit bewahrt hatte; - denn der Großknecht und der Pferdeknecht fehlten und waren noch nicht zurück gekommen - sie waren den Gefangenen - wie dem Meier gesagt wurde, - nach der Kreisstadt gefolgt, um dort gleich ihre Aussage abzugeben. Der zweite Knecht
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aber war eilig auf den Befehl der Klörke mit den Füchsen nach dem nächsten Flecken gefahren, um von dort den Bader oder Doktor herbeizuholen, damit er dem Wilm einen besseren Verband anlege, als der Förster hatte thun können.
Jetzt erst hörte der Meier aus dem Munde des Verwundeten selbst von dem nächtlichen Abenteuer,
Jochem, der Großknecht, war, wie wir wissen, am Sonntag Nachmittag, also bei der Anklage und Verhaftung Heinrichs nicht auf dem Söllenhof zugegen gewesen, erst spät nach Hause gekommen, als das andere Gesinde schon schlief und hörte davon zu seinem Schrecken erst am andern Morgen. Jetzt auch wurden durch die Erzählung des jüngeren Bruders die anderen Beweise bekannt, die sich zur Erweisung der Schuld des älteren zusammengehäuft hatten, namentlich der Fund der Mütze auf dem Platz des Verbrechens. Der Großknecht, der dem Meier grollte, daß er den Sohn so rasch aufgegeben, hatte sich an Klörke gewandt, und ihr - indem er sich von seinem dem Studenten gegebenen Versprechen des Schweigens entbunden glaubte - Alles was er wußte und seinen Argwohn mitgetheilt, zunächst, daß er selbst seine Ersparnisse dem jungen Mann zur Bezahlung seiner Schulden geborgt hätte, die er - wie seit Einführung der Zwei-Thalerstücke eine vielverbreitete Gewohnheit der Landleute geworden, - in solche eingewechselt und in einem alten Strumpf an einem nur ihm bekannten Versteck aufbewahrt gehabt hatte. Ferner, daß er am Donnerstag - nachdem Heinrich Söllenhofer am Morgen durch den Knaben einer im Walde hausenden
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übelberüchtigten Familie eine Botschaft erhalten hatte, ein Packet mit alten Kleidungsstücken zu dem Kreuz im Walde habe tragen und dort einem wildfremden in seinem Aeußeren sehr reduzirten Manne habe übergeben müssen, dessen verkommenes lüderliches Aussehen ihm sehr wenig gefallen, weshalb er auch am Sonntag, als der Student noch eine Zusammenkunft mit demselben im Walde gehabt, ernstlich gewarnt habe, wobei Heinrich ihm gesagt, daß es ein früherer Freund oder Bekannter gewesen sei, der ihn in Noth und Verlegenheit hier aufgesucht, daß es aber die letzte Zusammenkunft und Jener auf dem Wege nach einer Seestadt sei; daß er gewiß wisse, die unglückliche Mütze wäre bei den alten Kleidern gewesen, die Heinrich dem Manne gesandt habe, denn dieser habe das Packet gleich aufgerissen, als er es ihm überbracht. Endlich, daß er argwohne, der verlaufene Student habe[n] sich bei der verdächtigen Ziegelbrenner-Familie aufgehalten - und als er zufällig gehört, daß der älteste Sohn der Mutter Grix, der wegen früherer Wilddieberei die Gegend verlassen hatte und über die Gränze gegangen war, in den letzten Tagen wieder gesehen worden, und daß der Raub an dem Juden von zwei Männern, einem großen und einem kleineren ausgeführt worden, der Wilddieb aber von hohem Wuchs sei, wäre es ihm kein Zweifel mehr gewesen, daß der fremde Vagabond mit diesem wahrscheinlich schon im Hessischen oder Hannoverschen zusammen getroffen und mit ihm hierher gekommen sein müsse, worauf die Botschaft durch den Knaben schließen lasse.
Das war der Inhalt der Gespräche und Berathungen
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gewesen, die Klörke während des Oster-Montags mit dem Großknecht geflogen hatte.
Aber bei dem zähen Mißtrauen, das in dem Charakter der westfälischen Landleute liegt, namentlich auch gegen die, gewöhnlich aus ihm fremden Persönlichkeiten bestehenden Gerichte, hatten Beide beschlossen, Nichts von ihrem Verdacht verlauten zu lassen, damit nicht etwa durch eine ungeschickte Haussuchung oder Verfolgung die Verdächtigen eingeschüchtert würden, sondern die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb hatte der Großknecht erst am späten Nachmittag den Beistand des Schulzen und des Unterförsters in Anspruch genommen, der auf den Wilddieb von Alters her einen Zahn hatte, und dieser hatte sehr richtig geschlossen, daß der Mensch seine Familie oder seinen sonstigen Schlupfwinkel nicht verlassen würde, ohne in den jetzigen hellen schönen Mondnächten und zur Balzzeit in dem nahen Tannenrevier, wo ein Volk Auerhühner sich eingethan, einen tüchtigen Hahn geschossen zu haben. So hatte man beschlossen, ihn dort abzulauern und abzufangen, da man eigentlich sonst keine Ursach gehabt hätte, sich seiner zu bemächtigen, dann aber auch zugleich auf Grund des Wilddiebstahls eine genaue Untersuchung der Hütte der Familie Grix vorzunehmen.
Zwei Knechte des Hofes waren in das Vertrauen gezogen und da der jüngere Bruder energisch darauf bestanden hatte, das Unternehmen zu theilen, das Heinrich - den er durch sein Geständniß an den Vater selbst geschädigt zu haben glaubte - Ehre und Freiheit wiedergeben
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sollte, - hatte man sich in genügender Zahl geglaubt, um den Plan ganz im Stillen auszuführen.
Die schlaue Berechnung des Jägers und des Großknechts hatte sich auch vollständig richtig gezeigt.
Die Männer hatten sich so frühzeitig versammeln und auf den Weg machen müssen, um ehe der Mond aufgegangen war, ihre Verstecke erreichen zu können, und während Jochem mit dem Schulzen und dem Polizeidiener seinen Weg nach der Hütte der Wittwe Grix nahm, um sich in der Nähe zu verstecken, gingen Wilhelm, der Förster und die beiden Knechte nach dem Tannenkamp, wo das Hühnervolk einzufallen pflegte und stellte sich dort zu der allerdings etwas langweiligen Wache auf. Sie hatten verabredet, sollte der Wilddieb allein oder mit einem Gefährten erscheinen, nicht eher zuzuspringen und ihn zu fassen, als bis er einen Vogel geschossen habe.
Ihre Geduld sollte in der That belohnt werden. Es war nach 2 Uhr Morgens, als sie in dem Walde leichte Schritte vernahmen und bald eine große Männergestalt sich vorsichtig näherte und sich an einem starken Baumstamm aufstellte.
Der Mond war aufgegangen und der Jäger erkannte deutlich die Gestalt seines Feindes. Er war allein.
Wer je auf der Auerhahnbeize gewesen ist, wird leicht das doppelte Interesse begreifen, das die Theilnehmer der Scene erfüllte.
Das scharfe Ohr des Jägers wie das des Wilddiebs vernahm jetzt in der Ferne das Balzen eines Hahns, und gleich darauf, als wolle er die Herausforderung des
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Nebenbuhlers annehmen, klang von der Höhe der Tanne, in deren Schatten grade der Förster sich aufgestellt, etwa hundert Schritt von dem Standpunkt des Wilddiebs, der Balzschlag eines starken Hahns.
Der größte Theil unserer Leser, wenn auch nicht selbst Jäger, wird aus den so beliebten Thier- und Jagdstudien in den illustrirten Journalen wissen, daß das Beschleichen dieses sehr scheuen Wildes nur während des Lockrufs selbst erfolgen kann, während dessen der Vogel weder hört noch sieht - und daß, so wie der Balzruf aufhört, der Jäger regungslos stehen bleiben muß.
So geschah es auch hier. Das scharfe und geübte Auge der beiden Jäger konnte leicht in dem hellen Mondlicht den dunklen Körper des Auerhahns sich auf einem der höchsten Aeste der Tanne von dem klaren Nachthimmel abheben sehen und es gehörte in der That der ganze Groll des berechtigten Waidmanns gegen den Eindringling und die Erinnerung an die Ursach', wegen deren sie hier waren dazu, um ihn zu verhindern, die Flinte zu heben und den Schuß nach dem Vogel zu thun.
Aber die Waidmannsqual wurde ihm abgekürzt, - im Augenblick des nächsten Balzens war der Wilddieb unter dem Baum, der Schuß fiel und der Vogel stürzte schwerfällig flatternd von Ast zu Ast und auf den Boden.
»Den hätt' ich!«
Der Schütze faßte nach dem im Todeskampf sich wälzenden Wild - aber im Augenblick hatte ihn auch eine Faust am Kragen.
»Und wir hätten Dich!«
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Aber so leicht sollte seine Gefangennahme ihnen doch nicht werden. Der Wilddieb mußte ja stets auf einen Ueberfall gefaßt sein, und mit einem kräftigen Ruck hatte er sich aus der Hand seines Gegners befreit, ließ das entladene Gewehr in der Hand des Feindes, der es mit der Linken erfaßt hatte, und flog mit weiten Sprüngen über die Lichtung. »Ich denke, noch nicht!«
Der Jäger schrie hinter ihm drein: »Steh, oder ich schieße!« Aber der Wilddieb wußte sehr wohl, wie unsicher ein Schuß in dieser Situation sein mußte, und der Ruf: »Wilm - Jungens - fangt ihn!« beflügelte nur seine Eile und dabei faßte er nach einer andern Waffe suchend in die Brusttasche seines Rocks.
Aber schon waren die Verfolger auf seinen Fersen und der Sohn des Söllenhofers warf sich ihm an dem Rande der Lichtung entgegen, während die beiden Knechte von den Seiten her mit Geschrei herbeirannten. Der Wilddieb sah im Augenblick, daß er überlistet war, und das böse Gewissen sagte ihm wahrscheinlich, daß es sich für ihn hier um mehr handeln werde, als um den geschossenen Hahn.
Ein Blitz zuckte aus seiner Hand, die Kugel des kurzen Pistols hatte eine Arm-Muskel des jungen Mannes getroffen und den Knochen beschädigt - aber mit dem unverletzten hielt er den Fliehenden fest bis die Knechte heran waren und ihn zu Boden warfen.
»Verdammt - he häd mi schössen - il fihlde wie en Pitschenschlag!«
Als der Förster ihn am Arm faßte, hing dieser schlaff
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herunter und das Blut rieselte über die Hand des Mannes. »Armer Bursche! aber ich hoffe, es wird nicht viel zu bedeuten haben. Schnürt die Kanaille zusammen, daß sie nur die Füße frei hat. Komm hierher Wilm, an's Licht, daß ich Dir ein Tuch um den Arm lege und eine Schlinge mache.« Der Förster machte eine Art Tourniquet für den zerschossenen Arm, aber Wilhelm bestand darauf, nicht sogleich sich nach Hause bringen zu lassen, sondern erst die Männer und den Gefangenen nach der Hütte seiner Mutter zu begleiten, um zu sehen, was dort zu entdecken wäre, und so geschah es.
Man konnte mit Recht annehmen, daß die Familie um den Ausflug des Wildschützen gewußt haben und ihn erwarten werde, und ließ ihn in vorsichtiger Entfernung von der Hütte zurück, damit sein Ruf nicht etwa die Bewohner warnen könne. Indeß schien diese Vorsicht kaum nothwendig; denn der Mensch war, seit er sich überwältigt sah, ganz gebrochen und als der Förster ihm den Raubanfall auf den Juden in der Charfreitag-Nacht auf den Kopf zusagte, versuchte er gar nicht zu leugnen und erging sich nur in Schmähungen auf einen Unbekannten, der offenbar an ihm zum Verräther geworden sei, nachdem er ihn um den größten Theil der Beute betrogen gehabt.
Es brauchte nur einer kurzen Verständigung mit den Gefährten, welche die Hütte umstellt hielten, dann schlich der Polizeidiener mit Hut und Gewehr des Wilddiebs ausgestattet, von der Schattenseite her nach der Thür des verfallenen Häuschens, klopfte an diese und hielt den
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geschossenen Vogel hoch, damit ein etwa spähendes Auge getäuscht würde. Kaum aber war die Thür von dem Knaben geöffnet, als er sich dazwischen drängte, und die Freunde herbeirief. Die Familie wurde größtentheils auf den elenden Lagern überrascht, von dem vagabondirenden ehemaligen Studenten zeigte sich aber keine Spur und das spätere Verhör mit den einzelnen Familien-Mitgliedern ergab, daß er in der That hier gewohnt, seit Sonntag Morgen aber die Hütte verlassen habe, ohne wieder zurückzukehren. Dagegen ließen die von dem Schulzen sehr umsichtig getroffenen Anstalten zur Durchsuchung des Hauses und des ganz verfallenen Stalles bei beginnendem Tageslicht eine ganze Reihe von Gegenständen vorfinden, die aus verübten Diebstählen herrühren mußten, und darunter auch fast noch alle Waaren, die dem Levi Pinkus bei dem nächtlichen Ueberfall geraubt worden waren.
Von dem nächsten Bauernhofe wurde schnell ein Wagen requirirt, um die gefundenen Gegenstände und die Gefangenen zur Kreisstadt zu schaffen, und Jochem begleitete auf den Wunsch des Verwundeten diese dahin, um dem Bruder so bald als möglich Nachricht von der Entdeckung und der glücklichen Wendung seines Schicksals zugehen zu lassen, wodurch ja auch sein dem Entwichenen gegebenes Wort der Verschweigung seines Besuchs gelöst wurde.
Der junge Colone selbst aber hatte sich doch zu viel zugetraut; denn auf dem in Begleitung der beiden Knechte angetretenen Rückweg nach dem Söllenhofe übermannte ihn doch die durch den Blutverlust hervorgerufene Schwäche,
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und die beiden Männer mußten froh sein, ihn zuletzt mittels einer glücklicher Weise von der Diebshütte mitgenommenen Holztrage bis nach Hause schaffen zu können.
Das war, was Alles der Meier nach und nach theils von dem Sohn, theils von den Knechten erfahren hatte, die aus Besorgniß vor der Strenge des gefürchteten Herrn anfangs nicht recht mit der Sprache heraus wollten.
Aber der Meier hörte das Alles schweigend an und sprach kein Wort über den ganzen Vorgang.
Es schien eine gewisse Revolution in dem Innern des starren starken Mannes vorzugehen und er noch zu ringen, ehe er unter den veränderten Verhältnissen zu einem neuen festen Entschluß kommen konnte. Es war dies eine nicht seltene Erscheinung bei diesen kernigen zähen Bauern-Naturen. Sie geben schwer eine gewonnene Anschauung, eine vorgefaßte Meinung auf, und erst, wenn sie nicht mehr anders können, ringen sie sich zu einem neuen Entschluß empor, an dem sie dann desto strenger festhalten.
So geschah es auch mit dem Söllenhofer Meier. Dazu kam die Erklärung des Arztes, der noch im Laufe des Vormittags auf dem Hofe eingetroffen war und den Patienten verbunden hatte, daß zwar die erhaltene Verletzung durchaus nicht gefährlich aber doch der Art sei, daß sie wohl eine leichte Steifigkeit und Schwäche des Armes zur Folge haben könne, welche ihn dann jedenfalls vom Militairdienst dispensiren werde.
Das - was vielleicht Anderen ganz willkommen gewesen wäre - war ein harter Schlag für den Meier bei seiner Denkungsart. Er ging finster umher, saß in seiner
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Stube, kramte in Papieren und rechnete, und Niemand wagte ihn zu stören. Er ließ sich noch nicht aus seinem starren Sinnen bringen, als am späten Nachmittag ein Ereigniß eintrat - das, abgesehen von dem Appell an sein Vatergefühl, so unerwartet und wunderbar schien, daß kein Mensch an die Möglichkeit auch nur gedacht hatte.
Es fuhr nämlich um diese Zeit der einem benachbarten kleinen Besitzer gehörige ländliche Wagen in den Hof, welcher am frühen Morgen die Gefangenen und ihre Wächter nebst den bei der Haussuchung gefundenen Gegenständen nach dem Kreisgericht gebracht hatte, auf der Rückkehr von diesem. Der Wagen war mit Tannenreisern geschmückt, der Knecht, welcher ihn fuhr, hatte sich vor Vergnügen offenbar einen anständigen Haarbeutel getrunken, und auf dem Wagen saß außer dem Schulzen und dem Förster Heinrich Söllenhofer und - o Wunder! zum ersten Mal wieder auf einem Gefahr seit mehr als zwanzig Jahren Jochem der Großknecht, das Factotum des Söllenhofes.
Mit einem jubelnden Hurrah empfing das Gesinde des Hofes den um die beiden altehrwürdigen Bäume anfahrenden Wagen und drängte sich hinzu, die Ankommenden zu begrüßen, während die beiden Mädchen herausstürzten und mit Thränen der Freude dem Befreiten und Jochem die Hände schüttelten.
Nur der Meier blieb unsichtbar - obschon ein Blick durch das Fenster ihm gezeigt hatte, was geschehen war.
Der erste Gang, den der Student that, war zum Lager des verwundeten Bruders, das man in der
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sogenannten Putzstube aufgeschlagen hatte, um ihn dort besser pflegen zu können. Freudestrahlend reichte ihm dieser die gesunde Linke, die der Student an seine Lippen zog. »Wackerer Junge,« sagte er tief bewegt, - »das vergesse ich Dir nicht, und wenn ich Methusalems Alter erreichte! Es liegt doch ein Etwas in dem alten Blut und in der alten Sitte der Väter, und Du verdienst, den Söllenhof zu haben! - Gott segne es Euch -« und er drückte den Mädchen und Jochem die Hand, »daß Ihr wenigstens an mich geglaubt und mich keines Verbrechens fähig gehalten habt. Aber glaubt mir, die schlimmen Stunden haben auch ihren Nutzen für mich gehabt und einen Mann aus mir gemacht, dessen sich Keiner von Euch schämen soll!« Der Schulze und der Förster traten ein, nach dem Kranken zu sehen. Sie waren während der Zeit bei dem Meier gewesen, hatten diesem nochmals den Hergang erzählt und berichtet, daß der Wilddieb sofort auf dem Gericht das Geständniß abgelegt, daß er in Gemeinschaft mit einem andern Mann, den er auf der Wanderung aus der Gegend von Göttingen hierher zufällig getroffen und mit sich genommen hatte, und welcher ein Bekannter des ältesten Sohnes vom Söllenhof gewesen wäre, den Raubanfall auf den Juden gemacht habe, von dessen nächtlicher Fahrt er zufällig Kunde erhalten hätte. Der Fremde, der am Donnerstag von Hinrik Söllenhofer sich eine neue Ausstattung seiner sehr desolaten Garderobe verschafft, habe sich noch zwei Tage bei ihm verborgen gehalten, da sie sich ganz sicher und unverdächtig geglaubt hätten, und während dieser Tage ihm den größten Theil
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seines Antheils an der baaren Beute des Raubes im Spiel wieder abgenommen, und sei dann am Ostersonntag verschwunden, wahrscheinlich längst über die Gränze gegangen. In keiner Weise habe der junge Söllenhofer etwas mit dem Verbrechen zu thun gehabt. Dazu kam die Aussage des Großknechts über das Darlehn des Geldes und die Ueberbringung der Kleidungsstücke, und da jetzt Hinrik selbst, von der Unwürdigkeit des früheren Freundes überführt und die Absicht des geforderten Versprechens erkennend, keinen Anstand nahm, über seine Person Auskunft zu geben, genügte eine kurze Vernehmung, um den Befehl zu seiner sofortigen Haftentlassung zu erzielen.
Diese Auskunft hatten die Männer dem Meier gebracht, doch hatte er sich mit einem kurzen Dank für ihre Mitwirkung begnügt, ohne sich weiter über den Sohn und sein Verhältniß zu ihm auszusprechen. Er ließ diesem vielmehr sagen, er werde ihn später zu sich rufen lassen und wünsche bis dahin allein zu bleiben. So waren der Schulze und der Förster nach einem Imbiß geschieden.
Die Vier saßen um das Bett des Kranken, als eine halbe Stunde später der Meier, eine alte Brieftasche in der Hand, in das Zimmer trat.
Der Student sprang empor und eilte ehrerbietig auf ihn zu, versuchend seine Hand zu ergreifen; aber der Meier zog die seine mit einem stummen Kopfnicken zurück und setzte sich an das Ende des Tisches.
»Engel, schließ die Thür! ich habe mit Euch in Familiendingen zu reden.«
Das Mädchen schloß die Thür, sah fragend auf den
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Meier und kehrte nach dessen Nicken wieder auf ihren Platz am Lager des Verwundeten zurück.
»Jochem, komm her!«
Der Großknecht humpelte an den Tisch und stellte sich seinem Herrn gegenüber.
»Wie viel hast Du dem Hinrik geliehen?«
»Tweihundert, Meier! - Averst ek bruk dat Geld nich zurück - et legt unnütz bei mi - und wenn ek sterwe, erhält he't doch. He weit, wat he dofür dhaun soll!«
»Hier nimm die Zweihundert zurück -« er hatte sie in Kassenscheinen auf den Tisch gezählt - »und diese zwei Thaler als Zinsen! Und wenn Du meinem Rathe folgen willst, so trage bessere Sorge für Dein sauer Erspartes, und laß es nicht wie ein alter Narr im Kasten oder sonst wo liegen, ohne daß es Zinsen trägt und Dir gestohlen werden kann, sondern gieb es in die Sparkasse oder sonst einem sichern Mann.«
»Meier - ek bruk't wahrhaftig nich! 's is gern geschehen!«
»Nimm!« - Uebrigens dank ich Dir für das, was Du für die Ehre des Söllenhofs gethan hast! - Hier!«
Er schob ihm das Geld zu; der Alte wußte sehr wohl, daß gegen einen solchen Ton kein Widerspruch zu wagen war und steckte schweigend das Geld ein.
»Jetzt zu Dir!« sagte der Meier zu seinem ältesten Sohn. »Ich habe Dir Unrecht gethan mit meinem Verdacht ...«
»Vater ...!«
»Schweig, und laß mich sprechen. Ich hätte wissen
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sollen, daß ein Sohn Deiner Mutter kein Dieb sein konnte, aber Du hast es selbst verschuldet, indem Du von der alten Ehrbarkeit Deiner Väter gewichen, ein ungehorsamer Sohn, ein Freigeist und ein Rebell gegen Deinen König und Herrn geworden bist.«
»Vater ...«
Wiederum machte der Hausherr eine abwehrende strenge Bewegung.
»Dennoch danke ich Gott dem Herrn, daß er es abgewendet, daß auf diesem Hause und dem tausendjährigen Erbsitz der Meier vom Söllenhofe die Schande laste, daß einer seiner Söhne wegen gemeinen Verbrechens in's Zuchthaus gekommen wäre. Es ist so schon traurig genug, daß durch seine eigene Schuld dieser Verdacht auch nur eine Stunde auf ihm lasten konnte und ihn in die Mauern des Gefängnisses gebracht hat. Das ist ein Flecken, der schwer zu vertilgen sein wird im Gedächtniß unserer Freunde und Feinde. Du bist schuld, daß dieser Dein Bruder, der nach altem Recht und Brauch bestimmt ist, unser Geschlecht auf seinem angestammten Erbe fortzuführen, vielleicht ein Krüppel bleibt, der nicht einmal für seinen Herrn und König die Waffen tragen kann. Darum verbanne ich, der Meier des Söllenhofs, Dein Vater, nach altem Geding und Recht Dich von heute ab auf zehn Jahre von diesem Hause Deiner Väter und sollst Du erst seine Schwelle wieder betreten, wenn Du bewiesen, daß Du ein ächter und getreuer Sohn Deines Landes und ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft geworden bist, an dem kein Makel mehr haftet.«
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Die großen hellblauen Augen des Meier starrten hinaus in die Luft, als sähen sie die Geberden heftiger Bewegung nicht, die sie Alle machten bei dem strengen Urtheil.
»Da ich aber,« fuhr der Meier in dem gleichen fast belanglosen Tone fort, in dem er bisher gesprochen, »möglicher Weise einige Schuld an dem, was Du geworden bist, trage, indem ich nicht streng und aufmerksam genug Dich überwacht, so habe ich die Pflicht, dies gut zu machen. Ich werde daher die Schulden bezahlen, die Du noch hast, und Du wirst auf eine entfernte Universität, nach Bonn oder Heidelberg gehen, um Medizin zu studiren, und sollst 400 Thaler jährlich von mir auf Dein Erbtheil erhalten, bis Du im Stande bist, Dich selbst zu ernähren. Zuvor aber« - und die Stimme des Meiers schwoll dabei an, wie der fernher grollende Donner, - »zuvor aber wirst Du hier vor uns Allen diesem thörichten Mädchen, das Du unter dem Vorwand eines schlechten längst veralteten Gebrauchs schändlich bethört hast, entsagen und jedem Anspruch auf sie - und ebenso wird sie es thun - denn - hört mich wohl und merkt es Euch - Klara Brüning heirathet Deinen Bruder Fritz - oder der Brüninghof fällt an die Engel! - so lautet der Contrakt mit Ihrem Vater.«
Es folgte ein kurzes Schweigen den Worten des Meiers, dann wandten sich, wie von demselben Gedanken getrieben, das Mädchen und der Student gegen einander und ihre Augen begegneten sich.
Die Klörke streckte die Hand nach dem jungen Mann
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aus - Hinrik Söllenhofer erfaßte sie. Es war ein Entschluß in den beiden Menschen.
Er kehrte sich stolz, mit erhobener Stirn gegen den Meier. »Vater,« sagte er - »ich habe gefehlt, aber ich habe auch gebüßt. Ein Schurke wäre ich und nicht aus dem Blute der Männer dieses Hofes, wenn ich von meinem Weibe ließe! Du hast mich verstoßen aus diesem Hause und ich weiche Deinen Vorurtheilen und gehe. Aber ich sage Dir - eine neue Zeit bricht heran und auch Du wirst Dich ihren Gedanken fügen müssen. Ich will in ihr kämpfen und ringen, daß ich ein Mann werde, auch ohne Deinen Beistand. Aber ich verdiente nicht den Namen Söllenhofer, wenn ich die Klörke ließe, weil sie arm wird durch die Liebe zu mir!«
»Ich gehe mit Dir, Hinrik, wohin Du gehst! Das Weib gehört zum Manne, nicht zur todten Erde ihres Erbes. Das sage dem stolzen Mann dort!«
Sie warf sich in seine Arme.
»Nein Klörke,« sagte der Student mit edlem Stolz - »Du bleibst, bis ich mir ein Leben erkämpft aus eigener Kraft, und Dich rufen kann zu mir! Gott ist über uns Allen und Gottes Gesetz steht über den Gesetzen und Gebräuchen der Menschen und wären sie tausend Jahre! Gelobe mir, hier auszuharren, bis ich Dich fordern werde - wenn der Vater auch mich fortschicken darf, Dich darf er es nicht, denn Du bist sein ihm anvertrautes Mündel, - ich nur sein Sohn!«
»Ich gelobe es Dir - ich bin eine Brüning vom Brüninghof!«
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»Und ich bin auch eine,« schrie unter Thränen die Engel, und stampfte wie ein trotziges Kind mit dem Fuß. »Ich will doch sehen, wer mich zwingen kann, der Klörke den Hof zu nehmen, der ihr gehört! Nicht wahr Wilm?«
»Ich mag ihn auch nicht! Der Düwel soll mich holen, wenn ich's thue!«
»Man mint un sint, un doch nich fint![«]37 brummte Jochem. »Art läßt nimmer von Art!«
Der Student wandte sich zu dem harten Mann. »Leben Sie wohl, Vater! Ich danke Ihnen selbst für Ihre Härte, denn ich fühle, daß sie Besseres aus mir machen wird, als ich gewesen bin. Ich verlasse Ihr Haus ohne Groll und mit edleren Gefühlen, als ich oft bisher gehegt, noch in dieser Stunde und lasse mein Bestes im Schutz Ihrer Ehre - mein verlobtes Weib!«
Er wandte sich zur Thür und hatte diese bereits erreicht, als die Stimme des Meiers ein mächtiges »Halt!« donnerte.
»Komm hierher! Ich wußte es fast, daß es so kommen würde,« fuhr der Meier fort - »ein sächsischer Kopf bricht eher, als er sich beugt. Doch was Recht ist, muß Recht bleiben - und der Brüninghof darf nur einen ächten Colonen zum Herrn haben. - Ficht denn den Kampf aus mit Deinem Vater und der alten Zeit, Du Vertreter der neuen Rechte und Ansprüche! Wenigstens sollst Du nicht sagen, daß ein Sohn des Söllenhofs ohne Mittel hinausgestoßen sei in's Leben. Eure Mutter selig hat
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baare viertausend Thaler als Brautschatz mir mitgebracht und ich habe das Geld verwaltet für ihre Kinder. Hier nimm Dein mütterliches Erbe, diese zweitausend Thaler in Scheinen und unterschreib' die Quittung!«
»Vater! ...«
»Unterschreib! Es ist Dein Recht! - Das meine ist - daß der Söllenhof keine Nacht mehr einen Ungehorsamen und Neuerer unter seinem Dach sehen soll! - Schreib!«
Er schob ihm das Geld und die bereits vorher fertig gestellte Quittung zu. Der Sohn unterschrieb.
»Und jetzt sind wir Beide fertig mit einander - der Peter mag die Füchse anspannen für Dich! - Wenn Du wenigstens ein ganzer Mann wirst, auch nach Deiner Façon, soll mich's freuen, das zu hören - um Deiner Mutter willen.«
Er nickte kalt mit dem Kopf und ging nach der Thür. »Du hast's selbst gesehn, Jochem, es kommt eine neue Zeit - die Zeit des Ungehorsams, wo die Kinder sich die Herren dünken über die Väter, und die Unterthanen über den König! - Gott besser's! - Wenn er fort ist, komm zu mir!«
Er verließ das Zimmer - eine Stunde darauf Hinrik den Söllenhof!
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Berlin!

Es war eine seltsame Zeit, diese Zeit der Neuen Aera in Berlin! Politik, Gesellschaft, Ziel, Sympathieen, Meinung, Literatur - - selbst die Moral eine andere geworden - über all' dem Chaos und Kampf schwebte nur ein fester Gedanke, unbeirrt durch all' das Ringen und Treiben, aber abwartend, ohne sich sonderlich einzumischen und einmischen zu wollen - der feste, ruhige Sinn des Königs!
In der That, es war ein Gährungsprozeß, den die Nation durchmachte, nicht in einem Meer voll Blut, wie die französische Nation von 1789 bis 93, die aus dem Blut und Champagner-Rausch nur so wenig Gediegenes gelernt, - sondern die Gährung der Gedanken und der Gefühle, die drängte zu einer bessern Form für den gehaltvollen Wein.
Berlin ist immer eine schöngeistige Stadt gewesen. Zur Zeit Friedrich des Großen hatte es seine Voltaire-Epoche - später die spiritualistischen Abende der Gräfin Lichtenau, zur demüthigenden Franzosenzeit den Salon Rahel - und wenn wir die ganze styl- und haltlose
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Renaissance bis Achtundvierzig überspringen wollen, unter der manteuffelschen Junker-Reaction die widerlich geistreiche kindisch pikante Lyrik der Salons der Kinder des Kindes!
Der verstorbene König, der jetzt in seinem einsamen Grabe der Friedenskirche ruht, hatte der Bettnia'schen Widmung »Dies Buch gehört dem Könige!« die einfache Antwort gegeben, die verrückten Weibsleute der schöngeistigen und aufsehenssüchtigen Kinderklicque am askanischen Platz und im Thiergarten sollten lieber Strümpfe stopfen, und Suppe kochen, dann würden sie der Welt nützlicher sein! - die Zeit der schönen Gisela und ihrer Anbeter aus der Zahl der Heißsporne der ersten Reaction, der kritischen Albumabende mit der Pfeife und all den faden Dummheiten war glücklich ohne dauernden Eindruck auf den guten Geschmack vorübergegangen, - der Kronprinz von Sachsen hatte von dem jüngsten Kinde des Kindes eben nur die hackenlosen Strümpfe unter der Bettstelle hervorragen sehen, worunter sich der noch nicht frisirte Struwwelkopf geflüchtet, - und das geistreiche Berlin trank mit Herrn von Auerswald gleich faden Thee wie unter der Reaction bei Lessing.
Im Ganzen verlief die neue Epoche der Schöngeisterei ebenso unschädlich wie die vorangegangene des Salons Bettina - aber schon erhob sich drohend wie das Mene Tekel der Salon des Socialismus und der raffinirten Spekulation alter jüdischer Gelüste und drohte das Blut der Gesellschaft zu infiziren.
Wie die schöngeistige Gesellschaft der vornehmeren Kreise, war die bürgerliche in eine bedenkliche Meinungserwirrung
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gerathen. Es gab eigentlich früher trotz alles Raisonnirens hinter der Weißen und in den ›Civis‹ Eingesandts der Tante Voß, ja trotz der Barrikaden des März, nichts Solideres, auf behagliche Ruhe Haltenderes, als das Spießbürgerthum der berliner Hauswirthe. Jetzt war plötzlich der Fortschritts-Teufel in die Wählerschaft für die Stadtverordneten-Versammlung gefahren, die weisen Väter, die weit besser ihre Nasen in den Straßenstaub gesteckt hätten, nachdem der verstorbene König den denkmallustigen Plänen des Herrn von der Heydt die englische Wasserleitung abgetrotzt, - hatte keine dringendere Aufgabe, als sich kopfüber in politische Opposition zu stürzen, die halbe Bevölkerung war verrückt geworden und lauter Enthusiasmus für den ›Fortschritt‹ und bemerkte darüber gar nicht, wie der jüdische Liberalismus immer mehr dem soliden Handwerk und dem Hausbesitz den Boden unter den Füßen wegescamotirte, - und die liberale Großindustrie der Maschinenbauerei war blind für die englische Schlauheit, die alle Gefahren der socialen Arbeiter-Agitation auf den Continent drängte und mit ihrem Geld die Strikes unterstützte, um durch die vermehrten Bedürfnisse und die naturgemäß steigernde Lohnforderung den englischen Markt von der deutschen Concurrenz der größeren Billigkeit zu befreien.
Es war zu jener Zeit, als der Abgeordnete Schulze - Schulze-Delitzsch benannt - seine ehrlich gemeinten Pläne der Sparkassen und der Genossenschaftsvereine zur Selbsthilfe für den Arbeiterstand in's Werk setzte, während die Lassalle'sche Revolutionirung der Massen durch die
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Steigerung der Bedürfnisse bereits wie eine drohende Sturmfluth auch gegen die Hauptstadt sich heranwälzte. Noch hielt der Grundbesitz und das Handwerk Stand unter dem Schutz der Gewerbeordnungen und der Wuchergesetze, aber die Fluthen der Kapitalmacht rissen bereits große Breschen in die alten conservativen Pfeiler - und die Vertreter des Landes, welche die Dämme hätten schützen und stützen sollen, bis andere sichere Betten und Ufer der neuen unabweisbaren Strömung gegraben waren, hatten nichts Eifrigeres zu thun, als selbst die alten Wälle zu zerstören.


Wir bitten den Leser dieser Abtheilung unseres - Romans um Verzeihung, wenn wir auf Kosten der Selbstständigkeit dieses Buches in die frühere Abtheilung desselben zurückgreifen und um der Wiederanknüpfung willen an einige Personen, denen wir nächstens wieder begegnen müssen, - eine Fortsetzung jener abendlichen Scenen hier einschalten, die in Berlin im Palais eines Königlichen Prinzen, auf der Promenade der Linden, im Salon des Ewest'schen Restaurant und vor den Stufen der Hedwigs-Kirche spielten.38
Berlin hat zwar weder die sehr schmuzigen aber manchmal ganz interessante Bilder gebenden Gäßchen und Durchgänge Hamburgs und Wiens, noch im Allgemeinen die großen Häusercomplexe der letzteren Stadt, die manchmal
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förmlich eine Stadt in der Stadt bilden, doch fehlt es in vielen der älteren Straßen keineswegs an solchen Kasernen des Verkehrs, die mit zwei selbst drei eng umbauten Höfen sich weit hin erstrecken und die verschiedensten Etablissements, Läden und Werkstätten des Handwerks und der Industrie mit Privatwohnungen der verschiedensten Stände und der verschiedensten Unterhaltsmittel vereinigen.
Das Haus, in dessen Räume wir den Leser, wie etwa die quadrirte Dekoration gewisser Theaterstücke sie zeigt, führen wollen, liegt in einer der älteren Straßen, welche die große Pulsader der Leipziger Straße mit dem südlichen und südöstlichen neueren Stadttheil verbindet. Jeder, der Berlin kennt, wird aus dieser Andeutung wissen, daß alsdann der Dönhofsplatz und der Spittelmarkt sich in der Nähe befinden.
Wir haben bereits oben zu Eingang dieses Kapitels angedeutet, daß in dieser Periode der ›Neuen Aera‹ die Berliner Polizei ziemlich machtlos war und sich daher sehr retiré verhielt, namentlich wo es eine Beaufsichtigung und Einmischung in die Klubs und Versammlungen galt.
Das Haus, das wir meinen, enthielt in seinen Parterreräumen außer zwei Läden und daranstoßenden kleinen Wohnungen, nicht weniger als vier Restaurationslokale, vorn eine Weißbier-Stube an der einen Seite des breiten Haus ganges, auf der anderen eine Wein-Restauration, die sich beide in den Hinterflügeln fortsetzten und von dem Querflügel mit einem Garten-Lokal abgeschlossen wurden. Von der schmalen Nebenstraße aus führte eine Treppe zu
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einer ziemlich großen und vielbesuchten Keller-Restauration, die auch nach dem Hofe und dem hinter dem Quergebäude liegenden Garten je einen Ausgang hatte.
Die eine Hälfte des ersten Stockwerks bewohnte Herr Meier Aaron Hirsch - ein Geschäftsfreund des Hof-Bankier Cahn, und auf der andern Seite der Redakteur einer im Publikum vielgelesenen und an der Börse vielbenutzten Zeitung, Dr. jur. Heitel; - im zweiten Stock ein Geheimer Rath und eine Zimmervermietherin - den dritten hatten kleine Leute inne - die beiden Läden an der Front ein Posamentierer und eine kleine Schnittwaaren- und Tapisserie-Handlung.
Die Hofwohnungen waren von kleinen Handwerkern, Altkrämern und einzelnen Leuten besetzt - in den abscheulichen Kellerwohnungen hauste das Elend und die Noth in der traurigsten Form.
Es spielten sich an dem Abend so ziemlich alle die modernen socialen Verhältnisse Berlins unter der neuen Aera im Raume dieses einzigen Hauses ab - und zufällig waren von den Personen, die unser Buch dem Leser bereits vorgeführt, gleichfalls so manche hier vereinigt.
Der große Eingang und Hof waren sehr belebt - es mußte in dem Bierlokal im Querhause vor dem Garten offenbar heute Abend noch ein anderer Magnet so viele Besucher anziehen, als die gewöhnliche Restauration, und zwar Besucher aus dem Arbeiterstande, Maurer, Zimmerleute, Gesellen der verschiedenen Handwerke, einige kleine Meister, die durchgängig ein verkommenes Aeußere zeigten, Fabrikarbeiter, Handlanger, viele kräftige Männer mit von
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der Arbeit schwieligen und rauhen Händen, bärtige Gesichter mit ehrlichem aber oft finsterem unheimlichen Ausdruck oder schweren Sorgen auf der gefurchten Stirn, viele andere vom Trunk geröthet mit verwässerten Augen, nach schlechtem Tabak und Schnaps stinkendem Athem, dazwischen einige besser gekleidete Personen, die von Tisch zu Tisch gingen, mit Dem und Jenem aus dem Seidel tranken oder ihm die Hand schüttelten und sich ›gemein‹ machten.
In dem niederen Saal - denn unter demselben war eine Schlosserwerkstätte - über ihm durch das ganze Gebäude hin eine Spinnerei, wo sich während des Tages viele hundert Spindeln drehten und von einer großen Zahl junger Mädchen, oft kaum den Kinderschuhen entwachsen, beaufsichtigt wurden, war Alles voll dichtem Tabaksqualm, daß man die einzelnen Gruppen oft kaum zu Gesichte bekam.
Dennoch herrschte, trotz der lauten oft lärmenden Unterhaltung und der Aufregung doch kein wirklicher Scandal und das Betragen der ganzen so gemischten Versammlung trug - wenn auch nicht den Stempel der Bildung, Ruhe und Ordnung, doch sicher auch nicht den der Gemeinheit, wie er so häufig unter den untersten Klassen der Bevölkerung Berlins zu finden ist, die freilich dann als die Hefe derselben zu bezeichnen ist, und zu der wir vielleicht später hinabsteigen werden.
Diese unverkennbare Aufregung in der Gesellschaft wurde genährt durch das fortwährende Ab- und Zuströmen der Einzelnen aus diesem Raum, welcher die eigentliche
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Restauration enthielt noch einen zweiten, zwei oder drei Stufen tiefer nach dem Garten hin gelegenen und von dem ersteren durch eine große Glasthür geschiedenen Saal. Hier waren Stühle in Reihen und Bänke an den Wänden aufgestellt und immer ganz mit Zuhörern besetzt, deren noch eine große Zahl Schulter an Schulter gedrängt den leeren Raum füllte. Vor der vordersten Stuhlreihe an der hinteren Wand stand auf einem erhöhten, sonst für Sänger und Gaukler dienenden Podium eine Art Rednerbühne und ein Mann auf derselben haranguirte eben mit einer Ansprache das ziemlich aufmerksam zuhörende Publikum.
Eine Thür in der Seitenwand führte hinaus in den jetzt in winterlicher Oede liegenden Garten.
Man nannte diese Abendunterhaltungen, um sie dem Vereinsgesetz und der durch dieses verordneten Ueberwachung der Polizei zu entziehen »Freie Vorträge!« Die ganze Art dieser Lokale, deren Zahl nach Beseitigung der strengeren Controle der Polizei damals rasch wieder wuchs, namentlich in gewissen Straßen und Stadttheilen, glich so ziemlich den Polkakneipen der Jahre Achtundvierzig und Neunundvierzig, und die Bedienung darin wurde wieder von »Schankmamsells« ausgeführt, nachdem zur Vorfeier der Gewerbefreiheit die Polizei die Beschränkung der »Biermamsells« wieder hatte aufheben müssen.
Freilich war man noch nicht soweit gekommen, wie einige Jahre später - in der Zeit des Tingeltangels - es hat eben Alles seine Mode und Epoche.
Für einen feinen Beobachter hätte das Publikum
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das vor der Redner-Tribüne saß und stand, ein interessantes Object abgegeben. Da saßen denkende ernste Männer, die oft die Phrasen des exaltirten Redners mit Kopfschütteln begleiteten oder mißbilligende Bemerkungen machten, neben dem verlodderten Bummler, der jeder Phrase gegen das Eigenthum zujubelte; - Fanatiker, die von dem »Recht der Arbeit« phantasirten aber von den Pflichten Nichts wissen wollten; jugendliche Brauseköpfe, denen keine Schranken paßten; verbitterte neidische Gesichter, die voll Unzufriedenheit und Haß; leichtsinnige junge Bursche, ohne Kümmerniß und Sorgen, als wie sie sich Vergnügen verschaffen möchten!
Der Mann auf der Tribüne hatte ein sehr rothes Gesicht und ein gewaltiges Maulwerk. Er hatte einen ganz guten Rock an, aber er geberdete sich, als stecke er in Lumpen und müßte Jahr aus, Jahr ein Hunger und Durst leiden.
»Brüder Arbeiter,« schrie er mit etwas heiserer Stimme - »aus dem freien England kommt uns das glorreiche Beispiel, wie wir mit diesen Geldsäcken, den faulen Bourgeois umspringen sollen! Was ist ein Fabrikherr? Ein Vampyr, der sich vom Schweiß und Blut der Arbeiter mästet und in seinen Wollüsten sich wälzt. Was ist der Staat? der Staat ist ein Institut, damit die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer werden! Es ist Zeit, daß die Sache anders wird! Der Stahl hat den Dickköpfen im Herrenhause gesagt: Die Wissenschaft muß umkehren! Ich aber sage Euch, Brüder Arbeiter, die ganze Welt muß umkehren! Was soll uns eine solche
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Vertretung, wo das wahre und einzige Volk nicht vertreten ist. Habt ihr social-demokratische Abgeordnete drin? Keinen Einzigen! Der Schulze-Delitzsch will, daß wir sparen sollen. Ja wenn wir was hätten zu sparen, dann brauchten wir keine Sparkassen. Der Staat hat die Pflicht für jeden von uns so viel einzulegen, daß er, wenn er nicht mehr arbeiten kann, von den Zinsen leben und des Abends seine Bairische trinken kann! Für was zahlen wir Steuern! Die Arbeiter ernähren die Gesellschaft, ich beantrage, daß die Arbeiter keine Steuern mehr zu bezahlen brauchen!«
Ein donnerndes Bravo begleitete dies Verlangen.
»Wie kommen wir Alle auf die Welt? - Nackt! - Bringen wir ein Rittergut, oder ein Haus oder einen Geldbeutel mit auf die Welt? Es sind also alle Menschen gleich von Natur und haben gleiche Ansprüche. Weshalb hat also der Eine Viel und der Andere Nichts? Weshalb soll sich der Eine schinden und plagen und der Andere faullenzen? Weshalb soll der Eine Champagner saufen und der Andere Spreewasser trinken, während uns doch der Durst angeboren ist, also eine ganz natürliche Sache!« Der Redner klappte mit dem leeren Seidel auf das Pult und rief nach der Mamsell.
»Am Durst hat's Dem da noch nie gefehlt!« sagte ein älterer Arbeiter mit gutmüthigem Gesicht zu seinem Nachbar, einem jungen Mann von intelligentem Aussehen. »Ich weiß, wie er noch einen Schusterkeller in unserer Straße hatte, aber selten an der Arbeit desto häufiger im Bums zu finden war, und wenn er betrunken nach Hause
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kam, Frau und Kinder prügelte, bis das Geschäft verloddert war, und der Hauswirth ihn an die Luft setzte. Seitdem ist er Redner im social-demokratischen Club geworden, und wenn ich gewußt hätte, daß Der hier uns belehren will über die Rechte der Arbeiter, wäre ich wahrhaftig nicht her gekommen.
»Beruhigen Sie sich - Subjecte wie der Schuster Armbusen sind zwar eine Schande für unsere ehrliche Sache, aber man muß den Unsinn mit in den Kauf nehmen.«
Der Redner hatte unterdeß seinen Durst gelöscht und sprach weiter.
»Und weil wir also gleich auf die Welt gekommen sind, deshalb soll auch Keiner ein Vorrecht vor dem Andern haben, und Alles muß gleich getheilt sein. Ich frage Euch, Brüder Arbeiter, ist das aber der Fall? - Wenn ich heute zu Bleichrödern oder Reichenheim gehe und sage: Männeken, rücken Sie mal raus, ick brauche zehn Schweden, denn Sie haben meinen Antheil in Ihrem Geldsack - er würde mir ...«
»Rausschmeißen!« sagte eine tiefe Bierstimme aus dem Hintergrunde begleitet von brüllendem Gelächter der ganzen Versammlung.
»Ich glaube selber, wenn ik es so weit kommen ließe! Was, frage ich Euch, Brüder Arbeiter, haben diese Geldsäcke im Landtag bis jetzt vor uns gethan, da wir sie doch gewählt haben. Ich frage Euch, welcher ist der zahlreichste Stand im ganzen Lande? Der Arbeiterstand. Wer muß also die Gesetze machen? Die Arbeiter. Warum geschieht das nicht? Weil wir so dumm sind und uns über's Ohr
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hauen lassen! Das muß anders werden. Was haben sie uns Alles versprochen! Freiheit und Gleichheit und keene Soldaten mehr! Vor was zahlen wir ihnen die schweren Diäten? Donnerwetter, wenn ik alle Tage drei Thaler vor's Reden kriegte, ik wollte ihnen was anders vorerzählen, als Virchown und Unruhen! Aber das kommt davon, weil sie keenen ordentlichen Präsidenten haben, der Grabow versteht's nich! - Ich beantrage Abschaffung der Schutzleute und keene Polizei nich! - Ich versetze das ganze Ministerium in Anklagestand und verlange, daß die Pfaffen abgeschafft werden, die nur das unglückliche Volk verdummen, und daß Montag kein Mensch zu arbeiten braucht, damit wir eenen Tag frei haben, um über unsere unglückliche Lage nachdenken zu können. Der blaue Montag muß jesetzlich werden!«
»Der Kerl ist offenbar schon wieder betrunken gewesen, ehe er hierher gekommen ist!« sagte der junge Arbeiter mit dem intelligenten Gesicht. »Der Sache muß ein Ende gemacht werden, wenn der ganze Abend nicht wieder ohne Resultat verlaufen soll!« Er hob die Hand in die Höhe. »Ich bitte um's Wort!« sagte er mit schallender Stimme.
»Wa - was?« schrie unter Schlucken der Redner auf der Tribüne. »Hier hat Niemand zu reden außer mich, denn ich bin der Präsident, und ich bin noch lange nich fertig!«
Der junge Mann zog die Uhr. »Ich denke der Vorredner hat lange genug gesprochen und in einer Versammlung freier Arbeiter hat jeder das Recht, seine Meinung zu sagen. Ich bin der Cigarrenarbeiter Frisch und